Sie sind auf Seite 1von 50

Christian Morgenstern

Aus „Meine Liebe ist greß wie die weite Weli* und „Wer vom
Ziel nichts weiß, kann den Weg nicht haben“
*
"Über das Anfängen
Johannes Rath _

. Die Frage nach dem Sinn des Lebens


‚Dr. Rudolf Frieling

N
Die Mission der Freihsit
Wilhelm Kelber

Die Mission des Mutes


Alfred Schütze ir
Die Auseinandersetzung mit dem Bösen
Lic. Emil Bock 13
Hat das Christentum noch eine Bedeutung
für unsere Zeit?
Otto Palmer 19
Bekenntniszwan; x oder Bekenntuisfreiheit
Gerhard Klein 3 22

Erfahrungen und Prüfungen .- +


Aus Kriegsbriefen eines deutschen Studenten. 2.
Aus Kriegsbricfen an einen jüngeren Freund. 24,
Ein Brief (Gert von Volckamer) _ 26
„Brüderlichkeit"? (Dr. Albrecht Weymann) 27
1848
M. J. Krück von -Poturzyn 28

Blicke in die Zeit


"2.1948 -(Lie. Emil Bock) n 30
„Gelundene Jahre“ (Kurı von Wistinghausen) 3
Freies Christentum (Gerhard Klein) 32
-sStalingrad“ Di. Frwin Schühle) 33
Er Mythosdes Nätionalsozial'smus (Lie. Emil Bock) 34
„Die Maske von Hiroshima“ (Lie. Fmil Bock)
i r „Moralische Aufrüstung“ (Lie. Eimil Bock). 40
Aus der Christenge meinschäft
Kichael- Freizeit auf der Roßir appe im Herbst 1947 -
(Hans Georg ni
Priesterweihe in Stuttgart (Arnold Goebel) 42
Priesterw reihen im London und Prag
(Evelyn Francis: London) 42
Einweihung der Leonhardskapelle in Braunschweig am
“02. Advent (Alfred Schreiber) 43 .
Raumwceike in Rendshyrg am 4. Advent (Marianne Piper) 44 .

Heimat und Heimatlosigkeit


Alfred Schütze

Der Henschnleib -
Claus von der Decken .
Notizen z
ne % z
- AloieExrehling

Pitte beachten Sie die Verlagsmitteilungen °


auf der dritten Uinschlagseite!
| Die Christengemeinschaft
j Monatsschrift zur religiösen Erneuerung. Begründet von Friedrich Rittelmeyer
i Im Auftrag der Christengemeinschaft herausgegeben von Lic. Emil Bock

20. Jahrgang Heft 1/2 Januar/Februar 1948

Zum Menschen fühl ich Und so hebe dich denn


unverbesserlich mich hingezogen; aus den Nebeln des Grams
belogen und betrogen oft — auf des Selbstvertrauens
was tut’s! mächtigen Fittichen
Denn was ich liebe, aufwärts,
steht über dem, was einer ist. _ bis du dir selber
mit all deinem Leide
x*
klein wirst,
Niemanden hassen, groß wirst
jeden belassen über dir selber
in seinem Wesen, und all deinem Leide.
in jedem lesen
die ewige Meinung,
das macht genesen
Christian n Morgenster
8 tern
zum Allumfassen, Aus: „Meine. Liebe ist groß wie die weite Welt“ und
zur Allvereinung. „Wer vom Ziel nichts weiß, kann den Weg nicht haben“

Über das Anfangen .


Die Katastrophen, die über uns gekommen sind, haben viel zerstört. Wenn wir uns nicht
einer die Seele völlig vernichtenden Verzweiflung überlassen wollen, müssen wir überall neu
beginnen. Aber nur wenige wissen von der Kraft, aus der alles Beginnen allein kommen kann.
Die meisten kennen den doppelten Ausgangspunkt nicht: den herzkräftig gefaßten Entschluß
und den dankenden Aufblick zur Welt über uns. Dieser Mangel ist es, der das Leben schwierig
3

und unerfreulich macht. Die Menschen wollen die Zukunft nach ihren Vorstellungen formen,
ohne die göttliche Welt zu fragen, ob diese ihre Vorstellungen mit dem Willen der. Welt-
lenkung übereinstimmen können. Denn die Überzeugung von dem Vorhandensein einer gött-
lichen Weltienkung ist beinahe ganz verschwunden. Wir brauchen nur die Trümmerstätten
ringsumher anzuschauen, um zu wissen, wohin ein unbegnadetes Beginnen führen mußte.
‘Das war indessen unter den Menschen nicht immer so. Es ist gar nicht so lange her, daß noch
ein Gefühl dafür verbreitet war, daß man den Tag mit einem Gebet beginnen müsse. Vor

wenigen hundert Jahren gingen selbst die rauhen Ritter, Landsknechte und Söldner nicht in
’ die Schlacht, ohne den Marsch gegen den Feind mit einem gemeinsamen Gebet zu beginnen.
Die Künstler des Mittelalters kannten das Geheimnis alles Anfangens. Was uns aus den Buch-

1
malereien jener Zeit erhalten ist, kann überhaupt nur verstanden werden aus dem Gebetsleben
der Mönche und Nonnen, die in inniger Hingabe an. Gott Buchstaben und Initialen schrieben
die
und malten. Und noch solche Meister wie Cimabue, Giotto, Fra Angelico, aber auch
wie Lochner, Meister Francke, ja auch noch Mathis Nithart, genannt Grüne-
deutschen Maler
an
wald, hätten gar nicht schaffen können, wenn sie nicht ihre Pinselstriche aus der Hingabe
die göttliche Welt begonnen hätten. Das gibt ihren Werken den Glanz, den reizvollen Schimmer
himmlischer Hintergründigkeit. \
Aber was ist es doch um das Geheimnis des Beginnens? Dies, daß in jedem Anfang wie im
Kerne schon sein Göttliches: die Vollendung eingeschlossen sein kann. Wo aus geisterfüllter.
Einsicht ein Entschluß reift und ein Anfang gesetzt wird, da spannt die Vollendung ihren
weiten Bogen in den Anfangspunkt zurück, ihn von Anbeginn an segnend, tragend, führend.
Die Gnade der Vollendung prägt und siegelt bereits den kleinsten Beginn, wenn er nur aus
einem geistaufgeschlossenen Bewußtsein stammt. Hans Carossa hat einmal in einem Gedicht,
frühern
das vom Schicksal der Menschen handelt, die Worte geformt: „Die letzte Tat prägt alle
anzuwenden. Tod
Taten.“ Es ist wohl nicht zu kühn, dieses Wort auch auf das Christusleben
und Auferstehung prägten schon die Taten des Mensch-gewordenen Gottes in seiner Erdenzeit
und sind der Schlüssel zu dem ganzen Leben, das vorher sich vollzog. Weil von Anbeginn an
Auferstehungskraft in ihm war, konnte er Kranke heilen, Tote auferwecken und Lebenskräfte
spenden, wo eine zerrüttete und kranke Menschheit Hilfe erfiehend sich ihm zuwandte. Und
ich
von hier aus kann wohl das apokalyptische Wort „Ich bin das A und das O, der Anfang bin
Anfang und Ende aller Welten zusammengef aßt in
und das Ende“ neu verständlich werden.
einem ewig strahlenden Kräftezentru m: Christus, Ausgang und Ziel der Geschichte. Kann
unter dem Stern der Vollendung leben etwas anderes heißen, als jedes Beginnen unter seinen
Namen zu stellen? Johannes Rath

Die Frage nach dem Sinn des Lebens


RudolfFrieling
des
Die Tatsache, daß wir uns immer wieder gedrungen fühlen, die Frage nach dem ’Sinn
ist ein Anzeichen dafür, daß uns das Erdendasein nicht mehr als etwas
Lebens zu stellen,
Es
_Fraglos-Selbstverständliches gilt, sondern daß es uns fraglich, frag-würdig geworden ist.
Leben
könnte ja doch auch ganz anders sein: es könnte sich auch so verhalten, daß wir unser
Augenblicke
in seiner Ganzheit so empfinden würden, wie wir besondere glücklich erfüllte
auf den Ein-
empfinden. Die nehmen wir fraglos hin. Wir kommen ihnen gegenüber gar nicht
tragen ihre
fall, nach ihrer Daseinsberechtigung zu fragen. Solche glücklich erfüllte Augenblicke
unser
Legitimation in sich selber. Aber solche Erlebnisse sind eben nicht die Regel, sondern
Dasein hat auf weite Strecken hin den Charakter einer so trostlos grauen Ödigkeit angenom-
men, daß es eben nicht mehr ohne weiteres sich als göttlich-sinnvoll ausweisen kann.
eine
Wir nehmen unseren Ausgang von einem bekannten Wort der Bibel, das so etwas wie
Ebenbild sein. — Man muß sich
Sinn-Gebung des. Mensch-Seins enthält: der Mensch solle Gottes
schon darin verwirklich t sein,
fragen: worin kann die Gott-Ebenbildlichkeit bestehen? Kann sie
aller Kreatur
daß der Mensch einen Leib sein eigen nennen darf, der ganz eindeutig die Krone
Das Wesentlich e am Menschen
ist? Die Gott-Ebenbildlichkeit muß noch tiefer gesucht werden.
die „innere Ge-
ist nicht seine äußere Gestalt, in der die Natur ihren Gipfel erreicht, sondern
Über-Natürl iche, in das Göttlich-Ge istige hinauf-
stalt“ seiner Persönlichkeit, mit der er in das
tragen, aus dem
ragt. Persönlichkeit, das bedeutet: einen eigenen Wesensmittelpunkt in sich
dem heraus man sprechen kann: „ich bin“. Das
heraus man sich frei bestimmen kann. Aus

2
heißt: man ist nicht mehr bloß Kreatur, man geht nicht mehr bloß in der Geschöpflichkeit auf,
sondern man trägt einen Funken des Schöpferischen selber in sich. Ein solches Wesen, das über
einen eigenen Freiheitsmittelpunkt verfügt, ist aber auch erst im vollen Sinne der Liebe fähig.
Ein Wesen, das nur Kreatur ist, kann nicht wahrhaft lieben.
Wenn man so den Gedanken der Gottebenbildlichkeit des Menschen zu denken versucht,
fühlt man ganz unmittelbar den Abstand zwischen diesem Idealbild und der tatsächlichen Be-
schaffenheit der Menschen. Dieser Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit, besteht in der
Natur in dieser Weise nicht. Alle natürlichen Wesen sind in ihrer Art vollkommen. Ein Tier
kann im strengen Sinn des Wortes niemals ein Un-Tier sein. Noch _weniger kann es eine Un-
Pflanze geben. Wohl aber gibt es Un-Menschen. Der Mensch ist eben nicht bloß Natur. Bei ihm
klafft der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit so weit auf, weil ihm seine Idealgestalt nicht
, von außen her auf dem Naturwege einfach „angeschaffen“ werden kann. Weil vielmehr darauf
gerechnet ist, daß er selber aus seinem Persönlichkeitsmittelpunkt heraus in sein eigenes Wer-
den eingreift. Mit anderen Worten: der Mensch ist als Mensch überhaupt noch nicht fertig. Er
ist noch im Werden. Der gottebenbildliche Mensch ist ein Fern-Ziel. Was wir heute’ als Zwei-
füßler auf Erden darstellen, das wäre genau genommen erst als „Menschen-Aspiranten“ oder
„Menschen-Anwärter“ zu bezeichnen. „Fertig“ in der Art, wie die Natur fertig ist, ist am
Menschen nur sein Leib, nicht aber seine innere Gestalt, auf die es bei der Mensch-Werdung
doch vor allem ankommt.
Um die endgültige innere Gestalt des Menschen wird noch gekämpft. Man weiß noch nicht,
wie man mit dem Menschen daran ist. Ein wirkender Faktor in diesem inneren Werdeprozeß,
und zwar ein störender und hemmender Faktor, ist ohne Zweifel das Böse. Die Bibel schildert
in .der Sündenfallgeschichte in Bildern, die so etwas wie hellseherische Wahrtraum-Gesichte
sind, wie das Böse gleichsam von Außen an den Menschen herantrat und Eingang in ihn fand.
Wäre der Mensch, wie er aus Gottes Händen hervorging, als Mensch schon „fertig“ gewesen,
dann hätte ihn die Gottheit nicht erst noch aufs Spiel zu setzen brauchen. Der Mensch war aber
eben noch nicht fertig, er bedurfte zu seiner weiteren Entwickelung zur Selbständigkeit hin der
Begegnung mit dem Teufel. Der Mensch war damals noch nicht reif dazu, den Teufel zu über-
winden. Die unumgängliche Begegnung endete zunächst mit einer Niederlage. Damals wurde
sozusagen dem Menschen die Infektion mit dem Bazillus der Selbstsucht beigebracht. Etwas
Gott- und Menschen-Fremdes drang wie ein Fremdkörper, als Fremd-Seele und Fremd-Geistig-
. heit in sein Inneres ein. Seitdem ist es mit dem Menschen nicht in Ordnung. Er ist „krank“.
Im Evangelium wird einmal an bedeutungsvoller Stelle von einer Krankheit gesagt, sie sei
„nicht zum Tode, sondern zur größeren Offenbarung Gottes“. Sollte das nicht auch einen gött-
lichen Wink geben, wie diese große Menschheitskrankheit letzten Endes zu deuten sein könnte?
Es gibt die Erfahrung: „Was mich nicht umbringt, das macht mich stärker“. Gewisse Grade von
„Stärke“ sind eben gar nicht auf dem geraden, direkten Wege zu erwerben, sondern sie kom-
men erst durch die Überwindung eines Hindernisses zustande. In dieser Überwindung werden
tiefere Quellen der Regeneration eröffnet. Kräfte treten auf, die verborgen geblieben wären,
wenn das beiseitezuschaffende Hemmnis sie nicht „provoziert“, herausgefordert hätte.
So güt es auch vom Fernziel des gottebenbildlichen Menschen: es ist in einem einzigen Anlauf
gar nicht zu erreichen. Es wird erst durch die siegreiche Außerkraftsetzung
einer möglichen Fehl-Entwicklung zur Wirklichkeit gebracht. Gott ließ also
die Sünden-Krankheit zu, weil der Mensch einmal im ganz großen Stil das Erlebnis durchmachen
soll: „was mich nicht umbringt, macht mich stärker“.
Mit dieser Infektion durch das Böse hängt nun noch ein Weiteres zusammen, was die Bibel.
wiederum. in ihrer Bilderschrift als die Austreibung aus dem Paradies erzählt. Der sündig
gewordene Mensch fand sich in einer Umwelt, in der sich ihm das Göttliche mehr verbarg als

5
ch, aus dem Gott sozu-
igen Menschen ist ein Daseinsberei
offenbarte. Die Erden-Welt des sünd wo man das Dasein des
und Mächtigkeit herausgezogen hat,
sagen seine volle Gegenwärtigkeit ts.gegen die Wahrheit von
ziehen kann. — Damit soll nich
Göttlichen überhaupt in Zweifel übergehen, innerhalb dieser,
Aber man muß vielleicht dazu
Gottes Allgegenwart gesagt sein. eiden. Zum Beispiel: wo der
Mehr oder Weniger zu untersch
all-erfüllenden Gegenwart ein in einem gewissen Sinne Gott
nicht '
Verbrechen auftaucht, da ist
bloße Gedanke schon an ein von der heiligen Nähe ersti ckt
böse Gedanke im Keime bereits
voll gegenwärtig. Sonst müßte der als ob Gott nicht auch den
Ausführung einer bösen Tat. Nicht
werden. Erst recht gilt das von der nicht die Tat „zur Kenn tnis nähm e“.
n“ müßte. Nicht als ob Gott
Verbrecher im Dasein „erhalte Vors ehung dienstbar zu machen ver-
benheiten nicht einer
Nicht als ob er die irdischen Bege Gott in einem gewissen Sinne
ein Verbrechen geschieht, da ist
möchte. Aber trotzdem gilt: wo e Erdenwelt so etwas wie
ein
em Sinne könnte man unser
nicht voll gegenwärtig. In dies Überallh eit nenn en. Daß. der
Raum innerhalb der göttlichen
„Vakuum“, wie einen leeren ja wied erum die Voraussetzung späterer Liebe
zu finden, die
Mensch, um seine Selbständigkeit sche Notwendigkeit, von der
hindurchgehen muß, ist eine tragi
ist, durch diesen gottleeren Raum Furchtba re, das in diesem „Vakuum“
inden kann. Daß Gott all das
auch ein Gott ihn nicht entb mit einer Schwachheit oder
Un-
chen eina nder ange tan wird, zuläßt, hängt nicht Gelte nd-
von Mens Verzicht Gottes auf das
t zusa mmen , sond ern mit einem schöpferischen tän-
interessierthei en selbs
lernen sollen, unsere eigen
jenem Weltbereich, wo wir
Machen seiner Allmacht in
digen Schritte zu tun. dem Wege dazu wäre, die
in ihm '
es’ denn dana ch aus, als ob der Mensch nun auf tung des
Aber sieht
allmählich siegreich zu überwinden und in der Verarbei
wühlende Sündenkrankheit nicht umbringt, das macht mich
ganz große Gute zu entwickeln? „Was mich
Böse n gerad e das Programm gehen, als wollte die
so aus, als wollte es nicht nach
stärker?“ Sieht es nicht vielmehr zu lassen, vielmehr ihrerseits
den Men-
n entfernt sich überwinden
Sündenkrankheit, weit davo der Mens ch auf dem Weg zu dem vielleicht
nicht die Gefahr, daß liegen
schen umbringen? Besteht ungen wird und schmählich
zu weit geste ckten Fern- Ziel einfach zu Boden gezw man nüch tern die
doch inden, wenn
heute wohl in allem Ernst empf
bleibt? Diese Frage kann man keiner Illusion hingi bt. Man ist dann
auch über die eigenen Kräfte
Welt ansieht, wenn man sich tzlic hen Kraf t“ umzuschauen, ohne deren
Ein-
sich nach einer „zusä
innerlich an dem Punkte, der Sünd enkr ankh eit nicht wohl
Kräfte auf eine Überwindung
tritt in. das bisherige Spiel der Name n Chris tus nennen.
müssen wir den
gehofft werden darf. Und nun aus höchsten göttlichen Reichen
erke nnen wir eben jene zusätzliche Kraft, die
r Faktor der Mensch-Werdung,
In dem Chris tus
ilen will, die als allerwichtigste
sich dem Menschen hilfreich mitte der vorhin anerkann-
des ferne n Ziele s anzu sehe n ist.— Aber widerspricht das nicht
als Garant hindurchzugehen haben? Wenn
durch den „gott-leeren Raum“
ten Notwendigkeit, daß wir hier nicht wieder die menschliche Selb-
Chris to auf der Erde erscheint, wird da
nun doch Gott in ft sich dadurch den Blick
diese Frage einmal stellt, der schär
ständigkeit gefährdet? Wer sich Wieder-Eintreten des Göttlichen in
und Weise, in der sich dieses
für die so überaus seltsame Art des Kreu zes ist uns von klein auf allzu
ogen hat. Die Tatsache
die Welt des Sündenfalles vollz zufühlen. Paulus schreibt,
ganze Frem dartigkeit und Anstößigkeit nach
geläufig, um noch ihre ein Ärgernis (Skandalon)
Griechen eine Torheit, den Juden
daß der gekreuzigte Christus den heitsvoll-harmonisches Weltbild
-
alle die Menschen, die ein weis
sei. Die „Griechen“ sind hier und Gräßlich keit en nicht
darum gewisse Furchtbarkeiten
etwas zu rasch haben wollen ‚und Es sind das alle die Menschen, die
wollen einen mächtigen Gott.
sehen möchten. Die „Juden“ sogar wortwörtlich verstehen
darf.
t machen“ wolle n, was man
mit ihrem Gott auf Erden „Staa euzigte — das ist der ohn-
einfach ein „Skandal“. Der Gekr
Für sie ist der Gekreuzigte ganz n kann. „Steig' herunter
Gott, mit dem man sich sehen lasse
mächtige Gott. Man will aber einen

4
ms liegt ge-
glauben.‘ — Das Mysterium des Christentu
vom Kreuz! Dann wollen wir an dich
stieg. —
rade darin, daß der Gott nicht vom Kreuz des Ver-
könne n. Wenn der Christus den Einflüsterungen
Es hätte ja auch wohl anders gehen in all seiner Macht . Was
der Gott auf Erden erschienen
suchers Gehör gegeben hätte, dann wäre gewor den. Sie hätte n sich
wären Gottes „Mitläufer“
wäre die Folge gewesen? Die Menschen Damit aber
angeschlossen.
großartigen und siegreichen Sache begeistert
einer so offenkundig chtigkeit
nen gehabt. Gott wäre seiner eigenen Allmä
hätte gerade der Teufel sein Spiel gewon “ zu haben . Das aber geschah
eilt hätte, nur „Mitl äufer
zum Opfer gefallen, die ihn dazu verurt höchste All-
eit der Vorsehung zu verehren, daß die
eben nicht. Darin ist eine besondere Weish der Auf-
lt tiefster Ohnmacht zu erscheinen. Auch
macht es fertig brachte, auf Erden in Gesta ließ nur die Mensc hen einen
Kaiphas erschienen , er
erstandene ist ja nicht einem Pilatus oder sten und Echte-
die ihn liebten. Die also aus ihrem Inner
‚Blick in die österliche Welt hineintun, manchmal in
tellt hatten. — Die Christenheit war
sten heraus die Beziehung zu ihm herges wo man versuchte,
en Gottes zu vergessen. Überall da,
Gefahr, dieses Mysterium des ohnmächtig Christentums, der nie-
machen“, verriet man den Geist des
mit dem christlichen Gott „Staat zu 50 recht auf den Plan
nahe tritt, sondern sie gerade erst
mals der menschlichen Freiheit zu chtige, ja als „ver-
Göttliche sich immer wieder als ohnmä
ruft. Es hat wohl seinen’Sinn, daß das aus den Men-
ch kann gerade Echtestes und Bestes
lorene“ Sache auf Erden darstellt. Dadur l gerade nicht
e inbrünstigste Liebe gilt nun einma
schen herausgefordert werden; denn unser daran zu nehme n, daß Gott.
dasteht. Wer geneigt ist, Anstoß
dem, was unbedroht und machtvoll müssen am Leiden
diesen Anstoß längst schon nehmen
all das Furchtbare zuläßt, der hätte getrennt nebeneinander:
chkeiten nur um Haaresbreite
Christi. Aber es liegen die beiden Mögli Verzweifler zu
Ohnmacht auf Erden zum Zweifler und
angesichts dieser Bekundung göttlicher te Liebe s-Geh eimni s Gottes zu
tieferen Blick in das inners
werden — oder gerade einen um so heili gste verhül lte. Für den
ng im Tempel, der das Aller
tun. Als Christus starb, zerriß der Vorha ichen auf Erden , der größte
e Niederlage des Göttl
äußeren Anblick war dieser Tod die größt sich gerad e darin das Aller heili gste
Blick offenbarte
Triumph Satans. Für den tiefer dringenden
der Gottheit. hickte und
en, der die zwölf Legionen Engel wegsc
Gerade in der Ohnmacht des Gekreuzigt eine Liebesmach t, die „heil-
sich eine Macht höheren Ranges,
“ nicht vom Kreuze stieg, verbirgt weite res wirken, sie muß je-
Macht kann aber nicht ohne
bringende Macht“ des Christus. Diese in Kraft geset zt
eines im Inneren berührten Menschen
weils erst durch die freie Zuwendung ch erken ne: „so bist du dennoch ein
Gott wartet darauf, daß der Mens
werden. Der ohnmächtige nicht bloß eine Bestäti-
ist ja in diesem Zusammenhange
König“. Die Antwort „du sagst es“ es in Freiheit
du mußt es sagen. — Der Andere muß
gung, sondern der Unterton klingt mit: Christ i liege nde höhere
dings kann die in der Opfertat
erkennen und anerkennen. Dann aller räfti ger Fakto r in die
als entscheidender, wandlungsk
Macht zur Wirksamkeit kommen und
Menschen-Entwickelung eingreifen.
.

eutig sind,
Wagnerschen Parsifal, die ja gewiß mehrd
In den orakelhaften Schlußworten des
——

dem Der
Erlöser“.Erlös er vollbrachte
angedeutet: „Erlösung
ist dieses christliche Geheimnis
m

in.die Hände
Fruchtbar-Werdung dieser Tat legte er
' sein großes Liebes-Opfer, aber die volle den und nichts davon
hheit geschlossen davon abwen
der Menschen. Würde sich die ganze Mensc sich gebär ende höher e Macht
ihre Frucht. Die in ihr
wissen wollen, dann bliebe diese Tat ohne Kräft e eingr eifen könne n, sie
nicht in das Spiel der
käme nicht zur Auswirkung, sie würde uns dem Erlös er innerl ich
zugute. In dem Maße, als wir
bliebe verschlossen und käme uns nicht st gebra cht zu haben .
, sein großes Opfer umson
eröffnen und hingeben, erlösen wir ihn davon Einwand be-
nicht automatisch. Damit ist auch dem
Die Macht der Erlösung ergreift uns also wäre und
Christus ein Gott auf Erden erschienen
gegnet, den man oft hört: wenn wirklich in
5
— müßtee es da nicht ganz anders auf Erden aus-
seine erlösende Liebesopfertat vollbracht hätt
t, der stellt sich vor: die Erlösungstat müßte die Menschheit un-
sehen?. Wer so argumentier
ch erfassen und umwandeln, etwa so wie eine Säure ein blaues Lackmuspapier eben
widerstehli
mit Naturnotwe ndigkeit. Das Reich des Menschen liegt über der Natur. Die
rot werden läßt
der Menschen da-
Gottheit hat es verstanden, die Erlösungstat so einzurichten, daß die Freiheit
bei einberechnet ist.
Ja der Menschen
In dem Christus, in seiner Macht, die darauf angewiesen ist, durch das freie
es mit der Sünden-
erst voll in Kraft gesetzt zu werden, erblicken wir eben jenen Faktor, der
ng
krankheit aufnehmen kann. Darauf darf sich die Hoffnung begründen, daß in der Überwindu
werden können. Erst wenn es
dieser Krankheit das ferne Menschen-Ziel einmal wird erreicht
rückschaue nd überblicken und die
soweit sein wird, wird man die ganze Menschen-Geschichte
Mensch
große Schluß-Bilanz machen können. Erst wenn durch Christus der gottebenbildliche
Mensci-We rdung gezahlten Preis, diesen
eine Wirklichkeit sein wird, wird man den für die
Erreichten entspreche nd finden können.
furchtbar hohen Preis aller Leiden und Schmerzen, dem
dieser Zukunft, wenn er im Römerbrief schrieb: „Ich halte
Paulus hatte einen Vorgeschmack
dafür, daß die Leiden der gegenwärtigen Weltenstunde in keinem Verhältnis stehen zu der
Herrlichkeit, wie sie an uns soll offenbar werden.“

Die Mission der Freiheit


Wilhelm Kelber

Im Augustheft der Zeitschrift „Die Gegenwart“ schrieb einer der Herausgeber, Bernhard
einen Aufsatz: „Die Aussichten der Freiheit.“ Wenn dort auch im wesentlichen
Guttmann,
N.

in einer aussichtslosen
unter politischen Gesichtspunkten gefragt und geschrieben wird, d.h.
r und wirtschaf tlicher Probleme , so ist es immerhin schon
Vermengung geistiger, rechtliche
in einer führenden Zeitschrift bemerkt wird, daß „die englische Revo-
etwas, wenn heute
Gewissens gegen die
Iution des 17. Jahrhunderts... der Aufruhr des persönlichen
und der mit ihr verbünde ten kirchlich en Obrigkeit war“; daß
Vormundschaft der staatlichen
cherie“ (geliebte Freiheit) als
noch in der französischen Revolution von 1789 die „liberte
der Zorn über die Mißhandlung
Grundmotiv wirksam war; daß dagegen „der sittliche Faktor,
Nach Bebel erst setzte
der Vernunft und der Seele, in der neueren Entwicklung zurücktritt“.
an die Freiheit“ ein. „Die Späteren waren besonnene Sachwalter
„der Verfall des Glaubens
haftsverträgen.“ Mit ernsten
der kleinen. Einkommen, beschlagen in Lohntarifen und Gewerksc
im Denken“ der neue-
Worten weist Gutimann auf den „überhandnehmenden egalitären Zug
des Diktaturgedankens bei. Karl Marx. „Die Gene-
ren Kollektivismen hin, auf die Rückkehr
ns ... machte die Völ-
rationen hindurch anhaltende Abstumpfung des freiheitlichen Empfinde
——r

Geschlechte würden viele den


ker widerstandslos gegen den Faschismus.“ „...in einem älteren
die Lehre von dem
Hunger der Sklaverei vorgezogen haben.“ Und endlich: „Entweder herrscht
die Menschen als gänzlich nebensächliche
allein seligmachenden ‚soziologischen Gebilde‘, in das
die Termiten in ihr Insekten gewimmel,
Teilchen hineingeboren werden wie die Bienen und
Gemeinschaft wird bestimmt von dem
oder däs Erste ist der Mensch, und der Wert der
‚G eiste, der ihr von den Einzelnen her zuströmt.“
hier die Frage der Freiheit nur an Hand weltgeschichtlicher Symptome umschrieben
Wenn
wie wenig sie nun eine '
und in ihrer Tiefe nur gestreift wird, so kann daraus immerhin erhellen,
ist. Wir greifen die Frage der Freiheit auf zum Be-
Sache des persönlichen privaten Daseins
europäisch e Gedächtnis verzeichne t, daß vor hundert Jahren,
ginne des Jahres, in dem das
stattfand, die Erhebung gegen den
1848, die letzte Volksbewegung aus dem Freiheitswillen

6
Absolutismus Metternichscher Färbung. Sie hatte nicht viel Größe an sich. Diese Tragödie der
Freiheit fand keine würdigen Formen, sie entbehrte im äußeren Ablauf nicht der Komik. Die
großen Ideenträger der Freiheit, Fichte, Schiller, lebten nicht mehr. Die Geister zweiter und
dritter Ordnung, die dem Parlament in der Frankfurter Paulskirche angehörten, die alten
Herren Jakob Grimm, Ernst Moritz Arndt und Ludwig Uhland, die jüngeren Hoffmann von
Fallersleben und Wilhelm Jordan, Heinrich Laube und Anastasius Grün fanden die gestalten-
den Ideen nicht, als alles möglich gewesen wäre. Die Banalisierung des Geisteslebens durch die
D. F. Strauß, Ludwig Feuerbach und Büchner, Vogt und Moleschott begann schon ihre zer-
setzenden Wirkungen auszuüben. 1848 erschien das „Kommunistische Manifest“ von Karl
Marx. — Die Freiheit von 1848 ging nicht aus der Autonomie des Geistes hervor, sie blieb ein
dumpfer, dunkler Drang, der sich am äußeren Druck entzündete; sie wußte mit sich selbst
nichts mehr anzufangen, als sie sich durchgesetzt hatte. Und trotzdem war es ein Symbol in
der Geschichte der Freiheit, als der alte Uhland vor den Hufen der Soldatenpferde zurück-
weichen mußte, die den Deputierten des nach Stuttgart geflohenen Rumpfparlamentes den
Weg zu ihrem letzten Versammlungsraum verwehrten. Die Wogen der finstersten Despotie, des
engstirnigsten Konfessionalismus und Ultramontanismus schlugen über dem Grabe, der Freiheit
von 1848 zusammen. Es kam das Reich Bismarcks und Hindenburgs. Die Hufe haben gesiegt.
Seit 1848 hat die Idee der Freiheit aufgehört, unter den Menschen die Begeisterung zur
Gemeinschaftsbildung, zu gemeinsamen Unternehmungen oder gar zu Opfertaten zu erwecken.
im
Die einzige Ausnahme war in eingeschränktem Sinne die freie deutsche Jugendbewegung
ersten Viertel dieses Jahrhunderts. Die Formel vom Hohen Meißner (1913) ist ein echtes Frei-
fort-
heitsdokument. Aber diese Bewegung erschöpfte sich an der Grenze, wo ihre Träger mit
doch den Anschluß an das öffentliche Geistesleben fan-
schreitendem Lebensalter schließlich
die Seelen legte. Sie konnte nur gedeihen, solange sich diese
den, das sich wie Mehltau über
öffent-
Jugend mit ihren Idealen von der Welt absondern und damit auf jeden Einfluß auf das
liche Leben verzichten konnte. Die Entfernung des Bretterverschla ges von,der herrlichen
Hodler-Freske der Universität in Jena war ihre äußerste Freiheitstat in der Kulturwelt.
in der
Ein Teil dieser Jugend gab sich im November 1918 der betrogenen Hoffnung hin,
Revolution Bundesgenossen ihrer Freiheitsideale zu finden. Aber hinter diesem Ereignis stan-
keine Ideen oder Ideale mehr. Es war keine Tat, sondern ein Verhängnis. Es "
den überhaupt
war eine Erscheinungsform der deutschen Niederlage. Der menschliche Wille war nur insofern
beteiligt, als verschiedene Gruppen von Interessenten aus dem politischen Vakuum ihren Vor-
teil zogen. j
Die Geschichte der letzten 15 Jahre hat vollends erwiesen, daß in der Breite des deutschen
spielte.
Geisteslebens der Freiheitsanspruch als sittliches Ideal keine wesentliche Rolle mehr
Auf diesem Felde war weder viel zu unterdrücken, noch kam viel davon zum Vorschein, als
die Bahn wieder frei geworden war. Wir haben maßgebliche Wortführer des deutschen Geistes-
lebens gehört: Pastor Niemöller und Eugen Kogon, Ernst Wiechert und — Kasimir Edschmid.
Jeder anständige Mensch verneigt sich tief vor den unsäglichen Leiden und vor der Charakter-
größe der drei Erstgenannten, und — jeder Humorvolle wird es empörend finden, daß dem
ee

Letzteren schließlich die Zigaretten ausgingen in seinem oberbayerischen Asyl. Aber der
Enthusiasmus für die Geistesfreiheit im Sinne Fichtes oder Schillers scheint erloschen.
Wie ist dieses Verblassen und Ohnmächtigwerden eines der höchsten menschlichen Ideale
zu verstehen, ohne an der Menschheit zu verzweifeln? In einem ähnlichen Verfall begriffen
sind ja auch andere Ideale, Tugenden und Fähigkeiten, von der Sinneswahrnehmung angefan-
gen, über alle im täglichen Leben angewandten Kräfte des Denkens, des Gefühls und Willens,
bis zu denen, durch die wir uns mit der übersinnlichen Welt in ein ahnendes, religiöses, philo-
sophisches oder sittliches Verhältnis setzen. Nahezu alles, was bisher den Begriff „Mensch“ aus-

7
llen Ent-
man sich noch eine Vorstellung einer sinnvo
machte, ist ins Wanken geraten. Kann gen, die nach abwär ts wei-
Überzahl von Ersch einun
wicklung der Menschheit bilden bei einer Mensc hheit sprin zip abgel aufen
gelingt, daß ein altes
sen? Wir können es, wenn der Nachweis Dieser Ver-
nd sich nun ein neues und höheres regt.
ist und seine Kraft verloren hat, währe
eitsidee unternommen.
such sei hier auf dem Gebiet der Freih it mit
lick hat ergeben, daß die Idee der Freihe
Schon der summarische geschichtliche Überb steht. Sie
en Geisteslebens im intimen Zusammenhang
der allgemeinen Richtung des menschlich die
den Menschen Richt linien
tritt auf, wo im geistigen Leben die Region betreten wird, die
en finden
für die Wahrheit in seinem eigenen Inner
seines sittlichen Handelns und das Organ als eine außer-
Guten und der Wahrheit nicht mehr
läßt; wo also die objektiv gültige Welt des barun g, durch Ge-
die sich dem Menschen durch Offen
menschliche oder jenseitige erlebt wird, men unmit tel-
sondern als eine Welt, die einen gehei
bote und Gesetze von außen bekundet, cht. Seit
die das Innerste des Menschen selbst ausma
baren Zugang in unser Inneres hat, ja, Ich gleich zeitig
hen das Ich. Für Fichte war dieses
Fichte nennt man dieses Innerste des Mensc ndes angeh örig.
e es als der Welt des ewigen Besta
der Garant für die Unsterblichkeit, er erlebt n Mensc henwe sens,
Selbst-bewußtsein des ewige
Die Idee der Freiheit stammt also aus dem
des Guten angeh ört.
‚das der Welt der Wahrheit und erst entstehen, als die
noch nicht sehr alt. Sie konnte
Die Freiheitsidee in diesem Sinne ist der Renais-
Sinne einsetzte. Das war in der Zeit
Persönlichkeitsentwicklung im modernen Schrif t „Von- der Freiheit
sches Zeugnis ist Luthers
sance und Reformation. Ihr erstes klassi e, daß die Frage stell ung und.
Dabei ist das Eigenartig

@
eines Christenmenschen“ vom Jahre 1520. aus. den Ich-kr äften. Die
Haltung entspringen, nicht
ihre Lösung noch einer ganz seelenhaften weltlichen
Ich. Ohne dieses Ich gab sie sich gerne der kirchlichen und
Seele ist älter als das selbst und er-,
außer sich
Wahrheit und Gesetz
Autorität und Obrigkeit hin, suchte Führung, lter des
des Willens Gottes und somit als die Verwa
kannte Papst und Kaiser als die Statthalter suchten das
Mystik begann die Wendung. Die Seelen
ewigen und zeitlichen Heiles an. Mit der aus der
selbst. Und Luthers Schrift gebraucht Bilder
Mittelglied zwischen sich und Gott in sich igt sich
Freiheit auszudrücken: Die Seele verein
Mystik, um die Kernfrage der christlichen ftig,
Christus und wird so aller seiner Güter teilha
durch den Glauben als ihren Brautring mit ist die Frei-
t der Braut auf sich nimmt. — Damit
wie der Bräutigam die Sünde als die Mitgif en. Wir sehen
ution und Werkgerechtigkeit gegeb
heit von aller außerseelischen Autorität, Absol or-
rinzi p auch von Luther selbst in seiner Kirchenref
davon ab, daß dieses mystische Freiheitsp auf die Würdi gung
n ist, und beschränken uns
mation nicht konsequent. durchgeführt worde umschreibt. Die
Bildes,-das Luthers innerstes Freiheitserlebnis
dieses wunderbaren innigen
durch
erlebt als ein reiner Hingabeakt der Seele
Beziehung zu Christus als dem Mittler wird den Glaub en. Die Hin-
seelische zu verstehen ist, durch
eine Kraft, die bei Luther als eine rein r ge-
Art auf die geistlichen und weltlichen Führe
gabefähigkeit, die sich bisher in kindlicher en Herre n zu. Als Weg
iche einem innerlich erlebt
richtet hat, wendet sich nun als eine bräutl Hilfe genom men. Sie
die. Bibel von außen her zu
zu diesem Glaubenserlebnis wird allerdings gehab t hat. Sie soll
Stellung, die sie vorhe r nicht
gewinnt damit im christlichen Leben eine r und
für jeder mann, für den einfachen Menschenverstand Richtschnu
nun eine Schrift sein, die gibt sie allen Christ en-
Luther übersetzt sie und
‚ Inhalt des Glaubenslebens bedeuten kann. In der Lutherbibel ist die
in die Hand. Aber er übersetzt sie nicht nur sprachlich.
menschen .
Sprache der Gemüthaftigkeit seines Jahrhunderts
Heilige Schrift radikal umgeschrieben in die nglichen Luthertext auf
wenn man den ursprü
Davon gewinnt man erst den vollen Geschmack, ist
die unmittelbar gemüthaft zugänglich ist, das
sich wirken läßt. Was oberhalb der Region liegt, keit
Preis war es möglich, ihre Allgemeingültig
übergangen oder verschleiert. Um diesen hohen
und Allgemeinverständlichkeit zu behaupten.

