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Dokumentation 574

Neues Wohnen mit Stahl

Stahl-Informations-Zentrum
Stahl-Informations-Zentrum

Das Stahl-Informations-Zentrum ist eine Die Internet-Präsentation unter der


Gemeinschaftsorganisation der deutschen Stahl- Adresse www.stahl-info.de informiert u. a.
industrie. Markt- und anwendungsorientiert über aktuelle Themen und Veranstaltungen
werden firmenneutrale Informationen über und bietet einen Überblick über die Veröffent-
Verarbeitung und Einsatz des Werkstoffs Stahl lichungen des Stahl-Informations-Zentrums.
bereitgestellt. Zahlreiche neue Publikationen sind bereits als
Verschiedene Schriftenreihen bieten pdf-Files abrufbar. Schriftenbestellungen sowie
ein breites Spektrum praxisnaher Hinweise Kommunikation sind online möglich.
für Planer, Konstrukteure und Verarbeiter
von Stahl. Sie finden auch Anwendung in
Ausbildung und Lehre: Impressum
Merkblätter sind mit Fotos und technischen
Zeichnungen illustrierte Schriften, die einen kon- Dokumentation 574
zentrierten Überblick über die Anwendungs- „Neues Wohnen mit Stahl“
vielfalt sowie die Bandbreite der Be- und Verar- 1. Auflage 2002
beitungsverfahren von Stahl vermitteln. ISSN 0175-2006
Charakteristische Merkmale berichten
über Produkteigenschaften und technische Herausgeber
Lieferbedingungen von oberflächenveredeltem Stahl-Informations-Zentrum
Stahlblech und geben Hinweise auf Regelwerke. Postfach 10 48 42, 40039 Düsseldorf
Stahl und Form zeigt ästhetisch, gestalte-
risch und funktionell vorbildliche Beispiele von Redaktion
Stahlanwendungen in der Architektur. Es werden Dipl.-Ing. Martina Helzel, circa drei, München
Bauwerke mit Fotos, Zeichnungen und Skizzen
signifikanter Details ausführlich dargestellt. Fotos
Dokumentationen beschreiben die Titel: Architekt Franz Jechnerer, Berlin
Leistungsfähigkeit von Stahl aus technischer, S. 4 unten: Werkfoto Richter System GmbH &
ökologischer und ökonomischer Sicht in ver- Co. KG, Griesheim
schiedenen Anwendungsfeldern. S. 5 links: Marcel Weber, München
Vortragsveranstaltungen bieten ein S. 8 links, S. 11 links:
Forum für Erfahrungsberichte aus der Praxis. Die Schloss Neuschwanstein, amtlicher Führer,
Themen reichen von Konstruktion über Anwen- Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser,
dung und Verarbeitung bis hin zur Ökologie. Gärten und Seen, München, 1972
Messen und Ausstellungen dienen der S. 8 rechts, S. 12 (Zeichnungen):
Präsentation spezifischer Leistungsmerkmale Werner Sobek, Stuttgart
von Stahl. Neue Werkstoffentwicklungen sowie S. 9 oben, S. 10 links unten: Kienberger
innovative, zukunftsweisende Stahlanwendun- S. 11 rechts, S. 12, S. 13:
gen werden exemplarisch dargestellt. Roland Halbe / artur, Stuttgart
Bei Anfragen vermitteln wir auch als S. 14–17: Philippe Ruault, Nantes
individuellen Service Kontakte zu Instituten, S. 24–29: Fas Keuzenkamp, Pijnacker
Fachverbänden und Spezialisten aus Forschung S. 36 oben: Tomas Riehle / artur, Köln
und Industrie. S. 37 unten: Wolfhard Scheer, Schiffdorf
Die Pressearbeit richtet sich an Fach-,
Tages- und Wirtschaftsmedien und informiert
kontinuierlich über neue Werkstoffentwick- Die dieser Veröffentlichung zugrunde liegen-
lungen und -anwendungen. den Informationen wurden mit größter Sorgfalt
Marketing-Aktivitäten dienen der För- recherchiert und redaktionell bearbeitet. Eine
derung des Stahleinsatzes in verschiedenen Haftung ist jedoch ausgeschlossen.
Märkten, beispielsweise im Automobilbau
sowie im Wohnungs- und Wirtschaftsbau. Ein Nachdruck – auch auszugsweise – ist nur mit
Im Abstand von drei Jahren wird der Stahl- schriftlicher Genehmigung des Herausgebers
Innovationspreis verliehen. und bei deutlicher Quellenangabe gestattet.

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Stahl-Informations-Zentrum

Inhalt
Neues Wohnen mit Stahl 4
Dr.-Ing. Karl-Ulrich Köhler,
Vorsitzender Stahl-Informations-Zentrum

Ökonomisch bauen heißt Vorfertigung 6


Manfred Morgenstern,
Staatssekretär im Ministerium für
Städtebau und Wohnen, Kultur und
Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Stahl: Lösung für die Zukunft 7


Dipl.-Ing. Architekt Hartmut Miksch,
Präsident der Architektenkammer
Nordrhein-Westfalen

Stahl in der Architektur –


Tradition und Moderne 8
Dipl.-Ing. Architekt Wilfried Dechau,
Chefredakteur „db“, Stuttgart

Natürlich wohnen mit Stahl –


ökologische Planungsansätze
aus Frankreich 14
Jean Philippe Vassal, Architecte,
Anne Lacaton & Jean Philippe Vassal
Architectes, Bordeaux

Die Kultur des Bauprozesses –


rationeller Stahl-Wohnungsbau
in Schweden 18
Civ.ing. Helena Burstrand Knutsson,
The Swedish Institute of Steel Construction,
Stockholm

Die Moderne lebt – experimentelles


Bauen mit Stahl in den Niederlanden 24
Architect Ir. Jan Pesman,
Anlässlich der Baufachmesse DEUBAU 2002 Architectenbureau Cepezed B.V., Delft
veranstaltete das Stahl-Informations-Zentrum in
Zusammenarbeit mit der Architektenkammer Flexibilität aus Tradition –
Nordrhein-Westfalen am 17. Januar 2002 in verdichteter Wohnungsbau in Japan 30
Essen den internationalen Architektur-Kongress Dipl.-Ing. Hirohiko Sato,
„Neues Wohnen mit Stahl“. Schirmherr der The Japan Iron and Steel Federation, Tokio
Veranstaltung war Dr. Michael Vesper, Minister
für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport Architektur der Zukunft –
des Landes Nordrhein-Westfalen. nachhaltige Konzepte 34
In dieser Dokumentation stellen die Referenten Prof. Dipl.-Ing. Architekt Karl-Heinz Petzinka,
der Veranstaltung – Architekten und Ingenieure Petzinka Pink Architekten, Düsseldorf
aus Europa und Japan – ihre Konzepte für den
Wohnungsbau mit Stahl vor. Referenten und Veranstalter 38

3
Neues Wohnen mit Stahl

Neues Wohnen mit Stahl


Dr.-Ing. Karl-Ulrich Köhler, Vorsitzender Stahl-Informations-Zentrum

es richtet sich in die Zukunft, denn wir sehen


aufgrund einer Vielzahl von Entwicklungen
gute Möglichkeiten, mit Stahl neue Baulösun-
gen zu schaffen.
Der Werkstoff Stahl wird kontinuierlich
weiterentwickelt und bietet heute die Grund-
lage für zahlreiche innovative Produkte für den
Wohnungsbau. Höherfeste Stähle, nicht rosten-
de, oberflächenveredelte oder duplexbeschich-
tete Stähle – für jeden Einsatzzweck hält unsere
Industrie leistungsfähige Produkte bereit. Leichte,
kaltgeformte Profile aus Feinblech garantieren
im Wohnungsbau höchste Tragfähigkeit, Form-
treue und Langlebigkeit bei gleichzeitig geringen
Dr.-Ing. Karl-Ulrich Köhler Querschnittsabmessungen. Sichtbare Rahmen-
konstruktionen aus Walzträgern oder Hohlpro-
Wir alle wissen, dass konjunkturelle filen dokumentieren Technik pur, verbinden
Schwankungen immer Licht und Schatten be- Funktionalität und spezifische Ästhetik. Kom-
deuten. Doch in der Bauwirtschaft durchleben binationen von Stahl, Holz und Glas vermitteln
wir zurzeit eine Art Sonnenfinsternis, die hof- den Bewohnern wohltuende Transparenz,
fentlich bald zu Ende gehen wird. Aber auch in Leichtigkeit und Behaglichkeit. Die innovative
Zeiten schwacher Bautätigkeit spielt der Woh- Formensprache zahlreicher Architekten gibt
nungsbau eine wichtige Rolle. Und wenn ich dieser Philosophie Ausdruck. Stahl bietet Archi-
die Bedeutung des Wohnungsbaus hervorhebe, tektur für jeden Geschmack und erfüllt fast
Systembau mit dann möchte ich dies gleich zu Beginn richtig jeden Bauherrenwunsch.
Stahl einordnen: Unser Anliegen ist nicht kurzfristig, Auch die Stahlverarbeitung hat sich rasant
weiterentwickelt. Wir sehen das an einer Viel-
zahl optimierter Profiltypen. Industrielle Ferti-
gungsmethoden, elektronisch gesteuerte Be-
und Verarbeitungsstraßen setzen Maßstäbe für
witterungsunabhängige Serienfertigung. Neue
Fügetechniken schaffen schnelle, zuverlässige
und kostengünstige Verbindungen. Sie erlauben
kurze und deshalb kostengünstige Montagezeiten
bei jedem Wetter. Mit Recht werden heute nach-
haltige und ressourcenschonende Produkte von
der Bauwirtschaft gefordert. Stahl hat den grünen
Punkt, denn er ist ein natürlicher Werkstoff mit
Kreislaufstärke. Ein Eigenheim kann aus dem re-
cycleten Stahl von fünf bis acht Altautos gebaut
werden. Und bereits jetzt ist sicher, dass der
Stahl aus einem solchen Haus in 80 oder 100
Jahren wieder eingesetzt werden kann – dann
möglicherweise in Produkten, die wir heute
noch gar nicht kennen.
Die Anzahl der Baugenehmigungen für Eigen-
heime und Mehrfamilienhäuser in Westdeutsch-
land ist im Jahr 2001 um 20 Prozent gegenüber
dem Vorjahr gesunken. In den neuen Bundes-
ländern betrug der Rückgang 30 Prozent, bei
Mehrfamilienhäusern sogar 38 Prozent. Rund
400.000 Wohnungen, 75.000 mehr als im letzten

4
Einführung

In Japan und Schweden sind mit neuen,


überzeugenden Konzepten bereits beachtliche
Erfolge erzielt worden: Der Marktanteil von
Stahl im Wohnungsbau liegt in diesen Ländern
bei ca. 15 Prozent. Im begrenzten Lebensraum
japanischer Städte kommt der Nutzungsflexi-
bilität, der raschen und unkomplizierten Bau-
weise sowie der Wiederverwendbarkeit von
Stahl besonders große Bedeutung zu. Aber auch
unsere französischen, belgischen und nieder-
ländischen Nachbarn teilen offenbar nicht die
ausgeprägt „massive“ Denkweise deutscher
Bauherren. Wohnungsbau mit Stahl hat dort
schon Tradition.
Welche architektonischen, konstruktiven
und wirtschaftlichen Lösungen hält der inter-
nationale Wohnungsbau mit Stahl nun für uns
bereit? Was können wir von anderen Ländern
lernen? Oder gibt es auch in Deutschland schon
eine Stahl-Baukultur – und wir haben sie nur
noch nicht deutlich genug wahrgenommen?
Hier setzt der internationale Architektur-Kon-
gress „Neues Wohnen mit Stahl“ an: Ausgehend
von den wertvollen internationalen Erfahrungen,
wollen wir Architekten, Planer und Ingenieure
einbeziehen in die Weiterentwicklung von neu-
en und nachhaltigen Bauweisen mit Stahl. Wir Stahl-Rahmen-
wollen sie gewinnen für alternative, nämlich konstruktion
leichte, ökologische und ökonomische Baulö- im mehr-
sungen. Freuen wir uns also gemeinsam auf das geschossigen
„Neue Wohnen mit Stahl“. Wohnungsbau

Sichtbares
Stahl-Tragwerk
im Innen- und
Außenbereich

Jahr, müssten jedoch bis 2010 nach einer aktu-


ellen Studie des Bundesamtes für Bauwesen und
Raumordnung pro Jahr gebaut werden, um den
Bedarf an Wohnraum zu decken. Betrachtet man
die Altersstruktur der Bevölkerung, so befinden
wir uns im Moment in einer demographisch
nahezu idealen Situation, denn die geburtenstar-
ken Jahrgänge haben das typische Bauherren-
Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Neue Kon-
zepte und am Bedarf orientierte Systemlösungen
sind also gefragter denn je. Hier werden die
positiven Eigenschaften der unterschiedlichen
Stahl-Bauweisen zu entscheidenden Wettbe-
werbsvorteilen führen: Mit Stahl baut man
schnell, witterungsunabhängig, qualitativ hoch-
wertig, wertbeständig, flexibel, nachhaltig und
kostengünstig.

