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Samstag und Sonntag, den 26./27. September 2015


Luxemburger Wort
Samstag und Sonntag, den 26./27. September 2015 I M FO KU S 15
„Journées du patrimoine“ 2015 unter dem Motto: „D'Faarwe vum gebauten Ierwen“ Ähnlich wie in anderen Regionen haben die
Menschen in Luxemburg in weniger globali- Kulturelles Erbe wertschätzen

Farben prägen Luxemburg


sierten Zeiten zur Konstruktion ihrer Häuser
auf Gesteine und Materialien zurückgegriffen, Die „Journées du patrimoine“ schärfen den Blick für die Geschichte
die sie im Boden vorfanden. So hat sich lang-
fristig ein regionaler Baustil entwickelt. Ein Artikel vom „Luxemburger Wort“ aus mas Bidart aus Liège errichtet und im 18.
Im Ösling prägten weiße Fassaden mit dem Jahre 1886 bildet die Grundlage einer Jahrhundert durch den Grafen Lambert Jo-
grau-schwarzem Schieferdach die Wanderung der besonderen Art, der dies- seph um eine wunderbare Gartenanlage
Landschaften. Da es in der Gegend kei- jährigen „Journées du patrimoine“: „Die erweitert. Auch das spätmittelalterliche
nen bunten Sand gab, wurden die Häu- Promenade, die ungefähr 5 Minuten von „Château d'Aspelt“ sowie das Renais-
ser mit Kalkfarbe angestrichen, die von Consdorf aus beginnt, und sich durch ein sance-Schloss in Beaufort und das Neo-Re-
Natur aus weiß ist. wahres Felsenlabyrinth hindurchschlän- naissance-Schloss in Meysembourg kön-
Eimer auf, Pinsel geschnappt und los! Natürlich ist für einen Bauherrn der Anstrich der Fassade eine wirkten sie letztlich auch untereinander als Weiß abgeglichen (siehe Abbildung 4). Sechs Von Redingen bis Vianden verläuft das gelt, sucht im In- und Ausland vergebens nen an einigen Tagen mit Führung be-
der wichtigsten Etappen seines Heims – ist doch die farbliche „Front“ das weithin sichtbare Mar- Dorf- oder Stadtensemble harmonisch. Bau- Chemiker arbeiteten zudem an der richti- „Land der roten Häuser“. In dieser Ge- ihres Gleichen“, schreibt der Autor, des- sichtigt werden.
kenzeichen eines Gebäudes. Gerade bei historischer Bausubstanz gilt es aber, die richtige Farbwahl kulturelle Identitäten entstanden, die ein Land gen Zusammensetzung des modernen gend gibt es Steingruben mit rötlichem sen Namen nur mit den Initialen M. E. ge- Zudem
Z präsentiert das „Ser-
zu treffen. Knalliges Blau, schreiendes Feuerwehrrot? Historisch korrekt für Luxemburg ist keins über Jahrhunderte geprägt haben. Endprodukts, das den heutigen stren- Sandstein, der die Fassaden der Häuser kennzeichnet ist. Wer also gerne auf den vice
v des sites et monu-
von beiden. Gemeinsam mit der Farbenindustrie kämpft der „Service des sites et monuments na- Genau darin lag auch die Herausforderung gen Standards bei der Farbherstel- prägt. Im östlichen Gutland hingegen Spuren der Romantiker des 19. Jahr- ments
m nationaux“, am
tionaux“ bei den diesjährigen „Journées du patrimoine“ um mehr Aufmerksamkeit für eine bei der Erstellung einer modernen Palette, die lung entsprechen musste. Als Binde- ist der gelb-beige Sandstein typisch. hunderts wandern will, kann sich heutigen
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„Luxemburger Farbpalette“ – nahe an den natürlichen Tönen des Großherzogtums. sich an den historischen Vorbildern orien- mittel der nun neu entstandenen Nicht nur die Bauerndörfer haben einen mit passendem Schuhwerk Uhr
U im Beauforter
tieren will, die aber gleichzeitig eine breite Mineralfarben dient Kaliwas- ocker-beige-farbenen Farbton, sondern auch am Sonntag, dem 4. Schloss,
S die Farbton-
Auswahl für die modernen Geschmäcker prä- serglas und nicht etwa Acryl. Es berühmte Bauwerke wie der „Pont Adolphe“ Oktober, um 9.30 palette
p für Fassaden,
VON DANIEL CONRAD den hatte man nicht die roten Sande wie zum sentieren und dazu noch in sich harmonisch galt, eine nachhaltige Farbe zu oder das Bahnhofsgebäude. Uhr auf die
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Beispiel um Redingen – daher benutzte man wirken soll. Nach 18 Monaten Arbeit kann die entwickeln – auch wenn die Im industriell geprägten Süden, dem Land der dem mit
m der Firma Ro-
Die Spürnasen des „Service des sites et einfach weiße Kalkfarben oder nur leicht ab- Behörde nun anlässlich der diesjährigen Pigmente des Endprodukts „roten Erde“, wurde ab der zweiten Hälfte Parking bin
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monuments nationaux“ hat die Entdeckerlust getönte Weißstufungen – im Kontrast zum „Journées du patrimoine“, die unter dem Mot- nicht mehr alle aus der des 19. Jahrhunderts der erzhaltige Minet- der Cons- hat.
