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Archäologie . Kunst .

Geschichte 2/2017
WUB
Nr. 84, 22. Jg., 2. Quartal 2017 / Messias / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-944766-55-3

MESSIAS
Der Traum vom Retter
EURO 11,30

JERUSALEM QUMRAN DIE BIBEL IM


GRABKAPELLE unbekannte GEMÄLDE
IN NEUEM HÖHLE JOHANNES
GLANZ erforscht AUF PATMOS
20021914393274-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
Inhalt 2/2017

10 30 42
Erstes Jahrhundert: Kann ein Gekreu- Altes Testament: König David und die Judentum: Die Geschichte der
zigter der jüdische Messias sein? großen messianischen Hoffnungstexte jüdischen Messiaserwartungen

messias – der traum vom retter

Christiane Altmann 8 Stefanie Pfister 40


Der Traum vom Retter Schabbatkerzen für Jeschua
Einführung Grenzgänger: Messianisches Judentum

Stefan Schreiber 10 Christiane Altmann 42


Die große Frage: Ist Jesus der Messias? Ein Balanceakt zwischen Hoffen und Bangen
Wie der jüdische Messias neu interpretiert wird Messianische Erwartung(en) im Judentum

Stefan Schreiber 18 Helga Kaiser 50


Messiaserwartung zur Zeit Jesu Woran man den echten Messias erkennt
Die Messias-Konzeption in den frühjüdischen Schriften Jüdische Messiasgestalten

Peter Herz 20 Muharrem Kuzey 52


„Auf der ganzen Erde erhebt sich das goldene Jesus und der Mahdi – zwei erwartete Erlöser
Geschlecht“ Messianische Vorstellungen im Islam
Die Erwartung eines Retters im Römischen Reich
Hubertus Lutterbach 56
Wilfried Eisele 24 Gewalt im Namen des Messias
Göttlicher Besuch erwartet Das Täuferreich in Münster
Ankunft und Wiederkunft des Messias im Lukasevangelium
Joachim Kügler 62
Tamar A. Avraham 28 Herrscher, Heiland, Unterdrücker
Die Stadt des Messias Schlaglicht: Das messianische Motiv in Afrika
Jerusalem als Ort des Endgerichts

Ralf Rothenbusch 30
„Der Geist des Herrn ruht auf ihm ...“
Die Wurzeln messianischer Hoffnung im Alten Testament

Tamar A. Avraham 38 Titelbild:


Der Lubawitscher Rebbe als „König Messias“ Auferstehung, Isenheimer Altar, Matthias Grünewald, 1513.
Schlaglicht: Die Chabad-Bewegung Museum Unterlinden, Colmar.

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Editorial

Gerechtigkeit, Gerech-
tigkeit – und noch
einmal Gerechtigkeit.
Wo immer es um die Sehnsucht
nach einer Messiasgestalt geht,
stößt man auf diesen Begriff
und auf die Vision von Frieden.
Man erhält den Eindruck, dass die Menschheit im
68
Laufe der Geschichte unter nichts mehr gelitten
Die Entdeckung einer neuen Höhle bei Qumran macht hat – und heute leidet – als unter Ungerechtigkeit
Hoffnung auf weitere Schriftrollen.
und Krieg, politisch zu benennen als Rechtlosigkeit
und Abwesenheit von Rechtsstaatlichkeit. Ist es
die Erfahrung von Ohnmacht gegenüber scheinbar
Aus der Welt der Bibel
übermächtigen Menschen, die die Erwartung eines
himmlischen Retters nährt? Die Hoffnung auf den
Das Neueste aus der Welt der Bibel 2 „Messias“ ist in frühjüdischer Zeit, ab dem 1. Jh. vC,
Grabkapelle in Jerusalem fertig restauriert
Unerwartet Toranlage in Bet Schearim entdeckt erstmals formuliert worden. Ihre Wurzeln reichen
aber bis in die Schriften der Hebräischen Bibel, also
des Alten Testaments, zurück. Das Neue Testament
Büchertipps und Bildrechte 64
greift sie auf und bekennt, auf welche Weise Jesus
von Nazaret der jüdische Messias ist, der das gerech-
Panorama 66
Qumran: Neue Hinweise auf antike Schriftrollen? te Reich Gottes gebracht hat und mit seiner Wieder-
Faszinierende Ausstellungen zu Jemen und Rom kunft einst vollenden wird. Im Islam ist die messiani-
Osttürkei: Mosaikporträt in Edessa gefunden sche Idee ebenfalls erhalten. Der Messias-Begriff mit
seiner Vorstellungswelt hat eine Karriere durch die
Die Bibel in berühmten Gemälden 74 Kulturen und Religionen gemacht, bis heute. So sag-
Hieronymus Bosch: Johannes auf Patmos te eine Besuchergruppe bei der Vereidigung Donald
Trumps, sie habe gemeinsam um den Erlöser gebetet
THEMENREIHE 2017: Reform und und nun sei er in der Person des neuen Präsidenten
Reformation in Bibel und Christentum 78 gekommen ...
2. Teil: Reformbewegungen zur Zeit Jesu –
Weiterentwicklung oder zurück zu den Wurzeln?
Eine anregende Lektüre wünscht

Ihre Helga Kaiser


Die großen Entdeckungen 81 Redaktion Welt und Umwelt der Bibel
Das Relief des Scheschonq:
Bestätigung einer biblischen Erzählung?
In eigener Sache: Liebe Abonnent/innen und
Kioskkund/innen, unsere Auslieferungstermine
Ausstellungen und Veranstaltungen 84
haben sich verändert! Im Interesse der Abonnement-
Kunden erfolgt ab dieser Ausgabe der Aboversand
Vorschau und Impressum 86
vor dem Kioskverkauf. Bei AbonnentInnen liegt WUB
nun in der zweiten Monatshälfte (Januar, April, Juli,
Oktober) im Briefkasten. Am Kiosk finden Sie WUB
zum 1. Februar, 1. Mai, 1. August und 1. November.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 3
Das neueste aus der Welt der Bibel

Das Gerüst ist weg!

Grabkapelle in neuem Glanz


jerusalem Nach 70 Jahren ist
die Grabkapelle (Ädikula) über
der als Grablege Jesu verehrten
Felsenbank in der Grabeskirche
jetzt wieder ohne stützendes Me-
tallgerüst und in neuem Glanz zu
bewundern. Bei umfangreichen
Renovierungsarbeiten wurden
der Untergrund befestigt sowie
der Stein vom Ruß befreit. Am 22.
März wurde der Abschluss der Ar-
beiten feierlich begangen.
Die Projektleiterin Antonia Mo-
ropoulou von der Technischen
Universität Athen erläuterte, dass
die Konsolidierung der Kapelle
durch Titanium und die Einsprit-
zung passender Füllmaterialien
die bedrohte Statik des Baus ge-
sichtert hätten, sodass nun das
Gerüst, das die Briten zur Siche-
rung 1947 aufbauten, entfernt
werden konnte.
Problematisch sei nun noch der
Boden unter der Rotunde, dem
großen überkuppelten Memorial-
bau, in dem sich die Kapelle be-
findet. Untersuchungen haben er-
geben, dass der Untergund durch
Hohlräume und eindringendes
Wasser instabil ist und die frisch
renovierte Ädikula gefährden
könnte. Zumal die Grabkapelle
nicht, wie angenommen, nur auf
natürlichem Fels steht, sondern
auch auf Geröll. Die gerade ab-
geschlossene Instandsetzung sei
erstmals von drei der sechs Kon-
fessionen, die an der Kapelle tätig
sind, gemeinsam getragen wor-
den, von den griechisch-orthodo-
xen, den armenischen und den la-
teinischen Christen. W (KNA/WUB)

Hell hebt sich die renovierte


Grabkapelle von der noch mit
Ruß bedeckten Umgebung ab.

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welt und umwelt der bibel 2/2017
Das neueste aus der Welt der Bibel

Neueinweihung grosse toranlage in galiläa entdeckt

Wieder Ein Tor für das „Haus der Tore“


eröffnet
Tabgha Im Juni 2015 hatten
jüdische Nationalisten einen
Brandanschlag auf das Be-
nediktinerpriorat Tabgha am
See Gennesaret verübt. Dabei
wurden der Eingangsbereich
der Brotvermehrungskirche
sowie das Atrium schwer
beschädigt. Anfang Februar
2017 konnte das Kloster am
See Gennesaret nach acht
Monaten Renovierungszeit
feierlich wieder eröffnet wer-
den.
Zur Feier kamen u. a. der

© Beth She'arim Excavations, Fanny Vitto


Kölner Kardinal Woelki als
Präsident des Deutschen
Vereins vom Heiligen Lande,
dem das Gebäude gehört, so-
wie der israelische Präsident
Reuven Rivlin. W (KNA/WUB)

brand auf dem ölberg

Streitfall? Gänzlich unerwartet war die Entdeckung einer Toranlage in Bet Schearim. In den Kalkstein-
blöcken sind die Spuren der Torpfosten erkennbar (vgl. Pfeile). Sie weisen darauf hin, dass der
jerusalem In der Him- Ort stärker befestigt war, als bisher angenommen.
melfahrtskapelle auf dem
Ölberg haben Brandstifter
am 8. März Feuer gelegt. Als beT schearim Auch wenn „Bet Schearim“ Prägung aufwiesen.“ Und selbst größere jü-
Hintergrund vermutet die übersetzt „Haus der Tore“ heißt, so hatten dische Städte im Norden, wie Jodefat, hätten
israelische Polizei nach An- Archäologen bislang in der im Norden Is- zwar eine Befestigung besessen, doch sogar
gaben der Kustodie der Fran­ raels gelegenen Ortschaft kein (Stadt-)Tor dort wäre die Toranlage nicht so groß und
ziskaner im Heiligen Land entdeckt. Das hat sich Ende letzten Jahres eindrucksvoll, wie sie jetzt in Bet Schearim
einen Streit zwischen zwei geändert. Völlig überraschend stießen die Ar- gefunden worden sei.
Familien, die zum Personal chäologen auf die Überreste einer massiven Noch ist das Tor nicht datiert, doch die
des Heiligtums gehören. Tor­anlage. Neben einem kreisförmigen Turm Fachleute an der Universität Haifa gehen da-
Nach dem Bericht haben der fanden sie eine Hälfte eines massiven Tores von aus, dass es aus römischer Zeit stammt.
oder die Täter im Inneren aus Kalksteinblöcken. Gut erkennbar sind in Warum Bet Schearim eine solche Toranlage
des kleinen Sakralgebäudes den Steinfundamenten die Löcher für die ehe­ aufweist, ist ebenfalls noch unklar. Mögli-
einen Autoreifen auf dem maligen Torpfosten. cherweise, vermutet Erlich, sei der Ort wohl-
Felsenstück angezündet, von Wie die leitende Archäologin Adi Erlich habender gewesen als angenommen, oder er
dem aus Jesus der biblischen von der Universität Haifa erläutert, hatte man habe zu einer römischen Befestigung gehört.
Überlieferung zufolge in den trotz des Ortsnamens nicht mit einer Toranla- Bet Schearim, 20 km nordöstlich von Haifa
Himmel aufgefahren ist. ge gerechnet, dafür sei Bet Schearim eigent- gelegen, war im 2. Jh. nC zeitweilig Sitz des
Das Gotteshaus liegt an der lich zu unbedeutend gewesen: „Die meisten jüdischen Sanhedrins, des Hohen Rates, und
höchsten Stelle des Ölbergs Siedlungen in römischer Zeit waren nicht beherbergt eine große jüdische Nekropole,
östlich der Jerusalemer Alt- befestigt und sicherlich nicht kleinere jüdi- die vom 2. bis zum 4. Jh. nC genutzt wurde. W
stadt. W (KNA) sche Ortschaften, die keine offizielle römische (Universität Haifa/WUB)

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welt und umwelt der bibel 2/2017 3
Das neueste aus der Welt der Bibel

StraSSe aus der römerzeit

Gut befestigt und erhalten


bet schemesch Ausgrabungsarbeiten für eine Wasserleitung
nach Jerusalem führten zur Entdeckung einer verhältnismä-
ßig breiten und gut erhaltenen Straße aus der Römerzeit. „Die
Straße war bis zu 6 m breit und etwa 1,5 km lang und schloss
wahrscheinlich die römische Siedlung beim heutigen Bet Natif
an die Hauptverbindungsstraße, die ‚Imperatorenstraße‘ an“,
erläutert Irina Zilberbod, die Leiterin der Ausgrabung. Dabei
folgte die römische Straße einem ähnlichen Verlauf wie eine
heutige Autobahn.
Zwischen den Pflastersteinen der Straße wurden verschiede-
ne antike Münzen gefunden: Eine stammte aus dem Jahr 29 nC,
der Zeit des Pontius Pilatus, eine weitere Münze wurde in Jeru-
salem unter Agrippa I. geprägt, eine stammte aus der Zeit des
ersten Jüdischen Aufstands um 65 nC und eine vierte aus der
Zeit der Omaijaden. W (IAA/WUB)

Vier Münzen
aus unter- Volontäre neben dem freigelegten
schiedlichen Stück der römischen Straße.
Zeiten.

riesige statue eines pharaos gefunden


Während der Bergung im
Aus dem Wasser geborgen Kairoer Stadtviertel Matariya.

Kairo Gut neun Meter hoch und neun Tonnen schwer war einst
die riesige Statue eines Pharaos. Der etwa 3000 Jahre alte Koloss
wurde im März 2017 im Kairoer Armenviertel Matariya, dem anti-
ken Heliopolis, geborgen. Die Fragmente der Kolossalstatue aus
poliertem Quarzit wurden in einer Schlammgrube entdeckt. Ur-
sprünglich wurde davon ausgegangen, dass es eine Statue Ram-
ses II. sei, nun steht fest, es ist Psammetich I. (664 –610 vC). „Ich
hätte es nicht für möglich gehalten, ein Kunstwerk dieser Quali-
tät zu finden“, sagte Dr. Dietrich Raue vom Ägyptischen Museum
der Universität Leipzig, der das Grabungsteam leitet. Bisher wur-
den die Krone, der Kopf und der Oberkörper der Statue, sowie die
Basis der Statue geborgen. Offen sei, ob der Unterkörper noch im
Schlamm liege, oder ob die Staute in der Spätantike zerschlagen
wurde und das Material weiterverwendet worden sei, so Raue.
Die Bergung war schwierig, da während der Grabungen ein-
dringendes Wasser immer wieder abgepumpt werden musste.
„Von unten bedrohte uns das Wasser, von oben die moderne
Bebauung“, erläutert Raue im Blick darauf, dass der antike Tem-
pelbezirk Heliopolis heute mitten in einem Wohnviertel liegt.
Dennoch werden die Grabungen fortgesetzt. Die Statue soll ih-
ren Platz im Grand Egyptian Museum in Kairo finden, dessen
Eröffnung für 2018 geplant ist. W (Universität Leipzig)

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Das neueste aus der Welt der Bibel

römisches theater entdeckt


zitate
Ein Theater für den Kult
Interreligiöser dialog 1
susita Auf diese Entdeckung hatten Aufgrund der Lage und vorhergehen- „Wenn es nicht zunächst
Archäologen in Susita, der antiken der Funde interpretieren die Forscher
Stadt Hippos, schon gewartet. Seit sie das Theater als Versammlungsort für Frieden zwischen den Be-
mit den Ausgrabungen begonnen hat- religiöse Riten. Der Ausgrabungsleiter fürwortern der Religion gibt,
ten, suchten sie nach dem Theater, das Dr. Michael Eisenberg von der Universi-
zu jeder römischen Stadt gehörte. Jetzt tät Haifa erläutert, dass der Fund einer können sie ihn auch nicht
wurde eine große Theateranlage au- bronzene Maske des Gottes Pan 2015 dem Volk bringen.“
ßerhalb der Stadtmauern gefunden. Es und ein Jahr später die Entdeckung ei-
wird ins 2. Jh. nC datiert. nes großes Tores außerhalb der Stadt, Ahmed Mohammed al-Tayyeb,
an dem die Pan-Maske befestigt ge- Großscheich der islamischen al-
wesen sei, Vermutungen weckte, dass Azhar-Universität in Kairo bei einer
außerhalb der Stadt ein Heiligtum ge- muslimisch-christlichen Konferenz
legen haben könnte, das dem Gott Pan im Februar 2017.
oder Dionysos geweiht gewesen sei.
Das in der letzten Grabungsperiode ge-
fundene Theater sowie das Badehaus
bestätigten diese These. „Seit den ers-
ten Theatern in der griechischen Welt interreligiöser dialog 2
waren diese mit dem Gott Dionysos „Es ist von existenzieller
verbunden,“ führt Eisenberg aus. Dazu
habe oft auch ein Badehaus gehört, Bedeutung, den Dialog von
das der körperlichen Heilung diente der akademischen Ebene
und dem Gott Asklepios geweiht gewe-
sen wäre: „Wenn unsere These stimmt, auf eine alltägliche Ebene
dann kamen Tausende Besucher mög- zu bringen."
licherweise nicht zum Theater, um die
neueste Veranstaltung zu sehen, son- Der Patriarch der syrisch-orthodoxen
dern um Gottheiten des griechischen Kirche, Ignatius Efrem II. Karim, im
Pantheons zu huldigen. Sie sahen und Februar 2017 bei einem Interview
hörten den Priestern zu.“ in Deutschland.
© Michael Eisenberg

W (Universität Haifa/WUB)

Der Zugang zu den Sitzreihen des


Theaters wird ausgegraben.

christlich-islamischer dialog

Wieder im Gespräch

D er Heilige Stuhl und die al-Azhar-


Universität in Kairo stehen gemein-
sam für den Kampf gegen religiösen
Vatikan und die al-Azhar-Universität
„im Kampf gegen das Phänomen von
Fanatismus, Extremismus und Gewalt
Extremismus ein. Diese Stellungnahme im Namen Gottes“ übernehmen kön-
folgte auf ein gemeinsames Seminar, nen. Der Dialog zwischen Vatikan und
das Ende Februar am Kairoer Sitz der al-Azhar war erst 2016 nach fünfjähri-
sunnitischen Universität stattgefunden ger Pause wieder aufgenommen wor- Der Großscheich der al-Azhar-Universi-
hat. Dabei ging es um die Rolle, die der den. W (Radio Vatikan/WUB) tät und Papst Franziskus.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 5
MESSIAS
Der Macher. Der Mutige. Der Retter! Er räumt auf. Er verjagt die Ungerechten und
befreit die Unterdrückten. Über die Geschichte der jüdischen Messiasvorstellun-
gen schreibt der Potsdamer Rabbiner Walter Homolka: „Überall da, wo Hoffnungs-
losigkeit und ungerechte Behandlung die Menschen veranlasst hatte, sich nach
Hilfe und Gottes Eingreifen zu sehnen, war die Vorstellung von einem ,Erlöser‘ nicht
weit.“ Noch heute warten viele Menschen in unterschiedlichen Religionen voller
Sehnsucht auf „ihren“ Messias und auf die gerechte Welt Gottes.

Allerdings stellt sich eine Reihe von Fragen: Müssen wir Menschen die Welt vorbe-
reiten, damit der Messias kommen kann? Oder kommt er einfach so? Woran erken-
nen wir, dass er da ist oder da war? Ist die gerettete Welt, von der wir träumen, ganz
anders als alles Bekannte oder die Wiederherstellung einer früheren heilen Welt?
Muss mit dem Messias auch gleichzeitig das Ende der Zeiten kommen? Kommt das
Ende dann mit einer apokalyptischen Katastrophe? Und so weiter und so weiter ...

Der Traum vom Retter, der kommt oder wiederkommt, erzählt von der Geschichte
der Menschen mit Gott – und von der Geschichte der Menschen untereinander.

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DER TRAUM VOM RETTER

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Zur Einführung

Der Traum vom Retter


Der Begriff „Messias“ stammt zwar aus der jüdischen Tradition, begegnet aber heute
weltweit, auch in der Politik. In der Messiasgestalt kristallisiert sich die Hoffnung auf
eine neue Wirklichkeit – ein Traum, der über Jahrtausende lebendig geblieben ist!
Von Christiane Altmann

V
erfolgt man die Schlagzeilen Sekte des „Weltheils“ Sekai Kyuseikyo in seinem Typus der „charismatischen
des Nachrichtenmagazins Der griff den Begriff auf und verkürzte ihren Herrschaft“ den Versuch unternommen,
Spiegel, dann war die Amtszeit Namen auf Meshia-kyo (engl. „Church of diese außeralltägliche Macht, die sich
Barack Obamas der klassische Auf- und world messianity“). In Korea nahm die um den Traum eines Retters entfacht, zu
Abstieg jenes Gesalbten, der auf Hebrä- messianische Hoffnung verschiedene beschreiben. Dabei ist es nicht nur das
isch Mashiach und auf Griechisch Chris- Ausprägungen an und entwickelte sich Versprechen auf Veränderung, sondern
tus heißt. Barack Obama begann als auf politischer Ebene um die Idee des auch die Chance, bei anderen Menschen
„Menschenfänger“ (2008), der mit sei- Volkes und im Minjung-Messianismus Gehör zu finden, der der Prophet seine
nem Versprechen „Yes we can“ Ameri- der verarmten Bauern (Soo-Il Chai, Gefolgschaft verdankt und damit letzt-
kas Hoffnungen schürte und die Massen 1990). endlich auch seine Macht, Dinge zu ver-
um sich scharte. Es folgte Enttäuschung Wie das Judentum eine ganzheitliche ändern.
und der einstige Hoffnungsträger wurde Sichtweise auf die Welt anbietet, so er- Die Frage, wie jemand andere für et-
zum „Machtlosen Messias“ (2010) und hebt auch das jüdische Versprechen was begeistern kann, das noch jeder
schließlich zum „Messias a.D.“ (2012) nach Erlösung den Anspruch, mehr als Wirklichkeit entbehrt, mag auch die
degradiert. Als Obama im November nur einen Lebensbereich zu verändern: Faszination für Obama erklären: Sein
2016 zum letzten Mal Deutschland be- Um den jüdischen Messias kreist die
suchte, sprach der Kommentator er- Sehnsucht nach dem Ende der Fremd-
nüchternd von der „Abschiedstournee“ herrschaft, aber auch die Hoffnung auf
eines Mannes, der „einmal der Messias ein neues und doch altes religiöses Zen-
Der Messias verkörpert
war“ (2016). Nicht nur die politische Ära trum in Jerusalem. Die Details blieben eine revolutionäre Macht
Obamas war zu Ende gegangen, sondern stets der Diskussion und Interpretation
auch die Hoffnung auf Veränderung, die offen. Davon zeugt nicht nur die reiche
Der Spiegel mit seinem Vergleich zum Interpretationskultur der Rabbiner, son- politischer Werdegang stellte das reale
Messias einzufangen gedachte. dern auch die stete Erweiterung und Amerika infrage und das scheinbar Un-
Dass die Medien trotz aller Säkula- Veränderung, die mit der Karriere des mögliche – ein Schwarzer als US-Präsi-
risierungstendenzen die alte jüdische Konzeptes in anderen Religionen und dent – versprach für viele einen Ausweg
Messias-Symbolik bemühen, um den Kulturen einherging. aus sozialer und wirtschaftlicher Not.
politischen Werdegang eines Mannes Wilhelm E. Mühlmann (1904–1988) ar-
zu illustrieren, zeigt exemplarisch, dass beitete 1961 in seiner Studie Chiliasmus
der Traum vom Retter an Überzeugungs- Hoffnung, Gefolgschaft, Macht und Nativismus die Rolle des sozialen
kraft über die Jahrhunderte nicht einge- Die feste Konstante blieb paradoxerwei- Umfelds für sogenannte Umsturzbewe-
büßt hat. Die Sehnsucht nach Erlösung se das Hier und Jetzt, das es zu verän- gungen heraus. Gerade in den Reihen
hat nicht nur im jüdischen Kontext dern galt. Der Messias verkörpert eine der gesellschaftlich Benachteiligten fan-
Karriere gemacht, sondern in vielerlei revolutionäre Macht, von der sowohl den jene Personen und Ideen immer wie-
Aspekten auch andere religiöse und kul- Faszination als auch Gefahr ausgeht. der interessierte Zuhörer, die etwas ganz
turelle Kontexte ergriffen: Afro-Jamaika- Beides hat nicht nur die journalisti- Neues oder den Glanz des Vergangenen
nerInnen verbanden mit der Krönung sche, sondern auch die wissenschaftli- versprachen. Norman Cohn (1915–2007)
des äthiopischen Kaisers Haile Selassie che Neugier entfacht. Obama verstand war schließlich einer der ersten, der
(vormals Ras Tafari Makonnen) in den es, Menschen zu mobilisieren und sie den Bogen zu totalitären Bewegungen
1930er-Jahren die Hoffnung, mit ihrem ihrem gewohnten Alltag zu entreißen. der Moderne schlug und erstaunliche
„schwarzen Messias“ nach Afrika zu- Max Weber (1864–1920), einer der Weg- Ähnlichkeiten zwischen ihnen und den
rückzukehren. Die neo-schintoistische bereiter der modernen Soziologie, hat „elenden und unzufriedenen Massen“,

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welt und umwelt der bibel 2/2017
MESSIAS: EIN STECKBRIEF
„Der Mann, der einmal der Messias
war“, so schrieb der Spiegel Ende 2016 über • Der Begriff: Leitet sich vom
Barack Obama. Wie kein anderer amerikani- hebräischen Wort ma-schiach ab,
scher Präsident stand er für den ersehnten griechisch christos, beides über-
setzt „der Gesalbte“.
Wandel („Change“) – entsprechend beliebt war
der Vergleich seiner Person mit dem Messias.
• Was bedeutet „Gesalbter“?
Gesalbt wurden in den Erzählun-
gen der Hebräischen Bibel Könige,
Priester und Propheten – ein
Zeichen für die besondere Nähe
zu Gott.

• Geschichte des Begriffs: Erst ab


dem 1. Jh. vC wird im Judentum
„Messias“ als Titel für eine Retter-
gestalt verwendet, die direkt von
Gott gesandt wird: Diese Gestalt
hat politische wie auch übernatür-
liche Macht. Sie ist mit der David-
Dynastie verbunden.
die sich „immer wieder irgendeinem ein Jahr später keineswegs das Scheitern
Millenniumspropheten in die Arme war- der Offenbarung. Der aktuelle Reggae- • Im Christentum: Seine Nachfol-
fen“, thematisierte (1957/1961). Boom illustriert vielmehr, welche Ein- ger/innen erkennen in Jesus von
Der utopische Kern, der mit dem flüsse ein Glaube auch ohne eine real Nazaret nach seinem Tod den jüdi-
Traum vom Erlöser verbunden ist, birgt existierende Symbolfigur hervorzubrin- schen Messias. Sie interpretieren
nicht nur das Potenzial für Innovation, gen vermag. Max Weber beschrieb die- die Vorstellung neu: Leiden, Ster-
ben und Auferstehung gehören zu
sondern auch Gefahr: Das was bisher sen Vorgang als „Veralltäglichung“: Die
ihm. Der Titel wird zum Bekenntnis
war, der vertraute Gang des Alltags, abstrakte Hoffnung wird in die greifbare
und zum Namen: Jesus Christus.
wird infrage gestellt, und es droht nicht Wirklichkeit überführt und mithilfe von
weniger als die Umwälzung historisch Ritualen und Symboliken vergegenwär- • Im Judentum: Vielfältige Ent-
gewachsener Strukturen und Konventio- tigt. Erbfolgeregelungen oder Riten, wie wicklung über die Jahrhunderte.
nen. Die etablierte Elite fürchtet die Ver- das Neu-Aufsuchen des Dalai Lamas, Heute wird nur noch in wenigen
änderung, stellt sie doch eine ernsthaf- entscheiden nun über die Qualifikation Gruppierungen eine Messiasge-
te Bedrohung des Status quo dar. Wen der Führenden. Bürokratische Struktu- stalt erwartet, vielfach eher ein
wundert es, dass gerade diejenigen, ren ersetzen den einstigen Hoffnungs- messianisches Zeitalter erhofft.
denen die Realität gefällt, nur zu schnell träger und das Amt – ob nun das des
den Traum vom Retter zur Hysterie sti- Bischofs oder des Königs – den Verlust • Eine männliche Gestalt?
In der Geschichte ist keine Frau
lisieren, dem Treiben Einhalt gebieten des einstigen Erlösers. Weniger relevant
mit Messiasanspruch aufgetreten.
wollen und die Begeisterung an der Re- ist dabei, wer konkret das Amt ausfüllt:
Für Politikerinnen wird der
alität relativieren. Der Abstieg des Ge- Das Amt selbst wird zum Symbol des Messiasbegriff nicht benutzt.
salbten folgt mit logischer Konsequenz. Traums.
Doch aller Realität zum Trotz bedeutet Der amerikanische Präsident war • Karriere der Messias-Idee: Im
der Abstieg selten das Ende des Traums. Barack Obama. Ein neuer Präsident ist Laufe der Geschichte treten rund
Wie die Religionsgeschichte zeigt, hat angetreten, und wenn wir dem Spiegel- um den Erdball in unterschiedli-
der Glaube an einen Retter trotz des To- Kommentar Glauben schenken, dann chen Religionen zahlreiche, meist
des der Hoffnungsträger immer wieder entfacht nun er als ein ganz „neuer selbst ernannte Messiasgestalten
erstaunliche Dynamiken freigesetzt, die Messias“ die Hoffnungen der amerikani- auf. Heute werden von Donald
Gesellschaften über die Jahrhunderte schen Wähler (2016). Letztendlich ist es Trump bis Martin Schulz auch
politisch Agierende zum Messias
hinweg beeinflussten. Der Glaube an Je- also der Glaube, der die logische Abfol-
erhoben.
sus von Nazaret entfaltete sich zu einer ge vom Auf- und Abstieg des Gesalbten
Weltreligion, die mit ihren Symboliken durchbricht und die entscheidende Fra- • Messias laut Duden:
trotz aller Säkularisierungstendenzen ge beantwortet, ob der Traum vom Ret- 1. Im Alten Testament verheißener
aus dem europäischen Kulturkreis nicht ter Verwirklichung findet. W königlicher Heilsbringer
wegzudenken ist. Auch für die Rastafa- 2. Befreier, Erlöser aus religiöser,
ri-Bewegung bedeuteten der Sturz des Dr. des. Christiane Altmann, Angaben zur sozialer o. ä. Unterdrückung
Kaisers Haile Selassie 1974 und sein Tod Autorin S. 49

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welt und umwelt der bibel 2/2017 9
Wie der jüdische Messias neu interpretiert wird

Die große Frage:


Ist Jesus der Messias?

Jesus passte nicht unmittelbar zu


der Vorstellung, die Jüdinnen und
Juden vom Messias hatten. Viele
erwarteten einen Mann, der sich mit
hand­­fester politischer Macht und
zugleich übernatürlicher Gerechtig-
keit durchsetzte. Jesus selbst hat
sich auch nicht als Messias insze-
niert. Wie deuten seine Anhängerin-
nen und Anhänger den gefolterten
und gekreuzigten Jesus als Messias?
Ein Blick ins 1. Jahrhundert.
Von Stefan Schreiber

Christus am Kreuz. Francisco de Zurbarán,


1627. Art Institute Chicago.

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J
esus stirbt unmittelbar vor dem Pessach-Fest el schaffen und die Einheit Israels nach dem
wohl des Jahres 30 nC durch die Hand römi- gerechten Willen Gottes wiederherstellen. Der
scher Söldner vor den Toren der Stadt Jeru- Begriff „Messias“ leitet sich vom hebräischen
salem am Kreuz. Die Aufschrift, der sogenannte mā schiach (aramäisch meschichā ) ab, das „Ge-
Titulus crucis, gibt seine Schuld an: „Der König salbter“ bedeutet. Im Griechischen übersetzt
der Juden“ (Mk 15,26). Was die Menschen seiner man das mit christos (Christus). Im Tanach, den
Zeit darunter verstanden, wird in der Reaktion heiligen Schriften Israels, bezeichnet die Sal-
der Vorübergehenden, vor allem der jüdischen bung die besondere Nähe von Königen, Pries-
Hohepriester und Schriftgelehrten, die sich mit tern und Propheten zu Gott. Als Titel für eine von
der Tradition Israels auskannten, deutlich: „Der Gott gesandte Rettergestalt wird mā schiach aber
Messias, der König von Israel! Er soll jetzt vom erst in frühjüdischen Schriften ab dem 1. Jh. vC
Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben“ verwendet, die damit eine bestimmte Konzepti-
(Mk 15,32). Als jüdischer Messias wird Jesus hin- on verbinden (s. Kasten unten).
gerichtet. Und offenbar trifft dieser Anspruch auf In verschiedenen frühjüdischen Schriften
ihn nicht zu, denn sonst müsste er ja machtvoll ließen sich verschiedene Bilder eines „Messi-
vom Kreuz herabsteigen. Dann würde auch die as“ entdecken. Diese setzen aber gemeinsame
jüdische Führung in Jerusalem an ihn glauben. Grundzüge der Erwartung eines königlichen Ge-
Die jüdische Tradition wusste demnach, was salbten voraus (s. Seite 18–19). Es existierte kei-
ein Messias ist und was man von ihm erwarten ne jüdische „Messiasdogmatik“ im Sinne einer
konnte. Ein gekreuzigter Messias stellte da offen- festgelegten Lehre, sondern ein gemeinsamer
sichtlich ein Problem dar. Vorstellungskern mit Spielraum zur Anwendung
in der eigenen Gruppe. Sicher teilten auch nicht
alle Juden um die Zeitenwende eine akute Mes-
Welche Messiaserwartungen hatten siaserwartung, doch waren die Grundzüge einer
Jüdinnen und Juden zur Zeit Jesu? solchen Erwartung allgemein bekannt.
Als Jesus gekreuzigt wird und in den Jahrzehn-
ten danach ist die jüdische Lebenswelt in Unru-
he. Die politische Entwicklung in Israel ab dem Gab es viele frühjüdische
1. Jh. vC stellte zwei Dinge vehement infrage: die Messias-Prätendenten?
Eigenstaatlichkeit Israels und die innere Einheit Nach dem Tod Herodes’ des Großen (4 vC) und
der Gesellschaft. Die Regierung der jüdischen unter den römischen Statthaltern im Vorfeld
Dynastie der Hasmonäer hatte im frühen 1. Jh. des jüdisch-römischen Krieges kam es in Pa-
vC zu Spaltungen und Zwietracht geführt, dann
folgte mit der Einnahme Jerusalems durch den
römischen Feldherrn Pompeius im Jahr 63 vC die
römische Oberherrschaft über Palästina. Unter Grundzüge der Messias-Konzeption, die aus
der Oberhoheit Roms konnten zunächst Nach-
fahren der Hasmonäer, dann Herodes der Große
den frühjüdischen Quellen hervorgehen:
(37–4 vC) regieren. Die innenpolitischen Span-
nungen rissen nicht ab, setzten sich unter den • Königliche Herrschergestalt
Nachfolgern des Herodes und unter den römi- -> zukünftige, politisch-nationale Herrschaft für Israel
schen Statthaltern fort und mündeten schließ- • Repräsentant Gottes
lich in den jüdisch-römischen Krieg der Jahre -> Erwählung und Partizipation an Gottes Macht
66–70 nC. Der Krieg endete mit der Zerstörung -> Eigenschaften: übernatürliche Macht, Heiligkeit,
Jerusalems und vor allem des Tempels. Der Tri- Weisheit, Gerechtigkeit
umph der Römer bedeutete das Ende eines jüdi-
• Ideale Friedensherrschaft zugunsten Israels als Gegenbild zur
schen Staates.
politischen Unterdrückung durch das Imperium Romanum
Vor diesem politischen Hintergrund ist die
Erwartung eines königlichen Messias zu ver- • Heilsgeschichte – Herkunft aus der David-Dynastie
stehen, die in verschiedenen jüdischen Kreisen • Kraftvolle Durchsetzung beweist die Legitimität des Anspruchs
aufbrach. Er würde mit göttlicher Vollmacht die
Feinde aus dem Land treiben, Frieden für Isra-

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welt und umwelt der bibel 2/2017 11
Wie der jüdische Messias neu interpretiert wird

lästina wiederholt zu jüdischen Aufständen ge- tus“ nur sehr selten auf sich bezieht. Er wird von
Frühjüdische Zeit und gen die römische Herrschaft. In der Forschung anderen an ihn herangetragen beim Bekenntnis
frühjüdische Schriften wird diskutiert, ob sich einzelne Aufstandsfüh- des Petrus (Mk 8,29: „Ihr aber, für wen haltet ihr
Frühjudentum bezeichnet rer als Messias inszenierten, um sich göttliche mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der
eine eigene Epoche, etwa Legitimation zu sichern. Unsere Quellen, die Christus!“) und – kritisch-ablehnend – beim Ver-
200 vC bis 200 nC, leben- Geschichtswerke des Flavius Josephus, erwäh- hör vor dem Hohepriester (Mk 14,61: „Da wandte
dig und vielfältig, unter
nen ihre Königsansprüche, schweigen aber sich der Hohepriester nochmals an ihn und frag-
hellenistisch-römischen
über messianische Inszenierungen. Dies könnte te: Bist du der Christus, der Sohn des Hochge-
Einflüssen. Benannt auch
als Second Temple Period.
allerdings auch der Intention des Josephus ge- lobten?“). Die Zuschreibung erfolgt im Munde
Die Schriften, die in dieser schuldet sein, der nach dem Krieg in Rom als Jesu fast nur indirekt während seines Auftretens
Zeit entstehen, legen oft Günstling des flavischen Kaiserhauses schrieb (z. B. Mk 9,41; Mt 23,10: „... denn nur einer ist euer
die vorhandenen heiligen und seinen römischen Leser/innen zeigen woll- Lehrer: Christus“) und beim Verhör (Mk 14,61f;
Bücher aus, thematisie- te, dass die jüdische Gottesverehrung und Le- Lk 22,67: „Wenn du der Christus bist, dann sag es
ren (auch apokalyptisch) benspraxis politisch völlig unverdächtig sind. uns! Er antwortete ihnen: Wenn ich es euch sage,
Zukunft und Einheit des Daher schweigt er über Messiasansprüche jüdi- glaubt ihr mir ja doch nicht“). In Lk 24,26.46, der
verstreuten Volkes Israel, scher Volksgenossen. Doch scheinen an man- Emmauserzählung, spricht bereits der erweckte
die Beziehung zum einen chen Stellen religiöse Motivationen von Auf- Jesus vom Christus, was darauf hinweist, dass
Gott und den Kult am
standsführern durch, und ihr Auftreten erinnert diese Verse erst nach den Ostererfahrungen so
Jerusalemer Tempel.
an die Grundzüge der Messias-Konzeption. Gera- verfasst wurden (o. ä.). Insgesamt deutet der Be-
de bei Aufstandsführern, die aus dem einfachen fund eher auf eine nachösterliche Bekenntnis­
Volk stammten, dürften sich soziale, politische tradition hin.
und religiöse Motivation durchdringen. In der Drei Texte können allerdings messianische Er-
Der „erzählte Jesus“
Forschung spricht man von „Königsprätenden- wartungen der Zeitgenossen an Jesus spiegeln:
ist die Gestalt, die – in
ten“, „Banditenkönigen“ oder social bandits (s. (1) Das Messiasbekenntnis des Petrus, er-
Unterscheidung zum „his-
torischen Jesus“ – in den Grafik rechts). Letztlich sind sie jedoch alle an zählt in Mk 8,27-33, setzt bei den Ansichten über
Evangelien und Briefen der militärischen Macht Roms gescheitert. Jesus an, die im Volk kursieren und die alle die
nach seinem Tod deutend Kategorie eines Propheten heranziehen (Jo-
und erzählerisch angerei- hannes der Täufer, Elija oder ein endzeitlicher
chert wird. Der erzählte Stellte sich Jesus von Nazaret Prophet). An Jesus als Messias denkt offenbar
Jesus setzt die sogenannte als Messias dar? niemand. Nur Petrus, der Sprecher der Schüler
„Ostererfahrung“ voraus. Vergleicht man das Auftreten Jesu mit den ge- Jesu, formuliert das Bekenntnis: „Du bist der
nannten Königsprätendenten, fallen erhebliche Christus“. Jesus jedoch wehrt dieses Bekenntnis
Unterschiede ins Auge. Zum Beispiel lehnt Jesus eher ab und hebt stattdessen sein bevorstehen-
Gewaltanwendung strikt ab (Mt 5,9.39b-44: „Se- des Leiden hervor. Er korrigiert also die geläufige
lig, die Frieden stiften ...“, „wenn dich einer auf Messias-Vorstellung durch das Leiden, was der
die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch nachösterlichen „Christologie“ entspricht. Da-
die andere hin ... Liebt eure Feinde und betet für her wird man historisch vorsichtig zu urteilen
die, die euch verfolgen“; Lk 6,27-29: „... Segnet haben, was aber nicht ausschließt, dass im Kreis
der Schüler/innen Jesu eine messianische Sen-
dung Jesu erwogen wurde.
Vergleicht man das Auftreten Jesu mit Königs­ (2) Die Königsakklamation vor dem Einzug
Jesu in Jerusalem in Mk 11,8-10 lässt messia-
prätendenten, fallen Unterschiede ins Auge: nische Erwartungen sichtbar werden: In Jesus
Jesus lehnt Gewaltanwendung strikt ab verwirklicht sich nun die „Königsherrschaft
unseres Vaters David“, was die Hoffnung auf Er-
neuerung des davidischen Reiches mit Jesus ver-
die, die euch verfluchen“). Seine Verkündigung bindet. Wenn Jesus dabei auf einem jungen Esel
konzentriert sich auf die bereits anbrechende reitet, erscheint der Messias durch diese Anspie-
Königsherrschaft Gottes (z. B. Lk 11,20: „... dann lung auf Sach 9,9f als demütiger Friedenskönig,
ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen.“). hinter dem die Macht Gottes steht. Doch wer
Doch beruht diese Verkündigung auf dem ihm sind die „Vielen“, die Jesus preisen – die Schü-
eigenen Vollmachtsanspruch, ohne dass er sich ler Jesu, Juden aus Jerusalem, Pilgergruppen aus
auf Titel berufen würde. Sein Auftreten erscheint anderen Landesteilen? Historisch könnte hinter
eher prophetisch als national-herrscherlich. In der Erzählung die Erinnerung stehen, dass in
den Evangelien stößt man auf den auffälligen manchen Kreisen der Bevölkerung angesichts
Befund, dass der erzählte Jesus den Titel „Chris- des Zuges Jesu nach Jerusalem die Hoffnung

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Wie der jüdische Messias neu interpretiert wird

Jüdische KönigsPrätendenten, Banditenkönige


oder social bandits um die Zeit Jesu

Briefe eines Messias: Simon bar Kochba führte einen Auf-


stand gegen die Römer an. Persönliche Anweisungen an seine
Untergebenen während des zweiten jüdisch-römischen Kriegs
132–135 hat Yigael Yadin 1960 in der „Höhle der Briefe“ im
Nachal Hever, einem Seitental des Toten Meeres, entdeckt. Bar
Kochba weist etwa seine Vertrauten Jonathan und Masabala an,
einen gewissen Eleazar bar Hitta sofort zu ihm zu schicken.
Einem Jehuda befiehlt er, die vier Arten von Pflanzen für den
Ritus am Laubhüttenfest herbeizubringen.

