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3/20/2020 Virus und Kommunikation: Der stumme Kranke

18.03.2020 - Aktualisiert:
19.03.2020, 22:38 Uhr
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Virus und Kommunikation

Der stumme Kranke


Im Jahr 1986 schrieb Susan Sontag die Kurzgeschichte „Wie wir jetzt leben“. Sie
handelt von einer anderen Viruskrise und zeigt, wie sich die Kommunikation
nach einer Ansteckung verändert. Eine Warnung in Zeiten der Pandemie.

Von VERENA LUEKEN

© Picture-Alliance
Susan Sontag, 1986

Wie wir jetzt leben: Allein, zu zweit, als Gruppe, Familie in Zimmern mit Aussicht. Virtuell an
Krankenbetten. In Sorge um die Welt im Ganzen. In Angst um uns selbst, um die Nächsten,
die Ferneren. In Unsicherheit. Manche in Aufregung. Andere in Verleugnung. Die
allermeisten noch im Bewusstsein, zu den Gesunden zu gehören, auch wenn es heißt, lange
wird es so nicht bleiben. Wie verändern wir uns, wenn wir wissen, wir könnten die Nächsten
sein, die erkranken? Oder zu den wenigen gehören, die uninfiziert davonkommen?

„Wie wir jetzt leben“: Das ist der Titel einer Kurzgeschichte aus einer anderen Viruskrise,
1986 geschrieben von Susan Sontag. Aids wird nicht genannt. HIV wird nicht genannt.
Übertragungsketten werden nicht beschrieben. Worum es geht, war damals allen, die das im
„New Yorker“ lasen, klar. Es war eine Krise wie keine zuvor.

Ein Virus, von dem niemand wusste, woher es kam und wie es zu bekämpfen sei. Keine
Impfung war in Sicht, die Infektion für viele ein Todesurteil. Eine Behandlung möglich einzig
von Symptomen. Es war eine Krise, die zunächst vermeintlich nur bestimmte Gruppen zu
betreffen schien, Schwule, Drogensüchtige, Prostituierte, bis sich herausstellte, das Virus war
nicht wählerisch, es konnte jeden und jede erwischen, alle, die ein Sexualleben hatten oder
Blutkonserven brauchten.

Reaktionen einer Gruppe

Susan Sontag hatte sich schon früh in einer Weiterschreibung ihres großen Krebs-Essays
„Krankheit als Metapher“ essayistisch mit dem Aids-Thema auseinandergesetzt und vor
allem die Kriegsmetaphorik (die wir heute wieder hören, nicht nur vom französischen
Präsidenten) kritisiert, mit der die Stigmatisierung der Erkrankten und ihre Verdrängung aus
der Gesellschaft, an deren Rand sie vermeintlich sowieso schon gestanden hatten, weiter
vorangetrieben wurde. Es war ein kämpferischer Essay, analytisch, aufklärend, eingreifend.
Warum schrieb sie zum Thema noch eine Kurzgeschichte?

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3/20/2020 Virus und Kommunikation: Der stumme Kranke

Weil sie in der literarischen Form etwas anderem auf die Spur kommen wollte als in ihrem
früheren Essay: dem Verhalten und der Sprache der Wohlmeinenden. Weil sie nur fiktional
oder fiktionalisiert erkunden konnte, wie die Infektion im engsten Umkreis kommunikations-
und diskursverändernd wirkt. Und so kann diese Geschichte heute, bei allen Unterschieden
der Krankheiten, eine Warnung, ein cautionary tale für den Umgang mit den Erkrankten
sein.

„Wie wir jetzt leben“ erzählt von der Reaktion einer Gruppe von Freunden auf die Aids-
Infektion eines der Ihren. In Sontags Geschichte versammeln sie sich um den Kranken, der in
ihren Gesprächen, auch wenn sie von ihm handeln, keinen Namen hat. Kaum erkrankt, ist er
nur mehr Objekt. Freundlich besucht und beschenkt. Bedacht, beredet, umsorgt. Aber
stumm. Selbst unter engen und weniger engen Freunden hat sich die Trennung zwischen
„ihm“ und „uns“ vollzogen, zwischen dem Kranken und den anderen. Alle lieben ihn. Aber er
ist fast schon nicht mehr da.

