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Archäologie . Kunst .

Geschichte 2/2020
WUB
Nr. 96, 25. Jg., 1. Quartal 2020 / Die Könige / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-948219-43-7

Die Könige
von Israel und Juda
EURO 11,30

jordanien forschung städte


Datenbank nikodemus- der bibel
sichert evangelium Cäsarea
funde entdeckt Juwel am meer
200430231948UF-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
Inhalt 2/2020

10 40 26
Die Bücher der Könige: Der Blick der Assyrer auf die kleinen Die sorgfältige Suche nach den
eine großartige Erzählung Königreiche Israel und Juda archäologischen Spuren

Die Könige von Israel und Juda

Helga Kaiser 8 Ariel M. Bagg 40


Mord und Totschlag, Baalsopfer und Wie sahen die Assyrer die Könige
Ascherakult von Israel und Juda?
Ein erster Blick auf die biblischen Königsbücher Die andere Perspektive

Katharina Pyschny 10 Michael Pietsch 46


Eine große Geschichte Der König als Schüler der Tora
Die Erzählungen über die Könige Israels und Judas Joschijas Reform und das Deuteronomium

Liste der Könige Israels und Judas 18 Sandra Huebenthal 50


und außerbiblische Quellen und Zeugnisse Eindeutig zweideutig
Die Könige im Stammbaum Jesu

Simone Paganini 20
Die Chronologie der Königsbücher Ines Baumgarth-Dohmen 56
Heikle Fragen und unlösbare Probleme Die Könige von Juda in Frankreich
Mit der Bibel politische Macht legitimieren

Bernd U. Schipper 26
Der neue Blick auf die Geschichte der

© Public Domain / www.BibleLandPictures.com / Alamy Stock Foto


Staaten Israel und Juda
Die Archäologie der Königszeit

Wolfgang Zwickel 34
Das Leben am Königshof in Jerusalem
und Samaria
Was archäologische und schriftliche Zeugnisse verraten

Titelbild: Siegelabdruck des Siegels eines Beamten des


Jerobeam II., 8. Jh. vC, gefunden in Megiddo. Im Hinter-
grund assyrische Soldaten auf einem Relief aus Ninive.

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Editorial

Hiskija und Joschija


mögen noch bekannt
sein. Aber all die Amazjas,
Ahasjas, Jorams, Jotams und
Joaschs, die man nicht recht
auseinanderhalten kann?
Wer genau in den rund 340 Jahren nach David
4 und Salomo geherrscht hat, haben vermutlich
selbst Bibelfreunde und -freundinnen nicht
In Wittenberg wurden einzigartige Frag­mente des apokryphen
gleich parat. Der Zeitraum der Könige Israels
Nikodemus-Evangeliums entdeckt
und Judas – von ca. 926 vC bis 586 vC – birgt
viele Überraschungen: erzählerische Über-
Aus der Welt der Bibel raschungen in den Büchern der Könige und
historisch-archäologische Überraschungen in
Das Neueste aus der Welt der Bibel ganz Israel/Palästina. Durch Siegelabdrücke
2
Cäsarea: Ein Grabstein belegt antiken Wohlstand sind Könige wie Hiskija und Ahas, auch Königin
Wittenberg: Fragment des Nikodemus-Evangeliums gefunden Isebel, namentlich belegt, assyrische Inschriften
erwähnen Könige und Ereignisse, Ruinen und
Büchertipps 55 Scherben werfen Licht auf den Alltag am Königs-
Panorama
hof. Und doch erzählen die Funde eine mitunter
60
Heliopolis: Immer wieder neue Entdeckungen! ganz andere Geschichte als die biblischen Texte.
Mittelalterliches Kirchenrecht: Moderner als gedacht In ihrem Rückblick auf die Zeit der Könige
Amman: Digitaler Schutz archäologischer Funde stellen die Königsbücher den längst verstorbe-
nen Herrschern eine Frage: „Wie konntet ihr nur
Die großen Städte 68
Cäsarea Maritima – Juwel am Mittelmeer
so dumm sein und Gott missachten?“ – eine Art
jahrtausendealtes „How dare you?“ Denn die Bü-
Die Bibel in berühmten Gemälden 72 cher sind das Zeugnis einer Generation, die die
Max Slevogt: Der verlorene Sohn Folgen des Handelns ihrer Väter und Mütter zu
tragen hatte. Sie will deren Fehler nicht wieder-
Ausstellungen und Veranstaltungen 77 holen. Das macht die Königsbücher aktuell.
Vorschau und Impressum Vielleicht richten die Beiträge dieser Ausgabe
78
einen Lichtstrahl auf eine im Detail eher unbe-
kannte biblische Zeit und wecken Verständnis
und Begeisterung für die biblische Erzählkunst,
ihre theologische Ideenwelt und die menschli-
chen Hoffnungen dieser bewegten Jahrhunderte.
Und hoffentlich erreicht WUB Sie, liebe Leserin-
nen und Leser, bei guter Gesundheit.

Lese- und Entdeckungsfreude wünscht


Ihre Helga Kaiser
Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

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welt und umwelt der bibel 1/2015 3
Das neueste aus der Welt der Bibel

Ungefähr 1500 Jahre alt ist der Grabstein mit griechischer Inschrift, den der 13-jährige Schüler beim Pilzesuchen fand.

Zeugnis für antiken Wohlstand in Cäsarea

Pilze gesucht antiken Grabstein gefunden


cäsarea Eigentlich wollte der 13-jährige Stav in der Umgebung storbenen Person – und ebenso die Gebräuche und die religiö-
von Cäsarea nur Pilze sammeln, doch stattdessen entdeckte er sen Überzeugungen der Einwohner Cäsareas in byzantinischer
eine antike Marmortafel mit einer griechischen Inschrift. Die Zeit. Diese Inschrift fügt sich zu einer großen Sammlung von
starken Regenfälle im Winter hatten die Platte wohl freigelegt, Grabinschriften, die bisher bereits rund um das antike Cäsarea
wie die Israel Antiquities Authority (IAA) in einer Meldung be- gefunden wurden.“
kannt gab. In byzantinischer Zeit war Cäsarea eine aufstrebende Stadt.
Die Marmorplatte ist Teil eines Grabsteins aus byzantini- Vermögende Einwohner bauten sich große Villen und Herren-
© Karem Said, Israel Antiquities Authority

scher Zeit. Ihre griechische Inschrift beginnt mit einem Kreuz­ häuser in den Außenbezirken von Cäsarea. So genossen sie an
zeichen, dann folgen die Namen der Verstorbenen. Leider ist diesen Standorten einerseits die ländliche Idylle, andererseits
auf dem Bruchstück nur noch der zweite Name erkennbar. Ar- die Nähe der Stadt. Davon zeugen fünf große Villen, die bisher
chäologen entziffern die Inschrift daher so: „Das Grab von … gefunden wurden. Am auffälligsten ist unter ihnen ein Herren-
und von Anastasius oder Anastasia …“. haus mit einem großen Bodenmosaik, das unter dem Namen
Der Archäologe Peter Gendelmann, der im Auftrag der IAA in „Vogelmosaik“ bekannt wurde. Es wurde 2005 endgültig frei-
Cäsarea tätig ist, führt aus: „In antiker Zeit war Cäsarea ein at- gelegt. Das Mosaik stammt aus dem 6. Jh. und zeigt in großer
traktiver Ort für eine wohlhabende Bevölkerung. Die Qualität Detailtreue Wildtiere wie Löwen, Leoparden, Elefanten und Ga-
des Steins, den Stav gefunden hat, zeigt den Reichtum der ver- zellen zwischen Obstbäumen. W (bl/IAA)

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welt und umwelt der bibel 2/2020
Das neueste aus der Welt der Bibel

hinweise auf Marktplatz 2700 Jahre altes Heiligtum


freigelegt

Maß Neuer Tempel


genommen in Yeha
jerusalem Archäologen haben in
Jerusalem Hinweise darauf gefunden,
dass sich an der Pilgerstraße von der
Davidsstadt zum Tempel um die Zei-
Steinernes Volumenmaß. Es diente
zum Festlegen der Mengennorm von
tenwende ein Marktplatz befand. Dar-
Flüssigkeiten wie Wein und Olivenöl.
auf deuten der Fund eines bearbeiteten
Steins, der offenkundig als Volumen- Jerusalem dieser Zeit verwendet wur-
maß diente, sowie von Messgewichten den. Die Tatsache, dass Jerusalem über
aus Stein, wie die Israel Antiquities eigene Gewichtseinheiten verfügt habe,
Authority (IAA) mitteilte. weise auf die Bedeutung der Handels-
Das Volumenmaß wie auch die Anla- und Wirtschaftstätigkeiten in der Zeit
ge der Straße werden in herodianische des herodianischen Tempels hin.
Zeit datiert. Der Stein weist zwei Vertie- Archäologen der IAA haben nahe Der neue Tempel (weißer Pfeil),
fungen auf, versehen mit einem Abfluss. der antiken Pilgerstraße schon vor ei- unterhalb des großen Tempels (rechts
Sie dienten laut Mitteilung der Kali- niger Zeit einen großen, gepflasterten, oben) in Yeha (Nov. 2019).
brierung von Messbechern der Händler ca. 2000 Jahre alten Platz gefunden
zum genormten Abmessen von Flüs- und gehen davon aus, dass dieser Platz Yeha Vor fast 3000 Jahren wanderten
sigkeiten wie Wein oder Olivenöl. Die zwischen der Davidsstadt und dem vom Südwesten der Arabischen Halb-
Abflusslöcher wurden mit dem Finger Tempel für Handel genutzt wurde. Die insel Sabäer ins nördliche Hochland
verschlossen, während die Flüssigkeit in jüngsten Funde unterstützen dies. Für Äthiopiens. Hier fanden sie Weihrauch,
die Vertiefungen eingefüllt wurde. Dann den Archäologen A. Levi von der IAA Gold und fruchtbare Böden. In Yeha
wurde das Abflussloch geöffnet und die weist das Steinmaß darauf hin, dass (heute Tigray) gründeten sie ihr politi-
genormte Flüssigkeitsmenge floss in die hier Kontrolleure die Konformität der sches und religiöses Zentrum.
Messgeräte der Händler. Nach Aussage Messgeräte der Händler überprüften. Zu den monumentalen öffentlichen
des israelischen Archäologen Ronny In römischer Zeit wurden diese Aufse- Bauwerken in Yeha gehören der „Gro-
Reich wurden bisher erst zwei vergleich- her über Maße und Gewichte „Agora- ße Tempel“, ein in den letzten Jahren
bare mit Volumenmaßen versehene Ti- nomos“ genannt. W (IAA/wub) erforschtes und restauriertes Heiligtum
© Pilgerstraße und Messtisch: Kobi Harati, City of David archive; Grabung Yeha: DAI Orient-Abteilung

sche in Jerusalem gefunden. des höchsten sabäischen Gottes Alma-


Außerdem fanden die Archäologen Die antike Pilgerstraße, in deren qah, sowie ein mehrgeschossiger Palast.
eine Reihe von Steinmaßen unterschied- Nähe Archäologen jetzt einen Markt- Mit den jüngsten Ausgrabungen durch
lichen Gewichts, die typischerweise im platz vermuten. ein äthiopisch-deutsches Team, unter
Beteiligung des DAI und der Universi-
tät Jena, kann ein weiterer Tempel mit
1,40 m starken Außenmauern sowie
einer Pfeilerhalle rekonstruiert werden,
auch wenn bislang nur wenige Reste
freigelegt wurden. Typisch für eine süd-
arabische Bauweise ist der mörtel- und
dübellose Versatz der Steine. Anhand
dieser Details lässt sich das Gebäude in
das 7. Jh. vC datieren. Es entstand damit
etwa zeitgleich mit dem Großen Tempel.
Mit dem neuen Sakralbau wird die
herausragende religiöse Bedeutung
Yehas in der ersten Hälfte des 1. Jahr-
tausends vC in dieser Region unterstri-
chen. W (DAI/Universität Jena)

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welt und umwelt der bibel 2/2020 3
Das neueste aus der Welt der Bibel

deutsches fragment des


Nikodemus-evangeliums
gefunden

Älter als gedacht


wittenberg Geplant war eine Kabi-
nettausstellung alter Schriftfragmente
aus der Reformationsgeschichtlichen
Forschungsbibliothek Wittenberg. Doch
bei der Suche im Magazin der Bibliothek
fielen dem wissenschaftlichen Bibliothe-
kar Matthias Piontek zwei Bucheinbän-
de auf: Die Schrift wirkte stilistisch auf-
fallend alt und der Text war in Deutsch,
was sehr selten ist, denn häufiger wer-
den Fragmente in Latein gefunden. Ganz
offensichtlich waren hier zwei alte Per-
gamente Jahrhunderte nach ihrer Entste-
hung als Bucheinband wiederverwendet
worden – eine durchaus übliche Metho-
de. Das Pergament, auf dem mittelalterli-
che Handschriften geschrieben wurden,
ist ein sehr stabiles Material und wurde
von Buchbindern späterer Jahrhunderte
gern genutzt, völlig unabhängig von ih-
rem jeweiligen Inhalt.
Im Handschriftenzentrum Leipzig
wurden die gut erhaltenen Fragmente
vor der Untersuchung von den Buchein-
bänden abgelöst, um auch den Text auf
Das älteste Fragment des Nikodemus-Evangeliums in Deutsch, gefunden
der Innenseite lesen zu können. Dabei
in Wittenberg. Entstanden um 1215–25.
zeigte sich: Es handelt sich um den ältes-
ten deutschsprachigen Textzeugen des
apokryphen Nikodemus-Evangeliums von Hesler keine gelehrten Kleriker im Das St. Trudperter Hohelied. In
sowie um ein Fragment des St. Trudper- Blick hatte und auch nicht für den litur- Alemannisch, Ende 13. Jh.
ter Hohelieds, des frühesten Kommen- gischen Gebrauch schrieb. Möglicher-
tars dieses alttestamentlichen Buches weise entstand die Handschrift für einen
in frühmittelhochdeutscher Sprache. Nonnenkonvent.
Beide Fragmente stammen aus dem Das Wittenberger Blatt (14,5 x 19 cm)

© Reformationsgeschcihtliche Forschungsbibliothek Wittenberg


13. Jh. stammt aus einer Handschrift, von der
Das Fragment des Nikodemus-Evan- bisher kein weiterer Überlieferungszeu-
geliums ist Teil einer deutschen Überset- ge bekannt ist. Die 28 erhaltenen Zeilen
zung des Heinrich von Hesler und wird berichten die Höllenfahrt Jesu.
auf ca. 1215–25 datiert. Damit müssen Das Nikodemus-Evangelium, dessen
bisherige Annahmen zur Übersetzung Überlieferungsgeschichte verwickelt und
und zum Übersetzer korrigiert werden. dessen Entstehungsgeschichte unklar
Der Text entstand Jahrzehnte früher als ist, erzählt von der Passion Jesu sowie
gedacht. Aufgrund der neuen Datierung von der Höllenfahrt des Gekreuzigten. Es
ist jetzt auch neu zu untersuchen, in hatte – ähnlich wie das Jakobus-Evange-
welchem Umfeld und für welche Leser/ lium – eine große Wirkungsgeschichte,
innen diese sehr frühe deutsche Über- da man annahm, es enthielte Prozessak-
setzung entstand. Eine Übersetzung in ten des Pilatus zum Prozess Jesu. W (bl/
die Volkssprache lässt vermuten, dass wub)

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Das neueste aus der Welt der Bibel

wassersystem rund um ninive zitate

Prozession der Götter Zur lage in Israel und


­Palästina

„Beide Seiten haben dieses


Bedürfnis nach Sicherheit. Sie
wird aber nur dort möglich, wo
alles unterlassen wird, was die
Spannungen verschärft, und
alles getan wird, was Vertrau-
en schafft und die Würde der
Menschen achtet.“
Der Mainzer Weihbischof Udo Bentz
nach seiner Teilnahme am „Internati-
onalen Bischofstreffen zur Solidarität
mit den Christen im Heilgen Land“ im
Interview mit der Katholischen Nach-
richtenagentur am 16.1.2020.

Sieben assyrische Hauptgottheiten schreiten an der Wand eines Kanals


entlang. Kuppel des Petersdoms wird
restauriert

Faida Im Herbst 2019 legte eine itali-


enisch-irakische archäologische Mis-
hinter der göttlichen Prozession ist je-
weils der König abgebildet – aufrecht
Ziel: der alte Glanz
sion in Faida (Region Kurdistan-Irak) stehend, jedoch ohne Reittier. König Rom Nicht nur die Grabeskirche in Je-
unter der Leitung von D. Morandi Bo- und Gottheiten sind in Seitenansicht rusalem wird restauriert, auch die Kup-
nacossi (Universität Udine) und Hasan dargestellt, sodass ihr Blick der Fließ- pel des Petersdoms wird derzeit erneu-
A. Qasim (Antikendirektion Dohuk) richtung des Wassers folgt. ert. Vier Jahre soll es dauern, das größte
zehn große assyrische Steinreliefs frei, Laut D. Morandi Bonacossi weisen freitragende Ziegelbauwerk der Welt zu
die aus dem Boden ragten. Die Reliefs, der Stil und ornamentale Details in die reinigen und neu zu sichern, wie Luca
je 5 m hoch und 2 m breit, waren in die Zeit der Herrschaft von König Sargon Virgilio, Architekt der Dombauhütte, in
Wand eines alten Bewässerungskanals II. hin, der von 721–705 vC herrschte. einem Beitrag in „Osservatore Roma-
von 4 m Breite und 7 km Länge einge- 722 vC eroberte er das Nordreich Is- no“ bekannt gab.
hauen. Sie stellen jeweils eine Prozes- rael. Ihm ist also der Bau des Kanals Dabei werde „der komplexen archi-
sion der sieben Hauptgottheiten Assy- und die Entwicklung des Wasser- tektonischen Struktur der Basilika der
riens dar, die von ihren symbolischen netzes in dieser Region des nördli- alte Glanz wiedergegeben“. Zugleich
Tieren getragen werden. chen Assyrien zuzuschreiben. Dieses würden „die mechanischen Eigenschaf-
Unter den Gottheiten befinden sich brillante Netzwerk, das von seinem ten des Steins“ gesichert. Eine Untersu-
Assur, der Hauptgott Assyriens, ge- Sohn und Nachfolger Sanherib (705– chung mit einem Laserscanner dient
tragen von einem Drachen und einem 681 vC) vervollständigt wurde, soll- „zum besseren Verständnis der kom-
gehörnten Löwen, der Mondgott Sin, te die Wasserversorgung der Region plexen architektonischen Struktur, die
© Alberto Savioli for LoNAP

ebenfalls auf einem gehörnten Löwen Ninive sichern und gleichzeitig den von Michelangelo und Giacomo Della
thronend, der Sonnengott Shamasch Transport erleichtern. So wies der jetzt Porta entworfen wurde“. Die Restaurie-
auf einem Pferd, der Wettergott Hadad untersuchte Kanal verschiedene Ab- rung der Hauptkuppel ist der Abschluss
wieder auf einem gehörnten Löwen und zweigungen auf, die das Wasser in die der seit dem Jahr 2000 laufenden Arbei-
einem Bullen sowie Ischtar, die Göttin angrenzenden Felder leiteten. W (Uni- ten am Petersdom. W (KNA)
der Liebe auf einem Löwen. Vor und versität Udine/mdb)

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welt und umwelt der bibel 2/2020 5
Die Könige
von Israel und Juda
HELDEN UND VERSAGER
„Omri trieb es noch „Ela war in Tirza und hatte sich im
schlimmer als alle Haus Arzas, des Palastvorstehers in
seine Vorgänger.“ Tirza, völlig betrunken. Simri drang ein
Schlechte Noten für Omri und erschlug ihn ... und wurde
von Israel (1 Kön 16,25) König an seiner Stelle.“
Blutiger Machtwechsel in Israel von
König Ela zu Simri (1 Kön 16,9f)

„Das Blut der Wunde war in das Innere des


Wagens geflossen. So starb der König.
Als man im Teich von Samaria den Wagen
ausspülte, leckten Hunde sein Blut und
Dirnen wuschen sich darin.“
Ahab von Israel – elendes Ende in der
Schlacht (1 Kön 22,35f)

„Er fährt wie ein Rasender.“ © mit freundlicher Genehmigung: Ramat Rahel Expedition

Ein Turmwächter sieht Usurpator Jehu mit seinen Leuten


durch die Jesreelebene herankommen (2 Kön 9,20)

Ein König von Juda? Auf einer bemalten Keramikscherbe


aus dem 7. Jh. vC – gefunden in Ramat Rahel – kann man
eine sitzende Figur im Stil der assyrischen Könige erken-
nen. Hat sich ein judäsicher König, vielleicht Hiskija hier
abbilden lassen? Die Forschung ist sich uneinig ...

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„Die Götter sollen mir dies
und das antun, wenn ich mor-
gen um diese Zeit dein Leben
„In allem, was er unter-
nicht dem Leben eines jeden
nahm, hatte er Erfolg.“
von ihnen gleichmache.“
Hiskija von Juda – endlich ein
Wütende Königin Isebel zu Elija König wie er Gottes gefällt
(1 Kön 19,2) (2 Kön 18,7)

„Jehu befahl: Schichtet


„In seinem Alter
erkrankte er an
die Köpfe der Königs­söhne
den Füßen.“ bis zum Morgen in zwei
Fußnote zu König Asa
von Juda (1 Kön 15,23)
Haufen vor dem Tor auf!“
Keine halben Sachen: Jehu von Israel lässt
die Dynastie Omris ausrotten (2 Kön 10,9)

„Ahasja war in Samaria durch „Es gab ... keinen König, der so mit
das Gitter seines Obergemachs ganzem Herzen, mit ganzer
gefallen und hatte sich verletzt.“ Seele und mit all seinen Kräften
Ahasja von Israel wird an der Verletzung ster- zum Herrn umkehrte und so getreu
ben – weil er die Propheten des Beelzebul von die Weisung des Mose befolgte.“
Ekron befragen ließ, ob er an der Verletzung Joschija von Juda – ein Lichtblick
sterben werde ... (2 Kön 1,2) (2 Kön 23,25)

„Doch Joscheba, die Tochter des „Er zerbrach die


Königs Joram, nahm Joasch aus dem Steinmale, hieb die
Kreis der Königssöhne, die ermordet Kultpfähle um und
werden sollten, weg und brachte ihn mit füllte ihre Stätten mit
seiner Amme in die Bettenkammer. Dort Menschenknochen.“
© levkr/iStockphoto.com

versteckte sie ihn vor Atalja.“ Joschija von Juda greift durch,
Kampf um die Macht in Juda: Königin Atalja es ist seine große Reform
und der kommende König Joasch (2 Kön 11,2) (2 Kön 23,14)

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Ein erster Blick auf die biblischen Königsbücher

Mord und Totschlag,


Ascherakult und Baalsopfer
Das Alte Testament erzählt, dass Salomos Königreich in zwei Reiche geteilt wurde:
Juda und Israel. Die Könige von Rehabeam bis Zidkija in Juda und von Jerobeam bis
Hoschea in Israel regieren in bewegten Zeiten. Von Helga Kaiser

Z
iemlich viel Blut fließt in den Er- lon verschleppt worden war, begnadigt weil sie alle in der deutenden Rück-
zählungen über die Könige! Das und dieses Ereignis vermelden die Kö- schau fremden Göttern die Ehre gege-
fällt einem beim ersten Lesen un- nigsbücher als letzte Information. Die ben haben. Archäologisch sind tatsäch-
mittelbar auf. Da ermorden Söhne ihre Geschichte wird also als Rückschau lich viele Kultplätze und Heiligtümer
Väter, Palastangestellte ihre Chefs, aus- aufgeschrieben, ob in Palästina oder aus der Königszeit im Norden wie im
wärtige Feinde den König, Putschisten Babylon, ist nicht geklärt. Natürlich la- Süden nachweisbar. Die Könige des
Königinnen ... War es wirklich so? Nun, gen bei der Niederschrift Informationen „Südreichs“ Juda werden zwar teilweise
Herrscherwechsel, das ist in der Alten vor: Namenslisten, Regierungszeiten, etwas besser bewertet und sogar zwei re-
Welt nicht unbekannt, waren oft von Notizen über wichtige Ereignisse, über gelrechte Lichtblicke finden sich darun-
Wirren begleitet. Denn dynastische Sys- Errungenschaften und Niederlagen der ter, Hiskija und Joschija, doch auch das
teme sind anfällig, wenn jemand einen Könige. In der Zeit des einen Königs war Königreich Juda geht unter.
geborenen Nachfolger anzweifelt und Großes passiert, in der Zeit des anderen
eine neue Dynastie begründen will, weil vielleicht wenig Spektakuläres, der eine
er/sie sich weitaus berufener fühlt. Po- war charismatisch, der andere blass – so Eine dichte Erzählung
litische Morde wird es also gegeben ha- ergeben sich unterschiedlich ausführli- Nach heutigen Maßstäben von männ-
ben und die Erinnerungen daran sind in che Angaben zu den einzelnen Königen. lichen Präsidenten jenseits der Siebzig
der Bibel bis heute erhalten. kamen die Könige als ziemlich junge
Die Erzählungen über die Könige Männer an die Macht, mit 16, 18, 21 Jah-
Israels und Judas sind in der Bibel in Wieso die Könige beurteilt wurden ren, manche sogar als Kinder (Joasch
den Büchern 1 Könige und 2 Könige zu Als alles zusammengetragen wurde, war 7, Joschija 8 Jahre alt). Die Könige
finden. In den Büchern 1 Chronik und erhielten die Ausführungen aber einen des Nordens und des Südens befinden
2 Chronik ist später, im 4. Jh. vC, die einzigartigen erzählerischen Spin: Jeder sich meistens in politischen Konflikten:
Geschichte der Könige Judas noch ein- einzelne König wurde nun danach beur- Zuerst und immer wieder miteinander,
mal erzählt worden. Die Königsbücher teilt, ob er gottgefällig gehandelt hatte dann viel mit den Aramäern, die in Da-
handeln ab 1 Kön 12 von der Zeit nach oder nicht. So gut wie alle haben ver- maskus herrschen (große Herrscherna-
Salomo, also ab etwa 926 vC, ab der so- sagt! Und haben damit zwei Staaten in men sind hier Ben-Hadad, Hasael und
genannten „Reichsteilung“ (die es ver- den Untergang geführt. Was war schief Rezin), dann häufig mit Nachbarn wie
mutlich nie gegeben hat, vgl. S. 28), bis gelaufen? Offensichtlich lag der Grund Moab und Edom, sehr stark mit den
ins Babylonische Exil hinein. Archäo- darin, dass die Könige die kultischen Assyrern, zwischendrin auch mit dem
logisch benennt man die Zeit der zwei Bestimmungen der Tora nicht befolgt Pharao von Ägypten und zuletzt mit den
Königreiche Israel und Juda als „Eisen- hatten; so deuteten die Schreibenden Babyloniern.
zeit II“, unterteilt in IIA, IIB und IIC. die Tatsache, dass Israel und Juda – Ge- Literarisch ist in den Büchern der
Die Bücher der Könige müssen – re- meinschaften ihres starken Gottes JHWH! Könige ein Wechsel von Dramatik und
lativ bald? – nach 561 vC als ursprüng- – von Feinden erobert werden konnten: Ruhe, Crime und Normalität, Ränkespie-
lich ein Buch verfasst worden sein. In Israel 722 vC, Juda 586 vC. len und Verwaltungsakten entstanden.
diesem Jahr wurde der vorletzte König Die Könige des „Nordreichs“ Israel Man spürt, dass die Könige und ihre
Judas, Jojachin, der ins Exl nach Baby- kommen grundsätzlich schlecht weg, Volksgemeinschaften in Juda und Israel

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welt und umwelt der bibel 2/2020
gerungen haben – um ihre Existenz, um Gottes
(und anderer Götter) Gunst und Erbarmen, um
Macht, um Geld, um das ethisch richtige Verhal-
ten, um Verrat und Ehrlichkeit. Es gibt Episoden,
die filmreife Szenen heraufbeschwören, etwa
wenn der Knabe Joasch, vor dem Mordwahn der
Atalja in die Bettenkammer gerettet wird. Oder
wie der verächtliche Ahab in einer emotional
dichten Szene dem Elija zwischen schlechtem
Gewissen, Angst und Zorn begegnet. Oder wie
ein Prophet des Nordreichs einen Gottesmann
aus dem Südreich voller Reue und Liebe im für
ihn selbst reservierten Grab bestattet, nachdem
er für dessen Tod verantwortlich war (1 Kön 13).
Überhaupt die JHWH-treuen Propheten: Ahija
von Schilo, Schemaja, Jehu ben Hananis, Micha
ben Jimla, Jesaja ben Amoz, die Prophetin Hul-
da, viele weitere namenlose Prophetinnen und
Propheten und natürlich Elija und Elischa er-
mahnen die Könige unermüdlich, sich an JHWH
zu halten – bisweilen müssen sie dafür um ihr
Leben bangen. Der Erzähl-Zyklus um Elija und
Elischa und die Könige Ahab, Ahasja und Joram
birgt besonders berührende Geschichten wie
etwa die Heilung des Sohnes der Witwe von Sa-
repta, das Gottesurteil über die Baalspriester am
Karmel, Elija am Horeb, Elischas Ölwunder, sein
Quellwunder, die Erweckung des Kindes der
Frau aus Schunem, die Heilung des Naaman ...

Frauen und Macht


Frauen, die in den Königsbüchern als Protago-
nistinnen auftreten, sind rar. Zwei Frauen aber ter werfen. Aber die Erzählung will noch mehr: Königin Isebels
hatten offensichtlich Anteil an der Macht in Juda Sie will Isebel regelrecht auslöschen. Als Jehu Ende ist schaurig:
und Israel: Isebel und Atalja. Die erste ist für anordnet, ihren Leichnam zu begraben, haben „Jehu schaute zum
zwei Jahrzehnte einflussreiche Königsgattin in die Hunde bereits bis auf Hände, Füße und Kopf Fenster empor und
Samaria, die zweite sechs Jahre regierende Herr- alles gefressen. Die Gefahr durch eine solche fragte: Ist jemand da,
scherin in Jerusalem. Die Theologin Ilse Müllner fremde Frau, die a) Macht hatte und b) Fremd- der zu mir hält? Zwei
(Isebel, Atalja, die Macht und das Böse, 2005, götterkulte ins Land einschleppte, schätzten die oder drei Hofleute
s. Buchtipps S. 55) weist darauf hin, dass beide Verfassenden der Königsbücher offensichtlich sahen zu ihm herab und
Frauen zugleich Täterinnen und Opfer sind, sie überaus hoch ein. Interessant ist aber, dass wir er befahl ihnen: Werft
morden und werden ermordet. Als Ataljas Sohn uns noch heute an Isebel erinnern, literarisch sie herunter! Sie warfen
Ahasja getötet wird, lässt sie alle Thronerben und sogar archäologisch: Ein Siegel von ihr mit sie herunter und Isebels
umbringen und wird zuletzt während eines Put- ägyptisch-phönizischen Motiven hat man relativ Blut bespritzte die
sches selbst erschlagen. Isebel lässt u. a. zahl- sicher identifiziert. Es trägt die vier Buchstaben Wand und die Pferde,
lose JHWH-Propheten ermorden, bevor sie Jehu „JZBL“ (Jezebel). die sie zertraten. Dann
zum Opfer fällt. Isebel und Atalja sterben im Die Geschichte der Könige ist fesselnd, weil hier ging Jehu hinein, um zu
essen und zu trinken“
Machtkampf, genau so wie viele Könige in den die biblischen Geschichtsbücher als Geschich-
(2 Kön 9,32ff).
Königsbüchern. Beide werden mit dem Baalskult tenbücher vor Augen treten. Die Erfahrung der
Illustration von Gustave
verbunden und gewiss als böse, fremde Frau- gescheiterten Könige prägen die Bibel zutiefst.
Doré (1866)
en – Isebel stammte aus Phönizien, Atalja aus Bibellesende sind zu verstehen: Geschichte er-
dem Nordreich – literarisch überzeichnet. Das zählen bedeutet Identität herstellen und Optio-
© public domain

Urteil über Isebel, die phönizische Baals- und nen für ein Leben in Einklang mit dem Gott Isra-
Aschera­verehrerin, ist dabei besonders vernich- els für die Zukunft zu finden. W
tend. Jehu, ihr Mörder, lässt sie aus dem Fens- Helga Kaiser ist Redakteurin von WUB.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 9
Die Erzählungen über die Könige Israels und Judas

Eine große
Geschichte
Die Königsbücher geben jedem einzelnen König seine persönliche
Bilanz, Daumen hoch oder Daumen runter. Genau zwei Kriterien
gibt es dafür: Hat er den JHWH-Kult von fremden Göttern rein
gehalten? Hat er dafür gesorgt, dass es nur ein Heiligtum in
Jerusalem gibt? Die Hintergründe dieser biblischen Gedankenwelt.
Von Katharina Pyschny

D
ie biblische Darstellung der Ge- in einem modernen Sinne missverstan-
schichte über die Könige Israels den werden. Vielmehr handelt es sich
und Judas ist alles andere als um gedeutete, oder anders formuliert,
eine Erfolgsgeschichte: Auf den Zerfall theologisch reflektierte Geschichte. Da-
des davidisch-salomonischen Großreichs bei ist eine randscharfe Unterscheidung
folgt nicht nur der Untergang des Nord- zwischen Story (dem Erzählten) und His-
reichs Israel, sondern mittelfristig auch tory (dem Gewesenen) insbesondere im
derjenige des Südreichs Juda samt der Falle der Königsbücher kaum möglich,
Zerstörung Jerusalems und des Tempels. da das Erzählte nicht unabhängig von
Am Ende der Königsbücher hat das Volk dem Gewesenen ist. Im Erzählen kon-
Israel nicht nur seine politische Eigen- struiert Israel eine Vergangenheit als
ständigkeit, sondern auch den einzigen Geschichte mit Bedeutung für die Ge-
Ort zur Verehrung von und Begegnung genwart – und gerade im Spannungsver-
mit JHWH verloren. Das Gottesvolk ist hältnis zwischen Story und History ver-
zurückgeworfen in eine Existenz ohne bergen sich die theologischen Aussagen.
Die Krönung des Joasch,
institutionalisierte Führung. Insofern
Francesco Hayez (1860), Museo
der König für das Gottesverhältnis des
Wie und wann entstehen die Revoltella, Triest.
Volkes verantwortlich ist, steht ganz Joasch ist sieben Jahre alt, als er in
Israel damit nicht nur vor einem politi- Erzählungen über die Könige?
einem Putsch auf den Thron gesetzt
schen Problem, sondern auch vor neuen Die Königsbücher sind in einem langen wird. Der Priester Jojada weist mit sei-
theologischen Herausforderungen! und komplexen Prozess entstanden. nem Arm die Ermordung der amtieren-
Auch wenn die biblische Darstellung Größtenteils wurden sie im und nach dem den Königin Atalja an. Ihr eigener Sohn
keinesfalls als pure Fiktion abgetan wer- Exil niedergeschrieben (586–530 vC), vie- Joram war sieben Jahre zuvor einem
den kann und in Einzelfällen durchaus le Passagen auch schon davor. Überwie- Putsch zum Opfer gefallen. Auf dem
auf älteren Quellen beruhen mag, darf gend dienen die Texte also späteren theo- Weg, „auf dem man die Pferde zum
sie dennoch nicht als historischer Tatsa- logischen und politischen Zwecken. Die Palast des Königs führt, wurde sie
chenbericht oder Geschichtsschreibung Autoren- und Redaktorenkreise der Kö- getötet“ (2 Kön 11,16).

