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Archäologie . Kunst .

Geschichte 2/2018
WUB
Nr. 88, 23. Jg., 2. Quartal 2018 / Nächstenliebe / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-944766-59-1

nächstenliebe
EURO 11,30

nach- siegelfund die bibel im


gefragt der gouver- gemälde
Suche nach neur von josefs
Betsaida Jerusalem? blutiger rock
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Inhalt 2/2018

32 26 47
Wie interpretiert Jesus das jüdische Nächstenliebe in Ägypten: Die Weisheit Hungernde, Dürstende, Kranke ...
Nächstenliebegebot? des anständigen Verhaltens die „Werke der Barmherzigkeit“

nächstenliebe

Thomas Sternberg 8 Heike Grieser 40


Aus welchen Gründen lieben Menschen ihre Von den Grenzen der Wohltätigkeit
Nächsten? Pagane und christliche Fürsorge im Vergleich
Einführung
Heike Grieser 47
Elisabeth Birnbaum 12 Fremde und Arme bestatten –
„Er ist wie du!“ ist das Nächstenliebe?
Nächsten- und Fremdenliebe im Alten Testament Lactantius und die sieben Werke der Barmherzigkeit

Das Liebesgebot in Levitikus 19 18 Andreas Müller 50


Vermächtnis für alle Generationen Profis der Nächstenliebe
Wie die Christen die Caritas institutionalisieren

Simon Lauer 20
„Folge Gottes Eigenschaften“ Dina El Omari 58
Nächstenliebe aus den Quellen des Judentums Gottes Auftrag an die Menschen:
barmherzig sein
Nächstenliebe im Islam
Simon Lauer 24
Lieben Juden nur ihre Volksgenossen?
Eine Auseinandersetzung im Antisemitismusstreit

Orell Witthuhn 26
„Sei freigiebig, solange du lebst!“
Nächstenliebe in Ägypten

Lutz Doering 32
Das wichtigste Gebot
Was ist christlich am Nächstenliebegebot? Titelbild:
Der Barmherzige Samariter,
Eugene Delacroix, 1850,
private Sammlung.

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Editorial

Es gibt ein Stichwort,


das in der Antike sehr häufig
begegnet, wenn es um
Nächstenliebe, Fürsorge und
Wohltätigkeit geht: Getreide,
also Brot. Und auch das erste
sogenannte „Werk der Barmherzigkeit“, das
70 Jesus in seiner Endgerichtsrede in Mt 25 nennt,
dreht sich um Nahrung: „Ich war hungrig und
Auf der Suche nach dem Betsaida der Evangelien:
Erstmals Ausgrabungen in el-Araj ihr habt mir zu essen gegeben“. Jemanden nicht
verhungern zu lassen, ist der wohl grundsätz-
lichste Dienst am Nächsten. Wenn die UNO im
Aus der Welt der Bibel Februar 2018 zu den Kämpfen in Syrien meldete:
„die letzten Bäckereien wurden zerstört“, ist
Das Neueste aus der Welt der Bibel 2 das auf entsetzliche Weise das Gegenteil dieses
Archäologischer Beleg für den Propheten Jesaja?
Dienstes.
Siegel eines „Stadtobersten“ aus der Königszeit entdeckt
Die Wurzeln der biblischen Nächstenliebe-Tra-
Büchertipps dition liegen im Alten Testament, in Levitikus 19.
63
In diesem Kapitel steht das Gebot „Liebe Deinen
Panorama Nächsten wie dich selbst“ (richtiger übersetzt:
66
Betsaida: Die Suche geht weiter – Ausgrabungen in el-Araj „... er ist wie Du“). Hier geht es darum, den
Bet Schemesch: Spuren einer großen Klosteranlage Anderen „heil“ zu lassen, unverletzt an körper-
Kirjat-Jearim: Die ersten Ausgrabungsergebnisse
licher und seelischer Würde. Die Begründung
– „er ist wie du“ – ist so lapidar wie atemberau-
Themenreihe 2018:
Große Worte der Bibel neu übersetzt bend universal.
74
Folge 2: häsäd Das Thema „Nächstenliebe“ führt geradewegs
Huld oder Liebe oder ...? zum Kern des Menschseins. Dort stößt man
einerseits auf die Schwäche, Herz und Geldbeu-
Die großen Entdeckungen 76 tel zuzunähen. Aber gleichzeitig führt es auch
Die Heliodor-Stele:
zur menschlichen Stärke, Größe und Schönheit
Auslöser für einen Aufstand
des Mitfühlens, wo Mitmenschlichkeit sogar
Die Bibel in berühmten Gemälden
Fremde oder Feinde beschenkt. Die biblischen
80
Diego Velásquez: Josefs blutiger Rock wird Jakob gebracht Liebesgebote verstärken das Beste in uns
Menschen – als wollten sie es zur Blüte bringen.
Ausstellungen und Veranstaltungen 84
Eine anregende Lektüre wünscht
Vorschau und Impressum 86
Ihre Helga Kaiser
Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

3
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welt und umwelt der bibel 1/2015
Das neueste aus der Welt der Bibel

Stein für Stein wird die antike Inschrift abgezeich-


net. Schon jetzt ist klar, dass die Zeitrechnung auf dem
­georgischen Kalender beruht.

überraschende inschrift

Georgische Zeitrechnung in Israel

© oben: Anat Rasiuk, Israel Antiquities Authority; unten: Sasha Flit, Tel Aviv University
Aschdod-yam Ein deutsch-israeli- Offensichtlich beruht die angegebe- griechische Stiftungsinschrift gefunden
sches Forscherteam hat in der israeli- ne Zeitrechnung auf dem georgischen worden, die die Bauzeit eines Kloster in
schen Küstenstadt Aschdod einen gut Kalender. Dr. Leah Di Segni von der
­ Indiktion angegeben hatte. Sie stammte
1500 Jahre alten dreifarbigen Mosaik- Hebräischen Universität Jerusalem, die aus dem Jahr 550/1 nC (vgl. WUB 4/17).
boden entdeckt. Vermutlich gehörte die Inschrift des Mosaiks entzifferte, Diese dritte Ausgrabungssession in
das Mosaik zu einer Kirche oder einer erläutert, dass die Jahresangabe in der Aschdod fand in Kooperation zwischen
Klosterkapelle. Auffällig ist die griechi- Inschrift dem Jahr 539 nC nach westli- Alexander Fantalkin von der Universität
sche Inschrift. Die vier Zeilen erinnern cher Zeitrechnung entspricht. Nach ih- Tel Aviv und Prof. Dr. Angelika Berle-
an Bischof Procopius und an den Bau ren Worten beinhaltet die Inschrift das jung von der Universität Leipzig statt.
der Kirche: „[Durch die Gnade Gottes früheste Vorkommen des georgischen Die antike Stadt Aschdod-Yam war in
(oder Christus)], diese Arbeit wurde von Kalenders im Land Israel – lange bevor byzantinischer Zeit eine der wichtigsten
der Stiftung unter Procopius, unserem er in Georgien selbst verwendet worden Küstenstädte. Auf der Madaba-Karte aus
äußerst heiligmäßigen und sehr gottge- ist. Aschdod ist dabei nicht der erste Ort, dem 6. Jh. wird die Stadt mit Kirchen
fälligen Bischof, im Monat Dios der 3. In- der davon Zeugnis gibt. Ende letzten und ­einer von Kolonnaden gesäumten
diktion, Jahr 292, ausgeführt.“ Jahres war in Jerusalem ebenfalls eine Straße gezeigt. W (IAA/wub)

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Das neueste aus der Welt der Bibel

Siegel des Propheten gefunden?

Archäologischer Beleg
für den Propheten Jesaja?
jerusalem Die israelische Archäologin Eilat Mazar hält es für
möglich, dass bei ihren Ausgrabungen in der Davidsstadt ein Siegel
des biblischen Propheten Jesaja gefunden wurde. Wie sie in einem
Aufsatz in der Biblical Archeology Revue ausführt, gäbe es dafür
mehrere Anhaltspunkte. So sei das fragliche Siegel in der Nähe eines
Siegels des Königs Hiskija von Juda (725–696 vC) gefunden worden,
dessen Berater der Prophet Jesaja nach der Bibel war. Entscheidend
jedoch sei die Aufschrift auf dem Siegel: jeshaʻjah[u] nbj[?]. Mazar
liest hieraus: „Für den Jesaja, den Propheten“. Allerdings ist die un-
tere (dritte) Zeile beschädigt, zu lesen sind nur die Buchstaben nbj.
Nach Mazar war hier ursprünglich noch ein hebräisches Alef ein-
graviert – und ergab dann den Titel „Prophet“. Wenn diese Lesart
stimmt, wäre es der erste außerbiblische Beleg für den Propheten
Jesaja – und eine Sensation, die israelische Zeitungen aufgriffen.
Christopher Rollston, Professor für Semitische Sprachen an der
George Washington University mahnt dagegen: „Nicht so schnell“.
Auf die Titelseite geschafft: Der vermutete Fund eines
Er verweist darauf, dass eine Reihe wesentlicher Beweise nicht ge-
Siegels des Propheten Jesaja beschäftigte die Presse.
geben sei:
∙ Die hebräische Wortwurzel jod, schin, ayin könne auch für an-
dere Namen, nicht nur für Jesaja stehen. Sie bilde die Basis für die ∙ Schwerer aber wiegt, dass für die Rekonstruktion des
Namen von annähernd 20 Personen in der Bibel aus unterschiedli- Titels „Prophet“ (hebr. nbj) der entscheidende letzte Buch-
chen Zeiten. stabe Alef fehlt. Und auch der normalerweise gebrauchte
∙ Für das dem Namen folgende Wort in der unteren Zeile gibt es grammatische Artikel „ha“ findet sich nicht.
mehrere Optionen. Meist steht hier der Name des Vaters, das wäre So faszinierend die Annahme ist, dass ein Siegel des
beim Propheten Jesaja sein Vater Amos (Jes 1,1). Ein Titel wird an Propheten Jesaja gefunden wurde, die Lesart „Prophet“
dieser Position im Siegel sehr viel seltener genannt. ist nicht gesichert. W (wub/BAR/Blog Rollston)

zeugnis für hohe lebensqualität

Weinkeller des Herodes


herodium Archäologische Ausgrabungen, die im vergangenen
Jahr am Herodium durchgeführt wurden, haben einen Weinkeller
von König Herodes freigelegt. In den Lagerhäusern und Kellern
© oben: D.R., unten: Israel Antiquities Authority

unterhalb des berühmten Palastes entdeckten Archäologen Dut-


zende riesiger Krüge in einem Lagerraum, die wahrscheinlich als
Gärtanks dienten. Ähnliche Weinkeller aus römischer Zeit wur-
den in Italien und im gesamten römischen Imperium gefunden.
Inschriften und Siegel von bereits gefundenen Amphoren in
Herdodium und Megiddo enthüllen, dass Herodes sich auch
Wein aus Italien schicken ließ. Der große königliche Weinkeller,
der jetzt gefunden wurde, wirft ein Licht auf die Lebensart des
Königs und verbindet sich mit Funden von Weingärten und Wein- Herodes importierte Wein und stellte ihn selbst her. Blick
pressen aus dieser Zeit in Israel. W (Israel Nature and Parks Auth./wub) in seinen Weinkeller.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 3
Das neueste aus der Welt der Bibel

digitalisierung der bibliotheca Palatina

Wiedervereinigung der „Mutter aller Bibliotheken“


heidelberg Die Bibliothek in der Heidelber-
ger Heiliggeistkirche, die Biblioteca Palatina,
galt aufgrund der Fülle ihrer mittelalterlichen
Handschriften und Inkunabeln (frühe Drucke)
als „Mutter aller Bibliotheken“. Im Zuge des
30-jährigen Krieges wurde der Bücherbestand
nach Rom abtransportiert, Vereinbarungen
im Wiener Kongress führten zur Rückkehr
der deutschsprachigen Handschriften nach
Heidelberg. Jetzt ist die aufgeteilte Bibliothek,
zu deren Bestand u. a. kostbare Bibelhand-
schriften und der Kodex Manesse mit seinen
wunderbaren Buchmalereien gehören, digital
wiedervereint. Die Universität Heidelberg di-
gitalisierte nicht nur die deutschsprachigen
Handschriften, sondern auch die lateinischen
Codices, die in der Biblioteca Apostolica Va-
ticana aufbewahrt werden. In einer geson-
derten Datenbank wird der Bildschmuck der
Handschriften eigens recherchierbar:
ub.uni-heidelberg.de/helios/digi/digilit.html Illustrierter lateinischer Prachtkodex aus der Biblioteca Apostolica
W (Universitätsbibliothek Heidelberg/wub) Vaticana in Rom.

Mittelalterlicher pilgerring

Nikolaus – Patron der Reisenden

© oben: Universitätsbibliothek Heidelberg; unten: Clara Amit, Israel Antiquities Authority


Moschav yogev Bei Garten- um einen Pilgerring handeln.
arbeiten fand ein israelischer Nikolaus von Myra wird u. a.
Gärtner einen ungewöhnli- als Patron der Reisenden und
chen Bronzering zwischen den Pilger verehrt.
Pflanzen. Der Ring zeigt die Der Fundort in der östlichen
Darstellung eines kahlköpfi- Jesreel-Ebene liege zudem
gen Mannes mit einem Stab. nahe der römischen Hauptstra-
Genauere Untersuchungen er- ße von Legio zum Berg Tabor.
gaben, dass es sich vermutlich Sie wurde nach Einschätzung
um ein Bild des heiligen Niko- des Archäologen Jotam Tepper
laus mit seinem Bischofsstab über Jahrhunderte auch von
handelt. christlichen Pilgern auf ihrem
Die Archäologin Jana Weg zum Tabor, nach Nazaret
Tschechanovetz von der Israel und an den See Gennesaret
Antiquities Authority datierte genutzt. Einer der christlichen
den gut erhaltenen Ring auf Pilger könnte unterwegs sei-
das 12. bis 15. Jh. Nach ihrer nen Ring verloren haben. W Bislang einzigartig in Israel: Der Fund eines mittelal-
Einschätzung könnte es sich (wub/KNA/IAA) terlichen Bronzerings mit dem Bild des heiligen Nikolaus.

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welt und umwelt der bibel 2/2018
Das neueste aus der Welt der Bibel

Einblick in die verwaltung jerusalems

„Für den Obersten der Stadt“


jerusalem Bei Ausgrabungen das einem Bürgermeister von Jeru-
in der Altstadt von Jerusalem fin- salem entspricht. In der Bibel wird
den sich nicht selten „Bullen“ oder zweimal ein Stadtoberst erwähnt (2
kleine Verwaltungssiegel, die aus Kön 23,8; 2 Chr 34,8), allerdings ist
der Königszeit von Juda (8.–6. Jh. das Amt bisher nicht durch andere
vC) stammen. Dennoch hat ein Quellen bestätigt worden. Für den
solches Siegel Anfang Januar 2018 Assyriologen Francis Joannès, ei-
Aufsehen erregt. Seine Aufschrift nen Experten für das Babylonische
könnte auf ein bisher nicht beleg- Reich im 1. Jahrtausend vC, ver-
tes Verwaltungsamt verweisen. Die weist diese Funktion auf eine Epo- Ein Beleg für das Amt eines Stadtobersten
Inschrift in antikem Hebräisch lau- che nationaler Autonomie, denn von Jerusalem in der Königszeit?
tet: „für den Obersten der Stadt“. eine assyrische oder babylonische
Angesichts des Fundortes nahe der Verwaltung aus der Besatzungszeit
Klagemauer in Jerusalem gehen die hätte Keilschrift verwendet. An-
Archäologen davon aus, dass mit dererseits könnten die Könige von
„Stadt“ die Stadt Jerusalem gemeint Juda vom Vorbild der mesopotami-
ist. Entdeckt wurde das Siegel im schen Verwaltung inspiriert worden
Schutt eines Gebäudes aus dem 7. sein, denn in Babylon etwa gab es
Jh. vC, in dem sich auch ägyptische einen „Stadt-Gouverneur“ parallel
und assyrische Siegel aus dieser zur Palastverwaltung. Sollte das in
Zeit fanden. Der Fund belegt nicht Jerusalem auch der Fall gewesen
nur eine funktionierende Verwal- sein, gäbe es der Stadt in der Kö-
tung innerhalb des judäischen Kö- nigszeit ein gewisses Eigengewicht.
nigsreichs, sondern wirft auch ein Wofür das Siegel verwendet wurde,
neues Licht auf die Eigenständig- ist unklar.
keit der Stadt Jerusalem. Über der Inschrift zeigt das Siegel
Der Stadtoberste ist nicht mit zwei sich gegenüberstehende Per- Nur so groß wie ein Fingernagel
dem König von Juda gleichzuset- sonen um ein mögliches Mondsym- (13x15 mm), aber ein wichtiger Hinweis
zen, sondern es ist ein eigenes Amt, bol. W (MDB/IAA/wub) auf die Verwaltung der Stadt Jerusalem.
© oben: Clara Amit, Israel Antiquities Autjproty; unten. Yoli Shwartz, Israel Antiquities Authority

immer neue funde im untergrund

Kopflose Aphrodite
Tessaloniki Der Bau einer Metro im griechischen Tes- 4. Jh. nC frei. Archäologen gehen davon aus, dass der
saloniki führt zu immer neuen archäologischen Fun- Boden mit seinen geometrischen Mustern Teil eines
den. Nur wenige Wochen nachdem Archäologen eine großen öffentlichen Gebäudes oder einer Villa war. Ne-
antike Brunnenanlage entdeckt hatten, brachten die ben dem Mosaikboden fanden sich Fundamente von
Grabungen im März 2018 nahe der Station Hagia Sophia Mauern, Überreste eines Baderaumes sowie Teile von
eine Figur der Göttin Aphrodite ans Licht – leider fehlte Glasflaschen, die möglicherweise Öl für die Badenden
der Kopf der Statue. enthalten haben.
Am südlichen Eingang der Bahnstation legten die Es werden sicher nicht die letzten Funde sein, die die
Bauarbeiten außerdem ­einen Mosaikboden aus dem Arbeiten für die Metro zutage fördern. W (wub)

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welt und umwelt der bibel 2/2018 5
Nächstenliebe

Bei Minusgraden bieten


Freiwillige in München
Menschen, die auf der Straße
leben, warme Lebensmittel
und Decken an.

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An vielen Orten auf der Welt helfen
Menschen anderen Menschen –
ohne dabei eine vergleichbare Ge-
genleistung zu erhalten oder Nutzen
daraus zu ziehen. Manche nehmen
sogar Nachteile in Kauf, riskieren ihr
Leben und gehen – etwa in Kriegs-
gebieten – über die Grenzen des Er-
träglichen hinaus. Manchmal können
Außenstehende es nicht begreifen:
Wieso verschenken Menschen
ihre Lebenszeit und ihre Kraft an
„Nächste“, die sich vielleicht nie auch
nur bedanken werden; an Nächste,
die Fremde oder sogar Feinde sein
können?
Viele der Helfenden berichten dage-
gen, dass die gelebte Zuwendung
sie mit Freude oder Zufriedenheit
erfüllt – und viele handeln aus einer
religiösen Prägung heraus. In der
biblischen Tradition der Nächsten-
liebe gründet die menschliche
Barmherzigkeit in der göttlichen
Barmherzigkeit gegenüber den Men-
schen. Im Christentum identifiziert
sich Jesus mit Armen, Verletzten
und Ausgegrenzten. Notleidenden
Unterstützung zu gewähren, ist eine
Aufgabe für Christinnen und Chris-
ten von Beginn an. Der Gedanke aus
biblischer Zeit, dass jeder Mensch,
auch jeder Arme und Kranke, eine
unverbrüchliche Würde besitzt, ist
für viele Menschen auch heute noch
die Grundlage ihres helfenden
© dpa

Handelns.

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Einführung

Aus welchen Gründen lieben


Menschen ihre Nächsten?
Soziales Handeln gehört zum Kern christlischer Existenz. Diese Verpflichtung zur
Nächstenliebe wird zum Motor öffentlicher Fürsorge, die sich nicht auf die eigenen
Glaubensgeschwister beschränkt.
Thomas Sternberg, Historiker, Politiker und Vorsitzender des Zentralkomitees der
deutschen Katholiken, wirft Schlaglichter auf die faszinierende Geschichte der christli-
chen Nächstenliebe und Sozialfürsorge – und auf die gesellschaftliche Bedeutung der
Caritas bis heute.

V
or wenigen Monaten war der Gebote. Hat soziales Verhalten, haben Raum lassen sich Beispiele für Sozial-
100. Geburtstag des Autors und Mitleiden und Erbarmen gar keine mo- verantwortung und Hilfe zeigen. Das
Nobelpreisträgers Heinrich Böll ralischen, sondern biologische Grund- Erste Testament benennt das Gebot der
(*21.12.1917), der auch ein sprachmäch- lagen? Nächsten- und Fremdenliebe bereits
tiger Kritiker seiner katholischen Kirche über Gruppensolidarität hinweg. Die
war. In einer Publikation äußert er sich Verpflichtung zu sozialem Handeln wird
1961 über die Vorzüge des Christentums: Wenn ein Fremder zufällig zum im Neuen Testament in einer besonde-
„Selbst die allerschlechteste christliche Nächsten wird ren Weise im Gebot der Feindesliebe ex-
Welt würde ich der besten heidnischen Fraglos ist die Hilfe für die eigene Grup- plizit ausgeweitet. Vor allem ist es ganz
vorziehen, weil es in einer christlichen pe, die Familie, den Clan, den Verband allgemein die Auffassung des Lebens als
Welt Raum gibt für die, denen keine zutiefst entwicklungsbiologisch konno- Dienst für andere: Jesus Christus radika-
heidnische Welt je Raum gab: für Krüp- tiert, weil Solidarität für die Sicherung lisiert das Liebesgebot in der Lehre vom
pel und Kranke, Alte und Schwache, der Art wie der Person überlebenswich- Dienen und seinem Leben als Dienst.
und mehr noch als Raum gab es für sie: tig werden kann. Eine andere Frage ist, Die Aufforderung, sich nicht bedienen
Liebe, für die, die der heidnischen wie wie die Hilfe für den anderen, den zu- zu lassen, sondern zu dienen, mit der
der gottlosen Welt nutzlos erschienen fälligen Nächsten, verhaltensbiologisch Ankündigung, der Höchste im Himmel-
und erscheinen.“ Und sein Kollege V. S. abgeleitet werden kann. Die Hilfe für je- reich werde der sein, der der Diener al-
Naipaul behauptet in seinem ersten In- manden, der oder die nicht zur eigenen ler ist, schließlich in der Paradoxie des
dienbuch „Land der Finsternis“, Mahat- Gruppe gehört, ist wohl doch eher Er- Kreuzes, an dem der radikal Scheiternde
ma Gandhi, „die Mischung aus Ost und gebnis einer Ethik. Alle diesbezüglichen Sieger bleibt: das ist eine Umwertung al-
West, aus Hindu und Christ“, habe den Untersuchungen leiden zudem daran, ler in der paganen antiken Umwelt gel-
Gedanken des Dienens als hohen Wert in dass die Ergebnisse vermutlich durch tenden Werte.
England kennengelernt und als Element die jeweilige Erziehung der Probanden
christlicher Ethik nach Indien gebracht. beeinflusst sind. Außerdem wird die Fra-
Stimmen diese Behauptungen eigent- ge nach der Veränder- und Gestaltbar- Caritative Hilfe wird zum
lich? Ist die Sozialfürsorge ein christli- keit genetischer Präpositionen weiterhin Christusdienst
ches Projekt? offen diskutiert. Über das Christentum wurden humane
Die moderne Verhaltenswissenschaft Für die heutigen Lehren vom sozia- Impulse gesetzt, die heute aufzuweisen
findet Belege für ein soziales Verhal- len Handeln ist die biblische Tradition und zu bewahren sind. In den vorbe-
ten auch außerhalb aller moralischen zentral. Bereits für den orientalischen grifflichen Geschichten, Erzählungen

8 welt und umwelt der bibel 2/2018


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Das Leben als Dienst
für den Nächsten
zu begreifen gehört
zur Nachfolge Christi.
Petrus kann bei der Fuß-
waschung zuerst kaum
fassen, was Jesus tut
(Joh 13,6). Elfenbein mit
Fußwaschung, Konstan-
tinopel, 10. Jh. Museum
für Byzantinische Kunst,
Bodemuseum Berlin.

und Bildern der Bibel werden die The- tes. Diese Deutung der caritativen Hilfe oder gar in Nachbarschaft zur Unmoral
men entfaltet. Welche Kraft hat etwa im als Christusdienst, weil im Armen Jesus gestellt werden. Sozialfürsorge, Erbar-
ersten Buch der Bibel das Motiv des Ja- selbst gegenüber treten könnte, hat in men und Mitleid sind keine anthropolo-
kobskampfs: Da erzwingt sich jemand der europäischen Geschichte nachhaltige gische Selbstverständlichkeit, sondern
im Kampf mit Gott den Segen und hinkt Wirkung gehabt. Die Geschichte von der sind ein Ergebnis einer religiös geprägten
als Krüppel mit ausgerenkter Hüfte, aber Mantelteilung, die Sulpicius Severus sei- kulturellen Entwicklung.
als Gesegneter des Herrn hinweg (Gen ner Vita des Freundes Martin von Tours
32). Die Parabeln des Neuen Testamentes voranstellt, zeigt in der nächtlichen Vi-
variieren den Dienst für die Bedürftigen. sion die Realisierung der Gerichtsrede Von den ersten Klöstern ins gesamte
Jesu. Immer wieder ist dieses Thema als Christentum
literarisches und legendarisches Motiv Die sozialen Impulse, die von den mo-
„Sie haben alle die entfaltet worden. Ergänzt wurde dieses
Motiv durch den Charakter eines Guten
nastischen Idealen in den Zentren des
Mönchtums entwickelt wurden, haben
gleichen Eingeweide“ Werks, das im Ewigen Gericht als Ver- sich im ganzen Christentum verbreitet
dienst angerechnet wird. (vgl. Beitrag A. Müller). Diese christliche
(Basilius d. Gr. über seine Suppen-
Unabhängig von theologischen Schwer- Verpflichtung zur Nächstenliebe, zur Ar-
küche für Juden und Christen)
punktsetzungen zu verschiedenen Zeiten menhilfe, wird zum Motor einer öffentli-
bleibt doch deutlich, dass das soziale chen Fürsorge. Im Osten des Reiches, in
Handeln zum Kern christlicher Existenz Syrien und Kleinasien, gab es bereits im
Der Barmherzige Samariter mit der Hilfe- gehört. Auch wenn diese Verkündigung 5. Jh. ein differenziertes und ausgebautes
© Anagoria CC BY 3.0, commons.wikimedia.org

leistung des Fremden für einen Fremden in der Geschichte der Christen keines- Fürsorgesystem. Der Westen war durch
ist ein zentrales Narrativ der europäi- wegs immer ihre Umsetzung gefunden die Völkerwanderung von diesen großen
schen Sozialgeschichte. Das Motiv kul- hat, so blieb sie doch immer Anspruch kirchlichen Ereignissen und Neuerungen
miniert in der Selbstidentifikation Jesu und Stachel im Fleisch. Es bedarf einer zunächst abgekoppelt, sodass sich die
mit den Armen: „was ihr dem Geringsten solch mentalen Grundlegung, um Sozial- Entwicklung hier etwas später vollzieht.
getan/nicht getan habt, das habt ihr mir/ fürsorge institutionalisieren zu können: Das Geld der Kirche gilt noch im Mittel-
mir nicht getan“ (Mt 25,40). In einer un- Armut muss geachtet werden und nicht alter als Vermögen der Armen: Wenn je-
erhörten Radikalisierung wird damit aus als gerechte Strafe für die Unfähigkeit mand sich am Eigentum der Kirche ver-
der ethischen Forderung und dem religi- der Betroffenen, sich in einer Leistungs- griff, galt er als „Mörder der Armen“, weil
ösen Gebot ein Element des Gottesdiens- gesellschaft durchzusetzen, ange­ sehen er deren Unterhalt wegnahm. Die erste

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welt und umwelt der bibel 2/2018 9
aus welchen gründen lieben menschen ihre nächsten?

und vornehmste Aufgabe des Kirchen- auch noch unsere Armen durch ... gerade ke. Die Konferenzen auf Gemeindeebene
gutes war es, den Armen zu helfen. diese Dinge haben ja das meiste zur Ver- könnten angesichts unübersichtlicher
Christliche Hilfeleistung hat sich nie breitung des Christentums beigetragen: Megapfarreien wieder neue Aktualität
darauf beschränkt, nur die eigenen Barmherzigkeit gegen die Fremden, Sor- finden. Viele Gemeinden suchen auch
Glaubensgeschwister zu versorgen. Das ge für die Bestattung der Toten und die jetzt neue Wege, etwa über Nachbar-
ist eine besondere Stärke der christli- scheinbare Ehrbarkeit ihrer Lebensfüh- schaftshilfe, und organisieren ehren-
chen Caritas seit ihren Anfängen. Basi- rung.“ Aus diesem Grunde ließ der Kai- amtliche Caritas.
lius der Große (um 330–379) kommen- ser in den Städten Herbergen bauen und
tierte seine Suppenküche für Juden und zwanzig Prozent der Brot- und Weinlie-
Christen während einer Hungersnot mit ferungen den Tempeln für die Versor- Soziales Handeln spielt im christli-
den Worten: „Sie haben alle die gleichen gung von Armen zukommen. chen Leben eine zentrale Rolle
Eingeweide“. Christliche Caritas ist offen Caritas ist ein Grundvollzug des Glau- Die Fürsorge wurde immer wieder unter
für Menschen aller Religionen, Lebens- bens, neben der Lehre und dem Gottes- den Verdacht gestellt, eine stabilisieren-
weisen und Herkunft. dienst. Sie ist nicht nebensächlich und de Reparatur ungerechter sozialer Ver-
sollte in Liturgie und Gemeindearbeit hältnisse zu sein. Sicher ist der Aufbau
wieder einen höheren Rang bekommen. gerechter Strukturen und staatlich orga-
„Caritas wird immer nötig Seit dem 19. Jh. gibt es auf der Ebene der nisierter Verteilungsgerechtigkeit eine
Pfarreien die Elisabeth- und Vinzenz- wichtige Aufgabe, nicht zuletzt sozial
sein, auch in der gerech- konferenzen. Sie haben die Aufgabe, denkender Christen. Es wäre aber ein
testen Gesellschaft“ zunächst in „Konferenzen“ Bedürftig- Irrtum, zu glauben, die caritative Hilfe
keit in der jeweiligen konkreten Umge- könnte je überflüssig werden. „Liebe –
(Enzyklika Deus Caritas est) bung zu identifizieren. Frédéric Ozanam Caritas wird immer nötig sein, auch in
(1813–1853) entwickelte das Konzept der gerechtesten Gesellschaft. Es gibt
solcher pfarrlicher Fürsorge, um dem keine gerechte Staatsordnung, die den
Kaiser Julian, der nach der Mitte des Elend der Arbeiterfamilien in Paris ent- Dienst der Liebe überflüssig machen
4. Jh. noch einmal versuchte, das Hei- gegenzuwirken. Diese Caritaskonferen- könnte“, konstatiert Papst Benedikt
dentum wieder durchzusetzen, schrieb zen wuchsen zu einer weltweit starken XVI. in seiner Enzyklika Deus Caritas est.
in einem Brief an den Oberpriester der Laienbewegung heran. Heute sind die Andere Menschen handeln sozial aus
Provinz Galatien: „Die Juden lassen kei- Konferenzen vielerorts überaltert und anderen Quellen – sichtbar etwa im
nen der ihrigen zum Bettler werden und kaum noch lebensfähig und doch ist breiten ehrenamtlichen Engagement,
die Christen füttern außer ihren eigenen das ein nach wie vor moderner Gedan- Geflüchtete zu unterstützen. Es gäbe,

© bpk/RMN – Grand Palais / Hervais Léwandowski © BigJoker. thinkstock.com

Suppenausgabe im Paris des


19. Jh. und heute. Als die Armut
der Arbeiterklasse in Paris zunahm,
gründete der Gelehrte Frédéric Ozanam
in den Pariser Pfarreien sogenannte
Caritaskonferenzen. Diese Laienbewe-
gung half den armen Familien.
La soupe du Matin, Norbert Goeneutte
(1880). Musée d‘Orsay, Paris.

10 welt und umwelt der bibel 2/2018


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aus welchen gründen lieben menschen ihre nächsten?

nicht zuletzt angesichts der Ablösung Forderung Jesu, das Leben als Dienst Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg
vieler ehedem christlich konnotierter zu betrachten. So wie er selbst alle war bis 2016 Direktor der
Ethiken, keinen Grund für eine ex- Erwartungen an einen mächtigen Katholischen Akademie Franz-
klusive Behauptung des Sozialen aus Messias unterlaufen hat und selbst Hitze-Haus in Münster, bis
christlicher Tradition. Im christlichen zum Diener aller geworden ist, so 2017 Landtagsabgeordneter
in Düsseldorf, seit 2015 ist er
Leben spielt es jedoch eine zentrale fordert er auch von denen, die ihm
Präsident des Zentralkomitees
Rolle. Denn es geht bei der Nächsten- nachfolgen wollen, diesen Dienst.
der deutschen Katholiken. Als
liebe und der sozialen Hilfe nicht um Sich mit den Grundlagen und der Re- Kirchenhistoriker hat er zur
ein nebenrangiges Thema. Caritas als alität praktizierter Nächstenliebe zu Geschichte der Fürsorge im frühchristlichen Europa
Hilfe für Bedürftige, für Fremde wie befassen, geht an die Substanz des geforscht und die christliche Caritas auch zu seinem
Freunde – das ist grundgelegt in der Christentums. W politischen Anliegen gemacht.

Nächstenliebe und evolutionsbiologie

H at der Mensch eine „böse“, ego-


istische Natur? Muss diese Natur
mühsam durch moralische Verbote „ge-
herzigen Samariter halten. Auf dem Weg
dahin stolperten sie geradezu über einen
Hilfsbedürftigen – diejenigen, die zu spät
schen einander über Gruppengrenzen
hinaus kennenlernen, desto weniger Vor-
urteile und Hass entstehen.
zähmt“ werden? Die moderne Evoluti- dran waren, halfen signifikant wenig.) Zu- Auch für die religiöse Ethik können
onsbiologie verneint diese Fragen. Heute dem sind „Gruppe“ und „Identität“ Fak- diese Erkenntnisse von Bedeutung sein.
wird eine genetische Anlage zu prosozia- toren, die das Handeln bestimmen. Die Denn ein hartnäckiger Vorwurf gegen re-
lem oder altruistischem Verhalten weitge- Anerkennung oder der Erwartungsdruck ligiös begründete Nächstenliebe lautete,
hend anerkannt (Darstellungen aktueller der Gruppe kann ein Verhalten auch ge- dass jede gute Tat letztlich nur maskier-
Studien etwa bei Christof Breitsameter, gen die innere Stimme verstärken. Das te Selbstliebe sei. Immer sei ein Gewinn
„Ist Nächstenliebe möglich?“, in: Theo- bedeutet im Gegenzug: Je besser Men- für das Subjekt damit verbunden – und
logical Research 1/2013, S. 65–78, oder sei es im Jenseits. Eine Kosten-Nutzen-
Christian Schwägerl, „Der gute Mensch“ Rechung! Alle Nächstenliebe schien als
in: GEO 12/2017). Nach derzeitigem For- Illusion „entlarvt“. Christof Breitsame-
schungsstand scheint es eine menschli- ter, Münchner Moraltheologe, erläutert
che Eigenart zu sein, für das Wohl eines dagegen, dass diese Haltung als wis-
„Nächsten“ auf den eigenen Nutzen senschaftliche These nicht länger taugt:
verzichten zu können; also freiwillig vom „Es gibt keinen Grund, altruistischem
Wunsch geleitet zu handeln, das Leid ei- Handeln generell egoistische Motive zu
nes anderen zu mindern. unterstellen“ (a.a.O. S. 70). Vielmehr ist
Auch wenn man eine grundsätzliche „altruistisches Handeln auch vernunftge-
Befähigung zu altruistischem Verhalten mäßes Handeln“ (S. 77).
annimmt, hängt es doch von zahlreichen Nächstenliebe ist also einerseits alles
Faktoren ab, wie jemand in einer Situati- andere als ein genetischer Automatis-
on konkret handelt: etwa von Erfahrun- mus – und doch sind wir andererseits
gen von Bindung oder Abwertung in der grundsätzlich zu einem Altruismus be-
Kindheit und Empathiefähigkeit; kulturel- Verwundeter syrischer Junge, der fähigt. Die alt- und neutestamentlichen
le und religiöse Wertsysteme bilden eine koscheres Mazenbrot kostet, und israe- Gebote, Nächste, Fremde und Feinde zu
© courtesy ZIV Medical Center

lischer Arzt im Ziv Medical Center nahe


wichtige Basis für das Handeln. In einem lieben, sie aufzunehmen und zu bewirten
Safed/Nordisrael. Durch Begegnung Vor-
berühmten Versuch hatte auch Zeitdruck scheinen uns Menschen also durchaus
urteile abbauen, Hass überwinden und
einen Einfluss darauf, ob ein Mensch ei- über die Grenzen der eigenen Gruppe zu entsprechen und nicht zu widerspre-
nem anderen in einer Notlage half oder hinaus helfen: Nach neueren Studien chen – und Humanität uns im Tiefsten zu
nicht (Darley/Batson 1973: Probanden haben Menschen eine Veranlagung zu Menschen werden zu lassen. W
sollten einen Vortrag über den Barm- Solidarität und Alturismus. (H. Kaiser)

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welt und umwelt der bibel 2/2018 11
Nächsten- und Fremdenliebe im Alten Testament

„Er ist wie du!“


Hartnäckig liest man in Publikationen, das Christentum habe die
Nächstenliebe erfunden. Anlass genug, näher hinzusehen: Man stößt
im Alten Testament auf eine erstaunlich ganzheitliche und moderne
Auffassung von Nächstenliebe. Von Elisabeth Birnbaum

L
ieben im Alten Testament wird meist mit auftauchen. Menschen lieben andere Menschen,
dem hebräischen Verb ’hb (ahav) und Menschen lieben Gott und Gott liebt die Men-
dem Nomen ’ahabāh (ahavah) wiederge- schen. Wie auch das deutsche Wort „lieben“
geben. Auffällig ist dabei, dass die Septuagin- sind also auch das hebräische und das griechi-
ta das Wort mit agapaō/agapē ins Griechische sche Äquivalent vielfältig und offen.
übersetzt. Damit ist ein Unterschied zu „Eros“ Besonders häufig ist die Rede von Liebe in Be-
gegeben. Das dürfte sehr bewusst so verwendet zug auf Gott. JHWH liebt Israel und Israel soll
worden sein. „Eros“ war das im Hellenismus seinen Gott lieben. Vor allem im Buch Deutero-
weitverbreitete Wort für Liebe. Es gründet in nomium (5. Buch Mose) wird wiederholt gebo-
dem Mythos des blinden Knaben Eros (römisch ten, Gott mit ganzem Herzen und ganzer Kraft
Amor), dessen Pfeile verwunden und einen zu lieben (Dtn 6,5). Diese Liebe meint über ein
Menschen für alle anderen außer dem oder der persönliches Empfinden hinaus Loyalität und
Angebeteten blind machen. Gleich einer Krank- Treue zu Gott, zielt also auf ein dauerhaftes in-
heit ist hier Liebe etwas, was den Menschen un- tensives Zueinandergehörigkeitsgefühl. Auch in
vermutet überfällt und quält, was ihn überrollt assyrischen Vasallenverträgen wird eine solche
und bezwingt. Die Bibel vermeidet diesen Zu- „Liebe“ der Vasallen zu ihren Herren eingefor-
gang zur Liebe und verwendet das Wort agapaō/ dert.
agapē: Dies beinhaltet die bewusste, freiwillige Umgekehrt ist auch die Liebe Gottes zu seinem
und beabsichtigte Zuwendung zum anderen, es Volk mehr als ein inneres Erleben. Sie bedeutet
inkludiert das Tun, das dem anderen Gut-Tun Schutz, Zuneigung und wohlwollendes Verzei-
und das Wohltun. Lieben ist somit kein rausch- hen.
hafter Zustand, kein blind machender Schwall
an Gefühlen, dem man ohnmächtig ausgeliefert
ist, sondern ein ganzheitlicher Vorgang. Der Wer ist der Nächste?
Verstand wird dabei nicht ausgeschaltet. Ande- Aus dem Neuen Testament ist die Diskussion,
rerseits sind durchaus sehr persönliche Gefühle wer der Nächste ist, bekannt. Jesus interpretiert
im Spiel. Das Wort agapaō/agapē ist nicht emo- ihn auf denjenigen, der Hilfe benötigt und in
tionslos zu verstehen, im Sinne von unbeteilig-
tem Almosen-Geben ohne innere Anteilnahme,
sondern umschließt Gefühl und Verstand, Emp-
findung und Besonnenheit, kurz: die ganze Per-
sönlichkeit. rechts: Wir waren Sklaven in Ägypten ...
Die Israeliten bauen Städte für den Pharao. Fremdsein,
Exil, Flucht – all das kennt das Volk Israel nur zu gut.
Wer liebt wen und wie? Daher sollen alle Fremden für das Gottesvolk Nächste
Liebe im biblischen Sinn kann sexuell gefärbt sein: „Liebe den Fremden, er ist wie du, denn ihr seid
sein oder auch nicht, sie kann dauerhaft oder selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (Lev 19,34). Buch-
vergänglich sein, egalitär oder auch hierar- malerei in der Barcelona-Haggadah, um 1340, fol 30v.
chisch, zwischen Gruppen oder Einzelpersonen British Library, London.