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gepackt. Michèle Majerus, Christina Mayer Dach, das häufig mit dem grauen Schiefer aus to „D'Faarwe vum gebauten Ierwen“ stehen, Region kommen können: testein zum Bau vieler Arbeitersiedlungen dorfer Ein High-
und Catherine Medernach haben sich durch Martelingen gedeckt wurde“, betont Michèle zusammen mit dem Luxemburger Farben- „Viele regionale Brüche verwendet. Das Gestein wurde zu Mühle ein- light
li der
Steinbrüche (siehe Abbildung 1) und Sand- Majerus. produzenten „Peintures Robin“ eine Karte von oder Gruben könnten uns Ziegeln geformt und zu Dekor- finden und diesjährigen
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gruben (siehe Abbildung 2) des Landes ge- Die Farbmischung war einst eine hohe fast 100 Tönen präsentieren. „Wir haben alle gar nicht mehr die Pigmen- zwecken eingesetzt. den etwa fünf- „Journées
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wühlt, um sie zu finden: die Pigmente, die Lu- Kunst, die den Maler als besonderen Hand- Farbhersteller im Land angeschrieben, ob sie te anbieten. Sie müs- stündigen Wan- du
d patri-
xemburg und seine einstigen Fassaden so ein- werker auszeichnete. Denn in den Jahrhun- uns bei der Entwicklung unterstützen wollen, sen importiert wer- (GRAFIK UND FOTOS: SSMN) derweg über die moine“
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zigartig machen. „Wir brauchten ja die Ba- derten vor der chemischen Revolution und aber nur ein Hersteller hat letztlich seine La- den. Aber zum Bei- „Goldfralay“, die bietet
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sismaterialien, damit wir den Farbchemikern, dem Kunststoffzeitalter wurden den Kalkfar- bore zur Verfügung gestellt und die Investi- spiel achten wir auch „Schéissendëmpel“ die
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die wir um die Weiterverarbeitung baten, sa- ben, die noch komplett und mühevoll per tion stemmen können“, sagt Christina Mayer. darauf, dass sie nicht und die „Heringer rung
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gen konnten, was historisch verwendet wur- Hand angemischt wurden, einfach die Na- Der Gewinn für Robin: Aufmerksamkeit als aus Übersee einge- Millen“ in Angriff neh- „Mansfeldschlass“
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de und wie die Fassadenfarben wohl ausge- turpigmente zugegeben, die sich in der nä- Produzent aus und für Luxemburg. Ein „Pro- schifft werden, son- men. in
i Clausen. Das bedeuten-
sehen haben könnten“, betont Christina heren Umgebung fanden. Extreme Farb- duit du terroir“, für das ausländische Produ- dern die Wege we- Weniger sportlich, de
d historische Erbe von Gou-
Mayer, die sich mit ihren Kolleginnen in der grundlagen wie der blaue Lapislazuli, der ex- zenten gar kein Interesse gezeigt hätten – aber gen der Kohlen- aber nicht minder span- verneur
v Pierre-Ernest von Mansfeld
Denkmalschutzbehörde um die Bewahrung tra teuer importiert werden musste, war als das für die Luxemburger Kunden eine echte stoffbilanz kurz nend ist die Möglichkeit, die aus dem 16. Jahrhundert steht seit kurzem
des historischen Erbes bemüht. Pigment höchstens der Innengestaltung von Alternative sein könnte, so die Denkmal- bleiben“, betont sich am Tag zuvor auf dem wieder im medialen Blickfeld, da die Stadt
Ganz grob lässt sich das Großherzogtum Palästen und Kirchen vorbehalten. schützer. Zoller. Limpertsberg bietet. In Zeiten vvon Luxemburg und das Kulturministerium,
in vier verschiedene Farbbereiche einteilen, Leicht greifbare, mahlbare Steine und schil- Und der Kunde, der ein denkmalge- Überwachung und Spionageskandalen ist nach Jahren des Stillstands, nun gewillt
