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Archäologie . Kunst .

geschichte 1/2016
WUB
Nr. 79, 21. Jg., 1. Quartal 2016 /Christen des Orients / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISBN 978-3-944766-50-8

Alte Kirchen –
bedrohte Welten
Die Christen Des Orients
// BEdROhtE MEnschEn Und KUltURschätzE
EURO 11,30

// In dER lItURgIE dEn hIMMEl aUf dIE ERdE hOlEn


// chRIstEn UntER dEM halBMOnd

neue reihe zu Christentum200219141825IR-01


unD islam – 1: umma unD KirChe
am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
Inhalt 1/2016

16 34 58
Die große Vielfalt der Kirchen Bedeutende Gestalten Andere religiöse Gruppen im Nahen Osten

Die Christen Des Orients

Andreas Müller 8 Dietmar W. Winkler 38


Zwischen allen stühlen Bedrohte schätze
Christen im Nahen Osten der Gegenwart Die Zerstörung des kulturellen und spirituellen Erbes

Thomas Prieto Peral 13 Interview 1 46


Das ende vor Augen Bleiben oder gehen
Die Lage der Christen im Irak Gespräch mit Ordensbrüdern in Aleppo

Matthias Hoffmann 14 Interview 2 48


„Grenzziehung per lineal“ Zeichen der hoffnung
Die Aufteilung des Osmanischen Reiches Gespräch mit einem griechisch-katholischen Priester
nach dem 1. Weltkrieg als Ursache vieler Konflikte aus Damaskus

Karl Pinggéra 16 Martin Illert 50


leben im Zeichen des Kreuzes nicht von Menschenhand gemacht
Die Kirchen des Orients Das Christusbild von Edessa

Georg Röwekamp 23 Martin Tamcke 52


Aposteltraditionen im Osten Christen unter dem halbmond
Die überwiegend positive Beziehung zweier Religionen

Hans-Jürgen Feulner 24
Den himmel auf die erde holen Hannelore Müller 58
Die Liturgien der östlichen Kirchen Die anderen Geschwister
Das Ende religiöser Vielfalt im Orient?

Georg Röwekamp 34
Große Gestalten des
orientalischen Christentums

titelbild:
Spielender Junge im Kloster Mar Mattai auf dem
Mount Alfaf im Irak nach der Flucht vor dem IS.

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Editorial

Zur Umwelt der Bibel gehören


auch die Christen im Orient
mit ihren jahrtausendealten
Geschichten und Traditionen.
Oft werden sie bei den aktuellen
politischen Berichten ausge-
blendet. Christen, die arabisch
sprechen und Gott als „Allah“ ansprechen, passten
5 und passen ohnehin nicht ins Bild der westlichen
Welt. Und doch sind sie – bisher untrennbar – mit den
Archäologie im Südirak: Wandplatte mit Kreuz entdeckt Ländern des Nahen Ostens verbunden. Darum haben
wir uns entschlossen, in einer Zeitschrift, die sich mit
der Welt und Umwelt der Bibel beschäftigt, gerade
jetzt auf das orientalische Christentum hinzuweisen.
Aus Der Welt Der BiBel Dieser Hinweis verbindet sich mit der Hoffnung, dass
die leidende Stimme der orientalischen Christen
Das neueste aus der Welt der Bibel endlich auch weltweit deutlicher gehört wird und Ret-
2
Siegelabdruck des biblischen Königs Hiskija gefunden tungsmaßnahmen für eine bedrohte Kultur greifen.
Neues in Welt und Umwelt der Bibel:
Büchertipps und Bildrechte 64 Mit dieser Ausgabe starten wir eine neue Reihe:
„Voneinander wissen“. Sie beschäftigt sich mit der
Panorama Begegnung und dem gegenseitigen Kennenlernen
68
Betlehem: Heilige in hoher Auflösung von Islam und Christentum. Die erste Folge nimmt die
Mode‘in: Neues von den Makkabäern jeweilige konkrete Gemeinschaft in den Blick: „Umma
Jerusalem: Ein rätselhaftes Podium aus der Zeit Jesu
und Kirche“ (s. S. 78).
Und noch eine Neuheit:
Die Bibel in berühmten Gemälden 74 Nachdem wir in den vergangenen Jahren Heftthemen
Albrecht Dürer: Hiob und seine Frau
mit Ihnen gemeinsam gewählt haben, laden wir Sie
nun ein, inhaltliche Schwerpunkte für die einzelnen
neue reihe: Voneinander wissen 78 Hefte einzubringen. Sie können ihre Vorschläge direkt
Zum Verhältnis von Christentum und islam
auf der Homepage www.weltundumweltderbibel.de
1: Die islamische Umma im Vergleich zur
christlichen Kirche eintragen oder sie uns per Brief, Mail oder Fax zukom-
men lassen (Näheres S. 86). Konkret geht es in diesem
Die großen entdeckungen Fall um das Heft 1/2017: „Heilige Mähler – heilige
81
Die Amulette von Ketef Hinnom: Mahlzeiten“. Wir sind gespannt, was Sie an diesem
Silberamulette mit dem Priestersegen Themenbereich besonders interessiert.

Ausstellungen und Veranstaltungen 84 Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

Vorschau und impressum Wolfgang Baur


86
Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

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welt und umwelt der bibel 1/2015 3
Das neueste aus Der Welt Der BiBel

SiEgElAbDrucK Mit bEzug zur gEScHicHtE DEr bibEl

Der biblische König Hiskija


hat sich verewigt

Das Areal der „Ophel-Excavations“ unterhalb des Haram


es-sharif. Zu Hiskijas Zeit war der tempelplatz deutlich kleiner.

„Eigentum des
Hiskija, Sohn des
Ahas, König von
Juda“.
Das königliche siegel
mit geflügelter sonne
und anch-symbolen
wurde in lehm
gedrückt. auf der
rückseite konnte man
spuren von Papyrus
und von Bändern
nachweisen.
Größe: 9,7 x 8,6 mm.

Screenshot: © Herbert W. Armstrong College


jerusalem Bei den Ausgrabungen flügelte Sonne aus seiner späteren
auf dem sogenannten „Ophel“ ist Herrschaftszeit proklamiert Gottes
ein Siegelabdruck des Königs Hiski- Zuspruch und Schutz, sie ist ein Zei-
ja (727–698 vC) identifiziert worden. chen dafür, dass Gott die ausgeübte
Die Inschrift besagt „Eigentum des Herrschaft legitimiert. Beide Sym-
Hisjkija, (Sohn des) Ahas, König von bole sind im Vorderen Orient unter
Juda.“ Zu sehen ist eine geflügelte Herrschern beliebt. Der jetzt gefun-
Sonne, flankiert von zwei ägypti- dene Abdruck macht die biblischen
schen Anch-Symbolen, den Zeichen Erzählungen über den Reformator
für das Leben. Es ist nicht der erste Hiskija, unter dem eine große Zahl
Siegelabdruck, den man von His- Flüchtlinge in Juda aufgenommen Eilat Mazar zeigt als Direktorin der
kija kennt, aber der erste aus einer wurde, der die Wasserversorgung Je- ausgrabungen den Fundort des abdrucks.
wissenschaftlichen Ausgrabung. In rusalems sicherte und unter dem der er wurde in einer abfallgrube aus Hiskijas
jüngeren Jahren verwendete Hiski- übermächtige Assyrer Sanherib die Zeit oder kurz danach gefunden. Daneben
ja eher geflügelte Skarabäen, Sym- Belagerung Jerusalems abbrach, le- steht ein größeres Gebäude.
bole der Stärke und Macht. Die ge- bendig. (2 Kön 18–20, Jes 38) W (WUB)

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Das neueste aus Der Welt Der BiBel

gilgAMEScHEpOS – KulturErbE DES irAK

Zwanzig Zeilen, die keiner kannte


suleimaniya Eigentlich steht der Text während der Museumsdirektor den Preis
des babylonischen Gilgameschepos wis- verhandelte. Bei einer Tafel stutzte er und
senschaftlich fest. Seit den berühmten Keil- bedeutete dem Direktor, jeden Preis zu zah-
schriftfunden in Ninive 1853 ist die große Er- len. Al-Rawi übersetzte Zeilen. Sie gehören
zählung aus dem 20.–15. Jh. vC über Götter zum fünften Kapitel des Gilgameschepos –
und Sterbliche bekannt. Massive Raubgra- eine Textvariante, die bislang unbekannt
bungen seit dem Beginn des Irakkriegs 2003 war: Gilgamesch und sein Freund Enkidu
haben jedoch neue Keilschrifttafeln ans Ta- werden hier mit einem Schuldbewusstsein Eine Mitarbeiterin des nord-
geslicht gebracht, die meist nur Schmuggler für den Mord an Humbaba dargestellt, dem irakischen Slemani Museum
und anonyme Käufer zu Gesicht bekom- Wächter der Zedernwälder. Enkidu bekennt, zeigt die wertvolle tafel aus dem
men. Das Museum der nordirakischen Stadt „wir haben den Wald zu einem Ödland ge- 18. jh. vC mit bisher unbekannten
Suleymaniye (Kurdistan) hat Schmugglern macht“. Ebenso findet man eine ungewöhn- Zeilen aus dem Gilgameschepos.
im Jahr 2011 rund 90 Tafeln für 800 Dollar liche Naturbeschreibung des Zedernwalds,
abgekauft, um sie im Land zu behalten. Fa- bevölkert mit Affen, Zikaden und Vögeln.
rouk Al-Rawi, Professor an der University Wird in der Zukunft noch mehr auftauchen?
of London (School of Oriental and African Auf eprints.soas.ac.uk ist die Übersetzung
Studies), nahm die Tafeln in Augenschein, zu finden. W (history blog/WUB)

funD AuS DEr DAviDSzEit?

Seltenes Siegel entdeckt


jerusalem Ein Junge aus Russland Epoche in Jerusalem gefunden worden. Die
hat ein 3.000 Jahre altes Steinsiegel ent- Datierung auf das 11. oder 10. Jh. vC sei im
deckt. Wie andere Freiwillige, hatte er Vergleich mit Siegeln dieser Art aus der
für einen Tag beim Temple Mount Sifting Umgebung vorgenommen worden: „Die
Project („Tempelberg-Siebe-Projekt“) mit- Datierung des Siegels fällt in die Epoche
geholfen. Hier werden seit 2004 Erde und der Jebusiter und der Eroberung Jerusa-
Schutt durchgesiebt, die vom Tempelberg lems durch König David sowie des Tem-
stammen. Das Projekt wurde u. a. vom is- pelbaus und des königlichen Verwaltungs-
realischen Archäologen Gabriel Barkay komplexes durch seinen Sohn Salomo ...
ins Leben gerufen, weil die muslimische Die Entdeckung dieses Siegels belegt die
Aufsichtsbehörde WAQF ab 1999 Schutt Verwaltungsaktivität, die während dieser
aus unterirdischen Hohlräumen gebaggert Zeit auf dem Tempelberg stattfand.“
hatte, um dort einen großen Moscheeraum Die Interpretation vieler Funde aus die-
einzurichten. Die Hohlräume (Substruk- ser Zeit unterliegt der jeweiligen Prämisse,
tionen) hatte Herodes im 1. Jh. vC für den ob Jerusalem zu dieser Zeit überhaupt eine
Tempelplatz anlegen lassen. Das Sieben Stadt oder nur ein kleines Dorf war. Ziel des
soll sicherstellen, dass keine Spur aus der Temple Mount Sifting Project ist es, eine frü-
Vergangenheit des jüdischen Tempelbe- he jüdische Präsenz am Tempelberg zu be-
zirks verloren geht. legen. Kritische Stimmen lehnen es hinge-
Das jetzt entdeckte Siegel stellt zwei Tie- gen ab, diesem Siegel, einem Einzelobjekt,
re dar, vielleicht ein Raubtier und seine das nicht einmal in einem archäologischen
Beute und vielleicht ein Familienemblem, Kontext in situ gefunden worden sei, eine Steinsiegel aus dem
so Barkays Pressemitteilung. Noch nie zu- solche Bedeutung beizumessen, wie Bar- erdaushub vom tempelberg.
vor sei ein Steinsiegel dieser Art aus dieser kay es tue. W (WUB) Zu erkennen sind zwei tiere.

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Das neueste aus Der Welt Der BiBel

DigitAlE EntrOllungEn

Das Buch levitikus nach verbrannt: schrift-


rolle, 1970 entdeckt,
jahrhunderten lesbar dank neuer technologie
endlich lesbar.

en-GeDi Von außen sieht das Objekt eher aus


wie eine verkohlte Zigarre und nicht wie eine
ehrwürdige Torarolle: Doch es handelt sich um
eine Schriftrolle, die vor rund 1500 Jahren in der
Synagoge von En-Gedi in Gebrauch war. Bereits
1970 wurde sie entdeckt, doch war es undenk-
bar, sie zu entrollen – sie wäre in Tausende Teile
zerbrochen.
45 Jahre später ist sie nun virtuell „entrollt“
worden. Ein 3-D-Micro-CT-Scanner hat sie in Is-
rael durchleuchtet. Die erzeugten Bilder wurden
an Brent Seales von der University of Kentucky
(USA) übermittelt, der eine zerstörungsfreie Hebräische Schrift-
Methode für solche Rollen entwickelt hat. Er zeichen sind sichtbar
konnte die acht ersten Verse des Buches Leviti- geworden.
kus sichtbar machen. Per C14-Analyse kann die
Rolle ins späte 6. Jh. nC datiert werden. Damit
ist sie der älteste Fund einer Toraschrift seit
den Schriftfunden vom Toten Meer, von denen
die meisten aus dem 1. Jh. vC und dem 1. Jh. nC
stammen. Die nun lesbaren hebräischen Buch-
staben geben auch einen Anhaltspunkt für die
Entwicklung der hebräischen Schriftzeichen,
denn vor den großen Kodexen des 10. Jh. gibt es
kaum Funde. In En-Gedi am Westufer des Toten
Meeres hatte die Rolle unter den Trümmern der
Synagoge im Toraschrank die Zeiten überdau-
ert, nachdem der Ort im 7. Jh. nC überstürzt we-
gen eines großen Brandes verlassen wurde.
Eine weitere digitale Entrollung hat im Dezem-
ber 2015 auch die Universität Bochum gemeldet. ArcHäOlOgiScHEr pArK AM tEMpElbErg
2014 war ein komplex gefaltetes Silberamulett
aus frühislamischer Zeit (um 750 nC) in Gerasa Verwaltung nun durch Siedlergruppe
(Jordanien) ausgegraben worden. „Es handelt
sich um ein magisches Amulett, das zum Schutz jerusalem Die rechtsorientier- schen Ausgrabungen der Davidstadt
vor Unheil verwendet wurde“, erläutert Prof. Dr. te City of David Foundation, auch südlich der Stadtmauern.
Achim Lichtenberger, der mit einem deutsch- bekannt unter dem Namen Elad, Elad ist eine NGO, die sich zum Ziel
dänischen Forscherteam seit 2011 in der Deka- darf nun den Archäologischen Park gesetzt hat, den jüdischen Charak-
polisstadt arbeitet. Das Metallröllchen wurde verwalten, der sich südlich und ter der Stadt Jerusalem zu betonen.
computertomografiert. Anschließend zerschnitt südwestlich des Tempelbergs in Neben den archäologischen Aktivi-
ein an spezieller Software ausgebildeter Philo- Jerusalem befindet. Ein Gericht in täten betreibt die Organisation eine
loge die Silbertafel digital in einzelne Scheiben Jerusalem hob im Oktober einen vehemente Politik zur Ansiedlung
und rollte sie am Bildschirm aus. früheren Gerichtsbeschluss auf, der von Juden im arabischen Stadtteil
Die zerstörungsfreie Methode kann auch für das verhindert hatte. Eine Klage des Silwan, der an die Davidstadt grenzt.
andere derartige Objekte eingesetzt werden – Staatsanwalts wurde abgewiesen. Hier kommt es immer wieder zu Zu-
viele davon liegen noch unausgerollt in Muse- Die Gruppe hat auch bereits das Ver- sammenstößen von Siedlern mit der
umsmagazinen auf der ganzen Welt. W (WUB) fügungsrecht über die archäologi- arabischen Bevölkerung. W (Haaretz)

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welt und umwelt der bibel 1/2016
Das neueste aus Der Welt Der BiBel

ErStMAlS SEit 2003 DEutScHE fOrScHungEn iM irAK zitAt

Funde am Übergang zum Islam rEligiöSEr rADiKAliSMuS


„Wenn ich Religion aber
wie ein Hooligan betrachte
und sage, die Welt ist so
Deutsch-
kompliziert, dieses ganze
irakisches Wirrwarr, die ganze Glo-
team balisierung, und ich nur
bei der aus-
wertung von danach hungere, dass mir
Funden.
jemand billige Antworten
gibt – der Koran ist die
Lösung, die Bibel ist die
Lösung, der Talmud ist
al-Hira Zwei Wochen lang konnten eingeritzter und bemalter Kreuzesdar- die Lösung – wo mir dann
Spezialisten für spätantike und frühis- stellung, die auf ein christliches Bauwerk
lamische Archäologie eine Oberflächen- deuten. Bereits 2007 hatten irakische Ar- genau gesagt wird, das
begehung (Survey) in al-Hira im Südirak chäologen auf dem Gelände des Flugha- sind deine Freunde, das
durchführen – unter starken Sicherheits- fens von Najaf die archäologischen Reste
vorkehrungen. Al-Hira, eine historisch eines Gebäudes freigelegt, das als Kloster sind deine Feinde, mit
berühmte Stadt der Lahmiden-Dynastie, des historisch bekannten Abdel Massih denen verbündest du dich,
war vom 3. Jh. nC bis in das 10. Jh. besie- interpretiert wird, der mit dem islami-
delt. Heute liegt sie im Stadtgebiet von schen Eroberer des Gebiets, Khalid ibn und die spuckst du an,
Kufa (Provinz Najaf), der ältesten islami- al-Walid, einem Gefährten des Propheten und wenn du das zerstörst,
schen Stadtgründung im Irak. Muhammad, Verhandlungen führte. W
Unter der Projektleitung von PD Dr. (DAI/WUB) dann tust du etwas Gutes.
Martina Müller-Wiener (Deutsches Ar- Ich sage: Das sind nicht
chäologisches Institut) und der Mitarbeit
der irakischen Antikenverwaltung von die Gottsucher, das sind
Najaf wurden wichtige Teile des riesigen die Leute, die Gott schon
Stadtgebiets begangen, präzise Kartie-
rungen vorgenommen sowie Keramik viel zu sehr gefunden
und Kleinfunde gesammelt. Ziel ist es, haben, die ganz genau
die Größe sowie Funktionsbereiche der
Stadt festzustellen und über die Datie- wissen, was Gott von ihnen
rung der Fundobjekte zu einer Einschät- will."
zung zu kommen, wie der Übergang zur
islamischen Zeit verlief und wie sich die
Der Benediktiner Pater nikodemus
Lebensformen langsam veränderten. Al-
schnabel, sprecher der Dormitio-
Hira war berühmt für seine große Zahl
von Palästen für die lokalen Eliten, aber abtei in jerusalem, über aktuelle
auch für seine vielen Kirchen und Klöster Übergriffe durch radikale jüdische
sowohl der assyrischen wie der syrisch- Gruppen auf christliche einrich-
orthodoxen Gemeinden. zwei solcher Wandplatten tungen. „Hooligans der religion“
Al-Hira kann einen bedeutenden Bei- mit einem Kreuz kamen in einem missbrauchten religion, um ihre
trag liefern, die Geschichte dieser Zeit le- Baggerschnitt zum Vorschein – sie identitätskonflikte zu lösen.
bendig werden zu lassen. Bemerkenswert müssen zu einem christlichen
ist der Fund von zwei Wandplaketten mit Gebäude gehört haben.

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Die Christen

S ie sind die Nachfahren der allerersten Christen. Die Kirchen des Orients
haben in ihren Sprachen, ihrer Theologie und ihren Ausdrucksformen vieles
bewahrt, was aus der Frühzeit des Christentums stammt. Für Westeuropäer
ist manches davon unbekannt und verwirrend. Erst durch die politischen
Entwicklungen der Gegenwart geraten die orientalischen Kirchen mehr in den
Blickpunkt. Dabei wird deutlich, welcher Reichtum und welche vergessenen
Traditionen dort bisher erhalten blieben. Es bleibt zu hoffen, dass diese
Menschen überleben und auch ihre Überlieferungen bewahrt bleiben.

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des Orients

Das Kloster Mar Mattai im Irak am 8. Juli 2014:


Um den Vernichtungstrupps des IS zu entkommen, flüchteten
fast 50 christliche Familien auf die Bergspitze des Mount Alfaf.
Dort liegt, 30 km östlich von Mosul, das syrisch-orthodoxe
Matthäuskloster. Der Bau aus dem 4. Jh. gehört zu den ältesten
existierenden Klöstern der Welt. Berühmt ist es außerdem we-
gen seiner großen Sammlung von christlichen Handschriften.
Gegenwärtig wird befürchtet, dass auch dieser christliche Ort
wie viele andere im Nordirak vom IS zerstört wird.

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Zwischen allen Stühlen
Christen im Nahen Osten der Gegenwart

„Wiege der Christenheit“ – so kann man den Nahen Osten ohne Übertreibung
nennen. Städte wie Jerusalem, Damaskus oder Antiochien waren Meilensteine
für die Ausbreitung der jungen Kirche. Heute ist das Christentum in seinen
Stammländern so bedroht wie noch nie. Bürgerkrieg, islamistischer Terror und
letztlich auch das Machtvakuum in vielen Ländern nach dem sogenannten
Arabischen Frühling tragen dazu bei. Von Andreas Müller

Aleppo im Jahr 1900. Jahrhundertelang lebten hier Muslime und Christen friedlich zusammen

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J
erusalem spielte als Ort der Urgemeinde am milien besiedelt werden. Westliche Beobachter
Anfang des Christentums eine zentrale Rol- gehen davon aus, dass es 2020 gar keine Chris-
le. In Damaskus hatte der Apostel Paulus ten mehr im Irak geben wird. Die Entwicklungen
sein entscheidendes Erlebnis, das zur Ausbrei- zeitigen vor Ort oft desaströse Folgen: Karakosch
tung des Christentums wesentlich beigetragen z. B., einst größte fast ausschließlich von Chris-
hat. In Antiochien, dem heutigen Antakya in der ten bewohnte Stadt des Irak mit rund 50.000
Südosttürkei, bezeichneten sich Anhänger der Einwohnern östlich von Mossul, ist inzwischen
jungen Bewegung zum ersten Mal als Christen. eine Geisterstadt. Die Stadt und die umliegenden
Im – nach moderner Grenzziehung – benach- zwölf Dörfer wurden in der Nacht vom 6. auf den
barten Syrien gibt es Orte, in denen Christen 7. August 2014 vom IS erobert. Bereits im Juli des-
stolz darauf verweisen, noch heute Aramäisch, selben Jahres ist die Stadt Telkaif vom IS über-
die Sprache Jesu, zu sprechen. Und doch leben rannt worden. Auch dort ist es zu einer Massen-
an vielen Stellen im Nahen Osten, z. B. im südli- flucht der Christen gekommen. Bis zum Frühjahr
chen Irak, inzwischen so gut wie gar keine Chris- 2014 war von mehr als 1000 Morden an Christen
ten mehr. In einer Art Massenexodus bewegen durch islamistische Fundamentalisten im Irak
sich diese in sichere Drittstaaten. Vor 100 Jahren die Rede, der Zerstörung von mindestens 70 Kir-
waren noch gut 20 % der Bevölkerung im Nahen chen und dem gewaltsamen Tod von 15 Priestern.
Osten christlichen Glaubens – inzwischen sind Das Vorgehen des IS mithilfe von Scharia-Ge-
es nur noch knapp 5 %. Und die Zahl nimmt richten wird in einem Brief an IS-Mitstreiter nach
weiterhin rasant ab! So leben von den insge- der Eroberung einer Stadt mit christlicher und
samt 35 Millionen arabischsprachigen Christen kurdischer Bevölkerung vom 20. Juni 2014 illus-
inzwischen gut 20 Millionen im Exil. Der zur as- triert, der dem Zentralrat orientalischer Christen
syrischen Kirche gehörende Erzdiakon Emanuel in Deutschland in Übersetzung vorliegt. Dort
Youkhana aus Dohuk im nordirakischen autono- heißt es: „Das Scharia-Gericht ordnet an, den
men Kurdengebiet sprach daher zugespitzt von Angriff um 0.00 zu starten. Zerstört alle Einrich-
einem „kulturellen Genozid“. tungen, die dem Genuss dienen. Brennt alle Läden
nieder, in denen Alkohol und Zigaretten verkauft
werden, übernehmt die Kontrolle über alle Silber-
Im Irak systematisch ausgerottet und Goldgeschäfte, das ist Euer Lohn von Gott.
Einige Kapitel der Leidensgeschichte der Chris- Übernehmt die Kontrolle über Lebensmittel- und
ten im Nahen Osten stehen exemplarisch für Kleidungsläden und teilt sie an die ISIS-Kämpfer
viele. Eines der schlimmsten stellt die Eroberung auf. Nehmt ihre Frauen, sie gehören euch, und ent-
der zweitgrößten irakischen Stadt Mossul am 10. hauptet die christlichen Männer. Kein Kurde soll
Juni 2014 durch den „Islamischen Staat“ dar. In mehr in der Stadt sein, vertreibt sie aus der Stadt.“
der Folge wurden zahlreiche christliche Gebäude
zerstört.
Allerdings machten die IS-Terroristen auch Wenige Zufluchtsorte in Syrien
vor muslimischen Heiligtümern nicht halt: So Bis zu Beginn des Bürgerkrieges ab dem 15. März
sprengten sie in Mossul auch die sunnitische Pil- 2011 machten die Christen in Syrien rund 10%
gerstätte des Propheten Jona, das schiitische Hei- der 22 Millionen Syrer aus. Bereits 2014 hatte ein
ligtum des Propheten Seth und die Moschee des Drittel von ihnen Syrien verlassen. Das Chris-
hl. Georg in die Luft. Hintergrund für die Spren- tentum ist in Syrien konfessionell gesehen sehr
gung selbst sunnitischer Heiligtümer ist die Idee, heterogen – insgesamt gibt es elf verschiedene
dass außer Allah niemand zu verehren sei, auch Kirchen (vgl. dazu den Beitrag von K. Pinggéra,
kein noch so bedeutender Prophet. S. 16). Sie leben angesichts der Bedrohung von
Die Christen und auch Anhänger anderer Re- außen in einer weitgehend „einvernehmlichen
ligionen wurden systematisch aus der Stadt ver- Ökumene“.
trieben. Die sunnitischen Bevölkerungsgruppen Der Bürgerkrieg in Syrien hat bereits 2013 auch
der Stadt stellten sich nicht schützend vor ihre prominente Opfer in der christlichen Hierarchie
andersreligiösen Mitbürgerinnen und Mitbür- gefordert. Zu erinnern ist etwa an die Ermordung
ger. Aufgrund dieser als Verrat empfundenen von Priestern wie dem syrisch-katholischen
mangelnden Solidarität wird Mossul wohl nie Mönchspriester François Murad im Dorf Gassa-
wieder von den alteingesessenen christlichen Fa- nieh am 23. Juni 2013 oder die Verschleppung

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welt und umwelt der bibel 1/2016 9
wurden gefangen genommen. Auch Todesopfer,
selbst minderjährige, wurden bei dieser Maßnah-
me beklagt. Die IS-Kämpfer wurden hier wie in
Mossul von sunnitischen Muslimen unterstützt.
Etwa 600 Familien aus der Chabur-Region flohen
nach Hasakeh und Kamischli.

Koptische Christen in Ägypten und Libyen


In Ägypten hat sich die Situation der Christen
nach dem Sturz Hosni Mubaraks im Februar 2011
massiv verschlechtert. Die koptisch-orthodoxe
Kirche stellt allerdings bis heute die größte christ-
liche Population im Nahen Osten dar. Mit ge-
schätzt knapp 10 Millionen Christen umfasst sie
etwa drei Viertel der orientalischen Christenheit.
Ein großer Teil der Sozial- und Bildungsarbeit an
den Ufern des Nil wurde und wird noch heute
von Christen geleistet, vielfach ohne finanzielle
Unterstützung durch den Staat. Sie betreuen Kin-
der, unterrichten, betreiben Krankenhäuser und
kümmern sich um alte Menschen gleich welcher
Religion.
Bereits bei der Entmachtung Mubaraks kamen
Ruinen von zweier Bischöfe aus Aleppo, nämlich des Erz- knapp 100 Christen durch Überfälle und Ausein-
St. Vartan bischofs Gregorios Yohanna Ibrahim und des andersetzungen mit muslimischen Fundamenta-
in Aleppo. Die Metropoliten Boulos Yazigi, Ende April 2013. Ihr listen ums Leben – 26 Kirchen und Klöster wur-
Kirche war von weiteres Schicksal ist bis heute nicht bekannt. den niedergebrannt. Auch nach der Absetzung
Aufständischen Im Dezember 2013 wurden sogar zwölf syrisch- von Präsident Mursi am 3. Juli 2013 hatten die
besetzt und orthodoxe Nonnen in Maalula entführt, die den
dann von der Islamisten als eine Art „menschliches Schutz-
syrischen Luft- schild“ dienen sollten – im März 2014 wurden sie „Wir werden das Meer mit
waffe bombar- wieder freigelassen.
diert worden. Auch in Syrien sind es vor allem die Kurdenge- eurem Blut tränken.“
biete, die einen Rückzugsort für verfolgte Chris-
ten bieten: Dies gilt insbesondere für die Provinz
Jazira/Al Hasakeh nahe der türkischen Grenze, Kopten zu leiden: 38 Kirchen wurden niederge-
in der u. a. freie Religionsausübung gewährleis- brannt, 23 weitere schwer beschädigt. Christli-
tet wird. Die Stadt Al-Malikiya gilt geradezu als che Privathäuser und Geschäfte fielen Aktionen
„Christenhochburg“ im kurdisch verwalteten der Muslimbruderschaft zum Opfer, die sich für
Gebiet. Allerdings sind auch in unmittelbarer den Sturz der islamistischen Regierung bei den
Nachbarschaft bereits viele Christen vor den An- Christen rächen wollte. Betroffen waren diese
griffen des IS geflohen. So hat sich die christliche vor allem in Mittelägypten. Solche Maßnahmen
Bevölkerung in Hasakeh und Kamischli massiv führten ebenfalls zu einer Art Exodus – seit 2011
reduziert. Im Februar 2015 waren im Nordosten sollen über 100.000 Kopten Ägypten bereits ver-
Syriens in Dörfern entlang des Chabur-Flusses lassen haben. Die Journalistin Raniah Salloum
mehr als 270 Menschen von der Terrormiliz ge- sprach in diesem Zusammenhang sogar von ei-
fangen genommen worden. Frauen und Männer ner Art „Religionskrieg“ in Ägypten und einer
wurden hier wie auch an anderen Orten nach der „Hetzjagd auf Kopten“.
Gefangennahme getrennt. Am 27. Februar be- Auch in den arabischsprachigen Nachbarlän-
richtete u. a. Zeit online, dass der IS über mehrere dern sind koptische Christen durchaus bedroht.
christliche Dörfer am Chabur-Fluss hergefallen Dies gilt insbesondere für Libyen, wo ca. 60.000
sei. Tausende assyrische Christen wären in die Kopten lebten. Hier wurde im Februar 2013 eine
Flucht geschlagen worden, Hunderte Familien koptische Kirche überfallen, etwa 100 Gläubige

10 welt und umwelt der bibel 1/2016


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wurden gefangen genommen und gequält. Am noch etwa 50.000 Christen. Innerhalb Palästinas
16. Februar 2015 wurde ferner die brutale Ermor- haben die Christen zumindest z. T. bemerkens-
dung von 21 koptischen Christen in Libyen durch werte Rechte inne. So ist die koptische Kirche
den IS amtlich bestätigt. Die Gräueltat war mit ei- offiziell als Körperschaft öffentlichen Rechts an-
nem fünfminütigen Video im Internet dokumen- erkannt. Auch gibt es christlichen Religionsun-
tiert worden. Das Video richtete sich direkt an terricht. Allerdings leiden die Christen wie auch
Christen. Es trug den Titel: „Eine in Blut geschrie- andere Bevölkerungsgruppen unter dem dauer-
bene Nachricht an die Nation des Kreuzes“. Die haft schwelenden Konflikt zwischen Israel und
Ermordung der Kopten wird dabei als stellvertre- Palästina. Die Einschränkung der Reisefreiheit,
tend für Christen überhaupt inszeniert – so heißt mangelnde Möglichkeiten zum Erlangen von Bil-
es in dem am Strand Libyens gedrehten Film: dung oder zur Entwicklung einer Karriere bewe-
„Wir werden das Meer mit eurem Blut tränken.“ gen auch hier viele Christen zum Exodus.
Selbst im Libanon ging zumindest der pro-
zentuale Anteil der Christen an der Bevölkerung
Kollateralschäden am Rande des IS stark zurück. Heute geht man dort noch von ei-
Auch in den Ländern des Nahen Ostens, die ner christlichen Bevölkerung von 30 bis 35 %
durch den Irakkrieg, den Arabischen Frühling aus – vor einem Jahrhundert stellten die Christen
und die dadurch ausgelösten Umwälzungen nur hier noch die Mehrheit dar.
indirekt betroffen sind, haben Christen durchaus
mit Problemen zu kämpfen.
Auseinandersetzungen mit den staatlichen Reaktionen der Christen
Behörden haben z. B. die syrisch-orthodoxen In den Ländern des Nahen Ostens lösen die ak-
Christen in der Türkei: So wurden zahlreiche tuellen Entwicklungen nicht nur Leid und Flucht
Demonstra- Ländereien des nahe der syrischen Grenze im aus, sondern auch große mentale Unsicherhei-
tion koptischer Tur Abdin liegenden Klosters Mor Gabriel im Jahr ten. Die Christen versuchen vor Ort ihre regionale
Christen in 2011 enteignet, was u. a. zu einem Rechtsstreit Identität neu zu bestimmen. Einige lokale Chris-
Berlin gegen vor dem Europäischen Gerichtshof führte. Die tengemeinschaften sehen sich als die Nachfah-
die Ermordung Aktion diente vor allem der symbolischen Er- ren der ursprünglichen Bevölkerung. Dies ist mit
ihrer Glaubens- niedrigung der syrischen Christen. ein Grund für die (heutige) Selbstbezeichnung
geschwister in
Zwischen den Fronten befinden sich auch die der assyrischen Christen. Die Kopten verstanden
Ägypten.
arabischen Christen in Palästina. Dort leben sich über Jahrhunderte als die wahren Nachfah-

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11
Christen im nahen Osten der GeGenwart

ren der alten Ägypter. Inzwischen gibt es aber chere Position zu vermuten. In Deutschland kam
auch Stimmen, die die ägyptischen Christen und es im März 2013 zur Gründung des Zentralrates
Muslime gleichwertig als Ägypter einschätzen. Orientalischer Christen. Dieser hat die politi-
Die Not führt zumindest an einigen Stellen schen Entwicklungen im Nahen Osten sehr wohl
auch zu einer stärkeren ökumenischen Zusam- im Blick. Gemeinsam machen Christen in diesem
menarbeit. Um eben diese zu fördern, wurde Forum auf die desaströsen Entwicklungen im
das Middle East Council of Churches gegründet. Nahen Osten aufmerksam und setzen sich für die
Allerdings spielt es im AUgenblick eher eine freie Religionsausübung vor Ort ein. W
marginale Rolle. Dafür lassen sich aber vertiefte
Formen von ökumenischer Zusammenarbeit in
einzelnen Ländern beobachten. In Ägypten ist
Prof. Dr. Andreas Müller
z. B. 2013 von fünf Konfessionen der „Ägyptische ist Professor für Kirchen- und Religionsgeschichte
Kirchenrat“ gegründet worden, der um die För- des 1. Jahrtausends an der
derung der Einheit der Christen vor Ort bemüht Universität Kiel mit einem
ist. Der koptische Papst Tawadros II. hat dabei Schwerpunkt in der byzanti-
die entscheidenden Anstöße gegeben. Auch nischen Zeit und besonderem
wenn bei der Gründung betont wurde, dass der Interesse an den orthodoxen
und orientalischen Kirchen.
Kirchenrat keine politische Agenda verfolge, so
Er arbeitet an einem breit ange-
ist doch eine enge Koinzidenz zwischen den sich legten Forschungsprojekt über
verändernden politischen Verhältnissen und die Geschichte der Caritas/
dem Bemühen der Christen um eine einheitli- Diakonie in der Alten Kirche.

