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Archäologie . Kunst .

geschichte 2/2015
WUB
Nr. 76, 20. Jg., 2. Quartal 2015 / Jesus der Heiler / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISBN 978-3-944766-47-8

Jesus
deR HeileR
// wie sind die heilungserzählungen zu verstehen?
eURO 11,30

// das wissen der antiken ärzte


// wunderheilungen von asklepios bis lourdes

AktUell: Goldschatz in Cäsarea // Verborgener Zugang zum Herodium entdeckt


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Inhalt 2/2015

12 28 34

Was ist wahr an den Heilungen Jesu? Wenn Götter Krankheiten verursachen Heilung im Traum im antiken Griechenland

JESuS DER HEILER

Helga Kaiser 8 Simon Claude Mimouni 44


Rettende Berührung Der fromme Chanina Ben Dosa
Die Heilungen Jesu im Umfeld antiker Ein charismatischer Heiler im 1. Jahrhundert
und heutiger Medizin

Matthias Hoffmann 48
Ruben Zimmermann 12 Heilung durch Gott oder durch die Ärzte?
Der Wahrheit auf der Spur Die frühjüdische Auseinandersetzung um die Heilkunde
Erzählte Erinnerungen an die Heilungswunder Jesu

Enno Edzard Popkes 54


Eine Übersicht 20 Jesu Auftrag, Kranke zu heilen
Heilungen, die in den Evangelien Die Heilungen der Nachfolger und Nachfolgerinnen
erzählt werden

Andreas Müller 60
Interview 22 Arzt für den Leib oder die Seele?
Jesus, ein Schamane und Medizinmann? Heilung, Heiler und Therapiezentren im
Gespräch mit Prof. Dr. Christian Strecker frühen Christentum

Angelika Berlejung 26 Karl-Heinz Leven 68


„Ich bin der Herr, dein Arzt“ Heilkult und Wunderglaube
Krankheit und Heilung im Alten Orient und von Asklepios bis Lourdes
im Alten Testament

Bernd Kollmann 34 titelbild:


Den menschlichen Körper verstehen Detail aus: Die Aufer-
Die Heilkunst der Griechen weckung des Lazarus,
Léon Bonnat, 1857.
Musée Bonnat, Bayonne.

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Editorial

Was ist „gesund“, „heil“


oder „ganz“? Darauf gibt es
in unterschiedlichen Kulturen
verschiedene Antworten. Der
Heiler Jesus bewegte sich im
jüdischen Kontext der römi-
schen Welt des 1. Jh. – in einer
Vorstellungswelt, in der ein kranker Mensch nicht nur
96 als körperlich beeinträchtigt gesehen wurde. Er war
auch von der Beziehung zu anderen Menschen abge-
Panorama: Der Streit um die Bilder im Islam schnitten, von der Kommunikation mit Gott. Als Ver-
ursacher werden oft „Dämonen“ genannt. „Gesund“
war, wer am Leben der Gemeinschaft teilnehmen
konnte, verbunden mit Gott, Mensch und Schöpfung
AuS DER WELt DER BIBEL – wie Gott es für den Menschen vorgesehen hatte.
So heilt Jesus in den Erzählungen auf körperlicher,
sozialer und religiöser Ebene. Einerseits ist diese
Das Neueste aus der Welt der Bibel 2 Wirklichkeit uns heute fremd. Andererseits ist dieses
Unterwasserarchäologen finden Goldschatz in Cäsarea
antike Gesundheitsverständnis nahe an modernen
Bislang verborgener Zugang zum Herodium entdeckt
Konzepten, die wieder stärker in den Blick nehmen,
dass wir als Menschen mit unserem Körper auf alles
Büchertipps und Bildrechte 74 reagieren, was uns umgibt: das soziale Umfeld, die
eigene Biografie ... Die vorliegende Ausgabe lädt zu
Panorama 78 einer Entdeckungsreise durch die altorientalischen,
Forschungen im Nordirak: Ein frühchristliches Kloster
alttestamentlichen, griechischen, frühjüdischen und
lässt alte Liturgie lebendig werden
Bilderverbot im Islam?
christlichen Heilungsvorstellungen ein.
Unterschiedliche Haltungen zu figürlichen Darstellungen
Leser wählen ein Thema für 2016
Die Entscheidung ist gefallen! Rund 530 Leser/innen
Die Bibel in berühmten Gemälden 84 haben abgestimmt – mit einem deutlichen Ergebnis:
Hans Memling: Auferstehung Christi
 Die Sintflut – der Urmythos vom Neuanfang 33 %
 Die Schöpfung – Naturwissenschaft kontra Religion? 41 %
Die großen Entdeckungen 88  Das Paradies – Ort des vollkommenen Lebens? 26 %
Der Kyrus-Zylinder: Der archäologische Beleg
für das biblische Kyrus-Edikt? Damit freuen wir uns darauf, das Thema „Schöpfung“
für Sie aufzubereiten. Allen Teilnehmenden herzli-
Ihre Frage an die Experten chen Dank! Mehrfach wurde der Vorschlag geäußert,
91
Wie datiert man das älteste Evangelium? sich mit der Theorie der spontanen Schöpfung aus
dem Nichts von Stephen Hawking („Der große Ent-
Ausstellungen und Veranstaltungen wurf“) auseinanderzusetzen.
92
Zudem haben uns viele positive, motivierende Reakti-
Vorschau und Impressum onen zur Weiterentwicklung der Magazin- und Titelge-
94
staltung erreicht. Wir freuen uns über jede Zuschrift!

Ich wünsche Ihnen im Sinne des Heftthemas eine


ganzheitliche Lektüre – für Leib und Seele.
Ihre Helga Kaiser
Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

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DAS nEuEStE AuS DER WElt DER BiBEl

Fast 2000 Goldmünzen


wurden im antiken Hafen von
Cäsarea gefunden.

ÜBERRASCHUNGSFUND

GOLDSCHATZ IN ISRAEL

CÄSAREA Es ist der größte Fund von Goldmün­ nach Ägypten, ein Schiff mit dem Sold für die
zen, der bisher in Israel entdeckt wurde. Wie die in Cäsarea stationierten Truppen der Fatimiden
Israelische Antikenbehörde (IAA) Mitte Februar oder um ein Handelsschiff handelte, ist noch un­
2015 meldete, fanden Taucher im antiken Hafen klar. Die Münzen sind trotz ihres Alters von fast
von Cäsarea fast 2000 Goldmünzen aus der Zeit 1000 Jahren in einem ausgezeichneten Zustand.
der Fatimiden (11. Jh.). Die Münzen haben unter­ Einige tragen Bissspuren – ganz offensichtlich
schiedliche Werte und Gewichte, es handelt sich wurde im Geldverkehr auch immer wieder die
um Denare, halbe Denare und viertel Denare. Echtheit der Goldmünzen geprüft.
Kobi Sharvit von der Israelischen Antikenbehör­ Die älteste Münze aus dem Goldschatz wurde in
de und zuständig für die Unterwasserarchäologie Palermo (Sizilien) geprägt, in der 2. Hälfte des 9.
vermutet, ein Wintersturm habe den Meeres­ Jh. nC. Doch die meisten Münzen stammen aus
boden aufgewühlt und dabei die Münzen freige­ der Zeit der Fatimiden­Kalife Al­Hakim (996–
legt. Wahrscheinlich stammt der Fund aus einem 1021) und seinem Sohn Al­Zahir (1021–1036) und
gesunkenen Schiffswrack. Ob es sich dabei um wurden in Ägypten und Nordafrika geprägt. W
ein Schiff mit Steuereinnahmen auf dem Weg (IAA)

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welt und umwelt der bibel 2/2015
SELTENE HOLZSTATUE

AUS DEM WASSER GEZOGEN


PiRÄuS Bei Ausgrabungen vor Beginn der Weiter­ kleinen Statue verdankt sich dem Umstand,
führung der U­Bahn von Athen bis zum alten Hafen dass sie unterhalb des Grundwasserspiegels lag.
von Piräus förderte man aus dem Boden eines an­ Nach Angaben des griechischen Kulturministeri­
tiken Brunnens ein außergewöhnliches Fundstück ums fanden sich an gleicher Stelle im Brunnen
zutage, nämlich eine kleine Holzstatue. Sie ist in Keramikgefäße aus dem Ende der hellenisti­
einer Höhe von 47 cm erhalten. Sie stellt den Körper schen Zeit (100–86 vC). W (MdB/WUB)
eines mit kurzer Tunika (Chiton) bekleideten jungen
Mannes dar, – leider fehlen Kopf, Hände und Füße. Seltene hellenistische Holzstatue,
Der ungewöhnlich gute Erhaltungszustand der Anfang des 1. Jh. vC.

mAGiSCHES AmULETT

„JHWH iST DER TRÄGER DES GEHEimEN NAmENS“


PAPHOS Archäologen der Universität Krakau fanden An zwei Stellen ist dem Schreiber dabei ein kleiner Feh­
ein schönes Zeugnis der magisch­religiösen Praxis, die ler unterlaufen, wie Sliwa bemerkt. Er schrieb ein „P“
Juden aus Ägpyten in der griechisch­römischen Welt anstelle von „V“.
verbreitet hatten. Bei ihren Ausgrabungen auf der Ago­ Die Verbreitung dieser Amulette ist Wanderheilern zu
ra, dem Marktplatz von Paphos, im Südwesten von Zy­ verdanken, die die zeitgenössische Heilkunst ausübten,
pern, kam ein auffälliges Amulett aus dem 5.–6. Jh. nC eng verbunden mit religiösen Vorstellungen und der
zutage. Es zeigt auf der Vorderseite verschiedene my­ Hoffnung auf Wunder. Die Heiler praktizierten abseits
thologische ägyptische Motive, wie eine auf einem Boot der offiziellen Heiligtümer und wurden dort ungern ge­
liegende Mumie, die vermutlich Osiris dar­ sehen.
stellt, und eine Zeichnung des Harpo­ Diese Gegnerschaft spiegelt sich deutlich in der
krates. Auf der Rückseite findet sich neutestamentlichen Apostelgeschichte. J. Sliwa
ein kurzer eingravierter griechischer erinnert an Apg 13,6­12. Dort klagt Paulus wäh­
Text aus 59 Buchstaben in acht Zei­ rend seines Zypernaufenthalts den jüdischen
len. Dieser beginnt mit „IAEŌ “ und Heiler Barjesus, auf Griechisch Elymas, vor
ergibt von vorn und hinten gelesen dem Prokonsul von Paphos der Zauberei an.
den gleichen Text. „Das ist die lan­ Der Archäologe meint dazu humorvoll: „Ich
ge Version eines von zahlreichen kann mir gut vorstellen, dass dieser Elymas
Papyri und magischen Steinen her ein Amulett wie dasjenige besaß, das wir auf
bekannten Palindroms“, schreibt der Agora gefunden haben.“
Prof. Joachim Sliwa, der den Fund Ähnliche Amulette haben Forscher bereits an
soeben veröffentlicht hat (SAAC 17). „Es anderen antiken Stätten entdeckt. Sie soll­
bedeutet: ‚JHWH ist der Träger des gehei- ten ihre Besitzer vor Unglück und Ge­
men Namens, der Löwe von Re im Schutz sei- fahren schützen. W (MdB)
nes Heiligtums.‘ Es ist oft mit Zeichnungen
von Sonnensymbolen verbunden, so wie
hier Harpokrates und Osiris in einem Pa­ Amulett mit mythologischen
pyrusboot zu erkennen sind, umgeben von Zeichnungen (oben) und Palin-
kosmischen Symbolen.“ drom (unten). 3,5 x 4,8 cm.

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Das neueste aus Der Welt Der BiBel

SCHmUCk UND kERAmik AUS EiNER HöHLE ZUR LAGE im NAHEN OSTEN

Versteckt nach dem tod Medienwirksame Zerstörungen


Alexanders des Großen? und systematische Morde
Viele der Länder des Nahen sage des irakischen Archäolo­
Ostens und des Mittelmeer­ gen Abdullah al­Jumaili seien
raumes, die den Kulturraum schon vor Eroberung der Stadt
der Bibel bilden, sind zur Zeit Mossul durch die Terrormiliz
von Terror und Krieg bedroht IS eine Reihe von Objekten aus
und archäologische Stätten Mossul nach Bagdad gebracht
wurden beschädigt, zerstört worden. Die Wiedereröffnung
oder geplündert. Eine der des Irakischen Nationalmu­
letzten Meldungen vor Druck­ seums in Bagdad im Frühjahr
legung dieses Heftes waren 2015 wurde nach irakischen
die gezielten Zerschlagungen Aussagen auch als Reaktion
von antiken archäologischen auf die Zerschlagung assyri­
JERuSAlEm Anfang März 2015 fanden Hobby­ Objekten im Museum von scher Kulturgüter verstanden.
Höhlenforscher in einer großen Tropfsteinhöhle Mossul, in den Ausgrabungs­ Die Unesco hat die Zerstörun­
im Norden Israels unerwartet Silbermünzen, die feldern von Nimrud und Hat­ gen von Nimrud als „Kriegs­
in der Zeit Alexander des Großen (356–323 vC) ra. Nicht immer ist dabei klar, verbrechen“ bezeichnet. In
geprägt worden sind. Daneben entdeckten sie ob die medienwirksam ins aller Brutalität gehen auch die
Schmuckstücke aus Silber, wie Ohrringe, Arm­ Internet gestellten Videos die Kriegsverbrechen an der Be­
reifen und Ringe. Nach Ansicht der Israelischen ganze Wahrheit zeigen. Es gibt völkerung weiter: die Geisel­
Antikenbehörde (IAA) könnten der Schmuck Vermutungen, dass in Mossul nahmen, Vertreibungen und
und die Münzen in ein Tuch eingeschlagen und teils nur Repliken und große Ermordungen von Menschen
vor gut 2300 Jahren in der Höhle versteckt wor­ antike Fundstücke zerstört anderen Glaubens oder ande­
den sein, als es nach dem Tod Alexanders zu Un­ wurden, während kleinere rer Glaubensrichtungen. Die
ruhen im Land gekommen war. Objekte auf dem Schwarz­ Gemeinden der christlichen
Die Fundstücke stammen aus unterschiedlichen markt verkauft würden. Ähn­ Assyrer, Aramäer und Chaldä­
Epochen, die ältesten aus der Kupfersteinzeit, liches gilt für Nimrud und er im Mittleren Osten stehen
die jüngsten aus hellenistischer Zeit. Die außer­ Hatra. Möglicherweise sind kurz vor ihrer Auslöschung,
dem gefundenen Keramiken können teils noch auch einige Kunstgegenstän­ warnen Verbände nahöstli­
nicht geborgen werden, da sie vom Tropfstein de gerettet worden. Nach Aus­ cher Christen. W (KNA/WUB)
eingeschlossen wurden. Die IAA hält den genau­
en Fundort bisher geheim, um eine vollständige
Bergung ungestört zu ermöglichen. W (Agade)
LUFTBiLDARCHÄOLOGiE

Steinkreise in Petra
PEtRA Die Luftbildarchäologie, die David Kennedy seit 1997
im Nahen Osten intensiviert hat, bringt immer wieder neue Er­
kenntnisse, wirft aber auch Interpretationsfragen über das auf,
was aus der Luft sichtbar wird. So verhält es sich mit elf großen
Steinkreisen („Big Circles“), die rund 400 m im Durchmesser
messen und untereinander u. a. in der kreisrunden Ausführung
auffällig ähnlich sind. Die Steinkreise selbst waren eher niedrig
und besaßen keinen Eingang, die Mauern waren aber leicht zu
Schmuck, münzen und keramik, die überspringen. Weder die Funktion noch die Datierung dieser
von Hobby-Höhlenforschern in einer Höhle im Kreise ist geklärt. Neben diesen „Big Circles“ sind viele andere
norden israels gefunden wurden. kleinere Steinkreise bekannt. W (Science)

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Das neueste aus Der Welt Der BiBel

vERBORGENER TUNNEL DES HERODES ENTDECkT

NIE GENUTZT
HERODium Archäologen der Hebräischen Universität Jeru­
salem haben im vergangenen Dezember einen monumen­
talen Zugang zum Herodium, dem Hügelpalast des Hero­
des nahe Betlehem, entdeckt. Es handelt sich um einen
20 m langen, 6 m breiten und 20 m hohen Korridor mit ei­
nem System von mächtigen Arkadenbögen. Offenbar wur­
de der Korridor aber kurz vor der Vollendung aufgegeben
und nie benutzt. Die Archäologen erwägen, dies mit verän­
derten Plänen des Herodes vor seinem Tod in Verbindung
zu setzen: Nachdem Herodes Hügel und Palastburg als
seine königliche Gedenkstätte nutzen wollte, wurde schon
zu seinen Lebzeiten der jetzt entdeckte Korridor verfüllt.
Eine neue, monumentale Treppe vom Fuß des Hügels bis
zur Spitze, die schon früher ausgegraben worden ist, lag
über dieser Füllschicht. Überbaut wurde offenbar auch das schen diesen Raum und gruben geheime Gänge, teilweise
herodianische Theater (Bilder in WUB 4/2013, 22) aus frü­ abgestützt durch Holzbalken. Dabei bezogen sie den alten
herer Zeit. Korridor mit ein.
Bei den Ausgrabungen wurde auch die ursprüngliche re­ Es gibt Pläne, den alten Korridor als Zugang zum herodi­
präsentative Eingangshalle des Palastes mit Fresken, die anischen Palast für heutige Besucher/innen auszugraben
architektonische Motive zeigen, und einem großartigen und zu restaurieren. Aber auch über die monumentale
Eingang freigelegt. Während des Bar­Kochba­Aufstands Treppe sollen Besucher zum königlichen Theater und zur
(132­135/36 nC) unter Kaiser Hadrian nutzten die Aufständi­ Grabstätte gelangen können. W (Agade/WUB)

Einblicke in den neu entdeckten Tunnel, der in die ursprüngliche Palastanlage von Herodium führte. Auch
die ursprüngliche Bemalung lässt sich noch erkennen (Bild unten links, unterer Bildrand). 2. Hälfte des 1. Jh. vC.

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welt und umwelt der bibel 2/2015 5
Jesus
der Heiler

Er fasst Menschen bei den Händen. Er fragt, was er für


jemanden tun soll. Er hört, wenn ihn jemand von Ferne
um Hilfe anruft. Manchmal kommen Leute und bitten
ihn, einen Freund zu heilen. Er staunt über den Glauben
eines Menschen, der seine Hilfe sucht. Jesus scheut
keine Berührung. Er heilt, indem er aufrichtet, Zungen
löst, Rücken befreit, Augen öffnet, Dämonen verjagt.

Die Erzählungen über Jesus, den Heiler, führen uns


in eine andere Welt. Sie inspirieren, „heil sein“ anders
zu denken.

„Er fasste die Schwiegermutter des Petrus an der Hand und richtete
sie auf“ (Mk 1,30). Mosaik im Narthex der Chora-Kirche, Istanbul,
um 1320.

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Einführung

Rettende Berührung
Die Heilungen Jesu im Umfeld antiker und
heutiger Medizin

Gesellschaften definieren, was „gesund“ ist, und ärztliches Wirken


reagiert darauf, wie man sich Krankheit erklärt. Im biblischen Weltbild
sind Krankheit und Sünde, Heil und Heilung eng verwoben. Kann das
heutige Perspektiven erweitern? Von Helga Kaiser

wurden begleitet von der Behandlung mit Heil-


kräutern, Gemischen, Salben oder manuellen
Therapien – boten eine Handlungsmöglichkeit,
in dieser Situation das Richtige zu tun.
Auch die Heilungen Jesu fanden in einem
speziellen Wirklichkeitsverständnis statt. Im ge-
meinsamen frühjüdischen Verständnis des 1. Jh.
verursachten Dämonen, die einen Menschen ge-
radezu besetzten, und ein zerrüttetes Verhältnis
zu Gott Krankheiten – nicht fantasivoll geformte
Krankheitserreger, wie man sie heute unter dem
Mikroskop erkennen kann. Jesu Heilung setzte
dabei folgerichtig zuerst dabei an, die Dämonen
unschädlich zu machen oder am besten gleich
auszutreiben. Er heilte Menschen damit von ih-
rem sozialen wie religiösen Kranksein: Sie erhal-
ten erneut Teilhabe am gemeinschaftlichen Le-
ben und können wieder Gegenüber Gottes sein.
Vor diesem Hintergrund ist dieses Heilungshan-
deln plausibel.
Im griechisch-römischen Menschenbild da-
gegen sah man die Ursache von Krankheit im

D
Neues Leben durch a hilft nur noch Beten.“ Dieser lapidare Missverhältnis der vier Körpersäfte zueinander:
Berührung und Wort Satz drückt heute ein schulmedizini- Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim.
Jesu. Auferweckung sches Todesurteil aus. Im orientalischen Der griechisch-römische Arzt setzte mit der Hei-
der Tochter des Jairus, Altertum war jedoch gerade Beten der Anfang lung am stofflichen Körper an, er war Diagnosti-
Vasily Polenov, 1871, einer Heilung. Denn durch Gebete, Beschwö- ker und Apotheker, konnte brennen, schneiden,
Museum der Kunstaka- rungsformeln, Amulette und Opfergaben nahm schröpfen und zur Ader lassen. Dass auch der
demie St. Petersburg. man mit den Gottheiten Kontakt auf – in der Heilgott Asklepios in diesem Bezugsrahmen heil-
festen Überzeugung, dass diese die Heilung be- te, zeigt aber, dass auch in der griechisch-römi-
wirken könnten. Die Gottheiten hatten nach der schen Medizin das Gebet verankert war. Eine re-
Überzeugung der damaligen Menschen auch die ligiöse Dimension und die Tempelmedizin waren
Krankheit verursacht. All diese Praktiken – sie mit den Ärzteschulen verbunden.

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welt und umwelt der bibel 2/2015
Reinhard van Bendemann weist jüngst – so wenig Zeit im medizinischen Alltag
in einem Beitrag darauf hin (Early Chris- dafür auch sein mag. Die Versicherung,
tianity 5, 2014, 273–313), dass bei allen dass der behandelnde Arzt den Patienten
Unterschieden zwischen dem griechisch- sorgsam im Blick hat, beeinflusst den Be-
römischen Heilen und dem, was Jesus tut, handlungsverlauf.
dennoch fraglos beide Weisen in ihrem
Umfeld „Medizin“ waren. Eine Beziehungsaufnahme ist auch in
Welche Konstrukte von Heilung und den Heilungserzählungen Jesu nach-
Gesundheit bestehen heute? Die natur- zulesen. Die frühchristlichen Erzählun-
wissenschaftlich basierte Medizin, die gen von Jesus dem Heiler sind spannend
etwa seit Mitte des 19. Jh. die Abläufe in und gehen nahe durch das Vertrauen der
den menschlichen Zellen als maßgeblich Patienten – oder auch der Angehörigen –
annimmt und die Vier-Säfte-Lehre ablöst, zum Heiler Jesus. Schon beim Überfliegen
ist als Schulmedizin bestimmend. Ge- der Heilungserzählungen (etwa in der
sundheit bedeutet zunächst die Funkti- Übersicht auf S. 20–21) springt ins Auge,
onalität des Körpers. Forscherinnen und dass Jesus die Hilfesuchenden berührt:
Forscher entwickeln laufend neue Mög- die Haut eines Aussätzingen (Mk 1), Oh-
lichkeiten, in diesem Sinne heilend auf ren und Zunge eines Taubstummen (Mk
die Abläufe im Körper oder sogar auf ge- 7), die Augen eines Blinden (Mk 8), den
netische Voraussetzungen einzuwirken. Rücken einer verkrümmten Frau (Lk 13).
In der naturwissenschaftlichen Medizin Zudem heißt es in Lk 4,40, dass er, als vie-
ist gleichzeitig an vielen Stellen Offenheit le Kranke zu ihm gebracht worden waren,
zu spüren, in dieses Körperkonzept zu in- „die Hände auf einen jeden Einzelnen leg-
tegrieren, dass der Körper auf psychische te und sie gesund machte.“ Ruben Zim-
Verfassungen und seine gesamte Umwelt mermann hebt in seinem Beitrag hervor
reagiert: auf Lebensumstände wie Armut, (S. 17), dass Jesus sich in den Heilungs-
Einsamkeit oder Arbeitslosigkeit, auf erzählungen dem einzelnen Menschen
traumatische Erlebnisse wie Flucht oder zuwendet.
Verlust von Angehörigen. Gleichzeitg Die Heilungen Jesu in den Evangelien
können Freude, Zuversicht, Gottvertrau- bedeuten mehr als nur eine körperliche
en, positive innere Bilder, Unterstützung Wiederherstellung: Sie erzählen von der
und Liebe von Familie oder Freunden Ge- Hoffnung auf ein Reich Gottes, einem
nesungsprozesse beeinflussen und Kräfte Heils-Reich ganz geheilter Menschen.
mobilisieren. Seelsorger/innen sind in Sie erzählen natürlich von Gott, der so
Kliniken und Pflegeheimen ein gewohn- handelt wie Jesus, der Heiler: liebend,
ter Anblick. In einigen Häusern arbeiten zugewandt, sorgend, berührend. Die Hei-
Ärzte- und Pflegeteams heute auch mit lungen Jesu vollziehen sich durch den
alternativen Heiler/innen zusammen. Die Glauben der Patienten und sie bedeuten
Bischöfliche Akademie der Diözese Aa- für diese Frauen und Männer, nun im
chen wird im April 2016 in der Reihe „Stu- Frieden Gottes leben zu können („dein
dientage zum Heftthema von Welt und Glaube hat dir geholfen, geh in Frieden“,
Umwelt der Bibel“ eine Tagung durch- Mk 5,34). Sie werden als Rettung bezeich-
führen, deren Thema die Verschränkung net oder als Sündenvergebung (in Mk 2
zeigt: „Heil und Heilung. Die heilsamen sagt Jesus zu einem Gelähmten, dass
Kräfte des Religiösen – Interdisziplinäre „deine Sünden dir vergeben sind“).
Tagung für Ärzte/Ärztinnen, Psychothe- Und noch etwas teilen die Erzählungen Ein Hirt, der ein Schaf trägt,
rapeut/innen, Seelsorger/innen, Hospiz- mit: Heilung sei eine Art Auferstehung wird für die frühen Christen zum
mitarbeiter/innen, Pflegekräfte und Inte- mitten im Leben. Denn Formen des grie- Bild des fürsorglichen Gottes in
ressierte“ (Informationen dazu auf S. 92). chischen Verbs egeiro bezeichnen sowohl der Gestalt Jesu, der sich dem
Angehende Mediziner/innen lernen wie Jesus Menschen „aufrichtet“ – etwa einzelnen Menschen zuwendet.
heute in der Ausbildung, dass es zuerst den blinden Bartimäus oder die Schwie- Marmorstatue, um 300 nC,
wichtig ist, eine Beziehung zum Pati- germutter des Petrus oder auch in der Vatikanische Museen.
enten aufzubauen und das Gefühl zu Wendung „steh auf, nimm deine Tragbah-
vermitteln, dass sich jemand kümmert re und geh“ – als auch seine eigene Auf-

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welt und umwelt der bibel 2/2015 9
rEttEndE bErührung

erstehung („er ist auferstanden“, Mk 16,6). Als sinnlos, Heilungswunder anhand der naturwis-
gottgewollt wird das Leben des aufgerichteten, senschaftlichen Medizin feststellen zu wollen.
befreiten Menschen gezeichnet, der Zugang zu Denn was heute als unerklärbares medizinisches
seiner Kraft hat. Was dieser Frieden und die Ret- Wunder erscheint, kann in wenigen Jahren er-
tung und die Sündenvergebung für einen einzel- klärbar sein, wenn Zusammenhänge möglicher-
nen Menschen bedeuten, bleibt offen. weise weiter erforscht sind.
Dass das sogar nicht einmal die körperliche
Genesung bedeuten muss, zeigt eine Informati- Wo ist die Verbindung zu de Heilungserzäh-
on über den Apostel Paulus. Er muss selbst an lungen Jesu? Auch wenn es in der exegetischen
einer auffälligen, für andere fast abstoßenden Forschung mehrheitlich als unbestrit-
Krankheit oder einem Gebrechen gelitten ten gilt, dass der historische Jesus
haben. Im Galaterbrief bedankt er sich, von Nazaret heilend gewirkt
dass die galatische Gemeinde ihn da- hat, können wir doch nicht
für nicht verachtet, verabscheut und genau wissen, was er getan
angespuckt hat (Gal 4,14). Dreimal und gesagt hat. Wir können
habe er Gott auch gebeten, ihn davon oft nicht einmal die Krank-
zu heilen, sagt er in 2 Kor 12, aber Gott heitsbilder identifizieren, die
habe das nicht getan. So deutet er die- in den Evangelien mit „lahm“,
sen „Pfahl im Fleisch“ als Willen Gottes, „blind“, „verkrümmt“, „verdorrt“
damit er nicht hochmütig werde. Gottes Bot- gemeint sind. Und trotzdem lassen
schaft zu seinem Leiden hört Paulus so: „Meine sich bei genauem Hinsehen oder beim
Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in zweiten, dritten und vierten Lesen der von un-
der Schwachheit“ (12,9). seren „Glaubensgeschwister-Vorfahren“ überlie-
Der Begriff „ganzheitlich“ ist zwar modern, ferten Heilungserzählungen immer neue Details
doch bezeichnet er treffend, was dann auch in entdecken, die heutige Konzepte von Gesundheit
der frühen Kirche unter Gesundheit verstanden oder Heilung erweitern können:
wird: Jesus verkörpert dort das Ideal des Seelen- Menschen, die Heilung wollen, gehen einen
arztes, denn die frühen christlichen Gemeinden ersten Schritt auf Jesus zu; sie schreien laut, um
verstanden ihre Ärzte vor allem als Seelsorger auf sich aufmerksam zu machen; vier Männer
(vgl. Beitrag von Andreas Müller). bemühen sich über ein selbstverständliches Maß
hinaus, ihrem Freund die Chance einer Linde-
In der sehenswerten Dokumentation des Jour- rung seines Leidens zu ermöglichen, als sie ihn
nalisten Joachim Faulstich „Das Geheimnis der sogar durch das Dach eines Hauses zu Jesus hi-
Heilung“ (in der ARD-Mediathek bis 10.6.2015) nablassen (Mk 2); was bedeutet, dass Stumme re-
wird eine Studie dargestellt, bei der das Gehirn den, Krüppel gesund werden, Lahme gehen und
von Ordensleuten während des Gebets gescannt Blinde sehen ... wenn doch auch jeder geheilte
wurde. Bei deren innerem Gespräch mit Gott wa- Körper altern und sterben wird?
ren dieselben Gehirnregionen aktiv wie während Bei den Heilungserzählungen gibt es nicht die
eines äußeren Gesprächs mit einem Vertrauten. einzige, richtige Deutung. Sie kommunizieren
Die Aktivierung dieser Zentren löse, so erklärt geradezu mit ihren Leser/innen und laden ein,
ein Neurowissenschaftler, Entspannungsmecha- sie immer neu auszulegen und eigene Wahrhei-
nismen aus, stresslösende Botenstoffe. Ein inne- ten darin zu finden. Das ist in den Worten von
res Geschehen bewirkte also die gleichen körper- Ruben Zimmermann und dem Team um das
lichen Prozesse wie äußere, „reale“ Ereignisse. „Kompendium der frühchristlichen Wunderer-
Gebet und Meditation können bei manchen Men- zählungen“ (vgl. Buchtipp s. S. 74; www.wun-
schen zweifelsfrei Ängste und Stress reduzieren. derkompedium.de) die Aufforderung: „Wundert
Kann das wiederum möglicherweise innere Hei- euch mit diesen Texten!“ Also: sich irritieren las-
lungskräfte stärken? „Ich bete nachts, wenn ich sen, staunen, für andere Wirklichkeiten öffnen
wach liege, immer das Vaterunser“, äußerte eine – was auch Christian Strecker (S. 24) als Ertrag
schwer krebserkrankte Frau. „Ich bin dann ein- aus der Beschäftigung mit der Schamanismus-
fach nicht allein, das gibt mir Kraft.“ forschung formuliert: „... dass unser westliches,
Was genau in unserem Körper-Netzwerk durch aufgeklärtes Wirklichkeitsverständnis nicht das
Botenstoffe geschieht, ist noch nicht ausrei- A und O ist. [...] Theologie ist immer auch eine
chend erforscht. Wie der Medizinhistoriker Karl- Auseinandersetzung mit unserem Verständnis
Heinz Leven anmerkt (S. 72–73), ist es ziemlich von Wirklichkeit.“ W

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rEttEndE bErührung

THERAPEUTIc ToUcH, HEILERAUSBILDUNG UND HANDAUFLEGEN

Jesu Heilungen sind oftmals von Körper halten. Ziel ist es, so erklärt ganz ruhig“, „mir wird so leicht, alles
Berührungen begleitet. Ein Blick ins Vera Bartholomay, eine Saarbrü- fällt von mir ab“ auch für Skeptiker
Internet zeigt, wie groß der Markt der cker Dozentin für TT, energetische zumindest als Aussagen von Wohlbe-
Geistheiler ist, die Berührungen mit Prozesse im Körper zu aktivieren und finden und Stärkung verständlich.
dem Hinweis darauf anbieten, altes zu harmonisieren. Die Pflegekräfte, Einen Ausbildungskurs für das
Heilwissen zu praktizieren – Be- die den Therapeutic Touch ausüben, Handauflegen kann man heute auch
handlungserfolge oder Nutzen sind sollen Unregelmäßigkeiten im Ener- bei kirchlichen Bildungswerken be-
dabei nicht evaluierbar. Doch trifft giefeld des Patienten feststellen, die suchen. Anne Hoefler bietet als Hei-
man Heilmethoden der Berührung in sie dann etwa in weichen Bewegun- lerin unter anderem im Katholischen
durchaus seriösen Kontexten an. gen ausstreichen und neu ordnen. Bildungswerk in Stuttgart Kurse in
Ein Gespräch mit dem Patienten da- Handauflegen an. Sie bezeichnet das
In den USA wurde speziell für den rüber, wie die „heilende Berührung“ Handauflegen – etwa im Palliativbe-
Klinikalltag die Methode des Thera- für ihn/sie war und wie es nun geht, reich – als „ein stilles Gebet mit den
peutic Touch (TT) entwickelt. Diese schließt sich an. Bartholomay merkt Händen“, eine „voll akzeptierende“
„heilende Berührung“ erlernen auch an, dass sich Ärzte und Pflegekräfte Berührung. In ihren Kursen legt sie
in Deutschland Pflegekräfte (etwa in zur Stärkung auch gegenseitig die Wert auf sieben Grundlagen: die
den Berliner Kliniken Sankt Gertrau- Hände auflegen. Einstimmung auf Gott durch das
den und Sankt Joseph). Sie kommt TT stößt auch auf Skepsis, da das Gebet, Kanal der göttlichen Kraft
im Krankenhäusern oder auch in menschliche Energiefeld sowie gut sein, Vertrauen, dass das Richtige
Pflegeheimen zur Unterstützung oder schlecht fließende Energien mit passiert, Dankbarkeit gegenüber der
der Wundheilung, der Mobilisierung herkömmlichen naturwissenschaft- göttlichen Kraft, Geduld für Verände-
von Gelenken, zur Schmerzlin- lichen Methoden nicht darstellbar rungsprozesse, Loslassen im Sinne
derung oder um die Wirkung von sind. Für viele bleibt dieser Ansatz von „Dein Wille geschehe“ (ohne zu
Medikamenten zu verstärken zum daher nicht nachvollziehbar und wissen, was genau für den Heilung-
Einsatz und wird von Patienten zur esoterisch konnotiert. Gleichzeitig suchenden Heilung bedeuten mag,
Entspannung bei Ängsten und Stress sind Patientenäußerungen auf die Loslassen auch der eigenen Wün-
in Anspruch genommen. Konkret be- Berührung hin wie „das ist, wie wenn sche und Vorstellungen), und Liebe
deutet das, dass geschulte Pflegerin- Sie den Schmerz herausziehen“, als annehmende und respektvolle
nen und Pfleger ihre Hände auflegen „ich fühle mich erleichtert“, „das Begegnung mit dem Heilungsuchen-
oder einige Zentimeter über dem tut mir so gut“, „ich bin auf einmal den.

Spannungen lösen, Ängste


beruhigen, Heilkräfte stärken
– manche Menschen erleben
gezielte Berührungen als
Unterstützung von Heilungs-
prozessen.

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welt und umwelt der bibel 2/2015 11
Neues Testament

Der Wahrheit auf der Spur


Erzählte Erinnerungen an die Heilungswunder Jesu

12 welt und umwelt der bibel 2/2015


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Viele klopfen die Heilungserzählungen nach historischer Stichhaltigkeit ab: Ist
das alles auch so passiert? Diese Historizität der Heilungen Jesu kann jedoch
nicht empirisch-rational erwiesen werden. Die neuere theologische Forschung
legt vielmehr die Wahrheit der Erinnerung frei und eröffnet ein neues Verständnis.
Von Ruben Zimmermann

K
eines der Heilungswunder Jesu lässt sich deshalb, weil sich Wunder nicht im Experiment Bild links:
archäologisch nachweisen. Das aufge- wiederholen lassen. Und das gilt nicht nur auf- „Und er fasste sie
deckte Lehmdach, durch das nach dem grund der Zeitdifferenz bei den Wundern Jesu. bei der Hand und
Markusevangelium der Gelähmte herabgelassen Auch gegenwärtig zeigt die Diskussion um die richtete sie auf.“
wurde, ist ebenso wenig erhalten wie das Bett, Heilung der Costa Ricanerin Floribeth Mora (von Jesus heilt die Schwie-
in dem die Schwiegermutter des Petrus fiebernd den Ärzten wegen eines Gehirn-Aneurysmas auf- germutter des Petrus
lag. Vom weggeworfenen Mantel des blinden gegeben, betete sie nach eigenen Angaben zu vom Fieber (Mk 1,29ff).
Bartimäus gibt es nicht einmal Reliquien und Johannes Paul II. und genas; im Zusammenhang Zeichnung von Remb-
auch vom Grab, in dem Lazarus bestattet worden mit der Heiligsprechung von Papst Johannes randt, um 1660, Samm-
war, fehlt jede Spur. Und selbst wenn man an- Paul II. wurde dieses Wunder anerkannt), dass lung Frits Lugt, Fondati-
nehmen wollte, dass Grundmauern der Synago- die Wahrheit von Wundern auch mit modernsten on Custodia, Paris.
ge von Kafarnaum schon aus der Zeit des ersten Messmethoden nicht quantifiziert oder gar ob-
Jahrhunderts stammen, also die Existenz eines jektiv erwiesen werden kann. Wahrheit hat etwas
möglicherweise von einem Hauptmann – zumin- mit Wahrnehmung zu tun. Dies gilt besonders
dest nach der Fassung des Lukas – gestifteten auch für die Wahrheit der Wunder.
Gotteshauses plausibel ist, besagt das wenig dar- Denn selbst wenn Wunder Tatsachen der Ge-
über, ob der Sklave des Hauptmanns nun geheilt schichte sind, können sie nicht ausgegraben
wurde oder nicht. Nirgends mehr als in der Gra- werden. Sie müssen stattdessen erfahren, erzählt
beskirche von Jerusalem kann man nachemp- und erinnert werden. Die erzählte Erinnerung in
finden, dass das Eigentliche des Wunders nicht Gestalt der biblischen Heilungsgeschichten ist
mit Steinen, Marmorplatten oder Tonscherben deshalb nicht beklagenswert, sondern die medial
zu fassen ist. Das Grab des Lazarus würde rein adäquate Weise, wie Heilungswunder im kollek-
gar nichts beweisen oder widerlegen. Auch wenn tiven Gedächtnis bewahrt werden und wie man
dieser Befund zunächst wenig überraschend ist, sich ihnen je und je neu annähern kann. Wer sich
schärft das kleine Gedankenexperiment doch mit Jesu Wundern befasst, ist deshalb gut bera-
das Bewusstsein für eine Rückfrage nach den ten, nicht hinter und jenseits der Texte zu fragen,
Wundern Jesu. Was kann überhaupt gefunden sondern immer nur zu ihnen, mit ihnen und aus
werden? Und wonach suchen wir eigentlich? ihnen heraus. Statt um die Archäologie der Steine
Wer heute nach den Wundern Jesu fragt, will kann es nur um eine „Archäologie des Wissens“
in der Regel wissen, was wirklich passiert ist. Er (Foucault), um eine Archäologie der Texte gehen,
oder sie sucht nach Wahrheit, die für den neu- um die in Erzählungen erinnerte Wahrheit.
zeitlich geschichtsbewussten Menschen hin-
sichtlich der Vergangenheit zunächst im Sinne
einer Korrespondenzwahrheit verstanden wird:
Sind Heilungswunder „plausibler“ als
Entspricht den Quellen auch ein Ereignis der Ver-
Naturwunder?
gangenheit? Was kann nachgewiesen, was kann Rationalistische Rettungsversuche
vielleicht sogar bewiesen oder widerlegt werden? Die Heilungen Jesu, die in der Forschung auch
Die Wahrheit von Wundern lässt sich nicht „Therapien“ genannt werden (zum Beispiel bei
messen, sie ist nicht objektiv im Sinne des em- Gerd Theißen), waren für die historisch-kritische
pirischen Rationalismus nachweisbar, schon Jesusforschung immer ein Zufluchtsort, der es

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welt und umwelt der bibel 2/2015 13
Der WahrheiT Der heiluNgsWuNDer auf Der spur

trotz rationaler Kritik ermöglichte, ein geschicht- und die Verwunderung der anwesenden Figuren
liches Ereignis hinter den Texten anzuerkennen. eigens herausgearbeitet werden. Die angeblich
Während der Gang Jesu über das Wasser oder die grundsätzlich wundergläubigen Menschen der
Auferweckung eines schon vier Tage toten Men- Antike sind verwundert, sie staunen, ja sie sind
schen doch weit über das Realitätsbewusstsein entsetzt über das Geschehen. Auch der moderne
neuzeitlich geprägter Menschen hinausgeht, Ausleger ist deshalb gut beraten, diese Erzählde-
konnte man sich Heilungen weiterhin vorstellen. tails wahr- und ernst zu nehmen.
Besonders die Lösung von Blockaden (wie bei
der verkrümmten Frau oder der verdorrten Hand)
oder die Genesung vom Fieber durch Handauf-
Wie werden Heilungen erzählt?
legung (Mk 1,29-31) schien nicht völlig aus dem Die Spannung der „fantastischen
gegenwärtigen Vorstellungshorizont herauszu- Tatsachenberichte“
fallen. So war mit den Heilungswundern eine Heilungserzählungen stellen die normale Erfah-
letzte Fluchtburg für die Historizität der Wun- rung von Wirklichkeit auf die Probe. Und das gilt
der Jesu gegeben, selbst für den aufgeklärten nicht nur für den modernen Leser. Abgesehen
modernen Menschen. So glaubte man: Natur- davon, dass bereits in der antiken Historiografie
wunder dürfen der Kritik preisgegeben werden, ein lebendiger Diskurs über die Möglichkeit und
aber Heilungswunder können auch dem Plausi- Unmöglichkeit bestimmter Wundertaten geführt
bilitätskriterium der kritischen Jesusforschung wurde, zeigt sich bei genauer Lektüre der Texte
standhalten. im Neuen Testament, dass sie offenbar darauf
Allerdings ist dieser Versuch der stillschwei- angelegt sind, Normsysteme zum Einstürzen zu
Historischer Anker:
genden Harmonisierung der Texte mit dem auf- bringen. Wundergeschichten wollen Spannung
Ausgrabungen der Heil-
anlagen am Teich von
geklärten Common Sense der Welterklärung eine erzeugen, und zwar zwischen der realistischen
Betesda, Jerusalem. Selbsttäuschung, die eine Spielart der rationalis- Erzählweise und den normbrechenden Inhalten.
tischen Wunderinterpretation darstellt. Bei Licht Sie liegen literaturwissenschaftlich betrachtet
betrachtet stellen die Heilungserzählungen das also zwischen Historiografie und Fantasy, sie sind
Wirklichkeitsverständnis des Lesers ebenso auf zugespitzt formuliert: fantastische Tatsachenbe-
die Probe wie alle anderen Wundererzählungen. richte. Was ist damit ausgesagt?
Die Heilung eines Menschen von Aussatz, eines Das historische Erzählen vollzieht sich zu-
seit 38 Jahren Gelähmten oder eine Fernheilung nächst in ganz realistischen Bahnen. Da berich-
an abwesenden Personen war weit mehr als tet ein Evangelist von vergangenen Ereignissen,
die damalige Heilkunst je leisten konnte, selbst die konkret und vorstellbar sind: Von einer kran-
heute durchbricht das medizinische Normen. ken Schwiegermutter im Haus oder von einem
Die Heilungen Jesu wurden fast durchweg an blinden Bettler, der am Wegrand sitzt. Selbst
die Kranken am Teich Betesda können für einen
Kenner der Jerusalemer Ortsszene sofort Glaub-
würdigkeit und Realitätssinn erzeugen (es konn-
Die Heilung eines Menschen von Aussatz ten drei Hallen einer Art Wasser-Sanatorium
oder eine Fernheilung war weit mehr als die ausgegraben werden). Auch die Krankheitsschil-
derungen sind vorstellbar, mehr noch die Aus-
damalige Heilkunst je leisten konnte weglosigkeit, an der betroffene Menschen ver-
zweifeln, wenn sie etwa seit Jahren an Blutfluss
leiden und alles Menschenmögliche des damali-
schweren, unheilbaren und tödlich verlaufenden gen Heilsystems ausgeschöpft hatten. Durch Er-
Krankheiten vollzogen. zählerkommentare wird eigens hervorgehoben,
Und selbst wenn man bestimmte Krankheits- an welcher Grenze diese Menschen stehen. Die
bilder mit heute bekannten Krankheiten identifi-
zieren zu können glaubt (wie Epilepsie oder Hy-
drops/Wassersucht), so vollzieht sich lediglich
eine Plausibilisierung des Krankheitsbilds, nicht
aber der Heilung davon. Gerade die plötzliche „Jesus streckte die Hand aus,
rechts:
Heilung eines an Epilepsie erkrankten Kindes ist berührte ihn ...“ Die Heilung des Aussätzi-
keineswegs plausibler als die Durchbrechung an- gen, der überzeugt ist, dass Jesus ihn heilen
derer Erfahrungsnormen wie die plötzliche Stil- kann. Er litt vermutlich an einer heute nicht
lung eines Sturmes. Kein Wunder, dass bereits mehr zu eruierenden Hautkrankheit. Mosaik,
auf der Ebene der erzählten Welt das Staunen 12. Jh., Kathedrale von Monreale (Sizilien).

