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ARCHÄOLOGIE . KUNST .

GESCHICHTE 4/2018
WUB
Nr. 90, 23. Jg., 4. Quartal 2018 / Geschichte der Bibel / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-944766-61-4

DIE ABENTEUERLICHE
GESCHICHTE DER BIBEL
EURO 11,30

JORDANIEN JERUSALEM BIBEL IM


GRABKAM- SELTENER GEMÄLDE
MER MIT ANTIKER JUDITH VON
MALEREIEN OHRRING GUSTAV KLIMT
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Inhalt 4/2018

8 32 42
Die ältesten Handschriften – wie weit Papyrus – der Stoff, auf dem frühe Betlehem – wo Hieronymus die
können wir die Bibel zurückverfolgen? Überlieferungen erhalten sind Bibel ins Lateinische übersetzt

die abenteuerliche geschichte der bibel

Simone Paganini 8 Thomas Söding 40


Wenn aus Mythen Schriften werden ... Die Muttersprache des Messias
Dunkle Anfänge von biblischen Texten Jesus hat Aramäisch gesprochen – was folgt daraus
für die Lektüre und Exegese der Evangelien?
Helga Kaiser 17
Mit Leidenschaft und Intuition Dominik Markl 42
Die großen Entdeckungen der biblischen Handschriften Ein exzentrisches Genie
Hieronymus übersetzt die Bibel ins Lateinische
Heinz-Josef Fabry 22
Die Bibel wird griechisch Helga Kaiser 49
72 Männer übersetzen in 72 Tagen die Bibel? „Atta unsar thu in himinam ...“
Wulfilas Übersetzung für die Goten
Warum der reiche Kaufmann Marcion ein Aufreger ist 29
„Die pontische Ratte zernagt die Evangelien“ Die Hebräische Bibel und das Alte Testament 50
Verschlungene Wege
Dirk Schuster 30
Annette M. Boeckler 52

© Hintergrund: public domain; Foto: Courtesy of The Egypt Exploration Society


Die Arisierung des Neuen Testaments
Die Botschaft Gottes der Kirchenbewegung Buchstaben und Abstände,
Deutsche Christen Striche und Pünktchen
Wie Soferim und Masoreten den hebräischen
Bibeltext sicherten
Larry W. Hurtado 32
Die Kopie einer Kopie einer Kopie ...
Wie entstehen und wie verbreiten sich die Irmtraud Fischer 60
neutestamentlichen Schriften?
Spiegelt die Überlieferung der Bibel ...
… nur Männer und deren Sichtweisen?
Unser Neues Testament 39
Ein Text, den es gar nicht gibt?
Titelbild: Vorsichtig sammeln Arbeiter 1896 in der antiken
Stadt Oxyrhynchus (Ägypten) Hunderttausende Papyrus-
stückchen aus dem Staub. Im Hintergrund der
„Papyrus 1“, ein Matthäusevangelium-Fragment, das bei
diesen Ausgrabungen gefunden wurde (mehr dazu S. 21).

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Editorial

Im ganzen Mittelmeer-
raum wollten jüdische
und christliche Gemeinden
die heiligen Schriften lesen.
So entstehen in den ersten
Jahrhunderten derart viele
verschiedene Versionen, Textvarianten und
66 Übersetzungen der Bibel, dass einem der Kopf
schwirrt: die Septuaginta, griechische Vari-
Neue Entdeckungen bei den Ausgrabungen auf
dem Protestantischen Friedhof am Zionsberg anten, die altlateinischen Übersetzungen, die
Vulgata, der Samaritanische Pentateuch, der
hebräische masoretische Text ... Beim Kopieren
Aus der Welt der Bibel passieren Buchstabendreher, es werden Wörter
vertauscht. Der eine Schreiber lässt Sätze aus,
Das Neueste aus der Welt der Bibel 2 ein anderer fügt welche hinzu. Es gibt sehr sorg-
Jordanien: Grabkammer mit Wandmalereien entdeckt
fältige Übersetzungen und furchtbar ungenaue!
Megiddo: Archäologischer Park geplant
Ist unser Bibeltext heute dann der richtige?
Büchertipps Der wahre, göttliche, originale, unfehlbare
63
„Urtext“? Die heutigen Textgrundlagen, aus
Panorama denen Bibeln übersetzt werden, sind bestens
66
Jerusalem: Neue Entdeckungen am Zionsberg erforscht und man hat sich aus verschiedenen
Huqoq: Weitere faszinierende Mosaiken in Synagoge wissenschaftlichen Gründen für sie entschieden.
Jericho, wie Jesus es kannte
Aber einerseits geht die Textforschung laufend
weiter und andererseits treten die Texte – wenn
Themenreihe 2018:
Große Worte der Bibel neu übersetzt man die Überlieferung der biblischen Bücher
74
Folge 4: makarios betrachtet –, als lebendige Gebilde vor Augen.
„Selig seid ihr“ neu begreifen Unsere Bibeltexte und -übersetzungen sind ent-
standen aus sich über Jahrtausende erstrecken-
Die großen Entdeckungen 76 den Gesprächen von gelehrten und gläubigen
Das Königsversteck von Deir el-Bahari:
Menschen: Sie erhalten ihre Autorität genau
Der Pharao des Exodus?
daraus. Gerade in den antiken Handschriften
Die Bibel in berühmten Gemälden
begegnen wir der Freude der Schreiber am
80
Gustav Klimt: Judith II göttlichen Wort, ihrer Zuneigung zur Schrift –
aber auch ihrer Mühe damit! Es ist eine fes-
Ausstellungen und Veranstaltungen 84 selnde Aufgabe, die Geschichte der Bibel zu
erforschen.
Vorschau und Impressum 86
Eine anregende Lektüre wünscht

Ihre Helga Kaiser


Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

3
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welt und umwelt der bibel 1/2015
Das neueste aus der Welt der Bibel

Unterirdische römische Grabkammer in jordanien gefunden

Ein Meisterwerk fürs Jenseits

Alltagsszenen aus dem Leben des Verstorbenen schmücken die Südmauer­des Grabes.

Jordanien/Bayt Ras Die Kleinstadt Es gibt auch andere gestaltete Gräber. Meisterwerks einem Konsortium an Insti-
Bayt Ras im nördlichen Jordanien ist in Das neu entdeckte Grab mit seinen tutionen aus Jordanien, den USA, Italien
heller Aufregung. Im November 2016 hat zwei Grabkammern hebt sich allerdings und Frankreich überantwortet. Zunächst
ein Bulldozer eine unterirdische Kammer deutlich von den bisher entdeckten ab, ergriff man Maßnahmen, um das Gestein
aufgebohrt, dessen Wände komplett mit sowohl durch seine Größe (62 m2) als und die Beschichtungen zu verstärken.
gemalten Szenen und vereinzelten In- auch durch die Qualität der Malerei- Zudem wurden der Hohlraum und sei-
schriften bedeckt sind. In dieser Gegend en und seinen Erhaltungszustand. Die ne Verzierungen bis ins kleinste Detail
sind solche Bestattungsorte nicht unbe- Hauptkammer enthielt einen Sarkophag erfasst. In seinem letzten Newsletter be-
kannt: Es sind in den Felsen gehauene aus Basalt, geschmückt mit einem Re- richtet ACOR, dass die Motive nach und
Grabmäler aus der römischen Zeit (1.–3. lief von zwei Löwenköpfen. Im Inneren nach entschlüsselt werden: Dargestellt
Jh.), als die Stadt Capitolias hieß. Capi- sind menschliche Figuren, Pferde und sind u. a. die Personifizierung des Glücks
tolias war eine römisch-hellenistische mythologische Szenen zu erkennen. der Stadt (Tyche) und Zeus auf seinem
Stadt der Dekapolis, gegründet ca. 100 Im Antikenministerium von Jordanien Thron. Die Decke trägt Darstellungen von
© S. Bechetoille/IFPO

vC als Militärstützpunkt Roms. Der Name begann sofort die wissenschaftliche Ar- Meeresmythen, die Wände sind mit Sze-
Beit Ras enthält noch den ursprünglich beit. Gesteuert vom American Center for nen aus dem alltäglichen Leben verziert.
aramaäischen Namen „Bet Reisha“, der Oriental Research (SCHEP/ACOR) wur- Ohne Zweifel war der Verstorbene kein
im Talmud aus dem 6. Jh. erwähnt wird. den die Untersuchung und Bergung des Irgendwer. W (Estelle Villeneuve)

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Das neueste aus der Welt der Bibel

AuSSergewöhnlicher Fund in der Davidsstadt

Hellenistische Kultur beim Jerusalemer Tempel


Jerusalem Bei Ausgrabungen in der zum herodianischen Jerusalemer Tem-
Davidsstadt südlich der Jerusalemer pel ließen jedoch auf ein Mitglied der
Altstadt haben israelische Archäolo- oberen Gesellschaftsschicht schließen,
gen einen Goldohrring aus hellenisti- so die IAA. Neben dem Ohrring wurde
scher Zeit entdeckt. „Ein Artefakt aus zudem eine goldene Perle mit Orna-
dem 2. oder 3. Jh. vC in der Umgebung menten gefunden.
Jerusalems zu finden, ist eine Selten- Kunstgegenstände aus dieser Perio­
heit“, heißt es in einer Mitteilung der de, die in der hier vorliegenden fili­
Israelischen Antikenbehörde (IAA). granen Technik gearbeitet sind (feine
Der Ohrring aus Gold zeigt einen fein Goldfäden, oft mit kleinen Perlen), Ohrring einer
gearbeiteten Tierkopf mit Hörnern. Bei finde man vermehrt im mediterranen wohlhabenden
dem Tier handelt es sich möglicherwei- Raum um Griechenland, in Israel kä- Person im
se um eine Antilope oder um Rotwild. men solche Entdeckungen deutlich hellenistischen
Ob der Ring von einer Frau oder einem seltener vor, so die Archäologen. Die Jerusalem.
Mann getragen wurde, ist unklar. Es Forscher erhoffen sich nun, weitere
gibt auch keine Hinweise auf den kul- Rückschlüsse auf den griechisch-helle-
turellen oder religiösen Hintergrund nistischen Einfluss in den Jahrhunder-
des Trägers, das wertvolle Material ten vor der Zeitenwende zu gewinnen.
und die räumliche Nähe des Fundortes W (KNA/WUB)

Wenn die Natur den Wissenschaftlern hilft

Schneearchäologie Iran/Pasargadae Schnee ist unter Ar-


chäologen nur selten ein willkommener
Gast. In Pasargadae, der um 550 vC von Per-
serkönig Kyrus II. gegründeten Residenz,
machte die iranisch-französische Mission
unter der Leitung von K. Mohammadkhani
(Universität Shahid Beheshti, Teheran) die
umgekehrte Erfahrung. Während sie in Zu-
sammenarbeit mit der Gesellschaft Iconem
eine Luftbildaufnahme der Grabungsstätte
oben: © IAA; unten: © Iconem/Mission irano-française Shiraz

machten, hatte der Schnee alles mit einem


makellosen weißen Tuch bedeckt. Alles, bis
auf ein Netz von dunkleren Linien. Hier hat-
te die in den unterirdischen Mauern gespei-
cherte Wärme den Schnee zum Schmelzen
gebracht! Dieses „Naturwunder“ enthüllte
im Nordwesten der achämenidischen Zita-
delle den Grundriss eines befestigten La-
gers, möglicherweise aus dem 4.–3. Jh. vC,
also aus der Epoche der griechischen Herr-
schaft nach der Eroberung des Persischen
Pasargadae unter Schnee. Reiches durch Alexander den Großen. W
So wurden erstmals die Mauern eines hellenistischen Militärlagers sichtbar. (Estelle Villeneuve)

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welt und umwelt der bibel 4/2018 3
Das neueste aus der Welt der Bibel

Endlich identifiziertes Fragment

Ein Rätsel
ist gelöst
Paris Louvre Woher stammt dieser 38 cm
lange goldfarbene Finger aus Bronze, der im
Louvre seit 1863 aufbewahrt wird? Antwort:
von einer Kolossalstatue Konstantins I., des
römischen Kaisers, der 313 den christlichen
Gottesdienst erlaubte. Bei der Analyse der
Zusammensetzung der Legierung und der
Technik der Herstellung im Rahmen eines
Forschungsprojekts über große Bronzesta-
tuen der Antike im Louvre erkannte eine
Forscherin den Zusammenhang zwischen
dem Louvre-Finger und Konstantins Hand,
die in den Kapitolinischen Museen in Rom
aufbewahrt wird. Bis die beiden Teile bei
der Veranstaltung „Italienischer Traum“
(08.11.2018 bis 11.02.2019) im Louvre zu-
sammengeführt werden, ist eine Kopie aus
Harz an der Hand der römischen Kolossal-
statue angebracht worden. W
(Estelle Villeneuve)
Fragmente der Kolossalstatue Kaiser Konstantins lagern seit
1471 in den Kapitolinischen Museen in Rom. Die Statue war einst
12 m hoch. Ein abgebrochener Finger wurde seit 150 Jahren im
Louvre als „Zeh Konstantins gezeigt. Nun ist klar, wohin er gehört.

Eine Ausgrabung in Rom weckt Spekulationen Schriftforschung findet Überraschendes

Kult an der Bibel hinter Koran


Milvischen Brücke? versteckt
Rom Nahe der Milvischen Brücke in Rom ist ein antiker Kom- Paris In Zeiten, in denen Pergament kostbar war, wurden
plex von Gräbern und einem prachtvoll ausgestatteten Kultbau nicht mehr benötigte Dokumente abgeschabt und das Schreib-
entdeckt worden. Die vermutlich Mitte des 4. Jh. errichtete An- material ein zweites Mal verwendet als sogenanntes Palimp-
lage liegt nahe der Stätte, an der Kaiser Konstantin im Jahr 312 sest. Nun entdeckte Éléonore Collard (Collège de France) bei
eine Entscheidungsschlacht gegen seinen Mitherrscher Maxen- der Durchsicht eines Auktionskatalogs auf den Fragmenten
tius gewann. Das Datum markiert eine Wende in der Geschichte eines Koranmanuskripts aus dem 8. Jh. Spuren einer darunter-
des Christentums. Erst hielt man das Gebäude für eine Privat- liegenden koptischen Inschrift. Und dieser ältere Text enthält
villa. Mittlerweile ist jedoch wahrscheinlich, dass es öffentliche offenbar Passagen aus der Bibel. Das wurde bisher noch nie
Räume waren. Der rechteckige Raum und die Aula mit Apsis wahrgenommen.
sind mit kostbaren Marmordekorationen ausgestattet. Seitlich Die Koptologinnen Anne Boud’hors und Catherine Louis ent-
schließen sich zwei mutmaßliche Mausoleen mit kreisförmigem schlüsselten einen Vers aus dem Deuteronomium (6,3), verfasst
Grundriss sowie mehrere schlichte Einzelgräber an. Ein Nach- auf Sahidisch, dem Dialekt der Region um Theben in Ägypten.
weis, dass hier eine christliche Kirche gefunden wurde, konnte Der Zustand der Fragmente erlaubt bislang leider keinen Auf-
© Alamy

bislang nicht erbracht werden. Doch die Auswertung der Kera- schluss darüber, ob sie aus einer Bibel oder einem Schriftstück
mik ist noch nicht abgeschlossen.W (KNA/WUB) mit Zitaten aus der Bibel stammen. W (Estelle Villeneuve)

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Das neueste aus der Welt der Bibel

Neuer Nationalpark in Megiddo geplant

Eine Frau in der Liturgie der zitat

frühen Kirche
„Das Versprechen von
Inklusion, die Kraft der
Liebe: weiter mit globaler
Megiddo Es ist brisantes Terrain, hier erschließen. Projektchef im Namen des
an der die Ebene Jezreel beherrschen- Regionalrates ist Eyal Rom. Und er ist Verständigung, Versöh-
den Festung: Verkehrs- und Militärkno- enthusiastisch. Sein Ziel ist es, in einem nung und Veränderung!“
tenpunkt, Ort ungezählter Kämpfe einer gigantischen Nationalpark 10.000 Jahre
Jahrtausende währenden Geschichte. Geschichte zu präsentieren: den Tel Me-
Und es ist nach Offb 16,16 der Ort des giddo, das Grabungsgelände, das in den Motto des Weltparlamentes der
apokalyptischen Endkampfes um diese vergangenen drei Jahren ein Lager der VI. Religionen im November 2018
Welt. Von diesem zweifelhaften Ruhm Römischen Armee ans Licht brachte, und in Toronto. Vor 125 Jahren trat
profitierte 1918 General Allenby, der hier nun auch die christlich bebauten Berei- in Chicago das erste Weltparla-
die osmanische Armee besiegte und sich che beim bisherigen Gefängnis. Letzteres ment der Religionen zusammen.
dann stolz „Viscount Allenby von Megid- soll zu einem Hotel umgebaut werden. Neben der Stiftung Weltethos ist
do und von Felixstowe“ nannte. Der Park soll Archäologie, Natur und Kul- es eine zweite globale Bewegung,
Dass an diesem „Ort des Gerichts“ dann tur als Gesamterlebnis darbieten. Dazu die sich religionsübergreifend
1940 von den Briten ein Gefängnis errich- will Eyal Rom den Fluss Keini regulieren für eine (über-)lebensfähige Welt
tet wurde, mag symbolische Bedeutung und sieben Mühlen an seinem Ufer bau- einsetzt.
haben, ausschlaggebender war sicher- en. Das Projekt soll die Besucherzahlen
lich die verkehrstechnische Lage. Beim verdreifachen und auch den arabisch-
Bau scheint wenig Augenmerk auf den israelischen Dörfern in der Nähe nutzen.
Untergrund gerichtet worden zu sein. Gastfreundschaft scheint schon die ge-
Mittlerweile verfallen die von Palisaden fundene antike Inschrift zu legitimieren.
und Stacheldraht umgebenen Mauern Sie spricht von einer Frau „Aketos, Gott
und Wachttürme und müssen renoviert liebend, die dem göttlichen Jesus Christus
werden. Dabei entdeckten 2005 bei Bau- den Tisch (im Heiligtum) anbot“. Laut
Mosaik aus der früh-
arbeiten zwei mitarbeitende Gefangene Eyal könnte es schon in vier Jahren so
christlichen Kirche
bei Megiddo. Es nennt eine
den Mosaikfußboden einer sehr alten weit sein. W (M.E. Beaulieu/WB)
Frau namens Aketos und
Kirche (s. WUB 2/2016). Damals sorg-
den göttlichen Jesus Christus.
te diese Meldung für großes Aufsehen,
zumal nach dem Archäologen Yotam
Tepper eine der in Griechisch verfassten
Inschriften die erste schriftliche Aussa-
ge zur Göttlichkeit Christi sei, noch vor
dem Konzil von Nicäa (325). Während die
Datierung noch diskutiert wurde, wurde
der Bau definitiv als antikes christliches
Heiligtum anerkannt. Die Form seiner
Kirche gibt neue Auskunft über die auf-
keimende Architektur der christlichen
Bauten in den ersten fünf Jahrhunderten.
Damals wurde das Gebäude mit dem Mo-
saik ausgegraben, dokumentiert und das
Gelände unter der Aufsicht von Archäo-
logen wieder verdeckt.
Im Juni 2017 wurde nun die Verlegung
des Gefängnisses von Megiddo offiziell
bestätigt. Das bietet die Möglichkeit, ne-
© Alamy

ben den bisherigen Ausgrabungsflächen


neue Bereiche von „Groß-Megiddo“ zu

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Die abenteuerliche Geschichte der

Bibel

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Die Texte der Bibel haben einen langen Weg zurück ge-
legt. 2000 Jahre? 3000 Jahre? Für viele biblische Erzäh-
lungen lässt sich das gar nicht genau sagen, denn ihre
Anfänge liegen im Dunkel der Geschichte.
Die Entstehung der Schriften bis ins 2. Jahrhundert hin-
ein ist ein spannender Prozess. Nicht minder aufregend
geht es danach weiter, als die
Schriften abgeschrieben, wei-
tergegeben und in immer neue
Sprachen übersetzt werden.
Und abenteuerlich wird es
spätestens dann, als neugieri-
ge und glückliche Forschende
der letzten zwei Jahrhunderte
die frühesten Handschriften
der Bibel in geradezu unmög-
lichen Entdeckungen ans Ta-
geslicht gebracht haben.
Am Text in den heutigen Bi-
beln haben viele Menschen
mitgewirkt und viele Hände
mitgeschrieben – und wenn
man eines lernen kann: Es
gab eine variantenreiche Viel-
falt des heiligen Textes ...

Der Hauch der Geschichte weht


© epa-bildfunk/picture-alliance

aus diesen Seiten: zwei Originalblätter des


Codex Sinaiticus, entstanden um 350 – un-
schätzbar wertvoll. Der Codex ist die älteste
vollständige Bibel des Christentums. Eine
Restauratorin zeigt die Seiten in der Univer-
sitätsbibliothek Leipzig. 43 der rund 380
Blätter befinden sich in Leipzig.

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Dunkle Anfänge von biblischen Texten

Wenn aus Mythen


Schriften werden ...

oben: © Khirbet Qeiyafa archaeological Project; unten: © epa-Bildfunk


Eine Scherbe und ihr Geheimnis: Das Ostrakon, eine mit
Tinte beschriebene Scherbe eines Tongefäßes, wurde im Juli 2008
in Khirbet Qeiyafa entdeckt, einer Ausgrabungsstätte etwa 30 km
südwestlich von Jerusalem (Pfeil: Fundstelle). Es handelt sich um die
älteste Inschrift mit protokanaanäischen Buchstaben in hebräischer Sprache,
die jemals gefunden wurde. Durch Radiokarbonuntersuchungen wurde
die Scherbe ins 10. Jh. vC datiert.
Die Übersetzung folgt dem Vorschlag von Prof. Gershon Galil (Universität Haifa) – und erinnert an biblische Gebote:
„1 ... du sollst [Böses] nicht tun, sondern diene [Gott/dem Herrn].
2 Trachte nach Recht für den Skla[ven] und die Wit[we] / helfe zum Recht der Wais[e]
3 [und] dem Ausländer. [Tr]itt ein für das Kind / tritt ein für den Arm[en und]
4 die Witwe. Losspreche [den Armen] in den Händen des Königs.
5 Schütze den Ar[men und] den Sklaven / [unter]stütze den Fremdling.“

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Erzählen, weitererzählen, aufschreiben, überarbeiten, umformulieren ...
Die Anfänge der Bibel sind in den Familienclans und ihren Mythen, Legenden,
Gesetzen und Erinnerungen zu suchen. Aber im Laufe der Jahrhunderte ver-
ändern sich die Texte gewaltig. Bewahren sie noch das, was sie ursprünglich
sagen wollten? Von Simone Paganini

W
ir befinden uns im 10. Jh. vC: eine Fes- zession mit Frauen, die einen immer schneller
tungsanlage, ca. 30 km südwestlich werdenden Rhythmus auf ihren tragbaren Trom-
von Jerusalem, auf der „Anhöhe, von meln skandieren. Der Oberpriester rezitiert mit
der man weit sehen kann“ (auf Arabisch Qeiyafa). erhobenen Armen:
Der Gouverneur der Stadt ruft den höchsten Hof- „Singen will ich dem Herrn, denn hoch erhaben
beamten der Vereinigung der Schreiber zu sich. ist er; Pferd und Wagen warf er ins Meer. Die Flu-
Dieser setzt sich auf den Boden, stellt ein klei- ten bedeckten sie, sie fuhren in die Tiefen wie ein
nes Gefäß mit schwarzer Tinte zu seiner Linken Stein. Deine Rechte, o Herr, ist herrlich in Kraft.
hin und greift nach einem hölzernen Stab. Dann Deine Rechte, o Herr, zerschmettert den Feind!“
nimmt er eine große, fast viereckige Tonscherbe, Und das ganze Volk singt mit einer Stimme:
zieht einige waagerechte Orientierungslinien da- „Singt dem Herrn, denn hoch erhaben ist er; Pferd
rauf und beginnt die Worte seines Vorgesetzten und Wagen warf er ins Meer!“
in großen Buchstaben niederzuschreiben: Die kleine Dina ist besonders eifrig und ver-
„Dies sind die Ordnungen und die Rechtsbe- sucht, sich alle Worte des Priesters ganz genau
stimmungen, die ihr halten sollt. Du sollst nichts zu merken. Sie weiß nämlich, dass ihr Großvater,
Böses tun, sondern dem Herrn dienen.“ der nur noch unten in dem Zelt vor ihrem Haus
Da muss der Schreiber die Buchstaben ein we- sitzen kann, später ganz genau danach fragen
nig breiter schreiben, denn die Scherbe ist unre- wird. Sie liebt es, am Abend bei der Feuerstelle,
gelmäßig gebrochen. Dann beginnt er eine neue nachdem alle gemeinsam gegessen haben, ihm
Zeile: zuzuhören, er macht das nämlich noch besser
„Trachte nach dem Recht für den Sklaven und als der Oberpriester. Er erzählt die Geschichte,
die Witwe, helfe zum Recht der Waise“ – wieder wie Gott den Mann und die Frau erschaffen hat
eine neue Zeile – „und dem Ausländer. Tritt für und wie sie aus dem schönen Garten vertrieben
das Kind, für den Armen und für die Witwe ein. wurden. Dann folgt die Geschichte von Abra-
Verteidige den Armen in den Händen des Königs.“ ham, der seine Familie verließ und in ihr Land
Der Schreiber beginnt eine neue Zeile und kam, und wie Gott auf dem Berg mit Mose sprach
hofft insgeheim, dass der Gouverneur bald auf- und wie das Volk durch die Wüste wanderte.
hört, denn es ist nicht mehr viel Platz auf der
Scherbe übrig, da sie im unteren Teil ein wenig Zugegeben, die beiden Schilderungen sind
enger geschnitten ist als im oberen. keine historischen Darstellungen. Das in der
„Schütze den Armen und den Sklaven, unter- ersten Erzählung geschriebene Ostrakon wurde
stütze den Fremdling.“ allerdings 2008 in der Tat ausgegraben und das
Dann erhebt sich der Gesetzgeber, lässt sich Lied von Ex 15 aus der zweiten Erzählung gilt –
den Text vorlesen, nickt zufrieden und verlässt für manche – als einer der ältesten Texte der He-
den Raum. bräischen Bibel. Wenn man die Anfänge der Bi-
Ungefähr zur gleichen Zeit: ein kleines Heilig- bel im Hinblick auf volksstiftende Erzählungen
tum in der Nähe der Stadt Hebron, wo die Väter erforschen will, kommt man nicht umhin, diese
und die Mütter des Volkes Israel – Abraham und in den mündlichen Überlieferungen innerhalb
Sara, Isaak und Rebekka, Jakob und Lea – in ei- von Familienclans und kultischen Handlungen
ner Höhle begraben sind. Die Priester tanzen im zu suchen. Möchte man hingegen die Anfänge
Kreis um einen aus einem einzigen Steinblock hinsichtlich der ersten schriftlichen Zeugnisse
gehauenen Altar. Hinter ihnen kommt eine Pro- von Gesetzgebungen untersuchen, muss man

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welt und umwelt der bibel 4/2018 9
innerhalb der staatlichen bzw. vorstaatlichen
juridischen Organisation suchen.

Das Problem: Wer soll angeblich ein


biblisches Buch geschrieben haben –
und wer hat es tatsächlich verfasst?
Aber wer hat wirklich die Texte der Bibel
geschrieben? Und wann? Und warum über-
haupt?
Nach wie vor besteht eine gewisse Hilflosig-
keit, die die Wissenschaft beim Versuch einer
Antwort empfindet. Und so haben die meisten
Menschen irgendwo im Hinterkopf die diffuse
Vorstellung von einem alten bärtigen Mann,

... im Hinterkopf die diffuse


Vorstellung von einem bärtigen
alten Mann, der in seinem
Zelt sitzt und Zeichen für
Zeichen auf Pergament oder
Tontafeln ritzt

der unter der glühenden Sonne Kanaans in


seinem Zelt sitzt und Zeichen für Zeichen jene
Worte auf Pergament oder Tontafeln ritzt, die
er einer göttlichen Eingebung entnommen
hat. Zwar wird dieses Bild heute nur noch
selten propagiert, doch in manchen Kreisen
wird auch wenig unternommen, um es als
Irrglauben zu entlarven. Schließlich bestätigt
der biblische Text selbst den Mythos seiner
unmittelbaren Göttlichkeit, wenn es zum Bei-
spiel im Buch Deuteronomium heißt, es wäre
Gott selbst gewesen, der die Zehn Gebote ge-
schrieben und Mose am Berg Sinai übergeben
habe, oder wenn eine Vielzahl der einzelnen
biblischen Bücher nach den angenommenen me demonstrierten. Aber auch im Katholizis-
Schreibern benannt wurde. Auch im Buch mus, zumindest außerhalb der wissenschaft-
Jesaja und im Buch Ezechiel wird gleich zu lichen Forschung, wird an der Autorenschaft
Beginn erzählt, dass sie aus der Feder des Mose meist noch festgehalten. So haben Ge-
gleichnamigen Propheten stammen. Ähnlich nerationen von Bibelleser*innen problem-
wie im Buch der Sprüche wird im Hohelied be- los akzeptiert, dass eine große Anzahl der
hauptet, es sei von König Salomo persönlich schönsten und aussagestärksten Psalmen von
verfasst worden. Zudem werden in der protes- König David gedichtet worden sei oder dass
tantischen Tradition die ersten fünf Bücher Mose am Berg Nebo von seinem Tod und der
immer noch nach ihrem gemutmaßten Autor für ihn zur Farce gewordenen Sehnsucht nach
als „Bücher des Moses“ bezeichnet, obwohl dem Gelobten Land – er könnte das Land
protestantische Exegeten die ersten waren, zwar vom Gipfel des Berges betrachten, dürfte
die die Sinnlosigkeit einer derartigen Annah- aber nicht hinein – geschrieben habe.

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welt und umwelt der bibel 4/2018
David besiegt Goliat mit der Steinschleuder – eine biblische Erzählung, die seit Jahrtausenden berühmt
ist. Der Riese Goliat trägt jedoch Waffen, die zur angeblichen Zeit des Kampfes noch gar nicht erfunden waren.
Und nach 2 Sam 21,19 erschlug ein gewisser Elhanan, der Sohn Jairs aus Betlehem, den Philister. Diese Über-
lieferung wurde vermutlich mit den ganzen Details der David-Goliat-Geschichte ausgeschmückt.
Blick ins Kino des jüngst eröffneten Museum of the Bible in Washington.

Jahrhundertelang sind Annahmen wie diese der. Historische Unwahrheiten und Anachronis-
gelehrt worden und sie wurden erst verhältnis- men stehen gehäuft nebeneinander. Die Stadt
mäßig spät wissenschaftlich hinterfragt. Dabei Jericho etwa soll zu einer Zeit erobert worden
sind die Spannungen, die den aufmerksamen sein, als sie nach modernen archäologischen
Bibelleser*innen diesbezüglich auffallen, ekla- Kenntnissen längst nur noch eine Ruine gewe-
tant: Der Mensch wird gleich zweimal erschaf- sen ist. Der Riese Goliat trägt Waffen, die zur
fen, die Gründe für den Sintflutregen sowie die Zeit des – wohl unhistorischen – Kampfes gegen
Anzahl der Zeichen in Ägypten („Plagen“) sind David noch nicht erfunden waren, und im Buch
© picture-alliance/abaca

nicht wirklich bestimmbar, Gott wird mit min- Jesaja erkennt man mindestens 300 Jahre Histo-
destens vier unterschiedlichen Bezeichnungen rie, die wie Ereignisse im Laufe eines einzigen
angeredet, viele der Gesetze kommen mehrmals Menschenlebens nachgedichtet werden. Es stellt
vor und, obwohl alle dem Mose zugeschrieben sich unweigerlich die Frage, wie es sein kann,
werden, widersprechen sie sich zum Teil einan- dass einem einzelnen, allwissenden Erzäh-

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Die ältesten und berühmtesten Handschriften der Bibel
-700

Inschriften von Ketef Hinnom (zwei Silber-


amulette, Priestersegen, 7. Jh. vC)
-600
-500
-400
-300

Schriften vom Toten Meer


(3. Jh. vC – 1. Jh. nC) u. a. Jesajarolle,
-200

Exodus, Samuel, Zwölfpropheten-


rolle, Leviticus/Numeri ..., hebräische Papyrus Nash (2. Jh. vC, Dekalog
und griechische Texte) und Schma Jisrael in Hebräisch) Papyrus Fouad 266 (Papyrus-
-100

gruppe 2./1. Jh. vC, darunter


Teile von Genesis und Deutero-
nomium in Griechisch)
0
100

Papyrus 52 (bislang ältester neutestamentl.


Papyrus, um 125), Fragment aus Johannes 18
Chester Beatty
Bodmer Papyri Papyrus 46 (um 200, Papyrus 64 (um 200,
200

Papyri (2.–4. Jh.,


(darunter Papyrus 66, Chester Beatty Sammlung Paulusbriefe) Teile Matthäusev.) darunter Papyrus
Johannesev., und Papyri (3. Jh.),
Berliner Genesis Bodmer Papyri Chester Beatty VI,
Papyrus 75, Teile Lu- Teile der Evan-
Teile Buch Numeri
300

kas- und Johannesev., gelien, Apos- (3./4. Jh., Frag- (Buch Daniel
mente in Griech.) 3./4. Jh.) und Deuteronomi-
beide Anf. 3. Jh.) telgeschichte,
um aus dem 2. Jh.)
Apokalypse
Codex Sinaiticus
400

(4. Jh.), Vollbibel Codex Vaticanus


(griechisch), darin (4. Jh.), Vollbibel
Codex Ephraemi Syri Codex Bezae Codex
500

ältestes vollständig rescriptus (5. Jh.), in Ägypten ent- Cantabrigiensis Alexandrinus,


erhaltenes Neues Vollbibel, Palimpsest, standen (5. Jh.), älteste
Testament (5. Jh.),
wurde mit Trakten zweisprachige Vollbibel
600

Ausgabe von (griechisch)


des Kirchenvaters
Evangelien
Ephraem überschrie-
Fragmente und Apostel-
ben (vom Alten
700

biblischer Texte geschichte in


Testament ist ein
aus der Kairoer Griechisch und
kleiner Teil erhalten)
Geniza Latein
800
900

Codex Cairensis
(895) Fund in der
Codex Aleppo Kairoer Geniza
1000 1100

(930), Hebräische
Bibel, unvollständig Codex Leningradensis
Samaritanischer Pentateuch (1008/1009), vollstän-
(Abischa-Rolle, Nablus 11. Jh.) dige Hebräische Bibel

Hebräische Bibel (jüdische Abschrift) Altes Testament (christliche Abschrift) Neues Testament

12 welt und umwelt der bibel 4/2018


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Wenn aus Mythen schriften werden …

ler derart schwerwiegende Fehler unterlaufen erforderlich war. So entstand der Großteil der
konnten oder wie viele Hundert Jahre ein Jesaja Texte, die wir gegenwärtig unter dem Begriff
hätte leben müssen, um bei all dem, wovon „er“ „Bibel“ zusammenfassen, in Krisensituationen,
berichtet, dabei gewesen sein zu können. Hät- da es der jeweiligen (meist religiösen) Führungs-
ten sie dann nicht im selben Moment an ganz schicht ratsam erschien, Maßnahmen zu treffen,
unterschiedlichen Schauorten der Geschichte
zugegen gewesen sein müssen?
Die Summe dieser Unstimmigkeiten, von de-
nen hier nur die augenfälligsten aufgelistet sind, Steintafeln, Papyri oder Pergament-
hat etwas Peinliches an sich, und so entschied rollen wurden nur beschrieben, wenn
man sich 1943 unter Papst Pius XII. auch in-
nerhalb der katholischen Kirche, die biblische es unbedingt erforderlich war
Autorenschaft lieber nicht mehr als per Dogma
zu entscheidende Glaubensfrage behandeln
zu wollen. Allerdings sind seitdem zahlreiche um die Volksgemeinschaft vor religiöser, politi-
und zum Teil gegensätzliche Theorien über das scher und kultureller Entwurzelung zu schützen
Entstehen der Schriften der Hebräischen Bibel und deren Identität zu sichern.
formuliert worden, wobei selbst die prominen- Die erste Krise: Die erste dieser Krisensituati-
testen Forscher immer wieder zugeben mussten, onen war die Zerstörung des Nordreiches Israel
mit ihren Deutungsversuchen an Grenzen gesto- durch die Assyrer, die 722 vC die Hauptstadt Sa-
ßen zu sein. maria eroberten. Kreise von Gebildeten im Süd-
reich (Juda) begannen draufhin, ihre eigenen
Texte niederzuschreiben. Dabei verarbeiteten
Biblische Texte als Krisen- und Wider- sie sehr wahrscheinlich auch bereits schriftliche
standsliteratur Traditionen aus dem Nordreich. Assyrien als
Mit jeder weiteren fehlgeschlagenen These herrschende militärische und kulturelle Erobe-
schwand der Optimismus, doch noch zu einem rungskraft beeinflusste jedoch massiv die Arbeit
einzigen großen Rekonstruktionsmodell zu ge- dieser Gelehrten. Die vermutete Urfassung des
langen, und umso bescheidener und desillusio- Buches Deuteronomium ist zum Beispiel wie
nierter wurden im Laufe der Jahre die Vorstöße ein assyrischer Vasallenvertrag aufgebaut. Hier
der einzelnen Alttestamentler*innen. Vorläufi- zeigt sich die Art und Weise, wie alle Schriften
ges Fazit der biblischen Autorensuche ist, dass der Hebräischen Bibel entstanden sind. Sie sind
der Großteil der Wissenschaftler*innen heute das Resultat von Schriftgelehrtenarbeit.
davon ausgeht, dass kein einziges Buch des Al- Es waren Experten, die mit großem
ten Testamentes – höchstens mit Ausnahme von Bedacht die Texte, die wir heute
Jesus Sirach – von dem im Text angegebenen „Bibel“ nennen, formulierten,
oder von den Kirchen jahrhundertelang ange- um- und fortschrieben.
nommenen Autor verfasst worden ist. Ebenso Die zweite Krise: Die zweite
wenig hat Baruch, der literarische Sekretär des Krise hängt mit der sogenann-
Jeremia, das Buch seines Meisters wie Mose die ten Exilszeit zusammen,
ersten fünf Bücher der Tora geschrieben. Allge- als Jerusalem 587 vC vom
mein anerkannt ist des Weiteren, dass im Hin- Großreich der Babyloni-
tergrund aller biblischen Erzählungen mündlich er zerstört wurde, der für
überlieferte und später auch schriftlich fixierte den Kult zentrale Tempel
Mythen, Legenden, Traditionen, aber auch his- verwüstet, die Stadt ver-
torische Notizen (z. B. Königslisten) stehen, die brannt wurde und die jüdische
aus einem viel älteren kulturellen Umfeld stam- Oberschicht mit ihren Priestern und
men, das noch nicht einmal immer jüdisch ge- Gebildeten nach Babylon verschleppt
wesen sein muss. Die Frage nach dem Autor der
Bibel muss also neu gestellt werden.
Anders als in der heutigen Gesellschaft mit
Das Exodusbuch, wenn auch nur 16 Buchstaben – 2,52 cm hohes
© deadseascrolls.com

ihrem Überangebot an medialem Input, war die


Verschriftlichung mündlicher Kulturgüter am Qumranfragment (4Q22, paläografisch um 250 vC datiert).
Beginn des ersten Jahrtausends vC eine Selten- Die Qumran-Handschriften sind bis heute die ältesten erhaltenen biblischen
heit. Steintafeln, Papyri oder Pergamentrollen Schriften. Sie sind aber Kopien von noch älteren, leider verloren gegangenen
wurden nur beschrieben, wenn es unbedingt Manuskripten.

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welt und umwelt der bibel 4/2018 13
Die Bibel – aus der krise geboren
Viele Texte wurden aufgeschrieben, wenn religiöse Gelehrte Gefahr in Verzug sahen – für die Kultur und Identität
des Volkes Israel. Das war besonders in drei Krisensituationen der Fall:

8. Jh. vC

1. Krise: Assyrer in Samaria!


Das Nordreich Israel wird im Jahr

© Deror_avi , CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org; Wilson44691, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org; Giovanni Dall‘Orto, commons.wikimedia.org; rustamank/stock.adobe.com; akg-images/Thomas Bartilla
722 vC erobert. Schriftgelehrte
im Südreich schreiben wich-
tige Erzählungen, Weisungen
und Gesetze unter der so nahe
gerückten Bedrohung Assurs auf
– und nehmen die Geschichten
der Geflüchteten aus dem Norden
mit auf. Vor ca. 800 vC lässt sich
im Alten Israel keine nennens- Assyrische Steingeschosse Die Assyrer kommen 701 vC Jerusalem gefährlich
werte schriftstellerische Aktivität nah: Die Kugeln, die aus großen Schleudergestellen abgefeuert wurden, stammen aus
nachweisen. dem belagerten Ort Lachisch, nur 44 km von Jerusalem entfernt.

