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I care – PflegeExamen KOMPAKT

Unter Mitarbeit von


Sandra Heiligmann, Tobias Herbers, Margarete Klimek,
Annette Lauber, Jennifer Ludwig, Daniela Schleyer

Fachbeiräte
Lucio Cecconi, Myrèse Larkamp, Rita Schnabel, Katja Schrade

119 Abbildungen

Georg Thieme Verlag


Stuttgart • New York
Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Wichtiger Hinweis: Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in Entwicklungen unterworfen. Forschung und klinische Erfahrung er-
der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische weitern unsere Erkenntnisse, insbesondere was Behandlung und
Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. medikamentöse Therapie anbelangt. Soweit in diesem Werk eine
Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird, darf der Leser zwar
darauf vertrauen, dass Autoren, Herausgeber und Verlag große
Sorgfalt darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissens-
stand bei Fertigstellung des Werkes entspricht.
Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen
kann vom Verlag jedoch keine Gewähr übernommen werden. Jeder
Benutzer ist angehalten, durch sorgfältige Prüfung der Beipackzettel
der verwendeten Präparate und gegebenenfalls nach Konsultation
eines Spezialisten festzustellen, ob die dort gegebene Empfehlung
für Dosierungen oder die Beachtung von Kontraindikationen gegen-
über der Angabe in diesem Buch abweicht. Eine solche Prüfung ist
besonders wichtig bei selten verwendeten Präparaten oder solchen,
die neu auf den Markt gebracht worden sind. Jede Dosierung oder
Applikation erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers. Autoren und
Verlag appellieren an jeden Benutzer, ihm etwa auffallende Unge-
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Zeichnungen: anchin mabel, Stuttgart/Zürich; Gay & Sender, Bremen tung in elektronischen Systemen.
Mit Übernahmen aus: Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Die abgebildeten Personen haben in keiner Weise etwas mit der
Prometheus. LernAtlas der Anatomie. Illustrationen von M. Voll und Krankheit zu tun.
K. Wesker. Stuttgart: Thieme Wo datenschutzrechtlich erforderlich, wurden die Namen und wei-
Umschlaggestaltung: Thieme Gruppe tere Daten von Personen redaktionell verändert (Tarnnamen). Dies
Umschlagabbildungen: Seinab Danboos ist grundsätzlich der Fall bei Patienten, ihren Angehörigen und
Bild auf der Vorderseite der hinteren Umschlagklappe: Freunden, z. T. auch bei weiteren Personen, die z. B. in die Behand-
aus J. Schwegler, R. Lucius: Der Mensch – Anatomie und Physiologie. lung von Patienten eingebunden sind.
Thieme; 2016. Grafiker: M. Voll, K. Wesker, A. Schnitzler
Fotos auf der Innenseite der hinteren Umschlagklappe und Porträts:
K. Oborny, Thieme

Die Texte in diesem Buch wurden zum Teil basierend auf Inhalten
der Titel I care – Pflege, I care – Krankheitslehre und I care –
Anatomie, Physiologie erstellt.
Die Inhalte der Umschlagklappen basieren auf dem Titel I care –
SmartCards

Satz: L42 AG, Berlin


Druck: Aprinta Druck GmbH, Wemding

DOI 10.1055/b-006-161632

ISBN 978-3-13-240887-6 23456

Auch erhältlich als E-Book:


eISBN (PDF) 978-3-13-240888-3
eISBN (epub) 978-3-13-240889-0
Vorwort

Liebe Auszubildende,

Sie haben sich für einen tollen Beruf entschieden und stehen kurz vor dem Examen. Wir wissen aus eigener Erfahrung,
wie anstrengend und zeitintensiv die Phase vor so einer großen Prüfung sein kann. Viele Fragen gehen einem dann
durch den Kopf: Wo soll man anfangen? Welches Buch soll man zum Lernen verwenden? Was ist wichtig und was
nicht, und wie soll das eigentlich alles in so kurzer Zeit möglich sein? Wir haben die Lösung: Mit „I care PflegeExamen
KOMPAKT“ lernen Sie schnell, leicht – und effektiv!

WAS? Unsere erfahrenen Autoren und Fachbeiräte WOMIT? Wenn Sie während der Ausbildung bereits
haben für Sie alle prüfungsrelevanten Inhalte mit I care gelernt haben, finden Sie sich in
zusammengefasst. Im Buchteil „Pflege bei der Kapitelstruktur besonders leicht zurecht,
speziellen Erkrankungen“ finden Sie alle zentralen Inhal- da das Buch gleich aufgebaut ist wie „I care – Pflege“. Ein-
te aus der Anatomie, Physiologie und Krankheitslehre – führende Lern-Mindmaps helfen Ihnen, schnell einen
mit Fokus auf die wichtigsten Krankheitsbilder. Überblick über große Themenfelder zu bekommen. Am
Ende jedes Kapitels erwartet Sie in der Box „KOMPAKT“
eine auf die absoluten Kernfakten reduzierte Zusammen-
fassung des Kapitels.

WIE? Mit „I care PflegeExamen KOMPAKT“ unter-


stützen wir Sie aktiv in Ihrer Prüfungsvor-
bereitung! So können Sie einfach und schnell
Wissenslücken schließen. Zudem hilft Ihnen das Buch als WOFÜR? Eine stressfreie Prüfungsvorbereitung und
„Roter Faden“, damit Sie von Anfang an alle wichtigen ein erfolgreiches Examen!
Inhalte im Blick haben.

Wir wünschen Ihnen einen erfolgreichen Start in Ihr Berufsleben und viel Freude an der Arbeit in einem verant-
wortungsvollen Beruf, nah am Menschen!

Ihre Pflegeredaktion

Lernen nach Themenbereichen

Sie möchten sich gezielt auf die einzelnen Prüfungstage


vorbereiten, und sortiert nach Themenbereichen lernen?
Dann klicken Sie auf www.thieme.de/icare-pflegeexa-
men und schauen Sie sich unsere Übersicht an. Diese zeigt
Ihnen schnell und auf einen Blick, welcher Inhalt welchem
Themenbereich zugeordnet ist und an welchem Prüfungs-
tag das Thema geprüft wird – egal ob für die schriftliche
oder für die mündliche Prüfung!
Wir sind sehr gespannt auf Ihre Reaktion
und freuen uns auf den Dialog mit Ihnen, der für

„wir wollen immer besser werden“.


uns unter dem Motto steht

www.thieme.de/icare/feedback
Inhaltsverzeichnis

1 Ausbildung und Beruf Pflege

1 Professionelle Pflege 18
Sandra Heiligmann

1.1 Was ist Pflege?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

2 Ausbildung konkret 20
Sandra Heiligmann

2.1 Grundlagen der Pflegeausbildung . . . . . . . . . . . . . 21 2.2 Ausbildungsformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

3 Beruf konkret 24
Sandra Heiligmann

3.1 Geschichte der Pflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 3.4 Pflege als Profession . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26


3.2 Vier Handlungsfelder der Pflege . . . . . . . . . . . . . . 25 3.5 Kompetenz und Pflegekompetenz . . . . . . . . . . . . . 26
3.3 Berufs- und Pflegeverständnis . . . . . . . . . . . . . . . 26 3.6 Fort- und Weiterbildung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28

4 Pflegewissenschaft. 30
Sandra Heiligmann, Annette Lauber (4.6)

4.1 Wissensquellen von Pflegenden . . . . . . . . . . . . . . 31 4.4 Pflegeforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32


4.2 Kennzeichen einer Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . 31 4.5 Theorien, Modelle, Konzepte . . . . . . . . . . . . . . . . 33
4.3 Aufgaben der Pflegewissenschaft . . . . . . . . . . . . . 31 4.6 Ausgewählte Pflegetheorien und Pflegemodelle . . . . 34

2 Mit Menschen arbeiten

5 Der Mensch 44
Sandra Heiligmann

5.1 Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 5.4 Bedürfnisse, Motive und Emotionen. . . . . . . . . . . . 47


5.2 Entwicklungspsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 5.5 Der Mensch zwischen Gesundheit und Krankheit . . . 48
5.3 Persönlichkeitspsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

6 Grundlagen und Anwendung professioneller Kommunikation 54


Sandra Heiligmann

6.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 6.2 Professionelle Beziehungs- und Kommunikations-


gestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56

7 Mit Menschen zusammenarbeiten – miteinander umgehen 58


Sandra Heiligmann

7.1 Soziale Rollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 7.3 Aufbau einer Pflegebeziehung . . . . . . . . . . . . . . . 60


7.2 Soziale Gruppen und Teams . . . . . . . . . . . . . . . . 59 7.4 Unternehmenskultur im Gesundheitswesen. . . . . . . 60

6
Inhaltsverzeichnis

8 Selbstfürsorge und Stressmanagement 62


Sandra Heiligmann

8.1 Was ist Stress? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 8.3 Stressbewältigung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65


8.2 Stress am Arbeitsplatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63

3 Rechtliche, organisatorische und finanzielle


Rahmenbedingungen in der Pflege
9 Das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem 70
Sandra Heiligmann

9.1 Sozialsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 9.3 Organisation in der Pflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73


9.2 Gesundheitssystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 9.4 Finanzierung im Gesundheitssystem . . . . . . . . . . . 75

10 Pflegeprozess und Pflegeplanung 78


Sandra Heiligmann

10.1 Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 10.4 Pflegestandards und Assessments . . . . . . . . . . . . . 82


10.2 Pflegeprozessmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 10.5 Pflegeplanung in der Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
10.3 Pflegediagnosen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 10.6 Pflegedokumentation und Pflegeübergabe. . . . . . . . 82

11 Qualitäts- und Fehlermanagement 84


Sandra Heiligmann

11.1 Pflegequalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 11.3 Patientensicherheit und Fehlermanagement. . . . . . . 87


11.2 Qualitätsmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86

12 Rechtliche Grundlagen der Pflege 88


Sandra Heiligmann

12.1 Das Grundgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 12.3 Pflegerelevante Rechtsgebiete . . . . . . . . . . . . . . . 90


12.2 Arbeitsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 12.4 Spezielle Gesetze im Pflegebereich . . . . . . . . . . . . 92

4 Pflegebasismaßnahmen und
Notfallsituationen
13 Grundlagen der Patientenbeobachtung . 96
Jennifer Ludwig

13.1 Wahrnehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 13.2 Beobachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97

14 Notfallsituationen 98
Jennifer Ludwig

14.1 Häufige Notfallsituationen im stationären Bereich . . . 99 14.3 Polytrauma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103


14.2 Kardiopulmonale Reanimation (CPR) . . . . . . . . . . 102 14.4 Erste Hilfe leisten vor Ort .. . . . . . . . . . . . . . . . . 103
Inhaltsverzeichnis

15 Hygiene 106
Margarete Klimek

15.1 Grundlagen der Infektionslehre . . . . . . . . . . . . . 107 15.3 Isolationsmaßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110


15.2 Standardhygiene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 15.4 Multiresistente Erreger . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111

16 Vitalparameter und Körpertemperatur beobachten und kontrollieren . 114


Jennifer Ludwig

16.1 Puls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 16.3 Atmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117


16.2 Blutdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 16.4 Körpertemperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118

17 Körperpflege und Bekleidung 120


Margarete Klimek

17.1 Hautpflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 17.3 Bekleidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124


17.2 Bei der Körperpflege unterstützen . . . . . . . . . . . 121

18 Positionierung und Mobilisation, Betten und guten Schlaf fördern 126


Margarete Klimek

18.1 Bei der Positionierung unterstützen . . . . . . . . . . 127 18.3 Hygienische Prinzipien beim Bettenmachen. . . . . . 128
18.2 Bei der Mobilisation unterstützen . . . . . . . . . . . . 127 18.4 Guten Schlaf fördern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128

19 Essen und Trinken anreichen, Körperlänge und -gewicht bestimmen, Flüssigkeitsbilanz erheben 132
Margarete Klimek

19.1 Essen und Trinken anreichen . . . . . . . . . . . . . . . 133 19.3 Flüssigkeitsbilanz erheben . . . . . . . . . . . . . . . . 134
19.2 Körperlänge und -gewicht bestimmen . . . . . . . . . 133

20 Bei den Ausscheidungen unterstützen 136


Margarete Klimek

20.1 Urin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 20.4 Übelkeit und Erbrechen beobachten und


20.2 Stuhl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 kontrollieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
20.3 Bei der Ausscheidung unterstützen . . . . . . . . . . . 141

21 Prophylaxen 144
Jennifer Ludwig

21.1 Dekubitusprophylaxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 21.7 Prophylaxe der Mangelernährung . . . . . . . . . . . . 152


21.2 Prophylaxe der Bettlägerigkeit . . . . . . . . . . . . . . 146 21.8 Pneumonieprophylaxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
21.3 Obstipationsprophylaxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 21.9 Thromboseprophylaxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
21.4 Soor- und Parotitisprophylaxe . . . . . . . . . . . . . . 148 21.10 Kontrakturenprophylaxe . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
21.5 Deprivationsprophylaxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 21.11 Intertrigoprophylaxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
21.6 Sturzprophylaxe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150

5 Pflegetechniken

22 Umgang mit Blasenkathetern 158


Jennifer Ludwig

22.1 Transurethraler Blasenkatheter. . . . . . . . . . . . . . 159 22.3 Suprapubischer Blasenkatheter . . . . . . . . . . . . . 162


22.2 Intermittierender Selbstkatheterismus . . . . . . . . . 161

8
Inhaltsverzeichnis

23 Injektionen und Blutentnahme 164


Jennifer Ludwig

23.1 Injektionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 23.2 Blutentnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166

24 Gefäßzugänge, Infusionen und Transfusionen 170


Jennifer Ludwig

24.1 Venöse Gefäßzugänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 24.3 Bluttransfusionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177


24.2 Infusionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174

25 Pflege von Patienten mit Sonden und Drainagen 180


Jennifer Ludwig

25.1 Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 25.3 Pflege von Menschen mit Drainagen . . . . . . . . . . 183
25.2 Pflege von Menschen mit Sonden . . . . . . . . . . . . 181

26 Pflege bei Punktionen und Biopsien 186


Jennifer Ludwig

26.1 Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187

27 Darmeinläufe und Stomapflege 190


Jennifer Ludwig

27.1 Darmeinläufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 27.3 Pflege von Patienten mit Urostoma . . . . . . . . . . . 193
27.2 Pflege von Menschen mit Enterostoma . . . . . . . . . 192

28 Pflegetechniken zur Unterstützung der Atmung 196


Jennifer Ludwig

28.1 Atemunterstützende Maßnahmen. . . . . . . . . . . . 197 28.4 Sauerstoff verabreichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199


28.2 Maßnahmen zur Sekretmobilisation . . . . . . . . . . 197 28.5 Tracheostomapflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
28.3 Atemwegssekret absaugen . . . . . . . . . . . . . . . . 198

29 Wundmanagement 202
Jennifer Ludwig

29.1 Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 29.3 Wunddokumentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209


29.2 Moderne Wundtherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204

30 Verbandtechniken 210
Jennifer Ludwig

30.1 Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 30.2 Verbandarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211

6 Spezielle Pflegesituationen und


therapeutische Pflegeaufgaben
31 Pflege bei Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett 216
Daniela Schleyer

31.1 Schwangerschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 31.3 Wochenbett . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221


31.2 Geburt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
Inhaltsverzeichnis

32 Das Kind im Krankenhaus 226


Daniela Schleyer

32.1 Besonderheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227

33 Grundlagen der Pflege im Alter 232


Margarete Klimek

33.1 Das Alter und Altern als Prozess. . . . . . . . . . . . . . 233 33.3 Menschen mit Demenz in der Klinik . . . . . . . . . . 234
33.2 Alte Menschen im Krankenhaus . . . . . . . . . . . . . 234

34 Grundlagen der Pflege von Menschen mit geistiger Behinderung 238


Margarete Klimek

34.1 Geistige Behinderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 34.3 Pflegeschwerpunkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239


34.2 Häufige Erkrankungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239

35 Grundlagen der häuslichen Pflege 242


Daniela Schleyer

35.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 35.2 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243

36 Medikamentenmanagement 246
Daniela Schleyer

36.1 Begriffe und Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 36.4 Besonderheiten in der häuslichen Pflege . . . . . . . . 249
36.2 Medikamente anfordern und lagern. . . . . . . . . . . 247 36.5 Besonderheiten bei Kindern . . . . . . . . . . . . . . . 249
36.3 Medikamente richten und verabreichen . . . . . . . . 248 36.6 Besonderheiten bei älteren Menschen . . . . . . . . . 250

37 Schmerzmanagement 252
Daniela Schleyer

37.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 37.3 Schmerztherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255


37.2 Schmerzmanagement in der Pflege . . . . . . . . . . . 254

38 Ernährungsmanagement 258
Sandra Heiligmann

38.1 Nährstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 38.4 Ernährungszustand erfassen . . . . . . . . . . . . . . . 263


38.2 Energie- und Flüssigkeitsbedarf . . . . . . . . . . . . . 261 38.5 Künstliche Ernährung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
38.3 Ernährung in verschiedenen Lebensphasen . . . . . . 262 38.6 Kostformen und Diäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264

39 Pflege bei Antikoagulation und Thrombolyse 266


Tobias Herbers

39.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 39.3 Betreuung und Überwachung bei


39.2 Betreuung und Überwachung bei Antikoagulation . . 267 Thrombolysetherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
39.4 Informieren, Schulen, Anleiten, Beraten . . . . . . . . 268

40 Wickel und Auflagen 270


Daniela Schleyer

40.1 Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 40.2 Hinweise zur Anwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . 272

41 Perioperative Pflege 274


Margarete Klimek

41.1 Präoperative Pflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 41.3 Postoperative Überwachung und Pflege auf Station .. 277
41.2 Maßnahmen am OP-Tag . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276 41.4 Wunddrainagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279

42 Pflege bei Fieber 280


Daniela Schleyer

42.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 42.2 Pflegerische Maßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . 281

10
Inhaltsverzeichnis

43 Pflege von chronisch kranken und multimorbiden Patienten 284


Sandra Heiligmann

43.1 Der chronisch kranke Patient . . . . . . . . . . . . . . . 285 43.2 Der multimorbide Patient . . . . . . . . . . . . . . . . . 285

44 Pflege von Patienten mit malignen Tumoren 288


Sandra Heiligmann

44.1 Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 44.2 Pflegeprobleme in der Onkologie . . . . . . . . . . . . 290

45 Grundlagen der Intensivpflege 296


Jennifer Ludwig

45.1 Intensivstation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297 45.3 Pflege bei Transplantationen . . . . . . . . . . . . . . . 299


45.2 Pflege von Brandverletzten . . . . . . . . . . . . . . . . 298

46 Pflege des sterbenden Menschen – Palliative Care 302


Jennifer Ludwig

46.1 Der Sterbeprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 46.2 Palliative Care . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304

47 Kultursensible Pflege 308


Margarete Klimek

47.1 Zentrale Elemente kultursensibler Pflege . . . . . . . 309 47.2 Religionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309

48 Grundlagen einer Pflegeethik und ethische Grenzsituationen in der Pflege 312


Daniela Schleyer

48.1 Grundlagen der Ethik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313 48.4 Ethische Reflexion und Entscheidungsfindung . . . . 314
48.2 Notwendigkeit einer Ethik in der Pflege . . . . . . . . 313 48.5 Ethische Grenzsituationen in der Pflege . . . . . . . . 315
48.3 Ethische Normen für die Pflege . . . . . . . . . . . . . 314

49 Informieren, Schulen, Anleiten, Beraten 318


Daniela Schleyer

49.1 Patientenedukation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 49.4 Anleiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319


49.2 Informieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 49.5 Beraten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320
49.3 Schulen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319

50 Grundlagen der Kinästhetik 322


Margarete Klimek

50.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323 50.3 Grundlegende Konzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323


50.2 Ziele der Kinästhetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323 50.4 Kinästhetik in der Praxis. . . . . . . . . . . . . . . . . . 324

51 Grundlagen der Basalen Stimulation 326


Margarete Klimek

51.1 Hintergrundwissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 51.2 Pflegemaßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327

52 Grundlagen des Bobath-Konzepts 330


Margarete Klimek

52.1 Grundprinzipien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 52.3 Handling – Führen von Bewegungen . . . . . . . . . . 332


52.2 Ziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
Inhaltsverzeichnis

7 Pflege bei speziellen Erkrankungen

53 Pflege bei Erkrankungen des Herzens 336


Tobias Herbers

53.1 Anatomie und Physiologie des Herzens . . . . . . . . . 337 53.4 Erkrankungen des Herzens . . . . . . . . . . . . . . . . 341
53.2 Mitwirken bei der Diagnostik. . . . . . . . . . . . . . . 339 53.5 Die wichtigsten Medikamente bei Herzerkrankungen 347
53.3 Pflegebasismaßnahmen bei Herzerkrankungen. . . . 340

54 Pflege bei Erkrankungen des Kreislauf- und Gefäßsystems 348


Tobias Herbers

54.1 Anatomie und Physiologie des Kreislauf- und 54.3 Erkrankungen des Kreislauf- und Gefäßsystems . . . 354
Gefäßsystems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349 54.4 Erkrankungen der Lymphgefäße . . . . . . . . . . . . . 359
54.2 Mitwirken bei der Diagnostik. . . . . . . . . . . . . . . 353

55 Pflege bei Erkrankungen des Atemsystems 360


Daniela Schleyer

55.1 Anatomie und Physiologie. . . . . . . . . . . . . . . . . 361 55.4 Maligne Erkrankungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367


55.2 Nicht-infektiöse Erkrankungen . . . . . . . . . . . . . . 361 55.5 Erkrankungen des Lungenkreislaufs . . . . . . . . . . . 368
55.3 Infektiöse Erkrankungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . 365 55.6 Übersicht über die wichtigsten Medikamente . . . . . 369

56 Pflege bei Erkrankungen des Verdauungssystems 372


Tobias Herbers

56.1 Anatomie und Physiologie. . . . . . . . . . . . . . . . . 373 56.3 Erkrankungen des Verdauungssystems . . . . . . . . . 380
56.2 Mitwirken bei der Diagnostik. . . . . . . . . . . . . . . 377

57 Pflege bei Erkrankungen der Niere und der Harnwege, Störungen des Wasser- und Säure-Basen-Haushalts 394
Margarete Klimek

57.1 Anatomie und Physiologie der Niere . . . . . . . . . . 395 57.4 Erkrankungen der Niere und der ableitenden
57.2 Anatomie und Physiologie der ableitenden Harnwege 396 Harnwege. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 398
57.3 Mitwirken bei der Diagnostik. . . . . . . . . . . . . . . 397 57.5 Wasser- und Elektrolythaushalt . . . . . . . . . . . . . 405
57.6 Säure-Basen-Haushalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407

58 Pflege bei Erkrankungen des Hormonsystems und des Stoffwechsels 410


Tobias Herbers

58.1 Anatomie und Physiologie . . . . . . . . . . . . . . . . 411 58.2 Erkrankungen des Hormonsystems, Stoffwechsel-
störungen und ernährungsbedingten Erkrankungen . 412

59 Pflege bei Erkrankungen des Blut- und Immunsystems 422


Tobias Herbers

59.1 Anatomie und Physiologie. . . . . . . . . . . . . . . . . 423 59.5 Immundefekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 430


59.2 Mitwirken bei der Diagnostik. . . . . . . . . . . . . . . 426 59.6 Autoimmunerkrankungen. . . . . . . . . . . . . . . . . 432
59.3 Erkrankungen der Erythrozyten . . . . . . . . . . . . . 426 59.7 Allergien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432
59.4 Erkrankungen der Leukozyten und des
lymphatischen Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427

60 Pflege bei Erkrankungen des Bewegungssystems 434


Sandra Heiligmann

60.1 Anatomie und Physiologie . . . . . . . . . . . . . . . . 435 60.2 Mitwirken bei der Diagnostik. . . . . . . . . . . . . . . 436

12
Inhaltsverzeichnis

60.3 Pflegebasismaßnahmen bei traumatologischen und 60.5 Orthopädische Erkrankungen. . . . . . . . . . . . . . . 444


orthopädischen Erkrankungen . . . . . . . . . . . . . . 437 60.6 Rheumatische Erkrankungen . . . . . . . . . . . . . . . 447
60.4 Traumatologische Erkrankungen . . . . . . . . . . . . . 437

61 Pflege bei Erkrankungen des Nervensystems 452


Jennifer Ludwig

61.1 Anatomie und Physiologie . . . . . . . . . . . . . . . . 453 61.7 Demenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 466


61.2 Erkrankungen des ZNS . . . . . . . . . . . . . . . . . . 454 61.8 Erkrankungen am Rückenmark . . . . . . . . . . . . . 468
61.3 Entzündliche Erkrankungen des ZNS . . . . . . . . . . 460 61.9 Kopf- und Gesichtsschmerzen . . . . . . . . . . . . . . 471
61.4 Epileptische Anfälle und Epilepsie . . . . . . . . . . . . 462 61.10 Erkrankungen im peripheren Nervensystem . . . . . 472
61.5 Basalganglienerkrankungen . . . . . . . . . . . . . . . 464 61.11 Anlage- und Entwicklungsstörungen . . . . . . . . . . 473
61.6 Motorische Degenerationen. . . . . . . . . . . . . . . . 465

62 Pflege bei Erkrankungen der Sinnesorgane 474


Margarete Klimek

62.1 Erkrankungen des Auges. . . . . . . . . . . . . . . . . . 475 62.2 Erkrankungen des Ohres. . . . . . . . . . . . . . . . . . 480

63 Pflege bei Erkrankungen der Haut 484


Daniela Schleyer

63.1 Anatomie und Physiologie. . . . . . . . . . . . . . . . . 485 63.4 Erkrankungen der Haut . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486
63.2 Mitwirken bei der Diagnostik. . . . . . . . . . . . . . . 485 63.5 Die wichtigsten Medikamente bei Erkrankungen
63.3 Informieren, Schulen, Anleiten, Beraten . . . . . . . . 486 der Haut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491

64 Pflege bei Erkrankungen der Geschlechtsorgane 494


Daniela Schleyer

64.1 Weibliche Geschlechtsorgane. . . . . . . . . . . . . . . 495 64.3 Sexuell übertragene Erkrankungen . . . . . . . . . . . 502


64.2 Männliche Geschlechtsorgane . . . . . . . . . . . . . . 499

65 Pflege bei Erkrankungen der Psyche 504


Daniela Schleyer

65.1 Bedeutung für den Patienten . . . . . . . . . . . . . . . 505 65.7 Organisch bedingte psychische Störungen . . . . . . . 512
65.2 Mitwirken bei der Diagnostik und Therapie . . . . . . 505 65.8 Belastungs- und Anpassungsstörungen . . . . . . . . . 513
65.3 Psychosen des schizophrenen Formenkreises . . . . . 507 65.9 Angst- und Zwangsstörungen. . . . . . . . . . . . . . . 514
65.4 Affektive Störungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 508 65.10 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen . . . . . . . 515
65.5 Sucht und Abhängigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 510 65.11 Kinder- und jugendpsychiatrische Störungen . . . . . 515
65.6 Essstörungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511

66 Pflege bei organübergreifenden Infektionen 516


Margarete Klimek

66.1 Mitwirken bei der Diagnostik. . . . . . . . . . . . . . . 517 66.3 Virale Infektionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 519
66.2 Sepsis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 517 66.4 Spezielle organübergreifende bakterielle Infektionen 522

Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 525
Anschriften

Mitarbeiter Fachbeiräte
Sandra Heiligmann Lucio Cecconi
Gesundheits- und Krankenpflegerin Dipl.-Pflegewirt (FH)
Pflegepädagogin (B.A.) Leitung Schule für Gesundheits- und Krankenpflege
Pflegewissenschaftlerin (M.A.) Bildungszentrum Klinikum Stuttgart
Helios Bildungszentrum Hildesheim Hegelstraße 4
Senator-Braun-Allee 33 70174 Stuttgart
31135 Hildesheim
Myrèse Larkamp
Dr. med. Tobias Herbers Berufspädagogin im Gesundheitswesen (M.A.)
Medizinische Klinik am Helios Klinikum Schwelm Bereichsleitung Fort- und Weiterbildung
Dr.-Moeller-Straße 15 Canisius Campus Dortmund gGmbH
58332 Schwelm Katholische Akademie für Gesundheitsberufe
Sonnenstraße 171
Margarete Klimek 44137 Dortmund
Lehrerin für Pflegeberufe
Theologische Referentin Rita Schnabel
Krankenpflegeschule Dipl.-Pflegepädagogin (FH)
Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Erwachsenenbildung M.A.
Bochum GmbH Schule für Gesundheits- und Krankenpflege
In der Schornau 23–25 Bildungszentrum Klinikum Stuttgart
44892 Bochum Hegelstraße 4
70174 Stuttgart
Dr. rer. cur. Annette Lauber
Dipl.-Pflegepädagogin (FH) Katja Schrade
Pflegewissenschaftlerin (M.Sc.) Dipl.-Pflegepädagogin (FH)
Irmgard-Bosch-Bildungszentrum Schule für Gesundheits- und Krankenpflege
Auerbachstraße 110 Bildungszentrum Klinikum Stuttgart
70376 Stuttgart Hegelstraße 4
70174 Stuttgart
Jennifer Ludwig
Gesundheits- und Krankenpflegerin
Pflegemanagerin (B.A.)
Pflegewissenschaftlerin (M.A.)

Daniela Schleyer
Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin
Pflegepädagogin (B.A.)
Pflegewissenschaftlerin (M.A.)
Evangelisches Bildungszentrum
für Gesundheitsberufe Stuttgart
Haus der Diakonischen Bildung
Nordbahnhofstraße 131
70191 Stuttgart

14
1
ieme
Ausbildung und Beruf Pflege
1 Professionelle Pflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
2 Ausbildung konkret. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
3 Beruf konkret . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
4 Pflegewissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
1 Professionelle Pflege

gesundheitsfördernde
und präventive Pflege
ganzheitliche Pflege
alle Altersgruppen
kurative Pflege 4 Handlungsfelder Berücksichtigung aller
Lebensumstände, z.B. Familien, Gruppen,
rehabilitative Pflege
einzelne Menschen
palliative Pflege Gemeinsamkeiten

„Pflege“ nach WHO „Pflege“ nach ICN

Definitionen

Herausforderungen

veränderte demografischer Fachkräfte- Positionierung in der


Familienbilder Wandel mangel Gesellschaft und im
Gesundheitswesen
kleinere Familien viele ältere, weniger Personal Nachwuchs
pflegebedürftige, junge fehlt fehlt Generalistik
weniger pflegende multimorbide Menschen
Angehörige Menschen Pflege als Akademisierung
Profession
Einpersonenhaushalte
Was ist Pflege?

Pflegende versorgen und betreuen einzelne Menschen, Fa-


1.1 Was ist Pflege? ●

milien und ganze Gruppen in allen Lebenssituationen ei-


genverantwortlich.
Definition „Pflege“ nach ICN
● Pflegende gestalten das Gesundheits-/Pflegemanagement,
Pflege umfasst die eigenverantwortliche Versorgung und Betreu-
Bildung und die Gesundheitspolitik mit.
ung – allein oder in Kooperation mit anderen Berufsangehörigen
– von Menschen aller Altersgruppen, von Familien oder Lebens- ● Pflegende berücksichtigen alle Aspekte des Lebens und der
gemeinschaften sowie von Gruppen und sozialen Gemeinschaf- Gesundheitsversorgung (physisch, psychisch und sozial)
ten, ob krank oder gesund, in allen Lebenssituationen (Settings). und fördern somit die Selbstbestimmung des Menschen.
Pflege schließt die Förderung der Gesundheit, die Verhütung von ● Pflegende arbeiten partnerschaftlich mit anderen Gesund-
Krankheiten und die Versorgung und Betreuung kranker, behin- heitsberufen, dem zu Pflegenden und seinen Angehörigen
derter und sterbender Menschen ein. Weitere Schlüsselaufgaben zusammen.
der Pflege sind Wahrnehmung der Interessen und Bedürfnisse,
Förderung einer sicheren Umgebung, Forschung, Mitwirkung in
der Gestaltung der Gesundheitspolitik sowie im Management des 1.1.2 Herausforderungen
Gesundheitswesens und in der Bildung. professioneller Pflege
Definition „Pflege“ nach WHO ● demografischer Wandel: Anteil der älteren und pflegebe-
dürftigen Menschen an der Gesellschaft wächst, gleichzei-
Der gesellschaftliche Auftrag der Pflege ist es, dem einzelnen
tig sinkt die Anzahl junger Menschen, die die Pflege
Menschen, der Familie und ganzen Gruppen dabei zu helfen, ihr
durchführen können.
physisches, psychisches und soziales Potenzial zu bestimmen und
zu verwirklichen, und zwar in dem für die Arbeit anspruchsvollen ● veränderte Familienbilder: Kleinere Familien, die oft ent-
Kontext ihrer Lebens- und Arbeitsumwelt. Deshalb müssen die fernt voneinander leben, und mehr Einpersonenhaushalte
Pflegenden Funktionen aufbauen und erfüllen, welche die Ge- führen dazu, dass weniger Angehörige die Pflege überneh-
sundheit fördern, erhalten und Krankheit verhindern. Zur Pflege men können.
gehört auch die Planung und Betreuung bei Krankheit und wäh- ● Fachkräftemangel und hohe Nachfrage an Pflegekräften:
rend der Rehabilitation und sie umfasst zudem die physischen, Bereits heute können viele Stellen nicht mehr besetzt wer-
psychischen und sozialen Aspekte des Lebens in ihrer Auswirkung den, da es an Personal und Nachwuchs fehlt. Dieses Prob-
auf Gesundheit, Krankheit, Behinderung und Sterben. Pflegende lem wird sich in Zukunft verschärfen.
gewährleisten, dass der Einzelne und die Familie, seine Freunde, ● Positionierung der professionellen Pflege in der Gesell-
die soziale Bezugsgruppe und die Gemeinschaft ggf. in alle Aspek- schaft und im Gesundheitssystem: Orientierung bei der
te der Gesundheitsversorgung einbezogen werden, und unterstüt- Weiterentwicklung der Pflegeausbildung am europä-
zen damit Selbstvertrauen und Selbstbestimmung. Pflegende ar- ischen Standard (Generalistik und Akademisierung)
beiten auch partnerschaftlich mit Angehörigen anderer an der Er-
bringung gesundheitlicher und ähnlicher Dienstleistungen betei-
ligter Gruppen zusammen. KOMPAK T

1.1.1 Merkmale professioneller Professionelle Pflege


Pflege ● Professionelle Pflege betrachtet den Menschen ganz-
heitlich, d. h., sie berücksichtigt alle Lebensumstände
Gemeinsamkeiten der Definitionen des ICN (International
und die Individualität in den 4 Handlungsfeldern.
Council of Nurses) und der WHO (World Health Organizati-
on): ● Aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen steht pro-
● Pflege findet in 4 Handlungsfeldern (siehe Kap. 3.2) statt fessionelle Pflege vor der Herausforderung des Fach-
und umfasst: kräftemangels.
– Gesundheit fördern und Krankheit verhüten (gesund-
heitsfördernde und präventive Pflege)
– Gesundheit wiederherstellen (kurative Pflege)
– Kranke und Menschen mit Behinderung in die Gesell-
schaft integrieren (rehabilitative Pflege)
– Leiden lindern und sterbende Menschen betreuen (pal-
liative Pflege)
2 Ausbildung konkret

Vergütung Urlaubstage

Arbeitszeit Probezeit
§ 3 regelt die
Ausbildungsziele für Krankenpflege für Altenpflege

Krankenpflege- und Ausbildungs- und Vertragsabschluss mit


Altenpflegegesetz Prüfungsverordnung Ausbildungsträger
Vertrag regelt
Ausbildung, z.B.

gesetzlicher Rahmen Ausbildungsvertag

Voraussetzungen zur
Prüfungszulassung

schriftlich Prüfung

mündlich

praktisch
Ausbildungsformen
grundständig
Modellprojekte
Studium
dual
Assistenzberufe

GKP GKKP AP

ab 2020
generalistische
Pflegeausbildung
Grundlagen der Pflegeausbildung

Die Pflege im Sinne von Satz 1 ist dabei unter Einbezie-


2.1 Grundlagen der ●

hung präventiver, rehabilitativer und palliativer Maßnah-


Pflegeausbildung men auf die Wiedererlangung, Verbesserung, Erhaltung
und Förderung der physischen und psychischen Gesund-
heit der zu pflegenden Menschen auszurichten. Dabei
2.1.1 Gesetzliche sind die unterschiedlichen Pflege- und Lebenssituationen
Rahmenbedingungen sowie Lebensphasen und die Selbständigkeit und Selbst-
bestimmung der Menschen zu berücksichtigen (…).“
● Krankenpflegegesetz – KrPflG (inkl. Gesundheits- und Kin-
● In der Umsetzung der Ausbildungsziele wird zwischen ei-
derkrankenpflege) und Altenpflegegesetz – AltPflG: bilden
genverantwortlich auszuführenden Aufgaben, wie z. B.
die rechtliche Grundlage der Ausbildung und regeln Orga-
der Erhebung des Pflegebedarfs oder der Pflegeplanung,
nisation, Dauer, Ablauf und Inhalte der Ausbildung (z. B.
und der Mitwirkung bei Aufgaben, wie z. B. der medizini-
Ausbildungsziele, Erlaubnis zum Führen der Berufs-
schen Diagnostik und der interdisziplinären Zusammen-
bezeichnungen). Die Ausgestaltung der Lehrpläne findet
arbeit, unterschieden.
durch die Schulen auf Länderebene statt. Es gibt keine
bundesweit einheitlichen Lehrpläne.
● Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Berufe in 2.1.5 Ausbildungsziele der
der Krankenpflege (KrPflGAPrV) bzw. der Altenpflege
(AltPflAPrV): legt Mindestanforderungen an die Ausbil- Altenpflege
dung fest (z. B. durch die Verteilung der Unterrichtsstun- Ausbildungsziele laut § 3 Altenpflegegesetz:
den innerhalb der Ausbildung und die Inhaltsbereiche der „Die Ausbildung in der Altenpflege soll die Kenntnisse, Fä-
Teilprüfungen) und regelt die Prüfung an sich (z. B. Ablauf higkeiten und Fertigkeiten vermitteln, die zur selbständigen
der schriftlichen Prüfung). Auch die Regelungen der Prü- und eigenverantwortlichen Pflege einschließlich der Bera-
fungen sind Ländersache und nicht bundesweit einheit- tung, Begleitung und Betreuung alter Menschen erforderlich
lich geregelt. sind (…).“
Konkret bedeutet dies:
1. „die sach- und fachkundige, den allgemein anerkannten
2.1.2 Ausbildungsvertrag pflegewissenschaftlichen, insbesondere den medizi-
● Der Ausbildungsvertrag wird mit dem Ausbildungsträger nisch-pflegerischen Erkenntnissen entsprechende, um-
(ambulante oder stationäre Pflegeeinrichtung) über die fassende und geplante Pflege,
Dauer der Ausbildung geschlossen. 2. die Mitwirkung bei der Behandlung kranker alter Men-
● Inhalte des Ausbildungsvertrags sind: Berufsziel, Beginn schen einschließlich der Ausführung ärztlicher Verord-
und Dauer der Ausbildung, Gliederung der praktischen nungen,
Ausbildung, Arbeitszeit, Ausbildungsvergütung, Dauer der 3. die Erhaltung und Wiederherstellung individueller Fä-
Probezeit, Anspruch auf Urlaubstage, Voraussetzungen für higkeiten im Rahmen geriatrischer und gerontopsychia-
die Kündigung des Ausbildungsvertrags, Verweis auf Tarif- trischer Rehabilitationskonzepte,
verträge und Betriebs- oder Dienstvereinbarungen. 4. die Mitwirkung an qualitätssichernden Maßnahmen in
der Pflege, der Betreuung und der Behandlung,
5. die Gesundheitsvorsorge einschließlich der Ernährungs-
2.1.3 Ausbildungsvergütung und beratung,
Arbeitszeiten 6. die umfassende Begleitung Sterbender,
● Jeder Auszubildende hat ein Recht auf eine Ausbildungs- 7. die Anleitung, Beratung und Unterstützung von Pfle-
vergütung. Die Höhe hängt vom Ausbildungsjahr und vom gekräften, die nicht Pflegefachkräfte sind,
Ausbildungsträger ab. 8. die Betreuung und Beratung alter Menschen in ihren
● Arbeiten im Schichtbetrieb, auch an Feiertagen und an persönlichen und sozialen Angelegenheiten,
Wochenenden, gehört dazu. 9. die Hilfe zur Erhaltung und Aktivierung der eigenständi-
● Auszubildende haben ein Recht auf Überstundenver- gen Lebensführung einschließlich der Förderung sozialer
gütung, Zulagen und Zuschläge (z. B. bei der Arbeit in psy- Kontakte und
chiatrischen Einrichtungen). 10. die Anregung und Begleitung von Familien- und Nach-
barschaftshilfe und die Beratung pflegender Angehöri-
ger.
2.1.4 Ausbildungsziele der Gesund-
Darüber hinaus soll die Ausbildung dazu befähigen, mit an-
heits- und (Kinder-)Krankenpflege deren in der Altenpflege tätigen Personen zusammenzuar-
Ausbildungsziele laut § 3 Krankenpflegegesetz: beiten und diejenigen Verwaltungsarbeiten zu erledigen, die
● Die Ausbildung „soll entsprechend dem allgemein aner- in unmittelbarem Zusammenhang mit den Aufgaben in der
kannten Stand pflegewissenschaftlicher, medizinischer Altenpflege stehen.“
und weiterer bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse fach-
liche, personale, soziale und methodische Kompetenzen
zur verantwortlichen Mitwirkung insbesondere bei der
Heilung, Erkennung und Verhütung von Krankheiten ver-
mitteln.
l
2 Ausbildung konkret

2.1.6 Prüfung ● Weitere Ausbildungsgänge: Pflegehilfe, Pflegeassistenz


(meist 2-jährige Ausbildung), Studium (dual: Studium in-
Die Prüfung in der Pflegeausbildung umfasst tegriert in die Ausbildung mit Bachelor-Abschluss; grund-
● einen schriftlichen, ständig: Hochschule als alleiniger theoretischer Lernort;
● einen praktischen und weiterführend: Pflegemanagement, Pflegepädagogik und
● einen mündlichen Teil. Pflegewissenschaft mit Bachelor- und Master-Abschluss)

Die Voraussetzungen für die Zulassung zur Prüfung ergeben


sich aus der jeweiligen Ausbildungs- und Prüfungsverord-
KOMPAK T
nung.
Ausbildung konkret

2.2 Ausbildungsformen ● In den bundeseinheitlichen Gesetzen bzw. Verordnun-


gen werden die Mindestanforderungen für die Pfle-
● heute (Stand 2018): Ausbildung in der Gesundheits- und geausbildung festgelegt und grundlegende Aussagen
Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, zu den Ausbildungszielen und Prüfungen getroffen.
Altenpflege sowie zahlreiche Modellprojekte der genera- Die Umsetzung erfolgt auf Länderebene.
listischen oder integrativen Pflegeausbildung ● Der Ausbildungsvertrag regelt wichtige Aspekte zwi-
● generalistische Pflegeausbildung ab 2020: Die Ausbildung schen Arbeitgeber und Auszubildenden.
in der Pflege wird vereinheitlicht. Das neue Pflegeberufe- ● Momentan gibt es 3 Ausbildungsberufe in der Pflege
gesetz sieht vor, die bislang voneinander getrennten Pfle- sowie diverse Modellprojekte. Ab 2020 soll die genera-
geausbildungen zu einer Pflegeausbildung mit dem Be- listische Pflegeausbildung in ganz Deutschland einge-
rufsabschluss „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“ zu- führt werden.
sammenzuführen. Die Absolventen können so in allen ● Neben Pflegehelferberufen gibt es auch immer mehr
Versorgungsbereichen arbeiten. Alternativ können sich Studiengänge für Pflege.
die Absolventen auch wie bisher für einen Abschluss in
der Alten- oder Kinderkrankenpflege entscheiden. Wäh-
len bis 2026 mehr als 50 % der Absolventen den generalis-
tischen Abschluss, soll dieser ohne Alternativen eingeführt
werden.

22
l
2 Ausbildung konkret

2.1.6 Prüfung ● Weitere Ausbildungsgänge: Pflegehilfe, Pflegeassistenz


(meist 2-jährige Ausbildung), Studium (dual: Studium in-
Die Prüfung in der Pflegeausbildung umfasst tegriert in die Ausbildung mit Bachelor-Abschluss; grund-
● einen schriftlichen, ständig: Hochschule als alleiniger theoretischer Lernort;
● einen praktischen und weiterführend: Pflegemanagement, Pflegepädagogik und
● einen mündlichen Teil. Pflegewissenschaft mit Bachelor- und Master-Abschluss)

Die Voraussetzungen für die Zulassung zur Prüfung ergeben


sich aus der jeweiligen Ausbildungs- und Prüfungsverord-
KOMPAK T
nung.
Ausbildung konkret

2.2 Ausbildungsformen ● In den bundeseinheitlichen Gesetzen bzw. Verordnun-


gen werden die Mindestanforderungen für die Pfle-
● heute (Stand 2018): Ausbildung in der Gesundheits- und geausbildung festgelegt und grundlegende Aussagen
Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, zu den Ausbildungszielen und Prüfungen getroffen.
Altenpflege sowie zahlreiche Modellprojekte der genera- Die Umsetzung erfolgt auf Länderebene.
listischen oder integrativen Pflegeausbildung ● Der Ausbildungsvertrag regelt wichtige Aspekte zwi-
● generalistische Pflegeausbildung ab 2020: Die Ausbildung schen Arbeitgeber und Auszubildenden.
in der Pflege wird vereinheitlicht. Das neue Pflegeberufe- ● Momentan gibt es 3 Ausbildungsberufe in der Pflege
gesetz sieht vor, die bislang voneinander getrennten Pfle- sowie diverse Modellprojekte. Ab 2020 soll die genera-
geausbildungen zu einer Pflegeausbildung mit dem Be- listische Pflegeausbildung in ganz Deutschland einge-
rufsabschluss „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“ zu- führt werden.
sammenzuführen. Die Absolventen können so in allen ● Neben Pflegehelferberufen gibt es auch immer mehr
Versorgungsbereichen arbeiten. Alternativ können sich Studiengänge für Pflege.
die Absolventen auch wie bisher für einen Abschluss in
der Alten- oder Kinderkrankenpflege entscheiden. Wäh-
len bis 2026 mehr als 50 % der Absolventen den generalis-
tischen Abschluss, soll dieser ohne Alternativen eingeführt
werden.

22
3 Beruf konkret

z.B. Fachweiterbildung
Brandschutz Hygiene Intensivpflege und Anästhesie
Hippokrates

Klöster und
Wissen auffrischen umfangreicher als dauert meist Mutterhäuser
oder neu aneignen, z.B. Fortbildungen 2 Jahre
erste Krankenwärter-
Schule (Franz A. Mai)
Fortbildung
Florence Nightingale
personal Weiterbildung
sozial
Rotes Kreuz 3-jährige
fachlich
methodisch Geschichte Pflegeaus-
der Pflege bildung
berufliche Agnes Karll
Handlungskompetenz Berufs-
verband
Entwicklungs- Kompetenz und
modelle Pflegekompetenz NS-Schwesternschaft

Pflege in der DDR


Benner Olbrich
Pflege in der BRD
Berufsverbände
Pflege im 21. Jh.

