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A rc h äo lo g i e . Ku n s t .

G e s c h i c h t e 1/2021
WUB
Nr. 99, 26. Jg., 1. Quartal 2021 / Der See Gennesaret / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-948219-46-8

Der See
Gennesaret
Neue Forschungen zur Heimat Jesu
EURO 11,30

219468

Archäologie Jerusalem Berühmte


Rätselhafte Residenz mit Gemälde
Ritzfiguren Tempelblick Das Kreuz von
783948

entdeckt aus Königszeit San Damiano


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9
Der See Gennesaret

Inhalt
12

Titel- 20 56
Thema

Wolfgang Zwickel Anna Lena


Israeliten, Aramäer und Fremdherrscher Große Welt am kleinen See
Das Gebiet um den See Gennesaret vor der Die franziskanischen Ausgrabungen in Magdala. . . . . . . . 40
hellenistischen Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
Jürgen K. Zangenberg
Jürgen K. Zangenberg Das vornehme Wohnviertel hinter dem Zaun
Das „Sandwich-Land” des Nahen Ostens Die mexikanischen Ausgrabungen in Magdala . . . . . . . . . 44
Kulturelle und politische Brücke zwischen Meer
und See . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Katrin Brockmöller
Wirklich zur Ehre von Maria von Magdala?
Achim Lichtenberger Kritische Fragen an Architektur und Bildprogramm
Der trennende und der einende See des Pilgerzentrums. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Die Dekapolis am See Gennesaret. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Stefan Schreiner
Michael Eisenberg Der „Nabel der Welt” am See Gennesaret
Eine byzantinische Bischofsstadt oberhalb Tiberias – Stadt der Talmudweisen und Masoreten . . . . . 48
des Sees Gennesaret
Hippos: Die „Stadt auf dem Hügel“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 Hans-Peter Kuhnen
Nachbarn mit Davidstern, Kreuz und Halbmond
Mordechai Aviam und Steven Notley Jüdische, christliche und islamische
Müssen Petrus und Andreas die Koffer packen? Rezeptionsgeschichte am „See von Tiberias“. . . . . . . . . . . 52
Zur Identifikation von El-Araj mit Betsaida-Julias. . . . . . . 30
Titel: © picture alliance / Andreas Keuchel

Hans-Peter Kuhnen
Markus Tiwald (Heil-)Baden am See Gennesaret
Der „galiläische Frühling” Hammat Gader und Hammat Tiberias. . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Die Überlieferung vom Wirken Jesu am
See Gennesaret. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Uta Zwingenberger
Heute an den See Gennesaret reisen
Johanna Erzberger Große Erwartungen, unerwartete Erfahrungen. . . . . . . . . 58
Starke Frauen am See
Frauen in Galiläa zur Zeit Jesu und zur Zeit
der Rabbinen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37

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Editorial

Das „Meer von Galiläa”, der „See Gennesaret”


– die Namen allein wecken Fantasien:
Bilder und Geschichten treten uns vor Augen. Wir-
kungsstätte Jesu – Heimat seiner Apostel. Unzählige
Worte und Geschichten in den Evangelien atmen die
Luft dieser Gegend. Die Umgebung dieses kleinen
Sees hat die Jesustradition so tief geprägt wie keine
2 68
andere Region außer Jerusalem.
Aber nicht nur das Christentum kommt vom See,
auch jüdische Rabbis und muslimische Kalifen
waren hier zu Hause. Orte wie Kinneret, Betsaida,
Magdala, Tiberias oder Hippos werden zu Fenstern
zurück in die Zeit.
Neue Forschungen haben das Bild dieser Region
grundlegend verändert, es ist also Zeit auf Reisen zu
gehen. Dieses Heft nimmt Sie mit ans Ufer des Sees,
Aus
60 an dem es immer noch viel Neues zu entdecken gibt.
der Welt
der Bibel

Prof. Dr. Jürgen Zangenberg


Universität Leiden,
Das Neueste aus der Welt der Bibel wissenschaftlicher Berater und Mitautor
• Residenz mit Tempelblick. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
• Byzantinische Kirche in altem Pan-Heiligtum . . . . . . . . 3
• Eine Handbreit in den Krug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
• Die Urgeschichte der Nomaden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
• An den Ursprüngen des Christentums . . . . . . . . . . . . . . . 4 .
• Wir sind zurück, den Göttern sei Dank! . . . . . . . . . . . . . . 4
• Einblick in das Leben der Seeleute. . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
Wolfgang Baur
Redaktion Welt und Umwelt der Bibel
• 2-Schekel-Gewicht an der Westmauer gefunden . . . . . . 5

Panorama
• Sarkophage über Sarkophage!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
• Von Apion zu QAnon. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
Neue Gestaltung: Wie Sie sehen, haben wir nach
• Ein Ortsname, der sich über Jahrtausende einigen Jahren unsere Gestaltung etwas „erfrischt“.
erhalten hat. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Wir hoffen, dass Ihnen das Layout gefällt und Sie
• „Grab des Lazarus“ renoviert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Freude am Lesen haben.
• Das Geheimnis der gehörnten Figuren. . . . . . . . . . . . . . 66

Die großen Städte


Pergamon – Wo der Satan wohnt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Beilage: Große
Karte mit den 200
Die Bibel in berühmten Gemälden wichtigsten Orten um
Das Kreuz von San Damiano . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 den See Gennesaret
von der Eisenzeit bis
Ausstellungen und Veranstaltungen. . . . . . . . . . . . 77
zur islamischen Zeit.
Vorschau und Impressum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Erstellt von Prof.
Dr. Wolfgang Zwickel,
Büchertipps . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Universität Mainz

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Das Neueste aus der Welt der Bibel

Zwei der gefundenen charakteristischen Kapitelle aus der judäischen Königszeit.

Funde aus der Zeit Judäas

Residenz mit Tempelblick

© oben: Yoli Schwartz, Israel Antiquities Authority; unten: Yaniv Berman, IAA
TALPIOT Wer hat wohl einst hier mit guter Jh. vC – das würde dann auf eine mögliche
Aussicht auf den damaligen Tempelberg re- Palastarchitektur unter David und Salomo
sidiert? Drei sehr gut erhaltene sogenannte hinweisen. Aber viel wahrscheinlicher sind
protoäolische Kapitelle mit Voluten wurden sie nicht älter als aus dem 8./7. Jh. vC. Damit
vor den Toren Jerusalems an der Armon- könnten sie Yaakov Billig von der Israel Anti-
Hanatziv-Promenade gefunden. Sie müssen quities Authority zufolge in die Zeit der Köni-
zu einer Art Palast gehört haben, denn dieser ge Hiskija, Manasse und Joschija passen. Die
Typ von Kapitellen, der an mehreren Stätten Residenz könnte demnach erbaut worden
im Nahen Osten und auch im punischen sein, nachdem die assyrische Belagerung
Mittelmeerraum in der Eisenzeit II bezeugt Jerusalems im Jahr 701 vC aufhörte: „Wir fin-
ist, deutet auf eine repräsentative Architek- den Residenzen und Regierungsgebäude in
tur hin, vielleicht verbunden mit königlicher den nicht ummauerten Gebieten außerhalb
Die moderne israelische Autorität. Fast immer wurden diese großen der Stadt. Das zeugt von den neuen Möglich-
5-Schekel-Münze zeigt ein Steinkapitelle – wie auch die jüngst gefun- keiten, die die Bewohner der Stadt nach dem
solches Kapitell, Symbol für die denen – später in neuem Mauerwerk verbaut, Ende der Belagerung nutzten“, so Billig. Wer
Epoche der Könige Judäas. was die Datierung schwierig macht. Manche hier gelebt hat, bleibt aber noch im Dunkel
Forschende datieren sie gern auf das 10. der Geschichte verborgen. W (wub/IAA)

2 welt und umwelt der bibel 1/2021


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An den Quellen des Jordan des Christentums war Paneas (so der antike
griechische Name) ein heiliger Ort für die
Byzantinische Kirche in einem lebensfrohe Hirten- und Musikgottheit Pan
mit mehreren Heiligtümern. Verbaut in einer
alten Pan-Heiligtum entdeckt Seitenwand verbarg sich ein kleiner Altar mit
einer Inschrift aus dem 2./3. Jh., dass der Pil-
ger „Atheneon, Sohn des Sosipatros aus An-
tiochia“, ein Gelübde erfüllt, indem er „den Al-
tar mit seinem persönlichen Geld“ finanziert
und ihn dem Heliopolitanus Pan weiht.
Die Region wurde dann für christliche Pilger
interessant, weil Jesus nach Mt 16,13ff hier
ankündigt, Petrus „die Schlüssel des Him-
melreichs“ zu übergeben, mit dem folgen-
reichen Satz „Du bist Petrus und auf diesem
Felsen werde ich meine Kirche bauen“. Im
Evangelium lautet die Ortsangabe für die-
sen Dialog zwischen Jesus und den Jüngern
Cäsarea Philippi. Philippus, Sohn Herodes
des Großen, hatte Paneas im 1. Jh. in Cäsa-
rea Philippi umbenannt. Wie Adi Erlich und
Ron Lavi von der Universität Haifa, die die
Die ausgegrabenen Fundamen- BANyAS „Einmal heilig – immer heilig“, die Ausgrabungen leiten, bekannt gaben, pass-
te des alten Pan-Tempels mit religionsgeschichtliche These über heilige ten die christlichen Bauleute ihre Kirche gut
den Spuren einer christlichen Stätten bewahrheitet sich einmal mehr im in die Tempel-Architektur ein, die auf etwa
Kirche. Auch ein Votivaltar eines Norden Israels: Im Banyas Nature Reserve 20 vC datiert wird. Reste eines Mosaikbo-
Pan-Pilgers wurde gefunden. an einem der Quellflüsse des Jordan wur- dens mit kleinen Kreuzen sowie spätere
de nun nachgewiesen, dass um das Jahr Pilgergrafitti – „ich war hier, NN“ – aus dem
400 in einem ehemaligen Pan-Tempel eine 6./7. Jh. belegen die christliche Nutzung. W
Kirche eingerichtet wurde. Vor der Epoche (wub/Universität Haifa)

eine Erklärung für die MAsseinheit Tefach?

Eine Handbreit in den Krug


© oben: Yaniv Cohen, Nature and Parks Authority; unten: Hebrew University Jerusalem

JERUSALEM Wie groß war ein tefach, die 384, 2020) an der Handschuhbestellung für
Einheit einer Handbreit, die aus assyrischen, US-amerikanische Soldaten zeigt: Dort geht
ägyptischen und biblischen Quellen bekannt man von 8,67 cm Handbreite aus.
ist? Die Debatte um die exakte Größe wur- Eine plausible Erklärung für die Standardi-
de bereits in rabbinischer Zeit geführt und sierung ist die Verwendung der Töpferschei-
ist nicht unbedeutend, da das tefach in vie- be: Die handbreite Öffnung war für die Töp-
le jüdische Vorschriften einfließt, auch bei fer praktikabel. Das könnte nach Ansicht der
Reinheitsgeboten für Gefäße. Noch heute Studie auch zu späteren Reinheitsbestim-
wird die Einheit im jüdischen Recht etwa mungen passen: Der Inhalt eines Gefäßes
für die Größenbestimmungen der Laubhütte wird unrein, wenn er sich unverschlossen im
am Sukkotfest genannt. Avshalom Karasik, Raum mit einem Toten befindet. Allerdings
Ortal Harush und Uzy Smilansky von der erreicht die Unreinheit den Inhalt nur, wenn
Hebrew University haben 307 Vorratskrüge die Öffnung des Gefäßes größer ist als ein
aus Ausgrabungsschichten des 10.–7. Jh. vC tefach, eine Handbreit. Übrigens ergaben Un-
Unterschiedliche Vorratskrüge,
– bzw. deren Scherben – analysiert. Unab- tersuchungen späterer, römischer Keramik, aber ein gleicher Durchmesser
hängig von ihrer Form entspricht der Durch- dass nun offenkundig auch Frauen töpferten der Öffnung. Eine interessante
messer der Öffnungen mit 8,85 bis 8,97 cm – die Öffnungen waren ebenso einheitlich, Studie hat vielleicht den Streit
der Durchschnittsbreite einer Männerhand aber kleiner: 7,87 cm. W (Hebrew University Je- über die Einheit tefach (Hand-
– auch heute noch, wie die Studie (BASOR rusalem/wub) breit) beendet.

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welt und umwelt der bibel 1/2021 3
Saudi Arabien I Äthiopien

Die Urgeschichte der An den Ursprüngen


Nomaden des Christentums
Anhänger mit ein-
Luftbild der prähis- graviertem Kreuz
torischen Kultstelle. und Ge‘ez-Schrift.

oben links © MADAJ, Marianne Cotty, Olivia Munoz and Ronald Schwerdtner; obenrechts © I. Dumitru; unten © Französische archäologische Mission von Madain Saleh/F. Villeneuve
DûMAT AL-JANDAL In der Oase Dûmat al-Jandal im Nord- BETA SAMATI Das Königreich Aksum war auf dem Höhepunkt
westen der Arabischen Halbinsel wurde eine riesige trapez- seiner Blüte, als König Ezana (325–356) mitsamt dem ganzen
förmige Plattform auf einer natürlichen Erhebung ausge- Volk zum Christentum konvertierte. Eine seit 2016 ausgegrabe-
graben. Mit einer Fläche von 35 x 15 m muss sie in der Mitte ne Basilika in Beta Samati im Norden des heutigen Äthiopien,
des 6. Jahrtausends vC angelegt worden sein und war noch im in der derzeitigen militärischen Konfliktregion Tigray, zeugt von
4. Jahrtausend vC in Gebrauch. Spuren menschlicher Gebeine dieser Hochphase. 14C-Analysen haben ihre erste Nutzung nun
und von Votivgaben führten die französisch-saudische archäo- auf das 4. Jh. datiert. Neben einem Anhänger mit einem christli-
logische Mission zur Annahme, dass die faszinierende Plattform chen Motiv spricht eine Inschrift, die sich vor dem Eingang be-
eine Grab-, Ritual- und eine soziale Funktion für die nomadi- findet, diesen Segen aus: „Christus, sei uns wohlgesonnen“, wie
schen Hirten des prähistorischen Arabiens hatte. W (MdB/CNRS) eine Veröffentlichung im Magazin Antiquity mitteilt. W (MdB)

Saudi Arabien II

Wir sind zurück, den Göttern sei Dank!


MADE’IN SALEH In Made’in Saleh, der antiken Nabatäerstätte
Hegra, hat die Ausgrabung eines Stadttores berührende Zeugnisse
der Frömmigkeit der hier am Rand des Reichs stationierten römi-
schen Soldaten geliefert. Inschriften in Griechisch oder Latein, in
Steine eingraviert oder auf Wände gekritzelt, zeigen die starke Prä-
senz der römischen Armee nach der Besetzung Arabiens durch Tra-
jan im Jahr 106 nC. Laut Zbigniew Fiema, François Villeneuve und
Thomas Bauzou, die die Votivinschriften entziffert haben (ZDPV
2020), haben stationarii sie angebracht, Soldaten, die in Zweier-
teams die Zufahrtswege sicherten. Sie rufen Jupiter Hammon an
oder die heilige Göttin Minuthis (Isis) – zwei Schutzgottheiten der
Legio III Cyrenaica, die in Bosra in Südsyrien stationiert war –, Mars
oder andere Götter der Soldaten in der Hoffnung auf eine glück-
Steinblock in der Toranlage mit einem Adler und liche Rückkehr von ihrer täglichen gefährlichen Mission. Zweifel-
einer Büste. Hier wurden sogar jüngere Inschrif- los waren sie immer wieder erleichtert, einmal mehr hinter dem
ten über ältere, gemalte eingeritzt (2.–3. Jh. nC). Stadttor in Sicherheit zu sein. W (MdB)

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Das neuste aus der Welt der Bibel

zur Lage der


Christen in
ZITAT Syrien und
Mit großen Saugern im Irak
wird das Schiffswrack
freigelegt. Dabei
tauchte ein besonde-
res Masttopp aus dem
7./8. Jh. auf. „Extremismus beruht auf
Ausgrenzung, der totalen
Abkapselung gegenüber
allem Fremden, gegenüber
dem Lauf der übrigen Welt.”
Unterwasserarchäologie
Erzbischof Yousif Thomas Mirkis OP,
Einblick in das Leben der Seeleute chaldäisch-katholischer Erzbischof
von Kirkuk und Sulaimaniyah im Irak
Ma’agan Mikhael Maayan Cohen (Universität Haifa) und Dr. Deborah Cvikel in einem Bericht über die beklem-
(Leon Recanati Institute for Maritime Studies) berichten im International Journal mende Lage der christlichen Ge-
of Nautical Archaeology über neue Forschungen an einem Schiffswrack, dem meinde und der gesamten Bevölke-
rung im Irak.
Ma’agan Mikhael B shipwreck, ca. 70 Meter vor der Küste Nordisraels. Die Reste
Sein ganzer Bericht ist nachzulesen
des aus dem 7./8. Jh. stammenden Schiffs wurden nahe des Kibbuz Ma’agan
in der Arbeitshilfe Solidarität mit
Mikhael entdeckt. In einer Kampagne fanden sie ein Masttopp, Seile, Holzplan- verfolgten und bedrängten Christen
ken, Reste eines Segels, Glasscherben, Amphoren, außerdem Lehmziegel und in unserer Zeit – Nach der Herr-
Holzobjekte, die sie als Spielsteine identifizierten – Einblicke in den antiken schaft des „Islamischen Staats”:
Bootsbau und die Aktivitäten der Seeleute. Syrien und Irak. Sie gehört zu einer
Besonders das eindeutig datierbare Masttopp mit Seilrollen begeistert die Un- Initiative der Deutschen Bischofskon-
terwasserarchäologinnen. Dadurch lasse sich zeigen, dass die bildlichen Dar- ferenz zur Situation von Christen in
stellungen von Schiffen aus dieser Zeit, welche genau diese Art von Masttopp Syrien und dem Irak. Die informative
zeigten, realistisch seien. Dies gelte auch für die gefundenen Reste eines Se- Arbeitshilfe ist zum Herunterladen
gels aus hochwertiger Schafwolle und die mit Matten umkleideten Holzbalken, unter www.dbk.de in der Rubrik
Publikationen zu finden.
die darauf hindeuteten, dass man sich sehr sorgsam um das Schiff kümmerte.
W (wub)

Biblischer Handel
Kleines Gewicht, mit dem man
2-Schekel-Gewicht an der
oben © Photo by R. Levinson; unten © Shai Halevi (IAA)

Tauschwaren abwog.

Westmauer gefunden
JERUSALEM Im Schuttaushub an der Westmauer in Jerusalem – von Ausgra-
bungen tief unter dem Wilson-Bogen – kam ein kleines Objekt ans Tageslicht.
Es wiegt 23 Gramm, genau das doppelte vom Gewicht einer antiken Maßein-
heit „Schekel“ mit 11,5 Gramm. Zwei Striche und ein Zeichen, das laut Israel
Antiquities Authority (IAA) die Maßeinheit benannte, lassen gemäß IAA keinen
Zweifel an der Funktion des kleinen Gegenstands: Man wog damit Tauschwa-
ren ab. Datiert wird er auf das 7. Jh. vC – und damit in die Zeit der judäischen
Könige. W (IAA/wub)

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Der See
Gennesaret
Neue Forschungen zur
Heimat Jesu

In dieser besonderen Landschaft am tiefst-


gelegenen Süßwassersee der Erde (212 m unter
dem Meersspiegel) beginnen die Erzählungen des
Markus­evangeliums über das Wirken von Jesus aus
dem Dörfchen Nazaret, ein paar Hügel weiter. Um
zu begreifen, was hier geschah, hilft es wahrzuneh-
men, dass die „Harfe” – wie der See auf Hebräisch
heißt – doppelt eingebettet war: geografisch in das
Land zwischen Syrien und Mittelmeer mit kulturel-
len und wirtschaftlichen Verbindungen, historisch
in eine lange Entwicklung, die seiner Umgebung
den Namen „Kreis der Völker” verlieh. Entdeckun-
gen bei archäologischen Projekten der vergange-
nen Jahre erschließen Geschichte und Eigenart des
„Galiläischen Meeres” und seiner Menschen.

Kafarnaum, die „Stadt Jesu” war aus Wohninseln mit Innen-


höfen aufgebaut. Die Insel mit dem traditionellen Haus der
Familie des Petrus wurde von den Franziskanern mit einem
Dach überbaut. Deutlich sieht man unten, dass die Bebauung
hinter der Mauer des franziskanischen Geländes weitergeht.
iSock

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Das Gebiet um den See Gennesaret vor
der hellenistischen Zeit

Israeliten, Aramäer
und Fremdherrscher
Bevor Alexander der Große ab 333 den Nahen Osten eroberte, lag das
Gebiet um den See Gennesaret etwas verträumt und wenig beachtet in den
Bergen Galiläas. Die Hebräische Bibel erwähnt den „See von Kinneret” nur
selten (z. B. Num 34,11) und in außerbiblischen Texten kommt er fast gar
nicht vor. Etwas ergiebiger sind dagegen die archäologischen Quellen.
Von Wolfgang Zwickel

I
n diesem Beitrag sollen vier Zeitabschnitte et- Damaskus zum Euphrat. Damit hatten alle Orte
was genauer auf der Basis archäologischer und um den See herum ihre wichtigste Einnahme-
textlicher Überlieferung betrachtet werden: quelle verloren – den Handel. Hazor wurde von
immer mehr Einwohnern verlassen und um
Spätbronzezeit II (13. Jh. vC) 1230 vC endgültig aufgegeben. Gleiches gilt für
Eine Straße verändert Geschichte andere Orte in der Umgebung des Sees.
Der alles überragende Ort der Spätbronzezeit in
der Levante war Hazor, in der Bibel „das Haupt Die Eisenzeit I (13.–10. Jh. vC)
aller Königreiche“ im Lande (Jos 11,10) ge- Lokaler Handel und eine Großstadt
nannt. Sie finden ihn ganz am oberen Rand der Die Bewohner der Städte siedelten sich teilwei-
Karte, die dieser Ausgabe beiliegt. se im Bergland um den See herum an, manche
Noch im 13. Jh. vC hatte die Stadt eine Grö- um Hazor herum, viele jedoch in Untergaliläa
ße von 82 ha und eine Einwohnerzahl von über und im Golan. Die neuen Orte werden der Ei-
Prof. Dr. Wolfgang
20.000 Menschen – fast viermal so viel wie die senzeit I zugeschrieben, die sich parallel zum
Zwickel lehrt Altes Testament
nächstgrößte Stadt des Landes. Hazor lag an Niedergang der Spätbronzezeit entwickelte. und Biblische Archäologie
der einzigen damals genutzten überregionalen Am Nordwestufer entstand nun eine neue an der Evangelisch-theologi-
Straße, die Ägypten mit Mesopotamien und große Siedlung: Tell el-Oreme, das biblische schen Fakultät der Johannes
Kleinasien verband. Zudem befand sie sich rund Kinneret (Jos 19,35), nach dem der See auch Gutenberg-Universität Mainz.
15 km nördlich des Sees am Ende eines müh- benannt wurde. Während in der ganzen süd- Aktuell bereitet er eine
samen Aufstiegs und war damit gut geschützt. lichen Levante fast alle neu gegründeten Orte Grabungspublikation zu den
Wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen allenfalls 1 ha Fläche einnahmen, war Kin- Ausgrabungen am Tell el-
in Syrien mit den Hetitern verlegten die ägypti- neret mit geschätzt 250 x 300 m – also etwa Oreme/Kinneret vor, zudem
schen Pharaonen Sethos I. (1290–1279 vC) und 7 ha – eine wahre Großstadt. Der Ort hatte nun ist er für die Publikation
von Ausgrabungen in Akko
Ramses II. (1279–1213 vC) diese Hauptver- eine strategische Bedeutung: Von einer 11 m
und Kamid el-Loz (Libanon)
kehrsstraße. Sie verlief nun nicht mehr entlang breiten Stadtmauer umgeben (einzig in dieser
mitverantwortlich.
des Sees Gennesaret, sondern überquerte den Zeit!), sollte er das sich nördlich anschließende
Jordan schon südlich des Sees bei Bet-Schean Gebiet sichern. Hier, im Jordangraben vom See
und führte östlich des Antilibanongebirges über Gennesaret ausgehend bis zur heutigen israe-

8 welt und umwelt der bibel 1/2021


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musste daher Getreide importieren. Mit dem
Untergang von Kinneret ging auch Tel Hadar
vorläufig ein.
Neuere Ausgrabungen scheinen zu belegen,
dass es schon im 11. Jh. vC in et-Tell (Betsai-
da?) östlich des Jordan eine befestigte Siedlung
gab, die im späten 10. Jh. vC von einer 7 m brei-
ten Stadtmauer umgeben war.
Tell En-Gev am Ostufer des Sees Genne-
saret, heute mitten im gleichnamigen Kib-
buz gelegen, wurde gleichfalls um 1050
neu gegründet. Die beiden Orte et-Tell und
En-Gev sollten wohl die ostjordanische Sei-
te des Sees und die Aufstiege auf den frucht-
baren Golan sichern, das Siedlungsgebiet
des Stammes Geschur (Dtn 3,14; Jos 12,5).
2 Sam 3,3 berichtet, dass David die Tochter des
Königs – eine treffendere Übersetzung ist wohl
des Stammesoberhauptes – Talmai von Geschur
geheiratet hatte, um so seine Machtinteressen
auch in diesem Bereich auszubauen.
Die wenigen Orte am See zeigen, dass in die-
ser Zeit der See nur eine geringe Rolle spielte.
Entlang des Sees verliefen auf beiden Seiten
Straßen, und die wenigen Orte sollten die Auf-
gänge aufs Bergland sichern.

Eisenzeit II (Ende 10. bis 8. Jh. vC)


Tel Hadar am Nord- lisch-libanesischen Grenze, siedelte der Stamm Das Land bebt
ostufer des Sees war (Bet-)Maacha (Jos 13,13) mit der Hauptstadt Es geht hier um die Zeit zwischen der Regie-
zur Spätbronze- und Abel-Bet-Maacha (2 Sam 20,14-15). Im Süden rung Salomos und der Eroberung des Landes
Eisenzeit schon eine von Kinneret wohnte der Stamm Naftali, der zu durch die Assyrer 733/732 vC. Die Situation
bedeutende Siedlung. Israel gehörte. ab der Mitte des 10. Jh. vC war einigermaßen
Hier gab es große
Letztendlich scheint die massive Befestigung klar. Der Stamm Naftali bzw. das biblische Israel
Getreidespeicher, in
nicht viel genutzt zu haben. Nach Jos 19,35 hatten ihren Einflussbereich an der Westseite
denen wahrscheinlich
Getreide aus dem gehörte Kinneret zum Stamm Naftali, der ver- des Sees bis nach Abel-Bet Maacha ausdehnen
Golan für den mutlich im 10. Jh vC die Region im Norden be- können. Geschur dagegen ging irgendwann
Weitertransport siedeln konnte. Und noch im 10. Jh. vC wurde zu dieser Zeit im Aramäerreich von Damaskus
gelagert wurde. der Ort verlassen und aufgegeben. auf, dem neuen Machtfaktor der Region. Nach
Daneben gab es in dieser Zeit nur wenige wei- 1 Kön 11,23 hatte zur Lebenszeit Salomos ein
tere Orte am See. In Tel Hadar direkt am Ostu- gewisser Reson ein Königreich in Damaskus
fer des Sees gab es eine beachtliche Anlage mit gegründet. Sein Aufstieg ähnelte demjenigen
einem großen Kornspeicher aus dem 11. Jh. vC, von David auffallend: vom Streifscharführer
zum König. Wer dank militärischer Stärke von
der Bevölkerung als König anerkannt wurde,
Die massive Befestigung scheint war zwangsläufig gezwungen, seine Machtba-
sis auch militärisch auszubauen. Reson scheint
nicht viel genutzt zu haben eine expansive Politik betrieben zu haben und
gliederte die kleinen Stammesgebiete im Ost-
umringt von zwei Mauerringen. Vermutlich jordanland, zu denen neben Geschur auch Tob
wurde hier Getreide gelagert, das man auf den gehörte, in sein Reich ein. Die neuen Territo-
Golanhöhen angebaut hatte, und das dann mit rialstaaten in der Levante, wie Israel, Juda oder
Hilfe von Kamelen oder Eseln an andere Orte Aram-Damaskus. konnten nur dann bestehen,
verbracht wurde. Kinneret dürfte ein wichtiger wenn ihre Durchsetzungskraft groß genug war.
© Alamy

Abnehmer gewesen sein, denn die Stadt konnte Von Reson hören wir nichts mehr, aber von
sich bei ihrer Größe kaum selbst ernähren und seinen Nachfolgern Hesjon, Tabrimmon und

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welt und umwelt der bibel 1/2021 9
Der schmale Küstenstreifen um den See her-
um bot mit Ausnahme der 6 x 2 km breiten Ebe-
ne bei Magdala kaum gute landwirtschaftliche
Möglichkeiten.
Ein wichtiger Einschnitt dürfte die Zeit Jero-
beams II. (787–747 vC) gewesen sein. Der Pro-
phet Amos (Am 1,1) berichtet von einem Erd-
beben um 760 vC. Untersuchungen im Toten
Meer zeigen, dass es im 8. Jh. vC sogar zwei Erd-
beben gab. Zumindest eines davon hatte sein
Epizentrum im Libanon und dürfte entlang des
Jordangrabens erhebliche Vernichtungen ver-
ursacht haben. Jerobeam II. nutzte diese Krise
offenbar: Er baute nicht nur die zerstörten Orte
wieder auf, sondern gründete neue Siedlungen
und investierte in den Handel. Kinneret wurde
nun wieder zu einer kleinen, aber massiv mit
vier Türmen abgesicherten Ortslage ausgebaut,
Kinneret war während vor allem Benhadad (1 Kön 15,18). Dieser ließ die den Handelsweg nach Norden sichern sollte.
der Eisenzeit I mit 7 ha sich vom judäischen König Asa (908–868 vC) Die wirtschaftliche Blüte unter Jerobeam und
Siedlungsfläche für da- bezahlen, um einen Entlastungsfeldzug gegen seinen Nachfolgern währte nicht lang. Aram-
malige Verhältnisse eine Israel und dessen König Bascha (906–883 vC) Damaskus wurde in jener Zeit immer mehr zur
Großstadt. levantinischen Großmacht und damit zur mili-
zu führen. Dieser Feldzug fand zwischen 906
und 883 vC statt. Benhadad eroberte „Ijon, Dan, tärischen Gefahr für die Assyrer. Mehrfach gab
Abel-Bet-Maacha und ganz Kinnerot (= wohl das es in Syrien kriegerische Auseinandersetzun-
Gebiet zwischen See Gennesaret und Abel-Bet- gen zwischen den Aramäern und den Assyrern.
Maacha, nicht der Ort Kinneret) sowie das gan- Zunehmend verlagerten sich die kriegerischen
Diese Salbschale aus ze Land Naftali“ (2 Kön 15,20). Allerdings hatte Auseinandersetzungen Richtung Süden. Die
Ägyptisch-Blau, einem Benhadad keinerlei Interessen, das Gebiet dau- Assyrerkönige Adadnirari (811/810–781 vC),
selten verwendeten und erhaft unter seine Herrschaft zu bringen, denn
damit sehr wertvollen Ma- kurze Zeit später war es offenbar schon wieder
terial, wurde in Kinneret in
unter israelitischer Kontrolle. In der Folgezeit
Stratum I (letztes Drittel 8.
gab es jedoch mehrfach Auseinandersetzungen
Die Assyrer zerstörten im
Jh. vC) gefunden. An der
Rückseite der Schale war zwischen Israel und den Aramäern von Damas- 8. Jh. die meisten Orte
ein Tierbalg befestigt, in kus unter der Führung von Hasael (2 Kön 8,28-
dem sich Salböl befand. 29; 9,14-15; 10,32; 13,3.4.22). Dabei ging es
Dieses floss in die Schale. neben den ostjordanischen Gebieten Israels (Gi- Salmanassar IV. (781–771 vC) und dann vor al-
Die Gestaltung der Schale lead) sicherlich auch um das Gebiet des Jordan­ lem Tiglat-Pileser III. (745–726 vC) kamen bis
als Löwe sollte dem grabens, denn wirtschaftliche Interessen und die Damaskus. 733 und 732 vC eroberte der As-
Besitzer neben Schönheit Kontrolle der dort verlaufenden Straße spielten syrerkönig auch Teile Israels und zerstörte die
auch symbolisch Kraft bei dem wieder aufkommenden internationalen Ortschaften am See Gennesaret völlig (2 Kön
verleihen. Handel sicherlich eine große Rolle. 15,29). Das Land wurde schlimm verwüstet;
In Kinneret, das noch immer unbesiedelt Galiläa und der Golan waren in der Folgezeit

Kinneret © Wolfgang Zwickel; Salbschale © Volkmar Fritz


darniederlag, wurde zu dieser Zeit ein massiver weitgehend entvölkert und die Ortschaften wa-
Wachturm errichtet, um die wichtige Handels- ren fast alle verlassen.
straße entlang des Sees zu kontrollieren.
Hazor wurde wieder als Handelszen- Von Tiglat-Pileser bis Alexander
trum im Norden des Landes aus- (8. bis 4. Jh vC)
gebaut und militärisch verstärkt, Straßenposten und Statthalter
war nun aber wesentlich kleiner Die Zeit nach der assyrischen Eroberung bis zum
(ca. 10 ha). Auch sonst gab es hellenistischen Zeitalter verlief unspektakulär.
weiterhin nur geringe Bauaktivi- Zwar war das Gebiet um den See nach 732 vC
täten entlang des Sees. Tel Hadar nur noch dünn besiedelt, aber die wichtigste
wurde wiederaufgebaut, Tel En-Gev Handelsstraße zwischen Mesopotamien und
und Betsaida bestanden auf ostjordani- Ägypten verlief hier weiter entlang des Sees. Die
scher Seite weiter. Assyrer, dann die Babylonier und die Perser hat-

10 welt und umwelt der bibel 1/2021


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Das Gebiet um den See Gennesaret vor der hellenistischen Zeit

Tiglat-Pileser III., König von Assyrien und


Babylon 745–726 vC. Nach 2 Kön 15,29
eroberte er Galiläa und verschleppte die
Bevölkerung nach Assur.

Levante
„Da, wo die Sonne sich erhebt“ – sichel-
förmiger Streifen von Ländern zwischen Iran
und Ägypten.

ten ein Interesse, dass diese Straße intakt


und geschützt war. Im Abstand von etwa
einer Tagesreise errichteten sie Statthalter-
paläste. Die Aufgaben der Statthalter waren
die Aufrechterhaltung des Handels und des
Postbetriebes. Einen solchen archäologisch
nachgewiesenen Palast gab es im Norden in
Dan, einen weiteren in Ayyelet ha-Schahar
gegenüber von Hazor, und schließlich einen
in Kinneret.
Der nächste südlich gelegene befand sich
Relief © © commons.wikimedia.org, curid=15378403; Tel Rekesh © Alamy

wohl in Tel Rekhesh südwestlich des Sees


am Aufstieg nach Untergaliläa. Die Statt-
halter mussten natürlich mit Nahrungsmit-
teln versorgt werden, ebenso die Händler
und die Boten, die hier jeweils ihre Pferde
wechseln konnten. Für diese Infrastruktur
sorgten einige Leute, die in kleinen Siedlun-
gen um die Paläste herum wohnten. Galiläa
und das Gebiet am See Gennesaret war nun
bis zur hellenistischen und römischen Zeit
Tel Rekhesh war über mehr als 1500 Jahre Station
ein bevölkerungsschwaches Gebiet, das
am Aufstieg aus dem Jordangraben nach Unter-
aber für die Infrastruktur der Großmächte galiläa. Bereits in einer Liste von Pharao Thutmo-
jener Zeit von großer Bedeutung war. Erst sis III. (ca. 1500–1450 vC) wurde der Ort erwähnt.
im 1. Jh. vC wurde das Gebiet wieder dicht In zahlreichen Ausgrabungskampagnen zwischen
besiedelt, und nun wohnten hier vor allem 2006 und 2018 wurden Gebäudereste aus den
Menschen, die vom Fischfang lebten. Zu ih- verschiedenen Epochen gesichert. Derzeit läuft
nen gehörten auch einige der Jünger Jesu. W eine Aufbereitung der Dokumentation.