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welt und umwelt der bibel 2/2015 15
Der WahrheiT Der heiluNgsWuNDer auf Der spur

Heilungserzählungen sind auch in historische lappung von Dämonenaustreibung und Heilung


Makro-Erzählungen eingebettet, die im Falle von (s. u.) wurde in der späteren Forschung die Stö-
Lukas sogar ganz ausdrücklich die Gestalt von rung des Geraseners als psychische Erkrankung
Geschichtsschreibung annehmen, wie sie auch (multiple personality disorder), die des Jungen als
sonst in der antiken Historiografie üblich war. Epilepsie „diagnostiziert“.
Doch auf dem Boden dieses „normalen“ Wirk- Matthäus erzählt – abweichend von den Sy-
lichkeitssystems, auf dem Boden einer plausib- noptikern – noch von einer Heilung zweier
len Vergangenheitserzählung, geschieht dann Blinder und eines Stummen (Mt 9,27-34). Mat-
auf einmal das Unfassbare: Jesus kann helfen, thäus und Lukas berichten gemeinsam von ei-
heilen und retten. Das Hereinbrechen des ner Fernheilung (Kind/Sklave des Hauptmanns
Unglaublichen wird bereits durch Zeitanga- von Kafarnaum), die gewöhnlich auf die beiden
ben wie „plötzlich“ (euthys) markiert, aber vorliegende Logienquelle Q zurückgeführt wird.
deutlicher noch durch die Reaktion von Fi- Lukas kennt die meisten Heilungen. Neben den
guren auf der Ebene der erzählten Welt aus- Markuswundern erzählt er noch vier weitere
gesprochen: „Heute haben wir paradoxa gese- Heilungen, die sonst in keinem Evangelium
hen!“ (Lk 5,26), die Volksmengen sagen: „Noch vorkommen. Im Johannesevangelium, das ins-
niemals gab es so etwas in Israel!“ (Mt 9,33). gesamt eine gewaltige Reduktion der Wunder-
Die Spannung, die zwischen der Erzählweise erzählungen auf nur acht aufweist (bei Lukas
und dem Erzählinhalt erzeugt wird, sollte nicht insgesamt 20 Wundererzählungen), finden sich
vorschnell durch Textvergleiche mit antiken Pa- drei Heilungen. Jede ist für sich eigenständig,
ralleltexten oder durch rationalistische Kritik aber es zeigen sich doch gewisse Parallelen zu
entkräftet werden. Sie zählt vielmehr zum We- den synoptischen Erzählungen, sei es bei der
senskern der Wundererzählungen. Solche Ge- Fernheilung des Sohns eines königlichen Be-
schichten wollen einen Leser herausfordern, sie amten im Vergleich zur Heilung des Sklaven/
provozieren: Vernunft und eigene Erfahrung mel- Kindes des Hauptmanns, sei es bei der Heilung
den Widerspruch an, aber vor der Aufkündigung des Gelähmten, der wie in Mk 2,1-12 sein Bett
des Glaubwürdigkeitspakts warnt die historische nehmen und hinausgehen soll. Großzügig ge-
Erzählweise und der Kontext der Jesusgeschichte. rechnet kommen wir also auf 20 Erzählungen,
Auf diese Weise beginnt ein fruchtbarer Prozess die von Heilungen Jesu berichten.
des Verstehens.

Wen und wie heilt Jesus?


Was können wir lesen? Heilsame Berührungen für die Randständigen
Ein orientierender Überblick Es lohnt sich, die Gruppe der geheilten Men-
Blicken wir genauer auf die Texte selbst. Welche schen näher in den Blick zu nehmen. Zu aller-
Heilungen gibt es nach dem neutestamentlichen meist vollzieht sich die Heilung an Einzelnen, im
Zeugnis? Falle des Bartimäus sogar an einer namentlich
Die Anzahl der Heilungserzählungen ist durch- bekannten Person. Bei Matthäus weitet sich die-
aus überschaubar (siehe Übersicht S. 20–21). Das ses Setting zu Paarheilungen (zwei Blinde vor
Markusevangelium berichtet von neun Heilun- Jericho, zwei Besessene in Gadara, einmal so-
gen Jesu, die abgesehen von der Heilung des gar drei Personen, siehe Mt 9,27-34), bei Lukas
wird einmal von einer Kollektivheilung an zehn
Aussätzigen gesprochen (Lk 17,11-19). Einen Son-
derfall stellen die sogenannten „Summarien“
Jesus spricht die Kranken an, er sondert sie ab, dar, in denen man aufgrund der Nennung von
sodass eine intime Begegnung möglich wird Kranken „der ganzen Stadt“ oder „vieler Kran-
ken“ (etwa Mk 1,32-34; 3,7-12) regelrecht an Mas-
senheilungen denken mag. Diese Texte werden
mehrheitlich als Zusammenfassungen der Evan-
Taubstummen in Mk 7,31-37 und der Blindenhei- gelisten eingeschätzt. Doch selbst hier scheint
lung in Mk 8,22-26 alle von Matthäus und Lukas ein Grundzug der Heilungstätigkeit Jesu durch,
übernommen werden. Man könnte mit gewissem wie wir an Lk 4,40 sehen: „Und als die Sonne
Recht auch die Dämonenaustreibungen des „Be- untergegangen war, brachten alle ihre Kranken
sessenen aus Gerasa“ (Mk 5,1-20) und des „be- mit mancherlei Leiden zu ihm. Und er legte die
sessenen Jungen“ (Mk 9,14-29) zu den Heilungen Hände auf einen jeden Einzelnen und machte sie
rechnen, denn abgesehen von der engen Über- gesund.“ Die Zuwendung Jesu gilt vor allem dem

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einzelnen Menschen. Jesus heilt nicht pauschal,


im Vorübergehen oder um der Wirkung der Mas-
se willen. Vielmehr stehen immer die konkrete JESUS HEIlt NAcH DEN EVANgElIEN
Begegnung mit dem kranken Menschen und die
individuelle Zuwendung in den Erzählungen im UNtErScHIEDlIcHE KrANKHEItEN:
Zentrum. Jesus spricht die Kranken an (Mk 10,51:
„Was willst du, dass ich für dich tun soll?“; Mk Fieber Mk 1,29-31; Joh 4,52
5,9: „Wie heißt du?“), er sondert sie teilweise Aussatz Mk 1,40-45; lk 17,11-19
ab (Mk 8,22-26), sodass eine intime Begegnung Lähmung Mk 2,1-12; Joh 5,1-9
möglich wird. Es ist auch meist eine Initiative
Blindheit Mk 8,22; 10,46; Mt 9,27-31; Joh 9,1-34
der Kranken oder ihrer Helfer erkennbar, die zu
Jesus kommen, von ihm etwas erwarten, ja im Taubheit und Stummheit
Falle der blutflüssigen oder kanaanäischen Frau Mk 7,31-37; Mt 9,32-34 mit Dämon; 12,22f; lk 11,14
Jesus regelrecht die Heilung „abtrotzen“. Jesus Verdorrung/Auszehrung Mk 3,1-6
betont diesen Anteil der Geheilten am Gesche-
Blutungen Mk 5,25-34
hen, etwa mit: „Dein Glaube hat dich geheilt/
gerettet“ (Mk 5,34). Verkrümmung lk 13,10-17
Zweimal wird davon erzählt, dass Jesus die Wassersucht (Hydrops?) lk 14,1-6
Kranken nicht direkt zu Gesicht bekommt (Mk 7: Mondsucht (Epilepsie?) Mk 9,14-29
die Syrophönizierin; Lk 7,1-10: der Hauptmann
Verlust von Körperteilen Ohr in lk 22,51
von Kafarnaum). Dass Bittsteller (wie Eltern,
Freunde oder Boten) die Not für andere vorbrin-
gen, gibt es häufiger, aber in den genannten Fäl-
len folgt Jesus nicht wie bei der Tochter des Jairus
oder bei Lazarus dem Ruf, zu kommen, sondern
heilt aus der Ferne. Dabei wird allerdings nicht
die sonstige Nähe zwischen dem Wundertäter
und dem Kranken unterwandert, sondern ein
anderes Motiv in den Vordergrund gerückt. Jesus
wendet sich den Marginalisierten zu, denen, die
keine eigene Stimme haben können und manch-
mal auch in der Ferne (beispielsweise im Heiden-
haus oder Heidenland) sind.
Jesus heilt gerade auch Menschen, die nicht
oben in der Rangordnung der Gesellschaft ste-
hen. Gemessen an der Zahl der Wunder ist es be-
achtlich, dass Jesus drei Frauen heilt (Schwieger-
mutter des Petrus; blutflüssige Frau; verkrümmte
Frau). Ferner heilt er vier Kinder (Kind/Sklave
des Hauptmanns, Tochter des Jairus, Tochter der
syrophönizischen Frau, fallsüchtiger Sohn eines
Vaters), mit gewissem Recht könnte man noch
den Sohn des Königlichen nach dem Johannes-
evangelium und den Jungen aus Nain hinzurech-
nen. Frauen, Kinder oder auch blinde Bettler,
und schon gar Aussätzige sind die Außenseiter
und Missachteten der damaligen Gesellschaft,
wobei die Ausgrenzung teilweise direkt mit ihrer
Krankheit zusammenhängt (s. u.).
Auch die Art und Weise, wie Jesus heilt, ver- Heilsame Berührung: Heilung des Blinden. El Greco hat
dient eigene Aufmerksamkeit. Dies gilt umso Jesu Zuwendung zu dem Leidgeprüften eingefangen. 16. Jh.,
mehr, als in der früheren Forschung die Heilung Metropolitan Museum of Art, New York.
durch das reine Wort hervorgehoben wurde,
während alle Formen von manuellen Techniken
oder gar die Verwendung von Substanzen als ar-
chaische, magische Rituale abgewertet wurden.

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Der WahrheiT Der heiluNgsWuNDer auf Der spur

Wenn solche Informationen noch aus der Früh- um eine schwere und meist tödlich verlaufende
phase der mündlichen Überlieferung erhalten Erkrankung handelte. Dies gilt besonders bei
seien, dann handle es sich um Relikte, die von „schwerem Fieber“, puretos megas (Lk 4,38),
den Evangelisten kritisiert würden. das dann vorlag, wenn das Fieber länger als drei
Der Blick in die Texte entlarvt eine solche Mei- Tage dauerte (vgl. Galen, De differentiis febrium).
nung allerdings als ideologisches Vorurteil. Die Problematisch ist die einfache Identifikation
Erzählungen sprechen immer wieder davon, der in den Texten genannten Krankheiten mit
dass Jesus berührt und die Hände auflegt. heute bekannten Krankheiten. Dies gilt selbst
Nach Mk 8,22-26 macht Jesus einen Brei aus dann, wenn der griechische Begriff eine Analogie
Speichel und es wird sogar ein zweistufiges Ver- unmittelbar nahelegt. So steht bei Aussatz etwa
fahren der Heilung berichtet. Die Dimension der lepra, was auf die Hansen’sche Krankheit „Lep-
Berührung wird zum Beispiel bei Lukas in den ra“ hindeutet. Historisch spricht für diese Krank-
heit, dass die aus Indien stammende Erkrankung
durch die Feldzüge Alexanders des Großen nach
Palästina eingeschleppt wurde und ab dem
Problematisch ist die einfache Identifikation mit 4. Jh. vC regional nachweisbar ist. Allerdings
heute bekannten Krankheiten wird in keinem der neutestamentlichen Texte
von den einschlägigen Symptomen gesprochen.
Wie fraglich Krankheitsbestimmungen sind,
wird etwa beim „Gelähmten“ (Mk 2,1-12; Joh 5,1-9)
Summarien aufgenommen, die bekanntlich eher evident. Während Luther hier von einem „Gicht-
die Handschrift des Evangelisten tragen. Nach brüchigen“ ausgeht, haben neuere Kommentare
Lk 6,19 wird sogar die Vorstellung der Kraftüber- eher einen Querschnittsgelähmten oder sogar
tragung genannt (Lk 6,17: „Und alles Volk such- einen Tetraplegiker (Lähmung aller vier Glied-
te, ihn anzurühren; denn es ging Kraft von ihm maßen) angenommen. Allerdings wäre ein Über-
aus“), was auch bei der Heilung der blutflüssigen leben mit einer solchen Lähmungserscheinung
Frau eine Rolle spielt, denn sie wird – ohne Jesu in einer Welt ohne Antibiotika nur für wenige
Wissen – durch Berührung seines Gewandes ge- Wochen vorstellbar, was im Widerspruch zu der
heilt. Das vermutlich späteste der Evangelien, Angabe bei Joh 5,5 steht, nach der der Gelähmte
das Johannesevangelium, das vom Prolog ausge- 38 Jahre lang am Teich Betesda lag. Der Grund
hend die Bedeutung des Wortes besonders hoch der Bewegungsunfähigkeit bleibt also fraglich.
schätzt, scheut sich nicht, bei der Heilung des Die ausführlichste Beschreibung von Krank-
blind Geborenen wiederum eine sehr konkrete heitssymptomen lesen wir in Mk 9,18-22: Ein
Heilprozedur zu benennen: Joh 6,6-8: „Als er das Mann berichtet, sein Sohn zeige Symptome wie
gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte da- Schäumen, Zähneknirschen, Zu-Boden-Fallen.
raus einen Brei und strich den Brei auf die Augen Sie stimmen mit Beschreibungen einer „Epi-
des Blinden.“ Die Praxis des Heilens Jesu kommt lepsie“ überein, wie sie bereits in der Antike
nicht ohne Berührung, ohne Handauflegung, gegeben werden (Galen, Corpus Hippocraticum,
Spucke und Schlamm aus. Lukian). Hinzu kommt, dass etwa Galen (dieb.
decr. 9,903) oder Lukian (tox. 24) beschreiben,
dass die Anfälle besonders bei zunehmendem
Welche Krankheiten heilt Jesus? Mond auftreten, was mit der Notiz des Matthäus
Krankheiten als kulturell bedingte konvergiert (vgl. „mondsüchtig“ sele-niazetai,
Konstrukte Mt 17,15). Doch es sei auch auf gewisse Wider-
Lesetipps
Gemessen an der Vielfalt von Krankheitsbe- sprüchlichkeiten hingewiesen. Der Junge wird
• Ruben Zimmermann, (Hg.),
Kompendium der frühchrist-
schreibungen in der antiken Medizin (etwa im bei Markus als „stumm und taub“ (Mk 9,17.25)
lichen Wundererzählungen. Corpus Hippocraticum oder bei Galen, vgl. Bei- beschrieben, auch das „Sich-Wälzen“ (V. 20)
Band 1: Die Wunder Jesu trag Bernd Kollmann), ganz zu schweigen von oder das „Trocken-Werden“ (V. 18) ist nicht in
(siehe Büchertipps S. 74). der Fülle heutiger Krankheitsbilder (zum Bei- der zeitgenössischen Fachliteratur belegt. Nach
spiel nach WHO-Definitionen), beschränken der Definition der „Internationalen Liga gegen
• Bernd Kollmann/ sich die Handlungen Jesu auf wenige Krank- Epilepsie“ (ILAE) ist ein epileptischer Anfall „das
Ruben Zimmermann (Hg.),
heitsphänomene (s. Liste S. 17) – allerdings vorübergehende Auftreten von krankhaften Be-
Hermeneutik der frühchrist-
lichen Wundererzählungen.
durchweg schwere, unheilbare oder auch lang- funden und/oder Symptomen aufgrund einer pa-
geschichtliche, literarische wierige Erkrankungen. Die umfängliche Fieber- thologisch exzessiven oder synchronen neurona-
und rezeptionsorientierte Debatte in der antiken Medizin zeigt, dass es len Aktivität im Gehirn“ (Zeitschrift für Epilepsie
Perspektiven, tübingen 2014. sich nach antikem Verständnis selbst bei Fieber 18/4 (2006), 269–270). Die Texte verraten natür-

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Jesus heilt einen


fallsüchtigen
Jungen. Dessen Vater
war verzweifelt zu ihm
gekommen. Die in Mk
9,14ff beschriebenen
Symptome erinnern an
einen epileptischen
Anfall. Miniatur von
Francesco Rosselli,
15. Jh., Dom von Siena.

lich nichts über neuronale Aktivitäten im Gehirn.


Warum heilt Jesus?
Die Epilepsie-Diagnose passt also weitgehend, Die Theologie der Heilungen
aber doch nicht ganz. Die Erzählweise, die Konkretion und kulturelle
Man wird hier eher dafür sensibilisiert, dass Bedingtheit, mit denen die Texte an die Heilun-
eine einfache Übertragung unserer Wirklich- gen Jesu erinnern, verraten auch viel über ihre
keitswahrnehmung in die Antike nicht möglich Theologie. Die Heilungen sind keine Schauwun-
ist. Krankheiten sind keine absoluten biologi- der, Demonstrationen absoluter göttlicher Macht,
schen Phänomene, sondern immer auch kultu- schon gar nicht bestärken sie einen Gesundheits-
relle Konstrukte, die eng mit einem konkreten wahn. Sie lindern Leid und Verzweiflung in der
historischen Kontext verwoben bleiben. Ent- Zuwendung Jesu zu einzelnen Menschen. Sie
sprechend wird in Mk 9 auch ein „stummer und machen damit konkret erfahrbar, wovon Jesus re-
tauber Geist“ (Mk 9,17.25) für die Krankheit ver- det: Die Wirklichkeit Gottes, das „Königreich der
antwortlich gemacht, sodass sie nur mit einer Himmel“ ist nahe gekommen, soll in Raum und
Dämonen- oder Geisteraustreibung, einem Exor- Zeit spürbar werden, soll buchstäblich unter die
zismus, zu heilen ist. Haut gehen. Die Heilungen werden jedoch nicht
Diese enge Verbindung zwischen Krankheit zum Selbstzweck. Sie sind vielmehr Ausdruck
und Dämonenbesessenheit ist in der neutesta- tieferer Lebenswahrheit, sie werden – wie Johan- Prof. Dr. Ruben Zimmer-
mann ist Professor für
mentlichen Zeit weit verbreitet und findet sich nes es formuliert – zum „Zeichen“ (semeion), mit
Neues testament an der
auch in der neutestamentlichen Wunderüber- dem auf Gottes Wirklichkeit und Wirksamkeit Universität Mainz. Neben
lieferung (Mk 7,25; Lk 13). Immer wieder wer- verwiesen werden soll. Dies ist nicht „einfach“ der Beschäftigung mit
den Erkrankung und Besessenheit etwa in den zu haben, indem Ereignisse der Vergangenheit ethischen Fragen ist er
Summarien (vgl. Lk 4,40f; 5,25; 6,17-19; 13,32) in berichtet und vom Leser hingenommen werden. Initiator, Herausgeber und
einem Atemzug genannt. Daraus wird man fol- Wer Gottes Handeln in der Welt verstehen will, Mitautor des umfassenden
gern dürfen, dass die Evangelisten keine scharfe der muss provoziert und aufgerüttelt werden. grundlagenwerkes Kom-
pendium der frühchristli-
Trennlinie zwischen Exorzismen und Heilungen Die Wundererzählungen vermögen deshalb auch
chen Wundererzählungen
ziehen oder gattungsspezifisch betrachtet auch heute noch, ihre Leser in Irritation und Staunen in zwei Bänden; Bd. 1: Die
Heilungserzählungen und Austreibungserzählun- zu versetzen. Nur wer sich auf diese Störungen Wunder Jesu (2013); Bd.
gen zusammengesehen werden müssen. einlässt, wer mit ihnen lernt, sich wieder zu wun- 2: Die Wunder der Apostel
dern, der kommt ihrer Wahrheit näher. W (vermutlich 2015).

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welt und umwelt der bibel 2/2015 19
Heilungen die in den evangelien eRZäHlt weRden – EINE ÜBErSIcHt

Jesus heilt ganz unterschiedliche Menschen: Männer, Frauen und Kinder, Sklaven und • nach der LogienqueLLe q
Freie, Arme und reiche, Juden und römer. Jede Heilung verläuft anders – und immer
wird eine besondere Begegnung erzählt. Q/lk 7,1-10/Mt 8,5-13: Sklave des
Hauptmanns von Kafarnaum
„Denn ich bin es nicht wert, dass du mein
Haus betrittst. ... Sprich nur ein Wort, dann
muss mein Diener gesund werden. ... Jesus
war erstaunt über ihn, als er das hörte.“

• nach dem markus-


evangeLium
(außer Heilungen des taubstummen und des
Blinden alle durch Mt und lk übernommen)

Mk 1,29-31: Schwiegermutter des Petrus


mit Fieber
„Er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und
richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr
und sie sorgte für sie.“

Mk 1,40-45: Aussätziger
„Er fiel vor Jesus auf die Knie und sagte:
Wenn du willst, kannst du machen, dass
ich rein werde. Jesus ... streckte die Hand
aus, berührte ihn und sagte: Ich will es –
werde rein!“

Mk 2,1-12: Gelähmter
„Als Jesus ihren glauben sah, sagte er zu
dem gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden
sind dir vergeben! ... Und er sagte zu dem
gelähmten: Ich sage dir: Steh auf, nimm
deine tragbahre, und geh nach Hause!“

Mk 3,1-4: Mann mit verdorrter Hand


Kraftübertragung: Heilung der Blutflüssigen, die Jesu Gewand „Jesus sagt zu ihm: „Steh auf und stell
berührt, Mk 5,25-34. Marcellinus-Petrus-Katakombe, Rom, 4. Jh. vC. dich in die Mitte! Streck deine Hand aus!
Er streckte sie aus und seine Hand war
wieder gesund.“

Mk 5,1-20: Mann aus Gerasa,


psychische Erkrankung (?)
„Und er fragte ihn: Wie heißt du? Er

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antwortete: Mein Name ist legion; denn Sohn zu dir, der hat einen stummen geist; lk 17,11-19: Zehn Aussätzige
wir sind viele. … Da fuhren die unreinen und wo immer er ihn ergreift, reißt er ihn „Sie blieben in der Ferne stehen und
geister aus und fuhren in die Säue, und nieder, und er schäumt und knirscht die riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit
die Herde stürmte den Abhang hinunter Zähne und erstarrt; … Jesus ... drohte uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: geht,
in den See, etwa zweitausend, und sie dem unreinen geist und sagte: Ich befehle zeigt euch den Priestern! Und während sie
ersoffen im See.“ dir, du stummer und tauber geist: Verlass zu den Priestern gingen, wurden sie rein.
ihn und kehr nicht mehr in ihn zurück! Da Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er
Mk 5,25-34: Blutflüssige Frau zerrte der geist den Jungen hin und her gesund geworden war, kehrte er um und
Sie „drängte sich in der Menge von hinten und verließ ihn mit lautem geschrei. ... pries gott mit lauter Stimme.“
an Jesus heran und berührte sein gewand. Jesus fasste ihn an der Hand und richtete
... Sofort hörte die Blutung auf und sie ihn auf, und der Junge erhob sich.“ lk 22,50-51: Diener des Hohepriesters
spürte deutlich, dass sie von ihrem leiden mit abgehauenem Ohr
geheilt war. Im selben Augenblick fühlte Mk 10,46-52: Blinder Bartimäus „Und einer von ihnen schlug auf den
Jesus, dass eine Kraft von ihm ausström- „Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Diener des Hohepriesters ein und hieb ihm
te ... Meine tochter, dein glaube hat dir Blinde antwortete: rabbuni, ich möchte das rechte Ohr ab. Jesus aber sagte: Hört
geholfen. geh in Frieden!“ wieder sehen können. Da sagte Jesus zu auf damit! Und er berührte das Ohr und
ihm: geh! Dein glaube hat dir geholfen. Im heilte den Mann.“
Mk 7,24-30: Tochter der Syrophönizierin gleichen Augenblick konnte er wieder se-
„geh nach Hause, der Dämon hat deine hen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.“
tochter verlassen. Und als sie nach Hause • heiLungserzähLungen
kam, fand sie das Kind auf dem Bett liegen im Johannes-
und sah, dass der Dämon es verlassen • sonderüberLieferung evangeLium
hatte.“ nach dem matthäus-
evangeLium Joh 4,46-54: Heilung des Sohns des
Mk 7,31-37: Taubstummer königlichen Beamten
„Jesus nahm ihn beiseite, von der Menge Mt 9,27-34: Zwei Blinde und „Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt.
weg, legte ihm die Finger in die Ohren und ein Stummer Jesus erwiderte ihm: geh, dein Sohn lebt!
berührte dann die Zunge des Mannes mit „glaubt ihr, dass ich euch helfen kann? Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu
Speichel; danach blickte er zum Himmel Sie antworten: Ja, Herr. Jesus berührt ihre ihm gesagt hatte.“
auf, seufzte und sagte zu dem taub- Augen und sagt: Wie ihr geglaubt habt, so
stummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! soll es geschehen. Da wurden ihre Augen Joh 5,1-9: Heilung eines
Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine geöffnet.“ Gelähmten (am teich Betesda)
Zunge wurde von ihrer Fessel befreit.“ „Als Jesus ihn dort liegen sah und erkann-
te, dass er schon lange krank war, fragte er
Mk 8,22-26: Blinder • sonderüberLieferung ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke
„Da brachte man einen Blinden zu Jesus nach dem Lukas- antwortete ihm: Herr, ich habe keinen
und bat ihn, er möge ihn berühren. Er evangeLium Menschen, der mich, sobald das Wasser
nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn aufwallt, in den teich trägt. Während ich
vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen lk 13,10-17: Verkrümmte Frau mich hinschleppe, steigt schon ein ande-
mit Speichel, legte ihm die Hände auf und „Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und rer vor mir hinein. Da sagte Jesus zu ihm:
fragte ihn: Siehst du etwas? Der Mann sagte: Frau, du bist von deinem leiden Steh auf, nimm deine Bahre und geh!“
blickte auf und sagte: Ich sehe Menschen; erlöst. Und er legte ihr die Hände auf. Im
denn ich sehe etwas, das wie Bäume gleichen Augenblick richtete sie sich auf Joh 9,1-41: Heilung eines
aussieht und umhergeht. Da legte er ihm und pries gott.“ Blindgeborenen
nochmals die Hände auf die Augen; nun „Solange ich in der Welt bin, bin ich das
sah der Mann deutlich. Er war geheilt und lk 14,1-6: Wassersüchtiger licht der Welt. Als er dies gesagt hatte,
konnte alles ganz genau sehen.“ „Jesus wandte sich an die gesetzeslehrer spuckte er auf die Erde; dann machte er
und die Pharisäer und fragte: Ist es am mit dem Speichel einen teig, strich ihn
Mk 9,14-29: Fallsüchtiger Junge, Sabbat erlaubt zu heilen, oder nicht? Sie dem Blinden auf die Augen und sagte zu
Epilepsie (?) schwiegen. Da berührte er den Mann, ihm: geh und wasch dich in dem teich
„Und (es) antwortete ihm einer aus der heilte ihn und ließ ihn gehen.“ Schiloach! ... Und als er zurückkam,
Volksmenge: lehrer, ich brachte meinen konnte er sehen.“

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Ethnologie und Exegese

Jesus, ein Schamane


und Medizinmann?
Jesus ein Schamane – das klingt fremd, archaisch, wild. Aber seriöse
Wissenschaftler setzen sich seit etwa 15 Jahren mit der These auseinander,
so die Neutestamentler Gerd Theißen oder Pieter Craffert (Südafrika). Letzter
nennt Jesus sogar einen „Galiläischen Schamanen“. Welt und Umwelt der
Bibel hat Prof. Dr. Christian Strecker dazu befragt, der sich mit der Studie von
Pieter Craffert und der Schamanismusthese auseinandergesetzt hat.

Ein tuwinischer Welt und Umwelt der Bibel: Was ist auf den heitsphänomene. Es geht hier um das „Andere
Schamane (Süd- ersten Blick anregend daran, Jesus und Scha- der Vernunft“. In der Schamanismusforschung
sibirien), um 1900, manismus zusammenzubringen? wird ein Bereich der Religion, der im Vernunft-
russischer Fotograf, Prof. Dr. Christian Strecker: Unter der Über- diskurs des Westens lange ausgegrenzt und in
Sammlung des Ham- schrift „Schamanismus“ werden Erfahrungen den Bereich der Krankheit abgeschoben wurde,
burgischen Museums verhandelt, mit denen wir uns in der aufge- in einem wissenschaftlichen Fachdiskurs, näm-
für Völkerkunde. klärten westlichen Kultur bis heute schwertun: lich dem der Ethnologie, als seriöser Forschungs-
Kontakte mit Geistern, Heilungen, die sich medi- gegenstand erörtert. Das ist in der Tat anregend,
zinisch nicht eindeutig klären lassen, Besessen- und manche Forschende sind fasziniert von der

22 welt und umwelt der bibel 2/2015


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„fremden“ Welt, die sich hier öffnet. Und chen Kulturen herangetragen werden
vielleicht – so meinen einige Exegeten – kann. Das ist freilich nicht unproble-
kann man von daher auch die Verkün- matisch. Man steht dabei in der Gefahr,
digung und das Wirken Jesu ganz neu kulturelle Differenzen allzu leichtfertig
„wissenschaftlich“ erschließen. einzuebnen. Etliche Ethnologen lehnen
den Begriff des Schamanismus im Sinne
Worüber reden wir dabei eigentlich: eines solchen Modells daher ab.
Was ist Schamanismus?
Das Problem ist, dass es den Schama- Sie und auch andere kritisieren, dass Prof. Dr. Christian Strecker
nen nicht gibt. Der Begriff ist schillernd. ein allgemeines Schamanismusmo- lehrt Neues Testament an
Selbst in der ethnologischen und reli- dell ein westliches Konstrukt ist, ge- der Augustana-Hochschule
Neuendettelsau. Einer seiner
gionswissenschaftlichen Forschung ist prägt von Sehnsüchten und Ängsten,
Schwerpunkte ist die kultur-
man sich uneins, wie man ihn füllen eine Projektionsfläche romantischer
wissenschaftliche Exegese.
und mit ihm umgehen soll. Grundsätz- Vorstellungen.
lich gibt es zwei Möglichkeiten: Zum Ja, der Begriff des Schamanismus starte-
einen kann man die Anwendung des te seine Karriere in Europa im 18. und 19.
Begriffs auf jenen Kulturkreis beschrän- Jh., in der Zeit der Aufklärung und der
ken, aus dem er stammt. „Schamane“ Romantik. Er taucht damals bei berühm- bei. Eliades und Castanedas Impulse be-
geht auf das Wort „schaman“ in der ten Forschern, Politikern, Philosophen feuerten schließlich die Entstehung des
Sprache der Tungusen in Sibirien zu- und Künstlern auf, bei Denis Diderot, sogenannten Neoschamanismus, einer
rück. Die Tungusen bezeichnen damit Johann Gottfried Herder, Katharina der neureligiösen, spirituellen Bewegung,
eine Art Medizinmann, der sich in Tran- Großen, Victor Hugo, später auch bei die Vorstellungen und Methoden des
cezustände versetzen und mit Geistern Rainer Maria Rilke. Meist dient er als Schamanismus einem westlichen Publi-
kommunizieren kann und dabei wich- eine Art Gegenmodell zur Vernunftwelt. kum als konkrete Lebensform praktisch
tige Aufgaben in der Dorfgemeinschaft Im Schamanismus sieht man das Ideal zu vermitteln sucht. Damit ist der Scha-
wahrnimmt, insbesondere Heilungen. eines spiritualisierten Naturverständnis- manismus vollauf im Bereich der westli-
Von daher kann man den Begriff des ses verwirklicht, die Einheit von Mensch chen Esoterik angekommen. Es liegt auf
Schamanen kulturspezifisch auf religi- und Natur. Im 20. Jh. ist es der über die der Hand: Die Rede vom „Schamanis-
öse Spezialisten in Sibirien beschrän- eigenen Fachgrenzen hinaus bekannte mus“ stand und steht in der Gefahr des
ken. Dann handelt es sich, wie die Eth- Religionswissenschaftler Mircea Eliade, „Exotismus“, das heißt der Vereinnah-
nologen sagen, um einen „emischen“ der den Schamanismus in die intellektu- mung indigener Kulturen. Mehr noch als
Sprachgebrauch. Gemeint ist damit die ellen Debatten einführte. Eliade konzen- die Abwertung des Fremden im Dienst
Verwendung eines Wortes, die ganz dem trierte das Phänomen vor allem auf den der eigenen vermeintlichen Überlegen-
Sprachgebrauch der jeweils erforsch- Aspekt der Ekstasetechnik: Schamanen heit – der Schamanismus als Ausdruck
ten Kultur entspricht. Nun hat man das zeichnen sich für ihn dadurch aus, dass „primitiver“ Kultur – dominiert dabei
Fremdwort „Schamane“ aber bald auch sie sich in veränderte Bewusstseinszu- die Vereinnahmung im Dienst des Aus-
auf religiöse Spezialisten anderer Kultu- stände begeben und darin Kontakt mit gleichs eigener kultureller Defizite: der
ren übertragen, die vermeintlich ähnlich einer anderen Wirklichkeit aufnehmen. Schamane als „edler Wilder“, als Schab-
agieren wie die sibirischen Schamanen. Dieser ekstatische Zugang zu einer an- lone der eigenen Sehnsucht nach Trans-
Das ist die zweite Möglichkeit. Das Wort deren Wirklichkeit, dieser Ausstieg aus zendenzerfahrungen und nach einem
„Schamane“ wird hier verallgemeinert der Alltagswelt in eine transzendente Leben im Einklang mit der göttlichen
zu einem kulturübergreifenden religi- Welt des Heiligen, in eine Art mythi- Natur.
onswissenschaftlichen Fachterminus. sches Raum-Zeit-Gefüge, ist für Eliade
Es steht dann für einen besonderen Ty- ein religiöses Urphänomen. Eliade er- Und wie heilen Schamanen?
pus des religiösen Virtuosen, der neben blickt darin eine Fähigkeit, die allen Wie es nicht den Schamanen gibt, gibt
dem Typus des Priesters, des Magiers Menschen offen steht. In der Zeit der es auch nicht das schamanische Heil-
oder Propheten scheinbar überall auf 1968er-Generation trug dann der ameri- verfahren. Wenn man aber ein gängiges
der Welt begegnet, in Ostasien, Indi- kanische Anthropologe und Schriftstel- Pauschalbild heranzieht, kann man Fol-
en, Amerika oder Afrika. Hier liegt, wie ler Carlos Castaneda mit seinen autobio- gendes sagen: Ein Mensch ist erkrankt.
die Ethnologen sagen, ein „etischer“ grafisch stilisierten Büchern über seine Der Schamane tritt durch Drogen, Trom-
Sprachgebrauch vor: Schamanismus als angeblichen Begegnungen mit dem me- meln oder andere Ekstasetechniken in
abstraktes religionswissenschaftliches xikanischen Schamanen Don Juan viel einen anderen Bewusstseinszustand.
Modell, das von außen an alle mögli- zur Popularisierung des Schamanismus Darin reist er beziehungsweise seine

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welt und umwelt der bibel 2/2015
jEsus, Ein schamanE und mEdizinmann?

Seele in die jenseitige, in die wahre Welt. ertönt und sagt: „Du bist mein gelieb- Texte zu übertragen. Und drittens lassen
Dort hat sich die Seele des Erkrankten ter Sohn.“ Das wird von den Vertretern sich das Porträt Jesu wie auch die Hei-
verirrt, oder böse Mächte haben sie der Schamanismusthese als schama- lungen in den Evangelien auch ohne das
vereinnahmt. Der Schamane findet die nische Initiation gedeutet: Diese Sze- Schamanismusmodell verstehen. Über-
Seele wieder, er rückt die in der ande- ne beschreibe einen veränderten Be- haupt stellt sich die Frage, ob sich in
ren Wirklichkeit aus dem Lot gerate- wusstseinszustand, in welchem Jesus den Quellen der antiken Mittelmeerwelt
nen Dinge zurecht oder verhandelt mit ein Schutzgeist beiseitegestellt würde, Menschen oder Figuren finden lassen,
den Geistmächten. Er kehrt zurück und wie das bei Schamanen üblich sei. Und die man als Schamane bezeichnen kann.
berichtet davon. Weitere Aktionen am auch die anschließende Versuchungs- Einige Altertumsforscher verwiesen im
Körper des Kranken treten hinzu. Die- geschichte in Mk 1,12-14, die bei Mt und 20. Jh. unter anderem auf Orpheus und
se Form des Heilens nennt man in der Lk deutlich ausgestaltet vorliegt, gehöre Empedokles. Aber das scheint mir doch
Ethnologie symbolic healing, „symbo- noch zur Initiation. Die ganze Geschich- sehr fraglich. Überhaupt: Solche Identifi-
lisches Heilen“: Patient und Schamane te wird als Bericht über einen Seelenflug zierungen antiker Schamanen setzen da-
teilen dasselbe symbolische Weltbild, verstanden, bei dem Jesus mit Geistern malige und heutige Schamanen gleich.
sie besitzen die gleichen Vorstellungen in Kontakt trete. Die erwähnte Wüste Damit zeichnet man den Schamanismus
über die in der Geistwelt verankerten sei schließlich ein für Bewusstseinsver- als geschichtsloses Phänomen. Auch das
Ursachen von Krankheit. Der schamani- änderungen prädestinierter Ort, und ist eine problematische Vereinnahmung:
sche Heiler legt durch seine Seelenreise die erwähnte Anwesenheit wilder Tiere Geschichte haben wir, nicht aber die in-
und die angewendeten Körpertechniken weise auf die schamanische Fähigkeit, digenen Völker.
gewissermaßen die in Unordnung ge- mit dem Geist von Tieren zu kommuni-
ratene symbolische Welt neu aus und zieren. Selbstverständlich werden dann Wo könnte das Heranziehen des
lenkt darin die Emotion der Erkrank- auch die Heilungen und Exorzismen als Schamanismus dennoch helfen, die
ten im Sinne einer heilenden Transfor- schamanische Praktiken gedeutet. Da- Erzählungen von Jesu Heilungen bes-
mation um. Durch seine verbalen und rüber hinaus habe Jesus die Menschen ser zu verstehen oder Aspekte wahr-
nonverbalen Praktiken richtet er die wie ein Schamane über die andere Wirk- zunehmen, die wir mit unserem kulti-
Wirklichkeit performativ neu aus. Die lichkeit unterrichtet, was in seiner Pre- vierten, westlichen Bild des Jesus von
Symbolik und die Sprache haben eine digt über das Gottesreich greifbar werde. Nazaret vielleicht nicht sehen?
solche Kraft, dass sie Menschen heilt. Schließlich werden auch die Auferste- Im Neuen Testament finden sich Indizi-
Die Begriffe „andere Wirklichkeit“ und hungsberichte neu ausgeleuchtet: Die en, dass Jesus bisweilen in einem „ver-
„veränderter Bewusstseinszustand“ Ostererfahrungen seien die Fortsetzung änderten Bewusstseinszustand“ agierte
kann man vielleicht am Phänomen des der vorösterlichen Praxis Jesu, sich und beziehungsweise so wahrgenommen
Träumens verdeutlichen. Jeder Mensch andere in veränderte Bewusstseinszu- wurde. In Mk 3,20f behauptet die Familie
tritt jeden Tag in einen veränderten Be- stände zu versetzen, jedoch mit dem Un- Jesu, er sei „außer sich“, und die Schrift-
wusstseinszustand ein, nämlich in den terschied, dass Jesus nun selbst Inhalt gelehrten werfen ihm vor, er sei vom
Bereich des Träumens. In unserer Kultur dieser Erfahrungen geworden sei. Das Beelzebub besessen. Im Johannesevan-
ist Wirklichkeit das, was wir im Wachzu- Problem ist, dass man all diese Berich- gelium findet sich sechsmal die Behaup-
stand erleben. In anderen Kulturen wird te – Taufe, Versuchung, Heilungen, Ex- tung, Jesus habe einen Dämon. Wie auch
diese Bewertung umgedreht: Was im orzismen, Auferstehung – sehr gut auch immer: Lernen kann man vom Schama-
Traum passiert, ist die wahre göttliche ohne Schamanismus erhellen kann. Es nismusmodell, dass unser westliches,
Wirklichkeit. Das ist uns natürlich völlig stellt sich die Frage, ob man die Texte aufgeklärtes Wirklichkeitsverständnis
fremd. mit dieser These nicht in einen fremden nicht das A und O ist. In anderen Kultu-
Rahmen zwängt. ren, zumal schamanischen, öffnet sich
Welche Vergleichsmomente finden die wahre Wirklichkeit nicht im Wach-
denn die Vertreter der These – etwa Wo liegen also die großen Schwach- bewusstsein. Träume werden hier wie in
Pieter Craffert – zu Jesus von Nazaret? stellen? der Bibel als göttliche Botschaften wahr-
Da werden viele Dinge diskutiert. So Es wurde vielleicht schon deutlich, dass genommen. Theologie ist immer auch
assoziiert man den Seewandel oder die es drei Probleme gibt: Erstens ist die eine Auseinandersetzung mit unserem
Verklärung Jesu mit schamanistisch Rede von Schamanen so schillernd, dass Verständnis von Wirklichkeit. Sich dies-
veränderten Bewusstseinszuständen. man kaum von einem klar konturierten bezüglich hinterfragen und herausfor-
Wichtig ist vor allem die Taufe Jesu Modell sprechen kann. Zweitens weckt dern zu lassen, ist kein Fehler. W
nach Mk 1,9-11: Der Himmel öffnet sich, der Begriff „Schamane“ Assoziationen
der Geist kommt in Gestalt einer Taube und Emotionen, die dazu verleiten, west-
herab, eine Stimme aus dem Himmel liche Romantik und Esoterik auf antike Die Fragen stellte Helga Kaiser.

