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Inhalt: Albert Steffen: Des Engels Flügelschlag erfüllt das All (Gedicht) / Gerhard Klein: Frühling im Menschen-

x Geistes-Lichte/ Dr. Rudolf Frieling: Paulus als Verkünder der Wandlung / Ernst Moll: Stufen des Opfers / Dr. Fried-
rich Rittelmeyer: Ansprache zur Konfirmation / Friedrich Doldinger: Gesang zur Taufe und Jugendweihe / Eduard
enz: Die Stimmen der Märtyrer / Erinnerungen und Ahnungen: Fahrt ins Traumland (Rudolf von Koschützki); Auf
alten Schlachtfeldern (Joachim Sydow) / Umschau (Lic. Emil Bock) / Osterworte von Friedrich Rittelmeyer

Der Bezugspreis für die „Christengemeinschaft" beträgt jährlich RM 7.50 (einschl. RM —.48 für Porto); vierteljährlich RM 2.— (einschl.
RM —.12 für Porto). Einzelheft RM —.70. Für das Ausland jährlich RM 8.—. Ältere Probehefie zum Werben neuer Leser In beschränkter
Anzahl kostenlos,
Bestellungen durch Buchhandlungen, Büchertische und beim Verlag Urachhaus, Stuttgart 13, Urachstraße 41 (Postfach 58), Fernruf 40 778.
Postscheckkonto: Stuttgart 40 600, Schweiz: Basel V 7615; Städt. Girokasse Stuttgart Nr. 29 180

Auf mehrfache Anregung haben wir einen Sonderdruck aus den „Briefen über das Johannesevangelium”
von Dr. Rittelmeyer als handliches Heftchen herausgebracht, das vermutlich ebensoviel Freunde finden
wird wie die „Lebenshilfe“:
Dr. Friedrich Rittelmeyer

„Sch bin das Keben“


28 Seiten. Geheftet 40 Rpf

Demnächst erscheinen ferner die zusammengefaßten „Reisebilder und Eindrücke” (aus den letzten Jahr-
gängen unserer Zeitschrift):
Dr.HerbertHahn
Das heilige Land
143 Seiten. Mit einem farbigen Bild von Karl Stirner
und acht Aufnahmen von Arthur Schult und Dr. vonVeltheim.
Gebunden RM 4.—.

Von Freizeiten, Kursen und Vorträgen her sind vielen Lesern die lebendigen Naturbetrachtungen von
Alfred Schreiber bekannt und wertvoll geworden, Sie erscheinen jetzt als Büchlein, das zur immer neuen be-
sinnlichen Beschäftigung mit Natur und Geistsinn des Samenkornes anregt.

Alfred Schreiber

Das Samenforn
75 Seiten. Gebunden etwa RM 1.50 !

Von den Neuauflagen der letzten Zeit nennen wir noch einmal:

RudolfvonKoschützki

Jahrt ins Erdenland


395 Seiten mit Bildern. Geb. RM 5.80.
Ein wundervolles Buch aus reicher Lebenserfahrung, auch für dieJugend und die Familie,

Rudolf Meyer

Das Kind
15.—18. Tausend. 114 Seiten. Leinen RM 2—.

Zurückerbeten, da hier vergriffen (auf Wunsch gegen Vergütung): Heft 2, 4/5, 7, 10 vom Jahrgang 16
unserer Zeitschrift.

VERLAG URACHHAUS STUTTGART 13


Die Christengemeinschaft
Monatsschrift zur religiösen Erneuerung. Begründet von Friedrich Rittelmeyer
Im Auftrag der Christengemeinschaft herausgegeben von Lic.Emil Bock
17. Jahrgang 1 April 1940

Des Engels Flügelschlag erfüllt das All.


Er wallt herab mit Hall und Widerhall, :
hat Gold’und Silber und Kristall .
von Mondessichel, Stern und Sonnenball, . .
hat Brennen und Erblassen der Planeten,
hat Blitz und Aschenregen der Kometen
gebändigt in dem Busen zu Gebeten. .
Er schwebt mit seinen lichterübersäten,
demütiglich und still gekreuzten Flügeln
auf Golgathas gebeingehäuften Hügeln,
das Testament des Heilands zu entsiegeln.
O heiliger Geist, was gab Sein Tod uns kund?
— Das Wörtchen Liebe lag auf seinem Mund,
und es bewegte sich das Weltenrund.
Aus „Wegzehrung“ von Albert Steffen

Frühling im Menschen-Geistes-Lichte
Gerhard Klein

Wir erwarten mit Sehnsucht den Frühling. Seine lebenweckenden Lüfte, sein farbenzauberndes Licht
sollen unser Herz, das müde geworden ist vom Frost und vom Dunkel, erquicken. Wir nehmen es als
gegeben hin, daß Erden- und Himmelswelt um uns in ihrem sich erneuernden Leben die Kräfte haben,
auch: uns neu zu beleben; wir rechnen damit. Die Frühlingsnatur hat gleichsam die Pflicht, uns zu
erfreuen. al o
Aber woran mag es liegen: die Frühlinge werden selten, die ganz echten, richtigen. Jeder ältere
Mensch ist fest überzeugt, daß dies früher anders war. Liegt es nur am Hinschwinden seines weltoffenen
Kindersinnes, seiner schönheitstrunkenen Jugendseele? Gewiß auch daran. Aber selbst wenn der Glanz
des Frühlings sich wieder einmal rein offenbart, er ist nicht stark genug, unsre Seele zu lösen. Auch ver-
lassen ja in keiner anderen Jahreszeit so viele Menschen freiwillig die Erde.
Nun sagen die Wetterkundigen, daß wirklich seit einiger Zeit die Erdkräfte in Unordnung geraten
sind. Klimaänderungen, Erdbeben und Sonnenflecken werden in Zusammenhang gebracht. Äber wenige
Menschen wollen den Mut aufbringen zu denken: Was in den Seelen der Millionen von Erdenmenschen
lebt, wirkt ebenso auf die Natur ein, wie sich das Weltgeschehen in diesen Seelen spiegelt.
Über mir wölbt sich der blaue Himmel, und meine Sehnsucht spannt sich bis zu den wandernden
Wolken und dem azurnen Gezelt. In mir dringt aus der Tiefe der Nacht der Glanz der Gestirne, und
mein Siun erhebt sich zu den. Ordnungen ihrer Bahnen und verfolgt ihren Gang, ewige Gesetze er-
kennend. Es reicht meine Seele, soweit sie wahrnimmt, empfindet und erkennt. Sollte solche Begegnung
der Menschenseele und der Welt nicht für beide wirksam sein? Bei den Blumen und den Tieren er-
:
fahren wir es, daß sie nicht neben allen Menschen gleich gut gedeihen.
Es war nur eine notwendige Erfindung der Wissenschaft, bei ihrem Forschen abzusehen von der
Menschheit und die Erde so zu betrachten, als gäbe es ein Pflanzenreich, die Welt der Gesteine, das
Tierreich oder auch. die Sterne, jedes _für sich. Freilich spüren wir schon im äußerlichen Sinne stark,
wie der Mensch zur Erde dazugehört. Denn indem er die Kräfte der Natur seinen Bedürfnissen dienst-
T
bar machte und in schrankenloser Selbstsucht die Erde eroberte, hat er vieles zerstört. Wir suchen ent-
fernte Orte auf, um unberührte, noch reine Natur zu erleben und uns zu erholen.
* Aber bestimmt hat sich auch bis in die Lebenstiefen der Erde und ihres übersinnlichen Wesens vieles
verändert, wo uns nur die Organe fehlen, es wahrzunehmen. Sollten Millionen von Menschen sich Jahre
hindurch in blindem Haß zerfleischen können, ohne daß dies in den feineren Lebeusbezirken der Erde
Stürme der Zerstörung hervorruft?
Vielleicht geht es der Erde mit ihrem Blühen und Fruchten und dem Spiel ihrer Elemente ebenso
wie dem Menschen: Er ist eigentlich nur noch scheinbar da. Daß wir noch Menschenantlitz tragen,
ist nur ein Abglanz unserer gottebenbildlichen Schöpfungsherkunft, unserer allseitigen Anlage. Würde
unser so einseitig gewordenes Seelenwesen sich schon ganz ausprägen in unserem Leibe, welchen An-
blick böten wir dann? Wir können es ahnen, und Meister der Karikatur haben es oft dargestellt; wie
leicht lassen sich Menschentypen wiedererkennbar durch Tiergesichter abbilden!
Wenn nun auch der Glanz der Frühlinge nur noch ein Widerschein einstiger Erdenfrische und
Schöpfungsursprünglichkeit wäre, aber als bloßem Bilde ihm nicht mehr die lebentragende, nährende
Kräft innewohnte?
Wir sind zu sehr gewohnt, im Gesetze von Ursache und Wirkung zu denken und beide zu nahe
aneinanderzurücken. Wenn es blitzt und dann brenüt, empfinden wir keine Frage, weil alles so über-
schaubar beieinander liegt. So haben wir auch den Aberglauben: weil es Sonnenflecken gibt, gibt es
Erdbeben und Menschenrevolutionen; weil die Sterne so oder so stehen, gibt es Krieg.
In gewissenhafter Beobachtung alles Lebens werden wir uns aber immer mehr zu der Überzeugung
durchringen, daß in der großen Welt alles zusammenklingt und daß die ganze Menschheit mit ihrer
Seelenverfassung wirksam dazugehört. Dann werden wir erkennen lernen, wie dieselbe Ursache in ver-
schiedenen Weltbezirken zur Erscheinung kommt und sich hier als Himmelstatsache tınd dort als Mensch-
heitsgeschehen offenbart, in ihren Ursprüngen weit verborgen zurückliegend. Wie aber seit langer Zeit
die Quelle des Erdgeschehens übergegangen ist zum Menschen.
In einer schönen Weise sind ähnliche Gedanken ausgeführt in der Schrift Schellings: Clara oder
Über den Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt*: „..... Gott wollte
nicht ein totes oder notwendiges, sondern ein freies und lebendiges Band beider (der inneren und der
äußeren Welt) und das Wort dieser Verbindung trug der Mensch in seinem Herzen und auf seinen
Lippen. Von der Freiheit des Menschen hing also auch die Erhebung der ganzen Natur ab. Es kam
darauf an, ob er vergäße, was hinter ihm war, und nach dem griffe, was vor ihm war. Nun griff aber
der Mensch (wie es geschehen und warum es Gott zugelassen, frage ich hier nicht), genug, er verlangte,
sehnte sich zurück in diese äußere Welt und verlor darüber die himmlische, in dem er nicht allein seinen
eigenen Fortschritt, sondern den der ganzen Natur aufhielt. Wer es je mit Augen gesehen hat, welche
schrecklichen Folgen auf den menschlichen Körper eine gehemmte Entwicklung hat..., der wird sich
einen ungefähren Begriff machen können von den zerstörenden Wirkungen, welche die durch den
Menschen plötzlich eingetretene Hemmung ihrer Evolution auf die ganze Natur haben mußte. Die
Kräfte, die voll und mächtig hervorgetreten waren, bereit, sich in eine höhere Welt zu erheben und
ihren Verklärungspunkt zu erreichen, schlugen in die gegenwärtige zurück und erstickten so den inneren
Lebeustrieb, der freilich immer noch wie ein eingeschlossenes Feuer wirkt, aber weil die eigentliche
Erhebung nicht mehr möglich ist, als ein Feuer der Pein und Angst, das nach allen Seiten seinen Aus-
weg sucht... Die ganze Erde ist eine große Ruine, worin Tiere als Gespenster, Menschen
als Geister hausen und worin viele verborgene Kräfte und Schätze wie durch unsichtbare Mächte und
wie durch den Bann eines Zauberers festgehalten sind...“
Von da aus können wir verstehen, was alte Überlieferungen von der Weihnachtsnacht erzählen: daß
die ganze Erde aufjauchzte, Blumen blühten, linde Lüfte wehten, das Tierreich in Bewegung geriet.
Es erstand auf Erden die große Hoffnung in allen Reichen der-Natur: Einmal wird ein Mensch geboren,
der wirklich Mensch ist und dadurch sie selber erfüllen und erheben wird.
- Jener zu ahnende magische Zusammenhang zwischen Menschbeit und Erdgeschehen hat sich einmal
vollständig offenbart: In jenen Stunden, als die Menschheit den gütigsten, reinsten, edelsten Menschen,
in dem das göttliche Wort selber auf Erden erschienen war, in blindem Haß ans Kreuz schlug. Da ver-
finsterte sich der Umkreis.
Dann aber kam Ostern.
*) Die betreffende Stelle ist vollständig abgedruckt in dem Büchlein Erda-Sophia, Zeugnisse spirituellen Erdeerlebens, herausge-
geben von: Friedrich Doldinger in der Schriftenreike Christus aller Erde, Band 8. Ein Büchlein für unsere Soldaten!