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Kulturelle und politische Brücke zwischen Meer und See

Das „Sandwich-Land”
des Nahen Ostens
Zur Zeit Jesu war Galiläa alles andere als ein vom Tosen der Welt abgeschiedenes
Gebiet, wo hart arbeitende, aber glückliche Bauern und Fischer der milden Bot-
schaft vom kommenden Reich Gottes lauschten. Im Gegenteil: Galiläa war spä-
testens seit dem 1. Jh. vC Teil der östlichen Mittelmeerwelt, einer dynamischen
© Ingrid Penner

Region, in der sich politische, soziale und wirtschaftliche Strukturen dramatisch


veränderten. Von Jürgen K. Zangenberg

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Blick auf Golan und See Gennesaret von
Umm Qeis aus. Zum geografischen Galiläa
gehören sowohl der Grabenbruch mit dem
See im Osten wie auch die Küstenebene
im Westen. Es ist somit vielfältiger als das
politische Gebiet Galiläa.

W
as sich in der „Heimat Jesu“ um die kampagne (erste Erwähnung 1 Makk 11,63). Karte mit den
Zeitenwende ereignete, wird biswei- Zum älteren, noch sehr vagen Begriff Galil politischen Grenzen­
len mit dem scheinbar harmlosen („Distrikt“) im Alten Testament besteht kaum Galiläas und der um-
Begriff „Hellenisierung“ beschrieben. In Wirk- mehr Kontinuität als der gemeinsame Name. liegenden Gebiete zur
lichkeit ging es dabei um eine gewaltige Umwäl- Die Hasmonäer zogen die Grenzen ihres neu- Zeit des Herodes und
seiner Söhne sowie
zung. Sie bot zum einen noch nicht da gewesene en Galilaia dort, bis wohin sie die Kontrolle über
den territorialen Ge-
Möglichkeiten, religiöse und kulturelle Identi- Land und Leute tatsächlich erringen, die einhei-
gebenheiten, die das
täten auszudrücken, verursachte aber zugleich mische semitische Bevölkerung vertreiben oder geografische Galiläa
auch wachsende Spannungen zwischen ver- unterjochen und jüdische Kolonisten aus dem begrenzten.
schiedenen kulturellen und sozialen Gruppen. Süden (d. h. dem Kernland ihres eigenen Gebie-
Wolfgang Zwickel/Krister Kowalski

tes) ansiedeln konnten. Dieses hasmonäische


Politisches und geografisches Galiläa Galiläa steht im Hintergrund der Beschreibung
Eigentlich ist „Galiläa“ eine Erfindung der Has- des Josephus (vgl. den berühmten Exkurs in
monäer, der Jerusalemer Priesterkönige, die das Krieg 3,35-43) und auch der Evangelien: Es ist
Gebiet im Norden des zentralpalästinischen überwiegend jüdisch und agrarisch geprägt.
Berglands seit dem späten 2. Jh. vC schrittweise Rein geografisch sieht Galiläa jedoch anders
unter ihre Kontrolle brachten – erst durch Infilt- aus. Die markanteste Grenze liegt im Westen
ration, dann mithilfe einer massive Eroberungs- entlang der Mittelmeerküste. Weniger ein-

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welt und umwelt der bibel 1/2021 13
schneidend ist der Jordangraben mit dem See
Gennesaret im Osten. Im Norden begegnet man Galiläa im Alten Testament
erst entlang des Litani-Flusses im heutigen Liba-
non einem deutlichen, aber keinesfalls unüber-
Jos 20,7; 21,32 Kedesch in Galiläa ist Asylstadt des Stammes Naftali
windlichen Einschnitt; ähnlich sichtbar, aber als
wirkliche Grenze kaum spürbar ist der Gebirgs- 1 Kön 9,10-14 Salomo gibt galiläische Städte an Hiram von Tyrus
abfall vom Karmel und Untergaliläa hinab zur 2 Kön 15,29 Eroberung durch die Assyrer und Ansiedlung von
tiefer gelegenen Jesre’el-Ebene im Süden. Das Fremdbevölkerung
durch die geografischen Grenzen beschreibbare Jes 8,23-9,1 Bezeichnung „Galiläa der Völker“
Gebiet Galiläas ist also deutlich größer als das,
was die Hasmonäer davon eroberten. Es um-
fasst von West nach Ost betrachtet zunächst die
stark urbanisierte Küstenebene, dann im Zent-
rum die Fortsetzung des palästinischen Berg-
lands (im Süden das niedrigere Untergaliläa,
im Norden das höher aufragende Obergaliläa)
und an der Ostseite den Grabenbruch mit Jor-
dansenke und See Gennesaret. Das geografische
Galiläa ist somit größer sowie kulturhistorisch
vielfältiger und offener als das politische. Zu Münze des letzten Hasmonäers Mattathias Antigonus (40-37 vC)
ihm gehörten auch Bevölkerungsgruppen wie mit zwei Füllhörnern und einem Efeukranz. Die beeindruckende
z. B. Phönizier längs der Küste oder die noch Bronzeprägung wurde möglicherweise erstellt, um Mattathias in
bei den Römern als Hilfstruppen angeheuerten der Auseinandersetzung mit den Römern zu profilieren.
Ituräer am Hermon.
Zwischen dem politischen und dem geogra-
fischen Galiläa bestanden zwar keine signifi-
kanten topografischen Grenzen, sehr wohl aber
zumindest für manche Bevölkerungselemente einheitlichen Block dar, sie waren in sich stark
kulturelle Barrieren (Gerasa: Mk 5,1-20; Tyrus: differenziert und durch die Lage der Region
7,24-30). Verkehr und Austausch waren mög- stets Veränderungen ausgesetzt. Dies galt insbe-
lich, wenn auch manche Galiläer davon weni- sondere für das regionale Judentum, das durch
ger Gebrauch machten als andere. Jenseits der Herkunft, Erziehung und soziale Verankerung
Grenzen des geografischen Galiläa grüßten die
Weite der Mittelmeerküste im Westen und das
fruchtbare, stark urbanisierte syrische Hochpla- Eigentlich ist „Galiläa” eine Erfindung
teau im Osten, die wirtschaftlich und kulturell
einen unwiderstehlichen Sog aufeinander aus-
der Hasmonäer
übten. Galiläa aber lag wie der Käse in einem
Sandwich dazwischen. Allein schon deshalb die prägende kulturelle Matrix Jesu und seiner
war selbst das jüdisch geprägte, hasmonäische Jünger und Sympathisanten darstellte. Seit der
Galiläa kein abgeschiedener Hinterhof, sondern hasmonäischen Eroberung waren die galiläi-
ein klassisches Durchgangsgebiet, das mit der schen Juden durch Glaubenspraxis und mate-
Umgebung auf vielfältige Weise verbunden und rielle Kultur eng mit den Brüdern und Schwes- Dekapolis
allen Arten kultureller Einflüsse ausgesetzt war tern im Süden verbunden. Mit ihnen teilten Autonomer Städtebund
(Konnektivität). Eine besondere Rolle als Ver- auch galiläische Juden gemeinsame, identitäts- ab dem 1. Jh. vC – öst-
bindungsglied zwischen Mittelmeer und Syrien stiftende Grundüberzeugungen, etwa zur zent- lich des Jordan von Da-
© Münze: Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG

maskus bis Philadelphia


spielte vor allem das Gebiet am See Gennesaret, ralen Rolle des Tempels mit Festkalender, Pries-
(Amman), deutlich von
d. h. genau die Region, die nach dem NT in ganz tern und Opferkult oder zur Besonderheit des
griechischer Kultur ge-
besonderem Maße mit Jesus und seiner Bewe- Gottesvolkes Israel dank der Gottesgaben Bund prägt. S. Beitrag S. 20.
gung verbunden war (Mk 3,7–12). und Gesetz. Sie hielten sich fern von Schweine-
fleisch, befolgten Reinheitsvorschriften, die Be-
Jesus – der „Galiläer“ und das Judentum schneidung oder den Sabbat. Zentral war sicher
Jesus war nicht einfach „Galiläer“, sondern auch die Erinnerung an die legendären Patriar-
gehörte zu einem bestimmten, wenn auch re- chen oder David und Salomo, die inzwischen
gional stark prägenden Milieu in Galiläa, dem zu weit umfassenderen Heilsfiguren geworden
Judentum. Keines dieser Milieus stellte einen waren als allein als Könige.

14210410185503PV-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de


welt und umwelt der bibel 1/2021
Kulturelle und politische Brücke zwischen Meer und See

Freilich war auch das galiläische Judentum Die Sprachen Galiläas


nicht einheitlich. Entscheidend war die Ein- Neben Aramäisch als semitischer Um- Menora und Weihrauch-
bindung Galiläas in die kulturelle Welt des gangssprache wurde auch Griechisch schaufel zieren dieses
Mittelmeers, die vor allem durch die Herr- verwendet, das von Juden schon lange Kapitell aus der Synagoge
scher (Hasmonäer, Herodes, Herodes Anti- nicht mehr als „fremde Sprache“ ange- von Kafarnaum (5. Jh.). Der
jüdische Versammlungs-
pas) vorangetrieben wurde. Dadurch entstand sehen wurde. Mit einem hohen Grad an
raum wurde möglicherweise
im Laufe des 1. Jh. vC–1. Jh. nC eine spezi- Zweisprachgkeit ist vor allem in den Städ-
auf den Fundamenten
fische Form hellenistisch-jüdischer Misch- ten (Susita/Hippos, Magdala/Tarichaea) einer früheren Synago-
kultur. Zu ihr gehörte eine mit dem Königs- zu rechnen, was auch weite kulturelle und ge gebaut. Bereits diese
hof verbundene Elite von Grundbesitzern, wirtschaftliche Kontaktmöglichkeiten gehörte wohl zu einer
Händlern, Kaufleuten und Amtsträgern, die eröffnete. Immerhin hatte das galiläische jüdischen Gemeinde, die
sich mehr und mehr von der allgemeinen Be- Aramäisch offensichtlich eine deutlich von hellenistischer Kultur
völkerung absetzte („Herodianer“ in Mk 3,6; erkennbare Färbung (Mk 14,70). Da es mitgeprägt war.
8,15; 12,13). Ein spannungsvolles Nebenei- zur Zeit Jesu in Galiläa keine direkte römi-
nander von traditionellen und „modernen“ sche Einflussnahme über römische Beam-
sozialen und wirtschaftlichen Lebensformen te oder Soldaten gab, sondern Herrschaft
entwickelte sich. Zugleich sehen wir im 1. Jh. über die einheimische, an den Hof Antipas
vC die Ursprünge neuer, zentraler Elemente gekoppelte und Rom treu ergebene Elite
spezifisch jüdischer materieller Kultur wie ausgeübt wurde, spielte Latein im Alltag
Tauchbäder (Mikwen), Steingefäße oder Sy- nur eine sehr untergeordnete Rolle. Anti-
nagogen aufkommen, die durch Anlehnung pas, Sohn Herodes’ des Großen und Klien-
an hellenistische Technologien oder Baufor- telherrscher von Roms Gnaden, hatte sein
men dem Judentum auch in Galiläa neue Aus- eigenes Heer und seine eigene Steuerver-
drucksmöglichkeiten gaben. waltung. Der hekatontarchos von Mt 8,5-
Innerhalb des oben skizzierten Grundkon- 13 entsprach zwar dem lateinischen centu-
senses („Common Judaism“) existierte im rio, war aber kein Römer, sondern Offizier
Judentum ein breites Spektrum unterschied- des Antipas! Steuereintreiber waren ein-
licher Auffassungen, etwa über die konkrete heimische Kollaborateure (vgl. Mt 9,9-13).
Umsetzung bestimmter Gebote wie Reinheit
(Mk 7,14-23), Speisegebote (Mk 7,1-13; Lk Wirtschaftswelt am See
11,37-41), Sabbat (Mt 12,1-14) oder hin- Wie auch anderenorts im östlichen Mit-
sichtlich endzeitlicher Heilserwartungen telmeergebiet, lebten die Menschen zu ei-
(Mk 12,18-27). Eine besonders einflussreiche nem großen Teil von der Landwirtschaft,
Gruppe scheinen die Pharisäer gewesen zu sein. gestützt auf die drei „mediterranen Basis-
Im NT gelten sie als Hauptgegner Jesu, viel- früchte“ Oliven, Wein und Getreide. Da-
leicht gerade, weil ihre Lehren frühchristlichen neben gab es Obstgärten, Gemüsebeete,
Auffassungen oft so nahe waren (Interesse an Steinabbau, Kleinviehzucht und die mit
Reinheitsfragen, Rolle der „Laien“, Auferste- ihr verbundene Textilherstellung, sowie
hungshoffnung; vgl. Mt 23,1-36). Neben spe- vielfältiges Kleinhandwerk (Mk 6,3). Vie-
zifisch jüdischen Verhaltensregeln folgten Jesu le Menschen waren Selbst- oder Nahver-
galiläische Zeitgenossen neben einer grund- sorger und trieben zugleich Kleinhandel.
sätzlich jüdischen Lebens- und Weltanschau- Schon in der Antike galt die Region am
Menora © Wolfgang Baur; Steingefäße © Jürgen Zangenberg

ung sicher auch einem „allgemeinen mediterra- See als besonders fruchtbar (Josephus,
nen Ethos“ und teilten Auffassungen z.B. über Krieg 3,506-521). Doch dies ist nur die Steingefäße wie diese aus
Jerusalem konnten durch
Ehre und Scham (Mt 10,11-14), zur Bedeu- halbe Wahrheit. Ausgedehnte Sümpfe
ein Tauchbad wieder kul-
tung des gemeinsamen Essens (Mk 12,38-40; zwischen Magdala und Kafarnaum sowie
tisch rein gemacht werden
Lk 14,1-24), von patriarchalen Dorf- und Fa- am Ein- und Ausfluss des Jordan sorg- (Tongefäße mussten nach
milienstrukturen, zu Begräbnissitten (Lk 7,11- ten für Myriaden Moskitos und andere Verunreinigung zerbrochen
17) oder der täglichen Etikette im Umgang mit Parasiten, die ansteckende Krankheiten werden, s. Lev 6,21). Auch
ihren nichtjüdischen Zeitgenossen. verursachten wie etwa Malaria. Wir er- in Galiläa wurden solche
Neben dem galiläischen Kernland gab es so- innern uns, wie oft im NT von Blinden Gefäße in großer Zahl her-
wohl in den großen Städten an der Küste wie und Lahmen berichtet wird, klassischen gestellt und gefunden.
auch in der Dekapolis starke jüdische Gemein- Opfern parasitärer Infektionskrankheiten
den, also auch außerhalb der Grenzen des has- in tropischen, vormodernen Regionen
monäischen Galiläas. (Mk 8,22-26).

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welt und umwelt der bibel 1/2021 15
Ein Paradies am See Die Existenz eines großen Süßwassersees
machte Galiläa einzigartig. Der See erfüllte ver-
QUELLEN schiedene Funktionen. Er war Verbindungs-
TEXT Entlang dem See Gennesar erstreckt sich eine glied zwischen dem östlichen Galiläa und der
gleichnamige Landschaft von wunderbarer Natur und Dekapolis und zugleich Quelle von Reichtum
Schönheit. Wegen der Fettigkeit des Bodens gestattet durch Fischerei und Fischverarbeitung.
sie jede Art von Pflanzenwuchs, und ihre Bewohner haben daher in Durch Städte wie Magdala (seit ca. 80 vC) und
der Tat alles angebaut; das ausgeglichene Klima passt auch für die Tiberias (seit 18 nC) sowie Hippos und Gadara
verschiedenartigsten Gewächse. Nussbäume, die im Vergleich zu allen am Ostufer war die Region am See zur Zeit Jesu
anderen Pflanzen eine besonders kühle Witterung brauchen, gedei- deutlich geprägt von urbaner Kultur. Sowohl
hen dort prächtig in großer Zahl. Daneben stehen Palmen, die Hitze der Warentransport über die Häfen als auch die
brauchen, ferner Feigen- und Ölbäume unmittelbar dabei, für die ein Fischerei wurden durch die Hasmonäer inten-
gemäßigtes Klima angezeigt ist. Man könnte von einem Wettstreit der siv gefördert. Wie die gesamte galiläische Ge-
Natur sprechen, die sich mächtig anstrengt, alle ihre Gegensätze an sellschaft war auch die Fischerei zur Zeit Jesu
einem Ort zusammenzuführen, oder von einem edlen Kampf der Jah- dramatisch im Umbruch begriffen. Zwar wird
reszeiten, von denen jede sich um diese Gegend wetteifernd bemüht. es weiterhin Privatunternehmer mit eigenem
Der Boden bringt nicht nur das verschiedenste Obst hervor, das man Boot gegeben haben (Mk 1,16-20), doch ent-
sich kaum zusammen denken kann, sondern er sorgt auch lange Zeit wickelte sich im Lauf der Zeit eine regelrechte
hindurch für reife Früchte. Die königlichen unter ihnen, Weintrauben Fischindustrie, die unter Kontrolle der mit dem
und Feigen. beschert er 10 Monate lang ununterbrochen, die übrigen Fürstenhof verbundenen Kreise stand.
Früchte reifen nach und nach das ganze Jahr hindurch. Denn abgese- In Magdala und Tiberias konnten nicht nur
hen von der milden Witterung trägt zur Fruchtbarkeit dieser Gegend Waren auf dem Weg vom Meer nach Syrien um-
auch die Bewässerung durch eine sehr kräftige Quelle bei, die von den geladen, Zölle erhoben und Schiffe gebaut und
Einwohnern Kafarnaum genannt wird. betrieben werden, wir haben hier am Westufer
Flavius Iosephus, De Bello Iudaico 3,516–519
des Sees auch qua Architektur und Bevölke-
rung ein Stück „große Welt“ – ganz nah bei der
(Übersetzung: Michel/Bauernfeind)
Region, die in den drei synoptischen Evangeli-
en (Mk, Mt, Lk) so eng mit Jesus verbunden ist
(s. dazu auch den Beitrag von Anna Lena S. 40).

Haus und Synagoge


Wie überall in der Antike lebten die Menschen
am See und im galiläischen Binnenland im Ver-
band ihrer Familie. Hier waren die Rollen klar
Wandmalerei aus der nach Geschlecht und Alter definiert. Das Anse-
Synagoge von Mag- hen der Familie war wichtig, das Haus der Kris-
dala, die Jesus noch tallisationspunkt des Lebens, der Arbeit und
gesehen haben könnte. der Kommunikation.

Boot aus der Zeit


Jesu, das in der Nähe
von Magdala gefunden
wurde. Heute befindet
es sich im Yigal-Allon-
Museum im Kibbuz
Ginnosar.
Boot © Alamy; Wandmalerei: Public domain

16 welt und umwelt der bibel 1/2021


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Häuser konnten durchaus sehr unterschied- politische Angelegenheiten diskutiert werden Synagoge in Gamla,
lich aussehen; wir kennen einzeln stehende konnten. Da die lokale Trägergruppe für Errich- einer Stadt am Rand der
Häuser mit großem Innenhof und Vorrats-, Ar- tung und Unterhalt ihres Gemeindezentrums Golanhöhen nordwest-
beits- und Wohnbereich wie auch eng bebau- selbst aufkommen musste, verfügte wohl nicht lich des Sees. Um die
te, durch Straßen abgeteilte Wohnblocks. Jesu jedes Dorf über eine eigene Synagoge, wie auch Zeitenwende hatte sie
vermutlich ca. 5.000
unstetes Wanderleben als Anführer einer „mig- wohl nicht jede Gemeinde eigene Schriftrollen
Einwohner, die vom
ranten Sammlungsbewegung des endzeitlichen besaß. Auch konnten vermutlich nur wenige
Handel mit Olivenöl
Israel“ war vor diesem Hintergrund sehr unge- Galiläer selbst lesen und schreiben, sodass Bil- lebten. Im Widerstand
wöhnlich, da es sowohl die Ortsgebundenheit dungstraditionen oft mündlich durch Rede und gegen die Römer wurde
des Lebens wie auch die Einbindung in den Lehre weitergegeben wurden. Familie und Dorf der Ort zu einer Art
generationenübergreifenden Familienverband waren in diesem Sinne auch eine Art Bildungs- „Masada des Nordens”.
aufhob. Dieser Tabubruch wird im NT durchaus gemeinschaft. Ob es zur Zeit Jesu feste Ordnun-
thematisiert und gehört zu Jesu Identität (Mt gen für den Sabbatgottesdienst gegeben hat,
10,34-39; Mk 3,31-35). Neben der Familie war wissen wir nicht, denn die überlieferten Litur-
vor allem die Synagoge Ort der religiösen und gien stammen allesamt aus wesentlich späterer
sozialen Identitätsformung. Dank zahlreicher
Neufunde auch im Norden Israels sind wir über
die Architektur und Ausstattung von Synago- Die Synagoge war Ort der religiösen
gen zur Zeit Jesu recht gut informiert (v. a. Mag-
dala, Gamla, el-Majduliye). und sozialen Identitätsformung
Die Grundstruktur, bestehend aus einer
rechteckigen überdachten Halle und Mau-
ern mit umlaufenden Sitzbänken, wurde aus Zeit. Doch zumindest beschreiben Lk 4,14-30
der hellenistischen Architektur übernommen und andere Texte Lesung und Auslegung sowie
(bouleuterion). Die Synagoge hatte keinen Al- Hymnus und Gebet als Elemente von Synago-
tar und war nie Ort des Opfers; dies war aus- genzusammenkünften. Die Leitung einer Syna-
© Jürgen Zangenberg

schließlich dem Tempel in Jerusalem vorbehal- goge übten wohl Angehörige der Kreise aus, die
ten. Ihr recht einfacher, funktionaler Aufbau auch im Dorf das Sagen hatten (Mk 5,22). Wie
machte die Synagoge aber zum idealen dezen- Fußbodenmosaike und Wandmalerei in der
tralen Versammlungsgebäude, in dem nicht Synagoge von Magdala zeigen, scheint beim Bau
nur religiöse Feiern abgehalten, sondern auch einer Synagoge auch der Wunsch zur Repräsen-

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welt und umwelt der bibel 1/2021 17
schaft (Ernte). Da die Mobilität der meisten
Menschen gering war, boten Dörfer ein engma-
schiges soziales und ökonomisches Netz. Trotz
aller Schwierigkeiten aufgrund obrigkeitlicher
Abgaben und unsicherer Ernten waren Dörfer
durchaus ein Erfolgsmodell. Der durchschnitt-
liche Galiläer war kaum ärmer oder unterdrück-
ter als Bewohner benachbarter Regionen. Im
Gegenteil: Die Bevölkerung, und damit auch
die Zahl der Dörfer, wuchs im 1. Jh. vC–1. Jh. nC
kontinuierlich an. Dies war sicher eine Frucht
der grundsätzlich stabilen politischen Verhält-
nisse unter Herodes Antipas. Zugleich nahm
durch Monetarisierung (statt Tauschhandel
zunehmende Bezahlung von Waren und Leis-
tungen mit Geld und wachsende Abgaben)
und steigender Konkurrenz der wirtschaftliche
Druck auf traditionelle Dorfgemeinschaften
zu, während Erträge sanken. So trug das Bevöl-
kerungswachstum den Keim der kommenden
Krise bereits in sich: Da das Land nicht unbe-
grenzt ausgebeutet werden konnte, besiedelte
man weniger fruchtbare Randgebiete, die bei
Ernteproblemen anfälliger waren. Oft mussten
daher jüngere Söhne ihre Dorfgemeinschaften
verlassen und sich als Tagelöhner verdingen
(Mt 20,1-16) oder als billige Arbeitskräfte in
die Städte ziehen – desillusioniert und mangels
Einkommen unfähig, einen eigenen Hausstand
zu gründen. Große Bauprojekte, wie sie Anti-
pas in Sepphoris, Tiberias oder Magdala durch-
führte, verdankten sich sicher nicht nur dem
fürstlichen Repräsentationsbedürfnis, sondern
dienten zugleich als Arbeitsbeschaffungsmaß-
nahmen (s. die Beiträge S. 28 ).
Rekonstruktion einer tation für die Gemeinschaft eine wichtige Rolle Die Evangelien vermitteln infolge ihrer engen
Wohnung in Nazaret, gespielt zu haben. Neben Synagogenvorstehern Definition von Galiläa den Eindruck, dass Städ-
wie sie im 1. Jh. nC aus- und -ältesten gab es im Umfeld mancher Syn- te vor allem außerhalb Galiläas lagen und dann
gesehen haben könnte. agogen auch Experten in der Auslegung und auch noch kulturell fremdartig waren. Dies
Open Air-Museum Anwendung der Rechtstraditionen („Schriftge- trifft jedoch selbst für das politische Galiläa der
Nazareth-Village. lehrte“), die bei der Bevölkerung hoch geachtet Hasmonäer nicht zu. Seit dem frühen 1. Jh. vC
und mit dem Ehrentitel „Rabbi“ angesprochen beherbergte die Region mindestens ein urbanes
wurden (Mt 23,7f ). Zentrum im Herzen der Region (Sepphoris)
Lesetipps und ein weiteres am Westufer des Sees (Mag-
• J. K. Zangenberg, Am Dörfer und Städte: dala, s. dazu den Beitrag S. 40). 18 nC kam das
„fünften Evangelium” galiläische Lebensformen unmittelbar südlich davon gelegene Tiberias als
wird weitergeschrieben. Wie die meisten Menschen im östlichen medi- drittes Zentrum hinzu. Es ist bemerkenswert,
Neue Erkenntnisse aus terranen Seegebiet, wohnte auch die Mehrzahl dass diese drei Städte entweder am See (Magdala
der Galiläaforschung, der Galiläer in Dörfern. Galiläische Dörfer wa- und Tiberias) oder auf halbem Wege zwischen
Das Heilige Land 146 ren gewöhnlich unbefestigt, hatten nur weni- See und Mittelmeer (Sepphoris) lagen. Die Ur-
(2014), 8–13. ge Hundert Einwohner und bestanden meist banisierung hatte offensichtlich direkt mit der
© Jürgen Zangenberg

• J. K. Zangenberg, An- aus Konglomeraten traditioneller Hofhäuser, Brückenlage Galiläas und dem Handel zwischen
choring Ancient Galilee die jeweils von einer Großfamilie mit Haustie- Mittelmeer und Syrien zu tun. Deutlich ist auch:
at the Lakeshore. Early ren und Geräten bewohnt waren (z. B. et-Tell). Zahlreiche Orte, die die Evangelien mit Jesus
Christianity 19 (2019), Trotz der grundsätzlichen Familienbezogenheit in Verbindung bringen, liegen in der Peripherie
265-291. wirtschaftete das Dorf oft als enge Gemein- von Städten und keinesfalls in einer Art abgele-

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Kulturelle und politische Brücke zwischen Meer und See

genem Hinterland: Nain und Kana aus dem Lk- tet. Gerade dadurch waren sie ideale Vermittler
Sondergut und Joh liegen nahe bei Sepphoris, hellenistischer Kultur ins bäuerliche Hinter- Jürgen K. Zangenberg
das synoptische „Jesusgebiet“ (Kafarnaum) be- land. Die Einwohnerzahl lag zwischen 600 und ist Professor für Geschichte
findet sich nur wenig nördlich von Magdala und 2.000 Personen, manche waren ummauert, und Kultur des Antiken
Tiberias. Selbst wenn Jesus Städte hätte vermei- andere nicht, manche hatten öffentliche Ge- Judentums und Frühen
Christentums an der Univer-
den wollen (wie die Jesustradition nahelegt), bäude, Synagogen oder luxuriöse Privathäuser,
sität Leiden (Niederlande).
wäre keines der Dörfer weit genug von einer die sich von den sonst kleineren Hofhäusern
Er untersucht, wie das
Stadt entfernt gewesen, um sich deren Einfluss absetzten. Gute Beispiele für diese Art Siedlun- Urchristentum aus seiner
wirklich entziehen zu können. gen sind Gamla, Iotapata und – hier besonders jüdischen und griechisch-
Ein simpler Gegensatz „Stadt“ gegen „Land“ interessant – auch Kafarnaum, das eine zentrale römischen Matrix hervor-
geht also an der galiläischen Realität vorbei (und Rolle als „Basislager“ der Jesusbewegung spiel- ging und langsam einen
nicht nur an dieser, sondern auch andernorts te (Mt 9,1) und offensichtlich nicht so dörflich eigenen Lebensstil und
in der Antike); beide waren in verschiedens- war, wie man das oft lesen kann. eine eigene Gedankenwelt
ter Weise miteinander verbunden. Besonders In einer deratig vielfältigen und spannungs- entwickelte. Weitere Infos:
deutlich wird dies im Falle Galiläas durch einen vollen, aber auch kreativen und sowohl mate- kinneret-excavations.org
dritten Siedlungstyp, der besonders gut die kul- riell als auch intellektuell fruchtbaren Region
turelle, soziale und wirtschaftliche Dynamik trat Jesus auf und sammelte seine Gefährten,
der Region veranschaulicht: Landstädte. Sie um das nahe Gottesreich anzukündigen. Dass
liegen qua Größe und Struktur zwischen Stadt diese Botschaft dabei auf ganz unterschiedliche
und Dorf und stellen eine typische Übergangs- Reaktionen traf, wird niemanden wundern, der
form dar, die Elemente beider Welten beinhal- sieht, wie divers das antike Galiläa war. W

Das römische Theater in Tiberias


wurde im 1. Jh. nC gebaut und im
2. Jh. auf eine Kapazität von 7.000
Plätze erweitert.
© Carole Raddato, CC BY-SA 2.0, commons.wikimedia,curid=38160056

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Die Dekapolis am See Gennesaret

Der trennende und


der einende See
Das Westufer des Sees Gennesaret und sein Hinterland sind geprägt von jüdischen
Siedlungen und Städten in Galiläa, während an das Ostufer des Sees das Gebiet
der griechisch-römischen Städte der Dekapolis stößt. Es sind zwei Welten, doch
diese Welten verbindet der See Gennesaret. Es ist ein gemeinsamer kleiner Kos-
mos, der mithilfe von Booten und Wegen um den See in enger Interaktion stand.
Von Achim Lichtenberger

D
ie Dekapolis, also die zehn Städte (von aber den südwestlichen Zugang durch das
griechisch deka – zehn und polis – Stadt), Jordantal sowie durch die Ebene Jesreel kon-
sind bekannt aus dem Neuen Testament trollierend, lag Nysa-Skythopolis in einer
und dort werden sie als Galiläa benachbartes fruchtbaren und wasserreichen Gegend süd-
Gebiet gekennzeichnet, in dem die Heiden lich des Sees. Eher indirekt mit dem See Gen-
wohnten. Das Neue Testament ist sogar die nesaret in Beziehung steht die Stadt Gerasa,
älteste Quelle für den Begriff, obwohl die Ur- die rund 75 km südöstlich des Sees liegt, doch
sprünge der Dekapolis älter sind. eine neutestamentliche Dämonenaustreibung
Die Dekapolis ist eine Gruppe von Städten im (Mk 5,1-20) verbindet die Stadt mit dem See.
heutigen Südsyrien, Jordanien und Israel. Die-
se Städte sind griechisch geprägt, auch wenn Die hellenistische Zeit
einige von ihnen, wie etwa Nysa-Skythopolis Die Ursprünge der griechisch geprägten Städte
(Beth-Shean), Philadelphia (Amman) oder Pella der Dekapolis liegen in hellenistischer Zeit. Als
(Tabaqat Fahil), bereits auf eine reiche bronze- die Großreiche der Ptolemäer von Ägypten und
und eisenzeitliche Vergangenheit zurückbli- der Seleukiden von Syrien aufeinanderstießen
cken. und um die Herrschaft über die südliche Levan- Achim Lichtenberger
Direkt an Galiläa und den See Gennesaret te und damit die Landbrücke zwischen Afrika ist Professor für Klassi-
angrenzend lagen mehrere dieser Dekapo- und Asien stritten, profitierten die Siedlungen sche Archäo­logie und
lisstädte. Sie befinden sich auf der Ostseite des im Grenzgebiet davon. Zunächst stand die Regi- Direktor des Archäologi-
Sees, und der See ist die Grenze zwischen dem on im 3. Jh. vC unter ptolemäischer Herrschaft schen Museums an der
mehrheitlich jüdisch besiedelten Galiläa und und einige der Orte, wie Philadelphia, Pella Universität Münster. Seine
dem mehrheitlich paganen Gebiet der Dekapo- oder Skythopolis, wurden von den ptolemä- Forschungsschwerpunkte
sind die Archäologie des
lis. Im südlichen Golan, über dem Ostufer des ischen Königen privilegiert, um loyale Städte
Vorderen Orients zwischen
Sees thronend, lag die Stadt Hippos. Etwas wei- in der Grenzregion zu haben. Mit der Schlacht
Hellenismus und Spätantike
ter südlich, getrennt vom Golan durch das tief bei Paneas 200 vC eroberten die Seleukiden sowie Numismatik. Er ist
eingeschnittene Tal des Flusses Yarmuk. war die südliche Levante. Seit dem Seleukidenkö- Co-Direktor von Grabungs-
Gadara erbaut. nig Antiochos IV. Epiphanes (175–164 vC), projekten in Beth-Shean
Die Stadt blickte wie Hippos auf den See setzte ein massives Urbanisierungsprogramm (Israel), Gerasa (Jordanien)
herab. Nicht direkt an den See angrenzend, ein, in dessen Folge zahlreiche Städte neu ge- und Artaxata (Armenien).

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Der See Gennesaret war gründet wurden. Ablesbar ist das an den neu- lokale Ablehnung und Widerstand, was letztlich
seit jeher eine Trennung en Städtenamen, die – ähnlich wie unter den zum Makkabäeraufstand führte. Daraus resul-
der Landschaften, aber Ptolemäern – dynastische Namen der Familie tierte ein unabhängiger jüdischer Staat, der wie-
mehr noch eine Verbin- der Seleukiden trugen und Antiochia (Gerasa, derum bald mit den griechischen Nachbarn in
dung zum anderen Ufer. Hippos, Gadara), Seleukia (Abila, Gadara) oder Konflikt kommen sollte. Unter den Hasmonäern
Nysa (Skythopolis) hießen. Ältere Siedlungen Johannes Hyrkan (134–104 vC) und Alexander
wurden nun zu Städten nach dem griechischen Jannäus (103–76 vC) expandierte der jüdische
Polis-Modell, und es ist diese Zeit, in der auch Staat und kam in Konflikt mit hellenistischen
verstärkt griechische Gottheiten wie Zeus Städten an der Mittelmeerküste und im Gebiet
Olympios in die Städte eingeführt wurden. der Dekapolis. Mehrere Städte wurden erobert
und zerstört, wie etwa Nysa-Skythopolis.
Aus literarischen Zeugnissen sind die Städte
Ältere Siedlungen wurden nun zu der Dekapolis in hellenistischer Zeit gut belegt.
Städten nach dem neuen Polis-Modell Doch archäologisch liegen nur wenige Informa-
tionen zu den hellenistischen Phasen vor, denn
die Orte sind zumeist überbaut von den um-
Nur am Rande sei in diesem Zusammenhang fangreichen römischen, spätantiken und früh-
bemerkt, dass eine parallele Entwicklung im islamischen Phasen, in denen die Städte blüh-
© 123rf, vvvita

benachbarten Judäa erfolgte, wo ebenfalls ein ten und expandierten. So liegen zumeist nur
Antiochia gegründet und Zeus Olympios einge- wenige hellenistische Befunde vor. In Gadara
führt wurde. Dort stieß dieser Prozess aber auf ist die hellenistische Stadtmauer gut erhalten

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welt und umwelt der bibel 1/2021 21
und bezeugt eine befestigte Siedlung. Aus dem
2. Jh. vC stammt in Gadara auch der erste Bau
des Tempels des Zeus Olympios und dieser ist
auf seleukidisches Engagement am Ort zurück-
zuführen, war Zeus Olympios doch seit Antio-
chos IV. ein wichtiger dynastischer Schutzgott
und in mehreren der Städte stark präsent.