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hiEr stEht vorErst Ein blindtExt

NEUES TESTAMENT
PRoVoKaTiVE HEiLungEn
aM SabbaT?

J
esu Wirksamkeit beginnt im
Markusevangelium mit zwei Sab-
batheilungen: an einem Mann, „der
von einem unreinen Geist besessen war“
und einer Frau, der fiebernden Schwie-
germutter des Petrus (Mk 1,21-31).
Immer wieder spielen in den Evangelien
Sabbatheilungen eine Rolle (Mk 3,1-5;
Lk 13,10-17; Lk 14,1-6; Joh 5,1-18; 9).
Sie gehörten zur prophetischen Verkün-
digung Jesu. Was verdeutlichen Jesus
und die Erzählungen damit?
• Der Sabbat ist der Tag, an dem die
Verbundenheit mit Gott besonders zu
spüren ist. So verkündet Jesus mit den
Sabbatheilungen: Gottes Wille ist das Aufrichten als Botschaft: Jesus legt der verkrümmten Frau in Lk 13
umfassende, ganzheitliche Heil der Men- die Hände auf. „Sie konnte sich überhaupt nicht mehr aufrichten.“ Der
schen. Gott will dem Menschen am Sab- Erzählerkommentar betont, dass sie am Rande ihrer Leidensfähigkeit
bat nichts auferlegen, sondern ihn heilen steht. James Tissot, 1836–1902.
und an der Fülle der Schöpfung teilha-
ben lassen. Anschaulich wird das, wenn
Jesus den erkrankten Menschen in die Schwäche!“ Und fragt: „Diese … Tochter er zu Beginn des Wirkens Jesu von ei-
Mitte stellt – statt des Sabbats (Mk 3,3). Abrahams … sollte nicht befreit werden ner Lehre in Vollmacht spricht und statt
• Jesus nimmt mit den Heilungen Stel- dürfen von ihrer Fessel am Sabbattag?“ Lehrworten Heilungen als Jesu Verkündi-
lung in einer theologischen Auseinander- (Lk 13,12.16). Durch solche Taten pro- gung erzählt.
setzung über das rechte Verständnis des voziert Jesus Gegner mit „verstocktem • Die Heilungen Jesu zeigen schließ-
Sabbat nach der Tora. Die Tora enthält Herz“ (Mk 3,5), ihre unbeugsame Hal- lich sein Mitgefühl mit den betroffenen
zwei Begründungen für den Sabbat: Der tung zu Mitmenschen zu überdenken. Menschen: Auf die Argumentation ei-
siebte Tag ist die Vollendung der Schöp- • Am Sabbat wird in der Synagoge Gottes nes Synagogenvorstehers in Lk 13, dass
fung in der Ruhe Gottes (Ex 20,8-11) und Heilswirken im Hören der Schrift beson- sechs Werktage zum Arbeiten genug sei-
er ist der Tag der Befreiung aus jeder Art ders in den Mittelpunkt gestellt. In Jesu en (Heilen wird als Arbeit angesehen),
der Unfreiheit (Dtn 5,12-15). Damit erin- Sabbat-Heilstaten werden Wort und Tat besteht er darauf, dass die gekrümmte
nert der Sabbat an die Befreiung des Vol- eng miteinander verbunden: Gottes Wort Frau, die schon 18 Jahre leidet, keinen
kes Israel aus der Sklaverei durch Gott. wird damit konkret erfahrbar. Die Heilun- Augenblick länger leiden muss, wenn
So formuliert Jesus im Lukasevangelium: gen am Tag Gottes sind somit Verkün- sie heute – am Sabbat – geheilt werden
„Frau, sei frei (entlassen) aus deiner digungen. So versteht es Markus, wenn kann. (Anneliese Hecht)

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welt und umwelt der bibel 2/2015 25
Religionsgeschichte

„Ich bin der Herr,


dein Arzt“
Krankheit und Heilung im Alten Orient und
im Alten Testament

Als Ursache einer Erkrankung galten in der Umwelt der Bibel verärgerte Gott-
heiten oder böse Geister. Heilung setzte also ganzheitlich an: Symptome musste
man so gut wie möglich lindern und vor allem die Beziehung zur Gottheit verbes-
sern. Dieses Denken prägt auch die Schriften des Alten Testaments. Damit ist
es einerseits die unerlässliche Grundlage, um Heilungsvorstellungen und Dämo-
nenaustreibungen in den Evangelien zu verstehen – und vielleicht andererseits
Inspiration für das 21. Jahrhundert? Von Angelika Berlejung

„Ich bin der Herr, dein Arzt.“ Diesen Satz sagt Gott auf der Wüstenwande-
rung in der Exoduserzählung zu seinem Volk. Bei den Bitterwassern von Meribel
wandelt er das Wasser in Trinkwasser. In der Wüste wird deutlich, dass niemand
außer Gott das Überleben und die Gesundheit des Volkes Israel sichern kann.

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K
rankheit und Heilung gehören zu den
menschlichen Grunderfahrungen, die
zwar jeweils individuell erlebt werden,
aber alle Menschen betreffen. Dennoch handelt
es sich bei dem Verständnis und der Wahrneh-
mung des eigenen Körpers, seiner Funktionen
und Fehlfunktionen oder der Bestimmung von
Krankheits- und Gesundheitsbildern keineswegs
um zeitlose „anthropologische Universalien“.
Vielmehr liegen jeweils kulturelle Konstrukte
vor, die je nach historischen und gesellschaftli-
chen Umständen unterschiedliche Formen an-
nehmen. Gerade in Bezug auf den menschlichen
Körper werden innerhalb eines kulturellen Sys-
tems sehr viele Grundannahmen vorausgesetzt:
Diese werden nur wenig erklärt und so gut wie
gar nicht systematisiert. Insofern ist es auch
nicht verwunderlich, dass es im Alten Orient
und im Alten Testament keine grundsätzlichen
Abhandlungen darüber gibt, die Körper-, Krank-
heits- oder Gesundheitskonzepte explizit erläu-
tern würden. Bildwerke zeigen nur selten kranke
Menschen und beschränken sich dann zumeist
auf chronische Zustände, die äußerlich sichtbar
gemacht werden können wie Zwergwüchsig-
keit, Körperdeformationen (s. Abb. S. 28) oder
Blindheit. Archäologische Untersuchungen
helfen da inzwischen weiter, wenn anhand von
Mumien, Kloaken oder Leichenresten die DNA
von Erregern (von unter anderem Tuberkulo-
se, Diphterie, eventuell Polio in Ägypten), An-
zeichen von akuten oder chronischen Erkran-
kungen (Tumore, Arthrose, Spondylose) oder
Parasitenbefall (zum Beispiel Ägypten: Läuse,
diverse Wurmerkrankungen, etwa Schistosoma
– Erreger der Bilharziose –, oder Plasmodium
falciparum – Erreger der Malaria) festgestellt
werden können.

Die gemeinsame Grundlage: Götter


verursachen Krankheiten
Wenn altorientalische, ägyptische – und auch
alttestamentliche – Autoren und Redaktoren von
Krankheiten und Gesundheit schrieben, konn-
ten sie voraussetzen, dass die Bedeutungen und
Bewertungen, die sie damit als selbstverständ-
lich verbanden, ihren Lesern vertraut waren.
Zu den grundlegenden Parametern gehörte das
Konstrukt der Geschlechterdifferenz (und nicht
etwa das der Geschlechtergleichheit) sowie die

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welt und umwelt der bibel 2/2015 27
„Ich bIn deR heRR, deIn ARzt“

Überzeugung, dass Krankheit das soziale Um- Konzepts des Tun-Ergehen-Zusammenhanges die
feld des Kranken betraf und soziale Folgen mit Folge einer menschlichen Verfehlung – und hatte
sich brachte. Krankheit, ein vorzeitiger Tod und also ihren „guten“ Grund. Sie war zwar von einer
Kinderlosigkeit wurden als Einschränkungen Gottheit oder deren Agenten verursacht worden,
der Fülle des Lebens angesehen, die die Götter „schuld“ war der Kranke aber letztendlich selbst.
für die Menschen vorgesehen hatten. Die Erkran- Der Mensch galt als psychosomatische Einheit,
kung eines Menschen wurde als Ausdruck seiner in der Körperlichkeit, Emotionalität, Charakter,
gestörten Beziehung zu einer Gottheit interpre- Verstand, inneres und äußeres Sein zusammen-
tiert, die wiederum diesen Menschen für seine gehörten. Aus diesem Konzept, das dem Alten
Verfehlungen bestraft hatte. Orient wie dem Alten Testament zugrunde liegt,
Insofern ist Krankheit folgt, dass jegliche Beschädigung oder Beein-
innerhalb dieses trächtigung des Körpers – Krankheit, Behinde-
rung, Verletzung, Gebär- und Zeugungsunfähig-
keit – eine Beschädigung des Menschen an sich
darstellen. Da es der gesunde und funktionsfähige
Körper war, der als „natur- bzw. gottgegeben“
galt, wurde der kranke Körper zumeist als das
Ergebnis einer Störung des Gottesverhältnisses
angesehen.
Eine Krankheit betraf also mehrere Ebenen.
Folglich war sie nicht nur durch rein medizini-
sche Aktivitäten zu heilen – Diagnose, physika-
lische Therapien wie die äußerliche und innerli-
che Einnahme von Medikamenten, Rezepturen,
Pflaster, Verbände, Physiotherapie oder Chir-
urgie etc. Sie musste ganzheitlich angegangen
werden, das heißt, zugleich musste die Gottheit
durch Buße, Opfer, Motivationsgeschenke, Ge-
bete besänftigt werden. So konnte der Kranke
wieder mit der Gottheit versöhnt werden, sodass
diese die Krankheit zurücknahm. Anschließend
konnten im Optimalfall Dankopfer oder Votiv-
gaben als Dankgaben an die Gottheit für die
Heilung erfolgen. Flankierend sorgten prophy-
laktische Maßnahmen wie Amulette dafür, einen
Rückfall zu vermeiden.

Was wir über die Heilkunde und die


Heiler im Alten Orient wissen
Die Quellenlage ist außerordentlich gut. Aus
Mesopotamien und Syrien (Ebla) gibt es phar-
mazeutisch-medizinische Texte, die bis ins 3.
Jahrtausend vC zurückreichen. Seit Beginn des
2. Jahrtausends vC sind diagnostisch-prognos-
tische Texte belegt, der Großteil dieser Texte
stammt aus dem 1. Jahrtausend vC. In Ägypten
sind die heilkundlichen Texte (Rezepte, Prog-
Der behinderte Türhüter Ruma mit einem Bein, das Gewebe- nosen, Sprüche, Abhandlungen über Pflanzen,
schwund aufweist – vermutlich die Folge einer Polioerkrankung.
sogenannte šs3w-Lehrtexte) heranzuziehen (vgl.
Ägyptische Stele, um 1500 vC, Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen.
besonders Papyrus Ebers, kompiliert um 1550
vC), die in Niederschriften aus dem 19. Jh. vC bis
in das 3. Jh. nC erhalten sind sowie andere Text-
und Bildzeugen.

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„Ich bIn deR heRR, deIn ARzt“

Im Alten Orient gab es umfangreiche Kopfschmerzen „Wenn einem Mann ein totengeist so zusetzt,
Diagnosehandbücher und Rezept- dass er beständig Kopfschmerzen bekommt, dann bedeckst
sammlungen; rechts und auf den fol- du eine Kameldornwurzel, reißt sie aus, du zwirnst sie zusam-
genden Seiten finden Sie Kostproben. men mit roter Wolle [...]“ (um 1300 vc, Assur)

Krankheit wurde im Alten Orient und in Ägyp- den Dämonen auf Menschenjagd dann Einhalt
ten gemeinhin auf den Zugriff einer Gottheit geboten oder auch ein Ersatztier übergeben wer-
oder von bösen Dämonen oder Toten(geistern) den, das durch entsprechende Rituale mit dem
zurückgeführt. Von Dämonen und Totengeistern Kranken identifiziert wurde. Das Ersatztier wur-
wurde angenommen, dass sie in den Leib einge- de anschließend getötet und entsprechend den Tun-Ergehen-Zusammen-
drungen waren und den Kranken in die Unterwelt Regeln, denen menschliche Bestattungen folg- hang
verschleppen wollten. Diese Schadensgestalten ten, begraben und somit anstelle des Erkrankten bezeichnet die Vorstel-
oder auch Sterne und Planeten agierten aller- in das Totenreich geschickt. lung, dass das Tun eines
dings nicht selbstbestimmt, sondern als Vollstre- Mit der Behandlung der Krankheit waren in Menschen in direkter Be-
cker göttlicher Aufträge. War man also von einer Mesopotamien der a –šipu („Beschwörungspries- ziehung dazu steht, wie es
Krankheit angefallen worden – für Fehlgeburt ter“) und der asû (Therapeut, Chirurg, Pharma- ihm selber anschließend
und Tod im Kindbett gilt das Gleiche –, so war kologe) beschäftigt, in Ägypten wird zwischen von Gott vergolten und im
Leben ergehen wird.
man zuvor von den Göttern verurteilt worden. „Arzt“ (swnw), „Priester der Sachmet“ (der Seu-
Die Götter bestraften damit menschliches Fehl- chen- und Kriegsgöttin), „Leiter der Selkis“ (der
verhalten, beabsichtigt oder nicht, oder auch Skorpiongöttin), „Priester des h. k3-Zaubers“
eine Nachlässigkeit, beispielsweise in der kulti- und „Zauberer“ (s3w) unterschieden. Die Heil-
schen Versorgung von Göttern der Ober- oder Un- behandlung konnte zwei Aspekte umfassen, 1. Divination
terwelt oder Familientotengeistern. den magisch-rituellen und 2. den medizinisch- nennt man eine Prophe-
zeiung oder Zukunfts-
Jedoch waren weder göttlicher Zorn noch ver- therapeutischen: Einerseits ging es darum, die
prognose anhand der
nichtendes göttliches Urteil unabänderlich. Man göttlich-dämonischen Krankheitsursachen und
Deutung von Zeichen. Im
hatte immer noch die Möglichkeit, sich in einem den Schädigungswillen der Götter zu beseiti- Alten Orient konnten das
Rechtsfall an die Götter des Himmels und der gen (s. Amulett Folgeseite). Erst dann konnte etwa Zeichen in der Natur,
Unterwelt und an die Totengeister zu wenden, der Erkrankte durch entsprechende Rezepturen (Vogelflug), an Körpern,
um sie zur Revision des ergangenen Urteils zu und Kuren von der ihm anhaftenden Krankheit an Tierorganen oder in
bewegen. Auf göttliche Anweisung hin konnte und ihren akuten Symptomen erfolgreich befreit Orakeln sein.

MäNNER- UND FRAUENDIAGNOSTIK IM ALTEN ORIENT

I n Mesopotamien hat die Divination ein herausragendes


Interesse an möglichen Erkrankungen eines Mannes.
Die Diagnosen für Männer sind erstaunlich stark diffe-
seine ihm geschlechtsspezifisch zugeordneten Rollen für
die Gesellschaft erfolgreich und sozial verträglich erfüllen
würde, als darum, persönliches Leid zu vermeiden. Zudem
renziert. Die Omina für Frauen gehen über allgemeine scheint es so, als ob bei der Untersuchung der Männer-
Feststellungen von „krank“ oder „kränklich“ kaum hinaus. körper allgemeinmedizinische Termini mit berücksichtigt
Zahlreicher und differenzierter sind die Frauenomina wurden, wohingegen die Untersuchung der Frauen im
hingegen, wenn es um Fruchtbarkeit, Schwangerschafts- Wesentlichen gynäkologische Aspekte verfolgte. Von
verlauf und Gebärfähigkeit geht. Was also die Krankheiten Frauenkörpern wurden zwar auch allgemeine Anzeichen
und Krankheitsbilder in der Zeichendeutung anhand des über den Krankheits- oder Gesundheitszustand erwartet,
menschlichen Körpers (physiognomische Omina) betrifft, jedoch ging es dort vor allem um Prognosen über die
so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Reproduktionsfähigkeit.
es ihnen eher darum geht, zu evaluieren, ob ein Mensch (Angelika Berlejung)

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welt und umwelt der bibel 2/2015 29
„Ich bIn deR heRR, deIn ARzt“

Ohrendröhnen „Wenn einem Mann [...] die Ohren dröhnen,


(mit) eru-Wurzel, nikiptu-Pflanze (und) einer schmutzigen
binde räucherst du dann seine Ohren vermittels holzkohle.“
(vor 7. Jh. vc, ninive)

gestörtes Gottesverhältnis korrigierte. Die Götter


reagierten auf das Verhalten jedes Menschen di-
rekt und gaben ihm die Möglichkeit, durch ein
„Frühwarnsystem“ auf etwaige Störungen der
Amulett gegen die Gottesbeziehung aufmerksam zu werden und so
Dämonin Lamaschtu früh zu reagieren, dass die göttliche Strafe bzw.
(braun). Ein Kranker liegt Krankheit vermieden werden konnte. Die beste
auf dem Bett, flankiert Krankheitsprophylaxe bestand nach mesopota-
von zwei Priestern (blau); mischer und ägyptischer Vorstellung darin, mit
über ihm sind vermitteln- den Göttern und Ahnen intakte Beziehungen zu
de Schutzgenien (grün) pflegen.
und darüber die großen
Götter (gelb) dargestellt.
Durch Opfer, Geschenke Wie erklärte man Krankheit im
oder Gebete konnte der Alten Israel?
Kranke wieder mit einer
Die Körperkonzeption und -wahrnehmung des
(Grafik: Th. Staubli/ B. Mosimann)

Gottheit versöhnt werden,


sodass diese die Krank-
Alten Testaments bewegt sich im Rahmen der
heit zurücknahm. Ein altorientalischen Vorstellungen: Sie geht von
solches Amulett sorgte der psychosomatischen Einheit von Körper und
flankierend dafür, einen „Geist“ aus, von der Geltung der Kategorie „Ge-
Rückfall zu vermeiden. schlecht“ und von Krankheit als Reduktion der
für einen Menschen vorgesehenen körperlichen
Fülle und Vollständigkeit. Der Körper wird als
Zentrum der sozialen und religiösen Beziehun-
gen und Interaktionen angesehen. Der Gesun-
werden. Als materia medica sind zumeist pflanz- de befindet sich im Zustand des „Ganz-Seins“,
liche Ingredienzen, mineralische Stoffe und zu „Heil-Seins“ und in intakten Gottes- und Mit-
einem geringen Teil auch animalische Substan- menschenbeziehungen – der Kranke nicht.
zen belegt. Involviert werden konnte auch der In Bezug auf Krankheit und Krankenbehand-
ba–rû („Wahrsager“), der mithilfe divinatorischer lung steht das Alte Testament ganz im Kontext
(wahrsagender) Techniken Prognosen über den des Weltbildes und der Krankheitskonstrukte des
Heilungsprozess („er wird leben“ – „er wird ster- Alten Orients. Dabei sind den biblischen Texten
ben“) machen konnte. religiöse, soziale und auch biografische Aspekte
Daneben gab es auch Bemühungen, drohende wichtiger als medizinische oder therapeutische
Krankheiten und damit göttliche Bestimmungen Detailfragen. Die Situation des Krankseins und
bereits zu erkennen, wenn noch gar keine Symp- der daraus resultierenden Isolation und Not des
tomatik eingetreten war. Dies gehörte in den Be- Kranken stehen im Vordergrund alttestamentli-
reich der Zukunftsdivination, die sich der unter- cher Texte. Krankheit hat auch hier ganzheitli-
schiedlichsten Praktiken bediente. Wurde einem che Aspekte, da sie die Lebenszusammenhänge
Menschen in der Divination oder in Träumen an- des Kranken grundsätzlich verändert. Krankheit
gekündigt, dass ihn eine Krankheit treffen würde, wird als Einschränkung menschlicher Vitalität,
so gab es innerhalb des mesopotamischen Kult- als Zustand der Kraftlosigkeit und Schlaffheit
und Ritualwesens für die schlimmsten vorab an- verstanden. Dieser Zustand kann bis in Todesnä-
gezeigten Malheurs Mittel, mit denen man versu- he hineinreichen und mit Gottesferne gleichge-
chen konnte, dagegen anzugehen. Man konnte setzt werden (vgl. Ps 88 und die Klagepsalmen).
etwas dagegen tun! Die zentrale Maßnahme war, Zugleich isoliert sie den Kranken und wirkt damit
dass der Betroffene durch Opfer und Gebete sein beziehungs(zer)störend auf allen Ebenen.

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„Ich bIn deR heRR, deIn ARzt“

Bauchschmerzen „Wenn einem Menschen sein Leib schmerzt,


zerstößt du ,Lungen‘-Pflanze (und) Salz, (du fügst es) zu Wasser,
bier oder Wein, eine beschwörung rezitierst du darüber, er soll
es trinken ...“ (vor 7. Jh. vc, ninive)

Ganz ähnlich wie im mesopotamischen und buch satanische Züge, wenn er den Gerechten
ägyptischen Raum, wird Krankheit im Zusam- grundlos plagt. Für das Umfeld eines Erkrankten
menhang mit dem aktiven Handeln Gottes ge- bedeutet diese Möglichkeit des göttlichen Fehl-
sehen, der wiederum mittels der Krankheit den urteils, dass eine Erkrankung nicht vorschnell
Menschen für sein vorhergehendes Fehlverhal- mit Verfehlungen des Kranken und seiner Eigen-
ten („Sünde“) bestraft (z. B. Ps 38,5-9; 41,5; Ijob schuld verbunden werden darf. Dieser Aspekt
4,7-9; 1 Kön 17,17f; Jes 53,3-5). Möglich war auch, ist von Bedeutung, da Krankheit immer auch
die Krankheit einer personalisierten Unheils- eine soziale Dimension hat: Krankheit geht mit
macht zuzuschreiben, in 1 Sam 16,14ff ist das Isolation einher. Verschiedentlich wird vom „so-
ein böser Geist, in Ijob 2,5-7 Satan. Sie konnte zialen Tod“ eines Kranken gesprochen, der noch
sich einem Menschen allerdings nur nähern, zu Lebzeiten für seine Mitmenschen gestorben ist
nachdem JHWH seine schützende Gegenwart (Ps 38,12; 88,9.19; Ijob 2). Dass der Kranke an dem
zurückgezogen und damit sein Einverständnis veränderten Verhalten seiner Umwelt und deren
für den Krankheitsausbruch gegeben hatte. Die Distanzierung zu ihm leidet, ist ein Aspekt, der
Krankheit kann in diesem Kontext denn auch als im Alten Testament oftmals deutlich im Vorder-
pädagogisches Mittel Gottes verstanden werden, grund steht. Dabei kann das körperliche Leiden
den einzelnen Menschen oder das Volk vorüber- mit dem seelischen als so eng verbunden angese-
gehend für vorheriges Fehlverhalten zu bestra- hen werden, dass das Erleiden der Krankheit und
fen. Krankheit wird insofern ein Sinn zugeschrie- das Leiden an ihren sozialen Folgen ineinander
ben – allerdings nur, wenn die Krankheit zeitlich übergehen.
begrenzt ist und nicht zum Tode führt. Innerhalb priesterlichen Denkens kann Krank-
Die Krankheit ist der Ausdruck einer Störung heit Unreinheit und damit Kultunfähigkeit be-
der Gottesbeziehung. Die Initialzündung dazu deuten: Lev 13f listet ein breites Spektrum von
geht jeweils vom Menschen aus. Nur selten the- Hautanomalien (keine Lepra!) auf, die kultische
matisiert das Alte Testament die Möglichkeit, Konsequenzen haben. Zuständig für die Diagno-
dass Krankheit sinnlos ist, und JHWH, der sie se bereits eingetretener Symptome sind hier fol-
verursacht hat, ein Fehlurteil über den Kranken gerichtig die Priester. Sie überwachten am Tem-
gefällt hat (Ijob 9,16-18). So erhält Gott im Ijob- pel auch die Wiedereingliederung des Geheilten

WELcHE KRANKHEITEN SIND IM ALTEN TESTAMENT BELEGT?

Störungen des Bewegungsapparates aufgrund von Geburtsfehlern, Missbildungen, Kampfverletzungen oder Unfällen
Ex 21,19; Lev 21,18; 2 Kön 1,2; Gen 32,32; Mal 1,13
Fieber, Schwindsucht und Mutterkornbrand Lev 26,16; Dtn 28,21f
Taubheit, Blindheit Lev 19,14; Jes 35,5
Abdominal- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen Jer 4,19; 8,18; Ijob 32,19; Klgl 1,20-22; 1 Sam 25,36-38
Hautkrankheiten Lev 13f; 2 Kön 5
Epilepsie 1 Sam 21,14f
Unterschiedliche Arten psychischer Störungen Dtn 28,28; Sauls Depressionen 1 Sam 16,14.23

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welt und umwelt der bibel 2/2015 31
„Ich bIn deR heRR, deIn ARzt“

Hautkrankheit „Wenn ein Mann (an) Aussatz (leidet [...]), zer-


stößt du Granatapfelschale, mischt (es) in butterschmalz. [...].
den Mann [...] lässt du auf der Schwelle des Außentores stehen;
dann bestreichst du ihn um die erkrankten hautpartien herum
mit der Granatapfelschale; und mit Staub von der Schwelle in
Speichel reibst du ihn sieben- und siebenmal ab. noch am sel-
ben tag wird der Aussatz abklingen.“ (2. Jt. vc, emar)

in die Kultgemeinschaft: Er hatte ein Reinigungs- JHWH betet (2 Kön 20,1-6; Jes 38,1-5.16-17). Nach
ritual durchzuführen, das Elemente eines Elimi- Gen 30,14-16 sollen Alraunen Unfruchtbarkeit
nationsrituals aufweist (Lev 14,1-32). bei Frauen beheben. Wassertherapien oszillieren
zwischen möglichen medizinischen Bädern und
Reinigungsritualen (2 Kön 5). Schlangensymbo-
Wie wurden Kranke nach dem Zeugnis lik gehörte offenbar in den Bereich der apotropäi-
des Alten Testaments behandelt? schen Magie, die bei Heilungen eingesetzt wurde:
Über die Existenz des Berufsstands der Ärzte ist Num 21,4-9 deutet an, dass die eherne Schlange
im Alten Israel allerdings – anders als in Meso- Leiden von Schlangenbissen in der Wildnis zu
potamien oder Ägypten – kaum etwas bekannt. heilen vermochte. Die Schlange als Symbol der
Heilkundige können Propheten sein (Jes 38,1; Heilung ist bis heute am Asklepiosstab noch gut
2 Kön 1; 2 Kön 4f; 20,1-11 u. a.), aber auch weise zu erkennen.
Frauen und Männer sowie Hebammen. Da die Ähnlich wie Krankheit galt auch Kinderlosig-
Ursache der Krankheit aber vor allem in einem keit als göttliche Strafe. Da Unfruchtbarkeit zu-
gestörten Gottesverhältnis verortet wurde, war meist als weibliches Problem angesehen wurde,
der Kranke daran interessiert, sich mit Gebet, versagte JHWH der Frau auf diese Weise seinen
Klage und Opfer an JHWH zu wenden, um die Segen, und sie musste versuchen, Gott zu ihren
Krankheit abzuwenden. Theologisch kann das Gunsten umzustimmen. Genderspezifisch war
im Alten Testament so zugespitzt werden, dass der ganze Bereich der Geburtsschwierigkeiten.
ausschließlich JHWH als Heiler und Arzt anzu- Sie waren als mögliche Todesursache für Mutter
sprechen sei (markant Ex 15,26 „ich bin JHWH, und Kind bekannt und gefürchtet, wobei man
dein Arzt“, übertragen in Jes 30,26; Jer 33,6; Hos vorab JHWH befragen konnte, ob Schwanger-
6,1), sodass zwischen JHWHs Heilungskompe- schaft und Geburt gut ausgehen würden (Gen
tenz und der Kompetenz medizinischer Spezi- 25,21-26). Die alttestamentlichen Texte beschäfti-
alisten eine Konkurrenz aufgebaut wird (2 Chr gen sich zumeist mit Krankheit oder Kinderlosig-
16,12; Ps 147,3). Dies zeigt im Übrigen recht deut- keit als Folge eines gestörten Gottesverhältnisses
lich die Ambiguität, also Widersprüchlichkeit, und bieten in Psalmen, Gebeten und Beispiel-
des biblischen Gottesbildes, da JHWH selbst die erzählungen mögliche Wege, dasselbe wieder zu
Wunden heilt, die er zuvor selbst geschlagen hat „heilen“.
(Ex 4,11; Hos 6,1; Dtn 32,39; Ijob 5,18). Erst unter JHWH konnte nach alttestamentlicher Kon-
hellenistischem Einfluss kommt es ab dem 3. Jh. zeption als Herr über Krankheit wie Heilung,
vC zu einer positiveren Bewertung des Arztes Kindersegen wie Kinderlosigkeit jeweils darü-
Prof. Dr. Angelika (Sir 38,1-15), dessen Tätigkeit jedoch durch Buße, ber entscheiden, was er wem zu welchem Zeit-
Berlejung ist Professorin
Opfer und Bitte an Gott unterstützt werden muss punkt zuteil werden ließ. Der Gedanke, dass das
für Alttestamentliche Wis-
senschaft an der Universi-
(vgl. Beitrag von Matthias Hoffmann). Schicksal eines Menschen in diesen Hinsichten
tät Leipzig und Professor Im Alten Testament lassen sich nur wenige von Anfang an vorbestimmt und in Zeichen auf
extraordinaire für Altorien- Spuren von medizinischen Therapien erkennen: seinem Körper eingeschrieben sei, wie er inner-
talistik an der Universität Umschläge für die Wundversorgung wurden aus halb der mesopotamischen Divination greifbar
Stellenbosch/Südafrika. Sie Balsam gemacht (Jer 46,11) und Bandagen unter- ist, lässt sich hingegen nicht feststellen. Die
forscht und publiziert zur stützten gebrochene Glieder, sodass sie heilen Vorstellung von Krankheit und Gesundheit als
Geschichte und Religions-
konnten (Ez 30,21). Fischgalle sollte gegen Au- Folge des gestörten oder intakten Gottesverhält-
geschichte Palästinas und
seiner Nachbarn; derzeit
genleiden helfen (Tob 6,9f). Jesaja betätigte sich nisses ist im Alten Testament weniger an den
in Vorbereitung: eine „Reli- in Zusammenarbeit mit JHWH als Arzt, als er ein Gedanken des göttlichen Determinismus eines
gionsgeschichte des Alten Feigenpflaster als Heilmittel für Hiskijas Krank- ganzen Menschenlebens gebunden (so in der al-
Israel“. heit herstellt und der König parallel dazu zu torientalischen Physiognomik, der Deutung von

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„Ich bIn deR heRR, deIn ARzt“

Schlaganfall „Wenn die gesamte linke Seite seines Körpers


wie dahingeschüttet ist [...], liegt ein Schlag durch den dämon
Sulak vor, dem Lauerer des Waschhauses. [...]“
(vor 7. Jh. vc, ninive)

Lesetipps
Körpermerkmalen) als vielmehr an den Für den Alten Orient, Ägypten wie für • Angelika Berlejung, Auf den Leib geschrieben:
Tun-Ergehen-Zusammenhang, der dem das Alte Testament kann also festgestellt Körper und Krankheit in der physiognomischen
Tradition des Alten Orients und des Alten
Menschen und auch Gott fortwährend werden: Gestörte Gottesverhältnisse ha-
Testaments, in: G. Etzelmüller/A. Weissenrieder
neue Handlungsoptionen belässt, bei- ben massive Risiken und Nebenwirkun- (Hg.), Religion und Krankheit, Darmstadt 2010,
spielsweise Umkehr, Reue, Vergebung gen. In Bezug auf Krankheiten ist die 185–216.
und Wiederherstellung des Gottesver- Pflege des intakten Gottesverhältnisses • Christian Frevel, Krankheit/Heilung, in:
hältnisses. Im monotheistischen Kon- dringend anzuraten! Erst im Erwar- A. Berlejung/c. Frevel (Hg.), Handbuch theo-
text werden sowohl Ursache wie Hilfe tungshorizont der künftigen Heilszeit logischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen
bei JHWH gesucht. Die Entscheidung wird biblisch angesagt, dass Krankheit Testament, Darmstadt 2015, 4. Aufl., 301–305.
Übersetzungen der Keilschriften aus:
darüber, wie eine diagnostizierte Krank- überwunden wird, wenn Blinde, Taube,
• Bernd Janowski/Daniel Schwemer (Hg.), Texte
heit oder Gebärunfähigkeit ausgehen Lahme und Stumme einst durch JHWH zur Heilkunde (Texte aus der Umwelt des Alten
würde, lag jeweils bei JHWH. geheilt werden (Jes 35,5f). W Testamentes; Neue Folge 5), Gütersloh 2010.

Amulette waren im Alten Orient und in Ägypten ein wichtiger Teil der
Gesundheitsfürsorge. Ausführliche Listen erklären, welche Amulettsteine
bei welcher Krankheit umgebunden oder aufgelegt werden müssen. Sie
dienten dazu, Krankheitserreger, also böse Geister, fernzuhalten. Altägyp-
tische Amulette, die man vor allem als Teile von Halsketten trug, von links
nach rechts: gebundener Feind, Gott Bes, Göttin Hathor (Stierkopf), Fliege,
Göttin Schu, Herz, Udschatauge. Sammlung BIBEL+ORIENT, Fribourg.

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welt und umwelt der bibel 2/2015 33
Antike Medizin

Den menschlichen
Die Heilkunst der Griechen

Es sind die Griechen, die die wissenschaftliche Medizin begründen. Sie stellen Hypothe-
sen über die Funktionen des Körpers auf und legen sogar in einem Eid Verhaltensregeln
für Ärzte fest. Tempelmedizin und wissenschaftliche Heilkunst standen dabei in enger
Verbindung. Von Bernd Kollmann

D
as Thema Krankheit bewegte die Men-
schen in der Antike nicht minder inten-
siv als heute. Klammert man die hohe
Säuglings- und Kindersterblichkeit aus, so be-
trug die durchschnittliche Lebenserwartung
in griechisch-römischer Zeit etwa 50 Jahre. Mit
Krankheit waren häufig der Verlust der Arbeits-
fähigkeit und der Abstieg in das soziale Elend
verbunden.
Die Medizin im alten Griechenland betrachtete
den Heilgott Asklepios als ihren Ahnherrn. Ab
der Zeit um 500 vC bezeichneten sich die Ärzte
als Asklepiaden und brachten damit den An-
spruch zum Ausdruck, dass sie ihre Heilkunst
Asklepios verdankten. Hippokrates (ca. 460–370
vC) galt in der Antike als legendärer Begründer
der wissenschaftlichen Medizin. Er wurde auf
der Insel Kos geboren und stammte aus dem
dortigen Asklepiaden-Geschlecht. Schon bei
Platon wird Hippokrates als herausragender
Arzt gerühmt. Er soll als Erster die Medizin von
der Philosophie getrennt und damit als eigen-
ständige Wissenschaft etabliert haben. Über die
historische Gestalt des Hippokrates ist außer ei-
nigen biografischen Eckdaten und seiner frühen
Berühmtheit wenig Zuverlässiges bekannt. Die
Hauptquelle über sein Leben, die Hippokrates-
Vita des Soranus von Ephesus aus der Zeit um
100 nC, versucht ihm ein Denkmal zu setzen
– ihr geschichtlicher Wert ist jedoch begrenzt.
Der Mythos des Hippokrates beruht im Wesent-
lichen darauf, dass seit frühhellenistischer Zeit
unter seinem Namen ein Korpus von rund 70
Schriften medizinischen Inhalts tradiert wird,
die in ihren theoretischen Anschauungen stark

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welt und umwelt der bibel 2/2015
Körper verstehen
Asklepios heilt eine Frau. Die Szene stellt ein Traumgeschehen dar: Der Gott be-
gegnet der Frau im Traum während des Heilschlafs (Inkubation). Hinter Asklepios seine
Schwester Hygieia. Flachrelief, Marmor, 4. Jh. vC, Archäologisches Museum Piräus.

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welt und umwelt der bibel 2/2015 35
Den Menschlichen Körper verstehen

Die Zurückführung der Epilepsie auf rein natürliche Ursachen wurde


für das medizinische Denken der Folgezeit richtungsweisend

voneinander abweichen und von denen nur ein heit gewährleistet, während ihr Ungleichgewicht
verschwindend geringer Bruchteil auf Hippokra- Krankheit hervorruft. Die Epilepsie gilt als Folge
tes selbst zurückgeht. Die Sammlung dieses Cor- dessen, dass das Gehirn im Mutterleib unzurei-
pus Hippocraticum entstand wahrscheinlich im chend von Feuchtigkeitsstoffen gereinigt wurde.
3. Jh. vC im ägyptischen Alexandria, das unter Wenn das kalte Phlegma (Schleim) vom Kopf in
den Ptolemäern zu einem Zentrum hellenis- Herz und Lunge abfließe, lasse es das Blut in den
tischer Gelehrsamkeit und Heilkunst wurde. Adern erstarren, was zu epileptischen Anfällen
Neben Werken der Ärzteschule von Kos flossen aufgrund einer Unterbrechung der Luftzufuhr
auch Schriften der Ärzteschule aus dem klein- zum Gehirn führe. In scharfer Abgrenzung ge-
asiatischen Knidos in das Corpus Hippocraticum genüber weit verbreiteten magischen Therapien,
ein. Im Zentrum stehen Handbücher aus den wie sie auch das Neue Testament widerspiegelt
Fachgebieten der Inneren Medizin, der Chirurgie (Mk 9,14-29), wird zur Heilung der Epilepsie
und der Frauenheilkunde. Daneben umfasst das empfohlen, dem Gehirn Wärme zuzuführen und
Corpus Hippocraticum Spruchsammlungen zu na- durch geeignete diätetische Maßnahmen das
hezu sämtlichen Aspekten der Medizin, am Kran- Gleichgewicht der Körpersäfte zu fördern.
kenbett erhobene Datensammlungen, Monografi- Der erstmals in der frühen Kaiserzeit bei Scri-
en zur Pathogenese und theoretische Schriften zu bonius Largus erwähnte, aber wohl schon um
einzelnen Aspekten der Heilkunde. Hinzu treten 400 vC entstandene hippokratische Eid ist bis
angebliche Reden und Briefe des Hippokrates. heute ein Schlüsseldokument der ärztlichen
Unter den Monografien zur Pathogenese Ethik, wobei auch er kaum auf den historischen
kommt der Abhandlung „Über die Heilige Krank- Hippokrates zurückgeht. Die am Anfang stehen-
heit“ aus dem frühen 4. Jh. vC herausragende Be- de Forderung der Ehrerbietung gegenüber dem
deutung zu, da sie mit ihrer Zurückführung der Lehrer und dessen Nachkommen zeigt, dass das
Epilepsie auf rein natürliche Ursachen für das medizinische Handwerk nunmehr erlernt wer-
medizinische Denken der Folgezeit richtungswei- den kann und nicht länger nur innerhalb der
send wurde. Wie andere hippokratische Schrif- Familiengeschlechter der Asklepiaden weiterge-
ten ist sie vom Schema der vier Körpersäfte (Blut, geben wird. Mit der feierlichen Selbstverpflich-
Phlegma, gelbe Galle, schwarze Galle) geprägt, tung, den Kranken keinen Schaden zuzufügen,
deren harmonische Mischung im Körper Gesund- die Schweigepflicht zu wahren, keine sexuellen

DiE ViEr-SÄFTE-lEHrE (uM 400 VC)

D ie Vier-Säfte-lehre gründet auf der Vorstellung, dass


die vier Körpersäfte (humores, daher nennt man diese
lehre auch „Humoralpathologie“) – Blut, Phlegma, gelbe
Arzneien und Therapien sollten entsprechend wärmend,
befeuchtend, trocknend oder kühlend wirken, um das
Gleichgewicht wiederherzustellen. Auch die Behandlungen
Galle und schwarze Galle – im richtigen, harmonischen durch Aderlass oder mit Schröpfköpfen, die der aus Perga-
Verhältnis zueinander vorhanden sein müssen. Erkrankun- mon stammende Arzt Galen befürwortete, fußen auf dieser
gen sind auf eine Disharmonie der Säfte zurückzuführen. Vorstellung: Das Verhältnis der
Die lehre ist verbunden mit der unterscheidung von vier Körpersäfte sollte wieder
Elementen, denen man Organe und Qualitäten zuordnete: ausgeglichen werden.

luft Herz Blut heiß und feucht


Wasser Gehirn Phlegma/Schleim kalt und feucht
Feuer leber gelbe Galle heiß und trocken Schröpfglas aus Susa/
Erde Milz schwarze Galle kalt und trocken Iran, frühislamisch. Louvre.

36 welt und umwelt der bibel 2/2015


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Den Menschlichen Körper verstehen

Skalpell, Schere, Pinzette, Haken ... Chirurgische Instrumente eines unbekannten Arztes des 1. Jh. nC.
Nach dem antiken Autor Kelsos soll ein Chirurg sich nicht vom Geschrei des Patienten drängen lassen, „sich
zu beeilen oder weniger als nötig zu schneiden. Vielmehr soll er so handeln, wie wenn er sich durch das Wim-
mern des Kranken nicht rühren lassen könnte“ (De medicina VII 4). Archäologisches Nationalmuseum Neapel.