12 welt und umwelt der bibel 2/2018


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welt und umwelt der bibel 2/2018 13
Nächsten- und fremdenliebe im alten testament

Bedrängnis geraten ist (vgl. Lk 10,25-37). Im Al- zugezogene befanden, die nichts mit dem bishe-
ten Testament, so wird häufig gesagt, wird dage- rigen Israel zu tun hatten. Die Feststellung des
gen nur auf die volkszugehörigen Menschen ge- Gemeinsamen und des Trennenden war dement-
blickt. Das ist aber keineswegs so eindeutig, wie sprechend eine der vordringlichsten Aufgaben
Septuaginta es scheinen mag (siehe auch Andreas Schüle, in nachexilischer Zeit. Und damit verbunden
Griechische Übersetzung Lesetipps S. 16). auch die Frage: Wer ist mein Nächster? Und wer
der hebräischen biblischen
ist fremd?
Schriften, ab dem 3. Jh. vC
Der geschichtliche Hintergrund der Frage
entstanden, hauptsächlich
in Alexandria. Die Frage nach dem Nächsten – im Gegensatz Erste Antwort: Der Nächste ist der
zum Fremden – ist eng verflochten mit der Fra- Mitexulant
ge nach Identität und Abgrenzung. Diese Fragen Der Nächste ist zunächst einmal der, der eben-
nehmen in der Geschichte des Gottesvolkes ei- falls zum „wahren Israel“ gehört. In den bibli-
Frühnachexilische Zeit
nen großen Raum ein. Dabei zeigt sich, dass das schen Schriften der Perserzeit, die hauptsächlich
Beginnt etwa 530 vC, nach
Thema „Wer ist fremd und wer gehört zu uns?“ von heimgekehrten Exulanten geschrieben wur-
der Beendigung des Baby-
lonischen Exils, und reicht vor allem in frühnachexilischer Zeit, dem prä- de, wird die Exilserfahrung ein maßgebliches
bis Mitte 5. Jh. vC. genden Zeitraum des Frühjudentums, beson- Element der Identität. Die „Läuterung“ durch
ders virulent ist. Die Gründe dafür sind leicht das Exil war, so die Meinung der prophetischen
einsichtig: Die Eroberung Jerusalems, die Zerstö- Texte dieser Zeit (z. B. Jes 56ff oder Jer 24,1-10),
rung des Tempels und das Babylonische Exil be- unabdingbar für den Neubeginn. Demzufolge
endeten die Existenz eines israelitischen Staates waren jene, die aus dem Exil zurückkehrten,
und vernichteten damit nicht nur die territoriale eher berufen, das wahre Israel zu bilden, als
Einheit, sondern auch einen wichtigen Teil der die, die im Land geblieben waren. Doch zeigt
Identität Israels. sich gerade bei Jes 40–55 (oft „Deuterojesaja“
Teile der Bevölkerung waren im Babyloni- genannt), dass dieser enge Kreis ausgeweitet
schen Exil, andere blieben im Land und wie- wird auf ganz Israel, also auch auf jene, die im
der andere flohen nach Ägypten. Welcher Teil Land geblieben sind, die nicht aus dem Exil
konnte nun aufgrund welcher Kriterien von sich zurückgekommen sind, oder die nach Ägypten
behaupten, die Identität Israels weiterzutragen, geflohen sind: Gott sammelt sein Volk wieder
wo Landbesitz, Königtum und Tempel nicht ein, aus allen Himmelsrichtungen, nicht nur
mehr existierten? Am Ende des rund 50-jährigen aus Babylon. Alle, die sich verloren fühlen, die h
Exils gab es drei große Gruppen, die sich als das ihre Identität eingebüßt haben, werden wieder
„wahre Israel“ fühlten oder zumindest fühlen am Zion, am heiligen Berg, vereint. Von allen
konnten: Enden der Erde ruft JHWH sein Volk zu sich (vgl.
Jes 43,5-6).

Die Frage nach dem Nächsten ist eng Zweite Antwort: Der Nächste ist jeder in
verflochten mit der Frage nach Identität der Exodus-Gemeinschaft
Der zweite Teil des Jesaja-Buches definiert die
und Abgrenzung Identität Israels durch ausgiebige Erinnerung
an das Exodus-Geschehen. Die Befreiungser-
fahrung Israels aus dem „Sklavenhaus“ Ägyp-
• Die Teile der Bevölkerung, die nicht exiliert ten, die erlebte Not und Unterdrückung und
wurden und im Land geblieben waren; das Eingreifen Gottes am Schilfmeer sind das
• die Gruppe, die unter Perserkönig Kyrus wie- gemeinschaftsstiftende Element für das sich neu
der aus dem Exil ins Land kam, und formierende Gottesvolk. Nicht mehr als Stam-
• jene, die weiterhin in Babylon blieben und mesgesellschaft, nicht mehr als Monarchie,
dort ihrem Glauben treu geblieben waren. nicht mehr als Diaspora-Gemeinde, sondern
In dieser Zeit, wo alte Strukturen (Königtum, als unter neuen Vorzeichen im Land wohnende
Tempel) nicht mehr oder noch nicht wieder tru- Gruppe mit einer gemeinsamen Vergangenheit
gen, musste genauer überlegt werden, was Iden- kann das neue Israel zu sich und zu einer Ein-
tität ausmacht, ob und wie diese divergierenden heit finden.
Gruppen noch immer miteinander verbunden Dabei wird die Erfahrung des Fremdseins
waren und ob und wie sich daraus eine Gemein- zu einem konstitutiven Element: Der Exodus
schaft, ein gemeinsames „Wir“ entwickeln kön- aus Ägypten und der Exodus aus dem Exil wer-
nen würde. Dazu kam, dass sich im Land nicht den zu ein und derselben Befreiungserfahrung.
nur Exil-Heimkehrende, sondern auch neu Hin- Dabei war vorausgesetzt, dass die Befreiungser-

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Nächsten- und fremdenliebe im alten testament

hallo

Toralesung in einer Synagoge in Tel Aviv. Die Tora formte die jüdische
Gemeinschaft nach dem Babylonischen Exil. Innerhalb dieser Tora-Gemein-
schaft sind alle „Nächste“. Aber die Tora selbst führt mit dem Nächstenliebe-
gebot über die Tora-Gemeinschaft hinaus ...

fahrung des Exodus im Gedächtnis und in der wieder von „Absonderung“ die Rede. Damit ist
Tradition der Angesprochenen lebendig war und gemeint, dass sich die, welche sich zum Glauben
geteilt wurde. an JHWH bekennen, von gewissen sonst verbrei-
© Roy Lindman, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia

teten Kultpraktiken abgrenzen und durch grö-


Dritte Antwort: Der Nächste ist jeder ßere Frömmigkeit auffallen sollten. Die Details
Tora-Gläubige dieser Abgrenzung verlaufen dabei in den ein-
Ein weiteres wichtiges Kriterium, das eng mit zelnen Büchern durchaus unterschiedlich. Wäh-
den anderen beiden zusammenhängt, ist die Be- rend Esra und Nehemia vor allem für eine strikte
achtung der Tora. Genauer geht es darum, dass Trennung von „Mischehen“ plädieren, also eher
sich das neue Israel nicht mehr durch mensch- formale Kriterien einfordern, ist es in Levitikus
liche Kriterien wie Königtum und Macht kons- und Tritojesaja die innere Haltung, die zählt.
tituieren kann, sondern durch den gemeinsa- Bei Tritojesaja (Jes 56–66) zeigt sich das be-
men Glauben. Sowohl in den Büchern Esra und sonders deutlich in Jes 56,1-7: Der Text zielt auf
Nehemia als auch in Tritojesaja ist daher immer die Beachtung der Gebote Gottes. Wer das tut,

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Nächsten- und fremdenliebe im alten testament

Elija und die Witwe


von Sarepta – sie
backt dem Propheten
vom letzten Mehl, das
sie für sich und ihr Kind
hat, Brot. Doch wie Elija
ihr versprochen hatte,
lässt Gott das Mehl da-
nach nicht ausgehen
(1 Kön 17,8-24). Der Ma-
ler Giovanni Lanfranco
stellt die Betrachtenden
in die Perspektive auf
der Höhe des hungern-
den Elija (1621–1624).
Getty Museum, Los
Angeles.

gehört zum Volk Gottes, auch wenn er nach an- ist, zeigt sich in den folgenden konkreten Be-
deren Kriterien ein Fremder ist: stimmungen. Es geht um gelebte Frömmigkeit,
Lesetipps „Der Fremde, der sich dem HERRN angeschlos- um „Heiligkeit“ im Sinne von „anders sein“,
• Andreas Schüle „Wer ist sen hat, soll nicht sagen: Sicher wird er mich aus- „wesentlicher zu sein als das üblicherweise ge-
mein Nächster?“, in: Liebe schließen aus seinem Volk“ (Jes 56,3). schieht“. In diesem Zusammenhang wird der
(Jahrbuch für biblische In weiterer Folge wird beschrieben, dass Gott Nächste zunächst einmal als jener definiert, der
Theologie Bd. 29) 2014, diese Fremden zum Zion führen wird – sie dür- diese Heiligkeit aus seiner Tradition und Her-
S. 43–61. fen also ebenso zum Heiligen Berg kommen wie kunft heraus anstrebt, also der Volksgenosse
die Israeliten. Die drei Voraussetzungen sind: (Lev 19,13-18). Doch wenige Verse später wird
• Vom Rand in die Mitte. Beachtung des Sabbats, Achtung des Bundes diese Grenze aufgehoben, wenn es heißt:
Das Buch Levitikus, Bibel und Liebe des Namens JHWHs. Alle drei Vor- „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll
und Kirche 2/2014, hg. aussetzungen sind im Kult angesiedelt. Die Ge- euch wie ein Einheimischer gelten“ (Lev 19,34).
Katholisches Bibelwerk e. V. meinschaft, die Zugehörigkeit, entscheidet sich Hier ist derselbe Duktus zu spüren wie in Jes
(s. Buchtipps S. 63) also an der Nähe zu Gott und gerade nicht an der 56: Wer „dazugehört“ ist der, der sich – unab-
Herkunft. hängig von seiner Herkunft – zu Gott bekennt.
Auch im Buch Levitikus wird über den Nächs-
ten nachgedacht, im sogenannten Heiligkeitsge-
© Public Domain

setz (Lev 17–26). Der Grundtenor des Heiligkeits- Das Nächstenliebegebot in Levitikus 19
gesetzes ist die Forderung, dass Israel heilig Wenn Jesus vom Gebot der Nächstenliebe spricht,
sein soll, weil Gott heilig ist. Was damit gemeint zitiert er Levitikus 19,18. Das Nächstenliebege-

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Nächsten- und fremdenliebe im alten testament

bot steht in der Tora und damit in der „Grund- Auch in Dtn 10,18-19 wird die gebotene Frem-
verfassung“ des Gottesvolkes. Innerhalb der denliebe so begründet und zudem in einen
Tora nimmt das Gebot ebenfalls eine bedeut- engen Zusammenhang mit Gott gestellt:
same Stelle ein: Formal steht es im mittleren „Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott über
der fünf Bücher Mose relativ in der Mitte. Und den Göttern (...) Er liebt die Fremden und gibt
inhaltlich bezeichneten bereits die Rabbinen ihnen Nahrung und Kleidung – auch ihr sollt
Levitikus 19 als Kompendium der gesamten die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in
Tora. Ägypten gewesen.“
Gott selbst liebt die Fremden. Und ihr selbst
Wie soll man den Nächsten lieben? wart Fremde. Diese doppelte Motivation für die
Richtiges Verhalten im Allgemeinen wird in Le- Fremdenliebe ist eindrucksvoll. Fremde sollen
vitikus 19 vor allem daran gemessen, was alles
an bösen Taten unterlassen wird. Dazu zählt vor
allem, dass die Schwäche des Anderen nicht
ausgenützt wird: ob es nun der Arme ist, dem et-
Weder den Anderen zu verwerfen noch
was von der Ernte überlassen werden soll, oder ihn in seinen Verirrungen zu belassen,
der Blinde, dem nichts in den Weg gestellt wer-
den soll, oder der Taube, den man nicht verflu-
das meint Nächstenliebe
chen soll: Immer geht es um Situationen, in de-
nen sich der Andere nicht wehren könnte, würde
ihm etwas angetan. Dasselbe betrifft falsche geliebt werden, nicht nur, weil sich Israel gut in
Aussagen vor Gericht, wo es möglicherweise für die Situation von Fremden hineinfühlen können
den Anderen schwer wird, das Gegenteil zu be- sollte, sondern weil es damit auch das tut, was
weisen. Unfaires Verhalten und Ungerechtigkeit sein Gott tut.
werden an diesen Beispielen konkretisiert und Im oben zitierten Levitikus 19,34 wird die Auf-
abgelehnt. forderung zur Fremdenliebe noch einmal anders
Im unmittelbaren Kontext der Nächstenliebe- verstärkt: Die Fremden sollen nicht nur geliebt
Aussage (V. 17-18) steht das Gegenteil von Liebe: werden, sondern sogar wie Einheimische gel-
Hass, sich rächen, nachtragen. Dazwischen aber ten, also zum Nächsten werden. Damit ist die
auch das Gebot, den Anderen bei Bedarf zu- Unterscheidung Fremder/Nächster im Grunde
rechtzuweisen. Liebe bedeutet also nicht, alles aufgehoben. Die Liebe zu beiden wird durch die
am Anderen gutzuheißen, eine Art laissez-faire- Exoduserfahrung begründet: Die Nächsten sind
Stil zu vertreten, sondern es wirklich ernst mit jene, die die eigene Tradition teilen – dazu zählt
dem Anderen zu meinen, mitzuhelfen, ihn auf die kollektive Erinnerung an das Fremdsein in
seine blinden Flecken aufmerksam zu machen. Ägypten. Die Fremden haben diese Tradition
Weder ihn deswegen zu verwerfen noch ihn zwar nicht, erleben aber gerade jetzt, was es
in seinen Verirrungen zu belassen, das meint bedeutet, fremd zu sein, und damit das, was die
Nächstenliebe. „Nächsten“ damals in Ägypten erfahren haben.
Die Grenzen zwischen der Liebe zu den „Dazu-
Nächstenliebe und Fremdenliebe gehörenden“ und der Liebe zu den „Anderen“
Der Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ verschwimmen dadurch.
lautet im Hebräischen sehr offen:
„Liebe deinen Nächsten. Er – wie du.“ Dr. Elisabeth Birnbaum
Demzufolge wäre eine etwas wörtlichere Über- Das Liebesgebot überschreitet Grenzen Alttestamentlerin und Direk-
torin des Österreichischen
setzung: „Er ist wie du“. Diese fügt sich in den Das Alte Testament hat eine weit differenziertere
Katholischen Bibelwerks
Kontext des Satzes weit besser ein. Es wird damit Sichtweise von Nächstenliebe, als das üblicher- mit den Schwerpunkten Re-
betont, dass der Nächste schon aus Empathie­ weise angenommen wird. Das Liebesgebot über- zeptionsgeschichte, Bibel in
gründen geliebt werden kann, weil es Gemein- schreitet die Grenzen zwischen dem Nächsten Musik und Literatur, Salomo
samkeiten mit ihm gibt. und dem Fremden und verbindet darüber hin- sowie die Bücher Judit, Ko-
Auffälligerweise wird wenige Verse später in aus Liebe zum Mitmenschen mit Liebe zu Gott. helet und Hohelied. So sind
denselben Worten vom Fremden gesprochen Jesus von Nazaret kann also aus der eigenen rei- von ihr u. a. erschienen: die
Exegesen zum Hohelied der
(Lev 19,34): „Der Fremde, der sich bei euch auf- chen Tradition schöpfen, wenn er Nächstenliebe
Ökumenischen Bibelwoche
hält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und mit Gottesliebe verbindet und wenn er die Gren- 2017/18 oder in der Reihe
du sollst ihn lieben. Er wie du [=wie dich ze zwischen dem Fremden und dem Nächsten, Bibel und Musik „Das Ora-
selbst, oder: Er ist wie du]; denn ihr seid selbst der zu lieben ist, anders zieht als nach Herkunft torium Messias von Georg
Fremde in Ägypten gewesen.“ und sozialem Stand. W Friedrich Händel“.

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Vermächtnis für alle Generationen
Das Liebesgebot in Levitikus 19

D as Buch Levitikus und darin das Kapitel 19 und darin wiederum


das Nächstenliebegebot stehen im Zentrum der Tora, der ers-
ten fünf Bücher der Bibel. Nicht zufällig! Im Talmud findet man die
Einschätzung, dass Lev 19 als eine Kurzfassung der ganzen Tora gilt:
„Rabbi Chija hat gelehrt: Dieser Abschnitt wird darum in der Versammlung
vorgetragen, weil davon die meisten wesentlichen Lehren abhängen. Rabbi
Levi sagte: Weil die Zehn Gebote darin enthalten sind“ (Midrasch Levitikus
Rabba 24,4).

Das Kapitel 19 enthält das sogenannte „Heiligkeitsgesetz“ mit einer Rei-


he von Bestimmungen für das Zusammenleben. Das Verhalten, das in Lev
19 beschrieben wird, soll die Menschen heiligen. Daniel Krochmalnik, Pro-
fessor für jüdische Religionslehre in Heidelberg, erklärt in seinem Aufsatz
„Kadosch. Das Heilige im Buch Levitikus und in der jüdischen Tradition“
(in: Bibel und Kirche 2/14, S. 80–85), was das bedeutet:

„So verbietet das Heiligkeitsgesetz, dass wir die Ansprüche von Perso-
nen, Zeiten, Lebewesen, Dingen etc. missachten und ihre Würde verletzen.
Das gilt insbesondere dann, wenn sie ihre Rechte uns gegenüber nicht
selber vertreten können oder wenn eine Verletzung ihrer Rechte nicht ge-
ahndet werden kann, sodass sie ihre Sache ganz auf Gott stellen müssen.
Deshalb erinnert der Gesetzgeber ständig an seine Autorität: Ich JHWH!
[...]. Heiligkeit heißt hier wie gewöhnlich auch Absonderung. Aber es geht
nicht um meine Absonderung von den Personen und Dingen, sondern um
die Absonderung der Personen und Dinge von mir, dem sie sonst wehr-
und schutzlos ausgeliefert wären – der Reihe nach: die Eltern und die
Alten, die Feiertage, Gott selber und seine Opfer, die Armen, die Betroge-
nen, die Tagelöhner, die Versehrten, die Verleumdeten, die Verhassten,
die Fremden, die Tiere, die Pflanzen und Früchte und nicht zuletzt – mein
eigener Körper. Das erklärt, weshalb die Gesetzesreihe so uneinheitlich
wirkt: die Gegenstände sind verschieden, die Rücksicht aber ist stets die
gleiche, das Ausgeliefertsein, die Schutzbedürftigkeit, die Unantastbar-
keit.
Für diesen Heiligkeitsbegriff können wir zum Schluss eine geometrische
Formel vorschlagen: Die Heiligkeitsbeziehung lässt sich in ein Dreieck ein-
schreiben, an dessen Spitze Personalpronomina stehen: ER liest in der 1.
Person (Ani) mir in der 2. Person Singular oder Plural die heiligen Rechte
der 3. Personen (Er, Sie, Es) vor und weist mir damit den steilen Weg zur
Heiligkeit“ (S. 84–85).

Die Würde aller anderen und alles anderen zu achten, uns anständig
und mitmenschlich zu verhalten, alle zu bewahren, die sich mir gegen-
über nicht wehren und schützen können – das also macht uns heilig.

Daniel Krochmalnik zeigt auch, dass in Lev 19 die Feindesliebe


implizit mitgemeint ist. Hass- und Racheverbot gelten gegenüber allen
Menschen – denn vielleicht ist auch mein Mitbürger oder Nächster mein
Feind. Lev 19 erscheint damit wie ein Manifest für menschliche Würde und
Respekt. Das Liebesgebot öffnet „den Menschen aus dem Selbst-Bezug
auf den Anderen hin ... und [führt ihn] durch den Gottesbezug von der
Egozentrik zur Allozentrik“ (S. 84).

18 welt und umwelt der bibel 2/2018


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Die Bestimmungen des Heiligkeitsgesetzes
Das Liebesgebot steht inmitten von weiteren Geboten, dem Heiligkeitsgesetz. Manche dieser Bestimmungen erscheinen uns heute
fremd – etwa zum Opferfleisch oder zur Totenbeschwörung. Aber: Bei allen geht es um dieselbe Rücksicht, Schutzbedürftigkeit
und Unantastbarkeit; Menschen, Tieren, Pflanzen ihr Eigensein und ihre Würde lassen – ohne Hass, Gleichgültigkeit und Rache.
Was auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium wirkt, hat auf den zweiten Blick eine Struktur. Denn die Bestimmungen vor und
nach dem Liebesgebot entsprechen sich und stellen es ins Zentrum.

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Nächstenliebe aus den Quellen des Judentums

„Folge Gottes Eigenschaften“


... so antwortet Rabbi Chama bar Chanina im Talmud auf die Frage, wie man
Gott am besten nachgehen kann. Die Dreiecksbeziehung Gott–Mensch und
Mensch–Mensch ist in der jüdischen Tradition durch Liebe geprägt, die in
verschiedenen Worten erzählt wird. Von Simon Lauer

B
eim Stichwort „Nächstenliebe im Judentum“ ten, die das Zusammenleben der Menschen regeln,
wird der Leser und die Leserin zunächst eingebettet in die Gottesfurcht (vgl. S. 18–19). Be-
gleich an das allgegenwärtige Liebesgebot sondere Aufmerksamkeit verdient die Schlussfor-
Lev 19,18 „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich mel, die hinter den einzelnen Geboten steht: „Ich
selbst“ denken. Zuvor jedoch möchte ich ein paar bin der Ewige“. Sie bedeutet nach rabbinischer
biblisch-hebräische Wörter näher anschauen. Tradition, dass Gott darüber richtet, wenn ein irdi-
scher Richter fehlt.
Bedeutsam ist namentlich das Gebot, den Frem-
Lieben und Hassen – in der Bibel mit den zu lieben (Lev 19,34): Es ist genau gleich for-
vielfältiger Bedeutung muliert wie das Gebot der Nächstenliebe Lev 19,18,
Da ist zunächst das Gegensatzpaar ahav – sana’, aber mit dem Zusatz „Ich bin der Ewige, euer
gewöhnlich mit „lieben“ – „hassen“ übersetzt. Gott“. Der bekannteste jüdische Kommentator, Ra-
Das ist jedoch missverständlich. Zwar kann ahav schi (Rabbi Schelomo (ben) Jizchaq, 1040–1105),
durchaus „lieben“ im landläufigen Sinn bedeu- bemerkt dazu: „Dein Gott und sein Gott bin ich“.
ten. So kann man Gen 24,64-67 als „Liebe auf den Übrigens hat Hartwig Wessely (1725–1805) schlüs-
ersten Blick“ lesen: Rebekka sieht Isaak, gleitet sig begründet, dass kamokha in Lev 19,18 nicht
von ihrem Reittier und verhüllt sich, sobald sie heißen kann „(Du sollst deinen Nächsten lieben)
erfährt, dass Isaak ihr Mann sein soll. Isaak sei- wie dich“. Vielmehr heißt es „dir gleich“ – nämlich
nerseits liebt sie, führt sie heim und ist getröstet als Mensch und Ebenbild Gottes (Gen 9,6). Cohen,
nach dem Hinscheiden seiner Mutter. An anderer Rosenzweig und Buber haben das in ihrer Überset-
Stelle jedoch kann ahav auch einer Speise gelten zung aufgenommen: „Liebe deinen Nächsten, er ist
(Gen 27,4). Schließlich bedeutet ahav auch „bevor- wie du“.
zugen“ (Gen 29,30f; Dtn 21,15).
In diesem Zusammenhang ist auch die Vielfalt der
Bedeutungen von sana’ zu sehen. (Wenn ein Eng- Liebe, Gunst, Gerechtigkeit ...
länder sagt „I hate coffee“, heißt das ja nicht, dass Weitere Begriffe, die „Nächstenliebe“ bezeichnen,
er sich schüttelt, wenn er Kaffee riecht.) sind chesed und zedaqa. Chesed kann man mit
Wenn man nun den genannten Vers des Liebes-
gebots Lev 19,18 interpretieren will, sollte man
den Zusammenhang betrachten, nämlich das
Heiligkeitsgesetz. Kapitel 18, das nicht zufällig im rechts: Gastfreundschaft gegenüber Fremden
Nachmittagsgebet des Versöhnungstages verlesen Bei den Eichen von Mamre bewirtet Abraham großzügig
wird, enthält eine ganze Reihe Vorschriften dazu, drei geheimnisvolle Fremde. Die Gäste stellen sich als
und im 19. Kapitel, Vers 9-10, wird das Recht des Gott heraus – und Gott verheißt Sara und Abraham einen
Armen und des Fremden eingefordert. Die schöns- Sohn (Gen 18). Fremde gastfreundlich einzuladen, ist in
te Illustration dazu bietet das Buch Rut, aber auch der jüdischen Tradition besonders bei feierlichen Mahl-
der Dekalog Ex 20,10 und Dtn 5,14, wo es heißt, am zeiten, am Sabbat und den Feiertagen, auch aufgrund
siebten Tag sollen auch Sklave und Sklavin, alle von Gen 18, selbstverständlich. Buchmalerei aus einer
Fremden und sogar das Vieh ausruhen. Überhaupt Pesach-Haggadah (Leipnik-Haggadah, Hamburg-Altona
bieten die Verse Lev 19,2-17 eine Reihe von Gebo- 1740). Sloane MS3173, British Library, London

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welt und umwelt der bibel 2/2018 21
nächstenliebe aus den quellen des Judentums

Übersetzer sprechen hier eher von „Frömmig-


keit“, Buber und Rosenzweig von „Bewährung“.
ZedaQa – inbegriff der Wohltätigkeit Nach Jer 9,23 wirkt Gott Liebe (chesed), Rechts-
ordnung und zedaqa auf der Erde. In Ps 36,11

Z edaqa steht für das jüdische Verständnis von Wohltätigkeit.


Diese ist im Judentum kein freiwilliger Akt, sondern eine der
wichtigsten religiösen Pflichten, eine „Mitzwa“ (hebr.). Wohltätig zu
und Ps 103,17 stehen – für die biblisch-hebräi-
sche Dichtung charakteristisch – chesed und ze-
daqa parallel. Man möchte also sagen:
sein heißt, Hilfe nicht nur in Form von Almosen zu leisten, sondern • chesed bedeutet die nicht geschuldete Liebe,
im Sinne einer ausgleichenden Rechtsordnung. Basierend auf der • zedaqa die Liebestat, auf die der Empfänger
Gerechtigkeit ist die Zedaqa dagegen eines der wichtigsten Gebote einen nicht besonders definierten Rechtsan-
des jüdischen Religionsgesetzes und muss von jedem Juden erfüllt spruch hat; dieser ergibt sich aus den Geboten
werden. Die Ausübung und die Gabe von Zedaqa ist keine freiwillige der Tora (z. B. für Witwen, Waisen und Fremde).
Handlung und bleibt nicht dem Ermessen des Einzelnen überlassen.
Die Abstammung der Zedaqa von der Gerechtigkeit unterscheidet
die jüdische Auffassung der Wohltätigkeit ganz wesentlich von der Gottes Eigenschaften folgen: Nackte
christlichen oder der modernen Auffassung von Philanthropie oder kleiden, Kranke besuchen, Tote bestatten
Nächstenliebe. Die Tatsache, dass die Zedaqa nicht als eine persön- Von hier aus kann man nun einen Blick auf das
liche Entscheidung gewertet wird und unabhängig von der persönli- nachbiblische Judentum richten.
chen Überzeugung erfüllt werden muss, hat die Praxis der jüdischen Im babylonischen Talmud (Sota 14a) wird fol-
Wohltätigkeit über die Jahrhunderte bestimmt.“ gende Frage aufgeworfen: Dtn 13,5 sagt, wir sol-
(Aus dem aktuellen Leitbild der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in len Gott „nachgehen“ und ihm „anhangen“. Wie
Deutschland) soll man das machen, wo es doch heißt, Gott
sei ein „verzehrendes Feuer“ (Dtn 4,24)? Rabbi
Chama bar Chanina – er lebte in Sepphoris im
„Liebe, Gunst, Güte“ übersetzen, die Gott ei- 3. Jh. nC – sagt: Folge Gottes Eigenschaften. Er
nem Menschen oder ein Mensch dem anderen kleidet die Nackten (Gen 3,21), besucht die Kran-
erweist. So sind „alle Wege Gottes wahre Liebe“ ken (Gen 18,1, Gott besucht Abraham, der noch
(Ps 40,10). Im Zusammenhang mit einer Braut- an den Folgen der Beschneidung leidet) und be-
werbung heißt Gottes Beistand chesed (Gen stattet die Toten (Dtn 34,6, den Mose).
24,12.14, bei Isaak und Rebekka), so auch die Wenn also Juden sich an einem Ort zusam-
bräutliche Liebe Israels zu Gott, parallel zu aha- menfinden und eine Gemeinde bilden, so ist
das erste, was sie gründen, ein Männer- bzw.
Frauen-Krankenverein. Dessen Zweck ist es,
Das Verhältnis Gottes zu Israel umschreibt Hosea sich um die Kranken, Sterbenden und Toten zu
kümmern. In größeren Gemeinden wird die letz-
2,21f mit Begriffen, die für die menschliche te Aufgabe oft einem besonderen Verein, Chevra
Gesellschaft entscheidend sind: Gerechtigkeit, qadischa, „heiliger Verein“, übertragen. Gerade
der Dienst am Verstorbenen gilt als „wahre Lie-
Rechtsordnung, Güte, Barmherzigkeit, Vertrauen bestat“ (chesed schel emeth), weil vom Toten
eine Gegenleistung nicht zu erwarten ist. Noch
im 20. Jh. trafen sich die Frauen zu regelmäßigen
va (Jer 2,2). Das in diesem Sprachbild bräutliche Nähnachmittagen; heute steht ein Mahlzeiten-
Verhältnis Gottes zu Israel mit dem Ziel der Er- dienst wohl eher im Vordergrund.
kenntnis Gottes umschreibt Hos 2,21f mit einer Den jeweiligen Umständen entsprechend
ganzen Reihe von Begriffen, die für die mensch- kommt es bald zur Gründung einer Kasse, die
liche Gesellschaft entscheidend sind: Gerech- bei Bedarf zinslose Darlehen gewährt (gemiluth
tigkeit, Rechtsordnung, Güte, Barmherzigkeit, chesed). Ob die zedaqa besonders organisiert
Vertrauen. werden muss, hängt von der Größe und Kom-
Schwierig ist der Begriff zedaqa, weil zedeq plexität der Gemeinde ab; getragen wird sie in
„Gerechtigkeit“ immer mitschwingt. Für Chris- jedem Fall vom Einzelnen. In manchen Gemein-
ten ist Gen 15,6 zentral („Und er [Abraham] den ist der Rabbiner, oft auch seine Frau, die
glaubte dem Herrn und das rechnete er ihm als Vertrauensperson, die auch verborgene Armut
Gerechtigkeit an“). Sie übersetzen hier zedaqa kennt und anonyme Spenden weiterleitet. Hin-
mit „Gerechtigkeit“, woraus die Rechtfertigung zuzufügen ist – ebenfalls aufgrund von Gen 18
des Menschen vor Gott aus dem Glauben an Gott und Hi 31f – die Gastfreundschaft, besonders
bzw. das Vertrauen auf ihn hervorgeht. Jüdische bei feierlichen Mahlzeiten, d. h. am Sabbat und

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welt und umwelt der bibel 2/2018
Nächstenliebe aus den quellen des Judentums

den Feiertagen. Manchenorts verfügt der Syna- Oben: Bertha Pap-


gogendiener über eine Liste freier Plätze, an die penheim (in der
er Fremde verweist. Briefmarkenserie „Hel-
fer der Menschheit“,
1954) gründete den
Jüdische wohltätige Einrichtungen Jüdischen Frauenbund,
Besonders vermögende Einzelne, vor allem aber der zu einer der größten
ganze Gemeinden und Verbände haben zahl- jüdischen Wohlfahrtsin-
reiche Institutionen gegründet und unterhal- stitutionen wurde.
ten: Krankenhäuser, Alters- und Jugendheime, Mitte (beide Bilder): In
Sonderschulen. (Ein Beispiel für deren Verwur- Neu-Isenburg leitete sie
zelung in der deutschen Gesellschaft und Ge- ein 1907 gegründetes
schichte: Im Jahrgang 1913 der Schwesternschu- Haus für sozial entwur-
le am Jüdischen Krankenheim Berlin war meine zelte jüdische Mäd-
Mutter eine von sechs Rabbinerstöchtern.) Auf chen, unverheiratete
der deutschen Landesebene ist die Zentralwohl- Schwangere und ledige
fahrtsstelle zu erwähnen, 1917 gegründet und Mütter mit Kindern, das
1938 in Brand gesteckt
nach dem Zweiten Weltkrieg wieder errichtet.
wurde.
Von vielen Einzelnen sei hier nur Bertha Pap-
penheim (1859–1936) genannt, Gründerin des
jüdischen Frauenbundes (1904), die sich beson-
Unten:Das Israeliti-
ders um gefährdete Mädchen auch auf internati-
sche Krankenhaus
und Altersheim in
onaler Ebene gekümmert hat.
Mannheim, in dem
Länderübergreifend wirkt der Unabhängige
sowohl Juden als auch
Orden B’nai B’rith („Söhne des Bundes [Abra-
Nichtjuden behandelt
hams]“), 1843 von deutschen Juden in New York
wurden. Jüdische
gegründet und heute in ca. 50 Ländern vertre- Einrichtungen waren vor
ten, dessen vornehmstes Ziel die Wohltätigkeit dem 2. Weltkrieg Bau-
ist. In Deutschland ist die erste Loge 1882 in Ber- steine der allgemeinen
lin gegründet worden; gut hundert weitere sind
© Public Domain; Institut für Stadtgeschichte Mannheim; Gedenkbuch.Neu-Isenburg.de/Jüdisches Museum Frankfurt a. M.

Versorgung.
im Laufe der Zeit dazu gekommen. Eben so inter-
national arbeitet das American Joint Distribution
Committee seit 1914, mit einem Schwerpunkt in
Osteuropa.
Ein besonderes Gebiet der Wohltätigkeit, auch
Christen vertraut, ist Jerusalem (Röm 15,26; 1 Kor
16,1-4). In Jerusalem, meist im Westen, wo im 19.
Jh. die ersten jüdischen Siedlungen ausserhalb
der Stadtmauern entstanden sind, haben sich
verschiedene Landsmannschaften niedergelas-
sen, die vornehmlich von den Zurückgebliebe- Prof. em. Dr. Simon Lauer,
nen unterstützt wurden. So gab es einen jüdi- (Jg. 1929), Altphilologe
schen Deutsch-Holländischen Palästinaverein, und Judaist, war jüdischer
der ab 1846 seine Landsleute unterstützte. Im Forschungs- und Lehr-
westdeutschen Ritus spricht der Rabbiner am beauftragter am Institut
für Jüdisch-Christliche
letzten Tag der Wallfahrtsfeste nach der Lesung
Forschung der Universität
aus der Tora, die mit Dtn 16,17 endet, einen Se- Luzern. Sein besonderes In-
gen für alle, die für den Gottesdienst, aber auch teresse gilt den Philosophen
für die Armen Jerusalems spenden. Erwähnung Hermann Cohen und Moses
verdient der Arzt Dr. Wallach, der vor der Jahr- Mendelssohn. Zahlreiche
hundertwende von Köln nach Jerusalem gezogen Veröffentlichungen zum
ist und 1902 am Stadtrand das General Hospital jüdisch-christlichen Dialog.
Dieser Beitrag ist dem An-
Sha’are Zedeq („Tore der Gerechtigkeit)“ gegrün-
denken seiner Eltern gewid-
det hat. Das rituell geführte, der gesamten Be- met, „deren Rabbinerhaus
völkerung dienende Krankenhaus ist heute noch in dunkler Zeit Nächstenlie-
hoch angesehen. W be vorgelebt hat“.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 23
Eine Auseinandersetzung im Antisemitismusstreit

Lieben Juden nur ihre Volksgenossen?


