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Archäologie . Kunst .

geschichte 1/2015
WUB
Nr. 75, 20. Jg., 1. Quartal 2015 / Archäologie / EURO 11,30 / Österreich, Luxemburg: EURO 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISBN 978-3-944766-40-9

150 jAhre
BiBliSche
Archäologie
// Die groSSen entDeckUngen
eUro 11,30

// UngelöSte rätSel
// Wo Stehen Wir heUte?

AktUell: heiligtum an der Frontlinie – das grab des nahum im nordirak


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Inhalt 1/2015

30 66 61
Der Streit um Israels Reichsgröße Spannende Funde jenseits des Jordan Schwierige Suche nach dem Ort der Kreuzigung

150 JAHRE BIBLISCHE ARCHÄOLOGIE

Dieter Vieweger, Katja Soennecken 8 Martin Peilstöcker 48


Forschung mit Spaten und Bibel? Das flüssige Gold
150 Jahre Biblische Archäologie Biblischer Alltag (3)

Katja Soennecken 14 Dieter Vieweger 52


Böse Nachbarn? Zeig mir dein Geschirr ....
Vorurteile: Das Bild der Philister und der Spurensuche: Völker und ihre materiellen
Samaritaner in den biblischen Texten Hinterlassenschaften

Dieter Vieweger 22 Katharina Galor 56


Neue Funde – alter Streit Zwischen Abenteuer, Wissenschaft,
Kontroverse: „Logisch erschließende“ gegen Religion und Politik
„kontrolliert kritische“ Forschung Tauziehen: Ausgrabungen im Herzen Jerusalems

Dieter Vieweger 26 Marcel Serr 61


Der Warrenschacht Die Suche nach Golgota
Streitobjekte (1): Ein Eroberungsweg für David? Ein archäologischer Krimi

Dieter Vieweger 28 Frauke Kenkel 66


Die Tel Dan-Stele Archäologische Schätze in Jordanien
Streitobjekte (2): Ein Beweis für Davids Königtum? Heiliges Land jenseits des Jordan

Andrea Gropp, Dieter Vieweger 30 Dieter Vieweger 72


David und Salomo Museen in Jerusalem und Amman
Beispiele für interessengeleitete Erkenntnis Biblische Archäologie anschaulich

Marcel Serr 38 Julia Serr 76


„Wie ein Vogel im Käfig“ Der Kampf um den Antikenmarkt
Kriege und Kriegsführung im 9.-8. Jh. vC Krumme Dinger: Wie moderne Fälschungen
das israelische Antikengesetz ins Wanken bringen
Dieter Vieweger 44
Die Häuser der Eisenzeit Florian Lippke / Wolfgang Baur 80
Biblischer Alltag (1) Blick über den Tellerrand
Wie die Archäologie religionsgeschichtliche
Andrea Schwermer 46 Perspektiven eröffnet
Kochen und Backen im Alten Orient
Biblischer Alltag (2)
Hans-Peter Kuhnen 84
Nach Qumran, Masada und Herodes ...
... Die Zukunft der Archäologie des Heiligen Landes

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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie erhalten diese Ausgabe von


Welt und Umwelt der Bibel in
ganz neuer Form. Wir haben
uns ordentlich ins Zeug gelegt,
92
um Ihnen etwas Besonderes bie-
Panorama: Das Grab des Propheten Nahum im Nordirak ten zu können. Zuerst haben wir mehr Raum geschaf-
fen. Dadurch ist das Magazin noch lesefreundlicher
geworden. Und nach 20 Jahren hat sich auch das Logo
verändert! Wir hoffen, die neuen Elemente und die
Typografie gefallen Ihnen.
AuS DER WELT DER BIBEL
Neu: Welt und Umwelt der Bibel digital
Das Neueste aus der Welt der Bibel 2 Ab dieser Ausgabe gibt es Welt und Umwelt der
Türkei: Unbekannte Götterdarstellung gefunden Bibel neben der Printausgabe in digitaler Form
als epaper (Näheres dazu auf der Homepage
Büchertipps und Bildrechte www.weltundumweltderbibel.de).
89

Panorama Außerdem halten Sie eine Jubiläumsausgabe in Hän-


92
Nordirak: Das Heiligtum an der Frontlinie den: 150 Jahre Biblische Archäologie. Der Theologe
Libanon: Herausragende byzantinische Fresken entdeckt und Archäologe Prof. Dr. Dieter Vieweger hat mit
seinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Gebiet der
Die Bibel in berühmten Gemälden 100 Biblischen Archäologie Höhepunkte und Leckerbis-
Paolo Veronese: Die Hochzeit zu Kana sen zusammengestellt, die anschaulich zeigen, auf
welche Weise die Welt der Bibel erforscht wurde und
Die großen Entdeckungen 104 wird. Wir danken ihm herzlich für diese Kooperation!
Die Geniza von Kairo
Leser wählen ein Thema für 2016:
Neue Rubrik: Wir laden wieder alle ein, den Kurs der Zeitschrift
Ihre Frage an die Experten 107 mitzugestalten. Für das Jahr 2016 bieten wir Ihnen
Warum ersetzt man den Gottesnamen mit „Herr“? wiederum drei Themen zur Auswahl an. Wir sind
gespannt, wofür Sie sich entscheiden:
Ausstellungen und Veranstaltungen 108
 Die Sintflut – der Urmythos vom Neuanfang
Vorschau und Impressum  Die Schöpfung – Naturwissenschaft contra Religion?
110
 Das Paradies – Ort des vollkommenen Lebens?

Sie können uns schreiben, mailen, faxen, anrufen


oder auf der Homepage abstimmen, ganz wie Sie
wollen. Auf dem beiliegenden Brief finden Sie alle
Kontaktdaten.

Nun hoffen wir, dass Sie in dieser Ausgabe Vieles


entdecken, was Sie begeistert und Ihrer Neugier auf
Titelbild:
Ausgrabung in einer Höhle in Rahab unter der Georgius-
die Welt der Bibel Nahrung gibt.
kirche in Nordjordanien. Hier wurden Steinsitze in Ihr Wolfgang Baur
kreisförmiger Anordnung gefunden. Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

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welt und umwelt der bibel 1/2015 3
DAS nEuEStE AuS DEr WELt DEr BIBEL

Überraschungsfund

Die Gottheit, die aus


einer Blüte wächst
gottheit als DOLICHE. Münsteraner Archäologen haben im sind allerdings noch aufwändige Recherchen nö-
stützpfeiler: antiken Heiligtum von Doliche in der Südosttür- tig. Die Art des Bartes und die Armhaltung leh-
So fanden Archäo- kei ein römisches Relief mit einer unbekannten nen sich jedenfalls an Darstellungen des frühen
logen die Stele in Götterdarstellung ausgegraben. Die anderthalb 1. Jahrtausends vC an, der Eisenzeit.
der Mauer eines Meter hohe Basaltstele, die als Stützpfeiler in Der Kultplatz von Doliche auf dem 1200 Meter
mittelalterlichen eine Klostermauer verbaut war, zeigt nach erster hohen Berg Dülük Baba Tepesi nahe der Stadt
Klosters. Die bärtige Einschätzung einen Fruchtbarkeits- oder Vegeta- Gaziantep hat eine 2000-jährige Geschichte. Ein
Gottheit ist flankiert
tionsgott. Der Althistoriker und Grabungsleiter frühes Heiligtum stammt aus der Eisenzeit, darü-
von einem Horn und
Prof. Dr. Engelbert Winter und der Archäologe ber befinden sich die Fundamente des römischen
einem Baum.
Dr. Michael Blömer und ihr Team aus 60 Mitar- Haupttempels des Gottes Iuppiter Dolichenus,
beitern hatten im Heiligtum des Gottes Iuppiter der im 2. Jh. nC zu einer der beliebtesten Gotthei-
Dolichenus Ausgrabungen durchgeführt: „Das ten des Römischen Reiches wurde. Auf den Rui-
Bild ist erstaunlich gut erhalten. Es gibt wertvol- nen dieses Haupttempels haben Mönche später
le Einblicke in die Glaubensvorstellungen der das Kloster Mar Salomon gebaut, das bis in die
Römer und das Weiterleben altorientalischer Tra- Kreuzfahrerzeit bestand – und dabei die antike
ditionen.“ Um den Gott genau zu identifizieren, Stele als Stütze verwendet. W (Uni Münster/WUB)

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welt und umwelt der bibel 1/2015
Das neueste aus Der Welt Der BiBel

Kunst der frÜhen christen Kulturelles erbe

Zerbrechliches Jesusbild retter in Kairo


CAStuLO. Ein bartloser Jesus, dargestellt auf einer frühchristlichen KAIrO. In Ägypten verschwinden Jahr für
Glasschale, könnte eines der ältesten christlichen Kunstwerke sein. Jahr immer noch Tausende von antiken
Spanische Archäologen haben die Scherben bei Ausgrabungen in Objekten auf dem internationalen Schwarz-
Castulo (Südspanien) entdeckt. Nach Ansicht des Ausgrabungslei- markt und können nur teilweise zurückbe-
ters Marcelo Castro handelt es sich um eine Hostienschale (Patene). schafft werden. Weltweit stellen Zollbeamte
Er datiert sie auf das 4. Jh. Wenn er damit richtig liegt, wäre dies eine immer wieder geschmuggelte altägyptische
der ältesten Christusdarstellungen überhaupt. Die zeitliche Einord- Kunstwerke sicher. Im Dezember 2014 gab
nung macht Castro unter anderem daran fest, dass die Päpste ab dem beispielsweise Frankreich 239 illegal ins
5. Jh. Patenen aus Silber vorschrieben. Aber auch wenn die Schale Land gebrachte Objekte an Ägypten zurück,
ins 5. oder 6. Jh. datiert, ist die Darstellung eine Kostbarkeit – ein darunter Holzstatuetten aus dem Totenkult
Wunder, dass sie überhaupt auf ihrem zerbrechlichen Untergrund und Amulette.
erhalten ist. Neben Christus stehen die Apostel Petrus und Paulus. Hinzu kommt aber, dass auch zunehmend
Jesus wird bis ins 6. Jh. bartlos dargestellt, erst danach manifestiert historische Bauwerke der Stadt zerstört wer-
sich der Bart als Teil der Christusikone. W (The Local/WUB) den. Um das ins öffentliche Bewusstsein zu
rücken, hat sich die Gruppe „Save Cairo“
gegründet: etwa zehn Architekten, die dage-
gen vorgehen, dass ohne Baugenehmigung
historische Gebäude abgerissen werden und
für immer verloren sind – so etwa das mit-
telalterliche Stadttor Bab al Wazir, das im
Mai 2013 in Altkairo abgebrochen wurde.
Bei der weltweiten Jagd auf Immobilien in
lukrativen Lagen, die auch Kairo erfasst hat,
nutzen Investoren die oftmals laxe Handha-
hostienschale bung der Bauvorschriften und bauen ohne
aus Glas, die Rücksicht auf antike oder frühislamische
die frühchrist- Bausubstanz.
liche Gemeinde
In der Hafenstadt Alexandria hat sich
von Castulo in
nach dem Kairoer Vorbild die Organisation
der Liturgie
benutzt hat. „Save Alex“ gegründet, die dort für die glei-
chen Ziele kämpft. W (Sophie Anmuth)

Jahrtausendealtes Kinderspielzeug

rassel aus der bronzezeit?


KüLtEpE. Ein Team der Universität Ankara hat in Kültepe (Zent-
ralanatolien) allem Anschein nach eine Rassel für Kleinkinder
gefunden. Der Gegenstand aus gebranntem Ton ist mit Steinchen
gefüllt und seinem Fundkontext nach etwa 4000 Jahre alt, so Aus-
grabungsleiter Fikri Kulakoğlu. Bei Ausgrabungen, die seit 1948
dort stattfinden, wurden nicht zum ersten Mal Gegenstände der All-
tagskultur gefunden. Kültepe ist eine assyrische Handelsmetropole
der Bronzezeit, die um 2000 vC etwa 50.000 Einwohner hatte. W 4000 Jahre alte rassel.
(MdB/Doğan News Agency/WUB)

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Das neueste aus Der Welt Der BiBel

neues an der taufstelle Jesu


assyrien auf youtube

besuch bei assurnasirpal armenische


Kirche eingeweiht
AMMAn. An der traditionellen
Taufstelle Jesu am Ostufer des Jor-
dan wurde Ende Oktober 2014 mit
der armenisch-orthodoxen „Sankt
Garabed“-Kirche nach fünf Jahren
geflügelte Wäch-
Bauzeit ein weiteres Gotteshaus ge-
terfiguren aus dem
weiht. Die armenisch-orthodoxen Erz-
9. Jh. vC passiert
man auf dem Weg in bischöfe von Jerusalem und Amman,
den Innenhof. Nourhan Manoogian und Vahan To-
palian, haben an der Weihzeremonie
teilgenommen. Mit dem Bau mehrerer
nEW YOrK. Das Metropolitan Museum of Art in New York hat einen Kirchen sowie dem Ausbau der In-
beeindruckenden kleinen Film von drei Minuten erstellt: Man streift frastruktur will Jordanien mehr Besu-
durch eine Rekonstruktion des neuassyrischen Nordwest-Palasts cher zur traditionellen Taufstelle Jesu
von Nimrud, sieht die geflügelten Genien, die heute im Pergamon- am Jordan locken. Die Zahl der Besu-
museum Berlin zu bestaunen sind, Reliefs mit den militärischen cher ist laut jordanischen Angaben
Erfolgen des Assurnasirpal II. aus dem British Museum, das Königs- bereits seit 2011 stark angestiegen.
relief aus dem Metropolitan Museum ... Man erhält einen Eindruck Auch behindertengerechte Zugänge
jener Macht, vor der in der Bibel besonders der Prophet Jesaja warnt und Schattenplätze am Fluss sollen
und die im Jahr 722 vC Samaria erobert hat. www.metmuseum.org, geschaffen werden. W (KNA)
Suchbegriff: Digital Reconstruction of the Northwest Palace. W (WUB)

entdecKung im libanon

Der größte Steinblock


der Antike
BAALBEK. Im Steinbruch von (Pfeil)! Steinblöcke wie diese, mit
Baalbek ist ein monumentaler einer Länge von etwa 20 Metern,
Steinblock ausgegraben worden: wurden für das Podium des riesi-
19,60 m lang, 6 m breit, 5,5 m gen Jupiter-Tempels im römischen
hoch, 1650 Tonnen schwer ... Wie- Heiligtum von Baalbek verbaut.
so wurde er niemals fertiggestellt? 2014 konnten trotz des nahen und
Und wie hätte man ihn überhaupt bedrohlichen Kriegs im Nachbar-
transportieren können? land Syrien Bearbeitungsspuren
Diese Fragen versuchen For- dokumentiert und die durch die
scher/innen von der Libanesi- Steinbrucharbeiten entstandenen
schen Antikenbehörde und dem Abfallhalden nach datierbaren Ke-
Deutschen Archäologischen In- ramikscherben und Kleinfunden
stitut zu klären. Der Steinblock untersucht werden. W (DAI/WUB)
„Hajjar al-Hibla“ (im Bild links) ist
schon länger bekannt. Nun aber größer geht immer:
entdeckten die Ausgräber dane- Der jüngst ausgegrabene
ben ein noch größeres Exemplar Steinblock (pfeil).

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Das neueste aus Der Welt Der BiBel

ernährung in ephesus

Kein fleisch
für gladiatoren
WIEn/BErn. Römische Gladiatoren
ernährten sich überwiegend vegeta-
risch und nahmen nach dem Training
einen Aschetrunk als Tonikum zu
sich. Das haben Untersuchungen an
Knochen von Kämpfern ergeben. Die
Knochen stammen vom Gladiatoren-
friedhof aus dem 2./3. Jh. nC im anti-
ken Ephesus, der 1993 ausgegraben
wurde. Auch historische Quellen be-
richten, dass Gladiatoren eine eigene
Diät hielten – aus Bohnen und Getrei-
de. In zeitgenössischen Berichten wer-
den sie als hordearii („Gerstenfresser“)
bezeichnet. ein mitarbeiter der israelischen Antikenbehörde reinigt die
Wenn sich die Gladiatoren haupt- akkurat eingemeißelte Inschrift zu Ehren Kaiser Hadrians aus dem
sächlich pflanzlich ernährten, unter- Jahr 129/130 nC.
schied sich das nicht vom Speiseplan
der örtlichen „Normalbevölkerung“,
die ebenfalls vorwiegend Getreide-
gerichte und fleischlose Kost zu sich inschriftenfund
nahm. Das Wort „Gerstenfresser“ be-
zieht sich hier darauf, dass Gladiatoren
wohl Getreide von minderer Qualität
Hadrians treue Soldaten
erhielten. Es gab also keinerlei Son-
derrationen Fleisch für die repräsenta- JEruSALEM. In Jerusalem ist eine lateinische Inschrift aus der Zeit
tiven Kämpfer. kurz vor dem jüdischen Aufstand unter Simon Bar Kochba (132–135
Hoch signifikant ist der Unterschied nC) entdeckt worden. Das tonnenschwere Bruchstück mit sechs Zei-
zwischen Gladiatoren und Normalbe- len Text fanden Rina Avner und Roi Greenwald von der Israelischen
völkerung bei dem gemessenen Stron- Antikenbehörde nahe beim Damaskustor, verbaut in eine Zisterne.
tiumanteil in den Knochen. Das lässt Die Inschrift stammt aus dem Jahr 129/130. Zu dieser Zeit war die
auf eine gesteigerte Mineralaufnahme zehnte römische Legion hier mit dem Auftrag stationiert, Aufstände
der Gladiatoren aus einer strontium- niederzuschlagen. Die Einheit war schon im Jahr 70 an der Erobe-
reichen Calciumquelle schließen. Den rung Jerusalems beteiligt.
in der Literatur überlieferten Asche- Die Archäologen vermuten, dass die Soldaten die Inschrift auf-
trunk gab es also wirklich. „Pflanzli- stellten, nachdem Hadrian seine Provinzen im Osten besucht hatte.
che Asche wurde offenbar zur Kräfti- Sie lautet:
gung nach körperlicher Anstrengung „Für den Imperator Caesar Traianus Hadrianus Augustus, Sohn
und zur verbesserten Knochenheilung des göttlichen Traianus Parthicus, Enkel des göttlichen (Kaisers)
eingenommen“, erklärt Studienleiter Nerva, Hoher Priester, versehen mit der tribunischen Macht zum 14.
Fabian Kanz vom Department für Ge- Mal, Konsul zum dritten Mal, Vater des Landes, (gewidmet durch
richtsmedizin der Universität Wien, die) 10. Legion Fretensis Antoniniana.“
„da verhielt es sich ähnlich wie heut- Möglicherweise entstamme die Inschrift einem Triumphbogen im
zutage die Einnahme von Magnesium Norden Jerusalems, ähnlich dem Titusbogen in Rom, so Rina Avner.
und Calcium“. W Befand sich dort das Lager der zehnten Legion? Man hat zwar viele
(Universität Bern/Universität Wien) Belege, dass die Legion in Jerusalem stationiert war, kennt jedoch
bis heute ihren genauen Standort nicht. W (IAA/KNA/WUB)

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welt und umwelt der bibel 1/2015 5
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Gerade einmal zwei Menschenleben
alt ist die Suche nach der Welt, in
der die Bibel entstand – doch ist
das die „biblische Welt“?
Je mehr Entdeckungen ans Tages-
licht treten, umso mehr Fragen müs-
sen auch neu gestellt werden. Es
bleibt spannend, der antiken Welt
unmittelbar zu begegnen.

Das Labor der Ausgrabungen


von Megiddo,
aufgenommen am 9. Juli 2014. Erstmals
wurde Megiddo bereits im 19. Jh. von
Gottlieb Schumacher und Carl Watzinger
erkundet. Heute leitet Israel Finkelstein
zusammen mit Eric Cline von der University
of Washington das Projekt. Megiddo ist ein
Schlüsselort für die Geschichte des Heiligen
Landes: Über 20 Schichten, mehr als 6000
Jahre der Besiedlung, gestapelt auf mehr als
20 Meter Höhe.
Die organischen Proben werden mithilfe
der C14-Analyse untersucht, sodass keine
Datierungen verfälscht werden. 2014 wurden
beispielsweise Samen untersucht, die unter
einer Ascheschicht lagen.

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Forschung mit
Spaten und Bibel?
150 Jahre Biblische Archäologie

Als man vor etwa 150 Jahren in den Ruinenhügeln des Nahen Ostens altehrwürdi-
ge Städte und in den Landschaften der südlichen Levante Schauplätze biblischer
Geschichte wiederentdeckte, lag der Wunsch nahe, die biblische Zeit mit wissen-
schaftlichen Methoden verstehen zu können. Forscher, Abenteurer, Theologen und
Altertumskundler (manchmal auch alle Professionen in einer Person) durchstreif-
ten das Heilige Land, um die materiellen Funde der Levante zu erkunden und de-
ren Geschichte neu zu rekonstruieren. Von Dieter Vieweger und Katja Soennecken

Napoleons Zug bis an den Weißen Nil löste


ein gewaltiges Interesse an den biblischen und
orientalischen Ländern aus. Die „Welt der Bibel“
wurde im wahrsten Sinn des Wortes „erobert“
und wertvolle Fundstücke fanden so ihren Weg
nach Europa.

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D
ie Verknüpfung von Bibelauslegung mit schon nach einer Woche auf eine eindrucksvol-
landeskundlicher und archäologischer le assyrische Monumentalarchitektur und nahm
Forschung ist von Beginn an wissen- an, dass es sich um die Stadt Ninive handelte.
schaftliche Herausforderung und Problem der Deren Entdeckung blieb aber seinem britischen
Biblischen Archäologie zugleich gewesen. So Kollegen Austen Henry Layard vorbehalten, der
waren es häufig gerade Bibelwissenschaftler, die bald nach Botta in Quyungĭ q grub und damit in
Ausgrabungen im Heiligen Land organisierten die Geschichte der Archäologie einging.
und durchführten. Nur ein paar Jahrzehnte später fand man in
Quyungĭ q auch Keilschrifttafeln mit der Erzäh-
lung von einer Sintflut – das Gilgameschepos.
Die Suche nach der Welt der Bibel begann Sie stammten aus der Bibliothek des großen
im Abendland Königs Assurbanipal (669–627 vC). Dieser Fund
Der Feldzug Napoleon Bonapartes im Jahr elektrisierte die Orientalisten derart, dass eine
1798 nach Ägypten führte zu einer bis dahin regelrechte Jagd auf Keilschrifttafeln einsetzte,
ungeahnten Begeisterung für den Orient. Eine die sog. „tablet hunt“.
„wissenschaftliche Sondereinheit“ der franzö-
sischen Armee dokumentierte die ungeahnten
Schätze Ägyptens in beeindruckender Weise Die Anfänge der Forschung in der
und ließ sie nach Europa transportieren. So südlichen Levante
wurden sie im Abendland bekannt. Der von 1865 durchstreifte der britische Offizier Charles
französischen Soldaten bei Schanzarbeiten auf- William Wilson das Gebiet von Beirut bis Jeru-
gefundene und später von den Briten erbeute- salem. In Jerusalem unternahm er einige Gra-
te Stein von Rosette lieferte den Schlüssel zur bungen, auch ganz in der Nähe der Klagemauer.
Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen- Dabei entdeckte er u. a. einen Mauerbogen, der
schrift und damit den Zugang zu einer nahezu zu Herodes’ Zeiten die Oberstadt mit dem Tem-
unendlichen Quelle des Wissens über das Alte pelbereich verband und seither seinen Namen
Ägypten. Die Faszination, die der Anblick dieser trägt: Wilsonbogen.
unglaublichen Funde einer fernen, alten Kultur Der Alttestamentler Edward Robinson (1794–
im Wüstensand Ägyptens auf die staunende 1863) reiste damals ebenfalls durch das Heilige
europäische Öffentlichkeit machte, führte zu Land, schloss von den modernen arabischen
einer Begeisterung für alles Altägyptische, für Namen auf die alten biblischen und identifizier-
ägyptische Mode, für Mobiliar und selbst für die te so Hunderte Orte. Dennoch konnte er bei Wei-
Baukunst – sie wuchs sich zu einer regelrechten tem nicht alle wichtigen biblischen Stätten fin-
„Ägyptomania“ aus. den. So stand er z. B. – Megiddo suchend – auf
Das Abendland wartete nun gespannt auf die dem Tell es-Mutesellim und wusste nicht, dass
Entdeckung der alten Städte und Reiche, die es sich bei diesem Tell um einen von Menschen
man aus dem Alten Testament kannte. Zualler- gemachten Hügel handelte, in dem sich die von
erst suchte man nach der reichen Stadt Ninive, ihm gesuchte Stadt befand.
die in den Büchern Jona und Judit als Weltstadt Sehr bald stellte sich heraus, dass eine sys-
beschrieben wird. – War sie nur eine biblische tematische Erforschung Jerusalems angesichts
Fiktion oder vielleicht doch Wirklichkeit? der Überbauung und der komplizierten Eigen-
tumsrechte schwierig und die damals üblichen
Tunnelgrabungen nicht nur zu gefährlich, son-
Der Wettlauf um die Entdeckung Ninives dern auch wenig ertragreich waren. Daraufhin
ging in die Forschungsgeschichte ein: sah man von Grabungen in Jerusalem ab und
Erste große Ausgrabungen unternahm der fran- legte den Schwerpunkt auf die systematische
zösische Konsul und Arzt Paul Émile Botta Erkundung des Heiligen Landes. Die leitenden
(1802–1870). Ursprünglich hatte er 1842 unweit Ideen der Pioniere der archäologischen Arbeit
von Mosul, auf dem Quyungĭ q genannten Hügel blieben jedoch die selben. Die American Pales-
am Ostufer des Tigris, nach Ninive gesucht. Nach tine Exploration Society brachte sie 1870 auf
drei Monaten Arbeit ohne (für seine Vorstellun- den Punkt: „Was auch immer in der Lage ist,
gen) „angemessene“ Funde war er der Überzeu- die Geschichte der Bibel als echt zu
gung, auf dem falschen Hügel zu sein. Also ging erweisen [...], ist eine Widerlegung des Unglau-
er ins nahe gelegene Horsābād. Dort stieß er bens.“

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welt und umwelt der bibel 1/2015 9
150 Jahre BiBlische archäologie

Ende des 19. Jh. wurde die Biblische Archäolo- jähriges Bestehen feiern, sollte es endlich klar
gie zum ersten Mal grundlegend herausgefordert. sein, dass diese traditionelle biblische Archäolo-
Die biblisch motivierten „Learning by Doing“-Ar- gie tot ist.“ Er selbst hatte einige Jahre zuvor die
chäologen erlebten 1890 auf dem Tell el-̣Hesı- (im „Todesanzeige der Biblischen Archäologie“ – wie
Hügelland der Schefela, nicht weit von Lachisch) er es selbst nannte – verfasst.
die damals revolutionären Grabungsmethoden William G. Devers‘ ernüchternde Bilanz des
des zuvor in Ägypten tätigen britischen For- Zustandes seiner Wissenschaft hat die unter-
schers Sir William M. Flinders Petrie. Er war der schiedlichsten Reaktionen hervorgerufen. Sein
Erste, der die in der Landschaft verteilten Tells Wunsch, tatsächlich eine „New Biblical Archa-
als das erkannte, was sie waren: schichtenweise eology“ zu schaffen, wurde indes nicht erfüllt.
Auch seine großen Erwartungen an die Verän-
derbarkeit der Biblischen Archäologie wurden
„Was auch immer in der Lage ist, nicht wahr. Daher ist in allen Ländern der süd-
lichen Levante innerhalb der letzten Jahrzehnte
die Geschichte der Bibel als echt zu neben die Biblische Archäologie eine starke, von
erweisen [...], ist eine Widerlegung lokalen wie ausländischen Wissenschaftlern ver-
tretene selbstbewusste Vorderasiatische Archäo-
des Unglaubens“ logie getreten.
American Palestine Exploration Society Doch selbst wenn man die Biblische Archäo-
logie vom Vorrang exegetischer Fragestellungen
und Denkweisen befreit, so bleibt die Aufgabe,
aufgehäufte Reste von Siedlungen. Auf dem Tell die den geografischen Bereich betreffenden
el-̣Hesı- führte er die stratigrafische Ausgrabungs- Texte – wovon die Bibel zweifelsfrei der umfas-
methode ein, für deren Durchbruch Heinrich sendste ist – unter Berücksichtigung der Aus-
Schliemann und Wilhelm Dörpfeld in den beiden grabungsbefunde zu erklären (vgl. den Beitrag
Jahrzehnten zuvor in Troia und Mykene wichtige „Neue Funde – alter Streit“, S. 22). Texte und
Vorarbeiten geleistet hatten. archäologische Quellen – so unterschiedlich
Dies blieb nicht der einzige Wendepunkt in sie auch sein mögen – brauchen je eine sach-
der mit vielen Skandalen und Fehlurteilen be- gerechte Auslegung. Die Biblische Archäologie
hafteten Geschichte der Biblischen Archäologie: hat daher nur dann eine Zukunft, wenn sie als
So glaubte man z. B. die Mauern Jerichos auf- echter Teil der Vorderasiatischen Archäologie
gefunden zu haben, auch wenn diese Hunderte mit allen Texten des Vorderen Orients sachge-
Jahre zu alt für die biblische Geschichte waren; recht umzugehen versteht. Sie erfordert – das
außerdem lokalisierte man in Ur die Schwemm- ist unser nachdrückliches Bekenntnis – eine
schichten der Sintflut und leistet sich bis heute doppelte wissenschaftliche Qualifikation der
den öffentlich breit ausgetragenen Streit um die Forscher – und zwar sowohl als Archäologen
angeblichen Paläste Davids und Städte Salomos. wie auch als Theologen. W
Vielfach angestachelt von Bibelwissenschaft-
lern, die die Möglichkeiten der Archäologie nicht
immer korrekt einschätz(t)en und sich auch de-
ren Methoden nicht durchgängig sicher waren Lesetipp
bzw. sind, wird die Biblische Archäologie bis • Dieter Vieweger: Archäologie der Biblischen
heute von vielen als eine interessengelenkte Ge- Welt, Güterloh 2012.
sinnungswissenschaft wahrgenommen.
Prof. Dr. Dr. Dr. Dieter Vieweger
ist Direktor des Deutschen Evan-
Die traditionelle biblische Archäologie
gelischen Institutes für Altertums-
ist überholt wissenschaft des Heiligen Landes
William G. Devers Vortrag anlässlich der 100-jäh- Jerusalem und Amman, zugleich
rigen Wiederkehr von Petries erster stratigrafi- Forschungsstelle des Deutschen
scher Grabung auf dem Tell el-̣Hesı- bedeutete ei- Archäologischen Instituts. Seit
2001 leitet der Archäologe das
nen weiteren Wendepunkt im Nachdenken über
„Gadara Region Project“, das die
die Biblische Archäologie: „Während des größten Erforschung des Wadi el-Arab und
Teils der ersten hundert Jahre wurde syropaläs- die Ausgrabung auf dem seit 5000 Jahren besiedelten
tinensische Archäologie durch biblische Interes- Hügel Tall Zira-꜂a im Dreiländereck Jordanien, Syrien und
sen dominiert. Aber wenn wir nun ihr hundert- Israel umfasst.

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welt und umwelt der bibel 1/2015
150 Jahre BiBlische archäologie

Ein Tell entsteht


durch die Überbauung
der älteren, zerfalle- 3
2
nen oder zerstörten 1
Siedlungsschichten.
Bei Ausgrabungen
werden diese in der
Reihenfolge des
Auffindens, d. h. von
der jüngsten (3) zur
ältesten (1) num-
meriert. Bild unten:
Die typische Keramik
jedes Stratums lässt
auf das Alter der
jeweiligen Schicht
schließen.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 11
WAS IST EIGENTLIcH BIBLIScHE ARcHäOLOGIE?

Biblische Archäologen sind an der Be-


schreibung des Lebens von Dörfern, Städ-
ten und Gesellschaften, des alltäglichen
Treibens und religiösen Handelns interes-
siert. Sie beschreiben Kulturen sowie de-
ren Veränderungen und spannungsreiche
Übergänge zu neuen Epochen. Sie liefern
das materielle Umfeld der Epochen, aus
denen wir Texte und bildliche Darstellun-
gen besitzen.
Fragen wie „Gab es einen Exodus?“
oder „Hat die Bibel doch recht?“ beschäf-
tigten die Pioniere der Biblischen Archäo-
logie und sie schwingen auch heute noch
mit: Doch die Archäologie ist mit ihrem
Die berühmte „Guffa“ – der unentbehrliche Tragekorb für methodischen Instrumentarium nicht
Erde und Steine während jeder Ausgrabung
dafür ausgelegt, darauf Antworten zu lie-
fern. Dies muss ins Bewusstsein dringen,
damit endlich die Suche nach der Arche
Noah, den Zehn-Gebots-Tafeln oder der

D ie Biblische Archäologie ist ein be-


sonderer Zweig der Vorderasiati-
schen Archäologie und ganz deren Me-
zeichnet sich durch die konsequente An-
wendung naturwissenschaftlicher Metho-
den aus. Die Biblische Archäologie wäre
Fluchtburg Jerobeams II. ein Ende hat.
Und es gibt noch eine weitere Heraus-
forderung für die Biblische Archäologie:
thoden und Standards verpflichtet. Sie demnach ein selbstständiger und ernst- der Sensationsjournalismus. Mit dem Me-
beschäftigt sich zeitlich und räumlich hafter Gesprächspartner der Vorderasi- dienrummel um haltlose archäologische
mit einem Bereich, in dem die biblischen atischen Archäologie sowie der exegeti- Sensationsberichte wie den eines James
Texte eine der Hauptquellen darstellen. schen Bibelauslegung und Landeskunde. cameron über das Grab der Familie Jesu
Ihre Besonderheit gründet nicht allein in Angesichts solcher Veränderungen und oder mit der Vielzahl effekthascherischer
ihrer historischen Entstehung, sondern Herausforderungen ist auch die traditio- Berichterstattungen über Artefakte aus
in der Herausforderung, die Befunde der nelle Bezeichnung „Biblische Archäolo- der biblischen Geschichte, die sich nach
archäologischen Forschung mit den exe- gie“ nicht unumstritten. Natürlich könnte ein paar Monaten zumeist als gefälscht
getischen Erkenntnissen zum Alten und man von einer „Archäologie der südlichen erweisen, werden wir leider noch sehr
Neuen Testament, der Landeskunde und Levante“ sprechen und damit klarstellen, lange leben müssen.
allen anderen an der Erforschung des Al- dass der gesamte Raum Israel/Palästina Wenn auch die Biblische Archäologie
tertums in der südlichen Levante beteilig- und Jordanien sowie alle seine kulturellen nicht alle an sie gerichteten Erwartun-
ten Wissenschaftszweigen zu diskutieren Epochen (von der Stein- bis zur Neuzeit) gen erfüllen kann, so steht doch eine
und im interdisziplinären Rahmen kritisch im Blickpunkt dieser Wissenschaft ste- blühende Zukunft vor ihr: die Erkundung
abzuwägen. hen. Andererseits beschreibt der Name der historischen Landschaften, das Be-
Diese Biblische Archäologie – für die „Biblische Archäologie“ die Herkunft und schreiben von Handel und Handwerk,
wir einstehen und werben – begreift sich ein einmaliges Proprium dieser speziellen die Erforschung von Straßen, Dörfern
als Teil eines großen Netzwerkes vielfälti- archäologischen Forschung: die Beschäf- und Städten, die Wiederentdeckung des
ger, gleichberechtigt an der Altertumsfor- tigung mit dem Umfeld der biblischen Welt landwirtschaftlichen Anbaus und der
schung der südlichen Levante partizipie- im weitesten Sinne. Daher ist es auch nicht Verarbeitung pflanzlicher und tierischer
render Wissenschaftszweige. Sie erstrebt zwingend, die eingeführte Bezeichnung Produkte. Das Bild der verschiedenen
in der südlichen Levante eine möglichst abzuändern, wenn dabei klar bleibt, dass Kulturzeiten im Heiligen Land wird sie in
umfassende Erforschung aller Kulture- die Biblische Archäologie räumlich, zeit- Zukunft noch weitaus differenzierter und
pochen, führt nicht hier und da Einzel- lich und ethnisch über die in ihrem Namen umfassender zeichnen, als wir das derzeit
projekte (Ausgrabungen/Surveys) durch, im strengen Sinn verbundenen Bereiche hoffen können. All diese Forschungen ste-
sondern treibt regionale und problem- hinausgeht und sich konsequent den mo- hen nach 150 Jahren Biblischer Archäo-
orientierte Forschungen zur materiellen dernen methodischen Herausforderungen logie noch nahezu ganz am Anfang.
Kultur der südlichen Levante voran und der Vorderasiatischen Archäologie stellt. (Dieter Vieweger)

12 welt und umwelt der bibel 1/2015


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Eine deutsche Forschungs-
einrichtung in Jerusalem
Das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft
des Heiligen Landes

Auf dem Ölberg in Jerusalem


befindet sich das Deutsche Evangelische
Institut. Es versteht sich als Gesprächs-
partner der Theologie und der Kirche bei
der Interpretation archäologischer und
landeskundlicher Fragen.

Geschichte und seinen unterschiedlichen


Kulturen und Religionen“ zu erforschen
sowie „die Erkenntnisse in die Fachwelt zu
tragen und auch dem Laien verständlich“
zu machen (Stiftungsurkunde). Das DEI
ist eine kirchliche Stiftung und seit 2005
zugleich eine Forschungsstelle des Deut-
schen Archäologischen Instituts.

S chon sehr bald nach dem Beginn der (seit 1970 W. F. Albright Institute of Ar- Das DEI ist mit eigenen Instituten in
archäologischen Erforschung des Hei- chaeological Research) und das Deutsche Jerusalem (1902) und Amman (1975)
ligen Landes wurden die Verantwortlichen Evangelische Institut für Altertumskunde präsent, unterhält in Gadara (Umm Qais)
gewahr, dass es zur Vorbereitung und Pla- des Heiligen Landes sowie 1901 als itali- ein eigenes Grabungshaus und erforscht
nung der Ausgrabungen in der südlichen enische Einrichtung das Studium Biblicum insbesondere die Geschichte Jerusalems
Levante vielfältiger organisatorischer und Franciscanum. Es folgten 1914 die Jewish sowie die Kulturgeschichte der Levante.
logistischer Voraussetzungen und einer Palestine Exploration Society (seit 1948 Dazu richtete es in Jerusalem für die Öf-
gut geregelten Zusammenarbeit der For- Israel Exploration Society) und 1919 die fentlichkeit einen archäologischen Park
scher bedurfte. Daher wurde bereits 1865 British School of Archaeology of Jerusalem unter der Erlöserkirche (www.durch-die-
der Palestine Exploration Fund gegründet. (seit 2001 Kenyon Institute). zeiten.info) ein und gräbt seit 2001 den
Er half bei der Organisation und Finanzie- Neben den wissenschaftlichen Anliegen seit der Mitte des 4. Jahrtausends vc un-
rung der anstehenden archäologischen gab es auch eine politische Absicht: Die aufhörlich besiedelten Tall Zirā꜂a (www.
Projekte und wurde zur Plattform des wis- abendländischen Großmächte wollten ihre tallziraa.de) aus.
senschaftlichen Austauschs. Präsenz im Nahen Osten stärken, zumal Im Sinne der Biblischen Archäolo-
Viele Nationen folgten diesem Beispiel sich der Niedergang des Osmanischen gie fördert das DEI die interdisziplinä-
und richteten archäologische Institute Reiches bereits deutlich abzeichnete. re Erforschung der südlichen Levante
und Vereinigungen ein. So entstanden Das im Jahr 1900 gegründete Deut- durch die stetige Zusammenarbeit von
1870 die American Palestine Exploration sche Evangelische Institut (DEI) gehört zu Archäologen, Theologen und Landes-
Society, 1877 der Deutsche Verein zur den traditionsreichsten altertumswissen- kundlern. Das Institut versteht sich als
Erforschung Palästinas, 1890 die École Bi- schaftlichen Einrichtungen in Jerusalem. Gesprächspartner der Theologie und der
blique et Archéologique Française, 1898 Seit den Tagen Gustaf Dalmans (Direktor Kirche bei der Interpretation archäolo-
die Deutsche Orient-Gesellschaft, 1900 1902–1914) widmet es sich der Aufgabe, gischer und landeskundlicher Fragen.
die American School of Oriental Research „das Heilige Land mit seiner vielfältigen (Dieter Vieweger, Katja Soennecken)

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welt und umwelt der bibel 1/2015 13
Vorurteile

Böse
Nachbarn?
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Das Bild der Philister und der Samaritaner
in den biblischen Texten
„Zwei Völker verabscheue ich und das dritte ist kein Volk: Die Bewohner von
Samaria und vom Philisterland und das törichte Volk, das in Sichem wohnt.“
(Jesus Sirach 50,25-26 nach der Lesart der Septuaginta). Von Katja Soennecken

D
er Name Philister ist sprichwörtlich für fänge des Königtums unter Saul und David. Die
Andersartige; er wurde zum Sinnbild für von den Feinden ausgehende Bedrückung wird
Dummheit, geistige Enge und Kulturlo- als Hauptgrund für den Zusammenschluss der
sigkeit – auch z. B. bei Heinrich Heine. Wie kam Stämme zu einem Königtum angesehen. Selbst
es dazu? Unser Bild von den Philistern stammt David kann sie nach den biblischen Berichten
aus deren Beschreibung im Alten Testament. zwar vom judäisch/israelitischen Siedlungsbe-
Dort werden die Philister (pars pro toto für alle reich fernhalten – sie aber in deren Land nicht
„Seevölker“) negativ als die „Anderen“ charakte- erfolgreich attackieren. Das Philistergebiet war
risiert, die Unbeschnittenen. Damit gehören sie und blieb von Israel/Juda immer unabhängig,
nicht zu denen, die schon immer in der südli- 1 Kön 2,39-41 zum Trotz.
chen Levante lebten, den dort vertrauten Göttern Zwar werden die Philister auch in späteren Er-
opferten und auch sonst den Israeliten und Judä- zählungen noch erwähnt, doch nehmen sie hier
ern kulturell ebenbürtigen Menschen. nur noch Nebenrollen ein. In den Büchern der
In den biblischen Überlieferungen wird be- Chronik dienen sie gar nur dazu, das Urteil der
schrieben, dass die Philister (in der Septuaginta Verfasser über den jeweiligen König Judas zu un-
mit allophyloi „Andersstämmige” übersetzt) im termauern – gute, JHWH und dem Tempel treue
südlichen Küstenstreifen lebten und in einem Könige waren gegen die Philister erfolgreich, die
Fünfstädtebund, der sog. Pentapolis, nämlich in schlechten nicht.
Aschdod, Aschkelon, Gaza, Ekron und Gat, orga-
nisiert waren. Es geht hier in etwa um das Gebiet
des heutigen Gazastreifens. Die Archäologie rückt manches zurecht
Die Philister werden hauptsächlich in den Er- Erst die Ägyptologie, die Vorderasiatische und
zählungen über die Landnahme- und Richterzeit die Biblische Archäologie haben es den Philistern
erwähnt. In der Simsonerzählung sind sie die erlaubt, aus dem Schatten der alttestamentlichen
Feinde der israelitischen Stämme (Ri 13-16). Sie Erzählungen herauszutreten und ein vielgestalti-
werden als einzige der die Israeliten bedrängen- ges Bild ihrer Kultur zu zeichnen.
den Nachbarvölker nicht von einem der Richter Die Philister werden, wie Israel, auf der sog.
geschlagen. Simson von Dan kann allein „terro- Israel-Stele des Pharao Merenptah (um 1200 vC )
ristische Nadelstiche setzen“ und stirbt schließ- zum ersten Mal in ägyptischen Quellen erwähnt.
lich als erster verbriefter „Selbstmordattentäter“ Sie zählen zu den Angreifern Ägyptens, die Ram-
des Nahen Ostens. ses III. (1184–1153 vC) schwer zusetzten. Damals
Eine wichtige Rolle spielen die Philister in drangen die „Seevölker“ genannten Gruppen
der Erzählung, wie sie die Bundeslade erbeuten erfolgreich bis Ägypten vor – unter ihnen auch
(1 Sam 4,1-7,1). Auch wenn diese Erzählung erst die sog. plst/prst (sprich: Peleschet), die Philis-
nach der Zeit verfasst wurde, in der sie spielt, ter. Zeugnis davon geben u. a. Inschriften und
zeigt sie doch: Die Philister waren den Israeliten das Relief im Totentempel des Pharao in Medinet links:
militärisch deutlich überlegen. Die biblischen Habu. Philister mit
Geschichten sollen deshalb die Macht des isra- Die Seevölker versuchten in Ägypten Fuß zu Kammbusch
elitischen Gottes selbst über diese Philister und fassen, wurden allerdings von Ramses geschla- Relief aus dem Toten-
deren Gott beweisen, was sich im alltäglichen gen. Dass diese Schlacht nicht ganz so glorreich tempel von Ramses III.
Leben der Völker sonst wohl augenscheinlich gewonnen wurde, wie uns die ägyptische Ge- in Medinet Habu, Neues
wenig abzeichnete. Größte Bedeutung haben die schichtsschreibung glauben machen will, zeigt, Reich, 20. Dynastie, um
Philister auch in den Erzählungen um die An- dass der Pharao ihnen eine Ansiedlung im nahe 1196/1080 vC

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welt und umwelt der bibel 1/2015 15
Böse NachBarN?

gelegenen Kanaan „erlauben“ musste. Dieses Religiöse Konkurrenz


Gebiet hatten die Seevölker aber längst in ihrer Die biblischen Texte sprechen von einem Gott
Hand. Ägyptens Einfluss ging andererseits auch Dagon oder Dagan (Ri 5,2-7; Ri 16,23), der Göttin
nicht schlagartig zu Ende, sondern dauerte fort Aschtarte (1 Sam 31,10) und Baal-Sebub von Ek-
(siehe z. B. den ägyptischen Standort in Qubur ron (2 Kön 1,2-3), der wahrscheinlich der lokalen
al-Walayida). Ausprägung des Gottes Baal entspricht. Damit ist
allerdings nicht unbedingt gesagt, dass die Phi-
lister tatsächlich mit semitischen Gottheiten in
Die Spur führt nach Südeuropa Verbindung zu bringen sind, sondern nur, dass
Die materielle Kultur der Philister lässt auf Ur- die biblischen Autoren die ihnen fremden Götter
sprünge in Zypern oder der Ägäis sowie in Süd- in ihnen bekannte Muster (d. h. kanaanäische
osteuropa schließen. Ihre Kultur weist neben Götter) übersetzten.
ägyptischen und kanaanäischen Einflüssen ganz Über Religion und Kult sind darüber hinaus
eigenständige Merkmale auf, wie z. B. eine be- mithilfe der Archäologie nur wenige Erkenntnis-
sondere Art der bichromen (zweifarbigen) Kera- se zu gewinnen. Es scheint einiges für eine große
mik oder Trinkschalen mit der Darstellung eines Bedeutung weiblicher Gottheiten zu sprechen,
Vogels. so überwiegen die weiblichen Figurinen und Sta-
Erst seit den 1960er-Jahren wurden größere tuetten die männlichen. Eine in Ekron gefundene
Ausgrabungen in den Pentapolisstädten durch- Weiheinschrift aus dem 7. Jh. vC spricht von einer
geführt. Dabei zeigten sich u. a. architektonische Göttin Ptgjh als „Herrin“ der Stadt. Auch in der
Merkmale, wie das sog. Sechskammertor, das philistäischen Ikonografie häufig auftauchen-
bis dahin als salomonisch angesehen wurde. In- de Elemente (wie Vögel und Löwinnen) können
teressant ist auch, dass die Philister eine eigene möglicherweise mit einer Muttergottheit in Ver-
(europäische!) Gattung Hausschweine mitbrach- bindung gebracht werden.
ten und verzehrten (das Schwein war in Kanaan Neben den biblischen Texten stehen uns auch
und auch bei den Israeliten zwar längst domesti- andere schriftliche Überlieferungen zur Ver-
ziert, doch brachten die Philister „ihre“ Schwei- fügung: insbesondere ägyptische, assyrische
ne aus ihrer Umwelt mit). Weitere Städte wurden und babylonische Texte. Die wenigen lesbaren
ausgegraben, wie Tell el-Qasile, im Norden des Inschriften, die von den Philistern selbst zu
heutigen Tel Aviv gelegen – eine Neugründung stammen scheinen, datieren in die Eisenzeit II
(10.–6. Jh. vC) und sind in einem Lokaldialekt
des Kanaanäischen geschrieben. Dies kann als
weiterer Hinweis für eine baldige Assimilation
Die archäologischen Ergebnisse legen nahe, gewertet werden. In mesopotamischen Quellen
dass sich die Philister schnell mit den im Land tauchen die Philister(städte) als Tributzahlende
an den Assyrerkönig Adadnirari III. (810–783 vC)
ansässigen Kanaanäern verbanden auf – und natürlich bei ihrer Eroberung durch
Tiglatpileser III. (744–727 vC). Für diese Zeit ist
sogar eine Koalition zwischen dem König von
der Philister in der frühen Eisenzeit. Hier wurde Aschkelon (Philister) mit den Königen von Da-
ein Tempelkomplex gefunden (vgl. den späteren maskus und Israel bekannt, und auch nach dem
aus Nahal Patisch, siehe S. 19). Zudem fand sich Tod Sargons gab es eine Allianz zwischen Hiski-
auch ein Gebäude im Typ des sog. Vierraumhau- ja, dem König von Juda, und den Bewohnern von
ses, wie es auch in Israel üblich war und lange Ekron – die allerdings nicht lange Bestand hatte.
als Marker für die israelitische Kultur galt. Auch Als Schlusspunkt der philistäischen Geschichte
in Tel Batas (Timna) fand man philistäische Kul- wird meist das Jahr 604 vC gesehen, als der neu-
tureinflüsse in der frühen Eisenzeit, ebenso zwei babylonische Herrscher Nebukadnezzar II. das
Jahrhunderte später in Nahal Patisch und in Yav- Philisterland eroberte.
neh. Die archäologischen Ergebnisse legen nahe, Betrachtet man die materiellen Hinterlassen-
dass sich die Philister schnell mit den im Land schaften und das, was wir aus den Textquellen
ansässigen Kanaanäern verbanden (wie z. B. die wissen, so zeigt sich ein ambivalentes Bild: Zum
landestypische Alltagskeramik zeigt), Einflüsse einen scheinen die Philister eine von den Judä-
aus Ägypten übernahmen, aber auch eigene Tra- ern/Israel unterschiedliche Kultur zu repräsen-
ditionen fortführten. tieren (unbeschnitten, andere Götter verehrend,
bichrome Keramik, anderer Tempeltyp), zum
anderen scheinen sie sich schnell mit der kanaa-

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Böse NachBarN?