Ereignisse Personen ... ... und ihre Aktionen


4 vC Judas ben Ezechias • Gewaltsame Aufstände
Tod Herodes’ des Großen • Angriffe auf Machtzentren wie
Simon, ein Sklave Paläste, Waffenlager
• Inszenierung als Könige:
Athronges, ein Hirte Königliche Diademe
• Auffallende Körpergröße,
Quellen: Josephus, Bellum 2,56-65 Wohlgestalt und Stärke
Josephus, Antiquitates 17,271-284 • Religiöse Inszenierung als Messias?

6 nC Judas, der Galiläer • Denkt radikal theokratisch:


Römische Verwaltung in Judäa Quellen: Josephus, Bellum 2,118; 7,253-258 Allein Gott ist König
Josephus, Antiquitates 18,4-6.9f.23-25 • Lehnt römische Steuerschätzung ab,
was einen gewaltsamen Aufstand
bedeutet
• Titel „Fürst“ – Anspruch: Königlicher
Repräsentant Gottes? Messias?

66–70 nC Menahem • Königliche Inszenierung in Jerusalem


Jüdisch-römischer Krieg Quelle: Josephus, Bellum 2,433-448 • Erfolgreicher Widerstand gegen Rom

Simon bar Giora • Siegreicher Truppenführer


Quelle: Josephus, Bellum 4,503-544.556- • In Jerusalem als Retter und Befreier
584; 7,29-31.118 empfangen
• Oberbefehl in Jerusalem
• Inszenierung als König, „Fürst“
• Aufstieg wie David

132–135 nC Simon bar Kochba • Erfolgreicher militärischer Aufstand


Zweiter jüdisch-römischer Krieg Quelle: Talmudtraktat yTaan 4,8/68d in Judäa
unter Hadrian • Rabbi Akiba betitelt ihn als
„König Messias“
• Bar Kochba = „Sternensohn“
Stern als Königssymbol (Num 24,17)

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welt und umwelt der bibel 2/2017 13
Wie der jüdische Messias neu interpretiert wird

keimte, Jesus ziehe als neuer Messias in zum endzeitlichen Herrscher, zum Mes- Hier wird erkennbar, wie Tod und Er-
Jerusalem ein. sias und „Vize-König“ Gottes. Die Deu- weckung Jesu als wesentliche Sinnbe-
(3) Jesus wird von den römischen tung Jesu als Messias bedeutet einen standteile des Titels „Christus“ fungie-
Behörden als „König der Juden“ ge- Neuanfang der Deutung Jesu mittels der ren. Dabei ist der Tod des Christus mit
kreuzigt (Mk 15,26). Die Römer nehmen Messias-Konzeption und steht zugleich einer soteriologischen, also rettenden
damit die Anklage Jesu als Messias, das in Kontinuität zum Auftreten Jesu. Deutung verbunden: Er starb „für un-
heißt als politischer Terrorist, seitens Vielleicht lieferte gerade der Titulus sere Sünden“, das heißt sein Tod über-
der jüdischen Priester-Aristokratie in crucis „König der Juden“, der Jesus ei- wand grundsätzlich die Trennung des
Jerusalem auf und richten Jesus vorsorg- gentlich als politischen Verbrecher und Menschen von Gott und die Macht der
lich hin. Sie ordnen ihn damit in die Rei- Aufstandsführer brandmarken sollte, Sünde, die in der Welt herrscht. Beson-
he der Königsprätendenten ein, die zu einen konkreten Anstoß dafür, nach ders deutlich wird diese soteriologische
seiner Zeit für politische Unruhe sorg- Ostern neu und vertieft über die Bedeu- Deutung in Röm 5,6.8:
ten. Die Frage des Pilatus beim Verhör, tung Jesu nachzudenken. Den ersten „Denn Christus ist, als wir noch
ob Jesus der „König der Juden“ sei, spie- Christ/innen wurde klar, dass „König schwach waren, für die zu dieser Zeit
gelt diese Anklage (Mk 15,2). Auf einen der Juden“ mehr beinhaltete als nur noch Gottlosen gestorben. ... Gott aber
tatsächlichen Messias-Anspruch Jesu einen Justizirrtum, der Jesus – gegen erweist seine Liebe zu uns darin, dass
lässt sich daraus nicht schließen, denn Christus für uns gestorben ist, als wir
die Anklage kann pragmatisch formu- noch Sünder waren. “
liert sein mit dem Ziel, bei den Römern Paulus weiß sehr wohl, Im Sterben des Christus „für uns“ hat
Jesu Hinrichtung zu erwirken. sich die Liebe Gottes selbst erwiesen!
Insgesamt lassen die Texte bei einer
dass diese Überzeugung Es handelt sich um die höchste Form
historischen Auswertung nicht erken- ein Paradox darstellt, der Liebe, wenn jemand sein Leben für
nen, dass Jesus sich als Messias insze- einen anderen gibt, und der Christus
niert hätte. Damit stellt sich die Frage,
wenn er den Christus als gab sein Leben sogar für Sünder – und
was die Jesus-Anhänger/innen nach Gekreuzigten verkündet rettet sie damit aus der Verfallenheit an
Ostern dazu führte, ihn als ihren „Chris- Sünde und Tod. Paulus weiß sehr wohl,
tus“ zu bekennen. dass diese Überzeugung ein Paradox
seine Intention und zu Unrecht – als darstellt und die üblichen Kategorien
politischen Verbrecher verurteilte. Die menschlichen Denkens sprengt, wenn
Die Anwendung der Messias- Einsicht gewann Konturen, dass Jesus er in 1 Kor 1,23f eröffnet, den Christus
Konzeption auf Jesus: wirklich dieser König, der von Gott ge- gerade als Gekreuzigten zu verkünden:
Neuinterpretation notwendig rade nicht verlassene, sondern durch Im Denksystem frühjüdischer Messias-
Jesus trat mit dem Anspruch auf, Bote die Erweckung rehabilitierte und er- Konzeptionen handelt es sich um ein
und Bevollmächtigter der anbrechenden höhte Messias ist. Dazu war jedoch eine „Ärgernis“, in römischen Kategorien
Gottesherrschaft zu sein. Nach Ostern, grundlegende theologische Neuinter- um eine „Dummheit“, den Christ/innen
also der Erfahrung, dass der gekreuzigte pretation der frühjüdischen Messias- aber wird dies als „Kraft und Weisheit
Jesus von Nazaret von Gott aus dem Tod Konzeption erforderlich, die Leiden, Tod Gottes“ verstehbar.
erweckt wurde und bei Gott lebendig ist, und Erweckung als wesentliche Elemen- Sowohl das Geheimnismotiv im Mar-
fiel neues Licht auf die Frage, in welcher te integrierte. Diese der traditionellen kusevangelium (so bezeichnet man Jesu
Beziehung Jesus zu dieser Gottesherr- Konzeption fremden Elemente – der Schweigegebote an besiegte Dämonen,
schaft steht. Mit Ostern wird Jesus selbst Messias stirbt nicht, sondern setzt sich wunderbar Geheilte, Zeugen eines Wun-
machtvoll durch – prägten nun das Bild ders und seine Schüler) als auch Aussa-
des Messias Jesus. Die Modifikation der gen in Joh 2,22 und 12,16 machen den Le-
Erhöhung Messias-Vorstellung kann als herausra- ser/innen klar, dass die volle Bedeutung
Der Begriff deutet Jesu Kreuzigung und gende theologische Leistung der ersten Jesu erst nach Kreuzestod und Ostern
Erweckung als Aufrichtung/Erhöhung des Christ/innen gelten. aufscheint. Die berühmte Erzählung von
Gottessohnes: Gott setzt Jesus als seinen Das Ergebnis dieser Modifikation wird der Begegnung mit dem erweckten Jesus
königlichen Sohn ein. Der Evangelist Johan- in der alten Formeltradition sichtbar, die auf dem Weg nach Emmaus in Lk 24,13-
nes entwirft eine „Erhöhungstheologie“: Der Paulus in 1 Kor 15,3-5 überliefert: 35 bildet den Prozess der Neudeutung
himmlische Logos steigt auf die Erde herab Jesu als Messias ab. Hatten die beiden
„Christus ist für unsere Sünden gestorben
und wird Mensch, steigt dann über das Kreuz
gemäß der Schrift Schüler Jesus noch als Propheten Israels
wieder in die himmlische Welt hinauf und wird
und ist begraben worden. verstanden, der abgelehnt und getötet
zu Gott erhöht Die Erhöhung in der Erwe-
ckung aus dem Tod zeigt ihn als Messias und Er ist am dritten Tag auferweckt wor- wurde, bringt der Unbekannte den Titel
Gottessohn, zeigt Macht und Wille Gottes; wie den gemäß der Schrift „Christus“ als neue Verständnisoption
eine königliche Thronbesteigung nach der und erschien dem Kephas, dann den ins Gespräch, modifiziert ihn aber in
Befreiungs- und Erlösungstat Gottes. Zwölf“. entscheidender Weise:

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Wie der jüdische Messias neu interpretiert wird

Der Begriff
„Messias“ in der
Neuen Einheits-
übersetzung und
der Lutherbibel

Soeben haben die evangelische


und die katholische Kirche ihre
revidierten Bibelübersetzungen
vorgestellt, die „Einheitsüberset-
zung 2016“ und die „Lutherbibel
2017“. Im griechischen Text des
Neuen Testaments steht immer
christos, wenn der jüdische
_
ma schiach gemeint ist, also der
„Gesalbte“. Die ÜbersetzerInnen
beider Werke haben entschieden,
je auch „der Christus“ zu überset-
zen. In der Luthertradition war das
bereits so. In der Einheitsüberset-
zung 1980 jedoch nicht: Damals
hatte man bewusst die Nähe zum
frühjüdischen Messias-Konzept
ausgedrückt und christos mit
„der Messias“ übertragen. In den
derzeitigen Neuen Testamenten
ist der Begriff „Messias“ also nicht
zu lesen. Nur zweimal im Johan-
nesevangelium steht er als Titel,
wo im griechischen Text das heb-
räische Wort „Messias“ genannt
ist. Die Übersetzung „Christus“
macht die christliche Perspek-
tive auf Jesus hörbar – was auf
seine Weise neue Chancen für
das Gespräch mit dem Judentum
Messias-Interpretationen in Filmen der 1960er-Jahre:
eröffnet. (HK)
Der Einzug in Jerusalem und die Bergpredigt.
Jede Messias-Darstellung erzählt über den kulturellen Kontext ihrer Zeit.
Mehr zu den neuen Übersetzungen:
• Bibel und Kirche 1/17
oben: Ein edler Messias in The greatest Story ever told (1965) von George
„Martin Luther und seine Bibel“
Stevens. Jesus reitet in Jerusalem ein, um das jüdische Pessachfest zu feiern,
weiß gekleidet, umringt von einer Menschenmenge. Die edle Interpretation • Bibel und Kirche 2/17
der Jesusfigur durch Max von Sydow hat zum Erfolg des Films beigetragen. „Die neue Einheitsübersetzung“
• Katrin Brockmöller, „Die neue
unten: Ein malerischer Messias. Jeffrey Hunter als Jesus in King of Einheitsübersetzung entdecken“
Kings von Nicholas Ray (1961): Umgeben von einer aufmerksamen Menge, Alles zu beziehen auf:
hält er mit charismatischem Gestus die Bergpredigt. www.bibelwerk.de

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Wie der jüdische Messias neu interpretiert wird

Szenen aus dem Leben Jesu Christi, zweite Schauseite des Isenheimer Altars von
Matthias Grünewald (1513). Verkündigung, Engelskonzert, Menschwerdung, Grablegung und Auferstehung
zeigen eine überwältigende Zusammenschau wichtiger Stationen des Messias. Museum Unterlinden, Colmar.

(1) Der Christus musste leiden und in „(1) Geboren aus dem Samen Davids nach nen, und die Anwendung auf Jesus ge-
die Herrlichkeit gelangen und erfüllt ge- dem Fleisch, (2) eingesetzt als Sohn Got- schieht im Rahmen der vielgestaltigen
rade so die Heilsgeschichte Gottes; tes in Macht nach dem Geist der Heiligkeit frühjüdischen Messias-Konzeptionen.
(2) die ganze Schrift lässt sich auf aus der Auferstehung von den Toten“. „Christus“ wird nicht zu einem bloßen
Christus hin deuten, was eine neue Im Hintergrund ist Gottes Zusage bei Eigennamen ohne Gehalt, sondern be-
Schrift-Hermeneutik eröffnet; der Inthronisation des Königs Israels in hält seine Bedeutung als frühjüdischer
(3) Passion und Erweckung gehören Ps 2,7 zu hören: „Mein Sohn bist du, heu- Titel: So sehr damit größte Nähe zu
nun wesentlich zum Messias-Bild. te habe ich dich gezeugt.“ Mit der Erwe- JHWH, dem einen Gott Israels, ausge-
ckung aus dem Tod, so die Interpretati- sagt wird, so deutlich bleibt der Mono-
on, wird Jesus zum königlichen „Sohn“, theismus Israels gewahrt. W
Der Messias Jesus als himmlischer zum machtvollen Herrscher der Endzeit
Herrscher der Endzeit eingesetzt. Als Mitherrscher Gottes, so Lesetipp
Ein wichtiges Merkmal frühjüdischer die Erwartung in 1 Kor 15,20-28, wird • Stefan Schreiber, Die Anfänge der
Messias-Vorstellungen hält sich auch bei er am Ende der Zeit wiederkommen Christologie. Deutungen Jesu im Neuen
der Anwendung auf Jesus durch: Er be- und Gottes Königsherrschaft endgültig Testament, Neukirchen-Vluyn 2015.
sitzt von Gott gegebene Macht und wird durchsetzen, bevor er sie schließlich
Hinweis
sich gegenüber allem Gottfeindlichen Gott, dem Vater, übergibt.
Studientag mit dem Autor zum Thema
durchsetzen. Die Erweckung Jesu aus Die Deutung Jesu als Messias, als
„Messias“ in Mainz siehe Seite 84.
dem Tod wurde von den ersten Christ/in- Christus, erwies sich für die ersten
nen zugleich als Erhöhung Jesu zu Gott Christ/innen als so tragfähig und grund- Prof. Dr. Stefan
verstanden. Nach Röm 8,34 sitzt er dort legend, dass der Titel Christus exklusiv Schreiber ist Professor
„zur Rechten Gottes“, womit auf die In- als Ehrenname für Jesus verwendet für Neutestamentliche
thronisation des Königs im Königspsalm wurde: „Jesus Christus“. Jesus wird da- Wissenschaft an der Uni-
Ps 110,1 angespielt ist: Christus erscheint durch als einzigartiger Repräsentant versität Augsburg. Einer
seiner Forschungsschwer-
in himmlischer Machtposition. Gottes charakterisiert, in dessen Reden
punkte ist seit Jahren die
Die Tradition in Röm 1,3f verbindet die und Handeln, vor allem aber in dessen Christologie, insbesondere
messianische Herkunft Jesu aus dem Kö- Tod und Erweckung Gott selbst sichtbar die Anfänge der Deutung
nigsgeschlecht Davids mit seiner Einset- wird. Dennoch behält der Titel „Chris- Jesu als Christus im
zung zum messianischen Sohn Gottes: tus“ seine frühjüdischen Konnotatio- Urchristentum.

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Wie der jüdische Messias neu interpretiert wird
Wie der jüdische Messias neu interpretiert wird

Anreden, Bilder und Titel, mit denen Jesus im Neuen Testament gedeutet wird

Sohn Gottes Weinstock König


Freund Kyrios Heiland
Logos
Menschensohn Neuer Adam
Immanuel
Bruder Arzt
Erstgeborener der Schöpfung

Lamm Gottes Fürst des Lebens


Retter
Gerechter Leben
Alpha und Omega Knecht Gottes

Meister
Licht
Messias/Christos
Wahrheit
Sohn Davids Erlöser
der treue Zeuge
Brot
Henne mit Küken
Entmachter des Todes Prophet
Rabbi Herrscher über die Könige der Erde

Künder des Vaters Tür


Friede

Guter Hirte

Lamm Gottes, Agnus Dei von Francisco de


Zurbarán, 1635–1640, Museo del Prado, Madrid.
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Welche Messias-Konzeption findet sich in den frühjüdischen Schriften?
(1. Jahrhundert vC bis 1. Jahrhundert nC)

Messiaserwartung zur Zeit Jesu


Nicht alle Jüdinnen und Juden teilten zur Zeit Jesu eine akute Messiaserwartung, aber Grundzüge
waren allgemein bekannt. Heute können wir diese Vorstellungen aus einer Reihe frühjüdischer
Schriften rekonstruieren. Von Stefan Schreiber

• In den Psalmen Salomos wird der Israel übernimmt (vgl. Quellentext). soziale Hierarchien überwindet.
Messias ein guter neuer König sein Sogar die Heidenvölker sind von seiner Der Messias erscheint als zukünfti-
Die Psalmen Salomos antworten im Herrschaft umfasst, doch bleibt Israel ger Heilskönig, der aus der Dynastie
1. Jh. vC auf die politische und kultu- das Zentrum des Interesses. Um seine Davids stammt und sich innerhalb der
relle Dominanz der Römer mit einer Herrschaft durchsetzen zu können, Geschichte als neuer, guter König für
ausgearbeiteten Messias-Konzeption erhält der Messias von Gott überna- Israel durchsetzt. Als Repräsentant
(PsSal 17 und 18). Gott wird sich letzt- türliche Machtmittel übertragen. Die Gottes hat er Anteil an Gottes Macht,
lich auch gegenüber den Römern und Entmachtung der Feinde – der Heiden- aber auch an dessen Gerechtigkeit, so
allen Feinden der Frommen Israels völker und der „Sünder“, das heißt der dass er eine Herrschaft des Friedens
durchsetzen – mittels des Messias als Kollaborateure im eigenen Volk – stellt und der sozialen Gerechtigkeit für Is-
seines Bevollmächtigten. Der eigent- die Voraussetzung dar für die neue rael bringt.
liche König Israels ist Gott selbst, der Heilsherrschaft des Messias. Diese Fik-
aber in der Geschichte Israels David tion kehrt die realen Verhältnisse der
und seine Nachfolger als seine beauf- römischen Besatzung in Palästina ge- • In den apokalyptische Schriften
tragten Könige einsetzte und ihnen radewegs um. kommt der Menschensohn vom
den ewigen Bestand des Königtums In „Weisheit“ und „Gerechtigkeit“ Himmel
zusicherte. Der nun erwartete Messi- wird der Messias regieren, und er „wei- Das apokalyptische Weltbild rechnet
as ist ebenfalls „Sohn Davids“, Gott det die Herde des Herrn in Treue und mit dem völligen Abbruch der Ge-
hat ihn zum König erwählt. PsSal 17 Gerechtigkeit“ (17,40), womit er das schichte und der Aufrichtung eines
beschreibt den Messias als idealen Kö- bekannte Hirtenbild, das einen guten neuen Zeitalters oder Äons durch Gott
nig für Israel, der die desolaten politi- König kennzeichnet, verwirklicht. Wie in der Zukunft, der sogenannten Äonen-
schen Verhältnisse neu gestaltet und ein guter Hirte achtet er besonders auf wende. Nach dem im 2. Jh. vC entstan-
eine gute und gerechte Herrschaft für Schwache und Unterdrückte, indem er denen Daniel-Buch spielt dabei ein

QUELLENTEXT:
Psalm 17 der „Psalmen Salomos“ über den erwarteten Messias (um 50 vC)
„22[...] umgürte ihn mit Stärke,
• zu zermalmen ungerechte Fürsten,
• zu reinigen Jerusalem von Heidenvölkern, die vernichtend zertreten,
• 23in Weisheit (und) in Gerechtigkeit die Sünder vom Erbe zu verstoßen,
• des Sünders Übermut zu zerschlagen wie des Töpfers Geschirr,
• 24mit eisernem Stab zu zerschlagen all ihren Bestand,
• zu vernichten gesetzlose Völkerschaften durch das Wort seines Mundes,
• 25durch seine Drohung den Feind in die Flucht zu schlagen fort von seinem Angesicht,
• und die Sünder zu züchtigen in ihres Herzens Wort.“ (PsSal 17,22-25)

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welt und umwelt der bibel 2/2017
„Menschensohn“ eine entscheidende • In den Qumran-Schriften werden
Rolle (Dan 7,13f). Im äthiopischen He- zwei Messiasse genannt
nochbuch und im 4. Esrabuch verbin- In den nahe der Siedlung von Qumran
den sich Menschensohn- und Gesalb- am Toten Meer gefundenen Schriftrol-
tenvorstellung. len, die meist aus dem 1. Jh. vC stam-
Äthiopischer Henoch: In den um die men, sind ebenfalls Messiaserwartun-
Zeitenwende entstandenen Bilderre- gen bezeugt. Wir treffen hier jedoch
den des Henochbuchs (äthHen 37–71) auf eine Besonderheit: In einigen für
fungiert die Gestalt des „Gesalbten“, die Qumran-Gruppe typischen Schrif-
die häufig auch als „Menschensohn“ ten ist vom „Gesalbten Aarons und Is-
oder „Erwählter“ bezeichnet wird, als raels“ die Rede (1QS 9,11; CD 12,23-13,1;
endzeitlicher Richter über Sünder und 14,19; 19,10f; 20,1). Darunter sind zwei
Gottlose, besonders über Könige und Gesalbte zu verstehen: ein priesterli-
Machthaber. Er wird für die Gerech- cher und ein königlicher, womit die
ten in Israel eine Heilszeit aufrichten, Tradition der Priester Israels, die das
Erhöhung und Rettung bringen und Volk leiten und führen, in die Messias-
Gottes Gerechtigkeit machtvoll durch- vorstellung eindringt. Von ihnen wird
setzen. Dabei wird besonders seine eine Neuordnung der Lebensverhält-
Gerichtsfunktion hervorgehoben. Neu nisse am Ende der Zeiten erwartet. Die
hinzu treten die Motive der Präexis- Gegenwart wird dadurch zu einer Zeit
tenz und der Erwählung des Gesalbten der Vorbereitung. Das prägt die Iden-
durch Gott vor aller Zeit. Hier wird der tität der Gruppe. Die auffällige Dop-
Messias zu einer himmlischen Gestalt, Die Gemeinschaft, deren Schriften pelung der Gesalbtenerwartung zeigt,
man am Toten Meer gefunden hat,
die analog zu Gott selbst Verehrung wie flexibel die Messias-Konzeption
erwartete einen priesterlichen Messias
anwendbar war, und spiegelt ebenso
(aus Aaron) und einen königlichen
Messias (aus Israel): die soziale Struktur der Gruppe: Pries-
400 Jahre währt seine „... die Armen der Herde [...] werden ter hatten die Führung inne. Daher
entrinnen in der Zeit der Heimsu- wird der „Priester“, das heißt der pries-
Heilsherrschaft, bevor der chung. Aber die Übrigbleibenden terliche Gesalbte, nach 1QSa 2,11-22 in
Messias zusammen mit werden dem Schwert ausgeliefert der Versammlung der Endzeit den Vor-
werden beim Kommen des Messias rang vor dem „Gesalbten Israels“ be-
allen Menschen stirbt aus Aaron und Israel.“ sitzen. In anderen Qumran-Rollen tritt
(Damaskusschrift, CD 19,5-12) der königlich-davidische Gesalbte als
Einzelgestalt hervor, was der Konzep-
empfängt. Sein Auftreten geht dem tion der Psalmen Salomos entspricht.
neuen Äon voran und leitet dessen Rom stehenden „Adler“ durch und Er kann als „Gesalbter der Gerech-
Durchsetzung ein. befreit so das Volk von der Unterdrü- tigkeit“, als „Spross Davids“ oder als
Das 4. Buch Esra (Ende 1. Jh. nC) ckung durch Rom (4 Esr 12,31-34). Als „Fürst der Gemeinde“ angesprochen
beschreibt das Auftreten des Messias apokalyptischer „Mensch“ übernimmt werden (z. B. in 4Q252; 4Q285; 4Q161).
als befristete Heilszeit für das wieder er nach 13,1-56 die endzeitliche Funk- Er erscheint als Herrscher für das Volk
errichtete Israel, bevor Gott selbst den tion des Richters, indem er mit über- Israel – oder spezieller die Qumran-
neuen Äon schafft. 400 Jahre währt wältigender himmlischer Macht eine Gemeinde – und wird sich machtvoll
seine Heilsherrschaft nach 4 Esr 7,26- riesige feindliche Menge vernichtet. gegenüber den Feinden und Gottlosen
28, bevor der Messias zusammen mit Als Repräsentant Gottes in Vollmacht durchsetzen.
allen Menschen stirbt. Im Bild des kann er dann das heilige Volk Israel
„Löwen“ setzt er sich gegen den für sammeln.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 19
Die Erwartung eines Retters im Römischen Reich

„Auf der ganzen Erde erhebt


sich das goldene Geschlecht“
... mit diesen Worten hofft Vergil auf Frieden, Gerechtigkeit und stabile Verhält-
nisse: Die von Rom unterworfenen Völker, darunter auch das kleine jüdische Volk,
wünschen sich im Bürgerkrieg-Jahrhundert vor Christus nichts sehnlicher. Verzwei-
felte Menschen erwarten eine gewaltsame Zeitenwende, sie hoffen auf einen von
den Göttern gesandten „Retter“. Von Peter Herz

K
urz vor seinem Tode (14 nC) besuchte schuld, die seit der sagenhaften Gründung Roms
Kaiser Augustus mit einem Schiff die auf den Römern lastete, denn damals hatte der
Hafenstadt Puteoli in der Nähe von Ne- Stadtgründer Romulus seinen eigenen Bruder
apel. Als er dort an Land ging, wurde er gerade- Remus im Streit erschlagen. Horaz sah in dieser
zu enthusiastisch von der Besatzung und den verzweifelten Situation keinen anderen Ausweg
Passagieren eines Schiffes aus Alexandria emp- als die Flucht aus dieser Welt. Er bot sich daher
fangen, die ihn in Festkleidung und mit einem den Menschen als Prophet an, um sie zu einer
Weihrauchopfer begrüßten. Die Begründung für fernen und sicheren Küste und damit in die Si-
dieses Verhalten erfahren wir aus den Akklama- cherheit zu führen.
tionen, die sie ihm bei dieser Gelegenheit zurie- Auch der Dichter Vergil, der wie Horaz ein
fen: „Durch dich leben wir, durch dich fahren wir Verlierer der Bürgerkriege war, wurde von düste-
zur See, durch dich können wir Freiheit und Glück ren Ahnungen heimgesucht. Er stellte in seiner
genießen.“ vierten Ecloge fest, dass sich in der Tat die ge-
Der Kaiser war also derjenige, der in den Au- samte Menschheit im letzten Zeitalter einer Ent-
gen dieser Menschen persönlich Sicherheit und
Glück für sie garantierte. Um ein solches Ver-
halten verstehen zu können, müssen wir uns Es gelang den Römern
vor Augen halten, was die Errichtung der Al-
leinherrschaft durch Augustus für das damalige
innerhalb kurzer Zeit,
Mittelmeergebiet bedeutet hatte. Augustus hat- absolut unbeliebt zu werden
te mit seinem Sieg in der Schlacht von Actium
(31 vC) und der anschließenden Eroberung von
Alexandria (30 vC) erfolgreich eine Periode von wicklung befand, die in seinen Augen in einer
blutigen Bürgerkriegen und anderen Konflikten schrecklichen Katastrophe enden musste. Vergil
beendet, die fast ein Jahrhundert lang nicht nur steht dabei in der Tradition einer zyklischen Ge-
den römischen Staat, sondern auch die von ihm schichtsentwicklung, die ursprünglich von den
abhängige Welt des Mittelmeeres heimgesucht Babyloniern entwickelt worden und von dort in
hatte. die klassische Welt gekommen war, das soge-
Wie sich dies auf die mentale Situation der nannte große Jahr oder Weltjahr. Am Ende eines
Menschen auswirkte, kann man an dem Dichter solchen großen Jahres musste dann die gesamte
Horaz ablesen, der selbst ein Opfer der Bürger- Welt zwangsläufig in einer gewaltigen Katastro-
kriege war. Er konnte sich den mörderischen phe untergehen.
Bruderkampf zwischen Römern nur erklären, Während aber bei Horaz dieses Ende gleich-
indem er an einen alten Fluch erinnerte, unter bedeutend mit dem Weg in eine fast aussichts-
dem die Römer zu leiden hatten, eine alte Blut- lose und auch ausweglose Zukunft ist, sah Ver-

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welt und umwelt der bibel 2/2017
Gruß an die
geretteten
Untertanen: Bronze-
statue des Kaisers Augus-
tus in Turin vor der Porta
Palatina, dem nördlichen
Stadttor, erbaut Anfang
1. Jh. nC. Auf Augustus
trafen viele Eigenschaf-
ten zu, die der ersehnte
Retter haben sollte.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 21
die erwartung eines retters im römischen reich

gil dennoch hinter all diesem Schrecken etwas expandierten römische Finanzleute und Unter-
Hoffnung. Denn fast gesetzmäßig ist bei ihm nehmer in diesen Raum, die mit der politischen
dieses katastrophale Ende der jetzigen Epoche Rückendeckung ihres Heimatstaates mit der
der Welt identisch mit dem Beginn einer neuen hemmungslosen Ausbeutung dieser Gebiete be-
Abfolge von Zeitaltern, die natürlich mit einem gannen. Es gelang den Römern, innerhalb kur-
Goldenen Zeitalter beginnen würde. In den Wor- zer Zeit überall absolut unbeliebt zu werden.
ten Vergils: Als Reaktion auf das römische Verhalten un-
„Schon kommt das letzte Zeitalter der Prophe- ternahm es beispielsweise König Mithradates
zeiung von Kyme. Von Neuem beginnt der gro- Eupator von Pontos (südliche Schwarzmeerküs-
ße Kreislauf der Jahrhunderte, schon kehrt te/Kleinasien) eine antirömische Politik zu ini-
die Jungfrau zurück, es kehren die Zeiten tiieren, die die romfeindliche Stimmung in der
des Saturn zurück, schon wird das neue einheimischen Bevölkerung aufnahm. Er nutzte
Geschlecht vom Himmel herabgesandt“, dabei die tiefsitzenden Erwartungen der Men-
um dann fast triumphierend festzustel- schen aus, die einen von den Göttern gesandten
len, „auf der ganzen Erde erhebt sich Retter erwarteten. Dieser sollte sie von den Rö-
das goldene Geschlecht.“ mern befreien und dann vergangene und daher
nostalgisch verklärte bessere Zeiten zurückbrin-
gen. Mithradates führte über fast 30 Jahre mehre-
Die Opfer der römischen re Kriege gegen die Römer, die zwar zu schweren
Eroberungen hoffen auf einen Verwüstungen führten, aber die Erwartungen
göttlichen Retter der Menschen auf Dauer nicht erfüllen konnten.
Mit den bisherigen Zeugnissen können wir die Die Hoffnung auf Frieden, Gerechtigkeit und sta-
Stimmungslage der Römer nachvollziehen – bile Verhältnisse blieb bestehen.
doch wie empfanden die Menschen außerhalb Solche Vorstellungen, die mit dem Gedanken
des römischen Staates die damalige Situation, spielten, dass eine von den Göttern gesandte
also die Menschen, die eher Opfer der römi- Person erscheinen würde, um gewaltsam den
schen Expansionspolitik waren? gegenwärtigen Zustand der Misere zu beenden,
Als die Römer zu Beginn des 2. Jh. vC im Osten um dann die Menschen in eine bessere Zukunft
des Mittelmeergebietes aktiv wurden, erschie- zu führen, waren in der damaligen Zeit generell
nen sie vielen Menschen zunächst als Befreier weitverbreitet. So prophezeite in dem von der
und Retter aus der bisherigen politi- makedonischen Dynastie beherrschten Ägyp-
schen Situation. Dies änderte sich aber ten das sogenannte „Orakel des Töpfers“ für
Augustus wird immer als grundlegend. Die Römer hatten zwar die einheimische Bevölkerung, dass einmal der
junger Mann dargestellt. Die die etablierte politische Ordnung auf Tag kommen werde, an dem die Herrschaft der
Jugend ist ein Zeichen seiner den Kopf gestellt, sie hatten in Europa verhassten griechischen Herrscher in der fer-
Göttlichkeit. 1. Jh., Tunesien. das Reich der Makedonen ausgelöscht nen Stadt Alexandria beendet würde, damit die
BNF, Cabinet des Medailles, (Sieg von Pydna 168 vC) und die Seleu- inzwischen verherrlichten Tage ohne jegliche
Paris. kiden aus Kleinasien vertrieben (Friede Fremdherrschaft wiederkommen könnten.
von Apameia 188 vC), doch sie hatten es Die Juden, die unter der Herrschaft der Römer
zu leiden hatten, träumten vom Erscheinen ei-
nes von Gott gesandten Messias aus der alten
Königsfamilie der Davididen. Dieser würde nicht
Die Erwartung, dass von Gott oder den Göttern nur die fremden Herrscher aus dem Lande ver-
ein Retter aus der gegenwärtigen Misere gesandt treiben, sondern er sollte auch wieder das alte
Königreich Juda in seiner ganzen Macht und
werden würde, war damals allgemein verbreitet Herrlichkeit errichten. Die Tatsache, dass das
und nicht auf eine einzelne ethnische Gruppe historische Königreich Juda in der Zeit seiner
Existenz ein eher kleines politisches Gebilde ge-
wie etwa die Juden beschränkt wesen war, das meistens nur in der Abhängig-
keit von seinen größeren Nachbarstaaten hatte
überleben können, störte die Juden dabei nicht.
nicht geschafft, eine neue und stabile politische
Ordnung an diese Stelle zu setzen. Sie hatten es
vorgezogen, von ihnen politisch abhängige Re- Augustus passte zu allen Erwartungen
gime zu etablieren, die an ihrer Stelle die Ver- Wir können also zunächst feststellen, dass die
antwortung übernehmen sollten. Gleichzeitig Erwartung, von Gott bzw. den Göttern würde

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welt und umwelt der bibel 2/2017
die erwartung eines retters im römischen reich

ein Retter aus der gegenwärtigen Misere gesandt


werden, damals allgemein verbreitet und nicht
auf eine einzelne ethnische Gruppe wie etwa die
Juden beschränkt war. In allen Fällen war der
entscheidende Punkt, dass dieser Retter durch
die Gnade der Götter legitimiert war und in ei-
nem besonderen Verhältnis zu Gott oder den
Göttern stand.
Die besonderen Beziehungen, die zwischen
dieser Person, die man sich in der Regel als ei-
nen Monarchen vorstellte, und den Göttern be-
standen, ließen sich in verschiedenen Formen
ausdrücken:
• Dieser Herrscher ist selbst ein Gott, der
sich in menschlicher Gestalt und nur vorüber-
gehend auf Erden aufhält, um die Menschen
zu retten, bevor er dann wieder in die himmli-
schen Bereiche entschwindet.
• Dieser Herrscher ist der Sohn eines Gottes.
• Dieser Herrscher stammt aus einer Familie
mit göttlichen Vorfahren.
• Dieser Herrscher ist zwar ein Mensch, wird
aber von einem Gott mit göttlichen Kräften aus-
gestattet.
• Dieser Herrscher hat einen „persönlichen“
Schutzgott, der ihn bei seiner Tätigkeit zum Hafenszene auf einem Wandfresko aus der Stadt Stabiae, dargestellt
vermutlich Puteoli, wo Augustus mit den Worten „Durch dich leben wir!“
Wohle der Menschen unterstützt.
empfangen wird.
Wenn wir unter diesen Gesichtspunkten die
Persönlichkeit des Augustus genauer betrach- beiden Adoptivsöhne, Gaius und Lucius Caesar,
ten, dann finden wir dort fast all diese Punkte wurden in der Öffentlichkeit mit den Dioskuren,
berücksichtigt: den beiden Söhnen des Zeus/Iuppiter, vergli-
Augustus gehörte durch seine Adoption durch chen – das bedeutet, man verglich Augustus mit
Iulius Caesar zur Familie der Julier, die der Sage dem Göttervater Iuppiter.
nach aus Troja stammte, und deren Stammvater Sogar sein irdisches Ende am 19. August
Aeneas aus einer Beziehung zwischen Anchi- 14 nC bedeutet für ihn kein wirkliches Ende.
ses und der Göttin Aphrodite/Venus hervorge- Denn nach seinem Begräbnis trat ein Senator
gangen war. Zusätzlich existierte eine eigene auf, der unter Eid im Senat versicherte, er habe
Geburtslegende des Augustus, nach der er vom mit seinen eigenen Augen gesehen, dass die See-
Gott Apollon gezeugt worden war, der sich sei- le des Augustus zu den Göttern aufgestiegen sei.
ner Mutter Atia in seinem Tempel genähert hatte. Wie stark die Person des Augustus in der Öf-
Eine solche Geschichte ist nicht ungewöhn- fentlichkeit mit messianischen Vorstellungen
lich, da es vergleichbare Zeugungsgeschichten verknüpft wurde, zeigt das Kalenderdekret der
auch für Alexander den Großen, König Seleukos Provinz Asia, durch das der Neujahrstag auf den
und Scipio Africanus gab. Seine göttliche Ab- 23. September, den Geburtstag des Augustus,
kunft wurde bereits in seiner Kinderzeit durch verlegt wurde. Begründet wurde dies damit,
eine Reihe von Wundern bestätigt. Obwohl Au- dass seine von der göttlichen Vorhersehung be-
gustus fast 80 Jahre alt wurde, wird er nur als werkstelligte Geburt der Anfang aller Dinge in
jugendlicher und gewissermaßen altersloser der Welt sei und durch diese Geburt verhindert Prof. em. Dr. Peter Herz
Mann dargestellt, da die körperliche Schön- worden sei, dass sich die Welt selbst in den Ab- war Professor für Alte Ge-
heit ein Zeichen göttlicher Abkunft ist. Noch zu grund stürze. Nach den schmerzhaften Erfah- schichte an der Universität
Regensburg (1994–2014)
seinen Lebzeiten wurde in Rom unter anderem rungen, die die Menschen dieser Provinz in den
mit den Schwerpunkten
ein Altar der „Voraussicht des Augustus“ (Pro- vergangenen Jahrzehnten hatten machen müs- Geschichte der römischen
videntia Augusta) errichtet, durch den seine sen, kann man ohne Weiteres verstehen, dass Kaiserzeit, antike Religio-
besondere Fähigkeit, in die Zukunft wirkende ihnen Augustus wie ein auf Erden wandelnder nen (Herrscherkult), Sozial-
Entscheidungen zu treffen, geehrt wurde. Seine Gott erscheinen musste. W und Wirtschaftsgeschichte.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 23
Ankunft und Wiederkunft des Messias
im Lukasevangelium

Göttlicher
Besuch
erwartet

Der Friedenskönig reitet auf dem


Eselsfohlen. Alle vier Evangelisten erzählen den
Einzug Jesu in Jerusalem. Mit dem Ritt auf dem
Eselsfohlen erfüllt sich in der Sicht der Evangelis-
ten die Vision des Propheten Sacharja (9,9):
„Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist
gerecht und hilft; er ist demütig und reitet
auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem
Jungen einer Eselin.“
Der Esel steht symbolisch für den messianischen
Friedenskönig, der so anders war als die zeitgenös-
sischen politischen Herrscher. Holzfigur (1480),
Ulm, die bei Passionsspielen zum Einsatz kam.
Victoria and Albert Museum, London.