12 welt und umwelt der bibel 1/2016


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Das Ende vor Augen
Die Lage der Christen im Irak
Von Thomas Prieto Peral

D
as syrisch-orthodoxe Kloster Mar Mattai ist ihrer Heimat zu überleben. Erst explodierte die Gewalt
eine Trutzburg des Glaubens. Der mächtige in Bagdad und die meisten Christen von dort flohen in
Bau liegt nahe dem nordirakischen Erbil hoch den relativ sicheren Nordirak. Dann verschärften sich
oben an einem Berghang. Seine sandsteinfarbene die Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten und
Fassade scheint aus dem Gestein des Berges gewach- die Christen gerieten zwischen alle Fronten. Der Syri-
sen zu sein. Von der Terrasse des Klosters blickt man enkrieg zerstörte im Nachbarland die Heimat der dort
in die Ninive-Ebene, bis vor Kurzem noch das wich- lebenden Schwesterkirchen. Schließlich setzte der IS
tigste Siedlungsgebiet der irakischen Christen. Nicht im Sommer 2014 zu seiner Eroberung im Irak an und
weit weg vom Kloster verläuft heute mitten durch die vertrieb die Christen aus Mossul und weiten Teilen
Ebene die Front. Kaum drei Kilometer sind es vom der Ninive-Ebene. In den riesigen Flüchtlingslagern
Kloster, dann beginnt das Gebiet des sogenannten des Nordirak herrscht unter Christen kaum noch Hoff-
Islamischen Staats. „Wir werden das Kloster bald auf- nung, einmal wieder in die Heimatorte zurückkehren
geben müssen“, sagt der Abt – und keiner mag sich zu können. Von den ehemals über 1,6 Mio. Christen im
ausmalen, was dann mit diesem heiligen Ort, der seit Land sind kaum noch 20 % da, der Rest ist schon ins
dem 4. Jh. christlich besiedelt ist, geschehen wird. Ausland emigriert.
Das Kloster steht für das Schicksal der irakischen Sollte das alte Mar-Mattai-Kloster fallen, wird es das
Christen insgesamt. Seit dem 2. Jh. gibt es im Gebiet Signal auch für die Letzten sein, zu gehen. Sie haben
des heutigen Irak christliche Gemeinden. Sie blieben kein Vertrauen mehr zu ihren alten Nachbarn, in die
als Nachkommen der Assyrer und Chaldäer immer Regierung des Irak, vor allem aber auch keine Hoff-
eine Minderheit zwischen Arabern, Kurden und Per- nung mehr, dass ihnen international geholfen wird.
sern. Aber sie konnten sich behaupten und überleb- Denn diese Hilfe wäre der einzige Weg, ihnen ihre Hei-
ten über die Jahrhunderte viele Verfolgungen. Die mat zu erhalten. W
Assyrische Kirche des Ostens wurde im Mittelalter
durch Mission im Fernen Osten gar zur flächenmäßig
größten Kirche der Welt. Seit dem Golfkrieg 2003 wird Pfr. Thomas Prieto Peral ist Nahost-Referent der Evange-
es für die irakischen Christen aber immer schwerer, in lisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 13
„Grenzziehung per Lineal“
Die Aufteilung des Osmanischen Reiches nach dem
1. Weltkrieg als Ursache vieler Konflikte
1918 zerfiel das Osmanische Reich und neue Staaten entstanden auf dessen
ehemaligem Gebiet. Wie wirken sich diese neuen Grenzen in Hinsicht auf
ethnische und religiöse Konflikte bis heute aus? Von Matthias Hoffmann

N
ach dem Ende des 1. Weltkriegs und der im Krieg befand. Dabei wurden die Grenzen
Kapitulation der Mittelmächte (Deut- zwischen dem Nordteil der Gebiete, die unter
sches Reich, Österreich-Ungarn, Osma- französischen Einfluss kommen sollten, und den
nisches Reich und Bulgarien) wurde die „Kon- britischen Mandaten im sogenannten „Sykes-
kursmasse“ dieser unterlegenen Staaten unter Picot-Abkommen“ (1916) anhand von Linienzie-
den siegreichen Ententemächten (Großbritanni- hungen zwischen Buchstaben der Beschriftung
en, Frankreich und Russland) aufgeteilt. Dabei einer Landkarte festgeschrieben. US-Präsident
hatte das von US-Präsident Wilson geforderte Wilson hingegen wollte an dem von ihm gefor-
„Selbstbestimmungsrecht der Völker“ in Eu- derten „Selbstbestimmungsrecht“ festhalten
ropa zu einer Umgestaltung der alten Grenzen und beauftragte 1919 den Geschäftsmann und
geführt. Auch das Osmanische Reich war davon Arabisten Charles Richard Crane und den Theo-
hart betroffen. England und Frankreich teilten logen Henry Churchill King herauszufinden, ob
das Gebiet im Nahen Osten (gegen die Richtlini- die Bevölkerung Syriens ein französisches und
en Wilsons) quasi per Lineal auf, ohne auf mög- die Bevölkerung Mesopotamiens und Palästi-
liche ethnische oder religiöse Konflikte oder auf nas ein britisches Mandat akzeptieren würden.
das Selbstbestimmungsrecht der Völker Rück- Der Bericht der „King-Crane Commission“ ergab,
sicht zu nehmen. dass die Bevölkerung die jeweils zur Debatte ste-
henden Mandatschaften ablehnte. Stattdessen
wird im Bericht empfohlen, dass Palästina und
Eine rücksichtslose Neuordnung Syrien zusammen ein Mandat der USA werden
Die Idee zu dieser Grenzziehung entstand be- sollten unter Miteinbeziehung einer arabischen
reits 1916, als das Osmanische Reich sich noch Regierung (unter Faisal bin Hussein als König).

Übersicht zu den wichtigsten Ereignissen


1916 „Sykes-Picot-Abkommen“ Aufteilung osmanischer Gebiete in französische und britische Mandatszonen

Zusage des britischen Außenministers Balfour an die zionistische Föderation,


1917 „Balfour-Deklaration“
bei der Errichtung eines jüdischen Staates zu helfen

1918 Waffenstillstand von Moudros Kapitulation des Osmanischen Reiches

1919 „King-Crane Commission“ Umfrage zur Akzeptanz der Mandatschaften, erst 1922 veröffentlicht

Plan einer drastischen Aufteilung der ehemaligen Gebiete des


1920 Vertrag von Sèvres
Osmanischen Reiches unter den Ententemächten

1920 Konferenz von Sanremo Bestätigung des „Sykes-Picot-Abkommens“

Relativierung des Vertrags von Sèvres: Festlegung der Grenzen der Türkei
1923 Vertrag von Lausanne
(inklusive zuvor in Frage stehender Gebiete, z.B. der Kurdenregion)

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welt und umwelt der bibel 1/2016
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Doch anstelle dieses Vorschlags, der vermutlich TÜ
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Patmos
eine stabilisierende Wirkung entfalten hätte Ninive M
können, werden die britisch-französischen Plä-
ne umgesetzt: Frankreich übernimmt die nörd-

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die Gebiete Libanon und
lich gelegene Region,Kreta SY
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Syrien, und Großbritannien erhält die Kontrolle Mari


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PERN LIBANON Französisches
über Palästina und Mesopotamien (dem zuvor Mandats- M
Beirutt
noch die Provinz Mossul einverleibt wird). Zwi- gebiet Britisches Baag
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schen den Mandaten Palästina, Mesopotami- Mandats IRAK
en (Irak) und Syrien entsteht als „Pufferstaat“ gebiet
Babylon
ISRAEL TRANSJORDANIEN
Transjordanien (ab 1950 Jordanien). Durch die-
sen radikalen Eingriff ohne Rücksicht auf ethni-
sche oder religiös-konfessionelle Gegebenheiten Britisches
ÄG Y P T EN
entstehen massive Konflikte. Mandats-
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Spannung zwischen den Religionen SINAI
Die Etablierung der britischen und französischen

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Mandate führte in Syrien zu Auseinandersetzun-
Tell el-Amarna
gen zwischen Muslimen und Christen und zur Die Aufteilung
Golfe des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg
Abspaltung des Libanon als einer Art Schutzzone d’Aqaba
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unter die MandatsmächteHégra


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für die (überwiegend maronitischen) Christen. ÉG Y P T E

Die Auseinandersetzung zwischen Christen und Louxor P É N I N S U L E


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Muslimen wurde in dieser Region erneut 1958 in A R A B I Q U E


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der Libanonkrise und massiv von 1975 bis 1990


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Konflikt ohne absehbares Ende
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im libanesischen Bürgerkrieg ausgetragen. In


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den anderen Mandatsgebieten waren Christen Unter den verschiedenen muslimischen Gruppie-
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– wie schon zur Zeit des Osmanischen Reichs – rungen entstanden innerhalb der neuen Grenzen
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eine Minderheit. Konflikte, vor allem zwischen den Schiiten, die


500 km bereits zur Zeit des Osmanischen Reiches die
La Mecque
Mehrheit bildeten und den meist in der Minder-
Minderheitenschutz für Christen heit befindlichen Sunniten. Dies gilt besonders
Im Osmanischen Reich waren Christen generell für den Irak, wo Saddam Hussein wegen der
durch das Millet-System (eine Form islamischer Massaker an Schiiten und Kurden zum Tode ver-
Rechtsordnung) wenigstens minimal geschützt. urteilt wurde. Diese Auseinandersetzungen bre-
Übergriffe gegen christliche Bevölkerungsgrup- chen heute wieder besonders in den durch den
pen waren zumeist wohl eher durch nationalis- „Islamischen Staat“ terrorisierten Regionen auf.
tische Aspekte geprägt, wie etwa die Verfolgung Eines der größten durch die neuen Grenzen
der Pontos-Griechen am Schwarzen Meer und der verursachten Probleme entstand im englischen
Aramäer oder der Massenmord an Armeniern im Mandatsgebiet Palästina: Durch den britischen
1. Weltkrieg (und bereits 1894–1896 und 1909). In Außenminister Arthur Balfour wurde in der nach
der (eigentlich laizistischen) Türkei sind Christen ihm benannten „Balfour-Deklaration“ im Jahr
nicht als Körperschaft öffentlichen Rechts aner- 1917 der zionistischen Föderation in London zu- Dr. Matthias
kannt. Auf dem „Weltverfolgungsindex“, in dem gesagt, bei einer „Errichtung einer nationalen Hoffmann
Verfolgung und Benachteiligung von Christen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ habilitiert sich an der
analysiert werden, belegt die Türkei 2015 immer- zu helfen. Diese Zusage stand natürlich den In- Evangelisch-Theologi-
hin den 41. Platz. Auch in den anderen nach dem teressen der arabischen Welt entgegen, und die schen Fakultät der Uni-
1. Weltkrieg neu entstandenen Staaten waren Probleme einer Besiedlung Palästinas durch versität München. Seine
Forschungsschwerpunk-
Christen eher geduldet, ohne wirklich gleichge- Juden wurden zwischen Juden, Arabern und
te sind frühjüdische Li-
stellt zu sein. Mitunter standen sie unter einem auch Briten immer wieder in bewaffneten Kon-
teratur, Magie im frühen
expliziten Minderheitenschutz, so zum Beispiel flikten ausgetragen, die bekanntlich auch nach Judentum und Neuen
im Irak bis zum Zusammenbruch des Regimes der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 bis Testament und die
unter Saddam Hussein. heute immer wieder aufflammen. W Johannesoffenbarung.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 15
Leben im Zeichen
des Kreuzes
Die Kirchen des Orients

Die bunte Vielfalt des orientalischen Christentums ist beeindruckend


und verwirrend zugleich. In den verschiedenen Zweigen zeigen sich
historische und theologische Weichenstellungen der ersten Jahrhunderte
unserer Zeitrechnung. Von Karl Pinggéra

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W
er die Grabeskirche in Jerusalem be- wollen erkunden, was sich hinter den Namen der
sucht, wird betroffen feststellen, dass drei „Könige“ verbirgt.
fünf Konfessionen hier eifersüchtig
ihre Pfründe bewachen. Geöffnet und geschlos-
sen wird das Gebäude seit 1192 von Muslimen. Die sogenannten „Nestorianer“
Der aus Hannover stammende evangelische Heinrich Bünting vermerkt zu den „Nestoria-
Theologe Heinrich Bünting hat 1585 einen auf- nern“ in seiner Aufzählung der Kirchen des Ori-
wendig gestalteten Reiseführer für das Heilige ents lapidar: „Ketzer, die zu Ninive itzt Mossel
Land herausgegeben, in dem reges Interesse an genent und in dem umbligenden landschafft
den biblischen Altertümern Hand in Hand geht daselbst heuffig gefunden werden.“ Die mit dem
mit recht abschätzigen Urteilen über die ein- Namen des Nestorius markierte Glaubenswei-
heimischen Christen. Der Tempel des Heiligen se galt nicht nur griechisch-orthodoxen oder
Grabes werde mit so vielen „Rotten und Secten“ römisch-katholischen Theologen, sondern auch
verunreinigt, „daraus wol erscheinet, das der einem norddeutschen Lutheraner des 16. Jh.
Herr Christus nicht mehr am selbigen ort im Gra- ganz selbstverständlich als häretisch. An diesem
be, sondern in seinem heiligen seligmachenden Urteil wurden erst im Laufe des 20. Jh. grundle-
Wort wil gesucht sein“. gende Korrekturen angebracht.
Nestorius, der bis 435 glücklos als Patriarch
von Konstantinopel wirkte, ehe er seines Amtes
Christliche Uneinigkeit und der Islam enthoben und buchstäblich in die Wüste ge-
Weltkarte mit Die Vielzahl der Kirchen, auf die man im Na- schickt wurde, war Vertreter der sogenannten
Jerusalem als hen Osten stößt, nährt außerdem den Verdacht, antiochenischen Theologenschule. Zum Zank-
Mitte der Welt der Islam habe sich nur deswegen ausbreiten apfel wurde deren Antwort auf die vom Neuen
im 16. Jh. mit können, weil ein konfessionell zersplittertes Testament jedem christlichen Denken aufgege-
drei bekannten Christentum ihm keinen Widerstand entgegen- bene Frage, wie von Jesus Christus zugleich als
Kontinenten. zusetzen hatte. Johann Heinrich Hottinger, ein wahrem Gott und wahrem Menschen zu spre-
Heinrich Bünting, reformierter Theologe Zürichs, entfaltet diese chen sei. Die antiochenischen Theologen legten
Itinerarium Sacrae damals schon ganz gängige These ausführlicher alles Gewicht darauf, endliches und ewiges Sein
Scripturae (Leipzig in seiner 1651 erschienenen „Historia Orientalis“. gedanklich auseinanderzuhalten. Dafür taten sie
1585). Einen Hinweis auf die Kirchenspaltungen findet sich schwer, vom Gottmenschen als von einem
der hochgelehrte Theologe bereits im Koran, in ungeteilten Individuum zu sprechen. Als Häresie
Sure al-Maida 14 und Sure Maryam 37. An beiden verurteilt, konnte sich diese Lehrform nicht über
Stellen liest Hottinger: „Die Nationen bzw. die das 5. Jh. hinaus im römischen Reich halten. Eine
Religionsparteien sind unter sich uneinig.“
Bei Shihab ad-Din al-Qarafi (er wirkte im 13.
Jh. in Ägypten) fand Hottinger eine Illustration Auf den Wegen der Seidenstraße
dieses Verses, die wie eine abstruse Variante der erreichten die Glaubensboten im
Ringparabel anmutet: Der Apostel Paulus habe
kurz vor seinem Tod drei Könige getrennt vonei- ersten Jahrtausend Indien, Tibet
nander unterwiesen. Perfiderweise habe Paulus und China
jedem König etwas anderes ins Ohr geflüstert.
Jeder der drei habe natürlich gemeint, seine Bot-
schaft sei die allein wahre – und so würden sich Heimstätte fand sie dagegen östlich der Reichs-
ihre Nachfolger bis auf den heutigen Tag streiten. grenzen, im Zweistromland. Dorthin hatte sich
Al-Qarafi nennt als Namen der Könige: Nestorius, die christliche Botschaft bereits in frühester Zeit
Jakobus und Malkun. Leicht ersichtlich stehen sie ausgebreitet. Und dort war man nicht gezwun-
für die drei Hauptkonfessionen des Orients (mit gen, den Entscheidungen der römischen Reichs-
Bezeichnungen, die wir heute in der Konfessions- kirche Folge zu leisten. Wohl auch um dieser
kunde vermeiden, die aber auch bei uns bis vor kirchlichen Selbstständigkeit Ausdruck zu ver-
Kurzem noch gang und gäbe waren): Nestorianer, leihen, machte man sich hier die antiochenische
Jakobiten und Melkiten. – Der Verweis auf die Un- Christologie offiziell zu eigen.
einigkeit der Christen gehört bis auf den heutigen Diese Kirche „des Ostens“ hat den Ruhm, zur
Tag zum Standardrepertoire islamischer Polemik. größten Missionskirche des Mittelalters heran-
Mit diesem Problembewusstsein im Hinterkopf gewachsen zu sein. Auf den Wegen der Seiden-
wollen wir uns einen Weg in die bunte Vielfalt straße erreichten ihre Glaubensboten im ersten
des orientalischen Christentums bahnen. Wir Jahrtausend Indien, Tibet und China. Die Kata-

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welt und umwelt der bibel 1/2016 17
Das Kloster Rabban Hormizd bei Alqosh (Nordirak) – gegründet im 7. Jh., heute nicht mehr besiedelt.

strophen der ostasiatischen und nahöstlichen zergeschichte handelt. Sachgemäßer lässt sich
Geschichte haben im 13./14. Jh. zu einem raschen die gemeinte Kirchenfamilie als „miaphysitisch“
Niedergang geführt. Im Nordirak und seinen be- bezeichnen. In der alexandrinischen Theologen-
nachbarten Landstrichen lebten, wie Bünting schule, bei den großen Gegenspielern der Antio-
richtig bemerkt, die zahlenmäßig bescheidenen chener, wurde alles Gewicht auf die Einheit der
Gemeinden fort. Vom Wüten des „Islamischen Person des Erlösers gelegt. Wenn gilt, dass nur
Staates“ wurden sie in jüngster Zeit an den Rand Gott selbst den Menschen erretten konnte, dann
des Untergangs gebracht. In Mossul lebt heute mussten Göttliches und Menschliches in Chris-
kein Christ mehr. tus gedanklich, auch noch am Kreuz, eng zu-
Die Vokabel „Nestorianer“, ein alter Ketzerhut, sammengehalten werden. Man sprach deswegen
sollte heute keine Verwendung mehr finden. Als von „einer“ (gott-menschlichen) „Natur“ Christi
Hinweis auf die vorislamische Vergangenheit des (griech. mia physis).
irakischen Stammlandes nennt sich die Kirche Das reichskirchliche Konzil von Chalzedon
selbst „assyrische“ Kirche. (451) sah hier die Gefahr, dass Gott nun selbst
seiner Natur nach als leidensfähig vorgestellt
wurde – zumindest für die damalige Theologie
Die miaphysitische Kirchenfamilie ein Ungedanke. Deswegen bekannte man sich
Gewissermaßen das andere Extrem im Spektrum in Chalzedon zu der einen Person Christi in zwei
christologischer Lehrbildung repräsentieren die voneinander nicht zu trennenden, aber auch
„Jakobiten“, wobei es sich auch hier um einen nicht zu vermischenden Naturen (einer mensch-
überholten Begriff aus der Mottenkiste der Ket- lichen und einer göttlichen). Für die Zeitgenos-

18 welt und umwelt der bibel 1/2016


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Die Kirchen Des Orients

sen war der Zank um eine oder zwei Naturen in Bekenntnis zu der einen Natur Christi auf einem
Christus keine bloße Wortklauberei. In Syrien Landeskonzil im Jahr 555 angenommen hat. Von Monophysiten oder
und Ägypten formierte sich breiter Widerstand Alexandrien aus war schon im 4. Jahrhundert Miaphysiten?
gegen das Konzil. Das energische Festhalten das Äthiopische Reich missioniert worden. Von Die beiden Begriffe
Kaiser Justinians (527–565) an Chalzedon führte Ägypten her wurde dann auch das miaphysiti- besagen zunächst einmal
dazu, dass sich die Konzilsgegner eigene Kir- sche Bekenntnis nach Äthiopien gebracht. So scheinbar dasselbe: „eine
Natur“. Es geht um die
chenstrukturen schaffen mussten. Im Laufe des zählt auch die äthiopisch-orthodoxe Kirche, die
Beschreibung der göttli-
6. Jh. entstanden gewissermaßen Untergrund- von der koptischen Mutterkirche erst 1959 in
chen und menschlichen
kirchen. die volle Unabhängigkeit entlassen worden ist, Natur in Jesus Christus.
Im rastlosen Einsatz für die Errichtung solcher zur miaphysitischen Kirchenfamilie. Dasselbe Im Konzil von Chalzedon
Parallelstrukturen verzehrte sich der syrische gilt für die eritreisch-orthodoxe Kirche, die ihre wurde definiert, man solle
Bischof Jakob Baradaios. Auf sein Betreiben hin Unabhängigkeit von Äthiopien 1998 erlangte. beide als „ungetrennt und
weihten die syrischen Gegner des Chalzedonen- Schließlich hat sich im 16./17. Jh. ein beträcht- unvermischt“ nebenein-
se im Jahr 557 einen eigenen Patriarchen von An- licher Teil der Thomaschristen an der Südspitze ander in der Person Jesu
tiochien. Dadurch wurde augenfällig, dass man Indiens der Jurisdiktion des syrisch-orthodoxen Christi sehen. Diejenigen,
die Reichskirche nicht länger als legitime Erbin Patriarchen unterstellt. Etwa die Hälfte dieser die meinten, das Menschli-
der kirchlichen Überlieferung betrachtete. Auch syrisch-orthodoxen Thomaschristen hat sich che gehe im Göttlichen auf
„wie ein Honigtropfen im
in Alexandrien wurde neben dem reichskirchli- von dem im fernen Syrien residierenden Patriar-
Meer“ (Eutyches), nannte
chen Würdenträger ein AntiChalzedonenser zum chen losgesagt und bildet seit 1975 eine selbst-
man Monophysiten. Da die
Patriarchen erhoben. Aus diesen „Gegenkirchen“ ständige Kirche („malankarisch syrisch-orthodo- orientalischen Kirchen die-
sind die syrisch-orthodoxe und die koptisch-or- xe Kirche“). se extreme Position aber
thodoxe Kirche hervorgegangen. In Erinnerung Aufgrund ihrer disparaten Entstehungsge- meist nicht teilen, sondern
an Jakob Baradaios wurden sie schon früh „Jako- schichte besaß diese Kirchenfamilie weder ge- einfach von „einer Natur“
biten“ genannt. Es liegt auf der Hand, dass diese meinsame Strukturen noch ein zentrales Ober- sprechen, hat sich die Wis-
Etikettierung dem Selbstverständnis der Kirchen haupt. Aber es war wohl immer ein Bewusstsein senschaft auf den Begriff
nicht gerecht wird. der Zusammengehörigkeit vorhanden. Erst 1965 „Miaphysiten“ geeinigt.
Zur miaphysitischen Kirchenfamilie zählt ist es auf die Initiative Kaiser Haile Selassies hin
auch die armenisch-apostolische Kirche, die das zu einem offiziellen Treffen der miaphysitischen

Die Märtyrer von 2015:


Das koptische Patriarchat
in Alexandria (Ägypten)
hat die 21 in diesem Jahr
vom IS enthaupteten
Christen zu Märtyrern
erklärt. Ihr Feiertag ist
der 15. Februar. Auf der
Ikone aus dem Jahr 2015
erhalten die Hingerichteten
die Märtyrerkrone. Gleich-
zeitig rief das Patriarchat
dazu auf, nicht in Hass ge-
gen den Islam zu verfallen.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 19
Miaphysitische Kirchen Östlich-orthodoxe Kirchen
(im Nahen Osten)
Syrisch-orthodoxe Kirche Äthiopisch-orthodoxe Kirche Griechisch-orthodoxes Patriarchat
Oberhaupt: Ignatius Ephräm II., Oberhaupt: Patriarch von Alexandrien
Patriarch von Antiochien (seit 2014) Matthias I. (seit 2013) Oberhaupt: Papst und Patriarch Theodoros II.
Sitz: Damaskus Sitz: Addis Abeba (seit 2004)
Sitz: Alexandrien
Koptisch-orthodoxe Kirche Eritreisch-orthodoxe Kirche
Oberhaupt: Papst Tawadros II., Oberhaupt: Patriarch Dioskoros Griechisch-orthodoxes Patriarchat
von Antiochien („rum-orthodox“, s. S. 57)
Patriarch von Alexandrien (seit 2012) (seit 2007, Legitimität
Oberhaupt: Patriarch Johannes X. (seit 2012)
Sitz: Kairo innerkirchlich umstritten)
Sitz: Damaskus
Sitz: Asmara
Armenisch-apostolische Kirche
Griechisch-orthodoxes Patriarchat
Oberhäupter: Katholikos Karekin II. Malankarisch syrisch-orthodoxe
von Jerusalem
(seit 1999) Kirche
Oberhaupt: Patriarch Theophilos III.
Sitz: Etschmiadsin (Armenien) Oberhaupt: Baselios Mar Thoma
(seit 2005)
Katholikos Aram I. des Großen Paulose II., Katholikos des Ostens
Sitz: Jerusalem
Hauses von Kilikien (seit 1995) (seit 2010)
Sitz: Antelias (Libanon) Sitz: Kottayam (Kerala, Indien)
Dem Katholikat von Etschmiadsin
zugeordnet sind die Patriarchate
in Jerusalem und Istanbul.

Assyrische Kirche
des Ostens
Oberhaupt: Katholikos-Patriarch
Gewargis III. (seit 2015)
Sitz: z. Zt. Chicago

Altkalendarier
(Alte Kirche des Ostens)
Oberhaupt: Katholikos-Patriarch
Addai II. (seit 1972)
Sitz: Bagdad

Es gibt mehrere Kirchenfamilien, die sich durch ihre


Christologie (siehe Glosse S. 19) bzw. durch ihre
Anerkennung des römischen Papsttums (unierte Kirchen)
voneinander unterscheiden.

20 welt und umwelt der bibel 1/2016 200219141825IR-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
Die Kirchen Des Orients

Mit Rom unierte Kirchen (soweit sie zum Kirchen gekommen. Seit den 1960er-Jahren tre-
orientalischen Christentum gehören) ten sie in ökumenischen Bezügen als eine Kir-
chenfamilie auf.
Melkitische Armenisch-katholische Kirche
griechisch-katholische Kirche Oberhaupt: Krikor Bedros XX.,
Oberhaupt: Gregorios III., Patriarch Katholikos-Patriarch von Die „Melkiten“
von Antiochien, von Alexandrien Kilikien (seit 2015) Nachdem die Einheit der Alten Kirche zerbro-
und von Jerusalem (seit 2000) Sitz: Bzommar (Libanon) chen war, ist für die Anhänger der Reichskirche
Sitz: Damaskus
die Bezeichnung „Melkiten“ aufgekommen. Mit
Äthiopisch-katholische Kirche
Chaldäische Kirche dem aramäischen Wort für König (malka) wurden
Oberhaupt: Berhaneyesus Demerew
Oberhaupt: Louis Raphael I., die Parteigänger der Reichskirche bezeichnet, an
Kardinal Souraphiel, Erzbischof von
Patriarch von Babylon (seit 2013) deren Spitze der byzantinische Herrscher stand,
Addis Abeba (seit 1999)
Sitz: Bagdad dessen offizielle Titulatur ja die eines „Königs“
Sitz: Addis Abeba
(griech. basileus) war. Im Nahen Osten bestehen
Maronitische Kirche Eritreisch-katholische Kirche die drei Patriarchate dieser östlich-orthodoxen
Oberhaupt: Beschara Butros Oberhaupt: Menghesteab Kirchenfamilie bis heute fort: Alexandrien, An-
Kardinal Rai, Patriarch von Tesfamariam, Erzbischof von
tiochien und Jerusalem. Ehrenoberhaupt dieser
Antiochien (seit 2011) Kirchenfamilie, zu der beispielsweise auch die
Asmara (seit 2015)
Sitz: Bkerke (Libanon) orthodoxen Kirchen Russlands, Georgiens und
Sitz: Asmara
Südosteuropas gehören, ist der Ökumenische
Syrisch-katholische Kirche Syro-Malabarische Kirche Patriarch von Konstantinopel.
Oberhaupt: Joseph III., Patriarch Oberhaupt: George Kardinal Die gängige Bezeichnung der Patriarchate im
von Antiochien (seit 2009) Allencherry, Großerzbischof von Nahen Osten lautet griechisch-orthodox. „Grie-
Sitz: Beirut Ernakulam-Angamaly (seit 2011) chisch“ dient dabei eher der konfessionellen
Sitz: Ernakulam (Kerala, Indien) Bestimmung und meint nicht überall eine eth-
Koptisch-katholische Kirche nische Zuordnung. Hier bestehen gewichtige
Oberhaupt: Ibrahim Isaak Sidrak, Syro-Malankarische Kirche Unterschiede zwischen den Patriarchaten. Das
Patriarch von Alexandrien Oberhaupt: Baselios Cleemis antiochenische Patriarchat versteht sich selbst
(seit 2013) Kardinal Thottunkal, Großerzbischof betont als arabische Kirche; es handelt sich um
Sitz: Kairo von Trivandrum (seit 2007) die Mehrheitskirche Syriens, die auch im Liba-
Sitz: Trivandrum (Kerala, Indien) non in stattlicher Zahl vertreten ist. Das alexand-
rinische Patriarchat ist in Ägypten dagegen auf ei-
nige Tausend Mitglieder zusammengeschrumpft,
die sich ethnisch als Vertreter des Hellenentums
verstehen. Der explizit griechische Charakter der
Kirche wurde in jüngerer Zeit durch beachtliche
Missionserfolge im subsaharischen Afrika auf-
gebrochen. Von dauernden Spannungen ist die
Lage im Patriarchat Jerusalem gekennzeichnet,
wo sich der Episkopat weithin aus griechischen

Die Kirchen
Geistlichen rekrutiert, während die Schar der
Gläubigen aus arabischen Palästinensern be-
steht.

des Orients
Unierte Kirchen
Es hieße einen echten Fauxpas zu begehen, wür-
de man griechisch-orthodoxe Christen im Nahen
Osten heute noch als „Melkiten“ bezeichnen.
Aus Gründen, die nicht ganz zu erhellen sind,
wanderte der Begriff in der frühen Neuzeit auf
ein Kirchengebilde, dessen Existenz von nicht
wenigen Orthodoxen noch immer als Ärgernis
empfunden wird: die griechisch-katholische Kir-
che. Sie gehört in die Riege der mit Rom unierten

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welt und umwelt der bibel 1/2016 21
Die Kirchen Des Orients

Der kleine Ort al-Qosh


liegt im kurdischen Teil
des Irak. Er war bis zum
Sommer 2015 vollständig
von Christen bewohnt. Im
Zentrum befindet sich das
einst von Juden hochver-
ehrte Grab des Propheten
Nahum, in der Felswand
des den Ort überragenden
Berges ein frühchristli-
ches Wüstenkloster. Im
Stadtzentrum stehen
mehrere moderne Kirchen.
Die hier gezeigte besitzt
neben dem Eingang eine
„katechetische Ausstel-
lung“ mit Szenen aus dem
Leben Jesu. Sie umfasst
nicht nur die Krippe
(rechts unten), sondern
erstreckt sich bis zu Kreu-
zigung und Himmelfahrt.

Kirchen. Vor allem seit dem 16. Jh. war es Rom Kirche unter dem Kreuz
immer wieder gelungen, orientalische Christen So ein Gang durch die orientalische Kirchenland-
auf seine Seite zu ziehen. Den angestammten schaft mag auf den ersten Blick verwirrend sein;
östlichen Ritus und ein gewisses Maß an organi- selbst gestandene Theolog/innen haben schon
satorischer Selbstständigkeit, auch einen Patri- vor den letzten Feinheiten der nahöstlichen Kon-
archen als eigenes Oberhaupt (unter dem Papst), fessionskunde kapituliert. Den orientalischen
durften die so entstandenen Kirchen behalten. Christen sind ihre Kirchen aber erfahrbare geist-
Es genügte, dass sie sich dem römischen Bischof liche Heimat. Beeindruckend ist ihre religiöse
unterstellten. Lebendigkeit.
Die an sich schon verästelte Kirchenwelt des Auch auf dem Gebiet der Ökumene ist es zu
Nahen Ostens ist damit verdoppelt worden. Aus Fortschritten gekommen. Die Gründung des
der assyrischen Kirche ist die mit Rom verbun- „Middle East Council of Churches“ 1974 war dabei
dene „chaldäische“ Kirche hervorgegangen, die ein Markstein. Natürlich kommt es im täglichen
als Ausnahme heute sogar mehr Mitglieder zählt Miteinander auch zu Reibereien. Die Geplänkel
als ihr nicht uniertes Gegenüber. Sodann sind in der Grabeskirche, die bei uns manchmal so
die teilweise kleinen Einheiten der syrisch-, kop- genüsslich kolportiert werden, sind im nahöstli-
tisch-, armenisch-, äthiopisch- und neuerdings chen Kontext allerdings von geradezu vorbildli-
auch eritreisch-katholischen Kirche zu nennen. cher Harmlosigkeit! Dass sich die Vielfalt des ori-
Eigene katholische Kirchen mit syrischem Ritus entalischen Christentums wenigstens teilweise
finden sich zusätzlich in Südindien. Als Gegen- in der Grabeskirche zu Jerusalem abbildet, führt
über zu den drei griechisch-orthodoxen Patriar- zu einer doppelten Symbolik: Wie selten zuvor in
chaten der Levante wurde der Zweckmäßigkeit ihrer Geschichte stehen diese Kirchen heute im
halber nur eine einzige griechisch-katholische Schatten des Kreuzes von Golgota. Aber nicht Prof. Dr. Karl Pinggéra ist
Kirche errichtet. Es ist diese Kirche, die im Nahen der Kreuzesfelsen befindet sich im Mittelpunkt Professor für Kirchenge-
schichte an der Philipps-
Osten als „melkitische“ Kirche bekannt ist. In Je- des altehrwürdigen Gebäudes, sondern das lee-
Universität Marburg.
rusalem besteht ein Patriarchat für den lateini- re Grab Christi. Im christlichen Osten heißt die Er ist u. a. Vorsitzender der
schen Ritus. Kirche denn auch nicht „Grabeskirche“, sondern Gesellschaft für das Studium
– als immer gültige Verheißung – „Anastasis“, des christlichen Ostens
Kirche der Auferstehung. W (GSCO).