Ein HEiLigtum Plan des tempels


am Nahal Patisch.
DER PHiLiStER
– nAHAL PAtiSCH

I m Zuge einer Rettungsgrabung beim neubau


der Bahntrasse zwischen Aschkelon und Beer-
scheba wurde in den Jahren 2006 bis 2008 ein bis
Philistäischer
Sargdeckel aus ton,
dahin unbekanntes philistäisches Heiligtum freigelegt. ähnlich den ägyptischen
Es liegt ca. 12 km westlich von Beerscheba am nordhang Särgen in Menschen-
gestalt. Bet Schean,
des nahal Patisch und umfasst ein gelände von ca. 1,2 ha. Es
14./13. Jh. vC.
gab dort zwischen dem Ende des 11. Jh. bis zum frühen 10. Jh. vC drei
Besiedlungsphasen. Der tempelkomplex selbst besteht aus einem Hof,
einem anschließenden Vorrats- oder Lagerraum und dem eigentlichen
Heiligtum, welches über den Hof betreten werden konnte. im Hof standen
an zwei Seiten Bänke, möglicherweise für die Kultteilnehmer bei der
Kultfeier, und in der mitte des Hofes stand ein nahezu quadratischer
Steinaltar. Das Heiligtum mit einer größe von 2 x 5,2 m hatte
ebenfalls Bänke an den Wänden, welche eventuell zur Ablage
von Weihegaben dienten oder für die Priester bestimmt waren.
Am östlichen Ende lag eine über eine Stufe zugängliche er-
höhte Plattform, in deren mitte ein Stein aufgerichtet war –
der Kultstein als Repräsentant der gottheit. Es fanden sich
auch Kult-/Räucherständer, Schalen für trankopfer und an-
dere mit dem Kult verbundene Objekte. Ein Becher in der
Form eines Löwenkopfes stellt ein typisch philistäisches
Element dar, auch wenn die sonstige Keramik und die
architektonischen Elemente nicht spezifisch philistäisch
sind – woraus die Ausgräber auf eine Form von Akkultura-
tion der ehemaligen philistäischen Einwanderer schließen.
Der gesamte Komplex scheint durch eine plötzliche Katast-
rophe (vermutlich ein Erdbeben) zerstört worden zu sein.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 17
Böse NachBarN?

näischen Bevölkerung im Küstenstreifen sein. Der zahlenmäßig übermächtige ße gelten sollten – allerdings im Rahmen
vermischt zu haben (große Übereinstim- Einfluss der Flüchtlinge aus dem Norden der theologischen Größe „Israel“.
mungen bei Architektur und Alltagske- darf in Jerusalem nicht zu gering einge- Die Samaritaner sehen die Texte des
ramik). schätzt werden. Pentateuchs als heilig an, wenn auch
Warum zeichnet das Alte Testament Problematisch ist dabei, dass Juda in in einer von dem uns vertrauten heb-
dann aber solch ein negatives Bild von persischer Zeit – d. h. zur Zeit des Wie- räischen Text leicht unterschiedenen
den Philistern? Sie sind die entscheiden- deraufbaus des Zweiten Tempels (Hag- Form (Samaritanischer Pentateuch). Die
den Gegner für die entstehenden König- gai und Sacharja) – von Samaria aus Qumranfunde zeigen, dass diese Version
tümer Israel und Judäa, denn sie waren verwaltet wurde und auch dorthin seine aber nicht nur von Samaritanern benutzt
eine beachtenswerte Konkurrenz und Steuern zu zahlen hatte – ein Umstand, wurde, sondern auch in Kreisen des ent-
Gefahr hinsichtlich des benötigten Le- der nicht mit Wohlwollen hingenommen stehenden Judentums; sie war also auch
bensraums – besonders im Grenzgebiet, wurde. Zumindest beantworteten ihn die in die allgemeine jüdische Tradition ein-
dem Hügelland. Gerade weil es Kontak- tempelzentrierten Frommen in Jerusa- gebettet. Über die Entstehungszeit die-
te zwischen der judäisch/israelitischen lem mit einem Ausschluss der Samarita- ses Samaritanischen Pentateuchs wurde
Bevölkerung und den Philistern geben ner aus der religiösen Gemeinschaft. viel gestritten, doch mittlerweile geht
musste (woher kamen z. B. die Oliven man meist von einem Datum im 2./1. Jh.
für die große Zahl der Ölpressen in den vC aus. Zu dieser Zeit gab es schon die
philistäischen Städten, wenn nicht aus Die Loslösung der Samaritaner Prophetensammlung (Buch Josua bis zu
dem judäischen Bergland?; von David In 2 Kön 17,24-41 wird die Entstehung des den zwölf Kleinen Propheten) und die
wird sogar berichtet, er sei Söldner der Volkes der Samaritaner berichtet – ganz „Schriften“ (u. a. Psalmen, Ijob). Sie wa-
Philister gewesen), bestand wohl die aus Sicht der sich nach dem Exil sepa- ren allgemein bekannt und viele davon
Gefahr, dass die philistäische Religion rierenden Judäer. Samaritaner gelten als wurden sicher auch unter den Samari-
als attraktiv angesehen wurde. Die bib- Götzendiener, auch wenn sie den Herrn tanern mit großem Respekt behandelt –
lischen Texte wollen keine ausgewogene fürchten. Hier wird auch von einem Bund aber nicht als heilig angesehen und folg-
Darstellung dieses anderen Volkes lie- gesprochen, den Gott mit den Samarita- lich auch nicht in den Samaritanischen
fern – sie wurden mit einer bestimmten nern schließt – aber natürlich hielten Kanon aufgenommen.
Intention geschrieben, sind Propaganda diese sich nicht an die Satzungen und Damit waren die Samaritaner nicht al-
gegen diese „Feinde Gottes“ und wollen brachen ihn. Es wird deutlich gesagt, lein: Auch die Sadduzäer sahen nur den
daher kein gutes Haar an ihnen lassen. dass es sich um dieselben Satzungen Pentateuch als heilig an. Spätestens mit
handelte, die der Herr auch den Söhnen der Kanonisierung der Schriften durch
Jakobs/Israel gab! In Esra 4 bieten die das nunmehr pharisäisch geprägte Ju-
Wie aus Brüdern Feinde werden Samaritaner an, sogar beim Neubau des dentum am Ende des 1. Jh. nC muss man
– die Samaritaner Jerusalemer Tempels mitzuhelfen, was von den Samaritanern jedoch als einer
„Und es begab sich, als er [Jesus] nach ihnen allerdings verweigert wird. Dras- eigenen Gruppe sprechen, die zwar wei-
Jerusalem wanderte, dass er durch Sa- tisch formuliert der Prophet Haggai um terhin zu „Israel“ gehörte, sich aber mehr
marien und Galiläa zog“ (Lk 17,11). Dass 520 vC, der das Werk der Hände und die und mehr vom Judentum separierte und
dies überhaupt erwähnt wird, ist einer Opfer der Samaritaner für unrein erklärt. von diesen ausgegrenzt wurde. Nun
Bemerkung wert. Fromme Juden mieden Vermutlich liegen die Ursprünge der stand zwischen den beiden Gruppen ne-
auf dem (Pilger-)weg nach Jerusalem Samaritaner als (eigenständige) Gruppe ben dem unterschiedlichen Kultort auch
den Kontakt zu den von ihnen für ihren im 5./4. Jh. vC, als sich nicht alle Bewoh- ein differierender Kanon.
falschen Glauben verachteten Samarita- ner des ehemaligen Nordreiches auf die Abgesehen von den Texten des Alten
nern. Reformen Esras und Nehemias einlas- (und Neuen) Testaments ist die literari-
Die Samaritaner sind vermutlich mit sen konnten, sondern an einem eigenen sche Quellenlage zu den Samaritanern
genau dem gleichen Recht als Nachfah- Heiligtum auf dem Berg Garizim Gott an- sehr dürftig. Eigene Texte stammen na-
ren der Israeliten anzusehen, wie die beteten. Dahinter lassen sich auch poli- hezu vollständig aus dem Mittelalter. Die
Juden die Nachfahren des Königreiches tische und finanzielle Gründe vermuten, Samaritanerforschung hat seit Mitte der
Juda waren – zumindest nach deren denn Juda wurde durch Nehemia auch 1980er-Jahre das Bild der Samaritaner
Eigenverständnis. Die enge Verwandt- vom Statthalter in Samaria unabhängig. deutlich verändert. Wesentlich waren
schaft zwischen der samaritanischen In den letzten Jahrzehnten setzte sich in hierbei eine intensive Erforschung der
und der jüdischen Religion ist unbestrit- der Forschung die Meinung durch, dass Texte des Flavius Josephus sowie Aus-
ten. Nach dem Untergang des Nordreichs die Samaritaner erst nach der Zerstö- grabungsbefunde, besonders auf dem
722/1 vC flohen viele der Einwohner Isra- rung ihres Heiligtums im 2. Jh. vC durch Berg Garizim. Durch Letztere wurde be-
els nach Juda (wie sich z. B. am sprung- den Hasmonäer Johannes Hyrkan I. eine stätigt, dass es dort seit der persischen
haften Ausbau Jerusalems unter Hiskija ganz eigene theologische Entwicklung Zeit einen großen Kultbezirk gab, in dem
sehen lässt), und Juda lebte fortan mit genommen haben und seitdem auch als eine Form des JHWH-Kults praktiziert
dem Anspruch, das „wahre Israel“ zu vom Judentum zu unterscheidende Grö- wurde, der dem in Jerusalem entsprach.

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Blick vom garizim, dem heiligsten Ort der Samaritaner.
Noch heute werden am Pessachfest dort Lämmer geschlachtet.

DiE „WäCHtER DER tRADitiOn“ – die Samaritaner

I m Alten testament gibt es kein Wort, das die religiöse grup-


pe der Samaritaner genau beschreibt. Das hebräische Wort
schomronim bezeichnete zunächst alle Einwohner des nord-
Samaria angesiedelten Kolonisten (aus dem syrisch-mesopo-
tamischen Raum) übertragen wurde.
Das hebräische Wort schomronim wird im neuen testa-
reichs israel (mit seiner Hauptstadt Samaria), später – nach ment mit dem griechischen samaritai wiedergegeben. Luther
der Zerstörung des nordreichs – die samaritanische Religions- übersetzte es mit Samariter – und so kennen wir es aus dem
gemeinschaft, die bei Samaria auf dem garizim ihr zentrales gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37).
Heiligtum hatte. Doch die beiden gruppen sind nicht iden- Die Samaritaner selbst bezeichneten sich in einer inschrift
tisch. Daher bietet sich die mittlerweile gängige unterschei- aus hellenistisch-römischer Zeit als „israeliten, die zum heili-
dung in Samarier (alle Bewohner des ehemaligen nordreichs gen garizim Opfer darbringen“ und sahen sich selbst als nord-
israel) und Samaritaner (die religiöse gemeinschaft) an. reich-israeliten, die diesen glauben rein bewahrten. Auch heute
Zu einer Art „babylonischer Sprachverwirrung“ kam es, als noch leben Samaritaner in der nähe von nablus an den Hängen
dieser Begriff in der griechischen Übersetzung des Alten tes- des garizim und sprechen von sich als shamerim, also Wächter
taments auch auf die von den Assyrern im gebiet um die Stadt (der tradition). (Katja Soennecken)

Betende Samaritaner am Berg Garizim.

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Böse NachBarN?

Bis zur Kanonisierung der Heiligen Schriften


war es hauptsächlich der Kultort, der die beiden
Gruppen unterschied. An diesem hingen nicht
nur theologische Ansprüche, sondern auch Steu-
ereinnahmen. Dementsprechend hoch war wohl
auch die Angst der Jerusalemer Priester, die Men-
schen könnten sich für den Alternativentwurf
entscheiden. Umso dringender war eine religiöse
Abgrenzung notwendig. Auf politischer Ebene
allerdings – wenn es um gemeinsame Interessen
ging – war es durchaus möglich, mit einer Stim-
me zu sprechen, so z. B. bei einem gemeinsamen
Antrag in Rom im Jahr 6 nC, der auf die Abset-
zung des Herodessohns Archelaos zielte.
Philister und Samaritaner haben eins gemein-
sam: Beide Gruppen haben geholfen, die Iden-
tität Israels bzw. des Judentums zu prägen. Ein
äußeres Feindbild kann dabei helfen, das eigene
Selbstverständnis zu finden. Philister waren „die
Anderen“, die um das fruchtbare Land konkur-
rierten und gegen deren Religion es sich abzu-
setzen galt. Samaritaner auf der anderen Seite
waren „zu nah“, stellten eine funktionierende
Alternative zu dem eigenen religiösen Leben
der Juden dar, von dem man sich differenzieren
musste – sie waren quasi der „vertraute Feind“.
Da wir über lange Zeit nur die Texte des Alten
Testamentes besaßen, dominierte das negative
Samaritanische Bild beider Gruppen.
inschrift vom Berg Neben dem Garizim wurden auch an anderen Durch die biblische Archäologie wurden die
Garizim Philister „rehabilitiert“ und ihr hoher kulturel-
Orten samaritanische Stätten ausgegraben, z.
B. Qedumim (10 km westlich von Nablus), eine ler Stand erkannt. Auch die Samaritaner wurden
ländliche samaritanische Siedlung mit sechs in den letzten Jahren weiter ins rechte Licht ge-
Miqwaot (Ritualbädern), die den rabbinischen rückt. Ähnliche Prozesse kennen wir auch aus
Reinheitsvorschriften entsprechen. Somit zeigte dem Neuen Testament, wo sich die Autoren von
sich auch in der archäologischen Erforschung, den gar nicht so unähnlichen Pharisäern abset-
welch große Ähnlichkeit zwischen den beiden zen mussten, um diese als eine Art Negativfolie
Nachbarn (nicht nur im Glauben sondern auch zu verwenden. Grundsätzlich gilt: Solange wir
in dessen Vollzug) bestand. nur Berichte aus der Hand der Gegner oder Fein-
de kennen, wird sich ein negatives Bild einstellen
– erst bei Betrachtung der ureigenen Zeugnisse
unliebsame nachbarn, einer Gruppe kommen wir auf eine zutreffendere
aber politische Partner Spur. W
Das Gebiet der Samaritaner wurde von Juden
meist gemieden. Wie sich auch in Mt 10,5 spie-
gelt, war man auf dem Pilgerweg von Galiläa
nach Jerusalem und zurück eher bereit, einen
langen Umweg über die andere Jordanseite in
Kauf zu nehmen, statt durch das Land der doch
Katja Soennecken, mSc, Dipl.
eigentlich so ähnlichen Menschen zu gehen. Da- theol., Archäologin und theolo-
her sind Jesu Weg durch das Kerngebiet der Sa- gin, wissenschaftliche Assisten-
maritaner und seine Begegnung mit der Frau am tin am Deutschen Evangelischen
Jakobsbrunnen in Joh 4 so bemerkenswert. Das institut für Altertumswissen-
erzählte Gespräch überwindet die widerstreiten- schaft des Heiligen Landes in
Jerusalem.
den theologischen Konzepte und Kultorte.

20 welt und umwelt der bibel 1/2015


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BiBLiSCHE ARCHäOLOgiE ZEigt gESiCHt: TRuDe DOTHaN

Erfahrungen bei bedeutenden Ausgrabungen in Bet


Yerach (auch als Chirbet Kerak bekannt), En gedi
und tel Qasile unter der Leitung von Benjamin ma-
zar, den sie stets als einen ihrer wichtigsten Lehrer
bezeichnete. in den Jahren von 1955 bis 1960 nahm
sie an der Ausgrabung in Hazor unter der Leitung
von Yigael Yadin teil, wo viele der später namhaften
israelischen Forscher ausgebildet wurden.
in einer Zeit, in der ausländische Wissenschaft-
ler wie die Britin Kathleen Kenyon (British institute
of Archaeology) oder der Franzose Roland de Vaux
(École Biblique) und die diese repräsentierenden
institute die archäologische Forschung in israel
und Palästina dominierten, leistete trude Dothan
zusammen mit ihrem mann moshe einen maßgeb-
lichen Beitrag zur Entstehung einer eigenständigen
archäologischen Forschung.
Dothan zählt zu den bedeutendsten Frauen unter
den Pionieren der Archäologie in israel. gemeinsam
mit ihrem mann widmete sie einen großen teil ihres
Forscherlebens den Seevölkern, speziell den Phi-
listern. nicht umsonst wurden deshalb die Ausgra-
bungen auf dem tel miqne (dem biblischen Ekron),
die sie zusammen mit Seymour gittin (W. F. Alb-
right institute of Archaeological Research) leitete,
ihr bedeutendstes Projekt. Dabei beschränkte sich
Dothan nicht allein auf die in israel gemachten Fun-
de, sondern weitete ihren Blick – entsprechend des
Weges der Seevölkerstämme – auf den mittelmeer-
raum aus und leitete die erste und bisher einzige is-
raelische Ausgrabung außerhalb israels in Athienou
(Zypern). Sie sieht sich als „mediterrane Archäologin
in der biblischen Epoche“ – wobei sie der Bibel als
Die Archäologin trude Dothan steht zwischen zwei androiden Quelle einen sehr großen Stellenwert einräumt.
Sarkophagen aus Ton.
Seit 1962 unterrichtete Dothan am archäologi-
schen institut der Hebräischen universität und wur-

T rude Dothan wurde im Oktober 1922 in Wien


geboren. ihre Eltern wanderten sehr bald ins
damals britische mandatsgebiet Palästina aus und
de dort als eine der ersten Frauen 1974 ordentliche
Professorin. im Laufe ihrer tätigkeit wurde der Kul-
turaustausch zwischen der ägäis und der Levante
widmeten sich dem Aufbau einer eigenen jüdischen in der Späten Bronzezeit und Frühen Eisenzeit zum
Heimat. ihr Vater, Leopold Krakauer, hatte maßgeb- Schwerpunkt ihrer Lehre und Forschung. Heute
lichen Anteil an der Errichtung von Bauhausarchi- gehört die emeritierte Professorin zum Vorstand
tektur in Rehavia (bei Jerusalem). im Haus der Eltern des „Philip and muriel Berman Center for Biblical
trafen sich intellektuelle und Künstler, zu denen Else Archaeology“ am Archäologischen institut der Heb-
Lasker-Schüler und als gäste Stefan Zweig und Alma räischen universität. (Katja Soennecken)
mahler gehörten.
trude Dothan entschied sich für ein Studium der Lesetipp
Archäologie und der biblischen Studien an der He- • Dothan, T./Dothan, M.: Die Philister.
bräischen universität in Jerusalem. Schon während Zivilisation und Kultur eines Seevolkes,
dieser Zeit sammelte sie reichlich archäologische münchen 1995

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welt und umwelt der bibel 1/2015 21
Kontroverse

Neue Funde –
alter Streit
„Logisch erschließende“ gegen
„kontrolliert kritische“ Forschung

Es ist immer das Gleiche: Texte und archäologische Befunde passen


(meist) nicht zusammen. Beide sind Geschichtsquellen, haben aber
einen gänzlich unterschiedlichen Charakter und sprechen auf verschiede-
ne Weise zu uns. Um die Quellen zum Reden zu bringen, müssen sie inter-
pretiert werden. Dies ist aber nie objektiv, sondern von den Überzeugungen
und Interessen der Forscher abhängig. Von Dieter Vieweger

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D
ie Wissenschaft der biblischen Textaus- Artefakte sprechen nicht einfach für sich selbst,
legung hat das Verständnis dafür ge- sondern bedürfen der Deutung. Die Archäologie
weckt, dass die biblischen Schriften als ist also eine wissenschaftliche Interpretations-
Zeugnisse ihrer Zeit zu lesen sind. Ob Priester leistung, bei der es um das Erkennen und Verste-
oder Prophet, königlicher Schreiber oder Psal- hen von Artefakten in ihren Kontexten (Befunde)
mendichter – sie alle waren Kinder ihrer Zeit: geht, also um einen methodischen Vorgang ganz
Sie formulierten ihre Gedanken mit den Bildern eigener Prägung, wie folgendes Beispiel belegt:
ihrer Weltvorstellung, sie beschrieben ihren Immer wieder, wenn Ausgräber oder Tou-
Glauben mit den sprachlichen Möglichkeiten ih- ristenführer an einem Tell die Stratigrafie, die
rer Epoche und betrachteten ihre geschichtliche Schichtenabfolge, des Ortes erklären, weisen sie
Stunde ganz aus der Blickrichtung ihres eigenen die im Profil sichtbaren Zerstörungs- und Brand-
Volkes oder Herrschers (oder gerade in Opposi- schichten geschichtlich bekannten Personen zu:
tion dazu). z. B. Schoschenq III., Tiglatpileser III., Sanhe-
Die Texte selbst mussten im Verlauf ihrer lan- rib, Nebukadnezzar II. oder anderen namhaften
gen Überlieferungsgeschichte immer wieder ab- Eroberern. Unbedacht bleibt, ob diese die Stadt
geschrieben werden, da das Schreibmaterial, auf tatsächlich kriegerisch eroberten, sie tatsächlich
dem sie überliefert wurden, Papyrus, vergänglich dabei flächendeckend mit Feuer verbrannten
war. Dabei werden zuweilen auch neue theologi- (Wer schlachtet die Kuh, die er melken will?).
sche Vorstellungen, Erklärungen oder Deutungen Geologen könnten anhand der Brandschich-
im Zuge dieser Abschriften eingeflossen sein. ten mit gleicher Überzeugungskraft die ihnen
Die biblische Textauslegung bemüht sich um bekannten Erdbeben aufzählen, die das Gebiet
ein möglichst „objektives“ Textverständnis. Den- heimsuchten. Außerdem gab es uns unbekann-
noch schwingen auch hier subjektive, zeitbezoge- te geschichtliche Ereignisse: Kinder zündelten, Der Kaufmann
ne Gedanken bei der Interpretation der Texte mit. Handwerker verloren die Kontrolle über ihre Heinrich Schlie-
Daraus ist offenbar die Sehnsucht erwachsen, Öfen und Nachbarschaftsstreit stürzte so man- mann gehört zu
objektive Maßstäbe oder Bestätigungen für exege- chen Unbeteiligten mit ins Unglück. Nimmt man den Pionieren der
tische Auslegungen zu finden. diese möglichen Hintergründe einer Zerstörung Archäologie. Berühmt
ernst, wird deutlich, dass der Weg von der Bo- wurde er unter anderem
denquelle und deren Freilegung über die Funde durch seine Ausgra-
Archäologie als Hilfswissenschaft der bis hin zur historischen Interpretation ein langer bungen in Troja und
Exegese? und schwieriger ist, der unter strikter methodi- Mykene.
Im 19. Jh. hoffte man, die biblischen Erzählun- scher Kontrolle stehen muss und nicht immer zu
gen in ihrem (naiven) Wortsinn beweisen zu einem eindeutigen Ergebnis führen kann.
können; im 20. Jh. versuchte man hingegen, die
Ergebnisse der Biblischen Archäologie zur Bestä-
tigung exegetischer Urteile zu nutzen. In beiden Es ist unmöglich, die Geschichte so,
Fällen manifestiert sich eine ungerechtfertigte wie sie war, zu ergründen.
Inanspruchnahme der Archäologie. Sie soll für Vieles, was uns Texte berichten, ist mit mate-
etwas herangezogen werden, das die Exegese riellen Funden nicht zu bestätigen – und nicht
nicht leisten kann – was aber auch keineswegs alle nachweisbaren archäologischen Befunde
zur Zielstellung der archäologischen Forschung sind für die Geschichtsschreibung verwertbar.
gehört. Schon Zeitzeugen berichten aus jeweils unter- links:
„Archäologie“ bedeutet so viel wie die „Lehre schiedlicher Sicht, mit unterschiedlichem Vor-
Chirbet Qeiyafa
von den Anfängen“. Es geht dabei um all das, verständnis oder Interesse. „Wenn man nach ei- gehört zu den kontro-
was uns die Vergangenheit hinterlassen und was nem Autounfall drei Unfallzeugen befragt, zweifelt vers diskutierten Orten
die Zeiten überdauert hat: Kunstwerke, Architek- man, ob an der Weltgeschichte überhaupt ein Fun- in der Biblischen
tur, Gebrauchsgegenstände (also Artefakte) so- ken Wahrheit sein kann“ (Elke Sommer). Archäologie. Für die
wie Abfälle und die vielfältigen Veränderungen Man stelle sich doch einfach unser geschicht- Einen gilt die Stadtanla-
unserer Umwelt (Ecofakte). liches Wissen über die biblischen Zeiten wie ei- ge als Beweis für Davids
Heinrich Schliemann prägte das Wort von der nen geknüpften Teppich vor, bei dem 95 Prozent planvolle Regierungs-
„Wissenschaft des Spatens“. Mit „Ausgrabung“ der Schlaufen (d. h. geschichtliche Fakten) aus tätigkeit in Jerusalem
allein wird man indes die Archäologie nicht unerfindlichen Gründen in zufälliger, unsyste- – die Anderen lehnen
umschreiben können, denn die so gewonnenen matischer Weise fehlen. Dennoch versuchen die genau dies ab.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 23
Der Tall Zirā꜂a – die
Vorgängersiedlung der
südöstlich des Sees
Gennesaret gelegenen
antiken Stadt Gadara.
Hier das Areal I im
Westen des Siedlungs-
hügels. Seit 2003
untersucht das Biblisch-
Archäologische Institut
Wuppertal zusammen
mit dem Deutschen
Evangelischen Institut
(DEI) die Siedlungs- Geschichtswissenschaftler, das Muster des Tep- identisch seien, scheitert in aller Regel schon an
schichten aus über pichs herauszufinden. der Quellenlage und an den methodischen Mög-
5000 Jahren. Ziel ist Texte tragen Beobachtungen, Sichtweisen und lichkeiten der Archäologie.
es, in diesem nicht nur Interpretationen der Autoren und ihrer Redakto- Das „Heilige Grab“ wurde bei den von Kaiser
landschaftlich reizvol- ren vor. Sie interpretieren Ereignisse, manchmal Konstantin im 4. Jh. veranlassten Bauarbeiten
len, sondern auch als recht eigenwillig. Hin und wieder erfinden sie unweit der damaligen Grabeskirche in Jerusalem
wichtige Verbindung diese sogar. Die Interpretation der Funktion einer aufgefunden. Auch wenn man im Urchristentum
vom Mittelmeerbereich dieser „Schlingen“ kann also sehr vielgestaltig das Grab Christi noch nicht verehrt zu haben
nach Transjordanien sein und zu sehr gewichtigem Streit führen. scheint, suchte und fand man dieses im 4. Jh.
geopolitisch herausge- Die Archäologie liefert anderweitige Infor- während der Bauarbeiten an der riesigen Basi-
hobenen Tal die viel- mationen. Sie beantwortet Fragen nach der Er- lika. Man wähnte dabei alle Argumente auf der
fältigen Kulturen seit
nährungsweise, dem landwirtschaftlichen An- Seite der Entdecker: Nach neutestamentlichen
der urbanen Revolution
bau und der handwerklichen Verarbeitung von Zeugnissen war auch dieses Grab in Fels gehauen
Mitte des 4. Jahrtau-
Produkten, erforscht Vorratshaltung, Hausbau, (Mk 15; Mt 29; Lk 23), neu angelegt (also nicht wie
sends zu erforschen.
städtische und dörfliche Strukturen, Beerdi- üblich durch weitere Grablegen ergänzt: Mt 27; Lk
gungsrituale u. a. – also insbesondere Fragen des 23; Joh 23), besaß einen Rollstein (Mk 15 und Mt
täglichen Lebens. All das sind weitere „Schlin- 27) und war wie das Grab des auferstandenen Je-
gen“ im ehedem vollständigen geschichtlichen sus leer. Außerdem lag es im Gartenbereich nahe
Teppich. Golgotha (Joh 19). Die Christen des 4. Jahrhun-
Aber nicht nur die Vielfalt der Interpretati- derts statteten ihren Fund prunkvoll aus, stellten
onen ist ein Problem, sondern auch die Vielge- die Begräbnisstätte vom umgebenen Felsen frei
staltigkeit der Quellen. Ihr Bezug zueinander ist und bauten einen eigenen Kuppelbau darüber.
zumeist unklar. Wer wagt es, diese unterschiedli- Auch wenn dieser Fund nahe des korrekt lo-
chen „Schlingen“ aufeinander zu beziehen oder kalisierten Felsens Golgatha gemacht wurde,
gar ein Gesamtbild zu entwerfen? entzieht sich die Beurteilung der Historizität des
Heiligen Grabes einer Klärung durch die Archäo-
logie. Obwohl kein der Deutung aus konstantini-
Zur Besonderheit Biblischer Archäologie scher Zeit widerstreitendes Argument gegen die
Vordergründig besteht das Besondere der Bibli- Echtheit vorgebracht werden kann, ist offen, ob
schen Archäologie in der offenkundigen Tatsa- die Schreiber der Evangelien tatsächlich dieses
che, dass sie sich begrifflich auf eine Textsamm- Grab vor Augen hatten. Alles, was wir haben, ist
lung bezieht, die für viele Menschen „heilig“ ist die Interpretation des 4. Jh nC.
– was in einigen Fällen auch heißt, dass sie als Auch in Zukunft wird die Biblische Archäolo-
unangreifbar und nicht veränderbar gilt. gie die Fragen der Bibelwissenschaft nicht ent-
Der theologische Gehalt der biblischen Über- scheiden und auch die methodisch angelegte
lieferungen ist mit den Methoden der Archäolo- Vielgestaltigkeit der Auslegung biblischer Texte
gie nicht zu untermauern oder gar zu widerlegen. nicht eingrenzen können. Wo die „Schlaufen“
Die Biblische Archäologie kann zum Gehalt alt- des Teppichs fehlen, müssen stets Thesen diese
oder neutestamentlicher Texte nicht Stellung be- Lücken überbrücken. Die Spanne zwischen den
ziehen. Die oft gestellte Frage, ob sich biblische wenigen klar beweisbaren Fakten und den deut-
Ereignisse wirklich zugetragen haben oder ob die lich widerlegbaren Zusammenhängen ist ausge-
heute gezeigten Objekte, Orte und Landschaften sprochen groß. In diesem Feld des „nicht sicher
mit den in den biblischen Texten genannten und doch auch nicht ausgeschlossen“ werden

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Neue FuNde – alter streit

die einen „optimistisch“, „logisch erschließend“ Aussagen ist schwer nachzuprüfen, die Diskussi-
„positivistisch“„ „bibeltreu“ urteilen und die onen darüber sind ausufernd und endlos.
anderen „pessimistisch“, „kontrolliert kritisch“, Aus all dem bisher Gesagten ergibt sich eine
„kritizistisch“ oder „bibelkritisch“ Stellung be- ernüchternde Bilanz. Die Deutungsbreite der
ziehen. Solche Standpunkte werden – je nach exegetischen Forschung ist methodisch zwin-
dem Vorverständnis der Forscher – kontrovers gend vielfältig. Ihre Eingrenzung durch die ar-
ausfallen und danach mit stützenden Argumen- chäologische Wissenschaft wenig hoffnungsvoll.
ten auch über die nachfolgenden 150 Jahre dis- Thesen, die Erkenntnisse beider Wissenschaften
kutiert werden. miteinander kombinieren, sind möglich. Sie wer-
In der Bibelwissenschaft werden zur Erklä- den aber immer Thesen bleiben. Damit ist und
rung biblischer Texte vielfach „Schlaufen“ des bleibt der Optimismus, mithilfe archäologischer
in großen Teilen bildlosen Teppichs zu anderen Befunde und Funde ein besseres Verständnis in
„Schlaufen“ in Beziehung gesetzt, die vielsagen- der exegetischen Auslegung zu erreichen, deut-
den freien Flächen zwischen ihnen außer Acht lich begrenzt.
gelassen oder mit kühnen Ideen und „passen- Es wäre sinnvoll, die Archäologie aus der Sack-
den“ Interpretationen der archäologischen For- gasse der theologischen Streitfragen, die sie me-
schung überbrückt. Der Wahrheitsgehalt solcher thodisch gar nicht lösen kann, zu entlassen. W

PIonIERE DER BIBlISCHEn ARCHäoloGIE: FlInDERS PETRIE

D er britische Archäologe Sir William


Matthew Flinders Petrie (1853–1942)
erkannte als Erster, dass es sich bei eini-
an Research Account“, die spätere „British
School of Archaeology“ (ab 1905).
Er führte auch die Seriation als mathema-
gen scheinbar natürlichen Erhebungen im tische Methode in die Archäologie ein, um
nahen osten eigentlich um in ihrer Schich- Funde aus verschiedenen Ausgrabungs-
tenfolge unterteilbare Tells (Kulturschutt- stätten, die keinerlei räumliche Verbindung
hügel) handelte. Bereits 1890 grub er den aufwiesen, anhand typologischer Merkmale
zwischen Gaza und lachisch gelegenen Tell chronologisch zueinander in Beziehung zu
el-Hesi entsprechend der dort übereinander setzen.
aufgehäuften Siedlungsschichten aus und Er starb 1942 in Jerusalem. Sein leich-
erschloss die Chronologie des ortes aus der nam wurde dort auf dem anglikanisch-
dort aufgefundenen Keramikabfolge. preußischen Friedhof beigesetzt. Allerdings
Schon als junger Mann betrieb er ohne Kopf. Dieser wird nach Petries letztem
Sir William Matthew Studien zur britischen Vorgeschichte bei Willen in einem mit Spiritus gefüllten Glas-
Flinders Petrie Stonehenge. Ab 1880 untersuchte er nicht zylinder aufbewahrt im „Petrie Museum of
nur die berühmten Pyramiden von Gize, Egyptian Archaeology in london“. Dem Ver-
sondern grub auch prädynastische orte in nehmen nach soll Petrie davon überzeugt
oberägypten aus. Er erforschte nicht weni- gewesen sein, dass künftige Generationen
ger als 30 Ausgrabungsstätten. 1892 wurde das Geheimnis seines außergewöhnlichen
Petrie Professor für ägyptologie in london, Intellekts mit Gewinn für die Menschheit lüf-
zwei Jahre später gründete er den „Egypti- ten werden. (Dieter Vieweger)

Vergleich bei Keramik:


Diese Entwicklungsreihe
von Keramik des prä-
historischen Ägypten
verwendete Petrie für
die erste Seriation in der
Archäologie

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welt und umwelt der bibel 1/2015 25
Streitobjekte (1)

Der Warrenschacht
Ein Eroberungsweg für David?

Seit Charles H. Warren um 1867 am östlichen Hang der David-


stadt in Jerusalem einen später nach ihm benannten senkrechten
Schacht entdeckte, rätseln Theologen, ob dieser der in 2 Sam 5,8
genannte Sinno - r sei, durch den David Jerusalem erobern ließ.
.
Von Dieter Vieweger

Z
um gut 12 m hohen, vertikalen Was-
serschacht führen ein von der Stadt Der vermutete Eroberungsweg Davids wurde erst
herkommender, 28 m langer unter-
irdischer Gang und eine etwa 8 m lange 200 Jahre nach ihm gebaut
Treppenflucht. Durch diese gelangten
die Jerusalemer zum vertikalen „Warren-
schacht“, aus dem sie mit Eimern Wasser • der obere Zugang zum Schacht zur Zeit Mit dieser Änderung des Ausgra-
schöpfen und dieses sicher in die Stadt Davids außerhalb der Stadtmauer gele- bungsbefundes war eine heiß umstritte-
tragen konnten. gen habe und ne Frage geklärt, doch nicht das exegeti-
Kathleen Kenyon und L. Hugo Vincent • die gesamte Anlage um den vertikalen sche Problem. Selbstverständlich ist der
gehörten zu den frühen, prominenten Warrenschacht erst in das 10. bzw. 9. Jh. Befund der Wasseranlage am Osthang
Unterstützern der These, dass die Erzäh- vC gehöre. der Stadt Jerusalem einsichtiger gewor-
lung von 2 Sam 5,8 beschreibe, wie Joab So sprach auf der über Jahrzehnte den und für die bronzezeitliche (jebu-
mit seinen Mannen im Auftrag Davids gleichbleibenden archäologischen Be- sitische) wie eisenzeitliche (alttesta-
durch ebendiesen vertikalen Schacht fundlage Gewichtiges für und ebenso Lo- mentliche) Stadt rekonstruierbar. Das so
in die Stadt eingedrungen sei. „Die Er- gisches gegen die These. Letztlich führte entstandene Bild wirkt logisch und über-
oberung Jerusalems durch Davids Solda- dies zu jahrzehntelangen Auseinander- zeugend. Doch die Frage ist geblieben:
ten [...] war wohl ein gut ausgedachter setzungen, ohne dass das archäologi- Worauf bezieht sich der Text in 2 Sam 5,8?
Überraschungsangriff, in welchem die sche Material angereichert und damit die Die Befürworter der ursprünglichen
Tapferkeit der Soldaten, die Kenntnis der Sachlage qualifizierter diskutiert werden These können heute den Tunnel oder
Wasseranlagen und die selbstsichere Un- konnte. den Kanal am Ausfluss der Gihonquelle
vorsichtigkeit der jebusitischen Bewoh- Als Ronny Reich und Eli Shukron als den gesuchten Sinno -r der alttesta-
.
ner zusammengingen.“ 1995 ihre Ausgrabung in der sogenann- mentlichen Erzählung identifizieren,
Andere Forscher lehnten die These ab, ten Davidstadt aufnahmen, stellten sie der sicher spätbronzezeitlich ist und ei-
weil fest, dass der vertikale Warrenschacht nem waagerechten Wasserschacht ent-
• das hebräische Wort Sinno -r nur als in Wirklichkeit nur eine natürliche Fels- spricht. Sie brauchen den gefährlichen
.
waagerechte Wasserrinne interpretiert spalte war, die erst im 8. Jh. vC zufällig Aufstieg durch den 12 m hohen Warren-
werden könne, entdeckt wurde, als der bronzezeitliche schacht nicht mehr zu verteidigen. Die
• der gut 12 m hohe Tunnel nicht ohne unterirdische Tunnel nach unten hin Gegner dieser Theorie werden aber ohne
Hilfsmittel und schon gar nicht bei abgetieft wurde. Mit David und dessen stichhaltige Beweise von solch einer
Kampfhandlungen mit Waffen zu durch- Eroberung Jerusalems war er definitiv Interpretation auch weiterhin nicht zu
steigen wäre, nicht zusammenzubringen. überzeugen sein. W

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PIONIERE DER
BIBLISCHEN ARCHäOLOGIE:
Charles Warren

S ir Charles Warren (1840–1927) avancierte als Of-


fizier der britischen Königlichen Pioniere zum Ex-
perten der Vermessungstechnik. Aufgrund seiner her-
vorragenden Kartografierung des Felsens von Gibraltar
wurde er vom Palestine Exploration Fund (PEF) beauf-
tragt, Jerusalem zu erforschen. Charles Warren (vorn) mit seinem Team wäh-
Im Februar 1867 erreichte Warren mit seinem Team rend seiner ausgrabungen in Jerusalem
und acht schwer beladenen Mauleseln die Stadt. Aller-
dings ließ die Grabungserlaubnis aus Istanbul bei seiner
Ankunft noch auf sich warten. Ganz imperial-britischer
Offizier, ließ er kurzerhand ein Treffen mit dem Pascha, Eroberung Jerusalems durch David in Verbindung, der
dem osmanischen Statthalter, vereinbaren und erwirk- durch einen Schacht in die Stadt eingedrungen war (2
te – zum Staunen seiner Kollegen – tatsächlich die Sam 5,8). Bis heute erinnert der nach ihm benannte
Genehmigung zu graben. Ihm wurde zwar erlaubt, um, Warrenschacht an seine Entdeckung.
aber keinesfalls auf dem Haram asch-Sharif, einem der Charakteristisch für Warrens Grabungsstil war das
heiligsten Orte des Islam, auszugraben. Anlegen von Tunneln und Schächten. Die Menschen
Warren war der Erste, der den ehemaligen jüdischen in Jerusalem nannten Warren daher den „Maulwurf“.
Tempelberg systematisch untersuchte. Dabei nahm Damit sollte ein schneller Zugang zu tiefer liegenden
er es mit der Vorgabe des Paschas nicht allzu genau. Schichten der Jerusalemer Stadtgeschichte geschaf-
Mit Tunnelgrabungen untersuchte er die unmittelbare fen werden. Heute gilt diese Methodik als zu ungenau.
Umgebung des Haram asch-Scharif und grub im Ge- Außerdem war es äußerst gefährlich. Mehrmals entka-
heimen bis an den Tempelberg heran. Dabei dokumen- men Warren und seine Mitstreiter nur mit Glück herun-
tierte er erstmals auch die gewaltige Tiefe der Umfas- terfallenden Steinen und einstürzenden Tunneln.
sungsmauer des Tempelbergs aus der Zeit Herodes Im Jahr 1870 wurde Warren durch seine angeschla-
des Großen. gene Gesundheit zur zeitweiligen Rückkehr nach Eng-
Wegweisend für die Jerusalemforschung war War- land gezwungen. Seine spektakulären Grabungen tru-
rens Erkenntnis, dass der Ursprung der Stadt in vor- gen jedoch maßgeblich zur Popularität und finanziellen
israelitischer Zeit nicht innerhalb der gegenwärtigen Stärkung des Palestine Exploration Fund (PEF) bei.
(mittelalterlichen) Stadtmauern lag, sondern südlich Nach seinem Engagement in Palästina setzte War-
davon. Bei seinen Ausgrabungen dort stieß er auf ein ren seine militärische Karriere an verschiedenen Orten
Tunnelsystem im Bereich der einzigen Wasserquelle des britischen Empires fort. Zwischen 1886 und 1888
Jerusalems, der Gihonquelle. Er datierte den Fund in diente er als Londoner Polizeichef – es war die Zeit der
die vorisraelitische Zeit und brachte den Ort mit der berühmten „Jack the Ripper“-Morde. (Marcel Serr)

Eingang zur Stadt Verlauf des


alter Beckenturm
Schachtes:
Bronzezeitlicher Gang zum Wasser Der obere Gang
aus dem 18. Jh. vC
(mittlere Bronze-
zeit) war in der Zeit
Davids (10. Jh.)
begehbar, der untere
Gang entlang des
Eisenzeitlicher Gang zur alter Quellturm Warrenschachtes
Quelle (Gihonquelle) ist eisenzeitlich
(8. Jh.), also erst
Warrenschacht 200 Jahre nach Da-
(Karsthöhle) vid gebaut worden.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 27
Streitobjekte (2)

Die Tel Dan-Stele


Ein Beweis für Davids Königtum?

