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A r c h ä o l o g i e . K u n s t .

Ge s c h i c h t e 2/2019
WUB
Nr. 92, 24. Jg., 2. Quartal 2019 / Exodus / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-944766-63-8

Exodus
mythos und geschichte
EURO 11,30

jordanien neuer fund bibel im


archäologie büsten aus gemälde
für syrische römischer Die gefangen-
kinder zeit nahme christi
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Inhalt 2/2019

14 30 50
Auf der Suche nach historischen Die Erzählung wird weitererzählt und neu Ein Befreiungs-Mythos, der immer
Spuren des Exodus gedeutet neu Geschichte macht

exodus – mythos und geschichte

Jan Assmann 8 Benedikt Kranemann 44


Die Kraft des Exodus Die Taufe wird zum Durchzug in ein neues Leben
Zeitloser Mythos und immer neue Geschichte Exodus-Typologie in der frühen Kirche

Helga Kaiser 14 Matthew J. M. Coomber 50


Dem Exodus auf der Spur „Let my people go!“
Wie die Ägyptologie zur Exodus-Forschung beitragen kann Der Exodus und die Geschichte der afroamerikanischen
Sklaven
Interview 20
„Man kann den Exodus nicht als history Stefan Silber 56
verstehen“ Der Schrei meines Volkes
Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Zwickel über die Befreiungstheologische relecturas der Exoduserzählung
Historizität des Exodus

Katrin Brockmöller 58
Der Exodus im „Faktencheck“ 26 Mit Mirjam durch das Schilfmeer
Da war etwas. Da war nicht nichts Ikone der Freiheit – Symbolfigur der christlichen

© Titel: Livioandronico2013, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org


Frauenbewegung

Kristin Weingart 30
„Wenn dich morgen dein Kind fragt ...“
Wie die Exoduserzählung wächst, indem sie
weitererzählt wird

Christian Frevel 36
Wo und wann lernt Israel seinen Gott kennen?
JHWH und der Exodus

Titelbild: Bartolo di Fredi, Fresko des Durchzugs durchs


Übersicht 42 Rote Meer (Detail) im Dom zu San Gimignano (Collegiata
Der Exodus in der biblischen Darstellung Santa Maria Assunta), 1356.

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Editorial

Der Exodus weckt


bei vielen Menschen einen
historischen Forscherdrang:
Hat es den Auszug der Israe-
liten wirklich gegeben? Wer
war der Pharao des Exodus?
Das sind spannende Fragen, die zum Verständ-
2 nis der Erzählung beitragen – und doch ist der
Exodus viel mehr: Die Erzählung hat das Volk
Zufallsfund nahe Bet Schean: Steinbüsten aus
römischer Zeit Israel begründet, das Judentum und die Mensch-
heitsgeschichte geprägt. Daher haben wir einen
Zugang gewählt, weit in die Vergangenheit und
Aus der Welt der Bibel ebenso bis in die Gegenwart zu schauen:
Wo liegen die Anfänge dieses Mythos und wel-
Das Neueste aus der Welt der Bibel 2 che Kraft hat er bis heute? Denn die bleibende
Römische Steinbüsten vom Regen ans Licht gebracht Faszination der Befreiungs­erzählung liegt in
Anwesen eines wohlhabenden Samaritaners gefunden
Dreisprachige Inschrift am Grab von Darius I. entdeckt
ihrer Aktualität: „Immer wieder gilt es, auszu-
ziehen ...“, wie Jan Assmann (S. 10) es formuliert.
Büchertipps 59 In eigener Sache
Leser/innen-Umfrage: Herzlichen Dank für die
Panorama 60 starke Beteiligung an unserer Befragung in der
Archäologie für syrische Flüchtlingskinder in Jordanien
letzten Ausgabe! Neben einem vielfachen, sehr
Forschungen zu koptischen Zaubersprüchen
Ungewöhnlicher Fund in einem Frauenkloster ermutigenden „Weiter so!“ haben wir zahlreiche
Anregungen, Ideen und Verbesserungsvorschlä-
Die großen Städte der Bibel ge erhalten – und zudem eine Vorstellung Ihrer
68
Hazor: Eine Stadt mit internationalen digitalen Wünsche und inhaltlichen Schwer-
Beziehungen punkte. Das alles auszuwerten, wird noch etwas
Zeit in Anspruch nehmen. Die drei Gewinner der
Die Bibel in berühmten Gemälden 72 Bände „Stuttgarter Altes und Neues Testament“
Francisco de Goya: Die Gefangennahme Christi
werden ausgelost und dann benachrichtigt!
Neuer Web-Auftritt: Es ist so weit – die neue
Ausstellungen und Veranstaltungen 76 Homepage weltundumweltderbibel.de ist „live
gegangen“. Wir können Ihnen flexibler Inhalts-
Vorschau und Impressum 78 verzeichnisse und Neuigkeiten aus der Redak-
tion zugänglich machen. Wenn Sie unseren
Redaktionskreis kennen lernen, die neuesten
Studientage einsehen oder Downloads nutzen
möchten: Schauen Sie vorbei!

Eine anregende Lektüre wünscht


Ihre Helga Kaiser
Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

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welt und umwelt der bibel 1/2015 3
Das neueste aus der Welt der Bibel

Römische Steinbüsten vom Regen ans licht gebracht

1700 Jahre alte Skulpturen

Zufallsfund einer Spaziergängerin: Zwei römische Steinbüsten. Oben: Nir Distelfeld von der IAA mit den beiden
Männern aus Stein. Der Vergleich zeigt die Größe der antiken Grabstatuen.

BET Schean Ungewöhnlich starker „Diese Büsten wurden aus lokalem nicht einer gleicht der anderen. Die Büs-
Winterregen hat nahe der Stadt Bet Kalkstein hergestellt und zeigen indi- ten sind im orientalischen Stil gehalten,
Schean, dem hellenistischen Skytopo- viduelle Gesichtszüge, Details der Klei- was nach Eitan Klein zeigt, dass in die-
lis, 25 km südlich des Sees Gennesaret, dung und Frisuren. Mindestens einer ser Epoche der Formenkanon der klassi-
beide: © Eitan Klein, Israel Antiquities Authority

zwei Statuen aus der Römerzeit frei- der Männer trägt offensichtlich einen schen Kunst nicht mehr bestimmend war
gespült. Eine Frau entdeckte den Kopf Bart“, erläutert Eitan Klein von der IAA. und lokale Trends in Mode kamen.
einer der Büsten zufällig beim Spazier- Solche Büsten wurden normalerweise in Die Untersuchung der Statuen durch
gang im Dezember 2018. Mitarbeiter der Nähe oder innerhalb einer Grabhöh- die IAA dauert noch an. Nir Distelfeld,
der Israelischen Antikenbehörde (IAA) le aufgestellt. Vermutlich glichen ihre ein weiterer Mitarbeiter der IAA, der
förderten neben dieser Büste dann noch Gesichtszüge dem Verstorbenen. ebenfalls an der Bergung der Büsten be-
eine zweite Statue zutage. Nach Anga- Ähnliche Büsten wurden schon früher teilgt war, hofft, dass starke Regenfälle
ben der IAA wurden die Statuen wohl in in der Region rund um Bet Schean und auch in Zukunft noch manchen antiken
spätrömischer Zeit im 3. oder 4. Jh. nC im Norden Jordaniens gefunden. Das Be- Fund an die Oberfläche spülen werden.
gefertigt. sondere der Funde ist ihre Individualität, W (IAA/WUB)

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Das neueste aus der Welt der Bibel

Anwesen eines wohlhabenden Samaritaners gefunden

Eine Weinpresse mit Segensbitte


Tzur natan Rund 25 km östlich von
Netanja liegt der Siedlungshügel Tel
Tzur Natan. Bei Rettungsgrabungen vor
dem Bau eines neuen Wohnviertels fan-
den Archäologen am Tel Tzur Natan das
Anwesen eines offensichtlich wohlha-
benden Samaritaners. Bemerkenswert
ist vor allem die ebenfalls freigelegte
1600 Jahre alte Inschrift.
Leah Di Segni von der Hebräischen
Universität Jerusalem, die die griechi-
sche Inschrift entziffert und übersetzt
hat, datierte sie ins frühe 5. Jh. nC. In
dieser Zeit erreichte die samaritanische
Besiedlung in der südlichen Scharon-
Ebene ihren Höhepunkt. In der Inschrift
bittet ein Mann namens Adios Gott um
Segen für sein Anwesen. Wörtlich lautet
der Text: „Allein Gott helfe dem schönen
Besitz des Meisters Adios, amen.“
„Die Inschrift wurde neben einer be-
eindruckenden Weinpresse gefunden,
Bitte um Segen: Vorsichtig wird die samaritanische Inschrift gereinigt.
die wohl Teil eines landwirtschaftlichen
Betriebs eines reichen Menschen namens
Adios war“, erklärt die Ausgrabungslei-
terin der Israelischen Altertumsbehörde,
Hagit Torge. Den Ehrentitel „Meister“
oben: © Galeb Abu Diab/Israel Antiquities Authority, unten: © Israel Antiquities Authority/Yitzhak Marmelstein

erhielten ihr zufolge wichtige Mitglieder


der Samaritanergemeinschaft. Er deutet
auf eine hohe gesellschaftliche Stellung
des Landbesitzers. Ein weiteres Indiz für
die Bedeutung des Eigentümers sei die
Lage der Weinpresse nahe der einstigen
Synagoge. Sie war bereits bei früheren
Ausgrabungen gefunden worden. Im 6.
Jh. sei die Synagoge in eine Kirche umge-
wandelt worden.
Neben der Weinpresse fanden die Ar-
chäologen auch Steinbrüche mit in den
Fels geschnittenen Mulden, die offen-
sichtlich zur Kultivierung von Weinstö-
cken genutzt wurden. Sie gehörten ver-
mutlich auch zum Anwesen von Meister Die antike Weinpresse mit der seltenen Inschrift.
Adios.
Nach Hagit Torge gibt es bisher neben
der jetzt gefundenen Presse nur eine Ausgrabungen in den Jahren 1989– mahlen wurde. Auch bei ihr war eine re-
weitere vergleichbare Weinpresse der 1994 hatten bei Tzur Natan bereits Spu- ligiöse Darstellung angebracht worden,
Samaritaner mit einem Segenswunsch. ren einer landwirtschaftlichen Nutzung nämlich das Bild eines siebenarmigen
Sie wurde vor einigen Jahren in Apollo- hervorgebracht, u. a. fanden sich Belege Leuchters. W (IAA/WUB)
nia bei Herzliya gefunden. für eine Eselsmühle, mit der Getreide ge-

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welt und umwelt der bibel 2/2019 3
Das neueste aus der Welt der Bibel

ein zeugnis für den einsatz von pferden in israel

Zwei Pferdeköpfchen
der Eisenzeit stark zugenommen habe.
Kleine Pferde- Sie seien militärisch eingesetzt worden
köpfe aus Ton, und wären eher für Reisen als für die
links aus hellenis- Landwirtschaft verwendet worden. Bi-
tischer Zeit, rechts blische Überlieferungen wie etwa vom
aus der Eisenzeit. Exodus oder vom Krieg gegen Sisera er-
wähnen Streitwagen, die vermutlich von
Pferden gezogen wurden.
Erlich erläuterte, dass Pferdefiguren im
ersten Jahrtausend vC in Israel verbrei-
tet waren, allerdings sei ihre Bedeutung
unklar. Möglicherweise seien die Reiter
Soldaten oder Menschen mit einem ho-
hen sozialen Status gewesen, da sich nur
wohlhabende Personen ein eigenes Pferd
hätten leisten können. Jedenfalls wären
in der Region Israel fast nur Männer auf
dem Rücken von Pferden dargestellt wor-
den, was nach Erlich Rückschlüsse auf
KFAR ruppin/tel Akko Zwei kleine nahe von Bet Schean gefunden. Die Fi- die Geschlechterrollen in der eisenzeitli-
Pferdeköpfchen aus Ton wurden an zwei gur zeigt den Kopf eines Pferdes und die chen Gesellschaft zulasse.
verschiedenen Orten im Norden Israels linke Hand eines Reiters auf dem Hals. Der jüngere Pferdekopf wurde in der
von Wanderern entdeckt. Die starken Re- Zaumzeug und Zügel sowie die Hand des Nähe des antiken Siedlungshügels Tel
genfälle des vergangenen Winters haben Reiters waren mit roter Farbe bemalt, die Akko gefunden, 1,5 km von der moder-
sie aus der Erde freigespült. heute noch sichtbar ist. Der Stil und die nen Stadt Akko (im Nordwesten Israels)
Eine der Figuren soll etwa 2800 Jahre Bemalung sind typisch für die Eisenzeit entfernt. Diese Figur stammt aus helle-
alt sein, die andere ist jünger und stammt II (9. bis 7. Jh. vC). nistischer Zeit. Auch hier wurde rotes
aus dem 2. Jh. vC. Die ältere Figur aus Adi Erlich von der Universität Haifa Pigment verwendet, um die Ohren und
der Eisenzeit II wurde in Kfar Ruppin, sagte, dass die Nutzung von Pferden in die Mähne hervorzuheben. W (IAA/wub)

Domus transitoria von kaiser nero

Neu eröffnet
rom Die erste Residenz des römischen nicht wieder herrichten, sondern ließ die
Kaisers Nero, die Domus Transitoria, wird Domus Aurea als neue Residenz erbauen.
oben: © Clara Amit, Israel Antiquities Authority

mit Beginn der Touristensaison in Rom Die Reste der ersten Residenz Neros
wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. sollen jetzt bei Kleingruppenführungen
Nach fast sieben Jahren Schließung we- wieder den früheren Glanz nachvollzieh-
gen Restaurierungsarbeiten wurde die bar machen, zu dem auch eindrucksvolle
Ausgrabungsstätte auf dem römischen Wasserspiele beitrugen. Lichtinstallatio-
Palatin-Hügel wieder eröffnet. nen weisen auf architektonische Eigen-
Die von 60 bis 64 nC errichtete Luxus- heiten hin, Videoprojektionen helfen,
Virtuelle Rekonstruktion des residenz des Kaisers geriet in Verges- sich die ursprüngliche Residenz vorzu-
ersten Palastes von Kaiser Nero, senheit, da sie beim Brand Roms 64 nC stellen sowie die Bezüge zur späteren
des Domus Transitoria. großteils zerstört wurde. Nero ließ sie ­Domus Aurea zu sehen. W (KNA/WUB)

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Das neueste aus der Welt der Bibel

Naqsch-e rustam

Dreisprachige Inschrift am Grab von Darius I.

Die vier Gräber der achämenidischen Könige sind archäologisch gut


untersucht. ­Dennoch fand sich jetzt eine neue, bisher unbekannte Inschrift.

zitat

naqsch-e rustam Zwei iranische For- Pigmenten hervorgehoben, die heute Kirchen des Orients
scher, Mojtaba Doorodi aus Shiraz und noch zu erkennen sind. Der Text gibt den
Soheil Delshad aus Berlin, haben be- Titel eines Beamten wieder, der dem Kö-
„Es war für mich schon im-
kannt gegeben, dass am Felsen nahe am nigshof nahestand. Leider hat sich der mer ein großes Anliegen, die
Grab des achämenidischen Königs Dar- Name des Mannes nicht erhalten, da
Erinnerung an die christliche,
ius I. (549–486 vC) in Naqsch-e Rustam in allen drei Sprachen der Beginn des
(Iran) eine bisher undokumentierte drei- Textes, der den Namen enthalten haben muslimische und jesidische
sprachige Inschrift entdeckt wurde. müsste, im Lauf der Jahrhunderte abge- Präsenz zu bewahren. Heute
Naqsch-e Rustam, 6 km nördlich von brochen ist.
© Ggia - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17422810

Persepolis, ist eine steile Felswand, in Historiker hoffen, durch die Inschrift geht das weiter, indem wir
der sich vier Gräber achämenidischer mehr zu erfahren über die Genealogie vor allem durch das mensch-
Großkönige befinden. und die Namen der hochgestellten Fami-
liche Zusammenleben daran
Verborgen unter Schmutzablagerun- lien, die den Achämenidenkönigen teils
gen und Flechten, war die Inschrift als Berater dienten. arbeiten müssen. Um Frieden
bisher den Augen der Archäologen ent- Doch auch für Sprachwissenschaftler zu schaffen und Erinnerung
gangen. Dazu kommt, dass sie unter der ist der Text von besonderer Bedeutung,
Erosion gelitten hat, versteckt in der obe- da er diesen drei alten Sprachen jeweils zu bewahren, muss man die
ren Ecke eines Reliefs angebracht ist und ein neues, bisher unbekanntes Verb hin- Menschen und die Bücher
dadurch oft im Schatten liegt. Doch Moj- zufügt.
taba Doorodi von der Shiraz University Noch ist der Text wissenschaftlich
gleichermaßen respektieren.
hatte Glück. Als er mit einem Fotografen nicht endgültig ausgewertet, doch offen- Das gehört zusammen.“
die Reliefs untersuchte, lag es gerade in sichtlich bezieht sich die Inschrift auf
der Sonne. Und so kam der vierzeilige die unter ihr in den Fels eingemeißelte Der neue Erzbischof von Mossul,
Text in den Blick. Soheil Delshad von der Figur. Und das unbekannte Verb be- Najib Mikhael Moussa, äußert sich
Freien Universität Berlin konnte wenig nennt eine Geste der Figur, nämlich eine zur Rückführung des alten Archivs
später bestätigen, dass es sich um eine zeremonielle Handlung vor dem König. der christlichen Gemeinde – soweit
bisher unbekannte Inschrift handelt. Die neu entdeckte Inschrift hat die erhalten – nach Mossul. Die verlore-
Die Inschrift ist in den Sprachen Per- Hoffnung geweckt, dass vielleicht noch nen Dokumente waren zuvor schon
sisch, Elamitisch und Babylonisch ver- weitere, bisher unentdeckte Reliefs in eingescannt und fotografiert worden.
fasst und war ursprünglich mit blauen Naqsch-e Rustam zu finden sind. W (wub) (Vatican News 30. Januar 2019).

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welt und umwelt der bibel 2/2019 5
© Livioandronico2013, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org

EXODUS
Mythos und geschichte
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Der Zug durchs
Rote Meer
zwischen dem Blick
zurück und dem Blick
nach vorn. Fresko im
Dom zu San Gimig-
nano (Toskana), aus
einem alttestamentli-
chen Fresken-Zyklus
des Bartolo di Fredi
(1356).

Es ist eine große Erzählung: Knechtschaft der Israeliten Der Exodus erzählt von der Befreiung aus Unter-
unter dem Pharao, grausame Plagen, dramatische Flucht drückung, von der Barmherzigkeit bei Versagen, von
eines ganzen Volkes, große und kleine Konflikte auf der Sehnsucht nach Gottes Bund – und die Ursprungs-
der Wüstenwanderung. Und dann die Schilderung der erzählung Israels ist so stark, dass sie weit über das
Gottesbeziehung: Gerade noch hatte Gott das Volk am Judentum hinaus wirkt. Wir begeben uns auf die Spuren
Schilfmeer gerettet, schon beginnt am nächsten Morgen ihrer Geschichte: Welche historischen Anhaltspunkte
das Murren. Gerade hatten die Kinder Israels noch die des Exodus lassen sich archäologisch erforschen?
überwältigende Donner-Blitz-und-Feuer-Theophanie am Und wo bringt die Exoduserzählung bis heute neue
Sinai erlebt – und schon das Goldene Kalb gegossen ... Befreiungstheologien hervor?

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Zeitloser Mythos und immer neue Geschichte

Die Kraft
des Exodus
Wie konnte die Exoduserzählung in der Geschichte
der vergangenen 3000 Jahre eine solche Leuchtkraft
entwickeln? Der Exodus ist einerseits Mythos,
aber auf atemberaubende Weise macht er bis heute
weiterhin Geschichte. Von Jan Assmann

B
ei der Beschäftigung mit der Exodus-
überlieferung gilt es, zwischen dem My-
thos vom Auszug aus Ägypten und dem
biblischen Buch Exodus zu unterscheiden. In
welchem Sinne aber darf beim Auszug aus Ägyp-
ten von einem „Mythos“ die Rede sein? Gewiss
nicht im Sinne von Fiktion, die keine Fundie-
rung in der Realität hat, sondern vielmehr im
Sinne einer Erzählung, die Realität fundiert, die
Geschichte macht, anstatt sich nur auf sie zu schilderte Ereignis so nie stattgefunden haben
beziehen. Der Exodusmythos ist aber auch nicht konnte. Aber die Mythos-Definition des byzanti-
zu verstehen im Sinne einer Erzählung von Ge- nischen Gelehrten Salustios trifft den Punkt: „es
schehnissen „in illo tempore“, wie Mircea Eliade geschah nie, ist aber immer“ (De diis et mundo
1966 in Kosmos und Geschichte die Zeitlichkeit IV, 30). Der Exodus „ist immer“ für das Juden-
des Mythos definierte – als die Götter oder Ah- tum, das sich diese Geschichte an jedem Seder,
nen auf Erden wandelten und die Ordnungen mit dem das Pessach-Fest anfängt, erzählt, um
des Lebens festlegten. Nein, der Exodus spricht sich seiner Identität, seiner Herkunft und seines
im Sinne einer Vergangenheit, von der sich die Auftrags zu vergewissern: „In jeder Generation
fortschreitende Gegenwart nie entfernt, weil die (bekål dôr wa-dôr) soll der Mensch sich betrach-
normative und formative Verbindlichkeit dieser ten als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen wie
Vergangenheit nie verblasst. denn gesagt ist ‚An diesem Tag erzähl deinem
Sohn: Das geschieht für das, was JHWH an mir
© Picture Alliance / AP Photo/Dan Balilty

getan hat, als ich aus Ägypten auszog‘ (Ex 13, 8).“
Der Mythos deutet die Erfahrungen (Zitiert nach Pessach Haggadah, hg. von M. Shire
der Gegenwart et. al., Berlin 1988.)
Tanakh/Tanach
Hebräische Bezeichnung
Der Exodus-Mythos versteht sich durchaus als Auch wenn das „Ereignis“ nie stattfand,
für die Bibel, bestehend ein geschichtliches Ereignis, auch wenn es der kristal­lisieren sich in dem Mythos doch Jahr-
aus drei Teilen Ta-na-kh historischen Wissenschaft nie gelungen ist, ent- hunderte geschichtlicher Erfahrungen. Und sein
(Tora-Nebi’im-Khetubim; sprechende archäologische, epigrafische oder vielfältiges Erzählen und Wiedererzählen prägt
„Tora-Propheten- philologische Spuren aufzufinden. Vielmehr bis heute die geschichtliche Erfahrung weiterer
Schriften“). konnte sie nachweisen, dass das in der Bibel ge- Jahrhunderte.

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Das Meerwunder
in der berühmten
Vogelkopf-Hagga-
dah, Faksimilie in den
Händen von Eli und
Shuli Barzilai. Unter
den Nazis wurde die
Haggadah (um 1300
entstanden) ihrem
deutschen Großvater
gestohlen und nach
dem Krieg an das Israel
Museum verkauft. Aus
einer Haggadah werden
beim Pessach-Seder
die Geschichte des
Exodus vorgelesen sowie
Handlungsanweisun-
gen für das Festmahl.
Aufnahme April 2016
in Jerusalem.

Der Mythos entfaltet sich wie jede Erzählung Mose nicht das Ende der Erzählung sein, denn
in den drei Schritten von Anfang, Mitte und Mose stirbt in Moab und wird das Gelobte Land
Ende bzw. Ausgangssituation, Entwicklung nicht betreten. Das gelingt erst Josua, und es
und Endsituation, wobei die Ausgangssituati- erscheint hoch bedeutsam, dass dieser Teil der
on durch Not und Mangel markiert ist, die Ent- Erzählung nicht mehr zur Tora gehört, sondern
wicklung von der Überwindung dieses Mangels zu den „Vorderen Propheten“ oder Geschichts-
handelt und die Endsituation die Umkehrung büchern.
der Ausgangssituation darstellt. „Ausgang“
und „Überwindung“ sind vollkommen klar: die
Unterdrückung im „Sklavenhaus“ Ägypten und Der Exodus „ist immer“ für das
die Befreiung daraus durch JHWH und seinen
Knecht Mose. Wo aber endet die Erzählung?
Judentum, das sich diese Geschichte
Genau genommen findet sie in der Hebräi- an jedem Pessach-Seder erzählt
schen Bibel, dem Tanakh, gar kein Ende. Das
Buch Exodus endet mit dem Bau der Stiftshütte.
Nimmt man das Buch Genesis hinzu, wird die- Also endet die Erzählung mit Josua 24, der
ser Bau auf kunstvolle Weise mit der Weltschöp- Bundeserneuerung im Gelobten Land? Josua
fung in Parallele gesetzt. Das kann aber nicht steht aber nicht am Ende, sondern am Anfang
das Ende des Mythos sein. Der mit dem Auszug einer Geschichte, deren Ende erst in 2 Könige 25
aus Ägypten begonnene Bogen erfordert not- mit dem Untergang Jerusalems und der Babylo-
wendig den Einzug in das Gelobte Land. Daher nischen Gefangenschaft erreicht scheint. Aber
kann auch der Schluss der Tora mit dem Tod des das kann schon gar nicht das Ende sein, denn es

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welt und umwelt der bibel 2/2019 9
Die Kraft des Exodus

Der Exodus – Ein Mythos, der nie endet ...

Die drei Schritte eines Mythos:


1. Ausgangssituation 2. Entwicklung 3. Endsituation
Not und Mangel Überwindung Umkehrung der Ausgangssituation
des Mangels

Beim Exodus sind diese Schritte:


1. Unterdrückung 2. Befreiung 3. Endsituation?
im Sklavenhaus durch JHWH und Wann ist beim Exodus die Ausgangssituation umgekehrt?
„Ägypten“ seinen Knecht • Mit dem Bau der Stiftshütte, des Zeltheiligtums für JHWH
Mose (Schluss des Exodusbuchs)?
• Am Schluss der Tora mit dem Tod des Mose (Dtn 34)?
• Beim Einzug ins Gelobte Land und mit der
Bundeserneuerung (Jos 24)?
• Durch die Neugründung Israels unter Esra und Nehemia
nach dem Babylonischen Exil?
• Wenn der Messias am Ende der Tage auftritt?
 Das Ende des Exodus-Mythos ist offen!
„Immer wieder gilt es auszuziehen, sich der Verwandlung
auszusetzen und in Neues einzuziehen“ (J. Assmann)

stellt nicht die Umkehrung, sondern eher tritt und in christlicher Sicht mit der siv. Universal ist die allgemeine Struktur
die Wiederholung der Ausgangssituati- Auferstehung Jesu Christi und der Neu- der Erzählung mit ihrem Dreischritt von
on dar. Ein tragfähigeres Ende wird erst gründung Israels als heilige christliche Auszug, Umwandlung und Einzug, die
mit Esra und Nehemia 8-10 erreicht: mit Kirche eingetreten oder zumindest in der Struktur aller Übergangsriten ent-
der Neugründung Israels als Judentum greifbare Nähe gerückt ist. So steht in spricht: Trennung von der Gruppe bzw.
nach dem Scheitern des ursprünglichen jüdischer Sicht der ganze Tanakh und der alten Heimat – Prüfung und Umwand-
Projekts von Auszug und Einzug; aber in christlicher Sicht die ganze Bibel, Al- lung – Reintegration in der Gruppe bzw.
es wird dort betont, dass das wahre, ei- tes und Neues Testament, im Zeichen der neuen Heimat. Die Kinder Israels
gentliche Ende noch aussteht. „Siehe, des Exodus, mit dem Buch Genesis als werden aus Ägypten befreit (Trennung),
wir sind heute Knechte“, heißt es Neh Vorgeschichte und allem Übrigen als am Sinai zu einem Volk mit Verfassung,
9,36, „und in dem Lande, das du unsern Entfaltung der Geschichte im Sinne von Rechts- und Kultordnung (Umwandlung)
Vätern gegeben hast, seine Früchte und Schuld und Verheißung. Vielleicht bil- und in Kanaan als dem Gelobten Land
Güter zu genießen, siehe, in ihm sind wir det das offene, nie erreichte Ende sogar angesiedelt (Reintegration).
Knechte“. Denn das Land, in das die De- überhaupt die eigentliche Pointe der Er- Universalität ist aber etwas anderes
portierten nach der Eroberung Babylons zählung: Immer wieder gilt es auszuzie- als Verallgemeinerungsfähigkeit. Wenn
durch Kyros zurückgekehrt sind, steht hen, sich der Verwandlung auszusetzen die Exodus­erzählung nur in ihrer allge-
unter der Herrschaft erst der Perser, und in Neues einzuziehen. meinsten narrativen Struktur als univer-
dann der Seleukiden, zuletzt der Römer. sal gelten kann, so hat sie sich doch in
In diesem offenen Ende des Exodus- sehr viel speziellerer Hinsicht als verall-
© Public Domain

Mythos wurzelt der jüdische Messianis- Der Exodus ist verallgemeinerungs- gemeinerungsfähig erwiesen. So hat z. B.
mus, das Warten auf das wahre Ende, fähig – er wird zur Blaupause der politische Philosoph Michael Walzer
das in jüdischer Sicht mit dem Auftre- Der Mythos vom Auszug aus Ägypten ist (Exodus and Revolution, New York 1985)
ten des Messias am Ende der Tage ein- beides zugleich – universal und exklu- die Exo­duserzählung als „Blaupause“

10 welt und umwelt der bibel 2/2019


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Die Kraft des Exodus

aller Revolutionen bezeichnet. Jede Revolution Auch wenn Kant die Aufklärung als den „Aus-
hat nach dem Ausbruch aus dem Alten „Wüsten gang des Menschen aus seiner selbst verschul-
zu durchqueren“, d. h. konterrevolutionäre Wi- deten Unmündigkeit“ definiert, verwendet er
derstände zu überwinden, bevor sie ihre Vision das Symbol des Exodus.
einer neuen Ordnung durchsetzen kann – oder
endgültig scheitert. Völker wie die Armenier,
die Äthiopier, die Engländer, die Niederländer, Wo der Exodus dagegen exklusiv ist
die Amerikaner, die Buren sowie Bewegungen Das biblische Buch Exodus aber setzt ganz ande-
wie der Protestantismus, der Pietismus, der re Akzente, die nicht im Zeichen der Universali-
Puritanismus, die Civil-Rights-Bewegung, die tät oder Verallgemeinerbarkeit stehen, sondern,
lateinamerikanische Befreiungstheologie und ganz im Gegenteil, in dem der absoluten Einzig-
Revolutionen wie die puritanische Revolution
Oliver Cromwells haben sich mit dem Exodus
identifiziert. Vielleicht bildet das offene, nie
„Exodus“ ist aber auch ein Symbol für rein
geistige Aufbrüche. Wenn Augustinus in seinem erreichte Ende sogar die eigentliche
Kommentar zu Psalm 64 (65) schreibt, incipit Pointe der Erzählung
exire qui incipit amare („Der fängt an, auszuzie-
hen, der anfängt zu lieben“), dann denkt er an
den Auszug aus der civitas terrena, der Welt der artigkeit und Unvergleichbarkeit. Das Thema der
weltlichen Dinge und Geschäfte, in die civitas Offenbarung dominiert in einem völlig neuen
Dei, das Reich Gottes, der keine Sache der kör- und anderen Religionen fremden Sinne alle Tei-
perlichen Fortbewegung, sondern eines inneren le des Buches (Vgl. J. Assmann, Exodus, S. 29–52):
Aufbruchs ist: exeunteum pedes sunt affectus • Gott offenbart seinen Namen in der Szene am
cordis – „die Füße der Auswandernden sind die brennenden Dornbusch (Ex 3),
Empfindungen des Herzens“. „Ägypten“ steht • seine Macht in den zehn ägyptischen Plagen
dann für die weltliche Welt, in der die Frommen (Ex 7–11),
als Fremdlinge leben und Unterdrückung erlei- • seinen Bund und dessen Gesetze am Sinai
den, wie etwa in der Arie einer Bachkantate zum (Ex 19–24),
Zweiten Advent (BWV 70), an dem man der Wie- • das Zeltheiligtum – d. h. Religion und Kult –
derkehr Christi am Weltende gedenkt: „Wann in der Wolke (Ex 25–31)
kömmt der Tag an dem wir ziehen aus dem Ägyp- • und sein Wesen in der Szene, in der die Herr-
ten dieser Welt?“ (Textdichter: Salomon Franck). lichkeit des Herrn nach der Krise des Goldenen

Die Familien der Pilgrim Fathers


besteigen 1620 in Plymouth die May-
flower. Sie sahen ihre Auswanderung
als Exodus aus der Church of England, um
ihre Religionsauffassung ohne Repressi-
on leben zu können. Die Pilgrim Fathers
sahen sich als erwählte Kinder Israels, die
vor dem Pharao – King James – flohen.
Nach Aufzeichnungen dankten sie Gott bei
ihrer Ankunft in Cape Cod (Neuengland)
dafür, dass er sie durch das Rote Meer ins
Gelobte Land geführt habe. Die amerikani-
schen Ureinwohner waren in ihrer Deutung
die Kanaanäer. Zwei Aspekte der bibli-
schen Exoduserzählung spiegeln sich: der
© Super Stock Leemage

revolutionär-staatskritische wie auch der


kolonialistisch-landnehmende. Gemälde
von C. M. Padory, 19. Jh.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 11
Die Kraft des Exodus

drei psalmen erklären den Exodus: Eine immer neue befreiung

Psalm 105 Psalm 106 Psalm 107


Gott befreit und er- Das Volk ist nicht treu, Gott erbarmt sich, erneuert den
wählt das Volk und führt bricht immer wieder Bund, befreit immer wieder von
es ins Gelobte Land den Bund Scheitern und Unfähigkeit
Erste Befreiung Gott vertreibt das Volk ins Exil Zweite und immer neue Befreiung

Kalbs an Mose vorüberzieht und Gott Mose sei- konfliktträchtige Antagonismus findet seinen
Deuteronomistisches nen Rücken zeigt (Ex 32). ersten und zugleich radikalsten Ausdruck in
Geschichtswerk Damit hängen die ebenso neu- und einzigarti- den als „Deuteronomistisches Geschichtswerk“
Eine wichtige Überar- gen Motive der Erwählung, des Bundes und des zusammengefassten Büchern, die den mit Josua
beitungsschicht der Glaubens als Bundestreue zusammen. vollendeten Auszug aus Ägypten und Einzug in
biblischen Schriften am Es geht im Buch Exodus um die Stiftung einer Kanaan fortsetzen. Erst diese neue Form von Re-
Ende des 6. Jh. vC, nach neuen Art von Religion, die nicht in politischen, ligion kann der politischen Herrschaft (in Kana-
dem Babylonischen Exil:
kulturellen und gesellschaftlichen Ordnungen, an) Widerstand leisten, auch wenn sie in ihrer
Vorhandene Schriften
also in einer „Kultur“ in einem ganz allgemei- weiteren Geschichte immer wieder zur Dienerin
wurden neu gedeutet und
ergänzt. nen Sinne, aufgeht. Die neue Art von Religion „weltlicher“ Mächte herabgesunken ist – und
stellt sich diesen Ordnungen als ein eigenständi- sich bis heute zu politischen Zwecken missbrau-
ges, ja übergeordnetes System entgegen. Dieser chen lässt. In der Situation ihrer Entstehung im
Babylonischen Exil im 6. Jh. vC ist die neue Re-
ligion vom Gottesberg als Gegenmodell zur alt-
orientalischen Staatstheologie angetreten, nach
der Könige als Söhne Gottes regierten, wie sie
auch in der vorexilischen Zionstheologie noch
ungebrochen lebendig war. „Mein Sohn bist du,
heute habe ich dich gezeugt“ (Ps 2,7), kann JHWH
zum König sagen, während im Rahmen der neu-
en Religion das Volk Israel an die Stelle des Kö-
nigs tritt: „Mein erstgeborener Sohn ist Israel“
sagt JHWH in Ex 4,22 zum Pharao.
In dieser Idee der Sohnschaft des Volkes ge-
genüber JHWH und der Königsherrschaft JHWHs
in Israel liegt der revolutionäre, radikal-demo-
kratische Impuls der neuen Religion, der immer
wieder in der Geschichte zum Tragen kam, so oft
er auch von staatstheologischen Konzepten ver-
deckt wurde.

Die Königsidee des Alten Orients wird


restlos dekonstruiert
Das Flüchtlingsschiff Exodus, mit dem 1947 rund 4500 Auch das Motiv der „Heiligen Hochzeit“, ein
sogenannte Displaced Persons, jüdische Holocaustüberlebende, anderes Vorrecht des altorientalischen König-
unter dramatischen Umständen nach Palästina flüchteten. Das tums, wird in der neuen Religion auf das Volk
Schiff mit dem ursprünglichen Namen President Warfield Israel übertragen. Beim Pessach-Fest, dem Fest
wurde auf hoher See in einer Zeremonie in Exodus umbenannt. des Auszugs aus Ägypten, wird als heiliges Buch
Allerdings war der „Exodus“ nicht erfolgreich: Nachdem sie in (megillah) das Hohelied Salomos gelesen und
© Public domain

Haifa, im britischen Mandatsgebiet, nicht an Land gehen durften, der Bund zwischen Gott und Volk in das Licht
begann für die Geflüchteten eine Odyssee zurück nach Europa. eines Liebesbundes, einer Heiligen Hochzeit, ge-
stellt. Das Amt der Gesetzgebung aber, die zen-

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Die Kraft des Exodus

trale Aufgabe des altorientalischen Königtums,


wird auf Gott selbst übertragen und in das Zen-
trum der Bundesidee gestellt. Gott selbst erlässt Im Titelsong „Exodus“ des
gleichnamigen Albums (eines
das Gesetzeswerk der Tora, das nun nicht mehr
der erfolgreichsten der Musikge-
dem Wechsel der Regierungszeiten und damit
schichte) ruft Bob Marley 1977
ständigem Wandel unterworfen ist, sondern ein
die jamaikanischen Rastafari
für alle Mal, zeitenthoben und für immer gül-
(„Jah-People“) auf, in die Freiheit
tig, erlassen und in Kraft gesetzt wird. Damit ist zu ziehen, wie einst die Israeliten
die Staats- oder Königsidee des Alten Orients, aus Ägypten. In der Liedzeile
die den Kontext der biblischen Theologie und „We’re leaving Babylon“ spiegelt
Geschichte bildet, restlos dekonstruiert. Wenn sich die Deutung der Befreiung
das Volk gleichwohl meint, einen König zu brau- aus dem Exil als zweitem Exodus.
chen, soll dieser nicht zu viel Macht ansammeln, Rückseite des Plattencovers.
sondern von früh bis spät die Tora studieren und
ihren Gesetzen unterworfen sein (Dtn 17). Wäh-
rend die alten Religionen=Kulturen zwischen
heilig und profan unterschieden, zieht die neue Hass, wie ihn das Christentum auf das Judentum
Religion erstmals eine scharfe Linie zwischen und der Islam auf die Ungläubigen geerbt haben.
„geistlich“ und „weltlich“: Sie stellt das Volk als
„Gemeinde“ (qahal, ekklesia) auf die geistliche,
den Herrscher auf die weltliche Seite. Sich an den Exodus erinnern und
befreien lassen
Die Psalm-Triologie Ps 105–107 erzählt den Exo-
dus-Mythos aus der Perspektive der Rückschau,
In diesen Gewaltvorschriften die die Erfahrung des Scheiterns verarbeitet und
äußert sich der Hass des die Hoffnung auf Versöhnung und Neubeginn
ausdrückt. Psalm 105 erzählt die Heilstaten Got-
Konvertiten auf die eigene tes mit der Befreiung, Erwählung und Führung
Vergangenheit des Volkes ins Gelobte Land, Psalm 106 aber
zählt die Sünden des Volkes auf, das sich mit
dem Goldenen Kalb einen Götzen machte, im Ge-
lobten Land fremden Göttern diente und immer Lesetipp
Gerade dieser staatskritische Impuls der Exo- wieder den Bund gebrochen hat, sodass Gott es • Jan Assmann, Exodus.
dusüberlieferung aber hat sich in der Geschich- im Zorn aus dem Gelobten Land vertrieb, bis er Die Revolution der Alten
te am allerwenigsten durchhalten lassen. Wenn sich endlich – wie es dann Psalm 107 ausführt – Welt (s. Buchtipps S. 59)
im modernen, ursprünglich als säkularer Staat seiner erbarmte und seinen Bund erneuerte. Der
geplanten Israel religiöse Gruppen immer stär- Exodus-Mythos fundiert das Bewusstsein einer
keren politischen Einfluss gewinnen, berufen doppelten Befreiung und Erlösung:
sie sich auf den kolonialistischen Aspekt der • von der ägyptischen Knechtschaft und damit
Exoduserzählung. Damit legitimierten schon die von jeder Form von Unterdrückung und Entfrem-
Conquistadores, Pilgrim Fathers, Buren und an- dung durch die Berufung in den Bund mit Gott,
dere unter dem Zeichen des Exodus ausgezoge- • und die Erlösung von der eigenen Unfähig-
ne Landnehmer ihr gewalttätiges Vorgehen ge- keit, den Bund zu halten, durch die Gnade, wie
gen die jeweiligen Ureinwohner eines „Gelobten sie Mose nach der Krise mit dem Goldenen Kalb
Landes“. Das Motiv der heilig gebotenen Gewalt zugesagt wird und wie sie nach christlichem
gegen die Kanaanäer, mit denen keine Ehen und Glauben Jesus durch seinen Tod erwirkt.
Verträge geschlossen werden dürfen, sondern Der Exodus-Mythos fundiert eine Gesellschaft, Prof. em. Dr. Dr. h. c.
die „ausgemerzt“ werden müssen aus Israel, ge- die sich erinnert. Weil sie Sklave war in Ägypten, Jan Assmann, Ägyptologe,
hört ganz in die nachexilische Zeit, in der es in soll in ihr jede Form von Demütigung und Un- Religions- und Kulturwissen-
Israel gar keine Ureinwohner mehr gab! So kann terdrückung verbannt sein. Weil in ihr die Men- schaftler mit einer langen
sich dieses Gebot nur auf die im Lande verblie- schenrechte mit Füßen getreten wurden, soll Forschungsgeschichte zu
Moses und dem Exodus
benen Hebräer beziehen, die sich noch nicht ihr fortan die Menschenwürde als unantastbar
sowie zum kulturellen
zu der neuen, von den Exilanten aus Babylon gelten. Erst vor dem dunklen Hintergrund des Gedächtnis. 2018 erhielten
© oben: WUB

mitgebrachten Religion bekannt haben. In die- Leidens, Scheiterns und Versagens gewinnt die er und seine Frau Aleida
sen Gewaltvorschriften äußert sich der Hass des Erzählung vom Auszug aus Ägypten ihre zeitlose Assmann den Friedenspreis
Konvertiten auf die eigene Vergangenheit – ein Leuchtkraft. W des Deutschen Buchandels.