8
Damit war Luthers gesamtes reformatorisches Werk, seine Bibelübersetzung und sein Frei-
heitsbegriff zeitlich gebunden an die Dauer des bräutlichen Zustands der menschlichen S3eele.
Dieser Zustand besteht nicht mehr. Auch die Seele ist Entwicklungen unterworfen, die in der
Gegenwart sprunghaft fortschreiten. Die heute vorherrschenden Kräfte müßte man als männ-
liche, nicht mehr als bräutliche bezeichnen.
Und so wäre dargetan, daß die Freiheitsregungen, wie sie seit der Lutherzeit auftraten, mit
Notwendigkeit dahinschwanden mit allen anderen Gemütskräften, die einem abklingenden
Menschheitsprinzip angehören. Luthers Freiheitsideal war Vorstufe und Prophetie eines Ge-
dankens, der nur auf dem geistigen Felde seine volle und dauernde Verwirklichung fin-
den kann. Damit hat erst Fichte als Vorbote begonnen. Mit Rudolf Steiners „Philosophie der
Freiheit“ ist die Magna charta der Geistes-freiheit gegeben.
Neben der von Luther begründeten religiösen Freiheitsströmung, die dann wieder im Kon-
fessionalismus versunken ist, gab es eine andere, die vom Bauernkrieg ihren Ausgangspunkt
nahm und über die ganze Reihe politischer Revolüutionen bis zum Jahre 1848 führte. Sie ist
trotz aller Verschiedenheit von der lutherischen doch 'ebenso stark von gemüthaften und
ebensowenig von eigentlich geistigen Kräften getragen. Ihre Kennzeichen sind das rauschhafte
Freiheitspathos, die Vermischung mit nationalen und ständischen Motiven und ihr Aufflam-
men in stürmischen Massenbewegungen. Alle diese Kennzeichen sind noch seelischer Natur. Die
Idee der Freiheit spiegelte sich erst auf den Wogen der menschlichen Gemütsbewegungen, wie
die aufgehende Sonne auf den Meereswellen. Dieses unruhige, gespiegelte Licht war noch nicht
. die Sonne der Freiheit selbst. Und so bedeutet das Abebben dieser prophetischen Spiegelungen
nicht, daß die Freiheitssonne inzwischen nicht höher gestiegen ist. Das Pathos ist aus den Seelen
verschwunden, weil ihre Inhalte immer nüchternere, irdischere geworden sind. Das nationale
Empfinden ist mehr und mehr barbarisiert, und was heute noch Massen bewegen kann, das
verträgt sich mit der Freiheit so wenig wie mit anderen hohen Idealen. Von der Gemütsseite
her ist für die Freiheit nichts mehr zu hoffen. — Wie sich aber die Sonne, wenn sie über den
Horizont gestiegen ist, in einem einzigen Bilde im stillen Wasser zeigt, so zeigt die Persönlich-
keit Goethes, wie die im Geiste verwirklichte Freiheit aussieht. Die unpathetische, nicht mehr
geforderte und erstürmte, sondern in der einzelnen Persönlichkeit realisierte Freiheit.
So wenig uns zu erschüttern braucht, daß die im Beginn der Neuzeit entstandenen religiösen
und politischen Freiheitsströmungen verebbt sind, so ernst kann stimmen, daß die gewaltige
Wirkung der ersten, im vollen Sinne freien Persönlichkeit auf alle Kulturvölker mit weg-
geschwemmt wurde vom Strom der Dekadenz der menschlichen Seelenkräfte, daß hundert
Jahre nach Goethes Tod das entfesselte Tier die Herrschaft antrat, während der Goetheanis-
mus so gut wie versiegt war und auch in seiner erneuerten Gestalt nur ein schwaches Echo fand.
Ein trauriges und bedrohliches Symptom für den Verfall des Geisteslebens war der Weg,
den die Geschichtsschreibung nach Goethes Zeitgenossen Johannes von Müller und Karl von
Rotteck einschlug. Als Inhalt der Geschichte galt immer mehr, was sich in der Entwicklung, in
den Kriegen und Niederlagen, in den Untergängen der Staaten und Fürstenhäuser abspielte.
Machtmäßige Auseinandersetzungen, Entfaltungen und Katastrophen, denen gegenüber das
einzelne Individuum immer nur der ohnmächtige Spielball ist, das waren die Hauptgegen-
stände einer Geschichtswissenschaft, die jeden Sinn der fortschreitenden Menschheitsentwick-
lung von Grund aus zerstörte. Geschichtsunterricht bedeutete den Einblick in die Unfreiheit
und Abhängigkeit der einzelnen Persönlichkeit; er bedeutete die Überzeugung von der Vor-
herrschaft der Macht vor der Idee. Oswald Spenglers Verrat an den Idealen der Persönlichkeit
und der Freiheit war lange vorbereitet. Er zog nur die letzten Folgerungen. Diese Art Ge-
schichtsauffassung konnte nur veranlassen, rechtzeitig bei dem richtigen Machtfaktor Anschluß -
.zu finden. Wir finden diesen Charakterzug oder besser diesen Zug der Charakterlosigkeit heute

#9.
dungen“ auf der einen
eing eprä gt. Das Schl agwort von den notwendigen „Bin
tief in die Seel en ne freie Überzeugung mehr zu
ande rn die Neig ung, sich überhaupt keine eige
Seite , auf der zu wenden, das sind die
nach der Rich tung des jeweils stärksten Machtfaktors
bild en und. sich als es vor zwei Jahren wieder
Geis tesl eben s der letzten hundert Jahre. Gewiß,
Früc hte des chiedensten Programmen und
wurd e, ersc hien die Frei heit als Schlagwort in den vers der. 1848 aus
tunli ch Fürsten Metternich,
Manifesten. Manchmal wird man dabei erinnert an den ver-
dem alten Turm in Just inus Kerners Garten in Weinsberg
Österreich entfloh und sich in Geige. „Auf dieser spielt er
Nikolaus Lenau hinterlassene
barg. Dort fand er eine alte, von (Kerner an Sophie
ft konvulsivisch dazu im Mondscheine“
immer die Marseillaise und pfei u
Schwab, 2. April 1848). Christentum auf der Seite der
tantins daran gewöhnt, das
Die Welt ist seit den Tagen Kons die Gegenpartei der Freiheit
neueren Auseinandersetzungen
Macht stehen und auch in den gegeben hat, wie z. B. die iro-
andere christliche Strömungen
ergreifen zu sehen. Daß es auch wie verschwunden. Zum Ver-
historischen Buwußtsein so gut
schottische Mission, ist aus dem n das Bündnis mit der Staats-
rte, daß sie schon im Entstehe
hängnis der Reformation gehö freien Geister, die nur auße
rhalb des
egangen ist. Das Bild der
gewalt auch ihrerseits eing seit dem Zeit alte r Less ings und
ns gede ihen und wirk en können, beherrscht
kirchlichen Lebe Nach dem alten Motto:
die mode rnen Vors tell ungen bis auf den heutigen. Tag.
Goethes auch eher auf die Seite des
als Paps t“ hat sich das Freiheitsstreben der Menschheit
„Lieber Türk und Hilfe zu erwarten. So
ist die
als bei dem Christentum Verständnis
Marxismus gesc hlag en, überwindenden Vorurteil
n ents tand en, daß man heute mit dem kaum zu
tragische Situ atio erstenmal in der Gestalt der
zu kämp fen hat, wenn das Christentum zum
und Mißt raue n wir nun seit 25 Jahren tätig
n Frei heit auftr itt. Das ist aber das Unternehmen, an dem
volle
sind. Christentums, das Christentum
ist das eigentliche Gefäß des
Die Freiheit der Persönlichkeit e des Christentums die-
Inhalt der Freiheit. Was am Bild
der eigentliche und unüberwindliche ägung. Wie nach einem Wort
e
ist menschliche Zutat und Umpr
ser Wahrheit widerspricht, ist, so ist die freie mens chli che Per-
und für das Licht geschaffen
Goethes Has Auge vom Licht ewig e Licht , von und für Christus geschaf-
Licht und für das
sönlichkeit, das Ich, vom ewigen Ich zu Christus nicht von vorn
eherein
nicht, daß das Verhältnis des Egois-
fen. Dabei verkennen wir eßen und dem verh ärte ten
sich dem ewigen Licht verschli
festgelegt ist. Dieses Ich kann das Pauluswort: „Nic ht ich, sond ern der
zuwenden. Vor ihm steht Chri-
mus und Individualismus die Bezi ehun g des Ich zu
t ist nichts gesagt, als daß auch
Christus in mir.“ — Doch dami h erst ist das Christentum die Religion der
e Frei heit gest ellt ist. Dad urc
“ stus schon in die voll chen
ng des Ich für seinen eigentli
ere Egoismus ist eine Erblindu
Freiheit schlechthin. Der nied .
«Inhalt und Gegenstand. ein bräutliches zutreffend be-
bens verh ältn is der Seele zu Christus als
Wenn Luth er das Glau
ehung des Ich zu Ihm gel-
hat, so gibt uns Chri stus selbst die Bilder, die für die Bezi nicht, was
zeichnet hte; denn ein Knecht weiß
euch nicht mehr Knec
ten. So Joh. 15,15: „Ich nenne , was ich von meinem Vate
r weiß,
e euch aber Freunde; denn alles
sein Herr tut. Ich nenn
ch ein wenig verschobene
Das im kirchlichen Sprachgebrau
“ —
das gab ich in eure Erkenntnis.‘ der Unmündigkeit. Wo Chri-
ndsc haft hat im Urtext nicht den Beigeschmack '
Bild der Gott eski gebraucht, spricht er es in der
t diese s Bild für die Bezi ehäng des Menschen zu Gott Sein er
stus selbs des Lichtes. Das tiefste Gehe
imnis aber
ne Gottes, Söhne
männlichen Form aus: Söh Siegelwort „Menschen-Sohn“, das er
chen ist umschlossen in dem
Beziehung zum Ich des Mens
für Sich selbst gebraucht. Region betreten wird, die den
Frei heit tritt auf, wo im geistigen Leben die sei-
Die Idee der Organ für die Wahrheit in
die Rich tlin ien seine s sittlichen Handelns und das
Menschen

10°
nem eigenen Inneren finden läßt. Die Freiheit wird verwirklicht, wo sich Bewußtsein und
Wille des Gottes-Sohnes im Menschen mit dem Bewußtsein und Willen des Menschen-Sohnes
in Christus erfüllt. \
Im Urchristentum hat man die griechischen Denker, die das menschliche Erkenntnisorgan
für das Erfassen der Christus-Wahrheit vorbereiteten, als Vorboten fast wie die Propheten
des Alten Bundes verehrt. Wir blicken ‘heute mit der gleichen Verehrung auf die Gestalten
zurück, die das Organ für die Freiheit ausgebildet haben, die für das Christentum die künf-
tige Form sein wird.

Die Mission des Mutes


Alfred Schütze
Eine Wolke von Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung lagert heute über der
europäischen Menschheit. Unzählige Gespräche enden ‚mit der Erklärung: es habe doch alles
keinen Zweck, es lohne sich nicht mehr, es sei alles aussichtslos. Man lebt dahin von einem Tag
zum andern und wartet vielleicht auf irgendeine Wendung der Dinge von außen, auf eine Art
Wunder, das Rettung zu bringen vermöchte. Aber der Mut ist aus den Seelen verschwunden.
Am meisten vielleicht bei denen, die ihn während des Krieges in den äußeren Kämpfen hun-
dertfach bewiesen haben, Das ist besonders seltsam und läßt die Frage entstehen, woher jenen
Millionen Soldaten der Mut kam, die ihr Leben in unzähligen Schlachten in die Schanze ge-
schlagen haben, die heute aber zum großen Teil resignieren. Woran entzündet sich überhaupt
der Mut? 2
o

Wir lassen im Geiste die unabsehbare Reihe all der heroischen Gestalten der Menschheits-
geschichte an uns vorüberziehen, deren Mut, Tapferkeit und Kühnheit uns mit Bewunderung
erfüllt. Wir denken an den nicht endenwollenden Zug derer, die bis zur Aufopferung ihres
Lebens standhaft geblieben sind. Ihrer aller Namen aufzählen zu wollen, wäre ein vergebliches
Unterfangen. Viele\sind als leuchtende Vorbilder in die Tafeln der Geschichte eingeschrieben,
die weitaus größte Mehrzahl ist namenlos dahingegangen. Wofür sind sie gestorben, was gab
ihnen die Kraft zur Überwindung? Sie starben zumeist für ihren religiösen Glauben, für ihre
wissenschaftliche Überzeugung, für ihr Vaterland, für ihre Freunde oder ihre F amilie, für die
Freiheit — kurz: für ein großes, tragendes Ideal. Wie ein Erschrecken kann es uns über-
kommen, wenn wir bedenken, wie vollmächtig und lebenswirklich die Welt der Ideale sich
immer. wieder an solchen Menschen bewiesen hat, die alles hinzuopfern bereit waren, um jener
Welt die Treue zu halten.
Wie blaß, wie dünn, wie blutleer werden demgegenüber heute die Ideen und Ideale zumeist
‘ empfunden! Gewiß, wir haben auch in der jüngsten Vergangenheit zahllose Beispiele eines auch
vor dem Tode nicht zurückschreckenden Mutes erlebt. Wir denken nicht nur an die Tapferkeit
der Kämpfer des Krieges auf beiden Seiten, die im Glauben an ihre Ideale — mögen sie teil-
weise auch irregeleitet gewesen sein — gestorben sind. Wir denken auch an die vielen Namen-
losen, die mit unerhörtem Heroismus für ihren Glauben, für die Freiheit der Überzeugung bis
zum Tode gelitten haben. Aber wir wissen auch, ohne das Ansehen der eben Genannten damit
zu schmälern, daß bei einer großen Anzahl derer, die äußerlich oft nicht weniger Kühnheit be-
wiesen haben, sich ein Gefühl der Unsicr.zrheit eingemischt hat; daß es zum größen Teil eine Art
Mut zum Verhängnis gewesen ist. Die Unabänderlichkeit, die Zwangslage der Pflicht ließ viele
in diesem Kriege mit einer stummen Frage oder gar einem zerdrückten Fluch auf den Lippen
sterben. Gewiß, sie waren heroisch, aber sie waren es nicht mehr aus Begeisterung und Über-
zeugung für ein Ideal. Der Mut, der Sokrates in heiterer Fassung den Giftbecher ergreifen

11
entgegengehen ließ, der Mut, der
ließ, der Mut, der die Urchristen singend den wilden Tieren
instandsetzte, seinen Richtern zuzurufen, sie
Giordano Bruno angesichts des Scheiterhaufens
e — dieser Mut war aus der völligen
sprächen mit größerer Furcht das Urteil, als er es empfang
nicht in Illusion, Rausch oder Toll-
Überzeugungskraft einer Idee erwachsen. Und alle, die
it ihrer. Ideale bewußt, Sie vertrauten*
kühnheit heldisch gestorben sind, waren sich der Gültigke
auch die stärkende Kraft des Geistes,
dem Geist mehr als dem Leibe. Sie empfingen darum
dessen Frucht der echte Mut ist.
en Welt wurzelt, war Tapferkeit der
Solange die Menschheit noch lebensvoll in der göttlich
unter den Menschen. Der Heroismus des
Seele noch ein selbstverständliches, allgemeines Gut
Verteid igung der Thermopylen gegen die
Leonidas mit seinen 300 Spartanern, die bei der und anderen
ebensowenig wie bei den Römern, Germanen
Perser fielen, war keine Ausnahme,
es höhere und unvergänglichere Werte gibt
Völkern der Antike. Solange der Mensch weiß, daß
die bloße Ausnahme von der Regel. Seitdem
als das eigene Wohlergehen und Leben, ist Feigheit
es eines stärkeren Antriebes zum Mut, und
diese Werte aber fragwürdig geworden sind, bedarf
In dem Maße, als das Leben auf den kurzen
er muß auch beim Einzelnen höher gewertet werden.
erscheint und die Persönlichkeit in ihrer- Ein-
Zeitraum zwischen Geburt und Tod beschränkt
erlebt wird, werden die ehemals natürlichen
maligkeit und Einzigartigkeit immer bewußter
besonderen Belebung. Wieviel künstlicher Mut
Mutkräfte schwächer. Sie bedürfen dann einer in
en und die Einführung von Pseudo-Idealen
wurde durch die Aufpeitschung der Emotion hier die Rede
echte Seeleneigenschaft, von der
diesem Kriege erregt! Doch das ist nicht die
ts unseres geistfernen, ichbetonten Zeitalters so viel
sein soll. Nimmt es wunder, wenn angesich
anzutreffen war? Oder wenn nun, da man-
verkrampfte, illusionsdurchtränkte Tollkühnheit Müdig-
zerplatzt sind, sich überall gähnende Leere,
cherlei sogenannte Ideale wie Seifenblasen
keit und Feigheit breit machen? wieder von
neue entzündet werden, wenn die Seelen
Das Licht des wahren Geistes muß aufs das flackern de Feuer
Geist-Erfüllung entfacht nicht
echtem Mut durchglüht sein sollen. Wahre einer von Besonne nheit er-
die stetig-ruhige Flamme
eines tollkühnen „Über“-Mutes, sondern Begeiste rung, die meist
der Seele. Die rauschha fte
füllten Entschlußfreudigkeit und Initiative stille, echte
in sich zusammen, wie sie auflodert. Die
von außen erregt wird, sinkt ebenso rasch erwächst , läßt jene
n Gedanken erfüllte n Innern
Begeisterung, die aus dem von göttlich-große Die Motive
n, die heute so dringend nötig wäre.
ausdauernde, mutvolle Initiativkraft entstehe en werden, wenn
n heute nicht mehr von außen bezog
und die Antriebskräfte zum Mut dürfe n Jahrzehnts
kann man aus den Erfahrungen des letzte
sie Bestand haben sollen — diese Lehre werden auf
heiligsten der Seele die Prüfung bestehen,
gewinnen. Nur Ideale, die vor dem Aller x
sigkeit widerstehen können.
die Dauer der zersetzenden Lauge der Mutlo g gelte nd
in der Gegenwart eine gewisse Umwertun
Noch in anderer Beziehung wird sich Tollk ühnhe it
erregte Überspannung des Mutes zur
machen müssen. Ebenso wie die rauschhaft g des
mache n muß, wird die Richtung und Anwendun
einer ruhigen, kraftvollen Initiative Platz Bisla ng wurde der
Nüchternheit“ unterstellen müssen.
Heroismus sich gleichsam einer „heiligen nen des Leben s
, herausgehobenen Ausnahmesituatio
Mut zu allermeist nur in den besonderen vor allem der
usw. Damit zusammenhängend wurde
gefordert: Im Kriege, in einer Gefahr ndig-
es zu einer menschlichen und sozialen Notwe
Mutzum Sterben gepflegt. Heute wird schei nbar klein en
en und ihn 'n, den alltäglichen und
keit, den MutzumLeben aufzubring n leicht er, sich wagha lsig in
ren! Es ist unter Umstände
"Angelegenheiten des Daseins zu bewäh eine Karte setzt,
en, bei dem man für kurze Zeit alles auf
ein tollkühnes Abenteuer zu stürz einer geistigen
aufzubringen, der das Abenteuer
als tagaus, tagein den Mut des langen Atems machenden
den unzähligen kleinen widrigen, müde
Lebensführung auf sich nimmt, die vor
Hemmnissen nicht kapituliert.

12
Hier ist ein weites, noch vielfach brachliegendes Feld für eine heroische Lebenshaltung. Und
die Zeitverhältnisse selber scheinen uns vor diese Aufgabe stellen zu wolien. Wo sind die Men-
schen, die aus der\Entschlossenheit für geistige Lebensziele mutvoll handeln und leben an-
gesichts eines grauen Alltags in Büro, Fabrik und Haushalt, angesichts der Knappheit der
Lebensmittel, der Trostlosigkeit aller äußeren Lebensaussichten, der Schwierigkeiten des
‚engen Zusammenwohnens usw.? Mutig sterben ist gewiß etwas Großes — aber nicht
minder groß. wäre es, heroisch zu leben, den Geist nicht zu verleugnen, auch wenn
der Ungeist triumphiert! Welche Fülle von Möglichkeiten eröffnen sich ‘dem, der echten
Geistesmut bezeigen will: Mit Entschlossenheit gegen die in uns selber aufsteigenden Stim-
men des Zweifels, der Verzweiflung und der inneren Müdigkeit ankämpfen; täglich, wenn
auch nur für wenige Minuten ein Gebet oder selbstgewählte Übungen geistiger Versenkung
gegen alle Hemmungen konsequent durchführen; immer wieder der Trostlosigkeit des Alltags
positive Seiten abzugewinnen suchen; dem Geiste die Treue halten, auch wenn das Schwere uns
übermannen will; vor allem aber: nicht hadern mit dem, was uns auferlegt ist,, sondern |
Ja-Sagen zum eigenen Schicksal, das uns über uns selbst erheben und den über uns waltenden
Engel fühlen lassen will. Welch ungeheuerer Mut gehört zu all dem, gerade weil wir fast täglich
durch die eigene Schwäche oder die Brutalität der materiellen Tatsachen scheinbar widerlegt
werden!
Es gibt nur die Wahl: Sich hemmungslos den Mächten des Chaos zu überlassen, die die Mensch-
heit in den Abgrund jagen, oder die Kraft der Initiative an der Berührung mit der Wirklichkeit
des göttlichen Geistes täglich neu zu entzünden. Es ist nicht wahr, daß die göttliche Welt heute
schweigt. Sie spricht vernehmbar an den Altären, an denen die Menschenweihehandlung ge-
feiert wird. Dort kann der Mut immer aufs neue gestählt werden, ob er auch hundertmal zu
erlahmen droht. Wir fühlen dort Ihn, der der Spender des Geistesmutes ist und der seinen
Jüngern zurief: „In der Erdenwelt werdet ihr hart bedrängt. Aber habet Mut! Ich bin der
Sieger über die Welt!“
N

Die Auseinandersetzung mit dem Bösen


Eine apokalyptische Betrachtung
Emil Bock

Wer sich an das Dichterwort hält: „Die Welt- letzten Posaune“ (1.Kor. 15, 51—52), so ist das
geschichte ist das Weltgericht“, der kann sich zur apokalyptisch zu lesen. Es bedeutet nicht, daß sich
Freiheit, zu freier kämpferischer Mitwirkung im dann wie durch ein ungeheuerliches Mirakel die
Dienste des Guten, berufen fühlen. Demgegen- Gräber auftun und für die daraus Emporsteigen-
über spricht die aus alttestamentlichen Wurzeln den die große Abrechnung erfolgt sowie die Schei-
stammende Vorstellung vom „Jüngsten Gericht“, dung derer, die in den Himmel und die in die
die den Menschen unter eine unentrinnbare, aus Hölle kommen. Man bleibt in einer alttestament-
dem Jenseits verhängte Entscheidung stellt, unsere lichen, im Grunde kleinlich-moralisierenden /An-
Furcht und nicht unsere Freiheit an; sie hat mehr, schauung stecken, indem man so denkt. Wenn
als man sich in den Kreisen traditioneller Fröm- Paulus von der „leizten Posaune“ spricht, so liegt
migkeit eingesteht, zur Unmündig-Erhaltung und es ihm ferne, aus pastoralen Gründen, um in den
"innersten Entwicklungs-Verhinderung des 'Men- Seelen die.Furcht vor der richtenden Gottheit zu
schen beigetragen. erwecken, ein Schreckensmotiv zu verwenden. Er
Man mißversteht die Schriften des Neuen Testa- bedient sich einer klaren Bildyokabel aus der
mentes, wenn man glaubt, die üblichen Zukunfts- gleichen apokalyptischen Schau, aus der auch die
bilder vom „Jüngsten Gericht“ daraus belegen zu Offenbarung Johannis geschöpft ist. Die Johannes-
können. Wenn es z. B. in dem großen Auf- Apokalypse läßt uns erkennen, daß auch die
erstehungs-Kapitel des ersten Korintherbriefes „letzte Posaune“ nur eine der großen äonischen
heißt: „Wir werden alle verwandelt werden, plötz- Runden beschließt, die das Schicksal unserer Welt
lich, in einem " Augenblick, beim Erschallen der zu durchlaufen hat. Nachdem die sieben Posaunen

13
so nahe
die das nicht so sprechen, obwohl wir ihm genau
erklungen sind, geht die Weltgeschichte, ’
Tempel im sind.
Weltgericht ist, dennoch weiter: der * Bleiben wir vorerst bei dem Motiv,
daß auch die
tut sich auf, aus dem die sieben goldenen
Himmel wohner des Himmels
ings: indem dämonischen Gewalten Mitbe
Schalen hervorgetragen werden. Allerd Am Anfan g des Hiobb uches, das wir als
auf der Erde sind.
sie ausgegossen werden, ergeben sich dicht ung anspr echen können, wer-
die in biblische Faust
in gesteigertem Ausmaß die Prüfungen, Zeuge n des Gespr äches zwischen Gott dem,
die Mensch - den wir
der Runde der Posaunen bereits über Satan, das sich auf Hiob bezieht. „Es
Herrn und
heit gekommen sind. da kamen die Götter-
wieder begab sich an einem Tage,
Lernen wir die apokalyptische Sprache und traten vor den Herrn. Und mit ihnen
Dogmas söhne
lesen, befreit aus den Engigkeiten des vor ihn hin.“ Da fragt der Herr
sen Be- trat auch Satan
und der eingefrorenen egoistisch-religiö Satan: Woher komms t du? Und der Wider-
Ausbli cke im den
griffe, so eröffnen sich uns grandiose alle Lande durc-
zu dem, sacher antwortet: Ich habe
Aufsuchen der johanneischen Parallele nicht auch mein Knecht Hiob
ten Posaune streift. — Ist dir
was Paulus als den Inhalt der sieben net? — Natürl ich kennt der Widersacher
aft spricht begeg
erkennen läßt. Die paulinische Botsch ihn an. Schlie ßlich erbittet und
g, der ein- Hiob und schwärzt
von dem großen Sturm der Verwandlun er die Erlaub nis, Hiob bis zum äußersten
hren wird: erhält
mal durch die Menschheit hindurchfa verführen. Zu unse-
auferstan- zu plagen, zu schlagen und zu
Mitten im Leben wird gestorben und höchst en Ersta unen erkennen wir, daß Gott
tende n Geist- rem
den, wenn sich die Welt der leuch b dem Teufel
Wesens an den Menschen glaubt und deshal
gestalten dem Untergang des verweslichen Versu che es nur, es wird dir nicht
nes zeigt uns freie Bahn läßt:
entreißt. Die Offenbarung des Johan en! Das hat Goeth e aufgeg riffen in der Ein-
nande r- geling
als Inhalt der siebenten Posaune die Ausei g, dem Prolog im
der Kampf leitung zu seiner Faustdichtun
setzung mit den Mächten des Bösen: Göttersöhne herbei, die
statt, und die Himmel. Da treten die
Michaels mit dem Drachen findet Raphae l, Gabrie l und Michael. Mitten
en, die ihr Erzengel
Menschheit hat die Prüfungen zu besteh eles. Der Wider-
t. Heute unter ihnen ist auch Mephistoph
das Getier aus dem Abgrund’ bereite ist auch da, wo die Erzeng el sind. Und es
schichte, sacher
stehen wir mitten darin in einer Weltge ein ähnlic hes Gesprä ch. Der Herr
ericht entspinnt sich
die-in besonderem Maße zugleich ein Weltg Mephi sto die Erlaub nis, Faust nach Kräften
Posau ne gibt
ist. Wir können im Geiste die siebente Menschen:
mit dem zu verführen. Gott glaubt an den
erschallen hören. Die Auseinandersetzung
vielleicht. die allera ktuell ste Aufgab e,
Nun $ut, es sei dir überl assen !
Bösen ist
ab...
die es gibt. Zieh diesen Geist von seinem Urquell
vollzieht nen mußt:
Der Kampf Michaels mit dem Drachen Und steh beschämt, wenn du beken
daß der en Drange,
sich im Himme l. Und das Ergebn is ist,. Ein guter Mensch, in seinem dunkl
Erz- bewuß:.
überwundene Drache durch den siegen den Ist sich des rechten Weges wohl
gestürzt wird.
engel aus dem Himmel auf die Erde l voraus, daß
wir uns Gott der Herr. sagt es dem Teufe
Was soll das eigentlich heißen? Sollen haben wird. Hier ist Goethes
dämonischen Gewalten ur- er einen Mißerfolg
vorstellen, daß die christlicher, als
sind? Wie- Faustdichtung biblischer und auch
sprünglich Mitbewohner des Himmels Die Faustdich-
nheit smäßi gen, kleing edach- was man auf vielen Kanzeln hört.
der stehen die gewoh Punkt e auch eine unmittel-
n vom Weltg anzen im Wege: tung ist ja an diesem
ten Vorste llunge
dicht erisc he Umse tzun g der Bibel selbst, des
in der Hölle bare
Himmel und Hölle, im Himmel Gott, gehört zu den
Bibel nicht. Hiobbuches. Und das Buch Hiob
die Mächte des Bösen. So denkt die lypti schen Schri ften. Es ist eine Schwester-
übersi nnlich e Welt nicht irgendwo apoka
ir haben eine nes.
unter uns, sondern wir schrift der Offenbarung des Johan
über uns und tief es Faust ist
hoch
selber voll Sowohl im Hiobbuch als in Goeth
stehen mitten darin. Unsere Welt ist versu cheri sche Macht zunäc hst im Himmel.
zwisch en den guten vorwärts- die
von den Spannungen erhält sie die Erlaubnis, auf der Erde dem
standes Dort
führenden Mächten und denen des Wider zu bereiten, ihn in
Himme l und Hölle gehen mitten Menschen alle Schwierigkeiten
und des Bösen. zu locken . Mit Zustimmung und
des Über- jeden Abgrund
durch unsere Herzen hindurch. Die Welt der Mensch die Aus-
Jenseits, Willen der Gottheit hat nun
sinnlichen ist nicht irgendwo in einem tzung mit dem Bösen zu vollziehen. Das
noch in einem unteren. : einanderse
weder in einem oberen, ein gege nwar tsgemäßes
sind auf ist die Gesinnung, die
Das Jenseits ist auch im Diesseits. Wir um unter die Mensc hen trage n sollte.
übersinnlicher Mächte, “Chri stent
und Tritt Nachbarn el der
Schritt
Genien, die uns schützen und Nichts anderes ist es, was im 12. Kapit
sowohl der guten en der
. Apokalypse geschieht, wenn beim Ertön
als auch derer, die uns verderben wollen über den
siebenten Posaune der Sieg Michaels
fördern,
Er-
Heute verfügen wir bereits über ausreichende hat, daß der Wider sache r auf
an Drachen zur Folge
fahrung, daß wir näher daran sind, vor allem die Menschen
Himmel können wir vielleicht noch die Erde gestürzt wird. Jetzt ist für
der Hölle. Vom
L |