Ein beredtes Beispiel, wie biblische Sachverhalte durch die Interpretation ge-
schichtlicher Fakten interpretiert werden können, liefert eine Stele, die auf dem
Tel Dan gefunden wurde. Der sukzessive Fund der drei Fragmente der Inschrift
zeigt beispielhaft, wie die Exegeten den archäologischen Befund angesichts ih-
res jeweiligen (vom konkreten Fund unabhängigen) Vorverständnisses positio-
nieren. Von Dieter Vieweger

D
as erste Fragment der Stele (Fragment vor. Dies war bemerkenswert, denn dann wäre
A) wurde im Jahr 1993 auf dem Tel Dan, das Königtum Davids bereits in der Mitte des 9.
der biblischen Stadt Dan, aufgefunden. Jh. vC weit über sein ehemaliges Gebiet hinaus
Aus diesem war zu schließen, dass ein aramä- bekannt gewesen – nur reichlich einhundert
ischer Herrscher sein von Israeliten besetztes Jahre nach Davids Regierung.
Land mithilfe des Gottes Hadad militärisch be- Die geschichtliche Deutung konnte auf drei
freit habe. Die optimistisch agierenden Avraham verschiedene Situationen bezogen werden:
Biran (Ausgräber von Tel Dan) und Joseph Nav- • 1 Kön 15,18-20: 885 vC; der König von Damas-
eh (Epigrafiker) interpretierten in den Zeilen 8 kus Benhadad kämpfte gegen Bascha von Israel;
und 9 die Passage bytdwd unmittelbar nach der die Judäer waren allerdings nach alttestamentli-
Stadttor von Dan, Erwähnung des Königs von Israel als „Haus Da- chen Aussagen mit Damaskus verbündet!
der nördlichsten Stadt vids“. (bet bedeutet auf Hebräisch Haus, die Vo- • 1 Kön 20,22: 870–851 vC; Aramäerkriege König
Israels – hier wurden kale werden nicht geschrieben). Damit läge hier Ahabs, die allerdings eher eine deuteronomisti-
die Fragmente der die früheste Erwähnung von König David, oder sche Erfindung (Bearbeitung der Geschichtsdar-
Inschrift gefunden. genauer: des Hauses David, außerhalb der Bibel stellung Israels im 6./5. Jh. vC) als historische
Wahrheit sind, zumal Ahab im Kampf gegen
Salmanassar III. nachweislich mit den Aramäern
verbündet war. Dies bestätigt die sog. Monolith-
Inschrift von Salmanassar III.) und
• 2 Kön 9, vgl. 10,32; 845 vC; der König von Da-
maskus, Hasael, kämpfte gegen Israel und das
mit diesem verbündete Juda.
Die Zweifel an diesen Interpretationen blie-
ben reichlich und wurden von Ernst Axel Knauf,
Albert de Pury, Thomas Römer sowie besonders
von Philip R. Davies, Frederick H. Cryer sowie
Thomas L. Thompson geäußert – Forscher, die
auch sonst durch kritische Stellungnahmen
beim Vergleich archäologischer Funde und bi-
blischer Texte hervortreten. Neben eher neben-
sächlichen Argumenten, die Grabungstechnik,
Veröffentlichungsform und epigrafische Argu-
mente thematisierten, gab es sehr ernst zu neh-
mende Zweifel an Avraham Birans und Joseph

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welt und umwelt der bibel 1/2015
Navehs These: Inschrift deut-
• Warum wurden die beiden Wörter „Haus Da- lich.
vid“ nicht getrennt? Nach 2 Kön 9
• Was sollten die Aramäer mit dem (nach ihrer kamen tatsäch-
Meinung) kleinen Königreich Davids in der süd- lich beide Könige
lichen Levante im Sinne haben und noch dazu in im Zuge der Ara-
Dan (an der Nordgrenze Israels) aussagen wol- mäerkämpfe ums
len? Leben, wobei dies
• Warum sollte bytdwd nicht weitaus einsichti- dort durch die Hand Jehus (845–818 vC), des
ger als „Haus des Lieblings(gottes)“ [= dōd//dwd] jahwetreuen Putschisten und neuen israeliti-
gelesen werden? Dann wäre hier nicht vom Haus schen Königs, geschieht. In der Tel-Dan-Inschrift
Davids, sondern von dem (uns bisher allerdings bezieht der Aramäerkönig den Tod der beiden
unbekannten) in Dan befindlichen Lokalheilig- Könige auf sich. Sollte der ehemalige Oberst im
tum die Rede. Nordreich Jehu ein Handlanger des Aramäerkö-
• Wieso steht nach „König von Israel“ nicht die nigs Hasael gewesen sein? Wir wissen es nicht –
Entsprechung „König von Juda“ – bzw. vor der es liegt aber nahe, wenn die Fragmente A und B Künstlerische
Erwähnung des Hauses Davids nicht die Bezug- 1+2 in der von Avraham Biran und Joseph Naveh Nachzeichnung
nahme auf das Herrscherhaus des israelitischen vorgeschlagenen Weise angeordnet werden. der in Dan gefundenen
Königs (die assyrischen Berichte kennen z. B. das Doch genau dies sei aufgrund der vorliegen- Bruchstücke einer Ste-
Haus Omri)? den Bruchstücke nur eine Möglichkeit und nicht le. Sollte die Deutung
• Wieso führt in Zeile 6 der aramäische König zweifelsfrei belegbar, so die Argumente der Kriti- des israelischen Aus-
„mein König“ in seiner Rede? Redet hier viel- ker Frederick H. Cryer sowie Thomas L. Thomp- gräbers Avraham Biran
leicht ein Vasallenkönig vom Herrscher in Da- son, die versuchen, gerade an diesem unsiche- stimmen, läge hier die
maskus? ren Punkt einzuhaken. früheste Erwähnung
Resümierend schreibt Walter Dietrich über die Nun lässt selbst ein oberflächlicher Blick auf König Davids vor.
kritische Argumentation: „Je stärker die Abnei- die drei Steine der Tel-Dan-Stele (im Original
gung gegen Frühdatierungen und ihre Vorbehal- ausgestellt im Israelmuseum, Jerusalem) keinen
te gegen die historische Verlässlichkeit der Bibel, anderen Schluss zu, denn die Steine passen tat-
desto entschiedener fielen Zweifel und Kritik sächlich eindeutig nur in der von Avraham Biran
aus.“ und Joseph Naveh benannten Weise zusammen
Zwei Jahre später – nach dem glücklichen – wenn auch nicht auf der Schriftfläche (die of-
Auffinden und der Veröffentlichung der beiden fenbar den Kritikern als Foto oder Abschrift vor-
weiteren Bruchstücke B 1 und B 2 – sah die Si- lag), so doch aber in der Tiefe der Bruchstücke.
tuation ganz anders aus. Die Frage nach der In- Am Ende ist festzustellen, dass die beiden neu
terpretation von Zeile 6, in der der Aramäerkönig aufgefundenen Fragmente die Textinterpretation
von seinem König spricht, erklärte sich aus der zu klären scheinen. Nicht nur die israelitische,
Tatsache, dass der aramäische König von seinem sondern auch die davidische Dynastie wird von
himmlischen König (und Gott) Hadad sprach. einer vom Alten Testament unabhängigen Quelle
Außerdem erhärtete sich die ungewöhnliche Zu- benannt. Damit ist die Existenz Davids als his-
sammenstellung „Israel“ und „Haus David“ als torische Person nicht mehr zu leugnen und eine
Minimalisten werden
Forscher genannt, die
Aufzählung zweier Königtümer, denn im Bruch- Extremposition der Minimalisten unmöglich ge-
die historische Stimmig-
stück B 2 erscheinen hintereinander zwei mit br macht. Dennoch ist die entscheidende exegeti-
keit der Bibel nur „mi-
(= b(e)n = „Sohn von“) konstruierte Personenna- sche Frage nach der Machtfülle und Bedeutung
nimal“ annehmen und
men, dessen erster mit -rm und dessen zweiter Davids ungeklärt und durch diesen Fund auch aus negativen archäolo-
mit -jhw endete. Bezieht man nun die Aussage nicht zu bestimmen. gischen Befunden eine
aus Fragment A auf Fragment B 2 und fügt die Die Diskussion zwischen Maximalisten (Exis- fiktive Darstellung der
Bruchstücke derart aneinander, dass nach den tenz eines wirklichen Großreichs Davids) und biblischen Erzählungen
beiden Königtümern parallel auch die jeweiligen Minimalisten (Königtum Davids allein als theo- ableiten. Ihnen entge-
Könige genannt werden, dann gibt es nur eine logisches Konstrukt bzw. David als kleiner Clan- gen stehen Forscher,
Möglichkeit, diese zu interpretieren: Jeho-ram chef) über die Existenz und die Bedeutung des die von der historischen
von Israel (850–845 vC) und Ahas-jahu von Juda Königs David und die Ausdehnung seiner Herr- Wahrheit der Bibel
(845 vC). Damit ist auch die wahrscheinlichste schaft ist noch so offen, wie sie immer war, und überzeugt sind und nun
Interpretation des geschichtlichen Umfeldes der wird uns die künftigen Jahre weiter begleiten. W nach Beweisen suchen.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 29
Salomos Großreich nach der
Darstellung von 1 Kon 1-11 und 2 Chr 1-9. Tifsach
DIe Zugehörigkeit der Gebiete Juda, Moab
und Ammon wird unterschiedlich bewertet.

HAMAT
Arwad

Palmyra/Tadmor

Byblos

P HÖNIZIER

Sidon
Sarepta Damaskus
Tyros Dan A R A M Ä E R
Akko Hazor
Kinneret
Megiddo
Dor

Sichem ISRAEL Megiddo gehörte zu den


wichtigsten befestigten Städten.
P HILISTER Bet-El
Jafo
Gibea
Aschdod Rabbat-Ammon
Aschkelon Geser Jerusalem
AMM ON
Gaza Hebron
JUDA
Beerscheba
MOAB
Grenzen des Königreichs Salomos
Kadesch-Barnea nach den Angaben der Bibel
Territorium Judas
EDOM

Elat
Ezjon-Geber

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Forschung und Sensationen

David
und Salomo
Beispiele für interessengeleitete Erkenntnis

Wenn biblische Erzählungen durch Ausgrabungsergebnisse bestätigt


werden, erklären dies die Ausgräber gern zur Sensation. Und wenn es
dabei auch noch um so wichtige Persönlichkeiten geht wie David und
Salomo, werden Entdeckungen schnell in der Weltpresse diskutiert.
Doch Vorsicht – bisweilen ist interessengeleitete Erkenntnis im Spiel.
Von Andrea Gropp und Dieter Vieweger

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DaviD unD Salomo

V
om großen Reich Davids und Salomos, Wie das Alte Testament von seinen
dem vereinigten Königreich aus Israel Königen berichtet
(im Norden) und Juda (im Süden), wur- Die alttestamentlichen Erzählungen über David
den bereits 1925–1939 in Megiddo vermeintliche und Salomo sind mitnichten vom Himmel ge-
Spuren durch die amerikanische „Chicago Expe- fallen. Sie stammen aus der Feder von späteren
dition“ aufgefunden: Pferdeställe (Pfeilerhäuser Schreibern, die u. a. königliche Annalen für die
mit Futtertrögen und Durchlochungen zum An- Nachwelt schrieben. Hin und wieder zitiert auch
binden von Tieren), ein Stadttor aus sechs Kam- das Alte Testament daraus. Diese Schreiber inter-
mern, das den Toren von Hazor und Gezer äh- pretierten ihre Zeit und die ihrer Vorfahren aus
nelte, sowie eine 820 m lange Stadtmauer. Dieses ihrem eigenen Blickwinkel. Dies lässt sich leicht
Megiddo war also eine der Reichsstädte, über die an der Darstellung des Reiches und der Macht
König Salomo ein ganzes Menschenalter lang – des Reichsgründers – des Königs David – nach-
also volle 40 Jahre – herrschte. Die „Chicago Ex- vollziehen. Dabei ist zu bemerken: Je größer die
pedition“ fand, was im Alten Testament zu lesen zeitliche Distanz zwischen den Schreibern und
war: „... König Salomo hatte Fronarbeiter ausge- der eigentlichen Königsherrschaft ist, desto über-
hoben zum Bau des Tempels, seines Palastes, schwänglicher können sie ihre Vorstellungen in
des Millo und der Mauern von Jerusalem, Hazor, die Texte einbringen. Reichte ihnen zunächst das
Megiddo und Gezer. Salomo baute ... alle Vor- vereinigte Königreich Israel und Juda „von Dan
ratsstädte, die ihm gehörten, die Städte für die bis Beerscheba“ (z. B. Ri 20,1), so propagierten sie
Wagen und ihre Mannschaft ...“ (1 Kön 9,15-19). im 7. und 6. Jh. vC, ein knappes halbes Jahrtau-
Nun schien der biblische Bericht bestätigt und send nach Davids Regierung: „Von der Wüste bis
durch archäologische Funde belegt. zum Libanon, und vom großen Euphratstrom bis
an das große Meer gegen Sonnenuntergang“ (Jos
1,4). Ein Königreich dieser Ausdehnung hat ein
israelitischer Monarch niemals auch nur annä-
hernd beherrscht. Im hymnisch-orientalischen
Das Königreich Israel war kleiner als die Texte Hofstil am Tempel von Jerusalem rezitierten die
zunächst vermuten lassen Priester im Rückgriff auf eine vermeintlich golde-
ne Vergangenheit und in der Hoffnung auf eine
noch gewaltigere Zukunft: „Und er wird herr-
schen von Meer zu Meer, vom Strom bis an die
Doch die Harmonie zwischen dem Text und Enden der Erde“ (Ps 72,8).
den Ausgrabungsergebnissen hielt nicht lange Dieser „gestalterische“ Umgang mit der Über-
an. Die Zuordnung zwischen beiden musste in lieferung passt zur Beobachtung, dass die bei-
Megiddo ein erstes Mal korrigiert werden, als der den israelitischen Könige David und Salomo im
berühmte israelische Ausgräber und General Yi- Vergleich zu ihren eher „durchwachsenen“ Dar-
gael Yadin aufgrund von detaillierten Keramik- stellungen in den Samuel- und Königsbüchern in
studien und seiner Grabungen in den 1960er- den deutlich späteren Chronikbüchern zu Mus-
Jahren die von der „Chicago Expedition“ in eins terbeispielen königlicher Tugenden und Gottes-
geworfenen Ausgrabungsschichten von der Ära verehrung heranreiften – weise, gottgefällig und
Salomos bis zur assyrischen Eroberung 732  vC über alle moralischen Zweifel erhaben. Ihre ehe-
überprüfte und sie zwei Bauperioden zuteilte: dem geschilderten Makel wurden offenbar aus
der Zeit Salomos im 10. Jh. vC und der Epoche dem kollektiven Gedächtnis gestrichen.
der omridischen Dynastie Israels im 9. Jh. vC.
Die Stadtbefestigungen, die Wasseranlage und
die Pferdeställe wurden nun später datiert, näm- Gab es David und Salomo wirklich?
lich in die Zeit nach dem Wiederaufbau des vom Diese und weitere Inkonsistenzen brachten das
ägyptischen Pharao Schoschenq I. (945–924 vC) Bild des davidischen und salomonischen Groß-
im Jahr 926 vC zerstörten Megiddo, in dem Yadin reichs ins Wanken. So konnten beispielsweise
eine Streitwagen-Garnison vermutete. Heute tritt diverse bisher unternommene Grabungen in
Israel Finkelstein von der Universität Tel Aviv Jerusalem – trotz bisweilen anderslautender
mit guten Gründen für eine noch spätere Datie- Interpretation – keinen prächtigen königlichen
rung ein. Ausbau, ja nicht einmal größere Bauten aus dem

32 welt und umwelt der bibel 1/2015


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DaviD unD Salomo

Die israelische Archäologin Eilat Mazar erklärt eine Struktur, die sie für den Palast Davids in Jerusalem hält.
Links eine Statue des Königs David an der Colonna dell’ Immacolata auf der Piazza Mignanelli in Rom.

10. Jh. vC wirklich sicher nachweisen. Da es aber als „theologisches Konstrukt“ ohne jeden Bezug
genügend Belege für frühere wie auch spätere zur Realität.
Befestigungen gibt, lässt sich ihr Fehlen im 10. Doch zumindest diese Extremposition konnte
Jh. vC auch nur schwerlich damit erklären, dass durch den Fund von drei Bruchstücken der soge-
gerade diese Mauern durch spätere Bautätigkeit nannten Tel-Dan-Stele in den 1990ern widerlegt
entfernt wurden. werden (s. S 28).
Wenn das Großreich Davids und Salomos aber Als in ihrer geschichtlichen Existenz bewie-
angezweifelt werden kann – jedenfalls in der sen gilt eine Person in der wissenschaftlichen
im Alten Testament geschilderten Form – und Forschung erst dann, wenn sie in zwei unabhän-
es sich bei den entsprechenden Berichten um gigen Quellen belegt werden kann. Das ist für
nachträgliche Projektionen späterer Jerusalemer David gegeben – für seinen Sohn Salomo nicht.
Schreiber handelt, dann können auch weiterge- Was bedeutet das? Es bedeutet schlicht, dass die
hende Schlussfolgerungen nicht ausbleiben. So Geschichtswissenschaft stets Rechenschaft darü-
haben besonders kritische Bibelausleger biswei- ber ablegen muss, was sie konkret sicher belegen
len sogar die schiere Existenz der Könige David und was sie – trotz hoher Wahrscheinlichkeit –
und Salomo infrage gestellt. Einige Forscher nur als These anerkennen kann.
etwa deuteten das davidische Königtum allein

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welt und umwelt der bibel 1/2015 33
DaviD unD Salomo

ZWEi DEUTUnGEn DErSElbEn AUSGrAbUnG

Yosef Garfinkel Israel Finkelstein

Datierung: Die C14-Analysen weisen die Ausgrabungsbefunde in die Zeit von ca. 1025–975 vC

Politik: Die städtische Anlage von Chirbet Qeiyafa belege, dass Die C14-Datierung und die Keramik zeigten, dass Chirbet
um 1000 vC das judäische Königtum bereits etabliert war. Es Qeiyafa weitgehend die vorkönigliche, d. h. vorstaatliche
umfasste neben Chirbet Qeiyafa auch Hebron und wurde Eisenzeit i repräsentiere. Daher ist die Frage nach dem
von Jerusalem her verwaltet. Damit sei die sogenannte „low beginn des Königtums (frühestens ab der zweiten Hälfte
Chronology“ israel Finkelsteins nachweislich falsch, die das des 10. Jh. vC) und folglich der „low Chronology“ nicht rele-
Königtum in Juda erst deutlich später ansetzt und David als vant.
unbedeutendes Clanoberhaupt statt als König ansieht.

Architektur: Die Kasemattenmauer bestehe aus einem ring Die Tradition der Kasemattenmauer von Chirbet
aus Vierraumhäusern und sei damit der „Prototyp“ dieser spä- Qeiyafa komme aus dem norden und basiere auf Vorläufern
ter in Juda (in der Eisenzeit ii b) populären Form der Stadtpla- aus der mittleren und späten bronzezeit (u. a. auf dem spät-
nung. bronzezeitlichen Tall Zirāʿa).

Chirbet Qeiyafa besitze ungewöhnlicherweise zwei Tore. An der rekonstruktion bzw. Datierung der Tore werden
Dies führe zur identifikation des Ortes mit Schaaraim (hebr. massive Zweifel geäußert.
„zwei Tore“), das dreimal im Alten Testament erwähnt wird. Die alttestamentlichen Erwähnungen von Schaaraim
Diese Zitate spiegelten Zustände des 10. Jh. vC wider. stammen aus dem 7. Jh. vC, auch wenn sie vorgeben, Zustände
des 10. Jh. vC zu beschreiben. Da die eisenzeitliche besiedlung
des Ortes bereits im 10. Jh. endete, sei nicht davon
auszugehen, dass man im 7. Jh. vC darauf noch bezug nahm.

Chirbet Qeiyafa sei eher mit dem biblischen Gob zu


identifizieren, das in der Eroberungsliste Pharao
Schoschenqs i. in Karnak verzeichnet ist.

Ethnikon: Da keine Schweineknochen gefunden wurden, Keramik und Essgewohnheiten machen es schwierig,
seien die bewohner Chirbet Qeiyafas als Judäer zu das Ethnikon der bewohner zu definieren.
identifizieren, da diese keine unreinen Tiere essen durften Einen bezug zu einer politischen Macht im nördlichen
(vgl. lev 11,7; Dtn 14,8). bergland („israel“) sei wahrscheinlicher.

Kult: Mehrere aufgefundene Schreinmodelle, die üblicherweise Ähnliche Schreinmodelle wurden an vielen Orten der levante
als Tempelmodelle verstanden werden, seien architektonische gefunden. Das Tempel-baukonzept mit zwei Säulen ist
Vorläufer des 30-40 Jahre später errichteten Salomonischen nicht auf den Jerusalemer Tempel beschränkt. Das Modell
Tempels; vor allem weil bei einem der Objekte wie vor dem und der Jerusalemer Kultbau entstammen beide dem gleichen
Eingang des Jerusalemer Tempels zwei Säulen auszumachen größeren kulturellen Umfeld, was deren Ähnlichkeiten hinrei-
seien. Die Tatsache, dass in drei kultisch gedeuteten räumen chend erklärt.
keine Figurinen oder andere Götterbilder gefunden wurden,
könne als Hinweis auf eine judäische Tradition (vgl. Ex 20,4; Mit großer Sicherheit sind die löwen und Tauben, mit denen
Dtn 5,8) interpretiert werden. eines der Schreinmodelle dekoriert ist, als göttliche Symboltiere
zu verstehen, sodass mitnichten von einem bildlosen
Kult auszugehen ist.

Schriftfund: Ein aus der Zeit um 1000 vC stammendes Da es keine stichhaltigen indizien dafür gibt, dass es sich
Ostrakon in hebräischer Schrift enthält einen Auszug aus bei der Schrift auf dem Ostrakon um eine alte Form des
einem rechtstext, der einen König erwähnt. Dieser Fund belege Hebräischen handelt und die verwendete Sprache mit gleicher
die Schreibertradition Judas im 10. Jh. vC und deren frühe Fä- berechtigung auch anderen nordwestsemitischen Dialekten
higkeit zur Dokumentation historischer Ereignisse. Dies eröffnet zugeschrieben werden kann, ist ein bezug auf Juda und das
die Möglichkeit, biblischen berichten zeitgenössische Texte Königshaus Sauls oder Davids gegenstandslos.
zugrunde zu legen.

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welt und umwelt der bibel 1/2015
DaviD unD Salomo

Der Streit um David und Salomo – neue Diese widerstreitenden Theorien belegen die
Grabungen und dennoch kein Ende Kontrahenten angesichts einer absolut gleichen
Die Debatte über die historische Rolle Davids Quellenlage mit folgenden widerstreitenden Ar-
und Salomos ist weit davon entfernt, letztgültig gumenten:
entschieden zu sein; im Gegenteil – sie setzt sich Grundsätzlich wirft Israel Finkelstein dem
gegenwärtig ungebrochen fort. Aktuell stehen Team von Garfinkel eine viel zu schnelle Aus-
die 2007 begonnenen Grabungen in Chirbet Qei- grabungstätigkeit mit zu vielen unausgebildeten
yafa im Fokus dieser Diskussionen. Sie illustrie- Volontären vor. In einer zweiwöchigen Ausgra-
ren den Konflikt zwischen maximalistischer und bung wurden 2007 allein 2,50 m Erdschicht trotz
minimalistischer Auslegung der archäologischen schwierig zu grabender Hanglage bis zum Felsen
Befunde und greifen die Frage nach der Ausdeh- herabgegraben. Im Gegensatz dazu stellt er die
nung des im Alten Testament beschriebenen da- Grabung in Megiddo dar, wo für eine Grabungs-
vidischen Großreichs erneut auf. woche statt der 1,25 m von Chirbet Qeiyafa auf
Die Hauptprotagonisten dieser Debatte sind einer Fläche gleicher Größe weniger als 10 cm
der Ausgräber von Chirbet Qeiyafa, Yosef Garfin- veranschlagt werden.
kel von der Hebräischen Universität Jerusalem, Die angeblich hellenistische Stadtmauer Chir-
auf der maximalistischen Seite und der minima- bet Qeiyafas sei in Wirklichkeit eine moderne,
listisch gesinnte Israel Finkelstein von der Uni- landwirtschaftlich genutzte Feldmauer.
versität Tel Aviv. Yosef Garfinkel kontert mit gereizter Rhetorik:
Yosef Garfinkel sieht in den Ergebnissen seiner „Finkelstein ist nicht nur Vater der Low Chrono-
Grabungen Belege dafür, dass das etwa 32 km logy, sondern auch ihr Totengräber”, und: „Die
südwestlich von Jerusalem im Elah-Tal gelegene Low Chronology ist offiziell tot und beerdigt”
Chirbet Qeiyafa mit dem aus Jos 15,36; 1 Sam 17,52 (unterstrichen durch eine Fotomontage eines
und 1 Chr 4,31 bekannten Schaaraim zu identifi- Friedhofes).
zieren sei. Es sei zur biblisch angenommenen Es stellt sich die Frage, aus welchem Grund Le-
Regierungszeit Davids errichtet und von Judäern ben und Wirken von David und Salomo im Alten
bewohnt worden. Der Ort sei eine Festungsstadt Testament so ausführlich und ausgeschmückt
zum Schutze Judas vor den im angrenzenden dargestellt werden, obwohl doch ein großer Teil
Gebiet lebenden Philistern und neben Jerusalem der hier berichteten Ereignisse und Sachverhal-
und Hebron eines der wichtigsten städtischen te bei historischen Nachfragen zumindest ange-
Zentren Judas gewesen. zweifelt werden kann.
Israel Finkelstein jedoch schließt aufgrund Offenkundig scheint es den im 7. Jh. vC leben-
architektonischer Gegebenheiten die Zugehörig- den Autoren, die mit David und Salomo (und
keit Chirbet Qeiyafas zum Südreich aus. Der Ort ihren Nachfolgern) über Personen und Ereignis-
wäre sonst als die einzige gut ausgebaute Stadt se berichteten, die zu diesem Zeitpunkt bereits
Judas dieser Zeit (einschließlich Jerusalems!) an- mehrere Hundert Jahre zurücklagen, um die
zusehen. Die Stadt verkörpere aus dem Norden eigene zeitgenössische Politik gegangen zu sein.
kommende Traditionen und sei eher mit einer Ende des 8. Jh. vC wurde das Nordreich Israel
politischen Größe des erstarkenden nördlichen von den Assyrern erobert und in eine Provinz
Berglandes zu verbinden. umgewandelt. Im Zuge dieser Ereignisse flohen

DiE CHrOnOlOGiE DEr SüDliCHEn lEVAnTE nACH ...

Israel Finkelstein
Yosef Garfinkel
(„Low Chronology“)

Späte Bronzezeit bis 1200/1150 vC bis 1200/1150 vC

Eisenzeit I 1200/1150 –1000 1200/1150 – ca. 925

Eisenzeit II 1000 – 520 ca. 925 – 520

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welt und umwelt der bibel 1/2015 35
Die „stepped stone
structure“ im Osten
der alten Davidstadt in
Jerusalem wurde bereits
in den 1920er-Jahren
von R. A. S. Macalister
entdeckt. Kathleen
Kenyon grub sie in den
1960er-Jahren weiter
aus und datierte sie ins
14. Jh. vC. Ein versie-
gelter Fußboden unter
der dritten Terrasse leg-
te aber einen Zeitpunkt
(terminus post quem)
ab dem 13./12 Jh. vC
nahe. Eine erneute
Ausgrabung durch Eilat
Mazar brachte größere
Steine zum Vorschein,
weshalb sie das Ganze
als Teil des Palastes
Davids deutet. Israel
Finkelstein vermutet,
dass die Gebäude in
der Hasmonäerzeit
(2. Jh. vC) umgebaut
worden sind.

viele Menschen in das Südreich Juda, was sozi- Handel ausgerichteter Herrschaft – man denke
ale Probleme und Spannungen zur Folge hatte. etwa an den Besuch der Königin von Saba – eine
Das Konzept des vereinigten davidischen Kö- solche Politik legitimieren zu wollen, indem sie
nigreichs war wohl der Versuch, eine pan-isra- zu zeigen versuchen, dass auch die unbestreit-
elitische Geschichte zu entwerfen, um durch die bar großen Könige Israels bereits ähnlich gehan-
Beschwörung einer gemeinsamen glücklichen delt haben. W
Vergangenheit die Möglichkeit eines auch künf-
tigen friedlichen Zusammenlebens aufzuzeigen.
Die Berichte von Salomos Handels- und Au-
ßenpolitik hingegen könnten im Zusammen-
hang mit der zeitweiligen Unterwerfung Judas
unter das übermächtige Assyrien Ende des 8.
und Anfang des 7. Jh. vC verständlich werden.
Gute Beziehungen zur Großmacht sorgten zwar
für einen Aufschwung des Handels, wurden aber Andrea Gropp war Mitglied des Tall Zirā꜂a-Teams von
2003 bis 2011. Sie promovierte 2014 über die religions-
nicht nur als positiv angesehen. Man bedenke,
geschichtliche Entwicklung nordpalästinas von der
dass es auch im Kult eine starke assyrische Ein- Frühen bronzezeit bis zum Ende der Eisenzeit am bei-
flussnahme gab! In dieser Situation scheinen die spiel des Tall Zirā꜂a und arbeitet heute am Stadtmuseum
Erzählungen von Salomos friedfertiger und auf Duisburg.

36 200219134248CB-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de


welt und umwelt der bibel 1/2015
Hier SteHt vorerSt ein blinDtext

PiOniErE DEr bibliSCHEn ArCHÄOlOGiE: KATHLEEn MARy KEnyOn

langen Streit unter Archäologen und Theologen


und wies nach, dass in der fraglichen Zeit, der
späten bronzezeit, in Jericho nur wenige Men-
schen in einer nicht ummauerten Siedlung lebten.
Dauerhafte Ehren brachten ihr die 1961 begon-
nenen Ausgrabungen am Osthang von Silwan, der
Davidstadt – südlich der heutigen Jerusalemer
Altstadt – ein. Die dort aufgefundene sog. „step-
ped stone structure“ aus dem 14. Jh. vC zeigt,
dass Jerusalem damals eine ummauerte Stadt
und zumindest als regionales Zentrum anzusehen
war. ihre Tätigkeit wurde durch den Ausbruch des
Sechstagekrieges 1967 beendet.
Kathleen Kenyon wurde 1973 angesichts ihrer
überragenden wissenschaftlichen leistungen im
bereich der Archäologie des Heiligen landes von
der britischen Königin als „Commander of the Or-
Kathleen Mary Kenyon bei der Ausgrabung der of the british Empire“ geadelt.
des berühmten Turmes von Jericho. Aufnahme (Katja Soennecken)
von 1958.

K athleen Mary Kenyon (1906–1978) studier-


te in Oxford Archäologie. Sie war die bedeu-
tendste Direktorin der „british School of Archaeo-
logy“ in Jerusalem.
Kenyon spielte für den methodischen Fort-
schritt in der Ausgrabungstechnik eine wichtige
rolle. Sie führte in der südlichen levante die von
Sir Mortimer Wheeler stammende Ausgrabungs-
methode ein, nach der man in Grabungsquadran-
ten arbeitet und die Stege zwischen den Quadran-
ten zur Kontrolle des stratigrafischen Fortschritts
benutzt. Dabei wies sie zusammenhängende
Fundkomplexe (räume, Öfen, Feuerstellen, Tür-
bereiche) jeweils eigenen befunden zu. Diese Me-
thode der stratigrafischen Ausgrabung wurde als
„Kenyon-Wheeler Methode“ bekannt.
ihre erste Ausgrabung im Heiligen land führte
sie in Samaria durch. berühmt wurde sie durch
ihre Ausgrabungen in Jericho und in Jerusalem.
Von 1952–1958 grub sie in Jericho, wo sie
die bisher älteste städtische Ansiedlung der Welt
fand. Sie legte einen neolithischen Turm mit an-
grenzender Mauer aus dem 9. Jahrtausend vC
frei. Kenyon konnte außerdem beweisen, dass
die in Jericho bereits 1907–1909 von dem deut-
schen Alttestamentler Ernst Sellin entdeckten Mit Grabungsquadraten lässt sich ein Ort
Stadtmauern nicht mit der Zerstörung durch die kontrolliert erschließen, da einerseits klar definierte
ins land ziehenden israeliten (Jos 6) oder mit dem Vermessungspunkte vorliegen und andererseits die
Wiederaufbau Jerichos durch Hiel (1 Kön 16,34) genaue Schichtenfolge (Stratigrafie) erkennbar bleibt.
in Verbindung standen. Sie beendete damit einen

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welt und umwelt der bibel 1/2015 37
Dokumentation

„Wie ein
Vogel im Käfig“
Kriege und Kriegsführung im 9.–8. Jh. vC

Nicht nur heute ist die Levante außergewöhnlich konflikt-


anfällig, sondern auch die alttestamentliche Zeit war reich
an militärischen Auseinandersetzungen. Archäologische
Funde ergänzen oder korrigieren schriftliche Quellen.
Von Marcel Serr

Die Eroberung von Lachisch. Teil des Zuges mit Waffenträgern und Logistiktruppen sowie einigen Zivilisten.
Wandrelief aus dem Palast Sanheribs in Ninive, um 700 vC. Umzeichnung von Ernst Brückelmann.

38 welt und umwelt der bibel 1/2015


200219134248CB-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
S
eit dem 10. Jh. vC breitete sich das neu- und Schleuderer. Die assyrischen Pfeile hatten
assyrische Reich gen Westen zum Mittel- aufgrund ihrer Eisenspitzen eine hohe Durch-
meer und schließlich nach Ägypten aus. schlagskraft. Außerdem gelten die Assyrer als Er-
Dort stieß die aufstrebende Macht auf mehrere finder des Pfeilköchers – eine Innovation, die die
Königreiche, darunter auch auf Israel und Juda. Schussfrequenz der Schützen erheblich erhöhte.
Dies führte zu einer langjährigen Abfolge von Kavallerie und Streitwagen stellten die Elite
Kriegszügen. Schriftliche Quellen und die bibli- der Armee. Letztere fungierten als mobile Artil-
sche Archäologie gestatten einen guten Einblick lerie, bestehend aus Fahrer, Bogenschütze und
in die Geschichte und Kriegsführung dieser Zeit. Schildträger sowie 3–4 Zugpferden. Häufig wur-
Das Alte Testament bietet eine zusammenhän- den die Streitwagen als Schocktruppen gegen die
gende Geschichte Israels und Judas für das 9.–7. gegnerische Infanterie eingesetzt. Ab dem 9. Jh.
Jh. vC (1 Kön 16 bis 2 Kön 23; 2 Chr 17-35). Aller- vC setzte der Siegeszug der Kavallerie ein. Die As-
dings bestehen an vielen Stellen Zweifel an der syrer brachten zum ersten Mal berittene Bogen-
historischen Authentizität. schützen zum Einsatz, die mit Kompositbögen
Zu einigen kriegerischen Ereignissen existie- (aus zwei oder mehreren Materialien, dadurch
ren auch außerbiblische Quellen: Die assyri- wirkungsvoller) ausgerüstet waren. Gerade im
schen Aufzeichnungen sind umfangreich und schwierigen Gelände der Levante, das die Effek-
zeitlich näher an den historischen Ereignissen. tivität der Streitwagen einschränkte, löste die
Die Königsannalen und Verzeichnisse der Na- Kavallerie sukzessive den Streitwagen als Waf-
men wichtiger Staatsbeamter geben spezifische fengattung ab.
Hinweise auf Herrscher und Ereignisse in Israel Neben offenen Feldschlachten, bei denen die
und Juda. Doch auch diese Quellen sind oftmals Assyrer ihre numerische Überlegenheit und die
durch königliche Propaganda verzerrt. Schlagkraft ihrer Kavallerie und Streitwagen
Die biblische Archäologie bereichert das Wis- ausspielen konnten, perfektionierten die assy-
sen um die Militärgeschichte der damaligen rischen Pioniere die Belagerung von befestigten
Zeit. Spuren kriegerischer Zerstörung sind in Städten durch den Einsatz von Rammböcken
ausgegrabenen Städten wie Lachisch gut nach- und den Bau von Belagerungstürmen. Auch psy-
vollziehbar. Die Funde von Waffen, Verteidi- chologische Kriegführung spielte eine wesentli-
gungsanlagen und Belagerungsspuren lassen che Rolle: Die Brutalität der Assyrer war gefürch-
Ereignisse, die über 2700 Jahre zurückliegen, tet und bewog so manche Stadt zur Kapitulation.
auf eindrückliche Weise wieder auferstehen. Das Darüber hinaus diente die Zwangsdeportation
sog. Lachisch-Relief (Abb. S. 38), das die assyri- der Oberschicht aufständischer Reiche als we-
sche Belagerung der judäischen Stadt darstellt sentliche Taktik assyrischer Besatzungspolitik.
(701 vC) und das bei Ausgrabungen in Ninive frei-
gelegt wurde, bietet die seltene Möglichkeit, die
damaligen Kriegstechniken sowie das Aussehen Israel und Juda verfügten wahrscheinlich
und die Bewaffnung der Soldaten zu studieren. ebenfalls über stehende Heere. Die genaue Rek-
rutierung und Organisation dieser Streitkräfte ist
weitgehend unbekannt. Vermutlich bestanden
Die assyrischen Streitkräfte verfügten über sie größtenteils aus Infanterie und unterstüt-
das schlagkräftigste Militär im Nahen Osten zenden Streitwagen- und Kavallerie-Einheiten.
des frühen 1. Jahrtausends vC. Berufssoldaten Die Infanteristen waren mit Wurfspeeren, Lan-
wurden unterstützt durch die Integration der zen, Schwertern und Schilden ausgerüstet. Sie
Heere eroberter Reiche. Dadurch konnte Assyri- wurden von Bogenschützen, Schildträgern und
en 150.000–200.000 Mann ins Feld führen. Der Schleuderern unterstützt.
Kern der Streitkräfte bestand aus der königlichen Für kleine Reiche wie Israel und Juda war es
Garde, der Infanterie, Streitwagenabteilungen, unerlässlich, militärische Bündnisse zu schlie-
Kavallerie und Pionieren. Hilfstruppen fungier- ßen, um gegen Großmächte wie Assyrien zu
ten als Besatzungstruppen in den Provinzen und bestehen. Nur selten führten sie offensive Feld-
konnten bei Bedarf ebenfalls mobilisiert werden. züge eigenständig durch. Mehrheitlich waren Schleuderer,
Die assyrische Armee war die erste Streit- ihre militärischen Aktivitäten defensiver Natur. Bogenschützen
macht, die mehrheitlich mit eisernen Waffen Hierbei wurden einige Städte zu mächtigen Ver- und Schwertkämp-
und Rüstungen ausgestattet war. Die schwer teidigungspunkten ausgebaut (z. B. Hazor und fer der Assyrer.
bewaffneten Infanteristen trugen zweischneidi- Megiddo in Israel, Jerusalem und Lachisch in Ausschnitt aus dem
ge Speere sowie gerade Schwerter und Schilde. Juda), andere wurden neu errichtet (z. B. Samaria Relief Sanheribs.
Unterstützt wurden sie durch Bogenschützen oder die Festung Arad im Negev).

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welt und umwelt der bibel 1/2015 39
Bereich der Stadttore – stets neuralgische Ver-
teidigungspunkte – eine Weiterentwicklung
stattfand: Noch im 10. Jh. vC wurde v. a. das sog.
Sechs-Kammer-Tor genutzt (z. B. in Megiddo, Ge-
zer, Lachisch und Hazor). Dabei handelte es sich
Die Stadtmauer von Lachisch, rechts die Rekonstruktion der Toranlage. um eine durch vorgelagerte Türme geschützte
Die Mauer war zum Schutz gegen das Untergraben tief im Hang gegründet.
Passage, die drei rechteckige Räume an jeder Sei-
te des Durchgangs aufwies. Ab dem 9. Jh. vC ver-
kleinerten sich die Torbauten auf Vier- bzw. Zwei-
Kammer-Tore. Hatten die Tore in Friedenszeiten
als Treffpunkt der Älteren und Gerichtsplatz fun-
giert, ging diese Verkleinerung wahrscheinlich
auf den verstärkt militärischen Charakter der
Tore zurück, die dadurch kompakter und einfa-
cher zu verteidigen wurden.
Neben Mauern und Toren war die Wasserver-
sorgung ein essenzielles Element der Verteidi-
gung. Oftmals waren die Quellen der Städte au-
ßerhalb der Mauern. Daher wurden mit großem
Aufwand Wassersysteme angelegt, die auch lan-
gen Belagerungen standhalten konnten. Hierzu
wurden häufig vertikale Schächte in den Boden
geschlagen, mit breiten Stufen versehen und
anschließend in horizontalen Tunneln zur Quel-
le geführt. Der außerhalb der Mauern gelegene
Zugang zur Quelle wurde dann blockiert (so in
Ein Sechskammertor schützte die Stadt Gezer. Die ausgegrabenen Megiddo und Hazor in Israel; in Lachisch und
Reste der Grundmauern sind im Vordergrund zu erkennen. Jerusalem in Juda).

Assyrische Belagerungstechniken lassen


Die wichtigsten Bestandteile der Verteidigungs- sich nach Ansicht des israelischen Archäologen
anlagen waren die Stadtmauern. Sie wurden auf Yigael Yadin aus dem Wandel von Kasematten-
steilen Glacis (künstliche Erdaufschüttungen) mauern zu solchen mit vorgelagerten Bastionen
oder an die Hänge der Stadthügel gebaut, die erschließen: Bis zu deren Auftreten in der südli-
manchmal noch bis in die mittlere Bronzezeit zu- chen Levante wurden Städte von Angreifern mit
rückreichen. Diese sollten die Mauern vor Sturm- Sturmleitern genommen. Die relativ geschützten
angriffen und dem Untergraben durch Belagerer Verteidiger hatten von der erhöhten Position auf
schützen. Die Mauern selbst wurden aus behaue- der Mauer stets einen taktischen Vorteil. Solan-
nen Quadersteinen oder noch nach bronzezeitli- ge genügend Vorräte gelagert waren, konnten
cher Methode mit Lehmziegeln errichtet. Städte Belagerungen schlichtweg „aussitzen“.
Noch 1200–1000 vC dienten die Mauern von Die assyrische Kriegsführung veränderte den
Privatgebäuden, die an den Außengrenzen der Belagerungskrieg fundamental. Dies ist insbe-
Siedlung positioniert waren, als Verteidigungs- sondere auf die Verwendung eines neuartigen
bollwerk. Im 10. Jh. vC verwendete man Kasemat- Waffensystems zurückzuführen – den Ramm-
tenmauern, die bereits um 1400 vC auf dem Tall bock. Die assyrischen Belagerer schlossen eine
Zirā꜂a (nordöstlich des israelitischen Kernlandes) Stadt vollständig ein. Anschließend suchten
erstmals belegt sind. Dabei wurden zwei paralle- sie nach Schwachstellen in der Mauer – oft in
le Mauern errichtet, die in gewissen Abständen der Nähe der Stadttore. Sie bauten Rampen aus
mit Quermauern verbunden wurden. Die Zwi- Erde, um die Rammböcke über das Glacis an
schenräume wurden als Soldatenquartiere, Waf- die Mauer heranzuführen. Die Belagerungsma-
fen- oder Lebensmittellager genutzt. Ab dem 9. schinen waren auf vier Räder montiert, umge-
Jh. vC wurden massive Mauern häufiger, die oft ben von einem hölzernen Gerüst, verkleidet mit
vorgelagerte Bastionen oder Türme aufwiesen. Tierhäuten, die permanent befeuchtet wurden,
Der israelische Altertumswissenschaftler um deren Niederbrennen zu verhindern. Am
Samuel Rocca weist darauf hin, dass auch im vorderen Ende war ein Turm aufgepflanzt, von

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„Wie ein Vogel im Käfig“

dem aus Bogenschützen die Verteidiger unter vante und gelegentlichen Rebellionen gegen die
Beschuss nahmen. Der Rammbock hatte eine assyrische Dominanz geprägt.
Eisenspitze, die wieder und wieder gegen die
Mauer gestoßen wurde.
Gerade verlaufende Mauern boten hierzu eine Israel und Juda überlebten lange Zeit als Vasallen
hervorragende Angriffsfläche. Dagegen gaben Assyriens. Doch bei einem Aufstand in den 720er-
Mauern mit vorgelagerten und erhöhten Türmen Jahren zerschlugen die Assyrer unter Salmanas-
oder Bastionen weniger Ansatzpunkte für die sar V. das rebellierende Nordreich Israel (722/721
Rammböcke. Außerdem konnten heranstürmen- vC). Dabei wurden Zehntausende Einwohner Is-
de Angreifer ins Kreuzfeuer genommen werden. raels deportiert (COS 2.118E: 296; 2 Kön 17,6.24).
Das Lachisch-Relief zeigt zudem, dass die Mau- Das Südreich Juda unter König Hiskija (725–
ern mit hölzernen Befestigungen und Schilden 698 vC) war nicht der Rebellion gegen Assyrien
behängt wurden, um die Deckung der Verteidiger gefolgt und wurde für die Treue belohnt. Daher
zu optimieren. waren die folgenden Jahre eine Phase politischer
Stabilität und territorialer Expansion für Juda.
Dabei gelang es Hiskija, seinem Reich einen Zu-
Das Neuassyrische Reich stieg im 9. Jh. vC gang zum Mittelmeer zu sichern. Doch als nach
zur regionalen Großmacht im Nahen Osten auf. dem Tod von Assyriens König Sargon II. 705 vC
König Salmanassar III. (859–824 vC) führte in im gesamten Assyrischen Reich Revolten ausbra-
seiner 35-jährigen Regierungszeit 21 Feldzüge chen, stellte auch Juda seine Tributzahlungen
jenseits des Euphrat und etablierte die assy- ein. Als der neue Herrscher – Sanherib – seine
rische Herrschaft von Babylon bis zur Mittel- Macht konsolidiert hatte, zog er gen Westen, um
meerküste. Die kleinen Stadtstaaten und König- die Rebellion zu unterdrücken.
reiche in der Levante befanden sich zu dieser Sanheribs Feldzug in die südliche Levante (701
Zeit gerade in einer Phase politischen und wirt- vC) ist das am besten dokumentierte militärische
schaftlichen Aufstiegs. Auch das Königreich Ereignis in der Geschichte Judas. Historiker kön-
Israel erfuhr eine Epoche großen Wohlstands nen auf Sanheribs Annalen, die Bibel (Kön 18,7-
und politischer Stärke. Dies bestätigt auch die 36; 19,1-37; Jes 36,1-22; 37,1-38; 2 Chr 32,1-23) sowie
Archäologie: In Israels neuer Hauptstadt Sa- archäologische Erkenntnisse zurückgreifen.
maria, aber auch in Megiddo und Hazor, lassen Hiskija bereitete sich akribisch auf die drohen-
sich erhebliche Baumaßnahmen nachweisen. de Attacke der Assyrer vor: Er baute die Stadt-
Gleiches gilt auch für Juda, das zwar kleiner mauern Jerusalems aus und schloss auch den
und weniger entwickelt war, aber stark vom neu besiedelten Süd-West-Hügel Jerusalems mit
wirtschaftlichen Aufstieg der Region profitierte. in den ummauerten Stadtbereich ein. Möglicher-
Assyriens territoriale Expansion war eine er-
hebliche Bedrohung für die Königreiche. Daher
schlossen sich rund ein Dutzend der Reiche zu
einer anti-assyrischen Allianz zusammen. Im Mit Rammböcken auf einer
Jahr 853 vC kam es bei Karkar, am Ostufer des Rampe eroberten die Assyrer Städte.
Orontes, zur Schlacht. Die anti-assyrische Koa- Gut zu sehen ist die Wasserkühlung
lition führte eine mächtige Streitkraft ins Feld. gegen Brandpfeile vorne. Relief aus
dem Südwestpalast von Ninive (heute
Assyrische Quellen berichten von einem blutigen
im British Museum), um 700 vC.
Kampf mit Tausenden Gefallenen (Corpus ori-
entalischer Schriften [COS] 2.113A:263), aus dem
Salmanassar III. nach eigenen Angaben als Sie-
ger hervorging. Diese Darstellung ist zumindest
zweifelhaft. Denn Assyrien rückte in den nächs-
ten drei Jahren nicht weiter gen Süden vor. In den
840er-Jahren unternahm Salmanassar III. noch
drei Anläufe zur Eroberung der südlichen Le-
vante und wurde stets von der anti-assyrischen
Allianz gestoppt. Erst als die Koalition aufgrund
von Machtstreitigkeiten zerbrach, gelang es Sal-
manassar, weiter vorzudringen.
Die folgenden 150 Jahre waren von Konflikten
zwischen den Königreichen der südlichen Le- Reste der assyrischen Eroberungsrampe in Lachisch

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welt und umwelt der bibel 1/2015
„Wie ein Vogel im Käfig“

gelegtes Massengrab sowie Brandspuren in der


Stadt sind weitere Zeugen des blutigen Kampfes
um Lachisch.
Darüber hinaus bietet das Wandrelief aus
Sanheribs Palast in Ninive eine bildliche Dar-
stellung. Darauf lassen sich die verschiedenen
assyrischen Einheiten gut erkennen. Außerdem
Das Sanherib- wird deutlich, dass sich der Sturmangriff insbe-
Prisma (ausgestellt sondere auf die Stadttore konzentrierte.
im Israel Museum) Nach der Eroberung von Lachisch (oder noch
wurde bei Ausgrabun- währenddessen) wandte sich Sanherib nach
gen in Ninive gefunden. Jerusalem. Die Assyrer schlossen die Stadt ein.
Der akkadische Text Alles deutet darauf hin, dass Sanherib unmittel-
auf den sechs Seiten bar vor dem Sieg stand. „Wie ein Vogel im Käfig
berichtet von den Feld- schloss ich Hiskija in Jerusalem ein“, heißt es in
zügen des assyrischen Sanheribs Annalen (COS 2.119B: 303). Doch die
Königs Sanherib, dar- biblischen und assyrischen Quellen stimmen
unter auch vom Krieg überein, dass Jerusalem nicht erobert wurde.
gegen Juda. Hiskija blieb sogar auf dem Thron und Sanherib
zog unvermittelt zurück nach Ninive. Was war
passiert? Nach assyrischen Quellen hatte sich
Hiskija mit einem hohen Lösegeld freigekauft
(COS 2.119B: 303; ebenso 2 Kön 18,14). Die Bibel
berichtet an anderer Stelle, dass ein Engel auf
Geheiß Gottes einen Großteil des assyrischen
Heeres in der Nacht erschlagen hätte (Jes 37,36; 2
Kön 19,35) – dies könnte auf eine tödliche Seuche
im Heerlager der Assyrer hindeuten. Möglich ist
auch, dass Sanherib die Belagerung abbrechen
musste, weil in Babylonien eine Rebellion aus-
weise ist Hiskija auch der Bau eines rund 550 m gebrochen war. Was auch immer seine Gründe
langen Tunnels zuzuschreiben, der die Wasser- waren, Sanheribs Abzug rettete Jerusalem vor der
versorgung Jerusalems durch die Gihonquelle sicheren Zerstörung – zumindest vorerst.
auch in Belagerungszeiten sicherstellte. Beide Nach Hiskijas gescheiterter Revolte blieb Juda
Bauvorhaben sind archäologisch belegt. tributpflichtig. Assyrien erreichte in den folgen-
Derweil stieß Sanherib zur Mittelmeerküste den Jahrzehnten den Höhepunkt seiner Macht
vor und zog dann nach Süden weiter. Dabei er- und fand mit der Eroberung Thebens, der Haupt-
Lesetipps oberte er Sidon. Viele aufständische Städte kapi- stadt Ägyptens, seine größte territoriale Ausdeh-
• Brad E. Kelle, Ancient tulierten anschließend. Nachdem Sanherib eine nung. Kurz darauf leiteten dynastische Streitig-
Israel at War, 853–586 ägyptisch-äthiopische Streitmacht geschlagen keiten den Untergang des Reiches ein. Letztlich
BC, Oxford/New York hatte, wandte er sich gegen Juda. Archäologen fiel Assyrien Ende des 7. Jh. vC dem aufsteigen-
2007. haben Zerstörungsspuren in Ramat Rachel, Bet- den Babylonischen Reich zum Opfer, das sich
• Samuel Rocca, The Schemesch, Beerscheba und Gezer gefunden. als neue Großmacht im Nahen Osten etablieren
Fortifications of Anci- Am eindrücklichsten lässt sich jedoch die Bela- konnte. Babyloniens König Nebukadnezzar soll-
ent Israel and Judah gerung Lachischs nachvollziehen. Die Stadt war te Jerusalem als Folge einer Rebellion schließlich
1200–586 BC, Oxford/ durch eine doppelte Mauer stark befestigt und im Jahr 586 vC vollständig zerstören. W
New York 2010. beschützte den Zugang Judas im Südwesten.
Der Kampf um die Stadt lässt sich dank ar-
chäologischer Ausgrabungen in Lachisch, insbe-
sondere durch David Ussishkin, rekonstruieren.
Dabei wurden Hunderte Pfeilspitzen und Schleu-
dersteine gefunden. Außerdem entdeckten die Marcel Serr, M.A. ist Historiker
und Politikwissenschaftler sowie
Archäologen eine 50-60 m lange assyrische Er- wissenschaftlicher Assistent am
oberungsrampe, die im Südwesten Lachischs Deutschen Evangelischen Institut
durch die Aufschüttung von bis zu 19.000 Ton- für Altertumswissenschaft des
nen an Schuttmaterial errichtet wurde. Ein frei- Heiligen Landes in Jerusalem.