Pflege- 4 Handlungsfelder
präventive Pflege
kammern Gewerkschaften der Pflege
kurative Pflege

Interessenvertretung Pflege als Berufs- und rehabilitative Pflege


beruflicher Pflege Profession Pflegeverständnis
palliative Pflege
Pflegeverständnis
Berufsverständnis, z.B.
Wie soll Pflege
verbindlich aufgefasst und
Normen ausgeübt werden?
Berufsverbände
Haltungen
Vier Handlungsfelder der Pflege

Ab 1918: In der Weimarer Republik bessern sich die Be-


3.1 Geschichte der Pflege ●

dingungen für Pflegende langsam. Der 8-Stunden-Tag


● ca. 500 v. Chr.: In Indien werden erstmals Pflegende als wird eingeführt.
Berufsgruppe erwähnt, die neben Ärzten in Vorläufern ● 1919/20: Die ersten Tarifverträge werden abgeschlossen.
von Krankenhäusern arbeiten. ● 1923: Der 10-Stunden-Tag wird wieder erlaubt.
● ca. 400 v. Chr.: In Europa verbreitet sich die griechische ● 1926: Das letzte Heiratsverbot für freie Schwestern fällt.
Medizin nach Hippokrates. Ärzte betrachten die Kranken- ● 1933–1945: Berufsverbände werden vereinheitlicht und
pflege als Teil ihrer Aufgabe bzw. übertragen sie an ihre unter NS-Führung gestellt. In der neuen NS-Schwestern-
Schüler. schaft (auch braune Schwestern) soll eine Pflegeelite he-
● 1. Jh.: Urchristen betrachten Krankenpflege als selbstver- rangezogen werden.
ständlichen Teil der christlichen Nächstenliebe. ● 1939: Rund 10 % der Pflegenden gehören der NS-Schwes-
● Ab 5. Jh.: Nonnen und Mönche sind in Klöstern für Pflege ternschaft an. Jüdische Pflegende und Ärzte werden aus
zuständig (Hildegard von Bingen). dem Beruf verdrängt. Sie dürfen nur noch Juden pflegen
● 12. Jh.: Außerhalb der Klöster entstehen Hospitäler/Her- und behandeln.
bergen, die neben Kranken auch Findelkinder und Hilfs- ● 1940: Im „Euthanasie“-Programm werden geistig behin-
bedürftige aufnehmen. Sie werden von Geistlichen und derte und psychisch kranke Patienten in „Heil- und Pfle-
erstmals bezahlten Krankenpflegern versorgt. geanstalten“ in Gaskammern ermordet. Pflegende berei-
● 17. Jh.: Katholische Pflegeorden entstehen nach dem Vor- ten die Patienten für den Transport vor und „beruhigen“
bild der Vinzentinerinnen. Statt in Klöstern leben sie in sie während der Fahrt mit Medikamenten.
sog. Mutterhäusern und werden vom Orden in die Hospi- ● Pflege in der DDR: Das Gesundheitssystem wird verstaat-
täler entsandt. Dieses System wird auch von den späteren licht und zentral gelenkt. Pflegende erhalten erst eine 2,
evangelischen Diakonissen und Rotkreuzschwestern über- dann 3-jährige Ausbildung. Kennzeichnend sind der hohe
nommen. Ausbildungsgrad und Stellenwert in der Gesellschaft.
● 1781: Die erste Krankenwärterschule wird von Franz An- Durch die Mangelwirtschaft gibt es wenige der notwendi-
ton Mai gegründet, die nach 3 Monaten mit einem Exa- gen Materialien, was Pflegende dazu zwingt, erfinderisch
men abschließt. Grundlage ist das Lehrbuch „Unterricht zu sein.
für Krankenwärter“. In vielen Krankenhäusern arbeiten ● Pflege in der BRD: Die Organisation der Pflege bleibt zer-
Pflegende immer noch ohne Ausbildung. splittert. Verbände und Schwesternschaften werden wie-
● 1836: Die Kaiserswerther Diakonie wird gegründet. Un- der gestärkt. Es gibt Meinungsverschiedenheiten über den
verheiratete, bürgerliche Frauen verpflichten sich für Umfang der Pflegeausbildung. Bei den Schwesternschaf-
5 Jahre als Diakonissen. Sie erhalten Unterricht in Ana- ten steht Nächstenliebe vor umfangreichem Wissen. 1965
tomie, Arzneimittellehre und pflegerischen Tätigkeiten. und 1985 treten neue Krankenpflegegesetze in Kraft, in
● 1859: Die englische Krankenschwester Florence Nightin- denen auch die Ausbildung geregelt wird.
gale schreibt ein wegweisendes Buch zur Ausbildung und ● Pflege im 21. Jh.: In den 1990er-Jahren entstehen zuneh-
zum Selbstverständnis der Pflege. Sie gilt als die erste mend Pflegestudiengänge, die die Professionalisierung
Pflegetheoretikerin. und Spezialisierung vorantreiben. 2004 tritt die neue Aus-
● 1860: Nightingale gründet die erste Schwesternschule bildungs- und Prüfungsverordnung in Kraft, die bis heute
Englands. Der Berliner Arzt Virchow fordert eine berufs- gilt.
mäßige Ausbildung der Krankenpflege. In den USA wird
der International Council of Nurses (ICN) gegründet.
● 1863: In der Schweiz wird das Rote Kreuz mit angeschlos- 3.2 Vier Handlungsfelder der
sener Pflegeschule gegründet.
● 1883: In Deutschland wird die gesetzliche Sozialversiche-
Pflege
rung eingeführt. Die Zahl der Krankenhäuser verdoppelt 1. präventive Pflege: Krankheit vermeiden und Gesundheit
sich. Neben den Schwestern des Roten Kreuzes und den fördern, z. B. durch Beratung Pflegebedürftiger und ihrer
Diakonissen arbeiten nun viele Frauen gegen Bezahlung in Angehörigen, Sturzprävention, Prophylaxen
der Pflege (die sog. „wilden Schwestern“). Manche halten 2. kurative Pflege: Krankheit heilen, z. B. pflegerische Maß-
dies für minderwertig, weil es nicht dem Ideal der christli- nahmen, die zur Heilung beitragen, wie die Gabe ärztlich
chen Nächstenliebe entspreche. angeordneter Medikamente oder eine Wundversorgung
● 1903: Die „wilde Schwester“ Agnes Karll fordert eine 3- 3. rehabilitative Pflege: Wiederherstellung von Gesundheit
jährige Ausbildung für Pflegerinnen. Sie gründet die erste und Wiedereingliederung in die Gesellschaft (siehe Kap.
Berufsorganisation Deutschlands, woraus sich der Deut- 5.5.6), z. B. durch „Hilfe zur Selbsthilfe“ nach dem Prinzip
sche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) entwickelt. „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“, Bereitstellung
● 1906: Preußen führt Vorschriften über die staatliche Prü- von Hilfsmitteln zur Unterstützung der Selbstständigkeit
fung von Pflegepersonen ein. Die Pflege ist nun ein ge- (Rollator, Toilettenstuhl)
setzlich anerkannter und geregelter Beruf. Voraussetzung 4. palliative Pflege: Linderung der Symptome, z. B. durch in-
für die Berufszulassung sind die Ausbildung und eine Prü- dividuelles Schmerzmanagement, Abwägen pflegerischer
fung. Maßnahmen nach dem Motto „Weniger ist mehr“, die Le-
● 1900–1914: Pflegende arbeiten unter harten Bedingungen bensqualität der Patienten hat oberste Priorität! (siehe
(12–36-Stunden-Schichten). Oft geben sie den Beruf er- Kap. 46)
schöpft nach wenigen Jahren auf.
l
3 Beruf konkret

3.3 Berufs- und 3.4.3 Berufspolitisch organisierte


Pflegeverständnis Pflege
Die Interessenvertretung beruflich Pflegender findet in
3.3.1 Berufsverständnis Deutschland durch folgende Institutionen statt:
● Berufsverbände: repräsentieren die Berufsgruppe, setzen
● beschreibt Grundlagen, Tätigkeiten, Ziele und Pflichten
sich z. B. bei Ministerien oder Behörden für Belange Pfle-
beruflicher Handlungen
gender ein, beraten ihre Mitglieder in Rechtsfragen, orga-
● beinhaltet Haltung und Normen der Berufsgruppe nisieren Fort- und Weiterbildungen sowie Kongresse (z. B.
● Beschreibung stammt von berufsspezifischen Verbänden DBfK, DBVA oder BeKD e. V.). Mitglieder sind selbstständi-
oder Organisationen (z. B. ICN, Deutscher Pflegerat) ge und angestellte Angehörige des Berufs, auch Auszubil-
● ist für alle Angehörigen der Berufsgruppe verbindlich dende und Rentner.
● Gewerkschaften: vertreten Arbeitnehmerinteressen z. B.

bei Tarifverhandlungen, kämpfen für höhere Löhne, orga-


3.3.2 Pflegeverständnis nisieren Streiks (z. B. ver.di). Mitglieder sind nur Angestell-
● beschreibt, wie Pflege aus unterschiedlichen Perspektiven, te und Auszubildende z. B. aus dem öffentlichen Dienst.
z. B. vonseiten des Gesetzgebers, von Institutionen oder ● Pflegekammern: werden auf Länderebene organisiert,

einzelnen Personen aufgefasst und ausgeübt werden soll eine Bundespflegekammer wird angestrebt, sie finanzie-
ren sich aus den Beiträgen ihrer Mitglieder, 2018 gibt es in
Aspekte, die das Pflegeverständnis dabei prägen, sind: 3 Bundesländern in Deutschland eine Pflegekammer.
● Wie werden die Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“
verstanden? Exemplarische Aufgaben einer Pflegekammer sind:
● Welches Menschenbild liegt zugrunde? ● Selbstverwaltung der Pflege
● Mit welcher inneren Haltung arbeiten Pflegende? ● Bündeln der berufsständischen Interessen

● Welches Ziel verfolgt pflegerisches Handeln? ● Aufstellen einer eigenen Berufsordnung

● Führen eines Berufsregisters aller Pflegefachkräfte

● Regelungen über Fort- und Weiterbildung

3.4 Pflege als Profession ● Verfassen von Empfehlungen zur Qualitätsentwicklung

und -sicherung pflegerischer Berufsausübung


3.4.1 Professionelle Pflege ● Beraten von Berufsangehörigen in juristischen, ethischen,

Die Professionalisierung des Pflegeberufs schreitet in fachlichen und berufspolitischen Fragen (…)
Deutschland zunehmend voran (Stichwort: Generalistik und
Akademisierung des Pflegeberufs). Um bei einem Beruf (wie
der Pflege) von einer Profession sprechen zu können, müs- 3.5 Kompetenz und
sen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:
● Wissen auf wissenschaftlicher Grundlage (z. B. durch eige-
Pflegekompetenz
ne Forschung – Pflegewissenschaft)
● kontrollierter Berufszugang, u. a. akademische Ausbil-
Definition Kompetenz
„Kompetenz“ ist die Fähigkeit, eine komplexe Situation zu erfas-
dungsgänge (z. B. duales Studium Pflege)
sen, zu analysieren und basierend auf Kenntnissen und Wissen
● verbindlicher Berufskodex/verbindliches Berufsbild (z. B.
angemessen zu handeln.
Ethikkodex für Pflegende des ICN)
● Berufsverbände (z. B. Deutscher Berufsverband für Pflege-

berufe – DBfK) 3.5.1 Berufliche


● autonomer Berufsstand (z. B. Entscheidungsfreiheit in der Handlungskompetenz
inhaltlichen Gestaltung von Ausbildung und Studium)
Die berufliche Handlungskompetenz ermöglicht es Pflegen-
● gesellschaftliche Relevanz (z. B. Versorgung von Pflegebe-
den, die Aufgaben und Herausforderungen des Pflegealltags
dürftigen)
zu bewältigen.
● vergleichsweise hohes Einkommen (tarifliches Gehalt)
Im Krankenpflegegesetz wird zwischen fachlicher, per-
und gute Aufstiegsmöglichkeiten sonaler, sozialer und methodischer Kompetenz unterschie-
den. Das Modell der beruflichen Handlungskompetenz be-
schreibt die einzelnen Kompetenzen und ihr Zusammenwir-
3.4.2 Nichtberufliche Pflege ken (▶ Abb. 3.1).
● Nichtberufliche Pflege (auch informelle Pflege oder Laien-
pflege): wird von Menschen ohne pflegeberufliche Ausbil-
dung durchgeführt, z. B. Angehörige. Sie spielt eine große
Rolle in der Versorgung.
● Rund ⅔ der Pflegebedürftigen werden zu Hause von An-
gehörigen (meist Frauen) gepflegt. Dies ist oft eine enor-
me Belastung für die Angehörigen. Daher müssen profes-
sionell Pflegende auch die Angehörigen mit im Blick ha-
ben und sie beraten.

26
Kompetenz und Pflegekompetenz

Abb. 3.1 Modell – Berufliche Handlungskompetenz.

Methodenkompetenz = planmäßiges, zielgerichtetes Arbeiten


kommunikative Kompetenz = kommunikative Situationen verstehen und gestalten
Lernkompetenz = Informationen verstehen und auswerten

Fachkompetenz personale Kompetenz Sozialkompetenz


• Wissen über • Selbstentwicklung • Beziehungs-/
Fachgebiet • selbstständiges Lernen Teamfähigkeit
• Verständnis von • berufliches Handeln • Einfühlungs-
Fachsprache reflektieren vermögen
• Kenntnis fachspezi- • Einstellungen und • Kooperations- und
fischer Methoden Werte entwickeln Konfliktlösebereit-
• fachübergreifendes und vertreten schaft
Wissen (z. B. aus • Verantwortung für • Konsensfähigkeit
Medizin, Soziologie, das berufliche • Toleranz
Psychologie, Ethik, Handeln übernehmen
Recht, Organisation)
• Veränderung mit-
gestalten

berufliche Handlungskompetenz

berufliches Handeln

Nach: I care – Pflege. Thieme; 2015

3. Kompetent Pflegender: Pflegefachkraft mit ca. 2–3 Jah-


3.5.2 Modelle zur Entwicklung von ren Erfahrung in einem bestimmten Pflegebereich – han-
Pflegekompetenz delt planvoll.
4. Erfahrener Pflegender: Pflegefachkraft mit ca. 3–5 Jahren
Entwicklung von Pflegekompetenz nach Erfahrung in einem bestimmten Pflegebereich – erfasst
Olbrich Pflegesituation als Ganzes.
● Pflegerisches Handeln hat 4 Dimensionen. 5. Pflegeexperte: Pflegefachkraft erfasst Pflegesituationen
intuitiv, erkennt direkt Kern eines Problems und leitet er-
● Für jede Dimension ist eine bestimmte Kompetenz not-
forderliche Pflegemaßnahmen ab.
wendig.
● Die Kompetenzen müssen mit der Zeit entwickelt werden
und bauen aufeinander auf (vom regelgeleiteten Handeln Aufgabenbereiche
hin zum aktiv-ethischen Handeln) (▶ Tab. 3.1). Benner beschreibt 7 Aufgabenbereiche der Pflegepraxis, in
● Der Kompetenzerwerb ist eine Art Prozess, der von Erfah- denen sich insgesamt 31 Kompetenzen wiederfinden (Pfle-
rungen und Reflexion beeinflusst wird. Feedback, Anlei- geexperten haben alle 31 Kompetenzen).
tung und Korrektur, z. B. durch Lehrende, sind bei der Ent- Die 7 Bereiche sind:
wicklung praktischer Kompetenzen wichtig. Dafür ist die 1. Helfen (Beispielkompetenz: Patienten ermutigen, Eigen-
Auseinandersetzung mit sich selbst und der beruflichen verantwortung zu übernehmen, sich an der Genesung zu
Rolle zentral. beteiligen)
2. Beraten und Betreuen (Beispielkompetenz: Patienten be-
Entwicklung von Pflegekompetenz nach raten, wie er mit den Folgen seiner Erkrankung umgehen
kann)
Benner 3. Diagnostik und Patientenüberwachung (Beispielkom-
Die Kompetenzentwicklung verläuft über 5 Stufen, die petenz: Veränderungen des Gesundheitszustands erken-
nacheinander durchlaufen werden (vom Neuling bis zum nen, mögliche Probleme und Komplikationen erahnen)
Pflegeexperten). 4. Wirkungsvolles Handeln bei Notfällen (Beispielkom-
1. Neuling: Auszubildender oder Pflegender, der in einen petenz: kompetent handeln in Notfallsituationen)
neuen Bereich wechselt – handelt nach erlernten Regeln. 5. Durchführung und Überwachung von Behandlungen (Bei-
2. Fortgeschrittener Anfänger: Berufsanfänger in der Pflege spielkompetenz: Medikamente mit Sorgfalt verabreichen,
– erkennt wiederkehrende Aspekte in Pflegesituationen. auf Wirkung, Nebenwirkungen und Unverträglichkeit
achten)
l
3 Beruf konkret

Tab. 3.1 Übersicht Pflegekompetenz nach Olbrich.

Dimension Kompetenz Beispiel

regelgeleitetes Handeln sich Wissen aneignen (Routine als Basis von Kom- Kenntnisse in und Wissen über pflegerische oder
petenz) medizinische Themen aufbauen und erweitern

situativ-beurteilendes Han- wahrnehmen und sich vertieft einfühlen einfühlen in die Situation des Patienten
deln

reflektierendes Handeln selbstreflektiert sein eigenes Handeln hinterfragen: „Was tue ich warum
und wann?“

aktiv-ethisches Handeln als Person stark sein (höchste Kompetenzstufe) stellvertretend für die Interessen des Patienten
eintreten, wenn er dies selbst nicht kann (mora-
lisches Denken und Handeln sind hierfür die
Voraussetzung)

6. Überwachung und Sicherstellung der Qualität medizini-


scher Versorgung (Beispielkompetenz: Maßnahmen hin-
sichtlich ihrer Sicherheit prüfen)
KOMPAK T
7. Organisation und Zusammenarbeit (Beispielkompetenz:
im therapeutischen Team zusammenarbeiten, um dem Beruf konkret
Patienten eine optimale Therapie zu ermöglichen)
● Der Pflegeberuf war lange Zeit vom Ideal der Nächs-
tenliebe und vom Bild des ärztlichen Assistenzberufs ge-
3.6 Fort- und Weiterbildung ●
prägt.
Die Professionalisierung setzte daher verzögert ein
Durch den kontinuierlichen Fortschritt in Medizin und Pfle- und dauert immer noch an. Gerade die einheitliche Or-
ge hört das Lernen niemals auf. Eine regelmäßige Weiter- ganisation in einer Pflegekammer und die Weiterent-
qualifizierung ist wichtig für die Pflegequalität und kommt wicklung der Pflegeausbildung (inkl. Studium) sind As-
sowohl Pflegenden als auch Patienten zugute. pekte, die in naher Zukunft weiter vorangetrieben wer-
● Fortbildungen: helfen Pflegenden, ihr Wissen auf den neu- den müssen.
esten wissenschaftlichen Stand zu bringen. Krankenhäu- ● Ein einheitliches Berufs- und Pflegeverständnis ist die
ser und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens Basis professionellen Handelns.
müssen bestimmte Pflichtfortbildungen anbieten (z. B. ● Erworbenes Wissen und Kenntnisse in konkreten Situa-
zum Thema Brandschutz oder Hygiene). Darüber hinaus tionen adäquat anwenden zu können, bezeichnet man
gibt es auch allgemeine Fortbildungen wie z. B. Kommuni- als Kompetenz. Bei der Handlungskompetenz wird zwi-
kation, EDV, Autogenes Training, Gesundheitsförderung schen fachlicher, personaler, sozialer und methodischer
usw. Offizielle Nachweise über die Teilnahme an Fortbil- Kompetenz unterschieden.
dungen werden durch die Registrierungsstelle für beruf-
● Die Entwicklung der Pflegekompetenz erfolgt prozess-
lich Pflegende vergeben.
haft. Mit der Zeit generieren Pflegende mehr Wissen
● Weiterbildungen: sind umfangreicher als Fortbildungen
und Erfahrung. Durch kritische Selbstreflexion nimmt
und mit einer neuen oder erweiterten Berufsbezeichnung die Kompetenz stetig zu.
und beruflichen Aufgabe verbunden (z. B. Fachpflegekraft
● Durch die andauernde Weiterentwicklung in Pflege und
für Intensivpflege und Anästhesie). Eine Fachweiterbil-
Medizin hört das Lernen niemals auf. Fort- und Weiter-
dung ist eine Art der Spezialisierung. Voraussetzung für
bildung sichern die Pflegequalität.
den Beginn der Weiterbildung ist meist eine mindestens
2-jährige Berufstätigkeit, ein Teil davon im angestrebten
Fachgebiet. Die Fachweiterbildung dauert meist 2 Jahre
und schließt i. d. R. mit einer Prüfung ab.

28
l
3 Beruf konkret

Tab. 3.1 Übersicht Pflegekompetenz nach Olbrich.

Dimension Kompetenz Beispiel

regelgeleitetes Handeln sich Wissen aneignen (Routine als Basis von Kom- Kenntnisse in und Wissen über pflegerische oder
petenz) medizinische Themen aufbauen und erweitern

situativ-beurteilendes Han- wahrnehmen und sich vertieft einfühlen einfühlen in die Situation des Patienten
deln

reflektierendes Handeln selbstreflektiert sein eigenes Handeln hinterfragen: „Was tue ich warum
und wann?“

aktiv-ethisches Handeln als Person stark sein (höchste Kompetenzstufe) stellvertretend für die Interessen des Patienten
eintreten, wenn er dies selbst nicht kann (mora-
lisches Denken und Handeln sind hierfür die
Voraussetzung)

6. Überwachung und Sicherstellung der Qualität medizini-


scher Versorgung (Beispielkompetenz: Maßnahmen hin-
sichtlich ihrer Sicherheit prüfen)
KOMPAK T
7. Organisation und Zusammenarbeit (Beispielkompetenz:
im therapeutischen Team zusammenarbeiten, um dem Beruf konkret
Patienten eine optimale Therapie zu ermöglichen)
● Der Pflegeberuf war lange Zeit vom Ideal der Nächs-
tenliebe und vom Bild des ärztlichen Assistenzberufs ge-
3.6 Fort- und Weiterbildung ●
prägt.
Die Professionalisierung setzte daher verzögert ein
Durch den kontinuierlichen Fortschritt in Medizin und Pfle- und dauert immer noch an. Gerade die einheitliche Or-
ge hört das Lernen niemals auf. Eine regelmäßige Weiter- ganisation in einer Pflegekammer und die Weiterent-
qualifizierung ist wichtig für die Pflegequalität und kommt wicklung der Pflegeausbildung (inkl. Studium) sind As-
sowohl Pflegenden als auch Patienten zugute. pekte, die in naher Zukunft weiter vorangetrieben wer-
● Fortbildungen: helfen Pflegenden, ihr Wissen auf den neu- den müssen.
esten wissenschaftlichen Stand zu bringen. Krankenhäu- ● Ein einheitliches Berufs- und Pflegeverständnis ist die
ser und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens Basis professionellen Handelns.
müssen bestimmte Pflichtfortbildungen anbieten (z. B. ● Erworbenes Wissen und Kenntnisse in konkreten Situa-
zum Thema Brandschutz oder Hygiene). Darüber hinaus tionen adäquat anwenden zu können, bezeichnet man
gibt es auch allgemeine Fortbildungen wie z. B. Kommuni- als Kompetenz. Bei der Handlungskompetenz wird zwi-
kation, EDV, Autogenes Training, Gesundheitsförderung schen fachlicher, personaler, sozialer und methodischer
usw. Offizielle Nachweise über die Teilnahme an Fortbil- Kompetenz unterschieden.
dungen werden durch die Registrierungsstelle für beruf-
● Die Entwicklung der Pflegekompetenz erfolgt prozess-
lich Pflegende vergeben.
haft. Mit der Zeit generieren Pflegende mehr Wissen
● Weiterbildungen: sind umfangreicher als Fortbildungen
und Erfahrung. Durch kritische Selbstreflexion nimmt
und mit einer neuen oder erweiterten Berufsbezeichnung die Kompetenz stetig zu.
und beruflichen Aufgabe verbunden (z. B. Fachpflegekraft
● Durch die andauernde Weiterentwicklung in Pflege und
für Intensivpflege und Anästhesie). Eine Fachweiterbil-
Medizin hört das Lernen niemals auf. Fort- und Weiter-
dung ist eine Art der Spezialisierung. Voraussetzung für
bildung sichern die Pflegequalität.
den Beginn der Weiterbildung ist meist eine mindestens
2-jährige Berufstätigkeit, ein Teil davon im angestrebten
Fachgebiet. Die Fachweiterbildung dauert meist 2 Jahre
und schließt i. d. R. mit einer Prüfung ab.

28
4 Pflegewissenschaft

Theorie

Ziel: Fragen und Probleme Forschung Lehre


aus dem Pflegealltag lösen

3 Säulen
strukturierte unstrukturierte
Wissensquellen Wissensquellen
Kennzeichen
Krohwinkel einer Wissenschaft

Wissensquellen
Roper, Logan,
von Pflegenden
Tierney
forscht für die erforscht die
Pflegepraxis Pflegepraxis
Orem
ausgewählte
Leininger Pflegetheorien Aufgaben der
und Modelle Pflegewissenschaft
Friedemann
Objektivität Reliabilität Validität
Corbin
und Strauss
Gütekriterien
standardisierte
Peplau Pflegeforschung Erhebung
Grundlagen
mittel der Pflege quantitative objektiv mess-
Forschung bare Daten
groß gering
Theorie Modell Konzept kleine Personengruppen
qualitative
Reichweiten von wird aus kleinster Forschung Phänomene aus Sicht
Pflegetheorien Theorie Baustein einer der Betroffenen
EBN
abgeleitet Theorie oder
eines Modells Problem- Gütekriterien
dient als schafft lösungs-
Glaubwürdigkeit Übertragbarkeit
theoretische gemeinsames prozess:
Grundlage Pflegeverständnis 6 Schritte Angemessenheit
Aufgaben der Pflegewissenschaft

4.1 Wissensquellen von 4.2 Kennzeichen einer


Pflegenden Wissenschaft
Wenn Pflegende grundsätzliche, pflegerische Fragen klären Wissenschaft zielt darauf ab, durch Forschung Erkenntnisse
möchten, nutzen sie strukturierte und unstrukturierte Wis- über Zusammenhänge, Gesetzmäßigkeiten, Ursachen und
sensquellen. Abläufe im Hinblick auf eine bestimmte Fragestellung zu ge-
winnen. Hauptziel ist dabei der Erkenntnisgewinn = Wis-
sensgewinn.
4.1.1 Strukturierte Wissensquellen Wissenschaft kann als Überbegriff verstanden werden,
Strukturierte Wissensquellen schöpfen aus logischem Den- der auf 3 Säulen basiert:
ken bzw. Schlussfolgern und wissenschaftlichem Erfor- 1. Forschung: regelgeleitete und systematische Unter-
schen: suchung, die nach wissenschaftlichen Methoden Wissen
1. Logisches Denken bzw. Schlussfolgern: Grundlage von generiert. Dieses Wissen wird in Form von Theorien und
Wissenschaft und Forschung. Es wird zwischen indukti- Konzepten zusammengefasst.
vem (vom Einzelfall hin zum Allgemeinen) und dedukti- 2. Theorien: Zusammenfassung logisch verknüpfter und
vem (vom Allgemeinen hin zum Einzelfall) Denken unter- klar definierter Aussagen, die wissenschaftlich begründ-
schieden. Durch logisches Denken können Probleme ge- bar und nachprüfbar sind. Sie beschreiben oder erklären
löst werden, es kann Grundlage für gezieltes Handeln einen Bereich der Wirklichkeit. Dadurch können komple-
sein (z. B. Schmerzmittelgabe bei Patienten mit Schmer- xe Dinge leichter verstanden oder auch vorhergesagt
zen). werden.
2. Wissenschaftliches Erforschen: Vermutungen, Aussagen 3. Lehre: In der Lehre werden die aus der Forschung gewon-
oder logische Schlussfolgerungen werden systematisch nenen Erkenntnisse und Theorien vermittelt.
nach festgelegten Methoden überprüft und können da-
durch bewiesen oder widerlegt werden.
4.3 Aufgaben der
4.1.2 Unstrukturierte Pflegewissenschaft
Wissensquellen Pflegewissenschaft erforscht die Pflegepraxis und forscht
gleichzeitig auch für diese. Aufgaben und Ziele der Pflege-
Unstrukturierte Wissensquellen sind Intuition, Erfahrung,
wissenschaft sind u. a.:
Versuch und Irrtum, Tradition und Autorität:
● überprüft, begründet und produziert Pflegewis-
● Intuition (Bauchgefühl):
sen = Grundlagenforschung (z. B.: Welchen Einfluss hat
– lässt sich wissenschaftlich schwer erklären
eine regelmäßige Mobilisation auf den kranken Men-
– ist individuell verschieden und kann nicht gesteuert schen?)
werden
● beantwortet Fragen aus der Pflegepraxis = angewandte
– Pflegeexperten können Pflegesituationen oft intuitiv er- Forschung (z. B.: Stürzen nach der Einführung des Exper-
fassen. tenstandards weniger Menschen auf dieser Station?)
● Erfahrung:
● erforscht Phänomene aus der Pflegepraxis (z. B. chro-
– wächst durch wiederkehrende Situationen und Hand- nische Schmerzen, Immobilität)
lungen (z. B. Ablauf bei einer Reanimation auf einer In-
● erforscht Auswirkungen von Krankheit, Behinderung und
tensivstation)
Pflegebedürftigkeit auf Betroffene (z. B.: Wie gehen Be-
– Zusammenhänge werden sichtbar. troffene mit der Diagnose und den Symptomen von MS
– Blick für das Gesamtgeschehen bzw. klinisches Urteils- um?)
vermögen bildet sich über Erfahrung aus. ● überprüft Wirksamkeit von Pflegemaßnahmen, verbes-
– Erfahrungswissen gibt Sicherheit (da es jedoch subjektiv sert diese und/oder entwickelt neue (z. B.: Nehmen die Pa-
ist, ist es nicht verallgemeinerbar und nur begrenzt als tienten durch Zwischenmahlzeiten an Gewicht zu?)
Grundlage von Pflegewissen nutzbar). ● überprüft und entwickelt Assessmentinstrumente (z. B.
● Versuch und Irrtum: NRS zur Beurteilung von Schmerzen)
– Eine Pflegefachkraft wendet eine Maßnahme an, von ● vermittelt Theorien und Forschungserkenntnisse durch
der sie annimmt, dass sie eine bestimmte Wirkung hat. Lehre (z. B. in Form von Expertenstandards)
Bliebe die erwünschte Wirkung aus, würde sie eine wei-
● erschließt neue Handlungsmöglichkeiten für Pflegende
tere Maßnahme testen. Dieses Vorgehen kann sehr zeit-
(z. B. selbstständige Diagnostik von Wunden und Über-
aufwendig sein und dem Patienten schaden.
nahme von Verbänden durch Wundmanager)
● Tradition und Autorität:
● unterstützt die Entwicklung einer einheitlichen Fachspra-
– basiert auf Erkenntnissen, die von Generation zu Gene-
che (z. B. über die Nutzung der NANDA-Pflegeklassifikati-
ration weitergegeben werden
onssysteme)
– tritt meist als Routine auf („Das machen wir schon im-
● befasst sich mit berufspolitischen Themen (z. B. Einfüh-
mer so …“) und wird von Autoritäten (Personen mit viel
rung der Pflegekammer)
Erfahrung, Fachwissen oder Macht) gestützt
● trägt zur Professionalisierung und zur Selbstständigkeit
– ist nicht unfehlbar und ist kritisch zu hinterfragen
des Pflegeberufs bei (z. B. durch den Ausbau pflegebezoge-
ner Studiengänge)
l
4 Pflegewissenschaft

4.4 Pflegeforschung Ziele:


● Hypothesen-/Theorienbildung (z. B. Aussagen zu treffen,

Das Forschungsgebiet Pflege kann in verschiedene Ebenen wie pflegende Angehörige ihren Alltag erleben)
eingeteilt werden: ● untersucht Phänomene aus der Sicht der Betroffenen (z. B.

● Mikro-Ebene: Pflegepraxis (z. B. Interaktion mit Menschen Befragungen von pflegenden Angehörigen mittels eines
mit Demenz) standardisierten Fragebogens)
● Meso–Ebene: Pflege als Organisation und Institution (z. B. ● erforscht und interpretiert Zusammenhänge und Bedeu-

Entlassungsmanagement) tungen, überträgt diese auf ähnliche Situationen (z. B.: Per-
● Makro-Ebene: Pflegepolitik (z. B. Auswirkungen der Pfle- sonen, die wissen, wie sie Hilfsmittel beantragen können,
geversicherung auf die Betroffenen) sind weniger gestresst als Personen, die dieses Wissen
● historische Pflegeforschung: z. B. Wurzeln der Grundpflege
nicht haben. Diese Personen werden dann auch eher in
der Lage sein, andere Hilfsangebote einzufordern, z. B. Ver-
hinderungspflege)
4.4.1 Die Rolle von Pflegenden in ● Schlüsse werden vom Einzelfall auf die Allgemeinheit ge-

zogen = Induktion (z. B.: Einzelne Personen, die sich gut


der Pflegeforschung mit dem Pflegesystem auskennen, erleben in ihrem Alltag
Damit Pflegende, Patienten und Angehörige fortlaufend von weniger Stress, da sie wissen, wo sie zur Not Hilfe bekom-
den Erkenntnissen aus der Pflegewissenschaft profitieren men. Daraus kann geschlossen werden, dass alle Personen,
können, muss jede Pflegefachkraft zu deren Umsetzung in die wissen, wo sie Hilfe einfordern können, besser mit der
der Pflegepraxis beitragen. Die Rolle von Pflegenden in der Pflege von Angehörigen zurechtkommen).
Pflegeforschung ist es,
● Forschungsberichte zu lesen und diese in die Praxis zu in-

tegrieren (z. B. kein MCP mehr bei Übelkeit verabreichen), 4.4.3 Forschung kritisch
● bei Forschungstätigkeiten mitzuwirken (z. B. als „Study hinterfragen
Nurse“ Befragungen durchführen),
Auch Forschungsergebnisse müssen hinterfragt werden. Die
● ggf. als Pflegeexperte zu beurteilen, ob ein Forschungspro-
sog. Gütekriterien (Maßstäbe) können helfen, die Qualität
jekt in der Praxis umgesetzt werden kann (z. B. die Einfüh-
von Forschungsergebnissen zu beurteilen. Für quantitative
rung von geschützten Essenszeiten, in denen keine Unter-
und qualitative Forschung gelten unterschiedliche Gütekrite-
suchungen/Visiten stattfinden).
rien. Das Gütekriterium Transparenz (Nachvollziehbarkeit:
„Haben die Forscher das Vorgehen genau beschrieben und
4.4.2 Forschungsansätze begründet?“) gilt jedoch für beide Forschungsansätze.

Quantitative Forschung Gütekriterien quantitativer Forschung


Die quantitative Forschung arbeitet mit großen Zahlenmen- ● Objektivität: „Waren die Wissenschaftler unabhängig, in-
gen, objektiv messbaren Daten und standardisierten Erhe-
dem sie standardisierte Erhebungsinstrumente und Aus-
bungen.
wertungsmethoden gewählt haben?“
Ziele:
● bestätigt oder verwirft eine Theorie oder Hypothese (z. B.:
● Reliabilität: „Wie zuverlässig/genau misst das verwendete
Instrument?“
Stimmt es, dass Menschen mit einem erhöhten BMI häufi-
ger Bluthochdruck haben als Personen mit einem BMI im ● Validität: „Misst das Instrument, was es messen soll? Eig-
Normbereich?) net es sich dafür, den Gegenstand zu untersuchen?“
● erstellt eine Hypothese aus einer Theorie heraus (z. B.:

Menschen mit einem BMI über 30 leiden häufiger unter Gütekriterien qualitativer Forschung
Bluthochdruck als Menschen mit einem BMI im Norm-
bereich), die mit standardisierten Verfahren überprüft
● Glaubwürdigkeit: „Sind die Forscher und interviewten Per-
wird (z. B. Messung des Gewichts direkt morgens nach sonen und ihre Aussagen vertrauenswürdig, unvoreinge-
dem Aufstehen) nommen und unabhängig?“
● nutzt objektiv messbare Daten in großer Zahl, um all-
● Angemessenheit: „Kann die Situation der Personen nach-
gemeingültige Aussagen und Gesetzmäßigkeiten abzulei- vollzogen werden? Wird deutlich, wie wichtig der unter-
ten (z. B. Gewichts- und Größenmessung, Blutdruckmes- suchte Bereich für die Pflegepraxis ist?“
sung mit geeichtem Gerät) ● Übertragbarkeit: „Können die Ergebnisse auf andere Berei-
● bezieht allgemeine Aussagen auf den Einzelfall = Dedukti- che oder Personengruppen übertragen werden?“ Da Über-
on (z. B.: Personen mit einem BMI über 30 leiden deutlich tragbarkeit das Ziel qualitativer Forschung ist, gilt es, die-
häufiger unter Bluthochdruck; wenn ein Patient einen BMI ses Gütekriterium besonders zu beachten!
über 30 hat, hat er ein deutlich höheres Risiko, an Blut-
hochdruck zu erkranken) Weitere kritische Fragen
● Ist der Forschungsbericht logisch aufgebaut?
Qualitative Forschung ● Ist die Problemstellung erkennbar?
Die qualitative Forschung untersucht anhand kleinerer Per- ● Sind die Ziele der Studie und die Forschungsfragen klar
sonengruppen Phänomene aus der Sicht der Betroffenen. formuliert?
● Passt der gewählte Forschungsansatz zur Fragestellung?

32
Theorien, Modelle, Konzepte

● Werden Ergebnisse erst dargestellt und anschließend in- Abb. 4.1 Umsetzung von Pflegetheorien in die Pflegepraxis.
terpretiert?
● Wird die Forschungsfrage beantwortet?
Pflegetheorie

4.4.4 Evidence-based Nursing (EBN) 2

Definition Evidence-based 1 Pflegemodelle


„Evidence-based“ („evidenzbasiert“) bedeutet „wissenschaftlich
begründet“.

Pflege als Profession zielt auf eine wissenschaftlich fundierte 3 Konzepte Konzepte
Pflegepraxis ab, das sog. „Evidence-based Nursing“. EBN ist so-
wohl ein Konzept für die Pflegepraxis als auch eine Methode, 4
interne (Erfahrung des Pflegepersonals) und externe Evidenz
(Wissen aus pflegewissenschaftlichen Studien) zu verknüpfen. Pflegepraxis
Die Umsetzung von EBN erfolgt stets vor dem Hinter-
grund der individuellen Patientensituation. Dies kann auch 1 Theorien werden in der Praxis überprüft, bestätigt
bedeuten, bewusst und begründet von wissenschaftlichen oder abgelehnt.
Empfehlungen (z. B. Standards) abzuweichen.
2 Theorien können in vereinfachter Form in Modellen
Die EBN-Methode wird auch als eine Art Problemlösungs-
abgebildet werden und damit in der Praxis
prozess beschrieben, der aus 6 Schritten besteht:
Anwendung finden.
1. Aufgabenstellung: Klärung, ob die Lösung des Problems
in den pflegerischen Bereich oder eher in den medizini- 3 Konzepte enthalten reduzierte Elemente einer
schen Bereich fällt. Ziel: Problem der eigenen Profession Theorie oder eines Modells, aus denen Handlungen
erkennen und benennen für die Praxis abgeleitet werden können.
2. Formulierung einer präzisen klinischen Frage: z. B. an- 4 Jeder bewussten Handlung liegt eine theoretische
hand des PIKE-Schemas Annahme zugrunde, die sich in Theorien wiederfindet.
3. Literaturrecherche: z. B. in Datenbanken (CareLit, Cinahl)
und Fachzeitschriften (Pflegewissenschaft)
4. Rechercheergebnisse kritisch beurteilen: z. B.: Welches Aus: I care – Pflege. Thieme; 2015
Studiendesign wurde herangezogen? Stichwort: rando-
misiert kontrollierte Experimente (RCTs)
5. Implementierung und Adaptation: z. B. Maßnahme ein- 4.5.2 Pflegemodelle
führen und anpassen
6. Evaluation: z. B. Beurteilung, ob die eingesetzte Maßnah-
● werden aus Pflegetheorien abgeleitet. Tragen zu einem
me wirksam war besseren Verständnis der Wirklichkeit bei. Werden auch
als Theorien mittlerer Reichweite bezeichnet (z. B. Selbst-
pflege/Dependenzpflege)
4.5 Theorien, Modelle, ● machen Aussagen über Mensch, Gesundheit und Krank-
heit, Pflege, Umwelt/Umgebung
Konzepte ● definieren und verdeutlichen Aufgaben und Ziele von
Pflegenden
Ein Überblick gibt ▶ Abb. 4.1 ● beschreiben das Pflegeverständnis
● sind die Basis für die Entwicklung einrichtungsspezi-
4.5.1 Pflegetheorien fischer Pflegekonzepte

● bestehen aus miteinander logisch verknüpften Aussagen


aus dem Bereich der Pflege (z. B. Selbstpflege-Defizit- 4.5.3 Pflegekonzepte
Theorie nach Orem)
● gelten als kleinste Bausteine einer Theorie oder eines Mo-
● dienen als theoretische Grundlage und schaffen ein ge-
dells (z. B. Konzept der Selbstpflegeerfordernisse)
meinsames Pflegeverständnis
● beinhalten Aussagen zum jeweiligen Pflegemodell, Pflege-
● beschreiben, was Pflege ist und welche Aufgaben Pflege hat
system oder Pflegeprozess
● formulieren Hinweise oder Regeln für die Pflegepraxis ● formulieren Teilziele und geben verbindliche Pflegemaß-
● stellen Hypothesen oder Fragestellungen für die Pflegefor- nahmen für die Praxis vor (Umsetzung muss regelmäßig
schung auf intern geprüft werden)
● werden auch als konzeptuelle Modelle bezeichnet ● müssen realistisch, nachprüfbar und ergebnisorientiert sein.
● empirische Konzepte beschreiben beobachtbare/messbare
Phänomene (z. B. Schmerz, Mobilität)
● abstrakte Konzepte beschreiben nicht beobachtbare/mess-
bare Phänomene (z. B. Lebensqualität, Wohlbefinden)
l
4 Pflegewissenschaft

4.5.4 Kriterien zum Vergleich von Alle 3 Theorien stehen miteinander in Verbindung und er-
möglichen eine differenzierte Beschreibung pflegerischer
Pflegetheorien Aufgaben und Handlungsweisen.
Pflegetheorien können nach Abstraktionsgrad bzw. Reich-
weite differenziert werden: Theorie der Selbstpflege
Zentrale Konzepte der Theorie der Selbstpflege sind Selbst-
Reichweiten von Pflegetheorien pflege, Selbstpflegebedarf und situativer Selbstpflegebedarf.
● Selbstpflege: Menschen sorgen für sich selbst, ihre Ge-
● Theorien großer Reichweite (Grand theories, globale
sundheit und ihr Wohlbefinden, indem sie Handlungen
Theorien, konzeptuelle Modelle): sind abstrakt und um-
der Selbstpflege ausführen (z. B. Körperpflege). Erwachse-
fangreich, beschreiben, was Pflege einzigartig macht, und
ne haben diese Handlungen erlernt und führen sie zielge-
definieren Pflege auf wissenschaftlicher Basis.
richtet, bewusst und selbstständig aus, um ihren Selbst-
● Theorien mittlerer Reichweite (auch Pflegemodelle ge- pflegebedarf zu decken.
nannt): betrachten einzelne Pflegesituationen und Pfle-
● Dependenzpflege: In bestimmten Lebens- und Entwick-
gehandlungen, können in der Praxis angewendet werden,
lungsphasen (u. a. im Säuglings-, Kindes- und höheren Le-
geben aber keine konkreten Pflegemaßnahmen vor (vgl.
bensalter, bei Krankheit oder Behinderung) kann Unter-
Pflegemodelle).
stützung bei der Selbstpflege durch andere Personen (z. B.
● Theorien geringer Reichweite (Praxis- oder Mikrotheo- Angehörige) erforderlich sein.
rien; auch als Konzepte bezeichnet): sind situationsbezo-
● Selbstpflegebedarf: Dieser ergibt sich aus allgemeinen
gen und praxisnah, beschränken sich auf ein Praxisgebiet
(z. B. „Aufrechterhaltung einer ausreichenden Sauerstoff-
und geben zielorientierte Pflegemaßnahmen vor.
zufuhr“), entwicklungsbedingten (z. B. „Entwicklungssta-
dien der Kindheit, Jugend und des Eintritts in das Erwach-
Schwerpunkte von Theorien großer senenalter“) und gesundheitsbedingten (z. B. „Inanspruch-
nahme und Sichern einer geeigneten medizinischen Un-
Reichweite
terstützung bei Gefahr oder bestehender Erkrankung“)
● Bedürfnistheorien („Was tun Pflegende?“): Zentrale Auf- Selbstpflegeerfordernissen.
gabe ist es, die Bedürfnisse des Patienten zu erkennen und ● situativer Selbstpflegebedarf: Handlungen und Aktivitäten
ihn bei der Befriedigung seiner Bedürfnisse zu unterstützen. der Selbstpflege, die erforderlich sind, um den individuel-
Besteht ein Bedürfnisdefizit, kann dieses u. a. durch die Pfle- len Selbstpflegebedarf zu decken. Der situative Selbstpfle-
gefachkraft kompensiert werden. Vertreterinnen sind z. B. gebedarf wird durch die grundlegenden Bedingungsfak-
Henderson; Orem; Roper, Logan, Tierney oder Krohwinkel. toren beeinflusst. Orem sieht es als Aufgabe der Pflegeper-
● Interaktionstheorien („Wie tun Pflegende das, was sie sonen, den situativen Selbstpflegebedarf eines Menschen
tun?“): Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Pfle- einzuschätzen.
genden und den Patienten. Pflegende haben die Aufgabe, ● grundlegende Bedingungsfaktoren: Alter, Geschlecht, Ent-
den Beziehungsprozess bewusst zu gestalten. Vertreterin- wicklungsstand, Gesundheitszustand, soziokulturelle Ori-
nen wie Peplau und Orlando gehen von der Annahme aus, entierung, Faktoren des Gesundheitspflegesystems, fami-
dass die Beziehung zum Patienten dessen Heilungsprozess liäre Systemfaktoren, Lebensstrukturen und regelmäßige
maßgeblich beeinflusst. Aktivitäten, Umweltfaktoren sowie Verfügbarkeit und An-
● Ergebnistheorien („Welches Ziel verfolgen Pflegende bei gemessenheit von Ressourcen.
dem, was sie tun?“): Ausgangspunkt ist der Gedanke, dass
sich pflegebedürftige Menschen in einem Ungleichge-
wicht mit ihrer Umgebung befinden. Pflegende sollen sie Theorie des Selbstpflegedefizits
bei der Wiederherstellung des Gleichgewichts und der ● Selbstpflegekompetenz: Fähigkeit eines Menschen, seine
Stabilität unterstützen, dies wird als das Ergebnis pflegeri- Selbstpflegeerfordernisse zu erfüllen. Zur Selbstpflegekom-
scher Intervention angesehen. Vertreterinnen sind z. B. petenz gehören alle bewussten Handlungen der Selbstpfle-
Rogers oder Roy. ge sowie das Wissen darüber, wie Selbstpflegeerfordernisse
in einer konkreten Situation erfüllt werden können.
● Dependenzpflegekompetenz: erworbene Fähigkeit von
4.6 Ausgewählte Pflege- Menschen, Selbstpflegeerfordernisse von anderen Men-
schen zu erkennen und zu erfüllen, z. B. bei Familienmit-
theorien und Pflegemodelle gliedern oder Freunden.
● Selbstpflegeeinschränkungen: Beschränktes Wissen, ein-
4.6.1 Die Theorie des Selbstpflege- geschränkte Urteils- und Entscheidungsfähigkeit oder Ein-
defizits von Dorothea Orem schränkungen bei der Durchführung zielgerichteter Hand-
lungsabläufe können die Selbstpflegekompetenz begren-
Grundlagen zen und zu einem Selbstpflegedefizit führen.
Der pflegetheoretische Ansatz von Dorothea Orem besteht ● Selbstpflegedefizit: liegt vor, wenn der situative Selbstpfle-
aus 3 Teiltheorien: gebedarf die Selbstpflegekompetenz übersteigt, und Wis-
1. Theorie der Selbstpflege sen und Fähigkeiten einer Person zur Deckung des situati-
ven Selbstpflegebedarfs teilweise (ein oder mehrere Aspek-
2. Theorie des Selbstpflegedefizits
te der Selbstpflege sind betroffen) oder vollständig (alle
3. Theorie des Pflegesystems
Aspekte der Selbstpflege sind betroffen) nicht ausreichen.

34
Ausgewählte Pflegetheorien und Pflegemodelle

Theorie des Pflegesystems Modell des Lebens


● Pflegekompetenz: Fähigkeiten, die Menschen durch eine Die 5 zentralen Konzepte sind: 12 Lebensaktivitäten, Lebens-
spezialisierte Aus- und Weiterbildung entwickeln, um be- spanne, Abhängigkeits-/Unabhängigkeits-Kontinuum, Ein-
wusst mit pflegebedürftigen Menschen zu interagieren flussfaktoren der Lebensaktivitäten, Individualität im Leben
und gemeinsam mit ihnen die Pflege durchzuführen. ● 12 Lebensaktivitäten: gelten als die zentralen Komponen-

● 3 Pflegesysteme: Pflegekompetenz wird in 3 Varianten ten des Modells. Alle Lebensaktivitäten sind wichtig, eini-
von Pflegesystemen umgesetzt: ge haben allerdings eine höhere Priorität als andere, z. B.
– vollständig kompensatorisch: bei Patienten, die nicht in wird der Lebensaktivität „Atmen“ die höchste Bedeutung
der Lage sind, bewusst zu handeln; bei Patienten, denen zugemessen. Sie beschreiben die zentralen Aktivitäten je-
das motorische Vermögen zur Umsetzung ihrer Ent- des Menschen, die sich wechselseitig beeinflussen und in
scheidungen fehlt, und/oder bei Patienten, die keine ei- jeweils individueller Ausprägung ausgeübt werden:
genen Entscheidungen treffen, wohl aber unter Anlei- 1. für eine sichere Umgebung sorgen
tung handeln können; z. B. vollständige Übernahme der 2. kommunizieren
Körperpflege bei Intensivpatienten 3. atmen
– teilweise kompensatorisch: wenn sowohl Pflegeperson 4. essen und trinken
als auch der Patient handeln, z. B. wenn Patienten Teile 5. ausscheiden
ihrer Körperpflege selbstständig durchführen, andere
6. sich sauber halten und kleiden
Teile von der Pflegeperson übernommen werden, und
7. Regulieren der Körpertemperatur
– unterstützend-erzieherisch und entwicklungsorientiert:
8. sich bewegen
Unterstützend-erzieherisches Handeln erfolgt mit einer
entwicklungsorientierten Zielsetzung, nämlich dann, 9. arbeiten und spielen
wenn Patienten die erforderlichen Maßnahmen der 10. seine Geschlechtlichkeit leben
Selbstpflege zwar durchführen und erlernen können, 11. schlafen
aber hierbei Unterstützung benötigen, z. B. wenn Men- 12. sterben
schen mit Demenz durch die Pflegeperson eine orientie- ● Lebensspanne: umfasst die Lebensphasen eines Menschen
rende Anleitung zur Körperpflege benötigen, die Hand- von der Geburt bis zum Tod. Die jeweilige Lebensphase –
lungen dann aber unter Anleitung selbst durchführen z. B. Säuglingsalter, Kindheit, Adoleszenz usw. – nimmt
(= anleiten und beraten). Einfluss auf das Verhalten und die jeweilige Ausgestaltung
● Unterstützung/Übernahme: Je weniger ein Patient in der La- der Lebensaktivitäten.
ge ist, seine Selbstpflegeerfordernisse zu erfüllen, desto grö- ● Abhängigkeits-/Unabhängigkeits-Kontinuum: ist eng mit
ßer ist die kompensatorische Unterstützung bzw. Übernah- der Lebensspanne und den Lebensaktivitäten verbunden.
me der erforderlichen Handlungen durch die Pflegeperson. So können nicht alle Lebensaktivitäten in jeder Phase der
● Methoden des Helfens: In allen Pflegesystemen setzen Lebensspanne völlig unabhängig ausgeführt werden.
Pflegepersonen spezifische Methoden des Helfens ein, um Während gesunde Erwachsene in aller Regel in der Lage
die vorhandenen Einschränkungen von Menschen zu sind, die Lebensaktivitäten weitgehend selbstständig aus-
kompensieren bzw. die Wiederherstellung erforderlicher zuführen, ist dies Säuglingen und Kleinkindern noch nicht
Fähigkeiten zur Ausführung der Selbstpflege zu ermögli- oder aber auch älteren Menschen – z. B. aufgrund körper-
chen. Hierzu gehört es, licher Einschränkungen – nicht mehr ohne Weiteres mög-
– für andere Menschen zu handeln und zu agieren, lich. Zudem können Unabhängigkeit und Abhängigkeit bei
– andere Menschen zu führen und anzuleiten, einem Menschen in den einzelnen Lebensaktivitäten un-
– anderen Menschen physische oder psychologische Un- terschiedlich stark ausgeprägt sein. Dies hängt auch von
terstützung zu geben, spezifischen Einflussfaktoren der Lebensaktivitäten ab.
– für andere Menschen ein Umfeld zu errichten und zu er- ● Einflussfaktoren der Lebensaktivitäten: Roper, Logan und

halten, das die persönliche Entwicklung fördert, Tierney unterscheiden 5 Gruppen von Faktoren, die die
– andere Menschen zu unterrichten. Ausübung der Lebensaktivitäten beeinflussen:
1. biologische Faktoren: umfassen Aspekte der anatomi-
schen und physiologischen Leistungsfähigkeit des Körpers
4.6.2 Das Roper-Logan-Tierney- 2. psychologische Faktoren: intellektuelle und emotionale
Aspekte, z. B. die kognitive Entwicklung
Modell
3. soziokulturelle Faktoren: soziale, religiöse, ethische und
Grundlagen kulturelle Aspekte, die Einfluss auf die Ausgestaltung
der Lebensaktivitäten nehmen
● Das Pflegemodell der englischen Pflegewissenschaftlerin-
4. umgebungsabhängige Faktoren: z. B. Klima, Zugang zu
nen Nancy Roper, Winifred Logan und Alison Tierney ba-
sauberem Wasser und Qualität von Luft und Wasser
siert auf einem Modell des Lebens, das auf ein Modell der
Pflege übertragen wird. 5. wirtschaftspolitische Faktoren: z. B. politische, finan-
zielle und wirtschaftliche Verhältnisse in einer Kom-
● Es betont die Individualität der Lebensgestaltung eines
mune oder einem Land
Menschen und unterstützt eine an den individuellen Be-
● Individualität im Leben: Vor dem Hintergrund der jeweili-
dürfnissen ausgerichtete Pflege.
gen Lebensphase, der Abhängigkeit/Unabhängigkeit in der
Ausführung und der jeweiligen Einflussfaktoren ergibt sich
für jeden Menschen eine individuelle Ausgestaltung der Le-
bensaktivitäten, also wie, wann, wie häufig, wo und warum
l
4 Pflegewissenschaft

ein Mensch eine Lebensaktivität ausführt. Auch das Wissen sein können. Krohwinkel bezeichnet diese Erfahrungen als
und die Annahmen über eine Lebensaktivität sowie die existenziell, wenn sie den „Kern eines Menschen berüh-
spezifische Haltung, die ein Mensch einer Lebensaktivität ren“. Existenzielle Erfahrungen können in allen ABEDLs
gegenüber einnimmt, sind Ausdruck der individuellen Le- gemacht werden und sind aus diesem Grund im Modell
bensgestaltung. Individualität im Leben ist das Ergebnis des auch allen anderen ABEDLs zugeordnet. Existenzielle Er-
Einflusses der anderen Konzepte des Modells. fahrungen werden aber auch im Zusammenhang mit Le-
bens- und Entwicklungsprozessen, Gesundheits- und
Krankheitsprozessen sowie im Kontext alltäglicher, wie-
Pflegemodell derkehrender Lebens- und Pflegesituationen gemacht.
Roper, Logan und Tierney übertragen die im Modell des Lebens ● primäre Einflussfaktoren: Die jeweilige Umgebung mit ih-
beschriebenen Konzepte auf die Lebensaktivitäten und be- ren Ressourcen und Defiziten (u. a. andere Personen, physi-
schreiben ihre wechselseitige Wirkung auf das Pflegemodell. kalische, ökonomische, kulturelle Aspekte) beeinflusst die
● Individualisierung der Pflege: Anhand der 5 Konzepte kön- jeweiligen Lebens- und Entwicklungsprozesse. Diese Ein-
nen individuelle Lebensmuster sowie aktuelle und poten- flüsse werden als primäre Einflussfaktoren der Fähigkeiten,
zielle Probleme eines Menschen in den Lebensaktivitäten Probleme und Bedürfnisse in den Aktivitäten, Beziehungen
bestimmt werden. Ziel professioneller Pflege ist es, die Pa- und existenziellen Erfahrungen des Lebens beschrieben.
tienten so zu unterstützen, dass ihre Lebensstrukturen ● Konzepte und Kategorien: Um den benannten Aktivitäten
und -gewohnheiten trotz notwendiger Pflege nur minimal nachkommen zu können, benötigen Menschen eine Reihe
beeinflusst werden. Dies bezeichnen Roper, Logan und von Fähigkeiten, die als ABEDL-einbeziehende Konzepte
Tierney als „Individualisierung der Pflege“. Sie erfolgt (I–IV) mit jeweils zugeordneten Kategorien strukturiert
durch die Umsetzung des Pflegeprozesses in den Schritten sind. Für die Anwendung der Konzepte und Kategorien
Einschätzen, Planen, Durchführen und Bewerten. der ABEDLs im Pflegeprozess – z. B. für die Einschätzung
● Pflege: dient als Unterstützung, um des Pflegebedarfs – liegen für alle Kategorien der Konzep-
– zu verhindern, dass erkannte potenzielle Probleme im te jeweils differenzierte Beschreibungen vor. Hierdurch
Zusammenhang mit den LAs zu aktuellen Problemen wird ein genauer Blick auf die Fähigkeiten, Probleme und
werden; Bedürfnisse der pflegebedürftigen Person in der jeweili-
– erkannte aktuelle Probleme zu lösen; gen ABEDL möglich.
– nach Möglichkeit jene Probleme zu lindern, die nicht
gelöst werden können; Primäres pflegerisches Interesse
– positiv mit solchen Problemen umzugehen, die nicht ge-
löst oder geändert werden können; ● Krohwinkel betont, dass das primäre pflegerische Interes-
se nicht nur der pflegebedürftigen Person und ihren Fä-
– das Wiederauftreten eines gelösten Problems zu verhin-
higkeiten, Bedürfnissen und Problemen gilt, sondern auch
dern;
denen ihrer mitbetroffenen Bezugspersonen.
– sich so wohl wie möglich zu fühlen, möglichst schmerz-
● Mitbetroffen können einzelne Menschen, aber auch ganze
frei zu leben und die Lebensqualität auch dann noch zu
Familien sein. Darüber hinaus bezieht das primäre pflege-
maximieren, wenn der Tod unvermeidlich ist.
rische Interesse diejenigen Einflussfaktoren (Lebens- und
Entwicklungsprozesse, Gesundheits- und Krankheitspro-
4.6.3 Das Rahmenmodell zesse sowie Ressourcen und Defizite aus der Umgebung
der Person) ein, die sich auf die Fähigkeiten einer Person
Fördernder Prozesspflege mit auswirken, Unabhängigkeit und Wohlbefinden in den
integrierten ABEDLs von ABEDLs zu verwirklichen.