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Wie die Ägyptologie zur Exodus-Forschung beitragen kann

Dem Exodus auf der Spur

Tanis im Nildelta.
Im 12. Jh. vC brachte
man Steinfiguren und
Architekturfragmente Die Exoduserzählung führt viele Ortsnamen in Ägypten an. Wurden sie später in
aus der Stadt die Erzählung eingefügt oder sind sie ferne Erinnerungen an das Alte Ägypten?
Pi-Ramesse hierher.
Später hielt man Tanis
Und: Lässt sich mithilfe der Archäologie belegen, dass westasiatische Gruppen in
für Pi-Ramesse. Ägypten waren? Wie weit also kann man sich archäologisch zu den Wurzeln der
Exodustradition zurückbewegen? Wir fassen Forschungsergebnisse zusammen.
Von Helga Kaiser

W
issenschaftler aus aller Welt, die zum sogenannten keynote lecture, kam der österreichi-
Exodus forschen, trafen sich im Jahr sche Archäologe und Ägyptologe Manfred Bietak,
2013 in San Diego zu einer großen der jahrzehntelang im östlichen Nildelta Ausgra-
Konferenz. Dabei ging es auch um die Frage, ob bungen geleitet hat, zu folgenden Schlüssen.
die biblische Erzählung vom Exodus Angaben
© A.D. Riddle/BiblePlaces.com

beinhaltet, die historische Plausibilität besit-


zen: Können die historische Geografie des Alten 1. Semitisch sprechende Bevölkerungs-
Ägypten und neue archäologische Erkenntnisse gruppen waren in Ägypten
dazu beitragen, einige sehr frühe Schichten der Es gibt unterschiedliche Beweise für die Präsenz
biblischen Exodus-Tradition zu identifizieren? von Bevölkerungsgruppen aus der südlichen Le-
In einem Hauptvortrag zu diesem Thema, einer vante im Ägypten der Ramessidenzeit, also im 13.

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Die Thesen dieses
Lebten in Beitrags kann man aus-
diesem Haus führlich und referenziert
Menschen aus nachlesen in einem Band
über die große Exodus-
Kanaan? Grund-
konferenz in San Diego:
riss eines „Vier-
Manfred Bietak, „On the
raumhauses“ ne-
Historicity of the Exodus:
ben einem Tempel What Egyptology Today
in Theben-West. can Contribute to Asses-
Vierraumhäuser sing the Biblical Account
kennt man nur aus of the Sojurn in Egypt“,
dem Gebiet Paläs- in: T. E. Levy, T. Schneider
tinas, daher gilt und W. H. C. Propp (Hg.),
der Fund als Beleg Israel’s Exodus in Trans-
für semitische Be- diciplinary Perspective,
wohner, vielleicht 2015, 17–36 (s. Buchtipps
Bausklaven. S. 59).
Prof. em. Dr. Dr. h. c.
Manfred Bietak ist Ägypto-
(Nach Uvo Hölscher, The Excavation of Medinet Habu, vol. 2: The Temples of the loge, gründete und leitete
Eighteenth Dynasty, University of Chicago Press 1939, Fig. 59) bis 2009 das Österrei-
chische Archäologische
Institut in Kairo. Er leitete
u. a. von 1969 bis 1978
Ausgrabungen in Theben-
und 12. Jh. vC. Ägyptische Texte bezeugen, dass Fall die Zeit von Ramses IV. Nach Bietak ist es
West und von 1966–2011
immer wieder semitisch sprechende Vorderasia- nicht unwahrscheinlich, dass die Bewohner die-
in Tell el-Dab’a/Pi-Rames-
ten ins Land kamen – manche als Kriegsgefan- ser Häuser zu einer nordwestsemitischen Bevöl- se, das er mit der Hyksos-
gene, andere wanderten als Hirtennomaden ein. kerungsgruppe gehörten, die nach einem Feld- hauptstadt Avaris und der
In Theben-West weisen archäologische Über- zug Ramses’ III. von Transjordanien als Sklaven Flottenstation Thutmosis’
reste darauf hin, dass sich während der 20. nach Ägypten gebracht worden waren. III. namens Peru-nefer
Dynastie (etwa 1190–1070 vC) Menschen in Das Chicagoer Team schlug vor, dass das Vier- identifizierte.
Ägypten aufhielten, die eine gleiche oder sehr raumhaus für Arbeiter bestimmt war, die den
ähnliche eisenzeitliche Kultur pflegten, wie sie Tempel der früheren Pharaonen Aja und Harem-
sich zur selben Zeit im judäischen Bergland und heb für ein neues benachbartes Tempelprojekt
im Negev auszubreiten begann: Die University of des Ramses IV. (oder spätestens für Arbeiten am
Chicago hat in den 1930er-Jahren Spuren eines Khonsu-Tempel in Karnak) abreißen sollten, um
Gebäudes mit dem typischen Grundriss eines Baumaterial zu gewinnen. Die Wahrscheinlich-
sogenannten Vierraumhauses entdeckt (s. Abb.). keit ist hoch, dass der Rückbbau des Tempels in
Ein Teil eines zweiten Vierraumhauses, mit um- das 12. Jh. vC datiert. Die Bauzeit der vermeintli-
gekehrter Raumanordnung, scheint südöstlich chen Arbeiterviertel passt perfekt in die Chrono-
des ersten freigelegt worden zu sein. Die Räume logie der Vierraumhäuser in Kanaan, wo sie mit
gruppieren sich auf drei Seiten um einen zentra- der Eisenzeit I im 12. Jh. vC erscheinen. Auch in
len Innenhof oder einen zentralen Raum. Auch Transjordanien und in der zentraljordanischen
die Anordnung von Pfostenlöchern auf einer Hochebene kennt man Vierraumhäuser aus die-
Seite ist ein typisches Merkmal des Vierraum- ser Epoche.
hauses, das von vielen Forschenden als ethni- Nach Manfred Bietak könnte es sich bei den
sches Markenzeichen für die Anwesenheit von Bauarbeitern um semitische Schasu-Nomaden
„Proto-Israeliten“ oder Westsemiten angesehen handeln, gegen die Ramses III. einen Feldzug
wird. Der Grundriss lässt keinen Zweifel an der geführt und viele als Kriegsgefangene genom-
Herkunft dieses Haustyps aus Kanaan und hat men hatte – wie es Papyrus Harris berichtet
keine Parallele oder Ähnlichkeit zu zeitgenössi- (I 76:9-11).
schen ägyptischen Häusern. Nach Angaben der Ob man die Erbauer des Vierraumhauses in
Chicagoer Archäologen, die sich nicht bewusst Theben-West aber als „Proto-Israeliten“ identi-
waren, was sie gefunden hatten, könne das fizieren kann, also Menschen, die nach Kana-
Haus höchstwahrscheinlich auf das 12. oder frü- an zurückgekehrt sind, ist fraglich – und ob sie
he 11. Jh vC datiert werden – das wäre im ersten mit dem biblischen Exodus-Ereignis verbunden

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welt und umwelt der bibel 2/2019 15
Dem Exodus auf der Spur

sind, lässt sich nicht klären. Doch laut Bietak Jh. vC, vgl. S. 35) oder bewahren sie Jahrhunder-
müssen die Erbauer dieses Hauses kulturell eng te ältere Erinnerungen an die Ursprungszeit der
mit den „Proto-Israeliten“ verwandt gewesen Exoduserzählung?
sein, obwohl die Volkwerdung Israels zu diesem Es gibt Gebiete an den östlichen Grenzen
Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen war. Die Ägyptens, in denen semitische Ortsbezeichnun-
Anwesenheit von Westsemiten scheint jeden- gen auch von ägyptischen Schreibern verwendet
falls im ramessidischen Ägypten zur Normalität wurden. Das lässt sich, so Bietak, nur plausi-
gehört zu haben. bel erklären, wenn man davon ausgeht, dass
semitisch sprechende Menschen während des
Neuen Reiches solche Gebiete bewohnt haben.
2. Semitische Ortsbezeichnungen im Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusam-
altägyptischen Nildelta menhang das Wadi Tumilat mit seinen Ortslagen
Aus welcher Zeit stammen die Ortsbezeichnun- (s. Karte unten).
gen in der Exoduserzählung? Sind sie Spiegel Im Papyrus Anastasi VI (51-61, s. Quellentext)
der Geografie ihrer Abfassungszeit (ab dem 8. wird angemerkt, dass Schasu-Nomaden aus

Pi-Ramesse / Qantir
(in unmittelbarer Nähe befinden sich die Ruinen
der Hyksoshauptstadt Avaris / Tell el-Dab’a)
(Karte nach Manfred Bietak „On the Historicity of the Exodus“, in: T. E. Levy, et. al. (Hg.), Israel’s Exodus in Transdiciplinary Perspective, 2015

Sirbonischer
See

Tanis
d
Weg ins Philisterlan

Ballah-Seen

Pitom/ Tjeku/Wadi
Tell el-Retaba Tumilat/Sukkot

Seen/Teiche Tell Timsah-See


Bubastis von Pitom el-Maschuta

Bitterseen

Heliopolis
(„Pitom“ der Septuaginta)
Transport von Monumenten
aus Pi-Ramesse

Landwege
Golf
von
Suez
Das östliche Nildelta mit Ortslagen aus der
sogenannten ramessidischen Zeit, wie sie sich 0 20 40 60 80 100 KM
heute mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit
archäologisch nachweisen lassen.

16 welt und umwelt der bibel 2/2019


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Dem Exodus auf der Spur

Edom von den ägyptischen Behörden die Er-


laubnis erhalten, die Grenzfestung in der Region
Tjeku (Tkw) im heutigen Wadi Tumilat zu passie- Die Hyksos und der Exodus
ren, um dort ihr Vieh an den Seen von Pitom zu
weiden. Tjeku, der Name für die gesamte Region
um das Wadi Tumilat, wird von vielen als ägyp-
E in Begriff fällt bisweilen im Zu-
sammenhang mit den Israeliten
in Ägypten: die Hyksos. Diese Hyk-
Funde aus Avaris bestätigen, dass
die semitische Bevölkerung im
Nildelta in der Hyksoszeit wächst.
sos sind eine bis heute unscharf Der Niedergang der Hyksosherr-
Die Anwesenheit von West- bleibende semitische Gruppe, die schaft begann mit der Eroberung
irgendwann vor 1650 vC von Osten Avaris’ durch Pharao Ahmose I. um
semiten scheint jedenfalls im her, d. h. aus kanaanäischem 1530 vC – womit auch die Epoche
ramessidischen Ägypten zur Gebiet – möglicherweise aus dem des Neuen Reichs begann.
Normalität gehört zu haben Libanon oder Syrien –, ins Nildelta
eingewandert ist. Sie bringen Nord­ Der jüdische Geschichtsschreiber
ägypten (Unterägypten) unter ihre Flavius Josephus nahm im 1. Jh. nC
Herrschaft und ca. 1640 setzt sich an, dass die Hyksos aus dem Delta
tische Entsprechung des biblischen Sukkot an- ein erster Hyksosherrscher auf den nach Osten verjagt wurden – und
gesehen – das wäre eine weitere Ortszuweisung, Pharaonenthron. Die Pharaonendy- referiert dabei den ägyptischen
die schon in ramessidischen Texten auftaucht. nastien – die 16. und 17. Dynastie Schriftsteller Manetho aus dem
Bemerkenswert ist, dass die Bezeichnung – herrschen in dieser Zeit nur in 3. Jh. vC; diese seien die Israeli-
„Seen (oder Teiche) von Pitom“ von ägyptischen Oberägypten, mit Sitz in Theben. ten gewesen und sie hätten nach
Schreibern hier mit dem semitischen Lehnwort Gut hundert Jahre, bis ca. 1530 ihrer Flucht die Stadt Jerusalem
b-r-k-w.t und nicht mit ihrem ägyptischen Na- vC, dauert die Hyksos-Herrschaft gebaut (Contra Apionem I,26-31).
men genannt wird. Das legt den Verdacht nahe, an. Ihre Gesellschaft war städtisch Historisch ist das nicht haltbar. Die
dass b-r-k-w.t gebräuchlich in einer Region ge- geprägt, sie trieben Handel und Gruppe verblieb vermutlich im Lan-
worden ist, die lange genug von einer semitisch-
waren Seefahrer. Ihre Hauptstadt de und wurde als Kriegsgefangene
sprachigen Bevölkerung bewohnt wurde, um
Avaris (Auaris/Tell el Dab’a) wird verteilt. Die Hyksos waren zudem
den ursprünglichen ägyptischen Namen durch
seit 1966 in Ausgrabungen von Herrschende – die Israeliten in
einen eigenen idiomatischen Ausdruck zu erset-
Teams des Österreichischen Ar- der Erzähltradition Unterdrückte.
zen.
chäologischen Instituts erforscht. Vielleicht spiegelt sich aber bei Jo-
Darüber hinaus wird im Papyrus Anastasi V
(19,7, s. Quellentext) ein weiterer semitischer Avaris war zur Zeit der Hyksos eine sephus eine alte Erinnerung wider,
Ausdruck, s-g-r, für eine Einfriedung oder Befes- der größten Städte im gesamten dass sich vor Jahrhunderten für
tigung im Wadi Tumilat verwendet. östlichen Mittelmeerraum und das längere Zeit eine westsemitische
Bietak schlägt vor, das Wadi Tumilat mit al- archäologische Gelände hat eine Bevölkerungsgruppe im Delta auf-
lem gebührenden Vorbehalt als Vorbild für das entsprechend riesige Ausdehnung. hielt und die Region wieder verließ.
biblische Szenario des Landes Goschen anzu-
sehen, jenes Landes, in dem Josef seine Brüder
und seinen Vater Jakob ansiedelt – eine Gegend,
in der man Schafe, Ziegen und Rinder weiden mit seinem großen Überlaufsee passen, der 1975 Die Papyri aus der
konnte (Gen 45,10; 46,28-29.34; 47,1.4.6.27; 50,8; von Manfred Bietak in einer paläogeografischen Ramessidenzeit
Ex 8,18; 9,26). Sarah I. Groll identifizierte 1998 Studie entdeckt worden war. In Genesis 46,28-29 Die bedeutendste Samm-
(The Egyptian Background of the Exodus and übersetzt die Septuaginta „Goschen“ mit „He- lung von Papyri aus der
the Crossing of the Reed Sea: A New Reading of roonpolis“. Sie scheint das Land Goschen also Ramessidenzeit befindet
Papyrus Anastasi VIII) vorsichtig das biblische ebenfalls im Wadi Tumilat zu lokalisieren, denn sich im Britischen Muse-
„Goschen“ in Papyrus Anastasi IV (1b:1-2), wo Heroonpolis ist höchstwahrscheinlich mit Tell um. Dazu gehören Papyrus
gsm als Ortsbezeichnung benutzt wird, mit Be- el-Maschuta identifizierbar (s. Karte). Anastasi I–VI, Papyrus
Harris, Papyrus Sallier
zug auf einen See und in Verbindung mit Wel-
I-II und Papyrus Abbot.
len. Der Name gsm kann höchstwahrscheinlich
3. Ramses, die Stadt des Frondienstes Die Texte geben Auskunft
als semitisches Lehnwort gelten. In der Septu-
über das Leben, Kult,
agintaübersetzung des Pentateuchs ins Grie- Mit der Stadt „Ramses“, die in der Bibel als der Könige, Orte und Geografie
chische (3./2. Jh. vC) scheint dieser Name als Ort genannt wird, an dem die Kinder Israels ih- dieser Zeit. Sie erwähnen
gesem beibehalten worden zu sein. Dieser See ren Frondienst auf der pharaonischen Baustelle mehrfach den Aufenthalt
muss ein größeres Gewässer gewesen sein. Dies leisten mussten, meinten die biblischen Autoren von semitischen Gruppen
würde in den westlichen Teil des Wadi Tumilat nach Ansicht zahlreicher Experten eindeutig in Ägypten.

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Dem Exodus auf der Spur

Städte gebracht und neu verwendet: besonders


während der 22. Dynastie (ca. 962–736 vC) nach
Die 400-Jahr-Stele und der Aufenthalt Tanis und Bubastis. Darunter waren auch Kult-
der Kinder Israels in Ägypten bilder und Tempelinschriften. Im 4. Jh. vC, als
die Hinwendung zur glorreichen altägyptischen
in Tanis gefunden. Die Stele feiert, Geschichte zur Staatsideologie wurde, lebten
Kulte jener „alten“ Götter von Pi-Ramesse in Ta-
dass Seth seit 400 Jahren in Avaris
nis und Bubastis wieder auf. Pi-Ramesse – des-
verehrt wird. Auf dieser Stele ist
sen Standort inzwischen vergessen war – wurde
Seth aber nicht als ägyptischer,
in der Zeit der 30. Dynastie (um 350 vC) in Tanis
sondern als kanaanäischer Gott
oder nahe Bubastis lokalisiert.
definiert: Mit Hörnern, der hohen
Krone mit langem Knauf und
dem westlich-asiatischen Kilt mit
Quasten war er als kanaanäischer Das biblische Pitom könnte
Sturmgott Ba’al Zephon identi- eine spätere Einfügung,
fizierbar – trotz der ägyptischen
Symbole. Die Inschrift bezeichnet aber auch eine ramessidische
ihn als „Seth des Ramses“. Der Ortserinnerung sein
Fund eines Rollsiegels mit der
Darstellung von Ba’al Zephon
in Avaris beweist, dass der Kult
dieses kanaanäischen Sturm- 4. Weitere Ortserinnerungen? Pitom,
gottes bereits um 1800 vC, im Schilfmeer, Sukkot
Die sogenannte 400-Jahr- späten Mittleren Reich, in Avaris Eine zweite Stadt neben Ramses, die in der Bi-
Stele aus dem 13. Jh. vC. bekannt gewesen sein muss. Der bel genannt wird, ist Pitom. Pitom ist als Orts-
Der ägyptische Gott Seth (links) ägyptische Sturmgott Seth wurde bezeichnung seit der Ramessidenzeit bekannt
ist für damalige Augen als zu einer interpretatio aegyptiaca – der Name knüpft an Per-Atum („das Haus des
kanaanäische Gottheit erkennbar. des kanaanäischen Sturmgottes urzeitlichen Sonnengottes Atum“) an und ist
Baal. Die 400-Jahr-Stele kann laut nach Ansicht Bietaks und weiterer Forschender

© Nach E. A. Wallis Budge (1857–1934) – A History of Egypt, vol III (1902), p. 157., Public domain, commons.wikimedia
Manfred Bietak als ein Beweis mit der Festung und Stadt Tell el-Retaba im Wadi

D ie 400 (Gen 15,13) oder 430 Tumilat identifizierbar.


für die Kontinuität von kanaanäi-
(Ex 12,40) Jahre, die als die Tell el-Retaba war während der Ramessiden-
schen Kulten über die Hyksos-Zeit
Zeit des Aufenthalts der Israeliten zeit und bis ins 7. Jh. vC besiedelt und mit einem
hinweg bis hin zur Ramessidenzeit
in Ägypten angegeben werden, Atum-Tempel ausgestattet. Ein Relief mit In-
angesehen werden – und die
ähneln überraschend jenen 400 schrift zeigt Ramses II., der Feinde vor dem Gott
Erinnerung an den Kult des Baal
Jahren, 4 Monaten und 4 Tagen, Atum, „Herr von Tjeku“, opfert. Damit könnte
Zephon alias Seth über 400 Jahre
die die berühmte 400-Jahr- das biblische Pitom eine spätere Einfügung, aber
könnte in die Erinnerung an die auch eine ramessidische Ortserinnerung sein.
Stele nennt. Sie stammt aus dem Zeitspanne eingeflossen sein, die Für ein mögliches erinnertes Schilfmeer der
Tempel des Gottes Seth in Avaris, die Israeliten in Ägypten verbracht Bibel, jam suf, sind für Manfred Bietak die Bal-
wurde im 13. Jh. vC gefertigt, aber haben sollen. lah-Seen die wahrscheinlichsten Kandidaten
– sie könnten während der intakten Zeit des pe-
lusischen Nilarms einen einzigen Gewässerab-
schnitt gebildet haben. jam suf könnte mit dem
Pi-Ramesse. Pi-Ramesse – oder Ramses-Stadt – ägyptischen Toponym pꜢ-t- wf, (Pa-)Tjuf, „dem
war die Hauptstadt Ägyptens während der 19. Papyrusdickicht“, verbunden sein, bekannt
und 20. Dynastie (1292–1070 vC) und wird mit aus der Ramessidenperiode (Papyrus Sallier I
„Proto-Israeliten“ Qantir/Tell el-Dab’a identifiziert (s. Karte). Die 4,9, Pap. Anastasi III 2:11-12, Pap. Anastasi IV
bezeichnet im weitesten
biblischen Erzählpassagen – wenn sie denn 15,6, und Pap. Anastasi VIII 3,4, Onomastikon
Sinne Menschen, deren
Nachkommen später in
diese Erinnerung einer Exodusgruppe bewahrt Amenemope) – denn die Ballah-Seen waren tat-
das sich formende Volk haben – legen nahe, dass das „Volk Israel“ nahe sächlich Papyrus- und Schilfbinsenlieferanten
Israel einfließen. dem königlichen Palast lebte. Ende der 20. Dy- für die Stadt Pi-Ramesse. (Pa-)Tjuf wäre dann
nastie verlandete der pelusische Nilarm jedoch; eine weitere ramessidische Ortsbezeichnung,
Säulen, Statuen, Stelen und Architekturfrag- deren Erinnerung in der Exoduserzählung erhal-
mente aus Pi-Ramesse wurden in zwei andere ten ist.

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Dem Exodus auf der Spur

In einer anderen biblischen Exodus- Neben den Ortsbezeichnungen gibt es


route – von Sukkot nach Osten – wird der eine Wegbezeichnung, die aus ramessi-
Timsah-See als Schilfmeer interpretiert, discher Zeit stammen könnte: der „Weg
auf den stößt, wer sich vom Wadi Tumilat ins Philisterland“ (Ex 13,17). So hieß die
nach Osten bewegt. Route (s. Karte) erst ab ca. 1190 vC, als die
Bietak fasst zusammen, dass die Namen Philister und andere Seevölker im 5. Jahr Lesetipps
Ramses, Pitom und jam suf den rames- von Ramses III. einen Großteil der Küste • Nadav Na’aman, The Exodus Story:
sidischen Toponymen von Pi-Ramesse, Kanaans eroberten und dort das „Philis- Between Historical Memory and Historical
Pi-Atum und (Pa-)Tjuf entsprechen und terland“ gründen konnten. Wenn man Composition, Journal of Ancient Near
kommt zum Schluss, dass geografische nämlich einen Aufenthalt einer Gruppe Eastern Religions 11 (2011), 39–69.
Informationen anscheinend in einem von „Proto-Israeliten“ in Ägypten am • Gary A. Rendsburg, The Date of the Exodus
gewissen Maß an die späteren Verfasser Ende der ramessidischen Epoche an- and the Conquest/Settlement: The Case for
und Redaktoren der Exoduserzählung nimmt, dann wäre die Angabe „Weg ins the 1100s, Vetus Testamentum XLII,4 (1992),
weitergegeben worden sind – ramessi- Philisterland“ in dieser Zeit denkbar. 510–527.
dische und biblische Dokumente enthal- Für Manfred Bietak ist daher die wahr- • Bernd Ulrich Schipper, „Raamses, Pithom,
ten wichtige identische Ortsnamen. Die scheinlichste Alternative bisher die Erin- and the Exodus: A critical evaluation of
meisten der genannten Toponyme treten nerung an einen möglichen Aufenthalt Ex 1:11, Vetus Testamentum 65 (2015),
freilich auch nach der Ramessidenzeit auf einer Exodusgruppe in Ägypten in der 265–288.
und können auch als spätere Einfügungen späten Ramessidenzeit, d. h. der 20. Dy- • James K. Hoffmeier, Israel in Egypt, The
erklärt werden. Sarah I. Groll (s. o.) hat nastie. Die Bücher Genesis und Exodus Evidence for the Authenticity of the
jedoch darauf hingewiesen, dass es die spiegeln seines Erachtens zumindest ei- Exodus Tradition, New York-Oxford 1996.
Kombination der Toponyme Pi-Ramesse, nige Erinnerungen an die geografischen • John van Seters, The Geography of the
Pi-Atum, Tjeku und Pa-Tjuf ist, die allein Bedingungen des östlichen Deltas der Exodus. In: John Andrew Dearman: The
in Ramessiden-Texten und nicht später Ramessidenzeit wider. W land that I will show you: Essays on the History
vorkommt – und genau dieses Medley and Archaeology of the Ancient near East in
von Ortsbezeichnungen erscheint auch Helga Kaiser ist Redakteurin von Welt und Honour of J. Maxwell Miller, Sheffield Acade-
in der Exoduserzählung des Pentateuch. Umwelt der Bibel. mic Press 2001, 255–276.

Quellentexte: zwei Begebenheiten im Nildelta um das Jahr 1200 vC

Beduinenstämme kommen nach Ägypten, Sklaven versuchen zu fliehen!


um ihr Vieh zu weiden „Der Führer der Bogenschützen von Sukkot, Ka-Kem-Wer,
„... Eine andere Mitteilung für meinen [Herrn]: Wir sind damit an den Führer der Bogenschützen Ani und an den Führer der
fertig geworden, die Schasu-Stämme von Edom durch die Bogenschützen Bak-en-Ptah … Ich wurde am 9. Tag des
Festung des Merenptah in Tkw passieren zu lassen bis zu den 3. Monats der 3. Periode, am Abend losgesandt von den
Teichen von Pitom des Merenptah in Tkw, um sie und ihr Vieh Hallen des Palastes – Leben, Heil und Gesundheit! –, um
durch den guten Willen des Pharao, der guten Sonne eines zwei Sklaven zu verfolgen. Als ich am 10. Tag des 3. Monats
jeden Landes, am Leben zu erhalten, im Jahre 8, (am Tage) der 3. Periode die Umfassungsmauer von Sukkot erreichte,
[der Geburt] des Seth, [während der Zeit der fünf Epagome- wurde mir gesagt, dass sie am 10. Tag des 3. Monats der
nen].“ (Papyrus Anastasi VI, 51-61, um 1200 vC) 3. Periode hier passiert hätten. Als ich die Festung erreich-
te, wurde mir gesagt, dass ein Wächter gekommen sei aus
der Wüste, der berichtet habe, dass sie den befestigten Ort
Landschaft im Nildelta heute. nördlich von Migdol von Seti-Me-Ne-Ptah – Leben, Heil und
Gesundheit! Geliebt von Seth – passiert haben. Wenn mein
Brief dich erreicht hat, schreibe mir bezüglich allem, was mit
ihnen geschehen ist. Wer fand ihre Spuren? Welcher Wächter
unten: © ewastudio/123rf.com

fand ihre Spuren? Welche Truppen verfolgen sie? Schreib mir


bezüglich allem, was mit ihnen geschehen ist und wie viele
Leute du zu ihrer Verfolgung ausgesandt hast.“
(Papyrus Anastasi V,19,2-20,6, um 1205 vC)
Zitiert nach: Kurt Galling (Hg.),Textbuch zur Geschichte Israels,
3. Auflage, Mohr-Siebeck 1979.

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Interview zur Historizität des Exodus

„Man kann den Exodus nicht


als history verstehen“
Selbst wenn man historische Ankerpunkte finden kann: Ist der Exodus eine
„Fälschung“, weil er sich nicht so zugetragen hat, wie ihn die Bibel erzählt? Ein Gespräch
mit dem Biblischen Archäologen Wolfgang Zwickel über die Suche nach den historischen
Hintergründen des Exodus – und über die Tagebücher des Mose ...

© David Luque from Pechina, Almería - CC BY-SA 2.0, commons.wikimedia

Wahrheit und Fälschung – die Kulisse eines Mythos: der Filmset


des Action-Epos „Exodus. Of Gods and Kings“ von Ridley Scott, 2016.
Die Stadt Ramses, in der die Israeliten für den Pharao Ziegeln brennen
mussten, ist hier in der Sierra Alhamilla in Andalusien aufgebaut.

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Welt und Umwelt der Bibel: „Wenn die Exodus­- hier erwähnten Orte in der Wüste, und dort gibt
ereignisse nicht so, wie in der Bibel geschil- es keine so gute Namenskonstanz wie im Kul­
dert, stattgefunden haben, dann gründen turland, die uns eine Identifizierung der Orte er­
Judentum und Christentum auf einer gigan- möglichen würde. Wir brauchen archäologische
tischen Lüge“ – das meint der amerikanische Belege für die Eroberung Palästinas durch die
Regisseur Tim Mahoney, der einen Film über Israeliten – auch die sind zumindest höchst in­
den Exodus gedreht hat. Wie sehen Sie das? terpretationsbedürftig. Wenn man all das natur­
Prof. Dr. Wolfgang Zwickel: Dieser Auffassung wissenschaftlich und archäologisch untersucht,
liegt ein sehr modernes Verständnis von Wissen­ stößt man unweigerlich auf Probleme, weil nicht
schaft zugrunde, eine Vorstellung, die erst seit alles passgenau zusammenzubringen ist. Wenn
der Aufklärungszeit bestimmend ist: dass wir nun dennoch Forschende einen Punkt heraus­
von nachprüfbarer, realer Geschichte reden. Im greifen, also zum Beispiel die Tsunami­ these,
Alten Orient hat man in Geschichten gedacht. kann das durchaus etwas Richtiges haben. Denn
Im Bezug auf den Exodus heißt das: Ich erzähle ich bin überzeugt, dass in der priesterlichen Er­
eine Geschichte, um geschichtliche Abläufe zu zählschicht [vgl. S. 35] die Erfahrung eines Tsu­
erklären. Im Englischen verdeutlichen die Be­ namis hinter der Vorstellung der Wasserwände
griffe history und story den Zusammenhang. In stand. Wenn ich aber den Tsunami verabsolu­
vielen Gründungslegenden und Mythen ist das tiere – also exakt datiere und als naturwissen­
sichtbar, Zeus etwa hat sich in einen Stier ver­ schaftliche Ursache des Meerwunders setze –,
wandelt, Europa entführt und so hat man sich dann ist das nicht der Weg, alle Probleme, die
die Entstehung Europas mythologisch erklärt. mit der Exoduserzählung verbunden sind, unter
Romulus und Remus, Wilhelm Tell – all diese einen Hut zu bringen.
Geschichten kann man, wie die Exoduserzäh­
lung, nicht als history verstehen, sonst bekommt Erfahrungen von Naturphänomenen wie Vul-
man ein Problem mit der Definition von Lüge kanausbruch, Erdbeben, Heuschreckenpla-
oder Fälschung. gen oder Pestwellen können durchaus in die
Geschichte eingeflossen sein?
Nun gibt es auch zahlreiche Wissenschaftler Ja, sicherlich – aber Menschen beschreiben das,
und Hobbyforschende, die versuchen, den was sie erlebt haben, unterschiedlich. Und je
Exodus naturwissenschaftlich oder natur- größer der Abstand zum Ereignis wird, desto va­
historisch nachzuweisen. Bei den 10 Plagen riabler die Erinnerung.
in Ägypten wird etwa der Ausbruch des Vul-
kans Thera – heute die Insel Santorin – im
2. Jahrtausend vC herangezogen, eine Tsuna- „Das Problem beim Exodus ist, dass wir in
miwelle für das Meerwunder, eine spezielle
Alge, die das Nilwasser blutrot gefärbt haben der Erzählung eine ganze Menge Angaben
soll ... Ist ein solcher Zugang abstrus oder be- zusammenbringen müssen“
rechtigt?
Grundsätzlich ist er berechtigt. Forschung be­
steht darin, dass ich Dinge beobachte, Vorschlä­
ge mache und diese Vorschläge zur Diskussion Man stößt im Rahmen der Exodus-Archäo-
stelle. Das Problem beim Exodus ist, dass wir logie schnell auf Gruppen amerikanischer,
in der Erzählung eine ganze Menge Angaben evangelikaler Christen. Besonders rege sind
zusammenbringen müssen: Wir brauchen Semi­ die sogenannten christlichen Zionisten, die
ten, die in Ägypten sind. Wir brauchen Textquel­ den Exodus im biblischen Wortlaut archäolo-
len, die belegen, dass diese sich als „Israel“ be­ gisch beweisen wollen. Christliche Zionisten
zeichnet haben. Semiten in Ägypten treffen wir glauben, dass die Endzeit anbrechen wird,
in den Quellen immer wieder, dass sie sich als wenn ganz Palästina jüdisch besiedelt ist,
„Israeliten“ verstanden haben, aber nicht. Dann und dass der jüdisch-christliche Messias Je-
brauchen wir einen Beleg für Mose – den haben sus dann wiederkommt. Daher unterstützen
wir nicht. Wir brauchen Belege für die Plagen sie alle Ausgrabungen der Art, die den Wort-
– die gibt es nicht. Wir brauchen Belege für die laut der Bibel „beweisen“ sollen. Einerseits
Auszugsroute – die haben wir halbwegs, aber geht es vermutlich um Glaubenszweifel – im
auch da wird es schwierig, weil im heutigen Bi­ Sinne von „wenn die Bibel nicht wahr ist,
beltext eine jüngere und eine ältere Auszugsrou­ kann ich meinen Glauben nicht darauf grün-
te miteinander verknüpft sind. Zudem liegen die den“ –, aber doch ebenso um eine politische

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Die bedeutenden Pharaonen des Neuen Reichs

Die 18. Dynastie Die 19. Dynastie Die 20. Dynastie


Ahmose (1539–1514) Ramses I. (1292–1290) Sethnacht (1190–1187)
Amenophis I. (1514–1493) Sethos I. (1290–1279) Ramses III. (1187–1156)
Thutmosis I. (1493–1482) Ramses II. (1279–1213) Ramses IV. (1156–1150)
Thutmosis II. (1482–1479) Merenptah (1213–1204) Ramses V. (1150–1145)
Hatschepsut (1479–1458) Sethos II. (1204–1198) Ramses VI. (1145–1137)
Thutmosis III. (1479–1426) Amenmesse (1203–1200) Ramses VII. (1137–1129)
Amenophis II. (1426–1400) Siptah (1198–1193) Ramses VIII. (1128)
Thutmosis IV. (1400–1390) Tausret (1193–1190) Ramses IX. (1127–1109)
Amenophis III. (1390–1353) Ramses X. (1109–1105)
Amenophis IV./Echnaton (1353–1336) Ramses XI. (1105–1076/70)
Meretaton (1336–1335)
Semenchkare (1335–1332)
Tutanchamun (1332–1323)
Aja (1323–1319)
Haremhab (1319–1292)

Ägypten im 2. Jahrtausend vC: Der historische Rahmen eines „Exodusgeschehens“

Wirtschaftlicher Auf-
und Abstieg Ägyptens

1800 1700 1600 1500 1400 1300 1200 1100

Mittleres Reich Zweite Zwischenzeit Neues Reich (18.–20. Dynastie, 1539–1075 vC) Dritte Zwischenzeit
11. und 12. Dynastie (13.–17. Dynastie, Ahmose vertreibt die Hyksos. Das Reich wächst (21.–30. Dynastie,
2077–1759 vC 1759–1539 vC) und der ägyptische Einflussbereich dehnt sich 1075–652 vC)
In diese Epoche fällt die über Kanaan bis an den Eufrat aus (vgl. Karte
Hyksos-Zeit (ca. 1630– S. 24). Von Feldzügen deportieren die Pharao-
1530 vC): Ägyptens nen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Neue
Macht beschränkt sich Bautätigkeit erfordert Arbeiter, Hungersnöte in der
nur auf Oberägypten, im südlichen Levante befördern Migrationsbewegun-
Norden herrschen die gen nach Ägypten.
kanaanäischen Hyksos, Ab 1130 nC beginnt der Niedergang Ägyptens:
eingewanderte Semiten Wirtschaftskrisen, kriegerische Einfälle durch die
© Pixabay

(mehr dazu S. 17). Seevölker, Bürgerkrieg.