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nigsbücher blicken auf die Katastrophen rücksichtigung der deuteronomistischen Judas – aber immerhin – werden positiv
des Untergangs Israels, Judas und der De- Theologie, die die Einheit (JHWH als beurteilt. Die Aussage könnte kaum deut-
portation ins Exil zurück und suchen sie einziger Gott) und Reinheit (JHWH-Kult licher sein: Es sind die Könige Israels und
literarisch sowie theologisch zu erklären ohne fremde Einflüsse) des Kultes in den Judas, die Führer und Repräsentanten des
und zu verarbeiten. Dabei gehört es zur Vordergrund rückt. Von daher stellt die Gottesvolkes, die die Katastrophe(n) ver-
© Peter Horree / Alamy Stock Foto

Eigenart der Königsbücher, die Schuld Kultpolitik der Könige den entscheidenden antworten und verschulden.
bei den Königen Israels und Judas zu su- Bewertungsmaßstab dar. Das Gesamtbild,
chen. Die Könige werden jedoch nicht an das die Texte von der Königszeit zeichnen,
ihrer Führungskompetenz, ihrem politi- ist dabei recht ernüchternd und lässt zu- In Juda die Guten, in Israel die
schen Geschick oder gar ihrer sozialen dem eine sichtlich pro-judäische Perspek- weniger Guten
Gerechtigkeit gemessen. Vielmehr geht es tive aufscheinen: Kein einziger König Is- Wie stark die pro-judäische Perspektive in
um eine Bewertung der Könige unter Be- raels und auch nur einige wenige Könige der biblischen Darstellung der Königsbü-

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welt und umwelt der bibel 2/2020 11
Eine groSSe Geschichte

cher durchschlägt, wird erst dann richtig er- Zeiten massiver gesellschaftlicher Umbruch-
Ideenwelt des Deuteronomium sichtlich, wenn man sie mit außerbiblischen prozesse eine neue Identität zu stiften sucht
(Dtn) Quellen zusammenbringt, die ein gänzlich und im Sinne einer identitätskonstituieren-
Das Deuteronomium (griech. entgegengesetztes Bild zeichnen: Historisch den Abgrenzungsstrategie die originären Ver-
„zweites Gesetz“) ist ein Buch, betrachtet hat es weder die einheitliche, gro- bindungen zu Israel verschleiert.
das in seinem Kernbestand im 7.
ße davidisch-salomonische Monarchie noch
Jh. vC entstanden und in den fol-
die Reichsteilung gegeben, von der 1 Kön 12
genden Jahrhunderten bis in die Die Königsschemata in den
Perserzeit redaktionell bearbeitet erzählt und durch die Israel und Juda entstan-
den sein sollen. Büchern der Könige
worden ist. Szenisch spielt es
an der Grenze zum Verheißenen Vielmehr ist von Beginn an mit zwei terri- Alle Könige werden nach einem ganz be-
Land und ist über weite Strecken torialen Einheiten beziehungsweise Staaten stimmten Schema vorgestellt – diese „Kö-
als Moserede an seinem Todestag zu rechnen, die sich auf unterschiedliche Art nigsschemata“ gliedern und gestalten die
stilisiert. In seiner großen Ab- und Weise entwickelt haben. Während die Königsbücher ganz wesentlich. Sie rahmen
schiedsrede rekapituliert Mose biblische Geschichtsschreibung das Nord- die Darstellung der einzelnen Könige Isra-
die Ereignisse der Wüstenwande- reich Israel von Anfang an unter ein negati- els und Judas mit Angaben zum Beginn und
rung, interpretiert das am Sinai ves Vorzeichen stellt und dem Südreich Juda zum Ende der Regierung und folgen in der
geoffenbarte Gesetz und ver-
mit seiner Hauptstadt Jerusalem eine enorme Regel einem bestimmten stereotypen Ablauf
pflichtet Israel neu auf den Bund
Macht und Größe zuschreibt, lehrt die neuere in leichter Variation. Mit nur wenigen Aus-
mit Gott. Dabei zeigt das Dtn eine
eigene Sprache und Theologie, Geschichtsforschung, dass es sich wohl his- nahmen hat jeder König ein Rahmenstück. Da
in dessen Fokus oftmals der eine torisch genau umgekehrt verhält (vgl. Beitrag der Herrschaftsantritt bei Jerobeam I. (1 Kön
Kult(-ort) des einen erwählten B. U. Schipper). Hinweise auf staatliche Struk- 12,1–14,20) und Jehu (2 Kön 9,1–10,36) etwas
Gottesvolkes für den einen Gott turen finden sich im Nordstaat bereits ab dem ausführlicher erzählt wird, fehlt an diesen
JHWH steht. 9. Jh. vC, in Juda aber erst ab dem 8. Jh. vC. Stellen das Einleitungsformular. Bei Königen,
Generell haben sich die beiden Staaten ins- die deportiert werden (Hoschea, Joahas, Joja-
deuteronomistisch chin), fehlt hingegen das Abschlussformular.
Als deuteronomistisch (dtr) Nur in einem einzigen Fall fehlt das gesamte
werden Textschichten oder
Redaktionen im Alten Testament
Das Herzstück der Einleitung Rahmenstück: Königin Atalja (2 Kön 11,1-20),
deren Herrschaft damit als illegitim herausge-
bezeichnet, die von der Sprache zu jedem König ist die stellt wird.
und Ideenwelt des Deuteronomi-
ums geprägt sind oder hergeleitet religiöse Beurteilung Das Einleitungsformular besteht aus höchs-
werden können. tens fünf Elementen: der synchronistischen
Datierung (also der Erwähnung, welcher Kö-
besondere in politischer und wirtschaftlicher nig gerade bei den Nachbarn im Süden oder
Hinsicht zeitlich um ein Jahrhundert versetzt Norden regierte), dem Alter bei der Thronbe-
entwickelt, wobei Israel – und eben nicht steigung, der Regierungsdauer, dem Namen
Juda – eine Vorreiterrolle zukam. Der Süd- der Mutter und der religiösen Beurteilung.
staat ist erst mit dem zunehmenden aramä- Insbesondere die Synchronismen sind bemer-
ischen Druck auf den Nordstaat und dessen kenswert, da sie die Könige Israels und Judas
Untergang im Zuge der assyrischen Eroberung in der Darstellung zusammenbinden. So fol-
um 722 vC aufgeblüht. Die Formierung Judas gen zum Beispiel auf die Darstellung der Re-
als Staat hängt also wesentlich mit dem Nord- gentschaft Jerobeams I. von Israel zunächst
staat zusammen. Gewissermaßen entsteht Ausführungen über drei Könige von Juda
Juda erst durch Israel (vgl. C. Frevel). Die Zeit – Rehabeam, Abija und Asa –, die während
bis zur Eroberung Jerusalems 586 vC durch Jerobeams Herrschaft regierten. Erst danach
die Babylonier sollte für Juda zu einer Blüte- wechselt die Darstellung mit Nadab und Ba-
zeit werden, in der sich nicht nur wichtige re- scha wieder zu den Königen Israels.
ligionsgeschichtliche Entwicklungen vollzo- Diese Darstellungsform ist angesichts des
gen, sondern die auch die Produktion antiker pro-judäischen Grundtenors erklärungsbe-
Traditionsliteratur beflügeln sollte. Wenn die dürftig. Möglicherweise gehen die Synchronis-
Königsbücher den politisch und ökonomisch men auf ältere Quellen zurück, die die anfäng-
überlegenen Nordstaat Israel als Ableger Ju- liche Abhängigkeit Judas von Israel bewahren
das zeichnen, ist das sichtlich tendenziös. Es (vgl. C. Frevel). Oder aber sie dienen gemein-
dient der theologisch-politischen Aufwertung sam mit den religiösen Bewertungen der Dis-
des Südstaates einerseits und der kultpoliti- kreditierung Samarias in nachexilischer Zeit.
schen Abwertung des Nordstaates anderer- Das Herzstück der Einleitung ist jedoch die
seits. Es ist eine judäische Perspektive, die in religiöse Beurteilung. In recht standardisier-

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welt und umwelt der bibel 2/2020
Der Rahmen für die Darstellung der einzelnen Könige (Königsschema)
zwei beispiele: König Joasch und König Joahas

t
König Joasch von Juda (2 Kön 12) t Könige Judas Könige Israels König Joahas von Israel (2 Kön 13)

Einleitung
„Joasch war sieben Jahre alt, als er König Alter bei der Thronbesteigung
wurde.“ (nur bei Königen Judas)

„Im siebten Jahr Jehus wurde er König ... Synchronistische Datierung „Im dreiundzwanzigsten Jahr des Joasch, des
(Jahr der Thronbesteigung in Zu- Sohnes Ahasjas, des Königs von Juda, wurde
sammenhang mit dem Regierungs- Joahas, der Sohn Jehus, König von Israel.“
jahr des Königs im Nachbarland)

... und vierzig Jahre regierte er in Jerusalem.“ Regierungsdauer „Er regierte siebzehn Jahre in Samaria ...

„Seine Mutter hieß Zibja und stammte aus Name der Königinmutter
Beerscheba.“ (nur bei Königen Judas)

„Er tat, was dem Herrn gefiel, solange Religiöse Beurteilung des ... und tat, was böse war in den Augen des
der Priester Jojada ihn unterwies. Nur die Königs nach zwei Kriterien: Herrn; er hielt an der Sünde fest, zu der
Kulthöhen verschwanden nicht. Das Volk 1. Opferriten für fremde Jerobeam, der Sohn Nebats, Israel verführt
brachte noch Schlacht- und Rauchopfer Götter erlaubt? 2. Kultstätten hatte, und ließ nicht von ihr ab.“
auf ihnen dar.“ außerhalb Jerusalems?

(Von Joasch wird erzählt, wie er organisiert, (Ggf. Informationen und Erzählung (Aus der Zeit des Joahas wird u. a. eine
dass der Tempel durch Spendengelder und über die Regierungszeit) Niederlage gegen Ben-Hadad, den Aramäer-
Handwerker instand gehalten wird.) könig, berichtet.)
Schluss
„Die übrige Geschichte des Joasch und alle Hinweis auf eine Quelle: „Die übrige Geschichte des Joahas, alle seine
seine Taten sind aufgezeichnet in der Chro- „Chronik der Könige von Juda“ / Taten und Erfolge, sind aufgezeichnet in der
nik der Könige von Juda.“ „Chronik der Könige von Israel“ Chronik der Könige von Israel.“

„Seine Diener
Diener erhoben
erhobensich
sichgegen
gegenihn;
ihn;sie Todesnotiz „Er entschlief zu seinen Vätern;
sie zettelten
zettelten eineeine Verschwörung
Verschwörung an und
an und erschlugen
erschlugen
ihn im Hausihnamim Haus
Millo amAbstieg
beim Millo beim
nach Silla.“
Abstieg nach Silla.“
„So starb er und man begrub ihn bei seinen Bestattung/Ort man begrub ihn in Samaria.“
Vätern in der Davidstadt.“ (immer bei Königen Judas,
selten bei Königen Israels)
„Sein Sohn Amazja wurde König an Nachfolger „Sein Sohn Joasch wurde König an
seiner Stelle.“ seiner Stelle.“

Im Zentrum steht das Wichtigste: die religiöse Beurteilung.


Inwiefern hat sich ein König an die Forderung nach Kulteinheit und Kultreinheit gehalten?
In wiederkehrenden Formulierungen erfolgt die Bewertung: „Er tat das Rechte in den Augen des Herrn“,
„er tat das Böse in den Augen des Herrn, ganz wie sein Vater“, „er hielt an der Sünde Jerobeams fest“.

ten Formulierungen wie „Er tat das Rechte/Böse mit den alten Quellen gleichgesetzt werden, die
in den Augen des Herrn, ganz wie sein Vater“ möglicherweise den Autoren- und Redaktoren-
wird der jeweilige König danach beurteilt, ob kreisen der Königsbücher vorlagen – auch wenn
und inwiefern er sich an die Forderung nach dies nicht prinzipiell ausgeschlossen ist. In je-
Kulteinheit und Kultreinheit gehalten hat. dem Fall handelt es sich um eine Textstrategie,
Das Abschlussformular wiederum besteht die Geschichte der Könige Israels und Judas als
aus höchstens vier Elementen: dem Hinweis authentische Geschichtsschreibung zu präsentie-
auf eine Quelle, der Todesnotiz sowie der Nen- ren und zu legitimieren.
nung von Bestattung (und Ort) und Nachfolger. Bereits in den Rahmenstücken ist ein judäi-
Die genannten Quellen („Chronik der Könige scher Blick auf die Geschichte unverkennbar,
von Israel/Juda“) können nicht ohne Weiteres insofern das Formular bei judäischen Königen

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welt und umwelt der bibel 2/2020 13
Eine groSSe Geschichte

König Asa, links, und


die Könige Joschafat und
Joram (rechts, als Kinder,
mit Mutter). Michelangelo
hat in den Lünetten der
Sixtinischen Kapelle die
Vorfahren Jesu verewigt.
Asa aus der Frühzeit
Judas (9. Jh. vC) ist
einer der drei positiv be-
urteilten Könige, weil er
Fremdkulte beseitigte.

etwas ausführlicher ist. Denn während sich die zur Zeit Salomos eine hohe Position als Aufseher
Informationen über die Könige Israels in der Re- über die Fronarbeit innehatte, vom Propheten
gel auf die Datierung, die Regierungsdauer, die Ahija von Schilo die Herrschaft über die zehn
Beurteilung, den Hinweis auf eine Quelle und (Nord-)Stämme verheißen (1 Kön 11,29-39):
den Nachfolger beschränken, bietet die Darstel- „Dich aber will ich nehmen, damit du ganz nach
lung der Könige Judas demgegenüber zusätzlich deinem Begehren herrschen kannst; du sollst
noch das Alter bei der Thronbesteigung, den König von Israel sein. Wenn du nun auf alles hörst,
Namen der Mutter und eine Bestattungsnotiz (s. was ich dir gebiete, auf meinen Wegen gehst und
Schaubild S. 13). Insbesondere die beiden zuletzt das tust, was mir gefällt, wenn du meine Sat-
genannten Aspekte lassen ein stärkeres Interes- zungen und Gebote bewahrst wie mein Knecht
se daran aufscheinen, die judäischen Könige als David, dann werde ich mit dir sein. Ich werde dir
davidisches Königsgeschlecht zu legitimieren. ein Haus bauen, das Bestand hat, wie ich es für
Möglicherweise spricht aber die leicht variieren- David gebaut habe, und dir Israel übergeben.“
de Darstellungsform auch dafür, dass hier Nord- Als Jerobeam daraufhin von Salomo verfolgt
und Südreichtraditionen miteinander verbun- wird, flieht er nach Ägypten, wo er bis nach des-
den und kombiniert worden sind. sen Tod verbleibt. Folgt man 1 Kön 12,20, so wird
Jerobeam unmittelbar nach seiner Rückkehr
vom Volk zum König über ganz Israel gemacht.
Der Ursprung: Die Reichsteilung und die Davorgeschaltet ist eine Erzählung, in der
„Sünde Jerobeams“ nicht Salomo selbst das Zerbrechen seines
Was die Autoren- und Redaktorenkreise in der Reichs verschuldet, sondern sein Sohn Reha-
Rückschau über die Könige in Nord und Süd er- beam – mit einem unangemessenen und unfähi-
zählen wollen, wird schon am Ursprung der bei- gen Führungsverhalten. Als ganz Israel auf einer
den Königtümer deutlich, in der dramatischen Vollversammlung in Sichem den rechtmäßigen
Erzählung von der „Reichsteilung“. Noch zu Leb- Thronnachfolger zum König machen will und
zeiten Salomos wird ihm angekündigt, dass das ihn um Entlastung der seitens Salomo auferleg-
Herrschaftsgebiet seines Nachfolgers nur noch ten Arbeitsverpflichtung bittet, reagiert Reha-
das kleine Gebiet der zwei Südstämme Juda und beam nicht nur mit Ignoranz, sondern auch mit
Benjamin umfassen würde. Theologisch wird einer unbegreiflichen Beratungsresistenz, die
© York Project

die Teilung u. a. auf Salomos Bundesbruch, d. h. letztendlich zum Abfall der nördlichen Stämme
seine Verehrung fremder Göttinnen und Götter, von Juda führt und somit die Herrschaft Jerobe-
zurückgeführt. Gleichzeitig wird Jerobeam, der ams zusätzlich legitimiert.

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Eine groSSe Geschichte

Zunächst werfen die beiden sich überla-


gernden Erzählungen über die sogenann-
te Reichsteilung also ein positives Licht
Tyrus Dan
auf die Herrschaft des Nordreich-Königs Abel Bet Maacah
Jerobeam – doch wird dieses unmittelbar A R A M Ä ER
Tel Qedesh
nachfolgend ins Gegenteil verkehrt: Denn
sobald Jerobeam König ist, fürchtet er, dass PHÖNIZIER
das Königreich wieder an das Haus David Achsib
Hazor
fallen könnte, und lässt deshalb zwei gol-
dene Kälber anfertigen und sie in Konkur- Akko Betsaida
renz zum Jerusalemer Tempel in Bet-El und Tel Hadar
Kinneret
Dan aufstellen, wo das Volk sie verehren Tell Keisan See Genezareth
soll. Ferner lässt er „Höhenhäuser“, also En Gev Yarm
u k
Kis
Höhenheiligtümer, erbauen, macht Pries- Jokneam on
ter aus allerlei Volk, das nicht vom Stamm Mi ttel m eer Tel Qiri

Megiddo
Jesreel
Hier wird klar: Taanach
Bet Schean
Tel Rechov
Der Nordstaat Israel ist IS R A EL

Jordan
in der Wurzel verkehrt Tell el-Far‘a(Nord)/
Samaria Tirza
Tell Deir Alla
Sichem Ebal Jabbok
Levi ist (nur der Stamm Levi war am Sinai Garizim Penuel
für den Kult zugelassen worden!), und rich- Machmisch
Tell Qasile
tet einen Festtag für die Israeliten ein, der
Jafo Izbet Sarta Schilo
dem Fest in Juda entspricht und an dem
er selbst in Bet-El den Kälbern Opfer dar- Bet-El
bingt. Damit verstößt Jerobeam nicht nur Mezad
Ai Jericho
Haschavjahu Mizpa
gegen die deuteronomistische Leitidee der Gezer Gibeon Gibea Hesbon
Kulteinheit und -reinheit, sondern instal- Timna
Aschdod Ekron Ramat Jerusalem
liert zudem illegitimes und inkompetentes
Bet Schemesch
Rahel Chirbet Qumran A M M ON
Kultpersonal und richtet Opferfeste in di- Betlehem
Gat Aseka Chirbet Chirbet el-Mudayne
rekter Konkurrenz zu Juda aus. Hier wird Aschkelon Qeiyafa
klar: Der Nordstaat Israel ist in der Wurzel Lachisch Atarot
verkehrt. Angesichts dessen fällt die theo- PHILISTER Chirbet Bet Lay Hebron Dibon
logisierende Bewertung Jerobeams umso Gaza Arnon
En-Gedi Totes
schärfer aus: Meer
Tell Bet Mirsim
„Du hast es schlimmer getrieben als alle,
Rafia
JU D A
die vor dir waren, du bist hingegangen, hast
dir andere Götter und Gussbilder gemacht Tell es-Seba
Arad Grobdaten
Beerscheba
und mich dadurch erzürnt. Mir hast du den
Chirbet el-Mschasch . M OA B
Rücken gekehrt. Darum bringe ich Unheil
über das Haus Jerobeam und rotte von ihm
alles in Israel aus, was männlich ist, ob
unmündig oder mündig. Ich entferne das
Ze
Haus Jerobeam, wie man Kot entfernt, bis red
nichts mehr vorhanden ist. Wer vom Haus
Jerobeam in der Stadt stirbt, den werden
EDO M
die Hunde fressen; und wer auf dem freien
Feld stirbt, den werden die Vögel des Him-
mels fressen. Ja, der Herr hat gesprochen“
(1 Kön 14,9-11). Kadesch-Barnea Feinan
Die geschilderten Aktionen des ersten Kö-
nigs Israels gelten als „Sünde Jerobeams“.
Sie führt schließlich auch zur Zerstörung

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zwei frauen in den königsbüchern:
Die Witwe von sarepta als Gegenbild zur königin isebel

K önigin Isebel bekommt die denkbar schlechteste


Presse im Alten Testament. Schon die einführen-
de Beurteilung ihres Mannes Ahab erstickt jede mögli-
maßen ein Gegenbild entgegengesetzt (1 Kön 17,8-24). Als Elija von JHWH
zu ihr geschickt wird, zögert die namenlose Frau aus Phönizien, die als Wit-
we zu den Sozialschwachen der Gesellschaft gehört, keinen Augenblick,
cherweise aufkommende Sympathie im Keime: „... am den Propheten zu versorgen. Zwar kann sie ihm sofort Wasser bringen, doch
Schlimmsten war es, dass er Isebel, die Tochter Etbaals, reicht ihr winziger Vorrat an Mehl und Öl kaum aus, um sie selbst und ihren
des Königs der Sidonier heiratete ...“. Sohn zu versorgen. Elija beharrt darauf, von dem Wenigen etwas abzube-
Isebel wird in den Königsbüchern als fremde und da- kommen, und die Witwe vertraut auf sein im Namen JHWHs gesprochenes
mit böse, gefährliche Frau stilisiert: Sie protegiert frem- Wunderwort – und das Wunder geschieht: Sowohl der Prophet als auch die
de Kulte, lässt JHWH-Propheten – darunter auch Elija Frau und ihre Familie haben für längere Zeit etwas zu essen.
– verfolgen und übt magisch-mantische Praktiken aus. Im Folgenden spitzt sich die Situation der Witwe allerdings erneut zu. Als
Selbst die Schilderung ihres Todes, bei dem sie aus dem der Sohn der Witwe schwer erkrankt und schließlich stirbt, wendet sie sich
Fenster gestürzt und ihr Leichnam von Hunden gefres- mit scharfen Vorwürfen an Elija: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Mann
sen wird (2 Kön 9), lässt keinen Zweifel an der radikalen Gottes? Du bist nur zu mir gekommen, um an meine Sünde zu erinnern
Negtivbewertung. Letzteres wird auch in der Erzählung und meinem Sohn den Tod zu bringen“ (V. 18). Ohne auf ihre harschen
von Nabots Weinberg (1 Kön 21) narrativ ausgestaltet: Worte einzugehen, lässt Elija sich das tote Kind geben und bringt es in sein
Als Nabot den Verkauf seines Weinbergs an Ahab ver- Obergemach. Nach einer ritualsymbolischen Handlung und einem Gebet zu
weigert, schmiedet Isebel ein Komplott, das das traditi- JHWH erwacht der Junge zu Leben und wird seiner Mutter zurückgegeben.
onelle Bodenrecht Israels aushebelt. Sie bezichtigt Na- Die Erzählung schließt mit einem bedeutungsvollen Bekenntnis der über-
bot der Gotteslästerung, so dass er gesteinigt wird, und glücklichen Witwe: „Jetzt weiß ich, dass du ein Mann Gottes bist und dass
woraufhin sich Ahab den Weinberg aneignen kann. The- das Wort des HERRN wirklich in deinem Mund ist“. Damit wird deutlich:
matisch geht es nicht nur um den Fremdgötterdienst, Es ist der Glaube an JHWH, der Leben schafft. (K. Pyschny)

Isebel Witwe von Sarepta


aus Sidon (Phönizien) aus Sarepta (Israel)
Zentrum Peripherie
Stadt Dorf
Reichtum Armut
Hören auf Baal Hören auf JHWHs Wort
Macht Machtlosigkeit/Armut
Spitze des Staates/ Unterste Position in
der sozialen Skala der sozialen Skala
Recht setzend Rechtlos
Name Namenlos
Bekenntnis zu Baal Bekenntnis zu JHWHs Wort
Übersicht aus Ulrike Bechmann, Die Witwe von Sarepta. Gottes
Botin für Elija, Katholisches Bibelwerk e.V. 2010, S. 36.

sondern vor allem auch um die Problematik sozialer


Gewalt und willkürlicher Rechtsverletzung durch Eliten.
Dass Macht von Frauen im patriarchalen Umfeld ten-
denziell als Machtmissbrauch und suspekt dargestellt
wird, dass wir es bei Isebel mit einer erzählerisch gestal-
teten Figur zu tun haben und dass in der Bibel ein län-
gerer Erzählfaden zu „bösen“ fremden Frauen zu finden
ist, ist also selbstverständlich mitzubedenken (vgl. Buch-
tipps S. 55, Ilse Müllner: Isebel, Atalja, die Macht und
© public domain

das Böse). Aber dieser skrupellosen, mächtigen Königin Isebel und Ahab treffen Elija, Frederic Leighton (1863). Isebel
wird mit der Witwe von Sarepta in den Königsbüchern wird in der Bibel als böse Fremde stilisiert. Der Prophet Elija, rechts,
ein positives Beispiel einer fremden Frau und gewisser- ist ihr Gegenspieler. Scarborough Art Gallery, Scarborough (UK).

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Eine groSSe Geschichte

Israels (2 Kön 17,21-22). Allen folgenden Königen ler Heiligtümer in Israel und Juda, was im 7. Jh. vC Lesetipps
Israels wird vorgeworfen, an der Sünde Jerobe- zu einer de facto Kultzentralisation auf Jerusalem • Christian Frevel,
ams festgehalten zu haben und damit ihre Ne- führt. Dies wird sicherlich ein längerer Prozess Geschichte Israels
gativbewertung sowie das göttliche Gericht be- mit vielen Ursachen gewesen sein, der nichtsdes- (Stuttgarter Studienbücher
gründet. Vermutlich sind weder Jerobeam noch totrotz zu einer Aufwertung des zentralen Heilig- Theologie 1,2), Kohlham-
Rehabeam historische Figuren. Vielmehr hat die tums in Jerusalem und der dort ansässigen Eliten mer 22018 (s. Buchtipps).
kollektive Erinnerung Judas in der Erzählung geführt hat. Offenbar haben die biblische Texte • Barbara Schmitz,
von der Reichsteilung zweierlei bewahrt: die ein starkes Interesse daran, diesen hochkom- Geschichte Israels,
Entstehung Judas als von Israel politisch un- plexen Prozess als ein bewusstes und proaktives utb/Schöningh 22014.
abhängiges Staatsgebilde und die Vision einer kultpolitisches Handeln Hiskijas und insbeson-
Vereinigung und Verbindung von Nord und Süd. dere Joschijas darzustellen (vgl. 2 Kön 22–23).

Asa, Hiskija und Joschija: Wie schauen die Königsbücher in die


die Kultreformer in Juda Zukunft?
Das glänzende Gegenbild zu den negativ beur- Als theologische Reflexion über das Ende Israels
teilten Königen stellen die judäischen Könige gehört es zu den ernüchternden Einsichten der
dar, die sich mit Kultreformen, also proaktiven Königsbücher, dass selbst der nach deuterono-
Maßnahmen für Kulteinheit und -reinheit, her- mistischen Maßstäben ideale König Joschija den
vortun. Dabei lässt sich Asa von Juda (1 Kön 15), Untergang Judas nicht mehr verhindern, son-
der erste positiv bewertete König überhaupt, als dern lediglich etwas verzögern kann. Schluss-
Vorläufer und modellhafter Prototyp für die gro- endlich ist es ein einziger König, der das Schick-
ßen Kultreformer Hiskija und Joschija verstehen: sal Judas besiegelt: Manasse (2 Kön 21,1-18).
Sein Handeln weckt den Zorn Gottes so stark,
dass dieser nicht einmal mehr durch die Kult-
Allen folgenden Königen reform Joschijas besänftigt werden kann. Dabei
scheint Reform und Gegenreform sichtlich als ge-
Israels wird vorgeworfen, schichtstheologisches Raster durch: Ahas macht
an der Sünde Jerobeams den Anfang mit seinen negativen kultischen Re-
formen, woraufhin die eindeutig positive Gegen-
festgehalten zu haben reform Hiskijas folgt. Durch Manasse wird dann
erneut ein unhaltbarer Zustand hergestellt, der
„Asa tat, was dem Herrn gefiel, wie sein Vater durch die Gegenreform Joschijas beseitigt wird.
David. Er entfernte die Hierodulen [Priester und In der Deutung der Verfasser und Redakto-
Priesterinnen anderer Gottheiten] aus dem Land ren der Königsbücher waren die Ereignisse von
und beseitigte alle Götzenbilder, die seine Väter 722 vC und 587 vC kein Zufall oder gar Ausdruck
gemacht hatten“ (1 Kön 15,11-12). der Ohnmacht JHWHs. Im Gegenteil, sie verste-
Eine noch positivere Bewertung erhalten nur hen sie als ein Zornesgericht Gottes über sein un-
noch die Könige Hiskija und Joschija. Ersterer treues Volk und dessen Anführer. Dabei scheint
wird insbesondere in 2 Kön 18,5 als vorbildlicher zunächst einmal keine Zukunftsperspektive oder
König charakterisiert. Eine ähnliche Beurteilung gar -hoffnung im Blick zu sein. Und doch bricht
findet sich sonst nur noch bei einem anderen, sie sich am Ende implizit Bahn. Sei es durch die
späteren König: Joschija (2 Kön 23,25). Die bei- Begnadigung Jojachins oder die sogenannte
den Urteile stehen in einem klaren Zusammen- Exilsformel, die die angedrohte Vernichtung Isra- Prof. Dr. Katharina
Pyschny lehrt Biblische
hang zueinander. Während bei Hiskija sein Ver- els (nur noch) in Deportation ändert (2 Kön 17,23;
Theologie am neu gegründe-
trauen gegenüber JHWH, dem Gott Israels, und 2 Kön 24,20) und verhalten andeutet, dass JHWH ten Institut für Katholische
seine Gottesbeziehung hervorgehoben wird, ist nicht ganz von seiner Treue zu Israel lassen kann. Theologie der Humboldt-
bei Joschija sein Gehorsam gegenüber der Tora Somit geht am Ende der Königsbücher zwar das Universität zu Berlin. Ihre
des Mose im Blick (vgl. Beitrag M. Pietsch). Die Königtum, aber keinesfalls das Volk Israel unter. Forschungsschwerpunkte
biblische Darstellung zeichnet Hiskija als einen Vielmehr eröffnet die negative Darstellung der umfassen u. a. die Geschich-
Reformer, der den JHWH-Kult auf Jerusalem zen- Geschichte der Könige ein Kontrastbild für die te Israels, die Pentateuch-
forschung (insb. die Bücher
tralisiert und ihn von fremdkultischen Einflüssen Zukunft, das Israel einen Weg der Um- und Rück-
Numeri und Deuteronomi-
reinigt (2 Kön 18,4.22). Archäologisch lässt sich kehr aufzeigt. Somit reflektieren die Texte nicht um) sowie die Frage nach
eine programmatische Kultreform Hiskijas jedoch nur den Verlust des Königtums, sondern verdeut- der Konzeptionalisierung
nicht nachweisen. Vielmehr spiegeln die Ausgra- lichen, dass und wie Israel auch ohne König das und Legitimierung von Füh-
bungsbefunde eine allmähliche Reduktion loka- erwählte Gottesvolk sein kann. W rung im Alten Testament.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 17
Liste der Könige Israels und Judas

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JUDA ISRAEL Außerbiblische Quellen und Zeugnisse

926–910 Rehabeam 927–907 Jerobeam I. 22 Jahre, um 926 Kriegszug von Pharao Schoschenq I.
17 Jahre, Sohn Salomos Aufseher über Fronarbeiten unter Salomo
910–908 Abija 3 Jahre,
Sohn Rehabeams
908–868 Asa 41 Jahre, 907–906 Nadab 2 Jahre,
Sohn Abijas Sohn des Jerobeam, erschlagen von Bascha

welt und umwelt der bibel 2/2020


Der Kurch-Monolith erwähnt
906–883 Bascha 24 Jahre, A-ḫa-ab-bu matuSir-‘a-la-a-a, was
Sohn eines Ahija aus dem Stamm Issachar, nach überwiegender Forschungs-
rottet das „Haus Jerobeams“ aus meinung Ahab von Israel bezeich-
net. Salmanassar III. hat in der
883–882 Ela 2 Jahre, Sohn des Bascha, Inschrift verewigen lassen, dass
ermordet von seinem Streitwagenführer Simri Ahab Streitwagen und Soldaten
in der Schlacht von Karkar bei-
882 Simri rottet Haus Bascha aus, Bürgerkrieg,
steuerte. British Museum, London.
nach 7 Tagen Selbstmord: Er zündet den Palast an,
weil Heeresbefehlshaber Omri sieghaft ist
© public domain

882–871 Omri 12 Jahre, vom Volk zum König Mescha-Stele: Erwähnung von „Haus Omri“; Moab wird
ernannt, gründet neue Dynastie und neue selbstständig und besiegt Omri und seinen Sohn
Hauptstadt Samaria

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868–852 Joschafat 25 Jahre, 871–852 Ahab 22 Jahre, Kurch Monolith: Erwähnung des Ahab von Israel;
Sohn Asas Sohn Omris, Ehemann von Isebel, beiden wird Annalenfragmente von Salmanassar III. (859–824):
massive Fremdgötterverehrung vorgeworfen, Tributzahlungen von Israel, Ahab nimmt an Schlacht von
Ahab stirbt in der Schlacht gegen Aram Qarqar 853 teil
852–851 Ahasja 2 Jahre, Sohn Ahabs
852–845 Joram 8 Jahre, 851–845 Joram 11 Jahre, Sohn Ahabs, Tel-Dan-Stele: Joram von Israel und Ahasja von Juda werden
Sohn Joschafats, Ehemann von wird von Jehu getötet – Revolte von Jehu von Damaskus besiegt
Atalja, Tochter des Ahab von Israel
845 Ahasja 1 Jahr, 845–818 Jehu 26 Jahre, Schwarzer Obelisk: Jehu („Sohn Omris“)
Sohn Ataljas und Jorams von Juda, gründet neue Dynastie, lässt alle Spuren kniet vor Salmanassar III., nach einem
wird von Jehu getötet des Baalkults vernichten assyrischen Feldzug zahlt Jehu Tribut
an Salmanassar im Jahr 841
845–840 Königin Atalja
6 Jahre, Ahasjas Mutter,
wird auf Befehl des Priesters Die Mescha-Stele ist ein bedeuten-
Jojada umgebracht des Zeugnis für die biblische Geschich-
te, da sie Mitte des 8. Jh. vC „Omri von
840–801 Joasch 40 Jahre, 818–802 Joahas 17 Jahre, Israel“ und „seinen Sohn/seine Söhne“
Sohn des Ahasja, von seinen Sohn Jehus erwähnt. Louvre, Paris.
© public domain

Dienern ermordet
801–773 Amazja 29 Jahre, 802–787 Joasch 16 Jahre, Tell-al-Rimah-Stele: Erwähnung des Joasch von Israel:
Sohn des Joasch, wird ermordet Sohn des Joahas Tributzahlung an Adad-Nirari III. (796)
773–735 Asarja/Usija 52 Jahre, 787–747 Jerobeam II. 41 Jahre,
Sohn des Amasja – Mitregentschaft Sohn des Joas von Israel
mit Jotam und Ahas, stirbt nach
langer Krankheit an Aussatz
757–742 Jotam 16 Jahre, 747 Secharja 6 Monate,
Sohn des Asarja Sohn Jerobeams II., ermordet von Schallum
747 Schallum 1 Monat, Sohn eines sonst un-
bekannten Jabesch, erschlagen von Menachem
741–725 Ahas 16 Jahre, 746–737 Menachem 10 Jahre, Iran-Stele des Tiglatpileser III. : Tributzahlung von Menachem (738)
Sohn des Jotam Sohn eines ansonsten unbekannten Gadi Tontafelinschrift von Tiglatpileser III. : Tributzahlung von Ahas (734)
736–735 Pekachja 2 Jahre,
Sohn des Menachem, erschlagen von Pekach
Assyrische Tontafelinschrift: Pekach wird von
734–732 Pekach 20 Jahre, Tiglatpileser III. getötet und Hoschea wird als
Sohn eines Remalja, erschlagen von Hoschea König eingesetzt, Tributzahlungen (731)
725–697 Hiskija 29 Jahre, 731–723 Hoschea 9 Jahre, Prisma des Sanherib (Taylor-Prisma):
Sohn des Ahas, erste Kultreform Sohn eines ansonsten unbekannten Ela Erwähnung Hiskijas, der sich nicht unter-
wirft, später doch den Tribut zahlt (701)
696–642 Manasse 55 Jahre, EROBERUNG ISRAELS DURCH DIE ASSYRER
Sohn des Hiskija, ihm wird massive Prisma von Asarhaddon in Ninive:
Fremdgötterverehrung vorgeworfen Manasse von Juda zahlt Tribut (675)
Einige Erläuterungen:

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641–640 Amon 2 Jahre, • Angegeben sind Regierungszeiten.
Sohn des Manasse, von seinen • bezeichnet die Bewertung in den Königs-
Dienern getötet büchern: „er tat das Rechte / er tat das Böse in den
Augen des Herrn“.
639–609 Joschija 31 Jahre, • Unscharfe Jahresangaben: Die Jahreszahlen sind nur
Sohn des Amon, große Kultreform, Richtwerte, eher eine Hilfe für unsere Orientierung – denn Ägyptische Quelle: Pharao Necho II.
stirbt in Schlacht mit Pharao drei Größen sind nicht stimmig zusammenzubringen: tötet Joschija bei Megiddo
Necho bei Megiddo 1. die Regierungszeiten der Könige in den Königsbüchern,
2. die biblischen Angaben, welche Könige jeweils Partner
609 Joahas 3 Monate, in Israel/Juda waren,
Sohn des Joschija 3. Daten in außerbiblischen Zeugnissen, die der absoluten
Chronologie des Alten Orients zuzuordnen sind. Der Schwarze
609–598 Jojakim 11 Jahre, • 20 Jahre: Die Regierungsdauer entspricht den Angaben Obelisk des Salman-
Sohn des Joschija im biblischen Text, wenn die Angabe eingekreist ist, ist sie assar III., entdeckt
ungenau. in Nimrud, zeigt fünf
598 Jojachin 3 Monate, • Dennoch nutzt man in der Bibelwissenschaft Jahreszah- Babylonische Chroniken: Feld-
unterworfene Könige
wird mit ganzem Hof nach Babel len, die zumindest an manchen Punkten in der absoluten zug Nebukadnezzars, Gefan-
von Iran bis Ägypten.
verschleppt Chronologie der assyrischen Königslisten verankerbar gennahme Jojachins (598)
sind. Daher nicht wundern: Die Anzahl der Regierungs- Einer davon ist Jehu von

welt und umwelt der bibel 2/2020


597–587 Zidkija jahre stimmt nicht immer mit den Jahreszahlen überein. Babylonische Chroniken: Israel. British Museum,
11 Jahre, wird geblendet und • Die Jahreszahlen folgen leicht modifiziert: H. Donner, Eroberung und Zerstörung London.