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für Zerstörung angreif-
mehr nur Natur gewesen und dadurch
Nichts an diesem Menschenwesen war Haup te aufle uchte te, war von göttlicher
ke, der in diesem
har. durch die Naturkräfte. Jeder Gedan war von göttl icher Liebe durch-
das diesem Munde entströmte,
Wahrheit durchstrahlt; jedes Wort, Heilu ng und dem Guten. Hier
jedes Heben der Hand diente der
haucht; jeder Schritt über unsere Erde, und, nach dem der Stoff essch ein ver-
das Mens chen wese n mit seine r ewige n Bestimmung ganz erfüllt s der Erde.
war in den Lebenskrei
r unvergänglichen Gestalt und trat so
gangen war, offenbarte es sich in seine chgewordene Gott mit dem Mensc hen-
hat sich aber dieser mens
Durch den Gang seines Opfertodes aufnehmen; in unserem
lich verbu nden. In unsere Seele können wir ihn
schicksal auf der Erde unzertrenn seine Liebe wehen, in unser Wollen seine
len, in unserem Atem
Denken kann sein göttliches Licht strah
Heilkraft einziehen. ns ist, sind alle Natur-
lne die Grundlage unseres Seelenlebe
Im Leibe des Menschen, der bis ins einze
es und alle Sternenkräfte vereinigt.
reiche, alle Elemente des Erdenumkreis
e dem auferstandenen Christus.
So begegnen sie durch die Menschenseel gemeint ist.
ahnen , was mit der Auferstehung des Leibes
Allmählich werden wir so weih ehan dlun g für uns erst recht zu klingen
in der Mens chen
Nun fangen die Worte der Ostergebete neue m Leben erfüllen, weil
und Erdenumkreis sich mit
an, wo davon gesprochen wird, daß Sonne
Christus in den Menschen eingezogen ist. Sondern auch Ver-
finstern aus der Menschheit in die Welt.
Nicht nur Verwirrung und Zerstörung Welt enfe rnen zugut e wird auf dem
Erdennähe und sogar den
klärung und Heilung und Ordnung. Der n wir es hinau s mit der steig enden Sonne;
fer belebt. (So sende
Altar der Menschenseele das Christusop
ehandlung gefeiert.)
nur bis Mittag wird eine Menschenweih leuchtet, wird der Frühling einen
das von der Menschenstirne
Vom Widerschein des Geisteslichtes, wird seinen belebenden
Wort der Liebe , das aus Menschenmunde dringt,
neuen Glanz erhalten, das Wesenstiefen wird ein
der Wille zum Guten in des Menschen
Hauch über das Erdenblüben senden;
Quell neuer Lebenskräfte werden. t die Osterbot-
und immer. Denn er ist bei uns — so laute
Wann soll dies geschehen können? Heute
Erdenzeiten.
schaft — alle Tage bis an das Ende der

Paulus als Verkünder der Wandlung


Rudolf Frieling
der Wandlung
so eindringlich auf das österliche Geheimnis
Wenn Paulus in seinen Briefen so oft und nur, daß er „aus einem
n Schicksalen tief begründet. Nicht
zu sprechen kommt, so ist das in seinen eigene in ihrer drama tisch en Bewegtheit
seine Apostel-Schicksale
Saulus ein Paulus wurde“; auch danach sind nisse s*.
Wandlungs-Erleb
eine Weiter-Entwickelung des grundlegenden tem Wort von
jetzt einmal aus den Paulu s-Bri efen drei Stellen herausgegriffen, wo mit direk
Es seien stehu ng Christ i vollzi ehen soll.
ann Menschen kraft der Aufer
der „Wandlung“ gesprochen wird, die sich Grenz en der einzel nen Briefe hinwe g mit-
wird, über die
Diese drei Stellen bilden, wie sich zeigen anderen Seite her
eine sinnvo lle Figur. Sie ergän zen einander, indem sie jedesmal von einer
einander kommt , daß jedes mal ein anderes
auch darin zum Ausdruck
ein Licht auf die Wandlung werfen, was
Wort dafür gebraucht wird.
I
genannt, das
Kapitel des 1. Korintherbriefes
Als erste dieser drei Stellen sei das 15. ers teh - ung
verkü ndet hat,
Paulus die Tatsächlichkeit der Auf
große Auferstehungs-Kapitel. Nachdem ng in das denke nde Bewuß tsein des
: wie die Auferstehu
geht er über zu der Frage nach ihrem „Wie“ als eine Erken ntnis -Hilf e der Blick auf das gött-
bietet sich
Menschen aufgenommen werden könne. Da hindurch ge-
Auferstehn des Samenkornes. Durch den Tod
lich-natürliche Mysterium von Sterben und Pflanz e. Im Weite ren wird nun besonders
in der erstehenden
winnt es eine neue verwandelte Gestalt Leib („Sar x“) und
enheit als solche betrachtet. Fleisches-
die Stofflichkeit, die stofflicke Besc haff Leib heißt im Urtex t „Sarx“,
gegenübergestellt. Der Fleisches:
Lebens-Leib’ („Soma“) werden einander h-Ver wesli che. So wie das Same nkor n in
Sarx ist das Vergänglic
davon kommt „Sarkophag“ und „Sarg“. Mensc hen in Unver -
nglich-verwesliche Fleisches-Natur des
die neue Pflanze übergeht, so soll die vergä Weiss agung solche r „himm -
werden. Ein Vor-Bild, eine
gänglichkeit und Unverweslichkeit verwandelt it“ und
s in den leuch tende n Gestirnen. Sie haben „himmlische Leiblichke
lischen“ Leiblichkeit sieht Paulu
3

N
erstrahlen im Offenbarungslicht einer höheren Welt, in „Klarheit“ (griechisch: Doxa). Nicht etwas
Allgemeines und Abstraktes soll mit dieser „Doxa der Gestirne“ ausgesagt sein, sondern Paulus geht da
ganz ins Konkrete und Einzelne: „eine andere Doxa ist die der Sonne, eine andere des Mondes, eine
seine
andere der Sterne, und ein jeder einzelne Stern wieder unterscheidet sich vom anderen Stern durch
besondere Doxa“ (15 ,,). So wie die Sarx-Beschaffenheit bei den verschiedenen Erdenwesen eine ver-
schiedene ist (15 35), so gibt es auch die mannigfaltigsten Möglichkeiten dieser bimmlischen Licht-
Beschaffenheit. So wie jeder Stern seinen individuellen, nur ihm in dieser Weise eignenden Leib hat,
so wird auch die Auferstehungsleiblichkeit bei jedem Menschen eine einmalig-individuelle, seiner Per-
sönlichkeit entsprechende sein. Jede Persönlichkeit gibt dann der allgemeinen zugrundeliegenden gött-
lichen Licht-Substanz ihre eigene besondere Note, wenn „die Verweslichkeit anziehn wird die Unverwes-
lichkeit“, wenn die Sarx-Beschaffenheit des Leibes übergeführt ist in die Doxa-Beschaffenheit. Die Sarx-
Beschaffenheit tragen wir an uns, als in den Folgen des Sündenfall-Geschehens darinstehend. Die Doxa-
Beschaffenheit, die gestirnhaft-himmlische Leiblichkeit wird uns der Auferstandene als der „neue
Adam“ verleihen. _
Dies ist der Zusammenhang, in dem nun der Satz steht, auf den wir eigentlich binauswollen: „Wir
werdenAlleverwandeltwerden“ (l5,, und ,). Mancher Leser wird sich vom Brahmsschen
Requiem her an die Stelle erinnern. Das griechische Wort für „verwandeln“ heißt hier „allätto“. Darin
steckt „allos“ — „anders“. Es entspricht also unserem „ändern“, das soviel wie „anders machen“ ist.
Aber es will hier, nach der feierlichen Einleitung „siehe, ich sage euch ein Mysterium“, dieses Wort
„anders“ in seinem vollen Seelenklange, in der Stärke des ursprünglichen Erlebnisses vernommien und
empfunden werden. „Wir werden Alle anders werden.‘ — „Anders“ ist hier in seinem vollen Sinn ge-
braucht als Ausdruck des Staunens, der Verwunderung. „Anders“, „ganz anders“ — darin liegt das Er-
schauern vor dem Wunder göttlicher Alchymie, die durch den Tod hindurch Sarx in Doxa verwandelt.
„Siehe, ich sage euch ein Mysterium“ (15 si .

I.
Von einer anderen Seite her ist die Verwandlung dargestellt im 2. Korintherbrief, Kapitel 3.
Dem im Alten Bunde befangenen Moses-Bewußtsein, das den Christus nicht zu erkennen vermag, wird
gegenübergestellt die vom Geist inspirierte schauende Erkenntnis. Sie nimmt die Hülle weg, die vorher
das Auge am Schauen verhinderte. Wer sich zu dem Kyrios, zu dem Herrn hinwendet, dem wird die
Hülle abgestreift (3 ,.)- „Der Herr ist der Geist. Wo aber der Geist des Herrn weht, da ist Freiheit.
Wir Alle spiegeln aufgedeckten Angesichtes die Doxa des Herrn wider
und werdenin eben dieses Bild selbst verwandelt von einer Klarheit zur
andern,alsvondemHerrndes Geistes“ (3 1, ıs). Durch das Walten des Geistes, der „ent-
hüllt“ und „ent-deckt“, sollen wir zur Anschauung des Bildes Christi erweckt werden. Einen Inhalt der
höheren Welt schauen wir nur dann, wenn unser Inneres zum reinen Spiegel bereitet ist; so wie das
Meer, um ein oft gebrauchtes, aber eben tief richtiges Gleichnis zu gebrauchen, die Sterne des nächt-
die
lichen Himmels nur dann recht widerspiegelt, wenn es sich zu ruhevoller Stille geglättet hat. Ist
Seele zum reinen Spiegel geworden, so kann die Glorie des Christus-Bildes in ihr „er-scheinen“. — Es
gibt ein Wort im philosophischen Sprachgebrauch , das eben dieses Geheimnis ausdrückt oder doch aus-
drücken sollte: „Spekulation.“ „Speculum“ heißt „Spiegel“. Demnach wäre „Spekulieren“ eigentlich
dieses: seine Seele zu einem reinen und nicht verzerrenden Spiegel der höheren Wahrheiten machen
und diese dadurch zur Erkenntnis-Erscheinung bringen. In diesem edlen Sinne gebrauchten noch die
großen Philosophen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dieses Wort, dann bekam es allerdings
immer mehr den Sinn des unsoliden Darauflos-Denkens, vom Börsen-Sprachgebrauch ganz zu schweigen.
Im 2. Korintherbrief steht das Wort in seiner höchsten Bedeutung (lateinisch: „gloriam Domini specu-
lantes“): Erkenntnis-Spiegelung des Göttlichen. Sie kommt zustande durch das Wirken des Geistes. Der
Christus kann nicht-ohne das Geistprinzip gedacht werden, das den Menschen zum freien Erkennen
aufruft.
Nun ist aber eine solche Erkenntnis höherer Art nicht so wie die bloß intellektuellen Kopf-Erkennt-
nisse, die den Menschen „kalt“ und darum unverwandelt lassen. Vielmehr: ein Bild der höheren Welt
anschauen heißt zugleich, die erkennende Seele den Bilde-Kräften dieses Bildes aussetzen, „exponieren“..
Das angeschaute Bild bildet sich in den Anschauenden hinein. Die geschaute Klarheit wirkt Verklärung.
Im alten Orient gab es die wunderbare Vorstellung, daß auf dem Antlitz eines inbrünstig Betenden die
angebetete Gottheit ihren Widerschein leuchten lasse. „In das, wovor du kniest, wirst du verwandelt

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werden“, sagt der Mystiker. 30 werden wir verwandelt i in das Bild, das sich bei aufgetanem „Gesicht“
in uns hereinbildet.
Diesmal braucht Paulus nicht das Wort „allätto“, sondern: „meta-morph6o“, das wir ja schon aus dem
von Goethe so bedeutsam verwendeten Wort „Metamorphose“ kennen. Metamorphose ist Um-
gestaltung, Umformung; denn „morphe“ ist „Form“ (dieselben Laute übrigens, nur umgestellt!). Die
prägende Form-Kraft des Bildes Christi, das zugleich das Ur-Bild des wahren Mensch-Seins ist, soll in
dem Erkennenden zur Wirksamkeit kommen und ihn von einer Verklärung zur anderen umgestalten.
Durch die Erkenntnis Christi soll der Mensch in Freiheit seine eigne Entwicklung weiterführen und zu
den Metamorphosen, welche die Natur an seinem natürlichen Dasein ohne sein Wissen und Zutun voll-
zog, die Metamorphosen ins Geistige hinauf dazufügen.
Vergleichen wir die beiden betrachteten Stellen und die beiden Wörter „allätto“ und „metamorphöo“,
so spüren wir den Unterschied des Gesichtspunktes. Dort war mehr die „Stofflichkeit““ betont, die
alchymistische Verwandlung von Sarx in Doxa, wie ja auch das Bild der Gestirn-Leiblichkeit mehr auf
die Beschaffenheit, auf die „‚Stofflichkeit“ höherer Art hinzielt als auf Form und Gestalt. Hier dagegen
spielt das vom Geist erleuchtete, in Freiheit erkennende Mit-Tun des Menschen eine wichtige Rolle.
Durch Erkenntnis zum Überformt-Werden. (Man könnte auch an das lateinische Wort „In-formation“
erinnern, das die Bewußtseinsbedeutung der „erkenntnisbewirkenden Mitteilung“ hat und zugleich
„Bin-F ormung‘ * bedeutet!)
Nach alledem ist es vielleicht erlaubt, die unterschiedliche Stimmung der beiden Stellen mit „Gott-
Vater“ und „Gott-Geist“ zu charakterisieren. Die Stoffes-Alchymie, die wir in anbetender Verwunderung
erahnen als das „Anders“-Werden der-Sarx, ist ein Vater-Mysterium; indem wir diese letzten, vom
Tagesbewußtsein am weitesten abgelegenen Geheimnisse stofflicher Beschaffenheit in dem Vater-
Grund älles Seins geborgen wissen: Demgegenüber weist uns die „Umgestaltung“ durch auschauendes
Erkennen auf den Wirkensbereich des Heiligen Geistes hin.