22 welt und umwelt der bibel 1/2016


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Aposteltraditionen
im Osten
„Ich muss auch Rom sehen“, lässt die Apostelgeschichte Paulus sagen (19, 21).
Lukas schrieb sie um 80 nC. Und wenig später rühmt sich die Hauptstadt des
Reiches, dass in ihr die „Apostelfürsten“ begraben sind. Die Rückführung einer
Gemeinde auf eine apostolische Gründung und Apostelgräber werden früh zu
einem wichtigen Identifikationsmerkmal: Ephesus hat Johannes, Konstantinopel
„sichert“ sich den Erstberufenen Andreas. Von Georg Röwekamp

W
eiter im Osten beruft man sich v. a.
auf Thomas. Laut Origenes war er der
Apostel Parthiens (Persien), und Eu-
sebius erzählt in seiner Kirchengeschichte, dass
er es war, der nach Jesu Tod den Apostel Thaddä-
us zu König Abgar nach Edessa, der großen syri-
schen Metrolope – heute Urfa in der Südosttür-
kei – sandte (vgl. auch S. 51 zur Abgar-Legende).
Dieser Ort wurde zum Zentrum der christlichen
Mission in Syrien, wo auch eine umfangreiche
Thomasliteratur entstand. Dazu gehört u. a. das
Thomasevangelium aus dem 2. Jh. mit seinen
114 Sprüchen Jesu. Die Thomasakten aus dem
3. Jh. schildern den Apostel dann als echten
Zwillingsbruder Jesu (vgl. Joh 20,24), der ihm in
Aussehen und Schicksal gleicht. Sie berichten
von seiner Missionstätigkeit in Indien (wo sich
später die Thomaschristen auf ihn berufen) und
überliefern z. B. das berühmte Perlenlied, das Das Thaddäuskloster in Aserbeidschan war früher ein
die Erlösung des Menschen auf gnostische Weise armenisches Kloster. Es beherbergt der Tradition nach das Grab des
erzählt. Nach dem Martyrium wurde sein Leich- Apostels Judas Thaddäus. Am Tag des heiligen Thaddäus (28. Dezem-
nam, den Akten zufolge, nach Edessa gebracht, ber) kommen alljährlich Christen aus dem ganzen Iran hierher, um ei-
wo die Gebeine u. a. von der Pilgerin Egeria be- nen Gottesdienst zu feiern. 2008 wurde das Kloster von der UNESCO
sucht wurden, die dort Ende des 4. Jh. „einiges“ zum Weltkulturerbe ernannt.
vom heiligen Thomas las. Auch die Manichäer
Edessas übernahmen übrigens die Verehrung westiran. Das dortige Kloster ist auch heute
des Thomas, dessen Akten sie anstelle der Apos- noch, trotz Verlust der Reliquien im Jahr 1918
telgeschichte in ihren Kanon aufnahmen. bei einer türkischen Militäraktion, ein wichtiges
Hinter dem von Eusebius erwähnten Thaddä- Wallfahrtsziel.
us verbirgt sich wahrscheinlich ursprünglich ein Als Apostel Indiens nennt Eusebius den Apo-
gewisser Addai – er wird nämlich in der einhei- stel Bartholomäus. Auch nach ihm ist ein apo-
mischen Überlieferung als Apostel und Missi- kryphes Evangelium benannt. Seine Akten
onar Edessas genannt. Seine Missionstätigkeit schildern ihn als Missionar in Parthien, sein Mar-
in Syrien und Armenien sowie Tod und Begräb- tyrium verlegt die Passio nach Armenien. Dort,
nis in Berytos/Beirut werden in den Thaddäus- in der heutigen Südosttürkei bei Baskale, östlich
akten berichtet. Die Armenier verehren jedoch des Vansees, verehren die Armenier auch heute
seit dem Mittelalter sein Grab im heutigen Nord- noch sein Grab. W

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welt und umwelt der bibel 1/2016 23
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Die Liturgien der östlichen Kirchen

Wer an einem Gottesdienst einer östlichen Kirche teilnimmt, taucht in eine andere Welt ein:
Gesänge, Prozessionen, Weihrauchschwaden, eine Fülle von Symbolen, vergoldete Ikonen,
Priester, Diakone und Kantoren in festlichen Gewändern … in der Liturgie bleibt der Alltag
zurück. Die Feiernden begeben sich für einige Stunden in die Sphäre Gottes. Für westliche
Augen ist die Verschiedenheit von vertrauten Gottesdienstformen verwirrend. Doch manche
Gedanken und Formen der östlichen Kirchen stellen auch Fragen an unser traditionelles Bild
von Kirche und regen an, Neues zu entdecken. Von Hans-Jürgen Feulner

I
n der altrussischen Nestorchronik (1113–1118) Typisch ostkirchlich
wurde die in der Hagia Sophia gefeierte Li- Es gibt eine Reihe gemeinsamer Merkmale, die
turgie als „Himmel auf Erden“ bezeichnet. östliche Liturgien von den römisch-katholischen
Aufgrund der Schönheit dieser Gottesdienstform und den protestantischen Gottesdienstfeiern
wandte sich das mittelalterliche Großreich Kie- stark unterscheiden. Zunächst fallen der Kirchen-
ver Rus zur oströmischen (byzantinischen) statt raum und seine Ausstattung bzw. Aufteilung so-
zur weströmischen (lateinischen) Glaubens- und wie die Feierlichkeit der stets gesungenen Litur-
Liturgieform. Es gibt vielerlei Gestalten von Ost- gie auf (keine Orgelmusik, außer im armenischen
kirchen. Ritus), dann das Vorhandensein entweder einer
Am bekanntesten dürfte der byzantinische mit Ikonen geschmückten „Bilderwand“ (Ikono-
Ritus sein, gehören doch über 80 % aller Ost- stase), die den Altar von den Gläubigen abtrennt,
christInnen einer Kirche an, die diese Form des oder eines Altarvorhangs, der den (erhöhten)
gottesdienstlichen Lebens pflegt (z. B. griechisch-, Altarraum während der Feier der Eucharistie an
russisch-, serbisch-, bulgarisch- und rumänisch- bestimmten Stellen den Blicken der Gläubigen
orthodoxe oder ukrainische, melkitische und entzieht. Auch die wichtige Rolle der Diakone
ruthenische griechisch-katholische Kirche). Aber und anderer liturgischer Dienste (Psalmist, Kan-
durch die gegenwärtigen Flüchtlingsmigrationen tor …) ist auffällig. In den orientalischen Liturgi-
kommt man in West- und Zentraleuropa zuneh- en zelebriert der Priester grundsätzlich nur nach
mend auch in Kontakt mit arabischen Christ- Osten gewandt (und nie zum Volk gerichtet), also
Innen aus dem Nahen Osten, die einer uns wenig in Richtung der aufgehenden Sonne, denn von
oder gar nicht bekannten östlichen Kirche ange- dort erwartete man in der Antike die Wiederkunft
hören. Christi (vgl. Mt 24,27.30).
Das besondere Verständnis des ostkirchlichen
Gottesdienstes ist charakteristisch zusammenge-
Äthiopischer Priester in Jerusalem. Viele fasst in dem Satz, mit dem Patriarch Germanos I. Prof. Dr. Hans-Jürgen
(650/60–730) von Konstantinopel die ihm zuge- Feulner ist Professor
Kerzen und das Gold der Ikonen, Schwaden von
für Liturgiewissen-
Weihrauch und feierliche Gesänge verleihen den schriebene Liturgieerklärung beginnt: „Die Kir-
schaft und Sakramen-
östlichen Kirchen eine Atmosphäre des Trans- che ist ein irdischer Himmel.“ Im östlichen Den- tentheologie an der
zendenten. Mitten in die düstere Welt bricht der ken gilt nicht nur der Kirchenbau als Abbild des Katholisch-Theolo-
Himmel ein und breitet sich aus. Liturgie ist Himmels, auch in dem in ihm gefeierten Gottes- gischen Fakultät der
Feier des Göttlichen auf der Erde. dienst senkt sich symbolisch der Himmel auf die Universität Wien

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welt und umwelt der bibel 1/2016 25
Den Himmel auf Die erDe Holen

Erde herab. Der irdische Gottesdienst stellt ge- nur ohne Schuhe betreten, wie z. B. im äthiopi-
wissermaßen den schwachen Abglanz der himm- schen Ritus. Aber da der Mensch das göttliche
lischen Liturgie dar. Diese Sicht von Himmel und Wirken nur begrenzt mit seinen Sinnen wahr-
Erde, besonders in der Feier der „Göttlichen Li- nehmen kann, nähert sich Gott auf besondere
turgie“, d. h. der Eucharistiefeier im byzantini- dem Menschen zugängliche Weise: z. B. in feierli-
schen Ritus, gibt allem, was dort geschieht, eine chen Prozessionen, in den Gesängen, in den Ge-
eminent symbolische Bedeutung, da jede Hand- rüchen des Weihrauchs, im Kerzenglanz, in den
lung und jeder liturgische Gegenstand in den mit Gold belegten Ikonen, in den vergoldeten
Kosmos des göttlichen Handelns einbezogen ist. und reich verzierten liturgischen Geräten, in den
In diesem „Mysteriendrama“ wird alles in enger prächtigen farbigen Gewändern der Zelebranten
Verbindung mit der Heilsgeschichte, vor allem (es gibt allerdings keinen strengen liturgischen
mit dem Leben Jesu von seiner Geburt bis zur Farbkanon wie im Westen) usw.
Auferstehung, gesehen. Gott selbst ist in der Li-
turgie am Werk, der Altarraum daher ein beson-
ders heiliger Ort. Deshalb tragen in einigen orien- Der Kirchenraum als irdischer
talischen Kirchen die Liturgen dort keine oder
besondere liturgische Fußbekleidung, wie z. B. Himmel
im armenischen oder koptischen Ritus, oder die
Gläubigen dürfen den Kirchenraum überhaupt
In dieses stark symbolgeladene Verständnis ist
auch der Kirchenraum mit einbezogen: Vor al-
lem im byzantinischen und äthiopischen Ritus
ist er zumeist reich mit biblischen und außerbib-
DIE BIBEL Im oSTKIrchLIchEN GoTTESDIENST lischen Szenen ausgemalt. Das Gotteshaus ist
nämlich Abbild des himmlischen Jerusalem und

D er eigentümliche Zug aller ostkirchlichen Gottesdiensttra-


ditionen besteht in der ungemein reichen Symbolwelt des
irdischen Geschehens, das immer die himmlische herrlichkeit
zugleich der Ort, an dem die himmlische Welt auf
Erden gegenwärtig wird. Dies spiegelt sich auch
in der Gliederung des Kirchenraums wider: Der
widerspiegeln soll. Demgegenüber spielen Verkündigung und Vorraum (Nárthex) war ursprünglich für diejeni-
Predigt eine relativ untergeordnete rolle (die Predigt wird in gen bestimmt, die sich auf die Taufe vorbereite-
manchen ostkirchen oftmals erst am Ende der Eucharistiefeier ten oder Buße tun mussten. Im Kirchenschiff
gehalten, wenn möglichst viele Gläubige anwesend sind). Das (Naós) feiern die Gläubigen den Gottesdienst. In
heißt aber nicht, dass die Bibel in den orientalischen Kirchen dem in der Regel durch eine Bilderwand oder ei-
ein Schattendasein führt. Der biblische Kanon ist in manchen
nen Vorhang abgetrennten Altarraum (Hierón)
halten sich nur die Liturgen auf.
Kirchen sogar noch weiter gefasst als in den westlichen Kirchen
(so z.B. durch die Aufnahme apokrypher und nachapostolischer
Schriften; bei den Äthiopiern hat v. a. das apokalyptische erste Eigenart der östlichen Liturgie
henochbuch einen hohen Stellenwert).
Außer in der assyrischen Kirche des Ostens hat
Das Alte Testament spielt in den meisten östlichen riten
die Bilderverehrung einen recht hohen Stellen-
zumindest während der Eucharistiefeier eine geringe bzw. gar wert. Ikonen sind sakrale Bilder der Ostkirchen
keine rolle. Allerdings sind natürlich liturgische hymnen und und eher mit den katholischen Gnadenbildern
oden sowohl vom Neuen wie vom Alten Testament inspiriert. als mit deren „normalen“ religiösen Bildern ver-
gleichbar, die im orthodoxen Verständnis auf das
sinnlich unwahrnehmbare Urbild hinweisen und
es mystisch vergegenwärtigen. Jede Verehrung
Bibel in einer eines auf der Ikone dargestellten Heiligen gilt
orthodoxen daher direkt dem Urbild, dem/der dargestellten
Kathedrale. Heiligen.
Durch Be- Unter abendländischem Einfluss hat sich seit
rührung oder
Jahrhunderten in den meisten Ostkirchen die
Küssen wird
Siebenzahl der Sakramente (Mysteria) allmäh-
sie verehrt.
lich durchgesetzt, ohne dass sie jedoch förmlich
dogmatischen Charakter besäße. Die Eucharistie
wird in den Ostkirchen an einem Tag nur einmal
auf einem Altar gefeiert. In vielen Klöstern wird

26 welt und umwelt der bibel 1/2016


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Den Himmel auf Die erDe Holen

die Eucharistie täglich, in anderen Kirchen nur


an Sonn- und Feiertagen gehalten. In den öst-
lichen Riten wird die Kommunion unter beiden
Gestalten gereicht, in der Regel durch Eintauchen
des konsekrierten (zumeist gesäuerten) Brotes in
den Kelch (im Westen ungesäuerte Hostien). Auf
die Kommunion, an der relativ wenige Gläubige
teilhaben, bereitet man sich traditionell spätes-
tens ab Mitternacht durch sexuelle Enthaltsam-
keit und Fasten vor.
Die Ostkirchen befolgen in der Regel ein stren-
ges Fasten, auch vor speziellen Festen im Kir-
chenjahr, z. B. im byzantinischen Ritus das Apo-
stelfasten für Peter und Paul (29. Juni), Heimgang
Mariens (15. Aug.), Enthauptung Johannes des
Täufers (29. Aug.) oder Kreuzerhöhung (14. Sept.)
Zur 40-tägigen „Großen Fastenzeit“ kommen in
einigen Riten noch weitere Fastenzeiten hinzu.
Die eucharistische Liturgie der Ostkirchen
weist – abgesehen von wechselnden Schrift-
lesungen und Gesangsstücken – keine Verände-
rungen während des Kirchenjahres auf, dennoch
bringt das Kirchenjahr mit seinen Festen und ge-
prägten Zeiten eine Mannigfaltigkeit in das got-
tesdienstliche Leben. Es hat, äußerlich betrach-
tet, einen doppelten Anfang: die beweglichen
Feste beginnen, abhängig von Ostern, mit der
Vorfastenzeit und der „Großen Fastenzeit“; die
unbeweglichen Feste hingegen beginnen mit dem
1. September, der nach altrömischer Weise Jahres-
anfang war. Bei den westlichen Christen beginnt
das Kirchenjahr mit dem 1. Advent. Abgesehen
von Ostern werden zwölf „Große Feste“ hervor-
gehoben. Dazu gehören auch die Beschneidung
Christi (1. Jan.), oder die Begegnung des Herrn
mit Simeon und Anna im Tempel (2. Feb.) Innenraum der Erlöserkirche in St. Petersburg. Die vielen „Großen“
Als Sprache in ihrer Liturgie benutzen nur die des Christentums verbinden die Gläubigen der Gegenwart mit denen, die vor
östlichen Kirchen in Rumänien, Albanien und ihnen den Glauben bezeugt haben.

EIN EIGENEr KALENDEr

V iele ostkirchen folgen für ihre


liturgischen Feste und geprägten
Zeiten dem sog. julianischen Kalen-
Verschiebung der unbeweglichen
Feste, wie Weihnachten (7. Januar). Die
beweglichen Feste wie das osterfest
nien, Bulgarien, Zypern, Griechenland)
dem melitianischen Kalender, der dem
gregorianischen Kalender entspricht,
der. Der von Julius caesar eingesetzte und der damit verbundene Festkreis aber noch genauer als dieser ist. Sie
Kalender hinkt heute dem im Westen (Fastenzeit, Karwoche, osterzeit) kön- wenden ihn aber nicht auf die beweg-
üblichen – nach der Kalenderreform nen nur selten in allen Kirchen gemein- lichen Feste ostern (mit Palmsonntag
von Papst Gregor XIII. benannten – sam gefeiert werden. Daneben folgen und der Fastenzeit), Pfingsten und das
gregorianischen Kalender um 13 Tage manche orthodoxen Kirchen (Konstan- Fasten der Apostel (am Sonntag nach
hinterher. Dadurch kommt es zu einer tinopel, Alexandrien, Antiochien, rumä- Pfingsten) an. (W. Baur)

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welt und umwelt der bibel 1/2016 27
Den Himmel auf Die erDe Holen

Ignatius Ephräm II. Karim ist seit dem in etlichen Ländern Ost- und Nordeuropas die
31. März 2014 der 123. „Patriarch von jeweilige Gegenwartssprache, einige Ostkirchen
Antiochien und dem ganzen Orient“ der im Nahen Osten teilweise auch das Arabische.
syrisch-orthodoxen Kirche. Er war Schüler Viele andere östliche Kirchen verwenden die im
des 2013 in Aleppo entführten Metropoliten. Mittelalter konservierten Sakralsprachen, näm-
lich Altgriechisch, Altkirchenslawisch, Altge-
orgisch, Altarmenisch (Grabar), Altsyrisch (ost-
aramäischer Dialekt), Altäthiopisch (G ‘ z) und
ee
koptisch (bohairischer Dialekt).
Die Stellung der Priester in den orientalischen
Kirchen, zumindest in ihren Ursprungsgebie-
ten (Süd- und Osteuropa, Naher Osten, Indien),
muss besonders in den ländlichen Gegenden
als sehr hoch angesiedelt werden, nicht nur im
liturgischen, sondern auch im gesellschaftlichen
Bereich. Sie sind meistens verheiratet oder zäh-
len zum Mönchsstand, wenn sie zölibatär leben.
Außer in der assyrischen Kirche des Ostens müs-
sen die Priester jedoch bereits vor ihrer Diako-
nenweihe geheiratet haben, danach ist es nicht
mehr möglich. Bei manchen sakramentalen
Feiern, wie z. B. bei der Krankensalbung, sind
in den meisten orientalischen Kirchen mehrere
Priester liturgisch eingebunden, im Idealfall so-
gar sieben.

DIE FEIEr DEr TrAUUNG IN DEN


orIENTALISchEN KIrchEN

D ie Trauung ist ein höchst feierlicher Vorgang. Die Ehe bedeutet


ewige, im reich Gottes geheiligte Vereinigung, die durch ein
Krönungsritual geschlossen wird.
In den östlichen Kirchen spielen das Krönungsritual sowie der
Trauungssegen durch den Priester eine wesentliche rolle und sind
zur Gültigkeit notwendig, wohingegen in den westlichen Kirchen
die Erfragung des Ehekonsens konstitutiv ist (nach katholischem
Verständnis spenden sich die getauften Eheleute gegenseitig das
Ehesakrament). In den orthodoxen Kirchen kennt man anhand stren-
ger Bestimmungen auch ausnahmsweise eine zweite (und u. U. sogar
eine dritte) kirchliche Trauung im Sinne der „oikonomia“ (= flexible
Anwendung oder Auslegung von kirchenrechtlichen Bestimmungen
zum Wohl der Gläubigen), wobei dann das byzantinische Trauungsri-
tual aber einen ausgeprägten Bußcharakter aufweist.

Äthiopisches hochzeitspaar in Axum: Kronen bringen in der


Liturgie die königliche Würde des Ehestandes zum Ausdruck.

28 welt und umwelt der bibel 1/2016


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DIE FEIEr DEr TAUFE IN DEN orThoDoXEN KIrchEN

K inder erhalten ihren Namen erst bei der Taufe.


Dieser wird aus einer jährlich aktualisierten
Liste von heiligen ausgewählt.
einem längeren Gebet, während er mit
dem vom Patriarchen geweihten myron
in Kreuzesform Stirn, Augen, Nasenflü-
Vor der Taufe wird der Täufling vom Priester gel, mund, beide ohren, Brust, hände
nach osten gewendet und dreimal angehaucht und Füße salbt: „Siegel der Gabe des
sowie auf Stirn und Brust dreimal mit dem Zei- heiligen Geistes. Amen.“
chen des Kreuzes besiegelt. Ihm wird die hand Der Getaufte erhält nun das weiße
aufgelegt, was eine Inbesitznahme des Täuflings Taufkleid und ggf. ein Taufkreuz. Da-
durch Jesus christus darstellen soll. Es folgen vier bei wird gesungen: „Gekleidet wird der
(Tauf-)Exorzismen, also Gebete um Befreiung vom Diener [die Dienerin] Gottes mit dem
Bösen: „… Vertreibe aus ihm [ihr] jeden bösen Gewand der Gerechtigkeit …“ und „rei-
und unreinen Geist, der sich verborgen und einge- che mir das Lichtgewand, der Du Dich
nistet hat in seinem [ihrem] herzen, …“ umkleidest mit Licht wie mit einem
Danach sagen sich die Taufpaten mit dem Kind Gewande, erbarmungsvoller christus,
selbst von den bösen mächten los und wenden unser Gott!“
sich dazu nach Westen (zur Finsternis). heutzutage findet nach der Taufe
Darauf spricht der Priester: „So blase und spu- und Firmung sogleich oftmals eine ri-
cke ihn an!“ – Der Taufpate spuckt symbolisch tuelle „Abwaschung der Salbung“ statt und man- Kinder erhalten
den Satan als Zeichen der Verachtung an. cherorts auch noch eine Art „haarbeschneidung“ in der Regel in
Nun kommt das Taufgelübde mit der Wendung in Kreuzesform (eine Art „Tonsur“). einer Feier drei
zum Licht – nach osten. Alle drehen sich um. Der In den orientalischen Kirchen werden in der Sakramente: Taufe,
Priester fragt: „Schließt du dich christus an?“ Der regel alle drei Initiationssakramente (Taufe, Fir- Firmung und Kom-
munion.
Taufpate antwortet: „Ich schließe mich an.“ Auch mung, erstmaliger Eucharistieempfang) in einer
dies wird dreimal wiederholt. Danach wird das einzigen gottesdienstlichen Feier zusammen ge-
Glaubensbekenntnis gesprochen. spendet, wenn sie während einer Eucharistiefeier
Nach dieser Vorbereitung wird die Taufe ge- an einem Sonntag stattfindet (oder die Erstkom-
spendet. Als Zeichen für die Dreifaltigkeit werden munion wird ggf. am darauffolgenden Sonntag
am Taufstein drei Kerzen entzündet und alle be- nachgeholt). Säuglinge bekommen dabei einige
kommen eine brennende Kerze. Tropfen des konsekrierten Weins auf die Zunge. Taufkleid, Kreuz,
Der Priester bekreuzigt dreimal das Wasser, in- Kerzen, Öl und
dem er seine Finger hineintaucht, dann haucht er Pinsel liegen bereit
es an und spricht dabei dreimal: „Unter dem Zei- für die Taufe.
chen Deines Kreuzes mögen alle gottfeindlichen
Kräfte zerschmettert werden.“
Dann wird das Katechumenenöl geweiht, wovon
danach in Kreuzesform dreimal etwas in das Tauf-
wasser gegossen wird. Der Täufling wird nun mit
diesem Öl in Kreuzesform auf mehreren Körper-
stellen gesalbt:
„Gesalbt wird der Diener [die Dienerin] Gottes
mit dem Öl der Freude, im Namen des Vaters und
des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. – Zur
heilung der Seele und des Leibes. – Auf dass er/
sie höre den Glauben. – Deine hände haben mich
geschaffen und gebildet. – Auf dass er/sie wandle
auf dem Pfade der Gebote.“
Die Taufe selbst wird nun durch dreimaliges Un-
tertauchen vollzogen. Es schließt sich die myron-
salbung an. Sie entspricht der Firmung im Westen.
Dabei spricht der Priester zum Neugetauften nach

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welt und umwelt der bibel 1/2016 29
Die verscHieDenen riten

Die alexandrinische Liturgiefamilie

Der koptische Ritus Die unierte koptisch-katholische Kir- äthiopische Ritus, der eine ausgeprägte
In Alexandrien und Unterägypten wur- che folgt dieser Liturgieform, hat aber Marien- und Engelverehrung aufweist
de der Gottesdienst zunächst in griechi- seit dem II. Vatikanischen Konzil, wie und etwa 254 Fasttage kennt, zeigt heute
scher Sprache gefeiert; in Oberägypten auch andere katholische Ostkirchen, noch ein ganz eigentümliches Gepräge.
hingegen wahrscheinlich bereits in den eine freiwillige „Latinisierung“ ihrer Li- Die eucharistische Liturgie muss auf der
koptischen Dialekten. Seit dem 9. Jh. turgie durchgeführt (Zelebration zum auf dem Altar liegenden Gesetzestafel
wurde der bohairische Dialekt die offi- Volk hin, tägliche Eucharistiefeiern, vollzogen werden. Dieses sogenann-
zielle liturgische Sprache. Heute nimmt meist keine Ikonostase usw.). te Tabo-t (eine Holztafel, auf der oft der
die Landessprache Arabisch einen wei- Dekalog und ein Abschnitt aus Mt 25
ten Raum ein. In der Eucharistie gibt es Der äthiopische Ritus eingeschnitzt sind) gilt als Nachbildung
drei verschiedene Anaphoren (eucharis- Noch besser als die koptische Liturgie der Bundeslade. Dieser Ritus kennt auch
tische Hochgebete). hat ihre „Tochter“, die äthiopische Li- liturgische Trommeln und Handrasseln
In der Sakramentenspendung ha- turgie (in Äthiopien und Eritrea), das (Sistren) sowie eine Art von liturgischem
ben sich weitgehend syrische Bräuche syrische Erbteil bewahrt (siehe dazu Tanz in den gottesdienstlichen Feiern.
durchgesetzt, ein Beweis für den starken den Beitrag in WuB 3/2015, S. 20). Die Neben Ostern und Weihnachten hat das
syrischen Einfluss in Ägypten. Auch der ersten Missionare Äthiopiens kamen Fest der Taufe Jesu, Timkat (am 6. Jan.),
Einfluss der Mönche auf die koptische aus dem römischen Teil Syriens und große Bedeutung.
Liturgie, besonders das Tagzeiten-/Stun- dem Kloster der Syrer (Dair as-Surya-n)
dengebet, darf nicht unterschätzt werden. in Unterägypten (im Wa-dı- Natru-n). Der

Die antiochenische Liturgiefamilie


Der ostsyrische Typ Eines der charakteristischen Merk- Der chaldäische Ritus
Der syro-mesopotamische male seiner Reform ist eine Vorliebe für Bereits im 14. Jh. vereinigten sich
(„nestorianische“) Ritus den Siebener-Rhythmus. Das Liturgi- „Nestorianer“ auf Zypern und im 16./17.
Dieser Ritus in Persien-Mesopotamien sche Jahr, das mit dem dem 1. Dezember Jh. ein Teil der ostsyrischen Kirche aus
(mit seiner isolierten Lage außerhalb des nächstliegenden Sonntag beginnt, wur- Mesopotamien mit Rom und bildeten
damaligen Römischen Reiches) erhielt de in Reihen von sieben Wochen aufge- die chaldäisch-katholische Kirche. Seit
frühzeitig sein Gepräge durch die Kir- teilt. Die stark reduzierte Heiligenvereh- ihrer Vereinigung mit Rom haben die
che von Edessa (dem heutigen Şanliurfa rung zeigt ein altchristliches Gepräge. sog. Chaldäer zahlreiche „lateinische“
in der Türkei), die damals ein mächtiges Ein charakteristisches Element des ost- (römisch-katholische) Bräuche über-
Zentrum syrischer Sprache gewesen ist. syrischen Stundengebets ist der Reich- nommen: Bei der Taufe geschieht kein
Die Evangelisation der Gebiete an Euph- tum seiner Gebete. Die ostsyrische Kirche vollständiges Untertauchen mehr, die
rat und Tigris ging in der Hauptsache von erkennt der Mönchs- und Altarweihe, Firmung wird nach der römischen For-
Antiochien und Edessa aus. Diese Pro- den Begräbnisriten sowie der Totensal- mel gespendet, ebenso die Lossprechung
vinzen waren kaum hellenisiert, die Be- bung einen sakramentalen Wert zu, da- beim Bußsakrament. Nur Ehe- und Be-
völkerung sprach einen ostaramäischen gegen nicht der Krankensalbung, die sie gräbnisriten haben ihre alte Form ohne
Dialekt, und in diesen Provinzen gab es nur bis ins 7. Jh. praktizierte. Stattdessen allzu große Veränderungen bewahrt.
viele jüdische Gemeinden, teils noch aus gibt es eine Krankensegnung mit dem
der babylonischen Gefangenschaft, teils sog. Hena-nâ (= „Staub der Verehrung“), Der syro-malabarische Ritus
aus der Zuwanderung nach der Zerstö- d. h. Staub von Märtyrergräbern, der Als die Portugiesen erstmals mit den
rung des Jerusalemer Tempels. Deshalb mit Öl und Wasser vermischt den Kran- Christen der Südwestküste Indiens (Ke-
hat das dortige Christentum ganz beson- ken zum Trank gereicht oder aufgelegt rala) in Berührung kamen, war dort
ders altertümliche Züge bewahrt. wird. Die Kirchengebäude kennen wohl schon lange die syro-mesopotamische
Nach den stürmischen Zeiten der rö- bereits seit der arabischen Invasion (im (ostsyrische) Liturgie in Gebrauch, aller-
misch-persischen Kriege und der ara- 7. Jh.) keinen Bilderschmuck mehr, wes- dings mit einigen Sonderformen. Im 16.
bischen Eroberung ging dann mit der halb es statt einer Ikonostase nur eine Jh. wollten die portugiesischen Eroberer
Reorganisation der Kirche auch die Fest- niedrige zaunartige Abtrennung gibt. die Christen Indiens der katholischen
legung der Liturgie Hand in Hand. Diese Besondere Bedeutung hat die Verehrung Kirche zurückführen, gingen dabei aber
Reform begann im 7. Jh. mit dem Patriar- des Kreuzes. ziemlich unklug vor, da sie ihnen die
-
chen ‘Išo-‘jahb- III. († 658). römische Liturgie aufdrängten. So ist

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welt und umwelt der bibel 1/2016
ostsyrischer Typ
Syro-Mesopotamischer / „Nestorianischer“ Ritus

Chaldäischer Ritus

Serbisch, Bulgarisch …
Syro-Malabarischer R .

Antiochenisch

Slavonisch
Altkirchenslawisch
(Russisch)
Armenischer R.
Englisch

...

Byzantinischer R. G riechisch
ÖSTLICHE LITURGIEN

westsyrischer Typ

Melkitisch (Arab isch)


Maronitischer Ritus
G eorgisch
Syro-Antiocheni-
...
scher Ritus

Einfluss
Malabarischer Ritus

Malankarischer Ritus

Kirchen und Riten


Die Kirchenfamilien (s. Übersicht S. 20f) sind nicht
deckungsgleich mit den jeweils verwendeten liturgischen
Alexandrinisch

Riten, da es unterschiedliche Fachbezeichnungen und


komplexe historische Entwicklungen gibt. Sie unterschei-
Koptischer Ritus den sich nicht nur durch unterschiedliche Liturgiespra-
chen oder Hochgebete in der Eucharistiefeier, sondern
auch durch die ganze Lebensordnung und Verfassung der
jeweiligen (Teil-)Kirche in ihrer Eigenart.
Äthiopischer Ritus

Syrisch-
katholische
christen
in der Paulus-
kirche von
Damaskus.

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31
Die verscHieDenen riten

dieser Ritus heute am meisten latinisiert Griechischen übersetzt, teils ursprüng- Der byzantinische Ritus
und hat nur einen kleinen Rest seiner lich syrisch waren. In der zweiten Hälf- Dieser Ritus stammt eigentlich ur-
Überlieferung bewahrt. Die Wiederher- te des 12. Jh. erhielt er sein endgültiges sprünglich vom Presbyter Johannes von
stellung der ostsyrischen Tradition ist Gepräge. Dieser Ritus besitzt außer der Antiochien ab. Ihm wurde im 6. Jh. der
noch immer im Gange. Die Liturgiespra- alten Jakobus-Anaphora etwa 70 ande- Beiname Chrysostomus („Goldmund“)
che ist die Landessprache Malayalam. re Anaphoren. Ein charakteristisches verliehen, wahrscheinlich wegen seiner
Merkmal ist das Überwiegen hymnischer berühmten Predigten. Der Ritus erhielt
Elemente im Stundengebet, sodass die jedoch in Konstantinopel (Byzanz; heu-
Der westsyrische Typ Psalmen fast ganz verdrängt wurden. te: Istanbul) seine endgültige Ausgestal-
Der syrisch-antiochenische Ritus Altsyrisch ist die Liturgiesprache geblie- tung. Er spiegelt in vielen seiner Zere-
Nach Jerusalem war Antiochien die ers- ben, wenn auch in Syrien und im Liba- monien den Prunk des byzantinischen
te Gemeinde, von der das Christentum non die Lesungen und andere Gebete in Kaiserhofes wider.
seinen Ausgang nahm. Als römische arabischer Landessprache gesprochen Drei Hochgebete sind im Gebrauch:
Provinz mit griechischer Kultursprache werden. Im 17. Jh. vereinigte sich ein Teil die Anaphora des hl. Basilius; die am
entwickelte Westsyrien eine Liturgie in der Westsyrer mit Rom. Sie bilden seit- häufigsten verwendete Anaphora ist die
griechischer Sprache; nur das Gebiet um her ein syrisch-katholisches Patriarchat, des hl. Johannes Chrysostomus; und
Edessa (Adiabene) bildete das Zentrum in dem bis heute der syrisch-antiocheni- manche Kirchen benutzen gelegentlich
sche Ritus mit lateinischen Elementen in die Anaphora des hl. Jakobus. An Tagen
Kraft ist. ohne Messfeier wird die „Liturgie der
vorgeweihten Gaben“ verwendet, die der
Der malabarische und der malan- römisch-katholischen Karfreitagsliturgie
karische Ritus mit Kommunionfeier ähnelt.
Im 17. Jh. vereinigte sich an der West- Ein besonderes Merkmal des byzanti-
küste Indiens ein Teil der ostsyrischen nischen Ritus ist die Bedeutung der Bil-
Syro-Malabaren, die keine Union mehr derverehrung (Ikonen). Der Altarraum
mit Rom wollten, mit dem „miaphysiti- ist nicht mehr bloß durch eine Schranke,
schen“ Patriarchat von Antiochien und sondern durch eine Ikonostase abge-
übernahm die westsyrische Liturgie schlossen. Diese Bilderwand bildet das
(=  malabarischer Ritus). 1930 schlossen vielleicht auffälligste Ausstattungsstück
sich mehrere Bischöfe dieses nicht ka- in einer byzantinischen Kirche: Auf der
tholischen malabarischen Ritus wieder von drei Türen durchbrochenen Wand
Rom an; man nennt sie auch „Malanka- sind in einer festen Anordnung Ikonen
ren“. Sie behielten ihren westsyrischen angebracht. Im ostkirchlichen Ver-
Typus der Liturgie bei, den sie in der ständnis grenzt die Ikonostase zwar den
Volkssprache Malayalam feiern. himmlischen vom irdischen Bereich ab,
wird aber während der Gottesdienstfeier
Syrisch-orthodoxer Bischof bei der Der (syro-)maronitische Ritus immer wieder geöffnet, um so die Kom-
jährlichen Wasserweihe anlässlich des Dieser Ritus ist eine Variante des syrisch- munikation zwischen Gott und den Men-
Festes der Taufe Jesu antiochenischen Ritus. Er wird von den schen zu symbolisieren. Die Betonung
maronitischen Gemeinden des Libanon der Bilderverehrung ist eine Reaktion auf
verwendet. Seit der Zeit der Kreuzzüge den Bilderstreit des 8./9. Jh. (sog. „Iko-
syrischer Kultur. Das Konzil von Chalze- (11.–14. Jh.) sind die Maroniten eng mit noklasmus“). Die Gebete des byzantini-
don (451 nC) verursachte eine Spaltung Rom verbunden und waren seither star- schen Ritus zeichnen sich durch ihren
innerhalb der Kirche von Antiochien. Ein ken lateinischen Einflüssen ausgesetzt. theologischen Reichtum aus; mehr als
„rechtgläubiges“ Patriarchat blieb zwar Seit dem Mittelalter hat sich auch der der Römische Ritus lassen sie das Bestre-
bestehen, aber es umfasste mit der Zeit Kirchenbau immer mehr den römischen ben erkennen, die Dogmen der großen
vor allem die „Kaisertreuen“ (Melkiten), Bräuchen angepasst, ebenso wie die li- Konzilien zu verkünden.
die schließlich bis zum 9. Jh. die byzan- turgische Gewandung. Erst im Rituale Die ursprüngliche Liturgiesprache ist
tinische Liturgie vollständig annahmen. von 1942 findet man erste Anzeichen ei- das Griechische. Die liturgischen Bücher
Sieger blieben jedoch die „Miaphysiten“. ner Rückwendung zu der authentischen wurden jedoch bei der Bekehrung der
Die sog. „jakobitische“ Kirche Antio- maronitischen Überlieferung. Seit 1992 Slawen ins Altkirchenslawische über-
chiens (heute: syrisch-orthodoxe Kirche) gibt es ein neues Messbuch, das sich der setzt. Die Melkiten in Syrien und Ägyp-
vereinigte Christen griechischer und sy- syrischen Tradition stärker verbunden ten feierten ihre Gottesdienste anfangs
rischer Sprache. Der syrisch-antioche- weiß, wenngleich die arabische Sprache Syrisch bzw. Griechisch, später und be-
nische Ritus wurde aus verschiedenen die altsyrische nach wie vor sehr stark sonders heute in Arabisch.
Bestandteilen gebildet, die teils aus dem verdrängt hat.