14
die Zeit der Ruhe vorbei. Das ist die Folge der Je apokalyptischer die Zeit wird und je mehr
Taten der guten Götter. Ihr Wille ist, daß die die Offenbarung des Johannes als Aufriß und
Menschen mit den dämonischen Gewalten kämpfen. Geist-Spiegel des Gegenwarts-Schicksals erkannt
Die Widersacher treten mit göttlicher, Erlaubnis wird, um so deutlicher wird das Christentum einer
vor den Menschen hin. Warum? Weil die da michaelischen Charakter annehmen. Das ist die
droben an den Menschen glauben. Nicht als ob der Signatur unserer Zeit: das Böse tritt offen hervor.
Mensch in den Auseinandersetzungen mit den Man darf dann bloß keine mittelalterlich-aber-
Mächten des Abgrunds unbefleckt bleiben könnte. gläubischen Vorstellungen vom Teufel haben. An
Er muß durch viele Abgründe hindurch. Er kann den rechten Begriffen und Erkenntnismitteln fehlt
dennoch obsiegen. So ist die Auseinandersetzung es heute. Man lebt mitten in der Arena der Aus-
mit dem Bösen, die auch durch unser Zeitalter einandersetzung mit den dämonischen Mächten
geht, nichts anderes als die Fortsetzung eines und ist doch völlig ohne die geistige Ausrüstung,
Kampfes, der im Himmel bereits stattgefunden die für diesen Kampf nötig ist. Wir stehen mitten
hat. Michaels Kampf mit dem Drachen geht über darin in einer ungeheuren Tragödie des guten
in den Kampf, den nunmehr der Mensch mit dem Willens. Mit dem guten Willen allein kommt man
Drachen auszufechten hat. nicht einen einzigen Schritt mehr vorwärts. Das
Es ist vielen seit langem eine große innere Hilfe hat Gründe, die es ganz genau ins Auge zu fassen
zu wissen, daß wir in der Gegenwart in einem gilt. Daß die dämonischen Gewalten entfesselt und
michaelischen Zeitalter leben. Durch diese Er- in die menschlichen Verhältnisse eingebrochen
kenntnis waren und sind sie davor geschützt, allen sind, wird gefühlt. Als der Krieg zu Ende war,
möglichen Illusionen zu verfallen. Sie verstehen war es geradezu Mode, von den Dämonen zu
und durchschauen, was um sie herum vor sich reden. Es gab kaum noch eine Zeitschrift, in der
seht. Wenn in der zyklischen Folge. der Erzengel, nicht von den Dämonen die Rede war. Die
die von der Aufgabe eines Volksgeistes zu der Pastoren predigten es von der ‚Kanzel, die Pro-
eines Zeitgeistes aufsteigen, Michael heute wieder fessoren dozierten es auf ihren Kathedern: „Wir
an der Reihe ist, der Erzengel des Christus.selber, haben den Dämonen ins Auge gesehen“. Aber muß
der Erzengel der Sonne, welchen Charakter muß nicht ein solches Reden von den Dämonen eine
dann die irdische Geschichte annehmen? Immer pure Phrase bleiben, wenn man sich dadurch ‚nicht
wird ein Michael-Zeitalter eingeleitet durch einen verpflichtet fühlt, die übliche Weltanschauung von
Kampf Michaels gegen die Drachenmächte in den Grund auf einer Revision zu unterziehen? Man be-
- übersinnlichen Welten. So hat auch am Beginn des gibt sich doch in eine klägliche Inkonsequenz,
Erzengel-Zeitalters, in welchem wir seit dem wenn man plötzlich wieder von Teufeln und Dä- '
letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts leben, monen redet und daneben doch behauptet, ein
ein solcher Sieg im Himmel stattgefunden. Das moderner Mensch zu sein, d.h. in einer Denkungs-
Ergebnis davon ist, daß seitdem auf Erden die weise zu leben, die die Existenz einer übersinn-
Dämonen entfesselt sind und die Menschheit sich lichen Welt grundsätzlich bestreitet. Wo ist inner-
in steigendem Maße mit den Mächten des Bösen halb des landläufigen naturwissenschaftlichen Welt-
auseinanderzusetzen hat. Wenn es auf der Erde bildes Platz für die Dämonen, an die man plötz-
Kriege und Kriegsgeschrei, Chaos, Katastrophen, lich wieder zu glauben scheint? Das Gerede von
Zusanımenbrüche gibt, so nicht zuletzt deswegen, den Dämonen kann man gar nicht ernst nehmen,
weil die Menschen nicht durchschauen, daß sie un- weil es nicht aus einer klaren, in sich konsequenten
sichtbare Gegner haben, mit denen es zu kämpfen Denkungsweise hervorgeht. Es stimmt zwar, daß
und die es zu überwinden gilt. Wer sich bewußt wir den Dämonen ins Auge gesehen haben, aber
als Sohn‘ des michaelischen Zeitalters fühlt, wem es geht nicht an, daß man glaubt, von den Dämo-
das Bild des die Gegenwarts-Schicksale leitenden nen reden und trotzdem noch so weiterdenken zu
Erzengels etwas sagt, kann' zugleich die trostvolle können wie bisher: als ob es keine übersinnliche
- Gewißheit haben: die dämonischen Gewalten, die Welt gäbe. Es muß eingesehen werden, daß die
unser Zeitalter durcheinanderwirbeln und seine Weltanschauung der materialistisch-naturwissen-
Ordnungen zusammenstürzen lassen, sind eigent- schaftlichen Ära längst bankrott gemacht hat. Sie
lich besiegt. Mögen sie auch noch so unüberwind- ist, wenn schon nicht durch gute Genien, so doch
lich scheinen, sie wären gar nicht da, um uns zu mindestens durch die Dämonen widerlegt.
bedrängen, wenn sie nicht zuvor gestürzt worden Was am allermeisten im Wege steht, die Mächte
wären. Sie sind Feinde mit gebrochenem Genick. des Bösen wenigstens erkenntnismäßig zu durch-
Nicht vermessen ist es, wenn der Mensch den Mut dringen, ist wiederum das dualistische Denken, die
aufbringt, mit den inneren Kräften, die er hat, Anschauung vom Jüngsten Gericht, von Himmel
mag er sich oft auch noch so klein und unbe- und Hölle, von Gut und Böse als von zwei Fak-
deutend vorkommen, den Kampf aufzunehmen. toren, die sich in einfacher Gegensätzlichkeit
gegenüberstehen. Man denkt: wenn ich mich durch
* gute Werke auf die Seite des Guten stelle, so.

, 15
werde ich mit dem Bösen fertig. So ist es nicht. gegenüber schuldig wird. Das ist aber nicht das
Wir haben ja nun wirklich genügend Offen- Einzige. Wir sehen ihn z.B. am Anfang des zweiten
barungen des Dämonischen erlebt, angesichts derer Teils kavaliermäßig-geistreich am Kaiserhof auf-
inan sagen kann: Menschen sind zu Bestien ge- treten. Jetzt ist er nicht auf Unmoralisches be-
worden, das Tier hat sich durch Menschen geoffen- dacht. Vielmehr rät er in der Not, in die das Reich
bart. Die Dämonien der tierischen Gesinnung und gekommen ist, eine Abhilfe. Er tritt auf als der
“ der Vertierung sind auf den Plan getreten. Man geniale Erfinder des Papiergeldes: und schon ist
ist bemüht, die Menschen, die in diese Verführung alles Elend behoben. Hier stehen wir vor einer
der bedeutendsten Kulturprophetien Goethes.
geraten sind, zur Rechenschaft zu ziehen. Das muß
natürlich geschehen. Aber man sollte doch noch Damals war bei weitem noch keine Rede vom
unterdessen so gründlich
etwas anderes dazu erkennen: es gibt nicht nur Papiergeld, das wir
die Tier-Dämonie, die sich zu so unver- kennengelernt haben. Sind nun aber die Menschen
kennbaren Steigerungen aufgeschwungen hat, von heute auch der Meinung Goethes, daß die Er-
sondern daneben auch, weniger leicht zu durch- findung des Papiergeldes von Mephistopheles
schauen, die Tier-Theorie. Und eigentlich stammt? So weit hat man die Mächte des Bösen
doch noch nicht durchschaut. Im Laufe des
beherrscht die Tier-Theorie das ganze Erkenntnis-
19. Jahrhunderts sind viele Genialitäten des
leben der Menschen: man hat eine naturwissen-
schaftliche Anschauung vom Menschen, die nicht Mephistopheles unter den Menschen wirksam ge-
hinausführt, die den Menschen worden; nur so konnten die modernsten Er-
über das Tierreich
nur so weit versteht, als er zu den Tieren gehört. rungenschaften der Technik auf den Plan treten.
Man hat keine wahre Menschenkunde. Wenn man Auch da ist eine Verführung im Spiel. Rudolf Stei-
z.B. — und das geschieht heute genau so gut wie ner hat darauf hingewiesen, wie Goethe die Mächte
zur Zeit des Nationalsozialismus — eine Ver- des Bösen zwar in der Gestalt des Mephistopheles
erbungslehre verkündet, nach welcher der Mensch personifiziert auftreten lassen konnte; wie er
war, die zwei Seiten des
wie das Tier ein Produkt der Vererbung ist, dann aber nicht imstande
hat man das Tier im Denken. Man kann ein ganz Dämonischen richtig auseinanderzuhalten. Und so
anständiger Mensch sein, der sich keiner Brutali-' ist Mephisto zugleich Teufel und Satanas, wie die
tät schuldig macht, und doch insgeheim eine Herr- Bibel, oder Luzifer und Ahriman, wie die alte
schaft des Tieres aufrichten. Welche Folgen muß mythische Anschauung sagt. Einmal wirkt er als
eine Denkungsweise haben, die den Menschen eine auf Rausch, Verführung, Unmoralität be-
wissenschaftlich in die Tierreihe einordnet? Muß dachte Macht, und dann wieder nach der Art des
sie nicht schließlich dazu führen, daß sie stimmt? gleißnerischen, klugen, seelenlosen Geistes. Den
Müssen die Gedanken, die man über den Men- heißen und den kalten Widersacher hat Goethe
schen denkt, nicht schließlich den Menschen beein- ineinandergeflochten; eine deutliche Unterschei-
flussen und formen? Hat man eine Zeitlang, vom dung konnte ihm noch nicht gelingen.
Menschen materialistische Begriffe gebildet, so daß In der Offenbarung des Johannes: tritt zunächst
zusammengegriffen in der
man ihn nach Erbforschungs-Experimenten be- das Böse noch kompakt
greift, die man an Kaninchen oder an Mäusen Gestalt des Drachens auf. Dann aber spaltet sich
oder an anderen Tieren macht, so muß man sich der Drache in das Zweigetier auf (Kapitel 13).
nicht wundern, wenn schließlich wirklich die Tier- Der von Michael gestürzte Drache steigt aus der
gesinnung im Menschen durchbricht. Tiefe wieder empor: dem Abgrund entsteigt der
Das Böse tritt nicht nur auf dem Felde der Ge- Widersacher in zweifacher Gestalt. Der Apo-
sinnung und der Moral auf, sondern auch auf dem kalyptiker steht an der Grenze zweier Welten, am
Felde des Denkens, des Erkennens. Hier macht es Ufer von Land und Meer. Da
sieht er aus dem
sich, nicht sogleich als solches bemerkbar, es bleibt Meer ein Ungetüm aufsteigen, ein Tier mit
harten
sozusagen salonfähig. Wenn einer seinen Neben- 7 Köpfen und 10 Hörnern. Aus dem festen
menschen bestialisch quält oder tötet,.so ist das Land sieht er ein anderes Tier sich erheben. Es ist
nicht schwer zu diagnostizieren. Wenn aber ein unscheinbar und könnte mit einem Lamm ver-
Gelehrter ein Budr schreibt, das höchste Wissen- wechselt werden. Es ist das zweigehörnte Tier,
schaftlichkeit beansprucht, so kommt man nicht hart wie Stahl, die kalte Macht.
so leicht darauf, daß es sich hier auch um eine Die Kenntnis der Doppelgestalt des Bösen ist
Dämonie handeln kann. Hier kann sogar eine noch nun allerdings ein ganz wesentlicher apokalypti-
viel dämonischere Gefahr drohen als da, wo in scher Schlüssel. Das Bild des Zweigetiers war der
direkter Art Unmenschlichkeiten begangen wer- alten Welt noch überall wohlbekannt. So schildern
den. Welcher Mittel bedient sich in Goethes Faust die apokryphen alttestamentlichen Henochbücher
der Widersacher, nachdem er von Gott dem Herrn ausführlich die beiden Tiere aus dem Abgrund und
die Erlaubnis bekommen hat, Faust zu Fall zu nennen ihre Namen. Das aus dem Meer auf-
bringen? Auf der einen Seite ist er der Verführer, steigende Ungetüm wird Leviathan, das harte
der es zustandebringt, daß z.B. Faust Gretchen zweigehörnte Tier, das dem Erdboden entsteigt,

16
wird Behemoth genannt. Und das Hiobbuch läßt unserer unmittelbaren Gegenwart. Das Tier mit
den Weg der Prüfungen, die der Widersacher dem den 7 Köpfen und 10 Hörnern, das aus dem Meer
Gottesmanne auferlegt, in ‘eine wirkliche Begeg- aufsteigt, ist eine Widersachermacht, mit der der
nung mit dem Doppelantlitz des Bösen einmünden. Mensch in seinem Inneren, d.h. aus den Fluten
Hiob kommt schließlich an die Schwelle eines der Seele heraus, zu kämpfen hat. Da gerät er in
Tores, auf jeder Seite steht eine dämonische Ge- Gefahr, geistlose Seelie zu sein, d.h. bloß-
walt. „Kennst du den Leviathan? Aus seinem seelisch, ohne daß sein Seelisches vom Geiste her
Munde flammen Fackeln, feurige Funken schießen geleitet würde. Alle moralischen Verirrungen, in
daraus hervor. Aus seinen Nüstern quillt Rauch die der Mensch kommen kann, haben zur Ursache,
wie von heißen Töpfen und Kesseln. Sein Odem daß seine Seele nicht unter der Regie seines wah-
ist wie lichte Lohe.“ Die luziferische Macht kocht ren geistigen Ichwesens steht. Hier “waltet die
die Leidenschaften in der Menschenseele, sie bringt luziferische, diabolische Versuchung, der der
den Ehrgeiz und alle von der Erde wegstrebenden Mensch als persönliches Wesen ausgesetzt ist. Sie
Illusionen hervor. Aber sie verbraucht die Seele droht ihm von Leviathan, der aus den Fluten des
und macht sie schwach. Von dem, der sich dieser Unbewußten aufsteigt. Diese Gegenmacht, das
Macht der Überheblichkeit und des Egoismus über- Moralisch-Böse, hat man gewöhnlich im Auge ge-
läßt, wird es wie vom Leviathan heißen: „Sein habt, wenn man das Wesen des Bösen zu erfassen
Herz ist so hart wie ein Mühlstein. Vor ihm her versuchte. Viel zu wenig aber hat man das andere,
hüpft die Angst.“ Der Mensch ist immer nur aus das zweigehörnte Tier durchschaut. Es steigt ‚aus
Schwäche und versteckter Angst eitel oder macht- dem festen Land auf. Das heißt: es kommt .uns
gierig oder cäsarisch. Weil das Herz nicht stark aus den irdischen Dingen entgegen. Es mischt sich
ist, tut man sich groß. Wer innerliche Kraft be- hinein in Naturwissenschaft und Technik, in die
sitzt, kann auch still und bescheiden sein. Hiob Bemühungen der Menschheit, die irdische Sinnes-
begegnet aber auch dem andern, dem zwei- welt zu verstehen und zu meistern. Mitten aus den
gehörnten Tier: „Siehe da ist Behemoth. Seine irdischen Gegebenheiten steigt Ahriman, Behe-
Knochen sind wie eiserne Röhren, seine Gebeine moth, empor. Er ist die Macht, die den Menschen
wie eiserne Stäbe.“ Der kalte Widersacher wird zu einer seelenlosen Geistigkeit ver-
wie eine zermalmende Maschine beschrieben. Hiob, führen will. Ihre Auswirkungen haben wir heute
der alttestamentliche Faust, rechtfertigt das Ver- in unerhörtem Ausmaß kennengelernt. Alle bloße
trauen der Gottheit, die der bösen Macht erlaubte, Kopfmäßigkeit, die das Papiergeld erfindet und
ihn zu verführen. Durch die siegreiche Kraft seines Maschinen baut, bringt diese Gefahr mit sich. Ge-
Herzens wird dem Bösen der Stachel genommen. wiß, wir brauchen die Technik, wir können ihrer
Von Satan-Behemot kann es nun heißen: „Er ‚ist nicht entraten. Aber man ließ die ahrimanische
der Anfang der Wege Gottes.“ Die Begegnung mit Macht über den Menschen triumphieren, indem
ihm bedeutet zugleich das Hingelangen an die man die Technik in hemmungsloser Unersättlich-
Schwelle der geistigen Welt und der Gottesnähe. keit entwickelte, ohne daß sich der Mensch mit-
Hiob kann zur Gottheit sprechen: „Ich habe bis- entwickelte. Der Mensch steht schließlich ratlos
her nur mit Ohren von dir gehört, jetzt aber habe und versklavt da, von seinen eigenen Schöpfungen,
ich dich mit meinen Augen geschaut.“ dem Maschinentum, dem Organisationswesen, dem
Diese Schwellenszenerie durchzieht alle alten Bürokratismus, tyrannisiert. Erst durch bitterste
Mythologien. So sehen wir Odysseus auf seinen Erfahrungen muß er erkennen, wie er nur im:
Irrfahrten dahin gelangen, wo er zwischen Sceylla Gleichgewicht und in freier Entfaltung seines
und Charybdis hindurch muß. Hier handeltes sich Weseng leben kann, wenn er ebensoviel Innerlich-
um mehr als bloß eine von Felsen und Strudeln keit aufbringt, wie er Äußerlichkeit hervorge-
gefährdete Meerenge. Scylla und Charybdis sind bracht hat. Daß um uns her alles zusammenstürzt,
zugleich die beiden Tiere, die aus den Abgründen ist eine Folge davon, daß die sich überstürzende
emporsteigen, das eine aus dem Meer, das andere Zivilisationsentwicklung auf die Bahn der seelen-
aus dem festen Land. Die Edda, die Apokalypse losen Geistigkeit, der bloßen Klugheit geraten ist:
‚des europäischen Nordens, malt uns die beiden auf den Gebieten der Organisation, des Geldes,
Ausgeburten der Unterwelt als die Midgard- der Maschine, bis hin zur modernen Atomphysik
schlange, die mit ihrem feurigen Atem alles in und ihrer praktischen Anwendung; ohne daß be-
Brand setzt, so daß Muspilli, der große Weltbrand, merkt wurde, wie dies ebensogut ein dämonischer
entsteht, und als den Fenriswolf, die kalte Irrweg ist wie der der Unmoralität. Außer dem
reißende ‚Bestie, die schließlich sogar den Götter- Moralisch-Bösen gibt es das Sachlich-Böse, neben
vater ‚Wotan tötet. dem Persönlich-Bösen das soziale Böse.
Wann wird man anfangen, dafür Rechenschaft
4
zu fordern und Ausgleich und Heilung zu suchen?
Der Blick in das Doppelantiitz des Bösen läßt Man ist darauf bedacht, die moralischen Untaten
ans einen: Schlüssel gewinnen für die Probleme zu sühnen, die in der Richtung der Vertierung, der

17
TE
)
f

und
Und mit Recht. Wie aber wird usw., verlor: das Menschenleben seinen Wert,
Bestialität liegen. wie man es bestialisch
die Seelen schwach ge- man bemerkte nicht einmal,
die Macht gebannt, welche
macht hat, nämlich die Denkungsweise der mate- vernichtete. *

rialistischen Ära? In der materialistischen Welt- vom Doppelantlitz


Nimmt man die Erkenntnis
anschauung, die als wissenschaftlich gesichert gilt die Apokalypse in
ernst, wie, es. uns
und die bis in .die. Kirchen hinein zur selbstver- des Bösen

ständlichen Lebensgrundlage gemacht worden ist, Fortführung des Bildes vom michaelischen Kampf
so erkennt man, wie irre-
im .13. Kapitel zeigt,
ist die für unsere Zeit entscheidende Macht des
führend die traditionelle dualistische Denkungs-
Bösen wirksam. In früheren Zeiten hatten die
weise ist, die einfach Gut und Böse einander
Menschen mehr mit Luzifer zu kämpfen. Wir sind steht nicht das Gute,
Dem Bösen
in eine Zeit eingetreten, in welcher insbesondere gegenüberstellt.
die Auseinandersetzung mit der ahrimanischen sondern ein anderes Böses gegenüber. Und wo
Macht zu geschehen .hat. Wodurch wird sie voll- finden wir das Gute? Wir finden es als die goldene
zogen? Durch die’Befreiung des Denkens aus der Mitte, als das Gleichgewicht zwischen den Extremen
Seelenlosigkeit, der bloßen Kopfmäßigkeit, durch der beiden Gegenmächte. Deswegen hat der Erz-
das Ringen um ein vollmenschliches, geistig richtig- engel Michael die. Waage in der Hand. Die Formel
gestelltes Denken und Erkennen. Immer mehr von der goldenen Mitte, wie sie die griechische
wird eingesehen werden, daß in dieser Hinsicht Ethik geprägt hat, ist mehr als eine billige Lebens-
weisheit. Sie ist der Schlüssel zu den Mysterien
das Lebenswerk Rudolf Steiners eine michaelische
Leistung ‘ersten Ranges darstellt, eine kämpferi- des Moralischen. Man muß sich von Luzifer dienen
wir hätten ohne das Luziferische keine
lassen —
sche Errungenschaft, durch welche die Irrtümer —,
der materialistischen Weltanschauung an der Wur- künstlerischen Begabungen und keine Kunst
zel gefaßt und überwunden sind. Ein Weltbild, und man muß sich auch durch Ahriman dienen
t, lassen, denn wir brauchen Wissenschaft
und Tec-
welches die übersinnliche Welt nicht mitumfaß der Mitte stehen
allem der nik. Aber.der Mensch muß in
welches nicht berücksichtigt, daß vor
sozusagen nach beiden Seiten hin die Tiere
Mensch selbst ein übersinnliches Wesen ist, ist eine und
im einzelne n stimmen aus. dem Abgrund am Zügel halten. Auch dem
Lüge. Die Wissenschaft mag
es Rätsel des Bösen kommen wir nur durch eine
und großartigsie Ergebnisse. zeitigen. So wäre und Weltauffassung
töricht, zu leugnen, daß die trinitarische Denkungsweise
selbstverständlich Ge- :
Vererbungsforschung oder die moderne Atom- bei. Das allerdings noch ganz unentzifferte
der göttlichen Dreieinigkeit schließt uns
physik im einzelnen die phänomenalsten Ent- heimnis
alle Daseinsrätsel auf, auch das des Bösen. Welche
deckungen gemacht hat. Falsch und zur Lüge wird Weg
das alles, wenn gemeint wird, das sei nun schon Macht steht in der Mitte und läßt uns den-
Satan, zwischen Luzifer und
die Welt, und wenn nicht eingesehen wird, daß zwischen Teufel und
man so nur. an der Außenseite des Seins herum- Ahriman finden? Das Wort von. der „goldenen
die
buchstabiert. Wir alle tragen viel Erbmasse an Mitte“ ist selber Gold wert: in der Mitte ist
seien nichts Sonne des Geistes, das goldene Herz der Welt, der.
uns, aber wenn wir denken, wir
selbst. Und Michael ist der Erzengel der
anderes als unsere /eigene Erbmasse, wenn. wir Christus
und des Christus, weil’ er als der Diener des
nicht erkennen, daß in der vererbungsbelasteten Sonne
wahre Wesen des goldenen Gleichgewichtes die Dämonien überwin-
“jeiblich-seelischen Hülle erst das : .
hilft.
Menschen drinnensteckt, der geistige Mensch, der den Hörnern des siebenköpfigen
die Vererbu ng sein Was ist mit den 10
ein Sieger und Meister. über
gemeint? Was heißt es, daß das Tier aus
kann, wenn man zu der sinnlichen Weltbetrach- Leviathan
is des Übersinn lichen dem Meer mehr Hörner als Köpfe hat? Seine Ten-
tung nicht die Erkenntn zeigt an, daß die luziferische
denz zu Verhärtungen
hinzufügt, dann wird auch die geistvollste Wissen-
Lüge und’ Lebensve rfälschu ng. Die Gefahr es .nahelegt, an Vergangenheitsinhalten
schaft zur
festzuhalten. Der Mensch muß fort-..
ahrimanische Macht hat es im größten Stile fertig- und -kräften
der schrittlich sein und mit der Zeit gehen. Aber er
gebracht, daß die Menschen ‚die Außenseite
dann auch wieder nicht in das andere Extrem
Welt schon für die.ganze Welt halten. Das ist die darf
kalten und auf eine Weise fortschrittlich sein,
heutige Lage. Durch diese unbemerkten, verfallen
seine Seele nicht mitkommt. Das zweigehörnte
Dämonien, die sich in die Menschheitsverhältnisse daß Es
moralisc h Tier wird so geschildert, daß es Wunder tut.
hineingeschlichen haben, sind die Seelen Himmel fallen. Die ganze
z.B. Feuer vom
schwach gemacht worden. Es ist kein Wunder, daß läßt
Technik, insofern sie mit Elektrizität und.
auf den Spuren Ahrimans auch Luzifer eine reiche- moderne
auch mit Atomenergie arbeitet, besteht aus
Beute und Ernte findet. Das. bloß-äußere Wissen nun
sich solcher Kräfte, die
Wundern. Man bedient
ließ das Gewissen absterben. Innerhalb der-großen
nicht „von dieser Welt“ sind. Nur bemerkt man
\ maschinenartigen „Systeme“, in die man nach den.
Prinzipien der Technik das soziale Dasein hinein- nicht, .daß ‘man sie nicht durchschaut. Allerdings
„der totale Staat“, „der. totale..Krieg“ ist nicht die übersinnliche, sondern die untersinn-
zwang:

18
liche Welt, ‘der Abgrund, der Quellort dieser hervorragendes :Glied der menschlichen Gesell-
Kräfte, . s schaft sein; und doch ist er vielleicht unfähig zum
Am Schlusse des 13. Kapitels heißt es, die Zahl Alleinsein und zum. Stillesein. Trotz seiner impo-
des zweigehörnten Tieres sei 666. Die primitiven nierenden Geschäftigkeit ist er bemitleidenswert
„Auslegungen, die diese Zahl z.B. auf den Cäsar schwach und in Gefahr, sein Menschtum preiszu-
Nero deuten, bleiben weit zurück. In dem großen geben.
Atem und Schauens-Schwung der Apokalypse .be- Die goldene Mitte zwischen dem Hörnerprinzip:
zeichnet die Zahl 666 einen. spannungsvollen an der Vergangenheit zu kleben und sich. nicht
Augenblick in allen Werdeprozessen. Wir müssen trennen zu können von dem Bloß-Mitgebrachten,
1
sie in den Rhythmen, die nach‘ der Siebenzahl und zwischen der Zahl 666, die uns umtreiben will,
gehen, verstehen. Die Sechs ist immer die Zahl des das ist die Sphäre der wirklichen Frömmigkeit.
Endes vor dem Beginn einer neuen Runde. So ist Insbesondere diejenigen, die mit Maschinen oder
666 die Zahl vor 1000; sie hält den Augenblick mit.Elektrizität zu arbeiten haben, müssen wissen,:
fest, bevor das Werden in die Vollendung hinüber- daß sie des inneren Ausgleichs bedürfen gegenüber
springt. Warum ist nun 666 die Zahl Ahrimans, dem Abbauenden, dem sie ausgesetzt sind. Wie
des zweigehörnten Tieres? Weil eben gerade die will man den Ausgleich finden, wenn man als
ahrimanische Macht den Fortschritt ‚übertreibt.‘ moderner Mensch meint, man komme ohne Fröm-
D.h. da wird immer Tempo! Tempo! geschrien migkeit aus? Man muß aber den. Weg zu einer
und gesagt, es sei eine Minute vor 12 Uhr. Den Frömmigkeit finden, die dem modernen Menschen
Menschen wird Angst gemacht, und dadurch kommt, ehrlich möglich ist. Das ist die Frömmigkeit des
die ganze Hetzjagd des modernen Lebens zu- Ruhens in der goldenen. Mitte, in der Christus-
stande. Man glaubt, alles Mögliche zu tun, und Sphäre. Däs ist zugleich‘ die Sphäre des Michael.
versäumt das Naheliegende, nämlich Mensch zu Obwohl .es paradox erscheint: Ruhe zu pflegen, ist‘
sein, was man nicht kann, wenn man immerfort zugleich “die wirksamste Art, das Böse zu be-
im Betrieb ist. Daß die Zahl 666 die Zahl des kämpfen. Man muß nicht immer so kämpferisch
kalten Tieres ist, bedeutet nichts anderes, als daß, tun, wenn man den Geisterkampf bestehen will.
wo es wirkt, immer mit der Tempopeitsche ge- Aus dem Mutterschoß einer Friede-erfüllten Seele,
knallt wird. Aber die Menschen sind heute auch die wir uns durch Andacht und Frömmigkeit im
Gschaftlhuber, ohne daß mit der Peitsche ge- sakramentalen Sinn erringen, geht auch eine neue
knallt wird, weil sie nicht mehr über die Kraft der Moral hervor. Man kann wieder, was man will,
inneren Ruhe verfügen. So schwach sind die Seelen und bleibt nicht hinter seinen Vorsätzen zurück.
bereits geworden. Die Welt der ahrimanischen Die Seelen sind durch Ahriman schwach geworden;
Zivilisation, die alles übereilt, überstürzt, die den durch Frömmigkeit, durch .ruhevolles Atmen in.
Glauben an die Vielgeschäftigkeit erfunden hat, der „goldenen Mitte“ werden sie wieder stark.
macht die Seelen schwach. Und gegen diese Gefahr Das ist der Kampf, der heute zu vollführen ist.
wehrt man sich nur durdı planmäßig gepflegte Bevor die Offenbarung Johannis den. Kampf
Innerlichkeit, durch Andacht, durch Sammlung. Michaels mit dem Drachen beschreibt, heißt es im
Das ist die Mission des erneuerten sakramentalen letzten Vers des 11. Kapitels: „Der Tempel’ Gottes
Lebens, wie es in. der Christengemeinschaft ge- im Himmel tat sich auf, und es wurde sichtbar die
pflegt wird, daß der Mensch vor dem Aitare lernt, Arche des Bundes.“ Vor dem Altare des offenen
Zeit zu haben und sich der Suggestion der Zahl Tempels spielen sich die Kämpfe ab,:durch die der
666 zu enireißen. Dann ist das tausendjährige Sieg über die Mächte des Bösen errungen wird.
Reich nicht eine Angelegenheit der äußeren Welt, Die Welt des Altares im Hintergrund, werden
sondern der inneren Fähigkeit, die Kunst des auch wir imstande sein,‘ die Auseinandersetzung
Ruhens im Augenblick zu üben. Es kann einer in mit den Widersachermächten im christlichen Sinne
moralischer Hinsicht ein untadeliger Men&th, ein zu vollbringen.

Hat das Christentum noch eine Bedeutung für unsere Zeit?


Viele Menschen fragen heute in den verschieden- krankten Seelen- und Geisteslebens durchzusetzen?
sten Stimmungen vom Spott bis zur Verzweiflung: Die Freignisse scheinen seine völlige Bedeutungs-
ist denn seit der Begründung des Christentums losigkeit erwiesen zu haben.
die Welt besser geworden? Hat es nicht in unserm Daß das religiöse Leben seiner Weltaufgabe
Jahrhundert seine ganze Ohnmacht erwiesen? War nicht gerecht geworden ist, wird auch in christlichen
es imstande, die Katastrophen zu vermeiden, die Kreisen zugegeben, schmerzlich empfunden und
Unmenschlichkeiten des großen Mordens zu ver- mehr oder minder temperamentvoll geäußert. Ein
hindern? Hatte es auch nur die Kraft, sich als Blick in irgendeine kirchliche Zeitschrift kann diese
Richischnur gegenüber den Ausgeburten eines er- Stimmung in mannigfachen Variationen vermitteln.