Der Tempel des


Zeus Olympios
von Gadara auf
einer Münze
von Gadara in
der Zeit des
Mark Aurel.

Die Grabungen in Hippos wiederum haben


im Stadtzentrum am Markt einen Heiligtums-
komplex zutage gebracht, dessen früheste Pha-
sen bereits in die hellenistische Zeit zu datieren
sind. Es ist davon auszugehen, dass die Bauten
in Hippos und Gadara in der Folge der seleuki-
dischen Neugründung erfolgten. Ein gutes Bild
einer solchen Neugründung erhalten wir aus
Nysa-Skythopolis. Dort wurde die seleukidi-
sche Stadt nicht auf dem alten Tell Beth-Shean,
sondern auf dem nördlich davon gelegenen Tell
Iztabba errichtet. 108/107 vC wurde die seleu-
kidische Siedlung von dem Hasmonäer Johan-
nes Hyrkan zerstört und nicht wieder aufgebaut
und so geben uns die Ausgrabungen am Ort ein
gutes Bild einer seleukidischen Neugründung,
denn der Tell Iztabba blieb auch in der Folgezeit
weitgehend unbebaut. Die Siedler wohnten in
regelmäßig angelegten Hofhäusern. Zahlreiche
Funde von ägäischen Amphoren zeigen, dass

Münze © Achim Lichtenberger; Karte © Wolfgang Zwickel U. Herder Verlag


die Stadt teilhatte an der materiellen Kultur der
griechischen Mittelmeerwelt.
Es ist anzunehmen, dass die Bewohner der
Städte in hellenistischer Zeit griechische Mi-
litärsiedler waren, die auch ihre griechischen
Gottheiten mitbrachten. Die Städte waren aber
keine reinen Militärsiedlungen, denn wir ken-
nen aus literarischen Zeugnissen zum Beispiel
aus Gadara bereits in hellenistischer Zeit meh-
rere Intellektuelle, die in einem griechischen
Die Städte der Dekapolis („Zehn Städte”) werden von Plinius d. Älteren in
seiner „Naturgeschichte” (6,16,74) aufgezählt: Bildungsmilieu in der Stadt aufgewachsen
Damaskus, Philadelphia, Raphana, Nysa-Skythopolis, Gadara, Hippos, sind. Im 1. Jh. vC zerfiel das Seleukidenreich
Dion, Pella, Gerasa und Kanatha. zusehends, und die Region stand unter loka-
Allerdings variiert in den Quellen die Zugehörigkeit und auch die Stadt len Herrschern, bis 64/63 vC der römische
Abila wird zumeist dazugerechnet. Diese Städte wurden nach der griechi- Feldherr Pompeius Syrien eroberte und die rö-
schen Eroberung des Landes im griechischen Stil neu gegründet. In der mische Provinz Syria einrichtete und auf diese
römischen Zeit (ab 64 vC) gehörten sie der Provinz Syrien an. Weise römische Herrschaft und Ruhe brachte.

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Ausgrabung © German-Israeli Tell Iztabba Project; Mosaik © commons.wikimedia.org/curid=82563377; Silvanus-Straße © Carole Raddato, CC BY-SA 2.0, commons.wikimedia.orgcurid=37878485
Die Dekapolis am See Gennesaret

Ausgrabung einer rhodischen Amphora durchliefen und die Städte immer mehr urba- Mosaik des
in Tell Iztabba. ne Qualitäten erhielten. Im Laufe der Kaiserzeit Geschichtsschreibers
bekamen sie das Erscheinungsbild typischer Thukydides, Jerasch,
3. Jh. nC. Pergamon-
römischer Städte im östlichen Mittelmeerraum.
Museum, Berlin.
Unter der Pax Romana Sie hatten Tempel, Säulenstraßen, Theater,
Pompeius sorgte dafür, dass die Städte wieder- Amphitheater, Nymphäen, Marktplätze, Ther-
hergestellt wurden und so können wir eine Kon- men und Stadtmauern.
solidierung des urbanen Lebens in Gadara und Die Städte partizipierten an der materiellen
Die Silvanus-Straße
Nysa-Skythopolis gut fassen. In Nysa-Skytho- Kultur des Imperium Romanum, Wohnhäuser
in Skythopolis mit
polis wurde unter den römischen Prokuratoren waren mit Mosaiken und Wandmalereien aus- ihrer monumentalen
das Stadtzentrum am Fuße des biblischen Tell gestattet, Inschriften wurden auf Griechisch Kolonnade, erbaut in
Bet Shean aufgebaut, und römische Bautypen gesetzt und die politische Verfassung der Städte der byzantinischen
wie die Basilika und später auch Thermenan- entsprach derjenigen anderer griechischer Städ- Zeit.
lagen und Wasserleitungen hielten Einzug in
das Stadtbild. In der Folge von Pompeius setzte
in den beiden Städten auch eine eigenständige
Münzprägung ein. Diese Münzprägung, die bis
in das frühe 3. Jh. nC erfolgte, ist von besonde-
rer Bedeutung für unsere Kenntnis der Städte, da
die ausschließlich in Bronze geprägten und für
den lokalen Geldumlauf vorgesehenen Münzen
Bilder wählten, welche lokalen Bezug hatten. So
finden sich die städtischen Gottheiten, Mythen,
Bauwerke, aber auch Darstellungen des römi-
schen Kaisers und seiner Familie auf den Münzen
abgebildet. Ein besonders prägnantes Bild des
neu gewonnenen städtischen Selbstbewusst-
seins ist die Darstellung der Tyche („Glück“) der
Stadt, eine Frau mit Mauerkrone, die zugleich
Personifikation und Schutzgöttin der Stadt ist.

Die Pax Romana führt dazu, dass die Städte der


Dekapolis eine prosperierende Entwicklung

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te. In römischer Zeit kam auch Marmor, der in
der Region nicht natürlich vorhanden war, als
Import in die Städte und wurde für Gebäude so-
wie für Skulpturen von Göttern und Honorati-
oren verwendet. Insgesamt hatten die Orte das
äußere Erscheinungsbild griechisch-römischer
Städte, und sie wurden auch als solche wahrge-
nommen.
Der pagane Charakter der Städte wird näm-
lich auch daran deutlich, dass sie während des
ersten jüdischen Aufstands Ziel der Aufrührer
wurden und einerseits die Aufständischen aus
Judäa Übergriffe auf die Städte unternahmen,
andererseits aber auch die Städte gegen die in
ihnen ansässigen Juden vorgingen. Die von Fla-
vius Josephus überlieferten Berichte zu solchen
Auseinandersetzungen zeigen zum einen den
Antagonismus zwischen der jüdischen Bevöl-
kerung in Judäa und den paganen Städten der
Dekapolis, zum anderen sind sie aber auch ein
anschauliches Zeugnis dafür, dass in der Deka-
polis wie selbstverständlich auch Juden lebten.
In die Zeit des Jüdischen Kriegs wird auch
eine spätere christliche Tradition gesetzt, wo-
nach zu Beginn des Aufstands die Jerusalemer
Christengemeinde nach Pella geflohen sei. Der
Wahrheitsgehalt dieser Tradition ist umstrit-
ten, doch unterstreicht sie die engen Beziehun-
gen zwischen der Dekapolis und Judäa.
Archäologische Zeugnisse für jüdische Be-
völkerung in der Dekapolis in dieser Zeit sind
nicht sehr zahlreich, aber sie sind vorhanden. So
wurden auf dem Tall Ziraa bei Gadara sehr viele
Steingefäße gefunden, wie sie für die jüdische
Bevölkerung in der Zeit vor der Zerstörung des
Jerusalemer Tempels typisch sind. Ein einzel-
nes Fragment eines solchen Gefäßes kam auch
in Gerasa zutage und unterstreicht die Ansäs-
sigkeit jüdischer Bevölkerung. In spätrömischer
Zeit ist dann auch eine jüdische Synagoge in
Gerasa gebaut worden sowie eine samaritani-
sche Synagoge in Nysa-Skythopolis. In der Zeit
Herodes des Großen wurden von dem Kaiser
Augustus die beiden Dekapolisstädte Gadara
und Hippos dem Königreich des Herodes zuge-
schlagen. Ob daraus auf einen größeren Bevöl-
kerungsanteil an Juden in den beiden Städten
zu schließen ist oder die Städte nur herodia-
nischer Verwaltung unterstellt wurden, bleibt
unbekannt. Josephus, der uns davon berichtet,
erwähnt jedenfalls, dass sich die Einwohner da-
rüber beschwerten.

Straßen durch Palästina


in römischer Zeit.

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Die Dekapolis am See Gennesaret

Ökonomische Grundlagen funden wurden. Im Talmud (yShevi 8,3) wird


Der römische Agrarschriftsteller Varro schreibt berichtet, dass Tiberias auf Getreideimporte aus
im 1. Jh. vC, dass in der Gegend von Gadara Ge- Hippos angewiesen war, was Hinweis auf eine
treide und Bohnen im Vergleich zum übrigen kleinräumige Ökonomie ist.
Mittelmeerraum mit einem besonders hohen
Ertrag wachsen (de agricultura 44). Sowohl Die paganen Kulte
die Dekapolisstädte im nordwestlichen Jorda- Die Städte der Dekapolis sind in ihrem äuße-
nien, die auf einer fruchtbaren Hochebene la- ren Erscheinungsbild während der römischen
gen, als auch die Städte Südsyriens, des Golans Kaiserzeit durch griechisch-römische Kulte ge-
und des quellreichen Beckens von Beth-Shean prägt. Diese Kulte waren die offiziellen Stadt-
boten hervorragende Bedingungen für Land- kulte. Wir haben allerdings auch gesehen, dass
wirtschaft. Überall finden sich die fruchtbare die Städte multireligiös waren und es auch Hin-
mediterrane terra rossa und eine hinreichende weise auf jüdische und christliche Gemeinden
Menge von Wasser für Landwirtschaft, die auf gibt. Doch auch die paganen Kulte darf man sich
Überschussproduktion angelegt ist. Die Her- nicht als direkte Übertragung oder Übernahme
stellung von Textilien und des dafür notwendi- griechischer Gottheiten vorstellen, sondern es
gen Rohstoffs Flachs ist für Nysa-Skythopolis ist wichtig, ein vielfältiges, dynamisches und
und Gerasa bezeugt. Im Höchstpreisedikt des
Kaisers Diokletian rangieren Textilien aus Sky-
thopolis in der höchsten Preis- und Qualitäts-
klasse. Olivenpressen sind überall in den Städ-
Die Städte waren durch zahlreiche regio-
ten und in ihrem Hinterland archäologisch gut nale Straßen miteinander verbunden
bezeugt, und die Münzprägung einiger Städte
wie Abila bildet Weintrauben als lokale Produk-
te ab. All dies zeigt, dass die Region von land- durch lokale sowie regionale Traditionen ge-
wirtschaftlicher Produktion geprägt war, und prägtes religiöses Leben in den Blick zu nehmen.
einige der Produkte im gesamten Mittelmeer- In Hippos sind die Münzen der wichtigste
raum berühmt und geschätzt waren. Ausgangspunkt für eine Beschäftigung mit den
Die Städte der Dekapolis waren innerhalb der Stadtkulten. Sie zeigen die Stadtgöttin Tyche in
südlichen Levante in ein Verkehrsnetz einge- ihrer lokalen Ausprägung mit einem Pferd, das
bunden, welches sowohl überregionale als auch auf den Stadtnamen (hippos, griechisch Pferd)
Karte © Wolfgang Zwickel, Herder-Verlag; Münze Hippos © Archäologisches Museum der Universität Münster

regionale Straßen einschloss. Insbesondere Ny- anspielt. Außerdem sehen wir eine sitzende
sa-Skythopolis lag verkehrstechnisch äußerst männliche Gottheit, die in ihrem statuarischen
günstig. Durch sein Stadtterritorium führte so- Typus genau dem griechischen Zeus Olympios
wohl eine wichtige West-Ost-Verbindung vom entspricht und somit wohl der Gott der helle-
Mittelmeer durch die Jesreel Ebene über den Jor- nistischen Neugründung ist.
dan und Pella ins transjordanische Hochland, als
auch eine stark frequentierte Nord-Süd-Route Sowohl die Tyche als auch Zeus Olympios kön-
durch den Jordangraben, vom See Gennesaret nen als griechische Gottheiten angesehen wer-
zum Roten Meer. Hippos, Gadara, Gerasa und den. Es gibt allerdings auch Münzen in Hippos,
weitere Städte waren vor allem durch zahlrei- die eine männliche Gottheit stehend in einem
che regionale Straßen miteinander verbun- Tempel zeigen. Diese Gottheit trägt einen kurzen
den, die wiederum Teil oder Nebenstraßen der Schurz, ist umgeben von Halbmond und Sternen
Nord-Süd verlaufenden Via Nova Traiana (der
alten Königstraße) waren, die Ägypten und das
Rote Meer mit Nordsyrien und Mesopotamien
verband. Es ist anzunehmen, dass von dieser in-
terkontinentalen Handelsstraße die Wirtschaft Bronzemünze der Stadt
in der Dekapolis profitierte. Doch wir wissen Hippos unter Lucius Verus
mit der Rückseitendarstel-
auch von kleinräumigen Interaktionen. Insbe-
lung der Tyche der Stadt,
sondere die rabbinische Literatur berichtet von
die eine kleine Pferdestatu-
engen Beziehungen der Dorfgemeinden Gali- ette trägt. 161–169 nC.
läas mit Städten bzw. ländlichen Siedlungen in
der Dekapolis. Dazu gehörte auch der Seeweg
über den See Gennesaret, auf dessen Ostseite
im Stadtgebiet von Hippos Hafenanlagen ge-

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welt und umwelt der bibel 1/2021 25
Abb. 1: Bronzemünze der Stadt Hippos unter
Elagabal mit Rückseitendarstellung des Zeus
Arotesios im Tempel, Hippos.

Abb. 2: Münze mit einer Büste des Herakles.


Er ist lorbeerbekränzt und hat ein Löwenfell
um seinen Hals gebunden. Rechts ist ein Blitz-
1 2
bündel. Gadara, 160/161 nC.

und die Beischrift weist ihn als Zeus Arotesios chischer Heros und Gott. In der Münzprägung
aus, also als „pflügenden Zeus“. (Abb. 1) von Gadara wird vor allem seine Büste gezeigt.
Diese Darstellungsform entspricht nicht Dargestellt ist er als jugendlicher Gott mit um-
griechischer Ikonografie, sondern lässt sich in geschlungenem Löwenfell und Lorbeerkranz.
einem syrophönikischen Kontext verorten, und (Abb. 2)
es ist anzunehmen, dass dieser Zeus Arotesios Dieses Bild des jugendlichen Herakles ent-
die interpretatio Graeca, also die hellenisierte spricht exakt dem Bild des Herakles-Melqart
Form eines älteren Lokalgottes, ist. Wir fassen aus Tyrus in Phönikien. In Tyros ist der Herakles
so ein älteres semitisches Substrat und müssen die interpretatio Graeca des alten phönikischen
uns, bei aller Hellenisierung, das religiöse Leben Stadtgotts Melqart. Es ist sehr wahrschein-
von Hippos als stark in einem lokalen Kontext lich, dass dieser phönikische Gott auch in Ga-
verortet vorstellen. Wie komplex das kultische
Leben von Hippos auch durch regionale Ein-
flüsse geprägt wird, zeigt eine Inschrift, in der Es ist bemerkenswert, wie sich
der Hauptgott der Nabatäer, Dusares (Dushara),
erwähnt wird.
griechische, römische und ältere lokale
sowie regionale Einflüsse mischen

dara verehrt wurde. Das lässt sich auf einigen


Prägungen an dem Stern hinter dem Kopf des

Dushara-Inschrift © Asher Ovadia; Münze Herakles © Archäologisches Museum der Universität Münster
Herakles sowie an einem Blitzbündel vor dem
Kopf festmachen. Der Stern passt nicht zu dem
griechischen Gott Herakles, fügt sich aber gut
zu dem mit kosmischen Qualitäten versehenen
Melqart.
Dasselbe gilt für das Blitzbündel, welches ein
Attribut des höchsten griechischen Gottes Zeus
ist, hier aber Herakles gegeben wurde in seiner
Inschrift für Dushara, den Hauptgott der Qualität als höchster Stadtgott, wie es Melqart
Nabatäer. in Tyrus war. Offensichtlich wurde in Gadara
mit Herakles ein Gott verehrt, der auf Tyrus
Hippos gehört eigentlich nicht zum zentra- zurückzuführen ist. Das Stadtgebiet von Tyrus
len Siedlungsgebiet der Nabatäer, doch kann die reichte bis weit nach Obergaliläa und es ist an-
zumindest temporäre Anwesenheit arabischer zunehmen, dass tyrische Präsenz tief in die De-
Gruppen am Ostufer des Sees Gennesaret ver- kapolis gelangte. Ob diese Einflüsse auf die vor-
mutet werden. seleukidische Zeit zurückzuführen sind, lässt
In Gadara finden wir ein ähnliches Bild. Die sich nicht sichern, doch zeigt sich, dass auch
kaiserzeitlichen Münzen zeigen den seleukidi- eine Gottheit wie Herakles, die auf den ersten
schen Zeus Olympios thronend in einem Tem- Blick rein griechisch aussieht, doch Teil eines
pel, und auch die griechische Stadtgöttin Tyche religiös dynamischen Vorderen Orients ist und
ist ein beliebtes Motiv. Gelegentlich findet sich eine starke semitische Tradition besitzt.
in Gadara auch die griechische Göttin Athena auf Ähnliche religiöse Dynamiken lassen sich
Münzbildern. Prominent in der Münzprägung auch in den anderen Dekapolisstädten aufzei-
von Gadara ist Herakles. Herakles war ein grie- gen, wobei wiederum bemerkenswert ist, wie

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Ovales Forum in sich griechische, römische und ältere lokale römischen Kaiserzeit durch, zu einer Zeit, als
Gerasa (Jerash). Die sowie regionale Einflüsse mischen. Es besteht auch jüdische Städte wie Magdala, Tiberias und
Stadt war Mitglied der eine Bandbreite des religiösen Lebens, in der Sepphoris urban wurden. Und bei aller grie-
Dekapolis und machte eine Reduktion der Städte auf ihre griechisch- chisch-römischen Kultur, die den Städten der
als Handelsstadt bald römische Fassade zu kurz greift und vielmehr Dekapolis attestiert werden kann, sollten sie
Petra Konkurrenz. Im
die lokale Verankerung in einem semitischen dennoch nicht einfach als griechische „Inseln“
1./2. Jh. nC wurden
Milieu betont werden muss. umgeben von semitischer Kultur angesehen
die Straßen zu ande-
ren Dekapolisstädten werden, sondern als hellenisierte, semitisch ge-
ausgebaut. Griechisch – römisch - jüdisch prägte Stadtgemeinden in enger Interaktion mit
In den Evangelien liegt die Dekapolis von Ga- Juden, Arabern und Phöniziern. W
liläa aus gesehen nur einen Steinwurf entfernt
jenseits des Sees. Doch die Dekapolis gehörte
zu dem Wirkungsraum Jesu und der See Gen-
nesaret war wahrscheinlich sogar verbindender
und einender, als dass er Galiläa von der Deka-
polis trennte. Die wirtschaftlichen Beziehun-
gen zwischen Hippos und Tiberias waren eng
und Zuhörer der Bergpredigt kamen auch aus
der Dekapolis (Mt 4,25). So gab es eine enge Literatur
wechselseitige Beziehung zwischen Galiläa • Adolf Hoffmann, Susanne Kerner, Gadara –
und den Dekapolisstädten um den See Genne- Gerasa und die Dekapolis (Zaberns Bildbände
saret, und daher ist es von großer Bedeutung,
© schutterstock, Claudiovidri

zur Archäologie, 2002).


das kulturelle Profil dieses Raums zu verste- • Achim Lichtenberger, Kulte und Kultur der
hen. Selbstverständlich sahen diese griechisch- Dekapolis. Untersuchungen zu numismatischen,
römisch geprägten Städte anders als die Dörfer archäologischen und epigraphischen Zeugnissen
Galiläas aus. Allerdings darf man den Kontrast (Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins
auch nicht überbetonen. Eine wirklich urba- 29, 2003).
ne Entwicklung machten die Städte erst in der

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welt und umwelt der bibel 1/2021 27
Hippos: Die „Stadt auf dem Hügel”

Eine
byzantinische
Bischofsstadt oberhalb
des Sees Gennesaret
Die Dekapolisstadt hoch über dem See muss prächtig ausgesehen haben. Der Berg Susita und
der See Gennesaret in
Auf einem Hochplateau war sie durch drei Täler vom Umland nahezu abge- Richtung Nordwesten
(Drohnenaufnahme).
schnitten. Die spektakuläre Topografie machte Susita zum idealen Ort für eine
350 Meter erhebt sich
hellenistische Festung. Doch Hippos bietet noch weitere Überraschungen. der Felssporn über dem
See, und hat seinen Na-
Von Michael Eisenberg men wohl wegen seiner
Form: Pferdekopf.
220 x 550 Meter misst
die Fläche des Hoch-
plateus.

N
ur von südöstlichen Seite, wo sich ein Von der römischen zur
Sattel mit der Umgebung verbindet, byzantinischen polis
führte eine gepflasterte Straße zum öst- Als Resultat der allgemeinen Reichskrise vom
lichen Haupttor der Stadt. Steile Basaltklippen Ende des 3. zum Beginn des 4. Jh. nC und des
umringen und krönen das Hochplateau schon verheerenden Erdbebens von 363 waren viele
von Natur aus und verstärken die Befestigungs- der alten römerzeitlichen Gebäude und Institu-
anlage, die sich in der ersten Hälfte des 2. Jh. vC tionen verschwunden. Das Stadtbild hatte sich
unter der Herrschaft der Seleukiden zu einer dramatisch verändert: Die Basilika, das Odeon,
Stadt entwickelte und den Namen Antiochia das südliche Bad, das Viertel auf dem Sattel und
Hippos trug. Der Ort blühte während der römi- Teile der monumentalen Mausolea in der Sattel-
schen und byzantinischen Periode und behielt nekropole waren zerstört und wurden nie wie-
Dr. Michael Eisenberg
© Michael Eisenberg

seinen Status als regionales Zentrum und einzi- deraufgebaut. ist Ausgrabungsleiter
ge polis für das Land östlich des Sees Gennesaret im Zinman Institute und
und den zentralen und südlichen Golan bei. Seit Die byzantinische Periode Leiter des Department of
dem 1. Jh. vC war Hippos Teil des lockeren Bun- Während der byzantinischen Periode blieb Archaeology der Universi-
des griechisch geprägter Städte, der Dekapolis. Hippos das regionale Zentrum. Die Stadt wur- tät Haifa.

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welt und umwelt der bibel 1/2021
de bereits vor der Mitte des 4. Jh.
nC Sitz eines Bischofs und be-
herbergte mindestens sieben Kir-
chen, die den überwiegend christ-
lichen Charakter der Stadt und der
Mehrheit ihrer Bewohner unterstrei-
chen. Die meisten Kirchen aus byzan-
tinischer Zeit blieben auch während der
frühislamischen Epoche in Gebrauch (7. bis
mittleres 8. Jh. nC), bis die Stadt durch das ka-
tastrophale Erdbeben von 749 zerstört und nie
wiederaufgebaut wurde. inschriften bringen die Kirche mit
dem Martyrium des Theodoros in Verbin-
Die Kirchen von Hippos dung, was ihre Datierung ans Ende der byzan-
Fünf der Kirchen wurden ganz oder teilweise tinischen Periode rechtfertigt. Es ist möglich,
ausgegraben (Nr. 2, 8, 9, 14 und 17; Abb. 2 und dass die Kirche bereits während der persischen
3), während die anderen beiden (Nr. 18 und 19) Eroberung 614 wieder zerstört wurde. Es ist
Plan von Hippos mit
lediglich in einem Survey lokalisiert werden bisher die einzige in Susita gefundene Kirche, den wichtigsten Aus-
konnten. die nicht bis in die omaijadische Periode hinein grabungen und den
• Die Südostkirche (Kathedrale) liegt südlich in Verwendung stand. Kirchen:
der Hauptverkehrsachse (decumanus maxi- 1. Östliches Stadttor
mus), ca. 60 m östlich des Forums, und wurde Von christlicher zu muslimischer 2. Kathedrale
fast vollständig ausgegraben. Die Südkirche Herrschaft 3. Festung
war die größte und reichste Kirche von Hip- Der Niedergang der Stadt begann in spätbyzan- 4. Südliches
pos (40 x 17 m), besaß aber nur eine Apsis. tinischer Zeit. Es gibt keine Belege für eine Zer- Badehaus
An der Nordseite der Kirche war ein großes störung der Stadt während der frühislamischen 5. Forum
6. Kallybe (?)
Baptisterium mit drei Apsiden angefügt (15 x Periode (ca. 636) noch lässt sich irgendeine
7. Hellenistisches
13 m), das einzige, das bisher in Hippos ge- Veränderung innerhalb des dominanten christ-
Heiligtum
funden wurde. Das Baptisterium wurde un- lichen Bevölkerungsteils feststellen. Während 8. Nordwestkriche
mittelbar nach der Errichtung der Kathedrale der frühislamischen Periode verlor Hippos je- 9. Nordostkirche
um 591 erbaut und ging zusammen mit der doch seine dominante Rolle als regionales Zen- 10. Basilika
gesamten Stadt im Erdbeben von 749 unter. trum. Statt seiner wurde die Hippos am West­ 11. Odeion
• Die Nordwestkirche wurde in den hellenis- ufer des Sees gegenüberliegende Stadt Ṭabariya 12. Decumanus
tischen Komplex hineingebaut, lag ca. 30 m (Tiberias) zur Hauptstadt des omaijadischen Maximus
nördlich des Forums und wurde vollständig Distrikts Jund al-Urdunn erhoben, während 13. Badehaus
ausgegraben. Sie misst einschließlich der Sei- Fik über den östlich von Hippos gelegenen süd- 14. Südwestkirche
tenflügel 40 x 26 m und wurde zwischen der lichen Golan dominiert. 15. Wohnbereich
16. Westliches Stadttor
zweiten Hälfte des 5. und dem Beginn des 6. Während der byzantinischen Periode war
17. Kirche
Jh. nC errichtet. Während ihrer letzten Nut- Hippos die einzige mehrheitlich christliche
18. Kirche
zungsphase am Ende des 7. und Beginn des 8. Stadt am See Gennesaret. Sie verfügte über ei- 19. Kirche
Jh. veränderte sich die Kirche; nur der östliche nen prachtvollen Rundblick über zahlreiche © Michael Eisenberg
Teil blieb religiösem Gebrauch vorbehalten. Stätten des Wirkens Jesu, einige davon lagen
• Die Nordostkirche wurde in einem Wohn- sogar auf dem Stadtgebiet von Hippos. Es wäre
viertel (insula) ca. 45 m nordöstlich des Fo- sehr unwahrscheinlich, wenn Jesus nicht über
rums errichtet und vollständig ausgegraben. Hippos’ Hauptstraße, den decumanus maxi-
Sie besaß eine Apsis, war 22 x 14 m groß und mus, gelaufen wäre, obwohl zwar nicht die Stadt Lesetipps
kann ans Ende des 5./Beginn 6. Jh. datiert Hippos selbst namentlich erwähnt wird, wohl • Eine Sammlung der
werden. Sie blieb wiederum bis 749 in Ge- aber die Region der Dekapolis (Mk 5,20; 7,31) wichtigsten Publika-
brauch. und eine „Stadt, die auf einem Hügel liegt“ tionen zu den Aus-
• Die Südwestkirche („Verbrannte Kirche“) (Mt 5,14). grabungen in Hippos
wurde im westlichen Teil der Wohnstadt Als Resultat der mehr als zwei Jahrzehnte finden Sie unter
errichtet und als bisher letzte im Jahr 2019 andauernden archäologischen Ausgrabungen http://hippos.haifa.
ausgegraben. Der Bau maß ca. 17 x 12 m (ab- durch die Universität Haifa errichtet die israeli- ac.il/index.php/
gesehen von Atrium und Flügeln) und hatte sche Naturschutz- und Parkbehörde in Hippos publications
wie die Südostkirche nur eine Apsis. Ein far- gerade einen der führenden Nationalparks im
benfrohes Fußbodenmosaik und zwei Bau- Norden Israels. W

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welt und umwelt der bibel 1/2021 29
Zur Identifikation von El-Araj mit Betsaida-Julias

Müssen Petrus und Andreas


die Koffer packen?
Von Mordechai Aviam und Steven Notley

S
eit mehr als 100 Jahren währt die mit- eines aus weißen und schwarzen Steinen beste-
unter hitzige Diskussion über den Hei- henden Fußbodenmosaiks, zerbrochene Stein-
matort der ersten Jünger Jesu. Wo lag das platten in verschiedenen Farben, zahlreiche
biblische Betsaida? Welt und Umwelt der Bibel Ziegel und Hohlziegel (tubuli); all diese Reste
hat immer wieder über Forschungen berichtet, sind charakteristisch für römische Badeanlagen.
in deren Fokus vor allem zwei Ortslagen stehen: An derselben Stelle fanden wir eine Silbermün-
Et-Tell und El-Araj. Hier lesen Sie eine Zusam- ze des römischen Kaisers Nero aus dem Jahr 63.
menfassung der neuesten Ausgrabungen seit Im Jahr 2018 öffneten wir ungefähr 30 m öst- Mordechai Aviam ist
Direktor des Institute for
2016 mit einem Plädoyer für El-Araj. lich von Area A zwei neue Quadrate (Area B).
Galilean Archaeology am
El-Araj (oder mit dem hebräischen Namen Unter der Erdoberfläche kamen die üblichen
Kinneret College.
Bet HaBeq) ist eine antike Ortslage am Nord­ Mauern und Böden aus byzantinischer Zeit zu-
ufer des Sees Gennesaret nahe der Mündung des tage, darunter aber wieder ein Fußboden, auf
Jordan. Bereits am Ende des 19. Jh. vermuteten dem Scherben aus dem 2. und 3. Jh. lagen, unter
einige Gelehrte, dass dieser Ort ein ernst zu anderem Fragmente zeittypischer „Diskuslam-
nehmender Kandidat für Betsaida-Julias ist, das pen” und von Vorratsgefäßen. Im letzten Jahr
im NT, bei Josephus, bei klassischen Autoren erkundeten wir das Terrain 90 m nördlich vom
und in der rabbinischen Literatur erwähnt wird. Hauptareal und stießen unmittelbar unter der
Oberfläche auf vorbyzantinische Mauern, Räu-
Funde im Hauptareal – me und Fußböden: Steven Notley ist Profes-
von oben nach unten Das spätere Material datiert ins 2. und 3. Jh., sor für Neues Testament
das unterhalb dieses Niveaus liegende Mate- und die Entstehung des
1) Gehöft von Abdul Rahim Pasha rial ins 1. und 2. Jh. nC. In der frührömischen Christentums am Nyack
(19./20. Jh.) Schicht stießen wir auf typische galiläische Ge- College, New York.
brauchsware wie Kochtöpfe, Kasserollen und
2) Zuckerfabrik (13. Jh.) mit Steinen Vorratsgefäße; sogar einige Scherben sogenann-
aus der dritten Schicht ter Steingefäße und Schnauzen „herodianischer
Tonlampen“ (knife-paired lamps), wie sie für
3) byzantinisch-frühislamische Zeit die damalige jüdische materielle Kultur typisch
(5.–8. Jh. nC) waren. Von den Fundmünzen aus Area C datie-
ren 16 ins 1. Jh. nC (inkl. drei, die schon aus dem
4) 2 m unter den byzantinischen Fuß- 1. Jh. vC stammen könnten), zwölf ins 2. Jh.,
böden Schicht aus dem 1.–3. Jh. nC drei ins 3. und eine ins 4. Jh. nC.
Am Ende der Kampagne 2019 untersuchten
wir die Ortslage systematisch aus der Luft mit
In der untersten, vierten Schicht fanden wir Drohnen und durch einen elektromagneti-
eine massive Mauerecke, dazu eine große Men- schen Oberflächensurvey. Die Ergebnisse sind
ge typisch römischer Keramik, Fragmente von eindeutig: El-Araj besteht aus dicht gedrängten
mit rotem Fresco bedecktem Putz, dicke Bro- Häusern auf einem Gebiet, das weit größer ist
cken wasserdichten Zements, einige Stücke als die Bebauung von Et-Tell.

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Galiläische Keramik aus dem 1./2. Jh.

Drohnenbild von Gründe für El-Araj als Betsaida Material entspricht auffällig der zeitweisen Stille
El-Araj. Das ausgegra- • Rami Arav fand in den 1980er-Jahren nur by- historischer Quellen über Betsaida-Julias.
bene Areal ist nur ein zantinische und spätere Keramik. Daher schloss • Zahlreiche Netzgewichte bestätigen die An-
kleiner Teil der Stadt, er aus, dass in El-Araj eine Ortslage aus römi- wesenheit von Fischern, was aufgrund der Nähe
aus der möglicherwei-
scher Zeit bestand. Stattdessen postulierte er, zum See keine Überraschung ist und zu den An-
se die ersten Jünger
dass sich eine ausgedehnte Lagune vom See bis gaben im NT und in rabbinischen Quellen passt.
Jesu stammen.
an den Fuß des Hügels von Et-Tell erstreckte, • Zahlreiche Architekturfragmente lagen auf
den er für Betsaida hielt. Mit der Annahme die- dem Gebiet von El-Araj verstreut. Die meisten
ser Lagune löste Arav das Problem, dass Et-Tell wurden zum Kibbuz En-Gev gebracht, aber ein
eigentlich recht weit entfernt vom See liegt, was Element einer großen, herzförmigen Kalkstein-
nur schwer mit der Existenz eines Fischerdorfs säule blieb vor Ort. Derartige Stücke gehör-
zu vereinen ist. Unsere Entdeckungen jedoch ten typischerweise zu Ecksäulen des 1. und 2.
beweisen, dass in El-Araj bereits zu römischer Jh. nC, wie sie aus den Synagogen von Magdala
Zeit unmittelbar am See eine Zivilsiedlung exis- und Gamla bekannt sind. Nichts dergleichen
tierte (kein Militärlager, wie Arav erst vor Kur- (abgesehen von einem dekorierten Gesims-
zem behauptete). Die von Arav angenommene block) wurde auf Et-Tell gefunden.
Lagune gab es nicht, stattdessen war die Ober- • Die Entdeckung einer byzantinischen Kirche
fläche des Sees deutlich niedriger als heute. in El-Araj über dem „abandonment layer“ passt
• Die Anwesenheit typisch galiläischer Keramik, gut zum Bericht von Bischof Willibald von
„herodianischer“ Lampen und von Steingefäßen Eichstätt aus dem 8. Jh., der von einer Kirche
bestätigen den jüdischen Charakter der Siedlung über den Häusern der Apostel Petrus und And-
Häuser und Keramik © Mordechai Aviam; Netzbeschwerer © Yeshu Draai

von El-Araj, wie dies hinsichtlich Betsaidas im reas in Betsaida berichtete. W


NT und in jüdischen Quellen belegt ist.
• Das massive Bad von offensichtlich römi-
schem Typ ist ein wichtiger Hinweis auf den
urbanen Charakter der Siedlung, da derartige
Anlagen in ländlichen Niederlassungen nicht
üblich waren. Dieses urbane Element ist ein
viel besserer Beleg für die Transformation von
Betsaida zur polis Julias, wie sie Josephus, Anti-
quitates 18,28 und 108 erwähnt, als der cluster
einfacher Hofhäuser auf Et-Tell.
• Zwischen den byzantinischen und römischen
Schichten gibt es einen etwa 2 m starken „aban-
donment layer“, wovon gut 40 cm völlig fundfrei Netzbeschwerer, die in El-Araj gefunden
sind. Demnach war die Ortslage ab dem 3. Jh. für wurden, beweisen, dass hier Fischerei betrie-
gut zwei Jahrhunderte verlassen. Diese Lücke im ben wurde.