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nach Babylon gebracht Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Jerusalems (586)
© Paul Hudson from United Kingdom - British Museum - Room 6, CC BY 2.0, commons.wikimedia.org

Grundzügen. Teil 2: Von der Königszeit bis zu Alexander


BABYLONISCHES EXIL dem Großen (GAT 4/2), Göttingen 1986.
Heikle Fragen und unlösbare Probleme

Die Chronologie
der Königsbücher
Im Alten Orient maß man die Zeit anhand der Regierungsjahre der Könige. Die „Bücher der
Könige“ in der Bibel erzählen von den Regenten in Israel und Juda – chronologisch und je
mit Angabe ihrer Regierungszeit. Aber: Die ganze innere Chronologie passt nicht! Und sie
stimmt auch nicht wirklich mit Ereignissen außerhalb der Bibel oder Ausgrabungs-
ergebnissen überein. Haben sich die Autoren getäuscht? Von Simone Paganini

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G
enerationen von Theologiestu­ den Rechnungen der antiken Autoren Das erste ist, dass wir die „histori­
die­renden mussten selbstver­ auch anstellte, die Differenzen blieben schen“ Texte der Hebräischen Bibel als
ständlich die Abfolge der bibli­ (und bleiben) unüberwindbar. Die tra­ literarische Quellen verstehen müssen.
schen Könige mit den zugehörigen ditionellen Daten der Geschichte Israels Der Erzählung folgend handelt es sich
Jahreszahlen ihrer Regierungszeiten mussten also angezweifelt werden. bei Israel, Juda und ihren Nachbarn um
lernen. Doch man muss unumwunden Dabei ging es nicht nur um die fikti­ „Reiche“ – so zumindest in den gängi­
zugeben: Die Geschichte der Könige Is­ ven Erzählungen über die Schöpfung, gen Bibelübersetzungen – und die Bi­
raels und Judas anhand biblischer und die Erzeltern, Mose, die Landnahme bel erzählt die Geschichte von Königen.
archäologischer Quellen zu rekonstruie­ und womöglich auch über die ersten In diesem Punkt unterscheidet sie sich
ren und diese chronologisch exakt und Könige Israels, Saul, David und Salomo, nicht von anderen antiken Schriften. Es
eindeutig einzuordnen, ist schlicht und die mittlerweile allgemein als Frucht ist jedoch unzulässig, von der Nennung
einfach unmöglich.
Vor einigen Jahrzehnten begannen
Bibelwissenschaftlerinnen und -wissen­ Die biblischen Autoren spielen mit der Zeit und mit
schaftler, das „Vier-Quellen-Modell“ zur
Entstehung des Pentateuchs – der ers­ den chronologischen Angaben, ohne dabei darauf zu
ten fünf Bücher der Bibel – infrage zu achten, ob sich am Ende alles richtig zusammenfügt
stellen. Diesem Modell zufolge beruht
die Zusammensetzung der ersten fünf
Bücher grundsätzlich auf den Quellen künstlerischer und literarischer Tätig­ von „Königen“ auf die Existenz von
Jahwist, Elohist, Priesterschrift und keit anerkannt waren. Es betraf sogar Reichen nach unserer Vorstellung zu
Deuteronomist. Zu der Zeit war auch be­ die „historisch gesicherten“ Könige Is­ schließen. Sehr wahrscheinlich handel­
reits die Diskussion um die literarische raels und Judas. Mehr noch: Es ging um te es sich um relativ kleine und für die
Konstruktion und die chronologische die Rekonstruktion der Chronologie der Weltgeschichte weitestgehend unbedeu­
Anordnung des zweiten großen Kom­ Zeitgeschichte Judas und Jerusalems bis tende Stadtstaaten, die angesichts der
plexes der Hebräischen Bibel – welchen zum Babylonischen Exil. Großreiche, die sie umgaben, nur sel­
man damals noch „deuteronomistisches ten tatsächliche Macht besaßen. Für die
Geschichtswerk“ nannte – im Gange. Die biblischen Autoren und Redaktoren ist
Erforschung der Chronologie der histori­ Wenn Archäologie und biblische diese historische Tatsache jedoch irrele­
schen Bücher der Bibel und insbesonde­ Exegese nicht in Einklang zu vant. Dies gilt für die inhaltliche Nach­
re der Königsbücher stellte die Forschen­ bringen sind erzählung von Ereignissen sowie für
den vor unlösbare Probleme. Denn die Die bis dahin vielfach verwendete eine, die Reihenfolge, in der sie nacherzählt
Angaben zu den Regierungsjahren der einfache, allerklärende und weithin werden. Mit der Zeit und mit den chro­
Könige Israels und Judas konnte und akzeptierte Chronologie wurde in „con­ nologischen Angaben wird in gewisser
kann man nicht miteinander in Ein­ ventional chronology“ umgetauft. Man Weise gespielt, ohne dabei darauf zu
klang bringen. Auch die Gesamtsumme versuchte sie auf diese Weise von der achten, ob sich am Ende alles richtig zu­
der angegebenen Regierungsjahre führt „modified conventional chronology“ und sammenfügt: Das Ziel der Erzählung ist
© Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) - CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org

zu unterschiedlichen Ergebnissen. Noch vor allem von der neuen, alles infrage immer politisch, sozial oder theologisch
problematischer wurde die ganze An­ stellenden „low chronology“ abzugren­ bedingt. Es geht den Autoren daher nur
gelegenheit, wenn man versuchte, die zen. Zwischen den drei Chronologien gibt sehr selten darum, die Geschichte der
biblischen Angaben mit der assyrischen es nämlich unvereinbare Abweichungen Könige als geordnete korrekte Abfolge
oder gar ägyptischen Chronologie zu von 20 bis 80 Jahren. Welche der drei von Ereignissen darzustellen.
vergleichen. Wie man die Zahlen auch Chronologien historisch korrekt ist, kann Das zweite Problem betrifft die Inter­
drehte und wendete und unabhängig man heute nicht mit absoluter Sicherheit pretation des biblischen Texts in Zu­
davon, welche Überlegungen man zu sagen. Forschende der verschiedenen sammenhang mit dem Befund der Ar­
den mathematischen Methoden und zu Schulen liefern allesamt scheinbar über­ chäologie und der historisch-kritischen
zeugende Argumente, die allerdings zum Exegese. Von manchen der dargestellten
Teil so komplex sind, dass sie außerhalb Ereignisse und sogar von einigen Köni­
t Teil einer assyrischen Königs- des wissenschaftlichen Diskurses kaum gen gibt es archäologische Zeugnisse.
liste, 7. Jh. vC, Assur. Für die Zeit verstanden werden. Einige Könige und Ereignisse werden so­
zwischen 910 und 649 vC liefern Das Problem der Chronologie der Kö­ gar in ägyptischen, assyrischen oder gar
assyrische Dokumente stimmige nige Israels und Judas ist nicht nur am noch babylonischen Quellen genannt.
Herrscherabfolgen. An ihnen kann archäologischen Befund festzumachen, Der archäologische Befund ist dennoch
man die absolute Chronologie des es ist bereits Teil des biblischen Textes heftig umstritten und die biblischen und
Alten Orients festmachen. Altorien- selbst. So gesehen geht es eigentlich um außerbiblischen Quellen werden sehr
talisches Museum, Istanbul. zwei Probleme. disparat interpretiert. Außerdem ist so­

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welt und umwelt der bibel 2/2020 21
die chronologie der Königsbücher

wohl die Datierung von archäologischen Früher dachte man an eine einzige Schu­ Die Geschichte des Nordreichs Israel,
Funden als auch von literarischen Tex­ le, mittlerweile weiß man, dass es diese welches heute als politisch und wirt­
ten in vielen Fällen alles andere als ein­ eine Schule nie wirklich gab. Vielleicht schaftlich deutlich relevanter als das
fach und zudem oftmals ungenau. gab es mehrere, vielleicht gar keine. Die Südreich eingestuft wird (vgl. Beitrag
Forschung spricht heute von „deute­ B. U. Schipper), spielt in den Königs­
ronomistischen Geschichtswerken“ im büchern kaum eine Rolle, während die
Welche Quellen lagen für die Plural, um die historischen Texte der Dynastie Davids und vor allem die Rolle
Erzählung der Königsbücher vor? Bibel, die vom Königtum erzählen, zu des Tempels – also die Geschichte des
Die Geschichte des Königtums in Juda bezeichnen. Südreichs Juda und des JHWH-Glaubens
und Jerusalem wurde retrospektiv nie­ Diese „Geschichten“ beginnen mit – unverhältnismäßig hervorgehoben
dergeschrieben, von priesternahen Saul und enden ein knappes halbes werden. Die Autorenkreise arbeiten bei­
Gruppierungen aus Jerusalem – die For­ Jahrtausend später mit der Notiz der nahe schamlos mit Auslassungen, Um­
schung nennt sie „Deuteronomisten“. Begnadigung des Königs Jojachin im schreibungen, selektivem Hinzufügen
37. Jahr der ersten Deportation nach Ba­
bylon (also 562 vC). Die Autorenkreise
scheinen das Ende des Exils noch nicht Klar ist, dass die interne
zu kennen, ansonsten hätten sie darauf
Bezug genommen. Und so hat man zu­
Chronologie der Königs-
mindest einen Anhaltspunkt, um die bücher nicht funktioniert
Verfasserschaft der Texte zu datieren.
Das Exil ist ein sogenannter terminus
ante quem, der Text muss also vor dem und noch stärkerem Tilgen und Aus­
Exilsende niedergeschrieben worden wählen – und präsentieren am Ende ein
sein. deutliches theologisches Urteil zu den
Die Kreise, in denen die Königsbü­ unterschiedlichen Regenten.
cher verfasst wurden, besaßen jedoch Dass bei derartigen Vorgängen nicht
zweifelsohne ältere Quellenschriften, die chronologische Genauigkeit, son­
die sie auch verwendeten und zitierten. dern allenfalls eine historische Glaub­
Sie werden im biblischen Text allgemein würdigkeit im Zentrum der Aufmerk­
als die „Chronik der Könige von Israel“ samkeit stand, ist selbstredend. Nur
und die „Chronik der Könige von Juda“ wenige der Gegebenheiten, die in den
angegeben (beispielsweise 2 Kön 12,20: Königsbüchern geschildert werden, las­
„Die übrige Geschichte des Joasch und sen sich durch unabhängige außerbib­
alle seine Taten sind aufgezeichnet in lische Quellen belegen. Auf dieser Basis
der Chronik der Könige von Juda“). Wie ist eine Rekonstruktion der Ereignisse
detailreich diese Chroniken waren, nicht endgültig zu erreichen. Klar ist je­
wissen wir heute nicht mehr. Vielleicht doch, dass die interne Chronologie der
waren sie nur kurze Notizen, vielleicht Königsbücher nicht funktioniert. Es gibt
ähnelten sie Annalen, die uns auch aus stark differierende Thesen, die sich um
anderen Königreichen bekannt sind, einen Erklärungsansatz bemühen, und
vielleicht waren sie aber zumindest somit ist die internationale Forschungs­
punktuell auch ausführlichere Berich­ gemeinschaft von einem allgemeinen
te. Mit Sicherheit lag diesen Quellen Konsens weit entfernt.
eine einheitliche Chronologie zugrunde.
Diese wird aber in den Königsbüchern
Im „Hiskijatunnel“ watet man noch Die chronologischen Angaben im
heute durch Wasser. Der Tunnel unter entweder ungenau oder unvollständig,
auf jeden Fall nicht einheitlich über­ Endtext der Königsbücher
der Davidstadt konnte Jerusalems Was-
serversorgung bei Belagerung aufrecht- nommen. In den Königsbüchern geht es Nichtsdestotrotz präsentiert sich der
erhalten. Vermutlich stimmt, was 2 Kön schließlich nicht um eine vollständige finale Text der Königsbücher als eine
Wiedergabe der vorliegenden Informati­ chronologisch geordnete Aneinander­
© Jacek Sopotnicki/123rf.com

20,20 aus einer „Chronik“ wiedergibt:


„Die übrige Geschichte Hiskijas und alle onen, sondern um deren (theologische) reihung von Regenten. Im Text wird
seine Erfolge, wie er den Teich und die Reflexion und Interpretation. Unter die­ außerdem sehr viel Wert darauf gelegt,
Wasserleitung angelegt und das Wasser sem Gesichtspunkt ist die Darbietung die Reiche Israel und Juda miteinander
in die Stadt geleitet hat, das alles ist einer exakten Chronologie völlig neben­ in Verbindung zu setzen. Der Beginn
aufgezeichnet in der Chronik der Könige sächlich. Sie interessiert die Autoren der Regentschaft eines Königs wird an
von Juda.“ nicht wirklich. die Zahl der Regierungsjahre des Königs

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die chronologie der königsbücher

im Nachbarreich angelehnt („König X Drei Chronologiemodelle


wurde König im N. Regierungsjahr von
König Y“). Diese Verbindung ist in beide Konventionelle Modifizierte Low
Richtungen – also Juda mit Israel und Chronologie konventionelle Chronology
Israel mit Juda – gegeben. So werden
(High Chronology) Chronologie
beispielsweise im Kapitel 15 des ersten
Buches der Könige die Regierungsjahre 1200
von Jerobeam (Israel) und Abija (Juda),
Jerobeam (Israel) und Asa (Juda) sowie
Eisenzeit I Eisenzeit I
1250/1200 1200 bis
Nadab (Israel) und Asa (Juda) miteinan­
bis 1000 vC 980/960 vC
der verglichen und chronologisch ange­ Eisenzeit I
ordnet: 1100
1150/1130 bis
„Im achtzehnten Jahr des Königs Jero- 930/920 vC
beam, des Sohnes Nebats, wurde Abija
König von Juda [...]
Im zwanzigsten Jahr Jerobeams, des
Königs von Israel, wurde Asa König von 1000
Juda [...] Eisenzeit IIA
Nadab, der Sohn Jerobeams, wurde Kö- 1000 bis
nig von Israel im zweiten Jahr des Königs 926/900 vC
Asa von Juda“. Eisenzeit IIA
Der biblische Text gibt nur Auskunft 980/960 bis
über die Reihenfolge der Herrschaft
900
840/830 vC
Eisenzeit IIA
der vier Könige und nicht über die his­ Eisenzeit IIB 930/920 bis
926/900 bis ca. 830 vC
torische absolute Datierung ihrer Re­
gierung: Die somit entstandene relative 720 vC
Chronologie ist zwar verwoben, aber
800
Eisenzeit IIB Eisenzeit IIB
korrekt. Um diese relative Chronologie – ca. 830 bis
830/840 bis
König X regierte vor oder nach König Y – 700 vC 700 vC
in eine absolute Chronologie – also Kö­
nig X regierte vom Jahr A bis Jahr B und
König Y vom Jahr C bis Jahr D – zu ver­
700
wandeln, bedarf es allerdings eines An­
haltspunkts innerhalb der assyrischen Eisenzeit IIC Eisenzeit IIC Eisenzeit IIC
720 bis 587 vC 700 bis 539 vC 700 bis 520 vC
oder der babylonischen Chronologie.
Diese liefern ab dem 8. Jh. vC praktisch
sichere absolute chronologische Datie­ Archäologisch benennt man die Zeit der zwei Königtümer Israel und Juda als
rungsgrundlagen. Eisenzeit II. Unterteilt in IIA, IIB und IIC. Das macht man fest an kulturellen
Die Assyrer haben uns eine lückenlo­ Entwicklungen (Bautätigkeit, Keramik, Handelskontakte etc.). Bei der Eisenzeit
se Jahrestabelle ihrer Könige und Wür­ IIC ist man sich relativ einig, dass sie beim späten König Hiskija beginnt, die
denträger für die Zeit zwischen 910 und Errungenschaften Manasses umfasst und bis zum Ende des Babylonischen Exils
649 vC hinterlassen – eine sogenannte reicht. Davor – ab der sogenannten Reichsteilung bis Hiskija, also die Eisenzeit
Eponymen-Liste. Die Jahresangaben die­ IIA und IIB – ist man sich uneinig und es gibt Schwankungen von Jahrzehnten.
ser Liste sind standardisiert, sodass es Das macht für die Korrelierung von Archäologie und biblischen Erzählungen einen
möglich ist, eine exakte relative Chrono­ großen Unterschied.
logie zu rekonstruieren. In dieser Liste
© www.BibleLandPictures.com / Alamy Stock Foto

wird außerdem festgehalten, dass im


Jahr des assyrischen Königs Assur-Dan Siegelabdruck mit der
III. eine Sonnenfinsternis stattfand. Da­ Inschrift „[der Gemeinschaft
raus ergibt sich das gesicherte absolute des] schema [Israel] zugehörig,
Datum des 15. Juni 763 vC. Durch das einem Knecht Jerobeams“.
Hinzuziehen von assyrischen, babylo­ Ein hoher Beamter zur Zeit
nischen und ägyptischen Quellentex­ Jerobeams II. muss es genutzt
ten sowie unter Berücksichtigung von haben. Megiddo, 8. Jh. vC.
anderen klassischen Quellen (wie dem
Kanon des griechischen Astronomen

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welt und umwelt der bibel 2/2020 23
die chronologie der Königsbücher

Die „Bücher der Könige“ entstehen – und verwirren die Chronologie

Den Kreisen, die „Chroniken“. Aber waren das: Die Bücher der Könige werden
im 6. Jh. vC die • Annalen? verfasst: als theologische Interpre-
Texte über die • Notizen? tation der vorliegenden Chroniken.
Könige verfassen, • Ausführliche Berichte? Die Autoren wählen aus, tilgen,
liegen Quellen vor: fügen hinzu, runden Zahlen auf
Vermutlich hatten diese Chroni- oder ab ...
ken eine stimmige Chronologie
mit einem eigenen System zur Die Chronologie gerät
Zählung der Regierungsjahre. durcheinander.

Ptolemaios) ist es möglich, eine exakte zu vereinbaren. In der Folge ist es sehr Zeit einer Mitregentschaft berechnet,
Chronologie der ersten Hälfte des ersten schwierig, die biblische relative Chrono­ manchmal nicht.
Jahrtausends zu rekonstruieren. In diese logie eins zu eins mit der assyrischen ab­ 3. In literarischen Darstellungen, die
Chronologie lassen sich außerbiblisch soluten Chronologie abzugleichen und häufig standardisierte Formulierungen
genannte Könige von Israel und Juda re­ auf diese Weise eine fertige Liste von verwenden und ebenso häufig muster­
lativ einfach eingliedern. israelitischen und judäischen Königen hafte und paränetische (ermahnende)
Dabei sind natürlich die Analyse und mit der Jahresangabe ihrer Regentschaft Elemente einbauen, sind Zahlenanga­
die Auswertung des standardisierten herzustellen. ben immer problematisch. Sie können
Rahmens (s. Schaubild S. 13) der bib­ Mit hoher Genauigkeit lassen sich Eck­ durchaus abgerundet oder gar symbo-
lischen Textpassage zum jeweiligen daten festlegen, wie die Notiz des geteil­ lisch verwendet werden.
König von großer Bedeutung. Der bib­ ten Reiches in Nord- und Südreich (926 4. Dadurch, dass es in den Beschrei­
lische Text ist schließlich zu vielen die­ bzw. 930 vC), die Eroberung Samarias bungen der verschiedenen Könige im­
ser Könige die einzige Quelle, die wir durch die Assyrer (722/721 vC) und die mer auch um eine Wertung geht, kann
besitzen. Zuerst wird darin das Jahr der Eroberung Jerusalems durch die Babylo­ man natürlich nicht ausschließen, dass
Thronbesteigung eines Königs in Zu­ die Kreise der Verfassenden die Regie­
sammenhang mit dem Regierungsjahr rungszeit absichtlich kürzer oder län-
des Königs im Nachbarland angeführt. Der Versuch, diese ger angegeben haben, um die Wirkung
In der Folge wird festgehalten, wie lange des jeweiligen Königs zu stärken oder
die Herrschaft dauerte und schließlich An­gaben in ein absolut- zu schmälern. Fälle von damnatio me-
wird eine Beurteilung des Königs nach chronologisches System moriae sind ebenfalls nicht auszuschlie­
den religiösen Vorschriften des Deute­ ßen. Heute sind solche Veränderungen
ronomiums angegeben. Im Abschluss einzufügen, liefert im bes- nicht mehr auszumachen und führen
können auch Angaben zu anderen Quel­ ten Fall Näherungswerte deshalb zu unlösbaren Problemen.
len, Informationen zum Tod des Königs 5. Eine weitere große Herausforde­
und zum Nachfolger, auftauchen. Bei rung hängt möglicherweise mit der
den Königen von Juda wird auch der nier (587/586 vC). Trotz der im Laufe der unterschiedlichen Beschaffenheit der
Name der Königsmutter genannt, was letzten hundertfünfzig Jahre unternom­ Kalender von Juda und Israel zusam­
möglicherweise auf eine besondere Re­ menen Versuche, die unterschiedlichen men. In beiden Fällen handelt es sich
gierungsrolle schließen lässt. Chronologien miteinander in Einklang um einen Mondkalender. Um das Mond­
zu bringen, bleiben alle anderen Zeit­ jahr mit dem 11 Tage längeren Sonnen­
angaben unbefriedigend. Die Probleme jahr in Einklang zu bringen, fügte man
Relative und absolute Chronologie sind dabei mannigfaltig: immer wieder Schaltmonate ein. Diese
der Königsbücher: die Probleme 1. Es ist zunächst durchaus möglich, Einschaltungen waren selten standardi­
© S Andrey Kuzmin /hutterstock.com

Trotz dieser zum Teil sehr präzisen In­ dass im Laufe der Textüberlieferung Ab- siert geregelt: Normalerweise entschied
formationen führt eine einfache Gegen­ schreibe- oder gar Rechenfehler pas­ der König per Dekret, Schaltmonate ein­
überstellung der Könige von Israel und siert sind. Diese sind heute nicht mehr zufügen (Hammurabi, Nabonid, Kyros
Juda zu massiven chronologischen Dif­ erkennbar und können nicht korrigiert und Kambyses folgten dieser Praxis).
ferenzen, die unmöglich alle nach dem werden. Man kann daher nicht ausschließen,
gleichen Rechensystem gelöst werden 2. Überdies wurde sehr wahrschein­ dass auch die Könige in Israel oder Juda
können. Sie sind auch innerhalb der bi­ lich nicht immer mit den gleichen Krite­ unabhängig voneinander von dieser Be­
blischen Chronologie nicht miteinander rien gemessen. Manchmal wird z. B. die fehlsgewalt Gebrauch machten. Erst als

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in persischer Zeit das babylonische Sys­
tem in der gesamten altorientalischen
Welt akzeptiert wurde, setzte sich ein
19-Jahr-Rhythmus mit der Einschaltung
von 7 Schaltmonaten durch. Ob, wann
und wie oft der Kalender von Israel und
Juda durch Schaltzeiten geändert wur­
de, wissen wir heute nicht.
6. Noch schwieriger zu lösen ist das
Problem des Jahresbeginns. Israel
und Juda standen regelmäßig entwe­
der unter dem kulturellen Einfluss von
Ägypten oder von Assur/Babylon. Nun
begann das Jahr in Ägypten im Frühjahr,
während das Jahr in Assur/Babylon im
Herbst anfing. Die unterschiedlichen
Angaben, die daher in den Königsbü­
chern zustande kommen, zu vereinheit­
lichen, ist unmöglich.
7. Auch die Tatsache, dass in der He­
bräischen Bibel von jedem König die
genaue Anzahl der Regierungsjahre an­
gegeben wird, hilft nicht dabei, diese
komplizierte Angelegenheit zu lösen.
Im Gegenteil, dies führt zu einer weite­
ren unlösbaren Problematik. Denn das
erste Jahr der Regentschaft eines Königs
kann gleichzeitig als letztes Jahr der Re­
Das Portal im königlichen Palast von Hazor, Rekonstruktion im Israel
gentschaft seines Vorgängers gewertet
Museum, Jerusalem. Die sogenannten protoäolischen Volutenkapitelle sind rund
werden. Daher könnte dasselbe Jahr einen Meter breit. Sie konnten bei Ausgrabungen dem 9. Jh. vC und damit der
zweimal gezählt werden. Es ist auch Dynastie Omris zugeordnet werden.
nicht auszuschließen, dass dies zweimal
passiert, am Anfang und am Ende der
Regentschaft. Die Differenz könnte so­ Zählung der Regierungsjahre der Könige Lesetipps
mit bis zu vier Jahre betragen. Natürlich in Juda und Israel bestand. Dieses System • Dieter Vieweger, Geschichte der biblischen
kann eine solche Problematik entweder wurde von den Autorenkreisen der Kö­ Welt. Die südliche Levante vom Beginn der
nur am Anfang der Regierungszeit oder nigsbücher grundsätzlich übernommen, Besiedlung bis zur römischen Zeit. Band 2:
nur am Ende oder aber auch gar nicht jedoch wahrscheinlich adaptiert, korri­ Eisenzeit, Gütersloher Verlagshaus 2019
vorkommen. In Listen von assyrischen giert, verändert. Seit wann gab es dieses (s. Buchtipps).
und babylonischen Königen ist es au­ System? Wann wurde es erschaffen? Wel­ • Gershon Galil, The chronology of the kings
ßerdem oftmals üblich, dass Könige, che Quellen wurden dafür verwendet? of Israel and Judah (Studies in the history of
die nur ein Jahr im Amt waren, gar nicht Wer hatte die Autorität, es zu legitimie­ the ancient Near East 9), Brill 1996.
angeführt werden. Womöglich war dies ren? Welche Voraussetzungen muss man • Christian Frevel, Geschichte Israels,
auch in Israel und Juda der Fall. Wir wis­ sich vorstellen? Diese und viele andere Kohlhammer 22018 (s. Buchtipps).
sen es nicht. ähnliche Fragen müssen – zumindest
derzeit – unbeantwortet bleiben.
© www.BibleLandPictures.com / Alamy Stock Foto

Prof. Dr. Simone


Wenn wir heute die chronologische Paganini lehrt Biblische
Kein Lösungsansatz, nur weitere Geschichte der Reiche Israels und Judas Theologie an der RWTH
Fragen rekonstruieren wollen, sind wir jedoch Universität in Aachen.
Die grundlegende Frage aber, die man von diesen Datierungsangaben abhän­ Seine Publikationen zum
sich stellen muss, wenn man sich mit gig. Wir haben schlicht nichts anderes! Verständnis der alttes-
tamentlichen Welt und
den chronologischen Angaben in den Der Versuch, diese Angaben in ein abso­
ihrer Schriften decken
Königsbüchern auseinandersetzt, betrifft lut-chronologisches System einzufügen, ein breites Spektrum ab.
die Urheberschaft der chronologischen ist zwar legitim, das Ergebnis liefert den­ Zuletzt erschienen: Von
Angaben. Gesichert ist, dass irgendwann noch Jahreszahlen, die im besten Fall als Evas Apfel bis Noahs Stechmücken. Fake News
in der Zeit vor dem Exil ein System zur Näherungswert zu betrachten sind. W in der Bibel, Herder 2019.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 25
Die Archäologie der Königszeit

Der neue Blick auf die


Geschichte der Staaten
Israel und Juda

© Liadmalone, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Auf der Zitadelle von Lachisch: Bis heute


ist das Mauerwerk des Hauptgebäudes aus dem
8. Jh. vC zu sehen. Lachisch wurde eine der
wichtigsten Festungen Judas – bis der assyri-
sche Herrscher Sanherib sie 701 vC zerstörte.

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Wer das Alte Testament liest, erhält den Eindruck, dass das Königreich von Jerusalem von
Beginn der Königszeit an sehr bedeutsam, geradezu weltberühmt ist. Tatsächlich aber
entstand das Königreich Israel viel früher und war lange Zeit weitaus einflussreicher.
Die Könige in Jerusalem waren ihren Kollegen in Samaria unterlegen. Anhand archäologi-
scher Funde kann man die Geschichten der beiden Kleinstaaten Stück für Stück wie ein
Puzzle zusammensetzen. Von Bernd U. Schipper

U
m die Geschichte der König- Stele des Pharao Merenptah aus dem dass entgegen der biblischen Darstel-
reiche Israel und Juda zu ver- Jahr 1208 vC wird eine Personengruppe lung das Königtum im Norden wesent-
stehen, muss man in eine Zeit mit Namen Israel genannt. Wer sich hin- lich bedeutungsvoller war als das König-
zurückgehen, in der es diese noch nicht ter der Gruppe verbirgt, wird kontrovers tum in Jerusalem.
gab. Denn was in der altorientalischen diskutiert, doch vermutlich lebte sie in
Welt ab dem 9. Jh. vC als Israel und im 8. der Nähe von Bet Schean, einer ägypti-
Jh. vC als Juda bekannt wurde, gehörte schen Garnisonsstadt gut 37 km südlich Kultureller Aufschwung zuerst
im 14./13. Jh. vC zu den spätbronzezeitli- vom See Gennesaret. Insofern erstaunt im Norden: das Königreich Israel
chen Stadtstaaten, die unter ägyptischer nicht, dass der Name „Israel“ mit dem im 9. Jh. vC
Oberhoheit standen. Neben bedeutungs- Königtum im Norden verbunden wurde Die Entstehung des Königreichs Israel
vollen – wie Gaza, Megiddo oder Hazor und nicht mit dem im Süden. Die Ge- steht im Kontext der allgemeinen kultu-
– gab es kleinere Stadtstaaten, die zwar schichte der beiden Königtümer zeigt, rellen Entwicklung im 10./9. Jh. vC. Aus
über eine große Fläche verfügten, poli-
tisch jedoch kaum eine Rolle spielten.
Zu diesen gehörten der Stadtstaat von
Sichem im Norden und der Stadtstaat
von Jerusalem im Süden. In einem Satz
gesagt, sind die beiden Königtümer von
Samaria und Jerusalem, traditionell als
„Nordreich Israel“ und „Südreich Juda“
bezeichnet, aus diesen beiden Stadt-
staaten hervorgegangen.

Die Stadtstaaten Sichem und


Jerusalem Im 12. und 11. Jh. vC
Die Archäologie belegt, dass der Norden wurde der Norden – das
mit Sichem schon in der Frühzeit Israels Territorium des späteren
bedeutungsvoller war als der Süden mit Nordreichs Israel – viel
stärker besiedelt als der
Aus: B. U. Schipper, Geschichte Israels in der Antike, S. 124

Jerusalem. Die neuen Siedlungen, die im


Süden. Daraus entwi-
12./11. Jh. vC in diesem Gebiet entstan-
ckelte sich zunächst das
den und vermutlich mit der sogenann-
dominante nördliche
ten „Landnahme“ des Volkes Israel zu
Königtum von Samaria.
verbinden sind, lagen zu einem Großteil
auf dem Gebiet des Stadtstaates Sichem
und zu einem deutlich geringeren Teil
auf dem Territorium des Stadtstaates Je-
rusalem (s. Karte rechts). Hinzu kommt,
dass die älteste außerbiblische Erwäh-
nung des Namens „Israel“ auf den Nor-
den verweist und nicht etwa auf den
Süden mit Jerusalem: In der ägyptischen

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welt und umwelt der bibel 2/2020 27
Der neue Blick auf die Geschichte
Die Reichsteilung: Gab es sie überhaupt?

D er biblischen Darstellung zufolge


wurde das Großreich Davids und
Salomos in zwei Reiche aufgespalten: das
nicht gegeben hat), und so ergab sich die
Notwendigkeit, zu erklären, wie aus dem
einen Reich zwei wurden. Die Lösung
Israels und Judas ab Rehabeam und Jero-
beam I. dafür, dass Ende des 10. Jh. vC
tatsächlich ein Königtum im Norden und
Nordreich Israel und das Südreich Juda. dafür lag darin, Salomos internationale eines im Süden nebeneinander existier-
In 1 Kön 12 wird erzählt, wie sich die zehn Kontakte neu zu interpretieren. War die ten. Da die biblischen Geschichten über
Stämme des Nordens im Streit abspalten, Hochzeit mit einer Pharaonentochter (1 David und Salomo lediglich vom König-
weil Salomos Sohn Rehabeam sich nicht Kön 3) zuvor – in der dem Schreiber vor- tum in Jerusalem erzählen, weiß man
darauf einlässt, die Arbeitsbelastung für liegenden Erzählung – noch ein Zeichen über die Frühgeschichte des Königtums
sie zu reduzieren. Im Gegenteil demons- von Salomos Größe, so öffnete sie jetzt im Norden recht wenig. Der Archäolo-
triert er seine Macht: „Mein Vater hat Tor und Tür für einen Fremdgötterkult in gie zufolge wurde das alte Zentrum des
euer Joch schwer gemacht. Ich werde es großem Stil, der nicht unbestraft bleiben spätbronzezeitlichen Stadtstaates Sichem
noch schwerer machen. Mein Vater hat sollte. 1 Kön 11 erzählt, dass die ausländi- im 11. Jh. vC aufgegeben. Samaria, die
euch mit Peitschen gezüchtigt, ich werde schen Frauen Salomo zum Abfall von Gott spätere Hauptstadt der Könige Israels,
euch mit Skorpionen züchtigen!“ (1 Kön verführt haben: „Als Salomo älter wurde, war bereits im 10. Jh. vC ein landwirt-
12,14). Die zehn Nordstämme wählen machten seine Frauen sein Herz anderen schaftliches Zentrum. Das biblische Dan,
sich einen neuen Anführer: Jerobeam. Göttern geneigt ... er verehrte Astarte, in dem Jerobeam I. ein Stierbild aufge-
Die beiden Stämme Juda und Benjamin die Göttin der Sidonier, und Milkom, stellt haben soll, gehörte im 10./9. Jh. vC
bleiben Rehabeams Herrschaftsgebiet. den Götzen der Ammoniter.“ Als Strafe noch nicht zum Herrschaftsgebiet der
Die alttestamentliche Forschung hat dafür kündigt Gott an, Salomos Reich zu Könige Israels.
mittlerweile erkannt, dass die Passagen in zerreißen. Hinzu kamen außenpolitische Insofern gilt: Die Reichsteilung hat es
1 Kön 11 und 12 spätere literarische Bil- Widersacher, sodass das legendäre Groß- nicht gegeben. Vielmehr erweist sich die
dungen und keine historischen Berichte reich zerfiel (1 Kön 12). biblische Darstellung als stark theolo-
sind. Man kann davon ausgehen, dass ein Historisch gesehen sprechen im Ver- gisch geprägt, sodass man bezüglich der
Schreiber des alten Israel in der späten gleich mit David und Salomo, die beide Frühgeschichte der Königreiche Israel
Königszeit eine vereinte Monarchie lite- 40 Jahre regiert haben sollen, die relativ und Juda auf die Archäologie angewie-
rarisch konstruiert hat (die es historisch konkreten Regierungsdaten der Könige sen ist. (B. U. Schipper)

den kleinen politischen Einheiten auf dem Bo- der Region in einem auswärtigen Dokument ge-
den der alten Stadtstaaten entstanden größe- nannt werden.
re Königreiche. Ein wesentlicher Faktor dafür In einer im Jahr 2019 von dem israelischen Ar-
war der internationale Fernhandel. Im 10. Jh. chäologen Omer Sergi durchgeführten Ausgra-
vC schufen die Phönizier im Mittelmeerraum bung in einem Ort in der Jesreel-Ebene namens
weitreichende Handelsverbindungen, die unter Horvat Tevet wurden archäologische Hinweise
anderem Ägypten, Zypern und die Ägäis um- auf eine überregionale Getreideproduktion ge-
fassten. So entstanden panmediterrane Han- funden (s. rechts). Hier muss weitaus mehr ver-
delsnetzwerke, die Auswirkungen auf die Ent- arbeitet worden sein, als die Einwohner selbst
brauchten. Der Ort wurde vermutlich von den
Omriden kontrolliert, die Getreide an die phö-
Das Königreich Israel gelangt unter nizischen Küstenstädte lieferten. Folgt man
dem deutsch-israelischen Archäologen Gun-
König Omri (882–871 vC) und seiner nar Lehmann, so gab es im 9. Jh. vC ein „Joint
Dynastie zu internationaler Bedeutung Venture“ zwischen Omriden und Phöniziern:
Erstere lieferten Getreide, letztere Luxusware
aus dem internationalen Fernhandel, wie etwa
wicklung im Landesinneren hatten. Denn der Amulette, Perlen oder Elfenbein, die bis nach
Ausbau eines kleinen Herrschaftsgebietes zu Samaria gelangten (vgl. S. 36). Dazu passt auf
einem großen Königreich setzte Handelskontak- Seiten des biblischen Befundes das in 1 Kön
te voraus, die ohne die Phönizier nicht möglich 22,39 genannte Elfenbeinhaus von Omris Sohn
waren. Dies gilt auch für das Königreich Israel, Ahab. Ein weiterer Hinweis auf die engen Ver-
das unter König Omri (882–871 vC) und seiner bindungen zwischen den Königen Israels und
Dynastie zu internationaler Bedeutung gelang- den Phöniziern könnte die polemische Notiz in
te. Beleg dafür ist die Mescha-Stele, auf der Omri 1 Kön 16,31 über die Hochzeit Ahabs mit der phö-
und sein Sohn zusammen mit andern Playern nizischen Prinzessin Isebel sein.

28 welt und umwelt der bibel 2/2020


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Der neue Blick auf die Geschichte

In Horvat Tevet wurde ein monumentales die im 9. Jh. Bauten errichten ließen, die keine
Gebäude ausgegraben, das in einem Baustil lokalen Vorläufer hatten. Vielmehr zeigt sich,
errichtet wurde, der auf die Omriden verweist. wie jüngere Forschungen ergeben haben, phöni-
Vergleichbare Architektur ist in Jesreel und zischer Einfluss.
Samaria belegt. Der biblischen Darstellung in
1 Kön 16,24 zufolge hat König Omri die Stadt Sa-
maria zur Hauptstadt des Reiches Israel ausbau- Jerusalem im 10. und 9. Jh. vC: langsame
en lassen. Samaria lag verkehrstechnisch güns- Entwicklung in Abhängigkeit von Samaria
tig an der Ost-West-Verbindung zur Küsten­ebene Die kulturelle Entwicklung im Norden erfasste
und hatte Zugang zur Nord-Süd-Achse, die von mit gut 30 bis 50 Jahren Verzögerung auch das
der Jesreel-Ebene über Bet Schean bis nach Je- Königtum von Jerusalem. Jerusalem war eine
rusalem reichte. Unter Omri wurde in Samaria alte Bergfestung, die bereits im 18. Jh. vC in-
eine Palastanlage aus großen Quadersteinen schriftlich belegt ist. Der historische Kern der
geschaffen. Vergleichbare Architektur ist in Si- Stadt lag auf dem Südosthügel, der sogenannten
chem, Tirza, Penuel und in den bedeutenden „Davidstadt“, und war mit 250 m Länge und 50– Omriden
Städten Megiddo und Hazor belegt. Während 70 m Breite recht klein. Will man den biblischen Zur Dynastie Omris
die ältere Forschung die berühmten „Sechs- Berichten einen historischen Kern entnehmen, gehören vier Könige:
kammertore“ von Megiddo und Hazor noch mit so wurde die Bergfestung Jerusalem unter David Omri, Ahab,
König Salomo verbinden wollte, werden diese israelitisch und unter Salomo um einen kleinen Ahasja und Joram
nunmehr im Kontext der omridischen Bauaktivi- Tempel ergänzt. Die entscheidenden Verände- (Königin Atalja von Juda
täten verortet. Es waren die Könige von Samaria, rungen vollzogen sich, wie Forschungen der isra- ist eine Enkelin Omris)

Eine frische Spur


der Könige Israels führt
in die Jesreel-ebene

I n Horvat Tevet nahe der Stadt Afula begannen


vor zwei Jahren Rettungsgrabungen vor dem
Bau einer Schnellstraße. Im Januar 2020 mel-
deten israelische Medien, dass hier ein großes
Gebäude aus der Zeit König Omris, 9. Jh. vC,
gefunden worden sei. Die Ausgrabenden um Omer
Sergi (Israel Antiquities Authority) interpretieren
die Spuren – Töpferöfen, Getreidemühlsteine,
© Mark Cavanaugh, courtesy of Omer Sergi and the Horvat Tevet Archaeological Project

Textilwerkstätten – so, dass hier ein Agrarzentrum


war, in dem Ernteerträge aus der Umgebung ge-
sammelt, verarbeitet und weiterverkauft wurden.
Außergewöhnlicher Zufallsfund: ein Agrarzentrum aus der Zeit
König Omris mit Töpferöfen und Spuren von Textil- und Getreideverarbeitung.
Das Gebäude ist rund 20 x 30 m groß und lässt
drei Bereiche erkennen: zwei Eingangshallen
und eine zentrale Halle mit zwei Reihen monoli-
thischer Steinpfeiler, die noch heute bis zu zwei
Meter erhalten sind, vermutlich aber noch höher
waren. Die schiere Größe und auch der sorgfältig
gepflasterte Boden weisen laut Sergi auf eine
königliche Hand über der Anlage hin: die israeliti-
schen Könige Omri und Ahab im 9. Jh. vC. Unter
dem Pfeilergebäude fand man Fundamente eines
ähnlichen Gebäudes, das Sergi und sein Team
König Bascha zuordnen, der hier ebenfalls schon
Getreidewirtschaft betrieben haben könnte.
Die Schnellstraße wird gebaut: Was bleibt, ist
ein Blick auf ein beeindruckend gut erhaltenes
Gebäude aus dem 9. Jh. vC.

29
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welt und umwelt der bibel 2/2020
t

Angelegt, als Jerusalem noch eine

© Ian Scott, CC BY-SA 2.0, commons.wikimedia.org;; Karte aus B. U. Schipper, Geschichte Israels in der Antike, S. 125
Bergfestung war, aber im 9. Jh. vC aus­
gebaut: die berühmte stepped stone structure
am östlichen Abhang der Davidstadt. Sie stützte
den Hang unterhalb der Gebäude auf dem klei-
nen Bergrücken ab. Ein sichtbares Zeichen für
den ganz langsamen Aufschwung, den Jerusa-
lem in dieser Zeit nimmt.

Ab dem späten 8. Jh. vC wächst


t
Jerusalem deutlich: Als der Einfluss der
mächtigen Geschwister im Norden nach der
assyrischen Eroberung wegfällt, kommt Judas
Stunde. Der Entwicklungsschub spiegelt
sich in der Hauptstadt: Das Stadtgebiet wird
wesentlich vergrößert.