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Die frühen Christen warteten auf die Wiederkunft Jesu, davon erzählt etwa das Lukas­
evangelium. Damit ist die christliche Vorstellung entstanden, in einer Zwischenzeit zu
leben. Das Gericht wird auf das Ende der Welt vertagt. Ob Jesus selbst mit der Ankunft
des „Menschensohnes“ seine eigene Wiederkunft meinte, bleibt eine offene Frage.
Von Wilfried Eisele

Z
u allen Zeiten hat das Auftreten sich, ihn so weit wie möglich vor der Stadt dische König Jesus in seine Hauptstadt
mächtiger Männer hochfliegen- zu empfangen. Aber auch die anderen Jerusalem ein. Das nun folgende Gleich-
de Erwartungen und tiefsitzende Bürger konnten einen Aufschub der Be- nis Jesu bestätigt diese Wahrnehmung:
Ängste ausgelöst. Wo ein Kaiser oder gegnung nicht mehr ertragen, sondern „Ein hochwohlgeborener Mensch reis-
König oder sonst ein hoher Amtsträger strömten in Massen aus der Stadt; [...] te in ein fernes Land, um das Königtum
sich sehen ließ, konnte er huldvoll Ge- Die Milde seines Angesichtes und sein für sich zu erlangen und zurückzukeh-
schenke verteilen oder zornig Strafen sanfter Ausdruck begeisterte alle, an de- ren. Seine Bürger aber hassten ihn und
verhängen. Deshalb hing alles davon nen er vorüber kam, zu den verschiedens- schickten eine Gesandtschaft hinter ihm
ab, wie man ihm begegnete. Gewöhn- ten Zurufen: ‚Wohltäter‘, ‚Heilbringer‘ [= her und ließen ausrichten: ‚Wir wollen
lich ging man ihm weit entgegen, um ‚Retter‘] und ‚einzig würdiger Herrscher nicht, dass dieser König über uns wird.‘
ihm das Ehrengeleit in die Stadt zu ge- Roms‘; die ganze Stadt war übrigens wie Und es geschah nach seiner Rückkehr, als
ben. Am einfachsten war es, wenn seine ein Tempel angefüllt mit Kränzen und er das Königtum erlangt hatte, da befahl
Ankunft echte Begeisterung auslöste. Räucherwerk. Nur mit Mühe konnte er er: ‚Doch diese meine Feinde, die nicht
Wo sie fehlte, mussten Jubelperser und in der Menge, die sich um ihn drängte, wollten, dass ich König über sie werde,
Schmeichelredner her. War mit dem zu seinem Palast gelangen, wo er den bringt her und schlachtet sie ab vor mei-
Zorn des hohen Gastes zu rechnen, wur- Hausgöttern Dankopfer für seine Ankunft nen Augen!‘“ (V. 12.14-15a.27f)
de Zerknirschung zur Schau getragen, brachte.“ (Jos. Bell. 7,64-72; Übers. Mi- Jesus vergleicht sich hier allen Erns-
um möglichst wieder Gnade zu finden. chel/Bauernfeind) tes mit einem skrupellosen Klientelkö-
Im besten Fall gewannen beide Seiten: nig, der seine Gegner erbarmungslos
der eine persönliches Ansehen und niedermetzeln lässt. Er spielt sogar auf
Macht, die anderen politische und wirt- Die Ankunft Jesu in Jerusalem ein historisches Beispiel an, das seiner
schaftliche Vergünstigungen. Im Rah- Alle vier Evangelisten erzählen von ei- Hörerschaft bekannt gewesen sein dürf-
men des hellenistisch-römischen Herr- nem ähnlichen Ereignis, das freilich auf te: Nach dem Tod Herodes’ des Großen
scherkultes wurde die Ankunft (griech. viel kleinerer Bühne stattgefunden hat: (4 vC) reiste sein Sohn Archelaos nach
parusia, lat. adventus) hochgestellter dem Einzug Jesu in Jerusalem. Dabei ar- Rom, um von Kaiser Augustus zum Kö-
Persönlichkeiten von Städten und Pro- beitet Lukas die politischen Anspielun- nig von Judäa ernannt zu werden. Er
vinzen mit gigantischem Pomp insze- gen besonders deutlich heraus (Lk 19). bekam aber nur die Hälfte des Reiches
niert. Dabei wurden Kaiser und Könige Noch bevor Jesus Jerusalem erreicht, als Ethnarch („Volksherrscher“) zuge-
auch mit göttlichen Attributen versehen kehrt er in Jericho beim Oberzollpächter sprochen und wurde zehn Jahre später
und ließen sich als Retter oder sichtbare Zachäus ein. Als dieser sich von seinem aufgrund der Brutalität seiner Herr-
Götter feiern. Ihr Besuch wurde dadurch korrupten Geschäftsgebaren lossagt, schaft wieder abgesetzt. Das Gleichnis
zur göttlichen Erscheinung (griech. epi- gibt Jesus ihm zur Antwort: „Heute ist lässt also erwarten, dass Jesus sich nun
phaneia). diesem Haus Rettung widerfahren [...]. in Jerusalem zum König der Juden auf-
Der jüdische Geschichtsschreiber Fla- Gekommen ist nämlich der Menschen- schwingt und seine Gegner vernichtet.
vius Josephus schildert den Einzug Ves- sohn, um zu suchen und zu retten das Der letzte Satz – „nach dieser Rede
pasians in Rom (70 nC), nachdem dieser Verlorene“ (V.9f). Mit dem Menschen- zog er voran und ging nach Jerusalem hi-
zuvor von römischen Truppen in Syrien sohn ist Jesus selbst gemeint, der – wie nauf“ (V. 28) – schafft einen nahtlosen
und Alexandria als Kaiser akklamiert die göttlichen Könige – als Retter der Übergang aus der Welt des Gleichnisses
worden war: Menschen erscheint. in die Welt Jesu, der kurz darauf von
„Als Vespasian sogar noch weit weg „Und als sie das hörten“, fährt Lukas seinen Jüngern nach Jerusalem geleitet
war, huldigten ihm bereits die Menschen fort, „erzählte Jesus dazuhin ein Gleich- und zum König ausgerufen wird: „Ge-
Italiens, als sei er schon gekommen; [...] nis, weil er nahe bei Jerusalem war und segnet sei er, der kommt – der König – im
Angesichts der Begeisterung aus allen sie meinten, sogleich werde das Reich Namen des Herrn!“ (V.38). Aus der Stadt
Schichten der Bevölkerung konnten die- Gottes erscheinen“ (V.11). Die Leute ver- kommt ihm kein Mensch zur Begrüßung
jenigen, die durch Würden hervorragten, stehen sofort: Wie der römische Kaiser jubelnd entgegen (anders Mk 11,8; Mt
nicht länger warten, sondern beeilten Vespasian in Rom, so zieht jetzt der jü- 21,8). Die Pharisäer, seine Widersacher

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welt und umwelt der bibel 2/2017 25
göttlicher besuch erwartet

von Anfang an, treten sogar gegen ihn


auf: „Weise deine Jünger zurecht!“ (V.39).
Wie vom König im Gleichnis würde man
eine gewalttätige Reaktion Jesu erwarten,
doch das Gegenteil ist der Fall. Über den
Einwurf der Pharisäer geht Jesus souve-
rän hinweg: „Wenn sie schweigen, werden
die Steine schreien“ (V.40). Und über die
Stadt bricht er sogar in Tränen aus, weil
sie die Chance zum Frieden, die mit Jesus
gekommen ist, nicht wahrnimmt (V.41f).

Die Zerstörung Jerusalems und die


Wiederkunft Jesu
Spätestens hier wird deutlich, dass die
Bedeutung des Gleichnisses über den
Einzug Jesu in Jerusalem um 30 nC hi-
nausreicht. Daneben tut sich nämlich
eine zweite Zeitebene auf. Jesus sieht die
Zerstörung der Stadt voraus, die zur Zeit
des Lukas (um 85 nC) bereits geschehen
ist: „Es werden Tage über dich kommen,
in denen deine Feinde keinen Stein in dir
auf dem anderen lassen werden“ (V.43f).
Nachdem im 1. Jüdischen Krieg die
Aufständischen Stadt und Tempel ein-
genommen hatten, wurde Jerusalem 70
nC von Vespasians Sohn Titus belagert
und schließlich zerstört. Lukas sieht da-
rin eine Folge der Ablehnung, die Jesus
von den Hohepriestern, Schriftgelehrten
und Spitzen des Volkes erfuhr, während
das übrige Volk an ihm hing (V.47f). Je-
sus selbst vernichtet seine Feinde zwar
nicht – dazu hatte er gar nicht die Macht.
Aber er reizt sie bis aufs Blut, indem er
den Tempelbetrieb in Jerusalem und da-
mit ihre Machtbasis empfindlich stört
(V.45f). Trotzdem ist er für Lukas kein
Revolutionär, hebt er doch die „Räuber-
höhle“ aus, die die Aufständischen im
Jüdischen Krieg – für Josephus allesamt
„Räuber“ – aus dem Tempel in Jerusalem
Himmelfahrt Christi. Auf der Elfenbeintafel (entstanden in Rom um 400 gemacht haben.
nC), ergreift die Hand des Vaters aus einer Wolke die Hand des Sohnes. Die Fragt man sich, wo bei all dem die
Frauen begegnen dem Engel am Grab Christi (der spätantike Memorialbau in
Pharisäer geblieben sind, so öffnet sich
der Grabeskirche). Aus dem Grab wächst ein Früchte spendender Baum. Zur
eine dritte Zeitebene: die Endzeit. Als
Entstehungszeit der Elfenbeintafel entwickelte sich auch das Glaubensbe-
Todfeinde Jesu in Jerusalem tauchen ab
kenntnis: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird
der „Tempelreinigung“ nur noch die Ho-
er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“
hepriester und Schriftgelehrten auf. Die
Sogenannte „Reidersche Tafel“, Elfenbein, Rom um 400 nC, Höhe 18,7 cm.
Bayerisches Nationalmuseum München. Pharisäer, mit denen Jesus vorher oft im
Streit lag, sind nach dem Einzug Jesu in
die Stadt auf einmal völlig verschwun-
den. Lukas hat ihnen den Abschied aber

26 welt und umwelt der bibel 2/2017


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göttlicher besuch erwartet

eigentlich schon viel früher gegeben (Lk auszubreiten als einen Raum des Friedens Naherwartung im
13,31-35). Als sie Jesus vor seinem gali- in dieser Welt, wo Menschen an Leib und
läischen Landesherrn Herodes Antipas Seele gesunden (Lk 9,1f.6; 10,5-9). Das ist Urchristentum
warnen, der ihn angeblich töten will, das Pfund, mit dem die Jünger wuchern
In neutestamentlicher Zeit setzen sich
schaut Jesus auf seinen Tod in Jerusalem müssen, wenn sie am Ende im Gericht be-
die Christusgläubigen damit auseinan­
voraus und prophezeit den Pharisäern: stehen wollen. Davon handelt ein zweiter
der, wann der Christus zur Errichtung
„Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis Erzählstrang im Gleichnis Jesu.
der endgültigen Gottesherrschaft
es dahin kommt, dass ihr ruft: ‚Gepriesen Wie viel Zeit wird aber der Bekehrung
zurückkommt. In den Schriften sind
sei er, der kommt im Namen des Herrn!‘“ eingeräumt? Oder wie lange muss die Be-
verschiedene Phasen spürbar.
(Lk 13,35). Beim Einzug Jesu in Jerusalem währung durchhalten? Einerseits gibt Je-
• Eine frühe Haltung ist, seine baldige
ist das der Willkommensgruß der Jünger, sus Anlass, seine Wiederkunft sehr bald
Wiederkehr zu erwarten, noch zur Leb­
den sich die Pharisäer freilich verbitten zu erwarten: „Von denen, die hier stehen,
zeit von Augenzeugen. Der Ruf marana-
(s. o.: „Weise deine Jünger zurecht!“). Jesu werden manche den Tod nicht schmecken,
tha, „Unser Herr, komm!“, zeugt davon.
Prophezeiung gegenüber den Pharisä- bis sie das Reich Gottes gesehen haben“
• In den folgenden Jahrzehnten vollzieht
ern bezieht sich somit auf seine Wieder- (Lk 9,27).
sich der Wandel zu einer längerfristigen
kunft, die sich erst nach seiner Tötung, Andererseits warnt er davor, Leuten
Vorstellung. Gleichnisse wie das von den
Auferstehung und Himmelfahrt in unbe- nachzulaufen, die auf Zeichen seiner
zehn Jungfrauen, die den Bräutigam
stimmter Zukunft ereignen soll: „Dieser Wiederkehr verweisen: „Und sie werden
erwarten, weisen auf eine Haltung hin,
Jesus, der von euch weg in den Himmel euch sagen: ‚Seht da!‘ Oder: ‚Seht hier!‘
in der man zwar immer mit der Wieder­
aufgenommen wurde, wird ebenso kom- Geht nicht hin und folgt ihnen nicht!“ (Lk
kunft rechnen muss, den Zeitpunkt aber
men, wie ihr ihn habt gehen sehen in den 17,23)
nicht kennt. In der Zwischenzeit gilt es
Himmel“ (so Lukas in Apg 1,11). Wenn Jesus wirklich wiederkommt,
nach christlichen Normen zu leben.
wird das auf so eindeutige Weise gesche-
Die Evangelien, Briefe und die
hen, dass es keinen Zweifel daran gibt
Zwischenzeit der Bekehrung und (Lk 17,24). In der Zwischenzeit kann man Johannesoffenbarung entstehen in der
Bewährung nichts weiter tun, als jeden Tag so zu le- Hoffnung auf die Wiederkunft des Mes­
sias, mit der die Endzeit beginnt. Ihm
Das Gericht, dem die Gegner Jesu im ben, dass es der letzte sein könnte. Unter
entgegenzugehen, wie es beim Emp­
Gleichnis verfallen, bleibt als Drohung diesen Vorzeichen duldet die Umkehr
fangsritual der hellenistisch-römischen
bestehen. Aber sein Urteil wird in die- des Sünders keinerlei Aufschub, weil es
Kaiser üblich war, ist als Vorstellung im
ser Zeit und Welt weder von Jesus selbst alsbald zu spät sein könnte. Umgekehrt
Ur- und Frühchristentum präsent. Diese
noch von seinen Jüngern gesprochen. darf, wer einmal Jesu Jünger geworden
hoffende und erwartende Haltung hat
Vielmehr ist das Gericht auf das Ende der ist, in seinem Eifer für das Reich Gottes
bis heute im Christentum Gültigkeit.
Welt vertagt worden, wenn Jesus als Kö- niemals nachlassen.
nig und Richter wiederkehrt. Das Schick-
sal der Pharisäer entscheidet sich ebenso
wie das Schicksal aller Menschen erst Die Sicht der Evangelisten
Zum Schluss muss noch eines klargestellt
werden: Nirgendwo in den Evangelien
In der Zwischenzeit kann spricht Jesus direkt von seiner eigenen
Wiederkunft. Dass er mit dem Menschen-
man nichts weiter tun, als sohn sich selbst meint, ergibt sich jeweils
jeden Tag so zu leben, dass aus dem Zusammenhang; dass der König
im besprochenen Gleichnis für Jesus
es der letzte sein könnte steht, ebenso. Das wirft die Frage auf, ob
der historische Jesus seine eigene Wie-
dann endgültig, wenn sie Jesus als „den derkunft überhaupt schon thematisiert
Menschensohn in einer Wolke kommen hat, oder ob die Evangelisten diesen Zu-
sehen mit großer Kraft und Herrlichkeit“ sammenhang in ihren Texten allererst
(Lk 21,27). Die Spanne bis dahin ist eine hergestellt haben. Eine sichere Antwort
Zeit der Bekehrung und Bewährung. Je- ist kaum möglich, weil wir hinter die Tex- Prof. Dr. Wilfried Eisele
lehrt Neues Testament an der Universität
sus sagt den Pharisäern voraus, dass sie te nur schwer zurückkommen. In jedem
Tübingen. Zu seinen Forschungsschwer­
sich am Ende auf die Seite seiner Jünger Fall ist damit zu rechnen, dass die Evan- punkten gehören derzeit antike Spruch­
geschlagen haben werden. Diese müssen gelisten vorhandene Ansätze im Selbst- sammlungen (z. B. Thomasevangelium,
sich hingegen warnen lassen: Sie stehen verständnis Jesu vertieft und ausgebaut Sextussprüche) sowie das lukanische
in der Pflicht, wie Jesus das Reich Gottes haben. W Doppelwerk.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 27
Blick vom Ölberg über
die großen jüdischen und
muslimischen Friedhöfe und
das Kidrontal. Der Ölberg
ist die Grenze zur Wüste,
der traditionelle Ort des
Endgerichts. Wer hier ruht,
möchte dem endzeitlichen
Geschehen einst möglichst
nahe sein.

Jerusalem als Ort des Endgerichts

Die Stadt des Messias


Östlich der Altstadt befinden sich viele jüdische und muslimische Gräber. Traditionell heißt es, der
Messias ziehe beim Endgericht über den Ölberg nach Jerusalem ein und leite die Auferstehung der
Toten ein. Welche Hintergründe hat die Tradition? Von Tamar A. Avraham

D
ie Ölbergkette bildet bis heute che Begrenzung gab, ausdehnte und rontal, stellt einen wesentlich tieferen
die östliche Stadtgrenze Jeru- dort der Salomonische Tempel errichtet Einschnitt dar als sein westliches Gegen-
salems. Die Stadtentwicklung wurde. Gegen Ende des 8. vorchristli- stück, und die Ölbergkette lag mit 826
begann auf dem „Südosthügel“. Dieser chen Jahrhunderts wurde das westliche m ü. M. gut achtzig Meter höher als das
besaß die größte Quelle der Umgebung Tal, später als Tyropoion-Tal bezeichnet, bestehende Stadtgebiet. Dazu kam aber
und war durch Taleinschnitte im Osten überbrückt und mit der Besiedlung des wohl auch, dass die Kuppe des Ölberges
und Westen, die im Süden zu einem „Westhügels“ begonnen. Zu einer ver- die Grenze zwischen fruchtbarem Land
Spitz zusammenlaufen, vor Angriffen gleichbaren Ausweitung nach Osten hin und lebensfeindlicher Wüste darstellt,
geschützt. Topografisch gesehen war kam es nicht. Das lag zum einen sicher da die Regenwolken an der Bergkette
es logisch, dass sich Jerusalem im 10. daran, dass die Topografie sich einer or- hängen bleiben und bereits der Ostab-
vorchristlichen Jahrhundert zunächst ganischen Stadtentwicklung nach Osten hang fast regenlos bleibt. Außerdem
nach Norden, wohin es keine natürli- widersetzte: Das östliche Tal, das Kid- entwickelte sich, zunächst im Kidrontal

28 welt und umwelt der bibel 2/2017


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und dann immer weiter hinaufwach- das Kidrontal zum Ölberg – zum Ort Erwähnung eines falschen Propheten
send, am Westabhang des Ölbergs die endzeitlichen Geschehens. Östlich von aus Ägypten da, der während der Regie-
Nekropolis Jerusalems, und der Ölberg Jerusalem begraben zu werden, drückt rungszeit des Prokurators Felix (52–60
wurde zur Stadt der Toten gegenüber der den Wunsch aus, diesem Geschehen nC) Volksmassen auf den Ölberg führte,
Stadt der Lebenden. einst möglichst nahe zu sein. Die Musli- um ihnen zu zeigen, wie er von dort aus
All dies steht im Hintergrund, wenn me, die Jahrhunderte später den Felsen- in die Stadt eindringen, die Römer ver-
prophetische Texte den Ölberg und das dom an der Stelle der beiden jüdischen treiben und sich selbst zum Herrscher
Kidrontal mit dem Endgericht verbin- Tempel errichteten, übernahmen neben proklamieren werde (Bell 2,261ff; Ant
den. Nach Sacharja 14 werden am Tag ihrer eigenen Tradition von der Himmel- 20,168-171). Der christlichen Tradition
des Herrn die Füße des Herrn auf dem fahrt Muhammads einen Großteil der blieb es vorbehalten, die prophetischen
Ölberg stehen und dieser wird sich in Tempelsymbolik vom Ort der Schöpfung Texte auf Jesus von Nazaret zu deuten,
der Mitte spalten (V. 4). „Der Herr wird und Lebensspendung sowie die Traditi- der als Inkarnierung der „Herrlichkeit
König sein über die ganze Erde“ (V. 9). on vom Endgericht östlich des heiligen Gottes“ vom Ölberg hinunter in die
Dem Gericht über die gegen Jerusalem Stadt ritt, sein Heiligtum betrat und mit
kämpfenden Völker (V. 12-15) wird die der Vertreibung der Händler den letz-
Völkerwallfahrt folgen (V. 16-21). Nach Nach Sacharja 14 ten Vers von Sach 14 erfüllte: „An jenem
Joël 4 wird das Gericht über die Völker Tag wird kein Händler mehr im Haus des
im Kidrontal stattfinden, das hier das werden am Tag des Herrn Herrn der Heere sein“ (V. 21; vgl. Mt 21,1-
Tal Joschafat („der Herr richtet“) ge- die Füße des Herrn auf 17; Mk 11,1-19; Lk 19,28-48).
nannt wird (V. 2.12), während der Zion, Gemeinsame Topografie kann, wenn
Jerusalem, zum Zufluchtsort für das dem Ölberg stehen sie nicht zum Zankapfel wird, Religio-
Volk des Herrn werden wird (V. 16). nen verbinden. So schreibt, als habe der
christliche Messias Bedeutung auch für
Bezirks. So entwickelte sich jenseits der die Muslime, Mudschir Ad-Din 1496 in
Beim Endgericht wird Gott von östlichen Mauer, am westlichen Abhang seiner Geschichte Jerusalems und He-
Osten in den Tempel einziehen des Kidrontals, der muslimische Fried- brons über die verschlossenen Flügel
Ezechiel, der Prophet des Babylonischen hof aus einem ähnlichen Bestreben, des Osttores: „Die Tore werden erst wie-
Exils, stellt dem – sich vor seinen Augen beim Endgericht präsent zu sein. Das zu- der geöffnet werden, wenn der Herr Jesus,
tatsächlich vollziehenden – Gericht der gemauerte Osttor, in den europäischen der Sohn der Maria, gesegnet sei er, her-
Tempelzerstörung und Gottverlassen- Sprachen meist „Goldenes Tor“, aber absteigen wird.“ W
heit Jerusalems die endzeitliche Wieder- von Muslimen wie Juden der endzeit-
herstellung des Tempels als Thronsitz lichen Thematik besser entsprechend Lesetipp
Gottes gegenüber. Dabei lässt er den „Tor des Erbarmens“ genannt, ist eine • Max Küchler, Jerusalem. Ein Hand-
Ölberg zum Exilssitz Gottes werden. An- späte Stein-Werdung der Ezechiel-Vision buch und Studienreiseführer zur Heili-
gesichts der Entweihung des Tempels vom verschlossenen Tor. Man weiß nicht gen Stadt, Göttingen 2007, S. 180–204,
durch Götzendienst (Ez 8) verlässt die genau, wann es zugemauert wurde, ver- 670–675, 790–810.
„Herrlichkeit des Herrn“ auf ihrem von mutlich nach dem 15. Jh., und, wer weiß,
den Kerubim gelenkten Thronwagen vielleicht auch, um messianischen Nah­
zunächst das Allerheiligste (9,3; 10,4), erwartungen einen Riegel vorzuschie-
dann durch das östliche Tor den Tempel ben.
(10,19) und schließlich die Stadt (11,23), Eine messianische Erwartung in dem
um auf dem „Berg, der östlich der Stadt engen Sinn eines personifizierten Mes-
ist“ stehen zu bleiben. sias enthalten weder die prophetischen
In der Gegenbewegung gipfelt Ezechi- Texte vom Ölberg und vom Kidrontal
els Vision des neuen Tempels im Einzug noch die aus ihnen erwachsene jüdische
der Herrlichkeit Gottes von Osten (43,2), und muslimische Tradition. Die jüdische
also wieder vom Ölberg her, durch das Tradition hat jedoch die aus dem Tem- Tamar A. Avraham M.A. ist Theologin mit
östliche Tor in den Tempel (43,4), wo pel hinaus- und wieder in ihn hinein- Zusatzstudien in Judaistik, Religions- und Islam-
der Herr für immer unter den Kindern Is- ziehende „Herrlichkeit Gottes“ als die wissenschaft und langjährige wissenschaftliche
raels wohnen wird (43,7). Da „der Herr, „Schekhina“ gedeutet, die Präsenz Got- Mitarbeiterin an der Schoah-Gedenkstätte
tes in der Welt, eine seiner – weiblichen Yad Vashem. Ihre Forschungsschwerpunkte:
der Gott Israels“ durch das östliche Tor
Topologie und Theologie der heiligen Orte der
eingezogen ist, soll niemand anders je – Offenbarungsformen, die schließlich
drei monotheistischen Religionen in Jerusa-
hindurchgehen, und es soll geschlossen vom Ölberg an ihren Ort im Himmel zu- lem; Zivilreligion in Israel und Siedlertheologie;
bleiben (44,2). rückkehrt und dort darauf hofft, dass die Erinnerungskultur und -verdrängung in Israel.
So verschmilzt alles, was östlich des Kinder Israels in ihrer Not nach ihr rufen Als Reiseführerin begleitet sie Gruppen durch
Tempels liegt – vom östlichen Tor über werden. Isoliert steht Josephus Flavius’ Israel. Sie lebt in Jerusalem.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 29
David, lebendig,
frisch, mutig,
unverbraucht. Er
hat mit Gottes Hilfe
den übermächtigen
Goliat besiegt. Auf
seinen Nachkommen
ruht die gleiche Hoff-
nung: Gott wird ihnen
helfen, die Feinde
Israels zu besiegen.
Darstellung von Tanzio
da Varallo (1625): Der
Jüngling hat schon
den muskulösen Arm
eines Erwachsenen.
Pinacoteca di Varallo
(Italien).

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Die Wurzeln messianischer Hoffnung im Alten Testament

„Der Geist des Herrn


ruht auf ihm ...“
Die messianischen Hoffnungstexte im Alten Testament fesseln bis heute: Sie be-
schreiben einen ersehnten Heilskönig, sanft und mächtig zugleich. Er bringt Frieden
und Recht, so der Prophet Jesaja. Diese Hoffnungstexte, verwoben quer durch das
Alte Testament, inspirieren später Evangelisten, Rabbinen und Bibellesende.
Von Ralf Rothenbusch

B
egibt man sich in der Hebräischen Bibel Königstitel – für das Wohlergehen seines Vol-
auf die Suche nach der Titulatur „Messi- kes. Das ist zumindest die königsideologische
as“, stößt man im Wesentlichen auf zwei Sicht, wie sie uns in den Psalmen begegnet. Ps
Spuren: 72 erbittet Gottes Hilfe für das Rechtschaffen des
• den König Israels als „Gesalbten“, denn Königs, insbesondere zugunsten der Armen und
nichts anderes bedeutet das Wort, Unterdrückten: „In seinen Tagen sprosse der Ge-
• und den „gesalbten Priester“. Der Priester rechte und Fülle des Friedens …“ (V. 7).
wird uns später noch einmal begegnen. Gerechtigkeit und Frieden – das erwartet man
Zu der Gestalt, die wir als Messias vor Augen vom König. Damit einher gehen Wohlstand und
haben, führt uns aber der königliche Messias Überfluss: „Im Land gebe es Korn in Fülle, es rau-
aus Davids Haus. Genau genommen bezieht sich sche auf dem Gipfel der Berge …“ (V. 16).
die Mehrzahl der Aussagen über den Gesalbten
als historische Person eigentlich auf Davids Vor-
gänger Saul. In fast allen Fällen geht es dabei Frieden und Sicherheit unter dem
um die unantastbare Stellung des von JHWH Feigenbaum
erwählten Königs und seine ganz besondere Ein solcher König ist Davids Sohn Salomo, auf
Beziehung zum Gott Israels. Er ist der „Gesalbte den die biblische Tradition diesen Psalm be-
JHWHs“ – ohne diese Bestimmung ist der Titel zieht: Er erweist sich als gerecht und weise,
eigentlich unvollständig. Der biblischen Über- seine ideale Herrschaft bedeutet Frieden und
lieferung nach ist es der Gott Israels selbst, der
das Königtum von Saul auf David und sein Haus
überträgt. Er verspricht ihm durch den Hofpro- Der König verspricht die Erfüllung ganz
pheten Natan sogar ein Königtum „für immer“
(2 Sam 7; Ps 132). Und als der Untergang des
menschlicher Sehnsüchte: nach Frieden,
davidischen Königtums in Jerusalem vor Augen Gerechtigkeit und Wohlergehen
steht, klagt Ps 89 die Treue Gottes zu seiner Ver-
heißung mit Nachdruck ein. Von JHWH erhoffen
die Königspsalmen, dass er „seinem Gesalbten“, Wohlstand für alle: „Juda und Israel lebten in
dem König aus Davids Haus, schützend und ret- Sicherheit, ein jeder saß unter seinem Weinstock
tend beisteht. und seinem Feigenbaum …“ (1 Kön 5,5).
Was Königtum in Israel und im Alten Orient Der König verspricht die Erfüllung ganz
bedeutet, ist für uns nur noch schwer vorstell- menschlicher Sehnsüchte: nach Frieden, Ge-
bar. Der König ist die Inkarnation des Rechts und rechtigkeit und Wohlergehen, Befreiung aus
sorgt als Hirte – ein üblicher altorientalischer aller Not. Dieser Grundton und seine politisch-

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welt und umwelt der bibel 2/2017 31
die Wurzeln messianischer Hoffnung im alten testament

1. Die Ankündigung (Jes 7,1-17)


2. Geburt und Inthronisation eines königli-
chen Kindes (Jes 9,1-6)
3. Seine heilvolle Herrschaft (Jes 11,1-9), aus-
drücklich verbunden mit dem Haus Davids.
Es sind Texte, die die Hoffnung auf die Ret-
tung des Volkes aus seiner Bedrängnis durch
einen königlichen Messias formulieren, wenn
auch der Titel an diesen und anderen „messiani-
schen“ Stellen gar nicht verwendet wird und die
als „Messias“ bezeichnete endzeitliche Retterge-
stalt erst in der nachalttestamentlichen Literatur
auftaucht.

Messianische Hoffnungstexte im
Alten Testament
Jes 9,1f verkündet eine Wende der Not zum Gu-
ten: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein
großes Licht …“ Diese Erfahrung weckt unbändi-
gen Jubel. Den Grund dafür enthüllen die folgen-
den Verse: Die Last der drückenden Fremdherr-
schaft ist restlos beseitigt und die militärische
Macht des Eroberers zerbrochen (V. 3 und 4). Die

Unter allen Lebewesen wird


Frieden sein. Es ist eine
Wende der Zeit, von einer
Epoche der Gewalt zu einer
Epoche frei von Gewalt

eindringliche Bildsprache lässt die unerbittliche


Der gute Hirte ist ein gesellschaftliche Dimension werden auch die Gewalt des Feindes, den Stock des Antreibers
Symbol für den fürsorgli- späteren messianischen Hoffnungen bestimmen. auf der Schulter, noch spüren und den dahin-
chen, gerechten König in Schon in den Tagen Davids und Salomos, so stampfenden assyrischen Soldatenstiefel hören.
der gesamten Bibel. Im
erzählt es die biblische Überlieferung, klafften Angesichts der schier unüberwindlichen Macht
im Alten Orient wurden
Ideal und Wirklichkeit der königlichen Herr- der Assyrer stellt sich umso mehr die Frage, wie
Könige so benannt.
schaft allerdings auseinander – und nach ihnen es zu dieser Rettung kommen kann. Erst V. 5f löst
In den Katakombenmale-
war das nicht anders. Die Not Israels hatte aber die Spannung mit einer überraschenden Aussa-
reien (hier Priscillakata-
nicht nur interne Ursachen. Einen ersten Höhe- ge: „Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist
kombe, 3. Jh., Rom) ist
er ein beliebtes christli- punkt erreichte sie in den kriegerischen Ausei- uns geschenkt.“ Auf der Schulter dieses Kindes
ches Motiv, bezogen auf nandersetzungen, die die assyrische Herrschaft liegt die Friedensherrschaft, im Gegensatz zum
Christus. in Syrien und Palästina ab dem 8. Jh. vC mit Stock der Besatzer, den Gott zerbrochen hat.
sich brachte. In akuter militärischer Bedrängnis Noch tiefer lassen die Thronnamen blicken, die
versichert Jesaja dem verstockten König Ahas das Kind erhält, und die Nennung des Gottes Is-
JHWHs Schutz und Beistand. Als Zeichen dafür raels im letzten Satz des Textes: JHWH selbst ist
kündigt er die Geburt eines Kindes an, vermut- es, der sein Volk von den Ausbeutern befreit, so
lich im königlichen Haus, das den Namen Imma- wie beim Exodus, und der den Feind wie am Tag
nuel, „Gott mit uns“, tragen soll (Jes 7,1-17). Diese von Midian überwältigt (V. 3f; vgl. Ri 7).
berühmte Verheißung wird zu einem „messiani- Die heilvolle Herrschaft dieses Königs schil-
schen Triptychon“ (Erich Zenger) entfaltet: dert Jes 11,1-5.6-9. Der erste Vers kündigt – im

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welt und umwelt der bibel 2/2017
die Wurzeln messianischer Hoffnung im alten testament

Kontrast zur Gewaltherrschaft der Assyrer und


ihres Königs (Jes 10) – das wunderbare Auftre-
ten eines messianischen Herrschers an: „Doch
aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis her-
vor …“.
Damit ist nicht einfach ein weiterer König aus
der David-Dynastie gemeint, mit denen man
schon genug schlechte Erfahrungen gemacht
hat – hier schwingt auch Kritik am realen Kö-
nigtum mit, wie sie sich im Alten Testament gar
nicht selten findet. JHWH wird einen Neuanfang
machen wie seinerzeit mit David selbst: Aus dem
Baumstumpf Isais, des Vaters Davids, wird ein
neuer David sprossen! So lässt auch die messi-
anische Verheißung Micha 5,1-3 den künftigen
König, dessen Ursprung in unvordenklicher Zeit
liegt, aus dem kleinen Betlehem hervorgehen,
der Stadt Isais, aus der David stammt, nicht aus
Jerusalem, dem dynastischen Sitz der Davididen.
An die Stelle der assyrischen Gewaltherrschaft
tritt in Jes 11 also die Herrschaft des Schösslings.
Ausgestattet ist er mit dem Geist JHWHs, um Ge-
rechtigkeit zu verwirklichen. Und mit ihm wird
umfassender Frieden kommen – neben der Ge-
rechtigkeit der zweite wichtige Aspekt idealer
königlicher Herrschaft. Der Friede wird in seiner
unwahrscheinlichsten und weitreichendsten
Form geschildert: Unter allen Lebewesen – kei-
neswegs nur unter den Tieren! – wird Frieden
sein (V. 6-8). Es ist eine Wende der Zeit, von einer
Epoche der Gewalt zu einer Epoche frei von Ge-
walt, so, wie es ganz zu Beginn der Schöpfung
war (Gen 1,20-31). Diese messianische Erwar-
tung ist nicht mehr so konkret auf die Befreiung
aus einer historischen Not gerichtet, sondern
greift in ihrer jetzigen Gestalt weiter aus – in eine
eschatologische Dimension.
Der messianische Herrscher überwindet als
königliches Kind in der Kraft JHWHs die unbe-
zwingbare Macht der Assyrer (Jes 9,3-6), entge-
gen aller kriegerischen Logik. Wenn er gegen die
Übeltäter vorgeht, um Gerechtigkeit zu schaffen,
sind seine Waffen der „Stab seines Mundes“
und der „Hauch seiner Lippen“ (Jes 11,4). Er Die Residenz des Kyros in Pasargadae (Iran), gegründet ca. 540 vC.
agiert nicht mit dem Recht des Stärkeren. Das Man muss sich eine Parklandschaft mit Palastbauten, einem Tempelbezirk
Motiv der „Ohnmacht des Messias“ (Werner H. und dem Grabbau des Kyros (im Bild) vorstellen.
Schmidt) – ohnmächtig aber nur im Sinn irdi- Das biblische Esra-Nehemia-Buch stellt Kyros, den Sieger über die Baby-
scher Machtausübung – begegnet auch in Sach lonier, gegen Ende der Perserzeit als Beender des Exils dar, der auch den
9,9f: „Gerecht ist er und Rettung wurde ihm zu- Wiederaufbau des Tempels ermöglicht habe (historisch fand das erst zwei
teil, demütig ist er und reitet auf einem Esel …“ Jahrzehnte später unter Darius I. statt). Im zeitgenössischen Deuterojesaja-
So bildet er einen starken Widerspruch zu den Buch wird Kyros sogar der Titel „Messias“ beigelegt. Da die mit ihm verbun-
Königen seiner Zeit mit ihren Streitwagen und denen Hoffnungen aber nicht in Erfüllung gegangen sind, wird er darin auch
Kriegswaffen, die JHWH ausreißen wird. Israel kritisch gesehen.
– über Jahrhunderte ein machtloses Opfer der
altorientalischen Großmächte – erwartet die

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Er herrscht mit dem Hauch seiner Lippen

Quellentexte: Die groSSen messianischen Hoffnungstexte im Jesajabuch

Die Geburt und die Thronnamen des messianischen Der Spross Isais: Der Geist des Herrn ruht auf ihm
Herrschers 1
Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, /
1
Das Volk, das in der Finsternis ging, / sah ein helles Licht; ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, / 2
Der Geist des Herrn ruht auf ihm: /
strahlte ein Licht auf. der Geist der Weisheit und der Einsicht,
2
Du mehrtest die Nation, / schenktest ihr große Freude. der Geist des Rates und der Stärke, /
Man freute sich vor deinem Angesicht, / wie man sich freut bei der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.
der Ernte, / wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird. 3
Und er hat sein Wohlgefallen an der Furcht des Herrn. /
3
Denn sein drückendes Joch und den Stab auf seiner Schulter, Er richtet nicht nach dem Augenschein /
/ den Stock seines Antreibers zerbrachst du wie am Tag von und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht,
Midian. 4
sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit /
4
Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, / jeder Mantel, im und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist.
Blut gewälzt, / wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. Er schlägt das Land / mit dem Stock seines Mundes
5
Denn ein Kind wurde uns geboren, / und tötet den Frevler / mit dem Hauch seiner Lippen.
ein Sohn wurde uns geschenkt. 5
Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften /
Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. / und die Treue der Gürtel um seine Lenden.
Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker 6
Der Wolf findet Schutz beim Lamm, /
Gott, / Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. der Panther liegt beim Böcklein.
6
Die große Herrschaft / und der Frieden sind ohne Ende auf Kalb und Löwe weiden zusammen, / ein kleiner Junge leitet sie.
dem Thron Davids und in seinem Königreich, / es zu festigen 7
Kuh und Bärin nähren sich zusammen, / ihre Jungen liegen
und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit, / beieinander. / Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.
von jetzt an bis in Ewigkeit. 8
Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter /
Der Eifer des Herrn der Heerscharen / wird das vollbringen. und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus.
(Jes 9,1-6, Einheitsübersetzung 2016) 9
Man tut nichts Böses / und begeht kein Verbrechen /
auf meinem ganzen heiligen Berg;
denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, /
so wie die Wasser das Meer bedecken.
(Jes 11,1-9, Einheitsübersetzung 2016)

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welt und umwelt der bibel 2/2017
die Wurzeln messianischer Hoffnung im alten testament

Rettung letztlich von JHWH, nicht durch eigene


Löwen im Todeskampf, Jagdszene aus dem Palast des Kraft. Der messianische Heilskönig ist eine Ver-
assyrischen Königs Assurbanipal in Ninive, 8. Jh. vC, heute körperung dieser Hoffnung.
im British Museum. Gerade diese grausame Realität wird im
Reich des „Sprosses Isais“ umgekehrt:
„Der Wolf findet Schutz beim Lamm, / der Panther liegt Kyros und Gottesknecht
beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, /
Wie im ersten Teil des Jesajabuchs der davidisch-
ein kleiner Junge leitet sie.“
messianische König dem König von Assur als
Antipode gegenübersteht – obwohl beide Werk-
Der Gottesknecht zeuge JHWHs sind –, begegnet ein solches Ge-
1
Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze; / gensatzpaar auch in Deuterojesaja (Jes 40–55).
das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Dort bildet der „Gottesknecht“ ein Gegenüber
Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, / zum irdischen Herrscher: dem mit militärischer
er bringt den Nationen das Recht. Macht agierenden persischen Großkönig Kyros.
2
Er schreit nicht und lärmt nicht /
Erstaunlich ist, dass gerade dieser Kyros den
Titel Messias, „Gesalbter“, trägt (Jes 45,1) – als
und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen.
einziger nicht israelitischer König in der Bibel.
3
Das geknickte Rohr zerbricht er nicht /
Doch er soll Israel im Auftrag JHWHs befreien,
und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; /
diesmal aus der babylonischen Herrschaft, und
ja, er bringt wirklich das Recht.
ermöglichen, dass Jerusalem und der Tempel
4
Er verglimmt nicht und wird nicht geknickt, /
wieder aufgebaut werden – hohe Erwartungen
bis er auf der Erde das Recht begründet hat. / an den fremden Messias, die historisch so nicht
Auf seine Weisung warten die Inseln. in Erfüllung gegangen sind. Als Gegensatz zum
(Jes 42,1-4, Einheitsübersetzung 2016) Perserkönig Kyros, wie im Triptychon der Heils-
könig zum König von Assur, ist der Gottesknecht
im Jesaja-Buch messianisch aufgeladen. Er trägt
Die Berufung des Gottesknechts im Ersten und Zweiten Gottesknechtslied (Jes
1
Hört auf mich, ihr Inseln, / merkt auf, ihr Völker in der Ferne! 42,1-4; 49,1-6) königliche Züge. Der Targum, die
Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; / aramäische Übersetzung der Bibel, formuliert
als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen das viel später konkret aus: „Siehe, Erfolg haben
Namen genannt. wird mein Knecht, der Messias …“ (Targum zu
2
Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert, / Jes 52,13).
er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Der Knecht JHWHs verhält sich ganz anders
Er machte mich zu einem spitzen Pfeil / als der Welteroberer Kyros, der alle Völker zu
und steckte mich in seinen Köcher. Staub macht. Er bringt tatsächlich das Recht
3
Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, / für die Völker, doch nicht mit militärischer Ge-
an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will. walt, er erinnert vielmehr an den ohnmächtigen
4
Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, / Messias: Er schreit nicht, zerbricht nicht das
habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. geknickte Rohr und löscht den verglimmenden
Docht nicht aus (Jes 42,2f). Wie eine Waffe ist
Aber mein Recht liegt beim Herrn /
er in der Hand Gottes, aber er wirkt mit seinem
und mein Lohn bei meinem Gott.
Mund, nicht mit dem Schwert (Jes 49,2; vgl.
5
Jetzt aber hat der Herr gesprochen, / der mich schon im
11,4). Anders als der königliche Messias muss
Mutterleib zu seinem Knecht geformt hat,
der Gottesknecht jedoch ganz aktiv Anfeindung
damit ich Jakob zu ihm heimführe /
und Leiden für seinen Auftrag auf sich nehmen.
und Israel bei ihm versammelt werde.
Das Vierte Lied über den Knecht (Jes 52,13-53,12)
So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt / formuliert das in höchster Zuspitzung und deu-
und mein Gott war meine Stärke. tet zugleich sein Geschick: Er hebt durch sein
6
Und er sagte: Leiden die Sünden der vielen auf.
Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, / Obwohl in der jüdischen Auslegung die kol-
nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten / lektive Deutung dominiert, die im Gottesknecht
und die Verschonten Israels heimzuführen. Israel sieht, konnte man an diese Figur die Vor-
Ich mache dich zum Licht der Nationen; / stellung eines leidenden Messias anknüpfen – in
damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. der jüdischen Tradition der Messias ben Josef –,
(Jes 49,1-6, Einheitsübersetzung 2016) der verschiedene Ausprägungen erfahren hat.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 35
Die späteren messianischen Erwartungen
laufen im Alten Testament nicht nur in ei-
ner Spur.