5
Neues Wohnen mit Stahl

Ökonomisch bauen heißt Vorfertigung


Manfred Morgenstern, Staatssekretär im Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des
Landes Nordrhein-Westfalen

ist auf Dauer nicht wirtschaftlich und nicht


nachhaltig.
So weit zur Theorie. In der Realität sind
diese Voraussetzungen, Qualität zu schaffen,
oft nicht vorhanden. Stattdessen finden wir
• auf Teilleistungen orientierte Unternehmen
und Beteiligte ohne Bezug zur Gesamt-
qualität,
• Planungen und Einzelgewerke ohne aus-
reichendes Schnittstellenmanagement,
• Diskussionen, wer welche Leistung über-
haupt ausführen darf und wer wofür die
Verantwortung trägt. Und das geschieht
häufig ohne Rücksicht auf die Interessen
des Kunden.
Diese Probleme sind auf der Baustelle kaum
Manfred Morgenstern in den Griff zu bekommen. Daher muss der Bau-
prozess wesentlich stärker auf elementiertes,
Vor vier Jahren hat die Zukunftsinitiative Bau vorgefertigtes Bauen ausgerichtet und durch
das Thema „Wohnungsbau mit Stahl“ aufgegrif- ein gut funktionierendes, kompetentes Bau-
fen. Das Fundament ist gelegt. Jetzt beginnt die team gesteuert werden. Dies würde auch hel-
Arbeit: Denn nun müssen wir unser Wissen um- fen, illegale Beschäftigung und Schwarzarbeit
setzen, besser bauen, Arbeitsplätze schaffen und zurückzudrängen, die der derzeitige Preiswett-
natürlich Geld verdienen. bewerb geradezu herausfordert. Erfolgreiches
Eine Forderung, die angesichts der gegen- Bauen der Zukunft ist mehr als der Umgang mit
wärtigen Baukrise zunächst absurd erscheint, nur einem Baustoff, egal ob es Beton, Holz oder
aber die es doch nicht ist. Momentan verschärft Stahl ist.
sich die besorgniserregende Baukonjunktur für Welche Rolle aber spielt dabei der Baustoff
die heimischen Betriebe durch internationale Stahl? Die, die ihm Architekten, Handwerker
Konkurrenz noch weiter. Das Lohnniveau ist zu und Industrie zuweisen. Gemeinsam gilt es,
einem ausschlaggebenden Wettbewerbsfaktor herauszufinden, welche Stärken Stahl als mo-
geworden. Doch Deutschland ist kein Land für derner Werkstoff hat und wie sich diese durch
einen Preiswettbewerb mit niedrigen Löhnen. serielle Vorfertigung wirksam einsetzen lassen.
Unsere Stärke ist die Qualität. Es gilt, Kunden zu zeigen, was Qualität in
Unsere Kunden wollen Problemlösungen, puncto Stahl bedeutet, und Investoren zu über-
die kompetent, verlässlich, schnell und – wenn zeugen, dass Stahl auch ein Synonym für Qua-
möglich – aus einer Hand zur Verfügung gestellt lität sein kann. Es gilt, Stahl-Bauteile zu offenen
werden. Künftig treten daher die Erstellungs- Systemen zu entwickeln, die flexible Grund-
kosten in den Hintergrund. Im Gegenzug erlan- risse und eine sinnvolle Kombination von Bau-
gen Reparatur-, Wartungs- und Bewirtschaftungs- stoffen zulassen und die Stärken des Stahls zum
kosten sowie Wertstabilität größere Bedeutung. Tragen bringen.
Diese Kosten aber werden maßgeblich von den Als Achillesfersen der Bauqualität bleiben
Produkteigenschaften und der Langlebigkeit der die Schnittstellen der Gewerke. Jeder, der eine
Immobilie bestimmt – also von der Qualität und Systemkomponente oder ein System anbietet,
der Qualitätssicherung des Objektes. muss daher das Schnittstellenmanagement ge-
Qualität heißt zunächst gestalterische Quali- währleisten. Wer mit Stahl baut, braucht Ver-
tät. Als solche trägt sie wesentlich zur Nachhaltig- ständnis und Verantwortung für das Ganze und
keit bei und schützt Gebäude vor unnötigem Um- daher auch eine entsprechende Qualifizierung
und Rückbau. Denn Gebäude „leben“ von ihren und Ausbildung.
ästhetischen und nutzbringenden Qualitäten. All diese Komponenten tragen zum wirt-
Neben der gestalterischen Qualität muss schaftlichen und kostengünstigen Bauen bei –
auch die Technik stimmen. Billige Massenware und zur Zukunft des Baustoffes Stahl.

6
Einführung

Stahl: Lösung für die Zukunft


Dipl.-Ing. Architekt Hartmut Miksch, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen

militärische Liegenschaften. Gleichzeitig sollte


die Politik ihre fiskalischen Instrumente über-
denken und etwa die Grundsteuer so reformie-
ren, dass es sich nicht mehr lohnt, baureife
Grundstücke zu horten.
Parallel dazu müssen Architekten und Stadt-
planer Alternativen zum frei stehenden Einfami-
lienhaus anbieten. Sie müssen Möglichkeiten
aufzeigen, um die Qualität bestehender Gebäude
und städtebaulicher Ensembles zu steigern. Sie
müssen unzeitgemäße Wohnungszuschnitte auf-
werten, technische Modernisierungsmaßnahmen
durchführen, Gebäude planmäßig instand halten
und an die Erfordernisse des barrierefreien Le-
bens anpassen und außerdem den Bestand ener-
getisch verbessern. In all diesen Punkten liegen
Hartmut Miksch zukunftsträchtige Aufgaben der Baubranche.
Um vielfältige Nutzerbedürfnisse erfüllen
Im Jahr 2001 verzeichnete die Baubranche zu können, muss sich die Branche zudem mit
um ca. sechs Prozent niedrigere Umsätze und neuen und alternativen Wohnformen ausein-
deutlich weniger Beschäftigte als im Jahr 2000. ander setzen. Denn künftig wird es vermehrt
Zwei Drittel der Einbußen entfallen auf den Wohn- und Arbeitsformen geben, die miteinan-
Wohnungsbau. Noch erreicht dieser nach An- der verschmelzen. Beispiele dafür sind Arbeits-
gaben des Zentralverbandes des deutschen bereiche im Wohnumfeld, wie sie heute viel-
Baugewerbes gut 54 Prozent des gesamten Bau- fach schon Freiberufler nutzen. Aber auch Mehr-
volumens. Aber die Aussichten sind düster, generations-Wohnformen, betreutes Wohnen
gingen doch schon zwischen den Jahren 1998 sowie alten- und behindertengerechtes Wohnen
und 2000 in der Rhein-Ruhr-Region die Bauge- werden mehr Bedeutung erlangen.
nehmigungen im Geschosswohnungsbau um Nicht nur die Zielrichtungen des Bauens er-
30 Prozent zurück. Ein Nachfrageumschwung fordern ein Umdenken, sondern auch der tech-
ist nicht in Sicht. nisch und ökonomisch intelligente Einsatz ver-
Dies ist umso tragischer, als sich vier Millio- schiedener Werkstoffe. Das betrifft insbesondere
nen Haushalte hierzulande für den Erwerb von den Baustoff Stahl. Noch ist er im Wohnungs-
Wohneigentum interessieren würden, wenn die bau wenig vertreten. Andererseits besitzt er das
Erwerbskosten für ein Einfamilienhaus statt bei Image eines Materials, mit dem sich ökono-
den üblichen 225.000 Euro nur bei 175.000 Euro mische und moderne Konstruktionen realisieren
lägen. Das ergab eine in der FAZ veröffentlichte lassen. Er bietet sich daher für die Umsetzung
Umfrage der Bausparkassen. nachhaltiger Konzepte für den Wohnungsbau
Was also tun? Zwar versprechen entspre- geradezu an. So ermöglicht er Tragwerke mit
chende Bauweisen sowie der Einsatz einfacher hohem Vorfertigungsgrad und kurzen Montage-
Materialien Einsparungen von 50.000 Euro. zeiten. Und er erlaubt es, präzise und filigran zu
Allerdings bringt es wenig, bei den Baukosten bauen. Aufgrund seiner hohen Tragfähigkeit bei
über Einsparungspotenziale von 15.000 Euro geringem Gewicht bewährt sich das Material
oder 25.000 Euro zu diskutieren, wenn sich die Stahl außerdem bei Aufstockungen und Erweite-
Preise für Bauland innerhalb weniger Jahre um rungen im Bestand. Auch verleiht es Wohnhäu-
den gleichen Betrag erhöhen. sern moderne Ästhetik und ermöglicht großzügi-
Um die Bodenpreise nicht weiter steigen ge, lichtdurchflutete Innenräume. Daher kann
zu lassen und Angebote in den Städten zu schaf- Stahl im Wohnungsbau eine größere Rolle spie-
fen, sind daher die Kommunen gefragt. Sie kön- len: und zwar dann, wenn man sich bei diesem
nten z. B. mehr Bauland stadtnah ausweisen: ökonomischen Werkstoff auf seine materialspezi-
Mögliche Flächen sind Industriebrachen, aufge- fischen Möglichkeiten besinnt. Nicht, wenn man
gebene Bahnflächen und nicht mehr benötigte versucht, mit Stahl den Massivbau zu imitieren.

7
Neues Wohnen mit Stahl

Stahl in der Architektur – Tradition und Moderne


Dipl.-Ing. Architekt Wilfried Dechau, Stuttgart

Was hat Schloss Neuschwanstein mit dem Vorplatz, Dienstzimmer, Vorzimmer,


Haus Sobek gemeinsam? Auf den ersten Blick Arbeitszimmer, Speisezimmer, Schlafzimmer,
nichts. Zwischen den beiden Gebäuden liegen Ankleidezimmer, Wohnzimmer, Wintergarten –
Welten: Das eine entstand zwischen 1869 und und Grotte: Von dieser einmal abgesehen, ist
1892, die Planung des anderen begann gut 100 Schloss Neuschwanstein eine ganz normale
Jahre später, nämlich 1997. Fertig gestellt wur- Wohnung, vielleicht ein bisschen opulent. Da-
de es im Juni 2000. Dem älteren sieht man die bei lässt sich die Grotte einer der zahlreichen
technischen Raffinessen nicht an. Verbirgt doch Marotten des Bauherrn zuschreiben oder aber
eine historisierende Schale alle bahnbrechenden dem damaligen Zeitgeschmack. Damit entspricht
Neuerungen hinsichtlich Bauablauf, Bautechnik sie dem, was in den 70er Jahren des 20. Jahr-
und Haustechnik. Das jüngere hingegen ver- hunderts die Fototapete darstellte oder heute –
steckt hinter Stahl und Glas einen romantischen um beim Stuttgarter Haus zu bleiben – die frei
Kern: den Wunsch, einem Adler gleich einen stehende Badewanne im zweiten Geschoss. In
Horst bauen zu wollen, der einen ungetrübten diesem Fall sogar mit Panoramablick. Neben
Rundblick ins Land gewährt. der verschiebbaren Wanne steht die Nasszelle,
Genau das hat Neuschwanstein mit Haus der – außer der Treppe – einzige feste Einbau.
Sobek gemeinsam: die exponierte Lage. Beide Und im vierten Quadranten steht das Ehebett.
Gebäude sitzen an topographisch herausragen- Von dort hat man – wie von der Badewanne –
der Stelle. Auch fußen beide auf den Resten eine gigantische Aussicht. Viele feste Einbauten
älterer Bauten; das eine auf den geschleiften gibt es nicht in der zweiten Etage von Haus
Ruinen einer alten Burganlage, das andere auf Sobek. Auch nicht auf den restlichen Ebenen
den Fundamenten eines nicht mehr bewohn- des vierstöckigen Gebäudes.
baren und deshalb bis auf die Grundmauern ab- Neuschwanstein weist die gleiche Anzahl
getragenen Hauses am Hang. Nicht nur das alte, an Geschossen auf wie das schwäbische Ver-
auch das junge Ensemble bezieht seine beson- gleichsobjekt. Und obwohl es sich bei dem
dere Wirkung aus dem Changieren von kühl- Schloss um ein herrschaftliches Anwesen han-
pragmatischer Ingenieurbaukunst und Roman- delt, zeigt ein Größenvergleich mit dem Stutt-
tik. Und nicht zuletzt waren beide Objekte zum garter Bau: Rein flächenmäßig ist der Unter-
Zeitpunkt der Planung dem jeweiligen Stand schied nicht umwerfend. Ohne Thronsaal bietet
der Technik um Längen voraus. Zwei weitere das Schloss – bei rund 18,50 m x 31 m – über-
Gemeinsamkeiten: Beide Gebäude dienen be- schlägig eine Wohnfläche von knapp 600 m2. Im
ziehungsweise dienten dem Wohnen. Und bei gut 100 Jahre jüngeren Eigenheim summieren
beiden spielt das Material Stahl eine tragende sich die vier jeweils 8,50 m x 9,50 m großen
Rolle. Wohnebenen zu einer Fläche von rund 300 m2.
Links:
Schloss Neu-
schwanstein,
drittes Ober-
geschoss