19
Die Anhänger der radikalen materialistischen gilt sie auf diesem Lebensgebiet ebenso wie auf
Weltanschauung fühlen sich in der alten These be- jedem anderen. So ist die Vorstellung eines Be-
wußtseinswandels im Laufe der Zeiten dem gegen-
stärkt: „Religion ist Opium für -das Volk.“ Dieses
Rauschgift versetzt den Raucher in ein erden- wärtigen Denken und Empfinden völlig fremd ge-
fernes, traumhaftes Bewußtsein, in dem ihm Ge- blieben. Herrschend ist das unbewußte Vor-Urteil:
die Menschen waren immer so, wie sie heute auch
nüsse vorgegaukelt werden, die ihm das Leben
versagt. Dieser Zustand täuscht über die Mühen sind — nur nicht so gescheit!
und Entbehrungen des Daseins und über die Här- Dabei ist es gar nicht so schwer, sich von der
ten und Kanten der Wirklichkeit hinweg. Der Tatsache des Bewußtseinswandels eine Vorstellung


wenn auch nur in einer groben Weise.
ständige Genuß dieses Giftes macht den Menschen zu bilden;
an sich selbst. Sie
lebensuntüchtig. — Mit dieser Äußerung wird Die Erfahrungen macht jeder.
müssen nur in das rechte Licht gerückt werden:
Religion einem Laster verglichen, weil sie den Men- in drei verschiede-
schen seiner Erdenaufgabe zu entfremden droht. Der Mensch lebt auch heute
nen Bewußtseinszuständen. Am Tage wacht er, in
Nimmt man die kühlere überlegene Ablehnung zwi-
derer hinzu, die ihr der Nacht schläft er, in Zwischenzuständen
des Christentums von seiten
Denken an der modernen Naturwissenschaft orien- schen Wachen und Schlafen träumt er.
tieren, und die zersetzenden thevlogischen An- Dieselben verschiedenen Stufen des Bewußtseins
schauungen selbst, die der neueren Wissenschaft- lassen sich auch im Ablauf des Lebens beobachten.
lichkeit Rechnung tragen wollen, so hat man die In den ‘ersten drei Jahren befindet sich das
in einem Zustand, der dem Schlafe
gegenwärtige Krise des religiösen Lebens in ihrem kleine Kind
ist. Man kann sich später dieser Zeit
ganzen Ernst vor Augen. Da genügt kein kind- ähnlich
in den ehrwürdi gen christlic hen ebensow enig erinnern wie der Schlafenszeiten.
liches Beharren
mehr. Die Eine Art Erwache n tritt in dem Augenblick ein, in
Überlieferungen und Einrichtungen
Kind anfängt „Ich“ zu sich zu sagen. Bis
‚Frage nach den wahren Gründen dieser Krise muß dem das nur die Erinne-
zu diesem Zeitpunk te reicht auch
unerbittlich gestellt und gelöst werden. Zeitpunk t liegt, ist
Was vor diesem
Einen dieser Gründe kann ein Blick auf eine rung zurück.
enthülle n: alle Forme n in Dunkel gehüllt. Man kann davon, nur wissen
geschichtliche Tatsache
Berichte und Erzählungen anderer Men-
desreligiösenLebens,dieder Gegen- durch die “!
wart überliefertsind,stammen aus schen. Was sie uns-gagen, müssen wir „glauben
ein-
Zeiten,indenendasBewußtsein der Der Zustand, der sich nach diesem Erwachen
Dieser
stellt, hat etwas dem Traum Ähnliches.
Menschheitvölliganders war, als es
heuteist. Hinduismus und Buddhismus, Juden- Traum erstreckt sich über die weitere Kindheit
tum und Mohammedanismus, das Christentum in und Jugend. Er geht allmählich in jenes Wachen
seinen verschiedenen Ausprägungen östlicher und über, das für das heutige Tagesbewußtsein kenn-
westlicher Art, auch der Protestantismus als bis- zeichnend ist. Wer rückschauend sein Leben sorg-
t
her jüngste Form christlichen Lebens mit allen fältig beobachtet, weiß, daß die volle Wachhei
Was
seinen Abarten — sie alle tragen dem gewaltigen erst um das 35. Lebensjahr herum eintritt.
Umschwung, der sich im menschlichen Bewußtsein hier in Kürze behauptet wird, kann jeder an
seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts vollzogen seinen eigenen Erfahrungen nachprüfen.
hat, keine Rechnung. Nun spiegelt sich aber näch einem heute eben-
Man vergleihe nur einmal Stimmung und falls schon anerkannten Gesetze im einzelnen
Lebensführung und damit auch die Bewußtseins- Menschenleben und seiner Entwickelung der Gang
haltung der Goethezeit mit der unseren: keine der ganzen Menschheit. Das wache Tagesbewußt-
Eisenbahn, kein Telephon, kein Radio, kein Kino, sein der Gegenwart ist das vorläufige Ergebnis
keine Fabriken! Man hatte Zeit, ausgedehnte dieser Entwickelung. Je weiter man in der Ge-
schlaf-
‚Briefwechsel und Tagebücher zu führen. Besinn- schicht@ zurückgeht, desto traumhafter und
ist das Menschheitsbewußtsein jener
lichkeit war Lebenselement der Seelen. Wer dies ähnlicher
\
zu durchfühlen versucht, kann deutlich verspüren, Epochen.
wie anders damals das Bewußtsein der Menschen Ein Beispiel mag das verdeutlichen. Jeder weiß
war. Und je weiter man zurückgeht in den Zeiten, aus seiner Erfahrung, daß der Traum die Eigen-
desto größer wird der Unterschied. Ein intim beob- tümlichkeit hat, Vorgänge der Außenwelt in Bilder
n
zu verwandeln. Man träumt, in einem Feuerofe
achtender Gelehrter, wie der Kunsthistoriker Her- man fest, daß man zu
nd stellt
mann Grimm, fühlte sich zu dem Ausspruch ge- zu sein. Erwache
drängt: die Römer könne man zur Not noch ver- schwer zugedeckt war und daher'in Hitze geraten
Stuhl
stehen, eine Erscheinung wie Alkibiades aber sei ist. — Oder: der Lärm, den ein umfallender
verursacht, kann im Traum eine umfangre iche dra-
unverständlich wie ein Märchenprinz.
Die Idee der Entwickelung ist dem modernen matische Handlung hervorzaubern, die mit einer
Weltbetrachten geläufig. Aber auf das menschliche Schießerei endet. Und was dergleichen Möglich-
keiten mehr sind. ö
Bewußtsein wird sie nicht angewendet. Und doch

20
Wendet man diese Erfahrung auf Zeiten an, in dogmatisch an Glaubens- und Bekenntnisinhalte
denen die Menschheit die Welt träumend erlebte, gebunden werden, sondern mit der Kraft seines
dann löst sich manches Rätsel, das ohne diesen Denkens in die religiöse Wirklichkeit, z.B. auch
Schlüssel nicht lösbar ist. Wer käme wohl heute ‘der Bibel, hineinwachsen.
auf die Idee, eine bestimmte Gruppe von Sternen Es verlangt, daß der.durch die Entwickelung
als „Fische“, „Löwe“ oder „Stier“ zu bezeichnen, zum wachen Bewußtsein in die Vereinsamung ge-
wie es die Alten taten? Die ausschweifendste ratene Mensch den Zusammenhang mit seinen
Phantasie kann das nicht ersinnen. Auf den älte- Mitmenschen, d.h. die Gemeinschaft wiederfinde,
sten Sternkarten aber werden vor allem die Bilder ohne dabei seine Freiheit einzubüßen.
des Tierkreises dargestellt, während die physisch- Kann das religiöse Leben diese Forderungen
leuchtenden Sterne, die wir einzig und allein erfüllen?
sehen, ganz in den Hintergrund treten. Wenn die Nur wenn diese Frage bejaht werden kann, kann
Menschen der Vorzeit zum Himmel aufblickten, es auch die nach der Bedeutung des Christentums
dann sahen sie ihn aus ihrem traumhaften Bewußt- für unsere Zeit werden. Andernfalls werden die-
-sein heraus in jenen Bildern, die durch Überliefe- jenigen Recht behalten, die das Christentum für
rung auf unsere Zeit gekommen sind. Unsere An- überlebt erklären, und es aus dem gesunden
schauung hat sich seither verändert, weil unser Be- Drange nach etwas 'Neuem als veraltet und
wußtsein nicht mehr im Traume reaktionär ablehnen.
webt, sondern
wach geworden ist. Nietzsche nannte jenes das Friedrich Rittelmeyer verleiht diesem Gedanken
„mythologische Bewußtsein“. einmal mit den Worten Ausdruck: „Wenn heute
Alle Formen religiösen Lebens, das Christentum abgelehnt wird, so ist es das
christliche und nichtchristliche, Christentum der Vergangenheit. Dies allein meint
stammen aus den Zeiten dieses man. Denn dies allein kennt man. Dies Christen-
mythologischenBewußtseins. Nur der tum bringt allerdings nicht die Antwort auf die
Protestantismus ist in jener Zeit entstanden, in Fragen der Zeit und nicht die Erfüllung für die
der das gegenwärtige Bewußtsein sich herauszu- Bedürfnisse der Gegenwart.“
bilden begann. Luther selber stand noch mit Anhänger und Gegner des überlieferten Chri-
einem Teil seines Wesens in dem alten Bewußt- stentums stehen in einer entscheidenden Frage
sein darinnen. Man denke nur an seinen Kampf auf demselben Standpunkt, so widersinnig das
mit dem Teufel auf der Wartburg, der völlig un- klingen mag. Sie leben in demselben Vor-Urteil,
erklärlich bleiben muß, wenn: man dies nicht be- das gegenüber dem Bewußtseinswandel herrscht,
rücksichtigt. auch gegenüber dem Christentum: sie glauben
Haben also diejenigen so ganz und gar unrecht, nicht daran, daß der Entwickelungsgedanke auf
die sich gegen religiöse Formen sträuben und dasselbe Anwendung finden könne.
wehren, die längst vergangenen Bewußtseins- Die verschiedenen christlichen Gemeinschaften
zuständen entstammen? Sie fühlen dumpf, daß halten die Form, in der sie das Christentum be-
Traumhaftes an sie herangetragen wird. Sie wahren, für die einzig richtige, -einzig mögliche
"lehnen es ab, weil sie wache Erdenmenschen sein und vor allen Dingen für die letztgültige. Sie sind
wollen. Sie wollen sich nicht einlullen und über es selber, die die Gegner zu der Auffassung ver-
die harte Wirklichkeit hinwegtäuschen lassen. führen: mit dem Christentum sei es zu Ende.
Man muß schon anerkennen, daß in gewisser Beiden muß entgegengehalten werden: das Chri-
Weise etwas Berechtigtes in der Formel „Opium stentum steht in den allerersten Anfängen seiner
für das Volk“ enthalten ist. Entwickelung, und die seit seiner Begründung ver-
Wem es um die Religion und das Christentum flossenen neunzehnhundert Jahre sind nur der
ernst ist, muß sich die Frage stellen: welche gewaltige Auftakt seiner zukünftigen Größe und
Forderungen erhebt das moderne wache Bewußt- Wirksamkeit.
sein dem religiösen Leben gegenüber, die erfüllt Die bestehenden Formen werden ganz gewiß
werden müssen, damit es wieder zu Bedeutung ihre Bedeutung für große Teile der ‚Menschheit_
gelange? noch weiterhin behalten, denn die Bedürfnisse
Fs verlangt solche Formen und solche Sprache der einzelnen Seelen sind über die Erde hin sehr
des Kultus, die sich an das wache Bewußtsein wen- verschiedene, und nicht alle stimmen mit den Ber
den und es nicht zum Traume herabdrücken, d.h. dürfnissen der Zeit überein.
es darf keinerlei suggestive Wirkung ausgeübt Das Christentum selbst aber hat die Kraft, für
werden, die in früheren Zeiten berechtigt war. jedes Zeitalter, also auch für das unsere, neue Ge-
Es verlangt eine solche Richtung des Strebens, staltungen seiner selbst hervorzubringen. Das er-
die den Menschen nicht der Erde entfremdet, son- weist sich heute und wird sich in alle Zukunft
dern erdentüchtiger macht. erweisen, so\oft die Weltenstunde schlägt.
Es verlangt, daß die Freiheit des Individuums Das überlieferte Christentum richtet sein
anerkannt und gefördert werde, d. h., es-will nicht Augenmerk in erster Linie auf das Seelenheil der

N 21
-
Menschen. In die Zukunft hinein wird ich immer kennt und seine ewige Erneuerungskraft, darf
-mehr enthüllen, daß -es außerdem da ist zum sagen: Ja, das Christentum hat noch Bedeutung
Weltenheil und Welten fortgang, und daß für unsere Zeit, und es wird seine Bedeutung
es Ausschau hält nach Herzen, die für seine immer mehr und mehr beweisen zum Heile der
Weltengröße und Erdenaufgaben schlagen. Menschheit und zum Heile der Welt.
Nur wer die ewige Jugend des Christentums Otto Palmer

.. Bekenntniszwang oder Bekenntnisfreiheit


Kann eine religiöse Gemeinschaft Bestand 'neun gewaltige Engelchöre ihre alien
haben ohne ein allgemein-verpflichtendes Be- Aufgaben erfüllen, wie sie die Menschen des Ur-
kenntnis? Wir erleben heute, daß der Konfessio- christentums in diesem Worte erlebten? Für uns
nalismus sich verstärkt und verfestigt. In den ver- ist der Himmel eine nebelhafte Ferne, unter der
-gangenen Kampfjahren des Christentums waren wir uns nicht viel vorstellen können. Und so
es gerade die Bekenntnis-Christen, die sich gegen könnte man an verschiedenen Beispielen klar-
die verwirrenden’und verführenden Parolen des machen, daß der Anspruch, man habe noch das
Staates fest um die Glaubensinhalte scharten, um altchristliche, durch viele Jahrhunderte _unver-
standzuhalten. Aber 'ist dadurch die innere änderte Bekenntnis, eine bloße Behauptung ohne
lebendige Beziehung zu dem Inhalte der Bekennt- Wahrheitsgehalt ist.
nisse stärker geworden? Ist jene seit langer Zeit In der geschichtlichen Folge der Bekenntnisse
währende Schwierigkeit des denkenden Menschen selber aber liegt schon ein Beweis, wie dem sich
dem Bekenntnis gegenüber behoben, wenn man verändernden Bewußtsein der Menschen in den
heftiger als vorher von ihm eim „Crede quia ersten christlichen Jahrhunderten Rechnung ge-
#

„absurdum est“, „glaube es, gerade weil es-denk- tragen werden mußte. Wer das ältere einfache
unmöglich ist!“ verlangt? Doch wohl nicht. Und im Protestantismus übliche sogenannte apostoli-
tägliche Erfahrung bestätigt uns, daß die Men- sche Glaubensbekenntnis mit dem in der katholi-
‚schen unserer Zeit sich mit den Glaubensinhalten schen Messe gebeteten NicaenoKonstantinopoli-
.der christlichen Kirchen einfach nicht mehr ehr- tanum vergleicht, wird dies bestätigt finden. Viele
lich verbinden können, auch wenn sie es wollen. dogmatische Streitigkeiten der Zwischenzeit fan-
Alle Versuche, die Gemeinschaft auf das Fest- den in diesem ihren Niederschlag. ‚Vieles mußte
halten an den „altehrwürdigen“. Bekenntnissen verdeutlicht, erweitert werden, weil die Men-
zu begründen, gehen von einer falschen. Voraus- schen es nicht recht mehr begreifen konnten.
setzung aus. Nämlich der, daß das -mensch- Anderes aber verschwand; weil die Kirche diese
liche Bewußtsein im Laufe der- Jahrhunderte Dinge nur noch im Geheimen halten wollte. So
im wesentlichen dasselbe. geblieben sei. Wir fehlt: der Satz: „Niedergefahren zur
‚werden ‘mit unserer ganzen Betrachtung der Hölle.“ Der wurde gestrichen, weil-man immer
Menschheitsgeschichte immer wieder scheitern und mehr den kosmischen Charakter der Christus-
nicht finden, was uns in der Gegenwart zu ge- wesenheit und seiner Erlösungstat in den Hinter-
stalten obliegt, wenn wir nicht endlich diese irrige grund treten ließ und es vermied, anschaulich von
Ansicht überwinden. Freilich haben Einrichtungen, .der übersinnlichen Welt zu sprechen: \
die an einer für vergangene Zeiten gültigen Art Zur selben: Zeit aber trat in den Vordergrund
der Menschenführung festhalten wollen, alles der Glaubenszwang, das unbedingte Festlegen
Interesse daran, die Einsicht in den Bewußtseins- der Gläubigen auf die gültigen Formulierungen.
wandel der Menschheit zu verhindern. Doch liegt Wie ist es entstanden? In der Zeit unmittelbar
gerade durch die Forschungen der neuzeitlichen nach dem Mysterium von Golgatha, der Zeit der
Geisteswissenschaft Rudolf Steiners ein so um- ersten christlichen Gemeinden, traf. die christliche
fassendes Erkenntnismaterial zu dieser Frage vor, Verkündigung ‘auf Menschen, unter denen viele
daß nur der in Vorurteilen Befangene, sich ihm noch ‘Reste des ursprünglichen Hellsehens: be-
verschließen kann. saßen. Wir müssen uns vorstellen, daß unmittel-
Es ist völlig irrig, anzunehmen, daß, wenn wir bare Erlebnisse der Gegenwart des auferstandenen
den Wortlaut der alten Bekenntnisse festhalten, Christus bei den schlichten Abendmahlsfeiern der
wir auch dieselben Vorstellungen damit verbinden Urgemeinden nicht selten waren. Auch wirkten
könnten wie die Menschen, unter denen sie ent- die Apostel, die ihn ja gekannt und erkannt
-standen sind, und daß-sie für unsere Seelen die- hatten, oder ihre Schüler. In diesen ur brauchte
selben Wirkungen haben könnten: Welchem heuti- man kein Bekenntnis.
gen Menschen ist, zum Beispiel, wenn er das Wort Die Fähigkeit übersinnlicher Erlebnisse sw
Schöpfer des Himmels ausspricht, jene in sich mehr und mehr. Es entstand der Versuch, mit den
reich gegliederte geistige Welt gegenwärtig, in der Begriffen alter, aber abstrakt gewordener Myste-

22
zu
die Lehre des ‚Christentums zu er- geben habe, um ihn auf ewig unglücklich
rienweisheit n wir
in der Gnosis mit ihrer Tiefe, aber machen, so müssen wir fortfahren: Glaube
der mit
wirklich, daß Christus den Menschen, der sich
fassen,
us-
auch ihrem Versagen der Fülle. der Christ so muß er
und ihren Abirrungen ihm verbindet, durchdringt ünd heilt,
Frscheinung gegenüber krank ist, und das
auch alles, was in ihm sünden
seinen Niederschlag fand. u
verwandeln
ist ja vor allem’ das Erkenntnisleben,
‘Noch war für lange Zeit die Fähigkeit selbstän- erden Menschen errettet, dann
die können. Wenn
digen Denkens nicht vorhanden; da mußte Dies aber ist ein langsamer Pro-
den Gläubi gen feste Vor- den ganze n.
Autorität der :Kirch e Menschen
zeß. Und der ist bei jedem einzelnen
stellungen vermitteln, an die sie sich halten muß man ihn freilassen,
Aber ieden. Darum
konnten. Das war die Zeit der Bekenntnisse.
versch
, daß
seiner Entwicklung zu folgen. Wer leugnet
hinter ihnen stand die lebendige Autorität großer
der Mensch einen inneren untrüglichen Wahr-
religiöser Führer. Wenn ein heiliger Ambrosius,
heitssinn besitzt, der nur jetzt getrübt und ver-
der Lehrer Augustins, oder auch noch ein Bern-
oder Franziskus predigten über einen dunkelt ist, der leugnet das Wirken des heiligen
hard soll, in
Glaubens, so spürte jeder, der das Geistes, der uns in alle Wahrheit leiten
Artikel des sollen
en die Wahrheit, die uns frei macht. Dahin
"hörte: Du darfst dies ruhig von diesem annehm
die Menschen geführt werden. Und wer das
"und es glauben, dieser weiß es. Solche Erleb-
Denken vom religiösen Leben ausschließen will,
nisse fallen heute im allgemeinen fort. Wir spü-
die Lehrer der Kirche ebenso hilflos den der muß sich den Verdacht gefallen lassen, daß
ren, daß mit
selbst. er den Menschen in Unfreiheit halten und ihn
Glaubensinhalten gegenüberstehen wie wir \
dem Dogma beherrschen will.
Inzwischen ist aber mit dem Beginn der Neu-
Er- Allerdings genügt nicht die bloße Forderung
zeit das persönliche Erkenntnisbedürfnis und ‚schon
en ‘nach Glaubensfreiheit, sondern man muß
kenntnisbemühen heraufgezogen. Die Tatsach lismus, der das Denken der Neuzeit
om- Materia
der .Welt'werden nicht mehr einfach hingen
‘dem
ihn
Zu- ergriffen hat, gründlich zu Leibe gehen und
men, wir wollen sie begreifen, in ihren h geistg emäße Methoden überwin-
einordn en. In den durch wirklic
$ammenhängen sehen und sie s
den. Und da finden wir eben im ganzen Umkrei
‘Seelen der: Menschen ist die Sehnsucht nach lebens nirgend s eine solche
einem einheitlichen Weltbild ‚entstanden. Sie des modernen Geistes
g des Erkenntnjslebens
empfin den es als unwahr haftig, Glaubens- und "umfassende Neugestaltun
Anthro posoph ie Rudolf Steiners. Da
Vernunftwahrheiten zu trennen. Die Tatsache, als in der
ndi- aber die Christ engeme inscha ft. Bekenntnis- und
daß zuerst die Denkkraft sich nur am Unlebe voll verwirk licht, so wird auch die
'Lehrfr eiheit
gen entfalten konnte, daß sie ins Abstrakte ab- chaft nicht zur allgemeingültigen
d wirkte, darf uns Geistes wissens
glitt und so vorläufig ertöten ische
h- Lehre erklärt. Sie kann von jedem als theolog
nicht‘ veranlassen, ihr jede Entwicklungsmöglic studier t werden, 'ohne daß er die
ige Grundlage frei
keit, auch das Lebendige und das Göttlich-Geist sse der Geistesforschung un-
ja in Goethe s einzeln en Ergebni
zu erfassen, abzusprechen. Zumal so,
’ ‚bedingt schon anerkennen muß. War es bisher
„anschauender- Urteilskraft“ und ihrer exakten usse tzun g der
tho- daß das Bekenntnis die Vora
Fortbildung in Rudolf Steiners Erkenntnisme
Weg dazu aufgez eigt ist. Der Mensch Zugehörigkeit zur Kirche bildete — und dies war
den ‘der so
von in vergangenen Zeiten durchaus berechtigt —,
uriserer Zeit lehnt ein bloßes Fürwahrhalten Gemeinde
ab. Wenn er ganz instinktiv müssen wir heute sagen: Lebe in der
'höheren Wahrheiten von
des Christus-Jesus; laß dich durchdringen
oft von einem Verkünder des Christentums sagt: wird allmäh-
seiner Kraft, und auch dein Denken
Der glaubt ja selber nicht, was er sägt, so meint so lebendig. werden, daß du die
denken, lich. so geheilt,
er eigentlich: Derkannjanicht
großen Wahrheiten über die Gottes- und Erden-
was er glaubt. Und das ‘will er nicht mit- des
ns- welt, über den Christus und die Erlösung
machen. Darum steht ihm die bloße Glaube en lernst, daß sie dir inner-
t man heute- eine Ge- Menschen voll begreif
forderung: so fern. Gründe die
ei- aufleuchten. So wird das Bekenntnis
meinschaft auf die Bekenntnisforderung, so
lich
entwed er die Mensch en zur Oberflä ch- Folge sein deiner Zugehörigkeit zur Kirche;
zieht man
so aber spielt es eine große und wichtige Rolle im
lichkeit, indem sie die Glaubensinhalte einfach
, was Meditations- und Gebetsleben des Christen.
annehmen und sagen: Es wird schon stimmen
lehrt. Oder aber man stürzt die Wie aber wollt ihr die Gemeinschaft zusammen-
‘die: Kirche jemand einwenden, wenn jeder
indem sie halten, kann hier
Ernsteren in schwere Seelenkonflikte,
daß- die: Gnade der göttlichen Welt glauben darf, was er will?
empfinden, bewußten
wieder “ Der gemeinsam geübte Kultus, vom
ihnen sehr fern sein müsse, weil sie immer de getragen,
in Schwierigkeiten geraten mit dem einen oder Mithandeln und Mitleben’ der Gemein
e
er verbindet uns. An ihm kann jeder nach Maßgab
anderen Glaubensartikel. Wenn Lessing meint, Möglich keiten teilneh men, und doch
seiner inneren den
könne nicht glauben, ‘daß Gott dem-Menschen Weg
ge- ist er für alle derselbe. Dabei wird der neue
edelsten der Triebe, den Trieb nach‘ Wahrheit
23
klar beschritten: jede Einzelheit der Symbolik, leicht zu begreifen, daß hier eine grundsätzlich
der ganze Gang der heiligen Handlung soll vom neue Einstellung besteht gegenüber der Art der
Verstehen getragen sein. Der Zusammenhang mit Seelenführung, wie sie bisher geübt wurde in der
ge- mehr die Autorität der Institution,
dem übrigen Weltgeschehen soll immer mehr Kirche. Nicht
auf-
'ge- der man sich blind unterwerfen muß, wird
funden werden. Es wird eine Naturerkenntnis Gemein-
nicht ausschließt, gerichtet, sondern die brüderliche, freie
übt, die den Sakramentalismus
schaft derer, die den Christus als Führer er-
sondern in sich begreift. So wird der Gefahr des
Gerhard Klein
dumpf-magisch Wirkenden begegnet. Es ist viel- kennen.

Erfahrungen und Prüfungen


Aus Kriegsbriefen eines deutschen Studenten gehen kann, ist der Zwiespalt zwischen innerstem
Wollen und aufgezwungener Verpflichtung, —
Rußland, Ostersonntag 1944 nicht nur für meine Person, sondern für die ganze
Es sind keine frohen Ostergedanken, mit denen Sache: Muß man, um den territorialen Bestand
ich heute den Tag beginne. Es hat mich der ent- Deutschlands zu verteidigen, zum Barbaren wer-
setzliche Abscheu vor dem Krieg mit aller Ge- den...? Ich kann mich nicht dazu durchringen,
walt ergriffen — ekelhaft. Daß der Mensch zu all suche und finde aber innerste Hilfe in Christus,
dem fähig ist, erniedrigt ihn tief. Welche Ziele mit dessen unangetastete Höhe gegenüber einer Welt,
auch immer erreicht werden, es die die Höllenfürsten ungeniert in Form von
diesem Morden
nden
kann nur Finsternis und Chaos in den Seelen ver- Schlachtflugzeugen, Panzern, irrsinnig schieße
.. Wie schön kann ein Mensch im Tode zum Schaupl atz ihrer bellende n, krachenden,
breiten. MG
Ben-
sich verklären, wie häßlich aber verläßt ihn sein knatternden, brummenden, nach Pulver und
im Krieg. Ich habe in den wenigen Tagen ge- zin stinken den Gespräc he machen können, aufs
Leib
g willen, ich bete wunderbarste hervortr itt. Der Hexenz auber der
nug erlebt um der Erfahrun
heute, daß ich nicht allzulange in diesem inneren Schlacht mit dem häßlichen Tod hat immerhin den
h fin-
Zwiespalt zwischen eigenem Wollen und erzwun- Reiz, einem eigentlich von außermenschlic
genem Müssen hier mittun muß. Es gibt ja manche steren Mächten, die sich der menschlichen In-
Möglichkeiten dazu. Wohl wünsche ich mir ein an- stinkte aufs raffinierteste bedienen, gestalteten
deres Ende als in diesem unwürdigen Kriegsthea- Geschehen unmittelbar zuzuschauen. Am liebsten
bei
ter; wenn es mir aber bestimmt ist, dann sage liege ich an einem schönen Übersichtspunkt
befreit bin von den mich schwer eigener Eingrei fverpfl ichtung und be-
Dir, daß ich nun geringer
belastenden Abwegen... Christus ist auferstan- trachte das Höllentheater, über dem die Lerchen
den — wie heißt es noch auf russisch? wie Totenvögel zwitschern oder durch das Meister
April 1944 Lampe mit angelegten Ohren erschreckt hindurch-
rennt — aber die Auswirkungen im Menschen-
... Heute sind alle Zivilisten aus dem Dorf hier bereich, wo Familie, Haus, Hof, Tier, Feld und
vertrieben worden. Es gab viel Tränen... Ja, ich Nahrung, wo auch Frömmigkeit und Liebe und
vergleiche diesen Krieg hier mit meinen Erleb- stille Arbeit und Besitz etwas gilt, das Chaos und
nissen am Eismeer und fühle mich doch weit auf- entsetzliche Leid der zivilen Bevölkerung zu
geschlossener für das Unterirdische, Chaotisie- sehen, bringt mich zu Tränen. Ich frage mich dann,
rende, Entsetzliche des Geschehens. „Wahnwitz“ ob es denn so schwer sein kann ... die Völker ein-
ist das zutreffende Wort, denn das Barbarische ander zu verbinden, und empfinde den Haß, den
der Waffen und Sprengmittel entbehrt auch nicht alle Kriegführenden sich zuziehen als die Voll-
des Komischen, ja vollendet Lächerlihen — strecker des Entsetzlichen, wie einen persönlichen
immer wieder denke ich an die Zeilen aus Unke- Vorwurf, unter dessen brennendem Recht man
punz: au
einfach nicht mehr weiterleben kann und darf.
Eine Schnur um deinen Hals Am Ende ist’s ein ins Innerste dringender Appell,
schnürt dein Wesen keinesfalls Gutes zu tun und den Menschen etwas zu sein. Ich
aus der harschen Luft des Alls, bin auch froh, daß es doch immer sehr wahrschein-
und im Kopf ein Projektil lich ist, vom Schlachtfeld bald erlöst zu werden —
sagt im Grunde auch nicht viel... Tod, Krankheit, Verwundung, u. U. das Schwerste:
Gefangenschaft — aber nicht mehr das grausige
Handwerk... K.M.
Alles fußt auf dem durch die Naturwissenschaft
erzeugten Materialismus, sowohl das Raffinement
moderner Vernichtungskolosse, wie auch die Mei-
Aus Kriegsbriefen an einen jüngeren Freund
nung, durch den Tod „auszuschalten“. Meine April 1941. Jeder Zivilist muß für uns
ganze Pein, die bis ins kaum mehr Erträgliche Feldgraue mittätig-fleißig sein, denn unsere Zeit-
z

24
Opfer sind’doch ganz immens. Wir wollen trotz- Tagen nicht malen, aber es glüht mir auf den
dem heitef/bleiben, wenn wir auch grau- und weiß- Fingern, einen Moses vorm brennenden Dorn-
haarig dabei werden müssen, wie es eben busch zu wagen. Das führt in die Welt gewisser
kommt... \ - Urklänge oder Urmotive, was alles so nahe bei-
Juni 1941. Kannst Du eine slawische Sprache? einander liegt.. Die Gefallenen helfen wirklich
Erstaunlich, welche andere Welt bereits in Polen: dabei. Sobald man sich auf sein wahres Sein be-
beginnt. Fs ist der Anfang Asiens..., unterster sinnt, sind sie da. Ich kann nur noch ganz be-
Himmel. Welches waren die Träger der esoteri- glückt schweigen hierzu, da ich sehe, daß dieser
ver-
schen Strömung im nahen Osten? Wer ist eigent- Umstand auch Dir im Grunde real und ganz
lich der Goethe Rußlands? Welch unermeßlich e traut ist.
Aufgabe: jetzt, den Osten von unserer Mitte aus Oktober 1943. Es ist so: Wenn ein
gibt es da genug Arbeiter Mensch auftaucht, dann ist’s, als ob eine Sonne
geistig zu ergreifen —
nur
oder müssen wir versagen? Mir fehlen die Worte, mehr am Leuchten sei. Die andern sind
denn ich bin bange gegenüber dieser Situation des Wolken. Aber da wieder gibt’s Offenbarungen im
Geistes... Wolkensein. Also Wunder die Fülle. Aber ein
Oktober 1941. Hier außen ist man zu Zu- wirklich als Mensch veranlagter Mensch ist heute
kunftsblicken reichlich veranlaßt. Nur kann man das tatsächlich-kaum mehr Ersetzbare. Von diesen
der
sich nicht immer genug dazu ins Leibfreie erheben. durch den Tod viel verloren zu haben, ist
n
Aber mir ist, als sei die Nabe des Weltenrades Schmerz dieses Herbstes bei meiner gegenwärtige
worden Truppe in Rußland. Aber das Erhabene ragt dazu
noch nie so rasend im Schwunge gedreht
der
wie jetzt. Setzt sich doch das Dasein aus lauter auch herein. Könnten nur alle so ein Körnlein
ringsherum ausgesäten . Todesaugenb licken zu- Unsterblichk eit und der Auferstehung skraft füh-
sammen oder doch aus Vorbereitungen zum Be- len, wie es infolge der Kampfeinsätze hier mög-
gehen der Schwelle. Ja, alles andere gilt sozusagen lich wird... Zum Arbeiten in der Stille ist fast
nur noch halb. Man braucht nichts mehr dazu zu keine Gelegenheit — man muß Gedanken halten,
sagen, weil es alles viel zu eingreifend-erschütternd wenn sie sich erblicken lassen und auf den Stirnen
durch sich selber ist... Und wie ganz in sich leuchten. Wenn Kameraden das dann merken, so
hineingeschockt ist jede Seele. Es ist wie bei den stellt sich der tiefere Sinn ein, um dessentwillen
Schächern am Kreuz: „Was lästerst Du jenen, so vieleicht hier zähe durchgehalten werden muß...
Du doch in derselben Verdammnis bist wie er.“ So November 1943. Vorgestern war der
weit war’s damals schon gekommen. Auch heute: Jahrestag meiner Priesterweihe... Im übrigen
fast wie das Leben Gekreuzigter unter sich: so ist's wohl wirklich wahr, was ich bei unserem
dicht'ist man aber auch damit schon an die Auf- Eduard Lenz gelesen: Man lernt jetzt vieles, was
erstehungen herangerückt. offensichtlich schon für kommendes Lebensdasein
Juni 1942. Das Persönlichste ist, daß ich zu lernen ist, was im Gegenwärtigen weder aus-
male. Um die Osterzeit ging’s damit los. Erst eine genützt noch angewandt werden kann. Hat man
alte Zwiebelkirche von 1523, dann nach einer das erst einmal wirklich bemerkt, dann ist zu
Ikone Studien zu Michael, dann vielfach Abwand- staunen, von wievielen Obliegenheiten man dieses
lungen zum Ereignis in Bethanien mit Lazarus, sagen muß...
dann Gethsemane, anschließend Versuche zu Januar 1944.. Im Hinblick auf die welt-
Orpheus. Dazwischen große Köpfe: erst nach berühmt gewordenen Repräsentanten des Ostens,
einer jugendlich schlafenden Holzmaske meines die Wolgaschlepper, scheint mir hier eine histo-
Fliegerfreundes F. M., dann nach einem byzantini- rische Vorausarbeit zur Begünstigung des Nihilis-
schen Kuppelmosaik Christushäupter, im Urlaub mus zu liegen: der chroniscıe Mißbrauch von ge-
im Gebirge ‚schlossen sich dann Garten- und Berg- spendeter Demut, Hingabe, Opferbereitschaft und
bilder an. Meine Methode ist dabei ganz simpel. verwandter Qualitäten mußte die Rache des
Ich drehe das Motiv nach allen Seiten, und so Genius der menschlichen Wesenheit heraufbe-
entstehen jeweils längere Zyklen von Blättern. schwören. Man kann nicht ohne Gewitterfolgen
Nur so kann es gelingen, den Inhalt einer Sache das Niveau des Charakters schänden. Dies durch-
ganz. auszuschöpfen. Wenn nichts dazwischen- zufühlen, ist an Hand von eigenen schweren Stra-
kommt, steigert sich ein Motiv sogar bis zu pazen gerade im unersättlichen Osten eine Quelle
40 Variationen. Nebenher habe ich den Pegasus von Wahrnehmungen.
geritten und einen zweiten Teil zur Alkestis des Palmarum 1944. Zu den tiefgreifenden
Euripides verfaßt... \ Lebenserfahrungen der nächsten Zeit wird bei
Dezember1942. Von den Kriegserschütte- uns allen der geistige Aspekt von Essen und
rungen meines engen‘ Dunstkreises ausgehend, Trinken gehören müssen: Frinnere Dich an das
strebe ich nach dem geistigen Tenor, oder besser Gleichnis vom Jüngsten Gericht: „Haben wir nicht
nach der Dominante — und ende schließlich. bei in Deinem Namen zu essen gegeben, zu trinken
einem Bibelgeschehen. Leider kann ich in diesen gegeben...“ Entscheidend ist zunächst, ‘durch