wie die nebenstehende Karte zeigt. „Im Nor- lernde Sande wurden zur Basis der Farben der Historische Vorbilder, zeitgemäße Farben schütztes Haus streichen will? Wie geht er es eher selten, dass die Vereinigten Staa- sind, die Überreste des Schlosses „das ein-
Wohnhäuser und Schon unter der Leitung von Georges Cal- vor? Zunächst kann er sich mit den Spezia- ten Außenstehenden Einblicke in ihr In- zigartig in Luxemburg“ ist, wie Bürger-
Fassaden, die nicht teux hatte die Denkmalschutzbehörde eine listen – ob der Handwerksbetriebe, mit den nerstes gewähren. Doch am Samstag, dem meisterin Lydie Polfer betont, zu restau-
nur den Häusern Farbtonkarte zusammen mit der lokalen In- auf Denkmalschutz spezialisierten Architek- 3. Oktober, zwischen 14 und 18 Uhr, öffnet rieren. In Zusammenarbeit mit dem „Cen-
Charakter gaben, dustrie entwickelt, damit die historische Bau- ten und der Denkmalbehörde – in Verbin- die US-Botschaft am Boulevard Emmanuel tre national de recherche archéologique“
sondern auch die substanz bei Restaurationen und Sanierungen dung setzen. Die Farbtonkarte hilft dann di- Servais im Rahmen der „Journées du pa- bietet das „SSMN“ am 3. und 4. Oktober
Farbigkeit ganzer wieder im richtigen Farbton erstrahlen konn- rekt bei den Beratungen. „Sie ist schon in ge- trimoine“ ihre Türen. Interessierte kön- Besichtigungen mit Führungen der Ge-
Ortschaften be- te – die geriet allerdings in Vergessenheit und wisse Grundfamilien aufgeteilt, so dass schon nen die Villa im neugotischen architekto- schichts- und Architekturexperten Jean-
stimmten. Töne, die bietet heutigen Ansprüchen kaum die richti- der Zugriff einfacher wird, was die typi- nischen Stil, die Anfang des 20. Jahrhun- Luc Mousset und Benoît Reuter in lu-
nur in der spezifi- ge Grundlage. schen Farbspektren der Regionen angeht“, derts erbaut wurde, erkunden und gleich- xemburgischer und französischer Sprache
schen Umgebung Der neuen übersichtlicheren Palette ging so Denkmalschutz-Mitarbeiterin Mayer. zeitig Einblicke in die Welt der Diploma- an. (ps)
1 2 verfügbar waren, viel Entwicklungsarbeit voran: „Sicher war das Selbst ein Austesten ist möglich. Kleine Li- tie bekommen.
wurden zum sichtba- eine Herausforderung, insbesondere bei der tergebinde können für einen Probean- Wie in den vergangenen Jahren bieten Das detaillierte Programm finden Sie auf der Webseite des
ren Markenzeichen. Technik und der chemischen Entwicklung“, strich erworben die „Journées du patrimoine“ auch erneut „SSMN“:
Dazu identifizierten sagt Gérard Zoller, Direktor der Robin-Fir- werden. Und der Gelegenheiten, einige Schlösser des Lan-
sich die Menschen mengruppe. „Wir haben erst einmal genau ge- Preis? „Er orien- des zu besichtigen. So öffnen die Eigentü- n www.ssmn.public.lu
quasi im gleichen schaut, welche Farben sich aus den von der tiert sich am ak- mer der japanischen Religionsgemein-
Atemzug mit ihrer Behörde gesammelten natürlichen Pigmenten tuellen Durch- schaft Sukyo Mahikari bereits an diesem
Umgebung – und ergaben – wir haben systematisch experi- schnittsliter- Wochenende die Pforten zu ihrem „Grand-
passten automatisch mentiert und ganz klassisch per Hand Streich- preis einer Fas- Château d'Ansembourg“, das sich
ihre künstlich ge- muster entwickelt.“ (siehe Abbildung 3) sadenfarbe von in der gleichnamigen Ortschaft im
schaffenen Lebens- Zusammen mit den Denkmalpflegerinnen etwa 8 bis 9 Eu- „Tal der Sieben Schlösser“ befin-
3 4 räume harmonisch an wurden immer wieder Hunderte Abstufun- ro“, so Entwick- det. Das Schloss im Stil der
die Natur an. Dabei gen zwischen Ocker, Beige, Rot, Grau und ler Zoller. Renaissance wurde in
der Mitte des 17.