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welt und umwelt der bibel 1/2021 31
Die Überlieferung vom Wirken Jesu am See Gennesaret

Der „galiläische Frühling”


Jesus am See von Galiläa – ein Motiv christlicher Kunst, das in allen möglichen
Variationen die Jahrhunderte überdauerte, von bukolischen Adaptationen des
Gute-Hirten-Themas in der Antike bis hin zu idyllischen Kunstdrucken der Gegen-
wart. Von höchster Kunst bis zum Kitsch, von gelehrten Untersuchungen bis zu
Darstellungen in Kinderbibeln. Umso faszinierender ist die Frage des Historikers:
Wie könnte es wirklich gewesen sein?
Von Markus Tiwald

D
er älteste Zeuge Jesu – Paulus – schreibt Lk rekonstruiert werden. Q wurde von Jesusjün-
seine Briefe zwar schon in der 50er-Jah- gern in Galiläa verfasst, die noch fest in ihrem Prof. Dr. Markus Tiwald
ren, doch hat er den Mann aus Nazaret jüdischen Glauben verankert waren. In diesen lehrt Neutesta­mentliche
nicht mehr persönlich gekannt und war wohl nie alten Jesustraditionen lässt sich die ländlich- Bibel­wissenschaft an der
in Galiläa. Sein Bezugspunkt ist der Auferstan- galiläische Lebenswelt einfacher Fischer (Mk Katholisch-Theologischen
Fakultät der Universität
dene, der ihm vor Damaskus erschienen ist (Gal 1,16), kleiner Bauern (Mk 4,3.16), Tagelöhner
Wien. Seine Forschungs-
1,16; Apg 9,1-7). Denkbar knapp sind bei Pau- (Mt 20,1-16), Bettler am Wegesrand (Mk 10,46)
schwerpunkte sind die
lus die Referenzen auf den „historischen Jesus“. und Prostituierter (Lk 7,37) noch recht gut er- Rückfrage nach Jesus und
Aber auch die synoptischen Evangelien sind kennen. Jesus preist die Armen, Hungernden Paulus in ihrem früh-
nicht vor dem Jahr 70 (Zerstörung des Tempels und Trauernden selig (Q: Mt 5,1-6/Lk 6,20- jüdischen Kontext, das
in Jerusalem) entstanden, und damit mehr als 23), predigt von Hausfrauen (Q: Mt 13,33/Lk Frühjudentum zur Zeit
vierzig Jahre nach dem Tod Jesu im Jahr 30. 13,20f) und verlorenen Schafen (Q: Mt 18,12- des Zweiten Tempels und
14/Lk 15,4-7), nennt Wandermissionare, die das „Parting of the Ways“
Die Schilderung der Evangelien auf die Dächer der kleinen galiläischen Häuser (die Frage, wann und wie
Markus und Lukas schreiben bereits für ein hei- steigen und von dort dem ganzen Dorf predigen das Christentum aus dem
denchristliches Publikum. Matthäus und Johan- (Q: Mt 10,27/Lk 12,3), und bewegt sich in den Judentum entstand).
nes sind zwar noch im Judentum verwurzelt, Kleinstädten Kafarnaum, Chorazin und Betsaida
doch keines der kanonischen Evangelien ist (Q: Mt 11,21-24/Lk 10,13-15) am Nordwest-
in Palästina entstanden. Obendrein sind diese rand des Sees von Galiläa. Der aus dem unbe-
Schriften Produkte einer urbanisierten Chris- deutenden Nazaret stammende Jesus scheint
tenheit, die ruralen Wurzeln Jesu liegen weit Kafarnaum als „Missions-Basislager“ auserwählt
zurück. Allerdings berichtet Lukas in seinem
Vorwort von älteren Quellen, die von „Augen-
zeugen“ überliefert wurden (Lk 1,2). So griff das Galiläa bleibt unauslöschlich
Markusevangelium, das später von Matthäus
und Lukas benutzt wurde, auf ältere palästini-
„Programm” der Jesusbewegung
sche Berichte zurück. Hilfreich ist hier auch die
zweite Quelle des Matthäus und Lukas, die soge- zu haben (Mk 1,21; 2,1; 9,33; Mt 4,13; Joh 2,12).
nannte Logienquelle oder kurz „Q“ für „Quelle“. Kafarnaum wird in Mk 1,29 als Heimatstadt des
Diese ist uns zwar nicht erhalten geblieben, kann Petrus und Andreas genannt (anders Joh 1,44:
aber aus den über die Markusvorlage hinausge- Betsaida), wo Jesus auch die Schwiegermutter
henden übereinstimmenden Texten in Mt und des Petrus heilte. Mt 9,1 nennt Kafarnaum sogar

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welt und umwelt der bibel 1/2021
„seine (Jesu) Stadt“. Der Ort lag an der Gren- Jesus – ein „Landei”? Ruinen der Klein-
ze zwischen dem Galiläa des Herodes Antipas Jesus hätte auch mondänere Städte als stadt Kafarnaum. Die
und den von Herodes Philippus verwalteten Kafarnaum zu seinem Basislager machen kön- sichtbaren Gebäude-
Gebieten im Ostjordanland, wo sich auch Bet- nen. Sepphoris wird vom Geschichtsschreiber teile stammen aus dem
1.-5. Jh. Die Häuser
saida befand. Daher waren in Kafarnaum eine Josephus als „Zierde Galiläas“ (Ant 18,27) be-
waren in 5 Wohnin-
Söldnertruppe mit Hauptmann (Q: Mt 8,5/Lk zeichnet und war bis 19 nC Hauptstadt. Danach
seln gruppiert, in
7,2) und eine Zollstation (Mk 2,14f) angesie- löste Tiberias Sepphoris als Kapitale ab (Jos. deren Mitte jeweils ein
delt. Dennoch darf man sich Kafarnaum nicht Vita 232; Bell 2,511). Doch Sepphoris, das nur Innenhof lag. Das von
im Sinne einer hellenistischen Metropole vor- fünf Kilometer von Nazaret entfernt lag, wird der Tradition als „Haus
stellen. Öffentliche Architektur, die für bedeu- kein einziges Mal im NT erwähnt. Auch Tiberi- der Familie des Petrus”
tende Zentren des hellenistischen Lebens von as begegnet nur in der Form „See von Tiberias“ bezeichnete Gebäu-
Bedeutung war, fehlte hier zumeist, wie etwa (Joh 6,1; 21,1), doch nie als Ort des Wirkens de (erkennbar durch
Agora, Verwaltungsgebäude, Gymnasion, Thea- Jesu. Wenn Jesus (Mk 6,3) und Josef (Mt 13,55) die frühen dortigen
ter, Tempel, Stadtmauern und öffentliche Was- als tektōn arbeiteten, so ist damit wohl ein einfa- Pilgerinschriften) ist
serversorgung. Damit rangierte Kafarnaum im cher Wanderarbeiter gemeint, der von Baustelle heute von einer moder-
Rang einer kōmopolis (Mk 1,38) – größer als ein
nen Konstruktion der
zu Baustelle zog. Vielleicht hat Jesus sogar beim
Franziskaner über-
Dorf (kōmē), doch deutlich kleiner als eine helle- Aufbau des benachbarten Sepphoris mitgear-
wölbt.
nistische Stadt (polis). Den dörflichen Charakter beitet – umso erstaunlicher ist das Fehlen dieses
von Kafarnaum gibt auch Mk 2,4 wieder, wo ein Ortes im NT. Früher argumentierten Forscher,
Gelähmter durch das aufgebrochene Lehmdach­ dass Sepphoris und Tiberias rein heidnische
© Wolfgang Baur

des Hauses vor Jesu Füße herabgelassen wird. Niederlassungen und somit für einen frommen
Dem urbanen Lukas war diese Szene zu rustikal: Juden tabu gewesen seien. Allerdings haben
Er betont, dass man dafür erst die Dachziegel ab- Ausgrabungen in beiden Städten „jüdische Leit-
getragen hätte (Lk 5,19). fossilien“ wie rituelle Bäder (Mikwen), den jü-

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welt und umwelt der bibel 1/2021 33
dischen Reinheitsriten entsprechende Steinge- nen gegen politische Willkür und soziale Unge-
fäße und Ossuare des jüdischen Begräbniskults rechtigkeit planten. Jesus hätte sich ihnen sicher
zutage gefördert. Beide Städte waren also – an- anschließen können, doch sein „galiläischer
ders als die größtenteils paganen Orte Skytho- Weg“ war anders:
polis und Caesarea Philippi – durchaus jüdisch. In Gottes Reich, das für Jesus unmittelbar
Warum also hat Jesus sie zeit seines öffentlichen im Anbruch ist, wird Gott als liebender Vater
Wirkens gemieden? für alle seine Kinder sorgen. Dabei schließt Je-
sus die Reichen nicht aus (wie die Geschichte
Ein „cultural split” in Galiläa? von den vielen Zöllnern im Gefolge Jesu zeigt,
Frühere Rekonstruktionen des Umfelds Jesu Mk 2,15; Q: Mt 11,19/Lk 7,34), aber diese müs-
gingen davon aus, dass im damaligen Galiläa sen solidarisch mit den Armen sein. Das anbre-
Massenverelendung grassierte. Die in den Städ- chende Gottesreich wird dabei alles verändern
ten ansässige urban-pagane Elite hätte die jü- und mit seiner Kraft heiligen: Wie ein kleines
dische Landbevölkerung ausgebeutet. Tatsäch- Stück Sauerteig den großen Trog Mehl durchsäu-
lich aber profitierten auch viele Juden von der ert (Q: Mt 13,33/Lk 13,20f), so wird auch Got-
Urbanisierungspolitik der Römer. Zwischen tes alles verändernde Kraft die Welt durchdrin-
klassischen traditionell-jüdischen Zonen in gen und friedvoll verwandeln. Auch die Zeloten
galiläischen Dörfern und mondänen jüdischen glaubten als gewaltbereite Widerstandskämpfer,
Lebensentwürfen in den Städten lagen Wel- dass Gottes Reich nahe sei. Anders als diese aber
ten. Der Prozess der hellenistischen Urbani- erwartet Jesus einen gewaltlosen Umschwung
sierungspolitik hatte schon 300 Jahre vor Je- von Gott. An der Neugestaltung der Welt aller-
sus begonnen und zu heftigen Verwerfungen dings arbeiten die Menschen mit: Nicht eine Re-
innerhalb der jüdischen Gesellschaft geführt. volution der Waffen, sondern eine Revolution der
So etwa nahmen die Bewohner von Tiberi- Werte hat Jesus gepredigt.
as, das auf einem Gräberfeld errichtet war, in
Kauf, kultisch unrein zu werden (Num 19,16) Die unverschämte Freiheit der Kinder
und gegen die Gesetze des Judentums zu ver- Gottes
stoßen. Das Galiläa des NT gibt aber nur den Für die erste Zeit der Predigt Jesu prägte Karl
einen Teil des Spektrums wieder – eben nicht Theodor Keim (1871) den seitdem oft verwen-
die erfolgreichen Urbanisierungsgewinner, deten Begriff „galiläischer Frühling“. In Ab-
hebung vom Täufer predigt Jesus nicht in der
Wüste am Toten Meer, sondern im fruchtbaren
In den Jesustraditionen des Neuen Galiläa. Doch welche Inhalte hatten die „Früh-
Testaments lässt sich die ländlich- lingspredigten“ Jesu am See?
Theologisch übernimmt Jesus zwar die Nah­
galiläische Lebenswelt gut erkennen erwartung eines unmittelbar bevorstehenden
endzeitlichen Umbruchs von seinem Lehrer
sondern die zahlreichen Verlierer des Prozesses: Johannes dem Täufer, doch er ändert die Rah-
Arbeiter, die von Großgrundbesitzern ausge- menbedingungen. Bedingt durch eine visionä-
presst werden (Q: Mt 25,14-30/Lk 19,12-26; re Erfahrung, die viele Forscher im Satanssturz
Mk 12,1), Tagelöhner (Mt 20,1-16; Lk 15,19; Lk 10,18 erkennen (vgl. dazu auch den Sieg Jesu
Jak 5,4), Huren (Lk 7,37), Arme und Hungern- über den Satan in Q: Mt 4,1-11/Lk 4,1-13; vgl.
de (Q: Mt 5,1-6/Lk 6,20-23). Der eigenwillige Mk 1,13; Offb 12,7-9), kommt er zum Schluss,
geografische Radius Jesu deckt eben nicht das dass nicht erst nach dem vom Täufer erwarteten
ganze Galiläa der damaligen Zeit ab, sondern Feuergericht, sondern schon jetzt die Macht des
lässt eine klare Option für die Armen und Ge- Satans gebrochen ist. Für die Endzeit erwartete
scheiterten erkennen. Damit tritt Jesus in die man die körperliche, seelische und psychische
Fußstapfen der Propheten Israels und ihrer Restitution des Menschen. Diese Zeit sieht Je-
Sozialkritik. Diese ist freilich nicht rein politi- sus nun angebrochen und trägt als Bote dieser
schen Überlegungen geschuldet, sondern dem heilstiftenden Herrschaft die Botschaft von
alttestamentlichen Wissen, dass Gott auf Sei- Gottes heilender Gegenwart in die Welt: Wie
ten der Armen und Entrechteten steht. mit einem Paukenschlag lässt Markus ihn in ei-
© Wolfgang Baur

nem „großen Tag“ in Kafarnaum so auftreten,


Die Kontrastgesellschaft Gottes dass die Leute erschüttert werden. In seinen
Galiläa war zur Zeit Jesu ein Gebiet, in dem so Wunderheilungen und Sündenvergebungen
manche Widerständler lebten und ihre Aktio- steckt er die Menschen mit der Kraft des Got-

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Die Überlieferung vom Wirken Jesu am See Gennesaret

An diesem Ufer bei


Tabgha stand hier im
4. Jh. nach dem Zeugnis
der Pilgerin Egeria eine
Kirche, von der zwölf
Steinstufen ins Wasser
führten, deren Reste
noch zu sehen sind.
Heute steht hier die
„Primatskapelle”.

Jesus am See – neutestamentliche Überlieferungen


Berufung der ersten Jünger Mt 4,18-22; 16,17-18; Mk 1,16-20; 3,16; Lk 5,1-11; 6,14a; Joh 1,35-51
Lehre in Kafarnaum Mt 4,13; 7,28-29; Mk 1,21-22; Lk 4,31-32; Joh 2,12; 7,46
Heilung eines Besessenen Mk 1,23-28; Lk 4,33-37
Heilung der Schwiegermutter des Petrus
und vieler anderer Mt 8,14-16; Mk 1,29-34; Lk 4,38-41
Heilung eines Aussätzigen Mt 8,1-4; Mk 1,40-45; Lk 5,12-16
Heilung eines Gelähmten in Kafarnaum und
Sündenvergebung Mt 9,1-8; Mk 2,1-12; Lk 5,17-26; Joh 5,1-7.8-9a
Heilung des Dieners eines Hauptmanns in Kafarnaum Mt 8,5-13; Lk 7,1-10; 13,28-29; Joh 4,46b-54
Krankenheilungen am Westufer Mt 14,34-36; Mk 6,53-56; Joh 6,22-25
Heilung eines Mannes mit einer verdorrten Hand;
Tötungsbeschluss der Pharisäer und Herodesanhänger Mt 12,9-14; Mk 3,1-6; Lk 6,6-11
Heilungen am See Mt 4,24-25; 12,15-16; Mk 3,7-12; Lk 6,17-19; 4,41
Heilung eines Besessenen in Gerasa/Gadara Mt 8,28-34; Mk 5,1-20; Lk 8,26-39
Beten an einem einsamen Ort Mk 1,35; Lk 4,42
Der Fischzug des Petrus Mt 4,18-22;13,1-3a; Mk 1,16-20; 4,1-2; Lk 5,1-11
Die Bergpredigt Mt 4,24-5,2; Mk 3,7-13a; Lk 6,17-20a
Berufung des Levi und Mahl mit Zöllnern Mt 9,9-13; Mk 2,13-17; Lk 5,27-32
Streitgespräch über das Fasten Mt 9,14-17; Mk 2,18-22; Lk 5,33-39; Joh 3,29-30
Streitgespräch über den Sabbat Mt 12,1-8; Mk 2,23-28; Lk 6,1-5
Auswahl der Zwölf Mt 5,1; 10,1-4; Mk 3,13-19; Lk 6,12-16; Joh 1,42
Rede von der Stadt auf dem Berg Mt 5,14-16
Die Stillung des Sturmes Mt 8,18.23-27; Mk 4,35-41; Lk 8,22-25
Weherufe über Kafarnaum, Betsaida und Chorazin Mt 11,20-24; Lk 10,12-15
Gleichnis vom Fischnetz Mt 13,47-50
Speisung der 5.000 Mt 14,13-21; Mk 6,32-44; Lk 9,10b-17; Joh 6,1-15
Speisung der 4.000 Mt 15,32-39; Mk 8,1-10
Jesus wandelt auf dem See Mt 14,22-33; Mk 6,45-52; Joh 6,16-21
Erscheinung des Auferstandenen am See Joh 21

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Blick auf die Ebene tesreiches an, in seinen Mählern bietet er die ist nahe! Jesus geht dem verlorenen Schaf (Q:
Jesreel, Nazaret und den Möglichkeit, die Festfreude im Reich Gottes Mt 18,12/Lk 15,4) proaktiv nach und be-
Berg Tabor. Das anmutige schon vorzuverkosten (vgl. Jes 25,6: das es- sucht die Menschen in ihrer Lebenswelt.
Bild täuscht etwas darüber chatologische Festmahl), in seinen Gleich-
hinweg, dass die Gegend nissen mit vielen Bildern aus dem ländlichen Galiläa als Zukunftsland
stets umkämpft war und
Umfeld des Sees setzt er das Reich Gottes Anders als im Jerusalem-Zentrismus des
und auch zur Zeit Jesu be-
schon verbal präsent und in seinem armen Lukas (Apg 1,4) rechnen noch Mk 16,7/Mt
kannt war für seine aufstän-
dische Gesinnung gegen Lebensstil vertraut er voll und ganz auf die 28,7 und Joh 21 mit Erscheinungen des Auf-
die Römer. Vorsehung Gottes. Zeichenhaft verzich- erstandenen in Galiläa. Mit den beiden Jüdi-
tet er auf Vorratstasche und Geldbeutel (Q: schen Kriegen allerdings brach die Präsenz
Mt 10,9f/Lk 10,4) – nur die Begeisterung für der ersten Jesusjünger in Galiläa ab. Viele Ju-
Gott und sein Reich hat er als Wandergepäck! den verließen damals Palästina (Josephus Bell.
Im Gleichnis von den frechen Raben und 2,279/Ant. 20,256) – die ersten Jesusjünger
den unbekümmerten Lilien (Q: Mt 6,25-33/ gehörten zu ihnen (Eusebius Hist. eccl. III 5,2-
Lk 12,22b-31) wird die unverschämte Freiheit 3; Epiphanius Pan. 29,7,7-8; 30,2,7; vgl. Lk
Lesetipp der Kinder Gottes als bewusste Provokation 21,20f). Galiläa aber bleibt unauslöschlich
• Tiwald, M., Das Frühjuden­ gesetzt, dass einzig und alleine das Vertrau- „Programm“ der Jesusbewegung. Die Heils-
tum und die Anfänge des en auf Gottes Reich genügt: „Euch aber muss geschichte verdichtet sich in Jesu Heilsgeogra-
Christentums. Ein Studien­ es zuerst um Gottes Reich und um seine Ge- fie: Der liebliche Raum um den See und die
buch (BWANT 208). Stutt­ rechtigkeit gehen; dann wird euch alles ande- fruchtbare Landschaft Galiläas werden zum
gart 2016. re dazugegeben“ (Mt 6,33). Emblematisch ist Versuchslaboratorium für den neuen Frieden,
aber auch der Ort Galiläa selbst: Der Täufer den Gott den Menschen nicht nur seelisch,
hatte bewusst in der Wüste gewirkt, einem sondern auch leiblich zuwenden möchte.
© 123rf, Alex Postovski

Ort, der mit Kargheit und Buße assoziiert Auch wenn Jesus die finale Entscheidung in
ist. Jesus verlässt nach seiner Vision vom Sa- der heiligen Stadt Jerusalem sucht – die An-
tanssturz die Wüste und geht zurück in das fänge im „Galiläischen Frühling“ bleiben das
fruchtbare Galiläa am lieblichen See. Sein Hoffnungszeichen, das die spätere Kirche im
Ortswechsel ist Programm: Gottes Erbarmen Osterereignis von Gott bestätigt sah. W

36 welt und umwelt der bibel 1/2021


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Frauen in Galiläa zur Zeit Jesu und zur Zeit der Rabbinen

Starke Frauen am See


Man muss schon sehr genau hinschauen: So wie Frauen bis heute vielfach in Kunst,
Literatur und Musik von der Tradition „vergessen” werden, war es auch in den
Berichten der ersten Jahrhunderte. Da tauchten sie meist nur am Rande auf und
spielten dennoch eine wichtige Rolle.
Von Johanna Erzberger

Ü
ber die Situation von Frauen in Palästi- die Mutter, die als Witwe und nach dem Tod
na zur Zeit Jesu und der Rabbinen geben ihres einzigen Sohnes kinderlose Frau doppelt Dr. Johanna Erzberger ist
schriftliche und archäologische Quel- schutzbedürftig ist. Alttestamentlerin und
len Auskunft. Weder das Neue Testament, derzeit Inhaberin des
noch die frühen rabbinischen Quellen wollen Laurentius-Klein Lehrstuhls
Mosaik der Synagoge in Sepphoris des Theologischen Studi-
historische Berichte sein. Sie sind immer auch
(5. Jh. nC). Nur 6 km von Nazaret entfernt enjahrs Jerusalem (derzeit
literarische Mittel, mit denen jedes Evange-
entwickelte sich zur Zeit Jesu hier eine blü- wegen der Corona-Pandemie
lium und jedes rabbinische Werk spezifische hende hellenistische Stadt. Die „Zierde Gali- in Rom).
Interessen verfolgt, die in Rechnung zu stellen läas” enthielt zahlreiche bildreiche Mosaiken.
sind. Quellen, wie der Pilgerbericht der Egeria, In der Synagoge stand in der Mitte des Bildes
in denen Frauen selbst zu Wort kommen, ha- der Sonnengott mit seinem Wagen, darum
ben Seltenheitswert. In den archäologischen ein Tierkreis, jüdische Symbole, biblische
Quellen werden Frauen nur ausnahmsweise Geschichten und außen die vier Jahreszei-
sichtbar. ten – hier eine als Frau dargestellt. Es ist klar,
dass Frauen in dieser römisch-hellenistischen
Frauen im Neuen Testament Welt eine bedeutendere Rolle spielten als in
konservativeren Gegenden Palästinas.
In den Erzählungen der Evangelien, die um den
See Gennesaret und in Galiläa angesiedelt sind,
kommen Frauen vor allem in zwei Rollen vor.
Es gibt Frauen, die von Jesu Heilungswundern
profitieren und solche, die Jesus nachfolgen.

Geheilte Frauen
In den Wundererzählungen kommen Frauen
als besonders Schutzbedürftige und potentiell
Ausgegrenzte in den Blick. Das Lukasevange-
lium hat ein deutlich ausgeprägteres Interesse
an Frauen als das Markus- und das Matthäu-
sevangelium. In der Erzählung um die Heilung
der blutflüssigen Frau (Mk 5,21-43//Mt 9,18-
26//Lk 8,40-56) lässt Jesus sich von einer kul-
© Livius.org, CC 3.0

tisch unreinen Frau berühren. Jesus erweckt


die Tochter des Jairus. In der Erzählung über
die Auferweckung des Jünglings von Nain (Lk
7,11-17) konzentriert sich der Text ganz auf

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welt und umwelt der bibel 1/2021 37
Wandgemälde der
Schüler von R. Edgar
F. Magnin, (1929-
1930): R. Akiba ben
Joseph im Gefängnis
wegen seiner Unter-
stützung des Aufstan-
des gegen die Römer
135. nC; Rabbi Hanina,
eingehüllt in eine
Torarolle und umgeben
von Flammen (auch
er war einer der 10
Märtyrer im Kampf der
gläubigen Juden gegen
die Römer). Am Tisch
sitzt Rabbi Meir, der
wichtigste Schüler von
Rabbi Akiva und seine
Frau Beruriah, Tochter
von Rabbi Hanina. Sie
war bekannt als große
Gelehrte, die auch im
Talmud erwähnt wird.

Die erste Diakonin das Lukasevangelium Maria, genannt Magda-


Eine Sonderrolle spielt die Schwiegermutter lena, von der sieben Dämonen ausgefahren
des Petrus (Mk 1,29-31/Mt 8,14-15). Nach ih- waren, und Johanna, die Frau des Chuza, eines
rer Heilung macht sie sich sogleich daran, Jesus Verwalters des Herodes Antipas, des Landes-
(Mt 8,15) bzw. auch seinen Jüngern (Mk 1,31; herren Jesu, und Susanna und viele andere. Bei
Lk 4,39) zu „dienen“. Im Griechischen steht hier Lukas wird der Dienst der Frauen in finanzieller
das Verb diakonein. Diese „diakonische“ Tätig- Unterstützung konkret („die ihnen mit ihrer
keit beinhaltet vor allem bei Matthäus , wo sie Je- Habe dienten“). Das setzt einigermaßen wohl-
sus alleine gilt, die Entscheidung zur Nachfolge. habende Frauen voraus, wie sie in der Johanna,
der Frau eines Beamten des Herodes, ja auch
Nachfolgerinnen und Sponsorinnen Jesu Gestalt gewinnt, und mag eher ein Reflex auf
Auf Frauen in Jesu Nachfolge kommen das die Sozialstruktur der lukanischen Gemeinde
Markus- und das Matthäusevangelium erst im als auf die Situation der frühen Jesusbewegung
Rückblick und eher beiläufig zu sprechen. Von sein. Lukas trägt damit eine Differenz zwischen
den Frauen unter dem Kreuz (Mk 15,40f./ dem Dienst von Frauen und Männern innerhalb
Mt 27,55) wird erzählt, diese seien ihm, als er der Jesusbewegung in den Text ein, der den bei-
in Galiläa war, gefolgt und hätten ihm dort ge- den anderen Evangelien so unbekannt ist.
dient (wieder das Wort diakonein). Was dieser
Dienst beinhaltet, wird nicht weiter ausge- Maria aus Magdala
führt. Im Lukasevangelium wird aus der Notiz Allein Maria aus Magdala, einer Stadt am Westu-
über die Frauen unter dem Kreuz (Lk 24,49) ein fer des Sees Gennesaret, wird in allen Listen er-
Rückverweis auf die Erwähnung der Frauen be- wähnt. Dass Maria über ihren Herkunftsort und
reits in Galiläa, die so nur das Lukasevangelium nicht über den Ehemann, über Söhne oder den
kennt (Lk 8,1-3). Die Nennung der Namen dif- Vater definiert wird, lässt darauf schließen, dass
feriert. Markus nennt Maria aus Magdala, Maria, sie Magdala – wohl in der Nachfolge Jesu – ver-
die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, lassen hat, und dass sie ohne Familienanschluss
sowie Salome (Mk 15,40f.), Matthäus nennt ist. Außer ihrem Namen und ihrer Herkunft ist
Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jako- von ihr nichts bekannt. Dass Lukas berichtet,
bus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Jesus habe ihr sieben Dämonen ausgetrieben
Zebedäus (Mt 27,55). Bei der Erwähnung der (Lk 8,2), rückt sie innerhalb des Lukasevangeli-
© Tom Bonner 2013

Frauen unter dem Kreuz werden im Lukasevan- ums in den Kreis der von Jesu geheilten Frauen
gelium keine Namen genannt, und es ist auch und bietet einer nicht unproblematischen Wir-
nur von der Nachfolge, nicht vom Dienst der kungsgeschichte Anknüpfungspunkte, die aus
Frauen seit Galiläa die Rede. In Lk 8,1-3 nennt Maria Magdalena eine Sünderin macht.

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Frauen in Galiläa zur Zeit Jesu und zur Zeit der Rabbinen

Weitere namenlose Frauen in der Nachfolge Jesu ihrem Vater, den Priester, nennt. Der volle Text der
Wenn Frauen seit Galiläa unter denen sind, die Jesus aramäischen Inschrift lautet: „Er soll zum Guten er-
nachfolgen, muss damit gerechnet werden, dass sie innert werden, Judan, Sohn des Isaak, des Priesters,
auch dort mitgemeint sind, wo sie nicht explizit er- und Paregri, seine Tochter. Amen. Amen.“ Paregri ist
wähnt werden. Zu den „wahren Verwandten Jesu“ ein wenig geläufiger Name, findet sich aber in seiner
die Jesus in Mk 3,31-35 / Mt 12,46-50 den Ver- männlichen Form Paregorius als griechische Vari-
tretern seiner Familie gegenüberstellt, zählen auch ante des hebräischen Namens Menahem. Hier zeigt
Frauen. Das Jesuswort, das zum Hintenanstellen sich, dass hellenistische Einflüsse sich mit lokalen
der Herkunftsfamilie auffordert, ist in unterschied- Traditionen verbinden. Im gräzisierten Namen der
lichen Formen überliefert. Nur Lk 14,26 nimmt, in einer aramäischen Inschrift erwähnten Frau zeigt
wenn vom Zurücklassen der Ehefrau die Rede ist, sich, dass Frauen aktiv an diesem pluralen Setting
eine dezidiert männliche Perspektive ein. Handelt es teilnahmen.
sich um eine Erweiterung einer älteren Fassung, wie
sie in Mk 10,29f und Mt 10,37f überliefert ist, macht Frauen in Rabbinischen Quellen
diese ältere Fassung zwischen männlichen und Noch schwerer als das Neue Testament lassen sich
weiblichen Anhängern Jesu keinen Unterschied. Zu rabbinische Quellen auf historisch valente Informa-
den Jüngern, deren Kreis über den der zwölf Apostel tionen hin befragen. Inwieweit Rabbinennamen sich
hinausgeht, zählen auch Frauen. Das ist überall dort auf die Datierung der ihnen zugeschrieben Aussagen
vorauszusetzen, wo in den Evangelien undifferen- hin auswerten lassen, ist umstritten. Wenige Frauen
ziert von „Jüngern“ die Rede ist. werden in den rabbinischen Quellen namentlich ge-
nannt.
Der Pilgerbericht der Egeria Eine Frau namens Beruriah begegnet uns in der
Auch wenn die Jesusbewegung in Galiläa ihren An- Tosefta (ca. 200 nC) (tKelim Bava Metzia 1:6) und
fang nimmt und nennenswerte Anteile der Evange- im Babylonischen Talmud. Sie ist die Frau des Rab-
lien dort spielen, lässt sich eine christliche Präsenz bi Meir, einer der zentralen Gestalten des rabbini-
in Galiläa archäologisch erst sehr viel später, ab etwa schen Judentums in Galiläa nach dem Bar-Kochbar-
dem 4. Jh. nachweisen. Aus dieser Zeit stammen Aufstand (132—135 nC). Als die herausragende
auch Pilgerberichte, wie der der aus Aquitanien oder Toragelehrte und Ausnahmegestalt, als die der Ba-
Galizien stammenden und der Oberschicht angehö- bylonische Talmud sie präsentiert, eignet sie sich
renden Egeria, die ihren Reisebericht an einen Kreis weniger als Rollenmodell denn als Illustration ei-
religiöser Frauen adressiert, dem sie sich zurechnet. nes unerreichbaren Ideals, und unterstreicht so die
Egerias Pilgerbericht legt ein frühes Zeugnis von ei- auch an anderer Stelle im Talmud (allerdings nicht
ner christlichen Memoriallandschaft in Galiläa ab. unwidersprochen) vertretene Meinung, Frauen eig-
Manche Forscher gehen so weit zu vermuten, das neten sich nicht zum Torastudium. Die Tosefta lässt
Christentum in Galiläa sei erst das Produkt der mit sie mit Rabbi Tarfon diskutieren, den sie in die Zeit
der Förderung des Christentums durch Konstantin vor dem Untergang des zweiten Tempels datiert.
einsetzenden Pilgerbewegung, in der Frauen eine Nichtsdestotrotz mag hinter der deutlich zurück-
wichtige Rolle spielen. haltenderen Darstellung der Tosefta, die Beruriah
als halachische Autorität in einer bestimmten Fra-
Paregri – die Stifterinschrift der ge zitiert, eine historische Figur stehen. Mit einer
Synagoge von Sepphoris anderen namenlosen Frau, deren Meinung in einer
In etwa derselben Zeit etabliert sich in Galiläa all- halachischen Frage die Tosefta zustimmend zitiert
mählich das Zentrum des rabbinischen Judentums, (tKelim 4:17), ist sie wohl nicht zu identifizieren.
dessen Anfänge auf die Zeit nach der Zerstörung des Beide Zitate sind ein Hinweis darauf, dass es in den
Tempels zurückreichen. Anfängen der rabbinischen Bewegung jedenfalls
Mischna (ca. 200 nC) und Talmud (ca. 500 nC) nicht unvorstellbar war, dass Frauen zum Torastu-
haben ihre Wurzeln in Galiläa. Wie beschränkt aller- dium zugelassen wurden.
dings der Einfluss des späteren rabbinischen Juden- Schriftliche wie archäologische Zeugnisse, die in
tums noch im 4. Jh. in Galiläa ist, zeigt die Ausgestal- den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung um
tung der Synagogen mit Motiven, die in Widerspruch den See Gennesaret herum entstanden sind oder von
mit dem talmudischen Bilderverbot stehen und hel- Frauen dort handeln, weisen über die Einzelbeispiele
lenistischen Motiven auf den Sarkophagen von Beth die in ihnen greifbar werden, hinaus. Aber nur wenn
© Tom Bonner 2013

Schearim. Frauen werden in diesen archäologischen sie in ihrem Kontext wahrgenommen werden, wer-
Funden nur ausnahmsweise sichtbar. Eine bemer- den sie über ihn hinaus bedeutungsvoll und verlei-
kenswerte Ausnahme ist eine der Stifterinschriften hen den Frauen hinter den Texten und Funden eine
der Synagoge von Sepphoris, die eine Paregri neben Stimme. W

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welt und umwelt der bibel 1/2021 39
Die franziskanischen Ausgrabungen in Magdala

Große Welt am kleinen See


Magdala war die bedeutendste Stadt der Region – ein Zentrum für Fischerei und
Fischereiprodukte. Dass es sich hier auch gut leben ließ, zeigen die spektakulären
Funde, die nun ausgewertet werden. Die Entdeckungen in Magdala haben unsere
Sicht auf Galiläa fundamental verändert.
Von Anna Lena

D
ie Ausgrabungen im südlichen Teil der umgebener und ursprünglich gepflasterter Platz
antiken Stadt Magdala, auf dem Grund- (quadriporticus). Hier befand sich der zentra- Anna Lena ist Archäologin
stück der Kustodie des Heiligen Landes, le Marktplatz Magdalas, wo Waren angelan- und Mitglied im Zent-
begannen in den 1970er-Jahren unter der Lei- det, verschifft, verhandelt und gelagert wer- rum zur Erforschung von
tung von Virgilio Corbo und Stanislao Loffreda, den konnten. Die große Menge Fundmünzen, Gesellschaft und Umwelt
Archäologen am Studium Biblicum Francis- zahlreiche davon geprägt in den phönizischen des Mittelmeeraums an der
canum in Jerusalem. Nach einer langen Pause Küstenstädten, belegen die hohe Bedeutung Universität Perpignan. Seit
wurden die Grabungen vom Magdala Project Magdalas als blühendes Handelszentrum. Das 2007 nahm sie teil an den
zwischen 2007 und 2012 fortgeführt. Treiben auf dem Markt wurde von Beamten franziskanischen Ausgrabun-
gen in Magdala. Derzeit ar-
überwacht (agoranomos). Die Namen zweier
beitet sie an der Publikation
Das rechteckige Straßennetz, öffentliche Plät- dieser Aufseher kennen wir von der griechi-
des Hafens und der Funde
ze, ein Wohnviertel sowie ein Kanalsystem schen Inschrift auf einem geeichten Gewicht aus Magdala.
unter Straßen und Gebäuden zur Be- und Ent- aus der Zeit Agrippas II. (ca. 27–100 nC). Ein
wässerung zeigen, dass der Ort von Anfang an weiteres bemerkenswertes Gewicht trägt das
als Ganzes sorgfältig geplant war. Die Grün- Bild der phönizischen Göttin Tanit-Astarte
dung geht zurück auf massive Investitionen im (1. Jh. vC – 1. Jh. nC).
Zuge der Eroberung der Region durch die has- Das östliche und südliche Ende des Marktplat-
monäischen Könige an der Wende vom 2. zum zes dienten als Kai, wie mehrere durchbohrte
1. Jh. vC. Es gibt verschiedene Hinweise darauf, Vertäudalben belegen, die in die Kaimauer ein-
dass dieser Platz bereits früher sporadisch ge- gelassen waren. An der Nordostkante des Platzes
nutzt wurde. Seit der Gründung war Magdala befand sich ein zum See gerichteter, massiver
eine regelrechte Stadt, die wichtigste in der Re- Turm in Kasemattenbauweise, der den Hafen-
gion westlich des Sees vor der Gründung von
Tiberias ca. 20 nC, war Hauptort eines Verwal-
tungsbezirks (toparchia) und Brückenkopf des
strategisch wichtigen Verkehrswegs, der die Magdala war vor der Gründung von
Hafenstädte an der Mittelmeerküste mit dem
syrischen Hinterland verband.
Tiberias die wichtigste Stadt der Region
Zu den ältesten Bauresten aus der Gründerzeit
von Magdala gehören Teile der 10 m breiten,
von Norden nach Süden verlaufenden Haupt- eingang bewachte und der Stadt seinen aramä-
straße, die Wohnquartiere in Areal H, ein be- ischen Namen gegeben haben könnte (migdal =
merkenswertes öffentliches Brunnenhaus in Turm). Der Hafenkomplex war seit Beginn der
hellenistischer Bauform (früher fälschlich als Mittelpunkt der Stadt. Allein der erst um 20 nC
Synagoge angesprochen), ein früheres Bade- errichtete Hafen von Tiberias hatte annähernd
haus und ein quadratischer, mit Säulenhallen so monumentale Dimensionen. Die tiefen Se-

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welt und umwelt der bibel 1/2021
weg

dimentschichten im Hafenbecken erlauben deln aus Bein, hölzerne Kämme und Schmuck Luftbild der franziska-
Forschern nicht nur detaillierte Einblicke in die aus Bronze und Gold demonstrieren den ganz nischen Ausgrabungen
Geologie und Paläontologie des Sees, sondern selbstverständlichen hellenistisch inspirierten in Magdala.
vor allem in die wirtschaftlichen Aktivitäten Badeluxus der Magdalenser.
in Magdala und entlang des angrenzenden See-
ufers. Die großen Mengen dort gefundener Am- In einem mit dem Badekomplex verbundenen
phoren und anderer Transportgefäße bezeugen Gebäude dieser Zeit wurden Mosaiken mit
das hohe Handelsvolumen, das über den Hafen höchst aufschlussreichen Motiven gefunden:
von Magdala und den See abgewickelt wurde. Zum einen eine Inschrift „Auch Du!“ (kai sy),
Während der frührömischen Zeit (erste Hälfte eine Unheil abwehrende Formel in griechischer
Luftbild © Michael Eisenberg; Bleigewicht © Magdala Project Archive

1. Jh. nC) wurde die Stadt ausgebaut. Im Hafen Sprache aus der Welt der heidnischen und jüdi-
wurden die älteren Ankerplätze durch ein neu- schen Magie und des Aberglaubens; zum ande-
es Dock erweitert und ersetzt, an dem vier wei- ren die Darstellung eines Handelsschiffs, eines
tere Vertäusteine angebracht waren, sowie eine Delfins, eines Trinkgefäßes (kantharos) zweier
Treppe mit Plattform, die zusätzlichen Raum miteinander verbundener Badeschaber (strigi-
zum Be- und Entladen schuf. Mit dem Hafen les) mit angehängtem Salbölgefäß (aryballos),
wurden auch andere öffentliche Bereiche der eines Diskus und einem Paar Gewichten (hal-
Stadt umgestaltet. Der Hafenturm wurde nie- teres), die beim Weitsprung verwendet wur-
dergelegt und teilweise von einem neuen Bade- den. Die Motive des Mosaiks verdeutlichen den
komplex überbaut, der mit einem von Pfeilern hellenistischen Charakter des Bade- und Sport-
(suspensura mit tubuli) getragenen Fußboden komplexes, errichtet zur Erholung bei Bad,
aus Steinplatten, einem Warmraum (caldari- Sport und sozialem Beisammensein.
um), Heizanlagen (praefurnium) und getrepp-
ten Becken ausgestattet war. Zahllose Funde
wie Salbölgefäße aus Ton oder Glas, Spiegel aus Bleigewicht mit dem Bild der phönizischen
Bronze (specilla), Schaber (strigiles), Haarna- Göttin Tanit-Astarte.