30 welt und umwelt der bibel 2/2020 200430231948UF-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
Der neue Blick auf die Geschichte

elischen Archäologen Joe Uziel und Yuval Gadot Die Königreiche Israel und Juda im
ergeben haben, jedoch erst ab dem 9. Jh. vC. So 8. Jh. vC: starke Bautätigkeiten im Süden
wurde die monumentale „stepped stone struc- wie im Norden
ture“ in der Davidstadt, eine gut 50 x 27 m große Der Aufstieg Judas und Jerusalems zu einem ei-
Steinkonstruktion aus vordavidischer Zeit, im genständigen Königreich im Süden verlief in drei
9. Jh. vC ausgebaut und mit einem fein gestuften Phasen. Er begann im 9. Jh. vC durch den Ein-
Pflaster umgeben. Der archäologische Befund fluss der mächtigen Könige Israels, setzte sich im
wird durch Siegelamulette aus Ausgrabungen 8. Jh. vC durch die Auswirkungen der neuassy-
nahe der Gihonquelle ergänzt, die auf Schrift- rischen Westexpansion fort und erreichte im 7.
Wichtige
lichkeit und eine offizielle Verwaltung im 9. Jh. Jh. vC unter den Königen Hiskija und Manasse Ausgrabungsstätten
vC verweisen. seinen Höhepunkt. zu den zwei Staaten
Beides gibt Hinweise darauf, dass im 9. Bereits für die Entwicklung des nördlichen Israel und Juda:
Jh. vC in Jerusalem eine kulturelle Entwick- Königreichs Israel gilt, dass diese ab der zweiten Hazor, Megiddo, Lachisch,
lung einsetzte, die mit dem Aufbau eines Kö- Hälfte des 9. Jh. vC zunehmend durch die neu­ Samaria, Jerusalem,
nigtums zu verbinden ist. Interessanterwei- assyrischen Herrscher beeinflusst wurde. Israel Azeka, Mizpa, Schilo,
se fand sich im Gegensatz zu Samaria und war formal ab dem Jahr 841 vC ein Vasall der Ramat Rahel, Kinneret,
anderen Orten im Norden in Jerusalem und Neuassyrer (ab jetzt zahlt Jehu Tribut), die mal Dan, Gibeon, Jesreel,
Bet Schemesch, Sichem,
seinem Umland keine Luxusware aus dem in- stärker und mal weniger stark in der südlichen
Bet Schean, Tirza, Penuel,
ternationalen Fernhandel, wie edle Keramik, Levante aktiv waren. Jerobeam II. (787–747 vC)
Arad, Moza ...
Elfenbeine oder Perlen. Stattdessen wurde nutzte eine Schwächephase der Assyrer unter
Alltagsware gefunden, wozu größere Mengen den Nachfolgern Salmanassars’ IV. (782–773 vC)
Fischknochen gehören. Aktuelle Forschungen zu einem Ausbau seines Herrschaftsgebietes. Das
des britischen Archäologen Bruce Routledge biblische Dan (Tell el-Qadi) wurde Teil des König-
haben gezeigt, dass in Ägypten produzierter reichs Israel, die Städte Kinneret (Tell el-Oreme)
Fisch, der sogenannte Nilbarsch, in größeren am See Gennesaret und Hazor nördlich davon zu
Mengen in der südlichen Levante verzehrt wur- Festungen ausgebaut und das bedeutende Han-
de. Dies gilt auch für Jerusalem, wo aus dem delszentrum Megiddo (Stratum IVB) um adminis-
9. und 8. Jh. vC erstaunlich große Mengen von trative und militärische Gebäude erweitert.
Nilbarschknochen gefunden wurden. Etwa zeitgleich wurden im Königreich Juda
Wie aber sind die monumentale Architektur Städte und Festungsanlagen entlang der Han-
im Jerusalem des 9. Jh. vC und die großen Men- delswege ausgebaut. Im südlichen Negev wa-
gen an Fisch aus dem Fernhandel zu erklären? ren dies Arad, Tell es-Seba sowie weiter südlich
Verbindet man den archäologischen Befund mit Kadesch-Barnea. Der Ausbau Judas kann bei-
den alttestamentlichen Angaben, so spricht ei- spielhaft an Lachisch (Tell ed-Duwer) verdeut-
niges dafür, dass der eigentliche Motor für die
kulturelle Entwicklung Jerusalems im Norden
zu suchen ist. Die alttestamentlichen Königs- In Jerusalem wurden aus dem 9. und 8. Jh. vC
bücher berichten von engen Beziehungen zwi- große Mengen von Nilbarschknochen gefunden
schen den Königen von Samaria und denen von
Jerusalem. So war beispielsweise die Gemahlin
des Jerusalemer Königs Joram, Prinzessin Atal- licht werden: Die neben Jerusalem bedeutendste
ja, eine Omridin (2 Kön 18,18.26). Will man den Stadt Judas wurde im 8. Jh. vC ähnlich wie Me-
komplexen alttestamentlichen Befund in ei- giddo zu einem militärischen Stützpunkt und
nem Satz zusammenfassen, so standen die Kö- Verwaltungszentrum erweitert.
nige Jerusalems ab Joschafat (868–847 vC) für Die Maßnahmen in Juda stehen im Zusam-
gut einhundert Jahre (bis Jotam, 756–741 vC) in menhang mit der Loslösung vom Einfluss des
einem Vasallenverhältnis zu den Königen Isra- Königreichs Israel. Zahlreiche Siegel und Bul-
els. Die hohe Bedeutung eines Königs von Sama- len belegen für das 8. Jh. vC die Existenz einer
ria gegenüber einem Herrscher von Jerusalem königlichen Verwaltung. Der steigenden Bedeu-
wird in einer aramäischen Inschrift aus dem Jahr tung Jerusalems entsprechend, wurde das Sied-
830 vC greifbar. Diese spricht mit Blick auf den lungsgebiet der Stadt nach Westen hin erweitert
Norden von einem „König von Israel“ und mit (s. Karte links). Weitere Siedlungen entstanden
Blick auf den Süden lediglich von einem „König an den Hängen der Davidstadt.
vom Haus Davids“. Ein „König von Juda“ ist in Wie schon zuvor, stand die Entwicklung der
einer altorientalischen Inschrift erstmals für das Königreiche Israel und Juda auch im 8. Jh. vC im
Jahr 738 vC belegt. Schatten neuassyrischer Politik. Mit Tiglatpile-

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welt und umwelt der bibel 2/2020 31
Der neue Blick auf die Geschichte

ser III. (745–727 vC) setzte ein neuer Schub der


neuassyrischen Westexpansion ein, der zur Er-
oberung Samarias im Jahr 722/720 vC führte. In
Bezug auf den Handel änderte sich jedoch nicht
viel. Die Neuassyrer waren primär am Fernhan-
del und der Absicherung der Handelswege inte-
ressiert. Im letzten Drittel des 8. Jh. vC wurden
Samaria, Dan und die vormalige Phönizierstadt
Dor zu neuassyrischen Verwaltungszentren aus-
gebaut. In Megiddo, Kinneret und Hazor ent-
standen am Beginn des 7. Jh. vC Palastanlagen
im neuassyrischen Stil.

Das Königreich Juda von 722/720 bis


587/586 vC: kulturelle Entwicklung aus
eigener Kraft
Siegelabdruck aus dem 7. Jh. vC. Die Inschrift lautet: „dem Die kulturelle Entwicklung Judas erreichte ih-
Adonijahu, königlicher Verwalter“ (hebr. asher al ha-bayit, etwa „der ren Höhepunkt, als das Königreich Israel nicht
dem Haus vorsteht“). Die Bulle war einer der wichtigen Funde des mehr existierte. Zahlreiche Stempelsiegel und
Jahres 2019 in der Davidstadt, entdeckt beim Durchsieben von Schutt Tonbullen dokumentieren einen Anstieg der
und Erde, die bei Ausgrabungen an der ehemaligen Tempelmauer aus­ Schriftlichkeit in Juda, verbunden mit einer ei-
gehoben worden waren. genen Wirtschaftsverwaltung. Die Siegelabdrü-
In der Davidstadt in Jerusalem sind bereits Dutzende Siegelabdrücke cke wurden mit einer zwei- oder vierflügeligen
aufgetaucht. Die Bullen tragen ab dem 7. Jh. vC verstärkt Namen in Sonnenscheibe und der Inschrift lmlk („dem
hebräischen Buchstaben – sie weisen auf Verwaltungsangestellte in König gehörend“, s. rechts) versehen und auf
einer komplexer werdenden Verwaltung hin. Man siegelte Dokumente Transport- oder Vorratskrügen angebracht. Mitt-
oder Produkte, die nach Jerusalem geliefert wurden.
lerweile sind mehr als 1200 Stücke aus mehr als
fünfzig Fundorten bekannt.
Für die Archäologie Judas ist der Ort Ramat
Rahel wichtig, der nur 4,5 km südlich von Je-
rusalem liegt. Eine israelisch-deutsche Aus-
grabung unter Oded Lipschits und Manfred
Oeming konnte nachweisen, dass Ramat Rahel
im späten 8. oder frühen 7. Jh. vC zu einem gro-
ßen Verwaltungszentrum ausgebaut wurde (s.
links). Der Ort lag strategisch günstig an den

Siegel © Eliyahu Yanai/Courtesy City of David; Rekonstruktion © Ramat Rahel Expedition


beiden wichtigsten Straßen, die Jersualem mit
dem Umland verbanden. Ramat Rahel war ein
Umschlagplatz für landwirtschaftliche Produkte
und wurde zum bedeutendsten administrativen
Zentrum im Kernland des Königreiches Juda. Die
im 7. Jh. vC errichtete Palastanlage hatte allein
eine Grundfläche von 120 x 90 m und war damit
mehr als halb so groß wie die Davidstadt.
Bedenkt man, dass Ramat Rahel bis über die
Perserzeit hinaus bestand, so zeigt sich bereits
für die Zeit Hiskijas bzw. Manasses jenes Ne-
beneinander, das die nächsten gut 350 Jahre
bestimmen sollte: auf der einen Seite Jerusa-
lem als der Ort der JHWH-Verehrung mit einer
Ein neuassyrisches Verwaltungszentrum: Rekonstruktion der Schreiberschule am Tempel – und auf der an-
Palastanlage von Ramat Rahel, die vielleicht schon in der Zeit Hiskijas – deren Seite Ramat Rahel als zunächst von den
wohl eher Manasses – so mächtig ausgebaut wurde. Hier befand sich ein Neuassyrern und dann von den Babyloniern
wichtiges Verwaltungszentrum, in dem Steuereinnahmen verzeichnet, und Persern kontrolliertes Verwaltungszen-
aufbewahrt und weitertransportiert wurden. trum. Vielleicht führte diese „Aufgabenver-

32 welt und umwelt der bibel 2/2020


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Der neue Blick auf die Geschichte

teilung“ dazu, dass ab der Zeit Hiskijas (725–


696 vC) die Bedeutung Jerusalems als religiö-
ses Zentrum wuchs. In der Festung Arad, etwa
56 km südwestlich von Jerusalem, wurde ein
altes JHWH-Heiligtum aufgegeben. Gleiches ge­
schah in einem Tempel in Tel Moza, der nur
7 km nordwestlich von Jerusalem lag.

Zahlreiche Siegel und Bullen


belegen für das 8. Jh. vC
die Existenz einer königlichen
Verwaltung

Während die ältere Forschung den Bau einer


breiten Mauer („broad wall“) sowie den Ausbau
der Wasserversorgung Jerusalems samt territori- „Dem König (gehörend)“, hebräisch le melech, ist unmissver-
ständlich in diesen Krughenkel eingeprägt. Über 1200 solcher gestem-
aler Erweiterung der Stadt mit Hiskija verbinden
pelter Henkel hat man gefunden. Die Krüge, die außerdem mit einer
wollte, wird man diese heutzutage eher in die
geflügelten Sonnenscheibe geschmückt sind, werden mit König Hiskija in
Regierungszeit Manasses (696–642 vC) datieren.
Zusammenhang gebracht. In solchen genormten Aufbewahrungsgefäßen
Auch wenn das Alte Testament König Manasse
wurden Abgaben gesammelt und verwaltet. Aus Scherben rekonstruierter
als Negativfolie für König Joschija präsentiert Krug und Henkel, Eretz Israel Museum, Tel Aviv.
(2 Kön 21,1-18), verweist allein schon die Länge
der Regierungszeit Manasses – 55 Jahre – auf sei-
ne Bedeutung. Um dem Bevölkerungszuwachs
zu begegnen – aus dem Norden waren nach der lems unter den Neubabyloniern sind am Fuß Lesetipp
assyrischen Eroberung auch zahlreiche Men- der Davidstadt belegt (Haus des Ahiel, Haus der • Bernd U. Schipper,
schen in den Süden geflohen –, wurde in seiner Bullen). Zudem ist archäologisch und literarisch Geschichte Israels in der
Regierungszeit der Bereich zwischen dem Süd- nachweisbar, dass einzelne Städte im Königreich Antike, C.H. Beck 2018
osthügel (der Davidstadt) und dem Tempelberg, Juda, wie etwa Lachisch oder Aseka (Tell Zakari- (s. Buchtipps S. 55).
der sogenannte Ofel, ausgebaut (2 Chr 33,14). ye), zerstört wurden (vgl. Jer 34,7). Der Norden
Parallel zur Entwicklung in Jerusalem kam mit der Region Benjamin und der Stadt Mizpa
es im 7. Jh. vC zu einem wirtschaftlichen Auf- war hingegen nicht betroffen. Insofern erstaunt
schwung Judas. Das Gebirge wurde stärker be- nicht, dass der vom neubabylonischen König
siedelt und Städte wie Gibeon und Mizpa wur- Nebukadnezzar eingesetzte Verwaltungsbeamte
den ausgebaut. Die Könige Judas konzentrierten Gedalja in Mizpa (Tell en-Nasbe) residierte.
sich auf den Süden und Osten ihres Territori-
ums, was sich an Baumaßnahmen in einer Reihe
von Festungen zeigt. Ferner wurden die Rand- Fazit
zonen am Westufer des Toten Meeres und das Insgesamt belegt die Archäologie, was die alttes-
Beerscheba-Becken erschlossen. Juda wurde so tamentliche Forschung schon länger vermutete:
zu einem wichtigen Getreidelieferanten des neu- Entgegen der biblischen Darstellung, die das
© beide: Bukvoed, CC BY 4.0, commons.wikimedia.org

assyrischen Wirtschaftsraums. Wie schon beim Königreich Israel in den Königsbüchern durch-
Königreich Israel im 9. Jh. vC waren es auch für weg mit negativem Vorzeichen und in den Chro-
die Könige Judas die landwirtschaftlichen Pro- nikbüchern überhaupt nicht erwähnt, waren Prof. Dr. Dr. Bernd U.
dukte, die den Anschluss an den internationalen es die Könige von Samaria, die im 9. Jh. vC ein Schipper ist Professor für
Fernhandel ermöglichten – nur dass nun nicht bedeutendes Königreich schufen, das auch das Altes Testament mit dem
mehr die Phönizier, sondern die Neuassyrer den Königtum des Hauses Davids in Jerusalem kont- Schwerpunkt Geschichte
Israels in der altorientalischen
Handel kontrollierten. rollierte. Im 8. Jh. vC gewannen die Könige Judas
Welt an der Humboldt-Uni-
Die politischen Ereignisse vom Ende des 7. Jh. zunehmend an Eigenständigkeit und schufen so versität zu Berlin. Ein For-
vC bis zu den beiden Eroberungen Jerusalems im ein Königreich, das nach dem Ende des Reiches schungssschwerpunkt liegt
Jahr 598/597 und 587/586 vC lassen sich archäo- Israel unter den Jerusalemer Königen Hiskija auf den kulturellen Kontakten
logisch nur schwer fassen. Zerstörungsspuren und Manasse zu wirtschaftlicher und internati- zwischen Ägypten und Israel
im Zusammenhang mit der Eroberung Jerusa- onaler Bedeutung anwuchs. W im 1. Jahrtausend vC.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 33
Was archäologische und schriftliche Zeugnisse verraten

Das Leben am Königshof


in Jerusalem und Samaria
Wie lebten und wohnten die Könige Israels und Judas? Wie organisierten sie ihre
verhältnismäßig kleinen Reiche? Was wissen wir heute über Alltag und Lebensum-
stände von Männern und Frauen am Hof? Dank der zahlreichen archäologischen
Ausgrabungen in den einstigen Hauptstädten Samaria und Jerusalem können wir
ein wenig Licht in diese Welt bringen. Von Wolfgang Zwickel

D
er König war in den Kleinstaaten • dem „Libanonwaldhaus“ (100 x 50 x in den Übersetzungen meist stark abge-
des Alten Orients wichtig für die 30 Ellen = ca. 50 x 25 x 15 m), ändert: „Er baute das Libanonwaldhaus
Bevölkerung, die ihn aber auch • einer Säulenhalle (50 x 30 Ellen), … auf vier Reihen von Zedernsäulen, und
ernähren musste. Auch in Israel und • der Thronhalle = Gerichtshalle, Querbalken aus Zedernholz waren auf
Juda blickten Menschen auf den Palast • dem Wohnpalast des Königs, den Säulen, und das Dachstützwerk aus
und hatten selbstverständlich Erwar- • dem Palast der „Pharaonentochter, Zedernholz war oben auf den Rippen
tungen an den, der hinter den Mauern die Salomo geheiratet hatte“ (wohl ein (= Querbalken), die auf den Säulen wa-
regierte. Ein immer auch kritischer Blick eigenständiges Gebäude).
auf die inneren Abläufe am Hof spricht Allerdings ist der hebräische Text
bis heute aus den Schriften des Alten nicht ganz einfach zu übersetzen, da
Testaments – von Propheten und der sich hier einige Fachbegriffe finden.
Bevölkerung. Können wir einen Blick Lässt man den Königinnenpalast zu-
hinter die Kulissen werfen? nächst einmal unberücksichtigt, so han-
delt es sich um vier einzelne Bauteile,
deren Zusammengehörigkeit unklar ist.
Wie der Palast in Jerusalem aussah Die Vierteilung erinnert jedoch stark an
Wo einst der Palast des Königreichs von ägyptische Paläste (z. B. den Palast des
Jerusalem gestanden hat – im Bereich Merenptah in Memphis, Abb. 1).
des heutigen Haram esch-Scharif, des Die nahezu identische Reihenfolge
einstigen Tempelplatzes –, darf nicht der Räumlichkeiten in Jerusalem und
ausgegraben werden. So können wir den Memphis legt es nahe, dass der Jerusale-
Palastbau in Jerusalem, die Residenz mer Palast eine Adaption des Grundris-
der judäischen Könige, nur aufgrund ses ägyptischer Königspaläste war. Das
des biblischen Textes in 1 Kön 7,1-12 re- Libanonwaldhaus, dem biblischen Text
konstruieren. Hier wird zwar der Palast zufolge der größte Raum, entspricht
beschrieben, den Salomo gebaut haben dem Hof, es folgen eine Säulenhalle, der
soll, doch auch wenn es immer wieder Thronsaal und die Privaträume.
Um- und Anbauten gegeben haben wird, Über das Libanonwaldhaus im Jerusa- 1. Grundriss des Palasts, den sich
bestand dieser Palast offenbar während lemer Palast und seine Gestaltung wur- Pharao Merenptah in Memphis um
der gesamten Königszeit. Nach dem bi- de im Lauf der Forschungsgeschichte 1210 vC bauen ließ. Er erinnert an die
blischen Text bestand er aus mehreren am meisten nachgedacht. Der Text ist Gliederung des Palasts in Jerusalem,
Einzelteilen: sprachlich höchst kompliziert und wird wie sie die Bibel beschreibt.

34 welt und umwelt der bibel 2/2020


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2a. Die Ruinen des Königspalasts von Samaria,
heute ist das Ausgrabungsgelände teilweise überwachsen.

2b. Eine Palastanlage auf einer Zitadelle, die von


einer Kasemattenmauer umgeben war – das haben die
Ausgrabungen für die Eisenzeit II, also die Zeit der
Könige ab Omri, ergeben.

ren, (insgesamt) 45, 15 pro Reihe, Rahmen Zedernwald. Das „Libanonwaldhaus“ den Thron der Könige vorstellen können,
in drei Reihen, Lichtöffnung gegenüber war offenkundig der Raum des Palast- die in Jerusalem bis 586 vC residierten,
Lichtöffnung, dreimal (nebeneinander).“ bezirks mit den höchsten Wänden, wes- dafür gibt es leider keine wirklich über-
Demnach gab es vier Säulenreihen; halb die Höhe von 15 m ausdrücklich zeugenden archäologischen Parallelen.
das Dach wurde aber von drei nebenei- vermerkt wurde.
nanderliegenden Dachkonstruktionen In Ägypten hatte der Palast eine glatte
getragen. Im Vergleich mit den ägyp- Außenfront. Daher dürften in Jerusalem Und in Samaria?
© W. Zwickel (Grudriss); Pavel Bernshtam/123rf.com

tischen Vorbildern, bei denen der Hof mit den 50 Ellen der Säulenhalle die Über den Palast in Samaria sind wir
offen war, gab es in Jerusalem ein Dach, Breite und nicht die Tiefe gemeint sein. durch archäologische Quellen etwas
weil es hier häufiger regnete als in Ägyp- Für den Thronraum und die Privatgemä- besser informiert. Die dortige Palast­
ten. Während in Ägypten Steinsäulen cher sind keine Größenangaben mehr anlage wurde von König Omri und seinen
mit Kapitellen in einer Lotos- oder Pa- genannt, doch dürfte die Breite weiter- Nachfolgern im 9. und 8. Jh. vC mehrfach
pyrusgestalt verwendet wurden, nah- hin 50 Ellen gewesen sein. Die Privatge- umgebaut, wie die Ausgrabungen deut-
men die Architekten in Jerusalem mit mächer waren in Ägypten relativ klein, lich zeigen (Abb. 2). Die eisenzeitliche
der Verwendung von Zedern aus dem und dies dürfte auch auf Jerusalem zu- Palastanlage ist von einer großen Ka-
Libanon eine klare Anlehnung an die le- treffen. Ziel des gesamten Palastbaus, semattenmauer umgeben, in deren Be-
vantinische Welt vor. Wer diesen Raum der über 100 m lang und 25 m breit war, reich mehrere Bauten gefunden wurden.
durchschritt, fühlte sich wie in einem war die Machtpräsentation. Wie wir uns Im Westen gab es Schreiberkammern für

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welt und umwelt der bibel 2/2020 35
Das Leben am Königshof in Jerusalem und Samaria

die königliche Verwaltung; hier wurden Räume seitlich davon wurden wohl für spricht, so waren sie nicht aus Elfenbein
einige beschriftete Tonscherben gefun- Wohnzwecke genutzt. Möglicherweise gebaut, sondern im Inneren mit Elfen-
den. Der eigentliche Palast befand sich war der Thronraum aber auch im Be- beinschnitzereien an den Wänden oder
wohl unmittelbar östlich davon. Es war reich eines ebenfalls mit einer Kasemat- an Möbeln verziert.
in der damaligen Zeit typisch, derartige tenmauer umgebenen Gebäudekomple-
Paläste mit einem ebenerdigen Stock- xes im Inneren des Hofes. Dort fand man
werk zu versehen, das vermutlich als eine Vielzahl geschnitzter phönizischer Eine Sommerresidenz in Jesreel
Lagerraum genutzt wurde. Die eigentli- Elfenbeine (Abb. 3), die ein interessan- Die israelitischen Könige besaßen zu-
chen, nicht mehr erhaltenen Wohn- und tes Beispiel für die Ausgestaltung von dem eine Art Sommerresidenz in Jes-
Repräsentationsräume lagen dagegen Prunk- und Thronräumen dieser Epoche reel. Auch hier hat man Ausgrabungen
im 1. Stock. So bekam der Palast ein sind. Ganz ähnliche Elfenbeine wur- durchgeführt, aber bislang nur die Um-
massives Aussehen und war höher. Über den z. B. auch in assyrischen Palästen fassungsmauern gefunden. Sicherlich
dem zentralen großen quadratischen gefunden. Der Prophet Amos wetterte gab es auch Wohnbauten, doch bestand
Raum dürfte daher im 1. Stockwerk der gegen derartigen Luxus (Amos 3,15; der größte Teil der Palastanlage wohl aus
Thronraum gelegen haben. Die anderen 6,4). Wenn Amos von Elfenbeinhäusern einer offenen Hofanlage für Streitwagen

Die Prophetie des Amos kritisiert das Leben am Hof des Königs

D ie Elfenbeinverzierungen im Palast von Samaria, die bis


heute erhalten sind, werden im Buch des Propheten
Amos zum Symbol für einen unverantwortlichen Umgang mit
Mastkälber aus dem Stall. Ihr grölt zum Klang der Harfe,
ihr wollt Musikinstrumente erfinden wie David. Ihr trinkt
den Wein aus Opferschalen, ihr salbt euch mit feinsten
der armen Bevölkerung, besonders mit den Kleinbauern. Der Ölen. [...] Das Fest der Faulenzer ist vorbei“ (Am 6,4-7).
Luxus schafft eine Kluft, die Amos als Unrecht benennt – was Amos tritt um 760 vC auf, er stammt aus Tekoa in Juda,
die Prophetie durch die Jahrtausende aktuell hält. Er ruft die verkündet aber zumindest eine gewisse Zeit in Samaria und
Herrschenden in Samaria und Jerusalem auf, zu reflektieren: am Nordreich-Heiligtum in Bet-El. In den Kapiteln 3 bis 6 des
Habt ihr euch selbst den Reichtum erarbeitet? Was bilden sich Amosbuchs sind scharfe Gerichtsansagen gegen Samaria
König und Höflinge ei- erhalten. Vermutlich stammen sie nicht von Amos persönlich,
gentlich ein, wer sie sind? sondern von Verfassern nach 722 nC und sind in der heute vor-
Er nennt sie die „Sorglo- liegenden Form auch noch im 6. Jh. vC überarbeitet. Aber der

Elfenbein-Dekoration © Daderot, commons.wikimedia.org, public domain; Elfenbeinintarsie © National Treasures IAA


sen und Selbstsicheren“, Geist von Amos’ Prophetie ist erhalten – und eine Wahrneh-
die deshalb untergehen mung des Königshofs in Samaria von außen: „Seht das wilde
werden: „Ihr liegt auf Treiben in ihrer Mitte und die Unterdrückung in ihrem Innern!
Betten aus Elfenbein Sie kennen die Rechtschaffenheit nicht – Spruch des Herrn
und faulenzt auf euren –, sie häufen Gewalt und Unterdrückung in ihren Palästen
Polstern. Zum Essen auf. [...] Ich zerschlage den Winterpalast und den Sommerpa-
holt ihr euch Lämmer last, die Elfenbeinhäuser werden verschwinden und mit den
aus der Herde und vielen Häusern ist es zu Ende – Spruch des Herrn.“ (hk/wub)

3a. Elfenbeinintarsie aus Samaria mit einer Sphinx, vielleicht Teil eines
Möbelstücks (3,3 x 2,6 cm). Alle Elfenbeinobjekte – über 500 Fragmente wurden im
Palastbezirk gefunden – zeigen phönizische und ägyptische Einflüsse. Der Königshof
war offenkundig fasziniert von der Formsprache der Nachbarkulturen.

3b. Elfenbein-Dekoration mit Knospen und Blüten aus dem Palast in Samaria,
9./8. Jh. vC. Harvard University Arts Museum, Cambridge, Massachusetts, USA.

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welt und umwelt der bibel 2/2020
4. Ein „Lieferschein“
aus Samaria. 102 solcher Inschriften
auf Tonscherben (Ostraka) hat man in
Samaria ausgegraben, vermutlich
stammen sie aus der Zeit Jerobeams II.
Sie halten fest, was an den Hof gelie-
fert wurde. Die Inschriften folgen einem
ähnlichen Formular: Abgabejahr, Name/
Herkunft des Gebenden, Art der Abgabe.
So auch das Samaria-Ostrakon 17:
„Im 10. Jahr [wahrscheinlich Jahreszahl
der Regierungszeit Jerobeams II.] aus
Azza [Ort, ca. 3 km südöstlich von Sama-
ria gelegen), an Gaddiyau [wohl Beamter
des Königshauses]: ein Krug Feinöl.“

und die zugehörigen Pferde. Die Jesreel-


ebene ist ideal für kriegerische Ausein-
andersetzungen mit Streitwagen.
Die Ausgrabungen im
„Ostraka-Haus“ im Palast
Die Versorgung des Königshauses von Samaria: Hier wurden
In 1 Sam 8,10-18 wird davon berichtet, 102 beschriftete Tonscher-
ben gefunden. Aufnahme
dass das Königshaus von den Bewoh-
1908–1910.
nern des Landes mitversorgt werden
musste, die daher entsprechende Abga-
ben zu zahlen hatten. Wie dies konkret
aussah, vermitteln uns zumindest für
eine kurze Epoche in der 1. Hälfte des 8. (1 Kön 11,3) – eine maßlos übertriebene (jeweils zwei Frauen des Joasch in 2 Chr
Jh. vC (wohl Zeit Jerobeams II., 787–747 Zahl, die die Bedeutung des Königs ver- 24,3 und des Joschija in 2 Kön 23,31.36).
vC) 102 Inschriftenfunde aus Samaria. herrlichen wollte. Etwas realistischer Trotzdem scheinen mehrere Königsfrau-
Diese auf den ersten Blick wenig aussa- sind die mindestens acht Frauen Da- en auch in späterer Zeit noch normal ge-
gekräftigen Verwaltungstexte, eine Art vids (namentlich genannt Achinoam, wesen zu sein (Dtn 17,17).
Lieferscheine, haben jeweils ein gleiches Abigail, Maacha, Haggit, Abital, Egla, Eine besondere Rolle scheint – wie
© Library of Congress, public domain; Grafik: W. Zwickel

Formular (Abb. 4). Vermutlich dienten Michal, Batseba sowie weitere namenlo- übrigens auch am ägyptischen Königs-
die dokumentierten Lebensmittel (Wein se Frauen). Hochzeiten mit den Töchtern haus – in Jerusalem die Königinmutter
oder Öl) der Versorgung des Königshau- einflussreicher Männer dienten dem gespielt zu haben. Im Gegensatz zum
ses. Aus den Herkunftsan­gaben ist zu Aufbau der Machtstrukturen Davids. In Nordreich Israel werden bei den Thron-
schließen, dass die Lieferanten alle aus späterer Zeit wird es weniger Königsgat- besteigungsnotizen des Südreichs Juda
einem Umkreis von etwa 20 km um den tinnen gegeben haben. Ob die Angaben fast alle Mütter der Könige genannt,
Palast stammten. der Chronik stimmen, wonach Reha- etwa Amazjas Mutter Joaddan, Asarjas
beam 18 Frauen und 60 Nebenfrauen Mutter Jecholja, Hiskijas Mutter Abi,
hatte (2 Chr 11,21) und Abija 14 Frauen Joschafats Mutter Asuba, Josias Mutter
Frauen am Königshof (2 Chr 13,21), kann durchaus bezweifelt Jedida ... Die Königinmutter war wohl
Berühmt sind die angeblich 700 Frau- werden. Nur selten erfahren wir bei den enge Beraterin des Königs und genoss
en und 300 Nebenfrauen des Salomo späteren Königen von mehreren Frauen daher hohes Ansehen.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 37
Das Leben am Königshof in Jerusalem und Samaria

5. Mit Schildern bewaffnete „Läufer“


begleiteten als Leibwache den Streitwagen
altorientalischer Könige. Umzeichnung
eines Reliefs aus dem Südwest-Palast
Assurbanipals (661–631 vC) in Ninive.

Das königliche Personal


Die Beamtenschaft um den König herum war
Die Ämter und Aufgaben am Königshof anfangs relativ klein und wurde erst im Laufe
der Zeit weiter ausgebaut (vgl. Tabelle). Die
Amt/Funktion/Aufgabe Juda Israel personelle Ausstattung des Königshauses mit
Beamten war – abgesehen vom Heer – gerin-
Kanzler, Sprecher des Kö-
nigs (unter David: Joschafat; 8. Jh. vC: Joach (2 Kön 18,18) ger als in mancher heutigen Dorfverwaltung.
unter Salomo: Joschafat) Der Palast hatte in vorexilischer Zeit architek-
tonisch neben dem Tempel eine herausragen-
8. Jh. vC: Jotam (2 Kön 15,5) de Stellung inne, das Königshaus und der Be-
7. Jh. vC : Schebna (Jes 22,19ff); 9. Jh. vC: amtenapparat waren aber zahlenmäßig sehr
Palastvorsteher
Eljakim (2 Kön 18,18 u. ö.) Arza (1 Kön 16,9),
(unter Salomo: Ahischar) beschränkt.
Diverse weitere durch Obadja (1 Kön 18,3)
Inschriften bezeugt Die Tabelle (links) zeigt deutlich, wie sich
das Königtum entwickelt hat. Zum engsten
9. Jh. vC: namenlos (2 Kön 12,11) Stab um den König gehörten nur wenige „Mi-
8. Jh. vC: Schebna (2 Kön 18,18) nister“. Eine wichtige Rolle spielte der Kanz-
7. Jh. vC: Schafan (2 Kön 22,3);
Elischama (Jer 36,12 u. ö.),
ler, wohl eine Art Chefsekretär, der sich um
Schreiber den ordnungsgemäßen Ablauf der Staatsge-
Baruch (Jer 36,26 u. ö.);
(unter David: Seraja, Schwa;
unter Salomo: Elihoref, Ahija)
Jonatan (Jer 37,15.20) schäfte kümmerte. Palastvorsteher waren für
6. Jh. vC: Schreiber des Heerfüh- die Instandhaltung des Palastes zuständig
rers (2 Kön 25,19) wie diverse
durch Inschriften bezeugte
und eine Art besserer Hausmeister.
Schreiber Die Zahl der Schreiber entwickelte sich
im Laufe der Zeit rasant. Sowohl in Hazor
Oberaufseher der Fronarbeit
als auch in Samaria sind im 9. Jh. v.C bereits
(unter David: Adoram, 7. Jh. vC: Pelajahu (durch
Adoniram; unter Salomo: Inschrift bezeugt) jeweils sechs Schreiberkammern mit wohl
Adoniram, Jerobeam) ebenso vielen Schreibern archäologisch be-
legt. Den Schreibern unterstand vor allem die
9. Jh. vC: Stadt-
Verwaltung im Reich (unter 7. Jh. vC: Stadtoberster Josua
oberster Amon komplette Verwaltung – z. B. Annahme und
Salomo: Statthalter) (2 Kön 23,8 und Inschriften) Registrierung von Abgaben an den Palast –
(1 Kön 22,26)
und die Abwicklung des Schriftverkehrs. Die
Heer zahlreichen Bullen, also Siegelabdrücke, die
wir inzwischen vor allem aus Jerusalem ken-
Heerführer 6. Jh. vC: namenlos (2 Kön
9. Jh. vC: Omri nen, belegen einen intensiven Schriftverkehr.
(unter David: Joab, 25,19) und Konjahu (Lachisch-
(1 Kön 16,16)
unter Salomo: Benaja) Ostrakon 1 Z. 3) Die zugehörigen Papyri, die gefaltet, mit einer
Schnur umwickelt und dann gesiegelt wur-
9. Jh. vC: Oberster/ den, haben sich aber leider nicht erhalten.
Leibwache/Läufer 10. Jh. vC: Oberster/ Vorkämpfer der Allerdings konnten nur vielleicht 5 % der Be-
(bereits unter David und Sa- Befehlshaber der Läufer Läufer völkerung lesen und schreiben. Hierzu gehö-
lomo werden Läufer genannt) (1 Kön 14,27-28) (2 Kön 10,25;
11,4.6.11.19)
ren nahezu ausschließlich neben den Schrei-
bern und den Priestern die Soldaten. Zu den
© W. Zwickel, Zeichnung R. Jacob

Aufgaben der Schreiber wird auch eine Art


Oberster über 50 Soldaten Oberster über
„Geheimdienst“ gehört haben: Diplomaten
(Jes 3,3) 50 Soldaten
Oberster der Streitwagen (2 Kön 1,9-14) und Händler wurden ausgefragt, um aktuelle
Weitere Militärfunktionen (2 Kön 8,21) Oberster über Nachrichten über die Ereignisse in den Nach-
Quartiermeister (Jer 51,59) 100 Soldaten barländern zu erhalten. Diese wurden wohl
Allgemein Oberster (diverse (2 Kön 11,4)
schriftlich festgehalten, um darauf jederzeit
Inschriften)
zurückgreifen zu können.

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Das Leben am Königshof in Jerusalem und Samaria

Eine wichtige Position hatte auch der damit die Gottesverehrung aufrechtzu- gaben und konnten ihr Leben sicherlich
Oberaufseher der Fronarbeit, vielleicht erhalten. Dies implizierte Gaben an den angenehmer gestalten als die normale
mit einem heutigen Finanzminister ver- Tempel und regelmäßige Baumaßnah- Bevölkerung. Trotzdem war diese Elite
gleichbar. Da es noch keine Steuern gab men zur Aufrechterhaltung des Kultes. zahlenmäßig klein, und die Abgaben an
(als einmalige Steuer ist erstmals unter Nur wenn die Verehrung Gottes in einer das Königshaus sollten auch die gesam-
König Menahem von Israel eine Abgabe angemessenen Weise durchgeführt wer- te Beamtenschaft und das Heer mitver-
von 50 Silberschekeln für eine Tribut- den konnte, konnte Gott auch seinen sorgen. Ohnehin war die Zahl der Unter-
zahlung an die Assyrer belegt, vgl. 2 Kön Segen auf das Land legen. Der König gebenen nicht allzu groß: Im 8. Jh. vor
15,20), war es notwendig, den pflichtmä- stand somit in göttlicher Verantwortung der assyrischen Eroberung lebten nach
ßigen Arbeitseinsatz der Bevölkerung und hatte den göttlichen Ansprüchen zu zuverlässigen Schätzungen vielleicht
für das Gemeinwohl in den Städten zu genügen. Dies erforderte eine enge Ver- 300.000 Menschen in Israel.
organisieren. Hierzu gehörten z. B. Bau- bindung zum Wohnort Gottes, also zum Die wesentlichen Aufgaben des Kö-
aktivitäten an Mauern und andere Infra- Tempel. nigs waren letztendlich Management-
strukturmaßnahmen, aber auch an den aufgaben:
lokalen Palästen für die Stadtobersten. • Er hatte außenpolitisch für gute diplo-
Der Großteil der Verwaltung geschah Der äußere Schutz des matische Beziehungen zu sorgen und
offenbar dezentral in den einzelnen gegebenenfalls in Kriegszeiten auch
Orten und wurde weitgehend von den
Reichs wurde mit dem die militärische Unterstützung durch
Ortsältesten geleistet. Das Königshaus Schutz Gottes gleichgesetzt befreundete Länder sicherzustellen;
hatte damit nichts zu tun. Trotzdem soll- • er musste innenpolitisch für Infra-
te das Reich auch kontrolliert werden. strukturmaßnahmen sorgen, damit
Für die Kleinstaaten Israel und Juda war Andererseits scheinen die Tempel- das Leben der Bevölkerung sich ent-
es daher sinnvoll, an zentralen und grö- priester auch bemüht gewesen zu sein, wickeln konnte;
ßeren Orten Stadtoberste einzusetzen, möglichst unabhängig vom König zu • er musste durch sein Heer für Ruhe,
die das regionale Geschehen im Auftrag agieren. Nach 2 Kön 11,2-6 wurde der Ordnung und sichere Handelswege
des Königs zu überwachen hatten. Paläs- Knabe Joasch sechs Jahre im Tempel sorgen, aber auch gleichzeitig die Fi-
te dieser Stadtobersten sind z. B. aus Ha- versteckt, ohne dass das benachbarte nanzierung des Heeres, das teilweise
zor, Megiddo, Tirza oder Jericho bekannt. Königshaus dies wahrnahm. Dies war durch Söldner gestellt wurde, gewähr-
Eine wichtige Aufgabe hatte das Heer wohl nur möglich, wenn weder der Kö- leisten;
inne. Neben dem Amt des Heerführers nig noch sein Heer freien Zutritt zum • er musste sich um ein gutes Gottesver-
wurden im Nord- und Südreich zusätz- Tempel hatten. Neue Installationen im hältnis kümmern, um irdischer Statt-
lich Anführer über 50 bzw. 100 Infante- Tempelbereich konnten zwar vom Kö- halter Gottes zu sein.
risten sowie über die Streitwagen einge- nig in Auftrag gegeben werden, wurden All dies realisierten die biblischen
führt. Eine wichtige Aufgabe hatten die aber vom Hohepriester umgesetzt (vgl. 2 Könige mal besser, mal schlechter. Nur
„Läufer“, die nach der Reichsteilung die Kön 16,10-11, wo Ahas dem Priester Urija wenige erreichten in den Augen ihrer
Leibwache des Königs bildeten (Abb. 5). anordnet, einen Altar zu bauen). Wohl Zeitgenossen diese hochgesteckten Zie-
Der Name rührt wohl daher, dass sie mit deshalb entzogen sich die Könige ihrer le, was immer wieder zu Kritik der Pro-
dem Wagen des Königs mitliefen, wenn Verantwortung, für die Instandhaltung pheten führte, aber sicherlich auch wei-
er auf dem Streitwagen unterwegs war. des Tempels zu sorgen: Reparaturmaß- ter Kreise der Bevölkerung. W
nahmen am Tempel sollten ab König Jo-
asch aus den freiwilligen Gaben, die für
König und Tempel – den Tempel geopfert wurden, bezahlt
kein unproblematisches Verhältnis werden (2 Kön 12,5-13; 22,4-7). Lediglich
Das Verhältnis zwischen Königshaus den Auftrag für die Baumaßnahmen ver-
und Tempel war nicht unproblematisch. gab noch der König. Für die Beschaffung
Einerseits wurde der aktuelle König als der Finanzen war der Tempel selbst zu-
Stellvertreter Gottes verstanden. Er war ständig.
von Gott eingesetzt, nach Ps 2,7 wurde er
sogar als Sohn Gottes verstanden. Er hat-
te im Sinne Gottes zu regieren, er sollte Ausblick
die göttlichen Vorstellungen realisieren. Wer sich die Könige Judas und Israels Prof. Dr. Wolfgang Zwickel ist Professor für
Altes Testament und Biblische Archäologie
Aus diesem Grund war auch das Heer so ähnlich wie diejenigen in Märchen vor-
an der Universität Mainz. Derzeit arbeitet er
wichtig. Der äußere Schutz des Reiches stellt, hat ein falsches Bild vom damali- am Grabungsbericht der Ausgrabungen der
wurde mit dem Schutz Gottes für sein gen Königtum. Zwar bildeten der König Universitäten Bern, Helsiniki, Leiden und Mainz
Volk gleichgesetzt. Innenpolitisch war und seine Minister eine Elite im Lande, in Tell el-Oreme/Kinneret am Nordwestufer des
es Aufgabe des Königs, den Kult und der es relativ gut ging. Sie erhielten Ab- See Gennesaret.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 39
Jehu von Israel
kniet vor
Salmanassar III.
nieder.
Salmanassar
lässt auf seinem
„Schwarzen Obe-
lisken“ darstellen,
welche Herrscher
von Kleinreichen
ihm tributpflichtig
sind. 9. Jh. vC,
Höhe 1,98 m,
British Museum,
London.