Kontakte zu Patienten zu pflegen und weder ei- 1. die Theoretiker oder Dogmatiker,
nen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen 2. die Empiriker,
noch Sterbehilfe zu leisten, formuliert der hip- 3. die Methodiker.
pokratische Eid in einer Zeit, in der weder die Die Theoretiker oder Dogmatiker maßen neben
Ausbildung zum Arztberuf noch die Zulassung praktisch erworbenem Wissen auch der abstrak-
zu dessen Ausübung in irgendeiner Weise gere- ten Reflexion über die Anatomie wie Physiologie
gelt und kontrolliert wurden, erstmals überhaupt des menschlichen Körpers zentrale Bedeutung
die grundlegenden Pflichten des Arztes. Die hip- bei, um den verborgenen Krankheitsursachen
pokratische Schrift De medico widmet sich dem auf die Spur zu kommen. Zur Bereicherung des
Erscheinungsbild und Auftreten des Arztes, der Wissens um die Körperfunktionen stützten sie
durch gesundes Aussehen, saubere Kleidung, sich auch auf die Autopsie, wobei in Alexandria
Wohlgeruch, Freundlichkeit und Gerechtigkeit zum Tode verurteilte Schwerverbrecher sogar
natürliche Autorität ausstrahlen soll (s. Quellen- bei lebendigem Leib seziert wurden. Im 1. Jh. nC
text S. 42). bildete sich im Bereich der theoretischen Medi-
zin unter Einfluss der stoischen Philosophie,
derzufolge das Pneuma vom menschlichen Her-
Griechisch-römische Medizin zur Zeit Jesu zen als Zentrum ausgehend im gesamten Körper
Um die Zeitenwende lassen sich innerhalb der zirkuliert, die Pneumatikerschule heraus. Einer
wissenschaftlichen Medizin drei Schulrichtun- ihrer wichtigsten Vertreter war Aretaios von Kap-
gen unterscheiden, nämlich padokien, für den Gesundheit auf hinreichenden

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welt und umwelt der bibel 2/2015 37
Die ruinen
des Abaton
von Epidauros.
Als Abaton bezeich-
nete man den Saal,
in dem der Heilschlaf
stattfand.

Entfaltungsmöglichkeiten des Pneumas und ei- mit Krankheit verursache – zu beachten, um auf
Die Gesundheitspflege ner ausgewogenen Mischung der dem Pneuma dieser Grundlage einen Verfahrensweg (metho-
Gesundheitspflege (Di- zugeordneten Eigenschaften Wärme, Kälte, Tro- dos) zur Therapie zu entwickeln.
ätetik) war ein wichtiger ckenheit und Feuchtigkeit beruhte. Die Empiri-
Bestandteil der antiken
ker lehnten dagegen alle theoretischen Spekula-
Medizin. Die Ärzte emp-
tionen ab und stützten sich allein auf die bei der Die Tempelmedizin
fahlen einen maßvollen
Tagesablauf mit einem
Behandlung gewonnene praktische Erfahrung, Eine zentrale Rolle spielte in der Antike die Tem-
Wechsel von leibesübun- die aus Beobachtung und Erprobung resultiert. pelmedizin. Im Römischen Reich gab es rund 400
gen, ruhe, Baden, Salben, Die Methodikerschule schließlich beschritt ei- Asklepiostempel. Hinzu kommen Isis- und Sara-
Zahnpflege, Massagen, nen Mittelweg zwischen den Theoretikern und pisheiligtümer, an denen ebenfalls Wunderhei-
Geschlechtsverkehr mit Empirikern. Die Methodiker teilten mit den The- lungen geschahen. Die dem Heilgott Asklepios
Mäßigung sowie guter oretikern die Überzeugung, dass die praktische zu Ehren errichteten Tempel waren geistige Zent-
Ernährung. Sitzenden, Erfahrung nur einen Teil der Heilkunst ausma- ren, die über die Heilkunst hinaus durch Theater,
geschäftlichen Tätigkeiten che, lehnten aber allzu ausufernde Spekulatio- Dichtung, Musik, aber auch durch Sport und die
soll man nur für kurze nen über die verborgenen Krankheitsursachen intensive Begegnung mit der Natur das Streben
Zeiten nachgehen. Galen
ab. An Fragen der Anatomie und Physiologie der Seele nach dem Schönen und Göttlichen för-
schreibt, dass ein gesun-
zeigten sie kein ausgeprägtes Interesse. Viel- derten, damit der Mensch seine Gesundheit und
des leben nur jemand
führen kann, der keinen
mehr genüge es, unter Differenzierung zwischen Harmonie wiederfinde. Von den Heilungswun-
Beruf ausüben muss. akuten und chronischen Leiden die allen Krank- dern des Asklepios geben zahlreiche erhalten
heiten gemeinsamen Züge – nämlich den Zu- gebliebene Weiheinschriften Kunde, die von den
stand entweder der Einengung oder der Weitung Pilgern gelesen und weiterverbreitet wurden. Am
der Poren, welcher die natürliche Bewegung der bekanntesten sind die 1883 entdeckten Inschrif-
im Körper zirkulierenden Partikel störe und da- ten von Epidauros. Als weitere Votivgaben hat

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welt und umwelt der bibel 2/2015
Den Menschlichen Körper verstehen

man aus Ton geformte Nachbildungen von ge-


heilten Gliedmaßen gefunden. Die maßgebliche
Heilmethode im Asklepioskult war die Inkubati-
on, der Schlaf im Tempel der Gottheit. Nach viel-
fältigen Opfer- und Reinigungsriten übernachte-
ten die Heilungsuchenden in einem gesonderten
Liegesaal, dem Abaton oder Enkoimeterion. Dort
erschien ihnen Asklepios im Traum, um entwe-
der sofort Heilung zu bringen oder Weisungen zu
erteilen, deren Ausführung später die Genesung
nach sich zog. Auch wenn die zur Ermutigung
der Kranken und zur Werbung für das Heilig-
tum verfassten Berichte übertreiben und zum
Teil fantastisch ausgeschmückt sind, setzen sie
doch eine Vielzahl unbestrittener Heilungen vor-
aus. Bewirkt wurden sie durch eine Kombination
religiöser, psychologischer und medizinischer
Eine rekonstruktion hilft der Vorstellung: Im
Elemente. Ein unerschütterliches Vertrauen in
Vordergrund berührt die heilige Schlange (Asklepios)
die Heilkraft der Gottheit und für die Psyche einen fußkranken Patienten.
förderliche Traumerlebnisse während der Inku- (Rekonstruktion aus: The Temple and Ritual of Asklepios
bation zogen im Zusammenspiel mit ärztlichen, at Epidauros and Athens, R. Caton, London 1900)
hauptsächlich pharmakologischen, diätetischen
und physiotherapeutischen Praktiken Genesung

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Den Menschlichen Körper verstehen

Angesichts einer nur sechs Monate umfassenden medizinischen Ausbildung gaben


selbst Schuster, Zimmerleute, Färber und Schmiede ihr Handwerk auf, um sich der
gewinnträchtigeren Heilkunst zuzuwenden

nach sich. Ob die bei Ausgrabungen an einzel- che Summen aufbringen. So blieb für die große
nen Asklepiostempeln gefundenen medizini- Mehrheit der Bevölkerung der Zugang zu qualifi-
schen Instrumente wie Schröpfköpfe, Skalpelle zierter Heilkunst weithin verschlossen. In einzel-
oder Pinzetten auch auf chirurgische Eingriffe nen griechischen Stadtstaaten gab es eine kom-
hindeuten oder es sich lediglich um Votivgaben munale Krankenfürsorge. Für Athen und Delphi
von Ärzten an ihren Schutzpatron Asklepios beispielsweise sind öffentliche Ärzte bezeugt, die
handelt, wird kontrovers diskutiert. In jedem Fall aus einer Sondersteuer finanziert wurden und
sahen sich die Tempelmedizin und bedürftige Personen in gewissem Umfang un-
die wissenschaftliche Heilkunst entgeltlich behandelten. Auch ägyptische Papyri
nicht als Gegner, sondern aus hellenistischer Zeit erwähnen die entweder
standen miteinander in Ver- in Bargeld oder Naturalien zu entrichtende Arzt-
bindung. Am Betrieb des As- steuer, mit deren Hilfe die Anstellung öffentlicher
klepiostempels auf Kos war Ärzte ermöglicht wurde. In weiten Teilen des Rö-
von Anfang an das auf der In- mischen Reichs spielten allerdings wissenschaft-
sel ansässige Ärztegeschlecht liche Medizin und kommunale Krankenfürsorge
der Asklepiaden beteiligt. keine ausgeprägte Rolle oder waren überhaupt
Der berühmte Arzt Galen, nicht präsent. In der Lebenswelt Jesu gab es wis-
der im 2. und 3. Jh. nC senschaftlich ausgebildete Ärzte wohl nur an
gewirkt hat, nimmt in den herodianischen Herrscherhöfen und in hel-
seinen Schriften auf lenistischen Städten wie Cäsarea, Sepphoris oder
einzelne Heilkuren des Tiberias. Ohnehin war der Titel des Arztes keine
Asklepiostempels von geschützte Berufsbezeichnung, sondern konnte
Pergamon, dem für ohne den Nachweis fachlicher Eignung praktisch
die Kaiserzeit eine von jedem geführt werden. So beklagt Galen,
Ausnahmestellung dass die in Rom attraktiven Verdienstmöglichkei-
zukam und dessen ten für Ärzte die Stadt zum Anziehungspunkt von
Ruhm durch den Scharlatanen aller Art mache. Angesichts einer
Rhetor Aelius Aris- nur sechs Monate umfassenden medizinischen
tides weit verbreitet Ausbildung gäben selbst Schuster, Zimmerleute,
wurde, positiv Bezug. Färber und Schmiede ihr Handwerk auf, um sich
Der Besuch wissen- der gewinnträchtigeren Heilkunst zuzuwenden.
schaftlich ausgebilde- Vergleichsweise gut war die medizinische
ter Ärzte war jedoch Versorgung im römischen Heer. Die Legionen
nicht günstig, ebenso verfügten über eigene Militärärzte und Lazarette
wenig wie auch die In- (Valetudinarien) zur Pflege kranker oder verwun-
anspruchnahme der Tem- deter Soldaten. Ausgrabungen konnten für die
pelmedizin, im Gegenteil, Valetudinarien unterschiedliche Bereiche bele-
die Heilungsuchenden gen: Küche, Behandlungs- und Operationsräu-
mussten teils beträchtli- me, Patientenzimmer, Kräutergarten, Räume zur

Der junge Asklepios, mit seinem Attribut, dem Äskulapstab. Die Her-
kunft des Schlangenstab-Symbols ist ungeklärt – die Schlange kommt
jedenfalls in vielen Mythen vor, häutet sich, hat eine sensible Wahrneh-
mung und ist eine Quelle von Arznzeisubstanzen. Marmorstatue aus
Epidauros, 3. Jh. vC, Archäologisches Museum, Athen.

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QUELLENTEXT: WAS MACHT EiNEN GuTEN ArZT AuS?

Z um Arzt gehört Autorität. im Aussehen wird er von guter


Farbe und gesundem Fleischansatz sein, soweit es seine
Konstitution erlaubt. Diejenigen, welche körperlich nicht
freundlich, billig. Denn das Überstürzte und Hastige wird
nicht geschätzt, auch wenn es ganz nützlich sein sollte. ...
im Ausdruck des Gesichtes: nachdenklich, ohne abweisend
gut dran sind, gelten bei der Menge als unfähig, für andere zu sein; sonst erscheint man eigenwillig und menschen-
richtig zu sorgen. in der Kleidung soll er auf reinlichkeit feindlich. Wer leicht in lachen ausbricht und zu aufgeräumt
und auf ein anständiges Gewand halten, auf wohlriechende ist, wird als ordinär empfunden; davor muss man nicht am
Salben mit unaufdringlichem Duft. Durch all das fühlen sich wenigsten auf der Hut sein. in allem Verkehr mit den Men-
die Patienten angenehm berührt; darauf muss man Wert schen muss der Arzt gerecht sein; denn oft muss Gerechtig-
legen. Was die innere Haltung betrifft: maßvoll nicht allein keit ihm aushelfen.“
durch Zurückhaltung im Sprechen, sondern überhaupt
ausgeglichen in der lebensführung; darin liegen nämlich (De medico 1, Schrift im Corpus Hippocraticum, Hippokrates
die größten Vorteile für die Erwerbung von Ansehen. im zugeschrieben, anonym verfasst, vermutlich 3. Jh. vC. Über-
Charakter ein Edelmann, als solcher gegen alle gemessen, setzung nach: Walter Müri, Der Arzt im Altertum, 1986.)

Herstellung und Lagerung von Arznei, Bäder und namens Physika widmete sich der Heilkraft von
Latrinen. Valetudinarien-Ärzte berieten die Heer- Steinen. Die ebenfalls in Ägypten entstandenen
führer bei hygienischen Fragestellungen sowie magisch-pharmakologischen Bücher der Kyra-
zur Ernährung und Diätetik. Besondere Anforde- niden beschäftigen sich mit Arzneimitteln und
rungen stellten sich an die Wundversorgung und Heilamuletten aus Steinen, Pflanzen und tieri-
chirurgische Eingriffe. Daneben ist in Quellen ab schen Stoffen. In Alexandria kursierte eine as-
dem 1. Jh. nC auch von privaten Valetudinarien trologisch-pharmakologische Schrift des Königs
die Rede, die von Angehörigen des Kaiserhau- Nechepso mit Rezepten „zur Heilung des ganzen
ses, begüterten Bürgern in der Stadt und reichen Körpers und aller Leiden gemäß dem Tierkreis
Gutsbesitzern auf dem Land zur medizinischen durch Steine und Pflanzen“. In den griechischen
Versorgung ihrer verletzten und erschöpften „Zauberpapyri“ aus Ägypten finden sich auch
Sklaven eingerichtet wurden, um deren Arbeits- Anleitungen zur Heilung dämonisch Besessener
kraft wiederherzustellen. und magische Formeln gegen Fieber, Verbren-
nungen, Geschwüre oder Kopfschmerzen. Zahl-
reiche volksmedizinische Rezepte mit magischem
Heiler aus dem Bereich der Volksmedizin Einschlag, etwa zur Linderung von Blutfluss, Au-
Die große Mehrheit der antiken Bevölkerung, generkrankungen oder Epilepsie, hat Plinius der
die sich weder einen Arzt noch eine Heilkur im Ältere in seine Naturgeschichte aufgenommen.
Tempel leisten konnte oder in Regionen ohne Zu- Das exorzistische wie therapeutische Wirken
gang zu wissenschaftlicher Heilkunst lebte, war Jesu und der frühen Christen zeigt keinerlei Be-
auf die weniger kostspieligen, in vielen Fällen rührungen mit der wissenschaftlichen Medizin,
aber ebenfalls erfolgreichen Heiler aus dem Be- sondern ist ebenfalls auf dem Feld der antiken
reich der Volksmedizin verwiesen. Diese führten Volksmedizin zu verorten. W
Krankheit, nicht zuletzt Epilepsie und mentale
Störungen, vielfach auf das Wirken böser Geister
oder kosmischer Mächte zurück und brachten
eine Mischung von pharmakologischen, psy-
chotherapeutischen, astrologischen und magi-
schen Praktiken zur Anwendung. Diese Heiler Prof. Dr. Bernd Kollmann
benutzten Handbücher, die überwiegend aus ist Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments
an der universität Siegen. Schwerpunkte sind u. a. die Wunder in
Ägypten stammten und sich von dort im gesam-
Antike und Christentum und neutestamentliche Zeitgeschichte.
ten Römischen Reich verbreiteten. Die Schriften Zuletzt von ihm erschienen ist das lehrbuch „Neues Testament
sind zum Teil erhalten geblieben oder zumindest kompakt“ (Stuttgart 2014). Bei den Büchertipps (S. 75) finden
dem Namen nach bekannt. Ein um 200 vC von sich informationen zu „Neutestamentliche Wundergeschichten.
dem Magier Bolos von Mendes verfasstes Werk Biblisch-theologische Zugänge und impulse für die Praxis “.

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welt und umwelt der bibel 2/2015 41
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Drei berühmte Ärzte der Antike


ASKLEPIADES VON PRUSA PEDANIOS DIOSKURIDES GALEN VON PERGAMON
Gesandter des Himmels oder WeGbereiter der modernen der arzt der römiscHen
GeldGieriGer scHarlatan? PHarmakoloGie kaiser

Kaum ein Arzt des griechisch-römi- Der in Anazarbos (Kilikien) geborene Der in Pergamon als Sohn eines wohl-
schen Zeitalters hat derart polarisiert Pedanios Dioskurides (1. Jh. nC) hat habenden Architekten zur Welt ge-
wie Asklepiades von Prusa, der um mit seinem fünfbändigen Werk „Über kommene Arzt und Philosoph Galen
100 vC die hellenistische Medizin in die Heilstoffe“ (De materia medica) ein (129–216 nC) verhalf der hippokrati-
Rom heimisch machte, Angehörige der pharmakologisches Kompendium von schen Medizin dazu, dass sie sich als
vornehmen Senatorenfamilien behan- epochaler Bedeutung verfasst, das bis wichtigste medizinische Tradition des
delte und den Weg für eine der bedeu- in das 19. Jh. nachhaltigen Einfluss auf Abendlands etablieren konnte. Galen
tendsten Medizinschulen der Antike die medikamentöse Therapeutik des absolvierte in Pergamon, Smyrna und
ebnete. Während er von seinen An- Abendlands ausübte. Gewidmet ist Alexandria das Studium der Medizin.
hängern als Abgesandter des Himmels das Buch seinem Lehrer Areios, einem Nach einem fünfjährigen Wirken als
verehrt wurde, verunglimpften ihn sei- auch bei Galen erwähnten Pharmako- Gladiatorenarzt in Pergamon siedel-
ne Gegner als gewinnsüchtigen Schar- logen aus Tarsos. Dioskurides konnte te er nach Rom über, wo er mit einer
latan. Asklepiades stammte aus der auf ausgedehnten Reisen umfängli- kurzen Unterbrechung bis zum Ende
kleinasiatischen Provinz Bithynien am ches Material für seine Arzneimittel- seines Lebens blieb und als Leibarzt
Schwarzen Meer. Besondere Berühmt- lehre sammeln, wobei der Hinweis auf am Kaiserhof tätig war. In strenger
heit erlangte er durch die Wiederbele- das von ihm geführte „soldatische Le- Abgrenzung von der in Rom dominan-
bung eines für tot gehaltenen Mannes. ben“ den Rückschluss nahelegt, dass ten Methodikerschule hielt Galen an
Als Asklepiades, zu dessen nicht mehr er als Militärarzt im Dienst des römi- Hippokrates als höchster medizini-
erhaltenen Werken auch eine wis- schen Heers stand. scher Autorität fest und verfasste eine
senschaftliche Abhandlung über Re- Im Vorwort seines Werkes übt Di- Reihe von Kommentaren zu Schriften
spiration und Pulsschlag zählte, sich oskurides scharfe Kritik an jenen Per- des Corpus Hippocraticum. In seinen
aus wissenschaftlicher Neugier dem sonen, die vor ihm eine Arzneimittel- Anschauungen zur Physiologie folgte
Leichenzug näherte, diagnostizierte er lehre verfassten. In Überwindung der er konsequent dem hippokratischen
bei dem angeblich Verstorbenen noch Unzulänglichkeiten seiner Vorgänger Konzept von den vier Körpersäften,
verborgene Anzeichen der Atmung und strebt er eine gleichermaßen umfas- deren Ungleichgewicht oder Dishar-
brachte ihn ins Leben zurück. sende wie präzise Zusammenstellung monie Krankheit hervorruft.
In Abgrenzung von der hippokra- aller relevanten Heilmittel an und Besonderen Wert legte Galen auf eine
tischen Humoralpathologie (Vier- rühmt sich, diese alle auch auf ihre Erweiterung der Kenntnisse über die
Säfte-Lehre) sah Asklepiades den tatsächlichen Wirkungen hin über- menschliche Anatomie. Seine öffentli-
menschlichen Leib – unter Einfluss des prüft zu haben. Insgesamt beschreibt chen Leichensektionen und seine ana-
Epikureismus – aus unzähligen, ständig Dioskurides akribisch die Zuberei- tomischen Experimente an Tieren zur
zirkulierenden Partikeln zusammen- tung, die therapeutischen Qualitäten, Erforschung des Nervensystems erreg-
gesetzt, von deren Beschaffenheit und die Aufbewahrung und die praktische ten in Rom Aufsehen und trugen ihm
Verhältnis zu den zwischen ihnen gela- Anwendung von mehr als 1000 pflanz- auch Anfeindung ein. Nicht zuletzt
gerten Hohlräumen Krankheit oder Ge- lichen, tierischen und mineralischen aufgrund seiner früheren Tätigkeit als
sundheit abhängig seien. Bei der Krank- Arzneimitteln. Ähnlicher Popularität Gladiatorenarzt verfügte Galen zudem
heitsbekämpfung rückte er die Diätetik, wie sein Werk erfreute sich im Bereich über vertiefte Kenntnisse auf dem Feld
Physiotherapie und Hydrotherapie in der Pharmakologie allenfalls die Na- der Chirurgie. In seinen Werken be-
den Vordergrund, wobei er insbesonde- turgeschichte des älteren Plinius, die schreibt er eine Vielzahl chirurgischer
re Bädern einen hohen medizinischen sich in den Büchern 20–32 ausführlich Eingriffe, die von der Entfernung von
Stellenwert beimaß. In Rom wurde Ask- den Heilmitteln aus der Pflanzenwelt Polypen oder Geschwüren bis hin zur
lepiades zum Ahnherrn der Methodiker- und dem Tierreich widmet. Behandlung komplizierter Knochen-
schule, die durch die ebenfalls aus dem brüche reichen.
Osten stammenden Ärzte Themison von
Laodizea und Thessalos von Tralles ihre
volle Ausprägung erhielt. (Bernd Kollmann)

42 welt und umwelt der bibel 2/2015


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Den Menschlichen Körper verstehen

Ärzte im Dialog: Oben Konstantin der Afrikaner (tunesischer Mediziner, 11. Jh.) und Hunain ibn Isha-q
(arabischer Arzt und Gelehrter, 9. Jh.), unten Hippokrates (5./4. Jh. vC) und Galen (2./3. Jh. nC) – das medizi-
nische Wissen der Antike kannte in der arabischen und westlichen Welt keine Grenzen. Handschrift des Buchs
der Kräuter und Pflanzen von Manfredus de Monte Imperiali, Italien, 14. Jh., Paris, Nationalbibliothek.

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welt und umwelt der bibel 2/2015 43
Frühes Judentum

Der fromme
Chanina ben Dosa
Ein charismatischer Heiler im 1. Jahrhundert
Jesus heilt in den Evangelien auch aus der Ferne. Das Gleiche wird von
einem jüdischen Chassid, der im 1. Jahrhundert nC gelebt hat, im Talmud
erzählt. Kann man beide vergleichen und so den jüdischen Wunderheiler
Jesus von Nazaret besser verstehen? Simon Claude Mimouni

Die „Fünf Rabbinen von Bnei Brak“. Nach einer Episode der Haggada versammeln sich Rabbi Elieser,
Rabbi Josua, Rabbi Elasar ben Asarjah, Rabbi Akiva und Rabbi Tarfon und diskutieren den Exodus. Die Rabbinen
sahen die charismatischen Wunderheiler und ihre Popularität mit argwöhnischen Augen. Miniatur der Londoner
Haggada von Joel ben Simeon Feibusch Aschkenasi, Deutschland, etwa 1460–1474, British Library, London.

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I
n der ersten Hälfte des 1. Jh. nC gab es in ei- Chaninas Fähigkeit zum Wunderheilen beson-
nigen jüdischen Gruppierungen bemerkens- ders deutlich. Der Bericht darüber steht im Baby-
wert viele charismatische Persönlichkeiten. lonischen Talmud Berachot 34b:
Diese Frommen und Gottesfürchtigen – hebrä- „Unsere Meister haben gelehrt: Als dem Sohn
isch Chassidim – lebten nach hohen Idealen, von Rabbi Gamaliel widerfuhr, krank zu werden,
studierten die Schrift, handelten nach ihr und schickte sein Vater zwei Schüler zu Rabbi Chani-
beteten viel. Sie galten als Wundertäter und na ben Dosa, um für ihn dessen Barmherzigkeit
Wunderheiler. Ein wichtiger Zug dieser charis- zu erflehen. Sobald dieser sie sah, begab er sich
matischen Persönlichkeiten ist, dass sie materi- in sein Obergemach und begann zu beten. Als er
ellen Gütern gegenüber innerlich ganz frei wa- dann herunterkam, sagte er zu ihnen:
ren. Eine der bekanntesten und populärsten ist ‚Geht heim, das Fieber ist von ihm gewichen.‘
Rabbi Chanina ben Dosa. Von ihm wird erzählt, Sie fragten ihn: ‚Bist du denn ein Prophet?‘
dass ihn nichts von seinen Gebeten abhalten Er gab ihnen zur Antwort:
konnte, auch nicht der Biss einer giftigen Echse, ‚Ich bin weder Prophet noch Prophetenschü-
den er auf wundersame Weise überlebte, und ler (vgl. Amos 7,14), aber mir wurde Folgendes
dass er mit seinen Gebeten viele Wunder und geschenkt: Wenn mir das Gebet flüssig über die
Heilungen wirkte. Lippen kommt, weiß ich, dass der Betreffende
Dieser Rabbi ist für das bessere Verständnis geheilt ist, aber wenn das nicht der Fall ist, weiß
der charismatisch-chassidischen Phänomene ich, dass er zum Kranksein verurteilt ist.‘
im Judentum des 1. Jh. eine der wichtigsten Refe- Sie setzten sich hin, rechneten nach und hiel-
renzgestalten. Er stammte aus Galiläa und weist ten die genaue Stunde schriftlich fest. Als sie
einige augenfällige Ähnlichkeiten zu Jesus von dann wieder bei Rabbi Gamaliel ankamen, sagte
Nazaret auf. Laut den rabbinischen Quellen leb- dieser zu ihnen:
te Chanina ben Dosa in Arab, einer galiläischen ‚Was für ein Dienst! Ihr habt nichts wegge-
Stadt im Verwaltungsgebiet von Sepphoris, rund nommen und nichts hinzugefügt. Aber so ist es
15 Kilometer nördlich von Nazaret. Dass er im geschehen: Genau in dieser Stunde hat ihn das
1. Jh. gelebt hat, lässt sich aus den späteren rab- Fieber verlassen und er hat uns gebeten, ihm et-
binischen Quellen schließen, die ihn mit drei his- was zum Trinken zu geben.‘“
torisch genauer bekannten Persönlichkeiten in Rabbi Gamaliel hatte also von Jerusalem aus
Verbindung bringen: mit Nehumija, der laut dem zwei seiner Schüler nach Galiläa geschickt, da-
Babylonischen Talmud (Jebamot 121b) zu Chani- mit sie Chanina darum bäten, etwas zugunsten
na ben Dosas Zeit Tempelbeamter war, Rabbi Ga- seines an einem tödlichen Fieber erkrankten
maliel und Rabbi Jochanan ben Zakkai. Sollte es Sohnes zu tun. Chanina hatte dann schon nach
sich bei diesem Rabbi Gamaliel um Gamaliel den einer kurzen Zeit einsamen Gebets diesen Ge-
Älteren handeln, auf den sich der Apostel Paulus sandten verkündet, dass der Sohn ihres Meisters
– nach Apg 22,3 – als seinen Lehrer beruft (im All- geheilt sei. Erst nach ihrer Rückkehr nach Jerusa-
gemeinen wird davon ausgegangen), und nicht lem hatten sie, noch etwas ungläubig, feststellen
um dessen Enkel Rabbi Gamaliel II., so könnte
Chanina ben Dosa im Zeitraum von 55 bis etwa
70 nC tätig gewesen sein, also noch vor der römi- „Wenn mir das Gebet flüssig über die Lippen
schen Tempelzerstörung in Jerusalem im Jahr 70.
Rabbi Chanina ben Dosa war auch als Heiler
kommt, weiß ich, dass der Betreffende geheilt
bekannt, so sehr, dass zahlreiche markante Per- ist, aber wenn nicht, weiß ich, dass er zum
sönlichkeiten seiner Zeit bei ihm Hilfe suchten,
zum Beispiel die genannten Rabbinen Gamaliel
Kranksein verurteilt ist“
und Jochanan ben Zakkai, deren kranke Kinder Chanina ben Dosa im Babylonischen Talmud
Chanina heilte. Chanina war besonders wegen
seiner Fähigkeit bekannt, aus der Ferne per Ge-
bet heilen und eine sofortige Heilung bestätigen können, dass es tatsächlich so war. Ein großer
zu können. Wert wird in diesem Bericht darauf gelegt, zu be-
tonen, dass Chanina „weder Prophet noch Pro-
phetenschüler“ sei.
„Weder Prophet noch Der Babylonische Talmud Berachot 34b enthält
Prophetenschüler“ auch noch einen ganz ähnlichen Bericht über die
Besonders interessant ist die Heilung des Sohnes Heilung des Sohns von Rabban Jochanan ben
von Rabbi Gamaliel, denn sie veranschaulicht Zakkai:

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welt und umwelt der bibel 2/2015 45
Der Fromme Chanina ben Dosa

„Und etwas anderes ereignete sich noch mit Tatsächlich betonen alle diese in den Berachot
Rabbi Chanina ben Dosa, als er zum Lernen zu enthaltenen Berichte über Rabbi Chanina ben
Rabban Jochanan ben Zakkai ging: Der Sohn des Dosa in erster Linie die Wirksamkeit seines Gebets
Letzteren erkrankte schwer. Rabban Jochanan und weniger seine Wunderkraft. Rabbi Chanina
ben Zakkai sagte zu ihm: ‚Chanina, mein Sohn, ben Dosa wurde wegen seiner Vollmacht verehrt,
fleh seinetwegen um Erbarmen, damit er lebe!‘ Menschen zu retten, die sich in physischer Gefahr
Rabbi Chanina nahm den Kopf zwischen die befanden, insbesondere wenn diese durch böse
Knie, flehte um Erbarmen und er lebte. Rabban Geister verursacht war. Von seiner Macht über Dä-
Jochanan ben Zakkai sagte: ‚Selbst wenn ich, monen berichtet ein Abschnitt des Babylonischen
Rabban Jochanan ben Zakkai, den ganzen Tag Talmud Pesahim 112b, worin es heißt:
lang meinen Kopf zwischen die Knie geklemmt „Sie [Agrat, die Tochter der Mahlat, der Köni-
hätte, wäre ich nicht erhört worden.‘ Da sagte gin der Dämonen] traf eines Tages Rabbi Chanina
seine Frau zu ihm: ‚Ist denn etwa Chanina größer ben Dosa und sagte zu ihm: ‚Wenn man nicht im
als du?‘ Er erwiderte ihr: ‚Nein, er gleicht einem Himmel ausgerufen hätte: Hütet euch, Chanina
Sklaven vor dem König, aber ich gleiche einem und seine Tora anzurühren, so hätte ich dir Bö-
Prinzen vor dem König.‘“ ses zugefügt.‘ Er erwiderte ihr: ,Da ich im Him-
Diese Erzählung von der Heilung des Sohns mel so hoch geschätzt werde, befehle ich dir, nie-
von Rabban Jochanan ben Zakkai enthält keiner- mals mehr an einen bewohnten Ort auf Erden zu
lei eschatologische oder messianische Deutung, kommen.‘ Sie bat ihn: ‚Lass mir wenigstens noch
wie übrigens auch diejenige von der Heilung des einen Rand!‘ Da ließ er ihr die Sabbatabende und
Sohns von Rabbi Gamaliel. Beide stellen eine die Abende des vierten Wochentags.“
Tatsache deutlich heraus: Selbst dann, wenn Und noch eine weitere wichtige Einzelheit: Zu-
diese großen pharisäischen Rabbinen einen Cha- weilen heißt es in den Textabschnitten über Cha-
rismatiker dringend um seine Fürbitte angehen, nina, dass die himmlische Stimme ihn mit „mein
damit er für sie von Gott eine Gunst erlangt, blei- Sohn“ anspricht.
Lesetipp ben sie doch bei ihrer festen Überzeugung, dass Grundsätzlich irritierten Chanina ben Dosa
• Michael Becker, sie diesem infolge ihrer Torakenntnis überlegen und die anderen Wunderheiler die verantwort-
Wunder und Wunder- bleiben: Vermag Rabbi Chanina ben Dosa auch lichen Pharisäer ihrer Zeit und auch zahlreiche
täter im frührabbinischen
eindeutig mehr als sie von Gott zu erlangen, so Rabbinen späterer Epochen. Praktisch jedoch
Judentum. Studien zum
Phänomen und seiner
bleibt er dennoch wie ein „Sklave“, der regelmä- tolerierten die Pharisäer und Rabbinen das cha-
Überlieferung im Horizont ßig als Diener das Königsgemach betritt, wäh- rismatische Wirken – ausgenommen, es tangier-
von Magie und Dämonis- rend Rabban Jochanan ben Zakkai sich als einem te die Bestimmungen der Halacha, der überlie-
mus, Tübingen 2002. „Prinzen“ gleich sieht, der bei Gott seine Besu- ferten Rechtsprechung, wo jeder übernatürliche
che macht. Beweis als unzulässig galt (vgl. im Babyloni-
Wenn Jesus den Diener eines Hauptmanns (Lk schen Talmud Baba Metzia 59a-b). Abgesehen
7,1-10/Mt 8,5-13) oder den Sohn eines königlichen davon blieben den Pharisäern auch die charis-
Beamten (Joh 4,46-53) aus der Ferne heilt, ent- matischen Äußerungen der Jesusbewegung und
spricht die Erzählung der gleichen Gattung – an- insbesondere deren Exorzismen, die im 1. und 2.
scheinend war dies ein bekanntes Muster charis- Jh. dort noch einen großen Platz einnahmen, äu-
matischen Wirkens. ßerst verdächtig.
Zweifellos vor dem Hintergrund dieser Ableh-
nung ist die Stelle in der Mischna Sotah IX,15 zu
Ein besonders wirksames Gebet verstehen, in der es heißt:
Ob seine Heilungshandlung Wirkung zeigt, spürt „Als Rabbi Chanina ben Dosa starb, gab es kei-
Chanina daran, dass ihm sein Gebet leicht fällt. ne frommen Menschen mehr, die fähig waren,
So heißt es im Abschnitt Mischna Berachot V,5, solches zu vollbringen.“
den der Babylonische Talmud in 34b übernahm: Laut dieser Tradition war also der populäre
Dr. Simon Claude „Man erzählt, dass Rabbi Chanina ben Dosa, Rabbi Chanina ben Dosa der letzte Chassid, der
Mimouni ist Historiker wenn er für Kranke betete, immer bekannt gab: „solches“, also durch seine Frömmigkeit Wunder
mit Schwerpunkt antikes
‚Der wird leben – der wird sterben.‘ Man fragte vollbringen, konnte. Das ermöglichte, alles spä-
Judentum und Christentum.
Er lehrt an der École pra- ihn: ‚Woher weißt du das?‘ – ‚Wenn mein Gebet tere charismatische Wirken in Misskredit zu brin-
tique des Hautes Études in leicht fließt, weiß ich, dass er [der Kranke] ge- gen, darunter natürlich auch das der Jünger Jesu
Paris im Forschungsbereich rettet ist, und wenn nicht, weiß ich, dass er ver- – denn die Himmel hatten sich dafür ja längst
Religionswissenschaft. dammt ist.‘“ verschlossen. W

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welt und umwelt der bibel 2/2015
Antikes Spa: Römisches Bad an den warmen Quellen von Hamat Gader,
nahe dem antiken Gadara, wo ein Asklepiosporträt gefunden wurde.

Archäologische FunDe: heilkulte unD heilstätten iM Antiken gAliläA

Eine Reihe archäologischer Spuren belegen, dass die griechisch-römischen Heilkulte im Galiläa der
römischen Zeit beliebt waren. Das forderte die ansässigen Rabbinen zu einer Reaktion heraus.

D er Talmud erzählt, dass die jüdischen


Weisen durch die wunderhaften Hei-
lungsanekdoten, die von heidnischen Heilig-
Dafür gibt es auch archäologische Belege:
Auf einer Münze aus Ptolemaïs/Akko sieht
man das Porträt einer Göttin, vermutlich
Gadara ist das Bildnis des Gottes zu sehen.
Im Dorf von Deir-el Hacheir, an den Hängen
des Hermon, grub man eine Inschrift der
tümern zirkulierten, beunruhigt waren. Sie Hygieia. Der monumentale Fuß, der auf an- römischen Kaiserzeit aus, die den „Priester
bemühten sich, diese Erzählungen aufzuklä- dere Münzen dieser stadt im 3. Jh. nc ge- des Asklepios und der Hygieia“ erwähnt. Die
ren, um die Anziehungskraft auf ihre Glau- prägt wird, ist ein Votivbild für Serapis, einen Ausgrabungen von schuni-Miyamas an den
bensgeschwister einzudämmen. Sie emp- anderen großen paganen Heilgott. Überall südlichen Ausläufern des Karmel stießen
fanden die pagane Heilkunst anscheinend im phönizischen Küstengebiet genoss Ask- auf eine vermutlich Asklepios darstellende
so bedrohlich, dass die jüdischen Weisen lepios eine große Beliebtheit wegen seiner Statue. Unweit von da brachten die Ausgra-
Galiläas im 3. Jh. nC verboten, Arzneimittel Verschmelzung mit dem phönizischen Heil- bungen von Cäsarea archäologische, epigra-
anzuwenden, in denen Produkte verarbeitet gott eschmun. Auf Münzen aus tiberias des fische und numismatische Spuren ans Ta-
waren, die mit dem paganen Kultbetrieb zu 3. Jh. sind Asklepios und Hygieia mit dem geslicht, die Asklepios und Hygieia abbilden
tun hatten (Jerus. Talmud Avoda Zara 2,2 Schlangenstab abgebildet. Dieser Fingerzeig oder nennen.
[40d]). Der Verkauf eines weißen Hahnes auf Tiberias ist nicht überraschend, schrieb Diese Übersicht, die bei Weitem nicht er-
an einen Heiden wird in einem rabbinischen man doch den warmen Quellen am Ufer des schöpfend ist, zeigt die Präsenz der paganen
text des 2. Jh. nc verboten (M Avoda Zara Sees von Gennesaret helende Eigenschaf- Heikulte und der Heilstätten im römischen
1,5; Tosefta 1,21), offensichtlich, weil der ten zu. Eine römische Inschrift zu Ehren des Palästina der ersten drei Jahrhunderte und
weiße Hahn ein beliebtes Opfertier für As- Asklepios wurde in kafr el-Ma auf den go- weist auf die kontroversen Haltungen der
klepios war – Plinius (Nat. hist 10,156) be- lanhöhen ausgegraben. In Gadara, unweit jüdischen und der paganen Bevölkerung zu
zeugt diesen Ritus. Bestimmte Heilkulte wa- von den warmen Quellen von Hamat Gader, Gesundheitsfragen hin.
ren also im römischen Palästina, besonders kam ein Altar mit dem Porträt des Asklepi- (Prof. Emmanuel Friedheim, Bar Ilan Univer-
in Galiläa und Umgebung, populär. os ans Tageslicht, auch auf Gemmen aus sität, Ramat Gan/Tel Aviv)

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welt und umwelt der bibel 2/2015 47
„Schätze den Arzt, weil man ihn braucht; /
denn auch ihn hat Gott erschaffen.

Von Gott hat der Arzt die Weisheit, / Lass ab vom Bösen, mach deine Hände rechtschaffen, /
vom König empfängt er Geschenke. reinige dein Herz von allen Sünden!
Das Wissen des Arztes erhöht sein Haupt, / Bring den beruhigenden Duft eines Gedenkopfers dar, /
bei Fürsten hat er Zutritt. mach die Gabe fett, wenn dein Vermögen es erlaubt.
Gott bringt aus der Erde Heilmittel hervor, / Doch auch dem Arzt gewähre Zutritt! /
der Einsichtige verschmähe sie nicht. Er soll nicht fernbleiben; denn auch er ist notwendig.
Wurde nicht durch ein Holz das Wasser süß, / Zu gegebener Zeit liegt in seiner Hand der Erfolg; /
sodass Gottes Macht sich zeigte? denn auch er betet zu Gott,
Er gab dem Menschen Einsicht, / er möge ihm die Untersuchung gelingen lassen /
um sich durch seine Wunderkräfte zu verherrlichen. und die Heilung zur Erhaltung des Lebens.
Durch Mittel beruhigt der Arzt den Schmerz, / Wer gegen seinen Schöpfer sündigt, /
ebenso bereitet der Salbenmischer die Arznei, muss die Hilfe des Arztes in Anspruch nehmen.”
damit Gottes Werke nicht aufhören /
und die Hilfe nicht von der Erde verschwindet.
Mein Sohn, bei Krankheit säume nicht, /
bete zu Gott; denn er macht gesund. (Jesus Sirach, 38,1-15, frühjüdische Schrift aus dem 2. Jh. vC)

Harz des Myrrhebaumes in der Ausstellung „A medical Ast eines Myrrhebaumes, Commiphora myrrha.
Diagnosis“ (bis April 2015) in der Davidszitadelle, Jerusalem. Aus: Köhler’s Medizinal-Pflanzen, 1897.
Myrrhe half unter anderem bei der Wundheilung.