25
Stillung der Leibesnotdurft das Herabsinken der messen, daß fünfzehn z. T.:schwerkranke: Kinder
Innerlichkeit unter das Niveau des Physischen, ver- von: ihren Eltern einfach liegen gelassen worden
hindert zu haben. Solche Not nicht zu lindern, wird -sind. Die Menschen sind hier von all dem jahr-
-zur Sünde wider den Heiligen Geist, weil die zehntelangen Elend bereits so abgestumpft, daß
Seele, in die Leibesnöte hineingepreßt, ihr Geistes- ‘sich niemand fand, um diesen Kindern zu helfen.
auge nicht offenhalten kann und ihr der Anblick Ich mußte erst Gewalt androhen, um die Menschen
des Ätherischen entwunden wird. Dieses ist eine dahin zu bringen, daß sie die kranken Kinder
gewisse. Gegenwartstendenz, den Menschen hier nach dem Hospital verbrachten:und dort für das
Schaden. nehmen: zu . lassen. Im Erkennen der Nötigste sorgten. So ist es kaum möglich, 'irgend-
Geistnatur der Gesundheitskräfte zeigen sich die- welche Hilfe zu leisten, und ‚selbst mit vollen
selben als Tore zur Wahrnehmung der ätheri- Händen schenken, hieße Tropfen auf heiße Steine
schen Wiederkunft der Ostern; und wer Hunger gießen. Aber irgendwie fühle ich mich an diesem
und Durst stillt, dient im Grunde gerade dem Geschehen doch schuldig, zumäl auch von unsern
-Auferstandenen. zuständigen’ Stellen nichts getan wird, um das täg-
:Junil1944. Gaön, Bayeux, Time. St. Lo, Vire lich wachsende Elend zu lindern. Wir werden kein
und Lisieux sowie der ganze Umkreis. bis Trou- Recht zur Klage haben, wenn es in.den kommen-
ville ist eine mir. ungemein liebe Gegend gewesen, den Jahren auch uns einmal erreichen sollte.
denn dort erlebte ich noch den Glanz de la France Und viele der Kameraden, die unter dem Druck
douce, dort konnte ich große Spazierwege machen ‚der überraschend stark angreifenden Russen bis
als an Sonntagen freier Soldat. Dort traf ich zu zweihundert Kilometer ‘zurückgehen mußten,
Menschen, die nach der neuen geistig-religiösen hat .es auch erreicht. Es war erschütternd, die bis
Bewegung 'aus dem Reich frugen und das wohl unter die Plane mit Leichen beladenen: Sechs-
unterscheiden konnten vom Politischen: Dort traf tonnen-Lastwagen :und die ausgemergelten und
ich Ohren, die wirklich den neuen Klang aufzu- erschöpften Männer der abgekämpften Divisionen
nehmen bereit waren. Aber nun, wer einmal in zu schen, die in wochenlangem Abwehrkampf auf-
Rußland ist, kommt daraus so einfach nicht mehr gerieben wurden. ;
weg, da muß ‘man sich .dreinschicken.... “ Aber‘ es gibt Kleinigkeiten, die einen dem
: H.T. (seit 1944 in Gefangenschaft) düstern:Drama, das sich hier vor unsern Augen
vollzieht, vorübergehend entziehen und alles mit
Ein Brief _ einem Schimmer verklären, der hier alle Morgen
Gert von Volckamer wurde in dieser Zeitschrift Himmel und Erde mit wunderbarem Licht ver-
als Jugendfreund von Eduard Lenz schon mehr- zaubert. Heute morgen war: ich auf. Streife im
mals genannt. Was Theodor Plivier von den Stalin- nächsten Dorf bei sehr lieben Bauersleuten ein-
gradkämpfern zu sagen weiß, ist die eine grauen- gekehrt, wo ich zwei kleinen Mädeldien, die schon
hafte Hälfte. der Wirklicikeiten, die dieser Krieg alle Tage auf mich warten, aus bunten Papieren,
aufgedeckt hat. ‘Sie ist nicht, zu bezweifeln. Das die ich von Weihnachten her noch hatte, zwei An.
weiß jeder. Soldat, der die „Masse Mensch“ in den ‘kleidepuppen .ausschnitt. Die Seligkeit: hättest
furchtbaren Endphasen des Krieges oder in den
Gefangenenlagern erlebte. Die andere Seite der Du sehen sollen! ‚„‚Moja dotschka, moja dotschka!“,
Wahrheit vertritt Gert von Volckamer. In seinem „mein Töchterchen; mein Töchterchen!“ sagte die
Malerauge hatte sich 20 Jahre vorher der Brand kleine Vierjährige immer. wieder, indem sie ihr
des Goetheanums gespiegelt.-Er hatte ‚gelernt, in papiernes Puppenkind an sich drückte; und auch ı
Untergängen zu lesen. Sein Brief zeugt davon, -die Augen der Zehnjährigen strahlten wie ein
wie mitten. im übermenschlichen Grauen auch -paar‘ Weihnachtslichter. Du hättest die beiden
zarieste Menschlichkeit und tätige Liebe erblühten, sehen sollen. Es sind sehr zarte und feingliedrige
wie sich ein nicht mehr nur persönliches, sondern
Kinderchen, der Mutter nachgeartet,:die. ein außer-
menschheitliches Gewissen daran schärfte. In voller
Bereitschaft zu stellvertretendem Leiden und ordentlich :ausdrucksvolles und- gütiges: Gesicht
Sterben ging dieser Mann in den Tod. Seine Briefe hat. Auch den Vater“habe ich’ sehr gerne. Du
sprechen das Testament der Toten dieses Krieges solltest ihn einmal sehen, :wenn er sich: vor. dem
aus. Wilhelm. Kelber Ikon bekreuzt. Man könnte selbst: frömmer wer-
21.2.1942. „Es ist nicht leicht, hier froh zu den wollen, wenn man ihn dabei sieht.
werden. Das Elend, das man zu Beginn des Win- Aber ‘viele solcher Menschen gehen heute hier
ters kommen ahnte, fängt an, mit schuldlos zugrunde; und ich werde das Gefühl
Macht herein-
zubrechen. In der Umgebung von Leningrad sind ‚nicht los, an. ihrem Untergang mitschuldig zu. sein.
die Vorräte erschöpft, und nun zieht ein nicht ab- Sollten wir diese gegenwärtige Sintflut überleben
‘reißender Strom von Elendsgestalten südwärts, dürfen, dann sollten wir nie vergessen, was wir
ungenügend ernährt und ungenügend gekleidet, dadurch der Mitwelt schuldig geworden sind. Die
Greise, Frauen und Kinder, viele schon todkrank Schuld alles ‘dessen; was heute geschieht, ist so
und dem Umsinken nahe. Wie furchtbar weit das furchtbar groß, daß jeder .Mensch sich“ restlos
Elend schon gediehen ist, kannst Du daran er- dafür einsetzen ‚müßte, durch 'selbstlose. Hilfe

26
auch noch so kleinen Teil derselben zu Ist nicht das ganze Gebiet, in dem heute die
einen wenn
das wird wohl erst dann verstanden Sorge um den Lebensunterhalt zu einer der gro-
tilgen. Aber
Ben Schicksalsprüfungen wird, wie ein allgemeines
‚werden, wenn man einmal ohne Siegesillusionen
„Gefangenenlager“? Jetzt scheint. der Augenblick
dem furchtbaren Menschheitsbankrott, dem die-
gekommen, wo der Gedanke des :Materialismus,
ser Krieg zusteuert, Ans Auge sehen muß. Wer
den Krieg „gewinnt“, wird dann unwesentlich daß. der Mensch nichts als ‘ein stoffgebundenes
sein. Erst wer fähig sein wird, einen dauerhaften Wesen sei, von jedem einzelnen Menschen durch
Frieden aufzubauen, ist in Wahrheit der Sieger.“ Frfahrung am eigenen Leibe und in eigener
Gert von Volekamer . Seele durchlitten und womöglich überwunden wer-
(gefallen 6. Jan. 1944) den soll.
Blicken wir von dieser allgemeinen leiblich-see-
„Brüderlichkeit“? lischen Not hinüber zu dem, was die. Menschen
Die Zeit liegt nicht lange zurück, da Worte, wie suchen, die sich um die Altäre des erneuerten
„Gemeinschaft“, „Brüderlichkeit“, für viele Men- Sakramentes vereinen.
schen noch einen Klang hatten, der sie mit Zu- Geheimnisvoll' sind ‘die drei Jahre der Wirk-'
versicht und Hoffnung ‘auf eine bessere soziale samkeit des Christus auf Erden eingefaßt von
Ordnung’ erfüllte. Die großen Katastrophen haben zwei Szenen, die bekunden, wie er sich dem
diesen Hoffnungsklang weitgehend zum FErsterben Menschenwesen ganz, bis in seine tiefste Natur-
gebracht. Und heute scheint jeder Tag schon in gebundenheit in Hunger und Durst, geeint hat.
der Erfahrung des alltäglichen Lebens einen jeden Im Anfange begegnet er der Versuchermacht, die
darüber zu belehren, daß .es Mächte gibt, die stär- durch die Gewalt des Hungers aus der Leiblichkeit
bestimmen, als solche des Menschen aufsteigt, und vom Kreuze klingt
ker die Wirklichkeit
„Ideale“, ja die sie immer von neuem als bloße das Wort vom Durchleiden des 'Durstes. In der
fromme Wünsche, wenn nicht gar als fromme Lü- Einsetzung des heiligen Mahles erströmt die
gen ‘erweisen. Diese Mächte wirken durch die ein- Segenskraft, die aus diesem göttlichen Durchlei-
fache Tatsache des Kampfes um die leibliche Exi- den der Gebundenheit der Menschenseele an die
stenz, um das tägliche Brot, das immer- mehr zur Gesetze der Leibesnatur gereift ist. — Wo Men-
täglichen Sorge geworden ist. s schen sich vereinen, um. aus der Verehrung und
Das gehörte zu den ernstesten Erfahrungen, die Hingabe ihres Wesens dem Weiterwirken dieser
es im Gefangenenlager zu machen gab: zu sehen, Segenskraft die Erdenstätte darzubieten, da er-
wie die zunehmende Entbehrung das Wesen des weist sich das Altargeschehen als das große gött-
Menschen und sein Verhalten zum Mitmenschen lich-menschliche Tischgebet. Die Mittel der Ernäh-
bestimmend verwandelte, ja entstellte. Waren das rung, die im’äußeren Lebenskampf immer mehr
noch Menschen, diese Gestalten, die da.auf eng- zu Eingangstoren für die Mächte werden, die die
stem Platz zusammengepfercht, mit bis zur Feind- Menschenseele an die Sterblichkeit ketten, seinen
seligkeit verschlossenen Gesichtern aneinander Blick für die Welt des Ewigen verdunkeln und
vorbeischlichen, fast keinen anderen Seeleninhalt ihn vom. Mitmenschen im „Kampf ums Dasein“
mehr in sich tragend als: den augentälten Nah- trennen, werden hier zu Organen der Offenbarung
rungstrieb? - des Christus als des wahren Geistes der Erde. Im
Da war wirklich „jeder sich‘ selbst der Nächste“. gemeinsamen Empfangen der geheiligten Speise
‚Das Wort „Kamerad“ war ihnen erstorben, hätte findet Mensch zu Mensch in einer .Gemeinschaft,
ihnen. wie Hohn‘ geklungen. Aber es gab: doch die nicht als „Ideal“ gepredigt, sondern als unum-
einige, die sich da heraushoben. Sie taten sich zu’ stößliche geistgegebene Tatsache „begründet“ und
irgendeiner geistigen Beschäftigung. zusammen. erfahren wird. Das jst die Gemeinschaft, die aus:
Was: da besprochen wurde, war von ganz ver- dem Erleben der .Überwindung der Sterblichkeit,
schiedenem Inhalt und Wert, aber die Aktivität der Auferstehung, erwächst. Was wir im Johan-
der Seele, die aufgebracht wurde, um dem Tage nesevangelium entdecken können, wird da eigene
irgendeinen überpersönlichen Inhalt zu geben, die gegenwärtige Erfahrung: daß Christus erst als
war. das: Wirksame: sie. setzte der Zwangsgewalt Auferstandener seine Jünger bezeichnet mit dem
des Hungers eine Kraft entgegen, von ferne ähn- "Ausdruck der tiefsten Wesensverbundenheit: ‚als
lich der Wirkung eines Tischgebetes, das; wo-es seine „Brüder“.
nicht nur ein Wort ist, um den Tisch des gemein- In dieser höchsten Erdenerfahrung, die einem‘
samen Essens etwas wie eine schützende Sphäre Jeden zugänglich ist, der sie wahrhaftig sucht, ist
der reale Quellpunkt der Kräfte gegeben, die ‘es
schafft, in welcher der Geist der Schwere, des blo-
ßen kreatürlicben Nahrungstriebes, der. dumpfen vermögen, den „Kampf ums Dasein“ nach und
Sorge um: die Lebenserhaltung wie gebannt und nach hinüberzuverwandeln in die echte tragende
überleuchtet wird von der freien Dankgesinnung, Brüderlichkeit im Durchleben der Zeitenschicksale.
die erst dem Essen und Trinken die reine mensch- Albrecht Weymann
liche Würde verleiht. — i

| . 27
1848
In einer Druckerei Londons lag ein Manuskript ben, daß ich dem Staat mit meiner Abdankung
vor dem Setzer. „Ein Gespenst geht um. in einen Dienst erweise...“
Europa...“ lautete der erst& Satz. Vor.den „Durchlaucht“, antwortet der Sprecher, „wir
Fenstern brütete ein trüber Februartag, der Setzer haben nichts gegen Ihre Person, aber alles gegen
mußte sich tiefer über die Blätter beugen. Ihr System.“
„Kommunistisches Manifest“ las er als Titel und Das Unerhörte geschieht: Metternich, allmäch-
darunter die beiden unbekannten Namen: Karl tiger Minister durch vierzig Jahre, fährt am glei-
Marx und Friedrich Engels. chen Abend über die Grenze, und der Kaiser ver-
Der gleiche Februarabend in Paris. Im Licht der spricht „einem so guten Volk“ konstitutionelle
Gaslampen kommt ein Zug Männer, die Fahnen Verfassung. Unter denen, die in der Aula ge-
schwingen, Straßenjungen tragen Fackeln, Bürger wartet haben, ist der achtzehnjährige Student
und Arbeiter protestieren gegen Guizot, den Robert Hamerling. Während die anderen ihre
Polizeiminister. Da kracht ein Schuß aus einem Freude begießen, verfaßt er seinen ersten Artikel.
Soldatengewehr,.. ein zweiter folgt, eine ganze „Ich wünsche uns in diesen Tagen mehr noch als
Salve. Die Fackeln fallen zu Boden, Menschen Freiheit die Liebe; sie faßt schon die Freiheit und
liegen in ihrem Blut. alle Bedingungen des Völkerglückes in sich... Mag
„Warum haben Sie Feuer kommandiert?“ schreit der trockene Politiker sie als unpraktisch be-
entsetzt die Stimme eines Offiziers.. — „Sie haben lächeln... in dem Wort Liebe liegt das Prinzip
es getan, nicht ich!“ ruft es zurück. — „Es war aller Humanität und die Grundidee des morali-
‚ein Unglücksfall, ein Mißverständnis“, rechtfertigt schen Evangeliums der neuen Zeit.“
sich der Kommandant. In Berlin, in München, Düsseldorf, Breslau wer-
Siebzehn Stunden später mußte Louis Philippe, den die Telegramme aus Paris fieberhaft disku-
der vor wenigen Tagen noch behauptet hat, seine tiert. „Glauben Sie an die Möglichkeit von Un-
Pariser würden im Winter keine Revolution ruhen?“ fragt Friedrich Wilhelm den Berliner
machen, eine gemietete Kutsche besteigen, um als Bürgermeister. Der lächelt: „Geruhen Eure Maje-
Mr. Smith nach England zu entkommen. Durch den stät an die Unruhen von 1830 zu denken. Sie wur-
tosenden Lärm der Deputiertenkammer bringt der den abgesagt — wegen Erkrankung des Polizei-
Dichter Lamartine sich mühsam zu Gehör: „Wir präsidenten!“ Der König ist beruhigt, verspricht
wollen eine freie, volkstümliche Regierung zu- den Landtag. einzuberufen und die Zensur zu
sammenrufen, alles, was durch den Namen Mensch lockern. Durch ganz Berlin rief man sich am.
das Recht des Bürgers in sich trägt.“ Unterdessen 18..März die Neuigkeit zu, Unbekannte umarmten
schreibt ein Mann mit ungelenken, Kreidestrichen sich auf der Straße, und als Friedrich Wilhelm auf
“rund um den roten Samt des leeren Thronsessels: dem Balkon erschien, schrie man Hoch.
„Das Volk von Paris an ganz Europa: Freiheit, Eine Stunde später ritt eine ‚Schwadron Dra-
Gleichheit, Brüderschaft!“ Die Nachricht wird am goner aus dem Schloßportal. Niemand wußte,
Abend dieses. 24. Februar 1848 in die Welt ge- wieso es kam, daß am rechten Flügel zwei Schüsse
drahtet. losgingen. Die Kugeln staken zwar in einem Dach,
„Throne sind gestürzt, und Völker haben die aber die Stimmung schlug um. Droschken und
Freiheit errungen“, spricht Ludwig Kossuth, der Postkutschen, Jahrmarktsbuden, Betten, Möbel
glänzendste Redner seiner Zeit, durchs ungarische und Mehlsäcke wurden aufgetürmt, die Glocken
Unterhaus, sieben Tage darauf; „aber auf uns ruht läuteten Sturm, ein Maschinenbauer kommandierte
noch der schwere Fluch eines erstickenden auf der ersten Barrikade am Köllnischen Rathaus,
Qualmes, — aus dem Beinhaus des Wiener Systems ein Tierarzt an der zweiten, ein Drechslergesell
weht eine. verpestende Luft, die unsern Geistes- vor dem Landwehr-Zeughaus. Binnen zwei Stun-
flug hemmt ...“ Seine Worte werden in Wien von den war Berlin zum Straßenkampf bereit.
jubelnden Studenten auf offener Straße verlesen. Der Berliner Bischof erschien vor Friedrich Wil-
Eine Abordnung der freiheitlichen Bürger wartet helm: „Was ist los?“ — „Sehr einfache Geschichte,
in der Aula der Universität und fordert Konsti- Ich saß bei ernster Arbeit, da kamen die Leute vor
tution, — Gleichheit der Stände und Konfessionen, die Tür und störten mich. Daß ein paar Gewehre
Freiheit der Presse, Verantwortlichkeit der Mini- losgegangen sind, dafür kann ich nicht.“ — Sol-
ster: alles, was Metternich „sentimental“ nennt. daten mußten, an zwei Stangen befestigt, ein
Es ist der 13. März acht Uhr fünfzehn. Bis neun großes Stück Leinwand herumtragen, auf dem zu
. wird man auf Antwort warten. „Dann lassen wir lesen stand: „Ein Mißverständnis.“ Aber der
die Türen öffnen, denn Etiquette in solchem Augen- Kampf hatte begonnen und tobte bis zum folgen.
blick wäre Verrat an der Weltgeschichte.“ den Abend. In der Nacht zum 20. März verpflichtete
Die Türen werden ‚geöffnet. Im Saal wartet sich der König, eine neue Verfassung zu geben, und
Metternich selbst. „Meine Herren, wenn Sie glau- Berlin feierte:bei weggeräumten Barrikaden die,

28
„Märzerrungenschaften“. — „Haben wir über- wie bisher „Alle Menschen sind Brüder“ auf ihren
haupt eine Revolution gehabt?“ fragte der Ber- Mitgliedskarten, sondern: „Proletarier aller Län-
liner Witz. der vereinigt euch!“ Soziale Quacksalber nannte
In Mailand, wo man seit Jahresbeginn nicht Marx alle, die gestern noch als Freunde gegolten,
mehr rauchte und nicht mehr Lotterie spielte, weil die Owenisten und Fourieristen, die Schneider und
beides Monopol des österreichischen Staates war, Propheten mit ihrer „Liebesduselei“. Denn: „Die
der ein Drittel Italiens beherrschte, brach am Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Ge-
gleichen 18. März der Aufstand los. Radetzky schichte von Klassenkämpfen.“ Und die Erhebung
mußte Mailand räumen, Venedig nannte sich Repu- von 48? Das Produkt der schlechten Ernte und
blik. In Neapel begriff der Bourbone Ferdinand, industriellen Krise von 47. Ewige Wahrheiten?
daß er sich vom Friseur den Zopf abschneiden Ideen? „Die Geschichte beweist nichts anderes, als
lassen und seinen „vielgeliebten Untertanen“ daß die geistige Produktion sich mit der mate-'
eilends eine Verfassung versprechen mußte. Neuen- riellen umgestaltet.“ :
burg, der 21. Kanton der Schweiz, bisher‘ preußi- Das Frankfurter Parlament der Deutschen ist
scher Besitz, erklärte die Herrschaft Preußens für aufgelöst, die letzten Vertreter gehen nach Stutt-
null und nichtig. In Madrid, in Warschau ertönte gart. Friedrich Theodor Vischer ist unter ihnen
die Losung: „Nieder mit den Tyrannen“; im und Uhland. Vischer will nichts mehr als stille
Herbst floh der Papst aus seinem Kirchenstaat. Arbeit. „Das Jahr in Frankfurt war ein Marter-
Vor dem Journalisten Karl Marx in Brüssel jahr. Mit fliegenden Hoffnungen für meine ganze
stand die Polizei: er habe die Stadt binnen sound- Nation war ich im Frühling ausgezogen, und das
soviel Stunden zu verlassen. Marx hatte längst Ende war nun, daß ich froh war, aus’dem Schiff-
seine Koffer für Paris gepackt, und sein wichtigstes bruch mein Gewissen rein herausgebracht zu
Manuskript lag in der Londoner Druckerei, — das haben... Dumpf und freudlos ging ich umher,
Manifest, das die neue. Grundlage sein wird für etwas wie Gespensterbangigkeit lag auf mir...“
den „Bund der Kommunisten“. Um den Schick- In Württemberg, Baden und Hessen sank die
salstag des 18. März ist auch das „Kommunistische Bevölkerung, im Jahr 1854 allein sind 190 000
Manifest“ erschienen. ‚Deutsche ausgewandert; denn was war die Heimat
Frankreich glich in jenem Frühling einem Ver- ohne Freiheit und Gerechtigkeit? Die erste Schlacht
sammlungsraum mit bunt zusammengewürfelten war geschlagen und verloren. Krähen und Geier
revolutionären Legionen; Spanier, Italiener, Bel- hörte der Dichter Anastasius Grün um das Schlacht-
gier, Polen, Deutsche, Holländer, Studierte und feld kreischen. „Sie kommen zu beerben, zu be-
Arbeiter vertrugen sich unter dem Motto: Freiheit graben, — Dann kommt Erstarrung, Schweigen,
für ihre Vaterländer, Quer durch den Ozean kam lange, lange, — Bis spät der Sämann kommt vom
. ein zum Tod Verurteilter angesegelt: Giuseppe nächsten Hange, — Zu streuen. seines Saatkorbs
Garibaldi mit seinen: 73 Leuten. Im. Mittelmeer neue Gaben.“ Sie sitzen in der Verbannung, die
mußte das Schiff eine kleine Insel anlaufen, weil Besten von Europa, sie leiden, sie müssen ver-
einer der Männer erkrankte. Nun erst erfuhren zichten, — aber sie glauben. Victor Hugo, einst-
sie die Nachrichten aus Paris, Mailand, Berlin. Sie mals Mitglied des Arbeiterparlaments von 48,
hatten sich nicht getäuscht, sie kamen zurecht zum schreibt auf den englischen Kanalinseln brennen-
Kampf für die Sache, der sie ihr Leben geweiht den Herzens soziale Romane und verweigert die
haben. Heimkehr in das reaktionäre Vaterland. Garibaldi
; *
hat sein ganzes Leben weitergekämpft, — von
„Bevor noch die Sonne das Eis der Gebirge taut, allen Kugeln seiner zahllosen Feldzüge schoß ihn
wird an der Sonne des Völkerfrühlings das Eis der ausgerechnet eine italienische zum Krüppel, und
Reaktion schmelzen“, sagte der Abgeordnete seine Seele hat diese Wunde nie ganz verschmerzi;
Welcker im Vorparlament zu Frankfurt. Das Eis aber im Testament des Achtzigjährigen stehen die
der Berge taute und floß in Strömen zu Tal, aber triumphierenden Worte: „An jene, die meine An-
der Völkerfrühling verblühte in diesem einen Jahr. sichten teilen, vermache ich meine Liebe zur Frei-
Fhe die Bäume aufs neue Knospen trieben, waren heit und zum Wahren, meinen Haß gegen Lüge
Versprechen gebrochen, Ideale in Blut und Verrat und Tyrannei!“ Mazzini starb über dem Plan, ein
erstickt, die Besten aus allen Völkern gingen in Geschichtswerk zu schreiben, das den Menschen
die Verbannung, statt eines Bourbonen saß ein der Zukunft gewidmet und im Sinne von Lessings
Napoleonide auf dem Thron, der vor einem Jahr „Erziehung des Menschengeschlechtes“ beweisen
- die Umschrift getragen: „Freiheit, Gleichheit, sollte, daß die Geschichte nicht Zufall der Materie,
Brüderschaft!“ Über Europa zog das Eis der sondern planvoller Aufstieg zu Bewußtheit und
Reaktion. Nikolaus, der Russenzar, wurde zu Freiheit ist. „In solchen Kämpfen siegt die Sache,
ihrem Haupt gemacht; „demütigt euch, Heiden!“ auch wenn die Kämpfer unterliegen“, schrieb
rief er den Furopäern zu. Erstaunt lasen die Mit- Robert Hamerling.
glieder des Bundes der Kommunisten nicht mehr *

29,
Wir heutigen Europäer stehen, hundert Jahre drei Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüder-
nach 48, immer noch im Kampf. Aber was. sind lichkeit — 1848 als „Botschaft des'Volkes von
hundert Jalire vor der Unsterblichkeit des Men- Paris an ganz Europa“ auf einen leeren Thron ge-
schen? Der Sämann ist gekommen, und die neue schrieben — 1948 darauf warten, verwirklicht zu
Saat ist gestreut. In den Tiefen der Ratlosigkeit werden in den Reichen des menschlichen Geistes,
werden die Menschen begreifen, daß Gespenster. des Rechtes und der Wirtschaft, als Botschaft von
weichen, wenn der Mensch sie erkennt; daß die Europa ’an die Völker der Erde.
M.J. Krückv. Poturzyn

Bil 1 in die Zeit


1948 lution 1789 auf. Me da PEREM er sich erst an,
vom Himmel des Idealismus in die Arena des
Das Jahr 1948 bringt eine Jahrhundertfeier be- irdisch-politischen Geschehens herunterzusteigen.
sonderer Art. Ein Säkulum rundet sich, in welchem Unten angekommen ist er in den-kleineren revo-
die europäische Menschheit eine wirkliche Götter- lutionären Erschütterungen des ..Jahres 1848,
dämmerung durchzumachen hatte. 1848 war es denen zwar :die geniale weltbewegende Größe
wie ein Aufschäumen und ein Erwachen innerhalb fehlt, die aber dafür erste Manifestationen eines
der hart-nüchternen, äußeren Lebensverhältnisse, neuen, irdisch-nüchternen. Lebenszustandes sind.
in die sich die Menschen plötzlich wie aus einem Nun gibt es „Sozialismus“ als’ wirksamen Faktor
Traumgarten heraus versetzt fühlten. Mit einem der kulturellen und politischen Entwicklung.
Male war die soziale Frage da, und der Freiheits- Die Tragik der nun eingeleiteten Ära bestand
gedanke, der bis dahin nur wie ein goldenes Bild darin, daß zwar die soziale Frage immer unent-
am Himmel gestanden hatte, braust wie ein Sturm- rinnbarer und deutlicher aufgeworfen wurde, daß
wind über die Felder der irdischen Dingwelt. aber ‚zugleich. die substantielle Kraft, die eine
‚Mit dem Goetheschen Zeitalter erlosch eine ver- soziale Antwort hätte bedeuten können, immer
klärende Helligkeit, die alles Irdische in den mehr abnahm. Je krasser die sozialen Probleme
Farbenduft der Ideale gehüllt, hatte. Als 1831 hervortraten, um’ so mehr verarmie die Mensch-
Hegel von der Cholera hinweggerafft worden und heit an ‘den sozialen, gemeinschaftsbildenden
1832 das Olympierleben Goethes zu Ende ge- Kräften, aus denen man eine Lösung für die be-
gangen war, fing eine lange Nacht an sich herein- ängstigenden Probleme hätte finden können.
zusenken. Mitteleuropa schickte sich an, den Das sind Zusammenhänge, die man sich immer
Schritt von Goethe zu Bismarck zu tun. Daß es noch nicht einzusehen bequemen will. Die soziale
auf dem Wege, den es damit beschritt, ewige Frage und der Wissenschafts- und Lebensmate-
Werte gegen vergängliche Größe vertauschte, wird rialismus des 19. Jahrhunderts sind Zwillings-
wohl erst heute allgemeiner eingesehen, da der geschwister. Sie wuchsen miteinander auf während
von Bismarck aufgetürmte Prunkbau des Reiches, der zweiten Jahrhunderthälfte und in die Zeit der
der kaum ein halbes Jahrhundert Bestand gehabt Weltkriege hinein: Im Marxismus wurden sie-theo-
hat, endgültig zertrümmert am Boden liegt. Völlig retisch miteinander verflochten, insofern dieser
verändert war die Welt, als 16 Jahre nach Goethes sowohl das Aufkommen als auch die mögliche
Tode in der Frankfurter Paulskirche die Elite des Lösung der sozialen Frage ganz aus den Prinzipien
deutschen Volkes zur Nationalversammlung zu- der materialistischen Geschichtsauffässung glaubte
sammentrat. darstellen zu können: die jeweilige Kultur sei
Das Jahr 1848 brachte einen Neubeginn, eine immer nur das Ergebnis’ der Wirtschafts- und Er-
Ankunft; es brachte aber auch Abschiede und nährungsverhältnisse, in denen sich die Mensch-
Verluste. Und wenn der Ertrag des soeben be- heit befindet. .
endeten Jahrhunderts für. die Zukunft gerettet Heute haben wir die apokalyptische Schicksals-
und ins. Positive, Fruchtbare gewendet werden quittung dafür, daß eine materialistische Denkungs-
soll, muß heute auch die Verarmung erkannt wer- weise und Lebensgestaltung, die das Geistige, also
den, mit welcher das Neue, in das nunmehr die auch das eigentliche Wesen der Menschen, leugnet,
Menschheit hineinwuchs, hat: bezahlt werden nur zu einer Abrützung und Auflösung der von
müssen. . der Menschheit mitgebrachten alten Gemein-
‚Mit den Anfängen des durch den Industrialis- schaftsformen und -kräfte; nicht aber zu einem
mus, die Technik und das moderne Geldwesen organischen Aufbau und Zusammenwachsen neuer
charakterisierten Wirtschaftslebens wird die soziale Ordnungen führen kann. Die einseitig-mate-
Frage geboren. Zwar taucht der revolutionäre rialistische Naturwissenschaft und Technik, die im
Dreiklang „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ Bismarckschen Zeitalter herrschend wurde, atomi-
bereits in den Stürmen der französischen Revo- siert schließlich alles.