32 welt und umwelt der bibel 1/2016


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Die verscHieDenen riten

DIE ProSKomIDIE (GABENBErEITUNG) IN DEN


KIrchEN DES ByZANTINISchEN rITUS

Der Priester schneidet aus dem Brot mit einer kleinen Lanze (Bild rechts) ein
Stück in Kreuzesform heraus. Das Stück wird als „Lamm“ bezeichnet und sym-
bolisiert den opfertod christi am Kreuz. Dabei wird folgender Dialog gespro- Die Elemente für die Gabenbe-
chen: reitung. Die Prosphoren („Darbrin-
gung“) sind runde Brote, die entspre-
Diakon: Schlachte, Vater! chend den zwei Naturen Christi aus
Priester: Geschlachtet wird das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt zwei Teilen bestehen. Auf dem oberen
hinwegnimmt, für das Leben und das heil der Welt. Teil der Prosphore wird ein Kreuz-
Diakon: Stich, Vater! stempel aufgedrückt, in seinen Ecken
Priester: Einer der Soldaten stieß die Lanze in seine Seite, und sogleich stehen die Abkürzungsbuchstaben
des Namens Jesus Christus „IC XC“
flossen Blut und Wasser heraus [...].
und das griechische Wort „NIKA“, was
[aus: Liturgie. Die Göttliche Liturgie der Orthodoxen Kirche, hg. v. A. Kallis, Münster 2005 zusammen bedeutet: Jesus Christus
(6. Aufl.), S. 20 + 22]. siegt.

Der armenische Ritus


Der (ost-)syrische Einfluss von Edessa auf
den armenischen Ritus zeigt sich beson-
ders in der Aufstellung des Kalenders.
Dieser ist heute der einzige, der fast gar
keine unbeweglichen Feiertage kennt.
Außer armenischen Heiligen werden nur
noch einige syrische und persische Hei-
lige verehrt. Das einzige Formular, das
gegenwärtig zur Feier der Eucharistie
verwendet wird, ist die Athanasius-Ana-
phora. Von allen Ostkirchen unterschei-
det sich die armenisch-apostolische von
alters her durch den Gebrauch von un-
gesäuertem Brot. Desgleichen verzichtet
die armenische als einzige aller christ-
lichen Kirchen auf die Beimengung von
Wasser zum Wein, obwohl dieser Brauch
bereits im 2. Jh. allgemein bezeugt ist. Die alte armenische Kirche Khor Virap mit dem Berg Ararat im Hintergrund
Die armenisch-apostolische Kirche ist
die einzige Kirche, die keine Trennung
von Weihnachten und Epiphaniefest der Jahrhunderte weitgehend von der mit Bildern), den Ordinationssalbungen
kennt und beides als Doppelfest am 6. byzantinischen und mit den Kreuzzügen und den Einfügungen römischer Gebe-
Januar feiert. auch von der römischen Liturgie beein- te (Stufengebet und Confiteor) und des
Abgesehen von diesen Besonderheiten flusst. Das zeigt sich bei der Mitra der Bi- Schlussevangeliums (meist Joh 1) in die
wurde die armenische Liturgie im Verlauf schöfe, dem Altar-Retabel (Altaraufbau armenische Eucharistiefeier. W

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welt und umwelt der bibel 1/2016
Große Gestalten des
orientalischen Christentums
Das orientalische Christentum wurde nach der Trennung der Kirchen im 4. Jh.
über die Jahrhunderte von den unterschiedlichsten Gestalten geprägt. Diese
Auswahl versucht, gleichzeitig einen Überblick über wichtige Epochen, Tenden-
zen und die im Heft behandelten Kirchen zu geben. Von Georg Röwekamp

Fresken zum Weltgericht im syrischen


Kloster Mar Musa. Der Name „Moses“ geht
auf einen Einsiedler zurück, der im 5. Jh. hier in
einer Höhle asketisch lebte. Das Kloster wurde
seit 1997 von P. Paolo dall’Oglio wiederbelebt
und stand für Besucher und Kursteilnehmer der
ökumenischen Seminare offen. Schwerpunkt war
der Dialog zwischen Christen und Muslimen.
Bislang blieb es vor der Zerstörung durch den IS
bewahrt. Pater Paolo wurde vom IS entführt und
ist verschollen.

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welt und umwelt der bibel 1/2016
Barsauma und narsai von nisiBis (5. JH.)

Ephräm der Syrer (+ 373) hatte, nach der ziemliche Freiheit, und gerade die Tat- die sich v.a. dem Werk des Theodor von
Übergabe von Nisibis an die Perser 363, sache, dass man sich lehrmäßig von By- Mopsuestia verpflichtet fühlte. Dabei war
durch seine Übersiedlung nach Edes- zanz distanzierte, trug dazu bei. Bischof das Miteinander von Bischof und Lehrer
sa dort dem großkirchlich-orthodoxen Barsauma von Nisibis (+ um 495) machte nicht immer konfliktfrei – für mehrere
Christentum zum Durchbruch verholfen. den aus Edessa geflohenen Narsai (+ 503) Jahre verließ Narsai die Stadt. Zeitgenös-
Seine bildreiche „Theologie in Hymnen“ zum Leiter der von ihm neu gegründe- sische Autoren berichten, dafür sei der
blieb das gemeinsame Erbe aller syri- ten Schule/Universität und schuf damit Neid von Barsaumas Frau verantwortlich
schen Kirchen. Nachdem aber die syrisch- eine Institution, die für die ostsyrische gewesen – der Bischof hatte noch im ho-
antiochenische Theologie im Gefolge der „Kirche des Ostens“ entscheidende Be- hen Alter eine ehemalige Nonne geheira-
Konzilien von Ephesus und Chalzedon im deutung erhielt. Der Unterricht umfasste tet, um im Streit über die Verpflichtung
Römischen Reich kaum mehr akzeptiert – wie die erhaltenen Statuten bezeugen zur Ehelosigkeit für Geistliche in der
war, wurde erneut das persische Nisibis – auch aristotelische Philosophie und stark asketisch orientierten syrischen
zu deren Zentrum. Hier im Sassaniden- Medizin. Krönender Abschluss war die Kirche durch sein persönliches Beispiel
reich genossen die Christen meist eine von Narsai gelehrte biblische Theologie, Stellung zu beziehen.

JakoBus Baradai (6. JH.)

Nachdem im 5. Jh. große Teile der west- wurden (zu Chalzedon und den Miaphy- Kirche das Überleben sichern konnte.
syrischen Kirche (nicht nur aus theo- siten s. S. 18). Einer von Ihnen war Jakob, Viele der neuen Bischöfe waren Mönche
logischen Gründen) die Beschlüsse der seine Ausbildung im Kloster Pesilta wie er und residierten weiterhin in ihren
des Konzils von Chalzedon ablehnten, am Berg Izla (heute Tur Abdin) erhal- Klöstern – was für diese Kirche typisch
bekämpften die byzantinischen Kai- ten und dann längere Zeit in Konstan- werden sollte. Zwar war das Leben des
ser, v.a. Justinian, die sog. Miaphysiten tinopel gelebt hatte. Bald erhielt er den Jakob noch durch zahlreiche Konflikte
insbesondere durch Absetzung und Beinamen Burdana (griech. Baradaios), geprägt – er selbst starb 578 auf einer
Verbannung von deren Amtsträgern. „der Zerlumpte“, weil er in einem mehr Reise nach Alexandrien, wo er zwischen
Andererseits hatten diese auch Unter- als einfachen Mönchsgewand immer den „Miaphysiten“ Ägytens und Syriens
stützung am Kaiserhof: Justinians Gattin wieder seinen Verfolgern entkam. Denn vermitteln wollte, doch letztlich war sein
Theodora unterstützte Klosterbauten der diese hatten erkannt, dass er durch die Wirken erfolgreich: Obwohl er nicht als
Anti-Chalzendonenser (wie z.B. in Mor Weihe zahlreicher neuer Amtsträger eigenständiger Theologe hervortrat, son-
Gabriel im Tur Abdin), sorgte aber auch (Priester, aber auch Bischöfe und sogar dern „nur“ eine neue Hierarchie geschaf-
dafür, dass für Syrien und Arabien zwei Patriarchen) eine Struktur schuf, die fen hat, wird „seine“ Kirche heute auch
neue „miaphysitische“ Bischöfe geweiht der antichalzedonischen westsyrischen als „jakobitisch“ bezeichnet.

Theodor aBu Qurra (8./9. JH.)

Nur im Raum Palästina hatten so viele Qurrah („Vater des Trostes“) stammte gab, die ihre Gegner verstehen konnten.
orientalische Christen die Beschlüsse aus Edessa, trat aber um 750 in das Sa- Als Bischof von Harran war er (kurz vor
von Chalzedon akzeptiert, so dass man baskloster bei Jerusalem ein. Dort wurde seinem Tod) 829 sogar Gesprächspartner
die dortige Kirche insgesamt als chal- er zum Erben des Johannes von Damas- des Kalifen al-Mamun bei einem „interre-
zedonensisch bezeichnen konnte. Eine kus und vertrat u.a. dessen Position zu- ligiösen Dialog“. Außerdem gehörte er zu
gänzlich neue Situation entstand durch gunsten der Bilderverehrung, was unter den zahlreichen Christen, die Werke der
die arabische Eroberung: Nun musste der Herrschaft der Muslime leichter war griechischen Philosophen ins Arabische
man sich nicht nur mit anderen Chris- als im damals bilderfeindlichen Byzanz! übersetzten und diese der muslimischen
ten, sondern sogar mit einer anderen Entscheidend aber war, dass Theodor Welt so erst zugänglich machten – bevor
Religion auseinandersetzen, die zudem erstmals christliche Schriften auf Ara- sie dann auf dem Umweg über Spanien
von einer anderen Sprache geprägt war. bisch verfasste und so den Christen Ar- nach Westeuropa gelangten.
Der chalzedonisch gesinnte Theodor Abu gumente in einer Sprache an die Hand

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welt und umwelt der bibel 1/2016 35
GreGor Bar heBraeus (13. JH.)

Im 13. Jh. wurden große Teile der inzwi- beherrschten Persien. Seine Residenz betrieb als Universalgelehrter Astrologie,
schen von Seldschuken beherrschten war das Kloster Mar Mattai bei Mossul trug aber auch mit seinen auf Syrisch und
Gebiete im Orient durch die Mongolen (Titelbild und S. 6), er hielt sich aber oft Arabisch geschriebenen theologischen
erobert. In diese Zeit fällt das Wirken des und gern auch in Maraghe (heute Nord- Werken zu einer „syrischen Renaissance“
Gregorios Bar Hebraeus. Mit seinem Va- west-Iran) auf, wo die Ilkhane residier- bei. Zu diesen gehört sein großer Bibel-
ter, der jüdischer Herkunft war, zunächst ten und wo er 1286 starb. Die Herrscher kommentar „Scheune der Geheimnisse“,
aus seiner mongolisch beherrschten Hei- waren lange Zeit religiös indifferent, hat- aber auch ein Werk zur Ethik, das u. a.
mat Melitene (Malatya) geflohen, stu- ten sogar „nestorianische“ Frauen, was dem muslimischen Mystiker al-Ghazzali
dierte er, selbst „Miaphysit“, bei einem den Christen zugute kam. Und sie waren verpflichtet ist. Dogmatische Streitig-
„Nestorianer“ in Tripoli. Bald darauf wur- den Wissenschaften gegenüber offen: keiten hatte er hinter sich gelassen. Er
de er vom Patriarchen von Antiochien In Maraghe entstand das bedeutendste schreibt: „Und ich riss die Wurzel des
zum „Maphrian“ geweiht. In dieser Funk- Observatorium der Zeit, an dem Wissen- Hasses gänzlich aus meinem Herzen und
tion unterstanden ihm alle „miaphysiti- schaftler verschiedener Religionen zu- unterließ für immer die Streitgespräche
schen“ Gemeinden im nun mongolisch sammenarbeiteten. Selbst Bar Hebraeus mit irgendjemand über Glaubensfragen.“

Joseph assemani (18. JH.)

Im 10. Jh. hatten sich große Teile der diese ihr Gebiet eroberten. 1181 wurde ausgab und übersetzte. U.a. machte er so
Chalzedonier des Libanon (nicht zuletzt die „Union“ förmlich verkündet. 1584 die Werke Ephräms dem Westen zugäng-
unter muslimischem Druck) in die Berge wurde in Rom sogar ein eigenes Kolleg lich. Als päpstlicher Delegat verband der
im Norden des Landes zurückgezogen. für die Maroniten errichtet. Dort studier- spätere Titular-Erzbischof von Tyrus 1736
Sie bildeten eine eigene Kirche, die sich te Anfang des 18. Jh. auch der in Hasrun die Maroniten bei einem Nationalkonzil
nach dem Eremiten Maron († vor 423) geborene Yusuf as-Sim’ani. Der begabte noch enger mit Rom – doch sorgte dies
benannt hatte. Da diese ihrer eigenen Gelehrte wurde erster Kustode der Va- auch für einen Abbruch eigenständiger
Tradition zufolge nie mit Rom gebrochen tikanischen Bibliothek und erwarb auf Traditionen, die man erst im 20. Jh. müh-
hatte, unterhielt sie schnell freundliche mehreren Reisen durch den Orient zahl- sam wiederentdeckte.
Beziehungen zu den Kreuzfahrern, als lose Handschriften, die er zum Teil her-

papsT kyrill vi. (20. JH.)

Fast unbemerkt vom Westen hat auch die nasklosters, wo er 1972 bestattet wurde – rale von Kairo nahm Kyrill 1968 die aus
koptische Kirche Ägyptens in der zwei- wieder zu spirituellen Zentren der Kirche. Venedig zurückgekehrte Reliquie des hl.
ten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Große Bedeutung hat aber auch die von Markus entgegen. Das war auch ein öku-
Reformprozess durchlaufen. Der ist un- ihm initiierte und sehr erfolgreiche Sonn- menisches Zeichen: In der Kapelle, wo
trennbar verbunden mit Kyrill VI. Dieser tagsschulbewegung, die sich die religiöse sie aufbewahrt wird, sind Kyrill und der
hatte seit 1925 als Mönch, dann als Ein- Bildung aller Kirchenmitglieder zum Ziel römisch-katholische Delegat gemeinsam
siedler im Wadi Natrun (Sinai) gelebt. gesetzt hat. In der neuen Markuskathed- dargestellt.
Später war er Abt des Samuelklosters
bei Qalamun und wurde 1959 zum Papst
gewählt. Er steht für die Erneuerung des
mönchischen Lebens, das heute auch
wieder viele junge und gebildete Kopten
anzieht. So wurden die Klöster – Kyrill
ermöglichte u. a. den Neubau des Me-

36 welt und umwelt der bibel 1/2016


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aktuelles aus dem christlichen orient

CHrisTEn iM irAK CHrisTEn iM LibAnon

museum der Chaldäer eröffnet „Christen zahlen den preis für


BaSRa Im Haus des chal-
westliche politik“
däischen Erzbischofs von
Basra und dem Südirak Ha- Interview mit Maroniten-Patriarch Bechara Rai
bib Alnaufali Jajou konnte Die Fragen stellte Jonas Krumbein (KNA)
ein kleines Museum einge-
richtet werden. Die Samm- Die Maroniten sind die größte christliche Gemeinschaft im
lung mit rund 200 Stücken Libanon. Das religiöse Oberhaupt der mit Rom verbundenen
umfasst liturgische Gegen- Kirche spielt traditionell eine wichtige Rolle in der Politik
stände, Gewänder, Bücher, des kleinen Landes, das fast zwei Millionen syrische Bürger-
historische Fotografien, Do- kriegsflüchtlinge aufgenommen hat. Patriarch Bechara Rai,
kumente, Gemälde, Musikinstrumente usw. Einige der Objek- der auch Mitglied des Kardinalskollegiums ist, sorgt sich um
te datieren zurück bis ins 17. Jh. und wurden in christlichen die Zukunft der Christen in Syrien und im Irak.
Familien über Generationen aufbewahrt. Rund 2700 der einst
3000 christlichen Familien in Basra haben den Irak wegen der KNA: Sie haben einmal gesagt, die arabische Welt brauche
Bürgerkriegssituation verlassen. In den vergangenen Jahrhun- die Christen. Was können die Christen zu einer guten Zukunft
derten bildeten Christen eine wohlhabende Händlerschicht in Syriens beitragen?
der Millionenstadt. "Als ich die Erzdiözese übernahm, wurde
mir klar, dass viele wertvolle Objekte vorhanden waren und Bechara Rai: Für Syrien, Irak, Libanon und Jordanien ist die
ich begann, sie zu erfassen", so Habib Alnaufali Jajou. Zusam- Präsenz der Christen unverzichtbar. Egal, welches politische
men mit Ehrenamtlichen und Priestern hat er ab 2014 Schätze System herrscht, die Kirche hat ihre eigene Mission zu erfül-
in Kirchen und aus Familienbesitz gesammelt. „All die Objek- len. Sie bleibt, während die politischen Systeme wechseln.
te haben einen spirituellen Wert und zeigen die Sorgfalt, die Die Kirche ist vom politischen System abhängig, aber sie muss
unsere Vorfahren anwandten, wenn sie ihren Glauben prakti- immer im Interesse des Friedens arbeiten. Die Kirche ist seit
zierten“. So soll das Museum die Erinnerung an die jahrtau- mehr als 2.000 Jahren im Nahen Osten präsent. Wir haben mit
sendealte Geschichte der irakischen Christen bewahren und den Muslimen eine gemeinsame Kultur errichtet, ihnen christ-
wennmöglich auch der öffentlichen Bildung dienen. W (Asisa liche Werte weitergegeben und Werte von ihnen empfangen.
News/ICN)
KNA: Was können westliche Länder wie Deutschland tun, um
CHrisTEn iM irAK die Christen im Irak und in Syrien zu halten oder ihnen eine
Rückkehr zu ermöglichen?
initiative will dokumente
Rai: Auf kirchlicher Ebene ist die Solidarität der Hilfswerke
vor is retten wie Missio, Misereor und „Die Sternsinger“ sehr wichtig,
um die Christen im Nahen Osten bei ihren Projekten zu
SaNKt PöltEN Wissenschaftler wollen wichtige Dokumente unterstützen. Daher sind wir Deutschland und der Kirche
des christlichen Lebens im Nahen Osten vor den IS-Terroristen sehr dankbar. Auf politischer Ebene müssen die Christen in
retten. Wie das Internationale Zentrum für Archivforschung Deutschland gegen die Kriege im Nahen Osten die Stimme
(ICARUS) am Donnerstag mitteilte, hat es eine Kooperation mit erheben und die internationale Gemeinschaft und die Regie-
dem Centre Numerique des Manuscrits Orientaux (CNMO) des rungen auffordern, zu einer politischen Lösung zu kommen
irakischen Dominikanerpaters Nagib Michael beschlossen. Ge- und einen dauerhaften, umfassenden und gerechten Frieden
meinsam wolle man die Schriften für kommende Generationen zu erreichen.
sichern und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Zudem sollten Deutschlands Christen dafür einstehen, dass
Nagib arbeitet im Irak seit 1990 an der Sicherung, Restaurierung die Vertriebenen, Geflohenen und Entführten zurückkehren
und Digitalisierung von alten Handschriften, die das parallele können. Das ist deren Recht. Es ist nicht akzeptabel zu sagen,
Dasein verschiedenster Religionen und Ethnien im Mittleren die Leute könnten woanders ein neues Zuhause finden.
Osten belegen. Zu Beginn digitalisierte Nagib nur den Bestand Niemand hat das Recht, Menschen von ihrer Heimat, ihrer
seines Heimatklosters in Karakosch, danach folgten die Samm- Geschichte, ihrer Kultur zu entfremden. Das Leben besteht
lungen anderer Klöster, der Bestand des Patriarchen von Bag- nicht nur aus Essen und Trinken. Wir ziehen es vor, mit den
dad sowie private Bestände, die allesamt bis ins 13./14. Jahrhun- Muslimen im Nahen Osten zusammenzuleben, weil wir eine
dert zurückreichen. W (KNA) gemeinsame Kultur haben. W

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welt und umwelt der bibel 1/2016 37
Grobdaten

Bedrohte
Die Zerstörung kulturellen und spirituellen Erbes

Schätze
Bedrohte
Schätze
Die Zerstörung kulturellen und spirituellen Erbes

Die beschädigte Kuppel der Eliaskirche


in Qusayr an der libanesischen Grenze.

Die beschädigte Kuppel der Eliaskirche


in Qusayr an der libanesischen Grenze

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Nicht nur die römische Oasenstadt Palmyra fiel der Vernichtung durch Fanatiker
anheim. Auch bedeutende christliche Stätten wurden zerstört oder sind
bedroht. Ziel ist es offenbar, die christliche Kultur komplett auszulöschen.
Glücklicherweise konnte ein Teil der alten christlichen Dokumente gerettet werden.
Von Dietmar W. Winkler

D
ie Bilder haben sich eingeprägt. Im Fe- Irak: Zerstörungen in Mosul
bruar 2015 zerstörten Extremisten des Weltweit weniger wahrgenommen wurde die
sogenannten Islamischen Staates (IS) im Verwüstung und Zerstörung ältester christlicher
Museum von Mosul ältestes Kulturgut des Ori- Kultur, wie von Klöstern und Handschriften. Die
ents, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Die Logik bleibt dennoch dieselbe, denn die Vernich-
Tat ist auf Video festgehalten, ins Internet gestellt tung der christlichen Schriften bedeutet Auslö-
und wohlinszeniert worden: Die wertvollen Mu- schen niedergeschriebenen theologischen Den-
seumsstücke werden zunächst noch unversehrt kens und Glaubens; die Zerstörung der Klöster
gezeigt, ein bärtiger Mann tritt vor und spricht das Austilgen lebendiger Spiritualität.
vom Verbot der Götzenanbetung, worauf die Am 20. Juli 2014 informierte der Dominikaner-
einzigartigen Kulturgüter aus altorientalischer pater Anis Hanna in einer E-Mail darüber, dass
Zeit vom Sockel gestürzt und mit Vorschlag- und die christlichen Mönche aus dem Kloster Mar
Presslufthämmern zerlegt werden. Ebenso be- Behnan und Sarah bei Mosul in die nahe gelege-
stürzt müssen im Westen die Bulldozer wahrge-
nommen werden, die mit der ersten assyrischen
Hauptstadt, Nimrud, über dreitausend Jahre alte
Kulturschätze dem Erdboden gleichmachten.
Nicht zuletzt ist es Palmyra, das geplündert und
systematisch zerstört wird. Den Sprengungen
fällt auch der markante Triumphbogen, das so-
genannte Hadrianstor an der Prachtstraße, zum
Opfer. Vor allem die Enthauptung des über acht-
zigjährigen Chefarchäologen schockierte die
Weltöffentlichkeit. Über vierzig Jahre lang hat-
te sich der Wissenschaftler der Bewahrung der
Kulturgüter Syriens gewidmet. Gerade Palmyra
hat Signalwirkung, denn es ist Tausenden Euro-
päern bekannt, die einst als Touristen die antike
Oasenstadt besuchten. Die Terroristen erlangten
damit das, was sie unbedingt zur Erreichung ih-
rer Ziele benötigen, nämlich die weltweite Auf-
merksamkeit und die Verbreitung von Angst. Die
mediale Inszenierung des Tötens und der Zerstö- Die Zerstörung des Grabschreins von Mar
rung von unschätzbaren Kulturgütern ist effizi- Behnan südöstlich von Mosul, vom IS als Propa-
ente psychologische Kriegsführung. gandabild im März 2015 veröffentlicht.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 39
BEDrohtE SchätZE

Noch für 2015 war in


Mosul eine Ausstellung
vorbereitet worden, die u. a.
christliche Kunst in Meso-
potamien zeigen sollte, z. B.
eine Handschrift mit einer
Malerei zur Begegnung von
Riccoldo da Monte Croce
(1243–1420) mit Musli-
men.

ne christliche Stadt Qarakosh flüchteten. Zurück- sende syrische, arabische und armenische Hand-
lassen mussten sie mit dem Kloster ein histori- schriften digitalisiert.
sches Monument, das in das 4. Jh. zurückreicht, Inmitten des Chaos der Flucht gelang es den
und eine Bibliothek voll mit alten Handschriften Dominikanern, ihre Handschriftensammlung
und liturgischen Büchern, die zugleich auch nach Qarakosh zu bringen. Es war nicht das erste
Zeugen eines jahrhundertelangen muslimisch- Mal, dass die Schätze verlegt werden mussten.
christlichen Zusammenlebens sind. Am 18. Juli, Ein großer Teil stammt aus dem chaldäischen Pa-
so die E-Mail weiter, hat der IS den Sitz des sy- triarchat in Bagdad. Er war schon 2013 nach Mo-
risch-katholischen Erzbischofs im Zentrum Mo- sul gekommen, weil in der Hauptstadt die Lage
suls niedergebrannt. Am Tag darauf bemächtig- aufgrund von Attacken und Bombenanschlägen
ten sich die Islamisten des einzigen chaldäischen auf Christen zu instabil geworden war.
Klosters im Norden Mosuls. Die Handschriften
wurden verbrannt, im Mai 2015 das Grab Mar
Behnans gesprengt.
Wertvolle Manuskripte sind
vermutlich nur noch digital
Die Rettung von Handschriften
Seit 2009 arbeitet die renommierte „Hill Muse-
erhalten
um and Manuscript Library“ (HMML) der Be-
nediktiner der St. John’s Abbey (Minnesota/ Ebenso ab 2013 wurden aber auch Teile der Ma-
USA) mit den Dominikanern Mosuls zusammen. nuskripte weiter in Richtung Qarakosh gebracht,
HMML unter der Leitung des Patristikers und weil auch in Mosul, noch bevor vom IS die Rede
Syrologen P. Columba Stewart OSB digitalisiert war, die Lage für Christen kaum noch erträglich
weltweit Handschriften, um deren kulturelles war. Erinnert sei an den Mai 2010, als bei einem
Erbe zu bewahren. Begonnen wurde in den Be- Bombenattentat auf einen mit christlichen Stu-
nediktinerklöstern Europas nach dem Zweiten denten besetzten Buskonvoi nahe Mosul vier Stu-
Weltkrieg unter dem Eindruck der unfassbaren dierende getötet und über 160 zum Teil schwer
Zerstörung. Vor der gleichen Herausforderung verletzt wurden. Christliche Studentinnen und
steht man heute. Das von P. Nageeb Michael OP Studenten mussten damals täglich mit Bussen
geleitete „Digitalisierungszentrum für orienta- zum Studium nach Mosul gebracht werden, weil
lische Handschriften“ (Centre Numérique des sie in der großen Stadt nicht leben konnten.
Manuscrits Orientaux, CNMO) in Mosul hatte bis Christen wurden gezielt von Scharfschützen
zur Eroberung der Stadt durch den IS bereits Tau- und durch Bombenanschläge attackiert. Mitten

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welt und umwelt der bibel 1/2016
BEDrohtE SchätZE

in einen dieser Bus-Konvois raste ein Pkw-Fahrer wurden die Dörfer assyrischer Christen am Fluss
und sprengte sich in die Luft. Mittlerweile ist Mo- Chabur Opfer des Krieges. Eines der letzten ge-
sul leer von Christinnen und Christen. schlossenen christlichen Siedlungsgebiete wur-
Qarakosh konnte sich mithilfe von kurdischen de damit vom IS erobert, die Bevölkerung floh
Peshmerga-Kämpfern bis Anfang August 2014 oder wurde getötet. Desgleichen wurde im syri-
noch vor dem IS schützen, seither ist auch diese schen Ort Karjatan, in der Nähe von Homs, das
Stadt eingenommen. Die Handschriften – man- in das 4. Jh. zurückreichende melkitische Kloster
che von ihnen sind einzigartig und zählen zu den Mar Elian von den Bulldozern der Terroristen völ-
bedeutendsten Quellen des orientalischen Chris- lig zerstört. Die 1600 Jahre alte monastische Tra-
tentums – sind mittlerweile in Ankawa bei Erbil dition des Ortes ist damit vernichtet. Auch hier
gelandet. Dort hat sich die humanitäre Situation folgt die Begründung demselben Muster: Da Mar
der Flüchtlinge mittlerweile stabilisiert, so be- Elian, der Märtyrer und Heilige des 3. Jh., dort
richtet im Oktober 2015 der chaldäische Bischof verehrt wurde, stelle dies Gotteslästerung dar.
von Erbil, Bashar Warda. Der Jesuitenpater Paolo Dall’Oglio, der im
Dennoch mussten viele wertvolle Manuskrip- nahe gelegen Kloster Mar Musa für Frieden und
te auch in Mosul und Qarakosh zurückgelassen muslimisch-christliche Verständigung arbeitete,
werden. Sie sind, so muss befürchtet werden, wurde entführt. Er bleibt ebenso verschwunden
vielleicht nur mehr digital durch die Arbeit von wie der Prior des Klosters Mar Elian, P. Jaques
CNMO und HMML zugänglich und erhalten. Mourad, oder die beiden syrischen Erzbischöfe
Mar Gregorios Yohanna Ibrahim (syrisch-ortho-
dox) und Boulos Yazigi (griechisch-orthodox).
Syrien: Dörfer und Klöster Die Klöster mit ihren herausragenden Persön-
Auch in Syrien sind christliche Dörfer, Gebäude lichkeiten bildeten sowohl spirituelle als auch
und Klöster Ziele der Terroristen. Im Februar 2015 intellektuelle Inseln, die von der christlichen wie

Die Klosterkirche
Mar Elian bei Homs
wurde wegen der dorti-
gen Verehrung des Mär-
tyrers aus dem 3. Jh.
von den IS-Terroristen
vernichtet. Screenshot
aus einem Propagan-
davideo des IS (unten),
oben die Kirche vor der
Zerstörung.

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BEDrohtE SchätZE

„Tote Städte“ werden sie genannt: Hunderte


von verlassenen und im Laufe der Zeit verfalle-
nen römischen und byzantinischen Bauernhöfen,
Wohnhäusern und Klöstern liegen verstreut auf der
Kalksteinhochebene im Nordwesten Syriens.

Die Kharab Shams Basilika aus dem 4. Jh. gehört zu


den ältesten und am besten erhaltenen christlichen Bauten
in der Levante. Sie liegt 21 km nordwestlich von Aleppo.