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Agenda. Gerät der Exodus hier in eine ein mögliches Exodusereignis, also
Instrumentalisierung von Biblischer eine angenommene Gruppe semi-
Archäologie und Wissenschaft? tischer Menschen, die aus Ägypten
Die Amerikaner waren immer etwas flüchtet. Das reicht von ungefähr
frommer, bibelgläubiger oder funda­ 2000 vC bis in die persische Zeit, also
mentalistischer als die Europäer und ins 6./5. Jh. vC. Wo liegt für Sie eine
damit schneller der Auffassung, dass plausible Annahme eines Zeitraums, Prof. Dr. Wolfgang Zwickel ist Professor
etwas historisch „wahr“ sein muss. Ich in dem sich ein „Exodus“, was immer für Altes Testament und Biblische Archäo-
glaube, Forschende in Europa können man darunter versteht, abgespielt logie an der Universität Mainz. Einer seiner
damit etwas freier umgehen. Vielleicht haben könnte? Schwerpunkte liegt auf der verständlichen
auch, weil von Europa aus der Orient Aus welcher Zeit stammen die Texte? Vermittlung der biblischen Geschichte und
näher liegt und die orientalische Welt in Die exegetische Forschung hat eine ihrer archäologischen Erforschung, u. a.
in Verbindung mit Kartenwerken, wie in
den vergangenen Jahrhunderten leich­ dominierende Bearbeitung in der Pries­
Herders Neuer Bibelatlas (Freiburg 2013,
ter bereist werden konnte. Gleichzei­ terschrift herausgearbeitet – damit sind zus. mit R. Egger-Wenzel und Michael
tig liegt für amerikanische Forschende wir in der Perserzeit, im späten 6. Jh. vC. Ernst); ein weiterer Schwerpunkt ist die
auch eigene Identität im Exodus – ihre Das ist die Zeit, in der viele Texte ent­ neuere Galiläa-Archäologie, dazu kürzlich
Vorfahren sind in das „Gelobte Land“ standen sind, aber nicht die Zeit, in der erschienen: Settlement History around
aufgebrochen und haben ihre Landnah­ die Texte spielen. Die Exodusgeschichte the Sea of Galilee from the Neolithic to the
me mit der Landnahme der Israeliten wurde komplett neu erzählt, wie so vie­ Persian Period, in der Reihe Ägypten und
Altes Testament (Münster 2017).
verglichen, ihr Handeln mit dem des le Geschichten der Bibel immer wieder
Mose und des Josua. neu erzählt wurden. Wir haben auch
Je älter ich werde, desto klarer wird ältere Textschichten, und in den älteren
mir, wie wichtig identity marker sind – Texten einige Informationen, die durch­
für Schwaben, die alles können außer aus glaubwürdig sein können. Wenn Aber dennoch: In welcher Zeit pas­
Hochdeutsch, ebenso wie für Münchner, ich solche Informationen nehme – wie sen die Faktoren am besten zusammen?
die „Mia san mia“ sagen. Identity marker etwa die Erwähnung der Städte Ramses Es läuft auf einen Indizienbeweis her­
sind wichtig, um sich abzugrenzen. Als und Pitom –, dann komme ich in die aus, und den können wir durchaus für
der Staat Israel 1948 gegründet wurde, Zeit des 13. Jh. vC, bis ca. 1200 vC. Wenn einen bestimmten Zeitraum leisten:
spielte die Archäologie eine große Rolle ich die biblische Chronologie berech­ Der Zusammenbruch der ägyptischen
für die Selbstfindung des Volkes. Damit Herrschaft und Gesellschaft, der im
entstand die Erzählung „Wir siedeln Exodusmythos hinterlegt ist und in des­
auf dem Grund, auf dem vor 3000 Jah­
ren unsere Vorfahren gesiedelt haben.
Der Zusammenbruch der sen Spätfolge das Volk Israel entsteht,
beginnt schleichend um 1350 vC – und
Wir setzen fort, was einst war.“ Yigael ägyptischen Gesellschaft das Ende dieses Prozesses ist um 1000
Yadin hat 1955 Hazor ausgegraben [vgl.
auch S. 68–71], um nachzuweisen, dass
beginnt schleichend vC erreicht.

die Israeliten das Land kriegerisch er­ um 1350 vC Welche Faktoren sind das? Was ge-
obert haben. Yadin entstammte einem schieht in der Zeit, in der das Exodus­
militärischen Hintergrund, er war der ereignis angenommen wird?
erste Generalstabschef Israels. Er hat ne, die wiederum eine perserzeitliche Aus einer Reihe Puzzleteilen können wir
eine starke Identifikationsarchäologie Chronologie ist, aufgestellt bei der Ge­ das Bild eines großen gesellschaftlichen
betrieben: So, wie Josua damals die Ka­ samtdarstellung des Alten Testaments, Umbruchs im Gebiet Palästinas zusam­
naanäer, so werfen wir heute die Araber dann komme ich in einer früheren Zeit mensetzen: Die Pharaonen hatten durch
hinaus. Wenn Archäologie auf diese heraus. Doch taucht hier verdächtig oft Feldzüge die Levante bis zum Eufrat un­
Weise politisch benutzt wird, verliert sie die Zahl von 40 Jahren auf, nicht nur ter ihre politische Kontrolle gebracht [s.
ihre Eigenständigkeit. Es gab übrigens für die Wüstenwanderung, auch für die Karte Folgeseite]. Die ägyptische Herr­
auch die gegenteilige Forschung: von Regierungszeiten von David und Salo­ schaft über Kanaan bricht aber im 14.
Yohanan Aharoni, der im Kibbuz groß mo oder für manche Richter. 40 Jahre und 13. Jh. vC allmählich zusammen,
geworden war und eine friedliche Land­ waren ein normales Lebensalter. Das weil in Nordsyrien die Hetiter nach Sü­
nahme annahm – und natürlich archäo­ zeigt meiner Meinung nach an, dass wir den drängen; es kommt zur berühmten
logische Nachweise in diese Richtung hier keine zuverlässigen historischen Schlacht von Kadesch, die Ägypter zie­
interpretierte. Angaben haben, sondern mit der Zahl hen sich mehr und mehr zurück und ver­
40 schlichtweg ein langer Zeitabschnitt lieren – bis etwa 1130 nC – die Kontrolle
Lassen Sie uns über die Datierung beschrieben werden soll. Damit bricht über das Land Kanaan. Zudem können
des Exodus sprechen. Es gibt sehr aber jegliche exakte absolute Chronolo­ wir mittlerweile recht gut eine Klima­
© privat

unterschiedliche Zeitvorschläge für gie in sich zusammen. katastrophe im 13 Jh. vC nachweisen:

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welt und umwelt der bibel 2/2019 23
Die Feldzüge der 18.
(links)
Dynastie am Beginn des Neu-
en Reichs schaffen die Grundlage
für den ägyptischen Einfluss in Ka-
naan. Während der Feldzüge geraten
viele Einheimische in ägyptische
Kriegsgefangenschaft.
So war die Erfahrung von ägyptischer
Unterdrückung auch in der kanaanäi-
schen Levante bekannt.
Die Pharaonen der 19. Dynastie
– etwa Ramses II. – unternehmen
eigene Feldzüge nach Norden.
Archäologisch kann man zahlreiche
Gouverneurs-Residenzen dieser Zeit
nachweisen.

(rechts) Feldzug gegen Shasu-


Nomaden. Tempelreliefs verraten
etwas über das Verhältnis von Semiten/
Kanaanäern zu Ägypten: Man erlebte
die Herrschaft als Unterdrückung.
Relief im Tempel des Sethos I. in
Abydos (Oberägypten).

Eine spezielle Gruppe geistert im-


mer wieder durch die Schilderungen
dieser Zeit: die Seevölker. Tragen sie
dazu bei, die Ursprünge der Exodus­
tradition besser zu verstehen?
Die Seevölker gehören ebenfalls in die­
sen Kontext des gesellschaftlichen Um­
bruchs der Levante: Sie stammen aus
Der Wasserspiegel des Toten Meeres Arbeitsplätze – die Ausgrabungen las­ dem östlichen Mittelmeerraum, aus dem
sank um rund 40 Meter; hier müssen die sen daran kaum Zweifel. In dieser Zeit Raum des asiatischen Teils der heutigen
Niederschläge lebensbedrohlich zurück­ steigt die Anzahl der Semiten in Ägypten Türkei, aus Griechenland, Zypern und
gegangen sein. Gleichzeitig kommt es zu stark an, inschriftlich nachzuweisen in vielleicht sogar Albanien. Während der
inneren Unruhen im gesamten ägyp­ semitischen Personennamen und semi­ damaligen Klimakatastrophe mussten
tischen Herrschaftsgebiet. Wir wissen tischen Gottheiten, die in Ägypten ver­ alle versuchen, irgendwo zu überleben.
aus Inschriften von sogenannten Hapi­ ehrt werden. Eine große Wanderungs­ Die Seevölker haben mit ihren ersten
ru, Menschen, die die Städte verließen, bewegung nach Ägypten anzunehmen, Truppen versucht, sich kriegerisch an
weil sie dort keine Lebensgrundlage liegt nahe. einem neuen Ort niederzulassen. Bei­ © Herders Neuer Bibelatlas/ W. Zwickel/ K. Kowalski

mehr fanden und denen vermutlich nur spielsweise ist die Zerstörung Ugarits zu
Gruppen- oder Kleinkriminalität blieb, Wo ist hier ein Exodusereignis denk- Beginn des 12. Jh. vC auf die Seevölker zu­
um beispielsweise Händler überfallen bar? rückzuführen. Dann wissen wir von der
zu können. In einer Region wie Kana­ Neben den Menschen, die ausgewandert großen Schlacht gegen Ramses III. um
an, die stark auf Handel ausgerichtet sind, gab es auch immer welche, die zu­ 1180 vC im Nildelta. Es sind Menschen,
war, erzeugte das Unsicherheit – und rückkehrten, welche, die flüchteten, die auf Nahrungs- und Heimatsuche
so ging allmählich, über einen Zeitraum wie der Papyrus Anastasi sogar genau waren, weil sie in ihren Ländern nicht
von 200 Jahren, das Handelsvolumen erzählt. Der „Exodus“ war vermutlich überleben konnten. Das Hetiterreich ist
zurück; Bewohner wanderten ab. Ägyp­ nur die Erfahrung einer kleinen Gruppe in dieser Zeit aufgrund einer Hungersnot
ten war für Wirtschaftsflüchtlinge ein – aber die wurde später zu einem Natio­ geradezu implodiert – es verschwindet
gutes Ziel. In der Ramses-Stadt gab es nalepos ausgebaut. innerhalb weniger Jahre von der Land­

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welt und umwelt der bibel 2/2019
„Der Exodus war vermutlich die Erfahrung einer kleinen Gruppe“

karte. Wir müssen annehmen, dass eine sehr Wenn Sie sich einen archäologischen Fund
große Anzahl Menschen unterwegs war, um eine zum Exodus wünschen dürften, welcher
neue Heimat zu finden. Ähnlich, wie wir es heute wäre das?
bei den Migrationsbewegungen weltweit erleben. Ich glaube, wir haben alles, was wir brauchen,
um die Entstehung des Exodusmythos zu rekon­
Immer wieder wird auch die Frage nach dem struieren. Aber natürlich würde ich mich über
Pharao des Exodus gestellt. Es gibt so viele 40 Jahrestagebücher des Mose freuen! Nein, ich
Vorschläge wie Pharaonen im 2. Jahrtausend würde mir wünschen, dass wir endlich wieder
vC. Welcher ist Ihr Favorit? auf dem Sinai archäologische Ausgrabungen
Unter welchem Pharao wäre das eben Geschil­ durchführen könnten. Dort gibt es einige Orte,
derte am ehesten möglich und denkbar? Ich die vielleicht keine sensationellen neuen Er­
komme dann auf Ramses II. Die Zeit, in der die kenntnisse bringen, aber zumindest bestätigen
Ramses-Stadt gebaut wurde – das passt meines würden, dass es dort im 13. Jh. vC eine intensiv
Erachtens gut. Aber die Frage ist: Kannten die bereiste Handelsstraße gab, die im 8./7. Jh. vC
frühen Tradenten des Exodus überhaupt den wiederbelebt und erneut stark genutzt wurde.
Namen des Pharaos? Wenn ich Sie frage, wie die An dieser Route entlang der Mittelmeerküste gab
Regierungschefs verschiedener europäischer es Niederlassungen, Karawansereien. Die in der
Nachbarländer heißen, haben Sie vielleicht Bibel genannten Orte an dieser Nordroute wie
auch Schwierigkeiten. Den Namen des Pharaos Migdal, Pi-Hahirot oder Baal-Zefon, die wir zum
zu kennen, setzte eine gewisse Bildung voraus, Teil mittlerweile gut identifizieren können – da­
internationale Kontakte. Selbst für Menschen, rüber könnten wir viel mehr wissen. Das ist ein
die in der Ramses-Stadt gearbeitet haben, war großes Manko – der Sinai ist in archäologischer
© A.D. Riddle/BiblePlaces.com

vielleicht nicht ganz klar, wie der gegenwärtig Hinsicht wie eine weiße Fläche, denn in der der­
herrschende Pharao hieß – und selbst wenn man zeitigen politischen Situation darf dort niemand
den Namen „Ramses“ kannte, dann nicht, ob er wissenschaftlich arbeiten. Hier läge für die Exo­
der II. oder III. war. Der Herrscher war schlicht dusforschung ein großer Schatz. W
„der Pharao“. Sein Name war für die Erzählung
nicht interessant. Die Fragen stellte Helga Kaiser.

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übersicht: Der Exodus im „Faktencheck“

Da war etwas. Da war nicht nichts


... soweit gehen viele Archäologen und Bibelforschende in Bezug auf ein etwaiges „Exodusgeschehen“ und
eine „Exodusgruppe“ mit. Viel weiter reicht der Konsens allerdings nicht! Die extreme Position der einen
Seite behauptet mit abenteuerlichen, angeblichen Belegen, dass die biblische Erzählung wortwörtlich so
geschehen sei, die auf der anderen Seite, dass der Exodus von A bis Z Fiktion ist.
Dazwischen kann man, vorsichtig ausgedrückt, Spuren historischer Plausibilitäten finden. Im Dschungel der
Exodusforschung bleibt aber gültig, was Christian Frevel in seiner Geschichte Israels zusammenfasst:
„Ohne die biblischen Narrative käme kein Historiker auf die Annahme, dass es den Exodus gegeben hätte.“
Eine Übersicht über unterschiedliche Forschungsmeinungen – und über seriöse und weniger seriöse Aussagen.

„Israeliten“ in Ägypten?

Dass semitische Menschen während versklavte Kriegsgefangene anderer- meinschaft schon in Ägypten existierte.
des 2. Jahrtausends vC in Ägypten seits – all das kann man aus Papyri, Ste- Zwar lebten viele Semiten hier, aber
waren, gilt mittlerweile als gesichert len und Reliefs herauslesen. weder der Name Mose, noch der eines
(ausführlich dazu s. S. 14–17). Das Dass aber Hirtenfamilien zu Bau- Volkes Israel (das zudem Ziegel erstel-
Pharaonenreich und Kanaan waren sklaven für die Baustellen des Pharaos len musste), sind in ägyptischen Quel-
eng verbunden, Ägypten war die Korn- gemacht wurden, wie es die biblische len genannt.
kammer der Region und selbstverständ- Erzählung über den Nachfahren Jakobs Aus welcher Zeit die Ortsangaben
lich kam es zu Migrationsbewegungen: ausführt, ist aus den ägyptischen Quel- Pitom und Ramses in der Bibel stam-
durch Hunger getriebene Hirten und len nicht belegbar. Es gibt auch keinerlei men („Und sie bauten dem Pharao die
Kleinviehzüchterfamilien einerseits und Beleg dafür, dass „Israel“ als Volksge- Städte Pitom und Ramses als Vorrats-
städte“, Ex 1,11), dazu gibt es unter-
schiedliche Thesen: Sie verweisen nach
Bernd U. Schipper (2015) auf Verhält-
nisse im östlichen Delta des 7. Jh. vC,
nach anderen Meinungen ganz auf die
persische Zeit (5./4. Jh. vC) und nach
M. Bietak sind in den Ortsangaben geo-
grafische Erinnerungen an den ramessi-
dischen Zustand des östlichen Nildeltas
erhalten geblieben (vgl. S. 18–19).
Die beiden Städte Pitom und Ramses
wurden unter den ersten Ramessiden
erbaut. Pitom ist mit Tell el-Retaba im
Wadi Tumilat identifiziert worden, Ram-
ses mit Pi-Ramesse im Bereich des
heutigen Ortes Qantir, angrenzend an
die alte Hyksos-Hauptstadt Avaris/Tell
© Public domain

Arbeiter erstellen Ziegel und transportieren sie ab. Relief aus dem Grab des ed-Dab’a.
Rechmire, 15. Jh. vC, Theben-West.

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Der Pharao des Exodus und die Datierung

Die Bibel nennt keinen Namen. Die Is- je nach Berechnung vorgeschlagen). innerbiblische Chronologie zu retten
raeliten sollten dem „Pharao XY“ die Eine Mehrheit der Forschenden legt sich und mit der ägyptischen Chronologie
Städte Ramses und Pitom bauen. Die- aber auf das 13./12. Jh. vC fest, die 19. übereinstimmen zu lassen. Dafür wird
se Städte weisen in die Ramessiden- oder 20. Dynastie. Hierfür spricht der die wissenschaftlich erarbeitete ägyp-
zeit (ab 1292 vC) und da Ramses II. die Bau der Ramses-Stadt unter Ramses tische Chronologie kurzerhand um 200
Ramses-Stadt erbauen lässt, hat ihn das II., rege Bautätigkeit und Migrationsbe- Jahre verschoben. Die 13. Dynastie,
zum traditionellen „Pharao des Exodus“ wegungen in dieser Epoche. Als Namen unter der das ägyptische Reich blühte,
gemacht. werden vornehmlich Ramses II., Meren- wandert aus dem 17. Jh. vC einfach in
Unter Wissenschaftlern, die mit einem ptah oder Ramses III. genannt. das 15. Jh. vC. Der Kollaps der ägypti-
historischen Kern der Exoduserzählung Daneben gibt es „exotische“ Meinun- schen Gesellschaft am Ende des Mittle-
rechnen, besteht keine Einigkeit über gen, die 2100 vC, 1700 vC, 1600 vC, ren Reichs geschah nach dieser Lesart
den Pharao. Die traditionelle Datierung 1550 vC, 1500 vC, 1400 vC, 1350 vC, natürlich durch die göttlichen Plagen
folgt der innerbiblischen Chronolo- bis hin zu 610 vC (Pharao Necho II.) für und dadurch, dass das riesige Arbeiter-
gie: 430 Jahre Aufenthalt in Ägypten, das „Exodusereignis“ vorschlagen. volk der Hebräer plötzlich nicht mehr da
nachdem Josef seine Brüder hergeholt Als die Exoduserzählung Jahrhunder- war. Dass die Hyksos nun die Herrschaft
hatte (Ex 12,14f), 480 Jahre vor dem te später zur wichtigen Gründungser- übernehmen konnten, war das Ergebnis
Baubeginn des salomonischen Tempels zählung wird, ist der Name eines Phara- der göttlichen Ereignisse des Exodus,
(1 Kön 6,1). Dann wäre der Exodus um os offenkundig nicht überliefert. die die Ägypter so geschwächt hatten:
1450/1440 vC zu errechnen. Zu dieser Bei der Datierung werden mitunter Die ägyptische Armee lag natürlich mit
Zeit war Thutmosis III. Pharao (auch unseriöse und fundamentalistische all ihren Streitwagen am Grund des
Amenophis II. oder Hatschepsut werden Verrenkungen unternommen, um die Schilfmeeres ...

Mose

Möglich, dass jemand namens Mose gelebt hat. Mög-


lich, dass er der Anführer einer hypothetischen Grup-
pe von semitischen, flüchtenden (Zwangs-)Arbeitern
aus dem Nildelta war – aber durch keinerlei außerbi-
blische, etwa ägyptische, Dokumente ist an diese Figur
historisch heranzukommen.
Der ägyptische Name bedeutet „Kind“ oder „gebo-
ren“ – eine Kurzform, sonst wird „-mose“ in Namen wie
Thutmose verwendet. Die These, dass sich der ägypti-
sche Schatzmeister Beja (um 1185 vC) in der literari-
schen Gestalt Mose wiederfinden könnte, ist nicht zu
belegen. Moses Geburtslegende stammt aus assyri-
scher Zeit (8. Jh. vC) und ist parallel der Sargonlegende
gestaltet.
Fundamentalistische Exodusbeweiser scheuen sich
allerdings nicht, Mose als Augenzeugen zu sehen, der
wortwörtlich die Ereignisse des Exodus, der Wüsten-
wanderung, der Gesetzesgabe am Sinai in den „fünf
Büchern Mose“, der Tora, im 15. Jh. vC aufgeschrieben
hat – dass es u. a. hier noch kein hebräisches Schrift-
Ltd. Spirer/123rf.com
© 2317900 Ontario

tum gegeben hat, schreckt sie nicht: Mose habe die Tora
Pharao auf Streitwagen im siegreichen Kampf gegen
selbstverständlich in ägyptischer Schrift aufgeschrie-
fremde Völker. Wandmalerei, British Museum.
ben, da er ja am ägyptischen Hof aufgewachsen sei ...

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welt und umwelt der bibel 2/2019 27
DER Exodus im Faktencheck

Ballah-Seen
Die Plagen
Timsah-See Sirbonischer See
Eine Ereignisfolge wie die biblischen Plagen (Blut-Nilwasser,
Frösche, Mückenplage, Ungeziefer, Viehpest, Beulenpest,
Hagel, Heuschreckenplage, Finsternis, Tötung der Erstgeburt)
Großer und kleiner Bittersee wird in keiner ägyptischen Quelle erwähnt. Manche der Phäno-
mene – Plagen, Epidemien, Hagel ... – sind damaligen Men-
schen selbstverständlich bekannt.
Auch für die Plagen werden verschiedenste naturwissen-
schaftliche Erklärungen gesucht. Durch Sedimentuntersu-
chungen wird z. B. versucht, den Ausbruch des Vulkans Thera
(Santorin) genau zu datieren, um hier den Grund und das Da-
tum der Finsternis und mit einem durch ein Seebeben ausge-
lösten Tsunami gleich noch das Meerwunder zu erklären. Der
Ausbruch des Vulkans wird jedoch aufgrund neuer Untersu-
chungen im ausgehenden 17. Jh. angesetzt, zu früh für eine
Golf von Suez/ Verbindung mit den biblischen Daten.
Rotes Meer Die Erzählung der Plagen ist eine kunstvolle literarische
Konstruktion, die in einer Steigerung auf das Ziel der letzten
Plage hinläuft (und mit einer naturwissenschaftlich beweisen-
den Sicht kollidieren muss): Der Pharao will die Israeliten nicht
ziehen lassen, erst die Tötung der Erstgeburt bringt ihn zum
Einlenken. Das weist zum Punkt der Geschichte: Wie mächtig
ist der Pharao? Wie mächtig ist JHWH, der Gott Israels?
Die letzte Plage, das Schlagen der Erstgeburt, wird erst
Gewässer im östlichen Nildelta, „Schilfmeer-
durch die priesterschriftliche Bearbeitung gegen Ende des
Anwärter“ aufgereiht wie an einer Perlenschnur. Moder-
nes Satellitenbild mit den Suezkanal. 6. Jh. vC zur Entstehungslegende des Pessach-Festes.

Das Meerwunder Die Routen

Pseudonaturwissenschaftliche Erklärungen für Grob gesagt gibt es zwei Routen in der Bibel: in den älteren Überlie-
das sich teilende Meer gibt es zuhauf, besondere ferungsschichten ausgehend von Pitom durch das Wadi Tumilat nach
Winde („wind setdown“), eine unterirdische Land- Osten; in der Priesterschrift die Nord­route, ausgehend von Tanis über Pi-
brücke oder plötzliche Dürre. Selbst ernannte Ar- Hahirot und Baal-Zefon am Meer entlang nach Palästina.
chäologen berichten von Pferdeknochen und ägyp- Durch archäologische Untersuchungen ist heute klar, dass der „nor-
tischen Streitwagen am Grund des Roten Meeres, male“ Weg zwischen Ägypten und Kanaan, der „Horusweg“ entlang
die sie mit Unterwasserkameras geortet hätten. der Mittelmeerküste, zu zwei Zeiten intensiv von Händlern und Militär
Beim Meerwunder zeigen sich die stark fiktionalen genutzt wurde: unter den Pharaonen Ramses II. und Merenptah (Fes-
Züge des „Exodus“, die im Dienste der Aussage tungsbauten, gute Übernachtungsmöglichkeiten) und unter den Assy-
über den mächtigen Gott JHWH stehen. Naturwis- rern (8.–6. Jh. vC, neue Befestigungen, aktivierter Handel mit Ägypten).
senchaftliche Erklärungen sind hier obsolet. Die beiden biblischen Routen gehen zumindest teilweise auf diese un-
Folgendes Szenario wird von vielen Forschen- terschiedlichen Zeiten mit jeweils unterschiedlichen Stützpunkten zu-
den als historisch plausibel erwogen: Es ist nicht rück. Von den in Num 33 genannten Orten kann man viele nicht lokali-
auszuschließen, dass es Semiten gab – eine soge- sieren, da sich historische Ortsnamen in heutigen meist nicht erhalten
nannte „Exodusgruppe“, denen eine Flucht gelang haben. Als die Septuaginta im 3. Jh. vC das Schilfmeer mit „Rotes Meer“
(oder die vertrieben wurden?), bei der verfolgende übersetzt, kommt eine dritte, südlichere Route hinzu: Das prächtige He-
ägyptische Soldaten und ein sumpfiges Gelände liopolis/On war hier die Ramses-Stadt und Ausgangspunkt der Flucht.
oder Gewässer beteiligt waren. Daraus wird eine Fazit: Es ist keine Route rekonstruierbar, vielleicht aber eine Erinne-
© Google Earth

Rettungserzählung und die Rettung wird JHWH rung an das Ostdelta als Ausgangspunkt einer Flucht oder Vertreibung
zugeschrieben. einer vermuteten Exodusgruppe.

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der Exodus im „Faktencheck“

Das Schilfmeer Der Gottesberg

Das Gewässer des Meerwunders wird Schilfmeer genannt Karten zeigen den Gottesberg üblicherweise am „Moseberg“
(Ex 15,4, hebr. jam suf). Die Verfasser und Redaktoren der (Dschebel Musa) im Hochgebirge des Südsinai. Aber der
Exoduserzählung hatten je nach Epoche andere geografi- Gottesberg wird in den biblischen Texten in Edom/Seir (Dtn
sche Kenntnisse, andere geografische Begebenheiten und 33,2; Ri 5,4) und in den dort gelegenen Landschaften Teman
andere Wege vor Augen. (Hab 3,3) oder im Gebirge Paran (Hab 3,3; Dtn 33,2) lokali-
Es gibt im östlichen Nildelta unterschiedliche Gewäs- siert – oder da, wo Midian ist, „über die Steppe hinaus“ (Ex
ser: die Ballah-Seen, den Timsah-See, den Sirbonischen 3,1). Letztlich bedeutet aber all das unscharf „im Süden“,
See, die Bitterseen, die allesamt sehr flach sind; zu- irgendwo im Südosten des Toten Meeres.
dem das Rote Meer bzw. den Golf von Suez oder den Golf In der deuteronomistischen Redaktion spielen die Gottes-
von Aqaba. Der Sirbonische See, ein durch ein Haff vom berg-Stellen tatsächlich auf den Tempelberg in Jerusalem
Mittelmeer abgeschnittener Salzsee, war für die späte als Gottesberg an – als Ort der Begegnung mit Gott und als
Priesterschrift von Tanis aus ein schlüssiges Konzept. In Berg, der nach der Zerstörung des Tempels 587 vC verödet
1 Kön 9,26 wird der Golf von Aqaba als jam suf bezeichnet. daliegt (er heißt nun horeb = „Ödnis“). In der priesterschrift-
Die Septuaginta übersetzt in hellenistischer Zeit jam suf mit lichen Bearbeitung wird der Berg Sinai zu einem Kultberg,
„Rotes Meer“ (so auch im NT Apg 7,36; Hebr 11,29). Irgend- auf dessen Gipfel Gott in seinem Allerheiligsten spricht und
wo im Ostdelta lag vielleicht ein Gewässer, das flüchtende um den herum es eine Reihe von Regeln und Gesetzen gibt,
Immigranten in ramessidischer Zeit überqueren mussten. nach denen der Kultbetrieb verläuft. Dieser Sinai ist in der
Es gibt in ägyptischen Quellen Erwähnungen von „Papy- Vorstellung wieder irgendwo weit entfernt.
rusdickicht“ im Ostdelta, was auf einen der Seen hinweisen Zur Zeit des Paulus stellte man sich den Gottesberg Sinai
könnte (vgl. S. 18). Möglicherweise sind aber einfache Be- (Gal 4,25 „... der Berg Sinai in Arabien“) offensichtlich wie-
zeichnungen als jam, „Meer“, älter als jam suf, „Schilfmeer“. der in der Region Südjordaniens vor, östlich des Golfes von
Fazit: Es gibt keine Einigkeit; eine Lokalisierung des Schilf- Aqaba. Auf der Sinaihalbinsel wurde er erst im 4. Jh. nC (!)
meers bleibt Spekulation – und von einem Pharao, der in gesucht, als sich hier christliche Mönche am „Moseberg“,
einem Gewässer auf einer Verfolgungsjagd ertrunken ist, be- beim Ort des Dornbusches niederließen und fortan Pilgernde
richtet jedenfalls keine ägyptische Quelle! wie die Nonne Egeria empfingen.

Millionen Kinder Israels


40 Jahre in der Wüste?

Ex 12,37 schickt 600 000 Männer auf den Weg (Num 1,45f
603.550); zuzüglich „ein großer Haufen anderer Leute ...
dazu Schafe, Ziegen und Rinder, eine sehr große Menge
Vieh“. Mit Frauen und Kindern käme man auf gut 2 Millionen
Menschen. Doch gibt es keinerlei Spuren einer solchen an-
tiken Massenwanderung, weder auf der Sinaihalbinsel noch
in Orten Transjordaniens. Das hält aber biblische Fundamen-
talisten nicht davon ab, logistische Lösungen anzuführen. Im
Zweifelsfall hat einfach Gott die Wasser- und Nahrungsver-
sorgung mit seiner Macht möglich gemacht – und offenkun-
dig auch alle Spuren beseitigt. Eine Fiktionalität der Angaben
wird nicht erwogen.
© Sarawut Aiemsinsuk/123rf.com

Die Oase Kadesch Barnea, wo das Volk Israel auf der Wüs-
tenwanderung Jahrzehnte gelagert haben soll, war erst ab
dem 10. Jh. vC bewohnt. Dort wurden nacheinander drei be-
deutsame und heute gut archäologisch erforschte Festungs-
anlagen erbaut, die bis ins 6. Jh. vC bestanden.
Wo ist der Gottesberg? In biblischen Zeiten sind unter-
schiedliche Regionen erwogen worden.

Zusammengestellt von Helga Kaiser/WUB


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welt und umwelt der bibel 2/2019 29
Wie die Exoduserzählung wächst, indem sie weitererzählt wird

„Wenn dich morgen


dein Kind fragt …“
... dann sollst du ihm vom Exodus erzählen! Diese Anweisung gibt das Buch
Deuteronomium allen nachfolgenden Generationen. In der Exoduserzählung
verdichten sich Jahrhunderte – Menschen, Schicksale, Orte, Gebete, Kulte.
Wie ist der Exodus zu jener großartigen Geschichte gewachsen?
Von Kristin Weingart

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Morgens in der Wüste Schur, kurz nach dem Durchzug durch das Rote Meer. Nach und nach wird die Fluchterzählung
ausgeschmückt. In wachsenden Schichten erzählt sie immer anschaulicher über die Ereignisse und die Beziehung zwischen Gott
und den Kindern Israels.
In der dargestellten Szene hat das Volk drei Tage lang kein Wasser gefunden und dann war in Mara das Wasser bitter (Ex 15,22ff)
– die Kinder Israels beginnen zu murren. Frederick Goodall (1822–1904), 1860, Guildhall Art Gallery, London.

M
ose steht mit dem Volk Israel „ 20 Wenn dich morgen dein Kind fragt: 25
Nur dann werden wir vor Gott im Recht
– so die Szenerie, die in den Warum achtet ihr auf die Eidesbestim- sein, wenn wir darauf achten, dieses
ersten fünf Versen des Bu- mungen und die Gesetze und die Rechts- ganze Gebot vor dem Herrn, unserem
ches Deuteronomium knapp entfaltet entscheide, auf die der Herr, unser Gott, Gott, so zu halten, wie er es uns zur
wird – in Moab, östlich des Jordan, an euch verpflichtet hat?, Pflicht gemacht hat.“
der Schwelle zum verheißenen Land. 21
dann sollst du deinem Kind antworten:
Der Einzug steht unmittelbar bevor. Er Wir waren Sklaven des Pharao in Ägyp- Nicht mit einer Erklärung sollen die
selbst wird das Land nicht betreten, ten, und der Herr hat uns mit starker Eltern dann antworten, nicht die Vortei-
hält hier aber noch einmal inne und Hand aus Ägypten geführt. le eines Lebens nach Gebot und Gesetz
blickt in einem langen Monolog zurück 22
Der Herr hat vor unseren Augen ge- herausstellen, sondern genau wie er
© Heritage Image Partnership Ltd / Alamy Stock Photo

auf die gemeinsam erlebte Geschichte waltige, unheilvolle Zeichen und Wunder selbst in Moab eine Geschichte erzäh-
und zugleich voraus auf das Leben der an Ägypten, am Pharao und an seinem len – die Geschichte JHWHs mit seinem
Israeliten in ihrem Land, inklusive all ganzen Haus getan, Volk Israel. Diese Geschichte beginnt
der Anweisungen und Gebote, die jenes 23
uns aber hat er dort herausgeführt, um mit dem Exodus, mit der Knechtschaft
zukünftige Leben zu einem gelingenden uns in das Land, das er unseren Vätern der Israeliten in Ägypten, mit den Zei-
Leben machen sollen. mit einem Schwur versprochen hatte, chen JHWHs an den Ägyptern und dem
Dabei geht Mose in einer kleinen Sze- hineinzuführen und es uns zu geben. Weg hinaus aus Ägypten und hin zum
ne auch darauf ein, was seine Zuhörer 24
Der Herr hat uns verpflichtet, alle verheißenen Land. Es ist die Geschichte
sagen sollen, wenn sie dereinst an seiner diese Gesetze zu halten und den Herrn, der Gründung einer Beziehung und zu-
Stelle stehen und der nachfolgenden Ge- unseren Gott, zu fürchten, damit es uns gleich eines Herrschaftswechsels: Aus
neration über Inhalt und Sinn der Gebo- alle Tage gut geht und er für unser Leben den Sklaven des Pharao wird das Volk
te Auskunft geben müssen (Dtn 6,20-25): aufkommt wie am heutigen Tag. JHWHs. Das Halten der Gebote ist dann

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welt und umwelt der bibel 2/2019 31
„Wenn dich morgen dein kind fragt …“

Israels angemessene Reaktion; so erkennt es die Gründungsgeschichte Israels, der Jakobge-


Die Pentateuchentstehung neue Herrschaft an und ist der Gemeinschaft mit schichte, in Stellung. Dabei kann er sich in Hos
Die ersten fünf Bücher der JHWH treu. 12,14 mit Anspielungen auf die Befreiung Isra-
Bibel (griech. penta teuchos, els und auf Mose als Protagonisten begnügen:
„fünf Rollen“) – Gen, Ex, „Aber durch einen Propheten führte der Herr
Lev, Num, Dtn – hängen in Wo liegen die Anfänge? Die Geschichte Israel aus Ägypten heraus, und durch einen Pro-
ihrer Endfassung wie eine der Geschichte pheten wurde es behütet.“
große Erzählung zusammen.
Doch finden sich zahlreiche Bei der Exoduserzählung handelt sich also um Die Anfänge der Exoduserzählung reichen also
Brüche, Wiederholungen und eine Gründungsgeschichte und als solche ist sie weit in die Geschichte Israels zurück und sind
Ungereimtheiten. Die Penta- bereits in den frühesten Bezugnahmen im Blick. schon deshalb nicht leicht zu greifen. Chancen
teuchforschung versucht zu Der Prophet Hosea, dessen Wirken in die zweite bestehen diesbezüglich überhaupt nur im Blick
klären, in welchen Schritten Hälfte des 8. Jh. vC fällt, setzt sie bei seinen Ad- auf ihre literarische Gestalt. Ob und wie sie vor
die Bücher über Jahrhunder- ressaten bereits als bekannt voraus und bringt oder neben ihrer literarischen Fassung mündlich
te gewachsen sind. sie als positives Gegenbild zu einer anderen erzählt wurde, ob es neben der in einem längeren
Prozess zur kanonischen Gestalt gereiften Fas-
sung noch andere Versionen gab, entzieht sich
dem literarhistorischen Zugriff. Immerhin geben
die im alttestamentlichen Kanon versammelten
Texte aber doch recht deutlich zu erkennen, dass
und auf welche Weise diese Exoduserzählung be-
arbeitet, in größere literarische Werke integriert
und dabei neu akzentuiert wurde.
Alle Überlegungen zur Entstehung der Exo-
duserzählung stehen notwendig im Zusammen-
hang mit der größeren Forschungsfrage nach
dem Werden des Pentateuchs insgesamt, also
der ersten fünf Bücher der Bibel. Die hier dar-
gestellte Rekonstruktion basiert denn auch in
wesentlichen Zügen auf dem von Erhard Blum
vorgelegten Modell zur Pentateuchentstehung.
Dieses rechnet mit zwei formativen Phasen, in
denen ältere, kleinräumigere Erzählungen, Er-
zählkränze und Gesetzestexte zu größeren Kom-
positionen zusammengestellt wurden.

Stand am Anfang eine Vita Mosis?