\ +

30
\

heute noch davon entfernt, „Gefundene Jahre“


Wie-weit:ist-man
sich
den tragischen Irrtum eines Sozialismus, der. von Nervenärzten ist man in
Berichte
mit :der- 'materialistischen Weltanschauung ver-
Durch
letzter Zeit in. weiten Kreisen aufmerksam ge-
bündet; zu erkennen! Man glaubt, dem „Arbeiter“ ,
worden auf die zwar verhältnismäßig: seltenen
zu seinem Recht zu verhelfen, und unterhöhlt e, bei
aber um so eindrucksvolleren Krankheitsfäll
zugleich die Lebensgrundlagen des „Menschen“. einem bestimmten
gemäße denen das Gedächtnis von
Solange man keine dem Menschen
geht
Punkt an — etwa einem Schock — verloren
Lebensauffassung errungen hat, ist es schlechter-
oder eine Zeitspanne des eignen Lebens nicht
dings unmöglich, eine dem Ar beiter gemäße
- : mehr erinnert werden kann, obgleich die be-
Lebensordnung zu begründen. -
treffenden Menschen sonst im Vollbesitz ihrer
Die positive Errungenschaft des 1848 beginnen-
Arena Geisteskräfte sind. Jetzt hat sich auch das Kino
den Jahrhunderts war das neue, jetzt in der
Freiheits- dieses fesselnden Themas bemächtigt und es neu
des sozialen’ Daseins aufschäumende
in die Öffentlichkeit gerückt. Der amerikanische
erlebnis, wenn es auch fast vom ersten Augenblick
Versuchung des Erlahmens Film’ „Gefundene Jahre“ handelt von einem eng-
von der Gefahr und
lischen Offizier des ersten Weltkrieges, der auf
und -Absackens bedroht war. In Wirklichkeit r Ohn-
t vor- dem Schlachtfeld bei Arras nach schwere
konnte eben das Ideal der sozialen Freihei ist und nicht mehr weiß,
und eine ‘Sehnsucht, noch keine macht zu sich gekommen
erst nur ein Ruf
wer er ist. Seine Personalien können nicht fest-
Erfüllung sein. Freiheit wird niemals für den ein-
t gestellt werden. Aus der Heilanstalt Melbridge,
zelnen und für die soziale Gruppe eine Realitä
unten her, sondern nur durch das -Herein- wo ihm die erste Pflege zuteil wird, entfernt er
von
sich in einem unbewachten Augenblick unter
lassen und die Einbeziehung höherer Kräfte und
seinem neuen Namen John Smith und würde im
Wesenhaftigkeit. Wie auch Sozialität, wahre ge-
Trubel des Lebens zugrunde gegangen sein, wenn
meinschaftsbildende Kraft, nur auf diesem Wege an-
zu erzielen ist. : nicht eine junge Schauspielerin sich seiner
die er dann heiratet. Sie leben glücklich
zwischen 1848 und 1948 ist im nähme,
Das Jahrhundert ver-
auf dem Lande, bis Smith eines Tages spurlos,
Kleinen eine Art Nachbildung des ganzen. bis- in
schwindet. Er ist auf einer Geschäftsreise
herigen Ganges der Menschheitsentwicklung. Nur Aüto angefah ren worden,
Liverpool von einem
durch den fortwährenden und fortschreitenden der
erleidet wiederum einen Schock und hat, aus
Sündenfall, durch die Loslösung aus dem tragen- fehlen-
erwachend, sein seit drei Jahren
den Bereich der Gottgeborgenheit wurde der
Ohnmacht
jede
Mensch :mündig und frei. Seine Wanderung hätte des Bewußtsein wiedererlangt, dafür aber
Erinnerung an- die Zeit seit der Kriegsverletzung
nicht zur Freiheit geführt, wenn sie ihn nicht die
und an sein Smith-Dasein restlos verloren. Sein
selige Heimatlichkeit kindlicher Himmelsnähe mit
nüchternen - Heimatl osigkei t des irdisch en Bewußtsein schließt: ab mit dem Schlachtfeld ir
der Be-
neue Frankreich und beginnt in Liverpool. Mit
Daseins hätte vertauschen lassen. Auch der Capt. Rainier — so heißt er
den die letzten 100 Jahre den troffenheit erfährt
Freiheitsruck, schon 1920 schreibt.
lassen, in Wirklic hkeit —, daß man
Menschen im sozialen Dasein haben tun Erbe
Er ist Mitglied der Hocharistokratie, reicher
mußte durch einen Abschied vom lichten Himmel Industri eller, aber niemand
erstei gen und wird erfolgre icher
der Ideale und durch ein weiteres Hinunt
in die irdische Materie erkauft werden. Daß nun
kann ihm sagen, wo er die drei Jahre gewesen
nur
jedoch durch die Katast rophen der letzten Jahr- ist. Er besitzt darüber keinerlei Unterlagen,
dem not- ein rätselha fter Schlüsse l hat sich in seiner Tasche
zehnte der Tiefpunkt erreicht‘ ist auf
kein passendes Schloß findet.
wendig zu durchlaufenden absteigenden Ast der gefunden, zu dem er
Entwicklung, ist deutlich genug .daran zu er- Als er Abgeord neter wird und sein Bild durch
daß die Mensdiheit in Gefahr’ steht, das alle Zeitungen geht, findet ihn seine Frau endlich,
kennen,
er
Ideal der Freiheit überhaupt aus dem Auge zu die ihn jahrelang vergeblich gesucht hat. Aber
bei sich ihm
verlieren. Das Jahr 1948 muß, wenn auch erkennt sie nicht. Sie leidet schwer, darf
weiteren äußeren Verarmungen und Nieder- aber nicht zu erkennen geben, ehe nicht seine
gängen,: den aufsteigenden Ast der Entwicklung von innen her geheilt und aus-
Gedächtnislücke
einleiten, so wie das Jahr 1848 zum Heile der als seine
gefüllt ist. Als seine Sekretärin und dann
Menschheit ein Jahrhundert der letzten Materie- reuerdirgs geheiratete Frau begleitet sie freund-
Ergreifung eingeleitet hat. Jetzt gehen wir den schaftlich sein Leben, bis er — zunächst nur lang-
realer Geist-Ergreifung entgegen, die
Zeiten
auch zur sam und ahnungsweise — einzelne Bruchstücke
der sozialen Substanz wie
der verlorenen Jahre aufspürt und schließlich,
sowohl zu
inneren Freiheits-Realität hinführt.
vom Schicksal nach Melbridge geführt, wo er meint
"EmilBock
noch nie gewesen zu sein, Einzelheiten mit Staunen
wiedererkennt und schließlich das Schloß zu

3l
seinem Schlüssel und den Zugang zu Herz und anderen Seite mit aller Schärfe empfinden müßte,
Namen seiner Frau wiederfindet. daß der flüchtige Bildstreifen grundsätzlich un-
Von der ganzen Unwahrscheinlichkeit der Hand- geeignet ist, die zur Bewältigung der modernen
lung und der unwirklichen Darstellung eines Seelenprobleme erforderliche menschliche, ja reli-
solchen tragischen Krankheitsfalles abgesehen, ist giöse.Aktivität in den Herzen zu erwecken.
dieser Film eine Leistung: namentlich durch das Kurtvon Wistinghausen
hervorragende Spiel der beiden Hauptgestalten.
Freies Christentum
Die Frau ist eindrucksvoll *gegeben in ihrer
menschlichen Größe, und der Mann in dem psycho- Ende August 1947 tagten in Bern hundert Dele-
logischen Wandel zwischen innerer Unsicherheit, gierte aus zehn verschiedenen Ländern, die etwa
beruflihem Erfolg und aufdämmernder Ahnung. drei Millionen freigesinnte Christen in aller Welt
Aber ist die bedeutende Kunst dieser sympathi- "vertraten, Es war die Arbeitskonferenz des Welt-
schen Schauspieler der Grund, daß gerade dieser bundes für freies Christentum.
Film bei uns einen derartigen Siegeszug erlebt und “Wir entnehmen einem Bericht des Berner
Woche für Woche vor ausverkauftem Haus: ge- Tageblattes vom 3. September folgende
zeigt werden kann? Ist es nicht doch vielmehr das interessante Einzelheiten: Einer der Beiträge be-
außergewöhnliche ergreifende Thema, das an- schäftigte sich mit der Frage, wie man den beiden
zieht? Und warum so ergreifend? Man hat es Gefahrenmomenten des dogmatischen Totalitaris-
zunächst mit einer seltenen Krankheit zu tun. mus einerseits und des blinden Aberglaubens an
Aber jedermann spürt: da steht noch etwas die Wissenschaft andererseits entgehen könne. Es
anderes dahinter. Jeder, auch der kerngesunde wurde der fruchtbare Begriff der „werdenden
Mensch trägt ja in seiner unbewußten Frinnerung Wahrheit“ geprägt. In der Christengemein-
„verlorene Jahre“, nämlich die ersten Jahre seiner schaft sind wir ja auch immer wieder genötigt ge-
Kindheit, von denen er nichts mehr weiß. Und wesen, darauf hinzuweisen, welche innere Ver:
darüber hinaus: viele Geschehnisse, Empfindungen, wandtschaft zwischen religiösem und wissenschaft-
Gedanken seines späteren -Lebens, die versunken lihem Dogmatismus besteht und wie beide ge-
und verdrängt sind. Lebt man nicht in einer fort- eignet sind, allen möglichen verhängnisvollen
währenden Täuschung über sich selbst, weil man Diktaturen den Weg zu bahnen.
so vieles vergessen hat? Wie, wenn das alles ein- So führte ein amerikanischer Redner, der Leiter
mal doch zutage tritt und einem sagt, wer man der theologischen. Meadville-Fakultät in Chikago,
wirklich ist! Aber auch dies ist nur eine der Prof. W. W. Robbins, aus, wie die zwei
Schichten, die in den Seelen der Zuschauer mehr werbungskräftigsten Erlösungsreligionen der Jetzt-
oder weniger unbewußt zum Schwingen gebracht zeit die Menschen in ihre Gewalt zu bringen ver-
werden. Tiefer darunter wird noch eine andere suchen, der russische Kommunismus
angeredet: Mensch, wer bist Du denn überhaupt? undderrömischeKatholizismus. Demo-
Du findest Dich wie ein aus tiefer Ohnmacht FEr- kratie als dritte Möglichkeit bezeichnete er für
wachender im Leben auf der Erde vor, hast Dein das Gebiet des Glaubens als Verbindung von
Schicksal und trägst Deinen Namen. Aber wie individueller Menschlichkeit mit den ordnenden
kommst Du eigentlich zu diesem Schicksal, und ist Kräften der christlichen Religion. Wie soll aber
das Dein eigentlicher Name, Dein wahres Ich? diese „Einordnung in eine höhere Gemeinschafts-
Wie, wenn ein Schock Dich trifft oder eine Ent- sphäre“, wie sie ein anderer Redner als Erfüllung
wicklung eintritt, wodurch Dir plötzlich etwas be- eines echten Liberalismus forderte, verwirklicht
wußt wird, was Du nur vergessen hast? Wodurch werden? Diese Frage bleibt offen. Der freisinnige
Du den Anschluß gewinnst an ein vorgeburtliches, Christ des Westens hat sie bisher nicht lösen
übersinnliches Dasein oder gar an frühere Leben können, das zeigt die Zersplitterung in unzählige
auf dieser Erde, als Du andre Namen trugst? Die Sekten. Es war interessant, daß durch den Gegen-
Unzulänglichkeit und Fraglichkeit des. gewöhn- satz: zu einer fundamental verschiedenen An-
lichen Bewußtseins, das nur von dem im ge- schauung, die ein Vertreter der russisch-ortho-
“gebenen Schicksal eingeschlossenen Ich weiß, tritt doxen Kirche, Prof. L. A. Zander aussprach,
momentweise vor Augen. Hier legt der Film den so recht zum Ausdruck kam, wie die Frage nach
“ Finger auf eine sowieso durch die Rätsel unserer der Verbindung von Freiheit und Gemeinschaft
Zeit wunde Stelle unserer geistig-seelischen Lage. auf dem Boden des Christentums mit den bis-
Er ist aktuell. haffigen Methoden nicht zu beantworten ist. Für
Man möchte doch wissen, auf welchen Wegen den östlichen Menschen — Prof. ‚Zander sprach
und mit welchem Ziel ein solch hintergründiges über „Autorität und Freiheit“ — sind
Thema just in die jetzige Menschheits-Situation diese beiden Begriffe nicht Gegensätze. Wir
lanciert wird. Man könnte das Auftreten solcher bringen einige Sätze des Zeitungsreferates wört-
Inhalte in der Öffentlichkeit als Wirkungen des lich: „.. Es erreicht der Mensch die höchste Frei-
Zeitgeistes bewundern, wenn man nicht auf der heit erst innerhalb der ganz vergeistigt ver-

32
auf-
hier lebendigen orientiert, die religiöse Substanz
standenen Kirchengemeinschaft; denn erst
zur zehrt und den Feinden der „werdenden Wahr-
wird ihm das göttliche Ich zuteil, die Pforte der
ch erlebte n, aber durcha us realen Gotteb en- heit“, den Behauptern der absoluten Autorität
mystis Offenb arungs wahrhe it,
den dogmatisch festliegenden
bildlichkeit. Aber auch theologisch — was
Recht zu geben scheint.
Gottesbegriff anbetrifft — traten bei diesem
Gegensätze zur westlichen Theologie Finden wir nicht den Mut zu neuen Erkenntnis-
Referat
e, vom methoden, zu einer Verlebendigung des Denkens
zutage. Prof. Zanders so klassisch einfach so wird unsere Sehn-
erfüllte Definition im Sinne Rudolf Steiners,
höchsten Wahrheitsgehalt
Trinität keine sucht nach Freiheit, die ja allerdings untrennbar
Liebe“: wurde
„Ohne
den Abendländern mit mit dem tiefsten Wesen des Christentums zu-
einem Lächeln
von
sammenhängt, unerfüllt bleiben und unser Ringen
quittiert. Das chalzedonische Dogma ist eben im. Gerhard Klein
kaum noch um sie scheitern.
Osten noch #yndament, im Westen
Diskussionsgegenstand. Aber der neutrale Beob-
achter kam gerade in diesem bedeutsamen Augen- „Stalingrad“
Welten auf-
blick, als die zwei verschiedenen Fall Stalingrads hatte in Mittel-
daß. Die Kunde vom
einanderprallten, nicht von der Furcht los, eingeschlagen. Eine Entschei-
er das trinita rische europa wie ein Blitz
der Protestantismus dort, wo
dung -von großer Tragweite war gefallen. Die
Denken verlernt, sich unversehens von der christ-
überhaupt löst, mit anderen militärisch-politische und vor allem die geistige
lichen Wurzel
er neben dem Schöpfe rgott den Er- Lage war von Grund auf anders geworden. Man
Worten , daß
den Augen verliert . Kein fühlte sich in dem Kriegsdrama an einem äußeren
lösergott wieder aus das
und inneren Wendepunkt stehen. Suchte man
Geringerer als Paulus könnte uns hier erneut zu verstehen, die in eine Passion
, Schicksal derer
Lehrmeister sein.“ ' so
von größtem Ausmaß hineingeführt wurden,
Die Furcht des Berichterstatters ist nur allzu Gedanken vonnöten. Die
waren umfassende
begründet. Doch das bloße traditionelle Festhalten Geschickes der einem Martyrium
der Osten übt, kann ja Schwere des
an der Trinität, wie sie t
übergebenen Menschen und die maßlose Frivolitä
nicht helfen, wenn es nicht gelingt, das trini- Tragend en lag offen zutage.
der Verantw ortung
tarische Bewußtsein über das ganze Welterleben '
Sollte darüber das Bild des Menschen nicht selber
auszudehnen und aufzuzeigen, wie in allem Ge- , so mußten Gedanke n gefun-
wenn in Nichts verwehen
schehen ein dreifaches Göttliches wirkt. Erst bei denen die Geopferten den Kranz
machen wird, den Entwick- den werden,
man Ernst damit .
in das religiöse Weltbild der Menschenwürde auf ihrer Stirne behielten
lungsgedanken Ereignis des Gesamtsc hicksals
man das Erleben der Trinität Über dem schweren
aufzunehmen, wird
Vieler durfte nicht aus dem Auge verloren wer-
begründen können, nicht nur den Glauben an sie
fordern müssen. den, was der einzelne in diesem Leiden geistig er-
stritt. In diesem Sinn ist der Kampf um Stalin-
Immer wieder wird man in den Seiten dieser
grad geistig noch nicht zu Ende gekämpft.
Zeitschrift Beiträge hierzu finden können. Nur
t Mit dem vor wenigen Wochen in einer Auflage
eine Theologie, die von der Geisteswissenschaf
von über einer Viertelmillion erschienenen Kriegs-
her befruchiet wird, kommt aus den oben er- von Theodor Plivier ist ein
er- buch „Stalingrad“
wähnten Antithesen heraus. Und in einem
Sakramentalismus, der von der voll- schweres Geschütz in diesem Kampf aufgefahren.
neuerten
Menschenseele, auch von ihrem Ver- Plivier, ein im Jahr 1933 emigrierter und lange
bewußten
Jahre in Rußland lebender deutscher Schrift-
stehen mitgetragen wird, wird jene Gemeinschaft um
die den Einzelnen freiläßt und ihn steller, hat gewisse Phasen des Kampfes
verwirklicht, r Seite miterlebt . Nach
Stalingr ad auf russische
in Christus mit den anderen verbindet. Ge-
dem Fall der Festung hat .er zählreiche
Albert Schweizer hat der Konferenz aus Lam-
fangene, vom Grenadier bis zum Feldmarschall,
barene eine Sonderbotschaft übermittelt: „Das
befragt. Das Ergebnis ist ein mächtig ergreifender
freie Christentum hat die große Aufgabe, den
er- Roman, der sich wie ein photographischer Tat-
Menschen die Überzeugung zu geben und zu Lei-
und Religio n nicht unverei n- sachenbericht gibt, ein Dokument grenzenloser
halten, daß Denken
den. In dem Begleittext, den der Rowohlt-Verlag
bar sind, sondern zusammengehören.“ beifügt, heißt es, daß dieses Buch
Roman
Wir können dem nur freudig zustimmen und
dem
unter
„für eine spätere Zeit und für Hellhörige
sagen, daß wir seit. der Begründung der Christen- der
uns unter anderem vielleicht die Chronik
gemeinschaft in diesem Sinne für ein freies Chri- Vermass ung sein wird, der Unter-
ersten totalen
stentum wirken. Und doch muß ein solcher Aus-
, wie gang des Individuums, der Bericht vom Sterben
spruch tragisch wirken, wenn man bedenkt in
wissenschaftliche Denken, das in dem
der eüropäischen Seele“. Das Furchtbare, wie
das moderne
en ist, den Schneewüsten und in den unter dem Bomben-
Aberglauben an Erkenntnisgrenzen befang ‘liegenden Kellern Menschen zugrunde
h doch nur immer wieder am Un- hagel
das sich letztlic
33
gehen, wird in den Schilderungen Pliviers noch Seelenlosigkeit, wie es Plivier schreibt, werden wei-
schrecklicher, weil in den blutigen Variationen teren Dämonien Tür und Tor geöffnet. Die Schilde-
tausendfacher Untergänge kein wirklicher Mensch rung des Leidens einer unpersönlichen Masse be-
sichtbar wird. Nicht Menschen bluten, leiden und schwört eine unmenschliche Welt herauf, welche die
sterben, sondern eine unpersönliche Masse leidet Apokalypse Gog und Magog nennt. Sie könnte ver-
und stirbt. Nicht wirkliche Menschen werden ge- gessen lassen, daß unter den Kämpfenden auc
schildert, vielmehr eine elende, Menschengestalt Menschen waren, die im Leiden den Funken ihres
tragende Kreatur. Wo sich aus der individuali- ewigen Wesens aufleuchten ließen, und die im
tätslosen Masse einzelne Gestalten abzeichnen, Untergang des Äußeren den Aufgang des Inneren
sind es Schemen, Pflichtmenschen, abstrakte Ideo- fanden. Nicht um einer falschen Verherrlichung
logen oder Karikaturen, bei denen selbst der im des Krieges willen myß dies ausgesprochen wer-
flackernden Bunkerlicht gelesene „Faust“ Goethes den, sondern weil der Blick für die einzelnen Men-
zu einer fast lächerlichen Angelegenheit wird. In schen, ihren Wert und ihr Schicksal in Augen-
diesem Roman sind Geist und Kultur Masken, die blicken wach bleiben muß, da es um die Geschicke
in der Prüfung der Katastrophen abfallen und den großer Menschengruppen und Völker geht. Wo im
Menschen als ein sich brutal wehrendes, mit allen Leiden der einzelne Mensch seine Seele bewahrt,
Mitteln um sein Leben kämpfendes Tier erschei- wird an der unverlierbaren Opfersubstanz der
nen lassen. . Welt gewirkt. Erwin Schühle
Hunderte von kleinen und großen Szenen wie
die folgende reiht Plivier in diesem Drama des
Grauens aneinander: Vom Mythos des Nationalsozialismus
„In der Seitenkluft, die von diesseits der Kurve Angesichts der historischen Entwicklungen; die
nicht einzusehen war, staken zwei festgefahrene sich seit 1933 in Mitteleuropa zugetragen haben,
LKWs. Die Verwundetenfracht, die sie befördert muß die übliche Geschichtsdarstellung, die sich '
x

hatten, war ebenso erstarrt, wie diein den Wagen einfach nur auf äußere Berichterstattung be-
vorher. Doch hier in der Kurve und auf dem an- schränkt, versagen. Was wir seit jenem Zeitpunkt
steigenden Ende der Straße, wo die unterwegs be- erleben, ist mehr Mythos als Geschichte. In einem
findlichen Fahrzeuge gezwungen waren, langsam Maße, wie das vorher nicht der Fall war, wirkten
zu fahren, hatten sich alle gesammelt, die sich übersinnliche Mächte mit. Gerade da, wo es den
so weit hatten schleppen können. Und sie hielten Anschein hatte, als würde in einem ganz neuen
sich hinter den Schneewällen der Kluft verborgen, Ausmaß durch einzelne Menschen Geschichte ge-
sie waren verzweifelt wie Sterbende, die nicht macht, waren diese einzelnen Menschen nur
sterben wollen, und sie waren listig — die Erfah- instinktive Werkzeuge und Exponenten, wenn
rungen dieser Nacht hatten sie dazu gebracht — nicht gar Marionetten von übergreifenden Ent-
wie die jagenden Eismenschen der Urzeit. wicklungsprozessen, in deren Strudel die. Mensch-
... Ein ganzes Rudel war da — aus der Ein- heit immer mehr geriet.
klüftung stiegen sie auf, mit verbundenen Köpfen, Das in der Schweiz. erschienene zweibändige
mit eingeschienten Armen, in Gipskorsetts, "Werk von Hans Bernd Gisevius, „Bis
Decken, Fetzen, Zeltplane umgehängt.... Alle und zum bittern Ende“ (Fretz& Wasmuth Ver-
alles. kam näher, und die noch ihre Füße hatten, lag, Zürich), dessen Lektüre zwar nicht_durchaus
warfen sich schon über das Fahrzeug. Da waren erfreulich ist, weil man hinsichtlich der Selbstein-
die Hände, die nach den Türdrückern griffen, die schätzung des Verfassers, vor allem im ersten
am Kühler, am Trittbrett, am Wagenrand Halt Band, ein gewisses Gefühl des Unbehagens oft
suchten, welche die Zeltplane zerfetzten, in Ge- nicht ganz los wird, tastet nach dem mythischen
sichter und Augen faßten und andre zurückrissen. Zug in den Ereignissen seit 1933. Der Leser kann
Ein Schuß knallte, die Fensterscheibe zersplitterte. durch. Weiterentwicklung gewisser Ansätze, die
Hinten im Raum heulten die Verwundeten, die das Buch in dieser Hinsicht enthält, zu einem
unter der Last der über sie Herfallenden erdrückt ersten verarbeitenden Überblick über die rätsel-
wurden. Der Motor keuchte, der Wagen lief wie- hafte eruptive und katastrophale Epoche der
der, schwankte im ersten Gang den Hang hoch, letzten eineinhalb Jahrzehnte kommen. Um Miß-
und oben schaltete der Fahrer den zweiten und verständnisse. zu vermeiden, sei zweierlei von
dritten Gang ein, und er ließ den Wagen laufen, vornherein klargestellt. Erstens soll hier keines-
was er laufen konnte, und im Wind und in voller wegs zu dem Buch von Gisevius Stellung ge-
Fahrt fiel auch das Gerank von Händen und nommen werden, weder im ganzen, noch in
Knochen, das an der Motorhaube, an den Tritt- irgendwelchen Einzelheiten. Zweitens setzt die
brettern, am Wagenrand hing, wieder ab...“ hier angestrebte geistige Urteilsbildung über die
In den Kämpfen um Stalingrad haben die Schicksale der letzten 15 Jahre überall die ein-
Dämonien der Waffen, der Kälte und des Hungers deutige moralische Beurteilung der verübten Ver-
Triumphe gefeiert. In dem Gespenster-Epos der brechen voraus; nirgends soll auch nur im aller-

34
J

geringsten das Gewicht der moralischen Schuld ergebnislos durch viele Monate hindurchgeschleppt
verkleinert werden. wird. Die Matadore, die das Chaos entfesselt
* haben, brauchen ja bloß zu schweigen. Gisevius
sagt: „Die ganze Art, wie dieser Wahlschlager in
Mit Recht wird der Reichstagsbrand Ende Szene gesetzt. wurde, war dermaßen unbedacht,
Februar 1933 als wichtigste Auslösung und viel- unsystematisch, halsbrecherisch, daß man sich noch
sagendes Symbol gewertet. Die Ouverture enthält nachträglich an den Kopf fassen muß, wie das hat
in zeichenhafter Einzelerscheinung das Feuer- gut gehen können“ (I,114). Nach Auslösung des
brunstmotiv, das nachher im letzten Akt des unterirdischen Ventils ergießt sich ein ganzer
Dramas den ganzen Horizont des Schauplatzes be- Strom von Täuschung und Unheil über die Bühne
herrschen wird. Bereits an diesem ersten Knall- der Ereignisse.
effekt der revolutionären Initiative ist das gran- Die Welt der bürgerlichen Ösdengen ist vor-
diose Mißverhältnis abzulesen, das von jetzt an so bei. Das machen sich die herumvagierenden Un-
güt wie immer zwischen den bewußten Absichten ruhestifter, die nun auch Brandstifter geworden
und Planungen der beteiligten Menschen und den sind, zunutze. Aber sie bringen es nur zu den
dadurch ausgelösten lawinenartigen Folgen be- kleinen protzerischen Unbürgerlichkeiten, wie sie
steht. Was faktisch ‚inszeniert wird, ist zunächst auch in früheren Zeiten von Räuberbanden
nichts anderes als eine der randalierenden Un- inszeniert worden sind. Jetzt aber fängt die
ruhen innerhalb der aktivistischen Wahlpropa- bürgerliche Welt selber an, systematisch zu 'ihrer
ganda, durch welche die SA-Horden den Weg zur Auflösung beizutragen. Mit den Hindenburgschen
vollen „Machtergreifung“ freilegen wollen. Man Notverordnungen, die den Anfang zur völligen
weiß nicht gerade sehr deutlich, was man tut. Im Auflösung des Rechtes darstellen, reagiert die
Anschluß an ein paar Gedankenwinke, die bürgerliche Welt, soweit sie überhaupt noch ernst-
Goebbels gibt, stellt man sich unklar vor, man haft aktionsfähig ist. „In einer welthistorischen
würde durch die Inbrandsetzung des Reichstags- Schrecksekunde notverordnen sich diese etwas an ..
gebäudes einen Anlaß bekommen, gegen die den Hals, was, zur legalisierten Revolution er-
Kommunisten vorzugehen. Verschwommen mag hoben, ihrer traditionsumwitterten Bürgerlichkeit
auch die Idee mitspielen, so das Ende des politi- am ehesten das Genick umdrehen wird“ (I, 124).
schen Parlamentarismus symbolisch in Erscheinung Die Hinrichtung des von Natur und durch nach-
treten zu lassen. In Wirklichkeit zieht man ein helfende Künste kranken van der Lubbe steht am
Ventil, man öffnet eine Luke, durch die eine ganze Anfang einer ins Unabsehbare wachsenden geo-
Welt von lauernden Untergangsgeistern herein- ‚metrischen Reihe von satanischen Justizmorden.
bricht. Das Leben selber improvisiert zur Ver- Der Leipziger Prozeß ist aber zugleich das erste
blüffung derer, die glauben, die Regisseure einer urphänomenale In-Erscheinung-treten der Bewußt-
knalligen Unternehmung zu sein, einen viel weit- seinsohnmacht, durch welche die gesamte Umwelt
greifenderen Symbolismus. Während die zur außerstand ist, zu durchschauen, was von jetzt an
Brandstiftung kommandierten SA-Leute unter auf der Bühne der Geschichte vor sich geht. In
Benützung des unterirdischen Ganges, der Görings Form von Gerüchten oder politischen Witzen
Residenz mit dem Reichstag verbindet, ihr Werk geistern sekundäre Wahrheitsfetzen durch die
tun, klettert der halbblinde Vagabund, den sein Luft. Aber welcher Geist der Seelen- und Hem-
pathologischer Wandertrieb durch viele Länder mungslosigkeit nun auf den Plan getreten ist, das
und nun auch nach Berlin geführt hat, in fiebriger wird nicht durchschaut. Genau an diesem Punkte
Geschäftigkeit an dem Mauersims des Reichstags- bahnt sich ein tragisches Versagen der Menschheit
gebäudes empor. Gisevius sagt: „Wie dieser an. Durch die Bewußtseinslahmheiten und -unter-
Marinus van der Lubbe spätabends einen histori- lassungen, die hier ihren Anfang nehmen, wird,
schen Klabautermann spielt, ist und bleibt zweifel- die Umwelt mitschuldig, mehr als sie es durch das
los der Haupttrick an dem weltbewegenden Kri- Unterlassen imoralischer Proteste und Gegen-
minalroman“ (I, 118). Mag auch dieses oder jenes wirkungen werden kann. Eine moralische Abwehr
geschehen sein, um dem Zufall dieses Zusammen- könnte nur treffsicher und stoßkräftig sein auf
treffens nachzuhelfen: in Wirklichkeit führt doch Grund der Intensität und Klarheit eines Bewußt-
das Leben selbst, wie um allerlei durch die Atmo- seins, das durchschaut, was geschieht.
sphäre geisternde Mächte sichtbar werden zu Die Anzettler des Chaos, die über ihren Erfolg
lassen, den Klabautermann herbei, der durch das nieht nur, sondern über die sich plötzlich er-
Takelwerk des brennenden Schiffes klettert und öffnende- Perspektive von Folgeentwicklungen
nun der Welt als der wahre Brandstifter präsen- selber am meisten erstaunt sind, werden durch die
tiert werden kann. Bewußtseinsblindheit der Umwelt ermutigt: „Jetzt
Man kann die Frage aufwerfen, wer eigentlich schlägt die Stunde für die Dreisten, die Hem-
die Täuschungsmanöver macht, durch die der an- mungslosen, die Abenteurer“ (I, 125). „Von da an
schließende Prozeß in Leipzig so aussichts- und ging es Schritt für Schritt. Unheimlich folgerichtig

35
ist der Ablauf von einer Irreführung zur nächsten Denkungsweise der technischen Zivilisation wirk-
"Leichtgläubigkeit, von dieser Selbsttäuschung zu sam ist. Röhm ist bei aller landsknechtsmäßigen
. jenem Nichtwahrhabenwollen und von der ein- Verkommenheit und Verrohung immer noch eine
zelnen Mitwisserschaft bis hin zu der kollektiven menschliche Figur. Himmler ist in seiner masken-
Schuld“ (I, 113). Y . haften Undurchschaubarkeit, die auch eine ge-
wisse individuelle Belanglosigkeit zudeckt, eher
Wenn man an Hand der Darstellungen, die eine Personifikation der Anonymität, die dem
Gisevius gibt, erste Schritte tun will, um ein Fazit immer konsequenter ausgebauten „System“ eigen
der katastrophalen Entwicklungen zu ziehen, so ist. Schließlich kann sogar der Sieg der schwarzen
könnte man sagen: überall tritt Luzifer auf, um über die braune Farbe wie ein bildhaftes Sym-
Ahriman* den Weg zu bereiten, der schließlich ptom dafür genommen werden, wie Luzifer durch
immer alibeherrschender wirksam wird. Kleine Ahriman abgelöst wird.
und große menschliche Schwächen bieten den Aus- Fragt man, wer nun eigentlich der verantwort-
gangspunkt oder den Vorwand zum Ausbau eines liche Regisseur des 30. Juni gewesen ist: Hitler
maschinell-funktionierenden Systems nicht nur der war es nicht. Aber auch die Andern, die man un-
Unmenschlichkeit, sondern der grundsätzlichen mittelbar am grauenvollen Werk sieht, sind es im
Menschenverneinung. Das Moralisch-Böse, Grunde nicht. Die menschlichen Schwächen sind
das in den einzelnen Menschen wirksam ist, be- nur die Einfallstore. Von den Kulissen des äußeren
reitet, indem es auf die sozialen Zusammenhänge Geschehens zugedeckt, macht ein ungeheures
übergreift, dem kalten Sachlich-Bösen Vakuum seine höllische Saugkraft geltend. Der
eines ungeheuerlichen satanischen Mechanismus Leerlauf einer ganzen Weltepoche führt dazu, daß
den Weg. . sich wie aus einem Abgrund heraus ein anonymer
Eine wichtige Station in diesem Prozeß stellt Wille von unabsehbaren Dimensionen meldet. Die
das Blutbad vom 30. Juni 1934 dar. Ursprünglich, Menschen im Vordergrunde haben keine oder doch
scheint nicht mehr vorgelegen zu haben als eine nur ganz verworrene und unzureichende Ge-
gewisse Beunruhigung auf der Ebene des Ehr- danken. Gisevius spricht einmal von einem
geizes und des persönlichen Machtstrebens. Man „Kaleidoskop der Unzulänglichkeit“ (1,359). Das,
will Röhm absetzen, weil man befürchtet, daß er System aber, das im Hintergrunde wie ein giganti-
als Häuptling der sich immer räubermäßiger ge- sches Maschinentier emporsteigt, ist von jener un-
bärdenden SA zu mächtig wird. Sicher ist, daß überbietbaren satanischen Intelligenz, durch die
keinem von denen, die das ungeheuerliche Massa- sich fortan die Dinge selber denken und voll-
ker des 30. Juni angezettelt haben, auch nur der ziehen. *
Gedanke gekommen ist, gegen die moralischen’
Exzesse und den Banditenterror der SA im Sinne Eine der wichtigsten Beobachtungen, die Gise-
der moralischen Ordnung einzuschreiten. Man fand vius ausspricht, scheint mir die zu sein, daß nach
es selbstverständlich ganz in der Ordnung, daß dem 30. Juni 1934 in Hitler eine auffallende Ver-
durch den SA-Rummel jener ersten Zeit die Welt änderung vor sich gegangen sei: „Das Unstete, das
der Bürgerlichkeit endgültig ad absurdum geführt Umherschweifende“ nimmt überhand in ihm.
wurde. Aber Röhm repräsentierte gewissermaßen „Eine drangsalvolle Unrast treibt ihn von Ort zu
nur eine Unbürgerlichkeit ersten Grades, nämlich Ort... Er flüchtet in seine Erfolge hinein.
diejenige, die dufch die Entfesselung des Trieb- Nach zußen greift er Gott und die Welt an, in
und Leidenschäftswesens ausgelöst wird. Indem Wirklichkeit ist er auf der Flucht vor sich selber“
durch den hemmungslosen Zugriff vom 30. Juni die (1,296). Die „Erfolge“ Hitlers stellen in der Tat
SA durch die aus dem Hintergrund hervortretende ein Rätsel dar, dem man nicht so leicht beikommt.
SS entmachtet wird, setzt die Entbürgerlichung Gisevius sagt: „Letzten Endes diktierte gar kein
zweiten Grades ein, die mit einer immer völligeren Einzelner das Gesetz des Handelns, vielmehr war
Entmenschlichung und Entseelung gleichzusetzen das allgemeine Nichthandeln die zwangsläufige
ist. Die SS wird mit Hilfe des von ihr hervor- Folge einer allseits verspürten Unlust an den be-
gebrachten Gestapo-Apparates die satanisch- stehenden Verhältnissen... Inmitten dieses Seelen-
ahrimanische Maschinerie des Todes und des chaos tummelte sich der intuitive Hitler, dessen
Unterganges in Bewegung setzen, die letzten Trick seit je darin bestand, an das schlechte Ge-
Endes nichts anderes ist als die von allen mensch- wissen derer zu appellieren, die er mit seinen bösen
lichen Rücksichten und moralischen Hemmungen Taten zu überrumpeln gedachte“ (II, 81). Mit
befreite Herrschaft des seelenlosen Geistes, der anderen Worten: Er wußte die weichen Stellen im
harmloser und deswegen. undurchschaut bereits Felsgestein, wo er zum Zwecke seiner Sprengungen
überall in der materialistisch-mechanistischen die Bohrungen vorzunehmen hatte. Er verstand’es
häufig genug, einen Schein des Rechts auf seine
©* Über das Luziferische und das Ahrimanische siche auch Seite zu bekommen, indem er die von ihm in-
den Aufsatz „Die Auseinandersetzung mit dem Bösen“ in
diesem Heft. stinktiv wahrgenommenen Brüchigkeiten des