48 welt und umwelt der bibel 2/2015


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Frühes Judentum

Heilung durch Gott oder


durch die Ärzte?
Die frühjüdische Auseinandersetzung um die Heilkunde

Von Alexandria bis Babylon waren jüdische Gemeinden um die Zeiten-


wende mit medizinischem Wissen ihrer heidnischen Umwelt konfrontiert.
Erlaubte die Tora die Behandlung durch einen Arzt oder mit Arznei?
Welche Rolle spielte Gott dabei? Von Matthias Hoffmann

D
er kontinuierliche Zuwachs an medizini- göttlichen Auftrag oder durch Gottes eigene In-
schem Wissen in verschiedenen Kultu- itiative. Eine gewisse Scheu vor medizinischen
ren hat auch (besonders in der Zeit des Kenntnissen lässt sich in jüdischer Perspektive
Hellenismus) eine große Bedeutung für jüdische auch daran festmachen, dass es nur in gering-
Bevölkerungsgruppen. Auseinandersetzungen fügigem Ausmaß Darstellungen und Beschrei-
mit der Bedeutung medizinischen Wissens und bungen von medizinischen Heilungen gibt. Erst
dem Berufsstand des Arztes sind im frühen Ju- später, im Mittelalter und dann besonders im 19.
dentum vor allem durch die Aussagen zu Hei- und 20. Jh., ist ein offensichtliches jüdisches In-
lungen in Gottes Tora geprägt. Bislang galt für teresse an Medizin zu erkennen.
das Gottesvolk: Gott allein bewirkt alle Heilung.
Pflegte man die Gottesbeziehung und erfüllte die
Tora, so konnte ein erkrankter Mensch gemäß
Worin gründet die Skepsis gegenüber
biblischer Vorstellung hoffen, gesund zu wer-
medizinischem Wissen?
den. Grundsätzlich galt das Wort des Exodusbu- Im Ansatz ist die Kritik an medizinischem Wis-
ches, in dem Gott auf der Wüstenwanderung zu sen schon im Vokabular der griechischen Über-
seinem murrenden Volk spricht: setzung des Alten Testaments zu erkennen: Dort
„Wenn du auf die Stimme des Herrn, deines wird für den Bereich der Medizin gern der abwer-
Gottes, hörst und tust, was in seinen Augen gut tende Begriff pharmakeia verwendet, der in der
ist, wenn du seinen Geboten gehorchst und auf Septuaginta häufig verächtlich magisches Han-
alle seine Gesetze achtest, werde ich dir keine deln und diejenigen, die es ausüben, beschreibt. Septuaginta
der Krankheiten schicken, die ich den Ägyptern Dieser negtive Wortsinn ist besonders in Ex 7–9 Griechische Übersetzung
geschickt habe. DENN ICH BIN DER HERR, DEIN zu sehen. Hier werden die ägyptischen Zauberer der hebräischen Schriften,
die ab etwa 250 vC in Ale-
ARZT“ (Ex 15,26). am Hofe des Pharao als pharmakoi bezeichnet.
xandria angefertigt wurde.
Generell zeigt sich innerhalb der frühjüdischen In der Weisheit Salomos 12,3-4 und 18,13 (analog
Die Septuaginta enthält
Texte eine deutliche Skepsis gegenüber Medizin zu Ex 7–9) werden mit diesem Begriff die ehema- neben den Übersetzungen
und Heilkunde. Bei Beispielen, die eine liberale- ligen kanaanäischen Bewohner Israels und die auch griechischsprachige
re Einstellung zu medizinischem Wissen zeigen, Ägypter als der Magie hörig beschrieben. Bücher wie Tobit und Jesus
ist häufig ein argumentativer Aufwand zu erken- Ein deutlich negatives Bild der Heilkunst be- Sirach, die also im Kanon
nen, eine göttliche Legitimation von Heilungen gegnet auch im 1. Henochbuch 7–8, (3. Jh. vC bis der hebräischen Bibel
zum Ausdruck zu bringen – sei es durch einen 1. Jh. nC): Hier wird berichtet, dass Engel einen nicht enthalten sind.

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welt und umwelt der bibel 2/2015 49
Heilung durcH gott oder durcH die Ärzte?

Aufstand gegen Gott beginnen und anschließend der Fischorgane und deren apotropäische, also
Menschen in ihren bisher geheimen Künsten un- abwehrende Wirkung durch den Engel Raphael
terrichten. Die Engel bringen den Menschen bei, vermittelt, dessen Name bezeichnenderweise
wie man Waffen baut und Schminke herstellt, „Gott heilt“ bedeutet. Dieses medizinische Wis-
aber auch das geheime Wissen um „magische sen wird somit positiv bewertet. Die Aussage aus
Medizin“, das „Schneiden von Wurzeln“ und dem Exodusbuch von JHWH als alleinigem Arzt
um die Pflanzenkunde (1 Hen 7,1). Die Liste des hat im Rahmen der Tobiterzählung demnach
verwerflichen Tuns, das den Menschen hier bei- nur noch eingeschränkt Bedeutung, denn Hei-
gebracht wird, wird sogar noch erweitert (in 1 lung und Exorzismus – die ja offenkundig der
Hen 8,3-4) um oft mit Magie assoziierte Künste Mensch Tobias ausführt – werden nun als Teil
wie Astrologie, Zeichendeutung und die Verfüh- göttlicher Weltordnung anerkannt. Pharmako-
rung von Menschen. An einer Beschreibung von logisches Wissen wird hier akzeptiert, doch nur,
Krankheitsbildern und den Umständen, unter weil Gott dieses Wissen übermittelt hat und die
denen Krankheiten ausbrechen, ist die Darstel- Heilkunst damit explizit göttlicher Herkunft ist.
lung des 1. Henochbuchs hier nicht interessiert. Auffällig bleibt zugleich die Überlegenheit gött-
Es wird nur jegliches Wissen um Medizin und lich legitimierter Heilkunde, denn die Augensal-
Heilkunde abgelehnt, was sich deutlich an der be, die Tobias für seinen Vater herstellt, wirkt
Gleichsetzung von medizinischen Künsten mit augenblicklich, während die zuvor konsultier-
der Magie und anderen verbotenen Praktiken ten Ärzte diese Augenkrankheit nicht zu heilen
zeigt. vermochten.
Die ablehnende Haltung gegenüber Heilkunde Hier ist ferner das Auftreten eines Dämons und
und Medizin mag im Falle des 1. Henochbuches dessen Bannung auffällig. Neben der Adaption
auch der Beschreibung Gottes als alleinigem Arzt der medizinisch-pharmakologischen Heilme-
Israels in Exodus 15,26 geschuldet sein. thoden werden im Tobitbuch auch Elemente
eines Exorzismus übernommen. Der religions-
geschichtliche Hintergrund ist dabei schwer ein-
Erste Öffnungen gegenüber dem deutig nachzuweisen, denn die exorzistischen
medizinischen Wissen Vorstellungen könnten entweder in der Umwelt
Auch in anderen Texten des Frühjudentums des Alten Testaments oder in hellenistisch-grie-
spiegelt sich eine gewisse Skepsis gegenüber chischen Vorlagen beheimatet sein. Als Beleg für
medizinischem Wissen wider, wenngleich dort den Exorzismus eines Dämons bleibt dieser Text
ein deutlich positiveres Bild dieser Künste zu innerhalb der Septuaginta jedenfalls einzigartig.
finden ist. Speziell in den Schilderungen des Parallelen zum Tobitbuch gibt es in Hinsicht auf
Tobitbuchs (in der Fassung des Codex Sinaiti- diese Dämonenaustreibung hingegen im Neuen
cus aus dem 4. Jh. nC) gelingt es Tobias durch Testament, nach dem sich Jesus und seine Apos-
tel vielfach als Exorzisten betätigen (beispiels-
weise in Mk 1,23-28 ; Lk 4,33-37; Mk 5,1-20 und öf-
ter; Apg 16,16-22; Apg 19,12-16). Die Methode, mit
Mit argumentativ hohem Aufwand wird der im Tobitbuch der Dämon Asmodäus gebannt
dargestellt, dass Ärzte und medizinisches wird, findet sich in dieser Form allerdings sonst
nirgends wieder.
Wissen auch Teil des göttlichen In weiteren Texten des Frühjudentums sind
Schöpfungsplans sind Heilkunde und Medizin offensichtlich noch ne-
gativ vorbelastet, selbst wenn sie grundsätzlich
als gottgewollt gelten. Daher wird mit teils ar-
gumentativ hohem Aufwand dargestellt, dass
Instruktion des Engels Raphael (Tob 6,1–9 [S]), Ärzte und medizinisches Wissen auch Teil des
Leber, Herz und Galle eines Fisches als Heil- göttlichen Schöpfungsplans sind. Eine solche
mittel für eine Augenkrankheit und als Bann- Tendenz zeigt sich in Jesus Sirach 38,1-15, einer
mittel gegen den Dämon Asmodäus zu verwen- weiteren frühjüdischen Schrift aus der Septua-
den. Tobias kann sowohl die Leber gegen den ginta (s. S. 48). Dort heißt es, dass auch Ärzte von
Dämon Asmodäus (Tob 8,2–3 [S]) als auch die Gott erschaffen sind (Sir 38,1). Die Heilung durch
Augensalbe zur Heilung der Blindheit seines einen Arzt ist somit konsequenterweise eine Hei-
Vaters (Tob 11,11–12 [S]) erfolgreich einsetzen. lung durch Gott selbst. Auch die Heilmittel sind
Bemerkenswert bei dieser Darstellung ist, dass nunmehr Teil der göttlichen Schöpfung, denn
Gott selbst das Wissen um die heilende Wirkung auch sie sind direkt von Gott geschaffen (38,4),

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Heilung durcH gott oder durcH die Ärzte?

Ein gefesselter Dämon steht im


Zentrum dieser Zauberschale mit einer
aramäischen Beschwörung zum Schutz
von Tieren und Stall. In solchen Zau-
berschalen-Texten werden Dämonen
als Krankheitsverursacher bekämpft
und abgewehrt. Juden, aber auch
Mandäer oder Christen nutzten
Zauberschalen. Sie wurden häufig
als Schutzmittel verwendet und zu
diesem Zweck unter dem Fußbo-
den vergraben. Durchmesser 17,7
cm, 3.–7. Jh. nC, Fundort Nippur.
Hilprecht-Sammlung, Universität Jena.

wie auch grundsätzlich das Wissen um Heilung Engeln vermittelt. In diesem Falle unterrichten
von Gott stammt (38,6). Heilkunde ist damit von die Engel – ganz im Gegensatz zur Schilderung
Gott vollständig legitimiert, wenngleich Gott im 1. Henochbuch – die Kenntnisse von Krank-
selbst nicht als Arzt eingreifen muss, wie es noch heit und Medizin jedoch in göttlichem Auftrag:
in Exodus 15,26 geschildert wird. Die Aussage aus Denn im Jubiläenbuch werden die Krankheiten
dem Exodusbuch soll vermutlich durch die Aus- durch Dämonen und böse Geister verursacht.
sage von Gott als Urheber des ärztlichen Wissens Da die Wirkung der Dämonen und der von ih- Wie Tobit, Luther
relativiert werden. Allerdings sieht man deutlich, nen verbreiteten Krankheiten für die Menschheit und Grauer Star
dass beide Texte miteinander in Verbindung ste- unerträglich ist, bittet Noah Gott um Hilfe. Das zusammenhängen
1534 gibt Martin Luther
hen, denn in Sir 38,5 wird auf den Kontext von Gebet Noahs (Jub 10,1-6) beantwortet Gott da-
bei Justus Jonas die Über-
Ex 15,26 eindeutig verwiesen: durch den Hinweis durch, dass er seinen Engeln aufträgt, die bösen
setzung des Tobitbuchs in
darauf, dass es auch Gott sei, der bittere Wasser Geister an einen „Ort des Gerichts“ zu bringen. Auftrag. Dieser übersetzt
süß mache – also ganz wie auf der Wüstenwan- Daraufhin interveniert Mastema, der Anführer die Augenkrankheit, die
derung in Ex 15,23-25. der bösen Geister (ab Jub 10,11 Satan genannt) dem Vater des biblischen
und bittet Gott um Gnade für seine Geister (Jub Tobias das Augenlicht
7,8). Gott zeigt sich sogar den bösen Geistern ge- nimmt, als „Star“. Seither
Gott weist die Engel an, den Menschen genüber gnädig und ein Zehntel von ihnen darf hat sich dieser Begriff im
pharmakologische Kenntnisse zu weiterhin auf der Erde Unheil wirken. Allerdings deutschen Sprachraum
vermitteln wird ihre Macht stark eingegrenzt, da Gott den verbreitet.
Eine weitere interessante Erklärung zur Her- Engeln aufträgt, Menschen darin zu unterrich-
kunft medizinisch-pharmakologischen Wissens ten, den von den bösen Geistern und Dämonen
bietet das jüdische Jubiläenbuch aus dem 2. Jh. angerichteten Schaden einzudämmen – vor al-
vC: Ähnlich wie im Tobitbuch wird auch in Jub lem durch Kenntnisse von Pflanzen und aus ih-
10,7-14 die Kenntnis von Krankheiten und de- nen zu gewinnender Medizin. Entsprechend ist
ren Heilung durch Pflanzen den Menschen von also auch im Jubiläenbuch Heilkunde eindeutig

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welt und umwelt der bibel 2/2015 51
Heilung durcH gott oder durcH die Ärzte?

dämonen und Fieber


Heilung in den Texten vom Toten Meer

U
nter den Qumran-Texten Tonkrug, in dem Schriftrollen
befinden sich zum The- gefunden wurden. Schrein des
ma Heilung – neben Ko- Buches, Israelmuseum,
pien einiger im Hauptartikel Jerusalem.
aufgeführter Texte wie dem
Tobitbuch oder dem Jubilä-
enbuch – interessante Aus- die Bedrohung dieser Dämonen-
sagen, die in dieser Form wesen nicht darin, Krankheiten
ausschließlich am Toten Meer zu verbreiten, sondern generell
gefunden wurden. Im soge- darin, ihre Opfer auf Irrwege
nannten Genesisapokryphon zu leiten. Auch im Falle dieser
(1Q20) wird beschrieben, wie Dämonen soll eine Abwehr mit
Abraham Gott darum bittet, der Vollmacht Gottes gelingen.
seine Frau Sara vor den Nach- In dem ebenfalls nur sehr frag-
stellungen des Pharao zu mentarisch erhaltenen Text
schützen – in Anlehnung an 4Q560 werden dämonische We-
die biblische Darstellung von sen dargestellt, die verschie-
der „Gefährdung der Ahn- dene Formen von Krankheiten
frau“. Gott sendet daraufhin (darunter „Fieber und Frös-
einen Plagegeist aus, um den teln“, womit vermutlich Malaria
Pharao zu schwächen. Dieser gemeint ist, sowie „Brennen
wird so lange vom bösen Geist des Herzens“) verursachen und
gequält, bis Abraham selbst dazu in menschliche Körper
den Geist durch ein Gebet an eindringen. Der genaue Inhalt
Gott vertreibt. des Textes ist nicht mit letzter
Die Vorstellung, dass mit Sicherheit zu bestimmen, aber
Gottes Hilfe Krankheiten be- sehr wahrscheinlich sollen die-
siegt werden können, ist auch se krankheitsverursachenden
in 4Q242 (4Q Das Gebet des Na- Dämonen mit magiehaften Be-
bonid) erkennbar. Dieser nur schwörungen („ich beschwöre
fragmentarisch erhaltene Text dich“, Anspielungen auf biblische
berichtet, ein Mann namens Na- Texte) exorziert und abgewehrt
bonid habe sieben Jahre lang unter werden.
einer Krankheit gelitten. Da Götzenbilder Vergleichbare exorzistische Tendenzen
ihm nicht helfen konnten, bittet er einen jüdi- sind ferner in 11Q11 erkennbar. In diesen auf Da-
schen „Wahrsager“ um Hilfe. Dieser gibt ihm den vid zurückgeführten psalmenhaften Textstücken
Rat, sich an Gott zu wenden. Nabonid scheint werden ebenfalls Dämonen abgewehrt (zum Teil
diesem Rat zu folgen, denn seine Krankheit ist – unter latenten Anspielungen auf 1 Sam 16, Tobit,
so lässt der unvollständig erhaltene Text schlie- 1 Hen und vor allem durch deutlichen Bezug auf
ßen – kurz darauf überwunden. Psalm 91) und von Gott und seinen Engeln ver-
Ähnlich geht es in den fragmentarischen Tex- nichtet, sodass diverse Übel und auch Krankhei-
ten 4Q510 und 4Q511 darum, verschiedene dä- ten keine Gefahr mehr darstellen.
monische Wesen abzuwehren. Allerdings besteht (Matthias Hoffmann)

52 welt und umwelt der bibel 2/2015


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Heilung durcH gott oder durcH die Ärzte?

positiv bewertet, da sie – wie im Tobitbuch oder ACHTZEHN-BiTTEN-GEBET: GoTT HEiLT


in Sirach – göttlich legitimiert ist.

Konservative kontra liberale


Einstellungen
I n der achten Benediktion des
jüdischen Achtzehn-Bitten-
Gebets wird allein Gott um Hei-
ser Ruhm, und bringe vollkom-
mene Heilung allen unseren
Wunden, denn Gott, König, ein
Die Ansicht zu Medizin und Heilung ist in frühjü- lung von Krankheiten gebeten: bewährter und barmherziger
dischen Texten allerdings nicht immer so liberal „Heile uns, Ewiger, dann sind Arzt bist du. Gelobt seist du,
weiterentwickelt worden. Manche Texte bleiben wir geheilt, hilf uns, dann ist Ewiger, der du die Kranken
der „konservativeren“ Linie von Exodus 15,26 uns geholfen, denn du bist un- deines Volkes Israel heilst!“
(oder anderen alttestamentlichen Texten wie
2 Kön 1; 5,1-14; Jes 38,1-8) treu und sehen konse-
quent allein in Gott Hoffnung auf Heilung. Diese
Einstellung begegnet uns auch in frühjüdischen
Gebeten. So wird beispielsweise in der achten Wesentlich auffälliger scheint innerhalb einiger
Benediktion des Achtzehn-Bitten-Gebets allein frühjüdischer Texte, besonders im Jubiläenbuch,
Gott um Heilung von Krankheiten gebeten und die Tendenz zu sein, Dämonen und böse Geister
wie in Ex 15 als „Heiler der Krankheiten Israels“ als Verursacher von Krankheiten zu sehen. Diese
gepriesen. Ärzte und Medizin werden nicht ge- Aussagen stellen keinen Widerspruch zu Gottes
nannt. Eine sehr ähnliche Vorstellung findet sich Macht dar, da Gott diese Geister und Dämonen
auch in einem frühjüdischen Gemeindegebet – wie im Jubiläenbuch – gewähren lässt. Ange-
(Papyrus Egerton 5,9-13, gefunden in Ägypten), deutet werden krankheitsbringende dämonische
in dem ebenfalls exklusiv Gott um Beistand ge- Aktivitäten auch in Pseudo-Philo (LAB) 60,3. Die-
gen Krankheit angefleht wird. ser Text spielt auf die Erzählung von 1 Sam 16,14-
23 an, in der David durch sein Harfenspiel einen
bösen Geist vertreibt, der über Saul gekommen
In den wenigsten Texten war, vermutlich eine Umschreibung für Depres-
sion. Die biblische Erzählung wird bei Pseudo-
werden Krankheitsbilder und Philo weiter ausgeschmückt. Auch hier kann
Behandlungsmethoden David den bösen Geist nicht endgültig bannen,
er verweist allerdings auf seinen Nachkommen,
beschrieben der endgültige Herrschaft über den bösen Geist
haben wird. Der Text spielt dabei recht eindeu-
tig auf Salomo an, der auch in anderen, teilweise
Des Weiteren fällt im Frühen Judentum die recht spät datierten Texten eine wichtige Rolle als
Tendenz auf, dass in den wenigsten Texten ge- Exorzist spielt (vgl. Weisheit 7,17-22; Testament
naue Krankheitsbilder und Behandlungsmetho- Salomos und Josephus, Antiquitates 8,44-49, der
den beschrieben werden. Unter den angeführten beschreibt, wie der Zelotenführer Eleasar (1. Jh.
Beispielen dürfte vermutlich allein die Augen- nC) einen Ring mit einer eingeschlossenen Wur-
krankheit und ihre Behandlung mit Fischgalle zel für einen Exorzismus benutzt, deren Heilwir-
im Tobitbuch antiken Behandlungsmethoden kung auf Salomo zurückgeführt wird).
entsprechen. Die Zurückhaltung bei der Be- Gegen „unreine Geister“ richtet sich auch ein
schreibung medizinischer Sachverhalte dürfte frühjüdisches Gebet, das auf dem Papyrus Fou-
darauf zurückzuführen sein, dass Gott nach alt- ad 203 erhalten ist. In diesem „Gebet um Schutz
testamentlichen Aussagen alleiniger Heiler und gegen unreine Geister“ wird um den Beistand ei-
zugleich – zur Bestrafung – Verursacher von nes Engels, der auch schon bei den Ereignissen
Krankheiten ist und dass der Begriff der „Phar- des Exodusbuches präsent war, gebeten. Er soll Dr. Matthias Hoffmann
mazie“ ambivalent zwischen „Medizin und „Ma- einen bösen Geist vernichten, auf dass er „keiner habilitiert an der Evangelisch-
gie“ steht. Ab der hellenistischen Zeit werden Seele mehr schade“. Mit Gebeten an Gott heilt im Theologischen Fakultät der
Universität München. Seine
medizinische Heilungen dann zum Teil positiver 1. Jh. auch der jüdische Wunderheiler Chanina
Forschungsschwerpunkte
bewertet, allerdings ohne dass eine eigene heb- ben Dosa Kranke (vgl. Beitrag S.44). Kranken-
sind frühjüdische Literatur,
räische Terminologie entwickelt wird oder Aus- und Wunderheilungen stehen demnach in einem Magie im frühen Judentum
drücke aus der hellenistischen oder römischen sehr engen Zusammenhang mit dem Gebet und und Neuen Testament und
Umwelt sofort breit übernommen wurden. einer Intervention Gottes. W die Johannesoffenbarung.

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welt und umwelt der bibel 2/2015
Frühe Kirche

Jesu Auftrag, Kranke zu heilen


Die Heilungen der Nachfolger und Nachfolgerinnen
Jesus hatte seinen Jüngern den Auftrag gegeben, zu heilen. Die ersten Gemeinden küm-
mern sich tatsächlich um ihre Kranken, salben sie, beten für sie, besuchen und heilen sie
– aber sie reden nicht über den Heilungsauftrag Jesu. Wie kommt das?
Von Enno Edzard Popkes

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A JEsus sEndET
lle frühchristlichen Erzählungen zu den Grundbeständen der frühesten
vom Leben und Wirken Jesu he- Jesustraditionen gehören. Dies gilt einer-
ben hervor, dass Jesus Kranke seits für die Heilungen, die Jesus selbst sEInE JüngEr aus
heilte. Die Heilungen zogen in der Ge- zugeschrieben wurden. Andererseits
schichte der Auslegungen der Evangeli- steht der Heilungsauftrag den ethischen und wEIsT sIE an,
en stets eine besondere Aufmerksamkeit Dimensionen der Botschaft Jesu nahe, KranKE zu hEILEn
auf sich. Weniger Aufmerksamkeit wur- die sich unter anderem in der Zuwendung
de hingegen dem Phänomen geschenkt, zu sozial minderprivilegierten Menschen
dass Jesus auch seine Jünger dazu beauf- dokumentiert. Das vielleicht deutlichs-
tragte, ihrerseits Kranke zu heilen (Mk 6; te Indiz dafür, dass der Heilungsauftrag
Mt 10; Lk 9.10; EvThom 14, s. rechts). prinzipiell auf Jesus selbst zurückgeführt
Doch stammt der Heilungsauftrag werden kann, lässt sich jedoch an einem
überhaupt von Jesus? Könnte der Hei- anderen Phänomen ablesen. Außerhalb • In den synoptischen Evangelien:
lungsauftrag erst im Zusammenhang der neutestamentlichen Evangelien be- Markus, Matthäus und Lukas
einer nachösterlichen Gemeindepraxis gegnen im Spektrum frühchristlicher
entwickelt und im Nachhinein zu einem Schriften kaum direkte Analogien zu den „Dann rief er die Zwölf zu sich
Jesus-Logion stilisiert worden sein? In der in Mk 6,6b-13; Mt 10,1.7-11; Lk 9,1-6; 10,1-12 und gab ihnen die Kraft und die
Tat bestärkt eine Reihe von Argumenten, überlieferten Instruktionen. Stattdessen
Vollmacht, alle Dämonen auszu-
dass der Heilungsauftrag im Kern tat- lassen sich in den anderen (späteren)
treiben und die Kranken gesund
sächlich auf Jesus selbst zurückgeführt frühchristlichen Texten kaum direkte Zi-
zu machen. Und er sandte sie aus
werden kann. Dies ist kaum strittig. tate oder Bezugnahmen auf diesen Hei-
mit dem Auftrag, das Reich Got-
lungsauftrag beobachten. Das heißt, dass
tes zu verkünden und zu heilen.
Was dafür spricht, dass der dieser Heilungsauftrag Jesus vorbehalten
blieb, niemand sonst hätte einen solchen Er sagte zu ihnen: Nehmt nichts
Heilungsauftrag auf Jesus mit auf den Weg, keinen Wander-
Auftrag in der Vollmacht Gottes weiterge-
zurückgeht stab und keine Vorratstasche, kein
ben können.
Alle frühchristlichen Fassungen des Hei- Vielmehr lässt sich im facettenreichen Brot, kein Geld und kein zweites
lungsauftrags verbinden ihn mit einem Spektrum frühchristlicher Zeugnisse ein Hemd. Bleibt in dem Haus, in dem
Ereignis, welches zu den verhältnismäßig weiteres eigentümliches Phänomen beob- ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder
sicheren historischen Grundbeständen achten. In verschiedenen Texten, welche verlasst. Wenn euch aber die Leute
der Worte und Taten Jesu gerechnet wer- für sich in Anspruch nehmen, das Leben in einer Stadt nicht aufnehmen
den kann: mit der Aussendung der Nach- und die missionarischen Aktivitäten der wollen, dann geht weg und schüt-
folger Jesu. frühen Nachfolger Jesu darzustellen, be- telt den Staub von euren Füßen,
Diese Aussendung soll sich bereits gegnen viele Erzählungen von spektaku- zum Zeugnis gegen sie. Die Zwölf
in einem verhältnismäßig frühen Sta- lären Heilungen. Im neutestamentlichen machten sich auf den Weg und
dium des Wirkens Jesu ereignet haben, Kanon zeigt sich dies eindrücklich in der wanderten von Dorf zu Dorf. Sie
noch während seines Wirkens in Galiläa. Apostelgeschichte. Der Verfasser des lu- verkündeten das Evangelium und
Gleichwohl wird der Heilungsauftrag kanischen Geschichtswerks überliefert heilten überall die Kranken.“
innerhalb der frühchristlichen Evan- hier eine Vielzahl von Erzählungen und (Lk 9,1-6, vgl. auch Lk 10,1-12,
gelientraditionen in unterschiedlichen summarischen Erwähnungen von Hei- Parallelen in Mk 6,7-13 und in Mt
Gestalten überliefert. Sie lassen jeweils lungen, welche die Apostel und Nachfol- 10,1.7-11)
individuelle erzählerische Einbettungen ger Jesu während ihrer missionarischen
und theologische Akzentsetzungen er- Aktivitäten vorgenommen haben sollen,
• In außerkanonischen Jesus-
kennen – traditionsgeschichtlich können so etwa Petrus, der einen bettelnden Ge-
traditionen: Thomasevangelium
sie nicht unmittelbar voneinander abge- lähmten am Tempel in Jerusalem heilt:
leitet werden. Und noch etwas spricht „Petrus aber sagte: Silber und Gold be-
„Wenn ihr in irgendein Land geht
dafür, dass der Heilungsauftrag auf Je- sitze ich nicht. Doch was ich habe, das
und in den Gebieten wandert,
sus zurückgeht: Er steht in einer inneren gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des
Nazoräers, geh umher! Und er fasste ihn wenn man euch aufnimmt, dann
Stimmigkeit zu Worten und Taten Jesu,
bei denen es außer Frage steht, dass sie an der rechten Hand und richtete ihn auf. esst, was man euch vorsetzt, und
heilt die Kranken unter ihnen.
Denn das, was hineingeht in euren
links: Petrus heilt Kranke mit seinem Schatten (apg 5,15). die apostel wir- Mund, wird euch nicht verunrei-
ken in vielen legendarischen Erzählungen als Mittlerfiguren der geisteskraft, die von nigen. Aber das, was euren Mund
gott ausgeht. Masaccio, 1425/27, Freskenzyklus der Petrus-Legende, s. Maria del verlässt, das ist es, was euch ver-
Carmine, Cappella Brancacci, Florenz. unreinigen wird.“ (EvThom 14,4f)

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welt und umwelt der bibel 2/2015 55
Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke“ chend sind die praktizierten Therapieformen
(Apg 3,6-7). an Asklepios-Heiligtümern ein eindrückliches
Oder Apg 5,12.15-16: Beispiel für die sukzessive Entwicklung eines
„Durch die Hände der Apostel geschahen viele antiken Heilwesens (grundlegend hierzu J. W.
Zeichen und Wunder im Volk. Selbst die Kranken Riethmüller, Asklepios. Heiligtümer und Kulte,
trug man auf die Straßen hinaus und legte sie auf 2005). Die christlichen Erzählungen von wun-
Betten und Bahren, damit, wenn Petrus vorü- dersamen Heilungen der Nachfolger Jesu treten
berkam, wenigstens sein Schatten auf einen von mit diesen Traditionen in Konkurrenz und tragen
ihnen fiel. Auch aus den Nachbarstädten Jerusa- oftmals ähnlich legendarische Züge wie entspre-
lems strömten die Leute zusammen und brach- chende Erzählungen über nichtchristliche Heiler
ten Kranke und von unreinen Geistern Geplagte (vgl. die Anmerkungen des dem Christentum ge-
mit. Und alle wurden geheilt.“ genüber sehr kritisch eingestellten Philosophen
In Apg 8,6f ist eine Heilung des Philippus über- Kelsos, Kasten rechts).
liefert:
„Und die Menge achtete einmütig auf die Worte
des Philippus; sie hörten zu und sahen die Wun-
Die „Verdrängung“ des Heilungsauftrags
der, die er tat. Denn aus vielen Besessenen fuhren
in den ersten Gemeinden
unter lautem Geschrei die unreinen Geister aus; Den ausgestalteten Legenden über die Heilungen
auch viele Lahme und Krüppel wurden geheilt.“ der Apostel gegenüber begegnen in denjenigen
Diese Erzählungen können Züge einer legenda- Schriften, welche konkrete Lebensrealitäten
rischen Überhöhung aufweisen, die für heutige frühchristlicher Gemeinden wiederspiegeln, le-
Leser weit eigentümlicher erscheinen können diglich indirekte Anklänge an den Krankenhei-
als für die zeitgenössischen Leser der Apostel- lungsauftrag Jesu – und Jesu Wunderheilungen
geschichte, etwa die Erzählungen vom Schatten werden überhaupt nicht erwähnt. Wie ist das zu
des Petrus in Apg 5,15 (siehe oben) oder von den erklären? Immerhin müssen die Evangelientradi-
Schweißtüchern des Paulus in Apg 19,12, deren tionen in den frühen Gemeinden bekannt gewe-
Kontakt Heilungen ermöglicht haben sollen. Was sen sein. Welchen Stellenwert hatte der jesuani-
sich in der kanonischen Apostelgeschichte an- sche Heilungsauftrag überhaupt für die frühen
deutet, wird in den außerkanonischen Apostelle- Christen, wenn er in den Gemeindebriefen nicht
genden dann zum Programm: Die wundersamen erörtert wird? War der Auftrag nur an die Apostel
Heilungen der Apostel werden zu einem inte- und Jünger Jesu ergangen? Wie aber setzt er sich
gralen Bestandteil der Ausbreitung des frühen dann fort – über die Zeiten und Räume?
Christentums stilisiert. Dieser Sachverhalt kann an der paulinischen
Dabei lassen sich zugleich Auseinanderset- Erwähnung der Gabe der Krankenheilung und
zungen mit zeitgenössischen Vorstellungen von an den Instruktionen zum Umgang mit kranken
anderen Gottheiten und gottgleichen Wunder- Menschen erläutert werden, die im Jakobusbrief
überliefert werden. Zunächst einen Blick auf den
ersten Korintherbrief. In 1 Kor 12,4-11 benennt
Die Ältesten der Gemeinde lassen dem Kranken Paulus verschiedene Geistesgaben, welche das
Leben einer christlichen Gemeinschaft prägen
die heilenden Kräfte Gottes zuteilwerden, durch können. Dabei erwähnt er unter anderem die
ein Fürbittgebet und durch eine Salbung mit Öl Gabe einer Krankenheilung:
„Dem einen wird vom Geist die Gabe ge-
schenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern
heilern beobachten, denen besondere Heilungs- durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu
fähigkeiten zugeschrieben wurden. Dies gilt vor vermitteln, dem dritten im gleichen Geist Glau-
allem für die Auseinandersetzungen mit den fa- benskraft, einem andern – immer in dem einen
cettenreichen Formen einer Verehrung des Halb- Geist – die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem
gottes Asklepios. Dieser ist das prominenteste andern Wunderkräfte, einem andern propheti-
Beispiel einer Vielzahl von Gestalten, die in der sches Reden, einem andern die Fähigkeit, die
antik-mediterranen Welt als numinose, den Göt- Geister zu unterscheiden, wieder einem andern
tern nahestehende Heiler verehrt wurden (vgl. verschiedene Arten von Zungenrede, einem an-
u. a. Pindar, Pythische Oden III 1–3). Asklepios dern schließlich die Gabe, sie zu deuten“ (1 Kor
wird als eine Mittlerfigur verstanden, die den 12,8-12).
Menschen das göttliche Wissen über die Kunst- Dass diese Befähigung auf einem Auftrag Jesu
fertigkeit des Heilens nahegebracht hat. Entspre- basiert, wird in diesem Zusammenhang nicht er-

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welt und umwelt der bibel 2/2015
Jesu AuFtrAg, KrAnKe zu heilen

Paulus und Barnabas wehren sich


in Lystra dagegen, als götter verehrt zu
werden. nach apg 14,8-20 hatte Paulus
einen gelähmten geheilt. die Menge hält
die apostel für zeus und hermes. stiere
und Kränze werden gebracht. Paulus und
Barnabas zerreißen ihre Kleider: „auch wir
sind nur Menschen, von gleicher art wie
ihr; wir bringen euch das Evangelium ...“
Michel Corneille, 1644, Musée des
Beaux-arts, arras (Frankreich).

wähnt. Auch erläutert Paulus in keinem


seiner Briefe genauer, in welcher Wei-
se solche Heilungen konkret praktiziert
wurden. Umso bemerkenswerter ist es,
dass Paulus in der Charismen-Liste in
Röm 12,3-8, die 1 Kor 12,4-11 nahesteht,
die Gabe einer Krankenheilung über-
haupt nicht erwähnt. Dies scheint dafür
zu sprechen, dass „eine Gemeinde im
paulinischen Sinne ... sich nicht durch
ihre Wundercharismen aus(zeichnet)“
(Stefan Alkier, 2001, 304). Wunderheiler
oder -heilerinnen in den eigenen Reihen
zu haben, scheint also für die Identität
der ersten Gemeinden nicht vorrangig
wichtig gewesen zu sein.
Ein vergleichbares Phänomen lässt sich
im Jakobusbrief beobachten, der am Ende
des 1. Jh. (vermutlich in Alexandria) ver- BETrüGEr! KELSOS üBEr DiE cHriSTLicHEN HEiLEr
fasst wurde. Jak 5,14f formuliert Instruk-

D
tionen zum Umgang mit kranken Mitglie- er pagane Philosoph Kelsos ver- mit „Schülern der Ägypter“, also mit
dern einer christlichen Gemeinschaft: fasst um 178–180 nc die christen- Vertretern der beliebten orientalischen
(14) „Ist einer von euch krank? Dann tumskritische Schrift „Wahre Lehre“. Er religionen: „Sie treiben Dämonen aus,
rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich;
stellt dort seine Sicht dar, dass christ- blasen Krankheiten weg, rufen die
sie sollen Gebete über ihn sprechen und
liche Heiler sich von nichtchristlichen Seelen der Heroen auf, zeigen kostbare
ihn im Namen des Herrn mit Öl salben.
kaum unterscheiden und ihre Kraft Mahlzeiten und Tische und Näscherei-
(15) Das gläubige Gebet wird den Kran-
aus Zauberbüchern und magischen en und Leckerbissen, die es aber gar
ken retten und der Herr wird ihn aufrich-
Sprüchen empfangen würden. Jesus nicht gibt“ (1,69). Offenkundig waren
ten; wenn er Sünden begangen hat, wer-
selbst habe entsprechende Fähigkeiten am Ende des 2. Jh. wandernde Heiler
den sie ihm vergeben.“
Hierbei handelt es sich um die einge- von ägyptischen Magiern erlernt. Die unterwegs, die im Namen Jesu oder im
hendsten neutestamentlichen Anwei- Zielgruppe seien Ungebildete; „an eine Namen orientalischer Gottheiten – etwa
sungen, wie sich eine christliche Ge- Versammlung verständiger Menschen“ isis – agierten. Die örtlichen christlichen
meinschaft gegenüber einem erkrankten würden sie nicht wagen, heranzutre- Gemeinden reagierten skeptisch auf die
Mitglied verhalten soll. Dieser Text und ten, um „ihre Kunststücke zu zeigen“ Wunderheiler. ihre Krankenversorgung
die in ihm formulierten Anweisungen (3,50). Kelsos vergleicht christliche, stützte sich auf das Liebesgebot Jesu,
wurden in der Geschichte der Kirche viel- bettelnd umherziehende Wunderheiler weniger auf ein Heilungscharisma.
fach aufgenommen und praktiziert.

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welt und umwelt der bibel 2/2015 57
Jesu AuFtrAg, KrAnKe zu heilen

Jesus in der Gestalt


des barmherzigen
Samariters: die
frühen Christen inter-
pretieren das gleichnis
als auftrag zur Kran-
kenversorgung aus
nächstenliebe, als in-
direkte Fortführung des
heilungsauftrags Jesu.
Einen schwerverletzten
aber auf eigene Kosten
gesund pflegen zu las-
sen, geht weit über ein
übliches Verhalten der
römischen umwelt hi-
naus. Öl und wein, mit
denen der samariter die
wunden des Verletzten Die Instruktionen sind in einen Argumentati- liegende Fragestellung, auf welche Weise der
versorgt, haben übrigens onszusammenhang eingebettet, in welchem der Heilungsauftrag Jesu für die Gemeinden wichtig
laut Corpus Hippocra- Verfasser des Jakobusbriefs seine Adressaten zu war, zentral ist: Jak 5,14f ist außerhalb der Evan-
tikum desinfizierende
einem angemessenen Verhalten zueinander auf- gelien derjenige neutestamentliche Text, in wel-
und wundpflegende
fordert. Während in Jak 5,14 erläutert wird, wie chem am deutlichsten das Verhalten gegenüber
wirkung.
man sich im Falle der Erkrankung eines Gemein- erkrankten Gemeindegliedern reflektiert wird.
Codex purpureus rossa-
demitgliedes konkret verhalten soll, wird in Vers Doch auch wenn Jak 5,14f einen gemeinschaft-
nensis, 6. Jh., diöze-
15 zur Sprache gebracht, welche Konsequenzen lichen Umgang mit Kranken skizziert, der den
sanmuseum rossano.
dies nach sich zieht. Zunächst wird betont, dass Erzählungen von Heilungen Jesu nahesteht,
den Presbytern die Fürsorge für Kranke obliegt. liegt ein expliziter Rekurs auf ein Gebot Jesu
Sie lassen dem Kranken auf zweifache Weise die nicht vor.
heilenden Kräfte Gottes zuteilwerden, nämlich
einerseits durch ein Fürbittgebet, andererseits
durch eine Salbung mit Öl. Daraufhin wird be-
Statt Wunderheilungen nun
schrieben, welche soteriologischen (also im reli-
Krankenfürsorge
giösen Sinn rettenden) Folgen dies für den Kran- Diese Phänomene lassen sich auch an vielen ver-
ken hat. Nachdem zunächst generell attestiert gleichbaren Traditionen beobachten, die in au-
wird, dass ein „Gebet des Glaubens“ zur Heilung ßerkanonischen Schriften des frühen Christen-
des Kranken führen wird, hebt der Folgevers tums überliefert werden. So wird zum Beispiel
hervor, dass der Kranke durch den Herrn „auf- im Rahmen eines ritualisierten Gebets, welches
im ersten Clemensbrief (90er-Jahre 1. Jh.) über-
liefert wird (vgl. 1 Clem 59-61), eine Fürbitte für
Die Sorge für die Kranken ist eine vorrangige und Kranke formuliert (1 Clem 59,4). Von einem Auf-
trag der stadtrömischen Gemeindeglieder zu ei-
höchste Pflicht (Ordensregel des heiligen Benedikt) ner Heilung Kranker ist hingegen nicht die Rede.
Stattdessen wird immer deutlicher erkennbar,
dass eine karitative Fürsorge für Kranke zu einem
gerichtet“ wird. Die Aussageeinheit kulminiert Identitätsmerkmal eines christlichen Lebens-
in der Feststellung, dass dem Kranken auch die ethos wird. So hebt Polycarp von Smyrna (ca.
von ihm begangenen Sünden vergeben werden. 69–155 nC) in seiner Funktion als Bischof hervor,
Diese Wendung impliziert keinesfalls die Vorstel- dass in christlichen Gemeinschaften die Kran-
lung, dass die Erkrankung die Konsequenz eines kenfürsorge dem Amt des Presbyters zugeordnet
sündhaften Vergehens ist. ist (vgl. Polyk, Phil. 6,1). Anders verhält es sich
Auch wenn nicht eindeutig geklärt werden mit der sogenannten Traditio Apostolica, welche
kann, ob dieser Text eine bereits vorhandene für die vorliegende Fragestellung in mehrfacher
Praxis reflektiert oder ob durch ihn ein entspre- Hinsicht von Relevanz ist. Bei diesem (vermutlich
chendes Verhalten initiiert werden soll, kann zu Unrecht Hippolyt von Rom zugeschriebenen)
ein Aspekt festgehalten werden, der für die vor- Werk handelt es sich um eine Zusammenstellung

58 welt und umwelt der bibel 2/2015


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liturgischer und ekklesiologischer Anweisungen eine höhere soteriologische Wirkung habe als Lesetipps
zur Gestaltung christlicher Gemeinschaften, in eine asketische Lebenshaltung. So heißt es in • Stefan Alkier, Wunder und
der unter anderem auch verfügt wird, wie Bischö- den Apophthegmata Patrum 1175: Wirklichkeit in den Briefen
des Apostels Paulus. Ein
fe und Diakone die Organisation einer Kranken- „Wenn derjenige, welcher sechs Tage fastet,
Beitrag zu einem Wunder-
fürsorge in ihren Amtsbereichen zu garantieren sich selbst an seiner Nase aufhängt, wird es für
verständnis jenseits von
haben. Auch wenn die ältesten Traditionsstufen ihn nicht möglich sein, dem zu gleichen, der dem Entmythologisierung und
dieses Werkes nur schwer rekonstruiert werden Kranken dient“ (zitiert nach A. Eberle, Ethos im rehistorisierung (WUNT
können, so ist erkennbar, dass der Krankenfür- koptischen Mönchtum. Christliches Gedanken- 134), Tübingen 2001.
sorge eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt gut oder kulturelles Erbe Altägyptens? Wiesba-
wird. Dabei wird vor allem dem Amt des Diakons den 2001). • Bernd Kollmann, Jesus
und die christen als
die Fürsorge für Kranke übertragen. Diakone Die Bedeutung einer karitativen Fürsorge wird
Wundertäter. Studien
sind dafür verantwortlich, dass Kranke regist- nicht nur in vielen weiteren Zeugnissen eines
zu Magie, Medizin und
riert und dem Bischof gemeldet werden (Traditio eremitisch-monastischen Lebensideals hervor- Schamanismus in Antike
Apostolica 34). Letzterem kommt die Aufgabe zu, gehoben, sondern auch in Zeugnissen des koino- und christentum (FrLANT
die Kranken gegebenenfalls zu besuchen. Auch bitischen Mönchtums. Exemplarisch sei verwie- 170), Göttingen 1996.
im Zusammenhang der Instruktionen zur Vertei- sen auf die Ordensregel des Benedikt von Nursia
lung des Abendmahls wird hervorgehoben, dass (480–547 nC): • Enno Edzard Popkes, Der
Krankenheilungsauftrag
der Diakon im Falle einer Abwesenheit von Pres- „Die Sorge für die Kranken ist eine vorrangige
Jesu: Studien zu seiner
bytern „eifrig den Kranken das Zeichen“ geben und höchste Pflicht. Man diene ihnen wirklich
ursprünglichen Gestalt
soll (Traditio Apostolica 24). Auch wenn nicht wie Christus. Er selbst hat ja gesagt: ,Ich war und seiner frühchristlichen
erläutert wird, was mit diesem Ritus genau in- krank und ihr habt mich besucht.‘ Und: ,Was ihr interpretation (Biblisch-
tendiert ist, so ist von einer Heilung des Kranken einem meiner geringsten Brüder getan, das habt Theologische Studien 96),
nicht die Rede. Gleiches gilt für die Erwähnung ihr mir getan.‘“ (Regula Benedicti 36,1-3, zitiert Neukirchen-Vluyn 2014.
der Kranken im Rahmen der Instruktionen zum nach G. Holzherr, Die Benediktsregel. Eine An-
Umgang mit Taufkandidaten (Traditio Apostoli- leitung zu christlichem Leben, 7., überarb. Aufl.
ca 20). Letztere sollen während der Dauer eines Freiburg/Schweiz 2007).
Katechumenats erweisen, dass sie „alle Arten Derartige Instruktionen können als repräsen-
von guten Werken“ vollbracht haben. Dabei wird tative Beispiele für die Wirkungsgeschichte des
neben der Tätigkeit der Fürsorge für Witwen der Heilungsauftrags Jesu im frühen Christentum
Besuch von Kranken eigens hervorgehoben. verstanden werden. Ebenso wie bei vielen zuvor
Die skizzierten Ausführungen der Traditio Apo- angeführten Texten und Traditionen werden die
stolica lassen erkennen, in welcher Weise eine in Mt 10,7f; Lk 9,1f.6; 10,9 etc. überlieferten Worte
karitative Fürsorge für Kranke zu einem grundle- Jesu nicht explizit rezipiert oder zitiert. Es wird
genden Merkmal eines christlichen Lebensethos jedoch auf Traditionen verwiesen, die bereits im
werden konnte. Entsprechende Entwicklungen frühen Christentum als indirekte Interpretation
dokumentieren eine Vielzahl weiterer frühchrist- des Heilungsauftrags verstanden werden kön-
licher und patristischer Zeugnisse unterschied- nen. So wird zum Beispiel auf die entsprechen-
lichster Art, etwa Predigten, apologetische Argu- den Facetten der matthäischen Endgerichtsrede
mentationen, Erörterungen über den Beruf des Mt 25,36.40 Bezug genommen:
Arztes und über Entwicklungen der zeitgenössi- „Ich war nackt und ihr habt mir Kleidung ge-
schen Medizin etc. In diesen Zusammenhängen geben; ich war krank und ihr habt mich besucht;
lassen sich auch unterschiedliche Formen einer ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekom-
Auseinandersetzung mit den Entwicklungen der men. [...] Amen, ich sage euch: Was ihr für einen
hippokratischen Traditionen beobachten, wel- meiner geringsten Brüder getan habt, das habt
che die bedeutendsten Quellen der abendländi- ihr mir getan.“ Eine vergleichbare Rezeptions-
Prof. Dr. Enno Edzard Popkes
schen Medizingeschichte verkörpern. Dieser As- geschichte lässt sich zum lukanischen Gleichnis
ist Professor für Geschichte
pekt soll durch zwei Beispiele illustriert werden, vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-37) beob- und Archäologie des frühen
die beide aus dem frühen Mönchtum stammen. achten, welches seinerseits als eine Interpretati- christentums und seiner
Verschiedene Zeugnisse des eremitischen on des Krankenheilungsauftrags und des Liebes- Umwelt an der Universität Kiel.
Mönchtums dokumentieren die Vorstellung, gebots Jesu verstanden werden kann. Schwerpunkte sind u. a. die
dass Eremiten und Asketen die Gabe einer Hei- In dieser Hinsicht können die zitierten Tradi- relation frühchristlicher Texte
zu den Qumran-Schriften bzw.
lung Kranker verliehen wird, wenn sie beständig tionen als Paradigma einer Wirkungsgeschichte
den Nag-Hammadi-Texten
ein der Armut Jesu entsprechendes Leben füh- des Heilungsauftrages Jesu verstanden werden,
und Grenzfragen der Jesusfor-
ren. Gleichwohl wird auch in diesem Zusammen- in welcher vor allem die karitative Fürsorge für schung. Derzeit entsteht ein
hang hervorgehoben, dass die tätige Nächsten- Kranke zu einem wesentlichen Merkmal eines Kommentar zum apokryphen
liebe und die karitative Zuwendung zu Kranken christlichen Lebensethos erklärt wird. W Thomasevangelium.