6. Jh. vC
Die Stele des Nabonides während
einer Ausstellung in Berlin. Nabonid
2. Krise: Babylonier in Je­ war der letzte König des Babylonischen
rusalem! Tempel zerstört, Reiches. Auf dieser Stele, die heute
Hof- und Tempelbeamte ins im British Museum zu sehen ist und
Exil verschleppt ... In Babylon die ähnlich wie die Erzählung von
konstruieren aber gerade diese Genesis 1 in der Mitte des 6. Jh. vC zu
Schriftgelehrten eine Geschichts- datieren ist, hat er priesterliche Gewän-
darstellung vom Deuteronomium der an und betet die drei Hauptgötter
bis zu den Königsbüchern mit Babylons an: Schamasch, die Sonne,
Ischtar, den hellsten Stern und Sin, den
dem Muster: Gesetze nicht gehal-
Mond. Die biblischen Autoren nah-
ten, Strafe, aber Gott ist stärker
men darauf Bezug und erklärten in der
als alle Götter und neue Befreiung
Erzählung von der Erschaffung der Welt,
wird kommen. Nach der Rück- dass der Gott Israels der Schöpfer dieser
kehr aus dem Exil wird die Tora babylonischen Götter war.
veröffentlicht.

4. Jh. vC

3. Krise: Hellenistische Kultur­


invasion! Eine Reihe von
biblischen Büchern versucht eine
Synthese zwischen Judentum und
Hellenismus (Ijob, Sprüche, Weis-
heit, Hohelied oder Kohelet) und
man traf sich zu philosophisch-
theologischen Diskursgruppen.
Andere Schriften (Makkabäer, Griechische Theatermaske. Nach den Eroberungszügen Alexanders ver-
Daniel) sind dagegen stark natio- breitete sich die griechische Kultur in die Welt und setzte dominante Maßstäbe.
nalistisch geprägt. Auch die biblischen Texte wurden stark davon beeinflusst.

14
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Wenn aus Mythen schriften werden …

wurden. Genau dieser Gruppe der Gebildeten Buch des Jeremia, kann man sich sogar einen
aber, die ungefähr 5 bis 10 % der Bevölkerung „dialogischen Prozess“ vorstellen. Autoren re-
ausgemacht haben dürfte, ist nach dem aktuel- agierten auf Texte von anderen Autoren und
len Stand der Forschung die schriftliche Fixie- andersherum. Somit bleibt nicht nur die Endfas-
rung der in dieser Zeit entstandenen biblischen sung erhalten, sondern der gesamte Prozess ist
Werke zu verdanken. Um die Katastrophe vom in den Texten wiederzufinden. Am Werk waren
Verlust der politischen und kulturellen Souve- dabei natürlich nicht einzelne Propheten, die
ränität auf religiöser Ebene verarbeiten zu kön- ihre Lehre selbst niedergeschrieben haben, son-
nen, konstruierten diese ehemaligen Hof- und dern wiederum kleine Gemeinschaften von ge-
Tempelbeamten zunächst eine sich vom Deu- bildeten Schriftgelehrten, sogenannte Prophe-
teronomium bis zu den Königsbüchern erstre- tenschulen. Diese haben sich in der zunächst
ckende Geschichtsdarstellung. Sie gebrauchten
dabei ein sehr einfaches und in seiner Klarheit
überzeugendes Deutungsmuster: Die Gesetze,
die dem Volk Israel von Gott aufgegeben und im
Am Werk waren kleine Gemeinschaften
Buch Deuteronomium zusammengefasst wor- von gebildeten Schriftgelehrten,
den sind, wurden nicht eingehalten. Also hat
Gott zur Strafe die nationale Tragödie des Exils
sogenannte Prophetenschulen
herbeigeführt. Dennoch ließen sie unterschied-
liche Stimmen zur Sprache kommen, da sie
nicht vereinheitlichen, sondern verschiedene mündlich überlieferten Botschaft eines realen
Perspektiven aufzeigen wollten. Propheten wiedererkannt und im Laufe der Zeit
Neben dieser negativen Erklärung wollte man dessen Leben und Predigt in Texten festgehal-
aber auch Hoffnung für die Zukunft geben und ten, ergänzt, weiterentwickelt und somit inter-
so bemühte man sich, in der Konfrontation mit pretiert. Manche dieser Kollektive waren pries-
den Göttern und Mythen der Eroberer, den Be- terlich oder konservativ geprägt (Ezechiel, Joël,
weis zu führen, dass der eigene Gott, der Gott Is- Micha), andere hingegen vertraten eine toleran-
raels, stärker sei als die Götzen der siegreichen tere Einstellung gegenüber fremden Völkern und
Großmacht. Dafür verwendeten und aktualisier- Kulturen (Jesaja, Jeremia, Jona). Besonders deut-
ten sie alte Traditionen: Welt und Gestirne, so lich sind die Spuren dieser Redaktionsteams in
berichtet die Genesis, sind Gottes Werk; Sonne, den Büchern Micha und Jesaja vorzufinden, wo
Mond und Sterne, welche die Babylonier als immer wieder ein Wir als Subjekt von zentralen
Götter anbeteten, sind auch seine Geschöpfe. Aussagen steht. Die unterschiedlichen Meinun-
Er erschuf außerdem den Menschen in Würde gen und Blickwinkel blieben auch hier nebenei-
und Einzigartigkeit als das Abbild Gottes, als nander bestehen.
Gegenüber und nicht wie im Fall der Fremdkul- Die dritte Krise: Die dritte große Krise wurde
tur als Sklaven. Die mündlich überlieferten und gut zwei Jahrhunderte später ausgelöst, aller-
bereits bekannten Geschichten der Erzeltern dings nicht durch eine gewaltsame politische
und der Geburt des Volkes unter Mose zeigen Eroberung, sondern durch eine kulturelle. Nach
folglich, wie Gott den von ihm ins Leben geru- den siegreichen Kriegszügen von Alexander dem
fenen Menschen leitet und schützt. Er schenkt Großen musste sich die damalige Welt, darunter
schließlich seinem Volk das Land, was für die auch das Judentum, mit der griechischen Kul-
Exilierten gleichsam zu einem Hoffnungsbild tur, dem Hellenismus, auseinandersetzen. Die
werden sollte. Bibel wurde erstmals ins Griechische übersetzt.
Nach Ende des Exils, also am Beginn des 4. Von manchen in diesen Tagen verfassten bib-
Jh. vC dürfte es dann so weit gewesen sein, dass lischen Texten weiß man, dass sie in Alexand-
eine Gruppierung innerhalb des priesterlichen ria in Ägypten geschrieben wurden, einem der
Milieus den Erzählkomplex vom ersten bis zum kulturellen Zentren des Hellenismus. Zu jener
fünften Buch der Bibel veröffentlichte: die Tora. Zeit wurden die bereits bestehenden Texte noch
Ebenfalls in exilische Zeit – und noch bis ins 3. einmal überarbeitet, außerdem entstanden die
Jh. vC hinein – fällt auch die Redaktion vieler Weisheitsbücher und die späten Geschichtsbü-
Prophetenbücher, die unmittelbar die Tora aus cher (Makkabäer, Chronikbücher), wobei sich
unterschiedlichen Blickwinkeln kommentierten die einzelnen Werke auf sehr unterschiedliche
und nicht selten auch kritisierten. In manchen Art und Weise mit den Themen der jüdischen
Fällen, wie z. B. beim Deuteronomium und beim Tradition auseinandersetzen. Neben universa-

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welt und umwelt der bibel 4/2018 15
wenn aus mythen schriften werden ...

listischen Büchern, in denen versucht wird, eine Texte für die Identität und nicht für
Synthese zwischen Judentum und Hellenismus die Geschichtsdarstellung
zu schaffen – wie Ijob, Sprüche, Weisheit, Ho- Die Bibel, so muss man summa summarum fest-
helied oder Kohelet –, stehen Erzählungen, die stellen, ist nicht von Gott diktiert und sie ist
einen stark ausgeprägten Nationalismus ver- auch nicht von einzelnen begnadeten Sehern
treten – wie die Makkabäerbücher oder Dani- niedergeschrieben worden. Vielmehr ist sie eine
el. Wiederum ist hier der Autor kein Einzelner. Sammlung von Texten. In ihrer Vielfalt sind
Denn nach dem Modell der griechischen Philo- sie in kleineren und größeren professionellen
Gelehrtengruppen erarbeitet, diskutiert und
schließlich verschriftlicht worden. Sie waren in
Es ist anzunehmen, dass an diesen der Kultur ihrer Zeit beheimatet und auch inter-
national vernetzt. Die alten maßgebenden Tradi-
Gesprächsgruppen auch Frauen teil- tionen wollte man nicht vergessen, sondern um-
genommen haben formulieren und aktualisieren. Die Autor*innen
wollten auch nie nur historische Tatsachen fest-
halten. Sie wollten Identität stiften und Ausle-
gungsalternativen anbieten.
sophenschulen wurde es bald auch unter den Bedeutet diese Erkenntnis einen Verlust an
Juden üblich, sich im Freundes- und Schüler- Autorität? Zunächst mag es so scheinen. Auf den
kreis oder in losen Verbänden Gleichgesinnter zweiten Blick wird man aber feststellen, dass
zu treffen und den philosophischen/religiösen gerade in diesem Verlust ein Gewinn an Identi-
Diskurs über die Welt, Gott und den Menschen fikationspotenzial für die Leser*innen aller Jahr-
zu pflegen. Im dabei unternommenen Versuch, hunderte liegt: Über einen Umweg gewinnt die
die immer gültigen Gebote Gottes mit dem Zeit- Schrift ein Mehr an sinnvoller Autorität. Eine Au-
geist in Einklang zu bringen, kam der Austausch torität nämlich, die nicht direkt von Gott diktiert
zwischen den Lehren der großen griechischen ist, sondern die daher kommt, dass sie von vie-
Philosophen und der jüdischen Überlieferung in len konkreten und vermutlich sehr unterschied-
Gang, welcher die biblischen Werke dieser Peri- lichen Menschen nachvollzogen worden ist und
ode charakterisiert. die insofern als dialogisch angesehen werden
Rückblickend ist anzunehmen, dass an diesen kann. Somit bleiben die biblischen Texte, auch
Gesprächsgruppen auch Frauen teilgenommen wenn man nicht genau weiß, wer, wann, was
haben oder dass es reine Frauenkreise gegeben geschrieben hat, durch die Jahrhunderte aktuell
haben könnte, deren Interesse verstärkt dem Le- und immer neu aktualisierbar. W
ben und religiösen Vorbild großer Frauen in der
Geschichte Israels gegolten haben mag. In den Lesetipps
Büchern, von denen man vermutet, dass sie von • Konrad Schmid, Literaturgeschichte des Alten
weiblich geprägteren Kreisen redigiert worden Testaments. Eine Einführung. Wissenschaftliche
sein könnten (Rut, Judit, Tobit, Ester), rücken Buchgesellschaft 2008.
Frauen vermehrt in den Mittelpunkt. Auch hier • Dieter Vieweger, Archäologie der biblischen Welt,
ist als Verfasser ein Kollektiv am Werk, nicht Vandenhoeck & Ruprecht 2003.
aber eine historische Mirjam, Schwester des • Walter Dietrich (Hg.), Die Welt der Hebräischen
Mose, oder eine Richterin Debora, die Mutter Bibel. Umfeld – Inhalte – Grundthemen.
des Samuel, oder Judit, die Holofernes bezwang. Kohlhammer 2017.
Etwas versteckter findet sich das Wirken enga-
gierter Jüdinnen in jenen biblischen Texten, die
zwar Männern zugeschrieben werden, jedoch ei- Prof. Dr. Simone Paganini
nen klar femininen Einschlag erkennen lassen. lehrt Biblische Theologie an der
Zu nennen wären dazu einige Psalmen (zum RWTH Universität in Aachen. Sei-
Beispiel 6, 10, 12 und 45), die Klagelieder sowie ne Publikationen zum Verständnis
die beiden großen Prophetenbücher Jeremia der alttestamentlichen Welt und
ihrer Schriften decken ein breites
und Jesaja, wobei Letzteres mit seinem weibli-
Spektrum ab. Empfehlenswert:
chen Gottesbild – Gott als Mutter (z. B. Jes 49,15;
„Was glaubten die Menschen zur
66,13) – einen sehr schönen und bedeutungsvol- Zeit Jesu? Eine Einführung in das
len Gegensatz zur männlich dominierten Gottes- Alte Testament“, (Innsbruck 2012
vorstellung der Bibel bildet. zusammen mit Claudia Paganini).

16 welt und umwelt der bibel 4/2018


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Die großen Entdeckungen der biblischen Handschriften

Mit Leidenschaft und Intuition


Die hebräischen und griechischen „Urtexte“ haben wir Forschergeist und Jagddrang zu ver-
danken – und dem Zufall! Jedenfalls genialen Menschen, die etwas aufspürten, wo andere nur
Abfall oder wertlose Papierreste sahen. Von Helga Kaiser
© unten: With permission of Westminster College, Cambridge; oben links: public domain; rechts: Genizah Research Unit/Cambridge University Library

Volltreffer in Kairo:
Agnes Lewis, Margaret Gibson,
Solomon Schechter und die Kairoer Geniza

Wenn man das berühmte Bild (links) von Solomon Schech-


ter inmitten der 190.000 Fragmente sieht, fragt man sich, ob
der große jüdische Talmudgelehrte glücklich oder verzweifelt
ist. 1896 hatten die reiselustigen und sprachgelehrten Zwil-
lingsschwestern Agnes Lewis und Margaret Gibson in Kairo
ein Schriftfragment erworben. Es stammte aus der Ben-Ezra-
Synagoge, genauer aus deren Geniza, einem Raum, in dem
ausgediente heilige Schriften aufbewahrt werden. Zurück in
Cambridge, bitten sie Solomon Schechter, es anzuschauen.
Aufgeregt schreibt er an Agnes Lewis: „Es ist ein Originalstück
des hebräischen Jesus Sirach ... sprechen Sie noch mit nieman-
dem darüber ... in haste and great excitement!“
Schechter reist sofort nach Kairo und darf alle Fragmente nach
Cambridge bringen. Darunter befinden sich die – nach den Qum-
Hunderttausende Fragmente holte Solomon Schechter ranschriften – ältesten hebräischen biblischen Handschriften.
aus Kairo nach Cambridge (oben links). Auch heute sind Zudem waren Alltagsdokumente seit dem 10. Jh. aufgehoben:
noch lange nicht alle erforscht und übersetzt (oben rechts). Einkaufslisten, Hochzeitsverträge, arabische Geschichten, Brie-
Agnes Lewis und Margaret Gibson auf einer Forschungsreise fe, Amulette. Heute werden die Fragmente in der Taylor-Schech-
(unten). ter Cairo Genizah Collection in Cambridge weiterhin erforscht
– und jeden Monat wird ein Fragment of the Month vorgestellt.

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welt und umwelt der bibel 4/2018 17
Die groSSen entdeckungen der biblischen Handschriften

Konstantin von
Tischendorf erkennt
die Bedeutung der
Pergamentblätter:
Sie sind der früheste
erhaltene Bibel-Codex
des Christentums.

der schatz im kloster:


Konstantin von Tischendorf und der Codex Sinaiticus

Mit 29 Jahren machte der junge Leipziger Gelehrte Konstantin von Tischendorf den Fund seines Le-
bens. Er hält sich 1859 zum wiederholten Male im Katharinenkloster auf dem Sinai auf. Er ist – als
evangelischer Theologe und Experte für alte Schriften – auf der Suche nach möglichst alten Bibel-
handschriften, um dem Ursprung der Schriften näherzukommen. In diesem Jahr zeigt ihm der Klos-
terbibliothekar ein in rotes Tuch gewickeltes Pergamentbündel. Tischendorf erkennt, dass es sich um
eine einzigartig frühe Bibel handelt – das Neue Testament darin wird sich als das älteste erhaltene
herausstellen, entstanden um 350 nC.
407 Blätter dieses Codex Sinaiticus sind bekannt, 43 befinden sich in Leipzig, 347 in der British
Library (nachdem Stalin sie 1933 dorthin verkauft hatte), 5 Fragmente in St. Petersburg (hierher hatten
die Mönche den Codex 1859 als Leihgabe geschickt). 12 fragmentarische Blätter und 14 kleinere Frag-
mente entdeckten die Mönche erst 1975 in einer Kammer des Katharinenklosters. Der elegante Codex
ist für die neutestamentliche Textgeschichte ein Meilenstein: Um 350 sind die vier Evangelien so wie
heute gereiht, es fehlen aber Passagen wie die Perikope über die Ehebrecherin (Joh 8) oder der Schluss
des Markusevangeliums. Die Paulusbriefe stehen vor der Apostelgeschichte und zu den 27 Büchern,
die wir heute NT nennen, kommen noch der Barnabasbrief und der Hirt des Hermas hinzu ...

© public domain (2x); steffiwins93/fotolia.com

18 welt und umwelt der bibel 4/2018


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Die groSSen entdeckungen der biblischen Handschriften

Das wunder
aus den Höhlen am Toten Meer

Die Geschichte ähnelt einem Krimi: wie Beduinen die


Tonkrüge in den Höhlen oberhalb von Qumran entdeck-
ten, wie sie Schriftzeichen auf den Fetzen und Rollen er-
kannten, wie manche sie angeblich zum Feueranzünden
benutzten, andere dagegen den Wert der Schriften ahnten
und Händlern in Betlehem anboten – und wie von dort
1947 einige Fragmente an Archäologen der Hebrew Uni-
versity kamen. Diese waren elektrisiert und suchten syste-
matisch: Bis 1956 entdeckten sie in 11 Höhlen Fragmente
vieler biblischer und anderer Schriften. War das hier die
Der „Schrein des Buches“ in Jerusalem,
Bibliothek einer Gemeinschaft, einer Sekte? Noch immer
in dem ein Teil der Schriften vom Toten Meer
ranken sich Rätsel um die Schriften, klar ist aber, dass sie
heute ausgestellt ist – geformt wie einer der
die jüdische Kultur ihrer Epoche spiegeln, besonders des Deckel jener Gefäße, in denen die Rollen
1. Jh. vC. Was man auf den Fragmenten las, eröffnete ein versteckt waren (oben). Blick auf die Bergkette,
Fenster in eine bis dahin fast unbekannte frühjüdische in der sich die Qumranhöhlen befinden.
Welt. Ein Quantensprung für die Forschung!

Das Rätsel
um den Codex Aleppo und
den israelischen Geheimdienst

In der Synagoge von Aleppo befand sich seit dem 14. Jh.
der wertvollste Codex des gesamten Judentums: Ein Codex
aus den 930er-Jahren, vom berühmten Masoreten Aaron
© D. R., public domain, vadiml/fotolia.com, alefbet26/fotolia.com

ben-Asher punktiert und vermutlich von Moses Maimo-


nides persönlich benutzt. Er galt als die vollkommenste
Textausgabe, er war die älteste vollständige Bibel mit den
masoretischen Zeichen im Text (vgl. S. 58) – bis zum Jahr
1947: Die Synagoge wurde in Brand gesteckt, von den 487
Seiten des Codex, der im unterirdischen Gewölbe, der
„Höhle des Elija“, aufbewahrt wurde, überstanden nur
295 den Brand! 1958 gelangte der Codex nach Jerusalem
– allerdings unter bis heute nicht geklärten Umständen.
Blick in die Synagoge
Der israelische Geheimdienst soll – gegen den Willen der
von Aleppo im Jahr 1910
Gemeinde in Aleppo – den Codex in einer Waschmaschine
(oben), ein Blatt des
ehrwürdigen Codex Aleppo
über die Türkei nach Israel gebracht haben. Und Gerüch-
im Israel Museum (rechts). ten zufolge sollen die fehlenden Seiten nicht verbrannt,
sondern verkauft worden sein. Existieren sie noch?

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welt und umwelt der bibel 4/2018 19
Charles Curling, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia; Chester Beatty Library
Alfred Chester Beatty (1875–1968)
und die Chester Beatty Library in Dublin
(oben).

Martin Bodmer (1899–1971)


und das Gebäude der Stiftung Martin
Bodmer am Genfer See mit Museum
(unten).

© Alpra ArazeL, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org; public domain


Sammler im jagdfieber:
Alfred Chester Beatty und Martin Bodmer

1952 war in der ägyptischen Stadt Pwow eine Papyrusgruppe Einige Papyri aus diesem Fund konnte aber auch ein anderer
gefunden worden – da, wo Pachomius um 330 nC eines der ers- großer Sammler dieser Zeit erwerben, Alfred Chester Beatty,
ten Klöster gegründet hatte. Ihr Wert war den lokalen Findern ein im Kupferbergbau erfolgreicher amerikanischer Ingeni-
offensichtlich bewusst: Über Dritte wurden die Schriftstücke eur, der ähnlich wie Bodmer alle erreichbaren Manuskripte
nach Europa geschmuggelt. Der wohlhabende Schweizer Mar- aus allen Jahrtausenden in allen Sprachen der Welt sammelte.
tin Bodmer, leidenschaftlicher Sammler, der die Literatur aus Chester Beatty verbrachte viel Zeit in Kairo und hatte schon in
3000 Jahren Menschheitsgeschichte abbilden wollte, erwarb den 1930er-Jahren Papyri aus alten ägyptischen Kirchen und
diese heute sogenannten „Bodmer-Papyri“, darunter das ältes- Klöstern erwerben können, darunter viele biblische Fragmen-
te fast vollständig erhaltene Manuskript des Johannes-Evange- te. Sein bedeutendster Kauf ist aber wohl der Papyrus 46, die
liums – es wurde um 200 nC geschrieben –, den Papyrus 66. früheste Sammlung der Paulusbriefe aus der Zeit um 200 nC.

20 welt und umwelt der bibel 4/2018


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Die groSSen entdeckungen der biblischen Handschriften

Bibel in der Abfallgrube:


Bernard Pyne Grenfell und
Arthur Surridge Hunt in Oxyrhynchus

Schnipsel, nichts als Schnipsel! Hunderte, Tausende –am


Ende werden es 400.000 sein. Sie sehen aus wie Corn-
flakes – und bergen doch einige der ältesten Fragmen-
te des Neuen Testaments und anderer frühchristlicher
Schriften. Als Bernard Pyne Grenfell und Arthur Surridge
Hunt 1896 beginnen, in der griechisch-römischen Stadt
Oxyrhynchus auszugraben, stehen kaum noch Gebäude.
Aber es gibt zahreiche Abfallgruben. Unter Resten von
Sandalen und Spuren von Küchenabfällen tauchen plötz-
lich immer neue Schriftfragmentchen auf – von Doku-
menten, privaten Briefen, Verträgen, Steuerbelegen, grie-
chischer Dichtung (Hesiod, Sappho, Aischylos ...) – und
eben auch von biblischen Handschriften. Die Fragmente
© oben und Mitte: Courtesy of The Egypt Exploration Society; unten: Quelle Youtube, Screenshot: The Oxyrhynchus Papyri Project - 10 years of AHRC funded research

stammen aus der Zeit vom 2.–6. Jh. Griechische und la-
teinische Fragmente bezeugen die Überlieferung des Al-
ten Testaments im Christentum und neben den neutesta-
mentlichen Fragmenten stieß man auch auf apokryphe
christliche Schriften, etwa auf das bis dahin unbekannte
„Thomasevangelium“, auf Spuren des Hirten des Hermas,
der Paulusakten mit der Theklalegende. Ebenso fand man
aber auch das Glaubensbekenntnis von Nicäa (325) oder
Kirchenväterliteratur wie Irenäus’ Adversus haereses.
1898 erschien der erste Band der Reihe „The Oxyrhyn-
chus Papyri“; 2018 erschien Band 83 – und es sind noch
nicht mal zwei Prozent der Papyri veröffentlicht.

Grenfell und Hunt während ihrer Expedition 1896


(oben). Arbeiter sammeln Papyrusfragmente in Körbe –
an einigen Tagen wurden über 30 Körbe voll (Mitte).
In Blechkisten wurden die Papyrusfragmente nach
Europa gebracht und noch heute lagern sie so in
Oxford (unten).

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welt und umwelt der bibel 4/2018 21
Die Septuaginta: 72 Männer übersetzen in 72 Tagen die Bibel?

Die Bibel wird


griechisch

links: © CC 3.0 Walters Art Museum, public Domain; rechts: © Marie-Lan Nguyen, CC BY 2.5, commons.wikimedia
Zwei Gesichter, ein König: Ptolemaios II.
Philadelphos, Auftraggeber der Septuaginta, ein-
mal in griechischem und einmal in ägyptischem
Stil dargestellt. In Alexandria fusionierten helle-
nistische und pharaonische Traditionen. In diesem
Mix des 3. Jh. vC aus Philosophie, Naturwissen-
schaft, Kult und Religion lebte die große und
weltoffene jüdische Diasporagemeinde.
Bronzebüste aus der Villa dei Papiri, Herculane-
um, römische Kopie 1. Jh. nC, Archäologisches
Nationalmuseum Neapel, und Kopf aus Granit, um
280 vC, Walters Art Museum, Baltimore/Maryland.

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Wie war es wirklich damals in Alexandria um 250 vC, als man dringend eine
griechische Übersetzung der jüdischen Bibel benötigte? Eine Legende
erzählt von einem philosophisch veranlagten Griechenkönig, der unbedingt ein
Exemplar haben wollte – kann das stimmen? Auf den Spuren einer Übersetzung,
die ungeahnte Folgen nach sich zog. Von Heinz-Josef Fabry

Ü
ber die Entstehung der grie- ihnen unsichtbar ein (göttlicher) Leh- eigentliche Wunder in der totalen
chischen Bibel – der Septua- rer diktiert habe“. Übereinstimmung der 72 Übersetzun-
ginta – und damit des Alten 3. Quelle: Josephus Der jüdische gen, die nun aber nicht nur die Tora,
Testamentes der Christen, erzählen Historiker Flavius Josephus (Antiquita- sondern „alle Bücher“ umfassten. So
gleich vier Quellen. Deren historischer tes XII, entstanden ca. 90 nC) erzählt konnten selbst die Heiden erkennen,
Informationswert ist jedoch aus zwei die Geschichte sehr ausführlich und dass „die Schriften unter göttlicher In-
Gründen erheblich eingeschränkt: Sie begründet das von Demetrios angereg- spiration übersetzt waren“. Dieses Ge-
gehen alle auf ein und dieselbe Quelle te Ersuchen des Königs damit, dass die schehen verglich er gar mit Esra, der
zurück und sie haben eine ausgespro- Gesetze der Juden für Ptolemaios inte- nach der Rückkehr aus dem Babylo-
chene Intention. ressant und für die Vervollständigung nischen Exil die verlorenen Texte des
1. Quelle: Aristeas Die wohl älteste der Bibliothek wichtig seien, weil sie Mose, der Propheten und der Schriften
Quelle ist der sogenannte Aristeasbrief – so der stolze Jude Josephus – „von mithilfe des Geistes Gottes rekonstru-
(um 120 vC), der gut 100 Jahre nach ieren konnte.
dem Geschehen geschrieben wurde.
Ein alexandrinischer Jude mit dem Warum gibt Aristeas vor, Fragen über Fragen
griechischen Pseudonym Aristeas be-
richtet: Er sei im Auftrag des Demetrios ein hellenistischer Es ist nicht zu übersehen, dass die
von Phaleron, des höchsten Beamten Beamter des Königs Legende zwar an der Entstehung der
des Königs Ptolemaios II. Philadel- Septuaginta interessiert ist, aber in
phos und Bibliothekar der berühmten zu sein, obwohl Wirklichkeit herausstellen will, dass
Bibliothek von Alexandria zum Ho- er ein Jude ist? diese Bibelübersetzung authentisch
hepriester Eleasar nach Jerusalem ge- und kanonisch ist – für die Juden
reist. Dieser möge den König Einsicht (Aristeas, Josephus, Philo) und für die
in die Heiligen Schriften der Juden höchster Weisheit und unbeflecktes- Christen (Irenäus). Offensichtlich be-
nehmen lassen – denn der König wolle ter Sittenreinheit Zeugnis ablegten, reitete die Akzeptanz der griechischen
sie dem in der Bibliothek versammel- als kämen sie von Gott selbst her“. 72 Übersetzung große Schwierigkeiten.
ten Wissen der Welt hinzuzufügen. Der greise Männer kamen auf Weisung des Wenn aber die Intention dieser Le-
Hohepriester sah dies als große Ehre Jerusalemer Hohepriesters nach Alex- gende klar erkannt ist, dann muss die
und entsandte 72 jüdische Schriftge- andria, wo sie in einem Haus auf der Frage erlaubt sein, wie sich die Sache
lehrte (6 pro Stamm), weise, untadeli- Insel Pharos arbeiteten und nach 72 wirklich abgespielt hat. Bürsten wir
ge Männer, nach Alexandria, wo diese Tagen die Übersetzung vorlegten, die die Legende doch einmal gegen den
in 72 Tagen die Tora aus dem Hebräi- zum Abschluss feierlich als richtig und Strich und stellen folgende Fragen:
schen ins Griechische übersetzten. Die unveränderbar deklariert wurde. • Lässt die so emphatisch betonte
Zahl (vermindert um 2) wird zur Be- 4. Quelle: Irenäus Schließlich ist es Initiative eines heidnischen Königs
zeichnung: Septuaginta (= „Siebzig“). Kirchenlehrer Irenäus von Lyon (Ad- nicht eher das Gegenteil erahnen: dass
2. Quelle: Philo Der jüdische Ge- versus haereses III 21.2), der um 180 nC die Übersetzung gar nicht auf könig-
lehrte Philo von Alexandrien (Vita Mo- im Zusammenhang seiner Gedanken liche, sondern auf jüdische Initiative
sis II 25ff, entstanden vor 50 nC) verlieh zu Jes 7,14 (Jungfräulichkeit der Got- entstand, die von anderen jüdischen
der Legende eine größere Wunderhaf- tesmutter) die Legende aufgreift. Weil Kreisen dann nicht akzeptiert wurde?
tigkeit und deutete das Verlangen des die griechische Übersetzung, die die • Ist die überdeutliche Referenz
Königs nach einer Übersetzung als Mutter des Messias als „Jungfrau“ be- gegenüber dem Jerusalemer Hohe-
Zeichen des göttlichen Willens. Philo zeichne, bereits weit in vorchristlicher priester vielleicht eine Verschleierung
betont, dass die Übersetzungen der 72 Zeit geschehen sei, sei jede Behaup- dessen, dass die Übersetzung durch
Gelehrten genauestens mit dem heb- tung eines christlich-dogmatischen alexandrinische Juden angefertigt
räischen Original und untereinander Einflusses auf die Jesaja-Übersetzung wurde – und möglicherweise weder
übereinstimmten, „als ob jedem von absurd. Irenäus sah – wie Philo – das an einer Approbation durch den Ho-

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hepriester in Jerusalem noch durch den heidni- rao mit der ägyptischen Doppelkrone gekrönt
schen König interessiert war? und hatte sich im Isistempel in Philae zusam-
• Und warum gibt Aristeas vor, ein hellenisti- men mit seiner Schwesterfrau als Verehrerpaar
scher Beamter des Königs zu sein, obwohl er ein dieser Göttin darstellen lassen. Aber die poly-
alexandrinischer Jude ist? Warum betont er so theistische Religion der Ägypter war für seine
Targume sehr die Autorität des Demetrius von Phaleron, Staatsphilosophie offensichtlich wenig ergiebig.
sind Übersetzungen der zur Zeit des Ptolemaios’ II. sicher nicht mehr Deshalb scharte er die hellenistischen Philoso-
von biblischen Texten im Dienst, wahrscheinlich sogar aus Alexandria phen seiner Zeit um sich, um sich mit ihnen zu
ins Aramäische, die verbannt war? War Aristeas zu weit vom Gesche- beraten. Dabei trieben ihn offensichtlich zwei
Umgangssprache in hen entfernt oder hat er gar das Ganze erfunden Gedanken um, die er gerne in sein Regierungs-
der Levante mindes-
und die Späteren sind ihm auf den Leim gegan- programm einbinden wollte, um sich als Grieche
tens seit dem 1. Jh.
gen? dem ägyptischen Volk als wahrer Nachfolger des
vC. Targume bieten
Wie also könnte es gewesen sein? großen Alexander anzubieten: Er ließ dazu die
neben den übersetz-
ten Schriften auch Geschichte Ägyptens aufarbeiten (durch den
Auslegungen. Priesterschriftsteller Manetho), ließ neue Tem-
Ein philosophischer König und die pel bauen und förderte den Serapiskult. In den
Geburt einer Idee Schulen ließ er Homer und Hesiod, vor allem
Wie jeder König, hatte auch Ptolemaios II. Phil- aber Platon und Sokrates mit ihren Fragen nach
adelphos – er war mit seiner Schwester Arsinoe dem gerechten Staat auf den Lehrplan setzen.
verheiratet – in Alexandria eine „Enquete-Kom- Ptolemaios selbst war auf der Suche nach dem
mission“ um sich, die ihn in seinen Regierungs- gerechten Staat. Aus zahlreichen Papyri ist be-
geschäften unterstützen sollte. Er war als Pha- kannt, dass er eine umfangreiche Rechtssamm-
lung anfertigen und dazu (laut antikem Biblio-
thekskatalog „Pinakes“) in der Bibliothek eine
Pharos (Leuchtturm)
eigene juristische Abteilung schaffen ließ.
Großer es Für die Diskussion seiner staatsmännischen
isch Sonnentor
Hafen Jüd tel Fragen war Alexandria mit seinem Museion
Isistempel Vier und der größten Bibliothek seiner Zeit gut ge-
rüstet. Ptolemaios griff die Thesen der griechi-
s
aro schen Philosophen auf und es wäre durchaus
l Ph Heptastadion
Inse (sieben Stadien verständlich, dass er bei der Theoriebildung
Alter langer Übergang) auch die literarischen Traditionen der 70.000
Gymnasion
Eunostos-Hafen
Juden Alexandrias berücksichtigen wollte. Die-
Mondtor
Alexandria im 3./2 Jh. vC al se Bevölkerungsgruppe war ihm wichtig, denn
an
lk
1. Königspalast Ni die Berichte stimmen darin überein, dass er an
2. Palasthafen
3. Timonium-Palast n die 100.000 Juden aus der Sklaverei entließ. So
atio
4. Poseidon-Tempel alis spricht ernsthaft nichts dagegen, dass Ptolema-
Kan )
5. Theater
e see
6. Lagerhäuser (?)
u t -Seinnen ios zur Komplettierung seiner Rechtssammlung
7. Alexandergrab (?) ri B
8. Werften Serapieion Ma iger auch die Tora der Juden zu besitzen wünschte.
a lt
9. Museion und Bibliothek
l zh Es könnte sich also so abgespielt haben, wie
10. Insel Antirhodos (Sa
Aristeas in seinem Brief berichtet hat.

Blick in den Hafen von Alexandria heute. in einem am Strand erbauten, prächtigen und still gelegenen © Karte nach: Kaidor, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia
Auf der Insel Pharos, die den Hafen begrenzt, haben die jüdi- Haus und forderte die Männer zur Ausführung der Übersetzung
schen Gelehrten laut Legende an der Übersetzung gearbeitet: auf. ... Die Sitzung dauerte jedes Mal bis zur neunten Stunde.
Dann „ging Demetrius mit ihnen über den sieben Stadien Dann verwandten sie die freie Zeit auf die Körperpflege; es
langen Wellenbrecher zur Insel, überschritt die Brücke und wurde ihnen alles Gewünschte reichlich zur Verfügung gestellt.“
begab sich in den nördlichen Bezirk. Dann hielt er eine Sitzung (Aristeasbrief 301–303).

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welt und umwelt der bibel 4/2018
die bibel wird griechisch

Was zitieren die neutestamentlichen Autoren als die „die Schrift“?