Am Anfang der literarischen Entwicklung stand
eine Erzählung, die bereits auf Mose fokussiert
war. Diese Erzählung berichtete von seiner wun-
dersamen Rettung als Kind, seiner Auseinan-
dersetzung mit dem Pharao, von den Plagen in
Ägypten und der Rettung Israels am Schilfmeer.
Sie ist noch innerhalb von Ex 1–2; 5; 7–11 und
13–14 zu greifen, wenn auch häufig nicht mehr
im Wortlaut zu rekonstruieren. Mit dem Durch-
zug Israels durch das Schilfmeer (Ex 13–14)
kommt unbestreitbar ein dramatischer Bogen
zum Abschluss, der mit dem Grundkonflikt zwi-
schen Israel und Ägypten in Ex 1 anhebt und
auch schon durch Moses wundersame Rettung
Deportation unter Assurbanipal. Die assyrische Bedrohung
© DeAgostini/Leemage

aus dem Wasser vorgezeichnet ist.


wird zum Motor, eine Lebensgeschichte des Mose aufzuschreiben. Lag hier der Abschluss der älteren Erzählung
Detail eines Bas-Reliefs im Palast von Ninive, das einen Feldzug oder reichte sie weiter? Mancherlei Indizien
König Assurbanipals darstellt, um 654 vC. Louvre, Paris. sprechen für Letzteres: Mit der Einführung der
Wolkensäule in Ex 13 steht bereits die Wüstenzeit

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welt und umwelt der bibel 2/2019
„Wenn dich morgen dein Kind fragt …“

nach dem Meerwunder vor Augen. Die Gewicht sich viel stärker auf die Ereignis- 32–34). Der Bundesschluss begründet
Zeichnung des jungen ungestümen Mose se am Sinai – oder wie er in dieser Tra- eine Beziehung zwischen JHWH und
in Ex 2,11-14 lässt schon erwarten, dass ditionslinie heißt: Horeb – verlagert. Der dem Volk Israel (Ex 19,3-6), welche ge-
er als reiferer Mose wichtige Funktionen Erzählbogen ruht nun ganz deutlich auf radezu ideale Züge trägt: Alle Israeliten
übernehmen wird („Aufseher“, „Rich- den Eckdaten der Biografie Moses und stehen Gott so nah wie Priester, die Äl-
ter“) – später, in der Wüste und am Sinai. reicht von seiner Geburt (Ex 1–2) bis zu testen dürfen ihn sogar sehen (Ex 24,10).
Hos 12 schließlich (s. o.) kennt Mose be- seinem Tod (Dtn 34). Die Autoren dieses Doch darauf folgt der totale Absturz, die
reits als Herausführer aus Ägypten und größeren Werks haben bei der Berufung Anfertigung und Anbetung des Golde-
als „Propheten“ – also im Exodus und am des Mose (Ex 3) das Wort ergriffen, wo sie nen Kalbs (Ex 32). Psychologisch oder
Sinai? War der Erzählbogen dieser alten Mose am Horeb mit Gott im Dornbusch auch erzähllogisch ist diese Abfolge
Erzählung weiter gespannt, dann wäre reden lassen und Mose den göttlichen kaum nachvollziehbar. Doch darum
angesichts der prominenten Einführung Auftrag erhält, die Israeliten in die Frei- geht es hier auch nicht, sondern um die
des geretteten Kindes Mose in Ex 2 viel- heit zu führen. Kernstücke ihres Beitrags Extreme der Gottesbeziehung und letzt-
leicht an eine Mosebiografie zu denken, sind jedoch die Darstellung des Bundes- lich um die bange Frage, ob JHWHs Bun-
an eine Vita Mosis – von seiner Geburt bis schlusses am Gottesberg in Ex 19-24 und destreue weiterhin trägt, selbst wenn Is-
zu seinem Tod. die Geschichte vom Goldenen Kalb in Ex rael sie gebrochen hat. In der Erzählung
Für die Frage nach ihrer Entstehungs- 32–34. Vor allem aber verbinden sie die (Ex 33–34) ringt Mose als Fürbitter in im-
zeit liefert gerade die so offensichtlich le- mer wieder neuen Anläufen mit JHWH
gendarische Geburtsgeschichte des Mose darum, dass die Geschichte Israels mit
in Ex 2,1-10 einen wichtigen Hinweis. Sie Diese Erzählung berichtete seinem Gott nicht zu Ende geht.
steckt voller Anspielungen auf eine ande- Die historische Erfahrung, die sich
re, im Alten Orient deutlich bekanntere von Moses wundersamer hier spiegelt, ist das Exil, die theologi-
Geburtsgeschichte: die Sargon-Legende. Rettung als Kind, von den sche Erkenntnis, die sich Bahn bricht,
Diese handelt von Sargon I. von Akkad jene, dass Israel selbst diesen Abbruch
(3. Jahrtausend vC) und erzählt, dass die- Plagen und von der verschuldet hat. Aber wie steht JHWH
ser, nachdem ihn seine Mutter in einem Rettung am Schilfmeer zu seinem Bund? Die Antwort, die die-
Schilfkästlein ausgesetzt hatte, vom Was- se von deuteronomistischer Theologie
serschöpfer Aqqi gerettet und zur Garten- angeleitete Neufassung der Exodus­
arbeit herangezogen wurde. Als Gärtner Mose-Vita mit dem späteren Deuterono- erzählung gibt, ist, dass JHWH Israel die
erwarb Sargon sich die Liebe der Göttin mium, welches nunmehr zum Schluss- Treue hält und einen Neuanfang mög-
Ischtar, die ihn schließlich zum König pfeiler wird und auch theologisch die lich macht.
machte. Die Legende erlebte in neuassy- Leitlinien der Komposition vorgibt, des-
rischer Zeit eine breite Popularität, denn wegen wird sie auch als deuteronomis-
Sargon II. (721–705 vC) ließ sie erzählen, tisch bezeichnet. Der Exodus als Kultgründung
um seine eigene Herrschaft zu legitimie- Inhaltlich erfährt die gesamte Exodus- Einen letzten entscheidenden Schritt
ren. Das ausgehende 8. Jh. und vor allem Thematik dabei eine Verschiebung ins in der Literargeschichte der Exodus­
das 7. Jh. vC sind zugleich die Periode der Grundsätzliche, ins Paradigmatische. erzählung markiert ihre Einbindung in
assyrischen Oberherrschaft über Israel Das zeigt sich schon bei Mose. Gleich eine noch umfassende Komposition,
und Juda und damit eine Zeit, in der assy- bei seiner Beauftragung in Ex 3 wird er die abgesehen von wenigen kleineren
rische kulturelle Einflüsse deutlich spür- zum exemplarischen Propheten. Das Be- Ergänzungen schon dem späteren ka-
bar werden. Die Sargonlegende zu adap- glaubigungszeichen seiner Berufung ist nonischen Pentateuch bzw. der Tora
tieren und auf Mose anzuwenden – das hier, dass er und die Israeliten nach dem entspricht. Der Erzählbogen beginnt
fügt sich gut in dieses Bild. Das Exodus- Auszug aus Ägypten an den Gottesberg nun mit der Schöpfung. Vor die Exodus­
geschehen als einen Herrschaftswechsel kommen und dort opfern werden (Ex erzählung tritt noch die Erzeltern­
vom (assyrischen) Großkönig zur Gottes- 3,12). Den wahren Propheten erkennt geschichte, die die Jakob-/Israel-Familie
herrschaft zu verstehen, so, wie es spä- man daran, dass eintrifft, was er ankün- am Ende nach Ägypten führt, da sie, wie
ter auch in Dtn 6 geschieht, gewinnt im digt – also immer erst im Nachhinein. es die Josefsgeschichte berichtet, nur in
Lichte dieser Zusammenhänge eine ganz Das ist das Kriterium wahrer Prophetie Ägypten und nur dank des Aufstiegs Jo-
besondere Dynamik. in Dtn 18,18 und ebenso die Logik, nach sefs zum Verwalter des Pharao die lange
der Moses Zeichen, das Opfern am Sinai, Hungersnot überleben konnten.
funktioniert. Nach Dtn 18,17 ist schließ- Hier waren priesterliche Autoren am
Der Exodus als Grundmuster der lich jeder spätere (wahre) Prophet ein Werk, die ihre theologischen Schwer-
Gottesbeziehung Prophet wie Mose. punkte vor allem durch den Einbau um-
Die ältere Vita Mosis bildete wenige Ge- Zum Paradigma wird die Erzählung fangreicher Bestimmungen setzten, die
nerationen später den Grundstock für erst recht in ihrer Darstellung der Ge- den größten Teil der Bücher Levitikus
ein größeres literarisches Werk, dessen schehnisse am Gottesberg (Ex 19–24 und und Numeri ausmachen. Sie haben aber

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„Wenn dich morgen dein kind fragt …“

auch in der Erzählung selbst ihre Spuren hinter- Tempel „gründen“. Hier liegt für diese priester-
lassen und u. a. die ältere Zahl von 7 Plagen auf lichen Tradenten denn auch das tiefere Ziel des
10 erweitert oder ihre Version des Rettungswun- Exodus, er ermöglicht die Einwohnung Gottes
ders am Schilfmeer in die alte Erzählung einge- in seinem Heiligtum: „Ich werde in der Mitte der
tragen (so u. a. das Bild, dass das Wasser nicht Israeliten wohnen und ihnen Gott sein. Sie sollen
zurückweicht, sondern „wie zwei Wände“ steht). erkennen, dass ich der Herr, ihr Gott bin, der sie
Ihre eigenen erzählerischen Motive zielen häufig aus Ägypten herausgeführt hat, um in ihrer Mitte
darauf ab, kultisches Leben und kultische Insti- zu wohnen, ich, der Herr, ihr Gott“ (Ex 29,45f).

Vergegenwärtigung –
Die Literargeschichte der Exodus- Der Sinn der Exodus-Geschichte
erzählung ist also eine Geschichte Die Literargeschichte der Exoduserzählung ist
des Immer-Wieder-Neu-Erzählens also eine Geschichte des Immer-Wieder-Erzäh-
lens und des Immer-Wieder-Neu-Erzählens.
Ältere Motive, grundsätzliche Muster und theo-
logische Erkenntnisse werden dabei bewahrt,
tutionen des späteren Israel aus der Exoduszeit stellenweise neu gewichtet und im Nacherzäh-
herzuleiten: Sie lassen Israel über die Gabe des len fruchtbar gemacht für die Bewältigung an-
Manna den Sabbat entdecken (Ex 16) und Mose derer, zuvor unbekannter Krisenerfahrungen.
bis ins kleinste Detail den Bau der Stiftshütte, ihre Insofern beginnt bereits innerhalb der bibli-
Ausstattung und ihren Ritus regeln (Ex 25-31 und schen Entwicklung des Exodus-Stoffes ein Pro-
35-40) und so schon in der Wüste den Jerusalemer zess, der auch seine spätere Wirkungsgeschich-
te prägt.
Dass die Exoduserzählung eine derartig brei-
te Rezeptionsgeschichte anstoßen konnte, liegt
sicher an ihrer grandiosen Motivik (die Wasser-
wände des Schilfmeers, die Verwandlung des
Nilwassers in Blut, das Manna in der Wüste und
vieles andere mehr), vor allem aber an ihrem
prägenden Grundgedanken: dem Vertrauen auf
Gottes bleibende Treue zu seinem Volk Israel,
der gegen die Unterdrücker Partei für es ergreift
und selbst dort, wo es ihn verlässt, weiter an
ihm festhält. W

Lesetipp
• Kristin Weingart, Stämmevolk – Staatsvolk – Gottes-
volk? Studien zur Verwendung des Israel-Namens im
Alten Testament, Mohr Siebeck 2014.

PD Dr. Kristin Weingart leitet


derzeit das DFG-Forschungspro-
jekt „Gezählte Geschichte.
Die chronologischen Angaben in
Josef deutet die Träume des Pharaos – aber was hat Josef den Königebüchern in literarge-
mit dem Exodus zu tun? In der letzten Bearbeitungsphase der schichtlicher und historischer
Erzählung sehr viel. Nun entsteht ein großer Erzählbogen, der Erz- Perspektive“ an der Evangelisch-
eltern- und Exodusgeschichte verbindet und erklärt, warum die Hebräer Theologischen Fakultät der Uni-
© DeAgostini/Leemage

überhaupt in Ägypten waren: Josef hatte seine Brüder mit ihren Familien versität Tübingen. Sie hat in den
letzten Jahren intensiv zur Literaturgeschichte des Alten
und den Vater Jakob hergeholt – 430 Jahre vor dem Exodus (Ex 12,40).
Testaments und zum Namen „Israel“ bzw. den Grund-
Jean-Adrien Suignet (1816–1854), Musée des Beaux-Arts, Rouen.
zügen kollektiver Identität im alten Israel gearbeitet (s.
Lesetipp oben).

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Die Wachstumsringe der Exoduserzählung

Priesterschriftliche Komposition,
persische Zeit, Ende des 6. Jh. vC

Bald darauf schon wird die Exoduserzählung mit der Urgeschichte


und den Erzelternerzählungen verbunden – es entsteht ein großer Erzählbogen
von der Schöpfung bis an die Schwelle des Einzugs ins Gelobte Land. Abraham kommt
nach Kanaan, sein Urenkel Josef wird in Ägypten hoher Beamter, die Sippe um Jakob mit
Josefs Brüdern geht nach Ägypten, sie wächst dort zu einem großen Volk,
das nach 430 Jahren mit JHWH in die Freiheit zieht.
Hier waren priesterliche Tradenten am Werk: Sie bauen in die ältere Erzählung gesetzliche und
kultische Bestimmungen ein, machen aus 7 Plagen 10, erzählen von der Stiftshütte und vom Sabbat;
JHWH bläst das Meer nicht mehr durch einen Sturm fort, sondern Mose teilt es so, dass das Wasser
wie zwei Wände steht – dramatisch! Nun liest sich die Erzählung so: Der ganze Exodus hatte den Sinn,
dass Gott in sein Heiligtum kommen konnte – und das wurde gerade in Jerusalem neu erbaut.

Deuteronomistische
Neuerzählung des Exodus,
kurz nach dem Babylonischen Exil, 6. Jh. vC

Nun entsteht ein größeres Werk, das die Ereignisse am Sinai – der
Berg heißt jetzt Horeb – ausführlich hinzuerzählt: das Gespräch zwischen
Mose und Gott am Dornbusch, den Bundesschluss am Gottesberg, die Ereignisse rund um
das Goldene Kalb. Der Tempel ist 587 vC zerstört worden, das Werk spricht also jetzt in eine trost-
lose Zeit hinein, die besonderen Trost braucht – gegen die Resignation!
Die neue Fassung erzählt von den Extremen in der Gottesbeziehung und beantwortet die Frage:
Bleibt Gott treu, auch wenn Israel ihm nicht treu war? Ja, er bleibt treu. Die Bundesbeziehung trägt – und die
Rückkehr aus Babylon wird ein neuer Exodus, wie Deuterojesaja es formuliert.

Assyrische Zeit, 8./7.Jh. vC

Eine Erzählung über das Leben des Mose wird


gestaltet – sie beginnt mit einer Kindheitslegende, die die
Geburtslegende des assyrischen Großkönigs Sargon auf Mose überträgt.
Die Erzählungen über die ägyptischen Plagen und die Rettung am Schilfmeer
werden angeschlossen (vermutlich auch schon eine Erzählung über die Wüsten-
wanderung und den Sinai). Die Exoduserzählung erscheint als eine Geschichte
der Befreiung und eines Herrschaftswechsels – auch eine Spitze gegen die
assyrische Oberherrschaft?

Zweite Hälfte des 8. Jh. vC

Im 8. Jh. vC spielt der Prophet Hosea auf den


Exodus an. Was er erwähnt, muss bereits gemeinsamer Erzähl-
stoff gewesen sein: Das Volk muss „nach Ägypten zurückkehren“
(8,13), weil es für Baal geopfert hat. „Aber ich, der HERR, bin dein Gott
vom Land Ägypten her, ich lasse dich wieder in Zelten wohnen wie in den
Tagen der ersten Begegnung ... durch einen Propheten führte der HERR Israel aus
Ägypten heraus und durch einen Propheten wurde es behütet“ (Hos 12,10.14).
Hosea steht die Bedrohung Nord-Israels durch die Assyrer vor Augen – er warnt vor
Selbstüberschätzung und ruft Israel zur Umkehr.
© Grafik: Welt und Umwelt der Bibel

Ein möglicher
historischer Kern und
die Anfänge der mündlichen
Überlieferung liegen im Dunkel
der Geschichte.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 35
Religionsgeschichte: JHWH und der Exodus

Wo und wann lernt Israel


seinen Gott kennen?
Mose lernt JHWH im Dornbusch kennen und JHWH führt sein Volk Israel aus Ägypten hinaus.
So erzählt es die Bibel. Außerbiblisch und historisch lässt sich aber nicht belegen, dass Israel
und JHWH sich schon im 2. Jahrtausend vC „begegnet“ sind. Doch es gibt eine Reihe von
Mosaiksteinen, die zu einer Hypothese führen, wie JHWH und der Exodus der Israeliten
zueinander gekommen sein könnten. Von Christian Frevel

J
HWH und der Exodus gehören bib­ ge vor dem Exodus war JHWH mit dem Gründungsmythos für das Volk Israel
lisch eng zusammen, man kann Land verbunden. eine Rolle? Auf der Suche nach einem
weder JHWH ohne den Exodus noch Zeitpunkt dafür landet man, wenn man
den Exodus ohne JHWH erklären. Zu­ die neueren Diskussionen der Exegese
erst fällt aber auf, dass der Name Isra- In der Frühzeit ist JHWH in mitverfolgt, mit den Exodustexten eben
el auf den kanaanäischen Gott El weist Mittelpalästina nicht belegbar nicht in einer Frühzeit im 12. oder 11. Jh.
und nicht auf den Gott JHWH. Wie also Außerbiblische Belege dafür fehlen al­ vC, sondern einige Jahrhunderte später
entsteht die Beziehung zwischen dem lerdings: So sind z. B. all die Orts- und (vgl. den Beitrag von Kristin Weingart).
Volk Israel und dem Gott JHWH? Ge­ Personennamen, die die Bibel für die Damit ergibt sich eine Spannungslage,
nau das erklärt die Exoduserzählung: Frühzeit belegt, keine jahwistischen denn durch die Analyse der literari­
ein großartiger Ursprungsmythos, der Namen, also Namen, die auf JHWH ver­ schen Überlieferung und die religions­
JHWH und Israel zusammenbringt und weisen – etwa „JHWH hat gerettet“ oder geschichtliche Rückfrage kommt man
unlösbar aneinander bindet. In der Ex­ „JWHW ist der Gott des N.N.“. Es gelingt nicht zu einem übereinstimmenden
oduserzählung muss Mose dem Volk nicht, die Gottheit JHWH aus Mittel­ Ergebnis: Die drei Größen JHWH, Isra­
diesen Gott erst einmal vorstellen, denn palästina abzuleiten, denn dort gibt es el und Exodus sind erst recht spät, im
es scheint den „Gott der Väter“ (Ex 3,13) selbst im frühen 1. Jahrtausend vC keine 8. Jh. vC, nachweisbar literarisch mitei­
nicht mit Namen zu kennen. gesicherten Hinweise auf diesen Gott. nander verknüpft worden.
Die Bibel erzählt von verschiedenen Alle Versuche, Brücken von Syrien, Me­
Anfängen der JHWH-Verehrung: In der sopotamien, Ägypten oder Nordarabien
Paradieserzählung lernen die ersten zu schlagen, sind bisher fehlgeschla­
Menschen (diesen) Gott in Gen 2,16-18 gen. Nur der biblische Exodusmythos
Ab wann spielte der
kennen („Dann gebot Gott, der HERR, schließt die Lücke. Exodus als Gründungs-
dem Menschen ...“), Eva preist ihn in Als Gründungsmythos erzählt er eine
Gen 4,1 aufgrund der Geburt ihres Soh­ Ursprungsgeschichte, die – neben gro­
mythos eine Rolle?
nes und Gen 4,26 transportiert die Vor­ ßen fiktiven Teilen – auch zum Teil auf
stellung, dass JHWH schon von den historischen Sachverhalten beruht oder
frühesten Menschen auf der Welt, den zumindest in der Geschichte Anhalts­ Wie weit und wohin kann man die
Kainiten, verehrt worden ist („Damals punkte hat. Ganz und völlig frei erfun­ JHWH-Verehrung zurückverfolgen?
begann man den Namen JHWHs anzu- den wird er niemanden überzeugen Für diese Frage trennen wir die außer-
rufen“). Später gibt er sich Abram zu er­ und schon gar nicht zu der Erzählung biblischen von den biblischen Quellen.
kennen und führt ihn aus seiner Heimat werden, die das eigene Selbstverständ­ Der früheste außerbiblische Beleg des
in Mesopotamien in das Land Kanaan nis zum Ausdruck bringt. Der Mythos JHWH-Namens stammt aus Listen aus
(Gen 12,1-3). Dort wird JHWH der Gott erklärt etwas, das für die kollektive den ägyptischen Tempeln in Amara-
der Väter – er wurde also schon von den Identität eine besondere Bedeutung West und Soleb (heutiger Sudan), wo
Erzeltern in Kanaan verehrt. Schon lan­ hat. Aber ab wann spielte der Exodus als Amenophis III. (1388–1351/50 vC) eine

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welt und umwelt der bibel 2/2019
u s
Menschengruppe von „Schasu-Jahu“ als Unru­
u rdern des Kulturlandes, überfallen die eine oder Tigre
hestifter erwähnt. Nun ist das jhw (=Jahu) dort
zuallererst ein Toponym, das eine Gegend –
T a andere Karawane, verdingen sich aber, wenn es
sein muss, auch u. a. als Arbeiter im Türkis- und

s
wahrscheinlich östlich des Araba-Grabens oder
t
Kupferbergbau, als Soldaten oder in ägyptischen
JHWH

M o n Tarse
in Nordarabien – bezeichnet. Dass aber der Bauprojekten. Nach Ägypten gelangen sie vor al­
So heißt der Gott Israels.
Name der Gottheit JHWH etwas mit der Land­ lem in Notzeiten als Wirtschaftsflüchtlinge oder
Die vier Konsonanten,
schaft und damit wohl auch die Schasu etwas Wanderarbeiter. Von den Ägyptern werden sie, auch Tetragramm genannt,
mit dem Gott zu tun haben, ist zwar Spekula­ was zahlreiche ägyptische Texte des 13.–11. Jh.
tion, aber doch eine in der alttestamentlichen Antioche
vC belegen, als Störenfriede und Bedrohung des
sind in der Bibel und
außerbiblisch belegt. Im AS
Wissenschaft nach wie vor sehr breit akzeptierte. Landes und der Ordnung wahrgenommen. Judentum wird der Name S
Die Schasu (das Wort šꜢśw ist ägyptisch und
bedeutet „durchwandern, durchschreiten“) sind
Welche Rolle dabei ihre Religion spielte, lässt
sich den Quellen nicht mehr entnehmen. Eine M
nicht ausgesprochen, son-
dern beim Vorlesen und
Eu
É
kein Stamm oder Volk, sondern der ägyptische Verbindung der Schasu-Jahu mit den Hebräern im Gebet etwa mit Adonai,
Blick auf ein nichtägyptisches „Bevölkerungs­ Ougarit
in Ägypten bzw. einer „Exodusgruppe“ lässt sich phr
„Herr“ ersetzt.
Nicosie ate
element“, das über seine Lebensform definiert
wird und von den Ägyptern wenig angesehen
zwar nicht belastbar aufzeigen, aber auch nicht
ausschließen.
SYRIE S
ist. Die Schasu organisieren sich halbnoma­
CHYPRE
disch im Großraum der Levante, vor allem aber
in den Gebieten östlich und südlich des Toten Wohin weist der Name JHWH? Mari
O
Meeres und des Araba-Grabens. Sie leben von Palmyre
Oftmals kann man auch über den Namen ei­
der Kleinviehzucht in den nahezu ariden Rän­ ner Gottheit etwas über Identität, Herkunft

Samaria
NORDSTAAT UND
SÜDSTAAT
NORDSTAAT ISRAEL Beide Kleinkönigtümer
(Königtum von Samaria) Ephraimitisches entstehen im 10. Jh. vC
Bergland
im Gebiet Kanaans. Der
Nordstaat bezeichnet sich
Jerusalem als „Israel“ und ist bis 722
SÜDSTAAT JUDA vC dominant, größer und
Gaza handlungsstärker als der
(Königtum von Jerusalem)
Südstaat. Im 9. Jh. vC, mit der
Darb el-G

Dynastie der Omriden, kommt


er zur ersten Blüte. Der Gott
Kadesch-Barnea JHWH ist als Dynastiegott
hazze

S e ï r
en

belegt, die Exoduserzählung


Paran
agrab

ist die Gründungslegende des


Nordstaats. 722 vC bringen
Kuntillet-Adschrud E d o m die Assyrer den frühen Staat
Arab

Israel zum Untergang.


In den Südstaat gelangt die
Exoduserzählung wie die
Ezion-Geber Tem a n?
Sinai JHWH-Verehrung durch den
Einfluss der Omriden und der
nachfolgenden Nimschiden
M i d i a n aus dem Norden. JHWH wird
auch dort zum Dynastiegott,
Nationalgott und Landesgott,
heutiger ein Prozess, der vermutlich
Moseberg erst um 700 vC abgeschlos-

Golf
N sen ist.
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© WUB

von Aqaba r d
na a r
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n
N
JHWH und der exodus

und Alter erfahren. Gott stellt in der Kann man in der Bibel sich aber erstaunlich einig, dass JHWH
Bibel, in Ex 3,14, seinen Namen JHWH Informationen finden? in seinen Theophanien aus dem Süden
selbst vor. Je nach Übersetzung wird Nun hat man lange Zeit Spuren der re­ kommen soll – verbunden mit geografi­
das wiedergegeben als „ich bin, der ligionsgeschichtlichen Herkunft JHWHs schen Bezeichnungen, wie „Seïr“, „Pa­
ich bin“, „ich werde sein, der ich sein aus Nordarabien auch in Theophanie­ ran“, „Sinai“ und „Teman“. Die Namen
werde“ oder „ich werde sein, der ich texten der Bibel sehen wollen, die JHWH sind zwar keinen eindeutigen Regionen
war“ – jedenfalls als eine Variation aus dem Süden kommen lassen. So zum zuzuordnen, weisen aber auf jeden Fall
des Verbums hajah, „sein“. Der Name Beispiel die Einleitung des Mose-Segens Richtung Süden (s. Karte). Teman be­
würde dann „der Seiende“, „der Da- in Dtn 33,2: „Der Herr kam hervor aus deutet hingegen einfach „Süden“, denn
Seiende“, der „ins Dasein Bringende“ dem Sinai, er leuchtete vor ihnen auf aus die hebräischen Worte teman und negev
oder Ähnliches bedeuten. Doch ist diese Seïr, er strahlte aus dem Gebirge Paran, werden biblisch einfach zur Angabe
Etymologie eine literarisch volkstümli­ er trat heraus aus Tausenden von Heili- der Himmelsrichtung verwendet. Dann
che, die für die Ableitung des Namens gen.“ wäre die biblische Angabe ein State­
JHWH nicht weiterhilft. Denn sprachge­ Damit ging die Vermutung einher, ment über die Zugehörigkeit dieses Got­
schichtlich ist es eher unwahrscheinlich, dass diese Texte zum Urgestein der bibli­ tes zum Süden: JHWH ist mit dem tiefen
dass JHWH mit hajah zusammenhängt. schen Überlieferung gehören. Bis in die Süden verbunden, ja, er ‚kommt‘ sogar
Schon der Orientalist und Bibelwissen­ revidierte Einheitsübersetzung 2016 hat von dort. Die Theophanietexte würden
schaftler Julius Wellhausen (1844–1918) sich die Anmerkung „Ein sehr alter […] dann nicht genau einen Herkunftsort
hat daher vorgeschlagen den JHWH- Text“ gehalten. Allerdings sind inzwi­ benennen, sondern eher die Richtung,
Namen vom Altnordarabischen abzulei­ schen in der Exegese große Zweifel laut aus der JHWH sich auf das Kulturland
ten und darin das Zeugnis eines antiken geworden, dass es sich bei dieser und von Süden her zubewegt.
Wettergottes des Baal-Hadad-Typus zu den ähnlichen Theophanien in Haba­ Warum legt die Bibel so großen Wert
sehen. „Der Name Jahve scheint zu be­ kuk 3,3 und Psalm 68,9 um sehr alte Tex­ darauf, dass JHWH nicht aus dem Land
deuten: er fährt durch die Lüfte, er weht“ te handelt. Der älteste ist noch das De­ selbst stammt und nicht aus dem Nor­
(J. Wellhausen, Israelitische und Jüdische boralied, in dem JHWH in Ri 5,5 als der den kommt? Vielleicht, weil es doch so
Geschichte, 10. Auflage, Berlin 2004, 23). „vom Sinai“ betitelt wird. Die Texte sind war? Die Texte könnten das Bemühen

© www.BibleLandPictures.com / Alamy Stock Foto

Eine sehr wichtige Inschrift für die Erforschung der


Verehrung des Gottes JHWH aus dem 8. Jh. vC: Gefunden
wurde die Inschrift, die jhwh nennt, auf dem einstigen
Wandverputz eines Raumes bei Ausgrabungen in Kuntillet
Adschrud 1975/76 im südlichen Negev (s. Karte S. 37).
In einem Fragment des Verputzes ist vielleicht tmn zu
lesen, was JHWH mit dem Süden verbindet.

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welt und umwelt der bibel 2/2019
jhwh und der exodus

spiegeln, in Juda die Herkunft JHWHs aus dem Als Fazit der religionsgeschichtlichen Überle­
Nordstaat Israel zu überdecken. Dass sie gerade gungen zur Frühgeschichte JHWHs bleibt: Ein
dabei etwas Richtiges treffen, nämlich dass der Ursprung im Süden, insbesondere dem Gebiet
Ursprung des Gottes tatsächlich in den Wüs­ beiderseits der Araba-Senke und dem Norden
tengebieten im Süden liegt, wäre dann eher ein der Arabischen Halbinsel, bleibt eine religions­
Glücksfall als eine historisch greifbare Verbin­ geschichtlich plausible Hypothese. Dass JHWH
dung.

Mose begegnet in der Exoduserzählung diesem


Die Midianiterhypothese: ein Mosaikstein
Denn nimmt man alle verfügbaren Informationen
Gott am Gottesberg bei den Midianitern
und Spekulationen zusammen, dann liegt das
Ursprungsgebiet des Gottes JHWH „im Süden“, damit von Beginn an im Südstaat Juda verehrt
grob gesprochen in einem Umkreis von unge­ wurde, ist damit jedoch noch nicht gesichert.
fähr 100 km um Elat/Aqaba. Das hatte schon die Denn es gibt weiter ein großes Problem, und das
bereits Ende des 19. Jh. begründete sogenannte ist die Kontinuität: Denn zwischen den spätbron­
„Midianiterhypothese“ ausgesagt, die selbst wie­ zezeitlichen Spuren und den frühesten belastba­
derum biblisch begründet ist. Sie besagt, dass es ren inschriftlichen Belegen für JHWH klafft eine
eine ursprüngliche Verbindung des Gottes JHWH jahrhundertelange Lücke.
mit den Midianitern gab. Der biblischen Vorstel­
lung nach begegnet Mose in der Exoduserzählung
diesem Gott ja auch am Gottesberg bei den Midi­ Die ersten Erwähnungen in Inschriften
anitern, als er die Schafe seines Schwiegervaters Nach der Schasu-Jahu-Inschrift aus dem 14. Jh. vC
Jitro, des Priesters von Midian, hinter die Wüste taucht der Name JHWH erst im 9. Jh. vC wieder
treibt (Ex 3,1). Gottesberg und Dornbusch werden auf, auf der Stele des Königs Mescha im Ostjor­
in Midian lokalisiert. Dieses positive Bild, das danland (s. Abb. S. 41). Mescha, der König Moabs,
Midian eng mit der Heimat der Verehrung des nennt den König Israels und die „Altäre JHWHs“.
Gottes JHWH verbindet, wird in den allermeis­ In der Inschrift ist JHWH also mit dem Nordstaat
ten biblischen Texten zu Midian überdeckt. Denn Israel verbunden.
dort ist Midian ein Erzfeind Israels. Die Verwandt­ Auch der zweite wichtige inschriftliche Beleg
schaft aber, also Moses Familie und deren Verbin­ für JHWH stammt nicht aus dem Kernland Juda
dung mit dem Gottesberg, ist trotzdem stehen oder der Stadt Jerusalem, wo nach biblischer
geblieben. Das verlangt angesichts der bitteren Darstellung JHWH schon seit Salomo im Tem­
Feindschaft zu Midian nach einer Erklärung. pel gewohnt haben soll, sondern aus Kuntillet
Lässt man sich aber einmal auf die Informati­ Adschrud, einer Karawanserei auf dem Handels­
onen der Ursprungserzählung vom Sinai ein und weg zwischen Elat und Gaza durch den Sinai,
fragt historisch nach den Midianitern, gerät man dem Darb el-Ghazze. 14C-Datierungen und das
in denselben Dunstkreis wie mit den oben ge­ Alter der Schrift weisen auf eine Datierung um
nannten Theophanietexten oder den in Ägypten 760 vC. Der Befund ist deshalb so reizvoll, weil
bezeugten Schasu-Jahu. Die Midianiter sind eine er zwar tief im Süden liegt, doch auf den Nord­
nicht leicht zu fassende, tribal organisierte sozi­ staat Israel hinweist: in der Schreibweise des
ale Größe, deren Heimat im Kern auf den Norden Namens JHWH (-jw, in Juda schrieb man -jh) und
der Arabischen Halbinsel weist, in den Randge­ durch die Motive auf Krügen und Wänden. Es ist
bieten aber auch auf die Sinaihalbinsel und das daher wahrscheinlich, dass die Karawanserei von HINWEIS
oben als Sinai, Paran, Seïr und Teman benannte Jerobeam II. (787–747 vC) von Samaria aus (Nord­ Eine ausführlichere
Gebiet ausstrahlt. Die Midianiter sind jedenfalls staat), vielleicht in einem joint venture mit dem Version dieses Beitrags
kein Volk mit einem Staat, sondern eher ver­ Königreich Juda (Südstaat), betrieben wurde. Je­ (etwa mit Erläuterungen
wandtschaftlich miteinander verbundene proto- denfalls taucht der JHWH-Name dort zur Frage, was man über
eine Ikonografie JHWHs
arabische Stämme. In der ägyptischen Wahrneh­ • in der Kurzform jhw auf dem Rand einer mehr
sagen kann) können Sie
mung gehörten die Midianiter im 2. Jahrtausend als 200 kg schweren Steinschale auf,
lesen unter:
vC vielleicht auch zu den Schasu. Die Annahmen • als Tetragramm jhwh in einer Inschrift auf weltundumweltderbibel.de
der Midianiterhypothese sind so attraktiv, weil Wandverputz, > Downloads
sie die Bruchstücke der religionsgeschichtlichen, • als Endung -jw in verschiedenen Personenna­
historischen und biblischen Evidenz zum Ur­ men
sprung JHWHs so ungezwungen zusammenbrin­ • und als jhwh in Briefformularen auf Vorratskrü­
gen können. gen.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 39
JHWH und der exodus

Diese Formulare enthalten Segens- tümer in Samaria und Jerusalem mit Nordstaats 722 vC, wo die Exoduserzäh­
und Grußformeln, die nicht nur JHWH ein, die – folgt man den neuesten Er­ lung dann zu einer bedeutenden Erzäh­
zusammen mit seiner Gemahlin Aschera kenntnissen – so gar nicht mit der bi­ lung geworden ist. Mit den Omriden
nennen und beide für den Segen verant­ blischen Darstellung zusammengehen jedenfalls, so scheint es aufgrund der In­
wortlich machen, sondern auch lokale will. Es scheint nämlich so, dass es gar dizien nicht unwahrscheinlich, gelangte
Varianten JHWHs bezeugen: „JHWH kein vereintes Königtum oder „Groß­ JHWH nach Juda und in seine Haupt­
von Samaria“ und „JHWH von Teman“. reich“ Davids und Salomos im 10. Jh. vC stadt Jerusalem. Dort war er zunächst
Samaria könnte für die Stadt, aber auch gegeben hat, sondern dass sich zuerst nicht der Stadtgott und auch nicht der
die Region und den Nordstaat Israel ein stabiler Staat im Norden heraus­ höchste Gott. Diese Positionen hatten
stehen. Ähnlich offen ist Teman, doch bildete und dann erst – nach gewisser dem Namen Jerusalem zufolge Schalem,
„JHWH des Südens“ könnte eine ande­ Verzögerung – im Süden. Mehr noch
re Bezeichnung für den JHWH des Süd­ weisen derzeit viele Indizien darauf hin,
staates Juda sein. Eine Möglichkeit ist, dass das Königtum in Jerusalem im 9.
dass die lokalen nationalen Gottheiten und 8. Jh. vC zur Zeit der Omriden- und
So kann man die Her-
unterschieden wurden und sich Juda Nimschiden-Dynastien ein vom Norden kunft JHWHs und seinen
nicht mit dem JHWH aus dem nördli­ abhängiges Filialkönigtum gewesen ist.
chen Samaria vollständig identifizieren Fragt man nun, wie JHWH zum National-
Aufstieg als Nationalgott
konnte und wollte. und Dynastiegott im Norden und Süden zusammenzuführen
Denn erstaunlicherweise fehlen Bele­ geworden ist, dann fällt auf, dass Ahab,
ge für die JHWH-Verehrung im Südstaat der Sohn des Nordstaat-Dynastiegrün­
Juda und in Jerusalem vor dem 8. Jh. vC, ders Omri, allen seinen Kindern JHWH- der Gott des Abendsterns, der höchste
wenn man einmal von der Bibel absieht. Namen gibt: Atalja, Ahasja und Joram. Gott El-Eljon und – folgt man der Aus­
Weder auf Siegeln in Personennamen Auch Joschafat, der vielleicht von Omri richtung des Tempels – ein Sonnengott.
noch in Inschriften ist eine JHWH-Vereh­ für Jerusalem bestellte König, trägt ei­ Mit der Verbindung zum Königtum in Je­
rung in der Frühzeit des judäischen Staa­ nen JHWH-Namen. Das mag Mode sein, rusalem tritt JHWH auch in den Jerusa­
tes belegt. Natürlich kann man aus der doch könnte es auch ein Hinweis darauf lemer Tempel ein, der als Palastkapelle
fehlenden Evidenz nicht sicher auf das sein, dass JHWH erst unter den Omriden und als Heiligtum für den Schutzgott der
Fehlen der Verehrung schließen, aber die zum Nationalgott in Samaria erhoben Dynastie fungierte. JHWH war also nicht
eigenartige Beleglage gibt Anlass zu wei­ wurde und dann erst – horribile dictu – ursprünglich im Staat Juda beheimatet,
teren Spekulationen. Diese sollen in zwei in den Süden und nach Jerusalem kam. sondern ein Spätling, der sich seine
Überlegungen angedeutet werden: Vieles spricht für eine solche Entwick­ Position im Pantheon erst langsam er­
1. Mit dem 8. Jh. vC wachsen die lung, zumal klar zu sein scheint, dass arbeitete. Es hat bis in das 7. Jh. vC ge­
inschriftlichen Belege für JHWH im JHWH nicht der ursprüngliche Stadtgott dauert, dass der Gott von Jerusalem als
Süden geradezu explosionsartig an. von Jerusalem war und wohl auch der „Gott des ganzen Landes“ und als Gott
In einer Grabanlage in Khirbet el-Qom, Tempel nicht für JHWH, sondern für ei­ des südlichen Berglandes angesehen
in Verwaltungsnotizen der Festung in nen Sonnengott gebaut worden ist. worden ist. Das Bewusstsein von seiner
Arad, in Inschriften aus Lachisch und Damit scheinen wir weit im Feld der „eigentlichen“ Heimat im Norden spie­
in vielen Personennamen auf Siegeln Spekulation angekommen zu sein und gelt sich vielleicht auch noch in Kuntil­
finden sich jetzt Hinweise, dass JHWH haben uns auch vermeintlich von un­ let Adschrud in dem Segen eines „JHWH
mehr als nur eine lokale Größe ist: Er ist serem Thema Exodus entfernt. Wenn des Südens“, der dem „JHWH von Sama­
Anfang des 7. Jh. vC Nationalgott. Eine man sich aber einmal auf dieses Hypo­ ria“ gleichgestellt wird.
schwer zu lesende, in den Fels eingeritz­ thesengebäude einlässt, öffnet sich auf
te Inschrift aus Khirbet Bet Ley (wenige einmal ein Wolkenspalt, um den Bogen
Kilometer östlich von Lachisch) vom An­ zum Anfang zurückzuschlagen und die Ein Szenario
fang des 7. Jh. vC hat zwei Zeilen: „JHWH Überlegungen zum Exodus, zur Her­ Derzeit erscheint mir die Geschichte
<ist> der Gott des ganzen Landes, die kunft JHWHs und zu seinem Aufstieg als JHWHs folgendermaßen plausibel: Er
Berge Judas <gehören> dem Gott Jerusa- Nationalgott zusammenzuführen. ist ein lokaler, in Wüstengebieten ver­
lems.“ Das scheint nicht selbstverständ­ orteter Gott, der mit halbnomadischen
lich zu sein, weshalb man es in der In­ Gruppen im 2. Jahrtausend vC ver­
schrift hymnisch betont. Vielleicht kann Wie kommen JHWH, Israel und bunden ist – vielleicht auch mit einer
die Inschrift als Hinweis darauf gelesen der Exodus zusammen? Landschaft im südlichen Araba-Graben
werden, dass sich die JHWH-Religion In den Süden kam diese Gründungser­ oder in Nordarabien. Mit Wirtschafts­
erst langsam und von Jerusalem aus im zählung entweder schon mit den Omri­ flüchtlingen kommt er nach Ägypten.
Süden durchsetzen konnte. den und Nimschiden, die in Jerusalem Eine Menschengruppe, die sogenannte
2. Der zweite Hinweis bezieht die den Einfluss des Nordens etablierten, Exodusgruppe, erhebt ihn nach einer
komplizierte Geschichte der König- oder aber erst nach dem Untergang des Flucht­erfahrung zum Gott ihrer Befrei­

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JHWH und ISRAEL – und ihre Verbindung durch den EXODUS

1. JHWH: In einer 2. ISRAEL: 1208 vC


Namensliste wird eine lässt Pharao Merenptah
Menschengruppe der einmeißeln, dass er
„Schasu-Jahu“ genannt. eine offensichtlich
Amenophis III. hat sie kanaanäische Gruppe
im 14. Jh. vC in seinen namens Israel be-
Tempeln in Soleb und kämpft hat:
Amara-West (heute Su- „Askalon ist herbei-
dan) verewigen lassen. geführt,
➤ Für Palästina gibt es Geser ist gepackt,
im 2. Jahrtausend vC Jenoam ist zunichte
keine Belege für eine gemacht, Israel ist
JHWH-Verehrung. verwüstet; es hat kein
Saatgut.
Charu [= Syrien/Paläs-
tina?] ist zur Charet
[= Witwe] des gelieb-
ten Landes [= Ägypten]
geworden.“
Damit ist diese Erwähnung
© oben links: public domain, Karte WUB; oben rechts: Alyssa Bivins, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia; unten: Unknown - Mbzt 2012, CC BY 3.0, commons.wikimedia

auf der Merenptah-Stele die erste des Namens


„Israel“, wobei wir nicht genau wissen, wen oder was
der Name bezeichnet.
➤ Der Name Israel lässt sich im 2. Jahrtausend vC
nicht mit JHWH verbinden und JHWH nicht aus
einer Gruppe namens Israel herleiten.

Bis zum 9. Jh. vC keine Erwähnung der JHWH-Religion und Israels:


Diese Lücke füllt die Erzählung vom Exodus.