36
modernen Weltzustandes zum Ausgangspunkt Das „Glück“, das Hitler so lange und so auf-
oder Vorwand nahm. Ihn „intuitiv“ zu nennen, ist fällig treu zu bleiben schien, beruhte auf einer
nicht eigentlich richtig, solange man unter Intui- Radikalität, von der sich doch ein großer Teil der
tion den Sinn für positive Kräfte und Möglich- Menschheit imponieren ließ, obwohl sie durchaus
keiten, die es im Übersinnlichen gibt, versteht. negativer und zerstörender Art war. Der Grund
Eher könnte man ihm eine tierische „Witterung“ dafür ist der, daß sie nicht nur die Karikatur,
zusprechen. Diese Witterung nimmt oft genug den sondern geradezu das Gegenbild einer positiven
Charakter einer Hyänen-Intelligenz an, denn Radikalität war, zu der sich das Zeitalter nach
"letzten Endes spürt er immer durch die brüchigen Ablauf der bürgerlichen Ära aufzuschwingen hat.
Stellen der Gegenwartszivilisation hindurch die Das michaelische Zeitalter, von dem wir in unserer
Untergangs- und Todestendenzen, die sich in der Zeitschrift oft dargestellt haben, daß es seit dem
Mechanisierung des neuzeitlichen Lebens nur teil- letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts ange-
weise und verkleidet zeigen. Was er aus seiner brochen ist, wird von den verantwortungsbewußten
Witterung heraus unternimmt, ist immer so, als schöpferisch-führenden Menschen immer mehr die
ob ein Gefährt, das bereits auf einer schiefen Radikalität eines weder durch Erfolge noch durch
Ebene ins Rollen gekommen ist, mit äußerster Mißerfolge zu irritierenden Glaubens an den Geist
Wucht gestoßen wird, um mit Beschleunigung in verlangen. Der michaelischen Radikalität wird
die Tiefe zu sausen. So war ja das Geheimnis der aber in steigendem Maße eine dämonische Radi-
„Erfolge“, die im Blitzkrieg, vor allem gegen kalität des Glaubens an den toten Stoff und seine
Polen und Frankreich, erzielt wurden und die Hit- mechanischen Gesetze entgegenstehen. Daß sich
ler beinahe den Ruf eines genialen Feldherrn ein- unterdes die Hitlerschen „Erfolge“ als Saug-
getragen hätten, von seiner Seite nichts anderes als wirkungen des Vakuums, d. h. als praktischer
die kemmungslose Technisierung des Kriegs. Der Nihilismus entlarvt haben, müßte eigentlich die
„totale Krieg“ war nur die letzte Konsequenz, die Menschheit zum Aufwachen bringen für die
in den vorangehenden Kriegen einschließlich des wahren geistigen Forderungen der Zeit.
*
ersten Weltkriegs moch nicht restlos hatte gezogen
werden können. Immer hatten, wenn das auch ein Der größte Teil der Gisevius’schen Darstellun-
Widerspruch in sich selber war, in die Kriegsfüh- gen beschäftigt sich mit der tragischen Geschichte
rung noch Reste von Humanitätsrücksichten hinein- der Widerstandsbewegung, die in ihren Anfängen
‚gespielt. Nun wurde die letzte Schicht von Mensc- weit in die Jahre vor Kriegsausbruch zurückreicht
lichkeitsempfindungen, die den Abgrund des und nach dem mißglückten Attentat vom 20. Juli
Vakuums schützend verschlossen gehalten hatte, 1944 in die unerhörte Todesernte der letzten
rücksichtslos beiseite geschoben: die kalte Todes- kältesten Gewaltherrschaft einmündete. Der ganze
maschinerie kam zum Vorschein. Verblüfft war die zweite Band ist dieser Tragödie gewidmet. Da die
Welt über die erstaunlichen „Siege“ und „Erfolge“ Widerstandsbewegung durchweg ihre Hoffnung
nur, weil sie seit langem selber durch den Mate- auf die Generäle setzte, ist das Auf und Ab von
rialismus des technischen Zeitalters in die Sugge- Anläufen und Enttäuschungen zugleich die
stion einer äußeren Erfolgsgläubigkeit hinein- Wellenbewegung in dem Verteidigungskampf der
geraten war. Einem wirklichen Durchschauen des Wehrmacht, die durch das System des National-
entfesselten Satanismus stand im Wege, daß die sozialismus mit maschinenmäßiger Präzision
Durchschauenden mit rückwirkender Kraft auch immer mehr gleichgeschaltet, d.h. ausgeschaltet
ihr eigenes wissenschaftliches Denken und tech- wurde. Die Wehrmacht repräsentierte sozusagen
nisches Schaffen als einseitig und gefährlich hätten die alten Ordnungen der Menschheit. Mit ihr
erkennen müssen. Um Hitler herum zog man, da wurde eine ganze Welt, die allerdings an ein Ende
keine moralischen Bindungen mehr im Wege stan- gekommen war, niedergerungen. Indem Gisevius
den und die Ideale von Wahrheit und Menschlich- (am Ende des ersten Bandes) die Blomberg- und
keit nichts mehr galten, nur letzte Konsequenzen Fritzsch-Krise mit ihren‘ Hexenküchen-Hinter-
des Materialismus. Nachdem einmal die Schleusen gründen ausführlich beschreibt, zeigt er, wie es
des Ahrimanismus gezogen waren, war dieser tragischerweise die Wehrmacht selber war, die sih
schließlich auch nicht mehr auf den Machtbereich in den Bann der Geister \des Untergangs begab.
Hitlers einzuschränken. Gisevius charakterisiert Hatten schon die führenden Persönlichkeiten der
einmal den Zustand der letzten Kriegsphasen, Armee ‚durch ihre Inaktivität angesichts der blu-
‘indem er sagt, wir seien damals „vom totalen tigen Willkür vom 30. Juni 1934 versagt, so bieten
Krieg zur totalen Zerstörung hinübergewechselt“ sie jetzt den Repräsentanten der amoralischen
(II, 293). Der nun freigelegte technische Auto- Hemmungslosigkeit direkte Anlässe, ihnen jede
matismus führte dazu, daß die deutschen Städte in Einflußmöglichkeit zu nehmen. Wieder ist es
Grund und Boden bombardiert wurden. Die Ent- Luzifer, der Ahriman die Türe auftut. Die mensch-
wicklung der Atombombe war nachher nur eine lichen Schwächen, die den Generalfeldmarschall
Fortsetzung davon. v. Blomberg, den damals ersten Soldaten Deutsch-

37
-
lands, in zwielichthafte Verstrickungen bringen, Geister, sondern durch Ahriman geschehen. Se
werden mit der Genialität eines auf der Lauer warten sie mit der geplanten Tat immerfort auf
liegenden Raubtiers . erspäht und ausgenützt. den Augenblick, wo sich Hitler die große Blöße
Zunächst geschieht nichts anderes, als daß Göring geben wird. Zuerst stellen sie sich vor, dies müsse
geschmeichelt die Bitte Blombergs um kamerad- eintreten, wenn Hitler sich in seinem Wahnsinn
schaftliche Hilfe erfüllt. In Wirklichkeit ist das dazu versteigt, den Krieg vom Zaune zu brechen.
aber bereits die Selbsterniedrigung, durch welche Es ist nicht einmal ganz ausgeschlossen, wenn auch
das alte Soldatentum verspielt. Bald kommt unwahrscheinlich, daß sie an jenem spannungs-
Göring auf den Geschmack. Noch scheint kein be- vollen Michaelstäg (29. September) des Jahres
wußter Plan vorzuliegen,.aber instinktiv verfolgen 1938 zum Zuge gekommen wären, wenn damals
die neuen Männer unter dem Antrieb von Ehr- nicht England zum Kompromiß bereit gewesen
geiz und Machigier die einmal aufgenommene wäre und die Münchner Zusammenkunft der vier
Fährte. Man möchte sagen: das Tier ist auf der Regierungschefs inszeniert hätte. Was nachher die
Spur des Jägers. Eben noch waren Hitler und Opposition immer wieder entwaffnete, waren die
Göring Trauzeugen bei dem Kriegsminister und Hitlerschen „Erfolge“. Gegen einen so erfolg-
der „Dame mit Vergangenheit“, da glaubt man reichen Hitler wurde es immer aussichtsloser, dem
bereits das triumphierende Gelächter darüber zu allgemeiren Widerstand zu proklamieren. Wie
vernehmen, daß Blomberg untragbar geworden wenig die Gegenspieler durchschauten, was geistig
ist. Jetzt, wo es sich um die Frage des Nachfolgers im Spiele war, ist daran zu erkennen, daß der be-
handelt, setzt die satanische Infamie ein, mit der triebsame Dr. Goerdeler, wie Gisevius $Sägt, später
man Fritzsch durch bewußte Fälschungen ver- mit Recht als „Handlungsreisender in Defaitis-
unglimpft. Mag man nachher auch genötigt sein, mus“ hat bezeichnet werden können.
ihn zu rehabilitieren: das System hat zur Über- Fast noch mehr als die für Hitler siegreichen
raschung seiner eigenen Repräsentanten, durch die Phasen des Krieges machten die ereignisärmeren
„Gleichschaltung“ des Heeres, einen Sieg von der Zwischenpausen, z.B. diejenige, die dem Frank-
allergrößten Tragweite errungen. Der Geist des reichfeldzug voranging, die Position des National-
kalten Chaos hat die alten Ordnungen auf den sozialismus uneinnehmbar. In solchen Zeiten durch-
Plunderhaufen geworfen. Bei den beteiligten Men- setzte das Gift der maschinenmäßigen Systemlogik
schen haben nur Instinkte und Empfindungen, das ganze Leben. „Ein großes anonymes ‚Es‘
keine klaren Gedanken, eine Rolle gespielt, aber breitete sich über sämtliche Bereiche des Lebens
wenn sich so die Dinge selber denken, dann denkt aus, nicht nur des soldatischen oder zivilen, auch
Ahriman. Wieder hat die Intelligenz des Abgrunds des allerpersönlichsten... Die Ausbreitung des
ein weites Feld erobert, auf dem sie sich in tieri- totalen Kriegs auf die Zivilbevölkerung ... Merk-
scher Hemmungslosigkeit betätigen kann. würdig, wie verspätet wir an mancherlei Exzesse
Gisevius, der sich selbst als an der Widerstands- des Maschinenzeitalters gewöhnten Menschen
bewegung aktiv beteiligt darstellt, hat zweifellos realisierten, was für eine Macht von einer Militär-
recht, wenn er dartun will, daß nach der Blom- maschinerie ausgehen kann, welche Eigengesetz-
berg- und Fritzsch-Affäre' alle Umsturzversuche lichkeit ihr innewohnt, welche Kaltherzigkeit. Daß
von seiten der Wehrmacht zur Kraftlosigkeit und ihr Räderwerk und Getriebe aus Menschen von
‚ Unwirksanıkeit verurteilt waren. Es ist aber doch Fleisch und Blut bestand, machte sie nicht weniger
immer aufs neue erschütternd,: den einzelnen geist- und seelenlos. Fast möchte man das Gegen-
Stationen dieses tragischen Scheiterns zu folgen. teil behaupten“ (I, 188).
In weit höherem Maße, als Gisevius, der ja auch Als das aktive „Glück“ Hitlers endgültig zu
dazu gehört, es überschauen und darstellen kann, Ende war, blieb er durch die Magie seines kalten
sind die Putschisten die Repräsentanten einer Radikalismus doch noch in einer Art von passivem
Welt, deren Zeit endgültig abgelaufen ist. Sie sind „Glück“, durch das er ungezählte Male der akuten
allesamt vor-michaelisch. Sie können nicht Todesgefahr entging. Gisevius spridit von seinem
diejenige Initiativ- und Stoßkraft entwickeln, die „Schutzteufel“ (II, 260). Ihm glaubt er es zu-
dem neuen Zeitalter gemäß ist und die der dunklen schreiben zu’ müssen, daß Hitler, einem Instinkt
Initiativ- und Stoßkraft gewachsen wäre, die in folgend, im Münchner Bürgerbräukeller seine
und um Hitler als das ahrimanische Gegenhild des Rede zehn Minuten, bevom die Höllenmaschine
Michaelischen tatsächlich entfaltet wird. Die losging, abbrach. In ihm sieht er auch die Ursache,
grundsätzliche Schwäche der oppositionellen Gene- warum am 13. März 1943 die in Hitlers Flugzeug
räle und ihres Anhangs besteht darin, daß sie den geschmuggelte Bombe nicht_explodierte. Schließ-
Gegner, den sie stürzen wollen, nicht wirklich lich ist ja auch das Attentat vom 20. Juli 1944 des-
durchschauen. Sie wollen es einfach nicht wahr- halb ein Fehlschlag gewesen, weil Hitler in „einer
haben, daß Hitler immer nur „Erfolg“ und „Glück“ seiner intuitiven Launen“ wegen der drückenden
haben solle; denn sie durchschauen nicht, daß die Hitze die Lagebesprechung aus dem Betonbunker
verblüffendsten Wunder nicht durch die guten in eine Holzbaracke verlegte.

38
Gelegenheit ‚hatten, die Stadt zu betreten,
Man kann nicht ohne das tiefste Mitgefühl den
daß viele Überlebende Gesichter
“tragischen Tod so vieler bedeutender und edler ‚fanden sie,
Männer betrachten, die nach ‚dem mißlungenen hatten, die für immer entstellt waren. Die ameri-
Attentat zum Opfer der satanischen Maschinerie kanischen ' Ärzte nannten diese Verzerrung die-
wurden, aber man muß doch darin die apo- ‚Maske von Hiroshima‘. Heute beginnt sich diese
Maske mehr und mehr zu lüften. Eine entsetzliche
‚kalyptische Verdeutlichung davon sehen, daß die
Welt der alten Ordnungen, sowohl derjenigen, die Wirklichkeit tritt zutage. Und Skeptiker, die nach
die bürgerliche Welt, als auch derjenigen, die das den Bombenversuchen von Bikini meinten, es sei
alles offensichtlich nicht so schlimm, werden all-
alte Soldatentum beherrschten, endgültig zu Ende
gegangen und daß unter katastrophalen mensch- gemach eines Besseren, nein, eines Schlimmeren
heitlichen Geburtswehen ein neues Zeitalter an- belehrt.
gebrochen ist, das eine radikalere innere Haltung Dem Weizen allerdings, der Hirse. und dem:
des Menschen verlangt. Gisevius rührt gelegent- Kürbis — so wird aus der Gegend von Nagasaki
lich an dieses Mysterium: „Wenn es wahr ist, daß gemeldet — ist die Atombombe gut bekommen:
in solchen aufgewühlten Zeitläuften nicht Men- sie bringen seither doppelte Erträge... Und erst
schen, sondern Geister miteinander ringen, dann die Baumwolle! Während beobachtet wurde, daß.
gibt es bestimmt auch so etwas wie ein geistiges viele Menschen in Hiroshima mit einem Schlage
atmosphärisches Störungsfeuer. Dann gibt es ein die Haare verloren, wächst die Baumwolle‘ drei-
heimliches Bündnis der Defaitisten, und ihre auf fach über das gewöhnte Maß hinaus: Durchaus
die Passivität, Bequemlichkeit, Feigheit oder den hintergründig aber ist, wie der Reis auf die Strah-
Fatalismus abzielende Verschwörung ist nicht lungen der Atombombe reagiert: er wächst seither-
minder mächtig als das offene Komplott der Fana- besonders gut auf den Feldern von Nagasaki, aber
tiker, alles in den eigenen Wirbel mithineinzu- er trägt keine Frucht.“ Und die Menschen? Im.
reißen, was an Unzufriedenheit, Abenteurerdrang, weiten Umkreis „wurde ein‘ Drittel der männ-
Hemmungslosigkeit und Zerstörungswut lichen Überlebenden steril. Viele haben bösartige,..
in der
psychischen Atmosphäre liegt“ (II, 98). Daran ist lebensgefährliche Erschöpfungszustände durchge-
richtig, daß die Widerstandsbewegung nicht mehr macht, alle sind weit über ihre Jahre hinaus ge-
war als ein Siörungsfeuer. Falsch ist, daß sie altert — die ‚Maske von Hiroshima‘... Schon sind
„nicht minder ‘mächtig“ gewesen wäre als der mißgestaltete Kinder geboren worden... Man:
ahrimanische Fanatismus der Gegenseite. Solchen hörte von einem Kinde, das wenige Monate nach
Attacken des ahrimanischen Ungeistes, wie sie seiner Geburt schon einen Meter groß war, von
durch das nationalsozialistische System in Erschei- anderen, daß sie überhaupt nicht wuchsen. Die:
nung getreten sind und wie sie infolge des immer Japaner sagen, sie hätten sogar zweiköpfige Kin-
noch auf dem Sieges- und Eroberungszuge.befind- der gesehen, und die Gerüchte geben fast Gewiß-
lichen materialistischen Denkens jederzeit an heit, daß solche groteske Nachkommenschaft, die
anderen Stellen zutage treten können, ist nur die der Phantasie eines Hieronymus Bosch ent-
michaelische Radikalität der durchschauenden sprungen sein könnte, von den wohl noch mehr-
Geisterkenntnis und des freien gläubigen Geist- gepeinigten als verrohten Eltern umgebracht wor-
willens gewachsen. Das Fazit, das Gisevius zieht: den sei.“
„Der Nationalsozialismus war keine Angelegen- Der Berichterstaiter deutet schnurstracks auf
heit bloßer Terrormaßnahmen... Er war ein den Kern des Rätsels, indem er hinzufügt: „Welch
Stück deutscher Geistes-, vielmehr Ungeistes- ein Bild steigt herauf für die Zeit, da Atom-
geschichte“ (II, 434), ist richtig. Man kann bomben künftige Kriege entscheiden! — ... Wäh-
daraufhin aber nur die Frage erheben, wann und rend vielleicht eine neue Flora entsteht, kriechen
‘wo wieder ein wirkliches deutsches Geistesleben und lallen groteske menschliche Mißgeburten ein-
auf den durch den Ungeist verödeten Feldern her, eine verkommene Menschheit des Atomzeit-
Mitteleuropas ersteht. Emil Bock alters, verblödet, weilsie zuklug ge--
worden war... “
Man wird immer deutlicher erkennen, daß es
„Die Maske von Hiroshima“
zwei Quellen und Brandherde der Entartung und
Die Atombomben, die den Krieg gegen Japan Dämonie in unserer Zeit gibt. Die luziferische
so plötzlich beendeten, haben nicht nur Städte ver- Dämonie des Gesinnungs- und Moral-Zerfalls trat
nichtet und Menschen in unerhörter Zahl getötet, in den bestialischen Grausamkeiten apokalyptisch
sondern auch auf die Natur und die überlebenden hervor, die um die Gaskammern der Konzentra-
Menschen Wirkungen ausgeübt, die uns aufs tionslager und Irrenhäuser spielten. Daneben gibt
tiefste erschüttern müssen. Ein grausig-anschau- es die kalte, ahrimanische Dämonie der über das
licher Bericht der „Zeit“ (Hamburg) vom 9. Okt. Ziel hinausschießenden, nicht. durch seelische
1947 ‘zeigt, vor welch abgrundtiefen Rätseln wir Gegenwerte ausgeglichenen Entwicklung der mate-
hier stehen: „Damals schon, als die Amerikaner rialistischen Erkenntnis und Technik. Die Erschei-

39
mungen von Hiroshima und Nagasaki lassen uns Zeit‘ gewonnenen ‚Führungen‘ gegenseitig mitge-
in den Abgrund hineinblicken, der sich hier auf- teilt werden, sind gewissermaßen die Traktanden
tut. Moralische Einwendungen und Entrüstungen der in Permanenz tagenden Konferenz... Der
"haben hier kein Gewicht. Dennoch dürfte die Ge- Haupteinwand..., den man vorzubringen bei
fahr des Sachlich-Bösen, die hier droht, eine noch allem Wohlwollen nicht umhin kann, ...ist der
"viel, viel ernstere sein als die, die mit dem Her- als optimistische Unterschätzung der Macht des
-vortreten des Moralisch-Bösen verbunden ist. Ihr Bösen zu bezeichnende Anspruch, bei wohl-
-durch die Erringung einer vollmenschlichen, durch- meinender Konsultation des Gewissens die
seelten Denkungsart und Weltanschauung zu be- Stimme Gottes unverfälscht hören zu können...
-gegnen, ist um so dringender, als ja durch die Hier genügt ein Notizbuch und genügen einige
allgemeine Intellektualisierung und Technisierung ‚Minuten der Stille zur Erkenntnis des Willens
„auch der Gewissens- und Gesinnungsentartung der Gottes. Was die Mystiker mit Opfern und
"Weg bereitet worden ist. EmilBock Kasteiung zu erreichen suchten, die Zwiesprache
mit Gott, geschieht hier leichthin, mit Komfort, in
„Moralische Aufrüstung“ einigen Minuten wohlgesinnter Versenkung...
Mächtige seelische Wellen pflanzen sich durch ‚Simplificateurs‘ (Vereinfacher), wenn auch nicht
-die Welt hin fort, ausgehend von dem Kongreß unbedingt schreckliche, sind Dr. Frank Buchmann
für „moralische Aufrüstung“, den im Hochsommer und seine Anhänger aber jedenfalls.“
.des vergangenen Jahres die Oxford-Gruppen- Uns scheint, man kann sich den von Caux aus-
Bewegung in Caux bei Montreux in prächtiger gehenden moralischen Gewissens- und Brüderlich-
"Höhe über dem Genfer See abgehalten hat. keitsimpulsen ruhig noch bejahender gegenüber-
Allenthalben gibt es große Menschenkreise, die stellen, wenn man auf der anderen Seite deutlich
“hochgespannte Hoffnungen auf die Auswirkungen sieht, welcher Teil der gegenwärtigen Welt-
dieses von fast 5000 Teilnehmern besuchten „Kon- problematik dadurch unberücksichtigt und un-
.gresses der Nächstenliebe“ und auf die dahinter gelöst bleibt.
stehende Bewegung setzen, die man in der Tat als Die Krisis, in welche heute die Menschheit ge-
‚eine „Bewegung des guten Willens“ bezeichnen kommen ist, ist im tiefsten Grunde keine Krisis
“kann. Man glaubt sich zu solchen Hoffnungen um der Moral, sondern eine solche des Bewußt-
‚so mehr berechtigt, als in Caux viele „Promi- seins. Die ahrimanischen* Einseitigkeiten, die
-nente“, so auch Träger hoher staatlicher und mili- sich des wissenschaftlichen und zivilisatorischen
:tärischer Würden aus allen Ländern und etwa Denkens und Erfindens bemächtigt und’ das
100 Mitglieder von 21 verschiedenen Parlamenten, Gegenwartsleben mit dem kalten Hauch der
-mitgemacht haben. Seelenlosigkeit durchzogen haben, stellen die
Ein „Christentum der‘ praktischen Bewährung“ eigentlihe Gefährdung der Menschheitszukunft
sollte in Caux als in dem „Agitationszentrum“ der dar. Sie führten schließlich auch mit Notwendig-
Bewegung „gegen die materialistische und- nur keit zum Versagen und Versiegen der no&h;in den
„auf äußere Macht bedachte, zu sozialen Konflikten Seelen vorhandenen FErbschaften und Rest-
-und zum Kriege führende Einstellung einer bestände an moralischer Kraft. Wir stehen mitten
seelenlos gewordenen Zivilisation“ mobil gemacht in einer unerhörten Tragödie des guten
“werden. (Die zitierten Wortlaute sind einem aus- Willens. Aller Idealismus und Enthusiasmus,
gezeichneten Aufsatz in der „Neuen Zürcher der nichf mit einer klar-durchschauenden, die
Zeitung“ vom 5.0Okt.1947 entnommen.) Dabei Geister unterscheidenden Erkenntnis gepaart war,
legt man allerdings auf das Spezifisch-Christliche wurde und wird entweder irregeleitet oder er
“keinen Wert: man zieht sich auf die allen Reli- macht nach vergeblichem Sichaufbäumen einer
‚gionen gerflinsamen moralischen Grundforderun- um so größeren Erlahmung und Verzweiflung
-gen von Wahrhaftigkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit Platz. "
und Liebe zurück. Der -wohlmeinende Bericht- Insoferne es sich im Geisterkampf unserer Tage
erstatter, der von der in Caux herrschenden „herz- darum handelt, das Moralisch-Böse, z. B. persön-
“bewegenden Brüderlichkeit“ tief beeindruckt ist, liche Machtgier u. dgl., zu bekämpfen, wird man
"kann sich doch der Frage nicht verschließen, ob auf Caux Hoffnungen setzen können. Für 'die
man nicht doch die Probleme der Welt auf einen Überwindung des Sachlich-Bösen, des ahrimani-
zu einfachen Nenner bringe: „Die Hausarbeiten schen Ungeistes, der sich mehr in „Systemen“ als
(an denen sich alle, aut die Minister und ihre in einzelnen Menschen kundtut, reicht es nicht
"Gattinner beteiligen), die ‚geistlichen Übungen‘ aus, auf diese Art eine „Mobilmachung des guten
"bzw. die entsprechenden, für schweizerischen ‚Ge- Willens“ zu veranstalten. Und da die eigentliche
schmack sehr amerikanisch aufgezogenen ‚Meetings‘ Gegenmacht anderswo als auf der persönlich-
“im großen Festsaal, dann die stets neu sich moralischen Ebene lauert, muß man den Wunsch
- gruppierenden ‚Arbeitsgemeinschaften‘, in denen
* Siehe den Aufsatz „Die Auseinandersetzung mit dem
“Erfahrungen ausgetauscht und die in der ‚Stillen Bösen“ in diesem Heft.

- 40
haben, daß die Verfechter der „moralischen Auf- kenntnis der wahren Fehlerquelle ablenken zu
rüstung“ die Gefahr vermeiden, sich und die lassen und ‘dadurch nur neue Illusionen zu er-
Menschheit von der dringend notwendigen Er- wecken. Emil Bock

Aus der Christengemeinschaft


oben tragen. In dem freundlichen „Hotel zur Roß-
Michael-Freizeit auf der Roßtrappe trappe“ werden wir von der opferfreudigen und
im Herbst 1947 tatkräftigen Wirtin empfangen, und nacidem uns
Prinzessin Ilse — so wird erzählt — war von die Zimmer angewiesen, machen sich Einzelgänger
ihrem Vater, einem König im Gebiete des Harzes, oder Gruppen auf zur Erkundung des Geländes.
dem mächtigen, doch zügellosen Könige Bodo zu- Es heißt ja, es seien hier in alten Zeiten Kult-
gesprochen worden. Sie aber trug in ihrem Herzen Stätten gewesen, und den Berg hätten „sieben
das Bild eines lichten Königssohnes, der ihr be- magische Wälle‘“ geschützt. Man hat jedenfalls
gegnet, doch wieder entschwunden war; und als den Eindruck, etwas Derartiges könne hier durch-
sie merkte, daß Bodo ihr Gewalt antun wollte, aus möglich gewesen sein. Ernste Buchenwälder,
versuchte sie heimlich zu entfliehen. Er aber ent- die in Märchenstimmung versetzen, bilden einen
deckte ihr Vorhaben, spürte ihr nach und trieb sie feierlichen Grundton, und es ist, als trügen sie die
hart an den Rand einer jäh abstürzenden Fels- Erinnerung uralter Mysterien in sich, als wollten
wand: Vor ihr tat sich ein Abgrund auf, hinter ihr sie der hingegebenen Seele davon etwas zuraunen;
hatte der tobende Bodo sie fast erreicht — drüben auch die Granitblöcke, die zum Teil auf Opferver-
aber, jenseits der Schlucht, in deren Tiefen ein richtungen deuten, und denen wir überall be-
wildes Gewässer brodelte, stand eine mächtige gegnen — das Urgestein, aus dem das ganze
Burg. Sie ragte wie von innen durchleuchtet empor Massiv besteht, es könnte sein wie ein stummer,
und entsandte so helle Strahlen, daß die Tiefen doch zeugender Grund heiligen Geschehens. Jetzt
der Schlucht wie von feurig-goldenen Schleiern schwingt ein rötliches Gold der sinkenden Sonne
verhüllt wurden und keinen lähmenden Schrecken durch die Stämme, es nimmt uns mit und führt
mehr erzeugten. In ihrem Herzen vernahm die zur eigentlichen Roßtrappe, jenem sagenumwitter-
Prinzessin den Ruf des Königssohnes, und als ten, hufähnlichen Einschlag, dessen Anblick
Bodo sie bereits greifen wollte, gab sie ihrem manche geheimnis-umwobene Empfindung auf-
jungen Schimmel Vollmacht und setzte in kühnem steigen läßt. Hier sollen die Priester ihre Opfer
‘Sprunge über die Schlucht. Sie erreichte den jen- verrichtet haben, während drüben auf dem
seitigen Felsen, und zwar mit solcher Wucht, daß Hexentanzplatz das Volk zuschaute. .
der Huf des Rosses sich in den Granit bohrte und Was hat es für eine Bewandtnis mit jener
heute noch als Abdruck zu sehen ist. Die Krone strahlenden Burg, welche der jungen Königs-
jedoch war ihr dabei vom Haupte geflogen und tochter den Sprung über das Geklüft ermöglichte?
von dem Gewässer verschlungen worden. Bodo, In dieser Umgebung erleben wir jeden Morgen
der sich um seine Beute betrogen sah und gleich- die Menschenweihehandlung und hören in den
falls dem Rappen die Sporen gab, sprang zu kurz Stunden bis zum Mittag tiefgründige und mit
und stürzte ab. Er wurde in einen schwarzen Enthusiasmus dargebrachte Betrachtungen über
Hund verwandelt und zum Wächter der goldenen das Wesen der Menschenweihehandlung in ihren
Krone gesetzt — sein Geheul soll heute noch in einzelnen Phasen und über die Bedeutung ihres
Vollmondnächten zu vernehmen sein. Vollzuges, zu dem als wichtiger Bestandteil hinzu-
Dies die Sage — und gewissermaßen der gehört, was der Einzelne als besondere, individuelle
imaginative Hintergrund der seit Kriegsende erst- Gabe auf dem Altare niederlegt.
maligen Freizeit der Christengemeinschaft im In der Zeit von 19 bis 20 Uhr ist Stromsperre.
Harz. Da sind .alle Teilnehmer im Speisezimmer ver-
In Thale steigen wir aus dem übervollen Zuge, sammelt, und im Dämmerscheine einer Kerze
schieben und quetschen uns durch Massen von wagen sich einzelne Seelen hervor und offenbaren
Arbeitern und „Stoppelern“, lassen das tosende ihren Schicksalsweg zur Christengemeinschaft.
Eisenwerk hinter uns und beginnen, den Berg der Nichts ist interessanter als so am Leben und an
Sage zu besteigen, der uns zum Berge der An- der Führung des Einzelnen teilzunehmen. Man
betung und feiernden Gemeinschaft werden soll. gewinnt intimere Beziehungen untereinander, auch
Mit jedem Stück, das wir erklimmen, werfen wir wenn man den Alltagsmenschen kaum von An-
eine Last des Alltags ab,,; tauchen den Blick in gesicht kennt.
endlose Weiten und ‚lassen uns von der immer Fragen werden gestellt. Auch das erweckt Inter-
spürbarer werdenden Freiheit wie beschwingt nach esse am Einzelnen. Hier läßt sich mehr an das rein

41
Persönliche herantasten, in welchem Zustande es sonderen Charakter. Groß ist der Ernst, aber
sich etwa gerade befindet. Auch kritische Momente nicht minder groß ist die tragende Kraft und das
stellen sich hier leicht und gern ein — viel hilft Feuer des Enthusiasmus. Schließlich sind es auch
in solchen Momenten der Humor, viel auch die für die Gemeinde unvergeßliche Augenblicke,
Toleranz. — In der ersten Sperrstunde erzählt wenn sie die im Weiheritual schrittweise sich voll-
Ludwig Köhler, der die Freizeit leitet, aus Berlin, ziehende Einkleidung der Neugeweihten mit-
von der Gründung der Christengemeinschaft. in erlebt, wenn zum ersten Male aus deren Mund das
Verbindung mit seinem eigenen Schicksalswege. Evangelium (Johannes 1) erklingt und wenn
Von diesem Geschehen zu hören, ist immer wieder schließlich der Zelebrierende mit dem Kelch den
zum Erstaunen, immer von neuem erschütternd Kreis der Priesterschaft umschreitet und so die
und begeisternd. Dann folgen die Vorträge, die an Neugeweihten in den Bannkreis des heiligen Han-
das Bild „Michael den Drachen überwindend“ an- delns einbezieht.
knüpfen. — Abends treten die Musiker auf den Als ein schicksalhaftes Zeichen mußte es uns er-
Plan. Erwähnt sei auch, daß eine Sonntagshand- scheinen, daß auf die Stuttgarter Weihefeier an
lung für Kinder besonderes Interesse, Freude und den beiden folgenden Adventssonntagen eben-
Dank auslöste. Als unsere Gruppe Abschied nahm, solche Feiern im. Westen in London und im Osten
wurden wir von einer gleichgroßen Gruppe von in Prag folgten. Es ergeben sich dadurch nicht nur
Freunden abgelöst, die gleich uns eine Woche lang europäische Ausblicke, da es in London der erste
zur gemeinsamen geistigen Vertiefung beisammen- amerikanische Mitarbeiter der Christengemein-
blieb. schaft war, der die Weihe empfing.
Dank beseelt uns Teilnehmer alle gegenüber Arnold Goebel
dem gütigen Schicksal, wie auch gegenüber den
Persönlichkeiten, deren Initiative es zu verdanken
ist, daß im hiesigen Teil der deutschen Ostzone, “ Priesterweihen in London und Prag
von Ballenstedt ausgehend, Christengemeinschaft Am 2. Advents-Sonntag fand in London die
gepflegt werden kann und nun sogar eine solche Weihe des ersten amerikanischen Priesters unserer
Doppel-Freizeit zustande kam. Christengemeinschaft statt. Vor etwa einem Jahre
Hans Georg Seydel. kam Mr. Verner Hegg nach England mit dem ganz
allein aus eigener Initiative gefaßten Entschluß,
sein Leben in den Dienst der Christengemeinschaft
Priesterweihe in Stuttgart zu stellen. Sein Impuls mußte ihn zunächst in die
Hinter allem, was in der Christengemeinschaft Heimatlosigkeit führen. Außer seiner ihm treu zur
gegenwärtig getan wird, steht das Gefühl, daß die Seite stehenden Gattin, die auch bei der Priester-
Zeit heftiger vorwärtsdrängt, als daß man so ohne weihe die Rolle eines Ministranten übernahm, war
weiteres hoffen könnte, mit ihr Schritt zu halten. niemand aus Amerika bei dem hohen Fest. zu-
Insbesondere die in den letzten beiden Jahren gegen. Es stand leider nicht einmal ein eigener
vollzogenen Priesterweihen nötigten, die Gesamt- Raum der Christengemeinschaft zur Verfügung,
lage der Christengemeinschaft als einer „Be- da der Notbau, den sich die Londoner Gemeinde
wegung für religiöse Erneuerung“ inmitten einer errichtet, noch im Entstehen begriffen ist. Der ge-
Welt zu empfinden, die in schwindelerregender mietete Raum, kalt und hart in seiner weltlichen
Bewegung ist. Zu dem. Sichüberstürzen der Zeit- Nüchternheit, eine Art Mammonstempel, symboli-
geschehnisse kommt die ins Unvorstellbare sierte die Kräfte, gegen die sich das neue sakra-
gehende Notlage der Seelen, die nach einer Hilfe mentale Leben durchzusetzen hat.
rufen, die nur aus geistiger Vollmacht gegeben Die englische Christengemeinschaft durfte sich
werden kann. So steht unser wichtigstes Sinnen als Pate fühlen bei der Geburt eines wichtigen
danach, Menschen zu finden, die die Zeichen der neuen Zweiges unserer Bewegung. Und so haben
Zeit verstehen und unserem geistigen Auftrag zu die englischen Freunde aus ganzer Seele mit-
dienen vermögen. Und es ist immer tief be- gefeiert. Jeder fühlte seinen Glauben an die ge-
friedigend, wenn wieder eine Gruppe von Freun- meinsamen Geistesziele auf das kräftigste belebt
den bis zum Vollzug der Weihe hat geführt wer- und bestätigt. Die Adventszeit bettete alles in die
den können. Seit dem Wiederbeginn der Arbeit Stimmung großer Zukunftserwartung. Es war ein
haben nun allein in Stuttgart bereits 14 Priester rechtes Fest des hoffenden Menschenherzens.
die Weihe empfangen, 10 in der Michaeliszeit Wir fühlten an diesem Tage mit besonderer
1946, 4 am ersten Adventssonntag. des eben zu Dankbarkeit, wie das Wesen der Christengemein-
Ende gegangenen Jahres. schaft überall in der Welt durch Menschenschick-
Die letzten Wochen der Vorbereitung, in denen sale seinen Weg findet. Als Sohn einer aus Schwe-
die persönlichen Schicksale endgültig in den den stammenden Familie in Minneapolis heran-
Wirkens- und Weihebereich des Sakramentes ein- wachsend, hat Mr. Hegg sich bereits in seiner
münden, haben für alle Beteiligten einen be- Knabenzeit zum Pfarrerberuf hingezogen gefühlt.