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„Wie ein Vogel im Käfig“

Ein BERühmtES FundStücK: DIE MESCHA-STELE

D ie vom moabitischen König mescha in der zwei-


ten Hälfte des 9. Jh. vC in Auftrag gegebene Stele
wurde 1868 von dem deutschen Missionar Frederick
Die Mescha-Stele dokumentiert die enge Verwandt-
schaft der nordwest-semitischen Völker in der alt-
testamentlichen Epoche. Besonders auf kulturellem
A. Klein in der nähe des biblischen Ortes dibon, im Gebiet (Sprache, Schrift) wird die Nähe zum Altheb-
heutigen Jordanien, entdeckt. Der Franzose Charles räischen oder Ammonitischen deutlich. Doch auch die
Clermont-Ganneau fertigte einen Abdruck des Fun- religionsgeschichtlichen Vergleiche sind frappierend.
des an. Unrühmliche Auseinandersetzungen zwischen In Zeile 18 wird der israelitische Gottesname JHWH
preußischen und französischen Ankäufern und die zum ersten Mal außeralttestamentlich verzeichnet.
Intrigen osmanischer Behörden vermittelten den Be- Die Moabiter pflegten zu ihrem Gott Milkom eine
duinen den Eindruck, es lohne sich, die Basaltstele zu ähnliche Beziehung wie die Israeliten und Judäer zu
sprengen und (um mehr Geld herauszuschlagen) unter JHWH. Von beiden Gottheiten wurde der Schutz des
sich zu verteilen. Zwei größere und achtzehn kleinere Königshauses und des Volkes sowie der militärische
Fragmente gelangten dennoch nach Paris und fanden Bestand des Staatsgebietes erwartet. Daher errichtete
den ihnen gebührenden Platz im Louvre. Dort konnte man ihnen Kulthöhen (Zeile 3, vgl. 1 Sam 9,13f.19.25;
der 110 cm hohe und 60 bis 68 cm breite Stein zu zwei 1 Kön 11,7; 2 Kön 16,4; 17,9f.; Ez 20,28f.). in der Be-
Dritteln wieder zusammengesetzt werden; der Rest drängnis des eigenen Volkes durch Feinde zeigte sich
der Inschrift wurde nach dem von Clermont-Ganneau für die Moabiter ebenso wie für die Israeliten der Zorn
gefertigten Abklatsch wieder rekonstruiert. Der Me- ihres Gottes, und in der Wende zum Besseren spiegelte
scha-Stein ist die längste bisher in der südlichen Le- sich für sie seine erneute Zuwendung: „Omri war Kö-
vante aufgefundene Inschrift. nig von Israel. Er unterdrückte Moab lange Zeit, denn
Die Inschrift informiert in altphönikisch-kanaanä- Kemosch zürnte seinem Lande. Sein Sohn folgte ihm
ischer Schrift auf 34 Zeilen über die auch im Alten (auf dem thron). Auch er dachte: ich will moab unter-
testament (2 Kön 1,1 und 3,4-27) erwähnte Befreiung drücken […] Ich aber konnte auf ihn und sein Haus
der Moabiter von der israelitischen Oberherrschaft herabsehen. Israel ist für immer wirklich zugrunde
im Jahr 845 vC. Sie berichtet von diesem gegangen“ (Zeilen 4–7; vgl. Ri 2,6-3,6 und
Ereignis allerdings aus einem ganz Ps 106,40-43). Militärische Aktionen
eigenen Blickwinkel und folglich geschahen auf Gottes Befehl hin
mit gravierenden Differenzen (Zeilen 14 und 32; Ri 20,23.28;
zur alttestamentlichen Versi- 1 Sam 14,37; 22,5; 23,2.4;
on: nach der darstellung des 2 Sam 2,1). An der geschlagenen
moabitischen Königs me- feindlichen Bevölkerung konnte
scha eroberte er das Gebiet der Bann vollstreckt werden;
nordöstlich des Toten Mee- sie wurde dem siegreichen Gott
res (Aroër, Atarot, Nebo geweiht: „ich bekämpfte die
und Jahaz) von Israel zu- Stadt (scil. Nebo) […] und töte-
rück, vertrieb den Stamm te die ganze Bevölkerung […]
Gad und ließ als Dank für als Schauspiel für Kemosch
die ihm endgültig erschei- und für Moab“ (Zeilen 11 und
nende Niederlage Israels 16f.; vgl. Dtn 7,2; Jos 6,15-25).
seinem Gott Kemosch die- (Dieter Vieweger)
se Votivstele in Qeriho auf
der Akropolis von Dhiban
aufstellen. Außerdem be- Aus Fragementen
richtet die Stele von städ- rekonstruiert: die Stele des
te- und straßenbaulichen Königs Mescha, 9. Jh. vC, Basalt,
Aktivitäten des Königs 110 x 68 cm, Dibon, Jordanien;
Mescha. heute im Louvre, Paris.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 43
Biblischer Alltag (1)

Die Häuser der Eisenzeit


Wie wohnte man in alttestamentlicher Zeit?

Wohnhäuser in der alttestamentlichen Zeit hatten viele Formen und Facetten.


Die Ausgrabungen in Israel/Palästina und Jordanien zeichnen davon ein
buntes und vielgestaltiges Bild. Von Dieter Vieweger

D
er hebräische Begriff für „Haus“ (bajit) ment und oft auch auf einem niedrigen Steinso-
kommt über 200-mal im Alten Testament ckel ruhten. Holzpfähle konnten das Bauwerk
vor. Er findet seine Entsprechungen in stabilisieren. Die aus Steinen bestehende Au-
vielen semitischen Sprachen und beschreibt ßenmauer war an der Basis bis zu 80 cm dick.
grundsätzlich alle Arten von Häusern – ange- Eine besonders große Mauerstärke oder auch
fangen von Palästen (z. B. Jer 39,8) und Tempeln Treppenaufgänge können auf die Existenz eines
(z. B. 1 Kön 8,13) bis hin zu privaten Wohnhäu- Obergeschosses hinweisen.
sern (z. B. Ex 12,7; Dtn 6,7) und möglicherweise Die Dächer waren üblicherweise mit Reisig
sogar Zelten (Gen 33,17). und Stroh gedeckt und mit Lehm bestrichen. Auf
Architektonische Informationen in der Bibel dem flachen Dach eines Hauses befand sich zu-
Zumeist gehörte wurden maßgeblich durch Ergebnisse archäolo- weilen ein Obergemach (als Schlafmöglichkeit
gischer Ausgrabungen aus der Eisenzeit (1200– und zur Hausarbeit).
zum Haus ein 520 vC) ergänzt. Dabei ist festzustellen, dass Der Fußboden bestand im Allgemeinen aus
Hof, in dem die israelitisch-judäische Welt in keiner Epoche gestampftem Lehm oder war mit Steinen gepflas-
ihrer Kulturgeschichte eigenständige Haustypen tert. Er wurde mit Strohmatten, in reicher ausge-
man sich tags- geschaffen hat, sondern stets von wechselnden, statteten Häusern auch mit Teppichen belegt.
über aufhielt d. h. ägyptischen, syrisch-kanaanäischen, assy- Zumeist gehörte zum Haus ein Hof, in dem
rischen Vorbildern abhängig war. man sich tagsüber aufhielt. Hier gab es oft Koch-
Da sich das Leben in der südlichen Levante gruben (Herde), Silos und vielfältige handwerk-
weitgehend im Freien abspielte, konnte der mit liche Arbeitsmöglichkeiten. Schwellen und Tür-
Dächern überbaute Hausbereich klein gehalten angelsteine weisen auf die Existenz von Türen
werden. Auch zwang der geringe zur Verfügung hin. Der untere Zapfen drehte sich im Loch eines
stehende Platz in ummauerten Städten zur Be- Angelsteins, der obere war in den Türsturz ein-
schränkung. Im äußersten Fall genügte ein zur gelassen. Manchmal hatte jeder Raum eine eige-
Nächtigung dienender Raum. In der einfachsten ne Tür; hin und wieder werden Vorhänge diese
Ausführung bestand dieser aus einer Reisighüt- Funktion im Haus übernommen haben. Fens-
te, in die man mit einer Leiter über die Außen- ter (eher kleine Öffnungen) konnten nur selten
mauer gelangen konnte. nachgewiesen werden, da sie sich meist nur in
Die Wände vieler Häuser bestanden oft nur aus den oberen Etagen befanden.
übereinandergeschichteten unbehauenen Stein- Bei größeren Gebäuden wandte man eine an-
blöcken („Trockenmauern“), deren Zwischen- dere Technik an: Eckpfosten und Türöffnungen
räume mit kleineren Steinen ausgefüllt wurden. repräsentativer Bauten wurden aus behauenen
Dann wurden die Wände mit Lehm oder einer Quadern geschaffen. Künstlerisch herausragend
Kalkmischung verputzt. Mit dem Bleilot war es waren die „protoionischen Kapitelle“ der alttes-
möglich, die Wände senkrecht zu bauen. Andere tamentlichen Epoche – die heute nicht zu Un-
Hausmauern wurden aus Lehmziegeln errichtet, recht die Rückseite der israelischen Fünfschekel-
die ihrerseits dann auf einem steinernen Funda- Münze zieren.

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welt und umwelt der bibel 1/2015
Das Vierraumhaus
In der Eisenzeit I und II (1200–520 vC) wurden
in den Bergländern dies- und jenseits des Jordan
Wohnhäuser mit einem größeren Hof, von dem
aus einzelne Räume betreten werden konnten,
üblich.
Wie kam es dazu, dass man seit dem 13. Jh. vC
mehr und mehr solche Häuser baute? War es (mit
Yigal Shilo und Shmuel Yeivin) ein ethnisches
Unterscheidungsmerkmal, das ehemals halbno-
madische Israeliten im Rückgriff auf ihre frühere
Zeltbauweise errichteten? – Mitnichten.
Die ältesten und besterhaltenen Reste einer
spätbronzezeitlich-früheisenzeitlichen Stadt wur-
den in Tall al-‛Umēri, etwa 10 km südwestlich von
Amman, entdeckt – also deutlich außerhalb des
israelitischen und judäischen Kerngebietes. Die
Bauweise der Vierraumhäuser war daher nicht
auf das Gebiet Israels und Judas beschränkt und
hatte eine enge Verbindung zur kanaanäischen
Epoche. Der Haustyp entstand nicht als nostal-
gischer Rückgriff auf die Wüste. Er bot vielmehr
eine optimale Überlebensstrategie im Klima der
südlichen Levante während der recht trockenen
alttestamentlichen Epoche.
Die Landwirtschaft in den Bergländern der
südlichen Levante war risikoreich. Zuallererst
sind die häufig ungenügenden Niederschlags-
mengen zu benennen. In aller Regel konnte man
daher nur mit einer gemischten Landwirtschaft unterteilt werden. In der Nähe der Ställe wurden Das „Vierraumhaus“
– also Getreidefeldbau in den Tallagen, Gemü- häufig mit Kieselsteinen gefüllte Sickergruben hatte verschiedene Zonen:
seanbau in Hausnähe, Ölbaumpflanzungen so- entdeckt. Der Hof wurde durch Pfeiler, durch Hof, zwei Seitenbereiche,
wie Weinanbau in den Hanglagen – kombiniert massive Mauern oder auch in einer kombinierten Wohn- und Schlafbereich.
mit Jagd, wenn möglich mit Fischfang sowie der Bauweise abgetrennt. Im Wohnbereich wurden
weitverbreiteten Viehzucht (insbesondere Scha- an den Deckenbalken hin und wieder Spuren
fe und Ziegen) überleben. In vielen Fällen wurde von Putz nachgewiesen.
diese Existenzgrundlage durch handwerkliche Ein solches Haus bot einer Klein- oder Kernfa-
Tätigkeiten ergänzt. Das Vierraumhaus bietet milie, d. h. fünf bis sieben Menschen, Raum zum
eine optimale Anpassung an diese Anforderun- Leben. Möglicherweise sind unmittelbar angren-
gen, besonders durch die flexible Innenraumge- zende Häuser einer Großfamilie zuzurechnen.
staltung. Größere Vierraumhäuser finden sich innerhalb
Das Vierraumhaus bestand im vorderen Be- einer Stadt häufig an topografisch ausgezeich-
reich aus drei parallelen Zonen. Hinter diesen neten Stellen und sind dann als Verwaltungs-
war ein Wohn-/Schlafraum quer angeordnet. gebäude oder als Wohnhäuser höhergestellter
Der Hauseingang lag meistens in der Mitte der Personen zu interpretieren. Zu allen Zeiten gab
Schmalseite am Hof, seltener an einem Seiten- es Klassenunterschiede. Ein Beispiel für die
raum. Alle Bereiche des Lebens – nicht allein Trennung von Arm und Reich bietet Tell el-Farah
das Wohnen, Schlafen, Essen und Kinderhüten, (Nord). In einem Stadtteil fand man Häuser mit
– sondern auch das Mahlen, Backen, Kochen, massiven Wänden und gepflasterten Innenhö-
die Bearbeitung von Lebensmitteln und ebenso fen. Der Rest der Stadt, durch eine Mauer von
die handwerklichen Verrichtungen – wurden dem Bezirk der Wohlhabenden getrennt, bestand
im Haus vollzogen. Die beiden parallel zum Hof aus kleinen, dünnwandigen Häusern ohne Pflas-
liegenden Räume dienten als Vorrats- und Auf- terung der Fußböden. In Tell En-Nasbe (Mizpa)
bewahrungsräume, aber auch als Stallung für befinden sich die Häuser der Bessergestellten im
das Vieh. Sie konnten – genauso wie der quer lie- Osten der Stadt. Denn hier sorgte ein kühler Tal-
gende Raum im hinteren Teil des Hauses – weiter wind für ein angenehmes Klima. W

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welt und umwelt der bibel 1/2015 45
Biblischer Alltag (2)

Kochen und Backen im


Alten Orient
Wie ernährte man sich in alttestamentlicher Zeit?

Einen Großteil ihres Tages verbrachten die Menschen im Alten Orient mit
der Beschaffung und Zubereitung von Nahrungsmitteln. Wie dies vonstatten
ging und wovon man sich damals hauptsächlich ernährte, erschließt sich
den Archäologen insbesondere durch Fundstücke wie Kochtöpfe, Feuerstellen,
Öfen, organische Überreste und schriftliche Quellen. Von Andrea Schwermer

A
uf Papyri und Wandmalereien sind die Eine Weiterentwicklung stellten Brotback-
Speisegewohnheiten der Ägypter festge- öfen, sog. Tabune, dar. Diese waren aus Ton her-
halten, und für den mesopotamischen gestellt, rund, halb in die Erde eingelassen und
Raum sind auf zwei etwa 1750 vC zu datierenden somit fest installiert. Aufgrund der Brandgefahr
Tontafeln 40 Rezepte, darunter 25 für Eintopf- befanden sie sich meist im Hofbereich, seltener
gerichte, überliefert. Diese Tafeln gelten als das im Innenraum eines Hauses. Tabune wurden
älteste Rezeptbuch der Welt und geben einen mit Holz, Stroh und Mist über mehrere Stunden
Einblick in die Arbeit professioneller Köche in aufgeheizt. War die gewünschte Temperatur er-
Tempel- und Palastküchen. Die hier vorkommen- reicht, wurde der Ofen von dem gesamten Brenn-
den Gerichte sind natürlich nicht repräsentativ material gesäubert. Der zu Fladen geformte Teig
für die Küche des Bevölkerungsdurchschnitts. wurde nun an die heißen Innenwände des Ofens
Die Menschen ernährten sich damals vor al- „geworfen“ – sehr bald entstand daraus ein
lem von Getreideprodukten, hauptsächlich auf knuspriges Fladenbrot. Aus Mesopotamien und
Die einfachste der Basis von Gerste oder Weizenarten, wobei Ägypten kennt man auch tönerne Backformen
Letztere teurer waren. Aus den Körnern wurde für Brote und Kuchen, die die Backwaren z. T.
Methode, durch Zufügen von Flüssigkeit dicker Brei ge- mit Mustern versahen oder ihnen eine Tierform
Brot herzustel- kocht, oder sie wurden mithilfe von in der Regel gaben.
aus Basalt hergestellten Handmühlen zermah- Eine einfache Zubereitung von warmen Spei-
len, war das len, mit Wasser vermengt und zu flachen Broten sen war das Rösten und Grillen insbesondere
Backen in verarbeitet. Dabei konnte der Teig auch noch an- von Fleisch im offenen Feuer. Mit der Erfindung
dere Bestandteile enthalten: „So nimm nun zu von Keramikgefäßen und deren zunehmender
heißer Asche dir Weizen, Gerste, Bohnen, Linsen, Hirse und technischer Verfeinerung entstanden auch hier
Spelt und tue alles in ein Fass und mache dir neue Möglichkeiten: Mithilfe von Kochtöpfen
Brot daraus“ (Ez 4,9). konnten die Zutaten zu Mahlzeiten verarbeitet
Die einfachste und auch für Reisende geeigne- werden, ohne dass sie in unmittelbaren Kontakt
te Methode, Brot herzustellen, war das Backen mit dem Feuer kamen. Vor allem das Kochen in
in heißer Asche oder auf einem aufgeheizten Flüssigkeiten stellte einen großen Fortschritt dar.
flachen Stein. Beduinen praktizieren diese Ver- Dazu bedurfte es allerdings besonderer Gefäße,
fahren heute noch, wobei statt eines Steins meist die starke Temperaturschwankungen aushielten,
eine gewölbte Metallschale über das Feuer ge- Wärme gut leiteten und zudem wasserundurch-
stülpt wird. lässig waren. Im Lauf der Zeit haben Töpfer hier-

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Eisenzeitliche Handmühle. Die Körner wurden
zwischen den Steinen zermahlen.

Eisenzeitlicher Kochtopf im Eretz Israel Museum


Tel Aviv.

Backen von Fladenbroten wie im Alten Orient.

für die ideale Tonmischung und Form gesucht. In Die Erfindung der Keramik revolutionierte
der Bronze- und Eisenzeit beispielsweise war die nicht nur die Speisezubereitung, sondern er-
Lösung ein breiter, relativ flacher Topf mit Knick- leichterte zudem die Aufbewahrung und Kon-
wand und rundem Boden. Dem Ton waren hohe servierung von Nahrungsmitteln oder machte sie
Anteile von Kalzit, aber auch Quarz und organi- gar erst möglich: Geräuchert, gepökelt, getrock-
sches Material beigemengt. Solche Töpfe wurden net oder eingelegt, konnten Fleisch, Gemüse
mithilfe einer Steinkonstruktion über das offene oder Früchte in großen Tongefäßen aufbewahrt
Feuer gestellt. Vorstellbar ist auch, dass sie auf und sogar zu Handelszwecken transportiert wer-
der Öffnung eines Tabuns platziert oder gar in den. Die Menschen machten sich damit etwas
einen Ofen hineingestellt wurden. unabhängiger von dem durch die Jahreszeiten
In solchen Töpfen wurden insbesondere Ge- vorgegebenen Speiseplan. W
treidebrei, zumeist aus Gerste, und Eintopfge-
richte zubereitet. Hierfür kamen v. a. Hülsen-
früchte, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch in
frage. Auch Fleisch konnte zugefügt werden, Andrea Schwermer M. A., Lehramtsstudium (Germa-
nistik, Geschichte, Latein), ist Referentin im Sekretariat
aber dieses stand nicht täglich auf dem Speise-
der Kultusministerkonferenz; 1998/2000 Volontärin bei
plan, weil es zu teuer war und Tiere wie Schafe der Ausgrabung in Hazor; seit 2004 als Bearbeiterin der
und Ziegen zudem als Lieferanten von Milch und prähistorischen Keramik Mitglied des Grabungsteams
Wolle erhalten bleiben mussten. auf dem Tall Zirā꜂a.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 47
Biblischer Alltag (3)

Das flüssige Gold


Die Wasserversorgung in biblischen Ländern
Die Bauten und Installationen zur Sicherung des lebenswichtigen Elements
finden sich in jeder Siedlung aus biblischer Zeit. Oft sind es beeindruckende
Konstruktionen. Von Martin Peilstöcker

Römisches Aqädukt
bei Cäsarea.

M
ehr als 500-mal kommt das versorgt werden konnten. Auch die Grün- gischen Ausgrabungen z. B. in Megiddo
Wort „Wasser“ allein in den dung einer Siedlung hing unter anderem oder Gezer wurden Überreste dieser An-
Schriften des Alten Testaments immer von der Möglichkeit ab, diese mit lagen gefunden, was zu wissenschaftli-
vor, und auch heute wird die Bedeutung Wasser zu versorgen. In beiden Fällen chen Untersuchungen der Wasserfrage
von Wasser im Heiligen Land jedem Is- wurde versucht, dies durch die Nutzung führte. Heute wird allgemein angenom-
raelreisenden schnell klar: Reiseführer von Regenwasser und von Quellen, aber men, dass der Wasserbedarf des antiken
weisen laufend und fast ununterbrochen auch durch das Graben von Brunnen Menschen – trotz Schwankungen wegen
darauf hin, dass man „genug“ trinken sicherzustellen, denn große Flüsse wie seiner Körpergröße, der Temperaturen
müsse. In weiten Teilen des Landes ist Euphrat und Tigris im Zweistromland und anderer Parameter – etwa 1 m³ im
dieses unverzichtbare Lebenselement oder der Nil in Ägypten gibt es im Heili- Jahr betrug. Zum Vergleich beträgt der
knapp. Die nomadische Bevölkerung gen Land nicht. Schon in den Siedlungen heutige Pro-Kopf Verbrauch in Israel über
musste darauf achten, dass die Men- der Bronze- und Eisenzeit wurde mit gro- 100 m³ bei fast unverändertem Klima!
schen wie auch die Tiere ausreichend ßem Aufwand versucht, die Wasserver- In die Zeit der ersten städtischen Sied-
mit Wasser entlang ihrer Wegstrecken sorgung sicherzustellen. Bei archäolo- lungen datiert das Wasserversorgungs-

48 welt und umwelt der bibel 1/2015


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system von Arad in der Negevwüste Kabri im Norden des Landes beobachtet le angelegt. Außerdem wurde ein Becken
im Süden Israels. Damit ist es eine der wurde. Die 32 ha große Siedlung wurde in den Fels gehauen, das von der höher
frühesten Anlagen, die archäologisch zwischen 1986 und 1992 von einem Team gelegenen Stadt durch einen Schacht er-
untersucht werden konnte. Die durch- unter Leitung von Aharon Kempinski reichbar war. Von hier konnte das Wasser
schnittliche Niederschlagsmenge in und Wolf-Dietrich Niemeier untersucht. geschöpft und ungefährdet in die Stadt
Arad liegt heute etwa bei 17 mm im Jahr, Zwei Quellen versorgten die Gegend mit gebracht werden. Nach Meinung der
allerdings gehen die meisten Forscher Wasser, wobei nur eine der beiden in- Ausgräber datiert auch das Kanalsystem,
davon aus, dass in der Frühen Bronze- nerhalb des befestigten Stadtgebiets der das den Schiloachteich mit Wasser ver-
zeit (3300–2200 vC), als die mächtigen Mittelbronzezeit lag. Legt man die heuti- sorgt, in seinem Ursprung bereits in die
Mauern Arads erbaut wurden, das Klima ge Schüttung der Quellen zugrunde, so Mittelbronzezeit.
feuchter war. Die Stadt wurde von der zeigt sich, dass es keinerlei Notwendig- In der Eisenzeit, d. h. der Zeit, von der
israelischen Archäologin Ruth Amiran keit gab, beide Quellen für die Stadt zu die alttestamentlichen Bücher in ihrer
zwischen 1962 und 1984 intensiv unter- nutzen. Selbst eine Quelle lieferte zu viel Mehrzahl berichten, werden die Ver-
sucht, das Wassersystem wurde in der Wasser, und der Überfluss musste durch sorgungssysteme weiterentwickelt und
Nachfolge von Zeev Herzog und zuletzt einen Entwässerungskanal im westli- verfeinert. Insbesondere unterirdische
von Tsvika Tsuk erneut untersucht. Ne- chen Stadttor abgeleitet werden. Anlagen zum Erreichen von am Fuß der
ben den Stadtmauern wurden von dieser Zwischen 1982 und 1992 wurde auf Siedlungen gelegenen Quellen sind ar-
etwa 10 ha großen Stadt auch Wohnvier- dem Tel Grisa, östlich von Tel Aviv, ein chäologisch nachgewiesen und unter-
tel, Tempel, öffentliche Gebäude und in dieselbe Zeit datierendes Wasser- sucht worden. Diese bestehen meist aus
Werkstätten freigelegt. Am niedrigsten versorgungssystem durch Zeev Herzog vier Elementen: einem bewachten Ein-
Punkt der Stadt befand sich ein tiefer, und Tsvika Tsuk untersucht. Es handelt gang in der Stadt, einem in die Tiefe füh-
etwa 1000 m² großer Platz, der an drei sich um einen elliptischen Schacht zum renden Schacht, einem unterirdischen
Seiten von Hauswänden umschlossen Grundwasser hinab, der in den Felsen Weg zur Quelle und einer natürlichen
wurde. Die vierte Seite war in der Antike getrieben worden war und in dem sich Höhle oder einem künstlich geschaffe-
offensichtlich von einem Damm begrenzt ein seitlicher Abgang in Form einer Trep- nen Raum, in dem sich die Quelle be-
und so sammelte sich hier im Winter das pe befand. Damit war die Versorgung der findet. Neben Jerusalem, Tel Gerisa und
Regenwasser. Stadt im Belagerungszustand gewähr- Arad, die schon erwähnt wurden, sind
Auch in anderen Siedlungen dieser leistet. Ähnliche Systeme sind anderen- Anlagen dieser Art u. a. aus Hazor, Me-
Zeit hat es Wasserversorgungssysteme orts aus späteren Epochen belegt, es giddo, Gibeon und Gezer bekannt.
gegeben, insbesondere bei denen in se- scheint jedoch, dass sich diese Lösung
miariden Zonen. So ist zum Beispiel von zur Sicherstellung des Zugangs zum Was- Bereits bei den Ausgrabungen des
Chirbet ez-Zeraqon ein System unterirdi- ser schon in der Mittleren Bronzezeit ent- Oriental Instituts der Universität von
scher Tunnel bekannt, die wohl zur Spei- Chicago Anfang des 20. Jh. wurde die
cherung von Regenwasser dienten. eisenzeitliche Anlage Megiddos voll-
ständig freigelegt. Sie bestand aus ei-
Nach dem Niedergang der ersten Städ- Schon in der Bronzezeit nem 36  m tiefen Schacht, an dessen
te und einer nichturbanen Zwischenzeit, gab es Wasser- Wänden eine Treppe zu einer Galerie
kommt es ab etwa 2000 vC zu einer neu- führt. Diese erschließt dann unterir-
en Urbanisierung des Landes. Viele der versorgungssysteme disch eine 50 m entfernte Höhle, in wel-
neu entstehenden Städte folgten in ihrer cher sich die Quelle befindet. Ein frühe-
Anlage Vorbildern aus dem mesopota- rer Zugang der Quelle von außen wurde
mischen Raum und waren von massiven wickelt hat und dann über Jahrhunderte zugesetzt und mit einer massiven Mauer
Erdwällen umgeben. Es ergaben sich genutzt wurde. Ein besonders eindrucks- verschlossen.
Stadtgebilde, die so groß waren, dass volles System wurde in den vergangenen Da Wassersysteme immer sauber ge-
auch offene Flächen in der Stadt exis- Jahren von Ronny Reich und Eli Shu- halten werden mussten und sie ferner
tierten, auf denen z. B. Tiere geweidet krun in Jerusalem untersucht. Obwohl kein Lagerort sind, ist oftmals die ge-
werden konnten. Damit stieg der Was- die Wasserversorgung des biblischen naue Datierung ihres Entstehens und ih-
serbedarf an. Jerusalem seit den Anfängen der archäo- res Nutzungsendes anhand von Funden
Archäologisch lassen sich drei ver- logischen Forschung ein Thema ist, er- wie Keramikscherben schwierig. Es ist
schiedene Arten von Versorgungsein- brachten die Grabungen der letzten Jahre dennoch anzunehmen, dass die Innova-
richtungen nachweisen: (a) die Nutzung neue Erkenntnisse. Um die unterhalb tionen der Bronze- und Eisenzeit in den
von Quellen in den Siedlungen, (b) bis der Davidstadt gelegene Gihon-Quelle zu Orten angewandt wurden, solange diese
zum Grundwasser reichende Schächte nutzen, wurde bereits in der Mittelbron- bestanden, und die Reparatur zerstörter
und (c) Brunnen. Interessant ist ein Bei- zezeit eine monumentale Befestigungs- Wasseranlagen zu den ersten Maßnah-
spiel der ersten Kategorie, das beim Tell anlage mit Türmen zum Schutz der Quel- men bei der Wiederbesiedlung von Orten

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welt und umwelt der bibel 1/2015 49
oben links: In Gezer wurde das Wassersystem durch einen schrägen Treppenschacht erschlossen.
oben rechts: Das Wassersytem von Arad gehört zu den ältesten bekannten Anlagen seiner Art.
unten: Im biblischen Dan versorgte eine Quelle die Stadt.

50 welt und umwelt der bibel 1/2015


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dAs flüssige gold

nach Katastrophen, Krieg oder Vertrei- Abschnitten, solchen, die in den Fels ge- Landes lag, wurden große Anstrengun-
bung gehörten. hauen wurden, und einer Kombination gen unternommen, den römischen und
Eine substanzielle Weiterentwicklung von beidem. Die Leitung war abgedeckt, auch später den byzantinischen Ort aus-
stellten die Innovationen der römischen allerdings gab es einige Stellen, an de- reichend mit Wasser zu versorgen. Zen-
Zeit dar. So gilt die Wasserversorgung nen sie Regenwasser aufnehmen konn- traler Teil ist ein großes unterirdisches
im Römischen Reich mit ihren Wasser- te. Arbeits- oder Inspektionsöffnungen Wasserreservoir, das in den 1990er-
leitungen über Aquädukte als typischer ermöglichten die Wartung. Ein Teil der Jahren von Tsvika Tsuk eingehend un-
Bestandteil der römischen Kultur. Sie oberen Leitung besteht aus einer Stein- tersucht wurde. Das System nutzt eine
führten Wasser kilometerweit, meist rohr-Druckleitung. Solche Druckleitun- karstische Höhle, die dazu weiter aus-
unterirdisch, teilweise aber auch über gen sind auch von den Grabungen in Ha- gehauen wurde. Sie ist 260 m lang, 3 m
Brücken in größere Städte des Römi- mat Gader und Susita im Norden Israels breit und 10 m hoch. Von der Zuleitung
schen Reiches. Auch heute sind im bekannt. gelangte das Wasser durch ein Becken,
Heiligen Land mancherorts noch die War es in Jerusalem die große Zahl in dem sich Schmutz absetzen konnte, in
eindrucksvollen Ruinen der Aquädukte der Pilger, die Wasser benötigten, so war das Reservoir. Am westlichen Ende des
zu sehen. So stehen die Reste der Was- Wasser in der unweit des Toten Meeres Reservoirs war ein Bronzerohr mit einer
serleitung, die Akko versorgt haben, zwi- Art Regler angebracht, das das Reservoir
schen dem schon erwähnten Kabri bei mit einem 234  m langen unterirdischen
Nahariya noch, ebenso wie die Ruinen Verbindungstunnel verband. Sechs ver-
des Aquädukts bei Cäsarea Maritima. Vier unabhängige tikale Schächte hatten geholfen, diesen
Druckwasserleitungen halfen nun da- Leitungen ließen Wasser Tunnel anzulegen, und dienten als War-
bei, Höhenunterschiede zu überwinden. tungsschächte für die sich im Tunnel be-
Obwohl für einen Belagerungsfall eine nach Jerusalem fließen findliche Wasserleitung, die teils den na-
Grundversorgung mit Wasser innerhalb türlichen Felsen nutzte, teils gemauert
der Orte gegeben war, musste z. B. das und verputzt war. Vom Ende des Tunnels
stark gewachsene Jerusalem mit zusätz- gelegenen Siedlung von Qumran für führte eine gemauerte, mit Steinplatten
lichen Quellen von außerhalb versorgt landwirtschaftliche und handwerkliche abgedeckte Wasserleitung ins Innere der
werden. Die Stadt war nach dem Neu- Arbeiten nötig sowie um die rituellen Stadt. Das System wurde von den Quel-
bau des Tempels durch Herodes ein Ziel Reinigungsvorschriften einzuhalten, len der Umgebung mit Wasser gespeist,
jüdischer Pilger aus aller Welt. Zu den vorausgesetzt, dass es sich hier um die auch in eine zweite Wasserleitung
hohen Feiertagen kamen Tausende in eine Siedlung der religiösen Gemein- Wasser abgaben, das dann direkt in den
die Stadt. Sie mussten auch mit Wasser schaft der Essener handelt. Im Bereich Ort gelangte. Obwohl ein Teil von Sepp-
versorgt werden. Eindrucksvoll sind die der Siedlung wurde eine Vielzahl von horis höher lag als das beschriebene
Wasserleitungen, die Wasser aus Quel- Tauchbädern (Mikwen) gefunden. Fünf- Wassersystem und anderweitig versorgt
len der Gegend des Hebrongebirges von zehn solcher mit Kanälen verbundenen werden musste, stellte das beschriebene
Süden nach Jerusalem bringen. Diese Becken wurden bei den Ausgrabungen Reservoir eine Möglichkeit dar, in den
wurden schon vom jüdischen Histori- gefunden. Da es nur im Winter zu Nie- Ort kontrolliert Wasser zu leiten.
ker Josephus Flavius erwähnt und nach derschlägen kommt, die dann in kurzer
ihrer Entdeckung im 19. Jh. von Charles Zeit große Mengen von Regenwasser pro- Die Gewinnung von Wasser, einst wie
Wilson und später von Conrad Schick duzieren, war eine Speicherung dieses heute, ist eines der großen Probleme
eingehend untersucht. Wassers für die Nutzung in der Siedlung des Landes in dem „Milch und Honig
von großer Wichtigkeit. Dazu wurde vom fließen“. Die archäologische Forschung
Insgesamt vier voneinander unabhän- sogenannten Heetekimfelsen, einem zeigt, wie in der Vergangenheit Lösun-
gige Wasserleitungen ließen das Wasser felsigen Abschnitt des Wadi Qumran, in gen gesucht und gefunden wurden, und
nach Jerusalem fließen. Drei von ihnen dem sich Niederschlag am besten auf- kann damit manchmal auch Vorschläge
endeten zunächst in den sogenannten fangen lässt, eine Leitung bis in die Sied- für die Gegenwart machen. W
Salomonischen Teichen südlich von lung gebaut. Der Bach des Wadi Qumran
Betlehem, von wo eine weitere Leitung wurde wahrscheinlich mit einem Damm
dann zum Tempelberg führte. Die soge- aufgestaut und das Wasser dann kontrol-
nannte obere Leitung gelangte direkt bis liert in den Ort geleitet. Dr. Martin Peilstöcker
ist wissenschaftlicher
in den Bereich des Jaffatores. Die längste Auch Sepphoris, in Galiläa gelegen,
Mitarbeiter am Seminar
Leitung, die ꜂Arrub-Leitung, legt kurven- wurde von Wasserleitungen versorgt. für Altes Testament und
reich fast 40 km zurück, um die Entfer- Auch hier gab es einen großen jüdischen Biblische Archäologie
nung von der Quelle Ain Kuziba bis zum Bevölkerungsanteil, und in vielen Häu- der Universität Mainz.
mittleren Salomonischen Teich zu über- sern sind ebenfalls Mikwen nachgewie-
winden, obwohl die Luftlinie lediglich 10 sen. Obwohl der Ort in einem anderen,
km beträgt. Sie besteht aus gemauerten weit weniger ariden Teil des Heiligen

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welt und umwelt der bibel 1/2015 51
Spurensuche

Zeig mir
dein Geschirr
und ich sage dir, wer du bist …
Völker und ihre materiellen
Hinterlassenschaften

Kann die Archäologie in der südlichen Levante Völker


an bestimmten Merkmalen erkennen? Wo wohnten
Israeliten – wo Philister? In den vergangenen
Jahrzehnten wurden immer wieder derartige
Marker vorgeschlagen, nach denen die
materielle Kultur Israels und Judas von der ihrer
Nachbarn zu unterscheiden wäre.
Von Dieter Vieweger

Vorratsgefäße (Pithoi)
wie dieses fanden vielseitige
Verwendung. Neben der Aufbe-
wahrung von Wein, Öl, Wasser,
Salz oder Getreide wurden sie auch
für Bestattungen eingesetzt. Fundort:
Tall Zirā꜂a, Datierung: Eisenzeit I.

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F
ür Forscher im Bereich der Biblischen Ar- siedlungsarchäologischen Methode Gustaf Kos-
chäologie wäre es natürlich interessant, sinnas („Lex Kossinna“) erinnert, der behauptet
die Orte identifizieren zu können, an de- hatte, dass „scharf umgrenzte Kulturprovinzen
nen das Volk Israel tatsächlich gelebt hat. Dar- [...] sich zu allen Zeiten mit ganz bestimmten
um suchte man nach Erkennungsmerkmalen, Völkern oder Völkerstämmen“ deckten.
sogenannten „ethnischen Markern“, die typisch
für speziell dieses Volk waren. Als solche Marker
für Israeliten oder Judäer wurden bisher folgen- Schweineknochen als Indikator?
de Befunde vorgeschlagen: Drei- oder Vierraum- In jüngster Zeit wird der prozentuale Anteil von
häuser, das Vorkommen von Vorratskrügen mit Schweineknochen in den Hügel- und Berglandge-
Halswulst und die Existenz von rund oder ellip- bieten des Westjordanlandes mit dem der Küsten-
tisch angelegten Siedlungen im Bergland in der ebene verglichen, um daraus Siedlungsgrenzen
Eisenzeit I. zwischen Israeliten, Judäern (wenige Schweine-
Alle diese Argumente führten aber letztlich knochen) einerseits und anderen Ethnika (zahl-
nicht zu dem beabsichtigten Ziel, die israeliti-
sche Gesellschaft topografisch zu identifizieren:
Vierraumhäuser sind in der südlichen Levante
seit dem Ende des 13. Jh. vC bekannt. Die ältes-
Es ist problematisch, einige wenige
ten und besterhaltenen Reste einer spätbronze- charakteristische Fundstücke heraus-
zeitlich-früheisenzeitlichen Stadt wurden auf
dem Tall al-‛Umēri, etwa 10 km südwestlich von
zugreifen und nach ihnen eine materielle
Amman, entdeckt – also deutlich außerhalb des Hinterlassenschaft zu benennen
israelitischen und judäischen Kerngebietes. Die
Vorratskrüge mit Halswulst (s. Bild links) gehö-
ren zur Gebrauchskeramik, die im südlevanti- reiche Schweineknochen) abzuleiten. Doch es
nischen Kulturraum typisch war. Sie stehen in drängen sich Fragen auf: Ist diese Unterscheidung
einer klaren spätbronzezeitlichen Tradition und tatsächlich geeignet, eine ethnische Differenz zu
wurden im Ostjordanland ebenso gebraucht beschreiben? Spiegelt sich hier nicht vielmehr die
wie im zentralen Bergland westlich des Jordan. unterschiedliche Lebensweise im Bergland und
Und die kreisförmig bzw. elliptisch angelegten in den Ebenen? Könnte sich bei einem Vergleich
Berglandsiedlungen, die Israel Finkelstein als über den Jordan nach Osten hin nicht – wie schon
Indikator israelitischer und judäischer Siedler bei früheren Untersuchungen – herausstellen,
vorgeschlagen hatte, waren ein gemeinsames dass im Ostjordanland eine vergleichbare Kul-
Merkmal in allen südlevantinischen Berg- und tur (und eine vergleichbare Religion!) zu der der
Hochlandgebieten während der Eisenzeit I. Sie Bergländer westlich des Jordan herrschte? Wird
können also auch nicht als Merkmal für ethni- hier nicht zu direkt von Reinheitsvorschriften des
sche Zuordnungen dienen. späteren Judentums auf die Ursprünge der Israe-
Die Vertreter der ethnischen Zuweisung ein- liten und Judäer zurückgefragt? Hatten religiöse
zelner Funde und Befunde in die kanaanäische, Bräuche nicht auch ihre Entwicklungsgeschichte
israelitische und philistäische Kultur definieren – wie die der Beschneidung, die in diesem geogra-
diese im Wesentlichen durch das Vorhandensein fischen Raum in der Eisenzeit weitverbreitet war?
kultureller „Marker“. Sie verstehen archäolo- Nützlich wäre es, wenn man ethnische Gren-
gisch erkennbare Kulturen als homogene Blöcke zen in der Eisenzeit beweisen könnte; doch ohne
und unterscheiden nur ungern zwischen zufäl- tatsächlich statistisch belastbare Untersuchun-
liger Infiltration und geschlossen zu deutenden gen im Vergleich zu eisenzeitlichen Siedlungen
Befunden. Es ist problematisch, einige wenige in Gilead, Ammon, Moab und Edom können wir
charakteristische Fundstücke herauszugreifen nicht von einem Beweis sprechen.
und danach eine materielle Hinterlassenschaft zu
benennen. Dabei wird geflissentlich übersehen,
dass mehr als 95 % des aufgefundenen archäolo- Kalksteingefäße
gischen Gutes sich von dem anderer Fundplätze Und dennoch gibt es materielle Befunde, die auf
nicht unterscheiden. In diesem Zusammenhang Ethnien hinweisen. Eine Fundgruppe, für die
sei auch an die methodischen Schwächen der dies tatsächlich anzunehmen ist, sind frührömi-

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welt und umwelt der bibel 1/2015 53
Zeig mir dein geSchirr und ich Sage dir, wer du biSt …

PIoNIere der bIbLIScheN ArchäoLogIe: RuTh AmIRAN

bronzezeitlicher Tempel in Arad, der von Ruth Amiran ausgegraben wurde.

R uth Amiran (1914–2005) war eine der ersten


Studentinnen der Archäologie an der 1925
gegründeten hebräischen Universität Jerusalem
gewöhnlich war auch die entdeckung eines heili-
gen bereiches mit verschiedenen Tempeln, die in
ihrer Art nicht nur mit denen in Megiddo, sondern
und hat durch ihre Arbeit die israelische Archäo- auch mit sumerischen Tempeln vergleichbar sind.
logie maßgeblich beeinflusst. Sie war beteiligt an Unter ihrer Leitung wurde auch die judäische
vielen bedeutenden grabungen, z. b. in et-Tell Festung im nordöstlichen bereich von Arad aus-
(dem biblischen Ai), Tell gerisa, Jaffa, hazor. doch gegraben. besonders erwähnenswert ist ein staat-
ein grabungsort ist zu ihrem Synonym geworden: lich autorisierter Tempel aus der alttestamentli-
Tel Arad. Zusammen mit Yohanan Aharoni grub sie chen Zeit, der in seinem Allerheiligsten nicht etwa
die frühbronzezeitliche Stadt aus und legte neben leer war, sondern gleich zwei Kultsteine aufwies
der befestigungsanlage und einem beeindrucken- – es wurde demnach hier vermutlich nicht nur ein
den Wassersystem große Wohnbereiche frei, die einziger gott verehrt.
häuser in einem ganz bestimmten Stil aufweisen Mit ihrem buch „Ancient Pottery of the holy
– rechteckige räume mit bänken an den Seiten, Land“ (erschienen hebräisch 1963 und englisch
einem eingang an einer der Längsseiten und einer 1969) hat sie ein Werk geschaffen, das auch heute
Säulenbasis in der Mitte. ein haus dieser Art wird noch unübertroffen ist und zu den Standardwer-
seither auch als „Arad-haus“ bezeichnet. Außer- ken auf diesem gebiet gehört. (Katja Soennecken)

54 welt und umwelt der bibel 1/2015


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Zeig mir dein geSchirr und ich Sage dir, wer du biSt …

sche Kalksteingefäße in der südlichen Levante


(s. WUB 1/2012, S. 66). Sie erlebten ihre Blüte vom
Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts
(ungefähr 30 vC) bis zum Beginn des 2. Jh. nC.
Insbesondere waren sie in Jerusalem, Judäa und
Galiläa beliebt – doch warum? Ihre Herstellung
war teuer. Der Verzehr von Speisen und Geträn-
ken aus Kalksteinschüsseln oder -bechern för-
derte weder den Geschmack noch die Hygiene.
Ohnehin waren die Gefäße stark bruchgefährdet.
Mit den damals verfügbaren Importgütern konn-
ten die Steingefäße ästhetisch ohnehin nicht
konkurrieren.
Die Suche nach Kalksteingefäßen wurde ur-
sprünglich aus christlicher Perspektive aufge- Fragment eines
worfen. Als im 19. Jh. christliche Missionare, Lan- Kalksteinbechers
deskundler und Exegeten die südliche Levante vom Tall Zirā꜂a
erkundeten, suchten sie auch nach Vorbildern (frührömische Zeit).
für die beim Weinwunder im Johannesevangeli-
um erwähnten steinernen Gefäße aus römischer
Zeit: „Es standen dort sechs steinerne Wasser- den. Ihre weitläufige Verbreitung belegt, dass sie
krüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden trotz ihrer vergleichsweise aufwendigen Herstel-
entsprach, jeder fasste ungefähr hundert Liter“ lung einigermaßen erschwinglich gewesen sein
(Joh 2,6). mussten.
Archäologische Funde frührömischer Kalk- Das Auftreten der Kalksteingefäße hängt mög-
steingefäße wurden in Jerusalem schon in der licherweise eng mit dem nur um wenige Jahre
zweiten Hälfte des 19. Jh. gemacht. Die scheiben- vorangehenden Aufkommen von Ossuaren zu-
gedrehten Gefäße waren in ihrer Funktion als sammen. Teils treten diese Funde mit den etwas
Schalen und Krüge schnell erkennbar. Die Frag- älteren Ritualbädern (Mikwaot) und mit eigen-
mente handgemachter Krüge, Tassen oder Hum- ständigen Synagogengebäuden auf. Dem ent-
pen bezeichnete man allerdings fälschlicherwei- spricht, dass die Kalksteingefäße in ihrer Mehr-
se als „Messbecher“. zahl in den Gebieten nachgewiesen wurden, in
Nach einer ersten methodischen Klassifikati- denen eine stärkere jüdische Präsenz anzuneh-
on der Kalksteingefäße des Ophel in Jerusalem men ist. Folglich können sie als Marker für jüdi-
durch R. A. S. Macalister und J. G. Duncan folgten sche Bewohnerschaft herangezogen werden.
bald viele weitere Kalksteingefäßfunde – auch Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts
über Jerusalem hinaus. gab es offenbar gravierende Änderungen der
Letztlich wird man Jerusalem als Zentrum der religiösen Äußerungen jüdischer Gruppen. Da
Steingefäß-Verwendung und -Herstellung anse- Stein als Naturprodukt in den nach 200 nC pha-
hen können; weitere Schwerpunkte lagen im ju- risäisch verzeichneten Regeln (bShab 58a) nicht
däischen Bergland, in Galiläa und im Golan – ja unrein werden kann, dienten diese Gefäße als
neuerdings selbst im Gadarener Land (zahlreiche Wasserbehälter für rituelle Waschungen (vgl.
Funde auf dem Tall Zirāʿa). Sie kommen im west- Weihwasserbehältnisse), konnten im täglichen
jordanischen Gebiet flächendeckend vor (z. B. in Leben unbedenklich benutzt werden, und man
der Küstenebene und der Schefela von Aschke- brauchte solche Gefäße nach ihrer rituellen Ver-
lon bis Dor). Im samaritanischen Gebiet im dem unreinigung nicht wie die aus gebranntem Ton
zentralen Bergland bleiben die nachgewiesenen (Keramik) zu zerstören oder aufwendig mit Feuer
Funde gering. Auch im zentralen Ostjordanland zu reinigen (Metall und Glas).
sind nur wenige zu verzeichnen. Funde vom Berg Als Fazit wird man feststellen können, dass in
Nebo sind seit längerer Zeit bekannt, ebenso aus frührömischer Zeit mit den typischen Kalkstein-
Kallirhoe und aus Machärus – Orte, die mit der gefäßen in der südlichen Levante ein Marker zur
Herrschaft der Herodianer eng verbunden waren. Verfügung steht, der zwar nicht im Einzelfall,
Die frührömischen Kalksteingefäße waren kei- aber im statistischen Bereich die Präsenz jüdi-
ne Luxusobjekte. Dafür spricht, dass sie in Jeru- scher Familien mit religiöser Praxis (Beachtung
salem nahezu flächendeckend aufgefunden wur- der Reinheitsvorschriften) belegen kann. W

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welt und umwelt der bibel 1/2015 55
Tauziehen

Zwischen Abenteuer,
Wissenschaft, Religion und Politik
Ausgrabungen im Herzen Jerusalems
Jerusalem ist eine der am intensivsten ausgegrabenen
Städte der Welt. Doch gegenläufige ideologische und
religiöse Ansichten haben die wissenschaftliche Erforschung
des Tempelbergs und der Davidstadt vielfach beeinflusst.
Von Katharina Galor

Blick von der Südostseite des Haram ash-Sharif zur Al-Aqsa-


Moschee. Für Juden und Muslime gehört dieses Gelände zu den heiligs-
ten Orten ihrer Religion. Aus der darunter gebauten Moschee stammt der
Schutt, der im Sifting Projekt (Bild rechts) untersucht wird.