Rechts:
Grundrisse
Haus Sobek

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Stahl in der Architektur – Tradition und Moderne

schmalen Grat unterzubringen – und um eine Links:


sichere Arbeitsebene auf dem Fels schaffen zu Neuschwan-
können –, ließ Baurat Riedel die Reste der mit- stein – Märchen-
telalterlichen Ruinen schleifen. Er legte den schloss und
wegen der örtlichen Gegebenheiten leicht ab- Meilenstein des
geknickten Grundriss fest und entwickelte die technischen
Logistik für eine der kompliziertesten Baustellen Fortschritts
des Jahrhunderts.
Nach der Grundsteinlegung 1869 wurde zu-
erst der quer liegende Torbau am Ende der auf
mächtigen Stützmauern sich hochschraubenden
Straße errichtet. Dort wohnte der Bauherr, wenn
er den Fortgang der Bauarbeiten beobachten
wollte. Erst danach begann der Bau des Palas.
Dafür wurde eine gewaltige Balkenkonstruktion
in den Fels getrieben, die über die Felskante
hinausragte. Von dieser aus hievte einer der er-
sten großen Dampfkräne Deutschlands hoch,
was unten von Fuhrwerken angeliefert wurde.
Schienenfahrzeuge transportierten die Baumate-
rialien in das Schloss hinein.
Bauleiter Eduard Riedel und seine Nachfol-
ger konnten die vom König gesetzten, knappen
Termine und die von ihm formulierten Wünsche
nur einhalten und erfüllen, weil sie sich der
modernsten bautechnischen Mittel bedienten.
Nur mit ihrer Hilfe und mit viel Erfindungsgeist
ließ sich im 19. Jahrhundert der Eindruck von
Mittelalter zaubern.
Stahlträger und Nieten: Wer in der in jün-
gerer Zeit eingerichteten Cafeteria im ursprüng-
Neuschwanstein diente nur wenige Jahre lich nicht ausgebauten zweiten Geschoss von
als Domizil Ludwigs II. Nach seinem Tode fand Neuschwanstein einen Blick zur Decke wirft,
es eine neue Zweckbestimmung und stillt seit- ist irritiert. Statt schwerer Deckengewölbe er-
dem täglich romantische, rückwärts gerichtete blickt man die Untersicht einer mächtigen, ge-
Sehnsüchte von bis zu 10.000 Besuchern. Den nieteten Brückenkonstruktion: Klar und unver-
meisten der jährlich eineinhalb Millionen Touris- hüllt treten die Konstruktionsglieder eines ge-
ten gilt das Märchenschloss als Inbegriff des waltigen Stahl-Tragwerks zu Tage, die nicht zum
Mittelalters. Dabei stellt es nichts anderes dar Duktus des sonstigen Interieurs passen wollen.
als das, was man sich im 19. Jahrhundert unter
Die Decke der
dem Mittelalter vorstellte. Hinter dem histori-
Cafeteria gibt
sierenden Schleier verbirgt sich jedoch etwas
den Blick frei auf
anderes: ein Meilenstein des technischen Fort-
ein System von
schritts, ein bedeutendes Monument der Inge-
Stahlträgern und
nieurbaukunst, ein Hort vielfältiger technischer
Zugbändern, das
Erfindungen und revolutionärer, industrieller
die Lasten aus
Baumethoden.
dem darüber
Die ersten Entwürfe für das Schloss stam-
liegenden Thron-
men von Christian Jank. Ludwigs hochfliegen-
saal abfängt
de, von dem Bühnenmaler in Szene gesetzte
Pläne wurden im Anschluss von Baurat Eduard
Riedel realisiert. Dieser Architekt hatte bei der
Umgestaltung des Schlosses Berg bereits für
Ludwigs Vater gearbeitet. Unter seiner Leitung
begannen 1868 die Planierungsarbeiten und der
Bau einer Straße.
Um das gewaltige Raumprogramm auf dem

9
Neues Wohnen mit Stahl

Ursprünglich hatte Ludwig in diesem Trakt


Gästezimmer unterbringen wollen, doch seine
immer weiter fortschreitende Selbstisolierung
hatte den Ausbau der Räume obsolet gemacht.
Daher blieb das zweite Geschoss lange Zeit un-
ausgebaut, im Rohbauzustand – und damit in
einem Zustand, der heute einen Blick hinter die
Kulissen gestattet.
16 Stahl-Fach-
werk-Halbbogen
verteilen das
Gewicht des
riesigen Kron-
leuchters

Blick in die Kuppel


des Thronsaales

So mussten sie sich auch etwas einfallen


lassen, um den schweren, nach Entwürfen von
Julius Hofmann gefertigten Kronleuchter mittig
in der Zentralkuppel aufzuhängen. Denn das
beträchtliche Gewicht des vergoldeten Messing-
leuchters ließ sich nicht direkt in die gemauerte
Laut Planung sollten eigentlich zwei Kup- Kuppel ableiten. Stattdessen mussten die Planer
peln den Thronsaal schmücken. Die Außen- die Last mittelbar durch eine von unten nicht
wände und die Wand in der Mittelachse hätten sichtbare Konstruktion ins seitliche Mauerwerk
die vertikalen Kräfte dieser Kuppeln ableiten abführen. Zu diesem Zweck ließen sie eine aus
können. Doch als baulich längst Fakten ge- 16 Stahl-Fachwerk-Halbbogen gebildete Hilfs-
schaffen waren, entschied sich Ludwig um: Er konstruktion errichten. Diese dient nicht nur
versteifte sich darauf, nur eine Kuppel in der zur Aufhängung des schweren Kronleuchters,
Mittelachse sowie begleitende Arkadengänge sondern – zumindest dem Augenschein nach –
haben zu wollen. Wohin mit den Lasten aus auch zur Stabilisierung der gemauerten Kuppel.
der den ganzen Raum überspannenden Kuppel Auch in anderen Punkten wartete Neu-
und der anschließenden Apsis? Da half nur ein schwanstein mit technischen Finessen auf: So
System von Abfangträgern und Zugbändern konnte die Baustelle in luftiger Höhe per Tele-
unter dem Thronsaal. Aus heutiger Sicht eine fon mit der „Bodenstation“ unten im Dorf Kon-
völlig überdimensioniert wirkende, an Brücken takt aufnehmen. Das war für damalige Verhält-
erinnernde Konstruktion. Damals ein mutiges nisse absolut innovativ.
Novum. Schließlich hatten die Architekten zu Ungewöhnlich ist auch die mit Trocken-
Zeiten des Bayernkönigs noch wenig Routine batterien betriebene elektrische Rufanlage im
im Umgang mit Stahl. Adjutantenzimmer des Schlosses. Weil der König

10
Stahl in der Architektur – Tradition und Moderne

die traditionellen Klingelzüge mit mechanischen Das Turmhaus aus Glas und Stahl wurde an
Klingeln nicht leiden konnte, erfand man für einem sehr steilen, innerstädtischen Hang ge-
ihn eine Art Lichthupe: Die Diener konnten an baut, es ist privilegiert durch eine grandiose Aus-
einem aufleuchtenden Licht ablesen, von wo sichtslage, benachteiligt durch strenge Natur-
Ludwig nach ihnen gerufen hatte. Obwohl über- schutzauflagen und schwere Zugänglichkeit.
all in den Räumen Kachelöfen eingebaut waren, Werner Sobek, der eines der renommiertes-
wurde damit nicht geheizt. Das übernahm eine ten Ingenieurbüros Europas leitet, hat sich und
zentrale Warmluftheizung, die im ersten Ge- seiner Familie in Stuttgart dieses Wohnhaus ge-
schoss neben der Küche installiert war. Die dort baut. Und wie bei anderen seiner Bauten hat er
erzeugte Warmluft wurde befeuchtet, über ein auch dieses Mal funktionales und technisches
System von Röhren im Schloss verteilt und Neuland betreten: Vollständig recyclebar und
durch versteckte Einlässe in alle Zimmer und energieautark sollte das Haus sein, haustechnisch
Flure geleitet. Die königliche Toilette hatte – den Alltag erleichtern, und dem auf vielen Reisen
zu damaligen Zeiten nicht selbstverständlich – gereiften Traum der Familie vom Wohnen sollte
eine Wasserspülung. In Ludwigs Schlafzimmer es auch entsprechen.
spendete ein aufgeplusterter Silberschwan auf Ein Haus recyclebar zu bauen heißt, bis
dem Waschtisch durch den Schnabel warmes in scheinbar unbedeutende Details Baustoffe
oder kaltes Wasser. Das kostbare Nass floss in „separabel“ zu verwenden, keine Verbundwerk-
ein Silberbecken, das zur Entleerung gekippt stoffe und keine irreversiblen Klebeverbindun-
wurde. Ein revolutionäres System. gen zu akzeptieren. Sobeks entschieden sich
Es mag für damalige Zeiten wohl genauso für ein verschraubtes Stahlskelett mit einer Hülle
unüblich gewesen sein, wie das im Stuttgarter aus Dreifach-Verglasung. Innenwände gibt es
Haus installierte System im Vergleich zu den nicht, von einer kleinen Sanitärzelle einmal ab-
heute gebräuchlichen Waschbecken wirkt: Bei gesehen.
Familie Sobek fließt das Wasser – ohne zu sprit- Vier je 2,80 m hohe Geschosse stehen über
zen – auf eine bündig in den Waschtisch einge- einem Raster von 3,85 m x 2,90 m. In den Fassa-
lassene Glasplatte, umspült diese und strömt ent- den ist das Skelett an drei Seiten und in den
lang der Ränder durch eine umlaufende schmale Decken mit Zugbändern ausgekreuzt. Die Hülle
Fuge zum Abfluss. In Gang gesetzt wird der besteht aus geschosshohen Glasscheiben; diese
Wasserstrom berührungslos durch einen Wink. hängen einzeln an 8 mm dicken Edelstahlstäben,
Temperatur und Wassermenge lassen sich die in den vertikalen Fugen zwischen den Links unten:
ebenfalls berührungslos über Sensoren steuern. Scheiben montiert sind. Waschtisch im
Nicht nur das Badezimmer des im Jahr 2000 Klimafolie und Edelgase zwischen den Schlafzimmer
fertig gestellten Bauwerkes ist etwas Besonderes. Scheiben der Isolierverglasung gehören mit der Ludwigs II.
Das ganze Haus besticht durch kompromisslose Haustechnik zum A und O von Haus Sobek und
Stringenz im Entwurf und technische Experi- machen die wohltemperierte Bewohnbarkeit Rechts unten:
mente, die ökologisch motiviert sind. weit über die legendären Glashüllenhäuser Waschbecken im
Haus Sobek

11
Neues Wohnen mit Stahl

Die in die Glas-


hülle integrier-
ten, geschoss-
hohen Fenster-
und Türelemente
lassen sich
durch sprachge-
steuerte Elektro-
motoren öffnen
und schließen

hinaus – Farnsworth von Mies van der Rohe Im Haus Sobek hat nichts Selbstzweck,
(1946–1950) oder von Philipp Johnson (New weder Stahl noch Glas noch sonst irgendein
Canaan, Connecticut 1949) – attraktiv. Die Material. Alles dient nur dazu, Ideen in die Tat
Fugen hat der Bauherr reversibel mit Dichtbän- umzusetzen. Denn das Haus Sobek ist ohne mis-
dern und Silikon verschließen lassen. Das Dach sionarischen Anspruch als persönliches Manifest
ließ er mit 48 Solarmodulen bestücken, die bei gebaut worden. Es zeigt, dass man anders als
intensiver Besonnung 6,72 kW leisten. Als üblich leben kann, wenn man es nur will. Dass
Türen und Fenster dienen Glaselemente, die stadträumliche Themen überall unterschiedlich
sich mit Hilfe von sprachgesteuerten Elektro- bewertet werden können und Spielräume für
motoren öffnen und schließen. jede Gegenwart lassen. Und dass Technik kein
Ein Technikrohr, das vom Erdgeschoss des Teufelswerk ist, dass es also auf die Phantasie,
Hauses nach oben in den Hang ans öffentliche auf die Erfindungsgabe, auf die Ideen ankommt.
Netz führt, bündelt Wasser-, Antennen-, Strom-
und Datenleitungen. Versorgungsleitungen aller
Ebenen sind offen von unten nach oben verlegt
und verteilen sich in einem Kanal entlang der
Außenfassaden in den Geschossdecken. Die
Kanalabdeckung lässt sich problemlos öffnen,
die Leitungen lassen sich an beliebigen Stellen
anzapfen. Türgriffe und Lichtschalter gibt es
nicht mehr, weil die Funktionen über Sprach-
kontrollsysteme gesteuert werden. Gekühlt und
geheizt wird mit wasserdurchströmten Decken-
paneelen, wobei das Wasserkreislaufsystem
energetisch dank eines gut gedämmten Spei-
chers in der Gebäudemitte optimale Dienste
leistet. Die gesamte Energietechnik wird elek-
tronisch gesteuert – damit sich die Bewohner Isometrie des
wohl fühlen. Stahl-Tragwerks

12
Stahl in der Architektur – Tradition und Moderne

Schloss Neuschwanstein contra Haus Sobek?