Die andere Perspektive

Wie sahen die Assyrer die


Könige von Israel und Juda?
Die Geschichts- und Prophetenbücher der Bibel erzählen von dramatischen
Ereignissen, als die Assyrer Israel und Juda bedrohen, belagern und erobern. Zuletzt be-
wahrt Gott zumindest Jerusalem! In assyrischen Quellen liest sich das jedoch ganz anders.
Von Ariel M. Bagg

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D
ie Assyrer herrschten in der Die zentrale Rolle von Israel und Juda ten, rückte die assyrische Präsenz nach
ersten Hälfte des ersten Jahr- in der Hebräischen Bibel erweckt einen Tiglatpilesers III. Eroberungen in der
tausends, in der sogenannten verzerrten Eindruck von Größe und Ein- nördlichen Levante immer näher. Das
neuassyrischen Zeit (934–612 vC), über zigartigkeit, der der historischen Reali- führte um 734 vC zur Bildung einer anti­
den größten Teil des Nahen Ostens. Im tät nicht entspricht. assyrischen Koalition zwischen Rezin
Laufe ihrer imperialen Expansion, die Das Reich Israel wird in den neuassy- (Raḫ iā nu) von Damaskus (Syrien) und
sie in alle Himmelsrichtungen führten, rischen Quellen „Haus des Omri“ (Bī t- Pekach (Paqaḫ u) von Israel (in der Bi-
haben die assyrischen Könige zwei Herr- Ḫ umrî) genannt, nach dem Gründer von bel auch Ephraim genannt) und zum
schaftsstrategien angewandt: dessen Hauptstadt Samaria (Samerī na). sogenannten syrisch-ephraimitischen
• die direkte Herrschaft durch Einrich- Omris Nachfolger Ahab (Aḫ -abi) ist der Krieg, den wir hauptsächlich aus den
tung einer Provinz, die das Ende der erste König Israels, der in Konflikt mit biblischen Quellen kennen. Als sich
politischen Unabhängigkeit bedeutete, Assyrien geriet. Im Jahr 853 vC kämpfte Ahas (Jaū -ḫ asi) von Juda weigerte, an
• und die indirekte Herrschaft durch er in der Schlacht von Qarqar als einer dem Bündnis teilzunehmen, belagerten
Vasallen, die tributpflichtig waren und von zwölf Verbündeten gegen Salma- Rezin und Pekach Jerusalem, mit dem
eine gewisse Unabhängigkeit in innen- nassar III. (858–824 vC), 2000 Streitwa-
politischen Angelegenheiten genossen. gen sowie 10.000 Mann stellte er bereit.
Rebellierte ein Vasallenstaat wieder- Doch die Koalition unterliegt und so ist Israel und Juda waren
holt, konnte er annektiert werden und Israel seit 841 vC als assyrischer Vasall
hörte als selbstständige politische Ein- bezeugt. Damals zahlte Jehu (Jāū a) Sil- zwei kleine Teile im
heit auf zu existieren. Israel und Juda ber, Gold, goldene Objekte, Zinn, Stäbe großen Puzzle des neu-
stellen Beispiele für beide Strategien und Schwerter als Tribut an Salmanas-
dar: Beide wurden zu assyrischen Va- sar III., der dies auf seinem Schwarzen assyrischen Reiches
sallen gemacht, aber nur Israel wurde Obelisken bildhaft darstellen ließ. Jehu
daraufhin (in zwei Phasen) annektiert, wird als „Sohn des Omri“ im Sinne von
während Juda den Vasallenstatus bis „aus dem (Königs-)Haus des Omri“ ge- Ziel, ihn zu stürzen. Ahas’ Hilferuf in
zum Untergang des neuassyrischen nannt, was eigentlich nicht stimmt, da Richtung Tiglatpileser („rette mich aus
Reichs beibehalten konnte. Jehu ein Usurpator war. Doch Bī t-Ḫ umrî der Hand des Königs von Aram und des
war die übliche Benennung von Isra- Königs von Israel, die mich bedrohen“),
el. Weiterhin sind die Tribute von Joas von dem 2 Kön 16,7 erzählt, ist in den
Wer rebelliert, wird bestraft (Jū ’ā su) an Adad-nē rā rī III. (796 vC) und assyrischen Quellen nicht überliefert
von Menahem (Menaḫē me) an Tiglatpi-
links: © Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg), CC by SA 4.0, commons.wikimedia.org; rechts: © zzvet/123rf.com

Die assyrischen Herrscher zogen 67-mal und es war vielmehr die Gefahr einer
in die Levante (876/869–645 vC). Inner- leser III. (738 vC) schriftlich bezeugt. ausgedehnten Rebellion im Westen, die
halb von 64 Jahren (740–677 vC) wur- Obwohl Damaskus und Israel im Tiglatpileser dazu veranlasste, die Va-
den über zwanzig Provinzen in dieser Jahr 738 vC noch Tribut zahl- sallen Damaskus und Israel zu bändi-
Region eingerichtet. Die Eroberung gen. Nach zwei Feldzügen in den Jahren
Palästinas begann 734 vC mit Tiglat- 733 und 732 vC fiel Damaskus. Auf Re-
pileser III. (745–727 vC) und dauerte zins Territorium wurden die Provinzen
bis ca. 645 vC. Im Laufe dieser 90 Statue Salman- Damaskus (Dimašqa) und Qarnī nu er-
Jahre wurden mehrere Strafaktio- assars III., richtet. Während des Angriffs auf Israel
9. Jh. vC, heute im
nen wegen Tributverweigerung und wurde Pekach ermordet und Tiglatpile-
Archäologischen
antiassyrischer Aktivitäten durch- ser III. setzte Hosea (Ausē a’) als seinen
Museum Istanbul.
geführt, insgesamt elf. Darüber Nachfolger ein, allerdings mit einem
wurde ausführlich in den neu- reduzierten Herrschaftsbereich, der sich
assyrischen Königsinschriften auf die Hauptstadt Samaria und ihre un-
berichtet. Israel und Juda mittelbare Umgebung beschränkte. Der
waren nur zwei unter nördliche Teil Israels wurde annektiert
mehreren Staaten, und in die Provinz Megiddo (Magidû)
denen die Assyrer umgewandelt; die Errichtung einer wei-
in dieser Region teren Provinz Gal’adi ist ungewiss und
begegneten, und die einer Provinz Dôr (Du’uru) eher zu
zählten nicht zu den bezweifeln. Aus assyrischer Sicht war
bedeutendsten. Sie der syrisch-ephraimitische Krieg nur
waren vielmehr zwei eine unter einer Reihe von Koalitionen,
kleine Teile im gro- die in der Levante zustande kamen, um
ßen Puzzle des neu- die assyrischen Truppen – letztendlich
assyrischen Reichs. ohne Erfolg – aufzuhalten.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 41
Blick auf Tel Hadid, das
Gelände einer einst ausgedehnten
eisenzeitlichen Stadt 15 km
südöstlich von Tel Aviv, die
derzeit ausgegraben wird.

ein Archäologischer Beleg für die assyrische Deportationspolitik?

A uf dem Siedlungshügel von Tel Hadid fand man bei Rettungsgrabungen 1990 zwei
Keilschrifttäfelchen, eine Darlehens- und eine Landkaufurkunde (s. links). Datiert
sind sie auf 698 vC und 664 vC. Der Clou: Sie enthalten einige Namen, die nicht typisch
hebräisch-jahwistisch sind, sondern akkadisch, also auf die Anwesenheit von Menschen
aus östlichen assyrischen Reichsteilen hinweisen. 2019 wurde hier ein Siegel mit dem
assyrischen Mondgott Sin gefunden. Zusammen mit ähnlichen Zeugnissen in der nahe
gelegenen Stadt Gezer sei all das ein Beleg für die berüchtigte assyrische Deportations-
politik, so der Ausgrabungsleiter Ido Koch von der Tel Aviv University. Eroberte Völker
wurden in großem Stil umgesiedelt, um die Widerstandkraft von nationalen Gruppen zu
schwächen. Davon erzählt die Bibel bei der Eroberung Samarias in 2 Kön 17, Israeliten
werden nach Assur verschleppt und umgekehrt: „Der König von Assur brachte Leute
aus Babel, Kuta, Awa, Hamat und Sefarwajim in das Land und siedelte sie anstelle der
Israeliten in den Städten Samariens an. Sie nahmen Samarien in Besitz und ließen sich
Landkaufurkunde aus dem in seinen Städten nieder“ (2 Kön 17,24). Nach der Interpretation des Teams um Ido
7. Jh. vC, gefunden auf Tel Hadid. Koch sind die akkadischen Namen diesen neu angesiedelten Menschen zuzuordnen.

Schwer rekonstruierbar: dert, wodurch Israel aufhörte zu existie- Zufluss des Euphrat) und in Städte der
Das Ende des Königreichs Israel ren. Sargon II. (721–705 vC), der seinem Meder (im Westiran) umgesiedelt. Nach
Die historischen Fakten, die zum Fall Bruder Salmanassar V. auf dem Thron den assyrischen Quellen befanden sich

© Tel Hadid Excavations https://hadidexpedition.org; Quelle Screenshot: Youtube


von Samaria und zum Ende des Königs- folgte, behauptet in seinen Annalen, er unter diesen „zehn verlorenen Stäm-
reichs Israel zehn Jahre später führten, habe Samaria in seinem Thronbestei- men Israels“ Streitwagenkämpfer und
lassen sich schwer rekonstruieren, denn gungsjahr (722/721 vC) erobert. Dies hat qualifizierte Handwerker. Umgekehrt
die Angaben der assyrischen Königsin- weniger mit der Realität als mit der Not- wurden Leute aus Babylon, Kutha (einer
schriften, der babylonischen Chroniken wendigkeit zu tun, dieses feldzugslose Stadt in Nordbabylonien), Sepharvaim
und der Hebräischen Bibel sind spär- Jahr mit einem Erfolg aufzuwerten. Hin- (wahrscheinlich der Zwillingsstadt
lich und zum Teil widersprüchlich. Ein weise auf die Eroberung von Samaria in Sippar), Hamath (in Nordwestsyrien)
plausibles Szenario lautet wie folgt: Sa- späteren Inschriften könnten indes auf und der nicht lokalisierten Stadt Avva
maria fiel 722 vC, möglicherweise nach weitere militärische Aktionen um 720 vC in Samaria angesiedelt. Ferner wird in
einer dreijährigen Belagerung, am Ende zurückzuführen sein. Die routinemäßig Sargons Annalen auch über die Umsied-
der Regierungszeit von Tiglatpilesers durchgeführte Umsiedlungspolitik der lung von Arabern um 715 vC nach Sama-
Nachfolger und Bruder Salmanassar Assyrer ließ im Fall von Samaria nicht ria berichtet.
V. (726–722 vC). Nach den biblischen lange auf sich warten: Nach den bibli- So tragisch das Schicksal der Könige
Quellen wurde der letzte König Israels, schen Quellen wurden in den folgenden und der Einwohner Israels war – Assy-
Hosea, gefangen genommen und depor- Jahren Israeliten nach Ḫalaḫḫu in Zent- rien hat in ihrem Fall nicht anders als
tiert. Der restliche Teil Israels wurde als ralassyrien, Guzāna (an der türkisch-sy- bei anderen unbotmäßigen Vasallen ge-
Provinz Samerī na in das Reich eingeglie- rischen Grenze) am Ḫābūr-Fluss (einem handelt.

42 welt und umwelt der bibel 2/2020


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Wie sahen die Assyrer die Könige von Israel und Juda?

Die biblische Version der Belagerung Jerusalems in 2 Kön 18–19 und Jes 37: Während die assyrischen
Quellen von einer großen Niederlage des judäischen Königs Hiskija berichten, erzählt die Bibel, dass der Engel des
Herrn den assyrischen Truppen über Nacht den Tod bringt (rechte Szene). 185.000 Soldaten sterben im Lager – und
Jerusalem wird verschont. Sanherib flüchtet mit den Überlebenden nach Ninive (mittlere Szene); am Schluss der Ge-
schichte erstechen Sanheribs Söhne ihn beim Gebet vor einer Gottheit (linke Szene). Illumination in Tempera und Gold
im spätbyzantinischen Stil, um 1300, Sizilien, Breite 175 mm, Sammlung J. Paul Getty Museum, Los Angeles.

Und das Königreich Juda? Wird es Aschdod (Asdūdu) weigerte, weiter Tri- met. Sanheribs dritter Feldzug des Jah-
verschont? but zu zahlen. Diese Weigerung führte res 701 vC wird häufig als „Feldzug gegen
Das Schicksal des Königreichs Juda 711 vC zu einem Feldzug, der mit der Un- Juda“ bezeichnet und nimmt in der Bibel
(Ja’udu) war anders. Grund dafür war terwerfung von Aschdod endete. wie in der alttestamentlichen Forschung
ohne Zweifel seine strategische Lage Zu Hiskijas antiassyrischen Aktivitä- großen Raum ein. Er war aber weder
an der südwestlichen Grenze des As- ten gehört eine weitere Begebenheit, die eine militärische Aktion, die gegen Juda
syrerreichs und seine Funktion als Puf- nur in der Hebräischen Bibel beschrie- allein gerichtet war, noch so bedeutend,
ferstaat gegen Ägypten. Um dem Druck ben wird: der Empfang einer Gesandt- wie die unverhältnismäßig voluminö-
von Israel und Damaskus im syrisch- schaft des babylonischen Herrschers se Sekundärliteratur denken lässt. Es
ephraimitischen Krieg standzuhalten, und Erzfeindes Assyriens Merodach- handelte sich indes um eine Episode
unterwarf sich Ahas von Juda dem as- Baladan (Marduk-apla-iddina II.), der innerhalb einer Kampagne, die phönizi-
syrischen König (s. o.). Er wird unter sich wahrscheinlich im Jahr 704 vC er- sche, philistäische und judäische Städ-
den Tributbringern des Jahres 734 vC in eignete. Es kann nicht ausgeschlossen te zum Ziel hatte. Eine kleine Fußnote
Tiglatpilesers III. Inschriften erwähnt. werden, dass damals eine militärische in der neuassyrischen Geschichte und
Juda blieb aber trotz erheblicher Straf- Allianz entstand und Merodach-Bala- sicherlich kein Großereignis, schon gar
maßnahmen assyrischer Vasall bis zum dan die Urbi zur Verfügung stellte, eine nicht ein Ausnahmefall in der imperi-
Ende des Reichs und wurde nie annek- Eliteeinheit, die in den Ereignissen alen Expansionspolitik Assyriens. Die
tiert. Im Zusammenhang mit einer mili- von 701 vC eine wichtige Rolle spielen Aufmerksamkeit der alttestamentlichen
tärischen Aktion um 720 vC betrachtet sollte. Forschung erklärt sich dadurch, dass die
sich der assyrische König Sargon als Hiskijas Intrigen gegen Assyrien und Juda-Episode in der Hebräischen Bibel
„Bezwinger von Juda, dessen Lage fern seine Haltung während einer Reihe von dreimal Erwähnung findet, sie mit der
ist“ – das kann auf die Teilnahme von Ereignissen (s. u.), mündeten in Sanhe- Nicht-Eroberung von Jerusalem endet
Ahas’ Sohn Hiskija (Ḫazaqi-Jau) an den ribs (704–681 vC) Strafaktion des Jahres und Hiskija geschickt als frommer Herr-
Aufständen in der südlichen Levante 701 vC. Sie machten Hiskija zum Staats- scher präsentiert wird: Er hat sich dem
hindeuten. Auch später scheint Hiskija feind Nummer eins in der Levante, und assyrischen König nicht gebeugt, da er
gegen Assyrien gehandelt zu haben. Er als solcher wird er in den assyrischen Gott vertraute. In einem Paradebeispiel
© public domain

wird unter den Herrschern genannt, die Quellen dargestellt. Keinem anderen Kö- gelungener Rhetorik wird der judäische
um die Unterstützung von Ägypten er- nig von Israel oder Juda wurden so viele König quasi als Sieger mit dem Beistand
suchten, als sich die philistäische Stadt Zeilen in den Keilschriftquellen gewid- Gottes und Sanherib als Verlierer darge-

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welt und umwelt der bibel 2/2020 43
Wie sahen die Assyrer die Könige von Israel und Juda?

QUELLENTEXT: Sanherib berichtet über seinen Feldzug im Jahr 701 vC

„W as Hiskija von Juda angeht, der sich meinem Joch


nicht unterworfen hatte, – ich belagerte und er-
oberte 46 seiner ummauerten Festungsstädte und die klei-
hatte, trennte ich von seinem Land ab und gab sie Mitinti,
dem König von Aschdod, Padî, dem König von Ekron, und
S.il-Bēl, dem König von Gaza. Dem früheren Tribut, den sie
nen Städte in ihrer Umgebung, die ohne Zahl sind, durch jährlich zahlten, fügte ich als (zusätzliche) Abgabe mein
das Anlegen von Belagerungsrampen und das Heranbrin- königliches Geschenk hinzu und legte sie ihnen auf. Ihn,
gen von Sturmwiddern sowie durch Hiskija, warfen die Furchtbarkeit und der Schreckensglanz
Untergrabungen, Breschen und meiner Herrschaft nieder. Die Urbi, seine Elitetruppen,
Sturmleitern. 200.150 Menschen, die er zur Verstärkung seiner königlichen Residenzstadt
klein und groß, Mann und Weib, Jerusalem hatte hineinkommen lassen und als Hilfstruppen
Pferde, Maultiere, Esel, Kamele, angeworben hatte, ließ er zusammen mit 30 Talenten Gold,
Ochsen und Schafe ohne Zahl führ- 800 Talenten Silber, erlesenem Antimon, großen Steinblö-
te ich aus ihnen heraus und zählte cken …, Betten aus Elfenbein, Lehnsesseln aus Elfenbein,
sie zur Beute. Ihn selbst schloss ich Elefantenhaut, Elfenbein, Ebenholz, Buchsbaumholz, so
wie einen Käfigvogel in Jerusalem, viel es gab, einem wertvollen Schatz, und (zusammen mit)
seiner königlichen Residenz, ein, seinen Töchtern, seinen Palastfrauen, Sängern (und) Sän-
legte Befestigungsanlagen gegen gerinnen nach Ninive, meiner herrschaftlichen Residenz
ihn an und machte ihm zum Ekel, hinter mir bringen. Um Abgaben zu leisten und Untertänig-
aus seinem Stadttor hinauszugehen. keit zu bekunden, schickte er mir seinen reitenden Boten.“
Seine Städte, die ich geplündert (Taylor-Prisma/Sanherib-Prisma, iii, 18–49)

„Sanherib-Prisma“, 691 vC. Sanherib beschreibt darauf seine Feldzüge, auch den dritten Feldzug, der ihn unter
anderem nach Juda führt. Sogenanntes „Jerusalem-Prisma“, 31 cm hoch, Israel Museum, Jerusalem.

© Hanay, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org; Relief © Mike Peel (www.mikepeel.net)., CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org
stellt. Die Keilschriftquellen berichten Sohn seines Vorgängers, ersetzt. Vier Ekron hatten ihren eigenen König, den
aber, dass Hiskija eine vernichtende Städte in seinem Gebiet wurden erobert proassyrischen Padî, festgenommen
Niederlage erlitt und einen hohen Preis und geplündert. Bei Eltheke (Altaqû) und in Fesseln an Hiskija geliefert, so-
für sein Leben zahlte. kämpfte Sanherib erfolgreich gegen dass sie die Rache der Assyrer zu Recht
ägyptisch-kuschitische Streitkräfte, die fürchteten. Was Hiskija zu einem so ge-
die Einwohner von Ekron (Amqarrūna) wagten Schritt veranlasste – nämlich
Hiskijas Niederlage gegen Sanherib um Hilfe gerufen hatten. Die Leute von Padî weiterhin gefangen zu halten –, ist
– in der Bibel ein Triumph
Was genau geschah 701 vC während die-
ses Feldzugs in Juda? Die erste Phase von
Sanheribs Kampagne richtete sich gegen
Lulî von Sidon (Ṣ idū nu), der wahrschein-
lich nach Sargons Tod die Zahlung von
Tribut einstellte. Lulî, der nach Zypern
(Jadnana) floh und daher als Feigling
dargestellt wird, wurde von einem Assy-
rien treuen Herrscher namens Tu-Ba’alu
ersetzt. Die assyrische Präsenz bewirk-
te, dass mehrere lokale Herrscher der
Mittelmeer-Küstenstädte sowie Trans-
jordaniens freiwillig vor Ort ihren Tribut
zu den assyrischen Beamten brachten.
Die Armee zog weiter nach Süden, um
mit Ṣidqâ von Aschkelon (Iskalūna)
abzurechnen, der gegen die assyrische
Herrschaft revoltierte. Zusammen mit
seiner Familie wurde er nach Assyrien Das Relief aus dem Palast des Sanherib in Ninive zeigt die Belagerung der
deportiert und durch Šarru-lū-dāri, den Stadt Lachisch im Jahr 701 vC. British Museum, London.

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welt und umwelt der bibel 2/2020
Wie sahen die Assyrer die Könige von Israel und Juda?

nicht annektiert und Hiskija nicht ab- leisteten militärische Hilfe für seinen
gesetzt oder hingerichtet – und warum ersten Ägyptenfeldzug im Jahr 667 vC.
wurde Jerusalem nicht erobert? Die assyrischen Quellen stellen die
Nun, Sanheribs dritter Feldzug war Ereignisse in Israel und Juda als Rand-
auch so ein großer Erfolg: Juda wurde notiz dar, die kleinen Reiche sind Ele-
dermaßen geschwächt, dass aus diesem mente im großen Territorium der assy-
Gebiet keine Gefahr mehr zu erwarten rischen Könige. Mit ihren Instrumenten
war. An der Grenze zu Ägypten stand von Administration, Tribut und wenn
also wieder ein treuer Vasall und es nötig Bestrafung beherrschen sie die
wäre zu riskant gewesen, eine Provinz unterworfenen Völker. In der Bibel sind
dort einzurichten, da assyrisches Gebiet Spuren der Innensicht solcher unter-
direkt an ägyptisches angegrenzt hätte. worfenen Gemeinschaften erhalten. Für
Außerdem folgte der Bestrafung eines Israel und Juda haben die Bedrohung
rebellischen Vasallen nicht zwangsläu- durch die Assyrer, der Wunsch nach
fig die Annexion seines Territoriums. Unabhängigkeit und erfahrene Gewalt
Jerusalem wurde nicht erobert, weil es starke Gefühle ausgelöst, einen Strom
In Lachisch bis heute sichtbar:
Die assyrische Belagerungsrampe aus einfach nicht nötig war, da sich Hiski- literarischer Überlieferung in Gang ge-
dem 8. Jh. vC. ja ergab. Die Assyrer haben nicht jede setzt, die Propheten beschäftigt und die
rebellische Stadt eingenommen und Aussagen über den Gott Israels und Ju-
geplündert. Das wichtigste Ziel einer Be- das geprägt. W
lagerung war vielmehr, die Rebellen zu
unbekannt. Aber dies war der Tropfen, einer Kapitulation zu zwingen. Sanherib
der das Fass zum Überlaufen brachte. verwüstete Juda und eroberte Lachisch,
In der dritten Phase des Feldzugs wurde bevor er sich Hiskijas Residenz vor-
Juda angegriffen: 46 befestigte Städte nahm. Jerusalem hat verständlicherwei- Lesetipps
samt den kleineren umliegenden Dör- se eine große Bedeutung in der Hebräi- • Ariel M. Bagg, Die Assyrer und das West-
fern wurden erobert, über 200.000 Men- schen Bibel, da dort der Tempel stand, land, Peeters Verlag 2011.
schen deportiert, Lachisch (Lakisu), Ju- aber sie war zu dieser Zeit eine kleine • Lester L. Grabbe (Hg.), „Like a Bird in a
das wichtigste Festung, zerstört. Hiskija Stadt von geringem politischem Gewicht Cage“. The Invasion of Sennacherib in 701
wurde „wie ein Käfigvogel“, so Sanherib in der Region und noch weniger Bedeu- BCE, Sheffield Academic Press 2003.
in einer Inschrift, in Jerusalem (Ursa- tung innerhalb des assyrischen Reichs. • Isaac Kalimi / Seth Richardson (Hg.),
limmu) durch eine Blockade isoliert und Das Ausmaß der Strafaktion gegen Juda, Sennacherib at the Gates of Jerusalem. Story,
eingeschlossen, bis er kapitulierte. Padî die ausführlich in den assyrischen Kö- History and Historiography, Brill 2014.
wurde freigelassen und wieder als Herr- nigsinschriften beschrieben wird, und • William R. Gallagher, Sennacherib’s
scher von Ekron eingesetzt, der jährli- die detaillierte Darstellung der Erobe- Campaign to Judah. New Studies, Brill 1999.
rung von Lachisch auf einer der großen
Reliefplatten, die einen zentralen Raum
Hiskija hatte Sanherib in Sanheribs Südwestpalast in Ninive
schmückten, zeugen aber eindeutig da-
ernsthaft geärgert von, dass Hiskija den assyrischen König
ernsthaft geärgert hat – keine geringe
che Tribut wurde erhöht und Hiskijas Leistung, doch musste das kleine südli-
Töchter, Palastfrauen und Elitetruppen che Reich schwerwiegende Folgen dafür
wurden nach Ninive geschickt, zusam- tragen.
men mit einem schweren Tribut: 900 kg Der letzte König von Juda, der in assyri-
Gold und 24 Tonnen Silber. Mehrere ju- schen Quellen genannt wird, ist Hiskijas
däische Städte wurden an die Herrscher Sohn Manasse (Menasê). Asarhaddon Apl. Prof. Dr. Ariel M. Bagg lehrt Altorien­
von Aschdod, Ekron und Gaza (Ḫazzat) (680–669 vC), Sanheribs Sohn und Nach- talistik an der Ruprecht-Karls-Universität
übergeben, sodass Judas Territorium zu- folger, erwähnt ihn unter den 22 Königen Heidelberg. Schwerpunkte seiner Forschung
sammenschrumpfte. von Syrien, Palästina und Zypern, die sind die historische Geografie und die
aufgefordert wurden, kostbare Hölzer politische Geschichte des Assyrerreichs, die
altorientalische Technikgeschichte und die Per-
und Steine für den Bau des Zeughauses
Die große Frage: Wieso wird in Ninive zu liefern (673 vC). Dieselben
sonennamenkunde im 2. und im 1. Jahrtausend
Jerusalem nicht erobert? vC. In Répertoire Géographique des Textes
© WUB Archiv

22 Herrscher kommen auch bei Assurba- Cunéiformes (RGTC) hat er die Ortsnamen der
Über zwei Aspekte dieser Kampagne nipal (668–631 vC), dem Sohn Asarhad- neuassyrischen Texte in fünf Bänden veröffent-
wurde viel spekuliert: Wieso wurde Juda dons, vor. Sie brachten ihm Tribut und lich, der neueste Band erscheint 2020.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 45
Joschijas Reform und das Deuteronomium

Der König als Schüler der Tora


Joschija wird als ein Ausnahmekönig geschildert. Denn im Tempel soll unter seiner Herrschaft ein
Gesetzbuch aufgefunden worden sein, an das er sich akribisch hält: Er setzt eine radikale Reform
des Kults in Juda in Gang. An Joschija wird die Verpflichtung des Volkes auf die Tora gezeigt – und
er selbst wird zum Symbol für das Versagen der Könige. Von Michael Pietsch

N
ach der Vorschrift des Königsge- stets besondere Aufmerksamkeit gefun- ja als Einziger unter den davidischen
setzes im Buch Deuteronomium den. Welches Buch ist genau gemeint? Königen die ,Tora des Mose‘ unein-
besteht die vornehmste Aufgabe Woher kommt es? Welche Autorität be- geschränkt befolgt habe: „Es gab vor
des Königs in der kontinuierlichen, me- sitzt es? ihm keinen König, der so mit ganzem
ditierenden Lektüre der Tora des Mose. Herzen, mit ganzer Seele und mit all sei-
Ihr Studium gilt ihm als Richtschnur für nen Kräften zum Herrn umkehrte und
sein herrschaftliches Handeln, sodass Joschija hat das Buch nahe am so getreu die Tora des Mose befolgte,
seiner Regentschaft Dauer und Bestän- Herzen und auch nach ihm war keiner wie er“
digkeit beschieden sind (vgl. Dtn 17,18- Die Antworten, die das biblische Narra- (2 Kön 23,25).
20). Vor diesem Hintergrund haben der tiv auf diese Fragen gibt, scheinen auf Sowohl der Ausdruck ,Tora des Mose‘
Bericht über die Entdeckung eines ,Ge- den ersten Blick eindeutig: Formal wird als auch der erzählerische Rückgriff auf
setzbuchs‘ unter König Joschija, dessen das Buch in der Erzählung als schrift- das Schǝma‘ Israel (vgl. Dtn 6,4f: „Höre
eidliche Verpflichtung, den darin nie- liche Tora (vgl. 2 Kön 22,8.11 „Buch der Israel! Der Herr unser Gott, der Herr
dergelegten Ordnungen und Geboten Weisung“) bzw. als Vertragsurkunde ist einzig. Darum sollst du den Herrn,
Folge zu leisten, und die daraus resultie- (vgl. 2 Kön 23,2.21 „Bundesbuch“) nä- deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen,
rende Reorganisation der öffentlichen her bestimmt. Gleichzeitig stellt der mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“)
Religionspraxis in Juda in 2 Kön 22–23 Erzähler summarisch fest, dass Joschi- bei der Königsbewertung signalisieren,
dass König Joschija der Forderung des
Königsgesetzes im Deuteronomium in
Wie unter Joschija ein „Buch der Tora“ gefunden wird: vorbildlicher Weise nachgekommen ist.
Das legt den Schluss nahe, dass das ,Ge-
„Damals teilte der Hohepriester Hilkija mit allen Männern Judas und allen Ein- setzbuch‘ in der erzählten Welt mit der
dem Staatsschreiber Schafan mit: Ich wohnern Jerusalems, den Priestern und Tora des Mose (=„deuteronomisches Ge-
habe im Haus des Herrn das Buch Propheten und allem Volk, Jung und Alt. setz“, vgl. Glosse S. 48) gleichzusetzen
der Tora (Buch der Weisung) gefun- Er ließ ihnen alle Worte des Bundesbu- ist. Damit wären auch die Fragen nach
den. Hilkija übergab Schafan das Buch ches vorlesen, das im Haus des Herrn seiner Herkunft und Autorität geklärt.
und dieser las es. [...] Schafan las es gefunden worden war. Dann trat der Die Umstände seiner Auffindung im
dem König vor. Als der König die Worte König an die Säule und schloss vor Tempelbezirk bleiben jedoch rätselhaft.
des Buches der Weisung hörte, zerriss dem Herrn diesen Bund: Er wolle dem Unter der Voraussetzung, dass das Buch,
er seine Kleider [...] Herrn folgen, seine Gebote, Bundes- wie von Mose angeordnet, in der Bun-
Der Zorn des Herrn muss heftig gegen zeugnisse und Satzungen von ganzem deslade aufbewahrt worden wäre (vgl.
uns entbrannt sein, weil unsere Väter Herzen und ganzer Seele bewahren und Dtn 31,24-27), hätte es mit dieser bei der
auf die Worte dieses Buches nicht gehört die Worte des Bundes einhalten, die in Weihe des Jerusalemer Tempels von Sa-
und weil sie nicht getan haben, was in diesem Buch niedergeschrieben sind. lomo ins Allerheiligste verbracht worden
ihm niedergeschrieben ist. [...] Der König Das ganze Volk trat dem Bund bei.“ sein müssen, doch hält der Bericht in
[...] ging zum Haus des Herrn hinauf (2 Kön 22,8–23,3) 1 Kön 8,6-9 ausdrücklich fest, dass sich
in der Lade lediglich die steinernen Ta-

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Joschijas Reformen
für die Alleinverehrung
JHWHs (2 Kön 23)
• Alle Kultgeräte aus dem Tempel entfer-
nen lassen, die für Baal, Aschera und
den Gestirnskult angefertigt worden
waren; im Kidrontal verbrennen
• Illegitime Priester absetzen, Opferkult
für Baal, Sonne, Mond und Sterne
aufheben
• Kultpfahl (= Aschere) aus dem Tempel
im Kidrontal verbrennen, zu Staub
zermalmen und auf die Gräber streuen
• Räume am Tempel abreißen, in denen
Frauen Textilien für die Aschera webten
• Alle legitimen JHWH-Priester nach Je-
rusalem holen, Kulthöhen verunreinigen
• Torhöhen zerstören, die auf der linken
Seite des Stadttores waren
• Tofet im Hinnomtal unrein machen,
„damit niemand mehr seinen Sohn oder
Tochter für den Moloch durch das Feuer
gehen ließ“ (wohl keine Kinderopfer,
sondern Hinweis auf besondere
Be­gräbnisriten – Brandbestattung?)
• Pferde, die für den Sonnengott (oder
eine solare Erscheinung JHWHs?) am
Eingang zum Tempel aufgestellt waren,
entfernen und die dazu gehörigen
Prozessionswagen verbrennen
Joschija lässt die Statuen fremder Götter niederreißen, Teil seines umfang- • Altäre im Palast und im Tempelareal
reichen Reformkatalogs. Illustration von William Hole (1846–1917). abbrechen, in Trümmer schlagen,
Schutt ins Kidrontal werfen
feln befanden, die Mose am Gottesberg lischen Narrativ nirgends die Rede. Der • Kulthöhen östlich von Jerusalem
angefertigt hatte (vgl. Dtn 5,22; 10,1-5). Parallelbericht der Chronik erweckt verunreinigen, die Salomo für Astarte,
Der Aufbewahrungsort der Mosetora den Anschein, das Buch sei bei der Kemosch und Milkom erbaut hatte,
ist damit nicht weniger unklar als der Entleerung des ,Opferstocks‘ entdeckt Steinmale und Kultpfähle (= Ascheren)
Umstand, dass ihr Inhalt dem König worden, in den die Weihegaben für zerstören und ihre Stätten mit
völlig unbekannt zu sein scheint, ob- das Heiligtum eingelegt wurden (vgl. 2 Menschenknochen füllen
wohl Mose die levitischen Priester Chr 34,14f). Doch dürfte sich diese Vor-
• Jerobeams Altar in Bet-El zerstören:
beauftragt hatte, sie alle sieben Jahre stellung dem Bemühen des Chronisten
Anlage niederreißen und in Brand
am Laubhüttenfest öffentlich bekannt verdanken, aus den vagen Angaben
stecken, Kultpfahl (= Aschere) verbren-
zu machen (vgl. Dtn 31,9-13). Die Er- seiner Vorlage im zweiten Königsbuch
nen und zu Staub zermahlen, Gebeine
zählung von ihrer Entdeckung weiß einen kohärenten Handlungsverlauf
aus Gräbern auf dem Altar verbrennen
nur zu berichten, dass sie im Tempel- zu rekonstruieren.
• Alle Höhentempel in den Städten
bezirk aufgefunden wurde, ohne dass Bei genauerer Lektüre stellt sich viel-
über die Umstände Näheres mitgeteilt mehr der Eindruck ein, die näheren Samariens beseitigen und verunreini-
© Lebercht Music & Arts / Alamy Stock Foto

würde. Die Übergabe des Schriftstücks Umstände der Auffindung des Buches gen, alle Höhenpriester auf den Altären
an Schafan, einen hohen Beamten am werden vom Erzähler absichtlich ver- schlachten und Menschenknochen auf
Hof Joschijas, erfolgt zwar, als jener im schwiegen oder waren ihm unbekannt. den Altären verbrennen.
Tempelbezirk weilt, um notwendige Es kommt einzig darauf an, dass das • Totenbeschwörer und Zeichendeuter,
Restaurierungsarbeiten in Auftrag zu ,Gesetzbuch‘ im Heiligtumsbezirk ,ent- Hausgötter und Götzen hinwegfegen
geben, deren Durchführung steht je- deckt‘ wird, um ihm eine besondere -> „So führte er die Worte der Weisung
doch aus (vgl. 2 Kön 22,3-7). Von Bauar- Würde als schriftliche Sammlung der aus, die in dem Buch niedergeschrie-
beiten im Tempel, bei denen das Buch normativen Toraauslegung des Mose ben waren, das der Priester Hilkija im
zufällig zutage getreten sei, ist im bib- zu verleihen. Haus des Herrn gefunden hatte.“

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welt und umwelt der bibel 2/2020 47
Der König als Schüler der Tora

Ähnlichkeiten in den Nachbarkulturen ber als die Leserinnen und Leser, die zunächst
Tora des Mose = der Bibel nur aus der Reaktion der Protagonisten auf den
deuteronomische Tora
Ähnliche Berichte über die Entdeckung literari- Inhalt des Buches schließen können. Als ,Tora/
Das Buch Deuteronomium
scher Dokumente, die als autoritative Überliefe- Weisung‘ regelt es Fragen der legitimen Kultpra-
ist über weite Strecken als
Rede des Mose stilisiert. Er rung einer früheren Epoche stilisiert sind, sind xis, über die einzelnen Bestimmungen oder Ord-
ruft den Israeliten die Tora beispielsweise aus Ägypten bekannt. Solche Auf- nungen werden die Adressaten jedoch im Unkla-
(= Weisung), die er ihnen am findungslegenden dienen vorrangig dem Zweck, ren gelassen. Joschija reagiert auf die Verlesung
Sinai (bzw. Horeb) mitgeteilt den Inhalt der ,wiederentdeckten‘ Schrift als der Tora mit dem Einreißen seines Obergewands
hatte, vor dem Eintritt in das altehrwürdige Tradition zu erweisen und ihren als Zeichen der Selbstminderung in einer kollek-
Westjordanland nochmals Geltungsanspruch zu begründen (sogenannter tiven Notsituation – und gesucht um propheti-
ins Gedächtnis und legt sie Altersbeweis). Die Erzählung in 2 Kön 22–23 spie- sche Fürbitte angesichts des göttlichen Zorns,
aus. Als „deuteronomische gelt das gleiche Interesse wider, insofern das
Tora“ (oder „deuteronomi- ,Gesetzbuch‘ nun zur normativen Vertragsur-
sches Gesetz“) im engeren
Sinne gelten die Kapitel
kunde erhoben wird, auf die sich der König und Joschija reagiert auf die
das Volk verpflichten. Die Königsbücher stim-
Dtn 12–26: Sie nehmen
men hier mit dem Selbstverständnis des Deute-
Verlesung der Tora mit dem
ältere Rechtssammlungen
auf (z.B. Ex 20–23) und ronomiums überein: So, wie Mose es in seiner Einreißen seines Obergewands
interpretieren sie neu. Die Toraauslegung bestimmt hat, soll die kultische
Erzählung in 2 Kön 22–23 Praxis des Gottesvolkes aussehen und daran
denkt vermutlich daran, wird sich dessen künftiges Geschick bemessen. der gegen Juda und Jerusalem entbrannt ist (vgl.
wenn sie von der „Tora des Die Auffindungslegende unterstützt also den 2 Kön 22,11-13). Das setzt voraus, dass die in der
Mose“ spricht. Später konn- Anspruch der deuteronomischen Tora: Diese „Tora des Mose“ geforderte Kultpraxis zu seiner
te diese Bezeichnung auf innovative Torainterpretation ist die ursprüngli- Zeit eben gerade nicht befolgt wurde.
die gesamte Sinaitora bzw. che und richtige Torapraxis. Wenn der König sich anschließend verpflich-
den Pentateuch ausgeweitet
tet, die Toraauslegung des ,Gesetzbuchs‘ zu be-
werden. Als Leitideen der
achten, und die bestehende Kultpraxis radikal
„deuteronomischen Tora“ Der rätselhafte Inhalt des Buchs
können 1. die Alleinver- umgestaltet (vgl. Reformkatalog in 2 Kön 23,4-20,
ehrung JHWHs und 2. die Was war in dem Buch, das der Priester Hilkija ent- S. 47), folgt die Neuorganisation der öffentlichen
Zentralisation des Kults am deckt hatte, zu lesen? Diese Frage mag überflüs- Religionsausübung scheinbar den Regelungen
Jerusalemer Tempel gelten. sig anmuten, da alle Hinweise in der Erzählung ja der deuteronomischen Tora. Daher ist mehrfach
die Tora des Mose anzielen (s. o.). Bei genauerer der Versuch unternommen worden, die berichte-
Deuteronomium/ Betrachtung fällt jedoch auf, dass über den Inhalt ten Kultbeseitigungsmaßnahmen im sogenann-
deuteronomistisch des ,Gesetzbuchs‘ nur wenig mitgeteilt wird. Die ten Reformbericht mit einzelnen Anweisungen
vgl. S. 12. Menschen der erzählten Welt, denen der Wortlaut des Deuteronomiums zu korrelieren. Dabei tre-
des Buches vorgelesen wird, wissen mehr darü- ten jedoch Unstimmigkeiten zutage, die Zweifel
daran aufkommen lassen, ob das Deuterono-
mium wirklich als Blaupause der Kult­ reform
des Königs Joschija gedient hat. Zwar bestehen
Gemeinsamkeiten, beide zielen auf eine Allein-
verehrung JHWHs (Monolatrie) und eine Kon-
zentration des Kultes an einem Heiligtum ab,
die königlichen Reformen im Einzelnen weichen
aber erkennbar von den Vorschriften der deute-
ronomischen Tora ab.
Das kann beispielhaft am wohl bekanntesten
Reformakt, der Kultzentralisation, illustriert
werden. Im vermutlich ältesten Textbestand
des deuteronomischen Zentralisationsgesetzes
wurde lediglich die Zentralisation des Brand-
opfers gefordert (vgl. Dtn 12,13-16), das einzig
an dem Ort dargebracht werden soll, „den Gott
erwählen wird“, womit in der Diktion des Deu-
teronomiums der Tempel in Jerusalem gemeint
© public domain