IL
Wieder ein anderes Wandlungswort gebraucht Paulus im Phili p pe erbrief: „Unser Wandel ist
im Himmel, aus dem wir auch den Heilbringer erwarten, den Kyrios Jesus
Christus, der unseren der Niedrigkeit angehörenden Leib verwandeln
wird,so daß er gleichgestaltet wird dem Leib Seiner Doxa; kraft der Wirkens-
macht („en-ergeia“ = Energiel), durch die Er sich Alles untertan zu machen vermag“ (3 ,0)-
Hier nun heißt „verwandeln“: „meta-schematizo“. Wir erkennen darin sogleich das Wort „Schema“,
also gewissermaßen: „um-schematisieren“. Aber ist nicht „Schema“ etwas Unlebendiges, grau und öde?
Dazu ist es nur im neueren Sprachgebrauch geworden. Was bedeutet es in Wahrheit? Es entspricht dem
lateinischen „Habitus“, also: „wie man sich hat“. Es ist die besondere „Artund Weise“ eines Lebe-
wesens, wie sie sich in der regelmäßigen Wiederkehr seiner Lebensfunktionen kundgibt. .Mit „Habitus“
. hängt auch alles „Habituelle“ ‚ alles Gewohnheitsmäßige zusammen. Das ist hier aber nicht unlebendig
gemeint, sondern gerade in dem ureigentlich lebensmäßigen Sinne, insofern ja allem Lebendigen das
Wohnen in der Gewohnheit, das Ein- und Ausgehn im rhythmisch Wiederkehrenden eigentümlich ist.
„Schema“ ist dann der Lebens-Rahmen, der sich mit dem Auf und Ab der Lebensregung erfüllt.
Was ist also’wohlin unserem Zusammenhang „meta-schematizo“? Es ist die allmähliche Verwandlung
unseres Lebens-Schemas, unseres Habitus, unserer „Art’und Weise“. Unser Eingang und Ausgang, Tun
und Lassen; Regsam-Sein und Ruhn — alles das soll von dem Christus durchdrungen werden. Als der
Wiederkehrende will Er mit seinem göttlichen Leben bis in die feinsten Rhythmen und Vibrationen
unserer Lebens-Bewegung hinein wirksam werden. Die „Art und Weise“ menschlicher Lebensregung
soll immer mehr durchchristet werden, so daß der Leib, dessen Habitus zunächst von der „Niedrigkeit“
des nur vergänglichen Daseins bestimmt ist, verwandelt wird, gleichgestaltet dem Auferstehungs-
leib Christi.
Fanden wir das Geschehn der Wandlung zuerst vom Gesichtspunkt des Vater-Mysteriums aus dar-
gestellt, dann vom Bewußtsein, vom Geiste her, so will uns diese dritte Stelle als besondere Offen-
barung des göttlichen Sohnes erscheinen. Wohnt der Vater in der Sphäre des Seins, der Geist im Bewußt-
sein, so der Sohn in Allem, was eigentlich „Leben“ ist. Der Vater-Gott verleiht das Sein, der Geist-Gott
die Erleuchtung, der Sohnes-Gott das schaffende Leben. So offenbart er sich schon im Jahreslauf, in den
Rhythmen des Natur-Lebens. Darum ist es sinnvoll, daß das heilige Jahr der christlichen Feste, als eine
Entfaltung des Christus-Wesens, wie eine höhere Erfüllung und Vollendung der Natur sich mit dem

5
Jahreslauf zu einer organischen Einheit verbunden hat. Im wiederkehrenden Jahreslauf, in der durch
den Gang der Feste hindurch sich abwandelnden immer wiederkehrenden Weihe-Handlung soll in unser
Lebens-Schema allmählich die „Art und Weise“ des Christus-Lebens übertragen werden. —
„Anders machen“, „um-formen“, „um-arten‘ — dieser Reichtum der Wandlungsworte in den Briefen
des Paulus ist nicht äußerliche Wort-Fülle, sondern ergibt sich aus dem inneren Reichtum eigener per-
sönlicher Wandlungs-Erlebnisse heraus, die von einem Menschen erlebt wurden, dem es gegeben war
„zu erkennen Ihn und die Kraft Seiner Auferstehung“ (Phil. 3 ,,)-

Stufen des Opfers


ErnstMoll
Es gibt wenige Worte, die mit so großem moralischem. die Fähigkeit zur Hingabe selbst. Denn was nützt alle
Pathos gebraucht werden, wie das Wort Opfer. Es gibt Hingabe, wenn sie mißbraucht, auf ein falsches Ziel ge-
nicht viele Worte, die so wenig verstanden werden wie richtet ist? Also gilt es nachzudenken. Der Verstand
dasselbe Wort. Sprachlich kommt es aus dem Lateini- wird aufgerufen. Der Verstand als Verstand jedoch ver-
schen und heißt eigentlich „Werk“. Opfern ist Schaf- steht das Opfer nicht. Er führt zum Gegenteil, das ist
fen, Tätigsein, und man kann in der Liturgie geradezu zur Selbstbehauptung. Der aktive Gegenpol eines nur
die Worte „schaffen“, „Werk“ für „opfern“, „Opfer“ passiven Opferbegriffs ist die Selbstbehauptung. Der
setzen. Um zu einem Verständnis dessen zu kommen, Westen ist in dieser Eigenschaft groß. Er vermag die
was zu einem tieferen Erfassen des Opferbegriffs hin- andern zu opfern statt sich selber opfern zu lassen. Damit
führt, müssen wir diesen auf verschiedenen Stufen aber ist das Opfer im engeren Sinne aufgegeben. Das
kennenlernen. Erst auf den letzten beiden wird sein Opfer erlebt seine eigene Opferung.
Wesen offenbar, so daß wir vom christlichen Opfer Um das Herz und sein Opfer vor der Opferlosigkeit:
sprechen können. . zu retten, hat man das sacrifieium intellectus, das Opfer
Opfer des Herzens ‘des Verstandes gefordert. Aber wenn der Mensch schon
nicht leben kann ohne Herz, so erst recht nicht ohne
Die erste Stufe des Opfers — wenn wir so ausein- Kopf. Damit sind wir an dem Punkte angekommen, wo
andergliedern dürfen, was sich in Wirklichkeit. durch- ein höherer Opferbegriff einsetzen muß.
dringt — stellt das seelische Opfer dar. Es ist jene
Stimmung dem Opfer gegenüber, der wir hauptsäch- Das geistige Opfer (oblatio rationabilis)
lich im Osten begegnen, die Fähigkeit der Hingabe in Die Griechen haben den Begriff des geistigen Opfers,
mehr passivem Sinne. Denn das macht die Größe der der Aoyızı) Öwola ausgebildet, der als oblatio ratio-
östlichen Welt noch heute aus, daß sie jene Hingabe- nabilis in der römischen Liturgie erscheint. Worin be-
fähigkeit der Menschenseele entwickelt, die der Aus- stand dieses geistige Opfer? Darin, daß der Mensch das
druck hoher und reifer Kultur ist. Als ein wunderbares Höchste, was ihm gegeben war, sein Erkennen, den vom
Fluidumm durchzieht sie den ganzen Osten und gibt ihm göttlichen Logos begeisterten und erleuchteten mensch-
zugleich jenes soziale Gepräge, demgegenüber der ego- lichen Logos, den Göttern zurückgab. Das war das
zentrische Westen mit seinem wilden Individualismus Logos-Opfer des Menschen, die logik& thysia. Dieses
allzu leicht als Barbarei erscheinen mag. Opferfähigkeit Opfer aber ist es, nur in verwandelter Gestalt, das wir
und Opferwille als elementare Seelenkraft, die leicht heute wieder zu bringen haben, Denn in Griechenland '
sich bis zum. körperlichen Opfer steigert und, von reli- begann bereits jene Entwicklung des Denkens, der Lo-
giösem Gefühl ergriffen, sich jubelnd selbst dem Tode gik, des Verstandes, die heute Allgemeingut der Mensch-
in die Arme wirft, das sind die Ingredienzien eines heit geworden sind. Was ist aber das Wesen dieses Den-
solchen mehr naturhaften Opferbegriffs. Er ist möglich, kens? (Vgl. den Aufsatz des Verf. im Januarheft.) Daß
wo der Seelenorganismus des Menschenwesens noch es Opfer, geistiges Opfer ist.Wo das Denken sich so
jugendlich, noch schmiegsam, nicht verhärtet ist... Die verstehen leınt, beginnt .es auch das Opfer des Herzens
Seele ist noch geistdurchdrungen, der Tod wirkt nicht zu verstehen. Indem der Verstand sich selbst begreift,
mit voller Macht. Übersinnliches kraftet noch in die See- wächst er über sich hinaus. Er ist nicht mehr bloßer Ver-
len herein. Aus unbewußten Tiefen sind sie opferfähig. stand. Er wird zum Träger des Geistes, letzten Endes
Die Herzenskräfte sind noch lebendig. zum Christophoros. Anstatt den Verstand zu töten, der
„Sacrificium intellectus“
dern Menschen den Grund seiner Freiheit und seines
Königtums gibt, gilt es den Verstand zu verstehen. Da-
Gegenüber dem östlich-passiven Opferbegriff hat sich mit wird zugleich erfaßt der Opfercharakter des mensch-
ein aktiv-männlicher im Westen ausgebildet. Hier wird lichen Ich. Wir sind erst Ich, wo wir opfern. Wir kön-
die scharfe Grenze gesucht zwischen Opfern und Ge- nen 'erst opfern, wo wir Ich sind. Hingabe und Selbst-
opfertwerden. Der Bewußtseinspol erscheint, und das behauptung klingen zusammen. Opfer-Fähigkeit und
Opfer wird nicht mehr nur darin gesehen, daß Hingabe- Opfer-Ziel sind eins. Wir lernen in Freiheit und aus Ein-
kraft entfaltet wird. Die Frage nach dem Wozu tritt sicht opfern. Deshalb gilt für unsere Zeit: Nicht sacri-
auf. Ihre Beantwortung gehört ebenso zum Opfer, wie Scium intellectus, sondern. Erkennen des Denkens und

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damit der Anfang des Opfers im Geiste, oblatio ratio- ihnen begeistert das Herz in uns höher schlägt, dürfen
nabilis! wir, von Täuschung befreit, ganz neu das Glück der
Christliches Opfer Menschenbrust erfahren, wenn sie aus vollem Herzen
Darin nun besteht das christliche Opfer, daß der opfern darf. Auf dieser Stufe ist die geistige Liebe her-
Mensch sich selbst in seinem ganzen Wesen opfert. So- untergeführt; ihr Sternenlicht ist zur Sonne geworden,
wohl dem Haupte nach, durch das er Ich ist und das die als Kraft der Liebe aus dem Herzen strahlt. Der
Königtum der freien Opfer-Zielsetzuug empfängt, wie
Sinn des Opfers hat sich ganz erfüllt. Und dieser Sinn
dem Herzen nach, das seinem Opfer Kraft verleiht und
ist die tätige Liebe.
es ins Willenswirken führt. Kennen wir das Opfer nur Wir haben das Opfer auf seinem Wege verfolgt. Wir
auf der ersten Stufe, so bleibt unser Opfer blind. Kom- fanden sein „Evangelium“, wo es sich in seiner Jugend-
men. wir nur bis zur zweiten, so verlieren wir den kraft als naturhafte Anlage der Seele offenbart. Wir
Opfersinn und werden Egoisten. Dringen wir bis zur fanden sein „Offertorium“, wo der Verstand sich seiner
dritten, so haben wir zwar die Freiheit des Opferns ge- bemächtigt. Wir sehen seine „Wandlung“, wo es aum
funden, haben uns durchgerungen zur Fähigkeit der Ge- geistigen Opfer wird. Und die „Kommunion“ erfuhr es
meinschaft im Geiste und das Opferwesen unseres Ich dort, wo das Opfer von Herz und Haupt in Harmonie
erkannt, etwas von jener Liebe erahnend, von welcher zusammenklingt. Der Mensch unserer Zeit versteht nur
Dante als der amor dell’intellette spricht — aber wir
die ersten Stufen. Die letzten sind ihm unbekannt. Das
: stehen noch nicht mit des Herzens voller Opferkraft im Altarsakrament, die Menschenweihehandlung, macht sie
ganzen Leben. Das können wir erst, wo der Kreis sich offenbar. Sie stellt das geistige Opfer im Raume dar
schließt und das erste Opfer sich mit dem dritten ver-
und zeigt damit das Opferwesen. Das Opfer in seiner
bindet. Jetzt wissen wir: der Sinn des christlichen Opfers
Ganzheit wird nur verstanden, wo der gewöhnliche,
erschöpft sich nicht damit, daß wir aus Herzenskräften
äußere zusammengeschaut wird mit dem inneren geisti-
Taten tun. Zu ihnen gehören Geistestaten, Taten . des gen, mit dem religiösen Opferbegriff.
Erkennens, die uns zum Ich erheben. Und erst, wo an
Ernst Moll