Zwischen beiden, rein äußerlich betrachtet, sehr
unterschiedlichen Bauwerken Vergleiche anzu-
stellen ist müßig. Zu weit liegen beide ausein-
ander – und zu unterschiedlich waren im Ein-
zelnen die Motive der Bauherren und der Archi-
tekten. Der Spagat zwischen den romantischen,
fixen Ideen Ludwigs, die sich im optischen
Effekt, an der durchaus bedeutungsvollen Ober-
fläche erschöpften, und dem sehr präzisen Kon-
zept Werner Sobeks lässt allerdings deutlich
werden, was sich – bei der Verwendung von
Stahl im Wohnungsbau – in der Zeitspanne von
gut einem Jahrhundert alles getan hat.
Ludwigs Baumeister mussten noch wahre
Bocksprünge vollführen, um die fixen Ideen
ihres Bauherrn überhaupt realisieren zu können.
Sie benutzten Stahl – dort, wo es schlicht nicht
anders ging – als Notnagel. Doch keineswegs
mit dem ingenieurtechnischen Drang, das Bauen
mit Stahl per se voranzutreiben. Wäre das
Geschoss unter dem Thronsaal noch zu ihren
Lebzeiten ausgebaut worden, hätten sie vermut-
lich alles daran gesetzt, der unvermeidlichen
Stahl-Unterkonstruktion ein schön anzuschau-
endes Erscheinungsbild zu verleihen. Werner

Knotenpunkt der
Sobek hingegen hat auf der Grundlage absolu- filigranen Stahl-
ter Routine mit Stahl gespielt, Stahl ganz be- konstruktion
wusst in seinen Entwurf mit einbezogen. Stahl
darf als Material angesehen und angefasst wer- Links:
den. Nichts wird versteckt oder eingepackt. Zugbänder zur
Sobek hat mit seinem Wohnhaus konsequent Stabilisierung
und „sophisticated“ eine ausgesprochen intel- der Stahl-Kon-
lektuelle Form von Wohnlichkeit formuliert, struktion
die – weil sie nicht jedermanns Sache ist –
schon heftige Debatten ausgelöst hat. Aber
warum sollte sie auch jedermanns Sache sein?
Das ist die Neuschwanstein-Idylle auch nicht.

13
Neues Wohnen mit Stahl

Natürlich wohnen mit Stahl –


ökologische Planungsansätze aus Frankreich
Jean Philippe Vassal, Architecte, Bordeaux

In Frankreich hat der Stahlbau eine lange Dass das beste Ergebnis nicht das teuerste
Tradition. Schon mehrere Generationen von sein muss, beweist das Haus Latapie in Floirac.
Architekten sind mit diesem Material aufgewach- Das Einfamilienhaus entstand im Auftrag eines
sen und integrierten es in ihre Entwürfe. Auch Ehepaares mit zwei Kindern und entsprechend
in unseren Arbeiten spielt der Werkstoff Stahl kleinem Budget. Inmitten eines zusammenhang-
eine wichtige Rolle. losen Wohnviertels in einer Vorstadtgegend
Beeinflusst wurde ich besonders durch von Bordeaux fügt sich der einfache, auf einem
meinen fünfjährigen Arbeitsaufenthalt in Afrika. rechteckigen Grundriss basierende Baukörper
Die selbstverständliche Verwendung einfacher nahtlos in das Straßenbild ein.
Materialien wie Stoffe, Zweige, Gras und Stroh, Das Tragwerk aus Stahl ist an der straßen-
aber auch profilierter Stahlbleche als Baustoffe seitigen Fassade mit lichtundurchlässigen Faser-
faszinierten mich ebenso wie deren effizienter zementplatten verkleidet. Transparente PVC-
Einsatz. Ein weiteres Erlebnis war die Ent-
deckung eines Hauses von Jean Prouvé in einer
der heißesten Gegenden Afrikas. Für die Welt-
ausstellung 1950 in Paris gebaut und danach in
Teilen nach Afrika gebracht, ist es das einzige
moderne Gebäude ohne Klimaanlage. Es besteht
aus einer Stahl-Rahmenkonstruktion mit einem
Leichtmetalldach, das die Sonne reflektiert, und
Fassadenelementen, die nicht nur verschatten,
sondern auch die Luft zirkulieren lassen.
Diese Erfahrungen kommen deutlich in un-
Von geschlossen seren Arbeiten zum Ausdruck. Reduzierte Stahl-
bis offen – die elemente in Verbindung mit recyclebaren Bau-
Fassade passt stoffen, eine behutsame Integration der Gebäu-
sich dem Wetter de in ihre Umgebung und die Schaffung des
und den Jahres- größtmöglichen Lebensraums für die Bewohner
zeiten an bestimmen unsere Bauten.

Platten bedecken die andere Hälfte des Gebäu-


des, den zum Garten hin orientierten Winter-
garten. Ein „hölzerner“ Baukörper zwängt sich
in den Stahlrahmen hinter die Verkleidung. Er
bildet ein auch im Winter gut isoliertes und
geheiztes Raumvolumen, das sich sowohl zum
Wintergarten als auch zur Straßenfront hin
öffnet.
Entsprechend den Lebensbedürfnissen der
Bewohner sind die Räume um einen zentralen
Bereich mit Küche, Bad und WC angeordnet:
Der offene Wohnbereich und die im Haus unter-

14
Natürlich wohnen mit Stahl – ökologische Planungsansätze aus Frankreich

gebrachte Garage nehmen das Erdgeschoss ein,


die Schlafräume befinden sich im ersten Stock.
Der Wintergarten ist nach Osten ausgerich-
tet und fängt schon die Morgensonne ein. Als
erweiterter Wohnbereich des Hauses ist er mit
großen Lüftungsöffnungen, unter dem Dach an-
geordneten Verschattungselementen und sogar
einem Heizsystem ausgestattet. Dieses reicht
aus, um Minimaltemperaturen zu halten, und
gewährleistet damit die Bewohnbarkeit des
Wintergartens in der kalten Jahreszeit.
Die Ost- und Westfassade des Wohngebäu-
des sind beweglich: Dank der zu öffnenden Übergang Wohn-
Falttüren lässt sich das Haus je nach Bedarf und haus, Wintergar-
dem Wunsch nach Licht, Offenheit, Intimität, ten und Garten
Schutz oder Lüftung leicht verändern. Es kann
sowohl komplett geschlossen als auch ganz ge-
öffnet werden. Auch der Wohnbereich kann –
je nach Saison – variieren: Mal ist er ganz klein,
wenn er auf Wohnzimmer und Schlafzimmer
reduziert wird, mal ist er ganz groß, wenn er im
Hochsommer auch den ganzen Garten umfasst.
Das Haus Latapie lässt sich problemlos an
veränderte Lebensbedingungen anpassen und
ermöglicht den Bewohnern, sein Inneres viel-
seitig umzugestalten. Dabei war das Einfamilien-
haus mit Baukosten von 65.500 Euro bei einer
Fläche von 185 m2 extrem kostengünstig und
ist wurde zudem in sehr kurzer Zeit erbaut.

Ein Beispiel für Architektur, die sich der


umgebenden Landschaft in höchstem Maße
anpasst, statt sie zu zerstören, ist ein Haus, das
1999 in Grand Piquey bei Lège Cap Ferret fertig
gestellt wurde. Das direkt an der Bucht von
Arcachon liegende Gebäude ist nach Südosten
ausgerichtet. Es steht auf einem Grundstück,
das lange Zeit eine der letzten noch unbebau-
ten Parzellen des Ortes darstellte. Demzufolge
hatte sich die natürliche Vegetation enorm aus-
breiten können. Über 40 Pinien und Mimosen
wuchsen auf der zum Meer hin abfallenden
Sanddüne.
Neben der üppigen Vegetation spielte auch
Kaum wahrnehmbar die bewegte Topographie des Geländes bei
fügt sich das Haus unseren Entwurfsüberlegungen eine große
bei Lège Cap Ferret Rolle: Vom Uferstreifen aus steigt das Grund-
in die umgebende stück 40 m kontinuierlich nach oben an. Gleich-
Landschaft ein zeitig läuft es mit rund zehn Prozent Steigung

15
Neues Wohnen mit Stahl

Durch die groß-


flächige, raum-
hohe Verglasung
und die durch
das Haus wach-
senden Pinien
gehen Innen-
und Außenraum
scheinbar naht-
los ineinander
über

auf einer Strecke von etwa 20 m nach Westen Auch die hügelige Struktur des Geländes blieb
hin aus. erhalten, da der eingeschossige Bau mit 210 m2
Sämtliche Wohnhäuser in direkter Nachbar- Wohnfläche auf Stützen über dem Hang steht.
schaft sind mehrgeschossig, sehr kompakt in Ein großzügiger Raster, nach dem die Grün-
ihrem Erscheinungsbild und stehen nahe an den dungspfähle gesetzt wurden, minimierte die
Grundstücksgrenzen. Doch in Anbetracht der Zahl der nötigen Bohrungen und reduzierte
hohen Qualität des Baugrundstückes wollten gleichzeitig die Kosten für die Gründung. Die
wir auf dem Gelände ein Gebäude errichten, große, zur Bucht von Arcachon hin gelegene
das die Charakteristika der Umgebung bewahrt. Terrasse und das Flachdach, das als Dachterras-
Der große Wir umgingen daher umfangreiche Terras- se genutzt werden kann, stellen einen idealen
Wohnraum geht sierungen, nahmen Rücksicht auf die Fragilität Übergang von außen nach innen dar.
direkt in die der Düne und verhinderten, dass die niedrige Das feingliedrige Tragwerk des Wohnhau-
Terrasse über Vegetation abgeholzt und Pinien gefällt wurden. ses besteht aus feuerverzinktem Stahl. Die zum
Meer hin gelegene Fassade ist völlig verglast
und durchgängig mit raumhohen Schiebetüren
ausgestattet. Die anderen Seiten des Hauses
umhüllt eine Verkleidung aus profiliertem Alu-
miniumblech, die von Fensteröffnungen aus
transparenten Kunststoffscheiben durchbrochen
wird. Die Betonplattform, auf der das Haus steht,
ist an der Unterseite mit den gleichen Platten
beplankt wie die Fassaden. Der Abstand von
Bodenplatte und Gelände variiert zwischen
1,50 m und 3 m, so dass jeder Bereich unter
dem Haus zugänglich ist.
Dank seiner Leichtigkeit, Transparenz und
auch aufgrund seiner äußeren Form integriert
sich der Baukörper vollkommen in die umge-
bende Landschaft. Wir konnten nicht nur die
unter der Plattform wachsenden Pflanzen erhal-
ten, sondern auch sämtliche Pinien mit Aus-
nahme von zwei Bäumen, die in einem sehr
schlechten Zustand waren. Sechs Bäume wur-
den sogar in die Konstruktion eingebunden
und wachsen nun durch das Haus. Dort, wo sie
die Dachhaut durchdringen, schützen flexible
Gummimanschetten, die an transparenten
Kunststoffplatten montiert sind, die Stämme.
Wenn sich die Bäume im Wind bewegen, ver-
schieben sich diese Platten in dafür vorgesehene
Aussparungen in der Dachkonstruktion.

16
Natürlich wohnen mit Stahl – ökologische Planungsansätze aus Frankreich

Auch bei dem nächsten Wohnhaus spielen Die beiden


Bäume eine große Rolle. Allerdings wachsen sie Gewächshäuser
nicht durch das Gebäude hindurch, sondern wurden zum
bilden einen Obstgarten, in dessen Mittelpunkt Wohnhaus „um-
der im Jahre 2000 errichtete Stahlbau steht. genutzt“
Nahe dem 50 km westlich von Bordeaux ge-
legenen Dorf Coutras erstreckt sich das Grund-
stück entlang einer kommunalen Straße. Ein
Teil des Geländes ist der landwirtschaftlichen
Nutzung vorbehalten und darf nicht bebaut wer-
den. Die Umgebung kennzeichnen einzelne,
verstreut liegende Wohnhäuser und Ackerland,
kleinere Bäume und Büsche sowie Gewächs-
häuser.
Das Haus liegt in einiger Entfernung zur
Straße und zu den Gebäuden der Umgebung Feste Einbauten
und steht 30 m von der Straßenflucht entfernt innerhalb des
an der Grenze der bebaubaren Zone. Das eben- Gewächshauses
erdige Gebäude setzt sich aus zwei identischen, bilden die Wohn-
nebeneinander liegenden Standard-Gewächs- räume
häusern zusammen: einer feuerverzinkten, tra-
genden Stahlkonstruktion, verkleidet mit stei-
fen, transparenten Kunststoffplatten. Beide
Haushälften verfügen über diverse Einbauten,
die zur Klimatisierung der Räume nötig sind.
Lüftungselemente in den Dächern öffnen sich
bei entsprechender Temperatur im Innenraum
automatisch. Zudem lässt sich die Fassade
durch die großzügig angeordneten Schie-
betüren zur Hälfte öffnen.
Der Grundriss des Wohnhauses setzt sich
aus zwei Teilen zusammen: den auf der West-
seite angeordneten Wohnräumen mit Aufent-
haltsraum, Küche und Schlafzimmer und dem
Wintergarten, der sich im östlich gelegenen Ge-
wächshaus befindet. Der Wohnbereich öffnet
sich sowohl zum Wintergarten als auch nach
außen. Somit ist er immer direkt mit der Natur
und dem Himmel verbunden, der das einzig
dominierende Element in der weiten Land- Blick in den
schaft zu sein scheint. Wintergarten