Monika Krohwinkel
Primäre pflegerische Zielsetzung
Grundlagen ● Primäre pflegerische Zielsetzung ist es, der pflegebedürf-
● Auf der Basis einer Forschungsstudie zur „ganzheitlich-re- tigen Person und ihren mitbetroffenen Bezugspersonen
habilitativen Prozesspflege von Menschen mit Apoplex in beim Erhalt, Erlangen oder Wiedererlangen von Fähigkei-
Akutkrankenhäusern“ hat Monika Krohwinkel das „Mo- ten und Ressourcen zur Realisierung von Unabhängigkeit
dell fördernder Prozesspflege“ entwickelt. und Wohlbefinden in den ABEDLs zu helfen.
● Zentrale Bestandteile des Modells sind die ABEDLs und de- ● Wichtig ist die Ausrichtung der pflegerischen Hilfeleis-
ren primäre Einflussfaktoren, das primäre pflegerische In- tung an den Wünschen und Vorstellungen der jeweiligen
teresse, die primäre pflegerische Zielsetzung sowie die Person, unabhängig davon, ob sie gesund ist, eine Gesun-
primären pflegerischen Handlungen. dung eintritt, eine dauerhafte Erkrankung oder Behin-
● Das Rahmenmodell wird v. a. in der stationären Altenhilfe, derung vorliegt oder ein Sterbeprozess beginnt.
der ambulanten Pflege, der stationären Akutpflege sowie
in Einrichtungen der Behindertenhilfe angewendet. Primäre pflegerische Handlungen
● Krohwinkel sieht die fördernde Kommunikation mit pfle-
ABEDLs und ihre primären Einflussfaktoren gebedürftigen Menschen und ihren mitbetroffenen
● Existenzielle Erfahrungen: Bei der Ausführung von Le- Bezugspersonen als wesentliches Element der primären
bensaktivitäten, in sozialen Beziehungen und beim Si- pflegerischen Handlungen. Fördernd kommunizieren be-
chern ihrer sozialen Bereiche machen Menschen Erfah- deutet für sie, betroffenen Personen authentisch, mit
rungen, die fördernd, belastend oder auch gefährdend Wertschätzung, empathisch und kongruent-fördernd zu

36
Ausgewählte Pflegetheorien und Pflegemodelle

begegnen. Neben diesen Haltungsaspekten gehören zur – Wenn Patienten in Situationen geraten, die vergangene
fördernden Kommunikation auch fachlich-inhaltliche und Gefühle wie Abhängigkeit oder Hilflosigkeit hervor-
methodisch-kommunikative Kompetenzen. rufen, weisen sie Pflegepersonen in dieser Phase oft Er-
● Pflegende fördern, indem sie Betroffene unterstützen, an- satzrollen zu, z. B. die Mutter- oder Geschwisterrolle.
leiten, beaufsichtigen, informieren, beraten und begleiten. – Für Pflegepersonen ist es wichtig, diese Rollenzuschrei-
Dabei erfolgt pflegerisches Handeln im Sinne der pflege- bungen zu erkennen, damit die Beziehung positiv ge-
bedürftigen Menschen und ihrer mitbetroffenen Bezugs- nutzt werden kann.
personen, indem sie bei den für sie wesentlichen Anteilen – Identifikation und Ablösung überschneiden sich in der
von Unabhängigkeit und Wohlbefinden in den ABEDLs Nutzungsphase.
unterstützt und gefördert werden. ● Nutzungsphase: Peplau beschreibt, dass Patienten in die-
ser Phase häufig zwischen dem Wunsch nach Abhängig-
keit bzw. Unabhängigkeit schwanken; dies kann sich auch
4.6.4 Die Theorie der interper- in schnell wechselnden Stimmungslagen ausdrücken.
sonalen Beziehungen in der Pflege – Die Pflegeperson kann während dieser Zeit eine Reihe
von Rollen einnehmen: Sie beantwortet Fragen des Pa-
von Hildegard Peplau tienten, berät im Umgang mit aufkommenden Gefühlen
und fördert gesundheitsförderliche Erfahrungen, er-
Grundlagen
möglicht dem Patienten, durch diese Erfahrungen zu
● Hildegard Peplaus theoretischer Ansatz thematisiert ins- lernen und mit diesem neuen Wissen mit seiner Erkran-
besondere kommunikatives Handeln im Pflegeprozess kung zurechtzukommen.
und die Interaktion zwischen Pflegeperson und Patient. – Die Pflegeperson fungiert je nach Erfordernis als Berate-
● Sie versucht zu klären, wie die Beziehung zwischen Pfle- rin, als Lehrende, als Informationsquelle usw. Dies ver-
geperson und Patient aussehen sollte, damit sie den Ge- langt hohe kommunikative Kompetenzen und bringt sie
sundungsprozess bestmöglich unterstützt. auch in die Rolle einer Führungsperson.
● Peplau beschreibt dabei 4 Phasen, die jede Beziehung zwi- – Peplau sieht es als sehr wichtig an, dass die Pflegeper-
schen Pflegeperson und Patient durchläuft, sowie typische son einen demokratischen Führungsstil pflegt, der von
Rollen, die von beiden in den Phasen der Beziehung einge- gegenseitiger Akzeptanz geprägt ist und jederzeit eine
nommen werden. aktive Beteiligung des Patienten an der Gestaltung sei-
● Sie hält ihre Theorie in allen Bereichen der Pflegepraxis nes Pflegeplans erlaubt.
für einsetzbar; sie eignet sich jedoch insbesondere für die – Sie geht davon aus, dass weitere Rollen im Beziehungs-
Arbeit in der psychiatrischen Pflege, da die Patienten dort prozess denkbar sind und nützlich sein können – in je-
v. a. Probleme mit der Kommunikation und mit Beziehun- dem Fall aber bewusst eingesetzt werden müssen.
gen zu anderen Menschen haben. – In der Nutzungsphase profitieren Patienten von der an-
gebotenen Unterstützungsleistung der Pflegeperson;
Phasen und Rollen in der Beziehung auch entwickelt sich im Zuge der zunehmenden Unab-
hängigkeit des Patienten eine mehr symmetrische Bezie-
zwischen Pflegeperson und Patient hung zwischen Pflegeperson und Patient.
Vier aufeinander folgende und sich teilweise überlappende ● Ablösungsphase: Schließlich wird die Identifikation mit
Phasen kennzeichnen den Beziehungsprozess zwischen der Pflegeperson in der Ablösungsphase, die meist parallel
Pflegeperson und Patient: Orientierungsphase, Identifikati- zum medizinischen Gesundungsprozess verläuft, schritt-
onsphase, Nutzungsphase und Ablösungsphase. weise aufgehoben. Die Phase setzt den erfolgreichen Ab-
● Orientierungsphase: Die Orientierungsphase beginnt, schluss aller vorhergehenden Phasen voraus.
wenn ein Patient professionelle Hilfestellung zur Klärung – Der Patient kann zunehmend wieder für sich selbst sor-
eines gesundheitlichen Problems sucht. gen, entwickelt seine Selbstständigkeit und wird von
– Pflegepersonen unterstützen Patienten in dieser Phase da- der Pflegeperson dabei unterstützt.
bei, das Problem besser zu verstehen, sie informieren über – Die Beziehung zwischen Pflegeperson und Patient be-
professionelle Unterstützungsleistungen, planen deren wegt sich also in einem Kontinuum, an dessen Ende bei-
Nutzung und helfen Patienten, innere Spannungen abzu- de in der Lage sein sollen, als Erwachsene zu handeln.
bauen und für eine konstruktive Lernerfahrung zu nutzen.
– Patienten sind in der Orientierungsphase aktiv, indem
sie u. a. Fragen zum weiteren Vorgehen stellen. 4.6.5 Das Modell der Krankheits-
– Pflegeperson und Patient begegnen sich in dieser Phase verlaufskurve von Juliet Corbin und
zunächst als Fremde. Die übereinstimmende Bewertung
und die Verständigung über die künftige Zusammen- Anselm Strauss
arbeit zwischen Pflegeperson und Patient markieren
den Übergang zur Identifikationsphase.
Grundlagen
● Identifikationsphase: Der Patient beginnt, sich mit der ● Das Modell der Krankheitsverlaufskurve (Chronic Illness Tra-
Pflegeperson zu identifizieren. jectory Model), auch Trajekt-Modell genannt, wurde von Ju-
– Indem die Pflegeperson aufkommende positive und ne- liet Corbin und Anselm Strauss auf der Basis umfangreicher
gative Gefühle des Patienten zulässt und ihm jederzeit Forschungen zu chronischen Krankheiten und deren Bedeu-
umfassende pflegerische Unterstützung signalisiert, tung für betroffene Menschen entwickelt und beschrieben.
können diese Gefühle bearbeitet werden und persönli- ● Im Modell wird davon ausgegangen, dass es Gemeinsam-
ches Wachstum ermöglichen. keiten und Parallelen im Hinblick auf den Krankheitsver-
l
4 Pflegewissenschaft

Tab. 4.1 Neun Phasen der Krankheitsverlaufskurve (nach: Lauber 2018).

Krankheitsphase Kennzeichen

Pretrajectory (vor dem Beginn der chronischen Krankheit) Risiko, eine chronische Krankheit zu entwickeln

Trajectory onset (Beginn des Krankheitsverlaufs) Auftreten erster Krankheitssymptome; erstmalige Auseinandersetzung mit der
Bedeutung der möglichen Diagnose

Stable (stabile Phase) Krankheitsursache und -symptome sind unter Kontrolle.

Unstable (unstabile Phase) Krankheitsursachen und -symptome können nicht kontrolliert werden; häufig
Behandlung im häuslichen Umfeld.

Acute (akute Phase) Schwere und belastende Symptome bzw. Komplikationen treten auf: Häufig ist
ein Krankenhausaufenthalt notwendig.

Crisis (kritische Phase) Kritische bzw. lebensbedrohliche Situationen erfordern eine Notfall- bzw.
Intensivbehandlung.

Comeback (Phase der Rückkehr) körperliche Heilung mit teilweiser Rückkehr zu einem akzeptablen Leben mit
Begrenzung durch die Krankheit und deren Folgen

Downward (Phase der Abwärtsbewegung) starker körperlicher Abbau und zunehmende Unfähigkeit zur Symptomkontrolle

Dying (Phase des Sterbens) Zeitraum vor dem Tod mit weiterem körperlichem Verfall

lauf und die von Menschen mit einer chronischen Erkran- professioneller Helfer, die in ihrem Verlauf tätig werden.
kung eingesetzten Bewältigungsstrategien gibt. Corbin nennt dies „Arbeit“, im engeren Sinne „Bewälti-
● Das Modell soll Pflegepersonen dabei unterstützen, typi- gungsarbeit“, die von den Betroffenen und Beteiligten or-
sche Probleme von Menschen mit einer chronischen Er- ganisiert und im Krankheitsverlauf geleistet wird.
krankung sowie deren Bewältigungshandlungen im ● Es lassen sich 9 Phasen der Krankheitsverlaufskurve mit
Krankheitsverlauf besser zu verstehen. typischen Kennzeichen beschreiben (▶ Tab. 4.1).
● Es gewinnt angesichts der Zunahme chronisch kranker ● Die individuelle Form einer Krankheitsverlaufskurve ent-
Menschen in allen Handlungsfeldern der Pflege zuneh- steht durch den Wechsel akuter, stabiler, instabiler, kriti-
mend an Bedeutung. Das Modell zählt zu den Theorien scher Phasen.
mittlerer Reichweite.

4.6.6 Das Modell der familien- und


Krankheitsverlaufskurve
umweltbezogenen Pflege von
Der Verlauf chronischer Krankheit ist laut Corbin und
Strauss vergleichbar mit einer Schiffsreise: Obwohl eine Marie-Luise Friedemann
Vorstellung vom Reiseverlauf besteht, kann die konkrete
Reiseroute an vielen Stellen abweichen. Mittels wechselnder Grundlagen
Bewältigungsstrategien arbeiten chronisch Kranke daran, ● Das Modell der familien- und umweltbezogenen Pflege
größtmögliche Kontrolle über den Krankheitsverlauf zu er- von Marie-Luise Friedemann basiert auf den Grundsätzen
langen und diesen positiv zu beeinflussen. der Systemtheorie, nach denen sich Systeme aus mehre-
So steht nicht der Krankheitsverlauf im Vordergrund des ren Subsystemen zusammensetzen und in Beziehung mit
Modells, sondern die Auswirkungen auf die Betroffenen und anderen Systemen stehen.
ihre Bezugspersonen. Die Kernaussagen sind: ● Jeder Mensch kann als System gesehen werden, das aus
● Krankheitsverlaufskurven sind individuell und von Subsystemen, z. B. Körperorganen, besteht. Gleiches gilt
Mensch zu Mensch verschieden. Sie unterscheiden sich für Familien oder Gemeinden, die mehrere Subsysteme,
hinsichtlich ihrer jeweiligen Form und Dauer sowie in Be- z. B. einzelne Menschen, Familien etc., umfassen.
zug auf die im Verlauf erforderliche Bewältigungsarbeit ● Die Gesamtwirkung eines Systems ist dabei anders als die
und ihre Auswirkungen.
Summe der Wirkungen der Subsysteme.
● Einfluss auf die Krankheitsverlaufskurve nehmen z. B. das
● Soziale Systeme – zu diesen gehört u. a. das Familiensystem
Wesen der Krankheit selbst, die Reaktionen der betroffe-
– verfügen über die Besonderheit, dass sie Entscheidungen
nen Menschen auf die Erkrankung sowie Menge und Art
treffen und damit ihr System gezielt verändern können.
der Bewältigungsstrategien, die einem betroffenen Men-
● Außerdem können ihre Subsysteme gleichzeitig Subsyste-
schen und seinen Bezugspersonen zur Verfügung stehen.
me mehrerer anderer Systeme sein. Damit kann ein Sub-
Diese können einzelne Phasen der Krankheitsverlaufskur-
system mehrere Systeme beeinflussen – auf diese Weise
ve stabilisieren, verbessern, verlängern etc.
entsteht ein komplexes Zusammenspiel.
● Die Krankheitsverlaufskurve umfasst also nicht nur den
● Basierend auf diesen Annahmen formuliert Friedemann
(patho-)physiologischen Ablauf einer Erkrankung, son-
ihre Theorie des systemischen Gleichgewichts, die sie der
dern auch alle Anstrengungen eines chronisch kranken
familien- und umweltbezogenen Pflege zugrunde legt.
Menschen selbst, seiner Bezugspersonen und weiterer

38
Ausgewählte Pflegetheorien und Pflegemodelle

Zentrale Konzepte der Theorie wohnheiten und Werte ermöglichen Stabilität und schüt-
zen das System vor der Angst, es könnte zerfallen. Grund-
Umwelt, Mensch, Gesundheit, Pflege, Familie und Familien- legende Werte und Lebensauffassungen werden von den
gesundheit gehören zu den zentralen Konzepten der famili- Mitgliedern des Familiensystems anerkannt und an nach-
en- und umweltbezogenen Pflege. Damit wird ausgedrückt, folgende Generationen weitergegeben, wodurch ein Ge-
dass sich die Strukturen und Prozesse der Familie als über- fühl der Zusammengehörigkeit und Sicherheit entsteht.
geordnetes System wesentlich von denen des zu ihr gehö- Familien unterscheiden sich u. a. in Bezug auf die Gewich-
renden einzelnen Menschen als Subsystem unterscheiden. tung der Prozessdimensionen. Kongruenz im Familiensys-
Zudem werden Gesundheit und Pflege sowohl aus der Per- tem verlangt eine ausgewogene Gewichtung der Ziel- und
spektive des Individuums als auch aus der Perspektive der Prozessdimensionen und lässt sich am Wohlbefinden der
Familie betrachtet. einzelnen Familienmitglieder messen.
● Umwelt: Unter Umwelt versteht Friedemann alle Systeme
● Familiengesundheit: Entsprechend gelten 3 Kriterien als
außerhalb des Systems Mensch oder Familie. Hierzu gehö-
Ausdruck von Familiengesundheit:
ren Gegenstände, Gebäude, politische und soziale Syste-
– wenn sie in allen 4 Prozessdimensionen handelt
me, aber auch Biosysteme und die Natur. Alle Systeme die-
– wenn Kongruenz innerhalb der Familie und zwischen
ses Gesamtsystems sind über einen ständigen Energiefluss
der Familie und der Umwelt besteht und
miteinander verbunden und voneinander abhängig. Dies
erfordert ständige Anpassungs- und Wiederanpassungs- – wenn die Familienmitglieder wenig Angst empfinden
vorgänge, um eine aufeinander abgestimmte Ordnung und mit der Familie im Allgemeinen zufrieden sind
(Kongruenz) aufrechterhalten zu können. ● Pflege: wird im Rahmen der Theorie des systemischen
● Mensch: Auch der Mensch wird als ein System betrachtet. Gleichgewichts als Dienstleistung auf allen Systemebenen,
Wenn Muster und Rhythmus des menschlichen Systems sowohl von einzelnen Menschen und den mit ihnen ver-
nicht mit denen anderer Systeme übereinstimmen, ent- netzten Systemen als auch von Familien oder Gemeinden
steht Spannung, weil die Energie zwischen den Systemen und deren Subsystemen, beschrieben. Sie unterstützt die
nicht ungehindert fließen kann. Diese Spannung nehmen Empfängersysteme in ihrem Streben nach Kongruenz und
Menschen als Angst wahr. Um die Angst zu bekämpfen Gesundheit. Sie erfolgt in Übereinstimmung mit dem Ge-
und Kongruenz zu erreichen, werden entweder eigene sundheitsstreben des Systems und unter aktiver Betei-
systemische Ziele und Prozesse an die der anderen Syste- ligung von Pflegeperson und Pflegeempfänger. Pflege darf
me angepasst oder aber störende Einflüsse rückgängig ge- keinesfalls „verabreicht“ werden, sondern kann nur über
macht, um die eigenen Prozesse beibehalten zu können. aktive Beteiligung des Empfängersystems zu Wachstum
● Mittels der Verhaltensweisen Systemerhaltung, System-
und damit zu Gesundheit führen.
änderung, Kohärenz und Individuation (Prozessdimensio-
nen) strebt der Mensch nach den Zielen Stabilität, Wachs- Systemische Pflege des Individuums und
tum, Regulation/Kontrolle und Spiritualität (Zieldimensio-
nen). Sie alle dienen der Erhaltung des Systems und der
von Familien
Bekämpfung der Angst. Kongruenz wird dann erreicht, Sowohl in der systemischen Pflege von Einzelnen als auch
wenn alle 4 Ziele in einem individuell richtigen Ausmaß in der von Familien beschreibt Friedemann den Pflegepro-
erreicht werden und die Muster und Prozesse des zess in 9 Schritten, aus deren Anfangsbuchstaben das Wort-
menschlichen Systems mit denen anderer Systeme har- Kongruenz gebildet werden kann:
monieren. Gesunde Menschen müssen hierzu in allen 4 1. Klassifizieren der systemischen Prozesse innerhalb der 4
Prozessdimensionen Verhaltensweisen entwickeln, um Prozessdimensionen.
die Ziele des menschlichen Systems erreichen zu können. 2. Offen die Theorie erklären und die systemischen Prozesse
Die Ziel- und Prozessdimensionen des menschlichen Sys- erklären.
tems und des Familiensystems veranschaulicht Friede- 3. Nachforschen, welche Änderungen stattfinden sollen.
mann in einem Diagramm.
4. Gutheißen der nützlichen Handlungen.
● Gesundheit: Diese ist das Ergebnis der Kongruenz des
5. Repetieren und Verstärken der nützlichen Handlungen.
menschlichen Systems in Rhythmus und Muster sowohl
6. Umlernen der mangelhaften Handlungen.
nach innen (in Bezug auf die Subsysteme) als auch außen
(in Bezug auf die Umwelt). Gesundheit erscheint als ein 7. Experimentieren mit neuen Handlungen.
Gefühl von Wohlbefinden, wirkt als positive Kraft Störun- 8. Nützlichkeit und Erfolg der Änderungen prüfen.
gen des Systems entgegen und hat eine angstreduzierende 9. Zusprechen, Ermuntern, Loben.
Funktion. Systeminkongruenz kann Gesundheit beein-
trächtigen; bei den betroffenen Menschen ist das Symp- Die systemische Pflege von Familien ist auf ein soziales Sys-
tom Angst beobachtbar. Störungen im organischen System tem gerichtet. Pflegepersonen haben im Pflegeprozess die
können eine körperliche Krankheit auslösen. Aufgabe, störende und gesundheitsfördernde Prozesse so-
● Familie: Familie versteht Marie-Luise Friedemann als ein wie Ressourcen in gemeinsamen Gesprächen mit der Fami-
System mit Subsystemen, die bestimmte Aufgaben lösen lie zu identifizieren, eine systemische Betrachtung der Pro-
(z. B. Eltern die Kindererziehung) und innerhalb des Sys- zesse anzuregen und die Familie in der Wiederherstellung
tems definierte Rollen übernehmen. Nicht immer gehören von Kongruenz zu beraten und zu unterstützen.
zu Familien ausschließlich miteinander verwandte Per-
sonen; auch gute Freunde oder andere wichtige Bezugs- Darstellung der 9 Prozessschritte
personen können eine Familie bilden. Die Ziel- und Pro- ●Schritt 1: Zu Beginn der Pflege erfolgt eine ausführliche
zessdimensionen des Familiensystems sind vergleichbar Datensammlung, orientiert an den Prozessdimensionen
mit denen des menschlichen Systems: Traditionen, Ge- des Empfängersystems.
l
4 Pflegewissenschaft

● Schritt 2: Die wichtigsten Konzepte der Theorie des syste- befinden, Gesundheit, Heilung, Genesung, Wachstum,
mischen Gleichgewichts werden anhand des Diagramms Überleben und den Umgang mit Behinderungen und Tod.
erklärt. Auf diese Weise können weitere Informationen ● In den Forschungen im Rahmen ihrer Theorie hat Leinin-
gesammelt und Unklarheiten offen angesprochen werden. ger festgestellt, dass die Fürsorge und die damit verbunde-
Für den Pflegeempfänger bzw. die Familie werden so auch nen Verhaltensweisen stark von der jeweiligen Kultur be-
der theoretische Bezugsrahmen und der Sinn und Zweck einflusst werden.
der Fragen deutlich. ● Unter „Kultur“ (culture) versteht sie die „erlernten, ge-
● Schritt 3: Die erhobenen Daten ermöglichen erste Ver- meinsamen und übermittelten Werte, Überzeugungen,
mutungen und Schlussfolgerungen der Pflegeperson über Normen und Lebensweisen einer bestimmten Gruppe,
Zusammenhänge zwischen Gesundheitsproblemen, Ge- welche deren Überlegungen, Entscheidungen und Hand-
fühlen und Handlungen. Sie werden gemeinsam mit dem lungen auf eine strukturierte Weise leiten“. Zwischen den
Pflegeempfänger bzw. der Familie verifiziert oder kor- einzelnen Kulturen gibt es diesbezüglich mehr Unterschie-
rigiert, wodurch gleichzeitig notwendige Änderungen in de als Gemeinsamkeiten.
den Zieldimensionen deutlich werden. ● Die Gemeinsamkeiten bezüglich der Fürsorgehandlungen
● Schritt 4: Anschließend erfolgt eine nähere Betrachtung bezeichnet Leininger als „kulturspezifische Fürsorgeuni-
der Handlungen innerhalb jeder Prozessdimension. Auf versalität“; Unterschiede nennt sie „kulturspezifische Für-
diese Weise wird die individuelle Gewichtung der einzel- sorgediversität“. Diese Unterschiede beziehen sich sowohl
nen Ziele Regulation/Kontrolle, Wachstum, Stabilität und auf die Tätigkeiten derjenigen, die die Fürsorge erbringen,
Spiritualität deutlich. Obwohl viele Menschen viel Energie als auch auf die Empfänger der Fürsorge.
einsetzen, um das System über systemerhaltende Hand- ● Pflege kann nach Ansicht von Leininger nur dann effektiv
lungen zu stabilisieren, können Situationen dennoch eine und erfolgreich erbracht werden, wenn sie „kulturkongru-
Systemänderung erforderlich machen. Es ist eine wichtige ent“ stattfindet, d. h., wenn kulturelle Besonderheiten bei
Aufgabe von Pflegepersonen, die Schwierigkeit dieses Pro- der Pflege berücksichtigt werden. Hierfür benötigen Pfle-
zesses für den Einzelnen und für Familien anzuerkennen gepersonen Wissen über kulturspezifische Werte und
und hierfür nötige Unterstützungsprozesse, z. B. von Fami- Ausdrucksweisen der Fürsorge. Dieses Wissen muss mit-
lienmitgliedern und anderen Bezugspersonen, zu fördern. tels Forschung gewonnen werden.
● Schritt 5–7: Bereits ausgeübte, nützliche Handlungen wer-
den im Pflegeprozess verstärkt, als unzulänglich identifi-
zierte Handlungen erfordern ein Umlernen. Gegebenen- Grundannahmen
falls sind auch das Erlernen und Testen neuer Handlungen Madeleine Leininger formuliert eine Reihe von Grund-
erforderlich. Pflegepersonen unterstützen diese Prozesse, annahmen, die auch die weitere Forschung zu ihrer Theorie
indem sie anleiten und helfen, neue Handlungen ein- unterstützen sollen: Hierzu gehören u. a.:
zuüben. Sie orientieren sich dabei an den individuellen Fä- ● Die Fürsorge (care) bildet den Kern der professionellen
higkeiten der betroffenen Person oder der Familie. Pflege und ist unzweifelhaft ihr dominierender, zentraler
● Schritt 8: Die Evaluation der Pflege erfolgt nach Möglichkeit und verbindender Mittelpunkt.
bei Einzelpersonen gemeinsam mit der Familie. Die Wirk- ● Fürsorge und Fürsorgen (caring) sind Voraussetzung für
samkeit der Pflege zeigt sich dabei in verminderter Angst das Wohlbefinden, die Gesundheit, die Heilung, das
und einem gesteigerten Wohlbefinden des Betroffenen. Des- Wachstum, das Überleben und den Umgang mit Behin-
halb kommt seiner subjektiven Bewertung große Bedeutung derungen und Tod.
zu. Beobachtungen und Einschätzungen der Pflegeperson ● Fürsorge (Fürsorgen) ist eine wesentliche Voraussetzung
im Prozess können sich korrigierend und/oder positiv ver- für die Heilung und Genesung von Menschen, denn ohne
stärkend auf die Strategien des Betroffenen auswirken. Fürsorge gibt es keine Heilung und Genesung.
● Schritt 9: Die Schritte des Pflegeprozesses müssen in der ● Hinsichtlich der kulturbezogenen Begrifflichkeiten, Be-
Abfolge nicht starr eingehalten, sondern können variiert deutungen, Ausdrucksweisen, Muster, Prozesse und Struk-
werden. Ebenso können mehrere Schritte zusammen er- turen der Fürsorge gibt es in allen Kulturen sowohl Unter-
folgen und Schritt 9 parallel zu allen anderen Schritten schiede als auch Ähnlichkeiten (Gemeinsamkeiten/Über-
ausgeführt werden. einstimmungen).
● Jede menschliche Kultur hat zum einen generisches (laien-

4.6.7 Die Theorie der haftes, volkstümliches oder einheimisches) Wissen über
die Fürsorge und entsprechende Methoden und zum ande-
kulturspezifischen Fürsorge ren im Allgemeinen auch professionelles Pflegewissen und
-methoden, die transkulturelle Unterschiede aufweisen.
von Madeleine Leininger
● Eine professionelle Pflege, die positiv, gesundheitsförder-

Grundlagen lich, zufriedenstellend und kulturell fundiert ist, trägt


zum Wohlbefinden des Einzelnen, der Familien, Gruppen
● In der von Madeleine Leininger entwickelten Theorie der
und Gemeinschaften in ihrer jeweiligen Umwelt bei.
kulturspezifischen Fürsorge steht das Konzept „Fürsorge“
● Eine kulturkongruente oder positive professionelle Pflege
(engl.: „care“) im Mittelpunkt.
ist nur dadurch zu gewährleisten, dass die Pflegenden die
● Unter Fürsorge versteht sie helfende, unterstützende und
individuellen, gruppenspezifischen, familiären und ge-
fördernde Verhaltensweisen zum Wohle anderer Men-
meinschaftlichen kulturspezifischen Werte, Ausdrucksfor-
schen. Sie stellen für sie das Spezifische professioneller
men und Muster der Fürsorge kennen und diese für die
Pflege dar: Fürsorge sieht sie als Voraussetzung für Wohl-

40
Ausgewählte Pflegetheorien und Pflegemodelle

betreffenden Menschen auf eine angemessene und sinn- ● Wenn eine kulturkongruente Pflege für und mit einem
volle Weise umsetzen. Patienten umgesetzt werden soll, müssen diese Möglich-
● Die „kulturspezifische Fürsorge“ (cultural care) beinhaltet keiten bei pflegerelevanten Entscheidungen und Pflege-
die subjektiv und objektiv erlernten und übermittelten maßnahmen berücksichtigt und jeweils situationsadäquat
Werte, Überzeugungen und strukturierten Lebensweisen, eingesetzt werden. Professionelle Pflege ist für Madeleine
die einer anderen Einzelperson oder Gruppe helfen, sie Leininger folglich eng mit einer kultursensiblen Fundie-
unterstützen, es ihnen erleichtern oder sie dabei fördern, rung und Ausrichtung verbunden.
sich Wohlbefinden und Gesundheit zu erhalten, ihre
menschlichen Lebensbedingungen und Lebensweisen zu
verbessern und mit Krankheiten, Behinderungen oder KOMPAK T
dem Tod umzugehen.
Pflegewissenschaft
Das Sunrise-Modell ● Im Arbeitsalltag treten häufig Fragen und Probleme auf,
● Leininger hat ihre Theorie in dem sog. Sunrise-Modell die Pflegende lösen müssen. Dazu nutzen sie struktu-
(„Sonnenaufgangsmodell“) veranschaulicht. Das Modell bie- rierte (logisches Denken und wissenschaftliches Erfor-
tet einen Gesamtüberblick über die Dimensionen der Theo- schen) und unstrukturierte (z. B. Erfahrung und Intuiti-
rie und soll auch Forscher bei ihrer Arbeit unterstützen. on) Wissensquellen.
● Das Modell verdeutlicht, dass der kulturelle Hintergrund ● Wissenschaft verfolgt das Ziel, durch Forschung neue
eines Menschen wie auch die Ausdrucksweisen, Muster Erkenntnisse zu gewinnen. Neben der Forschung sind
und Methoden der Fürsorge einer kulturellen Gruppe so- die Theorien und die Lehre weitere Säulen der Wissen-
wie deren Vorstellungen über Gesundheit und Wohlbefin- schaft.
den von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst werden. ● Pflegewissenschaft ist sehr praxisorientiert, d. h., es
● Alle Faktoren zusammen werden als kulturelle, soziostruk- wird konkret nach Antworten auf Probleme oder The-
turelle Dimension bezeichnet, die wiederum eng mit dem men der Praxis gesucht. Sie trägt zu einer Qualitätsstei-
Welt- und Wirklichkeitsverständnis verbunden ist. Hierzu gerung und Professionalisierung der Pflege bei.
gehören neben technologischen, religiösen und wirtschaft- ● Grob lassen sich 2 Arten der Forschung unterscheiden.
lichen Einflussfaktoren auch bildungsbedingte, politisch- Die quantitative Forschung untersucht große Gruppen
gesetzliche sowie verwandtschaftliche und soziale Fak- und möchte somit allgemeingültige Aussagen treffen
toren. Nicht zuletzt nehmen auch kulturelle Werte und Le- können. In der qualitativen Forschung wird bei kleine-
bensweisen, der Umweltkontext, Sprache und die ethno- ren Gruppen zunächst ein Phänomen genauer unter-
grafische Entwicklung Einfluss auf Muster und Methoden sucht, um Theorien zu bilden, die im Verlauf auch quan-
der Fürsorge und auch auf die Sichtweise von Gesundheit titativ überprüft werden können.
und Wohlbefinden – von Einzelnen oder von Gruppen. ● Pflegende haben die wichtige Rolle, bei der Forschung
● Hieraus ergeben sich wiederum generische und professio- mitzuwirken und die Erkenntnisse aus der Forschung zu
nelle Pflegesysteme. Unter generischen Pflegesystemen reflektieren und in den Pflegealltag zu integrieren. Zur
versteht Madeleine Leininger volkstümliche oder laien- kritischen Einschätzung von Forschungsarbeiten gibt es
hafte Pflegesysteme, die kulturell erlerntes und übermit- Gütekriterien und Fragen, an denen sich Pflegekräfte
teltes, traditionelles Wissen enthalten. Demgegenüber orientieren sollten.
enthalten professionelle Pflegesysteme Wissen und prak- ● Das Evidence-based Nursing ist eine Methode, nach der
tische Fähigkeiten, die unterrichtet und erlernt wurden Forschungserkenntnisse gezielt in die Praxis umgesetzt
und in professionellen Institutionen, wie z. B. Kranken- werden können. Durch die individuelle Beurteilung der (Pa-
häusern, ausgeübt werden. tienten-)Situation werden die Erkenntnisse der Forschung
● Die professionelle Pflege verbindet diese beiden Pflegesyste- mit den Erfahrungen der Pflegefachkraft verknüpft.
me miteinander: Sie muss entscheiden, ob in einer Pflegesi- ● Pflegetheorien beschreiben, je nach Reichweite, all-
tuation Fürsorgehandlungen des generischen Pflegesystems gemein, was Pflege ist, bzw. betrachten einzelne Aspekte
oder/und professionelle Fürsorgehandlungen eingesetzt wer- der Pflege und geben Pflegemaßnahmen vor. Die 4
den. Grundsätzlich gibt es dabei 3 mögliche Entscheidungen: Schlüsselkonzepte der Pflege sind die Person, die Um-
1. Die kulturspezifischen Fürsorgehandlungen können bei welt, das Wohlbefinden und das pflegerische Handeln.
der Pflege in der Gesundheitseinrichtung beibehalten Durch deren Gewichtung wird das Pflegeverständnis
werden – dies entspricht der Bewahrungs- und/oder deutlich. Es werden 3 Schwerpunkte bei den Theorien
Erhaltungsfunktion kulturspezifischer Fürsorge. großer Reichweite unterschieden: Bedürfnistheorien,
2. Die kulturspezifischen Fürsorgehandlungen können bei Interaktionstheorien und Ergebnistheorien.
der Pflege in der Gesundheitseinrichtung nur teilweise ● Ausgewählte Pflegetheorien: „Die Theorie des Selbst-
beibehalten werden – dies entspricht der Anpassungs- pflegedefizits“ von Dorothea Orem, „Das Roper-Logan-
und/oder Verständigungsfunktion kulturspezifischer Tierney-Modell“, „Das Rahmenmodell Fördernder Pro-
Fürsorge. zesspflege mit integrierten ABEDLs“ von Monika Kroh-
3. Die kulturspezifischen Fürsorgehandlungen müssen winkel, „Die Theorie der interpersonalen Beziehungen in
verändert werden, weil sie z. B. schädlich für den be- der Pflege“ von Hildegard Peplau, „Das Modell der Krank-
troffenen Menschen sind. Dies entspricht der Ände- heitsverlaufskurve“ von Juliet Corbin und Anselm Strauss,
rungs- oder Umstrukturierungsfunktion kulturspezi- „Das Modell der familien- und umweltbezogenen Pflege“
fischer Fürsorge. von Marie-Luise Friedemann und „Die Theorie der kultur-
spezifischen Fürsorge“ von Madeleine Leininger.
2
ieme
Mit Menschen arbeiten
5 Der Mensch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
6 Grundlagen und Anwendung professioneller Kommunikation . . . . . . . . . . . . 54
7 Mit Menschen zusammenarbeiten – miteinander umgehen. . . . . . . . . . . . . . 58
8 Selbstfürsorge und Stressmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
Entwicklungspsychologie

5.1 Grundlagen 5.2 Entwicklungspsychologie


Die Pflege ist besonders durch die enge Zusammenarbeit Die Entwicklungspsychologie beschäftigt sich mit der Ent-
mit Menschen geprägt. Daher ist es besonders wichtig, sich stehung und Veränderung psychischer Funktionen. Die zen-
zu fragen, was den Menschen ausmacht. trale Frage ist: Welche Faktoren (Veranlagung, Umwelt, Er-
ziehung etc.) beeinflussen das Denken, Erleben und Verhal-
ten eines Menschen im Verlauf seines Lebens?
5.1.1 Der Mensch aus Daraus ist das Modell „Entwicklung über die Lebensspan-
verschiedenen Perspektiven ne“ mit 4 Hypothesen entstanden: Der Entwicklungsprozess
1. dauert lebenslang und ist individuell,
Das komplexe Wesen des Menschen beschäftigt viele Wis- 2. vollzieht sich mehrdimensional (körperlich, kognitiv, so-
senschaftsbereiche, wobei jeder Bereich einen etwas ande- zioemotional),
ren Schwerpunkt bei seinem Menschenbild setzt. Pfle- 3. ist formbar (veränderbar) und
gekräfte kommen mit allen Menschenbildern in Berührung
4. wird von mehreren Faktoren beeinflusst (z. B. Erbanlagen
und bilden häufig die Schnittstelle zwischen den einzelnen
und Umwelt).
Disziplinen.
● Naturwissenschaftlich-medizinische Perspektive: Der Fo-

kus liegt auf rein körperlichen Prozessen. Krankheit ent- 5.2.1 Psychosexuelle Entwicklung
spricht einer Störung des „Funktionierens“ nach dem Ur-
sache-Wirkungs-Prinzip. nach Freud
● Die Psychologie beschäftigt sich mit dem Erleben und Ver-
Grundlage des Ansatzes von Sigmund Freud (1856–1939) ist
halten des Menschen: Wahrnehmungs-, Denk- und Ver- die Psychoanalyse. Die Theorie geht davon aus, dass der
arbeitungsprozessen, Gedächtnis, Lernen etc. Mensch immer in einem Konflikt steht zwischen den biologi-
● Die psychosomatische Perspektive beschäftigt sich mit schen Bedürfnissen (Trieben) und dem gesellschaftlich erwar-
den Wechselwirkungen von Körper und Geist und ist die teten Verhalten. Die Persönlichkeitsentwicklung ist nach Freud
Schnittmenge von Psychologie und Medizin. abhängig von dem Umgang mit aggressiven und sexuellen
● Die soziologische Perspektive sieht den Menschen als ein Trieben in der Kindheit. Die Entwicklung verläuft in 5 Phasen:
Wesen, das mit anderen Menschen zusammenlebt und 1. orale Phase (0–1 Jahr): Erfahrung der Umwelt durch den
sich mit ihnen austauscht. Sie beschäftigt sich mit Rollen, Mund
Erwartungen, Gruppen, Gemeinschaft etc. 2. anale Phase (1–3 Jahre): Gefühl von Selbstbestimmung
● Der kulturwissenschaftliche Ansatz geht von dem starken durch Zurückhalten von Urin und Stuhl
Einfluss der Kultur auf den Menschen aus. Sie beschäftigt 3. phallische Phase (3–6 Jahre): Kind begehrt gegen-
sich mit Wertesystemen, Traditionen, Bildung, Philosophie geschlechtlichen Elternteil
etc. 4. Latenzphase (6–12 Jahre): Triebe werden auf kulturelle
● Die philosophische Perspektive versteht den Menschen als Interessen (z. B. Lesen) umgelenkt, das Über-Ich ent-
ein Wesen, der seinem Leben einen Sinn geben möchte. wickelt sich
Auslöser sind häufig existenzielle Erfahrungen (Krankheit, 5. genitale Phase (ab 12 Jahren): führt zur Partnersuche
Leid, Tod).
● Die ethische Perspektive sieht den Menschen als ein den- Treten Störungen in den einzelnen Phasen auf, kann sich
kendes und gestaltendes Wesen, das nach bestimmten dies zu Persönlichkeitsstörungen im Erwachsenenalter füh-
moralischen Werten handelt, wie Gerechtigkeit und Soli- ren. Die Persönlichkeit besteht aus 3 Teilen:
darität. ● Das „Es“ hat biologische Bedürfnisse.
● Aus der theologischen Perspektive ist der Mensch ein We- ● Das „Ich“ vermittelt zwischen eigenen Bedürfnissen und
sen, das übernatürliche Erfahrungen macht bzw. eine Ver- gesellschaftlichen Anforderungen.
bindung mit einer übernatürlichen (meist göttlichen) ● Das „Über-Ich“ hat Ideen und Vorstellungen von dem, was
Macht eingeht. richtig und falsch ist.

5.1.2 Das Menschenbild in der 5.2.2 Psychosoziale Entwicklung


Pflege nach Erikson
Das Menschenbild in der Pflege ist stark von dem Begriff Erik H. Erikson (1902–1994) geht davon aus, dass der Mensch
der „Ganzheitlichkeit“ geprägt: immer in einem Konflikt zwischen 2 Gefühlen steht. Durch
● Ganzheitlichkeit = Wechselwirkung und Zusammenspiel
die Bewältigung dieser Krisen in den Phasen entsteht eine ge-
von physischen, psychischen und sozialen Anteilen des sunde Persönlichkeit. Das Modell unterscheidet 8 Phasen:
Menschen 1. Vertrauen vs. Misstrauen (bis 1 Jahr): Durch Bezugsper-
● Ganzheitliche Pflege = sich mit dem Menschen als Ganzem son wird Urvertrauen entwickelt; fehlt es an Zuwendung,
auseinanderzusetzen (Biografie, Lebenssituation, Fähig- entsteht Misstrauen.
keiten zur Selbstpflege) 2. Autonomie vs. Scham und Zweifel (1–3 Jahre): Kind ent-
deckt Umwelt und wird selbstständiger. Wird es kriti-
Kritik: Der absolute Anspruch einer ganzheitlichen Wahr- siert, eingeschränkt oder überfordert, kann ein fehlendes
nehmung und Betreuung des Pflegebedürftigen ist in der Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entstehen.
Praxis nur bedingt realisierbar.
l
5 Der Mensch

3. Initiative vs. Schuldgefühl (3–5 Jahre): Kind möchte die


5.2.4 Kognitive Entwicklungstheorie
Welt begreifen und stellt viele Fragen. Leistungsdruck
und zu viele Angebote können dies beeinträchtigen. nach Piaget
4. Kompetenz vs. Minderwertigkeitsgefühl (5–12 Jahre): Die Grundgedanken der Theorie von Jean Piaget (1896–
Kind vergleicht sich mit anderen und entdeckt eigene Be- 1980) sind, dass
gabungen. Durch Misserfolge und Kritik kann es sich ● ein Kind seine Entwicklung aktiv mitentwickelt,
minderwertig fühlen.
● es sich durch eigene kognitive Vorstellungen seine Umwelt
5. Identität vs. Identitätsdiffusion (12–20 Jahre): Jugend- erklärbar macht,
licher sucht seine Identität.
● diese Vorstellungen durch Erfahrungen aus der Umwelt
6. Intimität und Solidarität vs. Isolierung (20–45 Jahre): immer wieder angepasst werden (Adaption).
„Ich“ verwandelt sich in manchen Bereichen in ein „Wir“.
● Für die Adaption sind 2 Prozesse entscheidend:
7. Generativität vs. Selbstabkapselung (45–65 Jahre): Wei- 1. Assimilation: Neue Informationen werden so verändert,
tergabe von Wissen und Erfahrungen. Gelingt dies nicht, dass sie zu der aktuellen Vorstellung passen.
fehlt das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.
2. Akkommodation: Die neue Entdeckung lässt sich nicht in
8. Integrität vs. Verzweiflung (65 Jahre bis Tod): Der ältere die aktuellen Vorstellungen integrieren, man passt sich an
Mensch reflektiert sein Leben; ist er mit dem Ergebnis und eine neue bzw. erweiterte Vorstellung wird erstellt.
unzufrieden, kann das Gefühl von Sinnlosigkeit und
Angst vor dem Tod entstehen. Die Entwicklungsphasen nach Piaget können Sie der
▶ Abb. 5.1 entnehmen.
5.2.3 Verhaltenspsychologische und
lerntheoretische Ansätze 5.2.5 Entwicklungsaufgaben nach
Behaviorismus Havighurst
Durch ein Experiment belegte John Watson (1878–1958), Nach Robert J. Havighurst (1900–1991) stellt jede Lebens-
dass es beim Menschen möglich ist, ein Verhalten durch die phase an ein Individuum bestimmte Aufgaben, die es bewäl-
Wiederholung von Reizen „zu trainieren“ (= Konditionierung). tigen muss. Es lässt sich in 3 Bereiche aufteilen:
● Biologie/Körper: Wachstum, Pubertät, Klimakterium

● Gesellschaft: Bildung und Beruf


Operante Konditionierung ● Person (Wünsche, Ziele, Werte): Berufswunsch, Wunsch

Nach dem Psychologen B. F. Skinner (1904–1990) können nach Familie


erwünschte Verhaltensweisen durch positiv verstärkende
Reize (z. B. Belohnung, Lob) und negativ verstärkende Reize
(z. B. Tadel) hervorgerufen werden.
Meilensteine der Entwicklung
Kindheit (pränatale Phase, bis ca. 11. LJ)
Lernen durch Beobachtung ● Die Entwicklung wird durch die Gesellschaft geprägt (sog.
Sozialisation) und in folgende Entwicklungsbereiche ein-
Das Lernen durch Beobachtung bzw. am Modell von Albert geteilt: Entwicklung der Sinneswahrnehmung, motori-
Bandura (geb. 1925) ist eine der wichtigsten Theorien des sche, kognitive, emotionale und moralische Entwicklung.
sozialen Lernens. In dieser Theorie haben Vorbilder eine
● Für die Einschätzung von Entwicklungsstörungen ist eine
große Bedeutung für das Erlernen bestimmter Verhaltens-
Gesamtbetrachtung aller Bereiche notwendig.
weisen.
● Risikofaktoren für Entwicklungsstörungen: z. B. Fehlernäh-
rung, Scheidung der Eltern, emotionale Zurückweisung,
körperliche und psychische Misshandlungen/Gewalt.

Abb. 5.1 Die 4 kognitiven Entwicklungsphasen nach Piaget.

sensomotorische präoperationale konkret-operationale formales Denken


Entwicklung Entwicklung Entwicklung

• verbesserte • konzentriert sich auf • erkennt in konkreten • kann abstrakt bzw.


Abstimmung eine Dimension Situationen theoretisch denken
zwischen Sensorik • komplexere Zusammenhänge • benötigt dafür
und Motorik Zusammenhänge (z. B. zwischen Form, kein Anschauungs-
• lernt, dass Objekte sind noch nicht Menge und Volumen material mehr
auch existieren, wenn begreifbar im Umschüttversuch)
man sie nicht sieht (z. B. Volumen)
0–2 Jahre 2–7 Jahre 7–11 Jahre ab 12 Jahren

Nach: I care – Pflege. Thieme; 2015

46
Bedürfnisse, Motive und Emotionen

● Es gibt Vorsorgeuntersuchungen zur Erkennung von Risi- ● Extraversion (Introversion als Gegenteil)
kofaktoren während der Schwangerschaft und im Kindes- ● Offenheit gegenüber Neuem
alter, um ggf. geeignete Fördermaßnahmen anzubieten. ● Verträglichkeit (gegenüber anderen Menschen)
● Gewissenhaftigkeit
Jugendalter (Adoleszenz, 11.–18. LJ)
● Entwicklungsaufgaben: körperliche Reifung, komplexe Um Persönlichkeitsstörungen (siehe Kap. 65) zu identifizie-
Denkfähigkeit, Gemeinschaft mit Gleichaltrigen, sexuelle ren, wird eine Einschätzung zu den folgenden 5 Kriterien
Beziehungen, selbstständig werden und eine eigene Iden- vorgenommen:
● Reaktionen auf und der Umgang mit Emotionen
tität finden
● Leistungsfähigkeit
● Jugendliche sind besonders anfällig für Alkohol und Dro-
● Autonomie im eigenen Handeln und Verhalten
genmissbrauch (besonders Jungen) und Essstörungen (be-
sonders Mädchen). Konflikte mit den Eltern, dem Partner ● Fähigkeit zur Anpassung an die jeweilige Umwelt

oder Liebeskummer können im Extremfall zu einem Sui- ● Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen
zidversuch führen. Selbstmord ist die zweithäufigste To-
desursache bei deutschen Jugendlichen.
5.4 Bedürfnisse, Motive und
Erwachsenenalter (18. LJ bis zum Tod)
● frühes Erwachsenenalter (18–40 Jahre): Herausforderun-
Emotionen
gen besonders im sozialen Bereich, z. B. Wechseln in das 5.4.1 Bedürfnisse
berufliche Umfeld und Aufbau neuer sozialer Kontakte,
Eingehen von festen Partnerschaften, Gründen einer Fami- ● Der Psychologe Abraham Maslow (1908–1970) hat in
lie. Verantwortung wächst und dadurch steigt der Erfolgs- Form einer Pyramide die Bedürfnisse hierarchisiert.
druck. Wiederholtes Scheitern kann zu Entwicklungsstö- ● Es müssen zunächst die unteren Bedürfnisse erfüllt sein,
rungen führen. bevor die höher stehenden relevant werden (▶ Abb. 5.2).
● mittleres Erwachsenenalter (40–65 Jahre): Das eigene Le- ● Menschen haben ständig unterschiedliche Bedürfnisse,
ben wird reflektiert, nicht selten mit der Konsequenz diese können sich zwischen den Personen unterscheiden
einer radikalen Lebensveränderung (Midlife-Crisis). Sie und auch von der Hierarchie abweichen.
wird auch als die „Rush-Hour“ des Lebens bezeichnet, da ● Für Pflegekräfte ist es wichtig, die für den Patienten wich-
es mehrere Belastungen gibt. Die eigene Karriere wird tigsten Bedürfnisse herauszufinden und danach die Pflege
weiterverfolgt, gleichzeitig benötigen die Kinder und ggf. zu planen, um ihn bei der Bedürfnisbefriedigung zu helfen.
Eltern Hilfe. Es kommt zu ersten degenerativen körper-
lichen Veränderungen.
● spätes Erwachsenenalter (ab 65 Jahre bis zum Tod): Neben 5.4.2 Motivation
den körperlichen Veränderungen (Kap. 33.1) gibt es ein-
● Motive leiten unser Handeln, sie sind antreibender Grund
schneidende Ereignisse, z. B. die Selbstständigkeit der Kin-
für ein Verhalten.
der und das Ausscheiden aus dem Berufsleben. Bedeuten-
de Risikofaktoren sind Altersarmut, soziale Isolation und
● Bei unschlüssigen Verhaltensweisen ist es sinnvoll, nach
Entwurzelung. den Motiven zu schauen, die sich dahinter verbergen.
● Zum Umgang mit sozialen Kontakten gibt es 4 Alterstheo-
● Die aus einem Motiv resultierende Handlungsbereitschaft
rien: bezeichnet man als Motivation. Es wird dabei in intrinsi-
– Disengagementtheorie: Ältere besinnen sich auf sich, sche (von innen) und extrinsische (von außen) Motivation
ziehen sich zurück. unterschieden. Je wahrscheinlicher eine Zielerreichung und
je wichtiger das Ziel, desto höher wird die Motivation sein.
– Aktivitätstheorie: Ältere wünschen sich viele soziale
Kontakte.
● Man spricht von Leistungsmotivation, wenn jemand seine
Situation durch ein bestimmtes Verhalten verbessern
– Kontinuitätstheorie: Der Wunsch nach dem Maß an so-
möchte. Dabei ist die intrinsische Motivation besonders
zialen Kontakten hängt von der Persönlichkeit ab.
wichtig.
– sozial-emotionale Selektivitätstheorie: Abnahme sozia-
● Die intrinsische Motivation eines Patienten kann gestärkt
ler Kontakte durch Wegfallen von zweckgebundenen
werden, indem z. B. Ressourcen gewürdigt, erreichbare
Kontakten (Beruf), dafür sind vorhandene Kontakte in-
Ziele gesteckt, Ziele verdeutlicht, ein positives Feedback
tensiver.
gegeben wird.