Ansprache zur Konfirmation*


Friedrich Rittelmeyer
Selten hat sich die Menschheit nach einem langen und harten Winter
so gesehnt nach einem F rühling
wie in diesem Jahr. Wir mußten wie noch nie an das Dichterwort denken:
Und dräut der Winter noch
so sehr mit trotzigen Gebärden und streut er Eis und Schnee umher,
es muß doch Frühling werden!
Und selten hat die Menschheit einen solchen Seelenwinter
erlebt, wie der, in dem wir jetzt noch drinnen
stehen und dessen letzte schwere Schatten jetzt noch auf uns
lasten. Wird auch bier ein Frühling
kommen? Ihr seid ein Stück dieses Frühlings. Und ihr seid
es um so mehr, um so verheißungsvoller, je
tiefer ihr in eure Seele den Lebensführer aufnehmt, zu dem eure
jungen Seelen heute aus freiem Ich
heraus ja sagen mögen. Er wohnt schon in euren Seelen. Er ist
da: laßt ihn herrschen. Fragt ihn, er
wird euch antworten, wenn ihr nur keine Furcht habt, ihn wirklich
zu fragen. Folgt ihm, er wird euch
zar Herrlichkeit führen, zur höchsten Herrlichkeit, wenn ihr
nur keine F eigheit habt, ihm wirklich zu
folgen. Er ist der Frühling der Menschheit. Und ihr könnt dabei
sein, ihr könnt mithelfen, daß dieser
neue Frühling zur Menschheit kommt. Große Zeiten stehen uns
bevor. Christus wird sie bringen. Ihr
dürft seine Gehilfen sein. Ihr dürft mit ihm Meuschheitsfrühling
sein, ein ver sacrum, ein heiliger
Menschheitsfrühling. Und alle Jahre, wenn nach langer Winterze
it der Frühling losbricht in allen
Ländern mit Macht, tausemdfältig, unaufhaltsam, triumphierend,
euch erwachen die dann soll in
Erinnerung an den Tag, wo ihr als Frühling, als unser F rühling
in unsrer Mitte standet, wo es in
euch Frühling war, Christus war, und wo ihr im Blick auf
euer ganzes ferneres Leben mit allen seinen
Gefahren und Werken und Kämpfen zu ihm spracht in eurer
Seele: Du bist der Höchste! Du bist der
Einzige! Du sollst mein freier Herr und König sein! —
* Ostern 1924

Gesang zur Taufe und Jugendweihe


Friedrich Doldinger
Heil dir, Wasser! Jugendquelle!
Sterne wiegst du hin zur Erdenschwelle!
Heil dir, Salz! Die Leidgeklärten
sind des Auferstandnen Treugefährten!
Heil dir, Asche! Fenersöhne
weiben uns mit Gnaden ewger Schöne!
Die Stimme der Märtyrer
Eduard Lenz

“ Der Besucher der unterirdischen Katakomben Roms nis zu den Christen zu bestimmen. Je nach der persön-
kann sich des Schauers nicht erwehren, der heute nöch lichen Einstellung der Beamten oder der Stimmung der
durch die. langen engen Gänge weht und ihn an eine der Bevölkerung kam es in den verschiedenen Provinzen
dunkelsten und zugleich glorreichsten Stunden der zu Verfolgungen oder hatten die Christen Ruhe. Ein
Menschheitsgeschichte erinnert. Hier, wo bis in die wichtiges Dokument aus dieser Zeit ist der Briefwechsel
Gegenwart in den Nischen der Seitenwände die sterb- Trajans mit dem Statthalter von Bithynien, Plinius dem
lichen Reste vieler Blutzeugen aufbewahrt werden, muß- Jüngeren. Der Regierungsvertreter fragte beim Kaiser
ten. sich die ersten Bekenner Christi verbergen, weil die an, wie er. sich in Christenprozessen verhalten solle. Bis-
Herren der Erdoberfläche den neuen Glauben nicht dul- her sei er so verfahren, daß er die freigelassen habe, die
deten. Geflüchtet in den dunklen Schoß der Erde mußten widerriefen, und daß er die hingerichtet habe, die trotz
sie alte Grabstätten in Weiheräume umwandeln. Wo die dreimaliger Aufforderung zur Leugnung hartnäckig ge-
schmalen Gänge sich manchmal zu einem kleinen Raum blieben seien. Die peinliche Befragung durch. die Folter
ausweiten, stand einst der schmucklose Altar, auf dem habe keine besonderen Aufschlüsse zutage gefördert.
das heilige Opfer dargebracht wurde. Inmitten eines Der Kaiser gab in seiner Antwort Richtlinien, die wohl
Reiches des Todes wurden sie durch ihre Hingabe an in der Folgezeit für die meisten Behörden bestimmend
den Auferstandenen der unsterblichen Macht des Geistes waren: Man solle die Christen nicht in ihren Schlupf-
gewiß. Sein Licht erhellte auch noch die Finsternis der winkeln aufsuchen. Kämen sie aber zur Anzeige, seien
Katakomben, sein Leben durchströmte auch noch die die Reumütigen freizulassen, die Hartnäckigen zu be-
schwermütigen Verließe des Todes. strafen. Auf Denunziationen sei kein Wert zu legen. An
Eine bittere Not zwang die ersten Christen, bei den dieser Entscheidung des Kaisers ist wichtig, daß von da
Toten Zuflucht zu suchen. Haß und Verfolgung trieb sie ab das Bekenntnis zum Christentum als strafwürdig galt.
unter die Erde. Die Welt sah damals ein Schauspiel, das Aber erst vom Jahre 250 ab bis zum Beginn des vier-
seinesgleichen in der Geschichte nicht hat. Rom kämpfte ten Jahrhunderts setzten Verfolgungen über das ganze
einen dreihundertjäbrigen Kampf auf Leben und Tod Reichsgebiet ein. Die Behörden sahen von da ab im
mit dem jungen Christentum. Es war ein scheinbar un- Christentum eine staatsgefährliche Bewegung. Unter dem
gleicher Kampf. Denn auf der einen Seite war das Über- Kaiser Diokletian erreichten die Greuel ihren Höhe-
gewicht einer alten Bildung und Kultur, die Strenge der punkt. Neun Jahre hindurch brannten Kirchen, wander-
Gesetze und die staatliche Macht. Auf der anderen Seite ten Christen in die Verbannung oder in die Bergwerke,
kämpfte nur ein unzerstörbarer Glaube, eine unbesieg- kämpften als Gladiatoren mit wilden Tieren oder wur-
liche Hoffoung und eine herzoffene Liebe zu dem auf- den auf die verschiedenste Weise hingerichtet. Bis die
erstandenen Christus. Und doch siegten die waffenlosen Lenker des Staates das Vergebliche dieses grausamen
Bekenner des Glaubens. Terrors’ einsahen und, müde des allzuviel vergossenen
Man darf sich allerdings das Urchristentum nicht als Blutes, im Jahre 311 das Toleranzedikt veröffentlichten,
eine Zeit beständiger, das ganze Reich umfassender Ver- das den Christen die Freiheit ihrer religiösen Übung zu-
folgungen vorstellen. Im wesentlichen kann man drei sicherte. *
Epochen unterscheiden. Bis zum Ende des 1. Jahrhun- Wer sich in die Geschichte ‚dieser v erfolgungen ein-
derts machten die. römischen Behörden keinen Unter- lebt, spürt immer tiefer das Rätsel,. ‘das sie uns auf-
‚schied zwischen Christen und Juden. Die Anhänger des geben. Warum kämpfte Rom so erbittert gerade gegen
Christus waren für sie nichts anderes als eine jüdische . das Christentum?. Es war doch sonst tolerant anderen
Sekte. Sie teilten mit den Juden das Schicksal in Ruhe religiösen Strömungen gegenüber. Die Diener des Mithras
und Verfolgung. Trotzdem fällt in diese Zeit das grau- oder der Isis konnten verhältnismäßig ungestört ihrer
same Wüten Neros im Jahre 64. Um den Verdacht von Religion nachgeben. Auch die damals üblichen Vorwürfe
sich abzuwälzen, er habe den Brand der Stadt Rom gegen die Christen, sie seien Feinde des Menschenge-
befoblen, ließ er die Christen bezichtigen und verfuhr schlechis, begingen Unzucht und Kindermord bei ihren
mit :ihnen, ‘als -sei ihre ‚Schuld erwiesen. In wenigen Gottesdiensten, sie seien Gottesleugner und 'Majestäts-
Sätzen, die sich für immer dem Gedächtnis der Mensch-. verbrecher, erklären nicht die Länge und Grausamkeit
heit eingeprägt haben, schildert Tacitus das Grauen der Verfolgungen. Die Lösung des Rätsels ist im Gegen-
jener Tage. „Man nähte die Christen in Tierhäute ein ;‚satze zweier grundlegend verschiedener Weltauffassungen
und ließ sie von Hunden zerfleischen. Man hing sie ans ‘zu suchen. In einem der wunderbarsten Dokumente des
Kreuz. Man verbrannte sie, in leicht brennbare Stoffe Urchristentums, dem Briefe an Diognet, wird ausgespro-
verpackt, und ließ sie bei einbrechender Dunkelheit als chen, wie die Christen von ihrer Umwelt sich weder
Nachtfackeln brennen. Nero gab seine Gärten für diese durch Sprache, Sitte und Lebensweise unterscheiden, wie
Schaustellung her und veranstaltete ein Zirkusspiel.“ sie aber doch ganz anders seien als die anderen Men-
Doc war diese Verfolgung nur eine Einzelaktion, die schen. Sie leben im Fleische, aber nicht nach dem
keine Weiterung für das übrige Reich nach sich zog. Fleische. Sie wohnen auf Erden, fühlen sich aber dem
Die nächsten anderthalb Jahrhunderte blieb es den Himmel zugehörig. Sie lieben alle und werden doch ver-
einzelnen Statthaltern überlassen, das amtliche Verhält- folgt. Man tötet sie und bringt sie gerade dadurch zum

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Leben. Mit einem Worte: Was im Leibe die Seele ist, zwangen, al: den Grund ihrer späteren Dämonie an-
das sind die Christen in der Welt. Damit ist gesagt, daB sehen, Rudolf Steiner. der mer:t auf diese Zusammen-
der Christ.der damaligen Zeit sich noch einer anderen hänge aufmerksam machte. hat damit die psychologische
Weltordnung verpflichtet wußte als der irdischen. Er Lösung eines großen weltreschichtlicken Rätsel: möglich
unterschied das Reich der Erde von dem Reich, das nicht gemacht. Wenn später die Cäzaren Altäre zn Ehren ihres
von dieser Welt ist. Was schon der Gegenständ des welt- „Genius“ weihen ließen, so verkündeten ie damit. daß
geschichtlichen Gesprächs zwischen Christus und Pilatus sie unter göttlicher Inspiration wirkten. Die Christen
war, erfüllte die Christen “als unmittelbare Lebens- aber erkannten, daß dieser Kultus ein» Lüre war. daß
empfindung. statt des Genius der Dämon die Herrscher ım ihren
Aber diese christliche Grundhaltung zur Welt wäre nie- Taten lenkte. Nicht weil es den Christen an dem scml-
maäls der Anlaß zu dem Kampf zwischen dem Römerreich digen Respekt vor dem Staatsoherhaupt zehrach, ver-
und dem Christentum geworden, wenn nicht vorher ein weigerten sie dem Kaiser die göttlichen Ehrer. sondem
Ereignis stattgefunden hätte, das die Christen gleichsam zu weil ihr religiöses Gewissen ihnen verbot. da: #alten
ihrem Bekenntnis herausforderte. Diese weltgeschichtliche der Dämonen anzuerkennen.
Provokation war die Einführung des Cäsarenkultus. x