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welt und umwelt der bibel 2/2015 59
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Krankenversorgung und Nächstenliebe

Arzt für den Leib oder


die Seele? Heilung, Heiler und Therapiezentren
im frühen Christentum

Die Christen der ersten Jahrhunderte bezeichneten


vor allem ihre Seelsorger als Ärzte. Diese waren für
die Heilung der Seele zuständig. Ein guter Arzt hat­
te zunächst seine Seelenruhe gefunden. Das Chris­
tentum entwickelte sich zu einer Gemeinschaft
mit einem ganzheitlichen Heilungsverständnis, in
der kein erkrankter Mensch alleingelassen werden
sollte. Von Andreas Müller

I
n der Antike war es vollkommen üblich, Medizin und Phi-
losophie zu vergleichen. Beide wurden von Philosophen
eng miteinander verbunden. Die antiken philosophischen
Wundersame Transplantation
Schulen haben ihre Philosophie als „Heilmittel“ verstanden
durch Kosmas und Damian: Das Gemäl-
– darauf hat der Kirchenhistoriker Michael Dörnemann hinge-
de illustriert eine Legende, nach der die
wiesen. Philosophen eröffneten somit den Weg in ein gesundes,
frühchristlichen Heiligen und Märtyrer
glückliches Leben. Diese Idee wurde auch von den christlichen
Kosmas und Damian (gestorben um 303)
in einer Vision ein medizinisches Wunder Theologen der frühen Christenheit, besonders seit dem 3. Jh.,
vollbringen und ein Bein transplantieren übernommen. An exponierter Stelle steht dabei der alexandri-
(überliefert in der Legenda Aurea). Die nische Denker Origenes (185–254). Er sah Krankheit nicht nur
Vision hatte ein Kirchendiener in einer als ein physiologisches Phänomen an. Seiner Meinung nach hat
Kirche Roms, die den Heiligen gewid- sie ihre Ursachen auch im Geist, letztlich in der religiös wahr-
met war. Er litt an einer Krankheit, die genommenen Sünde. Dementsprechend strebte Origenes nach
das Fleisch an seinem Bein schrumpfen einer ganzheitlicheren Form der Heilung. Insbesondere sah er
ließ. Eines Nachts träumte er, die beiden die Möglichkeit, mit der „Arznei des Wortes“ „jedes vernünfti-
Heiligen kämen zu ihm, schnitten sein ge Wesen zu heilen und mit Gott, dem Schöpfer zu vereinen“
krankes Bein ab und transplantierten das (Cels. 3,54). Ein solcher Ansatz führt in zwei Richtungen: Zum
Bein eines verstorbenen Afrikaners, der einen wird dadurch ein Amt gefördert, das in der Alten Kirche
soeben nebenan auf dem Friedhof beer- von großer Bedeutung war: das Amt des Exorzisten. Die römi-
digt worden war. Als der Mann erwachte, sche Gemeinde beschäftigte in der Mitte des 3. Jh. immerhin
fand er ein schwarzes, gesundes Bein, mehr Exorzisten als Priester. Diese waren nach antiker Vorstel-
während dem verstorbenen Afrikaner ein lung damit beschäftigt, Menschen von sogenannten unreinen
Bein fehlte. Kosmas und Damian heilten Geistern zu heilen. Zum anderen führte die Vorstellung von der
der Legende nach kostenlos. Sie wurden rechten Schulmeinung, der Lehre oder des Wortes als Heilmittel
zu idealtypischen Heiler-Heiligen. aber auch dazu, Ärzte als Seelenärzte zu verstehen. Seelenärzte
wirken mit dem Wort vor allem im Umfeld von Buße und Seel-
Wunder der heiligen Kosmas und Damian,
sorge. Christus als Arzt, ja als allen Philosophen überlegener
1515, unbekannter Künstler, Württember-
Seelenarzt, war nach Mt 9,12 („nicht die Gesunden brauchen
gisches Landesmuseum, Stuttgart.
den Arzt, sondern die Kranken“) gerade auch für solche Seelen-
ärzte Vorbild. Nachahmer fand er in der frühen Christenheit vor

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welt und umwelt der bibel 2/2015 61
Arzt oder SeeleNArzt?

QUELLENTEXTE

ORiGENES (185–254) über die Heilung durch die Kenntnisse der Medizin und
die Kenntnisse des Gotteswortes

S o hat zum Beispiel die Geometrie als Ziel sich selbst und
dieses Wissen. Aber es gibt auch ein Wissen, dessen
Ziel ein Tun verlangt, zum Beispiel die Medizin. Ich soll die
bleibt und kein Tun folgt, ist alles Wissen umsonst. Ähnlich
wie Wissen und Tun in der Medizin verhalten sich Kenntnis
und Dienst des Wortes zueinander.“ (hom. in Luc. 1,5)
Wissenschaft und die Lehren der Medizin kennen, nicht nur
damit ich weiß, was ich tun soll, sondern damit ich sie prakti­ „Wenn du irgendeinen siehst, der durch die Sünden und
ziere, das heißt, um Wunden auszuschneiden, eine maßvolle durch die Pfeile des Teufels durchbohrt worden ist, wendest
und gezügelte Lebensweise zu verordnen, Fieberhitze am du doch wohl die Heilmethode der Rede und das Heilmit­
Schlag der Pulsadern festzustellen und in regelmäßiger Be­ tel des Wortes Gottes an, um die Wunden der Sünde durch
handlung einen Überschuss an Blut zu entfernen, zu regu­ Buße zu heilen und das Heilmittel des Bekenntnisses zu zei­
lieren und einzudämmen. Wenn es hier beim bloßen Wissen gen.“ (hom. in Ex. 2,2)

JOHANNES KLiMAKOS (579?–649) warnt vor falschen Seelenärzten

I ch sah einen unbegabten Arzt einen schwer darnieder­


liegenden Kranken schmähen und ihm nichts weiter als
Verzweiflung verursachen, und ich sah einen begabten ein
das Heilwasser des Gehorsams trinken und sich bewegen
und herumgehen ohne zu ermüden und bisweilen wieder,
als das Auge seiner Seele erkrankte, sich der Ruhe hinge­
aufgeblasenes Herz mit der Schmach [Skalpell] aufschnei­ ben und schweigend verharren.“
den und seinen Gestank völlig entfernen. Ich beobachtete (Johannes Klimakos, Leiter XXVI 21)
denselben Kranken bisweilen zur Reinigung von Schmutz

JOHANNES KLiMAKOS über die medizinischen Instrumente und ihre Bedeutung


für die Seelenheilung

D as Pflaster ist ein Heilmittel für sichtbare, d. h. leibli­


che Leidenschaften. Der Arzneitrank ist ein Heilmittel
für innere Leidenschaften und die Entleerung unsichtbaren
fe, welche menschenfreundlich für eine gewisse Zeit um
der Buße willen gegeben wird. Die Salbe ist die nach dem
Brenneisen bei dem Kranken entweder durchs Wort oder
Schmutzes. Das Skalpell ist beißende und die Fäulnis des einen kleinen Trost angewandte Aufmunterung. Das Schlaf­
Stolzes heilende Schmach. Die Augentropfen sind die Rei­ mittel ist, die Last des Gehorsamen aufzunehmen und ihm
nigung des Seelenauges des Geistes, das von der Trübung durch seine Unterwerfung Erquickung und schlaflosen
des Zornes verwirrt wurde. Außerdem sind sie der bittere Schlaf zu schenken sowie gottgefällige Blindheit, damit er
Tadel, der kurz darauf heilt. Das Aderlasszeug ist die schnel­ nicht seine Vorzüge erkennt. Verbände sind das Stützen und
le Entleerung von verborgenem Gestank. Das Aderlasszeug Festziehen bis zum Tod der durch die Eitelkeit Gelösten und
ist hauptsächlich der entschiedene und schroffe Eingriff, Verweichten mit Geduld. Das Messer endlich ist das Urteil
um den Kranken zu retten. Der Schwamm ist die Pflege und und die Entscheidung, das seelisch tote Gewebe und ein
Kühlung nach dem Aderlass oder der Operation durch den faulendes Glied herauszuschneiden, damit es seine Krank­
Arzt mit wohlwollenden, milden und sanften Worten. Das heit nicht an den übrigen Leib weitergibt.“
Brenneisen ist die Festlegung und Festsetzung der Stra­ (Johannes Klimakos, An den Hirten 12)

62 welt und umwelt der bibel 2/2015


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allem in einer Trägergruppe, die durch das Den-
ken des Origenes stark beeinflusst worden ist: im
christlichen Mönchtum.

Die Mönche als Ärzte in den Spuren des


Heilers Jesus
Schon die ersten bedeutenden Mönche in Ägyp-
ten wurden mit Ärzten verglichen. Dies gilt vor
allem für den bedeutenden Einsiedler Antoni-
os, der in der neuesten Forschung sogar einmal
etwas zugespitzt als „erster Mönch“ bezeichnet
worden ist. Sein Biograf Athanasius von Alexan-
drien schildert das Wirken des Antonios, seine Heiliger mit Skalpell: Panteleimon (Pantaleon) mit seinem
mönchische Lehre und sogar seine Wunder über Attribut. Mosaik in Hosios Loukas, Griechenland, 11. Jh.
weite Strecken, um dann gegen Ende seines Be-
richts festzustellen:
„In der Tat, er war wie ein Arzt, den Gott dem immer eine angemessene Medizin findet: für die
Lande Ägypten geschenkt hatte“ (Vit. Ant. 87). von schweren Sünden belasteten, verzweifelten
Im Folgenden schildert Athanasius allerdings Mönche bietet sich dementsprechend eine eher
keine physischen Therapien oder gar Operati- sanfte Therapie an, für die hochmütigen eine
onen, sondern vielmehr das Wirken eines See- eher harte. Der Arzt wird zur richtigen Therapie
lenarztes: Er machte die Traurigen fröhlich und von Gott selbst befähigt: Das von Gott geschenk-
nahm den Trauernden ihr Leid. Er stimmte die te Charisma der Unterscheidungsgabe, der dia-
Zornigen zu einer freundschaftlichen Haltung krisis – es stellt sich insbesondere in Verbindung
um und tröstete die Armen und Mutlosen. Insbe- mit eigenen Heilungs-Erfahrungen ein –, macht
sondere die jungen Mönche stärkte er auf ihrem letztendlich eine gute Therapie möglich. Der bes-
Weg, den von Gedanken und Dämonen – so die te Seelenarzt ist nach Johannes derjenige, der be-
antike Vorstellung – Geplagten schenkte er Ruhe reits selber durch alle psychischen Verwirrungen
und den Zweiflern Seelenruhe. Antonios, der sich und Leidenschaften hindurch zur Seelenruhe
selber in der Wüste vielen Anfechtungen ausge- gefunden hat und so anderen den Weg weisen
setzt hatte und somit durch eine harte Schule ge- kann. Deutlich warnt der Sinaite vor falschen
gangen war, vermochte anderen Menschen also Seelenärzten: Durch ihre schlechte Therapie
zum Seelenarzt zu werden. Mit der Schilderung können sie Menschen in Verzweiflung führen,
derartiger Verantwortung des Einsiedlers Anto- ja sogar innerlich vergiften (s. Quellentext Lei-
nios für seine Umwelt zeichnete Athanasius das ter XXVI 21). Einen solchen Therapeuten sollte
Bild eines idealen Mönches, das insbesondere der Mönch in jedem Fall wechseln, sofern jener
in den orthodoxen Ostkirchen bis in das 21. Jh. seine Unfähigkeit eingesteht. Beeindruckend
nachgewirkt hat: Der Mönch als geistlicher Vater, ist, wie der Sinaite durch eine allegorische
der Menschen geistlich im Leben begleitet und Auslegung die einzelnen medizinischen
zugleich Heiler ihrer Seelen ist. Instrumente in ihrer Bedeutung für die
Medizinisches Vokabular spielt noch im 6. Jh. Seelenheilung beschreibt (s. Quellentext
im Umfeld des Mönchtums eine zentrale Rolle. An den Hirten 12).
Johannes Sinaites, besser bekannt als Johannes
Klimakos, beschrieb in seinem Werk Die Leiter
den Geistlichen Vater mit unterschiedlichen Bil-
Die ersten christlichen Therapie­
dern. Dabei spielt auch das Bild des Arztes für
zentren bieten Krankenversorgung an
diesen mönchischen Seelenführer eine ganz ent- Neben den Seelenärzten hat es auch noch ande-
scheidende Rolle. Nach Johannes hat der Geistli- re Therapeuten und Therapiezentren im frühen
che Vater, der Seelenführer anderer Mönche und Christentum gegeben. Bereits in der Antike ha-
auch Laien, gleichsam als Seelenarzt vorzuge- ben besonders zwei Formen institutionalisierter
hen. Wie ein Arzt Krankheiten heilt und dabei ge- Versorgung von Kranken existiert, die auch un-
legentlich selbst schmerzhafte Therapien anwen- ter christlichem Vorzeichen fortgeführt wurden:
den muss, so kann auch ein Seelenarzt seinem 1. die religiösen Heilungszentren, insbesondere
Gegenüber keineswegs immer nur schmeicheln. die Asklepios-Heiligtümer, und 2. die Valetudina-
Zentral ist für den Sinaiten, dass der Seelenarzt rien in größeren Haushalten oder Militärlagern,

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welt und umwelt der bibel 2/2015 63
also Lazarette, in denen verletzte und erschöpfte nas-Heiligtum gab es eine ganze Reihe weiterer
Soldaten und Sklaven behandelt und so weit wie- bedeutender Heilstätten: In Ägypten beispiels-
derhergestellt wurden, dass sie ihre Arbeit erledi- weise noch das Heiligtum von Johannes und Ky-
gen konnten. Beide Formen der Versorgung von ros in Menuthis, in Kleinasien das Thekla-Heilig-
Kranken sind in der zunehmend verchristlichten tum, selbst in der neuen Hauptstadt des Reiches
Gesellschaft auch zu finden. An den traditionel- Konstantinopel das Heiligtum von Kosmas und
len Asklepieia lassen sich ganz unmittelbar auch Damian. Letztere spielten als Ärzteheilige auch
christliche Kirchen beobachten. So begegneten in der mittelalterlichen westlichen Christenheit
Pilger nach Epidauros – auf dem traditionellen eine besondere Rolle. Die sogenannten Anargy-
Pilgerweg vom Meer her kommend – zunächst ei- ren, das heißt die umsonst (wörtlich: „ohne Sil-
ber“) heilenden Ärzte, wurden vor Ort vielmehr
auch auf interessante Weise mit paganen Vorbil-
Jetzt erschien nicht mehr Asklepios dern identifiziert. Beeindruckend ist der Bericht
eines Pilgers, der zu den Dioskuren – den paga-
oder Isis im Traum, sondern einer der nen Gottheiten Castor und Pollux, die gern zur
neuen christlichen Heiligen Hilfe in Not angerufen wurden – zwecks Heilung
aufbrach und von den Anargyren, den christli-
chen Märtyrern Kosmas und Damian, im Traum
ner großen Johannes-Basilika, die dem Ort mög- darauf hingewiesen wurde, dass das Heiligtum
licherweise ein christliches Gepräge gab. Deutli- nun anders besetzt sei: ein deutlicher Hinweis
cher wird dies noch beim Asklepieion unterhalb auf die Christianisierung vormals paganer Heil-
der Akropolis von Athen. Dieses wurde unmit- stätten. Neben Kosmas und Damian tauchen in
telbar in eine Kirche umgewandelt, wovon noch der Spätantike weitere bedeutende Anargyren
heute die archäologischen Überreste zeugen. Be- auf, so zum Beispiel der auch im Westen bekann-
sonders prägend für die Spätantike waren aber te Panteleimon/Pantaleon, dem unter anderem
neu entstehende christlichen Heilungszentren, in Köln zusammen mit Kosmas und Damian eine
die vergleichbare Funktionen wie jene der anti- frühromanische Kirche geweiht ist.
ken religiösen Heilungszentren übernahmen. Ei-
nige von ihnen erhielten rasch eine reichsweite
Bedeutung. Der Tempelschlaf, die Inkubation,
Basileios der Große und sein
wurde hier in gleicher Weise durchgeführt wie in
Therapiezentrum
paganem Kontext. Nur erschien jetzt nicht mehr Die antiken Valetudinarien haben zunächst in den
der Gott Asklepios oder die Göttin Isis im Traum, seit dem 4. Jh. entstehenden Klöstern ihren Ort im
sondern einer der neuen Heiligen. Ähnlich wie in spezifisch christlichen Umfeld gefunden. Dabei
den antiken Einrichtungen gab es auch hier eine erfüllen sie eine ähnliche Funktion, werden aber
ganzheitliche medizinische Betreuung. Bäder inhaltlich zunehmend anders verstanden. Die
und selbst medizinische Einrichtungen waren Klöster der Pachomianer boten eine Art Mischan-
auch hier zu beobachten. Lediglich das Theater stalt in Oberägypten: In den großen sogenannten
oder Odeion der antiken Heilungszentren fehlte Koinobien, in denen Mönche in einer Klosteran-
nun – hier versammelte man sich wohl eher in lage als Gemeinschaft lebten, wurden nicht nur
der Kirche, die die antiken Tempelanlagen er- Kranke gepflegt, sondern auch Arme gespeist
setzte. Vergleichbar sind selbst die Berichte über und fremde Pilger beherbergt. Die Krankenpfle-
Heilungswunder, die auch in den christlichen ge ist derjenigen in den Valetudinarien durchaus
Heilungszentren Werbezwecken gedient haben vergleichbar. Bemerkenswert ist bereits die Kom-
dürften. bination unterschiedlicher Fürsorge-Aufgaben
Einige spätantik-christliche Heilungszentren bei den Pachomianern. Ähnliches findet sich in
waren von reichsweiter Bedeutung. Dies gilt vor Kleinasien in der Mitte des 4. Jh. in Ansätzen be-
allem für das Menas-Heiligtum in Unterägypten. reits bei Eustathios von Sebaste. Eine Mischan-
Die Besucherinnen und Besucher nahmen von stalt großen Stils stellte die nach ihrem Gründer
hier aus Devotionalien in das ganze Reich mit, Basileios dem Großen sogenannte Basileias in
die auch medizinischen Zwecken gedient ha- Kaisareia, dem heutigen Kayseri in Kappadokien,
ben dürften: die sogenannten Menas-Ampullen. dar. Bischof Basileios richtete dort gleichsam eine
Solche Pilgerfläschchen konnten mit geweih- Stadt vor der Stadt ein, in der Kranke gepflegt,
tem Wasser oder Öl gefüllt werden und Heil wie Arme unterstützt und Fremde aufgenommen
Heilung an den Heimatorten der Pilger erwirken wurden. Sein Freund Gregor von Nazianz setzte
– eine Art spätantikes Placebo. Neben dem Me- diese Einrichtung antiken Weltwundern gleich.

64 welt und umwelt der bibel 2/2015


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Das Asklepieion in Athen: Hier,
unterhalb der Akropolis, verbrachten
einst Heilung Suchende ihre Nächte
im Heiligtum. Sie hofften darauf, dass
Asklepios im Traum zu ihnen käme.
Vermutlich im 6. Jh. wurde in die
antike Anlage ein christlicher Hei-
lungskomplex mit großer Basilika ein-
gebaut. Damit kommunizierte die neue
Religionsgemeinschaft deutlich, dass
ab jetzt der Glaube an Jesus Christus
Heilung brachte.

7 5
8
3 4
2 A: Bauten des Athener Asklepios­
heiligtums im 1. Jh. nC
1 1 Eingangstor, 2 kleine Halle, 3 Tempel,
A 4 Altar, 5 Abaton/inkubationshalle,
6 heilige Quelle, 7 Opfergrube,
8 Banketträume

B: Im 6. Jh. eingebaute Kirche der


heiligen Ärzte Kosmas und Damian
Der Ort der heiligen Quelle wurde wahr-
scheinlich als Taufraum genutzt. Die Halle
zwischen Kirchenbau und Quelle wurde
vermutlich weiterhin als inkubationshalle
(für den Heilschlaf) benutzt. im Traum
sollten Kosmas und Damian erscheinen.

(Pläne aus: Tomas Lehmann (Hg.), Wunderheilungen in der


Antike. Von Asklepios zu Felix Medicus, 2006, Abb. 29 a,b)

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welt und umwelt der bibel 2/2015 65
oben und rechts:
Einst ein populäres Heil­Heiligtum:
Die Ruinen des spätantiken Abu-Menas-
Klosters in Nordägypten. Zum Klosterkom-
plex gehörte auch ein weitläufiges Badehaus.
Dem Wasser schrieb man heilende Kräfte zu.
Die erste Baustufe stammt aus dem 4. Jh.
im 9. Jh. wurde die Anlage zerstört und
1905 bei Ausgrabungen wiederentdeckt.
Unweit des UNESCO-Welterbes steht heute
das moderne koptische Kloster Deir Mina.

darunter:
Beliebtes Souvenir: Sogenannte Menas-
Ampulle, eine Flasche, in der man Heilwas-
ser aus dem Menaskloster mit nach Hause
nahm. 6. Jh., Keramik, Höhe 27 cm,
Tiefe 7 cm. Louvre, Paris.

66 welt und umwelt der bibel 2/2015 200219135015B6-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
Arzt oder SeeleNArzt?

Ruinen der Basileias? Die undatierte Auf-


nahme zeigt angeblich Ruinen der Kirche der
Basileias, jener stadtähnlichen Krankenhaus-
anlage, die Basileios der Große in Kaisareia/
Kappadokien (heute Kayseri) im 4. Jh. bauen
ließ. Er begründete damit das christliche Kran-
kenhauswesen. Von der Anlage sind heute keine
Spuren erhalten. 1950 wurden diese Strukturen
bei Straßenbauarbeiten zerstört.

Bemerkenswert war für ihn dabei vor allem das unterschiedlichen Denominationen scheint da-
Menschenbild, das der Wohltätigkeit des Basilei- bei auch eine Rolle gespielt zu haben – ein at-
os zugrunde lag. Bei der Versorgung von Kranken traktives Therapiezentrum war auch eine Mög-
ging er davon aus, in den Kranken Gott selber zu lichkeit, sich gegenüber anderen christlichen
begegnen. Somit entwickelte sich in Kaisareia Gruppierungen zu profilieren. In Konstantinopel
eine ganz neue Begründung auch für den medi- lassen sich die Anfänge des Krankenhauswesens
zinischen Einsatz. Es ging nun nicht mehr nur jedenfalls nicht in erster Linie in mehrheitskirch-
darum, Gesundheit zu erhalten, ja womöglich lichen, sondern in den verketzerten Varianten
sogar wie in den Valetudinarien Menschen ge- des Christentums beobachten. So hat sich vor al-
sellschaftlich wieder einsatzfähig zu machen. Auf lem der Homöer Marathonius, der Jesus Christus
der Basis der Worte Jesu in Mt 25, wonach in je- nicht für wesensgleich mit Gott Vater ansah, für
dem Armen, Kranken, Fremden und Bedürftigen entsprechende Einrichtungen in der Hauptstadt
Christus selbst begegnet, verstand Basileios den stark gemacht. Die spätere Mehrheitskirche hat
Dienst am Kranken gleichsam als Gottesdienst. mit genauen Informationen über diesen Anfang
Krankheit und Gebrechen wurden auf revolutio- sehr gespart und ihre eigenen Krankenhausgrün-
näre Weise nicht mehr negativ, sondern geradezu dungen in das kulturelle Gedächtnis der Stadt
positiv bewertet: Im Kranken konnten Menschen eingeschrieben. W
Gott selbst begegnen.
Mischanstalten, wie sie in Kaisareia wohl bis
zur seldschukischen Eroberung ungebrochen
Prof. Dr. Andreas Müller
weiterexistiert haben, können wir im östlichen
ist Professor für Kirchen­
Mittelmeerbereich an vielen Stellen beobachten. Lesetipps und Religionsgeschichte
Sie wurden insbesondere auch für die zuneh- • Michael Dörnemann, Krankheit und Heilung in der des 1. Jahrtausends an
menden Pilgerströme eingerichtet. Pilgerherber- Theologie der frühen Kirchenväter, Tübingen 2003. der Universität Kiel mit
gen und Krankenhäuser für die erkrankten Pilger einem Schwerpunkt in der
wurden so miteinander verbunden. Selbst in Je- • Andreas Müller, „All das ist Zierde für den Ort ...“ Das byzantinischen Zeit und be­
rusalem entstanden große Anlagen dieser Art. diakonisch­karitative Großprojekt des Basileios von sonderem Interesse an den
Kaisareia. In: Zeitschrift für Antikes Christentum XIII orthodoxen und orientali­
Unter Kaiser Justinian wurde hier beispielsweise
(2009), 452–474. schen Kirchen. Er arbeitet
an der Nea-Kirche im 6. Jh. ein Zentrum für die an einem breit angelegten
Behandlung von Kranken eingerichtet. Oft waren • Christian Schulze, Medizin und Christentum in Spät­ Forschungsprojekt über die
es Mönche, die sich bei der Einrichtung solcher antike und frühem Mittelalter. Christliche Ärzte und ihr Geschichte der Caritas/Dia­
Zentren engagierten. Die Konkurrenz zwischen Wirken, Tübingen 2005. konie in der Alten Kirche.

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welt und umwelt der bibel 2/2015 67
Medizingeschichte

Heilkult und
Wunderglaube
von Asklepios bis Lourdes
Selbst der Vatikan tut sich schwer, Heilungen als Wunder anzuer-
kennen. In Lourdes ist ein Stab naturwissenschaftlicher Ärzte damit
beschäftigt, Wunder zu identifizieren. Der Blick in die Geschichte
zeigt, wie seit der Antike Rationalität in die Bewertung von Wundern
eingezogen ist. Doch ist die Hoffnung auf Heilung in der Religion auch
in Zeiten der Hightech-Medizin ungebrochen. Von Karl-Heinz Leven

Pilger auf einer


Krankenwallfahrt
bei einem Gottesdienst
in Lourdes.

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V
on einem „medizinischen Wunder“ mag
mancher Zeitgenosse schon gesprochen
haben, wenn er erlebt hat, wie ein Mensch
in seiner Familie oder seinem Bekanntenkreis aus
einer als tödlich geltenden Krankheit wieder auf-
kam – und zwar mit Hilfe der Hightech-Medizin.
Medizinische Wunder, so der Eindruck, erwartet
man im 21. Jh. von der Medizin, und sie finden im
Krankenhaus statt. Doch wie zeigt sich das Pro-
blemfeld in historischer Perspektive? Geschicht-
lich führt das Thema „Wunderheilung“ hinein in
eine komplexe Welt von Medizin, Religion, Kult,
Magie und Psychologie.
In der griechischen Antike entstand eine
mit dem Namen des Hippokrates verbundene
naturkundliche Medizin, die Gesundheit und
Krankheit in einem dynamischen Modell („Säf-
te“, „Qualitäten“) erklärte (s. Beitrag Bernd Koll-
mann). Zugleich entwickelten sich Heilkulte, in
denen zahlreiche Gottheiten, an erster Stelle der
Heilgott par exellence Asklepios (lat. Aesculap),
eine Rolle spielten. In der Antike gab es kein
Gesundheitssystem, keine einheitlich geregel-
te Ausbildung der spärlich vorhandenen Ärzte,
kein allgemein verbindliches wissenschaftli-
ches Niveau und keine Standardtherapien. Die
Zuwendung zu höheren Wesen im Sinne eines
Krankheitsverständnisses, das modern als
Iatrotheologie und Iatromagie („ärztliche Theo-
logie“ und „ärztliche Magie“) zu bezeichnen ist,
war selbstverständlich und stand nicht in Kon-
kurrenz zu einer „rationalen“ Medizin. Vielmehr
liefen Heil-„Kunst“ und Heil-„Kult“ parallel. Im
Asklepieion, dem Tempelbezirk des Asklepi-
os, erschien den Heilsuchenden – so berichten
überlieferte Inschriften – Asklepios im Traum
und führte fantastische Operationen aus. Au-
genblickliche Heilungen von Kinderlosigkeit,
Lähmungen, Blindheit wurden in erhaltenen
Votivtafeln dargestellt. Eine aus naturwissen-
schaftlich-medizinischer Sicht scheinbar nahe-
liegende Frage nach dem „Wahrheitsgehalt“ die-
ser Wunderheilungen ginge fehl; diese Berichte
in Bild und Text sind in ihrem kulturellen Kon-
text und in ihrer religiösen und sozialen Funkti-
on zu deuten.

Paranormale Heilungen
Das Phänomen der paranormalen Heilungen hat
in den letzten Jahren verstärktes Interesse auch
vonseiten der naturwissenschaftlich ausgerichte-
ten Universitätsmedizin erlangt. So untersuchten
Studien das Phänomen der „Geistheilung“ (eng-

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welt und umwelt der bibel 2/2015 69
Heilkult und Wunderglaube

lisch distant healing), zum Teil konzipiert nach so ergibt sich eine eigentümliche Koinzidenz: Im
dem für klinische Studien gängigen Schema: selben Jahr 1858 erlebte Bernadette Soubirous in
- randomisiert (Zufallszuordnung zu den Unter- Lourdes Visionen, die Ausgangspunkt einer der
suchungsgruppen), größten abendländischen Wallfahrtsbewegun-
- doppelblind (weder Proband noch Arzt wissen, gen werden sollten. Doch Lourdes steht nicht nur
in welche Gruppe der Proband eingeordnet ist) für eine zeitliche Parallelität von Wunderglauben
- und multizentrisch (an verschiedenen Kliniken). und naturwissenschaftlicher Medizin, sondern
Die Frage war und ist, ob derartige „anonyme auch für eine komplexe Interaktion dieser beiden
Fürsprechgebete“ das Befinden von Patienten – scheinbar so gegensätzlichen Handlungsfelder.
nach den Kriterien der naturwissenschaftlichen
Medizin – bessern (oder auch verschlechtern)
können und ob die Effekte statistisch signifikant
Wunderheilungen in Antike, Mittelalter
zu erfassen sind. Die Ergebnisse der Studien sind
und früher Neuzeit
widersprüchlich: Sie reichen von einem signifi- Geschichten von Wunderheilungen im Sinne ei-
kanten Nutzen der Fernheilung über keine mess- nes Eingreifens einer höheren göttlichen Macht
baren Effekte bis hin zu signifikantem Schaden in körperliche Vorgänge von Individuen oder
der Fernheilung. Die Auseinandersetzung der Gemeinschaften finden sich seit ältester Zeit in
naturwissenschaftlichen Medizin mit der Geist- allen Kulturen. Dem heilenden Einwirken eines
heilung zeigt eine – angesichts der Beliebtheit höheren Wesens stand hierbei stets als Spiegel-
nicht-naturwissenschaftlicher Heilweisen – al- bild das sogenannte „Strafwunder“ gegenüber:
lerdings notwendige Aufgeschlossenheit gegen- Ein Frevel zog eine himmlische Plage nach sich,
über unkonventionellen Methoden und bislang die sowohl Einzelne als auch Gemeinschaften
unüblichen Fragestellungen. Die Auseinander- treffen konnte. Charakteristisch für das Wunder
setzung der naturwissenschaftlichen Medizin ist das Überbieten oder Außerkraftsetzen der all-
mit dem Wunder oder dem Wunderglauben ist täglichen, gewöhnlich erfahrenen Welt.
genauso alt wie die naturwissenschaftliche Me- Im Alten Testament stehen „Zeichen und
dizin selbst. Setzt man den „Beginn“ der natur- Wunder“ nicht für die Durchbrechung einer
wissenschaftlichen Medizin auf das Jahr 1858, in naturgesetzlichen Ordnung, sondern sie sind
dem die von Rudolf Virchow (1821–1902) entwi- Erfahrungen der machtvollen Nähe Gottes, die
ckelte „Cellularpathologie“ als Buch erschien, Staunen und gleichzeitig Erschrecken hervor-
rufen. Im Neuen Testament sind die 41 Wunder
Jesu, einschließlich seiner Wunderheilungen,
„Machttaten“ und „Zeichen“ (griech. dynameis
und semeia) der schon wirksam werdenden Herr-
schaft Gottes. Als im Hochmittelalter, insbeson-
dere durch Thomas von Aquin (1225/26–1274), die
aristotelische Philosophie mit der christlichen
Votivrelief für Theologie in Beziehung gesetzt wurde, wandelte
Asklepios, als Dank für sich der biblische Wunderbegriff. Für Aristoteles
ein geheiltes Beinleiden. war die Gottheit der „erste Beweger“. Diese Gott-
Die Inschrift lautet heit hatte die Ordnung der Welt eigengesetzlich
asklepio kai hygeia tyche festgelegt. Bei einem Wunder, so die hochmit-
eucharisterion, „Tyche telalterliche Synthese aus Aristotelismus und
gibt dies als eine Dank- christlicher Anschauung, griff Gott aktiv ein und
gabe dem Asklepios und setzte kurzfristig die Autonomie und Gesetzmä-
der Hygieia“. Gefunden ßigkeit der Natur außer Kraft. Damit gelangte
im Asklepiosheiligtum auf eine Art von Rationalismus in die theologische
der Kykladeninsel Melos. Bewertung von Wundern, der ab dem 14. Jh. vor
Höhe 79 cm. British Mu- allem bei Heiligsprechungsverfahren wirksam
seum, London. wurde. Nachzuweisen war hierbei nämlich, dass
ein behauptetes Wunder „praeter ordinem totius
naturae creatae“ („an der Ordnung der gesamten
geschaffenen Natur vorbei“) geschehen sei. Hier-
für bediente man sich an der römischen Kurie seit
dem Hochmittelalter auch ärztlicher Gutachter.
Im 18. Jh. formulierte Papst Benedikt XIV.

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welt und umwelt der bibel 2/2015
Votivtafeln zum Dank
Geschichten von Wunderheilungen finden für Heilung und Ret-
sich seit ältester Zeit in allen Kulturen tung in der Wallfahrts-
kirche „Maria Schutz“,
Bad Griesbach (Bistum
Passau).
(1740–1758) Kriterien der Wunderheilung bei Patois und hatte, so betonte die spätere Legende
Selig- und Heiligsprechungsverfahren (De ser- ausdrücklich, keinerlei Kenntnis von Dogmen
vorum dei beatificatione et beatorum canonisa- der katholischen Kirche.
tione, 1734–1738), die bis heute gültig sind: Die Im Alter von 14 Jahren empfing sie von Feb-
Krankheit müsse schwerwiegend sein, unmög- ruar bis Juli 1858 insgesamt 18 Visionen einer
lich oder kaum heilbar. Die Krankheit müsse pétito damizélo („kleinen Dame“), die nur sie
zum Zeitpunkt der Heilung noch anhalten und sehen konnte. Diese trug ihr auf, in der Grotte
nicht bereits abklingen. Es dürfe keine ärztliche von Massabielle eine Quelle aufzutun, eine Ka-
Behandlung angewandt worden sein oder nur pelle zu errichten und dafür zu sorgen, dass die
unwirksame. Die Heilung müsse augenblicklich, Menschen in Prozessionen zur Grotte kämen.
vollkommen und ohne Rückfall erfolgen. In die- Die Visionen wurden von Bernadettes Umge-
sen Kriterien bemerkt man – vor Entwicklung bung – nicht von ihr selbst – unverzüglich als
der naturwissenschaftlichen Medizin – einen Ra- Marienerscheinungen gedeutet. Ein für die zeit-
tionalismus, der sich bemüht, das Unerklärliche genössische katholische Kirche höchst wichtiges
durch den Vergleich mit dem gesicherten medizi- Detail bekräftigte diese Deutung: Die „Dame“
nischen Wissen zu erkennen. verkündete (in einer Mischung aus Patois und
Hochfranzösisch) durch den Mund Bernadettes:
„Que soy era Immaculada Concepciou“ („Ich bin
Die Anfänge des Heilbetriebs von Lourdes die Unbefleckte Empfängnis“). Hierbei handel-
Bernadette Soubirous (1844–1879) stammte aus te es sich vermutlich um eine Art Versprecher
dem Pyrenäenort Lourdes. Lourdes war zu die- Bernadettes, da die „Dame“ sich logischerweise
ser Zeit klein, abgelegen und unbedeutend. als „unbefleckt Empfangene“ hätte bezeichnen
Bernadette, erstgeborenes Kind einer verarmten müssen. Das Dogma der Conceptio immaculata,
Müllerfamilie, die seit 1857 in einem verlies- vier Jahre zuvor, am 8. Dezember 1854 von Papst
ähnlichen Verschlag (frz. cachot) hauste, war Pius IX. (1846–1878) verkündet, besagt, die Got-
kränklich und im Wachstum zurückgeblieben. tesmutter Maria sei ohne Erbsünde zur Welt ge-
Sie hatte keine rechte Schulbildung, sprach kein kommen. In wiederholten verhörähnlichen Be-
Hochfranzösisch, sondern den lokalen Dialekt fragungen wurden Bernadettes Aussagen über

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welt und umwelt der bibel 2/2015
Heilkult und Wunderglaube

Um ein Wunder nachzuweisen, bediente man sich


an der römischen Kurie auch ärztlicher Gutachter

ihre Visionen ausführlich zu Protokoll genom- Lourdes instrumentalisiert. Die Kaiserin selbst,
men. Die kirchlichen Behörden waren 1858, im so hieß es, habe Bernadette in einer Botschaft
unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Visionen, aufgefordert, für sie zu beten. Den Hintergrund
höchst kritisch und standen dem bereits in den zu diesen Vorgängen bildete das zeitgenössische
ersten Wochen einsetzenden Massenphänomen Ringen zwischen der katholischen Kirche und
an der Grotte Massabielle reserviert gegenüber. einer säkularen republikanischen Gegenbewe-
Umso willkommener war es der Kirche, das für gung in der Hauptstadt Paris, die sich ihrerseits
das Hierarchieverständnis der Papstkirche wich- der aufkommenden naturwissenschaftlichen
tige Dogma der „Unbefleckten Empfängnis“ aus Medizin verbunden fühlte.
dem Mund der vermeintlichen Analphabetin
Bernadette zu vernehmen, auch wenn dieser
Lehrsatz für die Wundergläubigen eher zweitran- Medizinisch anerkannte Wunder in
gig und auch für Theologen vom Fach nur schwer Lourdes
verständlich war. Die „Richtigkeit“ des Dogmas Die ersten Wunderheilungen von Lourdes ereig-
hätte kaum eindrucksvoller demonstriert werden neten sich bereits in den Monaten, in denen Ber-
können – gleichsam durch die Adressatin Maria nadette die Visionen noch empfing. Bis zum Jahr
selbst, geäußert durch ihr irdisches Sprachrohr 2010 sind insgesamt 67 dieser Wunderheilungen
Bernadette. kirchlich anerkannt worden. Kennzeichnend für
In diesem Kontext erkannte eine bischöfliche Lourdes war von Anbeginn, dass im mehrstu-
Untersuchungskommission 1862 die Erscheinun- figen Prozess der Anerkennung von Heilungen
gen Bernadettes als wahr an. Sie bestätigte die auch ärztliche Expertise herangezogen wurde.
Wallfahrt, die in den Folgejahren einen gewalti- Seit 1883 besteht das „Ärztebüro“ (Bureau des
gen Aufschwung nahm und Lourdes zu einer Me- constatations médicales), das unerklärliche Hei-
tropole des Pilgerwesens umgestaltete. Neuere lungen gemäß den von Papst Benedikt XIV. er-
Forschungen zu Bernadette Soubirous und zum lassenen Kriterien prüft. Wesentlich ist hierbei
Heilbetrieb in Lourdes haben die komplexen Zu- der Vergleich ärztlicher Befunde vor und nach
sammenhänge der Entstehung und Entwicklung vermeintlicher oder tatsächlicher Heilung. Auf
des Heilbetriebs dargelegt. Die Visionen Berna- einer nächsten Stufe der Begutachtung beurteilt
dettes waren nicht einzigartig, sondern vielmehr das 1947 geschaffene „Internationale Ärztebüro
typisch für die Gegend, die Zeit und das Lebens- von Lourdes“, besetzt mit 20 Ärzten, die Fälle
alter des Mädchens. anhand der Krankenakten und prüft die Frage,
Singulär wurde die Entstehung des Heilbe- ob die fraglichen Heilungen „unerklärbar nach
triebs jedoch dadurch, dass sich hier religiöse, heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand“
Lesetipps soziale und politische Handlungsebenen durch- seien. Liegt eine Mehrheit von zwei Dritteln vor,
• Patrick Dondelinger, drangen, und dies nicht nur auf lokaler und re- so wird der Fall an den Bischof der Heimatdiözese
Die Visionen der Bernadette gionaler Ebene, sondern auch auf der staatlichen des Geheilten weitergeleitet, der den kirchlichen
Soubirous und der Beginn Ebene des französischen Zweiten Kaiserreichs. Prozess der Wunder-Anerkennung in Gang setzen
der Wunderheilungen in An einem Detail sei dies angedeutet: kann. Dies ist bei bislang ca. 1300 medizinisch
Lourdes. Regensburg 2003.
Louis Napoleon (1808–1873), ein Neffe Na- unerklärbaren Heilungen erst für 67 bis zum Ende
• Robert Jütte, Geschichte poleons I. (1769–1821), war 1848 zum Präsiden- durchgeführt worden. Die Kirche ist stets äußerst
der Alternativen Medizin. ten der Zweiten Republik gewählt worden; 1851 zurückhaltend gewesen, unerklärbare Heilungen
Von der Volksmedizin zu den führte er einen Staatsstreich aus und ließ sich als Wunder anzuerkennen. Ein entscheidender
unkonventionellen Thera- im Folgejahr vom Senat zum Kaiser Napoleon Unterschied ist vielen Laien und auch Medizi-
pien von heute. München III. erheben. Seine Frau war Eugénie de Montijo nern, die in Lourdes das Wort ergriffen haben,
1996. (1826–1920), eine katholische Adlige aus Spani- entgangen: der Unterschied zwischen „unerklär-
en. Im Gesamtgefüge eines monarchischen Po- baren“ Heilungen, die sich jeder menschlichen
• Eckart R. Straube, Heil-
samer Zauber. Psychologie pulismus, der die Landbevölkerung gegen die Fassbarkeit entziehen, und „unerklärten“ Heilun-
eines neuen Trends, Mün- republikanische Elite in Paris ausspielte, wur- gen, die nach zeitgenössischem Kenntnisstand
chen 2005. den Bernadette Soubirous und der Heilbetrieb in (noch) nicht zu erklären sind, bei denen aber mit

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Fotografie von Bernadette Soubirous, 1863/64, in pyrenäischer
Tracht. Die Aufnahme wurde Jahre nach den Visionen im Studio nachge-
stellt; Bernadette ist die erste Heilige, von der Fotografien existieren.