Die messianischen Erwartungen


weiten sich auf die Endzeit aus
Mit dem Abbruch des davidischen König-
tums in Juda zu Beginn des 6. Jh. vC durch
die Babylonier wurde deutliche Kritik am
Königtum laut. Dennoch gab es die Hoff-
nung auf einen positiven Neuanfang mit
dem Haus Davids durch JHWH (Jer 23,5f; Ez
34,23f; 37,23-25; Amos 9,11f). Für den ein-
zelnen Text ist nicht leicht zu sagen, wann
er entstanden ist und ob er eher eine kon-
kret-historische oder eine eschatologische,
ganz und gar zukünftige Hoffnung zum
Ausdruck bringt. Aber wie kommt es über-
haupt zu der Erwartung, dass der Messias
Erlösung und Rettung in einer endgültigen
Heilszeit bringen wird, die zwar noch zur
Geschichte gehört, qualitativ davon aber
ganz abgesetzt wird?

Durch das historische


Aus für die davidische
Monarchie entsteht die
Hoffnung auf einen
zukünftigen, eschatologi-
schen Heilskönig

Zu Beginn der Perserzeit gab es in Juda


den Versuch einer davidischen Restaurati-
on. Ihre Schlüsselperson war Serubbabel.
Er entstammte dem Haus Davids, war als
persischer Statthalter aus der babylonischen
Diaspora zurückgekehrt und leitete die
Wiedererrichtung des zerstörten Tempels.
Dadurch trat er für jedermann sichtbar in
die Rolle seiner königlichen Vorfahren ein.
Größte Hoffnungen wurden mit ihm verbun-
den, eine Rücknahme der prophetischen
Verwerfung der Davididen und die Überwin-
„Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis empor ...“ dung aller Feinde Israels (Hag 2,20-23; vgl.
Die Darstellung der „Wurzel Jesse“ greift aus christlicher Sicht die Hoff- Jer 22,24). Sach 6,9-14 schildert – anschei-
nung auf, dass sich mit Jesus die Prophezeiung aus Jesaja 11 erfüllt hat, nend in politisch angespannter Lage – eine
also der gerechte Heilsherrscher aus dem Stamm Davids gekommen ist. symbolische Krönung Jeschuas, des Hohe-
Davids Vater Jesse/Isai wird unten liegend dargestellt, es folgen David priesters, der mit Serubbabel zurückgekom-
und weitere Könige, bis die Ranke bei Maria und Jesus endet. Sogenann- men war. Eigentlich gilt diese Krönung dem
tes Petrus- und Wurzel Jesse-Fenster (Ausschnitt) im Kölner Dom, 1509. Davididen Serubbabel. Sein Name wird als

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die Wurzeln messianischer Hoffnung im alten testament

„Recht und Frieden


küssen sich“ (Psalm
85,10), ein Versteil
aus dem sogenannten
„messianischen Psal-
ter“: So muss es sein
im Friedensreich, das
der Gott der Dynastie
Davids versprochen hat!
Buchmalerei aus dem
Stuttgarter Psalter,
karolingisch, entstanden
ca. 830 in Saint-
Germain-des-Près.
Württembergische Lan-
desbibliothek, Stuttgart.

„Spross“ chiffriert und es wird über ihn gesagt – ßung für das Haus Davids auf die Priesterschaft
in bewusster Erinnerung an die Dynastieverhei- unter dem Hohepriester übertragen wird (Jer
ßung für David (2 Sam 7) –, dass er den Tempel 33,14-18; vgl. 23,5f). Eine Nachgeschichte haben
erbauen und auf dem Thron sitzen werde. Offen- die so veränderten Verhältnisse anscheinend
bar vergeblich: Der Versuch einer Restauration auch im priesterlichen Messias aus Aaron in
der davidischen Königsherrschaft in Jerusalem nach­alttestamentlicher Zeit, vor allem in Qum-
scheiterte Ende des 6. Jh. vC und damit endgültig ran.
jeder reale Herrschaftsanspruch dieser Dynastie. Durch das historische Aus für die davidische
Eine Relecture von Sach 6 setzt daraufhin neue Monarchie entsteht die Hoffnung auf einen ganz
Akzente, die den Blick auf eine Zukunft jenseits zukünftigen, eschatologischen Heilskönig aus
aller restaurativen Hoffnungen richten. Nach ei- dem Haus Davids. Damit erfahren auch ältere
ner symbolisch reinigenden Handlung am Hohe- Texte, die ursprünglich auf den historischen
priester Jeschua, in der er stellvertretend für das König bezogen waren – etwa die Königspsal-
Volk steht, folgt ein Gotteswort, das wieder vom men im Sinnzusammenhang des sogenannten
„Spross” handelt (3,1-10). Gott wird in der Zukunft „Messianischen Psalters“ (Ps 2–89) –, einen
„seinen Knecht Spross“ hervorbringen, hinter Bedeutungszuwachs und können im Blick auf
dem sich aber nicht mehr der historische Serub- den zukünftigen Messias gelesen werden. Was
babel verbirgt, sondern ein künftiger königlicher zunächst eine innergeschichtliche Perspektive
Messias aus dem Haus Davids. Dann wird Gott ist, die eine endgültige Wende der Not im Blick
selbst die Schuld des Landes auf einen Schlag hat, wird schließlich in hellenistisch-römischer
tilgen und sicherer Wohlstand für das Volk wird Zeit unter dem Einfluss der Apokalyptik, ver-
folgen: Einer wird den anderen unter Rebe und bunden mit einer extremen Steigerung der Not,
Feigenbaum einladen, wie wir das schon zu An- aus der das Kommen des Messias befreien soll,
fang für die Herrschaft Salomos gehört haben (1 auf das Ende von Zeit und Geschichte schlecht-
Kön 5,5; vgl. auch Mi 4,4). Das geht deutlich über hin bezogen. Die Erwartung eines davidischen Prof Dr. Ralf Rothen-
eine politisch-restaurative Erwartung hinaus. Heilskönigs rührt an die Grenze der Geschichte, busch ist Studienleiter und
Zugleich gewinnen der Hohepriester und das ohne aber die Verbindung mit ihren Wurzeln zu stellvertretender Akademie-
Jerusalemer Priesterkollegium an Gewicht. Sie verlieren: endgültige Gerechtigkeit und Frieden direktor des Erbacher Hofs
fungieren als Unterpfand für die noch nicht wie- für alle. W (Akademie des Bistums
Mainz), zudem apl. Profes-
derhergestellte Souveränität Judas und dienen
sor für Altes Testament an
als Wahrzeichen für das Kommen des „Knech- Lesetipp der Universität Freiburg mit
tes Spross“ (Sach 3,7f). Diese Verschiebung der • Ulrike Bechmann/Joachim Kügler, Kind und Reich den Schwerpunkten Litera-
Macht bildet sich auch in den messianischen Gottes. Bilder von Glaube, Friede und Hoffnung, tur-, Rechtsgeschichte und
Erwartungen ab, etwa wenn die Dynastieverhei- Katholisches Bibelwerk e.V. 2015. Hermeneutik der Bibel.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 37
Gruppenfoto der „Chabad-Lubavitch“-
Versammlung 2015 vor dem Chabad-Haus
in Brooklyn. Die Hausnummer des Chabad-
Zentrums, 770, hat den Zahlenwert der hebrä-
ischen Buchstaben, aus denen sich die Worte
„Haus des Messias“ zusammensetzen.
Schlaglicht: Chabad-Bewegung

Der Lubawitscher Rebbe als


„König Messias“
Die Chabad-Bewegung ist eine chassidische jüdische Gruppierung, die der jüdischen Mystik nahe-
steht – mit einer Besonderheit: Sie sehen in ihrem 7. Rebben den Messias. Von Tamar A. Avraham

A
uf Reklametafeln und an Wän- grad, Berlin und Paris. Seit 1928 war er und Tanz als alternative Möglichkeit der
den von Privatwohnungen in mit Chaia Muschka, der Tochter des 6. Annäherung an Gott gegenüber. Chabad
Israel sieht man manchmal das Rebben der Chabad-Chassidim, Josef nimmt eine gewisse Brückenfunktion
Porträt eines alten Mannes mit weißem Jitzchak Schneerson, verheiratet. Me- ein, da sie es für notwendig hält, spon-
Bart und schwarzem Hut, oft mit zur nachem Mendel selber war, über eine tanem Gefühl und Gottesbegeisterung
Begrüßung oder zum Segen erhobener andere männliche Linie der Familie, der eine Verankerung im Studium zu geben.
rechter Hand. Ein begleitender Text Urururenkel des 3. Rebben. Nach der Daher kommt der Name „Chabad“: die
macht klar, um wen es sich handelt: deutschen Besetzung Frankreichs floh Abkürzung für Chokhma Bina Da‘ath =
„Es lebe unser Herr, unser Lehrer und er 1941 mit seiner Frau in die USA und „Weisheit, Einsicht, Erkenntnis“. Diese
unser Rabbiner, der Messias-König, in lebte seitdem im Zentrum der Chabad- drei (Da‘ath nur nach einem der Model-
alle Ewigkeit“. Bewegung im Eastern Parkway 770 im le) gehören darüber hinaus zu den zehn
Wer war der Mann, den seine Anhän- New Yorker Stadtteil Brooklyn. 1951, ein Sefiroth, Manifestationen, in denen Gott
ger als Messias sehen, und wie konnte Jahr nach dem Tod seines Schwieger- nach Auffassung der jüdischen Mystik
dieser Glaube an ihn entstehen? vaters, übernahm er die Position des 7. mit der Welt und den Menschen in Be-
Menachem Mendel Schneerson wur- Rebben von Chabad. ziehung tritt. Der Name Chabad weist
de am 5. April 1902 in der russischen Chabad ist die größte der chassidi- somit auch auf eine besondere Verbin-
Stadt Nikolajew geboren. Neben dem schen Gruppierungen, die ab Mitte des dung dieser chassidischen Gruppe zur
Torastudium vertiefte er seine Allge- 18. Jh. in Osteuropa entstanden. Sie Mystik hin und zu deren Gedanken,
meinbildung und hörte schließlich stellten dem auf das Tora-Studium fixier- dass der Jude durch inniges Gebet und
Vorlesungen über Mathematik und ten Weg der litauischen Jeschivot (Tora- Vollzug der Gebote etwas zum Tikkun,
Physik an den Universitäten von Lenin- hochschulen) inniges Gebet, Gesang zur Rückführung der Welt in ihre ur-

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sprünglich gewünschte Form, beitragen zum 12. Jh., die als Nachkommen der da- verständliche – Befürwortung des Tora-
und damit das Kommen des Messias vidischen Königslinie galten. Die Admo- Studiums von Frauen nicht hinauskam).
beschleunigen kann (vgl. WUB 3/2016: rim von Chabad verfügten also über die Rabbi Menachem Mendel proklamier-
Mystik, S. 32–39). Schon im Beginn von für den Messias notwendige genetische te sich nie eindeutig als Messias, son-
Chabad ist so eine Prädisposition für Qualifikation, Söhne Davids zu sein. dern gab allenfalls Hinweise auf dieses
eine akute Messiaserwartung angelegt. sein Selbstverständnis. Er handelte
Eine weitere messianische Prädispo- jedoch messianisch. Wie schon sein
Schwiegervater, aber in wesentlich grö-
sition liegt in der für den Chassidismus
charakteristischen Konzentration auf
Die Admorim von ßerem Ausmaß, schickte er „Gesandte“
einen spirituellen Führer, den Rebben Chabad verfügten also in viele Länder, um säkulare Juden zur
Tora zurückzuführen oder sie zumindest
oder Admor (Abkürzung für: Adonenu
Morenu weRabbenu = „unser Herr, un-
über die für den Messias dafür zu gewinnen, das eine oder ande-
ser Lehrer und unser Rabbiner“). Dieser notwendige genetische re Gebot auszuüben. Die Gesandten ani-
mieren beispielsweise jüdische Männer,
genießt nicht nur die Hochachtung, die
auch sonst im Judentum Tora-Gelehrten
Qualifikation, Söhne die Gebetsriemen anzulegen und jüdi-
zukommt. Er wird bei allen wichtigen Davids zu sein sche Frauen, die Schabbat-Kerzen an-
Entscheidungen, wie Eheschließung, zuzünden. Die verstärkte Ausübung von
Wohnorts- und Berufswahl, konsultiert Geboten beschleunigt das Kommen des
und sein Wort entscheidet. In gewissem Als Rabbi Menachem Mendel 1951 Messias, und der Mann, der auf diese
Sinn ist er der Mittler, durch den seine als 7. Admor von Chabad inthronisiert Weise Israel wieder die Tora auferlegt,
Chassidim zur Gottesbegegnung kom- wurde, befanden sich weite Teile der qualifiziert sich, entsprechend der Krite-
men. jüdischen Welt in messianischer Nah­ rien des Maimonides, als Messias.
Das Amt des Admors vererbt sich vom erwartung. Nach fast 2000 Jahren gab Diese Qualifikation wurde durch wei-
Vater auf den Sohn oder Schwiegersohn. es wieder einen Staat, in dem Juden die tere Elemente verstärkt, die alleine nicht
Im Fall von Chabad hat man die auser- Souveränität ausübten. Juden waren gereicht hätten, aber zur Vervollstän-
wählte Abstammung weit zurückver- in nie dagewesener Zahl in ihr ange- digung des Bildes beitragen konnten:
folgt. Der erste Admor, Rabbi Schneor stammtes Land zurückgekehrt. Der mit Rabbi Menachem Mendel hatte keine
Salman von Ljady (1745–1812; erst in der der modernen westlichen Gesellschaft Kinder. Es würde keinen achten Admor
zweiten Generation erfolgt der Umzug vertraute Rabbi Menachem Mendel sah geben. Sowieso symbolisiert die Zahl
in das Dorf Ljubawitschi, nach dem die auch im technischen Fortschritt und Sieben die Vollendung der Schöpfung.
Chabad-Chassidim auch Ljubawitscher in der Emanzipation der Frau Anzei- Sein Name Menachem, „Tröster“, ist
genannt werden), soll der Urenkel des chen für die noch in seiner Generation einer der Namen, den die jüdische Tra-
„Maharal“, Rabbi Jehuda Loew von zu erwartende Erlösung (obwohl er die dition dem Messias gibt. Die Hausnum-
Prag (1520–1609), gewesen sein, der Gleichstellung der Frau in der religions- mer des Chabad-Zentrums, 770, hat den
wiederum seine Abstammung auf die gesetzlichen und kultischen Sphäre ab- Zahlenwert der hebräischen Buchsta-
Exilarchen zurückführte, die Führer des lehnte und über die – für chassidische ben, aus denen sich die Worte „Haus des
babylonischen Judentums vom 6. bis Juden allerdings alles andere als selbst- Messias“ zusammensetzen.
Am 2. März 1992, kurz vor seinem
90. Geburtstag, erlitt Rabbi Menachem
Mendel einen Schlaganfall. Er verlor die
Sprechfähigkeit und blieb teilweise ge-
lähmt. Die letzten Monate seines Lebens
lag er im Koma. Am 12. Juni 1994 starb
er. Seine Krankheit und sein Tod hätten
als Zeichen dafür dienen können, dass
es ihm nicht gelang, sein Werk zu voll­
enden und er nicht der Messias war.
Doch ein Teil seiner Anhänger ist über-
zeugt, dass das, was nach außen hin wie
das Ende aussieht, nur ein vorüberge-
hender Zustand der Entrückung ist und
der Rabbi weiterlebt. Nur noch ein paar
kleine Anstrengungen, „nur noch eine
Banner an einem Jerusalemer Balkon kleine Tat ... und er ist da!“ W
Übersetzt lautet der Text neben dem Bild Menachem
Mendel Schneersons: „Messias Tamar A. Avraham, M.A., Angaben zur Autorin
Nur noch eine kleine Tat ... und er ist da! s. S. 29.
Es lebe unser Herr, unser Lehrer und unser
Rabbiner, der Messias-König, in alle Ewigkeit“
Aufnahme Januar 2017.
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welt und umwelt der bibel 2/2017 39
Grenzgänger: Messianisches Judentum

Schabbatkerzen für Jeschua


Jüdisch leben und an Jesus Christus glauben – das tun Menschen, die zum messianischen Judentum
gehören. Damit sorgen sie für Irritation und Kontroversen. Von Stefanie Pfister

Bewegung messianischer Juden. Mittler-


weile hat sich messianisches Judentum
weltweit verbreitet, wobei sich stark di-
vergierende Schätzungen auf 50.000 bis
332.000 messianische Juden in 165 bis
400 Gemeinden belaufen.
In Deutschland führte der Holocaust
nicht nur zu einem Abbruch jüdischen
Lebens, sondern die nationalsozia-
listische Verfolgung und Ermordung
schloss auch jene Juden mit ein, die an
Jesus als den Messias Israels glaubten.
Erst die Einwanderung russischer Ju-
den aus der ehemaligen Sowjetunion
seit 1990 im Rahmen des Kontingent-
flüchtlingsgesetzes führte neben einer
Wiederbelebung jüdischer Gemeinden
in Deutschland zur Entwicklung einer
Rosch ha-Schana in der jüdisch-messianischen Gemeinde Berlin. Das messianische
Judentum selbst versteht sich als jüdisch. Judentum und christliche Kirchen ordnen aktiven messianisch-jüdischen Bewe-
messianische Jüdinnen und Juden eher dem evangelikalen Christentum zu. gung. Bereits Anfang der 1990er-Jahre
waren in der ehemaligen Sowjetunion
vereinzelt Juden durch den Kontakt mit

D
ie messianisch-jüdische Bewe- rischer Werke, wodurch erstmals wieder evangelikalen Gläubigen konvertiert.
gung stellt immer wieder und seit Jahrhunderten Juden freiwillig den Durch zahlreiche Kontakte mit Mitar-
höchst aktuell ein Pulverfass im Glauben an Jesus als den Messias Israels beitern evangelikaler Werke („Evange-
jüdisch-christlichen Dialog dar, zum annahmen, dabei aber Mitglieder der je- liumsdienst für Israel“, gegr. 1971; Ar-
Beispiel wurde ihr bereits mehrfach die weiligen Kirchen wurden. beitsgemeinschaft für das messianische
Teilnahme am Evangelischen Kirchen- Erst im 19. und 20. Jh. schlossen sich Zeugnis an Israel“, seit 1985 in Deutsch-
tag – mit dem Verweis auf ihre juden- an Jesus Christus glaubende Juden, die land und „Beit Sar Shalom Evangeli-
missionarischen Aktivitäten – verwehrt. sich nun „Hebräische Christen“ nann- umsdienst“, gegr. 1996 als deutscher
ten, zu Verbindungen zusammen. Die Zweig des internationalen „Chosen
bedeutendsten Allianzen waren zum People Ministries“) und gemeinsamer
Die Geschichte der Bewegung Beispiel 1865 die „Hebrew Christian Uni- missionarischer Aktivitäten sind mitt-
Die Spur der antiken Judenchristen mit on“ (HCU), 1915 die „Hebrew Christian lerweile seit 1995 ca. 20 Gemeinden und
ihren eigenen Bräuchen und Symbolen Alliance of America“ (HCAA) und insbe- 19 messianisch-jüdische Gruppen mit
verliert sich in den ersten Jahrhunder- sondere 1925 die „International Hebrew etwa 1000 regelmäßigen Besuchern in
ten. Nach Zwangstaufen, Verfolgungen Christian Alliance“ (IHCA). Zu Beginn der Deutschland anzutreffen (Zeitpunkt der
und Pogromen gab es für lange Zeit 1970er-Jahre integrierten dann einzelne empirischen Studie 2004–2005). 55 % bis
keine judenchristliche Bewegung mehr. Gruppen viele jüdische Elemente in ihre 75 % sind jüdischer Abstammung – und
Erst die Puritaner und die Pietisten im Gottesdienstformen. Angeregt durch die fast alle (95 %) reisten aus den Nachfol-
17. und 18. Jh. interessierten sich für das amerikanischen, evangelikal-charisma- gestaaten der ehemaligen Sowjetunion
Judentum und suchten den Dialog. Die tischen Aufbruchsbewegungen und ein ein. 25 % bis 45 % der Befragten geben
Erweckungsbewegungen des 19. Jh. be- neues jüdisches Identitätsbewusstsein an, selber keine jüdischen Wurzeln zu
lebten die pietistische Frömmigkeit und entstand dann 1975 auf einer hebräisch- haben, sich aber für das messianische
förderten das Entstehen judenmissiona- christlichen Konferenz in Amerika die Judentum zu interessieren.

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welt und umwelt der bibel 2/2017
Ein messianisch-jüdischer die offene, direkte und vereinfachende Menora, Davidstern und
Gottesdienst Predigtform, die frei formulierten, spon- Fisch: Das Symbol des messi-
Bei einer messianisch-jüdischen Gottes- tan wirkenden Gebete der Gemeinde- anischen Judentums auf einer
dienstfeier, die meist an einem Schabbat besucher, die vielen Lobpreislieder mit Mezuza. Darin ist zusammengerollt
und in russischer Sprache stattfindet, eingängigen Melodien, kurzen Texten der Text Röm 11,19 enthalten.
sind viele jüdische Symbole wie Meno- und vielen Wiederholungen, die persön-
ra, israelische Flagge, Schofar, Kippa, lichen Kontakte vor und nach dem Got-
Tallit, Gebetsschal zu sehen, aber auch tesdienst sowie die rege Mitgestaltung le Biografien eine adäquate
die Liturgie ist stark jüdisch geprägt: der Gottesdienste von Gemeindemit- Möglichkeit, ihren Glauben zu
Die Gottesdienstteilnehmer zünden gliedern. Inhaltlich überwiegen bei den leben. Gleichzeitig dürfen Ver-
die Schabbatkerzen an, sie rezitieren Glaubensaussagen der Rituale, Lieder, suche, jüdische Bürgerinnen
das Schema‛ Jisrael (meist in gekürzter Gebete und Wortauslegungen christli- und Bürger zu missionieren,
Form), singen hebräische Lieder und che Glaubensinhalte wie der Glaube an nicht toleriert werden – die
halten den Schabbatkiddusch oder bege- die Trinität, der Glaube an Jesus als den großen Kirchen stehen zur kla-
hen die Havdala-Zeremonie. Ein Mitglied Messias Israels oder dessen erlösende ren, historisch und biblisch be-
oder Mitarbeiter liest aus der Tora und Funktion. gründeten Absage an jegliche Ju-
legt sie aus, der Gemeindeleiter spricht Alle Gemeinden begehen die Feste denmission. So lautet zum Beispiel die
den Aaronitischen Segen und über die des Judentums mit großer Ernsthaf- „Erklärung zu Christen und Juden als
Kinder den Segen „Möge Gott dich wie tigkeit und richten viele Zeremonien Zeugen der Treue Gottes“ der EKD-Syn-
Ephraim und Manasse bereiten“ oder wie Hochzeit, Bar Mizwa, Bat Mizwa ode 2016, dass „Christen – ungeachtet
„Möge Gott dich wie Sarah, Rebekka, etc. nach jüdischer Tradition aus. Beim ihrer Sendung in die Welt – nicht beru-
Rachel und Lea zubereiten“. Einige Ge- Pessachfest übernehmen messianische fen“ seien, „Israel den Weg zu Gott und
meinden rezitieren Gebete aus dem Sid- Juden zwar den Ablauf einer jüdischen seinem Heil zu weisen. Alle Bemühun-
dur und meistens erschallt am Ende des Pessach-Haggada, verbinden diese aber gen, Juden zum Religionswechsel zu be-
Gottesdienstes der Ausruf Amen. Baruch mit messianisch-jüdischem Glauben, wegen, widersprechen dem Bekenntnis
atta („Gepriesen seist du!“). wobei Jesus als das Lamm gilt, das die zu Treue und der Erwählung Israels“ (3.
Andere Rituale eines jüdischen Gottes- Menschen von der Sünde befreien kann. Tagung der 12. Synode der EKD, in: www.ekd.
dienstes fehlen aber auch (z. B. Amida, Symbolisch gilt bei messianischen Ju- de/synode2016/beschluesse/s16_05_6_kund-
Kaddisch, Lied „Adon Olam“) oder wer- den das Mazzabrot (Afikoman), welches gebung_erklaerung_zu_christen_und_ju-
den „messianisch-jüdisch“ interpretiert: bei einer jüdischen Zeremonie geteilt, den.html, letzter Zugriff: Januar 2017). Der
Im Anzünden der Schabbatkerzen wird dann versteckt und später wieder gefun- christlich-jüdische Dialog sollte sich
ein Hinweis auf Jeschua als das Licht den wird, als ein Hinweis auf Jesu Tod aber weiter praktisch-theologisch mit
der Welt und den Herrn des Schabbats am Kreuz (Teilung), sein Begräbnis (Ver- der Tatsache messianischer Juden in
gesehen und das Rezitieren des Schema‛ steck) und seine Auferstehung (wieder Deutschland auseinandersetzen. W
Jisraels bezieht auch den Glauben an gefundenes Afikoman).
Jesus als den Messias und Sohn Gottes Lesetipps
ein. Die Toraauslegung erfolgt immer in • Stefanie Pfister, Messianische Juden
Bezug auf das Neue Testament. Einordnung und Ausblick in Deutschland. Eine historische und
Aber es entstehen auch eigene Sym- Da viele messianische Juden, insbeson- religionssoziologische Untersuchung,
bole, Formulierungen oder Rituale: dere die aus der Sowjetunion stammen- Lit Verlag 2016, 2. Auflage.
Häufig findet sich das eingeschobene den, nicht in einem jüdischen Kontext • Ulrich Laepple (Hg.), Messianische
Kurzbekenntnis „Jeschua hamaschiach“ aufgewachsen sind und oft in einem Juden – eine Provokation, Vandenhoeck
in Gebeten, Liedern und Auslegungen christlichen Umfeld konvertiert sind, & Ruprecht 2016.
wieder. Die angezündete Menora als ist die gegenwärtige messianisch-jüdi-
Symbol erfüllter Messiashoffnungen ist sche Bewegung keine kontinuierliche
in vielen Gemeinden zu finden. Auch Weiterentwicklung des historischen Ju-
das Symbol des Davidsternes, der mit denchristentums, sondern eine neue re-
einer Menora und dem urchristlichem ligiöse Bewegung mit einem eigenen ty-
Fischzeichen verbunden ist, ist in den pisch messianisch-jüdischen Repertoire
Gemeinden zusätzlich vorhanden und – als Grenzgänger zum evangelikalen PD Dr. Stefanie Pfister
drückt den Wunsch nach Einheit der Christentum (z. B. Glaubensbekenntnis) ist Privatdozentin am
messianisch-jüdischen Gemeinde von und zum Judentum (Identitätsgefühl, Seminar für Praktische
Theologie und Religions-
jüdischen und nicht jüdischen an Jesus Liturgie, Symbole, Kleidung, Rituale,
pädagogik der Universität
Glaubenden aus, wie es im frühen Ur- Feste). Dabei sind weder das Judentum Münster und lehrt als Real-
christentum üblich war. noch das Christentum als defizitär an- schullehrerin evangelische
Gemeinsamkeiten mit einem christ- zusehen, sondern messianisch-jüdische Religionslehre, Deutsch
lich-evangelikalen Gottesdienst sind Gruppierungen bieten für individuel- und Sport.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 41
Messianische Erwartung(en) im Judentum

Ein Balanceakt zwischen


Hoffen und Bangen

E
twas skurril ist das Ganze schon: Or-
thodoxe Juden, erkennbar an ihren
schwarzen Hüten und Mänteln, bei
denen die Quasten des jüdischen Gebets-
schals hervorschauen, eilen die Straßen
Brooklyns entlang. Sie tragen Buttons, auf
denen eine Krone gelb untermalt ins Auge
sticht. Es ist ein Statement, ein Symbol ih-
res Glaubens: Sie propagieren ihren König
Messias (melech hamoshiach), den letzten
Anführer der Chabad-Bewegung Menachem
Mendel Schneerson (1902–1994). Wenn wir
der simplen Formel „Juden warten auf ihren
Messias“ folgen, dann wundert es kaum,
dass ein Messias in Brooklyn die Chabad
Lubavitcher in den 1990er-Jahren auf die
Titelseite der New York Times katapultierte.
Heutzutage sind die Erwartungen vieler-
orts der Normalität gewichen. Die Plakate
und Sticker, mit denen die sogenannten
Messianisten (meshichists) den verstorbe-
nen Schneerson als Messias verkünden,
haben sich nahtlos ins Stadtbild integriert
(vgl. Beitrag S. 38–39). Die Euphorie ist ver-
schwunden, die akute Hoffnung ins Private
überführt und das Bangen der jüdischen
Gegner dem Alltag gewichen.
Hoffen oder Bangen – die Debatte um
Schneerson wies einmal mehr darauf hin,
dass die Frage, wen oder wie die Juden das
Ende erwarten, nicht eindeutig zu beant-
worten ist. Die Frage selbst führt vielmehr
am Kern des Ganzen vorbei. Sie suggeriert
eine Einheit, die die jüdische Gemeinschaft
in ihrer eindrucksvollen Pluralität außer
Acht lässt: Über die Jahrhunderte hinweg
pflegten die jüdischen Autoritäten jene
Debattierkultur (jigdal), die dem Judentum
eine faszinierende Vitalität bescherte und
einen Stillstand, wie es ein festgeschriebe-
nes Dogma zum Ende der Zeit de facto be-
deutet, verhinderte.

42 welt und umwelt der bibel 2/2017


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„Juden warten auf den Messias“ – diese Aussage stimmt so
pauschal nicht. Die jüdische Messiashoffnung hat eine höchst
lebendige und wechselvolle Geschichte hinter sich. Wo steht sie heute?
Von Christiane Altmann

Der bekannte Judaist Gerschom Scho-


lem (1897–1982) unternahm 1959 aller
Pluralität zum Trotz den Versuch, die
jüdische Vorstellungswelt zum Messias
auf den Punkt zu bringen. Mit seinem
berühmten Vortrag „Zum Verständnis
der messianischen Idee im Judentum“
(1959) bezweckte er aber weniger, die
jüdische Hoffnung auf ein allgemein-
gültiges Dogma zu verkürzen, als
vielmehr das Monopol der christlich-
theologischen Lesarten zu brechen. Die
jüdische Hoffnung, so schrieb Scho-
lem, erfülle sich in der Öffentlichkeit.
Sie habe nie ihren Anspruch auf Ver-
wirklichung zugunsten einer inneren
Erlösung aufgegeben. Wen wundert es
also, dass in der Geschichte des Juden-
tums immer wieder Bewegungen antra-
ten, den Traum, dem „keine historische
Realität Genüge tun kann“ (Scholem,
1959), wahr werden zu lassen?
Die rabbinischen Autoritäten waren
sich indes stets der Gefahren bewusst,
die mit dem Anspruch des Irrealen
einhergingen. Sie versuchten mit aller
Macht, absehbaren Enttäuschungen
vorzubeugen und für den Notfall gerüs-
tet zu sein. Dieses Ringen zwischen aku-
ter Hoffnung, die in Bewegungen die
Öffentlichkeit suchte, und dem Bangen
derjenigen, die ihre Hoffnungen auf den
Erhalt des Bestehenden konzentrierten,
hat eine umfangreiche Vorstellungswelt
zum Messias hervorgebracht. Wenn ich
sie hier auf wenige Seiten banne, dann
nur in Aspekten, die selbst vage blei-
Die Kultgegenstände des messianischen ben. Die messianischen Erwartungen
Tempels, im Mittelalter ein beliebtes Motiv in sind stets Gegenstand von Diskussion
jüdischen Handschriften. Die Sehnsucht, dass und Interpretation gewesen, daran hat
Gott wieder in sein Allerheiligstes einzieht, ist sich auch im heutigen Judentum wenig
bis heute Teil des Achtzehnbittengebets. geändert.
Bibel, Perpignan, 1299, Ms. hebreu 7. Biblio-
thèque Nationale de France, Paris.
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welt und umwelt der bibel 2/2017 43
Ein Balanceakt zwischen Hoffen und Bangen

Die messianischen Erwartungen zum Ende ten zu verweisen. Mitunter waren es die Gebete
Marranen der Geschichte bewegen sich zwischen zwei Po- selbst, die sich als wirksame Waffe erwiesen,
Juden, die im Mittelalter len: Einerseits der Wiedervereinigung in Gott wenn es galt, Frevler aus den eigenen Reihen
und in der frühen Neuzeit und andererseits der Hoffnung auf politische fernzuhalten. Im shmone esre findet sich eine
in Spanien und Portugal Souveränität, die sich in einer Ära des Friedens Bitte gegen Abtrünnige (birkat ha-minim), die
unter schweren Druck
unter den Völkern vollendet. Auch der Titel Mes- stets zu Ende gesprochen werden musste, um
oder Zwang zum Chris-
sias (mashiach), der auf den Ritus der Salbung den Beweis zu erbringen, dass man sich keiner
tentum konvertierten,
ihre jüdische Identität verweist, spiegelt diese Pole wider. Er legitimier- Sekte angeschlossen hatte. Als letzten Ausweg
aber nicht aufgaben. te zur Zeit des Tempels nicht nur den König (1 blieb den Gemeinden schließlich der Bann (che-
Sam 10,1), sondern auch die Hohepriester (Ex rem), mit dem divergierende Positionen aus dem
29,7). Jene Vergangenheit bildet den Ausgangs- Gemeindeleben entfernt wurden. Allerdings war
Chmelniecki-Massaker punkt der Zukunft: Die Propheten beschrieben auch dieses Mittel nur dann von Erfolg gekrönt,
Ein Aufstand von Kosaken den ersehnten Erlöser als Spross aus dem Hause wenn andere Gemeinden gleichzogen und den
und russisch-orthodoxer
Davids und erhofften eine erneute ruhmreiche Frevlern keinen Unterschlupf boten.
Bevölkerung unter Bohdan
und glückliche Ära, wie sie sie mit König David
Chmelnyzkyj in den Jahren
1648−1657 richtete sich verbanden. Die Bitte um Befreiung und die Ein-
sammlung der Exilierten, aber auch die Sehn- Messianische Euphorie im
gegen Ausbeutung durch
sucht nach der Rückkehr Gottes ins Allerhei- 16. und 17. Jahrhundert
polnischen Adel und Klerus
gegenüber der ukrainisch- ligste und die bußfertige Rückkehr aller Juden Allen Bemühungen zum Trotz lieferte das Leben
weißrussischen Landbevöl- zu Gott sind noch heute fester Bestandteil des in der Diaspora oft zur Genüge Anlass, das Be-
kerung, aber auch gegen täglichen Gebets (shmone esre). stehende in Zweifel zu ziehen, und ließ nur zu
die jüdische Bevölkerung: Allerdings wurden die Rabbiner angesichts leicht Spuren eines Retters (ikvot hamashiach)
Bei Progromen wurden ca. der Diaspora nicht müde, die Gläubigen zu Dis- erahnen. Nicht immer war es eine schillernde
100.000 Menschen getötet. kretion und Bedacht in jedweder Äußerung der Persönlichkeit, die Erwartungen auf das Ende
Messias-Hoffnung aufzurufen. Die politische schürte. Auch politische Umbrüche oder Verfol-
Natur des jüdischen Messias brachte es mit sich, gungswellen wurden als „Geburtswehen“ des
dass jede Hoffnung auf Erlösung die weltliche Messias oder als „Kampf zwischen Gog und Ma-
Macht per se herauszufordern drohte. Das Auf- gog“, der am Ende der Zeit über die Welt herein-
keimen der Erwartungen konnten die Rabbiner breche, gedeutet. Zur Wende des 16. Jh. hatten
indes nie ganz verhindern, aber es gelang ihnen, Visionen des Endes nicht nur bei Juden, sondern
die Hoffnung in häusliche und synagogale Ri- auch in christlichen Kreisen Hochkonjunktur.

QUELLENTEXT: ascher lemlein am Beginn der neuzeitlichen messiaseuphorie

A scher Lemlein, ein deutscher Jude, kündigt um 1500 unter den Juden Istriens die nahe Ankunft des Messias an. Die zeit-
genössischen Quellen zeigen die Bereitschaft dieser Epoche, daran zu glauben – und die Verunsicherung wie auch die für
die jüdische Gemeinde verheerende Enttäuschung, als der Termin verstreicht ...

„Rabbi Lemmlen. Er verbreitete die Frohbotschaft über die „In jener Zeit [...] stand auf ein Jude im Bezirk Istrien, sein
Ankunft des Messias im Jahre 5260 (1500), und in allen Name war Rabbi Ascher Lamlen. [...] Der machte sich selbst
Zerstreuungen Israels glaubten sie seinen Worten. Auch un- zum Propheten und sagte dauernd, dass sie fasten und
ter den Völkern wuchs die Kunde mehr und mehr. Auch viele wahrhaft umkehren sollten. Denn nahe sei die Errettung.
von ihnen glaubten seinen Worten. Und [...] mein Großvater Und so glaubte die ganze Diaspora Italiens seinen Worten
Seligmann Gans, [...] zerstörte und zerschmetterte den spe- [...] Beinahe wie die Umkehr Ninives. Der Mann starb, aber
ziellen Ofen für Mazzot in seinem vollen Vertrauen darauf, der Messias war nicht gekommen und verursachte eine
dass er im folgenden Jahr Mazzot im heiligen Land backen große Übertrittswelle.
werde. Und ich [...] hörte es aus dem Munde [...] des (Gedalja ibn Jechja, 1526–1587, Die Kette der Überlieferung)
großen Raw Elieser [...] der heiligen Gemeinde Frankfurt:
dass es keine leere Sache gewesen sei und dass er Zeichen
und Wunder vollbracht habe; und er sagte: Vielleicht haben
unsere Verfehlungen verursacht, dass sie ihn aufhielten.“ Beides zitiert nach A.S. Aeschkoli, Die messianischen Bewegungen,
(David Gans, 1541–1613, Zemach David) in: R. Mayer/I. Rühle, War Jesus der Messias?, s. Buchtipps.

44 welt und umwelt der bibel 2/2017


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Ein Balanceakt zwischen Hoffen und Bangen

1453 war mit Konstantinopel das Zentrum der


Ostkirche an die Osmanen gefallen. Auf dem
europäischen Kontinent prallten zwei religiöse
Universalansprüche aufeinander und auch die
Wende des Jahrhunderts (1500) versprach eine
Zahl, die auf das Ende deutete. In Italien ver-
breitete sich die Botschaft eines Kabbalisten,
der die Juden zur Reue aufrief. Die Vorhersagen
Ascher Lemleins, der erstmals um 1500 in Er-
scheinung trat, bewahrheiteten sich zwar nicht,
aber sein Ruf nach Buße schien jeder Kritik er-
haben. Das rabbinische Establishment bewahrte
Stillschweigen und hoffte so, die in der Messias-
Frage irregeleiteten Juden vor christlichen Be-
kehrungsversuchen zu schützen.
Ab 1523 verbreitete sich in denselben Kreisen
die messianische Aufregung um David Re’uveni
(gest. 1538?) und Salomo Molcho (1500?–1523).
Re’uveni trat mit der Behauptung auf, ein Abge-
sandter der verlorenen Stämme Israels zu sein
und Jerusalem von den Türken zu befreien. Auf
der Suche nach Unterstützern für seine Ambitio-
nen führte ihn sein Weg von Venedig zum Papst

Auch politische Umbrüche


oder Verfolgungswellen
wurden als „Geburtswehen“
des Messias gedeutet

nach Rom und später an den Hof von Portugal.