„So sollte sich das Schriftwort bald darauf, ab dem 2. Jh., festgelegt Was bedeutet das für Bibelleser/innen
erfüllen ...“ und gesichert wird. heute?
3. Aber es gibt eine dritte Gruppe von Es kann passieren, dass die Evangelis-
„Denn die Schrift sagt ...“
Zitaten, die weder der einen noch der ten oder Paulus ein alttestamentliches
Viele Male finden sich diese Wendun- anderen Gruppe zugeordnet werden Zitat – nach der Septuaginta – anfüh-
gen im Neuen Testament, über 300 können. Sie bezeugen, dass weitere ren, das sich in einer heutigen Bibel-
Zitate lassen sich feststellen. Aber wel- griechische und hebräische Lesarten übersetzung an der entsprechenden
che „Schrift“ zitieren die neutestament- zirkulierten. Der Apostel Paulus z. B. alttestamentlichen Stelle wörtlich so
lichen Verfasser? Welche Schriftrollen zitiert in seinen Briefen vermutlich min- nicht findet (Beispiele: Jes 7,14 / Mt
hatten die frühchristlichen Missionare destens drei unterschiedliche Jesaja- 1,23 oder Gen 1,27 / Gal 3,28; Mt 19,4
und Missionarinnen eigentlich zur Hand? Versionen. par Mk 10,6). Denn unser Altes Testa-
Fakt ist, dass es im 1. Jh. nC noch ment wird aus dem (masoretischen) he-
nicht die eine autoritative hebräische Für die dritte Gruppe passen einfache bräischen Text übersetzt!
Textfassung der Bibel gab und ebenso- Erklärungen heute nicht mehr – wie Allerdings auch nicht immer ganz kon-
wenig die eine griechische Septuaginta- etwa „die Verfasser zitierten aus der sequent: An für die christliche Theolo-
fassung. Beide Überlieferungen wuch- Erinnerung und machten dabei Fehler“ gie und Glaubenstradition bedeutenden
sen noch – und so gab es griechische oder „die Verfasser übersetzten selbst Stellen haben beispielsweise die Revi-
wie auch hebräische Varianten. Daher und manchmal recht frei“ oder „die soren/innen der neuen Einheitsüber-
ist es nicht immer möglich, jedes alttes- Verfasser verfälschten die Schriftzitate setzung die Septuagintawendungen be-
tamentliche Zitat unseren heutigen Ver- gemäß ihrem Anliegen“. Besonders für lassen, wie gerade in Jes 7,14: „Darum
sionen zuzuordnen – bei manchen ist es Paulus und das Matthäusevangelium wird der Herr selbst euch ein Zeichen
einfach schwierig! Vielleicht ist für einen kann man nun recht genau nachwei- geben: Siehe, die Jungfrau hat emp-
Wortlaut die Quelle heute unbekannt, sen, dass sie hin und wieder die Kaige- fangen, sie gebiert einen Sohn und wird
damals aber war es ein Zitat? Rezension nutzen, eine Überarbeitung ihm den Namen Immanuel geben.“ Im
der Septuagintaschriften, die sich vom Hebräischen steht alma, „junge Frau“,
Dennoch kann man Aussagen treffen: 1. Jh. vC bis möglicherweise ins 2. Jh. nicht „Jungfrau“, griech. parthenos, wie
1. Die große Mehrheit der Schriftzitate nC erstreckte. Diese jüdische Überar- in der Septuaginta.
stammt aus dem ältesten Text der Sep- beitung muss in manchen Gemeinden Das muss man als aufgeklärte/r Bibelle-
tuaginta. Vielleicht waren diese Schrift- geschätzt worden sein. ser/in wissen – und aushalten. (hk/wub)
rollen praktischerweise in den meisten
Diaspora-Gemeinden der römischen Wichtig ist: In neutestamentlicher Zeit (Vgl. dazu: Elisabeth Birnbaum, The LXX and
Welt vorhanden? Möglicherweise kann- werden unterschiedliche Quellen ver- the Hebrew Scripture in Early Christianity:
ten manche neutestamentlichen Ver- wendet, die teils der Septuaginta, teils A Question of Either-Or?, in: A. Collela und
fasser nur diese Version. unserem hebräischen Text nahestan- A. Lange (Hg.), The Reception of the Bible
2. Andere Zitate stimmen mit dem den und teils auch eine Mischung bei- in (Late) Ancient Judaism and Christianity,
hebräischen Schrifttext überein, der der darstellten. Vandenhoeck & Ruprecht, vorauss. 2019)

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die bibel wird griechisch

Von vielen griechischen Über- Jetzt aber beginnen die wirklichen Anerkennung finden möge. Dazu aber
setzungen zu einer autorisierten Probleme: Es war nicht schwierig, jü- bedurfte es noch einer gewissen Anlauf-
Übersetzung dische Gelehrte zu finden, die eine er- zeit.
Nun sprachen die Juden in Alexandria forderliche hebräische und griechische
selbstverständlich Griechisch und man Kompetenz hatten – aber wer hatte die
darf getrost annehmen, dass sie schon Autorität, eine solche Übersetzung end- Ein Judentum mit zwei Bibeln –
längst eine Übersetzung der Tora oder gültig zu autorisieren? Das Judentum die sich unterscheiden ...
Teile davon und von Propheten und kannte keinen „Vatikan“ als zentrale Damit besaß das Judentum zwei Bibeln.
Psalmen oder Teile davon besaßen. Autorität, allenfalls mag der Jerusale- Das wäre an sich unproblematisch,
Analoges wird man auch für Jerusalem mer Hohepriester einen aus der Tradi- wenn sich diese beiden Bibeln nicht un-
annehmen müssen, wo das Hebräische tion gewachsenen Primat innegehabt terschieden hätten. Genau das taten sie
schon längst durch das Aramäische haben. Das wissen wir aber nicht. Die jedoch.
ersetzt worden war und frühe Formen Inszenierung des Aristeas ist deshalb (1) Die Übersetzer in Alexandria ha-
der Targume im Umlauf waren. Aus den eine geniale Konstruktion, die einer- ben eine hebräische Vorlage benutzt, die
Fragmenten eines literarischen Dialogs seits die Tradition durch Rückbindung sicher älter war, als es der Text der glei-
des alexandrinisch-jüdischen Philoso- an Jerusalem bewahrt und andererseits chen Bibel in Jerusalem war. Das erklärt
phen Aristobulos (um 160 vC) mit König im König Ptolemaios die notwendige sich leicht damit, dass die ägyptischen
Ptolemaios ist zu erfahren, dass bereits Autorität bereitstellt. Gewiss, er war ein Juden bei ihrer Abwanderung aus Paläs-
Pythagoras, Platon, So­krates und Ho- tina die Heiligen Schriften mitgenommen
mer ihre Weisheit aus der Tora des Mose und treulich bewahrt hatten, während in
bezogen hätten, es also schon vor der Jerusalem die Schriftgelehrten weiter am
Septuaginta eine griechische Überset- Bibeltext arbeiteten. Dies wird von Qum-
zung gegeben habe. Auch wenn man ran bestätigt, in dessen Bibliothek wir
Aristobulos ein bestimmtes Interesse ein knappes Jahrhundert später mehr
unterstellen muss, so lassen sein Werk, als 200 Bibelhandschriften antreffen,
aber auch weitere sprachliche Indizien die die Existenz von gut und gern fünf
erahnen, dass in frühptolemäischer unterschiedlichen hebräischen Bibel-
Zeit diverse griechische Übersetzun- ausgaben dokumentieren.
gen vorlagen, um für Synagoge, (2) Dialektale, geografische, zoo-
Schule und familiäre Unterwei- logische und botanische Differenzen
sung auf die heiligen Traditionen zeigen, dass die Übersetzungen der
zurückgreifen zu können. Natürlich Die alexandrinischen einzelnen Bücher auf verschiedene
war man in traditionellen jüdischen
Kreisen überzeugt, dass die wirklich
Juden waren bestrebt, Übersetzer an verschiedenen Orten
und zu verschiedenen Zeiten zurückge-
heilige Sprache das Hebräische ist (Jubi- ihre Traditionen in die hen.
läenbuch 12; jShab 1,3.3c), dass aber an-
dererseits die Völker nur dann über die
gesellschaftliche Debatte (3) Die Reihenfolge der Bücher war
unterschiedlich: die hebräische Bibel
guten Gesetze Israels staunen können einzubringen war tora-zentriert und sah am Anfang
(Deuteronomium 4,2-8), wenn sie die die Tora, ihr folgten die Propheten, die
Möglichkeit haben, diese Gesetze auch die Tora lehren und durchsetzen, und
in ihrer Sprache lesen zu können. Des- Heide, aber durch die Freilassung von schließlich die Schriften, die zeigen, wie
halb waren die alexandrinischen Juden 100.000 Juden und durch die überaus sich die Tora in der Lebenswirklichkeit
auch von sich aus bestrebt, ihre Traditio- reichen Geschenke an den Hohepriester Israels auswirkte. Die Septuaginta griff
nen in die gesellschaftliche Debatte ein- in Jerusalem, durch seine Suche nach dagegen das Ordnungsprinzip der hel-
zubringen und ihre Schriften in die be- Wahrheit und Gerechtigkeit war er doch lenistischen Historiker auf, sah in der
rühmte Bibliothek aufnehmen zu lassen. im Grunde seines Herzens längst ein Tora die Vergangenheit, in den Schriften
Nun sind Übersetzungen – aus wel- „wahrer Jude“. Aus dieser Kombinati- die Gegenwart und in den Propheten die
chen Anlässen sie auch immer angefer- on lässt sich die Absicht des Aristeas Zukunft beschrieben.
tigt sein mögen – niemals über jeden erschließen: Die Wunderhaftigkeit der (4) Der größte Unterschied zwischen
Zweifel erhaben. Auch um der Einheit Übersetzung beweist ihre Inspiration beiden Bibeln bestand jedoch in der un-
in der jüdischen Gemeinde und der Ge- durch den Geist Gottes, damit und so- terschiedlichen Anzahl der Bücher. Die
meinden untereinander willen entstand dass diese Tora als inspirierte Identifi- Septuaginta enthielt nämlich über die
deshalb das Bedürfnis nach einer als au- kationsurkunde des Judentums nicht Bücher der hebräischen Bibel hinaus
thentisch anerkannten und für alle ver- nur in der hellenistischen Welt, sondern noch die Bücher Tobit, Judit, 1/2 Mak-
bindlichen griechischen Übersetzung. auch im traditionsbewussten Jerusalem kabäer, Weisheit Salomos, Jesus Sirach

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die bibel wird griechisch

Quellentext: die diskussion über die septuaginta –


Justins Dialog mit dem Juden Tryphon

I m 2. Jh. entsteht ein jüdisch-christlicher


Konflikt um die Septuaginta. Viele Kir-
chenväter beherrschten kein Hebräisch
mehr. Die Septuaginta galt für sie als der
Heilige Text, der das Hebräische exakt
wiedergab. Sie bauten ihre Theologie auf
Die jüdische Septuaginta wird zum christlichen Alten Testament
der Septuaginta auf. Für jüdische Gelehrte
(eine Stelle im Buch Leviticus im christlichen Codex Sinaiticus, 4. Jh.).
wurde dagegen der hebräische Text immer
wichtiger und es kam zu Überarbeitungen
der Septuaginta, um sie den hebräischen
Manuskripten anzunähern. Die Kirchenvä- nennst, von denen du meinst, dass sie voll- Ich entgegnete: „Gewiss, es scheint un-
ter warfen den jüdischen Rezensionen nun ständig beseitigt worden seien.“ glaublich zu sein. Denn das ist schreckli-
anti-christliche Verfälschung vor – ohne cher ..., als wenn sie die Kinder den Dä-
aber nachprüfen zu können, was tatsäch- Ich erwiderte: „... Von den Worten des monen opfern, schrecklicher als selbst die
lich im hebräischen Schrifttext stand und Jeremias aber haben sie folgende Stelle Ermordung der Propheten. Doch“, fuhr ich
wo die Septuaginta schon immer vom He- ausgemerzt: ‚Ich bin wie ein unschuldiges fort, „scheint ihr mir wirklich nicht einmal
bräischen abgewichen war. Lamm, das geopfert werden soll. Gegen von den Schriftstellen gehört zu haben,
Auf jüdischer Seite nahm man die zu- mich ersannen sie einen Plan und spra- welche sie, wie ich erwähnte, ausgetilgt
nehmende Vereinnahmung der eigenen chen: Wohlan, lasst uns Holz tun in sein hatten. ...
heiligen Schriften durch die Christen wahr, Brot und ihn aus dem Lande der Lebendi- Auf Jesus war prophezeit worden mit
um den gekreuzigten Jesus als Messias zu gen vertilgen, seines Namens soll wahrlich den Worten: ‚Siehe, die Jungfrau wird
erklären. nicht mehr gedacht werden!‘ empfangen und einen Sohn gebären‘.
Besonders die jüdische Septuaginta- Nun findet sich dieser Abschnitt aus Je- Wenn nämlich derjenige, von dem Isaias
Rezension des Aquila von Sinope (125 nC) remias noch in manchen Exemplaren der sprach, ... nicht von einer Jungfrau gebo-
führte im 2. Jh. zu Diskussionen zwischen jüdischen Synagogen; denn erst vor Kur- ren werden wollte, wenn nämlich auch er
Juden und Christen: Aquila übersetzte zem haben sie die erwähnten Worte aus- gleich allen übrigen Erstgeborenen aus ge-
entscheidende Stellen neu, auf die sich gemerzt. Also wird noch einmal von Jesus schlechtlichem Verkehr geboren werden
die Christen theologisch beriefen! das verkündet, was durch Isaias prophe- sollte, warum sprach Gott noch von einem
Der Dialog mit dem fiktiven Juden „Try- zeit wurde; denn auch aus jenen Worten (wunderbaren) Zeichen, an dem kein Erst-
phon“, verfasst vom Kirchenlehrer Justin, ergibt sich, dass die Juden über Christus geborener teilhat? ... Dies hat Gott durch
gibt bis heute ein polemisches Zeugnis Rat hielten und dass sie beschlossen, ihn den prophetischen Geist ... vorherverkün-
dieser Diskussionen um das Jahr 155 nC: durch den Kreuzestod aus dem Leben det, damit man ihn erkenne bei seinem
zu räumen. Von dem, der als Lamm zur Erscheinen, wenn er in die Welt eintritt
Schlachtbank geführt wird, wird hier geof- durch die Kraft und durch den Willen des
[Justin]: „Fürwahr, nicht schließe ich mich fenbart, er sei ein unschuldiges Lamm. In Weltschöpfers. ...
euren Lehrern an, welche die Richtigkeit ihrer Verlegenheit lassen eure Lehrer sich Ihr aber wagt es, auch in diesen Punk-
der von den siebzig Ältesten ... gefertigten also zur Blasphemie verleiten. ... ten die von euren Ältesten angefertigte
Übersetzung nicht anerkennen, sondern Aus Davids fünfundneunzigstem Psalme Übersetzung abzuändern und behauptet,
eine eigene Übersetzung versuchen. Ihr haben sie die kurze Bemerkung ‚von dem die Schrift laute ...: ‚Siehe‘, spricht er, ‚das
sollt wissen, dass sie aus der Übersetzung, Holze’ entfernt. Denn von den Worten: junge Weib wird empfangen‘, gerade als
welche die Ältesten bei Ptolemäus herge- ‚Saget es unter den Heiden: Der Herr ist ob es eine besondere Erscheinung wäre,
stellt haben, viele Schriftstellen vollstän- König geworden vom Holze her’ haben sie wenn ein Weib infolge geschlechtlichen
dig entfernt haben, in denen klar bewiesen noch übrig gelassen: ,Saget es unter den Verkehres gebären sollte. Dies tun ja alle
wird, dass von unserem gekreuzigten Je- Heiden: Der Herr ist König geworden‘. ...“ jungen Frauen mit Ausnahme der Un-
sus verkündet war, er sei Gott und Mensch, fruchtbaren; diese kann Gott aber auch,
er werde gekreuzigt und sterbe. ...“ Tryphon: „Wenn, wie du behauptest, die wenn er will, gebären lassen.“
Führer des Volkes von der Schrift etwas
Tryphon sagte: „Zunächst möchten wir, gestrichen haben, kann es Gott wissen. So Auszüge aus Justin der Märtyrer, Dialog
dass du uns noch einige Schriftstellen etwas aber scheint unglaublich zu sein.“ mit dem Juden Tryphon, 71.72.74.84

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die bibel wird griechisch

und Baruch, die als deuterokanonisch gelten, erste Reaktion erfolgte durch den zum Judentum
weil sie offensichtlich nicht zur ersten, sondern konvertierten Aquila aus Sinope ca. 125 nC, der
zu zweiten Bibel, der Septuaginta, gehören. In noch intensiver als die Kaige-Rezension auf die
der Reformation wurden diese Bücher später als Wortwörtlichkeit achtete, zugleich aber erste
apokryph aus dem biblischen Kanon entfernt, Reaktionen auf die christliche Vereinnahmung
weil sie nicht in Hebräisch verfasst waren. Diese der Septuaginta einbrachte. So ersetzte er kon-
Ansicht muss jedoch zum Teil revidiert werden, sequent das griechische Wort christós, „Gesalb-
weil Qumran und die Synagoge der Zeloten von ter“, durch andere Begriffe, ebenso das Wort
Masada von einigen dieser Bücher hebräische parthénos, „Jungfrau“, in Jes 7,14 durch neā nis,
Textteile bewahrt hat. Damit wird en passant „junges Mädchen“, damit sich die Christen nicht
deutlich, dass die Septuaginta das Alte Testa- weiter darauf berufen können sollten.
ment des Christentums, dann besonders der 3. Nach 150 nC ging der Jude (?) Symmachus
katholischen Kirche geworden ist. Aber wieder daran, eine neue Übersetzung in gepflegter grie-
zurück zur Geschichte! chischer Sprache herzustellen. Seine Überset-
zung wurde auch von den Christen geschätzt.

Die Diskussion um die Anerkennung


Die innerjüdische Anerkennung der Septuagin- Die Septuaginta als das
ta war und blieb strittig. An den Veränderungen Alte Testament der Christen
der qumranischen Bibeltexte über rund 300 Jah- Natürlich provozierten die jüdischen „Entchrist-
re hinweg kann man erkennen, dass sich aus lichungen“ der Septuaginta christliche Reakti-
mehreren hebräischen Bibelfassungen allmäh- onen, wie sie besonders von Irenäus von Lyon
lich die Textform durchsetzte, die wir der Ein- (Adversus haereses III 21,1), Justin dem Märtyrer
fachheit halber anachronistisch als „Masoreti- („Dialog mit dem Juden Tryphon“ 71–73; 84,3, s.
schen Text“ (= der später autorisierte hebräische Quellentext) und Eusebius (Kirchengeschichte
Bibeltext der Juden) bezeichnen wollen. Dem IV 18,8) in polemischer Weise zum Ausdruck ge-
entsprach der Septuaginta-Text nicht – er ging bracht wurden. Als schließlich im 4. und 5. Jh.
Prof. em. Dr. Heinz-
Josef Fabry hat bis 2010 ja auf eine ältere hebräische Version zurück. mit den griechischen Codizes Sinaiticus, Vati-
Altes Testament und Deshalb setzten schon in vorchristlicher Zeit canus und Alexandrinus die ersten christlichen
Geschichte Israels an der erste Bemühungen ein, die Septuaginta mit dem Vollbibeln vorgelegt wurden, wurde der Septu-
Universität Bonn gelehrt. hebräischen Text zu harmonisieren. Sie werden agintatext zum „Alten Testament“ in Abhebung
Er ist u. a. Mitherausge- in der Forschung zwar „Rezensionen“ genannt, von den folgenden Schriften des Neuen Testa-
ber des „Theologischen waren aber mehr oder weniger vollständige Neu- mentes.
Wörterbuchs zu den
übersetzungen: Da im gesamten Mittelmeerraum die Sprache
Qumrantexten“. Zu
seinen Forschungs-
1. Eine erste „palästinische Rezension“ – we- allmählich vom Griechischen ins Lateinische
schwerpunkten zählen gen einer Übersetzungs-Eigenart „Kaige“-Re- wechselte, verlor die Septuaginta ihre Bedeu-
Textgeschichte, Kanon zension genannt – wird anachronistisch auf tung und geriet in Vergessenheit. In der jüdi-
und Septuaginta. Jüngs- Theodotion aus dem 2. Jh. nC zurückgeführt. schen Welt wurde sie weiterhin kritisch gesehen
tes Projekt: Soeben abge- Tatsächlich ist sie aber schon im 1. Jh. vC in der und gar als „Machwerk der Heiden“ (Rabbi Jehu-
schlossener Kommentar Zwölfprophetenrolle aus Naḥal Ḥever am Toten da ben Schalom) apostrophiert, bis schließlich
zu Obadja/Habakuk in
Meer. nachzuweisen Sie gestaltet den griechi- die Rabbinen im 8. Jh. den Tag, an dem „die fünf
der Reihe Herders Theo-
logischer Kommentar
schen Text so aus, dass er bis in die kleinsten Ältesten die Tora für König Talmai in griechisch
zum Alten Testament. Details hinein der Form des hebräischen Textes schrieben“, mit dem Tag der Errichtung des „Gol-
entsprach. Diese unbedingte Textnähe (Isomor- denen Kalbes“ (Exodus 32), dem Tag des größten
phie) führte dann teilweise zu sehr skurrilen Glaubensabfalls in der Geschichte Israels, gleich-
Übersetzungen. Abstrahiert man diese Überset- setzten und ihn zum Unglückstag für die Juden
zungsspezialitäten, dann kommt man auf eine erklärten (Talmud-Traktat Soferim 1,7). W
griechische Textvorlage, die der älteste noch
erreichbare Septuagintatext gewesen sein könn-
te und als „antiochenischer Text“ (des Lukian) Lesetipp
bezeichnet wird. • LXX.D: Septuaginta Deutsch. Das griechische
2. Mit der Übernahme der Septuaginta durch Alte Testament in deutscher Übersetzung,
das noch junge Christentum entstand für das hrsg. von Wolfgang Kraus/Martin Karrer,
Judentum eine neue spannungsgeladene Situa- Stuttgart 2009 (22010); Erläuterungen und
tion, die eine jüdische Reaktion erforderte. Eine Kommentare, 2 Bände, Stuttgart 2011 (s. Buchtipps).

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Warum der reiche Kaufmann Marcion bis heute ein Aufreger ist

„Die pontische Ratte zernagt die Evangelien“


2. Jahrhundert nC: In der frühen Kirche wird die jüdische Septuaginta zum
Alten Testament. Doch es gibt einen, der alle heiligen Schriften des Judentums verwirft
und selbst noch die Evangelien und Briefe für verfälscht hält – Marcion.

M
arcion brachte manche Men- Was hat Marcion verkündet? Sein nons“ bereinigt er nun um Stellen, die
schen seiner Zeit in Rage – Zeitgenosse Justin (gest. 165 nC) berichtet den Gesetzesgott positiv zeichnen. Wie
einer von ihnen ist der Kirchen- als Erster über Marcion: Zu den Irrlehrern diese Stellen überhaupt in die kursieren-
vater Tertullian: „gehört ein gewisser Marcion aus dem den Evangelien gelangt sind, dazu hat
„... [Marcion ist] dunkler als der Nebel, Pontus, der noch gegenwärtig seine Gläu- er eine Theorie: „Fake News“ von juden-
kälter als der Winter, spröder als das Eis, bigen anleitet, einen andern für größer zu christlichen Pseudoaposteln – diese Bo-
trügerischer als die Donau, gefahrvoller halten als Gott den Weltschöpfer; dieser ten des bösen Gottes hätten die Falschin-
als der Kaukasus. ... Die pontischen Rat- [Marcion] hat mit Hilfe der Dämonen bei formation verursacht, der Gottvater Jesu
ten sind nicht so gefräßig, wie er, der die allen Volksstämmen viele dazu gebracht, und der Schöpfergott seien derselbe und
Evangelien angenagt hat! ... Marcion hat Lästerungen auszusprechen, Gott den das alttestamentliche Gesetz sei notwen-
seinen Gott, den er gefunden hatte, verlo- Schöpfer dieses Weltalls zu leugnen und dige Hinführung zum Evangelium. Seinen
ren und sein Glaubenslicht ausgelöscht.“ sich zu einem anderen zu bekennen, der, Bereinigungen fällt im Lukasevangelium
(Tertullian, Adversus Marcionem, I,1) weil er höher stehe, Größeres als jener ge- beispielsweise die Kindheitsgeschichte
Wer war dieser Marcion und was hat wirkt habe.“ (Justin, Erste Apologie, 26,5f) zum Opfer oder im Römerbrief Kapitel 9-11
er getan? Gelebt hat er von etwa 85/95– Marcion sprach also von zwei Göttern: mit der bleibenden Erwählung Israels.
160 nC und stammte aus dem Pontusge- dem niederen, bösen Schöpfergott des
biet an der Schwarzmeerküste. Marcion Alten Testaments – ein Gott des Geset- Marcion als Motor für den Kanon
muss im Seehandelsgeschäft erfolgreich zes, ein Demiurg –, und dem guten Gott Marcions Bewegung treibt vermutlich
und wohlhabend gewesen sein. Vor der Liebe, der verborgen war, bis er sich die großkirchliche Kanonbildung an. Im
allem aber muss ihn eine innere Über- in Jesus Christus zeigte und für die Men- 2. Jh. waren manchen Gemeinden noch
zeugung getrieben haben. Er ging nach schen ein Leben in Erlösung vom Gott die Petrusakten, der Hirt des Hermas, die
Rom und schloss sich – mit einer großen des Gesetzes ermöglicht. Paulusakten oder der Barnbasbrief heilig.
Geldspende im Gepäck – der dortigen Mit diesen der Gnosis nahestehen- Dagegen war im Osten die Johannesoffen-
Christengemeinde an. 144 nC exkommu- den Auffassungen sichtet Marcion Mitte barung kein unbedingter Kanonanwärter
niziert ihn diese Gemeinde wegen häre- des 2. Jh. die im Christentum kursieren- und der Hebräerbrief mancherorts um-
tischer Lehren und gibt ihm sein Geld den Schriften. Es gab noch keinen ver- stritten. Den ersten Beleg unserer heuti-
zurück. Doch das hat Marcion nicht zum bindlichen neutestamentlichen Kanon! gen 27 Schriften findet man im Osterfest-
Schweigen gebracht – er gründet eine ei- Deshalb erstellt Marcion einen eigenen brief des Athanasius 367 nC.
gene Glaubensgemeinschaft. Und diese Kanon jener Schriften, die aus seiner Marcion sorgt bis heute für emotio-
Gegenkirche war erfolgreich! Der Marci- Sicht heilsnotwendig sind. Das Alte Tes- nale Debatten, gelegentlich wird wieder
onismus fand zahlreiche Anhänger im tament, das vom Schöpfergott erzählt, ist die Ansicht vertreten, Marcion habe das
ganzen Römischen Reich. Ab dem 6. Jh. komplett zu verwerfen; von diesem Gott Lukasevangelium nicht gekürzt, sondern
existierte die marcionitische Kirche nicht kommt keine Rettung. Und nur ein Evan- dieses Evangelium so vorgefunden. Es sei
mehr, ihre Ansichten wurden allmählich gelium zählt für ihn: eine von jüdischen erst von seinen Gegnern zum heutigen
von den Manichäern übernommen. Bis Spuren und „Verfälschungen“ (s. u.) ge- Lukasevangelium durchredigiert worden.
ins 10./11. Jh. finden sich Spuren im Ost- reinigte Version des später kanonisch Auch seine Verbannung des Alten Testa-
Iran. gewordenen Lukasevangeliums. Inter- ments aus der Sammlung heiliger Schrif-
Marcions Lehren kennen wir nicht essant ist: Aus diesem marcionitischen ten findet heute noch Zuspruch bei eini-
aus eigenen Schriften, sondern können Evangelium, wie es aus den Schriften gen Theologen, die das Alte Testament
sie nur aus der apologetischen Literatur, kirchlicher Schriftsteller rekonstruiert abqualifizieren. Dem aber setzt die Kirche
die sich gegen ihn richtet, rekonstruieren. werden kann (Tertullian, Epiphanius bis ins 2. Vatikanische Konzil hinein ihre
Der bloße Umfang, in dem sich Kirchen- und Adamantius), lässt sich schließen, entschiedene Ablehnung entgegen. Aber
väter mit dem verhassten Häretiker ausei- dass er um 144 nC eine Vier-Evangelien- Marcion hat auch etwas Gutes: Ohne ihn
nandersetzen, belegt seine Strahlkraft in Sammlung gekannt hat. Von 14 Briefen gäbe es wahrscheinlich keinen Kanon
einer Zeit, in der viele christliche Splitter- des Corpus Paulinum akzeptiert er 10, Heiliger Schriften der Kirche, der die Be-
und Randgruppen mit unterschiedlichen vier fallen heraus (1 und 2 Tim, Tit, Hebr). deutung der Hebräischen Bibel auch für
Heilsvorstellungen existierten. Diese Schriften des „marcionitischen Ka- die Christen würdigt. W (hk/wub)

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welt
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Die Botschaft Gottes der Kirchenbewegung Deutsche Christen

Die Arisierung des


Neuen Testaments
Ein groteskes Kapitel der Überlieferungsgeschichte der Bibel wird in der Zeit
des Nationalsozialismus geschrieben: Sie wurde „entjudet“. Von Dirk Schuster

E
s lässt sich nicht leugnen, daß die hei- schen Landeskirchen unter Führung der Thürin-
ligen Schriften der christlichen Kirchen, ger Kirchenbewegung Deutsche Christen, hatte
die Bibel, Altes und Neues Testament, in sich zum Ziel gesetzt, das Christentum zu „ent-
weiten Partien jüdischen Geist atmen, ebenso juden“. Nicht weniger als die vermeintlich rich-
wie sie leidenschaftlichen Kampf gegen ihn tige Urbotschaft Jesu wollten die beteiligten Wis-
erkennen lassen. Damit ist die Frage gestellt: senschaftler und Pfarrer wieder zum Vorschein
Gehört dieses unleugbare Moment zu Wesen und bringen, und dies beinhaltete aus ihrer Sicht die
Wahrheit christlichen Glaubens oder ist es mit Beseitigung angeblich jüdischer Verfälschungen
ihm zusammen auf uns gekommen, uns zu einer in Schrift, Lehre und Liturgie.
Selbstverständlichkeit geworden, an der die Kir- Neben wissenschaftlichen Abhandlungen, ei-
chen bisher keinen Anstoß nahmen, weil ihnen nem „entjudeten“ Gesangbuch und einem neu-
jener unserem Geschlecht schicksalhaft ge- en Katechismus erschien 1940 „Die Botschaft
wordene Gegensatz gegen das Judentum noch Gottes“, eine „entjudete“ Bibel auf Grundlage
verborgen war? Damit ist für unsere Kirchen eine deutsch-christlicher Glaubensvorstellungen.
Stunde von reformatorischer Entscheidung ange- Dabei handelte es sich nicht um eine Anbiede-
brochen, die nur bestanden werden kann, wenn rung an die Nationalsozialisten zur Demonst-
wir das ausgezeigte Grundgesetz einer reformato- ration der Regimetreue von Teilen protestanti-
rischen Epoche erfüllen: Wiedergewinnung der scher Glaubensvertreter. Die 1927 entstandenen
grundlegenden Wahrheit, Ablösung bisheriger Thüringer Deutschen Christen vertraten viel-
Selbstverständlichkeiten.“ (Hervorheb. D. S.) mehr mit Überzeugung und wissenschaftlichem
Diese unzweideutigen Worte sprach Walter Anspruch ein theologisches Weltbild, in wel-
Grundmann, Professor für Völkische Theologie chem sie Adolf Hitler als den Gesandten Gottes
und Neues Testament, zur Eröffnungsfeier des erblickten. Unter dem „göttlichen“ Nationalsozi-
alismus sollte der letzte Schritt zur Wiederher-
stellung der christlichen Urbotschaft vollzogen
Unter dem „göttlichen“ National- werden. So wie durch Luther das Papsttum und
sozialismus sollte der letzte Schritt die katholische Glaubensvorstellung aus der
christlichen Lehre verschwanden, erhofften sich
zur Wiederherstellung der christ- die Thüringer Deutschen Christen, unter der poli-
lichen Urbotschaft vollzogen werden tischen Herrschaft Hitlers alle jüdischen Einflüs-
se aus dem Christentum beseitigen zu können.

Instituts zur Erforschung und Beseitigung des


jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Sein Kampf – sein Kreuz – sein Sieg
Leben am 6. Mai 1939 auf der Wartburg. Dieses Bei diesem Vorhaben nahm „Die Botschaft Got-
Institut, getragen von mehreren protestanti- tes“ eine prominente Stellung ein. Mithilfe da-

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mals neuester wissenschaftlicher Forschungen 1940 erschien
stellten die Autoren einen Text zusammen, der „Die Botschaft
sich fundamental von klassischen Bibelüberset- Gottes“, eine „ent-
zungen unterschied. Das Alte Testament fand judete“ Bibel der
aufgrund seines jüdischen Ursprungs ohnehin Deutschen Christen –
keine Aufnahme in das „Volkstestament“, wie ohne Altes Testament
die Deutschen Christen „Die Botschaft Gottes“ und unter anderem mit
auch betitelten. Die Synoptiker wurden zu ei- einem Evangelium, in
nem Text zusammengefasst, welcher das Leben dem Markus, Matthäus
des Gottessohnes anhand seiner vermeintlichen und Lukas so zusam-
Auseinandersetzungen mit dem jüdischen Geg- mengefasst wurden,
ner darstellen sollte. Überschriften der einzelnen dass das Leben Jesu
Abschnitte wie „Sein Kampf“, „Sein Kreuz“ und als eine Reihe von
„Sein Sieg“ verdeutlichen die Übernahme na- Auseinandersetzungen
tionalsozialistischer Propagandasprache. Dies mit gegnerischen Juden
hatte den Zweck, eine Wesenseinheit zwischen dargestellt ist.
Jesu und dem deutschen Volk im gemeinsamen
Kampf gegen das Judentum zu konstruieren.
Im zweiten Teil von „Die Botschaft Gottes“ fin-
det sich das Evangelium des Johannes, welches
einer weniger starken redaktionellen Änderung
unterworfen wurde. Doch genau wie im ersten
Teil des „Volkstestaments“ verschwanden alle
Hinweise auf die jüdische Herkunft Jesu und
Anspielungen auf Personen jüdischen Glaubens Arbeiten haben Walter Grundmann, Johannes
blieben nur dort bestehen, wo sich deren Han- Leipoldt und weitere namhafte Theologen die
deln eindeutig antisemitisch auslegen ließ. „nicht-jüdische“, sprich „arische“ Herkunft Jesu
vermeintlich bewiesen. Mit der Veröffentlichung
der „Botschaft Gottes“ mussten die Pfarrer im
Jesus als erwiesener Arier Einflussgebiet der Kirchenbewegung Deutsche
Der dritte Teil ist ein Sammelsurium neutesta- Christen Schulungen besuchen, in denen ihnen
mentlicher Schriften, deren Auswahl und redak- die redaktionellen Änderungen anhand der wis-
tionelle Überarbeitung das deutsch-christlich senschaftlichen Arbeiten des „Entjudungsinsti-
antisemitische Weltbild wiedergeben. In diesem tuts“ erläutert wurden. „Die Botschaft Gottes“
Abschnitt finden sich Teile der Briefe des Paulus, war somit nicht nur eine antisemitische Neuin-
dessen jüdische Herkunft auch nicht verschwie- terpretation des Neuen Testaments, sondern ein
gen wurde. In den wissenschaftlichen Arbeiten entscheidender Teil der deutsch-christlichen
des „Entjudungsinstituts“ blieb bis zum Ende Programmatik, das Christentum „judenfrei“ zu
jener Forschungseinrichtung im Mai 1945 die machen. Mithilfe der instruierten Pfarrer soll-
„Paulus-Problematik“ unbearbeitet, dies meint te die deutsch-christliche Vorstellung eines
den Umgang mit den Schriften des Apostels. „art­eigenen Glaubens der Deutschen“ in die
Der letzte Abschnitt in „Die Botschaft Gottes“ Gemeinden getragen werden, wobei sich der Dr. Dirk Schuster
ist ein kurzer historischer Abriss auf Grund- Hauptfokus der deutsch-christlichen Agitation ist akademischer Mitarbeiter
lage der Apostelgeschichte und einzelner Ab- auf die Jugend richtete. im Institut für Jüdische Studi-
en und Religionswissenschaft
schnitte neutestamentlicher Briefe, die dem 1945 kam die in einer Auflage von 200.000
der Universität Potsdam.
Leser die Genese der jungen Christengemeinde Exemplaren gedruckte „Botschaft Gottes“ – trotz Forschungsschwerpunke
näherbringen sollte. Auch wenn die Bearbeiter großer Nachfrage konnten weitere Exemplare sind u. a. Interdependenzen
die gesamte Struktur des neutestamentlichen aufgrund der kriegsbedingten Papierknappheit von Religion und Politik und
Kanons vollständig neu gegliedert und viele nicht gedruckt werden – auf die Liste der verbo- Religion im Nationalsozia-
Teile zusammengefasst oder ganz weggelassen tenen Bücher. Nachweislich fand sie aber den- lismus. Zur Bewegung der
haben, so fielen dem Laien entscheidende Än- noch bis in die 1950er-Jahre hinein Verwendung Deutschen Christen ist von
ihm erschienen: Die Lehre
derungen kaum auf. Die im Lukas-Evangelium in Gottesdiensten. Walter Grundmann als Haupt­
vom „arischen“ Christentum.
beschriebene Beschneidung Jesu fehlt und Jo- initiator des Bibelprojektes avancierte in der
© Dirk Schuster

Das wissenschaftliche Selbst-


seph wird nicht mehr als aus dem Hause Davids DDR zu einem der renommiertesten NT-Exegeten verständnis im Eisenacher
kommend beschrieben, sondern stattdessen als und verfasste bis in die 1960er-Jahre hinein Be- „Entjudungsinstitut“, Göttin-
„Joseph aus Galiläa“. In den wissenschaftlichen richte für das Ministerium für Staatssicherheit. W gen 2017.

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welt und umwelt der bibel 4/2018 31
Wie entstehen und wie verbreiten sich die neutestamentlichen Schriften?

Die Kopie einer


Kopie einer Kopie ...

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Irgendjemand musste die Evangelien und Briefe abschreiben und irgendjemand
musste sie zum nächsten Ort bringen – sogar über das Mittelmeer. Hat sich der
Text dabei verändert, von Abschrift zu Abschrift ein wenig? Und: Wie einigt man
sich auf einen gemeinsamen Schriftbestand? Von Larry W. Hurtado

W
ie ist das Neue Testament entstanden? aber hinter echter Kalligrafie zurück. Das deutet
Keine der 27 Schriften, die es umfasst, darauf hin, dass christliche Texte in jener Zeit
wurde eigens für diese Sammlung ge- noch nicht von professionellen Kopisten, son-
schrieben; vielmehr entstanden sie einzeln als dern „hausintern“ von den christlichen Schreib-
Reaktion auf jeweils andere Bedürfnisse und Si- kundigen selbst abgeschrieben wurden.
tuationen des frühen Christentums. Erst später Auf diese Weise bildete sich mit der Zeit eine
wurden sie zu der uns vertrauten Sammlung zu- eigene christliche Kopistentradition heraus, als
sammengestellt, die den zweiten Teil der christ- deren Merkmal die nomina sacra gelten kön-
lichen Bibel bildet. Wie diese Zusammenstellung nen. Damit werden mehrere Begriffe bezeichnet,
genau ablief, ist eine der faszinierendsten und die gewöhnlich in einer typischen abgekürzten
folgenreichsten geschichtlichen Entwicklungen Form geschrieben und mit einem horizontalen
der Antike. Oberstrich gekennzeichnet sind. Die vier grie-
chischen Wörter, die am häufigsten so abgekürzt
werden, sind Bezeichnungen Gottes und Jesu:
Abschreiben und verbreiten theós (Gott), kýrios (Herr), christós (Christus) und
Allen neutestamentlichen Schriften war – un- Iēsoûs (Jesus). Diese Kopistenpraxis geht mögli-
geachtet ihrer unterschiedlichen Herkunft und cherweise bis auf das späte 1. Jh. nC zurück und
Zielsetzung (s. Kasten S. 34) – gemeinsam, dass findet sich nur in christlichen Manuskripten.
sie sich rasch verbreiteten. Dazu mussten sie ab- In den ersten drei Jahrhunderten nC war das
geschrieben und verteilt werden. häufigste Beschreibmaterial noch Papyrus (her-
Nun musste man in der Antike, um einen gestellt aus den Halmen der gleichnamigen
Text zu vervielfältigen, jedes einzelne Exemplar Schilfpflanze). Kurze Texte passten auf ein ein-
Buchstabe für Buchstabe mit der Hand abschrei- zelnes Blatt Papyrus, für längere wurden mehre-
ben. Um ein konkretes Beispiel für den Aufwand re Blätter zu einer Bahn aneinandergeklebt und
zu geben, den das bedeutete: Eine Abschrift zu einer Buchrolle aufgewickelt. Der Text wurde
des Römerbriefs erforderte etwa 11,5 Stunden in schmalen Kolumnen geschrieben, die fortlau-
Schreibarbeit. Natürlich unterschied sich diese fend nebeneinanderstanden. Wegen der Abnut-
Zeitspanne je nach Fähigkeit des Abschreibers zung des Papyrus an den Rändern wurde oben
und aufgewandter Sorgfalt. Ein kalligrafisches und unten ein großzügiger Kopf- und Fußsteg
Manuskript, gar für liturgische Zwecke, brauch- freigelassen, während die Innenstege zwischen
te länger als eine einfache Kopie für die persön- den Kolumnen schmaler ausfielen. Da Buchrol-
liche Lektüre. len seinerzeit das verbreitetste Textmedium wa-
Die frühesten überlieferten Exemplare christ- ren, wurde vermutlich auch das Neue Testament
licher Texte datieren aus dem späten 2. und be- anfänglich so aufgezeichnet.
ginnenden 3. Jh. und zeigen größtenteils sorgfäl- Bemerkenswert früh allerdings (wahrschein-
tige und deutliche Buchstabenformen, bleiben lich bereits Anfang des 2. Jh.) übernahmen die
Christen den neuartigen Codex als bevorzugte
Buchform, insbesondere für Schriften, die ihnen
als heilig galten. Der Codex ist die Frühform des
„Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, modernen Buchs und wird beim Lesen nicht ge-
des Sohnes Abrahams: Abraham zeugte den Isaak, Isaak rollt, sondern umgeblättert. Er besteht aus ein-
zeugte den Jakob ...“ (Mt 1,1-2) zelnen Bögen, die zusammengefaltet, an einer
Ein Evangelium in all seiner Brüchigkeit: Papyrus 1 (in der Seite geheftet und an den drei anderen Rändern
Nummerierung nach Gregory-Aland) ist eine frühe Kopie des aufgeschnitten werden. In den ersten drei Jahr-
Matthäusevangeliums, datiert auf Anfang 3. Jh. Das Blatt hunderten sind fast alle erhaltenen Abschriften
(14,7 cm × 15 cm) war unter den Funden aus Oxyrhynchus biblischer Texte (AT wie NT) als Codices überlie-
und ist heute im Museum der University of Pennsylvania. fert, während weltliche literarische Texte dessel-

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Die Kopie einer Kopie einer Kopie ...