Wunderheilung in der Moderne. Seit dem Beginn


der Wallfahrt, die zufällig in das Epochenjahr
1858 der naturwissenschaftlichen Medizin fiel,
ist der Drang zur Objektivierung der Wunderhei-
lungen erkennbar. Dem Katholizismus zugeneig-
te Vertreter der naturwissenschaftlichen Medizin
versuchten – und tun dies bis heute – im lokalen
Ärztebüro Fälle von Heilungen zu begutachten.
Darin erweist sich einmal mehr die seit der zwei-
dem wissenschaftlichen Fortschritt eine Erklä- ten Hälfte des 19. Jh. zunehmende Deutungs-
rung mit der Zeit möglich erscheint. macht der Medizin: Dieselbe Medizin, die im
In Paris gab es gegen Ende des 19. Jh. eine säkularen Bereich für sämtliche Phänomene von
einflussreiche Strömung der Universitätsmedi- Gesundheit und Krankheit die entscheidende In-
zin, die den Wundercharakter der Heilungen stanz ist, wird – nicht zuletzt von der Kirche selbst
von Lourdes schlankweg bestritt. Leitgestalt – herangezogen, auch über die Wunderheilun-
war der Psychiater und Neurologe Jean-Martin gen zu urteilen. In der praktischen Umsetzung
Charcot (1825–1893), der mit seinem Traktat La war die Tätigkeit des Ärztebüros grundsätzlich
foi qui guérit („Der Glauben, der heilt“) 1892 eine fehleranfällig. Häufig war die wichtige Unter-
psychiatrische Deutung des Heilbetriebs postu- scheidung zwischen „unerklärbar“ und „(noch)
lierte. Seine positivistische, anti-klerikale und unerklärt“ den Ärzten nicht geläufig. Die Kirche Pilger in der
republikanische Einstellung prägte auch den selbst sah dies und trug dem Rechnung, indem Lourdesgrotte mit
Schriftsteller Émile Zola (1840–1902), der 1894 von den rund 1300 medizinisch „unerklärbaren“ einer Madonnenstatue.
nach Recherchen am Wallfahrtsort einen Roman Fällen nur 67 als Wunderheilungen anerkannt Bernadette Soubirous
„Lourdes“ veröffentlichte. wurden. fand auf Geheiß in einer
Der renommierte Autor war von den lokalen Die Frage, ob und inwieweit es sich bei diesen der Visionen eine Quel-
Autoritäten in Lourdes, einschließlich des Ärzte- Fällen um „Wunder“ handelt, fällt kaum in das le, deren Wasser bis
büros, ehrerbietig empfangen worden, hatte man Gebiet der Medizin. Die zuletzt äußerst seltenen heute heilende Wirkung
doch gehofft, von seinem literarischen Glanz zu Fälle von Heilungen, etwa von Sarkomen mit nachgesagt wird.
profitieren. Zola indes konstruierte in seinem Ro-
man eine als skandalös empfundene Liebesge-
schichte um einen katholischen Priester. Zudem
scheute er sich nicht, die bereits aktenkundigen
Heilwundergeschichten verändert darzustellen,
um den gesamten Heilbetrieb zu diskreditieren.
Das Buch wurde ein Bestseller. Den Anhängern
von Lourdes erschien Zola – vom dem man zuvor
gehofft hatte, ihn auf die eigene Seite ziehen zu
können – geradezu mit dem Satan persönlich im
Bunde. Als Zola und seine Frau 1902 infolge eines
schadhaften Kamins im Schlaf an einer Kohlen-
monoxid-Vergiftung starben, erschien das man-
chem Zeitgenossen als verdientes Strafwunder,
das den frevelhaften Kritiker ereilt habe.

Wunderheilung –
Wunsch und Wahrnehmung
Das Beispiel der Heilungen von Lourdes steht
für eine zeit- und kulturspezifische Suche nach

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welt und umwelt der bibel 2/2015
tödlicher Prognose, ließen sich auch als Spontan- Die Wunder Jesu
heilungen – also Heilungen durch körpereigene Ein Mammutwerk, an dem
Mechanismen, die nicht auf therapeutische Ein- über 70 (!) evangelische und
wirkung zurückzuführen sind – deuten, die in der katholische Theologinnen
medizinischen Weltliteratur in den letzten Jahren und Theologen mitgearbeitet
übrigens wesentlich häufiger beobachtet werden haben. Im ersten Teil des
als Heilungen in Lourdes. Bandes bieten ausgezeich-
Medizinhistorisch interessant am Phänomen nete Beiträge einen umfas-
Lourdes ist der bis ins 21. Jh. anhaltende Wunder- senden Einstieg in den Kontext der Wunderer-
glaube selbst, der die Wallfahrten beseelt und die zählungen, was besonders die Heilungswunder
Hochgestimmtheit der Pilger, gesunder wie kran- betrifft: Grundlegende Hinführung, Weltbild,
ker, bewirkt. Hier ergibt sich eine Traditionslinie, antikes Medizinwesen, Krankheitsbilder, Dämo-
die von den Heilkulten der Antike (Asklepios) über nen, antike Wundertäter, Wundertheologie in Un-
die Heiligenverehrung im Mittelalter bis in die Neu- terricht und Predigt. Im zweiten Teil des Bandes
zeit reicht. Die Heilhoffnung aus der Religion ist in wird jede einzelne Wundererzählung – in der
der Epoche der naturwissenschaftlichen Medizin Logienquelle Q, den Evangelien und apokryphen
keineswegs verschwunden. Interessanterweise Evangelien – nach einem ansprechenden Raster
sind im gegenwärtigen religionsfernen Medizinbe- ausgelegt. Die Vielfalt der Autoren spiegelt eine
trieb neue Formen spiritueller Heilweisen hervor- hermeneutisch gewollte Vielfalt der Deutun-
getreten, die insbesondere in der sogenannten „al- gen, die aber nicht verwirrt, sondern reich und
ternativen“ Medizin um sich greifen. Hier scheint lebendig ist. In Arbeit ist der zweite Band: „Die
Spiritualität als Ersatz für Religion zu wirken. In der Wunder der Apostel“.
Vormoderne galten Wunder als Zeichen der Macht Ruben Zimmermann (Hg.) in Zusammenarbeit mit
(eines) Gottes; den Glauben konnten sie jedoch D. Dormeyer, J. Hartenstein, C. Münch, E. E. Pop-
nicht „beweisen“, wurden doch auch „falsche“ kes, U. Poplutz, Kompendium der frühchristlichen
Götter und Dämonen für fähig gehalten zu heilen. Wundererzählungen, Band 1: Die Wunder Jesu,
In der Moderne gelten Wunder als Durchbrechung ISBN 9783579081205, 1.096 S., Gütersloher
der naturgesetzlichen Kausalität. Folgerichtig Verlagshaus 2013, EUR 58,–.
sucht man objektive, „messbare“ Wunder. Im Feld
der Wunderheilungen von Lourdes – und gelegent- Geschichte der Medizin
lich auch andernorts – hat die naturwissenschaftli- Der kleine Band bietet
che Medizin die Aufgabe übernommen, Heilungen neben der historischen
zu begutachten: im Bewusstsein ihrer auch sonst Hauptlinie eine Reihe un-
kaum angreifbaren Deutungsmacht. Dies führt gewöhnlicher Seitenblicke.
dazu, dass Mediziner Wunderheilungen per Kran- Leven hebt hervor, dass
kenakte erfassen möchten und nebenbei eine Art Medizin in ihrer Geschichte
Gottesbeweis für seltene Kirchgänger liefern. Wun- auf menschliche Grundbe-
derheilungen scheinen solcherart in das Konzept dürfnisse reagiert – und dies je abhängig vom
der naturwissenschaftlichen Medizin integrierbar. sozialen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen
Hingegen untersucht das Fach (Para-)Psycholo- und politischen Kontext.
gie „unerklärbare“ Heilungen und verwandte Er- Karl-Heinz Leven, Geschichte der Medizin, Beck
scheinungen in ihrem jeweiligen soziokulturellen 2008, ISBN 9783406562525, EUR 8,95.
und biografischen Umfeld. Schließlich sind hin-
sichtlich der „Wunderheilungen“ auch die aus der
Prof. Dr. med.
naturwissenschaftlichen Medizin geläufigen Phä- Gesundheit und
Karl-Heinz Leven
lehrt Geschichte
nomene des Placeboeffekts und der Spontanhei- Krankheit
der Medizin an der lung zu berücksichtigen. Aus medizinhistorischer Welche Anstöße können die
Universität Erlangen- Perspektive ist nicht das Wunder selbst, sondern biblischen Texte im Umgang
Nürnberg. Einer seiner der Glaube an Wunder in seinem kulturellen Kon- mit Gesundheit und Krank-
Schwerpunkte liegt in text zu erforschen. Die lange Geschichte der Wun- heit geben? In gewohnt ak-
der antiken und byzan- derheilungen erweist zum einen ein Grundbedürf- tualisierender und kritischer
tinischen Medizin.
nis des Menschen nach Hilfe in einer spezifischen Form geht diese Ausgabe
U. a. ist von ihm er-
schienen „Geschichte
Situation von Krankheit, Hinfälligkeit und Schwä- des Magazins Bibel heute darauf ein, wie die
der Medizin. Von der che; zum anderen zeigt die lebendige Tradition der Kraft Gottes für Menschen Heilung sein kann.
Antike bis zur Gegen- Pilgerfahrt zu religiösen Heilorten, dass dies für vie- Bibel heute Nr.182, Katholisches Bibelwerk e. V.
wart“ (s. Büchertipps). le Menschen auch heute ein Weg der Hoffnung ist. W 2010, EUR 6,90 (Bestellmöglichkeit rechts).

74 welt und umwelt der bibel 2/2015


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BücHerTIPPS

Ärzte in der Antike


Ein sehr verständlicher Einstieg in die antike Medizin. Porträts vieler griechischer und römischer Ärzte bringen
über die Biografien ihre Erkenntnisse nahe, ihre Gesundheitskonzepte und die Ärzteschulen. Mit Quellentexten
(Angaben manchmal unzureichend), Abbildungen, Exkursen (etwa zu Gehirnchirurgie, Frauen im Arztberuf) und
Anekdoten ein kurzweiliges Lesevergnügen.
Heike Achner, Ärzte in der Antike, ISBN 9783805340588, 168 S., von Zabern 2009, EUR 29,90.

Neutestamentliche Wundergeschichten
Ein Band, der nicht zufällig bereits in der 3. Auflage erschienen ist. Als Grundlagenwerk mit überschaubarem
Umfang bietet er fundierte Informationen: über das antike Umfeld der Erzählungen im Neuen Testament, die
Überlieferungsgeschichte, über Jesu Handeln als Wundertäter und über die innerneutestamentliche Wunderkri-
tik. Für theologische Praktiker bietet der Band seit Jahren religionspädagogische Anregungen, wie man mit den
Erzählungen in Schule oder Gemeinde arbeiten kann.
Bernd Kollmann, Neutestamentliche Wundergeschichten, ISBN 9783170213760, 240 S., 3. Aufl., Kohlhammer
2011, EUR 20,–.

Heilungen und Wunder


Der Sammelband vereint ein Spektrum an Zugängen zu den Heilungserzählungen Jesu: theologische, histori-
sche, medizinische, psychologische ... Das ist die Stärke dieses Werks: die fundierten, anregenden interdiszipli-
nären Deutungen ermöglichen den Lesenden eigene Wege mit den Erzählungen.
Josef Pichler, Christoph Heil (Hg.), Heilungen und Wunder, ISBN 9783534200740, 302 S., WBG 2007, EUR 59,90.

Antike Heilkunst (Quellentexte)


Hippokrates, Dioskurides oder Galen: Die medizinischen Texte der Griechen und Römer erlauben Einblicke in
die erstaunlichen Kenntnisse der Physiologie, Anatomie, Pharmakologie ...
J. Kollesch/D. Nickel (Hg.), Antike Heilkunst, Ausgewählte Texte, Reclam, 251 S., ISBN 9783150093054, EUR 7,–.
Übersetzungen der altorientalischen und ägyptischen heilkundlichen Texte findet man in „Texte aus der Umwelt
der Alten Testaments“ (TUAT), Bd. 5, Texte zur Heilkunde (Angaben Seite 32).

Hinweise Bildrechte
Publikationen aus dem DeAgostini/Leemage Titel, 34/35 Deror Avi 48 links
Clara Amit, courtesy of the Israel Antiquities Authority 2, 4 beide Universität Jena 51
Katholischen Bibelwerk e.V. Griechisches Kulturministerium 3 oben flik47/123rf.com 52
M. Machowski 3 unten Andreas Müller 63, 65 oben
können Sie bestellen unter Einsamer Schütze 66 oben, unten
Caroline Maufroid/La Collection 6-7
Tel. 0711-6 19 20 50 Public Domain 8, 12, 17, 22, 48 re, 58, 60, 73 oben Alberto Lavezzo - Fotolia.com 68/69
Sailko 9 High Contrast 71
Fax 0711-6 19 20 77 123rf.com 11 fotolandsicilia - Fotolia.com 73 unten
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Selva/Leemage 15, 57 fotolia 76/77 (Joerg Sabel), 94
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The Art Archive / Superstock 25 Vincent Michel 79 oben li und Mitte
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Ny Carlsberg Glyptotek, Copenhagen, Ole Haupt 28 Institut für Papyrologie, Universität Heidelberg 83
Matt Neale 29 Josse/Leemage 85-87
Alle lieferbaren Bücher Thomas Staubli/ Benny Mosimann 30 City & County of Swansea: Swansea Museums Collection 88
können Sie bestellen bei Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg Schweiz 33 alle Z. Radovan, Jerusalem 89
Marie Lan Nguyen 36, 66 Mitte, 70 Jens Märker/pixelio.de 91 oben li
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Fax 0711-6 19 20 30 Luisa Ricciarini/Leemage 40 rem Foto: Jean Christen 93 oben
impuls@bibelwerk.de Fototeca/Leemage 43 Rijksmuseum van Oudheden 93 unten li
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welt und umwelt der bibel 2/2015 75
aus der welt der bibel

76 200219135015B6-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de


welt und umwelt der bibel 2/2015
INHAlt

78 bis 83
Panorama
Fund im Nordirak mit seltener
liturgischer Ausstattung
Religiöse Bilder im Islam: Verboten?
Ausgrabungen im Circus von Karthago

84 bis 87
die bibel in berühmten Gemälden
Auferstehung Christi von Hans Memling

88 bis 90
die großen entdeckungen
Der Kyrus-Zylinder

91
ihre Frage an die experten
Wie datiert man das älteste Evangelium?

92 bis 93
ausstellungen und Veranstaltungen

Vatikanische Museen

Gefälschte Mumien im Museum

I n den Vatikanischen Museen sind zwei vermeintlich aus der ägyp-


tischen Pharaonenzeit stammende Mumien als Fälschung ent-
larvt worden. Eine Laboruntersuchung der beiden Sammlungsstü-
cke habe ergeben, dass es sich um Nachbildungen aus dem 19. Jh.
handele, heißt es unter Berufung auf die Leiterin der ägyptischen
Abteilung der Museen, Alessia Amenta. Die Fachleute der Vatikani-
schen Museen hätten in gründlichen Untersuchungen nachweisen
können, dass es sich bei den 60 cm großen Mumien nicht um jahr-
tausendealte sterbliche Überreste handele, sondern um Knochen-
teile von Erwachsenen aus dem Mittelalter. Das zur Mumifizierung
verwendete Harz stamme außerdem nicht aus Ägypten, sondern aus
Europa. Echt seien nur die verwendeten Binden. W (KNA)

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welt und umwelt der bibel 2/2015 77
PANoRAMA

autonoMe Region kuRdistan iM iRak Bazian

Klosteranlage mit seltener


liturgischer Ausstattung
in der autonomen Region kurdistan im nordirak wurde trotz der kritischen
politischen Lage in den letzten Jahren eine frühchristliche kirche mit außer­
gewöhnlicher liturgischer ausstattung untersucht. die ergebnisse wurden jetzt
veröffentlicht.

I n Mesopotamien lassen sich die Kirchen, die


bis in die ersten Jahrhunderte des Christen-
tums zurückreichen, an den Fingern einer Hand
len Ausdehnung zwischen dem 5. und 6. Jh. nC.
Die Kirche mit Basilika-Grundriss war nach Os-
ten ausgerichtet und nahm den zentralen Platz
abzählen. Noch seltener sind diejenigen, die inmitten einer befestigten, fast quadratischen
nach archäologischen Maßstäben ausgegraben Umfassung mit rund 40 m Seitenlänge ein (vgl.
wurden. In beiden Punkten war die alte Diöze- Luftbild). Im Norden wurde sie von einem Wohn-
se von Bet Garmaï im irakischen Kurdistan an bereich flankiert und im Westen von einem Hof
der Grenze zum Iran besonders arm – jedenfalls und einem Lagerhaus; die Südpartie war leider
bis in die 1980er-Jahre, als in Bazian, ungefähr zerstört worden. Wohnquartiere fanden sich
100 km südöstlich von Erbil, zufällig eine klei- nicht, auch nicht in der Nachbarschaft, aber V.
ne Klosteranlage entdeckt wurde. Die dringend Déroche vermutet, dass sie in den oberen Stock-
notwendige Grabung wurde von der örtlichen werken untergebracht waren. Anfänglich be-
Archäologiebehörde vorgenommen und förderte stand die Anlage aus dem im Nordwesten erhal-
Abbasiden
eine frühbyzantinische Kirche mit einer außerge- tenen Gebäude und einem Hof mit Säulenhalle.
die dynastie der abbasi­
den löste 750 die umayy­
wöhnlichen liturgischen Ausstattung zutage. Es Unter dieser Kernanlage entdeckten die Archäo-
aden in der Regierung des handelte sich um ein bêma, eine Art halbkreis- logen Böden, die einem früheren Baubestand
kalifats ab. förmiges Podest, das mittig im Kirchenschiff dem angehörten. Es ist unklar, ob sie bereits zu einer
Chor gegenüber eingebaut war und mit der Apsis religiös genutzten Anlage gehört hatten. Die ge-
durch einen schmalen Gang namens shqaqouna fundenen Keramikgegenstände datieren in die
verbunden war. Hier saßen der Bischof und der Zeit der Sassaniden, also nicht vor das 4. Jh. nC.
Sassaniden feiernde Klerus während der Liturgie des Wortes.
eine dynastie des Perser­ Auf dem Gang schritten sie zum Altarraum für
reiches, die von 226 nc bis die Eucharistiefeier. Die Funktion und Symbolik Wie sah das religiöse Leben aus?
zur eroberung durch die dieser Anordnung waren aus Liturgiekommen- Das bêma im Kirchenraum war leider bei voraus-
araber 636 über Meso­ taren syrischer Autoren schon seit der Zeit der gehenden Arbeiten zu sehr „gereinigt“ worden,
potamien und den iran Abbasiden bekannt. Allerdings hatten diese Ein- sodass auch alle Spuren des Zelebrantenthrons,
herrschte. richtungen – abgesehen von einigen im nordsy- die die irakischen Ausgräber noch gesehen hat-
rischen Kalkmassiv bezeugten Beispielen – nur ten, beseitigt waren. Immerhin war eine schöne
spärliche archäologische Spuren hinterlassen, Plattform mit 86 cm Höhe erhalten geblieben,
da sie meist aus Holz gewesen waren. eingesäumt von einer gemauerten Sitzbank
Basilika-Grundriss Im Jahr 2011 wurde die Ausgrabung einem und einer Pultbasis in der Südwestecke sowie
der kircheninnenraum französischen Team unter Leitung des Byzanti- dem shqaqouna-Gang zwischen seinen beiden
ist durch säulen­ oder
nisten Vincent Déroche übertragen. Déroche hat Brüstungen. Erstaunlich war das Ausmaß die-
Pfeilerreihen in drei oder
jetzt die ersten Ergebnisse in der interuniversi- ser Ausstattung. Sie beansprucht fast die ganze
mehr Längsschiffe geteilt.
tären Zeitschrift „Les Routes de l’Orient“ veröf- Länge des Mittelschiffs für sich und warf überra-
das mittlere schiff ist
erkennbar höher als die fentlicht. schend die Frage nach dem Platz für die Frauen
seitlichen schiffe und Dank der präzisen Erfassung der Funde kön- auf. Vincent Déroche erklärte: „In syrischen Kir-
besitzt eine hochgelegene nen die Archäologen die Organisation des Klos- chen sind Männer und Frauen nicht zusammen.
Fensterzone. ters und seine Entwicklung nachvollziehen. Der Nach den von der Archäologie bestätigten Quel-
heute erhaltene Zustand entspricht der maxima- len hatten Männer und Frauen auf der Südseite

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welt und umwelt der bibel 2/2015
PANoRAMA

oben links: das Bema


in der Kirche von bazi-
an. ein seltenes Zeugnis
einer liturgischen Platt-
form für die Gottes-
dienstleiter. ein eigener
kleiner Gang führte in
den altarbereich.

oben rechts: nestori­


anisches kreuz auf
einer steinplatte, die
vermutlich das Haupt-
portal schmückte.

unten links: Blick zur


getrennte Eingänge, wobei derjenige der Frauen das entweder die Laien im Gegensatz zu den Kle-
apsis der frühbyzanti-
nischen Kirche. bema
hinter das bêma führte, sodass sie außer Sicht- rikern oder wiederum die Frauen? Sie sehen, wir
und Gang sind rechts
weite des Klerus blieben. Aber wenn Sie den Plan haben mehr Fragen als Antworten!“
am bildrand erkennbar.
hier ansehen, funktionierte dieses Prinzip nicht. Von den gefundenen Münzen gehören einige in
Das heißt, es gab in Bazian keine Frauen oder sie die Zeit der Sassanidenherrschaft (226–636 nC). In
unten rechts: Luftbild
hatten ihren Bereich anderswo – zum Beispiel einem unlängst erschienenen Aufsatz erinnert
der gesamten anlage. in
vielleicht im Nordflügel? Uns fehlen die Anhalts- der Historiker Richard Payne von der Universität der Mitte ist die Kirche
punkte, um das sagen zu können.“ Chicago daran, dass diese iranische Dynastie, erkennbar.
Spuren hinter dem Altarraum weisen auf einen die dem Zoroastrismus angehörte, die Ausbrei-
Reliquienkult. In der Rückwand waren vier Ni- tung von christlichen Gemeinden förderte. Offi-
schen angebracht, in denen offensichtlich Lämp- ziell anerkannt wurde die orientalische Kirche
chen gebrannt hatten, was – unter anderem – das dann im Jahr 410 von Yazdegerd I. Von da an
Zeichen einer besonderen Verehrung ist. „Beach- erlebte die Christenheit unter der Protektion der
ten Sie, dass im Nordostwinkel des Korridors eine für die religiöse Vielfalt offenen zoroastrischen
Treppe auf eine direkt senkrecht über der Krypta Könige eine Blütezeit. Die Eroberung des Reichs
gelegene kleine Terrasse führte“, sagte Déroche. im Jahr 636 scheint das nicht entscheidend ver-
„Das könnte der ‚krönende Abschluss‘ eines ändert zu haben. Die aus der Vergangenheit
frommen Umgangs für ein Publikum gewesen wieder aufgetauchte Ruine von Bazian bezeugt
sein, das die Krypta nicht betreten durfte: Waren diese christliche Blütezeit. W (MdB)

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welt und umwelt der bibel 2/2015 79
PANoRAMA

ReLigiöse BiLdeR iM isLaM


Handschriftenabteilung der Französi-

Verboten?
schen Nationalbibliothek, die im Jahr
2011 eine Ausstellung zur „Buchmalerei
im Islam. Zwischen Abstraktion und fi-
gürlicher Darstellung“ betreute. Sie er-
läutert im Gespräch die Problematik von
Bild und Bilderfeindlichkeit im Islam.
die Frage, ob und wie weit religiöse darstellungen von Lebewe­
sen – insbesondere des Propheten Muhammad – im islam erlaubt Der Blick in die Vergangenheit zeigt,
dass es in der muslimischen Welt fi-
sind oder nicht, ist leider nicht nur eine theoretische, sondern kann
gürliche Abbildungen gab und gleich-
inzwischen zu tödlichen konsequenzen führen. doch wie klar sind zeitig, dass diese umstritten waren.
die anweisungen des koran in dieser Frage? annie Vernay­nouri Offensichtlich ist es wichtig zu diffe-
renzieren, was erlaubt war und was
von der abteilung für orientalische handschriften der Französi­
nicht, je nach Art der Bücher: ob sie
schen nationalbibliothek gibt auskunft. sakraler oder profaner Art waren, aus
welcher historischen Zeit und vor al-
lem aus welchen kulturellen Kontex-
ten sie stammten.

I m Iran entstanden seit 2006 verschie-


dene Publikationen über das Leben
des Propheten Muhammad, insbeson-
(Herderkorrespondenz 3/15), dass die
meisten Muslime in ihrer Wahrnehmung
nicht zwischen dem Bild des Propheten
Annie Vernay-Nouri: Zunächst einmal
sollte man lieber von „muslimischen
Welten“ sprechen, denn die muslimische
dere seine Kindheit. Sie stellen den Pro- und seinem Körper unterscheiden, so- Welt ist sehr vielfältig und vereint im
pheten bildlich dar, auch wenn seine Ge- dass eine satirische Darstellung des Pro- Lauf ihrer Ausbreitung drei sehr unter-
sichtszüge nicht zu erkennen sind. Dies pheten nichts anderes sei, „als ein dem schiedliche kulturelle Welten in sich: die
zeigt, dass auch heute unterschiedliche Menschen niemals zustehender Über- arabische Welt, in der alles angefangen
Auffassungen innerhalb der muslimi- griff auf das Göttliche“. Dagegen habe hat, sodann den persischen Raum und
schen Welt darüber bestehen, ob und sich in der abendländischen Kultur über schließlich den türkischen Kulturkreis.
wie der Prophet dargestellt werden darf. Jahrhunderte hinweg eine Distanz zwi- Aus politischer Sicht gab die historische
Dabei ist der Blick auf religiöse Bilder in schen Bild und Mensch – egal, ob welt- arabische Macht derjenigen aus dem
der westlichen Kultur nicht zu verglei- lich oder geistlich – gebildet. Doch auch persischen Raum den Vortritt. So ent-
chen mit dem Blick innerhalb des Islam. im Islam findet sich eine Entwicklung in stand eine eigene Kultur, namentlich be-
Professor Hubertus Lutterbach von der dieser Frage. züglich des Bildes. Daneben trat ab dem
Universität Duisburg-Essen erläutert in „Welt und Umwelt der Bibel“ hat 15. und 16. Jh. mit den Osmanen die tür-
einem aktuellen Aufsatz zum Bilderver- mit Annie Vernay-Nouri Kontakt auf- kische Macht auf den Plan. Schließlich
ständnis im Christentum und im Islam genommen, der Konservatorin in der kam es zu einer weiteren Kulturvermi-
schung, da etwa türkische Dynastien wie
die Ilkhaniden (1256–1334), Nachfahren
des Mongolen Dschingis Khan, oder in
ihrem Gefolge die Timuriden des Tamer-
lan (1370–1507) zwar türkischer Abstam-
mung waren, jedoch die persische Kultur
übernahmen.

Erklären diese Kontexte die Existenz


figürlicher Darstellungen von Lebe-
wesen in der Profankunst und ihr
Fehlen im heiligen Buch und also das,
was erlaubt oder verboten ist?
Im Koran selbst steht praktisch nichts
von einem Verbot figürlicher Abbildun-
gen, im Gegensatz zum Alten Testament
(Dtn 5,8; Ex 20,4). Allerdings kann man
auf die Nennung von „Idolen, Götzenbil-
dern“ in Sure 5 verweisen, die zu meiden

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welt und umwelt der bibel 2/2015
BIBlIsCHE ARCHäologIE AKtuEll

rechts: zerstörtes gemälde in


isfahan (iran), Zeugnis der auseinan-
dersetzung um figürliche darstellun-
gen in der muslimischen welt. Chehel
sotun-Palast (40-säulen-Palast). die-
ses wandfresko aus dem 17. Jh. im
Palastinneren wurde von revolutions-
wächtern 1979 oder 1980 zerkratzt.

links: koranschriften weisen keine


figürlichen darstellungen von lebe-
wesen auf. als schmuckelement hat
sich daher die Kalligrafie besonders
ausgebildet. Koranhandschrift in kufi-
scher schrift: sure an-Najm und sure
al-Qamar. 9. Jh. Pergament, Kairouan
(tunesien).

seien. Der Koran als Gotteswort ent- spielte oder flache, schattenlose Formen wissenschaftlichen Werken, worin es um
stand im Kontext eines polytheistischen ohne Relief oder Perspektive schuf. Theologie, Recht oder die Hadiths geht.
Arabien, wo es keine Bilder gab oder je- Diese absolute Regel wurde nie gebro-
denfalls nur wenige Darstellungen von Wann tauchten die ersten figürlichen chen: Die arabischen, persischen oder
„Idolen“ oder paganen Götterstatuen. Abbildungen des Propheten Muham- türkischen religiösen Bücher enthalten
Im Ur-Islam bestand also kein Grund, mad auf? niemals figürliche Bilder. Einerseits sind
etwas zu verbieten, was es so gut wie Die arabischen Autoren Al-Dînawarî und Koranausgaben mit geometrischen Fi-
nicht gab. Als zweihundert Jahre später Al-Mas’ûdî sprechen beiläufig davon, guren und Arabesken von größter Kom-
mit den Hadiths (Überlieferungen über dass es ab dem 9. und 10. Jh. vereinzelt pliziertheit und mit einer mehr oder
Taten und Worte des Propheten) die Porträts des Propheten gab, aber kein weniger versteckten symbolischen Sinn-
Taten und Worte des Propheten fixiert Dokument bestätigt ihre Aussagen. Die gebung ausgeschmückt. Damit verherr-
wurden, entstand eine feste Norm: Der Ikonografie des Propheten entwickelte licht die Kalligrafie das Wort Gottes.
Künstler darf keine Lebewesen abbil- sich erst spät, im 13. und 14. Jh. im Iran Andererseits findet die figürliche Dar-
den, denn er würde damit etwas nach- unter den Ilkhaniden (1290–1336), einer stellung des Propheten in bestimmten
ahmen, womit er in Konkurrenz mit Gott Dynastie mongolischen Ursprungs, de- Epochen und an bestimmten Orten – je-
und seiner Schöpfung treten würde. ren Prinzregent Ghazan Khan sich um doch nie in der arabischen Welt – in pro-
Denn der Schöpfer aller Dinge kann al- 1295 zum Islam bekehrte. Dieses aus fanen Büchern ihren Platz, wie etwa in
lein Gott sein. Zentralasien stammende Volk hatte eine den am Rand des Religiösen liegenden
Andererseits stießen ab dem 7. Jh. Hybridkultur, in der mehrere Religionen Gattungen, wie der „Geschichten der Pro-
die Muslime bei ihren Eroberungen nebeneinander existierten, der Buddhis- pheten“ oder in Geschichtschroniken.
auf byzantinische, sassanidische und mus, das Christentum und der Manichä-
asiatische Abbildungen. So entstand im ismus, also Kulturen, die über eine Bil- Ist die Form der Darstellung von An-
Islam die Bilderfeindlichkeit aufgrund dertradition verfügten. Das brachte ein fang an festgelegt?
theologischer Überlegungen. In den anderes Verhältnis zum Bild mit sich. In den ersten Werken aus dem 14. Jh.
religiösen Büchern gibt es absolut keine Die ersten bildlichen Darstellungen Mu- weist das Gesicht des Propheten keine
Bilder. hammads stammen von dort. besonderen Merkmale auf. Später bilden
Das Entstehen profaner Gattungen, die Künstler sein Gesicht in einer Garbe
zunächst naturwissenschaftlicher, dann Damit war die Darstellung des Pro- goldener Flammen ab, die ein mehr oder
literarischer, poetischer und historischer, pheten erlaubt. Kam es zu weiteren weniger großes Ausmaß annimmt. Ab
gestattete den Gebrauch von Bildern und Entwicklungen? dem 16. Jh. wird es dann mit einem leich-
das Malen von Lebewesen oder beseel- Auch hier kommt es auf die feinen Unter- ten weißen Schleier verdeckt, sodass die
ten Dingen. Der Maler bildete mit seiner schiede an. Die Bilder, die Muhammad Menschen es nicht sehen können – ein
Miniatur eine erlaubte Realität nach, ver- oder die Propheten zeigen, finden sich Ausdruck der Ehrfurcht. W
zichtete dabei jedoch teils auf realistische nie in den heiligen Büchern, das heißt
Darstellungen, indem er mit den Farben den Koranausgaben und den religions- (Die Fragen stellte Isabelle Duranton.)

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welt und umwelt der bibel 2/2015 81
PANoRAMA

kaRthago

Der bedeutendste Circus in Nordafrika


ein circus war für eine römische stadt ein wichtiges kulturelles zentrum. in karthago wird jetzt
untersucht, wie das städtische Leben rund um den circus ausgesehen haben kann.

N ach dem Circus Maximus in Rom war der Circus von Kar-
thago die größte Arena für Wagenrennen im Römischen
Reich. Ob der Bau auch weitere Circusbauten im römischen
Nordafrika beeinflusst hat, ist eine der Fragen, die ein interna-
tionales Forscherteam unter der Leitung von Dr. Hamden Ben
Romdhane (INP Tunis) und Dr. Ralf Bockmann (DAI Rom) jetzt
in einer großräumigen topografischen Studie klären will. Das
Team verspricht sich von der Untersuchung des weitläufigen
Circusareals, das sich innerhalb der antiken Stadtmauern be-
fand, neue Erkenntnisse zur Entwicklung der Stadt Karthago
von der punischen Zeit über die römische und byzantinische
bis zur frühislamischen Zeit. Im Herbst 2015 soll die Grabungs-
kampagne beginnen. Doch eine Geo-Radar-Untersuchung hat
bereits unter dem Gelände des römischen Circus in Karthago
rechteckige Fundamente aufgezeigt, die offensichtlich aus frü- Wagenrennen im Circus mit Quadrigen, also Vierspännern.
herer Zeit stammten. Es ist also möglich, dass ursprünglich auf aus Karthago. bardo-Museum, tunis.
dem Areal punische Bauten standen, die für den Bau des Cir-
cus abgetragen worden sind. Da es sich um relativ große Fun- bauten? Bekannt ist, dass zu einem römischen Circus auch
damente handelt, vermutet Ralf Bockmann, dass es sich um Stallungen und Vereinsgebäude der verschiedenen Circus-
einen größeren Grabbau oder einen Altarbau handeln könnte. fraktionen gehörten. Darüber hinaus werden die Forscher
Das muss nicht bedeuten, dass die Römer für ihren Circus ei- untersuchen, wie sich das Gelände nach der römischen Zeit
nen funktionierenden Tempelbau abgetragen haben, denn ob entwickelt hat. Wurden in den gr0ßen Circusbau wie in Rom
das frühere Gebäude noch genutzt wurde, ist unklar. Dies ist Handwerksbetriebe oder kleinere Wohnungen eingebaut? Wie
eine weitere Frage, die die Archäologen mit Blick auf die Stadt- also wurde das römische Gebäude nach der arabischen Erobe-
entwicklung Karthagos beschäftigen wird: Was geschieht mit rung genutzt? Das Gelände des römischen Circus ist in Kartha-
einem bestehenden Stadtteil, wenn ein Circus geplant wird? go die letzte Chance, die Stadtentwicklung nachzuvollziehen,
Eine andere: Wie war der Circus in die Stadt eingebunden, wie denn auch hier drängt die moderne Ausdehnung der Stadt auf
wurden die Zuschauer geführt, und gab es zugehörige Neben- das Gelände. W (DAI/R. Bockmann; b.l./WUB)

Mitarbeiter der
arbeitsgruppe
archäogeophysik der
universität Köln bei
der Vermessung des
Prospektionsgeländes.