Den europäischen Herrschern gefiel seine Zu-
kunftsvision, aber auch in Molcho, der marra-
nischer Herkunft war, fand er einen aktiven Un-
terstützer. Die messianische Aufregung breitete
sich derart aus, dass die anfängliche Euphorie
der Herrscher durch eine tiefe Beunruhigung
abgelöst wurde: Die beiden Visionäre wurden
bei ihrem kaiserlichen Bittgesuch in Regensburg
verhaftet, Molcho wenig später als Ketzer ver-
brannt.
Ein gutes Jahrhundert später war es wieder Shabbatai Zvi. Mit ihm war eingetreten, was die moderaten Rabbiner
eine politische Macht, deren Eingreifen akute vermeiden wollten, dass nämlich Gläubige wegen Endzeitberechnungen
Hoffnungen abflauen ließ und wesentlich dazu auf falsche Messiasse hereinfielen. Kabbalisten hatten das Ende der
beitrug, dass die konservative Haltung unter Tage für das Jahr 1648 vorausgesagt. Viele Juden (und er sich selbst)
den Juden wieder die Oberhand gewann: Der os- hielten Zvi für den endzeitlichen Messias. Alles schien auf ihn hinzuwei-
manische Sultan ließ 1666 Shabbatai Zvi (1626– sen und zudem bestätigte ihn ein selbst ernannter Prophet, Nathan von
1676), den sogenannten Messias aus Smyrna, ge- Gaza, durch seine mystischen Visionen.
fangen nehmen. Wenig später konvertierte der Stich im Joods Historisch Museum, Amsterdam.
einstige Hoffnungsträger zum Islam. Nach der
heutigen Quellenlage waren sich die jüdischen
Autoritäten zunächst uneins, was die Bewegung
um Zvi anging. Die Euphorie breitete sich trotz

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welt und umwelt der bibel 2/2017 45
Ein Balanceakt zwischen Hoffen und Bangen

der Bannsprüche von Smyrna (1651 oder 1654) wurde, von sich reden: Er sah sich berufen, jeg-
Doenme und Jerusalem (1665) in der gesamten Diaspora liche religiöse Ordnung aufzuheben, was ihn zu
Bezeichnet seit dem 17 Jh. aus. Warum der Glaube an ihn nicht nur im Ju- Riten inspirierte, die für das jüdische Establish-
eine krypto-jüdische Sekte dentum, sondern auch im Christentum derartige ment unannehmbar waren. So verstieß er gegen
von türkischen Juden, deren Wellen schlug, wird kontrovers diskutiert. In der die Fastengebote oder setzte sich entblößt auf
Mitglieder Shabbatai Zvi für
Mitte des 17. Jh. erschütterten die Chmielnicki- eine Torarolle, womit er das Ende des Exils und
den Messias hielten. Wie
Massaker (1648) in Polen und Russland das den Beginn einer neuen Ordnung deutlich ma-
ihr Messias konvertierten
sie zum Islam, daher der
aschkenasische Judentum. Diejenigen, die von chen wollte. Auf der Flucht vor seinen Widersa-
Name Doenme („Konver- den Verfolgungen verschont geblieben waren, chern trat er wie Zvi zum Islam über. Als Frank
titen“). Saloniki war im 18. traf wenig später der Russisch-Polnische Krieg dann 1759 nach Polen zurückkehrte, erklärte er
Jh. Zentrum der Doenme (1654–1667). Aber die ersten großen Erfolge hat- die christliche Taufe zum Teil seines Erlösungs-
und des Sabbatianismus. te die Bewegung nicht in Polen, sondern vor planes, wobei ihm seine zweite Konversion, der
Noch heute gibt es mehrere allem im Osmanischen Reich und im sefardi- Übertritt zum Katholizismus, auch jenen Schutz
Tausend Mitglieder mit An- schen Judentum, sodass Verfolgungen weniger bot, den er durch seine Verbannung aus der jü-
sichten zwischen Kabbala der Katalysator für die Euphorie um Shabbatai dischen Gemeinde verloren hatte. Im November
und Sufismus, die nach Zvi gewesen sein können. Scholem betonte in des gleichen Jahres ließ sich Frank taufen und
außen den Islam leben.
seinem Buch Sabbatai Zwi. Der mystische Mes- war damit keine Angelegenheit des Judentums
sias (1957) den Einfluss kabbalistischer Ideen. mehr.
Eine ganz andere Vorstellungswelt zu Exil und
Erlösung kommt in der lurianischen Kabbalah
zum Tragen: Die Kabbalisten versuchten sich Ernüchterung und Verinnerlichung im
die überwältigende Macht des Bösen durch den 18. und 19. Jahrhundert:
Abfall göttlicher Funken ins Dunkle zu erklären. Chassidim und Reformjudentum
In ihrer Vorstellung war das Ende der Zeiten ein Es scheint kaum verwunderlich, dass infolge
Prozess, in dem die gefangenen Lichtfunken be- dieser Entwicklungen Shabbatai Zvi im Juden-
freit und ihrem Ursprung zugeführt werden (tik- tum selbst zum warnenden Beispiel jeglichen
kun olam). Aktivismus avancierte. Desillusionierung und
Da die Kenntnisse der Kabbalah aber eher in Enttäuschung prägten auch die Ideen einer ganz
Elitekreisen denn im einfachen Volk verbreitet neuen Strömung, die sich im 18. Jh. als soge-
waren, geht man heute davon aus, dass volks- nannte Frömmigkeitsbewegung formierte: Die
tümliche Endzeiterwartungen eine wesentlich osteuropäischen Chassidim stellten dem strik-
größere Rolle für die Ausbreitung der messiani- ten Gesetzesgehorsam das persönliche Gefühl
schen Bewegung spielten. In diesem Zusammen- gegenüber und betonten die Freude am Dienst
hang wandte man sich auch der Rolle des Nathan Gottes. Jeder (alltäglichen) Handlung sprachen
von Gaza (1643/4–1680) zu, der als Prophet für sie eine erlösungsrelevante Funktion zu, sodass
die Bewegung auftrat: Nathan von Gaza verband auch dem Einzelnen – versunken in Gebet und
die kabbalistischen Endzeitkonzepte mit der Ritual – der Weg zur Erlösung offen stände (ge-
ulah peratit). Martin Buber (1878–1965) nannte
diese Neuerungen eine „Verinnerlichung des
Shabbatai Zvi avancierte zum warnen- Messianismus“, während Scholem von einer
den Beispiel jeglichen Aktivismus „Neutralisierung des messianischen Elements“
sprach. Die messianischen Erwartungen schie-
nen bei den Chassidim als religiöse Kraft, die die
Person Shabbatai Zvi. Seine Visionen bestärkten Öffentlichkeit suchte, ausgedient zu haben. Al-
auch Zvi selbst in seiner Mission und schließlich lerdings gaben vor allem die lebhaften Diskussi-
legitimierte er dessen Übertritt zum Islam als onen der 1990er-Jahre um den Messias in Brook-
Abfolge eines göttlichen Plans: Nur dem Messias lyn Anlass, diese Thesen zu überdenken und
selbst sei es möglich, ins Dunkle hinabzusteigen anzumerken, dass auch in chassidischen Krei-
und die letzten Funken einzufangen. sen die messianische Hoffnung mitnichten an
Die Bewegung um Zvi hinterließ tief greifen- Vitalität und Öffentlichkeitswirksamkeit einge-
de Spuren: In der Türkei konvertierten die jüdi- büßt habe. Anders als die rabbinischen Gelehr-
schen Doenme ihrem Messias nachfolgend zum ten, gelten die Anführer der Chassidim (rebe,
Islam, hielten aber im Geheimen weiterhin an Pl. rabonim) als Mittler zwischen Gott und den
shabbatianischen Riten fest. In Polen, später in Menschen. Ihnen werden von ihren Anhängern
Deutschland, machte Jakob Frank (1726–1791), besondere Fähigkeiten zugeschrieben. Es mag
der von seinen Anhängern als Messias verehrt naheliegen, einen Mann wie Schneerson, der

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welt und umwelt der bibel 2/2017
Ein Balanceakt zwischen Hoffen und Bangen

Reformjuden im Leopoldstädter Tempel, der Wiener Synagoge.


Die Reformjuden gaben im 19. Jh. die alte Sehnsucht nach der Rück-
kehr ins Land Israel, nach dem Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem,
nach einem neuen jüdischen König und nach dem Kommen des Messias
auf. Die Reformer sahen das Exil beendet. Sie fanden ihren oft orien-
talisch anmutenden Tempel in Europa und wollten dort an Fortschritt,
Vernunft und an einem messianischen Zeitalter mitarbeiten.

Oben: Außenansicht, Lithografie, Rudolf von Alt, 1860.


Links: Inneres der Synagoge in der Tempelgasse, Wien. Aquarell von
Emil Ranzenhofer, 1902, Österreichische Nationalbibliothek.

Der chassidische Rebbe Jisroel Hopsztajn,


auch „Koschnitzer Magid“ genannt, einer der Gründer
des polnischen Chassidismus, mit Schülern. Ganz
anders als die Reformjuden sah die chassidische
Auffassung in ihren Rebben Mittler zu Gott. Die
Hoffnung auf den Messias starb nicht, ging aber in
eine Innerlichkeit über: Erlösung beginne schon im
täglichen Gebet. Um 1800, National Library of Israel,
Schwadron Collection.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 47
Ein Balanceakt zwischen Hoffen und Bangen

Der Zionismus als messianischer Traum:


theodor herzls roman Altneuland

I m Zionismus schien sich die messiani-


sche Hoffnung von der Sammlung der
Verstreuten zu bewahrheiten, wenn auch
ein Sabbath in den Herzen. (...). Es gibt
leider noch genug Jammer auf der Erde,
und nur die gemeinschaftliche Anstren-
säkular und durch Menschen herbeige- gung aller kann erleichternd wirken.
führt. Theodor Herzls utopischer Roman Im Friedenspalaste finden sich solche
Altneuland (1902) schildert im letzten universelle Bestrebungen zusammen.
Buch das neue Jerusalem, in dem ein neu- Wenn zum Beispiel irgendwo in der Welt
er Tempel steht, der „Friedenspalast“: eine Katastrophe hereinbricht – Brände,
„Privathäuser gab es in der Altstadt nicht Überschwemmungen, Hungersnot, Epide-
mehr. Alle Gebäude dienten Zwecken der mien –, so wird es hierher telegraphiert. Theodor Herzl in Basel um 1900.
Wohltätigkeit oder Andacht. Es gab da Hier ist immer ein Hilfsreservoir in großen
Pilgerhäuser für die Gläubigen aller Be- Barmitteln vorhanden, weil ebenso wie
kenntnisse. Christen, Mohamedaner und die Bittgesuche auch die Spenden sich
Juden hatten ihre gemeinnützigen Anstal- hier zentralisieren. Ein ständiger großer
ten, ihre Spittel und Siechenhäuser, die Rat, dessen Mitglieder von verschiedenen
in bunter Reihe nebeneinander standen. Nationen gewählt werden, wacht über die
Ein gewaltiges Viereck aber nahm der gerechte Verteilung und Ausgleichung der
ernste und großartige Friedenspalast ein, Gaben.“
in welchem die internationalen Kongresse Auf der anderen Seite dieser zionistischen
von Friedensfreunden und von Gelehrten Utopie eines messianischen Friedens-
aller Wissenszweige abgehalten wurden. reichs sieht die Mehrheit der Palästinenser
Die Altstadt war überhaupt ein internati- und der arabischen Staaten die zionisti-
onaler Ort, welcher allen Völkern als eine sche Bewegung als Wurzel des Nahostkon-
Heimat erscheinen mußte. (...) Die Leute, flikts, der zur Vertreibung der Palästinen-
die einander begegneten oder überholten, ser aus ihren Siedlungsgebieten geführt
grüßten stumm und freundlich. Es war hat. (HK) Der in den 1920er-Jahren
amtierende Oberrabbiner Palästi-
nas Abraham Isaak Kook (1865–
1937) legitimierte das zionistische
Programm religiös: als ersten
Schritt auf dem Weg zur Erlösung.
Er engagierte sich für Allianzen
zwischen säkularen und religiösen
Zionisten.

Ben Gurion bei der Unabhängig-


keitserklärung des Staates Israel
1948. Den Staat zu gründen, be-
trachteten orthodoxe Gruppen als
Gotteslästerung, als menschlichen
Eingriff in Gottes messianische
Pläne. Wie das Reformjudentum
haben sich heute auch orthodoxe
Gruppen mit dem Staat Israel
arrangiert.

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welt und umwelt der bibel 2/2017
ein balanceakt zwischen hoffen und bangen

für viele als Rechtschaffenster seiner Generation Palästinas, Abraham Isaak Kook (1865–1937), le-
(tzaddik) verehrt wurde, auch als „König Messi- gitimierte das zionistische Programm als ersten Jüdischer Pluralismus
as“ (melech hamoshiach) zu erwägen. Fest steht, Schritt auf dem Weg zur Erlösung. Als der Staat Die zahlreichen Bewegun-
dass die chassidischen Veränderungen in Litur- Israel 1967 die Gebiete des biblischen Judäas und gen innerhalb des Juden-
gie und Organisationsstruktur bereits im 18. Jh. Samarias eroberte, deutete dessen Sohn Zvi Je- tums haben die Vielfalt der
messianischen Erwartun-
die damaligen Rabbiner auf den Plan riefen. huda Kook (1891–1982) den militärischen Erfolg
gen geprägt: orthodox,
Doch den Auseinandersetzungen wurde im 19. als weitere Stufe auf dem Weg zur Erlösung und
ultraorthodox, chassidisch,
Jh. ein jähes Ende bereitet, als sich die traditio- rief zur aktiven Besiedlung des Landes (eretz Jis-
modern, traditionell, kon-
nellen Kräfte jenen Reformbemühungen gegen- rael) auf. Wieder sollte es nicht göttliche Hand, servativ, reformiert, liberal,
übersahen, die den Beginn des liberalen Juden- sondern eine politische Macht sein, die dem progressiv ... Von dem
tums anzeigten. Für ihre Gegner kamen die von messianischen Streben Einhalt gebot. 38 Jahre Judentum zu sprechen
den Reformern angestrebten Neuerungen einem nach dem Einzug in den Gaza-Streifen wies der (wie auch Christentum
Abfall vom Judentum gleich (Tb Sanh. 91a): Staat Israel seine Bürger an, die Niederlassun- und Islam), ist sachlich
Denn die Reformjuden gaben den Glauben an gen zu räumen. Ein Wunder, auf das die bis zu- schwierig.
das Kommen des Messias zugunsten der Idee ei- letzt verbliebenen Siedler hofften, blieb aus.
ner universalen Erlösung auf. Sie richteten ihre Trotz aller Hoffnungen, die durch die Grün-
Hoffnungen nicht mehr auf einen Abkömmling dung eines eigenen Staates nach Jahrtausenden
Davids, sondern auf eine Ära des Friedens und des Exils ausgelöst wurden, bleibt der israeli-
der Gerechtigkeit, an der alle Menschen ihren sche Staat bis heute in der jüdischen Gemein-
Anteil hätten. Für sie stellte die politische Di- schaft umstritten. Das Ende des Exils und die
mension der Messias-Hoffnung nur ein letztes Heimkehr der Juden nach Zion waren für die
Hindernis bei der Integration in die bürgerliche konservativen Kräfte zwingend mit dem Kom-
Gesellschaft dar. Die Reformkräfte in den USA men des Messias verbunden und nicht etwa mit
proklamierten daher ihr Judentum ganz als reli- einem immer mehr um sich greifenden Säku-
giöse Gemeinschaft und schworen jeglichen na- larismus, in dem das religiöse Gesetz als allge-
tionalen Bezügen ab (Pittsburgh Platform 1885). meine Richtschnur ausgedient hatte. Auch wenn
Sie ersetzten das altgediente Zion durch ihre ei- sich die meisten orthodoxen Stimmen heute mit
genen Gemeinden, die sie noch heute „temple“ dem Staat Israel arrangiert haben, so bleibt doch
nennen. Im 20. Jh. relativierten die Reforman- eine gewisse Missbilligung spürbar, vor allem in
hänger allerdings ihre Absage an alles Nationa- den Reihen derjenigen, die sich weigern, in Isra-
le – nicht zuletzt im Angesicht der Schrecken el Steuern zu zahlen, oder den Jahrestag seiner
des Holocausts. In den Pittsburgh Principles von Gründung als Trauertag begehen.
1999 deklarierten die anwesenden Rabbiner Am Ende unseres Ausflugs in die jüdische Ge-
des Reformjudentums ihre Verbundenheit zum schichte bleibt uns die Erkenntnis, dass mit der
Staat Israel (medinat Yisrael) und ihre Freude an simplen Formel des Anfangs – „Juden warten
seiner Erfüllung. auf ihren Messias“ – etwas Entscheidendes ins
Abseits gerät: Die messianischen Erwartungen
sitzen in keinem „Wartezimmer“ und harren der
19. und 20. Jahrhundert: Zionismus und Dinge, die da kommen werden. Stattdessen führt
Staat Israel uns ihre spannende Geschichte einen steten Ba-
Die fehlgeschlagene jüdische Assimilation in Eu- lanceakt zwischen Hoffen und Bangen vor, der
ropa und die um sich greifenden Anfeindungen dem Judentum zu einer einzigartigen Lebendig-
hatten in den Reihen der sogenannten Zionisten keit verholfen hat. W
eine Idee zur politischen Agenda erstarken las-
Dr. des. Christiane Altmann
sen: die Rückkehr und Wiederherstellung eines Lesetipps
ist Religionswissenschaftlerin
souveränen Staates. Theodor Herzl (1860–1904), • Jeannine Kunert, Endzeit als Wendezeit? Zum Einfluss
mit Schwerpunkt Messianis-
der Begründer des politischen Zionismus, ent- von Naherwartungen auf die rituelle Praxis in mus im Kontext des Juden-
warf 1902 mit seinem Roman Altneuland einen jüdischen und christlichen Gemeinschaften in der tums unter Berücksichtigung
Judenstaat, der viele Jahre später – aller Utopie Frühen Neuzeit, in: Historische Zeitschrift, Beiheft soziologischer Erklärungs-
zum Trotz – reale Gestalt annahm. Eine Reihe 60/2013, 304–327. modelle. Ihre Dissertation
von Rabbinern stützte die zionistischen Hoff- • Rebekka Voß, Umstrittene Erlöser. Politik, Ideologie zum Thema „Authentisches
Judentum oder gefährlicher
nungen, indem sie anhand biblischer und rabbi- und jüdisch-christlicher Messianismus in Deutschland,
Messianismus? Die Kontro-
nischer Texte aufzeigten, dass eine Errettung der 1500–1600, Vandenhoeck & Ruprecht 2011.
verse um Chabad Lubavitchs
Juden nicht nur als Gottes Fügung, sondern auch • Yosef Hayim Yerushalmi, Israel, der unerwartete Staat. meshichists in den USA“ hat
von menschlicher Hand Berechtigung fände. Der Messianismus, Sektierertum und die zionistische sie an der Universität Leipzig
in den 1920er-Jahren amtierende Oberrabbiner Revolution, Mohr Siebeck 2006. 2016 verteidigt.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 49
Hier steht vorerst ein blindtext

Jüdische Messiasgestalten

Woran man den echten Messias erkennt


Nachdem zahlreiche Menschen mit messianischem Anspruch aufgetreten waren, formuliert der
berühmte jüdische Gelehrte Moses Maimonides im 12. Jh. Erkennungsmerkmale für den Messias.

1 2 3 4

Münzen des Bar Kochba aus den Jahren 132–135 nC.

F
reiheit! Dafür kämpfte Bar Kochba Palmspross, (3) im Lorbeerkranz oder (4) Reihe auf, die oft einen Scherbenhaufen
132–135. Sein bürgerlicher Name als einfache Inschrift „Shim’on“ neben hinterließen. Einige Beispiele:
war Simon Chosiba. Der bedeuten- dem Tempel und mit einem Messiasstern • Im 8. Jh. entstand um Jizchak ben
de zeitgenössische Rabbi Akiba nannte darüber. Durch die althebräische Schrift Jakob in Isfahan eine Bewegung. Er sei
den Aufstandsführer gegen die Rö- verbanden sich die Aufständischen um der letzte Vorläufer des Messias, dessen
mer aber „Sternensohn“ (Bar Bar Kochba mit der glorreichen Vergan- Kommen bevorstehe. Er zog mit Anhän-
Kochba), in Anspielung auf genheit der Könige David und Salomo, als gern gegen die persische Obrigkeit in die
den „Stern aus Jakob“ der Israel ein unabhängiges Reich war. Schon Schlacht. Die Gruppe wurde getötet.
Bileamweissagung (Num die jüdischen Symbole auf den Münzen • 1120 verkündete eine Prophetin in
24,17). Seine Botschaft ließ waren revolutionär, weil die Römer sie Bagdad, sie habe Elia in einer Vision ge-
Bar Kochba auch auf sei- bei Todesstrafe verboten hatten. sehen, die Erlösung Israels sei nahe. Die-
nen Münzen verkünden: Doch der Aufstand scheiterte, Bar se messianische Aufregung endete für die
(1) „Jahr 2 der Befrei­ Kochba wurde hingerichtet und Juden Juden Bagdads mit Haft.
ung Israels“, um Lulav durften die heilige Stadt mit dem Tem- • Moses al Dari verkündete als Mes-
und Etrog aus dem pelberg nicht mehr betreten. Eine Katas- sias in Fes (Marokko) 1127, vor Pessach
Sukkot-Strauß; (2) die trophe für das rabbinische Judentum. So sollten alle Juden ihr Hab und Gut ver-
Inschrift „Schim’on, große Hoffnungen hatten auf Bar Kochba kaufen und sich hoch verschulden, da an
Fürst Israels“, geruht! Sein Desaster veränderte das rab- Pessach die Endzeit anbreche. Nach dem
erscheint mit binische Denken. Die Gelehrten wurden Fest verschwand der Messias, die Schul-
konservativer und vorsichtig: Umstürze, den dagegen zerstörten Existenzen.
Messiasse, Revolten – von all dem woll- • Rund um die christlich-messia-
te man nichts mehr wissen. So wird Bar nisch aufgeladenen Kreuzzüge kam es
Kochba im Talmud sogar Bar Koseba immer wieder zu Gerüchten, die jüdische
genannt, „Lügensohn“. Das Bar-Kochba- Sammlung in Jerusalem beginne, beson-
Trauma wirkte nach – in einer steten ders als Jerusalem von Saladin 1187 zu-
Ambivalenz zwischen Hoffnung auf den rückerobert wurde.
Messias und Vorsicht, auf einen falschen Die Rabbiner ließen den Gläubigen die
hereinzufallen. Davon traten noch eine Hoffnung auf den Messias und dämmten
sie gleichzeitig ein. Moses Maimonides,
der einflussreiche jüdische Gelehrte des
Maimonides-Skulptur in 12. Jh., Gemeindeleiter in Kairo und Arzt,
Córdoba, seiner Geburtsstadt.
Der hebräische Name lautet Rabbi
Mosche ben Maimon (Rambam)
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(1135–1204).
Hier steht vorerst ein blindtext

kühlt in seinem Werk Mishne Tora 1180 „Wunder und Zeichen vollbringen, neue weil es zur Verzweiflung führe, weil da-
die erhitzten Gemüter. Im letzten Buch Phänomene in die Welt bringen, die Toten mit vorprogrammiert sei, auf Lügner he-
(Sefer Schoftim, Hilchot Melachim, Kapitel beleben und dergleichen Dinge“ ist dage- reinzufallen, und vor allem, „da es einen
XI+XII) bestimmt er den Messias so: gen vollkommen unnötig (XI,3). Gemäß Menschen weder zur Ehrfurcht noch zur
„Der König Messias wird einst erstehen dem restaurativen, nicht übernatürli- Liebe Gottes bringt“ (XII,2). Wissen über
und das Hauses David erneuern, zur Herr­ chen, aber dennoch politisch mächtigen das Kommen des Messias macht also nie-
schaft, wie sie war. Er baut den Tempel Messias des Maimonides „folgt die Welt manden zu einem gottgefälligeren Men-
wieder auf und sammelt die Zerstreuten ihren Naturgesetzen weiter“ in den Tagen schen! (In seinem Brief in den Jemen gibt
Israels. In seinen Tagen werden alle To­ des Messias, auch wenn ein Reich des Maimonides allerdings eine Jahreszahl
ragesetze wieder so eingehalten werden, Friedens entsteht. an – vermutlich, um die Ängste der auf-
wie sie es früher wurden. Wir werden Opfer Das epochal Neue ist, dass Israel nicht geregten dortigen jüdischen Gemeinde
darbringen und die Brachjahre und Jubel­ mehr unter Fremdherrschaft lebt und angesichts von jüdischen und arabischen
jahre beachten, ganz nach den in der Tora dass alle Feinde der Juden ihre Feind- Gestalten mit Messiasansprüchen zu be-
enthaltenen Vorschriften.“ (XI,1) schaft aufgeben, sodass das jüdische ruhigen und im Glauben zu halten).
Ob derjenige der echte Messias ist, zeigt Volk endlich in Ruhe und Frieden über Maimonides hat beide Strategien ver-
sich einzig daran, ob er Erfolg hat: „Wenn der Tora sinnen kann. Ein Hauch Utopie folgt: nachdrücklich den Glauben stär-
er aber keinen Erfolg hatte oder getötet schwingt hier aber auch bei Maimonides ken, dass der Messias kommt, aber gleich-
wurde, dann ist er sicherlich nicht der, den mit: „In jener Zeit wird keine Hungersnot, zeitig messianische Euphorie ablehnen.
die Tora verheißen hat. Er ist dann wie kein Krieg mehr sein, kein Neid und kein Bar Kochba erfuhr übrigens nach jahr-
alle anderen tüchtigen und vollkommenen Wettstreit, denn das Gute wird in Fülle flie­ hundertelanger Ächtung in zionistischer
Könige des Hauses David, die gestorben ßen und es wird Wonnen geben wie Staub. Zeit ein Revival als „Sternensohn“ und
sind.“ (XI,4) Und auf der ganzen Welt wird man sich Freiheitskämpfer, als „Archetyp des jü-
Der Messias muss also aus dem Haus mit nichts beschäftigen außer der Gottes­ dischen Heldentums“ (so die Kuratorin
David stammen und König werden, er erkenntnis.“ (XII,5) einer Ausstellung 2016 im Eretz Israel Mu-
studiert und lebt die Tora und bringt alle Dezidiert nimmt Maimonides in Mishne seum, Tel Aviv). In Literatur, Theater und
Juden dazu, nach der Weisung zu leben. Tora die Tradition der talmudischen Rab- Kunst taucht Bar Kochba auf. Diaspora-Or-
Er baut den Tempel auf dem Tempelberg binen auf, jegliche Endzeitberechnung ganisationen entwerfen ihn auf Plakaten
wieder auf, stellt ein souveränes Reich Is- abzulehnen. Niemand solle versuchen, kraftstrotzend neu, um ihre Vitalität und
rael her, besiegt die Feinde ringsum und das Ende der Zeiten zu bestimmen, weil Stärke zu zeigen. Heute ist Bar Kochba als
sammelt die Verstreuten ein. es die Vorfreude auf den Messias zerstöre, Freiheitskämpfer populär. (Helga Kaiser)

Bar Kochba als Held der Moderne


(rechts) Bronzestatue von Chanoch Glicenstein, 1905.
Eretz Israel Museum, Tel Aviv.
(oben) Marke aus den ersten Briefmarkenserien des
jungen Staates Israel um 1950: Denar aus Bar Kochbas
Zeit mit der Aufschrift „Jahr 2 der Freiheit Israels“.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 51
Messianische Vorstellungen im Islam

Jesus und der Mahdi –


zwei erwartete Erlöser
Im Islam werden zwei Erlösergestalten am Ende der Zeiten
erwartet. Die eine ist der Messias Jesus, die andere der Mahdi.
Auch wenn im sunnitischen und schiitischen Islam
unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden, stehen beide
für göttliche Gerechtigkeit. Von Muharrem Kuzey

Blick in den Innenhof der Moschee von Dschamkaran, einem kleinen Ort nahe
Ghom, Iran. Die Anlage beherbergt eine Quelle – eine viel besuchte schiitische Pilger-
stätte, denn hier soll einer Lokaltradition zufolge die messianische Gestalt Mahdi, der
verborgene 12. Imam Muhammad ibn al-Hasan al-Mahdı-, zurückkehren, um seine Herr-
schaft anzutreten. Als Erlöser wird er die Kräfte des Bösen bekämpfen und zusammen mit
dem darauf ebenfalls wiederkehrenden Jesus die Menschheit erneuern und ein Reich des
Friedens aufrichten. Der Mahdi, der verborgene 12. Imam, wird sogar in der iranischen
Verfassung genannt: Nur während der Zeit bis zu seiner Rückkehr üben die Rechtsgelehr-
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tender
welt und umwelt stellvertretend
bibel 2/2017 die Führung aus.
D
ie Erwartung eines Erlösers am Ende der 923), interpretieren die Aussage mutawaffīka
Zeiten hat in der islamischen Geschichte im Koran als „schlafen lassen“. Ihnen zufolge
eine wichtige Rolle gespielt und den is- „wurde Jesus schlafend in den Himmel erhoben,
lamischen Glauben maßgeblich geprägt. In der ohne gestorben zu sein.“ Für andere Gelehrte,
islamischen Vorstellung treten zwei Figuren als wie Abū Mansūr al-Māturīdī (gest. 944), geht es
erwartete Erlöser auf: Messias (arab. Masīḥ, ge- in diesem Vers um das Hysteron-Proteron („das
meint ist ʿĪsa/Jesus) und Mahdi („der Rechtgelei- Spätere als Früheres“): Demnach bedeute der
tete“). Beide sollen am Ende der Zeiten als ein Vers „Ich werde dich zu Mir erheben und (nach
Vorzeichen des Jüngsten Tages auftauchen, um der Erfüllung der Mission am Ende der Zeit) ster-
die Gerechtigkeit auf der Welt zu verwirklichen. ben lassen“.

- Jesus wird als Vorzeichen des Jüngsten


Der Herabstieg Jesu (nuzu-lu ʿı-sa )
Jesus wurde dem Koran zufolge weder durch Tages zur Welt herabsteigen, um die
Menschenhand getötet noch gekreuzigt. Denn
ein Vers besagt:
Wende zum Guten herbeizuführen
„Und (weil sie) sagten: ‚Wir haben Christus Je-
sus, den Sohn der Maria und Gesandten Gottes Obwohl es im Koran keine eindeutige Aussage
getötet.‘ – Aber sie haben ihn nicht getötet und oder Beweise für den Herabstieg Jesus (nuzūlu
nicht gekreuzigt. Sondern er erschien ihnen nur ʿĪsā) gibt – zwar behaupten die Befürworter,
gleich (einem Gekreuzigten). Siehe jene, die über dass einige Verse (Sure 4,159; Sure 43,61; Sure
ihn (über die Kreuzigung Jesu) uneins sind, sind 5,110) auf den Herabstieg Jesus verweisen –, fin-
wahrlich über ihn im Zweifel. Sie haben kein Wis- den sich viele prophetische Überlieferungen, die
sen darüber, gehen vielmehr Vermutungen nach. als wichtige Grundlage dieser klassischen Vor-
Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet. stellung dienen und sie stützen. Diese Hadithe
Nein, Gott hat ihn zu sich erhoben.“ (Sure 4,157– werden von den von Sunniten als zuverlässig an-
158) erkannte Hadith-Quellen überliefert, wie Buḫārī
In diesem Vers wird nicht davon gesprochen, oder Muslim. Ein Beispiel dafür ist:
dass Jesus stirbt, sondern dass Jesus vom Kreuz „Bei Gott, in dessen Händen mein Leben ist,
gerettet und zu Gott erhoben wurde. Nicht Jesus sehr bald wird Jesus, Sohn der Maria, als Hüter
wurde gekreuzigt, sondern jemand, der Jesus der Gerechtigkeit kommen. Er wird das Kreuz
ähnelte. zerschlagen, das Schwein töten, die Tribute auf-
In einem anderen Vers wird dagegen verdeut- heben; die Güter werden sich vermehren, nie-
licht, dass Gott ihn sterben lässt und dann zu mand wird ihn annehmen.“ (Buḫārī, Buyūʿ 102,
sich erheben wird: Maẓālim 31, Anbiyāʾ 49; Muslim, Īmān 242; Die klassische Periode
„Gott sagte: O Jesus, Ich will dich sterben las- Tirmiḍī, Fitan 54) des Islam
sen und dich zu Mir erheben, und dich von denen, Es scheint, dass in der klassischen Periode des ist die Zeit vom Auftreten
Muhammads (7. Jh.)
die ungläubig sind, reinigen.“ (Sure 3,55) Islam die Wiederkehr Jesu von der Mehrheit der
bis ins Spätmittelalter
An diesem Punkt begann eine Diskussion un- Muslime, vor allem der Sunniten, als allgemeine
(13. Jh.).
ter den muslimischen Gelehrten. Die Mehrheit Überzeugung angenommen wurde. Im schiiti-
der klassischen Gelehrten ist der Meinung, dass schen Gedankengut hat die Idee des Herabstiegs
Jesus nicht gekreuzigt, sondern mit seinem Kör- Jesu wegen starker Mahdi-Erwartung (s. u.) da-
per in den Himmel zu Gott erhoben wurde, ohne gegen wenig Platz.
gestorben zu sein. Er weilt gerade im Himmel In der modernen Zeit fing man an, diese Über-
und wartet dort auf die Erfüllung seiner Mission. zeugung des „Herabstiegs Jesu“ der klassischen Die islamische Moderne
Deswegen wird Jesus als Vorzeichen des Jüngs- Periode zu diskutieren. Viele moderne muslimi- beginnt mit der Wende
ten Tages wieder zur Welt herabsteigen, um die sche Gelehrte wie Fazlur Rahman (gest. 1988) zum 19. Jh., manchmal
große Wende zum Guten herbeizuführen. Nach lehnen sie ab. Nach dem modernen Ansatz wur- festgemacht an der
Invasion Napoleons in
der klassisch islamischen Deutung ist es wich- de Jesus vor der Kreuzigung gerettet, dann hat
Ägypten 1798.
tig, dass er keine neue Scharia (Gesetz) bringen Gott ihn eines natürlichen Todes sterben lassen,
wird, sondern die Scharia Muhammads wieder- da die Aussage im Koran (Sure 3,55) über den
beleben und ihr folgen wird, wenn er auf die Welt Tod Jesu eindeutig ist und da Gott niemandem
zurückkehrt. Entsprechend dieser Überzeugung Unsterblichkeit verliehen hat (Sure 21,34-35).
versuchten die klassischen Gelehrten den letz- Nach seinem natürlichen Tod wurde Jesus spi-
ten Vers (Sure 3,55) zu deuten, in dem von Jesu rituell bzw. nur seine Seele, wie die anderen
Tod die Rede ist. Hier treten zwei Deutungen gläubigen Seelen, zu Gott erhoben. Fazlur Rah-
hervor. Manche Gelehrte, wie aṭ-Ṭabarī (gest. man zufolge ist die Vorstellung des Herabstiegs

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welt und umwelt der bibel 2/2017 53
Jesus und der Mahdi – zwei erwartete Erlöser

Jesu in Sufi-Kreisen entstanden und im Strömungen unterlegen sein. Sobald sie sich aber
Laufe der Zeit Teil des islamischen vereinigt haben, werden sie die gottlosen Strö-
Glaubens geworden. Andere For- mungen besiegen und vernichten.“ (Said Nursi,
scher wie Hüseyin Atay weisen Die Briefe, S. 78)
darauf hin, dass die christli- In dieser Auslegung erkennt man einen deutli-
che Überzeugung der Wie- chen Einfluss des frühen 20. Jh., in dem materia-
derkehr Jesu in der Endzeit listische und positivistische Weltanschauungen
islamisiert und unter den beliebt waren und in der muslimischen Theolo-
Muslimen verbreitet wurde. gie Ablehnung hervorriefen. Wie Hüseyin Aydin
Manche Gelehrte ver- bemerkt hat, versucht der Autor mit dieser Aus-
suchen allerdings auch legung zwei große abrahamitische Religionen
einen Mittelweg zwischen gegen Gottesleugnung zu vereinen.
den beiden Ansätzen, dem
klassischen und dem mo-
dernen, zu finden. Denn Die Erwartung des Mahdi am
einerseits gibt es viele pro- Ende der Zeiten
phetische Überlieferungen Das arabische Wort Mahdi bedeutet „der Recht-
über den Herabstieg Jesu geleitete“. Dieser Begriff ist als Ehrentitel ohne
in den als zuverlässig an- messianische Konnotation für den Propheten
erkannten Hadith-Quellen; und seine Nachfolger verwendet worden. Aber
deswegen ist es nicht mög- nach der klassischen Vorstellung wird im Sinne
lich, all diese abzulehnen einer erwarteten Erlöserfigur ein Nachkomme
oder zu ignorieren. Ande- des Propheten am Ende der Zeiten auftauchen,
rerseits ist es nicht leicht, „um die Welt mit der Gerechtigkeit zu erfüllen,
diese Überlieferungen wort- so wie sie jetzt mit Ungerechtigkeit erfüllt ist“.
wörtlich zu verstehen und Zwar kommen solche Vorstellungen im Koran
den körperlichen Herab- nicht vor, aber die dem Propheten zugeschriebe-
stieg Jesu zu erwarten. Da- nen Überlieferungen, in denen es widersprüch-
her versuchen sie diese Ha- liche Aussagen gibt, dienen als Grundlage die-
dithe zu interpretieren. Ein ses Glaubens – sowohl für Schiiten als auch
bemerkenswertes Beispiel Sunniten. Schon seit der frühislamischen Peri-
dafür ist die Interpretation ode ist der Begriff Mahdi in der Bedeutung des
von Said Nursi (gest. 1960). Erlösers vor allem unter den Schiiten verwendet
Die Jungfrau und das Ohne einen Herabstieg Jesu mit seinem Körper
Jesuskind von Scheich komplett auszuschließen, interpretiert er diese
Sana’an (1871–1925, Hadithe wie folgt: Ein Nachkomme des Prophe-
Iran) im Kunststil der „… Sie wird eine aus der naturalistischen, ma-
Kadscharen-Dynastie. terialistischen Philosophie entstehende Strömung ten wird am Ende der Zeiten
Jesus, Sohn der Maria,
Prophet und Messias,
sein, dem Nimrod gleich, in der Endzeit allmäh- auftauchen, „um die Welt mit
lich mit der materialistischen Weltanschauung
spielt im Koran eine wachsen und bis zum Grade der Gottesleugnung der Gerechtigkeit zu erfüllen“
eschatologische Rolle: erstarken. (...) So wird denn in einer solchen Zeit,
Seine Wiederkehr kündet in der sich diese Strömung als so stark erweist,
das Endgericht an. Heute der wahre christliche Glaube in Erscheinung tre- worden. Im Laufe der Zeit ist die Wiederkehr des
lehnen viele muslimische ten, der die geistige Kraft von Jesus ist, mit dem verborgenen Imams, Mahdi, – obwohl sie in den
Theologen die Überzeu- der Friede sei, das heißt, er wird aus dem Himmel schiitischen Gruppen variiert – ein Bestandteil
gung ab, der Messias
der göttlichen Barmherzigkeit herabsteigen, der des schiitischen Glaubens geworden. So ist zum
Jesus werde auf die Erde
derzeitige christliche Glaube wird sich zu dieser Beispiel nach dem Glauben der Zwölfer-Schia
zurückkehren. Musée des
Wahrheit hin reinigen, den Aberglauben und die der zwölfte Imam, Muḥammad al-Maḥdī, im
Civilisations de l’Europe
Missdeutungen der Schrift aufgeben, sich mit der Jahr 260/873 entrückt worden (arab. ġaiba) und
et de la Méditerranée,
Marseille.
Wahrheit des Islam vereinigen, und die christliche wird vor dem Jüngsten Tag auf die Welt wieder-
Religion wird sich innerlich in eine Art von Islam kehren, um ein Reich der Gerechtigkeit zu er-
umwandeln. (…) Der wahre Glaube wird aus die- richten.
ser Vereinigung eine gewaltig große Kraft schöp- Die Sunniten dagegen gestalteten eine eige-
fen. Solange Christentum und Islam noch vonei- ne Mahdi-Figur. Besonders in den sunnitischen
nander getrennt sind, werden sie den gottlosen Sufi-Kreisen fand diese Idee allgemeine Aner-

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Jesus und der Mahdi – zwei erwartete Erlöser

Mirza Ghulam Ahmad (1835– neue Zeitrechnung. Er lehrte das


1908), verstand sich als verheißener bevorstehende Kommen eines „noch
Messias Jesus und als Mahdi der End- größeren“ Gottesgesandten. Um 1863
zeit aller Weltreligionen. Er gründete entsteht daraus die Bewegung der
die Ahmadiyyabewegung in Indien als Bahai um Baha’u’llah (gest. 1892 in
Reformbewegung innerhalb des Islam. Akko).
Der geistliche Führer der pazifistisch •M  uhammad Ahmad (Sudan), Selbst-
geprägten Ahmadiyya-Bewegung heißt bezeichnung Mahdi, führte den ver-
bis heute „Nachfolger des Messias“. lustreichen „Mahdi-Aufstand“ gegen
die ägyptische Besetzung im Sudan
Weitere messianische Bewegungen im 1881 an.
Islam sind: • In der britischen Kolonie Nigeria
• Muhammad ben Abd Allah al-Bagh- entstanden verschiedene Gemein-
dadi (Algerien) sieht sich während schaften, die den Mahdi erwarteten.
der Proteste gegen die französische So ruft sich Muhammad Jumat Imam
Herrschaft in den 1830er-Jahren als 1941 in Nigeria zum Mahdi und
Mahdi. Messias aus. Er will die Einheit von
• Sayyid Ali Muhamad, „der Bab“, Muslimen und Christen und eröffnet
(Iran) erklärte sich zu einem spiri- 1944 ein Gebetshaus für Muslime
tuellen Mahdi, begann 1844 eine und Christen.

kennung und verbreitete sich auch unter den deren Imame ab. Denn diese Eigenschaft gehörte
Sunniten. Im Gegensatz zum „Herabstieg Jesu“ nur zu den Propheten.
ist die Mahdi-Erwartung seit der klassischen Pe- Diese Messias- und Mahdi-Erwartung löste
riode des Islam bei den Sunniten umstritten und viele politische und religiöse Bewegungen und
wurde von manchen klassischen und zeitgenös- Aufstände in der islamischen Geschichte aus.
sischen sunnitischen Gelehrten wie Ibn Ḫaldūn Denn aus dieser Idee heraus behaupten etliche
(gest. 1406) Aḥmad Amīn (gest. 1954) kritisiert Scheiche und Personen von sich, der erwartete
und abgelehnt. Messias oder Mahdi zu sein, und konnten mit
diesem Anspruch viele Anhänger um sich scha-
ren. Zudem ist diese Idee in der Vergangenheit
Die Unterschiede zwischen und Gegenwart eine wichtige spirituelle Mo-
Schiiten und Sunniten tivationsquelle für solche Bewegungen. Bei-
Man erkennt drei entscheidende Unterschiede spielsweise wird Schah Ismā‘īl (gest. 1524), der
zwischen Schiiten und Sunniten: Gründer der Safawiden, von seinen Anhängern
1. Der Glaube an die Wiederkehr des verbor- als erwarteter Mahdi angesehen. Mirza Ghulam
genen Imam bzw. Mahdi ist ein grundlegender Ahmad (gest. 1908), der Gründer der Ahmadi-
Bestandteil des schiitischen Glaubens. Von den yya, erhob den Anspruch, erwarteter Messias
sunnitischen Gelehrten wurde dagegen immer und Mahdi zu sein. W
betont, dass die Mahdi-Erwartung nichts mit
dem grundlegenden Glauben zu tun habe.
2. Nach der Überzeugung der Zwölferschiiten Lesetipps
Muharrem Kuzey, M.A.,
ist Muhammad al-Mahdi im Jahr 260/873 ent- • Mariella Ourghi, Schiitischer Messianismus
islamischer Theologe, ist
rückt worden und wird am Ende der Zeiten als und Mahdı--Glaube in der Neuzeit, Ergon-Verlag, Referent und wissenschaftli-
erwarteter Mahdi wiederkehren. Wohingegen Würzburg 2008. cher Mitarbeiter am Zentrum
nach der sunnitischen Vorstellung ein Mann aus • Martin Bauschke, Der Sohn Marias: für Islamische Theologie der
den Nachkommen des Propheten Muhammad Jesus im Koran, Lambert Schneider, Universität Tübingen.
am Ende der Zeit auftauchen wird. Darmstadt 2013. Forschungsschwerpunkte
sind u. a. systematische
3. Nach schiitischer Überzeugung ist Mahdi • Hüseyin Aydın, Kur’an Bütünlüǧü Açısından
. Theologie und islamische
wie die anderen zwölf Imame sündlos und fähig Hz. Isâ’nın Akıbeti Meselesi in: Kelam
Mystik. Er promoviert derzeit
zur unfehlbaren Auslegung der religiösen Texte. Araştırmaları 6/2 (2008). zu einem Thema der Konst-
Die Sunniten dagegen lehnen Sündlosigkeit und • Said Nursi: www.nur.gen.tr/de.html -> ruktion religiöser Identität im
Unfehlbarkeit des erwarteten Mahdi und der an- Risale-i Nur -> Brief Osmanischen Reich.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 55
Alle sind gleich, manche sind gleicher: Der selbst ernannte König von Münster, Jan van Leiden.
Die Täuferbewegung wollte gerade die Gleichheit aller Getauften vor Gott und die Gewaltlosigkeit betonen.
Angesichts des nahenden Messias waren aber für Jan van Leiden alle Gewalt und Ungleichheit gerechtfer­
tigt. Kupferstich von Heinrich Aldegrever 1536, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett.