5.3 Persönlichkeitspsychologie 5.4.3 Emotionen


Persönlichkeit beschreibt die Gesamtheit aller Persönlich- Emotionen sind wichtig, um schnell Entscheidungen zu tref-
keitsmerkmale/-eigenschaften (Traits). Traits sind zeitlich fen und sich so vor Gefahren zu schützen (z. B. Angst). Au-
stabile Merkmale des Verhaltens und Erlebens eines Men- ßerdem spielen sie im sozialen Miteinander eine entschei-
schen. Die Persönlichkeitsforschung beschäftigt sich mit die- dende Rolle.
sen Traits. Über die Jahre haben sich 5 Eigenschaften („Big Emotionen entstehen in 4 Teilprozessen:
Five“) bei der Beschreibung einer Persönlichkeit bewährt: 1. Wahrnehmen und Bewerten einer Situation (oft unbe-
● emotionale Stabilität wusst) auf Grundlage unserer Erfahrungen und Werte-
systeme.
l
5 Der Mensch

Abb. 5.2 Bedürfnispyramide nach Maslow.

Bedürfnis
nach Selbst-
verwirklichung
Sinnfindung, Religion,
Transzendenz
Bedürfnis nach Ästhetik
Schönheit, Ordnung

Bedürfnis nach Wissen


entdecken, verstehen, erleben

Bedürfnis nach Wertschätzung


Respekt, Kompetenz, soziale Anerkennung
soziale Bedürfnisse
kommunizieren, arbeiten, Liebe, Freundschaft, Zugehörigkeit

Sicherheitsbedürfnisse
Geborgenheit
körperliche Grundbedürfnisse
essen, trinken, schlafen, atmen, sich kleiden, sich fortpflanzen

Nach Maslow kommen die höher stehenden Bedürfnisse erst zur Geltung, wenn die darunter aufgeführten erfüllt sind. Aus: I care – Pfle-
ge. Thieme; 2015

2. Intensität der subjektiv empfundenen Gefühle, abhängig chen und Risikofaktoren. Unser Gesundheitssystem ist bis-
von der Situation oder dem Menschen, der die Gefühle aus- lang überwiegend pathogenetisch geprägt, d. h., der Fokus
löst, z. B. Freude, Zuneigung, Gleichgültigkeit, Ärger, Angst, liegt auf einer schnellen Diagnosestellung und der Behand-
Abneigung, Niedergeschlagenheit, Scham und Trauer lung der Beschwerden.
3. Körperliche Reaktion wie z. B. Herzrasen bei Angst,
Schwitzen bei Aufregung
Salutogenese
4. Ausdruck der Emotionen durch Mimik, Haltung und Ver-
haltensweisen Aaron Antonovsky (1923–1994) stellt die Frage in den Mit-
telpunkt, warum Menschen trotz krank machender Einflüs-
se gesund bleiben bzw. was Menschen gesund erhält. Das
5.5 Der Mensch zwischen Konzept besteht aus 4 wichtigen Komponenten:
● Gesundheits-Krankheits-Kontinuum: Gesundheit und
Gesundheit und Krankheit Krankheit sind 2 Pole und im Laufe des Lebens bewegt
sich der Mensch zwischen diesen Polen, wobei die Pole
Definition Gesundheit selbst nicht erreicht werden können. Man hat immer ge-
Laut der WHO ist „Gesundheit ein Zustand vollkommen körper- sunde und kranke Merkmale gleichzeitig.
lichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das ● Stressoren und Spannungszustände: sind allgegenwärtig

Freisein von Krankheit und Gebrechen.“ Die Definition verdeut- und wirken auf den Menschen ein.
licht die verschiedenen Ebenen von Gesundheit, die sich auch ge- ● Widerstandsressourcen: wirken sich positiv auf den Um-
genseitig beeinflussen. Über den Begriff des Wohlbefindens kön- gang mit den Stressoren aus, z. B. körperliche Faktoren, fi-
nen sich auch Menschen gesund fühlen, die aus medizinischer nanzielle und soziale Rückhalte.
Sicht krank sind. Aber nicht jeder, der sich wohlfühlt, ist auch im ● Kohärenzgefühl: Grundeinstellung zur Welt und zum Le-
medizinischen Sinne gesund. ben. Es wird stark durch die Erfahrungen, Erlebnisse und
Lebensereignisse insbesondere in der Kindheit geprägt.
Definition Krankheit Diese Einstellung ist abhängig von 3 weiteren Eigenschaf-
Krankheit ist demzufolge definiert als Störung des körperlichen, ten:
seelischen und sozialen Wohlbefindens. – Gefühl der Verstehbarkeit: Fähigkeiten, Informationen
zu verarbeiten.
5.5.1 Pathogenese und Salutogenese – Gefühl der Handhabbarkeit: Vertrauen in sich selbst,
Schwierigkeiten und Probleme bewältigen zu können.
Pathogenese – Gefühl der Sinnhaftigkeit: Das Leben mit seinen Heraus-
forderungen hat einen Sinn.
Die Pathogenese beschäftigt sich mit der Entstehung von
Krankheiten. Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Ursa-

48
Der Mensch zwischen Gesundheit und Krankheit

Bedeutung für die Pflege 2. Schaffung von Gesundheit unterstützenden Umwelten


(z. B. gute Wohn- und Arbeitsbedingungen)
Das Modell der Salutogenese spielt eine wichtige Rolle für das
3. Entwicklung von Gesundheitskompetenz, d. h. Menschen
Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Aufgabe der Pfle-
dazu befähigen, selbstbestimmt Entscheidungen für ihre
ge ist es, alle gesundheitsfördernden Kräfte und Ressourcen
Gesundheit zu treffen und dafür Verantwortung zu über-
des Betroffenen gemeinsam mit ihm zu identifizieren und zu
nehmen (z. B. durch Beratung, Aufklärungskampagnen),
aktivieren. Durch Beratung können Pflegekräfte die Versteh-
und Bewältigungsstrategien im Umgang mit Gesundheit
barkeit und Handhabbarkeit einer Erkrankung fördern.
und Krankheit (z. B. durch ausgewogene Ernährung, Be-
wegung)
5.5.2 Prävention und 4. Stärkung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen
(z. B. in Vereinen)
Gesundheitsförderung 5. Neuorientierung der Gesundheitsdienste, die über die
Prävention und Gesundheitsförderung haben das Ziel, die medizinisch-kurativen Betreuungsleistungen hinaus-
Gesundheit der Menschen zu erhalten bzw. zu verbessern. gehen und den Zugang zu ihnen verbessern (z. B. Ver-
Beide Konzepte verfolgen jedoch unterschiedliche Strate- ankerung von Gesundheitsförderung in allen Bereichen
gien und unterschiedliche Ansätze (▶ Tab. 5.1). des Gesundheitssystems)

Prävention 5.5.3 Individuelle Einflüsse auf


Es wird unterschieden nach: Gesundheit und Krankheit
Zeitpunkt der Prävention Gesundheitsverhalten
● Primärprävention: vor Eintritt einer Krankheit
Zu den individuellen Einflüssen auf Gesundheit und Krank-
● Sekundärprävention: im Frühstadium einer Krankheit
heit zählt das individuelle Gesundheitsverhalten. Die eige-
● Tertiärprävention: nach Manifestation/Akutbehandlung nen Verhaltensweisen beeinflussen den persönlichen Ge-
einer Krankheit sundheitszustand (positiv oder negativ). Trotz besseren
Wissens üben viele Menschen gesundheitsschädigende Ver-
Präventionsstrategie haltensweisen aus. Es stellt sich die Frage nach dem Warum
● Verhältnisprävention: Veränderung der Umwelt und der (Kap. 5.4). Die 3 folgenden Modelle sollen helfen, dieses Ver-
Lebensbedingungen halten zu verstehen, vorherzusagen und ggf. auch zu beein-
● Verhaltensprävention: Beeinflussung des individuellen flussen.
Gesundheitsverhaltens
Health-Belief-Modell – Modell der gesundheitlichen
Präventionsmethode Überzeugung
● psychoedukative Verfahren, z. B. Beratung, Aufklärungs-

kampagnen (AIDS, Alkohol) Es sind 2 Hauptfaktoren relevant:


● Bedrohung: Inwieweit nimmt eine Person die Krankheit
● normativ-regulatorische Verfahren, z. B. Gesetze (Rauch-

verbot in Gaststätten, Anschnallpflicht) als Bedrohung wahr? Abhängig vom Schweregrad der
wahrgenommenen Symptome und der subjektiven Ver-
● ökonomische Anreiz- und Bestrafungssysteme, z. B. Prä-
wundbarkeit.
mien, Erhöhung der Tabaksteuer
● Kosten-Nutzen-Abwägung: Ist der Gewinn der gesund-

heitsfördernden Maßnahmen die Mühe wert?


Gesundheitsförderung
Je größer die Bedrohung ist und je mehr eine Kosten-Nut-
Gesundheitsförderung erfolgt nach dem ganzheitlichen An-
zen-Abwägung zugunsten des Nutzens ausfällt, desto eher
satz, d. h., der Mensch wird in seiner Umwelt und seinen Le-
verändern Menschen ihr Gesundheitsverhalten.
bensbedingungen betrachtet. Es werden 5 zentrale Hand-
Daneben beeinflussen auch soziodemografische Faktoren
lungsbereiche unterschieden:
(Geschlecht, Alter, soziale Schicht) und Handlungsanreize
1. Entwicklung einer gesundheitsförderlichen Gesamtpoli-
das Verhalten.
tik (z. B. Finanzierung von Gesundheitsförderungsange-
Pflegende können dabei helfen, gesundheitliche Überzeu-
boten, Zugang zu Bildungs- und Sozialeinrichtungen)
gungen zu entwickeln, indem sie über die Bedrohung durch

Tab. 5.1 Ziel, Strategien, Ansätze und Zielgruppen von Prävention und Gesundheitsförderung.

Prävention Gesundheitsförderung

Strategie bzw. Ziel bestimmte Krankheiten vermeiden, Gesundheit erhalten Gesundheit und Wohlbefinden erhalten und verbessern
bzw. verbessern

Ansatz pathogenetisches Wirkprinzip: setzt an den Risikofak- salutogenetisches Wirkprinzip: setzt an den Ressourcen
toren an und Schutzfaktoren an

Zielgruppe wendet sich an Menschen mit Risikofaktoren wendet sich an alle Menschen
l
5 Der Mensch

eine Krankheit aufklären, den Nutzen von förderlichen 1. Absichtslosigkeit: Es besteht keine Intention, das pro-
Maßnahmen verdeutlichen und bei den Kosten Unterstüt- blematische Verhalten in der nächsten Zeit zu ändern
zungsmöglichkeiten aufzeigen. (Verleugnung).
2. Absichtsbildung: Es wird erwogen, das problematische
Locus of Control (Kontrollüberzeugung) Verhalten in den nächsten 6 Monaten zu verändern.
3. Vorbereitung: Erste Schritte werden eingeleitet.
Es werden unterschieden:
● externale Kontrollüberzeugungen: Die eigene Gesundheit 4. Handlung: Das Gesundheitsverhalten wird geändert.
ist abhängig von äußeren Faktoren (z. B. Ärzte, Zufall, 5. Aufrechterhaltung: Das geänderte Verhalten wird seit
Schicksal). mehr als 6 Monaten beibehalten (Durchhaltevermögen).
● internale Kontrollüberzeugungen: Die eigene Gesundheit 6. Stabilisierung: Es gibt keine Rückfallgefahr mehr.
wird als beeinflussbar wahrgenommen. Dies ist förderlich
für ein positives Gesundheitsverhalten und zentraler
Punkt für die Übernahme von Eigenverantwortung für die 5.5.4 Gesellschaftliche Einflüsse auf
Gesundheit und Selbstständigkeit beim Durchführen ge- Gesundheit und Krankheit
sundheitsförderlicher Maßnahmen.
Der Mensch beeinflusst nicht nur selbst sein Gesundheits-
Pflegende können internale Kontrollüberzeugungen stär- Krankheits-Kontinuum. Er ist ebenso den Einflüssen seiner
ken, indem sie z. B. körperliche Trainingsfortschritte positiv Umgebung und der Gesellschaft ausgesetzt:
● Gesundheits- und Krankheitsverständnis: Je nach Vorstel-
rückmelden und somit verdeutlichen, dass das eigene Ver-
halten Einfluss auf die Gesundheit hat. lung von dem, was gesund oder krank ist, werden Kosten
einer Therapie durch die Gemeinschaft finanziert oder
auch nicht (z. B. Anerkennung von Alkoholismus als
Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) Krankheit).
SWE beschreibt das Ausmaß des Vertrauens einer Person in ● die Lebensbedingungen (z. B. Krankenversicherungspflicht)
die eigenen Fähigkeiten, eine Herausforderung zu bewälti- ● die Zugehörigkeit eines Individuums zu bestimmten
gen. Je höher die SWE, desto eher werden Personen ihr Ge- Gruppen: Die 5 Merkmale der gesellschaftlichen Stellung
sundheitsverhalten erfolgreich ändern. Durch diese 4 Me- (Beruf, Einkommen, Bildung, Herkunft und Geschlecht)
chanismen kann die SWE gestärkt werden: haben einen wesentlichen Einfluss auf die Lebensbedin-
1. Bewältigungserfahrungen ermöglichen: kleine Erfolge gungen und das Gesundheitsverhalten.
des Patienten loben
2. Lernen am Modell/stellvertretende Erfahrungen: von Er- Die Gesundheitswissenschaften (Public Health) verfolgen die
folgen anderer berichten (andere haben es geschafft, Gesundheitsförderung auf gesellschaftlicher Ebene (Kap.
dann kann ich das auch!) 5.5.2). Durch die Maßnahmen konnten bereits zahlreiche Er-
3. verbale Informationsvermittlung/Überzeugung durch an- folge in verschiedenen Gesellschaftsgruppen erreicht werden.
dere: auf der Grundlage von Fachkenntnissen nachvoll-
ziehbar erklären, dass der Patient es schaffen kann
4. emotionale Erregung: emotionale Blockaden durch Ge-
spräche lösen 5.5.5 Bewältigungsstrategien im
Umgang mit Krankheit
Begriffe und Modelle der Jeder Mensch entwickelt während seines Lebens individuel-
Verhaltensänderung le Strategien, um mit belastenden Situationen umzugehen.
Diese Bewältigungsstrategien werden unter dem Begriff
● Compliance = Übereinstimmung des Patientenverhaltens „Coping“ zusammengefasst.
mit medizinischen oder pflegerischen Empfehlungen.
● Adhärenz = Einhalten des gemeinsam vereinbarten Be-
handlungswegs (Patient – Arzt/Pflegefachkraft). Einhalten Unbewusste Bewältigungsstrategien/
der Empfehlungen und die aktive Mitarbeit sind beson- Abwehrmechanismen
ders bei chronisch Kranken wichtig.
Vor allem zu Beginn einer Krankheit schützen unbewusst
● partizipative Entscheidungsfindung: Der Patient wirkt bei
ablaufende Reaktionen vor einer psychischen Überforde-
gesundheitlichen Entscheidungen mit, dies kann die Ad-
rung, man spricht von Abwehrmechanismen:
härenz verbessern. Voraussetzung dafür ist: ● Verdrängung: Patient verdrängt angstauslösende Gedan-
– der Informationsaustausch in beide Richtungen, ins-
ken und Gefühle vorübergehend aus dem Bewusstsein.
besondere die Patientenedukation (siehe Kap. 49.1)
● Vigilanz: Patient nimmt bedrohliche Aspekte seiner
– Vorhandensein von Wahlmöglichkeiten
Krankheit besonders intensiv wahr und versucht, sie zu
– Gleichberechtigung von Patient und Arzt/Pflegefach- kontrollieren.
kraft ● Regression: Die Psyche des Patienten greift auf frühere
– Verantwortung wird gemeinsam übernommen Entwicklungsstufen zurück, um das seelische Gleichge-
● transtheoretisches Modell: Menschen durchlaufen ver- wicht aufrechtzuerhalten. Patienten verhalten sich un-
schiedene Stufen, bis sie ihr Gesundheitsverhalten dauer- selbstständig, sind oft unvernünftig, treffen ungern Ent-
haft verändert haben. scheidungen und zeigen wenig Eigeninitiative.

50
Der Mensch zwischen Gesundheit und Krankheit

Bewusste Bewältigungsstrategien Formen und Leistungen


Ein erster Schritt in Richtung bewusster Bewältigung ist, Rehabilitationsmaßnahmen sind vielfältig und abhängig
dass der Patient seine Krankheitssituation anerkennt und von dem verfolgten Ziel und der Rehabilitationsform. Bei-
sich daraufhin seine Ressourcen bewusst macht. Mögliche spiele können Sie der ▶ Tab. 5.2 entnehmen.
Bewältigungsstrategien bzw. Reaktionen sind:
● handlungsorientierte Reaktionen, z. B. konstruktive Akti-

vität, Zupacken, Kompensation, Rückzug, Zuwendung


Einrichtungen
● kognitive Reaktionen, z. B. ablenken, Selbstaufwertung, Rehabilitation ist in allen Bereichen der Gesundheitsversor-
Erfolge suchen, hinnehmen von allem, was die Krankheit gung möglich. Bei einigen Erkrankungen (z. B. Schlaganfall)
bringt, Akzeptanz, Problemanalyse der Krankheit, Herun- ist ein frühzeitiger Beginn besonders bedeutungsvoll. Für
terspielen der Krankheit die langfristige Verbesserung und Anpassung haben sich be-
● emotionale Reaktionen, z. B. Haltung bewahren, mit dem sondere Einrichtungen auf bestimmte Krankheiten und de-
Schicksal hadern, Schuldzuweisungen, Fehler bei sich ren Folgen spezialisiert. Die Rehabilitation wird dabei an
selbst suchen, Religiosität, Angst, Wut, Verzweiflung, Re- verschiedenen Orten erbracht:
● stationäre Rehabilitation: direkt nach einem Aufenthalt in
signation
einer Akutklinik (z. B. nach Herzinfarkt) oder als allgemei-
! Merke Strategien nes Heilverfahren (bei Erkrankungen ohne akutes Ereig-
nis, z. B. bei chronischen Rückenschmerzen)
Nicht immer sind Bewältigungsstrategien, die Menschen mehr
● teilstationäre/ambulante Rehabilitation: Patient kommt
oder weniger bewusst ergreifen, auch hilfreich.
für 4–6 Stunden in die Klinik (auch im Rahmen der beruf-
Pflegende sollten herausfinden, welche Bewältigungsstrate- lichen Wiedereingliederung).
gie der Patient verfolgt, und ihn bei der Suche nach weiteren ● mobile Rehabilitation: findet bei dem Betroffenen zu Hau-

hilfreichen Strategien unterstützen. Dazu kann auch thera- se statt (selten)


peutische bzw. seelsorgerische Unterstützung angeboten
werden.
Rehabilitationsbehandlung
Viele Rehabilitationseinrichtungen haben sich auf bestimm-
5.5.6 Rehabilitation te Krankheiten spezialisiert (z. B.: neurologische, psycho-
somatische, geriatrische Erkrankungen). Für die unter-
Rehabilitation umfasst alle Maßnahmen, die eine soziale In-
schiedlichen Erkrankungen liegen ausgearbeitete Rehabili-
tegration von benachteiligten Personen in den Alltag, den
tationskonzepte vor, ein Beispiel zeigt ▶ Abb. 5.3.
Beruf und die Gesellschaft ermöglichen. Dies beinhaltet, die
Personen zu befähigen, ihr Leben mit ihrer Umwelt abzu-
stimmen, auch indem die unmittelbare Umwelt den Bedürf-
nissen der Person angepasst wird.

Ziele und Zielgruppen


● Wiedereingliederung in die Gesellschaft
● Selbstständigkeit und Selbstbestimmung (wieder-)erlangen
● Menschen mit Behinderung, chronisch Kranke, Menschen
nach Arbeitsunfällen, Menschen mit Entwicklungsstörungen

Tab. 5.2 Rehabilitationsformen und Maßnahmen.

Rehabilitationsform Maßnahmen der Rehabilitation konkrete Beispiele

medizinische Rehabilitation ● ärztliche Behandlung ● Medikamente


● pflegerische Rehabilitation ● Selbsthilfetraining
● Verordnung von Hilfsmitteln ● Physio-/Ergotherapie
● Anwendung von Heilmitteln ● Gehhilfen

● beruflich-schulische Rehabilitation ● Hilfen zur Erhaltung oder Anpassung des ● technische Umgestaltung des Arbeitsplat-
● Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben Arbeitsplatzes zes
● berufliche Weiterbildung ● Umschulung

● soziale Rehabilitation ● heilpädagogische Förderung ● Sprachförderung


● Leistungen zur Teilhabe am Leben in der ● Hilfe zur Teilhabe am gesellschaftlichen ● barrierefreie Zugänge zu Behörden,
Gemeinschaft und kulturellen Leben Bahngleisen, Restaurants
● Hilfe zur Verständigung mit der Umwelt ● Reduktion der Rundfunkgebühren

sonstige, unterhaltssichernde und andere ● finanzielle Absicherung ● Krankengeld


ergänzende Leistungen zur Teilhabe ● Rehabilitationssport ● Teilnahme an einer Herzsportgruppe
l
5 Der Mensch

Abb. 5.3 Neurologisches Rehabilitationsphasenmodell.

KOMPAK T
Akutereignis
z. B. Schlaganfall
Der Mensch
● Der Mensch ist ein komplexes Wesen, das aus verschie-
Phase A medizinische Akutbehandlung denen Perspektiven betrachtet werden kann. Nur durch
die ganzheitliche Betrachtung können alle Bedürfnisse
• schnelle Diagnostik
des Menschen erfasst werden. Sie ist die Grundlage um-
• schneller Therapiebeginn
fassender Pflege.
• evtl. rehabilitierende Maßnahmen
● Die Entwicklungspsychologie untersucht, wie sich die
Patient ist stabil psychischen und kognitiven Funktionen (Denken, Erle-
ben, Verhalten) im Verlauf des Lebens entwickeln. Dabei
werden 5 grundlegende Ansätze bzw. Theorien unter-
Phase B Frührehabilitation schieden:
• Bewusstsein fördern – die psychosexuelle Entwicklung nach Freud, wonach
• auf aktive Mitarbeit hinarbeiten der Mensch im Konflikt zwischen den Trieben und
dem gesellschaftlich erwarteten Verhalten steht
Patient kann aktiv – die psychosoziale Entwicklung nach Erikson, bei der
mitarbeiten Menschen im Konflikt zwischen 2 Gefühlen stehen
– die verhaltenspsychologischen und lerntheoretischen
Phase C weiterführende Rehabilitation Ansätze nach Watson, Skinner und Bandura, bei de-
• Physio-, Ergotherapie oder Logopädie nen es um das Erlernen von Verhaltensweisen geht
– die kognitive Entwicklungstheorie nach Piaget, die
Patient ist weitestgehend beschreibt, wie Kinder sich die Welt erklärbar machen
selbstständig – die verschiedenen Entwicklungsaufgaben nach
Havighurst, die in jeder Lebensphase an ein Individu-
Phase D Anschlussbehandlung um gestellt werden
• hohe Alltagsbewältigungskompetenz fördern ● Die Persönlichkeitspsychologie beschäftigt sich mit
• Erhöhen der Leistungsfähigkeit den zeitlich stabilen Merkmalen des Menschen im Ver-
• weitergehende Krankheitsbewältigungshilfe halten und Erleben. Mit den Big Five lässt sich eine Per-
sönlichkeit beschreiben.
● Die menschlichen Bedürfnisse lassen sich nach Maslow
Patient kann
Patient bewältigt in Form einer Pyramide hierarchisieren.
seinen Alltag nicht
seinen Alltag ● Neben den Bedürfnissen wird das menschliche Handeln
mehr weitest-
weitestgehend auch durch Motive und Emotionen beeinflusst.
gehend selbst-
selbstständig
ständig gestalten ● Der Mensch befindet sich im Laufe seines Lebens immer
in einem sog. Kontinuum zwischen Gesundheit und
Krankheit. Gesundheitsförderung und Prävention zielen
Phase E ambulante Phase F zustands- auf den Erhalt bzw. die Verbesserung von Gesundheit.
Nachsorge und berufliche erhaltende (aktivierende)
● Der Gesundheitszustand ist abhängig vom eigene Ge-
Wiedereingliederung Dauerpflege
sundheitsverhalten, von der Umwelt und der Gesell-
• Belastungsgrenzen • Pflegebedürftigkeit
schaft.
erproben • Funktionsstatus so
• evtl. dauerhaft lange wie möglich
● Jeder Mensch nutzt andere (bewusste und unbewusste)
ambulante Nachsorge, erhalten Bewältigungsstrategien, um mit seiner Krankheit oder
z. B. Therapie, Hilfsmittel belastenden Situationen umzugehen. Pflegende unter-
stützen den Patienten bei der Suche nach hilfreichen
Strategien.
Dieses Modell ist ein Beispiel eines der Behandlungskonzepte,
die für unterschiedliche Erkrankungen vorliegen. Aus: I care – Pflege.
Thieme; 2015

52
6 Grundlagen und Anwendung
professioneller Kommunikation

Kommunikationsstörungen

z.B. Ich-Botschaften
Übereinstimmung keine Übereinstimmung =
= kongruent inkongruent Feedback-Regeln
Kongruenz
Akzeptanz (Echtheit)

Gesprächs-
verbale Botschaft nonverbale Botschaft führungs- personenzentrierter
techniken Ansatz nach Rogers

innere Haltung
Sachinhalt Selbstoffenbarung
aktives Empathie
z.B. „Man kann nicht Appell Beziehung Zuhören
nicht kommunizieren.“
kognitiv emotional
5 Grundregeln 4-Seiten-Modell

Paul Watzlawick Schulz von Thun


Beziehungs- und
Kommunikation Kommunikationsgestaltung
Grundlagen

1. Man kann nicht nicht kommunizieren (Stichworte: non-


6.1 Grundlagen verbale Kommunikation, Körpersprache).
Wann immer Menschen zusammen sind, kommunizieren 2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Bezie-
sie miteinander. Es ist ein Grundbedürfnis, sich anderen hungsaspekt (Stichworte: Inhalt einer Aussage und zwi-
mitzuteilen, dadurch stellen wir eine Beziehung zu anderen schenmenschliche Beziehung).
Menschen her. 3. Kommunikation besteht immer aus Ursache und Wir-
kung (Stichworte: Reiz und Reaktion).
4. Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und
6.1.1 Verbale Kommunikation digitaler Modalitäten (Stichworte: analog, z. B. Mimik
● erfolgt über die gesprochene Sprache oder das geschriebe- oder Gestik; digital: z. B. Sprache oder Schrift).
ne Wort 5. Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär
● Gesagtes wird durch paraverbale Ausdrucksformen unter- (Stichworte: symmetrisch, z. B. Kommunikation auf Au-
stützt, wie z. B. Wortwahl, Stimmlage, Sprechtempo, Laut- genhöhe; komplementär, z. B. hierarchische Kommunika-
stärke, Tonfall, Sprache und Formulierung. tion zwischen Arzt und Patient).
● Verbaler und paraverbaler Ausdruck werden abhängig
von der Gesprächssituation und der Beziehung der Ge- Kommt es zu Missverständnissen innerhalb der Kommuni-
sprächspartner verwendet (z. B. Kommunikation mit Vor- kation, ist es hilfreich, sich der 5 Axiome bewusst zu sein
gesetzten versus Patient). und durch eine offene, vorwurfsfreie Kommunikation den
Konflikt zu lösen.

6.1.2 Nonverbale Kommunikation


6.1.4 Kommunikationsmodell nach
● meist unbewusst über die Körpersprache
● unterstreicht die emotionale Bedeutung des Gesagten und
Schulz von Thun
weist auf das Befinden hin An einer Kommunikation sind ein Sender und ein Empfän-
● Körpersprache ist jedoch nicht immer eindeutig, z. B. auf- ger beteiligt. Der Sender verschickt immer Botschaften, die
grund von kulturellen Unterschieden, Wahrnehmungs- gleichzeitig beim Empfänger auf 4 Ebenen ankommen und
und Beurteilungsfehlern (siehe Kap. 13 und Kap. 47) interpretiert werden müssen (▶ Abb. 6.1). Dies läuft meist
● Pflegekräfte sollten bewusst auf die nonverbale Kommu- unbewusst ab, kann jedoch auch trainiert werden. Hört der
nikation der Patienten achten, um Emotionen und Bedürf- Empfänger mit dem Ohr, das der Sender gemeint hat, ge-
nisse zu erkennen und darauf eingehen zu können. lingt Kommunikation.
● Zu den nonverbalen Ausdrucksformen gehören: Mimik, Wenn Sender und Empfänger unterschiedliche Seiten
Blickkontakt, Gestik, Körperhaltung, äußeres Erschei- einer Nachricht als Kernaussage gewichten, kann es zu einer
nungsbild, räumlicher Abstand zueinander, Körperkon- Kommunikationsstörung kommen. Durch gegenseitiges
takt. Rückfragen und Feedback können Unklarheiten und Miss-
verständnisse beseitigt werden. Dazu haben sich folgende
● kongruente Nachricht = Verbale und nonverbale Botschaf-
Feedback-Regeln bewährt:
ten drücken dasselbe aus.
● gegenseitig Respekt und Achtung zeigen
● inkongruente Nachricht = Verbale Aussagen und nonver-
● Kritik am Verhalten und nicht an der Person äußern
bale Botschaft stimmen nicht überein, es können Kom-
● Ich-Botschaften senden, seine Gefühle mitteilen
munikationsstörungen entstehen.
● über die konkrete Situation sprechen und Verallgemeine-

rungen vermeiden
6.1.3 Die Axiome von ● Wünsche an den Gesprächspartner formulieren

Paul Watzlawick
Die zwischenmenschliche Kommunikation ist sehr komplex.
Um diese zu beschreiben, hat Paul Watzlawick 5 Grundsätze
(Axiome) formuliert, die unsere Kommunikation bestim-
men. Mit den Axiomen möchte er zeigen, wie eng Kommu-
nikation mit Beziehungen und Emotionen zusammenhängt
und wieso es zu Konflikten und Missverständnissen inner-
halb der Kommunikation kommen kann. Die 5 Axiome sind:
l
6 Professionelle Kommunikation

Abb. 6.1 Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun.

Sachinhalt
Wie sind die
Worüber ich
Informationen
informieren will.
zu verstehen?

Beziehung
Was ich von dir Was hält der andere
halte und wie ich zu von mir?
dir stehe. Wie redet er mit mir?

Selbstoffenbarung

Was ich von mir zu Was sagt er über sich?


Sender erkennen gebe. Was ist das für einer? Empfänger

Appell
Was soll ich tun, denken,
Was ich bei dir
fühlen aufgrund seiner
erreichen möchte.
Mitteilung?

Jede Nachricht hat 4 Seiten – jeder Empfänger hat 4 Ohren.

eigene Meinung, Ratschläge und Urteile zurückhalten


6.2 Professionelle Beziehungs- ●

● Patientenperspektive einnehmen
und Kommunikationsgestaltung ● 4-Ohren-Modell anwenden

6.2.1 Innere Haltung und Bezie- Techniken der Gesprächsführung


● offene Fragen stellen und nachfragen
hungsgestaltung ● Aufmerksamkeit und Verständnis signalisieren

Unter der inneren Haltung können die Sicht von Pflegekräf- ● Schweigen aushalten und nutzen

ten auf ihre Patienten sowie das Maß, in dem sich eine Pfle- ● auf inkongruentes Verhalten aufmerksam machen
gefachkraft auf den Patienten einlassen kann, verstanden ● zusammenfassen, paraphrasieren, verbalisieren, Unklares
werden. Sie hat einen großen Einfluss auf die Beziehungs- klären
gestaltung, das Kommunikationsverhalten und die Gestal-
tung der Pflege.
6.2.3 Empathie und Mitgefühl
Personenzentrierter Ansatz nach Rogers Definition Empathie
Rogers ging davon aus, dass jeder Mensch die Fähigkeit hat, Empathie ist die Fähigkeit, sich in Gedanken, Gefühle und Sicht-
sich zu verändern, in seiner Persönlichkeit zu wachsen und weisen anderer Menschen hineinzuversetzen.
seine Probleme selbst zu lösen. Der Berater unterstützt den
Patienten darin, seine Fähigkeiten und Ressourcen zu ent- Empathie kann weiter unterteilt werden in
decken (Hilfe zur Selbsthilfe). Grundlage dafür ist eine ver- ● kognitive Empathie = erlernbare Fähigkeit, eine andere
trauensvolle Beziehung, die durch 3 Grundhaltungen des Be- Perspektive vorübergehend einzunehmen, aber ohne das
raters aufgebaut werden kann: Leid zu nah an sich heranzulassen, und
● Empathie (sich in den Gesprächspartner hineinversetzen) ● emotionale Empathie = reales Mitfühlen von Schmerzen
● bedingungsfreie Akzeptanz (den Gesprächspartner so sein und Leiden anderer Menschen, das mit körperlichen Reak-
lassen, wie er ist) tionen einhergeht.
● Kongruenz (in der Situation authentisch sein)
Mitgefühlstraining • Im Gegensatz zur emotionalen Empa-
thie ist Mitgefühl ein positives Gefühl der Fürsorge. Es kann
6.2.2 Aktives Zuhören trainiert werden (z. B. in Workshops). Dabei wird das emo-
tionale Mitempfinden umgewandelt in helfendes Verhalten.
Das aktive Zuhören zielt darauf ab, dass sich ein hilfe- oder
Zudem stärkt es die emotionale Widerstandsfähigkeit.
ratsuchender Mensch verstanden und angenommen fühlt.
Es baut dabei auf den 3 Grundhaltungen nach Rogers auf.
Weitere Merkmale des aktiven Zuhörens sind:
● zugewandte und offene Körperhaltung

● wertschätzende, nicht wertende Art

56
Beziehungs- und Kommunikationsgestaltung

Abb. 6.2 Gesprächsfalter nach Sandra Mantz.

KOMPAK T
Bewusstsein

Wechselwirkung Grundlagen und Anwendung professioneller Kommu-


bewusste nikation
Gedanken und
innere Haltung Worte sprachlicher Ausdruck ● Paul Watzlawick: 5 Axiome
Menschenbild Worte Wortschatz ● Verbale und paraverbale Kommunikation ist abhängig
Selbstwert Körpersprache von der Gesprächssituation: Spricht man mit einem Vor-
Verantwortung
Gedanken
Sprachtempo gesetzten? Mit einem Patienten? Oder einem Kind?
Ja/Nein Sprachstruktur
● Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun: Jede
Nähe/Distanz Sprachmelodie
Lösung/Problem innere Bilder Eindeutigkeit
Nachricht hat 4 Seiten – jeder Empfänger hat 4 Ohren.
Vertrauen/Misstrauen Empathie ● Kommunikationsstörungen entstehen (u. a.), wenn
Liebe/Angst Gefühle Kompetenz – verbale Aussagen und nonverbale Botschaften nicht
übereinstimmen,
Impuls
– der Sender und der Empfänger unterschiedliche Sei-
ten einer Nachricht als Kernaussage gewichten.
Impulskraft ● Durch Rückfragen und Feedback können Missverständ-
nissen und Unklarheiten beseitigt und kann ihnen vor-
Unterbewusstsein gebeugt werden: Feedback-Regeln beachten!
● Der personenzentrierte Ansatz nach Rogers, aktives Zu-
hören, Empathie und Mitgefühl spielen eine zentrale
Gesprächskompetenz kann erworben werden. Aus: I care – Pflege.
Rolle in der Gestaltung von Pflegebeziehungen.
Thieme; 2015

6.2.4 Entwicklung der


Gesprächskompetenz
Die Aspekte des Gesprächsfalters helfen, die eigene Ge-
sprächskompetenz zu reflektieren und zu trainieren
(▶ Abb. 6.2). Der linke Flügel steht für eine professionelle in-
nere Gesprächshaltung. Der rechte Flügel beinhaltet einen
kompetenten sprachlichen Ausdruck. Optimal ist es, wenn
man immer beide Flügel im Blick hat. Innere Haltung und
sprachlicher Ausdruck wirken aufeinander ein (Wechselwir-
kung) und stärken oder schwächen die Gesprächspartner
und die Situation (Impulskraft).
Pflegende haben täglich unzählige Gesprächssituationen
mit unterschiedlichen Gesprächspartnern (Kollegen, Patien-
ten, Angehörigen, Ärzten etc.). Jedes Gespräch erfordert da-
bei Flexibilität, eine hohe Auffassungsgabe und die stete Be-
reitschaft, sich auf die Situation einzulassen.
7
Mit Menschen
zusammenarbeiten –
miteinander umgehen

Interrollenkonflikt Intrarollenkonflikt Groupthink Bündelung von Fähigkeiten

Gruppenphänomene, z.B.
Rollenkonflikte z.B. Freundeskreis
interdisziplinäre
informelle Gruppen Zusammenarbeit

z.B. Schulklasse formelle Gruppen


Teamentwicklung

Mutter 1. Forming
soziale Gruppen
Patient soziale Rollen, z.B. und Teams 2. Storming
Pflegekraft 3. Norming

4. Performing

Pflegeprozess

Unternehmenskultur Aufbau einer


im Gesundheitswesen Pflegebeziehung

professionelle
Leitbild Umgangskultur
Beziehungs-
unter Pflegenden
gestaltung

Erstkontakt Diskretion
gestalten

Transparenz Verlässlichkeit
Soziale Gruppen und Teams

7.1 Soziale Rollen 7.2.2 Von der Gruppe zum Team


● Jeder Mensch nimmt in seinem Leben unterschiedliche Definition Team
Rollen ein (z. B. Rolle als Mutter, Schwester, Patient, Pfle- Ein Team ist eine soziale Gruppe mit einem besonders starken
gefachkraft). Gruppenzusammenhalt, die sich für ihre Leistungen gemeinsam
● An eine Rolle werden explizite (bewusste) und implizite verantwortlich fühlt und in der die Mitglieder in hohem Maß mit-
(unbewusste) Erwartungen gestellt. einander interagieren.
● Von einer Pflegefachkraft werden fachliche Expertise und
soziale Kompetenz erwartet. Voraussetzungen für eine gute
● Von einem Patienten wird erwartet, dass er die angebote-
ne Hilfe annimmt und den Empfehlungen der pflegeri-
Teamentwicklung
schen und medizinischen Fachkräfte folgt. ● Die Mitglieder sind diszipliniert, zielorientiert, gesprächs-
● Vorübergehend kann eine Rolle in den Vordergrund treten bereit, kritikfähig, verantwortungsbewusst und vertrauen
und eine andere in den Hintergrund. einander.

! Merke Genesungsprozess
● Alle kommunizieren miteinander.
● Leistungen werden anerkannt und wertgeschätzt.
Machen Sie sich im Umgang mit Patienten immer bewusst, dass ● Die Mitglieder sind bereit, voneinander zu lernen und
diese auch andere Rollen einnehmen (z. B. die Patientin, die zu Wissen weiterzugeben.
Hause ihre kleine Tochter hat), da das Nicht-erfüllen-Können einer ● Jeder hat ein Interesse daran, dass sich alle wohlfühlen.
Rolle den Genesungsprozess beeinflussen kann.

Rollenkonflikte: Phasen der Teamentwicklung


● Interrollenkonflikt = konkurrierende Erwartungen an eine
1. Forming (Orientierung): sich als Team zusammenfinden
Person in unterschiedlichen Rollen, z. B.: Freunde wollen oder sich neu in ein Team einfinden.
sich abends treffen und man hat Spätschicht. Um Interrol-
2. Storming (Kampf- oder Konflikt): Suche nach der Position
lenkonflikten im Pflegealltag vorzubeugen, sollte reflek-
im Team und einer gemeinsamen Identität. Personen ge-
tiert mit persönlichen Gefühlen, Stimmungen und Einstel-
hen sehr unterschiedlich damit um: Manche lehnen sich
lungen umgegangen werden.
auf, andere ziehen sich eher zurück. Die Phase kostet oft
● Intrarollenkonflikt = konkurrierende Erwartungen an eine
Kraft und Mut. Hier sind die Führungskompetenzen des
Person in derselben Rolle (oft gleichzeitig), z. B.: Ein Pa- Teamleiters gefragt.
tient muss auf Toilette, gleichzeitig benötigt der Arzt In-
3. Norming (Stabilisierung): Das Team hat sich gefunden.
formationen und Angehörige wünschen eine Beratung.
Gemeinsame Normen werden festgelegt. Die Teammit-
glieder öffnen sich füreinander und unterstützen sich
durch Feedback.
7.2 Soziale Gruppen und Teams 4. Performing (Produktion): Das Team bündelt seine Res-
sourcen und kann leistungsstark auf das Ziel hinarbeiten.
7.2.1 Soziale Gruppen
Eine soziale Gruppe besteht aus mindestens 3 Personen, die Kritik, Konflikte und Krisen im Team
gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten und/oder die gleichen
Interessen haben. Dazu interagieren sie über einen längeren Viele nicht ausgesprochene Kritikpunkte können sich unbe-
Zeitraum miteinander, wodurch sich ein Zusammengehörig- merkt zu einem Konflikt bis hin zur Krise entwickeln, daher
keitsgefühl entwickelt. Es werden 2 Arten von Gruppen un- sollten diese frühzeitig angesprochen und bearbeitet werden.
terschieden:
● formelle Gruppen: Ziele, Normen und Rollen sind offiziell Kritik
festgesetzt. Die Treffen werden i. d. R. fest organisiert und ● Zur Kritikfähigkeit gehören das Annehmen und das Üben

planmäßig geleitet (z. B. Schulklasse). von Kritik.


● informelle Gruppen: entwickeln sich spontan, Normen ● Ziele von Kritik: Fehler minimieren, Qualität steigern, sich

und Rollen sind nicht offiziell festgesetzt (z. B. Freundes- fachlich weiterentwickeln
kreis). ● Übt man Kritik, sollte dies möglichst zeitnah, persönlich,

unter 4 Augen und sachlich geschehen.


Gruppenphänomene:
● Ressourcen und Fähigkeiten können gebündelt werden, Konflikte
verschiedene Perspektiven können hilfreich sein, um ein ● Ein Konflikt entsteht, wenn entgegengesetzte Interessen,
Problem zu lösen. Zielsetzungen oder Wertvorstellungen von Personen oder
● Die Arbeitsfähigkeit und die Motivation können abneh- Gruppen aufeinandertreffen.
men, keiner fühlt sich verantwortlich. ● Konfliktpotenzial haben z. B. der Dienstplan, unkoor-

● Konformitätsdruck = Gemeinsam entwickelte Verhaltens- dinierte Tagesabläufe im interdisziplinären Team.


regeln werden durchgesetzt. ● Konfliktprävention: freundlicher und wohlwollender
● Groupthink = Gruppenmitglieder denken, dass ihre Mei- Grundton, Wertschätzung und Toleranz im Umgang
nung die richtige ist, und lassen keine Kritik von außen zu. ● Tipps, um Konflikte zu meistern: Konflikt offen anspre-

chen, sachlich bleiben, nicht persönlich werden, Erlebnis-


se selbstkritisch reflektieren
l
7 Mit Menschen zusammenarbeiten

Krise ● nicht überfordern, relevante Informationen langsam und


● Versteckte oder angesammelte Konflikte können eskalie- verständlich äußern
ren und zu einer Krise führen. ● Zeit für Rückfragen einplanen
● Tipps, um eine Krise zu bewältigen: jeden Konflikt einzeln ● auf Unsicherheit und Ängste eingehen
bearbeiten, Hilfe von außerhalb holen (z. B. Supervision,
Mediation) Weitere vertrauensbildende Maßnahmen:
● Teams, die zusammen Krisen gemeistert haben, bringt so ● Transparenz: Abläufe erläutern, Sinn und Zweck von Inter-
schnell nichts mehr auseinander. ventionen verdeutlichen
● Verlässlichkeit: Absprachen und zeitliche Vorgaben ein-

halten, über Verzögerungen informieren


7.2.3 Interdisziplinäre ● Diskretion: ist ein absolutes Muss (siehe Kap. 12.3.3

Zusammenarbeit „Schweigepflicht“)

Definition Interdisziplinarität
Menschen unterschiedlicher Fachgruppen verbinden ihre jeweilige 7.4 Unternehmenskultur im
Fachkompetenz miteinander, um neue Lösungsmöglichkeiten für
komplexe Aufgaben zu entwickeln. Gesundheitswesen
Basis einer Unternehmenskultur sind die Grundüberzeu-
Ziele interdisziplinärer Zusammenarbeit:
● Kompetenzen, Wissen und Perspektiven zum Wohle des
gungen und Werte, formuliert in Leitbildern. Sie beeinflus-
sen einerseits das Ansehen in der Öffentlichkeit, anderer-
Patienten fächerübergreifend bündeln
seits das Wohlbefinden und die Bindung der Mitarbeiter an
● wirtschaftliche Situation des Unternehmens sichern
das Unternehmen.
Umgangskultur unter Pflegenden Trotz vorhandener Kom-
Voraussetzungen dafür sind:
munikations- und Gesprächsführungskompetenz ist der
● gemeinsame Fachsprache
Umgangston im Berufsalltag manchmal rau und unfreund-
● Wertschätzung und Anerkennung unterschiedlicher Kern-
lich. Dies liegt nicht zuletzt an den Arbeitsbedingungen und
kompetenzen der Verdichtung der Pflegeleistungen, aber auch daran, dass
● Kooperationsbereitschaft in Notfallsituationen keine Zeit für höfliche „Floskeln“ ist.
● Kommunikationskompetenz Dennoch sollten dies Ausnahmesituationen bleiben. Alle
● strukturelle Voraussetzungen (z. B. Fallbesprechungen) Mitarbeiter sollten sich aktiv für einen angemessenen Um-
gang engagieren. Der Schlüssel ist die Selbstreflexion, durch
die man sich die eigenen Gedanken, Sprachmuster und das
7.3 Aufbau einer tägliche Tun bewusst machen kann.

Pflegebeziehung
KOMPAK T
7.3.1 Pflegebeziehung und
Pflegeprozess Mit Menschen zusammenarbeiten

Die Beziehung zum Patienten ist die Basis pflegerischen Ar- ● Jeder Mensch nimmt unterschiedliche Rollen ein. An
beitens. Nur wenn eine vertrauensvolle Beziehung besteht, diese Rollen werden explizite und implizite Erwartungen
sind die Patienten bereit, Informationen über sich preis- gestellt.
zugeben, die die Grundlage für den Pflegeprozess bilden ● Um Rollenkonflikten vorzubeugen bzw. zu begegnen,
(siehe Kap. 10.2). Auch für die Evaluation der Maßnahmen hilft es, sich seine eigene Rolle wie auch die des Gegen-
ist ein ehrliches Feedback des Patienten notwendig. Zudem übers bewusst zu machen.
stärkt eine gute Beziehung die Aufnahmebereitschaft des ● Gruppenphänomene können positiv sein (z. B. Fähig-
Patienten für Informationen von der Pflegefachkraft. keiten werden gebündelt, um Probleme zu lösen), aber
auch Nachteile mit sich bringen (z. B. fühlt sich niemand
verantwortlich).
7.3.2 Professionelle ● Die Entwicklung von einer Gruppe zu einem Team fin-
Beziehungsgestaltung det in 4 Phasen statt.
● Unausgesprochene Kritikpunkte können zu Konflikten
Die Hauptverantwortung für die Beziehungsgestaltung liegt
bis hin zu Krisen führen, daher ist Kritikfähigkeit eine
bei der Pflegefachkraft. Diese Verantwortung ergibt sich aus
zentrale Kompetenz.
ihrem Berufsbild und aus dem bestehenden Wissensunter-
● Um eine professionelle Pflegebeziehung aufzubauen,
schied.
Erstkontakt gestalten: muss Vertrauen geschaffen werden: Seien Sie trans-
● mit Namen und Funktion vorstellen
parent, verlässlich und diskret.
● mit Räumlichkeiten vertraut machen

60
l
7 Mit Menschen zusammenarbeiten

Krise ● nicht überfordern, relevante Informationen langsam und


● Versteckte oder angesammelte Konflikte können eskalie- verständlich äußern
ren und zu einer Krise führen. ● Zeit für Rückfragen einplanen
● Tipps, um eine Krise zu bewältigen: jeden Konflikt einzeln ● auf Unsicherheit und Ängste eingehen
bearbeiten, Hilfe von außerhalb holen (z. B. Supervision,
Mediation) Weitere vertrauensbildende Maßnahmen:
● Teams, die zusammen Krisen gemeistert haben, bringt so ● Transparenz: Abläufe erläutern, Sinn und Zweck von Inter-
schnell nichts mehr auseinander. ventionen verdeutlichen
● Verlässlichkeit: Absprachen und zeitliche Vorgaben ein-

halten, über Verzögerungen informieren


7.2.3 Interdisziplinäre ● Diskretion: ist ein absolutes Muss (siehe Kap. 12.3.3

Zusammenarbeit „Schweigepflicht“)

Definition Interdisziplinarität
Menschen unterschiedlicher Fachgruppen verbinden ihre jeweilige 7.4 Unternehmenskultur im
Fachkompetenz miteinander, um neue Lösungsmöglichkeiten für
komplexe Aufgaben zu entwickeln. Gesundheitswesen
Basis einer Unternehmenskultur sind die Grundüberzeu-
Ziele interdisziplinärer Zusammenarbeit:
● Kompetenzen, Wissen und Perspektiven zum Wohle des
gungen und Werte, formuliert in Leitbildern. Sie beeinflus-
sen einerseits das Ansehen in der Öffentlichkeit, anderer-
Patienten fächerübergreifend bündeln
seits das Wohlbefinden und die Bindung der Mitarbeiter an
● wirtschaftliche Situation des Unternehmens sichern
das Unternehmen.
Umgangskultur unter Pflegenden Trotz vorhandener Kom-
Voraussetzungen dafür sind:
munikations- und Gesprächsführungskompetenz ist der
● gemeinsame Fachsprache
Umgangston im Berufsalltag manchmal rau und unfreund-
● Wertschätzung und Anerkennung unterschiedlicher Kern-
lich. Dies liegt nicht zuletzt an den Arbeitsbedingungen und
kompetenzen der Verdichtung der Pflegeleistungen, aber auch daran, dass
● Kooperationsbereitschaft in Notfallsituationen keine Zeit für höfliche „Floskeln“ ist.
● Kommunikationskompetenz Dennoch sollten dies Ausnahmesituationen bleiben. Alle
● strukturelle Voraussetzungen (z. B. Fallbesprechungen) Mitarbeiter sollten sich aktiv für einen angemessenen Um-
gang engagieren. Der Schlüssel ist die Selbstreflexion, durch
die man sich die eigenen Gedanken, Sprachmuster und das
7.3 Aufbau einer tägliche Tun bewusst machen kann.