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Anbindestein
für Boote aus
der hellenisti-
schen Zeit.
Die Steine,
in denen er
sitzt, gehören
vermutlich
zum urspüng-
lichen Turm
(Migdal), am
Ende des Ha-
fenbeckens,
der der Stadt
den Namen
gab.
Das Mauer-
werk rechts
davon wurde
in römischer
Zeit angefügt.

© oben Anna Lena; unten J. K. Zangenberg

Brunnen-
haus, das
ursprünglich
als Synagoge
interpretiert
wurde.

42 welt und umwelt der bibel 1/2021


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Die franziskanischen Ausgrabungen in Magdala

Die Stadt blieb bis in spätrömische Zeit be- Mosaik vom


wohnt, ging aber wahrscheinlich unter dem Badekomplex mit
Einfluss der aufsteigenden Nachbarstadt Schiff, Delfin,
© unten: © V. Sedia; oben: PS-I / Alamy Stock Photo

Tiberias in Größe und Bevölkerung konti- Krug, Badescha-


ber, Salbölgefäß,
nuierlich zurück, bis sie in der Mitte des 4.
Diskus und Trai-
Jh. (also noch vor dem verheerenden Erdbe-
ningsgewichten.
ben 363) verlassen war. Der Hafen wurde
nicht mehr genutzt und versandete rasch.
In der byzantinischen Periode fiel der Was- Nadeln aus Kno-
serstand des Sees; man errichtete eine neue chen und Haarna-
Anlegestelle unweit eines weiträumigen deln, gefunden im
Baukomplexes, den die Ausgräber Corbo Badekomplex von
und Loffreda als Kloster interpretierten. W Magdala.

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Die mexikanischen Ausgrabungen in Magdala

Das vornehme Wohnviertel


hinter dem Zaun
Die Funde der franziskanischen Grabungen sind nicht die einzigen auf dem Wohnviertel im nörd-
lichen Teil Magdalas.
Stadtgebiet des antiken Magdala. Vor allem nördlich des Franziskanergrund- Hier wurden Reste des
Ortes gefunden, aus
stücks, heute künstlich durch einen hohen Maschendrahtzaun getrennt, setzen
dem Maria Magdale-
sich die Straßen und dichte Wohnbebauung Magdalas nach Norden fort. na stammte und den
auch Jesus besuchte.
Von Jürgen K. Zangenberg Mexikanische Archäo-
loginnen haben bei
den Ausgrabungen seit
2010 erstaunliche Ent-
deckungen gemacht.

A
uf diesem Gebiet, heute teilweise über- Antiquities Authority ausgegraben wurde und
baut durch ein Einkaufszentrum und seither sehr viel wissenschaftliches und populä-
„Duc in Altum“, das Begegnungszent- res Interesse auf sich gezogen hat. Ein dekorierter
rum der Legionäre Christi, wurden in den letz- Kalksteinblock, der in der Mitte des Synagogen-
ten Jahren ebenfalls aufsehenerregende Entde- raumes gefunden wurde und neben zahlreichen
ckungen gemacht. Hier graben mexikanische Symbolen und Dekorationselementen auch eine
Archäologinnen seit 2010 unter der Leitung Menora zeigt, führte zu erregten Debatten über
von Marcela Zapata Meza. die Funktion des Stücks (Podium für Lesepult?)
© Jürgen Zangenberg

und der Frage, welche theologischen Aussagen


Magdala – wie Jesus es sah sich eventuell aus dem Bildprogramm able-
Begonnen haben die Arbeiten bereits 2009 mit sen ließen. Natürlich wurde – manchmal leise,
der zufälligen Entdeckung einer Synagoge „aus manchmal lauter – auch darüber spekuliert, ob Angaben zum Autor
der Zeit Jesu“, die von Archäologen der Israel Jesus diese Synagoge nicht höchstpersönlich auf S. 19

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welt und umwelt der bibel 1/2021
betreten haben und hier taurierungs- und Konservierungsarbeiten, um
sogar Maria von Madgala die archäologischen Reste zusammen mit dem
getroffen habe könnte ... gerade fertiggestellten Begegnungszentrum
Wie auch immer – die zugänglich zu machen. Noch viel stärker als das
archäologischen Funde eher beschauliche Kafarnaum, befindet sich zu-
sprechen für sich selbst, mindest das „mexikanische Magdala“ derzeit
sind aber – wie auch die mitten im Hype zwischen wissenschaftlichem
franziskanischen – noch Erkenntnisinteresse und der Indienstnahme als
nicht in umfassender Pilgerzentrum, das eine deutlich konservativ-
wissenschaftlicher Form katholische (Um-)Interpretation der biblischen
publiziert worden, sodass und nachbiblischen Tradition zu Maria von
man in vielerlei Hinsicht noch Magdala propagiert (siehe Beitrag S. 46). Inwie-
keine genauen Schlüsse ziehen kann. fern verschleiern Geschichten die Geschichte?
Vor allem was die Feindatierung so zentraler Welche Geschichte wird sich durchsetzen? Man
Stein mit Menora und Gebäude wie der Synagoge betrifft, ist Vorsicht wird sehen, wie sehr die moderne Aneignung
anderen Ornamenten, angebracht. des Ortes dessen Präsentation mitbestimmt.
der in der Synagoge Vor dem Lockdown 2020 gehörte dieser Teil
des 1. Jh. gefunden Eine jüdische Siedlung Magdalas jedenfalls zu den am meisten besuch-
wurde. So viel scheint momentan aber deutlich: Wäh- ten Orten am See Gennesaret; das franziskani-
rend wir es im franziskanischen Gebiet mögli- sche Magdala bleibt unzugänglich.
cherweise mit dem wirtschaftlichen und viel-
leicht auch Teilen des politischen Zentrums Die zukünftige Forschung wird sich vor allem
Magdalas (Hafen, Markt, Thermen) zu tun ha- mit der Zusammenführung der Ergebnisse der
ben, präsentiert sich das „mexikanische Vier- bisherigen Grabungen diesseits und jenseits des
tel“ eher als wohlhabendes Wohngebiet an der Zauns zu beschäftigen haben. Vielversprechen-
Peripherie der antiken Stadt. Zu den Funden de Ansätze existieren bereits. W
gehören die nördliche Fortsetzung der Hafen-
mauer, Wohn- und Geschäftsgebäude und die
typischen mehr oder minder rechtwinklig zuei-
nander verlaufenden Straßen. Die Wohnhäuser
wurden mit lokalem Stein errichtet, waren aber
sorgfältig geplant und gebaut. Manche Häuser
hatten gepflasterte Innenhöfe, andere Fußbö-
den aus Stampflehm, eines einen Speisesaal mit
geometrischem Mosaik. Mehrere Häuser besa-
ßen auch Tauchbäder (Mikwen), die durch das
nur wenig tiefer gelegene Grundwasser gespeist
wurden. Die Familien, die dort lebten, waren
deutlich sichtbar Juden und liebten hellenis-

Die Familien, die hier lebten,


waren deutlich sichtbar Juden
tisch inspirierte urbane Kultur; sie waren wohl-
habend, aber nicht exorbitant reich. In vielem
gleichen diese Magdalener der Mittelschicht,
die in vielen Häusern im Jüdischen Viertel von
Beide Bilder © Wolfgang Baur

Jerusalem greifbar ist, ohne es freilich mit dem


Luxus der dortigen Oberschicht aufnehmen zu
können.
Mikwen (Tauchbecken) fanden sich in mehre-
Ein Ort der Geschichte(n) ren Häusern. Sie erweisen den Ort als jüdische
Der Großteil der Grabungen ist mittlerweile ab- Siedlung. Gespeist wurden sie vom hohen
geschlossen. Derzeit laufen umfangreiche Res- Grundwasser in dieser Gegend.

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welt und umwelt der bibel 1/2021 45
Wirklich zur
Ehre von Maria von Magdala?
Kritische Fragen an Architektur und Bildprogramm
des Pilgerzentrums

Die „Legionäre Christi” – ein katholischer Orden - haben in Magdala eine Kirche von
suggestiver Kraft errichtet. Dabei bleibt allerdings für die Erinnerung an Maria von
Magdala, ihre Funktion und Aufgabe als Apostelin und Lehrerin, als Jüngerin und Zeu-
gin der Auferstehung so gut wie kein Raum. Von Katrin Brockmöller

I
m Jahr 2004 übertrug Papst Johannes Paul II. Zeit Jesu. Die Kirche soll an die Erzählung vom
den Legionären Christi die Leitung des päpst- wunderbaren Fischfang und an die Berufung
lichen Instituts „Notre Dame of Jerusalem der ersten Jünger (Lk 5,1-11) erinnern und er-
Center“. Bald darauf erwarb der Orden Grund- hielt deshalb ihren Namen Duc in Altum vom
stücke an der bekannten Ortslage „Magdala“ am Auftrag Jesu an Petrus: „Fahr hinaus, wo es tief
See Gennesaret und startete die Errichtung eines ist!“ (EÜ). Das lateinische Duc in Altum ist al-
internationalen Pilgerzentrums. Mittlerweile lerdings mehrdeutig und kann auch als „Führe Dr. Katrin Brockmöller
sind große Teile davon realisiert, u. a. verschie- hinauf in die Höhe!“ interpretiert werden. In ist Alttestamentlerin,
dene Kirchen und Kapellen, ein Hotel sowie ein manchen Frömmigkeitskontexten wird mit Bibliolog-Trainerin und
Direktorin des Katholi-
archäologischer Park, der mit der Besonderheit Hilfe des lateinischen Zitates theologisch aus
schen Bibelwerks e. V.
einer antiken Synagoge aus dem 1. Jh. und dem dem Auftrag, auf den See zu fahren, die mysti-
berühmten Magdalastein aufwarten kann. (vgl. sche Aufgabe des Priesters, die Gemeinde in die
Welt und Umwelt der Bibel 3/14). Höhe zu führen. Indem diese biblische Szene in
Magdala verortet wird, erfindet man eine neue
Erinnerung an die „ersten Männer” Memorialtradition. Dagegen ist nichts einzu-
Der Hauptkirchenraum, die „Bootskirche“, be- wenden, allerdings verdrängt die Berufung der
sticht mit seiner Gestaltung als Schiffsbauch, Jünger die eigentliche Lokaltradition: die Erin-
© Alamy

seinem offenen Blick auf den See Gennesaret nerung an Maria von Magdala, die Apostelin der
und dem Altar in Form eines Schiffes aus der Apostel, die hier zu Hause war.

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Das „Atrium der Frauen bitte vor die Kirche und verhindert zudem, dass eine echte Memo-
Frauen” zitiert mit Diese Erinnerung soll im Kirchenvorraum auf- rialtradition für Maria von Magdala entsteht.
der Form des Okto­
gegriffen werden: Sieben der acht Säulen tragen Während die Männerszenen von Berufung und
gons byzantinische
Namen von neutestamentlichen Frauengestal- Nachfolge erzählen, zeigen die beiden Frauensze-
Memorial­- und
Kirchen­bauten und ten, die Jesus nachfolgten: 1) Maria von Magda- nen körperliche und seelische Heilung von Frau-
soll ein Ort der la, 2) Susanna und Johanna, die Frau des Chuzas, en. Die Überlieferung der Maria von Magdala als
Erinnerung und der 3) Maria und Martha, 4) Salome, die Mutter von Zeugin der Kreuzigung, der Grablegung und des
Wertschätzung für Jakobus und Johannes und Frau des Zebedäus, leeren Grabes sowie ihre Begegnungen mit dem
Frauen sein. 5) die Schwiegermutter des Petrus, 6) Maria, Auferstandenen und ihre Sendung zu den Jün-
die Mutter des Klopas, 7) viele andere Frauen. gern kommen nicht vor.
Die 8. Säule trägt keinen Namen, sondern soll
eine Stellvertreterin für alle Frauen sein, „die Was „da unten” alles geschieht ...
Gott lieben und gläubig leben“ – so die Home- Auch die Unterkirche mit dem Namen „Kapelle
page des Pilgerzentrums (www.magdala.org/ der Begegnung“ ist ein Ort, der manipulativ in
duc-in-altum). In Führungen werden Frauen den Bann zieht. Der Fußboden besteht aus ori-
daher gern aufgefordert, sich an diese „ihre“ ginalen Pflastersteinen des antiken Ortes. Ein
Säule zu stellen. Die gesamte Inszenierung sug- riesiges Wandgemälde zeigt Männerfüße und
geriert, dass der Ort der (neutestamentlichen) darunter eine Frauenhand, die sich nach dem
Frauen der Vorraum ist, während im Kirchraum Saum der Kleidung Jesu ausstreckt: Dargestellt
selbst die Männergeschichte spielt. ist die Szene der Heilung der blutflüssigen Frau
Magdalastein Die Auswahlkriterien für genau diese Frauen­ aus Mk 5,21-43. Wieder stehen wir vor einer
Steinblock, der auf allen erschließen sich schwer: Auf jeden Fall sind es Frauendarstellung, die Frauen nicht als Verkün-
Seiten verziert ist. Auf alle namentlich benannten Mütter des Zwölfer- derinnen, sondern als heilungsbedürftig und
der Frontseite ist die kreises, weiter die Frauen, die die Jesusgruppe am Boden zu Füßen der Männer darstellt.
(vielleicht älteste) Dar- mit Nahrung und Finanzen unterstützen oder Die gesamte liturgische Anlage des Pilgerzen-
stellung einer Menora zu die Frauen, die den Jüngern ihre Nachfolge er- trums ist m. E. eine verkürzte und stereotype
sehen (s. S. 45).
möglichen – diese werden hier als „Säulen der Inszenierung von Frauen als grundsätzlich in
Kirche“ dargestellt! Auffällig ist, dass keine Frau ihrer physischen und psychischen Verfassung
aus der Briefliteratur oder der Apostelgeschich- labil und daher heilungsbedürftig an Leib wie
te und nicht eine Frau aus dem Alten Testament Seele. Weder die Nachfolge bis zum Kreuz (im
auftaucht. Gegensatz zu den Jüngern) noch eine einzige
Vom Atrium zweigen vier Kapellen ab mit der vielen Osterszenen der Evangelien mit Ma-
folgenden Themen im Apsismosaik: Petrus ria von Magdala werden optisch präsentiert. Die
geht übers Wasser (Mt 14,22-33), die Beru- inspirierende Kraft der Osterzeugin bekommt
fung der ersten Jünger zu Menschenfischern keinen Raum.
(Mt 4,17-22), die Heilung der Tochter des Jai- Für Pilgerinnen und Pilger ist dieses Magdala
rus (Mk 5,41-43), Maria von Magdala als Frau, weniger ein Ort des stärkenden Erinnerns, son-
aus der sieben Dämonen ausgetrieben wurden dern eher eine Herausforderung zu kritischer
(Lk 8,1-2). Die scheinbar gleichberechtigte Auf- Betrachtung und eigener Lektüre der Bibeltexte
teilung von Männer- und Frauenszenen täuscht über Maria von Magdala. W

Gemälde in der Unter-


kirche von Magdala:
Die Heilung der blut-
flüssigen Frau erhält
eine völlig andere
Perspektive. Während
sich die Frau in den
© Foto: Claudia Kunz

Evangelientexten (Mk
5,21-34; Mt 9,20-22;
Lk 8,43-48) Jesus von
hinten nähert, bewegt
sie sich hier am Boden.

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welt und umwelt der bibel 1/2021 47
Tiberias – Stadt der Talmudweisen und Masoreten

Der „Nabel der Welt”


am See Gennesaret
Nach der Zerstörung Jerusalems 70 nC übernahm Tiberias nach und nach die
wichtigsten Aufgaben in der Wahrung der religiösen Tradition des Judentums.
Hier wurde im 2./3. Jh. nC die Mischna, das erste Kompendium der mündli-
chen Lehre, zusammengestellt. Hier fand im 5. Jh. die Redaktion des Jerusa-
lemer Talmuds (Auslegung und Weiterführung der Mischna) ihren Abschluss.
Hier wurde im 9./10. Jh. das verbreitetste Vokalisierungs- und Akzentuie-
rungssystem des hebräischen Bibeltextes entwickelt und damit der masoreti-
sche Text geschaffen. Von Stefan Schreiner

halachisch
Das hebräische Verb

N
ach jüdischer Überlieferung zählt Tibe- • Herodes Antipas hatte Tiberias in der Nach- halach bedeutet „gehen,
rias neben Jerusalem, Hebron und Safed barschaft des seiner heißen Quellen wegen be- wandeln”. Halacha be-
zu den „vier heiligen Städten im Lande kannten Ḥammata (Josephus nennt es Amma­ zeichnet die normative
Israel“. Dabei standen die Anfänge der Stadt thous) erbauen lassen. Dieses Ḥammata indessen Tradition des Judentums
und ihrer Geschichte unter keinem allzu guten war nach dem Jerusalemer Talmud (yMegilla und steht sowohl für die
Stern, und in Tiberias zu wohnen, war für Juden I,2/70a) für sie identisch mit jenem Ḥammat, Gesamtheit aller aus den
Ge- und Verboten der
zunächst durchaus nicht unproblematisch, und das neben Raqqat und Kinneret in Josua 19,35
schriftlichen und münd-
dies aus vor allem halachischen Gründen. erwähnt wird. Da von dem dort erwähnten
lichen Tora abgeleite-
Raqqat jedoch zu ihrer Zeit nichts mehr exis- ten Rechtsvorschriften
Ein römischer Ort bekommt tierte, identifizierten sie kurzerhand Tiberias und deren Auslegung
jüdische Wurzeln damit. als auch für eine jede
Das Problem war nicht, dass es Herodes Anti- • Zur Begründung dieser Gleichsetzung lehrte einzelne von ihnen.
pas (um 20 vC–um 39 nC) war, der zweite Sohn Rabba: „Warum wird Tiberias Raqqat genannt? Zusammengefasst ist sie
Herodes des Großen und seit 4 vC wenig ange- Weil dort [in Tiberias] selbst die Hohlköpfe (re­ in Mischna, Jerusalemer
sehener Tetrarch von Galiläa, der die für die jü- qanin) voll von [Wissen um die] miṣ wot (Ge- und Babylonischem
dische Tradition so wichtige Stadt als hellenis- bote) sind wie ein Granatapfel [voll von Saat- Talmud und späte-
tisch-römische Polis gegründet und mit ihrem körnern].“ Dazu ergänzte Rava: Raqqat ist sein ren Kodizes wie dem
Mischneh Tora von Mose
Namen Tiberias den römischen Kaiser Tiberius [Tiberias’ eigentlicher] Name. Warum wird es
ben Maimon (12. Jh.)
(14–37 nC) geehrt hatte; auch nicht, dass Ti- Tiberias genannt? Weil es schön anzuschauen
oder dem Shulhan Arukh
berias 19 nC Sepphoris als „römische“ Haupt- ist (Ṭverya = ṭ ova re’iyyata).“ („gedeckter Tisch“) von
stadt der Tetrarchie Galiläa-Peräa abgelöst hatte. • Weil die in Josua 19,35 genannten Städte aus- Josef Karo (16. Jh.), dem
Das Problem dieser Neugründung lösten die drücklich sogar zu den „ummauerten Städten“ bis heute maßgebenden
Talmudweisen, wie im Babylonischen Talmud gezählt werden, also keine Dörfer waren, galt halachischen Kodex.
(bMegilla 6a) nachzulesen ist und vor hundert nun auch Tiberias als „eine seit den Tagen Jo-
Jahren bereits der ungarische Rabbiner Samuel suas ummauerte Stadt“ (bMegilla 5b). Das war
Klein (1886–1940) erklärt hat, indem sie Tibe- halachisch insofern von Bedeutung, als „um-
rias trotz seiner Neugründung als eine alte Stadt mauerte Städte“ Orte eigener Gerichtsbarkeit
identifizierten: und Rechtsprechung waren.

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Das eigentliche Problem, das es Juden anfäng- • Eine weitere Erklärung, die mit dem Namen Das Grab von Rabbi
lich schwer machte, in Tiberias zu wohnen, war der Stadt verbundene Erinnerung an den römi- Akiba ben Joseph in
halachischer Art: War doch ein nicht unerheb- schen Kaiser zu umgehen, bot Rabbi Yirmeya Tiberias wird bis heute
licher Teil der Stadt über den Grabanlagen des mit einer geografisch-kosmologischen Deutung. von jüdischen Pilgern
benachbarten Ḥammat errichtet worden. Damit Wie der eine Generation ältere Rabbi Ze’ira den besucht. Der Gelehrte
gehört zu den bedeu-
jedoch war die Stadt rituell „unrein“. Erst nach- Namen der Stadt Ṣippori damit erklärt hatte,
tendsten Lehrern der
dem Rabbi Shim’on bar Yoḥai die Stadt für ritu- dass sie „wie ein Vogel (ṣippor) auf dem Gipfel zweiten Generation
ell „rein“ erklärt hatte (bShabbat 33b-34a), war des Berges sitzt“, erklärte Rabbi Yirmeya, der (gest. 135 nC).
es Juden – halachisch gesehen – möglich, in der im 4. Jh. die Autorität der Akademie von Tibe-
Stadt zu wohnen. rias war: „Wenn Raqqat Tiberias’ eigentlicher
Ihren Charakter als jüdische Stadt unter- Name ist, weshalb nennt man es dann Tiberias
streicht fernerhin der Name, unter dem sie bis (Ṭverya)? Weil es die Mitte des Israellandes (be-
ins Mittelalter hinein in der jüdischen Literatur ṭibburah šel Ereṣ Yisra’el) ist“ (bMegilla 6a).
begegnet: Um den ihr zu Ehren des römischen Damit, dass Tiberias, nicht Jerusalem, Mitte
Kaisers verliehenen Namen zu vermeiden, nann- des Landes und zugleich Nabel der Welt ist, ver-
te man sie – wie in der Baraita von den vierund- trat er eine These, die zu Beginn des 20. Jh. Rabbi
zwanzig Priesterabteilungen zusammengefasst Mosheh Kliers (1874–1934), der damalige Ober-
ist – „die Stadt der Me’azyas“. Me’azya ist der rabbiner von Tiberias, erneuert und ein Buch
Name der in 1 Chronik 24,18 aufgeführten vier- dazu verfasst hat, in dessen zehn Kapiteln er alle
undzwanzigsten Priesterabteilung, die nach der literarischen und geschichtlichen Belege aus der
Zerstörung Jerusalems und endgültig nach dem rabbinischen Literatur zusammengetragen hat,
gescheiterten Bar-Kochba-Aufstand in Ḥammat die diese Bedeutung von Tiberias illustrieren.
ansässig war. Je weiter sich Tiberias dann städ-
tebaulich in Richtung Ḥammat ausdehnte, des- Der Ort des neuen Hohen Rates
to mehr ging dessen Name auf Tiberias über. Nicht nur für seine Zeit stimmte Rabbi Yir-
Daher nannte man später auch die in Tiberias meyas Beurteilung. Schon lange zuvor, seit
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ansässigen Masoreten „Einwohner Me’azyas“. Ende des 2. Jh. und für lange Zeit danach, bis ins
5. Jh., war Tiberias Zentrum rabbinischer Ge-

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welt und umwelt der bibel 1/2021 49
lehrsamkeit. Und nicht nur das; es war auch die wo ich studiere. Ebenso [heißt es in der Gemara,
letzte Station auf dem Weg „der Exile des San- dass] Rabbi Ammi und Rabbi Assi, obwohl es in
hedrin“, des „Hohen Rates“, der mit der Zer- Tiberias 13 [namentlich bekannte] Synagogen
störung des Tempels 70 nC seinen Ort verloren gibt, nur zwischen den Säulen [des Lehrhauses]
hatte. Wie dazu Rav Yehuda bar Idi im Namen beten würden, wo sie studierten“ (bBerakhot 8a).­­
Rabbi Yoḥanans gelehrt hatte, war die Shekhina, Von Ansehen und Ausstrahlung der Akade-
die göttliche Gegenwart, nach der Zerstörung mie zeugt auch, dass in den folgenden Jahrhun-
des Tempels über zehn Etappen zum Himmel derten manch babylonischer Gelehrter nach
zurückgekehrt (bRosh ha-Shana 31a). Analog Tiberias gewechselt ist, unter ihnen Mar Zutra,
dazu nahm der „Hohe Rat“ (Sanhedrin)­ und der Sohn des Exilarchen in Babylon, der im Jahr
mit ihm Sitz und Amt des der „Fürst“ (Nasi’) 520 Oberhaupt der Akademie in Tiberias wur-
genannten Patriarchen seinen Weg über zehn de. Bis heute gelten nicht zuletzt die zahlreichen
Etappen nach Tiberias, und zwar: „Von der Gelehrtengräber in der Nähe der Stadt als eben-
Kammer der behauenen Steine [im Tempel] zum so sichtbares wie eindrucksvolles Zeichen seiner
Markt, vom Markt zur Stadt Jerusalem, von Je­ Bedeutung als Stadt der Gelehrten. Nach rabbi-
nischer Überlieferung ist Tiberias auch der Ort,
an dem – wie Abraham Ibn Da’ud um die Mitte
In zehn Etappen gelangte der Hohe Rat des 12. Jh. schrieb – „Rabbi Yehuda ha-Nasi’ 120
Jahre nach Zerstörung des Tempels die Mischna
vom Jerusalemer Tempel nach Tiberias redigiert hat“, die fernerhin im Mittelpunkt des
Studiums nicht nur in der Akademie von Tibe-
rias gestanden hat und im Jerusalemer und Ba-
rusalem [im Jahr 70 nC] nach Yavneh, von Yav­ bylonischen Talmud ausgelegt worden ist. Den
neh [im Jahr 80 nC] nach Usha und von dort [im Gelehrten von Tiberias ist auch die gewöhnlich
Jahr 116] zurück nach Yavneh, von dort wieder in die erste Hälfte des 5. Jh. datierte Redaktion
nach Usha, und von Usha [im Jahr 140] nach des Talmud Yerushalmi zugeschrieben worden.
Shefar’am, und von Shefar’am [im Jahr 163 un-
ter Yehuda I. ha-Nasi’ zuerst] nach Bet She’arim Die Stadt des Buches
und von Bet She’arim dann weiter nach Ṣippori, Tiberias war unter byzantinischer Herrschaft
und von Ṣippori [im Jahr 193 schließlich] nach indessen nicht nur die Stadt der rabbinischen
Tiberias“ (bRosh ha-Shana 31a-b). Und dort Gelehrten, sondern auch die Stadt der ersten
endet im Jahr 425 die Geschichte des Sanhed- hebräischen Dichter bzw. Schöpfer religiöser
rin und des Patriarchats, nicht jedoch die Ge- Poesie und bekam, wie Aharon Mirski (1914–
schichte von Tiberias als Zentrum rabbinischer 2001) schrieb, den Beinamen Qiryat Sefer
Gelehrsamkeit. (Buchstadt). Umgekehrt erhielten Dichter den
Beinamen ben Ṭverya, „Sohn von Tiberias“.
Ein Zentrum des Studiums Auch wenn von den ersten drei namentlich be-
Als solches hat Tiberias das Ende des Sanhedrin kannten, ins 5./6. Jh. datierten Dichtern Yosse
und des Patriarchats schadlos überdauert. Nach ben Yosse, Yannai und dessen Schüler Rabbi
dem Talmud Yerushalmi soll um die Mitte des El’azar ha-Qalir (oder Qillir) weder Lebensda-
2. Jh. bereits der angesehene Rabbi Me’ir, Schü- ten noch Lebensumstände überliefert und nur
ler zuerst Rabbi Yishma’els und danach Rabbi Teile ihrer Dichtungen erhalten sind, werden
Akibas, an der Akademie in Tiberias unterrichtet sie mit Tiberias in Verbindung gebracht.
haben, die durch den zuvor erwähnten Wechsel Auch politisch spielten die Gelehrten von
des „Fürsten“ von Ṣippori nach Tiberias am Ende Tiberias immer wieder einmal eine nicht un-
des Jahrhunderts erheblich an Bedeutung dazu- wesentliche Rolle in der Auseinandersetzung
gewann und mit dem Wirken Rabbi Yoḥanan bar mit Römern und Byzantinern. So verhinderten
Nappaḥas (gest. 279?) ihren frühen Höhepunkt sie die Errichtung eines Hadrianeums, und auf
erlebte. Das Studium der Halacha wurde zum In- Geheiß Rabbi Yoḥanans wurden im öffentlichen
begriff der Nähe Gottes. Ein Rabbiner soll gesagt Badehaus die römischen Statuen zerstört. Im Jahr
haben: „Anfänglich studierte ich im Lehrhaus 351 zettelten sie eine antirömische Rebellion­an,
und betete in der Synagoge. Doch seit ich hörte, und im Jahr 614 gehörte Rabbi Benjamin von
dass Rabbi Ḥiyya gelehrt hat: ,Seit den Tagen, da Tiberias zu den Anführern eines antibyzantini-
der Tempel zerstört ist, hat der Heilige, gepriesen schen Aufstandes, der den Vormarsch der Perser
sei er, in dieser Seiner Welt nichts anderes mehr gegen Kaiser Herakleios (575/610–641) unter-
als die vier Ellen der Halacha’, bete ich nur noch, stützen sollte. Haben doch die Juden seit den

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Tiberias – Stadt der Talmudweisen und Masoreten

Die schriftliche und Mündliche Tora


(Gesamtheit rabbinischer Lehre
die mündliche Tora
von den Anfängen bis heute)
(„Weisung Gottes“)
Die Tora
des Mose Halacha Aggada
(religionsrechtlich (alles, was nicht
relevante Lehre) Halacha ist)
Schriftliche Tora
(TaNa“Kh) Die Sechs Ordnungen
der Mischna (u. Tosefta) Gemara
Tora (5 Bücher Mose) (erstes Kompendium zum (Auslegung
Studium der Halacha) der Mischna)

Nevi’im (vordere u.
hintere Propheten)
1 „Saaten” (Landwirtschaft)
Jerusalemer
Ketuvim (Schriften) 2 „Festzeit” (Fest- und Feiertage)
Talmud (5. Jh.)
3 „Frauen” (ehe- und familien-
rechtliche Angelegenheiten)
4 „Schädigungen” (Zivil- und Strafrecht)
5 „Heiliges” (Opfer- und Tempelangelegenheiten) Babylonischer
6 „Reinheiten” (rituelle Reinheit und Unreinheit) Talmud (6./7. Jh.)

Quelle für Glauben und Leben sind nach jüdischer Tradition die Hebräische Bibel (TaNa“Kh) und deren Auslegung in
Gestalt der mündlichen Überlieferung.