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PANoRAMA

koPtisches kLosteR
iM Wadi eL­natRun

Mönche wollen arabisch­griechi­


sche steuervor­
archäologi- schreibung aus dem
sche Stätten frühen 8. Jh. durch
die eroberung der
schützen araber veränderte sich
der ägyptische alltag
im 7./8. Jh., was sich
KairO Koptische Mönche auch in den erhaltenen
haben in Ägypten gegen den Papyri spiegelt. P.Heid.
Bau einer Straße durch ihr inv. a 12.
Klostergelände im Wadi El-
Natrun protestiert und legten
sich nach Berichten ägpyti-
scher Medien vor anrücken-
de Bagger, um das Projekt
zu verhindern. Die geplante
PaPYRi aus deR FRÜhzeit des isLaM
Verbindungsstraße zwischen
der Stadt Fayum und einem
nahe gelegenen Oasengebiet Wie veränderte sich der ägyptische
bedrohe das archäologische
Ausgrabungsgelände einer alltag in frühislamischer zeit?
Kirche aus dem 4. Jh. sowie
die Wasserversorgung des
Makarios-Klosters und der HeidelberG In einem neuen For- multikulturelle und multilinguale Gesell-
von den Mönchen bewirt- schungsprojekt der Universität Heidel- schaft mit altägyptischen, griechischen,
schafteten Felder, berichtete berg werden zahlreiche Papyri aus dem römischen und christlichen Traditionen.
der vatikanische Presse- 7./8. Jh. entziffert, übersetzt und kom- Mit der Eroberung durch muslimische
dienst Fides Ende Februar mentiert, um die Entstehung des Islam Truppen begann Ägyptens langsame Ent-
unter Berufung auf „einhei- weiter zu untersuchen. „Über diese All- wicklung zu einem arabischsprachigen
mische Medien in Ägypten“. tagszeugnisse erhalten wir wichtige Ein- und muslimischen Land.“
Nach dem Bericht hatten die blicke in die erste Phase der Transforma- Bei den Dokumenten handelt es sich
Mönche schon vor Beginn tion einer christlichen in eine muslimisch unter anderem um Briefe, Verträge, Quit-
der Bauarbeiten alternati- geprägte Gesellschaft“, erklärt Lajos Gy- tungen und Zahlungslisten. „Die Papyri
ve Projekte vorgeschlagen, örgy Berkes vom Institut für Papyrologie. dokumentieren zum Beispiel, wie allmäh-
die die historischen Bauten Mit rund 11 000 Objekten ist die Hei- lich Araber und Muslime in den ägypti-
und auch die Natur schüt- delberger Sammlung nach der Papy- schen Städten und Dörfern auftauchten.
zen würden. Die koptische russammlung in Berlin die zweitgrößte Sie zeigen aber auch das Verhältnis zwi-
Kirche hat inzwischen für derartige Einrichtung in Deutschland. schen den arabischen Herrschern und
weitere Alternativen eine In dem Forschungsprojekt befasst sich ihren Untertanen und bezeugen detail-
Arbeitsgruppe ins Leben ge- Lajos Berkes mit Papyri aus der Zeit nach liert die Verwaltung des früharabischen
rufen. Auch das Ministerium der arabischen Eroberung Mitte des 7. Jh. Staates und deren Wirkung auf die lokale
für antike Kulturgüter forde- „Bis dahin gehörte das ursprünglich von Bevölkerung. So mussten beispielsweise
re den ganzheitlichen Erhalt Alexander dem Großen eroberte Ägypten christliche Gemeinden Seeleute für An-
des Ausgrabungsgebietes im zum Römischen Reich, wobei ab dem 4. griffe gegen Byzanz oder verschiedene
Wadi El-Natrun. W (Agenzia Jh. das Christentum eine bedeutende Wir- Handwerker für den Bau von Moscheen in
Fides/KNA) kung ausübte“, erklärt der Wissenschaft- Jerusalem oder Damaskus stellen“, erläu-
ler. „So entwickelte sich eine komplexe, tert Berkes. W (Uni Heidelberg)

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welt und umwelt der bibel 2/2015 83
Die BiBel in BeRühmten gemälDen

Auferstehung Christi
(Triptychon)
Von Hans Memling

Von Régis Burnet

D ie Mitteltafel des Triptychons von Hans


Memling zeigt die Auferstehung Christi. Das
kleine Format weist darauf hin, dass das Werk
son einen Philister mit einem Eselskinnbacken,
rechts tötet er einen Löwen, indem er ihm das
Maul weit auseinanderreißt. Mit der Motivanord-
für die private Andacht bestimmt war, aber trotz nung geschieht die Absage an diese Grausamkeit
der begrenzten Bildfläche gelingt es Hans Mem- außerhalb des eigentlichen Bildbereichs.
ling, die religiöse Meditation auf großartige Wei-
se zu unterstützen. Der linke Flügel des Auferste-
hungs-Triptychons stellt das Martyrium des hl.
Zur Geschichte des Bildmotivs
Sebastian dar, der rechte Flügel eine ungewöhn- Das Verlassen des Grabes als Darstellung der Auf-
liche, weil verkürzt dargestellte Himmelfahrt: Es erstehung ist eine späte Erfindung in der Kunst
sind nur noch die Füße Jesu zu sehen. des Westens. Die östliche Auferstehungsikone
Bei der Mitteltafel beeindrucken die vielen stellt mit dem Abstieg Christi in die Vorhölle
Details, die aus den Evangelien von der Auferste- und mit der Errettung der Erzeltern Adam und
hung übernommen wurden: die Stadt Jerusalem Eva den Beginn der Erlösung dar. Lange Zeit be-
im Hintergrund, die drei Kreuze auf Golgota so- schränkte sich der Westen auf die Darstellung der
wie die Frauen, die zur Einbalsamierung kom- Frauen am Grab, so in Ravenna, oder auf Symbole
men und ein leeres Grab finden. Die von Pilatus wie das geopferte und lebende Lamm Gottes der
bestellten Wächter (Mt 28) erwachen allmählich, Apokalypse; der Pelikan, der seine Jungen tötet
ein Engel öffnet den Deckel des Sarkophags. Auf- und sie nach altem Glauben am dritten Tag mit
recht, in majestätischer Haltung steigt Christus seinem Blut zu neuem Leben erweckt; oder das
aus dem Grab und beherrscht die Szene in seiner glorreiche Kreuz mit dem Christusmonogramm,
ganzen Größe. Die Auferstehung, ein Gemälde, das aus dem Chi [X] und dem Rho [P] besteht. Erst
das der religiösen Betrachtung dient, ist trotz der vom 13. Jh. an zeigt die Malerei Christus, wie er
Feierlichkeit des Augenblicks ein sehr intimes, das Grab verlässt, das meist als Sarkophag oder
sehr sanftes Bild ohne eine Spur von Gewalt. Der als Altar abgebildet ist, da es liturgischer Brauch
schwebende Engel hebt mühelos den schweren war, zu Ostern eine Christusfigur auf den Altar zu
Steindeckel hoch. Gütig schaut Christus die Be- stellen. Die sicherlich berühmteste Darstellung
trachter an und hebt die Hand zur Segensgeste. dieser Episode ist das bedeutende Fresko von
Christus, so versichert der Künstler Hans Mem- Piero della Francesca in Sansepolcro in der Tos-
ling, hat den Tod, aber auch die Sünde besiegt, kana (1463–1465). Aldous Huxley, der Autor des
und sein Blick kündet von der Liebe, die verzeiht Buches „Schöne neue Welt“, bezeichnete es als
und jede Gewalt beendet. Wie zum Beweis malt das „schönste Gemälde der Welt“. In der Folgezeit
der Künstler über dem Rundbogen in Trompe- bevorzugt die Malerei den über dem Grab schwe-
l’œil-Manier zwei Figuren von ungewöhnlicher benden Christus, wie im Auferstehungsbild des
Brutalität: Auf der linken Seite erschlägt Sim- Isenheimer Altars von Matthias Grünewald.

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welt und umwelt der bibel 2/2015
Die bibel in berühmten gemälDen

Der historische Kontext jener tiefen Frömmigkeit entgegen, die


Das Gemälde
Gegen Ende des Mittelalters entstand großes Gewicht auf die Kontemplation Hans Memling, Triptychon der Auferste-
eine neue Spiritualität, die sich nicht des Erlösungsgeheimnisses legte. hung Christi (Mitteltafel), 1490, Öl auf
ausschließlich an die Kleriker richtete, Holz, 62 x 42 cm, Paris, Louvre.
sondern auch an die Gläubigen. In der
früheren mittelalterlichen Spiritualität
Der Maler
ging es darum, die Seele zu Gott zu er- Hans Memling (um 1435/1440–1494) war
heben, jetzt soll Christus im Herzen der einer der bedeutendsten Vertreter der
Gläubigen eine Wohnstatt finden. Die flämischen Malerei des 15. Jh. Er stamm-
individuellen Frömmigkeitsübungen, te aus Deutschland und ließ sich später
die Verrichtung inniger Gebete und die in Brügge nieder. Zu seinen Lebzeiten
Aufforderungen zu einer persönlichen war er ein hochgeschätzter Maler, geriet
Spiritualität verbreiteten sich gleichzeitig dann aber in Vergessenheit, bis ihn im
mit einer ständig wachsenden Zahl von 19. Jh. die deutschen Romantiker, darun-
Hausaltären. Das Triptychon entspricht ter Friedrich Schlegel, neu entdeckten.
mit seinen bescheidenen Maßen genau Memling trat das malerische Erbe der
dieser neuen Form der Frömmigkeit. Es Brüder van Eyck an, sein Stil zeichnet
erlaubte einer Privatperson die Feier der sich jedoch durch eine größere Einfach-
Eucharistie zu Hause oder auf Reisen, heit und eine Atmosphäre der Stille und
sofern dafür ein päpstliches Privileg vor- Sanftheit aus. Die meisten seiner Werke
lag, oder es unterstützte die tägliche An- sind in Brügge geblieben, so die „Mys-
dachtsübung. Die Entscheidung für die tische Hochzeit der hl. Katharina“, das
Darstellung der Auferstehung Christi, die „Triptychon des Jan Floreins“ (mit der
jeden Sonntag gefeiert wird und Kern der berühmten Anbetung der Könige) und
christlichen Botschaft ist, kam besonders der „Reliquienschrein der hl. Ursula“.

85
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Die bibel in berühmten gemälDen

1
3

1 Christus in seiner ganzen


Majestät und Sanftheit
Noch nicht ganz dem Grab entstiegen,
verkörpert Christus die Majestät und
die zärtliche Liebe Gottes. Seine Dar-
stellung entspricht den ikonografischen Gepflogenheiten. Christus
steht in aufrechter und kraftvoller Haltung da. Er lebt, eine Körper-
seite zeigt die Stichwunde und die rechte Handfläche das Wundmal
des Nagels. Die Wunden beweisen, dass er mit demselben Körper
auferstanden ist, mit dem er am Kreuz hingerichtet wurde. Christus
ist fast nackt, ein Symbol dafür, dass er der neue Adam ist, der Be-
ginn einer neuen, von der Sünde befreiten Menschheit. Gleichzeitig
trägt er einen herrlichen, von einer kostbaren Spange zusammenge-
haltenen Kaisermantel aus Purpur, um anzudeuten, dass er der Herr
der Welt ist. In der linken Hand hält er das traditionelle Zeichen der
Auferstehung: das Kreuz seiner Hinrich-
tung. Hier ist es ein prächtiges, mit Lilien
verziertes und durch Smaragde, Rubine
und Diamanten besonders hervorgeho-
benes Prozessionskreuz. Eine im Wind
2 Der Rundbogen im italienischen Stil
flatternde Fahne ist am Kreuz befestigt.
Wir sehen Christus kurz nach seiner Auf- In einem Rundbogen halten vier Putti (kleine Engel)
erweckung, er ist noch nicht völlig dem zwei Fruchtgirlanden, die Christus überwölben. Da-
Grab entstiegen, das – wie in der west- durch gibt Memling der Szene einen Rahmen und
lichen Kunst üblich – als Sarkophag ge- huldigt so dem italienischen Stil. Bekanntlich kommt
malt ist. dieses dichte Flechtwerk aus Blättern und Früchten
Die Auferstehung in der Darstellung auch bei Giovanni Bellini und Andrea Mantegna vor.
von Memling zeigt die Macht des Aufer- Die Girlanden sind bei den Italienern ein dekoratives
standenen; insofern bleibt der Maler den Element, hier jedoch gewinnen sie ihre eigentliche
Gewohnheiten der damaligen Zeit treu. Bedeutung durch ihre Symbolik. Sie verweisen auf die
Aber er macht aus diesem Christus ein Auferstehung und den Sieg über die Sünde. Letztere
lebendiges Abbild der göttlichen Sanft- wird durch die Äpfel symbolisiert, – sie sind die tra-
heit. Er zeigt ihn als sehr jungen Mann ditionelle Darstellung der verbotenen Frucht aus dem
mit zartem Bartwuchs und gelocktem Paradies. Oberhalb der beiden Säulen sind die bib-
Haar. Die rechte Hand deutet nach west- lischen Szenen mit Simson zu sehen. Auf der linken
licher Art – drei Finger für die Personen Seite erschlägt der Riese, nur mit einem Eselskinn-
der Dreifaltigkeit – eine Segensgeste an. backen bewaffnet, einen Philister (Ri 15). Auf der rech-
Ein leichter Strabismus (Schielen) lässt ten Seite zerreißt er mit bloßen Händen einen Löwen
seinen Blick liebevoll wirken und vermit- (Ri 14). Beide Vorgänge wurden gelegentlich in typo-
telt den Eindruck, als blicke Christus den logischer Auslegung als Sieg von Christus über den
Betrachtern tief in die Augen. Tod verstanden.

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welt und umwelt der bibel 2/2015
Die bibel in berühmten gemälDen

4 Eine symbolische Landschaft


Die Landschaft in dieser Szene ist in hohem Maße symbolisch.
Links liegt Golgota, die Stätte des Todes mit drei hoch aufra-
genden Kreuzen, übersät von Gebeinen und Schädeln, die
ihre düstere Bestimmung unterstreichen. Rechts im Licht des
Sonnenaufgangs liegt das golden schimmernde Jerusalem, die
Stadt des Heils. Memling malt sie vom Hörensagen wie eine Al-
legorie. Der Felsendom wird zu einer großartigen Kuppelkirche
und ist mit dem Gebäude im Hintergrund wahrscheinlich die
bildliche Darstellung des Tempels. Die Türme gleichen denen
der Länder im Norden, und so wirkt dieses Jerusalem wie eine
Art exotisches Brügge. Das ist nicht einfach ein Anachronismus,
sondern bewusste Aktualisierung: Die Auferstehung ereignet
sich in der unmittelbaren Gegenwart der Betrachter und ihrer
Welt. Mit erstaunlicher Präzision malt Memling die drei Frauen
auf dem Weg. Sie alle tragen ein weißes Parfümfläschchen, un-
terscheiden sich aber völlig in Kleidung und Haltung.
3 Soldaten im Halbschlaf
Auf vielen Gemälden fallen die Wachsoldaten erschreckt
zu Boden. Memling dagegen zeigt sie kurz vor und kurz
nach dem Aufwachen. Zwei Soldaten schlafen noch, die
beiden anderen scheinen fassungslos zu sein; der eine
erträgt die Herrlichkeit des Auferstandenen nicht und
schlägt die Hand vor die Augen, der andere öffnet über-
rascht den Mund. Mit einem unglaublichen Kunstgriff ge-
lingt es Memling, diese Überraschung im Lichtreflex der
Rüstung seines Kameraden zu malen, dessen Helm auch
als Spiegel für die Rückenansicht von Christus dient. Die
Absicht des Künstlers, aktuelle Bezüge herzustellen, zeigt
sich sowohl in der Darstellung Jerusalems als flandrische
Stadt wie in den prunkvollen zeitgenössischen Rüstungen
der Soldaten.

Die Quelle
In den kanonischen Schriften der Bibel steht kei- sich und die beiden Jünglinge traten ein. Als die Sol-
ne genaue Beschreibung der Auferstehung Christi. daten das sahen, weckten sie den Zenturio auf und
Die Christen machten sich jedoch schon sehr früh die Ältesten, denn auch diese waren anwesend, um
Gedanken darüber, und das im 2. Jh. verfasste Wache zu halten. Während sie erzählten, was sie er-
Petrus-Evangelium gibt einen guten Einblick in die blickt hatten, sahen sie wieder, wie drei Männer das
Vorstellungen der jüdisch-christlichen Gemeinden. Grab verließen und die zwei den anderen stützten,
Dennoch ist nicht bewiesen, ob das apokryphe und ein Kreuz folgte ihnen. Der Kopf der zwei reich-
Evangelium auf spätere Darstellungen irgendeinen te bis zum Himmel, der Kopf dessen, den sie führ-
Einfluss hatte: ten, reichte über die Himmel hinaus. Und sie hörten
„In der Nacht jedoch, als der Herrentag anbrach eine Stimme aus den Himmeln, die sprach: ‚Hast du
und die Wache abwechselnd von je zwei Soldaten denen gepredigt, die entschlafen sind?‘ Und man
übernommen wurde, erschallte eine laute Stimme vernahm eine Antwort, die vom Kreuz kam: ‚Ja.‘ Da-
vom Himmel. Und sie sahen, wie sich die Himmel raufhin berieten sie miteinander, ob sie zu Pilatus
Régis Burnet
öffneten und wie zwei Männer in übergroßem Glanz gehen sollten, um ihm diese Tatsachen mitzuteilen. ist Professor für
herabstiegen und sich dem Grab näherten. Jener Während sie noch beratschlagten, öffneten sich er- Neues Testa-
Stein, der vor die Eingangstür geschoben wurde, neut die Himmel und ein Mensch stieg herab und ment an der
rollte von selbst seitwärts weg. Das Grab öffnete betrat das Grab.“ (Petrus-Evangelium, 35-43) Katholischen
Universität
Löwen (Belgien).

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welt und umwelt der bibel 2/2015
DiE grossEn EntDEckungEn | Der Kyrus-ZylinDer

Der archäologische Beleg für


TÜRKEI
das biblische Kyrus-Edikt?
SYRIEN Im März 1879 finden die Arbeiter um Hormuzd Rassam auf
IRAN dem Gelände der antiken Stadt Babylon das Fragment
eines beschrifteten Tonzylinders. Der persische König Kyrus
IEN
JORDANIEN
NIE
NIE
ANIE

IRAK
NI

der Große verkündet in der Inschrift, Gott Marduk habe ihn


ORDA
JORD

Babylon
B
Ba bylo
lon
JOR

erwählt, um die Welt zu retten und die verschleppten


O

Götter und ihre Völker zu befreien. Ist das ein Hinweis


A RS A U
AB DI
IE auf das berühmte Edikt in der Bibel, mit dem Kyrus den
N
2 km
200
verbannten Juden die Heimkehr aus Babylon gestattete?
Von Estelle Villeneuve
Cartographie ©Jean-Pierre Crivellari, 2010

H ormuzd Rassam, der ehemalige Assistent


des britischen Archäologen Austen Hen-
ry Layard, hat guten Grund zur Freude. Im Jahr
1876 wird der Großbritannien treu ergebene ara-
bische Christ aus Mossul im Alter von 50 Jahren
zum Leiter der Ausgrabungen des Britischen
Museums in Mesopotamien ernannt. Damit folgt
er George Smith nach, jenem brillanten Orienta-
listen, der die von Layard in Ninive gefundene
Sintflut-Tafel entziffert hat. Als Rassam mit sei-
ner Arbeit beginnt, werden in den Antiquitäten-
geschäften in Bagdad und Hilla Keilschrift-Ton-
tafeln in Hülle und Fülle angeboten. Neugierig
versucht Rassam, ihre Herkunft zu erkunden.
Auf den ersten Blick weist alles auf Tell Babil
hin, eine weitläufige Stätte in der Nähe der Stadt
Hilla. Der Name deutet auf die berühmte Stadt
Babylon hin, Hauptstadt des Reiches, das von
Hammurabi im 8. Jh. vC gegründet und von Kö-
nig Nebukadnezzar sechs Jahrhunderte später
zu großer Blüte geführt worden war. Außerdem
war man an diesem Ausgrabungsort bereits frü-
her gelegentlich fündig geworden.
Am Tell Babil befand sich im Wesentlichen
Steinarchitektur, zwar von beeindruckender Grö-
ße, aber auch recht nüchtern im Vergleich zu den
prunkvollen assyrischen Palästen in Ninive und
Nimrud. Mit Bedacht trifft Rassam eine Abma-
Hormuzd Rassam chung mit den Arbeitern, die von den Ausgrabun-
in Mossul, um 1854. gen leben müssen. Als Austausch für die antiken
Funde, die sie ausgraben, bietet er ihnen u. a. ein

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Der Kyrus-Zylinder mit der berühmten inschrift. 539 vc, ton,
22,5 cm lang, Britisches Museum in London.

festes Gehalt an. Möglicherweise aufgrund eines sich der persische König, er sei von Marduk aus-
Hinweises nimmt sich der Ausgräber zwei kleine erwählt worden, um sich die Welt zu unterwer- Aus der Inschrift des
Erhebungen, Tell Jumjuma und Tell Amran, vor, fen. Als Befreier der Stadt empfangen, so sagt der Kyrus-Zylinder:
die sich südlich vom Haupt-Tell befinden. Die Zylinder, setzte Kyrus sogleich die Gottheit wie- „Von [Babylon] bis Assur
Zusammenarbeit mit den Arbeitern erweist sich der in ihre Rechte ein und vollbrachte alle Arten und Susa, Akkad, dem
als erfolgreich. Bald kann Rassam eine Reihe von von frommen Werken. Land von Ešnunna, Zam-
ban, Mē̄turnu, Dēr bis zum
antiken Tontafeln nach London schicken. So liest Rawlinson mit Erstaunen, dass der Er-
Grenzgebiet von Gutium,
Doch zeigt er darüber hinaus kein großes Inte- oberer in einigen Städten Mesopotamiens und
zu den Kultstä[dten
resse für die Monumente, aus denen die Funde benachbarten Gegenden die zuvor nach Babylon jenseit]s des Tigris, deren
stammten. Unter dem Tell Amran wird später der verschleppten Götterstatuen wieder in ihre ur- Wohnung seit Langem
deutsche Archäologe Robert Koldewey, der die sprünglichen Heimat-Heiligtümer eingesetzt und darniederlag, brachte ich
Ausgrabungen 1899 wieder aufnimmt, die Über- die nach Babylon deportierten Bevölkerungs- die Götter, die in ihnen ge-
reste des großen Tempels von Marduk entdecken, gruppen zurückkehren ließ. Der Zylinder bietet wohnt hatten, an ihren Ort
dem Schutzgott Babylons und seines Reiches. also eine historische Parallele zum berühmten, zurück und ließ (sie) eine
in der Bibel zitierten Kyrus-Edikt (Esra 1,1-4), das ewige Wohnung aufschla-
den deportierten Juden das „Rückkehrrecht“ aus gen. Alle ihre Menschen
Rückkehr der Verbannten und ihrer Götter der „Babylonischen Gefangenschaft“ nach Jeru- holte ich zusammen und
brachte sie an ihre Wohn-
Am Ende der zweiten Kampagne Rassams im salem gewährte.
stätten zurück.“
Februar/März 1879 ist Henry Rawlinson, der be- Schließlich entdeckt der Wissenschaftler mit
(Zeilen 30–32)
rühmte Entzifferer der Keilschrift, dabei, als im Erstaunen, dass Kyrus als Anhänger des irani-
Britischen Museum ein großes Tonzylinderfrag- schen Gottes Ahuramazda den Verehrern der vie-
ment mit 35 Zeilen Text ankommt. Obwohl die len babylonischen Gottheiten dieselbe Toleranz
Beschriftung unvollständig ist, kann der Assy- gewährte wie den israelitischen JHWH-Gläubi-
riologe mühelos den Inhalt und den Verfasser gen. Rawlinson stellt sogar eine erstaunliche
identifizieren: Es handelt sich um eine offizielle Ähnlichkeit fest zwischen den Ausdrücken, die
Deklaration von Kyrus dem Großen, kurze Zeit die Gunsterweisung Marduks gegenüber Kyrus
nachdem er Babylon im Jahr 539 vC eingenom- beschreiben, und einigen biblischen Sätzen wie
men hat. zum Beispiel: „Ich habe dich beim Namen geru-
Nachdem Kyrus die Nichtachtung von Baby- fen“ oder „Ich selbst gehe vor dir her und ebne
lons Stadtgott Marduk durch den letzten babylo- die Berge ein“ (Jes 43,1 und 45,2). Und er zieht
nischen König Nabonid angeprangert hat, rühmt daraus die Schlussfolgerung: „Es ist beinahe so,

Übersicht über die serie „Die großen entdeckungen“:


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welt und umwelt der bibel 2/2015 89
Die grossen entDecKungen | Der Kyrus-ZylinDer

als kannte der Verfasser des Zylinders die Jesaja- Aber wenn, so ließe sich fragen, die Proklama-
worte und habe sie auf den Gott seiner eigenen tion des Kyrus nur eine an die damaligen Gepflo-
Religion übertragen!“ genheiten angepasste Rede ist, wie steht es dann
um ihre historische Glaubwürdigkeit? Vor allem,
was die Leser der Bibel interessiert, im Zusam-
Hängen Kyrus-Zylinder und biblischer menhang mit der Rückkehr der Deportierten und
Text zusammen? ihrer Gottheiten? Das gab Anlass zu kontrovers
Andere nach ihm bezweifeln, ob die literarische geführten Diskussionen.
Anleihe wirklich in diese Richtung geht. Umso Wahrscheinlich liegt die Antwort irgendwo
mehr, als neue assyrische und babylonische zwischen historischer Wahrheit und Fiktion:
Inschriften in Keilschrift bald überzeugendere Nichts weist darauf hin, dass die Maßnahme des
Das Kyrus-Edikt in
Modelle für den Zylinder offenbaren: Die Prokla- Kyrus das Gebiet und die babylonischen Pro-
der Bibel:
mation des Kyrus ist deutlich von der üblichen vinzen, die auf dem Zylinder genannt werden,
„So spricht der König Ky-
rus von Persien: Der Herr, Eroberungsrhetorik der mesopotamischen Herr- überschritten hat. Die Archäologie hat auch kei-
der Gott des Himmels, hat scher inspiriert. Jene bekräftigen ebenfalls ihre ne Spuren der Restauration gefunden, die dem
mir alle Reiche der Erde Legitimität, indem sie verkünden, sie seien vom persischen König zugeschrieben werden können.
verliehen. Er selbst hat mir Haben die Juden möglicherweise den Text des Zy-
aufgetragen, ihm in Jeru- linders gekannt und sich davon inspirieren las-
salem in Juda ein Haus zu Wenn die Proklamation des sen, ein fiktives Edikt zu verfassen? Dies kann zu-
bauen. Jeder unter euch, Kyrus nur den damaligen nächst einmal verneint werden, denn die Priester
der zu seinem Volk gehört des Marduk hatten den Zylinder rituell in den
– sein Gott sei mit ihm –, Gepflogenheiten angepasst ist, Fundamenten des Tempels vergraben. Und den-
der soll nach Jerusalem
in Juda hinaufziehen und
wie glaubwürdig ist sie dann? noch, die Entdeckung zweier Fragmente von Ar-
chivtafeln in den Lagern des Britischen Museums
das Haus des Herrn, des
Gottes Israels, aufbauen; jeweiligen lokalen Gott erwählt und würden über im Jahr 2010 zeigt, dass Kopien des Textes von
denn er ist der Gott, der in die Kontinuität des Kultes in den eroberten Ge- der persischen Verwaltung aufbewahrt wurden.
Jerusalem wohnt.“ bieten wachen. Jene sagen ebenfalls, dass sie die Andererseits gibt es keinen Anlass dafür, auszu-
(Esra 1,2-3) Götter zurückgeführt und die Gefangenen befreit schließen, dass Kyrus tatsächlich die Rückkehr
hätten. Die Entdeckung eines zweiten Zylinder- der Juden anwies, falls es seiner Politik diente.
Fragments im Jahr 1972, das seit dem 19. Jh. im Allerdings besteht eine ziemliche Einigkeit bei
Museum von Yale (USA) aufbewahrt wird, bestä- den Historikern, dass die Person des toleranten
tigt die Einschätzung in diese Richtung: In den und großmütigen Königs, wie sie insbesondere
zehn Zeilen präsentiert sich Kyrus in der Tat als im Buch Esra vermittelt wird, dem Reich der Le-
Nachfolger des assyrischen Herrschers Assurba- gende angehört und auf den Erfolg seiner Propa-
nipal (668–625 vC). ganda zurückzuführen ist. W

Tell Amran, von norden, Juli 1902.


Aquarell von Walter Andrae. Berlin,
staatsbibliothek sPk.

90 welt und umwelt der bibel 2/2015


200219135015B6-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
ihre Frage an die experten

>> Wie datiert man das älteste Evangelium?


<<
D er älteste Text, der das Leben und
Wirken Jesu in einer gewisserma-
Markus-
ßen chronologischen Reihenfolge dar-
evangelium Logienquelle
zustellen versucht, ist das Evangelium
nach Markus. Damit ist der Verfasser des
Sondergut Mt Sondergut Lk
Markusevangeliums der erste Autor, der
die Ereignisse aus dem Leben Jesu in je- Matthäus- Lukas-
ner literarischen Form beschrieben hat, evangelium evangelium
die wir heute als Genre „Evangelium“ (das
heißt „Frohe Botschaft“) verstehen. Zu-
vor war dieser griechische Begriff exklusiv Die Zweiquellentheorie erklärt die abhängigkeit der „synoptischen
bestimmten Nachrichten des römischen evangelien“ untereinander. die ältesten Quellen sind die Spruchquelle
Kaisers vorbehalten gewesen. (Logienquelle) und das evangelium nach Markus.
Aber wie datiert man das Markusevan-
gelium? Eine recht frühe Datierung des die ebenfalls während des jüdischen Krie- eines „Evangeliums“ überliefert wurden.
historisch ersten Evangeliums ergibt ges zerstört wurden und das Evangelium Da die Stoffe der synoptischen Evangelien
sich aus der bedrohlichen Darstellung müsse somit wesentlich älter sein. dem Verfasser des vierten Evangeliums
von Mk 13 (besonders Mk 13,1-14): Hier Zweifel am höheren Alter des Markus- bekannt sind, stellt das Johannesevange-
prophezeit Jesus das Einsetzen kriegeri- evangeliums gegenüber den anderen lium (Ende des 1. Jh.) das jüngste Evange-
scher Ereignisse und die Zerstörung des Evangelien des Neuen Testaments be- lium im Neuen Testament dar.
Tempels in Jerusalem. Da die Zerstörung stehen nicht. Den Verfassern der an-
des Tempels um das Jahr 70 nC und die deren synoptischen Evangelien (Mat- Lesetipp
Niederschlagung des jüdischen Aufstan- thäus- und Lukasevangelium) hat das • Ferdinand R. Prostmeier. Kleine Einführung
des durch die Römer dem Verfasser des Markusevangelium als schriftliche Quelle in die synoptischen Evangelien. Freiburg i.Br.
[Herder] 2006.
Markusevangeliums demnach bekannt vorgelegen. Die Evangelien nach Mat-
waren, ist eine Datierung dieses Evange- thäus und Lukas (beide wohl erst in den
liums um das Jahr 70 plausibel und sehr 90er-Jahren des 1. Jh. entstanden) ha- Dr. Matthias Hoffmann, habilitiert an der
wahrscheinlich. ben nachweislich große Teile des marki- Evangelisch-Theologischen Fakultät der Uni-
Mitunter wird diese Datierung bestrit- nischen Erzählstoffes aufgenommen und versität München. Seine Forschungsschwer-
ten mit dem Verweis, dass die Voraussage theologisch und stilistisch überarbeitet. punkte sind frühjüdische Literatur, Magie im
frühen Judentum und Neuen Testament und
Jesu in Mk 13 eine echte Prophezeiung Darüber hinaus sind in den beiden späte-
die Johannesoffenbarung.
darstellen könne. Für solch eine frühe Da- ren Evangelien auch jeweils sogenanntes
tierung des Markusevangeliums vor das „Sondergut“ (Erzählstoff, der exklusiv nur
Jahr 70 fehlen allerdings jegliche Indizien. im Matthäus- oder Lukasevangelium zu
Alle Vorschläge auf frühere Datierung des finden ist) und die sogenannte „Spruch- haben Sie auch
Evangeliums, sind nicht durch konkre- quelle Q“ als Vorlage benutzt worden. Der eine Frage?
te Hinweise auf eine frühe Existenz des Erzählstoff, der der Quelle „Q“ zugeordnet Schreiben Sie uns und wir finden
Evangeliums zu belegen. Das gilt auch wird, ist zwar vermutlich älter als das Mar- eine(n)Fachwissenschaftler(in) für
für die fragwürdige Annahme, Fragmen- kusevangelium, allerdings handelt es sich die Antwort:
te des Markusevangeliums seien in den bei diesen Passagen nur um einzelne Aus- wub@bibelwerk.de
Höhlen von Qumran gefunden worden, sprüche (Logien), die nicht in der Form

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welt und umwelt der bibel 2/2015 91
Ausstellungen und verAnstAltungen

studientage zum Heftthema: Jesus der heiler Wien


Bis 13.septemtBer 2015
Regensburg
Zeit und Ort: 11. Juli 2015, 10–16 Uhr, Diözesanzentrum Regensburg Münze und Macht iM
titel: Heilung am Lebensende. Eine jüdische und christliche Sicht. antiken israel
reFerent: Michael Petery (jüdischer Theologe); Dr. Reinhold Then (Alttestamentler)
inFOrMAtiOn und AnMeldung: Diözesanstelle des Kath. Bibelwerks in Regensburg Die Ausstellung, die in Koope-
Obermünsterplatz 7, 93047 Regensburg, Tel. 0941 5972-229, ration mit dem Israel Museum
erwachsenenbildung@bistum-regensburg.de, www-bpa-regensburg.de Jerusalem durchgeführt wird,
gibt einen Einblick in die Ge-
Hildesheim schichte der antiken jüdischen
Zeit und Ort: 12. September 2015, 9.30–17 Uhr, Tagungshaus Priesterseminar Münzprägung vom 4. Jh. vC
titel: Ohne Pillen und Skalpell erfolgreich: Jesus, der Heiler. bis zum 2. Jh. nC.
reFerent: Dr. Christian Schramm Sie führt von der persischen
inFOrMAtiOn und AnMeldung: Bibelschule Hildesheim, Neue Str. 3, Herrschaft über die Hasmo-
31134 Hildesheim, Tel. 05121 17915-50/-48; bibel@bistum-hildesheim.de; näer und Herodes d. Gr. bis
www.bibel.bistum-hildesheim.de, In Kooperation mit Bibelschule Ohrbeck zum ersten und schließlich
zum zweiten Jüdischen
Aachen Krieg gegen Rom (132–135
Zeit und Ort: 29.–30. April 2016, Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen nC), der das Ende der jüdi-
titel: Heil und Heilung. Die heilsamen Kräfte des Religiösen. schen Münzprägung mit sich
Interdisziplinäre Tagung für Ärzte/Ärztinnen, Psychotherapeuten/innen, brachte. In dieser Zeit erlebten
Seelsorger/innen, Hospizmitarbeiter/innen, Pflegekräfte und Interessierte. die Menschen der jüdischen
inFOrMAtiOn und AnMeldung: Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen, Welt umwälzende politische
Leonhardstr. 18-20, 52064 Aachen, Claudia.Lenzen@bistum-aachen.de, Tel. 0241 4799625, und religiöse Veränderungen,
www.bischoefliche-akademie-ac.de die für die Entwicklung der
jüdischen Kultur und Religion
von entscheidender Bedeu-
studientag zum Heftthema: die evangelisten tung waren. Die Münzbilder
erzählen die Geschichte dieser
Bad Kreuznach bewegten Zeit und geben Ein-
Zeit und Ort: 27. Juni 2015, 9.30–17 Uhr, Bildungszentrum St. Hildegard
blick in das Selbstverständnis
titel: Die Fantastischen Vier. Entstehung und Theologien der Evangelien.
der jüdischen Eliten.
reFerent: Prof. Dr. theol. Eleonore Reuter, Kath. Hochschule Mainz
inFOrMAtiOn und AnMeldung: KEB Koblenz, Florinspfaffengasse 14, Kunsthistorisches Museum,
56068 Koblenz, Tel. 0261 9635590, info@keb-koblenz.de, www.keb-koblenz.de Burgring 5, 1010 Wien,
Telefon: +43- 1 52524-0,
tägl. 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr,
Eintritt 14,–/11,– €,
www.khm.at
köln
Bis 26. april 2015

göbekli tepe – ein frühneolithisches bergheiligtuM


in der südosttürkei

Seit 1995 liefern Ausgrabungen am Göbekli Tepe (Provinz Sanliurfa) neue Erkenntnis-
se über die Glaubenswelt sesshafter Jäger-Sammler-Gruppen am Übergang zum frühes-
ten Neolithikum (ca. 9500–8500 vC). Die Ausstellung gibt erste Antworten auf die Fragen
nach Errichtung und Nutzung der Anlage mit den bekannten T-förmigen Steinpfeilern, nach
der Bedeutung der steinzeitlichen Symbolik und den Lebensverhältnissen.

Römisch-Germanisches Museum, Silberschekel, vorder-


Roncalliplatz 4, 50667 Köln, und rückseite. geprägt im
Tel. 0221 221/24438, Di-So 10–17 Uhr, Eintritt kostenlos, 1. Jahr des Jüdischen Auf-
www.roemisch-germanisches-museum.de stands (66 nC). 14,26 g.

92 welt und umwelt der bibel 2/2015


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ausstellungen unD veranstaltungen

leiden MAnnHeiM
Bis 10. mai 2015 Bis 17. mai 2015

karthago Ägypten – land der unsterblichkeit

Über 300 Objekte stellen die legendär Ein mehr als neun Meter langer Papyrus ist der
gewordene Stadt Karthago im heuti- Mittelpunkt der Ausstellung. Es ist das rund 3500
gen Tunesien vor. Gegründet von den Jahre alte illustrierte Totenbuch des „Kammer-
Phöniziern um das 9. Jh. vC, wurde die herrn“ Amenemhat. Es gehört zu den frühesten
Stadt zu einer Metropole des Handels bekannten Totenbüchern der Welt und konnte
und der Seefahrt. erst vor wenigen Jahren durch die Restauratoren
146 vC wurde sie schließlich von den entrollt werden. Jetzt wird es erstmals gezeigt.
Römern erobert und zerstört. Im Insgesamt stellt die Ausstellung das Leben an Totenbuchpapyrus des
2. Jh. nC wird sie nach Rom und den fruchtbaren Ufern des Nils in allen wichtigen Amenemhat.
Alexandria zur drittgrößten Stadt im Epochen des Alten Ägyptens dar: von den der fast 9 m lange Papyrus ist
Römischen Imperium. Die Ausstellung Anfängen im 4. Jahrtausend vC über das Alte, einer der frühesten bekannten
stellt die wechselvolle Geschichte Mittlere und das Neue Reich, die ptolemäisch- ägyptischen totenbuchtexte.
der Stadt anhand von bedeutenden römische Epoche bis zur koptischen Zeit im vermutlich aus theben.
Persönlichkeiten vor, wie der legendär- 6. und 7. Jh. nC. Dabei wird die Alltagswelt eben- 1435–1400 vC.
en Königstochter Dido, dem Eroberer so lebendig wie die Jenseitsvorstellungen.
Hannibal, Kaiser Augustus und dem
Kirchenvater Augustinus. Dazu Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Weltkulturen D5, 68159 Mannheim,
kommen außergewöhnliche Objekte, Infobüro: 0621 2933150, Di–So 11–18 Uhr, Eintritt 12,–/6,– €,
wie farbenprächtige Mosaike, Bronze- www.rem.mannheim.de
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Rijksmuseum van Oudheden, Dauerausstellung
Rapenburg 28,
aB 12. april 2015
2311 EW Leiden,
Tel. +31 (0)71 5163163,
Di-So 10-17 Uhr, neu-prÄsentation
Do 10-21 Uhr, saMMlung JudentuM
Eintritt 9,50/7,50 €,
www.rmo.nl oder Das Museum für Kunst und Gewerbe
www.rmo.nl/english/exhibi- rückt seine Sammlungsobjekte zu
tions/carthage den Weltreligionen (Buddhismus,
Christentum, Islam und Judentum)
neu in den Fokus. Die Sammlung von
20 jüdischen Kultgeräten aus dem 17.
Göttin mit einem und 18. Jh. erlaubt einen Einblick in
Löwenkopf. diese Riten und Gebräuche der jüdischen
terrakottastatue aus Religion. Zu sehen sind u. a. filigrane Ester-Rolle für das
dem 1. Jh. nC entstand Silberarbeiten wie Tora-Schilder und Purimfest, nord-
nach der eroberung Tora-Zeiger, ein Kidduschbecher für den deutschland, um 1800.
karthagos durch die Segensspruch, eine Besaminbüchse für Pergament, silber,
römer, weist aber puni- den Schabbat, ein Schofarhorn, das zum teilvergoldet, Filigran,
sche Charakteristika auf. Versöhnungsfest Jom Kippur geblasen Höhe 30 cm.
einige Forscher identifi- wird, ein silberner Leuchter für das Lich-
zieren die Figur als tanit,
terfest Chanukka, eine Ester-Rolle für das
die schutzgöttin von
Purimfest und ein zum Pessachfest genutzter Zinnteller.
karthago, während an-
dere glauben, sie könne
die ägyptische göttin Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Steintorplatz, 20099 Hamburg,
sekhmet darstellen. Tel. 040 428134-999; Di-So 10-–8 Uhr, Do 10–21 Uhr, Eintritt 10,–/7,– €,
Fundort tinissut. www.mkg-hamburg.de

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welt und umwelt der bibel 2/2015 93
VoRSchaU

Die nächste AusgAbe im Juli 2015: IMPRESSUM


heft 2/2015

Äthiopien – Land der BundesLade „Welt und umwelt der bibel“ ist die deutsche
Ausgabe der französischen Zeitschrift
„le monde de la bible“, bayard Presse, Paris.
„Welt und umwelt der bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
enger Zusammenarbeit mit international
anerkannten Wissenschaftlern.
VERlag: Katholisches bibelwerk e.V.,
edition „Welt und umwelt der bibel“
Postfach 15 03 65, 70076 stuttgart,
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Konto: liga stuttgart, ibAn De94 7509 0300
0006 4515 51, bic: genODeF1m05

REdaktIon: Dipl.-theol. helga Kaiser,


Dipl.-theol. barbara leicht

aRchäologISchE BERatUng:
Prof. Dr. robert Wenning, münster
koRREktoRat: michaela Franke m.A.,
m._franke@web.de
anzEIgEnVERwaltUng: ralf heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
ERSchEInUngSoRt: stuttgart
© s. 3, 44–46, 78–81, 84–90 bayard Presse int.,
„le monde de la bible“ 2014/2015, all rights reserved;
W Mythos Bundeslade © sonst edition „Welt und umwelt der bibel“
W Alttestamentliche Besonderheiten der äthiopischen Kirche ÜBERSEtzUng: christa maier,
Werner Damson (Verlagsservice mihr, tübingen),
W Das äthiopische Rom – das antike Reich von Aksum bernardin schellenberger
W Ein neues Jerusalem in Afrika – Lalibela gEStaltUng: Olschewski medien gmbh,
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Freuen sie sich AuF Die Die AusgAbe im OKtOber 2015: reutlingen
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Wer waren die ersten christinnen? erscheint vierteljährlich.
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tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77 vierwöchigen Kündigungsfrist zum Jahresende
bibelinfo@bibelwerk.de, www.bibelwerk.de möglich.

94 welt und umwelt der bibel 2/2015


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SchätzE AuS 20 JAhrEn
Unsere Backlist

o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Jesus der Galiläer, 2/02


o Schöpfung, 2/96 o Isis, Zeus und Christus, 3/02
o Damaskus, 1/97 o Himmel, 4/02
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 o Entlang der Seidenstraße, Sonderheft 2002
o Tempel von Jerusalem, 3/99 o Sterben und Auferstehen, 1/03
Einzelheft € 4,90

o Christus in der Kunst (1): o Wer hat die Bibel geschrieben?, 2/03
e [A] 5,50 / sFr 9,50

Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Die Kreuzzüge, 3/03
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Abraham, 4/03
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Der Nil, 1/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Flavius Josephus, 2/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Der Jakobsweg, 3/04
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Prophetie und Visionen, 4/04
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Paulus, 2/01 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Echnaton und Nofretete, 4/01 o Babylon, 3/05
o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02 o Juden und Christen, 4/05

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft/06 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11
Einzelheft € 9,80

o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12
e [A] 11,50 / sFr 19,–

o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o Nordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14
Einzelheft € 11,30

o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15


e [A] 11,80 / sFr 19,–

o Jesus der Heiler, 2/15


o Äthiopien – Land der Bundeslade, 3/15
(ab Juli 2015)
o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 (ab Okt. 2015)

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Studenten e 32,–), inkl. Versandkosten. Bei Versand ins Der Jahresbezugspreis für die Schweiz beträgt: 70,– sFr (Studierende
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28 x 60 cm, 2 1,– (ab 5 Ex. 2 -,50), 2 [A] 1,10, sFr 2,– das antike
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e [A] 5,20, sFr 10,– 2 [A] 6,10,
sFr 10,–

o Judäa und Jerusalem, 256 S., 2 12,80, 2 [A] 13,20, sFr 25,– o Musik in biblischer Zeit, 104 S., 2 11,90,
2 [A] 12,30, sFr 19,50
o 1001 Amulett, 224 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 18,50
o Kleider in biblischer Zeit ,112 S., 2 14,80,
o Von den Schriften zur (Heiligen) Schrift,
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175 S., 2 29,–, 2 [A] 29,90, sFr 35,–

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Bestellungen aus der Schweiz und Österreich bitte an folgende Adressen:

Schweiz: Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB, Österreich: Österreichisches Katholisches Bibelwerk,


Bederstr. 76, 8002 Zürich, Bräunerstraße 3/1. Stock, A-1010 Wien,
Tel.: 044/2059960, Fax: 086/044 2059960 Tel.: 0043/1/5123060, Fax: 0043/1/5123060-39
E-Mail: info@bibelwerk.ch E-Mail: auslieferung@bibelwerk.at

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