Pflegebeziehung
KOMPAK T
7.3.1 Pflegebeziehung und
Pflegeprozess Mit Menschen zusammenarbeiten

Die Beziehung zum Patienten ist die Basis pflegerischen Ar- ● Jeder Mensch nimmt unterschiedliche Rollen ein. An
beitens. Nur wenn eine vertrauensvolle Beziehung besteht, diese Rollen werden explizite und implizite Erwartungen
sind die Patienten bereit, Informationen über sich preis- gestellt.
zugeben, die die Grundlage für den Pflegeprozess bilden ● Um Rollenkonflikten vorzubeugen bzw. zu begegnen,
(siehe Kap. 10.2). Auch für die Evaluation der Maßnahmen hilft es, sich seine eigene Rolle wie auch die des Gegen-
ist ein ehrliches Feedback des Patienten notwendig. Zudem übers bewusst zu machen.
stärkt eine gute Beziehung die Aufnahmebereitschaft des ● Gruppenphänomene können positiv sein (z. B. Fähig-
Patienten für Informationen von der Pflegefachkraft. keiten werden gebündelt, um Probleme zu lösen), aber
auch Nachteile mit sich bringen (z. B. fühlt sich niemand
verantwortlich).
7.3.2 Professionelle ● Die Entwicklung von einer Gruppe zu einem Team fin-
Beziehungsgestaltung det in 4 Phasen statt.
● Unausgesprochene Kritikpunkte können zu Konflikten
Die Hauptverantwortung für die Beziehungsgestaltung liegt
bis hin zu Krisen führen, daher ist Kritikfähigkeit eine
bei der Pflegefachkraft. Diese Verantwortung ergibt sich aus
zentrale Kompetenz.
ihrem Berufsbild und aus dem bestehenden Wissensunter-
● Um eine professionelle Pflegebeziehung aufzubauen,
schied.
Erstkontakt gestalten: muss Vertrauen geschaffen werden: Seien Sie trans-
● mit Namen und Funktion vorstellen
parent, verlässlich und diskret.
● mit Räumlichkeiten vertraut machen

60
8 Selbstfürsorge und
Stressmanagement

Schädigung Herausforderung

erhöhte Aufmerksamkeit
stressend irrelevant und Leistungsfähigkeit z.B. Tinnitus macht rückenschonende
krank Arbeitsweise
tendenziell
primäre sekundäre positiv Personal-
Weiterbildung
Bewertung, z.B. Bewertung, z.B. schlüssel
kurzfristig langfristig Hilfsmittel

Stressentstehung Stressreaktion
körperliche
Prävention, z.B.
Belastung

Stress Stress am Belastung durch


Arbeitsplatz Schichtarbeit

Grundregeln,

Schlaf- Dienstplan-
hygiene gestaltung

psychische
Belastung
Strategien zur
Stressbewältigung
unangenehme psychische
Gefühle Überbelastung

Ressourcen Einstellungen Work-Life- Gewalt Supervision


stärken ändern Balance
Burn-out-Syndrom

Selbstvertrauen Wissen Zeitmanagement Freizeit gestalten


stärken
Entspannungs-
soziale methoden
Kontakte
Stress am Arbeitsplatz

8.1 Was ist Stress? 8.2 Stress am Arbeitsplatz


Definition Stress und Stressoren Pflegende beschreiben ihre Arbeit als sinnstiftend, interes-
Stress ist eine unspezifische Reaktion des Körpers auf jede an ihn sant und abwechslungsreich. Daneben zeichnet sich der
gestellte Anforderung durch Stressoren. Dies können körperliche Pflegeberuf aber auch durch hohe körperliche (z. B. schwe-
und seelische Anspannungen und Belastungen sein. res Heben und Tragen) und seelische/emotionale Belastun-
Stressoren sind Umweltreize, die mit hoher Wahrscheinlichkeit gen aus (z. B. hohe Verantwortung, Zeit- und Leistungs-
Stress auslösen. druck, Konfrontation mit Sterben und Tod). Dazu kommt die
schwierige Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf.
Eine Studie der AOK (2011) zeigt, dass Beschäftigte in der
8.1.1 Stressentstehung Pflege krankheitsbedingt überdurchschnittlich viel ausfallen,
vor allem Langzeiterkrankungen spielen eine große Rolle.
Ob ein Stressor bei einem Menschen Stress auslöst, ist davon
Im Folgenden werden pflegetypische Belastungen be-
abhängig, wie die Person den Stressor wahrnimmt, inter-
trachtet und mögliche Bewältigungsstrategien vorgestellt.
pretiert und bewertet. Auch die genetische Veranlagung,
Prägung und die individuellen Ressourcen spielen eine Rolle.
Stress entsteht, wenn zu wenig wahrgenommene Ressour-
cen zur Verfügung stehen, um mit dem Stressor umzugehen.
8.2.1 Körperliche Belastung
Ein Stressor wird unbewusst beurteilt: Die Folgen von körperlicher Fehlbelastung führen sehr häu-
● primäre Bewertung: Ist der Stressor für mein Wohlbefin- fig zur Arbeitsunfähigkeit von Pflegenden. Dazu zählen Er-
den irrelevant, positiv/günstig oder negativ? krankungen der Gelenke, des Bindegewebes, der Wirbelsäu-
● sekundäre Bewertung: Stellt der Stressor im Hinblick auf le, des Rückens, des Weichteilgewebes sowie der Knochen
meine Ressourcen eine Bedrohung dar, handelt es sich um und Knorpel. Besonders häufig ist die Lendenwirbelsäule
eine Schädigung/einen Verlust oder um eine Chance? betroffen.
Wirbelsäulenbelastende Pflegetätigkeiten:
● direkte, patientenbezogene Tätigkeiten, z. B. Mobilisation

8.1.2 Stressreaktion ● patientenunabhängige Tätigkeiten, z. B. Ein- und Ausräu-

men von Materialien auf der Station


Je höher die Bedeutung des Ereignisses und je geringer die
● zusätzliche belastende Faktoren, z. B. Körperhaltungen/
Bewertung der Bewältigungsfähigkeiten, desto höher ist das
Stressniveau und damit die körperlichen Symptome, z. B. Zwangshaltungen während der Tätigkeiten, Gewicht des
Ausschüttung der Stresshormone, hohe Muskelspannung, Patienten/Gegenstandes
Herzrasen, Schwitzen. Diese kurzfristige Stressreaktion ist
evolutionär bedingt (Flucht oder Angriff) und wichtig, um Zur Prävention gegen Rückenbeschwerden gibt es verschie-
Leistungsfähigkeit zu steigern, Aufmerksamkeit zu fokussie- dene Ansatzpunkte (▶ Tab. 8.1).
ren und neue Herausforderungen anzunehmen. Gesund-
heitsgefährdend wird es i. d. R. erst, wenn Erholungsphasen
ausbleiben und Stress zum Normalzustand wird (= langfris-
8.2.2 Belastung durch Schichtarbeit
tige Stressreaktion). Der erhöhte Stresshormonspiegel wirkt Die innere Uhr des Menschen
sich negativ auf Körper und Psyche aus. Typische Symptome
sind z. B. Rückenschmerzen, Magenbeschwerden, Gereizt- Die innere Uhr des Menschen folgt einem ca. 24-stündigen
heit, Depressionen und gesundheitsschädigendes Verhalten Schlaf-Wach-Rhythmus, der vor allem durch den Hell-Dun-
(Rauchen, Alkohol, Medikamente). kel-Wechsel beeinflusst wird (zirkadianer Rhythmus).
● Durch den Schlaf-Wach-Rhythmus werden alle biologi-

schen Rhythmen (z. B. Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-Funk-


tion) gesteuert.
● Den eigenen Rhythmus einzuhalten ist wichtig für die Re-

generation und Gesundheit des Menschen.

Tab. 8.1 Faktoren und Handlungsfelder für Präventionsmaßnahmen.

Faktoren/Ansätze Handlungsfelder

technisch-bauliche Faktoren (Arbeitsumgebung) ● bauliche Gegebenheiten


● Ausstattung mit technischen Hilfsmitteln

organisatorische Faktoren (Arbeitsbedingungen) ● Arbeitsorganisation, Arbeitsabläufe, Arbeitsaufgaben


● Personalschlüssel, Dienstplangestaltung
● Fort- und Weiterbildungen

personen-/verhaltensbezogene Faktoren ● Trainings- und Gesundheitszustand erhalten und fördern


● zur Verfügung stehende Hilfsmittel nutzen
● rückenschonende Arbeitsweisen erlernen und konsequent anwenden
● sichere und gesunde Arbeitsschuhe tragen
l
8 Selbstfürsorge und Stressmanagement

● Nach der eigenen inneren Uhr werden 2 Zeittypen unter- gefühle sprechen und gemeinsam nach möglichen Bewälti-
schieden: Frühtyp (Lerche) und Spättyp (Eule). Zu wel- gungsstrategien suchen.
chem Typ man gehört, kann nicht beeinflusst werden.
● Durch soziale Faktoren (z. B. Arbeitszeiten) kann es zu Scham • Scham ist ein Gefühl des Bloßgestelltseins oder der
einer ständigen Störung der inneren Uhr kommen, dem Befürchtung, bloßgestellt zu werden. Das Gefühl entsteht bei
sozialen Jetlag (chronisch). Verletzung der Intimsphäre oder als Schuldgefühl bei tat-
sächlichem oder vermeintlichem Versagen (soziale Scham).
Krankheit kann Schamgefühle erzeugen, da sie oft mit
Mögliche Auswirkungen von Schichtarbeit einer verminderten Fähigkeit zur Selbstbestimmung (z. B.
Auf Dauer kann die Störung der inneren Uhr körperliche Fol- Inkontinenz) und einem eingeschränkten Leistungsver-
gen haben, z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Probleme mit mögen (z. B. sich selbst zu waschen) einhergeht. Scham
dem Magen-Darm-Trakt, Appetitlosigkeit, Unruhe, erhöhtes dient als Selbstschutz und Schutz der menschlichen Würde,
Unfallrisiko durch Müdigkeit und Erschöpfung, Schlafstö- sie fördert eine respektvolle Haltung der Menschen unter-
rungen. einander. Dieses Wissen ist die Basis für ein menschenwür-
diges Pflegeverständnis. Umgang mit Scham:
● Grenzen klar und deutlich abstecken
Grundregeln für mehr Lebensqualität im ● sich mit Kollegen über schambesetzte Situationen austau-

Schichtdienst schen und Unterstützung einfordern


● Intimsphäre des Patienten wahren (z. B. anklopfen, Berüh-
● bewusst essen, kleine bekömmliche Zwischenmahlzeiten
während der Nacht, ausreichend trinken rungen ankündigen, Sichtschutz aufstellen, Besucher aus
dem Zimmer bitten)
● Schlaf-Wach-Zeiten in den letzten Tagen der jeweiligen
Schicht um 1–2 Stunden verschieben
Ärger, Wut, Aggression • Ärger umschreibt eine Gruppe von
● Schlafhygiene beachten (z. B. ca. 7–8 Stunden Schlaf, stö-
Gefühlen, die verschiedene Erregungsniveaus und Intensitä-
rende Geräusch- und Lichtquellen beseitigen, Schlafrituale
ten aufweisen kann: von Missmut bis hin zur Wut. Aus evo-
einhalten)
lutionsbiologischer Sicht ist Ärger eine Reaktion auf eine Be-
● Wachheit durch kleine Pausen und helle Lichtverhältnisse drohung und führt zu Angriff oder Flucht. Als zivilisierte
fördern Menschen fühlen wir uns im übertragenen Sinne bedroht,
● Dienstplangestaltung: vorwärtsrotierende Schichtfolge z. B. durch Überforderung, Ungerechtigkeit, Unverständnis
(Früh-Spät-Nacht), Ruhezeiten ermöglichen (z. B. max. 4 oder andere Meinungen. Ärger dient als Selbstschutz, indem
Nachtdienste in Folge, geblockte Wochenendzeiten, mög- man für sich oder andere Menschen einsteht, und er moti-
lichst lange Ruhephasen nach Nachtschicht) viert dazu, Situationen zu verändern. Umgang mit Ärger:
● kontrolliert abreagieren (z. B. körperliche Aktivität, Ge-

spräche, kontrolliertes Schreien)


8.2.3 Psychische Belastungen ● Bei länger anhaltendem Ärger sollte die Situation analysiert

Unangenehme Gefühle werden: Stressor identifizieren, Belastung einschätzen,


Stressor verändern und/oder Einstellung und Verhalten
Der Pflegeberuf geht mit körpernahen und intimen Tätigkei- zum Stressor ändern, Bewältigungsressourcen stärken.
ten einher. Dabei können im Umgang mit anderen Menschen ● Wichtig: den Ärger nicht permanent unterdrücken, dies
unangenehme Gefühle hervorgerufen werden. Für einen kann zu gesundheitlichen Störungen (physisch und psy-
professionellen Umgang mit den eigenen Gefühlen müssen chisch) führen.
diese wahrgenommen, anerkannt und benannt werden.
Aggression • Aggression ist kein Gefühl, sondern ein Verhal-
Ekel • Ekel ist ein Gefühl der Abneigung und des Widerwil- ten, das durch Gefühle hervorgerufen wird. Es werden 2 For-
lens, das Übelkeit hervorrufen kann. Er ist ein normaler men unterschieden:
Schutzreflex und wird in einer konkreten Situation über die ● konstruktiv (aufbauende) Aggression:
Sinneswahrnehmung ausgelöst (häufig über den Geruch). – als Reaktion auf einen (verbalen) Angriff der eigenen
Umgang mit Ekel (sog. Ekelmanagement): Macht
● Ekelempfinden vor dem Patienten nicht zeigen, d. h. das
– als Fähigkeit zur Selbstbehauptung, Selbsterhaltung und
Problem der emotionalen Dissonanz akzeptieren
Selbstschutz
● durch kognitives Umprogrammieren ein Ereignis bewusst
– als Ausdruck für ein intaktes Selbstwertgefühl
neu bewerten
● destruktive Aggression: ein Angriffsverhalten, das (un)be-
● sich mit Kollegen austauschen und sich gegenseitig unter-
wusst darauf zielt, Menschen zu schädigen. Darunter fällt
stützen
auch die Autoaggression, wenn sie sich gegen sich selbst
● belastende Situationen nicht alleine bewältigen, sich im
richtet.
Team abwechseln
● Schutzkleidung tragen und Duftaromen verwenden

● sich bewusst von belastenden Situationen distanzieren


Gewalt
Gewalt ist der Einsatz physischer oder psychischer Mittel,
Auch Patienten können sich ekeln, z. B. in der klinischen um einer anderen Person Schaden zuzufügen, sie dem eige-
Umgebung, vor Mitpatienten oder vor dem eigenen Körper. nen Willen zu unterwerfen oder ausgeübter Gewalt mit Ge-
Pflegende sollten offen mit dem Pflegeempfänger über Ekel- gengewalt zu begegnen.

64
Stressbewältigung

Beispiele von Gewalt gegenüber pflege- und hilfebedürfti- Gefährdete Personen


gen Personen: ● stellen sehr hohe Anforderungen an sich selbst
● Nichtbeachten, Entzug von Zuwendung, Vernachlässigung ● haben ein ausgeprägtes Helfersyndrom (häufig im Sozial-
● Verweigern von Toilettengängen und Gesundheitsbereich)
● Zwangsernährung ● haben mangelnde Stressbewältigungsstrategien

● Bevormundung

● abfällige Bemerkungen Unterstützungsmaßnahmen


● Freiheitsbeschränkung/-entziehung
● Kollegen, die Symptome zeigen, behutsam ansprechen
● dabei unterstützen, therapeutischen und ärztlichen Rat zu

Es werden 3 Formen der Gewalt unterschieden: suchen


● personelle Gewalt: Eine Person beeinträchtigt eine andere
Person in ihren Grundbedürfnissen aktiv durch Misshand- Psychischen Überlastungen vorbeugen
lung oder passiv durch Vernachlässigung. Ursachen: z. B.
psychische Überforderung durch Stress, Frustration, über- Zur Vorbeugung gegen psychische Belastungen kann die Su-
höhtes Helferideal etc. pervision hilfreich sein. Dabei handelt es sich um eine per-
● institutionelle Gewalt: ist eine strukturbedingte und indi-
sonen- und organisationsbezogene Beratungsform: Die be-
rekte Gewalt. Rahmenbedingungen können als Gewalt rufliche Rolle und das konkrete Handeln der Teilnehmer
empfunden werden und auch Gewaltbereitschaft fördern. werden in Beziehung gesetzt.
Gewaltfördernde Rahmenbedingungen sind z. B. dauer- Ziele und Aufgaben – In einer Supervision werden
● Veränderungsprozesse gestaltet,
haft zu wenig Personal, mangelnde Arbeitsorganisation,
● Lösungen und Handlungsalternativen entwickelt,
keine Finanzierung von pflegeerleichternden Hilfsmitteln,
vorgegebene Strukturierung des Tagesablaufs, der sich ● die Zusammenarbeit und eine wertschätzende Kommuni-

nicht an den Bedürfnissen der Patienten orientiert. kation im Team gefördert,


● kulturelle Gewalt: entsteht indirekt und hat ihren Ur- ● u. a. Versorgungsqualität und Patientenorientierung ver-

sprung in der Wertehaltung, der Religion oder Ideologie bessert und


einer Gesellschaft, z. B. Einstellung gegenüber bestimmten ● die Organisationsentwicklung vorangetrieben (durch Ver-
Personengruppen einer Gesellschaft änderung von Arbeitsstrukturen).

! Merke Gewalt
Keine Toleranz gegenüber Gewalt! Kollegen oder Vorgesetzte di- 8.3 Stressbewältigung
rekt ansprechen.
8.3.1 Strategien
Burn-out Um mit den vielfältigen Anforderungen in Beruf und Privat-
leben zurechtzukommen, können gutes Zeitmanagement
Definition Burn-out-Syndrom und gute Organisationsfähigkeit hilfreich sein. Zu einer akti-
Emotionaler, geistiger und körperlicher Erschöpfungszustand ven Stressbewältigung gehört es,
nach länger bestehender hoher Arbeitsbelastung, Stress und/oder ● persönliche Stressbelastungen zu analysieren,
Selbstüberforderung. Das Syndrom geht mit einem Krankheits- ● verschiedene Stressbewältigungsmethoden kennenzuler-
gefühl einher und dauert länger als 6 Monate an.
nen und auszuprobieren,
● ein persönliches Antistressprogramm zu entwickeln,
Die Anzahl der Erkrankten hat in den letzten Jahren stark
● persönliche Zufriedenheit und Stressniveau regelmäßig zu
zugenommen, auch bei den Pflegekräften. Zu den Ursachen
zählen: Zeit- und Leistungsdruck, psychisch belastende Situ- kontrollieren.
ationen im Arbeitsalltag.
Burn-out verläuft in verschiedenen Phasen, die nicht im- Ressourcen stärken
mer chronologisch ablaufen müssen. Es gibt verschiedene
Modelle (mit 4 bis 12 Phasen), die die Phasen unterschied- Da Stress entsteht, wenn zu wenige Ressourcen wahr-
lich differenzieren. Exemplarisch hier das 5-Phasen-Modell genommen werden, ist es ein Ansatz, diese zu stärken. Dabei
nach Müller und Timmermann (1994): sind 3 Faktoren wichtig:
1. Enthusiasmus und Idealismus, z. B. Drang nach Anerken- 1. Selbstbewusstsein/Selbstvertrauen stärken: sich eigene
nung und übertriebener Ehrgeiz Stärken bewusst machen
2. Realismus und Pragmatismus, z. B. Ausblenden von 2. soziale Kontakte nutzen: Gespräche mit anderen können
Warnsignalen und Überforderung, erste (körperliche und entlasten, daher gezielt schauen, wer mir helfen kann.
psychische) Beschwerden 3. Wissen: gibt uns Sicherheit, mit schwierigen Situationen
3. Stagnation und Überdruss, z. B. Rückzug, Reduktion sozia- umzugehen. Was weiß ich über die stressauslösende Si-
ler Kontakte, zunehmende Ängstlichkeit tuation? Wo kann ich mir mehr Wissen aneignen?
4. Frustration und Depression, z. B. innere Leere, Ablenkung
durch Essgewohnheiten, Alkohol und Medikamente,
Funktionieren wie ein Roboter
5. Apathie und Verzweiflung, z. B. Niedergeschlagenheit,
Gleichgültigkeit, Arbeitsunfähigkeit, Hoffnungslosigkeit,
totale Erschöpfung, Suizidgedanken
l
8 Selbstfürsorge und Stressmanagement

Einstellungen ändern
● Alles-oder-nichts-Strategien aufgeben: Kleine Erfolge kön- KOMPAK T
nen auch etwas bewegen.
● realistische (Zwischen-)Ziele setzen und das Erreichen
Selbstfürsorge und Stressmanagement
wertschätzen
● Schwierigkeiten nicht als Bedrohung, sondern Herausfor- ● Stress entsteht, wenn der Stressor mit den wahr-
derung sehen genommenen Ressourcen nicht zu bewältigen scheint.
● sich nicht alles zu Herzen nehmen/nicht alles persönlich ● Kurzfristige Stressreaktionen (Herzrasen, Schwitzen)
nehmen sind normal – langfristige Stressreaktionen machen
● Fort- und Weiterbildungen zu Kommunikation und Kon- krank.
fliktlösung wahrnehmen (z. B. gewaltfreie Kommunikation ● Der Pflegeberuf ist durch körperliche, seelische und
nach M. Rosenberg, Stressmanagement nach G. Kaluza) emotionale Belastungen gekennzeichnet.
● Supervision ist eine Möglichkeit, psychischer Belastung
vorzubeugen.
Work-Life-Balance ● Strategien zur Stressbewältigung: Ressourcen stärken,
● Zeitmanagement optimieren (z. B. nach der sog. Eisen- Einstellung ändern, Work-Life-Balance fördern
hower-Methode inkl. Aufgaben delegieren)
● Freizeit gestalten: Hobbys und soziale Kontakte konkret
einplanen
● regelmäßig Zufriedenheitserlebnisse schaffen
● für sich selbst eine Regelung zum Einspringen an freien
Tagen treffen
● Entspannungsmethoden:
– kurzfristig: Atemübungen, positive Selbstgespräche,
kleine körperliche Übungen
– langfristig: körperliche Bewegung, Yoga, Qigong und
Tai-Chi, Pilates, Progressive Muskelentspannung

66
3
ieme
Rechtliche, organisatorische
und finanzielle
Rahmenbedingungen in der
Pflege
9 Das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
10 Pflegeprozess und Pflegeplanung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
11 Qualitäts- und Fehlermanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
12 Rechtliche Grundlagen der Pflege. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
Sozialsystem

Das deutsche Gesundheits- und Sozialsystem sichert die hen, unabhängig von der Höhe seiner Beiträge, alle Leis-
Versorgung und Information kranker und pflegebedürftiger tungen zu. Dadurch wird ein gerechter Ausgleich in der
Menschen und regelt die Rahmenbedingungen des Pflege- Gesellschaft geschaffen zwischen Kranken und Gesunden,
berufs. Alten und Jungen, Familien und Alleinstehenden und gut
und weniger gut Verdienenden. Durch das Umlageverfah-
ren werden die Beiträge der einen Generation für die Aus-
9.1 Sozialsystem gaben der anderen Generation verwendet (Generationen-
vertrag). Aufgrund des demografischen Wandels (immer
Das Sozialsystem wirkt wie ein Netz, das die Menschen auf- weniger Jüngere müssen für immer mehr Ältere aufkom-
fängt und sie unterstützt, wenn sie krank sind oder einen Un- men) ist dies zunehmend eine Herausforderung für das
fall haben. Ziel ist es, Menschen in Not zu helfen und finan- deutsche Sozialversicherungssystem.
ziellen und gesundheitlichen Notlagen vorzubeugen. Es wird ● Äquivalenz: Dieses Prinzip steht im Gegensatz zum Soli-
über Steuern und Abgaben von Arbeitnehmern und Arbeit- darprinzip. Die Leistungen richten sich nach der Höhe der
gebern finanziert. Dieses Netz besteht aus 3 Kernprinzipien: eingezahlten Beiträge, d. h., wer viele bzw. teurere Leis-
● Fürsorgeprinzip: staatliche finanzielle Hilfen (z. B. Wohn-
tung in Anspruch nimmt, muss höhere Beiträge zahlen
geld und Grundsicherung) (z. B. private Krankenversicherung), und wer viel einge-
● Versorgungsprinzip: finanzielle Hilfen für Menschen, die
zahlt hat, bekommt später mehr Geld zurück (z. B. Renten-
etwas für die Gemeinschaft erbracht haben (z. B. Kinder- versicherung).
geld, Beamtenversorgung) ● Freizügigkeit: Innerhalb der EU erhalten alle Menschen
● Versicherungsprinzip: finanzielle Leistungen durch die
eines Landes die gleichen sozialen Leistungen.
Versicherungen ● Selbstverwaltung: Versicherungsträger arbeiten finanziell
und organisatorisch selbstständig unter der Aufsicht des
Staates.
9.1.1 Sozialversicherungen
Die Sozialversicherungen (SV) sind ein Teil des Sozialsystems.
Sie bieten finanzielle Hilfe im Falle von Krankheit, Pflegebe-
Sozialversicherungsträger
dürftigkeit, Alter, Arbeitslosigkeit und Betriebsunfällen Die Leistungen der SV werden in Deutschland durch die So-
(▶ Abb. 9.1). Das System zeichnet sich durch 6 Grundprinzi- zialversicherungsträger erbracht. Träger sind die Einrichtun-
pien aus, die auf dem Wunsch nach Gerechtigkeit, Sicherheit gen oder Institutionen, die Geld, Sachmittel und Personal als
und Unabhängigkeit beruhen – gleichzeitig muss das System Leistung an Empfänger zur Verfügung stellen. Es werden da-
finanzierbar sein. Grundprinzipien des Systems sind: bei 3 Formen unterschieden:
● Versicherungspflicht: gesetzlich vorgeschriebene Pflicht, ● öffentliche Träger: Körperschaften, Anstalten oder Stiftun-

gegen bestimmte Risiken versichert zu sein. Ausnahme: gen des öffentlichen Rechts, z. B. Bund, Landkreis, Stadt,
Bestimmte Berufsgruppen (z. B. Selbstständige, Beamte) gesetzliche Krankenkassen
sind von der Krankenversicherungspflicht befreit. ● freigemeinnützige Träger: soziale Vereinigungen, karitati-
● Beitragsfinanzierung: Die SV werden größtenteils aus Bei- ve Organisationen oder kirchliche Orden, z. B. DRK, Dia-
trägen von Arbeitnehmern (AN) und Arbeitgebern (AG) fi- konie, Wohlfahrtsverbände
nanziert, und zwar proportional zum Einkommen, d. h., ● private Träger: Privatpersonen, Unternehmen, private
wer mehr verdient, zahlt bis zu einer bestimmten Ober- Krankenkassen
grenze auch höhere Beiträge und umgekehrt.
● Solidarität: Versicherungsmitglieder tragen über ihre Bei- Die Kontrolle der Sozialversicherungsträger erfolgt über die
träge die Risiken der anderen mit. Einem Versicherten ste- ihnen übergeordneten Ministerien:
● Das Bundesministerium für Gesundheit ist für die gesetzli-

che Krankenversicherung und die Pflegeversicherung zu-


Abb. 9.1 Die 5 Säulen der Sozialversicherung. ständig.
● Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ist für die

gesetzliche Renten- und Unfallversicherung sowie für die


Bundesagentur für Arbeit zuständig.
5 Säulen der Sozialversicherung

Krankenversicherung
Arbeitslosenversicherung

Gesetzliche Krankenversicherung (GKV)


Krankenversicherung

Rentenversicherung
Pflegeversicherung

Unfallversicherung

● Die Aufgabe der GKV ist es, die Gesundheit ihrer Ver-
sicherten zu fördern, zu erhalten und wiederherzustellen.
● Die gesetzliche Grundlage ist das 5. Sozialgesetzbuch
(SGB V).
● Finanzierung: 14,6 % des Bruttoeinkommens (davon je-
weils 7,3 % von AG und AN; Stand 2018), plus krankenkas-
senabhängige Zusatzbeiträge zwischen 0,5 % und 1,7 %, die
allein vom Arbeitnehmer bezahlt werden müssen. Die bei-
tragsfreie Mitversicherung von Familienmitgliedern wird
Aus: Hell W. Alles Wissenswerte über Staat, Bürger, Recht. Staatsbürger- und Ge- z. T. aus Steuermitteln finanziert.
setzeskunde. Thieme; 2018
l
9 Das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem

Private Krankenversicherung (PKV) Versicherungspflichtgrenze • Gehaltsgrenze, ab der ein Ar-


beitnehmer nicht mehr in der GKV pflichtversichert ist.
● Die PKV steht Personen offen, die nicht versicherungs-
2018 lag sie bei 59 400 € pro Jahr (4 950 € pro Monat).
pflichtig oder aus bestimmten Gründen von der Versiche-
rungspflicht befreit sind.
● Die gesetzlichen Grundlagen stehen im Bürgerlichen Ge- Pflegeversicherung
setzbuch (BGB) und in diversen Gesetzen zu Versicherun-
Aufgrund des demografischen Wandels ist im Laufe der Jah-
gen im Allgemeinen (VAG, VVG, AVG).
re mit immer mehr pflegebedürftigen Menschen zu rech-
● Die Beitragshöhe ist abhängig von Alter, Gesundheits- nen. Daher wurde 1995 die Pflegeversicherung eingeführt,
zustand und den gewünschten Versicherungsleistungen. um eine Absicherung gegen dieses Risiko zu schaffen, die
Bei bestimmten Erkrankungen kann die PKV Personen ab- Lebensumstände der Pflegebedürftigen zu verbessern und
lehnen (z. B. bei psychischen Erkrankungen). die Pflegenden abzusichern. Die rechtliche Grundlage regelt
das SGB XI. Die Pflegekassen sind den Krankenkassen ange-
2016 waren ca. 89 % der deutschen Bevölkerung in der ge- schlossen. Wer krankenversichert ist, ist automatisch über
setzlichen und ca. 11 % in der privaten Krankenversicherung diesen Anbieter auch pflegeversichert.
versichert. 0,1 % der Bevölkerung fallen durch das Netz und
haben keine Versicherung, davon sind oft Selbstständige Leistungen
und Arbeitslose, die keine Hilfe vom Staat erhalten, betrof- ● Grundpflege, hauswirtschaftliche Versorgung, Pflegehilfs-
fen. Es ist zudem von einer hohen Dunkelziffer bei Woh- mittel, Kurzzeitpflege, Tages- und Nachtpflege, vollstatio-
nungslosen und illegalen Einwanderern auszugehen. näre Pflege
▶ Tab. 9.1 zeigt, wer in der GKV versichert ist und wer in ● Pflegesachleistung: wenn professionell Pflegende die Pfle-
eine private Krankenversicherung wechseln kann.
ge übernehmen
● Pflegegeld: wenn ein Angehöriger die Pflege übernimmt
Wechsel • Ein Wechsel von einem Anbieter der GKV zu
● Pflegekurse und soziale Sicherung für pflegende Angehö-
einem anderen ist möglich (→ Wahlfreiheit). Man ist dann
mindestens 18 Monate bei einem Anbieter versichert. Hat rige
man sich einmal für die PKV entschieden, ist es nur unter ● Teilkaskoversicherung: Nicht alle Kosten werden gedeckt,

bestimmten Umständen möglich, zurück in die GKV zu abhängig vom Pflegegrad wird ein bestimmter Betrag an
wechseln. Geld- und/oder Sachleistungen festgelegt.
● Leistungen müssen beantragt werden und sind mit der

Beitragsbemessungsgrenze • Gehaltsgrenze, die höchstens Bedingung der Vorversicherungszeit und Pflegebedürftig-


zur Berechnung der Sozialversicherungsbeiträge herangezo- keit verbunden.
gen wird. Im Jahr 2018 lag die Grenze bei 53 100 € pro Jahr
(4 425 € pro Monat) für die GKV.

Tab. 9.1 Gesetzliche und private Krankenversicherung: Einzahler, Leistungsempfänger und Leistungen.

Einzahler Leistungsempfänger Leistungen

Gesetzliche Krankenversicherung (GKV)

● Arbeitnehmer pflichtversichert, z. B.: nicht pflichtversichert, z. B.: ● Geldleistungen (z. B. Krankengeld,


● Arbeitgeber ● Arbeiter, Angestellte ● Arbeiter und Angestellte, deren Mutterschaftsgeld)
● Steuermittel (für ● Auszubildende Gehalt die Versicherungs- ● Sachleistungen (u. a.: Krankenhaus-
Mitversicherung von ● Rentner pflichtgrenze überschreitet behandlung, häusliche Pflege,
Kindern) ● Selbstständige Krankheitsfrüherkennung, ärztliche
● Kinder (bis 18, max. bis

26 Jahre) ● Beamte, Personen in beamten- Behandlungen, Anschlussheilbe-


ähnlicher Stellung handlung)
● Studenten
● Richter
● Ehepartner (mit Einkommen

unter 450 €) ● Soldaten

● Bezieher von Arbeitslosengeld ● Geistliche

oder Unterhaltsgeld ● geringfügig Beschäftigte

● Künstler, Publizisten (450-Euro-Jobs)

Private Krankenversicherung (PKV)

In der PKV Versicherte freiwillig versichert: ● Geldleistungen, abhängig von ge-


● Arbeiter und Angestellte, deren Gehalt eine bestimmte Grenze wähltem Tarif
überschreitet ● Sachleistungen, abhängig von ge-
● Selbstständige wähltem Tarif
● freiberufliche Ärzte, Zahnärzte, Veterinärmediziner und Heilpraktiker

● Studenten

● beihilfeberechtigte Beamte

Die Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

72
Organisation in der Pflege

Rentenversicherung 9.2 Gesundheitssystem


● Hauptaufgabe ist es, die Versicherten bei Gefährdung oder
Minderung der Erwerbstätigkeit sowie im Alter zu unter- Definition Gesundheitssystem
stützen. Das Gesundheitssystem in Deutschland setzt sich aus staatlichen
● Die rechtliche Grundlage ist im SGB VI geregelt. und nichtstaatlichen Institutionen zusammen. Es umfasst alle Ein-
richtungen und Dienstleistungen, die im Zusammenhang mit Ge-
● Finanzierung: Durch Umlageverfahren (S. 71), aus drei
sundheit stehen. Grob können vier Gruppen unterschieden wer-
Töpfen: Beiträgen der Versicherten, Beiträgen der AG und
den: Akteure auf Bundesebene, Leistungsfinanzierer, Leistungs-
Zuschüssen des Bundes.
erbringer, Leistungsempfänger (▶ Abb. 9.2 ).
● Pflichtversichert sind: Angestellte und Arbeiter, Empfän-
ger von Leistungen der Bundesagentur für Arbeit, Eltern
Gesetzgebung • Die wichtigsten Gesetze in Bezug auf das Ge-
in Elternzeit, Personen, die Kindererziehungszeit erbracht
sundheitssystem sind:
haben, private Pflegepersonen (z. B. pflegende Angehöri- ● Sozialgesetzbuch (SGB I–XII)
ge), bestimmte Gruppen von Selbstständigen
● Pflegestärkungsgesetz I und II (siehe Kap. 35.2.1)
● Nicht pflichtversichert sind: Beamte, Richter, Soldaten, ei-
● Patientenrechtegesetz
nige Selbstständige und Freiberufler.
● Krankenhausfinanzierungsgesetz

Leistungen ● Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für den jeweiligen

● Altersrente Pflegeberuf
● Erwerbsminderungsrente

● Witwen-, Witwer- und Waisenrente (Hinterbliebenenren-

te) 9.3 Organisation in der Pflege


● Zuschüsse an die Krankenversicherung der Rentner
Die Arbeitsorganisation umfasst die Planung, Koordination
● Rehabilitationsmaßnahmen bei Gefährdung der Erwerbs- und Durchführung der Pflegemaßnahmen. Sie ist ausschlag-
tätigkeit gebend für die Pflegequalität, die Effizienz der Abläufe und
somit für die Zufriedenheit von Pflegebedürftigen und Pfle-
Rente muss beantragt werden und wird nach dem Äquiva- genden.
lenzprinzip gezahlt, d. h. abhängig von der Höhe des frühe-
ren Einkommens und der Dauer der Einzahlung.
9.3.1 Pflegeorganisationssysteme
Arbeitslosenversicherung Definition Pflegeorganisationssysteme
● Aufgabe ist es, den Lebensunterhalt zu sichern und Maß- Sie beschreiben, wie die zu leistende Pflegearbeit und die Pfle-
nahmen zur (Wieder-)Eingliederung ins Erwerbsleben zu geabläufe im Team organisiert werden. Die Auswahl eines Sys-
ermöglichen. tems ist stark von der Personalstruktur und anderen Rahmenbe-
● Gesetzliche Grundlage ist das SGB III. dingungen abhängig.

Es werden 2 Formen unterschieden: Funktionspflege


● Arbeitslosengeld I: ist beitragsfinanziert und ersetzt den
Tätigkeitsorientierte Vorgehensweise, bei der komplexe
Lohn zeitlich befristet, die Dauer ist abhängig von den vor-
Pflegeaufgaben unterteilt und von verschiedenen Pflege-
herigen Arbeitsjahren, die Höhe ist abhängig vom zuvor
fachkräften übernommen werden.
verdienten Bruttogehalt.
● Vorteile: hohe Effektivität durch klare, hierarchische Struk-
● Arbeitslosengeld II (auch „Hartz IV“): Grundsicherung, die
tur, weniger zeitintensiv, kostengünstig, mehr Routine
auch als Aufstockung zu einem niedrigen Einkommen be-
● Nachteile: Informationsverlust, monotone Arbeitsabläufe,
zogen werden kann
wenig Spielraum, Unterteilung in „höherwertige“ und
● Weitere Leistungen:
„niedrige“ Arbeiten, Entfremdung zwischen Patienten und
– Berufsberatung, Ausbildungs- und Arbeitsvermittlung
Pflegenden (keine ganzheitliche Pflege möglich)
– Bewerbungstraining
– Förderung von beruflichen Aus- und Weiterbildungs-
maßnahmen Bereichspflege
– Eingliederungszuschuss Schichtbezogene Verantwortung der Pflegenden für eine
Patientengruppe.
● Vorteile: besserer Informationsaustausch, dadurch weni-
Unfallversicherung ger Fehlerquellen, großer Handlungs- und Entscheidungs-
● Bei Arbeits- und Schulunfällen, Berufskrankheiten oder freiraum, dadurch höhere Arbeitsmotivation und -zufrie-
arbeitsbedingten Gefahren greift die Unfallversicherung. denheit, intensiver Kontakt zum Patienten
Sie ist also zuständig für Unfälle, die auf dem Weg zur ● Nachteile: ggf. schlechte Information über Patienten au-
oder bei der Arbeit passieren. ßerhalb des eigenen Bereichs, Hilfsbereitschaft der Kolle-
● Die gesetzliche Grundlage ist das SGB VII. gen kann abnehmen, höhere Kosten
● Finanzierung: Beiträge der Unternehmen und Beiträge
von Bund, Ländern und Gemeinden. Für die Versicherten
ist die gesetzliche Unfallversicherung beitragsfrei.
l
9 Das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem

Abb. 9.2 Das deutsche Gesundheitssystem.

Institut für Qualität und


Wirtschaftlichkeit im
Gesundheitswesen Robert Koch-Institut
Paul-Ehrlich-Institut
Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung
Drogenbeauftragte
Bundesinstitut für Arbeitgeber/Arbeitnehmer
Arzneimittel und
Deutsches Institut für
Medizinprodukte
Medizinische Dokumentati- Bundesministerium gesetzlich Versicherte
on und Information für Gesundheit
privat Versicherte
Bundestag
Bundesministerium für
Ernährung, Landwirtschaft
Gemeinsamer
und Verbraucherschutz Steuerzahler
Bundesausschuss

Bundesministerium für Gesundheitsdienste/ gesetzliche


legen Gesetze fest Unfallversicherung
Umwelt Landesämter für
und führen sie aus
Gesundheit

§
Direktzahler

Bundesministerium für Gesundheitsämter


Krankenversicherungen
Bildung und Forschung
GKV-Spitzenverband
Pflegeversicherungen

Bundesministerium für Rentenversicherungen


zahlen/
Arbeit und Soziales finanzieren

100
Patientenverbände
empfängt Gesundheitssystem
Leistungen
informieren Selbsthilfeorganisationen

Bürger
Berufsverbände
Patient
erbringen
Leistungen
stellen her
technisches Personal/
Techniker
Pharmaindustrie
Therapeuten
Apotheker Hersteller medizinischer/
technischer Geräte
Pflegepersonal
Ärzte/Zahnärzte
Apotheken
Arztpraxen

Beratungsstellen forschen,
Pflegeheime bilden aus

Therapieeinrichtungen
Krankenhäuser, Kliniken
Universitäten,
Versorgungszentren Fachhochschulen Schulen,
Ausbildungsstätten

Eine Vielzahl von Personen, Einrichtungen, Institutionen und Organisationen regelt, organisiert und finanziert das deutsche Gesund-
heitssystem. Nach: I care – Pflege. Thieme; 2015

74
Finanzierung im Gesundheitssystem

Bezugspflege 9.4 Finanzierung im


Ganzheitlich ausgerichtetes Pflegesystem, bei dem eine
Pflegefachkraft die gesamte Pflege (inkl. Planung) von der Gesundheitssystem
Aufnahme bis zur Entlassung für einen oder mehrere Pflege-
bedürftige übernimmt. 9.4.1 Krankenhaus
● Vorteile: Aufbau einer Beziehung zwischen Pflegebedürf-
Im Krankenhaus spricht man auch von einem dualen Finan-
tigen und Pflegefachkraft, dadurch auch verbesserte Kom- zierungssystem, da die Finanzierung aus 2 Töpfen erfolgt.
munikation und feste Ansprechpartner für Pflegebedürfti- 1. Investitionskosten (z. B. Neubauten, Anschaffung von me-
ge, Schwierigkeiten werden schneller erkannt, Pflegefach- dizinischen Großgeräten) werden durch die Kranken-
kraft erlebt Arbeit als Ganzes. hausförderung der Bundesländer aus Steuermitteln fi-
● Nachteile: Probleme bei Ausfall der Bezugspflegekraft, hö- nanziert.
here emotionale Belastung, höhere Stressbelastung durch 2. Betriebskosten (z. B. Personalkosten, Verbrauchsmaterial)
Verantwortung, zeit- und kostenintensiv und Behandlungskosten werden von den Krankenkassen
● Primary Nursing ist eine Form der Bezugspflege, bei der die übernommen.
Primary Nurse gemeinsam mit der Associate Nurse eine ● Die Behandlungskosten werden nach Fallpauschalen
„Rund-um-die-Uhr-Verantwortung“ hat. Die Associate bzw. DRGs (Diagnosis Related Groups) bezahlt. In die-
Nurse führt die Pflege entsprechend der von der Primary sem Klassifikationssystem werden Patienten in be-
Nurse erstellten Pflegeplanung durch und weicht nur von stimmte Fallgruppen eingeordnet. Zu jeder Fallgruppe
dieser ab, wenn der Patientenzustand oder eine ärztliche ist ein fester Betrag hinterlegt, der die Behandlung,
Anweisung dies erfordern. Therapie und Pflege abdecken muss.
● wichtig für Pflegende: Nebendiagnosen (z. B. Dekubi-

tus) sind nach den Kriterien der ICD zu dokumentieren.


9.3.2 Weitere Organisations- Ebenso kann eine hochaufwendige Pflege über den
konzepte Pflege-Komplex-Maßnahmen-Score (PKMS) erfasst
und abgerechnet werden.
Die nachfolgenden Konzepte sind nicht allein auf die Pflege
● Durch Zusatzentgelte werden Kosten erstattet, die
beschränkt, sondern verbinden mehrere Akteure des Ge-
nicht von den Fallpauschalen abgedeckt sind, wie z. B.
sundheitssystems.
Blutprodukte, teure Medikamente oder Prothesen.

Case Management bzw. Fallmanagement


9.4.2 Rehabilitationsklinik
● koordiniert und steuert alle patientenbetreffenden Be-
handlungen, Sach- und Dienstleistungen verschiedener In Rehabilitationskliniken erfolgt die Finanzierung abhängig
Berufsgruppen über den Krankenhausaufenthalt hinaus von der Betroffenengruppe durch verschiedene Sozialver-
und versucht dabei, das optimale Leistungsangebot zu fin- sicherungen:
● gesetzliche Rentenversicherung bei Erwerbstätigen und
den
● fördert das Selbstmanagement durch Beratung unter Be- Arbeitsuchenden
● gesetzliche Unfallversicherung bei Arbeitsunfällen oder
rücksichtigung des sozialen Umfeldes
● wird insbesondere bei komplexen Fällen angewendet Berufskrankheiten
● gesetzliche Krankenversicherung bei Kindern und Jugend-

lichen, nicht berufstätigen Erwachsenen, Rentnern und


Clinical Pathways bzw. klinische bei Anschlussheilbehandlungen
Behandlungs-/Versorgungspfade ● Sozialhilfe bei Bedürftigen ohne Renten- und Krankenver-

sicherung
● sind standardisierte Ablaufpläne für die Durchführung
● Beihilfestelle bei Angehörigen des öffentlichen Dienstes
(häufig auftretender) medizinischer Behandlungen im
Krankenhaus (Beamte, Richter, Soldaten)
● wurden entwickelt, um die Qualität der Versorgung im
Krankenhaus bei gleichzeitig kürzeren Aufenthalten und
einer knappen Kostenkalkulation zu gewährleisten
9.4.3 Pflegeheim
● definieren alle Abläufe und Zuständigkeiten von der Auf- ● Bewohner: Pflegesachleistung durch Pflegeversicherung,
nahme des Patienten über die Untersuchungen und Be- je nach Pflegegrad und zusätzlich privates Vermögen. Die-
handlungen bis zur Entlassung ser Anteil wird von der Sozialhilfe übernommen, sofern
der Bewohner oder seine Familie nicht selbst dafür auf-
kommen können.
● Land (nur in einigen Bundesländern): Pflegewohngeld
● In Pflegeheimen für Menschen mit Behinderung: Einglie-
derungshilfe, gesetzliche Kranken- und Pflegeversiche-
rung (bis 25 Jahre), Privat oder Sozialhilfe bei Bedürftigen
l
9 Das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem

9.4.4 Häusliche Pflege


● In der häuslichen Pflege: Behandlungspflege (z. B. Verbän-
de, Injektionen) zahlt GKV, Pflegeversicherung je nach
Pflegegrad (Sach- und Geldleistung), Privat oder Sozialhil-
fe bei Bedürftigen

KOMPAK T

Das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem


● Die 5 Säulen der Sozialversicherung sind: Kranken-,
Pflege-, Renten-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung
● Die Sozialversicherungen sind ein Teil des Sozialsys-
tems. Sie bieten finanzielle Hilfe im Falle von Krankheit,
Pflegebedürftigkeit, Alter, Arbeitslosigkeit und Betriebs-
unfällen.
● Grundprinzipien des Sozialsystems: Versicherungs-
pflicht, Beitragsfinanzierung, Solidarität, Äquivalenz,
Freizügigkeit, Selbstverwaltung
● Die wichtigsten gesetzlichen Grundlagen sind: SGB V
(enthält die Bestimmungen zur GKV); SGB IX (Reha und
Teilhabe behinderter Menschen), SGB XI (Pflegever-
sicherung)
● Pflegeorganisationssysteme: Funktionspflege, Be-
reichspflege, Bezugspflege (inkl. Primary Nursing)
● Im Krankenhaus gibt es eine duale Finanzierung. Be-
triebs- und Behandlungskosten werden über die DRGs
finanziert, Investitionskosten aus Steuermitteln.

76
10 Pflegeprozess und
Pflegeplanung

2. Planung 3. Durchführung

1. Pflege- 4. Evaluation
anamnese
NANDA
nach Fiechter Klassi-
und Meier fikations- ENP
nach WHO
system
ICNP

Pflegeprozessmodell Pflegediagnosen
einheitliche
Sprache

Pflegeaufwand
Ziel
darstellen

Auswahl der Pflege-


maßnahmen

Pflegedokumentation Pflegestandards
und Pflegeübergabe und Assessments
patientennah

Pflegevisite Pflege- patientenfern Pflegestandards Assessments


übergabe,
Dokumentation z.B. schriftlich Expertenstandards NRS
Schmerz-
mündlich erfassung
Ziel: einheitliche Barthel-Index
Datenschutz EDV-gestützt Vorgehensweise

handschriftlich

DSGVO
Pflegeprozessmodell

klare Struktur: Informationen werden für alle an der Pfle-


10.1 Grundlagen ●

ge Beteiligten strukturiert dargestellt, dies macht Zusam-


menhänge mit Pflegemaßnahmen klar.
Definition Pflegeprozess
● Personalplanung: Pflegerischer Aufwand ist besser ab-
Der Pflegeprozess ist ein systematischer und zielgerichteter Ar-
schätzbar, Personalaufwand ist besser planbar.
beitsablauf, mit dem
● Pflegende Probleme des Patienten erkennen und
● Arbeit nachweisen: Pflegeplanungen helfen, den pflegeri-
● pflegerische Maßnahmen planen, organisieren, durchführen
schen Aufwand nachzuweisen. Besonders in der ambulan-
ten Pflege und Altenpflege ist eine ausführliche Doku-
und evaluieren.
mentation wichtig, damit der Pflegebedürftige angemes-
Der Pflegeprozess ist somit ein Problemlösungsprozess.
sen eingestuft und ausreichende finanzielle Mittel bewil-
ligt werden.
Definition Pflegeplanung ● Ziel konsequent verfolgen: Ziele und Maßnahmen werden
Die Pflegeplanung ist ein Instrument, in dem Pflegekräfte einzelne
schriftlich in der Pflegeplanung festgehalten. Alle Beteilig-
Schritte des Pflegeprozesses schriftlich festhalten können. Sie be-
ten sind somit informiert und können gemeinsam auf das
steht in der Regel aus den Pflegeproblemen und Ressourcen, den
Ziel hinarbeiten.
Zielen und den geplanten Maßnahmen (▶ Abb. 10.1).
● Wirksamkeit von Pflegemaßnahmen belegen: Nachweis,
Im Idealfall ist die Pflege nach Ablauf des Pflegeprozesses ob Pflegemaßnahmen oder neu entwickelte Pflegetech-
beendet, weil alle Pflegeprobleme gelöst wurden und kein niken helfen, die Ziele zu erreichen.
weiterer Pflegebedarf besteht. In der Praxis ist dies meist ● Qualität sichern: Auf Grundlage der Pflegeplanung können
nicht der Fall: Maßnahmen laufend oder zu festgelegten Zeitpunkten
● Pflegeprobleme können nach dem Durchlaufen des Pro- evaluiert angepasst und verbessert werden.
zesses weiterhin bestehen (selbst wenn sich der Zustand
des Patienten bessert).
● Es können neue Pflegeprobleme (ggf. mit Zustandsver- 10.2 Pflegeprozessmodell
schlechterung) hinzukommen.
● Es gibt verschiedene Pflegeprozessmodelle: z. B. das 4-
Phasen-Modell nach Monika Krohwinkel, das US-ame-
Der Pflegeprozess wird daher häufig mehrfach durchlaufen.
rikanische 5-Phasen-Modell, das 4-schrittige Modell der
Dabei baut er auf Wissen und Erfahrung aus den vorherigen
WHO und das etablierte 6-Phasen-Modell von Verena
Durchläufen auf.
Fiechter und Martha Meier.
Vorteile des Pflegeprozesses
● Alle Pflegeprozessmodelle beschreiben folgende Phasen
● Patientenorientierung: Der Mensch steht im Mittelpunkt,
oder Schritte: Pflegeanamnese, Pflegeplanung und Pflege-
individuelle Ressourcen und pflegerelevante Probleme dokumentation.
werden erfasst und Bedürfnisse berücksichtigt. ● In den Modellen werden die einzelnen Phasen nacheinan-
der und aufeinander aufbauend durchlaufen.

Abb. 10.1 Pflegeprozessmodell nach Fiechter und Meier. In Deutschland gibt es 2 relevante Modelle:
● Pflegeprozessmodell nach WHO
● Pflegeprozessmodell nach Fiechter und Meier
2.
1. Erkennen von
Informations- Problemen und
Ressourcen
10.2.1 Pflegeprozessmodell nach
sammlung
WHO
Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff (2017) und dem
2. Pflegestärkungsgesetz (2017) ist das Pflegeprozessmodell
3.
Festlegen der der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wieder in den Fo-
6. Pflegeziele kus gerückt. Das 4-Phasen-Modell bildet dabei die Grund-
Evaluation: lage für die Entbürokratisierung der Pflegedokumentation.
Beurteilung 1. Einschätzung des Pflegebedarfs bzw. Pflegeanamnese
der Wirksam- (durch Informationssammlung)
keit
2. Planung der Pflege
3. Durchführung der Pflege
4. 4. Evaluation der Pflege (Wirksamkeit der Pflege für den Pa-
5. Planung der tienten)
Durchführung Pflegemaß-
der Pflege nahmen
Kritik am Modell: Das Formulieren von Pflegezielen rückt in
den Hintergrund.