17
Neues Wohnen mit Stahl

Die Kultur des Bauprozesses –


rationeller Stahl-Wohnungsbau in Schweden
Civ.ing. Helena Burstrand Knutsson, Stockholm

Traditionell nutzt der Wohnungsbau in


Schweden zwei unterschiedliche Konstruktions-
arten: Einfamilienhäuser entstehen in Holzrah-
menbauweise, mehrgeschossige Gebäude aus
Beton. Die Stahlbauweise hatte hier ursprüng-
lich keinen Platz. Inzwischen wurden jedoch
die technologischen Voraussetzungen geschaf-
fen, um auch den Werkstoff Stahl erfolgreich
im Wohnungsbau einzuführen.
Vorgefertigte Bürogebäude werden heute
zu 90 Prozent mit tragenden Stahl-Rahmenkon-
struktionen ausgeführt. Diese Standard-Büro-
konstruktionen setzen sich aus Stahlstützen
und geschweißten „Hut“-Profilen in Verbin-
dung mit Spannbetonhohlplatten zusammen.
Die schlanken Stützen werden in der Regel in
die Wandelemente integriert. Diese
Konstruktionsmethode wird mittlerweile auch
für den Wohnungsbau eingesetzt. Auftraggeber
dieser mehrgeschossigen Wohnbauten sind in Standard-Büro-
der Regel Bauträger. Sie verfügen über mehr konstruktion
technisches Wissen und Erfahrung als Privat-
personen und sind deshalb aufgeschlossener zum Zuge. In den letzten Jahren ist die Nach-
für neue, innovative Lösungen. frage nach Außenwänden in Stahl-Leichtbau-
Parallel zu den Standard-Bürokonstruktionen weise sehr stark gestiegen. Nach Bekanntwer-
setzt sich die Stahl-Leichtbauweise durch. Sie den von Bauschäden bei Neubauten, verursacht
Kombination von wird entweder vollkommen eigenständig in durch Feuchtigkeitsprobleme in den Außen-
warmgewalzten Einfamilienhäusern eingesetzt oder kommt in wänden von Holzrahmenbauten, suchen Bau-
Hohlprofilen mit Kombination mit warmgewalzten Haupttrag- unternehmer nun Alternativen zu organischen
kaltgeformten konstruktionen in mehrgeschossigen Gebäuden Materialien.
Leichtprofilen

Wände und
Decken in Stahl-
Leichtbauweise

18
Die Kultur des Bauprozesses – rationeller Stahl-Wohnungsbau in Schweden

In schwedischen Großstädten besteht eine


enorme Nachfrage nach zentrumsnahen Woh-
nungen. Um diesem Trend gerecht zu werden,
versucht man, neue Wohnungen in bestehende
Baustrukturen zu integrieren. Aufgrund des

Isometrie und
Rohbau des
„Urmakaren“-
Projektes

Neuere Entwicklungen im Stahlbau gehen


vor allem in Richtung Vorfertigung. Inspiriert
durch die Automobilindustrie, versucht etwa
ein führendes schwedisches Bauunternehmen,
die Produktion von Wohngebäuden durch weit-
reichende Standardisierungsmaßnahmen zu
rationalisieren.
Ein Beispiel dafür ist das „Urmakaren“-
Projekt. Das für ältere Bewohner konzipierte,
mehrgeschossige Gebäude mit etwa 3.500 m2 geringen Gewichts, der hohen Tragfähigkeit
Geschossfläche wird gerade in dem südlich von und der Eignung zur Vorfertigung kommen
Stockholm gelegenen Vorort Mälarhöjen er- hierbei häufig Systeme aus Stahl zur Anwen-
richtet. Betonhohlplatten spannen von Fassade dung. Noch im Bau befindlich ist auch das vier-
zu Fassade und liegen auf tragenden L-Profilen, geschossige „Elephant“-Projekt, das über einem
die in den Außenwänden verlaufen, auf. Die bereits bestehenden Gebäude und einem Tun-
gesamte Stahlkonstruktion wiegt nur 37 t oder nel im Zentrum Stockholms errichtet wird.
10,3 kg je m2 Nutzfläche. Küchen und Bäder
werden ebenso wie die Fassaden als vorgefer-
tigte Elemente angeliefert, so dass die Bauzeit
nur etwas mehr als sechs Monate betragen wird.

Das „Elephant“-
Projekt: Stahl bietet
auch für schwierige
innerstädtische
Bauvorhaben gute
Lösungen

19
Neues Wohnen mit Stahl

Vorgefertigte Ein weiteres Beispiel für die Integration von


Module in Stahl- neuem Wohnraum in bestehende Bausubstanz
Leichtbauweise stellen die neu errichteten Studentenwohnun-
als Studenten- gen in Kista, Stockholm, dar. Die eingeschossi-
wohnungen auf gen Apartments stehen auf einem mehrgeschos-
einem Flach- sigen Flachdachbau. Sie bestehen aus vorgefer-
dachbau tigten Modulen in Stahl-Leichtbauweise. Wände,
Dach und Boden aus kaltgeformten Stahlprofi-
len werden noch im Werk gedämmt, verkleidet
und innen ausgebaut. Pro Tag werden acht bis
zehn fertige Module auf der Baustelle montiert.
Auch hinter dem Begriff „Open House“-
System verbergen sich vorgefertigte Module in
Stahl-Leichtbauweise. Dieses System wurde ent-
wickelt, nachdem die schwedische Regierung
beschlossen hatte, 1.200 Wohnungen zu einem
günstigen Preis in Brunkefllo in Malmö zu
bauen. Als Ergebnis entstanden attraktive und
aufregende Häuser. Obwohl sie aus vorgefertig-
ten Stahlmodulen bestehen, lässt die äußere
Struktur dies nicht erkennen.

Im Werk vorge-
fertigt, werden
die einzelnen
Module des
„Open House“-
Systems vor Ort
aufgestellt

20
Die Kultur des Bauprozesses – rationeller Stahl-Wohnungsbau in Schweden

Manchmal schränken Module die Variations-


breite der Grundrisse ein. Als Alternative bieten
sich vorgefertigte Wand- und Deckenelemente
für die Konstruktion von Wohnbauten an. Auf
dieser Basis errichtete ein schwedischer Bau-
unternehmer acht Doppel- und fünf jeweils
zweigeschossige Reihenhäuser. Wände, Decken
und Dächer der Stahl-Leichtbauten wurden vor-
gefertigt, die Fassaden später mit Keramikflie-
sen verkleidet. Aufgrund der exakten Vorferti-
gung konnte dieses Projekt in einer extrem kur-
zen Bauzeit fertig gestellt werden.

Hinter der ver-


kleideten Fassade
der Reihenhäuser
verbergen sich
die vorgefertigten
Stahl-Leichtbau-
elemente

Baubeginn des „NCC Nybodahöjden“-


Projektes war im August 1997, und schon ein
Jahr später konnten die Eigentümer in die drei
Häuser mit insgesamt 27 Wohnungen einziehen.
Das Haupttragwerk aus warmgewalzten Stahl-
profilen wird durch Leichtbauelemente für Fas-
saden und Decken ergänzt.
Die Deckenelemente aus C-Stahl-Leichtprofilen
und Stahl-Trapezblechen wurden auf der Bau-
stelle montiert. Zwei Lagen Gipskartonplatten,
schallisolierend befestigt, stellen die Untersicht
dar. Auch das Trapezblech an der Oberseite
wurde zweifach beplankt. Einen großen Teil der
Bauzeit beanspruchte die Verlegung der Gips-
kartonplatten, was der ansonsten vom Stahl-
Systembau überzeugte Bauunternehmer durch
weitere Vorfertigung verbessern möchte.

Links:
bauseitige
Montage der
Deckenelemente

Rechts:
Die fertigen
Gebäude wirken
wie ein Massiv-
bau

21
Neues Wohnen mit Stahl

Zum „Kaskaden“-Projekt in Hässelby, Stock-


holm, gehören zwei siebengeschossige Häuser
mit insgesamt 56 Wohnungen. Das Stahl-Trag-
werk der Gebäude ist eine Kombination aus
Hohlprofil-Stützen und Trägern aus „Hut“- und
Z-Profilen. Werkseitig vorgefertigte Wand- und
Deckenelemente ergänzen die Hauptstruktur.
200 mm hohe C-Profile mit mineralischer
Dämmung bilden die Deckenelemente, die eine
Größe von 2,40 m x 3,10 m bis 4,80 m haben.
Durch den weiteren Aufbau – 20 mm Stahl-Tra-
pezblech und zweimal 20 mm Gipskarton an
der Oberseite, an der Unterseite eine ebenfalls

zweilagige Beplankung aus 15 mm starken


Gipskartonplatten, die an einer 25 mm hohen
Schiene befestigt sind – werden gute Schall-
dämmwerte erreicht.
Die Breite der 2,70 m hohen Wandpaneele
variiert zwischen 1,80 m und 5,80 m. Rahmen
aus warmgewalzten Stahlprofilen nehmen die
geschlitzten Leichtbauprofile mit 145 mm mine-
ralischer Dämmung in den Zwischenräumen
auf. Innen verkleiden 13 mm starke Gipskarton-
platten die Konstruktion, nach außen hin setzt
sich der Wandaufbau mit einer weiteren Lage
aus 9 mm Gipskarton, 50 mm extrudierten Poly-
styrolplatten und dem Außenputz fort.
Deckenelemente
während der
Montage und als
Schemazeich-
nung

Das „Kaskaden“-
Projekt: sieben-
geschossige
Wohnbauten in
Stahl-Bauweise

22
Die Kultur des Bauprozesses – rationeller Stahl-Wohnungsbau in Schweden

3-D-Modell der
Stahlkonstruktion

Eine Alternative zur herkömmlichen Planung


wurde bei einem Gebäude der insgesamt acht
Häuser, die die Wohnanlage „Näktergalen“ um-
fasst, ausprobiert. Bauunternehmer und Herstel-
ler der Stahl-Leichtbaukomponenten einigten
sich darauf, das Gebäude mit 3-D-CAD zu planen
und zu fertigen.
Eines der acht
Zunächst gaben Mitarbeiter die Konstruk-
Wohnhäuser
tion als 3-D-CAD-Modell ein, wobei sich alle Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der
wurde versuchs-
notwendigen Zeichnungen und Materialspezi- Wohnungsbau mit Stahl in Schweden, ob mit
weise in 3-D-CAD
fikationen aus dem Datenmodell ergaben. Mit oder ohne 3-D-CAD, eine glänzende Zukunft
geplant
dem Entwurf entstand gleichzeitig eine Ferti- vor sich hat. Nicht zuletzt deshalb, weil er im
gungsliste für den Hersteller. Die so festgelegten Vergleich zu anderen Konstruktionsmethoden
Elemente wurden anschließend im Werk ab- eine Reihe von Vorteilen aufweist:
gelängt und individuell gekennzeichnet, bevor • Stahl eignet sich besonders gut zur Vorferti-
sie zum Zusammenfügen auf die Baustelle ge- gung. Diese bringt höhere Qualität mit sich,
bracht wurden. führt zu kürzeren Bauzeiten und somit zu ge-
Das Projekt wurde 1996 fertig gestellt und ringeren Baukosten.
lieferte den Beteiligten viele wichtige Informa- • Stahl ermöglicht es, mit niedrigem Energie-
tionen. So stellte sich heraus, dass bei der 3-D- verbrauch und geringen Unterhaltskosten
CAD-Planung von Stahlbauten Materialspezifi- umweltverträgliche Gebäude aus recycle-
kationen extrem nützlich sind. Um die Anzahl baren Materialen zu erstellen.
der unterschiedlichen Elemente zu reduzieren, • Bausysteme aus Stahl sind bereits im Bauzu-
wäre ein höheres Maß an Standardisierung stand trocken – eine Grundvoraussetzung für
nötig. Auch wird die Montage der einzelnen ein gesundes Raumklima.
Elemente erleichtert, wenn die Komponenten • Mit Stahl lassen sich flexibel nutzbare Grund-
gebündelt zur Baustelle transportiert werden. risse und Gebäude konzipieren, die sich pro-
Und weil viele Entscheidungen, die die Produk- blemlos an veränderte Lebensbedingungen
tion anbelangen, schon in der Entwurfsphase der Bewohner anpassen lassen.
getroffen werden müssen, sollten Bauunter-
nehmer und Hersteller der Bauteile bei der 3-D-
CAD-Planung auf jeden Fall in den Entwurfspro-
zess einbezogen werden.