In den 1880er-Jahren schreiben zwei jüdische Philosophen Gerichtsgutachten. Sie müssen
auf den Vorwurf reagieren, die jüdischen Schriften schrieben Juden vor, Christen zu be-
trügen, zu täuschen und zu hintergehen. David Hoffmann und Hermann Cohen entwickeln
universale Philosophien der Liebe zum Fremden aus dem Talmud. Der wachsende Antise-
mitismus beansprucht dagegen alle Ethik für das Christentum. Von Simon Lauer

A
ls der Münchner Kardinal Micha- Zwei Prozesse, vier Gutachten – damit auch das Nächstenliebegebot –
el von Faulhaber 1933 seine be- Nun kam es zu zwei Gerichtsprozessen nur den eigenen Volksgenossen zuteil
rühmt gewordenen und sogleich um antisemitische Vorwürfe. In beiden werden sollen. Für seine Verteidigung
im Druck erschienenen Adventspredigten wurden Gutachten erstellt, die tiefen verfasste der Göttinger Theologe, Orien-
„Judentum – Christentum – Germanen- Einblick in den Antisemitismus dieser talist und notorische Antisemit Paul de
tum“ hielt, stellte er einleitend fest, dass Zeit geben wie auch in die jüdische Phi- Lagarde (eig. Bötticher, 1827–1891) ein
der Boden für den mit dem Christentum losophie zur Nächsten- und Fremdenlie- Gutachten. De Lagarde stellte den Tal-
nicht zu vereinbarenden Antisemitismus be. mud als relevanzlos dar – das Judentum
gut vorbereitet sei. Wie war es dazu ge- • Der erste Prozess: 1883 erschien habe keine Existenzberechtigung mehr,
kommen und welche Bedeutung hatte ein ein „Judenspiegel“, ein antisemitisches da das Christentum es in ethischer Über-
Diskurs über die Nächstenliebe dabei? Pamphlet von Dr. Justus, eig. Aron Bri- bietung abgelöst habe. Für die Staatsan-
1880 veröffentlichte der Berliner His- man, der 1882 Protestant, wenig später waltschaft wurde Hermann Cohen als
toriker Heinrich von Treitschke (1834– Katholik wurde und fortan antisemiti- Gutachter bestellt. Er sollte zwei Fragen
1896) in den von ihm herausgegebenen sche Texte publizierte. Er behauptete, im beantworten:
„Preussische[n] Jahrbücher[n]“ einen Schulchan Aruch stehe, christliches Hab 1. Sind die talmudischen Vorschrif-
scharfen Angriff auf die deutschen und, und Gut sei herrenlos und nur Juden un- ten für Juden verbindlich und ist eine
besonders, die ost-europäischen Juden. tereinander sollten sich nicht schaden. Beschimpfung des Talmuds eine Be-
Es war der Auftakt des „Antisemitismus- Jemand machte aus diesem Material ein- schimpfung des Judentums?
streits“. Treitschke bezeichnete das Ju- gängige Knittelverse und jüdische Or- 2. Steht im Talmud: „Das Gesetz des
dentum u. a. als „Nationalreligion eines ganisationen reichten eine gerichtliche Mosis gilt nur vom Juden zum anderen,
uns ursprünglich fremden Stammes“. Anzeige gegen die Behauptungen ein. In auf Gojims hat es keinen Bezug, die dür-
Bei der Elite der deutschen Akademiker dem folgenden Prozess trat der Bonner fen sie bestehlen und betrügen“?
stieß er sogleich auf entschiedene Ab- Orientalist Johann Gustav Gildemeister Cohens Gutachten „Die Nächstenliebe
lehnung: Der Altertumswissenschaftler (1812–1890) als Gutachter auf: Nichtju- im Talmud“ ist 1888 erschienen.
Theodor Mommsen (1817–1903), der Ori- den zu bestehlen und Geld vorzuenthal- Im ersten Prozess 1884 ging es um den
entalist Theodor Nöldeke (1836–1930) ten stehe in der Tat im Schulchan Aruch. Schulchan Aruch, im zweiten 1888 um
und der Dogmatiker Adolf (von) Har- Er unterstellte den Juden Täuschungs- den Talmud (s. Kasten).
nack (1851–1930) wandten sich gegen manöver zur Hintergehung der harmlo-
Treitschke. Hermann Cohen (1842–1918), sen Christen. Auf dieses Gutachten hat
einer der wenigen jüdischen ordentli- der jüdische Gelehrte David Hoffmann Sorge für die Armen, Kranken und
chen Professoren in Deutschland – Pro- (1843–1921) ausführlich reagiert (s.u.). Trauernden der Nichtjuden
fessor für Philosophie an der Universität 1886 wurde der Marburger Bibliothe- Hoffmanns Antwort auf Gildemeister
Marburg –, verfasste sein innerjüdisch kar Otto Böckel als erster bekennender (vgl. erster Prozess) ist wohl die umfang-
nicht unumstrittenes „Bekenntnis in Antisemit in den Reichstag gewählt. reichste und gründlichste. Hier können
der Judenfrage“, in dem er für die Assi- • Der zweite Prozess: 1887/88 stand nur wenige Stichworte skizziert werden.
milation eintrat und das gleichzeitig ein ein Volksschullehrer vor dem Marbur- Zunächst ist der Schulchan Aruch kein
Bekenntnis zum Deutschtum war; in ei- ger Königlichen Landgericht. Er hatte einfaches Werk, das ohne Rückgriff auf
nem Brief an August Stadler (1850–1910) behauptet, dass der Talmud die Juden seine Quellen und Kommentare auf An-
bezeichnete er sich als „Glückskind ei- dazu anstifte, Christen zu betrügen und hieb zu verstehen wäre. Hoffmann stellt
ner kurzen freundlichen Zeit“. dem Talmud nach die jüdischen Gebote denn auch gegen Gildemeister, der sich

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welt und umwelt der bibel 2/2018
Talmud und
Schulchan aruch
gewiss ist er eines Besseren belehrt wor-
den.“ Der Satz ist für Hoffmann charak- • Der Talmud besteht aus der Misch-
teristisch. na, die auf Hebräisch die Gesetze
Hermann Cohen hat vor dem König- des Judentums meist apodiktisch
lichen Landgericht in Marburg (vgl. formuliert; sie ist um 200 in Palästi-
zweiter Prozess) zunächst dargelegt, na redigiert worden. Der Talmud im
dass ihm zwar der Talmud seit frühester engeren Sinn gibt die Diskussionen in
Jugend vertraut sei, er sich aber nicht den babylonischen Lehrhäusern, meist
eigentlich als Talmudisten ausgeben auf Aramäisch, wieder. Er ist um 600
könne. Er trete also als Philosoph an, zu abgeschlossen worden. Im Talmud
dessen Aufgaben es gehöre, „die Kriteri- sind Gesetz (halakha) und Narrativ
en für die Gewissheit der menschlichen (midrasch, die Auslegung) untrennbar
Überzeugungen zu prüfen“. So kommt er verbunden. Ohne lebendige Vertraut-
zum Schluss, dass „die Liebe zum Frem- heit mit der talmudischen Ausdrucks-
den ... ein schöpferisches Moment in der weise ist also der Sinn einer Stelle
Entstehung des Begriffs vom Menschen nicht zu eruieren.
als dem Nächsten“ ist. Mindestens im- • Der Schulchan Aruch („gedeckter
plizit ist auch der nicht ganz gesetzes- Tisch“) ist die Zusammenfassung
Hermann Cohen (1842–1918), treue Jude mit dem Talmud verbunden; des größeren Kommentars seines
Professor für Philosophie in Marburg, somit ist die vom Vorstand der Mar- Verfassers zu einem Kodex aus dem
verfasst 1888 ein Gutachten zur burger jüdischen Gemeinde erhobene 14. Jh. und berücksichtigt auch den
„Nächstenliebe im Talmud“. Strafklage gegen den Marburger Volks- Kodex des Maimonides (12. Jh.). Der
1914 schreibt er in seiner Schrift „Der schullehrer berechtigt: Beschimpfung Verfasser des Schulchan Aruch, Josef
Nächste“: „Unsere gegenwärtige Politik des Talmuds ist eine Beschimpfung der Karo (1488–1575), war ein sephardi-
würde nicht so heuchlerisch der Religi- jüdischen Religionsgemeinschaft. Die scher Jude, dessen Lehre und Praxis
on Hohn sprechen, wenn die Ausdrücke
zweite der gestellten Fragen verneint er oft nicht mit denen der aschkenasi-
der ‚fremden Volkselemente‘ oder gar
– im Talmud stünden keine Gesetze, die schen Juden übereinstimmt. Sehr grob
der ‚Fremdkörper‘ in der Sprache einer
Nichtachtung, Bestehlen und Betrügen gesagt, verläuft die Grenze zwischen
anständigen Politik unmöglich wären“.
von Nichtjuden vorschrieben. In seinem sephardischen und aschkenasischen
Gutachten ergründet Cohen, dass die Juden entlang der Linie Pyrenäen
auf Justus beruft, fest, ein Rabbiner, Nächstenliebe eine Entdeckung ist, die – Alpen. Es hat entsprechend lange
der nur nach dem bloßen Wortlaut des für alle Menschen universal gilt und die gedauert, bis dieses Werk, eingehend
Schulchan Aruch entscheidet, sei ein Religionszugehörigkeiten sprengt. kommentiert und korrigiert, überall
„handwerksmässiger bornierter Win- Dieses Gutachten ist beileibe nicht akzeptiert wurde.
kelrabbiner, der keine hinreichende Tal- die einzige Auseinandersetzung des
mudkenntnis besitzt“. Er legt dar: Wer Neukantianers Cohen mit dem Juden-
sich im Rahmen des – religiösen oder tum; seine Synthese ist die postume
staatlichen – Gesetzes bewegt, ist dem „Religion der Vernunft aus den Quel- Lesetipps
Juden in jeder Hinsicht gleichgestellt. len des Judentums“. Vernunft wird für • Hermann Cohen, Der Nächste, mit drei weite-
Ohnehin gelte schon seit dem 3. Jh., dass Cohen zur spezifischen Gestaltung des ren Arbeiten Cohens, Kommentar und Vorbe­
das Gesetz des Staates für Juden maß- Menschengeistes und zum Urgrund der merkung von Martin Buber, Berlin 1935.
gebend ist. Aufgrund des Talmuds hält Gesetzlichkeit, zum Organ der Geset- • ders., Jüdische Schriften, Bruno Strauss (Hg.),
der Schulchan Aruch fest, dass man die ze. Im Gespräch mit Christen verweist mit einem Vorwort von Franz Rosenzweig, 3
Armen der Nichtjuden unterstützt, ihre Cohen auf Mt 12,28-34 und Lk 10,25-37. Bände, Berlin 1924.
Kranken besucht, ihre Toten bestattet „Aus dem einzigen Gott, dem Schöpfer • ders., Religion der Vernunft aus den Quellen
und beklagt und die Trauernden trös- des Menschen, ist auch der Fremdling, des Judentums, 2. Auflage, Berlin 1929.
tet – dies alles nicht etwa „dem Frieden als Mitmensch, hervorgegangen.“ So • ders., „Ich bestreite den Hass im Menschen-
zuliebe“, sondern „auf den Wegen des wird der Begriff des Fremden zum bib- herzen“, Pierfrancesco Fiorato (Hg.),
Friedens“, d. h. nach Ps 145,9 und Spr lischen Korrektiv: Er löst die Spannung Basel 2015.
3,17. Hoffmann schließt sein Buch mit zwischen der Treue zum (religiösen) • David (Hirsch) Hoffmann, Der Schulchan
einem Zitat aus dem Talmud (Ber 19a): Gesetz und dem (allgemein menschli- Aruch und die Rabbinen über das Verhältniss
„... so sei hier die Versicherung gegeben, chen) sittlichen Gedanken, verkörpert der Juden zu Andersgläubigen, Berlin: „Jüdi-­
dass wir über Prof. Gildemeister, der im im talmudischen Begriff des Noachi- sche Presse“, 1885 (Nachdruck Kessinger
@ public domain

Dunkel des Irrthums gefehlt, nach der den, d. h. eines Menschen, der vor jeder Legacy Reprints, [Whitefish, Mont.] 2010).
Aufklärung seiner Irrtümer nichts Bö- Gesetzgebung ein bestimmtes Minimum
ses im Sinne haben, vielleicht – nein, von Sittlichkeit lebt. W Prof. Dr. Simon Lauer (zum Autor s. S. 23)

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welt und umwelt der bibel 2/2018 25
Nächstenliebe in Ägypten

„Sei freigiebig,

D
ie antike Nilkultur beruhte wesentlich auf Ag-
rarwirtschaft. Aufgrund der abgeschiedenen
geografischen Lage des Landes entwickel-
ten sich ganz eigene Normen und Werte. Im 3. und
2. Jahrtausend vC war Ägypten relativ unberührt von
fremden Einflüssen. Außerhalb des Flusstals war die
Landschaft geprägt von Trockenheit und karger Vege-
tation. Das Überleben war nur dadurch möglich, dass
sich die frühen Ägypter zusammenschlossen, um ge-
meinsam durch die Bewässerung der Wüstengebiete
ausreichenden Getreideertrag und damit ihren Le-
bensunterhalt zu erwirtschaften. Entscheidend war,
dass weder zu viel noch zu wenig Wasser auf die Fel-
der gelangte, ansonsten kam es zu einer Missernte,
die für weite Teile der Bevölkerung lebensbedrohlich
werden konnte.
Die alten Ägypter beteten daher um die Fürsor-
ge der Götter, damit es zu keiner Notlage im Lande
kommen möge. Als Vermittler der Götter wurde seit
frühester Zeit der Pharao angesehen. Und so, wie die
Götter das Wohlergehen der Welt und des Kosmos
gewährleisteten, war es Aufgabe des Königs, für das
Leben der ihm unterstellten Menschen zu garantie-
ren. „Wohlversorgt sind die Menschen und das Vieh
Gottes, um ihretwillen hat der Gott Himmel und Erde
geschaffen“, heißt es dazu in der sogenannten Leh-
Anagoria, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia

re des Merikare, einer Art „Fürstenspiegel“, der nach


dem Namen des Adressaten um 2100 vC entstanden
sein soll. Diese Weisheitstexte spielen im kulturellen
Gedächtnis des alten Ägypten eine wichtige Rolle. In
Form von Ratschlägen fassen sie gesellschaftliche
Normen für alle sozialen Schichtungen der pharaoni-
„Er hat mich bekleidet, als ich nichts besaß; schen Gesellschaft zusammen. Erhalten hat sich rund
er hat mich reich werden lassen, als ich arm war.“
ein Dutzend dieser Schriften, die im 3., im 2. und im
Mit diesen Worten lobt Ahmes-Nofretere (um 1550 vC)
1. Jahrtausend vC verfasst worden sind. Anders als
das fürsorgliche Verhalten ihres Gemahls Pharao Ahmose I.
Holzfigur, Neues Museum Berlin.

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solange du lebst“
Über drei Jahrtausende hinweg sind in ägyptischen Weisheitstexten Regeln und
Ratschläge für das Zusammenleben aufgeschrieben worden. Die Not anderer
Menschen lindern, Schwache schützen oder Kranke pflegen hatte einen hohen
Stellenwert. Hat das die Bibel inspiriert? Von Orell Witthuhn

bisweilen bei den biblischen Geboten ange- durch die Zeiten führt. Seine Beamtenschaft
droht, zieht ein Übertreten der ägyptischen Nor- unterstützt ihn, und sie ist daher genau wie der Opferumlauf
men keine unmittelbare Strafe durch ein weltli- König den ihr entsprechenden Verpflichtungen Ein Opfer für einen Gott
ches oder göttliches Gericht nach sich. Dennoch unterworfen. In den Maximen, die einem frühen wurde weitergegeben: an
die Königsstatuen und
mahnen sie, dass jemand wegen eines schlech- Wesir namens Ptahhotep in den Mund gelegt
an eine Reihe weiterer
ten Leumunds in Vergessenheit geraten könne. werden (um 2300 vC, die Abfassung des Textes
Empfänger in absteigender
Im umgekehrten Falle jedoch versprechen sie, wird rund 400 Jahre jünger sein), werden diese Rangfolge bis hin zu den
„als Menschenfreund gelobt zu werden“ (Lehre Aufgaben konkretisiert und das Gewissen ge- Tempelpriestern und der
des Amenemope, wohl 12. Jh. vC). Die jeweiligen schärft, sich caritativen Aufgaben anzunehmen: Tempelbelegschaft.
Adressaten verschiedener sozialer Schichtungen „Wenn du ein Mann in der Stellung bist, der die
sollen pflichtgemäß handeln, um Gottes Plan Lebensverhältnisse von vielen zu regeln hat, dann
gerecht zu werden. Denn Gott hat die Nilüber- bemühe dich stets um fürsorgliche Handlung, bis
schwemmung geschaffen, „damit der Arme so dein Verhalten frei von Unrecht ist.“
gut wie der Reiche darüber verfüge“, und er hat Für die ihm Gleichgestellten bedeutet dies:
„jedermann geschaffen wie seinen Nächsten und „Gib deinen Freunden (= Gleichgestellten) von
hat verboten, Böses zu tun“ (Vier Wohltaten des dem ab, was dir zuteilgeworden ist, es ist ja nur
Schöpfers, Anfang 2. Jahrtausend vC). durch die Gnade Gottes gekommen. Von einem,
der seinen Freunden nicht abgibt, sagt man: ‚Das
ist ein egoistischer Mensch!‘ Wenn dann ein Un-
Macht verpflichtet: Der Pharao muss für glück einen selbst trifft, sind es die Freunde, die
alle Menschen sorgen einen in der Not willkommen heißen.“
Die Aufgaben des Königs als Wohltäter sind Und in Bezug auf von ihm Abhängige forder-
am komplexesten. Neben der Feindesabwehr te man vom Wesir: „Sei freigiebig, solange du
(Schutz) und dem Ausbau der Einrichtungen lebst. Was einmal aus dem Vorratshaus heraus-
des Landes (Segen) ist er verantwortlich für die gegangen ist, soll nicht zurückkommen. Brot, das
Versorgung der Götter in ihren Tempeln und zur (amtlichen) Verteilung bestimmt ist, das ist
der Menschen im Land (Hilfe). Allgegenwärtig begehrt. […] Güte bleibt als Erinnerung an einen
ist der Pharao in dem durch ihn initiierten Op- Mann für die Jahre nach seiner Amtsführung.“
ferumlauf, den er für verschiedene Gottheiten Eine allgemeine Definition von Armut für das
ausrichten lässt, an dem zugleich aber auch alte Ägypten zu geben, ist schwer. Die Grenze
ausgesuchte Personen berücksichtigt werden, zwischen einer normalen Lebensführung und
die in den zugehörigen Opferformeln benannt einer Notlage schwankte nach persönlicher Ein-
werden. Er ist der „gute Hirte“ für das ihm an- stellung und von Epoche zu Epoche. Für den auf
vertraute Volk, das er – ausgestattet mit den dem Feld tätigen Ägypter war das Grundeinkom-
Insignien des Krummstabs und des Wedels – men gesichert, wenn seine einfachen Bedürfnis-

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Nächstenliebe in Ägypten

se und die seiner Familie erfüllt wa- sein. Auch wenn einige Lehren vor dem zu ver-
ren: eine Wohnstätte, ein Boot, Brot, trauten Umgang mit Bedürftigen warnen, tun sie
Bier und Kleidung. Je nach Stand dies nicht aus einer sozialen Ächtung heraus,
waren die Ansprüche quantitativ sondern da der Arme aus seiner Not heraus rein
und qualitativ zu unterscheiden: egoistisch handelt und ihm aus diesem Umstand
Eine höhere soziale Stellung ver- der Blick auf größere Zusammenhänge versperrt
langte nach mehr Repräsentanz. ist.
Besonders an der Kleidung lässt Arme wurden häufig mit anderen hilfsbedürf-
sich dies ablesen; ein Beamter tigen Personen wie Waisen, Witwen oder verlas-
benötigte grundsätzlich eine senen Frauen genannt. Um ihnen beizustehen,
Perücke und Sandalen, die für waren in erster Linie verschiedene Beamte mit
einen Feldarbeiter bereits Über- mildtätigen Aufgaben betreut. In seiner Grab-
fluss bedeuteten. Gier hingegen inschrift beteuert der ramessidische Verwalter
war „niedrig“, wie es die Lehre Onurismose (um 1220 vC) aus Thinis:
für Kagemni (um 2000 vC) be- „Ich gab Nahrung dem, der in Not war. Ich war
schreibt: ein Schützer des Schwachen. Ich trat für die Wit-
„Man deutet mit dem Finger we ein, die man ihrer Habe beraubt hatte. Ich war
auf sie [die Gierigen]. Denn ein Vater für den, der keinen Vater und keine Mutter
Becher Wasser schon löscht den mehr hatte, einer, der die Geringen rettete.“
Durst, und eine Handvoll Gemü- Usermonth (um 1950 vC), der Verwalter eines
se stärkt das Herz. Ein einziges königlichen Gutes, schildert in seiner Autobio-
gutes Ding steht für alles Gute, grafie noch weitere Aufgaben:
und ein winziges Bisschen „Ich war einer, der nach den Kranken sah, der
steht für viel.“ den Toten begrub, der dem, der in Not war, etwas
Armut war generell ein gab. […] Ich war großzügig mit Futter und Nah-
Ausdruck von Mangel und rung; wem ich gab, der hatte keinen Mangel mehr.
in keiner Form etwa als Ich teilte große Fleischstücke aus an die, die
asketische Lebensform neben mir saßen. Ich war einer, der seine Sippe
erstrebenswert. Bewusst liebte, einer, der seiner Verwandtschaft nahe war.
wurde sie für einen kurzen Ich wandte das Gesicht nicht ab von einem, der
Zeitraum in Ausnahmesitu- in Knechtschaft war. Ich war ein Vater der Waise,
ationen – wie etwa im Falle einer eine Stütze für die Witwe, niemand schlief hung-
tiefen Trauer oder auch zur Heilung rig in meinem Bezirk. Ich wies niemanden zurück
Hungern- von einer Krankheit – durch entspre- an der Fähre. Ich schwärzte niemanden bei sei-
de Beduinen, chende Kleidung und Nahrungsverzicht prak- nem Vorgesetzten an, ich achtete nicht auf Ver-
Hilfsbedürftige, die tiziert. Zeugnisse über eigene Armut, die gelin- leumdungen.“
als Unfreie in Ägyp- dert wurde, sind selten. Eine Ausnahme stellt Neben der eigenen Familie wurden, der In-
ten lebten. Auch sie das Selbstzeugnis der Ahmes-Nofretere dar (um schrift zufolge, also auch Gäste und Unfreie in
musste der Pharao 1550 vC), die ihren königlichen Bruder-Gemahl seine Wohltaten eingeschlossen; sie alle bilden
versorgen. Relief- mit den Worten lobt: „Er hat mich bekleidet, als die Nächsten, denen Liebe zuteil werden kann.
szene vom Aufgang ich nichts besaß; er hat mich reich werden lassen,
zur Pyramide des als ich arm war.“
Königs Unas in Fürsorge für die Verstorbenen
Saqqara, (um 2350
© Jon Bodsworth -egyptarchive.co.uk/ Copyrighted free use
Dass sich Fürsorge selbst auf Verstorbene erstre-
vC). Louvre, Paris. Und plötzlich war man arm cken konnte, schildert nicht nur diese Autobio-
Die Ursachen für Armut waren vielfältig: In grafie, sondern auch ein kurzes Literaturwerk.
Mittellosigkeit hineingeboren zu werden, zählt In dieser Geschichte aus der zweiten Hälfte des
ebenso dazu wie in Folge einer Missernte Hab 2. Jahrtausends vC trifft ein Hohepriester des
und Gut zu verlieren. Alles durch einen üppigen Gottes Amun in Theben namens Chonsemhab
Lebensstil zu verprassen, kommt im 1. Jahrtau- bei einem Besuch in der teilweise zerstörten
send vC als weiterer Grund hinzu. Arm zu sein Nekropole, die auf dem gegenüberliegenden
jedoch ist keine Schande, und die Not hinter Nilufer angelegt worden war, auf einen Geist.
sich zu lassen und in gesellschaftlich höhere Dieser irrt durch die nutzlos gewordenen Gräber,
Stellungen aufzusteigen, wird zwar als Segen da in ihnen kein Kult mehr für die Verstorbenen
verstanden, ein sozialer Abstand bedeutet um- verrichtet wird. Er selbst ist heimatlos, da seine
gekehrt aber nicht, von Gott gestraft worden zu Grabstätte verfallen ist, er leidet Hunger und

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welt und umwelt der bibel 2/2018
Nächstenliebe in Ägypten

Die Armen brauchen Getreide. Holzmodell eines


Getreidespeichers: Männer tragen Säcke und leeren sie aus.
Um 2200 vC, Oriental Institute, Chicago.

Fürsorge war im alten Ägypten zuallererst die vorausschau-


ende Sorge, dass alle genug von der Ernte bekommen und
sich Getreide leisten können. Getreide als Grundnahrungs-
mittel war lebenswichtig. So sagt der Amunpriester namens
Djed-Chons-iuf-anch auf seiner Grabstele von sich:

„Ich war besorgt, den Thebanern Saatgutdarlehen zu geben,


und ich erhielt die Armen meiner Stadt am Leben ...
Ich war nicht zornig gegen einen,
der nicht zurückzahlen konnte.
Ich bedrängte ihn auch nicht,
ihm seine Habe wegzunehmen.
Ebenso ließ ich nicht zu,
dass er seine Güter einem anderen verschrieb,
um seine Schuld, die er aufgenommen hatte, zu tilgen ...“

Durst, da ihm keine Opfergaben gebracht wer-


den, und er kann die Strahlen der Sonne nicht „Ich gab Nahrung dem, der in Not war. Ich war
sehen, da ihm die Mitfahrt auf der Sonnenbar-
ke des Re aufgrund seines Mangels verwehrt ist. ein Schützer des Schwachen. Ich trat für die
Chonsemhab fragt den Geist nach seinem Bedarf Witwe ein, die man ihrer Habe beraubt hatte“
und lässt in der Folge die verfallene Ruhestätte
wieder herrichten und durch Diener einen regel- (Grabstele des Onurismose, um 1220 vC)
mäßigen Totenkult besorgen.
Man wird in der Interpretation der bisher vor-
gestellten Texte nicht fehlgehen, versteht man Verstärkt werden konnte gottgefälliges Verhal-
sie als Handlungsanweisungen, mit denen auf ten durch das Aufsagen des sogenannten negati-
unmittelbare Notsituationen reagiert wird, mit ven Sündenbekenntnisses:
denen aber die Ursachen für Not und Elend „Ich habe kein Unrecht gegen Menschen be-
nicht bekämpft werden. gangen. … Ich habe nicht Böses getan … Ich habe
Weitschauend dagegen war der hohe Beamte mich nicht an einem Armen vergriffen ...“
Mentuhotep (um 1950 vC), der gar nicht erst eine Was motiviert die Menschen zur Wohltätig-
Katastrophe zuließ: keit im alten Ägypten? Es gab unterschiedliche
„Als im Jahre 52 ein niedriger Nil war, ließ ich Triebfedern, Nächstenliebe zu praktizieren: Da
meinen Gau nicht hungern. Ich gab ihm Getreide, waren der Lohngedanke (Belohnung durch ge-
Weizen und Spelt und ließ keine Hungersnot ent- sellschaftliche Achtung im Diesseits und durch
© Ineni3000 CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia

stehen, bis wieder hohe Nilstände kamen.“ die Götter, auch nach dem Tod) wie der prakti-
Der Mildtätigkeit von Amts wegen stehen die sche Nutzen für das gemeinschaftliche Leben,
Bekenntnisse zum rechten Verhalten vor dem der Umstand, dass Geben und Barmherzigkeit
Jenseitsgericht zur Seite, dem sich alle Men- als glückssteigernd erfahren wurden, aber auch
schen zu stellen hatten. Ihre verbindliche Aus- einfach Gehorsam, Liebe und Dankbarkeit ge-
sage, die Teil des 125. Kapitels des sogenannten genüber Gott. Als fester Bestandteil des Toten-
Totenbuches ist, lautete: gerichts, um den Weg in ein paradiesähnliches
„Ich gab Brot dem Hungrigen, Wasser dem Jenseits beschreiten zu können, waren alle
Dürstenden, Kleider dem Nackten und ein Fähr- Menschen der Pharaonenzeit (wenigstens in der
boot dem Schifflosen.“ Theorie) daran gebunden, gerecht und fürsorg-

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Bibel und Ägypten: Erstaunliche Ähnlichkeiten?

B ereiten die ägyptischen Normen und Vorstellungen mit den Boden für das Nächstenliebegebot in Lev 19 und in der Bergpre-
digt vor? Zögerlich ab ca. 600/500 vC, sicherlich ab etwa 250 vC, geht man von einem Austausch weisheitlichen Gedanken-
guts im östlichen Mittelmeerraum aus, dessen Wurzeln zeitlich weit in die Vergangenheit reichen können. Diese Weisheitslehren
kommen zum Teil wörtlich in mehreren Kulturen vor, wenn auch eingebettet in unterschiedliche religiöse Denkwelten und daher
mit unterschiedlichen Begründungen. Die biblischen Texte entstehen in diesem Raum und daher finden sich – kaum verwunderlich
– Ähnlichkeiten. Ob es direkte Abhängigkeiten gibt oder ob sich „Weisheiten“ und ethische Vorstellungen unabhängig voneinander
entwickeln, ist aber oftmals nicht zu klären. Die renommierte Ägyptologin Emma Brunner-Traut (1911–2008) jedenfalls war vom
tief greifenden Einfluss der altägyptischen Weisheitslehren auf den Mittelmeerraum überzeugt und postulierte: „Und auch Jesus hat
noch von ihnen gezehrt.“
Die Lehre des Amenemope (vermutlich 12. Jh. vC) ähnelt in großen Teilen wörtlich dem biblischen Buch der Sprüche
22,17–23,11 – diese Lehre war in diesem Fall eine direkte Quelle für den biblischen Schreiber. Interessant ist aber auch – natür-
lich unter Berücksichtigung der unterschiedlichen theologischen Systeme – eine Gegenüberstellung mit Levitikus 19:

Ähnlichkeiten in der Lehre des Amenemope ... ... und im Heiligkeitsgesetz in Levitikus 19
20. Kapitel: Rechtssicherheit vor Gericht ➤ Lev 19,15:
„Mindere nicht einen Menschen vor Gericht, „Ihr sollt beim Rechtsentscheid kein Unrecht
und schiebe nicht den, der im Recht ist, beiseite. begehen. Du sollst weder für einen Geringen
Neige dich nicht einem Gutgekleideten zu, noch für einen Großen Partei nehmen; gerecht
doch bevorzuge auch nicht den, der in Lumpen geht. sollst du deinen Mitbürger richten.“
Nimm keine Bestechung von einem Mächtigen an,
und benachteilige seinetwegen nicht einen Schwachen.“
25. Kapitel: Blinde, Taube und Krüppel respektieren ➤ Lev 19,14:
„Verlache nicht einen Blinden und verhöhne nicht einen Krüppel. „Du sollst einen Tauben nicht verfluchen und
Erschwere nicht das Los eines Lahmen. einem Blinden kein Hindernis in den Weg stel-
Verspotte nicht einen Mann, der in der Hand Gottes ist len; vielmehr sollst du deinen Gott fürchten. Ich
[= einen Geisteskranken], bin der Herr.“
und sei nicht aufgebracht gegen ihn, wenn er sich vergangen hat.“
26. Kapitel: Ältere achten und ihnen helfen ➤ Lev 19,3.32:
„Gib einem Alten deine Hand, „Jeder von euch soll Mutter und Vater fürchten
wenn er vom Bier trunken ist, und auf meine Sabbate achten. ... Du sollst vor
und ehre ihn wie seine Kinder es tun. grauem Haar aufstehen, das Ansehen eines
Ein starker Arm wird nicht geschwächt durch Entblößen. Greises ehren und deinen Gott fürchten.“
Und ein Rücken nicht gebrochen, wenn man ihn beugt.“

Genug Gutes getan? Das Herz in einer Kanope (auf


der Waage links) wird gegen eine Feder (das Symbol der
Weisheit, des anständigen Verhaltens, rechts) aufgewogen.
Das Zünglein an der Waage zeigt, ob Verfehlungen vorlie-
gen – wenn ja, dann wird der Verstorbene vom Unterwelt-
monster verschlungen ... Ein Totenbuch überliefert einen
Vers, der an die biblischen Werke der Barmherzigkeit (Mt
25,35ff) erinnert; ein Verstorbener musste ihn vor dem
Richter Osiris sprechen, um sich zu rechtfertigen:

„Brot gab ich dem Hungrigen,


Wasser dem Dürstenden,
Kleider dem Nackten,
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ein Fährboot dem Schifflosen.“

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lich zu handeln. Diese Intention ist sehr
eng mit dem altägyptischen religiösen Bild
Weitere Ähnlichkeiten: des Jenseits, dem täglichen Sonnenlauf –
verkörpert durch den Gott Re –, und dem
• Die verantwortliche Haltung eines Menschen Wiederauf­erstehungsgedanken durch den Lesetipps
in Leitung: „Wenn du ein Mann in leitender Totengott Osiris verbunden. • Walter Beyerlin (Hg.),
Stellung bist, der die Lebensverhältnisse von Religionsgeschichtliches
vielen zu regeln hat, dann bemühe dich stets um Textbuch zum Alten Testa-
Hängen die ägyptische und die bibli- ment, Göttingen 21985.
fürsorgliche Handlung, bis dein Verhalten frei sche Nächstenliebe zusammen?
von Unrecht ist“ (Maxime des Ptahhotep, um
Eine direkte Übernahme der pharaonischen • Hellmut Brunner,
2700 vC). Ähnlich formuliert Sir 7,20f; 34,23-27:
Vorstellungswelten des 3. und 2. Jahrtau- Altägyptische Weisheit.
„Kärgliches Brot ist das Leben der Armen, wer
sends vC in andere Glaubenskonzepte ist Lehren für das Leben,
es ihnen raubt, ist ein Blutsauger. Den Nächsten
weitestgehend auszuschließen. Doch deu- Zürich/München 1988.
mordet, wer ihm den Unterhalt wegnimmt, und
tete sich ein Wandel im 1. Jahrtausend vC
Blut vergießt, wer einem Lohnarbeiter den Lohn
an, nachdem Ägypten aus seiner kulturellen • Emma Brunner-Traut,
raubt.“ Isolation herausgerissen wurde. Mehrfache Wohltätigkeit und Armen-
Eroberungen des Landes, die von Libyen, fürsorge im Alten Ägypten,
• Ägyptische Weisheit rät, Fremde und sogar Nubien, dem Zweistromland (Assyrien und in: Gerhard K. Schäfer/
Feinde einzuladen und zu sättigen: Persien) und schließlich von Makedonien Theodor Strohm (Hg.),
„Ich war freundlich zu Fremden wie zu Freunden ausgingen, bedingten über Jahrhunderte Diakonie – biblische Grund-
[...] ich empfing die, deren Herz unterwegs müde hinweg eine Wechselwirkung des altägypti- lagen und Orientierungen.
geworden war, und die Tore standen offen für schen Ethos mit der Lebenshaltung seiner Ein Arbeitsbuch zur theolo-
die, welche von draußen kamen [...]“ (Grab- Eroberer und der anderer, von ihnen unter- gischen Verständigung über
inschrift des Petosiris). Und: „Man soll auch worfenen Völker. Die ägyptischen Maximen den diakonischen Auftrag,
dem Feinde Essen geben und Speisen dem, der lösten sich von ihrer Einbindung in den Heidelberg 31998, 23–43.
uneingeladen kommt“ (Papyrus Insinger). hauptsächlich praktisch landwirtschaft-
Gastfreundschaft ist in der Bibel eine Selbst- lichen Kontext ab, in dem sie entstanden
verständlichkeit, z. B. Abraham und die drei waren, und fanden in den Lehren des Anch-
Männer; Est 8,12, wo der feindliche Haman Scheschonki oder des Papyrus Insinger zu-
gastlich aufgenommen wird; Röm 12,13 oder Lk nehmend engere Parallelen mit biblischen
10,38: Martha nimmt Jesus gastlich auf. Aussagen:
„Diene deinem Gott, damit er dich behü-
• In der Schöpfung sind alle Nächste te. Diene deinen Brüdern, auf dass du einen
Gott hat die Nilüberschwemmung geschaffen, guten Ruf habest. … Diene jedem Menschen,
auf dass du nützlich seist. Diene deinem Va-
„damit der Arme so gut wie der Reiche darüber
ter und deiner Mutter, auf dass du Erfolg ha-
verfüge“, und er hat „jedermann geschaffen
best“ (vgl. Mt 10,4; Phil 4,8; Ex 20,12).
wie seinen Nächsten und hat verboten, Böses
Die Kontakte zwischen Juda und Ägyp-
zu tun“ (Vier Wohltaten des Schöpfers, Anfang
ten hatten sich erstmals durch die mili-
2. Jahrtausend vC) – Gedankengut, das den
tärischen Auseinandersetzungen Pharao
Schöpfungs- und Urgeschichten in Gen 1–11 äh- Nechos II. (610–595 vC) mit den Königen
nelt oder Jer 2,21ff und 5,23ff: Hier stört das Volk des Südreichs Joschija, Joahas und Joja-
diese Schöpfungsordung, sodass das Land zur kim (vgl. Kön 2,29ff; 2 Chr 35,22ff; Jer 46,2)
Wüste wird: „Eure Frevel haben diese Ordnung intensiviert, wodurch auch ein engerer
gestört, eure Sünden haben das Gute von euch kultureller Kontakt möglich geworden sein
ferngehalten. ... [Die Frevler] lauern, gebückt wie könnte, der seinen Niederschlag einerseits
Vogelsteller, Fallen stellen sie auf, Menschen wol- in Teilen der Bibel, andererseits in den Orell Witthuhn, M. A.
len sie fangen. Wie ein Korb mit Vögeln gefüllt Weisheitstexten der Ägypter hätte finden Ägyptologe am Seminar für
ist, so sind ihre Häuser voll Betrug; dadurch sind können. Sicher belegt existierte ein en- Ägyptologie und Koptologie
sie mächtig und reich geworden, fett, feist. ... Das ger, etwa 350 Jahre andauernder Kontakt der Universtität Göttingen.
Schwerpunkte seines
Recht pflegen sie nicht, dem Recht der Waisen zwischen Bibel und ägyptischer Weisheit
Forschungsinteresses liegen
verhalfen sie nicht zum Erfolg und die Sache der nach 250 vC, als in Alexandria das helle-
auf den religiösen Texten
Armen entscheiden sie nicht.“ nistische Judentum die Septuaginta aus der alten Ägypter und auf
dem Hebräischen in die griechische Spra- der Landesgeschichte des
(Ägypt. Zitate nach Emma Brunner-Traut, Wohltätigkeit
und Armenfürsorge im Alten Ägypten, 1998) che übertrug. W 1. Jahrtausends vC.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 31
Was ist christlich am Nächstenliebegebot?

Das wichtigste Gebot


Jesus und die Evangelisten standen in einer langen Geschichte mit dem jüdischen Liebesge-
bot. Hat Jesus etwas Neues gebracht? Ein Blick in die jüdische Denkwelt und die lebendigen
Diskussionen seiner Zeit. Von Lutz Doering

D
as Liebesgebot gilt häufig als typisch • Ferner wird Nächstenliebe in der Bergpre-
christlich; dass Jesus Nächstenliebe ver- digt bei Matthäus und der Feldrede bei Lukas
kündet hat, gehört zum Kernwissen über zum Gebot der Feindesliebe gesteigert (Mt 5,43-
das Christentum. Bei näherem Hinsehen ist der 48; Lk 6,27-35; s. u.). Bei Lukas ist hier die posi-
Befund jedoch komplexer: tive Fassung der Goldenen Regel eingeschlossen
• Zum einen findet sich das Gebot der Nächs- (Lk 6,31: „Was ihr von anderen erwartet, das tut
tenliebe bereits in der Tora (Lev 19,18b), gehört ebenso auch ihnen“), die in der matthäischen
also zum Grundbestand jüdischer Lehre und ist Bergpredigt an späterer Stelle folgt (Mt 7,12). Die
somit keine christliche Neuerung. Goldene Regel ist an sich kein Nächstenliebe-
• Zum andern kommt es im Neuen Testament Gebot, sondern eine breit in jüdischer wie nicht-
zwar häufig vor, jedoch in durchaus verschiede- jüdischer Literatur belegte sozialethische Maxi-
nen Bezügen. Außer in der synoptischen Jesus- me. Sie wird aber in manchen jüdischen Texten
tradition, worauf sich dieser Beitrag konzent- auf das Liebesgebot bezogen (so ist sie Teil der
riert, begegnet es bei Paulus, bei Johannes und Übersetzung von Lev 19,18.34 im aramäischen
im 1. Johannesbrief, im 1. Petrusbrief sowie im Targum Pseudo-Jonathan). Nach Mt 7,12 gilt die
Jakobusbrief. In den Briefen geht es auffällig oft Goldene Regel als Summe von „Gesetz und Pro- Synoptische
um die Liebe innerhalb der Gemeinde. pheten“. Jesustradition
Als synoptische („ne-
• Zur Komplexität gehört zum dritten, dass die
beneinandergestellte“)
synoptischen Evangelien nicht nur und nicht
Das Doppelgebot der Liebe sorgt für Dis- Evangelien bezeichnet
einfach vom Gebot der Nächstenliebe sprechen,
kussionen man das Markus-, das
sondern dieses mit dem Gebot der Gottesliebe Matthäus- und das Lukas­
(Dtn 6,5) zum Doppelgebot der Liebe verbinden, Betrachten wir zunächst die Texte zum Dop- evangelium. Zahlreiche
als Antwort auf die Frage eines Gesetzeslehrers pelgebot. Nach Mk 12,28-34 tritt ein jüdischer Passagen überliefern diese
nach dem „wichtigsten“ (Einheitsübersetzung) Schriftgelehrter an Jesus heran und fragt ihn drei Evangelien überein-
oder „höchsten“ (Lutherübersetzung) Gebot (Mt nach dem „ersten“ Gebot. Jesus antwortet mit stimmend, wenn auch je in
22,34-40; Mk 12,28-34) oder danach, was man dem Doppelgebot der Gottes- und der Nächsten- eigener Bearbeitung.
tun muss, um ewiges Leben zu gewinnen (Lk liebe:
10,25-28). Ein ausdrückliches Nächstenliebe- „Das erste ist: ,Höre, Israel, der Herr, unser
Gebot findet sich nur noch in Mt 19,18f in Jesu Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Targum
Antwort an den reichen Jüngling, der ebenfalls Jüdische Übersetzungen
Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen
hebräischer Bibeltexte
wissen will, was er Gutes tun muss, um das ewi- und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und
ins Aramäische. Manche
ge Leben zu gewinnen. all deiner Kraft‘ (Dtn 6,4f). Als zweites kommt
dieser Übersetzungen sind
• Allerdings lässt sich auch Jesu Wirken im hinzu: ,Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich erzählerisch recht frei
Ganzen, vor allem seine Hinwendung zu „Zöll- selbst‘ (Lev 19,18b). Kein anderes Gebot ist größer oder kommentieren und
nern und Sündern“ sowie zu anderen Deklas- als diese beiden.“ deuten die Bibel. Targu-
sierten, als zentral von seiner Liebe zum Nächs- Der Schriftgelehrte antwortet zustimmend, mim wurden von ca.
ten geprägt begreifen. dass Gott und den Nächsten zu lieben mehr sei 200 vC bis 800 nC erstellt.