Joschija lässt dem gesamten Volk die Buchrolle vorlesen, die im ist. Diese Bestimmung wurde später mehrfach
Tempel gefunden wurde. Alle geraten in Aufruhr. Stich nach Maarten van erweitert und kommentiert und wird in ihrer
Heemskerck, 17. Jh., Rijksmuseum Amsterdam. kanonischen Form durch eine Aufforderung zur

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welt und umwelt der bibel 2/2020
die prophetin hulda
Zerstörung der ,kanaanäischen‘ Hei- grammtext der joschijanischen Kult­ und ihre bedeutung für
ligtümer im Kulturland eingeleitet, an reform, sondern ist dazu erst in der
das Buch der tora
denen ,Israel‘ nicht opfern soll (vgl. kollektiven Erinnerung ,Israels‘ gewor-
Dtn 12,1-3). Von König Joschija wird den. Ob die Reformpartei überhaupt
dagegen berichtet, dass er die JHWH-
Priester aus den judäischen Städ-
ten in Jerusalem zusammengezogen
auf eine literarische Vorlage zurück-
gegriffen hat oder ob der sogenannte
Fundbericht sich rein legendarischem
E s ist ein Kennzeichen der bib­lischen
Prophetie, dass sich weder Volk noch
Priester noch Könige gern warnen lassen.
und die dortigen Heiligtümer unrein, Interesse verdankt, ist kaum mehr Ganz anders verhält es sich mit der Prophe-
d. h. kultisch unbrauchbar, gemacht sicher zu entscheiden, doch spricht tin Hulda (2 Kön 22,1-20; 2 Chr 34,1-28).
hat. Beide Texte konvergieren darin, manches für letztere Option. Auf ihr Gotteswort hören die verantwortli-
dass der Opferkult künftig auf den Je- Die joschijanische Kultreform hat chen Männer.
rusalemer Tempel beschränkt wird, ihre volle Wirkung erst gefunden, Nachdem im Tempel von Jerusalem
die Art und Weise, wie dies erreicht nachdem sie ihre literarische Gestalt das „Buch der Tora“ gefunden worden
wird, variiert jedoch erheblich. Weder im zweiten Königsbuch erhalten hatte. ist, beauftragt König Joschija seine fünf
ist davon die Rede, dass Joschija die Nur als solchermaßen erinnerte und
politischen und religiösen Spitzenkräfte,
judäischen Kultstätten gewaltsam zer- gedeutete Geschichte ist die Reform
dessen Herkunft zu klären: „Geht und
stört, noch sieht das Deuteronomium zum Modellfall eines torakonformen
befragt den Herrn für mich, für das Volk
eine Übersiedlung der dort amtieren- JHWH-Kults geworden, der sich am
und für ganz Juda wegen dieses Buches,
den Priesterschaft nach Jerusalem vor. Maßstab der Tora des Mose orientiert.
das aufgefunden wurde“. Unverzüglich und
Indem der König die lokalen Heiligtü- Gleiches gilt für den König selbst, den
selbstverständlich geht die Männergruppe
mer profaniert und ihre Priesterschaft Protagonisten der Erzählung, der vor
abzieht, macht er ihre Weiternutzung allem als literarische Figur zum idea- zur Prophetin Hulda. Ganz offensichtlich ist
unmöglich und kommt damit einer len Herrscher aufstieg, der als Einziger sie als legitime Prophetin JHWHs bekannt.
programmatischen Forderung der Ge- unter den Davididen dem Anspruch „Befragen“ ist im Hebräischen ein Fach-
schichtstheologie der Königsbücher des deuteronomischen Königsgesetzes begriff für eine prophetische Kommuni-
nach. genügt und seine religionspolitische kation mit Gott, die Priester – selbst der
Agenda an der ,Tora des Mose‘ orien- Hohepriester Hilkija – gerade nicht leisten
tiert hat. können. Hulda befragt JHWH und bestätigt
Kannte Joschija wirklich ein Wenn Joschija in der späteren christ- die Inhalte des Buches (2 Kön 22,15-20).
„Deuteronomium“? lichen Kunst als der König mit dem Literarisch ist die Geschichte um Hulda
Diese eigentümliche Widersprüchlich- Buch in der Hand dargestellt wird, wie eine Lehrerzählung der idealen Ämter­
keit zwischen der deuteronomischen dann spiegelt sich darin genau dieses theologie für das Gottesvolk, wie sie im
„Tora des Mose“ und dem Reformkata- narrative Konzept wider, in dem der „Buch der Tora“ steht: König, Priester und
log in 2 Kön 23,4-20 ließe sich für eine König als paradigmatischer Schüler Prophet(in) sind klar aufeinander ver­wie­
Reihe weiterer Maßnahmen des Königs und Leser der Tora vorgestellt wird. sen (vgl. Dtn 17–18): Der König soll die
zeigen (z. B. für die Beseitigung der Dem judäischen König des 7. Jh. vC Tora studieren, die Priester sollen das
Aschera oder des Gestirnskults). Dieser mag dieses Bild nicht gerecht werden, Buch aufbewahren, Gott wird einen Pro-
Befund ist vielleicht dadurch zu erklä- der biblischen Erinnerungsfigur ent- pheten wie Mose aufstehen lassen, um die
ren, dass die Kreise am Hof Joschijas, spricht es allemal. W Worte der Weisung für die Zeit zu deuten
die der Reformpartei angehörten und
(„Einen Propheten wie mich [Mose] wird
in der erzählten Welt durch den Priester
dir der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte,
Hilkija und den Schreiber Schafan re- Lesetipp
• Michael Pietsch, Die Kultreform Josias.
unter deinen Brüdern, erstehen lassen.
präsentiert werden, den Trägergruppen
Studien zur Religionsgeschichte Israels in Auf ihn sollt ihr hören“). So wie Joschija
des Deuteronomiums geistig nahestan-
der späten Königszeit, Mohr Siebeck 2013. nun dieser ideale König ist, so handelt die
den. So haben diese später die Erzäh-
Prophetin Hulda im Amt der Nachfolgerin
lung über die Kultreform des Königs als
Umsetzung der deuteronomischen Tora des Mose, als sie das gefundene Buch als
Prof. Dr. Michael
stilisiert und Joschija als vorbildlichen Gotteswort bestätigt. Ob Mann oder Frau
Pietsch
Schüler der Tora porträtiert, der das ist Professor für Altes spielt dabei offensichtlich keine Rolle.
deuteronomische Königsgesetz befolgt Testament an der Theo- Prophetinnen rahmen damit den Weg
und auf diese Weise „die Tage seiner logischen Hochschule des Gottesvolks vom Einzug ins Land bis
Augustana in Neuendet- zum Exil: Die erste Prophetin im Land ist
Herrschaft verlängert“ (Dtn 17,20, vgl. 2
telsau. Geschichte und
Kön 22,18-20!). Debora (Ri 4,4), die letzte ist Hulda, die
Religionsgeschichte Is-
Das Deuteronomium – ganz gleich raels und Judas gehören
den Untergang und die Vertreibung ankün-
in welchem textlichen Umfang – war zu seinen Forschungs- digt. (kb/wub)
daher kaum der ursprüngliche Pro- schwerpunkten. Lesetipps zu Hulda s. S. 55.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 49
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Die Könige im Stammbaum Jesu

Eindeutig zweideutig
Die Geschichten der Könige Israels gehörten für die Evangelisten zum Grundbestand
ihrer jüdischen Schriften. Aber die Könige sind ambivalent. Einerseits haben viele von
ihnen versagt, andererseits stehen sie für die Verbindung mit David und für Gottes Liebe
zum Volk Israel. Matthäus entscheidet sich, sie in seine Jesusgeschichte aufzunehmen
– und so sind die judäischen Könige bis heute eng mit Jesus Christus verbunden.
Von Sandra Huebenthal

„Auch ein gewisser Simon, ein Sklave des Fremdherrschaft verbindet messianische und
Königs Herodes und ein Mensch von hoher, nationalistische Motive und zieht sich durch das
schöner Gestalt, wollte aus der allgemeinen gesamte erste Jahrhundert, zunächst nur in Ju-
Verwirrung Nutzen ziehen und wagte sich däa, später auch in Galiläa. Die römischen Be-
satzer sehen in diesen „Königen“ und ihren An-
eine Königskrone aufzusetzen.
hängern nicht ganz zu Unrecht Aufständische,
Dann sammelte er eine Menge Abenteurer
gegen die sie mit aller Härte vorgehen.
um sich, ließ sich von diesem sinnlosen
Haufen als König begrüßen und glaubte von
sich selbst, dass er mehr als alle anderen Jesus wird als „König der Juden“ verurteilt
der Königsherrschaft würdig sei (…) Der Beginn der Gemeinschaft der Jesusnachfol-
Zweifellos hätte er noch schlimmeres Un- genden liest sich in diesem Kontext wie ein wei-
heil angerichtet, wenn man nicht zeitig ge- teres Kapitel in der Reihe der jüdischen Messias­
gen ihn eingeschritten wäre.“ prätendenten unter römischer Besatzung. Am
Flavius Josephus, Ant. XVII 273.275 Anfang des Neuen Testaments stand die Kreu-
zigung Jesu, seine Verspottung durch das römi-
t Das Motiv der
sche Hinrichtungskommando mit Dornenkrone

D
„Wurzel Jesse“:
ie Jesusbewegung steht im historischen und Purpurmantel und die Kreuzesinschrift,
Während Isai (= Jesse,
Horizont der Herrschaft Roms, wie auch die sein Verbrechen festhält: „König der Juden“.
König Davids Vater)
eine Reihe jüdischer Aufstandsbewegun- Diese Punkte gelten weithin als historisch sicher,
© Fine Art Images/Heritage Images / Alamy Stock Foto

schläft, wachsen aus


gen. Flavius Josephus schildert diese politisch- ebenso Jesu Verkündigung der Königsherrschaft seinem Körper die
messianischen Bewegungen nach dem Muster Gottes, die zum Anklagepunkt des Hochverrats zwölf Könige Judas
der Simon-Episode. Der zentrale Begriff ist dabei und zum Todesurteil führte. So wurde Jesus we- als Vorfahren Christi:
König: Die Anführer ernennen sich zum König gen eines vermeintlichen Herrschaftsanspruchs David, Salomon,
und lassen sich vom Volk durch Akklamation angeklagt, der im eklatanten Widerspruch zum Rehabeam, Abija,
bestätigen. Nicht Größenwahn ist dabei die Mo- römischen Imperium stünde und dessen politi- Asa, Joschafat, Joram,
tivation, sondern der Glaube, dass der Gott Isra- sche Brisanz im Johannesevangelium in der For- Usija, Jotam, Ahas,
els hier einen König erweckt hat: Dieser Glaube mel „Wenn du diesen freilässt, bist du kein Freund Hiskija, Manasse.
verbindet die Gruppe untereinander – und mit des Kaisers: jeder, der sich zum König macht, Gerolamo Genga,
der biblischen Tradition des Königtums Got- lehnt sich gegen den Kaiser auf“ (Joh 19,12) fest- 1535. National
tes. Die Sehnsucht nach der Befreiung aus der gehalten ist. So weit die Ausgangslage. Gallery, London.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 51
Eindeutig zweideutig. Die Könige im Stammbaum Jesu

Matthäus und Lukas, und Evangelien, die


ohne Genealogie auskommen, Markus und
die Könige im Stammbaum Jesu Johannes. Letztere diskutieren den Königstitel
für Jesus ohne Rückgriff auf die Könige Judas,
Die Könige Der Stammbaum Jesu Der Stammbaum bei Lukas was nicht heißt, dass er in diesen Texten keine
Judas bei Matthäus Adam, Set, Enosch, Kenan, Rolle spielt. Ganz im Gegenteil, das Königs-
nach den Mahalalel, Jered, Henoch, motiv ist im jüngsten Evangelium (Johannes)
Königs- Metuschelach, Lamech,
und Noach, Sem, Arpachschad,
Chronik-
büchern
Kenan, Schelach, Eber, Peleg,
Regu, Serug, Nahor, Terach,
Diese Liste ist weder ganz
Abraham, Isaak, Jakob, Abraham, Isaak, Jakob, Juda, korrekt noch ganz vollständig,
Juda, Perez, Hezron, Aram, Perez, Hezron, Arni, Adin,
Amminadab, Nachschon, Amminadab, Nachschon,
doch darum geht es nicht
Salmon, Boas, Obed Isai Salmon, Boas, Obed, Isai
David David David sehr stark ausgeprägt: Johannes stellt Jesus in
Salomo Salomo Natan der Passion als den wahren König dar, dessen
Rehabeam Rehabeam Mattata Königtum freilich nicht von dieser Welt ist
Abija Abija Menna (Joh 18,16-37).
Asa Asaf Melea Während der politische Königstitel für Jesus
Joschafat Joschafat Eljakim im Markusevangelium sehr zurückgenommen
Joram Joram Jonam ist – für das Markusevangelium ist Jesus der
Ahasja Josef gesalbte Gottessohn und endzeitliche Bote
[Atalja] Juda der Königsherrschaft Gottes –, sieht Matthä-
Joasch Simeon
us, der Markus kennt, das ganz anders. Bei
Amazja Levi
ihm ist die Verkündigung der Königsherrschaft
Asarja/Usija Usija Mattat
Gottes kein Alleinstellungsmerkmal Jesu wie
Jotam Jotam Jorim
bei Markus, sondern begegnet bereits bei
Ahas Ahas Elieser
Johannes dem Täufer. Auch scheint der Kö-
Hiskija Hiskija Joschua
Manasse Manasse Er nigstitel für Jesus nicht erst in der Passion
Amon Amos Elmadam auf, sondern sorgt bereits in der Kindheits-
Joschija Joschija Kosam geschichte für Erschrecken bei Herodes dem
Joahas Addi Großen – und in ganz Jerusalem (Mt 2,3). Und
Jojakim Melchi schließlich wird der Davidsohntitel, der bei
Jojachin Jojachin Neri Markus nur eine untergeordnete Rolle spielt,
Zidkija bei Matthäus prominent ausgebaut: „Buch
Schealtiël Schealtiël des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids,
Serubbabel Serubbabel des Sohnes Abrahams“ (1,1), lautet die Über-
Abihud, Eljakim, Resa, Johanan, Joda, Josech, schrift des Evangeliums, und am Ende der
Azor, Zadok, Schimi, Mattitja, Mahat, Genealogie (1,2-17) wissen die Leser nicht nur,
Achim, Eliud, Naggai, Hesli, Nahum, Amos, dass David der König war (1,6) und Jesus der
Eleasar, Mattitja, Josef, Jannai, Christus ist (1,16), sondern das Königsmotiv
Mattan, Jakob Melchi, Levi, Mattat, Eli wird für Jesus eingeführt und schwingt da-
Josef Josef nach im gesamten Evangelientext mit.
Jesus Jesus Die Genealogie ist, wie der Text in 1,17 selbst
festhält, in drei Epochen eingeteilt:
• von Abraham bis David die Zeit, in der die
In den vier Evangelien, die zwischen ca. Heilsverheißungen gegeben wurden (1,2-6),
70 und 110 nC entstanden sind, finden sich • von David bis Jojachin die Zeit der Könige
unterschiedliche theologische Verarbeitun- bis zum Babylonischen Exil (1,6-11)
gen dieser Erfahrungen, die in einer unter- • und von Serubbabel bis Josef die Zeit nach
schiedlichen Motiv- und Symbolsprache und dem Exil mit dem Wiederaufbau des Tem-
einer unterschiedlichen Interpretation des pels bis zum Davidssohn Jesus (1,12-16).
Königstitels ihren Ausdruck finden. Dabei ist Die Anlage der Genealogie mit dreimal vier-
zu unterscheiden zwischen Evangelien mit zehn oder sechsmal sieben Generationen legt
einer Genealogie Jesu (einem Stammbaum), nahe, dass mit dem davidischen Messias, Got-

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welt und umwelt der bibel 2/2020
Eindeutig zweideutig. Die Könige im Stammbaum Jesu

tessohn und Immanuel Jesus ein neues Kapitel


der Geschichte Israels aufgeschlagen werden soll.
Der Davidssohn Jesus ist bei Matthäus ein messi-
anischer König, der lehrt und heilt, in Hirtensorge
sein Volk sammelt, sich seiner erbarmt und seine
Schwächen und Krankheiten heilt (8,17). Der Ein-
zug Jesu in Jerusalem (21,1-11) kann durchaus als
Einzug des sanften und ganz anderen Messias­
königs verstanden werden, der zum Zion kommt.

Jesus als König unter den Königen Judas


Die Genealogie reiht Jesus in die Königsliste
Judas ein. Beginnend mit David, der trotz aller
Sünden (1,6) und Kritik als der König schlecht-
hin gilt (und deshalb als Einziger der judäischen
Könige eigens als König ausgewiesen wird: „Isai
zeugte David, den König“), wird über Salomo
und Rehabeam die Liste der Könige Judas auf-
gerufen. Diese Liste ist weder ganz korrekt noch
ganz vollständig, doch darum geht es nicht.
Matthäus ist nicht an der Historizität gelegen –
dagegen spricht allein schon die viel zu geringe
Zahl der Generationen für die Zeit zwischen dem sche Akzentsetzungen: Asa (1,7f) begegnet bei Die Krönung Jesu
Exil und Josef –, sondern an Theologie. Matthäus als „Asaf“ und Amon (1,10) als „Amos“. Ein König mit Dornen-
Im Vergleich mit der Königsliste des Süd- Was nach einer einfachen Verwechslung klingt, krone, der bespuckt und
reichs Juda, wie wir sie aus den Königsbüchern lässt sich auch als gezielte Bezugnahme verste- gekreuzigt wurde, war
kennen, fehlen in der matthäischen Genealogie hen, mit der Matthäus den Psalmensänger Asaf eine Herausforderung für
zwischen Joram und Usija/Asarja die Könige, und den Propheten Amos aufruft. Das erklärt, die Jesusnachfolgenden.
die keines natürlichen Todes gestorben sind: wieso Amon, obwohl er keines natürlichen To- Orazio Gentileschi,
Ahasja, Joasch und Amazja. Ferner lässt Matthä- des starb, sondern einer Verschwörung seiner um 1610, Herzog
us den vom Pharao abgesetzten Joahas, der in Diener zum Opfer fiel (2 Kön 21,33), dennoch (als Anton Ulrich Museum,
Ägypten stirbt und ohnehin nur drei Monate re- Amos) in der Genealogie genannt wird: Matthä- Braunschweig.
gierte, und dessen Sohn Jojakim, der statt seiner us braucht ihn, um die prophetische Tradition
vom Pharao eingesetzt wird, aus. Auch den vom aufzurufen.
babylonischen König eingesetzten Zidkija, ein Ein Seitenblick auf das Lukasevangelium be-
Onkel von Jojachin, übergeht Matthäus, ebenso stätigt, dass wir es bei der Genealogie Jesu, ins-
die als illegitim geltende Atalja, eine Tochter des besondere bei der Königsliste, mit einer theolo-
israelischen Königs Ahab, die die davidische Li- gischen Interpretation zu tun haben. Zwar bietet
nie unterbricht. Andererseits wird Joschia, der Lk 3,23-30 eine Genealogie Jesu, die von Josef bis
eigentlich der Großvater Jojachins ist, durch zu Adam zurückgeführt wird und damit die Got-
die Auslassung der Brüder Joahas und Jojakin
zu dessen Vater. Diese Umstellung passt gut ins
Konzept: Mit Jojachin ist die Wegführung nach Der messianische König lehrt und heilt,
Babylon verbunden, er wird im Exil begnadigt (2
Kön 25,7-30). Sein Sohn ist Schealtiël und nach sammelt in Hirtensorge sein Volk
der Septuaginta-Tradition (griechische Überset-
zung der Schriften, ca. 3. Jh. vC) ist Schealtiëls
Sohn Serubbabel (1 Chr 3,17 in der Septuaginta; teskindschaft Jesu (und jedes Menschen, vgl. Lk
wir lesen dagegen in unserer Bibel, die der ma- 1,35; 6,35; 20,36; Apg 17,28), konstruiert – aber
soretischen Tradition folgt, er sei der Sohn Pe- anders als Matthäus mit der Abrahams- und Da-
dajas). Serubbabel führt die Juden aus Babylon vidssohnschaft. Auch die lukanische Genealogie
zurück, baut den Tempel in Jerusalem erneut auf ist durch Zahlensymbolik gekennzeichnet, doch
© public domain

und setzt den Kult wieder in Gang. sind es hier nicht drei Epochen von je vierzehn
So gelesen, erweisen sich auch die beiden ver- Generationen, sondern die Namen von Jesus bis
meintlichen Fehler der Genealogie als theologi- Abraham umfassen 77 Generationen. Offenbar

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welt und umwelt der bibel 2/2020 53
Eindeutig zweideutig. Die Könige im Stammbaum Jesu

spielt Lukas mit der Zahl sieben: David und Ab- ta (s. o.). Mit ihm beginnt nach dem Exil insofern
raham führen jeweils eine Siebenerreihe an. eine neue Epoche, als mit ihm die Wiedererrich-
tung des Opferaltares (Esra 3,2-6) und die Initia-
tive zum Wiederaufbau des Tempels verbunden
Lukas will gar keine Verbindung Jesu mit sind (Esra 3,8-4,3; 5,2). Die folgenden Personen
den Königen sind zwar unbekannt, doch ihre Namen erin-
Die Genealogien von Matthäus und Lukas be- nern an biblische Gestalten wie Abihud (1 Chr
rühren sich nur in wenigen Punkten. Dazu ge- 5,29), Eljakim (Neh 12,41), Zadok (2 Sam 15,29;
hören die Generationen von Abraham bis David, 1 Chr 5,34.38) oder Eleasar (1 Chr 24,1-4), die mit
die aus den heiligen Schriften Israels, dem ge- Tempel und Priestertum verbunden sind.
meinsamen kulturellen Gedächtnis der Evange- Neben der königlichen Linie wird damit auch
listen, bekannt sind. Besonders interessant ist, eine priesterliche Linie eingespielt, die ebenfalls
dass Lukas die Linie nach David und Salomo frühjüdische Messiaserwartungen spiegelt. Noch
nicht mit Rehabeam fortsetzt, sondern mit dem deutlicher als in der Königsepoche wird hier
Batseba-Sohn Natan (1 Chr 3,5) und darauf völ-
lig unbekannte Namen folgen lässt. Erst nach
dem Exil treffen sich die beiden Genealogien mit Die Könige Judas sind
Schealtiël und Serubbabel kurz wieder, um sich
danach erneut zu trennen, bevor sie bei Josef
keine gute Referenz für
wieder zusammenkommen. Jesus Christus
Die Könige Judas spielen bei Lukas keine Rolle
Lesetipps und auch die Davidsohnschaft ist bei ihm vor-
• Moisés Mayordomo, dergründig nicht prominent, sondern wird wie sichtbar, dass es nicht um die Personen, sondern
Den Anfang hören: leser- bei Markus eher kritisch gesehen (Lk 20,41-44). um ihre Funktion geht. Die Könige Judas, die im
orientierte Evangelien- Lukas scheint eher die Anklänge an eine Ver- zweiten Teil der Genealogie aufgerufen werden,
exegese am Beispiel von bindung Jesu mit den Königen Judas tilgen zu sind lediglich ein Teil des Hintergrunds, vor dem
Matthäus 1–2, Vanden- wollen. Hierfür werden politische wie theolo- der matthäische Messias verstanden werden soll.
hoeck & Ruprecht 1998. gische Erwägungen gleichermaßen eine Rolle Es geht nicht um sie als Einzelpersonen, sondern
• Stefan Scheiber, Weih- gespielt haben. Hintergründig ließe sich freilich ihre Aufzählung ist funktional. Deshalb können
nachtspolitik. Lukas 1–2 überlegen, ob in der lukanischen Genealogie auch einzelne Könige ausfallen oder mit anderem
und das Goldene Zeitalter, nicht auch angedeutet sein könnte, dass Jesus Namen bezeichnet werden.
Vandenhoeck & Ruprecht als wahrer und endzeitlicher Davidsohn einer
2009. anderen davidischen Linie entspringt als all
jene Davididen, die auf dem Thron des unterge- Die Könige Judas gehören zum
gangenen Reiches saßen. Die Könige Judas sind Verständnishintergrund des Messias
keine gute Referenz für Jesus Christus. Wenn Lu- Man kann sagen, am Anfang stand die Kreuzi-
kas derart subtil Theologie treibt, wäre dadurch gung Jesu als König der Juden. Man kann die Ge-
noch einmal unterstrichen, dass Jesus nicht als schichte aber auch anders erzählen und sagen,
politischer Messias und Heilsbringer zu verste- dass am Anfang die Verheißung stand, die sich
hen und dennoch der Retter, Christus und Herr auch im davidischen Königtum erfüllte und nach
aus dem Hause und Geschlechte Davids ist, der dem Exil im Bild eines idealisierten Königtums
in der Davidsstadt Betlehem geboren wurde. manifestiert hat, wie es in der Natans­verheißung
Prominent ist das Königsmotiv im Rückgriff (2 Sam 7,8-16) zum Ausdruck kommt. Die könig-
auf die Könige Judas demnach nur im Matthäus­ lichen Aufgaben der Sorge für Schutz, Gerech-
evangelium ausgearbeitet. Der Davidssohn tigkeit und Wohlergehen seines Volkes werden
Jesus wird hier als endzeitlicher König verstan- dabei auf den endzeitlichen Messiaskönig, ei-
Prof. Dr. Sandra den, doch er ist weit mehr. In der dritten Epoche nen neuen David, übertragen. Wenn man einen
Huebenthal ist Professorin der matthäischen Genealogie wird die pries- Schritt zurücktritt, lässt sich erkennen, wie die-
für Exegese und Biblische terliche Linie evoziert und auch sie ist reich an ses Königsmotiv im Matthäusevangelium dienst-
Theologie an der Universität biblischen Anklängen. Sie schreibt dem Messias bar gemacht wird, um die Erfahrung der Kreu-
Passau. Forschungsschwer- königliche, priesterliche und Hirtensorge glei- zigung Jesu als vermeintlichem König der Juden
punkte sind narrative Texte
chermaßen zu. Diese dritte Epoche (Mt 1,12-16) theologisch zu verarbeiten und ihr nicht nur
der Bibel und die Frage, in-
wieweit kulturwissenschaft-
beginnt mit Schealtiël und Serubbabel, die mit Sinn, sondern auch Heilsbedeutung abzugewin-
liche Gedächtnistheorie das Texten des Alten Testaments verbunden werden nen. Dazu gehören auch die Könige im Stamm-
Verständnis biblischer Texte können: Serubbabel ist nach 1 Chr 3,19 der Sohn baum Jesu, die sein Verständnis als königlicher
befördern kann. von Schealtiël – allerdings nur in der Septuagin- Messias vorprägen. W

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welt und umwelt der bibel 2/2020
Büchertipps

Geschichte der Geschichte Israels in


biblischen Welt der Antike Zum Weiterlesen:
Der mittlere Band Bernd U. Schipper hat für
des jüngst erschie- die Reihe C.H.Beck Wis- Allgemein
nenen Werks führt sen die äußerst komplexe • Ernst Axel Knauf, 1 Könige 15–22
visuell sehr schön Zeit der zwei Reiche und (Herders theologischer Kommentar
aufbereitet in die die wichtigsten neuen zum Alten Testament), Herder 2019.
Eisenzeit II ein, die Forschungen und Funde • Stichwort „Eisenzeit II“ bei Wibi-
Epoche der Könige so verständlich reduziert erläutert, dass lex von Detlef Jericke: www.bibel-
Israels und Judas. Dieter Vieweger, Ar- alle Entwicklungslinien schnell erkennbar wissenschaft.de/stichwort/17100
chäologe und Alttestamentler, richtet seine werden. Als Einstieg und Auffrischung für • Manfred Weippert: Israel nach Is-
Darstellung archäologisch aus: Die biblische biblisch und religionsgeschichtlich Interes- rael: Die assyrischen Provinzen und
Mitteilung zu den einzelnen Königen wird sierte ein Gewinn. die Deportierten (8./7. Jahrhundert).
knapp vorangestellt und dann je die zugehö- Bernd U. Schipper, Geschichte Israels in der In: Historisches Textbuch zum Alten
rigen historisch-archäologischen, epigrafi- Antike, C.H.BECK 2018, 128 S., Testament, Göttingen 2010.
schen und ikonografischen Forschungserträ- ISBN 9783406726866, EUR 9,95. • Herbert Donner, Geschichte des
Volkes Israel und seiner Nachbarn
ge zu seiner Zeit erklärt.
Dieter Vieweger, Geschichte der biblischen Geschichte Israels in Grundzügen, Teil 2, Vandenhoeck
Ausführlich, Schritt & Ruprecht, 4. Aufl. 2008.
Welt, Gütersloher Verlagshaus 2019,
für Schritt und auf
1240 S., ISBN 9783579014791, EUR 98,–.
Grundlage der wichtigen Zur Prophetin Hulda
historisch-archäolo- • Barbara Schmitz, Hulda – eine
Die Bücher der
gischen Forschungen gefragte Frau, in: Frauen – Prophe-
Könige
führt diese Geschichte tinnen, FrauenBibelArbeit Bd.16,
Wer sich besonders
durch die Welt der Kö- Verlag Katholisches Bibelwerk
mit der Theologie und
nige Israels und Judas. 2006, S. 34–40.
Geschichtsdeutung
Aber auch durch die Welten von Nachbarn • Irmtraud Fischer, Gotteskünde-
beschäftigen möch-
wie Aram, Edom oder Moab, deren staatliche rinnen. Zu einer geschlechterfai-
te, findet in diesem
Verfasstheit, Religion und Kultur. Bezüglich ren Deutung des Phänomens der
Kommentar einen sehr
der Reichsteilung findet sich eine spannende Prophetie in der Hebräischen Bibel,
guten Begleiter: Jürgen
These: Christian Frevel sieht Rehabeam und Kohlhammer 2002.
Werlitz erläutert die
Jerobeam als fiktive Gestalten, die einen
Erzähllinie und Intention der Königsbücher erzählerischen Lückenschluss zwischen • Zuden Königinnen Isebel
verständlich und einfühlsam. Salomo und den späteren Königen bilden.
Jürgen Werlitz, Die Bücher der Könige,
und Atalja
Christian Frevel, Geschichte Israels, Kohlham- • Ilse Müllner, Isebel, Atalja, die
Verlag Katholisches Bibelwerk 2002, mer, 2. erweiterte, überarbeitete Aufl. 2018, Macht und das Böse, in: Böse
364 S., ISBN 9783460070813, 489 S., ISBN 9783170354203, EUR 36,–. Frauen, FrauenBibelArbeit, Bd. 15,
EUR 30,90.
Verlag Katholisches Bibelwerk
Geschichte Israels 2005, S. 29–40.
Die Witwe von Die Würzburger Alttes- • Stichwort „Atalja“ bei Wibilex von
Sarepta tamentlerin Barbara Judith E. Filitz: www.bibelwissen-
Eine versteckte Perle Schmitz baut ihre Ge- schaft.de/stichwort/14165
ist dieses Buch über die schichte Israels aus einer
Witwe, die dem großen narratologischen Pers-
Elija begegnet. Die pektive auf. Geschichte
fremde Frau zeigt Elija, begegnet uns in der Bibel
wie wirkmächtig Gottes als literarische Gestaltung. Von der Erfahrung Hinweis
rettendes Wort ist. Dadurch wird sie selbst des katastrophalen Untergangs Judas und
zur Prophetin und zu einem Gegenpol der des Exils her erläutert die Autorien die Erzäh- Alle lieferbaren Bücher sowie
schrillen phönizischen Königin Isebel. Ulrike lungen über die Könige als theologische Deu- Publikationen aus dem ­­Katholischen
Bibelwerk e.V können Sie ­­­­bestellen
Bechmann zeigt die Bedeutung der Erzäh- tungen und Teil eines Geschichtsentwurfs
bei bibelwerk impuls:
lung in 1 Könige für die gesamte Geschichts- späterer Zeit. Eine eindrückliche Einführung Tel. 0711-6 19 20 37
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Ulrike Bechmann, Die Witwe von Sarepta. Got- Barbara Schmitz, Geschichte Israels, UTB, bestellung@bibelwerk.de
tes Botin für Elija, Kath. Bibelwerk e.V. 2010, 2. aktual. Auflage 2014, 184 S., www.bibelwerk.shop
77 S., ISBN 9783940743664, EUR 7,90. ISBN 9783825243586, EUR 15,99.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 55
Mit der Bibel politische Macht legitimieren

Die Könige von Juda


in Frankreich
Kopf ab! In der Französischen Revolution traf das nicht nur den amtierenden
König Ludwig XVI., sondern auch jene 28 steinernen Könige Judas, die über dem
Portal der Kathedrale von Paris standen. Hat man in den mittelalterlichen Figuren
der biblischen Könige französische Monarchen verstanden?
Von Ines Baumgarth-Dohmen

I
m April 1977 stießen Bauarbeiter in einem konnten, die einst in der Galerie über der Portal-
Pariser Stadtpalais aus dem späten 18. Jh. zone der Westfassade gestanden hatten, der so-
– unter dem Pflaster des Innenhofs – auf genannten Königsgalerie. Sie stellen zweifellos
Fragmente gotischer Bauplastik. Der Fund war die Könige des biblischen Hauses Juda dar, doch
eine Sensation, denn es handelte sich eindeutig hatte man in ihnen schon seit dem Mittelalter
um Überreste jener Skulpturen der Kathedrale Abbilder der Könige Frankreichs gesehen. Die-
Notre-Dame, die 1793 zerstört worden waren und ser Auffassung war offenbar auch die Obrigkeit
die man verloren geglaubt hatte. Unter den rund in Paris, der Hauptstadt der 1792 ausgerufenen
350 Fragmenten befanden sich 21 große Köpfe, Ersten Französischen Republik. Nachdem sie
jeder – mit einer Ausnahme – rund 60 cm hoch, gefordert hatte, sämtliche Symbole der Monar-
die den 28 Königsfiguren zugeordnet werden chie zu beseitigen, hatte man den Königsfigu-

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welt und umwelt der bibel 2/2020
ren die Zacken ihrer Kronen abgeschlagen. hend in die Regierungszeit des Kapetingers Die „Königsgalerie“
Doch dies schien nicht zu genügen, denn im Philipp II. (1180–1223). Großformatige Statuen an der Westfassade von
Oktober 1793 erging der Befehl, les gothiques alttestamentlicher Könige gab es damals be- Notre-Dame in Paris. Seit
simulacres des rois de France („die gotischen reits an den Portalgewänden der Abteikirche dem 19. Jh. ersetzen neu-
Abbilder der Könige Frankreichs“) an der Saint-Denis (Paris) und der Kathedrale von gotische Figuren die 1793
Fassade von Notre-Dame innerhalb von acht Chartres, doch der Bau einer über die gesam- zerstörten frühgotischen
Tagen ab­zumontieren und zu zerstören. Die te Breite der Kathedralfassade verlaufenden Statuen. Sie waren in der
damit beauftragte Firma leistete ganze Arbeit. Galerie, unter deren Arkaden dreieinhalb Me- Französischen Revolution
Königsgalerie © Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0 commons wikimedia, Notre Dame © Peter Haas, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Man hieb den Königsfiguren die Köpfe ab, ter hohe Königsfiguren aufgestellt wurden, symbolisch enthauptet
schleifte sie an das Nordende der Galerie und war ein absolutes Novum. worden, da sie als Bild der
stürzte sie auf den Platz hinunter. Die Trüm- Die erhaltenen Fragmente lassen darauf Macht und Unterdrückung
galten, die König und Kirche
mer wurden schließlich 1796 als Baumaterial schließen, dass alle Figuren eine Lilienkrone
als enge Verbündete jahrhun-
versteigert, u. a. an Jean-Baptiste Lakanal, der und einen weiten Mantel trugen und in der
dertelang ausgeübt hatten.
sich damals einen Wohnsitz an der Rue de la rechten Hand ein Zepter hielten. Die Köpfe
Chaussée-d’Antin, unweit der Kathedrale, er- sind auffallend individuell gearbeitet, doch ist
richten ließ. Dort wurden sie mehr als andert- eine Benennung der einzelnen Figuren nicht
halb Jahrhunderte später aufgefunden. möglich. Auf einer Zeichnung von 1699 ist al-
Die neugotischen Figuren, mit denen man lerdings zu erkennen, dass eine der beiden
im 19. Jh. die leere Königsgalerie füllte, sind Figuren, die die Mitte der Galerie einnahmen,
ein unzureichender Ersatz für die Origina- kleiner war, da sie auf einem Löwen stand. Tat-
le, von deren Qualität die ausdrucksstarken sächlich befindet sich unter den 1977 gefunde-
Köpfe, trotz der schweren Beschädigungen, nen Köpfen einer, der mit 41 cm deutlich klei-
zeugen. Sie befinden sich heute im Pariser ner als die übrigen ist. Da der Löwe nach Gen
Musée de Cluny (s. S. 59). Die Zerstörung der 49,9f Symboltier des Stammes Juda und seines
gotischen Königsfiguren von Notre-Dame wird Herrschaftsanspruchs ist, handelte es sich bei
heute meist als schrecklicher Irrtum betrach- dieser Gestalt sicherlich um König David.
tet, als eine fatale Folge ihrer Fehldeutung als Die Pariser Königsgalerie ist häufig mit der
Könige Frankreichs. Doch vielleicht lagen die- das Matthäusevangelium einleitenden Genea-
jenigen, die 1793 ihre Beseitigung anordneten, logie Jesu in Verbindung gebracht worden, die
mit ihrem Verständnis der Königsgalerie nicht von David bis Josef 28 Namen auflistet, die für
einmal so falsch. die entsprechende Anzahl von Generationen
stehen. Doch sind nur vierzehn von ihnen Kö-
nige. Zählt man dagegen die im Alten Testa-
Die Könige ziehen in die Kathedralen ein ment erwähnten Könige von Juda zusammen,
Die Königsfiguren werden in die Jahre um 1220 so kommt man, rechnet man Saul, Davids
datiert, d. h. Konzeption und Realisierung der Vorgänger, dazu, auf genau 28. Über dem Zen-
Königsgalerie von Notre-Dame fallen weitge- trum der Königsgalerie, also über der Figur

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welt und umwelt der bibel 2/2020 57
Die Könige von Juda in Frankreich

Davids, war eine Skulptur der Gottesmutter mit nicht nur Typus Christi, sondern auch Typus
Kind, Schutzpatronin der Kathedrale Notre-Da- Regis war, der Typus eines Königs schlechthin.
me, angebracht. Sie verkörpert die Verbindung Seit Karl dem Großen, der von Kirche und Hof
zwischen den Königen des Hauses David und als „neuer David“ inszeniert worden war, ge-
Jesus Christus (Mt 1,16.20; Lk 1,27), der auf diese hörte die Gleichsetzung mit David, dem idealen
Weise als Davidide dargestellt wird. Man hat die König, zum Selbstverständnis eines christlichen
Pariser Königsgalerie deshalb auch als „horizon- Herrschers.
tale Wurzel Jesse“ bezeichnet, doch greift diese Die fränkischen Könige waren seit Pippin III.
Interpretation zu kurz. (751) gesalbt worden. Unter den Kapetingern, die
Eine Zeichnung gegen Ende des 10. Jh. die Herrschaft auf dem
von 1699 zeigt die Gebiet des Westfränkischen Reichs übernom-
Die französischen Könige als Haus David men hatten, galt die Salbung durch den Bischof
Kathedralfassade vor
den Zerstörungen von Das typologische Denken des Mittelalters sah in als der entscheidende Akt der Königsweihe
1793. In der Mitte der König David nicht nur den Vorfahr Jesu, sondern (sacre du roi), wichtiger als die anschließende
Königsgalerie ist die eine Präfiguration des Messias, einen Typus Krönung. Die Königssalbung wurde in den Ge-
auf einem Löwen Christi. Eine weitere Bedeutungsebene entstand beten der Krönungsordines ausdrücklich mit der
stehende Figur Davids dadurch, dass der Vergleich David–Christus Salbung Davids durch Samuel verglichen. Sie
zu erkennen. auf die Könige übertragen wurde, sodass David verschaffte dem künftigen König die geistliche
Legitimation, indem sie ihn zum Christus Do-
mini, zum Gesalbten des Herrn, erhob. Bischof
Ivo von Chartres (um 1040–1115) bezeichnete sie
sogar als Sakrament. Ihre Symbolkraft wurde
dadurch verstärkt, dass sie mit einem besonde-
ren Öl vorgenommen wurde, mit dem angeblich
schon der Merowinger Chlodwig I. (466–511)
durch Bischof Remigius von Reims getauft und
zum König gesalbt worden war. Die Salbung mit
dem legendären Öl, von dem es hieß, eine Taube
habe es Remigius vom Himmel herabgebracht,
unterschied den französischen König von allen
anderen Herrschern und umgab ihn mit der
Aura des Heiligen.
Das Motiv der Königsgalerie, das erstmals in
Paris begegnet, wurde an den Westfassaden der
Kathedralen von Chartres, Amiens und Reims
aufgenommen, wobei die Anzahl der Königs-
figuren variiert, 16 sind es in Chartres, 22 in
Amiens und in Reims, wo die Galerie oberhalb
des Rosengeschosses um die Türme herumge-
führt wird, sogar 56. Der Kathedrale von Reims

Aus: J. Cuénot (Hrsg.), Notre-Dame de Paris. Les Rois retrouvés, Paris 1977
kam insofern eine besondere Bedeutung zu,
als sie seit dem 11. Jh. alleinige Krönungsstät-
te der französischen Könige war. Und so steht
im Zentrum der Reimser Königsgalerie (frühes
14. Jh.) nicht eine Figur Davids, wie sie in Chart-
res und Amiens nach Pariser Vorbild übernom-
men worden war, sondern eine Darstellung der
Taufe Chlodwigs durch Bischof Remigius, ein
deutlicher Hinweis auf das Vorrecht der Reimser
Erzbischöfe, die Könige zu salben. Doch mani-
festiert sich letztlich in den Königsgalerien von
Paris und Reims dieselbe Auffassung vom König
als einem von Gott erwählten Gesalbten. Denn
in der Logik des mittelalterlichen Geschichtsver-
ständnisses, das Personen und Ereignisse typo-
logisch verknüpfte, verweist Chlodwig, der erste

58 welt und umwelt der bibel 2/2020


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Die Könige von Juda in Frankreich

christliche Herrscher Frankreichs, als Gegenbild


König Davids ebenso auf ihn zurück, wie dieser
ihn präfiguriert. Wendet man die typologische
Deutung auf die Königsgalerien als Ganzes an,
wird die oft diskutierte Frage, ob in ihnen die
Könige von Juda oder die französischen Könige
dargestellt sind, zweitrangig. Die einen sind mit
den anderen stets mitgemeint.