23
Neues Wohnen mit Stahl

Die Moderne lebt – experimentelles Bauen mit Stahl


in den Niederlanden
Architect Ir. Jan Pesman, Delft

Obwohl Planungen für Wohnbauten im vergrößern. Das Haus, verstanden als Produkt
Architekturbüro Cepezed eher selten sind, spie- aus Einzelelementen, die einer klaren Gliede-
len sie für uns dennoch eine wichtige Rolle – rung unterliegen, führte zu der Idee der Vor-
und zwar als Mittel, um zu experimentieren, fertigung. Ein solches System sollte größere
Konstruktionen zu testen und Erkenntnisse zu Flexibilität erlauben und sich zudem die im
gewinnen, wie sich Raum „formen“ lässt. Viele Wohnungsbau anwendbaren Techniken aus
der später in unseren großen Projekten ange- Bereichen wie Schiffs- oder Flugzeugbau zu-
wandten Bauelemente wurden anhand von nutze machen. Nach Funktionen gegliedert
Wohnungsbauten entwickelt. und zusammengefasst, sind an der Hauptstruk-
Schon als Abschlussprojekt meines Archi- tur Küchen, Nasszellen, Treppen und das zen-
tekturstudiums an der Universität in Delft baute trale Rohrleitungssystem aufgehängt.
ich zusammen mit Kollegen mein erstes Wohn- Ein Kühllastwagen-Hersteller im Norden
haus aus Stahl. Entgegen den festgelegten, tie- der Niederlande erklärte sich schließlich bereit,
fen Grundrissstrukturen holländischer Reihen- den Prototyp zu bauen. Seine Konstruktions-
häuser drehte ich den Grundriss, um mehr weise brachte uns auf die Idee, aus Leichtmetall
Licht ins Innere zu holen und den Garten zu und Schaumdämmung Sandwich-Paneele für
die Fassaden herzustellen. 1980 errichteten wir
den Prototyp des „Wolvega Housing System“,
der leider das einzige Haus dieser Art blieb.
Doch mit seiner Hilfe haben wir gelernt, dass
man die Qualität von Häusern durch Vorferti-
gung verbessern kann. Und dass man Häuser
einfacher bauen kann, indem man verschiede-
ne Elemente von fachfremden Unternehmen
wie Segelbootherstellern oder Lastwagenfabri-
kanten vorfertigen lässt. Außerdem kamen wir
zu der Erkenntnis, dass Sandwich-Paneele als
ausschließliche Bauelemente zwar sehr steif,

Der Prototyp
des „Wolvega
Housing System“

aber nicht zur Lastabtragung geeignet sind. Ein


Stahlrahmen hingegen trägt Lasten ab, ist aber
nicht steif genug. Wenn man jedoch beide Bau-
teile kombiniert, kann man damit sehr leichte,
gut isolierte Häuser bauen. Und man kann aus
Fehlern der Vergangenheit lernen und das Ge-
bäude verbessern, so wie man es in industriel-
len Prozessen schon lange macht.

24
Die Moderne lebt – experimentelles Bauen mit Stahl in den Niederlanden

Als nächstes Wohnungsprojekt entwarfen


wir eine Low-Cost-Villa in Haarlem als Modell
für ein frei stehendes Haus mit Garten. Wir
konzipierten ein 7,20 m x 7,20 m großes Ge-
bäude mit einem tragenden Stahlrahmen und
Sandwich-Paneelen. Das 3,60 m x 7,20 m
große Wohnzimmer im Erdgeschoss ist zum
Garten hin ausgerichtet. Im oberen Stockwerk
befinden sich ein 2,40 m x 3,60 m und zwei
3,60 m x 3,60 m große Schlafzimmer. Außer-
dem wurde ein völlig neuartiges, feuerbeständi-
ges und gut isolierendes Fußbodensystem aus
profilierten Stahlblechen, einer Schicht Sand
als Masse, Mineralwolle und Anhydritestrich
entwickelt.
Das Musterhaus
im Zentrum von
Haarlem

Als der Stadtverwaltung von Haarlem im


Rahmen einer Bauausstellung der Entwurf prä-
sentiert wurde, sagten die zuständigen Personen,
diese Bauart sei nicht möglich. Da Menschen
nicht zwischen Sandwich-Paneelen leben könn-
ten, solle das Haus aus Ziegeln oder ähnlichen
Materialien gebaut werden.
Auch in diesem Fall ließ sich unser Team
nicht davon abhalten, einen Prototyp zu bauen,
der direkt vor der großen Kirche in Haarlem auf-
gestellt wurde. Doch trotz der extrem kurzen
Bauzeit von nur drei Tagen, dem geringen Ge-
wicht von nur 4.000 kg sowie den niedrigen
Baukosten von nur 60.000 Euro war das Inter-
esse der Niederländer an dem neuen Bausystem
gering. Die Zeit war noch nicht reif für Stahl-
wohnhäuser.

Oben:
Modellanordnung
Links:
das filigrane
Stahl-Tragwerk

25
Neues Wohnen mit Stahl

Als Nächstes entwarf ich 1990 mein eige-


nes Haus, ein in Stahl-Skelettbauweise konstru-
iertes Doppelhaus. Das Stahl-Tragwerk ist innen
und außen mit vorgefertigten Wandelementen
ausgefacht und verkleidet. Eine exakte Planung
und neue Entwicklungen ermöglichten es, alle
Elemente auf der Baustelle in kürzester Zeit zu-
sammenzufügen.
Um aus der zur Verfügung stehenden Fläche
das größtmögliche Raumgefühl zu kreieren und
lange Blickbeziehungen zu ermöglichen, sind
die Innenräume nicht im rechten Winkel zur
Außenhaut, sondern entlang der Diagonale an-
geordnet. Diese wird von dem sich über alle drei
Geschosse erstreckenden „Technikblock“ gebil-
det, der die Küche, Nasszellen und die Haus-
technik enthält. Die Verkabelung und das Rohr-
leitungsnetz sind in die Konstruktion integriert. Isometrie

Eine neue Entwicklung sind auch die 4 m


hohen Schiebetüren, die in zurückgeschobenem
Zustand eine ganze Ecke des Hauses öffnen.
Lediglich die Stütze der Haupttragkonstruktion
bleibt stehen. Auch die Sandwich-Paneele mit
Edelstahlblechen, die die Außenhaut bilden,
haben sich als perfekte Bauelemente erwiesen,
denn sie sind nicht nur Wand, sondern auch
Isolierung und Oberfläche zugleich. Zudem
muss man, wenn man mit Edelstahl baut, sein
Haus nie wieder streichen. Man muss es nur
Gartenansicht einmal im Jahr säubern.
des Doppel-
hauses

Der diagonal an-


geordnete Tech-
nikblock in den
beiden unteren
Geschossen

26
Die Moderne lebt – experimentelles Bauen mit Stahl in den Niederlanden

Ein anderes Projekt von Cepezed entstand


1992 bis 1996 auf Anfrage eines Graphikdesi-
gners. Dieser hatte ein baufälliges Haus und das
daneben liegende, 7 m breite, freie Grundstück
in der Innenstadt von Delft gekauft. Das alte,
denkmalgeschützte Kanalhaus sollte restauriert
werden und daneben ein neues, 5 m breites
Haus aus Stahl und Glas entstehen. Die Verbin-
dung beider Gebäude mit einem verglasten Zwi-
schenbau sollte die Nutzung des Erdgeschosses
als Graphikdesignstudio ermöglichen, während
der erste Stock komplett als Wohnung vorge-
sehen war. Doch zunächst stieß dieses nach
dem Kanal benannte „Rietveld-Haus“ auf Wider-
stand seitens der örtlichen Behörde. Sie wollte
neben den historischen Häusern aus den letz-
ten Jahrhunderten kein modernes Gebäude ge-
nehmigen. Nach langwierigen Auseinanderset-
zungen konnte das Projekt endlich realisiert

werden. Mit dem streng gegliederten Stahl-Glas- Häuserzeile am


Kubus wird der Maßstab seiner Umgebung re- Rietveld-Kanal
spektiert und auf die horizontale Gliederung
der alten Fassaden Bezug genommen. Dadurch
entsteht ein spannender Kontrast zwischen den
verschiedenen Materialien und Formen. Alt und
Neu profitieren voneinander.

Gartenansicht
des Neubaus

Übergang von
Alt- und Neubau
im Wohnbereich

27
Neues Wohnen mit Stahl

Cepezed errichtete später noch ein weite-


res Haus im Zentrum von Delft. Es ist Teil einer
neuen Reihenbebauung, bei der die einzelnen
Häuser unter Vorgabe weniger Randbedingun-
gen von ungefähr 20 verschiedenen Architekten
geplant wurden. Bei zeitgleichem Baubeginn
konnten die Bewohner fast ein Jahr früher als
ihre Nachbarn in das aus vorgefertigten Stahl-
elementen bestehende Gebäude einziehen.
Ein weiteres Wohnungsbauprojekt war
Vollverglaste die Villa für den Besitzer einer Baumschule in
Gartenseite des Boskoop. Dieser wünschte sich ein Haus mitten
Hauses in der in dem Garten, in dem er seine Bäume pflanzt
Delfter Schutter- und züchtet. Auch Räumlichkeiten für die
straat Unterbringung von Traktor und Werkzeugen
sollten in das Gebäude integriert werden. Wir
entwarfen eine Art Pergola aus Stahl, die sich
vom Haus in den Garten fortsetzt. Sowohl das
Dach als auch die aus Glas bestehenden Fassa-
denelemente wurden in das Stahl-Traggerüst

Die Pergola
verbindet Haus
und Garten

28
Die Moderne lebt – experimentelles Bauen mit Stahl in den Niederlanden

eingehängt. Außerdem setzten wir das Haus Gitterroste als


einen Meter über das Gartenniveau, so dass Sonnenschutz
zwar die Bewohner von innen den Garten über- vor der raumho-
blicken, Besucher von außen jedoch nicht in hen Verglasung
das Haus hineinsehen können.
Mit einem weiteren frei stehenden Wohn-
haus in Luxemburg gewann Cepezed sogar den
belgischen Stahlpreis. Das preisgekrönte Objekt
steht ganz oben auf einem Hügel inmitten eines
wundervollen Grundstückes und erschließt
sich vom ersten Stock aus. Auch dieses Haus
war mit etwa 150.000 Euro sehr günstig.
Mit allen Gebäuden, die Cepezed bisher
errichtet hat, und insbesondere mit den Wohn-
hausprojekten, wollten wir mehr erreichen, als
nur Häuser zu bauen. Wir entwickeln Produkte,
die man in Bauten, gleich welcher Art, nutzen
kann. Dazu gehören beispielsweise Fassaden-
elemente, wie sie an der Akademie der Wissen-
schaften in Graz eingesetzt wurden, ein Bau-
system, das in mehr als 25 Gebäuden der hol-
ländischen Post verwendet wurde, und Sand-
wich-Paneele, die aus Steinwolle-Platten mit
aufgeklebten Glasscheiben bestehen. Diese
Paneele sind an der Fassade der neuen Porsche-
fabrik in Leipzig zu sehen. Durch das Glas, das in
verschiedenen Farben und Mustern hergestellt werden kann, wird die Umgebung diffus reflek-
tiert. Auch das von Cepezed, Corus und Van
Dam Plaatwerken neu entwickelte IDES-Boden-
system könnte sich als interessante Neuerung
erweisen. Die aus Stahlkassetten mit Mineral-
wolle, Gummistreifen, Trapezblech und Anhy-
dritestrich zusammengesetzten Bauelemente
vereinen auf nur 300 mm Höhe alle notwendi-
gen Funktionen: Schallschutz, Feuerwiderstands-
fähigkeit,Verkabelung, Heizung und Lüftung.
All diese in Zusammenarbeit mit der Indus-
trie entwickelten Produkte werden dazu bei-
tragen, zukünftige Wohnbauten nicht nur in
architektonischer, sondern auch in technischer
Hinsicht noch perfekter zu machen.

Preisgekröntes
Stahl-Glas-Haus
in Luxemburg

29
Neues Wohnen mit Stahl

Flexibilität aus Tradition –


verdichteter Wohnungsbau in Japan
Dipl.-Ing. Hirohiko Sato, Tokio

Rechtzeitig zu Beginn des 21. Jahrhunderts


hat der Stahlbau in Japan neue Wege einge-
schlagen. Neben der Entwicklung innovativer
Profile und Systeme wurde ein Forschungs-
programm zur Förderung des Bauens in Stahl-
Leichtbauweise ins Leben gerufen.
Bereits vor 50 Jahren begannen einheimi-
sche Unternehmen mit der Produktion von
Stahl-Leichtbauprofilen für Flachbauten und
vorgefertigte Stahl-Skeletthäuser. Aufgrund einer
Verordnung mussten diese eine Blechdicke von
mindestens 2,3 mm aufweisen. Inzwischen ent-
stehen jedoch viele Wohnhäuser mit Profilen Schematische
aus feuerverzinktem Stahlblech, das wesentlich Darstellung des
dünner ist. Die durchschnittliche Materialstärke Stahl-Tragwerks
beträgt heute rund 1,2 mm.