Jahrhunderts vom

Kommunale Ästhetikverordnungen und farblich er Einheitsbrei


Industriellen Tho-

Nach der Aufnahme einer Farbverordnung in den Bebauungsplan wurde die Gemeinde Tandel zum beobachteten Vorreiter
VON DANIEL CONRAD damit eine der ersten konkreten Regelungen viel weiter. Neben der Farbe stehen auch die (NCS) ganze Farbreihen ausgewählt, an dem
in dieser Richtung überhaupt im Land. Das In- Größe des Baukörpers, die Form des Dachs, sich alle Hersteller orientieren können oder
Ein einfaches Gerät trägt mit seiner Anzeige nenministerium gab sein Placet, seither sind ja ganze Bauweisen in den kommunalen Bau- Farben gemischt werden können.“ Das Inte-
zur Entscheidung über Wohl und Wehe bei. Tandel und das Schutzprojekt zum Vorreiter richtlinien festgeschrieben. resse sei groß. Die beiden Gemeindeverant-
Wenn der Leiter des „Service technique“ der geworden. wortlichen räumen sie, dass andere Gemein-
Gemeinde Tandel, Georges Schmit, den spe- Konkret geht es darum, die regionale Iden- Ziehen andere Gemeinden nach? den und Urbanistenbüros sich bei der Neu-
ziellen Scanner an die neu gestrichene Fas- tität der Ortsbilder nicht zu zerstören. Feu- Erst mit der Reform der Luxemburger PAG erstellung ihrer PAGs an dem Modell in Tan-
sade hält, geht es nicht nur um das Schicksal erwehrrote Anstriche oder grellblaue Fassa- spielen die Fragen nach dem kommunalen Äs- del orientieren wollen – zumindest würden
eines Bauherren, sondern gleich auch um die den sind seit der Definition in der Gemeinde thetikschutz überhaupt auf der Agenda eine Details hinter den Kulissen ausgetauscht. „Ich
Identität einer ganzen Gemeinde. „Er ist ein- tabu – nicht immer zum individuellen Wohl- Rollen – ebenso wie der kommunale Denk- denke, vielen Bürgermeistern fehlt noch der
fach zu bedienen und zeigt sofort an, welche befinden von experimentierfreudigen Bau- malschutz. „Wir haben immer schon einen ge- politische Mut dazu, auch wenn sie zugeben,
Farbe vorliegt. Ohne Kontrolle wäre eine herren, die farblichen Einheitsbrei und die Be- wissen Wert bei den Farben der Gebäude ge- dass sie so eine Regelung dringend bräuch-
Farbregelung im kommunalen Bebauungs- schneidung ihrer Freiheiten auf ihrem Grund- legt“, sagt Ali Kaes. Die Regelung sei also fol- ten“, betont Kaes.
plan ja sinnlos“, betont der studierte Inge- stück ins Feld führen. Was diese aber miss- gerichtig und zudem auch mit genügend Und Tandel selbst? Drei Jahre nach der
nieur. Doch die Auswüchse in den Dörfern achten, so Gemeindetechnik-Chef Schmit, sei Spielraum versehen. Planänderung führt die Gemeinde einen Pro-
der Nordgemeinde waren einfach nicht mehr eben auch das Empfinden anderer Anwohner Sein Technik-Leiter ergänzt: „Es gibt schon zess mit einem Bürger um seine Farbwahl –
tragbar – zumindest nicht für Schmits Dienst- und Nachbarn, die in der Gemeinde leben – eine genügend große Breite in dem speziel- noch gibt es kein Ergebnis. Indes steht aber
herren, den Bürgermeister und Chamber-Ab- ganz abgesehen vom Gesamtbild, das die Ge- len, harmonischen Farbspektrum, das mit der auch schon wieder eine Novellierung des PAG
geordneten Ali Kaes. meinde eben auch zu beachten habe. Mithilfe von Urbanisten und der Denkmal- an. Die Farbregelung werde sich etwas ver-
In der 2 000-Seelen-Gemeinde setzte der Wohlgemerkt geht es hier nicht um klassi- schutzbehörde, die uns die Farbtraditionen in ändern, so Schmit. „Einige spezifische Töne
Vorsteher 2012 politisch erstmals einen sehr schen Denkmalschutz, sondern um baukul- der Region aufgezeigt haben, erarbeitet wur- werden herausfallen, dafür nehmen wir an-
konkreten Farbästhetikschutz im „Plan turelle Traditionslinien. Andere Regionen au- Bastendorf in der Gemeinde Tandel muss sich ebenso an die Farbvorgaben halten, um ein har- de. Für Tandel wurden aus dem international dere hinaus. Das wird allerdings wenig an der
d'aménagement général“ (PAG) durch – und ßerhalb Luxemburgs gehen damit noch sehr monisches Bild zu wahren. (FOTO: JIM WANDERSCHEID) weit verbreiteten National Color System grundsätzlichen Palette ändern.“ (QUELLE: PEINTURES ROBIN / FOTO: LEX KLEREN)