Zeiten des persischen Großkönigs Kyros (II.) des „Wahrer der Überlieferung“ (ba’ale ha-masoret)
Großen (um 585/559–530 vC) in dankbarer bzw. „Masoreten des Westens“ genannt hat. Pars
Erinnerung an das „Kyros-Edikt“ (Esra 6,3-5; pro toto steht für sie der Name der zum Kreis der
vgl. Esra 1,1-4 und 2. Chronik 36,23) immer auf Qara’im, der „Bibelleser“ bzw. Karäer, gehö-
der Seite der Perser gestanden. renden Familie Ben Asher. Mit dem von ihnen
Die arabische Eroberung von Tiberias im Jahr entwickelten Vokalisierungs- und Akzentuie-
15 nach der Hidschra (637), das jetzt Ṭabarīya rungssystem des hebräischen Bibeltextes haben
heißt, ließ die Stadt für einige Zeit an Bedeutung sie nicht nur eine Alternative insbesondere zum
verlieren; denn seit der muslimischen Oberho- babylonischen Vokalisierungs- und Akzentuie­
heit über Jerusalem durften Juden wieder in der rungssystem der „Masoreten des Ostens“ ge-
Stadt wohnen. Daraufhin sollen sich 70 Famili- schaffen, sondern den als „masoretischen Text“
en aus Tiberias (70 ist freilich eine Symbolzahl), bekannten Bibeltext hervorgebracht, den Mose
wie es heißt, in Jerusalem niedergelassen haben. ben Maimon (1138–1204) später dann als „das
Zudem haben die Muslime den Sitz der anfäng- verlässliche Buch“ autorisiert hat.
lich in Tiberias angesiedelten Verwaltung als- Mit ihrer Vokalisierung und Akzentuierung
bald nach Bet-She’an verlegt. Erst nachdem um des hebräischen Bibeltextes haben die tiberi-
die Mitte des 8. Jh. ein Erdbeben Bet-She’an zer- ensischen Masoreten die Mehrfachlesbarkeit
stört hatte, erlebte Tiberias einen erneuten Auf- des unvokalisierten Bibeltextes auf eine Lesart
stieg, und für die Akademie begann eine neue reduziert. Damit haben sie zugleich ihre Aus-
Blütezeit, eine Art „zweites goldenes Zeitalter“, legung in den Text eingetragen und auf diese
das bis ans Ende des 10. Jh. währte und auch in Weise ihre Bibelauslegung zum kanonischen
Berichten zeitgenössischer arabischer Autoren Text gemacht. Darüber hinaus haben sie mit ih- Prof. Dr. Stefan Schreiner
immer wieder angesprochen worden ist. Ver- rer Arbeit die Grundlagen der Grammatik der ist Seniorprofessor für
bunden ist dieses „zweite goldene Zeitalter“ we- hebräischen Sprache gelegt, wie sie bis heute Religions­wissenschaft in
sentlich mit dem Wirken der Gelehrten, die man gepflegt und studiert wird. W Tübingen.

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welt und umwelt der bibel 1/2021 51
Jüdische, christliche und islamische
Rezeptionsgeschichte am „See von Tiberias”

Nachbarn mit Davidstern,


Kreuz und Halbmond
Der „See von Tiberias” (arabisch buh.aira Tabariyya) hat seit der Antike immer
wieder als Ankerplatz für die drei großen Religionen gedient. Und wie auch an
anderen Orten des „Heiligen Landes”, haben sie sich nicht etwa gleichmäßig
verteilt, sondern stets an den Orten festgemacht, die auch die anderen schön
und bedeutsam fanden.
Von Hans-Peter Kuhnen

W
er sich bewusst macht, wie viel der
frühe Islam aus der jüdischen und der Prof. Dr. Hans-Peter Kuhnen
christlichen Theologie der Spätantike unterrichtet Provinzialrömi-
schöpfte, wird nicht überrascht sein, dingliche sche Archäologie am Institut
für Altertumswissenschaf-
Spuren der neuen Religion genau dort zu fin­
ten der Universität Mainz.
den, wo Kristallisationspunkte jüdischer und
Schwerpunkte seiner For-
christlicher Verehrung im Heiligen Land lagen: schungen sind die Ost- und
So bauten die Omaiyadenkalifen ihre Paläste die Nordwestprovinzen des
und die Freitagsmoschee auf dem Tempelberg Imperiums. Aktuelle Projekte
in Jerusalem nur ein paar Gehminuten von der gelten dem frühislamischen
Grabeskirche entfernt. In Amman setzte der Kalifenpalast Khirbat al Mi-
Kalif seinen Palast samt Moschee hinter die nya am See Gennesaret und
spätantike Kirche auf der Zitadelle, nicht ohne der spätantiken Eisenhütte
die Zufahrtsstraße so abzumauern, dass die von Säben (Südtirol).
Kirchgänger nicht nach dem Gottesdienst am
Kalifenpalast vorbeiziehen konnten. Im trans­
jordanischen Gerasa gründeten die Anhänger
des Propheten ihre Moschee an der Hauptstra­
ße direkt vor der spätantiken Bischofskirche
und dem Palast des Bischofs. Das Verwaltungs­
zentrum des frühislamischen Militärbezirks Yishuv
„Dschund Urdun“ errichteten die neuen Her­ Jüdische Bevölkerung
ren in Tiberias, dem Zentrum jüdischer Gelehr­ mit ihren Strukturen in
samkeit der Spätantike, und pflanzten in das Palästina vor der Grün-
© Hans-Peter Kuhnen

Stadtzentrum eine monumentale Freitagsmo­ dung des Staates Israel


(1948).
schee nach dem Vorbild der Großen Moschee
von Damaskus. Einen ihrer Sommerpaläste Die Omaiyadenmoschee des 8. Jh. nC von
bauten die Kalifen der Omaiyadendynastie in al Tiberias erhob sich an der Hauptachse
Sinnabra – Bet Yerah am südwestlichen Seeufer („Cardo“) der römischen Stadt.

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Die sogenannte
Ankerkirche auf dem
Berenikeberg westlich
oberhalb des antiken
Zentrums von Tiberias
wurde unter Kaiser
Justinian gegründet.
Die christliche Ge­
meinde von Tiberias
pflegte sie bis in die
Kreuzfahrerzeit hinein.

11 km südlich von Tiberias, einen anderen in als „überdachter römischer Marktplatz“ inter­
Khirbat al Minya, 12 km nördlich der Stadt am pretiert, erwies sich aber nach Bauvergleichen
nordwestlichen Ufer des Sees. und Nachgrabungen als monumentale Freitags­
Was die Öffentlichkeit heute von diesen Zen­ moschee des 8.–11. Jh. nC. Mit seinem Vorhof
tren frühislamischer Herrschaft am See Genne­ und den großen Zisternen beherrschte der Bau
saret zu sehen bekommt, verdankt sie der Ar­ das Zentrum der Stadt, in der damals wie heute
chäologie. die Gräber bedeutender Rabbiner aus der Zeit
des Talmud verehrt wurden.
Drei Religionen – verwoben in einer Hoch darüber erhob sich auf dem Berenike­
Stadt berg am Westrand der Stadt die unter dem
Die Stadt Tiberias, ein stark vom Tourismus ge­ spätrömischen Kaiser Justinian (527–565 nC)
prägtes Zentrum mit ca. 40.000 Einwohnern, gegründete sog. Ankerkirche, die die Christen
hat seit dem Ende des Ersten Weltkriegs immer der Stadt allen Erdbebenschäden zum Trotz
Ausgräber in ihren Bann gezogen. Als Erster leg­ noch bis in die Kreuzfahrerzeit hinein instand
te der Rabbiner Nahum Slousch 1920 eine spät­ hielten. Das römische Theater von Tiberias war
antike Synagoge frei, die beim Bau einer Straße zu dieser Zeit längst von einem vornehmen
durch die Jewish Agency entdeckt worden war. Wohnviertel der Abbasidenzeit (8.–11. Jh. nC)
Die Ausgrabung war dem jüdischen Yishuv im überbaut, wie auch der in römischer Zeit an­
damaligen Mandatsgebiet spektakulär genug, gelegte Cardo durch abbasidische Privathäuser
um in einem Film festgehalten zu werden, der teilweise zugebaut war.
dank Youtube heute noch an das Projekt erin­ Während die Ankerkirche auf dem Berenike­
nert (zu sehen unter www.weltundumweltder­ berg bis in die Kreuzfahrerzeit hinein das is­
bibel.de/yishuv) lamische Stadtzentrum überragte, standen in
al Sinnabra (Sennabris/Philoteria/Bet Yerah)
Kirche und Kalifenpalast nebeneinander. Als
Ein vermuteter „römischer Marktplatz” hier im 5. Jh. nC eine dreischiffige Basilika mit
Baptisterium entstand, hatte der Ort bereits alle
erwies sich später als Freitagsmoschee Höhen und Tiefen einer fast viertausendjähri­
gen Siedlungsgeschichte erlebt.

Einblicke in die frühislamische Geschichte Auf der falschen Fährte – die Beispiele
der Stadt öffneten ab 1952 zahlreiche Plan- von Philotheria und Khirbat al Minya
© Hans-Peter Kuhnen

und Rettungsgrabungen der israelischen An­ Vom Glanz der frühhellenistischen Polis Philo­
tikenverwaltung, teilweise unter Leitung von theria aus dem 3. Jh. vC war ein knappes Jahr­
Archäologen der Hebräischen Universität Jeru­ tausend später nicht mehr viel übrig, zumin­
salem. Ein rund 78 m breiter und 26 m langer dest nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft
Säulenbau am Cardo Maximus wurde zunächst der Kirche. So konnte der Kalif Muawija dort im

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welt und umwelt der bibel 1/2021 53
Die spätantike Kirche von al Sinnabra- unternahmen und 1936 bzw. 1937 zunächst Die Ruine des Kalifen-
Bet Yerah (des 5.–7. Jh. nC) wurde 1952/53 eine Bauinschrift des Kalifen al-Walid aus dem palastes von Khirbat al
durch das Oriental Institute der Universi­ frühen 8. Jh., in der Folgekampagne dann eine Minya: Mit der Entde­
tät Chicago ausgegraben. 2018 begann auf frühislamische Moschee in dem annähernd qua­ ckung der Bauinschrift
Initiative desselben Instituts eine zeitgemäße dratischen Baukomplex von ca. 70 m Seiten­ 1936 und der Moschee
Präsentation der Grabungen. 1937 in der Südost­
länge zum Vorschein kam, offenbarte sich der
ecke des Palastes von
eigentliche Charakter der Anlage.
Khirbat al Minya wurde
7. Jh. nC ohne größere Abbruchmaßnahmen ei­ Mit ihrer von Türmen bewehrten Umfas­ klar, dass es sich um
nen Palast errichten lassen. Den von einer qua­ sungsmauer mag sie die Zeitgenossen daran er­ einen Omaiyadenpalast
dratischen Umfassungsmauer mit Ecktürmen innert haben, dass die Ahnherren der Omaiya­ handelte und nicht um
umgebenen zentralen Apsidensaal deuteten die denkalifen als phylarchoi (Stammeshäuptlinge) ein römisches Kastell.
Ausgräber der israelischen Antikenverwaltung gegen Bezahlung Sicherheitsaufgaben für das
1950 als befestigte Synagoge, nachdem sie eine Imperium an dessen Südostgrenze erledigten.
Säulentrommel mit eingemeißelter Menora ge­ Der ursprünglich rund 15 m hoch aufragende
funden hatten. Erst sechzig Jahre später brachte Torbau des Palastes wies wie ein mahnender
die wissenschaftliche Bearbeitung der Ausgra­ Zeigefinger die Besucher der knapp zwei Kilo­
bungen durch ein Forscherteam der Univer­ meter entfernten Pilgerstätten der Brotvermeh­
sität Tel Aviv die Gewissheit, dass das befes­ rung und der Bergpredigt in Tabgha darauf hin,
tigte Bauwerk den in früharabischen Quellen wohin sie die den Christen auferlegte Sonder­
genannten Kalifenpalast al Sinnabra darstellte. steuer zu entrichten hatten.
Auf ähnliche Weise hatten die ersten Ausgrä­
ber von Khirbat al Minya zu Beginn ihrer Aus­ Ein Wort zur Rezeption: Wer sich wie Abbasiden
grabungen geglaubt, sie würden ein römisches Geschichte aneignet Riesiges Kalifat vom Iran
Kastell freilegen. Eine quadratische Umfassungs­ Studiert man als Archäologe heute das ge­ bis Libyen, das 750 auf
mauer mit nur einem Tor, vier Eck- und drei schichtliche Erbe von jüdisch-christlicher die Omaiyaden folgte, ab
Zwischentürme sowie der zentrale Innenhof Spät­antike und frühem Islam, fällt der starke 1258 nach der Erobe-
schienen tatsächlich für eine Militäranlage des Kontrast zum Altertum auf: Während in der rung Bagdads durch die
Mongolen noch in Kairo
Zentralhof-Typs zu sprechen, wie sie am Limes Frühzeit des Islam die Schriften muslimischer
weiter bestand und 1517
Arabiae et Palaestinae in großer Zahl vorkommt. Chronisten und Geografen die bis dato vorherr­
dann durch die Osmanen
Im 19. Jh. hatten Bibelforscher gemutmaßt, schenden Reiseberichte christlicher Pilger als abgelöst wurde.
unter dem Ruinenhügel könne das Kafarnaum Quellen ablösten, nahm die Palästinaforschung
© Hans-Peter Kuhnen

des Neuen Testaments liegen. Erst als der Salva­ im 19. und 20. Jh. den umgekehrten Weg: An
torianerpater Andreas Mader, dessen Priester­ die Stelle der mittelalterlichen Landesbeschrei­
kollege Alfons Maria Schneider und der Archäo­ bungen aus der Feder arabischer und türkischer
loge Oswin Puttrich-Reignard vom Museum Gelehrter traten ab dem frühen 19. Jh. zunächst
für Islamische Kunst ab 1932 Ausgrabungen Aufzeichnungen europäischer und amerika­

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Jüdische, christliche und islamische Rezeptionsgeschichte am „See von Tiberias“

nischer Forschungsreisender, bevor im frühen Chicago bei Forschungsgrabungen die benach­


20. Jh. die Fachwelt zum Spaten griff und ge­ barte spätantike Kirche ausgruben. Die Veröf­
zielt Stätten zwischen Spätantike und frühem fentlichung der Grabungsergebnisse 2017 lag
Mittelalter ausgrub. Auftraggeber war in Khir­ in den Händen der Israel Antiquities Authority
bat al Minya bis 1939 die katholische deutsche Jerusalem und eines Forscherteams der Univer­
Görres-Gesellschaft, zu der 1936 bis 1939 als sität Tel Aviv. Beide Institutionen beschäftigten
zweiter Geldgeber das Museum für Islamische für ihre Projekte am See Gennesaret individuell
auch Mitarbeiter aus der arabischen Minderheit
Israels. Institutionell nahm dagegen die musli­
Institutionell nahm die muslimische Seite mische Seite weder vor noch nach der Gründung
des Staates Israel teil an der Erforschung ihrer
an der Erforschung ihrer Stätten nicht teil Traditionsstätten am See Gennesaret. Die Deu­
tungshoheit darüber überließ sie damit christ­
Kunst Berlin hinzukam. Kleinere Grabungs- licher und jüdischer Gelehrsamkeit. Wie leicht
und Restaurierungskampagnen finanzierten angesichts solcher Enthaltsamkeit historische
zwischen 1955/56 und 2017 die Universitäten Identität verblasst, lässt sich in Tiberias beob­
von Chicago, Jerusalem und Mainz, die Roth­ achten, wo Unkraut die ausgegrabenen Reste der
schild-Stiftung und das Auswärtige Amt der Moschee zurückerobert und das Wohnquartier
Bundesrepublik Deutschland. der Abbasidenzeit abgetragen wurde, um das da­
Die ersten Grabungen in Tiberias unter Na­ runterliegende römische Theater dem Publikum
hum Slousch leisteten die Bauabteilung der zu präsentieren. Kaum besser steht es um Khir­
Jewish Agency und die Jewish Palestine Explo­ bat al Minya, das seit den Grabungen der 1930er
ration Society. Unmittelbar nach Gründung des -Jahre Witterung und Vandalismus ungeschützt
Staates Israel oblagen die Altertümer der Stadt preisgegeben ist und gerade an seiner vormals re­
dem Zugriff der israelischen Antikenverwal­ präsentativen Seefront mehr an eine Müllhalde
tung (ab 1989 Israel Antiquities Authority). Sie erinnert als an einen Kalifenpalast. Dass es auch
wickelte einen Großteil ihrer Grabungskosten anders geht, zeigt al Sinnabra, wo das Oriental
über Arbeitsförderprogramme des Sozial- und Institute Chicago, die israelische Antikenverwal­
Arbeitsministeriums ab und kooperierte mit tung und die Nationalparkverwaltung seit 2018
Archäologenteams der Universitäten Jerusalem mit Drittmitteln Kirche und Kalifenpalast mo­
und Tel Aviv, die zusätzliche Gelder meist aus dern konservieren und didaktisch erschließen.
den Vereinigten Staaten einwarben. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Beispiel Schule
Entsprechende Geldquellen flossen nach al macht und das frühislamische Erbe auch in Tibe­
Sinnabra – Bet Yerah, als dort ab 1948 die israe­ rias und Khirbat al Minya den Rang erhält, den es
lische Antikenverwaltung den Kalifenpalast und aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung ver­
1952/53 das Oriental Institute der Universität dient. W

Der Badetrakt
des Kalifenpalastes
von al Sinnabra
während der Konser­
vierung 2018.
© Hans-Peter Kuhnen

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welt und umwelt der bibel 1/2021 55
Hammat Gader und Hammat Tiberias

(Heil-)Baden am See Gennesaret


Rings um das Becken des Sees Gennesaret öffnet der große Grabenbruch des Die römische
Luxus-Badean-
Jordantals an verschiedenen Stellen Quellhorizonte, aus denen heiße und lage in Hammat
Gader.
mineralhaltige Quellen zutage treten. Zwei dieser Orte waren aufgrund ihrer
heilenden Wirkung schon im Altertum viel aufgesuchte Badeorte: Hammat Gader
und Hammat Tiberias.
Von Hans-Peter Kuhnen

B
© Yitzhak Marmelstein - CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org/curid=73328050
esondere Magie entfalten die heißen Schwe­ Südostecke des Bauwerks über eine Schleuse di­
felquellen von Hammat Gader zu Füßen der rekt in die Warmbadesäle der Südhälfte der Ther­
alten Griechenstadt Gadara/Umm Qes. me. Im Zentrum lag die sog. „ovale Halle“ (23,8 x
Hineingekuschelt in das tief eingeschnittene Jar­ 11,9 m), deren ovales Becken ringsum über drei
muktal und eingehüllt in Wolken heißen Schwe­ Stufen zu betreten war. Von diesem Becken führte
feldunstes fördern die Quellen Thermalwasser von ein Kanal ins Freie und leitete das abgekühlte Ther­
ca. 50 °C an die Oberfläche, die im Sommer Tem­ malwasser dem Jarmuk zu. Um die verschiedenen
peraturen nahe an 40 °C erreicht. Um die Quelle Badebecken nach Wunsch und Zweck zu tempe­
für einen geregelten Badebetrieb zu ertüchtigen, rieren, wurde Wasser von einer kühleren Quelle
errichteten die Römer direkt an der heißesten der im Nordosten über Bleirohre herbeigeleitet. Auf
Quellen aus Basaltmauerwerk mit Marmor- und diese Weise füllte man auch das langrechteckige
Kalksteinverkleidung ein luxuriöses Thermalbad Becken der sog. Brunnenhalle (fountain hall), die
von rund 80 x 60 m Seitenlänge und bis zu 15 m mit ihren beiden Annexen 53,3 m lang und 13,9 m
Höhe – das größte Bad in Palästina zu seiner Zeit. breit war und als Kaltbadesaal (frigidarium) unter
Auf einer Grundfläche von ca. 5.000 m2 fanden freiem Himmel fungierte. Ihre Langseiten waren
darin Badegäste und Patienten insgesamt sieben noch bis über 5,3 m Höhe erhalten. Das Publikum
Hallen mit Warmwasserbecken unterschiedli­ betrat die Therme von der Pflasterstraße im Nord­
cher Größe und Temperatur. Das Thermalwasser westen über einen Vorbau mit Portikus. Von dort
strömte von der Fassung der heißen Quelle in der ging es direkt in die sog. Pfeilerhalle (hall of pillars)

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welt und umwelt der bibel 1/2021
und die sog. Inschriftenhalle, die mindestens 12 m saret verewigt hatten. Weitere Hinweise auf die jü­
hoch war, Zugänge zu den anderen Badesälen öff­ dische Gemeinde des Ortes finden sich im Talmud.
nete und mit Steinbänken in seitlichen Alkoven In ähnlicher Weise dürften die Thermalquellen
vermutlich auch als Auskleideraum (apodyterium) von Hammat Tiberias in der Antike genützt wor­
diente. Je nach Gewohnheit, konnten Badegäste den sein. Sie treten ca. 1 km südlich des Südtores
von dort entweder den verschiedenen Heißwas­ des römisch-byzantinischen Tiberias aus dem
serbecken bis zum sog. Quellbecken unmittelbar Bergmassiv am Westufer des Sees Gennesaret und
neben der Thermalquelle­folgen und sich dann im sind heute Teil des Nationalparks Hammat Tiberi­
östlich anschließenden Kaltwasserbecken abküh­ as. Obwohl bereits in der Antike zahlreiche Auto­
len oder mit diesem beginnend den umgekehrten ren vom heilsamen Wasser des Kurortes berichten
Weg wählen. Ein Wirtschaftshof für das Bedie­
nungspersonal schloss sich an die Westfront des
Thermengebäudes an. Präfurnien und zugehörige Zahlreiche Autoren der Antike berichten
Heizeinrichtungen waren dank der hohen Tempe­ vom heilsamen Wasser in Tiberias
ratur des Thermalwassers überflüssig.
Da der frühchristliche Autor Origenes bereits
um die Mitte des 3. Jh. nC eine Therme bei Gadara (z. B. Flavius Josephus), halten sich architektoni­
erwähnt, wird eine Errichtung schon vor seiner sche Befunde in überschaubaren Grenzen. Nur eine
Zeit vermutet. Von da ab bis mindestens in das mit Bögen überwölbte Quellfassung und einige
9. Jh. nC diente die Therme der Region um den Säulenreste lassen vielleicht auf ein darüber errich­
See Gennesaret als Erholungs- und Heilstätte, tetes römisches oder byzantinisches Badegebäude
überstand Erdbeben und erlebte bis zu ihrem Un­ schließen. Ebenso wie in Hammat Gader bestand
tergang mehrere Umbauten. Diese spiegeln sich in in unmittelbarer Nachbarschaft der Quelle eine
den Inschriften wider, die bei den Ausgrabungen spätantike Synagoge des 5. Jh. nC, die nach Zer­
des israelischen Archäologen Yizhar Hirschfeld störung durch einen Hangrutsch im 7./8. Jh. nC
1979–1986 zutage kamen: Nach der Erneuerung in veränderter Form wieder aufgebaut wurde. Wie
des Fußbodens der sog. Inschriftenhalle in der sehr der Stadt Tiberias ihr Thermalbad am Herzen
zweiten Hälfte des 5. Jh. nC brachten Besucher auf lag, geht aus der Tatsache hervor, dass die Stadtvä­
den Marmorplatten des Bodens und der Wände ter in der Spätantike die Stadtmauer vom Südtor
über 70 griechische Weiheinschriften an. Weitere bis zu den heißen Quellen erweiterten und sie so
Inschriften stammen von Eudokia, der Gattin des in das ummauerte Stadtgebiet einbezogen. Wie
byzantinischen Kaisers Theodosius II. (421–460), in Hammat Gader, begann der Niedergang antiker
und von Kaiser Anastasius I. (491–518). Histo­ Badetradition im 9. Jh. Unter osmanischer Herr­ Rekonstruierte
risches Highlight ist eine Inschrift, mit der der schaft trat ein Hamam nach türkischer Art an die Ansicht des
Omaiyadenkalif Muawija 662/63 nC die Instand­ Stelle des Thermalbades, bis nach Gründung des Thermalbades von
setzung der Heilthermen von Hammat Gader fei­ Staates Israel vier moderne Spas das Heilbaden in Hammat Gader.
ert. Sie ist auf Griechisch verfasst, nennt als Aus­ Tiberias wieder aufleben ließ. W
führende einen Moslem und einen Christen und
gibt das Datum sowohl nach der byzantinischen
als auch nach der islamischen Jahreszählung an.
So steht sie für das Nebeneinander byzantinischer
und muslimischer Kultur in der Frühzeit islami­
scher Herrschaft im Heiligen Land.
Rings um die Therme entwickelte sich über den
Ruinen eines Siedlungshügels der Bronzezeit eine
florierende Kleinstadt mit zum Teil kolonnadenge­
säumten Pflasterstraßen, einem kleinen Bühnen­
theater, einer Kirche und einer spätantiken Syna­
goge. Von Badekuren für Leprakranke schreibt der
Pilger aus Piacenza (Italien), der um 570 nC einen
© nach Y. Hirschfeld 1994

Bericht über seine Pilgerreise in das Heilige Land


verfasste. Dass Hammat Gader damals ein viel be­
suchter Badeort war, zeigen Weihinschriften aus
diesem Gebetshaus, auf denen sich unter anderen
ein hoher Hofbeamter und vermögende Angehöri­
ge der regionalen Eliten rings um den See Genne­

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welt und umwelt der bibel 1/2021 57
Große Erwartungen, unerwartete Erfahrungen

Heute an den See Gennesaret reisen


Der erste Blick hinunter auf den See ist immer wieder unbeschreiblich. Ein Vorhang geht auf –
Erwartetes und Unerwartetes überlagern einander. Sind wir jetzt wirklich „da”? Lässt sich die
biblische Welt noch erahnen und begreifen? Was erzählen Steine und Menschen?
Von Uta Zwingenberger

D
er Reiseveranstalter, der keinen kirchlichen Lebensraum heute
Hintergrund hat, verspricht viel: „Am See Am See angekommen sind die hebräisch-arabisch-
Gennesaret wandeln sie auf den Spuren russischen Beschriftungen im Supermarkt, die
von Jesus.“ Vermutlich trifft er genau die Erwar- Straßensperren während des Tiberias-Marathons
tungen seiner Kunden. Die Bilder und Vorstellun- oder die Frage, ob man 212 m unter dem Meeres-
gen, die der See Gennesaret hervorruft, sind über spiegel einen Sonnenbrand bekommen kann (man
Jahrzehnte gewachsen: Oft sind sie beim Hören bi- kann!), manchmal wichtiger als die biblisch-histo-
blischer Texte entstanden. Jesusfilme (von Pasolinis rischen Aspekte. Dabei wird deutlich, dass der See
„Matthäusevangelium“ bis zum „Leben des Brian“) Gennesaret nicht nur Pilgerort und Fenster in die
haben sie ebenso beeinflusst wie Literaturklassiker Geschichte ist, sondern auch ein Lebensraum im
(z. B. „Miriam“ von Luise Rinser oder Gerd Thei- modernen Israel. Die Ortschaften in seiner Um-
ßens „Der Schatten des Galiläers“). Dokumentar- gebung spiegeln die segmentierte Bevölkerung:
filme, Geschichten aus der Entstehungszeit des Jüdische Kibbuzim in säkularer Tradition liegen
Staates Israel oder Einblicke in die aktuelle politi- im Westen und Norden des Sees in der Nähe ara-
sche und religiöse Situation mögen hinzukommen, bischer Dörfer, sodass Reisende oft auf den ersten
aber die „Spuren Jesu“ dürften das Grundmotiv für Blick gar nicht wissen, ob ihr Gesprächspartner
viele Reisende bilden. jüdischer oder arabischer Israeli ist. In der Klein-
Dabei ist eine Reise an den See Gennesaret für stadt Tiberias sind am Samstagmorgen feiertäglich
die meisten Menschen keine Reise wie jede an- gekleidete orthodoxe Jüdinnen und Juden auf dem
dere; manchmal wird sogar ein Lebenstraum ver- Weg zur Synagoge. Im Osten bieten die von Israel
wirklicht. Nicht selten ist damit auch der Wunsch annektierten Golanhöhen Anknüpfungspunkte Dr. Uta Zwingenberger
verbunden, dem eigenen Glauben neue Impulse für politische Themen. Wie schon in der Antike, ist Diözesanbeauftragte
zu geben und Gott näherzukommen. Die Erwar- leben die Menschen in der fruchtbaren Gegend von für Biblische Bildung
im Bistum Osnabrück,
tungen sind also hoch! Kann das gelingen: in die der Landwirtschaft und vom Tourismus. Je nach
Leiterin des Bibelfo-
Lebenswelt Jesu einzutauchen und an die Anfänge politischer und religiöser Zugehörigkeit erzäh-
rums in Haus Ohrbeck
© 123rf, Ron Dembo

des Christentums anzuknüpfen? Und ist es über- len sie unterschiedliche Familiengeschichten und und Diözesanvertrete-
haupt wünschenswert? Nach meiner Erfahrung haben unterschiedliche Hoffnungen für ihr Land. rin des Katholischen
erfüllt eine Reise an den See Gennesaret nicht alle Auch die einheimischen und ausländischen Tou- Bibelwerks. Sie leitet
Erwartungen, aber sie übertrifft die Erwartungen risten und Pilger – jährlich mehr als eine Million – regelmäßig Reisen in
immer. haben verschiedene Interessen und Routen. Dabei Länder der Bibel.

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welt und umwelt der bibel 1/2021
ist die europäisch-christliche Sichtweise immer illustrieren die Bildwelt der Evangelien. Die Über-
nur eine unter vielen. reste anderer geschichtlicher Epochen zeigen, dass
Der fischreiche See Gennesaret bildet zugleich das Alte und das Neue Testament einem gemein-
das größte Süßwasserreservoir Israels. Von hier aus samen Wurzelgrund entstammen, oder veran-
wird seit 1964 Wasser über ein Kanal- und Röhren- schaulichen, wie die monotheistischen Religionen
system in den Großraum Tel Aviv und in die Negev- gemeinsame und getrennte Wege gegangen sind.
Wüste geleitet. Es deckt heute etwa 10 Prozent des Im Frühjahr üppig blühend, im Sommer sonnen-
Trinkwasserbedarfs in Israel. Die politischen und verbrannt und ausdrucksstark, fasziniert die Land-
technologischen Hintergründe sind mehr als kom- schaft rund um den See viele Menschen besonders.
plex und Reisende erleben, dass der Wasserspiegel Das gute Wanderwegenetz samt einem „Jesus
des Sees überall ein wichtiges Thema ist. In nieder- Trail“ von Nazaret nach Kafarnaum lädt ein, kleine
schlagsarmen Jahren muss die Wasserentnahme oder größere Strecken zu Fuß zu gehen. An Aus-
fast völlig eingestellt werden, damit das ökologi- sichtspunkten werden historische oder heutige
sche Gleichgewicht der Region nicht dramatisch Grenzen und geografische oder in der Bibel erzählte
gefährdet wird: Wenn der Wasserdruck der Süß- Zusammenhänge sichtbar. Biblische Geschichten,
wasserschichten nicht hoch genug ist, könnten sal- die am „Ufer des Sees“ spielen oder vom „felsigen
zige Quellen unterhalb des Sees durchbrechen und Boden“ oder den „Lilien des Feldes“ handeln, be-
das Seewasser unumkehrbar versalzen. kommen unversehens einen neuen Klang, wenn
sie in dieser Landschaft gelesen werden.
Glaubensraum durch die Jahrhunderte Die biblischen Texte werden lebendig, wo die
Reisende am See Gennesaret sind in einer viel- Reisenden Anknüpfungspunkte finden – und das
schichtigen soziopolitischen und einer außer- kann ganz unterschiedlich sein: in einer Kirche,
gewöhnlichen geografisch-ökologischen Region beim Besuch einer Ausgrabung oder in der Natur,
unterwegs. Und sie bereisen eine Gegend, die seit im gemeinsamen Gottesdienst, bei Diskussionen
55.000 Jahren von Menschen besiedelt ist und zur politischen Situation, im Austausch mit den
in den letzten 2.000 Jahren eine jüdische, christ- Mitreisenden oder bei kurzen Begegnungen oder
liche, muslimische und drusische Erinnerungs- ausführlicheren Gesprächen mit den Menschen
landschaft geworden ist. vor Ort. W
Die vielen „heiligen Stätten“ zeigen, wie wich-
tig es für Menschen immer war, den Glauben zu
verorten – und Grundbesitz im Land der Bibel zu Erfahrungen eines Schriftstellers
erwerben. Die Kirchen werden von Gemeinschaf-
ten unterschiedlicher Konfessionen und Nationali-
täten betreut und so muss es nicht wundern, dass „Doch die Worte dieses einen Juden, der sich Jesus von Nazareth nannte, ob
neben dem „franziskanischen Kafarnaum“ auch er sie nun sprach oder nicht, genügen mir. Nicht die Herkunft des Wortes
das „griechisch-orthodoxe Kafarnaum“ besucht überzeugt, sondern das Wort. Wäre auf diesem Berg, der vielleicht gar nicht
werden kann. Die Bedeutung biblischer Erzäh- der Berg war, auf dem er gesprochen hat, keine Kirche gewesen, hätte ich
lungen hängt eben nicht davon ab, ob sie sich hier meinem Freund Tobias, der mich in seinem Wagen durch das Land Israel
oder dort zugetragen haben könnten – doch das ist führte, zugerufen: Halt an! Und ich kann mir vorstellen, daß ich den Berg
bereits eine Frage der Hermeneutik und Kultur der hinaufgerannt wäre, nur um mir vorstellen zu können: Hier geschah es.
Reisenden. Die Baustile, Liturgien und Frömmig- Hier hat er geredet. Aber auf dem Berg stand eine Kirche, eine Ideologie,
keitsformen an den Pilgerorten entsprechen nicht und ich besteige keinen Berg, um eine Kirche zu finden, sondern um die
immer mitteleuropäischen Erwartungen. Das kann Gewißheit zu haben, mag sie nun eine Täuschung sein oder nicht, hier, auf
befremden – aber auch bereichern. Auf jeden Fall diesem steinigen Boden, hat er die gewaltigste Rede geredet, die ich kenne,
sind es „durchbetete“ Orte, an denen Menschen die Rede der Reden, eine Rede aus dem Judentum geboren, aber sicher hat
durch die Jahrhunderte ihren Glauben ausgedrückt er nicht in einer Kirche geredet. Doch wenn dieses Gebäude auf dem Berge
und ihr Leben festgemacht haben. für mich eine Ideologie ist, so vermag sie für andere etwas Existentielles
Archäologische Ausgrabungen ermöglichen zu sein: eine heilige Erinnerungsstätte an die Bergpredigt etwa; während
meist keinen direkten Blick in die Zeit Jesu, weil mich gerade diese Erinnerungsstätte stört, mich an die Bergpredigt zu
die aussagekräftigen Funde jünger oder älter sind. erinnern. Der Unterschied ist eine Lappalie, gewiß, wie es alle Unterschiede
Dennoch zeichnen sie ein facettenreiches Bild im Glauben sind. Schrecklich werden sie nur, wenn sie objektiviert werden,
von der damaligen Lebenswelt in winzigen land- wenn das, woran einer glaubt, als etwas Objektives genommen wird: denn
wirtschaftlichen Siedlungen sowie in Städten mit der Glaube ist etwas Subjektives und damit Existentielles.“
beträchtlicher hellenistischer Kultur. Zahllose Sy-
nagogenfunde lassen das Judentum Jesu lebendig Friedrich Dürrenmatt:
werden. Fischerboote, Öllampen oder Mahlsteine Zusammenhänge. Essay über Israel. Eine Konzeption. 1975.

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welt und umwelt der bibel 1/2021 59
Aus der Welt der Bibel: Panorama • Die großen Städte der Bibel •

Sarkophage über Sarkophage!


Seit Monaten meldet die ägyptische Antikenbehörde immer neue
Sarkophag-Funde in der Nekropole von Saqqara – in zwei-, ja
dreistelligen Zahlen. Anfang September 2020 wurden zunächst
13 ungeöffnete Sarkophage entdeckt. Am 20. September meldete
die BBC den Fund weiterer 14 Sarkophage sowie kleinerer Statuen
und anderer Gegenstände; Mitte November dann mindestens
100 Sarkophage, zum Teil noch versiegelt, sowie 40 vergoldete Sta-
tuen und Totenmasken. In einer Veranstaltung am Fuß der Saqqara-
Pyramiden wurden die Funde der neugierigen Öffentlichkeit präsen-
tiert. Die Sarkophage stammen laut Mustafa Waziri, Generalsekretär
der Antikenbehörde, aus drei waagerechten Bestattungsschächten in
ca. 12 m Tiefe. Er spricht von weiteren Schächten „voll mit Sarkopha-
gen“. „Immer wenn wir einen Grabschacht mit Sarkophagen leeren,
finden wir einen Eingang zu einem anderen“, so Antikenminister
Khaled el-Anany. Die Holzsarkophage seien Menschen der upper
class zuzuordnen. Man hoffe jetzt, auch Spuren der Holzwerkstätten
Bild © Picture Alliance

zu finden, in denen sie hergestellt wurden. Ein Teil der Sarkophage


soll in das nahe gelegene neue Grand Egyptian Museum transpor-
tiert werden – und dort hoffentlich bald Touristen anziehen. (wub)

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Die Bibel in berühmten Gemälden • Ausstellungen und Veranstaltungen

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welt und umwelt der bibel 1/2021 61
Alte Verschwörungstheorien in neuem Gewand

Von Apion zu QAnon


Seit etwa vier Jahren verbreitet sich von den USA aus eine neue, populäre Ver­schwörungs­
erzählung unter dem Stichwort „QAnon”, auch in Deutschland. Dahinter stecken antisemitische
Motive, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen – mindestens bis zum Schriftsteller Apion
im 1. Jh. nC. Welche sind es und wieso werden haarsträubende Anti­judaismen überhaupt von
Jahrhundert zu Jahrhundert weitergegeben?