Tragwerk eines
Dachgeschosses
aus kaltgewalz-
ten Stahl-Leicht-
profilen

30
Flexibilität aus Tradition – verdichteter Wohnungsbau in Japan

Beim Bau von Wohnhäusern werden in der


Regel vorgefertigte Elemente eingesetzt. Zum
einen hat sich diese Bauweise bei den begrenz-
ten japanischen Platzverhältnissen als sehr
effizient erwiesen, zum anderen basieren die
meisten japanischen Wohnbauten auf einem
Raster, dem traditionellen Tatami-Modul.
Auch Stahl-Leichtbauhäuser werden im All-
gemeinen aus vorgefertigten Bauteilen erstellt.
Wand- und Deckenpaneele werden ebenso wie
die Fachwerkbinder für den Dachstuhl im Werk
gefertigt und anschließend auf die Baustelle ge-
liefert. Dort wird zunächst die Bodenkonstruk-
tion des Erdgeschosses auf den Fundamenten
montiert. Anschließend werden im Wechsel
Wand- und Deckenelemente aufgestellt. Der
Dachstuhl, ebenfalls aus kaltgeformten Stahl-
profilen, bildet den Abschluss. Diese Konstruk-
tionsart, „Platform structural method“ genannt,
entspricht in etwa der der „Two-by-four houses“
in Holz.
Um die Stahl-Leichtbauweise im Wohnungs- In wenigen
bau zu fördern, starteten 1996 – nur ein Jahr Tagen steht der
nach dem großen Hanshin-Erdbeben – sechs sind. In diesem Fall verschiebt sich der Tau- komplette Roh-
führende Stahlhersteller in Japan ein Programm punkt nach außen, und die Temperaturen der bau
mit drei unterschiedlichen Ausrichtungen. Profile liegen etwas unter den Raumtempera-
turen: Es gibt keine Wärmebrücken. Zudem ist
die Energieeffizienz von Stahl-Leichtbauhäusern
Research Program sehr hoch.
In fünf verschiedenen Versuchsreihen
wurde die Stabilität der Konstruktion getestet. Die Außendäm-
Anhand von in Stahl-Leichtbauweise errichte- mung der Stahl-
ten Bauteilen in Originalgröße wurden Trag- Leichtbauwand
lastversuche durchgeführt, und es wurde ge- weist die besten
prüft, wie durchgehende beziehungsweise mit Ergebnisse auf
Öffnungen versehene Wand- und Bodenele-
mente auf Schubbeanspruchung reagieren.
Daneben fanden Vibrationstests mit 1:1-Model-
len statt. Untersucht wurde auch das Verfor-
mungsverhalten von Wänden unter Lasteinwir-
kung. Hierbei zeigte sich, dass Stahl-Leicht-
bauhäuser unter Einwirkung extremer Lasten
weit besser reagieren als aus Holz errichtete
„Two-by-four houses“. Selbst bei einem Erdbe-
ben in Stärke des großen Hanshin-Bebens wür-
de ein solches Haus keinen Schaden erleiden. Ähnlich positiv schneiden Stahl-Leichtbau-
Um die Dauerhaftigkeit der Stahl-Leichtbau- ten in Bezug auf die Feuerwiderstandsfähigkeit
häuser zu ermitteln, wurden im Rahmen des ab. Weil in Japan viele Wohnhäuser auf eng-
Forschungsprogramms fünf Jahre lang diverse stem Raum stehen, ist der Schutz vor Feuerkata-
Wohnhäuser an verschiedenen Orten Japans strophen besonders wichtig.
mit speziellen ACM-Sensoren überwacht. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass
Tests mit Schallmessgeräten bewiesen die Stahlleichtbauhäuser im Vergleich zu aus Holz
Qualität der Bauten in Bezug auf Schallisolie- gebauten „Two-by-four houses“ fünf bedeuten-
rung. Da Stahl eine höhere Wärmeleitfähigkeit de Vorteile aufweisen, und zwar im Hinblick
als Holz hat, werden Stahl-Leichtbauten idealer- auf die Stabilität der Konstruktion und deren
weise außen gedämmt, so dass die Leichtbau- Dauerhaftigkeit sowie auf Wärmedämmung,
profile vollkommen mit Dämmmaterial bedeckt Schallisolierung und Feuerbeständigkeit.

31
Neues Wohnen mit Stahl

Quality Control Program In Japan findet man Stahl-Leichtbaukon-


Bei der Qualitätskontrolle von Stahl-Leicht- struktionen typischerweise bei frei stehenden
bauprodukten setzte ein Fachausschuss drei zwei- beziehungsweise dreigeschossigen Häu-
Schwerpunkte: Zum einen führte er eine Zerti- sern, bei Wohn- und Geschäftshäusern und bei
fizierung ein für Unternehmen, die Stahl-Leicht- Apartmenthäusern. Die Zahl der in dieser Art
bauprofile und andere Materialien, wie z.B. Be- errichteten Bauten stieg in den vergangenen
festigungen und Treibschrauben, herstellen Jahren sehr stark an. Allein im Jahr 2001 wur-
dürfen. Derzeit sind 15 Betriebe als anerkannte den über 4.000 Wohnhäuser in Stahl-Leichtbau-
Produktionsanlagen gelistet. weise errichtet. Dieses rapide Wachstum hat
An zweiter Stelle stand, Architekten für zwei Hauptgründe: Zum einen schätzen immer
Entwürfe in der Stahl-Skelettbauweise zu trai- mehr Menschen die hohe Qualität von Stahl-
nieren: Ungefähr 900 Architekten in Japan be- häusern. Zum anderen akzeptieren mehr und
sitzen die Lizenz, Stahl-Skeletthäuser zu ent- mehr Personen Stahl-Leichtbauprofile nicht nur
werfen. als Konstruktionsmaterial, sondern auch als
Als Drittes begann man mit dem Training Alternative zu Holzbalken in Wohnhäusern.
von Technikern, die die Konstruktion der Stahl- Im Vergleich zu Holz weisen Stahl-Leicht-
häuser überwachen. In Japan haben sich in- bauprofile diverse Vorteile auf. Sie sind leichter,
zwischen über 600 Techniker als „Supervisor“ lassen sich durch Schrauben oder Hohlnieten
registrieren lassen. einfacher verbinden und bestechen durch
große Spannweiten dank höherer Festigkeit.
Performance Indication Program Als Industrieprodukte haben sie darüber hinaus
Qualitätsverbesserung, die Vermeidung von eine bessere, gleich bleibende Qualität.
Bauschäden und vor allem die Unterstützung An Stelle von Holzbalken bietet sich ihr
der Bauherren im Falle eines auftretenden Scha- Einsatz z.B. als Dachbinder, Sparren, Pfetten,
dens stehen im Mittelpunkt dieses Programms. Deckenträger und Schwellhölzer in Form von
Seit April 2001 können Eigentümer ihre Stahl- Rechteckprofilen an. Von Letzteren gibt es acht
Leichtbauhäuser von Sachverständigen, die das verschiedene Arten, deren Materialstärken von
„Performance Indication Program“ unterstützen, 0,5 mm bis 1 mm variieren. In Verbindung mit
beurteilen lassen. Die Stabilität der Konstruk- passenden Anschlussstücken haben sie sich als
tion, die ausreichende Anzahl an Öffnungen nützliche und flexible Bauteile in vielen Projek-
und Oberlichtern, Belüftung, Wärmedämmung, ten erwiesen.
Luftdichtigkeit und Feuerbeständigkeit sind Am 15. November 2001 wurde die Zulas-
einige der Beurteilungskriterien. Bei eventuell sung der Stahl-Leichtbauprofile veröffentlicht.
auftretenden Mängeln oder anderweitigen Pro- Ein Überblick zeigt, dass die Profile in der Blech-
blemen übernehmen die Sachverständigen dann stärke zwischen 0,4 mm und 2,3 mm als tragen-
gegen eine geringe Gebühr die gesamte Ab- de Bauteile genutzt werden können. Sie finden
wicklung des Schadensfalls für die Eigentümer. in Stahl-Leichtbauten mit bis zu drei Stockwerken

Zweifamilien-
wohnhaus, er-
stellt aus Stahl-
Leichtbau-
elementen

32
Flexibilität aus Tradition – verdichteter Wohnungsbau in Japan

Stahl-Wohnhaus
im dichtbe-
siedelten Tokio

und als Bestandteile von Stahl-Rahmenkonstruk- Weiterhin will der japanische Verband –
tionen, Stahlbetonbauten und Holzbauten An- ganz allgemein – den Stahl-Leichtbau im Zu-
wendung. sammenhang mit städtischem Wohnen fördern.
In der japanischen Iron and Steel Federation Darüber hinaus sieht er es als seine Chance und
ist man überzeugt, dass der Erfolg des Stahl- Verantwortung im 21. Jahrhundert an, die Mög-
Leichtbaus noch nicht zu Ende ist, sondern dass lichkeiten und die Flexibilität der Stahl-Leicht-
dieser Bauweise im 21. Jahrhundert noch viele bauweise weiter zu verbessern.
Möglichkeiten offen stehen. Man hofft, dass
sich in naher Zukunft viele Menschen mit die-
ser Konstruktionsart vertraut machen und sie
für ihre eigenen Wohnbauten akzeptieren.
Insbesondere möchte der Verband die Ver-
breitung neuartiger, vorgefertigter Paneele für
moderne Wohnhäuser fördern. Ein Beispiel ist
ein Paneel mit diagonaler Aussteifung, das eine
sehr hohe Festigkeit aufweist. Diese Fassaden-
elemente finden als sichtbare Strukturen in vie-
len Neubauten Anwendung und ermöglichen
große, stützenfreie Räume.

Konstruktionen
mit neu ent-
wickelten Fassa-
denelementen

33
Neues Wohnen mit Stahl

Architektur der Zukunft – nachhaltige Konzepte


Prof. Dipl.-Ing. Architekt Karl-Heinz Petzinka, Düsseldorf

Wenn es um moderne Architektur geht, So beweisen Japaner mit ihren Gebäuden


denkt so mancher an interessante Entwürfe, schon geraume Zeit, wie gewissenhaft und
spannende Details und ausgefallene Konzepte. strukturiert man Probleme angehen kann. Mit
Doch die Zukunft verlangt von Bauwerken und mutigen Strategien und Zusammenarbeit aller
ihren Machern andere Qualitäten, die über an der Planung Beteiligten sind sie zu besonde-
Design als alleinigen Entwurfsmaßstab weit ren Leistungen fähig. Schwedische Beispiele
hinausgehen. Nur wenn sie geschaffen werden, zeigen, dass Energiefragen gute Architektur
entsteht nachhaltige Architektur. Dann keimt nicht behindern müssen. Und die Niederländer
Architektur, die Bewohnern, Nutzern und Be- bestechen durch innovative Projekte. Nur hier-
trachtern Freude bereitet – und an Nutzungs- zulande tun sich viele Planer schwer. Statt
änderungen wächst, statt zu verkümmern, Archi- strukturelle Entscheidungen zu treffen, die
tektur, die kostengünstig und langlebig ist. Nur Nachhaltigkeit denkbar machen, leben sie fest-
wenn unsere Planer die ökologischen und öko- gelegte monostrukturelle Überlegungen aus.
nomischen Probleme unserer gebauten Umwelt Statt vor dem Bauen über Lebensfragen nach-
erkennen und detaillierte Planungsstrategien er- zudenken und genau zu eruieren, für wen sie
arbeiten, können sie Architektur gestalten, die bauen wollen beziehungsweise wie Menschen
zukunftsfähig und nachhaltig ist. wirklich leben, versteifen sie sich auf Entwurfs-
Zukunftsfähige Architektur zu produzieren fragen. Statt das Prinzip einer Struktur zu nut-
ist eine Aufgabe, die nicht nur deutsche Archi- zen, um möglichst viel damit machen zu kön-
tekten zu bewältigen haben. Weltweit kämpfen nen, diskutieren sie das Design ihrer Projekte
alle Kollegen mit dem Problem, nachhaltige und überlegen, wie sie es verwirklichen kön-
Bauten schaffen zu müssen. Dabei geht es nicht nen. Das allerdings ist der falsche Weg, um
darum, in einer Stadt Lücken zu schließen, son- nachhaltige Architektur zu produzieren.
dern darum, Systeme für Orte zu finden, die Die Zukunftsfähigkeit des Bauens hängt vor
keine Einschränkungen aufweisen. Doch allem davon ab, ob Architekten offen für die Auf-
während wir hierzulande aus den Erfahrungen nahme anderer Vorstellungswelten und bereit
der Vergangenheit nur schwer zu lernen schei- zu späteren Nutzungsänderungen sind. Eines der
nen, sind uns andere Nationen in Fragen der Geheimnisse zukunftsfähiger Planung liegt so-
Nachhaltigkeit weit voraus. mit in einer gewissen Systematik im Denken

Qualitätskontrolle
der Vorfertigung
eines Raum-
modul-Herstel-
lers (Japan)