Im Regelkreis werden alle 6 Schritte nacheinander und auf-


einander aufbauend durchlaufen. Nach: I care – Pflege. Thieme; 2015
l
10 Pflegeprozess und Pflegeplanung

10.2.2 Pflegeprozessmodell nach ● Kommunikationsregeln beherrschen (Verweis Kap. 6)


● Zeit für Fragen
Fiechter und Meier ● nicht länger als 60 Min. (Überforderung des Patienten ver-
Der 6-schrittige Pflegeprozess nach Fiechter und Meier be- meiden)
schreibt den Regelkreis detaillierter. Dadurch ist der Prozess
leichter erfassbar. Berufsanfänger sollten dieses Modell nut- Inhalte des Gesprächs:
zen, um sich der Schritte und ihrer Bedeutung bewusst zu ● körperliches Befinden und aktueller und zu erwartender
werden. Im Folgenden werden die einzelnen Schritte vor- pflegerischer Hilfebedarf: Körperpflege, Bewegungsein-
gestellt. schränkungen, Ausscheidung
● Lebensumstände: soziales Umfeld und Unterstützung (Be-

ruf, Familie, Wohnverhältnisse)


Schritt 1: Informationssammlung ● Gewohnheiten: Essen, Bewegung, Rauchen, Alkohol

Bei der Informationssammlung werden alle pflegerelevan- ● vorhandene oder zu erwartende psychische Belastungen/
ten Daten über den Pflegebedürftigen erhoben. Sie erfolgt Probleme
● kontinuierlich bei jeder Interaktion und
● Besonderheiten: Allergien, Medikationen, Hilfsmittel
● mit unterschiedlichen Methoden, z. B. Gespräch, Beobach-

tung, Sichtung der Patientenakte, Anwenden von Assess- Es ist nicht einfach, offen über alle Themen zu sprechen, da
mentinstrumenten. evtl. mit den Fragen eine persönliche Grenze überschritten
werden kann. Bei unangenehmen Fragen ist es wichtig,
Informationssammlung findet statt bei möglichst offen zu fragen, wie der Patient z. B. mit der jetzi-
● jedem Kontakt mit Pflegebedürftigen: gen Situation zurechtkommt, oder ehrlich zu sein und zu
– tägliche Begegnung: Berichtet der Patient über Verände- begründen, warum diese Frage wichtig ist. Eine weitere He-
rungen oder neue Probleme? rausforderung ist, dass nicht immer auf alle Fragen gleich zu
– tägliche Beobachtung: Hat sich etwas verändert? Beginn ehrlich geantwortet wird, z. B. aus Angst oder
● Kommunikation im interprofessionellen Team: neue me- Schamgefühl.
dizinische Befunde? Fortschritte bei der Physio- oder Er-
gotherapie? Patientenbeobachtung
● Kommunikation mit Angehörigen: Was berichten oder be-
Während der pflegerischen Tätigkeit können sowohl der
obachten diese?
Pflegebedarf als auch die Ressourcen eingeschätzt werden.
Zudem ist es möglich, den Nutzen der Pflegemaßnahmen
Informationsquellen • Pflegende nutzen direkte und indirek-
einzuschätzen. Besonders wichtig ist die Beobachtung bei
te Informationsquellen. Die Art der Informationsquelle muss
Patienten, die sich nicht oder nur unzuverlässig äußern kön-
in der Dokumentation vermerkt sein.
nen (siehe Kap. 13).
● direkte Informationsquellen: Patient, Befragung oder Be-

obachtung des Patienten durch die Pflegefachkraft


● indirekte Informationsquellen: andere Personen (Angehö- Schritt 2: Pflegeprobleme und Ressourcen
rige, Freunde, Betreuer des Pflegebedürftigen), Ver- erkennen
legungsschreiben, mitgebrachte Arztbriefe, Pflegeüberlei-
tungsberichte, alte Akten Pflegeprobleme • Pflegeprobleme sind physische, psy-
chische, emotionale, soziale und organisatorische Beein-
Informationsarten • Objektive und subjektive Informations- trächtigungen, die eine Person in der Selbstpflege ein-
arten sind gleichermaßen wichtig. In der Dokumentation schränken, oder besondere Gefahren (z. B. Pneumonie), die
sollten subjektive Informationen als solche gekennzeichnet eine Person oder ihr soziales Umfeld nicht kompensieren
werden. kann. Man unterscheidet folgende Arten von Problemen:
● aktuelle Pflegeprobleme: Sie bestehen zum Zeitpunkt der
● objektive Informationen: messbare Informationen oder

Daten (z. B. Gewicht, Blutdruck, Flüssigkeitsausfuhr, aber Erhebung und sind meist offensichtlich und damit gut
z. B. auch Wundbeschreibung) identifizierbar.
● potenzielle Pflegeprobleme: existieren noch nicht, wer-
● subjektive Informationen: von einer Person empfunden

und mitgeteilt (z. B. Schmerzstärke, Wirkung eines Medi- den aber mit hoher Wahrscheinlichkeit auftreten (siehe
kaments) Kap. 21)
● verdeckte Pflegeprobleme: wurden noch nicht vom Pa-

tienten genannt oder von der Pflegefachkraft erkannt


Pflegeanamnese
● generelle Pflegeprobleme: zu erwartende Einschränkun-
Die Pflegeanamnese gehört zur Informationssammlung und gen, die bei vielen Patienten mit dem gleichen Krankheits-
bildet die Grundlage des Pflegeprozesses. Sie ist eine Metho- bild auftreten (z. B. Schmerzen nach einer OP)
de der strukturierten Datenerhebung. Dabei werden grund- ● individuelle Pflegeprobleme: die tatsächlichen Probleme
legende pflegerelevante Informationen systematisch und
des Patienten (aktuell, potenziell oder verdeckt), abhängig
zielgerichtet erfasst.
von der persönlichen Lebenssituation oder anderen Eigen-
Die Pflegeanamnese erfolgt meist im Rahmen eines Auf-
schaften (z. B. Patient macht sich Sorgen um die Zukunft
nahmegesprächs, häufig mit standardisierten Pflegeanam-
und leidet unter Schlafproblemen)
nesebögen. Generell wichtig:
● unter 4 Augen (Privatsphäre)

● ruhige Atmosphäre

80
Pflegediagnosen

Wichtig beim Formulieren: – akzeptiert: Ist der Patient mit dem Ziel einverstanden
● Handelt es sich um ein Pflegeproblem? Kann es von der und arbeitet bei der Zielerreichung mit?
Pflege behandelt werden oder fällt es eher in den medizi- – realisierbar: Ist das Ziel erreichbar?
nischen Bereich? – terminierbar: Bis wann soll das Ziel erreicht werden?
● Ist das Problem aus Sicht des Patienten formuliert und

stellte es für ihn überhaupt ein Problem dar? Oder kann


es im Alltag durch Ressourcen ausgeglichen werden? Schritt 4 und 5: Pflegemaßnahmen planen
● PÄSR-Schema einhalten: Ist das Problem präzise benannt? und durchführen
Ist die Ätiologie (Ursache) des Problems angegeben? Sind Pflegemaßnahmen müssen auf den individuellen Bedarf, die
die Symptome des Problems beschrieben? Sind die Res- Ressourcen des Patienten und auf die geplanten Pflegeziele
sourcen mit aufgeführt? zugeschnitten sein. Sie sollten möglichst konkret anhand
folgender Fragen formuliert werden:
Ressourcen • Ressourcen sind in der Pflege Fähigkeiten, Fer- ● Was soll von wem getan werden?
tigkeiten und Einflüsse, die den Betroffenen bei der Bearbei-
● Wann bzw. wie oft?
tung seiner Probleme unterstützen können. Sie werden da-
● Wie, womit und evtl. wo?
her im Zusammenhang mit den Pflegeproblemen betrach-
tet. Sie können unterteilt werden in:
● körperliche Ressourcen, z. B.: Patient kann allein laufen. Die ausgewählten Maßnahmen sollen von allen Pflegekräf-
ten durchgeführt werden. Abweichungen sind je nach Be-
● innere Ressourcen, z. B.: Patient kann Zusammenhänge er-
darf und Tagesform des Patienten möglich, müssen aber do-
kennen.
kumentiert werden.
● räumliche Ressourcen, z. B.: Patient wohnt in behinder-

tengerechter Wohnung.
● soziale Ressourcen, z. B.: Patient wird durch Angehörige Schritt 6: Evaluation: Beurteilung der
unterstützt. Wirksamkeit
● ökonomische Ressourcen, z. B.: Patient bezieht Leistungen
Regelmäßig, aber spätestens, wenn das in den Pflegezielen
der Pflegeversicherung.
festgelegte Datum erreicht ist, wird das Ziel mit der tatsäch-
lichen Situation des Patienten abgeglichen. Ziele, die der Er-
Schritt 3: Pflegeziele festlegen haltung eines Zustandes dienen, gelten andauernd weiter.
Konnte ein Ziel nicht erreicht werden, muss nach den Ursa-
Pflegeziele beschreiben das Pflegeergebnis bzw. den zu-
chen gesucht und der Pflegeprozess fortgeführt werden.
künftigen „Soll-Zustand“, der innerhalb einer vorgegebenen
Mögliche Gründe dafür, dass ein Pflegeziel nicht erreicht
Zeit durch die Pflegemaßnahmen erreicht werden soll. Sie
wird, und passende Abhilfe nennt ▶ Tab. 10.1.
sind somit die Evaluationsgrundlage für die Pflegemaßnah-
men. Bei der Formulierung von Zielen sollte Folgendes be-
achtet werden:
● gemeinsam mit dem Patienten und evtl. dessen Angehöri-
10.3 Pflegediagnosen
gen ● Pflegediagnosen bieten eine einheitliche Bezeichnung für
● beziehen sich auf ein Verhalten, einen Zustand, einen Be- wiederkehrende Pflegeprobleme und Ressourcen.
fund, auf Wissen oder eine Fähigkeit ● Sie verfolgen (genauso wie die Pflegeprobleme) das Ziel,
● Bei längeren Prozessen ist eine Aufteilung in Nah-, Teil- den Aufwand für die Pflege des Patienten darzustellen,
und Fernziele sinnvoll. und bilden die Grundlage für die Pflegemaßnahmen.
● positiv zu formulieren ● Durch die Standardisierung unterstreichen sie die eigen-
● mithilfe der SMART-Kriterien: verantwortliche Arbeit der Pflegenden und tragen zur
– spezifisch: Ist das Ziel individuell auf den Patienten zu- Professionalisierung bei.
geschnitten?
– messbar: Kann das Ziel überprüft werden?

Tab. 10.1 Gründe, aus denen Pflegeziele nicht erreicht werden.

Grund Abhilfe

Es lagen nicht alle Informationen vor. Die Informationssammlung muss wiederholt und aktualisiert werden.

Die Zeit für die Zielerreichung war zu kurz angesetzt. Die Maßnahme muss noch längere Zeit wie geplant durchgeführt werden.

Das Ziel war von vornherein zu hoch gesteckt. Es muss ein niedrigeres(Teil-) Ziel gesetzt werden.

Der Zustand des Pflegeempfängers hat sich plötzlich Es muss ein anderes, dem neuen Zustand angepasstes Ziel gesetzt werden.
verschlechtert oder verbessert.

Die geplanten Maßnahmen konnten nicht umgesetzt wer- Der Zeitplan muss verändert werden. Falls ein Pflegeempfänger nicht
den, da keine Zeit dafür blieb oder der Pflegeempfänger die kooperiert, müssen die Gründe dafür gefunden werden.
Maßnahme verweigerte.
l
10 Pflegeprozess und Pflegeplanung

Am häufigsten werden im deutschen Sprachraum folgende gefachkraft ersetzen. Viele der Instrumente sind nicht
Klassifikationssysteme verwendet: hinreichend auf ihre Validität und Reliabilität geprüft,
● NANDA-International: wissenschaftlich überprüfte und was einen reflektierten Einsatz durch die Pflegefach-
klar definierte Pflegediagnosen kraft erforderlich macht.
● ENP (European Nursing Care Pathways): bietet Pflegediag- – Beispielhafte Assessmentinstrumente:
nosen, Pflegeziele und Pflegemaßnahmen in der Form – Atemskala nach Bienstein zur Einschätzung des Pneu-
von Praxisleitlinien an und unterstützt Pflegende bei der monierisikos (siehe Kap. 21.8)
Auswahl geeigneter, u. a. wissenschaftlich belegter Pflege- – Mini Nutritional Assessment und PEMU zur Bestim-
maßnahmen mung des Ernährungszustandes (siehe Kap. 21.7)
● ICNP (International Classification of Nursing Practice): – Barthel-Index zur Einschätzung der Selbstpflegefähig-
Sammlung von spezifischen Begriffen, mit deren Hilfe keit
Pflegediagnosen, Pflegeinterventionen und Pflegeergeb- – NRS (Numerische Rating-Skala), VAS (Visuelle Analog-
nisse erstellt werden können. Es bestehen bereits vorfor- Skala) und BESD (Beurteilung von Schmerzen bei De-
mulierte Pflegediagnosen sowie Pflegemaßnahmen. menz) zur Schmerzerfassung (siehe Kap. 37.2.1)

10.4 Pflegestandards und 10.5 Pflegeplanung in der


Assessments Praxis
Bei der Erstellung der Pflegeplanung sollten die hausinter- ● Krankenhaus:
nen Pflegestandards sowie die aktuellen Expertenstandards – Durch die kurzen Liegezeiten liegen selten ausführliche
berücksichtigt werden. Pflegeplanungen vor.
● Pflegestandards: legen ein bestimmtes Qualitätsniveau
– Es wird oft mit Standardpflegeplänen gearbeitet.
oder zu erreichendes Leistungsniveau fest sowie ange-
● stationäre Altenpflege:
messene Pflegemaßnahmen, mit denen die Qualität er-
– Für jeden Bewohner muss eine Pflegeplanung vorliegen.
reicht und überprüft werden kann
● Standardpflegepläne: beschreiben übliche Maßnahmen
– zeichnet sich überwiegend durch Langzeitziele aus
bei häufig wiederkehrenden pflegerischen Problemstel- – hohe Bedeutung von psychosozialen Belangen der Be-
lungen. Diese sollten der individuellen Patientensituation wohner
angepasst werden. – Pflegeplanung wird vom MDK genutzt, um Pflegequali-
● Expertenstandards: sind wissenschaftlich fundierte Ab- tät und Pflegebedürftigkeit zu überprüfen.
handlungen zu zentralen, pflegerischen Themen. Sie tra- ● ambulante Pflege:
gen zur Sicherung und Weiterentwicklung der Pflegequa- – Pflegeplanung wie in der stationären Altenhilfe
lität bei und dienen professionell Pflegenden als Basis und – Zusätzlich: Klient entscheidet, was in den Pflegeplan
Orientierung für ihr pflegerisches Handeln. Aktuell (Stand aufgenommen wird bzw. was von der professionellen
2018) gibt es 11 Expertenstandards, von denen einige be- Pflegefachkraft getan werden soll und was nicht.
reits aktualisiert wurden:
1. „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“
2. „Entlassungsmanagement in der Pflege“ 10.6 Pflegedokumentation und
3. „Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten
Schmerzen“ Pflegeübergabe
4. „Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen In einer Dokumentation werden alle Informationen über
Schmerzen“ den Patienten und dessen Behandlung umfassend und lü-
5. „Sturzprophylaxe in der Pflege“ ckenlos schriftlich festgehalten. Grundsätzlich fällt die Pfle-
6. „Förderung der Harnkontinenz in der Pflege“ gedokumentation unter den Datenschutz. Nur unmittelbar
7. „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“ an der Versorgung beteiligte Personen dürfen Einsicht in die
8. „Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förde- Dokumentation nehmen. Der Zugang für Dritte ist verboten
rung der oralen Ernährung in der Pflege“ bzw. es muss das Einverständnis des Patienten eingeholt
werden, bevor Dokumente/Informationen weitergegeben
9. „Förderung der physiologischen Geburt“
werden dürfen.
10. „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen
mit Demenz“
11. „Expertenstandard Erhaltung und Förderung der Mo- 10.6.1 Inhalte der Dokumentation
bilität“
● geplante und durchgeführte Maßnahmen
● Assessment: Der Begriff „Assessment“ wird unterschied-
● weitere Beobachtungen
lich verwendet:
– Er beschreibt eine Informationssammlung bzw. Evalua- ● Besonderheiten und Veränderungen
tion eines Patienten zur Problemerfassung im Allgemei-
nen. Dadurch können Entwicklungen und Verläufe der individu-
ellen Krankheitsgeschichten dargestellt werden. Außerdem
– Er beschreibt Instrumente/Skalen, die Pflegende bei der
dient die Dokumentation als Abrechnungsgrundlage wie
Risiko- und Problemeinschätzung unterstützen. Ein In-
auch zur rechtlichen Absicherung.
strument kann niemals die Einschätzung durch die Pfle-

82
Pflegedokumentation und Pflegeübergabe

10.6.2 Anforderungen an die 10.6.5 Pflegevisite


Dokumentation Die Pflegevisite kann im Rahmen einer patientennahen
Übergabe durchgeführt werden. Mit dem Patienten werden
● gut lesbar
pflegerische und patientenzentrierte Besonderheiten be-
● verständlich sprochen. Dabei kann gemeinsam mit dem Patienten seine
● in Fachsprache Pflegeplanung entwickelt oder überprüft werden. Sie kann
● nachvollziehbar im stationären und ambulanten Bereich eingesetzt werden.
● so korrigieren, dass der ursprüngliche Text lesbar bleibt
● möglichst zeitnah – durch Datum und Uhrzeit kenntlich
machen
KOMPAK T
● Dopplungen vermeiden
● wertfreie Beschreibung Pflegeprozess und Pflegeplanung
● Leitsatz: so kurz wie möglich und so ausführlich wie nö- ● Der Pflegeprozess ist ein systematischer und zielgerich-
tig.
teter Arbeitsablauf, mit dem Pflegende Probleme des
Patienten erkennen und pflegerische Maßnahmen pla-
nen, organisieren, durchführen und evaluieren.
10.6.3 Dokumentationsarten
● Vorteile: Patientenorientierung, klare Struktur, Per-
● handschriftlich: momentan noch überwiegend sonalplanung, Nachweisbarkeit, Ziele verfolgbar, Bele-
● EDV-gestützt: Verbreitung nimmt stark zu und gewinnt gung von Wirksamkeit, Qualitätssicherung
im Rahmen der Entbürokratisierung bzw. der Effizienz- ● wichtige Pflegeprozessmodelle: 4-Phasen-Modell der
steigerung der Pflegedokumentation an Bedeutung. WHO und 6-schrittiges Pflegeprozessmodell nach Fiech-
ter und Meier
● Pflegediagnosen erfolgen mit den Klassifikationssyste-
10.6.4 Pflegeübergabe men NANDA-International, ENP, ICNP
In der Pflegeübergabe werden diese Informationen mög- ● Bei der Erstellung der Pflegeplanung sollten die haus-
lichst gut strukturiert an die folgende Schicht weitergeben, internen Pflegestandards sowie die aktuellen Exper-
sodass eine Versorgung ohne Unterbrechung gesichert wird. tenstandards berücksichtigt werden.
Die Übergabe folgt dabei den oben genannten Anforderun- ● Dokumentation: umfassend, lückenlos, schriftlich, un-
gen an die Dokumentation. Unterschieden wird dabei in: terliegt dem Datenschutz, dient zur rechtlichen Absi-
● patientenferne Übergabe (z. B. im Stationszimmer)
cherung
● patientennahe Übergabe (z. B. am Bett des Patienten) ● Pflegeübergabe: patientennah/-fern, Großgruppe oder
● Übergabe in der Großgruppe (z. B. mit allen Pflegekräften individuell, mündlich oder schriftlich
des Frühdienstes)
● Übergabe in einer individuellen Gruppe (z. B. Tourenüber-

gabe in der ambulanten Pflege)


● mündlich (die Regel)

● schriftlich (selten)
11 Qualitäts- und
Fehlermanagement

Art und Umfang der pflegerischen


Leistung (Durchführung der Pflege) Qualitätsverantwortung

Pflegeziel intern extern


Rahmenbedingungen Prozess erreicht? MDK § 112
und Ressourcen der
Einrichtung (Ausstattung) Struktur Ergebnis Qualitätssicherung

Langzeitpflege: SGB XI
Qualitätsstufen- § 135a
modell nach Fiechter Krankenhaus: SGB V
und Meier
§ 70
Stufe 0: gefährliche Pflege Pflegequalität
Qualität Humanität
Stufe 1: sichere Pflege
Wirtschaftlichkeit
Stufe 2: angemessene Pflege

Stufe 3: optimale Pflege

Patientensicherheit
und Fehlermanagement

Fehlerberichtsystem Fehlerarten, z.B.

z.B. CIRS Kundenorientierung

unerwünschtes Behandlungs- Qualitätsmanagement


Mitarbeiter-
Ereignis schaden orientierung
Grundsätze, z.B.
Beinaheschaden Prozessorientierung

Instrumente, z.B. PDCA-Zyklus Qualitätsmanage- Systemorientierung


Beschwerde- mentsysteme, z.B.
management
Audit zur Qualitätskontrolle
Patientenfall-
Expertenstandards
besprechung intern

Pflegeleitbild Pflegeprozess Qualitätszirkel KTQ-Verfahren DIN EN ISO 9001 extern


Pflegequalität

11.1 Pflegequalität Krankenhaus


SGB V – Regelungen der gesetzlichen Krankenversicherung:
Definition Pflegequalität ● § 70 beschäftigt sich mit Qualität, Humanität und Wirt-
Pflegequalität ist der Grad der Übereinstimmung zwischen den schaftlichkeit. Krankenkassen und Krankenhäuser tragen
Zielen der Berufsgruppe Pflege und dem erreichten Erfolg in der dafür Sorge, dass eine bedarfsgerechte Versorgung der Pa-
Pflege. tienten nach dem aktuellsten Wissen erfolgt. Die Versor-
gung soll zudem zweckmäßig, also das Notwendige nicht
Die Pflegequalität kann aus verschiedenen Perspektiven be- überschreitend und wirtschaftlich sein.
urteilt werden. Die einzelnen Akteure des Gesundheits- ● § 135a regelt die Verpflichtung zur Qualitätssicherung (QS,
wesens verfolgen unterschiedliche Ziele: oft auch Qualitätsentwicklung genannt). Die Leistungs-
● Den Krankenkassen ist die Kosteneffizienz pflegerischer
erbringer sind verpflichtet, die Qualität der von ihnen er-
Maßnahmen wichtig: hohe Wirkung bei niedrigen Kosten. brachten Leistungen zu sichern und weiterzuentwickeln.
● Patienten wünschen sich guten und schnellen Behand- Dazu werden 2 Ansätze unterschieden:
lungserfolg. – interne QS: Bearbeitung der konkreten Unterschiede von
Soll- und Ist-Zustand, je nach Handlungsbedarf des Hauses
Donabedian unterteilt die Pflegequalität in 3 Kategorien: – externe QS: Beteiligung an einrichtungsübergreifenden
● Strukturqualität = Rahmenbedingungen, unter denen pfle- Maßnahmen, die einen Vergleich der Häuser ermögli-
gerische Leistungen erbracht werden (z. B. Anzahl und chen, z. B. anhand der Anzahl neu entstandener Dekubi-
Qualifikation der Mitarbeiter oder Ausstattung mit Hilfs- ti, sowie die Teilnahme an Überprüfungen durch exter-
mitteln) ne Organisationen nach festgelegten Kriterien (Zertifi-
● Prozessqualität = direkte Pflege, also die Planung, Durch- zierung).
führung und Evaluation der Maßnahmen aus der indivi-
duellen Pflegeplanung unter Berücksichtigung von Pfle-
gestandards Ambulante und stationäre
● Ergebnisqualität = geplantes Pflegeziel; ausschlaggebend Pflegeeinrichtung
sind dabei die Zufriedenheit der Patienten mit der Be- SGB XI – Regelungen der sozialen Pflegeversicherung:
handlung, der Behandlungserfolg und die Mitarbeiter- ● § 112 (Qualitätsverantwortung) macht die Pflegeeinrich-
zufriedenheit. tungen für die Sicherung und Weiterentwicklung der Pfle-
gequalität verantwortlich. Sie sind verpflichtet,
Die Struktur- und Prozessqualität beeinflussen die Ergebnis- – ein Qualitätsmanagement durchzuführen,
qualität. Sind z. B. nicht ausreichend gut geschulte Mitarbei-
– die Expertenstandards umzusetzen und
ter vorhanden, die nach dem aktuellsten wissenschaftlichen
Stand pflegen können, wirkt sich dies negativ auf den Be- – bei der Qualitätsprüfung mitzuwirken, die vom Medizi-
handlungserfolg der Patienten aus. nischen Dienst der Krankenkassen (MDK) vorgenom-
Fiechter und Meier gliedern Pflegequalität zur genaueren men wird.
Beschreibung in 4 Stufen (▶ Abb. 11.1).
Pflegekräfte oder Ärzte des MDK kommen ohne Vorankündi-
gung in die Einrichtungen und überprüfen neben den all-
11.1.1 Gesetzliche Grundlagen zur gemeinen Pflegeleistungen die medizinische Behandlungs-
pflege, die soziale Betreuung sowie Unterkunft und Verpfle-
Pflegequalität gung. Dazu werden auch einige der Pflegebedürftigen befragt.
Neben dem eigenen Interesse der Krankenhäuser, ambulan- Die Ergebnisse werden anschließend im Internet veröffent-
ten und stationären Pflegeeinrichtungen besteht eine ge- licht und müssen in den Pflegeeinrichtungen aushängen.
setzliche Verpflichtung, die pflegerische Qualität zu sichern
und weiterzuentwickeln. Wichtige Regelungen finden sich Heimgesetz • Das Heimgesetz (HeimG) regelt Rahmenbedin-
im Sozialgesetzbuch (SGB V, XI) sowie im Heimgesetz gungen der stationären Pflege älterer, pflegebedürftiger
(HeimG). oder volljähriger Menschen mit Behinderung. Innerhalb die-
ses Rahmens kann jedes Bundesland eigene Regeln erlassen.

Abb. 11.1 Qualitätsstufenmodell nach Fiechter und Meier.

Stufe 3
optimale Pflege Stufe 2
angemessene Pflege Stufe 1
sichere Pflege Stufe 0
Der Patient erhält
Der Patient wird in seinem gefährliche Pflege
individuelle Hilfe und Unter- Der Patient erhält die
stützung, um seine Selbst- Streben nach Selbstständig- Der Patient ist z. B. durch
keit unterstützt und notwendige Pflege.
ständigkeit zu erhalten Er ist nicht gefährdet und Pflegefehler gefährdet
oder wiederzugewinnen erhält – soweit möglich – oder erleidet Schäden,
Hilfen, um seine Bedürfnis- erleidet keinen Schaden.
und seine Bedürfnisse zu z. B. Dekubitus, Kontraktur
befriedigen. se zu befriedigen. usw.

Nach dem Modell kann die Pflegequalität in eine der 4 Stufen eingeteilt werden. Aus: I care – Pflege. Thieme; 2015
l
11 Qualitäts- und Fehlermanagement

11.2 Qualitätsmanagement Abb. 11.2 PDCA-Zyklus.

Verbesserung Planung
Definition Qualitätsmanagement
Unter Qualitätsmanagement (QM) sind nach DIN EN ISO
9000:2005 alle Tätigkeiten zum Leiten und Lenken eines Kranken-
hauses bzw. einer Pflegeeinrichtung zu verstehen, die dazu die-
nen, die Qualität der angebotenen Dienstleistungen zu verbes-
sern.
Act Plan
• Anpassen und/ • Ist-Zustand beurteilen
Kunden informieren sich genau über die Leistungen und
oder Weiterführen • Ziele und Maßnahmen
Qualität eines Hauses. Trotz des gestiegenen wirtschaftlichen
der Maßnahmen festlegen
Drucks werden von den Einrichtungen des Gesundheits-
wesens qualitativ hochwertige Dienstleistungen erwartet.
Check Do
• Prüfen des Erfolgs • Maßnahmen
der Maßnahmen einleiten und
11.2.1 Grundsätze umsetzen
Um die vorhandene Qualität einer Einrichtung festzustellen,
zu sichern und zu verbessern, werden folgende Grundsätze
verfolgt:
● Kundenorientierung: Im Mittelpunkt des QM steht die Zu-

friedenheit des Kunden.


● Verantwortung der Unternehmensleitung: Die Führungs- Überprüfung Umsetzung
kräfte einer Einrichtung müssen die erforderlichen Bedin-
gungen dafür schaffen, dass die Mitarbeiter den Qualitäts- Zur kontinuierlichen Steigerung der Qualität kann der PDCA-Zy-
ansprüchen gerecht werden können, z. B. durch einen an- klus eingesetzt werden. Nach: I care – Pflege. Thieme; 2015
gemessenen Personalschlüssel.
● Mitarbeiterorientierung: Die Mitarbeiter müssen über die

notwendige Qualifikation zur Erfüllung ihrer Aufgaben 11.2.2 Qualitätsmanagement-


verfügen. Dies kann durch regelmäßige Fort- und Weiter-
bildungen erreicht werden. systeme
● Prozessorientierung: Ein komplexes (Pflege-)Ziel wird in

einzelne Teilschritte (Prozesse) untergliedert, die an- Definition Qualitätsmanagementsysteme


schließend genau beschrieben werden, z. B. in Pflegestan- Bei QM-Systemen handelt es sich um bewährte Methoden/Struk-
dards. turen zur Überprüfung der Prozess-, Struktur- und Ergebnisquali-
tät mit dem Ziel, die vorhandene Qualität zu erfassen, zu sichern
● Systemorientierung: Alle Prozesse (Leistungen, die eine
und weiterzuentwickeln.
Einrichtung erbringt) werden als System betrachtet. Diese
stehen miteinander in Wechselbeziehung und müssen da-
Im deutschen Gesundheitswesen haben sich 3 QM-Systeme
her aufeinander abgestimmt sein.
durchgesetzt:
● Verbesserung: Durch kontinuierliches Evaluieren der Leis-
● DIN EN ISO 9001: Das QM-System legt Mindestanfor-
tungen können diese verbessert werden. Dies ist das Ziel
derungen für die Steigerung der Kundenzufriedenheit und
des QM.
die kontinuierliche Verbesserung der Prozesse fest. Unter-
nehmen können sich zertifizieren lassen, wenn sie alle
Für die Umsetzung der Grundsätze sind Qualitätsmanager Anforderungen erfüllen. Dies wird anhand eines QM-
gemeinsam mit der Unternehmensleitung zuständig. In der
Handbuches (s. u.) überprüft.
Qualitätspolitik werden die Absichten und Ziele eines Unter-
● EFQM-Modell für Excellence: Mit diesem Modell können
nehmens beschrieben. Wichtig dabei ist, dass sich alle Mit-
Unternehmen Stärken und mögliche Verbesserungsansät-
arbeiter damit identifizieren können, um danach zu han-
ze identifizieren. Ein Unternehmen kann sich anhand
deln. Folgende Themen sollten angesprochen werden:
● Selbstverständnis des Unternehmens = Leitbild (Kap. 7.4)
eines Punktesystems selbst bewerten und sich bei Errei-
chen einer bestimmten Punktezahl um den Europäischen
● Umgang mit Fehlern
Qualitätspreis bewerben.
● Anspruch an die eigene Leistung
● KTQ-Verfahren: Das Verfahren ist auf Krankenhäuser aus-
● Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit
gerichtet und dient dazu, ein bereits vorhandenes QM-
System zu bewerten und zu verbessern. Einrichtungen
Bei der Erarbeitung der Ziele und Maßnahmen kann der führen mithilfe des KTQ-Manuals eine Selbstbewertung in
PDCA-Zyklus herangezogen werden. (▶ Abb. 11.2). Er ist, festgelegten Kategorien anhand des PDCA-Zyklus durch.
wie der Pflegeprozess, ein Problemlöseprozess und wird Nach Anpassung verschiedener Prozesse erfolgt eine
spiralförmig und kontinuierlich durchlaufen. Dieser Zyklus Fremdbewertung durch KTQ-Visitatoren, die ein Zertifikat
ist dabei nicht dem QM vorbehalten. Auch Pflegepersonen erteilen, sofern eine bestimmte Punktzahl erreicht wurde.
verwenden ihn täglich, teilweise unbewusst, und tragen so
zur Qualitätssteigerung des Krankenhauses bei. Qualitätsmanagementsystem einführen • Ein QM-System in
einem Unternehmen einzuführen ist sehr komplex, da es ei-
nige Veränderungen mit sich bringt. Die Umsetzung sollte

86
Patientensicherheit und Fehlermanagement

gut geplant und strukturiert nach dem PDCA-Zyklus erfol-


gen. Audits (= Qualitätskontrollen) dienen dazu, das QM-
11.3 Patientensicherheit und
System zu überprüfen.
● interne Audits z. B. durch QM-Beauftragte des Unterneh-
Fehlermanagement
mens Definition Patientensicherheit
● externe Audits durch unternehmensfremde Personen,
Patientensicherheit umfasst nicht nur die Abwesenheit von uner-
meist während einer Zertifizierung wünschten Ereignissen, sondern auch die Maßnahmen zu deren
Vermeidung sowie die Einhaltung von Qualitätsstandards.
Das QM-Handbuch ist das zentrale Element der Dokumenta-
tion des QM-Systems. Folgende Punkte sollten enthalten
Definition Fehlermanagement
sein:
Das Fehlermanagement beschäftigt sich mit dem Umgang mit
● Angaben zur Qualitätspolitik, zum QM-System, zu den Be-
Fehlern. Ziel ist es, Fehler zu erkennen, zu beurteilen und zu kor-
wertungssystemen, zum Unternehmensleitbild und zum
rigieren. Es soll eine Unternehmenskultur geschaffen werden, die
Leistungsumfang des Unternehmens
offen mit Fehlern umgeht, sie nicht als Versäumnis einer einzel-
● Hinweise zur Verwendung und Aktualisierung des QM-
nen Person zuschreibt und die versucht, aus Fehlern zu lernen.
Handbuchs
● Verfahrens- und Arbeitsanweisungen aller Prozesse inner- Fehlerberichtssysteme
halb des Unternehmens ● Grundgedanke: Man kann aus Fehlern anderer lernen.

● Ziel: Patientenversorgung verbessern und Patientensi-

cherheit erhöhen
11.2.3 Instrumente zur Qualitäts- ● Fehlerarten: unerwünschtes Ereignis, vermeidbares uner-
steigerung wünschtes Ereignis, Beinaheschaden, Behandlungsscha-
den
● Pflegeleitbild: beschreibt die Werte, Normen und Ziele der
● anonymisierte Erfassung von Ereignissen, die zu physi-
pflegerischen Arbeit (siehe Kap. 7.4).
schen oder psychischen Schädigungen von Patienten, Mit-
● Pflegeprozess (siehe Kap. 10)
arbeitern und/oder Besuchern hätten führen können bzw.
● Pflege- und Expertenstandards (siehe Kap. 10.4) führten
● Pflegevisite (siehe Kap. 10.6) ● Diese Ereignisse werden analysiert, Lösungs- und Verbes-
● Patientenfallbesprechung: interdisziplinäre Besprechung serungsstrategien werden entwickelt und anschließend
über den Behandlungsprozess und die pflegerische Ver- wird der gesamte „Fall“ anonymisiert und unternehmens-
sorgung eines Patienten. Es wird die Wirkung bisheriger intern veröffentlicht.
Maßnahmen evaluiert und Alternativen diskutiert. Ebenso ● meistverbreitetes System: CIRS (critical incident reporting
können bei der Versorgung auftretende ethische Konflikte system: www.kh-cirs.de)
analysiert werden. Daher wird die Patientenfallbespre-
chung überwiegend bei Patienten mit komplexen/multi-
plen Krankheitsbildern abgehalten. KOMPAK T
● Mitarbeiterqualifizierung: Durch regelmäßige Fort-, Wei-
terbildungen und lebenslanges Lernen tragen Pflegende
zu einer hohen Qualität ihrer Arbeit bei. Qualitäts- und Fehlermanagement
● Mitarbeitergespräche (oder Personalentwicklungsgesprä- ● Pflegequalität ist der Grad der Übereinstimmung zwi-
che) finden zwischen einem Mitarbeiter und einer Füh- schen den Pflegezielen und dem erreichten Erfolg.
rungskraft statt. Mögliche Themen sind die Zusammen- ● Donabedian unterteilt die Pflegequalität in 3 Katego-
arbeit, bestehende Probleme, Leistungen und (Weiterent- rien: Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität.
wicklungs-)Ziele des Mitarbeiters.
● Das Qualitätsstufenmodell von Fiechter und Meier un-
● Qualitätszirkel: interdisziplinäre Arbeitskreise, die Maß- terteilt in 4 Stufen von gefährlicher bis optimaler Pflege.
nahmen zur Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung be-
● Gesetzliche Grundlage sind SGB V (§ 70 Qualität, Huma-
sprechen
nität und Wirtschaftlichkeit und § 135a Interne und ex-
● Beschwerdemanagement dient dazu, durch Aufdeckung terne Qualitätssicherung) und SGB XI (§ 112 Qualitäts-
von Schwachstellen Verbesserungspotenziale zu finden. verantwortung, überprüft durch den MDK).
● In Befragungen wird überprüft, ob die im QM gesetzten ● Qualitätssicherung erfolgt mithilfe des PDCA-Zyklus.
Ziele erreicht werden konnten.
● Qualitätsmanagementsysteme: DIN EN ISO 9001,
● Risikomanagement ist eine Führungsaufgabe, in der die EFQM-Modell für Excellence und KTQ-Verfahren
aktuellen und potenziellen Risiken in einer Gesundheits-
● Instrumente zur Qualitätssteigerung: Pflegeleitbild,
einrichtung identifiziert, analysiert und bewertet werden,
Pflegeprozess, Pflege- und Expertenstandards, Pflegevi-
um Schäden von Patienten, Mitarbeitern und Besuchern
site, Patientenfallbesprechungen, Mitarbeiterqualifizie-
vorzubeugen.
rung, Qualitätszirkel etc.
Patientensicherheit und Fehlermanagement

gut geplant und strukturiert nach dem PDCA-Zyklus erfol-


gen. Audits (= Qualitätskontrollen) dienen dazu, das QM-
11.3 Patientensicherheit und
System zu überprüfen.
● interne Audits z. B. durch QM-Beauftragte des Unterneh-
Fehlermanagement
mens Definition Patientensicherheit
● externe Audits durch unternehmensfremde Personen,
Patientensicherheit umfasst nicht nur die Abwesenheit von uner-
meist während einer Zertifizierung wünschten Ereignissen, sondern auch die Maßnahmen zu deren
Vermeidung sowie die Einhaltung von Qualitätsstandards.
Das QM-Handbuch ist das zentrale Element der Dokumenta-
tion des QM-Systems. Folgende Punkte sollten enthalten
Definition Fehlermanagement
sein:
Das Fehlermanagement beschäftigt sich mit dem Umgang mit
● Angaben zur Qualitätspolitik, zum QM-System, zu den Be-
Fehlern. Ziel ist es, Fehler zu erkennen, zu beurteilen und zu kor-
wertungssystemen, zum Unternehmensleitbild und zum
rigieren. Es soll eine Unternehmenskultur geschaffen werden, die
Leistungsumfang des Unternehmens
offen mit Fehlern umgeht, sie nicht als Versäumnis einer einzel-
● Hinweise zur Verwendung und Aktualisierung des QM-
nen Person zuschreibt und die versucht, aus Fehlern zu lernen.
Handbuchs
● Verfahrens- und Arbeitsanweisungen aller Prozesse inner- Fehlerberichtssysteme
halb des Unternehmens ● Grundgedanke: Man kann aus Fehlern anderer lernen.

● Ziel: Patientenversorgung verbessern und Patientensi-

cherheit erhöhen
11.2.3 Instrumente zur Qualitäts- ● Fehlerarten: unerwünschtes Ereignis, vermeidbares uner-
steigerung wünschtes Ereignis, Beinaheschaden, Behandlungsscha-
den
● Pflegeleitbild: beschreibt die Werte, Normen und Ziele der
● anonymisierte Erfassung von Ereignissen, die zu physi-
pflegerischen Arbeit (siehe Kap. 7.4).
schen oder psychischen Schädigungen von Patienten, Mit-
● Pflegeprozess (siehe Kap. 10)
arbeitern und/oder Besuchern hätten führen können bzw.
● Pflege- und Expertenstandards (siehe Kap. 10.4) führten
● Pflegevisite (siehe Kap. 10.6) ● Diese Ereignisse werden analysiert, Lösungs- und Verbes-
● Patientenfallbesprechung: interdisziplinäre Besprechung serungsstrategien werden entwickelt und anschließend
über den Behandlungsprozess und die pflegerische Ver- wird der gesamte „Fall“ anonymisiert und unternehmens-
sorgung eines Patienten. Es wird die Wirkung bisheriger intern veröffentlicht.
Maßnahmen evaluiert und Alternativen diskutiert. Ebenso ● meistverbreitetes System: CIRS (critical incident reporting
können bei der Versorgung auftretende ethische Konflikte system: www.kh-cirs.de)
analysiert werden. Daher wird die Patientenfallbespre-
chung überwiegend bei Patienten mit komplexen/multi-
plen Krankheitsbildern abgehalten. KOMPAK T
● Mitarbeiterqualifizierung: Durch regelmäßige Fort-, Wei-
terbildungen und lebenslanges Lernen tragen Pflegende
zu einer hohen Qualität ihrer Arbeit bei. Qualitäts- und Fehlermanagement
● Mitarbeitergespräche (oder Personalentwicklungsgesprä- ● Pflegequalität ist der Grad der Übereinstimmung zwi-
che) finden zwischen einem Mitarbeiter und einer Füh- schen den Pflegezielen und dem erreichten Erfolg.
rungskraft statt. Mögliche Themen sind die Zusammen- ● Donabedian unterteilt die Pflegequalität in 3 Katego-
arbeit, bestehende Probleme, Leistungen und (Weiterent- rien: Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität.
wicklungs-)Ziele des Mitarbeiters.
● Das Qualitätsstufenmodell von Fiechter und Meier un-
● Qualitätszirkel: interdisziplinäre Arbeitskreise, die Maß- terteilt in 4 Stufen von gefährlicher bis optimaler Pflege.
nahmen zur Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung be-
● Gesetzliche Grundlage sind SGB V (§ 70 Qualität, Huma-
sprechen
nität und Wirtschaftlichkeit und § 135a Interne und ex-
● Beschwerdemanagement dient dazu, durch Aufdeckung terne Qualitätssicherung) und SGB XI (§ 112 Qualitäts-
von Schwachstellen Verbesserungspotenziale zu finden. verantwortung, überprüft durch den MDK).
● In Befragungen wird überprüft, ob die im QM gesetzten ● Qualitätssicherung erfolgt mithilfe des PDCA-Zyklus.
Ziele erreicht werden konnten.
● Qualitätsmanagementsysteme: DIN EN ISO 9001,
● Risikomanagement ist eine Führungsaufgabe, in der die EFQM-Modell für Excellence und KTQ-Verfahren
aktuellen und potenziellen Risiken in einer Gesundheits-
● Instrumente zur Qualitätssteigerung: Pflegeleitbild,
einrichtung identifiziert, analysiert und bewertet werden,
Pflegeprozess, Pflege- und Expertenstandards, Pflegevi-
um Schäden von Patienten, Mitarbeitern und Besuchern
site, Patientenfallbesprechungen, Mitarbeiterqualifizie-
vorzubeugen.
rung, Qualitätszirkel etc.
12 Rechtliche Grundlagen
der Pflege

Schutz der
Menschenwürde
freie Meinungs- Asyl
äußerung

Menschenrechte, z.B. Wahlrecht

Bürgerrechte, z.B. Staatsangehörigkeit Gehalt

freie Berufswahl Urlaub Kündigung

steht über allen Probezeit Pflichten


anderen Gesetzen Grundrechte
Jugendschutz Haftung

Grundgesetz Arbeitsrecht, z.B.

regelt die Arznei-


mittelversorgung

Arzneimittelgesetz
Anordnungsverantwortung
regelt den Umgang
pflegerelevante spezielle Gesetze mit Medizinprodukten
Übernahme-
Rechtsgebiete im Pflegebereich
und Durch-
führungsver- Weisungsrecht Medizinproduktegesetz
antwortung?
Delegation Sterbehilfe Infektionsschutzgesetz
Weigerungs-
recht? fahrlässige Tötung regelt die Verhütung
und Bekämpfung von
Schweigepflicht Patientenverfügung Infektionskrankheiten

unterlassene Hilfeleistung Schutz des freien Willens


Transplantationsgesetz

Injektion Körperverletzung Betreuungsrecht


regelt die Organspende
mutmaßliche Einwilligung freiheitsbeschränkende
Maßnahmen
Arbeitsrecht

12.1 Das Grundgesetz ● Kündigung:


– Eine Kündigung ist eine einseitige Willenserklärung,
Das Grundgesetz (GG) der Bundesrepublik Deutschland durch die ein Arbeitsverhältnis beendet wird. Sie kann
(BRD) steht über allen Gesetzen. Somit hat es Vorrang vor vom Arbeitgeber (AG) oder vom Arbeitnehmer (AN) aus-
allen anderen Rechtsnormen des Bundes und der Länder. Es gesprochen werden.
ist durch die Ewigkeitsklausel vor willkürlichen Verände- – Eine (schriftliche!) Kündigung durch den AN ist unter
rungen geschützt. Die Grundrechte sind somit für jeden Einhaltung einer Frist jederzeit ohne Angabe von Grün-
Menschen garantiert. Darin integriert finden sich u. a. die den möglich.
Menschen- und Bürgerrechte (▶ Abb. 12.1). – Eine (schriftliche!) Kündigung durch den AG darf nur
unter Berücksichtigung des Kündigungsschutzes erfol-
gen, der i. d. R. nach der Probezeit in Kraft tritt. Das Kün-
12.2 Arbeitsrecht digungsschutzgesetz (KSchG) regelt die Vorschriften zu
Fristen und Kündigungsgründen. Man unterscheidet die
Pflegende sind sog. (einfache) Angestellte (z. B. im Kranken- verhaltensbedingte (z. B. wegen wiederholten Zuspät-
haus, in einer Pflegeeinrichtung). Aus diesem Angestellten- kommens), betriebsbedingte (z. B. aufgrund von be-
verhältnis ergeben sich Rechte und Pflichten, die im Arbeits- trieblichen Erfordernissen) und personenbedingte (z. B.
vertrag enthalten sind. Entzug des Führerscheins bei Kraftfahrern) Kündigung.
● Probezeit:
– Bei einer außerordentlichen Kündigung müssen keine
– maximal 6 Monate
Fristen eingehalten werden, dabei muss ein wichtiger
– In der Zeit kann von beiden Seiten eine Kündigung ohne Grund vorliegen (z. B. Straftat, Arbeitsverweigerung, Be-
Angaben von Gründen eingereicht werden. leidigung).
● Urlaub:
– Sonderkündigungsschutz besteht z. B. für Schwangere,
– Jeder Arbeitnehmer hat Anspruch auf mindestens 20 Ta- Schwerbehinderte, Auszubildende (§ 22 Berufsbildungs-
ge Urlaub bei einer 5-Tage-Woche und 24 Tage bei einer gesetz), Betriebsratsmitglieder.
6-Tage-Woche im Kalenderjahr. ● Pflichten:
– Je nach Arbeits- oder Tarifvertrag können es auch mehr – Pflegekräfte sind dazu verpflichtet, die vereinbarte Ar-
Urlaubstage sein. beit zu leisten, die Schweigepflicht einzuhalten, dem AG
● Gehalt: treu zu sein und mit Materialien sorgfältig und wirt-
– wird im Arbeitsvertrag geregelt, meist durch einen Ver- schaftlich umzugehen.
weis auf den Tarifvertrag ● Haftung:
– Sonderzahlungen (z. B. Weihnachts- oder Urlaubsgeld) – Handelt die Pflegefachkraft im Rahmen des Arbeitsver-
sind besondere Leistungen, auf die kein Anspruch be- hältnisses, übernimmt die Verantwortung dafür der Ar-
steht, außer sie sind im Arbeitsvertrag festgehalten. beitgeber. Kann jedoch nachgewiesen werden, dass die

Abb. 12.1 Unterteilung der Grundrechte.

Grundrechte
Menschenrechte
•Schutz der Menschen-
würde
Bürgerrechte • Anspruch auf gesetzlichen
Richter
• Wahlrecht
• Gleichheit vor dem Gesetz
• Widerstandsrecht • Gehör vor Gericht
• Versammlungsfreiheit • Glaubens- und Gewissensfreiheit
• Staatsangehörigkeit • Freie Meinungsäußerung

• Gleicher Zugang zu • Schutz der Ehe und Familie


öffentlichen Ämtern • Brief- und Postgeheimnis
• Freie Entfaltung der Persön-
• Freie Berufswahl
lichkeit
• Freizügigkeit • Petitionsrecht
• Unverletzlichkeit der Wohnung
• Gewährleistung des Eigentums
• Überführung in Gemein-
eigentum
• Schulaufsicht, Elternrechte
• Asyl

Die im Grundgesetz enthaltenen Grundrechte lassen sich in erster Linie in Menschen- und Bürgerrechte unterteilen. Aus: Hell W. Alles
Wissenswerte über Staat, Bürger, Recht. Staatsbürger- und Gesetzeskunde. Thieme; 2018
l
12 Rechtliche Grundlagen der Pflege

Pflegefachkraft vorsätzlich oder grob fahrlässig gehan-


12.3.2 Delegation
delt hat, kann der Arbeitgeber Regressansprüche gel-
tend machen, d. h. den Ausgleich des Schadens vom Ar- Unter Delegation versteht man das Weiterreichen von Auf-
beitnehmer einfordern. gaben innerhalb eines Systems durch den Arbeitgeber (Di-
rektions- und Weisungsrecht). Dazu gehört in der Gesund-
heitsversorgung auch das Übertragen von ärztlichen Auf-
12.2.1 Jugendarbeitsschutzgesetz gaben an das Pflegepersonal. Nicht alle Aufgaben können
delegiert werden. Unterscheidung in:
Für Auszubildende unter 18 Jahren gilt das Jugendarbeits-
● allgemein delegationsfähige ärztliche Leistungen: Präsenz
schutzgesetz. Dieses besagt u. a.:
● § 1 Geltungsbereich: gilt für alle Personen unter 18 Jah-
des Arztes ist nicht notwendig. Nachdem er sich über-
zeugt hat, dass das Personal ausreichend qualifiziert ist,
ren, die in einem Berufsausbildungsverhältnis stehen
kann er die Aufgabe delegieren. Beispiele: Dauerkatheter-
● § 8 Dauer der Arbeitszeit: 8 Std. täglich, nicht mehr als
wechsel, Wechsel einfacher Verbände, Messverfahren.
40 Std. wöchentlich
● im Einzelfall delegationsfähige ärztliche Leistungen: Ärzte
● § 11 Ruhepausen: angemessene Ruhepausen müssen ge-
müssen für den einzelnen Fall entscheiden, ob die Pflege-
währt werden. Bei 4–6 Std. 30 Min.; bei einer Arbeitszeit
fachkraft die nötigen Kompetenzen für die Maßnahme be-
über 6 Std. 60 Min.
sitzt, und das Risikopotenzial der Maßnahme für den Pa-
● § 12 Schichtzeit: maximal 10 Std.
tienten abwägen, beispielsweise bei Injektionen, Infusio-
● § 13 Tägliche Freizeit: Erholungszeit von mindestens nen und Blutentnahmen.
12 Std. ohne Unterbrechung ● nicht delegationsfähige ärztliche Leistung: Diese Aufgaben
● § 14 Nachtruhe: Jugendliche dürfen von 6–20 Uhr beschäf- müssen Ärzte selbst durchführen, da sie besonders
tigt werden; ab 16 Jahre in Mehrschichtbetrieben (Kran- schwierig oder risikoreich sind (z. B. invasive Eingriffe).
kenhäusern) bis 23 Uhr.
● § 15 5-Tage-Woche: Jugendliche dürfen an 5 Tagen in der Bei der Delegation werden folgende Verantwortungsberei-
Woche arbeiten, wobei die beiden wöchentlichen Ruhe- che unterschieden:
tage nach Möglichkeit aufeinander folgen sollten. ● Anordnungsverantwortung: Wer delegiert, muss sicher-

● § 16 Samstagsruhe und § 17 Sonntagsruhe: In Kranken- stellen, dass die Anordnung richtig, klar und eindeutig ist
häusern sowie Pflegeeinrichtungen ist die Samstags- und und die beauftragte Person die nötigen Kompetenzen hat,
Sonntagsarbeit für Jugendliche erlaubt. Mindestens um diese auszuführen. Er hat gleichzeitig die Über-
2 Sonntage im Monat müssen beschäftigungsfrei bleiben. wachungspflicht.
● § 18 Feiertage: An gesetzlichen Feiertagen dürfen Jugend- ● Übernahme- und Durchführungsverantwortung: Wer eine

liche nicht beschäftigt werden, dies gilt auch für den 24. Aufgabe übernimmt, muss fachlich dazu in der Lage sein
Dezember und den 31. Dezember nach 14 Uhr. und die Verantwortung tragen. Bei der Durchführung der
● § 19 Urlaub: mindestens 27 Werktage jährlich, wenn der Maßnahme sollte sorgfältig und nach dem aktuellen wis-
Jugendliche zu Beginn des Kalenderjahrs noch nicht senschaftlichen Kenntnisstand gearbeitet werden. Bei nicht
17 Jahre ist; mindestens 25 Werktage jährlich, wenn der eindeutigen Anweisungen sollte nachgefragt werden.
Jugendliche zu Beginn des Kalenderjahrs noch nicht
18 Jahre ist Anordnung
Eine Anordnung bspw. eines Arztes muss klar und deutlich
12.3 Pflegerelevante formuliert sein. Wird eine Tätigkeit delegiert, sollte dies im-
mer schriftlich erfolgen. Pflegende sollten bei unklarer For-
Rechtsgebiete mulierung nachfragen und auf eine schriftliche Delegation
bestehen.
12.3.1 Weisungsrecht
Grundsätzlich hat der AG gegenüber der Pflegefachkraft das Weigerungsrecht – Remonstrationsrecht
Weisungsrecht. Er kann bestimmten Mitarbeitern eine Wei- Liegen berechtigte Gründe (z. B. fehlende Kenntnisse) gegen
sungsbefugnis übertragen. Meist sind das Führungskräfte die Übernahme einer delegierten Aufgabe vor, so darf/muss
(Stationsleitungen), häufig auch Ärzte oder andere Vor- die Übernahme abgelehnt werden (Remonstrationsrecht).
gesetzte. Ausnahme: Lebensrettende Maßnahmen müssen immer er-
Pflegekräfte müssen jede Weisung fachlich prüfen. Bei griffen werden, sonst macht man sich unter Umständen der
Unsicherheiten ist der Vorgesetzte zu kontaktieren. Mögli- unterlassenen Hilfeleistung strafbar.
che strafbare Handlungen sowie fachlich nicht korrekte
Maßnahmen müssen und dürfen Pflegekräfte nicht durch-
führen. Für eventuelle Folgen können sie persönlich verant- 12.3.3 Schweigepflicht
wortlich gemacht werden.
● Wird im Strafgesetzbuch (StGB) § 203 und § 204 geregelt.
ACHTUNG ● Keine Geheimnisse (= Informationen, die nur einem be-
Jede Weisung muss auf ihre Fachlichkeit geprüft werden! grenzten Personenkreis bekannt sind und ein berechtigtes
Interesse zur Geheimhaltung für den Betroffenen besteht)
und Informationen des Patienten dürfen an Dritte weiter-
gegeben werden, die nicht an der Behandlung beteiligt
sind (z. B. auch Angehörige oder Freunde).