E
ine krude Verschwörungstheorie, die be- „Protokolle“ entwerfen dabei ein totalitäres Uto-
kannte Persönlichkeiten wie Hillary Clin- pia und beschreiben alle zu seiner Herbeiführung
ton und Bill Gates mit einem angeblichen notwendigen gesellschaftlichen, politischen und
Menschenhandelsring in Verbindung bringt, ver­ sozialen Schritte. Ihr Inhalt wurde nicht nur von
bindet sich mit dem Schlagwort „Pizzagate“: der rassistischen Propaganda des nationalsozia-
Denn der Menschenhandelsring agiert angeblich listischen Regimes eifrig rezipiert, sondern stößt
vom Keller einer Pizzeria in Washington aus und – trotz der Evidenz ihres menschenverachtenden
entnimmt entführten Kindern ihr Blut, um daraus Charakters und trotz ihrer verhängnisvollen Ziel-
ein Verjüngungsmittel für skrupellose alte weiße setzung – immer noch und immer wieder auf Re-
Männer zu gewinnen. Diese abstrusen Behaup- sonanz.
tungen tauchten zunächst in der Kloake des In- Noch viel älter als der zählebige Mythos der
ternets auf den Seiten des US-amerikanischen „jüdischen Weltverschwörung“ ist jedoch die – in
Forums „4Chan“ auf. Dort und auch in anderen die Ritualmordlegende mündende – Behauptung,
sozialen Netzwerken veröffentlicht eine anony-
me Person oder Gruppe unter dem Pseudonym
„QAnon“ seitdem kryptische Botschaften. Es sind
angebliche Insiderinfos aus US-amerikanischen Aktion der Kirchen gegen Antisemitismus
Regierungskreisen und vor allem Beschreibun-
#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst
gen der geheimen Aktionen und Pläne des „Deep
State“, der bösartigen Weltverschwörung einer
international im Verborgenen agierenden, die Po- Die Deutsche Bischofskon­
litik, die Wirtschaft und sämtliche Massenmedien ferenz und die Evangelische
kontrollierenden mächtigen Elite. Diese besteht Kirche in Deutschland haben
aus den üblichen Verdächtigen: Linken, Reichen, eine Plakatkampagne gegen
Freimaurern und Juden. Antisemitismus aufge­
Die absurde Vorstellung von der Existenz einer legt: Sie trägt den Namen
– selbstverständlich jüdisch dominierten – glo- #beziehungsweise. Im
balen Geheimregierung, die eine „Neue Weltord- Jahr 2021 werden Sie zum
nung“ beabsichtigt und dabei in Wirklichkeit die Beispiel in Gemeinderäumen
Unterjochung der gesamten Menschheit im Sinn auf Plakate stoßen, die jüdische und christliche Feste und Themen
hat, gehört seit dem Ende des 19. Jh. zum Stan- verbinden. Kernanliegen der Kampagne ist es, die Gemeinsamkeiten
dardrepertoire des modernen Antisemitismus. Ein zwischen Juden und Christen im religiösen Leben aufzuzeigen. Anti­
berüchtigtes Beispiel hierfür sind die sogenann- semitismus hat auch christliche Wurzeln, daher ist es für die Kirchen
ten „Protokolle der Weisen von Zion“. Sie kommen konsequent, hier Stellung zu beziehen. Ein QR-Code auf den Pla­
einher als Aufzeichnungen während einer Ver- katen führt zu einer Website, auf der weitere Informationen zu den
sammlung der Stämmevertreter Israels mit dem Themen zu finden sind. 2021 ist zudem das Festjahr „1700 Jahre
erklärten Ziel der Vernichtung aller christlichen jüdisches Leben in Deutschland”, mehr dazu auf www.1700jahre.de
Staaten und mit praktischen Vorschlägen zur Er-
langung der absolutistischen Weltherrschaft. Die

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welt und umwelt der bibel 1/2021
die „Anderen“ würden Kinder entführen, quälen,
umbringen und verzehren. Bereits im Alten Tes-
tament werden Kindesmord und Kannibalismus
entweder als typische Kennzeichen fremder Kul-
te (2 Kön 3,27) oder als grausige Verfehlung der
eigenen Herrscher (1 Kön 16,34; 2 Kön 16,3; 21,6)
bzw. des gesamten sündhaften Volkes (Jes 57,5;
Jer 7,31; Ps 106,37f) dargestellt. In beiden Fällen
entsprechen die polemischen Vorwürfe sicher
nicht der geschichtlichen Wirklichkeit.

Extrem-Motiv Kindermord
Gegen Ende des 1. Jh. nC musste sich auch der
antike jüdische Geschichtsschreiber Flavius Jose-
phus in seiner Verteidigungsschrift „Gegen Apion“
(contra Apionem) mit den gehässigen Anwürfen
des graeco-ägyptischen Schriftstellers Apion aus-
einandersetzen, der die alljährliche Entführung
und Opferung eines unglücklichen Griechen im
Jerusalemer Tempel schilderte (Ap 2, 89-96). Jo-
sephus selbst stand diesen Falschbehauptungen
freilich in nichts nach, wenn er seinerseits aus- reichen Zeugnissen christlicher Volksfrömmigkeit Darstellung eines
führte, dass sein nichtjüdischer Gegner Apollo- auftaucht. Die Ritualmordlegende wurde weder Ritualmords jüdischer
nios Molon in eifriger Nachahmung persischer von Apion noch von „QAnon“ allein aus Bosheit Männer an einem
christlichen Knaben.
Praktiken fremde Frauen vergewaltige und Kna- und Misanthropie tradiert und verbreitet, sondern
Berner Chronik des
ben verschneide (Ap 2, 270f). vor allem deshalb, weil sie stets einen Beitrag
Diebold Schilling,
Im frühen Christentum findet sich einerseits zur Durchsetzung von konkreten Machtinteres- 15. Jh. Schon in der
der traditionelle, stereotype Vorwurf des jüdi- sen und zur individuellen Deutung einer oft als Antike werfen sich
schen Prophetenmordes (Mk 12,1-9; 1 Thess überkomplex und krisenhaft wahrgenommenen gegnerische Religions­
2,14-16, „Diese [die Juden] haben Jesus, den Herrn, Welt zu leisten vermag. Dabei ist es völlig ohne gemeinschaften vor,
und die Propheten getötet“). Andererseits wur- Belang, dass sie von Beginn an allein aus böswil- Kinder zu ermorden,
de der Kausalzusammenhang von Götzendienst ligen Behauptungen und Lügen besteht. Beson- zu verspeisen oder ihr
und Unzucht in all ihren Spielarten zu „dem“ ders gefährlich werden solche Lügen dann, wenn Blut zu trinken.
Exempel für die totale Macht der Sünde über alle
Menschen (Röm 1,24-27). Allerdings zogen, so
berichten Kirchenschriftsteller wie Justinus, Ori- Apion schilderte die alljährliche Entfüh-
genes und Eusebius, bald auch die christlichen
Gemeinden selbst den Vorwurf auf sich, sie wür- rung und Opferung eines unglücklichen
den kleine Kinder fangen und in geheimen Ritu- Griechen im Jerusalemer Tempel
alen ihr Blut trinken. In einem Brief des Minucius
Felix musste sich der römische christliche Apo-
loget sogar mit der Behauptung vom Verspeisen sie unser menschliches Grundbedürfnis nach Lesetipps
eines in Brotteig gebackenen Babys während des Weltdeutung und Orientierung vordergründig zu • Heinz Schrecken-
Gottesdienstes auseinandersetzen. Auch inner- befriedigen scheinen. Ihr sinnstiftender Charakter berg, Die christlichen
halb des Christentums fanden im Zusammenhang kann unter bestimmten Voraussetzungen durch- Adversus-Judaeos-Texte
mit Lehrstreitigkeiten sowohl die angebliche Ent- aus eine stärkere Anziehungskraft besitzen als und ihr literarisches
führung und Schlachtung von Kindern als auch die Wahrheit in ihrer Ambiguität und Komplexität. und historisches Umfeld
der Genuss ihres Blutes während der Herrenmahl­ Die Erkenntnis, dass verhängnisvolle Lügenge- (1.–11. Jh.), Verlag Peter
feier der jeweiligen Gegner Erwähnung, wie der bäude wie das von „QAnon“ immer funktioniert Lang 41999.
Kirchenlehrer Augustin bezeugt (De haeresibus 26). haben und weiterhin funktionieren werden, könn- • Wolfgang Benz, Die Pro-
Auf dieser Grundlage überrascht es in keiner te dazu beitragen, dass wir ihre gesellschaftli- tokolle der Weisen von
Weise, dass die böswillige Lügengeschichte von chen Rahmenbedingungen und psychologischen Zion. Die Legende von
© public domain

der Entführung und Ermordung christlicher Kna- Strukturen zukünftig noch besser durchschauen. W der jüdischen Weltver-
ben durch Juden, die ihr Blut abzapfen und es dem (Prof. Dr. Michael Tilly, Professor für Neues Testament, Institut schwörung, C. H. Beck
Matzenteig beimengen, in ganz Europa seit dem für antikes Judentum und hellenistische Religionsgeschichte 2007.
Mittelalter große Verbreitung erfuhr und in zahl- Universität Tübingen)

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welt und umwelt der bibel 1/2021 63
Grenzstein auf dem Golan verrät uralten Namen

Ein Ortsname, der sich über


Jahrtausende erhalten hat
Es kommt höchst selten vor, dass ein Inschriftenfund vor Ort einen antiken Blick in die Ausgrabungen,
die in der obersten Schicht eine
Ortsnamen bestätigt. Ein neuer Fund im Golan erwähnt nun sogar einen mamelukkische Raststätte aus
Namen, den man aus antiken Quellen bisher nicht kannte. dem 14. Jh. zeigen.

F
achleuten war die archäologische der Ortschaft enthält: Kafr Nafah! Trotz zwei-
Stätte direkt an der Straße von Gescher er Siedlungsunterbrechungen hat sich also
Benot Ja’aqov, einer Furt unten am Jor- der Ortsname dauerhaft erhalten, weil die
dan, hinauf nach Quneitra (und ursprünglich Bewohner der Umgebung immer wussten, Der Grenzstein, der die Grenze
weiter nach Damaskus) schon länger ein Be- wie sie die Ruinen der alten Ortschaft nen- zwischen „Kafr Nafah” und einer
weiteren Ortschaft markierte.
griff. Ausgrabungen aus dem Jahr 2005 und nen sollten – für die historische Topografie
Oberflächenuntersuchungen hatten gezeigt, eine grundlegende Voraussetzung, um an-
dass hier in römisch-byzantinischer Zeit eine tike Orte mit modernen Ortsnamen gleich-
Ortschaft existierte. Es wurde sogar erwogen, zusetzen. Bisher war der Ortsname aber
ob es dort eine Synagoge gegeben habe, aus keiner Textüberlieferung bekannt. Die
aber die hierfür herangezogenen Funde sind Inschrift wird vorläufig auf die Zeit um das
doch zu wenig charakteristisch, um die An- Jahr 300 datiert.
nahme zu erhärten. Der Ort war erneut im Schon seit vielen Jahren ist ein gutes Dut-
13.–15. Jh. besiedelt, nun mamelukkisch, und zend derartiger Steine aus dem Golan be-
schließlich existierte hier im 19. und 20. Jh. kannt, die Grenzmarkierungen zwischen den
ein syrisches Dorf namens Nafah, das nach Territorien einzelner Siedlungen darstellten.
© Assaf Peretz/Israel Antiquities Authority

der israelischen Eroberung des Golan ver- Allerdings spielten sie in der historischen
lassen wurde. Heute befindet sich an dieser Diskussion der letzten Jahrzehnte keine
Stelle das israelische Nafah-Militärlager. Rolle mehr. Der neue Stein erweitert dieses
Bei Bauarbeiten für eine Wasserleitung Korpus und bietet einen wichtigen Einblick
wurde nun ein Stein entdeckt, der sekun- in die Besitzansprüche und -abgrenzungen
där zur Abdeckung eines Grabes aus dem der Ortschaften des Golan in der römisch-
5. Jh. verwendet worden war. Dieser Stein byzantinischen Zeit. W
war mit einer Inschrift versehen, die nach (Prof. Dr. Wolfgang Zwickel, Professor für Altes Testa-
der vorläufigen Lesung den antiken Namen ment und Biblische Archäologie, Universität Mainz)

64 welt und umwelt der bibel 1/2021


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„Grab des Lazarus” renoviert
Eine 3-D-Simulation der Bau-
geschichte ist Teil des Res­
taurierungsprojekts: Die erste
Kirche aus dem 4. Jh. (links), der
Im palästinensischen Ort El-Azariye befindet sich die Gedenkstätte des
Eingang zum Grab vom Atrium
Lazarusgrabs und des biblischen Betanien. Im November 2020 konnte aus (oben), das große Kloster aus
der Kreuzfahrerzeit (unten), das
ein Restaurierungsprojekt abgeschlossen werden. Saladin dem Erdboden gleichma­
chen ließ.

N
ach einer fünfmonatigen Projekt- der Moschee, wurde nach einem Abkommen
phase ist das traditionelle Grab des mit den Franziskanern im 16. Jh. zugemauert,
Lazarus restauriert der Öffentlich- ein neuer Abstieg in den Felsen gehauen.
keit präsentiert worden. Für Gäste soll die Das Grab sei zuletzt in einem sehr schlech-
reiche Geschichte des biblischen Betani- ten Zustand gewesen, erklärt Projektkoordi-
en sichtbarer werden. Spätestens seit dem nator und Architekt Osama Hamdan. Immer
4. Jh. sei eine Verehrung des Lazarusgrabs wieder ist das Team auf Überraschungen ge-
belegt, erklärt Kunsthistorikerin Carla Be- stoßen, zwei Ossuarien etwa, die im Boden
nelli, Verantwortliche der Kulturprogramme der Grabkammer gefunden wurden und wei-
des Hilfswerks der Franziskanerkustodie, ter untersucht werden müssen. Der jüngste
Der steile Treppenabstieg ins
ATS-Pro Terra Sancta, das zusammen mit Fund: Reste des Baptisteriums der ersten
Lazarusgrab, dessen feuchtes
dem Mosaik­zentrum von Jericho und der ita- Kirche. Dass auch die muslimische Seite des
Raumklima verbessert wurde.
lienischen Agentur für Entwicklungszusam- Grabs restauriert werden konnte, werten die
menarbeit hinter den Restaurierungen steht. Projektverantwortlichen als Erfolg. Der Ort
Eine erste Kirche entstand Ende des ist heute ein Zeugnis der Koexistenz und des
4. Jh. neben dem Grab. Nach einem Erdbe- Dialogs zwischen den Religionen.
ben wurde sie im 6. Jh. durch eine größere Früher konnte man Betanien von Jerusa-
Kirche ersetzt. Die Kreuzfahrer im 12. Jh. lem aus in 3 km erreichen, heute sind es 17
vergrößerten die Anlage erneut. Zwei neue geworden: Die Mauer und die israelische
Kirchen entstanden, eine von ihnen direkt Siedlung Ma’ale Adumim ersticken Al-Aza-
über dem Grab. Daneben ließ Kreuzfahrerkö- riya, beklagt ein Vertreter des palästinensi-
nigin Melisande um 1150 ein eindrucksvolles schen Awqaf-Ministeriums für religiöse und
Frauenkloster errichten. Aus der Kirche über islamische Angelegenheiten. Reisegruppen
der Grabkammer wurde ein islamisches Got- gelangen nur auf Umwegen zum biblischen
© Quelle: Youtube/Archiv WUB

teshaus, das im 16. Jh. zur heutigen Al-Usair- Gedenkort. Entsprechend groß sei die Freu-
Moschee ausgebaut wurde. Zwar werde Laza- de über die Hilfe durch das Projekt. 500.000
rus im Koran nicht genannt, so Carla Benelli, Besucher kamen nach Angaben von Bürger- Betanien heute: eine Moschee
wohl aber ein ähnliches Auferweckungswun- meister Issam Farun vor der Pandemie jähr- über dem Lazarusgrab, eine
der. Im Laufe der Zeit wurde es mit dem Pro- lich. Wenn der Pilgerbetrieb wieder startet, franziskanische Kirche unterhalb
pheten Esra, arabisch Usair, identifiziert. Der soll man den Ort neu erleben können. W und eine orthodoxe (nicht im
ursprüngliche Zugang zum Grab, heute unter (Andrea Krogmann/KNA/wub) Bild) oberhalb der Moschee.

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welt und umwelt der bibel 1/2021 65
Eine Festung aus dem 11./10. Jh. vC
Das Geheimnis der gehörnten Figuren
Auf dem Golan zeigt ein kürzlich ausgegrabener Stein zwei Figuren – eingeritzt Die Ausgrabungsstelle
von Hispin unter einem
vor rund 3000 Jahren. In der Nähe wurde ein ähnliches Motiv gefunden. Wer ist Zeltdach …
hier dargestellt? Und verrät die Festung wirklich etwas über die „Zeit Davids”,
wie viele Veröffentlichungen sogleich titelten?

I
n der Bibel wird ein aramäisches Kleinkönig- Darstellung mit dem Mondgott zu verbinden und
tum genannt: Geschur. Es soll zur Zeit Davids einige Parallelen aus der Südtürkei und Syrien,
existiert haben – schriftliche Belege dafür lie- u. a. aus Gaziantep, Tell el-Aš’ari, ‛Āwas und, eṭ-
fert bislang aber nur die Bibel (Dtn 3,14; 2 Sam Ṭurra, zu benennen. Der Mondgott von Haran mit
3,3; 13,37-38 u. ö.). Es lag demnach am Nordost­ seiner Sichelstandarte wird in der Eisen IIB-Zeit
ufer des Sees von Galiläa. Sein Zentralort Geschur sehr populär und einige Siegel zeigen eine ähn-
ist in der zweiten Hälfte des 10. Jh. vielleicht in liche Stilisierung wie die Stele aus et-Tell. War
et-Tell, dem vermutlichen späteren Betsaida, zu schon diese erste Basaltstele ein Jahrhundert-
lokalisieren, und auch die wichtigen Orte am fund, so war die 2019 entdeckte zweite Stele des
Ostufer wie Tel Hadar, TelʿEn Gev und Tel Dover Mondgottes (s. Abb.) erst recht eine Überraschung:
müssen zum Reich gezählt haben, manche rech- Der 66 cm hohe Basaltblock fand sich im Tor­ oben © Yaniv Berman, Israel Antiquities Authority

nen auch Kinneret am Westufer hinzu. bereich, umgekehrt vergraben und augenschein-
Seit geraumer Zeit faszinieren großartige ar- lich demselben ikonografischen Typ angehörend,
chäologische Funde, die man den Geschuritern dem Ausgräber Rami Arav (Universität von Neb-
zurechnet. Besonderes Augenmerk fand dabei raska) zufolge aber wahrscheinlich vom archäo-
eine 115 cm hohe, sensationelle Basaltstele aus logischen Kontext deutlich früher, in die späte
dem 9.–8. Jh. vC, die im äußeren Torbereich von Eisen I­-­Zeit (11./10. Jh. vC), zu datieren.
et-Tell auf einem Podest aufgestellt war. Als sie
1997 entdeckt wurde, gab sie zunächst Rätsel Die jüngste Entdeckung
auf: ein stark stilisierter menschengestaltiger Im Herbst 2020 setzt eine Entdeckung in Mo­shav
Stier, dessen schmaler Körper aber in einen Pfos- Hispin den Reigen der Funde fort, ein kleiner
ten übergeht? Erst Othmar Keel gelang es, die Ort in dem von Israel seit 1967 besetzten Golan,

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Panorama

… darunter befindet sich der


Fundort dieses Steins mit der
Einritzung zweier Figuren. Sie
sind gehörnt, ähnlich wie auf
einer Stele aus et-Tell, … … die 2019 gefunden
wurde. Auch die Gestalt
auf dieser Stele ist mit
Hörnern dargestellt.

etwa auf der Höhe von et-Tell, 13 km vom Ostufer Figuren eingeritzt sind. Ihr Kopf ist nur angedeu-
entfernt. Weil der Moshav seine Siedlungsfläche tet und wie bei der zweiten Basaltstele von et-Tell
erweitern will, stieß man im Vorfeld der Bauar- die Fortsetzung einer Art Stange/Gestell, von der
beiten auf eine etwa 1 ha große Festung, gesi- auch die charakteristisch nach unten gebogenen
chert mit fast 1,5 m breiten Basaltmauern. Für die Arme und Beine abgehen. Durch die großen halb-
beiden Archäologen Barak Tzin und Enno Bron mondförmigen Hörner und Kurzschwerter, die al-
(Israel Antiquities Authority, IAA) diente die hoch lerdings hier über den „Armen“ zu erkennen sind,
oben, rechts © Yaniv Berman, IAA, unten: © Ivgeni Ostrovski, IAA

gelegene Anlage der strategischen Kontrolle ei- sind die Gestalten dem Mondgott von Betsaida
ner Furt im kleinen Bachtal des El Al. Die Fes- sehr ähnlich. Wie die Doppelung zu deuten ist,
tung datiert laut IAA in die Eisen I-Zeit (11./10. Jh. ist eine offene Frage, zumal sie offenbar nicht als
vC) und unterstreicht die strategische Bedeutung Wächterfiguren ein zentrales Objekt flankierten.
der Region. Geradezu reflexartig wurde der Fund Dass hier die Stele des Zentralorts „kopiert“ wer- Fragment einer
aufgrund der recht frühen Datierung mit König den sollte, wie die Ausgräber vermuten, erscheint weiblichen Figurine
David und den biblischen Geschuritern in Verbin- wenig wahrscheinlich. Doppelgottheiten sind aus mit Handtrommel,
gefunden neben Perlen
dung gebracht und – wie üblich – über reißeri- der Eisen I-Zeit auch von anderen Orten bekannt
und einem Metallring.
sche Inschriften dem großen Narrativ einer isra- (z. B. Kuntillet ‛Ajrūd oder Tell Qasile). Es wird dis-
Dieser Typ ist an vielen
elitischen Herrschaft über den Golan zugeordnet. kutiert werden müssen, ob es sich um eine Paar- Orten im Norden und
Leisere Töne unterstreichen dagegen den aramäi- darstellung des Mondgottes und seiner Partnerin in Transjordanien vor
schen Einfluss in der Anlage, ohne eine ethnische handeln soll. Dazu sind die Figuren aber zu ähn- allem in Schichten der
oder politische Zuordnung vorzunehmen. lich. Oder ob die Doppelung einfach die Kraft und Eisen IIA-Zeit, 10./9.
Die eigentliche Sensation ist ein großer Basalt- Präsenz der Figur verdoppelt? W (Prof. Dr. Christian Jh. vC, belegt.
block, in den zwei etwa gleich große, stehende Frevel, Professor für Altes Testament, Universität Bochum)

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welt und umwelt der bibel 1/2021 67
Große Städte der Bibel • Pergamon

Wo der Satan wohnt


In der Johannesoffenbarung wird Pergamon verteufelt – doch es war auch eine
blühende griechisch-römische Stadt, die zum Ruhm der olympischen Götter und
des Römischen Reichs ausgebaut wurde. Als Sitz einer berühmten Bibliothek war
es auch ein Schmelztiegel der antiken Medizin.

Türkei

W
o der Thron des Götter und Bücher Lesetipp
Satans steht“, „wo Pergamon Auf der Akropolis residier- • In Praise of Asclepius:
der Satan wohnt“ … ten die Könige und vor allem Aelius Aristides. Ausge-
Der Autor der Offenbarung des jene Götter, auf deren Gunst wählte Prosahymnen,
Johannes beschreibt die Stadt sie setzten. Der letzte Herrscher Mohr Siebeck 2016.
Pergamon in seinem Sendschrei- Pergamons bebaute den höchsten
ben an die wachsende christliche Punkt der Akropolis am westlichen
Gemeinde auf drastische Weise (Offb Ende mit einem Umgangstempel für den
2,12-17). Harte Worte für die prestigeträchtige vergöttlichten Kaiser Trajan (98–117), in der Mit-
Metropole des alten Mysien! Zu der Zeit, als Jo- te eine Esplanade mit drei Portiken. Es war eine
hannes von Patmos die Offenbarung verfasst, um große Ehre für Pergamon, um 110 nC das Recht
95 nC, ist sie die Hauptstadt der römischen Pro- zum Bau dieses Trajaneums zu erhalten, auch
vinz Asien und eine blühende Stadt, deren Anse- wenn die Stadt bereits seit der Herrschaft des
hen und Reichtum auf die Nachfolger Alexanders Augustus (ca. 29 vC) als Zentrum des Kaiserkults
d. Gr. zurückgeht. Eine lokale Dynastie, die von bekannt war. Dies zeigt, wie sehr die Stadt dar-
einem gewissen Attalus gegründet worden war, auf bedacht war, den höchsten Funktionsträgern
hatte Pergamon 263 vC zu einem unabhängigen des Römischen Reichs zu gefallen, und wie unge-
Königreich erhoben und unter Eumenes II. zur mütlich die Lage für Christen unter dem Zwang
Blüte gebracht, bevor dessen letzter Nachkomme gewesen sein muss, heidnische Opferriten zu
Attalus III. es 133 vC per Testament den Römern vollziehen und den Kaiser als Gottheit zu vereh-
vermachte. Im Laufe der Zeit war die Stadt, die ren. So können wir den Lobpreis der Offenbarung
auf einem Felssporn lag, der die Umgebung über- für diejenigen verstehen, die ihren Glauben nicht
ragte, über ihre Stadtmauern hinausgewachsen verleugneten, und die Klage über diejenigen, die
und hatte sich den Hang hinunter in die große Götzenopferfleisch aßen.
Flussebene des Caicos ausgebreitet. Unter Miss-
achtung aller städtebaulichen Rechtwinkligkeit
hatten die Attaliden zugelassen, dass das Land-
Wichtige Daten
schaftsrelief die Stadtplanung lenkte. Sie nutzten
die Konturen langer Terrassen am Felsabhang, 241 vC Attalos I. nimmt den Titel des Königs von Pergamos an
die durch eine gewundene Straße verbunden wa- 197–159 vC Blütezeit während der Regierungszeit von Eumene II.
ren. Von der Ebene aus sah man nun eine Kaskade 133 vC Attalus III. vermacht sein Königreich an Rom
von Denkmälern, die den Glanz des Marmors mit um 95 nC Johannes von Patmos verfasst die Johannesoffenbarung
der Kraft des Andesits verband – als Manifest der 113–137 nC Herrschaft des römischen Kaisers Hadrian
Macht der Herrscher und ihrer Schutzgottheiten. 716 nC arabisch-islamische Eroberung der Stadt

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Die antike Stadt Per- Von den Schutzgottheiten der Stadt ist Athene um sie nach dem Brand der alexandrinischen Bi-
gamon zog sich von die älteste. Neben ihrem Heiligtum, das auf das bliothek um 47 vC zu trösten. Der historische Ge-
der Akropolis abwärts Ende des 4. Jh. vC zurückgeht, befand sich ein halt dieser Angabe ist allerdings unklar.
bis in die Ebene. Ein Museion mit einer Bibliothek, die als einzige in
von Säulen gesäumter der mediterranen Welt mit der Bibliothek von Satans Thron
Prozessionsweg, die Alexandria konkurrieren konnte. Laut Plinius d. Eine Terrasse weiter westlich hatte Zeus seinen
Via Tecta, führte zum
Ä. veranlasste der erbitterte Konkurrenzkampf Platz mit einem 12 m hohen Opferaltar. König
Asklepiostempel
Pergamon, ein vom ägyptischen König Ptolemäus Eumenes II. hatte ihn um 190 vC dem Herrn des
(im Vordergrund).
Epiphanes (205–182 vC) verhängtes Papyrus-Em- Olymp gewidmet, um seine Herrschaft zu rühmen
bargo zu umgehen, und pergamena, abgezogenes und des Sieges seines Vaters Attalus I. über die
und geschliffenes Schaf- oder Ziegenfell, zu ent- Galater zu gedenken. Der Zeusaltar stand auf ei-
wickeln. Die Technik, die dem „Pergament“ seinen nem Sockel, zu dem man über eine monumentale
Namen gab, war zu dieser Zeit aber wohl schon Treppe gelangte, die wiederum von einem hufei-
im Osten bekannt, wir kennen zum Beispiel unter senförmigen Portikus begrenzt wurde. Die Fassa-
den des Altars waren mit einem langen Relieffries
verziert. Es illustrierte in dem für die pergameni-
In der u-förmigen Architektur sahen die sche Kunst charakteristischen „barocken“ Stil die
Gigantomachie, den Sieg, den die olympischen
© Balage Balogh, Dist. RMN-Grand Palais

Christen einen Sitz mit Armlehnen ... Götter gegen die Giganten errangen und damit
das Ur-Chaos besiegten. Ein Motiv ohne falsche
Bescheidenheit des Königs! Und in den Augen
den Schriftfunden vom Toten Meer frühe Manu- der Christen ein abgründiger Ort, die in dieser re-
skripte auf Pergament aus der Mitte des 3. Jh. vC. präsentativen u-förmigen Architektur einen Sitz
Wie dem auch sei, nach Angaben des Historikers mit monströsen Armlehnen sahen ... den Thron
Plutarch sollen 200.000 Bände aus der Bibliothek Satans, der den Autor der Offenbarung so empört
von Pergamon in Alexandria gelandet sein, die hat. Neben dem Kaiserkult verabscheuten die
Mark Anton Königin Kleopatra angeboten hatte, Christen vor allem die blutigen Opfer, zu denen

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welt und umwelt der bibel 1/2021 69
Das Trajaneum, der
Tempel des vergött-
lichten Kaisers Trajan,
der um 110 nC auf der
Akropolis errichtet und
in den 1990er-Jahren
restauriert wurde.

Bürger des Römischen Reichs unter Androhung te Prozessionsstraße. Das große therapeutische Tetradrachme,
von persecutio (Verfolgung) oder gar Tod ange- Zentrum umfasste mindestens zwei Tempel, die Silber, aus Pergamon,
halten wurden. Johannes von Patmos zufolge war mit dem Quellwasser verbunden waren, Becken, Regierungszeit des
Antipas, sein „treuer Zeuge“, in Pergamon getötet Inkubationsräume, ein Theater, eine Bibliothek ... Eumenes II., 2. Jh. vC.
worden, „dort, wo der Satan wohnt“ (Offb 2,13). So Die Kranken folgten einem rituellen Weg, zu dem
wird kaum überraschen, dass der Altar und seine Bäder und Prozessionen, Gemeinschaftsriten und
skandalösen Skulpturen in Bruchstücken endeten, private Andachten gehörten. Priester-Ärzte ver-
mit dem Gesicht nach unten wiederverwendet in sahen hier ihren Dienst, darunter der berühmte
einer provisorischen Verteidigungsmauer, den die Galen (129–201 nC), dessen Theorie der vier Kör-
Pergamener zu Beginn des 8. Jh. errichteten, um persäfte die westliche Medizin bis ins 18. Jh. präg-
der arabischen Eroberung von 716 ohne Erfolg zu te. Das Asklepieion wurde in der zweiten Hälfte
widerstehen. des 3. Jh. Opfer eines Erdbebens und verlor par-
allel zur traditionellen griechisch-römischen Re-
Der untere Teil von Pergamon ligion seine Bedeutung. Bald schon, im Jahr 311
Am Fuße der Akropolis lag die Unterstadt, wo offiziell erlaubt, gewann ein anderer heilender
heute die moderne türkische Stadt Bergama an Rettergott, Christus, allmählich an Boden – und an
das antike Stadtgebiet heranreicht. Dort befinden zugewandten Seelen. W (Estelle Villeneuve)
sich die Überreste eines Tempels des ägyptischen
Gottes Serapis, der im 3. Jh. nC aus rotem Ziegel
mit Marmorverkleidung erbaut wurde. Das Haupt-
gebäude mit Rotunden und einem Innenhof wur-
de später in eine Kirche des Heiligen Johannes
Die „Heiligen Reden“ des
umgewandelt. In der Unterstadt befand sich auch Aelius Aristides
eine weltberühmte Institution der Stadt: der Tem- Tempel © Esin Deniz/123rf.com.; Münze © BNF

pel des Medizingottes Asklepios, den man auch


sôter („Retter“) nannte. Im 4. Jh. vC wurde der Kult Aelius Aristides stammte aus Mysien und war ein Rhetor des 2. Jh. nC,
aus Epidaurus importiert. Eine Pergamenerin na- der mit der Strömung der zweiten Sophistik (1.–3. Jh.) verbunden ist.
mens Achias führte eine Heilung auf Asklepios Sein Gesundheitszustand stand nicht zum Besten und er unterzog
zurück und so siedelte sich der Asklepioskult an sich regelmäßigen Kuren im Asklepiosheiligtum in Pergamon. Dabei
einer Heilquelle an. Das ursprünglich bescheide- führte er eine Art Tagebuch, in dem er seinen Heilungsweg und seine
ne Heiligtum erlangte große Bedeutung unter mystischen Erfahrungen schildert. Über seine persönliche Frömmig-
den Attaliden, insbesondere unter Eumenes II., keit und philosophischen Überlegungen über den Körper und die the-
und wurde zur Zeit Hadrians weitgehend umge- rapeutische Pilgerfahrt hinaus gibt Aristides wertvolle Informationen
staltet. Der Zugang von der Stadt aus erfolgte über das Heiligtum von Pergamon, seine religiöse Organisation und
über die Via Tecta, eine lange, von Säulen gesäum- Architektur.