3. JHWH und ISRAEL: Auf dieser Stele den entstammen als Großfamilie genau jenem
des Königs Mescha von Moab werden erstmals Gebiet, aus dem sich zuvor in der neuen
um 860 vC beide Namen in einem außerbibli- Dorfkultur eine Größe „Israel“ von der
schen Dokument zusammen genannt: „Omri, Stadtkultur abzusetzen begann. Daraus
der König von Israel“ und einige Zeilen später lässt sich eine Spekulation begründen:
„die Altäre JHWHs“. Es hat eine kleinere „Exodusgruppe“ im
Wie hängen der Name „Israel“ von der ephraimitischen Bergland gegeben, die
Merenptah-Stele und der spätere Staats- sich als Zuwanderer mit der lokalen Be-
name „Israel“ zusammen? Ist vielleicht völkerung vermischte. Die Gruppe brach-
die Exodusgruppe das verbindende Glied? te die Geschichte von JHWH als dem
Hat die Bezeichnung „Israel“ in der Region Gott ihrer Befreiung aus Ägypten mit und
überdauert, aus der die Omriden stamm- tradierte sie wahrscheinlich mündlich.
ten? In der Exoduserzählung wird der Name Diese Tradition wurde von den Mitglie-
Israel jedenfalls unverbrüchlich mit JHWH dern der Omridenfamilie als Gründungs-
verknüpft. narrativ mit in die Phase der Staatsgrün-
Für Südpalästina fehlen dagegen bis zum dung gebracht. In den Südstaat kam
8. Jh. vC Belege für den JHWH-Glauben. diese Gründungserzählung entweder
Das legt nahe, dass die Exoduserzählung schon jetzt oder aber erst nach dem Un-
als Ursprungsmythos zuerst im Nordstaat tergang des Nordstaats Israel 722 vC,
formuliert und JHWH durch die Omriden wo sie dann zu einer bedeutenden
zum Nationalgott erhoben wurde. Die Omri- Erzählung wurde.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 41
JHWH und der exodus

Der Exodus in der


ung aus Ägypten und verehrt ihn als relativ spät wurde dieser schriftlich biblischen Darstellung
besonderen Schutzgott. Mit dieser formuliert. Im Südstaat Juda wurde
Gruppe gelangt er nach Mittelpaläs­ diese Gründungserzählung viel­
tina. Diese Menschen siedeln sich leicht erst nach dem Untergang des Die biblische Darstellung des Exodus
im Bergland an – vermutlich zuerst Nordstaates 722 vC bedeutsam. zieht sich über die Bücher Exodus,
im ephraimitischen Bergland. Hier Die verschlungenen Wege, de­ Numeri, Levitikus und Deuteronomium
wohnt auch die Familie der Omri­ nen hier für die Frühgeschichte des – sie alle spielen in der Wüste auf der
den, die mit dieser Exodusgruppe JHWH-Glaubens nachgegangen wur­ Wanderung zum Gelobten Land. Von
über Generationen hinweg verbun­ de, haben einen Ausgangspunkt nicht der Unterdrückung in Ägypten bis zum
den ist. Diese Familie übernimmt verlassen: Der Exodus und die Erzäh­ Ziel geschehen dramatische Ereignis-
JHWH als Schutzgott. Als die Omri­ lung davon sind unverzichtbar, wenn se und geheimnisvolle Zeichen. Israel
den die Regierung des Nordstaates es um eine Erklärung dafür geht, dass
lernt seinen Gott kennen und wird zu
Israel stellen, kommt JHWH in die JHWH der Gott Isra-els ist. W
seinem heiligen Bundesvolk.
Hauptstadt Samaria und wird zum
Dynastie- und Schutzgott der Stadt.
• Josef war von seinen Brüdern nach
Hier liegt der Anfang der JHWH-Ver­
Ägypten verkauft worden. In einer Hun-
ehrung und erst über die Omriden Lesetipps
gersnot kommen sie nach Ägypten.
gelangt JHWH nach Jerusalem und • Christian Frevel, Geschichte Israels,
nach Juda. 2. Aufl., Kohlhammer 2018
Nach der Versöhnung lässt sich die
Die Exoduserzählung erklärt und (s. Buchtipps S. 59). Familie im Land Goschen nieder. Josef,
begründet, wieso JHWH der Gott • Ders., Selbst Gott hat eine Geschichte. beim Pharao in hohem Ansehen, stirbt
dieses Volkes ist. Dieser Gründungs­ Vom Vergessen der Geschichte und der in Ägypten (Gen 50,22-26). Er wird aber
mythos wird im 8. Jh. vC erstmals Notwendigkeit einer geschichtlichen später im Land Kanaan begraben, was
schriftlich ausgestaltet, vielleicht Dimension in der Exegese – am Beispiel in Jos 24,32 erzählt wird – die Israeliten
unter Jerobeam II. (um 770/760 vC). der Frühgeschichte des Gottes Israels, hatten Josefs Gebeine auf ihren Exodus
Erst dann scheint die nur langsam in: Georg Essen/Christian Frevel (Hg.), mitgenommen.
wachsende Schriftkultur in Paläs­ Theologie der Geschichte – Geschichte • Die in Ägypten verbleibenden elf Söh-
tina so weit ausgebildet zu sein, der Theologie, Herder 2018, S. 10–39. ne Jakobs/Israels (Ruben, Simeon, Levi,
dass sie in der Lage scheint, so um­ • Thomas Römer, Die Erfindung Gottes: Juda, Issachar, Sebulon, Benjamin,
fassende Narrative zu formulieren Eine Reise zu den Quellen des Mono- Dan, Naftali, Gad und Ascher) sowie
und damit in schriftlicher Form die theismus, Wissenschaftliche Buchgesell- die Enkel Efraim und Manasse werden
eigene Tradition zu begründen. Auf schaft 2018. in Ägypten nach dem Tod Josefs ein
eine Entstehung der schriftlichen • Juan Manuel Tebes, The Southern großes Volk. Aus den zunächst 70 Per-
Exoduserzählung frühestens im Home of Yahweh and Pre-Priestly sonen (Ex 1,5) werden bis zum Auszug
8. Jh. weist mit breitem Konsens in Patriarchal/Exodus Traditions from 603.550 (Ex 38,26; Num 1,46; 2,32,
den letzten Jahren auch die Penta­ a Southern Perspective, Biblica 99/2
vgl. Ex 12,37 „Es waren an die 600.000
teuchforschung. So unverzichtbar (2018), 166–188.
Mann zu Fuß, nicht gerechnet die Kin-
der Exodusmythos als Gründungs­ • Jürgen van Oorschot/Markus Witte
der“; Num 11,21; 26,51).
narrativ für die Identität Israels und (Hg.), The Origins of Yahwism,
• Die Größe des Volkes macht dem am-
JHWHs als Gott dieser Größe ist, so De Gruyter 2017.
tierenden Pharao einige Generationen
nach Josef (Ex 12,40f: 430 Jahre) Angst
(Ex 1,8-10), sodass er die Israeliten
unterdrückt und bei der Errichtung der
Vorratsstädte Pitom und Ramses als
Bausklaven einsetzt.
• Der Knabe Mose wird geboren und im
Prof. Dr. Christian Frevel lehrt Altes Testa- Binsenkörbchen aus dem Nil gerettet.
ment an der Universität Bochum und ist gleich- Er erschlägt im Zorn einen Aufseher und
zeitig außerordentlicher Professor an der Uni- muss in die Wüste „Midian“ flüchten.
versität in Pretoria (Südafrika). Schwerpunkte
Dort heiratet er, verirrt sich eines Ta-
liegen u. a. auf der historischen Verankerung
biblischer Texte mit Blick auf Archäologie und ges (80-jährig) an den Gottesberg, wo
Religionsgeschichte Syriens und Palästinas ihm „der Engel des Herrn in einer Feu-
sowie auf der Auslegung des Buches Numeri erflamme mitten aus dem Dornbusch“
und der biblischen Klagelieder. erschien und wird berufen, das Volk in

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Auch wenn die Betonungshilfen und Vokalisierungen in der Rolle nicht vorhanden
sind (nur in Büchern), müssen alle, die die Tora vorlesen, sie genauestens kennen.

Israel in Ägypten, Edward Poynter,


die Freiheit zu führen (Ex 3,1–4,17). Zu- von einem starken Ostwind verdrängt
1867, Guidhall Art Gallery, London..
sammen mit seinem 83-jährigen Bruder wird und zugleich zu beiden Seiten wie
Aaron verhandelt er mit dem Pharao. Der eine Mauer steht (Ex 14,29). Die Ägypter wird die Exodusgeneration verurteilt, in
Pharao will das Volk aber nicht ziehen ziehen den Israeliten hinterher und wer- der Wüste zu sterben (Num 14,34).
lassen. Erst die 10. Plage – die Erschla- den von dem zurückströmenden Wasser • Darauf folgt der vierzigjährige Wüsten-
gung der Erstgeburt der Ägypter – führt erfasst, während die Israeliten trockenen aufenthalt, in dem Israel von einer zur
zur Entlassung des Volkes (Ex 12,29ff). In Fußes das Meer durchschreiten. anderen Wüstenstation zieht (Num 33
dieser Nacht sollen die Israeliten das Blut • Nach dieser wundersamen Rettung nennt 42 Orte). Aufgrund der Verwei-
eines Opferlammes an ihre Türen strei- zieht das Volk unter der Führung des gerung des Königs von Edom, die Isra-
chen, das gebratene Fleisch zusammen Mose Richtung verheißenes Land (Ex eliten durch sein Land ziehen zu lassen
mit ungesäuertem Brot und Bitterkräu- 15,22) und erreicht nach Manna- und (Num 20,14ff), müssen sie einen Umweg
tern „hastig essen“. Dieses Pessach sol- Wasserwunder „im dritten Monat“ den machen und kommen über die Wüste
len die Israeliten zukünftig als Gedenktag Gottesberg in der Wüste Sinai (Ex 16,1; nach Moab. Dort finden die ersten Aus-
begehen. 19,1). Hier folgen der Bundesschluss, die einandersetzungen mit der ansässigen
• Nachdem die Israeliten von Ramses Anweisungen zum Bau des Stiftszelts, Bevölkerung statt (Num 21,10-35). Das
nach Sukkot aufgebrochen sind (Ex Kultbestimmungen, die Gabe des Sab- Ostjordanland wird abgesehen von den
12,37f), zieht die Gruppe auf einem „Um- bats und zuletzt die Gabe der zwei Geset- Gebieten der Ammoniter und Moabiter
weg“ durch die Wüste zum Schilfmeer zestafeln. Nach den Ereignissen um das eingenommen und an die Rubeniter und
(Ex 13,17f), bis zum ersten Lager nach Goldene Kalb (Ex 32) versöhnt sich Gott Gaditer verteilt (Num 32).
Etam (Ex 13,20). Nach Ex 14,1 gebietet wieder mit seinem Volk, das nun mit ihm • Israel lagert in Schittim in der Ebene ge-
Gott den Israeliten, erneut umzukehren auf dem Weg ins Gelobte Land ist. genüber von Jericho, wo Mose an seinem
und vor Pi-Hahirot zwischen Migdol und • Auch in Kadesch in der Wüste Paran letzten Lebenstag mit dem Deuteronomi-
dem Meer ihr Lager aufzuschlagen (Ex machen die Israeliten längere Zeit Sta- um eine große, die Geschichte vom Horeb
14,2). tion (Num 10,12; 12,16; 13,3.26). Von „bis zum heutigen Tag“ rekapitulierende
• Als der Pharao erfährt, dass die Israeli- Kadesch aus werden die Kundschafter in Rede hält. Nach dem Ablauf der vollen 40
ten seine Erlaubnis, Ägypten zu verlassen das Land Kanaan entsandt und bringen Jahre verstirbt Mose im Ostjordanland auf
(Ex 12,31; 13,17), umgesetzt haben, än- aus dem Tal Eschkol oder Traubental eine dem Berg Nebo (Dtn 34,5-7) und das Volk
dert er seine Meinung (Ex 14,5) und setzt Traube zurück. Da das Volk die Führung zieht unter der Führung Josuas über den
dem Volk mit 600 Streitwagen nach. Bei von Mose und Aaron mehrfach ablehnt Jordan in das Westjordanland.
Pi-Hahirot vor Baal-Zefon (Ex 14,9) teilt (Ex 15,24; 16,2; 17,3) sowie in der Kund-
© public domain

(Übersicht nach: Christian Frevel, Geschichte


Mose auf Befehl JHWHs mit seinem Stab schaftererzählung (Num 13–14) das Israels, Kohlhammer, 2. Auflage 2018, S. 57f;
wunderhaft das Meer (Ex 14,16.21), das Land als Verheißungsgabe infrage stellt, zum historischen Hintergrund s. ebd. S. 39–96)

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Exodus-Typologie in der frühen Kirche

Die Taufe wird zum Durchzug


in ein neues Leben
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Wie gehen die frühen Christen mit der mächtigen jüdischen
Exodustradition um? Der Durchzug durch das Rote Meer wird für sie
zum Bild eines christlichen Rite de passage – der Taufe!
Doch genau das wird Teil einer polemischen Abgrenzung zum
Judentum. Von Benedikt Kranemann

D
er Durchzug durch das Rote Meer ist erstaunlich geringe Rolle, wobei die Motive
bis heute das biblische Muster der des Exodus nicht immer leicht identifizierbar
christlichen Tauftheologie. Die Be­ sind. In der Rede des Stephanus (Apg 7,1-3)
freiung Israels aus der Sklaverei Ägyptens, wird er mehrfach erwähnt (7.25.36.40), auch
der Weg durch das Wasser des Meeres und die in einer Predigt des Paulus findet sich ein Hin­
Wanderung hin zum verheißenen Gelobten weis (Apg 13,17). In Hebr 3,16 und 8,9 dient der
Land wird bis heute auf das Taufgeschehen Verweis auf den Exodus dazu, Israels Untreue
hin gelesen. Auch in der Geschichte der Tauf­ zum Bund als Anlass für den neuen Bund her­
liturgie haben die Exodus-Motive eine große auszustellen. Nach dem Judasbrief (Jud 5) hat
Rolle gespielt. So nahm Martin Luther zur nicht Mose, sondern Jesus Christus (!) Israel
Deutung der Taufe die Sintflut und den Exo­ aus Ägypten gerettet und später die vernich­
dus auf: Gott hat „den verstockten Pharao mit tet, „die nicht glaubten“.
allen seinen ym roten meer erseufft, und dein Ausführlich greift aber Paulus in 1 Kor 10,1f
volck Israel trocken durch hyn gefurt, da mit dis auf die Exodusüberlieferung zurück. Er liest
bad deiner heiligen tauffe zukunfftig bezeich- sie als Vorbild der christlichen Taufe und er­
net“, heißt es 1526 in Luthers „Taufbüchlein“. innert daran, „dass unsere Väter alle unter der
Bis heute verwenden zahlreiche Agenden Wolke waren, alle durch das Meer zogen und
der Reformationskirchen dieses Motiv in ih­ alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und
ren Gebeten, ebenso die katholische „Feier der im Meer“. Es geht Paulus nicht darum, die
Kindertaufe“: „Die Kinder Abrahams hast du
trockenen Fußes durch das Rote Meer geführt
und sie befreit aus der Knechtschaft des Pharao.
So sind sie ein Bild der Getauften, die du befreit Die Taufe führt den
hast aus der Knechtschaft des Bösen.“ Menschen aus dem Reich
Die Taufe wird analog zur Befreiung der
„Kinder Israels“ aus der Sklaverei des Pharao des Todes in das Reich
und zum rettenden Weg durch das Meer hin in des Lebens
das Gelobte Land gelesen: Sie führt den Men­
schen aus dem Reich des Todes in das Reich
des Lebens.
Jesus steht im Typologisch-allegorische Leseweisen des alttestamentliche Schriftstelle exakt nachzu­
Wasser und wird Exodus auf die Taufe hin begegnen bereits in erzählen, vielmehr geht er frei mit dem Text
vom Täufer übergos- den ersten Jahrhunderten der Kirche. Wie be­ um. Als Paulus den Korintherbrief verfasst,
sen (links der personi- zieht die Frühe Kirche ihre Tauftheologie auf besteht bereits eine christlich-rituelle Praxis –
fizierte Fluss Jordan). diese alttestamentliche Überlieferung und und aus dieser Perspektive und ganz auf diese
So wird vielerorts in wie bezieht sich die Taufliturgie selbst auf den hin spielt er den Exodus ein. Die Auslegung
der frühen Kirche der Exodus? Wie ist man mit diesem Motiv in der erinnert an einen Midrasch, der verschiedene
Taufritus gewesen Frühzeit des Christentums, in den ersten Jahr­ Texte aus dem Alten Testament zusammen­
sein. Das Taufwasser hunderten, umgegangen? Aus der Fülle der schaut: Die religiösen Texte werden für eine
symbolisierte das Quellen können einige wenige im Folgenden neue Situation und in einem neuen Kontext
Wasser des Roten vorgestellt werden. ausgelegt. Die Wendung „unsere Väter“ zeigt,
Meeres. Es befreite dass Paulus die christliche Gemeinde, an die
von der Knechtschaft
© vvoennyy/123rf.com

er schreibt, als Nachfahrin des Volkes Israel


der Sünde. Paulus bezieht den Exodus auf die Taufe sieht, also in einer heilsgeschichtlichen Kon­
Mosaik im sogenann-
Im Neuen Testament spielt die Perikope tinuität zu Israel. Wenn man ihm darin folgt,
ten Baptisterium der
Ex 13,17–14,31, also die Flucht des Volkes Is­ ist der Bezug auf den Exodus nicht nur ein
Arianer in Ravenna,
rael und seine Rettung am Schilfmeer, eine Spiel mit Bildern, sondern er besitzt erhebli­
Ende 5. Jh.

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Die Taufe wird zum Durchzug in ein neues Leben

che theologische Tiefe. Paulus wird es möglich,


das Befreiungsgeschehen des Exodus auf die
gegenwärtige Situation der Gemeinde in Korinth Die Taufe als Exodus – untertauchen, übergießen, besprengen ...
zu beziehen. Dabei steht ihm die Taufe ganz Zuerst hat man vermutlich in offener Natur, an Flüssen und Quellen,
offensichtlich vor Augen. „Unter der Wolke“ zu getauft. Dann wurde in den frühchristlichen Taufbecken die Tauf-
sein und „durch das Meer“ zu ziehen, heißt, von theologie in Stein umgesetzt: Die Symbolik von Sünde und Reini-
Wasser umschlossen zu sein, wie es in der Taufe gung, Knechtschaft und Befreiung, Kreuz und Auferstehung, Tod
geschieht. „Auf Mose getauft“ worden zu sein, und Wiedergeburt als neuer Mensch sollte erfahrbar werden.
d. h. unter seiner Führung durch das Rote Meer In nachdrücklichen Katechesen wurde den Täuflingen die Bedeu-
gezogen zu sein, meint, Mose zuzugehören. tung ihrer Taufe vor und nach der Zeremonie erläutert.
In der christlichen Taufe wurde und wird ein
Täufling „auf Christus“ getauft. So, wie Israel im
Exodus aus dem alten Leben der Sklaverei – und
dabei denkt Paulus an die Sünde – befreit wor­
den ist, so wird den Christen in der Taufe diese
Freiheit geschenkt. Zugleich wird im Folgenden
deutlich, dass es Sünden und Gefährdungen
gibt, die nicht nur Israel erlebt hat und denen
es immer wieder erlegen ist, sondern die auch
der christlichen Gemeinde widerfahren können.

Exodus und Tauftheologie


bei den Kirchenvätern
Die Kirchenväter nehmen auf den Exodus häu­
fig polemisch Bezug, indem sie Israel als Volk
beschreiben, das sich von Gott retten ließ, Gott
aber nicht treu blieb. Dies begegnet beim Kir­
chenlehrer Justin (2. Jh.) im Dialog mit dem Ju­
den Tryphon (dial. 131,3) oder bei Bischof Zeno
von Verona (360/380). Zeno stellt dem Durch­
zug Israels durch das Rote Meer, der das Volk
nur in die Wüste führt, die wahre Befreiung der
Christen zum Paradies durch das Wasser der
christlichen Taufe gegenüber, welches die Sün­
den abwäscht. Von hierher entwickelt er dann
ermahnende Predigten zur Taufe.
Von 1 Kor her liegt es nahe, dass sich die Tauf­
theologie schon früh auf den Exodus zurückbe­
zogen hat. So wird das Exodusgeschehen in der
Literatur der frühen Christen immer wieder ein­
gespielt, um die Taufe theologisch auszudeuten.
Dabei begegnen Vorstellungen, die den Pharao
und den Satan sowie Mose und Christus gleich­
setzen. Das Wasser des Roten Meeres kann auf
das Taufwasser bezogen, der Durchgang durch
das Wasser als Bild des Taufgeschehens gedeu­
tet werden.
Hier ist bereits zu erkennen, dass der Exodus
immer wieder mit dem Überwinden von Sünde
in Verbindung gebracht wird. So beschreibt Ori-
© Xxxxxxxxxxxxxxxxxxx

genes (185–253), wie das Böse – den Ägyptern


gleich – den Menschen jagt und wie der Mensch,
indem er durch das Wasser der Taufe geht, nicht
nur gerettet wird, sondern als neuer Mensch aus 1
dem Wasser hervorkommt (Ex. hom. 5,5). Die See­

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Die Taufe wird zum Durchzug in ein neues Leben

So beschreibt Origenes, wie das Böse – den Ägyptern


gleich – den Menschen jagt und wie der Mensch, in-
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dem er durch das Wasser der Taufe geht, gerettet wird

3 6

1  Albenga (Ligurien), oktogonales Baptisterium


aus dem 5. Jh.

2  Sbeitla (Tunesien), Taufbecken im Baptisterium


der Kirche St. Vitalis, 6. Jh.

3  Nocera Superiore (Kampanien), Taufbecken,


3.0, commons.wikimedia

eingefasst von zahlreichen Säulen, 6. Jh.

4  Petra (Jordanien), Baptisterium mit vier Säulen


(für Baldachin?) in der byzantinischen Basilika, 5. Jh.
/ Alamy

5  Ravenna, sogenanntes Neonisches Baptisterium,


BY-SA
CCSala

Oktogon, erbaut im 4./5. Jh., das Taufbecken ist


1. Riccardo

im 13. Jh. restauriert worden.


© Marsyas,

4
6  Schivta (Negev/Israel), Taufbecken der Südkirche, 5. Jh.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 47
Die Taufe wird zum Durchzug in ein neues Leben

40 Tagen nach seiner Taufe gegenüber, der Taufe findet durch das Kreuzesge­
Typologisch-allegorische der sich gegenüber allen Versuchungen schehen statt. Der Tod am Kreuz ist für
Leseweise des Satans standhaft erwiesen hat. Der Augustinus das Fundament der Taufe.
Auslegung eines bibli- Kirchenlehrer Ephräm der Syrer (306– Der Bischof und Patriarch Cyrill von
schen Textes, die über den 373) liest den Exodus als Figura, also als Jerusalem (313–386/7) fordert seine Zu­
wörtlichen Sinn hinausgeht hörer in der ersten Mystagogischen Ka-
Bild oder Vorbild der christlichen Taufe:
und beispielsweise Bezüge
Israel zog durch das Meer und blieb un­ techese geradezu heraus, vom „Vorbild“
zwischen Altem und Neu-
gläubig, während die Christen glaubten zur „Wirklichkeit“ zu gehen, vom Volk
em Testament herstellt.
und den Heiligen Geist empfingen. in der Sklaverei Ägyptens zu den durch
Solche Polemiken, die sich nur aus Christus von der Sünde Geretteten. Das
einem zeitgenössischen Bemühen um Böse, das im Meer unterging, verschwin­
Midrasch Abgrenzung erklären lassen, tauchen det jetzt im Taufwasser (cat. myst. 1, 2/3).
Jüdisch-rabbinische in der Rezeption der Exodus-Perikope
Schriftauslegung, die vor wiederholt auf. Durch solche Prozesse
allem an einer Aktualisie- des Othering wird die eigene Identität
rung des biblischen Textes gebildet und werden die „Anderen“ als
Israel zog durch das
interessiert ist.
Gegenbild konstruiert. Meer und blieb ungläu-
Für Augustinus (354–430) (Sermo
213) wäscht die Taufe die Sünden ab, die
big, die Christen glaubten
Menschen in der Vergangenheit belas­ und empfingen den
le, die auf dem Weg zu Gott ist, zieht da­ tet und „verfolgt“ haben. Sie vernichtet
für aus der Welt aus. Das wird im Motiv die Schuld. Diese theologische Aussage
Heiligen Geist
des Durchzugs beschrieben. Es geht um setzt er in Analogie zum Exodus: Die
den geistlichen Exodus (so der jesuiti­ Ägypter, also die Verfolger der Israeli­
sche Theologe Jean Daniélou) – die Taufe ten, stehen dabei für die Sünden. Diese Der Asket und Bischof von Kons­
hat eine eschatologische Dimension. Verfolgung dauert bis zum Roten Meer, tantinopel Johannes Chrysostomus
Ähnliche Überlegungen und ver­ wo den Bedrängern, also den Sünden, (349–407) ruft den gerade Neugetauften
gleichbare allegorische Verwendungen ein Ende gesetzt wird: Sie ertrinken, und zu: „Mensch, du hast Ägypten verlassen,
des Exodus begegnen immer wieder. In zwar so, wie Augustinus mit Ps 106,11 suche nicht von neuem Ägypten und die
seiner Schrift über die Taufe (De bapt. festhält: „Ihre Bedränger bedeckte das Bosheit Ägyptens auf!“ (in bapt. hom.
9,1) betrachtet Tertullian (ca. 160–220) Wasser, nicht einer von ihnen blieb üb- 2/4,24). Die Sklaverei der Barbaren und
Taufe und Exodus zusammen. Pole­ rig.“ Er deutet das alttestamentliche Bild die grauenvollere Knechtschaft der Sün­
misch stellt er das ungezügelte Verhal­ noch weiter aus, indem er die rote Farbe de, Mose und Christus, Wüste und Him­
ten Israels nach dem Durchzug durch des Meeres auf das Blut Christi am Kreuz mel werden einander gegenübergestellt
das Rote Meer dem Verhalten Jesu in den hin liest. Die Überwindung der Sünde in (ebd., 24f), um die wunderbaren Konse­

© Marsyas, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia

Durchzug durchs Schilfmeer – Sarkophagrelief aus Arles, 4. Jh., eine der frühesten christlichen Darstellungen des Motivs.
Auch im Tod hoffte der Verstorbene offensichtlich auf einen Exodus, einen befreienden Durchzug durch den Tod hin zu Gott.
Musée d’Arles antique, Original in der Seitenkapelle der Kirche Saint-Trophime.

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Die Taufe wird zum Durchzug in ein neues Leben

quenzen aus der Taufe für den Neugetauf­ vollzogen worden, ist durch archäologische Lesetipps
ten möglichst nachdrücklich zu illustrieren. Funde infrage gestellt worden. Sicherlich • Hansjörg Auf der Maur, Die früh-
Auch für Ambrosius, Kirchenlehrer hat es eine solche Praxis gegeben. Doch christliche Paschafeier im 1.–3. Jahr-
und Bischof in Mailand (333/4–397), ist viele frühchristliche Taufbecken, die man hundert, in: ders., Die Osterfeier in der
das Geschehen des Exodus Figura („Vor­ heute kennt, sind zu klein und eng, als dass alten Kirche. Münster 2003, 32–134.
bild“) der Taufe, wie er in einer Katechese man dort einen Ritus des Untertauchens • Jean Daniélou, Liturgie und Bibel.
mit Bezug auf 1 Kor 10,1f erklärt (de sacr. hätte durchführen können. Auch der Platz Die Symbolik der Sakramente bei
6. 20), die er den Täuflingen nach ihrer Tau­ für einen Täufer hätte nicht ausgereicht. den Kirchenvätern. München 1963,
fe hielt. Ging es für Israel nur um den Mo­ Vergleiche beispielsweise mit der antiken 90–102.
dus des Vorbilds, so für die Kirche um ein Badekultur legen eher ein Übergießen mit • Franz Joseph Dölger, Der Durchzug
Geschehen in veritate („in Wirklichkeit“). Wasser nahe. Bildliche Darstellungen von durch das Rote Meer als Sinnbild der
Israel murrte und blieb schuldig. Vor dieser Taufhandlungen weisen in eine ähnliche christlichen Taufe. Zum Oxyrhynchos-
Gefahr werden die Neugetauften gewarnt. Richtung. Generell wird man allerdings von Papyrus Nr. 840, in: Antike und Chris-
In Bedrängnis sollen sie Gott anrufen und vielfältigen und unterschiedlichen Prakti­ tentum 2. 1930 [²1974], 63–69.
bitten, sich ihm aber nicht widersetzen. ken des Wasserritus ausgehen müssen. • Die Taufe. Einführung in Geschichte
Ambrosius nutzt also die Exodus-Überliefe­ Die Vorstellung, dass die Taufe vergleich­ und Praxis. Hg. von Christian Lange
rung für eine mahnende Rede, sich gegen bar dem Durchzug durch das Rote Meer ist, [u. a.]. Darmstadt 2008.
Versuchungen zu wappnen. In einer ande­ setzen jene Taufbecken um, in denen die
ren Katechese erfährt man, dass die „gute Täuflinge wirklich durch das Wasser hin­
Wolke“ die Leidenschaften abgekühlt hat durchgehen konnten. Möglicherweise mit
und über denen war, auf die der Heilige einer West-Ost-Achse versehen, zogen sie
Geist herabgekommen war (de myst. 13). dann aus dem – symbolisch verstandenen
– Bereich des Bösen und des Todes in den
Machtbereich Christi. Der Rite de passage
Der Exodus in der Taufliturgie ... im Sinne des Exodus wurde im Raum kör­
An den Exodus wird u. a. auch in Eucha­ perlich erfahrbar. Wenn das Taufbecken
ristiegebeten, Exorzismen, in Liturgien zu zudem noch eine Kreuzesform aufwies,
Epiphanie oder in der Totenliturgie erin­ wurden alt- und neutestamentliche Deu­
nert. Über eine Predigt des Bischofs Melito tung der Taufe zusammengebracht. Ritual­
von Sardes (2. Hälfte des 2. Jh.) zum Pa­ theoretisch betrachtet, entfalten solche
schafest lässt sich zudem erschließen, dass Raum- und Körpererfahrungen eine beson­
Ex 14 bereits in dieser frühchristlichen Pa­ dere Wirkung, der allein Texte nur schwer
schafeier ein Lesungstext gewesen sein nahekommen.
muss – bis heute ist die Erzählung vom
Durchzug durchs Rote Meer eine der wich­
tigsten Lesungen in der Osternacht. Die ... und heute?
Lesung eignete sich, um den Durchzug/ Die spätantiken Zeugnisse für Taufliturgie
Transitus vom Tod zum Leben – Tod und und -theologie müssen in ihrer Zeit gelesen
Auferstehung Christi – auszudeuten und werden. Die sehr starke Fixierung auf die
zu beschreiben, dass die Rettung des Men­ Sündigkeit des Menschen befremdet heu­
schen durch Gott auch in der Gegenwart te. Das Menschenbild hat sich geändert
Realität ist. Wer dem Auferstandenen nach­ und der Mensch wird nicht vorrangig als
folgt, kann den Übergang aus der Welt der Sünder betrachtet. Auch sind aus heutiger
Sünde in die Welt himmlischer Vollkom­ Sicht Rezeptionen des Alten Testaments
menheit vollziehen. Das wird dann auch auf Kosten des Judentums inakzeptabel.
auf die Taufe übertragen. Bemerkenswert bleibt gleichwohl die gro­
Mit dieser Theologie korrespondieren ße Bedeutung, die dem Alten Testament Prof. Dr. Benedikt Kranemann lehrt
die Taufliturgien, aber auch manche der für die Erschließung der christlichen Tau­ Liturgiewissenschaft an der Universität
Räumlichkeiten für die Taufe in dieser Zeit. fe zugesprochen wird. Die frühen Chris­ Erfurt. Forschungsschwerpunkte liegen
Der Rückgriff auf die Exodus-Perikope legt tinnen und Christen haben die Kontinu­ auf der Geschichte der Liturgie seit der
einen Umgang mit dem Taufwasser nahe, ität der Heilsgeschichte in Erinnerung Frühen Neuzeit und Liturgie im religiö-
sen Pluralismus der Gegenwart. Zuletzt
durch den der Täufling zumindest mit dem gehalten und die Taufliturgie eindrucksvoll
erschienen (Mitherausgeber und Autor):
Wasser umhüllt wird. Die Vorstellung der biblisch konturiert. Es lohnt sich, die Tau­ Geschichte der Liturgie in den Kirchen
theologischen Forschung vergangener fliturgie der Gegenwart mit der Perspektive des Westens. Rituelle Entwicklungen,
Jahrzehnte, Taufe in der Frühzeit des Chris­ des Exodus als Befreiungsgeschichte neu theologische Konzepte und kulturelle
tentums sei generell durch Untertauchen zu erleben. W Kontexte (Münster 2018).

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Der Exodus und die Geschichte der afroamerikanischen Sklaven

„Let my people go!“


In ihren Spirituals sangen die Sklaven in Amerika vom Exodus und deuteten
die Gegenwart. Der biblische Auszug aus Ägypten – vielleicht in Europa
wenig bewusst – durchwirkte mehr als 300 Jahre US-amerikanischer Geschichte.
Was hat der Exodus bewirkt? Von Matthew J. M. Coomber

A
frikanische Sklavinnen und Geschichte von der Befreiung der He- Go down Moses / Let my people go
Sklaven waren nicht die Ersten, bräer aus der Sklaverei zu hören und
die mit der Exoduserzählung ihr zu Hause selbst Menschen als Privatei- When Israel was in Egypt’s land:
Leben in Amerika erklärten und defi- gentum zu halten. Sie interpretierten Let my people go,
nierten; in der gesamten Frühgeschichte die Exoduserzählung anders: Laut dem Oppress’d so hard they could not stand,
der Vereinigten Staaten spielte der Exo- Gelehrten Newman White, der ab etwa Let my people go.
dus eine wichtige Rolle. Von den Puri- 1920 afro­amerikanische Dichtung sam- (And the Lord said)
tanern, die vor religiöser Verfolgung in melte, allegorisierten die Sklavenhalter Go down, Moses,
das „Gelobte Land Amerika“ flohen, bis die ägyptische Knechtschaft gerne als Way down in Egypt‘s land,
hin zu Siedlern, die ein neues Leben im die individuelle Gefangenschaft in Sün- Tell ole Pharaoh,
„Gelobten Land des Westens“ suchten, de, bevor Moses, Symbol für Jesus, die Let my people go.
wurde die Geschichte von Moses, der Erlösung brachte (David W. Kling 2004,
Thus saith the Lord, bold Moses said:
die Hebräer aus Ägypten führte, immer S. 210 f, s. Lesetipps).
Let my people go,
wieder erzählt. Verschiedene Gruppen Während diese Interpretation die da-
If not I’ll smite your firstborn dead.
beschrieben so ihre Erfahrungen – und malige Debatte über Sklaverei auf Ab- Let my people go.
rechtfertigten sogar die Auslöschung stand hielt und weißen Sklavenhaltern (And the Lord said)
der Kanaanäer, also der indianischen ermöglichte, biblischen Argumenten Go down, Moses, …
Urbevölkerung, die sich ihnen in den gegen diese Institution auszuweichen,
Weg stellte. verstanden ihre Sklaven die Geschichte No more shall they in bondage toil.
Während aber, wie der Religionswis- vom Exodus wesentlich wörtlicher. Wie Let my people go,
senschaftler Eddie Glaude Jr. bemerkte, David Kling schreibt, sprach der Auszug Let them come out with Egypt’s spoil!
Afroamerikaner genau wie all die an- aus Ägypten die Sklaven direkt als eine Let my people go.
deren Gruppen das Gefühl hatten, aus- Geschichte der Befreiung aus körperli- (And the Lord said)
erwählt zu sein, so war ihr Bild von Ka- cher Gefangenschaft an und erweckte Go down, Moses, …
naan jedoch konträr. Amerika war nicht den Glauben, dass Gott für ihr Wohl ein-
O let us all from bondage flee.
das Gelobte Land, sondern entsprach greifen würde, wie er es damals für die
Let my people go,
Ägypten, und Washington, D.C., galt Hebräer getan hatte (Kling, S. 110 f).
And let us all in Christ be free.
als Sitz des mächtigen Pharaos (Glaude Eine ehemalige Sklavin, die als Aunt Let my people go.
2000, S. 48, s. Lesetipps). Charlotte bekannt wurde, sprach fol- (And the Lord said)
Die Mehrheit der weißen, christli- gendermaßen über den Glauben aus Go down, Moses, …
chen Sklavenhalter sah offenbar wenig diesem Exodus-Verständnis und seine
Widerspruch darin, in der Kirche die Erfüllung: (Spiritual, entstanden um 1860)

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„Tante Jane erzählte uns auch, dass die Kinder nen aufleben ließen, sodass sie in ihrem eigenen
Israels in ägyptischer Gefangenschaft waren, und Leben eine Rolle spielten“ (Albert, S. 162). Die Abolitionismus
Gott sie aus Ägypten gerettet hat; und sie sagte, emotionalen Texte von „Let my People Go“ und Bewegung zur Abschaf-
dass er auch uns retten werde. Wir alle sangen „Didn’t Ol‘ Pharaoh Get Lost?“ vermitteln einen fung der Sklaverei (engl.
abolition, „Abschaffung“)
früher ein Lied darüber, wie Daniel aus der Lö- allmächtigen Gott, der sein Volk rettet und die
wengrube, Jona aus dem Bauch des Wals und die Feinde zugrunde richtet. Indem sie einer Bevöl-
drei Hebräer aus dem Feuerofen gerettet wurden. kerungsgruppe mit nur 5 % Alphabetisierung
Warum sollte Gott nicht auch mich retten?“ (nach ermöglichten, ihre Situation neu zu definieren,
Octavia Victoria Rogers Albert, [1890] 2005, S. 31) befreiten Spirituals die Fantasie, die biblische
Aunt Charlottes Worte und der zitierte Liedtext Vergangenheit mit der Lebensrealität der Gegen-
des Spirituals „Didn’t My Lord Deliver Daniel?“ wart zu verbinden. Die Bibel konnte lebendig
zeigen, wie afroamerikanische Sklavereigegner werden und die Erlebniswelt der afroamerika-
(Abolitionisten) und Sklaven im 19. Jh. die Ge- nischen Sklaven direkt ansprechen. Aber es war
schichte vom Auszug aus Ägypten verstanden: keineswegs nur eine „Wohlfühltheologie“: Die
Amerikanische
Der Gott des Exodus handelt durch die Geschich- Spirituals boten den Sklaven eine gemeinsa-
Sklaven 1862 auf
te und greift ein, um sein Volk zu befreien. me Basis, sie schufen eine kollektive Identität,
dem Anwesen von
gründend auf dem Gefühl, auserwählt zu sein.
Brigadegeneral Tho-
Auf diesem Fundament entwickelte sich eine
Die enorme Bedeutung der Spirituals mas F. Drayton, der
Sprache für die soziale Bewegung: eine kollek- „Magnolia Plantage“
Spirituals waren die effektivste Methode, die Ex- tive Identität, eine deutliche Zukunftsvision, Er- nahe Charleston.
oduserzählung zu vermitteln und die Geschichte klärungen für Siege und Rückschläge – all das Ihr Leben deuteten
mit den Erfahrungen der afroamerikanischen zeigte für viele zukünftige Generationen eine sie in Spirituals als
Sklaven in Verbindung zu bringen. Der Histori- starke, befreiende Wirkung. Knechtschaft in
ker J. Harrill schreibt, dass „insbesondere in den Die Vermittlung der Exoduserzählung durch Ägypten, aus der
Sklaven-Spirituals die versklavten Afroamerika- Spirituals stellte aber nicht nur eine Quelle der Gott sie retten wür-
ner die biblischen Figuren, Themen und Lektio- Inspiration für Sklaven in den Südstaaten dar, de. Sammlung Getty
Center, Los Angeles.
© Henry P. Moore (1835–1911), Google Art Project, Public Domain