Verhasste Symbole der „Tyrannei der


Könige und Priester“
Das Motiv der Königsgalerie trat erstmals unter
Philipp II. (1180–1223) auf, und zwar in Paris,
Königsresidenz und bedeutendstes Bistum der
Krondomäne. Gerade dort konnte die Aufstellung
einer monumentalen Figurenfolge der Könige von
Juda die Funktion übernehmen, die Macht der
nunmehrigen Erbmonarchie zu demonstrieren. dass sie seine Herrschaft sakralisierte und theo- Die alten gotischen
Denn unter Philipp II., dem seine Zeitgenossen logisch legitimierte. Es ist kein Zufall, dass die Königsköpfe, die
den Beinamen Augustus („der Erhabene“) gaben, Kathedralen von Reims, Amiens und Chartres, man 1970 durch Zufall
war das Königtum der Kapetinger erstarkt. Er hat- an denen nach Pariser Vorbild Königsgalerien unter dem Pflaster eines
te das ursprünglich sehr kleine Gebiet der Kron- errichtet wurden, zu den Kronbistümern gehör- Innenhofs fand. Heute
domäne vergrößert und die Lehnsoberhoheit ten, über die der König die Hoheit ausübte und befinden sie sich im
über den englischen Festlandbesitz gewonnen. deren Bischöfe eine wichtige Stütze seiner Herr- Musée de Cluny, Paris.
schaft waren. Chartres war zudem Schauplatz
der an hohen Kirchenfesten abgehaltenen Hof-
Um sämtliche Symbole der tage (curiae coronatae), an denen dem König in
der Kathedrale gehuldigt wurde. Die enge Alli-
Monarchie zu beseitigen, anz von Kirche und Krone fand ihren bildlichen
hatte man den Königsfiguren Ausdruck in der Königsgalerie, die vor Augen
führt, dass die Kirche die Könige „erhöht“ und
die Zacken ihrer Kronen „unterstützt“.
abgeschlagen Im November 1793 schlug der Maler Jacques-
Louis David (1748–1825) vor, die Trümmer der
Königsfiguren zum Zeichen der Zerschlagung
Vor allem aber hatte er das dynastische Erbrecht „der doppelten Tyrannei der Könige und der
durchgesetzt und damit den Einfluss des Adels, Priester“ im Sockel eines Denkmals zu vermau-
dem bislang die Königswahl zugestanden hatte, ern, das dem Triumph des Volkes „über Despo-
zurückgedrängt. Sein Sohn Ludwig VIII. war der tismus und Aberglauben“ gewidmet sein sollte.
erste König, der 1223 ohne vorherige Bestätigung Auf diese Weise müssten die Überreste der „in
durch eine Adelsversammlung geweiht wurde. ihren gotischen effigies“ gerichteten Könige, die
Der französische König war fortan König durch von der Kathedrale herab über Frankreich zu re-
Abstammung, wobei er sich auf das Vorbild des gieren schienen, „erstmals der Freiheit dienen“.
© Jean-Pierre Dalbéra, CC BY 2.0, commons.wikimedia.org

Hauses David und die der David-Dynastie gege- Auch wenn das Projekt nicht realisiert wurde, so
bene Verheißung (2 Sam 7) berufen konnte. zeigt es doch, wie sehr die Königsgalerie noch im
Zur Festigung der königlichen Macht hatte we- 18. Jh. als lebendiges Bild der Macht empfunden
sentlich das enge Bündnis beigetragen, das der wurde, das demonstrativ besiegt werden musste.
König mit der Kirche wie dem Papsttum einge- Die Zerstörung der Königsgalerie von Paris
gangen war. Der französische König, der von den war somit weniger Folge eines Missverständnis-
Päpsten seit dem 12. Jh. als „allerchrist­lichster ses als vielmehr die logische Konsequenz der ihr
König“ angesprochen wurde, war ein fester immanenten Mehrdeutigkeit, des absichtsvollen
Rückhalt der Kirche, so bei den Kreuzzügen ins In-Eins-Setzens der Könige von Juda und der
Heilige Land und der Bekämpfung der Albigen- Könige von Frankreich. Damit hat sich auch der Ines Baumgarth-Dohmen
ser in Südfrankreich. Umgekehrt unterstützte moderne Betrachter mit seinem Verlangen nach M. A. ist Kunsthistorikerin
die Kirche den König, nicht zuletzt dadurch, Eindeutigkeit auseinanderzusetzen. W und freiberuflich tätig.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 59
aus der welt der bibel

al-ghoreifa

16 Gräber mit 20 Sarkophagen entdeckt


I n der ägyptischen Ausgrabungsstätte Al-Ghoreifa, ca. 300 km südlich von
Kairo, entdeckten Archäologen 16 Gräber mit insgesamt 20 Sarkophagen.
Sie enthielten die mumifizierten Körper mehrerer Hohepriester des Mond-
gottes Thot, der auch für Weisheit und Magie zuständig war, sowie die sterb-
lichen Überreste hoher Beamter der 26. Dynastie. Einer der mit Hieroglyphen
geschmückten Steinsarkophage war dem Himmelsgott Horus gewidmet, wie das
Ägyptische Antikenministerium mitteilte. Andere Sarkophage bestehen aus be-
maltem Holz und sind ungewöhnlich gut erhalten.
Außergewöhnlich ist auch die Anzahl der gefundenen Uschebtis: Nach Angaben
des Ministeriums seien 10.000 dieser kleinen Statuetten, die die Verstorbenen
verkörpern, aus blauer und grüner Fayence gefunden worden. Dazu kommen
700 Amulette, teils aus reinem Gold, bemalte Kanopen, Töpferware und Werk-
zeuge. W (Bible Places/wub)

60 welt und umwelt der bibel 2/2020


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Inhalt
60 bis 67
Panorama
„Geliebt von Atum“ – Neue Funde in Heliopolis
Moderner als gedacht – Mittelalterliches Kirchenrecht
Amman: Digitale Sicherung jordanischer Kulturgüter

68 bis 71
Die großen Städte der Bibel
Cäsarea Maritima – Juwel am Mittelmeer

72 bis 76
Die Bibel in berühmten Gemälden
Max Slevogt: Der verlorene Sohn

77
Ausstellungen und Veranstaltungen

© picture alliance/Samer Abdallah

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welt und umwelt der bibel 2/2020 61
panorama

Immer wieder neue


Entdeckungen in Heliopolis

„Geliebt von
Atum“
heliopolis Der alt-ägyptytische Tem-
pelbezirk Heliopolis liegt heute vergra-
ben unter dem Stadtteil Matariya im
Nordosten Kairos. Aktuelle Bauvorha-
ben und der steigende Grundwasser-
spiegel machen daher immer wieder
Notgrabungen nötig – mit oft unerwar-
Basis einer Statue von Sethos II. (1204–1198 vC), „geliebt von Atum“, wie
es in der Inschrift heißt. 72 x 74 cm; 30,5 cm hoch.
teten Ergebnissen.
2019 erreichte das ägyptisch-deutsche
Grabungsteam in seiner dreizehnten ge-
meinschaftlichen Grabungskampagne Harachte, dem Großen Gott, Herr des könnte es Isis oder Hathor-Nebethetepet
die bisher ältesten Schichten des Kult–Himmels, Gebieter über Heliopolis“. sein. Ein Spalt im Gesicht zeigt, dass die
ortes. Vermutlich gehörte es zu einem über 2 m Nase der Figur bereits in antiker Zeit re-
Dabei wurden aus dem mittleren 4. breiten Tür- oder Fenstersturz. Wie bei pariert worden war.
Jahrtausend vC Teile von Häusern ent- anderen Funden, verraten auch hier Be- Dr. Aiman Ashmawy vom Ägyptischen
deckt sowie 6 Tonringe von 1,4 m Durch-arbeitungsspuren, dass der Stein zuvor Antikenministerium erläutert, „dass
messer. Sie gehörten zu einfachen Öfen schon einmal verwendet worden war. die Funde möglicherweise mit den Ab-
und sind wohl Überreste einer Brauerei. Von der lebensgroßen Statue des transporten der Römischen Kaiserzeit in
ebenfalls knienden Pharaos Sethos
Noch auffälliger sind jedoch verschie- Verbindung stehen“. Schließlich seien
dene Fragmente von Statuen und ein Re- II., ein Enkel Ramses II., aus braunem im späten 1. Jh. vC/frühen 1. Jh. nC zahl-
Quarzit fanden sich nur viele kleine
lief Ramses II. Das Kalksteinrelief zeigt reiche Obelisken und andere Denkmäler
den Pharao kniend vor dem Hauptgott Fragmente, die noch auf ihre weitere von Heliopolis nach Alexandria ver-
von Heliopolis, dem Sonnengott „Re- Auswertung warten, sowie die Basis der schleppt worden. W (Uni Leipzig/b.l. wub)
Statue. Sie nennt Sethos „ge-
liebt von Atum, dem Herrn
von Heliopolis“.
Besonders bemerkenswert
ist eine weibliche Figur aus
Rosengranit. Gut erkennbar
sind ihr Gesicht, eine lange
Lockenperücke und ein Dia-
dem. Die Rückseite der Figur
weist die Titulatur von Ram-
ses II. (1279–1213 vC) auf. „Es
handelt sich entweder um die
Darstellung einer Königin die-
ses Herrschers oder um eine
Göttin aus dessen Regierungs-
zeit“, erläutert Dr. Dietrich
Raue, Kustos des Ägyptischen
Museums Georg Steindorff
© Universität Leiptzig/Dietrich

der Universität Leipzig. Wenn


es eine Königin ist, kommen
Nefertari oder Meritamum in-
Pharao Ramses II. kniet vor dem Sonnengott, frage. Wenn die ursprünglich Göttin oder Königin? Figur aus
1. Jh. vC aus Tell Abu Sarbout. lebensgroße stehende Figur rotem Granit, 55 cm hoch.
eine Göttin darstellt, dann

62 welt und umwelt der bibel 2/2020


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panorama

Neue Forschungen zu mittelalterlichem kirchenrecht

Moderner als gedacht Bronzestatue von Bischof


Burchard (um 965–1025) vor dem
Wormser Handschrift von Burchards Dekret aus der Entstehungszeit, heute Wormser Dom. Seine kirchenrechtliche
in der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main. Sammlung wird jetzt neu erforscht.

Z ur Stellung von Mann und Frau in Geschichte der Universitäten Kassel sowohl in der Anwendung für die Gläu-
Handschrift: © Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main; Statue: © Von HeidasWikipe-

der Ehe hatte er eine ganz klare Mei- (Prof. Dr. Ingrid Baumgärtner), Erlangen- bigen als auch für die Ausbildung des
nung: Sie hätten die gleichen Rechte! Nürnberg (Prof. Dr. Klaus Herbers) und Klerus. Herausgekommen ist ein in 20
Und auch für den Umgang mit Juden Mainz (Prof. Dr. Ludger Körntgen). Ziel Bücher eingeteiltes Werk, das bereits im
dia account - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=169291

und Heiden betonte der Wormser Bi- ist es, die europaweit erhaltenen Hand- Lauf des 11./12. Jh. weit über die Grenzen
schof, dass sie wie die Christen Eben- schriften zu erschließen, eine kritische des Bistums Worms bekannt war.
bilder Gottes seien, was schon die Bibel Edition mit Kommentaren und Quellen- Für die Forscher besonders spannend
bezeuge. Niedergelegt sind diese Aussa- verweis in Print und online zu erstellen ist, wie Prof. Dr. Ludger Körntgen im In-
gen in einer Sammlung von kirchlichen sowie eine digitale Arbeitsplattform für terview erläutert, wie Burchard in seiner
Rechtssätzen, die Bischof Burchard in den internationalen Austausch. Sammlung bestehenden Rechts dennoch
den Jahren von 1008 bis 1012 erstellen Besonders interessant jedoch sind eigene Schwerpunkte setzte. Bei aller
ließ. Sie wurde unter dem Namen De- Handschriften aus Worms, die noch aus Betonung der hierarchischen Stellung
cretum Burchardi im 11. und 12. Jh. weit der Zeit Burchards stammen. Radierun- von Bischof und Klerus stellt Burchard
über seine Diözese hinaus zum Rechts- gen und Kratzspuren auf dem Perga- die Seelsorge in den Vordergrund. So
buch par exellence und hinterließ ihre ment lassen erkennen, wie noch in einer geht er sehr pragmatisch mit dem Aus-
Spuren im katholischen Kirchenrecht späten Phase der Sammlung redigiert üben von abergläubischen Ritualen wie
bis zur Erstellung des Codex Iuris Ca- und verändert wurde. Und dies gibt ei- Wahrsagen um, in denen er, anders als
nonici 1917. Über 80 Handschriften des nen Aufschluss darüber, was Burchard spätere Zeitgenossen zur Zeit der Hexen-
Dekrets, auch aus späterer Zeit, sind er- bei seiner Sammlung wichtig war. verfolgung, vor allem Unglauben oder
halten geblieben. Burchard wollte kein neues Kir- Dummheit sieht. Burchard ahndet dage-
Seit Anfang 2020 wird diese einfluss- chenrecht schaffen, sondern das ihm gen schwer die Vorstellung, dass solche
reiche kirchenrechtliche Sammlung zugängliche kirchliche Recht wie Syn- Rituale zu realer Gewalt führen. Hier
nun in einem auf 18 Jahre angelegten odenbeschlüsse und päpstliche Fallent- geht der mittelalterliche Bischof von der
Forschungsprojekt untersucht. Beteiligt scheidungen sammeln und so in seiner Intention einer Tat aus und somit von
sind die Lehrstühle für mittelalterliche Diözese eine Rechtssicherheit schaffen, verinnerlichter Moral. W (b.l. / wub)

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welt und umwelt der bibel 2/2020
panorama

neue Datenbank zur sicherung jordanischer kulturgüter

Digitaler Schutz wertvoller archäologischer Funde


Ein deutsch-jordanisches Pilotprojekt in der Zitadelle von Amman dient der Dokumentation archäolo-
gischer Objekte, der Schulung von Mitarbeitenden und der Erstellung einer Restaurierungswerkstatt.
Von Dieter Vieweger und Jutta Häser

von Amman archäologische Objekte restauriert


und inventarisiert. Ein Herzstück dieses Vorha-
bens ist die Programmierung einer Datenbank
durch Bernard Beitz (BAI Wuppertal). Sie soll
sowohl der Museumsverwaltung als auch der
künftigen Forschungsarbeit dienen und vereint
Benutzerfreundlichkeit und Nachhaltigkeit. Um
Letzteres zu gewährleisten, wurden nur ausge-
reifte, stabil laufende „open-source“ Technolo-
gien verwendet. Da jegliche Hard- als auch Soft-
ware sehr schnell veraltet, ist die web-basierte
Applikation der Datenbank mit jedem Browser
benutzbar. Außerdem wurde die Anwendung in
einem sog. Container verpackt, der alle notwen-
dige Software beinhaltet, sodass die Datenbank
auch zukünftig benutzbar bleibt.

Die primären Benutzer der Datenbank sind Mu-


seumsmitarbeiter/innen. Sie werden seit Beginn
der Tätigkeit – ein zentrales Anliegen des Pro-
gramms! – an der Datenbank geschult und an
der Entwicklung des Systems beteiligt.
Die Verwaltung von archäologischen Objek-
ten wurde so einfach wie möglich gestaltet. Um
Etwa 2000 Funde werden in der Ausstellung der Zitadelle von Amman eine visuelle Überfrachtung der Eingabemaske
gezeigt und die Lager umfassen weitere 7000 bis 8000 Objekte. zu vermeiden, wurde die Eingabe von Daten in
mehrere Schritte unterteilt. Wo immer möglich,

D ie Medien berichten fast täglich über Zer-


störungen von archäologischen Objekten
und historischen Orten, von Raubzügen durch
gibt es vorgefertigte Listen in Pull-down-Menüs.
Damit werden nicht nur Tippfehler vermieden,
sondern auch die individuelle Eingabe sowie die
Museen oder vom illegalen Antikenhandel. Die spätere Suche erheblich erleichtert.
Antikenbehörden stehen beim Schutz des Kul-
turerbes weltweit vor erheblichen Herausforde-
rungen – das gilt auch für Jordanien. Hier setzt
ein Kooperationsprojekt zwischen dem Deut-
schen Evangelischen Institut für Altertumswis-
senschaften des Heiligen Landes (DEI) unter der
Leitung von Prof. Dieter Vieweger und dem jor-
danischen Antikendienst an, das von der Gerda
Henkel Stiftung (Förderinitiative „Patrimonies“)
© Jutta Häser/DEI

großzügig finanziert und maßgeblich von Dr. Jut-


ta Häser durchgeführt wird. Dabei werden inner-
halb eines vierjährigen Pilotprojekts im Jordan Die Eingabemaske wurde in mehrere Schritte
Archaeological Museum (JAM) auf der Zitadelle unterteilt und so einfach wie möglich gehalten.

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welt und umwelt der bibel 2/2020
Panorama

Wo lag die nördliche Grenze israels?

Eine Tintenschrift wirft Fragen auf

Da die archäologische Terminologie komplex


ist, wurden für die Beschreibung der Objekte
© Courtesy of the Leon Levy Dead Sea Scrolls Digital Library, Israel Antiquities Authority / Shai Halevii

Smart-Listen vorgefertigt, mit denen die ge-


wünschten Angaben stufenweise eingegeben
links unten © Jutta Häser/DEI; rechts oben: © Tel Abel Beth Maacah Excavations; rechts unten:

werden. So wird zunächst das Material (wie z. B.


„Metall“) bestimmt, danach folgt dessen Spezi-
fikation (z. B. „Bronze“). In der Folge öffnet sich
eine Listenvorgabe, in der die Variabilität von
Bronzeobjekten verzeichnet ist. Wählt man hier Blick auf Tell Abil el-Qameh, der mit dem biblischen Abel-Bet-
z. B. „Waffen“, dann erhält man eine umfangrei- Maacah identifiziert wird.
che Auflistung möglicher Einträge, die im Be-
darfsfall auch ergänzt werden kann. Alle Menüs
sind parallel auf Englisch und auch auf Arabisch
verzeichnet. Die Museumsfunde werden zudem
I st die Entdeckung einer fast 3000 Jahre alten Tintenschrift ein Beleg für
die Ausdehnung des Reiches Israel im 10./9. Jh. vC? Nahe der heutigen
Grenze zum Libanon und zu Syrien, auf dem Tell Abil el-Qameh, wurde
durch Fotos und 3D-Scans vervollständigt. nach einem Bericht der Zeitung Haaretz ein Vorratskrug gefunden, der
eine feine hebräische Tintenschrift trug. Erst die multispektrale Bildge-
Über die Fortschritte des umfangreicheren Ge- bung machte die Zeichen sichtbar: „le Benayau“ war jetzt zu lesen und
samtprojektes gibt eine Homepage Auskunft: bedeutet, dass der Krug Eigentum des Benayau sei. Das Suffix „yau“ im
www.zitadelle-amman.de. Das Wissenschafts- Namen des Besitzers verweise auf den biblischen Gott JHWH.
portal L.I.S.A. der Gerda Henkel Stiftung präsen- Auch wenn damit nicht klar ist, ob der Krug und sein Inhalt importiert
tiert dazu acht kurze Videobeiträge auf Deutsch worden sind oder aus lokaler Produktion stammt, hat das Vorkommen
und Englisch: https://lisa.gerda-henkel-stiftung. der hebräischen Schriftzeichen in Verbindung mit dem Verweis auf den
de/einzigartiger_kulturraum?nav_id=7406. W Gott Israels die Diskussion darüber verstärkt, wie weit sich das König-
reich Israel im 9./10. Jh. im Norden ausdehnte.
Abil el-Qameh wird mit dem biblischen Ort Abel-Bet-Maacah identi-
fiziert. Und auch wenn er nach 2 Sam 20,14 mit dem Reich Davids ver-
bunden wird, sind die Forscher uneins, ob der Ort im 9./10. Jh. vC von
Israel, von den Phöniziern oder den Aramäern kontrolliert wurde – oder
sogar unabhängig gewesen ist. Der neue Fund kann diese Frage nicht
beantworten, er belegt nur, dass es eine Verbindung nach Israel gab. W
(Haaretz/wub)

le Benayau
(„dem
Benayau
gehörend“)
steht auf einem
Vorratskrug, der
nahe der heuti-
gen Grenze zum
Libanon und zu
Syrien gefunden
Die Registrierung der Objekte kann in wurde.
Arabisch und Englisch erfolgen.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 65
panorama

Wurden hier kultische Rituale vollzogen? Eine Stele (Massebe) im Tordurchgang. Sie wurde vor Kurzem an ihrem ursprüng-
lichen Platz restauriert.

Yotvata im südlichen Negev

Zeugnis für Kupferabbau in der frühen Eisenzeit


Von Lily Singer-Avitz

Y otvata ist eine Oase im Araba-Gra-


ben, etwa 40 km nördlich von Eilat
gelegen. Der hebräische Name der Oase,
Lage eine Festung der Eisenzeit I entdeckt.
1974 und 1975 fanden hier Ausgrabungen
unter der Leitung von Ze’ev Meshel (Tel
der Yotvata-Oase. Sie schützte die Was-
serquellen der Oase und überwachte die
nahe gelegene Kreuzung. Wegen der rela-
Yotvata, basiert auf der möglichen Iden- Aviv University) statt, die allerdings nicht tiven Nähe zu Timna, wo in der Spätbron-
tifizierung des Ortes mit dem biblischen abschließend publiziert wurden. Lily ze- und frühen Eisenzeit Kupfer abgebaut
Yotvata, einer der Stationen, in denen Singer-Avitz, ebenfalls von der Universität wurde, kann geschlossen werden, dass
sich die israelitischen Stämme laut bi- Tel Aviv, hat nun die Veröffentlichung die- die Oase die Hauptquelle für die Wasser-
blischer Texte während ihrer Wande- ser wichtigen Ortslage übernommen, die und Holzversorgung der Bevölkerung in
rungen in der Wüste nach dem Exodus demnächst erscheinen wird. Timna bildete, wo Bäume knapp sind
aufhielten (vgl. Num 33,33-34; Dtn 10,7). Wichtigstes Ausgrabungsergebnis war und Wasser kaum zur Verfügung steht.
Da es hier Wasserquellen gab, war der eine Siedlung aus der Eisenzeit I. An Zudem liegt Yotvata auf dem Weg von
Ort sicherlich immer ein Lagerplatz auf dem Siedlungsplatz gab es aber auch dem anderen großen Kupferabbaugebiet
dem Weg durch die Araba. Im Umfeld früher und später menschliche Aktivi- in Fenan auf ostjordanischer Seite nach
der Quellen wurden an mehreren Stellen täten. So wurden Flint und Keramik aus Eilat, wo es in dieser Zeit einen antiken
Reste der Früh- und Mittelbronzezeit, aber dem Chalkolithikum, der Frühbronze- Hafen gab (Tell el-Khlefe). Von dort konn-
auch aus der frühen Eisenzeit sowie aus zeit I, der späthellenistischen/nabatäi- te das Kupfer per Schiff nach Ägypten ge-
der römischen bis frühislamischen Zeit schen Zeit und der frühislamischen Zeit bracht werden.
gefunden. Auf einer Anhöhe etwas süd- gefunden. Die Siedlung war von einer Kasemat-
lich des heutigen Kibbuz, hoch über dem Die „Festung“ der Eisenzeit I liegt auf tenmauer umgeben, wie sie typisch für
Graben gelegen, wurde in geschützter einem steilen, hohen Hügel gegenüber die Eisenzeit im Negev ist. Eine Kase-

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welt und umwelt der bibel 2/2020
Panorama

Der Hügel der Yotvata-„Festung“. Blick nach Nordwesten. Luftaufnahme der „Festung“
Yotvata: A. die Kasemattenmauer;
B. das Gebäude aus frühislamischer Zeit.

mattenmauer ist eine doppelwandige Mithilfe der Keramik lässt sich die Sied- und Fenan ausgerüstet haben, um in den
Mauer, die in einzelne Räume unterteilt lung in die zweite Hälfte des 12. und die Besitz des dort zu findenden Kupfers zu
ist, die bewohnt werden konnten. Die erste Hälfte des 11. Jh. vC datieren. Eine gelangen. Als die Ägypter die Kontrolle
Außenmauer ist 1,0–0,8 m dick, die In- C14-Datierung stützt diesen zeitlichen über dieses Gebiet wegen einer politi-
nenmauer 0,7–0,5 m. Solche Bauanlagen Ansatz. schen Schwäche nicht mehr aufrechter-
werden oft auch als Festungen angese- Bemerkenswerte Funde in den Kase- halten konnten, dürften Nomaden dies
hen, dürften aber eher einen einfachen matten waren Kupfererz, Schlacken und übernommen haben, was daran erkenn-
Schutz für die Bewohner und weniger Barren. Sie zeigen, dass die Wirtschaft bar ist, dass der Kupferabbau in Timna
einen militärischen Charakter darstellen. der Bewohner auf Handwerk (Metallur- und Fenan auch nach der Zerstörung von
Die Mauer umgab einen Hof von etwa 76 gie), Landwirtschaft (reiche Wasserver- Yotvata noch nachweisbar ist. Offenbar
x 50 m Größe. Allerdings war nur im Wes- sorgung, Sichelklingen aus Feuerstein, konnte der Handel mit Kupfer aber nicht
ten und Norden eine Mauer nötig; im Sü- Steinwerkzeuge) und Viehzucht (domes- dauerhaft durch Siedlungen entlang des
den und Osten stellten die Klippen einen tizierte Schafe, Ziegen und Rinder) be- Handelsweges gesichert werden. Insge-
natürlichen Schutz dar. Im Südwesten ruhte. Dank des trockenen Klimas haben samt werfen die Ausgrabungen in Yotvata
konnte die Siedlung durch eine Toranla- sich auch Dattelpalmfasern, Korbfrag- ein interessantes Licht auf die Bedeutung
ge betreten werden. Das Tor wurde durch mente und Holzgegenstände erhalten. des Kupfers für die Ökonomie der Eisen-
einen kleinen Turm geschützt. Ein großer Die politische wie auch die sozioökono- zeit I. W (Übersetzung W. Zwickel)
Kalksteinblock im Torbereich ist viel- mische Struktur der Ortschaften, die Kup-
leicht als Massebe zu deuten. Träfe dies ferbergbau und die Schmelzanlagen in
zu, hätte es hier – wie an anderen Orten der südlichen Araba betrieben, ist ein in
der Eisenzeit auch – kultische Handlun- den letzten Jahren viel diskutiertes wis-
gen im Torbereich gegeben. senschaftliches Thema. Das Ausmaß des
Die Keramik in den Räumen der Kase- ägyptischen Engagements in der Region
mattenmauer ist zu einem großen Teil wird kontrovers diskutiert.
handgefertigt (sog. Negev-Keramik), aber Es wurde immer wieder vermutet, dass
es fand sich auch scheibengedrehte Ke- nomadische Gruppen aus der südlichen
ramik. Petrografische Untersuchungen Levante und dem nördlichen Saudi-
zeigen, dass die Keramik in der Nähe Arabien am Kupferabbau in Timna und
hergestellt wurde. Besonders bemerkens- Fenan beteiligt waren. Dies belegen die
wert ist der Fund von zwei schwarz und Keramikfunde an diesen Orten. Andere
© Fotografie von Uzi Avner

rot verzierten Schalen, die als Qurayyah Angehörige dieser Nomadenstämme wer-
Painted Ware oder Midianiterkeramik den den Handel unter ihrer Kontrolle ge-
bezeichnet werden. Diese Keramikstücke habt haben. Möglicherweise übernahmen
wurden aus dem Hijaz in der nördlichen sie diese Rolle anfangs von den Ägyptern,
Arabischen Halbinsel hierhergebracht. die jährliche Expeditionen nach Timna Das Eingangstor der „Festung“.

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welt und umwelt der bibel 2/2020 67
Die groSSen Städte der Bibel | Juwel am Mittelmeer – Cäsarea Maritima

Juwel am Mittelmeer –
Cäsarea Maritima
Die von Herodes als Schaufenster für das Königreich Judäa am Mittel-
meer gegründete Hafenstadt Cäsarea Maritima ist das ehrgeizigste Werk
des jüdischen Königs. Fernab vom religiösen Rigorismus Jerusalems war
die Stadt zu Ehren des Augustus und der judäischen Beziehungen zu Rom
Cäsarea Maritima
ganz griechisch-römisch geprägt. Von Estelle Villeneuve
Jerusalem
ISRA
ISRA
AELL
E in gut geschützter Hafen so groß wie Piräus
…“, staunte der jüdische Historiker Flavius
Josephus, als er die Stadt Cäsarea Maritima, das
des Sieges von Actium und seines Helden geden-
ken sollte.

Werk von König Herodes, beschrieb. Es gab ge-


nug zu staunen über die Metamorphose, die den Das beeindruckende Werk von Herodes
kleinen phönizischen Hafen Stratons Turm (stra- Es ist heute schwer vorstellbar, welche techni-
tonos pirigos) zwischen Jaffa und Dor in wenigen sche Leistung Herodes in seiner Zeit mit dem
Jahren zu einem der wettbewerbsfähigsten Hä- Bau des Hafens von Cäsarea erbracht hatte,
fen im östlichen Mittelmeerraum gemacht hatte. besonders bei den gewaltigen, bis zu 500 m
Dem jüdischen Herrscher Herodes fehlte es nicht langen Wellenbrechern, die das Außenbecken
an Ehrgeiz und er hatte die Mittel dazu. Zu Eh- schützten. Um dies zu erreichen, mussten die
ren des Kaisers Augustus, dem neuen unbestrit- Ingenieure den Strömungen trotzen, die stän-
tenen Herrscher Roms seit der Seeschlacht von dig den Meeresboden durchziehen. Sie fanden
Actium im Jahr 31 vC, nannte Herodes die Stadt die Lösung, indem sie vor Ort Bruchstein und
Cäsarea. Schließlich benötigte Herodes, der in im Wasser härtenden Mörtel wechselweise gos-
diesem Konflikt auf die falsche Karte gesetzt hat- sen.
te, das Wohlwollen des Augustus. Im September Wer auf dem Seeweg ankam, wurde von die-
des Jahres 9 vC weihte der König von Judäa Cä- sen Hafenanlagen ebenso sehr geblendet wie
sarea mit großem Prunk ein und leitete die ers- von der neuen, stark geförderten Hauptstadt des
ten Aktischen Spiele, ein Festival der Musik- und Königreichs Judäa. Herodes hatte sie nach dem
Sportwettbewerbe, das alle vier Jahre im August Vorbild griechisch-römischer Städte entworfen:
Die Straßen waren mit Abwasserkanälen ausge-
stattet und in einem regelmäßigen Gittermuster
angelegt worden. Theater, Amphitheater und
Wichtige Daten Pferde-Stadion boten zeitgemäße Unterhaltung.
Die Stadt stand unter der Schirmherrschaft von
Tyche, der Glücksgöttin der griechischen Städ-
4. Jh. vC Stratons Turm wurde von Phöniziern angelegt
te. Doch das große Heiligtum war dem Kult von
100 vC Eroberung durch den hasmonäischen König Alexander Rom und Augustus gewidmet. Es war – gut sicht-
Jannäus bar vom Meer aus – auf einem Hügel errichtet.
31 vC Im Sieg von Actium gewann Octavian die Herrschaft über Heute sind nur noch die Fundamente erhalten.
das östliche Mittelmeer und den Titel Caesar Augustus Außerdem wurden ein ehemaliges Archiv und
22–10 vC Herodes lässt Cäsarea Maritima und seinen Hafen im Süden prächtige gewölbte Lagerhallen freige-
legt, die sich unter dem Sand unversehrt erhal-
umgestalten
ten haben. Auch der Königspalast, seine Viertel
58–60 nC Inhaftierung des Apostels Paulus in Cäsarea und Gärten auf einem markanten Hügel im Sü-
den der Stadt ragten hervor.

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5

1
© AGE, Fotostock

Blick auf Cäsarea Maritima, am Mittelmeer gelegen.

1 Theater 2 Hafen 3 Hippodrom-Stadion 4 Kapelle des hl. Paulus 5 Aquädukt

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welt und umwelt der bibel 2/2020 69
Die groSSen Städte der Bibel | Cäsarea Maritima

Die Residenz des Pilatus


Pilatus, der Jesus zum Tode verurteilte, hatte sei-
ne Unterkunft im ehemaligen Königspalast. Es
gibt keinen Grund, zu glauben, dass der Naza-
rener jemals nach Cäsarea kam. Die Ausgrabung
der Stätte hat jedoch ein wichtiges Detail in den
Evangelien geklärt. Tatsächlich waren die alten
Quellen verwirrend bezüglich der Amtsbezeich-
nung des Pilatus: Matthäus und Lukas bezeich-
neten ihn als „Statthalter“, einen Allzweckbe-
griff ohne Rechtspersönlichkeit, während Philo,
Flavius Josephus und Tacitus ihn als „Prokura-
tor“ bezeichneten, was nicht zu seiner Rolle im
Prozess gegen Jesus passte. Denn damals ging
die Verantwortung eines Provinzprokurators
nicht über die Verwaltung der lokalen Finanzen
hinaus. Als Prokurator hätte Pilatus Jesus nicht
zum Tode verurteilen können; diese Kompetenz
hatten nur die Präfekten.
Genau hier erwiesen sich die Ausgrabungen
von Cäsarea als entscheidend. In den Ruinen des
Theaters, neben dem Palast des Herodes, ent-
deckten italienische Archäologen in den 1960er-
Jahren einen stark beschädigten beschrifteten
Inschrift von Pontius Pilatus, im Amt von 26–36 nC, Stein, der offensichtlich in einer Theater­treppe
Kalkstein, 82 x 65 cm. Israel Museum, Jerusalem. wiederverwendet worden war. Die Inschrift
Auf diesem Block, der 1961 in Cäsarea entdeckt wurde, steht: nannte den „Präfekten Pontius Pilatus“ als Stif-
„Für den Göttlichen Augustus [dieses] Tiberium […] Pontius ter eines zu Ehren des Tiberius erbauten Gebäu-
Pilatus […] Präfekt von Judäa […] geweiht [dieses]“. des (tiberium).