Schon. Julius Cäsar ließ sich in Ephesus „der ge- . Die ‚ersten Christen erblickten hinter den Knlissen
offenbarte Gott und Heiland des Menschenlebens“ nen- der zeitgenössischen Geschichte einen Kampf äher-
nen. Augustus duldete, daß man ihm zu Ehren in den menschlicher Mächte. Ihr religiöses Suchen und Hoffen
Provinzen Tempel baute. Nero nahm den Titel: ‚Der sahen sie in diesen Kampf verflochten. Das gab oft ihrer
gute Gott‘ an. Domitian begann seine Erlasse mit der Haltung eine übermenschliche Größe und den hinreißen-
stereotypen Wendung: „Unser Herr und Gott befiehlt“. den Enthusiasmus. Unvergeßlich bleibt das Martyrium
Die Statuen der Cäsaren standen neben-den Bildern der des greisen Bischofs Polykarp von Smyrna, der noch ein
Götter. Eine eigene Priesterschaft zelebrierte den Kul- Schüler des Presbyters Johannes gewesen war. Als die
tus des Gottes Cäsar. War das der Wahnsinn kranker Häscher ihn 'verhafteten, waren sie betroffen über seine
Herrscher öder ein Schachzug schlauer Politik, die auch ruhige Würde. Sie ließen sich von ihm bewirten und
noch den Glauben der Menschen ihren Interessen dienst- gewährten ihm noch eine Stunde des Gebeis. In der
zu machen suchte? Derartige Erklärungen bleiben a an der Rennbahn hatte der Statthalter Mitleid mit seinem
Oberfläche der Erscheinung haften.’ hohen Alter. Er forderte ihn auf, wenigstens zu rufen
Der Cäsareukultus wird menschlich erst verständlich, „weg mit den Gottesleugnern“. So hießen die Christen.
wenn mai eine Einrichtung der antiken: Welt berücksich- Polykarp besann sich einen Augenblick, richtete seine
tigt, in der der Ursprung für viele weltanschauliche und Augen auf die Volksmenge und sprach: „Weg mit den
soziale Erscheinungen der damaligen Zeit zu suchen ist. Göttesleugnern“. Als der Richter ihn aber aufforderte,
In den Mysterien ‘wurden geeignete Menschen in jahre- beim Genius des Kaisers zu schwören, sagte Polykarp
langer Schulung zu.einer Berührung mit der göttlichen nur: „Ich bin ein Christ“. Das heißt, niemals kann ich
Welt geführt. Über den Glauben des Volkes hinaus soll- dem Kaiser religiöse Verehrung zollen. Und schon
ten die Schüler der Priesterweisen unmittelbar an den schleppten Eilfertige das Holz für den Scheiterhaufen
Gottesgeheimnissen teilnehmen. Das Licht einer höheren herbei. In ruhiger, geistgegründeter Sicherheit vollendete
Welt sollte ihren Geist erleuchten, die Kraft Gottes der Greis sein Leben in den Flammen.
ihren Willen durchglühen. Ein derart Eingeweihter ragte Es wäre allerdings ein Irrtum, zu glauben, daß alle
an Wissen und Können über die anderen Menschen hin- Bekenner des Christentums zu solcher Standhaftigkeit
aus. Er hatte den -Genius in sich entdeckt. reif waren. Aus einem Briefe des Bischofs Dionysius aus
Die: GCäsaren erzwangen sich eines Tages den Zugang Alexandrien wissen wir, wieviele sich bei Verfolgungen
zu diesen Mysterien: Die alten Schriftsteller melden die durch Leugnung ibrer Zugehörigkeit der Verhaftung ent-
Tatsache ihrer Einweihung. Aber ihr folgendes Leben zögen oder schwach wurden unter den Eindrücken des
und Tun beweist, daß nicht ihre geistige und sittliche Kerkeilebens und der Folter. Nur die Stärksten waren
Reife sie dazu berechtigte: Wer in den Bannkreis der fähig, „bewunderungswürdige Zeugen des Christusreiches
Mysterien eintrat, war ihrem Zauber im guten oder im zu werden“. Um so leuchtender strahlt uns dann die
schlechten Sinne verfallen: Zeigt uns doch das Neue heldenhafte Gesinnung derer entgegen, die schweigend
Testament sogar noch, daß auch eine verräterische Ge- die bittersten Leiden um ihres Glaubens willen trugen.
sinnung die Wirkung des göttlichen Mysteriums an sich Welche Menschenschicksale tauchen in den Zeilen auf,
erfährt. Das Letzte Abendmahl war für die Apostel die die der Bischof Cyprian aus Karthago an seine gefange-
Stunde heiligster Christusnähe und Gotterfüllung, für nen Gemeindeglieder schrieb: „In den Bergwerken wird
Judas war die Kommunion von der Hand Christi ge- der Leib nicht erquickt durch Bett und Polster, aber
reicht, der Augenblick des ausbrechenden Wahnsinns. durch den Trost und die Gnade Christi. Die Glieder lie-
„Da fuhr der Satan in ihn. Und er.ging hinaus, und es gen, von der Arbeit ermüdet, auf der Erde; aber es ist
war Nacht.“ Was für die Jünger die Einweihung in das keine Strafe, hier zu liegen mit Christus. Wenn der
Todes-Lebensgeheimnis Christi war, verwandelte sich in äußere Mensch von Schmutz bedeckt ist, so ist der
Judas durch seine Gesinnung in dämonische Besessen- innere Mensch um so mehr gereinigt durch den Geist
beit. Ähnlich müssen wir uns die Einweihung der Cäsa- Gottes. Es gibt wenig Brot, aber der Mensch lebt nicht
ren in die Mysterien, die sie auf Grund ihrer Macht er- von Brot allein, sondern auch vom Worte Gottes. Es

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gibt kein Kleid in der Kälte, aber wer Christus ange- hoben sich zu einer so emporragenden Seelenstärke, daß
zogen hat, hat Kleid und Schmuck genug... Aber welche keiner von ihnen schrie oder stöhnte. Sie lieferten uns
Kraft eines siegreichen Gewissens habt ihr jetzt, welchen allen damit den Beweis, daß sie in der Stunde der Fol-
Triumph in euren Herzen, daß ihr in den Bergwerken ter frei vom Leibe waren, oder besser gesagt, daß der
weilt — mit gebundenem Leibe, aber einem Herzen, Herr: selbst bei ihnen war und ihnen zuredete.“ Die
das sich der Herrschaft bewußt ist in der Gewißheit, daß Qualen des Martyriums ‚hatten manchmal zur Folge, daß
Christus bei euch ist.“ Dieses Christentum ist keine für einen Augenblick das Band zwischen Leib und Seele
Sklavenreligion, sondern der Glaube von Menschen; die zerriß und die Seele, losgelöst vom Leibe, schaute. Was
ihr Haupt auch dann noch stolz erheben, wenn ihre schaute sie? Aus den überlieferten Worten eines zur
Glieder mit Ketten. gefesselt sind. Zeit Diocletians Gefolterten wird es deutlich: „Ihr sün-
Was aber gab den ersten Christen die Kraft und den digt, ihr Unglücklichen, ihr quält Unschuldige. Wir sind
Mut zum bekennenden Leiden? Einen tiefen Einblick in keine Mörder, wir haben niemand betrogen. Gott er-
ihre Anschauungen gewähren uns die Prozeßakten einer barme sich, ich danke dir, Gott. Du gibst Kraft, für
Gerichtsverhandlung in Karthago vom 17. Juli 180. Ein deinen Namen zu leiden. Befreie deine Diener aus der
Priester Speratus steht mit einigen Gemeindegliedern Gefangenschaft dieser Welt. Ich danke dir... Ich danke
vor Gericht. Nach der üblichen Einleitung, bei der .der dem Gott des Reiches. Es erscheint das ewige,
Richter den Angeklagten gütlich zuredet, werden die unvergängliche Reich. Herr Christus, wir sind
Christen aufgefordert, bei dem Genius des ‚Cäsars zu Christen, wir dienen dir, du bist unsere Hoffnung.“
schwören. Da antwortet Speratus: "Ey& cv Baaıkeiav Diese Worte sind nicht von einem Schriftsteller er-
vöv alövos od yWwocz@®. „Ich erkenne die Herrschaft funden, sondern dem menschlichen Leiden selbst abge-
der gegenwärtigen Weltzeit nicht an.“ Ein rätselhaftes lauscht, das im Augenblicke höchsten Schmerzes von der
Wort, das uns blitzartig die Motive urchristlicher Hal- Seligkeit geistigen Schauens überwältigt wird. Während
tung erhellt. die Märtyrer ihr Blut verströmten und ihr Leib in den
Die ersten Christen sprachen vom nahen Untergang Qualen der Folter verging, tauchte vor ihrem frei wer-
der Welt. Der moderne Aufgeklärte sieht in diesem denden .Seelenblick das unvergängliche Lichtreich des
Glauben die naive Eschatologie einer visionär erregten Geistes auf und Christus als der Herr dieses Reiches.
Zeit. Aber für die Christen bestand der Weltuntergang Die Schmerzen des sterbenden Leibes rissen die Seele
nicht im Zusammenstürzen äußerer Sternordnungen. zum Schauen des Auferstandenen hinauf. Was die Schü-
Für sie war die Einführung des Cäsarenkultus ein weit- ler der Eingeweihten einst in der Verborgenheit der
hin leuchtendes Fanal, daß die gottgewollte Ordnung Tempel durchgemacht hatten, erlebten die Märtyrer in
des Daseins aus den Fugen zu gehen drohte. Diese Ord- den Qualen des Martyriums. Die Scheiterbaufen und
nung war auf die Anerkennung und Verehrung des Folterkammern wurden ihnen zur Stätte der Einwei-
Göttlichen durch den Menschen gegründet. In den Cäsa- hung. Das unsterbliche Leben des Christüs senkte sich
ren aber meldete der Mensch in frevlerischer Über- in ihre Seelen, während der Leib im Feuer der Schmer-
hebung seinen Herrschaftsanspruch auch über die Ge- zensfolter verging. Der Geist des Auferstandenen dankte
heimnisse der Gotteswelt an. Auch noch überirdische den opferfreudigen Bekennern in der Stunde der Be-
Weisheit und übermenschliche Kräfte sollten dem Macht- währung mit der Offenbarung seines göttlichen Reiches.
willen dieser Herrscher dienstbar werden. Darinnen *
sahen die Führer der jungen Christenheit das Zeichen, Christsein hieß einst: in der-Spannung stehen zwi-
daß die alte Ordnung der Dinge ins Wanken geraten schen der Welt des Todes und dem Reiche des aufer-
war,. daß die bisherige Gottesordnung der Welt unter- stehenden Geistes. Man hat das Urchristentum die Zeit
ging. Aber diese Anschauung verleitete sie doch nicht zu des Enthusiasmus genannt. Enthusiasmus heißt: sich in
einem unheilbaren Pessimismus, sondern war im Gegen- Gott wissen. Heute bietet das Christentum nicht mehr
teil die Voraussetzung für die Hoffnung auf Christus, das Schauspiel gottgeschenkter Begeisterung, Es wird
den Herrn des neuen Äons, der neuen Weltenordnung. aber zu seiner ursprünglichen Reinheit und Stärke wie-
Diese Hoffnung erwuchs ihnen nicht aus Phantasie der erwachen, wenn erkannt wird, daß es heute aufs
und. Wunsch, sondern aus dem realen, leidgetränkten neue gilt, inmitten einer Welt niedergehender Werte
Erlebnis der geistigen Schau. Ein Brief der Gemeinde und Ordnungen das aufsteigende Reich des Christus zu
von Smyrna vom 22. Februar 156 läßt uns das. unge- schauen. Das Mitfühlen mit allen Prüfungen, Nöten und
heuere Geheimnis des Martyriums ahnen: „Mit Geißeln Kämpfen der Menschen wird die Herzen dazu reif
zerfleischt, daß der Bau des Körpers bis auf die Adern machen, die österliche Kraft der Auferstehung zu emp-
bloßlag, hielten sie alles aus. Selbst die Zuschauer jam- fangen. Wer sie auch nur von ferne ahnt, spürt wieder
merten vor Mitleid; die erhabenen Märtyrer Christi er- den Hauch des großen Enthusiasmus.

Erinnerungen und Ahnungen


Fahrt ins Traumland
Der erste Traum, an den ich mich erinnere, war sehr entfliehen, weil mich die Kraft meiner Beine verließ. dse
schreckhaft und kehrte sehr oft wieder. Ich wurde von schließlich unter. mir zusammenknicten. während der
einem wütenden Stier verfolgt und konnte ihm nicht Verfolger dicht hinter meinem Rücken war.