Was wir über die Textabfassung des Neuen Testaments wissen

D ie Schriften des Neuen Testaments


stammen von unterschiedlichen
Autoren, von denen uns nur wenige
nischen Evangelien, die jeweils eine
zusammenhängende Darstellung des
Wirkens Jesu bieten. Interessanterweise
der Offb eine allgemeine Ausbreitung des
Christentums und gibt der Inhalt Einblick
in spezifische Probleme, denen sich die
namentlich bekannt sind, und entstanden nennt keines von ihnen seinen Autor, ob- Gläubigen in jener frühen Periode gegen-
in ganz verschiedenen Kontexten etwa wohl die ihnen traditionell zugewiesenen übersahen. (Larry Hurtado)
im Zeitraum von 50 bis 120 nC. Bereits Namen auf eine sehr alte frühchristliche
eine oberflächliche Lektüre zeigt, dass sie Überlieferung zurückgehen. Das Marku-
auch verschiedenen Textsorten angehö- sevangelium gilt als das älteste. Es wurde
ren – Erzählungen, Episteln, Prophezei- wohl zwischen 65 und 75 nC verfasst und
ungen und Abhandlungen –, verschiede- nennt als seinen Zweck in den Eingangs-
nen Zwecken dienen und sich in Inhalt worten („Anfang des Evangeliums Jesu
und Akzentuierung unterscheiden. Christi ...“) die Darstellung der Predigt
Die frühesten erhaltenen Schriften Jesu als des Ursprungs des Evangeliums
nicht nur des NT, sondern des Christen- (Mk 1,14-15), das „allen Nationen“ zu
tums überhaupt sind die Briefe des Apo- predigen sei (Mk 13,10).
stels Paulus, die etwa zwischen 50 und Für wen das Markusevangelium auch
65 entstanden sind. Unter den dreizehn immer ursprünglich geschrieben worden
Briefen, die seinen Namen tragen, gelten ist (in der Forschung sind Gemeinden
in der Forschung sieben als zweifelsfrei in Rom und im Vorderen Orient vorge-
echt: der Römerbrief, die beiden Korin- schlagen worden) – es erlangte weite
therbriefe, der Galater- und der Philip- Verbreitung und wurde zur Inspiration
perbrief, der 1. Thessalonicherbrief und und wichtigsten Quelle für die Autoren
der Brief an Philemon. Die sechs anderen des Matthäus- und des Lukasevange-
werden gewöhnlich nach dem Tod des liums, wobei die Apostelgeschichte
Paulus datiert, wobei die Autorschaft als Fortsetzung des Lukas­evangeliums
einiger umstritten bleibt, besonders beim ein einmaliges Zeugnis über die ersten
2. Thessalonicher- und beim Kolosserbrief drei Jahrzehnte der christlichen Bewe-
nehmen manche Paulus als Verfasser an. gung darstellt. Ob der Autor des zuletzt
Für die Geschichtsforschung sind entstandenen Johannesevangeliums die
die Paulusbriefe unschätzbar wertvolle älteren Evangelientexte gekannt hat, ist
Zeitzeugnisse. Sie sind an namentlich umstritten; die meisten Autoren nehmen
genannte christliche Gemeinden adres- das trotz der sehr eigenständigen Dar-
siert und befassen sich mit spezifischen stellung des Wirkens Jesu bei Johannes
Problemen und Entwicklungen in diesen jedoch an.
örtlichen Kirchen. In ihnen besitzen wir Der Autor der Offenbarung, ein anderer Handschrift des Korintherbriefs
mithin „Momentaufnahmen“ frühchristli- Johannes, bezeichnet sich als christlichen (2 Kor 9,7), ein Blatt des Chester
cher Gemeinden und sehen, in welchem Propheten und verfasste seine Apokalyp- Beatty Papyrus 46. Er ist datiert auf die
Verhältnis Paulus zu ihnen stand und wie se als Gefangener auf der Insel Patmos Jahre 190/200 nC und damit eine der
er auf ihre Probleme reagierte. Selbst die (Offb 1,9). Adressat der Offb waren sieben ältesten Sammlungen von Paulusbrie-
fen: Römer- und Hebräerbrief, 1. und
vermutlich unechten Paulusbriefe, die namentlich genannte Gemeinden an der
2. Korintherbrief, Epheser-, Galater-,
nur in seinem Namen geschrieben wur- kleinasiatischen Ägäisküste (1,11). Die
Philipper-, Kolosser- und 1. Thessalo-
den, bieten Erkenntnisse über Sorgen und Entstehungszeit der Offb ist umstritten;
nicherbrief. Jede Gemeinde wollte die
Probleme frühchristlicher Gruppierungen. die meisten Forscher datieren sie ins letz- wichtigsten Schriften besitzen, Papyrus
Die bekanntesten neutestamentlichen te Jahrzehnt des 1. Jh. Wie auch bei den 46 gehörte mit Sicherheit dazu. Univer-
Schriften sind jedoch die vier kano- Paulusbriefen bestätigen die Adressaten sity of Michigan Library.
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Die Kopie einer Kopie einer Kopie ...

ben Zeitraums fast ausschließlich als Buchrollen che Vorliebe für den Codex eine bewusste Ent-
vorliegen. scheidung war – vielleicht, um ihre heiligen Texte
Mit der christlichen Vorliebe für den Codex aus der Masse profaner Papyri herauszuheben.
entwickelten sich eigene Schreibtechniken für Ebenfalls typisch für das frühe Christentum
das Abschreiben und Anordnen des Texts. Die war die intensive Zirkulation der Texte, die uner-
Blätter der Codices konnten auf beiden Seiten müdlich ausgetauscht und verbreitet wurden. In
beschrieben werden, Papyri stets nur auf der In-
nenseite. Allerdings mussten die Kopisten jetzt
darauf achten, wie sie die Seiten gestalteten und Für die frühen Christen war es also offensichtlich
den Codex einrichteten, um insbesondere län-
gere Texte darin unterzubringen – da er nicht
ein wesentlicher Bestandteil ihres Glaubens-
beliebig erweiterbar war. Die bemerkenswerte lebens, einander Texte zugänglich zu machen
Sammlung frühchristlicher Papyri in der Dubli-
ner Chester Beatty Library (s. S. 20) enthält Bei-
spiele mehrerer unterschiedlicher Aufbauten für Kol 4,15f findet sich ein frühes Zeugnis dafür; der
Codices. Christliche Kopisten scheinen bei der Autor gibt am Schluss seines Briefs die Anwei-
Entwicklung des Codex zum literarischen Medi- sung, ihn auch in Laodicea verlesen zu lassen
um also an der Spitze gestanden zu haben. Der und im Gegenzug in der Gemeinde der Kolosser
zusätzliche Aufwand an Mühe und Überlegung, „auch den aus Laodicea“ vorzulesen (letzterer
den der Codex im Vergleich zur Buchrolle erfor- ist nicht erhalten). Dass die Offenbarung des
derte, deutet dabei darauf hin, dass die christli- Johannes an Gemeinden in sieben Städten ad-
© HerrAdams, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia

Blick in die Ausgrabungen von Korinth


Paulus schrieb schon in den 50er-Jahren des 1. Jh. Briefe
an die hiesige Gemeinde. Theologisch waren diese Briefe
offensichtlich so beeindruckend erklärend, dass sie an
andere Gemeinden weitergegeben wurden.

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Die Kopie einer Kopie einer Kopie ...

ressiert ist, bedeutete wohl, dass für jede davon Antiochia, Smyrna, Caesarea und Alexandria
eine Abschrift anzufertigen war. Bischof Poly- christliche Schriften vervielfältigt, um sie an an-
karp von Smyrna schrieb Anfang des 2. Jh. nC dere Gemeinden zu verteilen.
an die Gemeinde im makedonischen Philippi, Das ist umso beeindruckender, wenn man
er werde ihr Abschriften der Briefe des Bischofs bedenkt, dass es damals keine öffentliche Brief-
Ignatius von Antiochia zukommen lassen, ei- post gab, so dass die Beförderung jedes Texts
nes der Kirchenväter (Anfang 2. Jh.). Im um 150 – Briefe wie Bücher – eigens arrangiert werden
entstandenen Hirten des Hermas schildert der musste. Ging er an weit entfernte Orte, konnte
Autor, ein Christ aus Rom, wie er eine Abschrift man ihn einem Fernhändler oder Schiffskapitän
des „kleinen Buches“, das er in einer Vision ge- anvertrauen; oft aber wurde er von einem eigens
sehen hatte, angefertigt habe, damit es weiter dazu beauftragten Boten persönlich dem Emp-
abgeschrieben und „an die auswärtigen Städte“ fänger überbracht.
(Vision 2.1-4) gesandt werden könne. Die lebhafte Diskussion und Zirkulation
Dazu haben wir archäologische Belege für die christlicher Schriften in den frühen Gemeinden
ausgiebige und rasche Zirkulation frühchrist- erforderte also einen beträchtlichen Aufwand an
licher Texte in den Gemeinden. So sind zum Zeit, Mühe und Geld. Wenn jemand zum Beispiel
Beispiel frühe Abschriften in Rom entstandener als Bote eine Schrift in eine andere Gemeinde
Texte seinerzeit innerhalb etwa eines Jahrzehnts brachte, musste er entweder zu Fuß gehen oder
bis in den oberägyptischen Ort Oxyrhynchos sich um ein Transportmittel bemühen, und er
etwa 200 Kilometer südlich Alexandrias ge- brauchte natürlich Kost und Logis. Für die frü-
langt, eine berühmte Fundstätte antiker Papyri hen Christen war es also offensichtlich ein we-
(s. S. ##). In christlichen Kreisen wurden von sentlicher Bestandteil ihres Glaubenslebens,
Anfang an lebhaft Schriften ausgetauscht, und einander Texte zugänglich zu machen, insbe-
bereits Anfang oder Mitte des 2. Jh. wurden an- sondere die heiligen Schriften, aus denen bald
scheinend in mehreren Großstädten wie Rom, das Neue Testament entstand.

Texte zu Schriftsammlungen
zusammenbinden
Die christlichen NOMINA SACRA – Bereits sehr früh wurden bestimmte christliche
Schriften auch zu Sammelwerken zusammenge-
eigene Traditionen der Kopisten stellt. Der früheste Beleg dafür findet sich wohl
im zwischen 70 und 120 abgefassten 2. Petrus-

E in Merkmal der christlichen Abschriften sind ihre nomina sacra: Ab- brief: In 2 Petr 3,15f ist von „allen seinen Briefen“
kürzungen für wiederkehrende heilige Namen oder Begriffe mit einem – den Briefen des Paulus – die Rede. Der Autor
horizontalen Oberstrich. Die folgenden nomina sacra nutzten die christli- verfügte also über eine Sammlung der Episteln
des Paulus, die er für vollständig hielt. Wir wis-
chen griechischen Schreiber häufig:
sen zwar nicht, wie viele Briefe diese Sammlung
tatsächlich umfasste, aber die Textstelle zeigt,
dass damals bereits eine Paulusbriefsammlung
Nominativ Genitiv Dativ Akkusativ Vokativ im Umlauf war und dass sie als heilige Schrift
gehandelt wurden. Interessant ist weiter, dass
nicht nur der Autor des Petrusbriefs sie als heili-
Gott (theos) qs qu{ qw qn{ qe{ ge Schriften akzeptiert, sondern ebenso die „Un-
wissenden, die noch nicht gefestigt sind“, denen
Herr (kyrios) ko ku kw kn ke{ er vorwirft, die Bedeutung der Paulusbriefe zu
„verdrehen“ (2 Petr 3,16).
Jesus (iesus) ij{ iu{ iu{ in iu{ Das früheste erhaltene Manuskript mit einer
Sammlung von Paulusbriefen ist der Codex Ches-
Christus (christos) cj{ cu cw cn ce{ ter Beatty P46, der gewöhnlich auf das frühe 3.
Jh. datiert wird. Die überlieferten Blätter enthal-
Sohn (hyios) ten Teile des Römer- und des Hebräerbriefs (das
uj u;u u:i*w un u:i*e spiegelt die frühe Ansicht wieder, dass Paulus
der Autor dieses Briefs ist), des 1. und 2. Korin-
therbriefs, des Galater-, Epheser-, Kolosser- und
Philipperbriefs sowie des 1. Thessalonicher-

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Die Kopie einer Kopie einer Kopie ...

Die Herstellung von Papyrusblättern aus dünnen Schichten der Papyrusstengel.

briefs. Am Ende sind offensichtlich mehrere hin als früheste Erwähnung eines abgeschlosse-
Blätter verloren gegangen, die vermutlich den nen Kanons für das Neue Testament. Das Ver-
2. Thessalonicherbrief und vielleicht noch den ständnis der Paulusbriefe als „heilige Schriften“
Brief an Philemon beinhalteten. in 2 Petr zeigt allerdings, dass schon lange vor
Einige Forscher sind der Ansicht, bereits Mitte der Herausbildung eines anerkannten und ab-
des 2. Jh. nC seien auch die vier bekannten ka- geschlossenen Kanons für das NT bestimmte
nonischen Evangelien als geschlossene Samm- christliche Texte als heilig und verbindlich gal-
lung, als ein „vierfaches“ Evangelium, behan- ten. Sie waren schon früh „heilig“ in dem Sinne,
delt worden. Dennoch wurden sie im 2. und 3.
Jh. wohl noch vorwiegend als einzelne Codices
abgeschrieben. Der früheste erhaltene Manu-
skriptcodex aller vier Evangelien ist Codex Ches- Bereits Anfang oder Mitte des 2. Jh. wurden
ter Beatty P45, der paläographisch auf die Mitte
des 3. Jh. datiert wird. Interessanterweise finden
anscheinend in mehreren Großstädten wie
sich hier die Evangelien in der Reihenfolge Mt, Rom, Antiochia, Smyrna, Caesarea und Alex-
Joh, Lk und Mk, gefolgt von der Apg.
Irenäus von Lyon sprach sich Ende des 2. Jh.
andria christliche Schriften vervielfältigt
dafür aus, alle vier Evangelien, aber nur diese,
als heilige Schriften zu betrachten. Damit bestä-
tigte er wohl eine als geschlossen betrachtete dass sie als Teil des gemeinsamen Gottesdienst
Sammlung, die sich damals in verschiedenen verlesen wurden, auch wenn sich ein komplettes
Gemeinden durchsetzte. Neues Testament erst allmählich herausbildete
und ein Kanon noch später festgelegt wurde.
Der erste Versuch eines neutestamentlichen
Die Herausbildung des neutestament­ Kanons aber wurde schon im 2. Jh. von Marcion
lichen „Kanons“
© Marco Ossino/123rf.com

unternommen, einem frühchristlichen Lehrer,


Die 27 Schriften, aus denen der heute traditionel- der von der sich allmählich herausbildenden
le Kanon des Neuen Testaments besteht, wurden „Mehrheitskirche“ als Häretiker verurteilt wur-
zuerst im Jahr 367 in einem wichtigen Brief des de. Sein Kanon (womöglich bereits um 140 zu-
Bischofs Athanasius von Alexandria aufgezählt. sammengestellt) umfasste nur ein Evangelium
Diese Aufzählung gilt in der Forschung gemein- (wahrscheinlich eine Version des Lukasevan-

37
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welt und umwelt der bibel 4/2018
geliums) und zehn Paulusbriefe. Alle anderen
christlichen Schriften wie auch das gesamte Alte
Testament verwarf er (s. S. 29).
Im Gegensatz zu einem verbreiteten Missver-
ständnis ist der NT-Kanon also keine eng gefass-
Kodex oder Rolle?
te Auswahl an Schriften, sondern vielmehr das
Die Vorliebe der frühen Christen Ergebnis einer relativ inklusiven Haltung, die
zum Beispiel auch die unterschiedlichen und ei-
Anteil der Manuskripte der nander widersprechenden Aussagen über Jesus
Manuskript-Formen
unterschiedlichen Religionen in den vier Evangelien wie die ebenfalls unter-
schiedlichen und einander widersprechenden
2. Jh. nC
apostolischen Lehren in den Paulus, Jakobus,
Johannes, Petrus und Judas zugeschriebenen
christlich Blatt* nicht zuordbar
1,9 % jüdisch 6,9 % Schriften akzeptierte. Marcion dagegen hatte
Kodex 14,5 %
0,4 % sich an diesen Widersprüchen sowie auch am
4,9 %
vermeintlichen Spannungsverhältnis zwischen
alttestamentlichen und christlichen Schriften
derart gestoßen, dass er einen sehr viel kleine-
ren Kanon zusammenstellte.
Insgesamt stellt sich das Neue Testament in
seiner Endfassung als Ergebnis von Anordnun-
gen, der Verbreitung und des liturgischen Ge-
brauchs christlicher Schriften in den frühen Ge-
meinden während der ersten drei Jahrhunderte
klassisch griechisch-römisch Schriftrolle
97,7 % 73,8 % dar. Voraussetzung für diesen Prozess ist aber,
dass die heilige Texte mit ihren unterschiedli-
3. Jh. nC chen Gattungen von Anfang an im christlichen
Gottesdienst und im weiter gefassten religiösen
jüdisch Blatt Leben enorm wichtig waren. W
christlich Kodex 9,4 % nicht zuordbar
0,7 %
10,4 % 21,0 % 13,5 %
Lesetipps
• Harry Y. Gamble, Books and Readers in the Early
Church. A History of Early Christian Texts, Yale
University Press, New Haven 1995.
• Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts.
Manuscripts and Christian Origins, Eerdmans,
Grand Rapids 2006
• Michael J. Kruger, Canon Revisited. Establishing the
Origins and Authority of the New Testament Books,
klassisch griechisch-römisch Schriftrolle Crossway, Wheaton, Illinois 2012.
88,9 % 56,0 %

4. Jh. nC

christlich
38,6 % Kodex
jüdisch
62,78 %
1,8 % Prof. em. Dr. Larry W. Hurtado
war bis 2011 Professor für Neu-
testamentliche Sprache, Literatur
und Theologie an der University of
Edinburgh und Direktor des dortigen
Center for the Study of Christian
Origins. Zahlreiche Publikationen
zu frühchristlichen Themen, zuletzt
Blatt erschienen: Honoring the Son:
19,3 % Jesus in Earliest Christian
klassisch griechisch-römisch Schriftrolle
nicht zuordbar Devotional Practice (Lexham Press,
57,7 % 14,0 % Bellingham, WA 2018).
3,83 %
Quelle: * (alles, was nicht Teil einer Rolle
Leuven Database of Ancient Books oder eines Kodex ist, auch Ostraca etc.)
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Unser Neues Testament

Ein Text, den es gar nicht gibt?


Wer ein Neues Testament aufschlägt, liest eine
hypothetische Rekonstruktion des Bibeltextes.


Stammbaum einer
Bibelstelle Diagramm aller
Textzeugen zur Stelle Apg
3,13 und wie sie zusam-
menhängen müssten. a (=
Ausgangstext, ganz oben) ist die
Formulierung, die als Startpunkt der
Überlieferung rekonstruiert wird. Die Ziffern bezeichnen
Handschriften. Hinter „03“ verbirgt sich die Lesart im Codex Vaticanus aus
dem 4. Jh. Er zählt zu den wichtigsten Handschriften des Neuen Testaments.

V
on keinem der Bücher und Brie- als Ausgangstext. Er ist eine Hypothe- re These entstanden, dass jemand – ver-
fe im Neuen Testament ist eine se. Ausgangstext bedeutet, anzuneh- mutlich einer der bedeutenden Bischöfe
Handschrift aus dem 1. Jh. erhal- men, dass es diesen Text gegeben hat, – um 150 nC eine Urausgabe des Neuen
ten. Das bislang früheste Handschriften- er aber in keiner Handschrift erhalten Testaments von den Büchern „Evange-
fragment wird auf das Jahr 125 datiert. ist. Das CBGM will zum Startpunkt der lium nach Matthäus“ bis „Offenbarung
Die Schriften, die wir heute lesen, sind schriftlichen Überlieferung gelangen des Johannes“ erstellt haben muss, die
Übersetzungen von rekonstruierten grie- und diesen Startpunkt rekonstruieren. uns zwar nicht erhalten ist, aber nach-
chischen Texten. Was steckt dahinter? Der Startpunkt kann der Text eines Au- folgenden Handschriften als Vorlage
Das Institut für Neutestamentliche tors gewesen sein, es kann aber auch die diente.
Textforschung in Münster hat im Jahr Herausgabe eines Autorentexts durch Über die Jahrhunderte wurden die
2012 die 28. Auflage des griechischen einen Editor sein oder ein Archetyp für neutestamentlichen Texte in verschie-
Neuen Testaments herausgegeben, den eine Manuskripttradition. Das CBGM bil- denen Texttypen überliefert: alexandri-
sogenannten „Nestle-Aland“. Das ist die det die wissenschaftliche Grundlage, auf nischer, byzantinischer und sogenann-
aktuelle griechische Textgrundlage, mit der Entscheidungen für oder gegen eine ter „westlicher“ Texttyp. Erasmus von
der alle Forschenden arbeiten. Akribisch Textvariante begründet werden können: Rotterdam erstellte aus Vorlagen des
werten die Forscher des Instituts alle Welche ist verlässlicher, älter oder ver- byzantinischen Typs – auch als „Mehr-
verfügbaren Handschriften und Über- weist auf eine ältere Variante? heitstext“ bezeichnet – ein griechisches
setzungen des Neuen Testaments aus, Dabei dürfen die Forschenden nicht Neues Testament, das zur Grundlage
die seit dem 2. Jh. nC auf Papyrus und einfach auf die Häufigkeit einer Vari- für Martin Luthers Übersetzung wurde.
Pergament erstellt wurden – davon gibt ante hereinfallen, die dann immer häu- Diesen griechischen Text verbesserte
es mehr als 5000. Sie versuchen heraus- figer kopiert wurde, aber vielleicht einer und korrigierte man, und vom 17. Jh. bis
zufinden, wer von welcher Vorlage abge- „kontaminierten“ Vorlage folgt. Knifflig zum Ende des 19. Jh. wurde er als Textus
© Institut für neutestamentliche Textforschung

schrieben hat, wo sich Abschreibefehler wird es, wenn ein Textzeuge im Vergleich receptus, „der übernommene [und all-
eingeschlichen haben, wo Kopisten beim mit einem anderen Textzeugen ältere gemein akzeptierte] Text“, gedruckt; bis
Abschreiben eigene Interpretationen und zugleich jüngere Varianten enthält. dann um 1898 neue wissenschaftliche
– und seien sie auch minimal – einge- Oft fehlen die Links zwischen zwei er- Ergebnisse zum Vorgänger unseres heu-
tragen haben. Dabei entstehen ganze haltenen Kopien. Ziel ist, Überlieferungs- tigen „Nestle-Aland“ führten.
Stammbäume von Manuskript-Familien. strukturen zu finden, denn jedes Manu- Heute werden weltweit laufend neue
Diese Methode nennen die Münsteraner skript hat einen Vorgänger – oder speist Fragmente untersucht – und die Ergeb-
„Kohärenzbasierte, genealogische Me- sich aus zwei oder mehreren Quellen. nisse werden unser griechisches Neues
thode“ (CBGM). Damit rekonstruieren Dank der Textforschung ist unter Testament, zumindest in Details, immer
sie einen „Urtext“, richtiger benannt den Wissenschaftler/innen die belastba- wieder verändern! W (Helga Kaiser)

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welt und umwelt der bibel 4/2018 39
Jesus hat Aramäisch gesprochen – was folgt daraus
für die Lektüre und Exegese der Evangelien?

Die Muttersprache des Messias


Muss man die Evangelien ins Aramäische zurückübersetzen, um den O-Ton Jesu zu erhalten?
Das ist eine populäre Frage, die viele Bibellesende umtreibt. Denn in der Übertragung der aramäischen
Worte Jesu ins Griechische könnte der Sinn verschoben, gar verfälscht sein ...? Von Thomas Söding

H
at Jesus geträumt? Wenn, dann Aramäischen sind nicht ganz verwischt. sondern in der Volkssprache verkündet
auf Aramäisch. Hat er gebetet? Am bekanntesten ist der Gebetsruf Jesu: – so wie das Griechische der Evangelien
Sicher – und zwar auf Aramä- „Abba“. Markus verbindet ihn mit der auch nicht das der Klassik, sondern die
isch. Die Muttersprache ist die Lieblings- Erinnerung an das Getsemani-Gebet Koine der einfachen Leute ist.
sprache der Träume und der Gebete. Die (Mk 14,36). Paulus greift das Wort zwei-
Muttersprache Jesu ist Aramäisch. mal auf, um in einem griechischen Brief
einer griechischsprachigen Gemeinde Übersetzungskunst
die Muttersprache Jesu beizubringen, Alle aramäischen Sätze Jesu, die das
Sprachkenntnisse in der sie als Kinder Gottes, vom Heili- Neue Testament überliefert, werden
Aramäisch ist die erste Weltsprache der gen Geist inspiriert, so beten können, ins Griechische übersetzt: „Vater“ (Mk
Menschheitsgeschichte. Im Grenzbezirk wie Jesus seine Jünger zu beten gelehrt 14,36), „Mein Gott, mein Gott, warum
von Syrien und dem Irak aufgekommen, hat: „Abba, Vater“ (Gal 4,6; Röm 8,15). hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34 und
ist sie seit ca. 1000 vC bezeugt. Hebräisch Am Kreuz schreit Jesus nach Markus auf Mt 27,46), „Mädchen, ich sage dir, steh
und Aramäisch sind eng miteinander Aramäisch: „Eloï, Eloï, lema sabachta- auf!“ (Mk 5,41), „Öffne dich“ (Mk 7,34).
verwandt. Im Neuen Testament werden ni?“ (Mk 15,34; vgl. Mt 27,46). Die Getse- Ebenso steht es bei hebräischen Worten:
beide Sprachen kaum unterschieden. mani-Bitte und der Kreuzesruf sind die „Immanuel; das heißt übersetzt: Gott
Aber sie haben eine andere Geschichte; einzigen Gebete Jesu, deren Inhalt Mar- mit uns“ (Mt 1,23). Das Johannesevan-
sie lösen unterschiedliche Bilder aus, kus und Matthäus überliefern – beide gelium (1,38-42) beginnt wie ein elemen-
und sie werden verschieden gebraucht. Male auf Aramäisch: Der Hinweis auf tarer Einführungskurs in die biblischen
Hebräisch ist zur Zeit Jesu die Sprache die Sprache des Herzens Jesu ist klar. Sprachen: „Rabbi (das heißt übersetzt:
der Bibel, der Tora und der Propheten, Jesus hat gewöhnlich Aramäisch ge- Lehrer) … Wir haben den Messias gefun-
die Sprache der Psalmen und des Gottes- sprochen. „Talita kum!“, sagt er nach den (das heißt übersetzt: Christus) … Du
dienstes, auch die Sprache der Gelehrten, Markus der Tochter des Jaïrus, um sie wirst Kephas genannt werden (das heißt
die sich über die Auslegung der Schrift von den Toten aufzuwecken (Mk 5,41). übersetzt: Petrus)“.
und das mündliche Gesetz gestritten ha- Eine Reihe weiterer aramäischer Ein- Die Übersetzungen, die das Neue Tes-
ben, um dem Volk einen Weg zu weisen. zelwörter ist überliefert: vom Mammon tament bietet, haben einen doppelten
Das Volk spricht Aramäisch, auf dem (mamona) bis zur Hölle (géena), von Sinn: Sie lassen den biblischen Wort-
Land wie in der Stadt. Ein paar Brocken Kepha(s) bis zu sataná, dem Teufel, vom klang hören, mitten in der griechischen
Griechisch müssen alle können. Aber Pascha (transkribiert von pasḥa) bis Sprachwelt; und sie öffnen die aramäi-
in der Familie und bei der Arbeit wird zum raka, dem Blödmann, und mehr. schen Worte Jesu und seiner Jünger für
Aramäisch geredet. Teile des Alten Tes- Ob „Effata“ (Mk 7,34) hebräisch oder die weite Welt, in der das Evangelium
taments sind in dieser Sprache verfasst; aramäisch ist, ist strittig. verbreitet werden soll.
in Qumran haben sich aramäische Texte Die überlieferten Sätze und Worte sind Ausnahmslos alle Übersetzungen der
gefunden. Zur Zeit Jesu ist Griechisch die sprachlich mit dem palästinischen Tal- aramäischen und hebräischen Wendun-
lingua franca in weiten Teilen des römi- mud und den jüdischen Midraschim am gen im griechischen Neuen Testament
schen Imperiums geworden, aber Ara- engsten verwandt. Wiewohl diese Quel- sind philologisch korrekt. Das spricht
mäisch ist eine Weltsprache geblieben. len deutlich jünger als die Evangelien für gute Sprachkenntnisse an der jü-
sind, ist die Schlussfolgerung erlaubt, disch-christlichen Kulturgrenze, die oh-
dass Jesus das Westaramäische gespro- nedies durchlässig ist – sprachlich wie
Spurensuche chen hat, das seine Landsleute auch religiös.
Das Neue Testament ist auf Griechisch benutzt haben. Das Reich Gottes wird Freilich ist jede Übersetzung Inter-
verfasst worden. Aber die Spuren des nicht in einer heiligen Sondersprache, pretation. Keine Sprache entspricht ge-

40 welt und umwelt der bibel 4/2018


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nau einer anderen. In der Grammatik, wir in Versuchung geraten.“ In manchen Irren ist menschlich; Fehler sind in
im Tempussystem, im Satzbau und im populärwissenschaftlichen Büchern der Bibel nicht ausgeschlossen. Aber
Wortschatz unterscheidet sich das Grie- wird eine solche Überlegung schnell zur die Evangelien belegen nicht den gro-
chische tiefgreifend vom Aramäischen. Gewissheit – nicht nur beim Vaterunser, ßen Gegensatz zwischen semitischem
Die Übersetzung ins Griechische war sondern bei hundert anderen Worten, und griechischem Denken, sondern
notwendig. Wenn tatsächlich alle Völ- vorzugsweise in der Bergpredigt. Ein in die Fähigkeit, mit Gottes Wort Gren-
ker in ihrer Muttersprache die großen Deutschland populärer Vertreter dieser zen zu überschreiten. Die aramäischen
Taten Gottes verkündigen und verstehen Meinung ist Franz Alt. Diese These ver- Sprachinseln im griechischen Bibeltext
sollen, wie es das Pfingstfest verheißt, bündet sich gerne mit Verschwörungs- erinnern an die jüdischen Wurzeln Jesu;
musste dieser Anfang vom jesuanischen theorien nach dem Motto: Guter Jesus die griechische Sprache der Evangelien
Aramäisch ins neutestamentliche Grie- – böse Kirche. selbst steht für die Möglichkeit einer gu-
chisch gemacht werden – auf dass wei- Man muss aber klar unterscheiden: ten Übersetzung, die zu jeder Zeit und an
tere Übersetzungen folgen. Die Juden ha- Die theologischen Schwierigkeiten, die jedem Ort notwendig ist. W
ben es mit der Septuaginta vorgemacht,
der Übertragung der Hebräischen Bibel
ins Griechische. Ist das Aramäisch der syrisch-aramä- lekten gehört. Aufgrund der Bibelüber-
Die Übersetzung war aber auch ischen Christen heute noch dasselbe setzung und Liturgie ist der Dialekt von
schwierig, weil nicht nur die Ausgangs-, Aramäisch, das Jesus gesprochen hat? Edessa zur kanonischen Sprache des
sondern auch die Zielsprache erreicht Das Aramäische war zur Zeit Jesu sehr gesamten Syrischen Christentums ge-
werden musste und weil nicht nur die verbreitet, diente als Handels- und worden. Die noch gesprochenen Dialekte
Treue zu den alten aramäischen Tradi- diplomatische Sprache und hatte unter- von Maalula, Turabdin oder Nordirak
tionen bewahrt, sondern auch die Pas- schiedliche regionale Sprachvarietäten. unterscheiden sich sowohl voneinander
sung mit dem Griechisch der urchrist- Das Aramäisch von Galiläa gehört zu den als auch vom klassischen Syrisch.
lichen Katechesen, Bekenntnisse und westaramäischen Dialekten, während Diese Frage hat Prof. Dr. Aho Shemunkasho
Predigten gefördert werden sollte. das Syrisch-Aramäische der Dialekt von (Geschichte und Theologie des syrischen
Edessa ist (heutiges Sanliurfa in der Christentums, Universität Salzburg) für uns
Türkei) und zu den ostaramäischen Dia- beantwortet.
Haben die Evangelisten Jesus
falsch übersetzt?
Rekonstruktionsversuche Versuchungsbitte – und viele andere Je- Lesetipps
Zum wissenschaftlichen Standard der susworte – zu deuten, sind das eine; die • Holger Gzella, A Cultural History of Aramaic.
Exegese gehört die „Rückfrage nach Je- philologischen Fragen sind das andere. From the Beginnings to the Advent of Islam,
sus“. Ein wichtiger Aspekt ist die Plau- Sie müssen sine ira et studio geprüft wer- Leiden 2015.
sibilitätsprüfung: Kann Jesus das, was den – und dann, so oder so, die Ausle- • Stuart Creason, Aramaic, in: Rodger D.
in den Evangelien auf Griechisch über- gung bestimmen. Woodard (Hg.), The Cambridge Encyclopedia
liefert ist, auch auf Aramäisch gesagt Das Ergebnis ist aber ernüchternd für of the World’s Ancient Languages, Cambridge
haben? Die prinzipielle Antwort lautet alle, die Fehler und Fälschungen entde- 2004, 391–426.
in allen Fällen: Ja – wie die Bibeln in cken wollen. Überall dort, wo Nachprü- • Marius Reiser, Sprache und literarische
aramäischer (syrischer) Sprache und fungen sicher möglich sind, stimmen die Formen des Neuen Testaments. Eine Einfüh-
die Übersetzungen des Neuen Testa- neutestamentlichen Übersetzungen. Die rung, Paderborn 2001.
ments ins Hebräische beweisen. Aber ersten Jünger Jesu konnten Griechisch, Zum Spezialfall Vaterunser:
die kritischen Fragen gehen weiter. Hat die Evangelisten ein wenig Aramäisch • Thomas Söding (Hg.), Führe uns nicht
es womöglich bei der Übertragung aus und He­bräisch – gewiss nicht perfekt, in Versuchung. Das Vaterunser in der
dem Aramäischen ins Griechische Ver- aber ausreichend. Eine Übersetzung Diskussion, Freiburg i. Br. 2018.
änderungen gegeben, die faktisch Ver- ins Aramäische ist nicht grundlegend
fälschungen sind? Kann man sie auf dem anders zu beurteilen als eine ins Latei-
Prof. Dr. Thomas
Weg einer Rückübersetzung erkennen nische oder Deutsche. Es gibt immer ver- Söding lehrt Neues Tes-
und korrigieren? schiedene Möglichkeiten. Es kann nicht tament an der Universi-
Das jüngste Beispiel einer solchen angehen, eine bestimmte Übersetzung tät Bochum. Zahlreiche
Diskussion ist die sechste Vaterunser- als die einzig richtige auszugeben und Veröffentlichungen in
bitte: „Führe uns nicht in Versuchung“. von ihr aus die griechische Form als Feh- verschiedenen Feldern
Jesus hat seine Jünger dieses Gebet auf ler auszuweisen. Wie soll es methodisch der neutestamentlichen
Exegese von Ökumene
Aramäisch gelehrt. Seit hundert Jahren möglich sein, auf der Basis eines angeb-
bis zum interreligiösen
gibt es in der Forschung die Überle- lich verderbten griechischen Textes ein Gespräch. U. a. berät
gung, ob die Bitte, auf ein aramäisches angeblich reines Original zu destillieren er die Glaubenskommission der Deutschen
Original zurückgeführt, nicht eigent- und von ihm her den Ausgangstext als Bischofskonferenz und den Päpstlichen Rat für
lich gelautet habe: „Lass nicht zu, dass falsch zu demaskieren? Neuevangelisierung.

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welt und umwelt der bibel 4/2018 41
Hieronymus übersetzt die Bibel ins Lateinische

Ein exzentrisches Genie

© public domain

Caravaggios berühmter Hieronymus: Der Künst- sein Werk zurück und unter dem roten Mantel der Kirchen-
ler malt ihn 1608 als konzentrierten, fast besessenen würden kommt der asketische Mönch zum Vorschein, der
Schreibarbeiter – unablässig mit der Schrift beschäftigt, für Gott arbeitet. Bereits zwei Jahre zuvor hatte Caravaggio
inspiriert. Arm und Feder weisen auf den Totenschä- ein Hieronymusgemälde, heute in der Galleria Borghese in
del – jederzeit gedenkt er der eigenen Vergänglichkeit. Rom, geschaffen. Dieses Werk befindet sich in der Kon-
Hieronymus tritt trotz der strahlenden Erscheinung hinter kathedrale St. Johannes, Valletta, Malta.
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Im 4. Jahrhundert hatten lateinisch sprechende Bibellesende keine Ahnung, ob ihr
Text den griechischen oder hebräischen Text richtig wiedergab – die lateinischen
Übersetzungen wichen immer wieder voneinander ab und waren sprachlich nicht
besonders elegant. Doch dann kommt Hieronymus … und schafft jene Bibel, die
das Abendland für ein Jahrtausend prägen sollte. Von Dominik Markl

E
in ausgemergelter Greis, umwogt von Mit einigen GefährtInnen, darunter Paula (347–
dunklem Purpurtuch, mit angestrengter 404) und ihre Tochter Eustochium (ca. 368–419),
Stirn Schriften übergrübelnd, dunkel an- pilgerte er nach Palästina und zu den Mönchen
geglotzt von einem Totenschädel. Zu Füßen des der ägyptischen Wüste. Im Jahre 386 gründete er
Alten liegt ein Löwe – die Gestalt gewordene in Betlehem ein Frauen- und ein Männerkloster
Unbändigkeit seines Geistes. So oder so ähnlich – sein künftiges Lebenszentrum, wo auch die
bleiben uns die barocken Darstellungen des Hie- Übersetzungen der alttestamentlichen Schriften
ronymus vor Augen. Künstler wie Caravaggio ha- entstanden. Hieronymus starb vermutlich im
ben diesen Charakter in der Reife seines Lebens Herbst 419.
wohl treffend erfasst. Doch wie konnte Hiero- Betlehem, ein unbedeutendes Nest am äußers-
nymus, ein „kleines Menschlein“ aus der römi- ten Rand des Römischen Reichs, wählte Hiero-
schen Provinz, zu einem der größten Gelehrten nymus bewusst, um sich – ungestört vom Trubel
in der Geschichte des Christentums werden? der Großstädte und zugleich inmitten des Lan-
Welches Leben führte ihn in die wissenschaft- des der Bibel – der wissenschaftlichen Arbeit an
liche Askese in Betlehem? Was bewog ihn, die der Heiligen Schrift widmen zu können. Die von
lateinische Bibel nach den griechischen und he- ihm gegründeten klösterlichen Gemeinschaften
bräischen Quellen neu zu übersetzen, womit er
ein Grundlagenwerk für das Abendland schuf?
„Was das Lateinische angeht,
Ein asketischer Wissenschaftler so habe ich mein Leben
Um 347 nC in Stridon in Dalmatien geboren – nahezu von der Wiege an unter
vermutlich lag diese Kleinstadt unweit des heu-
tigen Rijeka in Kroatien –, verbrachte Hierony-
Grammatikern, Rhetoren und
mus seine Kindheit mit seinen wohlhabenden Philosophen zugebracht“
christlichen Eltern. Als Teenager jedoch genoss
(Hieronymus)
er eine gediegene Ausbildung in Rom. Besonders
das Studium bei Aelius Donatus, dem bedeu-
tendsten Experten für Grammatik seiner Zeit, boten dafür sowohl den asketischen Lebensrah-
muss prägend auf Hieronymus gewirkt haben; men als auch die akademische Infrastruktur.
linguistische Herausforderungen wurden zent- Der Gallier Postumianus, der ein halbes Jahr mit
ral in seinem intellektuellen Lebenswerk. „Was Hieronymus in Betlehem verbrachte, berichtet
das Lateinische angeht“, schreibt er, „so habe beeindruckt:
ich mein Leben nahezu von der Wiege an unter „Ständig ist er nur beim Lesen. Ausschließlich
Grammatikern, Rhetoren und Philosophen zuge- mit seinen Büchern beschäftigt, gönnt er sich
bracht“ (Vorwort zu Ijob). keine Pause, weder am Tag noch in der Nacht.
Bei einer Reise nach Trier, in die Residenzstadt Ständig liest oder schreibt er etwas.“
des Kaisers, lernte Hieronymus die asketische Hieronymus erwarb kontinuierlich neue Bü-
Lebensweise kennen, für die er sich in radika- cher und baute so eine der bedeutendsten Pri-
ler Weise entschied. Als junger Mönch lebte er vatbibliotheken seiner Zeit auf. Die finanziellen
sechs Jahre in Aquileja an der Adria. Dann aber Mittel, die er für seine akademische Arbeit be-
reiste er über Athen nach Osten, blieb mehrere nötigte, stellten ihm wohlhabende Gefährtinnen
Jahre in der Region des syrischen Antiochia und und Mäzene zur Verfügung. Sowohl mit ihnen
setzte seine exegetischen Studien für zwei Jahre als auch mit bedeutenden Gelehrten seiner
in Konstantinopel fort. Weitere drei Jahre (382– Zeit, wie Augustinus, unterhielt er briefliche
385) lebte er wiederum in Rom, wo er die Evan- Korrespondenz im gesamten Mittelmeerraum.
gelien neu übersetzte und adelige Christinnen Er leitete sein Kloster und hatte zusätzlich un-
am Aventin zum asketischen Leben motivierte. ter Krankheiten und den politischen Wirren der

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welt und umwelt der bibel 4/2018 43
Ein exzentrisches Genie