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Pergamon

Eine Ausgrabung und


ihr Ausgräber

Nach Abschluss seines Architekturstudiums verließ Carl Humann


1861 Deutschland, um sich im östlichen Mittelmeerraum niederzu-
lassen, wo das Klima ihm nach einer Tuberkuloseerkrankung zuträgli-
cher erschien. Fasziniert von Altertümern und Archäologie entdeckte
er den Pergamonaltar, als er für die osmanische Regierung den Bau
von Straßen und Eisenbahnen überwachte. In den Ruinen der antiken
Befestigungsmauern fiel ihm eine dort verbaute Gruppe von zerbro-
chenen Skulpturen auf, die der Direktor des Berliner Museums 1871
als Teile einer Gigantomachie-Darstellung identifizierte. Dass diese Der Pergamonaltar im Pergamonmuseum in
mythologische Schlacht des Zeus gegen die Giganten den Hochaltar Berlin. Ein Relieffries zeigt den Kampf der
von Pergamon geschmückt hatte, war in der Antike bekannt. Carl Hu- Götter des Olymps gegen die Giganten.
mann wurde daraufhin die Position eines Vertreters des Museums in
der Türkei und die Leitung der Ausgrabung von Pergamon angeboten,
die 1878 begann. In drei langen Grabungskampagnen legte er den
Hochaltar vollständig frei. Die Fragmente des Reliefs wurden nach Blick von der Via Tecta auf die Akropolis.
Berlin transportiert und 1879 überließ das Osmanische Reich die Auf dem Burgberg befanden sich die Tempel
Altarfriese Deutschland. Dem rekonstruierten Pergamonaltar wird ein mehrerer Schutzgottheiten der Stadt, darunter
eigenes Museum gewidmet, das 1930 eingeweiht wird. Athene und Zeus, die Bibliothek und ein
Theater, das in eine Mulde am Abhang einge-
baut wurde.
Pergamon-Akropolis © Bernard Gagnon/D.R.; Relieffries © Miguel Hermoso Cuesta CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia

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Die Bibel in berühmten Gemälden

Das Kreuz von San Damiano


Von Regis Burnet

A
us der Entfernung handelt es sich ein- herrlichung Jesu – so ist das Kreuz von San Dami-
deutig um ein Kruzifix: Es hat die Form ano ein „johanneisches“ Kreuz.
eines Kruzifixes und zeigt Jesus am Kreuz.
Doch aus der Nähe mag uns, die wir seit über 700 Der Maler
Jahren an Darstellungen des toten und leidenden Niemand weiß, wer der Maler ist. Sein Stil gibt je-
Christus gewöhnt sind, sein Aussehen überra- doch gewisse Hinweise auf ihn. Die Komposition
schen. Denn einer aus der frühchristlichen Kunst ist eindeutig byzantinisch, wohingegen die Ma-
übernommenen Form folgend wird Jesus hier lerei eher an syrische Kunst erinnert: runde und
lebendig und mit offenen Augen dargestellt. Er ruhige Gesichter, mandelförmige Augen, schlan-
hängt nicht leidend am Kreuz, sondern er scheint ke, längliche Hände. Das wird durch die Figur des
mit offenen Armen in einer einladenden Position
zu stehen, sein Blick ist gelassen.
Wenn wir näher hinschauen, erscheinen Sze-
nen, die die Bedeutung dieses Bildes erweitern.
Jesus wird hier lebendig und mit
Das zentrale Gemälde verwandelt die Kreuzikone offenen Augen dargestellt
in eine Darstellung der gesamten Kreuzigungs-
szenerie. Tatsächlich werden alle Personen ge-
zeigt, die Zeuge der Folterung Jesu waren. Eine Hauptmanns bestärkt: Sein Spitzbart, sein in der
Szene ganz oben schließt die Erzählung ab: Die Taille geknotetes Kleid, über das ein roter Mantel
Engel begrüßen den lebendigen Jesus im Him- gestreift ist, und sein Turban sind typisch für die
mel. Der untere Teil der Kreuzikone weist in die Region. Dass möglicherweise ein von einem syri-
Zukunft, nämlich auf die betende Kirche: Es han- schen Künstler gemaltes Kreuz in einer kleinen
delt sich um eine kleine Szene der Kreuzvereh- Kirche in Umbrien verehrt wurde, erinnert uns
rung, in der verschiedene Heilige dargestellt sind, an den lebendigen west-östlichen Kulturtransfer
die aufgrund von Beschädigungen nicht eindeu- und an die Durchlässigkeit der kulturellen Gren-
tig identifiziert werden können. Petrus und Paulus zen, die wir uns oft als viel zu geschlossen vor-
sind recht leicht zu erkennen und vielleicht ein stellen.
Engel – Michael? –, die anderen Figuren könn-
ten die Schutzheiligen der Region sein (Damian, Die Geschichte der Darstellung
der Schutzpatron der Kirche, und Rufin, der erste Die ältesten Darstellungen des Gekreuzigten
Bischof von Assisi). Das würde zu dieser Art von folgen der Verkündigung der Kirchenväter (von
Kreuz passen. Athanasius von Alexandria über Kyrill von Jeru-
salem bis zu Augustinus und der byzantinischen
Eine Lektion in Kreuzestheologie Liturgie), die im Kreuz ein Instrument der Verherr-
Das Kruzifix ist nicht einfach eine Darstellung von lichung sehen: die kleine Elfenbeinkassette mit
Christus am Kreuz: Es ist eine Lektion in Kreuzes- der Kreuzigung im British Museum (um 420) oder
theologie. Der Gekreuzigte leidet nicht, sondern das syrische Rabbula-Evangeliar (586) zeigen ihn
er lebt, er hat über den Tod triumphiert und ist mit offenen Augen, ohne jedes offensichtliche
bereits auferstanden. Wie im Johannesevangeli- Zeichen von Leid. Erst ab dem 9. Jh. zeigten einige
um sind Passion und Auferstehung miteinander Darstellungen ihn tot (aber heiter): Dies war eine
verbunden: Sie sind die beiden Facetten der Ver- Gelegenheit, die Wirklichkeit der Menschwerdung

72 welt und umwelt der bibel 1/2021


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gegen neue Formen des Doketismus und ge-
gen den Monophysitismus zu verteidigen. Im
Jahr 975 überführte der byzantinische Kaiser
Johannes I. Tzimiskes eine solche Darstel-
lung von Beirut nach Byzanz, die angeblich
vom heiligen Nikodemus gemalt worden
sein soll.
Diese Neuerung verbreitete sich schnell
im Westen, wurde aber nicht überall aufge-
nommen. Das älteste bekannte Beispiel für
eine Darstellung des toten Christus im Wes-
ten ist das große ottonische Kreuz, das 970
dem Kölner Dom gestiftet wurde. Das Kreuz
von Fernando I. und Doña Sancha, das im
Jahr 1063 der Basilika San Isidoro de Leon
gestiftet wurde, zeigte jedoch immer noch
den antiken Typus,
ebenso wie alle cro-
ce dipinta in Umbrien
und der Toskana, für
die das Kreuz von San
Damiano repräsenta-
tiv ist. Erst im 13. Jh.
setzte sich das Modell
des leidenden Chris-
tus (Giotto um 1288,
Cimabue um 1270) end-
gültig durch und schon bald verdrängte es
die vorherige Darstellungsweise. Der leiden-
de Christus wurde unter dem Einfluss einer
Frömmigkeit gemalt, die stärker den leiden-
den Menschen in den Blick nahm.

Der historische Hintergrund


Das weltberühmte Kruzifix wurde durch die
Franziskaner bekannt gemacht und wird
noch heute von den Klarissen in Assisi auf-
bewahrt. Der Legende nach gehört es zu
einem Wunder, das der heilige Franziskus
erlebt haben soll. Sein Biograf Thomas von
Celano beschreibt 1246, wie Franziskus ei-
nes Tages an der Kirche San Damiano vor-
Kreuz von San Damiano
12. Jh., Tempera und beiging, einer weitgehend verfallenen und
Gold auf Holz, verlassenen Kirche, und vom Geist getrieben
190 x 120 cm. Assisi, hineinging, um zu beten. Als er intensiv vor
Kapelle San Damiano, dem Kreuz betet, verändert ihn eine tiefe
Basilika St. Klara. mystische Erfahrung. Innerlich bewegt, hört
er plötzlich auf wundersame Weise, wie der
Christus des Gemäldes ihn beim Namen ruft:
„Franziskus, geh hin und stelle mein Haus
© Luisa Ricciarini/Leemage

wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen


ist.“ Dem Auftrag folgend renovierte Fran-
ziskus die verfallene Kapelle San Damiano
und noch zwei weitere Kirchen. (Thomas von
Celano, Leben des heiligen Franziskus, Vita
secunda, 2C10).

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welt und umwelt der bibel 1/2021 73
1

1. Eine Darstellung des Grabes?


Über dem Titulus (die von Pilatus initiierte Kreuzinschrift, hier in Latein, „Je- 3
sus von Nazaret, König der Juden“) befindet sich eine in östlichem Stil darge-
stellte Auferstehung und Himmelfahrt. Jesus trägt sein Kreuz wie ein Zepter
in der Hand und wird vom Chor der Engel begrüßt, die ihre Hände als Zei- 4
chen der Anbetung und Begrüßung ausstrecken. Er tritt aus der kreisförmi-
gen Grabsphäre heraus, um den himmlischen Bereich der Engel zu erreichen.
Über der gesamten Komposition ist die Hand Gottes als Zeichen für ihre
Transzendenz in einem Kreis dargestellt. Die Hand Gottes scheint sowohl
den Sohn, der seinen Platz im Himmel wiedererlangt, als auch den gesamten
Weg von der Kreuzigung zur Erhöhung zu segnen. Dies steht im Einklang mit
der johanneischen Darstellung, die in der Passion und Auferstehung Jesu das
Wirken des Vaters sieht, um allen Menschen das Leben zu geben.

2. Der verherrlichte Gott-Mensch liche Herrlichkeit darstellen soll. Die Betonung des
Blutes, das reichlich herausspritzt, ist nicht morbide:
Der Maler versucht, die ganze theologische Komple- Der Maler führt es geschickt an Armen und Füßen
xität der Person Jesu wiederzugeben. Jesus ist ein- entlang, sodass es sowohl auf engelsgleiche (die
deutig als Mensch dargestellt: Seine Gesichtszüge vier Engel, die das Kreuz „präsentieren“) als auch auf
sind identifizierbar; seine Brust und sein Bauch sind menschliche Figuren (die Betrachter des Kreuzes
stilisiert, aber klar zu erkennen. Er lebt: Frisches Blut und die Heiligen, die das Kreuz anbeten) fällt. Er be-
fließt aus seinen Wunden, seine Wangenknochen zieht sich damit auf Kapitel 6 des Johannesevangeli-
sind rot und seine Augen sind geöff- ums, in dem betont wird, dass das Blut
net. Gleichzeitig ist er ein Gott: Sein Jesu die Quelle des Lebens ist, aber
Körper ist golden wie göttliches auch auf die paulinische Theologie
Licht und sein Haupt ist von einem in Kolosser 1,20, dass das Blut des
mit einem Kreuz versehenen Heili- Kreuzes den Frieden auf Erden und
genschein umgeben, der die gött- im Himmel begründet.

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Die bibel in Berühmten Gemälden

3. Wer sind die Menschen


unter dem Kreuz?

In Anlehnung an einen Brauch, der ursprünglich


aus der byzantinischen Kunst kommt und in die
umbrische Kunst übernommen wurde, fügt der
Künstler ein „Gemälde“ unter dem horizontalen
Balken des Kreuzes hinzu, um dort die bei der
Kreuzigung anwesenden Personen darzustellen.
Um sie leichter identifizieren zu können, hat er
die Namen zu ihren Füßen geschrieben: Maria,
die Mutter Jesu, und Johannes sind auf der lin-
ken Seite abgebildet. Sie sind Teil aller byzantini-
schen Kreuzigungsdarstellungen. Maria Magdale-
na und Maria, die Mutter des Jakobus, sind auf der
rechten Seite zu sehen – zwei der Frauen, deren
Namen in den synoptischen Evangelien genannt
werden. Bei der männlichen Person mit Turban,
„CENTURIO“, handelt es sich sicherlich um den
Hauptmann unter dem Kreuz, von dem die drei
Synoptiker erzählen, dass er Jesus als Sohn Got-
tes verkündet. Er hebt seine Hand in einer ein-
deutigen Geste und schaut zum Gekreuzigten, als
wolle er das Wort, das er spricht, inszenieren. Die
Kirchenväter haben ihn oft mit dem „Hauptmann
von Kafarnaum“ identifiziert, dessen Sohn oder
Diener (Matthäus 8; Lukas 7) Jesus heilt. Ist er die
kleine Figur, deren Kopf im Hintergrund zu sehen 4. Ein Hahn oder ein Pfau?
ist? Die kleine Figur links mit der Beschriftung
„LONGINU(S)“ ist ähnlich wie der Hauptmann Am Kreuzesstamm ist ein schwer zu bestimmen-
gekleidet. In der christlichen Tradition ist es der der Vogel zu erkennen, der oft als Hahn identifi-
Name jenes anonymen Soldaten, der nach dem ziert worden ist, weil er etwas trägt, das wie ein
Johannesevangelium mit seinem Speer die Seite Hahnenkamm aussieht. Dies wäre eine Anspie-
Jesu durchbohrt. Schwieriger ist die Identifikation lung auf die Verleugnung Jesu durch Petrus, bei
der namenlosen kleinen Figur rechts unten. Könn- der dreimal der Hahn kräht. Aber dieser Bezug
te es der Soldat sein, der Jesus in Johannes 19,29 zur Passion mit der Thematik des Verrats passt
den essiggetränkten Schwamm reicht und in der nicht zum Triumphalismus der restlichen Ikono-
kirchlichen Tradition Stephaton heißt? Allerdings grafie. Vielleicht werden wir dem vielfarbigen Vo-
trägt er anders als Longinus keinen Speer, und gel besser gerecht, wenn wir in ihm einen Pfau
seine Haltung mit der Faust auf der Hüfte und oder einen Phönix sehen, die beide sehr häufig
sein Gesichtsausdruck können spöttisch sein – so in der frühchristlichen Kunst vorkommen: In der
könnte man in ihm auch einen der Spötter sehen, griechisch-römischen Welt symbolisierten sie
die nicht verstanden, dass Jesus nicht der von der Auferstehung und Unsterblichkeit.
Menge verurteilte Verbrecher war.

„Da lieferte er [Pilatus] ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt würde. Sie über-
nahmen Jesus. Und er selbst trug das Kreuz und ging hinaus zur sogenannten
Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgota heißt. Dort kreuzigten sie ihn und
QUELLE mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte aber Jesus. Pilatus
ließ auch eine Tafel anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift
lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden.“ (Johannes 19,16-19, EÜ 2016).

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welt und umwelt der bibel 1/2021 75
Ausstellungen und Veranstaltungen
Speyer Berlin
Medicus. Die Macht Germanen – eine archäologische
des Wissens Bestandsaufnahme
Bis 13. Juni 2021 Bis 21. März 2021
Zwischen dem 1. Jh. vC und dem 4. Jh. nC besiedelten verschiede-
ne Gemeinschaften die Gebiete rechts des Rheins und nördlich
Apothekengefäß für Mumienpul-
ver, angewandt als Allheilmittel der Donau. Caesar prägte den Begriff „Germanen“ als Sammelbe-
und Aphrodisiakum, 18. Jh. zeichnung. Funde zeichnen das Bild einer agrarisch ausgerich-
teten Gesellschaft mit überregional vernetzter Oberschicht, die
Mit Bezug auf die Erzählung „Der Medicus“ von Noah Gordon ihre Gräber üppig mit Edelmetall und römi-
vermittelt die Ausstellung die komplexe und faszinierende Ent- schen Importen ausstattete. Die Ausstel-
wicklung des medizinischen Fortschritts vom Altertum bis zur lung setzt sich mit germanischen Hee-

Mumienpulver © Dt. Apotheken Museum-Stiftung, Heidelberg; Verschluss © Nationalmuseum Kopenhagen, Dänemark; Salbgefäß © Museum August Kestner, Fotograf: Christian Tepper;
Gegenwart. Wie gelangte das antike Wissen über Rom und By- ren, Schrift und Religiösität, aber auch
zanz in den arabischen Raum? Und wie kehrte es im 11. Jh. nach mit der ideologischen Verwendung des
Europa zurück, wo es auf die Welt der Klostermedizin traf? Die Begriffs „Germanen“ auseinander.
Besucher begegnen Heilkundigen des Mittelalters und Ärzten
der Neuzeit, auch Stationen zu Pandemie, Quarantäne etc. James-Simon-Galerie, Bodestraße,
10178 Berlin, Tel. +49 (0)30 266 42 42 42
Historisches Museum der Pfalz, Domplatz 4, 67346 Speyer Di–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr,
Tel. +49 (0)6232 13 25 0 Eintritt 14/7 EUR

Dante modern © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Courtesy the artist and Galerie Barbara Weiss, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 16,50/10/7 EUR www.smb.museum.de
museum.speyer.de
Verschluss eines Schwertgurts,
Uggeløse, Dänemark, 2./3. Jh. nC.

Hannover
Berlin
Guter Dämon Bes.
Dante modern. Bilder zur Göttlichen
Schutzgott der
Komödie zwischen Erzählung und
Ägypter
Zeitkritik
Bis 11. April 2021
19. März bis 1. August 2021
Bes war ein Gott, der im Alten Ägyp-
ten die Menschen vor allen erdenkli- Anlässlich des 700. Todesjahrs des ita-
chen Sorgen und Krankheiten schütz- lienischen Dichters und Philosophen
te und ihnen nahestand. Er hat kurze, Salbgefäß in Gestalt Dante Alighieri (1265–1321) zeigt das
gedrungene Beine, streckt seine Zun- von Bes, Fayence, um Kupferstichkabinett eine Auswahl aus
ge aus dem Mund, sein Bart ähnelt 600 vC. zwei Holzschnittfolgen der 1920er-
einer Löwenmähne und er trägt eine Federkrone. Weit über die Jahre, erstellt von der Dänin Ebba Holm
Grenzen Ägyptens hinaus in der gesamten antiken Welt wurde er und dem Deutschen Klaus Wrage. Beide
verehrt – sogar auf der Insel Ibiza, die ihren Namen Bes verdankt. setzen sich mit der „Göttlichen Komö-
Überall war er präsent: auf Betten, Kosmetikbehältern, Spiegeln die“ auseinander, mit Dantes Wanderung
und Schmuck, als Schutz-Amulett. Er war aber ebenso zuständig durch die Hölle über den Läuterungs-
für Musik, Tanz und berauschende Getränke. Bei Redaktionsschluss berg bis hin zum Paradies. Ergänzend
präsentierte sich die Ausstellung in der Videoclipreihe „Bes. Ein werden weitere moderne Werke gezeigt
guter Dämon stellt sich vor“: Hier kann man Führungen durch ver- – gegenwärtige Höllenfahrten, die Dan- Dante modern:
schiedene Teile der Ausstellung folgen, z. B. „BES – Partylöwe und te und sein Wegführer, der antike Dich- Andreas Siekmann,
Sexgott. Born to be wild“ (bes-ausstellung.de). ter Vergil, unternehmen. Ohne Titel (2016).

Museum August Kestner, Trammplatz 3, 30159 Hannover Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin
Tel. +49 (0)511 168 42730 Tel. +49 (0)30 266 42 42 42
Di–So 11–18 Uhr, Mi 11–20 Uhr, Eintritt 5/4 EUR Di–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Eintritt 6/3 EUR
museum-august-kestner.de www.smb.museum

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welt und umwelt der bibel 1/2021
Multimediale Ausstellung Nach 1938 ist die Synagoge von Essen eine
„7Places” Brandruine mit Fensterlöchern mitten in der Stadt.
Seit 9. November 2020

7Places.org zeigt die Geschichte von sieben Syngogen


in Deutschland: Berlin, Essen, die Gedenkstätte der
Landjuden an der Sieg, Norderney, Solingen, Köln und
Halle. Auf einem Zeitstrahl kann man die Geschichte
durch Fotos, Kunstwerke und Zeitzeugnisse verfolgen:
beginnend mit dem Jahr 321, in dem der römische Kai-
ser Konstantin Juden den Zugang zum Rat der Stadt
Köln ermöglichte, über Verfolgung und Ermordung der
Juden Europas im 20. Jh. bis zur globalen Erinnerungs-
arbeit der Gegenwart. Wie entstehen die Synagogen,
wie verändern sie sich, wie werden sie 1938 zum Teil
zerstört und später erneut mit Leben erfüllt?
www.7.Places.org

#FrageinenJuden
Zu empfehlen, um viel über das Judentum und jüdisches Leben heute zu
erfahren: Eine 5-teilige Serie auf Youtube, in der die Publizistin und Poli-
tikerin Marina Weisband und der Autor Eliyah Havemann Fragen beant-
worten, wie beispielsweise: „Ist das Judentum eine Religionsgemeinschaft
oder eine Abstammungsgemeinschaft?“ oder „Gibt es die Möglichkeit, das
Judentum abzulegen und als Nichtjude zu gelten?“ „Worin besteht der Un-
terschied zwischen Sephardim, Aschkenasim und Misrachim?“ – und viele
Marina Weisband und Eliyah Havemann. mehr. #FrageinenJuden

Studienveranstaltungen zu den Themen von Welt und Umwelt der Bibel


Wels Traunstein
Diakone, Witwen, Presbyter – Helden und Versager. Die Könige Israels und
Ämter in der frühen Kirche der Ruf nach Gottes Herrschaft
Samstag, 27.2.2021, 9 Uhr bis Samstag, 17. Juli 2021, 9 bis 17.30 Uhr
Sonntag, 28.2.2021, 12.30 Uhr Bildungshaus St. Rupert
Bildungshaus Schloss Puchberg
Wir werfen einen Blick auf Geschichte, Archäologie und Schriftkultur
Ein genauer Blick auf die Anfänge macht deutlich, dass die der Königszeit Israels. Workshops greifen das Thema mit unter-
Entwicklung zu den uns heute bekannten Ämtern nicht ge- schiedlichen Methoden auf und spannen den Bogen von Texten aus
radlinig und einheitlich verlaufen ist. Gerade deshalb kann den Büchern der Könige und der Chronik über das Deuteronomium
ein Nachspüren der verschlungenen Wege des Anfangs bis zur erwarteten Königsherrschaft Gottes. Das Thema regt an, über
sehr wohl eine Hilfe sein, um den heutigen Herausforde- Führungsstile, Hirten in Kirche und Gesellschaft sowie über Macht
rungen besser zu begegnen. und Machtmissbrauch nachzudenken.
Referenten: Dr. Franz Kogler, MMag. Helmut Außerwöger Referierende: Helga Kaiser, Edith Heindl, Erika Birner-Hintermaier,
Kursbeitrag: € 50,- Nikolaus Hintermaier, Dr. Dr. Christoph Hentschel, Dr. Christine Abart
Synagoge © public domain

Anmeldung und Information: Teilnahmegebühr: € 30,–


Bildungshaus Schloss Puchberg, Puchberg 1, A-4600 Wels Anmeldung und Information: Erzdiözese München und Freising,
Tel. +43 (0)7242 47537, Haus St. Rupert, Rupprechtstr. 6, 83278 Traunstein,
E-Mail: puchberg@dioezese-linz.at Tel. +49 (0)861 9890-0, E-Mail: anmeldung@sankt-rupert.de
www.schlosspuchberg.at www.sankt-rupert.de

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welt und umwelt der bibel 1/2021 77
Vorschau

IMPRESSUM
Heft 1/2021
Die nächste Ausgabe im April 2021:

Die Samaritaner
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist die deutsche
Ausgabe der französischen Zeitschrift
„Le Monde de la Bible“, Bayard Presse, Paris.
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
Der unbekannte Teil Israels enger Zusammenarbeit mit international
anerkannten Wissenschaftler/innen.
Verlag und herausgerber:
Katholisches Bibelwerk e.V.,
edition „Welt und Umwelt der Bibel“,
Postfach 15 03 65, 70076 Stuttgart,
Tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77
bibelinfo@bibelwerk.de
www.weltundumweltderbibel.de

Konto: Liga Stuttgart, BIC: GENODEF1M05


IBAN DE94 7509 0300 0006 4515 51

Redaktion: Dipl.-Theol. Wolfgang Baur,


Dipl.-Theol. Dipl.-Päd. Helga Kaiser
Korrektorat: Michaela Franke M.A.,
m._franke@web.de

Ein Gott, zwei Tempel: Anzeigenverwaltung: Ralf Heermeyer,


heermeyer@bibelwerk.de
Jerusalem und der Garizim
Erscheinungsort: Stuttgart
Jesus und die Samaritaner
© S. 4, 68–75 Ba­yard Presse Int.,
Das jüdisch-samaritanische Verhältnis „Le Monde de la Bible“ 2019, all rights reserved;  
© sonst edition „Welt und Umwelt der Bibel“
Die Samaritaner in der Geschichte
Übersetzungen:
des Islam Helga Kaiser
Wie die samaritanische Gemeinde heute lebt
Gestaltung: Olschewski Medien GmbH,
Stuttgart, Sabrina Kirchner, Grafikdesignerin
Druck: C. Maurer GmbH & Co. KG, Geislingen/
und so geht es weiter: Steige

• Johannes der Täufer – radikaler Prophet am Jordan PREISE: „Welt und Umwelt der Bibel“
erscheint vierteljährlich.
• Die Zehn Gebote: göttliche Gerechtigkeit und menschliches Recht • Einzelheft: € 11,30 zzgl. Versandkosten
• Jahresabonnement: € 40,– inkl. Versandkosten
• ermäßigtes Abonnement für
Schüler/Studierende € 32,– inkl. Versandkosten
• Abonnement mit Lieferung ins Ausland:
bestimmen sie mit, was sie lesen! € 46,– /ermäßigt € 38,– inkl. Versandkosten

MITHERAUSGEBER:
Liebe Leserinnen und Leser, Schweiz:
Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB,
Pfingstweidstrasse 28, CH-8005 Zürich
Wir laden sie ein, an der Heftplanung teilzunehmen. Tel. +41 (0)44/2059960, Fax: +41 (0)44/2014307
Wir beginnen nun, die Ausgabe 1/2022 zu konzipieren: info@bibelwerk.ch
Einzelheft sFr 19.– (zzgl. Versandkosten)
Jahresabonnement sFr 70.–
Heilige Räume – (inkl. Versandkosten)
Tempel, Kirchen, Synagogen Österreich:
Österreichisches Katholisches Bibelwerk,
Bräunerstraße 3/1. Stock, A-1010 Wien
Was würde Sie an diesem Thema besonders interessieren? Tel. +43 (0)1 51611/1560,
Historisch, theologisch, archäologisch? Fax: +43 (0)1/5123060-39
sekretariat@bibelwerk.at
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Einzelheft € 11,80
Wenn Sie mögen, teilen Sie uns bis Ende Februar 2021 Ihre Ideen und Jahresabonnement € 40,–; Studierende € 32,–
Wünsche mit: per E-Mail (wub@bibelwerk.de), Brief oder Fax. (je zzgl. Versandkosten)
Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Eine Kündigung des Abonnements ist mit einer
vierwöchigen Kündigungsfrist zum Jahresende
möglich.
Ihre Redaktion: Helga Kaiser, Wolfgang Baur und Barbara Leicht

78 welt und umwelt der bibel 1/2021


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■  VerständlicheBeiträge
■  Nah am Leben
■  Eine Oase zum Schmökern

Die Themen 2021


■ 1/21, Das Alte Testament Jetzt
lieben auch als
e-journal!
■ 2/21, Humor Jesu
■ 3/21, Jakobusbrief
■ 4/21, Friede auf Erden

Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte und weitere Infos zur Zeitschrift unter www.bibelheute.de

■  Neues und Aktuelles aus


Forschung und Praxis
■  Beiträge international
anerkannter Bibel-
wissenschaftler/-innen
■  Ausführliche Informationen
Die Themen 2021 über weiterführende
■ 1/21, Schöpfung in der Krise Literatur zum Heftthema
■ 2/21, Heiliger Geist
Jetzt
■ 3/21, Salomo
auch als
■ 4/21, Bibelhermeneutik im Zeichen e-journal!
von Pluralisierungen

Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte und weitere Infos zur Zeitschrift unter www.bibelundkirche.de

■  Anspruchsvoll
illustriert
■  Kulturen
und
Geschichte der
biblischen Welt
■  Reportagen,
Ausgrabungen
Die Themen 2021 und Ausstellungs-
■ 1/21, Der See Gennesaret. hinweise
Neue Forschungen in der
Heimat Jesu
■ 2/21, Die Samaritaner.
Der unbekannte Teil Israels
■ 3/21, Johannes der Täufer –
radikaler Prophet am Jordan
■ 4/21, Die Zehn Gebote

„Bibel heute“ als Mitglied beziehen: € 40,­­– • „Bibel und Kirche“ als Mitglied beziehen: € 40,­­–
„Bibel heute“ und „Bibel und Kirche“ zusammen € 60,–
(Studierende, Rentnerinnen und Rentner sowie Menschen mit geringem Einkommen
nur € 25,– bzw. € 35,–)
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Unsere Backlist Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte unter www.weltundumweltderbibel.de

■ Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 ■ Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
■ Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 ■ Bedeutende Orte der Bibel, 4/11
■ Ostern und Pessach, 2/06 ■ Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12
■ Mose, 3/06 ■ Teufel und Dämonen, 2/12
■ Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 ■ Nordafrika. Die Epoche des Christentums, 3/12
■ Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 ■ Salomo, 4/12
■ Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 ■ Jesusreliquien, 1/13
■ Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 ■ Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
■ ■

€ [A] 11,50 / sFr 19,–


Weihnachten, 4/07 Propheten, 3/13

Einzelheft € 9,80
■ Gott und das Geld, 1/08 ■ Herodes. Grausam und Genial, 4/13
■ Maria Magdalena, 2/08 ■ Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
■ Die Anfänge Israels, 3/08 ■ Die Evangelisten, 2/14
■ Engel, 4/08 ■ Aufbruch zu den Göttern, 3/14
■ Paulus von Tarsus, 1/09 ■ Die Ordnung der Sterne, 4/14
■ Apokalypse, 2/09
■ Konstantinopel, 3/09
■ Maria und die Familie Jesu, 4/09
■ Das römische Ägypten, 1/10
■ Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10
■ Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
■ Kindgötter und Gotteskind, 4/10
■ Die Apostel Jesu, 1/11
■ Der Weg in die Wüste, 2/11

■ 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 ■ Traum – Fenster zum Göttlichen, 3/19
■ Jesus der Heiler, 2/15 ■ Maria. Jüdisch, christlich, muslimisch, 4/19
■ Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 ■ Rom, 1/20
■ Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 ■ Die Könige von Israel und Juda, 2/20
■ Die Christen des Orients, 1/16 ■ Diakone, Witwen und Presbyter, 3/20
■ Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 ■ Leben nach dem Tod. Von Osiris bis Jesus, 4/20

Einzelheft € 11,30
€ [A] 11,80 / sFr 19,–
■ Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16 ■ Der See Gennesaret, 1/21
■ Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16
■ Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17
■ Messias – Der Traum vom Retter, 2/17
■ Götter und Tiere, 3/17
■ Juden, Christen, Muslime: Kunst des Zusammenlebens, 4/17
■ 70 Jahre Qumran: Neue Forschungen, 1/18
■ Nächstenliebe – ein christlicher Wert?, 2/18
■ Irland – Christentum zwischen Druiden u. Mönchen, 3/18
■ Die abenteuerliche Geschichte der Bibel, 4/18
■ Das Grab Jesu, 1/19
■ Exodus – Transit in ein neues Leben, 2/19

■ Judäa und Jerusalem, 256 S., € 12,80, € [A] 13,20, sFr 16,–
■ 1001 Amulett, 224 S., € 14,80, € [A] 15,30, sFr 19,–
■ Musik in biblischer Zeit, 104 S., € 11,90, € [A] 12,30, sFr 15,–
Bücher

■ Kleider in biblischer Zeit,112 S., € 14,80, € [A] 15,30, sFr 19,–


■ Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S.,
€ 16,80, € [A] 17,30, sFr 21,–
■ Engelwelten, 196 S., € 35,–, € [A] 36,–, sFr 45,–

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Büchertipps

Bauern, Fischer und Leben am See Religionsgeschich-


Propheten: Galiläa Gennesaret: te Israels: Von
zur Zeit Jesu Kulturgeschichtli- der Vorzeit bis zu
Galiläa, die Heimat che Entdeckungen den Anfängen des
Jesu, war um 30 nC in einer biblischen Christentums
in vielfältiger Weise Region Die Menschen der Bibel
mit den umliegenden Das Werk stellt For- – wie lebten sie, was
Regionen des Mittelmeers und deren schungsergebnisse aus dachten sie und vor
Kultur verbunden. Die Städte am See den Bereichen der Archäologie, Theologie, allem: Was glaubten sie? Anhand zahl-
Gennesaret wiesen starke Einflüsse der Religionswissenschaft und die Natur- reicher Textquellen und archäologischer
hellenistischen Kultur auf. Es war eine wissenschaften zur Kulturgeschichte der Funde zeichnen Michael Tilly und Wolf-
vergleichsweise friedliche Zeit im Nahen Region am See Gennesaret vor. Die Geo- gang Zwickel die Religionsgeschichte des
Osten, die wenig soziale und politische morphologie des Gebietes um den See Heiligen Landes von den Anfängen sess-
Unruhen erlebte. Der Leser bekommt Gennesaret, die entscheidende Grundlage hafter Siedlungen vor rund 10.000 Jahren
ein Bild Galiläas und der Umwelt Jesu für die Ansiedlung erster Bauern im Neo- bis zu den Anfängen des Christentums im
vermittelt, das auf aktuellen Forschungs- lithikum, ist ebenso wie die bronze- und 2. Jahrhundert nC und der Entstehung des
ergebnissen beruht und althergebrachte eisenzeitliche Tierwelt Thema dieses Rabbinats im Judentum nach. So werden
Stereotypen ablöst. Damit fällt zugleich Bandes. Städte, Gräber, Handelszentren die Voraussetzungen für unsere jüdisch-
neues Licht auf die Interpretation des von der Bronzezeit bis in die Kreuzfahrer- christlich geprägte Welt verständlich und
Wirkens Jesu und die Sozialstruktur sei- zeit werden unter vielfältigen Aspekten die geschichtliche Situation greifbar. Ein
ner Anhängerschaft. Spannende Kapitel des privaten, öffentlichen und religiösen kommentiertes Quellenverzeichnis sowie
zu verschiedenen Lebensbereichen geben Lebens geschildert. Die hellenistisch-rö- ein Register runden den Band ab.
einen Einblick in den Alltag der Galiläer. mische Zeit, in die das Leben und Wirken Michael Tilly, Wolfgang Zwickel,
Reichhaltiges Bildmaterial erweckt die Jesu gehört, bildet anhand der Städte Religions­geschichte Israels: Von der
archaische Landschaft und die zahlrei- Tiberias, Magdala und Kafarnaum einen Vorzeit bis zu den Anfängen des Chris-
chen Kulturdenkmäler vor den Augen des besonderen Schwerpunkt. tentums, Wissenschaftliche Buchge-
Lesers wieder zum Leben. Gabriele Faßbeck u. a., Leben am See sellschaft, 2015, 220 S., ISBN 978-
Jürgen K. Zangenberg (Autor), Jens Gennesaret: Kulturgeschichtliche Ent- 3534257188, EUR 29,95.
Schröter (Hrsg.), Bauern, Fischer und deckungen in einer biblischen Region.
Propheten: Galiläa zur Zeit Jesu. Philipp Philip von Zabern, 2003, 210 S.,
von Zabern 2012, 144 S. ISBN 978-3805329149, EUR 11,72.
ISBN 978-3805345439, EUR 33,39. Zum Weiterlesen:
Basilius Schiel, Tabgha 2012. Festschrift
Egeria – Itinera-
zur Einweihung des neuen Klosterge-
rium: Der antike
bäudes. Abtei Dormitio, 300 S.,
Maria Magdalena: Reiseführer durch
ISBN 978-9657409053, EUR 24,50.
Jüngerin Jesu und das Heilige Land
Zeugin der Aufer- Ende des 4. Jh. reiste Wolfgang Zwickel, Settlement History
stehung eine vornehme Dame around the Sea of Galilee from the Neo-
Maria von Magdala namens Egeria als Pilgerin durch den Na- lithic to the Persian Period. Ugarit-Verlag
ist die Frau in der Nachfolge Jesu, von hen Osten. In Briefen berichtete sie darü- 2017, 412 S., ISBN 978-3868352412,
der alle Evangelien berichten. Diese ber ihren „verehrten Damen Schwestern“ EUR 117,–.
biblische Überlieferung wird vorgestellt, in der Heimat. Weil Egeria, wie sie selbst
ebenso der Heimatort Magdala am See sagt, „ziemlich neugierig“ ist, erfährt auch
Gennesaret, aber spannend ist vor allem der heutige Leser viel über die besuch-
die Wirkungsgeschichte dieser Frau, ten heiligen Stätten und die Menschen,
denn seit den ersten nachchristlichen denen sie dort begegnete. Eine Einleitung
Hinweis
Jahrhunderten wird Maria Magdalena gibt wichtige Hintergrundinformationen Alle lieferbaren Bücher sowie Publika-
auch zu einer Symbolfigur, in der sich zur Person der Egeria, zur Geschichte des tionen aus dem ­­Katholischen Bibelwerk
gesellschaftliche und kirchliche Strö- Landes in der Spätantike und die Art der e.V. können Sie ­­­­bestellen bei bibelwerk
mungen zur Stellung der Frau spiegeln. Pilgerreise. impuls:
Maria Magdalena: Jüngerin Jesu und Egeria und Georg Röwekamp (Überset- Tel. 0711-6 19 20 37
Zeugin der Auferstehung, Welt und zung), Egeria – Itinerarium: Der antike Fax 0711-6 19 20 30
Umwelt der Bibel 2/2008, 80 S., Reiseführer durch das Heilige Land. impuls@bibelwerk.de
ISBN 978-3940743411, EUR 9,80. Herder, 2018, 208 S., www.bibelwerk.shop
ISBN 978-3451379314, EUR 30,–.

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