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welt und umwelt der bibel 1/2016
BEDrohtE SchätZE

auch muslimischen Bevölkerung in Friedenszei- stiegen, in Höhlen gekrochen, auf Bäume geklet-
ten gerne besucht wurden. Die Kraft der Askese tert (Dendriten). Oder man ließ sich in eine Zelle
des Christentums hatte immer schon über die ei- einmauern; die Versorgung funktionierte dann
gene Religion hinaus Ausstrahlung. durch einen Spalt oder ein Fenster. Am berühm-
testen sind wohl die Säulensteher (Styliten), de-
ren bekanntester der Syrer Simon Stylites († 459)
Monastisches Leben des syrischen ist, um dessen Säule im Norden Syriens eine der
Christentums imposantesten Kirchen errichtet wurde, die eine
Askese spielte für den Beginn und die Entwick- der bedeutendsten archäologischen Stätten Syri-
lung des Christentums in Syrien und zwischen ens ist. Auch sie zählt zu den bedrohten christli-
Euphrat und Tigris eine entscheidende Rolle. chen Kulturstätten, ebenso wie das berühmte sy-
Auch wenn der spätere hellenistische Einfluss
die ursprünglich genuine asketische Bewegung
zurückdrängte, blieb diese dennoch bis heute Das Christentum des Orients mit seiner
ein konstitutives Element der syrisch-aramäi-
schen Christenheit. reichen monastischen Tradition gebar ein
Vor allem die frühen Quellen auf syrischem herausragendes theologisches Schrifttum
Sprachboden zeigen, dass die monastischen Ent-
wicklungen in diesem geografischen Raum sehr
eigenständigen Charakter haben. Sie können risch-orthodoxe Kloster Mar Mattai im Nordirak,
nicht einfach linear mit dem Mönchtum Ägyp- deren Existenz mittlerweile höchst bedroht ist.
tens, wie z. B. mit Antonius († 356) und Pacho- Ihre Zerstörung wäre nicht nur ein unbeschreib-
mius († 348) und der Weiterentwicklung in Kap- licher Verlust christlichen Erbes, sondern hätte
padokien, vor allem durch Basilius den Großen auch hohen Symbolwert, der den endgültigen
(† 379), in Verbindung gebracht werden. Zwar ist Exodus des Christentums aus seinen Herkunfts-
der ägyptische und palästinensische Einfluss für ländern zur Folge haben könnte.
die spätere Entfaltung des Mönchtums in Syrien
und Mesopotamien unverkennbar, dies kann je-
doch nicht für dessen Anfänge ausgesagt werden. Vermittler antiker und christlicher Kultur
In dieser Region gab es zunächst eine Blüte en- Das Aufkommen des Islams im 7. Jh. und die Ver-
kratitischer Sonderformen (griech. Enthaltsam- breitung des Arabischen im Nahen Osten hatte
keit, Selbstbeherrschung), die mehr oder weniger das allmähliche Verschwinden von syrischen
rechtgläubig waren. Unter diesen vielgestaltigen (aramäischen) theologischen Schulen für höhere
asketischen Richtungen der ältesten Kirche ist für Bildung zur Folge. Dies bedeutete, dass seitdem
den mesopotamischen Raum der zweiten Hälfte in erster Linie die Klöster die Rolle der Hauptver-
des 2. Jh. vor allem die Umgebung um den syri- mittler der syrischen Sprache, Kultur und des
schen Theologen Tatian zu nennen, der als her- Wissens übernahmen. Für eine Anzahl von Klös-
ausragendster Enkratit gilt. Eine Besonderheit tern war das keine neue Herausforderung, denn
stellten die „Söhne und Töchter des Bundes“ dar. sie waren bereits im Verlauf des 6. und 7. Jh. zu
Dies waren unverheiratete Männer und Frauen, Zentren der intellektuellen Elite geworden.
die ein zölibatäres Leben gelobten, oder auch Ver- Insgesamt geht die Zahl der syrischen Klöster,
heiratete, die sich zu einem sexuell enthaltsamen die in den verschiedenen Quellen genannt wer-
Leben entschlossen. Es sind Asketinnen und As- den, in die Hunderte. Sie würde wahrscheinlich
keten, die in Gruppen zusammenlebten, entwe- auf weit über tausend ansteigen, zählte man alle
der geschlechtlich gemischt oder auch nicht, oder erhaltenen Belege zusammen. Viele dieser Klös-
die im eigenen Haus als Paare wohnten und Ent- ter halfen, das syrische kulturelle Erbe über die
haltsamkeit und Jungfräulichkeit praktizierten. Jahrhunderte zu überliefern.
Im syrischen Raum ist ab dem späten 4. Jh. Das Christentum des Orients mit seiner reichen
eine Zunahme von zusammenlebenden Einsied- monastischen Tradition gebar ein herausragen-
lern festzustellen, insbesondere nordöstlich von des theologisches Schrifttum. Im Unterschied
Antiochien und in den Gegenden um Cyrus und zu den spekulativen Schriften der griechisch-
Edessa. Damit beginnt die Entstehungsgeschich- lateinischen Autoren durchdrang es den Glau-
te des syrischen Klosters an sich. ben mit poetischer Sprache. Seit der arabischen
Bald bringt die Anachorese (Rückzug) auch Eroberung im 7. Jh. schufen syrisch-aramäische
Sonderformen hervor. Nicht nur die Einöde und Christen außerdem ein umfangreiches arabisch-
Wüste wurden angestrebt, sondern auf Berge ge- sprachiges Werk. Natürlich besaßen nicht alle

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welt und umwelt der bibel 1/2016 43
BEDrohtE SchätZE

Klöster ein intellektuelles und kulturelles Inte-


resse. Allmählich nahm auch die Kopierarbeit
von früheren Werken, die in Syrisch verfasst wa-
ren, ab. Die syrische Literatur verkümmerte ab
dem 13. Jh. nahezu gänzlich, weil das Arabische
mehr und mehr zur Sprache von Wissenschaft
und Philosophie geworden war – auch unter den
Christen der syrischen Kirchen.
Die ostsyrischen Christen jenseits des Euphrat
zeichneten sich besonders durch die Überset-
zung von Texte ins Arabische aus. Das Bagdad
des 9. und 10. Jh. wurde zum Zentrum der Über-
setzungstätigkeit (ost-)syrischer Christen, die

Die Zerstörung von Klöstern und Handschrif-


ten treffen Herz und Seele des orientalischen
Christentums

von epochaler geistesgeschichtlicher Bedeutung


ist. Texte wurden aus dem Griechischen über
das Syrische ins Arabische übertragen und so
der islamisch-arabischen Kultur das Denken der
griechischen Antike nähergebracht. Insbesonde-
re die Werke des Aristoteles, sowie naturwissen-
schaftliche und medizinische Werke wurden ara-
bischsprachigen Menschen zugänglich gemacht.
Hierdurch wurde auch die Basis für die Her-
ausbildung einer arabischen philosophischen
und theologischen Terminologie gelegt. Die
Muslime vermittelten das antike Gedankengut
dem Abendland vermittelt, indem sie vor allem
im Spanien des 12. Jh. arabische Schriften ins La-
teinische übersetzten. Über Spanien und Sizilien
gelangten die ehemals griechischen Werke in die
westliche Welt, noch bevor die griechischen Ori-
ginale in Europa bekannt waren. Nicht nur ost-
Prof. Dr. Dietmar syrische Kleriker waren Träger des literarischen
Winkler ist Profes- Schaffens, sondern auch Ärzte und gebildete Lai-
sor für Patristik und en. Manche griechischen Werke sind überhaupt
Kirchengeschichte nur mehr in Arabisch erhalten. Daran kann er-
an der Universität messen werden, welche Schätze von weltweit
Salzburg. Forschungs-
kultureller Bedeutung manche Klöster Syriens
schwerpunkte sind
Orientalische Patristik und des Irak bewahren mögen.
und Historische So haben die Zerstörungen von Klöstern und
Theologie, Geschichte Manuskripten durchaus Methode. Sie treffen
und Gegenwart der Herz und Seele des orientalischen Christentums.
Ostkirchen (Naher Das Bild ist nicht nur von den Millionen Flücht-
Osten, Europa, Nord- lingen geprägt – sowohl innerhalb des Nahen
amerika), Katholische
Ostens wie auch durch die enorme Emigration
Kirche seit dem II.
Vatikanischen Konzil orientalischer Christen –, sondern auch durch
mit Fokus auf Dialog den Verlust wertvollster Traditionen, Spirituali-
und Ökumene täten und Kulturen des christlichen Orients. W

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welt und umwelt der bibel 1/2016
BEDrohtE SchätZE

Die verwüstete
Klosterkirche der
Heiligen Sergius und
Bacchus in Maalula
(Syrien).

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welt und umwelt der bibel 1/2016 45
Interview 1

Bleiben oder gehen?


Gepräch mit Brüdern des Maristenordens aus Aleppo (per Skype) über ihre Arbeit
mit bedrohten und bedürftigen Familien in der vom Krieg gezeichneten Stadt.

Die Fragen stellte Reinhold Then: Wie ist die derzeitige Situati- in Frage, denn die Menschen sterben durstig und
Dr. Reinhold Then, on in Aleppo am Ende des fünften Jahres des langsam. Wie das Recht auf Leben, auf Essen und
der Diözesanleiter Bürgerkriegs. Gesundheit ist der Zugang zu sauberem Wasser
des Katholischen ein grundlegendes Menschenrecht.
Bibelwerks in Dr. Racha Sabeh: Die Lage der Zivilbevölkerung
Regensburg. Er ist in Aleppo, ob christlich oder muslimisch, hat Fr. Georges Sabeh: Die Enttäuschung der Men-
engagiert in der sich auch im Sommer 2015 wieder verschlechtert. schen in Aleppo ist groß, keine Hilfe ist in Sicht.
Hilfe für Christen Fehlendes Wasser und fehlender Strom haben Von beiden Seiten ist die Stadt seit Ende Juli 2012
im Heiligen Land. in der Millionenstadt Aleppo im Nordwesten des heiß umkämpft. Nur wenige Stunden war die
Landes, wo die Maristen seit 1904 wirken, zu un- Stadt in den letzten Tagen mit Wasser und Strom
beschreiblichen Verhältnissen geführt. versorgt. Es ist eine Schande.
Die Hilfe unserer Maristengemeinschaft in
Aleppo ist daher zunächst eine humanitäre, ohne Gibt es Zeichen der Hoffnung?
Ansehen der Person oder Religion. Die Trinkwas- Jeder Sonnenuntergang birgt ein Zeichen der
serversorgung bei täglich über 40 Grad und die Hoffnung, denn nach jedem Dunkel kommt ein
vorausgehende Wasseraufbereitung sind nicht heller Morgen. Mit unserem Hiersein sind wir ein
gesichert. Die Hitze und der Durst sind unerträg- Zeichen der Hoffnung. Es gehört zu unserer Be-
lich. Somit steht ein elementares Menschenrecht rufung, hier bei diesen Menschen zu sein, auch

oben: Der Maristenbruder


Fr. Georges Sabeh mit
Schulkindern in Aleppo.

rechts: Oft flüchten Mütter


mit ihren Kindern zu den
Maristen, während die Väter
noch als Bewaffnete im
Kampf sind.

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welt und umwelt der bibel 1/2016
links: Die
maronitische
Eliakirche in
Aleppo vor der
Zerstörung der
Stadt. Die letzte
Kirche, in der bis
vor Kurzem noch
Gottesdienste
stattfanden, wurde
am 29.Oktober
2015 durch einen
Anschlag zerstört.

oben: Heutiger
Zustand derselben
Kirche

wenn so viele schon gegangen sind, um in eine überall an Wärme fehlt, verteilen wir mittels der
ungewisse Zukunft außer Landes zu gehen. Des- Aktion „DAFA“ (Wärme) Wolldecken und warme
halb bleiben wir. Kleidung.
Unser Haus, das Haus der Maristen, ist voller
Aktivitäten für Kinder, Jugendliche und Erwach-
sene. Nachdem der Schulbetrieb zusammen- Weitere Infos über die Arbeit der
gebrochen ist, versuchen wir in unserem Haus Maristen und ein längeres Interview
Bildung aufrechtzuerhalten, denn Bildung ist ein mit Abuno Youssef finden Sie unter:
Zeichen der Hoffnung. Mit dem Programm „Ich www.christenhelfenchristen.de
will lernen!“ bieten wir den Kindern abwech-
selnd Unterricht und Spiel. Hilfe für Notleidende in Aleppo/Syrien:
In Zusammenarbeit mit 19 anderen caritativen Maristen-Missionsverein Furth/La.
christlichen Organisationen in Aleppo haben wir Sparkasse Furth-Landshut
die Aktion „Milchtropfen“ gestartet. Über 3000 IBAN: DE73 7435 0000 0001 0006 24
christliche Kinder im Alter von unter zehn Jahren BIC: BYLADEM1LAH, Stichwort: Aleppo
profitieren von einer monatlichen Verteilung von
Milchpulver bzw. von Babypulver für Kinder, die Weitere Spenden für Notleidende in
jünger als ein Jahr sind. Die monatlichen Lebens- Damaskus und Aleppo leitet der Verein
mittelrationen aus dem Programm „AL JABAL weiter an die Maristen Spendenkonto:
SALEET“ werden regelmäßig an bedürftige Fami- Christen helfen Christen im Hl. Land. e.V.
lien, ohne Rücksicht auf die Religionszugehörig- LIGA-Bank Regensburg
keit, verteilt. Wer sie empfängt, ist dankbar. Da IBAN: DE22 7509 0300 0001 1051 40
viele aus den Kriegszonen geflüchtete Familien BIC: GENODEF1M05
in Schulen untergebracht sind, wo es im Winter

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welt und umwelt der bibel 1/2016 47
Interview 2

Zeichen der Hoffnung?


Interview mit einem griechisch-katholischen Priester aus
Damaskus über den Alltag von Christen in den Ländern der
Verfolgung, über Hoffnung und Perspektiven.

Reinhold Then: Gibt es in Zeiten des Bürger- ben. Wo wir gestern sechs Freunde waren, haben
krieges für die Christen in Syrien auch Zei- heute fünf alles verkauft und gehen weg. Es gibt
chen der Hoffnung? täglich Tote und dennoch bleibt Christus ihre
Hoffnung.
Abuna Youssef: Wer sind die christlichen Hoff-
nungsträger im Land? Sind es die Patriarchen Was tut die Kirche?
und Bischöfe? Sie haben eine andere Wahr- Die Menschen gehen näher zu Gott, aber die Kir-
nehmung und Beurteilung als die Priester und che ist weit weg von den Menschen. Materiell
Ordensschwestern vor Ort, die täglich mit den kann sie nicht wirklich helfen. Sie gibt gelegent-
Menschen im Alltag zusammenleben. Sind es die lich Lebensmittel, die für 4–5 Tage in der Woche
20 % der Christen, die unbedingt bleiben wollen, reichen, doch sie ist weit weg von den Menschen.
selbst wenn die Bomben fallen? Oder sind es die Sie hat kein Programm für die Zukunft und doch
vielen, die inzwischen gegangen sind und vom suchen die Menschen ein Überleben für ihre Fa-
sicheren Europa oder Amerika aus per Smart- milien. Viele Familien gehen weg, weil sie Angst
phone Kontakt halten zu den Verwandten in den um ihre Kinder haben.
Städten und Dörfern? Nicht jeder Landesteil ist Sie sind keine Heiligen, sondern nur Menschen.
im gleichen Maß trostlos. In den Küstenstädten Da ist die Mutter mit ihren zehn Kindern, die
wie Latakia und Tartus, in den rein christlichen nichts zu essen hat, sie hat nur ihren Körper,
Städten wie Maalula oder Sednaia und in der um sich zu prostituieren und so ein wenig Geld
Altstadt von Damaskus versucht man, ein nor- für Nahrung für ihre Kinder zu verdienen. Da
males Leben zu führen. Es werden dort Feste und ist der Ladenbesitzer Youssef, der nur ein paar
Hochzeiten gefeiert, als würde nichts Schlimmes Zigaretten und Kohlewürfel zu bieten hat, um
im Lande geschehen. Anders im Norden des Lan- sein schwer krankes Kind zu ernähren, und doch
des, in Aleppo, Homs, in den Suburbs von Da- noch Vertrauen und Hoffnung auf ein Morgen
maskus, dort, wo IS und die Aufständlergruppen hat. Da ist die Apothekerin, die durch eine Bom-
das Sagen haben, gibt es kaum noch Hoffnung, be ihren Fuß verloren und wie durch ein Wunder
um zu bleiben. Vielerorts ist der Glaube an Gott dennoch überlebt hat. Jetzt arbeitet sie wieder
die einzige Hoffnung, was durch Taufen, Gottes- und hilft den Menschen. Alle sagen: Wir hoffen,
dienste und Gebet zum Ausdruck kommt, auch dass es morgen wieder besser wird.
wenn kein normales Leben mehr möglich ist.
Was tun Sie als Abuna für die Menschen?
Wie sieht der Alltag aus? Ich bete und bitte um Gebete, dass der Krieg auf-
Gingen unsere Kinder in Damaskus vor zwei Jah- hört. Ich lebe bei ihnen und übernachte in ihren
ren noch zehn Monate in die Schule, so waren es Häusern, dann ziehe ich weiter.
im letzten Jahr nur sechs und sind es heute nur Wir versorgen uns in der Heimat und in der Frem-
noch drei. Es gibt keine Arbeit mehr und kein de im nicht öffentlichen Bereich des Facebook
Einkommen, die galoppierende Inflation frisst mit Nachrichten, mit Gebeten und Liedern und
uns auf. Strom, Wasser und Internet gibt es oft sagen uns Mut und Trost zu, wo auch diese von
nur noch eine Stunde am Tag. Die medizinische Tag zu Tag schwinden. Und wir verurteilen auch
Versorgung kann vielerorts nicht mehr aufrecht- diejenigen nicht, die weggehen und uns zurück-
erhalten werden. Und jetzt die russischen Bom- lassen.

48 welt und umwelt der bibel 1/2016


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Die melkitische
Kirche in Darayya vor
der Zerstörung. Es
ist traditionell der Ort,
an dem Paulus auf dem
Weg nach Damaskus seine
Christuserscheinung hatte
und erblindete.

Die Überreste
der Kirche nach den
Auseinandersetzungen
mit dem IS.

Die Fragen stellte Dr. Reinhold Then, Das ausführliche Interview, übersetzt aus dem
Diözesanleiter des Katholischen Bibelwerks Italienischen von Barbara Then, finden Sie auf
in Regensburg und Vorsitzender des Vereins der Homepage des Vereins:
Christen helfen Christen im Hl. Land e.V. www.christenhelfenchristen.de

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welt und umwelt der bibel 1/2016 49
Das Mandylion
von Edessa aus
der Privatkapelle
des Papstes im
Vatikan. Foto-
grafiert während
der EXPO 2000
im Pavillon des
Heiligen Stuhls.

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Nicht von Menschenhänden
gemacht
Das Christusbild von Edessa
Bilder gehören unabdingbar zur ostkirchlichen Spiritualität. Sie repräsentieren ein göttliche WIrklichkeit.
Das gilt in ganz besonderer Weise von einem Bild, das Christus selbst geschaffen haben soll.
Von Martin Illert

D
ie Legende berichtet von König Abgar,
der zu Lebzeiten Jesu über die Stadt
Edessa (heute Şanliurfa in der Türkei)
herrschte: Einmal erkrankte der König schwer.
Weil Abgar von den Wundertaten Jesu Christi
gehört hatte, sandte er einen Boten nach Jeru-
salem, um den Messias zu bitten, ihn zu heilen.
Aus Neugierde beauftragte Abgar seinen Boten
auch damit, ein Bild Christi anzufertigen. Chris-
tus versprach dem Boten, nach seiner Himmel-
fahrt einen Apostel nach Edessa zu senden. Als
der Bote Christus zeichnen wollte, überreichte
ihm dieser das sogenannte „Mandylion“ (von
lateinisch „mantelium“ „Taschentuch“), das
Christus selbst durch einen Gesichtsabdruck auf
einem Tuch hergestellt hatte. Mit diesem „nicht
von Menschenhänden gemachten“ Bild (grie-
chisch: „acheiropoietos“) kehrte der Bote wieder
nach Edessa zurück, wo der König sogleich beim
Anblick des Bildes geheilt wurde.
Die Übergabe des Mandylion an die Byzantiner im Jahr 944.
Tatsächlich wurde spätestens seit dem 6. Jh. ein Miniatur aus der Madrider Bilderhandschrift des Skylitzes.
Christusbild in Edessa verehrt. Am 14. August 944
wurde dieses Bild nach Konstantinopel überführt.
Seitdem feiert die orthodoxe Kirche das Fest des der Plünderung der Kapelle in der Französischen
Bildes am 14. August jeden Jahres. Spätestens zum Revolution zerstört worden sein.
ersten Jahrestag des Mandylion-Festes entstand Im spätmittelalterlichen Westen verbreitete
auch das Muster für die bis heute in der Orthodo- sich mit der Veronika-Legende eine andere Va-
xie übliche Gestalt des Tuchbildes. Darauf ist ein riante der Erzählung vom wunderbar entstan-
an zwei Enden gerafftes Tuch zu sehen, auf dem denen Christusbild. Die Veronika-Überlieferung
das Haupt Christi abgebildet wird, der den Be- prägte nicht nur die Malerei des Spätmittelalters
trachter frontal anblickt. und der frühen Neuzeit, sondern fand über Paul
Historisch ist verbürgt, dass das Edessener Gerhardts (1607–1676) lutherischen Choral „O
Mandylion in Konstantinopel bis zur Plünderung Haupt voll Blut und Wunden“ auch Eingang in Dr. Martin Illert ist Refe-
der Stadt durch das Heer des Vierten Kreuzzuges die „Matthäuspassion“ Johann Sebastian Bachs rent für Orthodoxe Kirche
(1204) verblieb. Das weitere Schicksal der Reli- (1685-1750). im Kirchenamt der Evangeli-
schen Kirche in Deutschland
quie ist jedoch ungeklärt. Eine lateinische Quelle Eindeutig zu unterscheiden von der Mandy-
(EKD) und Lehrbeauftragter
gibt an, dass das Mandylion unter König Ludwig lion- und der Veronika-Tradition ist das Turiner für Ostkirchenkunde an der
dem Heiligen (1226–1270) zusammen mit weite- Grabtuch: Dieses zeigt das Ganzkörperbild eines Theologischen Fakultät der
ren Reliquien aus Konstantinopel in die St. Cha- Toten und nicht, wie das Mandylion und die Ve- Martin-Luther-Universität
pelle nach Paris gelangte. Dort dürfte es während ronika, das Gesicht eines Lebendigen. W Halle-Wittenberg

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Christen unter
dem Halbmond
Die überwiegend positive Beziehung zweier Religionen

Die gegenwärtige Anfeindung von Christen durch IS-Terroristen darf nicht


darüber hinwegtäuschen, dass in den Ländern des Nahen Ostens Christen
und Muslime jahrhundertelang friedlich zusammenlebten und sich gegenseitig
durch ihre Religion und Kultur bereicherten. Von Martin Tamcke

Arabische Frauen beten am Schrein Johannes des Täufers. Die Ummayyadenmoschee in Da-
maskus war ursprünglich eine christliche Basilika. Sie wurde im 4. Jh. auf den Mauern eines rö-
mischen Jupitertempels erbaut. Im abgebildeten Schrein soll das Haupt des Johannes bestattet
worden sein. Nachdem die Kirche in eine Moschee umgewandelt wurde (636), diente sie noch
70 Jahre lang Christen und Muslimen als gemeinsamer Ort der Verehrung. Bis heute ist dieser
Ort für Muslime ein wichtiges Heiligtum. Im Jahr 2001 betete Papst Johannes Paul II. hier
und setzte durch den ersten Besuch eines Papstes in einer Moschee auch ein interreligiöses
Zeichen der Verständigung.
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Christen unter dem halbmond

M
osul im Irak war bis in unsere Zeit eine Christentum. Es lässt sich herausarbeiten, wel-
der Städte, in denen man neben dem che biblischen Texte, Psalmen etwa, dem kora-
Gebetsruf des Muezzin Kirchenglocken nischen Text vor Augen standen. Die Botschaft
hören konnte. Bis 2014 befand sich dort auch der des Korans richtete sich nicht nur an polytheis-
Ort, der konfessions- und religionsübergreifend tische Araber, sondern auch an Juden, Christen
als das Grab des Propheten Jona verehrt wurde. und Zoroastrier. Als der Islam entstand, war das
Im Juni 2014 zog der IS (Islamischer Staat) in Christentum längst auf der Arabischen Halbinsel
Mosul ein. Er zerstörte das Grab Jonas mit Vor- etabliert. In der Regel schlossen die muslimi-
schlaghämmern. Ethnische Säuberung genügte schen Eroberer sogenannte Schutzverträge mit
den Kämpfern des IS nicht. Sie wollen die Antike den besiegten christlichen Bevölkerungen ab.
in der Region ausradieren. Auch die Zeugnisse Diese Verträge waren durchaus ein Fortschritt.
der Geschichte des Christentums in der Region Die andersreligiöse Bevölkerung wurde gemäß
fallen immer wieder der Zerstörung anheim. So dem Grundsatz, dass es im Islam keinen Zwang
wurde in Mosul das Kreuz auf der Kathedrale in Sachen der Religion geben dürfe, nicht zur
des Heiligen Ephräm entfernt und die schwarze Konversion gezwungen. Sie durften ihre Religion
IS-Flagge gehisst. Den Christen von Mosul stell- aber nur mit Auflagen weiter pflegen. Während
te ein Flugblatt ein Ultimatum. Sie wurden zur die Verträge etwa regelten, dass die Kirchen der
Flucht aufgefordert, nur die Kleidung am Leib Christen nicht so hoch und groß sein durften wie
wurde ihnen zugestanden, ansonsten hatten die Moscheen, dass Christen keine Waffen tragen
sie zu wählen zwischen Konversion zum Islam, durften, dass sie sich zuweilen durch besondere
Kleidung von der übrigen Bevölkerung unter-
scheiden mussten, dass sie sich natürlich nicht
gegen Muslime verschwören durften, waren doch
Das Vorgehen der radikalen Muslime die besonderen Steuern für die Christen noch be-
hat wenig mit dem zu tun, was in der lastender. Erstmals Mitte des 7. Jh. hören wir da-
von, wie die gesamte christliche Bevölkerung des
Spätantike üblich war Oman zum Islam konvertierte, weil sie sonst die
Hälfte ihres Besitzes hätte abgeben müssen. Der
Patriarch der ostsyrischen Kirche des Ostens (der
Sondersteuer oder Exekution. Am Freitag wur- heute in Erbil, dem spätantiken Arbela, residiert)
de das Ultimatum durch die Lautsprecher der reagierte herausfordernd und empört darauf,
Moscheen verbreitet. Am Samstagmittag lief die dass ihnen ihr Glaube und dessen ewige Werte
Deadline aus. Die Drohung verfehlte ihre Wir- also nicht einmal die Hälfte ihres Besitzes wert
kung nicht, scharenweise verließen die Christen seien. Dennoch, solche frontalen Angriffe auf
von Mosul ihre Heimatstadt. Nahezu alle Chris- Konversionswillige waren es nicht, die letztlich
ten entschieden sich für die Flucht. 1800 Jahre den Christen das Bleiben in Teilen des Vorderen
christlicher Existenz waren beendet. Zwar gab Orients ermöglichten. Das Überleben sicherten
es besonders im 19. und zu Beginn des 20. Jh. sich die Christen vielmehr durch ein flexibles
Völkermorde, die durchaus auch religiöse Moti- Agieren im Umgang mit den neuen Herrschern.
vationen aufwiesen (an den christlichen Arme- Nach innen thematisierten sie die Konversions-
niern, Aramäern, Assyrern, Pontus-Griechen), thematik selten offen, sehr wohl in vielfacher
aber eine dem Islam eigene Verhaltensweise ge- Weise subtil im Kontext von Märtyrerverehrung,
genüber dem Christentum war das nicht. Dieses bei der die gegenwärtige Situation unverfänglich
Vorgehen der radikalen Muslime hat wenig mit den Hintergrund zu den frühen Märtyrern bilde-
dem zu tun, was in der Spätantike üblich war, te und in deren Verehrung also sich das leidende
wenn Muslime von christlichen Herrschern re- Durchhalten der neuen Situation einen Ausdruck
giertes Territorium eroberten oder der Islam sich verschaffen konnte.
in Gebiete ausdehnte, in denen auch Christen
siedelten.
Dialoge zwischen Christen und Muslimen
Beide Religionsgemeinschaften nahmen einan-
Die Botschaft des Koran der wahr. Johannes von Damaskus († 754) und
Schon der Koran selbst ist ein Dokument des sein Schüler Theodor Abu Qurrah (740–829) sei-
Diskurses. Er ist eine Antwort auch auf das tens derer, die die Nachfahren der byzantinischen

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welt und umwelt der bibel 1/2016
Christen unter dem halbmond

Koranseite aus der Frühzeit des


Islam, als der Dialog zwischen
Christen und Muslimen sehr leben-
dig war:

„Satan droht euch Armut an und


befiehlt euch Schändliches, Allah aber
verheißt euch Seine Vergebung und Huld.
Und Allah ist Allumfassend und
Allwissend.
Er gibt die Weisheit, wem Er will, und
wem da Weisheit gegeben wurde, dem
wurde hohes Gut gegeben; doch niemand
bedenkt dies außer denjenigen, die
Verstand haben.“

Das Blatt gehört zu den Hijazi-Manuskrip-


ten (Sure 2:267-268, sehr früher Schreib-
stil von der Arabischen Halbinsel).

Staatskirche im islamischen Weltreich repräsen- Christen Muhammad auch als einen Propheten
tierten, zeigen das Fortschreiten der christlichen zu bezeichnen sich in der Lage sähen. Er legt –
Argumente im Umgang mit dem Islam. Johannes, nachdem er ganz offenkundig im Laufe der Zeit
zunächst selbst noch als Hauptrat von Damaskus sein Bild des Islams zu differenzieren gelernt
im Dienst des Kalifen, kann gar den Islam noch hatte, ausführlich dar, dass Muhammad tat, was
als Häresie sehen, was die christlichen Theolo- auch die Propheten taten, und resümiert dann
gen weiter östlich schon lange aufgegeben hat- als Antwort, dass Muhammad in den Bahnen der
ten. Theodor hingegen argumentiert bereits mit Propheten gewandelt sei. Die Diskurse waren im
starken Anleihen bei Gehalt und Methodik der Laufe der Zeit direkt miteinander möglich, wäh-
islamischen Theologie, um christliche Positio- rend zu Beginn stets noch Dolmetscher hatten
nen auch für Muslime plausibel zu machen oder hinzugezogen werden müssen. Je länger, je mehr
Christen diese Plausibilität angesichts muslimi- trat im Westen das Griechische zurück und die
scher Argumentationen zu erweisen. Angehörigen der byzantinischen Kirche auf dem
Solche „Dialoge“ oder Gespräche gab es schon Boden des islamischen Weltreiches gingen selbst
früh, wenn auch das erste Protokoll solch eines zum Arabischen über, wenn sie nicht ohnehin
Gespräches, das zwischen dem westsyrischen schon arabischsprachige Mitglieder dieser grie-
Patriarchen Johannan (631–648) und einem mus- chischsprachigen Kirche waren.
limischen Emir stattfand, bestenfalls in die Mit-
te des 7. Jh. gehört. Die Begegnungen zwischen
den Religionen ergaben sich besonders auf der Arabische Kultur im Christentum
kulturellen und wissenschaftlichen Ebene. Im Theologen aus allen kirchlichen Traditionen der
„Haus der Weisheit“ der Kalifen in Bagdad fan- Region, Armenier, Syrisch-Orthodoxe, Mitglieder
den sich seit dem frühen 9. Jh. auch christliche der apostolischen Kirche des Ostens (fälschlich
Theologen ein. Hier fand der ostsyrische Pat- Nestorianer genannt), Griechisch-Orthodoxe
riarch Timotheos († 823, seit 780 Patriarch) im lernten nun auch das Arabische. Aber sie waren
Gespräch mit dem Kalifen al-Mahdi (775–785) die sich oft der sprachlichen Besonderheiten und
bis heute wegweisende Formel für die christliche Unterschiede bewusst. Als der Patriarch Timo-
Antwort auf die muslimische Frage, ob denn die theos vom Kalifen den Auftrag bekam, ihm eine

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welt und umwelt der bibel 1/2016 55
Christen unter dem halbmond

Interreligiöse Ärzteversammlung: muslimisch (links), jüdisch (Mitte), christlich (rechts).


Französische Illustration 1515.

Schrift des griechischen Philosophen Aristoteles als Verkehrssprachen bis heute als ein wichtiges
in Übersetzung ins Arabische zu erstellen – die Merkmal ihrer Identität, anders die Kopten, bei
Araber nahmen intensiv griechische Philosophie denen das Koptische lediglich als Liturgiespra-
und Wissenschaft in ihr Denken auf (weniger che erhalten blieb. Dennoch haben besonders
griechische Theologie) –, da fertigte er zunächst Christen zum modernen Arabisch einen heraus-
eine Übersetzung ins Syrische an und von dort ragenden Beitrag geleistet.
aus entstand dann die dem Kalifen vorgelegte
Übersetzung ins Arabische. Während das Grie-
chische weithin zurücktrat und im 19. Jh. dann Die Begegnungen zwischen
die rum-orthodoxe Kirche (das ist die Kirche, die
heute das Erbe der Byzantiner besonders in Syri-
den Religionen ergaben sich
en verkörpert) erstmals auch einen Araber zum besonders auf der kulturellen
Rum-orthodoxe Kirche Patriarchen wählte, wurde die Sprache für an-
Im Konzil von Chalzedon dere Kirchen zu einem wesentlichen Unterschei-
und wissenschaftlichen Ebene
(s. Glosse S. 18) folgte sie dungsmerkmal von Arabertum und Islam.
der Mehrheit der orthodo-
Während sich rum-orthodoxe Christen stolz Wo es gelang, die Koexistenz beider Religions-
xen Kirchen und wandte
als christliche Araber verstehen, pochten noch gemeinschaften zu erhalten und Gemeinsamkei-
sich dem „neuen Rom“,
Konstantinopel, zu. Sie
zur Zeit des Regierungsantritts von Assad jun. ten zu betonen mit Bezug auf ein Größeres, etwa
gehört also in die byzanti- assyrische Jugendliche auf das Recht zu ihrer in der Reformbewegung zur arabischen Sprache
nische Tradition, obwohl Sprache und prangerten die Arabisierungspolitik und Literatur oder im Kontext des arabischen
sie ihren Sitz in Antakya, der Regierung an. Armenier und Syrer (Aramäer, Sozialismus und Kommunismus oder Nationa-
dem alten Antiochien, hat. Assyrer, Chaldäer) pflegen ihre Sprachen auch lismus oder Säkularismus, da fanden sich Mus-

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Christen unter dem halbmond

Iran betont
religiöse Vielfalt
Teheran Ein hoher Berater von Irans
geistlichem Führer Ali Chamenei hat im
November 2015 der Presse gegenüber
die religiösen Minderheiten im Land als
unverzichtbar für die nationale Identität
gewürdigt. Christen, Zoroastrier und Juden
seien von der Geschichte des Iran nicht
zu trennen, sagte der Geistliche Mo-
hammad Ali Taskhiri, Chameneis Berater
für internationale islamische Angelegen-
heiten, laut der staatlichen Nachrichten-
agentur Irna in Teheran.
Zu den Merkmalen sozialen Friedens
gehörten gleiche Rechte für alle Bürger
wie auch die Möglichkeit, die eigenen
religiösen Riten auszuüben, sagte Taskhiri.
Die Verfassung der Islamischen Republik
Iran erkennt Christen, Juden und Zoro-
astrier als religiöse Minderheiten an und
sichert ihnen freie Religionsausübung zu.
Die Bekehrung von Muslimen ist jedoch
verboten; auch die Aufnahme von Mus-
limen, die von sich aus zu einer anderen
Das Wappen des rum-orthodoxen Patriarchates in Antiochien.
„rum“ heißt auf Arabisch „griechisch“. Die Selbstbezeichnung
Glaubensrichtung übertreten wollen, führt
soll den arabischen Charakter dieser eigentlich griechisch-ortho-
in der Praxis zu Problemen. W (KNA)
doxen Kirche betonen.

lime und Christen Seite an Seite ein und haben (in der Umayyadenmoschee zu Damaskus z. B.
gemeinsam für diese Ideale, Werte oder Über- glaubte man den Kopf Johannes des Täufers auf-
zeugungen gestritten. Erst da, wo die religiöse bewahrt, 70 Jahre nutzten beide Religionen die
Fraktionierung belastet wurde durch Impulse, christliche Basilika).
die oft von außen kamen (Kreuzzüge, Kolonialis- In Kairo widmeten sich die Dominikaner (mit
mus), entstanden Strömungen auf beiden Seiten, stark spirituellem Interesse: Louis Massignon,
die stärkere Entfremdung zur Folge hatten. Texte 1863–1962; stärkere Betonung des Kulturellen:
der frühen Zeit der Begegnung zeigen durchaus Georges Anawati, 1905–1994) dem Dialog mit den
lernwillige und wissbegierige muslimische Ge- Muslimen und schufen eine gemeinsam betende
sprächspartner und auch Christen, die etwa der Gemeinschaft. W
ostsyrische Patriarch Ischo’jahb III. (649–659)
Mitte des 7. Jh. geradezu auffordern konnte, das
Gespräch mit den Muslimen zu suchen statt ein-
fach zu weichen oder zu konvertieren. Bewusst
sollten sie den Muslimen Auskunft geben über
ihre Religion, oft auch im Vergleich zu konkurrie-
renden anderen christlichen Konfessionen.
Prof. Dr. Martin Tamcke ist
Zahlreiche Stätten mit biblischem Bezug zie-
Professor für Ökumenische
hen Muslime und Christen gleichermaßen an, Theologie und Orientalische
da an vielen Orten islamische Heiligtümer die Kirchen- und Missionsgeschichte
christlichen ersetzten oder zeitweise diese Stät- an der Georg-August-Universität
ten beiden Religionen verehrungswürdig waren Göttingen.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 57
Jesidisches Heiligtum:
Eingang zum Grabtempel von
Scheich Adi ibn Musafir in
Lalish, Kurdistan. Die schwar-
ze Schlange am Eingang
symbolisiert Fruchtbarkeit,
Schutz und Zeit. Der Legende
nach hat sie ein Loch in der
Arche Noach gestopft und
damit das Schiff gerettet.
Außerdem beschützt sie den
Weltenbaum. Der Ort Lalisch
ist das Religionszentrum der
Jesiden.