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Das Täuferreich in Münster

Gewalt im Namen des Messias


Im Christentum loderte immer wieder die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi
auf. In den Jahren 1534 und 1535 gerät Münster in eine messianisch aufgelade-
nene Endzeitstimmung: Anhänger der Täuferbewegung erwarten das Erscheinen
des Messias! Mit brutaler Gewalt bereiten sie seine Ankunft vor. Ein Beispiel
dafür, was passieren kann, wenn Messianismus fundamentalistisch wird.
Von Hubertus Lutterbach

S
elbst angesichts heutiger Schnelllebigkeit verließen immer mehr Menschen – vor allem
lassen die Veränderungen aufmerken, Frauen und Kinder – die Stadt. In der finalen
die sich während der 1530er-Jahre in der militärischen Schlacht des Jahres 1535 verteidig-
Bischofsstadt Münster ereigneten. So wechsel- ten Münster innerhalb der Stadtmauer nur noch
ten die Bewohner der westfälischen Metropole 1000 täuferische Kämpfer.
zwischen 1530 und 1535 drei Mal die Konfession: Während die Katholiken und die Lutheraner –
zuerst römisch-katholisch, dann lutherisch, in entsprechend mittelalterlichen Gepflogenheiten
der Folge täuferisch. Der täuferischen Herrschaft – die Kindertaufe als christlich legitime Weise der
setzte der zuvor vertriebene Bischof durch seine
Rückeroberung der Stadt schließlich ein Ende
und rekatholisierte Münster. Die Täufer duldeten kein konkurrierendes
Politisch artikulierte sich der Wechsel in
Münster unter anderem dadurch, dass die Täu- christliches Bekenntnis mehr in der Stadt
fer den Stadtrat abschafften, der seit 1410 unter
Beteiligung der Handwerkervertretungen (Gil-
den) regierte. 1534 waren die Täufer aus den Initiation ansahen, bestanden die Täufer in ihrer
Stadtratswahlen als Sieger hervorgegangen und Lesart des Evangeliums sowie in zunehmender
etablierten daraufhin – in Anwendung wörtlich Radikalität auf der exklusiven Bedeutung der
übernommener alttestamentlicher Vorschriften Erwachsenentaufe. Schließlich relativierten sie
– eine religiöse Verfassung. Schließlich errich- aber die mit der Entscheidungstaufe gegebene
Die Täuferbewegung
teten sie aufgrund von himmlischen Prophetien, Egalität unter allen Gemeindemitgliedern: Indi- entsteht als reformato-
die sie für sich beanspruchten, sogar eine Theo- viduell empfangene himmlische Prophetien er- rische Bewegung im 16.
kratie mit König und Hofstaat. klärten sie zu einem sogar noch höherwertigen Jh. mit Gemeinden von
Auch die Bevölkerungsentwicklung in Müns- Kriterium für die täuferische Erwählung. der Schweiz bis in die
ter blieb von den Wirren der 1530er-Jahre nicht Niederlande. Eine strenge,
ausgenommen: Zu Anfang des 16. Jh. war Müns- wörtliche Schriftausle-
ter eine Stadt mit etwa 9000 Einwohnern. 1534 Zunehmend radikale Überzeugungen der gung, Gewaltlosigkeit,
setzten heftige Zu- und Abwanderungsbewe- Täufer von Münster Egalität und Priestertum
gungen ein, weil die in Münster inzwischen Wesentliche Impulse verdankt die Theologie der aller Getauften gehörten
zum Bekenntnis; die
politisch tonangebenden Täufer fortan kein Täufer von Münster dem gebildeten, wortmäch-
Erwachsenentaufe (früher:
konkurrierendes christliches Bekenntnis mehr tigen und in der Bevölkerung äußerst beliebten
„Wiedertaufe“) wurde da-
in der Stadt duldeten. Angesichts der gleichfalls Bernhard Rothmann. In seiner Person vollzog er bei zum Zeichen der neuen
ab 1534 heraufziehenden kriegerischen Aus- die konfessionelle Entwicklung Münsters von religiösen Gleichheit und
einandersetzungen zwischen den in der Stadt Anfang bis Ende mit: zuerst altgläubiger Katho- des urchristlichen Ideals
eingeschlossenen Täufern und den vom Bischof lik und Priester, dann Lutheraner und Prediger, einer Gemeinschaft von
angeführten Belagerern vor der Stadtmauer schließlich Täufer, von dem es nach der Rück- entschiedenen Gläubigen.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 57
Gewalt im Namen des Messias

eroberung der Stadt durch den Bischof kein Le- Im Sinne ihrer buchstabengetreuen Ausle-
benszeichen mehr gibt. gung bestimmter alttestamentlicher Vorgaben
Selbstverständlich hatte er bei seiner Hinkehr sahen sich die Münsteraner Täufer als himm-
vom Luthertum zum Täufertum die unter den lisch erwähltes Volk in einen großen göttlichen
Täufern insgesamt gängigen Grundüberzeu- Heilsplan eingespannt. Gott hatte im Alten
gungen geteilt. Die Bewegung der Täufer, die Testament mehrfach einen Neuanfang mit den
im damaligen Reich etwa ein Prozent der Ge- Menschen gemacht und die göttliche Ordnung
samtbevölkerung ausmachte, gründete auf drei wiederhergestellt. Die täuferische Interpretation
Selbstverpflichtungen: dieser Stellen sollte die radikale Entwicklung in
• Notwendigkeit der Erwachsenentaufe, Münster unmittelbar beschleunigen.
• Verzicht auf den Eidschwur und
• Ablehnung jeglicher Gewaltanwendung.
Das über diesen Grundstock an täuferischen Im Dienst der Wiederherstellung von
Gemeinsamkeiten hinausweisende theologische Gottes Ordnung
Sondergut, das hinter der täuferischen Dyna- Gemäß Bernhard Rothmann gingen die Münste-
mik in Münster stand, geht entscheidend auf raner Täufer davon aus, dass Gott den Menschen
Bernhard Rothmann zurück. Ohne ihn wäre die sein Heil seit der Erschaffung der Welt immer
münsterische Entwicklung zu einem militärisch wieder angeboten hätte, die Menschen es aber
agierenden Täuferreich unter einem König mit genauso oft verworfen hätten.
weltweitem Geltungsanspruch womöglich ganz In Münster wollte Gott – so Bernhard Roth-
anders verlaufen. manns Überzeugung, nachzulesen in seinem
Werk „Restitution“ von 1534 – sein Reich letzt-
malig restituieren und aufrichten. Und allein
Alles setzten sie daran, dass Christus sie auf dieses heilige Ziel hin hätten die Täufer von
als sein unübertrefflich heiliges Volk Münster die Welt vorzubereiten.
Nachdem Gott den Menschen also durch die
vorfinde. Sie verstanden sich in exklusiver Sendung seines Sohnes Jesus Christus und der
Weise als das „neue Heilige Israel“ ihm nachfolgenden Handwerker-Apostel (Zelt-
macher, Fischer etc.) eine weitere Chance eröff-
net, ja die Erwählung sogar auf alle Menschen
Bernhard Rothmann erinnert an heutige reli- hin entgrenzt hätte, jedoch „geleerde“ diese uni-
giöse Fundamentalisten, insofern er die Unter- versale Chance neuerlich vertan hätten, sei mit
scheidung für notwendig hielt, „wo die Heilige Martin Luther der letzte Beginn einer Hinkehr
Schrift wörtlich und wo sie bildlich verstanden zur Heiligkeit vor dem Weltenende erfolgt. Die-
werden will“, wie er im Originalton formuliert. ser Neubeginn, der in der Spur Jesu Christi die
Für die Zeit nach dem Tod und der Auferstehung gesamte Welt zur Vollendung führen sollte, wür-
Jesu – also während der Jahrhunderte der christ- de wiederum durch die „vngeleerdesten na der
lichen Zeitrechnung – real zu erwarten seien werlt“, diesmal nämlich durch die als Führer der
allein die Inhalte, die im Alten Testament auf münsterischen Täufer agierenden ehemaligen
den zukünftigen Messias hinwiesen: erstrangig Handwerker, seinem Höhepunkt entgegenge-
der König der Gerechtigkeit, die Ausrottung der führt. In Münster wollte Gott – so gab sich Bern-
Gottlosen und das Reich des Friedens: „Die gan- hard Rothmann gewiss – sein Reich zum letzten
ze Heilige Schrift, besonders die Schriften der Pro- Mal wiederherstellen. In den Dienst der finalen
pheten, sind voll von der Herrlichkeit des Reiches Vorbereitung dieser Errettung sollten sich die
Christi auf Erden. Ja die ganze Heilige Schrift läuft Täufer von Münster stellen.
darauf hinaus“, betont Rothmann. Ohne Frage bedeutete die täuferische Theolo-
Auf diese Wiederkunft Christi, des Königs der gie von Münster sowohl einen Traditionsbruch
Gerechtigkeit, suchten sich die Täufer von Müns- mit der altgläubigen und der lutherischen Theo-
ter gemäß ihrem eigenen Selbstverständnis logie als auch eine Aufkündigung der Solidarität
ab 1534 vorzubereiten. Alles setzten sie daran, mit den Täufern in den anderen Städten des Rei-
dass er sie als sein unübertrefflich heiliges Volk ches. Denn im Unterschied zu allen anderen grif-
vorfinde. So verstanden sie sich in zunehmend fen die Täufer von Münster für ihr Handeln auf
exklusiver Weise als das „neue Heilige Israel“ ausgewählte alttestamentliche Inhalte zurück,
(Bernhard Rothmann). Im Unterschied dazu die sich auf den erwarteten Messias bezogen
hielten sie alle Menschen anderen Glaubens für und die sie wörtlich-real auffassten. Beim Rück-
Gottlose und ewig Verlorene. griff auf die Bibel orientierten sie sich über die

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Er herrscht mit dem Hauch seiner Lippen

Propheten hinaus auch an den Aposteln,


denen sie sich als einfache Handwerker in
besonderer Weise verbunden fühlten. In
diesen Gewährsleuten erblickten sie über-
zeugende Beispiele für ein Gott zugeneigtes
Glaubensleben aus freier persönlicher Ent-
scheidung. Allerdings suchten die Münste-
raner Täufer diesen Vorbildern zuletzt gar
unter Anwendung von Gewalt nachzuei-
fern.

Die Gewalt der Täufer


Die Rolle der Gewalt bei der alltagskonkre-
ten Vorbereitung der „Restitution“ nahm Ein dauerndes
im Täufertum von Münster in dem Maße und sichtbares
zu, wie das neue Volk Israel in der westfä- Zeichen:
lischen Metropole ab 1534 zu der Überzeu- Die Leichen der drei
gung gelangte, dass man die Wiederkunft Anführer wurden in
Christi nicht allein abzuwarten, sondern drei eisernen Körben
der dafür notwendigen Vernichtung der an der Lamberti­
Gottlosen mit Maßnahmen den Weg zu kirche aufgehängt.
ebnen hätte. Damit verabschiedeten sich Man sieht sie noch
die Münsteraner Täufer zugleich von der heute.
radikal pazifistischen Grundüberzeugung
innerhalb der großen täuferischen Bewe-
gung. Alltagskonkret befürchteten sie, den
Zorn Gottes zu riskieren, wenn sie keine
Gewalt zur Vernichtung der Gottlosen ein-
setzten. Sie erwogen, dass ihr täuferisches
Christentum in Münster in diesem Fall wo-
möglich nicht (rechtzeitig) jenen Grad an
Heiligkeit erreichte, die sich Gott für die
Wiederkehr seines Sohnes wünschte.
Die wichtigsten Hinweise zur Gewaltan-
wendung innerhalb der täuferischen Stadt
Münster finden sich nicht allein in den
Schriften von Bernhard Rothmann, son-
dern gleichfalls in einem Bericht von Hein-
rich Gresbeck. Dieser hatte sich bis zum
Mai 1535 in der belagerten Stadt aufgehal-
ten, bevor er Münster verließ und sich auf
die Seite des Bischofs schlug, um an den
Täufern seinen Verrat zu üben und so die
bischöfliche Rückeroberung der Stadt mit
zu ermöglichen.
Es kann nicht deutlich nicht genug betont
werden: Tätliche Gewalt kam innerhalb der
Stadt Münster erst auf, nachdem allein
noch Täuferische die Stadt bewohnten und
die Entscheidung zugunsten der Erwach-
senentaufe bereits gefallen war! Für diese
innerstädtische Gewaltanwendung im Zei-
chen der inzwischen exklusiv verstandenen
Erwachsenentaufe sollen im Folgenden ei-
nige Beispiele angeführt werden.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 59
Gewalt im Namen des Messias

Heinrich Gresbeck verwundert es selbst


im Rückblick noch, dass die eigentlich
friedliebend angetretenen Täufer nach ih-
rem Wahlsieg 1534 alle Andersgläubigen,
die sich nicht taufen lassen wollten, brutal
prügelnd aus der Stadt vertrieben. Ebenso
verbrannten sie alle Bücher – mit Ausnah-
me der Heiligen Schrift – aus der Zeit vor
dem Täuferreich. Mit gleicher Entschieden-
heit warfen sie Würfelspiele, Kartenspiele,
Instrumente und Noten ins Feuer, zudem
Schuldscheine, Renten- und Pfandbriefe
sowie andere Urkunden, die sie als Schöp-
fungen des von ihnen als gottlos geziehe-
nen Stadtbürgertums ansahen.
Die in der Stadt verbliebenen täufe-
risch gesonnenen Männer verfügten über
„gewehr und harnesch“, ohne dass das
Münsteraner Täufervolk gegenüber den
gemeindeleitenden Propheten oder später
gegenüber der innerstädtischen Gewaltan-
wendung des Königs bedeutende Gegen-
wehr geleistet hätte.

Sie warfen Würfelspiele,


Kartenspiele, Instrumente
und Noten ins Feuer

Wer (selbst als bekennender Täufer) ver-


nehmbare Kritik an den gemeindeleitenden
Propheten von Münster übte, den ließen
diese Wortführer um sein Leben bringen:
So äußerte sich der Bürger Hubert Schmidt
skeptisch über die Maßnahmen der Prophe-
ten und soll kundgetan haben, „dat sie uns
wolden um dem hals brengen, sie moeten
wol ein duvel int lief hebben“. Als sich diese
Worte herumgesprochen hatten, wurde der
Täufer Schmidt von den Propheten verhört
und gestand. Daraufhin hielten die Prophe-
ten ihn des Todes würdig, denn „Got will ein
hilligh volck hebben“. Ohne dass der Ort der

Das Ende der „Propheten“:


Am 22. Januar 1536 wurden die Führer
der Täufer, Jan van Leiden, sein Statt­
halter Bernd Krechting und Ratsmitglied
Bernd Knipperdolling, vor dem Rathaus
gefoltert und hingerichtet.
Zeitgenössische Federzeichnung.

60 welt und umwelt der bibel 2/2017


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Gewalt im Namen des Messias

Tötung bekannt ist, weiß man immerhin, dass gen. Stattdessen entschieden sie sich, ihr Leben
Jan van Leiden (gest. 1536), der seit April 1534 als in direkter Gottverbundenheit selbstbestimmt
oberster Prophet in der Stadt galt, mit seinem zu führen.
„hellebart“ zweimal zustach. So folgte in Münster auf die Abkehr vom
Nicht allein die Propheten, sondern nach ih- römisch-katholischen Christentum mit heils-
rer Installation 1534 vor allem die in der Rats- mittlerisch tätigen Priestern die Hinkehr zum
kammer tagenden „Zwölf Ältesten“ fällten die Priestertum aller Getauften, wie es Martin Luther
(Rechts-)Urteile auf der Basis von wörtlich auf- (gest. 1546) und seine Anhänger damals öffent-
gefassten alttestamentlichen Leitsätzen: „So lichkeitswirksam propagierten. Freilich war das
wolden sie alle na der schrift richten, und wolden lutherische Ideal der gleichen Unmittelbarkeit
so hillich sein.“ Einmal hatten sich zwischen 10
und 20 Landsknechte übermäßig betrunken und
in der Wirtsstube randaliert, sodass die Wirts- Die religiöse Dynamik war ursprünglich durch
leute sie vor den „Zwölf Ältesten“ anklagten.
Daraufhin warf man sie „in den torn“. Auf dem den Ärger von Menschen in Gang gekommen,
Domhof fand dann am folgenden Tag in Anwe- die die zunehmende soziale Ungerechtigkeit
senheit der Beschuldigten ein Tribunal statt.
Zwar flehten alle Landsknechte um Gnade; die nicht tatenlos hinnehmen wollten
meisten von ihnen aber mussten sterben – sie
wurden am Baum aufgehängt und erschossen –,
andere durften im Gefängnis weiterleben. aller Gläubigen gegenüber Gott alltagskonkret
An dieser Stelle sei herausgestellt, dass sich schon bald dadurch überholt, dass man für die
die Gewalt innerhalb der täuferischen Stadt Verkündigung des Gotteswortes eigens Prädi- Lesetipp
ungebrochen fortsetzte, als Jan van Leiden im kanten, also theologische Experten, in die Stadt • Hubertus Lutterbach, Das
September 1534 aufgrund einer göttlichen Of- holte. Täuferreich von Münster:
fenbarung zum König des Täuferreiches – mit Genauer als die Lutheraner wollten es die Wurzeln und Eigenarten
Anspruch auf die ganze Welt – aufgestiegen Täufer mit der Egalität nehmen, indem sie die eines religiösen Aufbruchs
war. Ebenso wie bei den Propheten, die weiter- Erwachsenentaufe zum exklusiven Zeichen der (1530–1535), Aschendorff
hin die täuferische Ordnung in der Stadt mit Ge- religiösen Gleichheit in ihren Reihen erhoben. 2007.
walt durchsetzten, folgte auch bei König Jan van Doch auch in diesem Fall blieb es nicht lange bei
Leiden jeder Griff zur Waffe einer himmlischen der Überzeugung einer gleichen Unmittelbar-
Offenbarung oder einer wörtlich genommenen keit aller erwachsen Getauften gegenüber Gott.
Weisung aus der Heiligen Schrift. Dem Bericht Denn mehr als die gemeinsame Entscheidungs-
einer brutalen Enthauptung durch den König taufe galt ihnen schon bald das Prophetentum
fügt Heinrich Gresbeck die Bemerkung hinzu: einzelner täuferischer Gemeindemitglieder,
„Do hadde der konnigk die oppenbaringe vullen- hinter dem sie jeweils göttliche Offenbarungen
bracht.“ wirksam sahen. Schließlich führte ausgerechnet
diese radikal-innerliche Frömmigkeit der täufe-
rischen Propheten zur Errichtung einer brutalen
Untergang des Täuferreiches Theokratie in Münster. Prof. Dr. Hubertus
statt Wiederkunft Christi Dadurch, dass die Täufer die alttestament- Lutterbach lehrt Christen-
In Münster – wie in manch anderem Ort zu Be- liche Rede vom König des Friedens, von der tums- und Kulturgeschichte
ginn des 16. Jh. – war die religiöse Dynamik ur- Vernichtung der Gottlosen und von der Wieder- (Historische Theologie) an
sprünglich durch den Ärger von Menschen in kunft des Messias wörtlich nahmen, waren sie der Universität Duisburg-
Gang gekommen, die die zunehmende soziale sich ihrer göttlichen Legitimation derart sicher, Essen. Zu seinen Schwer-
punkten zählen die Täufer-
Ungerechtigkeit nicht tatenlos hinnehmen woll- dass sie die radikal-pazifistische Grundüber-
forschung, aber auch die
ten. An dieser wirtschaftlichen Schieflage hatten zeugung der gesamten täuferischen Bewegung Analyse zeitgenössischer
auch Priester und Ordensleute ihren Anteil. An- hinter sich ließen und im Dienst der nahe ge- religiöser Sinnsuche, dazu
statt die Nöte der vielen lindern zu helfen, ver- glaubten Wiederkunft Christi sogar Gewalt an- von ihm erschienen „Vom
schärften sie die Notlage der Handwerker weiter wendeten. Welche Maßnahmen sie auch immer Jakobsweg zum Tierfriedhof:
dadurch, dass sie sich gegenüber diesen sogar bei ihrer Gestaltung des täuferischen Alltags Wie Religion heute lebendig
gewichtige Steuervorteile erschlichen. In der wortgetreu aus der Bibel entnahmen (Güterge- ist“ (Butzon & Bercker 2014)
und im Druck: „So prägt Re-
Folge weigerten sich die Bürger auch in Müns- meinschaft, Polygamie etc.) – immer setzten sie
ligion unsere Mitmenschlich-
ter, ihr diesseitiges und ihr jenseitiges Heil in die sie unter Zuhilfenahme von Gewalt durch. An- keit: Beispiele gesellschaftli-
Hände von unglaubwürdig gewordenen religiö- stelle des Kommens Christi führten sie so ihren chen Engagements“ (Butzon
sen Mittlern (Priestern oder Ordensleuten) zu le- eigenen Untergang herbei. W & Bercker 2017).

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welt und umwelt der bibel 2/2017 61
Schlaglicht: Das messianische
Motiv in Afrika

Herrscher,
Heiland,
Unterdrücker
Die Messias-Metapher für politische Herrscher
ist in Afrika vielfach anzutreffen. Im christlichen
Simbabwe führte Robert Mugabe das unter-
drückte Volk als „Messias“ in einem „Exodus“
aus der kolonialen Unterdrückung. Heute ist der
„Sohn Gottes“ ein verhasster Diktator.
Von Joachim Kügler
Messianische Verklärung der Macht nach napoleonischem
Vorbild: Jean-Bédel Bokassa, Diktator der Republik Zentralafrika,
krönt sich 1977 zum Kaiser.

W
as würden wir denken, wenn sen eher Esoterik und Fußball als das den, aber der Umstieg auf den US-Dol-
die deutsche Bundeskanzle- politische Geschäft. lar hat Dinge des alltäglichen Lebens
rin von ihren Gefolgsleuten im Wir Deutschen können nach dem po- für viele unerschwinglich gemacht. Die
Parlament als „Sohn Gottes“ bezeichnet litisch-religiösen Erlösungsprojekt des meisten Erwachsenen sind arbeitslos
würde? Nun, bei Frau Merkel wäre das Nationalsozialismus und seinen kata­ und selbst in der Hauptstadt Harare
mit dem „Sohn“ schon aufgrund des Ge- strophalen Folgen eigentlich für jede werden keine Straßen mehr repariert.
schlechts reichlich komisch. Das größte Langeweile in der Politik dankbar sein. Das Trinkwasser wird übers Wochen-
Problem wäre aber wohl die emotionale Zudem dürften viele Deutschland um ende abgestellt und der Strom wird
Seite. Merkel bedient in ihrem öffent- seine relative politische Langeweile be- nur deshalb nicht mehr so häufig abge-
lichen Auftreten die Sehnsucht nach neiden. Der moderne Messianismus ge- schaltet wie in den letzten Jahren, weil
einer politischen Lichtgestalt absolut deiht nämlich am besten dort, wo die die Wirtschaft inzwischen so am Boden
nicht und generell sind unsere norma- Probleme dramatisch sind und die Po- liegt, dass der Strombedarf entschei-
len Politikertypen einfach zu trocken, litik mit religiösen Gefühlen aufgeladen dend gesunken ist.
zu pragmatisch und zu glanzlos, um ist wie eine Gewitterwolke. Der Dauerpräsident Mugabe, einst als
eine messianische Erwartung zu wecken So ist es auch kein Zufall, wenn der Freiheitsheld und Vater der Nation ver-
oder gar zu befriedigen. Wovon sollten eingangs zitierte Titel vom „Sohn Got- ehrt, wird von vielen nur noch als bruta-
sie uns auch erlösen? Weder Staatsde- tes“ aus Simbabwe stammt, also aus ler Unterdrücker gesehen, und nicht nur
fizit noch Arbeitslosigkeit, Armut oder einem Land, das mit schwersten wirt- die Gebildeten und politisch Interessier-
„Flüchtlingskrise“ haben in Deutsch- schaftlichen und politischen Proble- ten beten um den baldigen Tod des alten
land derzeit die dramatischen Qualitä- men zu kämpfen hat. Zwar ist die Hy- Mannes, den sie als Versager verachten.
ten, um Heilsfantasien zu befeuern. Und perinflation mit Banknoten über zehn Er selbst führt die Misere im Land auf
von Frustration und Sinnlosigkeit erlö- Trillionen Simbabwe-Dollar überwun- den bösen Westen zurück und sieht sich

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als großen Führer, bezeichnet sich als tränkte Gesellschaft drängte es sich da Lesetipps
„neuen Hitler“ und kommentiert die im- geradezu auf, den Freiheitskampf als • J. Hunter/J. Kügler (Eds.), The Bible
mer wieder aufkeimenden Gerüchte um Exodus aus dem „Sklavenhaus Ägyp- and Violence in Africa (Bible in Africa
seinen Tod damit, er sei eben „besser ten“ zu verstehen. Und ebenso dräng- Studies 20), Bamberg 2016. (bes. J.
als Jesus“. Der wäre ja nur einmal aufer- te es sich auf, die Hauptfigur dieses Kügler, The Bible and faith-based Homo-
standen, er selbst aber schon mehrmals. Kampfes als messianische Heilsgestalt phobia/Homomisia in Africa. A case study
Dass niemand lacht, wenn ein solcher zu verehren. on the use of biblical texts in the post-
Herrscher als „Sohn Gottes“ propagiert Dass der Erfolg nicht so sehr als ge- colonial war on gay people, 147–170).
wird, liegt zum einen natürlich an der meinsame Errungenschaft des kämp- • Francis Machingura, The Messianic
Angst vor Verfolgung. Der staatliche fenden Volkes, sondern mehr als das Feeding of the Masses. An Analysis
Terror ist allgegenwärtig. Menschen- Erlösungswerk eines Einzelnen gesehen of John 6 in the Context of Messianic
rechte zählen nichts, wenn es um das wurde, lag sicher auch daran, dass die Leadership in Post-Colonial Zimbabwe
Einschüchtern oder Ausschalten von Shona-Kultur monarchisch geprägt war (Bible in Africa Studies 8), Bamberg
Gegnern geht. Zum anderen ist Simbab- und traditionell den starken Anführer in 2012.
we – wie andere afrikanische Länder den Mittelpunkt stellte (vgl. Francis Ma-
auch – ein durch und durch religiös chingura, Messianic Feeding, 165–181,
geprägtes Land, in dem Politik stets s. Lese­tipps). Da lag es doch nahe, die
mit Verweis auf die Bibel und andere königliche Messiastradition des Alten
religiöse Autoritäten gemacht wird. So Testaments als Deutungsmuster für das
ist es nicht verwunderlich, wenn der erfahrene Heil heranzuziehen – umso
Mann, der in den 1960er- und 1970er- mehr als die Shona-Tradition auch
Jahren mit Mut und Geschick den Frei- keinen besonderen Wert auf eine rein

Für eine biblisch durchtränkte Gesellschaft drängte


es sich geradezu auf, die Hauptfigur dieses Kampfes
als messianische Heilsgestalt zu verehren

heitskrieg gegen das Apartheid-Regime geistige Erlösung (etwa im Sinne der


unter Ian Smith in der ehemaligen bri- Sündenvergebung) legte, sondern ganz
tischen Kolonie „Südrhodesien“ ange- wie das alte Israel Heil und Erlösung
führt und gewonnen hat, ganz selbst- durchaus innerweltlich als Möglichkeit
verständlich als Erlöser und Befreier des guten Lebens verstand. Deshalb hat Hyperinflation: Hundert-Trillionen-
verehrt wurde. Die Messiasverkündi- man die messianische „Mugabologie“ Dollar-Note vor der Einführung des ame-
gung einer staatlichen Propagandama- (vgl. Machingura, Messianic Feeding, rikanischen Dollars 2015 in Simbabwe.
schine war da zunächst gar nicht nötig. 208–298) auch nicht so sehr dogmatisch Unter Mugabe ist die Wirtschaft in eine
Die Bewegung, die Mugabe angeführt – als häretischen Abklatsch der Christo- große Misere geraten.
hat, war ja weit mehr als nur ein poli- logie – kritisiert, sondern auf der Basis
tisches Projekt. Es ging um kulturelle der offenkundigen Erfolglosigkeit. Mu-
und religiöse Identität, um Würde und gabe ist für viele Kritiker vor allem des-
Selbstachtung. Noch heute sind afri- halb kein „Sohn Gottes“, weil er heute
kanische Seelen durch die kolonialis- dem guten Leben im Wege steht, anstatt
tische Erniedrigung so tief verwundet, es zu fördern. Wenn das Volk leidet, hat
dass Selbstachtung und Selbstvertrau- der Heiland versagt.
en oft nur als Trotzreaktion gegen den Der nächste Schritt der Kritik wäre
ebenso erfolgreichen wie arroganten der generelle Verzicht auf Messias-Er-
Westen möglich sind. Das ideologische wartungen in der Politik. Auch das wird
Gift der rassischen Minderwertigkeit, in der sich rapide modernisierenden
eingeimpft durch Kolonialismus und Gesellschaft Simbabwes erfolgen, denn Prof. Dr. Joachim Kügler, Professor für
Apartheid, ist noch lange nicht ganz schon jetzt ist vielen klar, dass man nach Neutestamentliche Wissenschaften an der Uni-
versität Bamberg, unterhält an seinem Lehrstuhl
ausgeschwitzt. So ging es auch in Sim- Mugabe nicht nach einem anderen Mes-
zusammen mit einem internationalen Team das
babwe beim Kampf gegen das Smith- sias suchen braucht, sondern die drin-
Forschungsprojekt „Bibelwissenschaftliche Afri-
Regime um ein Projekt, das weit in gendsten Probleme für das Alltagsleben kaforschung“, das afrikanischer Bibelauslegung
den Bereich der religiösen Sinnstiftung in einer solidarischen Kraftanstrengung und -hermeneutik u. a. in der Publikationsreihe
hineinreichte. Für eine biblisch durch- vieler finden kann. W Bible in Africa Studies eine Plattform bietet.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 63
Büchertipps

Der Messias War Jesus der Messias?


Diese Themenausgabe der Reihe Bonner Die Autoren haben die Quellen durchfors-
Theologische Zeitschrift (BThZ) vereint grund- tet nach Hinweisen auf Messiasgestalten,
legende und originelle Beiträge. Besonders die im Mittelmeerraum aufgetreten sind
hervorgehoben sei der Beitrag „Die Messias- – manchmal nur kurze Bemerkungen in
vorstellungen im Judentum der Neuzeit“ von historischen Dokumenten, etwa während
Walter Homolka. Der Potsdamer Rabbiner der muslimischen Eroberungen oder
und Professor leitet mit sicherer Hand durch während der Kreuzzugszeit. Einige dieser
die jüngere jüdische Denkgeschichte. Er erklärt, auf welche erwähnten Personen bezeichneten sich
Weise sich der jüdische Glaube an die Ankunft des Messias in der nicht explizit als Messias, gehören aber trotzdem in die Ge-
jüdischen Theologie und Philosophie entwickelt hat, sodass heute schichte der erhofften Erlösergestalt. 200 Seiten Quellen aus
weitgehend keine menschliche Messiasgestalt erwartet wird, son- rund 2500 Jahren (von Kyros bis zum Lubawitscher Rebben)
dern vielmehr eine messianische Zeit. Sehr empfehlenswert. runden den Band ab.
Der Messias, Jüdische und christliche Vorstellungen messianischer Reinhold Mayer/Inken Rühle, War Jesus der Messias?
Figuren, Berliner Theologische Zeitschrift (BThZ), Heft 1/2014, Geschichte der Messiasse Israels in drei Jahrtausenden,
Evangelische Verlagsanstalt. ISBN 97833740395357, 18,80 EUR. BILAM-Verlag 1998, 444 S., ISBN 9783933373014,
15,– EUR.

Die Geburt des Judentums aus dem


Geist des Christentums Der Messias im interreligiösen
Peter Schäfer, Judaist und Direktor des Jüdi- Dialog
schen Museums Berlin, führt u. a. die rabbini- In diesem Sammelband seien drei
schen Messiasvorstellung aus. Christentum und Beiträge hervorgehoben: Zunächst eine
Judentum bilden ihre Identitäten erst langsam sehr hilfreiche kommentierte Sammlung
in der Spätantike aus – und in Auseinander- jüdischer Quellen zur Messiasfrage von
setzung miteinander. Schäfer untersucht in Yaacov Zinvirt. Viele rabbinische, aber
den hier gesammelten Vorlesungen rabbini- auch spätere Texte sind hier nachzule-
sche Texte insbesondere daraufhin, wie sie auf Entwicklungen im sen. Peter von der Osten-Sacken gibt Perspektiven für den
Christentum reagieren. So begegnet in rabbinischen Texten neben Dialog von Kirche und Israel („Jesus – Messias Israels?“).
der Hoffnung auf den Messias ben David auch jene auf den Messias Auf welche Weise sich die Christus-Gestalt durch das jüdi-
ben Josef, durch den die Idee des stellvertretenden Leidens und sche und muslimische Bild den Menschen Jesus anfragen
der Sühne ins Judentum zurückgeholt wird, die das Christentum zu lässt, erklärt Andreas Feldtkeller im Beitrag „Das Jesusbild
dieser Zeit eigentlich okkupiert hatte. im Judentum und Islam“.
Peter Schäfer, Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christen- Markus Witte (Hg.), Der Messias im interreligiösen Dialog.
tums. Fünf Vorlesungen zur Entstehung des rabbinischen Judentums, Christliche, jüdische und islamische Stimmen aus Vergangen-
Tübingen 2010, 210 S., ISBN 9783161502569, 24,– EUR. heit und Gegenwart, Evangelische Verlagsanstalt 2015,
160 S., ISBN 9783374040544, 26,– EUR.

Die Anfänge der Christologie


Der Untertitel des Bandes, „Deutungen Jesu Schiitischer Messianismus
im Neuen Testament“, umschreibt das Anlie- In der Moderne, mit der naturwissen-
gen des Augsburger Neutestamentlers: Welche schaftlichen Forschung, haben sich die
Schritte gehen die frühen Gemeinden, um Je- Religionen verändert. Im schiitischen
sus von Nazaret mit seinem Leben und Sterben Islam betrifft das auch den Glauben an
sowie mit dem „Osterereignis“, weitergegeben die Ankunft des Mahdi, des zwölften,
von Mund zu Mund, zu begreifen. Ein span- verborgenen Imam, der als Erlöser
nender Interpretationsprozess vollzieht sich erwartet wird. Die 2015 verstorbene
in den ersten Jahrzehnten: Frühjüdische Vorstellungen, natürlich Islamwissenschaftlerin analysiert die
auch hellenistisch-römische Motive, helfen, die Überzeugung zu Entwicklung des Mahdi-Glaubens in Politik, Volkfsfröm-
formulieren, dass Gott Jesus erweckt hat und dass er der Christos migkeit und Theologie. Sie stellt Geschichte des Mahdi-
ist. Verschiedene christologische Modelle entstehen – an deren Glaubens wie auch Texte schiitischer Gelehrter zur Mahdi-
Sichtweisen man sich bis heute freuen und über die man auch ins Erwartung vor und wirft den Blick auf sozialrevolutionäre und
Grübeln geraten kann. fundamentalistische Strömungen der Gegenwart.
Stefan Schreiber, Die Anfänge der Christologie. Deutungen Jesu Mariella Ourghi Schiitischer Messianismus und Mahdi-
im Neuen Testament, Vandenhoeck & Ruprecht 2015, 272 S., Glaube in der Neuzeit, Ergon-Verlag 2008, 310 S., ISBN
ISBN 9783788729608, 30,– EUR. 978389913659-3, 42,– EUR.