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Über dem Portal des
armenischen Klosters
Hovhannavank ist das
Gleichnis vom Endgericht
© Robert S. Witt, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia

nach Mt 25 dargestellt.
Christus agiert als Wel-
tenrichter. Die alltägliche
Mitmenschlichkeit – Hun-
gernde, Dürstende, Nack-
te, Kranke oder Trauernde
versorgen –, entscheidet
über Gemeinschaft mit
oder Trennung von Gott.
Daran sollen sich die
Kirchenbesucher seit dem
13. Jh. stets erinnern.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 33
Die „Herberge des guten Samariters“ um 1890 (links, Kirche aus dieser Zeit nachweisen. Heute ist im alten Gemäuer
Aufnahme der Raststätte Khan al Hatruri aus osmanischer ein Museum eingerichtet, in dessen Zentrum sich die über-
Zeit) und heute (rechts). Spätestens seit dem 6. Jh. wird hier, dachte Kirchenruine aus dem 6. Jh. befindet. Jesus referiert
auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho, jener Ort verehrt, zu im Lukasevangelium eine rein fiktive Lehrerzählung – „ein
dem der Barmherzige Samariter den Schwerverletzten gebracht Mann ging von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räu-
und den Wirt für dessen Pflege bezahlt haben soll. Archäologi- ber ...“. Für die Pilger wurde die Begebenheit aber offensicht-
sche Ausgrabungen konnten eine Anlage mit einer geräumigen lich handfest historisch und damit lokalisierbar!

„als alle Brandopfer und anderen Op- unfreundlich gezeichneter „Gesetzes- Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und
fer“, worauf Jesus erkennt, „dass er mit lehrer“, der Jesus befragt, einer der sich Treue“).
Verständnis geantwortet“ hat, und ihm versammelnden Pharisäer, von denen Fazit: Es zeigt sich, dass das Doppel-
bescheinigt, „nicht fern vom Reich Got- wir seit Mt 22,15 wissen, dass sie Je- gebot der Liebe recht bald in den Kon-
tes“ zu sein. In Lk 10,25-28, wo ein Geset- sus „mit einer Frage eine Falle stellen“ troversen zwischen christusgläubigen
zeslehrer Jesus fragt, was er tun müsse, wollen. Worin besteht die „Probe“ oder und anderen Juden eine Rolle spielte,
um das ewige Leben zu gewinnen, ant- „Falle“? Wohl darin, Jesus in eine Zwick- ohne dass wir hier bereits von einer kla-

© public domain, Félix Bonfils - National Photo Collection of Israel; Bukvoed, CC BY 3.0 commons.wikimedia
wortet der Gesetzeslehrer selber – von mühle zu bringen: Hatte er sich nicht ren Trennung von „Christen“ und „Ju-
Jesus zurückgefragt, was im Gesetz ge- mit seinen Stellungnahmen etwa zum den“ sprechen können.
schrieben ist – mit dem Doppelgebot Essen mit Zöllnern und Sündern (Mt
der Gottes- und der Nächstenliebe. Je- 9,10-13; Lk 5,29-32) sowie zum Schab-
sus bestätigt ihm, „richtig geantwortet“ bat (Mt 12,1-13; Lk 6,1-10) sehr weit auf Gottes- und Nächstenliebe als
zu haben; doch als der Gesetzeslehrer die Seite des „Nächsten“ geschlagen, wichtigstes Gebot – eine christli-
„seine Frage rechtfertigen“ will: „Und sodass man an seiner Liebe zu Gott und che Idee?
wer ist mein Nächster?“, antwortet Jesus dessen Gesetz zweifeln konnte? Doch Je- Doch wie verhält sich das Doppelgebot,
mit der Beispielerzählung vom Barm- sus unterläuft die Probe, indem er nach dessen einzelne Bestandteile in der Tora
herzigen Samaritaner (Lk 10,29-37). In Matthäus selbst mit dem Doppelgebot wurzeln, zum Befund antiker jüdischer
beiden Evangelien wird das Doppelge- der Gottes- und der Nächstenliebe ant- Texte? Hier ist zunächst festzustellen,
bot der Gottes- und der Nächstenlie- wortet: Ersteres ist „das wichtigste und dass es zwar Ansätze eines Doppelge-
be nicht exklusiv als „Erfindung“ Jesu erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zwei- bots gibt, aber weder in der Hebräischen
oder seiner Jünger reklamiert. Es wird te“ (Mt 22,38-39a). Und er ergänzt: „An Bibel noch in der weiteren Literatur des
vielmehr vorausgesetzt, dass jüdische diesen beiden Geboten hängt das ganze antiken Judentums eine derartige Ver-
Gesprächspartner diese Formulierung Gesetz samt den Propheten“ (22,40). bindung von Dtn 6,4f mit Lev 19,18b als
mitvollziehen oder sogar selbstständig Nach Matthäus ist diese Gesetzes-Zu- Ausdruck des wichtigsten Gebots. Die
bilden können. sammenfassung spezifisch für Jesus und größte Nähe bieten Texte des griechisch-
Merkwürdig ist allerdings, dass es bei seine Jünger; sie wird von den Pharisä- sprachigen Judentums, die Ansätze zu
Lukas heißt, der Gesetzeslehrer wollte ern nicht mitgesprochen. Diesen wird einer Doppelstruktur zeigen. So nennt
Jesus mit seiner Frage „auf die Probe vielmehr vorgeworfen, sie vernachläs- Philon von Alexandrien (1. Jh. nC) für
stellen“ (Lk 10,25). Dieser Aspekt findet sigten die Nächstenliebe (Mt 23,23: „ihr das jüdische Tora-Studium am Siebten
sich auch bei Matthäus. Hier ist es ein … lasst das Wichtigste im Gesetz außer Tag (dem Schabbat) „zwei Hauptstücke“,

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das wichtigste gebot

die „sozusagen hoch über den zahllosen einzel-


nen Gesetzen und Lehren stehen: zum einen die
Pflicht gegenüber Gott durch Frömmigkeit und Hatte sich Jesus nicht mit seinen Stellungnahmen sehr
Heiligkeit, zum anderen die Pflicht gegenüber
Menschen durch Menschenliebe und Gerechtig-
weit auf die Seite des „Nächsten“ geschlagen, sodass
keit“ (Über die Einzelgesetze 2,63). man an seiner Liebe zu Gott zweifeln konnte?
Auch wenn Philon hier nicht „Gott lieben“
und „den Nächsten lieben“ nennt, hierarchisiert
er doch die Gebote und teilt sie in zwei Gruppen
auf – gegenüber Gott und den Menschen. Das fach als Gebot der Bruderliebe aufgenommen,
Begriffspaar „Frömmigkeit“ (gegenüber Gott) oft durch Erzväter oder -mütter erteilt (z. B. Jub
und „Gerechtigkeit“ (gegenüber den Menschen) 7,20; 20,2; 35,20; 36,4.7f; 37,4; 46,1).
reflektiert dabei den hellenistischen „Kanon der In der Damaskusschrift (um 100 vC, bezeugt
zwei Tugenden“ und ist in ähnlicher Weise in unter den Qumrantexten), die eine jüdische
weiteren hellenistisch-jüdischen Schriften sowie Sondergemeinde im Blick hat, wird den Mitglie- Der Kanon der zwei
Tugenden
im Neuen Testament (z. B. Lk 1,75) zu finden. dern neben der rechten Unterscheidung von un-
war in der griechischen
Nächstenliebe spielt ferner eine markante rein und rein, von heilig und profan sowie dem
Kultur als Richtlinie für das
Rolle in den Testamenten der Zwölf Patriarchen. korrekten Halten von Schabbat und Festen auch Leben bekannt: Fröm-
Fiktiv formulieren hier die 12 Söhne des Erzva- aufgetragen, „jeder seinen Bruder zu lieben wie migkeit gegenüber den
ters Jakob ihre geistigen Vermächtnisse. Die sich selbst, des Elenden und des Armen und des Göttern und Gerechtigkeit
Testamente sind in vorliegender Form (3. Jh.) Fremdlings sich anzunehmen und ein jeder zu su- gegenüber den Menschen.
eine christliche Schrift, die auf einen jüdischen chen die Wohlfahrt seines Bruders“ (CD 6,17–7,1). Auch die frühen Christen
Grundbestand zurückgeht, sodass eine gewisse Nach der Gemeinschaftsregel aus Qumran (ab waren damit vertraut.
Unsicherheit bleibt, ob sie vom Neuen Testa- dem späten 2. Jh. vC) soll man „Gott suchen mit
ment unbeeinflusst ist. Die Adressaten der Lie- ganzem Herzen und mit [ganzer Seele]“, „alles
be changieren hier zwischen den „Brüdern“ der lieben, was er erwählt hat“ und „alle Söhne des Samaritaner
Erzählsituation und den Menschen im Allgemei- Lichts lieben“ (1QS 1,1–4.9). Die Wege der israelitischen
nen. An zwei Stellen finden sich Doppelgebote Religionsgemeinschaft der
der Gottes- und Nächstenliebe, allerdings ohne Samaritaner trennten sich
Zitation des Tora-Texts und ebenso wenig als Die Rabbinen betonen eher die – nach längerer Zeit der
„wichtigstes Gebot“: Im Testament Issachars 5,2 goldene Regel Entfremdung – endgültig
im 2. Jh. vC von denen des
heißt es: „Liebt den Herrn und den Nächsten; er- Auch in der rabbinischen Literatur, die zwar jün-
Judentums. Die Samari-
barmt euch des Armen und des Kranken“, und im ger ist als die Evangelien, aber Traditionen auf-
taner halten den Berg Gari-
Testament Dans 5,3: „Liebt den Herrn euer gan- nimmt, findet sich keine genaue Entsprechung zim für den Ort, den JHWH
zes Leben lang und einer den andern mit wahr- zum Doppelgebot der Liebe als „wichtigstem für das Opfer ersehen hat
haftigem Herzen.“ Gebot“. Allerdings begegnen uns an mehreren (noch heute schlachten
Einschlägig ist auch Issachars Rückblick auf Stellen Worte, die einzelne Aussagen der Tora sie dort ihre Pesach-
sein frommes Leben im Testament Issachars 7,6: gewichten. So lesen wir im Midrasch Sifra, ei- Lämmer) und erkennen
„Den Herrn liebte ich mit all meiner Kraft; ebenso nem Levitikus-Kommentar (ca. 4. Jh.): „,Und als ihre heilige Schrift nur
liebte ich auch jeden Menschen wie meine Kinder.“ liebe deinen Nächsten, dir gleich‘ (Lev 19,18b). R. eine spezielle Form der
In jedem Fall ist hier die Gottes- und Nächs- Aqiva sagt: Dies ist eine große Regel in der Tora. Tora an (samaritanischer
tenliebe als kennzeichnend für eine am Gesetz Ben Azzai sagt: ,Dies ist das Buch von Adams Ge- Pentateuch). Zur Zeit Jesu
werden sie als Abtrünnige
orientierte Frömmigkeit benannt. schlecht. (Als Gott den Menschen schuf, machte
verachtet.
Breit bezeugt im antiken Judentum sind da- er ihn nach dem Bilde Gottes)‘ (Gen 5,1). Dies ist
gegen je einzeln die Bestandteile des Doppel- eine noch größere Regel“ (Sifra qedoschim pereq
gebots: Gottesliebe und Nächstenliebe. Das 4,12 [89b Weiss]).
Bekenntnis Schema Jisrael – „Höre Israel, der Rabbi Aqiva und Ben Azzai disputieren also, Philon von Alexandrien
Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig“ (Dtn ob das Nächstenliebegebot oder die Gotteben- (15/10 vC – nach 40 nC)
Bedeutender jüdischer
6,4) – wurde morgens und abends gesagt und bildlichkeit die „größere“ Regel darstellt. Inwie-
Philosoph, Bibelausleger
gehört zum Textbestand der meisten erhalte- fern ergibt sich nun aus Gen 5,1 – genauer: aus
und Theologe, der in
nen Exemplare antiker Tefillin (Gebetsriemen). der Aussage über die Gottebenbildlichkeit – eine
der griechischen Kultur
Hellenistisch-jüdische Texte betonen die Gottes- „größere“ Regel als aus Lev 19,18b? Jemanden zu Alexandrias wirkte, doch
verehrung in Anlehnung an das erste Dekalog- lieben „wie dich selbst“ oder – nach dem alter- in seinen späten Jahren
Gebot (z. B. Pseudo-Phokylides 8; Philon, Über nativen Verständnis, das vor allem Martin Buber als Leiter einer jüdischen
den Dekalog 65). Das Gebot der Nächstenliebe ist vertreten hat – weil „er wie du“ ist, birgt eine Gesandtschaft auch Rom
z. B. im Buch der Jubiläen (Mitte 2. Jh. vC) mehr- gewisse Gefahr: Es könnte eventuell bedeuten, besuchte.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 35
das wichtigste gebot

erfahrene Negativität an den Nächsten weiter- gesprochen selten ist. Es findet sich nur in der
zugeben (weil ich verachtet wurde, verachte ich Didache (Did 1,2), im Dialog Justins mit Tryphon
dich auch); demgegenüber ist nach Ben Azzai (Dial 93,2) und sehr knapp im Polykarpbrief (Pol
der Maßstab gemeinsamer Gottebenbildlichkeit 3,3). Manche sehen in dieser doppelten Diffe-
höher einzuschätzen. Allerdings haben beide renz gegenüber jüdischen und frühchristlichen
„Regeln“ einen begrenzten Bezugsrahmen; sie Texten einen Hinweis darauf, dass das Doppel-
sind weder „wichtigstes Gebot“ noch Zusam- gebot historisch auf Jesus zurückgeführt werden
menfassung der Tora. Als eine solche Zusam- muss; andere nehmen vor allem wegen der Nähe
menfassung wird dagegen die Goldene Regel in zu griechischsprachigen jüdischen Texten an,
zwei rabbinischen Texten präsentiert. Der be- dass es von der hellenistisch geprägten (juden-)
kanntere ist Bavli Schabbat 31a: christlichen Gemeinde formuliert worden ist.
Eine Entscheidung zwischen diesen Alternati-
ven ist schwierig.
Früher hat man das Liebesgebot häufig im Deutlich ist jedoch, dass das doppelte Liebes-
gebot sachlich auf der Linie des Wirkens Jesu
Rahmen der These verstanden, Jesus habe liegt. Früher hat man das Liebesgebot häufig im
die Tora kritisiert oder in Teilen aufgehoben Rahmen der These verstanden, Jesus habe die
Tora kritisiert oder in Teilen aufgehoben. Neu-
eren Forschungen zufolge hat jedoch Jesus die
Ein Nichtjude bat Schammai, ihn zum Prose- Tora nicht „kritisiert“, sondern sie im Horizont
lyten zu machen unter der Bedingung, die gan- der von ihm verkündeten Gottesherrschaft inter-
ze Tora gelehrt zu bekommen, während er auf pretiert und in diesem Sinn „erfüllt“ (vgl. Mt 5,17-
Hillel und Schammai einem Fuß stehe. Als Schammai ihn unwirsch 20). Der Hinwendung zum Mitmenschen kommt
Beide sind pharisäische fortstieß, „kam er zu Hillel, und dieser machte dabei eine wichtige orientierende Funktion zu.
Schriftlehrer und Vorläufer ihn zum Proselyten und sprach zu ihm: Was dir Auch frühchristliche Gemeinden mit starker jü-
der Rabbinen in der Zeit verhasst ist, das tu deinem Nächsten nicht. Das discher Prägung hielten weiterhin an der von
um die Zeitenwende, die ist die ganze Tora, das andere aber ist Auslegung; Jesus interpretierten Tora fest. Wenn nach Mat-
ihre Auslegungen in Misch- geh, lerne.“ thäus Gesetz und Propheten „an diesen beiden
na und Talmud gesam- In Avot de-Rabbi Natan B 26 ist Ähnliches R. Geboten hängen“ oder in der Goldenen Regel
melt haben. Der strenge Aqiva zugeschrieben, wobei dort nicht von ei- Gesetz und Propheten „bestehen“, bedeutet das
Schammai soll Kollege nem Proselyten die Rede ist, sondern von „einem ebenso wenig wie bei Hillel eine inhaltliche Re-
des großherzigen Hillel
Eselstreiber“, der zu ihm kam. Aqiva antwortet duktion der Tora auf diese Maximen. Erfüllung
gewesen sein. Schammais
hier: „ … dies ist die Regel der Tora: Was du für des Gesetzes durch Gottes- und Nächstenliebe
enge Toraauslegung wird
in den rabbinischen Texten
dich selbst hasst, das tu auch deinem Nächsten bedeutet hier vielmehr: die Tora mit den Augen
häufig als Gegenmeinung nicht.“ Man kann fragen, inwiefern die Goldene der Liebe interpretieren – und halten. So ist es
zu Hillel zitiert. Hillel steht Regel, zumal in ihrer negativen Fassung, wirk- nach Mt 24,20 wahrscheinlich, dass in der Ge-
dagegen für die Betonung lich die ganze Tora zusammenfasst. Allerdings meinde, die Matthäus im Blick hat, der Schabbat
der Nächstenliebe und müsste man eine ähnliche Frage dann auch an noch gehalten wurde.
Gewaltlosigkeit. Mt 7,12 richten. Hillel belässt es nicht dabei, son- Durch den Übergang der christlichen Gemein-
Nach rabbinischer Sicht dern schickt den Proselyten zum Studium auch den in ein vorwiegend nichtjüdisches Milieu ha-
(so in Mischna Avot) sind der „Auslegung“, also doch der ganzen Tora. ben sich jedoch weitreichende Veränderungen
sie das letzte der „Paare“, ergeben: Nichtjuden stehen nicht unter dem
die angeblich den Sanhed-
Anspruch der ganzen Tora, und so wird in den
rin leiteten. Hat Jesus selbst das Doppelgebot als Briefen des „Heidenapostels“ Paulus die Nächs-
wichtigstes Gebot bezeichnet? tenliebe – er begründet sie in der Selbsthin­gabe
Ungeachtet der Anknüpfung an einzelne jüdi- Christi (vgl. Gal 2,20) – zur Erfüllung dessen,
sche Traditionen und „Vorarbeiten“ ergibt sich was das jüdische Gesetz fordert.
daher, dass die Zusammenstellung zum Doppel-
gebot der Liebe als „wichtigstem Gebot“ nach
gegenwärtigem Kenntnisstand spezifisch für die Wer ist im Neuen Testament der oder die
Jesustradition ist. Auffällig ist aber auch, dass Nächste?
das Doppelgebot, im Unterschied zum einfa- Wer aber ist der „Nächste“? Zur Zeit Jesu wurde
chen Nächstenliebe-Gebot, im Neuen Testament die Frage im Judentum lebendig und kontrovers
neben der genannten Perikope bei Markus, diskutiert – und es gab verschiedene Positionen.
Matthäus und Lukas nicht weiter erwähnt wird In antiken jüdischen Texten ist der Nächste häufig
und auch sonst in frühchristlicher Literatur aus- der Volksgenosse. So heißt es im Midrasch Sifra:

36 welt und umwelt der bibel 2/2018


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das wichtigste gebot

„Wie über Israel gesagt ist: ,Und du sollst dei- dene Regel in jüdischen Texten beschränkt den
nen Nächsten lieben, dir gleich‘, so ist über die Nächsten nicht auf Juden. Schließlich konnten
Fremden gesagt: ,Und du sollst ihn lieben, dir wir eine Öffnung hin zum Menschen im Allge-
gleich‘ (Lev 19,34)“ (Sifra qedoschim pereq 8,4 meinen insbesondere in einigen griechischspra-
[91a Weiss]). chigen Texten (Philon, Testamente der Zwölf Pa-
Zwar ist also der „Fremde“ auch zu lieben, triarchen) beobachten.
doch ist er hier im Begriff des „Nächsten“ nicht Im Gegenteil dazu scheint in Qumrantexten
eingeschlossen; ferner wird der Fremde, wie die Nächstenliebe auf das Gruppenmitglied
der unmittelbar vorangehende Kontext verdeut- (nach der Damaskusschrift: einschließlich Pro-
licht, speziell als Konvertit zum Judentum (Pro- selyten) beschränkt zu sein, während man sich
selyt) verstanden. Allerdings spricht Hillel in von gruppenfremden Juden fernhalten sollte
seiner Zeichnung des Idealbilds eines „Schülers (vgl. 1QS 5,13-20).
Aarons“, also eines Juden, von „einem, der die Gerade vor dem Hintergrund der Qumrantexte
Geschöpfe liebt, und sie der Tora nahebringt“ und vermutlich anderer jüdischer Strömungen,
(Mischna Avot 1,12), was sich ebenso auf Juden die sich exklusiv verstanden, hat Jesus im pa-
wie Nichtjuden beziehen kann. Auch die Gol- lästinischen Raum des 1. Jh. also das Gebot der

fazit: Jesus und die jüdische


Tradition der Liebesgebote

➤ Die in der Tora verankerten Gebote der Gottesliebe


und der Nächstenliebe haben im Judentum zur Zeit
Jesu einen festen Ort in Gebet und Lebenspraxis.
Auch die Samaritaner kennen sie.

➤ Die Goldene Regel ist eine breit bezeugte sozial-


ethische Maxime. In jüdischen Texten sowie in den
Hillel lehrt die
Evangelien ist sie auf das Liebesgebot bezogen.
Goldene Regel
Ein Nichtjude fragte
➤ Es gibt in jüdischen Texten Ansätze einer Verbin-
den berühmten Hillel
danach, ob er ihm die dung der Gebote der Gottesliebe und der Nächsten-
ganze Tora vermitteln liebe, vor allem bei Philon („Kanon der zwei Tugen-
könne, während er den“) und in den Testamenten der Zwölf Patriarchen
auf einem Bein stehe. (z. B.: „Liebt den Herrn und den Nächsten“).
Hillels Antwort lautete:
In der Goldenen Regel sei ➤ Nicht bezeugt im (sonstigen) antiken Judentum
die Tora enthalten, aber sind die Zusammenstellung von Dtn 6,4f mit Lev
der Fragende habe die 19,18b und die Bezeichnung des Doppelgebots der
gesamte übrige Tora als Liebe als „wichtigstes Gebot“. Beides findet sich so
Auslegung dazuzulernen:
erst in den synoptischen Evangelien. Danach tritt das
„Hillel sprach zu ihm: Was
Doppelgebot der Liebe aber auch im frühen Chris-
dir verhasst ist, das tu
deinem Nächsten nicht. tentum wieder in den Hintergrund: Es steht nur in
Das ist die ganze Tora, das der Didache, im Dialog Justins mit Tryphon und im
andere aber ist Auslegung; Polykarpbrief.
geh, lerne.“
Darstellung auf der großen ➤ Wenngleich bereits im Nächstenliebe-Gebot ange-
© WUB-Archiv

Bronzemenora vor der legt, findet sich das Gebot der Feindesliebe in seiner
Knesset in Jerusalem. ausdrücklichen Form („Liebt eure Feinde“) erstmals
in der Jesustradition.

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das wichtigste gebot

Nächstenliebe deutlich geöffnet. Dies Einteilung des Volks in „Priester“, „Le- hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu
zeigt zunächst die Beispielgeschichte viten“ und „Israeliten“ erwarten soll- einem wirklich „universalen“ Verständ-
vom Barmherzigen Samaritaner (in der te) ein „Israelit“, jedoch einer, der zur nis des „Nächsten“.
Lutherübersetzung „Samariter“) in Lk „anderen“ und mit viel Emotion abge-
10,30-35: Nach dem jüdischen Priester lehnten Kultgemeinde – derjenigen auf
und dem Leviten, die jeweils an dem dem Garizim – gehört. Diese Öffnung Jesus öffnet die Nächstenliebe
unter die Räuber gefallenen und halb provoziert, denn sie zeigt, dass Nächs- auch auf Feinde hin
tot daliegenden Menschen vorüberge- tenliebe nicht an den Grenzen der eige- Eine weitere Öffnung vollzieht Jesus im
hen, kommt ein Samaritaner vorbei, nen Gemeinschaft haltmacht, ja, dass Gebot der Feindesliebe, das sowohl bei
versorgt dessen Wunden, bringt ihn zu einer der „Anderen“, der als Samarita- Matthäus als auch bei Lukas überliefert
einer Herberge und sorgt für ihn. Für ner auch das Gebot der Nächstenliebe ist. In Mt 5,43-48 ist ihm die sechste und
Lukas ist der Samaritaner allerdings kennt, nicht an der Grenze seiner ei- letzte der Antithesen der Bergpredigt ge-
kein Heide, sondern (wie man nach der genen Gemeinschaft haltmacht. Von widmet:
„Ihr habt gehört, dass gesagt worden
ist: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben‘
und deinen Feind hassen. Ich aber sage
euch: Liebt eure Feinde und betet für die,
die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures
Vaters im Himmel werdet; denn er lässt
seine Sonne aufgehen über Bösen und
Guten, und er lässt regnen über Gerechte
und Ungerechte.“
Der Zusatz „und deinen Feind hassen“
ist nicht Teil des Tora-Gebots, sondern
entspringt einer bestimmten Auslegung
desselben, gegen die sich Jesus wendet;
diese Antithese richtet sich somit nicht
gegen die Tora selbst. Allgemeiner kann
man sagen, dass die Wendung „ihr habt
gehört, dass gesagt worden ist“ auf ei-
nen Verstehens- und Überlieferungs-
prozess und nicht einfach auf die Tora
verweist. Weder „lieben“ noch „hassen“
zielt dabei lediglich auf Emotionen. Sei-
nen „Feind hassen“ meint, ihn abzuleh-
nen, gegebenenfalls auch, ihm zu scha-
den. Hellenistische Vulgär-Ethik kennt
entsprechende Maximen (etwa „den
Freunden wohlzutun, den Feinden aber
weh“ [bei Platon, Menon 71e]).
Doch werden die Antithese und das,
wogegen sich Jesus wendet, besser von
der Gemeinschaftsregel aus Qumran her
verständlich. Ihr zufolge ist Feindes-Hass
die logisch-notwendige Kehrseite der
gruppenbezogenen Nächstenliebe (siehe
oben zu Damaskusschrift und Gemein-
schaftsregel): „alles zu hassen, was er
verworfen hat“, heißt es hier; „alle Söhne
der Finsternis zu hassen, jeden nach sei-
ner Verschuldung in Gottes Rache“; oder
Der barmherzige Samariter, Vincent van Gogh, 1890. Die Hilfstat erscheint als auch: „dies sind die Bestimmungen des
behutsamer Kraftakt in einer schroffen Landschaft. Das Bild entstand als Kopie eines Weges für den Unterweiser in diesen Zei-
© public domain

Delacroix-Gemäldes (siehe Titelbild) während eines Aufenthalts van Goghs in der psy- ten, für sein Lieben wie für sein Hassen:
chiatrischen Heilanstalt. Hoffte er selbst auf einen solchen Samariter? Kröller-Müller- ewigen Hass gegen die Männer der Gru-
Museum, Otterlo (Niederlande). be“ (1QS 1,4.9f; 9,21f).

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welt und umwelt der bibel 2/2018
Lk 6,27-35 ruft ebenfalls zur Feindesliebe Gottes- und Nächstenliebe in einer
auf, jedoch ohne sich der Form der Antithe-
se zu bedienen. In beiden Evangelien wird kontemplativen Lebenshaltung
Feindesliebe konkretisiert durch das Gebet
für die Feinde. Deutlich wird: Die Feinde
Barmherzi-
sind konkret und begegnen in verschiede-
ger Samari-
nen Situationen der antiken Gesellschaft. Im
ter, Buchma-
Blick sind Raub und Diebstahl, ungerechte
lerei im Codex
Anklage und körperliche Gewalt (die eben-
rossano, ein
so von Juden wie von der römischen Besat-
Evangeliar aus
zungsmacht ausgeübt worden sein kann). Im dem 6. Jh.:
weiteren Zusammenhang sind Feinde jene, Hier steht dem
die jemanden um Christi willen verfolgen barmherzigen
oder aus der Gemeinde ausschließen (Mt Samariter, der
5,11; Lk 6,22). Jesus ähnelt,
Auch wenn das Heiligkeitsgesetz Lev 19 die ein Engel bei.
Feindesliebe indirekt umfasst (mehr dazu S.
18), ist das Gebot der Feindesliebe in dieser
ausdrücklichen Weise – „liebt eure Fein-
de“ – sonst im jüdischen und griechischen
Schrifttum nicht belegt. Daher wird es, wohl
mit Recht, meist auf Jesus selbst zurückge-
führt. Wer den Feind liebt, wird Sohn oder
Tochter des himmlischen Vaters, der seine
Sonne über Bösen wie Guten aufgehen und
über Gerechten wie Ungerechten regnen
D er Jesuitenpater Franz Jalics (* 1927) ist ein bekannter Exerzitien-
begleiter. Im Klassiker „Kontemplative Exerzitien“ schreibt er zur
Gottes- und Nächstenliebe:
lässt. Diese Nächstenliebe, die den Feind mit „Die einzige Weise, mit Sicherheit zu erkennen, wie wir zu Gott stehen,
einschließt, ist eine Entsprechung zur bedin- liegt darin, alle unsere menschlichen Beziehungen zusammenzunehmen
gungslos liebenden Hinwendung Gottes zu und anzuschauen. Was in diesen Beziehungen vorhanden ist, das ist auch
den Menschen, die Jesus im Zusammenhang in unserer Beziehung zu Gott vorhanden. [...]
mit der anbrechenden Gottesherrschaft ver- Solange ich einen einzigen Menschen geringschätze, verachte ich auch
kündigt. W Gott. Das Ausmaß dieser Verachtung hängt davon ab, welchen Stellen-
wert die verabscheute Person unter allen meinen Beziehungen einnimmt.
Lesetipps [...] Solange ich auf einen einzigen Menschen wütend bin, wüte ich auch
• Christoph Burchard, Das doppelte Liebesgebot
gegen Gott, solange ich einen einzigen Menschen ignoriere oder benei-
in der frühen christlichen Überlieferung, in: ders.,
de, ignoriere oder beneide ich auch Gott. Solange ich vor einem einzigen
Studien zur Theologie, Sprache und Umwelt des
Menschen Angst habe, ängstige ich mich vor Gott. [...] Viele Leute werten
Neuen Testament (WUNT 107), hg. v. Dieter Sänger,
ihre Gottesliebe höher als ihre Beziehungen zu den Menschen. Das ist
Tübingen 1998, 3–26.
eine klare Täuschung. [...] Bevor wir unseren vermeintlichen Glauben in
den Alltag umsetzen, müssten wir an unserer Nächstenliebe ablesen, ob
• Gerd Theißen/Annette Merz, Der historische Jesus.
wir überhaupt soviel Glauben haben. [...] Anschließend kann man sich
Ein Lehrbuch, 4. Aufl., Göttingen 2011, 339–49.
bemühen, beide Beziehungen, die im Grund eins sind, miteinander wach-
sen zu lassen. Der Weg wird nicht leichter sein, aber die Täuschung, den
Prof. Dr. Lutz Doering ist Glauben schon zu leben und die Nächstenliebe noch nicht, ist zumindest
Professor für Neues Testament ausgeschlossen.
und antikes Judentum an der
Wir verhalten uns Gott gegenüber so, wie wir mit den Menschen um-
Universität Münster. Nach Lehr-
und Forschungstätigkeiten in gehen. [...] Nimmt man es ganz genau, müsste man von einer weiteren
London, Durham und Jerusalem Komponente sprechen. Die Beziehung zu unseren Mitmenschen, die der
arbeitet er derzeit besonders zu Beziehung zu Gott gleichzusetzen ist, läuft auch parallel mit der Beziehung
den Texten von Qumran, den zu uns selbst. Lehnen wir die Mitmenschen ab, so lehnen wir auch Gott
Pseudepigraphen des AT, rabbi-
und somit auch uns selbst ab. [...] Wir können uns nicht hassen und aus
nischer Literatur und zu jüdischer
vollem Herzen Gott und den Mitmenschen hingegeben sein. Wir haben nur
© public domain

Religion in hellenistisch-römischer Zeit. Derzeit entste-


hen u. a. Übersetzungen und Kommentare zu Tosefta ein Herz, mit dem wir Gott, die Menschen und uns selber lieben können.“
Schabbat, zum 4. Esrabuch und, gem. mit Kolleginnen (Aus: Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien. Eine Einführung in die kontemplative
und Kollegen, zu Philon von Alexandrien De Vita Mosis. Lebenshaltung und in das Jesusgebet © Echter Verlag Würzburg 16. Auflage 2016, S. 63–65)

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welt und umwelt der bibel 2/2018 39
© Umbertin - CC-BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org

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Frühe Kirche: Pagane und christliche Fürsorge im Vergleich

Von den Grenzen der


Wohltätigkeit
Die frühchristlichen Gemeinden beginnen, offen solidarisch aufzutreten –
und werden dafür nicht nur geschätzt, sondern auch verspottet. Doch dann
versucht ein heidnischer Kaiser, die christliche Wohltätigkeit zu kopieren ...
Ist die Caritas ein Erfolgsrezept der frühen Kirche? Von Heike Grieser

A
ls der christliche Historiker Sozomenus nes paganen Restaurationsanliegens versucht,
kurz vor der Mitte des 5. Jh. seine Histo- „christliche Gepflogenheiten“ zu imitieren (So-
ria ecclesiastica verfasste, überlieferte er zomenus, Historia ecclesiastica 5,16,1-4).
einen – nur dort erhaltenen – Brief des Kaisers
Julian aus dem Jahr 362. In diesem ermahnte
der Kaiser seinen Adressaten, den Oberpriester Christsein wird zum Synonym für
Arsacius von Galatien, eindringlich, für die Er- fürsorglich sein
neuerung des paganen religiösen Lebens Sorge Was Kaiser Julian hier als einen entscheiden-
zu tragen. Dafür forderte er unter anderem, ein den Anteil am „Erfolgsrezept“ der Christen cha-
umfangreiches soziales Wohltätigkeitsprogramm rakterisierte, nämlich Wohltätigkeit gegenüber
zu initiieren: Herbergen seien in jeder Stadt zu Bedürftigen, thematisierte der heidnische Au-
errichten sowie Arme, Fremde und Bettler finan- tor Lukian von Samosata schon in der zweiten
ziell zu unterstützen. Die Motivation des Kaisers, Hälfte des 2. Jh. Spöttisch karikierte dieser die in
den die Christen mit dem Beinamen Apostata, seinen Augen geradezu naive Hilfsbereitschaft
„der Abtrünnige“, bedachten, tritt dabei klar der Christen, die sie zum Opfer des Betrügers Pe-
zutage. Es geht ihm um die effektive Bekämp- regrinos habe werden lassen (Lukian, De morte
fung des christlichen Einflusses, der, so Julians Peregrini 12f, s. Quellentext). Vor allem aber sind
aufschlussreiche Deutung, vor allem deshalb zahlreiche literarische, epigrafische und archäo-
stetig wachse, weil die Christen sich menschen- logische Zeugnisse christlichen Ursprungs an-
freundlich gegenüber Fremden erwiesen (philan- zuführen, die außergewöhnliche Nächstenliebe
thropía) und die Bestattung der Toten unterstütz- gegenüber Armen, Kranken, Fremden, Gefan-
ten (Sozomenus, Historia ecclesiastica 5,16,5-15). genen, Witwen und Waisen doku-
Nun lässt sich die spannende Frage nach dem mentieren. „Caritas“, ein erst später
langfristigen Erfolg der von Julian in die Wege etablierter Begriff für tätige christli-
links: Mantelteilung des
geleiteten Maßnahmen deshalb nicht beantwor- che Nächstenliebe aus einer inneren
heiligen Martin, Bischof von
ten, weil der reformfreudige Kaiser bereits ein Haltung heraus, wird nicht nur zu
Tours im 4. Jh. Er umfängt den
Jahr später, 363, ums Leben kam. Damit wurde einem zentralen Thema christlicher
Bettler – Gott selbst – bergend
auch sein Programm, das in der Forschung ge- Unterweisung (Paränese), sondern
mit seinem Mantel. Die berühm-
legentlich etwas problematisch als das einer auch zu einem der beliebtesten To- te Szene wird zum Sinnbild
„heidnischen Kirche“ bezeichnet wird, nicht poi der biografisch-hagiografischen der christlichen Nächstenliebe.
weiter umgesetzt. So bleibt uns nur die mit ei- Literatur. Christsein und Fürsorge Miniatur aus einem Antiphonar,
nem unüberhörbar triumphierenden Unterton gegenüber den Mitmenschen – dies 16. Jh.
vorgetragene Deutung des Sozomenus, der wird den Adressaten eindringlich
scheiternde Julian habe zur Durchsetzung sei- vermittelt – gehören untrennbar

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welt und umwelt der bibel 2/2018 41
pagane und christliche fürsorge im vergleich

zusammen. Daher verzichten selbst die seit der versahen. Lactantius betonte am Anfang des
Spätantike überlieferten testamentarischen 4. Jh. provozierend den Kontrast zu den paga-
Verfügungen von Christen kaum darauf, den nen Philosophen. Diesen hält er vor, den Men-
Hinterbliebenen entsprechende „gute Werke“ schen die misericordia aufgrund eines falschen
anzuordnen. Tugendverständnisses weggenommen zu haben,
wodurch sie die Menschen aber nicht geheilt,
sondern verdorben hätten (Lactantius, Divinae
Ideal und Wirklichkeit institutiones 6,10,10f). Doch sind Schwarz-Weiß-
Dieser kurz skizzierte Befund lässt nachvollzie- Zeichnungen bekanntlich selten zutreffend,
hen, warum schon frühe christliche Apologeten weshalb auch in diesem Fall eine differenzier-
wie Aristides (Aristides, Apologia 15) oder Tertul- tere Betrachtung notwendig ist. Beispielsweise
lian von Karthago (Tertullian von Karthago, Apo- sollte die Intention jener Autoren nicht überse-
logeticum 39,7) das Zusammenleben der Chris- hen werden, aktiv für den christlichen Glauben
ten mit der Überschrift „Sie lieben einander“ zu werben und ihn gegen pagane Angriffe zu

QUELLENTEXT: Wie ein christliches Helfernetzwerk im 2. Jh. funktionierte

P eregrinos ist Heide, ein Betrüger


und zudem auf der Flucht. Zum
Schein wird er Christ und bringt es bis
ins Gefängnis, was ihm keine geringe
Wertschätzung einbrachte für sein
weiteres Leben und sein Auftreten als
Haft viele Gelder von ihrer Seite zu, und
er machte kein schlechtes Geschäft
damit. Die Unglückseligen nämlich
zum „Vorsteher“ (Prostates) der Gemein- Scharlatan und seine Ruhmschinderei, haben sich eingeredet, dass sie gänzlich
de. Als der Hochstapler im Gefängnis die er sehr liebte. Als er gefangen war, unsterblich seien und in Ewigkeit leben
landet, wird er zum Nutznießer eines machten die Christen sich dies zu ihrer würden, weswegen sie den Tod verachten
beeindruckenden Hilfenetzes seiner eigenen Angelegenheit und setzten alles und die meisten sich freiwillig ausliefern.
„Glaubensgeschwister“. Derjenige, der in Bewegung bei dem Versuch, ihn zu Dann hat sie noch ihr erster Gesetzgeber
all das aufgeschrieben hat, Lukian von befreien. Später, da dies nicht möglich davon überzeugt, dass sie alle Brüder
Samosata (ca. 120–180 nC), macht war, wurde ihm stattdessen eine Fürsor- seien, wenn sie erst übergetreten seien
sich gleichzeitig lustig über die naive ge zuteil – nicht nebenbei, sondern mit und den griechischen Göttern abge-
Hilfsbereitschaft der „Christianer“: Eifer. Gleich morgens konnte man beim schworen hätten, jenen Gekreuzigten
Gefängnis alte Witwen warten sehen und Sophisten anbeten und nach seinen
„Zu dieser Zeit erlernte er [Peregri- Waisenkinder; die Würdenträger unter Gesetzen lebten. So verachten sie alle
nos] auch die seltsame Weisheit der ihnen schliefen sogar drinnen bei ihm; weltlichen Dinge in gleicher Weise und
Christen, während er in der Gegend dafür hatten sie die Wächter bestochen. halten alles für gemeinsamen Besitz
von Palästina mit ihren Priestern und Dann wurden ihm noch vielerlei Speisen und nehmen solches ohne einen vertrau-
Schriftgelehrten zusammenkam. Und gebracht, man las ihre heiligen Schriften, enswürdigen Beweis hin. Immer wenn
was soll ich sagen? In Kürze ließ er sie und der gute Peregrinos, noch nämlich also ein Zauberkundiger oder gewitzter
wie Kinder aussehen [...]. Von den Bü- hieß er so, hieß bei ihnen ein neuer Scharlatan zu ihnen kommt, der die
chern legte er einige aus und erklärte sie, Sokrates. Gelegenheit zu ergreifen weiß, so wird er
viele aber schrieb er sogar selbst, und sie in kurzer Zeit sehr reich, indem er diese
ehrten ihn wie einen Gott; er galt ihnen Es gab sogar einige Städte in der Provinz einfachen Leute zum besten hält.
als Gesetzgeber und sie machten ihn zu Asia, aus denen welche kamen, als Nun wurde Peregrinos aber von dem
einem Prostates; nach jenem anderen, Abgesandte im Auftrag der christlichen damaligen Statthalter Syriens freigelas-
den sie auch heute noch verehren, dem Gemeinden, die dem Mann helfen, ihn sen, einem Freund der Philosophie, der
Menschen, der in Plästina hingerichtet verteidigen und ihn trösten sollten. Sie seinen Wahnsinn durchschaute.“
worden ist weil er diesen neuen Kult in legen eine unglaubliche Geschwindig-
die Welt gesetzt hat. keit an den Tag, wenn so etwas von der
(Lukian, Der Tod des Peregrinos 11–14,
Gemeinde aus geschieht; dann reagieren Übersetzung von D. U. Hansen in: Sapere
Damals wurde Proteus [Peregrinos] sie schnell und sparen an nichts. So Band 9, hg. v. P. Pilhofer, M. Baumbach, J.
deswegen sogar verhaftet und kam fielen auch Peregrinos aus Anlass seiner Gerlach, D. U. Hansen, Darmstadt 2005)
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42 welt und umwelt der bibel 2/2018


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pagane und christliche fürsorge im vergleich

rechtfertigen. Eine solche Verteidigung (Apo-


logie) verlangte als literarische Gattung nach
Zuspitzung. Darüber hinaus übermitteln christ- Kaiser Julian (331–363),
liche Quellen selbst Hinweise auf Missstände der von späteren Christen den
in den eigenen Reihen. Bereits Lukas, der Ver- Beinamen Apostata, der „Ab-
fasser der Apostelgeschichte, relativierte seine trünnige“ erhielt. Er selbst sah
wirkmächtigen Beschreibungen der Jerusalemer sich in der griechisch-philosophi-
Urgemeinde als einmütige Gütergemeinschaft schen Tradition und wollte das
(z. B. Apg 2,44-47) an anderen Stellen, u. a. mit sich rasant ausbreitende Chris-
der Aufnahme eines Berichts über den Betrugs- tentum zurückdrängen – um die
versuch des Hananias und der Saphira (Apg 5,1- pagane Religion und Philosophie
11). Kurz darauf musste sich die Didache um 100 zu retten.
nC als früheste erhaltene Gemeindeordnung mit
dem Problem des Missbrauchs der Gastfreund-
schaft auseinandersetzen (Didache 11-13). Trotz
zahlreicher Aufforderungen zur großzügigen
Unterstützung Bedürftiger warnte sie zugleich der Regel einer Stadt) oder nur einzelnen (städ-
vor unüberlegtem Handeln: „Schwitzen soll dein tischen) Gruppen zugute. Zahlreiche Spender Klienten
Almosen in deinen Händen, bis du weißt, wem du haben dabei dafür gesorgt, dass ihr persönlicher Der Klient unterstützte
gibst“ (Didache 1,6 [FC 1,103 Schöllgen]). Einsatz durch Bau- oder Grabinschriften nach- im Römischen Reich den
Die zahlreichen Mahnungen zur tätigen haltig überliefert wurde. Wohltätigkeit konnte Patron im politischen
Nächstenliebe in den Predigten des 3. bis 5. Jh. und sollte demnach die Loyalität der Schwä- Bereich und stattete ihm
sowie weitere Traktate, die gegen unbarmher- cheren sichern und das eigene Prestige und den regelmäßig einen Besuch
ab. Je größer die Klientel
zige Reiche polemisieren und den rechten Ge- Einfluss stärken, nicht zuletzt im politischen
eines Patrons, desto grö-
brauch des Besitzes einfordern, sollten schließ- Kontext. Deshalb zeichnete sich nach dem Urteil
ßer seine Macht und sein
lich trotz aller Rhetorik auch als Belege dafür der antiken Autoren ein guter Kaiser vor allem Ansehen.
gedeutet werden, dass diesem Ideal gerade nicht dadurch aus, dass er seine Freigiebigkeit (libera-
ausreichend entsprochen wurde. litas) durch großzügige Akte kaiserlicher Wohl-
fahrt unter Beweis stellte.