34
Architektur der Zukunft – nachhaltige Konzepte

und Bauen. Denn in unserer schnelllebigen Zeit Roboter-


gibt es keine – für alle Zeiten – fertigen gesteuerte
Produkte mehr und damit auch keine Häuser, Produktions-
die nach der Einweihung nicht mehr verändert anlagen bei
werden. Rautaruukki Oyj,
Zukunftsfähige Architektur setzt sich mit Finnland
energetischen Fragestellungen auseinander.
Denn Energie sparen heißt nicht nur, weniger
zu heizen und den Energieaufwand eines Ge-
bäudes während seiner Lebensdauer zu redu-
zieren, sondern ebenso, den energetischen Auf-
wand, der zur Herstellung eines Gebäudes not-
wendig ist, zu minimieren. Nicht zuletzt fließen
auch Recyclingfragen in die Energiebilanz ein.
Zukunftsfähige Architektur verlangt von
ihren Planern zudem, Massenprobleme zu lösen
sowie schneller und kostengünstiger zu werden.
Zwar können wir inzwischen sehr schnell bauen,
doch um die dafür notwendigen Strukturen zu
entwickeln, benötigen wir enorme Entwick-
lungszeiten. Die Ursachen für Verspätungen
liegen z.B. an der Vergabesystematik oder der
Auftragsannahme. Und sie liegen darin, dass
man aufwendige Planungsprozesse braucht, um
Schnelligkeit wirklich ausschöpfen zu können.
So stehen im Vorfeld nachhaltiger Kon-
struktionen diverse ausgeklügelte Planungsüber-
legungen an: Überlegungen, die vielen Archi-
tekten fremd sind, weil sie nach ihrer Ausbil-
dung während ihres gesamten Berufslebens
dem Weg dieser Ausbildung verhaftet sind. Wer
jedoch zukunftsfähige Architektur schaffen will,
muss permanent umdenken und auch Ansätze
aus Forschung und Industrie aufnehmen. Eben-
so wichtig ist eine strategische Vorgehensweise
bei der Planung, um nicht die unwesentlichen,
sondern die wesentlichen Punkte eines Pro- Baustellen-
blemfeldes aufzunehmen und zu bearbeiten. Brandschutz umzugehen und sich die dafür not- montage von
In diesem Zusammenhang stehen Archi- wendigen Kenntnisse anzueignen. Statt zu er- fertigen Fassa-
tekten hierzulande vor einer Vielzahl von Auf- klären, dass es nicht schlimm ist, wenn man in denelementen
gaben. Sie müssen Formalkriterien in den Hin- einer Wohnung fremde Geräusche hört, und (Rautaruukki Oyj,
tergrund stellen, strukturelle und strategische diese aus Kostengründen zu akzeptieren habe, Finnland)
Überlegungen in den Vordergrund schieben müssen sie Problemfälle beseitigen. Die Proble-
und mit Problemen der Schnelligkeit, Leichtig- me der Bauphysik sind von den Planern anzuge-
keit und Nachhaltigkeit sowie mit Systemen hen. Entscheidungen und damit Entwicklungs-
umgehen lernen. Ihre Entwürfe und Konstruk- pozential dürfen nicht mehr an Ingenieure ab-
tionen sollten sich danach ausrichten, dass die gegeben werden. Auch darf schlechte Qualität
Welt, in der wir leben und wohnen, sich stän- nicht aus Designgründen akzeptiert werden.
dig verändert. Ein weiterer Schritt ist das Bauen nach der Ener-
Auch bei der Herstellung, Vorfertigung und gieeinsparverordnung. Denn Nachhaltigkeit im
Montage von Bauwerken ist rasches Umdenken Umgang mit energetischen Fragen hat immer
der Planer hierzulande notwendig, um diese Vor- Auswirkungen auf das Produkt selbst.
gänge energetisch günstig und kostenoptimiert Ebenso wichtig sind der sorgfältige Umgang
zu bewerkstelligen. mit Materialen und der gezielte Einsatz ihrer
Nicht zuletzt müssen Architekten lernen, Eigenschaften. Nur dann gelangen Baustoffe
mit vorgegebenen Tatsachen und baulichen wie Stahl und der Stahlbau an sich zu der ihm
Anforderungen wie Bauakustik, Wärme- und zustehenden Blüte.

35
Neues Wohnen mit Stahl

Dazu ist es allerdings notwendig, am Image Daneben gilt es für Architekten auch, sich
dieses Materials zu feilen. Denn wenngleich das einzuschränken. Statt sich in einer Vielzahl von
Architektenziel meist darin liegt, mit rohen, Profilen und Systemen zu verlieren, müssen sie
auseinander zu nehmenden Teilen neue Wohn- versuchen, mit einer beschränkten, jedoch klug
ästhetik zu kreieren, stimmt dieses Ziel oft gewählten Anzahl auszukommen. Denn je mehr
nicht mit den Vorstellungen der künftigen Be- Systeme miteinander vermischt werden, desto
wohner überein. Stahl eignet sich dagegen her- komplexer werden die aus einer solchen Kon-
vorragend für Konstruktionen, in denen das struktion resultierenden Zeit-, Planungs- und
Innere und Äußere eines Gebäudes voneinander Nachhaltigkeitsprobleme – auch in Bezug auf
getrennt sind. Die dabei entstehenden Hüll- die Verbindungsmethodik. Souveräne Planung
konstruktionen sind unabhängig vom Füllwerk mit reduzierten Mitteln setzt jedoch die genaue
Kenntnis von Profilen und Systemen voraus.
Und Architekten müssen die Anforderungs-
profile der verschiedenen Baumaterialien ver-
mehrt berücksichtigen. Stahl lässt sich nicht mit
Beton gleichsetzen. Doch man kann für beide
Materialien schon im Vorfeld des Bauens kon-
struktive Prinzipentscheidungen treffen. Das
erfordert natürlich Planungsüberlegungen,
die weit über das Zeichnen der üblichen zwei
Striche hinausgehen, welche sowohl Beton als
Materialgerech- auch Stahl meinen können. In diesem Zusam-
ter Einsatz von menhang ist es wichtig, die Eigenarten der
Stahl: Stadttor Materialien kennen und nutzen zu lernen. Stahl
Düsseldorf des unterscheidet sich durch sein geringes Gewicht
Architekten K.-H. und herausragende Festigkeitseigenschaften
Petzinka (rechts) von anderen Baumaterialien. Auch Maßhaltig-
und Wohnhaus keit und gute bauakustische Eigenschaften so-
in Gits , Belgien, wie Formstabilität bei Feuchtebeanspruchun-
von der belgi- gen sind Eigenschaften, die Stahl kennzeichnen.
schen Firma Darüber hinaus besticht Stahl durch die Mög-
SADEF (unten) lichkeit der raschen Baustellenmontage und ein
hohes Recyclingpotenzial. Stahl ist nicht brenn-
bar, eignet sich zur Vorfertigung und bietet
sich für hochwertige Füge- und Verbindungs-
technik an.

und erlauben völlig freie Gestaltung im Gebäude-


inneren. Ohne von ungünstigen Witterungsbe-
dingungen gestört zu werden, lassen sich auf
diese Weise Elemente völlig frei einhängen und
entnehmen, Räume herstellen und Änderungen –
auch während des Bauprozesses – problemlos
in die Tat umsetzen.

36
Architektur der Zukunft – nachhaltige Konzepte

In Japan werden heute schon Häuser aus


Stahl wie Autos am Fließband produziert. Um
zu dieser kostengünstigen Produktionsweise zu
gelangen, muss sich der gesamte Denkprozess
der hiesigen Planer ändern: Kommt es doch bei
industriellen Methoden vor allem darauf an, das
Bewusstsein für Kleinserien und die damit ver-
bundene Schnelligkeit in der Produktion zu ent-
wickeln. Das lässt sich ohne Mitwirkung der
Industrie nicht erreichen. Auch hier gilt es wei-
terzudenken, um den Stahlbau voranzubringen.
Neben anderen Nationen bieten auch andere
Branchen Anregungen für Stahl im Wohnungs-
bau. So sind Fähren und Kreuzfahrtschiffe nicht
aus Holz gefertigt, sondern aus Stahl. Dabei stel-
len diese fahrenden Bauten keine simplen Kon-
struktionen dar, sondern erreichen mit ihrer
Vielzahl an Decks Hochhauskategorien, sind
kleine, sich fortbewegende Städte aus Stahl. Ziel des Vorhabens ist es, möglichst viel Automobil-Pro-
Und sie werden von der Industrie vorgefertigt. vom Systemschiff zu übernehmen und die duktionsstraße
Ein Beispiel, das es im Wohnungsbau nachzu- betreffenden Bauteile nicht zweimal zu ent- im Vergleich zu
ahmen gilt. wickeln, sondern grundsätzliche Erkenntnisse einer industriel-
Erste Forschungsvorhaben sind bereits an- abzuleiten sowie die Anzahl von Konflikt- len Produktions-
gelaufen. So wird derzeit in einem Institut ge- themen zu minimieren: Übrig bleiben das Auf- straße von
prüft, ob sich vorfabrizierte Elemente aus dem einander, das Ineinander und das Zusammen Raumzellen aus
Schiffsbau auf die Ansprüche des Wohnungs- von Wand, Decke und Boden. Erst wenn diese Stahl
baus übertragen lassen beziehungsweise auch Themen gelöst sind, können wir den zweiten
als „übersetzte“ Konstruktionen funktionsfähig Schritt wagen und versuchen, die betreffenden
bleiben. Mit anderen Worten: ob z.B. Leitungs- Systeme in ihrer Robustheit zu präsentieren
führung, Schalltechnik oder Parkettierungen und sie nicht mehr für verkleidungsnotwendig
im Schiff wie im Haus funktionieren. Was muss zu erklären, sondern als „Moderne“, in der man
man tun, um aus den Produkten der Schiff- sich aufhalten kann.
fahrtsbranche zukunftsfähige, nachhaltige Bau- Um nachhaltige Architektur zu schaffen,
ten abzuleiten? Welche Gestaltungseinschrän- muss man andere Probleme lösen, als das Design
kungen sind dabei hinzunehmen? Welche eines Einzelteils in 200facher Facettierung zu
Möglichkeiten hinsichtlich technologischer entwickeln. Hier geht es um Prinzipfragen. Sind
und gestalterischer Aspekte bietet dieser Weg? die einmal beantwortet, kann man auch mit
Diese und ähnliche Fragen stehen im Moment dem Material Stahl weit mehr machen als das,
zur Debatte. was man in den Beispielen zu sehen glaubt.

Fahrende Bau-
ten: Kreuzfahrt-
schiffe als Vor-
bilder für den
Wohnungsbau

37
Neues Wohnen mit Stahl

Referenten und Veranstalter


Referenten

Nach Architekturstudium und Tätigkeit als


Assistent an der TU Braunschweig ging Wilfried
Dechau 1980 nach Stuttgart zur „db“ und ist
dort seit 1988 Chefredakteur. 1995 bekam er
einen Lehrauftrag an der FH Biberach. Er publi-
zierte mehrere Bücher und gewann 2001 den
Kodak-Fotokalenderpreis.

Dipl.-Ing. Architekt Wilfried Dechau


db (deutsche bauzeitung)
Stuttgart

Jean Philippe Vassal arbeitete nach dem Studium


in Afrika. Von 1992 bis 1999 war er als Dozent
an der Hochschule in Bordeaux tätig. Mit Anne
Lacaton nahm er an vielen internationalen Aus-
stellungen und Wettbewerben teil und gewann
1999 den Grand Prix National d’Architecture
Jeune Talent.

Jean Philippe Vassal, Architecte


Anne Lacaton & Jean Philippe Vassal, Architectes
Bordeaux, Frankreich

Die Bauingenieurin und Direktorin des schwe-


dischen Instituts für Stahlkonstruktion, Helena
Burstrand Knutsson, promoviert zurzeit über
die „Erschütterungseigenschaften von Decken
aus Stahl-Leichtprofilen“. Seit fünf Jahren er-
forscht sie zudem den Bau- und Montagepro-
zess von Stahl-Leichtbauten.

Civ.ing. Helena Burstrand Knutsson


The Swedish Institute of Steel Construction
Stockholm, Schweden

Jan Pesman studierte Architektur an der Tech-


nischen Universität in Delft. 1974 gründete
er mit Michiel Cohen das Architekturbüro
Cepezed. An mehreren Universitäten und In-
stituten, nicht nur im eigenen Land, ist er als
Gastdozent tätig. Neben vielen anderen Preisen
wurde ihm im letzten Jahr der belgische Stahl-
preis verliehen.

Architect Ir. Jan Pesman


Architectenbureau Cepezed B.V.
Delft, Niederlande

38
Referenten und Veranstalter

Hirohiko Sato vertritt den nationalen Stahlver-


band The Japan Iron and Steel Federation und
ist seit 1990 Manager bei der Nippon Steel
Corporation. Er arbeitet seit 1999 in der europä-
ischen Zentrale in Düsseldorf. Das Unternehmen
gehört zu den größten Stahlproduzenten der
Welt und beschäftigt sich seit einigen Jahren er-
folgreich auch mit dem Bau von Stahlhäusern.

Dipl.-Ing. Hirohiko Sato


The Japan Iron and Steel Federation
Tokio, Japan

Karl-Heinz Petzinka gründete mit Thomas Pink


1994 ein Architekturbüro mit Sitz in Düsseldorf
und Berlin und erhielt im gleichen Jahr eine
Professur an der TU Darmstadt. In nunmehr
20-jähriger Tätigkeit entwarf er über 200 Pro-
jekte und gewann viele Wettbewerbe und
Architekturpreise.

Prof. Dipl.-Ing. Architekt Karl-Heinz Petzinka


Petzinka Pink Architekten
Düsseldorf

Schirmherr
Dr. Michael Vesper,
Minister für Städtebau und Wohnen, Kultur
und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Veranstalter
Stahl-Informations-Zentrum, Düsseldorf

Kooperationspartner
Architektenkammer Nordrhein-Westfalen

Rund 1.000 Teil-


nehmer infor-
mierten sich im
Dr. Reinhard Winkelgrund, CongressCenter
Geschäftsführer des Stahl- West der Messe
Informations-Zentrums, Essen über
bedankt sich bei der Mode- „Neues Wohnen
ratorin Beate Schmies mit Stahl“

39
Stahl-Informations-Zentrum
Postfach 10 48 42
40039 Düsseldorf
E-Mail: siz@stahl-info.de · Internet: www.stahl-info.de