64 welt und umwelt der bibel 2/2017


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Büchertipps

Zum Weiterlesen:
• Heinz-Josef Fabry/Klaus Scholtissek, Der Messias. Neue Echter über den Tod hinaus. Eschatologie im interreligiösen Lernen und
Bibel – Themen 5 / Echter Verlag 2002, ISBN 9783429021719, Lehren, Mattes Verlag, Heidelberg 2015, ISBN 9783868091045
14,80 EUR. Ein Durchgang durch die alt- und neutestamentliche S. 17–33.
wie auch frühjüdische Literatur (auch ausführlich die Qumran-
schriften) im Hinblick auf Erlöser- und Messiaserwartungen. • Armin D. Baum/Detlef Häußer/Emmanuel L. Rehfeld (Hg.), Der
jüdische Messias Jesus und sein jüdischer Apostel Paulus, Mohr
• Günther Stemberger, Artikel „Messias/Messianische Bewegun- Siebeck 2016. VIII, 417 S., ISBN 9783161538728, 94,– EUR.
gen, II. Judentum“ in: TRE 22 (1992), S. 622–630. Ein bis heute
viel zitierter Standardbeitrag, der alle Grundlagen zum Thema • Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, Volume 68,
bietet. Issue 1, Brill Leiden 2016. Forschungsschwerpunkt der Ausgabe
Messianismus, Beiträge u. a.: Hans J. Hillerbrand: „Es werden
• Johann Maier, Judentum, UTB 2013, 2. durchges. Aufl., 239 S., viele kommen, und sagen: Ich bin der Messias.“ Eine Meditati-
ISBN 9783825240721, 9,99 EUR. on über den Messianismus in der Religionsgeschichte; Karl E.
Ein Parforceritt durch die jüdische Geschichte und religiöse Grözinger: Jüdische Messiasvorstellungen und -konzepte; Walter
Praxis, der die historische Wandlung des Messiasbegriffs nach- Homolka: Vom Niedergang eines zentralen Deutemusters –
vollziehbar macht. Die Messiasvorstellung im neuzeitlichen Judentum; Hans Otto
Seitschek: Politischer Messianismus als Konzept der Totalitaris-
• Jonathan Magonet. Jüdische messianische Erwartungen – muskritik.
Ein Kommentar zu Jeremia 23,5-8. In: Begegnung von Christen
und Juden: Licht in der Dunkelheit. Messianische Erwartungen. • Lieselotte Kötzsche/Peter von der Osten-Sacken (Hg.),Wenn der
München: Begegnung von Christen und Juden. Bayern, 2004. Messias kommt. Das jüdisch-christliche Verhältnis im Spiegel
ISBN 3936678049. Ein verständlicher und erhellender Beitrag, mittelalterlicher Kunst, Institut Kirche und Judentum 1984,133 S.,
der online zugänglich ist: http://bcj.de/media/Arbeitshilfen/Ar- ISBN 9783923095162, 10,– EUR.
beitshilfe_Advent_2004.pdf Ein schon betagter, aber dennoch außergewöhnlicher Band. Er
stellt jüdisch-eschatologische Motive vor, wie die Ankunft des
• Daniel Krochmalnik, Was dürfen wir hoffen. Jüdische Eschato- Messias in mittelalterlichen Haggadot oder den Kampf zwischen
logie nach Moses Maimonides, in: Katja Boehme (Hg.), Hoffnung Leviatan und Behemot.

Bildrechte Bibliothèque nationale de France (HEBREU 7; Folio 12v–folio


13) 42–43
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welt und umwelt der bibel 2/2017 65
aus der welt der bibel

66
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welt und umwelt der bibel 2/2017
Inhalt
68 bis 73
Panorama
Qumran: Bislang unbekannte Höhle entdeckt
Ausstellung zum Reich der Königin von Saba

74 bis 77
Die Bibel in berühmten Gemälden
Hieronymus Bosch: Johannes auf Patmos

78 bis 80
THEMENREIHE 2017:
Reform und Reformation in Bibel und Christentum
2. Teil: Reformbewegungen zur Zeit Jesu –
Weiterentwicklung oder zurück zu den Wurzeln?

81 bis 83
Die großen Entdeckungen
Das Relief des Scheschonq:
Bestätigung einer biblischen Erzählung?

84 bis 85
Ausstellungen und Veranstaltungen

Qumran

Waren hier Schriftrollen


versteckt?

E s gab immer wieder die Spekulation, dass es in


Qumran weitere Höhlen mit antiken Schriften
geben müsse. Jetzt haben israelische Archäologen
tatsächlich eine Höhle entdeckt, die deutliche Hin-
weise enthält, dass in dieser Höhle antike Schrift-
rollen aufbewahrt worden waren, auch wenn keine
Schriftrollen selbst entdeckt werden konnten. Das
nährt Hoffnungen auf weitere Schriften vom Toten
Meer. Und so wird die Höhle vorsichtig untersucht
– im Bild der Archäologe Ahiad Ovadia. W

Lesen Sie mehr ab Seite 68

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welt und umwelt der bibel 2/2017 67
panorama

Bislang unbekannte höhle bei qumran entdeckt

Hinweise auf
antike Schriftrollen

Der Eingang zur neu entdeckten Höhle in den zerklüfteten Felsen nahe Chirbet Qumran.

V erschiedene Indizien über-


zeugten die Archäologen der
Hebräischen Universität Jerusalem
Die Frage ist, was mit den antiken
Schriftrollen geschehen ist. Pro-
fessor Jürgen Zangenberg von der
Ein Stück Pergament, fertig vorbereitet zum
Beschreiben, ist eines der Indizien, die darauf
hinweisen, dass in der Höhle Schriftrollen gela-
davon, dass in dieser bislang un- Universität Leiden, ein Experte für gert worden waren.
erforschten Höhle einmal antike die archäologische Stätte Chirbet
Schriften gelagert worden waren, Qumran, hält verschiedene Szena-
wie die berühmten Schriftrollen rien für möglich: Beduinen könnten
vom Toten Meer. Unter der Leitung Anfang der 1950er-Jahre die Rollen
von Oren Gutfeld und Ahiad Ova- entdeckt, mitgenommen und evtl.
dia fanden die Forscher zerschla- verkauft haben. Die Käufer könnten
gene Tonkrüge mit Deckeln aus der dabei sowohl Privatleute gewesen
Zeit des Herodianischen Tempels, sein, oder aber Wissenschaftler, die
Stoffstücke und Lederriemen, in dann diese Rollen in Unkenntnis
die antike Schriftrollen zum Schutz des genauen Fundorts den bereits
eingewickelt worden waren, sowie gefundenen Schriftrollen zugeschla-
Pergamentstücke, fertig vorberei- gen haben. Möglich ist aber auch,
tet zum Beschreiben. Alles deutet dass bereits die Beduinen keine Rol-
darauf hin, dass hier einmal antike len mehr vorfanden.
Schriftrollen lagen. Allerdings gab Neben den Hinweisen auf anti-
es auch deutliche Indizien, dass die ke Schriftrollen wurden Keramik,
isarelischen Forscher nicht die ers- Pfeilspitzen und ein Karneolsiegel
ten Höhlenbesucher in der Neuzeit aus der Kupferzeit (Chalkolithikum)
waren: Es fanden sich eiserne Spitz- gefunden. Die Stücke belegen, dass
hacken, wie sie in den 1950er-Jahren die Höhle in verschiedenen Epo-
benutzt wurden, in der Zeit, als die chen von Menschen genutzt worden
spektakulären Ausgrabungen in den ist. „Die ganze Region ist in unter-
Höhlen 1 bis 11 erfolgten. schiedlichen Zeiten immer wieder

68 welt und umwelt der bibel 2/2017


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bewohnt gewesen“, erläutert Jürgen Zangenberg.
Ob die neu entdeckte Höhle tatsächlich mit
der Nummer 12 bezeichnet werden wird, wie ers-
te Pressemeldungen angaben, ist noch unklar.
Die Nummerierung 12 schließt an die elf Höhlen
in Qumran an, in denen bisher antike Schriften
gefunden worden sind. Daneben gibt es in der
Region eine Fülle weiterer Höhlen. Seit der auf-
sehenerregenden Entdeckung von elf Höhlen
mit Schriftrollen in den 1950er-Jahren sind in
den folgenden Jahrzehnten immer wieder neue
Höhlen mit unterschiedlichen archäologischen
Befunden in der Region untersucht worden.
Jürgen Zangenberg bewertet den neuen Fund
als Ermutigung zu weiteren Ausgrabungen: „Die
Geschichte ist nicht zu Ende. Der Fund macht
Lust auf mehr.“ Die israelischen Archäologen
planen weitere Untersuchungen vor Ort. W (WUB,
Hebrew University of Jerusalem)
Antike Stoffstücke, mit denen Schriftrollen geschützt wurden. Neben den
HINWEIS: Ausgabe 1/2018 von „Welt und Um- gefundenen Lederriemen und den Tonkrügen sind sie ein weiterer Hinweis
welt der Bibel“ stellt Qumran in den Mittelpunkt. auf Schriftrollen in der Höhle.

Sanliurfa

Bild eines unbekannten Schreibers und seiner Frau

S eit sechs Jahren finden in der Ge-


gend rund um das historische Edes-
sa (Osttürkei) Ausgrabungen statt. Da-
bei wurden über 80 Felsengräber aus
römischer Zeit entdeckt. In einigen der
Gräber wurden jetzt ausdrucksstarke
Bodenmosaike gefunden, wie die Pro-
vinzverwaltung von Sanliurfa mitteilte.
Sie belegen den Reichtum des antiken
Edessa.
Die Mosaike zeigen Porträts von vier
Verstorbenen, deren Namen in der dort
gebräuchlichen aramäischen Schrift ge-
schrieben wurden. Nach Alain Desreu- Eines der ausdrucksstarken Bodenmosaike, die in den Felsengräbern bei
maux, emeritierter Forschungsdirektor Edessa gefunden wurden. Die Inschrift ist in Aramäisch. Das Mosaik zeigt insgesamt
am CNRS in Frankreich (Centre natio- zwei Paare in vier Mosaikfeldern.
nal de la recherche scientifique – Nati-
onales Zentrum für wissenschaftliche
Forschung) ist die gut erhaltene Schrift traditionellen Schleierhaube von Edes- Zerfall des Seleukidenreiches um 133 vC
wahrscheinlich dem Anfang des 3. Jh. sa dargestellt. und ging mit verschiedenen Zwischen-
nC zuzuordnen. Es handelte sich um die Datiert werden die Mosaiken in die schritten endgültig 214 nC im Römischen
Familie eines Schreibers. Sein Name – Zeit des Königreichs Osrhoene. Dieses Reich auf. Edessa wird in der Tradition
„RN“, „RQ“ oder „GDY“ – bereitet Entzif- Reich mit seiner Hauptstadt Edessa, mit verschiedenen biblischen Gestalten
ferungsprobleme, da er für Edessa noch heute Sanliurfa, lag im heutigen Grenz- verbunden, mit Abraham ebenso wie
nicht bezeugt ist. In der benachbarten gebiet zwischen Syrien und der Türkei. mit dem Apostel Thomas. W (E. Villeneu-
Vignette wird seine Frau Ama mit der Das Königreich bildete sich nach dem ve, BL/WUB)

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welt und umwelt der bibel 2/2017 69
panorama

Ausstellung in basel: Glückliches Arabien?

Zwischen Realität und Mythos


Die Erzählung von der märchenhaft reichen Königin von Saba, die in
Jerusalem dem sagenhaft weisen König Salomo begegnet, findet sich
in der Bibel und im Koran. Außerdem ist sie Teil des Gründungsmythos
von Äthiopien. Das Königreich von Saba, seine Mythen und historischen
Funde beleuchtet nun eine Ausstellung in Basel.

Stierkopf aus Gold und


Achat. Die Verwendung ist un-
klar, entweder als Beschlag von
Mobiliar oder als Schmuckstück.
Stiermotive treten im antiken
Orient oft in religiösen Zusam-
menhängen auf.
Alabasterköpfe zeugen vom
Reichtum des antiken Jemen.

D ie Suche nach historischen Zeug-


nissen über die Königin von Saba
verläuft ergebnislos: Das Reich von
Reichtum des südarabischen Reiches.
Die Vielfalt unterschiedlichster Weih-
rauchbrenner lässt erkennen, dass der
Saba existierte noch nicht, als das Tref- kostbare Duft nicht nur per Fernhandel
fen zwischen den beiden Herrschern exportiert wurde, sondern auch als Op-
der Überlieferung nach stattgefunden fer für die eigenen Gottheiten Verwen-
haben soll. Während König Salomo tra- dung fand. Und Gottheiten gab es viele in
ditionell ins 10. Jh. datiert wird, belegen Südarabien. Die verschiedenen Stämme
historische Quellen das Königreich von verehrten unzählige Stammesgottheiten.
Saba im Gebiet des heutigen Jemen erst Über 100 Götternamen sind überliefert,
im 8./7. Jh. vC. Doch seine Könige waren doch nur selten ist bekannt, wofür sie
männlich, nur von Nord­arabien werden standen. Manchmal bleibt sogar unklar,
Königinnen tradiert. Belegt ist allerdings ob es sich um männliche oder weibliche
der Reichtum von Saba, entstanden vor Gottheiten handelt. Die Ausstellung zeigt
allem durch den Export von Weihrauch Votivgaben und Reliefs sowie Tierdarstel-
und Gewürzen. Auch wenn die Existenz lungen wie Antilopen, Stiere oder Stein-
der Königin von Saba historisch nicht böcke, die als Begleiter von Gottheiten
bewiesen ist, ihr Mythos hat sich weit verehrt wurden.
verbreitet. Die Baseler Ausstellung lässt
in Audiodateien Texte aus dem Alten Tes-
tament, dem Koran, dem Targum Sheni Und heute?
Weihrauchbrenner, auf des-
zum Buch Ester und die äthiopische Kö- Die Ausstellung über ein vergangenes sen Oberseite Weihrauchharz und
nigschronik zu Wort kommen. Reich und dessen Größe und Pracht steht Holz verbrannt wurden. Aufstei-
Alabaster- und Bronzeplastiken, In- in deutlichem Widerspruch zur aktuellen gender Rauch galt als Opfer für
schriften und Goldarbeiten zeugen vom politischen Lage. Eine Auswirkung der die Götter.

70 welt und umwelt der bibel 2/2017


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panorama

kriegerischen Kämpfe im Jemen ist, dass Partnerschaft mit jemenitischen Muse-


die Exponate der Ausstellung ausschließ- en oder Fachkolleginnen und -kollegen
lich aus europäischen Museen stammen. realisiert werden. Sie möge aber zumin- Die Ausstellung
Die Direktorin des Museums, Dr. Andrea dest dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit bis 2. Juli 2017
Bignasca: „In Zeiten gezielter Zerstö- über die Tragödie im Jemen sowie über Antikenmuseum Basel
rung von Weltkulturerbe bleibt auch das die kulturelle Hinterlassenschaft dieses St. Alban-Graben 5
antike Südarabien, d. h. das Gebiet des Landes sensibilisiert wird. Wo diskutiert CH-4010 Basel
heutigen Jemens, nicht verschont. Ein wird, gibt es auch Widerstand.“ Tel. +41 61 201 12 12
Stellvertreterkrieg mit unklaren Zielen So lenkt die Ausstellung auch den info@antikenmuseumbasel.ch
und Kriegsparteien zerstört den Mythos Blick auf eine umkämpfte Region, deren Di, Mi, Sa & So: 11–17 Uhr
des einst glücklichen Landes sowie die Bewohner und deren archäologisches Do & Fr: 11–22 Uhr
heutigen Realitäten vor Ort. Die Ausstel- Erbe bedroht sind. W (WUB) Eintritt 15/5 sFr
lung konnte dementsprechend nicht in

Ausstellung in Paderborn: Wunder roms im blick des nordens

Auf den Spuren


historischer
Romreisender

Rom hat schon immer Besucher


und Pilger, Könige und Künstler
angezogen. Sie suchten die
„hei­lige Stadt“ oder die Spuren
der Antike. Eine große Pader-
borner Ausstellung folgt den
Perspektiven unterschiedlichster
Romreisender durch die Jahr-
hunderte.

E inen „glühenden Brandherd alter


Kulturen“ hat der Psychoanalyti-
ker C. G. Jung die ewige Stadt Rom ge-
WUB: Wie entstand die Idee, eine
Rom­ausstellung aus dem Blickwinkel
der Besucher zu konzipieren?
1,70 m hoch und 900 kg schwer ist
die Hand der antiken Monumental­statue
Kaiser Konstantins, die vorsichtig im Pa-
nannt. Die Faszination, die die Stadt auf Professor Dr. Stiegemann: Keine ande- derborner Museum aufgestellt wird. Um
ihre Besucher aus allen Teilen der Welt re Stadt ist über Jahrhunderte hinweg 315 nC entstanden, Musei Capitolini Rom.
ausübt, ist seit Jahrhunderten ungebro- Sehnsuchtsort so vieler Menschen ge-
chen. Eine Ausstellung im Paderborner wesen! Rom, Haupt der Welt und Zen-
Diözesanmuseum nimmt die Perspek- trum der Christenheit, fasziniert auch sische Blick des Fotografen auf die vom
tive von Pilgern und Besuchern auf: Je uns schon lange. Eigentlich war geplant, Massentourismus bedrängten „Wunder
nach Intention, Stellung und Herkunft eine Auswahl der in Rom 2006 und in Roms“, der nicht idealisiert, sondern be-
der Romfahrer standen die christlichen den Vatikanischen Museen 2009 bis 2013 wusst verfremdet, brachte mich auf die
Kirchen und sakralen Orte im Mittel- entstandenen Arbeiten des jungen Mün- Idee, die Perspektivität, den Blick des
punkt, oder auch die Zeugen der Antike. chener Videokünstlers und Fotografen Nordens auf die Wunder Roms und des-
Professor Dr. Christoph Stiegemann, Christoph Brech zu zeigen und diese sen Wandel durch die Jahrhunderte vom
Direktor des Diözesanmuseums Pader- mit wenigen Objekten aus römischen frühen Mittelalter bis zur Gegenwart ins
born, erläutert die Ausstellung. Museen zu kombinieren. Der zeitgenös- Zentrum zu stellen.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 71
panorama

Die Ausstellung beginnt mit der Pers- ponate wie der antiken Bronzekugel vom
pektive eines mittelalterlichen Pilgers. Obelisken auf dem Petersplatz, die schon
Wie erlebte er Rom? Magister Gregorius gesehen und beschrie-
Der Blickwinkel des Magister Gregorius, ben hat, oder die rechte Hand der Ko-
mit dessen um 1200 entstandener Rombe- lossalstatue des Kaisers Konstantin (um
schreibung wir die Ausstellung eröffnen, 315  nC). Die riesige Marmor-Hand einer
ist in der Tat besonders. Seit spätantiker untergegangenen kolossalen Sitzstatue
Zeit waren es die wunderwirkenden Reli- von 15 m Höhe, die Konstantin nach dem
quien der Heiligen, allen voran jene der Sieg über Maxentius in der Maxentiusba-
Apostelfürsten Petrus und Paulus, über silika hatte errichten lassen, ist ein beein-
deren Gräbern seit der Zeit Konstantins druckendes Werk. Gerade die Fragmen-
imposante Kirchen errichtet wurden. Um tierung steigert ihre Präsenz. Sie ist nun
sie mit eigenen Augen zu sehen, begaben erstmals in Deutschland in Paderborn zu
sich Tausende auf die lange, gefahrvolle sehen.
Reise nach Süden. Die Pilger schenkten Haben Sie ein Lieblingsstück in der
den Ruinen der Antike kaum Beachtung. Ausstellung?
Erst seit dem späten 12. Jh. finden wir Aber ja! Es ist die sogenannte „Ballerina
wieder Texte, die sich explizit mit den di Goethe“, die zu den Höhepunkten der
„Nadel des heiligen Petrus“
antiken Überresten des vorchristlichen Ausstellung zählt. Sie ist die römische Ko-
nannten Rompilger den Obelisken
römischen Imperiums beschäftigen. Zu pie einer griechischen Statue und verzau-
mit der antiken Bronzekugel. Andere
ihnen gehört die Narracio de mirabilibus berte schon Johann Wolfgang von Goethe. glaubten, in der Kugel wäre die Asche
urbis Romae des Magister Gregorius, ei- Der Dichter entdeckte die „lieblich beweg- Cäsars verwahrt. 1. Jh. nC, Rom,
nes hoch gebildeten englischen Klerikers. te Gestalt“ während seiner Italienreise Musei Capitolini.
In Gregorius‘ Bericht flossen nicht nur in den 1780er-Jahren und war begeistert.
eigene Eindrücke und das Gespräch mit Als die Schöne ihm vertraulich zum Kauf
Zeitgenossen ein. Zahlreiche Passagen angeboten wurde, versuchte Goethe, die
seiner Schrift belegen, dass ihm auch die finanziellen Mittel dafür aufzubringen.
Werke antiker Autoren, wie Ovid oder Doch der Erwerb und vor allem die Aus-
Vergil, über Rom bekannt waren. Bei ihm fuhr eines solchen Stückes waren schon
kommen die Kirchen – seit Jahrhunderten damals nicht unproblematisch. Freunde
Hauptziel aller Romreisenden – nur mehr warnten Goethe vor den Schwierigkeiten,
zur Orientierung vor. Die überlieferten die das mit sich bringen würde. Schweren
antiken Statuen betrachtete er aber nicht Herzens nahm er Abstand von dem Vorha-
nur wegen ihrer Kunstfertigkeit als wah- ben – eine Entscheidung, die er zeitlebens
re Wunderwerke, er sah darin auch noch bereute. Für die Reise nach Paderborn hat
ganz im Sinne des Mittelalters magische die Nymphe Rom zum ersten Mal ver-
Kräfte wirken. lassen. Wir haben sie mit unendlichen
Was ist für Sie das größte Wunder Roms? Mühen auf die obere Ebene verfrachtet,
Für mich persönlich ist das eigentliche wo normalerweise die Imad-Madonna,
Wunder, wie Rom nach dem Untergang das Herz der Skulpturensammlung des
in der Völkerwanderungszeit des 5. Jh. Museums, steht. Eigentlich ist sie für
zu neuer Blüte in Mittelalter und Neuzeit den Standort wie geschaffen und müsste
aufsteigen konnte. Die Millionenmetro- bleiben! Das wird allerdings ein frommer
pole war auf die Größe einer Kleinstadt Wunsch bleiben. W (Diözesanmuseum Pa-
mit kaum mehr als 20.000 Einwohnern derborn, WUB)
geschrumpft; weite Teile des Stadtgebiets
innerhalb des viel zu weit gewordenen
Mantels der Aurelianischen Stadtmauer Die Ausstellung
lagen brach. Paläste, Thermen, Ratsge- bis 31. August 2017
bäude, Tempel, aber auch deren reicher Diözsesanmuseum Paderborn
Skulpturenschmuck verfielen. Doch es
Markt 17 · 33098 Paderborn
war keineswegs das Ende!
Tel. 05251 125-1400
Gab es in der Vorbereitungsphase be-
museum@erzbistum-paderborn.de
sondere Highlights?
Di–So: 10–18 Uhr Diese Nymphe hätte Goethe
Besondere Highlights waren unsere Leih- gern gekauft. Sog. „Ballerina di
Eintritt 9/6 EUR
verhandlungen in Rom selbst und die Goethe“, 1. Jh. nC, Vatikanstadt,
generöse Zusage so charismatischer Ex- Musei Capitolini.

72 welt und umwelt der bibel 2/2017


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panorama
achziv

Bislang einzigartig

E ine anthropomorphe Maskenform


in außergewöhnlich gutem Zustand
war der Höhepunkt der dritten Ausgra-
Die leitenden Archäologen Michael
Jasmin, Yifat Thareani und Philippe
Abrahami des israelisch-französischen
bungssaison von Tell Achziv, ca. 25 km Ausgrabungsteams bewerten ihren
südlich von Tyrus. Die Maskenform ent- Fund als außergewöhnlich. Zwar seien
stammt der phönizischen Kultur und bereits bei früheren Ausgrabungen in
wird ins 9. Jh. vC (Eisenzeit IIA) datiert. Achziv Tonmasken gefunden worden,
Darauf weisen auch mehr als ein Dut- die ein charakteristisches Kennzeichen
zend Keramiken wie Schalen, Becher, der phönizischen Kultur im Mittelmeer-
Kelche, Krüge und Lampen hin, die mit raum seien, aber es fehlte bislang der
der Maske gefunden wurden. Fund einer Abdruckform (Model), mit
Vermutet wird, dass die Maske im Zu- der die fast lebensgroßen Masken herge-
Eine Abdruckform für phönizi-
sammenhang mit Begräbnisriten ver- stellt wurden. An dem jetzt gefundenen
sche Tonmasken, vermutlich bei
Begräbnisriten verwendet.
wendet wurde. Darauf weisen auch die Model, das auffallend gut erhalten ist,
gefundenen Keramiken, die zumeist fehlt lediglich der Griff an der Rückseite
– wenn auch nicht ausschließlich – bei der Maske.
Kultritualen verwendet wurden. Die Mas- Obwohl anthropomorphe Tonmasken licherweise wurde im Rahmen der Be-
ke war von einer dicken Geröllschicht be- ein Kennzeichen der phönizischen Kul- gräbnisriten von der Abgussform eine
deckt. Möglicherweise wurde sie gemein- tur sind, ist ihre Funktion noch unklar. Maske erstellt. Wofür die Masken dien-
sam mit den Gefäßen bewusst abgelegt Die Forscher vermuten, dass sie nicht ten, wird weiter untersucht. W (E. Ville-
und vergraben, um sie zu schützen. vor dem Gesicht getragen wurden. Mög- neuve, WUB)

Der Palast Neros wurde virtuell rekonstruiert

Kaiser Neros Prunk erleben


rom Seit Anfang Februar werden die baut, zerstört und begraben und in der groß, dass darin eine Kolossalstatue Ne-
Wochenend-Führungen in der Domus Renaissance wiederentdeckt wurden.“ ros von fünfunddreißigeinhalb Metern
Aurea, dem Palast Kaiser Neros, durch An einer weiteren Station lässt sich die Höhe Platz hatte ... Im übrigen war alles
Multimedia-Präsentationen ergänzt. Mit virtuelle Rekonstruktion des Saales mit mit Gold, Edelsteinen und Perlmutter be-
einer VR-Brille können Besucher ein- der vergoldeten Decke bewundern. deckt. Die Speisezimmer hatten Decken
tauchen in die vergangene Pracht des Der Palast ist vor allem wegen sei- aus beweglichen, durchlöcherten Elfen-
Palastes. Der Leiter der Stätte, Alessan- ner Fresken berühmt. Errichtet wur- beinplatten, sodass man von oben herab
dro D'Alessio, erläuterte: „Auf die Gale- de die großflächige Anlage nach dem über die Gäste Blumen streuen oder Par-
rie der Trajansthermen wird ein Video Brand Roms im Jahr 64 nC. Der römi- füme sprengen konnte. Der Hauptspei-
projiziert, das die Geschichte der Domus sche Schriftsteller Sueton beschrieb die sesaal war rund und seine Decke drehte
Aurea nacherzählt: wie die Gebäude ge- Domus Aurea so: „Das Vestibül war so sich Tag und Nacht.“
Nach dem Tod Neros entstanden
auf dem Gelände u. a. die Titus- und
­Trajansthermen sowie das Kolosseum.
Die langjährigen Restaurierungsarbei-
ten sollen 2018 abgeschlossen sein, so-
dass der gesamte Komplex eröffnet wer-
den kann.
Weitere Informationen finden sich un-
ter: ­­www.­coopculture.it. W (WUB/KNA)

Auf einer virtuellen Reise können


Besucher jetzt den Glanz des „Goldenen
Hauses“ von Kaiser Nero erleben.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 73
Die bibel in berühmten gemälden

Johannes auf Patmos


von Hieronymus Bosch Von Ines Baumgarth-Dohmen

B oschs Tafelbild „Johannes auf Patmos“ wirkt


auf den ersten Blick konventionell. Entstan-
den um 1490–95, scheint es sich kaum von zeit-
schlug vor, dass religiöse Malerei sich an Predig-
ten orientieren solle. Das bedeutete aber auch,
dass die Forderung der christlichen Rhetorik-
genössischen Kupferstichen zu unterscheiden, lehre, Predigten so zu gestalten, dass sie nicht
wie denen Martin Schongauers und Israhels van nur belehren (docere), sondern auch erfreuen
Meckenem, die Bosch nachweislich als Vorbild (delectare) und bewegen (movere) sollten, auch
dienten. Auch hat es offensichtlich wenig ge- für religiöse Bilder galt. Und so ist Boschs „Jo-
mein mit den faszinierenden, von eigentümli- hannes auf Patmos“ ein zwar moralisierendes,
chen Fantasiegestalten bevölkerten Bildwelten, doch gleichermaßen unterhaltsames Bild, das
die Boschs spätere Werke kennzeichnen, doch die Aufmerksamkeit des Betrachters durch eine
belehrt genaueres Hinsehen eines Besseren. Vielzahl von Details zu fesseln versucht.
Vor dem Hintergrund einer Uferlandschaft sitzt
Johannes auf einer Böschung. Hinter ihm erhebt Geschichte des Bildes
sich ein Berg, auf dem ein Engel steht, der mit Die Bildtafel „Johannes auf Patmos“ wurde wahr-
dem Finger dahin zeigt, wo der Himmel sich öff- scheinlich als Altarflügel geschaffen. Möglicher-
net und die auf einer schmalen Mond­sichel thro- weise gehörte sie zu dem kostbaren Marienaltar,
nende Gottesmutter mit Kind vor einer Sonnen- den die Liebfrauenbruderschaft ab 1475 für ihre
scheibe sichtbar ist. Auf dieses „große Zeichen Kapelle in der Kirche Sint-Jan in 's-Hertogen-
am Himmel“, die Vision aus Offb 12, ist der Blick bosch hatte anfertigen lassen. In einer anderen
des Johannes gerichtet. In der rechten Hand hält Tafel von der Hand Boschs, die Johannes den
er eine Schreibfeder, um das Gesehene in dem Täufer in der Wüste zeigt (Museo Lázaro Galdia-
geöffneten Buch auf seinem Knie festzuhalten. no, Madrid), wird das Gegenstück vermutet und
Auf dem Boden liegen Federbüchse und Tinten- angenommen, dass beide als Flügelpaar im obe-
fässchen, bewacht von einem Adler, Symbol des ren Teil des Retabels eingesetzt waren. Als 's-Her-
Evangelisten Johannes, der seit frühchristlicher togenbosch 1629 protestantisch wurde, entfernte
Zeit als Verfasser des Buches der Offenbarung man das Retabel aus der Kirche; über das Schick-
galt. Der Adler starrt einen ungestalten Teufel sal der einzelnen Teile ist wenig bekannt. „Jo-
an, der hinter dem Rücken des Evangelisten sein hannes auf Patmos“ wurde 1907 von den Berliner
Unwesen treibt. Museen aus Londoner Privatbesitz erworben.
Die einzelnen Figuren sind wie auf einer Dia-
gonalen angeordnet, deren Endpunkte der Teu- Der Maler
fel rechts unten und die Gottesmutter links oben Hieronymus (Jheronimus) Bosch (1450/55–1516)
sind. Entlang dieser Linie wird das Auge des Be- wurde als Jeroen van Aken in 's-Hertogenbosch
trachters vom Dunklen, Bösen hin zum Lichten, (Den Bosch), im Herzogtum Brabant, geboren.
Himmlischen geleitet. Er soll mit Johannes das Nach Lehrjahren in der väterlichen Werkstatt
Böse missachten und den Blick zu Gott erheben. erhielt er vermutlich eine theologische Ausbil-
In seiner Lehrhaftigkeit entsprach das Bild dung, die seine Aufnahme in den Kreis der „ge-
dem immer wieder erhobenen Anspruch, Male- schworenen Brüder“ der Liebfrauenbruderschaft
rei solle erbauen und unterweisen, wie man es von Sint-Jan 1488 erklären könnte. Bald darauf
auch von der zeitgenössischen Dichtkunst ver- nahm er den Namen seiner Heimatstadt an und
langte. Erasmus von Rotterdam (um 1466–1536) signierte fortan mit „jheronimus bosch“.

74 welt und umwelt der bibel 2/2017 20021914393274-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
Bosch war außerordentlich erfolgreich und
schon zu Lebzeiten weit über Brabant hin-
aus bekannt. Angehörige des burgundisch-
habsburgischen Hofs erwarben seine Bilder.
Die Originalität Boschs bestand darin, in die
vertraute religiöse Ikonografie groteske und
karikierende Elemente von moralsatirischem
Charakter einzufügen. Von dem einst um-
fangreichen Oeuvre sind, neben einer Reihe
von Zeichnungen, nur rund 20 eigenhändige
Werke erhalten, allesamt Flügelaltäre oder
Teile solcher. Berühmt sind die in Madrid
befindlichen Triptychen „Der Garten der Lüs-
te“ (nach 1500) und „Der Heuwagen“ (um
1515/16). Sie sind Spätwerke, deren scharfsin-
nige Bilderfindungen sich an das gebildete
Publikum höfischer Kreise wenden.
Die großen Ausstellungen in 's-Hertogen-
bosch und Madrid, mit denen 2016 das 500.
Todesjahr Boschs begangen wurde, bekunden
die Bedeutung, die diesem Maler des Spätmit-
telalters noch heute beigemessen wird.

Das Thema in der Kunst


Die ältesten Darstellungen des Johannes auf
Patmos finden sich in mittelalterlichen Apo-
kalypse-Handschriften. Dabei wurde das Vi-
sionserlebnis unterschiedlich umgesetzt. In
den Handschriften von Valenciennes (9./10.
Jh.) und Bamberg (um 1000) zeigt ein Engel
Johannes die Bilder der Vision, in der Lam-
beth-Apokalypse (13. Jh.) erblickt Johannes
sie durch eine Öffnung im Bildrahmen. Und
in einer spanischen Handschrift (Beatus des
Facundus, 11. Jh.) liegt der Körper des Johan-
nes am Boden, während sein Seelenvogel den
Menschensohn schaut.
Erst im Spätmittelalter wird Johannes auf
Patmos zu einem eigenständigen Bildthema,
das durch die Druckgrafik weite Verbreitung
findet. Dabei wird das traditionelle Autoren-
bild des Evangelisten mit seinem Symboltier,
dem Adler, in eine Landschaft versetzt, die
immer größere Bedeutung gewinnt; meist
sind der Engel und eine oder mehrere Visio-
nen (Memling, 1475–79; Hans Baldung, 1511;
Joos van Cleve, um 1535) dargestellt. Im Ba- Das Gemälde
rock gilt das Interesse dem Ausdruck der Ent- Johannes auf Patmos,
rücktheit in Mimik und Gestik des Johannes um 1495, Ölmalerei auf
(Velázquez, 1619; Le Brun, 1658). Im 20. Jh. re- Eichenholz, 63 x 43,2 cm,
duziert Barlach das Thema auf den am Boden Staatliche Museen zu
liegenden schreibenden Johannes und ver- Berlin, Gemäldegalerie
zichtet auf jegliche Kennzeichen wie Adler,
Engel und Vision (1919).

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welt und umwelt der bibel 2/2017 75
Die bibel in berühmten gemälden

2 Der Teufel – ein hitziger Tor


Aus dem niederländischen Raum sind verschiedene
1 Johannes – die Augen des Geistes Darstellungen überliefert, die Johannes auf Patmos
mit einem Teufel zeigen, der versucht, ihn dadurch
Das Bild „Johannes auf Patmos“ ist ein Bild über das Sehen. am Schreiben zu hindern, dass er das Tintenfass
Doch ist damit mehr als die sinnliche Wahrnehmung der ir- stiehlt oder es ausschüttet. Bosch übernimmt also
dischen Wirklichkeit gemeint. Johannes schenkt seiner Um- ein bekanntes Motiv, wenn er einen Teufel ins Bild
gebung nämlich keinen Blick, sondern sieht mit weit geöffne- bringt, doch ist die Gestalt, die er ihm verleiht, seine
ten Augen nach oben, zum Himmel. Wenn seit der Antike der eigene Erfindung. Dieser Teufel hat, neben dem be-
Gesichtssinn auch als der vornehmste der fünf Sinne galt, so brillten Gelehrtengesicht, einen kugelförmigem Leib,
herrschte im Mittelalter doch ein grundsätzliches Misstrauen dürre Beine mit Schwimmfüßen, Molchschwanz und
den menschlichen Sinnen gegenüber vor, sah man in ihnen Flügel. Eine schwarze Gugel bedeckt Kopf und Schul-
doch den Ursprung der Laster. Mit den Sinnen ließ sich das tern und geht in emporgereckte Ärmchen über. Auf
Wesentliche nicht begreifen, auch nicht mit dem Gesicht, mit dem Kopf glimmt ein Gegenstand, vermutlich ein
den körperlichen Augen, den Fleischesaugen (oculi carnis). Zunderschwamm.
Nur die Augen des inneren Menschen, die Herzensaugen (oculi Nun sind die monströsen Mischwesen Boschs nicht
cordis) oder Geistesaugen (oculi mentis), vermochten die Wahr- einfach Ausgeburten lebhafter Fantasie, sondern
heit und Weisheit Gottes zu erkennen. Es ist diese Art des Se- ausgeklügelte Konstrukte, die allegorisch zu deuten
hens, mit der Johannes die Gottesmutter mit dem Kind, Bild sind. Bei ihrer Ausgestaltung greift Bosch u. a. Re-
der Menschwerdung Gottes, schaut. densarten und Sprichwörter auf und überträgt deren
Der eigentümliche Teufel mit dem Menschenkopf dagegen, bildhafte Sprache in Malerei. Auf diese Weise lässt
der sich hinterrücks an Johannes herangeschlichen hat, nimmt sich auch der Teufel der Johannestafel „lesen“: Sei-
die Erscheinung am Himmel offenkundig nicht wahr. Denn er ne zu kurzen Arme, kaum geeignet, seine Waffe, den
sieht mit den körperlichen Augen, die nur die Gegenstände der langen Fleischhaken, der neben ihm lehnt, zu be-
sichtbaren Welt erfassen und damit für das Böse geöffnet sind. nutzen, stehen für Unvermögen und Ohnmacht. Der
Daran ändert auch die Brille nichts, die er auf der spitzen Nase glühende Zunder auf dem Kopf weist ihn als geistigen
trägt. Augengläser wurden damals noch ausschließlich zum Brandstifter und Hitzkopf aus, der Kugelbauch als
Lesen und Schreiben benutzt und finden sich in der zeitgenös- aufgeblasenen Narren. Sieht man genau hin, erkennt
sischen Malerei als Attribute von Gelehrten. Bosch jedoch setzt man, dass im Bauch ein Pfeil steckt, vielleicht eine
dem Teufel eine Brille auf und macht damit deutlich, dass sie Anspielung auf Sir 19,12: „Wie ein Pfeil im Fleisch des
nichts anderes ist als eine Sehhilfe für die körperlichen Augen Schenkels steckt, so ist ein Wort im Bauch des To-
und keineswegs zur Einsicht verhilft. Und so hält das Bild den ren.“ Das Wort Gottes verfehlt bei einem Toren, der
Betrachter an, sich Johannes zum Vorbild zu nehmen, den es nicht wahrzunehmen versteht, schlicht sein Ziel.
Blick von der Welt abzuwenden und durch Gebet und Kontem- Die so geistreich erdachten Höllenwesen Boschs
plation die Sehkraft des Geistes zu schärfen, um zur Erkennt- faszinierten schon die Menschen seiner Zeit. Bald be-
nis der Wahrheit zu gelangen. Eine solche Haltung entsprach gann man in ihnen das wesentliche Charakteristikum
auch dem Frömmigkeitsideal der Devotio moderna, der damals seines Oeuvres zu sehen und bezeichnete ihn als du-
in den Niederlanden weit verbreiteten religiösen Bewegung, velmakere (Teufelmacher), wie der Historiker Marcus
deren Einfluss auch in 's-Hertogenbosch nachweisbar ist. van Vaernewijck 1568 überliefert.

76 welt und umwelt der bibel 2/2017


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2
3 Die Landschaft – Weisung zum Leben
Die Landschaft, in der sich das Ge- Baum erinnert an die Kreuzigung Jesu,
schehen abspielt, wirkt wie aus zwei bei der Johannes nach Joh 19,26 zuge-
unterschiedlichen Räumen zusam- gen war.
mengesetzt: den grünbraunen Hügeln Im Hintergrund blickt der Betrach-
im Vordergrund und der in Aufsicht ter auf ein glänzendes Gewässer, eher
wiedergegebenen bläulichen Ufer- einem Fluss als einer Bucht gleich.
landschaft im Hintergrund. Beide sind Am Ufer zeichnet sich in der Ferne die
sorgfältig arrangierte Bühnen, aufge- Silhouette einer Stadt ab, die sicht-
baut aus Elementen, deren Symbolik lich von den zeitgenössischen Städ-
die Bildaussage ergänzt. ten Brabants inspiriert ist. Am linken
So steht der Engel, als himmlisches Bildrand fällt ein Schiff auf, das in
Wesen ganz in lichtes Blau getaucht, Flammen steht und sinkt, vielleicht
auf einem Berg, einer von jeher bevor- eine Anspielung auf 1 Tim 1,19, wo
zugten Stätte göttlicher Offenbarung. Paulus, die geläufige Metapher des Le-
Im Geäst des Baumes, der hinter Jo- bensschiffes aufgreifend, davor warnt,
hannes emporwächst, ist ein Specht Schiffbruch im Glauben zu erleiden.
Ines Baumgarth-
zu erkennen; sein unüberhörbares Doch zeigt Bosch mit dem exakt in Dohmen M. A. ist
Klopfen wurde als Mahnung verstan- der Mittelachse des Bildes platzierten Kunsthistorikerin
den, sich auf Gott zu besinnen. Ein hohen Kirchturm, wo Rettung vor den und freiberuflich
dünnes Holzkreuz rechts neben dem Gefahren dieser Welt zu finden ist. tätig.