Die römischen Sicherungssysteme


Festzuhalten ist weiterhin, dass Wohltätigkeit
im zeitgenössischen paganen Umfeld sehr wohl Wohltätigkeit sollte die Loyalität der
eine wichtige Rolle spielte und damit einen Bei-
trag zur Sicherung der sozialen Ordnung leiste- Schwächeren sichern und den eigenen
te. So erwartete man erstens von den Mächtigen, Einfluss stärken
dass sie als Patrone für Schwächere als ihre Kli-
enten eintraten, indem sie diese materiell unter-
stützten oder deren Interessen in konkreten Si-
tuationen vertraten. Die Abhängigen wiederum Ein paganer Machthaber konnte,
stellten ihre daraus resultierende Loyalität u. a. musste aber nicht helfen
bei öffentlichen Auftritten des Patrons unter Be- Grundsätzlich ist allerdings das Prinzip der Frei-
weis, sodass letztlich ein stabiles Beziehungsge- willigkeit hinsichtlich aller genannten Fürsorge-
flecht zwischen Spendern und Empfängern zum aktivitäten nicht aus den Augen zu verlieren. Ein
gegenseitigen Nutzen entstehen konnte. verbrieftes Recht der Bedürftigeren auf Unter-
Die Angehörigen der gesellschaftlichen Elite, stützung bezeugen die paganen Quellen ebenso
die häufig wichtige Ämter innehatten, sahen wenig wie eine verbindliche Verpflichtung zur
sich darüber hinaus zweitens mit dem Anspruch Wohltätigkeit. Deshalb kann in der paganen
konfrontiert, Wohltaten durch private Stiftun- Antike keineswegs von einem umfassenden Sys-
gen, Schenkungen oder in Form eines persönli- tem der sozialen Absicherung die Rede sein. Um
chen Engagements zu erweisen (Euergetismus). die bleibende Unsicherheit aufzufangen, orga-
Dabei konnte es sich um Bauten für die Allge- nisierten sich daher drittens viele Menschen in
meinheit, Nahrungsmittelspenden, weitere Ge- Vereinen. Diese dienten primär kultischen und
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schenke oder die Ausrichtung konkreter Vergnü- beruflichen, aber auch sozialen Zwecken (vor
gungen und Feste kultischer oder privater Art allem Bestattung und Totenkult). Regelmäßige
handeln. Dies kam entweder der Gesamtheit (in Mitgliedsbeiträge garantierten den Anspruch

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welt und umwelt der bibel 2/2018 43
pagane und christliche fürsorge im vergleich

Er kann helfen, muss


es aber nicht. Statue des
Cicero – Philosoph, Anwalt
und Senator (106–43 vC) – vor
dem alten Justizpalast in Rom.
Einem Patrizier standen Wohl-
taten gut zu Gesicht, doch gab
es keine Verpflichtung dazu.
Die römische Oberschicht
unterhielt ein loses Versor-
gungsnetz für Arme. Cicero
vertrat gut römisch (etwa in De
officiis), dass ein Bedürftiger
eine empfangene Wohltätigkeit
auf irgendeine Weise erwidern
müsse.

QUELLENTEXT: Wie ein christliches Helfernetzwerk im 2. Jh. funktionierte

auf Unterstützung zumindest in solchen Notsi- schichtenreligion“ zu bezeichnen sei, wie es die
tuationen, die dem Vereinszweck entsprachen. bekannten Christengegner Celsus und Porphyri-
Doch haben die paganen Fürsorgeaktivitäten us mit ihren Äußerungen zur Zusammensetzung
eine weitere Grenze. Wenn konkrete Hilfe in der christlicher Gemeinden nahelegten, ist längst
Regel durch eine Gegenleistung verdient oder als Polemik widerlegt. Gleichwohl betonen
durch eine Vorleistung erkauft werden musste, christliche Autoren gerne die Integration sozial
Schwacher in die christlichen Gemeinschaften
als ein wesentliches Identitätsmerkmal. Da die
Gemeinden bis in das 3. Jh. hinein am ehesten
Die provozierende Bezeichnung der Armen mit einer familia vergleichbar sind, deren Mit-
als „Schatz“ oder „kostbare Edelsteine der glieder sich wechselseitig solidarisch verpflich-
tet sind, liegt deren Attraktivität für Bedürftige
Kirche“ dokumentiert deren Wertschätzung nahe. Christliche Armenfürsorge konkretisierte
sich dabei vor allem durch Sättigungsmähler
(Agape), darüber hinaus durch die Unterstüt-
dann profitierten die „Allerärmsten“ davon am zung von Witwen und Waisen, Gastfreundschaft
wenigsten. Wer nicht über ein Existenzminimum gegenüber Reisenden sowie Hilfe beim Loskauf
verfügte und nur noch mit Betteln, vielleicht so- von Gefangenen und der Bestattung von Toten.
gar in der Fremde, um sein Überleben kämpfte, Die erforderlichen finanziellen Mittel erwarb
hatte keine Kompensation anzubieten und ge- man durch individuelle Spenden, (freiwillige)
riet damit leicht aus dem Blick. Und nicht nur Beiträge für eine Gemeindekasse und später
das: Einige pagane Quellen bezeugen, dass man durch testamentarische Verfügungen.
die sozial schwächsten Menschen häufig selbst Die differenzierte Ausbildung der kirchlichen
für ihr Unglück verantwortlich machte und ih- Ämter führte seit dem 3. Jh. in Verbindung mit
nen mit Verachtung und zahlreichen Vorurteilen größer werdenden christlichen Gemeinden zu
gegenübertrat. einer gut bezeugten Neuorganisation der Wohl-
tätigkeit (vgl. Beitrag A. Müller). Auch wenn
Christen weiterhin zu privatem Engagement
Die Christen beginnen, solidarische
© 123rf/crisfotolux

aufgefordert waren, wuchs zugleich die Verant-


Zeichen zu setzen wortung des Bischofs, wie beispielsweise die
Wie positionierten sich nun die ersten Christen? syrische Didaskalie, eine Gemeindeordnung aus
Dass das frühe Christentum als eine „Unter- der ersten Hälfte des 3. Jh., illustriert. Dies setzte

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welt und umwelt der bibel 2/2018
pagane und christliche fürsorge im vergleich

Die Unterschiede zwischen der ...

... Fürsorge der frühen Kirche ... und der Fürsorge in der paganen antiken Welt

Zunehmend feste Institutionen und Strukturen Loses, freiwilliges und wenig verlässliches System

Zentralisierung der Armenfürsorge beim Bischof Direkte Zuwendungen aus Privatvermögen oder Steuermitteln

Zielgruppe sind auch Bettelarme, keine Gegenleistung erwartet Es erhält nur, wer Gegenleistung (Loyalität) bieten kann

Begründung der Wohltätigkeit ist religiös, Nachahmung Gottes Begründung der Wohltätigkeit ist gesellschaftlich und politisch
Armut ist schicksalhaft oder selbst verschuldet, Arme eher
Im Armen begegnet Gott, dadurch besondere Wertschätzung
verachtenswert
Nächstenliebe/Fürsorge gehört zum christlichen
Fürsorge sichert politische Macht und soziale Ordnung
Selbstverständnis

sich im 4. Jh. fort. Basilius der Große errichtete degundis 19) demonstrativ küssten, versorgten
außerhalb der Stadt Caesarea eine eindrucksvol- oder sogar heilten. Die durchaus provozierende
le Anlage, die u. a. Herbergen für Fremde, Kran- Bezeichnung der Armen als „Schatz“ oder „kost-
kenhäuser mit jeweils qualifizierten Beschäf- bare Edelsteine der Kirche“ (Palladius, Historia
tigten, dazu Bäder und Werkstätten umfasste Lausiaca 6,5-9) dokumentiert deren propagierte
(z. B. Basilius von Caesarea, Epistula 94), wäh- Wertschätzung. Gleichzeitig informieren uns die
rend Augustinus von Hippo zur Unterstützung Texte aber auch über zahlreiche Konflikte um die
von Gefangenen und Armen kirchliche Gefäße Armenfürsorge, z. B. in der Frage nach dem Um-
einschmelzen und verkaufen ließ (Possidius, gang des Bischofs mit dem Kirchenvermögen.
Vita Augustini 24,15f). Nicht nur Ambrosius von Mailand sah sich dem
Vorwurf ausgesetzt, dieses zu Unrecht zuguns-
ten der Gefangenen zu veräußern (Ambrosius
Die Unterschiede von Mailand, De officiis 2,136-139).
• Trotz offenkundiger Parallelen zwischen • Auf eine weitere Differenz sei drittens auf-
christlichen und paganen Formen der Wohl- merksam gemacht: Während für die Heiden
tätigkeit scheint erstens ein Unterschied in der
von Christen zunehmend institutionalisierten
Fürsorge unter bischöflicher Aufsicht zu liegen.
Mitunter übernehmen auch verschiedene mo- Statuette eines
nastische Gemeinschaften konkrete Aufgaben in verkrüppelten Bettlers,
der Versorgung von Bedürftigen und werden so Alexandria, Mitte 3. Jh. vC,
zu deren Anlaufstellen. In Gallien sind z. B. im Höhe 6,6 cm. Erst in
6. und 7. Jh. zahlreiche Matrikel sowie Xenodo- hellenistischer Zeit wurden
chien („Fremdenhäuser“) zur Unterstützung von Menschen mit Gebrechen in
Armen, Kranken und Fremden bezeugt. solchen Statuetten dargestellt.
• Auffällig ist zweitens eine andere Auswahl Eine begründende These
der Hilfsbedürftigen. Wenn christliche Auto- besagt, dass soziale Rand-
ren wie Johannes Chrysostomus schonungslos gruppen in den wachsenden
Zustände der Armut und Hilflosigkeit anpran- hellenistischen Metropolen
gern, die nicht von öffentlicher Seite aus beho- sichtbarer wurden. Ihre
ben werden (können), dann impliziert dies die gesellschaftliche Stellung war
Forderung nach einer gezielten Zuwendung zu gering, sie dienten laut
solchen „Bettelarmen“, die keine Gegenleistung Quellen mitunter der
anzubieten hatten. Zu diesen zählten z. B. Le- Belustigung.
Museum für Kunst und
prakranke, die Basilius der Große (Gregor von
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Gewerbe, Hamburg.
Nazianz, Oratio 43,63), Martin von Tours (Sulpi-
cius Severus, Vita Martini 18,3f) oder Radegun-
de von Poitiers (Venantius Fortunatus, Vita Ra-

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welt und umwelt der bibel 2/2018 45
pagane und christliche fürsorge im vergleich

A
Lesetipps ein allenfalls schwacher Zusammen- us der Vielfalt der neutestamentlichen
• Herbert Uerlings u. a. hang zwischen Wohltätigkeit und Textstellen, die zur misericordia gegenüber
(Hgg.), Armut – Perspekti- Religion bzw. Kult bestand, ist die dem Nächsten auffordern, sticht Mt 25,31-
ven in Kunst und Gesell- Begründung christlicher Caritas im 46 hervor. Diese bekannte Perikope, die noch die
schaft, Darmstadt 2011 Letzten religiöser Natur. Sie kann als mittelalterliche Tugendlehre entscheidend prägte,
• Michaela Collinet (Hg.), Nachahmung des biblisch bezeugten beschreibt das Weltgericht und die Trennung der
Caritas – Barmherzigkeit Gottes interpretiert werden. Weil sich Völker durch den richtenden König – zu ewiger
– Diakonie. Studien zu dieser Waisen, Witwen, Fremden und Strafe oder zu ewigem Leben. Entscheidende Krite-
Begriffen und Konzepten Gefangenen zuwendet (Ps 68,6f) und rien sind das Tun bzw. das Unterlassen verschiede-
des Helfens in der Ge- Unterdrückten, Hungernden, Blinden ner Handlungen, die in ähnlichen Konstellationen
schichte des Christentums und Gebeugten hilft (Ps 146,7-9), zählt schon in ältesten orientalischen Texten, im Alten
vom Neuen Testament bis ein solches Verhalten schon in den alt- Testament und in Schriften des Frühjudentums
ins späte 20. Jh., Münster testamentlichen Schriften zu den vor- begegnen. Man fasst sie unter dem Oberbegriff der
2014. nehmsten Aufgaben der Israeliten (z. sechs (leiblichen) Werke der Barmherzigkeit
• Bernhard Schneider, B. Tob 4,7-11). In dieser Tradition deu- (opera misericordiae) zusammen:
Christliche Armenfürsorge ten auch Christen menschliche Barm-
von den Anfängen bis zum herzigkeit als angemessene Antwort • Hungrige nähren,
Ende des Mittelalters. Eine auf die Barmherzigkeit Gottes (z. B. Lk • Durstige tränken,
Geschichte des Helfens 10,25-37), durch die sie sich ihm annä- • Fremde beherbergen,
und seiner Grenzen, Frei- hern. Die Vorstellung von der Identi- • Nackte bekleiden,
burg u.a. 2017. fikation jedes Armen mit Christus (Mt • Kranke besuchen,
• Christoph Stiegemann 25,31-46) und damit von der Gottesbe- • Gefangene besuchen.
(Hg.), Nächstenliebe von gegnung im Bedürftigen verstärkte de-
den frühen Christen bis ren Aufwertung. Daran änderte selbst Diese Weltgerichtsschilderung des Matthäus
zur Gegenwart, Petersberg die Tatsache nichts, dass ein wohltäti- inspirierte bereits die frühen christlichen Auto-
2015. ges Verhalten mit Hoffnungen auf eine ren nachhaltig; beispielsweise nimmt sie in der
(Mehr zu allen Werken ausgleichende jenseitige Gerechtigkeit literarischen Hinterlassenschaft des berühmten
siehe Buchtipps S. 63.) (Lk 16,19-31) oder eine Belohnung in Predigers Johannes Chrysostomus eine überragen-
Verbindung gebracht werden konnte de Rolle ein. Als Lactantius am Anfang des 4. Jh.
(vgl. Tob 12,8f). verschiedene weitere Akte der Nächstenliebe auf-
zählte, diese ausdrücklich als Werke der Barmher-
zigkeit kennzeichnete und dabei einen besonderen
Fazit: Hartnäckige Forderung Akzent auf die Bestattung der Toten legte, initiier-
nach Barmherzigkeit te er damit eine Paralleltradition von dann sieben
Was ist den frühen Christen gelun- Werken der Barmherzigkeit. Dies erklärt, warum
gen? Pointiert formuliert haben sie im auch in der christlichen Kunst mitunter sechs, mit-
Prozess der eigenen Identitätsbestim- unter sieben Werke dargestellt werden.
mung die Caritas, das Tun guter Wer-
ke, in Weiterführung der jüdischen
Tradition religiös fundiert und zum Wer war Lactantius?
Prof. Dr. Heike Grieser Prüfstein einer christlichen Existenz Den Ausgangspunkt für diese Entwicklung bil-
ist Professorin für Alte erhoben. Christsein reduziert sich det Lactantius’ Schrift Epitome divinarum institu-
Kirchengeschichte und ausdrücklich nicht auf intellektuelle tionum. Nachdem er dort den richtigen Umgang
Patrologie an der Katholisch- Erkenntnis, Verkündigung und die mit verschiedenen Gruppen von Bedürftigen wie
Theologischen Fakultät
Feier der Liturgie, sondern beinhaltet Hungrigen, Nackten, Unterdrückten, Fremden, Ob-
der Universität Mainz mit
Schwerpunkten u. a. in
wesentlich Solidarität mit den Notlei- dachlosen, Waisen, Witwen, Gefangenen, Kranken
den Bereichen Sklaverei, denden. Auch wenn damals wie heute und Armen beschrieben hat, fügt er den entschei-
Mönchtum und Jenseitsvor- mitunter gewaltige Differenzen zwi- denden Passus, der den Zusammenhang zu den
stellungen, aber ebenso in schen Ideal und Wirklichkeit zu kons- Werken der Barmherzigkeit herstellt, mit nur weni-
der historischen Frauen- tatieren sind: Es scheint, dass die frü- gen Worten an: „Wenn Arme oder Fremde sterben,
forschung in frühchristli- hen Christen mit ihrer variantenreich wollen wir sie nicht unbegraben liegen lassen. Das
cher Zeit. Kürzlich hat sie
vorgetragenen Forderung nach einem sind die Werke (opera), dies sind die Pflichten der
zusammen mit N. Priesching
herausgegeben: Theologie
barmherzigen Umgang mit allen Be- Barmherzigkeit (officia misericordiae)“ (Lactanti-
und Sklaverei von der Antike dürftigen eine nachhaltige Sensibili- us, Epitome 60,7).
bis in die frühe Neuzeit, sierung für dieses Anliegen erreicht Aus Nordafrika stammend, war Lactantius zu-
Hildesheim u.a. 2016. haben. W nächst als Rhetoriklehrer in Nikomedien tätig. Dort

46 welt und umwelt der bibel 2/2018


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Lactantius und die sieben Werke der Barmherzigkeit

Fremde und Arme bestatten


– ist das Nächstenliebe?
Ein Toter wird sich für seine Bestattung nicht revanchieren. Dennoch propagiert
der Apologet Lactantius um das Jahr 310, dass Bestattung zur Nächstenliebe
gehöre – er fügt sie als siebtes zu den sechs aus
dem Neuen Testament bekannten Werken
der Barmherzigkeit hinzu. Wieso?
Von Heike Grieser

Die sieben leiblichen


Werke der Barmherzig-
keit, Bleiglasfenster im
Art-Nouveau-Stil von
Koloman Moser, Kirche
St. Leopold Am Steinhof in
Wien, erbaut 1904–1907.
Mit dem Mt-25-Zitat ordnet er
die Werke einzelnen
Persönlichkeiten als
Inspiration für heute zu.

Das gegenüberliegende Fens-


ter zeigt in ähnlicher Weise
© Thomas Ledl, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

die sieben geistlichen Werke


der katholischen Tradition:
• die Unwissenden lehren
• die Zweifelnden beraten
• die Betrübten trösten
• die Sünder zurechtweisen
• den Beleidigern gern
verzeihen
• die Lästigen geduldig
ertragen
• für die Lebenden und
Verstorbenen beten

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welt und umwelt der bibel 2/2018 47
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bekehrte er sich zum Christentum, worauf hält an dieser Stelle den nach seiner Auf-
er, gezwungen durch die ausbrechende fassung entscheidenden Unterschied zwi-
Verfolgung, sein Amt aufgab und die Stadt schen paganer und christlicher Wohltätig-
verließ. Später trifft man ihn als Erzieher keit fest: Nichtchristen achteten auf ihren
des Konstantinsohnes Crispus in Trier an, persönlichen Nutzen und Vorteil (utilitas)
wo er vermutlich noch vor 326 verstarb. oder verlangten eine Kompensation durch
Etwa zwischen 303 und 313 – und damit den Hilfsempfänger; Christen dagegen
ungefähr zur Zeit der Verfolgung – erstellte hätten eine solche Erwartung zumindest
Lactantius eine erste Fassung seiner apolo- gegenüber Menschen nicht. Dies werde
getischen Schrift Divinae Institutiones. Mit insbesondere bei der Bestattung evident.
dieser versuchte er die Überlegenheit des Denn ein Begräbnis werde von Christen
christlichen Glaubens zu demonstrieren. übernommen, obwohl niemals die Aus-
Hinweise auf die besondere Wertschät- sicht bestehe, von den „Empfängern“, be-
zung der Bestattung findet man im 6. Buch dürftigen oder fremden Verstorbenen, eine
der Divinae Institutiones, das sich detail- Gegenleistung zu erhalten. Dagegen ver-
liert mit der christlichen Moral beschäftigt. nachlässigten die paganen Philosophen,
Dort stellt Lactantius in Auseinanderset- so Lactantius, genau aus diesem Grund die
zung mit „Philosophen“, im Speziellen mit Erörterung der Bestattung oder hielten die-
der Position Ciceros, verschiedene Berei- se gelegentlich sogar für überflüssig, eben
che der Wohltätigkeit vor: die Almosenga- weil sie nach deren Verständnis keine uti-
be, die Gastfreundschaft, den Freikauf von litas berge.
Gefangenen und Schutz der Schwächeren,
die Sorge für Witwen und Waisen, die Un-
terstützung der Kranken und schließlich Die Sorge, nicht bestattet
die Bestattung von Fremden und Armen, zu werden
die er als die „letzte und zugleich größte Gegen den Eindruck, den Lactantius hier zu
Pflicht der Frömmigkeit“ bezeichnet (Lac- erwecken versucht, ist relativierend darauf
tantius, Divinae institutiones 6,12,25: Ulti- hinzuweisen, dass sowohl für pagane Men-
mum illud et maximum pietatis officium est schen als auch für Juden (z. B. Tob 1,17f) das
peregrinorum et pauperum sepultura). Begräbnis Verstorbener, insbesondere der
Diese auf den ersten Blick erstaunliche eigenen Familienangehörigen, eine selbst-
Erweiterung und Reihung leuchtet dann verständliche Pflicht darstellte. Anderer-
ein, wenn man die Argumentation des seits verdeutlichen die zahlreichen antiken
Apologeten nachvollzieht und die von Vereine, die u. a. mit der Bestattung ihrer
ihm geltend gemachten Motive der jeweils verstorbenen Mitglieder werben, eine offen-
Handelnden betrachtet. Denn Lactantius sichtlich berechtigte Sorge, nicht begraben
zu werden. Das von den frühen Christen
vielfach bezeugte Engagement, das auch
Kaiser Julian hervorhob, hat hier offensicht-
lich große Wirkung gezeigt. Gelegentlich
unterhielt man, wie beispielsweise Anfang
des 3. Jh. für Rom belegt, sogar eigene
christliche Begräbnisplätze und finanzierte
das notwendige Friedhofspersonal:
„Man verlange von niemandem hohe Prei-
© Werner Prieß

se, wenn er einen Toten auf den Gemeinde-


friedhöfen beerdigen will; denn das trifft Die sieben Werke der Barm-
alle Armen. Statt dessen bezahle man dem herzigkeit. In Mt 25 stehen
Totengräber seinen Lohn und den Preis der nur sechs Werke – durch Lactan-
tius ist die Totenbestattung als
Ehrenamtliche Beerdigungsgäste Ziegeln. Die Friedhofswärter aber ernähre
siebtes in die christliche Tradition
der Göttinger Tobiasbruderschaft. Es der Bischof, damit die Besucher von ihnen
eingegangen. Werkstatt Pieter
gibt in Deutschland einige ehrenamt- nicht belastet werden.“ (Traditio Apostolica
Breughels d. J., 17. Jh.
liche Gruppen, die die Tradition der 40 [FC 1, 299 Geerlings]).
alten Beerdigungsvereine aufgreifen und Tatsächlich halten die christlichen Quel-
Verstorbenen ohne Angehörige das letzte len auf die Frage nach der Motivation zur
Geleit geben. Bestattung Fremder und Armer verschie-

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dene Antworten parat, häufig stößt die Gott selbst gebe: „Lohn ist nur von Lesetipps
man auf den Hinweis auf eine zu er- Gott zu erwarten“ (Lactantius, Divinae • Antje Junghanß, Zur Bedeutung von Wohltaten
füllende Pflicht. In letzter Konsequenz institutiones 6,12,2: merces a deo est für das Gedeihen von Gemeinschaft. Cicero,
ermöglicht für Lactantius nur die Aus- expectanda solo). Wie der Apologet Seneca und Laktanz über „beneficia“ , Stuttgart
richtung an Gott ein solches tugend- mehrfach unterstreicht, gewährleistet 2017.
haftes Verhalten. In diesem Kontext diese Hoffnung auf ein jenseitiges Heil • Jochen Walter, Pagane Texte und Wertvorstel-
verzichtet er trotz der Betonung christ- die Bewahrung der humanitas und der lungen bei Lactanz, Göttingen 2006.
licher Selbstlosigkeit nicht darauf, auf misericordia. W • Wolfram Winger, Personalität durch Humanität.
eine mögliche Vergütung für alle Wer- Das ethikgeschichtliche Profil christlicher Hand-
ke der Barmherzigkeit zu verweisen, Prof. Dr. Heike Grieser (zur Autorin s. S. 46) lungslehre bei Lactanz, Frankfurt a. M. u.a. 1999.

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Wie die Christen die Caritas institutionalisieren

Profis der Nächstenliebe


Erst im Lauf des 4. Jh. wird das Christentum zu einer erlaubten Religion, dann
sogar zur beliebtesten. Ihren Kerngedanken „Nächstenliebe“ gießt die frühe Kirche
nun in feste Strukturen und Organisationen. Dabei geht es zunehmend auch um
den Einsatz von Geld. Von Andreas Müller

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Kaiser Konstantin verteilt Geldgeschenke (Pfeil)
– Stilisierung des Kaisers als Wohltäter auf dem
Triumphbogen, den der Senat im Jahr 315 für ihn
in Rom errichten lässt. Bei seinem Regierungs-
antritt erkauft sich Konstantin hier als „Euerge-
tes“ eher die Sympathien der Reichen. Später
wird er als erster Kaiser die Versorgungsein-
richtungen der christlichen Gemeinden für
Arme finanzieren.

S
eit den Anfän- Aus ihnen konnte der
gen, in denen sich Bischof, meist durch
christliches Leben seine Diakone und auch
organisiert, steht Nächsten- die Diakoninnen, Bedürftige
liebe im Zentrum des christlichen unterstützen. Legenden wie die-
Handelns. Insbesondere die Worte Jesu jenige vom stadtrömischen Diakon
selbst haben dazu ermutigt, Nächstenliebe in Laurentius (s. S. 52) machen deutlich, dass sol-
den Gemeinden zu praktizieren. Bereits die Apo- che „Schätze“ der Gemeinde oft von außen als
stelgeschichte reflektiert in ihrem sechsten Ka- enorm groß eingeschätzt worden sind. Dennoch
pitel die Sorge für die Bedürftigen im griechisch- wurde mit ihnen keine institutionalisierte Dia-
sprachigen Teil der christusgläubigen Gemeinde konie finanziert. Euergetismus
von Jerusalem – nämlich die tägliche Versor- Einzelne Bischöfe warben in Notzeiten inner- Griech. euergeteo bedeutet
gung der griechischen Witwen. Vergleichbar der halb ihrer Gemeinden schon in vorkonstantini- „Wohltaten erweisen“.
jüdischen Praxis gehörte die Sorge für Witwen scher Zeit nachdrücklich für das Almosen und Machthaber und Patrone
und Waisen fest zum christlichen Gemeindele- damit für verschiedene Formen der Unterstüt- spendeten Getreide oder
ben dazu. Eigene Institutionen der Wohltätigkeit zung Armer und Bedürftiger. Dafür steht bei- stifteten Festspiele und
sind allerdings erst mit der Organisation von spielhaft die Schrift De opere et eleemosynis des öffentliche Bauten, um
Kirche und Theologie im Rahmen einer „Reichs- Bischofs Cyprian von Karthago aus der Mitte des ihren politischen Macht-
kirche“ im 4. Jh. entstanden. Mit der Anerken- 3. Jh. Cyprian führt in der Schrift viele Gründe anspruch zu zeigen und zu
festigen.
nung des Christentums als erlaubter Religion für das Almosen an, wobei er pagan-heidnische
fand die auch bis dahin schon geübte karitative Begründungsmuster mit christlichen verbindet
Praxis zunehmend den Weg in feste Organisati- und diese damit in die christliche Argumenta-
onen. Auch diese präsentierten ab dem 4. Jh. das tion integriert. Grundlegend ist für ihn der Ge- Vor Konstantin / nach
Konstantin
Christentum in der spätantiken Gesellschaft. dankengang, dass Almosen die Sündenverge-
bezeichnet die Zeit vor
bung fördert. Entsprechend der antiken Maxime
313 und die Zeit danach.
do ut des („ich gebe, damit du gibst“) gibt ein Kaiser Konstantin war der
Der Bischof sammelt Geld und verteilt es Christ also den Bedürftigen, um nicht von die- erste für den christlichen
Mit diesen einleitenden Bemerkungen soll kei- sen, sondern vielmehr von Gott sein Seelenheil Glauben offene römische
neswegs behauptet werden, dass es kirchlich zurückzuerhalten. Mit Argumentationen wie Kaiser, mit nachhaltigen
organisierte Nächstenliebe vor Konstantin nicht diesen wirkten Bischöfe in gewisser Weise auch Folgen: Als er 313 das
gegeben hat. Sie war aber in der Regel an ein- als Profis der Nächstenliebe – sie warben rhe- sogenannte „Edikt von
zelne Personen wie die Witwen – die nämlich torisch ausgefeilt für karitatives Handeln und Mailand“ erlässt, leitet
nicht nur Versorgungsempfängerinnen waren, greifen dabei eben auch auf pagan-heidnische das eine Wende in der
sondern auch die Aufgabe hatten, Bedrängte zu Denkmuster und sogar Institutionen wie den Geschichte der Kirche ein.
©123rf.com/Sergej Borzov

Ab jetzt ist das Christen-


versorgen oder Gefangene zu besuchen – und sogenannten Euergetismus, das wohltätige Han-
tum im Römischen Reich
Diakone oder insbesondere ab dem 3. Jh. auch deln von Patronen, zurück.
eine erlaubte Religion. Die
an die Diakoninnen (griech. diakonissa) und vor Spätestens seit dem 3. Jh. entstanden so durch „Konstantinische Wende“
allem an den Bischof gebunden. Am Bischofs- die enge Vermischung von paganen und christ- von den paganen Religio-
sitz befand sich auch die Gemeindekasse, aus lichen Gedanken Begründungsmuster wohltäti- nen zum christlichen Rö-
der Arme und Bedürftige Unterstützung finden gen Handelns, die aus nachreformatorischer (!) mischen Reich geschieht
konnten, die sogenannten deposita pietatis, das Perspektive durchaus auf „Werkgerechtigkeit“ in einem jahrzehntelangen
heißt so viel wie die „Einlagen der Frömmigkeit“. basieren. Prozess.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 51
Profis der Nächstenliebe

Der Diakon Laurentius verteilt den Kirchenschatz an die Armen. Seine Heiligenlegende
erzählt, dass Kaiser Valerian ihn auspeitschen ließ, um den Kirchenbesitz zu bekommen, denn Laurentius
war für die Verwaltung und Verteilung der Gemeindekasse unter Papst Sixtus II. zuständig. Laurentius
verteilte daraufhin alles an die Armen, Kranken, Verkrüppelten, Blinden, Leprösen, Witwen und Waisen
der Gemeinde: Dem Kaiser stellte er diese als „den wahren Schatz der Kirche“ vor. Laurentius wurde 258
auf einem glühenden Eisenrost hingerichtet – bis heute sein Attribut. Gemälde von Bernardo Strozzi, um
1625, North Carolina Museum.

Lizenz zur Nächstenliebe: Diakone und Diakoninnen im frühen Christentum

D iakone, Witwen und Diakoninnen


waren allesamt auch mit der Unter-
stützung Bedürftiger beauftragt. Das Amt
der Gemeinde zuständig. Bei den später
sogenannten Sakramenten hatten sie
zu assistieren. Nach dem – vermeintli-
lichen Kontrolle oft entzogen waren.
Daher scheinen sich Bischöfe seit dem
3. Jh. für die Einführung des Diakonin-
des Diakons ist allerdings ein sehr breit chen – Vorbild von Apg 6 gab es selbst in nenamtes stark gemacht zu haben, das
gefächertes kirchliches Leitungsamt. Im großen Metropolen wie Rom nicht mehr dem Bischof deutlich untergeordnet war.
© Google Art Project, public domain

Urchristentum scheint dieses den übri- als sieben Diakone. Auch die Diakoninnen hatten allerdings
gen Ämtern, ja selbst dem Bischofsamt, Witwen waren ebenfalls für die Un- nicht nur eine Aufgabe beim Verteilen
keineswegs untergeordnet gewesen zu terstützung Bedürftiger zuständig. Sie von Gütern bzw. der Unterstützung Not-
sein. Die Diakone übernahmen nicht nur dienten anderen nicht nur durch ganz leidender, sondern auch in der Liturgie.
einschlägige liturgische Handlungen, konkrete Taten, sondern auch durch ihr Sie hatten gelegentlich in der Kirche
sie waren auch für das Sammeln, die Gebet. Sie erhielten Spenden von der noch vor den Priestern die Plätze neben
Verwaltung und die Verteilung der Güter Gemeinde, die allerdings der bischöf- dem Bischof inne. (A. Müller)

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welt und umwelt der bibel 2/2018
Profis der Nächstenliebe

Kranken-, Armen- und Fremdenfürsorge finanziellen Möglichkeiten für den Klerus zur
in den ersten Klöstern Unterstützung Bedürftiger enorm ausgebaut.
Ähnliche Rückgriffe auf säkulare Vorbilder las- Der Bischof übernahm noch viel deutlicher als
sen sich auch bei den Wohlfahrtsinstitutionen zuvor an vielen Orten in seinem Umfeld die Rol-
im 4. Jh. beobachten. Dies gilt z. B. mit Blick auf le eines Patrons. Insbesondere in der zweiten
erste Krankenstationen im Umfeld der Pacho- Hälfte des 4. Jh. sind dementsprechend zahlrei-
mianer-Klöster Ägyptens. Orte zur stationären che Predigten von Bischöfen überliefert, in de-
Behandlung von Kranken hatte es bis dahin nen sie die karitative Unterstützung Bedürftiger
nur im Rahmen von Militärlagern, größeren deutlich fordern, so z. B. die drei bedeutendsten
Landgütern und Stadthaushalten gegeben. Die kappadokischen Bischöfe der Zeit, Gregor von
sogenannten Valetudinarien dienten vor allem Nazianz, Gregor von Nyssa und vor allem auch
der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit von Basilius von Caesarea (griech. Basileios von Kai-
Sklaven, Soldaten und Bediensteten. In den sarea). Johannes Chrysostomos, der Bischof von
Pachomianer-Klöstern wurden in vergleichbarer Konstantinopel, setzte sich ebenfalls enorm für
Weise Krankenstationen für kranke Mönche ein- die kirchliche Unterstützung Bedürftiger ein.
gerichtet, für die auch Krankenpfleger und be- Während er zur Zeit seiner Tätigkeit als Presby-
sondere Einrichtungen wie ein Speisesaal eigens ter (Priester) in Antiocheia kirchlichen Besitz
für Kranke zur Verfügung standen. Es spricht noch sehr kritisch kommentierte, räumte er als
einiges dafür, dass Pachomius, ehemaliger Sol-
dat und Organisator des frühen Klosterwesens,
die Krankenstationen in seinen großen, kaser-
nenähnlichen Klosteranlagen nach dem Vorbild
Die finanziellen Möglichkeiten für die Unter-
der Valetudinarien gestaltet hat. In den Pacho- stützung Bedürftiger wurden enorm ausgebaut.
mianer-Klöstern gab es darüber hinaus weitere
Formen der institutionalisierten Nächstenliebe
Der Bischof übernahm die Rolle eines Patrons
und der Sorge für Bedürftige: Gäste wurden in
eigenen Gästehäusern untergebracht – weibli-
che Gäste wurden dabei besonders vom Kloster- Bischof in Konstantinopel doch dessen Nützlich-
leben separiert. Auch Bedürftige wurden durch keit für die Sorge um Bedürftige ein. Diese för-
die Klöster unterstützt. Die Pachomianer-Klöster derte er gerade auch in Zusammenarbeit mit Tei-
können als eine Art von Mischanstalt betrachtet len der konstantinopolitanischen Aristokratie,
werden, in der Kranken-, Armen- und Fremden- insbesondere mit reichen Frauen wie Olympias.
fürsorge unter einem Dach umgesetzt wurden. Die erhaltenen Predigten der genannten Bischö-
Vergleichbare Krankenstationen wie in den fe haben teilweise einen geradezu sozialrevoluti-
Pachomianer-Klöstern sind auch an zahlreichen onären Charakter (s. Quellentext S. 56).
anderen Orten belegt: Im 6. Jh. unterstützte etwa
der römische Bischof Gregor I. das Dornbusch-
Kloster auf dem Sinai, indem er dessen Kranken- Wettstreit um die besseren Fürsorgeein-
station förderte. Für viele Klöster in Palästina richtungen zwischen Heiden und Christen
wie z. B. das Kloster Mar Saba sind ebenfalls Insbesondere ab der zweiten Hälfte des 4. Jh.
Krankenstationen belegt. lassen sich größere professionelle Projekte der
Die Pachomianer-Klöster entstanden in einer Nächstenliebe beobachten. Förderlich für diese
Zeit, die in der Regel „als konstantinisches Zeit- war auch die ausgeprägte Konkurrenz zwischen
alter“ bezeichnet wird. Kaiser Konstantin (gest. verschiedenen christlichen Gruppierungen und
337 nC) hat nicht nur mit dem Mailänder Zirku- in gewisser Weise sogar zwischen unterschiedli-
larschreiben des Jahres 313 nC das Christentum chen Religionen. Kaiser Julian (361–363) bemüh- „Die Kappadokier“
als Religion im Reich offiziell erlaubt. Konstantin te sich in den knapp drei Jahren seiner Regie- So bezeichnet man die drei
begann vielmehr auch mit einer Praxis, die für rungszeit beispielsweise um die Förderung des einflussreichen Bischö-
fe Gregor von Nazianz,
die Institutionalisierung kirchlicher Wohlfahrt Heidentums im Römischen Reich – er versuchte,
Gregor von Nyssa und vor
von großer Bedeutung war: Er unterstützte als das aufblühende Christentum geradezu zu ver-
allem auch Basilius von
Kaiser in vollkommen neuer Weise die Kirchen drängen. So bemühte er sich nicht nur darum, Caesarea. Als Asketen,
durch Getreidelieferungen für Witwen, Arme durch ein eigenes Gesetz christliche Lehrer aus Mystiker, Prediger und
und Bedürftige. Er finanzierte auch direkt den dem Schulunterricht auszuschalten, sondern Lehrer haben sie ein
armen Klerus und ermöglichte den Gemeinden, auch der christlichen Praxis der Nächstenliebe umfangreiches Schrifttum
Erbschaften anzunehmen. Dadurch wurden die pagane, heidnische Institutionen entgegenzu- hinterlassen.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 53
Profis der Nächstenliebe

Getreide aus vollen Säcken spenden


Ein sogenanntes Konsulardiptychon, das ein
Konsul bei Eintritt in dieses Amt erstellen ließ.
Mit diesem kostbaren Elfenbeinobjekt wies
der Konsul Justinus im Jahr 540 nC auf seine
Wohltaten hin. Unten schütten kleine Eroten
Getreide aus prallgefüllten Säcken – ein Symbol
der Wohltätigkeit, die von ihm als Konsul erwar-
tet wurde und die zugleich seine Machtstellung
sicherte. Bode-Museum, Berlin.