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Die anderen
Geschwister
Das beginnende Ende religiöser Vielfalt im Orient?

Der Orient war bis zum 19. Jh. durch eine immense religiöse Vielfalt
geprägt. Diese war sozial hierarchisiert und relativ stabil. Seit dem
20. Jahrhundert ändert sich diese Situation rasant: Massaker, ge-
waltsame Vertreibungen, Migration von religiösen Minoritäten und
islamistischer Terrorismus änderten und reduzierten den religiösen
Pluralismus nachhaltig. Von Hannelore Müller

S
eit ihren Anfängen prägt die islamische Welt
ein interner und externer Religionspluralis-
mus. Nachdem Muhammad 632 nC ohne di-
rekte männliche Erben gestorben war, konnten sich
seine Anhänger nicht über die Frage der politischen
Herrschaft über das islamische Staatswesen einig
werden.

Islamische Vielfalt
Die sogenannten Sunniten, die zur religiösen Haupt-
strömung im Islam wurden, anerkennen die recht-
mäßige Nachfolge der vier Kalifen. Schiiten hingegen
berufen sich auf das Prinzip der Verwandtschaft und
akzeptieren entsprechend nur den vierten Kalifen Ali,
Cousin und Schwiegersohn Muhammads, den sie in
ihrer Tradition als ersten Imam (gottgewolltes Ober-
haupt) bezeichnen. Sie sind eine innerislamische Mi-
norität geblieben, die von der sunnitischen Majorität
teils bis heute religiös nicht anerkannt und bekämpft
wird. Aus der schiitischen Tradition entstanden im
Laufe der Geschichte verschiedene eigenständige Re-
ligionsgemeinschaften, darunter die Drusen im 11. Jh.
in Ägypten, die heute vornehmlich im Libanon, in
Syrien und in Israel leben, oder die Bahá’í im 19. Jh.
im Iran, die sich überwiegend in westliche Länder
verbreiteten. Zudem formierten sich heterogene Reli-
gionsgemeinschaften wie die Aleviten auf dem Gebiet
der heutigen Türkei, die in ihrer religiösen Tradition
Elemente der schiitischen Theologie und islamischen
Mystik verbinden.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 59
Die anDeren Geschwister

Andere Religionen
Neben einer innerislamischen Vielfalt charak-
terisiert den Vorderen Orient auch eine externe
religiöse Pluralität. Christen, Juden und kleinere
Religionsgemeinschaften wie Mandäer im heu-
tigen Irak und Iran oder Samaritaner in Israel
lebten bis zum 19. Jh. in der Regel friedlich ne-
beneinander. Bis dahin waren Gewaltübergriffe
auf Andersgläubige, wie sie das christliche Euro-
pa kannte, eher selten. Trotzdem unterscheidet
sich der islamische Orient in der Struktur seines
gesellschaftspolitischen Umgangs mit Anders-
gläubigen kaum von Europa. Unter islamischer
Herrschaft bildete sich eine sozio-religiöse Hier-
archisierung heraus: Die muslimische Majorität
beanspruchte, die Offenbarungen Gottes reli-
gionsgeschichtlich vollendet und alle anderen
Religionen überholt zu haben. Trotz des prinzi-
piellen Aufrufs zur Nachfolge im Islam erhielten
vornehmlich Christen und Juden ihre offizielle
Anerkennung als Religionsgemeinschaften im
islamischen Staatswesen. Verbunden war damit
das Recht auf eine gewisse freie Religionsaus-
übung und Selbstverwaltung sowie die Zahlung
einer speziellen „Schutzsteuer“. Solange diese
Unterordnung der Nichtmuslime als Bürger 2.
Klasse und die Überlegenheit der Muslime au-
ßer Frage standen, war der soziale Frieden in der
islamischen Gesellschaftsordnung kaum gefähr-
det.

Modernisierung und Katastrophen


seit dem 19. Jh.
Die Zeichen standen allerdings seit dem 19. Jh.
auf Veränderung. Aus Westeuropa gelangten
Ideen der staatlichen Modernisierung ins Os-
manische Reich, Rufe nach Reformen wurden
laut. Nach ausländischen, protestantischen und
jüdischen Interventionen Mitte des 19. Jh. muss-
te die osmanische Regierung den politischen
Grundsatz der zivilrechtlichen Gleichstellung
aller Staatsbürger übernehmen. Sie setzte ihn
sukzessive auf administrativ-fiskalischer und
verfassungsrechtlicher Ebene um. Das Prinzip
der bürgerlichen Egalität schrieb allerdings auch
im Osmanischen Reich keine Erfolgsgeschichte.
Dem breiteren Erfolg stand und steht bis heute
Junge Drusin beim jährlichen Fest am 22. Oktober in Isfiya. Isfiya ist einer das erwähnte generelle Selbstverständnis der
der größten Drusenorte in Israel. Im Nahen Osten gab es bis vor Kurzem noch
religiös-moralischen Überlegenheit der Muslime
etwa 1 Million Drusen. Sie sind aus dem schiitischen Islam hervorgegangen,
entgegen. Das bedeutet, dass gleiche Rechte für
bilden aber mittlerweile eine eigene Religionsgemeinschaft.
Christen, Juden oder für noch „minderwertigere“
Andersgläubige wie Jesiden, Mandäer u. a. nicht
ohne Weiteres denkbar sind.
Trotzdem ließ sich die Modernisierung nicht
anhalten. Die spätosmanische Gesellschaft ging

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welt und umwelt der bibel 1/2016
Die anDeren Geschwister

RelIgIöSe gRuPPIeRungen IM nAHen OSTen AuSSeRHAlb DeS CHRISTenTuMS

Islam Sunniten
Religiöse Botschaft: Der Islam vollendet die 80-90% der Muslime weltweit
Offenbarungen Gottes, Muhammad ist der letzte basis = Koran und Sunna (Überlieferung des Propheten)
Gesandte Gottes in der langen Reihe seiner
prophetischen Offenbarungen.
Schiiten
622 Auszug aus Mekka nach Medina, Beginn
Sie berufen sich in der nachfolge Muhammads auf das Prinzip der
der islamischen Zeitrechnung
Verwandtschaft und anerkennen von den vier Kalifen allein den letzten,
632 Tod Muhammads
nämlich Ali, Cousin und Schwiegersohn Muhammads. Für Schiiten
632-661 Vier rechtgeleitete Kalifen (politisches
sind Imame (von gott designierte nachfolger) die religiös-politischen
Vorbild)
Zentralgestalten. Die Zwölfer-Schiiten erwarten die Wiederkunft ihres
zwölften Imams (mahdi), der auf erden die wahre gerechtigkeit wieder-
herstellen und einen gottesstaat errichten wird.
Mehrheit heute im Iran (Staatsreligion) und Irak
nachfolger Muhammads aus der Familie: Ali ibn Abu Talib (Schwieger-
Jesiden sohn und bevollmächtigter Muhammads) ist der vierte Kalif und erster
Die Religion der Jesiden, wie wir sie heute Imam. Von seinen Parteigängern (Schia) leitet sich der name ab.
kennen, dürfte im laufe des Mittelalters zum
Abschluss gekommen sein. Sie vereint verschie-
Aleviten
dene elemente aus dem Islam (Mystik), Chris-
Die pluralistische gemeinschaft der Aleviten hat aus schiitischer
tentum, Judentum, Zoroastrismus. Die Jesiden
Theologie und islamischer Mystik eine eigenständige lokale religiöse
beten wie Muslime fünf Mal am Tag und betrach-
Tradition ausgebildet (13./14. Jh.). Ihr zentrales historisches Sied-
ten sich als die älteste Religion der Welt. Der
lungsgebiet war über Jahrhunderte Zentralanatolien (Türkei). Seit den
göttliche engel Pfau ist für sie die zentrale kulti-
Migrationsbewegungen im 20. Jh. wanderten viele Aleviten in westeu-
sche gestalt. Jesiden siedelten über Jahrhunder-
ropäische länder aus. Deutschland hat mittlerweile die größte aleviti-
te im heutigen irakischen Kurdistan. Migration
sche gemeinschaft außerhalb der Türkei. Die gesamtschätzungen der
und mittlerweile dezidierte religiöse Verfolgung
Aleviten weltweit schwanken zwischen 10 bis 25 Millionen.
haben zu großen Auswanderungswellen geführt.
Weltweit sollen Jesiden bis zu 800.000 Anhänger
haben. In Deutschland konnte sich eine vitale Alawiten (Nusayrier)
jesidische gemeinschaft etablieren. In Syrien, zwischen Orontes und Mittelmeer, 10-12% der
gesamtbevölkerung.
Religion nur für eingeweihte Männer, Verbindung von islamischer
Mandäer gnosis (erlösung durch erkenntnis, siebenfache Seelenwanderung),
Die Mandäer (von aramäisch manda, erkennt- Christentum und extremer Schia.
nis) sind die einzige erhaltene gruppe aus der gott wird als Dreiheit beschrieben: Ali (4. Kalif) = eigentlicher gott,
breiten spätantiken gnostischen bewegung. Muhammad = „Himmelsvorhang“, Salman al-Farisi gefährte
eigenschätzungen zufolge zählt ihre gemein- Muhammads = „das Tor“.
schaft weltweit um die 70.000 Anhänger. In
ihren Stammländern Irak und Iran sind sie mitt- Der Koran wird nicht wörtlich, sondern spirituell gedeutet. Die
lerweile existentiell bedroht. Auch in Deutsch- ersten drei Kalifen werden (wie bei allen Schiiten) verflucht.
land gibt es eine gemeinde. Möglicherweise gewaltiger umbruch in der Mandatszeit.
sind es die Mandäer, die im Koran als Sabäer
(von aramäisch „taufen“) bezeichnet und als Drusen
buchreligion respektiert werden. Zentrale lehre
und Ziel der kultischen Praxis ist die befreiung Die Drusen entstanden im schiitischen umfeld im 11. Jh. in Kairo.
der Seele aus dem nichtigen Körper und ihr Charakteristisch für ihre Religion ist die Doktrin der absoluten einheit
„Aufstieg“ (masiqta) in die lichtwelt, die zu gottes. Zugang zu vertieftem religiösen Wissen hat meist nur
diesem Zweck lichtboten (erlöser) entsandt ihr religiöses Fachpersonal.
hat. Dafür ist eine 45 Tage dauernde Totenzere- Mehrheit heute in Syrien, libanon und Israel.
monie erforderlich.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 61
Die anDeren Geschwister

Aleviten hängen Bänder an einen Wunschbaum


in Tekke Koyu beim Abdal Musa Shrine in
Antalya (Türkei). Auch die Aleviten sind ursprüng-
lich aus dem schiitischen Islam entstanden
(s. S. 61), haben ihre Lehre und Praxis aber
mittlerweile so verselbständigt, dass sie sich davon
weit entfernt haben.

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Die anDeren Geschwister

regional unterschiedlich intensiv ebenfalls religiös-ethnische Homogenisierungswelle ein,


durch sozioökonomische Transformationen. Zu wo die jüdischen Bevölkerungen enteignet und
heftigen Konflikten kam es in den Ostprovinzen teils gegen ihren Willen ausgewiesen wurden.
des Osmanischen Reichs, heute im Grenzgebiet Dieses historische Trauma von Minoritäten, vor
zwischen Türkei, Armenien, Iran und Irak ge- Übergriffen der Majorität und des Staates nicht
legen. Den Modernisierungsprozess beschleu- nachhaltig geschützt zu sein, verstärkte sich im
nigten hier die verstärkte Präsenz und die Ent- Nahen Osten seit den 1990er-Jahren. Die islami-
wicklungshilfe von ausländischen Missionaren. sche Fundamentalisierung der Majoritäten nahm
Orientalische Christen wiederum erfuhren da- zu, islamistische Gruppen und extremistische
durch eine neue Stigmatisierung. Sie wurden Terroristen gingen zu religiösen Homogenisie-
mehr und mehr als „Fünfte Kolonne“ der imperi- rungsaktionen über und verübten Attentate auf
alen Großmächte Europas gesehen, nicht zuletzt Schiiten, Christen, Juden und Andersgläubige,
auch aufgrund der ausländischen Interventio- die oft tödliche Folgen hatten. Im Irak verschärf-
nen in Istanbul, die auf administrative Reformen te sich die Sicherheitslage nach dem Sturz des
und die Sicherung von Zivilrechten für Christen Regimes 2003 um ein Vielfaches. Die neuen mas-
abzielten. Mit diesen externen Veränderungen senhaften Fluchtwellen ins Ausland schwächten
gerieten für die lokale Majorität das traditionel- lokal die ohnehin fragile Situation der Zurück-
le Machtgefüge und die patriarchale Welt noch gebliebenen. International führten sie zu einer
mehr als sonst aus den Fugen. Es kam zu Gewalt- gewissen Stärkung, denn viele Ausgewanderte
übergriffen auf Armenier und andere Christen, schickten finanzielle Unterstützung in ihre Hei-
die sich zu Massakern und schließlich zum Ge- matgemeinden und nutzten die Diasporastruktu-
nozid während des Ersten Weltkrieges steigerten. ren ihrer Gemeinschaften, um multifokal politi-
schen Druck auf Regierungen auszuüben.
Die existenzielle Gefährdung von Minoritäten
Das nationalstaatliche Zeitalter seit 1920 hat 2015 durch den islamistischen Extremismus
Aus der politischen Konkursmasse des Osma- im Irak und in Syrien katastrophale Ausmaße
nischen Reichs entstanden nach 1920 mehrere erreicht. Terrorgruppen forcieren hier mit Gewalt
Nationalstaaten. Die neue Staatsform bedeute- eine radikal-islamistische Homogenisierung der
te für die plurireligiösen und multiethnischen Gesellschaft, die Nicht-Muslime weitere Opfer
Gesellschaften keinen tief greifenden Wandel. kostet und neue Abwanderungen auslöst.
Die alte sozioreligiöse Hierarchie zwischen is-
lamischer Majorität und nichtmuslimischen
Minoritäten blieb bestehen, der Weg einer sä- Welche Zukunft?
kularisierten Bürgerlichkeit wurde nur gestreift. Dies verändert und reduziert weiterhin die his-
Fast alle Staaten mit Ausnahme der Türkei be- torische religiöse Vielfalt im islamischen Orient.
ließen im Personenstands- und Familienrecht Gegenwärtig scheint in weiter Ferne, dass die
die religiösen Rechtsordnungen der Muslime sunnitische Majorität zu jenem liberaleren Um-
bzw. der anerkannten religiösen Minoritäten in gang mit Andersgläubigen wie in früheren Zeiten
Kraft, für letztere sogar, nachdem Mitte des 20. zurückfindet, als Religionen generell öffentlich
Jh. kodifizierte Zivilgesetzbücher vorlagen. Der kaum Bedeutung hatten und politisch nicht in-
nationalstaatliche Grundsatz der Inklusion aller strumentalisiert wurden. Die Zukunft der religi-
Bürger und der Gewährung von gleichen Rech- ösen Pluralität im Nahen Osten lässt sich aller-
ten ließ sich im Nahen Osten nicht durchsetzen. dings nicht prognostizieren. W
Das nationaltheoretische Erbe der europäischen
Romantik – ein Volk, eine Religion – führte viel-
mehr auch hier zu ethnischen und religiösen
Homogenisierungsprozessen, die regional und
zeitlich unterschiedliche Konjunktur erhielten.
Die Türkei verfolgte seit ihrer Staatsgründung Dr. Hannelore Müller ist Privat-
1923 ein dezidiertes Programm der Türkifizierung dozentin am Religionswissen-
und Sunnitisierung, die arabischen Staaten pro- schaftlichen Institut der universität
leipzig. Ihre Hauptarbeitsgebiete
filierten ihr monolithisches Nationsverständnis
sind Religionen im nahen Osten
insbesondere im Rahmen des Palästinakonflik- und europa, Religiöse Minoritäten,
tes. Nach der arabischen Niederlage im Krieg Religionsgeschichte und Systema-
gegen Israel (1948/49) setzte im Jemen, im Irak, tische Religionswissenschaft sowie
in Syrien und Ägypten eine erste systematische Religionen im Alten Orient.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 63
Büchertipps

Die altorientalischen Kirchen Die Liturgie der Ostkirche


Dieser Band stellt die Geschichte und Die ostkirchliche Liturgie ist weitaus
Theologie der altorientalischen Kirchen reicher an Symbolen, Riten und Aus-
erstmals umfassend dar. Er zeigt sie als drucksformen als die westkirchliche.
lebendige Zeugen der Vergangenheit, weil Für viele Menschen ist sie daher faszinie-
sie Elemente des frühen Christentums rend, bleibt aber erklärungsbedürftig.
bewahrt haben. Gegenwärtig sind sie auch In diesem Buch geben Experten der
deshalb von Bedeutung, weil ihnen viele Ostliturgie kurze Einführungen in die
verfolgte Menschen in den muslimischen verschiedenen Riten und gehen u. a. auf
Ländern angehören. Auch Fragen der Spiritualität und Liturgie Symbolik, Verständnis des Kirchenraums
sowie des ökumenischen Dialogs sind berücksichtigt, ein Register, und die Bedeutung der Ikone ein. Anhand
Glossar und Bibliografien ergänzen die Darstellung. der religiösen Feierlichkeiten bei Ortho-
Christian Lange, Karl Pinggéra, Die altorientalischen Kirchen. doxen, Armeniern, Syrern, Kopten usw. gibt dieses handliche und
Glaube und Geschichte, Wissenschaftliche Buchgesellschaft reich illustrierte Buch faszinierende Einblicke, um das Christen-
2012, 178 S., € 23,99, ISBN 978-3-5347-2526-7. tum in seiner großen Vielfalt zu verstehen.
Basilius J. Groen/Christian Gastgeber, Die Liturgie der Ostkirche.
Ein Führer zu Gottesdienst und Glaubensleben der orthodoxen
Die Kirchen des und orientalischen Kirchen, Herder Verlag 2012, 271 S., € 20,-
christlichen Ostens ISBN 978-3-451-30650-1.
Für Westeuropäer wirken sie meist
fremd, aber doch faszinierend. Der
Autor bietet einen interessanten Religionen im Nahen Osten
Einblick in die Geschichte, Verbreitung Das zweibändige Werk erschließt
(auch im deutschsprachigen Raum), das unglaublich vielfältige religiöse
Strukturen, Glaubensleben und Riten Umfeld, in dem sich die Kirchen
von über 30 Kirchen und stellt dabei des Ostens befinden. Nach einzel-
sowohl die orthodoxen, die orientalischen wie auch die mit nen Ländern geordnet werden
Rom unierten Kirchen dar. Die wichtigsten Informationen die religiösen Gruppierungen
über Ritus, Liturgiesprache, Kirchenkalender, Anzahl der dargestellt, beginnend mit ihrer
Gläubigen usw. sind übersichtlich in Schaukästen zusam- Entstehung, den theologischen
mengefasst. Schwerpunkten, Besonderheiten
Johannes Oeldemann, Die Kirchen des christlichen Ostens. in Riten und Ausdrucksformen usw. Der erste Band widmet sich
Orthodoxe, orientalische und mit Rom unierte Ostkirchen, den Ländern Irak, Jordanien, Syrien und Libanon. Der zweite
Topos Taschenbücher 2011, 232 S., € 10,95, Band beschreibt die Religionen in der Türkei, in Ägypten und
ISBN 978-3-8367-0577-6. Saudi-Arabien. Bei manchen Ländern sind Religion und Politik
aufs Engste verwoben und werden deshalb zusammen dargestellt.
Eine umfassende Bibliografie und ein Gesamtindex ergänzen das
Das orientalische Christentum Werk.
Das Buch erschließt die großen Gruppen Hannelore Müller, Religionen im Nahen Osten (2 Bände),
dieser Kirchen: „östlich-orthodoxe“, Harrassowitz Verlag 2009/2015, 372/446 S., € 54,-/ 66,-,
„orientalisch-orthodoxe“ und „orien- ISBN Band I: 978-3-447-06077-6;
talisch-katholische“ Kirche sowie die ISBN Band II: 978-3-447-10334-3.
Thomaschristen Indiens und die Apostoli-
sche Kirche des Ostens. Im Rahmen
ihrer jeweiligen Konfessionsfamilie Weitere Studien:
werden die Kirchen einzeln vorgestellt,
und zwar in ihrer heutigen Gestalt, mit ihrer Geschichte wie Christianity at the Crossroads of Civilization
in ihrem eigenen Selbstverständnis. Der Blick auf die Rolle Die Sonderausgabe der Zeitschrift Bulletin of Royal Inter-Faith
des orientalischen Christentums in der Ökumene und seine Studie betrachtet orientalische Christen nach unterschiedlichen
Situation im Orient der Gegenwart im Jahr 2007 gibt angesichts Aspekten: z. B. die syrischsprachigen Kirchen von den Ursprün-
der dramatischen Veränderungen ein anschauliches Bild darüber, gen bis ins 18. Jh., die Christen im Iran, die griechisch-orthodoxe
welchen kirchlichen Reichtum es im Nahen Osten vor dem IS gab Tradition, auch in ihrer politischen Bedeutung, die Beziehungen
und heute teilweise noch gibt. zwischen dem Vatikan und den Christen in Israel, die protes-
Wolfgang Hage, Das orientalische Christentum, tantischen Christen im mittleren Osten und das Verhältnis von
W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart 2007, 548 S., € 90,- Ostkirchen und Muslimen.
ISBN 978-3-17-017668-3. Bulletin of Royal Inter-Faith Studies, Volume 7/2 (2005).

64 welt und umwelt der bibel 1/2016


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Büchertipps

Das Kreuz unter dem Halbmond


Für die christlichen Minderheiten in den Ländern des Nahen Ostens haben die Entwicklungen vor
Ort oft verheerende Folgen. Der Sammelband mit Beiträgen renommierter Autorinnen und Autoren
demonstriert dies anhand von Beispielen aus den Ländern Ägypten, Irak, Israel/Palästina, Libanon,
Syrien und der Türkei.
Andreas Müller (Hg.), Das Kreuz unter dem Halbmond. Orientalische Christen im Angesicht des
„Arabischen Frühlings“. Studien zur orientalischen Kirchengeschichte 50, Lit-Verlag 2014, 168 S.,
€ 19,90, ISBN 978-3-643-12753-2.

Religion fällt nicht vom Himmel


Im Großraum Syrien liegt die Wiege der drei großen monotheistischen Religionen: eine Region
voller spannender Begegnungen und wechselseitiger Beeinflussungen, die im Westen fast ganz
vergessen ist. Dort hat sich das Christentum aus dem Judentum entwickelt und der Islam als
„arabische Religion“ seinen Anfang genommen.
Andreas Goetze nimmt den Leser auf eine interessante Spurensuche mit, in der archäologische,
numismatische, religions- und sprachwissenschaftliche Untersuchungen und ein quellen- und
textkritischer Umgang mit den Urkunden des Glaubens die Chance eröffnen, eher das Verbindende
als das Trennende zwischen den Religionen zu sehen.
Andreas Goetze, Religion fällt nicht vom Himmel. Die ersten Jahrhunderte des Islams,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft 4. Aufl. 2012, 496 S., € 59,95, ISBN 978-3-534-26378-3.

Die Religionen des alten Orients


Daniel C. Snell erzählt die Geschichte des religiösen Lebens im Nahen Osten von den Anfängen
der Landwirtschaft bis zur Invasion Alexanders des Großen 300 vC. Dabei zeichnet er die wichtigsten
Entwicklungen nach, die sich im Alltag und in den religiösen Vorstellungen der Menschen in Meso-
potamien, Ägypten, Israel und im Iran vollzogen haben. Er beleuchtet den Einfluss dieser religiösen
Vorstellungen auf den Westen und stellt dabei besonders heraus, wie moderne Kulturen und Religio-
nen von antiken Ansichten geprägt wurden.
Daniel C. Snell, Die Religion des alten Orients, Verlag Philipp von Zabern 2014, 208 S., € 23,99,
ISBN 978-3-805-34814-0.

Hinweise Bildrechte Ruedi Habegger/ Szenographie: Studio Adeline Rispal 85 oben


Kontinent/ZUMA/REA 44, 45
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museumofthebible.com 73 unten
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D. R 83 links
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oben, Matti 33 oben links; 40, 41, 42, Wolfgang M. 50; 51, 57
Wolfgang Baur 84
Fax 0711-6 19 20 30 http://slemanimuseum.org 3 oben
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K. Xenikakis, National Archaeological Museum Athens/Foto:

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welt und umwelt der bibel 1/2016 65
aus der welt der bibel

im osttürkischen çavuŞtepe

reichtum eines Palasts im 8. Jh. vC

I m südosttürkischen Dorf Çavuştepe befindet sich eine Festung des anti-


ken Königreichs Urartu (1. Jahrtausend vC), etwa 20 km von der Stadt Van
am Vansee entfernt. Hier wurde nun ein großer antiker Lagerraum ausge-
graben, in dem rund 120 pithoi stehen. Die riesigen Terrakotta-Vorratskrüge
– heute natürlich mit Sediment gefüllt – waren schon damals in die Erde
eingegraben. Keilschriftzeichen am oberen Rand gaben ihr Füllvolumen in
urartäischen Maßeinheiten an. Nach dem Archäologen Rafet Çavuşoğlu
von der Universität Yüzüncü Yıl (Van) konnten damit bis zu 36 Tonnen Le-
bensmittel gelagert werden: Getreide, Öl oder Wein. Die Festung war von
Sarduri II. erbaut worden, der 756–735 vC regierte. Laut einer Inschrift hat
er siegreich mit dem assyrischen König Aššur-nirari (V.) gekämpft – anders
als die zeitgleich regierenden Könige des Nordreichs Israel, die Aššur-
niraris Sohn Tiglat-Pileser 721 vC unterlagen. W

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welt und umwelt der bibel 1/2016
INHAlt

68 bis 73
Panorama
Betlehem: Heilige in hoher Auflösung
Neues von den Makkabäern
Rätselhaftes Podium in Jerusalem

74 bis 77
die bibel in berühmten Gemälden
Albrecht Dürer:
Hiob und seine Frau

78 bis 80
Neue reiHe: Voneinander wissen
Zum Verhältnis von Christentum und islam
1: Die muslimische umma
im Vergleich zur christlichen Kirche

81 bis 83
die großen entdeckungen
Die Amulette von Ketef Hinnom:
Silberamulette mit dem Priestersegen

84 bis 85
ausstellungen und Veranstaltungen

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welt und umwelt der bibel 1/2016 67
PaNorama

geburtskirche in betlehem

Heilige in
hoher Auflösung
Die Figuren auf den säulen in der geburts-
kirche von betlehem können besucher nur
noch als schatten erkennen. eine französi-
sche restauratorin wollte mehr sehen ...

D ie Kreuzfahrer ließen die Säulen der ehrwürdi-


gen Geburtskirche im 12. Jh. mit großen Heiligen-
bildern verzieren: Sie zeigten westliche und östliche
Heilige, die die Pilger durch das Hauptschiff hin zum
Abstieg in die Geburtsgrotte geleiteten. Heute kann
man die Gemälde fast nicht mehr erkennen. Mit Zu-
stimmung der griechisch-orthodoxen Verwaltung
durfte Marylène Barret, französische Restauratorin
und seit 2010 im Dienst des französischen Außenmi-
nisteriums zur Erhaltung des kulturellen Erbes Paläs-
oben: Die Darstellungen der ma-
tinas vor Ort, hochauflösende Aufnahmen anfertigen donna mit dem Kind und dem heiligen
lassen. Barret wollte den starken farbigen Eindruck, leo, mithilfe der Fotografien und ent-
den die Bilder im 12. Jh. hinterlassen haben müssen, sprechender bildbearbeitung in ihrer
neu zum Leben erwecken. Im Labor der École biblique einstigen Frische rekonstruiert.
et archéologique (ÉBAF) in Jerusalem wurden die Da-
ten mit Beschreibungen aus dem 12. Jh. und einer ar- säule mit verblasster
links:
chäologischen Dokumentation von 1914 abgeglichen. mariendarstellung, datiert auf das
Vier Heilige, Maria, Leo, Stefanus und Margarete von Jahr 1130 – die Jahreszahl wurde erst
Antiochien, sind nun an Säulenrepliken im Al-Badd- durch die bearbeitung sichtbar, wie
Museum in Betlehem zu sehen. W (WUB/MdB) viele weitere details. mit maximalem
Zoom suchte eine infografikerin am
im hauptschiff der Geburtskirche (unten links) bildschirm nach Partikeln mit der
wurden Fotos angefertigt (rechts). originalfarbe.

68 welt und umwelt der bibel 1/2016


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PANoRAMA

Wie kommt ein objekt aus Dem heiligen lanD nach russlanD?

Altisraelisches Siegel am Don gefunden


2000 kilometer vom ursprung entfernt sind russische
archäologen auf ein altisraelisches siegel gestoßen.

B ei den Ausgrabungen des Grabes einer


samartanischen Kriegerin bei Rostow am
Don fiel den Archäologen unter den Grabbei-
ben) aus Arad zu lesen, so Rollston in der isra-
elischen Zeitung Haaretz im November 2015.
Haaretz gibt Interpretationen wieder, wonach
siegel aus karneol,
einem Halbedelstein, in
gaben ein Siegel aus Karneol auf. Das Frauen- das Siegel vom Don ursprünglich aus Arad den der Name „elijaschib“
grab lässt sich Roman Mimochod (Russische stammen und dieselbe Person aus der Sied- eingraviert ist. „elijaschib“
Akademie der Wissenschaften, Institut für lung des 8. Jh. vC bezeichnen soll, die auch ist auch der Name von
Archäologie) zufolge ins 1. Jh. nC datieren. Zu- in den anderen Inschriften genannt wird. Zu sechs unterschiedlichen
nächst ordneten die russischen Fachleute die bedenken ist allerdings, dass der Name in Is- Persönlichkeiten in der bibel
eingeritzten Schriftzeichen der phönizischen rael wie auch bei seinen Nachbarvölkern ver- (genannt in den büchern
oder aramäischen Schrift zu. Dem Blogger breitet war. 1 Chronik, esra, Nehemia).
Jim Davila (paleojudaica.blogspot.com) fiel Solche älteren Preziosen wurden in der An- es gibt aber keinen anhalt,
jedoch auf, dass es sich um althebräische tike als Schmuckstücke und Glücksbringer ge- einen davon mit dem siegel-
inhaber zu identifizieren.
Buchstaben handeln müsste. Der Inschrif- sammelt und über Generationen weitergege-
tenexperte Prof. Christopher Rollston von der ben. Man kennt weitere Fälle von Siegeln und
George Washington University bestätigte dies Amuletten aus unterschiedlichen Epochen
und datierte die Schriftzeichen ins 8. Jh. vC. und Regionen unter Grabbeigaben des Mittel-
Die Buchstaben lassen sich mit „dem Elija- meerraumes. Dieses ist jedoch das bislang am
schib“ übersetzen. Vergleiche ergaben, dass Weitesten vom Ursprungsort entfernt gefun-
drei sehr ähnliche Siegel mit vergleichbarer dene. Arad lag an einer Handelsroute, was der
Inschrift im Negev bei den Ausgrabungen von Grund sein mag, dass das Siegel seinen Weg
Arad gefunden worden waren. Ebenso ist der über 2000 Kilometer ins Grab einer Kriegerin
Name auf Ostraka (beschriebenen Tonscher- am Don gefunden hat. W (WUB/Haaretz)

Forschungen in samaria

Die Göttin Kore zieht um

A nfang des 20. Jh. haben amerikanische


Archäologen die für die biblische Ge-
schichte so wichtige Stadt Samaria ausgegra-
sich dem Gelände anpasste.“ Ein Tempel –
aber für welche Gottheit? Caillou denkt an
Kore, die große Stadtgöttin, von der in Sama-
ben. Seitdem bezeichnete man eine große, ria bereits eine Statue, eine Inschrift, Kultgraf-
rechteckige, von Säulenreihen umgebene fiti und vier Altäre mit ihrer Namensnennung
Fläche unterhalb der Stadt als „Stadion“. Der ausgegraben wurden. Auf die Frage, warum
Archäologe Jean-Sylvain Caillou, der jetzt ein bis heute noch niemand auf diese Idee ge-
frazösisch-palästinisches Ausgrabungspro- kommen ist, antwortet der Archäologe, dass
jekt koordiniert, zweifelt an dieser Identifi- es den amerikanischen Ausgräbern weitaus
kation: „Die Säulenstellungen und die Größe logischer erschien, den Tempel der Kore im
passen nicht zu einem Stadion, ebenso die Norden der alten Stadt zu lokalisieren, wo
fehlenden Sitzreihen – und die Quellen und eine Inschrift den Namen der Göttin erwähn-
Inschriften schweigen. Es könnte sich um ei- te. Er hofft auf die Ausgrabegenehmigung, um ist diese Fläche ein antikes
nen Tempelinnenhof handeln, dessen Form seine Hypothese zu bestätigen. W (MdB) stadion oder ein tempelinnenhof?

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welt und umwelt der bibel 1/2016 69
PANoRAMA

makkabäer i: jerusalem unD seine rätsel

Die Akra ist gefunden!


Ist die Akra gefunden?
Die israelische antikenbehörde teilte im november mit, dass beweise für den kampf um
eines der größten rätsel der baugeschichte jerusalems gelöst sei: die Festung? Pfeilspitzen und
schleuderkugeln mit einem dreizack,
man wisse nun, wo die akra, die Festung des seleukidenkönigs symbol der Herrschaft des antiochus
antiochus iv., gelegen habe. aber es sind Zweifel angebracht. iV. epiphanes.