Die Quelle
„Offenbarung Jesu Christi, die Gott „Ich, Johannes, … war auf der Insel, „Dann erschien ein großes Zeichen am
ihm gegeben hat, damit er seinen die Patmos heißt, um des Wortes Got- Himmel: eine Frau, mit der Sonne be-
Knechten zeigt, was bald geschehen tes willen und des Zeugnisses für Je- kleidet; der Mond war unter ihren Fü-
muss; und er hat es durch seinen sus.“ (Offb 1,9) ßen und ein Kranz von zwölf Sternen
Engel, den er sandte, seinem Knecht auf ihrem Haupt.“ (Offb 12,1)
Johannes gezeigt. Dieser hat das Wort „Schreib auf, was du gesehen hast:
Gottes und das Zeugnis Jesu Christi was ist und was danach geschehen
bezeugt: alles, was er geschaut hat.“ wird.“ (Offb 1,19)
(Offb 1,1-2)

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welt und umwelt der bibel 2/2017 77
Reform und Reformation in Bibel und Christentum

Reformbewegungen zur Zeit Jesu

Weiterentwicklung oder
zurück zu den Wurzeln?
Die Zeit Jesu ist auch eine Zeit der religiösen Reformen. Nicht nur Jesus selbst predigt
eine Reform des jüdischen Lebens seiner Zeit. Auch andere fragen, wie jüdisches Leben
in einer sich verändernden Gesellschaft aussieht. Wie kann etwa der jüdische Glaube in
einer hellenistischen oder ägyptischen Umwelt gelebt werden? Von Georg Röwekamp

„Als Jesus die vielen Menschen sah, dass Jesus der „neue Mose“ ist: Beide
stieg er auf den Berg. Er setzte sich, sind bei ihrer Geburt vom Tod bedroht
und seine Jünger traten zu ihm. Und (vgl. Mt 2,16-18; Ex 1,16), beide kommen
er öffnete seinen Mund, er lehrte sie“ aus Ägypten … Und wenn nun, ähnlich
(Mt 5, 1-2). wie einst auf dem S ­ inai, die Gebote Got-
Auf einem Hügel oberhalb des Sees tes (neu) verkündet werden, muss auch
Gennesaret erinnert seit 1937 eine Ka- das entsprechend der Grundkonzeption
pelle an die sogenannte Bergpredigt, auf einem Berg erfolgen.
eine der berühmtesten Reden der Welt-
geschichte, und an die acht Seligprei-
sungen, die sozusagen ihre Präambel Die Erneuerung der Sinai-Gebote
bilden. Vor allem deshalb hat man einen Somit ist die „Rahmenhandlung“ der
achteckigen Grundriss für die Kirche ge- Bergpredigt möglicherweise ähnlich
wählt, aus deren Fenstern der Blick auf legendär wie die Überlieferung vom
den See und die umgebende Landschaft Anschlag der 95 Thesen Martin Luthers
fällt, die sich seit Jesu Zeiten kaum ver- an der Tür der Schlosskirche zu Witten-
ändert zu haben scheint. berg. Doch diese „Einkleidung“ macht
Freilich sind viele Besucher scho- sichtbar, worum es geht: Das, was da
ckiert, wenn sie von einer kundigen verkündet wird, ist eine Erneuerung der
Reise​­
­ leitung nicht nur erfahren, dass Gesetzgebung am Sinai! Und bei nähe-
dieser Erinnerungsplatz im 20. Jh. relativ rem Hinsehen zeigt sich, dass es Jesus
willkürlich gewählt wurde (nachdem zu- um eine Re-form geht, um eine Wieder-
vor auch andere Berge als Ort der Predigt entdeckung der ursprünglichen Bedeu-
angesehen wurden), sondern auch, dass tung der Gebote. Immer wieder erläutert
Jesus diese Bergpredigt so vielleicht nie er, was mit den Geboten und Bräuchen
gehalten hat. Dafür spricht zum einen, eigentlich gemeint ist: Nicht töten, nicht
dass eine ähnliche Rede, in der verschie- die Ehe brechen, keinen Meineid schwö-
dene Aussprüche Jesu gesammelt sind, ren, Vergeltung, Nächstenliebe, Almo-
bei Lukas auf einem Feld lokalisiert wird sen, Beten, Fasten … (Mt 5,21-6,18).
(vgl. Lk 6,17-49). Zum anderen wird das Am deutlichsten ist das im Zusam-
nahegelegt durch die Tatsache, dass die menhang mit der Frage der Eheschei-
Die Kirche der Seligpreisungen, Verkündigung der Botschaft Jesu auf ei- dung, auf die Jesus im Evangelium spä-
Israel. Sie erinnert an die Bergpredigt nem Berg stark von der theologischen ter noch einmal zurückkommt: Da sagt
Jesu, mit der er den jüdischen Glau- Konzeption des Matthäus geprägt er- er ausdrücklich, dass die Regelungen,
ben an seine Wurzeln rückbindet. scheint: Der Evangelist macht deutlich, die sich eingebürgert haben, nicht dem

78 welt und umwelt der bibel 2/2017


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Reform und Reformation in Bibel und Christentum

Reform und Reformation in Bibel und Christentum


vierteilige reihe im Lutherjahr

2017 gedenken die Kirchen in Deutschland – auch gemeinsam – der 1/17 Verfall und Reform –
ein biblisches Weltbild
Reformation, deren Ausgangspunkt man gern in der Veröffentlichung der
95 Thesen Martin Luthers gegen den Ablass am 31. Oktober 1517 sieht. 2/17 Reformbewegungen
Während Kirchenhistoriker darauf verweisen, dass es allein im 16. Jahr- zur Zeit Jesu
hundert mehrere „Reformationen“ gab, zeigt ein Blick in die Bibel, dass 3/17 Reform(ation):
mit den Begriffen „Reformation“ und „Reform“ ein noch viel weiteres Feld Eine Idee macht Geschichte
erschlossen wird. Die Reihe beginnt in der Zeit des Alten Testaments. 4/17 Wie sich das Verhältnis
der Kirchen heute „reformiert“

Willen Gottes am Beginn der Schöpfung Alexandria und Umgebung sprechen


entsprechen: „Am Anfang war das nicht praktisch nur griechisch. Und bei dieser
so …“ (Mt 19,8). Nun aber soll durch sei- Übersetzungsarbeit „reformiert“ man
ne Reform der paradiesische Zustand auch manche Vorstellungen und Begrif-
wiederhergestellt werden … Aber selbst- fe. Berühmte Beispiele sind die Überset-
verständlich gilt auch hier (vgl. die letz- zung von „almah“ (junge Frau) in Jes
te Folge der Serie), dass manches von 7,14 mit „parthenos“ (Jungfrau) oder die
dem, was in späterer Zeit als ursprüng-
licher Sinn der Gebote dargestellt ist, ge-
schichtlich gesehen eine Weiterentwick-
lung, eine Radikalisierung und damit
Jesus geht es um eine
eine Reform im Sinne der Fortentwick- Re-form, um eine
lung ist.
Wiederentdeckung
Wie müssen die alten Gebote
der ursprünglichen ​
reformiert werden? ­Bedeutung der Gebote
Die Frage, wie die alten Gebote in neuer,
veränderter Zeit gelebt werden können,
wie ihr ursprünglicher Sinn wiederent- des Gottesnamens „Ich bin der ‚Ich bin
deckt werden kann bzw. wie die Über- da‘“ in Ex 3,14 mit „Ich bin der Seiende“
lieferung „reformiert“ werden muss, um (– in der Einheitsübersetzung 2016: „Ich
ihre Bedeutung zu behalten, beschäftigt bin, der ich bin“). Besonders bei Letzte- Philon von Alexandria mühte sich
um eine Übersetzung des jüdischen
zur Zeit Jesu nicht nur ihn und seine Jün- rem wird deutlich, dass man bei dieser
Glaubens in die hellenistische Welt.
ger. Vielmehr ist Jesus selbst Teil einer Übersetzungsarbeit an das Nachdenken
Fantasiezeichnung von André Thevet
Welt, in der verschiedenste Reforman- der Philosophen über das „Sein“ an-
(1502–1509).
sätze und Bewegungen um diese Frage knüpft. Aber ist das nun eine unstatt-
ringen und teilweise auch konkurrieren.  hafte Fort- bzw. Wegentwicklung vom
Außerhalb des Landes Israel, z. B. in Ursprung oder bringt es den ursprüng-
Ägypten, stellt sich die Frage, wie das lichen Sinn unter neuen Vorzeichen, in
Judentum sich an ganz andersartige Le- neuer Sprache wieder zum Vorschein? und den Propheten gelernt und ihre
bens- und Denkformen anpassen kann, Die jüdischen Übersetzer sind davon Philosophie von dorther entwickelt.
besonders dringlich. Dort muss man die überzeugt – und zwar so sehr, dass sie Andere Juden fühlen sich auch deshalb
biblischen Texte ganz wörtlich in eine die These vertreten, die griechischen berechtigt, die biblischen Geschichten
neue Sprache übersetzen: Die Juden in Denker hätten von dem älteren Mose nachzuerzählen und dabei die Anthro-

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welt und umwelt der bibel 2/2017 79
Reform und Reformation in Bibel und Christentum

pomorphismen, jene Stellen, in denen In Israel selbst gibt es dagegen in den Reform des Gottes-Dienstes
Gott allzu menschliche Eigenschaften letzten vorchristlichen Jahrhunderten Nach dem Tod Jesu und der zweiten Zer-
zugeschrieben werden, wegzulassen. auch „Re-former“, die sich gegen die störung des Tempels können Christen
Die sogenannten „Targumim“ bilden „Hellenisierung“ der jüdischen Über- und Juden ganz auf den Opferkult und
eine eigene Gattung von Literatur, die lieferung wehren und zurückwollen zu die Erfüllung der entsprechenden Gebo-
von „Reformjuden“ sehr geschätzt wird. dem, was sie für die ursprüngliche Form te verzichten – und greifen damit beide
Zeugnis für eine Art Neuformulierung des Judentums halten. Da sind zunächst „Reformideen“ auf, die erstmals nach
der gesamten biblischen Überlieferung die Makkabäer, die sich gegen die „Mo- der ersten Tempelzerstörung durch die
sind auch einige ganz neue, später sogar dernisierung“ wenden, wie sie von den Babylonier entwickelt wurden: Wortgot-
in den biblischen Kanon aufgenomme- griechischen Fremdherrschern, aber tesdienste treten an die Stelle der Tem-
ne Schriften, die deutlich griechischen, auch führenden Kreisen des eigenen pelliturgie, zumal Gott Barmherzigkeit
„hellenistischen“ Geist atmen. Im soge- Volkes betrieben wird. Und als sich das will, nicht Opfer (vgl. Hos 6,6; Mt 9,13).
nannten „Buch der Weisheit“ bzw. der Königsgeschlecht der Hasmonäer, das Beide Formen, beide Religionen sind
„Weisheit Salomos“ zum Beispiel, ent- nach den Makkabäeraufständen die somit „Reformen“ der früheren Über-
standen im 1. Jh. vC vermutlich in Alex- Herrschaft übernimmt, selbst zu einer lieferung. Sie sind überzeugt davon,
andria, wird das Streben nach Weisheit Dynastie entwickelt, die sich an die Um- das ursprüngliche Wesen des Glaubens
(Sophia) und das ihr gemäße Leben als welt anpasst und dabei wesentliche Tei- zu bewahren und wiederherzustellen –
Inbegriff des Glaubens dargestellt. Die le der Überlieferung aufgibt, ziehen sich und beinhalten dabei gleichzeitig Wei-
Weisheit wird sogar zu einem Wesen, terentwicklungen, Akzentuierungen
in dem Gott in die Welt eintritt: „Sie ist von Elementen, die sie aus der Fülle der
der Widerschein des ewigen Lichts, der Die Pharisäer sehen Überlieferung ausgewählt haben.
ungetrübte Spiegel von Gottes Kraft, das Das junge Christentum kann sogar
Bild seiner Vollkommenheit. … Von Ge-
in der Rückkehr zur mit seiner Überzeugung, dass das Wort
schlecht zu Geschlecht tritt sie in heilige möglichst getreuen Gottes Fleisch geworden ist, an die
Seelen ein und schafft Freunde Gottes …“ jüdisch-hellenistische Weisheitslehre
(Weish 7,26f).
Befolgung der Gebote anknüpfen und damit eine Reformlinie
die wichtigste weiterverfolgen, die im sich nun her-
ausbildenden rabbinischen Judentum
Einer der radikalsten Reformer Reformaufgabe nicht weitergeführt wird. Gleichzeitig
seiner Zeit entwickelt es Bilder, in denen sozusagen
Dem alexandrinischen Judentum ent- der paradiesische Urzustand wiederher-
stammt auch der „Reformer“ Philon, einzelne Gruppen „zurück in die Wüs- gestellt erscheint – sei es das Bild vom
geboren um 15 vC, gestorben um 50 nC te“. Hier soll eine reformierte Gemein- ­Ostermorgen im Garten (vgl. Joh 20,11-
und damit ein Zeitgenosse Jesu und des schaft die angenommene ursprüngliche 18), sei es das Bild der Urgemeinde, in
Paulus. Um den tieferen, eigentlichen Reinheit des Glaubens wiederherstellen dem es keine Ungerechtigkeit mehr gibt
Sinn der fünf Bücher Mose zu verdeut- – und setzt dabei in Wirklichkeit eben- und wo alle alles gemeinsam haben.
lichen, bedient er sich der Methode der falls bestimmte Akzente, wählt aus der Dieses wiederum wird dann zum Ur-
sogenannten Allegorese: Zwar müssen Überlieferung bestimmte Elemente aus Bild, das verschiedenste Re-formen der
die biblischen Vorschriften zunächst und entwickelt sie weiter. Dieser Form Kirchengeschichte versuchen wieder-
äußerlich befolgt werden, aber die bib- von radikaler Reform steht auch der herzustellen. Aber das ist bereits eine
lischen Gestalten und ihre Handlungen Täufer Johannes nah. andere Geschichte, der sich die nächste
wollen auch etwas „anderes sagen“. So Andere Gruppen wie die Pharisäer se- Folge der Serie widmen wird. W
steht  z. B. Adam für das Denken, Eva für hen dagegen in der Rückkehr zur mög-
die Wahrnehmung, Abel für die Fröm- lichst getreuen Befolgung der Gebote  
migkeit, Abraham für das Lernen etc. im Alltag die wichtigste Reformaufgabe.
Heutige Leser mögen das einerseits Ihnen steht auch Jesus mit seiner Be-
befremdlich finden, war das doch sicher wegung nahe – entscheidender Unter-
nicht die Aussageabsicht der ursprüngli- schied gegenüber bestimmten Formen
chen Autoren; andererseits erhalten die pharisäischer Schriftauslegung ist le- Dr. Georg Röwekamp,
Theologe mit Schwerpunkt
Erzählungen auf diese Weise für Philons diglich die Frage, ob man den Sinn der
Alte Kirchengeschichte
Zeitgenossen überhaupt erst einen Sinn. Gebote in ihrem Wortlaut findet oder ob und Repräsentant des
Die Tatsache, dass Philon nur die Tora nicht durch deren wörtliche Befolgung „Deutschen Vereins
auslegt, macht es übrigens wahrschein- deren Sinn auch aus dem Blick geraten vom Heiligen Lande“ in
lich, dass er den „konservativen“ Saddu- kann – so von Jesus behauptet in seiner Jerusalem.
zäern nahestand; gleichzeitig ist er einer Rede gegen die Schriftgelehrten (vgl. Mt
der radikalsten „Reformer“ seiner Zeit.  23,23).

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welt und umwelt der bibel 2/2017
Die grossen entdeckungen | Das Relief des Scheschonq

Bestätigung einer
­biblischen Erzählung?
Im Jahr 1828 entdeckt Jean-François Champollion, der Entzifferer
der Hieroglyphen, den Namen „Juda“ auf einem Relief des
Amuntempels in Karnak. Das Relief stellt die Eroberungen des
Pharao Scheschonq in Kanaan dar. Ist dieses ägyptische Relief
ein Hinweis auf die biblische Erzählung vom Feldzug der Ägypter
bis nach Jerusalem? Von Estelle Villeneuve

A ls Jean-François Champollion am 23. No-


vember 1828 den Tempel von Karnak betritt,
ist er überwältigt von der pharaonischen Pracht:
ein Kommentar, der dem 14. Kapitel des 1. Bu-
ches der Könige hinzuzufügen ist, welches von
der Ankunft des Sesonchis in Jerusalem und von
Kairo
„Alles, was sich die Menschen vorgestellt haben seinen Erfolgen erzählt“, so erklärt der junge Ge-
und an Großem geschaffen haben … Wir sind in lehrte, der das biblische Hebräisch seit seinem
Europa nur Liliputaner!“, schreibt er in einem 11. Lebensjahr beherrscht, seinem Bruder. Auch
ÄGYPTEN Brief an seinen Bruder und Mentor Jacques- wenn das von ihm gelesene „Königreich der
Joseph. Ausgrabungen in Ägypten durchzufüh- Juden“ später in „Hand der Könige“, eine un-
ren, davon hat der junge Ägyptologe seit seiner
Kindheit geträumt, als er sich wissenshungrig
und fasziniert von den alten Sprachen an die „Das ist ein Kommentar, der
Karnak Aufgabe gemacht hatte, die geheimnisvolle
Schrift der alten Ägypter zu entschlüsseln. Mit dem 14. Kapitel des 1. Buches
nicht einmal 22 Jahren war es ihm tatsächlich der Könige hinzuzufügen ist“
gelungen. Sechs Jahre später sieht er die Mo-
numente von Karnak mit eigenen Augen und
bricht vor den Abbildungen der Pharaonen in bedeutende Örtlichkeit in Palästina, korrigiert
Begeisterung aus. Eine Darstellung zieht seine wurde, hat Champollion doch das Wesentliche
Aufmerksamkeit besonders auf sich. In der Mitte des Dokuments erfasst. Zum ersten Mal in der
eines Flachreliefs, das eine Mauer in der Nähe Geschichte der Archäologie ist eine biblische
des zweiten Pylons schmückt, führt eine große Episode – der Feldzug des Scheschonq nach
aufrecht stehende Pharaonengestalt an Stricken Palästina (1 Kön 14,25 und 2 Chr 12,2) – durch
Pylon fünf Reihen von Figuren, die für besiegte Städte ein außerbiblisches Zeugnis bestätigt worden.
Monumentale, doppeltür- stehen. Die erläuternden Kartuschen enthüllen Allerdings weisen die biblische Erzählung und
mige Gebäude mit einem Champollion, der die Hieroglyphen lesen kann, das Relief von Karnak unterschiedliche Darstel-
verbindenden Torüberbau,
ihr Geheimnis: Der Eroberer ist kein anderer als lungen des Geschehens auf und werfen einige
die den Eingang zu einem
Scheschonq I., vom Priester Manetho im Grie- heikle Fragen auf.
ägyptischen Tempel bil-
den. Die Pylonaußenseiten
chischen als Sesonchis bezeichnet, in der Bibel
sind mit Reliefs bedeckt. Schischak genannt. Außerdem liest Champolli-
on auf einer der 156 Kartuschen, die die besieg- Passen Bibel und Relief zusammen?
ten Städte bezeichnen und von kleinen Mauer- Die Bibel überliefert, Scheschonq sei im fünften
zinnen umrandet sind, noch lahoudahamalek, Jahr der Regierungszeit von König Rehabeam
das „Königreich der Juden“, also Juda. „Das ist von Juda gegen Jerusalem gezogen und habe

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welt und umwelt der bibel 2/2017 81
Die grossen entdeckungen | Das Relief des Scheschonq

die Schätze des Tempels und des Jerusalemer


Kartusche Palastes genommen. Die absolute Regierungs-
Ovale Umrahmung mit zeit Rehabeams ist unsicher, häufig wird von
Namen der Götter und einem Regierungsantritt um 926 vC ausgegan-
Pharaonen. gen. Allerdings wird für Scheschonq eine Regie-
rungszeit von 945–924 vC angenommen, sodass
Scheschonq im 5. Regierungsjahr des Rehabeam
nicht mehr gelebt hätte. Die Frage ist auch des-
halb interessant, weil die Datierung des Feld-
zugs lange ein Anhaltspunkt für die Datierung
des Übergangs von der Eisenzeit IIA zur Eisen-
Scheschonq zeit IIB war und der Feldzug dazu gedient hatte,
Pharao libyschen Ur- die Zerstörung zahlreicher Stätten in Zentral-
sprungs. Er begründet und Nordpalästina dieser Zeit zu erklären.
die 12. Dynastie in der Neben der Datierung weichen auch die geo-
Stadt Bubastis im Nildelta. grafischen Angaben der Bibel und des Reliefs
Im AT wird Scheschonq von Karnak voneinander ab: Die biblischen
bzw. Schischak dreimal Schreiber schildern, dass der Pharao mit zwölf-
erwähnt: 2 Kön 11,40;
14,25f und 2 Chr 12,2-9.
hundert Wagen und sechzigtausend Wagen- Jean-François Champollion
kämpfern gegen Jerusalem und die Festungen (1790–1832). Büste von Bonabes de Rougé,
von Juda gezogen sei (2 Ch 12,2). Weitere Orte er- 1863. Figeac, Museum Champollion
wähnen sie nicht. Die Ägypter dagegen führen
eine detaillierte Liste von 142 besiegten Orten
auf. Zwar sind zahlreiche Kartuschen zu abge-
nützt, um gelesen zu werden, wo sich aber die wie die großen Pharaonen Ägyptens als Sieger
in Hieroglyphen übersetzten hebräischen Orts- und Eroberer darzustellen, gab es für ihn keinen
Manetho namen identifizieren lassen, entsteht eine un- Grund, eine ganze eroberte Region wie Juda und
Ägyptischer Priester im gefähre Karte des Feldzugs. Es tauchen mehrere Jerusalem auf dem Relief im Tempel von Karnak
3. Jh. vC, Verfasser der biblische Städte auf, u. a. Taanach, Geser, Gaza, bewusst zu verschweigen. Es ist deshalb wahr-
Aegyptiaca (Geschichte
Gibeon, Ayalon, Megiddo, Penuël, Arad – Orte scheinlicher, dass der Feldzug des Scheschonq
Ägyptens).
aus Zentralpalästina, dem Negev und der südli- Juda und Jerusalem historisch nicht betroffen
chen Küstenzone. Auffallenderweise fehlen das hat.
judäische Bergland und Jerusalem! Ohne die bi- Was heißt das für die biblische Überlieferung?
blische Erzählung hätte kein Ägyptologe, auch Muss man folglich die biblische Erzählung an-
Champollion nicht, je daran gedacht, die Hei- zweifeln? Einige Exegeten und Archäologen
lige Stadt unter die von Scheschonq eingenom- gehen davon aus. Ihrer Meinung nach war das
menen Städte zu zählen. Stammt die fehlende kleine Königreich Juda auf der internationalen
Salomo Erwähnung von einer zufälligen Ausmerzung Bühne des 10. Jh. vC historisch unbedeutend.
In der Bibel Sohn und aller judäischen Namen? Die Streuung der Orte Seine Größe sei von biblischen Redakteuren
Nachfolger von König lässt das bezweifeln. Haben dann also ägyp- geschönt worden. Auffällig sei zudem, dass Re-
David. Er regierte das tische Schreiber einen Teil ihrer eigenen Siege habeams Widerstand vor der Armee des Sche-
Königreich von Israel und
ausgelassen oder haben ihre jüdischen Kollegen schonq und die Plünderung der Jerusalemer
Juda, das sich nach
einen historischen Fehler begangen? Tempelschätze und des Palastes ideologischen
seinem Tod um das Jahr
926 vC teilte.
Geschichtsdarstellungen der Zeit ähnele.
Für beide Quellen, die ägyptische wie die judä-
Realität oder Wunschbild? ische, gilt, dass jede Überlieferung von histori-
Die historische Realität des Feldzugs von Sche- schen Realitäten immer auch Interpretation des
schonq ist nicht zu leugnen, besonders seit im Geschehens ist. Das trifft besonders auf Quellen
Jahr 1925 in Megiddo, einer auf dem Relief von aus offizieller (Staats-)Propaganda zu. Dennoch
Karnak genannten Stadt in der Jesreel-Ebene, bleiben beide Quellen wesentlich für die histor-
ein Fragment einer Siegesstele mit der Kartusche sche Datierung. Der Widerspruch zwischen der
Eisenzeit II des Scheschonq gefunden wurde. Diese Stele be- archäologischen und der literarischen Quelle
Epoche (10. – 6. Jh. vC) stätigt die Liste von Karnak. wird seit einigen Jahren zugunsten der genau-
der kleinen unabhängigen Wenn die Namensnennungen der eroberten en Radiokarbonmethode aufgelöst, sodass die
Staaten unter assyrischer Städte in Karnak der Realität entsprechen und Chronologie der Eisenzeit im Heiligen Land seit
Herrschaft. Scheschonq sicher alles Interesse hatte, sich einiger Zeit wankt. W

Übersicht über die Serie „Die großen Entdeckungen“:


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> Register
Die grossen entdeckungen | Das Relief des Scheschonq

1
1  Rund 150 besiegte Städte Kanaans werden vom Sieger an
Stricken geführt. Die Mauerring-Kartuschen erlauben die Identifizierung der
Orte, wie Megiddo oder Beerscheba. Doch Jerusalem fehlt – entgegen der
biblischen Darstellung. Flachrelief im Amun-Tempel von Karnak.

2  Die heilige Mauer des Amun-Tempels in Karnak, von Nord-Osten gesehen.


Der große Hof vor dem zweiten Pylon ist das Werk Scheschonqs. Auf der
südlichen Außenmauer auf der Höhe des zweiten Pylons rühmt ein großes Relief
seine Siege in Palästina.

3 Der Ausschnitt aus der „Scheschonq-Liste“ zeigt die von Scheschonq besiegten
Städte, personifiziert und mit Kartuschen erläutert. Detail des Flachreliefs von Sche-
schonq im Tempel von Karnak. 4

4  Kartusche mit Hieroglyphenschrift, auf der Jean-François Champollion das


Wort lahoudahamalek („Königreich der Juden“) gelesen hat.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 83
Ausstellungen und veranstaltungen

Welt und Umwelt der Bibel-Studientage


zum aktuellen Heftthema:
MESSIAS. Der Traum vom Retter
Alle Termine, Details, Links und Kontaktdaten auch jederzeit auf
www.weltundumweltderbibel.de!

Mainz
Messias – Der Traum vom Retter
10. Mai 2017, 14 Uhr
Erbacher Hof, Grebenstr. 24-26, 55116 Mainz
REFERENT: Prof. Dr. Stefan Schreiber (Universität Augsburg),
Begleitung Prof. Dr. Ralf Rothenbusch
INFORMATION UND ANMELDUNG: Tel. 06131 257-503,
ebh.reservierung@Bistum-Mainz.de

Eine Reihe zum Thema „Messias“:


Aachen
„Schwerter zu Pflugscharen“. Messianische
Visionen vom Friedensreich bei Jesaja
25.4.; 2.5.; 9.5.; 16.5.; 23.5. (jeweils von 14.30 bis 16.45 Uhr)
(auf Grundlage des hebräischen Textes; Café Hebräisch)
Bischöfliche Akademie, Leonhardstr. 18-20, 52064 Aachen,
Christus mit verschränkten Armen
REFERENTIN: Dr. Annett Giercke-Ungermann (RWTH Aachen) Rembrandt van Rijn, um 1657/61.
KOSTENBEITRAG: € 42,50 (Tagungsbeitrag, incl. Getränke)
INFORMATION UND ANMELDUNG: Bischöfliche Akademie,
Tel. 0241 47996-25, anne.schoepgens@bistum-aachen.de.

HAMBURG Bereits vormerken:


Messias – Der Traum vom Retter Studientage zu WUB 3/17 „Stark wie ein löwe.
11. November 2017, 9.30–17 Uhr Die Tiere und die Götter“
St. Ansgar-Haus, Schmilinskystr. 78, 20099 Hamburg 14. Oktober, 9 Uhr – 15. Oktober 2017, 12.30 Uhr
REFERENTIN: Dr. Ute Neumann-Gorsolke (Universität Flensburg) Bildungshaus Schloss Puchberg, 4600 Wels, Puchberg 1
KOSTENBEITRAG: € 25,– KOSTENBEITRAG: € 50,–
INFORMATION UND ANMELDUNG: Martina Hedder, Abt. Schule, BEGLEITUNG: Ingrid Penner
Hochschule, Erwachsenenbildung; Herrengraben 4; 20459 Hamburg, ANMELDUNG: Bildungshaus Schloss Puchberg,
Tel. 040 378636-18; Hedder@erzbistum-hamburg.de Tel. 0043(0)7242/47537

Ausstellungen

bonn
13. April bis 20. august 2017
Kunst- und Ausstellungshalle
Iran. Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste
der Bundesrepublik Deutschland
Iran ist ein Land der Kontraste, das seit der Sesshaftwerdung Museumsmeile Bonn,
von Menschen bewohnt wurden. Die Ausstellung zeigt Schätze Friedrich-Ebert-Allee 4,
der iranischen Kulturen der Frühzeit, vom 7. Jahrtausend vC 53113 Bonn
bis zum Aufstieg der Achämeniden im 1. Jahrtausend vC, Tel.: 0228 9171–200
und sie öffnet Perspektiven auf eine in Europa wenig bekannte Di–Mi 10–21, Do–So 10–19 Uhr, Löwenfigur,
Bildwelt. Die Funde aus den Gräbern zweier elamischer Eintritt 17/11,50 EUR 4. Jt. vC, Goldblech. Teheran,
Prinzessinnen werden erstmals außerhalb Irans gezeigt. www.bundeskunsthalle.de National Museum of Iran.

84 welt und umwelt der bibel 2/2017


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Ausstellungen und veranstaltungen

Essen hohenems
3. April bis 31. Okt. 2017 30. April bis 8. oktober 2017
Der geteilte Himmel. Die weibliche Seite Gottes.
Reformation und religiöse Perspektiven auf Geschlecht und Heiligkeit
Vielfalt an Rhein und Ruhr Wie weit kann der Gott der monotheistischen Religionen auch
weiblich gedacht werden? Die Möglichkeit einer – mal mehr,
Unter den Themen wie „Fröm- mal weniger – weiblich definierten Dimension Gottes blitzt in
migkeit“, „Heilige Schriften“, der Hebräischen Bibel, in außerkanonischen Schriften und in
„Tod und Jenseits“ wird die der rabbinischen Literatur auf. Explizit lebt sie vor allem in der
Vielfalt des religiösen Lebens jüdischen Mystik fort.
seit der Reformation an Rhein Die Ausstellung wirft einen Blick auf die Quellen, aus denen
und Ruhr sichtbar. Fast 200 sich die monotheistische Gottesidee speiste. Moderne Darstel-
„Grüß Göttin“,
Ursula Beiler 2009.
verschiedene Glaubensgemein- lungen zeigen die Auseinandersetzungen mit überkommenen
schaften prägen heute das Gottesvorstellungen in Judentum, Christentum und Islam.
soziale, religiöse und politi-
sche Leben. Jüdisches Museum Hohenems, Schweizer Str. 5,
6845 Hohenems
Ruhr Museum Tel. 0043(0)5576 73989-0
Gelsenkirchener Str. 181 Di–So 10–17 Uhr, Eintritt 8/5 EUR
45309 Essen/Ruhr www.jm-hohenems.at
Tel. 0201 24681 444
Mo–So 10–18 Uhr
Eintritt 7/4 EUR Hannover
www.der-geteilte-himmel.de bis 9. juli 2017
Palmyra. Was bleibt? Syriens zerstörtes Erbe
MANNHEIM Syrische Kultur im Spiegel der Jahrhunderte. Die Ausstellung
bis 30. juli 2017 zeigt rund 20 Zeichnungen des französischen Künstlers, Ar-
chäologen und Architekten Louis-François Cassas (1756–1827),
Ägypten. Land der
die er im Jahre 1785 in Palmyra anfertigte. Sie zeigen die groß-
­Unsterblichkeit
artigen antiken Monumente vor ihrer Zerstörung durch den IS.
Der Totenkult spielte eine
wichtige Rolle in Ägypten. Museum August Kestner, Trammplatz 3, 30159 Hannover
Tel.: 0511 168-42730;
Kunstvoll bemalte Särge und Palmyra im Jahr 1785.
Mumienmasken sowie kostbare Di, Do–So 11–18 Uhr, Mi 11–20 Uhr, Eintritt 5/4 EUR
Zeichnung von
Grabbeigaben illustrieren dies. www.kestner-museum.de
Louis-François Cassas.
Das Totenbuch des Amenemhat
ist ein Höhepunkt in der Aus-
stellung. Mit einem Alter von graz
rund 3500 Jahren gehört es zu bis 8. Juli 2017
den frühesten bekannten Toten-
Vulgata. Künstlerische Zugriffe auf die Bibel
büchern der Welt. Der gut 9 m
lange Papyrus ist weitgehend Die Ausstellung zeigt Werke von über 30 zeitgenössischen
erhalten. Auffällig sind seine Künstlern, die sich mit der Bibel, ihren Geschichten und
farbigen Illustrationen. Mythen, mit biblischen Bildern, Überlieferungen und
Vorstellungen kreativ auseinander setzen und so neue
Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Zugänge schaffen.
Weltkulturen D5, 68159 Mann-
heim, Tel 0621 293 31 50 KULTUM, Kulturzentrum bei den Minoriten
Di–So 11–18 Uhr, Mariahilferplatz 3, 8020 Graz,
Eintritt 12,50/3,50 EUR Tel.: 0043(0)316 711133
www.rem-mannheim.de Di–Fr 10–17, Sa, So 11–17 Uhr,
www.kultum.at Herr Martin,
Dorothee Golz, 2015.

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welt und umwelt der bibel 2/2017 85
Vorschau

IMPRESSUM
Heft 2/2017
Die nächste Ausgabe im juli 2017: „Welt und Umwelt der Bibel“ ist die deutsche
Ausgabe der französischen Zeitschrift
„Le Monde de la Bible“, Bayard Presse, Paris.
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist interdisziplinär

Stark wie ein Löwe


und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
enger Zusammenarbeit mit international
anerkannten Wissenschaftler/innen.

Die Tiere und die Götter


Verlag: Katholisches Bibelwerk e.V.,
edition „Welt und Umwelt der Bibel“
Postfach 15 03 65, 70076 Stuttgart,
Tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77
E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de,
www.weltundumweltderbibel.de
www.bibelwerk.de
Konto: Liga Stuttgart, BIC: GENODEF1M05
IBAN DE94 7509 0300 0006 4515 51

Redaktion: Dipl.-Theol. Helga Kaiser,


Dipl.-Theol. Barbara Leicht
Korrektorat: Michaela Franke M.A.,
m._franke@web.de
Anzeigenverwaltung: Ralf Heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
Erscheinungsort: Stuttgart
© S. 69,72, 77-79 Ba­yard Presse Int.,
„Le Monde de la Bible“ 2016/2017, all rights reserved; 
© sonst edition „Welt und Umwelt der Bibel“
W Was verbindet Götter und Tiere? Übersetzungen: Christa Maier, Helga Kaiser
W Der biblische Gott im Bild des Stiers
Gestaltung: Olschewski Medien GmbH,
W Warum wurden in Israel Tiere geopfert? Stuttgart, Dipl.-Des. (FH) Barbara Janasik
Druck: Druckerei Raisch GmbH + Co. KG,
Reutlingen

und so geht es weiter: PREISE: „Welt und Umwelt der Bibel“


erscheint vierteljährlich.
• Die Kunst des Zusammenlebens – Juden, Christen und Muslime (4/17) • Einzelheft: E 11,30 zzgl. Versandkosten für Nicht-
Abonnenten / für Abonnenten E 9,50 inkl. Versandk.
• 70 Jahre Qumran – Neue Forschungen zu den Schriften vom Toten Meer (1/18) • Jahresabonnement: E 40,- inkl. Versandkosten
• ermäßigtes Abonnement für
Schüler/Studierende E 32,- inkl. Versandkosten
bestimmen sie mit, was sie lesen! • Abonnement mit Lieferung ins Ausland:
E 46,- /ermäßigt E 38 ,- inkl. Versandkosten

AUSLIEFERUNG:
Liebe Leserinnen und Leser, Schweiz:
Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB, Bederstr. 76,
CH-8002 Zürich,
Wir laden sie ein, an den heftplanungen teilzunehmen. Tel. 044/2059960, Fax: 044/2014307
Wir beginnen jetzt, die Ausgabe 2/2018 zu konzipieren: info@bibelwerk.ch
Einzelheft sFr 19,- zzgl. Versandkosten
Nächstenliebe – Uraltes Ziel der Religionen? (für Abonnenten sFr 16,-),
Jahresabonnement sFr 70,-
Was würde Sie an diesem Thema besonders interessieren? (inkl. Versandkosten)
Historisch, theologisch, archäologisch? Österreich:
Österreichisches Katholisches Bibelwerk,
Teilen Sie uns bis Anfang Juni 2017 Ihre Ideen und Wünsche mit: Bräunerstraße 3/1. Stock, A-1010 Wien,
Tel. 0043/1/5123060, Fax: 0043/1/5123060-39
online auf www.weltundumweltderbibel.de (Startseite rechts), auslieferung@bibelwerk.at
Einzelheft E 11,80 (für Abonnenten E 9,50)
per Brief, Fax oder E-Mail (wub@bibelwerk.de). Wir freuen uns, wie Jahresabonnement E 40,-; Studierende E 32,-
bereits in den vergangenen Jahren, auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. (je zzgl. Versandkosten)
Eine Kündigung des Abonnements ist mit einer
Ihre Redaktion Helga Kaiser, Wolfgang Baur, Barbara Leicht vierwöchigen Kündigungsfrist zum Jahresende
möglich.

86 welt und umwelt der bibel 2/2017


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4/17 Geschichten der Koexistenz –
Juden, Christen und Muslime

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Schweiz: Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB, Österreich: Österreichisches Katholisches Bibelwerk,


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Tel.: 044/2059960, Fax: 086/044 2059960 Tel.: 0043/1/5123060, Fax: 0043/1/5123060-39
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Schätze aus 20 Jahren
Unsere Backlist
o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Jesus der Galiläer, 2/02
o Schöpfung, 2/96 o Isis, Zeus und Christus, 3/02
o Damaskus, 1/97 o Himmel, 4/02
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 o Entlang der Seidenstraße, Sonderheft 2002
o Der Tempel von Jerusalem, 3/99 o Die Kreuzzüge, 3/03

Einzelheft € 4,90
e [A] 5,50 / sFr 9,50
o Christus in der Kunst (1): o Abraham, 4/03
Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Der Nil, 1/04
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Flavius Josephus, 2/04
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Der Jakobsweg, 3/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Prophetie und Visionen, 4/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Babylon, 3/05
o Paulus, 2/01 o Juden und Christen, 4/05
o Echnaton und Nofretete, 4/01
o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

Einzelheft € 9,80
o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12

e [A] 11,50 / sFr 19,–


o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o Nordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14

Einzelheft € 11,30
e [A] 11,80 / sFr 19,–
o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 o Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16
o Jesus der Heiler, 2/15 o Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16
o Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 o Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16
o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 o Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17
o Die Christen des Orients, 1/16 o Messias – Der Traum vom Retter, 2/17
o Stark wie ein Löwe. Die Tiere und die Götter, 3/17 (ab Juli 2017)

o „Orte am See Gennesaret“ Satellitenaufn. + Erläuterungen A2, o „Der Nil und seine Heiligtümer“ 21,5 x 110 cm,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 4,– 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 4,–
Pläne & Karten

o „Der Tempel von Jerusalem“, Rekonstruktion + Luftaufnahme A2, o „Die Überlieferung der Bibel“ Wichtige Inschriftenfunde A2,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 4,– 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 3,–
o „Das Heilige Land“ – Landkarte 28 x 60 cm, o „Paulus und das antike Korinth“ Stadtplan + Begleitheft A0,
2 1,– (ab 5 Ex. 2 -,50), 2 [A] 1,10, sFr 2,– 2 5,90 (ab 5 Ex. 2 5,–), 2 [A] 6,10, sFr 10,–
o „Die Altstadt von Jerusalem“, Reliefkarte A1, o Palästinakarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90
2 3,– (ab 2 Ex. 2 2,50), 2 [A] 3,20, sFr 6,– o Mittelmeerkarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90
o Kartenset Heiliges Land: Alle 4 Karten (oben) o Kartenset Palästinakarte und Mittelmeerkarte nur 2 9,90
nur 2 5,–, 2 [A] 5,20, sFr 10,–

o Judäa und Jerusalem, 256 S., 2 12,80, 2 [A] 13,20, sFr 25,– o Musik in biblischer Zeit, 104 S., 2 11,90, 2 [A] 12,30, sFr 19,50
Bücher

o 1001 Amulett, 224 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 18,50 o Kleider in biblischer Zeit,112 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,50
o Von den Schriften zur (Heiligen) Schrift, 175 S., o Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S., 2 16,80
!

2 29,–, 2 [A] 29,90, sFr 35,– 20021914393274-01


2 [A] 17,30, sFr 25,– am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
Die Bibel in Leichter Sprache
Was ist Leichte Sprache?
Mit Leichter Sprache wird eine barrierefreie Sprache bezeichnet, die sich
durch einfache, klare Sätze und ein übersichtliches Schriftbild auszeich-
net. Sie ist deshalb besser verständlich. Zu Leichter Sprache gehören
immer auch erklärende Bilder, Fotos oder Grafiken. Das Ziel der Leichten
Sprache ist Textverständlichkeit. Sie gestaltet sich u.a. durch folgende
Merkmale: Einfachheit, klare Gliederung, Prägnanz und kurze Sätze.

Bauer, D. / Ettl, C. /
Bauer, D. / Ettl, C. / Mels, P.
Mels, P. Jesus erzählt von Gott
Bibel in Leichter Sprache Ca. 22,6 x 14,5 cm;
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im Lesejahr A ISBN 978-3-460-32196-0
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264 S.; gebunden
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Die Sonn- und Festtags-


evangelien zum Lesejahr A
in einfacher und kraftvoller Sprache.
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antwortliche finden sich zu jedem Text Erläuterungen
zur Übertragung sowie Vorschläge für die Katechese.

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haben damit oft ihre Probleme. Um wieviel mehr
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