Zeit zu leiden. Dass Rom am 24. August 410 von wurden die Unterschiede zwischen den lateini-
Die Vulgata. den Westgoten erobert und zerstört wurde, hat- schen Versionen brisant. Als Arbeitsmittel zur
Ein Steckbrief: te Hieronymus „dermaßen aus der Fassung ge- Klärung von Textfragen ließ Origenes (185–254
• Vulagate bedeutet „die bracht, dass ich, wie ein bekanntes Sprichwort nC) in den 230er-Jahren in Cäsarea eine Monu-
allgemein Verbreitete“ (von sagt, nicht einmal mehr meinen eigenen Namen mentalausgabe des Alten Testaments herstellen,
vulgus, „Volk“): eine einheit- wusste; und so habe ich lange geschwiegen, die sogenannte Hexapla: In sechs Spalten stan-
liche lateinische Bibel für denn mir war bewusst: Das ist ‚eine Zeit für Trä- den nebeneinander der hebräische Konsonan-
alle. Den Namen erhält sie
nen‘ (Koh 3,4).“ Strenge Askese und absoluter tentext und mehrere Versionen des griechischen
erst im 16. Jh.
Einsatz für die intellektuelle Arbeit gingen bei Textes.
• 382 nC beauftragt Papst Hieronymus Hand in Hand. Als Hieronymus zum zweiten Mal in Rom lebte
Damasus I. Hieronymus mit
(382–385), beauftragte ihn Papst Damasus mit
der lateinischen Übersetzung
der Neuübersetzung der Evangelien und der
• Bei den Evangelien korri- Warum brauchte es eine neue Fassung Psalmen, vermutlich um einen einheitlichen
giert Hieronymus lateinische der lateinischen Bibel? Text für die Liturgie zu schaffen. Augustinus
Vorlagen am griechischen
Schon in den letzten drei vorchristlichen Jahr- (354–430), einer der bedeutendsten Theologen
Text entlang; bei den Briefen
und der Offenbarung ist
hunderten war die Hebräische Bibel von jüdi- seiner Zeit, klagte: „Die verschiedenen lateini-
seine Verfasserschaft nicht schen Gelehrten in Alexandria ins Griechische schen Bibelausgaben weichen in einem schier
sicher übersetzt worden – die sogenannte Septuaginta unerträglichen Ausmaß voneinander ab und
• Die hebräischen Bücher
(s. Beitrag von H.-J. Fabry). Diese Übersetzung lassen dermaßen den Verdacht aufkommen, im
des AT übersetzt Hierony- wurde von christlichen Schreibern teils bewusst Griechischen könnte etwas anderes dastehen,
mus aus dem Hebräischen. im Sinn christlicher Interpretation modifiziert dass wir regelrecht zögern, etwas daraus zu zi-
Weisheit, Sirach, Baruch und zunehmend als die autoritative Fassung tieren oder zu beweisen.“
und Makkabäer bearbeitet der alttestamentlichen biblischen Schriften ver- Hieronymus schreibt im Vorwort zur Überset-
er nicht wendet. Im 2. Jh. nC waren einige gelehrte Leser zung von Josua: „Bei den Lateinern gibt es so
• Ab dem 7./8. Jh. setzt sich unzufrieden mit den Unterschieden zwischen viele Ausgaben, wie es Handschriften gibt, und
die Bibel-Übersetzung des dem – inzwischen standardisierten – hebräi- jeder Übersetzer hat nach Belieben darüber ent-
Hieronymus im lateinischen schen Text und der griechischen Version. Theo- schieden, was seiner Meinung nach hinzuzufü-
Westen durch dotion und Aquila erarbeiteten Revisionen, die gen oder wegzulassen sei.“
• Sie bleibt die wichtigste den griechischen Text dem hebräischen näher Im Prolog zu Ijob stellt er fest, dass in den la-
Übersetzung bis zur Refor- anglichen. Symmachus bemühte sich in seiner teinischen Versionen viele Verse fehlten, sodass
mation Version um gutes Griechisch. „das verstümmelte, zerstückelte und erodierte
• Das Konzil von Trient Die ältesten lateinischen Übersetzungen wur- Buch den Lesern offen seinen schrecklichen
erklärt 1546 die Vulgata für den spätestens seit dem 2. Jh. nC auf der Basis Zustand präsentierte“. Eine Klärung des bibli-
die katholische Kirche als der kursierenden griechischen Versionen ange- schen Textes für lateinische Leser war also ein
verbindlich fertigt. Diese Übersetzungsarbeit war anonym dringendes Desiderat, dem jedoch Widerstände
und geschah unsystematisch, sodass – auf dem entgegenschlugen.
Hintergrund verschiedener griechischer Versi-

© Ryszard Paris/123rf.com, dave marzotto/fotolia.com, francescodemarco/fotolia.com


onen – entsprechend unterschiedliche lateini-
Veritas Hebraica? Äußere Widerstände
und innere Motivation
Es war damals wie heute: Wenn es um den Bibel-
„Ständig ist er nur beim Lesen. Ausschließ- text geht, den man von Kindheit an gewohnt ist,
lich mit seinen Büchern beschäftigt, gönnt er ist jede Veränderung schwer verdaulich. Kein
Wunder also, dass die von Hieronymus revidier-
sich keine Pause, weder am Tag noch in der ten Bibeltexte nicht überall auf Begeisterung,
Nacht. Ständig liest oder schreibt er etwas.“ sondern auch auf groben Widerstand stießen.
Hieronymus spricht das Problem in seinem Vor-
(Postumianus über Hieronymus) wort zur Übersetzung der Evangelien an:
„Welcher Gebildete – und für einen Ungebilde-
ten gilt dasselbe – wird nicht sogleich zu schimp-
sche Versionen entstanden, die in der modernen fen anfangen, wenn er meine Ausgabe zur Hand
Forschung unter der Bezeichnung „Vetus Lati- nimmt und feststellt, dass das, was er liest und
na“ zusammengefasst werden. Besonders wenn noch einmal liest, nicht den Geschmack ver-
es theologischen Streit gab oder wenn die litur- strömt, den er ein für alle Mal in sich eingesogen
gischen Texte plötzlich unterschiedlich klangen, hat? Ein Fälscher, wird man schreien, sei ich, ein

44 welt und umwelt der bibel 4/2018


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Ein exzentrisches Genie schreibt die Bibel des Abendlandes neu

Betlehem ist zwar der Pilgerort der Geburt Jesu, nachdenklich mit Stift und Buch auf einer Säule. Die Grotte
aber wenn die Vulgata eine Art Gedenkort hat, dann ist es ist Teil eines antiken Höhlensystems. In der Grotte erinnert
die Grotte des Hieronymus unter der Kirche St. Katharina in eine moderne Inschrift auch an die Frauen in Hieronymus’
Betlehem, die sich unmittelbar an die Umfassungsmauer der Umfeld. Ohne Paula und die anderen, ihre finanzielle und
justinianischen Geburtsbasilika anschließt. Im Innenhof der inhaltliche Unterstützung, wären die Übersetzungen wohl
franziskanischen Katharinenkirche steht der große Heilige nicht entstanden.
© Xxxxxxxxxxxxxxxxxxx

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Ein exzentrisches Genie schreibt die Bibel des Abendlandes neu

Reisen bildet: Lebens- und Arbeitsorte eines Weltenbürgers

Konstantinopel
Zwei Jahre exegeti-
sche Studien (380–
Trier Aquileja
382), er übersetzt
Sechs Jahre
Bei einer Reise nach zahlreiche Homilien Antiochia
Trier lernt Hierony- als junger Stridon des Origenes ins Mehrjähriger
mus die asketische Mönch Geburtsort,
Lateinische Aufenthalt
Lebensweise kennen um 348 ab 372

Rom
Ausbildung in den 360er-Jah-
ren und dreijähriger Aufent- Palästina und Betlehem
halt (382–385): Hieronymus ägyptische Wüste 386 gründet er ein Frauen- und
übersetzt die Evangelien wie Mit einigen Gefährt*innen, ein Männerkloster. Er übersetzt die
auch die Psalmen und motiviert darunter Paula (347–404) alttestamentlichen Schriften und
adelige Christinnen zum asketi- und ihre Tochter Eustochium andere griechische Kirchenwerke
schen Leben (ca. 368–419), pilgert Hiero- (Epiphanius, Dionysus, Theophilus,
nymus nach Palästina und zu Pachomius), schreibt biblische
den Mönchen der ägyptischen Kommentare, Traktate, Predigten,
Wüste Romane, etliche Briefe an Bekannte
im gesamten Mittelmeerraum ...
Hier stirbt er im Herbst 419
© fotolia.com

(Vgl. Übersicht in: Alfons Fürst, Hieronymus. Askese und Wissenschaft in der Spätantike, Herder ²2016)

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welt und umwelt der bibel 4/2018
Ein exzentrisches Genie

Frevler, da ich es wage, in den alten Büchern et- ständlich sind, bereiten manche, vor allem po-
was hinzuzufügen, zu ändern, zu verbessern!“ etische Texte, Übersetzern bis heute große Pro-
Bei der Übersetzung des Alten Testaments bleme. Eines der schwierigsten Bücher ist Ijob:
musste er für seine Orientierung am Hebräi- „Das ist gerade so, wie wenn man einen Aal oder
schen argumentieren, da die Septuaginta für eine kleine Muräne mit bloßen Händen packen
viele als göttlich inspiriert galt (vgl. S. 27). Eines und festhalten will: Je stärker man drückt, desto
der schlagenden Argumente für Hieronymus war schneller flutschen sie heraus“, schreibt Hiero-
dabei, dass sich einige alttestamentliche Zitate nymus. Und: „Ich weiß noch gut, wie ich, um
im Neuen Testament nicht in der Septuaginta dieses Buch zu verstehen, einen aus Lydda stam-
finden, wohl aber im Hebräischen. Wenn also menden Lehrer, der bei den Juden zu den erst-
schon die Apostel auf den hebräischen Text Be- klassigen zählte, teuer bezahlt habe.“ „Wenn du
zug nahmen, sollte dieser dann nicht der maß- meinst, in meiner Übersetzung sei mir irgendwo
gebliche sein? Im Prolog zur Übersetzung der ein Fehler unterlaufen, dann frage einen Hebrä-
Königsbücher spricht Hieronymus ausdrücklich er, wende dich an die Rabbinen in den einzelnen
von der „Wahrheit des Hebräischen“ (Hebraica Städten!“ (Prolog zum Pentateuch). Beim Buch
veritas), die er nicht verändert habe. Daniel musste sich Hieronymus sogar mit dem
Um Hebräisch zu lernen, war Hieronymus Aramäischen auseinandersetzen, aber dies-
auf Hilfe angewiesen. In frühen Mönchsjahren, bezüglich blieben seine Kenntnisse wohl eher
schreibt er, habe er das Hebräische von einem oberflächlich.
Juden erlernt, der Christ geworden war. Später Wenn es darum geht, seine Arbeit zu vertei-
konsultierte er unter anderen einen Juden na- digen, lernt man den streitbaren Charakter des
mens Baraninas, der nur nachts zu ihm zu kom- Hieronymus kennen. „Ich wundere mich also
men wagte. Während manche Erzählungen des nicht, wenn gegen mich kleines Menschlein dre-
Alten Testaments im Hebräischen nach ein bis ckige Schweine grunzen und Perlen mit Füßen
zwei Jahren Sprachstudium relativ leicht ver- zertreten, wo doch gegen die größten Gelehr-

Hieronymus muss sich entscheiden: Welche Textfassungen lagen ihm vor?

Verschiedene Vetus-Latina-Versionen

Septuaginta
Revisionen
(Überarbeitungen) der Septuaginta Hebräischer vormasoretischer
Standardtext
Hexapla („Sechsfache“)
des Origenes: eine Zusammenstel-
lung von 1. hebräischem Text, 2. griechi- Hebräische Varianten (?)
sche Umschrift des Hebräischen, 3. Revi-
sion des Aquila, 4. des Symmachus, 5. des
Theodotion, 6. von ihm selbst bearbeitete
Septuaginta (Origenes strich alles, was
über den hebräischen Text hinausging) Griechische Evangelien und Briefe

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ten Neid entbrannte“, schreibt er im Vorwort on leiten. Im Moselied (Deuteronomium 32)


zu seinen Untersuchungen zur hebräischen etwa gibt er „Fels“ als Metapher für Gott nicht
Sprache im Buch Genesis. „Hört also, meine wörtlich wieder, sondern ersetzt das Bild wie
bellenden Kritiker! Mit der Arbeit an diesem die Septuaginta mit „Gott“. Das Motiv konnte
wohl zu leicht mit Götzendienst in Verbindung
gebracht werden. Bei kleineren Büchern eher
am Rande des Kanons wählte Hieronymus eine
„Ein Fälscher, wird man schreien, sei sehr freie Form der Übersetzung. Im Vorwort
ich, ein Frevler, da ich es wage, in den zum Buch Judith etwa schreibt er, er habe das
Buch „mehr sinngemäß als wortwörtlich“ in
alten Büchern etwas hinzuzufügen, zu einer einzigen Nachtschicht übersetzt. Es
ändern, zu verbessern!“ (Hieronymus) handelt sich um eine freie Paraphrase der
unterschiedlichen ihm vorliegenden Textfas-
sungen.
Schon zu Lebzeiten des Hieronymus wurden
Buch verfolge ich nicht die Absicht, die alte seine Übersetzungen in verschiedenen Teilen
Übersetzung infrage zu stellen. Vielmehr soll- des Römischen Reichs kopiert. Vermutlich war
ten diejenigen Stellen, die in jener unklar sind, es Cassiodor, der sie im 6. Jh. zu einer Gesamt-
die fehlen oder die jedenfalls aufgrund von ausgabe der Bibel vereinigte. Im Neuen Testa-
Lesetipps Abschreibfehlern verderbt sind, durch meine ment bearbeitete Hieronymus mit Sicherheit
• Alfons Fürst, Hieronymus. Übersetzung klarer werden“ (Prolog zu Ijob). die Evangelien, die übrigen Schriften wurden
Askese und Wissenschaft Was motivierte Hieronymus zum intensiven teils nach ihm noch redigiert. Im Lauf des
in der Spätantike, Herder Bibelstudium? Im innersten Wesen war die Mittelalters setzten sich die Übersetzungen
²2016 (exzellente historische wissenschaftliche Arbeit für ihn eine spiritu- des Hieronymus durch, doch erst im 16. Jh.
Einführung, auf die sich der
elle Übung. In einem Brief schreibt er: „Kann wurden sie Vulgata genannt („die allgemein
vorliegende Artikel stützt,
es denn ein anderes Leben geben, eines ohne Verbreitete“, von vulgus, „Volk“). Während die
besonders bei den Zitaten,
s. Buchtipps).
Kenntnis der Bibel, durch die Christus erkannt Reformatoren Bibelübersetzungen in den Lan-
wird, der das Leben der Glaubenden ist? … An- dessprachen einführten, wurde die Vulgata in
• Uta Heil, Artikel „Hierony- dere mögen ihre Schätze haben, aus edelstein- der römisch-katholischen Kirche bis ins 20. Jh.
mus“, in: WiBiLex (erstellt: besetzten Pokalen trinken, sich in glänzende in der Liturgie verwendet, bis sich im Gefolge
Jan. 2009) www.bibelwissen- Seide kleiden, sich am Beifall des Volkes er- des Zweiten Vatikanischen Konzils auch hier
schaft.de/stichwort/21182/ freuen und so reich sein, dass keinerlei Luxus moderne Übersetzungen durchsetzten. Hiero-
ihren Reichtum schmälert! Unser Vergnügen nymus schuf eine der einflussreichsten Über-
• Michael Graves, „Vulgate“, ist es, Tag und Nacht über das Gesetz des Herrn setzungen der Bibel und eines der grundle-
in: A. Lange/E. Tov (Hg.), nachzudenken“, schreibt er in Anspielung auf genden kulturgeschichtlichen Monumente des
Textual History of the Bible:
den ersten Psalm. Auch das Übersetzen ist Abendlandes. Er kann zu Recht als Patron der
The Hebrew Bible. Volume
eine spirituelle Aufgabe. Im Vorwort zum Pen- Übersetzer gelten. W
1A: Overview Articles, Lei-
den: Brill, 2016, 278–289.
tateuch bittet Hieronymus seinen Auftraggeber
Desiderius um sein Gebet, „damit ich mit dem-
• Robert Weber/Roger selben Geist, mit dem die Bücher geschrieben
Gryson (Hg.), Biblica Sacra worden sind, diese in die lateinische Sprache
iuxta vulgatam versionem, übersetzen kann.“
Deutsche Bibelgesellschaft
5
2007 (lateinische Standard-
ausgabe). Ein Grundlagenwerk Prof. Dr. Dominik Markl SJ
des Abendlandes lehrt alttestamentliche Exegese
am Päpstlichen Bibelinstitut
Ungefähr zeitgleich mit die- In den zentralen Büchern des Kanons bemühte in Rom. Schwerpunkte in der
ser Ausgabe WUB erscheint
sich Hieronymus meist, nahe am Sinn des He- Arbeit des katholischen Pries-
erstmals eine Übersetzung
bräischen zu bleiben, wobei er sich aber einige ters und Jesuiten sind die fünf
der Vulgata ins Deutsche: Bücher Mose in ihren religi-
• A. Beriger/W.-W. Ehlers/
stilistische Freiheit nahm. Um im Lateinischen
ons- und rechtsgeschichtlichen
M. Fieger (Hg.), Biblia sacra besser zu klingen, erlaubte er sich Variation
Zusammenhängen sowie die
© www.interfoto.at

vulgata. Lateinisch und in Vokabular und Syntax, wo die hebräischen ethische und politische Wirkung
deutsch (Sammlung Tuscu- Texte zu Wiederholung und Gleichförmigkeit und Relevanz der Bibel. Für das Projekt „Biblia sacra vul-
lum), 5 Bände, Berlin 2018. neigen. An manchen Stellen ließ er sich auch gata. Lateinisch und deutsch“ (s. Lesetipps) übersetzte
(s. Buchtipps) von der griechischen Übersetzungstraditi- er das Buch Deuteronomium.

48 welt und umwelt der bibel 4/2018


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„Atta unsar thu in himinam ...“

Wulfilas Übersetzung
für die Goten
Der „kleine Wolf“ schafft in beeindruckendem Tempo
eine Bibelübersetzung – und erfindet nebenbei dafür
noch eine eigene Schrift.

E
ine der ganz frühen Bibel-Übersetzun- Sie zeigt den Stand eines
gen ist die des Wulfila („kleiner Wolf“ Stranges der Textüberlie-
oder „nach Wolfenart“, gest. 383 nC). ferung im Byzantinischen
In erstaunlichem Tempo hat er die Mission Reich um 350 nC. Das ist die
der Goten vorangetrieben und eine gesamte Zeit, in der der Codex Sinai-
Bibelübersetzung in einer Schrift geschaffen, ticus wie auch der Codex
die noch gar nicht existierte. Es gab nur die Vaticanus entstehen.
gotische (gesprochene) Sprache und die go-
tische Runenschrift, die sich aber nur dazu Welche Vorlage hatte
eignete, in Holz eingeritzt oder in Stein gemei- Wulfila? Nach Stand der
ßelt zu werden – und keinesfalls für ein litera- Forschung war es eine grie-
risches Monumentalwerk wie die Bibel. chische Fassung der Bibel. Dennoch könnten Der Codex Argenteus,
einige Lesarten auf die Vetus Latina zurück- eine Abschrift der Wulfila-
Im Alter von 30 Jahren wird Wulfila offiziell gehen. Interessant ist: Bei Wulfila fehlt die Bibel in gotischer Schrift,
in Antiochia zum Bischof für die bereits christ- Perikope von Jesus und der Ehebrecherin (Joh wurde wahrscheinlich im
lichen Westgotinnen und -goten geweiht, die 7,53-8,11) – wie auch in anderen sehr alten 6. Jh. in Ravenna, dem
südlich und nördlich der Donau siedelten, Handschriften, das heißt, seine Vorlage(n) damaligen Zentrum des Ost-
und zur Mission der noch nicht Getauften hatten die Geschichte nicht überliefert. „Wul- gotischen Reichs hergestellt.
ausgesandt. Für diese Aufgabe brauchte er – fila hat teilweise Varianten bewahrt, die nur Der Pracht-Codex wurde
so seine feste Überzeugung – eine Bibel. Er von marginalen Teilen der griechischen Über- vermutlich in einer Kathe-
wollte die Erzählungen der Schrift unbedingt lieferung bezeugt sind“, so die Literaturwis- drale ausgelegt, um staunen-
zugänglich machen. Wie die Vandalen, waren senschaftlerin Carla Falluomini (Perugia), de Menschen im Glauben zu
auch die Goten arianischen Bekenntisses, die „die gotische Version bezeugt an mehreren stärken, vielleicht in König
biblischen Bücher kannten sie nur teilweise Stellen alte Lesarten, die im Laufe der Über- Theoderichs Palastkirche
und konnten sie sich nur weitererzählen. So lieferung verloren gegangen sind.“ Und: „Bei oder in der Kathedrale von
beginnt Wulfila um 340/350 nC im Gebiet des der Untersuchung der Geschichte des Mehr- Ravenna. Der Codex heißt
heutigen Bulgarien zu arbeiten und zu über- heitstextes spielt daher die gotische Version „Silberbibel“, weil die Tinte
silbern schimmert; das Per-
setzen. Um eine Schrift für die gotische Bibel eine wichtige Rolle, da sie der älteste Bibel-
gament ist mit pflanzlichen
zu erschaffen, modifiziert er die griechischen zeuge aus einem unter byzantinischem Ein-
Pigmenten purpurfarben
Buchstaben und gibt ihnen eine Runenanmu- fluss stehenden Gebiet ist.“
eingefärbt. 1669 wird der
tung. Dass er ein Sprachgenie mit perfekten
Codex der Universität von
Griechisch- und Lateinkenntnissen gewesen Gestorben und begraben ist Wulfila in Kon-
Uppsala geschenkt und dort
sein muss, erklärt sich von selbst. Überliefert stantinopel. Er war 383 zu einer Besprechung befindet er sich bis heute.
ist eine Prachtausgabe, der Codex Argenteus dorthin gereist, um vor Kaiser Theodosius I. Er zählt seit 2011 zum
(„Silbercodex“). Es gab weitere Bibelausga- den Arianismus zu verteidigen. Heute würde UNESCO-Weltkulturerbe.
ben in gotischer Schrift, die aber allesamt im man sagen, Wulfila hat einen bedeutenden bi-
Laufe der Geschichte überschrieben wurden, belpastoralen Dienst geleistet. Seine Überset-
also zu Palimpsesten geworden sind. zung des Vaterunser erkennt man noch heute
© public domain

in der deutschen Fassung:


Aber natürlich ist die gotische Bibel auch „Atta unsar thu in himinam ...“ W
ein wichtiger Textzeuge für den Weg der Bibel. (Helga Kaiser)

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welt und umwelt der bibel 4/2018 49
Der Tisch eines jüdischen Die Feder, mit der eine Tora- Beim Schreiben werden Die letzte Zeile einer
Schreibers (Sofer) rolle geschrieben wird, soll Buchstaben zu heiligem Text Torarolle (das Buch
mit Anschauungsobjekten. keine Metallfeder sein, son- und nur fehlerfrei ist eine Devarim, Deuteronomi-
dern ein Schilfrohr oder eine Torarolle koscher, also gültig; um) darf immer nur drei
Für das Pergament einer Torarolle Tierfeder, denn aus Metall Fehler können notfalls mit hebräische Wörter ent-
dürfen nur Häute eines koscheren können auch Kriegswaffen dem Messer aus dem Perga- halten: ‫־ לעיני כל ישראל‬
Tieres verwendet werden. Die gebaut werden. Besonders ment gekratzt und verbessert le‘enej kol Israel: „vor
Tinte muss schwarz sein, zudem eignen sich Truthahnfedern. werden. den Augen ganz Israels“.
unlöschbar. Der Schreiber stellt Zudem konnten Metallfedern
seine Tinte selbst her, aus Granat- früher auch das Pergament
apfel und weiteren Zusätzen lässt beschädigen.
sich eine dauerhafte, wasserunlös-
liche schwarze Tinte herstellen.

50 welt und umwelt der bibel 4/2018


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Die jüdische Hebräische Bibel und das christliche Alte Testament

Verschlungene Wege
Judentum und Christentum – beide tragen die jüdischen heiligen Schriften weiter.
Die Wege verlaufen sehr unterschiedlich, aber sie treffen sich nach Jahrhunderten
in den mittelalterlichen hebräischen Codices wieder ...

K
ein Jota wurde verändert, seit Mose die Tora am der Reformation. Denn Martin Luther vertritt im Geiste
Sinai empfangen und aufgeschrieben hat – das der Renaissance die veritas hebraica und übersetzt aus
zumindest sagt die jüdische Tradition. Aber seit dem Hebräischen ins Deutsche. 1906 erscheint dann die
wann wurde wirklich „kein Jota mehr“ verändert? Im erste Hebräische Bibel in einem christlichen Verlag, in
2. Jh. nC fixierten jüdische Gelehrte ihre hebräischen Leipzig, die Biblia Hebraica Kittel (BHK). Sie gab in den
Traditionen und den Buchstabenbestand aller Buch- ersten Auflagen den im Judentum tradierten Bibeltext
rollen als Grundlage ihrer Identität und Theologie (s. wieder – einen von Jakob ben Chajim 1524 eingeführten
folgenden Beitrag von A. M. Boeckler). Bis dahin waren Mischtext, der aus Vergleichen verschiedener masoreti-
für manche biblische Bücher noch verschiedene hebrä- scher Handschriften die bestmögliche Textvariante er-
ische Versionen im Umlauf. stellt hatte; denn über die Jahrhunderte waren kleinere
Im 8. Jh. dann wurde es drängend wichtig, auch zu Abweichungen im Konsonantentext, in der Punktierung
sichern, wie man die Buchstabenreihen, im Hebrä- und in den Randbemerkungen entstanden.
ischen ausschließlich Konsonanten, aussprach, da Die christliche Ausgabe der Hebräischen Bibel wur-
sonst verschiedene Lesarten und Bedeutungen möglich de weiterentwickelt. Ab 1937 entscheidet man sich für
waren. Hier begann die geniale und akribische Arbeit den Codex Leningradensis als Textgrundlage der BHK.
der „Masoreten“, die uns heute in vielen Strichlein und Dies war der in Europa älteste erreichbare Text; vom
Pünktchen unter und über den hebräischen Buchsta- Codex Aleppo wusste man zwar, hatte aber keine Mög-
ben begegnet, ein ausgefeiltes System an Vokalzeichen lichkeit, ihn in Syrien zu studieren. Seit 1977 liegt die
und Betonungshilfen – das inspiriert war durch die ara- Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) vor. Die BHS bietet
bischen Grammatiker im Kalifat Bagdad, die den Kon- den masoretischen Text, möglichst genau so wie er im
sonantentext des Qur‘an ebenfalls mit Vokalzeichen Codex Leningradensis von 1009 zu finden ist, mit allen
versahen. Anmerkungen der Masoreten und Erläuterungen zu
Der älteste erhaltene „masoretische Text“ ist im Co- Textvarianten. Da die Textforschung seitdem aber große
dex Aleppo (um 930) erhalten. Er war jedoch lange Schritte gemacht hat, erscheinen seit 2004 laufend Fas-
nicht zugänglich und wurde im 20. Jh. beschädigt. Der zikel der BHQ, der Biblia Hebraica Quinta: Hier sind im
zweitälteste Text ist im Codex Leningradensis aus dem umfangreichen Apparat zusätzlich alle biblischen Frag-
Jahr 1009 nC erhalten. mente aus Qumran, der Codex Aleppo, wo er erhalten
Auf verschlungenen Wegen wird das Christentum zu ist, und Varianten in anderen Handschriften aufgeführt.
diesen beiden hebräischen Codices gelangen. Aber wie? In der Katholischen Kirche bleibt bis zum Zweiten
Vatikanum (1962–65) die Vulgata die offizielle Text-
grundlage für Übersetzungen und wissenschaftliche
Der lange Weg zum hebräischen Forschungen. Erst danach wird der masoretische Text
Text im Christentum auch in der katholischen Exegese maßgeblich.
Im Christentum ist von Anfang an die Septuaginta das Und welche ist die Textgrundlage im Judentum? Der
„Alte Testament“. Der Name „Altes Testament“ taucht heute übliche Text ist weiterhin der oben genannte Text
allerdings erst gegen Ende des 2. Jh. auf. Bis dahin wa- von Jakob ben Chajim, der im 16. Jh. entstand. Aber: In
ren die jüdischen Überlieferungen auch im christlichen den letzten Jahren benutzen jüdische Wissenschaftler
© Todd Bolen/BiblePlaces.com

Sprachgebrauch „die Schrift“ oder „Gesetz und Prophe- den Text des Codex Aleppo für ihre Forschungen.
ten“. Über Jahrhunderte wird das Alte Testament in den So verlaufen die Überlieferungslinien der heiligen
christlichen Kirchen in griechischer Septuaginta- und Schriften auf je eigenen Spuren. Die Arbeit der jüdi-
in entsprechender lateinischer Vulgata-Fassung weiter- schen Schriftgelehrten und Masoreten hat dabei für die
gegeben. Mit der Reformation allerdings zieht die Heb- christlichen Bibeln heute eine zentrale Bedeutung – als
räische Bibel ins Christentum ein – d. h. in die Kirchen ein Schatz, an dem sie teilhaben. W (hk/wub)

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welt und umwelt der bibel 4/2018 51
Wie Soferim und Masoreten den hebräischen Bibeltext sicherten

Buchstaben und Abstände,


Striche und Pünktchen

Im Text der Tora fallen Lücken und Abschnitte auf. Durch Spalte muss beispielsweise mit dem Satz „und die Kinder
1 Israels gingen auf dem Trockenen hindurch“ enden.
sie wird der Text gestaltet – und wo sie gesetzt werden,
ist ganz genau festgelegt. Ebenso ist festgelegt, welche Zudem kann man beobachten, dass jede Kolumne der Tora
Buchstaben man in die Länge ziehen darf, um eine Zeile ‫ו‬
oben rechts mit einem waw beginnt – bis auf genau fünf
auskommen zu lassen. Ausnahmen. Das Shirat haJam ist eine davon.
In der mittleren Kolumne steht das Shirat haJam, das Lied
der Israeliten nach dem Durchzug durchs Schilfmeer in Torarolle in aschkenasischer Quadratschrift, um 1270
Exodus 15: ein buchstäbliches Schrift-Bild! Wie das Lied entstanden, 48 m lang, 58 cm hoch. 86 Häute mit Sehnen
geschrieben wird, dafür gelten genaue Regeln. Die mittlere zusammengenäht, 257 Kolumnen. Privatbesitz.

52 welt und umwelt der bibel 4/2018


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Ab dem 2. Jahrhundert legten jüdische Gelehrte einen einheitlichen Text für alle Juden
fest, wo auch immer sie lebten. Denn es gab noch unterschiedliche Versionen. Sie fixier-
ten also den Buchstabenbestand der Bibel. In einem zweiten Schritt sicherten Gelehrte,
man nennt sie Masoreten, auch noch den Klang der Bibel, also ihre Aussprache und
Betonung. Dazu entwickelten die Masoreten ein faszinierendes Zeichensystem.
Von Annette M. Boeckler

D
ie Hebräische Bibel ist nicht Z., den hebräischen Bibeltext und legten hätte, diese Rolle für den liturgischen
bloß ein Text; sie ist ein wunder- einheitliche Schreibweisen fest. Damit Gebrauch unbrauchbar wäre. Außer-
schönes Kunstwerk. In einer To- grenzten sie sich von der griechischen dem helfen die normierten Lücken, eine
rarolle gibt es viel zu betrachten: große Septuaginta ab, von den griechischen Stelle in einer Rolle zu finden. Die offe-
und kleine Lücken im Text, große, klei- Rezensionen (vgl. Beitrag H.-J. Fabry), nen und geschlossenen Abschnitte der
ne, verzierte, ja sogar umgedrehte und von verschiedenen hebräischen Versio- Hebräischen Bibel sind übrigens nicht
zerbrochene Buchstaben. Jede Kolumne nen und schufen für alle Juden überall, identisch mit der im 13. Jh. d. Z. vom
beginnt mit demselben Buchstaben, ei- auch in den Diasporagemeinden rund Erzbischof von Canterbury eingeführten
nem Waw (‫)ו‬. Und alles, was man sieht, um das Mittelmeer, einen einzigen Text. christlichen Kapiteleinteilung.
sind uralte Traditionen: die Überlie- Einige Texte haben sogar sehr unge-
ferungen der Soferim – deutsch oft wöhnliche Regeln für die Platzierung der
„Schriftgelehrte“ – aus dem 2.–8. Schon die alten Ägypter Lücken. Schirat haJam (Exodus 15,1-19),
Jh. der Zeitrechnung. Das hebrä- das Lied der Israeliten nach dem Durch-
ische Wort Soferim (‫ )סופרים‬be-
und Babylonier hatten zug durch das Schilfmeer – also der erste
deutet ursprünglich „Zähler“, ähnliche, fast religiöse öffentliche jüdische Gottesdienst – muss
wie der Talmud erklärt: „Die so geschrieben werden, dass „Text über
Alten heißen deshalb ‚So-
Beziehungen zu Buch- Abstand und Abstand über Text“ steht
ferim‘, weil sie alle Buch- staben oder Texten (Meg 16b). Optisch entstehen so drei in-
staben der Tora zählten“ einander verzahnte Spalten (Abb. 1). Die
(Qid 30a). beiden äußeren Spalten enden mit dem
Die Liebe zu Buchstaben und Texten war hebräischen Wort für „Wasser“, die mitt-
nichts Ungewöhnliches in der Antike. lere Spalte mit dem Satz „und die Kinder
Der Text der Schon die alten Ägypter und Babylonier Israels gingen auf dem Trockenen hin-
Bibel: hatten ähnliche, fast religiöse Beziehun- durch“. Das letzte Lied, das Moses am
Die Traditionen gen zu Buchstaben oder Texten. Heute Ende der Tora singt, Schirat Ha‘asinu,
der Soferim alltäglich, aber dass man jeden Gedan- (Deuteronomium 32,1-44) hingegen soll
Im Althebräischen wur- ken fixieren kann, galt lange als eine „Text über Text und Abstand über Ab-
den – wie auch in den kanaa- wunderbare, geniale Erfindung. stand“ geschrieben werden. So entste-
näischen Sprachen der Umwelt der Bi- hen zwei Spalten und dieses Schriftbild
bel, z. B. Ugaritisch – nur Konsonanten erinnert an die beiden Tafeln, die Mose
geschrieben. Schrift war Erinnerungs- Lücken und Zeilenumbrüche am Sinai erhielt. Auch Richter 5,1-31 –
hilfe, nicht Informationsquelle. Wer wlt Als Bestandteil der Heiligen Schrift gel- Deborahs Lied – wird geschrieben wie
nd mwlt dr bbl sieht und weiß, dass es ten auch die Lücken im Text: Zeilenum- Ex 15 (Schirat haJam), denn der Text ist
eine Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bi- brüche (Petuchot, „offene Abschnitte“) die Prophetenlesung zu Ex 15 und 2 Sam
bel“ gibt, erinnert sich, was gemeint ist. und Lücken in einer Zeile (Setumot, 22,1-51, Prophetenlesung zu Dtn 32, wird
Als die Tora kanonisiert wurde, um 400 „geschlossene Abschnitte“). Die Frage, geschrieben wie Schirat Ha‘asinu.
v. d. Z., war die Umgangssprache jedoch wozu sie dienen, ist alt: „Warum wur- Bei Koh 3,2-8 („Alles hat seine Zeit“)
bereits Aramäisch. Erste Lesehilfen für den die Pisqot (Abschnittseinteilungen) und Esth 9,7-10 (Hamans Söhne am Gal-
das Hebräische entstanden. Die Konso- einführt? – Um Mose Zeit zu geben, zwi- gen) besteht jede Kolumne aus nur je ei-
nanten waw und jod wurden manchmal schen jedem Abschnitt und jedem The- nem Wort, durch einen großen Abstand
auch für die Vokale u, i oder e benutzt. ma nachzudenken zu können“ (Sifra zu getrennt. In Klagelieder 3 wird der Text
Einige Schreiber benutzten diese Le- Lev 1,1). Die Lücken untergliedern den immer wieder durch Setumot unterbro-
© courtesy Sotheby‘s

sehilfe, andere nicht. Sogar innerhalb Bibeltext in kleinere und größere Sinn­ chen. Da dieses Kapitel liturgisch mit
der Bibel selbst gibt es unterschiedliche abschnitte. Sie gelten als so wichtig, einer eigenen Melodie vorgetragen wird,
Schreibtraditionen. Die Soferim fixier- dass wenn eine Torarolle anstelle eines hilft dies dem Vortragenden bei der
ten in talmudischer Zeit, ab dem 2. Jh. d. offenen Abschnitts einen geschlossenen Textverteilung.

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welt und umwelt der bibel 4/2018 53
Wie Soferim und Masoreten den hebräischen Bibeltext sicherten

Einige Besonderheiten im Text der Tora und der Hebräischen Bibel

Die 22 Buchstaben der Tora Die 15 gepunkteten Wörter


und ihre Verzierungen
An 15 Stellen enthält der hebräische Text der Heiligen
‫ שעטנז גץ‬Sieben Buchstaben – schin, ajin, tet, nun, za- Schrift Wörter mit Punkten über oder unter Buchstaben:
jin, gimmel und tzadi – können in einer Torarolle Krönchen 10 in der Tora, 3 in den Propheten und eins in den Schrif-
tragen, das heißt drei kleine Linien, die mit dem Buchsta- ten. In Handschriften zeigen Punkte in der Regel an, dass
ben verbunden sein müssen, mit je einem kleinen Kringel dieses Wort ein Fehler ist und eigentlich gelöscht werden
oder Pünktchen auf ihnen oder an ihrer linken Seite. Man müsste. Einige Stellen gaben Anlass zu Deutungen im
nennt sie oft taggim. Man merkt sie sich mithilfe des Kunst- Midrasch, zum Beispiel solle man in Gen 33,4 nicht lesen
wortes scha‘atnez gatz. „er küsste ihn“, sondern „er biss ihn“.

‫ בדק חיה‬Sechs Buchstaben tragen nur einen Strich Gen 16,5 ‫„ ובנ ׄיך‬und deine Söhne“: Punkt über dem jod.
und ein kleines Häkchen: bet, dalet, qof, chet, jod und Ohne dieses jod hieße es: „und dein Sohn“
he. Auch sie merkt man sich mit einem Kunstwort: badaq Gen 18,9 ‫„ ׄאל ׄי ׄו‬zu ihm“: Punkte über alef, jod, waw
chaja. Übersetzt hieße dies „er prüfte das Tier“. Gen 19,33 ‫„ המ ׄוקבו‬und bei ihrem Aufstehen“: Punkt
über waw
‫ מלאכת סופר‬Die übrigen neun Buchstaben ohne Ver- Gen 33,4 ‫„ ׄו ׄיׄשׄקׄה ׄו‬und er küsste ihn“: ganzes Wort punk-
zierung ergeben die beiden hebräischen Wörter malachat tiert
sofer: Arbeit eines Schreibers. Gen 37,12 ‫„ ׄאׄת‬die“: ganzes Wort punktiert
Im aschkenasischen Judentum endet das ‫ ל‬lamed oben Num 3,39 ‫„ ׄוׄאׄהׄר ׄן‬und Aaron“: ganzes Wort punktiert
mit zwei kleinen Hörnchen. Num 9,10 ‫„ רחקׄה‬lang“: Punkt über he
Num 21,30 ‫„ אשׄר‬welches“: Punkt über resch
Fünf Buchstaben, ‫ ד ה ל ר ת‬können dazu benutzt wer- Num 29,15 ‫„ ועשר ׄון‬ein Zehntel“: Punkt über waw
den, Platz auszufüllen, damit auch der rechte Rand einen Deut 29,28 ‫„ ׄל ׄנ ׄו ׄוׄל ׄבׄנׄיׄנ ׄו‬uns und unsere Kinder“: beide
geraden Abschluss hat: Bei dalet, he, lamed, resch und Wörter punktiert
taw kann zu diesem Zweck der obere Balken beliebig lang
gezogen werden. In den Propheten ist an vier Stellen jeweils ein gesamtes
Wort punktiert: 2 Sam 19,20, Jes 44,9, Ez 41,20,
Ez 46,22.
In den Schriften gibt es ein Wort, das sowohl oben als auch
unten punktiert ist: Ps 27,13 „vielleicht“: Punkte über
Umgekehrte Nuns – rätselhaft!
allen Buchstaben und Punkte unter allen außer waw.
Neunmal enthält der Bibeltext ein Zeichen, das
wie ein umgedreht geschriebener Buchstabe nun
aussieht. Das Zeichen findet sich vor und nach Num
10,35-36 und siebenmal in Psalm 107: nach Vers 20, 21, Ungewöhnliche Buchstaben
22, 23, 24, 25 und 39. Der Talmud (Shab 115b-116a)
meint, Num 10,35-36 sei markiert, um zu zeigen, dass In Num 25,12 ist das waw in dem Wort
diese Verse nicht an der richtigen Stelle in der Tora stün- „shalom“ zerbrochen.
den. Doch der Kommentator Raschi meint, sie zeigten an, In Ex 32,25 and Num 7,2 findet sich ein „ver-
dass Num 10,35-36 ein eignes Buch ist, sodass dadurch bundenes qof“ (‫)ק‬, dessen senkrechter Strich in unge-
die Tora insgesamt sieben Bücher hätte. (vgl. Prov 9,1: wöhnlicher Weise mit dem oberen waagerechten Strich
„die Weisheit baute ihr Haus auf sieben Säulen“). Andere verbunden ist und das keine taggim (Verzierungen) hat.
vermuten, das Nun ahme ein Zeichen nach, das vielleicht In einigen Handschriften hat der Buchstabe pe
ursprünglich ein Schofar symbolisierte. manchmal in der Mitte eine Spirale.
Wie immer es sei, wir kennen den Grund nicht. Fakt ist, In Richter 18,30 hängt ein nun, in
dass in jeder Torarolle diese umgedrehten Nuns stehen und Psalm 80,14 hängt ein ajin, in Job 38,13 und 15 hängt
seit der Antike zu immer neuen Deutungen anregen. ebenfalls ein ajin. Niemand weiß, warum.