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S
eit Beginn der wissenschaftlichen For- Parks (The Jerusalem Archaeological
schungen haben Tempelberg und David- Park). Hierfür wurde das arabisch be-
stadt sowohl enthusiastische Neugier als wohnte Mughrabi-(Marrokaner-)Viertel
auch heftige Kontroversen hervorgerufen. Wis- zerstört, was international heftig kriti-
senschaftler und Abenteurer, darunter Kartogra- siert wurde. Gleiches gilt für die Anlage
fen, Fotografen, Archäologen und Politiker, tru- der Western Wall Plaza.
gen zur Entdeckung – aber auch zur religiösen Ein weiteres Projekt der Jahre nach
Verehrung wie zur nationalen Überhöhung bei. 1967 war die Ausgrabung des Western
Wall Tunnel – einer unterirdischen
Der Tempelberg (Haram ash-Sharif), der sich Passage entlang der westlichen Umfas-
trapezförmig über 144.000 Quadratmeter er- sungsmauer des herodianischen Tem-
streckt, soll nach jüdischer Tradition auf dem pelberges. Erst in den späten 1970er-
Berg Morijah liegen, wo Abraham Isaak opfern Jahren, nach fast einem Jahrzehnt
wollte (Gen 22), König David einen Altar baute (2 unbeaufsichtigter Ausgrabungen, wur-
Sam 24,16-25 und 1 Chr 21,15-22) und sein Sohn de Meir Ben-Dov von der Western Wall
Salomo den ersten Tempel errichtete (2 Chr 3,1). Heritage Foundation mit der Überwa-
Muslime verehren diese Stätte als Ort der „Ent- chung der Arbeiten betraut. Er wurde
ferntesten Moschee“, erwähnt in Sure 17,1, wo 1985 durch Dan Bahat und zwischen
Muhammad seinen nächtlichen Aufstieg in den 2007 und 2010 durch Alexander Onn
Himmel begann. Man kann auf dem ehemaligen ersetzt.
Tempelberg, der von der heute noch sichtbaren Die Ausgrabungen lieferten umfang- Eingang zum
Umfassungsmauer Herodes d. Gr. umgeben ist, reiches Datenmaterial zur historischen Entwick- israelischen Sifting-
den Felsendom (Abd al-Malik; 691 nC) und die lung des Geländes – von der Eisenzeit bis in die
Projekt: Dort wird im
Al-Aqsa-Moschee (Abd al-Walid; 715 nC) bewun- Neuzeit. Über die Datierungen herrscht weitge- Schutt aus der unterir-
dern. hend Einigkeit. dischen Moschee des
Die erste Untersuchung der unterirdischen Tempelberges nach
Installationen und von Teilen der Umfassungs- Die Streitigkeiten um den Tempelberg bzw. Fundstücken gesucht.
mauer wurde unter der Schirmherrschaft des Pa- den Haram ash-Sharif sind dagegen von ganz an-
lestine Exploration Fund zwischen 1865 und 1869 derer Natur. Sie betreffen die religiöse, adminis-
von Charles Wilson und Charles Warren durch- trative und politische Verwaltung des Geländes.
geführt. Die einzige Ausgrabung auf dem Plateau Israel erklärte 1967 die politische Souveränität
des Tempelbergs fand in den 1930er-Jahren un- über den Tempelberg, sicherte aber dem isla-
ter Leitung von Robert Hamilton im Auftrag der mischen Waqf die Verwaltungshoheit über das
britischen Mandatsverwaltung in Absprache mit Plateau zu. Für die Israelis repräsentiert der Tem-
dem Waqf (islamische Stiftung) in und nahe der pelberg die heiligste jüdische Stätte, was die jahr-
Al-Aqsa-Moschee statt. hundertelange Verehrung der Klagemauer zeigt.
Die legendäre Expedition Montagu Brownlow Die anhaltende, groß angelegte Ausgrabung des
Parkers zwischen 1909 und 1911, die der Auffin- Geländes um die Klagemauer und dessen touris-
dung der Bundeslade und des salomonischen tische und religiöse Entwicklung dienen dazu,
Schatzes dienen sollte, war ein irrationales Unter- das jüdische Erbe dieses Bereichs in der Öffent-
fangen, das einen religiös motivierten Aufstand lichkeit zu verankern. Palästinensische Muslime
provozierte. Mittels Bestechung wollte er unter- sehen solche Initiativen häufig als Versuche an,
halb des Felsendomes graben. Parker und sein ihre religiöse, historische und kulturelle Verbun-
Grabungsteam mussten aus Jerusalem fliehen. denheit mit einer der heiligsten Stätten des Islam
Nach der israelischen Einnahme Ostjerusa- zu untergraben, die für fast 1400 Jahre unter ih-
lems 1967 wurden die Ausgrabungen deutlich rer ausschließlichen Kontrolle gelegen hatte. Sie
ausgeweitet. Großräumige archäologische Pro- behaupten, die israelischen Aktivitäten zielten
jekte sollten den jüdischen Charakter in und darauf, auf das Gelände physisch überzugreifen
um die Altstadt hervorheben. Ausgrabungen im oder es sogar zu zerstören.
Ophel unmittelbar an der südlichen Tempelum-
fassungsmauer des Herodes und nahe der Süd- Die sogannte Davidstadt (das palästinensische
westecke durch Benjamin Mazar (1967 und 1982) Dorf Silwan) spielte nie eine zentrale Rolle im re-
führten zur Einrichtung eines archäologischen ligiösen Leben der Stadt. Ihre Bedeutung stammt

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welt und umwelt der bibel 1/2015 57
Zwischen AbenTeuer, wissenschAfT, religion und PoliTik

vornehmlich von ihrer Verbindung mit den bibli- bis in die mamelukische Ära (1260–1517 nC) da-
schen Erzählungen von König David und der Um- tieren, blieb es seit Beginn der archäologischen
wandlung der einst kanaanitischen Stadt in die Untersuchung für manche Ausgräber das oberste
israelitische Hauptstadt (1 Chr 11,4-9). Ziel, die biblischen Berichte zu bestätigen. Man
Zu den bekanntesten Funden aus osmanischer bezog sich jedoch weniger auf die signifikanten
Zeit gehört der lange missdeutete Warrenschacht Funde der Bronze- oder der römisch-byzantini-
(s. S. 26). Außerdem entdeckte und beschrieb schen Zeit, sondern auf eher dürftiges Material
Edward Robinson als erster Forscher den Schi- aus dem 10. Jh. vC (Übergang zwischen Eisenzeit
loachtunnel. Der 533 m lange waagerechte Was- I und II), die Periode, die mit der glorreichen Re-
serschacht windet sich kurvenreich von der gentschaft der Könige David und Salomo, der Zeit
Gihonquelle bis zum Schiloachteich. Edward des vereinigten Königreiches Juda und Israel, in
Robinson sah ihn nach 2 Kön 20,20 als die von Verbindung zu bringen war. Die Diskrepanz zwi-
König Hiskija erbaute Wasserleitung Jerusalems schen den geringen archäologischen Überresten
– die die Stadt auch während der assyrischen Be- und den dominanten schriftlichen Quellen wird
lagerung Sanheribs mit Wasser versorgte. Diese in vielen Theorien überspielt.
Interpretation wurde 1880 bestätigt durch die Eilat Mazars Identifizierung des großen Glacis
zufällige Entdeckung der Schiloachinschrift, die als Überrest des davidischen Palastes, die sie
nahe des Tunnelausgangs im Felsen eingemei- während ihrer Expedition 2005–2008 propagier-
ßelt war. Die ersten wissenschaftlichen Berich- te, fand wenig Unterstützung in Fachkreisen.
te hierfür lieferte der deutsche Forscher Conrad Dennoch erlangte diese Ansicht große Populari-
Schick. Ronny Reich und Eli Shukron vertreten tät beim derzeitigen Management des archäolo-
seit einiger Zeit allerdings die Ansicht, dass der gischen Parks – die von Elad (der City of David
Tunnel bereits im ausgehenden 9. oder begin- Foundation) propagiert wird. Die 1986 gegrün-
nenden 8. Jh. vC erbaut worden sei. dete Stiftung hat sich zur Aufgabe gestellt, die
jüdische Präsenz in Silwan und Ostjerusalem
Die wichtigste Entdeckung während der briti- durch Aneignung palästinensischen Besitzes
schen Mandatszeit war das Glacis (eine gestufte zu erneuern. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist ihr
Hangbefestigung) im Nordosten der Davidstadt, Interesse auch auf archäologische Ausgrabun-
das dessen Entdecker der jebusitischen Festung gen und touristische Entwicklung gerichtet. Als
zuordneten, was aber angezweifelt wurde (s. S. 36). Hauptsponsor der archäologischen Aktivitäten
Bedeutende Ergebnisse wurden 1995 unter seit 2002 verwandelte Elad den archäologischen
Ronny Reich und Eli Shukron erzielt, die nicht Park der Davidstadt in eine der beliebtesten und
nur Warrens langjährige Theorie von König Da- meistbesuchten archäologischen Stätten in Je-
vids Eroberung durch den vertikalen Wasser- rusalem. Kritisiert wurde allerdings, dass die
schacht zunichte machten, sondern auch zeig- Erschließung der Davidstadt Hand in Hand mit
ten, dass während der Mittleren Bronzezeit II die israelischen Siedlungsinitiativen und Zerstörun-
Gihonquelle zum Stadtbereich Jerusalems ge- gen arabischer Häuser ging.
hörte und durch eine gewaltige Mauer und einen
Turm eingeschlossen war. Auch auf palästinensischer Seite gab es ideo-
Im Jahr 2004 legten die beiden Archäologen logisch motivierte Eingriffe in die antike Bau-
ein großes, von Steinstufen eingefasstes Becken substanz Jerusalems. Ein Beispiel dafür ist der
frei, das bereits vor der Zerstörung des Zweiten Bau der unterirdischen Marwani-Moschee zwi-
Tempels gebaut und benutzt worden war. Entge- schen 1996 und 1999, die sich heute in den sog.
gen der bis dahin üblichen Meinung, dass es sich „Salomonischen Ställen“ unterhalb der Al-Aq-
dabei um den biblischen Schiloachteich aus Jes sa-Moschee befindet. Die Ausschachtungen der
8,6 handele, identifizierten sie dieses Becken mit archäologischen Stätte, teilweise mit Bulldo-
dem im Neuen Testament (Joh 9,7) beschriebe- zern, wurden archäologisch nicht überwacht.
Prof. Dr. Katharina Galor nen Wasserreservoir. Die ausgehobene Erde wurde später auf Müll-
lehrt Kunstgeschichte und Die Ausgrabung am Givati-Parkplatz, die seit halden im Jerusalemer Umland abgeladen. Das
Archäologie an der Brown 2003 von Doron Ben-Ami und Yana Tchekano- israelische Sifting-Project siebt die abgelagerte
University in Providence, vetz geleitet wird, hat eine aus römischer Zeit Erde, um zumindest die Funde zu retten, wenn
Rhode Island (USA) und hat
(3.–4. Jh. nC) stammende Peristyl-Villa sowie ein auch ihr Fundzusammenhang verloren ging.
als Archäologin an Ausgra-
bungen in Israel teilgenom- byzantinisches Gebäude (5.–6. Jh. nC) freigelegt, Bedauerlicherweise verblassen die wissen-
men (Jerusalem, Sepphoris, vermutlich ein offizieller Amtssitz. schaftlichen Kontroversen vor dem Hinter-
Qumran, En-Gedi, Ramat Ungeachtet der Tatsache, dass Funde am Süd- grund politischer Streitigkeiten um die Altstadt
Hanadiv, Tiberias). osthang von der Altsteinzeit (24.000–9500 vC) sowie insbesondere die Davidstadt/Silwan. W

58 welt und umwelt der bibel 1/2015


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PIonIERE DER BIBlIScHEn ARcHäoloGIE: YiGAel YADin

Y igael Yadin (1917–1984) wurde weit über die


Grenzen seines landes hinaus berühmt als Gene-
ral der israelischen Armee, als Archäologe und als Po-
litiker. Seine Person war stets umstritten, und er stritt
auch gern – doch seine Vielseitigkeit, Tatkraft und
Ausstrahlung lösten stets Bewunderung oder doch zu-
mindest Respekt aus.
Yadins archäologische leidenschaft entstand schon
in seiner Kindheit, hatte er doch mit Eliezer lipa Su-
kenik, Professor an der Hebräischen Universität, einen
berühmten Archäologen als Vater. Im Alter von 15 Jah-
ren ging Yadin zur Hagana, der Vorgängerorganisation
der israelischen Armee. Sein Tarnname Yadin – auf
Deutsch: „(er) setzt Gerechtigkeit durch“ – stammt aus
dieser Zeit des Kampfes für einen eigenen israelischen
Staat. Im arabisch-israelischen Konflikt („Unabhängig-
keitskrieg“ 1947–1949) stieg er in hohe offiziersränge
auf. 1949 wurde er mit 32 Jahren Generalstabschef
der israelischen Armee.
Doch bald nahm er im Streit von der Armee Abschied
und setzte seine archäologischen Studien fort. Im Jahr
1955 erwarb er den Doktortitel an der Hebräischen
Universität (mit einer Arbeit zu den Schriftrollen vom
Toten Meer), wurde später dort auch Professor und lei-
tete ab 1970 das dortige archäologische Department.
Wegweisend für die Geschichte der israelischen Ar-
chäologie waren die von ihm 1955–1958 (sowie 1968)
Yigael Yadin verleiht e. Robinson eine Auszeich-
geleiteten Ausgrabungen auf dem Tell Hazor, an der
nung, Foto von 1950.
fast ausnahmslos alle großen Persönlichkeiten der frü-
hen israelischen Archäologen-Generation ihre Ausbil-
dung erhielten.
Die Funde von Qumran am Toten Meer (1947ff) elek-
trisierten den jungen Archäologen und ließen ihn in 1954 war Yadin involviert, als der Staat Israel in den
den israelischen Teil der jüdischen Wüste aufbrechen, USA sieben Rollen aus Qumran ankaufte und später im
wo er 1960/61 im nah.al H.ever tatsächlich Dokumen- Shrine of the Book präsentieren konnte.
te aus dem Bar-Kochba-Aufstand entdeckte (s. WUB Er sah sich zuweilen auch gezwungen, gegen den
4/2014) und schließlich 1963–1965 die Ausgrabun- Antikenraub hoher Politiker und Militärs einzuschrei-
gen auf Masada leitete. ten. So soll er in der Gegenwart des berühmten (ein-
Schon seit Kindertagen bewunderte er Schliemann, äugigen) Generals Mosche Dajan geäußert haben: „Ich
der „mit Homer in der einen und der Schaufel in der weiß, wer das getan hat, und werde nicht sagen, wer
anderen Hand“ Troja und Mykene auffand, die andere es ist, aber wenn ich ihn erwische, werde ich ihm sein
vor ihm längst ins Reich der legenden verwiesen hat- anderes Auge auch rausreißen.“
ten. nun sah er sich in der Aufgabe, die Bibel als „ver- nach dem verlorenen Yom-Kippur-Krieg trieb es Ya-
trauensvolle Quelle“ für seine Ausgrabungen und die din in die Politik. Durch die Wahl 1977 wurde er unter
Mischna sowie den Talmud als „Interpretationshilfen“ Menachem Begin Vizepremierminister, ohne aber ent-
für seine Funde in Masada und aus der Bar-Kochba- scheidende Akzente setzen zu können.
Zeit zu verstehen. (Dieter Vieweger)

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welt und umwelt der bibel 1/2015 59
Kaiser Wilhelm II.
und Kaiserin auguste
Viktoria vor dem Portal
der erlöserkirche.

Die Kaiserreise nach Palästina

K aiser Wilhelm II. (1888–1918) hatte ein aus-


geprägtes Interesse an der Archäologie und
Geschichte des Vorderen Orients. Unter seiner
Bau der anatolischen Eisenbahn. Doch durch den
Besuch des Kaisers demonstrierte das Reich nun
auch verstärkt politische Interessen im Nahen
Regentschaft investierte das Deutsche Reich gro- Osten, was die europäischen Mächte Großbri-
ße Summen in Grabungsprojekte im Nahen Os- tannien, Frankreich und Russland argwöhnisch
ten. Ein wichtiger Anstoß und Meilenstein dieser betrachteten.
Politik war die Orientreise des Kaisers. Trotz aller Politik spiegelte sich im Reisepro-
Im Oktober 1898 brach Wilhelm II. mit großem gramm des Kaisers dessen Interesse an der Re-
Gefolge von Berlin nach Istanbul auf. Nach seinem ligion, Geschichte und Archäologie des Orients
Treffen mit dem Sultan des Osmanischen Reiches wider: Er besuchte die Hagia Sophia, den Tem-
nahm die Reisegesellschaft Kurs auf Haifa und pelberg in Jerusalem, die Geburtskirche in Betle-
zog von dort nach Jerusalem weiter. Während des hem, die Umayyaden-Moschee in Damaskus mit
mehrtätigen Aufenthalts besichtigte Wilhelm eine dem Grab Saladins und die antiken Ruinen von
Reihe religiöser und historischer Stätten sowie Baalbek.
deutsche Einrichtungen in der Stadt und der nä- Unter dem Eindruck seiner Besichtigungen
heren Umgebung. Den Höhepunkt der Orientrei- avancierte Wilhelm II. zu einem nachhaltigen
se bildete der 31. Oktober: Am Reformationstag Förderer der Biblischen Archäologie. Im Jahr
wohnte Wilhelm II. der Einweihung der protestan- 1900 unterschrieb er die Gründungsurkunde des
tischen Erlöserkirche im Herzen der Altstadt bei. Deutschen Evangelischen Instituts für Altertums-
Am 4. November schiffte er sich nach Beirut ein, wissenschaft des Heiligen Landes (DEI, s. S. 12).
von wo er nach Damaskus weiterreiste. Am 12. Außerdem agierte Wilhelm als Schirmherr der
November trat Wilhelm II. die Rückreise an. Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG). In Istan-
Natürlich sollte der Staatsbesuch vorrangig die bul setzte er sich erfolgreich für die Grabungsge-
bilateralen Beziehungen des Deutschen Reiches nehmigungen in Baalbek und Babylon ein. Da-
zur Hohen Pforte stärken. Die wirtschaftlichen her konnten deutsche Forscher schon im Winter
und militärischen Verbindungen der beiden Län- 1898/99 ihre Arbeit aufnehmen. Die Ausgrabun-
der waren traditionell gut. Deutsche Militärbera- gen in Babylon sollten bis 1917 andauern und
ter halfen Istanbul bei der Modernisierung ihrer grandiose Funde wie das Ischtar-Tor und die Paläs-
Armee und die Deutsche Bank finanzierte den te Nebukadnezzars zutage fördern. (Marcel Serr)

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Forschungsgeschichte

Die Suche nach


Golgota
Ein archäologischer Krimi

Die Orte, an denen Jesus von Nazaret gewirkt hatte, spielen für christliche Pilger
im Heiligen Land seit jeher eine herausragende Rolle. Der Platz der Kreuzigung
Jesu ist dabei einer der bedeutendsten Orte, die Christen in Jerusalem verehren.
Vielerorts lassen sich die Wirkungsorte Jesu nicht mehr mit Bestimmtheit lokali-
sieren. Doch im Falle der Hinrichtungsstätte Jesu kann die Archäologie tatsächlich
wichtige Antworten liefern. Von Marcel serr

Z
unächst ein Blick in die schriftlichen Quel- die orthodoxe und katholische Christenheit si-
len – die Evangelien. Diese stammen nicht cher war, dass sich Golgota am Ort der Grabes-
von Augenzeugen der Hinrichtung Jesu, kirche befinde, bezweifelten das einige Protes-
sondern wurden um 70 (Markus), 80–90 (Lukas tanten, allen voran der berühmte amerikanische
und Matthäus) bzw. 100 nC (Johannes) verfasst. Theologe und Jerusalemforscher Edward Robin-
Dennoch geben sie wichtige Hinweise auf den son (Foto. S. 57). Er war der Überzeugung, dass
Kreuzigungsplatz. sich der Bereich der Grabeskirche zur Zeit Jesu
Der Ort wird bei Mk 15,22 explizit als Golgota innerhalb der Stadtmauern befand und somit als
bezeichnet, was mit „das heißt übersetzt: Schä- Hinrichtungsort ausschied.
delhöhe“ bei Mt ausgeführt wird (Mt 27,33). Dies Um den Streit über den historischen Ort von
gibt einen ersten Hinweis, dass es sich um einen Golgota zu lösen, ist es also wichtig, den exak-
erhöhten Punkt handelte. Hierfür spricht auch, ten Verlauf der Stadtmauer zur Zeit Jesu zu ken-
dass die Angehörigen „von Weitem“ der Kreu- nen. Nur dann lässt sich klären, ob der Bereich
zigung zusehen konnten (Mk 15,40f). Darüber der heutigen Grabeskirche im 1. Jh. nC außerhalb
hinaus ist den Evangelien zu entnehmen, dass oder innerhalb der Mauern stand (s. Grafik S. 62).
Jesus zur Kreuzigung aus der Stadt „hinaus“ ge- Dem jüdischen Historiografen Flavius Jose-
führt wurde (Mk 15,20). Schließlich wird in den phus ist zu entnehmen, dass Jerusalem zu Leb-
Evangelien noch ein weiteres Detail genannt: zeiten Jesu zwei Stadtmauern besaß (Bellum V 4
Der Kreuzigungsort scheint nahe von Gärten (Joh §142-147): Die sogenannte Erste Mauer verlief vom
19,41) und/oder Feldern (Lk 23,26) gelegen zu südlichen Tempelberg entlang der Davidstadt
haben. Zusammenfassend bedeutet dies: Der ge- über den Zionshügel bis zum Herodespalast,
suchte Ort war gut einsehbar, lag außerhalb der knickte dort nach Osten ab und lief auf die West-
Stadtmauern und nahe oder umgeben von Gär- mauer des Tempelplateaus zu. Der Verlauf dieser
ten und Feldern. Mauer ist archäologisch recht gut dokumentiert.
Über die Frage, wo der Ort der Kreuzigung ge- Ganz anders sieht es jedoch bei der sogenannten
nau zu lokalisieren ist, hatten Christen aller Be- Zweiten Mauer aus. Sie wurde im 1. Jh. vC erbaut
kenntnisse im 19. Jh. heftig gestritten. Während und schloss ein neu entstandenes Stadtviertel

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welt und umwelt der bibel 1/2015 61
Die Suche nach GolGota

Jerusalem zur Zeit


Jesu (die gelbe nadel
zeigt die Position der heu-
tigen erlöserkirche und der
Dei Grabung).

nördlich der Ersten Mauer ein. Wahrscheinlich archäologischen Beleg für die Authentizität des
zweigte sie irgendwo von der nördlichen Ersten Erinnerungsortes. In dieser frommen Überzeu-
Mauer ab, umschloss den neuen Stadtbezirk und gung weihte Kaiser Wilhelm II. die Kirche am Re-
mündete in der Burg Antonia. Bis heute haben die formationstag 1898 persönlich ein.
Wissenschaftler noch keine Spur von dieser Mau-
er gefunden, die der Zerstörung Jerusalems durch
Titus 70 nC anheimgefallen ist. Die Grabung des DEI
Gut 70 Jahre später sollte sich jedoch heraus-
stellen, dass bei dieser Interpretation eher der
Ein spektakulärer Fund Wunsch Vater des Gedankens war. Skepsis war
1893 begannen die Bauarbeiten für die deutsche ohnehin angebracht. Die gefundene Mauer war
evangelische Erlöserkirche in der Jerusalemer Alt- mit einer Breite von gut anderthalb Metern nicht
stadt – nur einen Steinwurf von der Grabeskirche gerade eindrucksvoll. Hätte eine solche Mauer
entfernt. Bei den Ausschachtungsarbeiten geschah einer Großstadt wie Jerusalem Schutz geboten?
die Sensation: Die Bauarbeiter stießen auf eine 1,60 Sehr fraglich.
Meter breite Mauer. Der deutsche Architekt Conrad Aufgrund von notwendig gewordenen Reno-
Schick hielt es für möglich, dass dies die gesuchte vierungsarbeiten an der Erlöserkirche ergab sich
Stadtmauer zur Zeit Jesu sei. Tatsächlich setzte sich 1970–1974 für das Deutsche Evangelische Institut
diese Überzeugung bald durch. für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes
Die in der Grabeskirche verehrte Hinrichtungs- (DEI) die Möglichkeit, unter der Kirche eine Gra-
stätte hätte damit zu Lebzeiten Jesu tatsächlich bung durchzuführen. Dabei stellte sich heraus,
außerhalb der Stadtmauer gelegen! dass die fragliche Mauer nicht nur deutlich zu
Mithilfe der noch jungen Wissenschaft der Ar- klein für eine Stadtmauer, sondern auch sehr viel
chäologie schien es also gelungen, den Streit um jüngeren Datums war. Tatsächlich handelt es sich
den Kreuzigungsort beizulegen. Mit dem Ergebnis um eine Rückhaltemauer für das Forum um die
konnten alle Beteiligten zufrieden sein: Die in der Grabeskirche, die Kaiser Konstantin zwischen 325
Grabeskirche repräsentierten christlichen Ge- und 335 erbauen ließ. Die Mauer war also rund
meinschaften wurden in ihrer Golgota-Tradition 300 Jahre nach dem Tod Jesu erbaut worden.
bestätigt. Die direkt nebenan bauenden Protes- Beginnt die Suche nach Golgota von vorn?
tanten konnten jedoch ebenfalls zufrieden sein, Nicht ganz – trotz dieser ernüchternden Erkennt-
denn sie bauten ihr Gotteshaus direkt über dem nis konnte die Grabung drei wesentliche Indizien

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1/2015
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Die Suche nach GolGota

zutage fördern, die für die Verortung der Kreuzi- Steinbruchs verlaufen ist. Dies bedeutet, dass
gungsstätte Jesu in der Grabeskirche sprechen: der Golgotafelsen in der Grabeskirche außerhalb
• Mit einem sogenannten Tiefschnitt drang der Stadtmauer lag. Damit wäre eine wichtige
das DEI-Team um die Direktorin Ute Wagner- Bedingung erfüllt.
Lux bis auf den natürlichen Fels vor (Foto S. 67). • Außerdem konnte die Grabung bestätigen,
14 m unter dem Kirchenboden stießen die Aus- dass es sich beim Golgotafelsen in der Grabes-
gräber auf die Spuren eines Steinbruchs. Dies kirche um einen prominenten, gut sichtbaren
passt zu den Erkenntnissen früherer Grabungen Punkt handelte – wie in den Evangelien be-
im Umfeld der Erlöserkirche und der Grabes- schrieben. Der Felsen ragte gut 20 Meter über die
kirche. Auch dort sind Archäologen stets auf Schicht, die die Grabung in die Zeit Jesu datiert.
Steinbruchspuren gestoßen. Ein Beispiel stellt Der vermutete Golgotafelsen stach inmitten des
die Grabung von Kathleen Kenyon im Muristan Steinbruchs hervor. Denn das Gestein war zu
dar (nur wenige Meter von der Erlöserkirche ent- weich, um als Baumaterial zu dienen. Daher
fernt, Muristan bedeutet „Krankenhaus“, Karl wurde es nicht abgebaut, sondern einfach am
d. Gr. erbaute hier ein Hospiz). Das heißt, dass Ort belassen. Durch den Abbau des umliegen-
auf dem Gebiet des heutigen Muristan ein riesi- den Gesteins entstand ein Hügel.
ger Steinbruch existierte, der bis ins 1. Jh. vC in • Schließlich konnte die Grabung eine weitere
Gebrauch war. Wahrscheinlich wurden hieraus wichtige Information aus den Evangelien bestäti-
die Steine für das neue Stadtviertel nördlich gen: Dort heißt es, dass Jesus nahe Gärten und
der Ersten Mauer und für den Bau der Zweiten Feldern gekreuzigt wurde. Tatsächlich fanden
Mauer gebrochen. Was hat dies mit Golgota zu sich in den Schichten der Ausgrabung, die ins 1.
tun? Der Steinbruch lässt Rückschlüsse auf den Jh. nC datieren, 10 cm tiefe Pflugspuren und eine
Verlauf der Zweiten Mauer zu: Ein Steinbruch Parzellierungsmauer – also eindeutige Hinweise
wäre nicht in die Stadt eingeschlossen worden auf Nutzgärten. Dies deckt sich auch mit Anga-
– dies wäre eine kostspielige Verschwendung ben des Flavius Josephus, der ganz in der Nähe
der Bebauungsfläche gewesen. Daher ist davon ein Tor namens „Gärten-Tor“ (hebr. Gennath-Tor)
auszugehen, dass die Zweite Mauer östlich des in der Nordmauer benennt (Bellum V 4,2 §146).

Blick in den heutigen


Archäologischen Park des
Dei unter der erlöserkirche.
links im Bild die vermeintliche
„Zweite Mauer“.

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Die Suche nach GolGota

Die Golgota-Tradition im Verlauf


der Geschichte
Darüber hinaus spricht noch ein weiterer Aspekt
für die Lokalisation der Kreuzigungsstätte in der
Grabeskirche: Mit dem Bau der sogenannten
Dritten Mauer Jerusalems (41–44 nC), die die
Stadt weiter nach Norden ausdehnte, wurde der
Bereich um die spätere Grabeskirche mit einbe-
zogen. Im Jahre 70 nC wurde Jerusalem durch die
Römer unter Titus vollständig zerstört. Die Stadt
lag anschließend 60 Jahre brach. Unter Kaiser
Hadrian (117–138 nC) wurde sie als römische Ko-
lonie wieder errichtet. In den Jahren 132–135 nC
kam es zu einer jüdischen Revolte gegen Rom.
Nur mit massivem militärischem Einsatz gelang
es den Römern, die Lage in Judäa wieder un-
ter Kontrolle zu bringen. Hadrian bestrafte die
außergewöhnliche Aufsässigkeit der Juden, in-
dem er den jüdischen Charakter der Provinz für
immer auslöschen wollte. Daher untersagte er
Juden, Jerusalem zu betreten, verbot ihnen die
Beschneidung und benannte die Provinz von Ju-
Der Muristan 1861. im hintergrund die Grabeskirche.
däa in Palästina um. Um dem Ganzen die Krone
aufzusetzen, ließ er auf dem brach liegenden
Tempelberg eine Jupiterstatue aufstellen. An
der Stelle, an der später Golgota in der Grabes-
kirche verehrt werden sollte, errichtete Hadrian
einen paganen Tempel. Dies war sicherlich kein
Zufall. Vermutlich haben die frühen (Juden-) Die heutige Erlöserkirche. rechts im hintergrund:
Christen die Tradition der Hinrichtungsstätte die Kuppeln der Grabeskirche.
Jesu beibehalten – das Ereignis lag lediglich
rund 100 Jahre zurück. Die Römer unterschie-
den zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht
zwischen Juden und einer neu entstandenen jü-
dischen Sekte namens Christen. Daher versuch-
ten sie, auch diese Tradition auszulöschen. Dies
schlug jedoch fehl: An der gleichen Stelle ließ
Kaiser Konstantin (306–337 nC) 200 Jahre später
die Grabeskirche errichten, nachdem er den ha-
drianischen Tempel hatte zerstören lassen. Der
vermutete Golgotafelsen wurde in die Kirche in-
tegriert. Auch wenn die Grabeskirche im Verlauf
der nächsten Jahrhunderte mehrmals zerstört
wurde, blieb die christliche Golgotatradition
seither erhalten.
Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand
spricht vieles dafür, dass Jesus aus Nazaret tat-
sächlich dort hingerichtet worden sein könnte,
wo Golgota in der Grabeskirche verehrt wird.
Die wissenschaftliche Beweisführung lässt sich
heute im archäologischen Park des DEI unter der
Erlöserkirche in Jerusalem nachvollziehen. Die
Ausgrabung der 1970er-Jahre wurde Ende 2012
für Besucher zugänglich gemacht und ermög-
licht es, buchstäblich durch 2000 Jahre Jerusale-
mer Stadtgeschichte zu schreiten. W

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welt und umwelt der bibel 1/2015
Die Suche nach GolGota

PIONIERE DER BIBLISCHEN ARCHäOLOGIE: Gustaf DalMan

Der Lehrkurs
zur Zeit Gustaf
Dalmans.

G ustaf Dalman (1855–1941) wurde in der


Oberlausitz geboren. Seine frühen Jahre wa-
ren geprägt von der Herrnhuter Brüdergemeine,
Dalman 1903 den „Lehrkurs“, der bis heute fester
Bestandteil der Arbeit des DEI ist. Dabei werden
deutsche Wissenschaftler mit dem Alltagsleben,
die ihn nach seinem Theologiestudium als Dozent der Geschichte und Archäologie sowie der Topo-
für Altes Testament in Gnadenfeld/Schlesien be- grafie der südlichen Levante vertraut gemacht. Zu
rief. Dalman war jedoch mit dem wissenschaftli- Dalmans Zeiten ritt man mit großer Entourage zu
chen Anspruch dort unzufrieden und wechselte Pferd oder Maulesel durch das Land – heute fährt
zum Leipziger Delitzschianum – Deutschlands die Gruppe im VW-Bus.
erstes Institut für Judaistik. Für seine Studien Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg aus-
über die Sprache Jesu, Aramäisch, erhielt er ein brach, befand sich Dalman auf Heimaturlaub.
Stipendium für eine Forschungsreise ins Heilige Kurz zuvor äußerte er sich im Palästinajahrbuch
Land. Diese hinterließ einen nachhaltigen Ein- „tief betrübt, daß die Britische Regierung mit ih-
druck und löste eine Faszination aus, die Dalman rer Absicht, im Bündnisse mit Barbaren und Göt-
nicht mehr loslassen sollte. Er entwickelte ein zendienern die deutsche Kulturarbeit in der Welt
breit gefächertes Interesse am Land der Bibel, zerstören“ wolle. Diese Bemerkung verzieh man
das von der Topografie über die Flora und Fauna ihm in London nicht: Nachdem die Briten im De-
bis hin zum Studium der Sitten und Bräuche der zember 1917 Jerusalem erobert hatten, wurde
Einheimischen reichte. Dabei beließ es Dalman Dalman zur Persona non grata erklärt. Damit wa-
nicht beim Beobachten und Dokumentieren – er ren seine Forschungen im Heiligen Land beendet.
packte selbst mit an und lernte zu pflügen und Lange glaubte er noch an seine Rückkehr: Einen
Brot zu backen. Ruf an die Universität Greifswald lehnte er zu-
1902 wurde er zum ersten Direktor des Deut- nächst ab, denn „das Herz zieht nach Jerusalem“.
schen Evangelischen Instituts für Altertumswis- Zwei Jahre später willigte er ein. Auch im Greifs-
senschaft des Heiligen Landes (DEI) gewählt. walder „Exil“ blieb Dalman seiner Leidenschaft
Nur einen Tag nach seiner Hochzeit brach er mit treu: Er gründete das „Palästina-Institut“, das seit
seiner Frau ins größte Abenteuer seines Lebens 1925/26 seinen Namen trägt und seine wertvol-
auf: Er baute in Jerusalem das archäologische len Sammlungen beherbergt. Diese reichen von
Institut aus dem Nichts auf. Ganz im Sinne sei- archäologischen Funden über Alltagsgestände bis
nes Credos „Wer die Bibel verstehen will, muss hin zu Pflanzen- und Gesteinsproben sowie Tau-
zunächst das Heilige Land erfahren“, etablierte senden historischen Fotos. (Marcel Serr)

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welt und umwelt der bibel 1/2015 65
Überblick

Archäologische Schätze
in Jordanien
Heiliges Land jenseits des Jordan

Wer an Jordanien denkt, hat als erstes die beeindruckenden Grabfassaden


Petras im Kopf, eines der neuen sieben Weltwunder, die 1812 von dem
Schweizer Johann Ludwig Burckhardt ‚wiederentdeckt’ wurden. Aber auch
die ‚Gesichter des Orients’, die Statuen von ʿAin Ghazal, werden vielen
geläufig sein. Allein diese beiden Fundplätze umreißen eine Zeitspanne von
nahezu 8000 Jahren Kulturgeschichte und führen damit deutlich vor Au-
gen, welche kulturellen Schätze Jordanien zu bieten hat. Von Frauke Kenkel

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Büste mit zwei Köpfen aus ʿAin Ghazal aus gebranntem Kalk und Lehm, um 6500 vC.
Heute befindet sie sich im neuen Nationalmuseum in Amman.

D
as heutige haschemitische Kö- günstigen Lage im Eingangsbereich des (1900–1550; 1550–1200 vC) zu erfahren.
nigreich Jordanien ist ein wich- Wadis bot dieser Fundplatz durch die In die Späte Bronzezeit gehört auch der
tiger Teil des Heiligen Landes; Existenz einer artesischen Quelle seinen Fund eines bemalten Kruges, der sich
ein südlicher Teil des Fruchtbaren Halb- Bewohnern eine sichere Frischwasserzu- heute im Nationalmuseum in Amman
mondes, einer bedeutenden Kulturland- fuhr, eine Erklärung für die dauerhafte befindet. Er zeigt eine Abfolge verschie-
schaft, in der sich wesentliche Schritte Besiedlung dieses Kalksteinhügels. dener Tiere, wie Schlangen, Löwen und
der Zivilisation vollzogen haben. Das Hier lässt sich nachvollziehen, wie Eidechsen sowie einen sitzenden Men-
Gebiet wurde von einer Vielzahl unter- große Siedlungen während der Frühen schen mit einem Musikinstrument in der
schiedlicher Kulturen geprägt, geriet Bronzezeit (ca. 3500–2250 vC) mit mäch- Hand
immer wieder in das Spannungsfeld von tigen Befestigungsmauern die Gegend Während der frühen Eisenzeit wuchs
Großkulturen (Ägypten, Mesopotamien, beherrschten. Neben den Wohnbauten die Anzahl kleinerer Siedlungen östlich
Persien und Rom) und war als Durch- wurden die Städte durch öffentliche des Jordan an. Diese Entwicklung führ-
gangsland von strategischem Interesse. Gebäude wie Tempel oder Paläste domi- te im Verlauf der Epoche der Eisenzeit
niert. (d. h. des Alten Testaments; 1200–539
Weitere Zeugen der frühbronzezeitli- vC) schließlich zur Errichtung der Kö-
• Die ersten Siedlungen chen Kultur sind unter anderem die be- nigtümer Ammon, Moab und Edom. Den
An Plätzen wie ʿAin Ghazal ließen sich festigte Stadt Bab edh-Dhra mit einem Norden beherrschte das aramäische Da-
die Menschen nach der Epoche der Jä- benachbarten Friedhof mit über 20.000 maskus. Parallel dazu entwickelten sich
ger- und Sammlerkultur während der Gräbern und mehr als 500.000 Bestat- Israel und Juda westlich des Jordan.
Jüngeren Steinzeit (Neolithikum) dau- tungen am Südende des Toten Meeres Um das nördliche Gebiet des heutigen
erhaft in Siedlungen nieder. Der Fund- und Ḫirbet az-Zeraqon ganz im Norden Jordanien wurde in der Eisenzeit heftig
platz gehört zu den frühesten Großsied- des Landes, nahe der heutigen syrischen zwischen Damaskus und Israel gestrit-
lungen der Menschheitsgeschichte (ca. Grenze. Mit einer Ober- und Unterstadt ten; letztere sahen es als „ihr Gebiet“
7300–5000  vC). ʿAin Ghazal liegt am und einer Stadtmauer, den Wohngebäu- Gilead an. Diese Kämpfe sind vermutlich
Fluss Zarka (im Alten Testament Jabbok den und dem Tempel- und Palastkom- in einer der eisenzeitlichen Zerstörungs-
genannt) nahe Amman und beherbergte plex gehört Ḫirbet az-Zeraqon zu den schichten auf dem Tall Zirāʿa zu fassen.
einst bis zu 3000 Menschen. Bekannt ge- beeindruckendsten Stadtstaaten der Damals hatte sich die Ansiedlung wieder
worden ist ʿAin Ghazal vor allem durch Frühen Bronzezeit. zu einer Stadt entwickelt und wurde als
die 1983 geborgenen, annähernd lebens- solche auch nach der Zerstörung wieder
großen Figuren aus einem Gemisch aus aufgebaut. Erst am Ende des 8. Jh. vC
gebranntem Kalk und Lehm, die zu den zerstörten die Assyrer diesen Ort auf dem
ältesten menschlichen Figuren der Welt
Das Gebiet wurde von einer Tall Zirāʿa nachhaltig – fortan blieb nur
gehören. Vielzahl unterschiedlicher eine offene Siedlung übrig.
Im Norden Jordaniens gibt es einen Orte wie Dhibon und Tell Deir ʿAlla ste-
Fundplatz, an dem man das Zeitgesche-
Kulturen geprägt hen für die alttestamentliche Zeit. Durch
hen von der Frühen Bronzezeit bis in die ihre herausragenden Funde können sie
islamische Zeit hinein verfolgen kann. zum Teil mit Ereignissen aus dem Alten
Der Tall Zirāʿa bietet nicht nur verschie- Der Niedergang der städtischen Kultur Testament in Verbindung gebracht wer-
dene Einblicke in alle großen Epochen am Übergang von der Frühen zur Mitt- den. Die sogenannte Mescha-Stele (s. S.
der Menschheitsgeschichte seit der Frü- leren Bronzezeit ist auch auf dem Tall 43) wurde 1868 in Dhiban (Moab) gefun-
hen Bronzezeit, sondern zeigt auch in Zirāʿa zu fassen. Das Siedlungsbild wird den und ist die längste bisher in der süd-
bislang einzigartiger Weise die Entwick- von Feuerstellen, Vorratsgruben, Zelten lichen Levante aufgefundene Inschrift
lung und Veränderung über Jahrtausen- und wenigen Mauerresten geprägt. Die und das Gegenstück zu den Erzählungen
de an einem Ort. Stadtkultur lebt erst nach 2000 vC mit in 2 Kön 13.
Der Tell befindet sich im Wādī al- größeren Wohnbauten und Handwerks- Die Grabungen in Tell Deir ʿAlla brach-
ʿArab, etwa 4,5 km südwestlich der an- vierteln auf dem Tell wieder auf, um dann ten die sog. Bileam-Inschrift zutage.
tiken Dekapolisstadt Gadara (dem heuti- ihre größte Ausdehnung in der anschlie- Die aramäisch-kanaanäische Inschrift
gen Umm Qēs). Neben seiner strategisch ßenden Mittleren und Späten Bronzezeit stammt vermutlich aus dem 8. Jh. vC

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welt und umwelt der bibel 1/2015 67
Blick auf das ovale Forum in Jerash (Gerasa). Im Hintergrund Der Palast Iraq al-ʿAmir im Wa-dı- as-Sı-r
links ist der Artemistempel und rechts die moderne Stadt zu sehen. bei Amman ist das einzige hellenistische
Bauwerk Jordaniens.

Die berühmte Fassade des „Schatzhauses des


Pharao“ (Khazneh al-Firaʿun) in Petra

Die „Badende“ der Westwand von Qusayr ʿAmra ist


nur ein Beispiel für die zahlreichen Fresken in dem
Badeschlösschen.

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Ansicht der um 1142 nC errichteten
Kreuzfahrerburg Kerak.

Der mit schwarzer und roter Farbe bemal-


te spätbronzezeitliche Krug aus den Ausgra-
bungen auf dem Tall Zira-ʿa zeigt Schlangen,
Löwen, Stiere, eine Eidechse und einen
sitzenden Leierspieler.

Die Bileam-Inschrift aus


Tell Deir ʿAlla besteht aus 119
Putzfragmenten, auf die mit
roter und schwarzer Tinte ge-
schrieben wurde. Heute kann
sie im neuen Nationalmuseum Der Tall Zirāʿa im
in Amman besichtigt werden. Wa-dı- al-ʿArab im Norden
Jordaniens.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 69
Archäologische schätze in JordAnien

und berichtet über einen Propheten Bileam, den In Quellen des 4. Jh. vC begegnen uns die Na-
Sohn Beors, der ebenfalls Erwähnung im Alten batäer als Nomaden und reiche Karawanenhänd-
Testament findet (Num 22-24). Sie wurde 1967 bei ler auf der berühmten Weihrauchstraße. Nach
den niederländisch-jordanischen Ausgrabun- und nach brachten sie ein riesiges Gebiet unter
gen entdeckt und war in einem Heiligtum auf ihre Kontrolle, das im 1. Jh. nC vom südlichen
Verputz mit schwarzer und roter Tinte geschrie- Syrien bis nach Nordarabien, einschließlich
ben. In der Vergangenheit wurde Tell Deir ʿAlla des Negev und des Sinai reichte. Ihre politische
gerne mit dem im Alten Testament erwähnten Selbstständigkeit verloren sie erst im Jahr 106 nC,
Sukkot gleichgesetzt, doch gab es daran immer als ihr Reich der römischen Provinz Arabia ange-
wieder Zweifel. Auf dem Hügel selbst konnte gliedert wurde.
bislang keine Stadt im eigentlichen Sinn nach- Als einen ihrer wichtigsten Handelsstützpunk-
gewiesen werden. Vieles deutet darauf hin, dass te bauten sie die farbenprächtige Felsenstadt
es sich mehr um ein Heiligtum gehandelt ha- Petra aus. Sie ließen nicht nur die heute weltbe-
ben muss, das von Wohn- und Vorratshäusern kannten monumentalen Grabfassaden aus dem
umgeben war, die Anfang des 12. Jh. vC zerstört Fels schlagen, sondern errichteten auch Tempel
wurden. und Theater sowie ein perfekt organisiertes Was-
serversorgungssystem.

• Alexander der Große und seine Erben


Der Feldzug Alexander des Großen berührte die • Die Dekapolis
Region östlich des Jordan nicht direkt. In der Fol- Den Beginn der römischen Zeit setzt man in
ge befanden sich Teile des heutigen Jordanien Jordanien mit dem Marsch des Pompeius in die
abwechselnd in der Hand ägyptischer Ptolemäer südliche Levante 64 vC gleich. Im Nordwesten
oder unter der Kontrolle der kleinasiatisch-syri- wurde ein Städtebund geschaffen, die Dekapo-
schen Seleukiden. Innerhalb dieser Streitigkei- lis („Zehn-Städte-Bund“). Ein beeindruckendes
ten bildete sich das Kleinreich des Hyrkan aus Beispiel dafür ist Gerasa, das heutige Jerash.
dem Haus der Tobiaden mit der Hauptstadt Iraq Es handelt sich um das besterhaltene Beispiel
al-ʿAmir (Höhlen des Fürsten) oder auch Qasr al- einer römischen Provinzstadt in der südlichen
Abd (Burg des Sklaven) aus, das allerdings nur Levante. Prachtvolle Kolonnadenstraßen, zwei
wenige Jahre Bestand hatte. gut erhaltene und rekonstruierte Tempel des
Hyrkans Familie, das Geschlecht 2. Jh. nC für die Götter Artemis und Zeus, zwei
der Tobiaden, wird gewöhnlich Theater, ein Hippodrom, zahlreiche byzantini-
auf jenen Tobias oder Tobija zu- sche Kirchen und das große Hadrianstor machen
rückgeführt, den das biblische Gerasa zu einer einzigartigen Sehenswürdigkeit.
Nehemiabuch mehrfach erwähnt Auch die Dekapolisstadt Gadara wird durch die-
(2,19). se typisch römischen Bauwerke ausgezeichnet.
Zur Anziehungskraft Iraq al- Nach Matthäus (8,28-34) wurden im Land der Ga-
ʿAmirs trägt vor allem der Skulptu- darener zwei Besessene von Jesus geheilt, indem
renschmuck der Anlage bei, ein beson- er ihre Dämonen in eine Schweineherde fahren
ders schönes Relief einer Raubkatze aus ließ.
einem rot-weiß gesprenkelten Gestein, das als
Wasserspeier diente und auf der gegenüberlie-
genden Außenseite ein Gegenstück besitzt. • Jordanien in byzantinischer Zeit
Mit der Verlegung der Hauptstadt nach Byzanz
(dem heutigen Istanbul) unter Kaiser Konstantin
• Die Nabatäer verlor Rom seinen Status als Reichshauptstadt.
In Petra, dem Zentrum der Nabatäer, und in den Dieses historische Ereignis kennzeichnet den
Städten der Dekapolis entstanden die Kulturen, Beginn der sogenannten byzantinischen Zeit in
die die hellenistisch-römische Epoche in Jorda- dieser Region.
nien kennzeichnen. Diese Epoche hinterließ zahlreiche Kirchen-
Petra war Hauptstützpunkt und später Königs- bauten und vor allem unzählige Mosaiken, von
stadt der Nabatäer, eines ehemaligen Wüsten- denen das aus Madaba neben der Tabula Peutin-
volkes, dessen Karawanen die begehrten Güter geriana die einzig erhaltene Landkarte der anti-
Südarabiens, wie Weihrauch und Myrrhe, in den ken Welt zeigt. Sie wurde 1884 beim Freiräumen
Mittelmeerraum transportierten. im Boden einer byzantinischen Kathedrale frei-

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hier steht vorerst ein blindtext

PIoNIErE DEr BIBlISchEN ArchäoloGIE:


gelegt und kann zwischen die Jahre 542 und 570
nC datiert werden. Das Mosaik besteht aus über UTE WAGNEr-LUx
zwei Millionen verschiedenfarbiger Steine und
ist heute in die St. Georgskirche integriert.