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- Ein anderer Traum meiner Kindheit war freundlicher. und einem Fuchs gezogen wurde, und mit einem wert-
Ich saß. auf der. großen Pappel vor unserm Hause. Dar- vollen Instrument beladen war, über Land. An einer
unter war ein Grab geschaufelt, in das ich hinabschwe- Baumgruppe begann der Weg sich zu senken. Links vor
bend eines meiner Glieder nach dem andern hineinlegte. uns öffnete sich ein sehr tiefer weiter Trichter, der am
Später hörte ich das Sprichwort: „Träume sind Grunde mit vereistem Wasser gefüllt war. Plötzlich reißt
Schäume“ und daß die Gedanken irgendwie aus dem der Fuchs sich von der Deichsel, stürzt sich in den Trich-
Gehirn kriechen. Also sind sie nicht viel wert, dachte ter hinab, durchbricht das Eis und beginnt zu versinken.
ich, und nun erst die Gedanken der Träume! Also küm- Ich reite auf dem Schimmel hinterher, um ihn, der nur
merte ich mich nicht mebr darum, obwohl unter der noch mit den Nüstern aus dem Wasser ragt, zu retten.
Oberfläche der Gedanke mitlief, daß die beiden Kind- Dem Wiehern des Schimmels gelingt es, ihn wieder her-
heitsträume doch etwas von. meinem Schicksal ausge- aufzurufen. Dann fuhren wir weiter. Daheim im Stall
drückt haben. Bis mir in älteren Jahreu das Wesen von aber zeigte es sich, daß der Fuchs krank war. Er wälzte
Wachen und Schlafen und Träumen deutlich wurde und sich in der Streu und verschüttete im Sterben sein Ein-
ich anfing, manche Träume aufzuschreiben, um zu sehen, geweide. —
ob und welche Gesetzmäßigkeit darin waltet. Bei vielen Ich war im Morgengrauen mit meiner Frau auf einem
ist sie ganz deutlich zu erkennen. Manche sind bumo- Feldwege, der das Dorf begleitete. Meine Pferde waren
ristisch. Im Verlaufe der Zeit aber werden sie zu immer mir entsprungen und in einen Bauernhof hineingelaufen,
deutlicberen Sinnbildern geistiger Wirklichkeiten. Sie in den wir ihnen folgten. Die jungen Tiere sprangen im
beginnen etwa vor einem Vierteljahrhundert: Hofe herum, der Bauer trat zu uns. Hohe Fichten um-
Ich liege krank in meinem Zimmer. Eine Schwester standen den großen, leeren Hof, und links war ein
kommt herein und geht wieder. Plötzlich steht ein kräf- Grenzzaun.
tiger Junge, etwa dreizehnjährig, vor mir, mit einem Der Bauernknecht fing die beiden Pferde. Als ich ihn
wohlgebildeten Kopf, etwas welligem Blondhaar und näher ansehe, ist er ein graubärtiger Jude, der die bei-
zarter Gesichtshaut. Ich: Was willst du? Er: Dir etwas den Tiere unter den Armen hält. Aber da sind es keine
helfen! Ich: Wie heißt du? Keine Antwort, oder: ich Pferde mehr, sondern zwei junge Adler. Der Alte drückt
weiß nicht. Geheimnisvoll! sie fest an sich, daß sie keinen Flügel regen können und
Ich stehe auf einem landwirtschaftlichken Hof. Da ganz elend ausseken. Der Bauer will. ihm den einen
kommt meine Mutter angelaufen und ruft mir zu: abnehmen; der Adler krallt und beißt ihn tief in die
„Komm rasch nach Hause, Jesus kommt gleich, um das Hand, und ich überlege, ob ich sie nicht totschlagen soll,
Mädchen mit dem ausgefallenen Arm zu heilen. Es ist damit sie nicht noch mehr Unheil anrichten.
dämmerig. Am Westhimmel schwarze -Gewitterwolken, Indem schwebt ein freier Falke hexnieder und sitzt
auf denen Regenbogenstücke über Kreuz stehen. Ich waagerecht und schlank .auf dem Grenzzaun. Ich sage
zeige das meiner Mutter. Dann rasch heim, denn schwere dem Bauern, er möge die Flinte holen, um seine Hühner
Regenschwaden kommen schnell näher. Wir laufen durch zu schützen. Wie ich aber den Falken anblicke, richtet er
einen Geräteschuppen und ich klappse meine Mutter sich mehr und mehr auf; wächst zu einem mächtigen
leicht mit der Gerte, damit sie noch schneller laufe. Wir Adler, blickt groß und steil in den Himmel hinauf, sperrt
kommen ins Haus unter einem breiten Vordach. Das den scharfkantigen Hakenschnabel einmal weit auf, reckt
Mädchen: liegt in Krämpfen. Ich suche sie zu wecken, sich —-— aber jetzt fehlen die Worte, um das unbe-
denke aber: Laß, Jesus kommt gleich. — schreiblich Herrliche und Machtvolle dieser Erscheinung
In einer Fjordlandschaft, in der ich schon oft, aber auszudrücken: den weit übermenschlichen Willen, Mut,
immer nur im Traum war, komme ich an einen hohen, Spannkraft, die in dem Blick, dem Schnabelöffnen lagen,
rohrgedeckten, runden Tempel. Hohe Palmen stehen da- in dem Hochrecken der Gestalt, in bolzgerader Steilheit
bei, und innen unendlich hoch die Kuppel. In der Mitte zum Abschwung in den Himmelsraum zielend.
schwebt ein Buddha. Ich schwebe zu ihm empor und Und dieser Himmel vor Sonnenaufgang ist in seiner
blicke ihm in die Augen, die so voll göttlicher Hoheit ganzen Tiefe voll klaren, durchsichtigen Schattens, wie
sind, daß ich den Blick kaum ertrage. Gehe dann durch ein Vakuum, das die Seele hinaufsaugt, und doch von
lange Grotten, die von Wasser durchströmt sind. Daraus geistigem Licht lebendig erfüllt. Das Bild tritt beim Er-
hervor taucht ein freundlich schnatternder Drache, der wachen immer klarer vor die Seele, und es bleibt kein
ein Hausboot zieht. Er taucht wieder unter wie in glatte, Zweifel darüber, was es sagen will: Verwandle deine
fließende Steinschollen. Ich komme hinaus, am Abhang Verstandespferde in Geistesadler, laß sie nicht von der
eines sanften Tales. Da kommt japanische Reiterei und Vergangenheit erdrücken, sondern schwinge dich selbst
Fußvolk in tadelloser Richtung. Der Befehlshaber läßt vom Grenzzaun des Irdischen in die Freiheit des Gei-
sie vor mir Purzelbäume schlagen. Die Reiter überschla- stes hinauf... —
gen sich auf den Händen mit ihren Pferden, die dabei Ich stand ama Meeresstrande unter einem hohen Him-
in langen Mänteln verschwinden. Dann wieder in den mel, der über und über mit einem Netz feinster beweg-
Grotten. Der schnatternde Hausdrache taucht wieder aus licher Blitze überzogen war, wie wenn hereinströmende
den fließenden Schollen auf, und im Hintergrunde sieht Weltenkräfte an den Grenzen des Irdischen aufglänzten.
man leuchtende Badegrotten der Kaiserin von ı Japan mit Smaragdgrüne Wogen kamen vom Meere, endlos, un-
sprühenden Wassern. — zählbar, gleich den Schicksalen der Menschen und Yöl-
Ich fuhr mit einem Schlitten, der von einem Schimmel ker; hohe. Wogen dazwischen, in die Blitze herabfuhren.

11
Der stärkste schlug in eine haushohe Woge, die mit Allein auf einem langen steilen Wege. Ich hatte mei-
schäumendem Kamm heranrollte, Ich empfand ein be- nen Krückstok zu Hause vergessen und begann zu
freiendes Glück beim Anblick dieser Lebensfluten, eine zagen, ob ich den Weg würde bezwingen können. Da
starke Freude, hineinschauen zu dürfen in die Frische sah ich einen Krücstock auf dem Wege liegen — viele
dieser Kräftewelt. Hinter mir aber stand noch einer Krückstöcke; nahm einen davon und ging fürbaß der
am Strande. Der wandte das Antlitz schmerzvoll zur fernen Höhe entgegen. —
Seite, wie wenn er etwas sähe, das ihn trauig machte... Ich blicke in eine tiefe Zisterne hinab, deren Wasser-
Vor dem Advent 1925 hatten viele Menschen in Schle- spiegel zugefroren und verschneit ist. Darauf sitzt ein
sien den Eindruck einer schweren, finstern Atmosphäre. Hund, von Strohhalmen bedeckt und ebenfalls ver-
Ich träumte in dieser Zeit wiederholt, daß Ratten in schneit, sehnsüchtig nach Rettung aufblickend. Neben
unsere Koffer, Körbe und Truhen runde Löcher gefres- mir flickt ein Mann ein Dach und sagt, der Herr des
sen hatten, aus denen der Inhalt herausrieselte. Auch die Hundes habe ihn dort hinuntergetan. —
Wände und Decken aller Stockwerke hatten sie durch- Über einer Meeresfläche mich befindend, sagt mir
nagt, so daß kein Aufhbalten möglich war. Am 28. No- meine Mutter von rückwärts über die Schulter, daß ich
vember erhalte ich die Nachricht, daß unser junger sterben werde. Ich frage: Wo? — Auf diesem. Meere. —
Freund M. sich das Leben genommen hat, und zwar be- Das ist gut, sage ich. Wir gehen dann dem Schiff ent-
reits am 22. im Park von Koberwitz, wo man ihn nach ‘gegen, das mich aufnehmen soll’ — ein großes Schiff —
langem Suchen am 26. auf einer kleinen Waldlichtung im uhd steigen dazu von der dämmerigen Meeresfläche an
Schnee liegen fand. Wir liebten diesen jungen, immer steilen, halb vereisten Wasserstürzen im felsigen Bette
freundlichen und bis zur Selbstaufopferung hilfsbereiten hinab. Dort unten ist das Schiff — ein großes Seeschiff,
Menschen sehr. Ich machte mir am Abend jenes 28. No- -das in dem steilen Bett; in den schäumenden, teilweise
vember Gedanken darüber, daß der Verstorbene sich.mit vereisten Wasserfällen herauffahren soll, um das Meer
seinem Selbstmord ein schweres Schicksal bereitet haben zu erreichen, aus dem die Gewässer hinunterstürzen. —
möchte, und versuchte mich vor dem Einschlafen so ' Ich sehe meine Frau aus klarer Wassertiefe, das :Ge-
stark ich konnte mit ihm zu verbinden. Danach hatte sicht nach oben, langsam- auftauchen und vernehme die
ich in der Nacht folgende drei Träume: Ich stehe im Worte: „Es lebt gewaltig viel im Wellengrund, hat sich
Wald vor einer sehr tiefen senkrechten Schlucht, von das eingefangne Selbst von unserm Selbst erst überzeugt.“
deren Grunde ein klarer Bach heraufspiegelt. Ich um- Ich sah einen von innen her ganz durchleuchteten, wie
winde ein Stück Knochen mit weißer Wolle, die ich von erglübenden Tempel. Darin zelebrierte der große. Ein-
einem Priester erhalte und lasse das Knäuel in die 'geweihte, indem er einem eisernen Stabe seltsame Feier-
Schlucht hinunterfallen. Es fällt. lange und tief hinunter, klänge entlockte.
steigt dann aber, ohne den Wasserspiegel erreicht 'zu In schwere Gewitter in Karriere hineingeritten.
haben, wieder bis über die Kiefernwipfel hinauf und Herrlich farbige Schmetterlinge werden in einem
fällt dann verdoppelt wie helle Sterne ins Moos, wo Doppelfenster von jemand kaputt gemacht: im Aus-
Kinder es aufsammeln. Ich gehe mit ihnen wieder zur schlüpfen, vor dem Ausschlüpfen und im Ausfliegen.
Schlucht hin, und wir finden unterwegs viele aus dem Ich dränge mich vor, greife die Schmetterlinge und lasse
Moos ragende goldgelbe Früchte. — — Über einem sie aus dem Fenster fliegen.
hohen Abhange ragen die Äste eines hoben Baumes. Ich stieg in ein Segelschiff, das sich unter dem Winde
Einer der obersten bricht unter der Last eines Men- bog und dem der Wille, hinauszufegen auf das lebendig
schen, der einen.tiefen Fall tut. Er fällt aber auf den wild wogende Meer, in allen Planken saß. Hoffnung,
grünen Rasenhang und schadet sich nicht. — — Beim Mut, Bewegung lag indem .Bilde. Ein frischer Wind
Hahnenschrei: An einer Miete beendet eine Dresch- wehte vom Meere herein, — (Fortsetzung folgt)
maschine ihre Arbeit des Rapsdreschens. Die Mädchen Rudolf von Koschützki '
auf der Maschine überreichen mir ein Preisgedicht über
die reiche Ernte dieser Ölfrucht. Die Luft ist hell und Auf alten Schlachtfeldern
heiter. Alles.sauber und festlich. — Juli 1939. Es fügt sich, daß ich die alten Schlachtfelder
Sieben Löwen gehen über den dunkeln Hof, versammeln vor Verdun wiedersehen kann.
sich am Kuhstall, gehen hinein und melken die Kühe. — Ich gehe über die neue Maasbrücke bei Sivry. Es ist
Ich blicke in heller Nacht auf einen vereisten Strom. Mittag. Rings um mich grünen die Wiesen, die damals
Es regnet -sündflutartig. Das Eis beginnt zu brechen und so trichterdurchfurcht waren, jetzt ein Bild tiefsten
zu treiben. Der Strom ist im Steigen und wird immer Friedens. Die Erlebnisse von „vor 22 Jahren“ ziehen
reißender. Eine große Scholle mit verschneiten Hütten wie Traumbilder an mir vorüber. War wirklich ich es,
darauf und angstvollen Menschen treibt vorüber und der hier die größten Schrecken des Krieges durchlebte?...
zerschellt an einem Felsenvorsprung. Die Menschen ver- :Am Rande des Forges-Waldes, etwa an der Stelle,
sinken händeringend — alles über das Wehr binabströ- wo damals in der letzten Nacht unser Munitionsstapel
mend. Ich rufe zu den Göttern für die Seelen der Er- einen Treffer bekam, so daß er hellaufbrannte und wir
trinkenden. Dann tagt es. Der Strom hat sich beruhigt. ihn nur wie durch ein Wunder löschen konnten, mache
Zwei nackte Kinder kommen am gegenüberliegenden ich Rast. In einer Waldschneise lege ich mich in den
Ufer aus den Hütten und blicken durch den Zaun auf Schatten. Über mir blaut der Himmel, mit leichten,
das friedlich beruhigte Wasser der Unglücksstätte. — kugelrunden Cyrrhuswölkchen durchsetzt damals

12
waren es Schrappnellwölkchen. Im Walde gurren die gelände schreitet, wie mitten in einem großen Heilungs-
Tauben, die Bienen summen — wie damals, wenn prozeß darinnen. Kommt wohl daher der unendliche und
„Feuerpause“ war. Ein unendlicker Friede liegt über heilige Frieden, der über der ganzen Landschaft waltet?
der ganzen Landschaft. *