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Wie Soferim und Masoreten den hebräischen Bibeltext sicherten

Die Bibel hat auch einige hoch unge-


wöhnliche vorgeschriebene Petuchot,
also Zeilenumbrüche. In Gen 35,22
zum Beispiel endet die Zeile mit den
Worten: „und Israel hörte“. Es bleibt
GroSSe Buchstaben offen, was. Es geht in einer neuen Zeile
mit einem neuen Thema weiter. Ande-
Die Masoreten kannten 12 Stellen mit größer geschriebenen Buchstaben re Beispiele für Zeilenwechsel mitten
in der Tora. Die Zahl variiert jedoch heute in den verschiedenen Handschrif- im Satz sind Num 26,1 und Dtn 2,8.
ten. Es gibt sogar Rollen, die versuchen, alle 22 Buchstaben des hebräischen
Alphabets einmal groß erscheinen zu lassen. Die wichtigsten großen Buch-
Spezielle Buchstaben-
staben, die sich in der Regel in jeder Torarolle finden, sind die folgenden:
Schreibweisen
‫ בראשית‬Gen 1,1 : das große bet markiert den Beginn eines Buches Doch auch jeder einzelne Buchsta-
‫ והתגלה‬Lev 13,33 : das große gimmel markiert die Mitte der Tora in be hat seine Tradition. Die Soferim
Bezug auf die Wörter
sammeln, wie welcher Buchstabe ge-
‫ אחד‬
Deut 6,4 : das große dalet warnt, hier kein resch zu lesen,
schrieben und verziert wird. (Zu den
wichtigsten Schreibtraditionen siehe
ein Buchstabe der dem dalet in der Schrifttype der Tora ähnlich
Kästchen.)
sieht. Mit ‫ ד‬dalet heißt es: „Gott ist eins“. Mit ‫ ר‬resch würde es
Ein heutiger Toraschreiber – es gibt
heißen: „Gott ist ein anderer“
‫ה‬
‫ ליהיה‬Deut 32,6 : das große he ist ein Hinweis, dass das Folgende
übrigens auch Toraschreiberinnen
(Abb. 2) – kennt alle Regeln und Bräu-
als Frage zu verstehen ist
‫ו‬
‫ גח ז‬ Lev 11,42 : das große Waw markiert die Mitte der Tora in
che über Buchstaben, Textabschnitte,
Kolumnen und Seltsamkeiten. Aber er
Bezug auf die Buchstaben
‫י‬
kennt auch die Bestimmungen über
‫ גדל‬ Num 14,17 : der Vers leitet einen der beiden Aussprüche der Maße und Materialien der Rolle: Nur
Vergebung ein Pergament oder Leder eines kosche-
‫ל‬
‫ ויש כם‬Deut 29,27 : es ist unklar, was das große Lamed markieren soll ren Tieres dürfen verwendet werden.
‫ צר‬‫נ‬ Exod 34,7 : das Nun markiert einen der beiden Aussprüche Es gibt Bestimmungen für die Tinte.
der Vergebung Im Laufe der Zeit muss eine Torarolle
‫ן‬‫ משפט‬ Num 27,5 : ein Hinweis, hier die seltenere feminine Form zu immer wieder ausgebessert werden,
lesen denn Buchstaben verblassen, werden
‫ע‬ ‫ שמ‬ Deut 6,4 : das große ajin warnt, hier korrekt zu lesen braun oder beschädigt. Sie müssen
‫ר‬ ‫ אח‬ Exod 34,14 : eine Warnung, hier ein resch zu lesen, kein dalet. dann nachgezeichnet und ausgebes-
Hier geht es um das Wort „anderer“, nicht um das Wort „eins“ sert werden. Rabbi Meir erzählt im Tal-
mud: „R. Jischmael fragte mich: ‚Mein
Außerhalb der Tora kann ein großer Buchstabe den Beginn eines Buches Sohn, was ist deine Beschäftigung?‘ Ich
markieren (Prov 1,1, I Chron 1,1) oder den Beginn eines neuen Abschnittes erwiderte: ‚Ich bin Toraschreiber.‘ Da
(Koh 12,13). sprach er zu mir: ‚Mein Sohn, sei vor-
sichtig bei deiner Arbeit, denn sie ist
eine Gottesarbeit; wenn du nur einen
Buchstaben auslässt oder einen Buch-
staben zuviel schreibst, zerstörst du die
Kleine Buchstaben ganze Welt‘“ (Eruvin 13a).
Damit war also der Konsonantenbe-
Weniger häufig als große Buchstaben sind kleine Buchstaben. stand der heiligen Schriften fixiert. Wie
Ein kleines alef findet sich in Lev 1,1: ‫„ ויקרא‬Und er rief“, man die Worte aber aussprach und be-
tonte, war damit nicht geklärt.
ein kleines bet in Gen 2,4: ‫„ בהבראם‬als sie geschaffen wurden“,
ein kleines jod in Dtn 32,18 ‫ תשי‬: „du hast vergessen“ und in Num 25,10
‫„ פינחס‬Pinchas“, 2. Der Klang der Bibel:
ein kleines nun in Jes 44,14, Jer 39,13 und Prov 16,28, Die Masoreten
und ein kleines qof in Gen 27,46 : ‫„ קצתי‬ich verabscheue“.
Im 7./8. Jh. verändert sich der Orient.
© 2dmolier/fotolia.com

Mit der Entstehung des Islam kom-


men neue kulturelle Entwicklungen,
deren Einflüsse die Menschheit bis

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welt und umwelt der bibel 4/2018 55
Wie Soferim und Masoreten den hebräischen Bibeltext sicherten

2 heute prägen – eine davon und bedeutet ebenfalls „Zähler“. Es gab viele
ist die Sprachwissenschaft. Masoreten und die Anfänge ihrer Arbeit im 8. Jh.
Sie entstand, weil durch die liegen im Dunkeln. Die meisten von ihnen arbei-
Verbreitung des Islams die teten anonym, wie die Soferim der talmudischen
Reinheit und Klarheit des Zeit. Nur aus der letzten Generation kennen wir
Arabischen in Gefahr war. einige Namen. Die berühmtesten sind die Fami-
Der Qur‘an war im Dialekt lien Ben Ascher und Ben Naftali, Raw Pinchas
des Stammes Quraisch ge- und Mosche Moche.
schrieben, und um die Le- Eine Liste der Masoreten von Tiberias nennt
sung des Textes vor den Ein- sieben Generationen der Familie Ben Ascher.
flüssen anderer Dialekte zu Der erste Name dieser Familie ist Rabbi Ascher
schützen, wurde es wichtig, ha-saken ha-gadol, der im 8. Jh. wirkte, also zeit-
Aussprache und Vortrag ge- gleich mit Al-Khalīl, der den Qur‘an punktierte.
nau zu fixieren. Der Text des Der letzte Vertreter der Masoreten von Tiberias
Qur‘an – ursprünglich nur und zugleich der letzte der Familie war Aaron
mit Konsonanten geschrie- ben Moses ben Ascher. Er ist auch der berühm-
ben – war ohne diakritische teste. Die älteste erhaltene Bibelhandschrift, der
Zeichen oder Vokale, Aus- Aleppo-Codex (10. Jh. d. Z.), enthält eine Notiz,
sprache und Vortragsweise der Text sei von „Aaron ben Ascher aus Tiberias“
Der erste Satz ... waren nicht notiert. Diese „Erfindung“ schreibt persönlich punktiert worden. Ob dies tatsächlich
der ersten Torarolle in man dem Sprachgelehrten al-Khalil ibn Ahmad so war, ist heute umstritten, aber der Text folgt
Lateinamerika, die von al-Farahidi aus Basra (gest. ca. 786/787) zu. Al- der sehr akkuraten Tradition ben Aschers. Und
einer Frau geschrieben Khalīl tat also im 8. Jh. für den Qur‘an das, was die zweitälteste Bibelhandschrift, die zur Basis
wird. Toraschreiberin die Masoreten zeitgleich für die Hebräische Bi- der Biblia Hebraica Stuttgartensia wurde, der Co-
Rachel Reichardt, São bel taten (Abb. 3). Der Islam führte außerdem dex Firkowitsch B 19a aus dem Jahr 1009 – auch
Paulo, im Januar 2018. die von den Römern erfundene Form des Codex „Leningradensis“ oder „Petropolitanus“ genannt
auch für heiligen Schriften ein: die Pergament- –, wurde nach dem tiberischen System korrigiert.
seiten werden hier nicht zu einer langen, un- Während die Soferim sich also um die Schreib-
handlichen Rolle aneinandergenäht, sondern traditionen des Textes kümmerten, entwickelten
in Bögen aufeinander gefaltet; der Vorläufer des die Masoreten Regeln für die Aussprache und die
Buches entsteht. Seit dem 8./9. Jh. nimmt der Co- Syntax. Sie legen damit die ersten, noch simplen
dex über den Islam auch Einzug in die jüdische Grundlagen für die Grammatik der hebräischen
Kultur. Für einen Codex aber gelten die strengen Sprache, die sich dann zwischen dem 10. und 15.
Jh. im islamischen Kulturraum – beispielsweise
in Sura in Babylonien, Toledo, Córdoba, Sevilla
Ein heutiger Toraschreiber – es gibt übrigens auf der Iberischen Halbinsel – ausbildet.
Erhalten sind heute drei verschiedene masore-
auch Toraschreiberinnen – kennt alle Regeln tische Zeichensysteme.
und Bräuche über Buchstaben, Text- 1. Das babylonische System (erhalten in ara-
mäischen Targumhandschriften) benutzt For-
abschnitte, Kolumnen und Seltsamkeiten men von Buchstaben über den Konsonanten, um
Vokale anzudeuten.
2. Das palästinische System (erhalten vor
Regeln der Soferim für rituell genutzte Schrift- allem in Fragment-Funden poetischer Texte
rollen nicht. Der Text der Hebräischen Bibel in [Pijjutim]) benutzt Punkte und Striche über den
einem Codex ist daher kein sakrales Werk, des- Konsonanten.
halb kann man hier Zusätzliches hineinschrei- 3. Das tiberische System. Das System, das die
ben, wie Aussprache- und Betonungszeichen. Aussprache am detailliertesten festlegte und bis
In der Regel gab es einen Schreiber (sofer) für heute als einziges gilt, ist das tiberische. Es mar-
die Konsonanten, und einen „Punktierer“ (naq- kiert 12 unterschiedliche lange und kurze Vokal-
dan), der Vokale und Akzente für die Ausspra- laute mit Punkten und Strichen über und unter
© Annette M. Boeckler

che einfügte. Das Zeichensystem, das benutzt den Buchstaben. Mit Punkten und Strichen als
wurde und das bis heute gilt (aber eben nur in diakritischen Zeichen weist es – ähnlich wie
Büchern!), ist die Erfindung der sogenannten das Arabische – auf die harte Aussprache oder
Masoreten. Das Wort wird oft mit „Tradenten“ Nichthörbarkeit eines Konsonanten hin. Im Lau-
übersetzt, doch wahrscheinlich ist es aramäisch fe der Zeit entwickeln sich dann verschiedene

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Wie Soferim und Masoreten den hebräischen Bibeltext sicherten

ָ
Aussprachetraditionen und so kommt es, dass
aschkenasische Juden das Zeichen als „o“ la-
3

sen, sefardische Juden als „a“. Was die Masore-


ten im 8.–10. Jh. selbst sagten, wissen wir heute
leider nicht, denn Ton-Aufnahmen wurden viel
später erfunden als Vokalzeichen. Die moderne
israelische Aussprache geht übrigens auf die
spanisch-sefardische Aussprache zurück.
Außerdem sorgen 27 masoretische Interpunk-
tionszeichen, die sogenannten Ta‘amim oder
„Akzente“ für die logische Struktur der Sätze.
Die Formen dieser Akzent-Zeichen ahmen den
Ton des Vortrags nach, daher kann man ver-
muten, dass man am Ende einer Satzeinheit
oder eines Satzes die Stimme senkte, bei einer
nur kleinen Zäsur hob man sie an. Die Form der
Zeichen geht wahrscheinlich auf Handzeichen
zurück, mit denen einem Toraleser beim Vor-
trag geholfen wurde. Wer heute eine Hebräische
Bibel kauft, findet darin die Striche und Pünkt- Folio eines Qur‘an aus dem 8./9. Jh. mit roten Vokalzeichen.
chen, Häkchen und Wellenlinien der Masoreten Die Erfindung wird dem Sprachgelehrten al-Khalil ibn Ahmad al-
von Tiberias (Abb. 4 und 5). Farahidi aus Basra (gest. ca. 786/787) zugeschrieben.
Die Akzentuierung der Masoreten kann Aus-
wirkungen auf den Sinn eines Satzes haben. In dort bekanntlich nie viel Platz gibt, teilen sie
Jes 40,3 zum Beispiel akzentuieren die Masore- ihre Informationen über ungewöhnliche Wörter,
ten den Vers so: ungewöhnliche Schreibungen und ungewöhnli-
„Eine Stimme ruft /:/ In der Wüste – bereitet che Wortkombinationen in extrem abgekürzter
den Weg des Ewigen.“ Weise mit. Das klingt etwa so: Die Masoreten
Das stärkere Trennzeichen ist über dem Wort markierten das erste Wort in Ps 16,2 ְַָ֣‫„( ְּאמרת‬Ich
„Stimme“, das heißt, die Stimme befindet sich [König David] spreche“) mit einem kleinen Krin-
nicht in der Wüste, sondern „in der Wüste“ ist gel ° und schrieben an den Rand: ‫ – רכז של ל‬das
bereits das, was die Stimme ruft. Jüdische Kom- bedeutet buchstäblich, das Hebräische nachah-
mentare beachten bei ihrer Textauslegung die mend, etwa: „e sp maskulin“. Man muss die ara-
Akzentuierung der masoretischen Zeichen. mäischen Abkürzungen der Masoreten kennen,
Aber die Masoreten schufen nicht nur Vokale um zu verstehen, was sie sagen wollen, in die-
und Satzakzente. Sie zählten auch die Buch- sem Fall: einzigartig; sprachlich maskulin. Das
staben, Wörter, Sätze um sicherzustellen, dass bedeutet: Diese Form hier in Psalm 16,2, so wie
keines fehlte. Vor allem aber schufen sie die sie vokalisiert ist, ist überall sonst die 2. Person
„Masora“: Glossen, die auf Ungewöhnliches Singular feminin („du [Frau] sprichst“). Hier in
hinweisen, um Vortragsfehler zu vermeiden. Ps 16,2 aber ist es eine maskuline Form.
Die Masora qetanna, „Kleine Zählung“, findet Ausführlichere Informationen gibt die Maso-
sich an den Rändern neben dem Text. Weil es ra gedola, die „große Masora“. Sie steht nicht

4
Die 12 Vokalzeichen der Masoreten von Tiberias

Vokal
mit
Buch-
stabe
‫ַא‬ ‫ֶא‬ ‫ֵא‬ ‫ִא‬ ‫ָא‬ ‫ֹא‬ ‫ֻא‬ ‫אּו‬ ‫ְִא‬ ‫ֲא‬ ‫ֱא‬ ‫ֳא‬
‫א‬
chataf / chataf / chataf /
chiriq / cholam / qubutz / schuruq /
Name patach segol tzere qamatz schva chatef chatef chatef
© public domain

chirek cholem qibutz schureq


patah segol qamatz

Laut /a/ / / /e/ /i/ // /o/ /u/ /u/ / /, / / / / / /̆

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welt und umwelt der bibel 4/2018 57
Die Zeichen Textspalte im Codex Aleppo,
(Gen 10,25ff). Aaron ben Moses
der Masoreten ben Ascher soll den Codex persön-
lich im 10. Jh. punktiert haben.

5
Rafe: eine Linie über dem Konsonan-
Daggesch: ein Punkt zeigt in
ten zeigt seine Nichthörbarkeit an
sechs Konsonanten eine harte
Aussprache an
Ein Kringel über einem Wort weist
Meteq/Ga‘ja: Ein kleiner Strich auf eine masoretische Randglosse
unter der Silbe vor der Hauptbe- zu diesem Wort hin. Das bet ‫ב‬
tonung mit Punkt darüber bedeutet: 2
– diese Form, genauso geschrie-
ben, kommt in der gesamten
Maqef: Ein Bindestrich, der zwei
Heiligen Schrift nur zweimal vor
Wörter zu einer einzigen Toneinheit
verbindet. Er verhindert nach einem Masora qetanna, kleine Masora:
kurzen Wort das Aufeinandertreffen abgekürzte Informationen über
von zwei betonten Silben Besonderheiten am Rand

Sof pasuq: entspricht Satzende,


Stimme geht nach unten

Etnachta/Atnach: entspricht
Ein Punkt rechts auf dem Buch- Semikolon, die Stimme geht nach
staben markiert das schin, ein unten
Punkt links das sin

Zaqef qatan: enspricht Doppel-


Paschta: Ein trennendes Zei-
punkt, man erhebt die Stimme
chen, entspricht ungefähr einem
Komma

Mapach: Das Zeichen verbindet


das Wort mit dem Folgenden, das
Munach: Ein Zeichen, das das
mit einem senkrechten Strich
Wort eng mit dem folgenden
(Paschta) markiert ist.
Wort verbindet. Der Klang dieses
Zeichens passt sich immer dem
Klang des folgenden Zeichens an.

Tifcha (Sefardisch: Tarcha): Ein


musikalisches Zeichen, das eine
Darga: Es zeigt ein musikalisches grammatische Trennung anzeigt.
Motiv an, durch das dieses Wort (In West-Europa klingt es wie ein
mit dem nächsten inhaltlich Moll Dreiklang abwärts)
verbunden wird. (In Westeuropa ist
die Motivfolge: Dur-Dreiklang nach
unten, 2 Töne Dur-Tonleiter auf-
wärts und zurück zum Grundton)
Dies ist nur ein kleiner Teil des
Zeichensystems der Masoreten!
Eine komplette Übersicht, erstellt
© public domain

von Dr. Annette M. Boeckler und


Masora gedola, große Masora: freundlicherweise von ihr bereit-
längere Informationen unter oder gestellt, finden Sie auf
über dem Text www.bibelwerk.de/public/
masoreten.pdf

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Entdeckungen an einer Torarolle:
Auch wenn die Betonungshilfen und Vokali-
sierungen in der Rolle nicht vorhanden sind
(nur in Büchern), müssen alle, die die Tora
vorlesen, sie genauestens kennen.

an den Rändern, sondern unter oder über dem


Text, und dort gibt es viel Platz. Ein Beispiel: Zu Wer heute eine Hebräische Bibel kauft, findet
1 Kön 3,11 sagt die Masora gedola:
ָ
ִָ֖„‫( הבין‬havin, „die Einsicht“) fünf mal mit (Qa- darin die Striche und Pünktchen, Häkchen
metz). Weil du gebeten hast und die Hunde gierig und Wellenlinien der Masoreten von Tiberias
sind, so oft sie niederfährt, wird sie euch packen.
Die Weisheit des Klugen aber lässt ihn seinen Weg
verstehen. Seid nicht wie ein Ross, wie ein Maul- Tora in den Traditionen der Soferim und zusätz-
tier. Merkhilfe in Aramäisch: Hunde pflegen Rosse lich zum Klang der Tora mit ihrem ausgeklügel-
um Weisheit zu bitten.“ ten Interpunktionssystem der Masoreten auch
Worum geht es hier? – Der Masoret meint: An aktualisierende, heute verständliche Interpreta-
fünf Stellen in der Bibel wird das Wort „die Ein- tionen, also die sogenannte „mündliche Tora“,
sicht“ mit dem Vokal Qametz geschrieben. Da die die Werte der heiligen Schrift in zeitgemäßes
es damals noch keine Kapitel- und Versangaben praktizierbares Recht umsetzt. Das Judentum
gab, bezeichnet er die Verse durch ihre Anfänge. beschäftigt sich übrigens überwiegend mit dem
Wir würden heute sagen: In dieser Schreibweise Studium der mündlichen Tora (aufgeschrieben
kommt das Wort auch in 1 Kön 3,11; Jes 56,11; Jes in Mischna, Talmud, Midraschim, Rechtskodi-
28; 19; Prov 14,8 und Ps 32,9 vor. Damit man sich zes u. a.). Die Traditionen über die Buchstaben,
diese fünf Verse nun merken kann, erfindet der Lücken und Kolumnen der schriftlichen Tora
Dr. Annette M. Boeckler ist
Masoret eine Merkhilfe, einen lustigen Satz aus selbst sind jedoch bis heute Teil des Wissens
Fachleiterin für Judentum am
den Wörtern der Versanfänge. Dass man schon jedes Toraschreibers bzw. jeder Toraschreiberin Zürcher Institut für interreligi-
früh nicht immer verstand, was man in einer und die Ausspracheregeln der Masoreten gehö- ösen Dialog (ZIID). Bis 2017
Handschrift sah, zeigt die Tatsache, dass die ren zum Standardwissen der Toravorleser und Dozentin für Bibelauslegung
© R. Schonblum-Sampaio, 2018

Masora gedola im Mittelalter meist dazu benutzt -vorleserinnen. W und jüdische Liturgie am Leo
wurde, den Text zu verzieren – und wenn man Baeck College in London.
Autorin zahlreicher Werke
keinen weiteren Text mehr für das Ornament Lesetipps
zum Judentum, zuletzt von ihr
brauchte, dann bricht der Text abrupt ab. • Matti Friedman, Der Aleppo-Codex. Eine Bibel, der
erschienen: (Not) Last Words,
Das Ziel der Tora ist natürlich, dass sie gelebt Mossad und das Staatsgeheimnis Israels, Herder, 2012. in: Lawrence A. Hoffman, The
wird. Dazu braucht man zusätzlich zum Kunst- • Israel Yeivin, Introduction to the Tiberian Masorah, Closing of the Gates: N‘ilah,
werk der sorgfältig hergestellten schriftlichen Scholars Press, 1980. Turner 2018, S. 177–181.

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welt und umwelt der bibel 4/2018 59
Spiegelt die Überlieferung der Bibel ...

… nur Männer und


deren Sichtweisen?
Propheten, Gelehrte, Evangelisten, Paulus, Hieronymus, Ben Ascher, Luther und viele mehr:
Gehört die Bibel Männern, weil sie sie verfasst, abgeschrieben und ausgelegt haben?
Von Irmtraud Fischer

S
chon beim Lesen der Bibel wird diskriminierend ist, als dies davor ange- die Bibel gelesen, selbst wenn ihnen das
man den Eindruck nicht los: Die nommen wurde und die längste Zeit als verboten wurde. Sie haben dazu sehr ei-
Bibel handelt vorrangig von Män- „die Tradition“ vermittelt wurde. genständige Gedanken entwickelt und
nern, gibt vor allem deren Sichtweise Aber ist dieses Bild einer geschlossen frauenfeindliche Auslegungen nicht wi-
wieder, wurde nach Auskunft der Texte frauenlosen und frauenfeindlichen Tra- derspruchslos hingenommen.
nur von Männern verfasst und überlie- dition historisch korrekt? Im Dezember
fert. 2006 traf sich in Neapel eine Gruppe von
Liest man genauer, so finden sich al- über dreißig Frauen zur Startkonferenz Frauen haben immer die
lerdings zahlreiche Erzählungen, in de- von „Die Bibel und die Frauen“ (www.bi- Bibel gelesen
ren Zentrum Frauen stehen oder sogar bleandwomen.org). Dieses internationa- Auch wenn jener Traditionsstrom, der
die tragenden Figuren der Handlung le Großforschungsprojekt erarbeitet in bis in die Fünfzigerjahre des vorigen
sind. Ja, es gibt sogar Texte wie das Rut- 22 Bänden erstmals in der Forschungs- Jahrhunderts als der einzig existente
buch, das offenkundig aus der Perspek- geschichte eine biblische Rezeptionsge- hingestellt wurde, glauben machen will,
tive von Frauen geschrieben wurde und schichte von der Entstehung der Texte dass Frauen durch die Geschichte hin-
sogar Gesetze, die Männer als rechtsbe- bis heute mit Fokus auf Frauen- und durch nur in wenigen Ausnahmefällen
günstigt festlegen (wie das Leviratsge- die Bibel selber gelesen und ausgelegt
setz in Dtn 25,5-10), in einer Weise um- hätten, muss dazu betont werden, dass
deutet, dass sie Frauen dienen (vgl. z. B. Es gibt noch viele dies im Prinzip auch für Männer ge-
Rut 1,11-13; siehe dazu Irmtraud Fischer, unbearbeitete Archive golten hat: Des Lesens und Schreibens
Rut, HThK, Freiburg 22005). mächtig waren nur Mitglieder gebilde-
An dieser Thematik wurde in den von Frauenklöstern, die ter Bevölkerungskreise, die längste Zeit
letzten Jahren intensiv geforscht und so gewiss noch Interessan- vor allem Männer und (in manchen Zei-
mancher Text, der als Beschreibung ei- ten wie dem Mittelalter mehrheitlich)
nes patriarchalen Schlaraffenlandes be- tes zutage bringen Frauen der Oberschicht, aber auch im
kannt war, wie das sogenannte „Lob der Handel und in Rechtsgeschäften Tätige,
tugendsamen Hausfrau“ (Spr 31,10-31), Geschlechterforschung. Ziel dieses in die oft in Familienbetrieben organisiert
hat sich bei genauerer Lektüre als Kom- vier Sprachen publizierten Unterneh- waren und damit auch Ehefrauen und
pendium einer fähigen Leiterin eines mens, an dem am Ende über 300 Wis- Töchter zur Mitarbeit anhielten. Drei
international tätigen Handels-, Gewer- senschaftler/innen beteiligt sind, ist die Beispiele aus ganz unterschiedlichen
be- und Agrarbetriebes entpuppt (vgl. Klärung der Frage, ob es sich mit der Er- Epochen sollen dies im Folgenden ver-
Christine Roy Yoder, Wisdom as a Wo- forschung der Tradition ähnlich verhält anschaulichen.
man of Substance: A Socioeconomic Rea- wie mit der Lektüre der Bibel. Bei genau-
ding of Proverbs 1-9 and 31:10-31, BZAW erer Analyse einschlägiger Texte, bei der 1. Korrespondenz von Kirchenvätern
304, Berlin 2001). Nach einem halben Hebung von bislang ungesichtetem Ar- belegt Bibelauslegung von Frauen
Jahrhundert Frauen- und Geschlechter- chivmaterial und näherer Untersuchung
forschung an der Bibel kann man sogar von dem, was als offizielle Tradition Von Hieronymus, dessen Vulgata nicht
sagen, dass die Heilige Schrift weniger hingestellt wird, zeigt sich tatsächlich einfach eine neue lateinische Überset-
männerzentriert und weniger frauen- ein ähnliches Bild: Frauen haben immer zung aus den ihm vorliegenden Text­

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welt und umwelt der bibel 4/2018
traditionen der Hebräischen Bibel, der
griechischen Septuaginta und der Vetus
Latina, sondern vielmehr eine Inkul-
turation in seine Lebenswelt war, sind
die Briefe an Paula und deren Tochter
Eustochium erhalten. Sie belegen – wie
viele Briefe von Kirchenvätern an gelehr-
te Frauen (vgl. auch jene von Johannes
Chrysostomos an Olympias oder von
Gregor dem Großen an Theoktiste) – de-
ren gediegene Bibelkenntnis. Da solche
Korrespondenzen fast nie vollständig
überliefert wurden, sind ausschließlich
die Schriften der Männer zugänglich.
Diese sind, der literarischen Konvention
als Antworten geistlicher Väter auf Fra-
gen von seelsorglich betreuten Frauen
entsprechend, in belehrendem Ton ge-
halten und gehen daher freilich nur auf
einen Bruchteil dessen ein, was Frauen
(vermutlich) exegetisch geschrieben ha-
ben. Die Inspiration aus solchen geistli-
chen Korrespondenzen für das Werk der
jeweiligen Männer ist daher nicht hoch
genug einzuschätzen.

2. Christine de Pizan – eine mittelal-


terliche Kopistin und „feministische“
Exegetin Christine de Pizan in ihrer Schreibstube, rechts die Tugenden Prudentia,
Justitia, und Rectitudine. Buchmalerei aus dem 15. Jh. aus einer Ausgabe von
Im Mittelalter ist breite Bibelkenntnis vor „Die Stadt der Frauen“ (BN fr. 1177, Bl 3v). Bibliothèque Nationale, Paris.
allem in adeligen Frauenklöstern und
-stiften vorauszusetzen, da diese teils
umfangreiche, überaus wertvolle Biblio-
theken von in der Anschaffung immens „literarischen Bauarbeiten“ an der Stadt von Priestern Zugang zur Heiligen Schrift
teuren Handschriften besaßen. Nur bei der Frauen sind dazu angetan, ein neues haben. Ein Theologiestudium war für
franziskanisch orientierten Frauenklös- Jerusalem zu konstruieren, erbaut aus das weibliche Geschlecht bis nach dem
tern, die in völliger Armut lebten, ist da- lauter Edelsteinen, die allesamt Frauen 2. Weltkrieg ohnehin nicht vorgesehen,
her die Kenntnis der Heiligen Schrift nur aus der Geschichte, viele davon auch aus Bibelauslegung durch Frauen war daher
über Predigt und Liturgie, nicht jedoch der Bibel, symbolisieren. (Nachzulesen weder erwünscht noch erlaubt.
aus eigener Lektüre anzunehmen. in: Christine de Pizan, Das Buch von der Wenn man deswegen meint, dass Ka-
Aber auch bürgerliche Frauen konnten Stadt der Frauen. Aus dem Mittelfranzö- tholikinnen die Bibel nicht gelesen hät-
lesen und schreiben, wie etwa Christine sischen übersetzt, mit einem Kommentar ten, geht man in die Irre. Es gibt noch
de Pizan (ca. 1364–1430) bestens belegt, und einer Einleitung versehen von Marga- viele unbearbeitete Archive von Frauen-
die von der Herstellung von Handschrif- rete Zimmermann, München 41995.) klöstern, die gewiss noch so Interessan-
ten ihre gesamte Familie ernähren konn- tes zutage bringen wie die Entdeckung
te. Sie kopierte jedoch nicht nur, sondern 3. Eine Nonne kommentiert im 19. Jh. durch Adriana Valerio, die einem voll-
verfasste eigene Werke, wie etwa das zu die gesamte Bibel ständigen Bibelkommentar der Maria
ihrer Zeit weit verbreitete und berühmte Carmela Ascione auf die Spur kam. Die
Buch „Die Stadt der Frauen“, in dem sie 1550 wurden durch eine Instruktion des Klosterfrau verfasste von 1836–1865 in
exegetisch gegen misogyne Bibelaus- Trienter Konzils Bibeln in der Volksspra- Neapel 45 Bibelkommentare, konnte die-
legung argumentiert und dabei viele che für Nonnen auf den Index der verbo- se durch die Unterstützung ihrer Beicht-
Gedanken in Bezug auf egalitäre Men- tenen Bücher gesetzt. Die gottgeweihten väter auch publizieren, da sie offenkun-
© public domain

schenschöpfung zu Papier brachte, die Frauen sollten – als Reaktion auf die dig interessierte Leserinnen und Leser
erst in der feministischen Exegese der leichte Verfügbarkeit der Bibel in refor- fand. Die Textgrundlage, auf die sie sich
letzten Jahrzehnte wiederkehrten. Ihre mierten Kreisen – nur unter Anleitung stützte, war die zweisprachige Bible de

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welt und umwelt der bibel 4/2018 61
Hier steht vorerst ein blindtext Büchertipps

Port-Royal, die den Text in Latein mit Es ist also durchaus nicht so, dass
einer französischen Übersetzung bot. erst seit Kurzem Frauen die Bibel Hieronymus – Askese und
Aufgrund des Lehrverbots für Frauen lesen und auslegen. Sie waren am Wissenschaft in der Spätantike
benutzte sie die mittelalterliche Form Prozess der Rezeption von deren Ab- Wer immer gedacht
der Mystikerinnen und deklarierte fassung an beteiligt, aber ihr Anteil haben sollte, dass
ihren vollständigen Bibelkommentar daran wurde entweder unter dem „der heilige Hierony-
als fortlaufende Eingebung Jesu. Namen von Männern, die ihre Ide- mus“ langweilig
Die um die Mitte der Neunziger- en (aus)nutzten, überliefert, in ihrer oder unsympathisch
jahre desselben Jahrhunderts publi- Epoche viel gelesen, aber auch heiß klingt, wird durch
zierte Woman’s Bible von Elizabeth bekämpft, oder häufig auch zum dieses Buch vom
Cady Stan­ton war also beileibe nicht Schweigen und Vergessen gebracht. Gegenteil überzeugt.
die erste Bibelkommentierung durch Viel Forschung steht noch an, um den Der Münsteraner
eine Frau. Sie war insofern aber neu, weiblichen Anteil an der Geschich- Professor für Alte
als sie mit 26 weiteren Frauen die te sichtbar zu machen, damit diese Kirchengeschichte spiegelt in Hieronymus’
Heilige Schrift unter dem Aspekt der nicht nur die Hälfte des Ganzen, den Leben spannende Jahrzehnte der Formie-
frauenbefreienden bzw. frauenunter- männlichen Teil, sondern die gesam- rung der jungen Kirche, ihrer Theologie
drückenden Wirkung der Texte las. te Auslegungstradition wiedergibt. W und des Mönchtums. In rund 100 Seiten
Prosopografie führt er vor Augen, wie stark
Hieronymus (347–419) in einem Bezie-
hungsgeflecht stand, das sich über den
Lesetipps ganzen Mittelmerraum erstreckte. Damit
Das auf 22 Bände angelegte internationale und interdisziplinäre Projekt kommt man nicht nur Hieronymus nahe,
„Die Bibel und die Frauen. Eine exegetisch-kulturgeschichtliche sondern allen, mit denen er in Kontakt
En­zy­klopädie“ geht der Auslegungsgeschichte der Bibel nach mit stand! In ausgewählten Originaltexten
dem Ziel, eine Rezeptionsgeschichte der Bibel, konzentriert auf bib- (lateinisch-deutsch) – Briefe, Homilien u.
lische Frauenfiguren und auf Frauen, die durch die Geschichte hin- a. – wird Hieronymus mit seinen vielfältigen
durch bis heute die Bibel auslegten, zu präsentieren. Im Zentrum des Begabungen als Literat, Wissenschaftler
Interesses stehen unter anderem literarische Frauenfiguren der Bibel, und Sprachgenie greifbar. Dem Autor ist es
Frauen, die in bestimmten Epochen und Auslegungstraditionen die Bibel interpre- gelungen, dass Geschichte am konkreten
tierten, oder Frauen, denen biblische Texte oder deren Auslegung zugeschrieben Menschen Hieronymus nachhaltig lebendig
werden. wird.
Herausgeberinnen der Reihe (Bezeichnung: BuF) sind die Exegetinnen und Histori- Alfons Fürst, Hieronymus. Askese und Wis-
kerinnen Irmtraud Fischer (Graz), Mercedes Navarro (Madrid), Adriana Valerio (Nea- senschaft in der Spätantike, Herder, 2. Aufl.
pel) und Christiana de Groot (Gran Rapids, Michigan, USA). 2016, ISBN 978-3-451-31144-4, 448 S.,
39,99 EUR.
Folgende Bände des Projekts empfehlen sich zur Vertiefung dieses Beitrags:
• Kari Elisabeth Børresen/Emanuela Prinzivalli (Hg.), Christliche Autoren der Antike, Torarolle –
BuF 5.1, Stuttgart 2015. Arbeitshilfe für Schriftlehrlinge
• Kari Elisabeth Børresen/Adriana Valerio (Hg.), Frauen und Bibel im Mittelalter. Die Broschüre ist eine kreative Grundlage,
Rezeption und Interpretation, BuF 6.2, Stuttgart 2013. um eine Torarolle zu entdecken, in Schu-
• Elisabeth Schüssler-Fiorenza/Renate Jost (Hg.), Feministische Bibelwissenschaft le oder Bildungsarbeit. Kurz und knapp
im 20. Jahrhundert, BuF 9.1, Stuttgart 2015. werden Entstehung, Besonderheiten und
• Valerio, Adriana, Biblische Inspirationen im Transformationsprozess der religiösen Schreibregeln erläutert.
Frauengemeinschaften Italiens im 19. Jahrhundert, in: Michaela Sohn-Kronthaler Franz Kogler (Hg.), Torarolle – Arbeitshilfe
und Ruth Albrecht (Hg.), Fromme Lektüre und kritische Exegese im langen 19. für Schriftlehrlinge, Bibelwerk Linz, 2. Aufl.
Jahrhundert, BuF 8.2, Stuttgart 2014, 145–161. 2016, 20 S., 3,– EUR (www.bibelwerk-linz.at)

Biblische Textforschung
Prof.in Dr. Dr. h.c. Irmtraud Fischer lehrt alttesta- Die Broschüre zum kostenlosen Download
mentliche Bibelwissenschaft an der Universität Graz. ist ein guter Einstieg in die Geschichte, die
Vielfältiges Engagement in der genderspezifischen Ziele und die Arbeitsweise biblischer Text-
biblischen Forschung. Vor Kurzem von ihr herausge- forschung des AT und NT.
geben (zusammen mit Volker Leppin): Streit um die
Biblische Textforschung – Einführung in die
Schrift, Jahrbuch für Biblische Theologie 31 (2016),
wissenschaftlichen Ausgaben der Deutschen
Neukirchen-Vluyn 2018.
Bibelgesellschaft, DBG 2008, www.die-bibel.
de/media/articles/pdf/6038_dokument.pdf