E s wäre eine Sensation: Die israe-


lische Antikenbehörde meldet im
November 2015, Ausgrabungen israe-
Tempelareals sind es aber von den Aus-
grabungen aus 200 Meter. „Dann müsste
die Akra mindestens 200 m lang gewesen
auf dem Givati-Parkplatz ist vor wenigen
Jahren bereits der Palast der Königin von
Adiabene angenommen worden.“
lischer Wissenschaftler hätten südlich sein, das ist unwahrscheinlich.“ Ben- Eine gewisse Vorsicht gebietet bei der-
des Tempelbergs unter dem ehemaligen Ami beziehe zudem Grabungsbefunde artigen Funden zudem der Umstand,
Givati-Parkplatz (s. Karte S. 72) die Seleu- der Archäologen Crowfoot und Maca- dass Archäologen hier im Bereich des
kidenfestung „Akra“ lokalisiert. Es seien lister aus den 1920er-Jahren mit ein, die Citywalls National Park und der Da-
Waffen, Keramiken und Münzen zutage nicht eindeutig interpretierbar seien. vidstadt auf regelmäßige und national
gekommen, die in die fragliche hellenis- Die gefundene Befestigungsmauer kön- bedeutsame Sensationen angewiesen
tische Zeit wiesen. Zu den wichtigsten ne auch eine an dieser Stelle sinnvolle sind, um erneut Gelder und Gelände zu
Entdeckungen gehören demnach Befes- Stütze für Wohnbebauung gewesen sein. erhalten. Weitere Forschungen bleiben
tigungsmauern, Reste eines Glacis und „Ich bin skeptisch“, so Bloedhorn. „Hier also abzuwarten. W (WUB)
Teile eines Wachturms, der auf einer Flä-
che von 4 x 20 Metern freigelegt wurde.
An den Fundamenten der Akra zu ste- Ziemlich unübersichtlich: ein Feld von sich schneidenden mauern aus unter-
hen – jener legendären Festung, die die schiedlichen epochen auf dem Grabungsgelände unter dem ehemaligen Givati-Park-
platz. Genaue skizzen sind noch nicht erstellt. eine Chance, über die Grenzen des
jüdischen Guerillakämpfer der Makka-
Parkplatzes hinauszugraben, gibt es nicht.
bäer durch ihre Beharrlichkeit gegen die
Hellenisten im Jahr 141 vC einnehmen
konnten –, hätte nicht nur eine wissen-
schaftliche Bedeutung. Die Makkabäer
sind noch heute jüdische Nationalhel-
den, Symbole des religiösen Freiheits-
kampfs, der Identität und der staatli-
chen Unabhängigkeit. Man weiß aus
den Beschreibungen im 1. Makkabäer-
buch und bei Flavius Josephus, dass die
Akra tatsächlich existiert hat – doch ge-
riet ihre Lage nach Schleifung und Über-
bauung unter Herodes d. Gr. im 1. Jh. vC
in Vergessenheit. Ausgrabungsleiter Do-
ron Ben-Ami sagte, die Grabungsergeb-
nisse böten eine „sehr starke Basis“ für
die Lokalisierung. Doch wie stichhaltig
ist seine Interpretation?
Der Tübinger Archäologe und Jerusa-
lemkenner Dr. Hanswulf Bloedhorn äu-
ßert sich skeptisch. Nach Josephus habe
die Akra an den Tempelbezirk ange-
grenzt. Zur damaligen Außenmauer des

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welt und umwelt der bibel 1/2016
PANoRAMA

makkabäer ii: matatias unD seinen söhnen auF Der spur


Wer waren die Makkabäer?
Die makkabäer führen im 2.
ist es das grab der makkabäer?
jh. vc eine jüdische auf-
standsbewegung an. sie
kämpfen gegen die hellenisti- I m Herbst 2015 haben in Mode’in, auf
halbem Weg zwischen Jerusalem und
Tel Aviv, neue Ausgrabungen stattge-
verwies auf die christliche Zeit. Nach
Clermont-Ganneau waren es Christen,
die die Stätte für die „heiligen Makkabä-
schen machthaber und deren
anhänger im eigenen volk, funden, um ein Geheimnis endgültig er“ erbaut hatten, die für den einzigen
die hellenistische kulte und zu lüften: Ist die Ruine in Mode’in, die Gott JHWH und gegen die griechischen
kultur gegen jüdische riten als „Grab der Makkabäer“ bezeichnet Götter gekämpft hatten.
und lebensvollzüge durch- wird, wirklich deren letzte Ruhestätte? Als die Ausgräber der Israel Antiquities
Die Makkabäer, also der Priester Matta- Authority unter Amit Re’em und Dan
setzen wollen. sie stehen am
tias mit seinen fünf Söhnen, sollen aus Shahar 2015 darangingen, die angebli-
beginn der jüdischen hasmo-
Mode’in stammen. Das 1. Makkabäer- che Stätte der jüdischen Nationalhelden
näerdynastie, die 164–63 vc
buch wie auch Flavius Josephus (1. Jh. nach über 100 Jahren erneut freizulegen
regiert. Die makkabäer wer-
nC) erwähnen, dass sie hier im 2. Jh. vC – unter Mithilfe von vielen Freiwilligen
den von juden und christen
in einem prachtvollen Grab bestattet aus umliegenden Siedlungen –, trafen
als märtyrer verehrt. worden seien. Laut Josephus war es mit sie an, was Clermont-Ganneau beschrie-
Säulen und einem pyramidenförmigen ben hatte. Doch war die Anlage mittler-
Dach ausgestattet. weile geplündert und Steine für Gebäude
Was ist die „Akra“ Schon vor 150 Jahren, als erste Aus- in der Nachbarschaft verwendet worden.
eine Festung, die der se- grabungen auf den Spuren der Bibel im Nach Meinung von Re’em und Shahar
leukidenkönig antiochus Heiligen Land stattfanden, zog der Ort ist das Mausoleum tatsächlich in christ-
iv. epiphanes 167 vc in mit seinen Ruinen Forscher an. Sie stie- licher Zeit erbaut worden, möglicherwei-
jerusalem errichten ließ, um ßen auf eine große Mausoleumanlage se aber, weil Christen eine alte jüdische
einen stützpunkt gegen die mit Grabgewölben, starken Pfeilern und Tradition wieder aufnahmen und christ-
Hinweisen auf ein zweites Stockwerk lich neu begründeten. „Wenn das, was
jüdischen rebellen zu haben.
– und sahen darin die erwähnte Grab- wir sehen, nicht das Grab der Makkabäer
164 vc erobern die makka-
stätte der berühmten Familie. Mit dieser selbst ist, dann haben die frühen Chris-
bäer jerusalem zurück, in der
Prämisse begann auch der französische ten die Stätte aber höchstwahrschein-
Festung verschanzen sich
Orientalist Charles Clermont-Ganneau in lich für den Ort der königlichen Grab-
aber noch bis 141 vc hellenis-
den 1870er-Jahren hier zu graben. Doch stätte gehalten und deshalb die Mauern
tische gegner. er stieß auf ein Mosaik mit einem Kreuz errichtet.“ Das Rätsel ist also mitnichten
am Boden einer Grabkammer! Das Kreuz gelöst. W (WUB)

kreuzmosaik und grundmauern: der befund bei den ausgrabungen 2015.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 71
PANoRAMA
Felsendom

pilgerstrasse Zum jerusalemer tempel

Wozu diente dieses Podium? Grabungsareal


ehemaliger
Die antike straße vom kidrontal zum damaligen tempelberg Givati-Parkplatz
Antike Straße
zum Tempel
ist um eine attraktion reicher: ein steinpodium, für das man
sich viele verwendungen vorstellen kann ...

A n der Straße, die zur Zeit des


herodianischen Tempels vom
Schiloachteich hinauf zum Tempel
sich ziehen konnte. Wurden hier
offizielle Bekanntmachungen verle-
sen? Neuigkeiten, Klatsch oder Stra- Unterer
führte, ist jetzt ein pyramidenartiges ßenpredigten? Wir wissen es nicht. Schiloachteich
Podium aus großen Steinblöcken Bliss und Dickie, zwei britische Ar-
freigelegt und der Öffentlichkeit vor- chäologen, die vor rund 100 Jahren
gestellt worden. Die Straße aus der schon einen Teil der Stufen freige-
Zeit Jesu wird seit Jahren immer wei- legt hatten, dachten, sie führten zu
ter ausgegraben. Sie führte Pilger einem Haus.“ christliches erbe im libanon
auf vielen Stufen vom Schiloach- In rabbinischen Quellen werden
teich zum Tempelberg hinauf. für die Zeit des Herodianischen Klöster im Qadisha-Tal
Am Fuß des Stufenpodiums wur- Tempels tatsächlich „Steine“ im
den zahlreiche gut erhaltene Kera-
mik-, Stein- und Glasgefäße gefun-
den. „Der genaue Zweck ist uns noch
öffentlichen Raum erwähnt, etwa
ein „Auktions-Steinblock“ (Sifra
BeHar6) oder auch ein „Stein“, bei
V iele Male ist die Tübinger Journa-
listin Martina Waiblinger in den
Libanon gereist und war dabei auch
ein Rätsel“, so Joe Uziel und Nachs- dem verlorene Gegenstände abgege- mit dem libanesischen Professor Hani
hon Szanton, die Ausgrabungsleiter. ben und abgeholt werden konnten Abdul-Nour im Qadisha-Tal unter-
„Das Gebilde ist an einem Platz er- (Baba Metzia 28b). So wurde in der wegs. In diesem „heiligen Tal“ finden
richtet worden, der für alle, die zum Presse der Begriff „Fundbüro“ für sich in außergewöhnlicher Dichte
Tempel hinaufstiegen, gut sichtbar das Podium verwendet. Da es aber Zeugnisse früher christlicher Klöster,
war. Wir glauben, dass es eine Art keine archäologischen Parallelen in die das Tal zu einem einzigartigen
Podium war, auf dem man die Auf- Jerusalem gibt, bleibt all das reine Ort machen. Vor seinem Tod 2014 hat
merksamkeit der Öffentlichkeit auf Spekulation. W (IAA/WUB) Abdul-Nour die Geschichte der Klöster
und die noch sichtbaren Monumente
Dr. joe uziel sitzt auf dem Podium aus dem 1. Jh. von 15 Felsenkirchen, Einsiedeleien
und Kapellen beschrieben, Waiblinger
hat 2015 ein Heft mit den Texten und
Fotos publiziert. Auf qadisha.jimdo.
com findet man Informationen und die
Bestellmöglichkeit (EUR 5,-). Momen-
tan ist eine deutsche und eine franzö-
sische Version verfügbar. W (WUB)

72 welt und umwelt der bibel 1/2016


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PANoRAMA

Webprojekt in gaZa

Das kloster des


heiligen hilarion
vier junge leute aus gaza haben
eine Website programmiert, die das
kulturerbe in den palästinensischen
gebieten dokumentieren soll.

N ur wenige von uns werden in absehbarer


Zeit den Gazastreifen bereisen können.
Auf einer Website (http://kanaan.ps/en) soll Quelle: kanaan.ps

es möglich werden, historische Stätten in pa-


lästinensischen Gebieten kennenzulernen.
Sie sind derzeit kaum im Netz präsent. Die Macher der Fotos gibt es einen berührenden Kurzfilm. Hier führt
Seite – die Ideengeberin ist Nesma Al Sallaq – nennen ein Mädchen mit einem „Schüler des heiligen Hilarion“
sie „The first Palestinian site of archaeological sites“. durch das Kloster und seine Geschichte, zeigt die präch-
Derzeit ist lediglich die Anlage des Klosters des heiligen tigen Mosaiken und Klosterräume. Das Projekt wird
Hilarion im Gazastreifen präsentiert. Aber allein um die- u. a. gefördert von der EU. Hoffentlich wird es fortge-
se Stätte kennenzulernen, lohnt sich ein Besuch: Neben führt. W (WUB)

I m Herbst 2017 soll in Washington D.C. das Mu-


seum of the Bible eröffnet werden, die Bauar-
beiten sind bereits im Gang. Alles weist darauf
hin, dass dieses Museum eines der maßgebli-
chen biblischen Museen weltweit werden wird.
Einerseits weil eine bedeutende Privatsamm-
lung, die Green Collection mit rund 40.000 Ob-
jekten (Keilschriften, Papyri, Judaica, Bibelma-
nuskripte) hier ihre Bleibe findet, andererseits
weil das Museum nun eine Kooperation mit der
israelischen Antikenbehörde (IAA) beschlossen
hat: Eine Etage des Gebäudes soll mit Funden aus
Israel bestückt werden. Die Zusammenarbeit ist
vorerst unbefristet geplant. Die IAA zeigte sich
gegenüber der Presse hocherfreut, die Archäolo-
gie des Heiligen Landes hier, außerhalb Israels
und an einem so exponierten Ort, zugänglich zu
machen. Das bedeutet, aus den rund zwei Millio-
Die bibel in Washington nen antiken Objekten in der Obhut der IAA wird
sie hier eine Auswahl zeigen – möglicherweise
israel antiquities authority schließt auch Exponate, die bei aktuellen Ausgrabungen
gefunden werden. Das Museum of the Bible will
vertrag mit neuem museum sich auch an IAA-geleiteten Ausgrabungen (der-
zeit laufen 39) beteiligen. Direktor der Samm-
lung ist übrigens der Neutestamentler, Gerd-
viele objekte aus den archiven der israelischen antiken- Theißen-Schüler und ehemalige WUB-Autor Dr.
behörde können demnächst in den usa besichtigt werden. David Trobisch. W (WUB) museumofthebible.org

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welt und umwelt der bibel 1/2016 73
DIe BIBel In Berühmten gemälDen

Hiob und seine Frau


Albrecht Dürer Von Ines Baumgarth-Dohmen

A ls Albrecht Dürer um 1503/1505 den


Jabach-Altar schuf, war er bereits ein
berühmter Künstler. In seiner Heimatstadt
Nürnberg verkehrte er in den Kreisen der
Humanisten, die ihn außerordentlich
schätzten, was sich auch darin zeigt, dass
sie ihn mit Apelles, dem legendären Ma-
ler des antiken Griechenland, verglichen.
Wollte Dürer sich in diesen Kreisen behaup-
ten, musste er seine Gelehrsamkeit unter
Beweis stellen. Er verfasste kunsttheore-
tische Schriften und versuchte sich sogar
in der Dichtkunst. Vor allem aber dienten
ihm seine Gemälde und Grafiken dazu,
umfassende Bildung und Originalität zu
bekunden, und dazu bot selbst ein konven-
tioneller Flügelalter wie der Jabach-Altar
Gelegenheit.
Erhalten sind nur die beiden Altarflügel,
deren Außenseiten sich bei geschlossenem
Retabel zu einer großen Hiob-Szene zusam-
menfügten: Vier große Figuren heben sich
vor einer Landschaft ab, links der Dulder
Hiob mit seiner Frau und rechts zwei Spiel-
leute. Die Zusammengehörigkeit der Flügel
gerät leicht aus dem Blick, da sie sich heute
in unterschiedlichen Museen befinden, die
Tafel mit der Darstellung Hiobs in Frank-
furt am Main, die andere in Köln. Dürer löst
die Aufgabe, den leidenden Hiob darzustel-
len, auf neue und höchst geistreiche Weise.
Denn die Geschichte des Gerechten Hiob,
den Gott schreckliche Schicksalsschläge
erleiden lässt und der dennoch an seinem
Gottvertrauen festhält, war zwar ein im
Spätmittelalter geläufiges Bildthema, ins-
besondere in Deutschland und den Nieder-
landen, doch ein Bild, das zeigt, wie seine
Frau ihm einen Eimer Wasser in den Na-
cken kippt, hatte es bislang nicht gegeben.

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welt und umwelt der bibel 1/2016
Die Geschichte des Bildes
Der Jabach-Altar ist einer von vier Flügelaltären
aus der Werkstatt Dürers. Der Auftraggeber ist
ebenso wenig bekannt wie der ursprüngliche
Aufstellungsort. Der Altar verdankt seinen Na-
men der Kölner Kaufmannsfamilie Jabach, in
deren Besitz sich die beiden Altarflügel seit dem
16./17. Jh. befanden; der Mittelteil ist verschol-
len. Gegen Ende des 18. Jh. wurden die Flügel
verkauft und wechselten mehrfach den Besitzer.
Die Tafel mit der Darstellung Hiobs wurde 1840
vom Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am
Main erworben, diejenige mit den Spielleuten
gelangte 1861 an das Wallraf-Richartz-Museum.
Die Tafeln sind erheblich beschnitten.

Das Thema in der Kunst Der Maler


Die ältesten Darstellungen Hiobs, Wandmalerei- Albrecht Dürer (1471–1528) gilt als einer der be-
en in den Katakomben Roms (3./4. Jh.), zeigen deutendsten Maler der Renaissance in Deutsch-
ihn, oft im Gespräch mit den ihn aufsuchen- land. Seit 1497 betrieb er eine eigene Werkstatt
den Freunden, vornehmlich als Philosophen; in Nürnberg. Neben Gemälden, Aquarellen und
in einer Zeit der Verfolgung verkörperte er, den Zeichnungen umfasst sein Oeuvre vor allem
Gott schließlich „erlöst“, Standhaftigkeit und Druckgrafiken, darunter die berühmten Bildfol-
Auferstehungshoffnung. Zahlreich sind die Bild-
zeugnisse aus dem Mittelalter mit dem Grund-
motiv des „Hiob im Elend“. Hiob ist nun der Ein Bild, das zeigt, wie seine Frau ihm
sichtbar Kranke, der Dulder, oft verspottet von
seiner Frau und misshandelt von Satan (Portal Wasser in den Nacken kippt, hatte es
der Kathedrale von Chartres, 13. Jh.). Mitunter bislang nicht gegeben
werden ganze Bildzyklen der Geschichte Hiobs
gewidmet (Fresken Taddeo Gaddis, Camposan-
to, Pisa, 14. Jh.). In typologischen Bildprogram- gen zur Apokalypse (1498), zum Marienleben
men wird Hiob als Präfiguration des leidenden (1511) und zur Passion Christi (1511). Aufenthal-
Erlösers der Passion Christi zugeordnet, was te in Italien 1494/95 und 1505–1507 machten ihn
auf den Hiobkommentar Gregors des Großen (6. mit den dortigen Entwicklungen vertraut. Nach
Jh.) zurückgeht. Die plastischen Andachtsbilder dem Vorbild italienischer Künstler beschäftigte
des Spätmittelalters lösen die Gestalt Hiobs aus er sich mit kunsttheoretischen Fragen, insbe-
Erzählzusammenhängen heraus; abhängig von sondere mit den Maßverhältnissen des mensch-
der Hiob-Ikonografie entsteht der verwandte lichen Körpers. 1525 erschien die „Unterweisung
Bildtypus des „Christus im Elend“. in der Messung“, kurz nach seinem Tod 1528 die Das Gemälde
Das Schicksal Hiobs blieb auch in der Neuzeit „Vier Bücher von menschlicher Proportion“. Hiob und seine Frau,
Thema der Malerei, wobei das Interesse sich oft Dürers Auftraggeber waren wohlhabende Pa- linker Außenflügel
auf die Beziehungen zwischen Hiob und seiner trizier und Adlige; er erfreute sich der Förde- des Jabach-Altars,
Frau (Georges de la Tour, 17. Jh.) sowie zu den rung durch Kurfürst Friedrich III. den Weisen um 1503/1505, Malerei
drei Freunden konzentriert (Gerard Seghers, 17. von Sachsen und war für Kaiser Maximilian I. auf Lindenholz,
Jh.). Im 20. Jh. zeigen Künstler wie Otto Dix und tätig. Auf einer Reise in die Niederlande 1520/21 96 x 51,5 cm, Frankfurt
Marc Chagall an der Gestalt Hiobs das Grauen erkrankte Dürer und wurde nie mehr richtig ge- am Main, Städelsches
von Krieg und Verfolgung. sund. Er starb am 6. April 1528 in Nürnberg. Kunstinstitut.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 75
Die bibel in berühmten gemälDen

2 3

2 Hiobs Frau – Anspielung auf Sokrates’ Frau


Hiobs Frau ist zu ihm getreten; die Schlüssel am Gürtel und die Haube
weisen sie als verheiratete Bürgersfrau aus. Schwungvoll schüttet sie ei-
nen hölzernen Wassereimer über Hiob aus; reglos lässt er es geschehen.
Die Szene ist eine originelle Bilderfindung Dürers. Die christliche Aus-
legungstradition hat Hiobs Frau stets negativ gedeutet, da sie, unfähig
1 Hiob, geschlagen mit Geschwüren seine Haltung zu begreifen, ihn auffordert, Gott zu lästern. Für die oft zu
Dürers Hiob, ein kräftiger Mann, sitzt, über- findende Deutung, sie wolle mit dem Wasserguss die Leiden ihres Man-
mannt von Trauer, teilnahmslos im Mist, in ei- nes lindern, gibt es keinen Grund.
nem sterquilinium, wie es in der Vulgata heißt. Der Betrachter konnte sich vielmehr an eine aus dem Altertum überlie-
Er ist nackt, nur ein Tuch verdeckt seine Scham. ferte Anekdote über Sokrates erinnert fühlen, der, so der Stoiker Seneca,
Sein Schädel ist kahl, der graue Bart lang, die Gespött „harmlos nahm und belachte, ebenso, wie wenn er von seiner Frau
Augen sind halb geschlossen. Er stützt den Kopf Xanthippe mit Abwaschwasser begossen wurde“. Bei Diogenes Laertios
in der uralten Gebärde der Melancholie und der (3. Jh.), dessen „Leben und Lehre der Philosophen“ seit 1490 in deut-
Nachdenklichkeit in die linke Hand, wobei er scher Übersetzung verbreitet war,
sich mit dem kleinen Finger die Nase zuhält, heißt es: „Zu Xanthippe, die ihn
wohl weil ihn sein eigener Gestank anekelt. mal beschimpfte und dann noch mit
Im Spätmittelalter wurde Hiob, da er mit Ge- Wasser übergoss, bemerkte er [Sok-
schwüren geschlagen worden war, als Schutzpa- rates]: ‚Hab ich nicht immer gesagt,
tron gegen Krankheiten angerufen, bei denen es dass Xanthippe, wenn sie donnert,
zu auffälligen Veränderungen der Haut kommt, auch Regen bringt?‘“
wie Pest, Aussatz und die im 15. Jh. nach Europa Indem Dürer durch das Motiv
eingeschleppte Syphilis, auch „St. Jobs Krank- des Wassergusses auf Xanthippe
heit“ genannt. Wie Hiob wurden die Erkrankten anspielt, lässt er hinter der Figur
verstoßen und ausgegrenzt, wie er landeten sie des geduldigen Hiob die des gedul-
„im Elend“, was ursprünglich „in der Fremde“ digen Sokrates aufscheinen. Auf
bedeutete. Es kam Dürer offenbar darauf an, die diese Weise erweitert er die Tradi-
kranke, fleckige Haut Hiobs so naturgetreu wie tion, die den Dulder Hiob als Präfi-
möglich darzustellen: Auf einen ockerfarbenen guration Christi verstand, um eine
Grundton trug er unregelmäßig mehrere Schich- „humanistische Typologie“ und
ten Öllasuren auf, die er dann mit trockenem bekundet damit sein ingenium,
Pinsel, Pinselstiel oder auch Finger und Hand- die Erfindungskraft, die der itali-
ballen bearbeitete. Außerdem spritzte er ein enische Humanist Leon Battista
Lösungsmittel auf die noch frischen Lasuren, Alberti in „De Pictura“ (1435) von
wodurch eine Vielzahl winziger heller Punkte einem Künstler neben der Beherr-
entstand, die wie Pusteln aussehen. schung des Handwerks verlangte.

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welt und umwelt der bibel 1/2016
Die bibel in berühmten gemälDen

3 Die Spielleute – die Spötter


Zur Hiob-Szene gehören auch die beiden Spielleute
auf dem rechten Altarflügel. Sie stehen vor Hiob und
spielen ihm mit Schalmei und Trommel auf. Spiel-
leute waren noch um 1500 eine weitgehend rechtlose
Randgruppe der Gesellschaft. Sie zogen von Ort zu
Ort, traten auf Jahrmärkten und in Wirtshäusern auf
und wurden als Unterhalter zu Festen bestellt. Allein
ihre äußere Erscheinung, ihre extravagante bunte
Kleidung, war eine Provokation. Die Kirche sah in ih-
nen Teufelsdiener, die mit Musik und Tanz zur Sün-
de verführten. Spielleute waren für ihren Spott ge-
fürchtet. Und als Spötter sind sie wohl auch auf dem
Jabach-Altar gemeint; indem sie Hiob verhöhnen,
verstärken sie sein Leid. Darstellungen, die vor Hiob
musizierende Spielleute zeigen, waren im Spätmittel-
alter keine Seltenheit, sodass Dürer hier auf Vorbilder
zurückgreifen konnte. Er brachte allerdings dadurch
eine amüsante Note ins Bild, dass er dem Trommler
seine eigene Haar- und Barttracht verlieh, mit der er,
da völlig unmodern, auf seine Zeitgenossen abson-
derlich und komisch wirkte.

DIe Quelle
„Ijob setzte sich mitten in die Asche
und nahm eine Scherbe, um sich damit
zu schaben. Da sagte seine Frau zu ihm:
Hältst du immer noch fest an deiner Fröm-
migkeit? Lästere Gott und stirb! Er aber
sprach zu ihr: Wie eine Törin redet, so re-
dest du. Nehmen wir das Gute an von Gott,
sollen wir dann nicht auch das Böse an-
nehmen? Bei all dem sündigte Ijob nicht
4 Die Szenen im Hintergrund
mit seinen Lippen.“ (Hiob 2,8-10)
Hinter den vier Figuren im Vordergrund geht der Blick in eine Land-
schaft mit einer Bergkette am Horizont. Dieser Blick ist zugleich ein
Blick zurück, in die Vergangenheit. Zwei Szenen sind zu erkennen:
Links oben, hinter Hiob, zieht die brennende Ruine eines großen
Hauses die Aufmerksamkeit auf sich. Schwarzer Rauch verdunkelt
den Himmel. Ein Mann mit hoch erhobenen Armen rennt aus dem
Inferno davon, der Bote, der Hiob von dem Unglück berichten wird,
das über seine Familie gekommen ist. Die andere Szene, hinter den
Beinen des Trommlers sichtbar, zeigt den Raub der Herden Hiobs
durch die Sabäer. Beide Ereignisse gehören zur ersten Sequenz der
Rahmenerzählung des Buches Hiob, die von dem Verlust des Besit-
zes und der Kinder Hiobs berichtet. Dürer setzt durch das räumliche
Vor- und Hintereinander die Handlungsabfolge ins Bild um. Denn
die Figur des kranken Hiob ist als Bild der zweiten Sequenz der Er- Ines Baumgarth-Dohmen M. A.
zählung, die von dem Angriff auf seinen Körper handelt, nur vor dem ist Kunsthistorikerin und freibe-
Hintergrund der zurückliegenden Prüfungen zu verstehen. ruflich tätig.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 77
Voneinander wissen

Die muslimische Umma im Vergleich zur christlichen Kirche

Als Gemeinschaft glauben?


Der Begriff „Umma“ klingt für manche Nichtmuslime bedrohlich und missionarisch.
Aber was steckt eigentlich theologisch hinter den beiden religiösen Gemeinschafts-
begriffen? Von Mohammad Gharaibeh und anja Middelbeck-Varwick

J eder Mensch ist zugleich individuell


und gemeinschaftsbezogen. Das gilt
auch hinsichtlich des Gläubigseins: Dem
Christentum und Islam. Zwischen ihnen
lassen sich viele Gemeinsamkeiten, aber
auch Differenzen ausmachen.
Glaubensgemeinschaft gemeint. Sie um-
spannt in dieser Bedeutung die Muslime
auf der ganzen Welt. Sie ist somit ein
Islam oder dem Christentum anzugehö- Ausdruck des Zusammengehörigkeitsge-
ren bedeutet wesentlich, zu einer Ge- fühls sowie der gemeinsamen religiösen
meinschaft zu gehören – und zugleich Was ist die Umma? Identität der Muslime und umfasst, wenn
wird niemand gläubig ohne persönliche Wie viele andere islamtheologische Be- nicht anders angedeutet, sowohl sun-
Zustimmung. Die Religionsgemeinschaft griffe kommt auch der der Umma aus nitische wie auch schiitische Muslime.
ermöglicht die Tradierung, sie formt die dem Arabischen. In seiner ursprüng- Umma taucht im heutigen arabischen
Rituale, das Brauchtum, die Frömmig- lichen Bedeutung bezeichnet er eine Sprachgebrauch aber auch im säkularen
keit und die Symbole. Auch ein indivi- Gruppe von Menschen, ganz gleich, ob politischen Bereich auf. So werden die
dualistisches Religionsverständnis wird es sich dabei um einen Stamm, eine Na- Vereinten Nationen beispielsweise als
den Gemeinschaftsbezug nicht grund- tion, eine Religionsgemeinschaft oder Umam Muttahida (die vereinten Ummas)
sätzlich ausklammern können. Kirche eine ethnische Gruppe handelt. Wenn übersetzt und die arabischen National-
und Umma stehen für die spezifischen Muslime den Begriff Umma verwenden, staaten mit ihren religiös und ethnisch
Formen der Vergemeinschaftung in ist damit in der Regel die muslimische pluralen Gesellschaften verstehen sich
ebenfalls als eine Umma. Folglich wer-
den „politische“ Einheiten sowie religiö-
se mit dem Begriff Umma umschrieben.
Sogar dann, wenn Umma im Kontext von
Religion benutzt wird, wird dies oft auf
andere Religionsgemeinschaften bezo-
gen. Im Arabischen wird z. B. auch von
der christlichen Umma oder jüdischen
Umma gesprochen. Der Koran selbst er-
zählt von diesen beiden vorangegange-
nen Ummas und der erste Gesellschafts-
vertrag zur Zeit des Propheten in der
Stadt Medina beispielsweise schloss die
in der Stadt lebenden Christen und Ju-
den mit ein.

Glaube, Gemeinschaft, Gott


Christliche und muslimische Gläubige
bringen durch die Bindung an die Ge-
meinschaft zentrale Glaubensgehalte
zum Ausdruck. Im theologischen Kon-
Gläubige beim Gebet in einer Moschee. text weist das Konzept der Umma durch-

78 welt und umwelt der bibel 1/2016


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zum Verhältnis Von Christentum unD islam

Neu: voNeiNANder wisseN


Vierteilige reihe zum Verhältnis Von Christentum unD islam

In den vier Ausgaben 2016 schreibt an dieser Stelle ein christlich-musli- Voneinander wissen:
misches Autorenduo über Themen, die eine vertiefte interreligiöse Infor- 1/16 umma und Kirche
mation lohnen. Die Reihe entsteht in Kooperation mit dem Theologischen
2/16 Koran und Bibel
Forum Christentum – Islam. Dieses 2005 gegründete Forum steht für dia-
log-orientierte, füreinander offene islamische und christliche Theologien 3/16 JHWH und Allah
und ist als wissenschaftliches Netzwerk an der Akademie der Diözese Rot- 4/16 Scharia und christliche Gebote
tenburg-Stuttgart angesiedelt.

aus einige Gemeinsamkeiten mit der Kir- Gemeinschaft im Heiligen Geist keine dienstraum und die Kirchengemeinde
che auf, doch liegen die beiden Begriffe muslimische Entsprechung findet und als Versammlungsort durchaus eine ge-
innerhalb der theologischen Systematik an die „Umma“ daher auch nicht ge- wisse Entsprechung in der Moscheege-
auf unterschiedlichen Ebenen. glaubt werden „muss“, so gibt es doch meinde, welche das Zentrum der lokalen
Im Christentum ist die Kirche selbst signifikante Parallelen: Die muslimische muslimischen Gemeinschaft ist. Für die
Gegenstand des Glaubens: Jenseits der Umma versteht sich als die Gemein- christliche Ekklesiologie ist zudem die
sichtbaren, institutionalisierten Kirche schaft derjenigen, die Muhammads Pro- Vorstellung von der Einheit der Chris-
formuliert das christliche Glaubens- phetie bezeugen. Der zweite Teil des isla- ten in der Weltkirche bedeutend und es
bekenntnis den Glauben an die „eine, mischen Glaubensbekenntnisses lautet bleibt eine zentrale Herausforderung,
heilige katholische und apostolische „… und Muhammad war sein Prophet“. die eine Kirche Christi aus der Vielfalt der
Kirche“ (bzw. sogar „credo ecclesiam“). Die Gläubigen sind damit betraut, allen Kirchen heraus zu begreifen.
Kirche ist die Gemeinschaft derjenigen, Menschen die koranische Botschaft zu
die Jesus Christus nachfolgen und ihn verkünden, Gottes Größe zu feiern, ihm
bezeugen, d. h. die zu allen Menschen zu dienen und sich um Arme, Kranke Lehramtliche Instanzen?
gesandt ist und das „Heil“ der ganzen und Benachteiligte zu sorgen. Darüber Für Kirche aber als „Institution“ gibt es
Menschheit zum Ziel hat. Als im Heili- hinaus finden die Kirche als Gottes- islamischerseits keine Entsprechung im
gen Geist versammelte und verbundene
Gemeinschaft der Getauften ist die Kir-
che „Volk Gottes“, „Leib Christi“, „Tem-
pel des Heiligen Geistes“ und „Zeichen
und Werkzeug Gottes“. Die Kirche soll
das von Gott gewirkte „Heil“, das sich
in Christus erwiesen hat, anzeigen und
erfahrbar werden lassen durch Taten der
Menschlichkeit im Heiligen Geist. Sie
verkündigt allen Menschen das Evan-
gelium vom Reich Gottes (martyria), sie
feiert die Größe und Güte Gottes (liturgia)
und sie sorgt sich um Arme, Kranke und
Benachteiligte (diakonia). Die sichtbare
und die unsichtbare Kirche stehen hier-
bei in einer spannungsvollen Einheit.