Makedonios in Konstantinopel. Ähnliches lässt


sich auch im 5. Jh. in Palästina bei Petrus dem
Iberer beobachten. Institutionalisierte Wohl-
fahrt war in jedem Fall immer auch mit gesell-
schaftlichen Einflussmöglichkeiten verbunden.
Almosen in der bischöflichen Kasse und die
Möglichkeit, diese großzügig zu verteilen, er-
setzen. In seinem berühmten Brief 84 aus dem möglichten den Ausbau von Macht. Ähnliches
Jahr 362 nC an den Oberpriester Arsakios macht gilt auch für institutionelle Einrichtungen der
er jedenfalls deutlich, dass das Christentum Wohltätigkeit.
gerade durch seine Unterstützung Bedürftiger
innerhalb der Bevölkerung populär ist: Es sei
dementsprechend nur dadurch erfolgreich zu Im Bedürftigen tritt Gott selber gegenüber
bekämpfen, dass man auf heidnischer Seite ver- Entsprechende Institutionen sind aber wohl
gleichbare Unterstützung anbiete. Kaiser Julian keineswegs nur wegen solcher Einflussmöglich-
bot in diesem Zusammenhang sogar persönliche keiten entstanden. Vielmehr waren sie – noch
Unterstützung des heidnischen Klerus an (vgl. nachweislich bei den Kappadokiern – auch mit
auch Beitrag H. Grieser). einer tiefen innerlichen Überzeugung verbun-
den. Gregor von Nazianz bezeichnet die große
Mischanstalt mit Waisenhaus, Altenheim, Ar-
menhaus und Krankenhaus vor den Toren Cae-
Almosen in der bischöflichen Kasse und die sareas (die heutige türkische Stadt Kayseri) im
Sailko, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia

Möglichkeit, diese großzügig zu verteilen, Zentrum Kleinasiens, die sein Freund Basilius
in den 60er-Jahren des 4. Jh. gegründet hatte,
ermöglichten den Ausbau von Macht geradezu als „Weltwunder“. Noch deutlicher als
bei möglichen Vorgängerinstitutionen wie einer
Einrichtung für Pilger und Bedürftige im nicht
Auch innerchristlich buhlte man bereits im 4. weit entfernten Sebaste wird dabei die Verbin-
Jh. ein Stück weit um die Gunst der Bevölkerung dung zwischen einem ganz spezifischen Men-
durch den Ausbau karitativer Einrichtungen – schenbild und der karitativen Tätigkeit betont:
so etwa im Umfeld des umstrittenen Patriarchen Im Armen, Kranken und Bedürftigen begegnet

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welt und umwelt der bibel 2/2018
Profis der Nächstenliebe

nach Mt 25 nicht etwa eine gesellschaftlich nicht Basis des Evangeliums – darin dürfte der wich-
mehr brauchbare und daher auszugrenzende tigste Beitrag der Professionalisierung von Ca-
Person, sondern vielmehr Gott selber. Wohltä- ritas im 4. Jh. gelegen haben. Diese wurde nun
tigkeit bot für die Kappadokier daher einen Ort auch in vielen anderen Teilen, ja selbst in Grenz-
der Gottesbegegnung. Dem Bedürftigen wurde gebieten des Römischen Reichs praktiziert. Bei-
somit nicht geholfen, um ihn wieder gesell- spielhaft dafür dürfte Ephraim der Syrer stehen,
schaftsfähig zu machen, sondern weil man seine der in Edessa im äußersten Osten des Reiches im
besondere Würde, die Gottesebenbildlichkeit in 4. Jh. eine Art Krankenhaus eingerichtet hat.
den Vordergrund stellte.
Die Profis der Nächstenliebe in Kleinasien
entwickelten dabei große Institutionen. Diese Die Diakonien: Getreideverteilungsstellen
lehnten sich möglicherweise sogar an die klös- Neben den Mischanstalten in Klöstern wie auch
terlichen Mischanstalten in Ägypten an und am Rande von Städten entstand in der Spätan-
transferierten sie nun in „die Welt“, weil für die tike noch eine andere Art von karitativer Insti-
Kappadokier und insbesondere Basilius eine tution, die für die Versorgung Bedürftiger von
strikte Unterscheidung von Kloster und Welt großer Bedeutung war: die sogenannten Diako-
nicht existierte. Sie verbanden die Institutionen nien. Diese lassen sich insbesondere in großen
aber auch mit einem vollkommen neuen Ver- Städten wie Rom beobachten. Über ihre Funkti-
ständnis von Armut und Bedürftigkeit auf der on und vor allem über ihre Herleitung ist in den

Ruinen eines römischen Valetudinariums in Northumberland (Housesteads),


2. Jh., oben rechts eine Rekonstruktion. Während es in Militärlagern Kranken-
stationen für die geschlossene Gruppe der Söldner gab, stellten Christen bald darauf
Krankenhäuser für die gesamte Bevölkerung zur Verfügung.
© Mike Peel (www.mikepeel.net).CC-BY-SA-4.0, commons.wikimedia/Veleius, CC0, commons.wikimedia

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welt und umwelt der bibel 2/2018 55
Profis der Nächstenliebe

QUELLENTEXT: Das sozialrevolutionäre Potenzial der Nächstenliebe

D en Bischöfen oblag die Verteilung


von Gütern an Bedürftige. Also
mussten sie auch Geld eintreiben – eine
ewige Leben nicht erlangen. [...]
Mag dir nun das, was ich gleich sa-
gen will, sonderbar vorkommen, es ist
Speisekammer [...] Und wenn du so
redest und handelst, so wird das Brot,
das du in der Not gibst, zum Samen der
verpflichtende Abgabe gab es nicht. gleichwohl volle Wahrheit: der Reichtum, Aussaat, wird reiche Früchte tragen,
Sie werben mit dem Argument, dass so verteilt, wie der Herr anrät, verbleibt; ein Angeld auf deinen Unterhalt sein
die Gabe ein Gottesdienst ist: Johannes zusammengehalten aber geht er auf an- und dir Barmherzigkeit verschaffen. [...]
Chrysosthomos bezeichnet die Armen dere über. Hütest du ihn, so wird er nicht Vertraue Gott, der das, was du an einem
als „Altäre“, die Spende wird damit zum dein bleiben; verteilst du ihn, so wirst du Notleidenden tust, so aufnimmt, als
liturgischen Opfer, das dem Spenden- ihn nicht verlieren. Denn „er teilte aus hättest du es an ihm selbst getan, und
den wiederum Gottes Geist schenkt. und gab den Armen; seine Gerechtigkeit seinerseits reichlich vergilt.
bleibt ewig.“ [...] [...]
Besonders eindringlich predigt Basi- Wenn dann der Reichtum trotz tau- Die Stimme ist leise und dünn; die
lius der Große, Bischof von Caesarea sendfacher Verausgabung immer noch Augen liegen matt in ihren Höhlen, und
in Kappadokien (gest. 379), der u. a. im Überflusse vorhanden ist, so wird er gleich verdorrten Kernfrüchten in den
Fundraising für seine große Hilfsanstalt in die Erde verscharrt und in Geheim- Hülsen liegen sie lose vom Schutze um-
betreibt, in der er Menschen jedes fächern verwahrt. Wer weiß, was die schließender Augenlider. Der Bauch ist
Glaubens und jedes Standes versorgt: Zukunft bringt und welch unerwartete leer, eingeschrumpft, ungestaltet, ohne
Bedürfnisse bei uns sich einstellen! — Umfang, den ihm sonst die natürliche
Allerdings ist es unsicher, ob du das Ausdehnung der Eingeweide gibt, und
6. Predigt (An die Reichen) vergrabene Geld benötigen wirst; aber hängt nur noch an den Knochen des
„Dann sag’ mir, wozu die silbernen nicht ungewiss ist die Strafe für dein Rückgrates. Wer nun an einem solchen
Bettstellen, die silbernen Tische, elfen- unmenschliches Gebaren. Da du mit Leibe vorübergehen kann, welche Strafe
beinernen Sänften und Sessel, derent- tausend Einfällen deinen Reichtum nicht verdient der? Was fehlt dem noch zur
wegen der Reichtum den Armen nicht erschöpfen konntest, vergräbst du ihn größten Grausamkeit? Verdient er nicht,
zugute kommen kann, die zu Tausenden jetzt in die Erde. Ein furchtbarer Unsinn, unter die wildesten Tiere gezählt, als
vor der Türe stehen und alle Jammertöne solange das Gold in den Bergwerken ein verruchter Mörder angesehen zu
hören lassen? Du aber versagst die Gabe war, die Erde zu durchwühlen und, nach- werden? Denn wer es in seiner Gewalt
mit der Ausrede, es sei dir unmöglich, dem man es zutage gefördert, es wieder hat, dem Elende abzuhelfen, aber
ihrer Bitte zu willfahren. Du beschwörst in die Erde zu vergraben! Auch, glaube geflissentlich und aus Geiz die Hilfe
mit der Zunge, was deine Hand Lügen ich, trifft es bei dir zu, dass du mit dem hinausschiebt, der wird doch wohl mit
straft mit dem funkelnden Diamantrin- Reichtum dein Herz mitvergräbst. „Denn Recht den Mördern gleichgestellt.
ge am Finger. Wie viele könnte dieser wo dein Schatz ist,“ heißt es, „da ist Du siehst, wie auch unser Gott selbst
eine Ring von den Schulden befreien! auch dein Herz.“ oft andere Leiden übergeht, mit den
Wie viele baufällige Häuser könnte er Hungrigen aber herzliches Mitleid hat.
aufrichten! Denn er spricht: „Mich erbarmt des
Ein einziger deiner Kleiderkästen könn- 7. Predigt (gehalten während einer Volkes.“ Auch beim Letzten Gericht,
te ein ganzes frierendes Volk kleiden, Dürre und Hungersnot) wo der Herr die Gerechten zu sich ruft,
und dennoch bringst du es über dich, „Bist du arm, so weißt du sicher einen nimmt der Mildtätige die erste Stelle ein;
den Armen hilflos zu entlassen, ohne andern, der noch ärmer ist. Du hast der Nährvater steht unter den Belohnten
die gerechte Vergeltung des Richters zu Speise für zehn Tage, er nur für einen. voran; der Spender des Brotes wird vor
fürchten! Du hast dich nicht erbarmt; Was du mehr hast, teile als guter und allen genannt; der Gütige und Freigebige
du wirst auch kein Erbarmen finden. Du edel denkender Mensch mit dem Armen! gelangt vor den anderen Gerechten ins
hast dein Haus nicht geöffnet; du wirst [...] Besteht dein Vorrat nur noch aus ewige Leben. Wer aber karg und geizig
im Himmel nicht Einlass finden. Du hast einem Brote, und steht ein Bettler vor gewesen, wird vor allen Sündern dem
kein Brot gegeben; du wirst auch das deiner Türe, so hole dieses eine aus der Feuer überantwortet.“

56 welt und umwelt der bibel 2/2018


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Profis der Nächstenliebe

Annona, oft Annona Augusti


genannt, die altrömische Göttin
der Getreideverteilung auf der
Münzrückseite (rechts). Mit dem
rechten Fuß steht sie auf einem
Schiffsbug, in der rechten Hand hält
sie Ähren, in der linken ein Füllhorn.
Sie ist eine späte römische „Erfin-
dung“, verkörpert die kaiserlich-
göttliche Macht über die Versorgung
des Volkes und wird Teil des
Kaiserkults.
Silberdenar des Kaisers
Septimius Severus, geprägt in
Laodizea 198–202.

Lesetipps
vergangenen Jahren in der Forschung viel disku- Ein hier gefundenes Mosaik in der Kirche, die in • Bernhard Schneider,
tiert worden. Es ist wohl davon auszugehen, dass die ehemaligen Propyläen des Artemis-Tempels Christliche Armenfürsorge.
der Begriff diaconia aus dem griechischen Osten eingebaut worden war, zeugt noch jetzt davon, Von den Anfängen bis zum
stammt, dabei aber keineswegs nur eine konkre- dass man in der Antike den Dienst am Nächsten Ende des Mittelalters. Eine
te Institution bezeichnet, sondern auch andere sogar – entsprechend Philanthropie-Konzep- Geschichte des Helfens und
Formen von Dienst in der Kirche. Die stadtrömi- tionen in der Antike – als Dienst Gottes an den seiner Grenzen, Freiburg
schen Diakonien haben sich öfter an Stellen der Menschen verstand. Auf dem 565 nC gelegten i.B. 2017.
antiken öffentlichen Getreideverteilung (anno- Mosaik finden sich die Worte aus Psalm 64,5-6
na) angesiedelt. Jene haben der Versorgung der (LXX) und Psalm 85,1-3 (LXX), der beginnt: • Michaela Collinet (Hg.),
Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln – wie „Wende Dein Ohr mir zu, erhöre mich Herr! Caritas – Barmherzigkeit
zuvor die Annonae – gedient und damit nun in Denn ich bin arm und gebeugt [...].“ – Diakonie. Studien zu Be-
christlicher Hand eine Aufgabe übernommen, Professionelle Nächstenliebe wird somit griffen und Konzepten des
die eigentlich dem Staat oblag. Mit dem Ende in den Zeiten ihrer Entwicklung nicht nur als Helfens in der Geschichte
des weströmischen Kaisertums durch die Ab- Dienst der Menschen an Gott, sondern auch des Christentums vom Neu-
setzung des Romulus Augustulus 476 nC und in Gottes an den Menschen interpretiert. Gott en Testament bis ins späte
politisch unruhigen Zeiten wurde der römische selbst ist nach dem Verständnis spätantiker 20. Jahrhundert, Münster
Bischof immer stärker verantwortlich für solche Christen derjenige, der durch Menschen be- 2014.
politischen Aufgaben. Insbesondere seit der dürftigen Zeitgenossen hilft. W
Wende zum 7. Jh., also zur Zeit Gregors des Gro- • Andreas Müller, „All das
ßen (gest. 604 nC), lässt sich daher der Ausbau ist Zierde für den Ort ...“
eines kirchlichen Versorgungssystems für die Prof. Dr. Andreas Müller Das diakonisch-karitative
Stadtbevölkerung beobachten. ist Professor für Kirchen- und Re- Großprojekt des Basileios
Die Profis der Nächstenliebe übernahmen auf ligionsgeschichte des ersten Jahr- von Kaisareia. In: Zeitschrift
diese Weise zunehmend auch Aufgaben, für die tausends an der Universität Kiel. für Antikes Christentum XIII
eigentlich der Staat verantwortlich war. Diako- Forschungsschwerpunkte liegen (2009), 452-474.
auf den östlichen Kirchen und der
nien entstanden aber keineswegs nur in Rom –
frühen Kirchengeschichte. Neben
ein berühmtes Beispiel dort mag der heute noch
anderen Ämtern ist er Mitglied in
© coinarchives

kirchlich genutzte Raum S. Maria in Cosmedin der Wissenschaftlichen Leitung des


sein. Solche Diakonien gab es auch in Konstanti- Instituts für Diakonie- und Sozialge-
nopel und sogar im heute jordanischen Gerasa: schichte (Bielefeld).

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welt und umwelt der bibel 2/2018 57
Nächstenliebe im Islam

Gottes Auftrag an die


Menschen: barmherzig sein
Im koranischen Arabisch findet sich kein direktes Wort für „Nächstenliebe“. Aber in der Rede
von Gottes Barmherzigkeit ist genau das angelegt. Diese Barmherzigkeit weiterzugeben,
kann ein spiritueller Akt sein. Von Dina El Omari

Geldspenden werden eingesam-


melt – im Zentrum des Naqschbandi-
Ordens (ein Sufiorden) in Lefkosia,
Nordzypern.
© picture alliance / Godong

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D
er Begriff „Nächstenliebe“ mag zwar historischen und sozio-kulturellen Umstände
nicht im Wortlaut im Koran vorkom- gebunden, er bezieht nicht nur den Prophe-
men, das Konzept dahinter ist aber ten als sein Medium der Verkündigung ein,
durch und durch im Koran zu finden. Es spie- sondern ebenfalls die Erstadressaten und ist
gelt sich am ehesten im Aspekt der Barmher- in der Regel eine Reaktion auf die Ereignisse
zigkeit Gottes wider, die im Koran das meist in der Gemeinde. Für den Akt der Offenbarung
angeführte Attribut Gottes ist. So wird – bis des Korans bedeutet das nach dem Koranwis-
auf eine – jede der Suren im Koran mit der senschaftler Abu Zaid ganz konkret, ihn mit-
Eingangsformel „Im Namen Gottes des Aller- hilfe der Begriffe des „Senders“ und „Emp-
barmers, des Allbarmherzigen“ eröffnet. Der fängers“ aus der Kommunikationstheorie zu
arabische Begriff für Barmherzigkeit, raḥma, beschreiben sowie eines zwischen ihnen zur
leitet sich aus dem Wort „Mutterleib“ ab und
erhält dadurch einen physischen und emotio-
nalen Anklang mütterlicher Liebe. Mit der Her- Durch seinen Einsatz für die
vorhebung des Attributs der göttlichen Barm-
herzigkeit wird also besonders die fürsorgliche Schöpfung realisiert der Mensch die
und liebende Seite Gottes für seine Schöpfung Barmherzigkeit Gottes in der Welt
betont. Das sieht sich auch darin bestätigt,
dass Gott die Schöpfung in seiner Rolle als der
Allbarmherzige hervorgebracht hat. So heißt Übermittlung einer Botschaft erforderlichen
es in Sure 55:1ff: „Der Allbarmherzige lehrte die „Codes“. Übertragen auf den Koran bedeutet
Rezitation, erschuf den Menschen, lehrte ihn seine These, dass sich Gott im Koran unter Ver-
das Offenkundige.“ Außerdem betont der Ko- wendung einer menschlichen Sprache sowie
ran, dass die Barmherzigkeit Gottes alle Dinge unter Rückgriff auf bestimmte menschliche
umfasse (Sure 7:156) und die Botschaft des Pro- Geschichten an die Araber des 7. Jh. gewandt
pheten und somit der Koran nur als Barmher- hat. Dabei muss die Botschaft selbstverständ-
zigkeit zu verstehen seien: „Wir [Gott] haben lich für den Empfänger entschlüsselbar sein
dich [Muhammad] lediglich als Barmherzigkeit – daher muss Gott im Koran die Codes seiner
für alle Welten entsandt“ (Sure 21:107). ersten Hörer berücksichtigen.
Dieses dialogische Offenbarungsverständnis
sagt gleichzeitig sehr viel über das Gottesbild
Woher können wir wissen, aus, denn es handelt sich um einen Gott, der in
dass Gott barmherzig ist? der Zeit agiert und auf die Belange der frühen
Nun stellt sich allerdings die Frage, wie sich muslimischen Gemeinde reagiert. Dabei tritt
diese fürsorgliche und liebevolle Barmherzig- er nicht selten emotional auf, ist wütend über
keit Gottes für die Schöpfung und die Gott- Ungerechtigkeiten („Für sie wird die Hölle eine
Mensch-Beziehung konkret ausdrückt. Zur Be- Lagerstatt sein, und über ihnen werden Decken
antwortung dieser Frage muss man zunächst aus Höllenfeuer sein. So vergelten Wir den Unge-
klären, von welchem Offenbarungsverständ- rechten.“ – Sure 7:41), zeigt sich trostspendend
nis des Korans auszugehen ist. Der Koran gilt („Wir wissen wohl, dass dich das, was sie sagen,
den Muslimen als das Wort Gottes, das dem in der Tat traurig macht. Aber nicht dich bezich-
Propheten Muhammad mittels des Engels Ga- tigen sie der Lüge, sondern die Zeichen Gottes
briel (koranisch: rūḥ al-quddus, dt. „heiliger verleugnen die Ungerechten.“ – Sure 6:33), aber
Geist“) über einen Zeitraum von 23 Jahren in- auch fürsorglich und liebend gegenüber seiner
spiriert wurde. Dabei fällt die Definition die- Schöpfung („Und ich habe auf dich meine Liebe
ses Gotteswortes durchaus unterschiedlich gelegt, auf dass du unter meiner Fürsorge auf-
aus. Die zeitgenössische Koranexegese geht gezogen wirst“ – Sure 20:39) und betont, dass
von einem Gotteswort in Menschenwort aus, er mit denen ist, die aufrichtig handeln und
das heißt ganz konkret, dass der Koran zwar
auf Gott zurückgeht, doch nicht identisch
mit dem ewigen Wort Gottes ist – vielmehr Nasr Hamid Abu Zaid
bediene sich Gott für seine Offenbarung der 1943–2010, einer der bedeutendsten zeitgenössischen islami-
menschlichen Sprache als Werkzeug. Der Of- schen Theologen, der die historische Einbettung der korani-
fenbarungsvorgang ist dabei von dynamischer schen Offenbarung ins 7. Jh. als These formuliert hat. Nach
und dialogischer Natur, denn er ist stets an die Lehrtätigkeit in den Niederlanden starb er 2010 in Kairo.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 59
Nächstenliebe im Islam

Erde einen Statthalter einzusetzen‘“ (Sure 2:30f).


„Im Namen Gottes des Allerbarmers, Darauf reagierten die Engel mit Kritik, dennoch
des Allbarmherzigen“ – als Vorzeichen lei- hält Gott laut der koranischen Erzählung an sei-
tet diese Formel (Basmala) die Koransuren ein nem Plan fest:
und im Gebet stellt sie das alltägliche Leben „Da sagten die Engel: ,Willst Du auf ihr etwa
unter das Vorzeichen der Barmherzigkeit. jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil stiftet und
Über dem Eingang der modernen Moschee des Blut vergießt, wo wir Dich doch lobpreisen und
Pariser Stadtteils Creteil empfängt die Basma- Deiner Heiligkeit lobsingen?‘ Er [Gott] sagte: ‚Ich
la jeden Besucher mit der Aufforderung zur weiß, was ihr nicht wisst.‘“ (Sure 2:30).
Barmherzigkeit. Er setzt sogar so viel Vertrauen in die Schöp-
fung Mensch, dass er den Erzteufel dafür bestraft,
sich nicht vor dem Menschen niederzuwerfen:
„Hierauf sagten wir zu den Engeln: ‚Werft euch
vor Adam nieder!‘ Da warfen sie sich (alle) nieder,
außer Iblies [Erzteufel]. Er gehörte nicht zu de-
nen, die sich niederwarfen. Gott sagte: ‚Was hin-
derte dich daran, dich niederzuwerfen, nachdem
ich (es) dir befohlen habe?‘ Iblies sagte: ‚Ich bin
besser als er. Mich hast du aus Feuer erschaffen,
ihn (nur) aus Lehm.‘ Gott sagte: ‚Geh hinab (auf
die Erde)!“ (Sure 7:11ff).
Die Sünde des Erzteufels lag nicht nur in sei-
nem Hochmut, sondern daran, dass er nicht an
die Schöpfung Mensch glaubte und es sich zu-
dem zur Aufgabe machte, dieser Schöpfung bis
zum Jüngsten Gericht zu schaden. Sein Handeln
steht also im direkten Gegensatz zu der Aufgabe,
die dem Menschen obliegt: dem Erhalt und der
Fürsorge um die Schöpfung.
Die Beziehung zwischen Gott und Mensch
kann dabei nur aufrechterhalten bleiben, wenn
der Mensch sich selbst zu dieser Beziehung be-
kennt und die Gottesnähe anstrebt. Das kann er
wiederum durch seinen Einsatz für die Schöp-
Gutes tun („Was aber jene angeht, die glauben fung erzielen und durch diesen Einsatz realisiert
und rechtschaffene Werke tun, so wird Er ihnen er die Barmherzigkeit Gottes in der Welt. Dass
ihren Lohn in vollem Maß zukommen lassen. Und darin der Auftrag des Menschen liegt, zeigt sich
Gott liebt nicht die Ungerechten.“ – Sure 3:57). sehr schön an der folgenden Überlieferung, die
Gott fühlt sich der menschlichen Schöpfung der Prophet Muhammad erzählt haben soll:
sehr nahe: „Ich bin dem Menschen näher als sei- „Im Jenseits wird Gott einen Mann fragen: ‚Ich
ne Halsschlagader“ (Sure 50:16). war krank und du hast mich nicht besucht, ich war
hungrig und du hast mir nichts zu essen gegeben,
und ich war durstig und du hast mir nichts zu trin-
Der Mensch kann Gottes Barmherzigkeit ken gegeben.‘ Der Mann wird daraufhin erstaunt
in der Welt umsetzen fragen: ‚Aber du bist Gott, wie kannst du krank,
Für das Gott-Mensch-Verhältnis bedeutet dies durstig oder hungrig sein?!‘ Da wird ihm Gott ant-
zunächst, dass Gott ein inniges Verhältnis zu worten: ‚Am Tag so und so war ein Bekannter von
© Djampa, GFDL, commons.wikimedia

seiner Schöpfung hat, er versorgt und erhält sie, dir krank und du hast ihn nicht besucht; hättest du
er ist ihr mit Liebe zugewandt. Doch das Ver- ihn besucht, hättest du mich dort, bei ihm, gefun-
hältnis ist kein passives Verhältnis, der Mensch den. An einem Tag war ein Bekannter von dir hung-
spielt eine entscheidende Rolle, denn er wurde rig und du hast ihm nichts zum Essen gegeben, und
zum Verantwortlichen für die Schöpfung und an einem Tag war ein Bekannter von dir durstig
deren Erhaltung gemacht, so heißt es bezüglich und du hast ihm nichts zum Trinken gegeben.‘“
der Schöpfung des Menschen: „Und als dein Hier lässt sich eine eindeutige Parallele zum
Herr zu den Engeln sagte: ‚Ich bin dabei, auf der Matthäusevangelium, Kapitel 25, ziehen, wel-

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Nächstenliebe im Islam

Die Almosengabe als eine der „Fünf Säulen“ des Islam

F ünf besondere Pflichten für alle Muslime bilden die sogenannten fünf Säulen: das Glaubensbekenntnis, die fünf täglichen
Gebete, die wohltätige Almosengabe (zakat/sadaqa), das Fasten während des Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka.
Nächstenliebe in Form der Geldspende ist verpflichtend, d. h. der bedürftige Nächste hat einen Anspruch darauf. Gleichzei-
tig hat die Spende eine spirituell-reinigende und gemeinschaftliche Dimension als bewusste Weitergabe der Barmherzigkeit
Gottes.

Manchmal muss man sogar besonders gut hinschauen, um einen Hilfsbedürftigen auszumachen:
Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte:
„Arm ist nicht derjenige, der bei den Menschen die Runde macht und mit einem oder zwei Stück Brot oder mit einer Dattel
oder mit zwei Datteln fortgeschickt wird. Arm ist vielmehr derjenige, der keinen Ausweg findet, um sich aus der Not erlösen
zu können; er ist derjenige, auf den keiner aufmerksam sein wird, um ihm eine Sadaqa zu geben, er ist aber auch nicht
derjenige, der (beim Vorbeigehen der Menschen) aufsteht und sie anbettelt.“ [Sahih Al-Buchari Nr. 1479]

„Die Zakat
al Maal – ein
Recht für die
Armen“, so heißt
es auf der Website
der muslimischen
Hilfsorganisation
Secour Islamique
France. Hier kann
man online seine
verpflichtende Za-
kat errechnen und
spenden. In vielen
Ländern gibt es
sogenannte Zakat
Foundations.
Screenshot Secour Islamique France

ches eine ähnliche Erzählung wiedergibt und beinhalten. Es handelt sich dabei ganz konkret
abschließend betont: „Was ihr für einen meiner um das Geben von Almosen bzw. die sogenann-
geringsten Brüder getan habt das habt ihr mir te Armensteuer (sadaqa oder zakat), die als eine
getan“. Der Mensch begegnet also Gott im Kran- Pflichtabgabe für die Muslime gilt. So heißt es im
ken, Hungrigen oder Durstigen. Koran: „Nimm Spenden von ihrem Vermögen, mit
denen du sie reinigst und läuterst“ (Sure 9:103).
Das Ziel dieser Geldspende ist zwar auf der einen
Das Almosen: Reinigung des Seite die Umverteilung von Vermögen und die
Herzens durch Liebe Armutsbekämpfung, auf der anderen Seite soll
Wie wichtig dieser Gedanke im Islam, aber auch dieser Akt der Vermögensabgabe aber auch eine
im Koran ist, zeigt sich im Weiteren an einer der Läuterung und Reinigung des menschlichen
sogenannten „fünf Säulen“, welche die wich- Herzens erzielen. Es ist also ein zutiefst spiritu-
tigsten Rituale sowie das Glaubensbekenntnis eller Akt, der nicht nur der Erhaltung der Schöp-

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welt und umwelt der bibel 2/2018 61
Nächstenliebe im Islam

fung dient, sondern die Nähe zu Gott intensiviert,


und zwar durch die Überwindung von Gier und
Selbstsucht und durch die Liebe und Barmher-
zigkeit, die man der Schöpfung spendet. Somit
hat der Akt der „Nächstenliebe“ einen direkten
Praxisbezug, ja er ist sogar eine der wichtigsten
Pflichten des Muslims und sollte damit gelebte
Wirklichkeit sein. Daher zeigt sich die Solidari-
tät vieler Muslime gerade bei der Unterstützung
humanitärer Organisationen in der ganzen Welt,
besonders aber in Kriegs- und Krisenregionen.

Die Geldspende intensiviert die Nähe zu Gott,


und zwar durch die Überwindung von Gier und
Selbstsucht

Nächstenliebe in den mystischen Orden:


das höchste Gut Scheich Nazım Kıbrısi (gest. 2014),
Eine besondere Rolle nimmt die Nächstenliebe Sufi-Lehrer des Naqschbandi-Ordens, der
in den mystischen Orden ein. Denn sie ist nicht für seine Wohltätigkeit bekannt ist.
nur Teil einer religiösen Pflichtausübung, son-
dern ihre Realisierung ist ein tagtäglicher Be-
standteil ihres gelebten Lebens. Daher kommen nur zu predigen, sondern in jedem Moment sei-
ihnen große soziale Dienste zu wie die Seelsor- nes Lebens zu verkörpern. Diese Barmherzigkeit
ge, die Armenküche und im Besonderen Herber- und Liebe strahlte er nach Berichten von Men-
gen, die sich überall auf der Welt finden und in schen, die ihn getroffen haben, auf solch eine
denen die Nächstenliebe das höchste Gut ist. Da- intensive Art und Weise aus, dass sich jeder in
her kann es auch nicht verwundern, dass gerade seiner Gegenwart als etwas Besonderes fühlte
aus diesem Bereich einige bekannte Personen und oftmals die Begegnung mit ihm in Tränen
stammen, die sich in der islamischen Geschichte der Rührung gipfelten angesichts dieses außer-
besonders durch ihren Einsatz für ihre Mitmen- ordentlichen Maßes an Liebe und Mitgefühl für
schen auszeichnen. Eine dieser Personen ist si- sein Gegenüber. Damit steht der Scheich ganz in
cher Scheich Nazım Kıbrısi (1922–2014), der 40. der Tradition des Propheten, denn natürlich ha-
Großscheich des Naqschbandi-Ordens, der sich ben die Muslime das beste Vorbild im Propheten
besonders durch seinen bescheidenen Lebens- selbst, der in vielen seiner Aussprüche deutlich
stil und gleichzeitig seine aufopfernde Haltung macht, wie wichtig die Nächstenliebe im Islam
gegenüber Mitmenschen, Bedürftigen und Kran- ist. So ließ er verlauten:
ken auszeichnete. Der Scheich, der in London „Jener Mensch ist gerecht, der für die anderen
und Nordzypern wirkte, sah es als seine Lebens- Menschen so viel Liebe aufbringt, wie viel er sich
aufgabe an, die Barmherzigkeit des Islam nicht ihrer für sich selbst ersehnt“ und weiter: „Keiner
von Euch hat den Glauben erlangt, solange ihr
© Shaykhana, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia

für euren Nachbarn nicht liebt, was ihr für euch


Dr. Dina El Omari leitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin die selbst liebt.“
Forschungsgruppe „Theologie der Barmherzigkeit“ an der Univer- In diesem Sinne sollte die Nächstenliebe ein
sität Münster. Das Projekt ist im Zentrum für Islamische Theologie essenzieller Bestandteil der Glaubenspraxis
angesiedelt und erstellt einen historisch-kritischen Korankom- und Religiosität sein, und zwar ungeachtet,
mentar, der besonders jegliche Interaktion zwischen Islam und
welche Religion und Weltanschauung der je-
der jüdisch-christlichen Tradition berücksichtigt und nach einem
zeitgemäßen Koranverständnis fragt. Ein weiterer Schwerpunkt
weilige Mitmensch hat, denn im liebevollen
liegt auf geschlechtergerechten Zugängen zum Koran. Jüngst er- und empathischen Miteinander haben wir je-
schienen ist von ihr eine Einführung in die Koranwissenschaften. des Mal aufs Neue die Möglichkeit, Gott direkt
(Freiburg im Breisgau, 2016). zu begegnen. W

62 welt und umwelt der bibel 2/2018


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Büchertipps

Caritas – Nächstenliebe von den bis zur Gegenwartskunst ist der Band zudem ein überwältigender
frühen Christen bis zur Gegenwart Bildfundus.
Der Begleitband und Katalog zur gleich- Herbert Uerlings/Nina Trauth/Lukas Clemens (Hg.), Armut
namigen Ausstellung im Diözesanmusum – Perspektiven in Kunst und Gesellschaft. Begleitband zur
Paderborn 2015 ist monumental: Die Ausstellung in Trier, WBG 2011 (antiquarisch erhältlich).
30 einleitenden Essays sind vielfältig
und reichen von Theologie, Geschichte, So prägt Religion unsere
Kunstgeschichte und Archäologie bis Mitmenschlichkeit
hin zu Judentum und Islam – zahlreiche Der Kirchenhistoriker Lutterbach analy-
WissenschaftlerInnen, die derzeit in Deutschland am Thema siert, wieweit Initiativen wie Telefonseel-
Caritas forschen, kommen zu Wort. Der Katalogteil führt durch die sorge, Tafeln oder Arche heute biblische
kunstgeschichtliche Beschäftigung mit dem Thema „Caritas“. und christliche Traditionen spiegeln,
Christoph Stiegemann (Hg.), Caritas. Nächstenliebe von den frühen auch wenn die Agierenden allen mögli-
Christen bis zur Gegenwart, Michael Imhof Verlag 2015, chen Weltanschauungen angehören. Wo
ISBN 9783731901426, 720 S., 49,95 EUR. sind „Einflüsse aus dem historischen Reservoir christlicher
Denktradtionen?“ Wichtig es ebenso, dass sich die Motiva-
Caritas – Barmherzigkeit – Diakonie tionen gewandelt haben: Was ist an die Stelle der früheren
Die Studienbeiträge dieses Sammelbands Hoffnung auf ewiges Leben getreten? Eine präzise politische,
umspannen 2000 Jahre Kirchengeschichte. religionssoziologische und sehr menschliche Studie.
Es geht es nicht nur darum, Geschichte zu Hubertus Lutterbach, So prägt Religion unsere Mitmenschlich-
erzählen, sondern die Konzepte des caritativ- keit, Butzon und Bercker 2018, ISBN 9783766622853,
christlichen Handelns hinter den Formen des 328 S., 25,– EUR.
Helfens zu identifizieren: Was etwa war „Barm-
herzigkeit“ im Mittelalter? In der Frühen Neu- Christliche Armenfürsorge
zeit? Im 20. Jh.? Die heutige Beschäftigung mit Der Trierer Professor für Kirchenge-
den Konzepten des Helfens in der Geschichte ist eine belebende schichte erzählt Geschichte auf fesselnde
Anfrage an Motive und Gründe christlicher Nächstenliebe heute. Weise: Wie dachte man über Arme und
Michaela Collinet (Hg.), Caritas – Barmherzigkeit – Diakonie. Reiche, über Arbeit und Betteln? Auf
Studien zu Begriffen und Konzepten des Helfens in der Geschichte welche Weise war Helfen gottgefällig? Der
des Christentums vom Neuen Testament bis ins späte 20. Jh., Band stellt dar, wie sich die Praktiken des
Lit Verlag 2014, ISBN 9783643120045, 192 S., 19,90 EUR. Helfens und die Einrichtungen der Hilfe
wandelten – und er führt die Lesenden dank der großen
Armut Quellenkenntnis des Verfassers in eine Welt, in der die Sorge
Ein weiterer beeindruckender Ausstellungs- um die Armen das Christentum bewegte.
katalog begleitete die Schau „Armut – Per- Bernhard Schneider, Christliche Armenfürsorge. Von den
spektiven in Kunst und Gesellschaft“ 2011 Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. Eine Geschichte des
in Trier. Sie präsentierte die Ergebnisse des Helfens und seiner Grenzen, Verlag Herder 2017,
interdisziplinären Sonderforschungsbereichs ISBN 9783451305184, 480 S., 29,99 EUR
„Fremdheit und Armut“ (2002–2012 an der
Universität Trier, zu dem auch B. Schneider, s.
o., gehörte). Dieser Band stellt in 60 Beiträgen Zum Weiterlesen:
Armutsforschung vor (historisch, juristisch, politisch ...). Was kann man • Peter Brown, Der Schatz im Himmel. Der Aufstieg des Chris-
am Umgang einer Gesellschaft mit ihren Armen ablesen? Von der Antike tentums und der Untergang des römischen Weltreichs,
Klett-Cotta 2017.