62 welt und umwelt der bibel 4/2018


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Büchertipps

Biblia sacra vulgata Septuaginta Deutsch


Eine deutschsprachige Ausgabe der Die Septuaginta ist Weltliteratur, bedeu-
Vulgata tende Grundlage des Christentums
Ungefähr zeitgleich mit dieser Ausgabe – und vielleicht lohnt es sich, ihren
von WUB erscheint eine erste umfassende Klang zu versuchen? Den Klang
deutschsprachige Ausgabe der Vulgata. Rund des hellenistischen Judentums und
40 Übersetzer/innen haben in sieben Jahren zugleich den Klang des Alten Testa-
ein fünfbändiges Werk von rund 5.000 Seiten ments in den heutigen orthodoxen
geschaffen. Herausgeber sind der Alttesta- Kirchen ... Dieses Mammutwerk
mentler Michael Fieger von der Theologischen stellt man sich kaum ins Buchre-
Hochschule Chur, der Berliner Philologe Widu-Wolfgang Ehlers gal – dass aber das Textwissen um
und der Zürcher Übersetzer Andreas Beriger. die Septuaginta erforscht, zusammengefasst,
Da die „Vulgata“ teilweise entscheidend von den Bibeltexten gesichert und der Text nahe am Griechischen ins Deutsche
abweicht, die heute als maßgebliche hebräische und griechische übersetzt ist, ist eine kulturgeschichtliche Leistung.
Grundtexte gelten, bietet sie wichtige Einblicke in die Theologie Wolfgang Kraus/Martin Karrer u. a. (Hg.), Septuaginta Deutsch.
der Spätantike und des Mittelalters. Mit der Ausbreitung des Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung,
Christentums im Römischen Reich setzte sich das Lateinische als Deutsche Bibelgesellschaft , 2. Aufl. 2009, ISBN 978-3-438-
Verkehrssprache im Westen gegenüber dem Griechischen durch. 05122-6, 1507 S., 64,– EUR.
So entstand eine Vielzahl recht unterschiedlicher, oft ungenauer
und bis dahin von der Kirche nie autorisierter lateinischer Bibel- Von den Schriften zur Heiligen
übersetzungen, die man zusammengefasst Vetus Latina nennt. Schrift
Diese Bibelschwemme wurde im 4. Jh. gestoppt, als die Vulgata „Schrift“ bedeutet das Zeichensystem zum
ihren Anfang nahm. Sie ist derjenige lateinische Bibeltext, der die Schreiben, aber auch die „Heilige Schrift“.
Fülle der Vetus Latina abgelöst hat. In Kanaan entwickelte man ab ca. 2000 vC
Die neue Übersetzung der Vulgata ist dokumentarisch angelegt, die Schriftform des Alphabets, in der auch
das bedeutet, der Wortlaut des Hieronymus wird so genau wie die Tora verfasst ist. Die Zusammenhänge
möglich in deutscher Sprache wiedergegeben. Auf diese Weise sei zwischen Sprachen, Schriftsystemen, my-
auch all jenen die Möglichkeit gegeben, die Vulgata zu analysie- thischen Weltdeutungen und den Heiligen Schriften in Islam, Ju-
ren, die nicht gut genug Latein beherrschen, um Originaltexte dentum und Christentum werden mit Objekten der Sammlungen
lesen zu können, so Michael Fieger. Die Biblia sacra Vulgata BIBEL + ORIENT in Fribourg illustriert und so zu einer Verständ-
Lateinisch-Deutsch kann ein Instrument sein, die Kommunikation nisbrücke zwischen Kunst, Geschichte und Theologie.
der verschiedenen Kulturen der Antike über die Sprache zu verste- Hans Ulrich Steymans/Thomas Staubli (Hg.), Von den Schriften
hen. Mehr: www.projekt-vulgata.ch zur (Heiligen) Schrift, Katholisches Bibelwerk e.V. 2012,
Andreas Beriger/Widu-Wolfgang Ehlers/ Michael Fieger (Hg.), Biblia ISBN 978-3-940743-76-3, 176 S., 29,– EUR.
sacra vulgata. Lateinisch und deutsch (Sammlung Tusculum),
5 Bände, Begründet von Hieronymus, De Gruyter 2018, Die Bibel und ihre
ISBN 978-3-11-044044-7 je Band ca. 900 S., 79,90 EUR. Übersetzungen
Nach langer Vorarbeit erschie-
nen im Herbst 2016/Frühjahr
Das Zeichensystem der Masoreten 2017 zwei große kirchliche
Eine komplette Übersicht, erstellt von Dr. Annette M. Boeckler Bibelübersetzungen in einer
und freundlicherweise von ihr bereitgestellt, finden Sie unter: revidierten Fassung – die
www.bibelwerk.de/public/masoreten.pdf Einheitsübersetzung und die
Lutherbibel. Drei Hefte der
Zeitschrift „Bibel und Kirche“
widmen sich dem Thema „Übersetzungen“.
Zwei Hinweise Bibel und Kirche 2/17, Die neue Einheitsübersetzung,
ISBN 978-3-944766-15-7, 7,90 EUR.
Alle lieferbaren Bücher Publikationen aus dem
Bibel und Kirche 1/17, Martin Luther und seine Bibel,
können Sie ­­­­bestellen bei ­­Katholischen Bibelwerk e.V. ­­
bibelwerk impuls können Sie bestellen unter ISBN 978-3-944766-14-0, 7,90 EUR.
Tel. 0711-6 19 20 37 Tel. 0711-6 19 20 50 Bibel und Kirche 1/14, Übersetzen – üb’ ersetzen!
Fax 0711-6 19 20 30 Fax 0711-6 19 20 77 Bibelübersetzungen unter die Lupe genommen,
impuls@bibelwerk.de bibelinfo@bibelwerk.de ISBN 978-3-944766-02-7, 6,90 EUR.
www.bibelwerk.de www.bibelwerk.de (Inhaltsverzeichnisse unter www.bibelundkirche.de; Bestell-
möglichkeit s. Kasten links)

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welt und umwelt der bibel 4/2018
© Khaled Desouki/AFP aus der welt der bibel

Neubau des größten archäologischen Museums der Welt bei Kairo in Sichtweite der Pyramiden

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welt und umwelt der bibel 4/2018
Inhalt
66 bis 73
Panorama
Jerusalem: Neue Entdeckungen am Zionsberg
Huqoq: Weitere faszinierende Mosaike zu
biblischen Texten entdeckt
Jericho, wie Jesus es kannte

74 bis 75
THEMENREIHE 2018:
Große Worte der Bibel neu übersetzt
4. makarios: „Selig seid ihr“ neu begreifen

76 bis 79
Die großen Entdeckungen
Der Pharao des Exodus?
Das Königsversteck von Deir el-Bahari

80 bis 83
Die Bibel in berühmten Gemälden
Gustav Klimt: Judith II

84 bis 85
Ausstellungen und Veranstaltungen

Kair0

Der neueste ägyptische Tempel

A m Fuß der Pyramiden wurde


im Sommer 2018, 34 Jahre nach
der Grundsteinlegung, das „Große
Ägypten bedeutet nicht nur Pharao-
nenzeit. Christliche Klöster und Kir-
chen gehören ebenso zum kulturell
Ägyptische Museum“ teileröffnet. reichen Erbe des Landes wie islami-
Auch wenn das Museum noch eine sche Einflüsse. Der Ausstellungsteil
gewaltige Baustelle ist, präsentieren im Untergeschoss folgt den alten
sich die fertigen Räume des moder- Pilgern: Von der altägyptischen
nen Baus im Stil eines ägyptischen Vorstellung der letzten Pilgerreise
Tempels am Ostufer des Nils: ele- der Toten und den Osiris-Pilgern
gante, dunkelgrüne Ausstellungs- über christliche Pilgertraditionen
räume mit gedämpftem Licht auf bis zu den Spuren muslimischer
zwei weitläufigen, rollstuhlgerech- Mekkapilger führt die museale
ten Etagen. Auf 8.700 Quadratme- Reise. Ein Teil der Ausstellung gilt
tern Fläche erzählt das Museum die der Rolle der Frau. „Frauen hatten
Geschichte von den Pharaonen über schon im Alten Ägypten die gleichen
die griechisch-römische, christ- Rechte wie Männer“, sagt der Kura-
liche und islamische Zeit bis zur tor Al-Rais. „Das ist einzigartig in
Schlacht gegen die Franzosen 1799. der antiken Welt.“ W KNA/WUB

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welt und umwelt der bibel 4/2018 65
panorama

Jerusalem

Byzantinische Häuser auf


der Hasmonäerstraße
Seit 2015 untersucht das Deutsche Evangelische Institut in Jerusalem unter
der Leitung von Dieter Vieweger ein archäologisch bisher unbearbeitetes Gebiet
im Protestantischen Friedhof und im sogenannten „Griechischen Garten“
(s. den Bericht in WUB 3/2016). Die Grabungen 2017/18 führten zu weiteren
Entdeckungen.

N 1

50 m 2

3
4

5
6
7

Skizze der Lage der Grabungsbereiche beim


Protestantischen Friedhof und im Griechischen Garten

1 Dormitio-Abtei
2 Davidsgrab
3  Griechischer
Garten
4
5
Stadtmauer
 Protestantischer I m Sommer 2017 stieß das Grabungsteam auf
byzantinische Bebauungsreste. Es handelte
sich um zwei verputzte Räume und Reste von
weiten Bogen aus Steinquadern gestützt. Das
Dach war mit gebrannten Ziegeln gedeckt.
Mitten im byzantinischen Wohnbereich befand
Friedhof
Luftbild: DEI Jerusalem

Mosaikfußböden. In einem der Räume fanden sich überraschenderweise ein großer Kalkbrenn-
6  Herodianisch-
sich Rohre, die das Regenwasser in eine sorgsam ofen. Neben diesem konnten zwei weitere Wohn-
hasmonäische
angelegte und verputzte Zisterne leiteten. einheiten freigelegt werden, die sich wiederum
Straße
In diesem Jahr wurde ein großer Teil der by- stufenförmig zu Hauskomplexen ergänzen. Als
7 Essenertor zantinischen Bebauung freigelegt. Dabei fügen Fundament diente hier die hasmonäisch-hero-
sich verschiedene Räume zu einzelnen Wohn- dianische Straße. Diese war mit großen Stein-
komplexen zusammen, die sich in Stufen über platten ausgelegt, überspannte den Hauptab-
den steil abfallenden Zionsberg erstrecken. In wasserkanal unter dem Fahrweg und wurde von
Skizze © WUB

manchen Bereichen gründen die Fundamente Trockenmauerwerk gestützt (Abb. S.  68). Der
auf dem natürlichen Fels. Die aus Holz gebaute Abwasserkanal führte bis unterhalb des Stadtto-
Decke wurde in einem der Räume durch einen res und brachte so die Abwässer aus der Stadt

66 welt und umwelt der bibel 4/2018


200219203704KE-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
Panorama

hinaus. Weitere Teile dieser Straße und des zu-


gehörigen Kanalsystems wurden 2018 auch in
nordöstlicher Richtung aufgefunden. In der von
Bargil Pixner bei der Israelitischen Antikenbe-
hörde hinterlegten Dokumentation und bei den
Ausgräbern Bliss und Dickie wird von einem län-
geren Teilstück der gleichen Straße nordöstlich
des diesjährigen Grabungsgeländes berichtet.
Dieses soll zukünftig erneut erkundet werden.

Straßen und Gassen der Hasmonäer


Die byzantinischen Hausgründungen auf dem ei-
nige Jahrhunderte nach der Zerstörung der Stadt
durch Titus 70 nC angelegten Verkehrsweg sind
Zeugnis einer veränderten Infrastruktur. Die vom
Südwesttor herkommende byzantinische Stra-
ße muss wohl nordwestlich des DEI-Grabungs-
geländes gesucht werden und wird – anders
als der römische Fahrweg – eher als Gasse für
Transporte per Esel und für Fußgänger angelegt Das Wassersystem der byzantinischen Besiedlung war sehr ausgeklügelt.
worden sein. Dies entspricht den byzantinischen Der Grabungsleiter Dieter Vieweger untersucht hier eine Zisterne.
Gepflogenheiten auch an anderen Orten der
gleichen Zeit. Die byzantinische Überbauung
der römischen Infrastruktur nutzte weiterhin
den früheren Abwasserkanal unter der inzwi- genstände, wie etwa Bronzenadeln, oder filigran
schen überbauten Straße. So findet man neben bearbeitete Knochen. Die oftmals vollständig er-
aufwendig konstruierten Frischwasserkanälen haltenen Öllampen sind mit christlicher Symbo-
auch mehrere Ableitungen aus byzantinischen lik versehen, die für diesen Zeitraum typisch ist.
Häusern, die entweder direkt oder über kleinere
Kanäle in den ursprünglich zentralen römischen
Abwasserkanal mündeten. Die hasmonäisch- Funde im „Griechischen Garten“
herodianischen Architekten gaben der Straßen- Wo heute eine moderne Terrassierungsmauer
planung Vorrang. Der Weg wurde geradlinig und den Protestantischen Friedhof nach Norden hin
mit einem gleichmäßigen Gefälle zum Tor hin begrenzt, verlief über lange Zeit die südwestli-
angelegt. Gleichgültig, ob der anstehende Fel- che Stadtmauer Jerusalems. Dahinter, im Gelän-
sen abgearbeitet oder die Straße künstlich durch de der griechisch-Orthodoxen Kirche, erforschte
Steinstrukturen angehoben werden musste – die das DEI schon 2017 die antike Innenstadtbebau-
Bebauung folgte stets der zugrunde liegenden ung. Unter einem in den Siebzigerjahren ange-
Stadtplanung. legten Fußballfeld stieß das Team 2018 zunächst Griff einer Öllampe
auf massive moderne Schuttschichten, weiter mit Kreuzsymbol.
unten auf Schutt und Müllschüttungen der
Spuren eines gewissen Wohlstands ayyu­bidischen oder mamlukischen Zeit (12.–15.
Die byzantinischen Raumeinheiten, die aufge- Jh.). Die unter diesen liegende, ehemals glanz-
fundenen handwerklichen Installationen und volle byzantinische Bebauung war jedoch im Al-
das Wasserleitungssystem datierten wie die by- tertum (vermutlich nach dem Erdbeben 747 nC)
zantinische Stadtmauer (Eudokia) in das 5.–6. weitgehend für die weiter nördlich angelegten
Jh. nC. Sie stehen für einen Wohn- und Handwer- Neubauten der Stadt ausgeraubt worden. Von
kerbereich aus clusterartig aneinandergefügten der Struktur eines großen Gebäudes – vermut-
Räumen, ausgestattet mit moderatem Reichtum. lich einer Villa – zeugen ein paar wenige am Ort
Dieser spiegelt sich nicht allein in der beschrie- belassene Steine, die Putzkanten der Mauern
benen Bausubstanz, sondern auch in den Klein- und der vor der Errichtung abgearbeitete Fels.
© DEI Jerusalem

funden wider. Die Keramik besteht zum Teil aus Auch Türschwellen sind noch vorhanden und
Importware oder feiner Ware, die lokal herge- lassen so eine Rekonstruktion des Gebäudes
stellt wurde. Außerdem fanden sich Metallge- zu. Insgesamt drei Räume und Teile eines Hofes

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welt und umwelt der bibel 4/2018 67
panorama

Mosaik mit Blü-


tenrapportmus-
ter im sogenann-
ten Griechischen
Garten.

Die hasmonäisch-
herodianische
Gußform für ein Kreuz Straße mit dem
– gefunden 2017. darunterliegenden
Abwasserkanal.

Kanne aus der


„Fine-Byzantine-
Ware“-Produktion.

wurden freigelegt. Deren letzte Nutzung konnte durch die Speicherung von Regenwasser. Auf-
anhand der nahe des Fußbodens gefundenen grund von Entwicklungsplänen der Stadtverwal-
Keramik und der Münzen in die byzantinische tung in diesem Bereich wurde die Ausgrabung
Zeit datiert werden. Mit wiederverwendeten he- wieder verfüllt. Die Grabungen im anglikanisch-
rodianischen Blöcken wurden die Terrassierun- preußischen Friedhof sollen hingegen nach Ab-
gen gestützt, um den in Richtung der Felskante schluss der Arbeiten als archäologischer Park der
stärker abfallenden Fels oder auch ältere Instal- Öffentlichkeit präsentiert werden.
lationen, wie aufgelassene Wasserbecken, aus- Die diesjährige Kampagne vermittelt einen Ein-
zugleichen und so einen ebenen Baugrund zu blick in das Alltagsleben und eine Übersicht über
schaffen. Der wohl überraschendste Fund war die Stratigrafie. In den nächsten Jahren richtet sich
angesichts dieser Lage ein relativ gut erhaltener der Blick auf die frühen römischen und vielleicht
Mosaikboden mit Blütenrapportmuster. Zahlrei- sogar auf eisenzeitliche Siedlungsschichten. W
© DEI Jerusalem

che, noch während der byzantinischen Epochen Die Grabung und deren Publikation stehen unter der
benutzte Zisternen und Wasserbecken stehen Verantwortung von Friederike Schöpf, Prof. Dieter Vie-
für die in Jerusalem typische Wasserversorgung weger, Dr. Michael Würz und Jennifer Zimni.

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panorama

Galiläa: Neue Mosaikbilder in der Synagoge von Huqoq

Faszination der bunten Steinchen


W ieder einmal ist die Synagoge
von Huqoq in den Schlagzeilen.
Das Bildprogramm der byzantinischen
ja 11,6 mit einer Inschrift, auf der steht:
„Ein kleines Kind soll sie [Tiere] führen.“
„Die Mosaike auf dem Boden der
trachtet. Aber diese Mosaiken, farben-
froh und mit figuralen Szenen gefüllt,
zeugen von einer reichen visuellen Kul-
Synagogen Galiläas ist überraschend Huqoq-Synagoge revolutionieren unser tur sowie von der Dynamik und Vielfalt
vielfältig. Aber Huqoq übertrifft alles: Verständnis des Judentums in dieser des Judentums in der späten römischen
Das Team von Jodi Magness (Universität Zeit“, sagte Jodi Magness. Die antike und byzantinischen Zeit.“ W (wub)
von North Carolina) begann 2012, nach jüdische Kunst wird oft als bildlos be-
Mosaiken zu suchen. Seitdem hat ihre
Gruppe, zusammen mit Archäologen
der Israelischen Altertumsbehörde und
der Universität Tel Aviv, fast jeden Som-
mer weitere Mosaiken entdeckt. Unter
den Motiven sind biblische Szenen, wie
die Arche Noach, die Teilung des Meeres
beim Exodus, der Turm zu Babel, Sam-
son und die Füchse, sowie Mosaike von
Elefanten, Amoretten und sogar von
Alexander dem Großen.
In diesem Jahr konzentrierten sich die
Archäologen auf Mosaiken im Nordschiff
der Synagoge, was zur Entdeckung der
beiden Kundschafter führte, die an einer
Stange Trauben tragen. Heute ist diese
Szene das Markenzeichen der Israeli-
schen Fremdenverkehrsbehörde.
Eine weitere Tafel zeigt einen Jugend-
unten © AFP; oben: © Jim Habermann

lichen, der ein Tier an einem Seil führt. Die Kundschafter aus Numeri 13,23 mit den Trauben.
Diese Darstellung bezieht sich auf Jesa- Die hebräische Inschrift lautet: „Zwischen ihnen eine Stange“.

nildelta: Prähistorisches Dorf gefunden

Nilbewohner vor den Pharaonen


S

­o­
eit 2015 erkundet ein ägyp-
tisch-französisches Archäo­­-
genteam Tel Samara im Nil-
Die einzige ähnliche Entde-
ckung war das Dorf Sais im Ver-
waltungsbezirk Gharbia nördlich
delta. Zunächst fand es Töpfer- von Kairo. „Die Lager bestätigen
waren und Steinwerkzeuge. Bei das Vorhandensein stabiler Ge-
einer Ausgrabung im September meinschaften in den feuchten Ge-
2018 stießen die Forscher auf bieten des Deltas aus dem 5. Jahr-
mehrere Silos, die zahlreiche tausend vor Christus“, erklärte
Tierknochen und pflanzliche Frederic Geyau, Leiter der Tel
Rückstände enthielten. Das war Samara Mission. „Die Funde bo-
eine Sensation, denn ähnliche ten eine einzigartige Gelegenheit,
Strukturen aus der Zeit zwischen mehr über die prähistorischen Ge-
4200 vC und 2900 vC wurden nie meinschaften, die im Delta lebten
in dieser Region gefunden, sagte vor der pharaonischen Herrschaft
Ayman Ashmawy, der Leiter der zu erfahren“. W (MDB)
ägyptischen Antikenbehörde.

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welt und umwelt der bibel 4/2018
panorama

Zufallsfund in Reutlingen

Römischer Viergötterstein
Bei Bauarbeiten im württembergischen Reutlingen stießen Arbeiter auf einen
mächtigen Steinquader mit bildlichen Darstellungen. Dabei stellte sich heraus,
dass es sich um einen ganz besonderen Fund handelt. Der Bagger hatte einen
etwa 1800 Jahre alten „Viergötterstein“ aus
dem Kies des Flusses Echaz ans
Tageslicht befördert.

V iergöttersteine sind Teile von gi-


gantischen Jupitersäulen. Diese
wurden vor allem in der römischen
Provinz Germania Superior errichtet,
in der auch das heutige Reutlingen
liegt. Solche Monumente bestehen in
der Regel aus einer Säule, die von einer
Figurengruppe bekrönt wird, die Jupiter
auf einem Pferd zeigt, wie er ein Blitzbün-
del schleudert und einen Giganten niederrei-
tet. Die Säule selbst steht auf einem achtseitigen
Götterstein mit der Darstellung der Wochentage; da-
runter befindet sich als Basis ein Viergötterstein. Auf
dessen Seiten sind Abbildungen von unterschiedli-
chen griechisch-römischen oder keltischen Gotthei-
ten und gelegentlich Inschriften angebracht. Die Abbildung auf dem Viergötterstein,
Bei den Jupitergigantensäulen handelt es sich um der jetzt in Reutlingen gefunden wurde, zeigt auf
provinzialrömische Monumente, die im Laufe des dieser Seite die „Zwillinge“ Castor und Pollux.
1. Jh. erstmals auftraten und vor allem im 2. und frü-
hen 3. Jh. häufig aufgestellt wurden. Man errichtete
sie an ganz unterschiedlichen Orten, z. B. in heiligen

© Foto: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg / Marc Heise


Bezirken, an Straßenkreuzungen, auf zentralen Plät- der Ehe. Die vierte Seite ist ungewöhnlich. Hier sind
zen oder bei landwirtschaftlichen Gehöften. Mit dem zwei Personen dargestellt, die bisher noch nicht be-
Abzug des römischen Militärs und dem Ende der rö- stimmt werden konnten. Es sind bärtige Männer, von
mischen Herrschaft im 3. Jh. nC wurden diese Säulen denen einer dem anderen den Arm um die Schulter
zerstört und beseitigt. Die einzige oberirdisch erhalte- legt. Möglicherweise handelt es sich um die Brüder
ne Jupitergigantensäule Galliens befindet sich in Cus- Castor und Pollux, die aus der griechischen Mytholo-
sy-la-Colonne im Département Côte-d’Or in Burgund. gie bekannt sind und auch von den Römern verehrt
Die wissenschaftliche Bearbeitung ist zwar erst wurden (dagegen sprechen die fehlenden Mützen
angelaufen, dennoch gibt es bereits einige vorläufi- und die gewöhnlicherweise jugendliche Darstellung).
ge Ergebnisse. Die Götterdarstellungen sind sehr gut Genau genommen ist der Reutlinger Fund also kein
erhalten und ihre Qualität zeugt vom großen Können Vier-, sondern ein Fünfgötterstein. Er ist sowohl aus
des Bildhauers. Dargestellt sind Merkur und Minerva regionalgeschichtlicher als auch aus wissenschaftli-
sowie eine weitere weibliche Gottheit. Diese ist jedoch cher Sicht ein wichtiger Fund und betont die Bedeu-
noch nicht eindeutig bestimmt. Möglicherweise han- tung der römischen Besiedlung im heutigen Reutlin-
delt es sich um Ceres, die Göttin des Ackerbaus und gen. W (Archaeology online / WUB)

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welt und umwelt der bibel 4/2018
panorama

Archäologische Reise ins Neue Testament

Jericho, wie Jesus es kannte


Jericho hat die Archäologen schon immer interessiert. Zunächst war es der
Tell es-Sultan, wo das alttestamentliche Jericho sich befinden sollte. Dann nahm
man wahr, dass das Zentrum des neutestamentlichen Jericho offenbar an einem
völlig anderen Ort der Oase zu suchen ist. Aber erst eine Zusammenstellung der
vielen Ausgrabungen kann zeigen, wie man sich Jericho zur Zeit Jesu vorzustellen hat.

A ls Reiseführer dient zunächst die


Bibel: Jericho wird im NT im Zusam-
menhang von Jesu Reise nach Jerusalem
dieser Begeisterung angetan und lud sich
bei Zachäus zum Übernachten ein, bevor
er am nächsten Tag weiter nach Jerusalem
genannt. Allerdings lassen sich in den hinaufzog (Lk 19,1-10). Eine Zollstation in
Evangelien durchaus deutliche Unter- oder bei Jericho macht zur Zeit Jesu durch-
schiede bei der Nennung von Jericho be-
obachten. Nach den Synoptikern wählte
Jesus für seinen Weg nach Jerusalem den
Jordangraben, um dann von Jericho aus
nach Jerusalem hinaufzusteigen. Als Jesus
und seine Jünger Jericho verließen, saßen
am Wegrand zwei Blinde (bei Lukas nur
ein Blinder), die Jesus heilte (Mt 20,29-34//
Mk 10,46-52//Lk 18,35-43). Dieser Standort
der beiden Blinden war gut gewählt. Sie
saßen in der Nähe des herodianischen Pa-
lastes von Tulul Abu el-Alayiq, denn dieser
bildete den letzten Bau von Jericho, bevor
man die Oase Richtung Jerusalem verließ.
Dort gab es reiche Leute, die zum Palast
wollten, aber auch Pilger und Handelsrei-
sende auf dem Weg nach Jerusalem. Al-
mosen waren hier eher zu erwarten als an
anderen Plätzen des Ortes.
Nur Lukas überliefert noch zwei weitere
Texte, bei denen Jericho eine Rolle spielt.
Beim Gleichnis vom barmherzigen Sama-
riter (Lukas 10,29-37) gingen ein Priester
und ein Levit von Jericho nach Jerusalem
hinauf, um dort ihren Tempeldienst zu
verrichten. Der in der Römerzeit benutz-
te Aufstieg nach Jerusalem begann beim
herodianischen Palast und verlief anfangs
durch das Wadi Qelt.
In Jericho spielt auch die Erzählung
© Kowalski/ Zwickel

vom Oberzöllner Zachäus, der Jesus auf


seinem Weg durch die Stadt sehen wollte.
Da er von kleiner Statur war, stieg er auf Jericho zur Zeit des Neuen Testaments. Die schwarzen Punkte markieren
einen Maulbeerfeigenbaum. Jesus war von archäologische Ortslagen unterschiedlichster Epochen im Bereich der Oase.

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panorama

Blick in den herodianischen Königspalast auf der Nordseite des Wadi Qelt. Herodes ließ die Mauern mit
dem sog. opus reticulatum (pyramidenartigen Steinen, die mit der Spitze in feuchten Putz der Palastanlagen
auf beiden Seiten des Wadi Qelt gedrückt wurden) verblenden, sodass die Wände ein netzartiges Muster hatten.
Unten: Rekonstruktion von Ehud Netzer.

© Wolfgang Zwickel

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aus Sinn. Nach dem Tod des Herodes dukt, das durch das Wadi Qelt verlief, Festungen: Dok, Nuseb Uweshira und
wurde sein Reich aufgeteilt. Während Ju- lieferte das nötige Wasser für die Plan- Kypros.
däa dem Archelaus (4 vC-6 nC) und dann tage. Gleichzeitig wurde in Tulul Abu el- 2. Die Friedhöfe: Am unteren Rand des
den römischen Prokuratoren unterstellt Alayiq­auf der Nordseite des Wadis ein nahezu senkrechten Abhangs vom Berg-
war, gehörte Peräa zum Gebiet des Hero- erster Palast errichtet. Das ertragreiche land zur Oase gab es zwei Friedhofsan-
des Antipas (4 vC-39 nC). Der Jordan bil- Landgut musste aber auch geschützt lagen. Eine wurde ausgegraben und vor-
dete damit eine Grenze, an der entspre- werden. So baute Alexander Jannäus auf bildlich veröffentlicht, die andere wurde
chend Zölle für die mitgebrachten Waren Kypros/Tell el-Aqaba, auf der Südseite wohl von Raubgräbern geplündert.
zu entrichten waren. des Wadis, eine hochgelegene Festung, 3. Die Plantagen: Ein etwa 600 m brei-
Das Johannesevangelium erwähnt die dann später von Herodes ausgebaut ter Plantagenstreifen nördlich des Kö-
Jericho nicht, wohl aber das auf der an- und dank eines eigenen Aquädukts mit nigspalastes wurde seit Herodes nicht
deren Jordanseite gelegene Betanien, wo Wasser versorgt wurde. Eine weitere nur durch Wasser aus dem Wadi Qelt be-
Johannes der Täufer taufte (Joh 1,28). An Festung existierte bereits etwas weiter wässert, sondern auch durch Quellwas-
der traditionellen Taufstelle, die noch nördlich auf Dok/Jebel Quruntul. Die ser von der Ain Duq im Norden der Oase.
heute gezeigt wird, überquerte in römi- beiden Festungen schützten somit das 4. Die Gartenstadt: Ein Streifen von
scher Zeit die Straße von Jericho nach königliche Landgut, auf dem höchst ge- Villen inmitten sich allmählich ausdün-
Heschbon den Jordan. Neben den Bewoh- winnbringend Palmen angepflanzt wur- nender Plantagen und ein Hippodrom,
nern des Jordangrabens bildeten Händler den. das auch als Theater genutzt wurde,
und Jerusalem-Pilger sein Publikum, das Unter Herodes dem Großen entwickel- schlossen sich nach Osten hin an
sich nach einer langen Tagesreise gerne te sich Jericho von einem königlichen 5. Die Wüste im Osten der Oase: Bei
auch religiös unterhalten lassen wollte. Domänenbetrieb zu einer locker bebau- der Kreuzung der Straße Jerusalem–Je-
ten Gartenstadt mit luxuriösen Villen. richo–Heschbon mit derjenigen im Jor-
Er errichtete im Bereich von Tulul Abu dangraben gab es eine Festung, die den
Das neutestamentliche Jericho aus el-Alayiq auf beiden Seiten des Wadis Straßenverlauf schützen sollte.
dem Blickwinkel der Archäologie mehrere Paläste als luxuriöse Bade- und 6. Jordanauen: An der damals genutz-
Die heute bekannten Fakten über Je- Erholungszentren für die Wintermonate. ten Furt über den Jordan taufte wohl Jo-
richo können das Bild noch klarer ma- Dank der königlichen Präsenz siedelten hannes der Täufer.
chen. In frühhellenistischer Zeit war sich weitere Mitglieder der Jerusalemer Eine Zusammenstellung der Ortslagen
Jericho kaum bewohnt. Der Hasmonäer Elite hier an und bauten Villen. Deutlich in der Oase Jericho bieten im Internet
Alexander Jannäus (103-76 vC) errichtete lassen sich mehrere Schichten erken- Marta D’Andrea / Maura Sala (http://
ein rund 600 m x 600 m großes Landgut nen, die das Stadtbild prägten: www.lasapienzatojericho.it/padis/com-
auf der Nordseite des Wadi Qelt für den 1. Die Sicherung der Oase: Auf den ponent/content/article/34-maps/174-
Anbau von Dattelbäumen. Ein Aquä- Höhen der Berge im Westen gab es drei jericho-oasis-map). W (Wolfgang Zwickel)

jerusalem

Sommerakademie Jerusalem 2018

I m August hat zum zweiten Mal


die „Sommerakademie Jerusalem“
stattgefunden, eine Kooperation des
drei Wochen der Sommerakademie
gefüllt mit Vorträgen, Exkursionen
und Erfahrungen. Zum vielfältigen
Katholischen Bibelwerks (Welt und Studienprogramm gehörten u. a. die
Umwelt der Bibel) und der Erzdiözese Stadtgeschichte und Archäologie Je-
München und Freising (Fort- und Wei- rusalems, Einführung in die jüdische
terbildung Freising sowie Bildungs- Schriftauslegung und den Islam, Aus-
und Exerzitienhaus St. Rupert). Die 29 flüge zum Garizim, nach Qumran und
Teilnehmerinnen und Teilnehmer wa- zum Herodion. W
ren dieses Mal im Paulushaus nahe
dem Damaskustor untergebracht – Die Teilnehmenden der
ein guter Ausgangspunkt für Erkun- Sommerakademie zu Gast
© H. Kaiser

dungen der Stadt. Unter der Leitung bei Schwester Marie Madeleine in
von Dr. Christine Abart waren die Abu Gosh.

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welt und umwelt der bibel 4/2018 73
themenreihe 2018

Reden vom Glück dieser Erde

makarios: „Selig seid ihr“


neu begreifen
Die Seligpreisungen gehören zu den großen Texten der Bibel. Selbst wer nicht viel von der Bibel kennt,
hat sie bestimmt schon einmal gehört. Auch wenn das Wort „selig“ heute meist nicht mehr zum aktiven
Wortschatz zählt, klingt in diesen Sätzen etwas Besonderes. Von Bettina Eltrop

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich... Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden...
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden... Selig, die Frieden stiften;
denn sie werden Kinder Gottes genannt werden... Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet
um meinetwillen. Freut euch und jubelt (aus Mt 5, EÜ 2016).

M anchmal verwenden wir es noch in


zusammengesetzten Wörtern wie
wein-selig, glück-selig, Selig-sprechung. Reste einer Einsiedelei im Wadi Qelt.
Von diesen Begriffen her scheint „selig“ Seit über tausend Jahren leben hier
einen emotional-himmlischen Glücks- Mönche in der Abgeschiedenheit der
zustand anzudeuten. Doch was bedeu- judäischen Wüste. Ihre „Seligkeit“ besteht
tet es im biblischen Zusammenhang? darin, innerlich Gott nahe zu sein.
Und wie sind die Worte Jesu zu verste-
hen? Die neue Einheitsübersetzung, die
2016 in überarbeiteter Fassung erschien
und ab Herbst 2018 in die katholische Li-
turgie im deutschsprachigen Raum Ein-
zug halten wird, bietet ganz neue Mög-
lichkeiten, diese Fragen zu beantwor-
ten.

Selig-Preisungen
Die Seligpreisungen sind im Matthäus­
evangelium und im Lukasevangelium
zu finden – bei Matthäus in der Berg-
predigt (Mt 5,3-12) und bei Lukas in der
Feldrede (Lk 6,20-23). In der Forschung
geht man davon aus, dass auf jeden Fall
drei Seligpreisungen, die in Mt 5 und
Lk 6 fast identisch überliefert werden,
auf den historischen Jesus zurückgehen:
die Seligpreisung der (vor Gott) Armen,
der Trauernden und derer, die nach Ge-
© Wolfgang Baur

rechtigkeit hungern (Mt 5,3-4.6 par).


Das Wort „Seligpreisung“ und der
exe­getische Fachbegriff „Makarismus“­

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welt und umwelt der bibel 4/2018
themenreihe 2018

grosse worte der bibel neu übersetzt


vierteilige reihe im Jahr 2018

Die beiden großen Kirchen haben neue Bibelübersetzun- 1/18 Jahwe oder Herr? – Der Gottesname
gen erarbeitet – und Katholiken im deutschsprachigen 2/18 häsäd: Huld oder Liebe oder ...?
Raum werden sie im November 2018 erstmals im Gottes-
3/18 se-meía, térata, thaumásia, dynámeis:
dienst hören. Deshalb wirft „Welt und Umwelt der Bibel“
Zeichen, Wunder oder Machttaten?
Schlaglichter auf vier zentrale biblische Begriffe und auf die
Fragen, die bei ihrer Übersetzung auftauchen. 4/18 makarios: „Selig seid ihr“ neu begreifen

leiten sich vom griechischen Wort Psalmen – die Gebetsschule Jesu wurden diese Psalmworte noch mit
makarios­ ab, das die Texte verwenden. Seligpreisungen sind also keine lite- „wohl dem Mann/ wohl allen“ übersetzt
Es bedeutet in der altgriechischen Lite- rarischen Neuschöpfungen des Neuen­ – und so war nicht sichtbar, dass es sich
ratur „gesegnet“ oder „glücklich, froh“. Testaments, sondern prägen schon die jeweils um einen Makarismus handelt.
Die Seligpreisungen sind somit Glück- Weisheitstexte der Hebräischen Bibel. Psalm 1 und Psalm 2 als Eingangstor
oder Segenswünsche: Menschen wird in Schon im ersten Buch der Bibel finden zum Psalmenbuch beglückwünschen
einer festen literarischen Form feierlich wir eine Seligpreisung: Jakobs Frau Lea in Ps 1,1 und 2,12 alle Menschen und la-
gratuliert, ihnen wird Segen und Glück wird von anderen Frauen „selig geprie- den sie ein, sich in das Psalmenbuch hi-
gegönnt und zugesprochen. sen“ (Gen 30,13). Besonders die Psalmen neinzubewegen, diese Texte zu lesen, zu
als die großen Gebets- und Texte des meditieren und zu beten – und sich von
Volkes Israel sind auch für Jesu Denken ihnen formen zu lassen. Sie werden zu
Die Wurzel: Weisheitstexte Israels und Beten prägend geworden. Schon Menschen, die an der Tora Gottes Gefal-
Bekannt sind meist nur die Seligpreisun- der allererste Vers von Psalm 1 beginnt len finden, die auf den Wegen des Gottes
gen aus dem Neuen Testament. Dabei ist mit einer Seligpreisung: Israels zu gehen lernen.
der Makarismus eine sowohl in der grie- 26 Mal tritt das Wort „selig“ im Psal-
chischen als auch in der alttestament- Selig der Mann, der nicht nach dem menbuch auf. Es durchzieht die Texte wie
lich-jüdischen Literatur häufig auftreten- Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg ein roter Faden. Menschen werden selig
de Stilform. Die neue Einheitsüberset- der Sünder steht, nicht im Kreis der Spöt- gepriesen, die nicht unbedingt auf der
zung 2016 macht das sichtbar, indem in ter sitzt, sondern sein Gefallen hat an Gewinnerseite des Lebens stehen. Aber
den alttestamentlichen Stellen das Wort der Weisung des Herrn, bei Tag und bei sie lernen mit den Psalmen beten, ge-
makarios oder der entsprechende heb- Nacht über seine Weisung nachsinnt. hen und leben. Die Gesänge der Psalmen
räische Begriff aschrei mit „selig“ über- (Ps 1,1f., EÜ 2016) helfen ihnen, die Welt mit Gottes Augen
setzt werden, die zuvor mit „wohl dem, zu sehen und sich für mehr Gerechtgkeit
der“ übertragen wurden. So wird eine Psalm 1 bildet zusammen mit Psalm 2 einzusetzen. Auch Jesus konnte aus die-
Verbindung zwischen dem alt- und neu- ein Doppel-Eingangstor in das Psalm- sem Blickwinkel der Psalmen schöpfen,
testamentlichen Sprachgebrauch sicht- buch. Und auch Psalm 2 besitzt an pro- als er Menschen „selig“ nannte. W
bar: Die Seligpreisungen Jesu setzen die minenter Stelle eine Seligpreisung, die-
alttestamentlichen Seligpreisungen fort! ses Mal am Ende: Nach einem Gesang
Besonders in der Weisheitsliteratur tre- auf die Macht des Gottes Israels und sei-
Dr. Bettina Eltrop ist wis-
ten die Seligpreisungen auf: Das Volk nen Messiaskönig endet dieses Lied mit
senschaftliche Referentin
Israel­wird für seine Erwählung durch einem Glückwünsch an alle Menschen, im Katholischen Bibel-
Gott gepriesen (Ps 33,12; 144,15). Selig ge- die bei ihm ihre Zuflucht nehmen: werk e. V. Sie redigiert
priesen werden alle Gerechten und Got- die Zeitschrift Bibel und
tesfürchtigen (Ps 1; Spr 28,14; Sir 34,17), Selig alle, die bei ihm sich bergen! Kirche und gibt regelmäßig
alle, die die Weisheit erfassen (Spr 3,13; (Ps 2,12, EÜ 2016) Materialien für die Reihe
Lectio Divina heraus.
8,34). In der Einheitsübersetzung von 1980

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welt und umwelt der bibel 4/2018 75
Die grossen entdeckungen | Das Königsversteck von Deir El-bahari

Der Pharao des Exodus?

Im Jahr 1881 klärte der Direktor des ägyptischen Antikendienstes, Gaston Maspero,
die Herkunft etlicher Fundstücke auf, die auf dem Schwarzmarkt in Umlauf
waren. Eine Gruppe von Plünderern hatte sie aus Pharaonengräbern in der Nähe
von Luxor geraubt. Dabei gab es eine Überraschung: In dieser Grabanlage befand
sich auch die Mumie von Ramses II., dem mutmaßlichen Pharao des Exodus. Aller-
dings widerlegt der Fund nun endgültig die „Exodus-Pharao-Legende“.
Von Estelle Villeneuve

I n einer Felswand hoch oben über dem Niltal,


gegenüber von Luxor, lag der Stollen, in dem
seit der Antike etwa fünfzig Särge und Königs-
mumien des Neuen Reiches versteckt waren.
Ausgerechnet Plünderer brachten den Leiter der
Antikenbehörde und seinen Kurator auf die Spur.
Diese Entdeckung war im 19. Jh. ein durchschla-
gender Erfolg gegen eine Diebesbande, die direkt
vor den Augen der Behörden und in Komplizen-
schaft mit lokalen Verantwortlichen agierte.
Seit mehreren Jahren waren Objekte aus ille-
galen Ausgrabungen bei den Antiquitätenhänd-
lern in Umlauf. Einige davon wurden den Namen
der Pharaonen der 18. Dynastie und den nach-
Das Neue Reich folgenden Dynastien zugeschrieben. Ein schwe-
(ca. 1567–1085 vC) rer Verdacht richtete sich gegen ein Brüderpaar
18. Dynastie 1567–1320 aus dem Dorf Cheikh Abd el-Gournah und gegen
19. Dynastie 1320–1200 den Vizekonsul von England und Belgien in Lu-
20. Dynastie 1200–1085 xor. Dieser hatte die Ware im Schutz seiner di-
plomatischen Immunität dann abgesetzt. Leider
konnte zunächst kein Beweis erbracht werden
und die Plündereien gingen weiter.

Eine Mauer des Schweigens


Die Überführung der Plünderer und die Suche
nach den versteckten Fundorten setzt Maspero
bei seinem Amtsantritt als Direktor der obers-
© adoc-photos

ten Antikenbehörde ganz oben auf seine Liste.