An die Kirche „glaubt“ man


– und an die Umma?
Wenngleich die – in der katholischen
Theologie betonte – sakramentale Di-
mension der Kirche als Heilszeichen und Gottesdienst in einer Kirche.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 79
zum Verhältnis Von Christentum unD islam

Sinne einer normierenden, lehramtli- fasstheit des Staates. Neben der politi- Anfragen. Hierbei werden Christen und
chen Autorität oder einer (hierarchisch) schen und sozialen Partizipation in der Muslime ihr jeweiliges Verständnis von
verfassten Instanz mit Ämtern und Gesellschaft begünstigt das allgemeine Gemeinschaft und auch ihr Verhältnis
Strukturen. Vielmehr ist für die Umma Verständnis von Umma vor allem auch zueinander nicht ohne das Judentum
die Unmittelbarkeit des Gottesbezugs die gemeinnützige Arbeit, welche sich bedenken können. Das Beziehungsge-
füge „Volk Israel–Kirche–Umma“ ist
sowohl für die Ekklesiologie bestim-
Für Kirche aber als „Institution“ gibt es islamischer- mend als auch für die Reflexion über
das Verständnis und den Anspruch der
seits keine Entsprechung im Sinne einer normieren- Umma der Muslime. Was also bedeutet
den, lehramtlichen Autorität die Umma aller muslimischen Gläubigen
oder der universale Heilswille Gottes mit
Bezug auf den Bund Gottes mit Israel?
entscheidend. Zwar gibt es in der mus- religiös begründet auf die Gesamtgesell- Schließlich: Ziel beider Glaubensge-
limischen Religion die Vorstellung, dass schaft richten muss und alle Menschen, meinschaften ist eine Gemeinschaft der
der Konsens der muslimischen Umma unabhängig von der religiösen Zugehö- Menschlichkeit. Zu lernen und einzu-
in Glaubensfragen von normierendem rigkeit, umfasst. üben ist, wie gemeinsam globale und lo-
Charakter sei, jedoch hat die Geschich- kale Verantwortung in der Weltgemein-
te des Islam gezeigt, dass dies eher schaft übernommen werden kann, um
eine theoretische Vorstellung ist. In der Gemeinschaften des Glaubens: das Gute in Wort und Tat zu fördern. So
Praxis scheitert dies oftmals zum einen Anstöße für das interreligiöse wird am Ende das Verhältnis von Kirche
daran, dass nicht klar ist, wie ein der- Gespräch und Umma nicht primär durch Abgren-
artiger Konsens ermittelt werden kann, Je nachdem welcher Aspekt von Umma zungen, sondern vielmehr durch die
und zum anderen daran, dass die Quel- oder Kirche fokussiert wird, würde ein Erkenntnis einer gemeinsamen Aufgabe
lenlage oftmals mehrere gültige Schlüsse weiterer Vergleich auch unterschiedli- bestimmt werden. W
zulässt, sodass eine eindeutige Antwort che Ergebnisse bringen. Aber mit Blick
auf bestimmte theologische Fragen nicht auf die grundlegende Bedeutung der Ge- Unsere Leseempfehlung zur
gegeben werden kann. Lediglich in den meinschaftsdimension in Christentum Vertiefung dieses Themas:
Glaubensgrundsätzen und wenigen an- und Islam lassen sich einige interreligi- • Kirche und Umma. Glaubens-
deren Einzelfragen kann ein wirklicher öse Themenfelder ausmachen, die eine gemeinschaft in Christentum und islam,
Konsens nachgewiesen werden. Vertiefung lohnen. hg. von Hansjörg Schmid, Amir Dziri,
Die innere Heterogenität der islami- Ein erstes Themenfeld fragt danach, Anja Middelbeck-Varwick und
schen Gemeinschaften, die der Umma was die Gläubigen angesichts der Vielfalt Mohammad Gharaibeh. Theologisches
zugehören, bedeutet zugleich, dass die gelebter Bekenntnisse verbindet, und Forum Christentum – Islam 9,
Rede von der einen Umma aller Musli- sucht nach einem produktiven Umgang Verlag Friedrich Pustet 2014.
minnen und Muslime in den Regionen mit innerer Pluralität. Wie viel Einheit
und Kulturen der Welt die – überaus le- ist möglich und notwendig? Wie sind
gitime – Konstruktion eines Idealbilds Spaltungen und Streit zu überwinden? Prof. Dr. Anja Middel-
beck-Varwick ist
darstellt, eines recht beweglichen Ideal- Mit Vielfalt gehen Kirche und die musli-
Juniorprofessorin für Sys-
bilds. Insgesamt ist sie für das individu- mische Umma unterschiedlich um, trotz
tematische Theologie mit
elle Glaubensverständnis nicht von ele- vergleichbarer Herausforderung. Wäh- Schwerpunkt Theologie
mentarer, sondern eher nachgeordneter rend die christliche Ökumene seit dem des interreligiösen Dia-
Wichtigkeit. Für viele Muslime heute, 20. Jh. darum bemüht ist, die großen logs/christlich-muslimi-
vor allem in der Diaspora, ist die begriff- und kleinen Spaltungen zu heilen, ver- sche Beziehungen an der
liche Offenheit des Konzeptes der Umma suchen Ansätze muslimischer Gelehrter Freien Universität Berlin.
ein willkommener Umstand: Zum einen das Ideal der Einheit als einen Appell Dr. Mohammad Gharaibeh, Islamwissen-
wirkt das Konzept der muslimischen zu verstehen, der die Gläubigen zur Be- schaftler, ist wissenschaftlicher Koordinator
Umma als identitätsstiftender Faktor, der kämpfung von sozialen Missständen am Annemarie Schim-
ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter und innermuslimischen Streitigkeiten, mel Kolleg der Universi-
den Muslimen – ganz gleich welcher sowohl theologischen als auch politi- tät Bonn mit derzeiti-
Herkunft – schafft. Zum anderen öffnet schen, aufruft. Dabei haben Kirche und gen Schwerpunkten
auf Erforschung der
die Ausweitung der Umma auf die ge- Umma jeweils mit ihren spezifischen
Historiografie und
samte Gesellschaft Türen für eine Identi- Problemen zu kämpfen. Hadith-Wissenschaft in
fizierung mit der Gesamtgesellschaft mit Zweitens stellt auch die Begegnung der Mamlukenzeit unter
ihrer religiösen und kulturellen Vielfalt mit anderen Religionen die Definition wissenssoziologischen
sowie der jeweiligen politischen Ver- von Kirche und Umma vor zahlreiche Aspekten.

80 welt und umwelt der bibel 1/2016


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Die grossen entDeckungen | Die Amulette von Ketef Hinnom

Silberamulette
mit dem Priestersegen
Im Jahr 1979 entdeckt der Archäologe Gabriel Barkay in einem Grab der Königs-
zeit im Jerusalemer Hinnomtal zwei kleine Silberröllchen. Sie verbergen, kaum
lesbar, ein Gebet an JHWH. Diese Bitte kannte man aus der Bibel!
Von Estelle Villeneuve

Diese zwei Röllchen aus silber wurden


in einem eisenzeitlichen grab im Jerusalemer
Hinnomtal (Ketef Hinnom) gefunden. sie
wurden um 600 vc hergestellt. Dabei wurde
eine segensbitte eingraviert, die im Buch nu-
meri erhalten ist.
Amulette wie diese wurden als kettenanhänger
getragen, um sich unter göttlichen schutz
zu stellen. in der gesamten Levante des 1.
Jahrtausends vc ist diese Praktik belegt – und
sie hat sich bis heute in der jüdischen Fröm-
migkeit erhalten: in Form der Tefillin, jener
gebetskapseln mit biblischen texten, die mit
Lederriemen an stirn und oberarm befestigt
werden. 27 x 97 mm (links) und 11 x 39,5 mm
(rechts). israel Museum, Jerusalem.

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welt und umwelt der bibel 1/2016 81
Die grossen entDecKungen | Die Amulette von Ketef Hinnom

Rekonstruktion
der Grabanlage

1. eingangshalle
2. grabkammer mit
1 3
kopfstützen
3. grube, in der die
silberröllchen
gefunden wurden.

A
uf einem Hügel, der das Hinnomtal im der Ausgrabungen stapelte sich der Inhalt des
Südwesten Jerusalems überragt, steht Depots auf einer Höhe von 65 cm – die Knochen
seit 1927 die schottische St.-Andrews- und Beigaben stammten aus gut 100 Jahren, vom
Kirche. Unterhalb der Apsis fällt der Fels steil ab. Ende des 7. Jh. vC bis zum Anfang des 5. Jh. vC.
Einschnitte verraten, dass sich hier Grabhöhlen Als das Team an einem Tag im Sommer 1979
verbergen – im späten 7. und 6. Jh. vC in den Fels in der stickigen und heißen Luft der Kammer
geschlagen, in der ausgehenden Eisenzeit. Der dabei ist, das Depositorium systematisch zu
Ort ist für den israelischen Archäologen Gabriel erforschen, zeigt eine Mitarbeiterin Barkay ein
Barkay von besonderer Bedeutung – denn hier ungewöhnliches Objekt. Es ist eine kleine Rolle
hat er sich durch Ausgrabungen, die er in den aus Metall, violett oxidiert, kaum größer als ein
1970er-Jahren geleitet hat, seine Sporen als gro- Zigarettenfilter. Das Röllchen befindet sich nur
ßer „Entdecker biblischer Geschichte“ verdient. 7 cm über dem Felsboden, also in der ältesten
Diese Ehre verdankt er einem Grab, das ei- Schicht aus der Anfangszeit der Grabanlage. Der
nes der schönsten in der Nekrople ist. Es barg Archäologe kennt derartige Röllchen. Sie sind in Priestersegen/
einen unauffälligen, aber unermesslich kostba- den vorderorientalischen Ländern verbreitet, in Aaronitischer Segen
„Der Herr segne dich und
ren Schatz. Mit ein bisschen Fantasie kann sich jüdischen wie auch paganen Bevölkerungsgrup-
behüte dich. Der Herr
ein Besucher der Grabanlage heute die zentrale pen. Solche dünnen, eingerollten Metallblätt-
lasse sein Angesicht über
Eingangshalle und die davon abgehenden Grab- chen verbergen mehr oder weniger magische In- dich leuchten und sei dir
räume mit den Grablegen für die Verstorbenen schriften und dienten als Amulette. Sie wurden gnädig. Der Herr wende
vorstellen. Die Grablegen sind mit Kopfstützen als Kettenanhänger getragen, um Heilung oder sein Angesicht dir zu und
ausgestattet – was auf wohlhabende Eigentümer göttlichen Schutz zu erbitten. Ab der hellenisti- schenke dir Heil.“ (Numeri
des Grabes schließen lässt. Aber Barkays Ruhm schen Zeit, 4./3. Jh. vC, sind sie überall zahlreich 6,24-26)
stützt sich auf etwas anderes: auf eine von der zu finden, in der Zeit davor aber extrem selten.
Grabkammer abgehende Grube. Es handelt sich Das Problem für die Archäologen ist oftmals, Pentateuch
um ein Depositorium. Nach dem Verwesungs- dass es unmöglich ist, sie zu öffnen! Also erhält Die ersten fünf Bücher der
Bibel, die Tora.
prozess wurden die Knochen der Verstorbenen das Röllchen auf Barkays Anweisung hin erst
in einem rituellen Akt hier endgültig zur Ruhe einmal ein Etikett mit Angabe des Fundorts und
Tetragramm
gelegt. Zusammen mit den Gebeinen wurden weiteren Daten. Bald hält jemand ein zweites
Der Name Gottes (die vier
auch Grabbeigaben und Objekte, die zum Be- Amulett in der Hand, noch kleiner als das erste. hebräischen Konsonanten
stattungsritual gehörten, in dieses Depositorium Dieses ist im Metallsieb hängen geblieben, denn JHWH), mit dem er sich
geräumt: Öllampen, Parfümflakons, Weinkrüge, Barkay hatte beschlossen, ab sofort den verblei- in Ex 20,2, am Beginn der
Pfeilspitzen, Schmuck, Nadeln, Fibeln, Glasan- benden Inhalt der Grube durchzusieben, um Zehn Gebote, dem Volk
hänger, Ringe, Elfenbeinarbeiten ... Zu Beginn nichts in diesem wertvollen Depot zu übersehen. Israel vorstellt.

Übersicht über die serie „Die großen entdeckungen“:


82 welt und umwelt der bibel 1/2016 www.weltundumweltderbibel.de > register
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Die grossen entDecKungen | Die Amulette von Ketef Hinnom

Gabriel Barkay schaut aus dem eingangsloch der Die Grabhöhle aus dem 7./6. Jh. vc umfasst mehrere grabkammern.
grube, aufgenommen im Jahr 1979. Auf den grablegen mit den kopfstützen lagen die Leichname, bis die
Verwesung abgeschlossen war. unter der Bank rechts wurde eine grube
für die endgültige Deponierung der gebeine (und grabbeigaben) in den
Fels geschlagen.

Plötzlich: das göttliche Tetragramm verfeinern, gelingt es anderen Fachleu- wurde. Doch wie und wo wurde er ein-
ten, mehr von der Segensbitte an JHWH gesetzt? Wohl kaum in einer rituellen
Blieb nur noch, die beiden Amulette zu entziffern: und gemeinschaftlichen Proklamation,
aufzurollen. Nach mehreren erfolglosen „... er bewahrt den Bund und die Gnade wie es die Bibel dann festschreibt. Die
Versuchen schaffen es die Restaurateure für die, die ihn lieben und bei denen, die Amulette von Ketef Hinnom belegen ihn
des Israel Museums im Jahr 1982. Wie es halten seine Gebote ...“ eher für eine individuelle und private
Barkay vorausgesagt hatte, finden sich – eine Wendung, die im Buch Deutero- Frömmigkeit. Sie trugen Namen ihrer
auf der Innenseite althebräische Buch- nomium erhalten ist (7,9)! Ada Yardeni, Besitzer, wie die zweite Rolle zeigt, und
staben. „Ein Teil des Textes fehlt und die die Inschrift auf den Anfang des 6. Jh. sie wirkten durch das einfache Tragen
die Buchstaben sind so fein eingeritzt, vC datiert, kann aber schon 1986 schrei- am Körper, ohne sie ausrollen und lesen
dass es extrem schwierig ist, sie zu ent- ben: „Der Text auf den Lamellen ist die zu müssen.
ziffern“, schreibt Barkay. Dennoch, eine älteste bekannte und engste Parallele zu Schließlich, so resümiert Gabriel Bar-
Kombination von vier Buchstaben in einem biblischen Text. Er belegt nicht, kay, sind die Silberröllchen eine Art Vor-
beiden Texten springt ihm sofort in die dass der Segen schon in den Pentateuch läufer der Phylakterien, hebräisch Tefil-
Augen: „JHWH“ – das Tetragramm! Der integriert gewesen wäre, und ebenso lin, die sich im Judentum nach dem Exil
Rest ist aber leider nicht zu erkennen. wenig, dass der Pentateuch schon auf- entwickelten. Der Babylonische Talmud
Erst die Inschriftenexpertin Ada Yardeni geschrieben war. Er beweist nur, dass erklärt ihren Gebrauch in Form kleiner
schafft 1986 mithilfe weiter entwickelter dieser priesterliche Segen in dieser Epo- Behälter mit biblischen Passagen, die
Darstellungstechniken den Durchbuch. che schon eine feste Form hatte und Juden an der Stirn und den Armen mit-
Auf den beiden Lamellen findet sie – an vermutlich geläufig und im Gebrauch hilfe von Lederriemen befestigen. Hier
unterschiedlichen Stellen – die gleiche war.“ Ihre Einschätzung war sicherlich setzt sich heute das Gebet des Amuletts
Formel: ein Versuch, den Enthusiasmus der Ver- fort: „Es segne dich JHWH und behüte
„Es segne dich JHWH und behüte dich, treter einer „Archäologie mit der Bibel in dich.“ W
es lasse aufscheinen JHWH sein Ange- der Hand“ zu mäßigen, die zu jener Zeit
sicht ...“ ein hohes Alter des Pentateuchs vertei-
Eine fast wörtliche Wiedergabe des digten. Die exegetische Kritik bestätigte
Priestersegens, den Mose im Auftrag dagegen immer stärker, dass die ersten Lesetipps
Gottes an seinen Bruder, den Priester fünf Bücher der Bibel nicht vor dem Ba- • G. Barkay et al., the Amulets from ketef
Aaron, weitergibt, um damit die Israeli- bylonischen Exil verfasst worden waren, Hinnom: A new edition and evaluation,
ten zu segnen! Eine Segensbitte, die sich sondern vielmehr erst ab dem 5. Jh. vC in in: BASOR 334, 2004, 42–71.
auch am Anfang des Psalms 67 findet. ihre Form gebracht wurden. • G. Yudkin, Let’s see where the Priestly
Als sich in den 1990er-Jahren die digi- Was bleibt, ist aber, dass der Pries- Benediction was Found, 2005,
talen Darstellungsmöglichkeiten weiter tersegen schon vor dem Exil gebraucht www.itsgila.com/highlightspriestly.htm

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welt und umwelt der bibel 1/2016 83
Ausstellungen und verAnstAltungen

studientage zum aktuellen Heftthema:


„die Christen des Orients“
Alle Termine, Details, Links und Kontaktdaten auch jederzeit
auf www.weltundumweltderbibel.de!

MAInZ
Die Christen des Nahen Ostens
28. Januar 2016, Beginn 14.30 Uhr
Erbacher Hof, Akademie des Bistums Mainz
reFerent: Dr. Georg Röwekamp, Stuttgart
Palmsonntag in Amman, christliche Familie.
AnMeldung: Erbacher Hof, Akademie des Bistums Mainz,
Tel.06131/257-523, ebh.akademie@bistum-mainz.de,
AACHen
www.ebh-mainz.de Das Kreuz unterm Halbmond. Zu Situation und
Geschichte der orientalischen Christen
regensburg 9.–10. Juli 2016, Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen
Die orientalischen Christen im Nahen Osten reFerenten: Bischof Anba Damian, Generalbischof der koptisch-
Versuch einer Bestandsaufnahme mit aktuellen orthodoxen Kirche Deutschland, Prof. Dr. Andreas Müller u. a.
Hintergründen (Schwerpunkt Syrien und Libanon)
AnMeldung: Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen,
9. April 2016, 9.30–16.00 Uhr, Tel. 0241 4799625, anne.schoepgens@bistum-aachen.de,
Diözesanzentrum Obermünster Regensburg www.bischoefliche-akademie-ac.de
reFerenten: Abuna Mayas Abboud, Priester der griech.-
kath.-melkit. Kirche in Damaskus, Betreuer melkitischer Zu „Wer WAren dIe ersten CHrIstInnen?“ (4/15)
Flüchtlinge, Dr. Reinhold Then, Alttestamentler, Vorsitzender
KlOster nütsCHAu
des Vereins Christen helfen Christen im Heiligen Land e.V.
AnMeldung: Diözesanstelle des Katholischen Bibelwerks
Frauenpower –
e.V. in Regensburg, Tel. 0941 5972-229, Den ersten Christinnen auf der Spur
erwachsenenbildung@bistum-regensburg.de 5. März 2016, 9.30–17.00 Uhr, Kloster Nütschau
www.keb-regensburg.de
reFerent: Dr. Christian Schramm (Bibelschule Hildesheim)

nürnberg AnMeldung: Erzbistum Hamburg, Abt. Bildung,


Tel. 040 248 77 267, bergmann@erzbistum-hamburg.de
Die Christen der orientalischen Kirchen –
Geschichte, Glauben und aktuelle Situation Zu „ÄtHIOpIen“ (3/15)
der Kirchen des Ostens
burg rOtHenFels – grOsse tAgung
16. April 2016, 10–17 Uhr,
Caritas-Pirckheimer-Haus, Königstraße 64, Nürnberg Wunderland Äthiopien. Kulturhistorische Woche
reFerenten: Abuna Mayas Abboud, Damaskus 17.–21. Februar 2016, Burg Rothenfels am Main
Dr. Reinhold Then, Regensburg AnMeldung: Tel. 09393 99999, verwaltung@burg-rothenfels.de
AnMeldung: Caritas-Pirckheimer-Haus, Tel. 0911 23460, www.burg-rothenfels.de
akademie@cph-nuernberg.de, www.cph-nuernberg.de
Zu „Jesus der HeIler“ (2/15)
HAMburg
AACHen – InterdIsZIplInÄre tAgung
Die Christen des Orients – Heil und Heilung
Kopten, Syrer, Chaldäer, Melkiten ... Die heilsamen Kräfte des Religiösen
2. Juli 2016, 9.30–17.00 Uhr,
29.–30. April 2016, Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen
St.-Ansgar-Haus, Schmilinskystr. 78, Hamburg
Tagung für Ärzte/Ärztinnen, Psychotherapeuten/innen, Seelsorger/
reFerent: Wolfgang Baur (Redakteur dieser Ausgabe) innen, Hospizmitarbeiter/innen, Pflegekräfte und Interessierte.
AnMeldung: Erzbistum Hamburg, Abt. Bildung, AnMeldung: Tel. 0241 4799625, Claudia.Lenzen@bistum-
Tel. 040 248 77 267, bergmann@erzbistum-hamburg.de aachen.de, www.bischoefliche-akademie-ac.de

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welt und umwelt der bibel 1/2016
ausstellungen und Veranstaltungen

berlIn bAsel
bis 22. juli 2016 bis 27. märz 2016

Forum Romanum 3.0 – Roms Der versunkene Schatz


antikes Zentrum zwischen – die Sensation von Antikythera
Realität und Virtualität Das sogenannte Wrack von Antikythera
Mittels digitaler Medien wie Audioin- ist das bedeutendste bekannte antike
stallationen, Tablets, Animation und Schriffswrack. 70 vC sank das Transport-
3-D-gedruckten Modellen wird das schiff in der Nähe von Kreta. Heute gibt
Forum Romanum in seinem Wandel die Fracht den Unterwasserarchäologen
verstehbar. Die digitalen Rekonstruk- Auskunft über den antiken Mittelmeer-
tionen versetzen die Besucher zurück handel: griechische Skulpturen aus
auf die antike Platzanlage. Marmor und Bronze für den römischen
Markt, Goldschmuck, silberne Münzen,
Humboldt-Universität, Unter den
Gefäße, verzierte Gläser, prächtige Möbel Bronzestatuen für römische
Linden 6, 10117 Berlin, Raum 3094, Kunden vor 2000 Jahren.
und Amphoren. Außerdem fand man am
Tel. 030 2093 98130
Mi 18–19 Uhr, Sa 12–14 Uhr, Sonder- Meeresgrund eine Apparatur aus bronze-
termine gern auf Anfrage, Eintritt frei nen Zahnrädern. Dieser „Mechanismus
www.forumromanum30.hu-berlin.de von Antikythera“ ist bis heute rätselhaft.
Klar ist, dass der Apparat ein Modell für
die Bewegungen von Sonne und Mond und Schädel mit Hiebverletzung,
Köln damit eine Art Kalender ist. von einem schlachtfeld in Mecklen-
bis 28. märz 2016 burg-vorpommern, um 1200 vC.
Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig,
Agrippina – St. Alban-Graben 5, CH-4010 Basel,
Kaiserin aus Köln Tel. +41 (0)61 201 12 12
Di–So 10–17 Uhr, Do 10–21 Uhr,
Agrippina wurde 15 vC in der Kölner Eintritt 20/5 CHF
Altstadt geboren, dem römischen www.antikenmuseumbasel.ch
oppidum Ubiorum. Die spätere Mutter
Kaiser Neros gibt den Impuls, Köln zu
einer aufblühenden römischen Bürger-
kolonie zu machen. Heute gilt sie als HAlle (sAAle)
„Kölner Stadtmutter“. Eine kleine bis 22. mai 2016
Ausstellung, die einer Frauenbiogra-
fie und ihren Rahmenbedingungen
Krieg – eine archäologische
nachspürt. Spurensuche
Seit wann gibt es Krieg? Gehört Gewalt zum
Römisch-Germanisches Museum, Wesen der Menschheit? Die archäologische
Roncalliplatz 4, 50667 Köln,
Erforschung des Phänomens „Krieg“ hat in
Di–So 10–17 Uhr, Eintritt 9/5 EUR
den letzten 20 Jahren enorme Fortschritte
www.museenkoeln.de
gemacht: Schlachtfelder und Befestigun-
gen wurden ausgegraben, Massengräber
geborgen, Skelette mit Verletzungsspuren
untersucht, Waffen, Darstellungen und
Texte analysiert. Das Museum in Halle
zeigt nun mithilfe von Leihgaben aus über
60 europäischen Museen die wichtigsten
Aspekte dieser Forschungen.

Landesmuseum für Vorgeschichte,


Richard-Wagner-Straße 9, 06114 Halle (Saale)
Tel. 0345 5247-30
Di–Fr 9–17 Uhr, Sa+So 10–18 Uhr,
Agrippina die Jüngere, Eintritt 8/6/3 EUR
porträtkopf. Kopenhagen, ny Carlsberg www.landesmuseum-krieg.de Goldener Dolch aus Mari,
glyptothek. syrien, 3. Jahrtausend vC.

Weitere Veranstaltungen rund um die bibel finden sie


auf www.bibelwerk.de > Kurse & Veranstaltungen 200219141825IR-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
welt und umwelt der bibel 1/2016 85
VoRScHaU

IMPRESSUM
heft 1/2016
Die nächste AusgAbe im April 2016:
„welt und umwelt der bibel“ ist die deutsche
Die schöpfung: bibel kontra naturwissenschaft? Ausgabe der französischen zeitschrift
„le monde de la bible“, bayard presse, paris.
„welt und umwelt der bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
enger zusammenarbeit mit international
anerkannten wissenschaftler/innen.
VERlag: Katholisches bibelwerk e.V.,
edition „welt und umwelt der bibel“
postfach 15 03 65, 70076 stuttgart,
tel. 0711/61920-50, fax: 61920-77
E-MaIl: bibelinfo@bibelwerk.de,
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Konto: liga stuttgart, bic: genoDef1m05
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REdaktIon: Dipl.-theol. wolfgang baur,


Dipl.-theol. helga Kaiser
koRREktoRat: michaela franke m.A.,
m._franke@web.de
anzEIgEnVERwaltUng: ralf heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
ERScHEInUngSoRt: stuttgart
© s. 66–69, 81–83 bayard presse int.,
„le monde de la bible“ 2015, all rights reserved;
© sonst edition „welt und umwelt der bibel“
ÜbERSEtzUngEn: christa maier,
W Urknall und Genesis – Hintergründe und Informationen helga Kaiser

W Welche Argumente nutzen Kreationisten und Intelligent Design? gEStaltUng: olschewski medien gmbh,
stuttgart
W Positionen: Stephen Hawking und Richard Dawkins
dRUck: Druckerei raisch gmbh + co. Kg,
reutlingen
PREISE: „welt und umwelt der bibel“
erscheint vierteljährlich.
unD so geht es weiter: einzelheft: E 11,30 zzgl. Versandkosten,
mYstiK – in Judentum, christentum und islam (Juli 2016) (für Abonnenten E 9,50)
Jahresabonnement: E 40,-
ermäßigtes Abonnement für
schüler/studierende E 32,-
(jeweils inkl. Versandkosten)
bestimmen sie mit, was sie lesen! aUSlIEFERUng:
schweiz: bibelpastorale Arbeitsstelle des sKb,
liebe leserinnen und leser, bederstr. 76, ch-8002 zürich,
tel. 044/2059960, fax: 044/2014307
info@bibelwerk.ch
wir lADen sie ein, An Den heftplAnungen teilzunehmen. einzelheft sfr 19,- zzgl. Versandkosten
in diesem Quartal entsteht der Aufriss zu Ausgabe 1/2017: (für Abonnenten sfr 16,-),
Jahresabonnement sfr 70,-
„Heilige Mähler – heilige Mahlzeiten“. was würde sie an diesem thema (inkl. Versandkosten)
besonders interessieren? historisch, theologisch, archäologisch ...? Österreich:
Österreichisches Katholisches bibelwerk,
Auf www.weltundumweltderbibel.de finden sie ein formular, mit dem sie bräunerstraße 3/1. stock, A-1010 wien,
ihre ideen oder wünsche mitteilen können. natürlich geht das auch per tel. 0043/1/5123060, fax: 0043/1/5123060-39
auslieferung@bibelwerk.at
brief, fax oder e-mail. einzelheft E 11,80 (für Abonnenten E 9,50)
Jahresabonnement E 40,-; studierende E 32,-
wir freuen uns, wie bereits in den vergangenen Jahren, auf die (je zzgl. Versandkosten)
zusammenarbeit mit ihnen. eine Kündigung des Abonnements ist mit einer
vierwöchigen Kündigungsfrist zum Jahresende
möglich.
ihre redaktion
helga Kaiser, wolfgang baur, barbara leicht

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welt und umwelt der bibel 1/2016
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SchäTzE auS 20 JahrEn
Unsere Backlist
o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Jesus der Galiläer, 2/02
o Schöpfung, 2/96 o Isis, Zeus und Christus, 3/02
o Damaskus, 1/97 o Himmel, 4/02
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 o Entlang der Seidenstraße, Sonderheft 2002
o Tempel von Jerusalem, 3/99 o Sterben und Auferstehen, 1/03

Einzelheft € 4,90
e [A] 5,50 / sFr 9,50
o Christus in der Kunst (1): o Die Kreuzzüge, 3/03
Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Abraham, 4/03
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Der Nil, 1/04
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Flavius Josephus, 2/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Der Jakobsweg, 3/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Prophetie und Visionen, 4/04
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Paulus, 2/01 o Babylon, 3/05
o Echnaton und Nofretete, 4/01 o Juden und Christen, 4/05
o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft/06 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

Einzelheft € 9,80
o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12

e [A] 11,50 / sFr 19,–


o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o Nordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14

Einzelheft € 11,30
e [A] 11,80 / sFr 19,–
o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 o Die Schöpfung: Glaube contra Naturwissenschaft, 2/16 (ab April 2016)
o Jesus der Heiler, 2/15 o Mystik im Judentum, Christentum Islam, 3/16 (ab Juli 2016)
o Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 o Psalmen 4/16 (ab Oktober 2016)
o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15
o Die Christen des Orients, 1/16 (ab Januar 2016)

o „Orte am See Gennesaret“ Satellitenaufn. + Erläuterungen A2, o „Der nil und seine heiligtümer“ 21,5 x 110 cm,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 4,– 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 4,–
Pläne & Karten

o „Der Tempel von Jerusalem“, Rekonstruktion + Luftaufnahme A2, o „Die Überlieferung der Bibel“ Wichtige Inschriftenfunde A2,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 4,– 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 3,–
o „Das heilige Land“ – Landkarte 28 x 60 cm, o „Paulus und das antike Korinth“ Stadtplan + Begleitheft A0,
2 1,– (ab 5 Ex. 2 -,50), 2 [A] 1,10, sFr 2,– 2 5,90 (ab 5 Ex. 2 5,–), 2 [A] 6,10, sFr 10,–
o „Die altstadt von Jerusalem“, Reliefkarte A1, o Palästinakarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90
2 3,– (ab 2 Ex. 2 2,50), 2 [A] 3,20, sFr 6,– o Mittelmeerkarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90
o Kartenset heiliges Land: alle 4 Karten (oben) o Kartenset Palästinakarte und Mittelmeerkarte nur 2 9,90
nur 2 5,–, 2 [a] 5,20, sFr 10,–

o Judäa und Jerusalem, 256 S., 2 12,80, 2 [A] 13,20, sFr 25,– o Musik in biblischer zeit, 104 S., 2 11,90, 2 [A] 12,30, sFr 19,50
Bücher

o 1001 amulett, 224 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 18,50 o Kleider in biblischer zeit,112 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,50
o Von den Schriften zur (heiligen) Schrift, 175 S., o Das Land der Bibel. Ein biblischer reiseführer, 144 S., 2 16,80
!

2 29,–, 2 [A] 29,90, sFr 35,–


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Wege von Christen
Starke Frauen
Gabriele Ziegler
Die Stimme Asiens in der Kirche Die Wüstenmütter
Weise Frauen des
Luis Antonio Tagle
frühen Christentums
Die Geschichte Jesu
Mit einem Vorwort
weitererzählen
von Anselm Grün
Deutsch von
Gabriele Stein
13 × 20 cm; 160 Seiten;
mit Leseband; gebunden
10 x 15,5 cm;
mit Schutzumschlag
88 Seiten;
€ [D] 18,–/€ [A] 18,60
mit Leseband;
978-3-460-50003-7
gebunden
€ [D] 10,–/€ [A] 10,30
Sie kannten sich aus
978-3-460-32142-7
in der Psychologie von
Frauen und Männern.
Eine sympathisch
Die Überlieferung hat
kurze Einstiegslektüre
sie kleingeschwiegen.
für alle, die sich aus
Aber sie haben uns
erster Hand über die
auch heute noch viel
Kirche in Asien infor-
zu sagen.
mieren und das Den-
ken ihres führenden
Repräsentanten ken-
nenlernen möchten.
Glaube –
hier und
heute
Gerhard Lohfink
Auf der Erde –
wo sonst?
Unangepasstes über
Gott und die Welt

12,5 x 20,5 cm; 296 Seiten;


Kleine mit Leseband; gebunden
€ [D] 16,95/€ [A] 17,50
Geographie 978-3-460-30033-0
des Reiches
Gottes Kluge Notizen zu
Theologie und Kirche,
Roland Glauben und
Breitenbach Gesellschaft,
(Hrsg.) Wissenschaft und Politik
Sprechende Orte – prägnant, pointiert,
Biblische provokativ.
Meditationen aus
dem Heiligen Land

13 x 20 cm; 136
Seiten; mit vierfarbi-
gen Fotos; gebunden
€ [D] 12,–/€ [A] 12,40 Bestellen Sie über Ihre Buchhandlung oder über:
978-3-460-27176-0

Begegnungen mit Orten des Heiligen Landes für Pilger und Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH
Phantasiereisende.
Silberburgstraße 121 • 70176 Stuttgart
Tel. 07 11 / 6 19 20 -37 • Fax -30
E-Mail: impuls@bibelwerk.de
www.bibelwerk-impuls.de
200219141825IR-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
„Kommt und seht“ REISEVERLAUF
Tel Aviv – Galiläa – Nazaret – Berg der Berg-
predigt – Tabgha – Migdal – Burqin – Samaria –
– eine Reise zu den Christen Nablus – Betlehem – Battir – Taufstelle Jesu
– Totes Meer – „Herberge des Barmherzigen Sa-
mariters“ – Jerusalem – Tel Aviv

im Heiligen Land 8-tägige Studien- und Begegnungsreise


07.04.2016 - 14.04.2016 € 1.675,–
Reiseleitung: Pfr. Dr. Johannes Altmann,
Strovolos-Lefkosia
20.10.2016 - 27.10.2016 € 1.725,–
Reiseleitung: Dipl.-Theol. Alfons Grobbel, Mainz
Einzelzimmerzuschlag € 195,–

Im Grundpreis enthaltene Leistungen:


• Linienflug mit ELAL ab/bis Frankfurt nach
Tel Aviv und zurück
• Transfers, Rundreise und Ausflüge in klimati-
sierten landestypischen Reisebussen
• Unterbringung in Doppelzimmern mit
Bad/Dusche und WC in Gästehäusern
• Zwei Übernachtungen in Familien
• Halbpension
• Fachlich qualifizierte BiR-Reiseleitung
• Einheimische deutschsprachige Reiseführung
• Alle Eintrittsgelder
• Flughafen-, Lande- und Sicherheitsgebühren
• Trinkgeldpauschale
• Biblischer Reiseführer Heiliges Land

Mindestteilnehmerzahl: 15 Personen

Information, Beratung und Anmeldung:


Dagmar Resky, Tel.: 0711/61925-13,
E-Mail: dagmar-resky@biblische-reisen.de
Fordern Sie unsere Jahreskataloge 2016
mit allen Informationen zur Reise an.

Jerusalem, Grabeskirche

IHR SPEZIALIST FÜR STUDIENREISEN – WELTWEIT.

Zahlreiche Pilger und Touristen reisen jährlich ins Heilige Land und besuchen die Heiligen Veranstalter:
Stätten und Kirchen – die „lebendigen Steine“, die Christen vor Ort, werden jedoch oft Biblische Reisen GmbH
übersehen. Dabei wünschen und brauchen sie Begegnung und Solidarität der Besucher aus Silberburgstr. 121 · 70176 Stuttgart
Tel. 07 11 / 6 19 25-0, Fax -811
dem Westen.
E-Mail: info@biblische-reisen.de
Mit dieser neuen Begegnungsreise möchten wir Sie deshalb einladen, neben nicht ganz all-
www.biblische-reisen.de
täglichen Stätten auch das christliche Leben im heutigen Israel und den palästinensischen
Gebieten zu erleben. Dazu dienen Gespräche mit Kirchenvertretern, ein Gottesdienst in ei- Stiftsplatz 8 · A-3400 Klosterneuburg
ner einheimischen Gemeinde und der Besuch von sozialen Einrichtungen. Mit der Nutzung Tel. 02243/35377-0
Telefax 02243/35377-15
von kirchlichen Gästehäusern oder Hotels, die einheimischen Christen gehören, bieten wir
E-Mail: info@biblische-reisen.at
Christen im Land außerdem eine wirtschaftliche Perspektive – sowohl in Israel als auch in
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den palästinensischen Gebieten.
Hinweis: Die Reisebedingungen des Veranstalters
Gerne organisieren wir diese Begegnungsreise auch mit einem individuell auf Ihre Gruppe sind im Internet unter www.biblische-reisen.de
z. B. aus der Gemeinde, dem Verein oder dem Freundeskreis abgestimmten Programm. druck- und speicherfähig abrufbar.
200219141825IR-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de