Was wird aus der Sorge, wenn sie sich als begründet erweist?

Susan Sontag schreibt das als durchgehenden Dialog mit mehreren Teilnehmern, einem
Robert, einem Orson, einer Ellen, einer Clarice, einem Quentin, Lewis, Xavier, Max (der
irgendwann, beiläufig erzählt, selbst auf der Intensivstation liegt), Stephen, Dony, Paolo,
Greg, einer Kate, Aileen, Tanya und Hilda. Es ist ein durchgehendes Gequassel in bester
Absicht und in Freundschaft; es gibt kurze Spannungen, minimale Gemeinheiten, eine kleine
Konkurrenz um die Freundschaft des Erkrankten, um die Wahrnehmung seiner Zuwendung
aus besseren Tagen.

Will er Blumen oder lieber Schokolade? Weiß er, dass ein gemeinsamer Freund starb, sollte
er es wissen? Er hat begonnen, ein Tagebuch zu schreiben, was hat das zu bedeuten? Ging es
darum, etwas zu schreiben, das er später lesen könnte, erhob er also „listig Anspruch auf eine
Zukunft“?

Später, als er vorübergehend wieder zu Hause ist, heißt es: „Er wirke optimistisch, fand Kate,
er hatte Appetit, und Orson zufolge hatte er erklärt, er stimme Stephen zu, der sagte, das
Wichtigste sei, in Form zu bleiben, schließlich sei er ein Kämpfer“, und immer so weiter in
einer endlosen Folge von Banalitäten und Zuschreibungen und begründeten Hoffnungen und
unbegründeten.

Schon jetzt ist klar, dass sich während der jetzigen Pandemie verändern wird, wie die
Menschen, wie Freunde miteinander leben, was sie voneinander denken und wie sie
übereinander sprechen: „Na ja, alle machen sich heute um alle Sorgen, das ist jetzt normal, so
wie wir leben“, heißt es in dieser kurzen Geschichte von damals. So ist es auch heute, und die
Frage ist, was wird aus der Sorge, wenn sie sich als begründet erweist?

Wenn soziale Distanz, gegen die sich damals in der Aids-Krise die Anstrengungen von
Aktivisten und auch von Susan Sontags Schreiben richtete, in Zeiten des Coronavirus gerade
eine der wenigen Abwehrmöglichkeiten einer Infektion ist, wie lässt sich verhindern, die
Infizierten vom Rest der Gesellschaft abzuspalten?

Sprachlich, diskursiv? Wie kann eine Gesellschaft lernen, Menschen zu isolieren, um


Ansteckung zu vermeiden, aber nicht so von ihnen zu sprechen, als seien sie schon nicht
mehr da, die Alten, die Vorerkrankten, die anderen? „Kate erschauderte und ihr kamen die
Tränen, worauf Orson besorgt fragte, ob er, Orson, etwas Falsches gesagt hätte, und sie wies
ihn darauf hin, sie fingen schon an, wie im Rückblick von ihm (dem Kranken) zu sprechen, zu
rekapitulieren, wie er war, warum sie ihn mochten, als wäre er am Ende, fertig, und gehörte
bereits der Vergangenheit an.“

Was für eine Gesellschaft dies sein wird, wenn die Pandemie überwunden ist, das wird nicht
zuletzt auch davon abhängen, wie wir jetzt von den Erkrankten sprechen. Susan Sontags
kurze Geschichte mahnt, ihnen dabei nicht nur ihre Würde, ihre Namen und ihre Stimmen zu
lassen, sondern auch eine Zukunft.

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3/20/2020 Virus und Kommunikation: Der stumme Kranke

Quelle: F.A.Z.

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