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es, würde man die Sklaven freilassen, zu einer
Rassenmischung käme, die „völlig zerstörerisch
für Ehre und Glück“ sei. Die Verfasser lassen
Mose interessanterweise aus der Chronologie
der Bibel heraustreten und zur Untermauerung
seiner Argumente gegen die Sklaverei das Neue
Testament zitieren: Mit Apostelgeschichte 17,26
sagt Moses dem Pharao, dass Gott „aus einem
einzigen Menschen das ganze Menschenge-
schlecht erschaffen [hat]“.
Am Ende der Debatte wendet sich ein ver-
zweifelter Mose an Gott mit den Worten: „Oh
Gott, du siehst das harte Herz des Pharao. Was
soll ich tun?“ Gott antwortet Mose und beendet
den Kommentar mit einer einzigen Anweisung,
„Geh und sage dem Pharao, er soll mein Volk
ziehen lassen!“ (Go tell Pharaoh to let my people
Martin Luther go!).
King Jr. (links) im Diese dichterische Freiheit des Dialogs zwi-
August 1963 beim schen Mose und dem Pharao zeigt, wie frei vie-
Marsch zum Lincoln sondern gab auch den Afroamerikanerinnen le Afroamerikaner im 19. Jh. mit der Geschichte
Memorial, Washing- und -amerikanern im Norden ein Gefühl der vom Auszug aus Ägypten umgingen, um sie
ton, D.C., wo er seine Hoffnung und Einheit, indem sie den Auszug an ihre Nöte anzupassen. Zugleich lassen sich
berühmte „I Have der Hebräer aus Ägypten auf ihre eigenen Erleb- daraus wichtige Erkenntnisse über die aboli-
a Dream“-Rede halten nisse anwendeten. Der Verweis auf den Exodus tionistischen Interpretationen der biblischen
wird. Er sah die bewirkte, wie Glaude bemerkte, ein deutliches Geschichte gewinnen. Die Offenheit, mit der
afroamerikanische Gefühl von Volksidentität, das sich im Sprach- viele abolitionistische Schriftsteller den Exodus
Bevölkerung bei ihren gebrauch der Afroamerikaner im Norden nie- verwendeten, um die Sklaverei in Amerika als
Protestmärschen auf derschlug. Sklavereigegener gingen weniger einen Affront gegen Gott darzustellen, verschob
der Wüstenwanderung: „Verträge“ oder „Vereinbarungen“ ein, sondern die Debatte aus der politischen Sphäre in eine
Sie hatten das Schilf- sprachen von „Bund“ und nannten dort Skla- theologische (so Scott M. Langston 2006).
meer bereits überwun- venhalter und Sklavereibefürworter „Ägypter“
den aber noch eine oder „Pharaonen“. Außerdem wurde die Ent-
Strecke vor sich. wicklung im Kampf gegen die Sklaverei laufend Die Zeit zwischen Bürgerkrieg und
mit der Idee des Gelobten Landes beschrieben. Bürgerrechtsbewegung
Aus der biblischen Geschichte zog man einer- Obwohl die Afroamerikaner in den 1860er-
seits Selbstwertgefühl und moralische Autorität Jahren ihre Freiheit erlangten, hielt das Gefühl
und andererseits stärkten heiß diskutierte Inter- der Rettung nicht lange an. 15 Jahre nach dem
pretationen der Exodus-Geschichte den Kampf Amerikanischen Bürgerkrieg hatten 90 % der
gegen Sklaverei und Rassismus. ehemaligen Sklaven noch immer dieselben Ar-
Ein interessantes Beispiel dafür findet sich in beitsplätze wie zu Zeiten der Sklaverei, und die
einem fiktiven Dialog zwischen Moses und dem meisten afroamerikanischen Landarbeiterinnen
Pharao, der 1838 als Kommentar in einer Ausga- und -arbeiter im Süden lebten unter denselben
be der afroamerikanischen Zeitung The Colored unmenschlichen Bedingungen wie zuvor (Kling,
American erschien. Der hermeneutische Ansatz S. 219). Die institutionalisierte Sklaverei war
der Verfasser brachte – fast in der Tradition des also durch ein Leben in dauerhafter Armut und
Midrasch – Elemente der Exodus-Geschichte in Schulden ersetzt worden. Im Jahr 1896 wurde
Segregation die Lebenswelt der Afroamerikaner. Die zeitge- durch die Entscheidung in der Rechtssache Ples-
© Alpha Historica / Alamy Stock Photo

die Politik der Trennung nössische Pro-Sklaverei-Rhetorik wurde dem sy vs. Ferguson die Segregation („Rassen“-Tren-
von Schwarzen und
Pharao in den Mund gelegt. Nun konnten die Au- nung) legalisiert. Noch Anfang des 20. Jh. wa-
Weißen in den Vereinigten
toren des Kommentars mit biblischer Autorität ren die trennenden Jim-Crow-Gesetze im Süden
Staaten („Rassen“-
Trennung) die Argumente der Sklavereibefürworter angrei- üblich. Mit Gewalt und Einschüchterung – 2400
fen. So behauptet der Pharao, die Sklaven seien Lynchmorde von 1880 bis 1918 (Kling ebd.) –
intellektuell nicht in der Lage, für sich selbst zu zementierten terroristische Gruppierungen wie
sorgen und der pharaonische Sekretär gibt noch der Ku-Klux-Klan die Unterdrückung freigelas-
ein weit verbreitetes Argument zum Besten: dass sener Sklaven und sorgten dafür, dass Schwar-

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ze kein Wahlrecht bekamen. Obwohl Die Wiederentdeckung des Exodus Geschichte einfach als Code nutzen und
die Hoffnung der Afroamerikanerinnen in der Bürgerrechtsbewegung ein lebendiges sprachliches Bild der Un-
und -amerikaner auf Befreiung aus der Genau wie bei der Bewegung zur Ab- terdrückung malen sowie die Hoffnung
Sklaverei erfüllt war, waren die meisten schaffung der Sklaverei gingen Afro- auf Befreiung formulieren. King sprach
nun im institutionalisierten Rassismus amerikanerinnen und -amerikaner wäh- in einem durch die dauerhafte Verwen-
gefangen. rend der Bürgerrechtsbewegung (Civil dung des Exodus geprägten Weltbild –
Als Reaktion auf die anhaltende Un- Rights Movement) in den 1950er- und und konnte alttestamentliche Figuren
terdrückung entschloss sich eine kleine 1960er-Jahren den institutionalisierten zum Leben erwecken, genau wie die
Minderheit im Süden zum buchstäbli- Rassismus mit verschiedenen Methoden abolitionistischen Prediger im Jahrhun-
chen Exodus. Während einige das Gelob- an. Während einige afroamerikanische dert zuvor. King besaß aber nicht nur die
te Land entweder in Afrika oder in den Theologen nicht damit einverstanden Gabe, diese kulturelle Macht zu nutzen,
Nordstaaten suchten, die ihre eigene waren, wie der Kampf für die Bürger- er machte sie auch zu einer sinnstiften-
Version von Rassismus hatten, versuch- rechte geführt wurde, wendeten andere, den Kraft für sozialen Wandel, brachte
ten Andere rein schwarze Gemeinden wie Malcolm X und Mitglieder der Na- Menschen damit zum kollektiven Han-
zu gründen, in denen sie abseits vom tion of Islam, dem Christentum gleich deln und erhielt eine Bewegung leben-
Weißen Amerika leben wollten. Über 60 ganz den Rücken zu und schlossen sich dig, die mit großen Gefahren und Unsi-
solcher schwarzer Gemeinden entstan- anderen religiösen Richtungen und cherheiten konfrontiert war.
den von 1865 bis 1915 von Mississippi bis Strategien zur Befreiung an. Der Exodus Wie King diesen Bezugsrahmen des
Oklahoma. Benjamin „Pap“ Singleton, der Hebräer spielte jedenfalls eine sehr Exodus aufspannte, kann man gut an
ein ehemaliger Sklave und Schreiner, wichtige Rolle bei der Entstehung der seiner Predigt Death of Evil Upon the
der für sich eine direkte Verbindung zu Schwarzen Theologie. Seashore (deutsch: „Tod des Bösen am
Gott beanspruchte und sich selbst als Der berühmteste und wohl wirkungs- Strand“) sehen, die er 1955 zum ersten
den Moses des Schwarzen Exodus be- vollste biblische Ansatz der amerikani- Mal hielt. Er schrieb sie als Reaktion auf
trachtete, führte in den 1880er-Jahren schen Bürgerrechtsbewegung war der die bahnbrechende Entscheidung des
eine solche Bewegung mit rund 20 000 von Martin Luther King Jr. Laut Gary Obersten Gerichtshofs im Fall Brown vs.
Menschen in Kansas an. Selby basierten die Entwicklung und Board of Education und verbindet dar-
Die beharrliche Arbeit der Afroame- die schlussendlichen Erfolge der Bür- in amerikanische Politik mit biblischer
rikaner zur Abschaffung der Sklaverei gerrechtsbewegung auf der Fähigkeit Bildsprache: „Heute sehen wir eine ge-
war der Schlüssel zum Erfolg des Aboli- ihrer Führungspersönlichkeiten, insbe- waltige Veränderung. Eine welterschüt-
tionismus. Und während Einzelne, wie sondere Kings, das tief in der Kultur der ternde Gerichtsentscheidung von neun
Frederick Douglas oder Gruppen wie Richtern des Obersten Gerichtshofs der
das schwarze 54. Infanterie-Regiment Vereinigten Staaten öffnete das Rote
von Massachusetts, aktiv für die Ab- „Eine welterschütternde Meer, und die Heerscharen der Gerech-
tigkeit ziehen auf die andere Seite […]
schaffung wirkten, war die Verwendung
des Exodus-Motivs in der Anti-Sklaverei- Gerichtsentscheidung Wenn wir zurückblicken, sehen wir die
Bewegung vor allem passiv: Man blickte öffnete das Rote Meer ...“ Heerscharen der Segregation, wie sie am
Strand sterben“ (Kling, S. 224).
zu einem Gott auf, der sich für sein Volk
einsetzen würde. Martin Luther King Jr. Indem Martin Luther King mit Verweis
Auch wenn die Enttäuschung darü- auf den Exodus aus einer Entscheidung
ber riesig war, dass man nach der Be- des Obersten Gerichtshofs einen Akt
freiung aus der Sklaverei nur wieder Schwarzen verwurzelte Exodus-Narrativ göttlicher Vorsehung machte, lud er die
dauerhaft unterdrückt wurde, war die heraufzubeschwören und die Afroame- Zuhörer ein, das alte Konzept des „aus-
Exoduserzählung inzwischen so dicht rikaner diese Geschichte in ihrer Zeit erwählten Volkes“ zu übernehmen und
mit der afroamerikanischen Kultur ver- erleben zu lassen (Selby 2008, S. 10, s. die Institutionen der Unterdrückung als
woben, dass sie lange nach dem Bür- Lesetipps). Selby schreibt, „als King bi- ägyptische Heerscharen zu betrachten,
gerkrieg weiterhin in Lied und Predigt blische Sprache verwendete … zitierte die endlich ihr Schicksal ereilte. Die
erzählt wurde. Mitte des 20. Jh. kam die er nicht nur aus der Bibel, sondern be- Bürgerrechtsbewegung positionierte er
Geschichte vom Auszug aus Ägypten schwor einen kulturellen Mythos herauf, auf der anderen Seite des Roten Meeres,
in einem radikal neuen Kleid im politi- der in den mehr als 150 Jahren, in denen sodass die Afroamerikaner überhaupt
schen Diskurs wieder zum Vorschein: die Geschichte immer wieder von Afro- nicht mehr überlegten, ob sie die müh-
Sie nährte nun nicht mehr die Hoffnung amerikanern erzählt wurde, entwickelt selige Reise auf sich nehmen sollten
auf einen eingreifenden Kriegergott, der und übermittelt worden war“ (ebd. S. 27). oder nicht: Sie hatten sich schon auf
sein Volk retten würde, vielmehr war King brauchte nicht zu erklären, wel- den Weg gemacht und einen großen
eine neue Interpretation entstanden – che Bezüge es zwischen der Geschichte Triumph im Rücken. In diesem neuen
von einem Gott, der mit seinem Volk zu- vom Exodus und dem Leben seiner Zu- Rahmen war nicht mehr Ägypten der af-
sammenarbeitete. hörer gab; er konnte die Elemente der roamerikanische Aufenthaltsort; King,

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„Let my People go!“

James Cone und andere führende Persönlich- taktik der Bürgerrechtsbewegung: dem Marsch.
keiten der Bürgerrechtsbewegung und Theolo- Wenn Aktivisten marschierten, bedroht von Po-
gen konzentrierten sich nun auf die Wanderung lizei- und ziviler Gewalt, konnten sie sich selbst
durch die Wüste. als Gottes auserwähltes Volk betrachten, das
Durch die Verbindung unerträglicher Verhält- sich Richtung Kanaan schleppte. Dieses Bild von
Chronologische Eckdaten nisse in der Gegenwart mit einem Narrativ in der Afroamerikanern, die in einem Universum, in
bis 1865 Vergangenheit, das mit einem Sieg für das von dem zuletzt das Gute siegt, durch die Wüste zie-
Südstaaten: Sklaverei Gott auserwählte Volk endete, wollte King seine hen, bildete den Hintergrund, vor dem King und
gesetzlich erlaubt Zuhörerschaft davon überzeugen, dass sie die andere Bürgerrechtler allmählich ihre Rolle von
Nordstaaten: keine
Mittel hatten, ihre Ziele zu erreichen, und dass passiven Empfängern der göttlichen Gerechtig-
Sklaverei
die vor ihnen liegenden Herausforderungen keit hin zu einer wirklichen Teilnahme am Plan
1861–1865
Bürgerkrieg/Sezessions-
nicht unüberwindbar waren. Gottes verwandelten.
krieg zwischen Konfödera- Während Führende der Bürgerrechtsbewe-
tionsstaaten (Süden) und gung Gott weiterhin als denjenigen darstellten,
Unionsstaaten (Norden) der den sozialen Wandel um sie herum letzt- Martin Luther Kings Exodustheologie
1865 offizielle Abschaf- lich orchestrierte, wandte sich Kings Rhetorik Auch wenn die Bürgerrechtsbewegung dank die-
fung der Sklaverei, während des Montgomery Busboykotts all- ses neuen Exodus-Bezugsrahmens den Gang der
trotzdem in den Süd- mählich von der abolitionistischen, passiven amerikanischen Geschichte leichter verändern
staaten weiterhin nicht Verwendung des Exodus ab und stellte das ak- konnte, war sich King den Gefahren dieser Er-
die gleichen Rechte für tive Handeln des Menschen in den Fokus der zählung sehr wohl bewusst: Mit einigen Aspek-
Afroamerikaner
Bemühungen für soziale Gerechtigkeit (Selby, ten der Exoduserzählung konnte man zwar wirk-
ab den 1950er-Jahren
S. 78). King unterstützte zwar die Theorie ei- sam auf den gewaltfreien Kampf für die Rechte
Civil rights movement
(Bürgerrechtsbewegung)
nes moralischen Universums, in dem das Gute der Afroamerikaner hinweisen, doch King be-
immer über das Böse triumphiert, er betonte griff, dass andere Aspekte potenziell zum wahl-
jedoch, die treibende Kraft hinter dieser Un- losen Töten von nicht schwarzen Amerikanern
ausweichlichkeit sei die Hartnäckigkeit der führen konnten.
Menschen, die in Kings Worten „bereit sind, die Der biblische Exodus geht von drei Haupt-
gruppen aus: Gottes auserwähltes Volk, die
Ägypter und die Kanaanäer – die letzten beiden
werden zum Vorteil der ersten Gruppe getötet,
Für King zerstörte Gott nicht die Ägypter entweder durch die Hand oder auf Befehl Got-
im Roten Meer, sondern die Unterdrückung, tes. Wenn Kings Reden eine Stimmung hervor-
riefen, die die Erniedrigung und Unterdrückung
für die sie standen der Afroamerikaner durch die europäischen
Amerikaner ansprach, legte er besonderen Wert
darauf, dass diese Gefühle zu gewaltlosen Ak-
müden Seelen mit müden Füßen zu ersetzen, tionen hingelenkt wurden und nicht zur Rache
und immer weiterzugehen, bis die maroden an jenen, die man leicht in der Rolle der Ägypter
Mauern der Ungerechtigkeit von den Rammbö- oder der Kanaanäer hätte sehen können. Selby
cken der historischen Notwendigkeit eingeris- gibt an, dass King in der Death of Evil-Predigt
sen sind“ (The Papers of Martin Luther King, die Menschlichkeit des Gegners betonte, indem
Jr. Volume II, 1997, S. 303, s. Lesetipps). er „seine Zuhörerschaft einlud, die Szene durch
An diesen Worten erkennt man, wie King die die Augen von Figuren zu betrachten, die mit
Geschichte nutzte, um die gegen tief verwurzelte dem Leiden der Ägypter mitfühlten. Das Ereig-
rassistische Institutionen kämpfende Bewegung nis symbolisierte also nicht die Zerstörung von
aufrechtzuerhalten: Erstens lässt sich an Kings Israels persönlichen Feinden, sondern vielmehr
Verwendung des Wüstenwanderungs-Motivs das Zerschlagen der Unterdrückung und Aus-
gut ablesen, wie wichtig es ist, dass die Bürger- beutung“ (Selby, S. 60). Statt die amerikanische
rechtsaktivistinnen und -aktivisten zum Durch- weiße Bevölkerung als eine anonyme Gruppe,
halten bereit sind, genau wie die Hebräerinnen als „die Anderen“ darzustellen, wie die Ägypter
und Hebräer auf der Suche nach dem Gelobten und die Kanaanäer in der Geschichte vom Ex-
Land – wie King einmal sagte, „man kommt odus, wurden die Anderen in Kings Erzählung
nicht ins Gelobte Land, ohne zuvor durch die miteinbezogen.
Wüste zu gehen“ (Selby, S. 8). Zweitens passte Seine Theologie erzählte den Exodus ange-
das Bild der unermüdlichen Hebräer auf dem reichert mit neutestamentlichen Bildern eines
Weg ins Gelobte Land gut zu einer Schlüssel- liebenden Gottes, der sich nicht nur des auser-

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welt und umwelt der bibel 2/2019
„Let my People go!“

wählten Volkes, sondern auch der Nicht- Kings Verwendung der Exoduserzäh- alte Narrativ verändert wurde, um jenen
juden annahm. King verkündete, „Wir lung nutzte also zugleich die tief verwur- in der Rolle der Ägypter und der Kana-
müssen daran glauben, dass ein Geist zelte Verbindung der Geschichte mit der anäer ebenfalls Mitgefühl zukommen zu
voller Vorurteile sich ändern kann, und afroamerikanischen Kultur, positionier- lassen. Durch diese Rezeption der Exo-
dass der Mensch durch Gottes Gnade te die Bürgerrechtsbewegung auf das duserzählung konnte die Bürgerrechts-
aus dem Jammertal des Hasses zu den jenseitige Ufer des Roten Meeres, ver- bewegung tief gehende gesellschaftli-
Höhen der Liebe gelangen kann“ (King, breitete das Konzept eines Universums, che Veränderungen in den Vereinigten
S. 32). Für King zerstörte Gott nicht die in dem das Gute immer siegt – und sorg- Staaten antreiben und zugleich andere
Ägypter im Roten Meer, sondern die Un- te so für das Gefühl, dass ein Sieg un- Freiheitsbewegungen auf der Welt in­
terdrückung, für die sie einst standen. ausweichlich ist – während zugleich das spirieren. W

Lesetipps
Der Beitrag basiert auf folgender Publikation:
• Matthew J. M. Coomber, Before Crossing
the Jordan: The Telling and Retelling of the
Exodus Narrative in African-American History,
in: Athalya Brenner/Gale A. Yee (Hg.), Exodus
and Deuteronomy (Texts @ Contexts series),
Minneapolis: Fortress Press 2012, mit freund-
licher Genehmigung.

• Eddie S. Glaude Jr., Exodus! Religion,


Race, and Nation in Early Nineteenth-
Century Black America, University of
Chicago Press 2000.
• Octavia V. R. Albert, The House of Bondage;
Or, Charlotte Brooks and Other Slaves Origia-
nal and Life Like, as They Appeared in Their
Afrikanische Sklaven Old Plantation and City Slave, New York,
auf dem Weg zu den Cosimo (1890) 2005.
Sklavenhändlern. • Scott M. Langston, Exodus through the
Geschnitztes Elfenbein, Centuries, Oxford, Blackwell 2006.
Westafrika, spätes 19. Jh. • David W. Kling, The Bible in History,
National Maritime Muse- How the Texts Have Shaped the Times,
um, Greenwich, London, Oxford University Press 2004.
Michael Graham-Stewart • Gary S. Selby, Martin Luther King and
Slavery Collection. the Rhetoric of Freedom: The Exodus in
America’s Struggle for Civil Rights, Waco,
University Press 2008.
• The Papers of Martin Luther King Jr.,
Volume II, July 1951–November 1955, Clay-
borne Carson, Peter Holloran et. al.,
eds. Berkeley University of California 1997
© National Maritime Museum, Greenwich, London

Prof. Dr. Matthew J. M.


Coomber ist Professor für
Theologie an der St. Am-
brose University (Iowa/
USA) mit Schwerpunkten
auf der Inkulturation von
biblischen Texten und
deren Folgen für soziale
Bewegungen, sowie postkoloniale Studien. Er
ist Priester der Episcopal Church in the United
States of America. Demnächst erscheint von
ihm ein Kommentar Amos and Micah Through
the Centuries in der Reihe Blackwell Bible
Commentaries (Oxford).

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welt und umwelt der bibel 2/2019 55
Befreiungstheologische relecturas politischer Akt Gottes. Gottes Eingreifen in die
Geschichte und seine Erfahrbarkeit in der Ge-
der Exoduserzählung schichte haben darüber hinaus paradigmatische
Bedeutung: Der Exodus ist Gegenwart, nicht nur

Der Schrei
in der liturgischen Erinnerung. Auch heute kann
auf diesen Gott der Geschichte gehofft, kann zu
Gott geschrien werden. Auch in unserer Gegen-
wart kann Befreiung in einem „biblischen“ Maß

meines Volkes
erfahren werden: Gott wirkt auch heute.

Befreiung und Bund: Gott lässt sein Volk nicht


in der Wüste sitzen. Aus der Unterdrückung
befreit, gibt Gott ihm sogleich ein neues Regel-
Unterdrückung, Unfreiheit, Armut … Viele Aspekte der werk, ein Gesetz, das die neu gewonnene Frei-
Exoduserzählung finden sich in den Lebenswelten heit vollkommen machen soll. Der Bund im Zei-
chen der Tora engt die Freiheit nicht erneut ein,
Lateinamerikas. Hier entsteht in den 1960er-Jahren die sondern erfüllt sie – denn er schafft Gerechtig-
Befreiungstheologie. Sie liest den Exodus aus der Sicht keit und Geschwisterlichkeit, eine neue Gemein-
der Armen. Die Bibel erzählt vom Schrei der Israeliten schaft, die alternative Beziehungen pflegen kann:
Der Exodus weist weit über sich hinaus, schafft
damals – und die Theologie der Befreiung formuliert Verpflichtungen und gibt eine Verheißung. Auch
den Schrei der Armen heute. Von Stefan Silber hier zeigt er sich als eine Herausforderung für die
Gegenwart: Befreiung und Bundesverpflichtung
müssen schon von den Propheten immer wieder
neu eingefordert werden.
Zu Beginn des Exodusbuchs wird die Un-

G
emeinsam mit Gott hören wir einen terdrückung des Volkes in vielen Details be-
Schrei“, schreibt Papst Franziskus in schrieben: Männer werden durch Zwangsarbeit
Evangelii Gaudium (EG 187), nämlich belastet, Frauen durch die Kontrolle ihrer Kör-
„den Schrei der Armen“. In der Enzyklika Lau- perlichkeit und Fruchtbarkeit. Befreiungsver-
dato Si’ wird der Papst sagen, dass dieser Schrei suche werden abgewehrt, Gewalt eskaliert zu
zugleich „der Schrei der Erde“ (LS 49) ist. Der noch mehr Gewalt. Viele dieser Aspekte finden
Die relectura in der Bezug zum Schreien des Volkes, von dem Gott in unmittelbare Resonanz in den Lebenswelten La-
Befreiungstheologie Ex 3,7 sagt, dass er es gehört hat, ist unüberseh- teinamerikas, aus denen sich die Befreiungstheo-
Relectura (span., „Relek- bar. Um die Tragweite des Zitats in den päpst- logie bis heute nährt. Der Schrei der Armen und
türe“, portugies. releitura) lichen Dokumenten zu erkennen, muss man der Schrei der Mutter Erde sind darin unmittelbar
ist ein Leitbegriff der einen Blick auf die verschiedenen relecturas zu vernehmen.
Befreiungstheologie. Bi- (s. Erklärung) dieser wichtigen biblischen Texte
beltexte werden „wieder“
der lateinamerikanischen Theologie der Befrei- Neue Schreie, neue Erzählungen: In der Theo-
gelesen, neu interpre-
ung werfen. logie der Befreiung wurde von Beginn an eine
tiert. Dabei entsteht ein
kritischer Einspruch gegen
Pluralität von Motiven aus dem Exodus aufge-
Lebensumstände, in Gott macht Geschichte: Die zahlreichen Moti- griffen, ebenso wurden die Ergebnisse der his-
denen die Menschenwürde ve der Exoduserzählung spielen von Anfang an torischen Kritik sehr aufmerksam verwendet. In
missachtet wird; gegen eine zentrale Rolle in der Befreiungstheologie. der Gegenwart lässt sich feststellen, dass neue
traditionelle Auslegungen Denn sie erzählen von einem Gott, der sich in gesellschaftliche Stimmen auch neue Narrative
der Bibel, die dazu miss- einer Welt der Unterdrückung auf die Seite der im Buch Exodus entdecken. So entstehen immer
braucht wurden, Men- Verlierer stellt. Dieser Gott findet sich nicht ab wieder neue relecturas dieses scheinbar so be-
schen zu unterdrücken. Im mit der Macht- und Ordnungspolitik der Herr- kannten und schon so oft gedeuteten Textes.
Zentrum jeder Bibellektüre schenden und ihrer Götzen. Gott offenbart ei- Ein Beispiel für einen neueren theologischen
stehen die Opfer, und die
nen Namen, der Anwesenheit, Veränderlichkeit, Ansatz ist die Entdeckung und Aktualisierung
Bibel kann nur ein Mittel
Hilfe und Begleitung erkennen lässt, aber nicht der Frauenerzählungen im Exodus durch ein
sein, um Menschen zu
befreien. Bisweilen muss
festschreibt. Und Gott findet sich nicht mit dem tieferes Bewusstsein von der Rolle der Frauen
in einer relectura auch die scheinbar natürlichen oder gottgegebenen Sta- und ihrer Unterdrückung. Schifra und Pua und
Bibel selbst befreit werden tus quo ab: Gott macht Geschichte. die schwangeren Hebräerinnen in Ex 1, die Toch-
– wenn sie als Mittel zur Das Spalten des Meeres ist für die Befrei- ter des Pharao und ihre Dienerinnen wie auch
Unterdrückung dient. ungstheologie kein Naturwunder, sondern ein das hebräische Mädchen und die Midianiterin

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Zippora in Ex 2: Alle diese Erzählungen reflek-
tieren Erfahrungen von weiblicher Sexualität
und Fruchtbarkeit und ihrer Bedrohung, von
interkultureller Solidarität und Schwesterlich-
keit und ihren Grenzen – und von Weisheit und
Re­silienz der Frauen angesichts von Krankheit,
Tod und patriarchaler Unterdrückung.

Auch heute kann auf diesen


Gott der Geschichte gehofft,
kann zu Gott geschrien werden

Bei den ägyptischen Plagen wird nun die


Frage nach den im Text abwesenden armen
ägyptischen Frauen und ihren (erstgeborenen!)
Kindern gestellt: Waren die nicht auch von den
Plagen betroffen? Muss nicht heutige feministi-
sche Solidarität auch nach dem Schicksal dieser Die Meerteilung auf einem Bus in La Paz, Bolivien.
armen Frauen fragen, die unter der Härte des In Lateinamerika wurde die Exoduserzählung zu einem Impuls
pharao­nischen Herzens doch wohl ebenso gelit- für die Befreiung aus Unterdrückung.
ten haben wie die hebräischen Frauen? Solche
Fragen helfen, die klassischen Dichotomien in
der Interpretation des Exodus aufzubrechen und stands gegen die Herrschaft, die Menschen ohn-
auch heutige Unterdrückung differenzierter zu mächtig machen will. Manchmal kann solcher
betrachten. Widerstand die Unterdrückung verschärfen,
manchmal schafft er aber einen Freiraum, der
Exodus im Alltag: Der biblische Exodus spielt wiederum neue Befreiungsschritte ermöglicht.
nicht nur am Meer und in der Wüste, sondern Der Schrei zu Gott kann auch in diesen kleinen
vor allem im Haus oder im Zelt, in der Familie Schritten wirksam sein.
und in der Nachbarschaft. Solche Lebensbe- Die Befreiung ist aus der Sicht der Befrei-
reiche sind Menschen in Lateinamerika auch ungstheologie nicht nur Geschichte, sie ge-
heute sehr wichtig. Während die frühe Befrei- schieht auch heute, ebenso wie ihr Gegenteil,
ungstheologie den Exodus auf große politische die Zwangsarbeit und Kontrolle weiblicher Se- Lesetipps
Konstellationen hin aktualisierte, werden in der xualität. Die Theologie der Befreiung zeigt, wie • José Severino Croatto:
Gegenwart verstärkt Alltagserfahrungen und die biblischen Erzählungen vom Exodus auch Die soziohistorische und
fragmentarische, vorübergehende Verwirkli- heute so gelesen werden können, dass sie uns hermeneutische Bedeutung
chung von Befreiung in den Blick genommen – helfen, ebenfalls den Schrei der Armen und des Exodus, in: Concilium
so, wie der mutige Widerstand der hebräischen den Schrei der Erde, die vor Gott gekommen 23 (1987) 1, 82–88.
Hebammen und die strategische Weisheit der sind, zu hören. W • Tânia Mara Vieira Sampa-
Mutter und der Schwester des Mose, die für sein io: Un Éxodo entre muchos
Überleben sorgen. otros Éxodos. La belleza de
Wichtig ist in der aktuellen Befreiungstheolo- Prof. Dr. Stefan Silber lehrt lo transitorio oscurecida por
gie auch der Bezug zu den körperlichen Erfah- Systematische Theologie an el discurso de lo permanen-
© Friedrich von Hörsten / Alamy Stock Foto

rungen der Menschen, der auch im Buch Exo- der Katholischen Hochschule te. Una lectura de Exodo
dus klar zu erkennen ist: Das Leben des Volkes NRW in Paderborn, leitete von 1-15, in: RIBLA 23 (1996)
ist von Hunger und Krankheit, Unterdrückung 1997–2002 das Diözesane 75–87.
und Schwerstarbeit, Fruchtbarkeit und Mord Zentrum für KatechistInnen in
Potosí/Bolivien und koordiniert
gekennzeichnet. Gott wird in der Überwindung
die deutschsprachige „Plattform
dieses Leids körperlich erfahren. Theologie der Befreiung“.
Zuletzt ist von ihm erschienen:
Exodus und Widerstand: Das Buch Exodus Kirche, die aus sich herausgeht. Auf dem Weg der pasto-
erzählt zudem von kleinen Schritten des Wider- ralen Umkehr, Echter Verlag 2018.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 57
Ikone der Freiheit – Symbolfigur der christlichen Frauenbewegung

Mit Mirjam durch das Schilfmeer


Der Exodus hat eine weitere Befreiungstheologie begründet: die feministische Theologie. Das Lied der
Mirjam nach der Rettung am Schilfmeer spielt dabei eine besondere Rolle. Von Katrin Brockmöller

Seit den 1980er-Jahren entwickelte sich Manifest der Israels, deren Wissen, Gottesbeziehung
innerhalb der weltweiten Befreiungs- feministischen und Führungsaufgabe zugunsten eines
theologien eine feministische Theologie. Befreiungstheo- männlichen Kollegen (Mose) unsicht-
Ihr Anliegen war die Befreiung von Frau- logie: Erstauflage bar wurde. In der Fassung der EÜ 2016
en aus patriarchalen Machtverhältnis- der maßgeblichen lautet die Überschrift nun: „Moses und
sen, aber zugleich eine gerechte Erneu- Schrift von 1982. Mirjams Siegeslied“.
erung von kirchlichen Strukturen und Vergessene oder verdrängte Frauen-
theologischen Denkmustern. Mirjam geschichte neu zu erzählen, war eines
wurde (neben Maria von Magdala) zu der erklärten Ziele dieser Phase der
einer Symbol- und Identifikationsfigur. Frauenbewegung. Ausgehend von der
Der bekannteste Text über Mirjam ist jüdischen Tradition, dass jede/r durch
sicher ihr Lied in Exodus 15,20-21: „Die die Erfahrungen des Kirchentages und das Schilfmeer zog, formulierte Herta
Prophetin Mirjam, die Schwester Aa- dokumentiert diesen wichtigen Meilen- Leistner: „In jeder Generation zieht jede
rons, nahm die Pauke in die Hand und stein der feministischen Bibelauslegung; Frau aus Ägypten weg. Es ist nicht so als
alle Frauen zogen mit Paukenschlag und im Vorwort heißt es: „Der Text forderte ob wir die ersten wären, die aufbrechen
Tanz hinter ihr her. Mirjam sang ihnen uns heraus, zu überlegen, was das für – auch Frauen sind schon durch die
vor: Singt dem Herrn ein Lied, denn er ist uns und für andere Frauen heißt: aus- Jahrhunderte auf dem Weg. Sie wurden
hoch und erhaben! Ross und Reiter warf ziehen aus der fremden Heimat, in der nur in der Kirche immer als Töchter und
er ins Meer.“ Mirjam wird als Schwes- Wüste den Weg suchen; eingeklemmt Erbinnen Evas und damit als Urheberin-
ter von Mose und Aaron gezeichnet. Sie sein zwischen dem Alten, das uns von nen allen Unheils angeprangert.“ (S. 57)
stirbt nach Num 20,1 in Kadesch, noch hinten mit Macht einholt, und dem Neu-
auf der Wüstenwanderung. Im Buch Mi- en, das undurchdringlich vor uns liegt;
cha 6,4 werden alle drei Geschwister als stille sein, standhalten und diesem Gott Mirjam als Streiterin für theo-
Führungsgestalten des Exodus benannt: trauen. Auch damit fertig werden, daß logische Pluralität
„Ich habe dich aus dem Land Ägypten Menschen in dem Prozeß der Befreiung Als in den 1990er-Jahren immer deutli-
heraufgeführt […] Ich habe Mose vor dir auf der Strecke bleiben; und uns freuen, cher wird, dass die Bibeltexte während
hergesandt und Aaron und Mirjam.“ daß Roß und Reiter, die Macht der Mäch- und nach dem Babylonischen Exil über-
tigen, der Männlichkeitswahn, unsere arbeitet wurden, ändert sich auch der
Verehrung von männlicher Macht, im Blick auf das Mirjamlied. Die berühmten
Wir sind Mirjam – Frauengeschich- Meer versinken.“ Verse sind nicht mehr „ältester Text“ der
te sichtbar machen Elisabeth Moltmann-Wendel las das Bibel. Nun dafür aber Zeugnis der nach-
Der Auszug und die Rettung am Schilf- Lied der Mirjam – wie damals exegeti- exilischen Diskussionen im 6./5. Jh. vC:
meer, Ex 13,17–14,31, war der offizielle scher Konsens – als einen der ältesten Wie sollte das Leben im Gelobten Land
Text für die Bibelarbeiten beim Kirchen- Bibeltexte überhaupt. So wurde das Lied neu gestaltet werden? Wer hat den wah-
tag am 18. Juni 1981. Erstmals fand da- der Prophetin Mirjam zu einem Beispiel ren Glauben? Darf es am Tempel weibli-
neben ein eintägiges Forum „Frauen der Unterdrückung von Frauengeschich- ches Kultpersonal geben? Können Frau-
bewegen Kirche“ statt. Die Theologin- te: Denn diesem älteren Frauenlied- en prophetisch reden?
nen Herta Leistner, Heidemarie Langer Schlussakkord am Schilfmeer wurde Da die Heimkehr aus dem Exil schon
und Dr. Elisabeth Moltmann-Wendel später das Lied des Mose vorangestellt bald als neuer Exodus interpretiert wur-
entschieden nach dem offiziellen Work- (Ex 15,1-19). Diesen langen Text vor das de, setzen sich im 6. Jh. vC auch ver-
shop, wo sich die offensichtlich männli- kurze Mirjamlied zu stellen, wurde all- schiedene theologische Positionen bei
che Lesart der Texte vor allem für histo- gemein als Deklassierung der Prophetin der Überarbeitung der Exoduserzählung
rische und militärgeschichtliche Fakten Mirjam gedeutet. Bis vor Kurzem lautete je ihr Denkmal. Ursula Rapp versteht
interessierte, das Mirjamlied Ex 15,20-21 auch die Überschrift in der Einheitsüber- das Mirjamlied als Programmtext einer
zu ihrer Bibelarbeit hinzuzunehmen. setzung (EÜ 1980): „Moses Siegeslied“. liberalen Gruppe, die das Lied hinter das
Das kleine Büchlein „Mit Mirjam Mirjam wurde nicht erwähnt und so zu Moselied stellen konnte – und damit in-
durchs Schilfmeer“ (1982) reflektiert einer der vielen Frauen der Geschichte haltlich betonte. Mose und Mirjam wer-

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Büchertipps

den so zu Prototypen des theo- Exodus Israel’s Exodus in


logischen Richtungsstreites Die Beiträge in dieser Transdisciplinary
in der Perserzeit: Das Lied des Ausgabe der Reihe Perspective
Mose fordert Glauben an JHWH „Bibel und Kirche“ Ein wichtiger (und
und Glauben an seinen Knecht ergänzen diese geradezu erschlagen-
Mose. Das Mirjamlied ruft dage- WUB-Ausgabe: Hier der) interdisziplinärer
gen zum Lobpreis über den Un- werden exegetische Forschungsband, der die
tergang der feindlichen Kriegs- Informationen und internationalen Diskurse
maschinerie auf. Irmtraud zentrale theologische zum Exodus spiegelt: Fragen der Archäologie
Fischer, Professorin für Altes Motive erläutert, etwa der Moseberufung, und Datierung, Einordnungen in die ägypti-
Testament in Graz, betont, der Gottesrede, der Auszugserzählung, sche und altorientalische Umwelt, literatur-,
dass Mirjam eine prophetische der Gotteserfahrung am Sinai ... Sehr zu kultur- und erinnerungsgeschichtliche sowie
Funktion wahrnimmt, sie deu- empfehlen. bibeltheologische Aspekte und ebenso die
tet den Exodus theologisch Exodus, Bibel und Kirche 2/2007, spätere Rezeption.
und vermittelt die Antwort des 64 S., EUR 2,-; als gedruckte Ausgabe oder T. E. Levy/T. Schneider/W. H. C. Propp (Hg.)
Volkes an seine Gottheit. An- PDF erhältlich. Bestellung bei: Katholisches
­­ Israel’s Exodus in Transdisciplinary Per-
scheinend gab es eine Gruppe Bibelwerk e.V. , Tel.: 0711-6 19 20 50, spective: Text, Archaeology, Culture, and
im nachexilischen Israel, die E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de Geoscience, Springer 2015, 584 S., ISBN
Frauen diese prophetisch-theo- 978-3319047676, EUR 101,64.
logisch-vermittelnde Position
klar zugestand. Ursula Rapp Dreiklang zum
geht sogar noch einen Schritt Exodus Geschichte Israels
weiter und sieht in „allen Frau- In der Kommentarreihe Das besondere dieser
en“, die tanzend hinter Mirjam „Neuer Stuttgarter Kom- Geschichtsdarstellung
herziehen, das weibliche Kult- mentar“ sind zum Buch ist die starke Einbezie-
personal des Zweiten Tempels. Exodus drei ausgezeich- hung der vorderorien-
In jedem Fall sind die Pro- nete Bände erschienen: talischen Archäologie
phetin Mirjam und ihr Tanz bis • Das Buch Exodus, Georg und aller verfügbaren
heute ein bewegender Teil der Fischer/Dominik Markl, Zeugnisse auf dem
Exodustradition, deren „Wie- ISBN 9783460070219 aktuellen Stand. Frevel
derentdeckung“ eine enorme • Das Buch Exodus im Judentum, Daniel erklärt dabei transparent Deutungen,
befreiungstheologische Wir- Krochmalnik, ISBN 9783460073333 Hypothesen und Schlüsse – und auch, wo
kung entfaltet hat. • Das Buch Exodus bei den Kirchenvätern, die Grenzen der historischen Rekonstruk-
Theresia Heither, ISBN 9783460073340 tion liegen. Die Geschichte Israels – und
Literaturtipps Katholisches Bibelwerk 2009 / 2000 / 2002, ihre Darstellung in der Bibel – wird hier im
• Irmtraud Fischer, Gotteskünde- EUR 34,90 / 20,90 / 22,90. Zusammenang ihrer Umwelt verständlich.
rinnen. Zu einer geschlechterfai- Christian Frevel, Geschichte Israels, 2. erwei-
ren Deutung des Phänomens der terte, überarbeitete Aufl. Kohlhammer 2018,
Propehtie und der Prophetinnen in Exodus – Die ISBN 9783170354203, 489 S., EUR 36,–.
der Hebräischen Bibel, Kohlham- Revolution der
mer 2002. Alten Welt Interpretation durch
• Ursula Rapp, Mirjam. Eine Jan Assmann auf Rezeption
feministisch-rhetorische Lektüre seinen gelehrten Die Beiträge dieses
der Mirjamtexte in der hebräischen Ausführungen zu fol- Sammelbands, zurückge-
Bibel, De Gruyter 2002. gen, ist eine Freude. hend auf ein Symposion
Leitgedanke ist, dass in Regensburg 2017,
der Exodus weltge- zeigen eindrucksvoll, wie
schichtliche Folgen sehr die Exoduserzählung
Dr. Katrin Brock-
möller ist Direktorin und politisch revolutionäre Wirkmacht hat. schon innerbiblisch immer neu zu wirken
des Katholischen Er analysiert viele Exodus-Motive – und beginnt: im Alten wie im Neuen Testament,
Bibelwerks e.V. zeigt, wie der Mythos von der neuen Religi- im frühen und rabbinischen Judentum wie in
Zahlreiche Publika- on vom Sinai nicht zuletzt die europäische der Kunstgeschichte.
tionen zu biblisch- Geschichte geprägt hat. Matthias Ederer/Barbara Schmitz, Exodus –
pastoralen Themen,
Jan Assmann, Exodus – Die Revolution Interpretation durch Rezeption, Katholisches
zuletzt erschienen: „Sonntagsworte zur
der Alten Welt, C. H. Beck 2015, ISBN Bibelwerk 2018, ISBN 9783460510395,
neuen Einheitsübersetzung im Lese-
jahr C“ (Katholisches Bibelwerk 2018). 9783406730252, 543 S., EUR 18,95. 304 S., EUR 39,99.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 59
aus der welt der bibel