• Julian Apostata, Das Kaiserbankett / Der Barthasser,


hg. und übersetzt von Marion Giebel, marixverlag 2016
Zwei Hinweise • Thomas Söding, Nächstenliebe. Gottes Gebot als Verheißung
Alle lieferbaren Bücher Publikationen aus dem und Anspruch, Herder 2015.
können Sie ­­­­bestellen bei ­­Katholischen Bibelwerk e.V. ­­
• Gerhard K. Schäfer/Theodor Strohm (Hg.), Diakonie –
bibelwerk impuls können Sie bestellen unter
Tel. 0711-6 19 20 37 Tel. 0711-6 19 20 50 biblische Grundlagen und Orientierungen. Ein Arbeitsbuch zur
Fax 0711-6 19 20 30 Fax 0711-6 19 20 77 theologischen Verständigung über den diakonischen Auftrag,
impuls@bibelwerk.de bibelinfo@bibelwerk.de Heidelberg 31998
www.bibelwerk.de www.bibelwerk.de
• Liebe, Jahrbuch für biblische Theologie Bd. 29 (2014).
Vandenhoeck & Ruprecht 2015.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 63
aus der welt der bibel

Inhalt
64 bis 73
Panorama
Bet Schemesch: Ein Pilgerort?
Wo lag Betsaida? Interview

74 bis 75
THEMENREIHE 2018:
Große Worte der Bibel neu übersetzt
2. häsäd: Huld oder Liebe oder ...?

76 bis 79
Die großen Entdeckungen
Die Heliodor-Stele:
Auslöser für einen Aufstand

80 bis 83
Die Bibel in berühmten Gemälden
Velázquez: Josefs blutiger Rock wird
Jakob gebracht

84 bis 85
Ausstellungen und Veranstaltungen

ein hanya

Der Ort, an dem Philippus taufte?

N ach umfangreichen Umgestaltungen wurde jetzt am


Stadtrand von Jerusalem die archäologische Stätte
Ein Hanya eröffnet. Zu ihren Funden gehört u. a. eine rund
1500 Jahre alte Poolanlage aus byzantinischer Zeit. Ein großes
Wasserbecken lag im Zentrum der weitläufigen Anlage neben
einer Kirche. Noch ist unklar, wofür das Becken benutzt wur-
de, „entweder für die Bewässerung, zum Waschen, zur Land-
schaftsgestaltung oder vielleicht für Taufzeremonien“, sagte
die Leiterin der Ausgrabung, Irina Zilberbod. Das Wasser des
Beckens sei in einem Netz von Kanälen zu einem Springbrun-
nen geflossen, der nach der Restaurierung nun wieder mit
fließendem Wasser versorgt wird.
Für Christen galt die Stätte schon früh als der Ort, an dem
der Diakon Philippus den äthiopischen Kämmerer taufte.
Und so feiern die armenische und die äthiopische Kirche hier
bis heute Gottesdienste, denn die Taufe des Kämmerers gilt
als Geburtsstunde der äthiopischen Kirche. Die Gedenkstät-
te, die der armenischen Kirche gehört, wurde von Israel in
einen Naturpark integriert. Für ihre jährliche Pilgerfahrt soll
die armenische Kirche einen Schlüssel zum Park erhalten. W
(E. Villeneuve/wub/IAA)

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© Assaf Peretz/Israel Antiquities Authoritys

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welt und umwelt der bibel 2/2018 65
Kloster in bet schemesch

Ein Pilgerort in der


Schefela?

Vögel, Blätter und Granatäpfel


schmücken den Mosaikboden in einem
der Räume.

Ungewöhnlich schöne und gut erhaltene Schmuckelemente kamen bei der Ausgrabung
einer Klosteranlage ans Licht. Archäologen vermuten daher eine antike Pilgerstätte.

E ine bei Bet Schemesch, westlich von


Jerusalem, gefundene Klosteranlage
mit zugehöriger Kirche besticht durch
erläutert, dass sich in byzantinischer
Zeit das Wirtschaftsleben der Schefela
vielfach auf Klöster und Kirchen stütz-
auffallend gut gearbeitetes Dekor und te und eine ganze Reihe antiker Klöster
einen aufwendigen Mosaikboden. und Kirchen bereits bekannt waren. Die
Zu den Besonderheiten gehören Kirche von Bet Schemesch sei allerdings
ein ungewöhnlich schöner, reich ge- in antiker Zeit ungewöhnlich kostbar
schmückter Mosaikfußboden, der in ausgestattet gewesen. Diese Tatsache
einem der Räume der Klosteranlage ge- – zusammen mit einer für die Region
funden wurde, sowie ein mit Kreuzen ungewöhnlichen Größe – lasse auf eine
verzierter Fuß einer Marmorsäule und bedeutende Anlage schließen.
ein Fensterkreuz aus Marmor. Marmor Storchan vermutet, dass es sich um
wurde nicht in der Region selbst ge- eine Pilgerstätte gehandelt haben könn-
funden, sondern musste aus der Türkei te. Doch bis jetzt ist nur ein kleiner Teil
© Assaf Peretz, Israel Antiquities Authority

importiert werden. Zu den Fundstücken der Anlage ausgegraben worden. Weite-


gehören außerdem ein kleines Bronze- re Grabungen können mehr Erkenntnis-
kreuz, Fischknochen und ein Angelha- se bringen. Eine noch ungeklärte Frage
ken, obwohl der Ort gut 30 km vom Meer ist, warum das Kloster ab dem 7. Jh.
entfernt liegt. Auch Öllämpchen aus verlassen wurde. Möglicherweise spielte
verschiedenen Perioden zeugen von der das Vordringen des Islam eine Rolle.
Alltagswelt der Bewohner/innen. Seit vergangenem Sommer haben über Der Marmor für diese mit Kreuzen
Grabungsleiter Benjamin Storchan, 1000 Jugendliche und Schüler bei den geschmückte Säule wurde aus der Türkei
von der Israelischen Antikenbehörde, Ausgrabungen geholfen. W (IAA/wub) importiert.

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panorama

verborgen unter einem byzantinischen bau

Drei Männer aus der Upperclass


men an, dass es zu einer Agora, einem
Versammlungs- und Markplatz, gehör-
te. Zur Überraschung der Archäologen
kam jedoch unterhalb des Gebäudes ein
außergewöhnliches Mosaik aus älte-
rer Zeit ans Licht. Es stammt aus dem
2.–3. Jh. nC und ist 3,5 x 8 m groß.
Neben den drei Figuren weist das Mo-
saik geometrische Muster sowie eine
griechische Inschrift auf, die leider
durch das darübergebaute Gebäude aus
byzantinischer Zeit zerstört wurde. Wen
die drei Männer darstellen, ist nach den
Worten der Ausgrabungsleiter Dr. Peter
Gendelman und Dr. Uzi ʻAd von der Is-
rael Antiquities Authority abhängig von
der Funktion des Gebäudes: „Wenn das
Mosaik Teil eines Herrenhauses war,
können die Figuren die Eigentümer
darstellen. Wenn es ein öffentliches Ge-
bäude war, könnten sie die Spender des
Trotz aller Beschädigung lassen sich drei Männer in römischen Togen auf dem Mosaiks oder Mitglieder der städtischen
Mosaik von Cäsarea erkennen. Verwaltung sein.“
Die außergewöhnliche Qualität des

D ie drei Männer tragen Togen und ge-


hören ganz offensichtlich zur Ober-
schicht. Wer sie waren, ist bisher un-
Eigentlich sollte nur eine Promenade
von der Stadt Jisr a-Zarqa nach Cäsarea
gebaut werden. Dabei fanden Archäo-
Mosaiks, die die Ausgräber mit hoch-
wertigen Mosaiken in Antiochia (Türkei)
verglichen, zeige sich an der Dichte der
bekannt. Dargestellt sind sie auf einem logen – wie häufig in Israel – im nörd- kleinen Mosaiksteinchen. Gut 12.000
außergewöhnlichen römischen Mosaik, lichen Teil des Cäsarea Nationalparks, Terrassae wurden pro Quadratmeter von
das im Februar 2018 bei Ausgrabungen in dem bisher kaum Ausgrabungen den antiken Baumeistern verlegt. Das
in der antiken Hafenstadt Cäsarea ans stattfanden, ein großes Gebäude aus Mosaik soll nach der Restaurierung öf-
Licht kam. byzantinischer Zeit. Die Forscher neh- fentlich zugänglich werden. W (IAA/wub)

flüchtlinge werden restauratoren

Vor Islamisten gerettete Manuskripte werden restauriert

V or dem sogenannten„Islamischen Staat“ gerettete kostba-


re Handschriften werden derzeit in Erbil von irakischen
geschult, wie der vatikanische Pressedienst Fides berichtete.
Die Handschriften und alten Druckwerke stammen aus dem
© Assaf Peretz, Israel Antiquities Authority

Flüchtlingen restauriert. Die 850 antiken Manuskripte in Ara- inzwischen zerstörten Dominikanerkonvent in Mossul. Von
mäisch, Arabisch und Armenisch sowie wertvolle Bücher wa- dort waren sie laut Fides schon ab 2007 aus Sicherheits-
ren von einem Dominikanerpater im August 2014 angesichts gründen ins mehrheitlich christliche Karakosch ausgelagert
der heranrückenden Terrormilizen von Karakosch südöstlich
von Mossul nach Erbil gebracht worden. Seitdem wurden in
worden. Ende Juli 2014, wenige Wochen
welt und nach
umwelt dem 2/2018
der bibel Fall Mos-
suls, entschlossen sich die Ordensleute zur Überführung der
67
der kurdisch-irakischen Provinzhauptstadt fünf Gruppen von Bibliothek nach Erbil, um sie vor einer möglichen Zerstörung
christlichen und muslimischen Flüchtlingen zu Restauratoren durch die Islamisten zu bewahren. W (KNA)

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welt und umwelt der bibel 2/2018 67
panorama

lassen sich in kirjat-jearim spuren einer alttestamentlichen erzählung finden?

Wo die Bundeslade stand


Die Bibel erzählt, dass die Bundeslade des Volkes Israel für einige Zeit in
Kirjat-Jearim aufbewahrt wurde. Doch hat das Spuren in der Ortsgeschichte
hinterlassen? Archäologen suchen jetzt danach.

K undige Leser/innen des Alten Testa-


ments denken bei dem Namen Kir-
jat-Jearim an die Erzählung von der Bun-
unterzog Israel Finkelstein den Ort im
Rahmen seiner systematischen Prospek-
tionen in Judäa-Samarien erstmals einer
(10.–6. Jh. vC)“, erklärt Christophe Ni-
colle.
Er erläutert die Bedeutung des Ortes
deslade, die die Philister eroberten und formgerechten Untersuchung. Und Fin- weiter: „Wenn das stimmt, wäre diese
später nach Juda zurückschickten, weil kelstein regte auch die nun seit Sommer Stätte von herausragendem Interesse
sie ihnen Unglück brachte. Zwanzig Jah- 2017 stattfindenden Ausgrabungen an. für die Kultgeschichte in der Zeit der Kö-
re soll die Lade danach in Kirjat-Jearim Unterstützung holte sich der Archäologe nigreiche von Israel und Juda, also der
aufbewahrt worden sein, bis König Da- von der Universität Tel Aviv sowie vom Gründungszeit von Altem Testament
vid sie mit Pauken und Trompeten nach Bibelwissenschaftler Thomas Römer und Judentum. Biblische und außerbib-
Jerusalem überstellen ließ (1 Sam 6-7; 1 und dem Archäologen Christophe Nicol- lische Quellen bezeugen die Bedeutung
Chr 13). Trotz der biblischen Erwähnung le, beide vom Pariser Collège de France. Kirjat-Jearims zu dieser Zeit. Pharao
hat der Ort im Hügelland von Judäa, 12 Die drei Forscher suchen natürlich Scheschonq erwähnt den Ort bei seinen
Kilometer westlich von Jerusalem, seit nicht nach „Beweisen für die Wahrhaf- Siegen in Kanaa um 925 vC, und das Alte
dem 19. Jh. bei Archäologen kaum Inter- tigkeit des Alten Testaments“ und noch Testament kennt ihn außer in der Epi-
esse geweckt. weniger nach der Bundeslade selbst. sode um die Bundeslade als Grenzstadt
Er ist eine der wenigen biblischen Doch was erwarten sie sich dann von- zwischen den Stämmen Benjamin und
Stätten, an denen es weder zu Ausgra- den neuen Ausgrabungen an diesem Juda; vielleicht auch als Ort der Vereh-
bungen noch zur Besiedelung gekom- Ort? „Seit seinen Prospektionen vermu- rung des Gottes Baal, des großen Kon-
men ist, auch wenn seit 1905 dort Klös- tete Israel Finkelstein auf dem Hügel die kurrenten von JHWH – daher begegnet
ter existieren. Erst in den 1980er-Jahren Präsenz eines Tempels aus der Eisenzeit manchmal der Name Kirjat-Baal, ‚Stadt

Sektion A

An drei Stellen
überprüfen die
Archäologen die
Hypothese eines eisen-
zeitlichen Heiligtums.
Zugleich sollen damit
zusammenhängende
© Fouilles Shmunis in Kirjat-Jearim

Besiedlungsschichten
identifiziert werden.
Sektion C
Sektion B

68 welt und umwelt der bibel 2/2018


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Eine große eisenzeitli-
che Stützmauer wurde
an der Sektion B freigelegt.
Sie ist 3 m breit und in
einer Höhe von bis zu 3 m
erhalten. Sie wurde mehr-
fach restauriert, besonders
in römischer Zeit.

des Baal‘. Wir suchen hier also nach Widerstands des Felsbodens bezifferte zeit IIB–C (etwa 760–587 vC). Möglicher-
Informationen über den politisch-reli- die Höhe der Aufschüttungen am Gipfel weise wurde die Anlage also im 8. Jh.
giösen Kontext, in den die Verfasser des auf 4 m. Es handelte sich also um ein be- erbaut und eventuell in römischer Zeit
Alten Testaments ihre Landesgeschichte deutendes Bauwerk. In zwei Sondagen restauriert und erweitert.“
einbetteten.“ wurden diese Mauern untersucht: Sie Um diese Hypothese zu überprüfen,
sind 3 m breit und waren stellenweise liegen derzeit Erdproben im Labor, die
bis zu einer Höhe von 3 m erhalten. Das zwischen den Steinen der unteren Se-
Im Herzen der alttestamentlichen ist wahrhaft erstaunlich! dimente entnommen wurden und nun
Überlieferung Aber stammen sie wirklich aus der Kö- per Thermolumineszenzdatierung unter-
© oben: Fouilles Shmunis in Kirjat-Jearim; unten: Institute for the Study of the Ancient World Contact - https://www.flickr.com/photos/isaw-

Die erste Ausgrabungskampagne fand nigszeit? „Die architektonische Anlage sucht werden. Mit dieser Methode lässt
im August 2017 statt. Dabei kamen auf ähnelt den eisenzeitlichen Maueranla- sich bestimmen, seit wann die Quarzkör-
dem Hügel die Stützmauern einer gro- gen, wie man sie etwa in Megiddo, Tel ner nicht mehr dem Sonnenlicht ausge-
ßen rechteckigen Terrasse (100 x 150 m) Dan oder Samaria findet“, stellt Chris- setzt waren. Es bleibt spannend – WUB
zum Vorschein. Eine geoelektrische tophe Nicolle fest. „Die Keramik aus den wird die Ausgrabung im Auge behalten.
Messung des spezifischen elektrischen unteren Schichten stammt aus der Eisen- W (Estelle Villeneuve)

hetitischer tempel offenbar zerstört

Ein Opfer des Krieges?


Im Zuge der türkischen Offensive in der kurdischen Region Afrin
wurde offensichtlich im Januar der kulturhistorisch bedeutende
hetitische Tempel von Ain Dara zerstört, wie u. a. der Leiter der
nyu/5446033390/, CC BY 2.0, commons.wikimedia

Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel


Rahmann, berichtete. Fotos des Tempels zeigen zerstörte Friese mit
Löwen und Sphingen und Schutt.
Der späthetitische Tempel aus dem 11. Jh. vC war aus schwarzem welt und umwelt der bibel 2/2018 69
Basalt erbaut. Erhalten waren aufwendige Reliefs und Ornamente
sowie Skulpturen von Torlöwen. Eine Besonderheit sind drei über-
Der hetitische Tempel von Ain Dara vor der
lebensgroße menschliche Fußabdrücke am Tempeleingang, die Zerstörung. Auf den Stufen befinden sich drei ca.
wohl die Anwesenheit der Gottheit versinnbildlichen. Sie verwei- einen Meter große Fußabdrücke. Darstellungen
sen wie die Sphingen und Löwen auf die Göttin Ischtar. W (wub) dieser Art sind für diese Gegend ungewöhnlich.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 69
panorama

Auf der suche nach dem betsaida der evangelien

Heimatort der Apostel entdeckt?


Das Haus der ersten Apostel Jesu wurde entdeckt, titelten Zei-
tungen im Sommer 2017 – vielleicht etwas voreilig. Mordechai
Aviam, Leiter der Ausgrabung in el-Araj am nördlichen Jordan-
Ufer, erklärt, welchen Beitrag die Ausgrabung zur alten Debatte
über die Lage des Dorfs Betsaida liefern kann.

I m Sommer 2017 fanden in el-Araj ar-


chäologische Ausgrabungen statt.
Dabei wurden Hinweise auf urbanes
Ausgrabungsleiter in el-Araj, dem Pro-
fessor für Altes Testament Steven Notley
vom Nyack College in New York, ge-
Dieses Relief einer Löwin, das
zufällig in den Feldern gefunden wurde,
erinnert an die Ausstattung einiger
Leben in römischer Zeit gefunden. Die schrieben habe, hieß genau genommen: Synagogen aus byzantinischer Zeit.
Ausgräber vermuteten, den im Neuen „Wurde Betsaida-Julias gefunden?“ Un- Vielleicht verweist es auf die Existenz
Testament genannten Ort Betsaida/Ju- sere Funde liefern in der Tat neue Daten einer Synagoge in el-Araj, die noch zu
lias gefunden zu haben. Allerdings gibt zur Lage dieses antiken Dorfs, das seit lokalisieren wäre.
es bereits einen Ort, an dem das neutes- dem Mittelalter in Vergessenheit geraten
tamentliche Betsaida lokalisiert wurde: ist. Im Johannesevangelium wird Bet-
et-Tell. Wie sind also die Ergebnisse der saida als Heimatort der Jünger Andreas,
Grabung in el-Araj einzuschätzen? Petrus und Philippus genannt (Joh 1,44 ge Land zu erforschen. Außer im Alten
und 12,21). Das haben die Medien in den Testament wird die Stadt auch bei Fla-
Welt und Umwelt der Bibel: Worum Vordergrund gerückt, denn wie Sie wis- vius Josephus erwähnt [jüdischer Autor
handelt es sich bei diesem Haus der sen, ist biblische Archäologie deutlich aus dem 1. Jh. nC, Anm. d. Red.], dann
Apostel, das Sie letztes Jahr angeblich attraktiver als die Gelehrtendebatten der in antiken rabbinischen Quellen sowie
entdeckt haben? historischen Geografie! bei Pilgern aus der byzantinischen Zeit.
Mordechai Aviam: Ich habe nie gesagt, Man wusste also, dass es sich um eine
ich hätte den Heimatort der Apostel ent- Worum geht es in der Debatte? jüdische Siedlung nördlich des Sees
deckt, geschweige denn ihr Haus. Der Nach der Lage von Betsaida wird schon Gennesaret und östlich des Jordans
Artikel, der so viel Furore gemacht hat gesucht, seit man in den westlichen handelte, also in der Gaulanitis, obwohl
und den ich gemeinsam mit meinem Ko- Ländern im 19. Jh. anfing, das Heili- manche Texte sie auch in Galiläa im
weiteren Sinn lokalisieren. Man wusste
auch, dass Betsaida ein bekanntes Fi-
scherdorf war und dass der Tetrarch Phi-
lippus den Ort im Jahr 30/31 in den Rang
Die Suche nach Betsaida:
einer Stadt erhoben hatte. Diese erhielt
zu Ehren der Frau von Kaiser Augustus
N ach dem Johannesevangelium ist
Betsaida der Heimatort der Jünger
Simon, Petrus, Andreas und Philippus
sen worden war, war schon für Pilger in
der Spätantike nicht mehr eindeutig, wo
das Betsaida der Evangelien gelegen hat.
den Beinamen Julias. Zwischen den Zei-
len ließ sich in all diesen Zeugnissen
auch herauslesen, dass die Stadt nach
(Joh 1,44; 12,21). Das Lukas- und das Seit dem Ende des 19. Jh. kam et-Tell
einem Erdbeben zwischen dem 4. und 6.
Markusevangelium verorten hier drei als Anwärter für die Heimat der Apostel
Jh. verlassen worden war.
Machttaten Jesu: den Gang über das auf. Der Benediktiner Bargil Pixner iden-
Ausgehend von diesen Hinweisen
Wasser, die Heilung eines Blinden und tifizierte dann 1985 et-Tell mit Betsaida/
wurden zwei Stätten vorgeschlagen, die
die Speisung der Fünftausend. Julias, was allgemein akzeptiert wurde.
Zeichen einer römischen Besiedlung
Um 30 nC wird Betsaida vom Tetrachen Et-Tell liegt gut zwei Kilometer von el-
aufwiesen, ohne freilich wirklich groß
Herodes Philippos zur polis erhoben und Araj entfernt. In den 1980er-Jahren gab
genug zu sein, um als Stadt gelten zu
in Julias umbenannt. Da der Ort auf- es einen ersten Survey in el-Araj, aber
können: et-Tell, ein Hügel über dem See
© M. Aviam

grund eines Erdbebens im 4. Jh. verlas- keine grundlegenden Ausgrabungen.


in 3 Kilometern Entfernung, und el-Araj
direkt am Seeufer. In den 2000er-Jahren

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welt und umwelt der bibel 2/2018
Der Archäologe Mordechai Aviam steigt in die Unter den mittelalterlichen Mauern wurden Fußböden ei-
Sondagegrube. Zu erkennen ist auf dem Grund ein nes byzantinischen Gebäudes freigelegt. Vergoldete Glasmosaiken
Mosaikfragment aus dem 1. Jh. weisen darauf hin, dass es in der Nähe eine bedeutende Kirche
gegeben hat. Blick von der Ausgrabung in el-Araj nach Osten.

entschieden nach Sondagen in el-Araj galiläische Archäologie, das ich leite, und erwartet. Damit ist es in unseren Augen
und zwanzig Grabungskampagnen in des Nyack College unter Steven Notley. sehr naheliegend, die Stätte als Betsaida-
et-Tell amerikanische Archäologen zu- Julias zu identifizieren. Das legen auch
gunsten von et-Tell; seither wird der Ort Und Sie haben also Schichten aus dem die byzantinischen Funde nahe, die wir
den Touristen als das antike Betsaida prä- 1. Jh. nC gefunden? gerade ausgraben. Wir vermuten, dass
sentiert. Doch ihre Argumente erschienen Ganz richtig, zwei Meter unterhalb der sie zu einem Kloster aus dem 6. bis 7. Jh.
uns nicht völlig stichhaltig. byzantinischen Ebenen. Dazwischen be- gehören. Denn in den Aufschüttungen
weist eine dicke Schicht von Schwemm- haben wir zahlreiche Mosaiksteine ge-
Was hatten Sie an der Hypothese et- land, dass das Wasser die Stätte in der funden, manche davon vergoldet wie in
Tell auszusetzen? Antike tatsächlich überflutet hat, jedoch der Basilika von Ravenna und im Katha-
Ein Fischerdorf liegt doch aller Wahr- nicht vor dem 3. Jh. nC. Am Grund einer rinenkloster.
scheinlichkeit nach am Ufer, und die unserer Sondagen konnten wir glückli- Damit dürfte es sich um einen bedeu-
Hypothese, der Wasserspiegel sei in rö- cherweise eine massive Mauer mit vie- tenden Wallfahrtsort gehandelt haben,
mischer Zeit bis an den Fuß des Tell ange- len römischen Tonscherben ausgraben, und das wiederum entspricht dem Zeug-
stiegen, ist genauso wenig plausibel wie mit schwarz-weißen Mosaikfragmenten, nis des Bischofs Willibald von Eichstätt.
die Behauptung, die Entdeckung von ein Backsteinen und Hohlziegeln. Alles das Der berichtet in seinen Erinnerungen, er
paar römischen Häusern rechtfertige die ist typisch für römische Thermenanla- habe um 725 Betsaida besucht, wo man
Bezeichnung als antike Stadt. gen. In einer anderen Grube haben wir ihm eine den Aposteln Petrus und An­
Zudem hatten die Ausgräber el-Araj einen Denar von Kaiser Nero gefunden, dreas geweihte Kirche gezeigt habe. Zwar
© beide Abbildungen: Zachary Wong

deswegen ausgeschlossen, weil sie unter- der 65/66 nC geprägt wurde. ist nichts davon ein eindeutiger Beweis,
halb der byzantinischen Schichten nichts aber aufgrund unserer vielversprechen-
gefunden hatten. Allerdings waren an der Welche Schlüsse ziehen Sie daraus? den Ergebnisse haben wir Gelder für fünf
Oberfläche Elemente einer ansehnlichen Zunächst einmal, dass el-Araj im 1. Jh. nC weitere Grabungen erhalten. Wir hoffen
römischen Architektur verstreut. Daher tatsächlich besiedelt war. Dass es öffent- nun, dass sich dabei unsere Hypothese
haben wir hier erneute Ausgrabungen liche Bäder gab, bedeutet zudem, dass tatsächlich bestätigt.
vorgenommen, im Rahmen einer gemein- der Ort so weit urbanisiert war, wie man (Die Fragen stellte Estelle Villeneuve)
samen Mission des Kinneret-Instituts für es von einer griechisch-römischen Stadt W (MDB/wub)

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welt und umwelt der bibel 2/2018 71
panorama

Prähistorischer Fund

Hunderte Faustkeile
I n einem alten Flussbett in
Zentralisrael haben Archäo-
logen eine bedeutende prähis-
Die fünf Meter unter der heu-
tigen Oberfläche liegende Fund-
stätte ist nach Angaben der
torische Stätte mit Hunderten Archäologen rund eine halbe
von Steinwerkzeugen freigelegt. Million Jahre alt. Sie gehöre zu
Die in den vergangenen Mo- den wenigen bislang entdeckten
naten bei Notgrabungen nahe prähistorischen Stätten dieser
der arabisch-israelischen Stadt Region.
Jajulia entdeckte Fundstätte er- Die außergewöhnlich hohe
streckt sich nach Angaben der Anzahl an Feuersteinwerkzeu-
Israelischen Antikenbehörde gen deute auf eine wiederholte
über rund einen Hektar. Zu den Nutzung der Stätte. Offenbar be-
Funden gehören Faustkeile aus günstigten die Bedingungen in
Feuerstein, wie sie für die alt- Jajulia damals die Ansiedlung
steinzeitliche Acheuleen-Kul- von Menschen. Die leitenden
tur charakteristisch seien. Die Ausgräber Maayan Shemer und
Werkzeuge sind nach Einschät- Prof. Ran Barkai gehen davon
zungen der Forscher vom Homo aus, dass die Umgebung damals
erectus, einem direkten Vorfah- ein „green spot“ gewesen sei,
ren des heutigen Menschen, mit reicher Vegetation und Tier- Fünf Meter unter der heutigen Oberfläche wurden
hergestellt worden. herden. W (KNA/wub) in Jajulia Hunderte von Faustkeilen gefunden.

© oben: Samuel Magal, Courtesy of the Israel Antiquities Authority; unten: Ingo Leonard, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia
Kloster mit wurzeln in der Zeit Justinians

Vazelon soll restauriert werden


D as Kloster Vazelon, südlich von Trabzon (Türkei), soll
nach dem Willen der zuständigen Behörden restau-
riert werden. Wie der Bügermeister der Stadt Macka, Koray
Kochan, nach örtlichen Medienberichten mitteilte, habe
die EU Geld dafür bereitgestellt und das Projekt sei ausge-
schrieben. Wann die Arbeiten beginnen, stehe noch nicht
fest. Kochan rechnet mit einem Beginn nicht vor 2020. Ziel
sei eine Steigerung des Tourismus in der Region.
Die Ursprünge der griechisch-orthodoxen Anlage ober-
halb des Flusses Degirmendere stammen aus der Zeit zwi-
schen 270 und 317 nC. Der byzantinische Kaiser Justinian
ließ das eigentliche Kloster im Jahr 565 errichten. Es war
durch eine Pflasterstraße (Königsstraße) mit Trabzon ver-
bunden. In den folgenden Jahrhunderten wurde der Bau
vielfach erweitert, doch auch mehrmals zerstört und wie-
der aufgebaut. Endgültig verlassen wurde er 1923 nach
dem großen Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei
und Griechenland. Seitdem verschlechterte sich der Zu-
stand des Gebäudes zunehmend, u. a. stürzte bei einem
Jüngstes Gericht: Gemälde aus dem Kloster Vazelon. Erdrutsch vor einigen Jahren das Dach ein. W (KNA/wub)

72 welt und umwelt der bibel 2/2018


2002191445046A-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
panorama

leserreise

Die großen Sammlungen von


Paris und London

E s gab viel zu erfahren und zu bestaunen über


das Alte Mesopotamien: Die Leserreise von
„Welt und Umwelt der Bibel“ im Januar 2018,
unter Leitung von Prof. Dr. Astrid Nunn von der
Universität Würzburg, verband die reichhaltigen
Sammlungen zweier großer europäischer Muse-
en: des Louvre in Paris und des Britischen Mu-
seums in London. Ergänzt wurden die Museen
durch einen Besuch im Institut du Monde Ara-
be in Paris und dem wunderschönen Haus des
orientalisierenden Malers Frederic Leighton.
So kombiniert wurde eine ungewöhnliche Zu-
sammenschau über vor allem antike, aber auch
moderne orientalische Artefakte möglich Eine
gelungene Reise. W (wub)
Im Britischen Museum: Die Reisegruppe.

ausstellung in duisburg

Weihegaben für die Götter


I mmer geht es darum, die eigene Zu-
kunft beeinflussen zu können und
dem Schicksal nicht nur ausgeliefert zu
auch aus Südamerika. Zu den Weihega-
ben gehörten Düfte und Lebensmittel
ebenso wie Luxusgüter, Waffen oder ei-
sein. Seit Jahrtausenden opfern Men- gens hergestellte Exponate wie Nachbil-
schen daher den Göttern, um sie gnädig dungen von Körperteilen – verbunden
zu stimmen oder um Erhörung zu finden. mit der Bitte um Heilung.
© oben: A. Nunn, unten: Kultur- und Stadthistorisches Museum Duisburg

Eine Ausstellung im Kultur- und Stadt- Es beginnt bei der Antike – doch wie
historischen Museum in Duisburg wid- viel Hoffnung darauf, das Schicksal oder
met sich jetzt den Weihegaben für die unbekannte Gottheiten zu beeinflussen,
Götter. Wie und womit haben Menschen verbindet sich mit der Münze, die mo-
seit der Antike versucht, die Götter zu derne Touristen in den Brunnen werfen?
beeinflussen? Die Exponate stammen Die Ausstellung „Die Götter beschen-
aus dem frühen Ägypten, dem antiken ken“ in Duisburg lenkt den Blick bis in
Griechenland oder alten Rom – oder die Gegenwart. W

Die Götter beschenken. Antike Weihegaben


bis 28. Oktober 2018
Kultur- und Stadthistorisches Museum Duisburg.
Johannes-Corputius-Platz 1; 47051 Duisburg; Tel. 0203/2832640; Weihrauch – der Wohlgeruch für
ksm@stadt-duisburg.de; www.stadtmuseum-duisburg.de die Götter gehörte schon immer zu den
Di–Sa 10–17 Uhr, So 10–18 Uhr; 4,50/2 EUR Weihegeschenken.

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welt und umwelt der bibel 2/2018
themenreihe 2018

Zur Übersetzung des Begriffs häsäd in der Revision der Einheitsübersetzung

Huld oder Liebe oder ...?


Huld – was für ein altertümliches Wort. Und doch war es in der alten EÜ ein wichtiger Begriff –
besonders in den Psalmen. Für die Revison wurde nach verschiedenen deutschen Alternativen
gesucht. Doch es gibt kein direktes deutsches Pendant. Von Egbert Ballhorn

W as kann man in seinem Leben be-


singen, sich daran erfreuen und
darüber jubeln? Bei eigenem Nachden-
ken mögen einem ganz unterschiedliche
mögliche Begriffe in den Sinn kommen,
ganz sicher jedoch nicht die „Huld“. Die
„Huld Gottes“ zu meditieren, sie zu be-
singen, das fällt im Rahmen des gegen-
wärtigen Sprachgebrauchs wohl kaum
einem Menschen von sich aus ein. Im
Psalter ist jedoch beständig die Rede da-
von. Dort wird die göttliche Huld immer-
während gelobt, besungen und verkün-
det. Der Sprachgebrauch des Psalters
ist weit vom heutigen Sprachempfinden

© Albani-Psalter, Dombibliothek Hildesheim HS St. God 1 (Eigentum der Basilika St. Godehard, Hildesheim), 139
entfernt. Und so müssen hier ganz un-
terschiedliche Sprachwelten zueinan-
derfinden.
Das deutsche Wort „Huld“ klingt alt-
modisch und wird in der Alltagsspra-
che nicht mehr verwendet. Höchstens
„huldigen“ findet noch Gebrauch, wobei
es einen starken Beiklang von Unter-
würfigkeit hat, ebenso wie das Adjektiv
„huldvoll“. Dennoch kam die „Huld“ in
der alten Einheitsübersetzung über ein-
hundert Mal vor, statistisch also in zwei
von drei Psalmen. Es ist ein Kernwort
der Psalmensprache, der biblischen
Sprache überhaupt, und es steht für das
hebräische Lexem häsäd ( ). Dieses
Wort lässt sich nicht leicht übersetzen.
Man kann heute keinen native speaker
mehr fragen, welche Bedeutung das „Im Schatten deiner Flügel“, Buchmalerei zu Psalm 36 (Albani-Psalter, 12. Jh.)
Wort hat; wohl aber kann man die vie-
len biblischen Verwendungszusammen- Literatur vor und in der Lyrik, also den „Du, Herr, wirst dein Erbarmen nicht
hänge untersuchen, um seine Funktion Psalmen, die die Hälfte der Belege stel- vor mir verschließen. Deine Huld und
und seinen Beiklang zu erforschen. Es len. An den allermeisten Stellen wird deine Treue werden mich immer behü-
kommt vor allem in der erzählenden häsäd mit Gott in Verbindung gebracht. ten“ (Ps 40,12). Hier kann man schon

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welt und umwelt der bibel 2/2018
themenreihe 2018

grosse worte der bibel neu übersetzt


vierteilige reihe im Jahr 2018

Die beiden großen Kirchen haben neue Bibelübersetzun- 1/18 Jahwe oder Herr? – Der Gottesname
gen erarbeitet – und Katholiken im deutschsprachigen 2/18 häsäd: Huld oder Liebe oder ...?
Raum werden sie im November 2018 erstmals im Gottes-
3/18 semeia, terata, thaumatia, dynameis:
dienst hören. Deshalb wirft „Welt und Umwelt der Bibel“
Schlaglichter auf vier zentrale biblische Begriffe und auf die Zeichen, Wunder, Machttaten?
Fragen, die bei ihrer Übersetzung auftauchen. 4/18 makarios: „Selig seid Ihr“ neu begreifen

die Aspekte des Wortes erkennen: häsäd Herr, ein barmherziger und gnädiger ihm seine Rettung schenkt. Der Mensch
hat einen aktiven Charakter, das Wesen Gott, langmütig und reich an Huld und antwortet darauf mit Jubel und Freude,
Gottes manifestiert sich, indem er den Treue“ (Ex 34,6). Diese zentrale Formel aber er kann diese Liebe nicht in glei-
Menschen seine Huld zuwendet. Zu- der Gottesoffenbarung wird an sehr vie- cher Weise zurückgeben. Daher war es
gleich ist häsäd stark emotional getönt len Stellen der Bibel zitiert und auf sie dann doch nicht möglich, das Wort „Lie-
und ereignet sich immer im Rahmen angespielt: Gott ist barmherzig, reich an be“ als Standardübersetzung zu wählen.
einer Beziehung. Daher benötigt man, Huld. Es gibt also kein einzelnes deutsches
um das Bedeutungsfeld einzuholen, So stellt sich die Frage, ob das Wort Wort, das das hebräische häsäd ange-
zur Übersetzung eine ganze Reihe deut- „Huld“ nicht doch durch ein besseres messen wiedergeben könnte. Letztlich
scher Wörter: Zuneigung, Güte, Treue, deutsches Wort ersetzt werden könnte. haben sich die Übersetzer zu einem
Solidarität, Gnade, Freundlichkeit. Ein Zwischenzeitlich hatten die Übersetzer Kompromiss durchgerungen. Das Wort
gut passendes Wort wäre auch „Zuwen- erwogen, stattdessen „Liebe“ zu neh- „Huld“ bleibt die Standardübersetzung,
dung“, denn darin kommen viele Aspek- men. Man kann einmal die Probe ma- wie bisher auch. Aber an wenigen be-
te von häsäd zum Ausdruck. Nur ist die- chen: „Er liebt Gerechtigkeit und Recht, sonderen Stellen, an denen der Aspekt
ses Wort aufgrund seiner Dreisilbigkeit der emotionalen Zuwendung Gottes
„sperrig“ und auch nicht singbar. Die besonders stark ist, wurde dann doch
liturgische Singbarkeit aller Psalmen im „Liebe“ übersetzt. So wurde bei diesem
Rahmen der gregorianischen Tradition Ein gut passendes Wort Wort zwar die konsequente Wortent-
war jedoch Randbedingung der Revisi- wäre auch „Zuwendung“ sprechung unterbrochen, aber doch
on. Dies unterscheidet die Psalmen der letztlich mehr von der hebräischen
Einheitsübersetzung von allen anderen Wortbedeutung in die deutsche Über-
Übersetzungen aus dem nichtkatholi- setzung hinübergerettet. Nun kommt im
schen Raum. erfüllt von der Liebe des Herrn ist die neuen Psalter das Stichwort „Liebe“ fast
Erde“ (Ps 33,5). Das klingt gut und kräfti- zwei Dutzend Male vor und kündet von
ger als das blasse Wort „Huld“. der Zuneigung Gottes: „Wie köstlich ist
Ein Zentralbegriff Die Schwierigkeit besteht jedoch da- deine Liebe, Gott! Menschen bergen sich
Die Übersetzung wird dadurch er- rin, dass das deutsche Wort „Liebe“ im Schatten deiner Flügel“ (Ps 36,8). W
schwert, dass alle anderen infrage kom- sehr stark auf ein Verhältnis der Gegen-
menden deutschen Wörter je zusätzlich seitigkeit zielt. Liebe ist immer etwas,
ein eigenes hebräisches Pendant ha- das man einander schenkt. Und damit
ben. Es gibt je eigene hebräische Worte stimmt der hebräische Wortgebrauch
für „Treue“, für „Güte“ usw. Innerhalb von häsäd nicht überein: Bei der häsäd/ Prof. Dr. Egbert Ballhorn
dieses hebräischen Wortfeldes stellt Huld Gottes ist eine gewisse Asymme- ist Professor für Altes
häsäd jedoch einen Zentralbegriff dar. trie mitgegeben. Es ist der Höhere, der Testament an der
Universität Dortmund.
Das zeigt sich auch an der sogenannten Machtvollere, der sich zum Schwachen
Bei der Revision der
Exodusformel. Es ist eine der Kernstel- herabneigt und ihm Gutes tut. Der Psal-
Einheitsübersetzung
len der Bibel: Gott erscheint dem Mose mist bejubelt an vielen Stellen die Macht war er für das Buch der
und stellt sich mit seinem Namen und Gottes, der sich liebevoll und verlässlich Psalmen zuständig.
seinem Wesen vor: „Der Herr ist der dem schwachen Menschen zuneigt und

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welt und umwelt der bibel 2/2018 75
Die grossen entdeckungen | Die Heliodor-Stele

Auslöser
für einen
Aufstand
Warum lehnten sich die Makkabäer im
2. Jh. vC gegen die griechische Herr-
schaft auf? Motive und Fakten waren
lange nur aus Sicht der Aufständischen
bekannt, so, wie sie die Bibel überlie-
fert. Bis der archäologische Fund einer
Stele die Stimme der Mächtigen zu
Gehör brachte. Von Estelle Villeneuve

D er Antikenmarkt ist ein schwieriges Ge-


schäft geworden. Gesteigerte Nachfrage –
auch von Archäologen – führt zu erhöhten An-
geboten, das wiederum auch aus Plünderungen
und Raubgrabungen gesättigt wird. Jede illega-
le Grabung aber verschleiert den historischen
Fundkontext eines Objekts und damit auch In-
terpretationszusammenhänge. Als im Mai 2007
ein großes Fragment einer Kalksteinstele auf
dem Markt auftaucht, fehlt genau dieser Auffin-
dungszusammenhang, was sich als besonders
gravierend erweist. Denn bei dem in deutlich
lesbaren griechischen Buchstaben geschriebe-
nen Text handelt es sich nicht um irgendein un-
bedeutendes Fundstück, sondern um einen bis-
her unbekannten Erlass des Seleukiden­königs
Seleukos IV. Philopater (187–175 vC). Die Stele
gab den Anfang eines Schreibens an seinen
© IAA Collection / Bridgeman Images

Kanzler Heliodor wider.