42
Aber als Pfarrer der „Presbyterian Church“ der menschlichen Seite her, dem Fest einen frohen
konnte er seine Wirksamkeit nicht als Erfüllung Glanz. So verschieden die beiden Priesterweihe-
seiner Ideale empfinden. Nach Niederlegung seines Feiern in mancher Hinsicht waren: auch die in
Amtes lernte er im Kreise der ‚Ethical Church‘ Prag war auf ihre Art in die Stimmung einer
die Werke Rudolf Steiners und bald darauf den großen Adventshoffnung getaucht. Am Vorabend
Namen der Christengemeinschaft kennen. Nun der Weihe ging ich über den weiten Platz; auf
wußte er seinen Weg, wenn er auch noch drei welchem das Denkmal von Johannes Hus steht.
Jahre warten mußte, bis er Gelegenheit hatte, eine Mein Blick ruhte yor der zweitürmigen Teinkirche
Menschenweihehandlung mitzuerleben. auf dem Bild des mit der Sonne bekleideten
Die Weltstadt London mit ihrer Offenheit nach Weibes, das gebären will. In dem Augenblick er-
allen Horizonten hin war die rechte Geburtsstätte schien am Himmel ein Regenbogen und spannte
des neuen Stromes, der von unserem priester- sich von den, Türmen bis hinüber zum Kopf des
lichen Wirken ausgehen soll; und da sich doch Hus-Denkmals. Ein Adventsbogen war es, ein
gerade während des Jahres 1947 immer wieder Zeichen der Verheißung.
unsere Freunde aus allen Ländern der Welt ge- Die Worte der Priesterweihe erklangen mit
troffen haben, strömten nun der gleichen Kraft in den verschiedenen Sprachen.
von allen Richtungen
her die guten Gedanken für die werdende ameri- Die Seelen waren in die gleiche Sphäre des
Wahr-
kanische Christengemeinschaft zusammen. haftigen emporgehoben. Die gleiche Wirksamkeit
Gleih nach der Weihe fuhren Dr. Alfred Christi selbst fand ein Tor in die irdische Welt.
Heidenreich, Mr. Hegg und ich nach Prag, wo am. Evelyn Francis (London)
folgenden dritten Adventssonntag Jan Dostal als ”
der zweite Priester-tschechischer Nationalität die
Weihe empfing. Es hatte sich für die Christen- Einweihung der Leonhardskapelle
gemeinschaft eine Tür nach dem Westen hin auf- in Braunschweig am 2. Advent
getan, nun öffnete sich gleich darauf eine nach Das Leonhardskirchlein, im 12. Jahrhundert er-
dem Osten. London ist eine Weltstadt, Prag ist, baut als Kapelle eines Spitals vor den Toren der
wie auch sein Name sagt, eine Stadt der Schwelle. Stadt, ist das älteste, auch in diesem Kriege er-
Alles was dieser Stadt ihr Antlitz gibt, zeigt das halten gebliebene Baudenkmal Braunschweigs. In
Zusammentreffen und Sichverbinden östlicher und seinem streng romanischen Stil zeigt das Bauwerk
westlicher Kulturimpulse. Die Gemeinde in Prag trotz seiner an sich kleinen Maße (18m X 6m)’
hat ganz und gar die slavische Seelenart, durch eine ruhevolle innere Größe und fast kosmisch zu
welche die Menschen eine so _ schöne große nennende Weite. An drei Quadratgewölbe schließt
fromme Hingabe an das neue sakramentale sich östlich die halbrunde Apsis mit Halbkuppel
Leben entfalten können.’ Nach ihrem langen Auf- und drei romanischen Fenstern an. Im 17. Jahr-:
sichallein-Gestellisein hat es die Festesstimmung hundert renoviert, erhielt sie einen Barock-Dach-
der Prager Freunde außerordentlich erhöht, nun reiter mit Schieferdeckung. In den letztver-
drei Gäste aus anderen Ländern, darunter auch gangenen Zeiten träumte die Kapelle, zu kirch-
Mr. Hegg aus dem fernen Westen, in ihrer Mitte lichen Zwecken nicht mehr benutzt und immer
zu haben. Von nah und fern nahm eine große mehr in Trümmer sinkend, unter den hohen
Schar von Mitgliedern und Freunden teil, in be- Kastanien halbvergessen einen Dornröschen-
geisterter Freude, daß nun neue größere Möglich- Schlaf. So haben Mitglieder der Braunschweiger
keiten für die Arbeit in ihrem. Lande gegeben Gemeinde sie im Frühjahr 1946 vorgefunden und
sind. sogleich mit energischem und zielstrebigem Willen
Das Weihefest hatte äußerlich einen ganz den Impuls gefaßt, sie für die Christengemein-
anderen Rahmen als das am Sonntag vorher. Der schaft zu erwerben, instandzusetzen und ihrer
schöne neue Raum, der bereits ein rechtes Heim ursprünglichen Bestimmung als Gotteshaus wieder
für die Gemeinde geworden ist, war zum Advent zuzuführen.
mit viel Tannengrün geschmückt. Ein alt-tschechi- Es gelang schließlich, die Kapelle vom Reichs-
scher Chorgesang leitete die Feier ein. Der zum fiskus für längere Zeit zu pachten unter Über-
Priester geweiht wurde, ist in der Prager Ge- nahme der gesamten Instandsetzungs- und Ein-
meinde selbst aufgewachsen und hat dort auch richtungsarbeiten, die, wollte man der im Lauf
seine Konfirmation empfangen. Auf den Knaben der Jahrhunderte sehr verbauten Ruine einen
bereits, der alles, was er in der Christengemein- würdigen und auch wohnlichen Kultus-Raum ab-
schaft miterlebte, mit einem so besonderen Ernst gewinnen, einen sehr erheblichen Umfang an-
in sich aufnahm, hatte man für die Zukunft’ der nahmen und viel zähe Ausdauer und große Opfer
Christengemeinschaft eine große Hoffnung ge- erforderten. Es ist im einzelnen nicht zu schildern,
setzt. Der Same aber mußte lange im Dunkeln welche Schwierigkeiten von Tag zu Tag zu be-
ruhen, bis er. schließlich voll aufkeimte. Das In- wältigen waren im Heranholen der Arbeitskräfte
Erfüllung-Gehen einer alten Hoffnung gab,. von und bei der Beschaffung der Baustoffe. Wieviele

43
Bittgänge, Telephongespräche, Verabredungen etwa 150 Sitzplätze faßt, überfüllt, so daß viele
waren nötig, um Backsteine, Zement, Kalk, Holz, stehen mußten. Viele mutete es an, als seien wir
Eisen zu bekommen, oder um die versprochenen schon immer und in allen Zeiten in dieser Kapelle
Handwerker-Arbeiten endlich ausgeführt zu er- gewesen, so heimatlich berührte sie die "kosmische
halten! Immer wieder mußte der sehnlichst er- Kräftigkeit der romanischen Raumformen.
wartete Einweihungstermin hinausgeschoben wer- Den Abschluß des Festes bildete am Sonntag-
den. Die Gemeinde wurde auf eine harte Gedulds- Nachmittag der Vortrag von Lic. Bock, „Die
probe gestellt. Viele Hände mußten immer wieder Menschheit vor Damaskus“, der zweimal hinter-
bei auszuführenden Laienarbeiten mit zugreifen. einander gehalten werden mußte.
Der Senior der Gemeinde, ein 79jähriger Maler- Möge, was künftig in unserer Kapelle geschieht,
heilende Kräfte ausstrahlen im Sinne des Ge-
meister, stand eine Wöche lang mit Aufbietung
die Wände dichtes, das uns Claus von der Decken als Gruß
aller Kraft auf Leitern und Gerüst, um
des Chors und der Apsis zu malen. sandte:
Nun ist der erste Bauabschnitt vollendet. Die
Einweihung konnte am 2. Advent in Anwesen- Kapelle Du, ehrwürdig hohen Alters,
heit des Erzoberlenkers unter großer Beteiligung ‚Dem Schlaf und Staube finstrer Zeit entrungen,
aus Braunschweig und dem näheren und weiteren Zu neuer Tat des göttlichen Gestalters’ —
Umkreise stattfinden. Dir sei ein Auferstehungslied gesungen!
Die Eröffnungsfeier am Sonnabend, den 6. De-
zember, hatte zum Inhalt die Übergabe der In edlen Formen einst. verkündete
Kapelle an die Gemeinde durch den künstlerischen Dein Bau des Christusopfers Haus und Hülle.
Leiter der Bauarbeiten, Prof. Thulesius, während Doch als der Mensch sich dann verbündete
der Finanzminister des Landes als Vertreter der Dem toten Stoff, verlorst Du Deine Fülle.
den Bau verwaltenden Behörde zusammen mit
dem Kultusminister seine Grüße und Glück- Du standest schmerzvoll, gottverlaßner Zeit
wünsche schriftlih zum Ausdruck brachte. Musi- Verarmtes Dach am Weg in Deinem Trauern;
kalische Festgaben, durch ein befreundetes Doch eines Tages ‚wandte sich Dein Leid,
Streichquartett und den Kammerchor der Braun- Und neuer Glanz entsteht in Deinen Mauern.
schweiger Singakademie dargebracht, Grüße,
Danksagungen folgten. Dann sprach Lic. Emil Auf neue Weise wird das alte Licht
Bock ein Schlußwort: „Vom Bauen der Hütte Herabgetragen, strahlend vom Altare,.
Gottes unter den Menschen.“ Der „Abbau“, der In Dir ertönt das göttliche Gedicht
äußerlich und innerlich die Gegenwart beherrsche, Des Sakramentes, das erhaben wahre.
könne in einen wirklichen „Aufbau“ nur dadurch
übergeführt werden, daß in das Denken der Men- Der freie Mensch ergreift mit ernstem Streben
schen die Wirklichkeit einer geistigen Welt ein- Die Opfertat des Gottes auf der Erde.
bezogen würde. Die Zerstörung der Städte bringe So dienst Du jetzt dem auferstandnen Leben
bildhaft den abbauenden Charakter der mate- Und hilfst dem Christus, daß er wirksam werde.
rialistischen Gedanken zum Ausdruck, deren letzte Alfred Schreiber
Errungenschaft, die Atombombe, in ihren Folgen
heute noch — zwei Jahre nach Hiroshima — die
Menschheit‘ vor die erschreckendsten Rätsel Zwischen den Raumweihen in Braunschweig am
das Leben und Bauen 2. und in Rendsburg am 4. Advent wurde am
stelle. Das „Hüttenbauen“,
aus der Geistwirklichkeit, sei das Prinzip des kul- 3. Advent in Hannover der festlich schöne
neue Gemeinde-Raum geweiht, für dessen Voll-
turellen Wiederaufstiegs. Dadurch senke sich her-
nieder von oben das himmlische Jerusalem, die endung wir dem Schicksal und allen durch Spen-
den und tätigen Dienst Beteiligten besonderen
ewige Stadt, an Stelle der nur von unten erbauten,
Dank schulden. Es ist ein völlig neu errichteter,
nur vergänglichen irdischen Städte. Diesem himm-
geräumiger Hallenbau, der über 600 Menschen
lischen Bauen solle auch die Kapelle geweiht sein;
faßt und in der architektonischen Gestaltung des
alles sakramentale Geschehen, das darin vollzogen
den Altar enthaltenden Teiles auch in weniger
werden würde, sei ein Baustein des himmlischen
notvollen Zeiten kaum befriedigender hätte ge-
Jerusalems, der ins Irdische hinein versenkt
würde aus der Kraft dessen, baut werden können.

„der in die Erde sich geleget, Raumweihe in Rendsburg am 4. Advent


als Grundstein einer Gottesstadt“. (Novalis)
Am Rande des großen, freien Geländes, das die
Am anderen Morgen fand die sakramentale Mittelschule von Rendsburg umgibt, liegt seit
kurzem ein kleiner Barackenbau. Man meint
Raumweihe statt. Wieder war die Kapelle, die

44.
zunächst, es sei ein Schuppen, der schon einige wenigstens die alten Grundmauern zu überdachen. ı
Jahre in Wind und Wetter gestanden hat. Und es Mühsam schaufeln sie selbst den Schutt weg, wie
ist wohl auch schon mancher holsteinische Sturm seit den furchtbaren Zerstörungen, die die ganze
darüber hingefegt, als das Haus noch an anderem Stadt betroffen haben, alles Leben in Kiel müh-
Platze anderen Zwecken diente. Jetzt gehört es sam ist. Wesentlich leichter haben es die Freunde
der Christengemeinschaft und ist der erste eigens in Rendsburg, das verschont geblieben ist, nach-
für die Menschenweihehandlung gebaute Raum in dem sie durch tatkräftige Freundeshilfe den
Schleswig-Holstein. neuen Raum fast wie ein Geschenk erhielten. Nun
In der Schule nebenan wurden am Sonnabend muß er langsam von innen her in Besitz ge-
Nachmittag vor 400 Kindern der Stadt von den nommen und erfüllt werden. Die Raumweihe, am,
Rendsburger Freunden die Oberuferer Weih- Sonntag-Morgen von Ludwig Köhler, dem Lenker
nachtsspiele aufgeführt. Das fortwährende Ge- des Gebietes, vollzogen, war sicherlich ein reiner,
wusel der vielen Kinder störte das Spiel nicht; starker Anfang dieses Prozesses.
man hatte vielmehr das Gefühl: hier werden diese Wie die Elemente, aus deren Substanz es erbaut
weihnachtlichen Menschheitsbilder von einer ist, das Haus .umtoben und nun, von Menschen-
lebendigen kindlich-reinen Welt aufgenommen, so hand und -willen geformt, dem Geiste dienen
wie sich Sterne in einem leicht bewegten Wasser sollen, dem Herrn der Elemente, — Dr. Hemleben
schaukelnd spiegeln. Und als ich danach zur sprach davon am Morgen, nachdem er am Abend
Baracke hinüberging: auch hier fröhliches Kinder- vorher im Vortrag die Weihnachtstatsachen ge-
jubeln. Die Konfirmanden putzen Fenster! Lustig schildert hatte, die Geburt des „Königs der Ele-
kichernd die Mädchen, die Jungen rührend hin- mente“, wie nordische Weisheit das‘ Kind be-
gebungsvoll bei dem ungewohnten Geschäft. Stolz nannte. Ein starker Ausklang des ganzen kleinen
zeigten sie mir „ihren“ Raum, Vor-Weihnachts-Festes war L. Köhlers Vortrag
Daß so in diesen Tagen als erste Eindrücke die am Sonntag-Nachmittag über das Leben und Wir-
mitwirkenden Kinder da waren, mag ein Bild sein ken Jesu Christi als Weihnachtstatsache. Als dann
für unsere ganze Arbeit in Schleswig-Holstein, die am Abend im neuen Raume noch einmal die Weih-
sich erst nach dem Kriege zu den Gemeinden nachtsspiele gespielt wurden und die Hirten an-
Rendsburg, Schleswig, Flensburg konzentrierte betend vor der Krippe knieten, war im Bilde alles
— bis auf die Gemeinde Kiel, die schon vor dem zusammengefaßt: ein Raum war geschaffen, damit
Kriege bestanden hatte —: noch jung sind die Menschen in ihm sich ehrfürchtig um die aller-
Gemeinden, noch jung und voll der schönsten heiligsten Dinge der Welt scharen und anbetend
Möglichkeiten, das widerzuspiegeln, was durch die den Weg zur Krippe suchen. Ein Altar steht nun
Christengemeinschaft”in die Welt kommen soll. in diesem Raume, dessen Kerzen hell aus dem
Die Kieler Freunde haben ihr Haus durch die Inneren zu allen Fenstern über den Platz hinaus-
Kriegsereignisse verloren und sind nun dabei, schienen. Marianne Piper

Heimat und Heimatlosigkeit


Das Wort „Heimat“ ist wie eine Zauberformel, ein „Sesam öffne dich“, das die Tore zu dem
stillen Reich des eigenen Ursprungs und Werdens aufzuschließen vermag. Bei seinem Klang
tauchen die erinnerungsschweren Bilder der Kindheit auf und versetzen uns in eine Welt, die,
wie kaum eine andere, uns innig nahe und vertraut ist. Straßen und Winkel einer Stadt, eines
Dorfes, Gärten und Felder mit der weiteren Landschaft von Bergen, Wäldern und Seen er-
stehen vor dem inneren Auge. Ein Haus mit seinen Stuben und Stiegen hebt sich heraus, die
Atmosphäre eines Zimmers, in dem wir vielleicht als Kinder gespielt haben, weht uns an wie
der Atem eines lebendigen Wesens. Alles ist uns tief vertraut, als. wären wir durch feine Fäden
mit ihm verwoben, es gehört zu uns fast wie der eigene Leib. Novalis sagt einmal: „Der Mensch
hat gleichsam gewisse Zonen des Körpers. Sein Leib ist die nächste, was ihn zunächst umgibt
die zweite, seine Stadt, die Provinz die dritte; so geht’s fort bis zur Sonne und ihrem System.
Die innigste Zone ist gleichsam das Ich...“
Es ist das Geheimnis der Inkarnation, der Einkörperung, das hier waltet. Wenn die Men-
schenseele aus geistigen Sphären zur Geburt herabsteigt, gliedert sie sich nicht nur dem Körper
ein, sondern umspannt noch wie mit weiten Flügeln den ganzen Umkreis des Ortes ihrer

45
Mm
Erdenankunft. Haus, Stadt und Landschaft der Geburt, ja, die Erde mit Sonne, Mond und
Sternen gehören in gradweiser Abstufung zu dem Körper hinzu, der für die Seele nun Woh-
nung, Behausung und Heimstätte wird. Aus geistigen Weltenweiten kommend, fügt sie sich auf
ihrem Verkörperungswege stufenweise in die Erde, die weitere Landschaft, einen bestimmten
Ort und endlich in den engeren Bezirk des Leibes ein. Die Geburtsstätte mit ihren näheren
und ferneren Zonen ist vom Glanz des vorgeburtlichen Lebens umstrahlt und bleibt deshalb
für die Geistesheimat der Seele transparent.
Aber der Mensch würde nicht wahrer Mensch werden können, wenn er nur zurückschauen
- und vergessen würde, daß er auf einem Wege ist. Eine Zeitlang dienen ihm die Kräfte der
Heimatlichkeit von jenseits der Geburt als Wegzehrung; allmählich muß er lernen, von der
anderen Schwelle her eine Stärkung zu empfangen, wenn die alte versiegt. Das bedeutet Ab-
schied zu nehmen vom Vergangenen und sich mutvoll dem Zukünftigen hinzuwenden.. Wir
müßten erstarren wie Lot’s Weib, wenn wir uns nur dem heimatlichen Paradies der Kindheit
zuwenden wollten.
Der Gegenwartsmensch wird vom Schicksal eindringlich belehrt, daß er nicht stehen bleiben
darf, indem ihm das Heimrecht in den verschiedenen „Zonen des Leiblichen“ Stück für Stück
in umgekehrter Reihenfolge entzogen wird, wie er es einst bei der Verkörperung erworben hat.
Schon längst hat der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts verlernt, jenen weitesten Umkreis
des Leiblichen, von dem Novalis spricht, als seine ihm angestammte Heimat zu empfinden. Die
Auffassung der heutigen Astronomie von der Erde und unserem Sonnensystem, das nach ihrer
Meinung in einem zufälligen und belanglosen Weltwinkel existiert, läßt nicht mehr das Gefühl
aufkomnien, seelisch hier wirklich „zu Hause“ zu sein. Fast unbemerkt und ohne Erschütterung
ist dem heutigen Menschen das Heimatgefühl für Erde und Welt verloren gegangen. Wıeviel
schmerzlicher und einschneidender erlebt er dagegen die Entwurzelung aus Landschaft, Ort
und Haus seiner Geburt und Kindheit. Wie sollte ihm dieser Verlust nicht schmerzlich „nahe“
gehen, da diese Bezirke aufs engste mit seinem ganzen körperlich-seelischen Dasein zusammen-
hängen. Die Millionen, die gegenwärtig Heimatland, Haus und Hof auf diese oder jene Weise
verloren-haben, machen eine Art Entkörperungsprozeß durch, der dem Inkarnationsvorgang
bei der Geburt polar gegenübersteht. Wer, aus dem Felde oder der Gefangenschaft kommend,
vor den Ruinen seiner Heimatstadt gestanden hat, wird wissen, wieviel tiefer ihn dieser An-
blick getroffen hat als die ähnliche Erfahrung in anderen zerstörten Städten. Das beruht. nicht
nur auf der Unempfindlichkeit gegenüber fremdem Leid, sondern darauf, daß er damit einen
intimen seelischen Loslösungsakt' aus den feineren Schichten und Wurzeln seines leiblichen
Seins erfährt. Um vieles stärker noch ist dieses Erlebnis angesichts der Trümmer des Hauses,
in dem man Kindheit und Jugend verlebt hat, selbst wenn der Betreffende keinen persönlichen
Schaden zu beklagen hat. Damit ist nicht nur den Erinnerungen der Boden entzogen worden,
sondern ein Teil des eigenen Wesens selber scheint ins Grab gesunken zu sein. Es ist ein feiner
Sterbeprozeß, den die Seele durchleidet. Heimatlosigkeit, wie sie die heutige Menschheit er-
leben muß, ist eine partielle Todeserfahrung, eine Stufe zur Entkörperung der Seele. Aber sie
ist zugleich, wenn. wir nicht nur auf die negative Seite dieses schmerzlichen Vorganges, sondern
auf die zarten inneren Begleiterscheinungen achten, ein geistiges Freiheitserlebnis; ein Er-
wachen aus der kindlich-dumpfen Unbewußtheit heimatlicher Geborgenheit in ein helles, freies
Element geistiger Überlegenheit
und Bewußtheit. Der Mensch hat nicht nur etwas Altes ver-
loren, sondern zugleich etwas Neues gewonnen. Er hat ein Stück Unabhängigkeit vom Körper-
lichen errungen und verspürt ein wenig, was leibfreie Geistigkeit bedeuten mag; ja er ahnt
vielleicht in freudigem Erschrecken, daß mit dem endgültigen Freiwerden vom Körper im
#

46
®

Tode nicht nur etwas Negatives geschieht, sondern zugleich eine unendliche Steigerung dieses
Freiheits- und Bewußtheitserlebnisses verbunden sein wird. Heimatlosigkeit ist die seelische
Vorstufe zum Tode. Sie fordert schmerzlichen Abschied von Kindheit und Ursprung, aber sie
gibt auch, wenn man dieses Erlebnis innerlich abfängt, einen Vorgeschmack und eine Art An-
wartschaft auf die souveräne Unabhängigkeit des Geistes._Sie schafft eine, wenn auch zunächst
nur schmale und umkämpfte Plattform, auf der sich der Mensch in der Wirklichkeit des Über-
sinnlichen fühlen darf. Heimatlosigkeit ist ein feines Sterben und ein allererstes seelisch-geisti-
ges Auferstehen und bereitet ein neues Heimatgefühl in einer höheren Welt vor. Das sind
keine billigen religiösen Tröstungen, sondern konkrete Erfahrungsanfänge, die nur aus der
Halbbewußtheit, mit der sie in vielen Menschen leben, in die helle Tageswachheit gehoben zu
werden brauchen.
Ein neues Lebensgefühl kann aus den Erschütterungen unserer Zeit geboren werden, das
seine Kraftquellen nicht so sehr in der Vergangenheit und leiblichen Heimat sucht, sondern be-
wußt aus der Zukunft von jenseits des Todes erschließen will. Das natürliche Heimatgefühl hat
noch einen Anflug von Unfreiheit an sich, weil es an die Kräfte der Landschaft und der ver-
schiedenen „leiblichen Zonen‘ gebunden ist. Das geistige Heimatempfinden, das aus den
Schmerzen äußerer Heimatlosigkeit erblüht, ist von solchen Beschränkungen unabhängig. Es
entstehen gleichsam neue Sphären des Behütetseins, die man analog als seelisch-geistige Heimat-
bereiche ansprechen könnte. Es sind die Landschaften und Orte der Seele, die schützenden
Hüllen und „Hütten“ eines geistigen Seins, die wir jederzeit mitten in der ärgsten äußeren
Verlassenheit aufsuchen können, um uns in ihnen gesichert zu wissen.
Das kann in sehr verschiedener Weise geschehen. Man lebt vielleicht tegenlerg unter fern-
stehenden Menschen in bedrückenden Lebensverhältnissen und empfindet die ganze Not des
Fremdseins und der Einsamkeit. Da blitzt ein Gedanke auf, und man steht plötzlich in einem
lebendigen Umgang mit inneren Kräften und Hilfen, die alle Isoliertheit vergessen machen.
Ein Musikstück fällt uns ein, wir lesen ein Gedicht oder erinnern uns eines Bildes — überall
können wir durch die eigenen Stimmungen und Begrenzungen zu einer Schicht hindurchstoßen,
in der wir uns eins fühlen mit allem Wahren, Schönen und Guten der Welt. Wir haben ein
Stück neuer Heimat erfahren.
Oder wir begegnen einem hochstehenden Menschen und erleben an ihm das Licht einer gött-
lichen Wirklichkeit und die Wärme eines Christ-erfüllten Lebens. Voller Dankbarkeit empfin-
den wir, daß unabhängig von äußeren Gegebenheiten, überall dort, wo wahrer Geist unter den
Menschen waltet, neue Stätten der Heimatlichkeit entstehen.
Wir dürfen in der Christengemeinschaft auf Erfahrungen aufmerksam machen, die sich mit
den Jahren mehr und mehr verstärken und zum Beglückendsten gehören, was auf Erden er-
lebt werden kann. Wir meinen den inneren Umgang mit der Welt des christlichen Kultus. An
welchem Ort der Erde wir auch sein mögen: da, wo die Worte der Menschenweihehandlung
ertönen oder in uns nachklingen, wölbt sich über allen, die sich ihnen öffnen, ein gemeinsamer
Heimathimmel. Er ist so tief, so leuchtend und offenbarend, wie es der Kindheitshimmel nur je
gewesen sein kann. Ja, was Heimat in einem allertiefsten Sinne bedeutet, wird im Altarsakra-
ment erst zum vollen Erlebnis. Der Wesensgrund unseres Menschtums wird hier in seiner Ge-
borgenheit innerhalb der göttlich-geistigen Urheimat erfahren, bestätigt und geheiligt.
Wo wir uns in. Kultus und Gebet zur Christus-Welt erheben, ist die wahre, unverlierbare
Heimat des Menschen. Alfred Schütze

47
ji

Der Menschenleib
Der Menschenleib, das dunkle Werdewesen —
Wir tragen ihn und sind von ihm getragen.
Wer will das Zeichen zu entziffern wagen?
Er ist ein Buch, von keinem ganz gelesen.
Und ist erfüllt von Trieben, Tod und Plagen,
Der gleiche Leib, der einst ein Licht gewesen,
So konnte er, der kranke, nur genesen
Durch seinen Schöpfer aus den Urwelttagen.
/Der kam herab im armen Menschengange,
& Daß ER das Göttliche zur Erde riefe,
Gestorbnes Wort belebe zum Gesange.
ER selber trug den Leib, daß er nicht schliefe,
Nicht mehr verfallen sei dem Todeszwange,
So ward der Leib Sein Tempel in der Tiefe.
z Claus von der Decken

Notizen
Wer den Grashalm begriffen — kann die Welt verwandeln.
Der Weg ist es — nicht der Endeffekt.
Der Nächststehende kann durch eine Ewigkeit von dir getrennt sein — soweit liegen schein-
bar verwandte Welten auseinander in unserer Zeit.
Ist nicht jeder Mensch nur ‘in bestimmten Augenblicken sichtbar, geist-leibhafund
t, alles
andere nur ein schemenhaftes Vorübergleiten, wie man sich selbst gegenüber schlafend ist und
in einer seltenen, blitzartigen Helle von sich wissen kann?
Das Unglück in der Welt kommt daher, daß die meisten Menschen mehr auf die Weise der
andern als auf ihre eigene glücklich werden wollen.
Der Eine kann sich nicht genug erniedrigen, der Andere nicht genug erhöhen, und bleiben
. so. durchaus Knechte ihrer selbst. 3
Schwächlinge können Ungeheuer ausbrüten, die kein Starker fesseln kann.
Über — Wunden, buchstäblich. ö ; .
Überall sind Surrogate gesetzt, selbst für den Menschen. Weißt du immer wer spricht?
Kühn gedacht, das ist der Adlerblick. Klein vollbracht, das ist der Sperlingsflügel.
Moralische Halbheiten bringen mehr Menschen um als böser Wille.
Am Grunde deiner tiefsten Not wächst eine Perle.
Gleichgültigkeit entspringt aus Unfruchtbarkeit, Gelassenheit aus schöpferischer Kraft.
Wo der Mensch nichts gilt, gilt auch das Wort nicht mehr.
Die Menschen sind Weltkörper und haben Katastrophen wie diese. Wenige noch leuchten.
Wer in einer Welt von Blitzen lebt, den ängstet kein Donner.
N

Dex Engel ist nicht im Sturz, sondern in der Kraft der Erhebung.
Die Größe. eines Menschen hängt nicht davon ab, was ihm vom Schicksal zugetragen wird,
sondern wie er dem zu begegnen weiß.
Der Mensch, der sich nicht zum Organ macht, wird zum Werkzeug. _
Alles Schaffen ist ein Antworten. Alois Knobling
34. Postscheck-
Für deh Inhalt verantwortlich: Lie. Emil Bock, Verlag Urachhaus, Stuttgart O, Kernerstr.
auf, Grund der Zu-
konten Stuttgart 40097, Berlin 2446. Städt. Girokasse Stuttgart 27222. Veröffentlicht
rolle der Militärregierung . Aufl. 1500. Druck Hoffmannsche
lassung Nr. US-W-1033 der Nachrichtenkont
Buchdruckerei Felix Krais Stuttgart. |

48 sr } x
Mitteilungen des Verlages \
Dieses Heft ist ein Doppelheft. Da wir innerhalb der Berechnungsfolge, die mit
dem Jahrgang 19 (1947), Heft 7, begann, bis Ende 1947 nur 4 Hefte q, 8/9, 10) liefern _
konnten, zählt das vorliegende Eeft 1/2 des Jahrgangs 20 (1948) noch zu dieser Be-
rechnungsfolge; denn jede Berecehnungsfolge hat 6 Heite. Die neue Berechnvwngsfolge
beginnt mit Heft 3, das als Osterheft erscheint, und reicht bis Heft 8; sie, ‚koktet
wieder RM 5 5.— einschl. Porto. Dauerbezieher werden bis zu einer etwaigen aus-
drücklichen Kündigung weiter beliefert. Es bedarf also am Jahresanfang keiner
neuen Bestellung. Wir Fitien, daß nur. diejenigen. Bezieher an den Verlag Prachhuns
bezahlen, die unmittelbar von diesem beziehen. ü
Die Auflage der Zeitschrift, die vor einiger Zeit etwas erhöht Serie konnte, ist
wieder fast erschöpft. Neue Dauerbestellungen können nur noch in ganz dringenden
Fällen angenommen werden, und zwar ab Jahrgang 20 (1948), Heft 1/2. Auch für
diese, neuen Bezieher beginnt die erste normale Berechnungsfolge mit Heft 3, für
Heft 1/2 sind: zusätzlich RM 1.80 zu enirichten.
Die Konten des Verlag Urachhaus sind: Postscheekkonto Stuttgart 40997, Post-
scheckkonto Berlin 2446 (für Berlin ypdzrusgiache Zone), Girokonto 27222 hei der
Städt. Girokasse Stuttgart. ‘
Bei aller# Zahlungen und Zudiriften: bitten wir die Anschrift des Absenders deut-
lich zu schreiben. Es erwächst uns fortdauernd durch undeutliche ‘Schrift sehr viel’
vermeidbare Arbeit.
Eine Anzahl der seit Mai 1946 erschienenen Hefte kanı auf Bestellung noch.nach-
geliefert werden. . i 5
. Die Schriften „Gemeinschaft mit den Versterbc ıen“ von Dr, Friedrich Rittelmeyer
und »Scicksalsbegegnung und Todesü'erw indung“ von Lie. Robert Goebel sind ver-
griffen. _ : :
Von Rittelmeyer, Meine Lebensbegenn: ung mit Rudolf Steiner, erscheint in Kürze
eine Neuauflage. Preis brosch. RM 5’—: en kleiner Teil der Auflage konnte gebunden
werden, Preis RM 6.50: .

Die Mitarbeiter dieses Heftes: Jehannes Rath‘ geb. Oppeln 28.3.1910; Dr. Rudolf
Frieling, geb. Leipzig 23.3.1901; Wilhelm Keelber, geb. Feucht 13.5.1901; Alfred
Schütze, geb. Berlin 16.7. 1903; GE Emil Bock, geb. W.-Barmen 19.5. 1895; Otto
Palmer, geb. Hamburg 8. 3.1896; Gerhard Klein, geb. Turn (Böhmen) 7.7.1902:
‚Dr. Albrecht Weymann,. geb. Berlin 6.6.1903; .Maria J. Krück von Poturzyn, geh.
Innsbruck 8. 10. 1896; Kurt v. Wistingbausen, geb. Reval' 13. 5. 1901; Dr. Erwin
Schühle, geb. Eschenau 17.8.1899; Arnold Goebel, geb. Halle a.d.$. 1.9. 1897;
Evelyn Franeis (London), geb. Stow-on-the-Wold 23.3.1911; Alfred Schreiber, geb.
Müllheim/B. 30. 5. 1901; Marianne Piper, geb. Seubtendorf 9. 19. 1911; Claus
von der Decken, geb. Preten b. Neuhaus 5.10.1888; Alois Kuobling, geb. Ebrach
6.7. 1904.