© Oskan Bilgin/ Anadolu Agency/AFP

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Inhalt
60 bis 67
Panorama
Archäologie für syrische Flüchtlingskinder
in Jordanien
Forschungen zu koptischen Zaubersprüchen
Ungewöhnlicher Fund in einem westfälischen
Frauenkloster

68 bis 71
Die großen Städte der Bibel
Eine Stadt mit internationalen
Beziehungen. Hazor

72 bis 75
Die Bibel in berühmten Gemälden
Francisco de Goya: Die Gefangennahme Christi

76 bis 77
Ausstellungen und Veranstaltungen

ägypten: Das Grab des priesters wahtye

Leuchtende Farben nach 4400 Jahren

A uf dem Gelände der riesigen


Nekropole Sakkara, etwa 40 km
von Kairo entfernt, in der Nähe der
Der Besitzer des Grabes war ein
hochrangiger Priester namens
Wahtye, der unter der Herrschaft
alten Hauptstadt Memphis, ent- von Neferirkare (2474–2455 vC) lebte,
deckten ägyptische Archäologen dem dritten Pharao der 5. Dynastie.
das offenbar unberührte Grab eines Inschriften verraten seine Titel und
Priesters. In dem rund 10 m langen damit seine Bedeutung: Königlicher
und 3 m breiten Grab fanden sich Priester der Reinigung, Königlicher
Wandmalereien, deren Farben un- Aufseher und Königlicher Inspektor
gewöhnlich gut erhalten sind. Sie des heiligen Bootes. Er beaufsichtig-
zeigen Segelboote, Familieneinbli- te also die Rituale, die der Pharao im
cke und Jagdszenen. Bemerkens- Tempel durchführte.
wert sind auch 24 fast lebensgroße Es wurden weitere Schächte ent-
Statuen in den Nischen rund um die deckt. Die Archäologen hoffen da-
Trauerhalle, die den Verstorbenen rauf, den Sarkophag des Wahtye
und seine Familie darstellen. noch zu finden. W (MdB/WUB)

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welt und umwelt der bibel 2/2019 61
panorama

Archäologie für syrische Flüchtlingskinder in Jordanien

Die Stimme in der Wüste


Als Teildisziplin der Altertumswissenschaft beschäftigt sich die Archäologie mit
der materiellen Hinterlassenschaft der Vergangenheit. Ihr Anliegen ist es, aus
Bruchstücken ein Bild der Lebensumstände im Altertum wieder herzustellen.
Dass diese Methodik dieser Wissenschaft auch zur Bewältigung von Krisensitua-
tionen eingesetzt werden kann, zeigt ein von der Gerda Henkel Stiftung seit 2016
unterstütztes Projekt in Jordanien. Von Thomas M. Weber-Karyotakis

D ie Zielgruppe sind syrische und jor-


danische Mädchen und Buben im
Grund- und Hauptschulalter (Abb. 3),
die im Großraum der antiken Ruinen-
stadt Umm al-Jimal des Regierungsbe-
zirks Mafraq (Abb. 1) seit dem Ausbruch
des syrischen Bürgerkrieges zusam-
menleben. Dieser Distrikt, der sich in
der Wüstenzone im Nordosten des Ha-
schemitischen Königreiches bis zur ira-
kischen Grenze erstreckt, ist der ärmste
des Landes: Wegen des hohen Anteils
Abb. 1: Das Ruinenfeld von Umm al-Jimal, in der Spätantike ein
von landwirtschaftlich und industriell
blühender Umschlagplatz des arabischen Karawanenhandels.
kaum nutzbaren Landes liegt hier die
Arbeitslosenquote höher als anderswo
in Jordanien. Zudem hat die Regierung
hier die Hauptlast der Syrienkrise zu tra- des Haurangebirges, das heute wegen gleich auch eines der Kerngebiete für die
gen, denn dort befinden sich die beiden der Staatenbildung infolge des europä- Geschichte des Islam. Dies wird in den
größten Flüchtlingslager in Azraq und ischen Kolonialismus unter Syrien und Klassen als Teil der Universalgeschich-
az-Za’atari. Kaum einer der heutigen Be- Jordanien aufgeteilt ist. Die Schülerin- te der römischen, byzantinischen und
wohner erinnert sich daran, dass hier nen und Schüler verstehen so, dass es umayyadischen Imperien vermittelt.
bis 1948 eine der ältesten Öl-Pipelines diese Staatengrenze im Altertum bis Handgreiflich wird den Kindern und
zwischen Bagdad und Haifa verlief, die hin zur Neuzeit nie gegeben hat und Jugendlichen dabei die Zielsetzung und
die technologische Entwicklung und dass sie eine gemeinsame Vergangen- Arbeitsweise der Archäologen in dem
den Wohlstand in der westlichen Welt heit und Kultur miteinander teilen. Un- Ruinenfeld der antiken Karawanenstadt
begründeten. In diesem Gebiet leben ter römischer Herrschaft im Vorzeichen Umm al-Jimal nähergebracht.
heute knapp eine Million Vertriebene der Pax Romana war dies eine blühende
aus dem nördlichen Nachbarland, zum Kulturlandschaft. In den nachfolgen- Dort können die Kinder selbst Zeich-
Teil in den beiden genannten Lagern, den Epochen war sie immer wieder von nungen von Grund- und Aufrissen der
zum Teil bei Verwandten in der Umge- Naturkatastrophen und räuberischen verfallenen spät­antiken Häuser anferti-
bung der Dörfer. Einfällen von kriegerischen Völkern gen. Des Weiteren werden griechische,
© Thomas M. Weber-Karyotakis

In improvisierten Klassenräumen in gezeichnet. Hier fanden nicht nur die lateinische und nabatäische Inschriften
Umm al-Jimal und in Zaatari erhalten aus der Apostel­ geschichte bekannten entziffert und von einheimischen Ar-
die Kinder und Jugendlichen seit 2016 frühen Episoden der christlichen Dias- chäologen erklärt. In kleinen vorberei-
einen Unterricht, wie sie ihn sonst von pora statt. Mit der Verheißung des Pro- teten Grabungsarealen lernen die Mäd-
Schulen her nicht kennen: Es dreht phetenamtes an Muhammed durch den chen und Jungen das Einsammeln und
sich dabei um die Vergangenheit ihrer christlichen Mönch Bahira in der Han- Deuten von Keramikscherben. Sie erfah-
gemeinsamen Vorfahren in dem Gebiet delsmetropole Bosra ist der Hauran zu- ren dabei, dass man aus Bruchstücken

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Panorama

etwas wieder zusammensetzen kann, was


einen Teil von vergangenen Lebenswelten
von Menschen widerspiegelt (Abb. 2). Auf
regelmäßig stattfindenden Ausflügen zu-
sammen mit ihren Geschwistern und Eltern
entrinnen sie nicht nur dem tristen Alltag in
den Lagern, sondern verstehen auch, dass
die Ruinenstätte von Umm al-Jimal einen
großräumigen kulturellen Kontext besaß.
Neben der Versorgung mit warmem Es-
sen versucht die Projektleitung, so weit er-
forderlich, fehlende Grundbedürfnisse wie
etwa Kleidung oder Schulausrüstung zu
besorgen. Was aber das Hauptelement des
Projektes darstellt, ist das gemeinschaftli-
che Erleben von kulturellen Veranstaltun-
gen wie etwa einem von einem Berliner Ju-
gendorchester zusammen mit den Kindern
in den Ruinen veranstalteten Musikkonzert.
Durch die positive Aufnahme nicht nur bei
den syrischen Flüchtlingen, sondern auch
bei ihren jordanischen Gastgebern hat das
Projekt eine Stimme erhalten, die weit über
die engeren Grenzen des Regierungsbezir-
kes Mafraq ertönt. Die ausschließlich mus-
limischen Bewohner von Umm al-Jimal, die
als vormalige Beduinen dem Stamm der
Mesa’id angehören, haben die Christen Jor-
daniens und der benachbarten Länder 2014
zu einer Wallfahrt in den Ruinenort eingela-
den. Seitdem wird in der dortigen Ruine der Abb. 2: Ein syrischer Junge, der im Bürgerkrieg nahe Verwandte verloren
byzantinischen Kathedrale, in unmittelba- hat, mit einem von ihm wieder zusammengesetzten (neuzeitlichen) Ton-
rer Nähe der syrischen Grenze, jährlich als krug: Die geklebten Risse werden bleiben, aber Zerstörtes wurde von ihm
Höhepunkt der christlichen Pilgerreise die wieder hergestellt.
Heilige Messe als Zeichen der Versöhnung,
Toleranz und Nächstenliebe mit den musli-
mischen Gastgebern gefeiert.
In dem bei der Konrad-Adenauer-Stiftung
am 12. Januar 2015 erschienenen Essay des
jordanischen Prinzen Hassan bin Talal mit
dem Untertitel Die richtige Antwort auf den
„Islamischen Staat“ ist keine lasergesteuerte
Waffe, sondern Good Governance stellt die-
ser abschließend fest: „In jeder Gesellschaft
gibt es Risse, und in konfliktreichen Zeiten
fällt es leicht, diese mit Gewalt zu öffnen. Po-
litikerinnen und Politiker müssen sich aktiv
dafür einsetzen, dass gestärkt wird, was uns
beide © Thomas M. Weber-Karyotakis

verbindet. Wir müssen uns und den jüngeren


Generationen unbedingt in Erinnerung ru-
fen, dass wir ein gemeinsames, ein eigenes Abb. 3: Ein Teil einer aus syrischen und jordanischen Kindern und
Erbe, das Mare Nostrum, haben.“ W Jugendlichen bestehenden Klasse des „Hauran Cultural Center“-Projektes
Thomas M. Weber-Karyotakis der Gerda Henkel Stiftung mit ihren arabischen Lehrern vor der Replik
Deutsch-Jordanische Universität des Ediktes des byzantinischen Kaisers Anastasios I (491–518) in Umm
Amman al-Jimal.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 63
panorama

ausstellung noch nicht veröffentlichter funde

Schnellstraße durch die Geschichte


jerusalem „Schnellstraße durch die Überall in Bet Schemesch wurden Fragmente
Geschichte“ (Highway through Histo- von Pfeilerfiguren gefunden. Sie könnten Zeugnisse
ry): Unter diesem Titel zeigt das Bibel- eines Fruchtbarkeitskultes sein.
museum in Jerusalem von Mitte März
bis Ende August antike Funde, die bei
einer Rettungsgrabung beim Ausbau
der Schnellstraße 38 beim Tel Bet Sche-
mesch freigelegt wurden.
Dabei fanden Archäologen Reste ei-
ner judäischen Siedlung aus den letz-
ten Jahrzehnten des 7. Jh. vC, die laut
Mitteilung ein neues Licht auf die Ge-
schichte des Königreichs Juda unter as-
syrischer Herrschaft werfen. Entgegen
der bisherigen Annahme, dass das an- assyrischer Herrschaft. Darauf weisen freizugeben, hieß es. Die Notgrabungen
tike Bet Schemesch nach der Rebellion u. a. Funde hin, die eine groß angelegte haben laut dem Museum eine Debatte
Hiskias 701 vC unter dem Assyrerkönig Ölproduktion aufzeigen, die offensicht- über die Bedeutung des Erhalts kultu-
Sanherib vollständig zerstört wurde, lich den lokalen Bedarf weit überstieg. rellen Erbes ausgelöst. Unter anderem
belegen die neuen Entdeckungen eine Aufgrund des großen öffentlichen führten die Funde zu einer Re-Evaluie-
Wiedererrichtung der Stadt am Osthang Interesses habe die Israelische Anti- rung der Baupläne, einschließlich der
des Hügels. Offensichtlich wurde sie kenbehörde zugestimmt, die Funde vor Aufgabe einer geplanten Anschluss-
zu einem wichtigen wirtschaftlichen ihrer wissenschaftlichen Untersuchung stelle. Die Baupläne werden als Teil der
Zentrum der Region Juda unter neu- und Publizierung für die Ausstellung Ausstellung gezeigt. W (KNA/WUB)

Forschungsprojekt zu koptischen zaubersprüchen

Wenn die ­Göttin Isis mit Jesus spricht


Texte voller Zaubersprüche stehen im Zentrum eines neuen Forschungsprojekts

© Courtesy of the Israel Antiquities Authority, photograph: Tal Rogovskyi


an der Universität Würzburg. Sie verraten viel über das religiöse Leben in
Ägypten am Übergang von der traditionellen Religion zu Christentum und Islam.

D ie Zeit zwischen dem 4. bis zum 12.


Jh. war in Ägypten eine Zeit großer
religiöser Umbrüche: Ab der Mitte des
ägyptischen Gottheiten auch weiterhin.
Magische Papyri aus diesen Jahrhun-
derten verraten, dass religiöse Überzeu-
ein bis zwei neue“, sagt Dr. Korshi Do-
soo, der verantwortlich ist für das For-
schungsprojekt „The Coptic Magical Pa-
4. Jh. endet allmächlich der Kultbetrieb gungen beider Religionen sich mischten pyri: Volksreligion im spätantiken und
an den Tempeln der alten ägyptischen und im alltäglichen Glauben miteinan- frühislamischen Ägypten“ am Lehrstuhl
Gottheiten. Grund dafür sind die gerin- der kombiniert wurden. für Ägyptologie der Universität Würz-
gere finanzielle Unterstützung der rö- Etwa 300 magische Texte sind bisher burg. Innerhalb von fünf Jahren soll
mischen Herrscher einerseits und das veröffentlicht worden, bekannt sind ein vollständiger Überblick über alle
Aufkommen des Christentums anderer- knapp 500. „Allerdings stoßen wir mo- bekannten magischen Texte und Text-
seits. Doch die Menschen verehrten ihre mentan bei unserer Arbeit täglich auf fragmente aus der Zeit von etwa 200 bis

64 welt und umwelt der bibel 2/2019


200219014013NH-01 am 30.04.2020 über http://www.united-kiosk.de
panorama

1200  nC entstehen – inklusive Überset- und der Zettel selbst soll – aufgerollt von seiner Mutter Isis benötigte, drei Dä-
zung, Interpretation und Einordnung in und um den Hals getragen – Kinder u. a. monen zu ihr, die eindeutig christliche
einer frei zugänglichen Datenbank. vor Fieber schützen. Namen trugen. Isis wiederum antwortete
Die Texte sollten einst Menschen in „Die Dokumente zeigen, dass dem Ide- mit einem an Jesus gericthteten Zauber-
den unterschiedlichsten Lebenslagen al der christlichen Religion der gelebte spruch.
helfen: Sei es die Bitte um einen Partner Glaube in seinen vielfältigen Ausfor- Die Forschungen wollen nicht nur
oder um die Schwächung des Gegners mungen gegenübersteht“, erklärt Korshi die historischen Fakten rund um die
im Wettkampf, oder auch die Angst ei- Dosoo das Interesse der Wissenschaftler altägyptischen, griechischen und kopti-
nes Mannes, seine Frau könne ihm in an diesen Textdokumenten. Die Schrif- schen magischen Traditionen klären, es
einem anstehenden Gerichtsverfahren ten dokumentieren das religiöse Leben geht auch darum, wie weit das Studium
schaden, weshalb Engel sie zum Ver- in einer Zeit, die vom Übergang von der der koptischen Magie für die heutige Zeit
stummen bringen sollten. Andere Zau- traditionellen ägyptischen Religion zu relevant ist.
bersprüche, die der körperlichen Hei- Christentum und Islam geprägt war. Laufende Ergebnisse sind in einem
lung dienen sollten, klingen für heutige Dabei vermischten sich religiöse Vor- Blog des Forschungsprojekts nachzule-
Ohren mehr nach einem Rezept als nach stellungen unterschiedlicher Glaubens­ sen: http://www.coptic-magic.phil.uni-
Magie: Eine Mischung aus Salz, Goldstü- traditionen. Nach einem Papyrus schick- wuerzburg.de/. W (B. Leicht/WUB)
cken und Öl soll Entzündungen heilen, te der ägyptische Gott Horus, als er Hilfe
© Universitätsbibliothek Heidelberg, P. Heid. Inv. Kopt. 683 (VBP V 140)- CC-BY-SA-4.0

Zwei Zauberformeln
enthält dieses koptische
Pergament der Heidel-
berger Papyrussammlung
(P. Heid. Inv. Kopt. 683,
VBP V 140). Während ein
Zauberspruch dieses Textes
eine Frau schützen soll,
sollte ein anderer eine Frau
herbeizwingen.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 65
panorama

Starke regenfälle in israel

Wassersegen?
israel/JOrdanien In diesem Winter
kam es in Israel und Jordanien mehr-
fach zu sehr starken Regenfällen. Für
die Archäologen ein Glücksfall, denn
dadurch kamen einige antike Funde
ans Licht (vgl. S. 3 und 5). An ande-
rer Stelle führte der Regen zu starken
Überschwemmungen, u. a. in Jeru-
salem. Die Spiegel des Toten Meeres
und des Sees Gennesaret stiegen um
jeweils 1 Meter an.
Am traditionell als Taufstelle Jesu
verehrten Jordanufer hatten die Was-
serfluten eine solche Höhe erreicht,
dass Taufzermonien untersagt worden
waren. Die Pilger-Plattform auf jorda-
nischer Seite wurde von Wasserfluten
Die Taufstelle Jesu am Jordan. Die starken Regenfälle Ende Februar haben zerstört. Seit Jahrzehnten gab es sol-
die Plattformen völlig überflutet. Oben: So sieht es gewöhnlich an dieser Stelle aus. che Bilder vom Jordan nicht mehr. W
(A. Schick/WUB)

Jüdisches Leben in der autonomen region kurdistan

Erinnerung an eine Gerechte


Gopala Die jetzt entzifferte Inschrift eines Grabsteins aus dem
14. Jh. belegt die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Gopala,
5 km von Bazyan, in der heutigen Autonomen Region Kurdis-
tan im Nordirak. Der Grabstein erinnert an eine Frau namens
Siporah, Tochter des Dan. Außerdem nennt die Inschrift um-
gerechnet das Jahr 1357/1358.
Gefunden wurde der Stein bereits 1979, doch dann lag
er lange unbeachtet im Museum von Sulaymaniyah. Über-
oben © Tal Rogovski, unten: © Loïc Mazou

setzt wurde der Text von Alain Desreumaux, dem Direktor für
Forschung am CNRS. Die Inschrift in schöner hebräischer Quadrat-
schrift beginnt mit einem Text aus dem Buch der Sprichwörter:
„Das Andenken an den Gerechten ist gesegnet ...“. W (MdB/WUB)

Ein Grabstein bewahrt das Andenken an Siporah, die im 14. Jh.


im Gebiet der Region Kurdistan im Irak lebte. 46 x 39 x 21 cm.

66 welt und umwelt der bibel 2/2019


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ungewöhnlicher fund in einem westfälischen Frauenkloster

Der Zahn verrät‘s


dalheim Offensichtlich haben im Mit- dingten Veränderungen, Anzeichen von Grundmauern der Klosterkirche
telalter nicht nur Mönche wertvolle Bü- Verletzungen oder Infektionen auf. Der von Dalheim. Wohl vom 10. bis zum
cher illustriert, sondern auch Nonnen. einzige bemerkenswerte Befund waren 14. Jh. lebte hier eine kleine religiöse
Darauf weist jedenfalls ein Fund im die blauen Partikel in ihrem Zahnstein. Frauengemeinschaft.
westfälischen Dalheim. Im Zahnstein Umfangreiche Analysen ergaben, dass
einer Frau, die im 12. Jh. auf dem Klos- das blaue Pigment aus Lapislazuli her-
terfriedhof begraben wurde, fanden sich gestellt wurde. Lapislazuli musste einen weiten Weg
zahlreiche Lapislazuli-Pigmente, wie sie Doch wie kam das kostbare Mineral zurücklegen, bis es im kleinen Frauen-
zur Buchillustration genutzt wurden. in den Zahnstein dieser Frau? Die For- kloster von Dalheim eingesetzt werden
Im Rahmen einer Studie zur Analyse scher haben viele Szenarien gedank- konnte. Es wurde in den Minen Afgha-
von Zahnstein – Zahnbelag, der im Lau- lich durchgespielt. „Basierend auf der nistans abgebaut. Damit belegt der Fund
fe des Lebens auf den Zähnen verstei- Verteilung des Pigments in ihrem Mund von Dalheim auch das funktionierende
nert – untersuchte das Forschungsteam kamen wir zu dem Schluss, dass es am globale Handelsnetz des Mittelalters.
unter Leitung des Max-Planck-Instituts wahrscheinlichsten ist, dass sie selbst Die wachsende Wirtschaft des 11. Jh. in
für Menschheitsgeschichte in Jena und mit dem Pigment malte und die Pinsel- Europa beflügelte die Nachfrage nach
der Universität York die Überreste von spitze beim Arbeiten immer wieder an- dem kostbaren Pigment.
Individuen, die auf einem mittelalter- leckte“, sagt Co-Autorin Monica Tromp Die Entdeckung eines so wertvollen
lichen Friedhof begraben wurden, der vom Max-Planck-Institut für Mensch- Pigments, das aus einer so frühen Zeit
mit einem Frauenkloster in Dalheim heitsgeschichte. wie dem 11. Jh. stammt, im Mund einer
verbunden ist. Von diesem Frauen- Ultramarinpigmente aus seltenem La- Frau, die in einer entlegenen Gegend
kloster sind nur wenige archäologische pislazuli wurden, ebenso wie Gold und lebte, ist beispiellos. Deutschland war
Überreste erhalten und das genaue Silber, ausschließlich zur Illustration der zu dieser Zeit bekanntermaßen ein ak-
Gründungsdatum ist unbekannt. luxuriösesten Handschriften verwendet, tives Zentrum der Buchproduktion.
Auf dem Friedhof wurden die sterb- wie sie für Mitglieder religiöser Einrich- Doch den Beitrag von Frauen daran zu
lichen Überreste einer Frau gefunden, tungen und des Adels erstellt wurden. identifizieren, war bislang schwierig.
in deren Zahnstein zahlreiche blaue „Nur wer über herausragende Fähigkei- Als Zeichen der Frömmigkeit signierten
Pigment-Partikel eingebettet waren. ten verfügte, wurde mit seiner Verwen- viele mittelalterliche Schreiber und Il-
Als sie um 1000–1200 nC starb, war sie dung beauftragt“, sagt Alison Beach von lustratoren ihre Werke nicht – eine Pra-
zwischen 45–60 Jahre alt. Ihr Skelett der Ohio State University, die als Histori- xis, die besonders für Frauen galt. Die
wies keine besonderen krankheitsbe- kerin an dem Projekt mitwirkte. geringe Sichtbarkeit von Frauen an der
Herstellung der Bilderhandschriften hat
oben: © Christina Warinner, unten: © Shelly O‘Reilly, Christina Warinner, Monica Tromp

verbreitet zu der Annahme geführt, dass


Frauen hierbei kaum eine Rolle spielten.
Die Ergebnisse der jetzt veröffentlichten
Studie stellen diese lang gehegten Über-
zeugungen infrage.
„Wir haben hier den direkten Beleg für
eine Frau, die nicht nur malte, sondern
dies darüber hinaus mit einem äußerst
seltenen und wertvollen Pigment tat und
das an einem sehr abgelegenen Ort“, er-
klärt Studienleiterin Christina Warinner
vom Max-Planck-Institut für Mensch-
heitsgeschichte. „Ich frage mich, wie
viele andere Künstler und Künstlerinnen
wir auf mittelalterlichen Friedhöfen fin-
Lapislazuli im Zahnstein einer Nonne. Er weist daraufhin, dass die Frau ver- den könnten – wenn wir nur nach ihnen
mutlich mit den darauf erhaltenen Farben in der Buchillustration gearbeitet hat. suchen würden.“ W (Max-Planck-Institut für
Menschheitsgeschichte)

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welt und umwelt der bibel 2/2019 67
Die groSSen Städte der Bibel | Eine stadt mit internationalen Beziehungen. Hazor

Eine Stadt mit internationalen Beziehungen

Hazor
Hazor war im 2. Jahrtausend vC die bedeutendste Stadt Palästinas.
Briefe aus Mari bezeugen wirtschaftliche Verbindungen bis nach Mesopotamien,
auch wenn Hazor selbst ein Vasall Ägyptens war. Die Archäologie fügt diesem
Wissen neue Aspekte hinzu. Von Estelle Villeneuve

D ie Entdeckung der biblischen Stadt


Hazor unter dem eher unschein-
baren Tell e-Qedah war ein Kinderspiel
Stadt neu aufgebaut und zusammen mit
Megiddo und Geser zur Königsstadt er-
hoben (1 Kön 9,15).
Hazor
für die Pioniere, die im 19. Jh. das Hei- Beachtet man die Bedeutung einer
lige Land wiederentdeckten. Welcher Stadt im Hinblick auf ihren internati-
andere Ort als der archäologische Hü- onalen Einfluss, lässt sich feststellen,
gel, der ungefähr 100 Hektar umfasst dass Hazor in der Liste der wenigen im Jerusalem
und am Fuß der Berge von Obergaliläa Ausland bekannten Städte des Nahen
liegt, könnte der regionalen Herrschaft Ostens einen wichtigen Platz einnimmt.
entsprechen, die die Bibel dieser Stadt Seine erste geschichtliche Erwähnung
ISRAEL
zuschreibt? In der Bibel heißt es, Hazor verdankt es einer Verfluchung in den
habe „früher die Oberherrschaft über alle ägyptischen Verwünschungstexten des
diese Königreiche“ gehabt (Jos 11,10). 19. Jh. vC. Zudem ist es die einzige ka-
Die von Ägypten herkommenden isra- naanäische Stadt, die ein Jahrhundert
elitischen Stämme hätten sie erobert später in den königlichen Archiven von
und schließlich in der Richterzeit ihrem Mari in Obermesopotamien erwähnt
Gebiet eingefügt. Im 1. Buch der Könige wird. mit Anatolien verbindet, kann es sich
wird zudem überliefert, Salomo habe im Kurz, bei diesem imposanten Hügel nur um das alte Hazor handeln. Doch
Zug der Neuorganisation des von seinem an dem zentralen Verkehrsweg, der abgesehen von einigen Sondierungs-
Vater David errichteten Königreichs die Ägypten mit Mesopotamien und Syrien grabungen im Jahr 1928 blieb die Stätte

Die Schrifttafeln von Tell El-Amarna

Im 14. Jh. vC, als Pharao Echnaton oder des- Abdi-Tarschi von Hazor: Er habe gegen den
sen Vater Amenophis III. Ägypten regierte, Pharao rebelliert, sich mit den Habiru (den
kamen Briefe von Vasallen aus dem ganzen Vagabunden, die in der Region Unruhe stif-
Reich in die Archive des Tell el-Amarna- teten) verbündet und mehrere Städte ein-
Palastes. Zwei von ihnen stammen von genommen. Der Beschuldigte ging auf zwei
den kanaanitischen Königen von Tyrus und Schreibtafeln auf die Vorwürfe ein und be-
Ascharot. Sie beschweren sich in diploma- teuerte seine Unschuld sowie seine Loyalität
tischen Worten über ihren Nachbarn König gegenüber dem Pharao von Ägypten.

68 welt und umwelt der bibel 2/2019


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© Duby Tal/Albatross/AGE fotostock

Luftansicht von Hazor in Obergaliläa.


Die Stadt erhebt sich über einer tiefer liegenden,
von Befestigungsmauern eingesäumten Stadt.
Ab dem 3. Jahrtausend bis zum 3. Jh. vC war sie
fast ununterbrochen besiedelt.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 69
Die groSSen Städte der Bibel | Eine stadt mit internationalen Beziehungen. Hazor

lange unerforscht. Zwei Schwergewichte der is- auch in einem kleinen Tempel am Fuß des nörd-
raelischen Archäologie füllten die Lücke: Yigaël lichen Walls der Unterstadt. Nach Ansicht von
Yadin in den Jahren 1950–1960 und Amnon Yigaël Yadin stellt sie mehr oder weniger einen
Ben-Tor in den Jahren 1990–2000. Sie achteten Vorläufer des Tempels von Salomon dar, wie er
besonders sorgfältig auf die Schichten, die mög- in der Bibel beschrieben wird.
licherweise den historischen Hintergrund der bi- Das Glück Hazors und die Macht Ägyptens,
blischen Berichte beleuchten könnten, nämlich dem es tributpflichtig war, dauerte nicht ewig.
auf die Spätbronzezeit (1550–1200 vC) und die Ab dem 13. Jh. vC trat ein spürbarer Verfall ein
Eisenzeit I und II (1200–700 vC). und die Unterstadt war im Begriff, verlassen zu
werden. Kurz danach geht die Stadt in Flammen
auf. In einer Brandkatastrophe von seltener In-
Eine kanaanäische Hauptstadt tensität wird sie völlig eingeäschert. Die Archäo-
In der mittleren Bronzezeit, ungefähr im 17. Jh. logen betonen, dass der Brand vorsätzlich gelegt
vC, als der Nahe Osten von Ägypten do- worden sein müsse, denn kurz davor seien offen-
miniert wurde, überschritt Hazor eine sichtlich sämtliche Statuen und Kultgegenstän-
demografische Schwelle und errang sei- de aus den Tempeln entfernt worden.
ne regionale Bedeutung. Bis dahin auf
den anfänglichen Hügel beschränkt,
den die kleine Ansiedlung mindestens Wer hat Hazor zerstört?
seit dem 3. Jahrtausend besetzt hatte, „Wer hätte eine solche Tat begehen können?“,
breitete sie sich jetzt über die natürliche frage sich Amnon Ben-Tor, der die Geschichte
Terrasse hinaus aus, die sich zu ihren dieser Region erforscht. Die Ägypter auf ihrem
Füßen in Richtung Norden erstreckt. Rückweg von der Schlacht in Kadesch? Aber sie
Geschützt von einem massiven Erdwall hätten Hazor auf der Liste ihrer Eroberungen er-
mit zwei Toren, beherbergte diese un- wähnt. Die vom Meer her kommenden Philister?
tere Stadt die Wohnquartiere mit ihren Kein für ihre Kultur typischer Gegenstand weist
zahlreichen Tempeln und öffentlichen auf sie hin. Kanaanäische Rivalen, also eine
Gebäuden. Rebellion von innen her? All diese Hypothesen
In der Oberstadt befand sich der Ver- sind nicht glaubhaft. Wer bleibt also übrig? Die
waltungsbezirk mit dem Königspalast Stämme Israels!
und dem im Süden an ihn angebauten Das sind die Verantwortlichen, glaubt Amnon
Heiligtum, das noch ungefähr dreißig Ben-Tor – auch wenn die Zerstörung nicht ihre
aufgerichtete Steine und mehrere Op- Handschrift trage und auch wenn damit nicht
fertische aufwies, und schließlich auch das im Buch Josua beschriebene militärische
noch Vorratshallen, in denen sich bis Szenario bestätigt werde. Aber niemand anderer
zu 750 Kubikmeter landwirtschaftlicher als sie könne sich dieser Stätten bemächtigt ha-
Erzeugnisse lagern ließen. Hazor war ben – allerdings zweihundert Jahre später. Diese
auf dem Gipfel seiner Macht. Argumentation ist nicht unbedingt stichhaltig,
Um 1550 vC, zu Beginn der jüngeren doch eine bessere Erklärung gibt es schlicht
Bronzezeit, scheint es nach Ausgrabun- nicht.
gen von Amnon Ben-Tor wesentliche
Veränderungen gegeben zu haben. Sie
weisen allerdings nicht auf einen Ab- Die israelitische Akropolis
bruch der Besiedlung hin. Im Gegensatz zur vorhergehenden Epoche ist
Dabei wurde insbesondere das Zen- die neue Besiedlung recht bescheiden. Der auf
trum der Akropolis völlig neu gestal- den Westen der alten Akropolis beschränkte Ort
tet, um Platz für ein beeindruckendes weist Ähnlichkeiten mit den proto-israelitischen
Gebäude zu schaffen, das an einigen Stätten der Eisenzeit I auf (1200–1000 vC): arme
© BibleLandPictures/AlamyStockPhoto

Stellen bis zu vier Metern Höhe erhal- Hausbauten, einfache Töpferware, ungeschützte
ten ist. Seine dreiteilige Anlage (Hof, Kultstätten … Diese Situation verbesserte sich in
Figur eines Ahnen in Portalvorbau, Halle), die Orthostate der Eisenzeit II (1000–586 vC) beträchtlich. Die
Goldbronze. Sie wurde auf (aufrecht stehende riesige Steinplat- Stadt wurde mit einer mächtigen Befestigung
der Akropolis im Tempel ten) am unteren Teil der Wände und versehen, die aus einer Mauer mit Kasematten
aus der Bronzezeit gefun-
das Mobiliar erinnern an die Tempel- und einem Stadttor mit drei Durchgängen be-
den (15. Jh. vC).
Paläste von Nordsyrien und Anatolien. stand, einem Sechskammertor wie in Megiddo
Die gleiche dreiteilige Anlage fand sich und Geser.

70 welt und umwelt der bibel 2/2019


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Diese dreiteilige
Pfeileranlage
aus der Eisenzeit
interpretierte Yadin
als Stallungen des
Königs Salomo.
Für Ben-Tor
dagegen sind es
Lagerhäuser aus
dem 9. Jh. vC.

Nach Auffassung ihres Entdeckers Yigaël Ya-


din war dies das Werk von Salomo selbst, dem
baufreudigen Herrscher des vereinigten König-
der Archäologe
reichs von Israel und Juda im 10. Jh. vC. Aber Yigaël Yadin
diese bibeltreu „hoch“ angesetzte Datierung ist
heute Gegenstand einer nicht enden wollenden
Debatte, seit der Archäologe Israel Finkelstein „Eine Bibel in der einen Hand
vorgeschlagen hat, die Datierungen um ein Jahr- und die Spitzhacke in der an-
hundert zu senken und die Stadtgründungen deren zu halten, ist für einen
in diesem Landstrich den Königen von Sama- Archäologen der beste Weg,
ria zuzuschreiben. Wie auch immer – Tatsache die Überreste der Stadt Ha-
ist, dass die Stadt im 9. und 8. Jh. vC als israe- zor zu entdecken ...“, schrieb
litisches Verwaltungszentrum einen neuen Auf- Yigaël Yadin (1917–1984)
schwung erlebte. in einer Ausgabe von „Bible
Ausgehend vom Zentrum auf dem Hügel, brei- et Terre sainte“. Yadin wurde an der Schule von
tete sich Hazor nach Osten hin aus. Man baute William F. Albright ausgebildet, der die biblische
eine Zitadelle, erstellte Getreidespeicher und Archäologie in den Rang einer modernen Wissen-
Vorratslager und legte ein eindrucksvolles Sys- schaft erhob, und etablierte sich nach der Staats-
tem zur Wasserversorgung an. Hatte man Angst gründung 1948 als Leiter der israelischen Ar-
vor einer Belagerung? Das ist durchaus möglich. chäologie. Als Held des Unabhängigkeitskrieges
Die Bedrohung durch das Neuassyrische und hochrangiges Mitglied der Armee förderte er
Reich nahm immer größere Ausmaße an. Im Jahr die Archäologie auch als nationalen Bindekitt des
© oben: Duby Tal/Albatross/AGE; Mitte: public domain

732 vC unternahm König Tiglat-Pileser III. einen jungen Staates.


Feldzug gegen Syrien und das mit ihm verbün- Die Ausgrabungen, die in sehr großem Umfang
dete Israel. Hazor fiel seinem Angriff zum Op- mit Freiwilligen aus der ganzen Welt durchgeführt
fer und seine Bewohner wurden als Gefangene wurden, konzentrierten sich auf symbolische
nach Assyrien verschleppt. Nur ein kleines Fort Orte. Neben der biblischen Stadt Hazor erkunde-
wird auf dem Gelände stehen bleiben. Im Lauf te er Massada, 72–73 nC eine Hochburg des Wi-
der kommenden Jahrhunderte folgen Assyrer, derstandes gegen die Römer. Er untersuchte die
Perser und Griechen als Herrscher in Hazor und Höhlen von Naval Chever am Toten Meer, in de-
am Ende die Engländer. Aber nie wieder wird die nen u. a. Zeugnisse des Bar-Kochba-Aufstandes
Stadt ihre frühere Bedeutung gewinnen. W gefunden wurden.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 71
Die bibel in berühmten gemälden

Die Gefangennahme Christi


Francisco de Goya Von Ines Baumgarth-Dohmen

G egen Ende des Jahres 1798 vollende- Menschenmenge, sondern griff zudem Der Maler
te Francisco de Goya, Hofmaler des den Gedanken auf, der dem Bild El Gre- Francisco de Goya y Lucientes (1746–
spanischen Königs, das großformatige cos zugrunde liegt. Denn El Greco stellt 1828) wuchs als Sohn eines Vergolders
Ölgemälde Die Gefangennahme Christi. Jesus in dem purpurroten Mantel dar, in Zaragoza auf, wo er das Malerhand-
Es war für die neu gestaltete Sakristei den ihm die Soldaten umgelegt haben, werk erlernte. Er bemühte sich früh, am
der Kathedrale von Toledo bestimmt, um ihn als „König der Juden“ zu verspot- Madrider Hof Fuß zu fassen, und erhielt
wo es in unmittelbarer Nähe zu dem ten; zu seinen Füßen bereitet ein Soldat 1775 eine Anstellung als Kartonmaler
berühmten Gemälde El Grecos Die Ent- das Kreuz vor, an dem eine Tafel mit der der höfischen Teppichmanufaktur. 1789
kleidung Christi (1579) hängen sollte. An Inschrift „Jesus von Nazaret, der König wurde er schließlich zum Hofmaler er-
dem Ort, an dem die Priester sich auf der Juden“ befestigt werden wird. Trotz nannt. Eine lebensbedrohliche Krank-
die Feier des Messopfers vorbereiteten, der erniedrigenden Situation zeigt sich heit hatte ihn 1773 vollständig ertauben
stellten beide Bilder den Beginn der Pas- in Jesu Haltung sein Königtum, das eben lassen. Damals hatte er begonnen, ne-
sion vor Augen. „nicht von dieser Welt“ (Joh 18,36) ist. ben Auftragsarbeiten verstärkt eigene
Eine dramatische Lichtführung be- Um dieses Königtum Jesu geht es auch Ideen umzusetzen. Er stand in Kontakt
stimmt die nächtliche Szene. Sie lenkt Goya in Die Gefangennahme Christi. mit aufgeklärten Politikern und Litera-
den Blick auf die hell beleuchtete Ge-  
stalt Jesu in der Bildmitte. Gekleidet in
eine bodenlange weiße Tunika, wird Geschichte des Bildes
Jesus von einer Gruppe bewaffneter Am 6. Januar 1799 präsentierte Goya
Männer nach vorne, auf den Betrachter das Altarbild Die Gefangennahme Christi
zu, gestoßen. Seine Arme sind nicht zu in der Madrider Kunstakademie, wo es
sehen, so, als wären sie bereits hinter das einhellige Lob seiner Malerkollegen
dem R ­ ücken gefesselt; er hat Mühe, das fand. Zwei Tage später erhielt es seinen
Gleichgewicht zu halten. Vor ihm steht Platz in der Kathedrale von Toledo, wo
rechts ein Soldat in gelber Jacke, der sich es sich heute noch befindet.
auf eine Hellebarde stützt, mit der er der Zu dem Bild ist eine vorbereitende
Gruppe den Weg versperrt. Ein Haupt- Ölskizze (40 x 23 cm) erhalten (Mad-
mann, die dunkle Figur im Gegenlicht rid, Museo del Prado). In ihr hat Goya
links, erteilt ihm mit ausgestrecktem mit flüchtigen Pinselstrichen die Kom-
Zeigefinger einen Befehl. Unmittelbar position, die Farbgebung und die Ver-
hinter Jesus sind im Halbdunkel Gesich- teilung von Licht und Schatten fest-
ter zu erkennen, die bogenförmig sein gelegt, die er im Gemälde beibehielt.
Haupt umgeben, nach hinten verlieren Doch nahm er entscheidende Verän-
sie sich im Dunkeln. derungen vor: Während in der Skizze
In dem Wissen, dass Die Gefangen- die Haltung Jesu, mit gesenktem Kopf,
nahme Christi neben El Grecos Altar- demütig wirkt, stellt Goya ihn im Ge-
bild hängen würde, verstand Goya den mälde mit erhobenem Haupt dar. Den
Auftrag als Aufforderung, sich mit dem Hauptmann, im Entwurf eine sich Je-
Meister des 16. Jh. auseinanderzusetzen. sus zuwendende Rückenfigur, zeigt er
© public domain

Er übernahm nicht nur dessen Komposi- schließlich von der Seite, wie er, an Je-
tionsschema, eine zentrale Christusfigur, sus vorbeiblickend, dem Soldaten vor Entkleidung Christi. El Greco,
eingerahmt und hinterfangen von einer ihm einen Befehl gibt. 1577–1579, Kathedrale von Toledo.