90
Pflegerelevante Rechtsgebiete

● Die Geheimhaltungspflicht gilt für medizinische und pri- ● Es liegt eine Selbst- oder Fremdgefährdung vor (z. B. bei
vate Informationen. Demenz oder psychischen Erkrankungen inkl. der straf-
● Pflegekräfte können durch eine ausdrückliche oder eine rechtlichen Unterbringung).
mutmaßliche Einwilligung von der Schweigepflicht ent- ● Es ist eine Heilbehandlung notwendig und der Betroffene
bunden werden. Die Schweigepflicht gilt auch über den verweigert sie.
Tod des Patienten hinaus und nach Beendigung des Ar-
beitsverhältnisses. Details regelt außerdem das Unterbringungsgesetz (UBG)
der einzelnen Bundesländer.

12.3.4 Körperverletzung
Fixierung
Medizinische und pflegerische Eingriffe (z. B. Injektionen)
stellen grundsätzlich eine Körperverletzung dar und bedür- Wird in § 1906 Abs. 4 BGB geregelt und ist in 2 Formen un-
fen eines Rechtfertigungsgrunds, um vor dem Gesetz zuläs- terteilt:
● Eine mechanische Fixierung (z. B. durch hochgestellte Bett-
sig zu sein. Die wichtigsten Rechtfertigungsgründe sind:
● ausdrückliche Einwilligung (mündlich und schriftlich) seiten oder Gurte) kann in einer Notsituation angewendet
● mutmaßliche Einwilligung (z. B. bei bewusstlosen Per-
werden, z. B. bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung
(§§ 32, 34, 35 StGB). Dafür muss eine schriftliche ärztliche
sonen)
Anordnung vorliegen. Für längere Fixierung (dauerhaft
● Nothilfe bei akuter Bedrohung, um größere Schäden zu
oder regelmäßig) ist zeitnah (spätestens am folgenden
verhindern (z. B. bei Reanimation)
Werktag) eine richterliche Anordnung notwendig.
● Die medikamentöse Fixierung durch Schlafmittel und Psy-

12.3.5 Unterlassene Hilfeleistung chopharmaka gilt dann als freiheitsbeschränkende Maß-


nahme, wenn sie allein aus dem Grund erfolgt, einen
● Wird im § 323 c StGB geregelt. Menschen ruhigzustellen.
● Wer bei Notfällen und allgemeiner Gefahr (Brand, Kata-
strophen usw.) keine Hilfe leistet, obwohl die Hilfe erfor-
derlich und das Hilfeleisten zumutbar war, kann bestraft 12.3.7 Betreuungsrecht
werden. ● Vertritt eine Person eine andere volljährige Person in
● Wenn bereits Hilfe geleistet wird, ist keine weitere Hilfe rechtlicher Hinsicht, spricht man von einer Betreuung.
erforderlich, allerdings muss man sich überzeugen, ob die ● Die Voraussetzungen sind in § 1896 BGB geregelt: Es muss
Menschen vor Ort tatsächlich Hilfe leisten.
ein ärztliches Gutachten über eine psychische Erkrankung
● Einer Pflegefachkraft kann grundsätzlich zugemutet wer- bzw. eine körperliche, geistige oder seelische Behinderung
den, weitere Hilfe anzufordern und eine Ersthilfe einzulei- vorliegen.
ten. ● Eine Einwilligung ist nicht zwangsläufig erforderlich.
● Eine Hilfeleistung ist unzumutbar, wenn man sich z. B. ● Grundsätzlich kann ein Betreuer nur bestellt werden,
selbst in Gefahr bringt.
wenn der Patient seine Angelegenheiten ganz oder teil-
weise (Geschäftsunfähigkeit bzw. beschränkte Geschäfts-
fähigkeit) nicht mehr besorgen kann.
12.3.6 Freiheitsbeschränkende ● Der Betreuer muss immer im Sinne und zum Wohle des
Maßnahmen Betreuten entscheiden.
Eine Freiheitsbeschränkung liegt vor, wenn jemand gegen ● Unterschieden werden die Bereiche: Geldangelegenhei-
seinen Willen daran gehindert wird, einen bestimmten Ort ten, Aufenthaltsort, Gesundheitsfragen. Dabei können
aufzusuchen oder sich dort aufzuhalten. Eine Freiheitsent- auch nur einzelne Aufgabenkreise innerhalb der Bereiche
ziehung ist die schwerste Form davon und liegt vor, wenn festgelegt werden.
die körperliche Bewegungsfreiheit nach jeder Richtung hin ● Der Betreuer muss fachlich und persönlich geeignet sein
aufgehoben ist. (Wünsche des Betreuten sind hierbei zu berücksichtigen).
Willigt ein Patient in eine solche Maßnahme ein, ist sie ● Zuständig für das Betreuungsverfahren ist das örtliche Be-
rechtlich bedenkenlos. Ist er selbst nicht einwilligungsfähig, treuungsgericht.
übernimmt dies der Betreuer oder der Erziehungsberechtig- ● Wichtig: Solange der Betreute noch selbst entscheiden
te. Grundsätzlich sind Freiheitsentziehende Maßnahmen kann (d. h. sich der möglichen Konsequenzen bewusst ist),
(FEM) nur bei Eigen- oder Fremdgefährdung zulässig, wenn darf er das auch. Eine Betreuung ist keine Entmündigung!
sie dem Wohl des Patienten dienen und alle alternativen
Maßnahmen erfolglos waren. Juristisch werden 2 Formen
von FEM unterschieden: 12.3.8 Schutz des freien Willens
Grundsätzlich ist der freie Wille des Menschen zu respektie-
Unterbringung ren. Kann ein Mensch die Folgen seines Handelns jedoch
noch nicht oder nicht mehr vollständig überblicken, über-
Wird in § 1906 Abs. 1 BGB geregelt. Ein Patient wird gegen
nimmt eine zweite Person die Entscheidungen. Sie benötigt
seinen Willen an einen anderen Ort gebracht. Folgende 2
dazu eine Vertretungsvollmacht.
Voraussetzungen rechtfertigen eine Unterbringung:
● Bei unter 18-Jährigen übernehmen diese Aufgabe auto-

matisch die Eltern (§ 1626 und § 1629 BGB).


l
12 Rechtliche Grundlagen der Pflege

● Bei kognitiv eingeschränkten Personen kann eine Vorsor-


12.4 Spezielle Gesetze im
gevollmacht oder eine Patientenverfügung den freien Wil-
len schützen. Pflegebereich
In einer Vorsorgevollmacht wird eine Vertrauensperson be- ● Das Arzneimittelgesetz regelt eine ordnungsmäßige und
vollmächtigt, sofort bestimmte Entscheidungen für die ko- sichere Arzneimittelversorgung von Menschen und Tie-
gnitiv eingeschränkte Person zu treffen, ohne von einem ren. Verstöße können mit Gefängnisstrafen bestraft wer-
Vormundschaftsgericht bestellt worden zu sein. Diese Ent- den (siehe Kap. 36).
scheidungen lassen sich auf bestimmte Bereiche beschrän- ● Das Medizinproduktegesetz regelt, welche technischen,
ken. medizinischen und Informationsanforderungen für Medi-
Pflegende sollten für jeden Patienten die Vertretungsvoll- zinprodukte notwendig sind, damit diese eingesetzt wer-
macht prüfen: Gibt es eine Vorsorgevollmacht und/oder Pa- den können. Die Verwendung von Medizinprodukten, de-
tientenverfügung? Gibt es einen Betreuer? ren Verfallsdatum überschritten ist, ist ein Beispiel eines
Verstoßes und kann bestraft werden.
● Das Infektionsschutzgesetz regelt die gesetzlichen Pflich-
12.3.9 Patientenverfügung ten zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrank-
● Jeder volljährige Mensch darf eine Patientenverfügung heiten beim Menschen. Die Schaffung eines Informations-
(PV) verfassen. systems von Bund und Ländern ist gesetzlich vorgeschrie-
● Darin trifft er vorab Entscheidungen darüber, wie in be- ben.
stimmten Situationen oder Umständen verfahren werden ● Das Transplantationsgesetz regelt, unter welchen Umstän-
soll, falls er zu dem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage ist, den bei Lebenden und bei Toten eine Organentnahme und
sich dazu zu äußern. eine Organspende gestattet sind. Auch hier muss der Be-
● Sie sichert die Selbstbestimmung eines Menschen. troffene eingewilligt haben, damit es zulässig ist (siehe
● Die PV ist bindend für das medizinische Personal. Wer auch Kap. 45.3 und Kap. 48).
sich nicht an die PV hält, macht sich strafbar.
● Bei der Formulierung muss einiges beachtet werden; da- KOMPAK T
her ist es sinnvoll, vorgefertigte Formulare zu verwenden.

Rechtliche Grundlagen der Pflege


12.3.10 Fahrlässige Tötung
● Das GG steht über allen Gesetzen, enthalten sind die
Sie liegt vor, wenn ein Patient aus Unachtsamkeit zu Tode Menschen- und Bürgerrechte.
kommt, beispielsweise wenn durch Verwechslung ein fal- ● Arbeitsrecht: Pflegende sind Angestellte: Rechte und
sches Medikament gegeben wird, was dann zum Herzver-
Pflichten sind im Arbeitsvertrag festgehalten.
sagen führt.
● Weisungsrecht hat immer der AG, der die Weisungs-
befugnis weitergeben kann (z. B. an Vorgesetzte, Ärzte).
12.3.11 Sterbehilfe und Beihilfe Jede Weisung muss fachlich geprüft werden.
● Delegation: Unterscheidung in Anordnungsverantwor-
zum Suizid tung (liegt z. B. beim Arzt) und Übernahme-/Durchfüh-
Die rechtlichen Grundlagen dazu regeln das GG und das StGB. rungsverantwortung. Anordnungen müssen verweigert
Bei der Sterbehilfe unterscheidet man die folgenden Begriffe: werden, wenn notwendige Kenntnisse und Fertigkeiten
● aktive Sterbehilfe: Eine andere Person führt den Tod eines fehlen.
Sterbenden herbei. Geschieht dies auf Wunsch, spricht ● Pflegekräfte unterliegen während der Arbeit immer der
man von Tötung auf Verlangen. Wenn es gegen den Schweigepflicht.
Wunsch erfolgt, spricht man von Totschlag. Beide Formen ● Körperverletzung ist erlaubt bei (ausdrücklicher oder
sind verboten und strafbar. mutmaßlicher) Einwilligung oder im Notfall.
● passive Sterbehilfe: Durch einen Therapieabbruch oder ● Pflegende sind zur Hilfe verpflichtet: Unterlassene Hil-
den Verzicht auf weitere Eingriffe, also durch das Unter- feleistung ist strafbar.
lassen von Maßnahmen, tritt der Tod schneller ein. ● Freiheitsbeschränkende Maßnahmen sind nur zuläs-
● indirekte Sterbehilfe: Handlungen, die in der Sterbephase sig, wenn sie dem Wohle des Patienten dienen (Unter-
das Leiden nehmen, dadurch aber die Lebenszeit verkür- bringung und Fixierung).
zen, z. B. durch Schmerzmedikation ● Betreuungsrecht: Ein Betreuer wird bestellt, wenn ein
● Beihilfe zum Suizid: Bereitstellung von Medikamenten, die Patient seine Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht
das Leben beenden. Wichtig dabei: Der Betroffene muss mehr besorgen kann.
das Medikament selbstständig einnehmen können und die ● Schutz des freien Willens: durch die Eltern, Vorsor-
Konsequenzen dieser Medikamenteneinnahme verstehen. gevollmacht, Patientenverfügung
● Passive und indirekte Sterbehilfe sowie die Beihilfe zum
Die letzten drei Formen sind in Deutschland nicht strafbar, Suizid sind in Deutschland unter bestimmten Vorausset-
sofern umfassende Beratungsgespräche angeboten wurden, zungen erlaubt. Aktive Sterbehilfe ist verboten.
in denen alle Handlungsoptionen dargestellt wurden.
Weiteres zur ethischen Perspektive bei Sterbehilfe lesen
Sie im Kap. 48.

92
l
12 Rechtliche Grundlagen der Pflege

● Bei kognitiv eingeschränkten Personen kann eine Vorsor-


12.4 Spezielle Gesetze im
gevollmacht oder eine Patientenverfügung den freien Wil-
len schützen. Pflegebereich
In einer Vorsorgevollmacht wird eine Vertrauensperson be- ● Das Arzneimittelgesetz regelt eine ordnungsmäßige und
vollmächtigt, sofort bestimmte Entscheidungen für die ko- sichere Arzneimittelversorgung von Menschen und Tie-
gnitiv eingeschränkte Person zu treffen, ohne von einem ren. Verstöße können mit Gefängnisstrafen bestraft wer-
Vormundschaftsgericht bestellt worden zu sein. Diese Ent- den (siehe Kap. 36).
scheidungen lassen sich auf bestimmte Bereiche beschrän- ● Das Medizinproduktegesetz regelt, welche technischen,
ken. medizinischen und Informationsanforderungen für Medi-
Pflegende sollten für jeden Patienten die Vertretungsvoll- zinprodukte notwendig sind, damit diese eingesetzt wer-
macht prüfen: Gibt es eine Vorsorgevollmacht und/oder Pa- den können. Die Verwendung von Medizinprodukten, de-
tientenverfügung? Gibt es einen Betreuer? ren Verfallsdatum überschritten ist, ist ein Beispiel eines
Verstoßes und kann bestraft werden.
● Das Infektionsschutzgesetz regelt die gesetzlichen Pflich-
12.3.9 Patientenverfügung ten zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrank-
● Jeder volljährige Mensch darf eine Patientenverfügung heiten beim Menschen. Die Schaffung eines Informations-
(PV) verfassen. systems von Bund und Ländern ist gesetzlich vorgeschrie-
● Darin trifft er vorab Entscheidungen darüber, wie in be- ben.
stimmten Situationen oder Umständen verfahren werden ● Das Transplantationsgesetz regelt, unter welchen Umstän-
soll, falls er zu dem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage ist, den bei Lebenden und bei Toten eine Organentnahme und
sich dazu zu äußern. eine Organspende gestattet sind. Auch hier muss der Be-
● Sie sichert die Selbstbestimmung eines Menschen. troffene eingewilligt haben, damit es zulässig ist (siehe
● Die PV ist bindend für das medizinische Personal. Wer auch Kap. 45.3 und Kap. 48).
sich nicht an die PV hält, macht sich strafbar.
● Bei der Formulierung muss einiges beachtet werden; da- KOMPAK T
her ist es sinnvoll, vorgefertigte Formulare zu verwenden.

Rechtliche Grundlagen der Pflege


12.3.10 Fahrlässige Tötung
● Das GG steht über allen Gesetzen, enthalten sind die
Sie liegt vor, wenn ein Patient aus Unachtsamkeit zu Tode Menschen- und Bürgerrechte.
kommt, beispielsweise wenn durch Verwechslung ein fal- ● Arbeitsrecht: Pflegende sind Angestellte: Rechte und
sches Medikament gegeben wird, was dann zum Herzver-
Pflichten sind im Arbeitsvertrag festgehalten.
sagen führt.
● Weisungsrecht hat immer der AG, der die Weisungs-
befugnis weitergeben kann (z. B. an Vorgesetzte, Ärzte).
12.3.11 Sterbehilfe und Beihilfe Jede Weisung muss fachlich geprüft werden.
● Delegation: Unterscheidung in Anordnungsverantwor-
zum Suizid tung (liegt z. B. beim Arzt) und Übernahme-/Durchfüh-
Die rechtlichen Grundlagen dazu regeln das GG und das StGB. rungsverantwortung. Anordnungen müssen verweigert
Bei der Sterbehilfe unterscheidet man die folgenden Begriffe: werden, wenn notwendige Kenntnisse und Fertigkeiten
● aktive Sterbehilfe: Eine andere Person führt den Tod eines fehlen.
Sterbenden herbei. Geschieht dies auf Wunsch, spricht ● Pflegekräfte unterliegen während der Arbeit immer der
man von Tötung auf Verlangen. Wenn es gegen den Schweigepflicht.
Wunsch erfolgt, spricht man von Totschlag. Beide Formen ● Körperverletzung ist erlaubt bei (ausdrücklicher oder
sind verboten und strafbar. mutmaßlicher) Einwilligung oder im Notfall.
● passive Sterbehilfe: Durch einen Therapieabbruch oder ● Pflegende sind zur Hilfe verpflichtet: Unterlassene Hil-
den Verzicht auf weitere Eingriffe, also durch das Unter- feleistung ist strafbar.
lassen von Maßnahmen, tritt der Tod schneller ein. ● Freiheitsbeschränkende Maßnahmen sind nur zuläs-
● indirekte Sterbehilfe: Handlungen, die in der Sterbephase sig, wenn sie dem Wohle des Patienten dienen (Unter-
das Leiden nehmen, dadurch aber die Lebenszeit verkür- bringung und Fixierung).
zen, z. B. durch Schmerzmedikation ● Betreuungsrecht: Ein Betreuer wird bestellt, wenn ein
● Beihilfe zum Suizid: Bereitstellung von Medikamenten, die Patient seine Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht
das Leben beenden. Wichtig dabei: Der Betroffene muss mehr besorgen kann.
das Medikament selbstständig einnehmen können und die ● Schutz des freien Willens: durch die Eltern, Vorsor-
Konsequenzen dieser Medikamenteneinnahme verstehen. gevollmacht, Patientenverfügung
● Passive und indirekte Sterbehilfe sowie die Beihilfe zum
Die letzten drei Formen sind in Deutschland nicht strafbar, Suizid sind in Deutschland unter bestimmten Vorausset-
sofern umfassende Beratungsgespräche angeboten wurden, zungen erlaubt. Aktive Sterbehilfe ist verboten.
in denen alle Handlungsoptionen dargestellt wurden.
Weiteres zur ethischen Perspektive bei Sterbehilfe lesen
Sie im Kap. 48.

92
4
ieme
Pflegebasismaßnahmen und
Notfallsituationen
13 Grundlagen der Patientenbeobachtung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
14 Notfallsituationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
15 Hygiene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
16 Vitalparameter und Körpertemperatur beobachten und kontrollieren. . . . . . . 114
17 Körperpflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
18 Positionierung und Mobilisation, Betten und guten Schlaf fördern . . . . . . . . . 126
19 Essen und Trinken anreichen, Körperlänge und -gewicht bestimmen,
Flüssigkeitsbilanz erheben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
20 Bei den Ausscheidungen unterstützen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
21 Prophylaxen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
Beobachtung

objektive Beobachtung: Es werden Informationen oder


13.1 Wahrnehmen ●

Daten gewonnen, die messbar, überprüfbar und vergleich-


bar sind, z. B. Gewicht, Blutdruck.
Definition Wahrnehmung
● subjektive Beobachtung: Die Pflegefachkraft macht Beob-
Wahrnehmen bedeutet, Umweltreize mit den Sinnen aufzuneh-
achtungen zum Verhalten und zur Gefühlslage des Patien-
men und zu verarbeiten.
ten (Achtung: können fehlerbehaftet sein, s. o.). Mittels
Skalen oder Messinstrumenten können diese besser ob-
Wahrnehmung ist immer subjektiv. Pflegende müssen sich
jektiviert werden.
bewusst sein, dass die Wahrnehmung beeinflussbar ist. Nur
dann können sie sich vor Fehleinschätzungen schützen.
13.2.3 Dokumentation
13.2 Beobachtung Die Pflegenden dokumentieren Beobachtungen, z. B. mittels
Beobachtungsbögen. Dies ist zum einen aus rechtlichen
Definition Beobachtung Gründen wichtig, zum anderen können Pflegende und Ärzte
Beobachtung ist die zielgerichtete und systematische Wahrneh- den Erfolg ihrer Arbeit besser überprüfen.
mung.

KOMPAK T
13.2.1 Warum
Patientenbeobachtung? Grundlagen der Patientenbeobachtung
Ziel der Patientenbeobachtung ist, den körperlichen und ● Wahrnehmung heißt, dass Reize aus der Umwelt durch
psychischen Zustand des Patienten gezielt wahrzunehmen. Sinnesorgane unbewusst aufgenommen und verarbei-
Es werden u. a. Pflegeprobleme, Ressourcen, Bedürfnisse, tet werden. Interpretiert das Gehirn den wahrgenom-
Ängste ermittelt. Diese Informationen sind die Grundlage, menen Reiz als relevant, wird er bewusst. Am Ende der
um den Pflegeprozess zu planen. Kette steht eine evtl. Reaktion.
● Beobachtung verläuft im Unterschied zur Wahrneh-
13.2.2 Systematische Beobachtung mung gezielt und ggf. systematisch.
● Wahrnehmen ist immer subjektiv, Beobachten ist oft
Die Patientenbeobachtung findet bei allen pflegerischen subjektiv und somit beides fehleranfällig.
Prozessen und zu jeder Zeit statt. Eine Beobachtung kann ● Die Patientenbeobachtung ist eine wichtige Grundlage
aber auch geplant stattfinden (z. B. wenn stündlich die Vital- des Pflegeprozesses.
parameter kontrolliert werden) oder sich ganz gezielt auf
● Hilfsmittel (Assessmentinstrumente und Skalen) helfen,
bestimmte Beobachtungsaspekte fokussieren. In einem sol-
Beobachtungen zu objektivieren und vergleichbar zu
chen Fall spricht von systematischer Beobachtung.
machen.
● Beobachtungsaspekte: Bewusstsein, Sprache, Vital-
parameter, Schmerzen, Mimik und Körperhaltung, Ernäh-
rungszustand, Ausscheidungen, Zugänge etc.
14 Notfallsituationen

Flüssigkeit Vitalzeichen
allergisch kardiogen verändertes Hautkolorit
engmaschig
nicht bei kardio- kontrollieren
Volumenmangel „kalter Schweiß“
genem Schock
Ursachen, z.B. Hypotonie
Schocklagerung!

Schock, z.B. Symptome, z.B. Tachykardie


Verletzungen?
Arzt informieren! stabile Seitenlage Atemwege freihalten!
Protokoll!

Prophylaxe Sturz Bewusstlosigkeit Atmung prüfen!

Lungenembolie
häufige Notfälle !
Dyspnoe, z.B.
auf Station, z.B. Herzrhythmusstörung
Herz-Kreislauf-
O2! Lungenembolie? AP und Herzinfarkt, z.B. Stillstand

Asthma? Lungenödem? ! EKG O 2!


ggf. Nitro!
lauwarmes Wasser

!
betroffenes Verbrennung/
Hautareal Verbrühung
kühlen

kein Eis! 15–20 Min.


keine
kardiopulmonale (normale)
Erste Hilfe vor Ort Reanimation Atmung?

„Hilfe!“ Basic Life Advanced Life


Support (BLS) Support (ALS)
112!
5 W! Unterlassene
Hilfeleistung Reanimationsteam rufen!
ist strafbar! 30 : 2 automatische Defibrillation
Häufige Notfallsituationen im stationären Bereich

14.1 Häufige Notfallsituationen 14.1.2 Krankheitsbilder mit


im stationären Bereich Atemnot
Entstehung
14.1.1 Allgemeine Grundlagen
Atemnot (Dyspnoe) entsteht, wenn der Körper aufgrund
Jede Pflegefachkraft im stationären Bereich muss folgende eines akuten Geschehens mehr Sauerstoff benötigt, als die
Fragen beantworten können: Atmung liefern kann (▶ Tab. 14.1). Im Blut befindet sich des-
● Wie lautet die Telefonnummer des Reanimationsteams?
halb zu wenig Sauerstoff bzw. zu viel Kohlenstoffdioxid. Da
● Wo ist das Reanimationsbrett? der Körper dieses Missverhältnis ausgleichen will, steigert er
● Wo ist der Notfallkoffer, wie geht er auf und was ist im Atem- und Herzfrequenz. Gelingt es dem Körper nicht, da-
Koffer? durch wieder ein Gleichgewicht herzustellen, entwickelt der
● Wo sind Beatmungsbeutel, Sauerstoffgerät, Absaugung Patient typische Symptome wie Angst, Unruhe, „Ringen“
und wie funktionieren diese? nach Luft, Blauverfärbung („Zyanose“) der Schleimhäute
● Gibt es eine Patientenverfügung? Will der Patient gerettet
(„blaue Lippen“).
werden?

! Merke Angehörige Allgemeine Erstmaßnahmen


Die Pflegefachkraft sollte den Arzt informieren und evtl. an-
Angehörige und Mitpatienten sollen bei einem Notfall im statio-
geordnete Medikamente verabreichen. Der Patient wird in
nären Bereich möglichst aus dem Zimmer gebeten werden (Platz
eine aufrechte Position gebracht und bekommt Sauerstoff.
für Reanimationsteam!).
Weitere Maßnahmen sind:
● Fenster öffnen

● beengende Kleidung öffnen

● Vitalparameter und Sauerstoffsättigung messen

● bei Atemstillstand kardiopulmonale Reanimation einleiten

Tab. 14.1 Krankheitsbilder mit Atemnot.

Krankheitsbild Ursache Leitsymptome Erstmaßnahmen

Lungenembolie Embolus in einem Lungengefäß Husten, Schmerzen, schneller ● Sauerstoffgabe mit Maske und Reser-
Puls, schnelle Atmung, evtl. voirbeutel
Hypotonie

Pneumonie Infektion Husten, Schmerzen, Fieber ● Sauerstoffgabe mit Maske und Reser-
voirbeutel

Asthma bronchiale Atemluft kann nicht richtig aus- Husten, bei Asthma: exspirato- ● Verabreichung von Kortison oder
und COPD geatmet werden, Bronchien sind rischer Stridor (Pfeifen beim Salbutamol (Inhalation)
verkrampft und Schleimhäute Ausatmen) ● Anleiten zur Lippenbremse und zum
geschwollen. „Kutschersitz“

Lungenödem Das linke Herz ist zu schwach. rasselndes Atemgeräusch mit ● Positionierung in Herzbettlage
Das Blut staut sich in der Lunge wässrig-schaumigem Auswurf ● hoch dosierte Sauerstoffgabe (nach
und Flüssigkeit tritt in die mit Husten Arztanordnung)
Alveolen. ● entwässernde und herzkraftsteigernde
Medikamente; evtl. Gabe von Morphin
(dämpft Gefühl von Atemnot)

Verlegung der Atem- Fremdkörper in oberen Atem- inspiratorischer Stridor (pfeifen- ● Esmarch-Handgriff: Kopf überstrecken
wege wegen oder Verengung der des Atemgeräusch) ● Mund- und Rachenraum ausräumen und
oberen Atemwege absaugen
● Guedeltubus und Wendltubus
● Heimlich-Manöver: Bauch des Patien-
ten von hinten umgreifen und kompri-
mieren

metabolische Azidose zu hoher Säureanteil im Blut Kußmaulatmung (tiefe Atemzü- ● Verlegung auf Intensivstation. Dort:
durch Stoffwechsel- ge) künstliche Beatmung
störung ● evtl. Gabe von Bicarbonat

Störung des Atem- z. B. durch zu hohe Dosierung sehr flache und langsame At- ● Sauerstoffsättigung überwachen
zentrums von Opiaten mung, evtl. Atempausen ● evtl. künstliche Beatmung und Ver-
legung auf Intensivstation
l
14 Notfallsituationen

14.1.3 Erbrechen 14.1.5 Transfusionszwischenfall


Erstmaßnahmen Ein Transfusionszwischenfall ist immer ein Notfall und kann
zum Schock führen. Treten während einer Transfusion fol-
● Patienten aufsetzen oder in stabile Seitenlage bringen gende Symptome auf, muss die Transfusion sofort gestoppt
(Aspirationsprophylaxe) und ein Arzt informiert werden:
● Handschuhe zum Eigenschutz anziehen ● Fieber
● Patienten nicht alleine lassen, evtl. schlecht sitzende ● Schüttelfrost
Zahnprothese entfernen ● Knochenschmerzen
● Erbrochenes auf Menge, Geruch und Aussehen begutach- ● Übelkeit
ten und evtl. Probe entnehmen ● Blut im Urin
● nach Arztangabe Antiemetikum (Medikament gegen
Brechreiz) verabreichen Die Symptome können sofort oder erst nach Stunden eintre-

! Merke Erbrechen
ten.

Erbrechen kann auf eine lebensbedrohliche Störung hindeuten.


Dazu gehören Infektionen des Magen-Darm-Trakts, gesteigerter 14.1.6 Schock
Hirndruck, Vergiftungen, Herzinfarkt oder ein Darmverschluss.
Deshalb bei plötzlichem Erbrechen den Arzt informieren und auf Entstehung
weitere Symptome achten. Bei einem Schock ist die Mikrozirkulation gestört und das
Gewebe minderdurchblutet. Der vorhandene Sauerstoff
Hämatemesis (Bluterbrechen) reicht nicht aus, um den Bedarf der Zellen zu decken. Die
sich entwickelnde Stoffwechselstörung führt zum Zelltod
Erbricht der Patient Blut, sollte die Pflegefachkraft sofort bzw. zum Organversagen. Ursachen können z. B. Volumen-
den Arzt informieren. Kreislaufparameter und Blutgerin- mangel, Herzversagen oder eine Allergie sein (▶ Tab. 14.2).
nung werden kontrolliert. Der Patient darf nicht aufstehen
(Kollapsgefahr). Bei akuten Blutungen (frisches, rotes Blut)
muss die Blutung gestillt werden (ggf. Schockmaßnahmen Symptome
und Transport auf Intensivstation oder in Endoskopie). Bei ● Hypotonie
einer Blutungsquelle im Magen erscheint Blut durch Einwir-
● Tachykardie und Tachypnoe
kung der Magensäure oft „kaffeesatzartig“.
● kalter Schweiß
● Agitiertheit
14.1.4 Sturz ● Schwindel bis zur Bewusstseinsstörung
● Oligurie, Zyanose, Blässe (v. a. bei Hypovolämie)
Maßnahmen ● Halsvenen sind kollabiert (bei Hypovolämie) bzw. gestaut
● Bewusstsein kontrollieren (bei Herzversagen)
● auf Wunden inspizieren
● nach Schmerzen fragen
Notfallmaßnahmen
● Blutdruck und Puls messen, Pupillenreaktion prüfen
● Arzt informieren (mindestens bei Auffälligkeiten bzw. Ver- Ziel ist, die Kreislaufsituation zu verbessern, die Sauerstoff-
letzungen) versorgung sicherzustellen und schockauslösende Faktoren
zu eliminieren. Vitalparameter und Bewusstsein müssen
● Sturz dokumentieren, ggf. Sturzereignisprotokoll (siehe
kontinuierlich kontrolliert werden.
Kap. 21)
● Sturzursache klären und reduzieren
14.1.7 Plötzliche Bewusstlosigkeit
Blutungen Bei plötzlicher Bewusstlosigkeit spricht die Pflegefachkraft
Patienten sind im Krankenhaus besonders gefährdet, bei den Patienten zunächst an. Dann prüft sie durch Kneifen un-
einem Sturz eine innere oder äußere Blutung zu erleiden. terhalb des Schlüsselbeins die Schmerzreaktion. Reagiert
Beispiele dafür sind die Einnahme gerinnungshemmender der Patient nicht, wird die Atmung geprüft.
Medikamente, Zugänge, frische OP-Wunden, Katheter, Drai- Dauert eine Bewusstlosigkeit nur wenige Sekunden,
nagen usw. spricht man von einer Synkope.
● äußere Blutung: mit Kompressen komprimieren (vorher

unbedingt Handschuhe anziehen!) Ursachen


● innere Blutung: Ist nicht klar, ob der Patient eine innere
● orthostatische Dysregulation
Blutung hat, müssen Pupillenreaktion und Vitalparameter
mehrfach kontrolliert werden. Außerdem Bauch- und ● Herzrhythmusstörungen
Oberschenkelumfang beobachten, sofern der Patient am ● Volumenmangel
Bauch operiert wurde oder eine Leistenpunktion hatte. ● zerebrale Durchblutungsstörung
● Epilepsie

100
Häufige Notfallsituationen im stationären Bereich

Tab. 14.2 Schock.

Krankheitsbild Ursache Maßnahmen

hypovolämischer Schock/ zirkulierende Blutmenge ist verringert (z. B. durch ● Schocklage („Beine hoch“)
Volumenmangelschock Blutungen), starkes Erbrechen, Flüssigkeitsverlust ● venöser Zugang, um Flüssigkeits- und Blutverlust
durch Verbrennungen, Störungen des ZNS auszugleichen
● Blutdrucksteigerung durch gefäßverengende Wirk-
stoffe (z. B. Katecholamine)
● Schockursache beseitigen: z. B. Blutung stillen,
Medikamente gegen Erbrechen

kardiogener Schock Das Herz ist nicht in der Lage, genügend Blut in den ● Positionierung in Flachlage, bis systolischer Blut-
Kreislauf zu pumpen. Dies führt zu einer Minder- druck > 80 mmHg erreicht hat, dann Herzbettlage
durchblutung. ● Achtung: Schocklage und Flüssigkeitszufuhr sind
kontraindiziert.
● Sauerstoff verabreichen, Beatmung auf Intensivstation
● medikamentöse Therapie: gefäßverengende und
herzkraftsteigernde Wirkstoffe (z. B. Noradrenalin),
entwässernde Wirkstoffe (z. B. Torasemid) und Opiate

septischer Schock („Blut- Krankheitserreger oder deren Gifte breiten sich im ● Positionierung in Schocklage
vergiftung“) Organismus aus. Das Abwehrsystem überschwemmt ● langsame Fiebersenkung
das Blut mit Botenstoffen, die die Blutgefäße ● medikamentöse Therapie: Volumenexpander, gefäß-
erweitern und zu Entzündungsreaktionen und Ge- verengende Wirkstoffe, Antibiotika
rinnungsstörungen führen. Folge: zu viel Blut im
peripheren Gewebe, während die inneren Organe
unzureichend versorgt werden.

anaphylaktischer Überproduktion von Botenstoffen des Immunsys- ● Positionierung in Schocklage


(allergischer) Schock tems, die Blutgefäße so weit stellen, dass viel Blut in ● medikamentöse Therapie: Volumenexpander, gefäß-
die Peripherie versackt. Symptome: Haut ist gerö- verengende Wirkstoffe (z. B. Noradrenalin), Kortison,
tet, Schleimhäute schwellen an, Übelkeit, Erbrechen. Antihistaminika, Bronchodilatatoren oder Bronchien-
Wenn Bronchien sich verengen: Atemnot. erweiterung bei Atemnot

Maßnahmen 14.1.9 Zerebraler Krampfanfall


● Sprache beobachten (verwaschene Sprache kann Hinweis
auf Schlaganfall sein)
Maßnahmen
● Blutdruck, Puls, Atemfrequenz und Blutzucker messen ● weitere Pflegekräfte und Arzt benachrichtigen
● Pupillenreaktion prüfen (normal: Engstellung bei Licht- ● Notfallkoffer/-wagen holen (lassen)
einfall) ● Patienten vor Verletzungen schützen (z. B. kantige Gegen-
● Bei niedrigem Blutdruck und hohem Puls werden die Bei- stände aus dem Umfeld entfernen)
ne des Patienten hoch- und der Oberkörper flach gelagert. ● Patienten nicht festhalten, nicht schütteln, keinen Mund-
keil einführen!

14.1.8 Anhaltende Bewusstlosigkeit Wenn ein epileptischer Anfall länger als 5 Minuten andauert
oder der Patient zwischen einzelnen Anfällen das Bewusst-
Maßnahmen sein nicht wiedererlangt, handelt es sich um das lebens-
● Atemwege freihalten und Patienten in stabile Seitenlage bedrohliche Krankheitsbild „Status epilepticus“.
bringen
● engmaschige Kontrolle der Vitalparameter Maßnahmen bei Status epilepticus
● Abschätzung der Tiefe der Bewusstseinsstörung, z. B. mit-
hilfe der Glasgow-Koma-Skala (S. 458)
● Vorbereiten des Materials für venösen Zugang
● Pupillenreaktion prüfen
● Aufziehen der Medikamente nach ärztlicher Anordnung
● Guedeltubus und Intubationsbesteck bereitstellen
● (Not-)Arzt: venösen Zugang legen, i. v.-Applikation eines
Antikonvulsivums, z. B. Lorazepam
● nach Anfall: Vitalparameter kontrollieren, Pupillen kon-
trollieren, auf Flüssigkeitszufuhr achten
● antikonvulsive Therapie optimieren, evtl. Auslöser behan-
deln
l
14 Notfallsituationen

14.1.10 Herzrhythmusstörungen 14.2 Kardiopulmonale


Ursachen Reanimation (CPR)
● geschädigter Herzmuskel (z. B. bei Herzinfarkt, Kardio-
myopathie) Definition Kardiopulmonale Reanimation (CPR)
Die CPR ist die Wiederbelebung eines Patienten mit Herz-Kreis-
● Intoxikation (z. B. durch Digitalis, Antidepressiva)
lauf-Stillstand und/oder Atemstillstand, v. a. durch Aufrechterhal-
● Elektrolytstörungen (z. B. bei Kaliummangel, Kalziumman-
tung eines Minimalkreislaufs durch periodische Thoraxkompressi-
gel)
on und Beatmung (30 : 2). Ohne CPR wären nach einer gewissen
● Hormonstörung (z. B. bei Hyperthyreose) Zeit alle lebenswichtigen Organe durch Sauerstoffmangel irrever-
● Herzklappenfehler sibel geschädigt. Ein hypoxischer Hirnschaden entsteht bereits
nach 3–5 Minuten.
Fehlalarm
Gibt der EKG-Monitor Alarm, ist nicht immer ein medizini- Der European Resuscitation Council (ERC) veröffentlicht re-
sches Problem die Ursache. Eventuell hat sich auch nur ein gelmäßig evidenzbasierte Standards zum Vorgehen bei einer
Kabel gelöst oder die Alarmgrenzen sind falsch gewählt. Reanimation (▶ Abb. 14.1).
Dies muss gewissenhaft geprüft werden. Wird ein reaktionsloser Patient aufgefunden: Luftwege
des Patienten freimachen und Atmung überprüfen. Keine
Zeit mit Pulskontrollen verschwenden! Diese sind oft nicht
Symptome
verlässlich. Wenn der Patient nicht bzw. nicht normal atmet,
Hinweise auf ernste Herzrhythmusstörung: wird (außerklinisch) ein Notruf abgesetzt bzw. (innerkli-
● keine adäquate Reaktion auf Ansprache nisch) das Reanimationsteam alarmiert und eine Reanima-
● kurzatmig tion eingeleitet. 30 Thorax-Kompressionen verabreichen,
● kaltschweißig dann 2 Atemspenden, immer im Wechsel.

14.1.11 Angina pectoris und Abb. 14.1 Basic Life Support.

Herzinfarkt
keine Reaktion und
Ursache keine normale Atmung
Durchblutungsstörung des Herzmuskels

Symptome
Notruf 112 *
● Druck- oder Engegefühl in der Brust
● Schmerzen mit Ausstrahlung in Oberarm, Schulter oder
Kiefer
● ggf. Beschwerden wie durch „Sodbrennen“
30 Thoraxkompressionen
Maßnahmen
● Arzt informieren
● Positionierung in Herzbettlage
● eng anliegende Kleidung des Patienten öffnen
2 Beatmungen
● Bedarfsmedikation, z. B. Nitro-Spray verabreichen (nur
wenn RR systolisch > 100 mmHg)
● Vitalparameter messen (Arrhythmien?)
● Sauerstoffgabe weiter CPR 30:2
● EKG-Monitoring und Pulsoxymetrie
● Defibrillator bereithalten
● i. v.-Zugang und Blutabnahme vorbereiten (CK, CK-MB,
Troponin) sobald ein AED eintrifft -
● evtl. Verlegung auf Intensiv- oder Überwachungsstation
einschalten und den
Anweisungen folgen

Ablauf der Reanimation nach dem Basic-Life-Support-Algorith-


mus. © German Resuscitation Council (GRC) und Austrian Resuscitation Council.

102
l
14 Notfallsituationen

14.1.10 Herzrhythmusstörungen 14.2 Kardiopulmonale


Ursachen Reanimation (CPR)
● geschädigter Herzmuskel (z. B. bei Herzinfarkt, Kardio-
myopathie) Definition Kardiopulmonale Reanimation (CPR)
Die CPR ist die Wiederbelebung eines Patienten mit Herz-Kreis-
● Intoxikation (z. B. durch Digitalis, Antidepressiva)
lauf-Stillstand und/oder Atemstillstand, v. a. durch Aufrechterhal-
● Elektrolytstörungen (z. B. bei Kaliummangel, Kalziumman-
tung eines Minimalkreislaufs durch periodische Thoraxkompressi-
gel)
on und Beatmung (30 : 2). Ohne CPR wären nach einer gewissen
● Hormonstörung (z. B. bei Hyperthyreose) Zeit alle lebenswichtigen Organe durch Sauerstoffmangel irrever-
● Herzklappenfehler sibel geschädigt. Ein hypoxischer Hirnschaden entsteht bereits
nach 3–5 Minuten.
Fehlalarm
Gibt der EKG-Monitor Alarm, ist nicht immer ein medizini- Der European Resuscitation Council (ERC) veröffentlicht re-
sches Problem die Ursache. Eventuell hat sich auch nur ein gelmäßig evidenzbasierte Standards zum Vorgehen bei einer
Kabel gelöst oder die Alarmgrenzen sind falsch gewählt. Reanimation (▶ Abb. 14.1).
Dies muss gewissenhaft geprüft werden. Wird ein reaktionsloser Patient aufgefunden: Luftwege
des Patienten freimachen und Atmung überprüfen. Keine
Zeit mit Pulskontrollen verschwenden! Diese sind oft nicht
Symptome
verlässlich. Wenn der Patient nicht bzw. nicht normal atmet,
Hinweise auf ernste Herzrhythmusstörung: wird (außerklinisch) ein Notruf abgesetzt bzw. (innerkli-
● keine adäquate Reaktion auf Ansprache nisch) das Reanimationsteam alarmiert und eine Reanima-
● kurzatmig tion eingeleitet. 30 Thorax-Kompressionen verabreichen,
● kaltschweißig dann 2 Atemspenden, immer im Wechsel.

14.1.11 Angina pectoris und Abb. 14.1 Basic Life Support.

Herzinfarkt
keine Reaktion und
Ursache keine normale Atmung
Durchblutungsstörung des Herzmuskels

Symptome
Notruf 112 *
● Druck- oder Engegefühl in der Brust
● Schmerzen mit Ausstrahlung in Oberarm, Schulter oder
Kiefer
● ggf. Beschwerden wie durch „Sodbrennen“
30 Thoraxkompressionen
Maßnahmen
● Arzt informieren
● Positionierung in Herzbettlage
● eng anliegende Kleidung des Patienten öffnen
2 Beatmungen
● Bedarfsmedikation, z. B. Nitro-Spray verabreichen (nur
wenn RR systolisch > 100 mmHg)
● Vitalparameter messen (Arrhythmien?)
● Sauerstoffgabe weiter CPR 30:2
● EKG-Monitoring und Pulsoxymetrie
● Defibrillator bereithalten
● i. v.-Zugang und Blutabnahme vorbereiten (CK, CK-MB,
Troponin) sobald ein AED eintrifft -
● evtl. Verlegung auf Intensiv- oder Überwachungsstation
einschalten und den
Anweisungen folgen

Ablauf der Reanimation nach dem Basic-Life-Support-Algorith-


mus. © German Resuscitation Council (GRC) und Austrian Resuscitation Council.

102
Erste Hilfe leisten vor Ort

das ABCDE-System. Damit kann beim Polytrauma schnell


14.2.1 Ergänzende Maßnahmen und gezielt auf die gefährlichsten Probleme reagiert werden
● Sobald ein Defibrillator (AED) verfügbar ist, muss dieser (Prinzip: „Treat first, what kills first“):
angeschlossen werden. ● A: airway = Atemwege frei?

● für Reanimation Antidekubitusmatratzen luftleer machen ● B: breathing = Besteht Atemnot? Atmet der Patient normal?
oder harte Unterlage unterschieben ● C: circulation = Besteht ein suffizienter Kreislauf? Ist die
● Atemwege z. B. durch Guedel-Tubus freihalten und mit Ge- Blutzirkulation in Ordnung? Anzeichen für Schock?
sichtsmaske und Beatmungsbeutel beatmen ● D: disability = Bestehen neurologische Defizite? Bewusst-
● sobald wie möglich zusätzlich Sauerstoff geben seinsstatus?
● E: exposure = Oberkörper des Patienten entkleiden und

nach weiteren Verletzungen suchen


14.3 Polytrauma
Spezielle Beobachtungsparameter • Je nach Verletzung sind
Definition Polytrauma besondere Parameter zu beachten? (▶ Abb. 14.3).
Mehrere Körperregionen oder Organe sind verletzt, wobei min-
destens eine Verletzung oder die Kombination von Verletzungen
lebensbedrohlich ist. 14.4 Erste Hilfe leisten vor Ort
Triage • Wenn ein Trauma-Patient in die Notaufnahme
kommt, schätzen Pflegende anhand eines Triage-Systems
! Merke Verpflichtung zur Hilfe
Nach § 323c Abs. 1 StGB ist jeder verpflichtet, Erste Hilfe zu leis-
(z. B. Manchester-Triage-System; MTS, ▶ Abb. 14.2) ein, wie ten, wenn es zumutbar ist.
dringend er behandelt werden muss. Indikatoren, die dabei
erfasst werden, sind z. B. Blutung, Atemstörung, Bewusst- Bei einem Notruf
seinsstörung, Schmerzen. ● Telefonnummer 112 wählen

● Die „5 W“ müssen beantwortet bzw. befolgt werden (Wo


ABCDE-Schema • Ein wichtiges Instrument beim Erfassen ist der Notfall? Was ist geschehen? Wie viele Verletzte/Be-
von akut bedrohlichen Störungen in Notfallsituationen ist teiligte? Welche Verletzungen? Warten auf Rückfragen
der Rettungsleitstelle!)
Abb. 14.2 Ersteinschätzung nach MTS für Thoraxschmerz.
14.4.1 Allgemeines Vorgehen
ROT gefährdeter Atemweg? Allgemeine Maßnahmen bei außerklinischen Notfällen:
J
unzureichende Atmung? ● Eigenschutz beachten (z. B. Schutzhandschuhe tragen, Un-
sofort Schock? fallstelle sichern)
max. Wartezeit: ● Vitalparameter prüfen (v. a. Atmung)
0 min N ● bei Bedarf Notruf absetzen und ggf. Reanimation einleiten

● Bewusstlose in stabile Seitenlage bringen


stärkster Schmerz?
ORANGE J kardialer Schmerz?
sehr dringend akute Dyspnoe? Im Folgenden werden die wichtigsten Erstmaßnahmen in
anormaler Puls? speziellen Situationen aufgeführt.
max. Wartezeit:
10 min
N
14.4.2 Intoxikationen
auffällige kardiale Anamnese?
GELB J
● Giftnotruf kontaktieren
anhaltendes Erbrechen?
dringend ● Giftreste und/oder Erbrochenes sicherstellen
mäßiger Schmerz?
Pleuraschmerz? ● Erbrechen nicht künstlich hervorrufen
max. Wartezeit:
30 min
N
14.4.3 Verletzungen
GRÜN Erbrechen?
J ● offene Wunden und Knochenbrüche steril verbinden
jüngerer leichter Schmerz?
normal jüngeres Problem?
● Blutungen mit Druckverband versorgen
max. Wartezeit:
● Fremdkörper nicht entfernen (Gefahr von zusätzlichen
90 min Blutungen)
N ● Knochenbrüche ruhigstellen und Schonhaltung unterstüt-
zen (z. B. Knie unterlagern)
BLAU
nicht dringend
● Betroffenen in Rückenlage bringen und Beine hochlagern
(Schocklage)
max. Wartezeit: 120 min

Ersteinschätzung nach dem Manchester-Triage-System (MTS).


Aus: I care – Pflege. Thieme; 2015
l
14 Notfallsituationen

Abb. 14.3 Beobachtungsparameter bei Traumen.

IMMER: Verletzungen im Bereich des Kopfes/


Vitalparameter, Bewusstsein, Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma
Temperaturempfinden, Pupillenweite, Pupillenbeweglichkeit (halbstündlich),
Schmerzen, psychische Verfassung Stabilität des Schädels, Erbrechen, Übelkeit, Amnesie,
Sehstörungen, Nackensteife, Krämpfe, Parästhesien,
Lähmungen, Verhaltensänderungen, Unruhe

Verletzungen der Extremitäten


Verletzungen im Bereich des Thorax
Schwellung, Fehlstellung, DMS-Kontrolle
(Durchblutung, Motorik und Sensibilität), Atemtätigkeit, Sauerstoffsättigung,
Durchblutungsstörungen (Blässe, Kälte), Hyperventilation, Zyanose, Tachypnoe,
ggf. fehlende Fußpulse, Motorik Apnoe, Dyspnoe, Atemgeräusche, Husten
(Patient wird gebeten, die Extremitäten
zu bewegen), Sensibilität (Test durch
Verletzungen im Bereich des Abdomens
Berührung)
Schmerzlokalisation und Schmerzart (z. B. kolikartig,
krampfartig, stechend), Dauer der Schmerzen, Körper-
haltung, Hautfarbe (Blässe, Zyanose, Ikterus), anale
oder vaginale Blutung, Schockzeichen, Erbrechen,
Ernährungszustand, Atemgeruch (Ammoniak? Alkohol?)