• Der Beginn der islamischen Kultur


Eine neue Epoche begann für Jordanien am
15./20. August 636 nC, als das byzantinische
Heer am Yarmuk, dem nördlichen Grenzfluss
zwischen Jordanien und Syrien, von den musli-
mischen Truppen geschlagen wurde. 656 nC be-
gann das Kalifat der von Damaskus aus regieren-
den Umajjaden (bis 750 nC).
Die frühislamische Epoche in der Region ist
durch die sogenannten Wüstenschlösser gekenn-
zeichnet. Dabei handelt es sich um repräsentati-
ve Profanbauten, die während des späten 7. und
der ersten Hälfte des 8. Jh. unter der Herrschaft
der Umajjaden-Dynastie errichtet oder umgewid-
met wurden.
Die nahezu vollständig erhaltene Badeanlage
von Qusayr ʿAmra gilt neben Qasr al-Mshatta
wohl als das prominenteste „Wüstenschloss“. Ute Wagner-lux
Dieser Ruhm beruht vor allem auf der bis heute links auf der Marktplatz-
singulär gebliebenen Ausstattung mit Wand- mauer, die den Bereich
und Deckenmalereien, die fast sämtliche Innen- südlich der konstanti-
flächen des Gebäudes überziehen. nischen Grabeskirche
umlief, während ihrer
Ausgrabungen unter der
• Die Kreuzfahrer Erlöserkirche in Jerusalem
(1970–1974).
Während des 11. und 12. Jh. nC entstanden in Ker-
ak und Shobak mächtige Kreuzritterburgen, die
zum Königreich Jerusalem gehörten. Sie wurden

U
zum Symbol der Herrschaft, der Grausamkeit te Wagner-lux kam 1931 in Thüringen zur Welt. Sie war dort zu-
und des Scheiterns der Kreuzfahrerstaaten in der nächst als Katechetin tätig. Von 1954 –1962 studierte sie Theo-
südlichen Levante. logie, Archäologie, Philosophie und Alte Geschichte in Halle, Bonn,
Kerak wurde 1142 errichtet und befindet sich Tübingen und Wien. 1962 promovierte sie in Bonn. Danach wurde sie
auf einem 950 m hohen Festungsberg entlang der Mitarbeiterin am Deutschen Archäologischen Institut in Athen.
Königstraße. Für die Kreuzzüge hatte Kerak eine Gemeinsam mit Martin Noth, dem ersten Direktor des Deutschen
besondere strategische Bedeutung: Wer Kerak
Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des heiligen lan-
besaß, kontrollierte den Süden des Toten Mee-
des (DEI) nach dem Zweiten Weltkrieg, kam sie 1964 nach Jerusa-
res, konnte Teile der südlichen Levante abriegeln
lem. Nach verheißungsvollem Beginn erlag Noth im Mai 1968 einer
und die ostjordanischen Karawanen abfangen. W
Thrombose. Wagner-lux übernahm für die folgenden 16 Jahre die
leitung des Instituts und gab diesem die heute noch bestimmende
Ausrichtung als theologisch-landeskundliches und archäologisches
Institut. Wagner-lux initiierte wichtige Grabungen
Dr. FraukewieKenkel
die unter der
Erlöserkirche in Jerusalem, in Madaba und inistGadara/Umm
klassische Ar- Qēs. Un-
ter ihrer leitung wurde das Institut in Ammanchäologin,
gegründet Leiterin
und der Jeru-
des Deutschen
salemer Teil erhielt seine heutige residenz auf dem Ölberg.
Dr. Frauke Kenkel ist klassische Evangelischen Ins-
Für ihr außergewöhnliches Engagement wurde sie 1982 vom da-
tituts für Altertums-
Archäologin, leiterin des Deut-
schen Evangelischen Instituts
maligen Bundespräsidenten carl carstens mit dem Bundesverdienst-
wissenschaft des
für Altertumswissenschaft des kreuz am Bande geehrt. heute lebt sie in St. chrischona
Heiligen Landes inin Basel/
Heiligen Landes in Amman. Schweiz. (Dieter Vieweger) Amman.

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BIBLISCHE ARCHäOLOGIE ANSCHAULICH
MuSEEn in JERuSalEM

D as Rockefeller-Museum (ehemals ‚Pales-


tine Archaeological Museum’) befindet
sich in der Sultan Suleiman Street nördlich der
Altstadtmauern Jerusalems und gehört zu den
ältesten und bedeutendsten Museen des Na-
hen Ostens.
Im Jahr 1711 ließ sich Sheikh Muhammad
al-Halili, der Mufti von Jerusalem, an die-
sem Ort eine Sommerresidenz errichten.
Als James Henry Breasted (1865-1935) Je-
rusalem besuchte, machte er die britische
Mandatsregierung auf das Fehlen eines ar-
chäologischen Museums aufmerksam, um ein-
heimische Funde zu sichern, zu bearbeiten und
der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese
kaufte daraufhin mit finanzieller Unterstützung
von John David Rockefeller Jr. die Sommerre-
sidenz von Sheikh al-Halili (heute westlich des
Museums) und das umgebende Land auf. Im
Jahr 1930 wurde der Grundstein für das acht
Jahre später eröffnete Museum gelegt. Austen
St. Barbe Harrison (1891-1976), der Chef-
Architekt des britischen Mandatory Depart-
ment of Public Works, verknüpfte beim Bau
des Museumstraktes westliche Ideen musea-
ler Präsentation mit orientalischen Elementen
und erbaute ein prachtvolles symmetrisches
Gebäude.
Das 1938 von der britischen Mandatsmacht
eröffnete Museum präsentiert wertvolle Funde
besonders aus der Zeit der frühen Ausgrabun-
gen in der südlichen Levante bis 1948. Die
streng chronologisch gegliederte Anlage der
Ausstellung ist mit Ausgrabungsfunden aus
der südlichen Levante von der Steinzeit bis ins
18. Jh. nC hervorragend ausgestattet.
Das international geführte Museum wurde
1966 von Jordanien nationalisiert und 1967
von der israelischen Armee erobert. Seither
steht es unter der Verwaltung des Israel-Muse-
ums und der Israel Antiquities Authority.
Die museale Präsentation ist „eingefroren“,
d. h. sie verbleibt im Zustand vor der israeli-

Das Rockefeller Museum enthält eine


umfangreiche Sammlung archäologischer
Exponate, die seit dem 19. Jh. im ehemaligen
osmanischen Palästina gefunden wurden.

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Der „Schrein des Buches” in Jerusalem beherbergt Originale
und Faksimiles der Schriftrollen vom Toten Meer (z. B. die berühmte
Jesaja-Rolle) und weitere Fundstücke aus Qumran.

hilfreich angesehen, zumal die Beschrif- bens – und präsentiert zu diesem Zweck
tung der Funde – wenn sie überhaupt vor- aus dem Museumsbestand einzigartige
handen ist – nur mangelhaft ausfällt und Ausstellungsobjekte der Archäologie des
die vielen bemerkenswerten Highlights Heiligen Landes. Chronologisch geglie-
der Sammlung aus der Masse der aus- dert von der Prähistorie bis zum Osmani-
gestellten Objekte nicht herausgehoben schen Reich unterteilt die zwischen 2008
werden. Flüchtige Besucher sind in aller und 2010 neu gestaltete Abteilung diese
Regel überfordert. Geschichte in sieben Abschnitten, und
schen Eroberung von 1967, repräsentiert Das 1965 in der Jerusalemer Neustadt verbindet dabei bedeutende historische
also weitgehend die Museumsdidaktik eröffnete israel-Museum dient als Natio- Ereignisse, kulturelle Entwicklungen und
der britischen Kolonialzeit. Museums- nalmuseum des Staates Israel. Es beher- technologische Leistungen, ohne dabei
pädagogisch ragen gelungene Zusam- bergt auf einer Fläche von 81.000 m2 eine den Blick auf das alltägliche Leben der
menstellungen von Grabkontexten und breite Vielfalt herausragender Ausstellun- Völker in dieser Region zu verlieren. Hin-
die bautechnisch rekonstruierte Innen- gen, die von jährlich etwa 800.000 Besu- zu kommen thematische Sonderbereiche
ausstattung von Hishams Palace, einem chern bewundert werden. Die Sammlun- und einzigartige Aspekte der archäolo-
Wüstenschloss bei Jericho, heraus. Bei gen zur Archäologie Israels/Palästinas, gischen Erforschung Israels/Palästinas.
der Präsentation wird ein solides Vorwis- die Präsentation der in Chirbet Qumrān Dazu gehören z. B. das frühe hebräische
sen über die materielle Kultur Palästinas (und in dessen Umfeld) aufgefundenen Schrifttum, die Entwicklung des Glases
und deren Veränderung über die letzten Schriften und Artefakte sowie das Open durch die Zeiten sowie Münzen in ihrem
Jahrtausende vorausgesetzt. Ohnehin Air-Architekturmodell der Stadt Jerusa- geschichtlichen Kontext. Die Schätze
entsprach die Fülle der präsentierten lem zur Zeit des herodianischen Tempels umliegender Kulturen, die einen großen
Objekte offenbar den Sehgewohnheiten (vor 70 nC; eröffnet 2006) sind für die Einfluss auf das „Land Israel“ hatten, wie
des Publikums, sodass die Besucher in Biblische Archäologie von besonderer z. B. ägypten und die Pharaonen, die al-
der Lage waren, Vergleiche zwischen den Bedeutung. ten Kulturen des Nahen Ostens, die grie-
typologisch aufgeschlüsselten Fundgrup- Die archäologische Abteilung stellt die chische Welt, die Völker Italiens sowie die
pen selbstständig zu ziehen. Verständli- alte Geschichte des „Landes Israels“ dar islamische Welt, werden in benachbarten
cherweise wird dieses Konzept heute von – der Heimat von Völkern verschiedener Museumsräumen dargestellt.
Besuchern nur selten als einladend und Kulturen und unterschiedlichen Glau- (Dieter Vieweger)

MuSEEn in aMMan

D ie beiden bedeutenden archäologi-


schen Museen in Amman – das alte
Archäologische Museum und das neue
spiegelt das gewachsene Bewusstsein
des jordanischen Staates für das eigene
kulturelle Erbe und dessen Bewahrung.
den Resten der römischen Ummauerung
finden sich hier auch die Ruinen eines
römischen Tempels (2. Jh. nC), einer by-
Nationalmuseum – könnten unterschied- Zu der neuen Ausrichtung des National- zantinischen Kirche (5. Jh. nC) und des
licher nicht sein. Das alte Archäologische museums gehört auch, dass es sich mit Omayyadenpalastes (8. Jh. nC). Nicht zu-
Museum wurde mehr und mehr zu einem seinen Vortragsräumen und Werkstätten, letzt ist dieser Hügel der Ort, an dem Da-
übervollen Lagerraum ohne klar erkenn- in denen sich Experten, Studenten und vid nach der Erzählung von 2 Sam 11 den
bares Konzept. Die darin enthaltenen ein- Schulklassen der Geschichte annähern Uria – den Ehemann Batschebas – beim
maligen kulturellen Schätze des Landes können, als Bildungszentrum versteht. Sturm auf die ammonitische Hauptstadt
(wie z. B. die Bileam-Inschrift) blieben Das Archäologische Museum befin- töten ließ.
dem Betrachter im Vielerlei der archäolo- det sich auf der sogenannten Zitadelle Das Museum selbst wurde 1951 über
gischen Schätze häufig genug verborgen. Ammans (Dschebel al-Qala), die als ar- den Resten eines omayyadischen Baus
Das neue Museum of Jordan dagegen chäologischer Park mit einer viertau- errichtet und fand bis zur Besetzung Ost-
bietet seinen Besuchern ein modernes sendjährigen Siedlungsgeschichte um jerusalems 1967 im Rockefeller-Museum
museumspädagogisches Konzept und das Museum herum angelegt ist. Neben sein Gegenstück.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 73
Das alte Archäologische
Museum in Amman
beherbergt beachtliche
Funde, allerdings auf engem
Raum und etwas unsystema-
tisch präsentiert.

Die Sammlung auf dem Zitadellenhü- die Besucher anhand archäologischer vor allem durch die mit Bitumen dunkel
gel enthält Funde aus der frühgeschicht- Zeugnisse durch die frühgeschichtliche hervorgehobenen Augen auf dem hellen,
lichen Zeit bis in die islamische Zeit Zeit bis in die byzantinische Zeit hinein weißlichen Kalk (Abb. S. 82).
hinein. Trotz des Umzuges vieler weltbe- geleitet. Auf der zweiten Ebene wird die Die Kupferrolle ist Teil der ca. 900
kannter Objekte in das neue Nationalmu- Entwicklung des Islam und des Hashemi- Schriftrollen vom Toten Meer, die zwi-
seum beherbergt es noch immer eine fast tischen Königreichs zu sehen sein. Noch schen 1947 und 1956 in Felshöhlen von
unüberschaubare Zahl an bedeutenden ist diese jedoch nicht für die Öffentlich- Chirbet Qumran entdeckt wurde. Nur eine
Altertümern, vor allem Alltagsgegenstän- keit freigegeben. der Rollen ist aus Kupferblech hergestellt.
de aus Ton und Glas, Werkzeuge aus Feu- Das neue Nationalmuseum bietet einen Sie wird im neuen Nationalmuseum in
erstein und Metall sowie Schmuckstücke lehrreichen Rundgang durch mehr als Amman in einem eigens dafür errichteten
und Münzen aus allen Teilen Jordaniens. 10.000 Jahre Geschichte, die durch mo- kleinen Saal ausgestellt. Auf ihr sind 64
Das neue Nationalmuseum befindet derne virtuelle Bilder und die interaktive Schatzverstecke verzeichnet, deren Ge-
sich in Ras al-ʿAin, in unmittelbarer Nähe Einbindung des Publikums eine Reise von heimnisse bis heute nicht gelüftet werden
zu Downtown und dem Rathaus Am- der Vergangenheit über die Gegenwart in konnten.
mans. Den Grundstein für das Gebäude die Zukunft wird, ganz im Sinne des archi- Die berühmten „Petra-Papyri“ wurden
legte 2005 Ihre Majestät Königin Rania. tektonischen Gesamtentwurfs. Großarti- 1993 in einer byzantinischen Kirche in Pe-
Entworfen wurde es von dem bekannten ge Schätze, wie die einmaligen Kalkstein- tra entdeckt. Mit den 140 Papyrusrollen
Architekten Jaʿfar Toukan, der bereits ei- figuren aus ʿAin Ghazal, die Schriftrolle aus dem 6. Jh. nC gehören diese antiken
nige wichtige Gebäude, wie das Rathaus aus Kupferblech vom Toten Meer oder die Dokumente zu der größten Sammlung,
oder das Royal Automobile Museum in verbrannten Papyri aus der Petra-Kirche die je in Jordanien aufgefunden wurden.
Amman konzipiert hat. Er verwendete sind neben Alltagsgegenständen aus Glas Sie haben sich nur deshalb erhalten, weil
bewusst unterschiedliche Materialien, und Keramik Zeugen der außergewöhnli- sie durch ein Feuer völlig verkohlt wa-
die sinnbildlich für die Vergangenheit chen Kultur, die sich jenseits des Jordan ren. Sie stammen aus dem Archiv eines
(unbehauene Steine), die Gegenwart entwickelte. Privatmannes, der als Diakon tätig war,
(glatte Steine) und die Zukunft (Glas) ste- Bei den Figuren aus gebranntem Kalk und enthalten Berichte über Hochzeiten,
hen sollen. und Lehm aus dem frühen 7. Jahrtausend Erbangelegenheiten und Verkäufe sowie
Das Museum präsentiert die Geschich- vC, die in ʿAin Ghazal gefunden wurden, die Festsetzung von Eigentumsrechten
te und das kulturelle Erbe Jordaniens handelt es sich um die ältesten menschli- und Steuern.
auf zwei Ebenen. Auf der ersten werden chen Figuren der Welt. Sie beeindrucken (Frauke Kenkel)

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Die Welt hinter den Texten
Dauerausstellung im Bibelhaus Erlebnis Museum

archäologische Funde aus dem Heiligen land bieten im Frankfurter Bibelhaus Erlebnis Museum Einblick in die Welt hinter den Texten
des alten und neuen Testaments. Grundlage dafür ist eine in Europa einmalige Kooperation mit der israelischen antikenverwaltung.
Mehrere Hundert Objekte aus offiziellen Grabungen in israel erschließen Besucherinnen und Besuchern den lebensalltag und die
religiöse Praxis von 200 vC bis 135 nC. Viele biblische und andere antike Texte sind vor diesem Hintergrund besser zu verstehen.

T yrische Schekel dienten Juden bis


zur Zerstörung des Tempels dazu, die
Tempelsteuer zu entrichten. Nach christli-
gen zur römischen Besatzung spiegelt sich
in vielen Texten der Evangelien wider. Eine
Station im Museum stellt diesen Konflikt
cher Überlieferung findet Petrus im Maul dar, in dessen Kontext auch die Kreuzi-
eines Fisches diese Münze, um für sich gung von Jesus zu verstehen ist.
und Jesus die Tempelsteuer zu bezah- Eine Dauerleihgabe der Staatlichen Mu-
len. Obwohl die Vorderseite das Abbild seen zu Berlin zeigt die Kalenderinschrift
des Stadtgottes von Tyros „Baal Melqart“ von Priene. Der Stein weist nach, dass Bi-
(phönizisch) oder „Herakles“ (griechisch) bellesern vertraute Begriffe wie „Heiland“, Kalksteingeschirr aus der Zeit
zeigt, wurde nur diese Münze zur Ent- der „Frieden auf Erden“ bringt, der von ei- des herodianischen Tempels.
richtung der Tempelsteuer akzeptiert. Ein ner „Jungfrau“ geboren wird, zunächst in
Grund liegt im hohen Silbergehalt, der ihn ganz anderen Zusammenhängen ihre Be-
zu einer harten Währung machte und auf deutung hatten. Die Inschrift aus dem Jahr
den Tischen der Geldwechsler auf dem 9 vC spricht die Sprache des Kaiserkultes,
Tempelplatz zu finden war. die auch zur Zeit der Verfasser der Evange-
Pfeilspitzen und Katapultgeschosse so- lien aktuell ist: Dort ist die Geburt des Kai-
wie Versorgungsgefäße und Objekte zur sers Augustus, des „Sohnes Gottes“, eine
religiösen Praxis aus Masada erzählen „Gottesgeburt“, die den „Heiland“ bringt
die Geschichte von Besatzung und Wider- und „Frieden“ schafft – der Anfang – so Kalenderinschrift von Priene
stand. Die Position jüdischer Gruppierun- wörtlich auf Griechisch – aller „Evangelien“. Jahr 9 vC.

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Anfrage 75
Krumme Dinger

Der Kampf um
den Antikenmarkt
Wie moderne Fälschungen das israelische
Antikengesetz ins Wanken bringen

In den vergangenen Jahrzehnten tauchte in Israel eine Vielzahl von archäologischen


Funden auf, die die Weltöffentlichkeit in Staunen versetzte und die Gemüter der
Fachwelt erhitzte. Im Folgenden werden drei dieser Sensationsfunde vorgestellt, die
aus biblischer Zeit zu stammen scheinen und die Echtheit biblischer Erzählungen
verifizieren könnten. Aber handelt es sich dabei um authentische Stücke oder ist
die Öffentlichkeit nur einem meisterhaften Betrug aufgesessen? Von Julia Serr

B
ei einem Besuch im Heiligen Land im weitergegeben und tauchte erst 1985 in einer
Jahr 1979 erwarb André Lemaire, Epigra- Pariser Ausstellung wieder auf. Drei Jahre spä-
fiker und Professor an der Sorbonne-Uni- ter kam das Objekt zurück nach Jerusalem und
versität in Paris, in einem Jerusalemer Antiqui- wurde dem Israel Museum zum Kauf angeboten.
tätengeschäft einen Granatapfel aus Elfenbein. Nahman Avigad, Professor für Archäologie an
Das aus dem Fangzahn eines Flusspferdes her- der Hebräischen Universität Jerusalem, prüfte
gestellte Objekt wies zahlreiche Beschädigungen das Objekt auf seine Echtheit und bestätigte kurz
auf. Das störte den Käufer jedoch nicht, denn darauf dessen Authentizität. Daraufhin erwarb
was ihn an diesem Fundstück faszinierte, war das Israel Museum den Granatapfel für 550.000
etwas ganz anderes: Um den Hals des Granatap- US-Dollar. Es besaß jedoch keinerlei Kenntnisse
fels rankt sich eine noch gut lesbare althebräi- über den Vorbesitzer. Der sensationellen Bedeu-
sche Inschrift: „Gehörend zum Tempel Jahwes, tung des Fundes entsprechend, wurde der Gra-
heilig den Priestern“. Lemaire identifizierte das natapfel an prominenter Stelle präsentiert und
5 cm große Objekt als Aufsatz eines Zepters, das der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
den Priestern im Tempel zu Jerusalem gehört 2004 verschwand das Objekt plötzlich aus der
haben sollte und datierte es ins 8. Jh. vC. Sollte Ausstellung. Das Israel Museum teilte mit, dass
dies korrekt sein, würde es sich um das bislang es ein Team an Experten zusammengestellt habe,
erste und einzige gefundene Objekt aus dem Je- das die Echtheit des Objektes erneut prüfen sol-
rusalemer Tempel handeln. Lemaire publizierte le. Die Tests ergaben, dass der Granatapfel zwar
seinen Fund in der Revue Biblique (87/1981). Der ein antikes Stück sei und vermutlich aus der
Beitrag erfuhr aber zunächst keine größere Be- Späten Bronzezeit stamme, die Inschrift jedoch
achtung – bis Hershel Shanks, Herausgeber der als Fälschung aus neuerer Zeit auf das Stück
Biblical Archaeological Review (BAR), auf den gelangt sei. Die Patina war aus verschiedenen
Bericht stieß. Er erkannte das Potenzial und bat Stoffen zusammengesetzt, darunter sei auch ein
Die Fälschung: Lemaire, über diesen besonderen Fund auch in Kleber zu finden, der aus moderner Zeit stamme.
Elfenbeinerner Granat- der BAR zu berichten. Der Granatapfel wurde in Die Inschrift wurde höchstwahrscheinlich erst
apfel mit Inschrift. der Zwischenzeit an einen anonymen Besitzer später in das antike Stück geritzt. Unklar bleibt

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allerdings, von wem die Fälschung stammt. Die
Ergebnisse erschienen u. a. im Israel Exploration
Journal (55/2005).

Das Jakobus-Ossuar
Hershel Shanks war 2002 ein weiteres Mal der
Anstoß für die Bekanntmachung eines Sensa-
tionsfundes, als er in einer Pressekonferenz den
Fund eines ganz besonderen Ossuars – ein Kalk-
steinkasten, in dem nach jüdischer Sitte die Kno-
chen von Verstorbenen bestattet wurden – preis- Das sogenannte
gab. Dieses trug die Inschrift: „Jakobus, Sohn Jakobus-Ossuar: Eine
des Joseph, Bruder von Jesus“. Jakobus nahm Inschrift suggeriert, es habe die
eine bedeutende Rolle in der frühchristlichen Gebeine des Bruders Jesu enthalten.
Urgemeinde Jerusalems ein. Nach Flavius Jose-
phus (Ant. 20,200) wurde der „Bruder des Jesus,
der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus“
im Jahr 62 nC auf Betreiben des Hohepriesters konnte die Fälschung nie nachgewiesen werden
Hannas II. aufgrund von „Gesetzesübertretung“ und einige Experten stehen bis heute der Fäl-
hingerichtet. Das präsentierte Ossuar würde ne- schertheorie skeptisch gegenüber. Sie veröffent-
ben der außerbiblischen Quelle des Josephus lichten einen Artikel mit ihrer Beweisführung
den vermeintlich ersten und einzigen inschrift- der Echtheit im Open Journal of Geology (4/2014).
lichen Beweis für die Existenz des Jesus von Na-
zaret und seiner Familie liefern.
Die Nachricht ging um die Welt und die Presse Die Joas-Inschrift
überschlug sich mit Meldungen über den sen- 2003 erfuhr die Öffentlichkeit von einer weiteren
sationellen Fund. Das Ossuar befand sich im Sensation aus der Welt der Archäologie. Diesmal
Besitz des illustren Tel Aviver Sammlers Oded handelte es sich um eine schwarze Steintafel mit
Golan. Angeblich soll er schon als kleiner Junge einer Inschrift. Die Steintafel ging auf König Joas
ein Gespür für antike Funde gehabt haben. Es zurück, der Ende des 9. Jh. vC über Juda herrsch-
wird erzählt, er habe als Zehnjähriger in Hazor te (2 Chr 24). Der mehrere Zeilen lange Text be-
eine Keilschrifttafel entdeckt. Das sog. Jakobus- richtet von Bauarbeiten, die der König am Tem-
Ossuar habe er nach eigenen Angaben Mitte pel von Jerusalem durchführen ließ. Diese sind
der 1970er-Jahre in Ostjerusalem bei einem An- sonst nur aus einer biblischen Quelle bekannt (2
tiquitätenhändler erworben. Lange Zeit habe er Kön 12,1-21). Damit wäre der archäologische Be-
dessen Bedeutung nicht erkannt und bewahrte weis für den biblischen Text geliefert.
es zunächst auf dem Balkon seiner Eltern und Auch dieser Fund löste eine Welle der Eupho-
später in seiner Wohnung auf. Erst Lemaire, der rie in der Wissenschaft aus. Erst später wurde be-
Entdecker des Granatapfels, machte ihn auf die kannt, dass dieses Objekt bereits zwei Jahre zuvor
Signifikanz des Ossuars aufmerksam. Shanks der Öffentlichkeit vorgestellt worden war. Wieder
machte Lemaires Geschichte über das „Jakobus- einmal war es die BAR, die den entscheidenden
Ossuar“ zur Titelstory in der November-Dezem- Anstoß gab, den Fund einem breiteren Publikum
ber-Ausgabe der BAR 2002. zu präsentieren. Es wurde bekannt, dass Joseph
In aller Eile wurde eine Ausstellung des Fundes Naveh, Professor an der Hebräischen Universität
geplant, die im Royal Ontario Museum (ROM) in in Jerusalem und einer der führenden Paläogra-
Toronto erfolgte. 100.000 Besucher bestaunten fen in Israel, 2001 einen anonymen Anruf sowie
das Ossuar. Nach der Ausstellung wurde das Ob- eine Fotografie der Inschrift erhalten hatte. Bei
jekt wieder an Oded Golan gesandt, der es an die einem Treffen mit dem mysteriösen Anbieter be-
Israelische Antikenbehörde (Israel Antiquities kam Naveh das Original der Steintafel zu Gesicht.
Authority, IAA) übergab. Diese stellte eine Grup- Es soll im Kidrontal, östlich des Tempelbergs, ge-
pe von Wissenschaftlern zusammen, die eine funden worden sein. Späteren Angaben zufolge
genauere Untersuchung vornahm. Mitte 2003 kam es angeblich 1999 bei illegalen Grabungen
erschien der Bericht der Experten: Das Ossuar des islamischen Waqf ans Tageslicht. Das Objekt
wurde für echt und antik erklärt, die Inschrift wurde an das Geological Survey of Israel (GSI) zu
allerdings stamme aus neuerer Zeit. Zweifelsfrei Untersuchungen weitergegeben. Dort fand man

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welt und umwelt der bibel 1/2015 77
noch gab dies den Behörden Anlass, die Woh-
nung von Golan genauer zu untersuchen. Die
Polizei beschlagnahmte Bodenproben, die aus
verschiedenen Ausgrabungsstätten entnommen
wurden, Werkzeug und anderes Material, das für
Gravierungen benutzt werden konnte, halb fer-
tige königliche Siegel und Inschriften aller Art,
epigrafische Handbücher, eine Steintafel und Fo-
tografien, auf der Golan einige seiner Fälschun-
gen ablichtete. Dabei wurde auch das Jakobus-
Ossuar sichergestellt, das auf einem Toilettensitz
in der Wohnung gefunden wurde. Oded Golan
wurde für einige Zeit verhaftet. Ihm und vier wei-
teren Personen wurde zur Last gelegt, einem in-
ternationalen Fälscherring anzugehören.
Der Gerichtsstreit dauerte mehr als zehn Jah-
re. Letztlich wurden die Beschuldigten von al-
len Betrugsvorwürfen freigesprochen, denn ein
zweifelsfreier Beweis für die Fälschungen konnte
Nachzeichnung der Joas-Inschrift. nicht erbracht werden. Das Gericht veranlass-
te, die beschlagnahmten Stücke an Oded Golan
zurückzugeben. Die Staatsanwaltschaft legte
heraus, dass Kohle- und Goldpartikel in der Pa- 2013 Einspruch gegen dieses Urteil ein: Da die
tina enthalten waren. Die Geologen waren über- Stücke größtenteils antik seien und lediglich die
zeugt, dass diese bei der Zerstörung des Tempels, Inschriften Fälschungen darstellten, gehörten sie
bei der auch Holz und Gold in Brand geraten der Öffentlichkeit und dürften demnach nicht in
waren, auf die Inschriftentafel gelangten. Einen privatem Besitz verbleiben – sie seien Eigentum
Hinweis auf eine gefälschte Patina in moderner des Staates Israel. Dagegen machte Oded Golan
Zeit fanden sie nicht, und somit erklärten sie die in einer Anhörung süffisant darauf aufmerksam,
Joas-Inschrift für authentisch. dass die Staatsanwaltschaft nicht zehn Jahre lang
Diese Ansicht wurde in der Fachwelt keines- behaupten könne, dass es sich bei den gefunde-
wegs unumstritten aufgenommen. Auch das nen Stücken um Fälschungen handele, dann die
Expertenteam, das schon das Jakobus-Ossuar Stücke aber zurückfordere unter dem Verweis
untersuchte, prüfte nun die Steintafel auf ihre darauf, dass sie antik seien. Als Zeichen seines
Echtheit. In der Zeitschrift Tel Aviv (31/2004) ver- guten Willens bot Golan an, die Stücke an Muse-
öffentlichte es seine Ergebnisse: Die Zusammen- en zu verleihen und sie für Untersuchungen frei-
setzung der Patina lasse den Schluss zu, dass es zugeben. Letztlich bestätigte das Gericht, dass
sich um eine künstliche Schicht aus neuerer Zeit die Fundstücke an Oded Golan zurückgegeben
handelte, die nachträglich aufgebracht wurde. werden müssten. Dieser begrüßte die Entschei-
Paläografen kamen zu dem Ergebnis, dass die In- dung und gab bekannt, dass er beide Stücke nun
schrift definitiv eine moderne Fälschung sei. Die öffentlich ausstellen wolle. Sein Mitangeklagter
Schrift zeuge eher von einem neuhebräischen Robert Deutsch, Antiquitätenhändler aus Jaffa,
Schreiber, der wenige Kenntnisse über das Heb- legte inzwischen seinerseits Klage bei Gericht
räisch des 9. Jh. vC hatte. Zudem würde die Stein- ein. Er forderte Schadensersatz von mehr als
tafel nicht dem Stein entsprechen, der vor Ort 3 Millionen US-Dollar, da ihm durch den jahr-
verfügbar war. Auch in diesem Fall finden sich zehntelangen Gerichtsstreit nicht nur ein Drittel
bis heute Befürworter und Gegner der Fälscher- seiner Unternehmensgewinne weggebrochen
theorie. Ein unumstößlicher Beweis für eine Fäl- sei, sondern auch seine Reputation irreparablen
schung wie auch für deren Echtheit konnte bis Schaden erlitten habe.
heute nicht erbracht werden.
Auch im Fall der Joas-Inschrift führten die Er-
mittlungen zu Oded Golan. Gegenüber der Po- Gesetzliche Regulierung des
lizei sagte er aus, dass er nur als Mittelsmann Antikenmarktes
eingesetzt wurde, nachdem der eigentliche Anti- Damit endete der jahrzehntelange Streit um diese
kenhändler, Abu-Yasser Awada, ihn um Hilfe bei drei Fälschungen. Gleichzeitig markierte dieser
der Vermittlung des Objekts gebeten habe. Den- Rechtsstreit den Anstoß einer Debatte über den

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§
Der Kampf um Den antiKenmarKt

Antikenhandel in Israel. Die israelische Richterin len unerlässlich, auf dem Antikenmarkt tätig zu
Daphne Barak-Erez setzte sich für ein generelles werden, um besondere Funde für die Öffentlich-
Verbot für den Handel mit Antiquitäten ein. Ar- keit zu erhalten.
chäologische Funde seien wichtiges öffentliches Lenny Wolfe, ein Antikenhändler in Israel,
Eigentum und sollten als solches der breiten Öf- weist darauf hin, dass ein Verbot des Handels zu
fentlichkeit und der Wissenschaft zur Verfügung einem illegalen Schwarzmarkt führe. Diese An-
stehen und für kommende Generationen erhal- sicht teilt auch der israelische Archäologe Aren
ten werden. Solange der Antikenmarkt blühe, Maeir, Professor an der Bar-Ilan-Universität und
gebe es skrupellose Sammler, die Sensations- Direktor des Tell es-Safi/Gath Archaeological

§
funde in ihr Repertoire aufnehmen wollten oder Projects. Die Vorteile des Antikenmarkts über-
diese teuer verkauften. Dies fördere illegale Gra- stiegen bei Weitem dessen Nachteile. Er gibt aber
bungen und fordere Fälscher geradezu heraus, auch zu bedenken, dass den Funden des Anti-
tätig zu werden. Es müsse ein Wechsel im öffent-
lichen Denken stattfinden und ein Bewusstsein
dafür geschaffen werden, dass nationale Schätze
nicht entwendet werden dürfen. Viele Archäo- Vieles spricht für ein globales
logen stimmten dem zu und verwiesen darauf, Verbot des Antikenhandels
dass Funde, die auf dem Antikenmarkt erworben
werden und nicht aus autorisierten Grabungen
stammen, nur einen begrenzten wissenschaft-
lichen Wert haben, denn der wissenschaftliche kenmarktes stets mit großem Misstrauen begeg-
Wert eines Fundstücks hängt wesentlich mit des- net werden müsse. Eine Prüfung auf eine etwaige
sen Fundkontext zusammen. Vieles spricht also Fälschung sei daher unverzichtbar. Schließlich
für ein Verbot des Handels mit Antiken. tauchten hier weitaus mehr Inschriften auf, als
Doch es gibt durchaus auch gewichtige Ge- in offiziellen Grabungen, die seit mehr als 150

§
genargumente. Die Israelische Antikenbehörde Jahren ununterbrochen in diesem Land durch-
(IAA) hat während des jahrzehntelangen Streits geführt werden. Hier müssten die Alarmglocken
um Oded Golans Fälschungen wiederholt darauf läuten.
aufmerksam gemacht, dass das Antikengesetz Das israelische Antikengesetz von 1978 hat
von 1978 den Handel mit Antiquitäten zwar miss- offensichtliche Lücken und bietet Schlupflöcher
billigt, aber nicht per se verbietet. Der Schaden für Betrug. Eine Änderung des Gesetzes ist letzt-
eines Verbotes wäre größer als sein Nutzen: An- lich unumgänglich. Die Aufarbeitung der spekta-
tike Funde würden dann nämlich außer Landes kulären Fälschungsprozesse hat die Problematik
geschafft und dort verkauft werden. des Antikenhandels einer breiten Öffentlichkeit
Auch die Museen in Israel, wie etwa das Israel deutlich gemacht. Der Leiter der Abteilung für
Museum in Jerusalem, geraten hier in einen Antiquitätenraub, Amir Ganor, weist darauf hin,
grundlegenden Konflikt. Sie alle stellen archäo- dass im Zuge der Gerichtsprozesse neue Metho-
logische Funde aus, die auf dem Antikenmarkt den und Techniken entwickelt wurden, die zu-
erworben wurden – darunter viele bedeutende künftig helfen werden, Fälschungen schneller
Funde wie einige Schriftrollen des Toten Mee- aufzudecken. Zudem seien Experten seither kriti-
res, Gabriels Offenbarung (eine 80 Zeilen lange scher bei der Begutachtung von Antiken, die auf
Inschrift, die 2000 entdeckt und im Israel Muse- dem freien Markt erworben wurden. Die Debatte
um ausgestellt wurde), König Uziahs Grabstein, um eine Änderung des Gesetzes ist immer noch
Stempelsiegel mit den Namen Jeremiah und Jeze- aktuell. Zurecht verweisen deutsche Organisa-
bel und die Inschrift auf der Heliodorosstele. All tionen wie das DAI, die Staatlichen Museen zu
diese Funde wurden in nicht autorisierten Gra- Berlin und das Auswärtige Amt darauf, dass die-
bungen gemacht und von den Museen auf dem ser Kampf mit nationalen Schritten allein keine
Antikenmarkt erworben. Ein Bann des Antiken- nachhaltige Wirkung erzielen kann. Der Bestand
handels hätte bewirkt, dass diese Stücke nie in an Kulturgütern weltweit wird durch den Anti- Julia Serr, M. A. ist
eine öffentliche Ausstellung gelangt wären. kenhandel generell bedroht. Entsprechend tre- Historikerin und Politik-
Dieser Argumentation schließt sich auch ten die deutschen Institutionen innerhalb eines wissenschaftlerin sowie
wissenschaftliche Mitar-
James Snyder, Direktor des Israel Museums, an. großen internationalen Netzwerks für ein grund-
beiterin am Deutschen
Er betont zwar, dass lediglich eine kleine Anzahl legendes, globales Verbot des Handels mit Anti-
Evangelischen Institut für
der über 120.000 Funde, die in seinem Museum ken ein, bestenfalls mit internationaler Regelung Altertumswissenschaft
ausgestellt werden, auf dem Antikenhandel er- im Rahmen der UNESCO. W des Heiligen Landes in
worben wurden. Dennoch sei es in seltenen Fäl- Jerusalem.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 79
Grundfragen

Blick über den


Tellerrand
Wie die Archäologie religionsgeschichtliche
Perspektiven eröffnet
Exegetinnen und Exegeten blicken schon seit dem 19. Jh. über den biblischen
Horizont hinaus: Das Verständnis der biblischen Welt wird durch die Archäologie des
östlichen Mittelmeerraumes bereichert. Von Florian Lippke und Wolfgang Baur

Die Zeugung des Königs als Gottessohn auf ägyptischen Tempelreliefs.


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D
er große Gelehrte der alten Kulturen, kultische Nacktheit und offenkundige sexuelle
Wilhelm Gesenius (1786–1842), behan- Anspielungen erforderten eine Erweiterung frü-
delte in seinen theologisch-archäologi- herer Vorstellungen.
schen Seminaren die Monumente Ägyptens und Der Weg, den die religionsgeschichtliche For-
Nubiens anhand der damals frisch erschienenen schung mithilfe der Archäologie zurücklegen
Skizzen und Aufzeichnungen des italienischen konnte, ist bemerkenswert. Die Geschichte des
Ägyptologen Ippolito Rosellini. Auch heute noch einen, männlichen Gottes wurde durch eine
kann der Blick nach Ägypten für das Verständ- weitere Linie ergänzt: die Tradition der
nis der judäischen Religion und dessen König- weiblichen Göttlichkeit. Über Jahrtau-
tum aufschlussreich sein. Nach Ps 2,7 wendet sende hinweg war sie im Orient von
sich Gott an den judäischen König mit folgen- Bedeutung, etwa in Gestalt einer kana-
den Worten: „Mein Sohn bist du, heute habe ich anäischen Segensgöttin. Die Aufmerk-
dich gezeugt“ (Ps 2,7). Diese Wendung ist wort- samkeit dafür schärfte dann den Blick
wörtlich in Hieroglyphenschrift an den wieder für die weibliche Dimension auch in den
freigelegten Tempelwänden Ägyptens zu finden biblischen Überlieferungen: Die Göttin Asche-
– zudem wird die Zeugung des Königs dort bild- ra wird rund 40mal erwähnt (z. B. Ri 6,25) und
lich dargestellt (s. Bild links). Diese Übereinstim- König Salomo soll den Kult der Astarte gefördert
mung ist kein Zufall. Die Religion Israels wurde haben (1 Kön 11,5). Während diese weiblichen
von ihrer Umwelt nachhaltig beeinflusst. Die Gottheiten eher kritisch beurteilt werden, tau-
archäologische Forschung der letzten 150 Jahre chen im Gefolge des Gottes Israels weitere,
in der Levante hat entscheidend zum besseren positiv besetzte Größen auf, besonders die
Verständnis der biblischen Welt beigetragen. „Frau Weisheit“ (Spr 1,20 –33; Spr 8 u. ö.),
die göttliche Gefährtin im Hohen Lied,
und sogar die Gegenwart Gottes selbst
Religion aus der Erde wird mit einem weiblichen Begriff um-
Mittlerweile ist klar, dass sich die Auslegung bib- schrieben (schechinah). „I regret to say –
lischer Texte nicht nur auf die literarische Ebene Die göttliche Weiblichkeit spielt in den meisten not clothed“: Die
beschränken kann. Viele Beispiele wurden ent- Epochen eine wesentliche Rolle und wird mitun- weibliche Seite der
deckt, die helfen, die geschriebene Botschaft in ter sogar in das Wesen des alttestamentlichen Segenstheologien in der
ihren geschichtlichen Kontext einzuordnen und Gottes integriert. Diese Einsicht verdankt sich Levante wurde nicht
so besser zu verstehen. nicht zuletzt den alten Texten und Bildern der von allen neuzeitlichen
So wurden im Hinnomtal bei Jerusalem Silber- materiellen Kultur der südlichen Levante und Ausgräbern als salon-
plättchen gefunden, auf denen der Priestersegen ihres Umfelds. fähig erachtet. Judä-
ische Säulenfigurine
von Num 6,24–26 fast wortgetreu wiedergegeben
aus Ton (750–620 vC)
ist. Auf dem in Ägypten entdeckten Papyrus Nash
(200–100 vC) standen die Zehn Gebote und das Der „garstige Graben“ der Geschichte mit Segensattributen:
Das Präsentieren der
berühmte „Höre Israel“ (Dtn 6,4). Die Schriftfun- Ein Blick in die Geschichte von Religionen,
Brüste sowie die feinen
de aus der Judäischen Wüste (vor allem aus Qum- Kulten und Gottheiten muss sich der Vorstel-
Gesichtszüge sind als
ran) sind für die Textauslegung heute unverzicht- lungswelt der vergangen Epochen zuwenden. Zeichen der lebensför-
bar. Text und archäologischer (Be-)Fund rücken Die durch den Assyriologen Benno Landsberger derlichen göttlichen
erstaunlich nah zusammen. Dabei wird deutlich, diskutierte „Eigenbegrifflichkeit“ einzelner Kul- Kräfte zu verstehen.
dass die biblischen Schriften eine Interpretation turen spielt hier eine wesentliche Rolle. Lands-
der antiken Geschichte und Religion sind. berger stellte die Frage, wie weit es überhaupt
möglich ist, eine alte, fremde Kultur ohne die
Stütze einer fortdauernden lebendigen Tradition
Weibliche Gottheiten zu verstehen. Er lehnt es ab, einfach nach Analo-
Es existieren einige Indizien, dass frühe Aus- gien in heutigen oder scheinbar nahe stehenden
gräber Palästinas die eine oder andere nackte Kulturen zu suchen. Das betrifft auch die Welt
weibliche Figurine nach erster Sichtung gerne der Bibel: Die neuzeitlich motivierte Frage nach
wieder im Boden vergraben hätten. Sie wollten der einen Wahrheit kann mitunter zu falschen
nicht wahrhaben, was sie da gefunden hatten. Schlüssen führen. Im Alten Testament gibt es
Denn ursprünglich bestand das Interesse in der eben nicht eine Theologie oder ein Gottesbild.
Biblischen Archäologie darin, das alttestamentli- Die Überlieferungen stammen aus ganz unter-
che Religionsbild zu beweisen. Aber die Befunde schiedlichen Zeiten und Räumen. Und auch die
zwangen zu einer Öffnung des Horizontes. Die Reduktion auf eine geschlossene Vorstellungs-
Vielfalt der Gottesvorstellungen, breit belegte welt wird dem Sachverhalt nicht gerecht. Mehr-

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welt und umwelt der bibel 1/2015 81
heitlich akzeptiert ist die Vorgehensweise, die Vorstellungswel-
ten als Symbolsysteme zu verstehen. Der Kulturphilosoph Ernst
Cassirer (1874–1945) sagt über den Menschen:
„Er lebt nicht mehr in einem bloß physikalischen, sondern in
einem symbolischen Universum. Sprache, Mythos, Kunst und
Religion sind Bestandteile dieses Universums.“
Einen Ausschnitt des religiösen Symbolsystems Israels bietet
Silberlamellen der biblische Text des Alten Testaments. Ein religiöses Symbol-
aus dem Hinnomtal system besteht aber gerade nicht nur aus Texten, sondern auch
bei Jerusalem, auf aus nichtschriftlichen Kulturäußerungen. Die ikonografischen
denen der berühmte Funde stehen hier an erster Stelle und bilden einen gewichtigen
Aaronitische Segen Anteil neben der archäologisch-baugeschichtlichen Analyse,
(Num 6,24–26) die anhand der (Kult)Räume Einblicke in das Denken und den
eingeritzt ist (Persi- Glauben der Menschen geben kann, die sie geschaffen haben.
sche Zeit). Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: die Tempeltheologie.
Den Tempelkult in Israel adäquat zu beschreiben, heißt,
neben den biblischen Texten (z. B. 1 Kön 6: Der Bau des sa-
lomonischen Tempels) zusätzlich die Ikonografie des Kultes
mit einzubeziehen. Das uns bekannte Motivrepertoire ist in
den letzten Jahrzehnten für Jerusalem durch die Grabungen
von Ronny Reich, Eli Shukron und Eilat Mazar vervollständigt
worden. Außerdem hilft der Vergleich mit ähnlichen Tempel-
bauten, die Eigenart und Funktion des Jerusalemer Heiligtums
zu verstehen. In den Langraumtempeln im Norden, bei denen
erst eine Vorhalle durchschritten werden musste, sah der Kult
anders aus als in Breitraumtempeln, bei denen gleich nach dem
Betreten das Kultbild sichtbar war. Für den Jerusalemer Tempel
sind außerdem die phönizischen Tempeltraditionen erhellend.
Auch der philistäische Bau in Ekron (westlich von Jerusalem)
und der aramäische in Ain Dara (Syrien, bei Aleppo) können
Nacktheit (ohne helfen, das Bedeutungsspektrum des israelitischen Tempels
Tabus) spielte für zu erfassen. Die Tempelgebäude von Ekron verdeutlichen, wie
Gottheiten, aber auch wichtig die Pfeilerarchitektur für eisenzeitliche Tempel war und
für die Verehrenden durch Funde aus Ain Dara wird deutlich, wie man sich die „aus-
eine bedeutsame gefüllten Rahmenfenster“ (E. Blum) in 1 Kön 6,4 vorzustellen
Rolle. (Unterseite hat. Die Archäologie der südlichen Levante bringt inzwischen
eines levantinischen einen profunden Erkenntnisgewinn für das religiöse Symbol-
Stempelsiegels,
system und auch für die umsichtige Einordnung der Schriften
1700–1550 vC).
Israels. Bald wird es möglich sein, eine medienübergreifende
Religionsgeschichte zu schreiben, die dem Text, den Bildern
und der Archäologie Rechnung trägt.