72 welt und umwelt der bibel 2/2019


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Das Gemälde
Die Gefangennahme Christi
(El Prendimiento de Cristo), 1798,
Ölmalerei auf Leinwand, 300 x 200 cm,
Toledo, Kathedrale

ten, deren Gesellschaftskritik er teilte,


wie die Bildsatiren der Grafikserie Los
Caprichos (1797–1799) belegen. Goyas
Fähigkeiten als Porträtmaler zeigen vor
allem die Bildnisse privaten Charak-
ters; doch auch bei den offiziellen Por-
träts, herausragend Die Familie Karls IV.
(1800), versuchte er, hinter der Fassade
den Menschen zu zeigen.
Eine zweite Serie von Grafiken, die
Desastres de la Guerra (Die Schrecken
des Krieges), entstand in den Jahren des
Spanischen Unabhängigkeitskrieges ge-
gen Frankreich (1808–1814). Ohne Partei
zu ergreifen, führt er die Verrohung der
Menschen durch die Brutalität des Krie-
ges vor Augen. Im Zuge der Restauration
unter Fernando VII. (1814–1833) wurden
Liberale und Aufklärer verfolgt. Goya
zog sich 1819 in ein Landhaus bei Ma-
drid zurück, das er mit Wandgemälden
versah, die als Pinturas Negras (Schwar-
ze Malereien) bekannt sind, zum einen
wegen ihrer dunklen Farben, zum ande-
ren wegen ihrer düsteren Themen, aus
denen Verzweiflung angesichts der man-
gelnden Einsicht der Menschen spricht.
1824 siedelte Goya nach Bordeaux über,
wo er trotz seines hohen Alters weiter-
arbeitete. Eine Zeichnung von 1826, die
einen Greis auf Krücken darstellt, trägt
den Titel Aún aprendo (Immer noch
lerne ich). Goya starb 1828 in Bordeaux.

Das Thema in der Kunst


Die ältesten Darstellungen der Gefan-
gennahme Jesu, mit der die Passion Mittelpunkt der Judaskuss steht. Diese Im Barock wurde das Bildthema der
Jesu eröffnet wird, finden sich in der kombinierte Szene wird im Mittelalter Gefangennahme Jesu eher selten ge-
frühchristlichen Kunst (Sarkophag des durch weitere Motive, insbesondere wählt. Die Gemälde folgen in der Re-
© IanDagnall Computing / Alamy Stock Foto

Iunius Bassus, 4. Jh.). Zunächst werden durch Einbeziehung der Malchus-Episo- gel Caravaggios effektvoll beleuchteter
die eigentliche Gefangennahme, die Er- de, ausgebaut (Egbert-Codex, Reichen- Nachtszene (National Galley of Ireland,
greifung Jesu, und der Verrat des Judas au, um 980; Fresko aus Bagüés, Aragón, Dublin, 1602). Im frühen 20. Jh. bringt
als getrennte Szenen aufgefasst, so in um 1100). Dementsprechend zeigen die der Expressionist Emil Nolde in seiner
den Mosaiken von S. Apollinare Nuovo figuren­reichen Szenen in den Passions- Darstellung des Judaskusses, Teil seines
in Ravenna (um 520) und den Miniatu- zyklen der Gotik und der Renaissance neunteiligen Werkes Das Leben Christi
ren des Augustinus-Codex (um 600). unterschiedliche Akzentuierungen des (1911), die Dramatik des Verrats mit grel-
Später werden sie gern zu einer einzi- Bildthemas, u. a. bei Giotto (Scrovegni- len Farben und unruhigem Pinselstrich
gen Szene zusammengefasst, in deren Kapelle, Padua, 1305/7). zum Ausdruck.

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welt und umwelt der bibel 2/2019 73
Die bibel in berühmten gemälden

1 Jesus – Das Evangelium halt begriffen. Denn es sei eines Chris-


studieren ten unwürdig, sich der Lektüre anderer
Schriften zu widmen und das wichtigs-
In seinen Bildsatiren stellte Goya als te, das von Gott selbst inspirierte Buch
ilustrado, als Aufklärer, zwar Mönche zu übergehen.
als Schmarotzer dar und prangerte die Die Forderung der Aufklärer, die Bibel
Willkür der Inquisition an, doch war als Fundament des christlichen Glau-
er keineswegs ein Gegner der Religion. bens zu studieren, betraf Künstler, die
Gerade in Spanien bemühten sich die biblische Stoffe aufnahmen, in beson-
Aufklärer darum, ihre Überzeugung, die derer Weise. Goya orientierte sich für
Unmündigkeit des Menschen durch Bil- seine Darstellung der Gefangennahme
dung und Erziehung zu eigenständigem Jesu am Johannesevangelium und stell-
Denken überwinden zu können, mit te, abweichend von der ikonografischen
dem christlichen Offenbarungsglauben Tradition, nicht den Judaskuss in den
zu verbinden. Das trifft insbesondere Mittelpunkt, sondern allein die Gestalt
für den Schriftsteller und Politiker Gas- Jesu. Er zeigt Jesus erschöpft, blass, lebarde, die der Soldat im Vordergrund
par Melchor de Jovellanos (1744–1811) mit umschatteten Augen, gezeichnet hält, fällt Licht und lässt ihre Klingen
zu, einen der prominentesten Vertreter von den Stunden voller Angst auf dem aufglänzen, die deutlich an ein Kreuz
der spanischen Aufklärung und Freund Ölberg, doch würdevoll und aufrecht, erinnern und damit auf die Passion vo-
Goyas. Jovellanos verlangte in seinem als denjenigen, der sich mit den Wor- rausweisen. Vor allem aber können Sol-
Traktat Memoria sobre la educación ten „Ich bin es“ selbst gestellt hat. Im dat und Hellebarde als Hinweis auf die
pública, dass sich alle jungen Menschen Hintergrund heben sich die Waffen der nur im Johannesevangelium vorkom-
mit den Evangelien befassen sollten, Soldaten undeutlich gegen den dunklen mende Szene des Lanzenstichs gedeutet
und zwar nicht, indem sie sie im Chor Himmel ab, eine Vielzahl von Hellebar- werden, die sich der Symbolik von Blut
rezitierten, sondern indem sie sie so den, wohl eine Reminiszenz an El Gre- und Wasser bedient, um Jesu Kreuzes-
gründlich studierten, dass sie ihren In- cos Die Entkleidung Christi. Auf die Hel- tod als Rettung und Erlösung zu deuten.

2 Die Männer hinter Jesus – Vernunft, faszinierte das Thema Wahn- wolle er ihn zu dem Soldaten mit der
In Gesichtern lesen sinn, dessen Erscheinungsformen man Hellebarde hinschieben. Wie Jesus trägt
zu klassifizieren und wissenschaftlich Judas eine weiße Tunika, doch während
In der Gruppe hinter Jesus fallen drei zu begründen versuchte. Wahnsinn galt dessen Gewand im Licht rötlich und
Männer durch ihre grotesk verzerrten als Störung der Vernunft, als Nachtsei- ­violett schimmert, nimmt es bei Judas
Gesichter auf. Ihre Münder sind aufge- te der menschlichen Existenz, deren die gelbe Farbe der Soldatenjacke an.
rissen, ihre Augen starren nach oben; Dunkelheit das Licht der Vernunft ent- Auf subtile Weise lässt Goya damit die
sie schreien offenbar, der Mann am gegenzuhalten war. Und so ist das irre Ambivalenz des Judas, zugleich Jünger
rechten Bildrand ballt die Faust. Sie Gebaren der Soldaten Ausdruck der und Verräter, sichtbar werden.
wirken wie außer sich, wie von Sin- mangelnden Vernunft, des Irrtums der Das schmale Gesicht Jesu, das ein-
nen. Gerade im 18. Jh., im Zeitalter der Widersacher Jesu, ihrer Unfähigkeit, zige, das Goya in Frontalansicht wie-
das Wahre zu erkennen. dergibt, steht mit seinen ebenmäßigen
Beherrscht zeigen sich dagegen der Zügen in auffallendem Kontrast zu den
Mann am linken Bildrand, der seinen groben Gesichtern der Soldaten und
besorgten Blick auf den Hauptmann dem Profil des Judas. Im 18. Jh. erlebte
richtet, und die beiden Männer rechts die Lehre der Physiognomik, die da-
hinter Jesus. Mit rundlichem Kopf, kur- von ausging, dass sich das Wesen ei-
© IanDagnall Computing / Alamy Stock Foto

zem Bart und lockigem Haupthaar ent- nes Menschen aus den Formen seines
spricht der eine dem für Petrus-Darstel- Gesichts ablesen lasse, eine Blütezeit.
lungen üblichen Typus, sodass es sich Obwohl die von Diderot herausgege-
um Simon Petrus und den in Joh 18,15 bene Encyclopédie die Physiognomik
genannten „anderen Jünger“ handeln 1765 als unzulässige Pseudo-Wissen-
könnte, die Jesus in den Hof des Hohe- schaft abgetan hatte, stießen physio-
priesters nachgehen werden. Petrus be- gnomische Abhandlungen auf breites
obachtet aus den Augenwinkeln Judas, Interesse, allen voran die des Schwei-
der Jesus an der Schulter fasst, so, als zer Theologen Johann Caspar Lava-

74 welt und umwelt der bibel 2/2019


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Die bibel in berühmten gemälden

ter (Physiognomische Fragmente, Urbildes“ gespiegelt haben musste.


1775–1778). Überzeugt, dass der Die Ideen der Physiognomiker be-
Körper eines Menschen durch sei- einflussten auch die Künstler. Mit
1
nen Charakter geformt werde, be- der Ausstellung „Goya fisonomista“
hauptete er: „Je moralisch besser; hat die Madrider Kunstakademie
desto schöner. Je moralisch schlim- 2018 versucht, Zusammenhänge 2
mer; desto häßlicher.“ Als schöns- zwischen den ausdrucksstarken
ter aller Menschen galt ihm folge- Physiognomien der Bilderwelten
richtig Jesus, in dessen Gestalt sich Goyas und zeitgenössischen physio-
die Vollkommenheit des „treflichen gnomischen Traktaten aufzuzeigen.

3 Das Licht – „… und kel, dient in Die Gefangennahme


die Finsternis hat es Christi jedoch nicht nur der effekt-
nicht erfasst.“ vollen Bildgestaltung, sondern hat
darüber hinaus symbolische Bedeu-
Mit der Hervorhebung beleuchteter tung. Die Gestalt Jesu steht in hellem
Partien vor dunklem Hintergrund, Licht. Die Lichtquelle, vermutlich
durch die das Bild Plastizität und eine Laterne (Joh 18,3), muss sich
Tiefe erhält, steht Goya in der Nach- links hinter dem Hauptmann befin-
folge Caravaggios (1571–1610). Die den, da dieser im Gegenlicht steht. 3
schlaglichtartige Beleuchtung, der Da sie jedoch den Augen des Be-
starke Kontrast von Hell und Dun- trachters verborgen bleibt, entsteht
in gewisser Weise der Eindruck, das
Licht ginge von Jesus selbst aus und
erhelle den Raum um ihn herum.
Dunkelheit kennzeichnet bei Goya
oft das Reich der Unwissenheit, der
Lüge und des Aberglaubens, die
jedoch durch Licht, Metapher der Die Quelle
Vernunft und der Wahrheit, über-
Joh 18, 3-5.12
wunden werden können. Ein Blatt
Judas holte die Soldaten und die Ge-
der fast zeitgleich mit Die Gefangen-
richtsdiener der Hohepriester und der
nahme Christi vollendeten Grafik-
Pharisäer und kam dorthin mit Fackeln,
serie Los Caprichos (Nr. 71), das eine
Laternen und Waffen. Jesus, der alles
nächtliche Zusammenkunft von
wusste, was mit ihm geschehen sollte,
Spukgestalten zeigt, versah Goya
ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr?
mit dem Titel Si amanece nos vamos
Sie antworteten ihm: Jesus von Nazaret.
(Wenn es tagt, gehen wir).
Er sagte zu ihnen: Ich bin es. Auch Judas,
Das Königtum Jesu ist eines der
der ihn auslieferte, stand bei ihnen.
Wahrheit (Joh 18,37). Für die spani-
Die Soldaten, der Hauptmann und die Ge-
sche Aufklärung, so auch für Goya,
richtsdiener nahmen Jesus fest, fesselten
bestand kein Widerspruch zwischen
dem Licht der Vernunft und dem ihn und führten ihn zuerst zu Hannas.
„wahren Licht“ (Joh 1,9). Ein nahe-
zu schwarzer Himmel wölbt sich
über der Szene der Gefangennah-
Ines Baumgarth-
me, Dunkelheit umgibt die Gestalt Dohmen M. A.
Jesu, berührt sie jedoch nicht, so als ist Kunsthistorikerin
wolle Goya an den Prolog des Johan- und freiberuflich
nesevangeliums erinnern: „Und das tätig.
Licht leuchtet in der Finsternis und
die Finsternis hat es nicht erfasst.“
(Joh 1,5)

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welt und umwelt der bibel 2/2019 75
Ausstellungen und veranstaltungen

Studientag zum aktuellen Heftthema


„Exodus“

stuttgart

• Exodus – Mythos oder Wahrheit


Montag, 27. Mai 2019, 18.00–20.30 Uhr
Haus der Katholischen Kirche
Königstr. 7, 70173 Stuttgart
REFERENTEN: Dr. Wolfgang Wieland, Theologe
Barbara Janz-Spaeth, Theologin
ANMELDUNG:
unter www.kbw-stuttgart.de/Veranstaltungen
oder telefonisch unter 0049 (0)711 7050-600

zur Ausgabe „das grab jesu“ (1/19)


mainz
zur Ausgabe „christen des orients“ (1/16)
• Das Grab Jesu
Die biblischen Zeugnisse: Leeres Grab und Osterglaube schwerte
Donnerstag, 6. Juni 2019, 14.30–17.30 Uhr • Bedrohtes Erbe
Erbacher Hof, Akademie des Bistums Mainz
Christen im Orient – Kultur, Geschichte und Gegenwart
REFERENT: Prof. Dr. Hans-Georg Gradl, Trier
Freitag, 10. Mai (14.30 Uhr) bis Samstag, 11. Mai 2019 (16 Uhr)
(Autor dieser Ausgabe)
Katholische Akademie Schwerte
• Vom Grab Jesu zur Grabeskirche REFERENTEN: Prof. Dr. Michael Sommer, Oldenburg,
Der Baukomplex des 4. Jahrhunderts Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Martin Tamcke, Göttingen
Donnerstag, 6. Juni 2019, 19.00 Uhr BEITRAG: inkl. Verpflegung und Unterkunft:
Erbacher Hof, Akademie des Bistums Mainz EZ 151/DZ 144 EUR
REFERENT: Prof. Dr. Jürgen Krüger, Karlsruhe (ermäßigt 125,50/122 EUR)
(Autor dieser Ausgabe)
ANMELDUNG:
ANMELDUNG: Erbacher Hof, Akademie des Bistums Mainz Katholische Akademie Schwerte, Bergerhofweg 24,
Grebenstraße 24-26, 55116 Mainz, 58239 Schwerte, Tel. 0049 (0)2304 477-0,
Tel. 0049 (0)6131 257-555, E-Mail: info@akademie-schwerte.de,
E-Mail: ebh.akademie@bistum-mainz.de, ebh-mainz.de akademie-schwerte.de/veranstaltungen/bedrohtes-erbe

mainz
bis 7. juli 2019

Vertraut und fremd. Vulgata 77. Zeitgenössische Zugriffe auf die Bibel

Die Vulgata ist die von 380 bis 400 nC größten- Thema wie die Poesie der Bibel, ihre Texte über
unten: © Klaus Fritsch, oben: © public domain

teils vom Kirchenvater Hieronymus erarbeitete Schuld, Schmerz, Gewalt, Liebe und Schön-
lateinische Bibelübersetzung. Sie galt von der heit.
Spätantike bis zum Mittelalter in Westeuropa
als wichtigste Quelle des in hebräischer und Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum,
griechischer Sprache überlieferten Bibeltextes. Domschatzkammer
Die Ausstellung zeigt 77 Einzelwerke, darun- Domstr. 3,
ter Gemälde, Fotografien, Videoinstallationen 55116 Mainz,
und Skulpturen, von 30 Künstlern aus Europa. Tel. 06131 253-344,
Dabei wird auch gefragt, ob die zeitgenössi- Di–Fr 10-17 Uhr; Sa/So 11-18 Uhr,
Madonna als Mutter und sche Kunst „Zeugnis vom Glauben ablegen“ Eintritt 5/3 EUR,
Hausfrau. Dorothee Golz. kann. Daher ist Fundamentalismus ebenso ein dommuseum-mainz.de.

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Ausstellungen und veranstaltungen

Hildesheim völklingen
bis 26. Mai 2019 18. Mai bis 24. november 2019

Irrtümer & Fälschungen PharaonenGold. 3000 Jahre altägyptische


der Archäologie Kultur aus internationalen Privatsammlungen
Grub Heinrich Schliemann in Die Ausstellung zeigt altägyptische Goldschätze aus
Troja den Schatz des Priamos aus mehr als 3000 Jahren. Sie eröffnet einen besonderen
und warum fiel der Louvre auf Blick auf das Gold, das für die alten Ägypter große religi-
eine Fälschung herein? Anhand öse und symbolische Kräfte besaß. Gold ist das Symbol
von über 220 Exponaten deckt die der Ewigkeit und das heiligste Metall der alten Ägypter.
Sonderausstellung spektakuläre Sie bezeichneten Gold deshalb auch als das Fleisch der
Fehlurteile und Betrugsfälle in Götter. Alle Exponate der Ausstellung „PharaonenGold“
ganz Europa, Ägypten und dem stammen aus Pharaonengräbern und geben einen selte-
Nahen Osten auf. Die Besucher nen Einblick in die Welt dieser Herrscher. Die Ausstellung
erfahren, warum ein Irrtum oder spannt einen Bogen vom Alten Reich der 3. Dynastie (ca.
Göttin Hathor. Ptole-
eine Fälschung anfangs über- 2680 vC) und der ältesten belegten Statue eines ägypti- mäische Periode, 332 vC–
zeugen konnte und mit welchen schen Pharaos aus Gold bis hin zu Pharao Tutanchamun 30 nC, massives Gold.
wissenschaftlichen Methoden die und Pharao Haremhab (ca. 1330 bis 1310 vC).
Klärung gelang.
Weltkulturerbe Völklinger Hütte
Roemer- und Pelizaeus-Museum Europäisches Zentrum für Kunst und Industriekultur
Hildesheim GmbH 66302 Völklingen / Saarbrücken
Am Steine 1-2, D-31134 Hildesheim Tel. +49 (0)6898 9100-100, täglich 10–19 Uhr,
Tel. +49 (0) 5121 93690 Eintritt 17/15 EUR, voelklinger-huette.org
Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 10/8 EUR
rpmuseum.de
berlin
Neue Dauerausstellung
Pergamon. Meisterwerke der antiken Metropole
und 360°-Panorma von Yadegar Asisi
links: © akg-images, rechts oben: © Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Archiv, rechts Mitte: © Asisi, rechts unten: © Sultan Kitaz

Das monumentale 360°-Panoramabild von Yadegar Asisi,


das Pergamon im Jahr 129 nC darstellt, ist wieder aufge-
baut worden. Daneben werden auch Originalfunde aus
Pergamon ausgestellt.

Pergamonmuseum, Am Kupfergraben 2, 10117 Berlin,


Pergamon in der
360°-Perspektive.
Tel. +49 (0)30 266424242, Mo–So 10–18, Do 10–20 Uhr,
Eintritt 19/9,50 EUR (inkl. Pergamonmuseum),
smb.museum

Der Schatz des Priamos?


Sophia Schliemann 1874. berlin
bis 26. mai 2019

karlsruhe Kulturlandschaft Syrien. Bewahren und


bis 2. juni 2019 Archivieren in Zeiten des Krieges
Die Sonderausstellung lädt mit Objekten, Filmen, Fotos
Mykene – die sagenhafte und interaktiven Bildschirmen zu einer virtuellen Erkun-
Welt des Agamemnon dungsreise durch die Kulturlandschaft Syriens ein. Zu-
Informationen s. WUB 1/2019. gleich gibt sie Einblicke in die Arbeit des „Syrian Heritage
Archive Project“ und damit in die Praxis des Kulturerhalts.
Badisches Landesmuseum, Schloss
Karlsruhe, 76131 Karlsruhe, Museum für Islamische Kunst / Pergamonmuseum,
Tel. +49 (0)721 926-6514 Am Kupfergraben 2, 10117 Berlin, Zitadelle von Aleppo
Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 12/9 EUR Tel. +49 (0)30 266424242 mit den Spuren der Kriegs-
landesmuseum.de Mo–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, schäden.
Eintritt 19/9,50 EUR, smb.museum

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welt und umwelt der bibel 2/2019 77
Vorschau

Die nächste Ausgabe im august 2019: IMPRESSUM


Heft 2/2019

„Welt und Umwelt der Bibel“ ist die deutsche

TRAUM
Ausgabe der französischen Zeitschrift
„Le Monde de la Bible“, Bayard Presse, Paris.
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
GOTTES REDE enger Zusammenarbeit mit international
anerkannten Wissenschaftler/innen.
IN DER NACHT? Verlag: Katholisches Bibelwerk e.V.,
edition „Welt und Umwelt der Bibel“,
Postfach 15 03 65, 70076 Stuttgart,
Tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77
E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de
www.weltundumweltderbibel.de
www.bibelwerk.de

Konto: Liga Stuttgart, BIC: GENODEF1M05


IBAN DE94 7509 0300 0006 4515 51

Redaktion: Dipl.-Theol. Helga Kaiser,


Dipl.-Theol. Barbara Leicht
Korrektorat: Michaela Franke M.A.,
m._franke@web.de
Anzeigenverwaltung: Ralf Heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
Erscheinungsort: Stuttgart
© S. 60-61, 66, 68-71 Ba­yard Presse Int.
W Spricht Gott, sprechen Götter in den Träumen? Antikes Verständnis „Le Monde de la Bible“ 2019, all rights reserved;  
W Wie die Bibel Träume versteht. Visionen und Traumkritik © sonst edition „Welt und Umwelt der Bibel“
Übersetzungen:
W Können Träume der Heilung dienen? Inkubationsträume in der Antike Bernardin Schellenberger
W Heutige Kenntnisse der Traumforschung
Gestaltung: Olschewski Medien GmbH,
Stuttgart, Dipl.-Des. (FH) Barbara Janasik
Druck: C. Maurer GmbH & Co. KG, Geislingen/
und so geht es weiter: Steige
• Maria – jüdisch, christlich, muslimisch PREISE: „Welt und Umwelt der Bibel“
erscheint vierteljährlich.
• Rom – Stadt der frühen Christen • Einzelheft: E 11,30 zzgl. Versandkosten
• Jahresabonnement: E 40,- inkl. Versandkosten
• ermäßigtes Abonnement für
bestimmen sie mit, was sie lesen! Schüler/Studierende E 32,- inkl. Versandkosten
• Abonnement mit Lieferung ins Ausland:
E 46,- /ermäßigt E 38 ,- inkl. Versandkosten

Liebe Leserinnen und Leser, AUSLIEFERUNG:


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Wir laden sie ein, an den heftplanungen teilzunehmen. Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB, Bederstr. 76,
CH-8002 Zürich
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Die Könige Israels Jahresabonnement sFr 70,-
(inkl. Versandkosten)
Österreich:
Was würde Sie an diesem Thema besonders interessieren? Historisch, Österreichisches Katholisches Bibelwerk,
theologisch, archäologisch? Bräunerstraße 3/1. Stock, A-1010 Wien
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per E-Mail (wub@bibelwerk.de), Brief oder Fax. Wir freuen uns auf die Jahresabonnement E 40,-; Studierende E 32,-
(je zzgl. Versandkosten)
Zusammenarbeit mit Ihnen. Eine Kündigung des Abonnements ist mit einer
© public domain

vierwöchigen Kündigungsfrist zum Jahresende


Ihre Redaktion Helga Kaiser, Wolfgang Baur und Barbara Leicht möglich.

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welt und umwelt der bibel 2/2019
Die Zeitschriften
des Katholischen Bibelwerks!

Verständliche Beiträge Neues und Aktuelles aus Anspruchsvoll illustriert


Nah am Leben Forschung und Praxis
Informiert über Religionen,
Eine Oase zum Schmökern Beiträge international Kulturen und Geschichte
anerkannter Bibelwissen- der biblischen Welt
schaftler/-innen
Reportagen, Ausgrabungen
Ausführliche Informationen und Ausstellungshinweise
über weiterführende
Literatur zum Heftthema

www.bibelheute.de www.bibelundkirche.de www.weltundumweltderbibel.de

Bibel heute Bibel und Kirche Welt und Umwelt


Biblische Gedanken, Immer das Neueste der Bibel
lebensnah und aus Forschung und Archäologie, Kunst und
überraschend. pastoraler Praxis. Geschichte – in Magazinform.

Themen 2019 Themen 2019 Themen 2019


Passion – Gott im Leiden, 1/19 Jugend – und Bibel?, 1/19 Das Grab Jesu, 1/19
Dem Leben trauen, 2/19 Macht und Kirche. Exodus, 2/19
Ruhe, 3/19 Biblische Impulse, 2/19 Traum, 3/19
Magnificat, 4/19 Matthäusevangelium, 3/19 Maria, 4/19
Jüdisch-christliche
Schriftauslegung, 4/19

Katholisches Bibelwerk e.V. • Postfach 150365 • 70076 Stuttgart • Telefon: 0711/61920-50


Schweiz: Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB • Bederstr. 76 • 8002 Zürich • E-Mail: info@bibelwerk.ch
Österreich: Österreichisches Katholisches Bibelwerk • Bräunerstraße 3/1. Stock • A-1010 Wien • E-Mail: auslieferung@bibelwerk.at
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Schätze aus 20 Jahren
Unsere Backlist

o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Echnaton und Nofretete, 4/01


o Schöpfung, 2/96 o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02
o Damaskus, 1/97 o Jesus der Galiläer, 2/02
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 o Himmel, 4/02

Einzelheft € 4,90
e [A] 5,50 / sFr 9,50
o Der Tempel von Jerusalem, 3/99 o Entlang der Seidenstraße, Sonderheft 2002
o Christus in der Kunst (1): o Die Kreuzzüge, 3/03
Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Der Nil, 1/04
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Flavius Josephus, 2/04
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Der Jakobsweg, 3/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Prophetie und Visionen, 4/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Babylon, 3/05
o Paulus, 2/01 o Juden und Christen, 4/05

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

Einzelheft € 9,80
o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12

e [A] 11,50 / sFr 19,–


o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o Nordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14

o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 o Götter und Tiere, 3/17


o Jesus der Heiler, 2/15 o Juden, Christen, Muslime: Kunst des Zusammenlebens, 4/17

Einzelheft € 11,30
e [A] 11,80 / sFr 19,–
o Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 o 70 Jahre Qumran: Neue Forschungen, 1/18
o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 o Nächstenliebe – ein christlicher Wert?, 2/18
o Die Christen des Orients, 1/16 o Irland – Christentum zwischen Druiden u. Mönchen, 3/18
o Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 o Die abenteuerliche Geschichte der Bibel, 4/18
o Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16 o Das Grab Jesu, 1/19
o Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16 o Exodus – Transit in ein neues Leben, 2/19
o Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17 o Traum – Fenster zum Göttlichen, 3/19 (ab August 2019)
o Messias – Der Traum vom Retter, 2/17

o „Orte am See Gennesaret“ Satellitenaufn. + Erläuterungen A2, o „Der Nil und seine Heiligtümer“ 21,5 x 110 cm,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50
Pläne & Karten

o „Der Tempel von Jerusalem“, Rekonstruktion + Luftaufnahme A2, o „Die Überlieferung der Bibel“ Wichtige Inschriftenfunde A2,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50
o „Das Heilige Land“ – Landkarte 28 x 60 cm, o Palästinakarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90, sFr 9,–
2 1,– (ab 5 Ex. 2 -,50), 2 [A] 1,10, sFr 1,50 o Mittelmeerkarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90, sFr 9,–
o „Die Altstadt von Jerusalem“, Reliefkarte A1, o Kartenset Palästinakarte und Mittelmeerkarte nur 2 9,90,
2 3,– (ab 2 Ex. 2 2,50), 2 [A] 3,20, sFr 4,– sFr 12,50
o Kartenset Heiliges Land: Alle 4 Karten (oben) o Alter Orient in biblischer Zeit 98 x 68 cm, 2 6,90, sFr 9,–
nur 2 5,–, 2 [A] 5,20, sFr 6,–

o Judäa und Jerusalem, 256 S., 2 12,80, 2 [A] 13,20, sFr 16,– o Musik in biblischer Zeit, 104 S., 2 11,90, 2 [A] 12,30, sFr 15,–
o 1001 Amulett, 224 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,– o Kleider in biblischer Zeit,112 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,–
Bücher

o Von den Schriften zur (Heiligen) Schrift, 175 S., o Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S., 2 16,80
2 29,–, 2 [A] 29,90, sFr 37,– 2 [A]200219014013NH-01
17,30, sFr 21,– am 30.04.2020 über http://www.united-kiosk.de
o Engelwelten, 196 S., 2 35,–, 2 [A] 36,–, sFr 45,–
Bibel lesen – und verstehen.
Unsere Kommentarreihe zum Neuen Testament
Die vier Evangelien &
die Apostelgeschichte
2,13-22 Erstes Pascha in Jerusalem (2,13-3,21) Dem eng am griechischen Urtext übersetzten
Tempelreinigung (Jesus als wahrer Tempel) (2,13-22) Evangelium s­ tehen die Erläuterungen und
13 Und nahe war das Pascha „der Juden“,
und hinaufstieg Jesus nach Jerusalem.
Von Kafarnaum am See Gennesaret steigt Jesus dann nach Jerusalem hinauf.
Anlass ist das erste Paschafest, das im Text erwähnt wird. Es ist das Pascha „der Kommentare jeweils auf einer Doppelseite
gegenüber. Diese Darstellungsform eignet
Juden“, womit ausgedrückt ist, dass das wahre Pascha nur im Glauben an Jesus,
14 Und er fand im Heiligtum der das echte Paschalamm ist, gefeiert werden kann. Denen, die Jesus nicht erken-
die Rinder- und Schafe- und Tauben-Verkäufer nen, gibt das Fest einen Grund, zum Tempel in Jerusalem zu pilgern. Jesus nutzt

15
und die Wechsler da sitzen,
und nachdem er eine Peitsche aus Stricken gemacht hatte,
trieb er alle – sowohl die Schafe als auch die Rinder –
diese Gelegenheit, um das deutlich zu machen, was sich in 1,51 ankündigte.
Eigentlich sichert der Tempelmarkt die materielle Basis für den Kult: Man muss die
Tiere kaufen, die man für das Opfer spenden will, und muss sein Geld tauschen,
sich hervorragend für die Bibellektüre allein
hinaus aus dem Heiligtum
und das Münzgeld von den Geldwechslern goss er aus,
weil man die Tempelsteuer nur in tyrischer Währung zahlen kann. Dem histori-
schen Jesus ging es also sicher nicht um eine „Reinigung“ des Tempels. Eher soll- oder in der Gruppe.
und die Tische warf er um, te diese kritische Aktion davor warnen, die Kulttheologie gegen die Königsherr-
16 und zu den Tauben-Verkäufern sprach er: schaft Gottes außerhalb des Tempels auszuspielen. Die Deutung dieser Aktion als
Hinweg dieses von hier, Tempel-Reinigung gehört in die Zeit nach 70 n. Chr., als der Tempel für die Ge-
macht nicht das Haus meines Vaters zu einem Handelshaus. meinden keine Erfahrungswirklichkeit mehr darstellte. Das JohEv geht aber über
die Reinigungsidee hinaus und reaktiviert die Tempelkritik der ursprünglichen
17 Seine Schüler erinnerten sich, dass geschrieben ist:
Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren.
Handlung Jesu. Hier hat Jesus nämlich deshalb Macht über das gebaute Haus
Gottes, weil sein Leib der eigentliche Wohnsitz Gottes ist. Der wahre Tempel Das älteste Jesusbuch
Das Markusevangelium
Gottes ist der Mensch Jesus! Denn das griechische Wort „soma“, das mit „Leib“
18 Nun antworteten „die Juden“ und sprachen zu ihm: übersetzt wird, meint nicht nur den Körper, sondern die ganze Person. Wie im
Welches Zeichen zeigst du uns, dass du das tun darfst? Tempel die Schechina (Gegenwart) Gottes wohnte, so wohnt der Logos in Jesus
19 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: (vgl. 1,14!). Und wenn dieser lebendige Tempel zerstört wird, dann wird er wieder
Löst diesen Tempel auf,
und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten.
aufgerichtet. In einem wunderbaren Wortspiel verwendet der Text für „aufbauen“
und „auferwecken“ dreimal dasselbe Wort (egeirein, von mir durchgehend mit
Übersetzt von Hans Thüsing, kommentiert von
20 Nun sprachen „die Juden“:
Hans Thüsing/Anneliese Hecht
„aufrichten“ übersetzt). Die Auferstehung Jesu ist also die Wiedererrichtung des
Sechsundvierzig Jahre wurde dieser Tempel gebaut, Tempels. Da der gebaute Tempel nicht wieder errichtet wurde, ist damit der Leib
und du wirst ihn in drei Tagen aufrichten? Jesu der einzige echte Tempel.
21 Jener aber redete über den Tempel seines Leibes. Die Vorstellung, dass auch ein Lebewesen Wohnsitz einer Gottheit sein kann, ist
schon im Alten Ägypten bekannt: Die Götter wohnen nicht einfach im Tempel, 978-3-940743-89-3, 152 S., s 13,80
22 Als er nun aus Toten aufgerichtet wurde, sondern sie wohnen auch in Kultstatuen, Menschen und Tieren. Horus wohnt z.B.
erinnerten sich seine Schüler, dass er dies sagte, in einem Falken, Hathor in einer Wildkuh. Heilige Tiere wurden nicht als solche
und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus sprach. angebetet, sondern als sakramentale Vergegenwärtigung einer Gottheit. Der
göttliche König ist eine lebendige Kultstatue der Götter (z.B. Tut-anch-Amun =
„Lebendes Kultbild des Amun“). Wenn das JohEv diese uralte Tradition aufgreift,
so soll Jesus damit nicht einfach vergöttlicht werden. Das JohEv lehrt damit
Eine wortgewaltige Jesusdarstellung
zugleich, das Menschsein Jesu zu schätzen. Jesu Leib ist Ort der realen
Gegenwart Gottes in der Welt. Der Mensch Jesus ist das Zelt Gottes (1,14) in der Das Johannesevangelium
Welt, Gottes Leib-Sakrament.

32 33 Übersetzt und kommentiert von Joachim Kügler


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Eine universale Jesusge­schichte


Das Matthäusevangelium
Übersetzt und kommentiert von Uta Poplutz
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Die lebendigste Jesuserzählung


Das Lukasevangelium
Kommentiert von Thomas P. Os­­borne, Übersetzung
von R. Pesch mit U. Wilckens und R. Kratz
978-3-940743-87-9, 288 S., s 24,80

Jesu Taten gehen weiter


Die Apostelgeschichte
Übersetzt von Michael Hartmann,
kommentiert von Thomas P. Osborne
978-3-940743-85-5, 288 S., s 24,80

Katholisches Bibelwerk e.V., Postfach 150365, 70076 Stuttgart


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kulturen erleben menschen begegnen

biblische orte
Reisen nach Jordanien sind fester Bestandteil im Reiseprogramm von
Griechenland: Antike,
Paulus und Orthodoxie
9 Tage I 04.04.-12.04.2019
Jordanien: Die andere
Seite des Jordan
9 Tage I 13.10.-21.10.2019
und 03.10.-11.10.2019 und 26.10.-03.11.2019
Biblische Reisen. Aus dem Orient kommt das Licht! Von den Wüsten-
erfahrungen spannt sich der Bogen über die Zeit der Landnahme Reiseleitung: Klaus Zimmer- Reiseleitung: Heidrun Gerstner,
zu Elija, Johannes dem Täufer und Jesus bis hin zur Geschichte der mann, Denzlingen bzw. Freiburg bzw. Dipl.-Theol. Alfons
frühen Kirche. Pfr. Wolfhart Koeppen, Nafplio Grobbel, Mainz
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„Die Menschen vor Ort werden Sie ganz sicher willkommen heißen“, ab € 1.695,– ab € 1.865,–
urteilt der Theologische Leiter von Biblische Reisen, Thomas Maier,
der tief beeindruckt vom nachhaltigen Engagement des Salam-
Zentrums in Ägpten zurückkehrte. Hier kümmert man sich um die Griechenland: Insel
„Müllmenschen“ am Rande der 20 Millionen Metropole Kairo. Kran- Kefalonia – Auf den
kenhaus, Kindergarten und Schulen, in denen auch Inklusion geför- Spuren des Apostels Paulus
dert wird, gehören zum von Marien-Schwestern geleiteten Zentrum, 8 Tage I 07.09.-14.09.2019
das auf der Reise „Götter und Menschen am Nil“ besucht wird. Reiseleitung: Prof. Dr. Michael
Mindestens ebenso spannend sind Reisen in die Länder, wo das Fieger, Chur
junge Christentum ins Gespräch kam mit der antiken Welt. In der Inklusivpreis pro Person
heutigen Türkei liegen so viele biblische Orte wie in keinem ande- ab € 1.735,–
ren Land außerhalb von Israel/Palästina. Ephesus, die „Zentrale“ des
Paulus für mehrere Jahre, war nur einer der bekanntesten von ihnen. Türkei: Spuren der jungen Ägypten: Götter und
In Griechenland gründete Paulus die erste Gemeinde auf europäi- Kirche in der Westtürkei Menschen am Nil
schem Boden, und in Athen, auf dem Aeropag, lässt Lukas ihn jene 9 Tage I 15.06.-23.06.2019 10 Tage I 16.10.-25.10.2019
Rede halten, in der er den Athenern von jenem unbekannten Gott und 26.10.-03.11.2019 und 13.11.-22.11.2019
berichtet, den sie verehren, ohne ihn zu kennen. Reiseleitung: Prof. Dr. Martin Reiseleitung: Andrea Gschwindl
George, Berlin bzw. Dr. Bärbel M.A., Wien bzw.
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