Seleukos und sein Kanzler sind Leser/innen
Königlicher Erlass aus dem 2. Jh. vC zur öffent- des zweiten Buches der Makkabäer bekannt.
lichen Bekanntmachung im Tempel von Marescha. Sie stehen im Mittelpunkt einer Episode, die
Gestohlen von Plünderern im Jahr 2005, wurde der entscheidend für die jüdische Geschichte ist (2
obere Teil der Stele im Jahr 2007 auf dem Antikenmarkt Makk 3). Es geht um die versuchte Plünderung
angeboten, drei weitere Fragmente wurden bei Ausgra- des Jerusalemer Tempels, dargestellt als erster
bungen gefunden. Jerusalem, Israel-Museum. Akt eines Konfliktes, der einige Jahre später den

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Seleukiden
Hellenistische Dynastie,
gegründet durch den
Feldherrn Seleukos I.
nach dem Tod Alexanders
d. Gr. im Jahr 323 vC. Sie
regierte über Judäa von
200–152 vC.

Das zweite Buch


der Makkabäer
Die vier Makkabäerbücher
handeln vom Aufstand der
Juden gegen die griechi-
sche Herrschaft in Judäa
Aufstand der Makkabäer auslösen und zur Un- der Reformen und die genaue Rolle Olympiodors
im 2. Jh. vC. Die in Grie-
abhängigkeit von Judäa führen wird. weiter unklar. War er nur eine einfache Figur auf chisch verfassten Schriften
dem politischen Schachbrett des Seleukiden- wurden nicht in die Hebräi-
reiches? Hatte seine Mission auch eine religiöse sche Bibel aufgenommen.
Bruchstückhafte Anordnungen Dimension? „Es ist schwierig, mehr darüber zu Im Kanon der christlichen
Das auf der Stele entdeckte offizielle Schreiben sagen, ohne sich Hirngespinsten hinzugeben“, Kirchen werden sie von der
des Herrschers an Heliodor war für die öffent- schrieben die Herausgeber des Fragments, Han- katholischen Kirche, den
liche Bekanntgabe bestimmt. Seleukos schrieb nah Cotton und Michael Wörrle, im Jahr 2007. orthodoxen und protestan-
darin, dass er – bedacht auf das Wohl und die Die Herkunft der Stele, die von Privatpersonen tischen Kirchen unter-
Sicherheit seiner Untertanen – von nun an Sorge auf dem Antikenmarkt erworben worden war, schiedlich behandelt.
tragen werde für den guten Verlauf des Opfer- blieb unbekannt.
diensts in der kürzlich eroberten Provinz Judäa,
– so, wie er es schon im Rest des Reiches tue.
Vornehm ausgedrückt handelte es sich schlicht Die plötzliche Wende
und einfach darum, die heiligen Stätten unter von Marescha
Aufsicht zu stellen, verbunden mit erheblichen Die Lösung fand sich in Marescha (Marissa), der
steuerlichen Entnahmen. Zur Führung dieser Hauptstadt des antiken Idumäa, südöstlich des
Geschäfte, so fuhr Seleukos in seinem Schreiben Berglands von Judäa. In dem im Jahr 2005 und
fort, werde er einen gewissen Olympiodor ernen- 2006 ausgegrabenen archäologischen Materi-
nen ... Leider brach der Text der Stele an dieser al hat Dov Gera, ein Epigrafiker und Historiker
Stelle ab und ließ die erwartungsvollen Histori- des antiken Judentums, drei Fragmente erkannt,
ker enttäuscht zurück. Einerseits hatten sie zwar die zu derselben Inschrift gehören. Zwei von ih-
erfahren, dass die politische Kursänderung des nen bilden die direkte Fortsetzung des Schrei-
Seleukos nicht nur auf Judäa – wie der biblische bens von Seleukos IV. Einerseits stellte diese
Verfasser beklagte –, sondern auf die gesamte Ergänzung die Herkunft der Stele sicher – bei
Region abzielte; anderseits war ihnen der Inhalt der Ausgrabung von 2005 war es zu einer Plün-

Übersicht über die Serie „Die großen Entdeckungen“:


www.weltundumweltderbibel.de > Register
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welt und umwelt der bibel 2/2018 77
Die grossen entdeckungen | Die Heliodor-Stele

Seleukos IV. (187–175 vC)


auf einer Tetradrachme aus
Silber.

Während der Ausgrabungen von Marescha kam es zu einer


Plünderung. Hier Höhle I nach der Plünderung im Jahr 2005.

derung gekommen –, andererseits erfahren wir der Religionspolitik des Königs. Dieser kurze Le-
nun auch mehr über Olympiodor. Zunächst wird benslauf sagt nichts Genaues über die Mission,
berichtet, dass er ein Freund aus der Kindheit die Olympiodor anvertraut worden war, aber er
deutet auf einen hohen Rang in der Hierarchie
der Provinz hin. „Seine Funktionen könnten so-
Die Stele ist nicht irgendein unbedeu­ © Münze: D. R., Höhle: Maresha Projekt/ Autorisation Ian Stern
gar die Priesterweihe umfasst haben“, vermutet
Dov Gera und stützt sich dabei auf Präzedenzfäl-
tendes Fundstück, sondern ein bislang le, die in Kleinasien und Zypern nachgewiesen
unbekannter Erlass des Seleukiden­ worden waren. Außerdem ordnet Seleukos auf
dem dritten Fragment an, dass eine Kopie des
königs Seleukos IV. Schreibens auf eine Stele graviert und gut sicht-
bar in den Tempeln aufgestellt werde. Dabei ver-
wendet er Begriffe, die sonst für Dekrete in Ver-
des Königs war und seine Karriere am Hof als bindung mit Priesterernennungen bekannt sind.
Kammerherr begonnen hatte. Danach wurde er Marie-Françoise Baslez, Expertin für helle-
für den Posten in Syrien-Phönizien ausgewählt, nistisches Judentum, teilt diese Ansicht: „Die
ausschlaggebend waren seine unerschütterliche Inschrift bezeugt, dass eine Art königliches Mi-
Loyalität, aber auch sein Engagement zugunsten nisterium der Kulte eingerichtet worden war“,

78 welt und umwelt der bibel 2/2018


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Die grossen entdeckungen | Die Heliodor-Stele

Aufstand der Makkabäer


Volksaufstand, angeführt
von der Familie des Judas
Makkabäus (167–164 vC)
gegen die griechische Herr-
schaft. Er führte zur
Unabhängigkeit Judäas
(152 vC) und der Schaffung
eines Königreiches unter der
Dynastie der Hasmonäer.
(140–37 vC)

Schlacht bei Magnesia


ad Sipylum
In dieser Schlacht un-
terlagen die Seleukiden
190 vC dem Römischen
Reich. Der im Jahr 188 vC
Plan des unterirdischen Komplexes 57 von Marescha, aus dem die Fragmente unterzeichnete Frieden
der Heliodor-Stele stammen, die in der Höhle I („Room 1“) vergraben waren.
von Apameia legte den
Seleukiden Reparations-
zahlungen in Höhe von
15.000 Talenten auf, ver-
bunden mit Landverlusten
kommentiert sie, „damit verbunden war, dass wären letzten Endes nur eine Gelegenheit gewe- und einer Verringerung der
die Jerusalemer Priesterschaft Teil der heidni- sen, die Seleukos IV. geschickt ergriffen hätte, Kriegsflotte.
schen priesterlichen Hierarchie werden sollte.“ um seine Reform umzusetzen und sich am Tem-
Theologisch war das für das monotheistische pelschatz zu vergreifen. Dov Gera erinnert mit
Judentum unvorstellbar und konnte nur zur Recht daran, dass 177 vC, ein Jahr nach der Be-
Krise führen. Mit den Anweisungen über den kanntgabe des Erlasses, die letzte Frist ablief für
Opferdienst in der Provinz nimmt die Stele von die Zahlung einer Kriegsentschädigung, die den
Marescha außerdem vorweg, was den jüdischen Seleukiden von den Römern nach der Schlacht
Aufstand von 167 vC auslösen wird, nämlich die bei Magnesia ad Sipylum in Kleinasien (189 vC)
© Maresha Project, Autorisation Ian Stern

Einführung des olympischen Zeus-Kultes im auferlegt worden war. Es war also dringend nö-
Tempel von Jerusalem und die verpflichtende tig, Gelder einzutreiben.
Teilnahme der Juden an den königlichen Opfe- Die Stele von Marescha liefert den direkten Zu-
rungen. gang zu einer Entscheidung des seleukidischen
Wenn die Plünderung des Tempels durch He- Herrschers. Dadurch wird es möglich, die von
liodor die direkte Folge des neuen Systems ist, den biblischen Verfassern aufgrund ihrer Glau-
so scheint heute klar zu sein, dass der biblische benserfahrung und ihrer theologischen Bot-
Verfasser diese in steuerlicher Hinsicht zu ein- schaft vorgenommene Überarbeitung der Ereig-
seitig betrachtet hat. Die Rivalitäten unter Juden nisse zu beurteilen. W

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welt und umwelt der bibel 2/2018 79
Die bibel in berühmten gemälden

Josefs blutiger Rock


wird Jakob gebracht
Diego Velázquez von Ines Baumgarth-Dohmen

I m Sommer 1629 begab sich Diego Ve-


lázquez, seit 1623 Hofmaler Philipps
IV. von Spanien, nach Italien, wo er sich
Seite hin zu Jakob am rechten Bildrand
gelenkt wird. Durch den kleinen weißen
Hund im Vordergrund, der die Brüder
bemühte sich früh um Kontakt zum Kö-
nigshof in Madrid, wo er 1623 eine An-
stellung als Hofmaler erhielt. Während
für ein Jahr in Rom niederließ. Er reiste anbellt, wird das Auge zurückgeführt. sein Frühwerk aus Genrebildern und
in königlichem Auftrag, einerseits um Velázquez schuf das Gemälde zwar religiösen Bildern besteht, schuf er als
seine Kunst durch das Studium antiker ohne Auftrag, doch für den spanischen Hofmaler vorwiegend Porträts, von Kö-
Skulpturen und der großen Meister der Hof. Vermutlich ging es ihm darum, sich nig Philipp IV. und seiner Familie wie
Renaissance zu vervollkommnen, an- damit als Maler von Historienbildern auch von Hofbeamten und Bedienste-
dererseits um Kunstwerke für den spa- zu beweisen, die seit der Renaissance ten. Sein berühmtestes Werk ist „Las
nischen Hof zu erwerben. Während der als die vornehmste Bildgattung galten, Meninas“ (Die Hofdamen), in dessen
Monate, die er in Rom verbrachte, ent- doch bislang in seinem Werk kaum ver- Mittelpunkt die kindliche Infantin Mar-
stand das großformatige Gemälde „La treten waren. Die Herausforderung be- garita steht, in das er jedoch geschickt
túnica de José“, eines der wenigen Bilder stand darin, eine historia, sei sie der Ge- ein Selbstporträt integriert hat (1656).
religiöser Thematik, die Velázquez nach schichte, der Bibel oder der Mythologie Velázquez war bis zu seinem Lebens-
seiner Ernennung zum Hofmaler schuf. entnommen, so zu „erzählen“, dass sie ende für den Hof tätig, nicht nur als
Der Betrachter sieht in einen kahlen für den Betrachter verständlich war. Da Maler, er bekleidete auch Ämter wie die
Saal, in dem sich eine dramatische Sze- die Forderung der zeitgenössischen Dra- eines Zeremonienmeisters und Kammer-
ne abspielt: Zwei junge Männer, Söhne menlehre nach der Einheit von Raum, herrn. Die daraus erwachsenden Ver-
Jakobs, sind vor ihren alten Vater getre- Zeit und Handlung auch auf die Male- pflichtungen erklären sein überschau-
ten, dessen Sitz auf einem niedrigen, rei angewandt wurde, war die Wahl der bares Oeuvre von rund 120 Gemälden. In
von einem Teppich bedeckten Podest dargestellten Szene entscheidend. Sie den 1630er-Jahren entwickelte er seinen
steht. Einer hält ihm eine mit Blut be- musste vorstellbar werden lassen, was charakteristischen Malstil, der durch ei-
schmierte weiße Tunika hin, der andere ihr vorausgegangen war, denn der Maler nen virtuosen, skizzenhaften Farbauftrag
einen goldgelben Umhang, in dem Ja- „hat nur einen Moment, in den er die Sa- gekennzeichnet ist. Velázquez begeister-
kob entsetzt das kostbare Gewand, den che packen muss“, wie der französische te die französischen Maler des 19. Jh., die
„bunten Rock“, erkennt, den er für Jo- Hofmaler Charles Le Brun (1619–1690) in ihm einen Vorläufer der Moderne sa-
sef, seinen Lieblingssohn, hatte nähen formulierte. Und so wählt Velázquez ei- hen. Nachdem Édouard Manet 1865 das
lassen. Mit ihnen ist ein dritter Bruder nen Augenblick in der Josefsgeschichte, Prado-Museum in Madrid besucht hatte,
gekommen, der sich jedoch mit einer der das ganze vorangegangene Drama schrieb er, dass sich allein um Veláz-
heftigen Bewegung abwendet, sich ge- von Hass und Neid in Erinnerung ruft. quez´ willen die Reise gelohnt habe. „Er
radezu aus dem Bild dreht, als ertrüge ist der Maler der Maler. Er hat mich nicht
er den Anblick des verzweifelten Vaters überrascht, sondern hingerissen.“
nicht. Im Hintergrund stehen zwei wei- Der Maler
tere Brüder und sehen mit an, wie der Diego Rodríguez de Silva y Velázquez
gemeinsam geplante Betrug gelingt. (1599–1660) gehört zusammen mit Mu- Geschichte des Gemäldes
Die Figuren, alle in antikisierender Ge- rillo und Zurbarán zu den bedeutends- Folgt man den Angaben des Hofmalers
wandung, sind wie auf einer Bühne so ten Malern des spanischen Barocks. und Gelehrten Antonio Palomino (El
angeordnet, dass der Blick des Betrach- Geboren in Sevilla, ging er dort bei Fran- Parnaso Español, 1724), hat Velázquez
ters von der Rückenfigur auf der linken cisco Pacheco in die Lehre. Velázquez während seines Italienaufenthalts 1629–

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welt und umwelt der bibel 2/2018
Das Gemälde
Josefs Rock (La túnica de José), 1629/30,
Ölfarbe auf Leinwand, 213,5 x 284 cm,
Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial.

1631 neben „Josefs Rock“ auch das Ölge- Das Thema in der der Handlung, wenn auch verhältnismä-
mälde „Die Schmiede Vulkans“ gemalt. Kunstgeschichte ßig wenig Bilder dem Thema gewidmet
König Philipp IV. erwarb beide Bilder Darstellungen, die Jakob mit dem bluti- sind. Während ein niederländisches Ge-
1634 und verfügte, dass sie im Madrider gen Rock Josefs zeigen, finden sich zu- mälde (Umkreis Rembrandts, um 1650)
Lustschloss Buen Retiro hängen sollten. nächst in Zyklen zur Josefsgeschichte den zu Boden gestürzten Jakob in den
Wiederholt hat man sie als Pendants an- (Maximianskathedra, 6. Jh., Ravenna; Mittelpunkt einer figurenreichen Szene
gesehen, da beide einen Betrug thema- Narthexmosaiken von San Marco, 13. stellt, konzentrieren sich Lambert Ja-
tisieren: den der Brüder Josefs an ihrem Jh., Venedig), später vor allem innerhalb cobsz (1630) und Giovanni A. de Ferrari
Vater Jakob und den der untreuen Venus typologischer Bilderfolgen, sowohl in (um 1640), ähnlich wie Velázquez, auf
an ihrem Gatten Vulkan. Doch wurden der Buchmalerei als auch auf Retabeln, wenige Figuren, und Guercino (1625)
sie offenbar nicht als zwingend zusam- wobei die neutestamentlichen Anti­ schließlich zeigt allein Jakob, klagend,
mengehörig betrachtet, denn spätestens typen der Passion Christi entnommen das Gewand Josefs in den Händen. Im
um 1665 wurde „Josefs Rock“ aus der wurden: So sah man in dem Betrug der 19. Jh. gestaltete der den Präraffaeliten
Madrider Residenz in den Escorial ge- Söhne an Jakob den Verrat des Judas nahestehende Maler Ford Madox Brown
bracht. Das Gemälde ist auf der linken präfiguriert (Biblia pauperum), und die das Bildthema als exotische Orientszene
Seite um rund 40 cm beschnitten wor- Trauer Jakobs wurde als Vorausdeutung (1871).
den. Eine Nachzeichnung von 1795/98 der Schmerzen Marias bei der Kreuzab- Marc Chagall dagegen sah nur die
überliefert die ursprüngliche Kompositi- nahme verstanden (Heilsspiegel; Re- Trauer des über Josefs Gewand zusam-
on, bei der Velázquez die beiden Brüder tabel aus dem Umkreis Rogier van der mengesunkenen Jakob, die ihn den fal-
mit den Kleidern Josefs genau im Bild- Weydens, um 1450, Birmingham). Im schen Trost der Söhne hinter ihm nicht
© D.R.

zentrum platziert hatte. Barock galt das Interesse der Dramatik wahrnehmen lässt (1931).

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welt und umwelt der bibel 2/2018 81
Die bibel in berühmten gemälden

2
1
Die Quelle
Gen 37,31-33

„Da nahmen sie Josefs Gewand, schlachteten


einen Ziegenbock und tauchten das Gewand in
das Blut. Dann schickten sie den bunten Rock
zu ihrem Vater und ließen ihm sagen: Das ha-
ben wir gefunden. Sieh doch genau nach, ob
das der Rock deines Sohnes ist oder nicht! Als
er ihn genau angesehen hatte, sagte er: Der
Rock meines Sohnes! Ein wildes Tier hat ihn
gefressen. Zerfetzt ist Josef, zerfetzt.“
3

Im 17. Jh. war die Beschäftigung mit den


menschlichen Affekten in den Mittelpunkt
des gelehrten Disputs gerückt. Man versuch-
te, den Zusammenhang zwischen den inneren
Regungen und ihrem äußeren körperlichen
Ausdruck zu verstehen. Eines der ersten Bü-
cher, die sich ausschließlich diesem Thema
widmeten, war L´arte de cenni (1616) von Gio-
vanni Bonifacio. Für ihn bildeten die Gesten
(cenni) eine „sichtbare Sprache“ von „stum-
mer Beredtheit“, die als die dem Menschen
angeborene Sprache universell verständlich
und damit dem gesprochenen Wort sogar
überlegen sei. An diese Auffassung der Gestik
als einer natürlichen Universalsprache, die
im 17. Jh. zahlreiche Anhänger fand, knüpften
kunsttheoretische Überlegungen zur „Spra-
che“ von Bildern an. Da bestimmte Affekte
offenbar bestimmte Körperbewegungen ver-
ursachten, musste ein Künstler, wollte er die
1 Jakob – blankes Entsetzen Emotionen der dargestellten Personen aus-
drücken, diese überzeugend in die entspre-
Die rechte Bildhälfte wird von der eindrucks- chenden Mienen und Gebärden umsetzen.
vollen Gestalt Jakobs dominiert. Der Anblick Die gelungene Affektdarstellung wurde zu
des blutbefleckten Rocks bringt den würdi- einem wesentlichen Kriterium künstlerischer
gen Patriarchen aus der Fassung. Er weicht Qualität. Als Vorbild galt der griechische Ma-
zurück, das Entsetzen steht ihm ins Gesicht ler Aristides von Theben, von dem Franciscus
geschrieben. Vor ihm auf dem Boden liegt der Junius in seinem Traktat De pictura veterum
Krückstock, der ihm aus der Hand gefallen ist. (1637) berichtet, dass er einen Flehenden
Francisco de los Santos, in dessen Werk über so lebendig wiedergegeben habe, dass man
den Escorial (1667) sich die älteste erhaltene seine Stimme zu hören meinte. Solchen An-
Beschreibung des Gemäldes findet, hebt her- sprüchen hatte auch Velázquez zu genügen,
vor, dass Jakob das „lebendigste Gefühl, das und in der Tat ließ seine Darstellung Jakobs
man sich vorstellen kann“ zeige, und spricht den bibelkundigen Betrachter den Schrei des
von seinen schreckgeweiteten Augen „und in Entsetzens förmlich hören: „Zerfetzt ist Josef,
ihnen das ganze verwundete Herz“. zerfetzt“ (Gen 37,33).

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welt und umwelt der bibel 2/2018
Die bibel in berühmten gemälden

3 Das Hündchen – untrüglicher Spürsinn

Rechts im Vordergrund zieht ein kleiner weißer Hund die


Blicke des Betrachters auf sich. Seine Körperhaltung ver-
rät Aggression und Unsicherheit, er bellt Josefs Brüder an,
als seien sie fremde Eindringlinge. Velázquez ordnet den
Hund Jakob zu und lässt ihn hinter dem auf dem Boden
liegenden Krückstock zurückbleiben, der eine deutliche
2 Josefs Brüder – verräterische Gebärden Trennlinie zwischen Jakob und seinen Söhnen zieht.
Schon seit dem 15. Jh. wurden in der religiösen Malerei,
Während der rechte Teil des Bildes im Schatten liegt, fällt auf die sowohl bei biblischen Sujets als auch bei Heiligenlegen-
Söhne Jakobs in der linken Bildhälfte helles Licht. Es hebt ihre Kör- den, verschiedentlich Hunde dargestellt; dabei sind sie,
per hervor, die in unterschiedlichen Ansichten und so detailliert trotz der Genrehaftigkeit des Motivs, nicht nur als unter-
wiedergegeben sind, als handele es sich um anatomische Studien. haltsames Beiwerk, sondern vor allem als Sinnbilder von
Vor allem aber lässt es die Kleider Josefs aufleuchten: die weiße Tu- Glaubenstreue und Wachsamkeit zu deuten. Doch geht es
nika, die seine Brüder mit Ziegenblut beschmiert haben, und den Velázquez nicht allein um solche Symbolik.
goldgelben Umhang aus teurem safrangefärbtem Tuch. Es war un- Zum Menschenbild des 17. Jh. gehörte die Überzeugung,
ter anderem dieses prächtige Gewand, das den Neid der Brüder er- dass der Mensch den Tieren überlegen sei, weil nur er Ver-
regt hat, die embidia, von der Francisco de los Santos (1667) meint, nunft besitze. Für René Descartes (1596–1650) zeigt sich
dass in Wahrheit sie das wilde Tier gewesen sei, das Josef angefal- die Vernunft vor allem in dem Vermögen, Gedanken in
len habe. Er überliefert zudem, Velázquez selbst habe erklärt, dass Sprache auszudrücken, und da dieses bei Tieren nicht zu
eine der Figuren auf dem Gemälde Ruben sei, „eine andere Sime- beobachten ist, folgert er: „Das beweist nicht bloß, dass
on und so weiter“. Das heißt, dass Velázquez die Brüder darstellen die Tiere weniger Vernunft als die Menschen, sondern
wollte, was der Bibeltext nicht ausdrücklich sagt, und sogar ganz dass sie gar keine haben.“ Vernunft und Sprache, also
bestimmte. Und so hat man in dem Mann links, der sich, von seinen das, was ihn über das Tier erhöht, kann der Mensch je-
Gefühlen übermannt, abrupt abwendet, Ruben sehen wollen, den doch auch zu Lüge und Betrug missbrauchen, wie die von
Einzigen, der Josef retten und zu seinem Vater zurückbringen woll- Velázquez gemalte Szene vor Augen führt. Doch kann der
te; dazu passt, dass ein auf dem Boden liegender Hirtenstab ihn von Betrachter beobachten, dass es Jakobs Söhnen zwar ge-
den anderen trennt. lingt, ihren Vater zu täuschen, nicht aber sein Hündchen.
Jakob ist von dem Anblick der blutbefleckten Tunika so überwäl- Denn unfähig, Lügen zu verstehen, kann das unvernünf-
tigt, dass er das eigentümliche Verhalten seiner Söhne nicht wahr- tige Tier nicht belogen werden. Velázquez lässt somit den
nimmt. Der Betrachter dagegen, dem die biblische Erzählung ver- kleinen Hund, den er seiner Nacherzählung der bibli-
traut war, konnte an ihrer Körpersprache erkennen, dass sie lügen. schen historia hinzufügt, zu einem wichtigen Akteur des
Denn nicht Trauer über den Tod des Bruders, sondern Bestürzung, Geschehens werden: Er übernimmt sichtbar und „hörbar“
Angst und Scham zeichnen sich im Gesicht dessen ab, der die Tu- die Rolle eines Anklägers.
nika hält. Und auch die Haltung des Brüderpaars im Hintergrund
verrät ihre Gefühle. Der eine schaut verlegen zu den beiden Wort-
führern hinüber, der andere hat den Kopf gesenkt und beißt sich
auf den Daumen, um der inneren Anspannung Herr zu werden. Es
scheint fast so, als habe Velázquez einen Gedanken der zeitgenössi-
schen Affektenlehre, der sich bereits bei Giovanni Bonifacio (1616)
findet, bestätigen wollen: dass die gottgegebene Körpersprache
auch deshalb überlegen sei, weil sie ehrlicher sei, denn es sei we- Ines Baumgarth-Dohmen M. A.
sentlich schwieriger, mit Gebärden Falsches vorzuspiegeln als mit ist Kunsthistorikerin und frei-
© D.R.

Worten; sie könne sogar enthüllen, was verschwiegen werden solle. beruflich tätig.

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welt und umwelt der bibel 2/2018 83
Ausstellungen und veranstaltungen
münster
28. april bis 2. september 2018
Eirene / Pax – Frieden in der Antike
Fünf Ausstellungen gehen 2018 in Münster dem Thema
Frieden nach. In der Ausstellung des Archäologischen
Museums der Universität steht der Frieden in der Antike
im Mittelpunkt. Der älteste Friedensschluss der Welt
wurde zwischen Hattušili III. und Ramses II. (1259 vC) ge-
schlossen. In Griechenland sind die Götter die Garanten
des Friedens, wie die Friedensgöttin Eirene. Und römi-
sche Kaiser nutzen die Friedenssymbolik, um ihre gute
Regierung und die daraus resultierende Wohlfahrt ins
Bild zu setzen. Andererseits wird in kriegerischen Zeiten
wie im 3. Jh. nC auf Münzen der Frieden beschworen mit
Abbildungen der Friedensgöttin Pax.

Archäologisches Museum der Westfälischen Wilhelms-Universi-


tät Münster, Domplatz 20-22, 48143 Münster
Welt und Umwelt der Bibel-Studientag

© links: Aimé Morot - musée du Petit Palais, Uploaded by paris 17 jean-louis Zimmermann from Moulins, FRANCE, CC BY 2.0, commons.wikimedia; rechts: Foto Klaus Steinbüchl;
Tel. 0251/8324588, Di–So 10-18 Uhr, Eintritt 4 EUR
zu 2/2018: „Nächstenliebe“ uni-muenster.de/ArchaeologischesMuseum/

münster
Nächstenliebe – Uraltes Ziel der Religionen?
Wurzeln und Entwicklungen
Samstag, 9. Juni 2018, 9.30–17.30 Uhr
Akademie Franz Hitze Haus Münster
REFERENTIN: Dr. Christiane Wüste, Osnabrück
TEILNAHMEGEBÜHR: 35 EUR
ANMELDUNG: info@franz-hitze-haus.de
Kardinal-von-Galen-Ring 50, 48149 Münster
Tel. 0251/8918-0

Würzburg
Nächstenliebe
Samstag, 6. April 2019, 9.00–17.00 Uhr
Friedenstaube in Betlehem, Banksy (zugeschrieben).
Domschule Würzburg
REFERENTINNEN: Prof. Dr. Heike Grieser, Mainz;
Dr. Elisabeth Birnbaum, Wien, Prof. Dr. Michelle Becka, Würzburg
ANMELDUNG: www.domschule-wuerzburg.de münster
Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg 28. april bis 2. september 2018
Tel. 0931/386-43111, info@domschule-wuerzburg.de
Frieden. Wie im Himmel so auf Erden?
Die Ausstellung beleuchtet den Zwiespalt zwischen
Ideal und Wirklichkeit. Welche Vorstellungen und Bilder
Welt und Umwelt der Bibel-Studientag von Frieden und Krieg finden sich im Christentum? Die
zu 1/2018: „70 Jahre Qumran“ Präsentation gibt Einblicke in das schmerzhaft aktuelle
Thema und fragt, ob religiöse Vorstellungen zur Wahrung
hamburg des Friedens heute beitragen können. Über 100, teils
70 Jahre Qumran auch internationale, Leihgaben illustrieren den Wandel
und die Wirkung christlicher Friedensvorstellungen von
Samstag, 18. August 2018, 9.30–17.00 Uhr der Spätantike bis heute.
Bildungshaus St. Ansgar, Kloster Nütschau
Schlossstr. 26, 23843 Travenbrück Das Bistum Münster zu Gast im LWL-Museum für Kunst und
REFERENTIN: Dr. Peter Porzig, Göttingen Kultur, Domplatz 10, 48143 Münster, Tel. 0251/590701
TEILNAHMEGEBÜHR: 25 EUR Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 8/4 EUR, lwl.org

84 welt und umwelt der bibel 2/2018


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Seminars der Universität Berlin
berichten über die Wiederentde- Mainz
© links: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt; rechts unten: Ruedi Habegger, Antikenmuseum Basel und

ckung der Pilgerstadt im Jahr 1905 bis 18. Juni 2018


und stellen bedeutende Bauten,
In Gold geschrieben. Die schönsten Mainzer
Pilgerandenken und Alltagsob-
Handschriften des frühen Mittelalters
jekte aus Abu Mina vor. Dazu
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Mainzer Schriftkultur, darunter merowingische Grabsteine
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Sa–So 11–18 Uhr, Eintritt 5/3 EUR, dommuseum-mainz.de
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Corvey, um 990.
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den Massentourismus vom Zerfall bedroht. Das war bei
seiner Entdeckung vor 200 Jahren ganz anders. Die Ausstel-
lung präsentiert ein maßstabsgetreues Faksimile der zwei
wichtigsten Räume in ihrem Glanz bei ihrer Entdeckung
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welt und umwelt der bibel 2/2018 85
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2002191445046A-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de


Schätze aus 20 Jahren
Unsere Backlist

o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Echnaton und Nofretete, 4/01


o Schöpfung, 2/96 o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02
o Damaskus, 1/97 o Jesus der Galiläer, 2/02
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 o Himmel, 4/02

Einzelheft € 4,90
e [A] 5,50 / sFr 9,50
o Der Tempel von Jerusalem, 3/99 o Entlang der Seidenstraße, Sonderheft 2002
o Christus in der Kunst (1): o Die Kreuzzüge, 3/03
Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Der Nil, 1/04
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Flavius Josephus, 2/04
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Der Jakobsweg, 3/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Prophetie und Visionen, 4/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Babylon, 3/05
o Paulus, 2/01 o Juden und Christen, 4/05

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

Einzelheft € 9,80
o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12

e [A] 11,50 / sFr 19,–


o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o Nordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14

o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 o Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17

Einzelheft € 11,30
e [A] 11,80 / sFr 19,–
o Jesus der Heiler, 2/15 o Messias – Der Traum vom Retter, 2/17
o Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 o Götter und Tiere, 3/17
o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 o Juden, Christen, Muslime: Die Kunst des Zusammenlebens, 4/17
o Die Christen des Orients, 1/16 o 70 Jahre Qumran. Neue Forschungen zu den Schriften
o Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 vom Toten Meer, 1/18
o Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16 o Nächstenliebe – ein christlicher Wert?, 2/18
o Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16 o Irland – Christentum zwischen Druiden u. Mönchen, 3/18 (erscheint August 2018)

o „Orte am See Gennesaret“ Satellitenaufn. + Erläuterungen A2, o „Der Nil und seine Heiligtümer“ 21,5 x 110 cm,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50
Pläne & Karten

o „Der Tempel von Jerusalem“, Rekonstruktion + Luftaufnahme A2, o „Die Überlieferung der Bibel“ Wichtige Inschriftenfunde A2,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50
o „Das Heilige Land“ – Landkarte 28 x 60 cm, o Palästinakarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90, sFr 9,–
2 1,– (ab 5 Ex. 2 -,50), 2 [A] 1,10, sFr 1,50 o Mittelmeerkarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90, sFr 9,–
o „Die Altstadt von Jerusalem“, Reliefkarte A1, o Kartenset Palästinakarte und Mittelmeerkarte nur 2 9,90,
2 3,– (ab 2 Ex. 2 2,50), 2 [A] 3,20, sFr 4,– sFr 12,50
o Kartenset Heiliges Land: Alle 4 Karten (oben) o Alter Orient in biblischer Zeit 98 x 68 cm, 2 6,90, sFr 9,–
nur 2 5,–, 2 [A] 5,20, sFr 6,–

o Judäa und Jerusalem, 256 S., 2 12,80, 2 [A] 13,20, sFr 16,– o Musik in biblischer Zeit, 104 S., 2 11,90, 2 [A] 12,30, sFr 15,–
o 1001 Amulett, 224 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,– o Kleider in biblischer Zeit,112 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,–
Bücher

o Von den Schriften zur (Heiligen) Schrift, 175 S., o Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S., 2 16,80
2 29,–, 2 [A] 29,90, sFr 37,– 2 [A] 17,30, sFr 21,–
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o Engelwelten, 196 S., 2 35,–, 2 [A] 36,–, sFr 45,–
Der Schlüssel zum Lebensglück

Beate Maria Weingardt


Wertschätzung als Haltung
Gut mit sich und anderen umgehen
13 x 20 cm; 192 Seiten;
mit Leseband; gebunden
€ 14,95 / € (A) 15,40
ISBN 978-3-96157-011-9

Wertschätzung ist nicht nur die Voraussetzung


für gelingende Beziehungen, ob nun zum Partner,
als Eltern, zu Freunden oder Arbeitskollegen.
Sie ist weit mehr als das, so Beate M. Weingardt,
nämlich der Schlüssel zum Lebensglück.

Das Buch erläutert die Vorteile von Wertschät-


zung in Beziehungen und zeigt anhand von detail-
lierten Übungsbeispielen auf, wie man dies in den
Alltag integrieren kann. Denn Wertschätzung tut
sowohl dem Empfänger, als auch dem Geber gut.

Dr. Beate Maria Weingardt,


geb. 1960, hat Psychologie und
Ev. Theologie studiert und 1999
über den »Prozess des Vergebens
in Theorie und Empirie« promo-
viert. Beate Weingardt ist mit
vielen Themen in der Erwachse-
nenbildung tätig.

„Was ist Wertschätzung überhaupt, woher nehmen


wir sie, und wie zeigen wir sie? Wo kann man sie lernen?
Was geschieht, wenn sie verweigert oder entzogen wird?“

Auf neuen Wegen:

Bestellen Sie über Ihre Buchhandlung oder über: im Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH • Silberburgstraße 121 • 70176 Stuttgart
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INSELN
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JAHRESKATALOG 2018
Rumänien
Kirchenburgen und Moldauklöster

DER STILLE
8-tägige Studienreise
26.05.-02.06.2018 | 08.09.-15.09.2018
Reiseleitung: Hildegard Wacker, Hamburg
Prof. Dr. Michael Fieger, Chur
Reisepreis pro Person ab € 1.275,–

Österreich
„Klösterreich“ – Barocke Kunst
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im Donauraum
Übernachtung im Stift Göttweig
06.07.-14.07.2018
Reiseleitung: Mag. Dr. Ortwin Hesch, Graz
Reisepreis pro Person ab € 1.295,–

Irland – Nordirland
„Insel der Klöster und Heiligen“
12-tägige Studienreise
31.07.-11.08.2018 | 28.08.-08.09.2018
Reiseleitung: Anna Keblowska, Wien
Pfr. Jörg Seyfried, Meersburg
Reisepreis pro Person ab € 1.950,–

Deutschland: Niederbayern
Urlaub im Kloster Niederaltaich
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Übernachtung im Gästehaus St. Pirmin
20.11.-26.11.2018
Reiseleitung: Pfr. Wolfhart Koeppen, Passau
Reisepreis pro Person ab € 830,–

Persönliche Beratung und Anmeldung:


Heidrun Feix
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Ein Kloster ist mehr als ein Haus, in dem Mönche oder Nonnen leben oder lebten, um sich vor der Veranstalter:
Welt zu „verschließen“ (lat. claustrum). Klöster sind – selbst wenn sie nur noch aus Ruinen beste- Biblische Reisen GmbH
hen und ganz gleich, in welcher Religion sie beheimatet sind – Inseln der Stille. Sie eröffnen uns Silberburgstr. 121 · 70176 Stuttgart
eine geheimnisvolle Welt, sind Orte, an denen sich Himmel und Erde berühren. Selbst dem unbe- Tel. 07 11/ 6 19 25-0, Fax -811
fangenen Besucher entgeht kaum die im Kloster wahrnehmbare, ganz eigene Atmosphäre, die ihn E-Mail: info@biblische-reisen.de
ansprechen oder irritieren vermag. Es ist die besondere Sicht auf das eigene Leben, die Wirk- www.biblische-reisen.de
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Stiftsplatz 8 · A-3400 Klosterneuburg
Klöster sind Orte der Sinnsuche, des Gebets und der Meditation, des Abstands zum Treiben der
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geschäftigen Welt. Lärm wird gemieden, um Stille zu finden, um in ihr die leise, eindringliche Stimme
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zu vernehmen, die Menschen seit Urzeiten anspricht. Weltferne wird gesucht, um Gottesnähe zu
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Die Klosterkultur ist nicht nur ein geschichtliches Erbe, sondern reicht in unsere Gegenwart hinein.
Klöster waren und sind kraftvolle, spirituelle Zentren der Gesellschaft – auch heute noch. Die
Sehnsucht nach Abgeschiedenheit und innerer Einkehr gehört zuweilen auch zum Grundbedürf-
nis des modernen Menschen.
Auf unseren Reisen stellen wir Ihnen ausgewählte Klöster, ihre kulturgeschichtlichen Hintergründe
und architektonischen und kunstgeschichtlichen Meisterleistungen vor.

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