Der Ägyptologe Gaston Maspero Bereits im März 1881 begibt er sich nach Ober­
(1846–1916) ägypten und lässt den Hauptverdächtigen Ah-

Übersicht über die Serie „Die großen Entdeckungen“:


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welt und umwelt der bibel 4/2018
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Kairo

ÄGYPTEN

Deir el-Bahari

ellari, 2013

Am Eingang des Grabkomplexes,


Gaston Maspero (rechts sitzend)
und Emil Brugsch (gegenüber
stehend) in Begleitung von Mitgliedern
der Familie Abd el-Rassul, die dort
Plünderungen vorgenommen hatten.
oben links © MdB, oben rechts © Gusman/Leemage, unten © Photos12.com/Alamy

Der Ort Deir el-Bahari in Ägypten am linken Nilufer


gegenüber von Luxor
In einer der Felswände, die in das Niltal hineinragen, wurden
etwa fünfzig Särge und Königsmumien des Neuen Reiches gefunden.

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welt und umwelt der bibel 4/2018 77
Die grossen entdeckungen | Das Königsversteck von Deir El-bahari

Am Namen, der sich auf dem Leinentuch (Leinengewand)


einer in einem einfachen Sarg gebetteten Mumie
befand, identifiziert Maspero den König, der traditionell
mit dem Exodus in Verbindung gebracht wird.

med Abd el-Rassul festnehmen. Dieser leug- Bestandsaufnahme


net nicht nur hartnäckig, sondern bringt auch und Überraschungen
unterstützende Zeugen mit. Nach Aussage der Rasch organsiert der Konservator die Verladung
Honoratio­ren des Ortes ist er „der anständigste der Schätze. Dreihundert Fellachen machen sich
und selbstloseste Mann des Landes, unfähig, ans Werk. In weniger als fünf Tagen werden Tau-
auch nur ein einziges antikes Objekt zu entwen- sende von Objekten aus der Cachette geborgen,
den, geschweige denn ein Königsgrab auszurau- in Luxor zwischengelagert und von dort mit dem
ben“. Intensive Verhöre führen nicht weiter. Der Museumsschiff nach Bulaq transportiert. Nach
Mann bleibt stumm – wie ein Grab. seiner Rückkehr nach Kairo macht sich Maspero
Im Lauf der Zeit gerät aber die Solidarität zwi- an die Bestandsaufnahme und stellt fest, dass es
schen den Gebrüdern Abd el-Rassul ins Wanken. unter den Sarkophagen verschiedene Gruppen
Mohammed, der Ältere, rückt schließlich mit der gibt. Die eine Serie gehört zu verschiedenen Mit-
Sprache heraus. gliedern der 21. Dynastie der Priesterkönige von
Theben. Die andere ist disparater und umfasst die
Sarkophage des Gründers der 18. Dynastie, Ah-
Die verborgenen Schätze mose I., und seiner Verwandtschaft. Außerdem
Gaston Maspero ist in Frankreich, als der plötz- waren da drei unbedeutend aussehende Sarko-
liche Gesinnungswechsel passiert. Der reuige phage, in die drei Pharaonen der 19. Dynastie um-
Plünderer führt den Konservator Emil Brugsch, gebettet waren, Ramses I. und Sethos I. In einem
Masperos Assistent im Museum in Bulaq (dem einfachen Sarg aus unbearbeitetem Holz fand
späteren Ägyptischen Museum Kairo), an den Gaston Maspero eine Mumie, auf deren Leintuch
Ort des Diebstahls. Am 6. Juli 1881 klettern sie der Königsname Ramses II. geschrieben war. War
an den Rändern des Felsenkessels hoch und ge- das tatsächlich der König, während dessen Regie-
langen zum Eingang des Totentempels von Deir rung Ereignisse geschahen, die in der biblischen
el-Bahari. Der Einstieg ist geschickt in einem Exoduserzählung verarbeitet wurden?
Brunnenschacht verborgen. In 12 m Tiefe führt
dieser Schacht zu einem etwa 2 m hohen waag-
rechten Gang mit einer rechtwinkligen Kurve. Der Pharao des Exodus?
Er setzt sich fort bis zu einer seitlichen Nische Nirgendwo in der Bibel wird der Name des
(7,8 m x 3,9 m) und endet 70 m weiter in einem ­Pharaos genannt, von dem es in Exodus 1,11
länglichen Raum, der Hauptgrabkammer. heißt, dass er hebräische Sklaven beim Bau
Brugsch dringt nach und nach in die Tie- seiner Städte Pitom und Ramses eingesetzt hat.
fen der Grabanlage vor. Es verschlägt ihm die Vermutet wurde, dass es sich beim Unterdrü-
Sprache, als er bei Kerzenlicht die unglaub- cker um einen der Ramessiden handelte, und
liche Ansammlung von Särgen und Mumien man dachte an den größeren Baumeister der
entdeckt, deren Kartuschen historische Namen beiden, an Ramses II. Oder war Ramses II. der
tragen: Amenophis I., Thutmosis II., Ahmose I., nachfolgende Pharao, nämlich jener, der laut
­Siamun, ein wenig weiter die Königinnen Ahhot- der Exoduserzählung israelitischen Arbeitern
pu und Ahmose Nefertari. Zu diesem Zeitpunkt die Ausreise verweigerte? Maspero will die bib-
denkt Brugsch nicht im Traum an das biblische lisch-historische Debatte nicht weiterführen, tut
Echo, das bald darauf ein harmloser Sarkophag es aber unfreiwillig: Am 1. Juni 1886 schreitet er
auslösen wird. in Anwesenheit des Vizekönigs von Ägypten zur

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Die grossen entdeckungen | Das Königsversteck von Deir El-bahari

Mumie Ramses’ II. (um 1297–1213 vC)


in einem Zedernholzsarkophag. Kairo, Ägyptisches Museum.

Öffnung der Mumie von Ramses II. und wickelt unglückliche Verfolger der Hebräer wäre dann
den pergamentartigen, in einer Ansammlung sein Sohn und Nachfolger Merenptah. Leider
von pechigen Leinentüchern, Totenhemden und richtet zehn Jahre später die Entdeckung einer
Leinenbinden eingehüllten Körper eines Greises Stele auch diese Theorie endgültig zugrunde:
aus, gezeichnet von Alter und Degeneration. Der Auf der Stele wird Merenptah der Sieg über eine
© DeAgostini/Leemage

biblische Pharao hätte jünger sein müssen. Da- Einheit in Kanaan, die Israel heißt, zugeschrie-
mit war die Hypothese vom beim Zug durch das ben (s. WUB Nr. 71, 1/2014). Der Pharao des Exo-
Meer ertrunkenen Pharao (Ex 14,28) erledigt. Für dus ist also eine Symbolfigur Ägyptens und kein
Ramses II. bliebe also nur die Rolle des Unter- Wesen aus Fleisch und Blut, das durch eine Mu-
drückers der Hebräer in Ägypten in Ex 1,11. Der mifizierung verewigt wurde. W

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welt und umwelt der bibel 4/2018 79
Die bibel in berühmten gemälden

Judith II
Gustav Klimt Von Ines Baumgarth-Dohmen

A ls Gustav Klimt 1909 das unter dem


Titel Judith II bekannte Gemälde
schuf, griff er ein Thema auf, mit dem er
drat, ähnlich den Stempeln japanischer
Holzschnitte, Signatur und Jahreszahl.
Die beiden Judith-Bilder Klimts, die
dem Besuch der Kunstgewerbeschule
gründete er zusammen mit seinem Bru-
der Ernst Klimt und Franz Matsch die
sich bereits acht Jahre zuvor beschäftigt einzigen Werke, in denen er ein bibli- „Künstlercompagnie“, die u. a. die Trep-
hatte. Wie schon bei der älteren Version, sches Sujet behandelt, stehen in Verbin- penhäuser des Burgtheaters und des
heute als Judith I (Wien, Belvedere) be- dung mit der Judith-Rezeption des spä- Kunsthistorischen Museums in eklekti-
zeichnet, arbeitete er ohne Auftrag. ten 19. Jh., die die tugendhafte Heldin der zistischem Stil ausmalte. Als sich die Ate-
Das Bild weist das seinerzeit moderne, Bibel in eine sittenlose, perfide Femme liergemeinschaft 1894 auflöste, wandte
sehr schmale hochrechteckige Format fatale umgedeutet hatte. Zur Ausbildung sich Klimt dem Symbolismus zu und be-
auf, das durch japanische Vorbilder in- jener das Fin de Siècle charakterisieren- gann, einen eigenen Stil zu entwickeln.
spiriert war und das der vergoldete Rah- den Kunstfigur einer Frau, die verführt, 1897 übernahm er die Präsidentschaft
men mit den breiten vertikalen Leisten, ja sogar tötet, um Männer zu bezwingen, der neu gegründeten Künstlervereini-
den Klimt selbst gestaltet hat, betont. trug auch der Schriftsteller Leopold von gung „Wiener Secession“. In den folgen-
Das enge Bildfeld wird fast vollstän- Sacher-Masoch (1836–1895) bei, der im den Jahren arbeitete er an Entwürfen für
dig von der Gestalt Judiths ausgefüllt. damaligen Wien mit seinen erotischen Deckengemälde der Universitätsaula,
Nach vorne gebeugt, den Kopf wachsam Fantasien über grausame Frauen Erfol- komplizierten Allegorien der „Philoso-
vorgestreckt, stiehlt sie sich nach dem ge feierte; seiner bekanntesten Novelle, phie“, „Medizin“ und „Jurisprudenz“,
Mord an Holofernes davon. Ihr offenes „Venus im Pelz“, stellte er einen Vers aus die mit ihrer pessimistischen Sicht der
Kleid und die entblößten Brüste lassen dem Buch Judith in der Übersetzung Lu- menschlichen Existenz auf Ablehnung
Vorausgegangenes erahnen. Mit ihrer thers voran: „Gott hat ihn gestraft und hat stießen. Im „Beethovenfries“, den er für
hellen Haut, den schwarzen Haaren und ihn in eines Weibes Hände gegeben.“ die 14. Ausstellung der Secession 1902
dem schwarz-bunt gemusterten Gewand schuf, finden sich erstmals die stilisier-
hebt sie sich deutlich von dem rotgol- Geschichte des Bildes ten Figuren und die flächige Ornamen-
denen Hintergrund ab. Erst auf den Im Jahre 1910 wurde Klimt eingeladen, tik, die Klimts Werke fortan charakteri-
zweiten Blick nimmt der Betrachter das auf der 9. Biennale in Venedig eine sierten. Damals begann Klimts „goldene
dunkle Haupt des Holofernes rechts un- Werkauswahl zu präsentieren. Zu den Periode“, in der er vermehrt Goldauf-
ten wahr, das aus einem Beutel ragt, in 22 Bildern, für die ihm ein eigener Raum lagen verwendete, so im „Bildnis der
dem Judith es zum Beweis ihrer Tat mit zur Verfügung gestellt wurde, gehörte Adele Bloch-Bauer“ (1907) und in „Der
sich nimmt. auch „Judith II“. Noch während der Aus- Kuss“ (1908). Während Klimt diverse Da-
Während Gesicht, Brust und Hände stellung, die ein großer Erfolg für Klimt men der Wiener Gesellschaft porträtier-
Judiths naturalistisch dargestellt sind, war, wurde das Judith-Bild von der Stadt te, lehnte er Selbstporträts ab, da er „als
bestehen Kleid und Kopfschmuck aus Venedig für ihre 1897 begonnene Samm- Person nicht extra interessant“ sei. Klimt
unterschiedlich geformten und gemus- lung moderner Kunst erworben. Es befin- war außerordentlich erfolgreich; jünge-
terten Feldern, die in Art einer abstrak- det sich noch heute im Besitz der Samm- re Maler imitierten seine Malweise, sie
ten Collage zusammengesetzt sind. Die- lung, die im einstigen Palast der Pesaro „klimtisierten“, wie es der Kunstkritiker
ser Gegensatz von naturgetreu gemalten am Canal Grande untergebracht ist. Ludwig Hevesi (1843–1910) ausdrückte.
Köpfen und Gliedmaßen und farbig or- Zu Klimts Œuvre gehören neben allego-
namentierten, mosaikartigen Flächen Der Maler risch-symbolistischen Darstellungen,
kennzeichnet die unverwechselbare Gustav Klimt (1862–1918), einer der Porträts und Landschaftsbildern auch
Bildsprache, die Klimt nach der Jahr- wichtigsten Repräsentanten der Wiener zahlreiche, großenteils erotische Zeich-
hundertwende entwickelt hatte. Ganz Moderne, begann seine künstlerische nungen. Klimt starb im Februar 1918 an
unten enthält ein kleines goldenes Qua- Laufbahn als Dekorationsmaler. Nach den Folgen eines Schlaganfalls.

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welt und umwelt der bibel 4/2018
Das Thema in der Kunst
Als älteste bildliche Darstellung Judiths
gilt ein Fresko (8. Jh.) in S. Maria Anti-
qua in Rom, das ihre siegreiche Rück-
kehr nach Betulia zeigt. Die Szene fin-
det sich auch in Bilderzyklen zum Buch
Judith, wie sie sich in mittelalterlichen
Bibelhandschriften erhalten haben (Bi-
bel von St. Paul, 9. Jh.; Roda-Bibel, 11.
Jh.). Seit frühchristlicher Zeit sah man
in Judith ein Tugendexempel, ein Vor-
bild an Keuschheit, Demut und Stärke.
In typologischen Bildprogrammen be-
gegnet sie als Präfiguration Marias und
der siegreichen Kirche, so im 13. Jh. an
der Kathedrale von Chartres und in der
Sainte Chapelle, Paris. In der Neuzeit
treten neben die dominierende Deu-
tung Judiths als Tugendheldin erstmals
andere Akzente: So steht sie in Gra-
fikzyklen des 16. Jh. als Beispiel weib-
licher List in einer Reihe mit Eva, Jaël
und Delila und wird bei Baldung Grien
zum Pendant einer Venus (1525).
Aus dem Barock sind Gemälde von
erschreckender Drastik erhalten, die,
dem Vorbild Caravaggios (1598) fol-
gend, die Enthauptung schildern (Ar-
temisia Gentileschi, 1612; Valentin de
Boulogne, 1630) oder Judith mit dem
blutigen Kopf des Holofernes in der
Hand zeigen (C. Allori, 1612; Rubens,
1616; Joh. Liss, 1622). Daneben ent-
standen Halbfigurenbilder Judiths, auf
denen Schwert und Haupt lediglich
als Attribute fungieren (Simon Vou-
et, 1617). Valentin de Boulogne (1626)
stellt sie mit erhobenem Zeigefinger
dar, als wolle er jenen Zeitgenossen
© public domain, flickr.com/photos/freeparking/1000807342

beipflichten, die sich zum Beweis da-


für, dass auch Frauen ein Volk mutig
und gerecht regieren können, auf Ju-
dith beriefen.
In der Malerei des Fin de Siècle
schließlich wird der Topos der Femme
fatale auf Judith übertragen (Klimt;
Lovis Corinth, 1900; Franz von Stuck,
1927). Indem Max Slevogt 1907 sein
Judith-Gemälde von 1898 so übermalt,
dass ein Selbstporträt die Figur des Das Gemälde
Holofernes verdeckt, lotet er ironisch Judith II (Salome), 1909, Öl und Goldauflage auf Leinwand, 178 x 46 cm,
die Grenzen dieser Übertragung aus. Venedig, Caʼ Pesaro, Galleria Internazionale dʼ Arte Moderna.

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welt und umwelt der bibel 4/2018 81
Die bibel in berühmten gemälden

1 Judith oder Salome? Ihre Dramen trafen den Nerv der Zeit und
inspirierten Maler und Bildhauer. Klimt
Beide Judith-Bilder Klimts sind auch unter stellt Judith mit dem Haupt des Holofer-
1 dem Titel „Salome“ bekannt. Schon 1901, nes dar, jedoch ohne ihr traditionelles
als „Judith I“ erstmals der Öffentlichkeit Attribut, das Schwert, und beschwört
präsentiert wurde, kam die Diskussion damit Verwechslungen mit Salome ge-
auf, ob nicht eher Salome gemeint sei, ob- radezu herauf. Durch diesen Kunstgriff
wohl Klimt auf dem Rahmen die Inschrift konnte seine Judith Assoziationen zu Sa-
„Judith und Holofernes“ angebracht hat-
te. Und auch der Titel des Gemäldes „Ju-
dith II“ wird bis heute meistens mit dem
Zusatz „Salome“ versehen.
Zwei Theaterstücke sind für das Verständ-
3 nis der beiden Frauengestalten zur Zeit
Klimts wichtig: Friedrich Hebbels „Judith“
2 und Oscar Wildes „Salome“. Hebbel hatte
die Tragödie „Judith“ schon 1840 geschrie-
ben, doch wurde sie erst zu einem popu-
lären Bühnenstück, nachdem sie 1896 in
Originalfassung aufgeführt werden konn-
te. Hebbel geht frei mit der biblischen
Vorlage um, indem er eine in der Ehe mit
Manasse jungfräulich gebliebene Judith
erfindet. Diese plant, Holofernes zu töten,
gerät jedoch in einen Widerstreit der Ge-
fühle, da er ihre Begierde entfacht. Erst
nachdem er sie mit Gewalt genommen
hat, enthauptet sie ihn, ihre Erniedrigung
rächend, und triumphiert: „Ha, Holofer-
nes, achtest du mich jetzt?“ Wie Hebbel
nahm sich auch Oscar Wilde die Freiheit,
eine biblische Frauenfigur gänzlich um-
zuwerten. Die Protagonistin seines Einak- lome wecken, da deren Gestalt damals in
ters (1893) ist eine frivole Salome, die den Literatur, Kunst und Musik (Oper von R.
Propheten Jochanan zu verführen ver- Strauss, 1905) nahezu allgegenwärtig war.
sucht. Als er sie zurückweist, verlangt sie Es kommt zu einer Überlagerung beider
seinen Kopf „zu eigener Lust“ und nimmt Gestalten, die eine Figur entstehen lässt,
sich, die Lippen des Toten küssend, was die gerade in ihrer Ambivalenz eindrucks-
ihr der Lebende verweigerte. Hebbel und voll die grausame Femme fatale verkör-
Wilde verbinden beide auf je eigene Weise pert, die die Menschen der Zeit faszinierte
weibliches Begehren und Mord, beide er- und zu deren künstlerischer Inszenierung
zählen von einem Kampf der Geschlech- immer wieder auf Frauenfiguren der Bibel
ter, in dem die Frau den Sieg davonträgt. zurückgegriffen wurde.

Die Quelle
„Und sie schlug zweimal mit ihrer ganzen Kraft gewöhnlich auf den Weg, als wollten sie zum Beten ge-
auf seinen Nacken und hieb ihm den Kopf ab. […] hen. Sie gingen jedoch, nachdem sie das Lager durch-
Kurz danach ging sie hinaus und übergab den Kopf quert hatten, um die Schlucht herum, stiegen den Berg
des Holofernes ihrer Dienerin, die ihn in ihren Verpfle- nach Betulia hinauf und gelangten vor das Stadttor.“
gungssack steckte. Sie machten sich dann beide wie (Judit 13,8-10)

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welt und umwelt der bibel 4/2018
Die bibel in berühmten gemälden

2 Holofernes als Simson? 3 Das sprechende Ornament

Erst bei genauerem Hin- Der größte Teil des Bildes besteht aus far-
sehen entdeckt man den bigen Ornamenten. Ein hellroter Grund
Beutel mit dem Haupt mit goldenen Spiralen und Rechtecken
des Holofernes. Zu sehen kontrastiert mit einer schwarz gemuster-
sind nur die hohe Stirn ten Fläche, in der große schwarze Drei-
und die geschlossenen ecke neben Voluten in Rot und Schwarz
Augen, während es der stehen, blütenartige Kreise neben blatt­
Fantasie überlassen ähnlichen grünen Ovalen. Erst durch
bleibt, sich den Hals mit Kopf, Brust und Hände, die in ihrer Kör-
der tödlichen Verletzung perhaftigkeit fast wie Fremdkörper in die
vorzustellen. Klimt er- Ornamentfläche gefügt sind, wandelt die-
zeugt Grauen auf subtile se sich zum Kleid Judiths.
Art. Der schmale Kopf Die Gestaltung von Gewändern als orna-
will nicht recht zu einem mentierte Flächen übernahm Klimt von
gewalttätigen Feldherrn der japanischen Malerei. Auf der Suche
passen und erinnert eher nach einer Formensprache, in der den
an Bilder vom Haupt Jo- Ornamenten eine wesentliche Rolle zu-
hannes des Täufers, des kommt, ließ er sich zudem von den by-
Opfers Salomes. Judith zantinischen Mosaiken, die er 1903 in
fasst den Beutel mit der Ravenna gesehen hatte, sowie der Kunst
linken Hand und greift des Alten Orients, ja sogar von modernen
dabei in die langen rot- Mikroskop-Bildern menschlicher Zellen
braunen Haarsträhnen inspirieren. Mit der Freude am Ornament
des Toten. Ihre Hände sind grazil, doch wirken die gekrümm- in der Kunst des Fin de Siècle korrespon-
ten Finger wie Krallen und verleihen ihr, wie auch die geduckte dierte ein wissenschaftliches Interesse an
Haltung und der wachsame Blick, etwas Raubtierhaftes. seiner Entwicklung und Bedeutung, wie
Mit der Betonung der Haare des Holofernes folgt Klimt einer die 1893 veröffentlichte „Geschichte der
langen ikonografischen Tradition. Zahlreiche Bilder zeigen, Ornamentik“ von Alois Riegl zeigt. Ausge-
wie Judith Holofernes am Schopf packt, um ihn zu enthaupten, hend von der Erkenntnis, dass Ornamente
den abgeschlagenen Kopf an den Haaren hochhält oder ihre mehr als Zierrat sein können, setzte Klimt
Hand auf seinem Haar ruhen lässt. Dabei konnte dem bibel- sie ein, um Stimmungen auszudrücken
kundigen Betrachter leicht eine andere Erzählung in den Sinn und Bedeutungen zu suggerieren. So ver-
kommen, in der eine Frau einen starken Mann vernichtet, und stärken die dynamischen schwarzen Drei-
zwar die von Simson und Delila (Ri 16,4-31). Delila, die Simson ecke und die weißgrauen, an Messerklin-
Liebe vortäuscht, ihm das Geheimnis seiner Stärke entlockt gen erinnernden Formen auf Judiths Kleid
und dann dem Schlafenden das Haupthaar schert, um ihn sei- das Bedrohliche, das von ihr ausgeht. Zu
ner Kraft zu berauben, galt als Inbegriff weiblicher Heimtücke. den Ornamentformen Klimts gehören
Es könnte in der Absicht Klimts gelegen haben, mit den langen auch solche, deren sexuelle Konnotatio-
Haaren des Holofernes das Schicksal Simsons zu evozieren und nen subtil-assoziativ bleiben. Schon 1903
© public domain CC3, flickr.com/photos/freeparking/1000807342

dadurch hinter der Gestalt Judiths diejenige Delilas aufschei- sprach Ludwig Hevesi vom „System einer
nen zu lassen. Und so fließen nicht nur Züge Salomes, sondern dekorativ-ornamentalen Sinnlichkeit“, das Klimt entwi-
auch Delilas in Klimts Judith ein, um sie als Frau zu charakteri- ckelt habe. „Das verruchte Ornament, wo nicht das per-
sieren, die frei von moralischen Bedenken ihre erotische Anzie- verse.“
hungskraft einsetzt, um einen Mann zu besiegen. Eine solche
Judith entsprach einem zeitgenössischen Frauenbild, wie es
u.  a. der Wiener Philosoph Otto Weininger vertrat, der in sei- Ines Baumgarth-
nem einflussreichen Buch „Geschlecht und Charakter“ (1903) Dohmen M. A.
von der „organischen Verlogenheit des Weibes“ sprach. ist Kunsthistorikerin
und freiberuflich
tätig.
„Mit so vehementer Gier hat noch keine Judith
den Traum von Rache und Blut geträumt“
Berta Zuckerkandl, Journalistin und Salonnière, 1909

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welt und umwelt der bibel 4/2018 83
Ausstellungen und veranstaltungen

Welt und Umwelt der Bibel-Tagungen zu WUB 4/2018


Stuttgart Regensburg
Die abenteuerliche Entstehung der Bibel Die Überlieferung der Hl. Schrift
Von den Anfängen bis zur Gegenwart
DATUM: Montag, 21. Januar 2019, 18–20.30 Uhr
ORT: Haus der Kath. Kirche, Königstraße 7, Stuttgart DATUM: Samstag, 24. November 2018, 9–13.00 Uhr
REFERENTEN: Barbara Janz-Spaeth, Theologin anschließend gemeinsames Mittagessen
Dr. Wolfgang Wieland, Theologe ORT: Pfarrheim St. Anton, Regensburg, Hermann-Geib-Str. 8a (10 Min.
TEILNAHMEGEBÜHR: 6 EUR Fußweg vom Bahnhof)
INHALT: Im ersten Teil des Abends gehen wir den im Heft REFERENT: Dr. Reinhold Then, Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle der
aufgeführten Fragen zum Entstehungsweg nach und Diözese Regensburg
lesen dazu kleinere Abschnitte aus einzelnen Artikeln ANMELDUNG: Bibelpastorale Arbeitsstelle, Obermünsterplatz 7,
dieses Heftes. Im zweiten Teil arbeiten wir über die 93053 Regensburg, email: Dr.Then@bpa-regensburg.de,
komplizierte Überlieferungsgeschichte eines Textes. Tel. 0941/5972-229. Anmeldeschluss: Di., 20. Nov. 2018
ANMELDUNG: Kath. Bildungswerk Stuttgart, 0711 HINWEIS: Die Lektüre des aktuellen Themenhefts WUB 4/2018 wird voraus-
7050600 oder www.kbw-stuttgart.de gesetzt. Wer nicht im Besitz des Heftes ist, bekommt es frühzeitig zugestellt.
Kursnummer K-19-1-1003

paderborn Mistelbach
bis 13. Januar 2019 bis 25. November 2018
GOTIK – Der Paderborner Dom und die Faszination Pyramiden
Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa
Entstanden vor tausenden von Jahren, faszinieren die Pyramiden
Das Diözesanmuseum Paderborn hat eine neue Ägyptens noch heute. Sie veranschaulichen auf beeindruckende Weise
Ausstellung konzipiert: Sie beschäftigt sich um- die baulichen Kenntnisse der antiken Hochkultur. Für viele Dynastien
fassend mit dem länderübergreifenden Phänomen dienten die Pyramiden als Grabstätte und waren jahrzehntelang Teil
und den revolutionären Veränderungen der Gotik, des Alltags der Alten Ägypter, die sie errichteten. Doch bis heute werfen
die – von Frankreich ausgehend – Europa erfas- die Pyramiden Ägyptens viele Fragen auf: Welche Bedeutung hatten
sen. Ein Einblick in die Abläufe des Baubetriebs sie? Wie wurden sie gebaut? Und was verbindet Pyramiden und Obelis-
zur Zeit der Gotik zeigt die technischen Innovatio- ken? Die Ausstellung öffnet den Blick in die Welt des Alten Ägypten. Die
nen dieser Epoche: Neue Werkzeuge, neue Arbeits- damit verbundenen Kulte, Rituale und Jenseitsvorstellungen werden
materialien und -methoden, die so auch beim Bau anhand von Original­funden greifbar.
des Paderborner Doms zum Einsatz gekommen
sein müssen; kurz vorher war die detailgetreue MAMUZ Museum Mistelbach, Waldstraße 44-46
Bauzeichnung erfunden worden. Die gotische 2130 Mistelbach an der Zaya, Tel. +43 (0) 2572/20719
Sakralarchitektur ist als „gebautes Gebet“ zu Di–So 10-17 Uhr (an Feiertagen auch Mo)
begreifen. Neu ist auch die berührende Darstellung Eintritt 10/8 EUR
der Emotionalität in den Skulpturen der Gotik – mamuz.at/de/ausstellungen
Zeichen einer sich neu etablierenden Frömmigkeit.
Leihgaben u. a. aus namhaften Museen, darunter
der Louvre und das Musée Cluny, werden in der
Ausstellung zu sehen sein.
© Benaki Museum Athen ; Mamuz Museum

Erzbischöfliches Diözesanmuseum
und Domschatzkammer, Markt 17
33098 Paderborn
Tel. +49 (0) 5251/125-1400
Di–So 10–18 Uhr Sa/So 9–18 Uhr
Eintritt 4/2 EUR
dioezesanmuseum-paderborn.de/gotik

Das Grab des Sennedjem ist im Original zu besichtigen.

84 welt und umwelt der bibel 4/2018


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Ausstellungen und veranstaltungen

mannheim Konstanz
bis 31. März 2019 26. November 2018 bis 24. Februar 2019
Mumien – Geheimnisse Römisch way of life
des Lebens
Die bunte Playmobilschau stürzt sich diesmal in den Alltag
Reiss-Engelhorn-Museen, D5, der zivilen Römer und Römerinnen in der Provinz, zu den
68159 Mannheim, echten und den unechten Bürgern, Landarbeitern, Sklaven,
Tel.: +49 (0) 621/293 31 50, Gutsherren, Priestern, Kindern und was da sonst so kreucht
Di–So 11–18 Uhr, und fleucht. Detaillierte, nach wissenschaftlichen Erkennt-
Eintritt 13,50/7,50 EUR nissen gestaltete Modelle wie eine Raststätte, Kneipen, Tem-
rem-mannheim.de pel, Wohn- und Badehäuser, Schiffe und Wagen erschaffen
Playmobil und Archäo-
eine überaus bunte und amüsante Miniaturwelt.
logie, Blick in die Ausstel-
Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg lung „Römisch way of life“.
Berlin Benediktinerplatz 5, 78467 Konstanz
bis 31. Januar 2019 Tel.: +49 (0)7531 9804-0
© W.A. Meijer © Galerie Henze und Wetterer, Bern

Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 5/4 EUR


Abu Mina – ein konstanz.alm-bw.de
spätantikes Pilgerzentrum
Nähere Informationen
s. WUB 2/2018. Stuttgart
bis 24. Februar 2019
Bode-Museum,
Am Kupfergraben, Ekstase in Kunst, Musik und Tanz
10117 Berlin, Ekstase ist eines der ältesten und zugleich erstaunlichsten
Tel. +49 (0) 30/266424242 Phänomene europäischer wie außereuropäischer Kulturen.
Di–Mi, Fr–So 10–18 Uhr, Anhand paradigmatischer Beispiele von der Antike bis in
Do 10–20 Uhr, die Gegenwart beleuchtet die Ausstellung die unterschied-
Eintritt 12/6 EUR lichen spirituellen, politischen, psychologischen, sozialen,
smb-museum.de sexuellen und ästhetischen Implikationen von Euphorie-
und Rauschzuständen zwischen Askese und Exzess.
Totentanz der Mary
Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1, 70173 Stuttgart Wigman, Ernst Ludwig
Schallaburg Tel: +49 711 216 196 00 Kirchner, 1926.
bis 11. November 2018 Di–So 10–18 Uhr, Fr 10–21 Uhr, Eintritt 12/8,50 EUR
kunstmuseum-stuttgart.de
Byzanz und der Westen –
1000 vergessene Jahre
Die Ausstellung ist eine Zeitreise Mannheim
durch 1000 Jahre. Sie erzählt über 11. November 2018 bis 10. Februar 2019
Kommunikation und gegenseitige
Stein(h)art – Gefäße von ewiger Schönheit
Wahrnehmung, Meinungsver-
schiedenheiten und Vorurteile, Das Alte Ägypten ist berühmt für seine monumentalen Bau-
über Sehnsüchte und Ängste. werke, kolossalen Skulpturen oder kunstvollen Reliefs. We-
niger bekannt, aber nicht minder faszinierend, sind Steinge-
Die Schallaburg, fäße, die aus besonders wertvollen und in ihrer ästhetischen
3382 Schallaburg 1 Qualität herausragenden Materialien gearbeitet sind. Die Großes Gefäß mit
(Österreich) Studioausstellung erweitert die Ausstellung „Ägypten - Land Rundboden; Andesit-
Tel.: +43 (0) 2754 6317-0, der Unsterblichkeit“ und widmet sich der altägyptischen porphyr; 1.-2. Dynastie
Mo–Fr 9–17 Uhr, Gefäßkunst, die in ihrer Ästhetik und in ihrem modernen (ca. 3100-2700 vC)
Sa/So 9–18 Uhr, Design bis heute fasziniert.
Eintritt 11/10 EUR
schallaburg.at D5 Museum der Weltkulturen, 68159 Mannheim,
Tel: +49 (0) 6212 93 31 50
Di–So 11–18 Uhr, Eintritt 10/4,50 EUR, rem-mannheim.de

Weitere Veranstaltungen rund um die Bibel finden Sie


auf www.bibelwerk.de > Kurse & Veranstaltungen 200219203704KE-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
welt und umwelt der bibel 4/2018 85
Vorschau

IMPRESSUM
Heft 4/2018
Die nächste Ausgabe im JANUAR 2019:
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist die deutsche

Das Grab Jesu


Ausgabe der französischen Zeitschrift
„Le Monde de la Bible“, Bayard Presse, Paris.
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist interdisziplinär
Geschichte und Geheimnis und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
enger Zusammenarbeit mit international
anerkannten Wissenschaftler/innen.
Verlag: Katholisches Bibelwerk e.V.,
edition „Welt und Umwelt der Bibel“
Postfach 15 03 65, 70076 Stuttgart,
Tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77
E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de,
www.weltundumweltderbibel.de
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Kontakt für Abonnenten:


wub@bibelwerk.de
Tel. 0711-61920-50

Redaktion: Dipl.-Theol. Helga Kaiser,


Dipl.-Theol. Wolfgang Baur
Korrektorat: Michaela Franke M.A.,
m._franke@web.de

W Die biblischen Zeugnisse von Tod und Auferstehung Anzeigenverwaltung: Ralf Heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
W Pilgern zum „Nabel der Welt“
Erscheinungsort: Stuttgart
W Nachbauten der Grabeskirche in Europa
© S. 2-5 (teilw.), Ba­yard Presse Int.,
W Jüdische Grabverehrung „Le Monde de la Bible“ 2017/2018, all rights reserved; 
© sonst edition „Welt und Umwelt der Bibel“
Übersetzungen:
Ralf Heermeyer
und so geht es weiter:
• Exodus – Transit in ein neues Leben Gestaltung: Olschewski Medien GmbH,
Stuttgart, Dipl.-Des. (FH) Barbara Janasik
• Traum – Gottes Rede in der Nacht Druck: C. Maurer GmbH & Co. KG, Geislingen/
• Maria: jüdisch – christlich – muslimisch Steige
PREISE: „Welt und Umwelt der Bibel“
erscheint vierteljährlich.
bestimmen sie mit, was sie lesen! • Einzelheft: E 11,30 zzgl. Versandkosten für Nicht-
Abonnenten / für Abonnenten E 9,50 inkl. Versandk.
• Jahresabonnement: E 40,- inkl. Versandkosten
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Schätze aus 20 Jahren
Unsere Backlist

o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Echnaton und Nofretete, 4/01


o Schöpfung, 2/96 o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02
o Damaskus, 1/97 o Jesus der Galiläer, 2/02
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 o Himmel, 4/02

Einzelheft € 4,90
e [A] 5,50 / sFr 9,50
o Der Tempel von Jerusalem, 3/99 o Entlang der Seidenstraße, Sonderheft 2002
o Christus in der Kunst (1): o Die Kreuzzüge, 3/03
Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Der Nil, 1/04
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Flavius Josephus, 2/04
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Der Jakobsweg, 3/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Prophetie und Visionen, 4/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Babylon, 3/05
o Paulus, 2/01 o Juden und Christen, 4/05

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

Einzelheft € 9,80
o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12

e [A] 11,50 / sFr 19,–


o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o Nordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14

o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 o Messias – Der Traum vom Retter, 2/17

Einzelheft € 11,30
o Jesus der Heiler, 2/15 o Götter und Tiere, 3/17

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o Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 o Juden, Christen, Muslime: Kunst des Zusammenlebens, 4/17
o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 o 70 Jahre Qumran. Neue Forschungen zu den Schriften
o Die Christen des Orients, 1/16 vom Toten Meer, 1/18
o Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 o Nächstenliebe – ein christlicher Wert?, 2/18
o Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16 o Irland – Christentum zwischen Druiden u. Mönchen, 3/18
o Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16 o Die abenteuerliche Geschichte der Bibel, 4/18
o Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17 o Das Grab Jesu, 1/19 (ab Januar 2019)

o „Orte am See Gennesaret“ Satellitenaufn. + Erläuterungen A2, o „Der Nil und seine Heiligtümer“ 21,5 x 110 cm,
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Pläne & Karten

o „Der Tempel von Jerusalem“, Rekonstruktion + Luftaufnahme A2, o „Die Überlieferung der Bibel“ Wichtige Inschriftenfunde A2,
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o „Das Heilige Land“ – Landkarte 28 x 60 cm, o Palästinakarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90, sFr 9,–
2 1,– (ab 5 Ex. 2 -,50), 2 [A] 1,10, sFr 1,50 o Mittelmeerkarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90, sFr 9,–
o „Die Altstadt von Jerusalem“, Reliefkarte A1, o Kartenset Palästinakarte und Mittelmeerkarte nur 2 9,90,
2 3,– (ab 2 Ex. 2 2,50), 2 [A] 3,20, sFr 4,– sFr 12,50
o Kartenset Heiliges Land: Alle 4 Karten (oben) o Alter Orient in biblischer Zeit 98 x 68 cm, 2 6,90, sFr 9,–
nur 2 5,–, 2 [A] 5,20, sFr 6,–

o Judäa und Jerusalem, 256 S., 2 12,80, 2 [A] 13,20, sFr 16,– o Musik in biblischer Zeit, 104 S., 2 11,90, 2 [A] 12,30, sFr 15,–
o 1001 Amulett, 224 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,– o Kleider in biblischer Zeit,112 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,–
Bücher

o Von den Schriften zur (Heiligen) Schrift, 175 S., o Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S., 2 16,80
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Kulturen erleben –
HEILIGES LAND:
ISRAEL/PALÄSTINA – JORDANIEN
„Terra Sancta

Menschen begegnen
beiderseits des Jordan“
Auf dieser Reise wird deutlich, dass der Jordan nicht
nur eine Grenz-, sondern auch eine Brückenfunktion
hatte und auch heute noch hat. Auf der Suche nach
Land und Heimat durchstreiften die Patriarchen die-
sen Raum. Zu beiden Seiten des Jordan und an die-
sem selbst wirkte der Prophet Elija. In dieser Um-
gebung trat auch Johannes der Täufer auf. Zeugnisse
des frühen Christentums finden sich auf beiden
Seiten. Das „Heilige Land“ erscheint unter diesen
Aspekten in einer neuen und erweiterten Perspektive.

Auf einen Blick


• Pilgerstätten am See Gennesaret
• Unterwegs in Galiläa
• Dekapolis rechts und links des Jordan
• Felsenstadt Petra
• Kreuzfahrerfestung und Herodespalast
• Taufstelle Jesu am Jordan
• Von Jericho nach Jerusalem

© tenkl, shutterstock 11-tägige Studienreise


07.04.2019 - 17.04.2019
27.10.2019 - 06.11.2019
Reiseleitung: Dr. Marcus Held, Mainz
Reisepreis pro Person ab € 2.495,–
Inklusivleistungen: Linienflug • Doppelzimmer in
guten Mittelklassehotels mit Halbpension • Rund-
reise inkl. aller Eintrittsgelder • Reiseleitung
Mindestteilnehmerzahl: 15 Personen

Ihre Ansprechpartnerin:
Svantje Bockstette
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Biblische Reisen GmbH
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ISRAEL/PALÄSTINA Tel. 0711/ 619 25-0, Fax -811
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„Auf den Spuren Jesu“ Biblische Studienreise
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Christen in Betlehem und Jerusalem Stiftsplatz 8 · A-3400 Klosterneuburg
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JORDANIEN
„Die andere Seite des Jordan“ Studienreise
Herodesfestung über dem Toten Meer I 2 Besichtigungstage in Petra I Wüstenlandschaft im Wadi Rum
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ÄGYPTEN – ISRAEL/PALÄSTINA
„Von Oberägypten ins Heilige Land“ Kombinierte Fluss- und Seekreuzfahrt
Idyllische Nilkreuzfahrt Assuan – Inseln Elephantine u. Agilkia – Kom Ombo – Edfu – Tal der Könige –
Karnak – Luxor. Seekreuzfahrt mit MY Harmony V – Rotes Meer – Pyramiden u. Antoniuskloster –
Suezkanal – Port Said – Mittelmeerhafen Ashdod.
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