Der Ein-Gott-Glaube
Ein weiterer Bereich, in dem Archäologie und historische Ver-
Der Gott Ptah, gleiche helfen, die Bibel zu verstehen, ist der Ein-Gott-Glaube.
der Schöpfer mit Die Begriffe Mono- und Polytheismus sind aufgrund der damit
Herz und Zunge, zusammenhängenden Debatten vorbelastet. Dabei geht leicht
der alle anderen der Blick dafür verloren, dass sich Religionen nicht einfach
Götter in sich auf- in eine der beiden „Schubladen“ packen lassen (friedlich –
genommen hat, aggressiv; tolerant – intolerant; inkludierend – exkludierend).
auf einem Stem- Bereits im alten Ägypten gab es Ansätze, die eher am „Einen“
pelsiegel aus als an den „Vielen“ interessiert waren. Die Lehre des Echnaton
Palästina/Israel. von dem einen Sonnengott verneint die anderen Götter. Sogar
die Erinnerung an die vielen Götter Ägyptens versuchte er aus-
zulöschen. Ein eher integratives Beispiel, dass dem biblischen

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Monotheismus viel näher steht, ist das des Schöpfergottes Ptah,
der alles andere hervorbringt. Die archäologische Erforschung
belegt, dass der ägyptische Ptah im biblischen Kernland zumin-
dest ikonographisch belegt war. War darüber hinaus „sein“ in-
tegrativer Monotheismus bekannt?
Im Gott des Alten Testaments (JHWH) spiegeln sich viele Fa-
cetten der wesentlichen Gottesvorstellungen der ersten beiden
vorchristlichen Jahrtausende wider. Die Wettergott-Traditionen
aus Mesopotamien (Adad) und Syrien (Baal), die mit Chaos-
kampf, fruchtbarem Segen und Himmelsphänomen in enger
Verbindung stehen, zeigen sich beim Wolkenreiter: „Du nimmst
dir die Wolken zum Wagen, du fährst einher auf den Flügeln des

Frühe Ausgräber hätten die eine oder


andere nackte weibliche Figurine gern
wieder im Boden vergraben

Sturmes“ (Ps 104,3). Auch der donnernde Bekämpfer der Cha-


oswasser lässt sich in diese Tradition einreihen: „Die Stimme
des Herrn erschallt über den Wassern. Der Gott der Herrlichkeit
donnert, der Herr über gewaltigen Wassern“ (Ps 29,3). Zudem
zeigt sich dieser Gott als materieller Segensspender (Ps 65).
Die Gottesvorstellung und der Tempelkult in Israel sind in
vielen Aspekten mit den Vorstellungen der mediterranen, nah-
östlichen Umwelt verwandt. Gewisse Grundvorstellungen von
Göttlichkeit und göttlicher Wirkweise wurden ähnlich formu-
liert wie in Phönizien, den Aramäerreichen und den Zentren
Ägyptens, Anatoliens und Mesopotamiens.
Aufgrund der Ähnlichkeiten wird aber leicht übersehen, dass
auch Sonderentwicklungen in der Glaubenswelt möglich waren
und nicht jedes Detail mit der jeweiligen Umwelt übereinstim-
men musste. So kann mit dem Alttestamentler Erhard Blum ge-
fragt werden, ob die Beleglage, die vorexilisch „JHWH und sei-
ne Aschera“ bezeugt (z. B. in Gräbern, aber auch auf Krügen in
Kuntillet Adschrud), zwangsläufig einen Polytheismus in Israel
anzeigt. Belege für zwei Gottheiten ergeben noch kein struktu-
riertes Pantheon. Anderseits ist es aber sehr wahrscheinlich,
dass die Massen an Stempelsiegeln und anderen Amuletten aus
Palästina/Israel auf ein grundsätzlich theologisch geweitetes
Feld hinweisen, bei dem der Gott Israels nicht als einziger Ver-
treter der göttlichen Sphäre galt. Die Diskussionen über die re-
ligionsgeschichtliche Zuordnung von Text und materieller Hin-
terlassenschaft werden dank der wachsenden Datengewinnung
im archäologischen Sektor weiter voranschreiten. W

Neue Einsichten zum Jerusalemer Tempelkult:


Siegelamulette und deren Abdrücke zeigen einen
Florian Lippke, Alttestamentler an der
Universität Fribourg, Fach- und Studienleiter leeren(?) Sonnenthron, architektonische Details sowie
für Altes Testament und Biblische Umwelt am Kultgeschehen mit Tanz und anderen Ritualen
Bibel+Orient Museum Fribourg (Schweiz). (von oben nach unten, aus einer Füllschicht des
9./8.Jh. vC).

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welt und umwelt der bibel 1/2015 83
Ausblick

Nach Qumran, Masada


und Herodes ...
... die Zukunft der Archäologie des Heiligen Landes
Die spektakulären Entdeckungen mögen rar geworden sein, doch bieten neue
Techniken ungeahnte Möglichkeiten, archäologische Funde zu analysieren. Gleich-
zeitig wird es immer schwieriger, neue Ergebnisse weltweit zu bündeln und über
Sprachbarrieren hinweg auszuwerten. Viele Aufgaben stellen sich für die Zukunft.
Von Hans-Peter Kuhnen

I
n den fast 150 Jahren seit den ersten, mit Koordinatenangaben und Kartenbeilagen
bergmännischen Grabungsstollen des zurückgreifen, wogegen neue Forschungsergeb-
britischen Pionierleutnants und Bibel- nisse mangels neuer Quellen kaum über Speku-
forschers Charles Warren in Jerusalem hat lationen hinauskommen. Wer archäologische
die Archäologie beiderseits des Jordan die Enge Oberflächenerkundungen (sogenannte Surveys)
akademischer Studierstuben verlassen. Spätes- unternimmt, mag zumindest außerhalb der ur-
tens seit Werner Kellers Bestseller „Und die Bi- banen Ballungsräume Jordaniens und Israels
bel hat doch recht“ von 1955 genießt das Fach durchaus noch unbekannte Ortslagen entde-
internationale Aufmerksamkeit. Studienreisen, cken; mindestens genauso groß ist indes die
Handbücher und Medienproduktionen ermögli- Chance, dass etliche der bei früheren Erkundun-
chen die direkte Begegnung mit Fundorten und gen festgestellten Fundstellen heute überbaut,
Museumssammlungen. erodiert, abgeschoben oder bis zur Unkenntlich-
Wer den wissenschaftlichen Nachwuchs in keit zugemüllt und überwuchert sind.
Biblischer Archäologie ausbildet, muss sich al- Eine dritte Barriere stellen die spezifischen
lerdings fragen, wohin das Fach zukünftig ge- Veröffentlichungsmethoden der Archäologie
dar: So wurden gerade identitätsstiftende Gra-
bungen beispielsweise in Qumran, Masada oder
Jerusalem früher erst öffentlichkeitswirksam
Wer Oberflächenerkundungen unternimmt, durch populärwissenschaftliche Entdeckungs-
mag in Jordanien und Israel durchaus noch reportagen bekannt gegeben, während die wis-
senschaftliche Aufarbeitung auch Jahrzehnte
unbekannte Ortslagen entdecken nach dem Tod der Ausgräber noch andauert.
Weniger spektakuläre Grabungen wanderten
demgegenüber nach einer Kurzmitteilung un-
hen wird. Immerhin zeigt der Blick auf die Neu- ausgewertet ins Depot, obwohl auch sie eine
erscheinungsregale ebenso wie das Stöbern in einmalige und unwiederholbare historische
Wikipedia, dass viele klassische Themen kaum Quelle darstellen.
noch Erkenntnisfortschritt erwarten lassen. Wer Ein letztes Hemmnis ist das Problem der Viel-
biblische Ortsnamen im Gelände lokalisieren sprachigkeit: Ähnlich wie deutsche Studenten
will, kann bereits auf die zweite oder dritte Ge- nur selten Akten und Fachliteratur auf Hebräisch
neration gut recherchierter Quellensammlungen oder Arabisch lesen können, kapitulieren ihre

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Die Vergangenheit: Sensationen wie die Schriftfunde von Qumran wurden
in der Vergangenheit oftmals schnell an die Weltpresse gegeben. Die wissen-
schaftliche Aufarbeitung solcher Funde dauert teilweise bis heute an.

Die Zukunft: Probenentnahme zur archäometrischen Untersuchung am


Institut für Kernchemie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 85
NAch QumrAN, mAsAdA uNd herodes ...

israelischen, jordanischen und englischsprachi- und Tel Aviv bereit, um jenseits der klassischen
gen Kommilitonen vor deutschsprachigen Publi- archäologischen Funde Rückschlüsse über das
kationen, selbst wenn es sich um Klassiker wie Leben in vorindustrieller Zeit zu gewinnen. Es sei
Gustaf Dalmans „Arbeit und Sitte in Palästina“ allerdings nicht verhehlt, dass religiöse Tabus
oder die „Provincia Arabia“ von Ernst Brünnow auf jüdischer und muslimischer Seite systema-
und Alfred von Domaschewski handelt; ganz zu tische Skelettanalysen erschweren oder verhin-
schweigen von lateinischen und griechischen dern.
Quellen, die unabhängig von der Muttersprache
für den Nachwuchs insgesamt „eine harte Nuss“
darstellen. So droht die Archäologie in den Län- Die Herausforderungen der Zukunft
dern der Bibel sprachlich zu verarmen und ihre Inhaltlich gesehen sind es gerade die religiös
Internationalität zu verlieren. begründeten Erwartungen an die Archäolo-
gie als Sinnstifter und Legitimitätsgeber, die
die Archäologen zu Beginn des 3. Jahrtausends
Biblische Archäologie im vor neue Herausforderungen stellen. Nach-
Paradigmenwechsel dem der Archäologe Israel Finkelstein und der
Doch es gibt auch Fortschritte. Für etliche unpu- Wissenschaftshistoriker Neil Asher Silberman
blizierte Großgrabungen sind in den letzten Jahr- 2001 mit ihrem Buch „The Bible Unearthed“ (dt.
zehnten Langzeitprojekte zur wissenschaftlichen „Keine Posaunen vor Jericho“) den biblischen
Veröffentlichung angelaufen; unter anderem für Landnahmebericht zum Mythos erklärt und die
Jerusalem, Petra, Masada, Jaffa, Cäsarea und jahrzehntelang vorherrschende ethnische Inter-
Bet-Schean liegen bereits die ersten Bände vor. pretation „Bronzezeit = Kanaaniter“, „Eisenzeit
Sowohl die Israelische als auch die Jordanische = Israeliten“ in Frage gestellt hatten, geht es in
Antikenbehörde haben leistungsstarke archäo- der Archäologie heute darum, den historischen
logische Datenbanken auf der Basis geografi- Wandel des 3. bis 1. Jahrtausends vC unabhängig
scher Informationssysteme (GIS) entwickelt, die von der deutlich später entstandenen biblischen
zumindest neue Grabungen und Oberflächener- Überlieferung allein anhand der archäologi-
kundungen georeferenziert, also in kartierfähi- schen und inschriftlichen Quellen darzustellen
ger Form, darstellen und zunehmend auch ältere und im Vergleich mit den zeitgleichen Hochkul-
lokalisierbare Forschungsergebnisse einbezie- turen Ägyptens und des Alten Orients neue so-
hen. Denkmäleraufnahmen im Gelände lassen ziokulturelle Erklärungsmuster zu finden. Ähn-
sich dank satellitengestützter Ortungsverfahren liche Aufgaben stellen sich der Archäologie beim
(GPS) punktgenau lokalisieren und vermessen. Übergang von der Perserzeit zum Hellenismus im
4. Jh. vC, als das Heilige Land mit der Eroberung
durch Alexander d. Gr. in den Strudel der Weltge-
schichte geriet, ohne dass sich an der materiellen
Religiöse Tabus auf jüdischer und Kultur seiner Bewohner viel änderte. Ebenso we-
nig wie diesen Übergang beleuchtet die Archäo-
muslimischer Seite erschweren oder logie einstweilen noch das Innenleben der rund
verhindern Skelettanalysen drei Dutzend Städte mit griechischer Polis-Ver-
fassung beiderseits des Jordan. Zwar werfen ein-
zelne Textpassagen literarischer Quellen, Münz-
prägung und archäologische Denkmäler Licht
Das 1989 novellierte israelische Denkmal- auf Teilbereiche des antiken Stadtlebens, doch
schutzgesetz, die folgende Reorganisation der fehlen moderne Untersuchungen zu den wirt-
Israel Antiquities Authority und eine analoge schaftlichen Grundlagen der Poleis, die nicht erst
Selbstverständnisdiskussion des Department of mit Alexander d. Gr. anfingen und nicht schon
Antiquities of Jordan haben zu einer Straffung mit Herodes oder den ersten römischen Statthal-
der Denkmalschutzbehörden beider Staaten und tern endeten. Welche Entwicklung ging dem Bau
zu einer Effizienzsteigerung der archäologischen städtischer Repräsentationsbauten voraus?
Denkmalpflege geführt. Eine breite Palette natur- Weitere Fragen sind: Wie funktionierte das
wissenschaftlicher Analyseverfahren halten geo- Wirtschaftsleben der Stadt im Austausch mit
wissenschaftliche und biologische Fachlabors dem eigenen Territorium und dem der Nachbar-
des Weizmann Instituts Rehovot und der Archäo- städte? Wie lief die Hellenisierung der Bewohner
logischen Institute der Universitäten von Haifa ab, und wie sah die neue Gesellschaft aus?

86 welt und umwelt der bibel 1/2015


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NAch QumrAN, mAsAdA uNd herodes ...

Besser als Perserzeit und Hellenismus ist die suchung von Fundstücken mithilfe unterschied-
römisch-byzantinische Zeit erforscht, was nicht lichster Methoden. Durch Isotopenanalysen an
zuletzt dem gelehrten Interesse an Herodes und Skeletten lässt sich herausfinden, wo diejenigen
den Zeiten von Neuem Testament und Talmud zu herkamen, die das Land bewirtschafteten. Mik-
verdanken ist. Forschungsdefizite liegen in der romorphologische Bodenanalysen ermöglichen
Gräberarchäologie. Hier gilt es, herauszufinden, es in Verbindung mit oberflächenstimulierten
welche demografischen Veränderungen auf den Lumineszenzdatierungen (physikalische Alters-
Friedhöfen zu fassen sind. Speziell der Übergang bestimmung aufgrund eines mit dem Probenal-
von byzantinischer zu frühislamischer Zeit wird
im Bestattungswesen und damit in der Demo-
grafie noch nicht richtig sichtbar. Alles spricht
momentan dafür, dass sich der frühe islamische Welche Rolle spielte der Anbau von
Bestattungsritus vom Negev und den Rändern
der arabischen Wüste aus nach Westen und Nor-
Zuckerrohr seit frühislamischer Zeit? Und der
den in das Kulturland ausbreitete, doch bedarf Raubbau am Land durch die Kreuzritter?
es dringend weiterer Grabungsbefunde. Auch
außerhalb der Friedhöfe zieht die Islamisierung
des Heiligen Landes etliche Fragen auf sich. Wie
breitete sich der neue Glaube in Stadt und Land ter anwachsenden Strahlenschadens), Prozesse
aus? Was wurde aus christlichen und jüdischen historischer Bodenerosion zu erkennen. Beglei-
Gemeinden unter muslimischer Herrschaft? tende pollenanalytische Bohrkernuntersuchun-
Brachte der Islam Innovationen in der Landwirt- gen zeigen Veränderungen von Vegetation und
schaft? Klima. Verfahren wie Röntgenfluoreszenz- und
Generell liegt für die Archäologie im Heiligen Neutronenaktivierungsanalysen erhellen die
Land der größte Nachholbedarf in den nach- stoffliche Zusammensetzung archäologischer
antiken Epochen. Nicht nur die Ausbreitung des Funde und deren Herkunft. Für die archäome-
Islam, der Rückgang christlicher und jüdischer trische Analytik bedarf es geeigneten Untersu-
Besiedlung und das Nebeneinander der ver- chungsmaterials, was sowohl durch neue wis-
schiedenen Glaubensgemeinschaften fordern senschaftliche Ausgrabungen als auch durch die
den Einsatz archäologischer Methoden, um die Aufarbeitung von Altgrabungen aus den Depots
materiellen und geistigen Lebensgrundlagen der der Denkmalpflege und archäologischer Institute
zwölf Jahrhunderte zwischen Umajjaden und gewonnen werden kann.
Osmanen zu erkunden und die aus literarischen Mit der verstärkten Hinwendung zu den nach-
Quellen gewonnenen Urteile zu überprüfen. Wie antiken Epochen wird die Archäologie dem Heili-
ernährten sich die Menschen? Unter welchen gen Land ein Stück Geschichte zurückgeben, das
Krankheiten litten sie, wie bewirtschafteten sie lange Zeit durch die Fixierung auf die Zeiten des
das Land? Und warum erlebte das Heilige Land Alten und des Neuen Testaments ausgeblendet
in diesen Jahrhunderten einen wirtschaftlichen war. Unabhängig von der oft lückenhaften, ten-
Niedergang, der von der blühenden Landwirt- denziösen oder ungenauen schriftlichen Überlie-
schaft byzantinischer Zeit zu dem malariaver- ferung allen Geschichtsräumen zu ihrem Recht
seuchten Entwicklungsland führte, das die zu verhelfen, ist Herausforderung und Chance
britische Mandatsverwaltung und zionistische zugleich, gerade in einer Zeit, in der verschiede-
Siedler 1917 von den Osmanen übernahmen und ne ethnische und religiöse Lager des Nahen Os-
mühsam rekultivierten? Welche Rolle spielte tens historische Legitimität jeweils nur für sich
dabei der Anbau von Zuckerrohr seit frühislami- allein beanspruchen. W
scher Zeit? Und der Raubbau am Land durch die
Kreuzritter? Oder war es, wie gerade heute immer
wieder vermutet wird, ein kosmisch bedingter Prof. Dr. Hans-Peter Kuhnen Lesetipp
Klimawandel, der Wälder und Felder verheerte ist Archäologe mit dem Schwer- • Hans-Peter Kuhnen
und die Wüste in das Kulturland vordringen ließ? punkt auf Römischer Geschich- und Wolfgang Zwickel,
te und Archäologie Israels.
Archäologie im Heiligen
Seit 1999 ist er korrespondie-
rendes Mitglied des Deutschen
Land. 60 Jahre Grün-
Die Chancen der Archäometrie dung des modernen
Archäologischen Instituts
Eine zentrale Aufgabe wird in Zukunft der Ar- Staates Israel (Kamen
chäometrie zukommen. Gemeint ist die Unter- 2009)

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welt und umwelt der bibel 1/2015 87
Gemeinsam auf dem Weg

SäulEn FüR DIE FoRSCHunG DES DEuTSCHEn EVAnGElISCHEn InSTITuTS

Der Förderverein Der Freundeskreis


Der Förderverein für das Deutsche Evangelische Insti- Der Verein der Freunde und Förderer des Biblisch-
tut (DEI) arbeitet schwerpunktmäßig auf zwei Ebenen: Archäologischen Instituts der Kirchlichen Hochschule
Er plant mit dem Deutschen Evangelischen Institut Wuppertal e.V. wurde 1999 mit dem Ziel gegründet,
gemeinsame Aufgaben und Projekte, für die er Spen- die Forschungen des Biblisch-Archäologischen Insti
den- und Fördergelder einwirbt. Dazu ist es notwen- tuts – insbesondere auf dem Tall Zira-꜂a – zu unterstüt-
dig, die Arbeit des Instituts in die unterschiedlichen zen. Er ist gemeinnützig tätig und gewährt dem Institut
gesellschaftlichen Bereiche v. a. auch in Deutschland sowohl materielle als auch ideelle Hilfe.
zu kommunizieren. Das Deutsche Evangelische Institut
zeichnet sich gegenüber anderen national bedeutsa-
men Forschungseinrichtungen durch verschiedene Be-
sonderheiten aus: Es ist eine integrierte Forschungs-,
Bildungs- und Kultureinrichtung. Auch wenn der
Schwerpunkt eindeutig auf der Forschung liegt, so hat
es als kirchliche Einrichtung und als Auslandsinstitut,
das in einer historisch-kulturell einmaligen und äu-
ßerst spannungsreichen Region tätig ist, den Auftrag,
in allen genannten Bereichen seinen Vermittlungsauf-
trag wahrzunehmen und dabei ganz unterschiedliche
Zielgruppen anzusprechen. Diesen Zielgruppen ermög-
licht es durch praktische Teilhabe an Exkursionen,
Grabungen, Projekten ein vertieftes Verständnis der
Geschichte der Religionen und Kulturen im Heiligen
Land. Die dazu notwendigen Kommunikationsprozesse
will der Verein durch gemeinsame Aktivitäten vor allem
auch in Deutschland unterstützen. Freunde zu Besuch auf dem Tall Zira-꜂a.

Volontäre bei den Ausgrabungen auf dem Tall Zira-꜂a. Das Grabungshaus umm Qais wird Schritt für
Schritt mit Spendenmitteln saniert

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Büchertipps

Archäologie der biblischen Welt


Diese Einführung in die Archäologie vermittelt in 12 Kapiteln grundlegende Informationen über Entdeckungen in Israel,
Palästina und Jordanien sowie über die Methoden der archäologischen Forschung. Anhand der Funde werden auch Lebens-
bedingungen in biblischer Zeit erschlossen. Zahlreiche Grafiken, Landkarten, Übersichten und eine beigelegte Foto-DVD
machen dieses Werk zu einem Grundlagenwerk für alle, die an der Geschichte Israels/Palästinas, an der Antike oder über-
haupt an der Archäologie Interesse haben.
Dieter Vieweger, Archäologie der biblischen Welt, Gütersloher Verlagshaus 2012, ISBN 3-579-08131-4, 496 S.,
39,99 EUR.

Das vergessene Königreich


Für die Bibel waren die Könige von Israel treulose Sünder – im Gegensatz zu den Königen von Juda. Das hat dazu geführt,
dass man vom Königreich Israel über die biblische Sicht hinaus wenig weiß. Israel Finkelstein rekonstruiert auf der Grundlage
von jahrzehntelangen Ausgrabungen dessen wahre Geschichte. Dabei zeigt sich das überraschende Bild eines altorientali-
schen Reiches, das viel weiter entwickelt war als das südlich angrenzende Königreich Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem.
Israel Finkelstein, Das vergessene Königreich, Israel und die verborgenen Ursprünge der Bibel, C. H. Beck 2014,
ISBN 3-406-66960-3, 234 S., 22,95 EUR.

Bible Lands Museum Jerusalem


Das Bible Lands Museum Jerusalem in Israel beherbergt eine der wichtigsten Sammlungen altorientalischer Denkmäler
und Funde, die die Zivilisationen des Alten Orients in biblischer Zeit dokumentieren. Die Sammlung veranschaulicht alle
Kulturen jener Völker, die in der Bibel erwähnt werden: Geografisch sind es die Länder von Ägypten weit hinaus über
den sogenannten fruchtbaren Halbmond bis hin nach Afghanistan; aber auch südlich, von Nubien nordwärts bis hin zu
den Bergen des Kaukasus.
Max Kunze, Bible Lands Museum Jerusalem, Führer durch die Sammlungen, Verlag Franz Philipp Rutzen 2014,
ISBN 978-3-447-10172-1, 148 S., 22.- EUR.

Bauern, Fischer und Propheten


Der Neutestamentler und Archäologe Zangenberg vermittelt ein Bild Galiläas und der Umwelt Jesu, das auf aktuellen
Forschungsergebnissen beruht und althergebrachte Stereotypen ablöst. Spannende Kapitel zu verschiedenen Lebensbe-
reichen geben einen Einblick in den Alltag der Galiläer. Reichhaltiges Bildmaterial erweckt die archaische Landschaft und
die zahlreichen Kulturdenkmäler vor den Augen des Lesers wieder zum Leben. Es fällt auch neues Licht auf den Kontext des
Wirkens Jesu und seiner Anhänger.
Jürgen Zangenberg, Bauern, Fischer und Propheten. Galiäa zur Zeit Jesu, Philipp von Zabern 2012, ISBN 3-8053-4543-7,
144. S., 29,99 EUR.

Bildrechte
akg 14, 17 unten, 19 unten, 20 oben, Dr. Wilfried Lagler/Universitätsbibliothek Tübingen 95
Hinweis APAAME_20111002_MND-1208 69 rechts unten A. Maciejewski 97 unten
BAI Wuppertal, Ernst Brückelmann 11, 23, 25, 29, 37 unten, 38, Daniel Mayer 106
Publikationen aus dem 39, 41 (kleine Grafik), 45, 55 Metmuseum.org 4 oben
Katholischen Bibelwerk e.V. Bibelhaus Erlebnismuseum 75 Katja Soennecken, 19 oben
Sammlung BIBEL+ORIENT 80, 82, 83,108 MdB 3 oben, 43
können Sie bestellen unter Bibelwerk Linz 31 MiddleeastImages.com 92, 93, 94
Tel. 0711-6 19 20 50 Cambridge University Library 105, 106 li Museo Archeologico Nazionale, Neapel 109 oben National
K. Chmielewski 97 mitte Geographic Creative 21
Fax 0711-6 19 20 77 Corbis 36 Photos8.org 104
DAI Orientabteilung 4 unten Marcell Serr 40, 41, 64 oben
bibelinfo@bibelwerk.de DEI, 17 oben, 42, 63, 65 Cornelia Panneck, Holger Siegel (Archimetrix) 62
www.bibelwerk.de DEI/BAI 24, 28, 52, 69 unten Mitte Ali Jarekji / Reuters Titelbild
DHA Photo 3 unten Augusta Raurica, Foto: U. Schild 109 unten
Diarna.org 93 Prof. Dr. Martin Rösel 107
Forschungsstelle Asia Minor 2 Andrea Schwermer (oben u. rechts)
fotolia/Rafael Ben-Ari 48 Tsvika Tsuk, Israel Nature and Parks Authority 50
Hinweis Fraunhofer IGD 90 91 R. Tusznio 97 oben
Katharina Galor 57 Città del Vaticano, Musei Vaticani 98
Alle lieferbaren Bücher Gesichter des Orients – 10000 Jahre Kunst und Kultur aus Jorda- Dieter Vieweger 33, 56, 72, 73, 74
können Sie bestellen bei nien, Bonn/Berlin 2004, S. 33) 66, 69 links unten Shutterstock 61
Yessayi Garabedian 64 unten Ute Wagner Lux 71
bibelwerk impuls M. Gładki and K. Czajkowski 96 Wikimedia, Jaisalmer, Indien 2014 (links unten)
Tel. 0711-6 19 20 37 Martin Goldammer 69 oben Wikimedia, Christofer Rollston 78
holylandpictures.org, Carl Rasmussen 22, 52 Wikimedia, Wolfgang Sauber 8
Fax 0711-6 19 20 30 IAA 5 Wikimedia, Hanay 27 oben
Israel Museum 81 Wikipedia, Paradiso 77
impuls@bibelwerk.de Matthias Junken 68 (rechts oben) Wikimedia, Wikikati 76
www.bibelwerk.de WKehmeier 109 Mitte Wikimedia, Yair-haklai 33 links (David)
Frauke Kenkel 68 (links oben, rechts unten) Wikimedia 37 oben, 59, 60
Johannes Kenkel 68 (links unten) WuB 27 unten

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welt und umwelt der bibel 1/2015 89
aus der welt der bibel

90 welt und umwelt der bibel 1/2015 200219134248CB-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
InHaLt

92
Panorama
Das Heiligtum an der Frontlinie
Byzantinischer Meister im Libanon
Forschungen zum Papsttum

100
die bibel in berühmten Gemälden
Die Hochzeit zu Kana von Paolo Veronese

104
die großen entdeckungen
Die Geniza von Kairo

107
ihre Frage an die experten
Warum ersetzt man den Gottesnamen
mit „Herr“?

108
ausstellungen und Veranstaltungen

Kulturerbe

Gescannt
N ofretete war als eine der Ersten dabei: Testlauf der 3D-Scanstraße
„Cultlab3D“ in Berliner Museen im November 2014. Mit der neuen
Technik, entwickelt vom Fraunhofer IGD, lassen sich Sammlungsobjek-
te in nur wenigen Minuten dreidimensional erfassen und aus den Daten
authentische digitale Modelle erzeugen. Das kann der Wissenschaft die-
nen oder sogar Leihgaben für Ausstellungen überflüssig machen. Vor
allem aber: Nach den verheerenden Plünderungen der irakischen und
syrischen Museen bietet die 3D-Digitalisierung vielleicht eine Möglich-
keit, in der Zukunft manches Werk für die Menschheit dreidimensional
zu bewahren, bevor es dem Wahn von Extremisten zum Opfer fällt. W
(SPK/WUB)

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welt und umwelt der bibel 1/2015 91
PanoraMa

ReliGiöse mindeRheiten im noRdiRak

Das Heiligtum an
der Frontlinie
in der nordirakischen stadt alqosch steht eine synagoge, in der das
Grab des Propheten nahum verehrt wird. die christliche Gemeinde
betreut das heiligtum seit den 1950er-Jahren. hat es eine Zukunft?

D ie Lage der Christen, Jesiden und


Schiiten in der Ebene von Ninive
ist verzweifelt. Dörfer, die einst von Tau-
Gebiets. Auch in Alqosch sind Bewohner
im August 2014 panisch geflüchtet, als
IS-Kämpfer bis auf wenige Kilometer an
senden von Familien bewohnt waren, die Stadt heranrückten. Peschmergami-
wurden im August 2014 angesichts der lizen konnten den IS teilweise zurück-
anrückenden Kämpfer des „Islamischen drängen, und derzeit scheint die Front
Staats“ (IS) innerhalb von Stunden ver- eingefroren. So sind die verbliebenen
lassen, so etwa die mehrheitlich christ- Christen relativ sicher, aber gleichzeitig
lich bewohnten Städte Karakosch, Teles- verzweifelt und hoffnungslos angesichts
kuf und Bartella nahe Mossul. Mossul des Elends der christlichen Flüchtlinge
selbst mit seiner 1900 Jahre alten christli- aus den Nachbardörfern und der eigenen
chen Tradition ist praktisch christenfrei. Perspektivlosigkeit. Viele Dörfer in der
150.000 Christen flüchteten aus Mossul Ebene von Ninive sind vom IS vermint
und Umgebung nach Erbil, darunter der hinterlassen worden und auf Jahre hin
Erzbischof der chaldäischen Kirche. Die unbewohnbar.
Region beherbergt viele jahrhunderteal- Seit Jahrhunderten wird in Alqosch ARMÉNIE AZERBAÏDJAN
te Klöster, die meisten sind mittlerweile das Grab des biblischen Propheten Na-
ebenfalls verlassen – etwa Mar Behnam hum verehrt, was die kleine Stadt zu Érevan
oder das Raban Hormuzd-Kloster. einem wichtigen Wallfahrtsort werden
Zur Strategie des IS gehört es, ab- ließ. Das alttestamentliche prophetische
sichtlich auch das kulturelle Erbe und Buch Nahum trägt die Überschrift „Aus-
sakrale Gebäude der nicht sunnitischen spruch über Ninive. Buch der Visionen
religiösen Gruppierungen zu zerstören, Nahums aus Elkosch“. Wenn auch un-
wie die gesprengte schiitische Moschee bekannt ist, wo das biblische „Elkosch“
von Mossul zeigt: Das bis auf die Grund- liegt, entwickelte sich die Tradition des
TÜRKEI
Duhok
Alqosch
mauern zusammengestürzte schiitische Nahum-Grabes jedenfalls hier, nahe den Teleskuf
Bartella
ErbilIRAN
Heiligtum Nebi Younis hatte das tradi- Ruinen von Ninive (der antike Palasthü- Mossul
tionelle Grab des biblischen Propheten gel liegt im Stadtzentrum von Mossul). (Ninive)
Jona beherbergt. Die Prophetenschrift Nahum erzählt
40 Kilometer nördlich von Mossul be- über die Grausamkeit der Assyrer im 7.
Kirkuk
findet sich in der kleinen christlichen Jh. vC und prophezeit in starken Worten,
IRAK Tikrit
Stadt Alqosch ein weiteres wichtiges dass ihre Hauptstadt Ninive zerstört wer-
Denkmal, hier allerdings in einer Syna- de – als Strafe dafür, dass sie den Gott
goge: Das Grab des biblischen Prophe- Israels nicht erkannten. Nahum war
ten Nahum. Alqosch liegt nur wenige später möglicherweise eine besonders
Bagdad
Kilometer nordöstlich der Frontlinie, anziehende Prophetengestalt für die Di-
auf der Seite des autonomen kurdischen asporajuden in dieser Region.
Suse

AKKAD SUMER
92 welt und umwelt der bibel 1/2015
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Uruk ÉLA
Ur
Gefährdetes kulturgut:
die jüdisch-kurdische synagoge mit
dem grün bedeckten Kenotaph des
Propheten Nahum. der kurdische
Ort alqosch liegt nur wenige Kilo-
meter vom is-kontrollierten Gebiet
entfernt. das Grab des Nahum ist
ein heiliger Ort für Juden, Christen
und Muslime.
www.diarna.org

Jüdische Wallfahrer bei den


schawuotfeierlichkeiten in alqosch
in den 1940er-Jahren.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 93
BIBLIscHe arcHäoLoGIe aKtueLL

Quellen war dies ein fröhlicher Anlass: Koexistenz der Kulturen und ihres je ei-
Tausende von kurdischen Juden aus der genen religiösen Erbes für Jahrhunderte
Umgegend von Mossul lagerten, sangen, möglich war. Die Traditionen der vielen
und beteten in Alqosch. Höhepunkt war religiösen Gruppierungen in Syrien und
eine Inszenierung der Gabe der Zehn Ge- im Irak so radikal auszulöschen, wie es
bote auf einem nahe gelegenen Berg, der der IS plant, bedeutet eine katastrophale
„Sinai“ genannt wurde. Beim Abstieg kulturelle Verarmung der nachfolgenden
wurde ein Schwerterkampf aufgeführt Generationen. Die jüdisch-christlich-
– symbolisch für den apokalyptischen muslimische Vergangenheit bildet in ih-
Endkampf der mythischen Völker Gog rer Vollständigkeit das kulturelle Funda-
und Magog, der dem Kommen des Mes- ment der Bevölkerung. Im Westen wenig
sias vorangehen soll; eine Legende, die im Bewusstsein ist, dass die autonome
auch im Christentum und Islam lebendig Region Kurdistan eine reiche Tradition
ist. Am Abend wurde am Prophetengrab verschiedener Religionsgemeinschaf-
ten hat, die hier jahrhundertelang ihren
Glauben praktizierten, darunter viele
Christen. „Auch die Muslime brauchen
So ruht der Kenotaph ihre historischen Bezugspunkte“, wird
mitten im Hexenkessel der syrische, chaldäische Bischof Anto-
ine Odo auf chaldean.org zitiert, dessen
der Ereignisse familiäre Wurzeln in Alqosch liegen.
Auch in Europa gibt es Menschen,
die die Synagoge Nebi Nahum und ihre
symbolische Bedeutung für die Zukunft
aus der Nahumrolle vorgelesen und ein retten wollen. In der französischen Stadt
siebenfacher Umgangsritus vollzogen. Sarcelles nördlich von Paris ist 2014 die
Erfüllt vom Segen Nahums trennte man Idee entstanden, die Synagoge von Al-
sich wieder. qosch zu sanieren. In Sarcelles ist so-
1948 sollen noch 30.000 Juden in den wohl eine starke jüdische wie auch eine
kurdischen Gebieten gelebt haben. Zwi- große chaldäische Gemeinde ansässig.
schen 1948 und 1951 haben die meisten In Fluchtwellen seit den 1970er-Jahren
irakischen Juden das Land verlassen, konnten chaldäische Flüchtlinge hier
als Plünderungen, Unruhen, Diskrimi- Fuß fassen, sodass die Stadt zu einem
nierungen, Pogrome oder Standgerichte chaldäischen Diasporazentrum gewor-
durch das irakische Regime drohten. Die den ist. Durch die jüngsten Kriegswirren
letzten flohen mit der Luftbrücke „Opera- treffen laufend weitere Christen auf der
tion Esra und Nehemia“ 1951. Auch Nebi Flucht aus der Region Mossul ein. Deren
Über dem Portal ist noch eine Nahum wurde nun aufgegeben, nach- Familien sind mit den verbliebenen Ver-
hebräische inschrift zu lesen. sollte
dem die Familie des letzten jüdischen wandten im Nordirak in Kontakt. Antoni
alqosch in die Hand des is fallen,
Wächters Moshe al-Qoshi flüchtete. Er Yalap, Stadtrat und selbst chaldäischer
würde Nebi Nahum vermutlich unver-
drückte die Schlüssel der Synagoge dem Christ, hat das Projekt, Nebi Nahum zu
züglich zerstört.
ansässigen Christen Sami Jajouhana in retten, hier mit großem Elan angestoßen.
die Hand mit der Bitte, Nahums Grab zu „Wir wollen ein jüdisches Gotteshaus in
pflegen. So steht Nebi Nahum heute un- der Obhut einer christlichen assyrisch-
Spätestens seit dem 10. Jh. nC war ter der Betreuung der christlichen chal- chaldäischen Gemeinde in einem musli-
das jüdische Heiligtum Nebi Nahum ein däischen Gemeinde. Ein Schutzdach mischen Land betreuen“, so Yalap in ei-
wichtiger Wallfahrtsort für Juden der wurde zwar vor einigen Jahren über der nem Radiointerview mit France Culture.
umliegenden Länder. Doch wurde die Kuppel und dem bereits eingebroche- Der Bau soll mit geschätzten 150.000
Stätte mit dem Kenotaph des Propheten nen nördlichen Teil errichtet, doch ist Euro vollständig repariert und dann der
ebenso von Muslimen besucht: Auch im das Gebäude weiterhin massiv einsturz- Stadt Alqosch übergeben werden. Dass
Islam ist Nahum ein verehrter Prophet gefährdet. In diesem Zustand ruht der die Region aber zur nötigen Stabilität für
Gottes. Kenotaph mitten im Hexenkessel der ge- ein solch idealistisches Projekt findet,
Die mehrtägige Wallfahrt jüdischer genwärtigen Ereignisse. erscheint derzeit schwer vorstellbar. Es
Pilger zum jährlichen Schawuotfest fand Die Synagoge ist ein starkes Symbol: wäre ein Zeichen der Hoffnung. W
1951 zum letzten Mal statt. Nach den Sie zeigt, dass hier in der Region die (Helga Kaiser)

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BIBLIscHe arcHäoLoGIe aKtueLL

ausGRabunGen in isRael koRanhandschRift

Volontäre für 20 Jahre nach muhammads tod


2015 gesucht verfasst?
JerusaleM Das israelische Außen- tübiNGeN Ein Koranfragment aus der ältesten Schriftformen des Arabi-
ministerium hat veröffentlicht, an dem Bestand der Universitätsbib- schen, wobei ihre Abmessungen im
welchen Ausgrabungsstätten 2015 wei- liothek Tübingen ist überraschend Vergleich zu anderen frühen Hand-
tergearbeitet wird (Stand bei Redakti- auf das 7. Jh. nC datiert worden, die schriften recht klein ausfallen. Die
onsschluss): Frühzeit des Islam. Experten von Datierung auf das 7. Jh. überrasch-
• En Gedi der ETH Zürich untersuchten drei te die Experten deshalb. Bisher war
• Central Timna Valley Proben des Pergaments der Hand- man von einer Entstehungszeit etwa
• Chirbet el-Maqatir schrift mithilfe der Radiocarbonme- im 8. oder 9. Jh. ausgegangen. W (Uni-
• Gezer (Wassersystem) thode. Sie kamen zu dem Schluss, versität Tübingen)
• Schichin/Asochis dass dieses mit einer statistischen
• Betsaida Wahrscheinlichkeit von 95,4 Prozent
• Jesreel aus den Jahren 649–675 nC stammt.
• Aschkelon Es wurde somit nur etwa 20 bis 40
• Tel Burna Jahre nach dem Tod des islamischen
• Tel Gezer Propheten und Religionsstifters Mu-
• Tel Hazor hammad hergestellt. Die Datierung
• Tel Kabri solch früher Koranhandschriften ist
• Tell es-Safi/Gat weltweit eine Rarität.
• Tel Azekah Das Tübinger Projekt Coranica be-
• Hippos – Sussita schäftigt sich damit, den Koran neu
• Aschdod-Yam. vor seinem historischen Hintergrund
Man kann als Volontär/in teilneh- zu verstehen: Es zeichnet die Text-
men, Kosten und Bedingungen sind geschichte des Korans unter ande-
zusammen mit Informationen zu den rem durch die Untersuchung von
Stätten zu finden auf: mfa.gov.il, Such- „materiellen Zeugnissen“ wie Hand-
begriff: Excavations 2015. schriften nach. Die Pergamente sind mit dem seziermesser entnimmt
WUB wird nach der Saison wieder in einer sehr frühen Schriftvariante ein experte der Koranhandschrift eine
über die wichtigen Funde berichten! W kufischer Schrift beschrieben, einer Probe für die datierung.

skaRabäus des PhaRaos scheschonk

kleiner fund, große bedeutung


FayNaN. In der südjordanischen Region Faynan ver- nach dem archäologischen und Quellen-Befund
suchen Archäologen, die antike Kupferproduktion nördlich an Jerusalem vorbei bis nach Megiddo. Es
zu datieren. Dabei hob ein Student im Vorbeigehen ist eine der offenen Fragen, ob dieser Feldzug eine
ein kleines Objekt von der Erde auf: einen Skarabä- Bedeutung für die Zeit hatte, in der die Monarchie
us mit dem Thronnamen des Pharao Scheschonk I. des frühen Israel zerbrach.
Bislang waren keine Skarabäen dieses Pharaos aus Die Datierung der Kupferbergwerkstätten in der
Palästina bekannt, nur eine Stele aus Megiddo er- Araba, die vom 12.–8./7. Jh. vC in Gebrauch waren,
wähnt seinen Namen. Nach alttestamentlicher Dar- gehört in den Kontext der Kontroverse um die le-
der stellung soll Schischak, wie er dort genannt wird, gendären Kupferminen des Salomo, für die es keine
skarabäus fünf Jahre nach dem Tod Salomos einen Feldzug Belege gibt. Es liegt nahe, dass die Minen von Fay-
in Originalgröße: gegen Jerusalem geführt haben. Der Feldzug wird nan einer lokalen Bevölkerungsgruppe zuzuordnen
17 mm lang. auch in ägyptischen Quellen genannt, führte aber sind. W (University of San Diego/WUB)

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welt und umwelt der bibel 1/2015 95
PanoraMa

chRistliche kunst

Der Meister
von Kaftoun
die Restaurierung einer mittelalterlichen kirche im nordlibanon
offenbarte das berührende Werk eines künstlers, der die techniken der
byzantinischen tradition außergewöhnlich gut tradition beherrschte.

I n der Epoche der Kreuzzüge, im 12. und vor al-


lem im 13. Jh., war das bergige Hinterland im
Norden des Libanon, das damals zur Grafschaft
hannes dem Täufer, die für das Heil der Men-
schen bitten.
Im Mittelschiff erschien eine Szene, in der die
Tripolis gehörte, von vielen kleinen Dorfkirchen Apostel die Kommunion von Christus empfan-
übersät. Ihre Innenräume schmückten farbige gen. Im Jahre 2005 dann entdeckten die Restau-
Fresken. Um den Erhalt dieses vielerorts vom ratoren weitere Heiligendarstellungen in den Bo-
Zerfall bedrohten Kulturerbes bemühen sich in- gengängen. Darunter auch eine von Sergios und
zwischen verschiedene Gruppierungen. In Kafto- Bakchos, zwei ab dem 4. Jh. als Märtyrer verehrte
un, einem im Wadi al Jawz („Tal der Nüsse“) ver- römische Soldaten. Die beiden stehen aufrecht in 1
steckten griechisch-orthodoxen Dorf oberhalb den Leibungen der Bögen gegenüber dem Haupt-
der Küstenstadt Batroun, hat die Restaurierung eingang – vermutlich war der Kirchenbau ihnen
einer solchen mittelalterlichen Kirche nicht nur geweiht.
dazu geführt, dass das Gotteshaus wieder einge- Die Funde sind nur kleine Überreste der ur-
weiht werden konnte. Es wurde auch ein verges- sprünglichen Ausschmückung, dennoch sehen
senes Kapitel der orientalischen Kunst des Mittel- Mat Immerzeel von der Universität Leiden und
alters neu aufgeschlagen. Nada Hélou von der Libanesischen Universität
ihre herausragende Originalität und Meister-
Experten von den Universitäten Warschau, schaft im Vergleich mit der üblichen Handwerks-
Leiden und Beirut haben 2014 die Ergebnisse ih- kunst der Region. Bei näherer Betrachtung konn-
rer jahrelangen Arbeit veröffentlicht. Sie hatten ten sie die Beteiligung zweier unterschiedlicher
2003 die Umrisse der Kirche freigelegt und be- „Hände“ nachweisen. Die erste präsentiert sich,
gonnen, das ursprüngliche Dach des Gebäudes deutlich erkennbar in der Kommunion der Apo-
zu rekonstruieren. Überrascht waren sie, als sie stel, mit der ganzen Feinheit und Weichheit der
ein äußerst fein gearbeitetes, von einem Nimbus byzantinischen Kunst, wie sie Mitte des 13. Jh.
umgebenes Gesicht entdeckten, neben dem die Verbreitung fand. Die zweite, aus der alle eher
griechischen Initialen MP und ΘY auf die Got- stilisierten und feierlich-sakralen Bilder stam-
tesmutter verwiesen. Ein später angebrachtes men, zeugt von heimischer Tradition, beherrscht
Tonnengewölbe durchschnitt das Gemälde je- aber auch einzelne Maltechniken aus Byzanz.
doch (Abb. 4). Bedeutete dies, dass sich in der Somit, folgern Immerzeel und Hélou, verdankt
Kirche unter den gipsverspachtelten Wänden die Kirche in Kaftoun ihre Ausschmückung dem
ähnliche Fresken verbargen? Tatsächlich legten Können eines einheimischen Künstlers, der vom
die Spatel der Restauratoren in der Apsiskalot- Austausch, wenn nicht von der Zusammenarbeit
te eine komplette Darstellung der Deësis frei: mit einem Meister profitierte, der direkt aus Kon-
Christus thront zwischen seiner Mutter und Jo- stantinopel stammte. Die Wissenschaftler führen

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welt und umwelt der bibel 1/2015
PanoraMa

3
2

an, dass die Plünderung Konstantinopels durch


Kreuzritter im Jahre 1204 zahlreiche Künstler ins
Exil getrieben habe. Einer dieser Meister könnte
seine Kunst an den Maler, die „zweite Hand“, aus 4
Kaftoun weitergegeben haben.