Rechts entdecke ich an einem Hügel eine alte Batterie- Der nächste Tag führt mich zu den heißumkämpften
stellung. Das muß die meines Bruders sein, zu der ich, Forts Vaux und Douaumont. Auf einer Anhöhe liegt
etwa 1000 m entfernt, so oft mitten im stärksten Stö- eine riesige Halle mit zwei Seitenflügein und einem
rungsfeuer hinübergehen mußte, um die Leitung zu Turm, das sogenannte „Ossuaire‘‘ (Beinhaus), der fran-
flicken. Als Belohnung gab es dann dort im Offiziers- zösische Nationalfriedhof. Die Flügel sind eingeteilt in
quartier Soldatenbrot und Wein... Ich gehe den alten je 16 kapellenartige Seitennischen, von denen jede zwei
Weg hinüber; da sind ganz deutlich noch die vier beto- Marmorsarkophage birgt, darüber die Namen der
nierten Geschützstände, deren Decken eingeschossen Kampfstätten vor Verdun: Mort homme= 304 etc. Wie
sind, Laufgräben und sogar Stolleneingänge zu erken- der Führer erklärt, ruhen dort die Gebeine von
nen. Hinter der Batterie der Telefonisten-Unterstand, 400.000 Gefallenen. Wie ein jäher Schreck, ein großes
dessen Eingang noch offen ist, aber alles mit üppigstem, Erwachen durchzieht es mich. Ein großer heiliger Ernst
blütenreichkem Grün überwuchert. Dazwischen wie per- ruht auf allen Gesichtern.
lende Blutstropfen große dunkelrote Walderdbeeren. Hie und da sieht man eine Tafel mit Erklärungen,
Ich esse davon, und mir ist; als ob sie mir die mit deut- stets in drei Sprachen: französisch — englisch — deutsch.
schem Blut getränkte Erde schenkt, .oder ist es der, der Unwillkürlich muß man an eine andere „Schädelstätte“
auch diese arme Erde erlösen will? denken, wo über einem Kreuz auch in dreierlei Sprache
Nun komme ich in das eigentliche Großkampfgebiet, eine Inschrift stand.
am „Toten Mann“. Hier konnte ein viele Kilometer brei- In der Mitte des „Ossuaire“ erstreckt sich ein kleine-
ter Streifen.noch nicht wieder aufgebaut werden. Denn rer Seitenflügel nach rückwärts mit einer geräumigen,
hier war die Erde von Gräben und Trichtern bis auf würdigen Kapelle. Hier hat man Ruhe zu innerer Samm-
die Knochen tausendfältig aufgewühlt. Die Ackerkrume lung und Verbindung mit den Gefallenen. Wie scheinen
in alle Winde zerstreut, der nackte Kreidekalk oben! sie doch so greifbar nahe.
Wie sollte man :da'pflanzen? Gütig hat zwar die Zeit Was lebt denn hier, das einen so stark ergreift, ganz
gewirkt; hohes Gestrüpp, saftigstes Wiesengrün und anders als sonst auf einem Friedhof? Man kann doch
eine Überfülle farbigster . Wiesenblumen haben alles nicht annehmen, daß die Toten heute noch an diese
gnädig zugedeckt. Irgendwo stehen Heuhaufen; ich irdische Stätte gebunden sind. Und doch wußte man sich
stecke tief den Kopf hinein und sauge den schwerwürzi- ihrem Wirken nahe. Es muß wohl so sein, daß es für
gen Duft in vollen Zügen ein. die Erde selbst nicht bedeutungslos ist, daß die Gebeine
Ich bin fast erstaunt, wie ich merke, daß mir hier so so vieler, vieler Tausende dort beigesetzt sind, die in
wenig der Gedanke an die Gefallenen kommt. Was ich kraftvoller Jugend den Opfertod starben. Es sind ja
empfinde, ist vielleicht in die Worte zusammenzufassen: Hüllen, in denen Menschen-Iche geglüht haben. Sind sie
Was hat man hier der armen Erde "angetan?! In einer ein heiliges Ferment, das schicksalhaft zum Ausgleich
Unmittelbarkeit wie nie vorher durchdringt es mein der vom Menschen zerschundenen Erde zu ihrer Hei-
Lebensgefühl, daß ja auch. die Erde ein lebendiges, be- lung gegeben wurde? Wirken an der Heilung der Erde
seeltes Wesen ist. Mutter Erde! Wie hat man an dir ge- die unverbrauchten Ätherkräfte der dort so jung Ge-
sündigt! Dich bis ins Gebein, ja bis ins Mark aufgewühlt! fallenen mit? Kann aus diesem Äther-Opfer heraus auch
Im Überdenken der Tageseindrücke: Wie wohltuend der kommende Christus dort stärker an der Heilung der
ist es, daß dort, wo der Krieg nur. relativ kleine Wun- Erde wirken? War es dies, was’mich am Tage vorher
den schlug, alles wieder in vollem Leben:ist. Aber wo so stark am „Toten Mann“ berührte?...
die Erde schwer. getroffen und aufgewühlt ist, muß erst Und immer lebendiger wird das Fragen: Wirken nicht
einmal Ruhe herrschen. Wunden müssen vernarben und auch die Geister der Gefallenen weiter? Wenn bei allen
verharschen. Rühre nicht daran! Man räumte notdürftig Verfallserscheinungen der Nachkriegszeit doch ein so
den Stacheldraht und die großen Hindernisse fort. Im starker Zug zum Geistigen hin durch die Welt ging, und
übrigen läßt man ihr Ruhe und Zeit. Das ist gut sol wenn in dieser Zeit z. B. von Deutschland her eine
Ist es nicht wie beim Menschen. Über die kleinen Zwi- „Christengemeinschaft“ begründet und geführt werden
schenfälle des Lebens setzen wir uns hinweg. Aber wo’ konnte, haben wir es vielleicht ihrer starken, geistberei-
wir im Innersten getroffen und -gramdurchfurcht sind, ten Mithilfe zu verdanken? Neben dem Gefühle des
da braucht es seine Zeit, da läßt man uns am besten in Friedens zieht Dankbarkeit in die Seele ein.
Ruhe. Hier wie dort kann nur die heilende Hand des Soweit Notizen, die ich im vorigen Sommer in mein
Christus helfen. n Tagebuch eintrug. Fällt aus den damaligen Eindrücken
Hat man nicht im Kriege das Antlitz des Christus nicht auch ein Licht auf unsere Tage? Braucht unsere
selbst zerstört, mit Füßen. getreten, ihn einen neuen immer noch, ach, so erdgebundene Zeit neue Opfer, um
Passionsweg gehen lassen? Und. doch, man spürt hier zum wirksamen Geist durchbrechen zu können? Mögen
so stark die Christusnähe bei seiner Erde..Er will: ja wir immer wachsam sein, um für das Wirken unserer
immer nur heilen. Und man fühlt sich tatsächlich, in- Gefallenen empfänglich zu werden. . : "
dem man durch das sich mählich glättende Trichter- Joachim Sydow

13
Umschau
sich jetzt vom Wissen des Schriftstellers frei und ver-
Wenn einmal der große Umbruch, in’ welchem die
Menschheit mitten darinnensteht, deutlicher überschaut
langt ein Duell. Martins aber zeigt ihm, daß er alles ge-
werden kann, so wird man erkennen, .daß wichtiger und
sehen hat: ja, der Roman schildert sogar den hoffnungs-
in den jetzt der Fremde geraten muß,
bleibender als alle Veränderungen des äußeren Welt- losen: Zustand,
bestandes der Bewußtseiuswandel ist, der sich in unse- und spricht aus, daß kein Ausweg bleibt als der Selbst-
rem Zeitalter der menschlichen Seelen bemächtigt. Es mord. Frau Martins, vor die Wahl gestellt, entscheidet
will durch die Erhöhung der Denkkraft und durch das sich für ihren Gatten. Der andere erschießt sich mit dem
Revolver, den ibm Dr. Martins zurückgegeben hat,
Erwachen eines neuen Schauens ein Bewußtsein durch-
sinnlich-wahrnehmbare Welt hin- triumphie rend, den Hellseher nun doch zu widerlegen:
brechen, das über die
aus das Übersinnliche mitumspannt. ‘er glaubt, daß der Roman Dr. Schwarzer im Duell um-
kommen lasse. Aber nach dem Manuskript Dr. Mar-
Immer zahlreicher werden die Symptome, an denen war auch sein Ende genau so, wie es geschah, vor-
tins
sich dies ablesen läßt. Nur tritt keineswegs das neue
hergesehen worden. Frau Martins ist fortan innerlich
Bewußtsein sogleich von selbst in seiner reinen Gestalt
tastet sich einer heran, indem er von ihrem Gatten, den sie einen Mörder nennt, getrennt.
und da
Wilhelm von Scholz läßt zuletzt den Schriftsteller. die
hervor. Hier
bestimmte kulturelle Forderungen erhebt. Noch häufiger
Notwendigkeit einer Läuterung erkennen. Aber nun sind
ist es, daß zunächst irrlichterierende Entstellungen des
Unheil und innerste Selbstentfremdung doch bereits über
neuen übersinnlichen Seelenvermögens entdeckt oder ge-
die handelnden Personen hereingebrochen, und der
schildert werden.
mit dem dünne Lichtstrahl hellt das Düster nicht mehr auf. Es
„Der Wettlauf
ist deutlich, daß eine Hellsehergabe, die, ohne der ge-
In dem Drama
Schatten“ stellt Wilhelm von Scholz ein
läuterten Seele und dem klaren Ich des Menschen zu ent-
merkwürdiges okkultes Phänomen und Problem auf die stammen, aus der atavistischen Natur hervorkommt,
Bühne. Es wird geschildert, wie ein Mensch hellseherische eher ein Fluch als ein Segen ist, so erstaunlich sie auch
entdeckt und, indem er versucht,
mag. Das neue Schauen, das kommen muß und kom-
Fähigkeiten bei sich
sein
diese gestaltend in sein Leben einzubeziehen, ein tragi- men wird, will durch innerlichste Disziplin und Arbeit
sches Verhängnis entfesselt. des Menschen an sich selbst errungen werden. Es ist,
Der Schriftsteller Dr. Martins hat in einer Gesellschaft statt schattenhaft nebenher zu laufen, mit dem wachen
ein Stück aus einem noch nicht vollendeten Roman vor- denkerischen Bewußtsein lückenlos verknüpft und eins.
und
gelesen. Ein ihm völlig Fremder kommt zu ibm Auch ist es nur dann rein und echt, wenn es aus dem
bis in 'alle Details
weist ihm nach, daß in dem Roman
Mutterhoden der Selbstlosigkeit und Liebe hervorblüht.
hinein sein Leben geschildert ist. Der Fremde bittet
des
Dr. Martins, ihm den geplanten Fort- und Ausgang
x

Romans mitzuteilen: er will dann anders als ‘dort vor-


gesehen handeln und so den seltsamen Bann brechen. Im Fehruarheft der schon früher einmal erwähnten
Dr. Martins erkennt, daß, was er für Einfühlungsfähig- Zeitschrift „Wir und die Welt“ beklagt F. W. von
Aufsatz über die „ab endlän-
keit und Exfindungsgabe gehalten hat, in Wirklichkeit Oertzen in einem
ein „Hellsehen“ ist, das tiefer, als ihm bewußt gewesen dische Entscheidung“ die Begriffs- und Spra-
war, in die Wirklichkeit eindringt. Um weiter zu prü- chenverwirrung unserer Tage, derzufolge „die Menschen
Er
fen, wie es damit steht, lehnt er es ab, sich der Macht und Völker so grauenhaft aneinander vorbeireden“.
zu begeben, die er über den Fremden besitzt. Dieser führt dieselbe auf die Einseitigkeit des Rückschlages zu-
Zei-
bittet und droht. Aber Martins sagt: Leben Sie und
tun rück, der heute gegen den J enseitsglauben früherer
-
Sie soviel wie möglich. Wir wollen sehen, ob mein Wis- ten im Gange ist. „Aus der Überbetonung des Jenseitig
en zweigte sich die Überbet onung des Diesseiti g-
sen und Schreiben Ihrem Handeln nachkommt. Seelisch
Martins fährt aufs Land, um in Ruhe an dem Roman Geistigen* ab. Die Vernachlässigung des Diesseits und
weiterzuarbeiten. Seine Frau, die längst in der Roman- seiner Bedeutung für eine umfassende Menschheitsidee
gestalt des Dr. Schwarzer, der mit dem Fremden iden- führte zur Vernachlässigung des Seelischen in der mo-
ver-
tisch ist, ihren früheren Geliebten wiedererkannt hat, denen Entseelung des Liberalismus und zu all den
ollen Bewußts einsspa ltungen , unter denen wir
hört, daß dieser in der Stadt ist und sogar ihren Gatten hängnisv
besucht hat. Sie sucht und findet ihn, und als.er sie und heute leiden.“
sieht deutlich die Kraft- und Be-
sich erschießen will, gelingt es ihr, ihm die Waffe weg- E.W.v. Oertzen
zunehmen. Sie verbringt die Zeit bis zur Rüdıkehr ihres länglosigkeit der christlichen Kirchen, die sich an die
Gatten :mit ihm, rettungslos ‘überholten Weltverhältnisse anklammern:
Martins kommt heim. Immer deutlicher hat die „Es kann wohl nur als Blasphemie angesprochen wer-
Frauengestalt des Romans die Züge seiner Frau ange- den, wenn heute ‘der Liberalismus als legitimer Erbe des
nommen. Er hat sie am Kamin lesen sehen: dort liegt Materialismus in seinem reaktionären Kampf das Banner
auch tatsächlich noch der Novellenband. Er hat sie in der Christentums hervorbolt und plötzlich religiöse Ge-
den Armen des anderen gesehen. Durch ihre Hand hat fühle betont... Weshalb... füchten heute die christ-
er ihm den Revolver abgenommen: in einem Fach des e Geistigkeit.
glaubt * Gemeint ist die abstrakte, auf das Diesseits gerichtet
Schreibtisches findet er die Waffe. Der Fremde