Die Erinnerung an die Apostelgeschichte


Cäsarea ist auch Schauplatz für zwei Episoden,
Eine Quelle: die die Apostelgeschichte erwähnt: die Taufe
des Kornelius, dem Ersten von Petrus bekehr-
Die „Jüdischen Altertümer“ ten Heiden, und den Prozess gegen Paulus, der
des Flavius Josephus von den Juden beschuldigt wird, den Zivilfrie-
den zu gefährden und den Tempel zu entwei-
Der jüdische Historiker Flavius Josephus schrieb im hen. Während erstere keine städtische Veran-
1. Jh. nC die „Jüdischen Altertümer“ Dieser ehemali- kerung hat, kann sich letztere im ehemaligen
ge Kommandant der jüdischen Revolte gegen Rom in Herodespalast befinden, der zur Residenz der
Galiläa wurde 67 von den Römern gefangen genom- Präfekten und der Provinzverwaltung gewor-
men, wahrscheinlich in Cäsarea. 69 wurde er von Ves- den ist. Dieser Gerichtssaal, oder „Prætorium“,
pasian befreit. In Rom, wo er im kaiserlichen Umkreis wie die Apostelgeschichte es nennt, hatte eine
lebte, schrieb er eine Erzählung über den Judäischen zivile Basilika, die mit einer Fußbodenheizung
Krieg („Jüdischer Krieg“), dann in den 90er-Jahren versehen war und am nördlichen Ende mit ei-
eine Geschichte der jüdischen Nation („Jüdische Al- nem Podium für Beratung oder Anhörungen
tertümer“), ein Propagandawerk für die römischen ausgestattet war.
Eliten. Er erwähnt Cäsarea Maritima mehrmals, um Es besteht kein Zweifel daran, dass Paulus
die Schönheit der Stadt, die Qualität ihrer Produkte, hier erschien, zuerst vor dem Präfekten An-
ihre prächtige Einweihung und den Ruhm von Cäsar tonius Felix und dann vor seinem Nachfolger
© Bridgeman Images

Augustus, dem sie gewidmet war, zu würdigen, ohne Porcius Festus. Hier verteidigte der Apostel
seine Bewunderung für das politische und architekto- nach zwei Jahren Haft seine Sache vor König
nische Werk von König Herodes zu verbergen. ­Agrippa. Hier appellierte er als römischer Bür-
ger an die kaiserliche Justiz. Und vom Hafen

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welt und umwelt der bibel 2/2020
Die groSSen Städte der Bibel | Cäsarea Maritima

Rekonstruktion des Herodespalastes,


von Südosten gesehen.

aus verließ er schließlich Palästina endgültig er zuvor eine sehr einflussreiche theologische Lesetipp
nach Rom, wo er später starb. Schule geleitet und eine renommierte Bibliothek • A Walk To Caesarea:
Diese Episode prägte das Andenken der Chris- mit fast 30.000 Büchern aufgebaut. A historical-archaeological
ten von Cäsarea, allerdings nicht dort, wo man In Cäsarea verbinden sich so jüdische und perspective; von Joseph
es erwarten würde. In den 1990er-Jahren gruben römische Traditionen mit christlichen Prägun- Patrich, 2018.
israelische Archäologen einen Häuserblock im gen. W
Südwesten der Stadt aus und entdeckten die
Überreste eines im 6. Jh. nC errichteten Lager-
hauses und einer Kapelle im zweiten Stock. Zu
den gefundenen Objekten gehörte auch ein Pil-
gerandenken, ein kleiner Brotstempel, der mit
den Namen Christi und Paulus graviert war. Der
Oben © Idan Rabinowitz, courtesy J. Patrich; rechts © Israel Museum, courtesy J. Patrich

Schlüssel zu diesem Ort lag in der Nähe: Diese


Kapelle wurde nicht weit von einem zweiten Ge-
richtssaal errichtet, dem einzigen, der damals
noch in Gebrauch war, und 70 nC nach dem jü-
dischen Aufstand gegen die Römer gebaut wor-
den war. Mit anderen Worten, fünf Jahrhunderte
nach dem Urteil des Paulus hatte die christliche
Erinnerung diesen Palast mit dem der Apostel-
geschichte verwechselt!
Cäsarea erlebte auch dunkle Stunden, als
grausame Rivalitäten zwischen Juden und
Nichtjuden in der Stadt 66 nC zu gnadenloser
römischer Unterdrückung führten. Laut Flavius
Josephus starben dabei etwa 20.000 Juden, der
Auftakt zum jüdisch-römischen Krieg (66-73 nC).
Und auch die Christen denken in Cäsarea an Dieser Brotstempel wurde als Andenken an die Pilger
Märtyrer. Einer von ihnen war Bischof Pamphi- verteilt und trägt die griechische Inschrift: „Segnung des Herrn
los, der 309 enthauptet wurde, weil er sich wei- über uns … und des heiligen Paulus“. 6. Jh. nC, Terrakotta.
gerte, Götzenopfer zu bringen. In Cäsarea hatte

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welt und umwelt der bibel 2/2020 71
Die bibel in berühmten gemälden

Der verlorene Sohn


Max Slevogt Von Ines Baumgarth-Dohmen

I m März 1899 besuchte Max Lieber-


mann, Präsident der fortschrittlichen
Künstlervereinigung Berliner Secession,
zentrale Hauptbild in vielfältiger Weise
kommentieren und ihm dadurch eine
komplexere Bedeutung verleihen. Wie
Einfluss der Pleinairmalerei (Freilicht-
malerei) der französischen Impressio-
nisten entwickelte er einen neuen, ei-
den in München ansässigen Maler Max sehr Slevogt sein Triptychon Der verlore- genen Malstil. Es entstanden Stillleben,
Slevogt und bat ihn, ihm sein jüngs- ne Sohn als ein Werk verstanden wissen Garten- und Landschaftsbilder, großen-
tes Werk, das Triptychon Der verlorene wollte, dessen drei Teile untrennbar zu- teils in der Südpfalz, wo die Familie das
Sohn, für die Eröffnungsausstellung der sammengehören, zeigt sich auch darin, Landgut Neukastel besaß. Meisterhaft
Secession zu überlassen. Dass Slevogt dass er einen alle drei Bilder zusammen- sind die Gemälde und Aquarelle, mit
mit seinen Bildern in München zuneh- fassenden Rahmen entwarf. denen er auf einer Ägyptenreise 1914
mend auf Unverständnis stieß, dass er Als Liebermann Slevogts Triptychon seine Eindrücke festhielt.
Widerspruch auslöste, betrachtete Lie- nach Berlin holte, wusste er, dass es um- Slevogt war zudem ein gefragter Port-
bermann als „ein gutes Zeichen für das stritten war, wobei er den Grund dafür in rätist. Eine Besonderheit seines Œuvres
Talent des Verfassers“. Der Erfolg der der Diskrepanz zwischen der nahezu alt- sind Rollenporträts von Schauspielern,
Ausstellung des Triptychons in Berlin meisterlichen Ausführung und der un- Tänzern und Sängern, die Slevogts
gab ihm recht. gewöhnlichen Interpretation des Sujets Liebe zur Musik und zum Theater be-
Mit dem Format des Triptychons sah, „nicht die alten Schläuche waren zeugen. Mit dem Bild Das Champagner-
knüpfte Slevogt an den traditionellen es, die Anstoß erregten, es war vielmehr lied (1902), das den Sänger Francisco
Typus mittelalterlicher Altarretabel an, der neue Wein, den Slevogt in die alten d’Andrade in seiner Rolle als Don Gio-
bestehend aus einer Mitteltafel und zwei Schläuche gegossen hatte“. vanni wiedergibt, feierte er einen seiner
schmaleren Seitentafeln. Doch war sein größten Erfolge.
Triptychon, trotz des biblischen Sujets, Slevogt gilt neben Max Liebermann
nicht für eine Kirche bestimmt und, Der Maler und Lovis Corinth als der bedeutends-
anders als Altarbilder, ohne Auftrag Geboren in Landshut, wuchs Max Sle- te deutsche Impressionist, doch war er
entstanden. Seine drei Teile nehmen vogt (1868–1932) in Würzburg auf. Seit nicht nur Maler, sondern auch ein bril-
die Gleichniserzählung vom verlore- 1884 studierte er an der Kunstakademie lanter Grafiker. Er schuf fantasievolle
nen Sohn (Lk 5,11-32) auf. Das breitere in München, wo er sich 1890 als freier Illustrationen, so für den Notentext der
Mittelbild ist der Heimkehr des Sohnes Maler niederließ. Ganz im Sinn seiner Zauberflöte (1918) und Faust II (1924/27),
gewidmet, der, ängstlich die Reaktion akademischen Schulung schuf er zu- ebenso auch eigenständige Grafikzyklen
des Vaters erwartend, sein Elternhaus nächst dunkeltonige Bilder im Stil alter wie Schwarze Szenen (1904), Gesichte
betritt, während ihn die seitlichen Bil- Meister, doch missfiel dem Münchener (1917) und Schatten und Träume (1924),
der in extrem gegensätzlichen Situati- Publikum der ungeschönte Realismus mit denen er sich in die Nachfolge Goyas
onen zeigen: Links sitzt er in einer Art von Bildern wie Nach dem Bade (1892) stellte. Slevogt starb am 20. September
Nachtlokal, rechts hockt er halb nackt und Ringerschule (1893), was ihm den 1932 in Neukastel.
in einem dunklen Stall. Beinamen „der Schreckliche“ eintrug.
Slevogt war nicht der einzige Künst- Das Gemälde Danaë löste 1899 einen
ler, der gegen Ende des 19. Jh. das an- Skandal aus, handelte es sich doch Geschichte des Bildes
spruchsvolle Format des Triptychons um eine unverhohlene Darstellung der Unmittelbar nach der Eröffnungsausstel-
wieder aufgriff, das mit seiner Dreitei- Prostitution, bei der die Kupplerin den lung der Berliner Secession 1899 erwarb
lung erlaubt, sich einem Thema aus größten Teil des Goldregens auffängt. der Kunsthändler Paul Cassirer Slevogts
unterschiedlichen Perspektiven zu nä- 1901 ging Slevogt nach Berlin, wo er Triptychon Der verlorene Sohn. 1911
hern. Denn die Seitenbilder können das rasch zu Ansehen gelangte. Unter dem verkaufte er es an Eduard Fuchs (1870–

72 welt und umwelt der bibel 2/2020


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Das Gemälde
Der verlorene Sohn, Triptychon, Öl auf Leinwand, 1898/99,
Mittelbild: 110,5 x 98 cm, Seitenbilder je 110,5 x 50 cm, Stuttgart, Staatsgalerie.

1940), einen mit Slevogt befreundeten Fuchs in Verbindung, der in aller Form Gleichnis konzentrieren. Albrecht Dü-
Kulturwissenschaftler. Fuchs, überzeug- auf seine Ansprüche verzichtete. rers berühmtem Kupferstich (1496), der
ter Kommunist, emigrierte 1933 nach den Sohn, umgeben von Schweinen, kni-
Paris, von wo aus er seine in Deutsch- Das Thema in der Kunst end und betend zeigt, liegt ein Gedanke
land verbliebene Kunstsammlung ver- Die ältesten Darstellungen des Gleich- der zeitgenössischen Predigtliteratur zu-
äußerte. 1938 ging das Triptychon, weit nisses vom verlorenen Sohn in der grunde, die ihn als Exemplum des sün-
unter Wert, an Otto Stäbler, Inhaber der abendländischen Kunst stammen aus digen Menschen verstand, den Reue und
Chiron-Werke, der mit den Nationalsozi- dem Mittelalter. Sie finden sich in narra- Bußfertigkeit zu Gott zurückführen.
alisten zusammenarbeitete. 1954 über- tiven Bilderzyklen (Goslarer Evangeliar, Zahlreiche Gemälde aus dem Barock
ließ Stäbler der Staatsgalerie Stuttgart um 1230; Glasfenster der Kathedralen setzen den dramatischen Moment des
diverse Gemälde aus seinem Besitz als von Bourges und Chartres, 13. Jh.) wie Wiedersehens von Vater und Sohn in
Leihgabe und schenkte ihr ein von Lovis in typologischen Programmen, in denen Szene (Barbieri, 1619/1627; Rembrandt,
Corinth gemaltes Porträt des Hirnfor- sie u. a. auf die Josefsgeschichte bezogen 1669; Murillo, 1670). Vor allem in den
schers Ludwig Edinger. werden (Biblia Pauperum, Heilsspiegel). Niederlanden waren im 16./17. Jh. Bilder
Als dieses Porträt 1956 an die Erben Die Bible moralisée vergleicht die Ein- des sich „in lockerer Gesellschaft“ amü-
Edingers restituiert wurde, erhielt die kleidung des Heimgekehrten mit dem sierenden Sohnes beliebt, die, wie auch
Staatsgalerie aus dem Nachlass des „besten Gewand“ mit der Taufhandlung. Bearbeitungen in der volkstümlichen
inzwischen verstorbenen Stäbler Sle- Schon die Kirchenväter hatten in der Dichtung, vor den Folgen liederlichen
vogts Triptychon Der verlorene Sohn als Rückkehr des Sohnes die Bekehrung der Lebens warnten (F. Francken d. J., vor
© akg-images

Ersatz. Aufgrund der problematischen Heiden präfiguriert gesehen. 1620; G. van Honthorst, 1622).
Provenienz des Kunstwerks setzte sich In der Neuzeit dominieren Einzel- Im 18. Jh. eher selten, wurde das Bild-
die Staatsgalerie mit dem Erben von E. bilder, die sich auf eine Szene aus dem thema im späten 19. Jh. wieder häufiger

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welt und umwelt der bibel 2/2020 73
Die bibel in berühmten gemälden

gewählt, nun auch vermehrt von Bildhauern. weist nur durch den Titel Le fils prodigue
Die Bronzeplastik Auguste Rodins (1885), auf das Gleichnis. Max Beckmann malt den
eine eindrucksvolle Gestalt eines nackten, Sohn im Bordell, teilnahmslos, von jäher Er-
zum Himmel schreienden Menschen, ver- kenntnis seines Scheiterns erfasst (1949).

1 Eine unerwartete Schauplatz des Wiedersehens von Vater


Begegnung und Sohn ist ein bühnenartiges Interieur,
dem Slevogt mit Requisiten wie dem bunten
Der Blick des Betrachters wird zunächst von Teppich und den an der Wand hängenden
dem großen Mittelbild angezogen. Es ist altertümlichen Waffen offenbar einen ori-
das Bedeutungszentrum des Triptychons, entalischen Charakter geben wollte. Durch
von dem aus sich die Seitenbilder erschlie- eine Tür betritt der Sohn den Raum, scheu,
ßen. Abweichend von der traditionellen in demütiger Haltung, die Hand unsicher
Ikonografie, stellt Slevogt nicht dar, wie der zu einem Gruß erhoben, und blickt in das
Vater den verloren geglaubten Sohn verzei- Gesicht seines Vaters. Dieser sitzt an einem
hend in die Arme schließt. Seinem Bild liegt Tisch, hat sich dem Eintretenden zugewandt
nicht der Bibeltext zugrunde, der berichtet, und erschrickt heftig, als er in der zerlump-
dass der Vater den Sohn „schon von Wei- ten, ausgemergelten Gestalt seinen verloren
tem“ kommen sah und ihm entgegeneilte. geglaubten Sohn erkennt. Hinter ihm steht
Slevogt erzählt eine andere Geschichte. sein älterer Sohn, reglos und mit gleichgül-
tiger Miene, denn von seinem Standort aus
kann er noch nicht sehen, wer sich hinter
dem Türflügel verbirgt.
Wie Rückblenden zeigen die Szenen der
schmalen Seitenbilder, was bislang geschah.
Sie sind, formal wie inhaltlich, eng mit dem
Mittelbild verbunden, gleichwohl nicht in
der Weise, dass der Betrachter einer chrono-
logisch erzählten Geschichte folgen könnte.
Vielmehr wird sein Blick dadurch, dass sie
dem Hauptbild flankierend zugeordnet sind,
gezwungen hin und her zu springen, um die
Zusammenhänge zu erkennen.
Die Senkrechte der beleuchteten Türkan-
te teilt das Mittelbild in zwei gleich große
Hälften, die fast wie eigenständige Bilder
wirken, vor allem aber trennt sie Vater und
Sohn voneinander. Diese Trennlinie, die
Distanz zwischen den Figuren, und eben
nicht eine liebevolle Aufnahme, nimmt die
Mitte des Bildes ein. Und Slevogt belässt es
dabei; dem Bild ist nicht zu entnehmen, wie
der Vater reagieren wird. Denn Slevogt er-
zählt nicht nach, sondern versteht sich als
Autor, der einen Stoff neu erzählt. Und so
nimmt er sich das Recht, einen spannenden
Moment zu konstruieren, den die Gleichnis-
erzählung nicht kennt, einen Höhepunkt,
in dem er seine Bild-Erzählung unvermittelt
abbrechen lässt. Mit dem offenen Schluss
fordert er den Betrachter auf, „mitzuarbei-
ten“ und Möglichkeiten, die Geschichte zu
Ende zu denken, auszuloten.

74 welt und umwelt der bibel 2/2020


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Die bibel in berühmten gemälden

2 1 3

2 Schöner Schein Tänzerin eine andere Frauengestalt zu


erkennen, die Slevogt zugunsten der
Die große rote Laterne lässt keinen Tänzerin übermalt haben muss. Mit ihr
Zweifel darüber aufkommen, welche fügte er der Szene eine entscheiden-
Art von Etablissement der verlore- de Figur hinzu, denn ihre energische
ne Sohn aufgesucht hat. Er sitzt, ein Bewegung, unterstrichen durch den
Weinglas in der linken Hand, an einem unruhigen Pinselduktus, steht für die
Tisch und unterhält sich mit einer Ani- sinnliche Lust, den rauschhaften Le-
mierdame, deren Rückenfigur sich mit bensgenuss, in denen der Sohn sein
dem hellen Kleid und dem himmel- Glück sucht. Links hinter ihr zeichnet
blauen Schultertuch deutlich von den sich im Halbdunkel der nackte Rücken
Rot- und Gelbtönen der Umgebung einer weiteren Frau ab.
abhebt. Sie nimmt die Mitte des Bildes Die gesamte Szene ist in ein röt­­
ein. Slevogt hat die Figur des Sohnes liches Licht getaucht, das die Körper
so am rechten Bildrand platziert, dass der Frauen sowie das Gesicht des ver-
sie dem Mittelbild des Triptychons mit lorenen Sohnes rosig färbt und seiner
der Darstellung des Vaters den Rücken Jacke e­inen goldenen Ton verleiht.
zukehrt: Der Sohn hat sich sichtlich Die Farben tauchen in der rechten
abgewandt vom Vater. Hälfte des Mittelbildes wieder auf, in
Hinter ihm tanzt halb nackt eine jun- dem hellroten Kaftan des Vaters, dem
ge Frau, die mit hochgereckten Armen gelben Wandbehang, dem Teppich.
ihren Körper zur Schau stellt. Slevogt Durch diese Wiederholung der Farben
hatte diese Figur nicht von Anfang wirkt das Seitenbild in das Mittelbild
© akg-images

an geplant, wie ein Foto bezeugt, das hinein, wird die Vergangenheit des
ihn bei der Arbeit an dem Bild zeigt. Sohnes in die Gegenwart seiner Rück-
Darauf ist an der Stelle der wilden kehr hineingenommen.

75
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welt und umwelt der bibel 2/2020
Die bibel in berühmten gemälden

3 Dunkelheit,
die erdrückt

Die beiden Seitenbilder könnten unter-


schiedlicher nicht sein. Die hellen Farben
der Szene im Amüsierlokal stehen in auf-
fälligem Kontrast zur undurchdringlichen
Dunkelheit, die nahezu das gesamte rech-
te Seitenbild einnimmt. Auf eine Stelle am
unteren Bildrand fällt Licht und beleuchtet
die elende Gestalt des Sohnes. Sämtlicher
Habe, selbst seiner Kleidung, beraubt,
hockt er im Stroh, mit gekrümmtem Rü-
cken, hängendem Kopf, niedergedrückt
von der lastenden Dunkelheit und Ein-
samkeit. Das Stroh verweist auf einen Stall
und damit auf eine Existenz am Rande der
menschlichen Gesellschaft. Wie in Gegen-
bewegung zu den hochgereckten Armen
der Tänzerin im Bordell, hängt sein rechter
Arm kraftlos herab.
Slevogt hatte die Figur des verlorenen
Sohnes ursprünglich in anderer Haltung
konzipiert, wie eine Kompositionsskizze
überliefert, nämlich, entsprechend der
ikonografischen Tradition in der Nachfolge cken Hell-Dunkel-Malerei übernommen.
Dürers, aufrecht kniend, im Gebet, zudem Doch ging es ihm dabei nicht nur um den
nach links, zur Bildmitte gewandt. Doch dramatischen Lichteffekt, vielmehr betont
entschied er sich um. Er verzichtete auf den er durch einen bewussten Stilwechsel die
Gebetsgestus und richtete die Figur zum Gegensätzlichkeit der dargestellten Situa-
äußeren Bildrand aus, ins Abseits, um die tionen. Wie das linke Seitenbild, so wirkt
Verzweiflung des zum Außenseiter Gewor- auch dieses in das Mittelbild hinein. Denn
denen zum Ausdruck zu bringen. die abgrundtiefe Dunkelheit, die das Bild
Verglichen mit der Rotlichtszene, die bestimmt, klingt in der linken Hälfte des
durch den pastosen, skizzenhaften Farb- Mittelbildes in den Brauntönen nach, vor
auftrag, der die Gegenstände nahezu in denen sich die fahle Gestalt des Sohnes ab-
Farbflecken auflöst, modern wirkt, er- zeichnet. Sie sind der Hintergrund, vor dem
scheint dieses Bild nahezu altmeisterlich, seine Rückkehr geschieht. Doch werden sie
Ines Baumgarth-Dohmen M. A. denn mit der schlaglichtartigen Beleuch- durch einen Lichtstreifen unterbrochen, in
ist Kunsthistorikerin und tung der Figur des Sohnes vor dunklem dem der Hoffnungsschimmer sichtbar wird,
freiberuflich tätig. Grund hat Slevogt ein Stilmittel der baro- der ihn zur Rückkehr bewegt hat.

Die Quelle
Lk 15,11-20
Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Lan-
von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das des und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum
mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Schweinehüten. Da ging er in sich. [...] Ich will aufbrechen
Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe
und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin
und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem dei-
hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er ner Tagelöhner! Dann brach er auf und ging zu seinem Vater.

76 welt und umwelt der bibel 3/2015


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Ausstellungen und veranstaltungen

Welt und Umwelt der Bibel-Studien-


Liebe Leserinnen und Leser,
veranstaltungen zu den Ausgaben
aufgrund des Coronavirus sind zum Zeitpunkt des unserer Reihe
Redaktionsschlusses alle Museen und Galerien
geschlossen. Wir können nicht absehen, wie sich die traunstein
Lage entwickelt, wenn Sie diese Ausgabe von „Welt Helden und Versager. Die Könige Israels und der
und Umwelt der Bibel“ in Händen halten. Ruf nach Gottes Herrschaft
Bitte informieren Sie sich über die Homepages der 11. Juli 2020 (9.00–17.30 Uhr) – Großer Bibeltag im Haus St. Rupert
jeweiligen Museen, wenn Sie an einer Ausstellung
Helga Kaiser wird zu Geschichte, Archäologie und Schriftkultur der
interessiert sind. Königszeit Israels sprechen. Workshops greifen das Thema mit
unterschiedlichen Methoden auf und spannen den Bogen von
Ihre Redaktion „Welt und Umwelt der Bibel“ Texten aus den Büchern der Könige und der Chronik über das
Deuteronomium bis zur erwarteten Königsherrschaft Gottes. Das
Thema regt an, über Führungsstile, Hirten in Kirche und Gesell-
schaft sowie über Macht und Machtmissbrauch nachzudenken.
Viele Museen bieten virtuelle Rundgänge an:
REFERENTEN: Helga Kaiser, Edith Heindl, Erika Birner-Hinter-
maier, Nikolaus Hintermaier, Dr. Josef Wagner, Dr. Christine Abart.

TEILNAHMEGEBÜHR: € 25,–

Vatikanische Museen ANMELDUNG und INFORMATION:


Margareta Schneider, Erzdiözese München und Freising, Haus
http://www.museivaticani.va/content/museivaticani/en/
St. Rupert, Rupprechtstr. 6, 83278 Traunstein, Tel. 0861 9890-0,
collezioni/musei/tour-virtuali-elenco.html
information@sankt-rupert.de, www.sankt-rupert.de

Wels
Museum für islamische Kunst © www.flickr.com/photos/jaycross/5244073094/; Museumsinsel Berlin © Dosseman

Rom – Stadt der frühen Christen


10.–11. Oktober 2020 (9.00–12.30 Uhr), Bildungshaus Schloss Puchberg
Museum für Islamische Kunst
Das antike Rom: Hauptstadt eines Weltreichs, pulsierende kulturelle
https://artsandculture.google.com/partner/
Metropole, Schmelztiegel der Religionen. Spuren christlichen Lebens
the-museum-of-islamic-art-qatar
reichen zurück bis an die Wurzeln der Jesusbewegung. Paulus hat in
der Stadt gewirkt; sein Grab wird ebenso in Rom verehrt wie das des
Petrus. Wellen der Verfolgung prägten sich hier ebenso tief ins
Gedächtnis wie die nur wenig später gegründeten grandiosen Bauten
der frühchristlichen Basiliken. Das Studienwochenende lädt ein, die
ewige Stadt und ihr biblisches, archäologisches und kulturelles Erbe
zu entdecken. Eine Veranstaltung des Bibelwerks Linz.
Louvre
https://www.louvre.fr/en/visites-en-ligne#tabs REFERENT:
Dr. Reinhard Stiksel

TEILNAHMEGEBÜHR: € 50,–

ANMELDUNG und INFORMATION:


Bildungshaus Schloss Puchberg, Puchberg 1, A – 4600 Wels,
Tel. +43 7242 47537, puchberg@dioezese-linz.at,
Museumsinsel Berlin
www.schlosspuchberg.at
https://artsandculture.google.com/
project/museum-island-berlin

Weitere Veranstaltungen rund um die Bibel finden Sie


auf www.bibelwerk.de/verein > Veranstaltungen
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welt und umwelt der bibel 2/2020 77
Vorschau

Die nächste Ausgabe im august 2020: IMPRESSUM


Heft 2/2020

Diakone,
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist die deutsche
Ausgabe der französischen Zeitschrift
„Le Monde de la Bible“, Bayard Presse, Paris.

Witwen und
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
enger Zusammenarbeit mit international

Presbyter
anerkannten Wissenschaftler/innen.
Verlag: Katholisches Bibelwerk e.V.,
edition „Welt und Umwelt der Bibel“,
Postfach 15 03 65, 70076 Stuttgart,
ÄMTER IN DER Tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77
E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de
­FRÜHEN KIRCHE www.weltundumweltderbibel.de
www.bibelwerk.de
W Lassen sich die kirchlichen Konto: Liga Stuttgart, BIC: GENODEF1M05
Ämter aus dem Neuen IBAN DE94 7509 0300 0006 4515 51
Testament begründen?
Redaktion: Dipl.-Theol. Helga Kaiser,
Dipl.-Theol. Barbara Leicht
W Welche Ämter gab es in
der Umwelt der frühen Korrektorat: Michaela Franke M.A.,
m._franke@web.de
Christen?
Anzeigenverwaltung: Ralf Heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
W Wie entsteht der
christliche Priester? Erscheinungsort: Stuttgart
© S. 5, 68-71 Ba­yard Presse Int.
W Und welche Aufgaben „Le Monde de la Bible“ 2019/2020, all rights reserved;  
© sonst edition „Welt und Umwelt der Bibel“
übernahmen die Witwen
in den Gemeinden? Gestaltung: Olschewski Medien GmbH,
Stuttgart, Grafikdesignerin Sabrina Kirchner
Druck: C. Maurer GmbH & Co. KG, Geislingen/
Steige
PREISE: „Welt und Umwelt der Bibel“
und so geht es weiter: erscheint vierteljährlich.
• Leben nach dem Tod – von Osiris bis Jesus • Einzelheft: E 11,30 zzgl. Versandkosten
• Jahresabonnement: E 40,- inkl. Versandkosten
• Der See Gennesaret. Neue Forschungen in der Heimat Jesu • ermäßigtes Abonnement für
Schüler/Studierende E 32,- inkl. Versandkosten
• Abonnement mit Lieferung ins Ausland:
E 46,- /ermäßigt E 38 ,- inkl. Versandkosten
bestimmen sie mit, was sie lesen!
AUSLIEFERUNG:
Schweiz:
Liebe Leserinnen und Leser, Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB, Bederstr. 76,
CH-8002 Zürich
Tel. 044/2059960, Fax: 044/2014307
Wir laden sie ein, an den heftplanungen teilzunehmen. info@bibelwerk.ch
Wir beginnen jetzt, die Ausgabe 2/2021 zu konzipieren: Einzelheft sFr 19,- zzgl. Versandkosten
Jahresabonnement sFr 70,-
(inkl. Versandkosten)
Die Samaritaner. Die unbekannten Geschwister Israels Österreich:
Österreichisches Katholisches Bibelwerk,
Bräunerstraße 3/1. Stock, A-1010 Wien
Was würde Sie an diesem Thema besonders interessieren? Historisch, Tel. 0043/1/5123060, Fax: 0043/1/5123060-39
theologisch, archäologisch? auslieferung@bibelwerk.at
Einzelheft E 11,80
Jahresabonnement E 40,-; Studierende E 32,-
Teilen Sie uns bis Mitte Juni 2020 Ihre Ideen und Wünsche mit: (je zzgl. Versandkosten)
per E-Mail (wub@bibelwerk.de), Brief oder Fax. Wir freuen uns auf die
© akg-images / André Held

Eine Kündigung des Abonnements ist mit einer


vierwöchigen Kündigungsfrist zum Jahresende
Zusammenarbeit mit Ihnen. möglich.

Ihre Redaktion Helga Kaiser, Wolfgang Baur und Barbara Leicht

78 200430231948UF-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de


welt und umwelt der bibel 2/2020
■  Verständliche Beiträge
■  Nah am Leben
■  Eine Oase zum Schmökern

Die Themen 2020


■  1/20, Exodus
■  2/20, Die Bibel in der Liturgie
■  3/20, Engel
■  4/20, Zukunft

Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte und weitere Infos zur Zeitschrift unter www.bibelheute.de

■  Neues und Aktuelles aus


Forschung und Praxis
■  Beiträge international
anerkannter Bibelwissen-
schaftler/-innen
■  Ausführliche Informationen
Die Themen 2020 über weiterführende Literatur
■  1/20, Essen. Mahl anders zum Heftthema
■  2/20, Bibel in der Liturgie
■  3/20, Ijob/Leiden
■  4/20, Psalmen

Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte und weitere Infos zur Zeitschrift unter www.bibelundkirche.de

■  Anspruchsvoll illustriert
■  Informiert über Religionen,
Kulturen und Geschichte
der biblischen Welt
■  Reportagen, Ausgrabungen
und Ausstellungshinweise
Die Themen 2020
■  1/20, Rom
■  2/20, Die Könige von Israel
und Juda
■  3/20, Ämter in
der frühen Kirche
■  4/20, Leben nach dem Tod.
Von Osiris zu Jesus

„Bibel heute“ als Mitglied beziehen: 9 40,­­– • „Bibel und Kirche“ als Mitglied beziehen: 9 40,­­–
„Bibel heute“ und „Bibel und Kirche“ zusammen 9 60,–
(Schüler, Studenten, Rentner und Geringverdiener nur 9 25,– bzw. 9 35,–)

Katholisches Bibelwerk e.V., Postfach 150365, 70076 Stuttgart


www.bibelwerk.de Tel.: 0711 6192050, E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de
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Schätze aus 20 Jahren
Unsere Backlist

o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Echnaton und Nofretete, 4/01


o Schöpfung, 2/96 o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02
o Damaskus, 1/97 o Jesus der Galiläer, 2/02
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 o Himmel, 4/02

Einzelheft € 4,90
e [A] 5,50 / sFr 9,50
o Der Tempel von Jerusalem, 3/99 o Entlang der Seidenstraße, Sonderheft 2002
o Christus in der Kunst (1): o Die Kreuzzüge, 3/03
Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Der Nil, 1/04
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Flavius Josephus, 2/04
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Der Jakobsweg, 3/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Prophetie und Visionen, 4/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Babylon, 3/05
o Paulus, 2/01 o Juden und Christen, 4/05

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

Einzelheft € 9,80
o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12

e [A] 11,50 / sFr 19,–


o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o Nordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14

o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 o Juden, Christen, Muslime: Kunst des Zusammenlebens, 4/17
o Jesus der Heiler, 2/15 o 70 Jahre Qumran: Neue Forschungen, 1/18

Einzelheft € 11,30
o Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 o Nächstenliebe – ein christlicher Wert?, 2/18

e [A] 11,80 / sFr 19,–


o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 o Irland – Christentum zwischen Druiden u. Mönchen, 3/18
o Die Christen des Orients, 1/16 o Die abenteuerliche Geschichte der Bibel, 4/18
o Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 o Das Grab Jesu, 1/19
o Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16 o Exodus – Transit in ein neues Leben, 2/19
o Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16 o Traum – Fenster zum Göttlichen, 3/19
o Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17 o Maria. Jüdisch, christlich, muslimisch, 4/19
o Messias – Der Traum vom Retter, 2/17 o Rom, 1/20
o Götter und Tiere, 3/17 o Die Könige von Israel und Juda, 2/20

o Judäa und Jerusalem, 256 S., 2 12,80, 2 [A] 13,20, sFr 16,– o Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S., 2 16,80
Bücher

o 1001 Amulett, 224 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,– 2 [A] 17,30, sFr 21,–
o Musik in biblischer Zeit, 104 S., 2 11,90, 2 [A] 12,30, sFr 15,– o Engelwelten, 196 S., 2 35,–, 2 [A] 36,–, sFr 45,–
o Kleider in biblischer Zeit,112 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,–

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Bibel lesen – und verstehen
Unsere Kommentarreihe zum Neuen Testament

Die vier Evangelien & Dem eng am griechischen Urtext übersetzten


Evangelium ­stehen die Erläuterungen und
Kommentare jeweils auf einer Doppelseite
die Apostelgeschichte gegenüber. Diese Darstellungsform eignet
sich hervorragend für die Bibellektüre allein
oder in der Gruppe.
2,13-22 Erstes Pascha in Jerusalem (2,13-3,21)

13 Und nahe war das Pascha „der Juden“,


Tempelreinigung (Jesus als wahrer Tempel) (2,13-22)

Von Kafarnaum am See Gennesaret steigt Jesus dann nach Jerusalem hinauf.
Das älteste Jesusbuch
Das Markusevangelium
und hinaufstieg Jesus nach Jerusalem. Anlass ist das erste Paschafest, das im Text erwähnt wird. Es ist das Pascha „der
Juden“, womit ausgedrückt ist, dass das wahre Pascha nur im Glauben an Jesus,
14 Und er fand im Heiligtum der das echte Paschalamm ist, gefeiert werden kann. Denen, die Jesus nicht erken-
die Rinder- und Schafe- und Tauben-Verkäufer nen, gibt das Fest einen Grund, zum Tempel in Jerusalem zu pilgern. Jesus nutzt

Übersetzt von Hans Thüsing, kommentiert


und die Wechsler da sitzen, diese Gelegenheit, um das deutlich zu machen, was sich in 1,51 ankündigte.
15 und nachdem er eine Peitsche aus Stricken gemacht hatte, Eigentlich sichert der Tempelmarkt die materielle Basis für den Kult: Man muss die
trieb er alle – sowohl die Schafe als auch die Rinder – Tiere kaufen, die man für das Opfer spenden will, und muss sein Geld tauschen,

von Hans Thüsing/Anneliese Hecht


hinaus aus dem Heiligtum weil man die Tempelsteuer nur in tyrischer Währung zahlen kann. Dem histori-
und das Münzgeld von den Geldwechslern goss er aus, schen Jesus ging es also sicher nicht um eine „Reinigung“ des Tempels. Eher soll-
und die Tische warf er um, te diese kritische Aktion davor warnen, die Kulttheologie gegen die Königsherr-

978-3-940743-89-3, 152 S., s 13,80


16 und zu den Tauben-Verkäufern sprach er: schaft Gottes außerhalb des Tempels auszuspielen. Die Deutung dieser Aktion als
Hinweg dieses von hier, Tempel-Reinigung gehört in die Zeit nach 70 n. Chr., als der Tempel für die Ge-
macht nicht das Haus meines Vaters zu einem Handelshaus. meinden keine Erfahrungswirklichkeit mehr darstellte. Das JohEv geht aber über
die Reinigungsidee hinaus und reaktiviert die Tempelkritik der ursprünglichen
17 Seine Schüler erinnerten sich, dass geschrieben ist: Handlung Jesu. Hier hat Jesus nämlich deshalb Macht über das gebaute Haus
Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren. Gottes, weil sein Leib der eigentliche Wohnsitz Gottes ist. Der wahre Tempel

Eine wortgewaltige Jesusdarstellung


Gottes ist der Mensch Jesus! Denn das griechische Wort „soma“, das mit „Leib“
18 Nun antworteten „die Juden“ und sprachen zu ihm: übersetzt wird, meint nicht nur den Körper, sondern die ganze Person. Wie im
Welches Zeichen zeigst du uns, dass du das tun darfst? Tempel die Schechina (Gegenwart) Gottes wohnte, so wohnt der Logos in Jesus
19 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: (vgl. 1,14!). Und wenn dieser lebendige Tempel zerstört wird, dann wird er wieder

Das Johannesevangelium
Löst diesen Tempel auf, aufgerichtet. In einem wunderbaren Wortspiel verwendet der Text für „aufbauen“
und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten. und „auferwecken“ dreimal dasselbe Wort (egeirein, von mir durchgehend mit
20 Nun sprachen „die Juden“: „aufrichten“ übersetzt). Die Auferstehung Jesu ist also die Wiedererrichtung des
Sechsundvierzig Jahre wurde dieser Tempel gebaut, Tempels. Da der gebaute Tempel nicht wieder errichtet wurde, ist damit der Leib

Übersetzt und kommentiert von


und du wirst ihn in drei Tagen aufrichten? Jesu der einzige echte Tempel.
21 Jener aber redete über den Tempel seines Leibes. Die Vorstellung, dass auch ein Lebewesen Wohnsitz einer Gottheit sein kann, ist
schon im Alten Ägypten bekannt: Die Götter wohnen nicht einfach im Tempel,

Joachim Kügler
22 Als er nun aus Toten aufgerichtet wurde, sondern sie wohnen auch in Kultstatuen, Menschen und Tieren. Horus wohnt z.B.
erinnerten sich seine Schüler, dass er dies sagte, in einem Falken, Hathor in einer Wildkuh. Heilige Tiere wurden nicht als solche
und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus sprach. angebetet, sondern als sakramentale Vergegenwärtigung einer Gottheit. Der

978-3-940743-86-2, 208 S., s 19,80


göttliche König ist eine lebendige Kultstatue der Götter (z.B. Tut-anch-Amun =
„Lebendes Kultbild des Amun“). Wenn das JohEv diese uralte Tradition aufgreift,
so soll Jesus damit nicht einfach vergöttlicht werden. Das JohEv lehrt damit
zugleich, das Menschsein Jesu zu schätzen. Jesu Leib ist Ort der realen
Gegenwart Gottes in der Welt. Der Mensch Jesus ist das Zelt Gottes (1,14) in der
Welt, Gottes Leib-Sakrament.

32 33
Eine universale Jesusge­schichte
Das Matthäusevangelium
Übersetzt und kommentiert von
Uta Poplutz
978-3-940743-88-6, 280 S., s 24,80

Die lebendigste Jesuserzählung


Das Lukasevangelium
Kommentiert von Thomas P. Os­­borne,
Übersetzung von R. Pesch mit
U. Wilckens und R. Kratz
978-3-940743-87-9, 288 S., s 24,80

Jesu Taten gehen weiter


Die Apostelgeschichte
Übersetzt von Michael Hartmann,
kommentiert von Thomas P. Osborne
978-3-940743-85-5, 288 S., s 24,80

Weitere Bände zu den


Paulusbriefen sind in
Vorbereitung.

Katholisches Bibelwerk e.V.


Deckerstraße 39, 70372 Stuttgart (Bad Cannstatt), Tel.: 0711 6192050
E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de, www.bibelwerk.de
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