Aber hat er nur in dieser Kirche gemalt? Die


Kunsthistoriker haben die Handschrift des
Künstlers aus Kaftoun auch in einer Ikone des 13.
Jh. identifiziert, die aus der Kirche von Kaftoun
stammt. Und die Spur führt noch weiter: Im Ka- die fresken im mittelschiff: eine engelsgestalt,
1
tharinenkloster im Sinai wird eine Ikonen-Serie Kommunion der apostel und der hl. laurentius.
aufbewahrt, deren Herkunft bisher nicht geklärt
ist. Es gibt aber derart viele stilistische Ähnlich- 2 deësis und Verkündigungszene, fertig restauriert
keiten mit der Ikone des Meisters von Kaftoun, nach der entfernung des tonnengewölbes.
dass Experten annehmen, die Serie im Sinai
müsse aus der Grafschaft Tripolis stammen. Im 3 auf dem dach der kirche der Heiligen sergius und
Jahre 2008 legten die polnischen Restaurateure bakchos während der arbeiten.
in der kleinen Kirche von Kafr Hilda – knapp
zehn Kilometer von Kaftoun – ebenfalls Fresken 4 sicherung der apsismalereien vor dem abbruch
frei, die dem Künstler zugeschrieben werden. W des tonnengewölbes.
(Estelle Villeneuve)

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welt und umwelt der bibel 1/2015 97
PanoraMa

ausstellunG Zum PaPsttum

„Die Päpste verlangten die


Rückkehr zur Urkirche“
im Jahr 2017 soll in mannheim – und danach in Rom – eine aus-
stellung zum thema Papsttum stattfinden. es wird das größte Projekt
in der Geschichte der Reiss-engelhorn-museen sein. die ausstellung
entsteht in Zusammenarbeit mit dem Vatikan und die Vorbereitun-
gen laufen auf hochtouren: im oktober 2014 trafen sich 120 Wissen-
schaftler aus aller Welt, um den forschungsstand zu diskutieren. Wir
haben den heidelberger historiker stefan Weinfurter befragt, der die
konzeption der schau miterarbeitet.

welt uNd uMwelt der bibel: Herr Prof. Wein-


furter, soeben hat in Mannheim ein großer Kon-
gress zum Thema der Ausstellung stattgefun-
den: Welche Fragen diskutieren die Fachleute
derzeit bezüglich des Papsttums?

steFaN weiNFurter: Dem Thema Papsttum


von der Antike bis zur Renaissance widmen sich
seit etwa 15 Jahren ganz besonders jüngere Wis-
senschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das liegt
daran, dass heute immer deutlicher erkannt wird,
welch enorm starke Impulse vom Papsttum für
die gesamte kulturelle, politische und rechtliche
Entwicklung weiter Bereiche Europas ausgin-
gen. Das Papsttum war und ist bis heute eine
transnationale Institution, die an der Kurie
über Jahrhunderte eine Art europäischen
Gerichtshof unterhielt. Die Wissenschaften
wurden vom Papsttum durch die Gründung
von Universitäten gefördert. Daraus erge-
ben sich Fragen nach den Innovationen
auf all diesen Feldern: Wie hat die Kurie
funktioniert? Was bedeutet es, dass das
Papsttum die Einheit und den Frieden
als die großen Ziele der Menschheit
vorgab? Die internationale Tagung
in Mannheim hat sich vor allem auf
die wesentlichen Entwicklungsetap-
pen des Papsttums konzentriert: die
Anfänge, die Emanzipation von der
weltlichen Gewalt, die Ausbildung
des universalen Anspruchs und den

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PanoraMa

glanzvollen Aufstieg am Ende des Mittelalters. gungen erfolgten. Bei genauerem Hinsehen er-
Wir haben eine Menge neuer Anregungen und kennen wir, dass das Papsttum ganz im Gegenteil
Erkenntnisse für die Ausstellung gewonnen. zur vielfach vertretenen Meinung an der Spitze
von innovativen Entwicklungen stand. Univer-
Wohin zielt Ihre Ausstellung konzeptionell? sale, das heißt internationale Ordnungsentwürfe
gehören dazu. Die ersten Konzepte für eine Tren-
Wir wollen die großen kulturellen Leistungen nung von Kirche und Welt wurden am Beginn
des Papsttums wieder mehr ins Bewusstsein der des 12. Jh. an der Kurie in Rom entworfen. Immer
heutigen Zeit rücken. Es sollen aber keineswegs wieder treffen wir auf Epochen, in denen die Sor- Stefan Weinfurter, Professor
für mittelalterliche Geschich-
die kritischen Stimmen früherer Jahrhunderte ge für die Mitmenschen im Handeln der Päpste
te an der universität heidel-
übergangen werden, mit denen sich die Päpste an vorderste Stelle rückt. In der Kirchenreform berg. Zusammen mit alfried
auseinandersetzen mussten und die dazu führ- des 11. Jahrhunderts verlangten beispielweise die Wieczorek, dem Generaldi-
ten, dass sich das Papsttum in einem ständigen Päpste die Rückkehr der Christen zur Urkirche, in rektor der Reiss-engelhorn-
Wandlungs- und Erneuerungsprozess befunden der niemand Eigenbesitz hatte, sondern alles al- museen in mannheim,
hat. Wichtig als Botschaft der Ausstellung ist len gehörte und jeder so viel erhalten sollte, um steht er inhaltlich hinter der
auch die gemeinsame 1500-jährige Geschichte, menschenwürdig leben zu können – ein früher ausstellung „die Päpste und
die einheit der lateinischen
die beide Konfessionen verbindet, sowohl die ka- Versuch einer kommunischen Ordnung also.
Welt“. ein dritter Partner
tholische wie auch die evangelische Kirche. Im- Dass später, in der Renaissance, an der Kurie ein in der Vorbereitung ist der
mer wieder gab es Reformen, immer wieder auch prachtvoller Hofstaat entstand, war eine Frage Vatikan selbst.
wurde das Papsttum infrage gestellt, und immer der Behauptungskraft der Kirche in einer neuen
wieder konnte die Einheit der Kirche hergestellt politischen Welt der Renaissance-Höfe.
werden. Diese Erkenntnis könnte die ökumeni-
schen Kräfte in den Kirchen stärken. Wenn der Vatikan Mitveranstalter ist: Läuft
man als Ausstellungsmacher da nicht Gefahr,
Die Päpste-Ausstellung startet im Jubiläums- kritische Sichtweisen des Papsttums auszu-
jahr der Reformation 2017 – wie verstehen blenden?
das die Evangelischen Kirchen?
Keineswegs. Man muss sich aber darüber im Kla-
Von Seiten der Evangelischen Kirchen gibt es eine ren sein, dass wir nicht eine Ausstellung über das
große Bereitschaft, unsere Ausstellung zu unter- heutige Papsttum veranstalten. Daher ist auch
stützen. Man sieht dort in unserem Unternehmen heutige Kritik für uns nicht relevant. Wir gehen links:
keine Konkurrenz – und so ist die Ausstellung ja als Historiker an das Thema, und das bedeutet, büste Papst bo-
auch nicht konzipiert –, sondern eine Ergänzung die Kritik aus den historischen Zeiten aufzuneh- nifaz’ Viii. (1295–
zur Reformationsfeier. men, darzustellen und zu erklären. 1303), entstanden
um 1300, Vatikani-
sche Museen. unter
Der Institution Papsttum haften in vielen Was macht Ihrer Ansicht nach die Faszination
bonifaz Viii. erlangten
gesellschaftlichen Kreisen heute eher die des Papsttums bis heute aus?
der anspruch der
Begriffe Rückschrittlichkeit, Ideologiever- Päpste und ihre stel-
fechtung und Weltfremdheit an – auch wenn Für mich ist es die gewaltige Kraft, die eine Ins- lung in der welt einen
der gegenwärtige Papst Kritiker bisweilen titution allein mit religiös-moralischen Werten Höhepunkt. in seiner
nachdenklich macht. Zeigt der Blick in die entfaltet, ohne über nennenswerte militärische bulle Unam Sanctam
Geschichte ein differenzierteres Bild? Machtinstrumentarien zu verfügen. Und das über erklärte bonifaz, dass
einen Zeitraum von zwei Jahrtausenden. Man es für alle Menschen
Ja, das kann man nur bejahen. Das heutige Bild kann sich als Historiker fragen, ob die moralische „heilsnotwendig“
vom Papsttum ist vielfach ideologisch einseitig Kraft möglicherweise stärker ist als die Kraft der sei, dem Papst zu
geprägt. Im Grunde fehlen einfach die Kenntnis- physischen Gewalt. Das sind eher anthropolo- gehorchen. als sicht-
bares Zeichen seines
se über die historischen Abläufe, und, was noch gisch-philosophische Gesichtspunkte, aber sie
Machtanspruchs ließ
problematischer ist, wir messen mit heutigen sind eben faszinierend, weil sie das Urteilen, Stre-
bonifaz der päpst-
Wertmaßstäben. Heutige moralische, rechtliche ben, Denken und Handeln der Menschen zutiefst lichen tiara einen
und politische Einstellungen werden einfach auf beeinflussen und bestimmen. W zweiten Kronreifen
Handlungen angewandt, die vor Jahrhunderten hinzufügen.
unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedin- Die Fragen stellte Helga Kaiser.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 99
Die BiBel in BeRühmten gemälDen

Die Hochzeit zu Kana


von Paolo Veronese

Von Régis Burnet

E in unbeschreibliches Durcheinander aus


eilfertigen Dienern, feinen Leuten in bunten
Gewändern und sogar Hunden – und Jesus und
schlägt: Die Gäste auf der linken Seite des Ti-
sches lassen es sich gut gehen, die Mönche auf
der rechten Seite aber haben bescheidener ge-
die Jungfrau Maria mittendarin. Was macht der speist und das Mahl bereits beendet. Sie haben
Freund der Armen überhaupt bei diesem opu- sich gerade nicht der Völlerei hingegeben.
lenten Mahl, das den Reichtum derart zur Schau Schließlich regt das Bild auch durch seinen
stellt? Man höre und staune: Das monumentale Aufbau zum Nachdenken an: Der Himmel nimmt
Gemälde war für das Refektorium eines Benedik- einen großen Teil der Leinwand ein. Anschei-
tinerklosters gedacht war. Wie konnten Mönche, nend wollte man damit sagen, dass das Wesentli-
die zu einem Leben in Armut und Kontemplation che dort liegt. Die Hochzeitsfeier wird durch das
aufgerufen waren, ein solches Werk in Auftrag Gegengewicht des Himmels fast verdrängt.
geben?

Alle Fluchtlinien treffen im scheinbaren Die Geschichte der Darstellung


Durcheinander bei Jesus zusammen Die biblische Erzählung von der Hochzeit von
Kana wird seit der Antike dargestellt (man findet
sie bereits auf Sarkophagen des 4. Jh.), wahr-
In seiner Zeit besaß das Gemälde allerdings scheinlich, weil man in ihr eine Vorwegnahme
gar nichts Anstößiges. Auf dem Höhepunkt der des Abendmahls sah. Meist werden die beiden Er-
Gegenreformation wurde die Hochzeit von Kana eignisse des Textes – die Verwandlung von Was-
gerne als Vorwegnahme des heiligen Abend- ser in Wein und die Erkenntnis, dass es sich um
mahls interpretiert. Einige Reformatoren stell- ein Zeichen handelt – im Bild vereint, beschränkt
ten das infrage. Zudem ist die prachtvolle Dar- auf wenige Figuren und Gegenstände: Jesus, sei-
stellung eine Abgrenzung zur protestantischen ne Mutter, die Diener und die Wasserkrüge. So
Strenge. Und ein Jesus, der in der Menge verlo- etwa auf den Mosaiken in Ravenna oder bei Giot-
rengeht, widerspricht nicht dem Wesen des bib- to in der Cappella degli Scrovegni in Padua.
lischen Texts, in dem nur die Jünger das Wunder Ab der Renaissance aber wird der Text eher
bezeugen. Und nicht zuletzt steht die Anwesen- zum Vorwand für reich ausgeschmückte Sze-
heit von Mönchen bei diesem Festbankett für nen. Diese Ästhetik entspricht den Aussagen des
eine Weisung, die der heilige Benedikt seinem Dichters Pietro Aretino, der in seinen I tre libri de
Orden mitgab: Gastfreundschaft. la Humanita di Christo (1535) schreibt: „In diesen
Im Detail zeigt sich das Gemälde weit entfernt Tagen wurde im galiläischen Kana die Hochzeit
vom ersten gotteslästerlichen Eindruck. Zuerst gefeiert, zu der in königlichem Pomp die würde-
einmal, weil man im scheinbaren Durcheinan- vollsten, adligsten und imposantesten Personen
der Jesus leicht finden kann, da alle Fluchtlinien der Stadt erschienen. Und um der größten Feier-
des Bildes bei ihm zusammentreffen. Dann aber lichkeit willen wurden auch Christus, seine Brü-
auch, weil der Künstler nicht über die Stränge der und Maria geladen ... Und die Tische waren

100 welt und umwelt der bibel 1/2015


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gedeckt, auf ihnen stand Geschirr aus Gold und Der historische Kontext Das Gemälde
reinem, ziseliertem Silber; und die Stühle waren
Dass sie Die Hochzeit von Kana bei Veronese in Die Hochzeit zu Kana,
schmuckvoll und bequem.“
Auftrag gaben, entsprang nicht etwa einer Laune 1562/63, Öl auf Lein-
zügelloser Mönche, sondern ist vielmehr eine äs- wand, 6,66 x 9,90 m,
thetische und politische Stellungnahme. Die Be- Louvre, Paris.
Der Maler nediktiner von der Abtei Montecassino spielten
Paolo Veronese (1528–1588) – der Name be- eine große Rolle in der Gegenreformation: 1536
zeichnet seine Herkunft – war einer der wich- nahmen sie am Consilium de emendanda eccle-
tigsten Vertreter des Venezianischen Barock sia teil, bei dem man sich bemühte, die Kirche
und Manierismus des 16. Jh. Bekannt für seine unter Papst Paul III. (1534–1549) zu reformieren.
heitere Farbigkeit, seine Virtuosität in den De- Giralamo Scrochetto, der Abt der venezianischen
koren, seinen Sinn für das Pittoreske, schmück- Benediktinerabtei San Giorgio Maggiore auf der
te er zahlreiche Kirchen und städtische Gebäu- gleichnamigen Laguneninsel, der den Auftrag
de aus. Er führte zudem zahlreiche Aufträge in gab, nahm an den ersten Sessionen des Konzils
umliegenden Villen aus. Seine Fantasie wur- von Trient teil. Zudem unterstützte die Ordens-
de geschätzt, ging aber manchen zu weit: Er gemeinschaft die Orientierung hin zu einer re-
wurde wegen einiger Details im Gemälde „Das lativen Autonomie der venezianischen Kirche
Gastmahl des Levi“ 1571 zum Verhör vor das In- gegenüber Rom. So ist es nicht verwunderlich,
quisitionsgericht geladen. Es blieb bei einer Er- wenn man der Opulenz Venedigs hier so viel
mahnung. Veronese verbrachte seinen Lebens- Raum gab und zugleich einem neuen ästheti-
abend auf dem Land und malte Naturmotive. schen Kanon folgte.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 101
Die bibel in berühmten gemälDen

1
4

2 Das Lamm wird geschlachtet


In dieser Szene sieht man die zweite wichtige Person,
die mit der Organisation des Festmahls betraut ist: den
trinciante, der das gereichte Fleisch tranchiert. Seine Tä-
tigkeit war für die entstehende Tafelkultur von heraus-
ragender Bedeutung. Warum aber sind die Diener noch
mit ihren Haumessern am Werk, obgleich das Festmahl
doch seinem Ende zugeht? Und das grobe Zerteilen der
Fleischstücke sollte in Venedig gerade nicht in der Nähe
des Tisches stattfinden. Erinnert diese Brutalität an die
Opferung des Lamm Gottes? Dieser Zusammenhang
drängt sich umso mehr auf, als sich das Geschehen di-
rekt über Jesu Kopf abspielt. Hinter der fröhlichen, un-
beschwerten Kulisse einer Hochzeitsfeier wird hier das
Letzte Abendmahl vorweggenommen – ein Mahl, das
zum Kreuz führen wird.

1 Die ganze Pracht Venedigs


Obgleich sein Niedergang schon begonnen hat, ist das Venedig
des 16. Jh. der exklusivste Ort des Westens. Hier spricht man dem
leiblichen Wohl den Rang einer Kunst zu – wie die Abhandlungen
Bartolomeo Scappis zur Kochkunst beweisen. Es ist diese besonde-
re Raffinesse, die Veronese abbildet. Edle Gläser, wie sie der junge
Diener den Gästen reicht, werden in den berühmten Werkstätten auf
der Laguneninsel Murano gefertigt. Die wohlhabende Aristokratie
stellt Veronese mit schillernden Gewändern, reichem Schmuck und
feinsten Stickereien dar. Venedig ist Dreh- und Angelpunkt des Mit-
telmeerhandels und Tor zum Orient: Turbane, Papageien und afrika-
nische Diener bezeugen dies.
Originell wird die Szene durch das Verhalten des bottigliere im
prachtvollen grünen Gewand. Dieser Vorfahr des Sommeliers ver-
steht das plötzliche Auftauchen von so gutem Wein als bösen Scherz
des Bräutigams: In seiner Berufsehre gekränkt, hält er ihm seinen
Kittel hin, als wolle er den Dienst quittieren.

102 welt und umwelt der bibel 1/2015


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Die bibel in berühmten gemälDen

4 Der scalco erkennt mit dem Betrachter das Wunder


Das sichtbare Wunder, dass sich Wasser in Wein verwandelt hat, wird
von einer Person erkannt, die im Venedig jener Tage mit der verant-
wortungsvollen Aufgabe betraut war, ein Adelshaus zu verwalten: dem
scalco. Der mit einem prachtvollen Seidengewand bekleidete Mann be-
trachtet misstrauisch den Inhalt eines Glases, das ihm sein Gehilfe, der
computista, gereicht hat – der Buchhalter des Hauses, an seinem roten
Stab erkennbar. Er war für die Einkäufe zuständig und wusste also, dass
ein solcher Wein nicht bestellt worden war. Im Vordergrund ermöglicht
Veronese dem Betrachter, das Wunder aus erster Hand zu erleben, denn
es ist zweifelsfrei Wein, der aus den schweren Tonkrügen fließt.

3 Christus, seine Mutter und die


Musikanten
Im Kreuzungspunkt sämtlicher Fluchtlinien ist Chris-
tus für den Betrachter schnell auszumachen. Der Blick
wird auf ihn gelenkt, da er zudem die einzige Figur im
Bild ist, die uns direkt anschaut. Hier sitzt kein junger Régis Burnet ist
Rabbi, der sich gut gelaunt unter die Hochzeitsgäste Professor für Neues
mischt – nein, es ist der Messias, der ernst dasitzt, ne- Testament an
ben seiner ebenso andächtigen Mutter. Sein eindring- der Katholischen
Universität Löwen
licher Blick richtet sich an den Betrachter wie eine
(Belgien).
stumme Frage: Begreifst du, was hier geschieht?
Die Szene, die sich vor ihm im Vordergrund ab-
spielt, ist zu präsent, als dass sie nicht als Teil dieser
Frage gesehen werden muss. Auf den ersten Blick ist
das kleine Ensemble üblich venezianisch und erin-
Die Quelle
nert daran, dass in dieser Epoche die Kammermusik „Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die
aufkommt: Alle Musiker sehen auf das Notenblatt, es Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hoch-
handelt sich also um kein improvisiertes Stück. Doch zeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm:
Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von
die Gruppe hat auch eine symbolische Bedeutung. Seit
mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sag-
dem 19. Jh. erkennt man in den Spielenden zum einen
te zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs
Veronese selbst (in Weiß, mit Viola), seinen jüngeren
steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden
Bruder Benedetto (in blau-rotem Gewand) sowie die
entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den
venezianischen Künstler Tizian, Tintoretto und Bas-
Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand.
sano. Ihre Abbildung kann als Würdigung der Maler, Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Fest-
als eine Art berufliches Manifest angesehen werden. mahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser,
Die sich leerende Sanduhr und die beiden Hunde als das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die
Symbole der Melancholie verweisen jedoch darauf, Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er
dass die Zeit vergeht und das Fest und die Musik bald den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten
ein Ende haben werden. Hier folgt der Künstler treu Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weni-
dem Bibeltext, der am Schluss verkündet, dies sei das ger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So
erste der Zeichen, durch die Jesu Herrlichkeit offen- tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine
bart würde – eine Herrlichkeit, die zum Kreuz führt. Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.“ (Johannes 2,1-11)
Hinter der wundersamen Weinvermehrung steht eine
grausamere Realität.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 103
DiE grossEn EntDEckungEn | Die Geniza von Kairo

Ein Schatz in der


Dachkammer
Im Jahre 1896 lässt Solomon Schechter, Experte für rabbinische Literatur
in Cambridge, alles stehen und liegen und macht sich auf nach Kairo. Er hat
erfahren, dass in der Ben-Esra-Synagoge alte Manuskripte aufgetaucht sind,
und wittert einen Schatz … Von Estelle Villeneuve

Die Geniza – eine kammer, die von der Frauenempore in der Ben-Esra-synagoge in kairo
zugänglich ist. Dieses Modell im nahum goldmann Museum (Museum der Jüdischen Diaspora)
in tel Aviv stellt die Bergung der Dokumente dar.

104 welt und umwelt der bibel 1/2015


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K airo am Ende des 19. Jh. ist ein Pa-
radies für Orientalisten auf der Su-
che nach antiken Manuskripten – seien
sie nun griechisch, syriakisch, arabisch
oder hebräisch. Zum einen ist da ein ste-
ter Strom antiker Papyri, die aus mehr
oder weniger offiziellen Ausgrabungs-
stätten stammen, zum anderen trennen
sich viele Bibliotheken von alten Perga-
menten, die ihre Regale verstopfen. Und
auf diesem blühenden Markt besitzt die
Synagoge Ben Esra, ohne es zu wissen,
einen wahren Schatz: Denn seit ihrer
Gründung durch Flüchtlinge aus Paläs-
tina Mitte des 10. Jh. werden in einer Solomon Schechter in cambridge: Der Wissenschaftler untersucht in der univer-
Geniza, einer Kammer unter dem Dach sitätsbibliothek rund 150.000 Manuskriptfragmente aus der geniza. 1899 publiziert
der Frauenempore, zahlreiche religiöse er seine Entdeckungen und wird anschließend zum Hebräischprofessor am university
Bücher aufbewahrt – ausgediente und college London ernannt.
ungebrauchte Bücher, Bücher, die als
nicht dem Gesetz entsprechend verwor-
fen worden waren, außerdem Archiv- immer zu den Zitaten im Talmud. Wel- hunderten, alles kreuz und quer durch-
unterlagen der Gemeinde und ihrer Fa- che der Schriften besaß die größte Treue einander. Hier eine verstaubte Seite,
milien. Die Synagogenleitung ist nicht zum Buch Jesus Sirach? Neben dem lin- dort ein ungeordneter Stoß an Hand-
abgeneigt, ab und zu ein Schriftstück guistischen Problem nährte der Verlust schriften, weiter hinten ein Traktat, das
an bibliophile Vorbeireisende zu ver- des Urtextes gefährliche Tendenzen in die Existenz von Engeln und Dämonen
kaufen – wo doch zudem in den Jahren bestimmten christlichen Kreisen, die abstreitet, an dem ein Amulett hängt,
1889 bis 1892 große Baumaßnahmen zu den Talmud als Hüter der spirituellen das gerade diese beschwört, dazwi-
finanzieren sind. Und so kommt es, dass Tradition Israels infrage stellten. Mit den schen die Seiten eines Pamphlets gegen
im Frühjahr 1896 Solomon Schechter, hebräischen Zeilen aus Kairo, so begreift die Gewinnsucht … und mittendrin die
Dozent für rabbinische Studien an der Solomon Schechter, hält er womöglich Überreste einer sehr alten Bibel!“ In der
Universität Cambridge, eine Einladung ein schlagfertiges Gegenargument in den dreizehn Quadratmeter großen Kammer
von Agnes Lewis und Margareth Gibson Händen. Mehrere Stunden später kann trifft Schechter auf neun Jahrhunder-
erhält, zwei semitischen Philologinnen, er jubeln: Beim Talmud handelt es sich te Alltag in der Kairoer Diaspora. Denn
die mit bedeutender paläografischer tatsächlich um eine authentische Über- alle Lebensbereiche der im 10. Jh. aus
Ausbeute von einer Nahostreise zurück- tragung von Jesus Sirach. Die Autorität
gekehrt sind. Die beiden früh verwit- des rabbinischen Judentums ist gerettet.
weten Zwillingsschwestern zeigen ihm Ab da verfolgt der Gelehrte nur noch
Geniza
mehrere hebräische Dokumente, die sie ein Ziel: Er will selbst nach Kairo reisen
Die semitische Wurzel GNZ bedeutet
aus der Geniza in Kairo erworben haben. und diese so vielversprechende Kammer
„verstecken“ und „begraben“. Aufbewah-
Am 13. Mai sitzt der Talmudist Schech- untersuchen. Aber ist er nicht eigentlich rungsraum ausgedienter heiliger Schriften
ter also am Esstisch der beiden Damen für eine zionistische Pilgerfahrt in das und Kultgegenstände.
und nimmt die Schriftensammlung in Land Israel angemeldet? Macht nichts,
Augenschein, als sein Herzschlag beina- er tritt zurück. Hat er überhaupt das nö-
he aussetzt: Er erkennt eine Passage aus tige Geld? Auch das hält ihn nicht ab, Talmud
dem biblischen Buch Jesus Sirach, ei- die Fakultät sorgt für seine Bedürfnisse. Sammlung von Tora-Kommentaren, die
nem Werk der jüdischen Weisheitslitera- Und so steht er Ende des Jahres in der Rabbiner der frühen Jahrhunderte, die
tur, das im Hellenismus um 200 vC von Ben-Esra-Synagoge vor der Leiter, die in talmudischen Weisen, verfasst haben.
einem Juden namens Ben Sira auf Heb- die Geniza führt. Der Talmud ist die religionsgesetzliche
Grundlage des Judentums.
räisch verfasst worden war. Von diesem
Buch, das der Talmud in hohen Ehren
hält, aber nicht zum Kanon der Hebräi- Eine „heilige Rumpelkammer“
Masoretisch
schen Bibel zählt, besitzt man nur noch Der Anblick, der sich ihm bietet, ver- Die Masoreten sind Rabbiner, die im
spätere griechische, syriakische und schlägt ihm die Sprache. „Ein wahres 9. Jh. nC den Text der hebräischen
lateinische Abschriften, die zudem Pro- Schlachtfeld“, so beschreibt er später, Bibel bearbeiten und durch ein Vokalisie-
bleme aufwerfen. Denn sie passen nicht „an Literatur aus verschiedenen Jahr- rungssystem fixieren.

Übersicht über die Serie „Die großen entdeckungen“:


www.weltundumweltderbibel.de > register
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welt und umwelt der bibel 1/2015 105
Die GroSSen entDecKunGen | Die Geniza von Kairo

Ein Manuskriptfragment, etwa 17 cm breit,


Die Ben-Esra-Synagoge in kairo: in dieser synagoge, gegründet aus der kairoer geniza. Die hebräische Passage
Mitte des 10. Jh. von aus Palästina ausgewanderten Juden, entdeckte stammt aus dem jüdischen Weisheitsbuch Jesus
man die berühmte kairoer geniza. Die synagoge hieß ursprünglich sirach. Das Manuskript war eine Wiederentde-
„Jerusalemer synagoge“. ckung des hebräischen „urtexts“.

Palästina eingewanderten Juden sind cher, Kommentare zur Bibel, Briefe von
in dieser „heiligen Rumpelkammer“ Schechter trifft auf neun Gemeinden in Palästina aus der Zeit der
dokumentiert. Eingerichtet wurde die Kreuzzüge oder ein jiddisch-deutsches
Geniza aufgrund der bedingungslosen Jahrhunderte Alltag in der Brautwerbungsepos „Dukus Horant“ in
jüdischen Aufbewahrungspflicht bei Diaspora von Kairo hebräischer Schrift. Zur Überraschung
allem, was Gottes Namen trägt. Aber aller tauchen Dokumente auf, in denen
diese Bewahrungspflicht strahlt auch die Glaubensgrundsätze und Traditio-
auf Dokumente aus, die die religiösen, portiert wird, darf sich Solomon Schech- nen der Karaiten beschrieben werden,
literarischen, juristischen, wirtschaftli- ter einige verdiente Ruhetage in Palästi- einer jüdischen Sekte, die sich zeitweise
chen oder familiären Angelegenheiten na gönnen. im Konflikt mit der rabbinischen Auto-
der Gemeinde festhalten. Wie soll die- rität befand. Mit ihren Entdeckungen
ses Durcheinander je geordnet werden? nehmen Solomon Schechter und seine
Über acht Monate verbringt Solomon Unerwartete Entdeckungen Kollegen das große archäologische Er-
Schechter in der dunklen und stickigen In Cambridge versammelt sich eine klei- eignis des 20. Jh. vorweg, die Schrift-
Kammer und sieht die Fragmente von ne Forschergruppe in der Universitätsbi- funde vom Toten Meer, in denen eine
Hunderttausenden Büchern, Briefen bliothek. Ihre Entdeckungen übertreffen religiöse Gemeinschaft in den Lichtke-
und Dokumenten durch. Einige werden rasch alle Erwartungen. Denn sie geben gel der Geschichte rückt. Die biblischen
die wissenschaftlichen jüdischen Stu- nicht nur Aufschluss über die Weiter- Zeugnisse der Kairoer Geniza treten da-
dien auf ganz neue Pfade lenken, aber gabe der jüdischen heiligen Schriften, raufhin in den Hintergrund, doch sie
die Arbeit erweist sich als gewaltig und wie das Fragment des Buchs Jesus Si- stehen weiterhin für das Zeugnis einer
nicht vor Ort durchführbar. Angesteckt rach, sondern sie beleuchten zudem pulsierenden Diasporagemeinde in der
durch die Begeisterung und beeindruckt die mündliche Tradition, indem sie alte größten muslimischen Metropole des
von der Gelehrsamkeit des Forschers Vokalisierungssysteme aufzeigen, die Mittelmeers. W
und wahrscheinlich auch aufgrund ei- zugunsten der masoretischen Normen
ner großzügigen Vermittlung, stimmt aufgegeben wurden. Zugleich tut sich
der Synagogenrat zu, dass er alles, „was ein liturgischer, poetischer und exe- Lesetipp
ihm gefällt“, nach Cambridge ausführen getischer Schriftenreichtum von uner- • Auf der Seite der Bodeleian Library
kann. Der Handel wird geschlossen, und warteter Vielfalt auf – Briefe von Moses (Oxford) http://genizah.bodleian.ox.ac.uk
während sein Schatz – mehr als 150.000 Maimonides, Schriften des Saadja Gaon, sind 25.000 digitalisierte Dokumente der
Fragmente – nach Großbritannien trans- arabische Übersetzungen biblischer Bü- Geniza zu sehen.

106 welt und umwelt der bibel 1/2015


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ihre Frage an die experten

>> Warum ersetzt man den


Gottesnamen mit „Herr“?
<<
Haben Sie auch eine Frage?
Schreiben Sie uns und wir finden eine(n) Fachwissen- D ie Anrede Gottes als „mein Herr“ hat eine lange Tradition, die sich
bis in die ältesten Schichten der Prophetie Israels verfolgen lässt.
Sie ist besonders in Visionen und Gebeten belegt (Jes 6,1 und 6,8;
schaftler(in) für die Antwort: bibelinfo@bibelwerk.de
Am 7,1-8) und diente zur Betonung der Ergriffenheit des Propheten
durch die Macht Gottes. Verankert war die Anrede Gottes als „Herr“
offensichtlich am Tempel, vgl. Jes 6 oder Ex 23,17. Der Titel „Herr“
stand dabei neben dem eigentlichen Gottesnamen JHWH. Die Anre-
de „Herr“ (adon) ist dabei nicht stärker maskulin konnotiert als die
Bezeichnung „Gott“ (elohim) – anders als es das Deutsche nahelegt.
Im Zuge der monotheistischen Entwicklung der Religion Israels
nach dem Exil war der Name Gottes obsolet geworden. Es bedurfte
des JHWH-Namens nicht mehr, um ihn von anderen Gottheiten zu
unterscheiden, da deren Existenz nicht mehr angenommen wurde.
Ähnliche Entwicklungen gab es in der Umwelt, wo man ebenfalls den
Hauptgott oder einen besonders verehrten Gott mit „Herr“ ansprach,
etwa Marduk in Babylon als Bel („Herr“); in Phönizien wurde auch die
Göttin Tinnit als „Herr“ (adn) angeredet.
In den spät entstandenen Schriften der Hebräischen Bibel findet
man daher statt des Gottesnamens sehr oft „Herr“ oder „Gott“. In den
Texten von Qumran wurde JHWH gemieden und „Gott“ als Ersatz des
Gottesnamens bevorzugt, in Gebeten allerdings auch „mein Herr“.
Im Judentum wurde dann vor der Zeitenwende die Aussprache des
Gottesnamens immer weiter eingeschränkt und schließlich ganz un-
Kombination vom gottesnamen JhWh (groß)
und adonaj („herr“, adnJ, klein) in einer Synagoge üblich. Zur gleichen Zeit hatte sich der hebräische Konsonantentext
in Safed (israel). als unveränderbare Heilige Schrift etabliert. So stand man vor dem
Dilemma, dass JHWH nicht ausgesprochen werden durfte, doch bei-
nahe 7000mal in der Schrift zu lesen war. Statt den Namen zu lesen,
wurde nun das Herrenprädikat in der sprachlich leicht abgewandelten
Form Adonaj vorgetragen.
Als nach dem 8. Jh. nC der hebräische Bibeltext mit Vokalzeichen
versehen wurde, kombinierte man die Konsonanten JHWH des Got-
tesnamens mit den Vokalzeichen für Adonaj als Zeichen für die Er-
satzlesung. Christliche Leser missverstanden dies jedoch, lasen die
Kombination der beiden Namen als „Jehowa“ und hielten dies für den
eigentlichen Gottesnamen.
Auf der Tradition der Ersatzlesung bauen dann auch christliche
Bibelübersetzungen auf. In Übereinstimmung mit dem jüdischen
Brauch geben sie den Gottesnamen als „Herr“ wieder. Oft wird es
durch eine besondere Drucktype gekennzeichnet, um es von anderen
Wörtern für Herr wie Ba’al oder Adon zu unterscheiden. Daneben gibt
es Versuche, der Besonderheit des Gottesnamens auch in der Über-
setzung gerecht zu werden, etwa durch Ersatzlesungen wie „der Ewi-
ge“ oder gendersensible Anreden.

Prof. Dr. Martin Rösel, Theologische Fakultät der Universität


Rostock (Hebräisch, Altes Testament, Religionsgeschichte), Mitglied
des EKD-Lenkungsausschusses zur Durchsicht der Lutherbibel.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 107
AUSSTELLUNGEN UND vERANSTALTUNGEN

Studientage zum Heftthema FREIbURG/ScHwEIZ


150 Jahre Biblische Archäologie neueröffnung

Bei diesen Tagungen können Sie weitere Informationen erhalten, offene Fragen BIBEL+ORIENT MUSEUM
diskutieren – mit den Referent(inn)en und untereinander.
Anliegen des BIBEL+ORIENT
MUSEUMs ist es, die kul-
FÜR SCHNELLENTSCHLOSSENE: REGENSBURG turellen Zusammenhänge
ZEIT und ORT: 31. Januar 2015, 10–16 Uhr im der Religionen im alten
Diözesanzentrum Regensburg Vorderen Orient sichtbar
TITEL: 150 Jahre Biblische Archäologie zu machen. So bilden
REFERENTEN: Dr. Reinhold Then (Alttestamentler), die altorientalischen
Michael Petery (jüdischer Theologe) Glaubensvorstellungen
INFORMATION und ANMELDUNG: Diözesanstelle des Kath. Bibelwerks in die Grundlage für die
Regensburg, Obermünsterplatz 7, 93047 Regensburg, Tel. 0941 5972-229, monotheistischen
www.bpa-regensburg.de; www.keb-regensburg.de, Religionen. Die hoch-
erwachsenenbildung@bistum-regensburg.de karätige wissenschaft-
liche Sammlung aus-
GROSSE TAGUNG IN BAD BOLL! sagekräftiger Objekte zum
ZEIT und ORT: 6. bis 8. Februar 2015, Evangelische Akademie Bad Boll Verständnis der Bibel, des
TITEL: Archäologie des gesamten Alten Testaments: Judentums, Christentums
Forschung zwischen Politik und Theologie und des Islam wächst
REFERENT: Prof. Dr. Dr. Dr. hc Dieter Vieweger beständig. Inzwischen
INFORMATION: Evangelische Akademie Bad Boll, Akademieweg 11, zählt der Gesamtbestand
73087 Bad Boll , Tel. 07164 79-0, www.ev-akademie-boll.de, mehr als 15.000 Objekte.
info@ev-akademie-boll.de, Programm auf www.weltundumweltderbibel.de Das Museum konnte im
(dort auch Informationen zu einer Reise, die sich der Tagung anschließt: Oktober neue, größere
24. Mai bis 4. Juni) Räumlichkeiten bezie-
Auf dieser Tagung ist Prof. Dieter Vieweger der Hauptreferent, der auch hen. Die Betriebsleitung
diese Ausgabe von „Welt und Umwelt der Bibel“ betreut und mit seinem (O. Keel, F. Lippke, L.
Team die Beiträge verfasst hat. Alle wesentlichen Ortslagen des Alten Tes- Pajarola) hat zusammen
taments werden vorgestellt, die Entwicklung der Grabungsmethodik mit den Kurator(inn)en eine
erläutert und, wo immer möglich, der Bezug zu Theologie und Glaube neue Ausstellung konzipiert.
Altorientalische Im neuen Museumsraum erwar-
verdeutlicht. Aktuelle politische Vorgänge zeigen, wie wichtig die Kennt-
Beterstatue, ten 17 Vitrinen mit mehr als 400
nis der historischen Hintergründe ist!
3. Jahrtausend vc, Ausstellungsobjekten die interes-
Sammlungen sierten Besucher. Neben Münzen,
MAINZ bIbEL+ORIENT.
ZEIT und ORT: 16. April 2015, 14–18 Uhr im Erbacher Hof, Stempel- und Rollsiegeln werden
Akademie des Bistums Mainz inzwischen große thematische
TITEL: 150 Jahre Biblische Archäologie: Wo stehen wir heute? Zusammenstellungen an Kera-
Einblicke in die Geschichte und den Stand der archäologischen Grabungen mik, Kult- und Alltagsobjekten
rund um den See Gennesaret
aus Ägypten, Mesopotamien und
REFERENT: Prof. Dr. Wolfgang Zwickel, Biblischer Archäologe, Universität Mainz
der Levante präsentiert. Eine
INFORMATION und ANMELDUNG: Akademie des Bistums Mainz, Erbacher Hof,
künftige Sonderausstellung,
Grebenstr. 24–26, 55116 Mainz, Tel. 06131 257-552,
derzeit in der Projektphase, wird
„Dokumente und Monumente
www.ebh-mainz.de, ebh.akademie@Bistum-Mainz.de
der biblischen Welt“ historisch
beleuchten.
GEORGSMARIENHÜTTE
ZEIT und ORT: 9. Mai 2015, 9.30–17 Uhr in Haus Ohrbeck, Georgsmarienhütte BIBEL+ORIENT MUSEUM, Avenue
(bei Osnabrück) de l‘Europe 20, 1700 Fribourg (CH)
TITEL: 150 Jahre Biblische Archäologie Tel. +41 (0)26 3007387
REFERENTIN: Dr. Uta Zwingenberger Di–Fr 15–17 Uhr (und auf Anfrage)
INFORMATION und ANMELDUNG: Haus Ohrbeck, Am Boberg 10, Eintritt frei
49124 Georgsmarienhütte, Tel. 05401 336-0, www.haus-ohrbeck.de, info@haus-ohrbeck.de www.bible-orient-museum.ch

108 200219134248CB-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de


welt und umwelt der bibel 1/2015
ausstellungen und Veranstaltungen

bASEL FRANkFURT
bis 29. März 2015 bis 1. März 2015

Blumenreich – Wiederge- Gladiatoren. Tod und Triumph im Colosseum


burt in Pharaonengräbern
Um das Leben der Berufskämpfer ranken sich seit antiker Zeit
Eine Ausstellung zwischen Bota- Mythen und Klischees. Was für ein Leben führten sie im Schat-
nik und Archäologie: 16 Blumen- ten der Arena? Wie war der Alltag in den Gladiatorenschulen or-
präparate im Keller des Instituts ganisiert? Ihr Training, eine professionelle medizinische Versor-
für Botanik der Universität Zürich gung und sogar ihre spezielle Ernährung dienten einzig einem
waren Teile von jahrtausendeal- Zweck: Die Gladiatoren sollten auf die blutigen Kämpfe in den
tem Blumenschmuck, der auf Amphitheatern optimal vorbereitet sein. Die blutberauschten
Königsmumien niedergelegt Massen wollten auf hohem Niveau unterhalten werden ...
worden war. 1881 wurden sie
von Theben nach Zürich ver- Archäologisches Museum Frankfurt, Karmelitergasse 1,
60311 Frankfurt am Main, Tel. +49 (0)69 21235896
schickt und gerieten in Vergessen-
Di–So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr, Eintritt 7 / 3,50 EUR Mit Jupiter verzierte
heit. Um diese Blumenpräparate beinschiene eines
www.gladiatoren-frankfurt.de
herum zeigt die Sonderausstel- Gladiatoren aus Pompeji.
lung Blumen, Pflanzen und
Früchte, von denen die Ägypter
glaubten, dass sie besondere OLDENbURG
Kräfte für ein Fortbestehen im bis 12. april 2015
Jenseits verleihen.
Eigen und fremd in Glaubenswelten
Antikenmuseum Basel,
St. Alban-Graben 5,
Rund 300 Objekte aus aller Welt spiegeln religiöse Vor-
CH-4010 Basel,
stellungen und Praktiken. Die Ausstellung ist geordnet
Tel. +41 (0)61 201-1212
Di–So 10–17 Uhr in sieben Bereiche kulturell universeller Themen, etwa
Eintritt 20 / 5 sFr Schöpfung, Körperkult, Übergangsriten, Opferkulte oder
www.antikenmuseum.ch Jenseitsverkörperungen. Dabei können Besucher über-
raschende Übereinstimmungen, aber ebenso Fremdes
entdecken. Kultgefäß der
MAGDEbURG Nazca-kultur.
bis 15. februar 2015 Landesmuseum Natur und Mensch, Damm 38–44,
26135 Oldenburg, Tel. +49 (0)441 9244-300, Di–Fr 9–17 Uhr
Sa/So 10–18 Uhr, Eintritt 4 / 2,50 EUR, www.naturundmensch.de
Am Vorabend der Reforma-
tion. Alltag und Frömmig-
keit in Mitteldeutschland FRANkFURT
Bevor Martin Luther und die Re- bis 10. Mai 2015
formation einschneidende Verän-
derungen brachten, durchdrang Im Licht der Menora.
eine faszinierende Frömmigkeit Jüdisches Leben in der römischen Provinz
der Andachtsbilder, Heiligenfigu-
ren und europaweiten Pilgerzei- In Zusammenarbeit mit der römisch-germanischen Kom-
chen alle Bereiche des Lebens ... mission des Deutschen Archäologischen Instituts hat das
Museum Funde aus fünf europäischen Staaten zusam-
Kulturhistorisches Museum mengetragen. Jüdische Symbole, Inschriften mit „Mose“
Magdeburg, und „JHWH“ geben einen Eindruck von den jüdischen Bronzering mit
Otto-von-Guericke-Str. 68-73, Gemeinden in den nördlichen römischen Provinzen. Darstellung der Menora
39104 Magdeburg (4. Jh. nc) aus
Tel. +49 (0)391 5403501 Jüdisches Museum, Untermainkai 14/15,
kaiseraugst (cH).
Di–Fr 10–17 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr 60311 Frankfurt a. M., Tel. +49 (0)69 212-35000
Eintritt 5 / 3 EUR Di–So 10–17 Uhr, Mi 10–20 Uhr, Eintritt 7 / 3,50 EUR
www.khm-magdeburg.de www.juedischesmuseum.de

Weitere Veranstaltungen rund um die bibel finden sie


auf www.bibelwerk.de > Kurse
200219134248CB-01 & Veranstaltungen
am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
welt und umwelt der bibel 1/2015 109
VoRSchaU

Die nächste AusgAbe im April 2015: IMPRESSUM


heft 1/2015

JESUS DER HEILER „Welt und umwelt der bibel“ ist die deutsche
Ausgabe der französischen Zeitschrift
„le monde de la bible“, bayard presse, paris.
„Welt und umwelt der bibel“ ist interdiszip-
linär und ökumenisch ausgerichtet und ent-
steht in enger Zusammenarbeit mit internatio-
nal anerkannten Wissenschaftlern.
VERlag: Katholisches bibelwerk e.V.,
edition „Welt und umwelt der bibel“
postfach 15 03 65, 70076 stuttgart,
tel. 0711/61920-50, Fax: 61920-77
E-MaIl: bibelinfo@bibelwerk.de,
www.weltundumweltderbibel.de
www.bibelwerk.de
Konto: liga stuttgart, ibAn De94 7509 0300
0006 4515 51, bic: genODeF1m05

REdaktIon: Dipl.-theol. Wolfgang baur,


Dipl.-theol. helga Kaiser

aRchäologISchE BERatUng:
prof. Dr. Dr. Dr. Dieter Vieweger
prof. Dr. robert Wenning, münster
koRREktoRat: michaela Franke m.A.,
m._franke@web.de
anzEIgEnVERwaltUng: ralf heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
ERSchEInUngSoRt: stuttgart
© s. 96–97, 100–106 bayard presse int., „le
monde de la bible“ 2014, all rights reserved;
W Was ist auffällig an den Heilungen Jesu? Und: Wie heilt er? © sonst edition „Welt und umwelt der bibel“

W Wer heilt in Jesu Umwelt, Götter oder Ärzte? ÜBERSEtzUng: christa maier, ursula held
(Verlagsservice mihr, tübingen), helga Kaiser
W Welche medizinischen Kenntnisse hatte man?
gEStaltUng: Olschewski medien gmbh,
W Was sagen Medizinhistoriker zu Wunderheilungen? stuttgart
dRUck: Druckerei raisch gmbh + co. Kg,
reutlingen
Freuen sie sich AuF Die nächsten AusgAben PREISE: „Welt und umwelt der bibel“
„äthiopien“ im Juli 2015 und „Wer waren die ersten christinnen?“ im Oktober erscheint vierteljährlich.
einzelheft: E 11,30 zzgl. Versandkosten,
(für Abonnenten E 9,50)
Jahresabonnement: E 40,-
ermäßigtes Abonnement für
schüler/studierende E 32,-
Überraschende bibel (jeweils inkl. Versandkosten)
... treffen sie in unserer aUSlIEFERUng:
Zeitschrift „Bibel heute“. schweiz: bibelpastorale Arbeitsstelle des
soeben ist erschienen: sKb, bederstr. 76, ch-8002 Zürich,
Feste feiern tel. 044/2059960, Fax: 044/2014307;
ein Jubiläumsheft zur info@bibelwerk.ch
200sten Ausgabe: Wie einzelheft sFr 19,- zzgl. Versandkosten
wird in biblischen texten bestellen sie zwei (für Abonnenten sFr 16,-),
gefeiert? gibt es auch Ausgaben von Jahresabonnement sFr 70,-
Bibel heute kostenlos: (inkl. Versandkosten)
verpatzte Feste?
nutzen sie unser probe- Österreich:
Abonnement. Österreichisches Katholisches bibelwerk,
stiftsplatz 8, A-3400 Klosterneuburg,
www.bibelheute.de tel. 02243/32938, Fax: 02243/3293839,
e-mail: zeitschriften@bibelwerk.at
einzelheft E 11,80 (für Abonnenten E 9,50)
Jahresabonnement E 40,- (studentinnen
Informationen und Bestellungen: E 32,- (je zzgl. Versandkosten)
Katholisches bibelwerk e.V., postfach 150365, 70076 stuttgart eine Kündigung des Abonnements ist mit
tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77 einer vierwöchigen Kündigungsfrist zum
bibelinfo@bibelwerk.de, www.bibelwerk.de Jahresende möglich.

110 welt und umwelt der bibel 1/2015 200219134248CB-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
20 Jahre „WUB“
o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Jesus der Galiläer, 2/02
o Schöpfung, 2/96 o Isis, Zeus und Christus, 3/02
o Damaskus, 1/97 o Himmel, 4/02
o Das Heilige Land , 2/97 o Entlang der Seidenstraße,
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 Sonderheft 2002
o Sterben und Auferstehen, 1/03
Einzelheft € 4,90

o Tempel von Jerusalem, 3/99


o Wer hat die Bibel geschrieben?, 2/03
e [A] 5,50 / sFr 9,50

o Christus in der Kunst (1):


Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Die Kreuzzüge, 3/03
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Abraham, 4/03
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Der Nil, 1/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Flavius Josephus, 2/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Der Jakobsweg, 3/04
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Prophetie und Visionen, 4/04
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Paulus, 2/01 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Echnaton und Nofretete, 4/01 o Babylon, 3/05
o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02 o Juden und Christen, 4/05

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft/06 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11
Einzelheft € 9,80

o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12
e [A] 11,50 / sFr 19,–

o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o Nordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14
Einzelheft € 11,30

o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15


e [A] 11,80 / sFr 19,–

o Jesus, der Heiler, 2/15 (ab April 2015)


o Äthiopien – das Land der Felsenkirchen, 3/15
(ab Juli 2015)
o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 (ab Okt. 2015)

o Bitte senden Sie mir „Welt und Umwelt der Bibel“ ab Der Jahresbezugspreis für Österreich beträgt: e 40,– (Studierende
Abonnement

sofort bzw. ab Heft -25%), zzgl. Versandkosten (Bestellung über Österreichisches


Katholisches Bibelwerk).
Der Jahresbezugspreis beträgt e 40,– (Schüler/
Studenten e 32,–), inkl. Versandkosten. Bei Versand ins Der Jahresbezugspreis für die Schweiz beträgt: 70,– sFr (Studierende
Ausland entstehen Portomehrkosten von e 6,– im Jahr. 58,– sFr), inkl. Versandkosten (Bestellung über Schweizerisches
Katholisches Bibelwerk).
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Tel.: 07 11/6 19 20 50 • Fax: 07 11/6 19 20 77 • E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de • www.weltundumweltderbibel.de

Bestellungen aus der Schweiz und Österreich bitte an folgende Adressen:

Schweiz: Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB, Österreich: Österreichisches Katholisches Bibelwerk,


Bederstr. 76, 8002 Zürich, Stiftsplatz 8, 3400 Klosterneuburg,
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