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lichen Kirchen in das Lager der liberalistischen Re- Bühne zur Darstellung bringen lassen. Das einzige, was
aktion?... Die materialistisch-liberalistische Entseelung er als orientierendes Vorbild gelten läßt, ist die grie-
zeigt eben auch hier ihre Wirkungen... Die christlichen chische Tragödie eines Äschylos und Sophokles. Da,
Kirchen des Abendlandes sind ihrer Kräfte und ihres meint er, sei schon einmal das zur höheren Oktave ge-
eigenen Inhaltes anscheinend so unsicher geworden, daß steigerte Schicksal, das er „Verhängnis“ nennt, künst-
sie auf den Kampf um die Neubeseelung des Menschen lerisch gestaltet worden. Alles, was seitdem an Dramen
verzichten, wenn nur ihre Formen nicht angetastet wer- entstanden ist, reicht ihm nicht an die Gewalt des gegen-
den... Wer heute von einer Erneuerung des religiösen wärtigen Schicksalsatems heran. Insbesondere behauptet
Gefühls spricht und für die Entscheidungen, in die wir er, daß auf dem Boden des Christentums als einer Er-
hineingestellt sind, etwas davon erwartet, sollte sich lösungsreligion überhaupt keine eigentliche Tragödie
darüber klar sein, daß die abendländischen christlichen habe entstehen können. Für ihn ist „christlich“ und
Kirchen sich erst selber ihrer wirklichen seelischen In- „tragisch“ ein unvereinbarer Gegensatz. Und so erhofft
halte... wieder voll bewußt werden müßten... und erstrebt er zugleich die Geburt einer ganz neuen
Der ganze Umfang der Entscheidungen unserer Zeit Religion und die Geburt des neuen Dramas aus dem
wird erst klar, wenn man...sie als das nimmt, als was Geiste unserer Zeit. Weil die neue Religion „tragisch“
sie einst historisch gewürdigt werden müssen: als die und nicht „christlich“ sein und nicht nur das Rätsel des
große Revolution der menschlichen Seele gegen alle „Schicksals“, sondern das des „Verhängnisses“ in sich
Kräfte, die im Laufe der Zeit das menschliche Seins- enthalten wird, meint er, könne sie der Mutterschoß der
bewußtsein gespalten und den Menschen bewußt oder wirklichen Tragödie sein.
unbewußt zu entseelen gesucht baben. Der Mensch Man muß sich fragen, was Langenbeck wohl sagen
will... vorwärts zu einer neuen umfassen- würde, wenn er mehr als eine oberflächliche Kenntnis
den Beseelung des menschlichen Seins, die mehr des Christentums, und noch dazu nur des ärmlichen,
ist als das Nur-Jenseits des Mittelalters und mehr als künstlerisch-sterilen Kirchenchristentums (er stammt
das Nur-Diesseits der modernen Entwicklung. Was sich aus dem kalvinistischen Wuppertal) besäße?
diesem echt revolutionären Drängen in den Weg stellt, Die neue Schicksalsgröße, die heute — überall in der
wird hinweggefegt werden. Aber diese Aufräumungs- Menschheit — anhebt, wird nicht zu einer neuen Reli-
arbeit kann nicht allein mit kriegerischen Mitteln ge- gion führen; wohl aber fordert sie eine ganz neue Epoche
leistet werden. Die Waffen des Geistes dürfen nicht und Entfaltung des Christentums. Das Christentum wird
fehlen oder gering geachtet werden.“ in der Zukunft entweder die in ihm schlummernden
Ähnliche Einsichten sind es, die uns bereits vor 18 Jah- Mysterien in all ihrer kosmisch-majestätischen Größe
ren nicht zu theoretischen Auseinandersetzungen, son- entbinden und beleben, oder es wird hinweggefegt. Die
dern zur Begründung der Christengemeinschaft' und zum Mysterien des Christentums aber werden, wenn auch
Aufbau einer realen religiösen Erneuerungsarbeit ge- vielleicht erst in Jahrzehnten, auch machtvolle neue
führt haben. : Kunstwerke, und darunter die neuen Dramen, gebären.
* . Die griechische Tragödie entstand durch Veröffent-
In den „Münchener Neueste Nachrichten“ hat in den lickung der Einweihungsmysterien, die auf der Dramatik
letzten Wochen eine interessante Dichter-Diskussion von „Sterben und Auferstehen“ beruhten, wurde ‚doch
stattgefunden zwischen dem Dramatiker Curt Lan- gerade ein Äschylos wegen Mysterienverrat verfolgt.
genbeck und dem Eräbler Josef Magnus Das Christentum entstand durch das große vorsehungs-
Wehner, anschließend an einen Vortrag des ersteren mäßige Öffentlichwerden der Mysterien in dem Nlyste-
über „Wiedergeburt des Dramas aus dem rium von Golgatha. Und so ist das recht verstandene
Geist der Zeit“ (als Aufsatz erschienen in der Christentum voll von ungeborenen Tragödien, die einst
Zeitschrift „Das innere Reich“, Januar-Februar 1940). die Seelen erschüttern werden.
Unter anderem ist diese Auseinandersetzung ein Bei- Vielleicht fühlt Langenbeck — er würde es selbstver-
spiel für die babylonische Sprachverwirrung und das ständlich ganz anders ausdrücken —, daß wir heute wie-
Aneinander-Vorbeireden, wovon heute insbesondere das der in ein Michaels-Zeitalter eingetreten sind 'und da-
Gebiet geistiger, weltanschaulicher Fragen beherrscht ist. mit unter der Führung des gleichen Erzengel-Genius und
Langenbeck ringt, ohne klar genug ausdrücken zu „Geistes der Zeit“ stehen wie die großen griechischen
können, was er will, um ein Großes, Neues. Seine eigen- Tragiker. Der michaelische Geist unserer Zeit fordert
willige Begriffsbildung macht es J. M. Wehner leicht, ihn ein michaelisch-apokalyptisches Christentum. Schon geht
in mancherlei Einzelfragen (z. B. über die Orphiker, der Sturm eines Schicksalsatems über uns hin, den man
Homer, Shakespeare) zu widerlegen. Aber es wäre wohl mit dem Worte „tragisch“ nur dunkel-tastend verklei-
doch wichtig, wenn Wehner trotz der verschiedenen Be- nert und den man eher „apokalyptisch“ nennen könnte.
griffssprache verstanden hätte, was Langenbeck im tie- Der Geist tritt auf den historischen Plan, der in der
feren Grunde will. Apokalypse des Johannes atmet. Er will auch die Dich-
Langenbeck spürt, daß heute eine völlig neue über- ter unserer Zeit inspirieren, damit sie helfen, nach dem
dimensionale Schicksalsdynamik - eingesetzt hat, und langen Karfreitag des menschlichen Verstandes den
meint, daß diese sich in dem neuen Drama, in der Ge- österlichen Durchbruch des schauenden Bewußtseins zu
burt der wahren Tragödie, müsse einfangen und auf der bewirken. Emil Bock

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Osterworte von Friedrich Rittelmeyer
Ostern in der Menschheit ist erst wie ein dumpfes
Träumen. Die Osterbotschaft hat die Ohren der
Menschheit erreicht, noch kaum ihre Seele, erst recht nicht ihr Ich. Das wird
man Osterbilder sucht, wenn man nach Ostermusik überwältigend klar, wenn
fragt, die in den Gottesdiensten erklingen könnte.
Wo lebt die Auferstehung mehr wie als eine Ahnun
g in der Kunst? Wo schmettern die Osterposaune
Wo füllt sich Licht und Luft mit Erwachen? Wo n?
triumphiert der neu strahlende Tag? Wo weckt
Toten aus den Grüften?... es die
-..In einem Garten war Maria. Aber sie sah nichts von diesem
Garten. Sie sah nur das gähnende
offene Grab. Das ist unser Erdenleben! Ein Garten
— unsere Erde. Was für ein wundervoller Garten
sie ist, das erleben wir jetzt wieder im F rühling —
so lang, bis wir das ungeheure Grab in diesem Garten
gesehen haben. Ja, unsere Erde ist selbst nichts
anderes als das große Grab. Menschen über Mensch
werden geboren unter Schmerzen, wachsen heran en
unter Leiden, altern unter Mühen, machen ein
Lärm um sich, machen viel Wesen aus sich wenig
— und werden zu Staub. Kulturen über Kultur
auf, bald in Babylonien, bald in Ägypten, bald en tauchen
in Griechenland, tun sich groß und herrlich,
allmählich zu Ende, sinken in Schlaf und leben sich
Nacht, werden „Geschichte“. Die Besten
setzen gepackt, wenn sie das große rätselyolle hat immer ein Ent-
Grab im Garten gesehen haben. Der ganze Buddh
ein solches Erschrecken. Ein Königsohn fährt ismus ist
hinaus, um das Leben kennenzulernen, sieht
blühende Gefilde, sondern den alternden nicht das
Greis, den leidenden Kranken, den verwes
erschrickt. Die weinende Seele der Maria, die enden Toten. Er
im Garten das Grab gesehen hat, aber ihren
nicht — das ist der Buddhismus. Das ist Herrn noch
das ganze vorchristliche Suchen und Sehnen
Je näher es an die Christuszeit herangeht, der Menschheit.
um so mehr, beim Prediger Salomonis, in Paläst
wie in dem einzigschönen Griechenland, ina ebenso
mag man es nun Epikuräismus oder Stoizi
Menschenfreundliche Stimmen erklingen in diesem smus nennen.
Garten, wie dort die Stimmen im Grab: Weib,
weinst du? Wen suchst du? Sehnsucht und Ahnun warum
g sind die beiden Engel im Grab. Das ist alles,
die Menschheit gebracht hat. Hilfe’ist das nicht. wozu es
Wer unter uns Ostern sucht, der sche zuerst
der Menschheit das Grab, das ungeheure offene einmal mit
fragende Grab, das diese Erde ist, der werde
einmal die trauernde Maria... zunächst
...Man braucht nicht von vornherein an einen auferstandenen Christus ‘zu glauben
lebendig. Gegenwärtigen. oder an einen
Man kann alles dahingestellt sein lassen,
Worte, z.B.
sogar.die Frage, von
diese wem
im Johannesevangelium, eigentlich sind. Das Entscheidende ist
wirklichen lebensvollen Eindruck gewinnt durchaus, daß man einen
von der inneren Christusherrlichkeit. Dazu
Evangelien gegeben. In ihnen lebt diese Christ sind uns die
usherrlichkeit, eine Herrlichkeit „voller Gnade
heit“. Und wer nicht sie in den Evangelien entdec und Wahr-
kt, für den sind die Evangelien vergeblich geschr
Vielleicht ist dann das Erste, daß man aus ieben,
diesem Christus die Erlösung förmlich hervo
Erlösungskraft für Millionen und aber rströmen sieht,
Millionen Menschen, auf Tausende und
Jahren. Der Atem einer unerhörten, uners aber Tausende von’
chöpflichen ‚Weltverjüngung weht uns an.
Verwandlung der ganzen Welt, man brauch Da wäre ja .die
t sie nur zu nehmen, nehmen allerdings
Willen! Wenn die Welt wäre im Großen mit dem ganzen
wie Christus gewesen ist in einem Einzelmens
die Welt göttlich! chen, dann wäre
Und auf diesem Weg geht es dann weiter und
weiter vorwärts. So natürlich und sicher wie
Sonne erkennt, erkennt man: Dieser Christ man die
us ist nicht eine abstrakte Christuskraft
gangenes Christuswesen. Er ist heute noch und nicht ein ver-
lebendig, lebendiger als tausend Dinge, die
halten. Er ist heute noch wirklich, ja wir für lebendig
er wird uns mehr und mehr die Wirkli
der Evangelist sagt. Und klar und immer klarer chkeit, „die Wahrheit“, wie
wird es: Christus ist da! Er ist unsichtbar
nahe in jedem Augenblick, wo wir unsere geistesmächtig
Seele zu ihm erheben können: eine Welt
und lauterster Selbsthingabe und höchster lichtester Reinheit
Heilesfülle, eine Welt und eine Persönlichke
lichkeit zugleich, so.nahe und näher wie unsre it, Überpersön-
eigene Seele, so klar und klarer wie die Sonne,
und herrlicher als wir uns den Himmel so herrlich
gedacht haben. Ja, er ist wirklich ein
den wir jederzeit bineingehen können Himmel, der Himmel, in.
und können uns aus ihm holen, was wir
Ruhe, Weisheit und Liebe. Und niema brauchen, an Kraft und
nd braucht zu fürchten, daß er irgend
Eigenart verunehrlicht, wenn er diesem Christus sich aufsch etwas an seiner eignen
unser verborgenes, wahres Ich überhaupt ließt. Im Gegenteil: im Christusgeist findet
erst die Luft, in der es wahrhaft atmen
dem. es wahrhaft erwachen kann. kann, das Licht, in

verantwortlich: Ernst Scheiffele,


Stuttg
Gelegenheitsanzeigen wie Stellengesuc art-O. Zur Zeit gilt Anzeigenpreisliste Nr.4. (Ermäßigte Grunäp
he usw.: 1/s4 Seite RM 4—, 1/3» Seite reise:
Felix Krais, Stuttgart. Verlag Urachh RM 3.—.) Druck: Hoffmannsche Buchdr Kleine
aus, Stuttgart 13 uckerei