Aus: I care – Pflege. Thieme; 2015

14.4.4 Verätzungen 14.4.7 Elektrounfälle


● vorsichtig alle benetzten Kleidungsstücke entfernen ● Eigenschutz: Berühren Sie niemals einen Menschen, der
● betroffene Körperregionen mit Wasser spülen oder mit an einer Stromquelle „hängt“!
Kompressen abtupfen ● Strom abschalten (Hauptschalter). Ist das nicht möglich, kann
● betroffenes Körperteil hochlagern mithilfe eines nicht stromleitenden Hilfsmittels (z. B. Besen-
● bei Verätzung des Verdauungstrakts: Betroffenen kleine stil) der Betroffene von der Stromquelle getrennt werden.
Schlucke Wasser trinken lassen, nicht zum Erbrechen bringen ● Verbrennungen an Ein- und Austrittstellen (Strommar-
ken) steril abdecken

14.4.5 Verbrennungen oder


KOMPAK T
Verbrühungen
● Betroffenen aus Gefahrensituation holen
Notfallsituationen
● verbrannte/verbrühte Hautregion 15–20 Minuten kühlen,
z. B. mit kaltem Wasser (Vorsicht: Unterkühlungsgefahr ● Jede Pflegekraft im stationären Bereich sollte Erstmaß-
bei großflächigen Wunden, keine Eisanwendung) nahmen im Notfall einleiten können.
● heiße Kleidung entfernen, aber mit der Haut verklebte ● Ein Transfusionszwischenfall ist immer ein Notfall.
Kleidung belassen ● bei Anzeichen für Schock: Kreislaufsituation verbessern, O2
● Brandwunden locker und steril abdecken, Brandblasen verabreichen, Vitalparameter kontinuierlich kontrollieren
nicht öffnen ● Bei Synkope: an möglichen Schlaganfall denken
● Betroffenen in Rückenlage bringen und Beine hochlagern ● wenn ein Patient bewusst- und reaktionslos ist und
(Schocklage) nicht normal atmet: Indikation zur Reanimation
● nicht unnötig Zeit auf die Kontrolle des Karotispulses
verwenden
14.4.6 Kälteschäden ● Reanimationsablauf: 30 x Thoraxkompression, 2 x Be-
● Schutz vor weiterer Auskühlung bzw. Wärme zuführen atmen
(z. B. nasse Kleidung entfernen, Umgebungstemperatur ● Bei Kreislaufstillstand: automatischen Defibrillator so-
anheben, Decken, warme Getränke) bald verfügbar anwenden
● langsames Erwärmen (ca. 0,5–1 °C Temperaturanstieg pro ● Bei Polytrauma: zur Erstbeurteilung ABCDE-Schema
Stunde) durchführen
● erfrorene Körperregion ruhigstellen und jegliche Bewe- ● bei Notruf: „5 W“ beantworten
gung vermeiden
● Achtung: Betroffenen nicht in Schocklage bringen

104
15 Hygiene

fäkal-orale Schmier-
Infektion infektionen
Pilze
aerogen
Viren Prionen
„Tröpfchen“ Kontakt Übertragungs-
wege und -arten
Bakterien Infektions-
Parasiten beachten!
Übertragungsweg quellen
kennen!
Erreger Hygieneregeln
nosokomiale einhalten!
Infektionen

Infektionsprophylaxe

Infektionslehre
Schutzisolation
bei Immunschwäche

Kohorten-
Standardhygiene isolation

Isolations- Regeln laut


Händedesinfektion maßnahmen Hygieneplan

intensive,
6 Schritte psychische
kein Recapping! Betreuung des
Pentienten!
hygienische chirurgische Schutz vor Schnitt-
und Stichverletzung
Einwirkzeit
beachten! Umgang mit „first in, bei multiresistenten
Erregern, z.B.
Medizinprodukten first out“
persönliche
Schutzausrüstung Umgang mit MRSA
Desinfektionsplan MRGN
Pflegeutensilien
Schutzhand- der Klinik beachten
und Klinikwäsche ESBL
schuhe Kleidung
Reinigung,
Berufskleidung Schutzkleidung ggf. Desinfektion,
ggf. Sterilisation
Bereichskleidung
Standardhygiene

Händen auf die Haut „geschmiert“ oder direkt in eine Ein-


15.1 Grundlagen der trittspforte gebracht. Bei einer fäkal-oralen Infektion wer-
Infektionslehre den die Erreger aus dem Stuhl oral, z. B. durch kontami-
niertes Wasser oder Lebensmittel, aufgenommen.
15.1.1 Krankheitserreger
Übertragungsarten
Definition Krankheitserreger
Krankheitserreger können in anderen Lebewesen eine Infektion
● direkte Übertragung: Die Erreger gehen von einem Men-
oder übertragbare Erkrankung auslösen. schen auf den anderen direkt über.
● indirekte Übertragung: Ein Zwischenträger überträgt die
● Bakterien: sind Einzeller, die sich durch Zellteilung vermeh- Infektion, z. B. Wasser, Gegenstände, Lebensmittel oder
ren. Mit manchen Bakterien leben wir in Symbiose (Bei- auch Vektoren, z. B. Insekten und andere Personen.
spiel: Bakterien der Hautflora. Sie sind Bestandteil des Säu- ● enterale Infektion: Die Erreger werden über den Mund/
reschutzmantels). Bakterien werden unterschieden nach: Verdauungstrakt aufgenommen.
– Aussehen: kugel-, stäbchen-, faden- und schraubenför- ● parenterale Infektion: Bei nicht enteralen Infektionspfor-
mig ten, z. B.:
– Färbeverhalten: gramnegativ oder grampositiv – Einatmen von Erregern (Inhalationsinfektion)
– aerob/anaerob: Aerobe Bakterien benötigen O2 zum Le- – Eindringen über die Haut (z. B. permuköse Infektion
ben, anaerobe nicht. über die Schleimhaut)
● Viren: sind kleiner als Bakterien. Sie sind keine eigenstän- – Eindringen über den Harntrakt (urogenitale Infektion)
digen Lebewesen, da sie zur Fortpflanzung eine Wirtszelle ● endogene Infektion: Infektion mit körpereigenen Erre-
benötigen. Zu unterscheiden sind: gern. Eine Zystitis kann z. B. durch Darmkeime ausgelöst
– RNA- und DNA-Viren werden.
– unbehüllte und behüllte Viren (behüllte Viren lassen ● exogene Infektion: Der Erreger stammt aus der Umge-
sich durch alkoholische Desinfektionsmittel leichter eli- bung, er ist körperfremd.
minieren)
● Pilze: vermehren sich über Sporen. Unterschieden werden:
– Hefen, z. B. Candida, eine Sprosspilzart, und 15.1.4 Nosokomiale Infektion
– Schimmelpilze
Definition Nosokomiale Infektion
● Parasiten: Lebewesen, die zum Leben einen Wirt benöti-
Nosokomiale Infektionen sind Infektionen, die im Krankenhaus,
gen, z. B. Milben, Würmer und Zecken. Es gibt Blut-, Darm-
im Pflegeheim oder ambulant durch ärztliche oder pflegerische
und Gewebeparasiten, z. B. Hautparasiten.
Maßnahmen erworben wurden.
● Prionen: proteinartige, infektiöse Partikel

Potenzielle Ursachen
15.1.2 Kolonisation und Infektion ● Patientenfaktoren: krankheitsbedingte Vorschädigung
Bei der Kolonisation (= Besiedelung) befallen die Erreger (z. B. Immunschwäche)
Haut und Schleimhäute sowie offene Wunden bzw. Sekrete ● Umweltfaktoren: Krankenhausumgebung (z. B. Nähe der
und Exkrete. Sie lösen aber keine Infektion aus. Patienten zueinander, Kontamination der Geräte und Ge-
Bei der Infektion dagegen dringen die Erreger in den Kör- genstände, nicht desinfizierte Hände des Personals)
per ein, vermehren sich dort und lösen eine Abwehrreaktion ● technologische Faktoren: Eintrittspforten durch invasive
aus. Die Infektion geht i. d. R. mit den klassischen Zeichen Maßnahmen
einer Entzündung einher. ● menschliche Faktoren: stressverursachte Nichtbeachtung
der Hygienemaßnahmen

15.1.3 Übertragungswege
Infektionsquellen können Sekrete sein, z. B. Blut, Urin, Stuhl, 15.2 Standardhygiene
Speichel und Gegenstände, mit denen der Patient in Kontakt
kommt (z. B. Stethoskop, RR-Manschette, Trinkgefäße), oder Definition Standardhygiene
z. B. Wasser, Luft, Lebensmittel. Die Standardhygiene (= Basishygiene) umfasst die hygienischen
Maßnahmen, die bei der Versorgung von Patienten in einer Ge-
sundheitseinrichtung immer durchzuführen sind. Sie sollen die
Übertragungswege Kontamination oder Kolonisation von Patienten und Personal mit
● Tröpfcheninfektion: wird vermittelt über Sekrettröpfchen, pathogenen Keimen verhindern.
die während des Niesens, Hustens und beim Sprechen in
die Luft gelangen
15.2.1 Maßnahmen der
● aerogene Infektion: Hierbei werden Erreger durch Aero-
sole oder durch Staubpartikel in der Luft übertragen. Standardhygiene
● Kontaktinfektion: Sie entsteht durch direkten Kontakt mit ● Händehygiene mit Händedesinfektion und Händewaschen
Erregertragendem Material. Sehr häufig ist die Schmier- ● Tragen von Schutzhandschuhen
infektion: Hierbei werden Erreger von kontaminierten
● Tragen persönlicher Schutzkleidung
l
15 Hygiene

● Flächendesinfektion und Reinigung des Patientenumfeldes


15.2.3 Persönliche Schutzaus-
sowie der Arbeitsflächen
● Desinfektion von gebrauchten Medizinprodukten, z. B. Sal- rüstung (PSA)
bentuben Die Hygienepläne der Gesundheitsinstitutionen sowie die
● Sterilisation von gebrauchten Instrumenten Richtlinien des RKI regeln den Einsatz der persönlichen
● Einsatz von Sicherheitskanülen inklusive sachgerechter Schutzausrüstung:
Entsorgung
● Einhaltung der Hustenetikette
Schutzhandschuhe
● Jede Gesundheitseinrichtung formuliert in ihren Hygiene-
plänen konkrete Vorgaben zu diesen Punkten. Die Schutzhandschuhe sollen verhindern, dass Keime über-
tragen werden, wenn ein Kontakt mit erregerhaltigem Ma-
terial zu erwarten ist. Grundsätzlich muss vor dem Anzie-
15.2.2 Händehygiene hen und nach dem Ausziehen eine Händedesinfektion erfol-
gen. Schutzhandschuhe
Allgemeine Regeln ● müssen gewechselt werden, sobald sie mit einem kon-

● Fingernägel sind kurz und rund geschnitten. taminierten Bereich in Kontakt gekommen sind.
● dürfen i. d. R. nicht desinfiziert werden.
● kein Nagellack, keine künstlichen Fingernägel
● müssen nach jedem Patientenkontakt gewechselt werden.
● kein Schmuck an den Händen und Unterarmen
● dürfen nur kurz getragen werden (→ Hautirritationen,
● bei Entzündung an Händen und Unterarmen den Betriebs-
arzt aufsuchen Kontaktdermatitis).
● dürfen nicht in der Kitteltasche getragen werden.
● Händewaschen entsprechend den Indikationen
● sind kein Ersatz für Händedesinfektion.
● konsequente Hautpflege der Hände
● müssen nach Gebrauch kontaminationsfrei abgelegt wer-

den.
Indikationen Händewaschen
● zum Dienstbeginn und nach Dienstende Nach TRBA 250 (Technische Regeln zum Umgang mit biolo-
● nach dem Besuch der Toilette gischen Arbeitsstoffen) sollen Handschuhe getragen werden
bei folgenden Indikationen:
● bei sichtbarer Verschmutzung
● vor und nach dem Rauchen Indikationen unsterile Handschuhe
● Legen von peripheren Gefäßzugängen und Blutentnah-
Die Hände sollten mit hautverträglicher, rückfettender Flüs- men
sigseife gewaschen und mit lauwarmem Wasser gründlich
● Umgang mit benutzten Instrumenten, z. B. Kanülen, Skal-
abgespült werden. Anschließend werden sie mit Einmal-
pellen
papiertüchern abgetrocknet und mit Hautschutzcreme ge-
● Intubation, Extubation (wenn Tubus steril ist)
pflegt.
● Pflege von inkontinenten Patienten

● Entsorgung und Transport von potenziell infektiösen Ab-


Hygienische Händedesinfektion fällen
Die hygienische Händedesinfektion beseitigt wirkungsvoll ● Reinigung und Desinfektion von kontaminierten Flächen
transiente („nicht heimische“, vorübergehend an der Haut- und Gegenständen
oberfläche vorhandene) Bakterienflora. Sie ist die effektivste ● Reparatur, Wartung, Instandsetzung von kontaminierten
Methode der Prävention nosokomialer Infektionen. Indika- medizinischen Geräten
tionen:
● vor und nach jedem Patientenkontakt
Indikationen sterile Handschuhe
● vor aseptischen Tätigkeiten, z. B. Verbandwechsel, Absau- ● Punktionen und Injektionen in Gelenke
gen, Richten von Infusionen ● Legen von zentralen Gefäßzugängen
● nach Kontakt mit Oberflächen der unmittelbaren Patien- ● Operieren, Instrumentieren, Versorgen von Wunden
tenumgebung ● endotracheales Absaugen
● nach dem Ausziehen der Schutzhandschuhe

● nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material, z. B.

Ausscheidungen Schutzkleidung
Eine Übersicht zu Berufs-, Bereichs- und Schutzkleidung fin-
den Sie in ▶ Tab. 15.1.
Chirurgische Händedesinfektion Indikationen für das Tragen von Schutzkleidung:
● Ziel: Abtötung der transienten Bakterienflora und die ● Einmalschürze/Bettenschürze: bei engem Kontakt mit Pa-
weitgehende Reduktion der residenten („heimischen“, in tienten, z. B. Waschen
der Oberhaut siedelnden) Hautflora ● Schutzkittel: bei isolierten Patienten
● Indikation: alle operativen Eingriffe. Die Hände werden ● Schutzanzug: bei neuen, unbekannten Erregern
(nach Waschen mit Wasser und Seife) entsprechend der 6- ● Augenschutz/Schutzbrille: bei Gefahr, mit erregerhaltigen
Schritte-Methode 1–3 Minuten (abhängig vom Mittel) in- Aerosolen in Kontakt zu kommen (z. B. beim Absaugen)
klusive der Unterarme 2-mal hintereinander desinfiziert.

108
Standardhygiene

Tab. 15.1 Berufskleidung, Bereichskleidung, Schutzkleidung.

Art der Kleidung Berufskleidung Bereichskleidung Schutzkleidung

Wo und wann wird sie Gesundheitsinstitutionen, bei Patien- bestimmte Bereiche der Klinik, Versorgung von Patienten mit
getragen? tenversorgung z. B. OP, Intensivstation bestimmten Krankheitserregern

Wie sieht sie aus? kurzärmliges Oberteil, Hose lang wie Berufskleidung, nur farblich Einmalschürze, Schutzkittel,
entsprechend dem Bereich, Schutzanzug, Schutzbrille, Mund-
z. B. grüne Kleidung für OP Nasen-Schutz

Wann wird sie gewechselt? alle 2 Tage oder bei Bedarf, z. B. bei täglich und beim Verlassen des entsprechend der Indikation
Verschmutzung Bereichs

Entsorgung Klinikwäsche Klinikwäsche entsprechend den Hygieneleit-


linien

● Mund-Nasen-Schutz: zum Schutz des Patienten und bei Umgang mit Desinfektionsmitteln
Gefahr, mit erregerhaltigen Flüssigkeiten (Spritzer, große ● Für Flächen > 1 m2 sind alkoholhaltige Lösungen ungeeig-

Tröpfchen) in Kontakt zu kommen net (Explosionsgefahr).


● spezielle Atemschutzmasken (FFP2 oder FFP3): Schutz vor ● Desinfektionsmittellösungen müssen immer mit kaltem

Erregern, die über Aerosole übertragen werden Wasser angesetzt werden, sonst besteht die Gefahr des
Wirkungsverlustes durch Ausdunstung von toxischen
Dämpfen.
15.2.4 Reinigung, Desinfektion und ● Dabei muss auf die richtige Konzentration geachtet wer-

Sterilisation den (Dosiertabellen!).


● Desinfektionsmittelwannen müssen abgedeckt werden

Definition Reinigung (Ausdunstung der toxischen Dämpfe).


Bei der Reinigung wird Schmutz entfernt. Dies kann chemisch ● Bei Kontakt mit Konzentraten müssen Augenschutz und
oder physikalisch sowie manuell oder maschinell erfolgen. Dabei chemikalienbeständige Handschuhe (Nitril) getragen wer-
wird die Zahl der Krankheitserreger reduziert. den.
● Lappen zur Desinfektion regelmäßig wechseln bzw. Ein-
Definition Desinfektion mallappen bevorzugen
Desinfektion ist die Reduzierung, Inaktivierung und Abtötung von ● Die Nutzungszeit einer Desinfektionslösung entspricht
Krankheitserregern bis zu einem Zustand, in dem Ansteckung ver- den Herstellerangaben. Anbruchdatum der Einmaldes-
hindert wird (Antisepsis). Sie kann chemisch und thermisch erfol- infektionstücher immer sichtbar vermerken!
gen.
Indikationen
Desinfektionsverfahren ● Patientennahes Umfeld täglich wischdesinfizieren, z. B.
● Einlegemethode: Gegenstände werden vollständig in ent-
Nachtschränkchen, Krankenbett, Touchscreens der Über-
sprechende Lösung gelegt, z. B. Waschschüsseln. Die vom wachungsgeräte.
Hersteller vorgegebene Einwirkzeit muss beachtet wer- ● Mit Blut, Stuhl oder Erbrochenem kontaminierte Flächen
den. sofort desinfizierend reinigen.
● Wischdesinfektion: Gegenstände und Flächen werden mit
● Der Boden braucht nur in Risikobereichen desinfiziert zu
Desinfektionslösung feucht inklusive Verschmutzungen werden (durch das Reinigungspersonal).
abgewischt. Die Einwirkzeit bzw. Trocknungszeit muss be-
● Schlussdesinfektion des Zimmers inklusive aller Gegen-
achtet werden.
stände und Geräte erfolgt bei Infektionskrankheit oder
● Sprühdesinfektion: nur bei schlecht zugänglichen Flächen
Entlassung/Verlegung des Patienten (durch das Rei-
nutzbar. Nicht immer effektiv, da die Benetzung unvoll- nigungspersonal).
ständig sein kann. Es besteht die Gefahr der Reizung von
Atemwegen und Augen.
Definition Sterilisation
● thermische Desinfektion: Krankheitserreger auf Gegen-
Sterilisation ist ein Verfahren zur Abtötung von vermehrungsfähi-
ständen werden durch Hitze abgetötet. Anhaftender gen Mikroorganismen, inklusive Sporen und Viren (Asepsis).
Schmutz muss vorher entfernt worden sein.
● Desinfektion mit strömendem Dampf: Matratzen, Kissen,
Die Wahl des Sterilisationsverfahrens richtet sich nach dem
Textilien lassen sich effektiv desinfizieren. Material des Sterilguts. Es gibt folgende Methoden:
● Desinfektion mit Strahlen: Kurzwellige UV-Strahlen inak- ● Dampf-/physikalische Sterilisation
tivieren Bakterien, z. B. im Trinkwasser oder Warmwasser. ● Sterilisation mit Strahlen
● thermisch-chemische Desinfektion: Kombination aus Hit- ● Plasmasterilisation
ze und chemischen Reinigungsmitteln, z. B. in Steck- ● Gassterilisation
beckenautomaten
l
15 Hygiene

15.2.5 Umgang und Aufbereitung ● durchgangsärztlichen Bericht (Unfallmeldung) an zustän-


digen Versicherungsträger senden
von Medizinprodukten
Definition Medizinprodukte 15.2.7 Umgang mit Klinikwäsche
Medizinprodukte sind Gegenstände oder Stoffe, die zu diagnosti- ● Benutzte Wäsche muss umgehend in einem speziellen
schen oder therapeutischen Zwecken bei Menschen angewendet
Wäschesack entsorgt werden. Sie darf nicht auf dem Fuß-
werden, z. B. Instrumente, Verbandstoffe, Röntgengeräte.
boden oder unter dem Patientenbett abgelegt werden.
● Klinikwäsche wird mit einem desinfizierenden Verfahren
Richtlinien zum Umgang mit gereinigt.
Medizinprodukten ● Saubere Klinikwäsche wird in verschlossenen Schränken
oder Wagen gelagert.
Die beim RKI angesiedelte Kommission für Krankenhaushy-
giene und Infektionsprävention (KRINKO) und das Bundes-
institut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ha- ! Merke Händedesinfektion vor Wäscheentnahme
ben eine gemeinsame Richtlinie zur Aufbereitung von Medi- Wegen der Gefahr einer Schmierinfektion müssen die Hände vor
zinprodukten aufgestellt. der Entnahme der frischen Wäsche aus einem Schrank oder Wa-
Diese Richtlinien sind im Medizinproduktegesetz (MPG), gen desinfiziert werden!
in der Medizinprodukte-Betreiberverordnung (MPBetreibV)
und in den Richtlinien des Robert Koch-Instituts (RKI) hin- 15.2.8 Umgang mit Pflegeutensilien
terlegt.
Pflegeutensilien (z. B. Waschschüssel, Toilettenstühle, Ra-
sierapparate) müssen nach Gebrauch entsprechend den Hy-
Aufbereitung gienerichtlinien oder dem Desinfektionsplan der Klinik auf-
● Einmalprodukte dürfen nicht wiederaufbereitet und müs- bereitet werden (Art der Desinfektionslösung und Einwirk-
sen nach Gebrauch entsorgt werden. zeit beachten!). Steckbecken und Urinflaschen werden in
Automaten unter thermisch-reinigender Desinfektion auf-
● auf Station: z. B. Fieberthermometer, mit alkoholischen,
bereitet.
hautfreundlichen Desinfektionslösungen
Für die Pflege isolierter Patienten werden die Pflegeuten-
● in der ZSVA (zentrale Sterilgut-Versorgungsabteilung): silien ausschließlich patientenbezogen benutzt.
z. B. bei chirurgischen Instrumenten

Aufbewahrung 15.3 Isolationsmaßnahmen


● Medizinprodukte werden in geschlossenen Behältern,
Definition Isolation
Schränken oder Schubläden aufbewahrt.
Isolation ist eine prophylaktische Hygienemaßnahme mit dem
● Die Lagerung soll staubfrei, trocken, ohne Sonnenein- Ziel, eine Übertragung von Krankheitserregern auf Patienten, Per-
strahlung und bei Raumtemperatur erfolgen. sonal und Besucher zu verhindern.
● Bei der Aufbewahrung gilt die Regel „first in, first out“.
● Ein Behandlungsindikator auf sterilisierten Produkten Die konkreten Isolationsmaßnahmen richten sich nach dem
weist auf die erfolgreiche Sterilisation hin. Übertragungsweg der Krankheitserreger. Sie sind im Hygie-
● Alle Medizinprodukte dürfen erst unmittelbar vor der An- neplan der Einrichtung festgelegt.
wendung geöffnet werden.

15.3.1 Allgemeine Regeln


15.2.6 Schutz vor Stich- und ● Patienten in der Regel in Einzelzimmern mit einer Nass-
Schnittverletzungen zelle/Bad unterbringen.
● Ein Schild an der Tür weist auf besondere Hygienemaß-
ACHTUNG nahmen hin. Besucher werden aufgefordert, das Pflege-
Spitze Gegenstände wie Kanülen und Lanzetten müssen in durch- team vor Betreten des Patientenzimmers zu kontaktieren.
stichsicheren Behältern entsorgt werden. Ein Recapping ist ver- ● Aus Datenschutzgründen dürfen die Infektionskeime nicht
boten, weil dadurch die Gefahr einer Stichverletzung gegeben ist. öffentlich genannt werden. Um die besonderen Hygiene-
maßnahmen einzuhalten, richten sich die Mitglieder des
therapeutischen Teams nach einer Legende, die inner-
Verhalten bei Nadelstichverletzungen betrieblich festgelegt worden ist.
● Blutung aus der Wunde fördern ● Patienten dürfen das Zimmer nur zu Untersuchungen und
● intensive Desinfektion durchführen mit Einhaltung entsprechender Schutzmaßnahmen ver-
● falls möglich, potenzielle Infektionsquelle (Patient) identi- lassen.
fizieren, um eine serologische Testung (auf Hepatitis B ● die Anzahl der Kontaktpersonen, inklusive der Besucher,
oder C sowie HIV) durchführen zu können → dafür ist eine auf ein Minimum reduzieren (Bezugspflege)
Patienteneinwilligung erforderlich ● isolierte Patienten möglichst zuletzt versorgen
● Verletzung unverzüglich einem Durchgangsarzt bzw. Be- ● Pflegeutensilien patientenbezogen nutzen, täglich desinfi-
triebsarzt melden zieren und bis zur Entlassung im Zimmer lassen

110
l
15 Hygiene

15.2.5 Umgang und Aufbereitung ● durchgangsärztlichen Bericht (Unfallmeldung) an zustän-


digen Versicherungsträger senden
von Medizinprodukten
Definition Medizinprodukte 15.2.7 Umgang mit Klinikwäsche
Medizinprodukte sind Gegenstände oder Stoffe, die zu diagnosti- ● Benutzte Wäsche muss umgehend in einem speziellen
schen oder therapeutischen Zwecken bei Menschen angewendet
Wäschesack entsorgt werden. Sie darf nicht auf dem Fuß-
werden, z. B. Instrumente, Verbandstoffe, Röntgengeräte.
boden oder unter dem Patientenbett abgelegt werden.
● Klinikwäsche wird mit einem desinfizierenden Verfahren
Richtlinien zum Umgang mit gereinigt.
Medizinprodukten ● Saubere Klinikwäsche wird in verschlossenen Schränken
oder Wagen gelagert.
Die beim RKI angesiedelte Kommission für Krankenhaushy-
giene und Infektionsprävention (KRINKO) und das Bundes-
institut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ha- ! Merke Händedesinfektion vor Wäscheentnahme
ben eine gemeinsame Richtlinie zur Aufbereitung von Medi- Wegen der Gefahr einer Schmierinfektion müssen die Hände vor
zinprodukten aufgestellt. der Entnahme der frischen Wäsche aus einem Schrank oder Wa-
Diese Richtlinien sind im Medizinproduktegesetz (MPG), gen desinfiziert werden!
in der Medizinprodukte-Betreiberverordnung (MPBetreibV)
und in den Richtlinien des Robert Koch-Instituts (RKI) hin- 15.2.8 Umgang mit Pflegeutensilien
terlegt.
Pflegeutensilien (z. B. Waschschüssel, Toilettenstühle, Ra-
sierapparate) müssen nach Gebrauch entsprechend den Hy-
Aufbereitung gienerichtlinien oder dem Desinfektionsplan der Klinik auf-
● Einmalprodukte dürfen nicht wiederaufbereitet und müs- bereitet werden (Art der Desinfektionslösung und Einwirk-
sen nach Gebrauch entsorgt werden. zeit beachten!). Steckbecken und Urinflaschen werden in
Automaten unter thermisch-reinigender Desinfektion auf-
● auf Station: z. B. Fieberthermometer, mit alkoholischen,
bereitet.
hautfreundlichen Desinfektionslösungen
Für die Pflege isolierter Patienten werden die Pflegeuten-
● in der ZSVA (zentrale Sterilgut-Versorgungsabteilung): silien ausschließlich patientenbezogen benutzt.
z. B. bei chirurgischen Instrumenten

Aufbewahrung 15.3 Isolationsmaßnahmen


● Medizinprodukte werden in geschlossenen Behältern,
Definition Isolation
Schränken oder Schubläden aufbewahrt.
Isolation ist eine prophylaktische Hygienemaßnahme mit dem
● Die Lagerung soll staubfrei, trocken, ohne Sonnenein- Ziel, eine Übertragung von Krankheitserregern auf Patienten, Per-
strahlung und bei Raumtemperatur erfolgen. sonal und Besucher zu verhindern.
● Bei der Aufbewahrung gilt die Regel „first in, first out“.
● Ein Behandlungsindikator auf sterilisierten Produkten Die konkreten Isolationsmaßnahmen richten sich nach dem
weist auf die erfolgreiche Sterilisation hin. Übertragungsweg der Krankheitserreger. Sie sind im Hygie-
● Alle Medizinprodukte dürfen erst unmittelbar vor der An- neplan der Einrichtung festgelegt.
wendung geöffnet werden.

15.3.1 Allgemeine Regeln


15.2.6 Schutz vor Stich- und ● Patienten in der Regel in Einzelzimmern mit einer Nass-
Schnittverletzungen zelle/Bad unterbringen.
● Ein Schild an der Tür weist auf besondere Hygienemaß-
ACHTUNG nahmen hin. Besucher werden aufgefordert, das Pflege-
Spitze Gegenstände wie Kanülen und Lanzetten müssen in durch- team vor Betreten des Patientenzimmers zu kontaktieren.
stichsicheren Behältern entsorgt werden. Ein Recapping ist ver- ● Aus Datenschutzgründen dürfen die Infektionskeime nicht
boten, weil dadurch die Gefahr einer Stichverletzung gegeben ist. öffentlich genannt werden. Um die besonderen Hygiene-
maßnahmen einzuhalten, richten sich die Mitglieder des
therapeutischen Teams nach einer Legende, die inner-
Verhalten bei Nadelstichverletzungen betrieblich festgelegt worden ist.
● Blutung aus der Wunde fördern ● Patienten dürfen das Zimmer nur zu Untersuchungen und
● intensive Desinfektion durchführen mit Einhaltung entsprechender Schutzmaßnahmen ver-
● falls möglich, potenzielle Infektionsquelle (Patient) identi- lassen.
fizieren, um eine serologische Testung (auf Hepatitis B ● die Anzahl der Kontaktpersonen, inklusive der Besucher,
oder C sowie HIV) durchführen zu können → dafür ist eine auf ein Minimum reduzieren (Bezugspflege)
Patienteneinwilligung erforderlich ● isolierte Patienten möglichst zuletzt versorgen
● Verletzung unverzüglich einem Durchgangsarzt bzw. Be- ● Pflegeutensilien patientenbezogen nutzen, täglich desinfi-
triebsarzt melden zieren und bis zur Entlassung im Zimmer lassen

110
Multiresistente Erreger

● Einwegmaterial entsprechend dem Tagesbedarf im Zim- Risikopatienten


mer lagern. Pflegewagen nicht mit ins Zimmer nehmen
● Menschen mit chronischen Erkrankungen, z. B. Diabetes
● Zimmergegenstände (Nachtkästchen), Bad, Kontaktflä-
mellitus
chen (Türgriffe) täglich desinfizieren
● Menschen mit Wunden, z. B. OP-Wunden, oder mit chro-
● Die Nutzung der persönlichen Schutzausrüstung richtet
nischen Hautläsionen, z. B. Ulcus cruris
sich nach dem Hygieneplan der Klinik. Flüssigkeitsdichte,
langärmlige Schutzkittel, die am Rücken geschlossen sind, ● Dialysepatienten
Handschuhe und Mund-Nasen-Schutz tragen. Bei aeroge- ● Menschen, die oft Antibiotika einnehmen oder im Kran-
ner Übertragung ist eine FFP2-Maske erforderlich. kenhaus sind
● Einweggeschirr nutzen und direkt im Patientenzimmer ● Patienten mit dauerhaft liegenden Zugängen, z. B. Trache-
entsorgen. Herkömmliches Geschirr direkt in den Essens- ostoma oder PEG
wagen entsorgen (keine Zwischenlagerung außerhalb des ● ältere Menschen aufgrund altersspezifischer Immun-
Patientenzimmers) schwäche
● Isolationspatienten am Ende des OP-Programms einplanen ● Personen mit häufigem Kontakt zu MRSA-Trägern, z. B.
● Isolationszimmer zuletzt reinigen. Nach der Aufhebung Klinikpersonal
einer Isolation bzw. nach der Entlassung die Zimmer ● Personen, die beruflich direkten Kontakt mit Tieren in der
schlussdesinfizieren Landwirtschaft haben, z. B. Schweinezüchter
● Informieren, Schulen, Anleiten, Beraten: Um einer Keim-
übertragung entgegenzuwirken, ist es wichtig, die Patien-
ten und Angehörigen über die Schutzmaßnahmen zu in-
Screening auf MRSA
formieren und sie in den Umgang mit Schutzkleidung so- ● In manchen Kliniken werden die o. g. Risikopatienten be-
wie in die korrekte Händedesinfektion einzuweisen. reits bei der Aufnahme auf MRSA getestet. Mithilfe eines
Abstrichtupfers werden beide Seiten der Nase und ggf. des
Rachens abgestrichen.
15.3.2 Spezielle Arten der Isolation ● Bis zum Ergebnis des Tests (meistens 1 Tag) wird der ge-
● Schutzisolation oder Umkehrisolation: Ziel ist, die Patien- fährdete Patient in einem Einzelzimmer untergebracht.
ten vor Keimen der Umgebung zu schützen. Angewandt
wird sie z. B. bei Patienten mit einem geschwächten Im- Isolationsmaßnahmen
munsystem, z. B. nach einer Chemotherapie.
● Kohortenisolation: Patienten mit derselben Infektionskrank- Patienten mit MRSA werden isoliert, im Einzelzimmer oder
heit werden gemeinsam in einem Patientenzimmer isoliert. mit anderen MRSA-Patienten (Kohortenisolation).
● bei Betreten des Zimmers: langärmlige Einmalschutzkittel

tragen
15.4 Multiresistente Erreger ● Wenn der Erreger im Mund-Nasen-Raum oder in der Lun-

ge sitzt, müssen zusätzlich Handschuhe und ein Mund-


Definition Multiresistente Erreger Nasen-Schutz getragen werden.
● weitere Maßnahmen siehe Kap. 15.3
Multiresistente Erreger (MRE) sind Erreger, die gegen mehrere
Antibiotika resistent (widerstandsfähig) sind.
! Merke Langlebige MRSA
Der unüberlegte Einsatz von Antibiotika fördert die Ent- MRSA kann Monate auf Flächen, Instrumenten und Kleidung
wicklung von Resistenzen. Zu den bedeutendsten multi- überleben. Wird der Patient entlassen, muss das Zimmer inklusive
resistenten Erregern gehören: der Pflegeutensilien schlussdesinfiziert werden. Alle benutzten
● MRSA: Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus Pflegemittel werden fachgerecht entsorgt.
● ESBL: meist gramnegative Enterobakterien, die das Enzym

„extended spectrum betalactamase“ bilden Sanierungsmaßnahmen bei Besiedelung


● VRE: Vancomycin-resistente Enterokokken
● bei bloßer Besiedelung ohne Infektion: keine Antibiose
● MRGN: multiresistente gramnegative Bakterien)
● Bei Besiedelung der Nase wird über 5 Tage eine antibioti-
sche Nasensalbe aufgetragen.
15.4.1 MRSA ● Ist der Rachen besiedelt, muss der Patient über 5–7 Tage
mit einer entsprechenden Mundspüllösung gurgeln.
MRSA sind häufig Verursacher nosokomialer Infektionen ● Ist die Haut befallen, müssen der Körper und die Haare an
und gegen gängige Antibiotika resistent. Staphylokokken ge-
5 aufeinanderfolgenden Tagen mit einer antibakteriellen
deihen in warmem und feuchtem Milieu, z. B. in den Ach-
Waschlotion gewaschen werden. Das Bett wird täglich be-
seln, Leisten und im Perianalbereich, außerdem in Sekreten
zogen, die Matratze und alle Pflegeutensilien werden
der Atemwege, in Wunden, im Urin oder im Blut.
wischdesinfiziert.
● 3 Tage nach Abschluss der Sanierung werden an 3 folgen-
Übertragung den Tagen Abstriche abgenommen. Bei negativen Ergeb-
nissen wird die Isolation aufgehoben.
Die Erreger werden meistens als Kontaktinfektion direkt
über die Hände übertragen oder indirekt, z. B. über die Klei-
dung oder die Patientenakte. Die Gefahr einer aerogenen In-
fektion besteht nicht.
l
15 Hygiene

KOMPAK T

Hygiene
● Krankheitserreger (Bakterien, Viren, Pilze, Parasiten
und Prionen) lösen Infektionen oder übertragbare Er-
krankungen aus.
● Übertragungswege: Tröpfcheninfektion, aerogene In-
fektion, Kontaktinfektion
● Übertragungsarten: direkt, indirekt, enteral, parente-
ral, endogen und exogen
● Ursachen nosokomialer Infektionen: z. B. Patienten-,
Umweltfaktoren, technologische oder menschliche Fak-
toren
● Händedesinfektion ist die effektivste Maßnahme zur
Vermeidung nosokomialer Infektionen.
● Maßnahmen der Standardhygiene: u. a. Händedes-
infektion, Händewaschen, Schutzhandschuhe, Schutz-
kleidung, Hustenetikette, Desinfektion und Sterilisation
● Isolationsmaßnahmen sollen die Übertragung von
Krankheitserregern (auf Patienten, Personal, Besucher)
verhindern.
● Maßnahmen bei MRSA: u. a. Insolieren, Schutzklei-
dung tragen, Sanierung (z. B. antibiotische Nasensalbe,
Mundspüllösung

112
16
Vitalparameter und
Körpertemperatur beobachten
und kontrollieren

rhythmisch arrhythmisch Kußmaul-Atmung Biot-Atmung Schlafapnoe

hart Schonatmung z.B. Stridor


weich
Norm: Tiefe, z.B. Rhythmus, z.B.
60–100/Min.* Bradypnoe Geräusch
Rhythmus Qualität, z.B.
Tachypnoe Frequenz Orthopnoe
Tachykardie:
Frequenz
> 100/Min.*
Urin Geruch, z.B. Dyspnoe
Bradykardie: Azeton
< 60/Min.* Norm:
14–16/Min.*
*beim Erwachsenen beurteilen unbemerkt beobachten Veränderungen
Eupnoe
1 Min. auszählen messen
15 Sek. zählen
messen Puls beurteilen
→x4

A. radialis

unter Atmung
gleichen
Bedingungen
MAD
in Ruhe bei Belastung
Hypotonie: syst.
< 100 mmHg*
Körpertemperatur Blutdruck

Norm: ca.
beurteilen messen, z.B. beurteilen
120/80 mmHg*
axillar rektal
Erstmessung Hypertonie:
messen > 140/90 mmHg*
an beiden Armen
sublingual aurikulär
beim Anlegen
Hypothermie Hyperthermie in Ruhe Manschette !
< 36 °C > 37,5 °C luftleer

Arm auf Herzhöhe hypertensive Krise:


Norm: ⅔ des
> 180/120 mmHg*
36,5–37,5 °C Fieber: > 38 °C Oberarms
Blutdruck

Bradykardie: durch z. B. Medikamente (Beta-Blocker, Digi-


16.1 Puls ●

talispräparate etc.), Vergiftungen, Störungen der Erre-


gungsbildung bzw. -überleitung im Herzen (z. B. bei Herz-
16.1.1 Physiologische Grundlagen infarkt, Hyperkaliämie), erhöhtem Hirndruck (Vagusreiz)
Während der Systole kontrahiert der Herzmuskel und ● Tachykardie: durch z. B. Schmerzen, Fieber, verminderte
pumpt ruckartig Blut in die Aorta. Dadurch wird eine Puls- Herzpumpleistung, Flüssigkeitsmangel, Schilddrüsenüber-
welle erzeugt, die das Blut in die peripheren Gefäße treibt. funktion, Hypokaliämie, Herzinfarkt, Medikamente (z. B.
Diese Pulswelle kann als Puls an oberflächlichen Arterien Bronchodilatatoren)
getastet werden. ● Pulsqualität: gibt Auskunft darüber, wie hart die Pulswel-
len sind, wie rasch sie ansteigen und wie hoch ihre Ampli-
tude ist. Ein harter Puls ist z. B. häufig im Zusammenhang
16.1.2 Messen des Pulses einer Hypertonie zu beobachten, ein weicher Puls hin-
● Zeitpunkt: Puls bei Aufnahme und im Verlauf täglich mes- gegen kann Anzeichen einer Hypotonie sein.
sen, immer unter den gleichen Bedingungen (z. B. in Ruhe, ● Info an Arzt: Wenn der Puls stark erhöht oder erniedrigt
morgens vor dem Frühstück). Bei Verschlechterung des ist. Weitere Begleiterscheinungen zu beobachten sind
Allgemeinzustands oder Veränderung der Situation eng- (z. B. Schwindel, Abgeschlagenheit, Bewusstseinsstörun-
maschige Überwachung. gen). Mehrere Vitalparameter auffällig sind. Es im Verlauf
● Messtechnik: Arterie mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger zu Veränderungen kommt.
tasten (nicht mit Daumen, Eigenpuls!), Puls 15 Sek. zäh-
len, ermittelten Wert mit 4 multiplizieren. Dabei auf
Rhythmus und Qualität achten. Bei Neuaufnahme, Ar- 16.2 Blutdruck
rhythmie, Brady- oder Tachykardie Puls 1 Min. auszählen.
● häufigster Messort: A. radialis (Innenseite Handgelenk), 16.2.1 Physiologische Grundlagen
leicht zugänglich Der gemessene Blutdruck ist ein Maß für die Kraft, die das
● Indikatoren für andere Messorte: Beurteilung der Bein- zirkulierende Blut auf die Gefäßwände ausübt. Er ist abhän-
durchblutung (A. tibialis posterior, A. dorsalis pedis); kein gig von der Pumpleistung des Herzens und dem Gefäß-
Puls am Handgelenk tastbar, z. B. bei Schock (Hals- oder widerstand der Arterien.
Leistenarterie) ● Pumpleistung: ergibt sich aus dem Schlagvolumen (in ml)

und der Herzfrequenz (Schläge/Minute)


● Gefäßwiderstand: Ist abhängig vom Durchmesser der Ge-
16.1.3 Puls beurteilen fäße. Je kleiner der Durchmesser, desto größer ist der Wi-
● altersentsprechende Normwerte: siehe ▶ Tab. 16.1 derstand. Folglich ist der Blutdruck höher.
● Pulsfrequenz: Anzahl der getasteten Pulswellen pro Minute ● Windkesselfunktion: Die elastische Aorta dehnt sich wäh-

● Pulsrhythmus: rend der Systole aus und nimmt Blut auf. Dann zieht sie
– rhythmischer Puls: gleich lange Abstände zwischen den sich in der Diastole zusammen und sorgt dafür, dass das
Pulswellen Blut mit nur moderatem Druckabfall gleichmäßig weiter-
– arrhythmischer Puls: unterschiedlich lange Abstände fließt.
zwischen den Pulswellen
● Physiologische Schwankungen nach unten (z. B. bei Sport- 16.2.2 Messen des Blutdrucks
lern, im Schlaf) oder oben (z. B. bei psychischer Erregung,
Anstrengung, Kaffeekonsum) sind möglich. Wichtig ist: ● Zeitpunkt: Blutdruck bei Aufnahme und im Verlauf täglich
Wie geht es dem Patienten? Hat er Luftnot? Ist er kalt- messen, immer unter den gleichen Bedingungen (z. B. in
schweißig? Sind andere Vitalparameter auffällig? Ruhe, morgens vor dem Frühstück). Bei Verschlechterung

Tab. 16.1 Puls: Normwerte und Abweichungen.

Pulsfrequenz Normwerte Bradykardie Tachykardie

Alter Schläge pro Minute

Neugeborenes (0−4 Wochen) 90–170 < 90 > 170

Säugling (< 1 Jahr) 80–170 < 80 > 170

Kleinkind (1−6 Jahre) 80–120 < 80 > 120

Schulkind (7−12 Jahre) 70–110 < 70 > 120

Jugendlicher (13−18 Jahre) 60–100 < 70 > 110

Erwachsener (19−64 Jahre) 60–80 < 60 > 100

älterer Mensch (> 64 Jahre) 80–90 < 60 > 100


l
16 Vitalparameter und Körpertemperatur

des Allgemeinzustands oder Veränderung der Situation ● mittlerer arterieller Druck (MAD): Druck, der durch-
engmaschige Überwachung. schnittlich in den Arterien herrscht (normal: 70–
● Technik: Der Blutdruck kann indirekt mithilfe einer 105 mmHg).
Druckmanschette auskultatorisch, palpatorisch oder oszil- ● Blutdruckamplitude: Differenz zwischen systolischem und
latorisch gemessen werden. Das gängigste Verfahren ist diastolischem Druck
die indirekte auskultatorische Blutdruckmessung nach Ri- ● altersentsprechende Normwerte: siehe ▶ Tab. 16.2
va-Rocci (mit Manschette und Stethoskop): ● Hypotonie (beim Erwachsenen < 100/60 mmHg):
– Oberarm auf Herzhöhe positionieren – primäre Hypotonie: Ursache unbekannt
– passende Manschettengröße wählen (ca. ²̸3 der Ober- – sekundäre Form: Ursache bekannt, z. B. Herzerkrankun-
armlänge) gen, Volumenmangel, fehlerhafte antihypertensive Me-
– Manschette nicht zu locker anlegen dikation
– Manschette zügig aufpumpen und Radialispuls tasten ● Hypertonie (beim Erwachsenen > 140/90 mmHg): schädigt
(sobald Puls verschwindet + 30 mmHg) langfristig Herzmuskel, Nieren und Innenwände der Gefä-
– Stethoskopkopf beim Messen nicht mit dem Daumen fi- ße (Arteriosklerose). Die WHO unterscheidet verschiede-
xieren (Vorsicht: Eigenpuls!) ne Stufen bzw. Schweregrade (▶ Tab. 16.3)
– nicht zu lange stauen und Luft nicht zu rasch oder zu – primäre Hypertonie: Ursache unbekannt
langsam ablassen – sekundäre Hypertonie: z. B. Nierenerkrankung, hormon-
produzierender Tumor, Rauchen, Übergewicht, man-
ACHTUNG gelnde Bewegung
Keine Blutdruckmessung am betroffenen Arm: bei Shunt, Lymph- ● Info an Arzt: Wenn der Blutdruck stark erhöht oder er-
ödem, Ablatio mammae, Gefäßzugang oder Parese/Plegie! niedrigt ist. Wenn weitere Begleiterscheinungen zu beob-
achten sind (z. B. Schwindel, Abgeschlagenheit, Bewusst-
seinsstörungen). Wenn mehrere Vitalparameter auffällig
16.2.3 Blutdruck beurteilen sind. Wenn blutdrucksenkende Medikamente nicht aus-
● systolischer arterieller Blutdruck: Druck in den großen Ar- reichend oder zu stark wirken.
terien während der Systole (Auswurfphase). Entspricht
dem systolischen Druck in der linken Herzkammer.
● diastolischer arterieller Blutdruck: Druck in den großen
Arterien während der Diastole (Erschlaffungsphase).

Tab. 16.2 Blutdruck: Normwerte.

Normwerte RR systolische Werte diastolische Werte

Alter in Jahren in mmHg

Neugeborenes (0−4 Wochen) 80 35

Säugling (< 1) 85 40

Kleinkind (1−6) 95 50

Schulkind (7−12) 100 60

Jugendlicher (13−18) 110 70

Erwachsener (19−64) 120 80

älterer Mensch (> 64) 140 90

Tab. 16.3 Schweregrade der arteriellen Hypertonie.

Schweregrad systolisch (mmHg) diastolisch (mmHg)

hoch-normaler Blutdruck 130–139 85–89

milde Hypertonie (Stufe 1) 140–159 90–99

mittlere Hypertonie (Stufe 2) 160–179 100–109

schwere Hypertonie (Stufe 3) > 180 > 110

[Quelle: WHO]

116
Atmung

16.3 Atmung Veränderung der Atemfrequenz


● Tachypnoe: beschleunigte Atmung (> 20 Atemzüge/min),
16.3.1 Physiologische Grundlagen z. B. bei Fieber, Atemwegserkrankungen, Herzinsuffizienz,
Schock, Anämie
● Der Körper benötigt für den Stoffwechsel ständig frischen
Sauerstoff. ● Bradypnoe: verlangsamte Atmung (< 12 Atemzüge/min),
z. B. bei Schädel-Hirn-Trauma, gesteigertem Hirndruck,
● Sauerstoffarmes Blut wird mit Sauerstoff aus der Einatem-
Entzündungen des Gehirns, Überdosierung von Opiaten
luft angereichert.
● Der Gasaustausch findet in den Lungenbläschen (Alveo-
len) statt. Veränderungen der Atemtiefe
● Kohlenstoffdioxid, das beim Stoffwechsel entsteht, wird ● flache und langsame Atmung: z. B. bei Opiatvergiftung
durch die Ausatmung abgegeben. (Blutgasanalyse durchführen, da u. U. CO2 nicht ausrei-
chend abgeatmet wird!)
16.3.2 Atemfrequenz erheben ● flache und schnelle Atmung: meist schmerzbedingte
Schonatmung
● Zeitpunkt: Atemfrequenz bei Aufnahme und im Verlauf ● vertiefte Atmung: Wenn Blut übersäuert ist, versucht der
täglich erfassen, immer unter den gleichen Bedingungen Körper, CO2 durch sehr tiefe Atemzüge loszuwerden (Kuß-
(z. B. in Ruhe, morgens vor dem Frühstück). Bei Ver- maul-Atmung).
schlechterung des Allgemeinzustands oder Veränderung ● Schonatmung: reduzierte Atemtiefe aufgrund von
der Situation engmaschige Überwachung. Ein Atemzug Schmerzen
besteht immer aus einer Ein- und Ausatmung.
● Technik: Atmung vom Patienten unbemerkt beobachten
und auszählen, da es sonst zu falschen Messergebnissen Veränderungen des Atemrhythmus
kommen kann. Ein Tipp: Atmung im Anschluss an die ● Schlafapnoe: Atempausen > 10 Sekunden während des
Pulsmessung 1 Minute auszählen. Schlafes. Ursache: meist verengte Atemwege oder Blut-
● apparative Untersuchungen: hochdruck.
– Lungenfunktionstest (Lufu): Bestimmung der Atem- ● Cheyne-Stokes-Atmung: Atemzüge werden immer flacher,
und Lungenvolumina bis Atempause eintritt, dann wird Atmung wieder tiefer.
– Blutgasanalyse (BGA): Bestimmung der CO2- und Sauer- Ursache: lebensbedrohliche Störung des Atemzentrums.
stoffwerte im arteriellen Blut ● Biot-Atmung: unregelmäßige Atempausen, Atemtiefe
– Sauerstoffsättigung (sO2): Anteil des mit Sauerstoff ge- schwankt. Ursache: Störung des Atemzentrums z. B. bei
sättigten Hämoglobins erhöhtem Hirndruck.

16.3.3 Atmung beurteilen Atemgeräusche


● Eupnoe: normale Atmung (siehe ▶ Tab. 16.4) ● inspiratorischer Stridor: pfeifendes Geräusch bei Ein-
● Dyspnoe: Atemnot atmung. Typisch bei Verengung der oberen Atemwege,
z. B. Kehlkopfentzündungen
● Orthopnoe: starke Atemnot, bei der sich Patient aufrich-
tet, um die Atemhilfsmuskulatur einzusetzen ● exspiratorischer Stridor: pfeifendes Geräusch bei Aus-
atmung. Typisch bei Verengung der unteren Atemwege,
● Schnappatmung: Patient schnappt nur noch gelegentlich
z. B. Asthma bronchiale
nach Luft, die Schnappatmung geht der Apnoe voraus
● Schnarchen: flatternde Bewegung des Gaumensegels, da
● Apnoe: Patient atmet nicht mehr
Zunge zurückfällt

Geruch der Ausatemluft


Tab. 16.4 Atmung: Normwerte und Abweichungen.
● Azeton („obstartig“): Bei anhaltendem Insulinmangel
Atemfrequenz Eupnoe
bauen die Zellen Fett ab, um Energie zu gewinnen. Dabei
entstehen Ketonkörper, die in die Atemluft gelangen und
Alter Atemzüge pro min einen obstartigen Geruch verursachen.
● Ammoniak: Bei schweren Lebererkrankungen reichert
Neugeborenes (0−4 Wochen) 30–45 sich Ammoniak im Blut an. Dies führt zu einem stechend-
Säugling (< 1 Jahr) 25–35 beißenden Atemgeruch.
● Urin: bei Nierenerkrankungen
Kleinkind (1−6 Jahre) 20–30

Schulkind (7−12 Jahre) 18–25

Jugendlicher (13−18 Jahre) 16–22

Erwachsener (19−64 Jahre) 12–18


l
16 Vitalparameter und Körpertemperatur

16.4 Körpertemperatur Tab. 16.5 Körpertemperatur: Normwerte.

16.4.1 Physiologische Grundlagen Messort Normwerte

Das Regelzentrum der Thermoregulation sitzt im Hypotha- aurikulär 35,9–37,6 °C


lamus. Dieses Hirnareal erhält ständig Informationen über
die Körpertemperatur von den Thermorezeptoren des Kör- rektal 36,5–37,4 °C
pers. Weicht der Istwert vom Sollwert ab, reagiert der Hy-
sublingual 36,1–37,1 °C
pothalamus mit Ausgleichsmaßnahmen:
● Ist der Istwert zu niedrig, wird die Wärmeproduktion

durch hochfrequente Muskelarbeit erhöht („Zittern“).


● Ist der Istwert zu hoch, wird die Wärmeabgabe durch Er- 16.4.3 Körpertemperatur beurteilen
höhung der Schweißproduktion gesteigert.
● Normwerte: siehe ▶ Tab. 16.5.
Weitere Informationen zur Pflege bei Fieber finden Sie in ● physiologische Temperaturschwankungen: z. B. durch
Kap. 42. Hormone (bei Frauen während des Monatszyklus Schwan-
kungen von 1 °C), körperliche Aktivität, Sport, Sauna, im
! Merke Fieber Tagesverlauf (die Morgentemperatur ist ca. 0,5 °C nied-
riger als die Abendtemperatur)
Fieber ist eine Reaktion des Körpers auf Infektions-, Tumor- oder
Autoimmunerkrankungen, bei der im Hypothalamus der Sollwert ● Hypothermie: Werte unter 36,0 °C, z. B. durch postoperativ
der Körperkerntemperatur erhöht ist. gestörte Thermoregulation. Achtung: Immunabwehr und
Blutgerinnung sind beeinträchtigt. Im Extremfall drohen
Herzrhythmusstörungen.
16.4.2 Körpertemperatur messen ● Hyperthermie: Werte über 37,5 °C z. B. durch uner-
● Zeitpunkt: Temperatur bei Aufnahme und im Verlauf täg- wünschte Arzneimittelwirkung, Flüssigkeitsmangel beim
lich messen, immer unter den gleichen Bedingungen (z. B. Neugeborenen, „Hitzschlag“. Achtung: Die Abgrenzung zu
in Ruhe, morgens vor dem Frühstück). Bei Verschlechte- Fieber ist schwer und erfolgt durch den Arzt.
rung des Allgemeinzustands oder Veränderung der Situa- ● Fieber: Werte über 38,1 °C: siehe Kap. 42
tion engmaschige Überwachung. ● Wann ist ein Arzt zu informieren?
● Indikatoren für häufigere Messungen: Infektionen oder er-
höhte Infektionsgefahr (z. B. nach OPs oder Immun-
abwehrschwäche); Bewusstseinsstörungen; zerebrale Er- KOMPAK T
krankungen; Verbrennungen und Erfrierungen; Früh-
geburt, kranke Kinder und Säuglinge
Vitalparameter und Körpertemperatur beobachten
● Messorte:
und erheben
– äußerer Gehörgang (aurikulär): mit Infrarot-Ohrther-
mometer; bei langem Liegen auf dem Ohr oder bei viel ● beim Puls besonders achten auf: Frequenz, Rhythmus,
Ohrenschmalz besteht die Gefahr verfälschter Werte Qualität
– im After (rektal): Kontraindikation: Hämorrhoiden, ● normale Pulsfrequenz beim Erwachsenen: 60–100/Min.
hohe Blutungsneigung (z. B. bei Marcumar-Einnahme) ● wenn Puls arrhythmisch: eine komplette Minute aus-
– unter der Zunge (sublingual): Normwerte: 36,1–37,1 °C; zählen
ungeeignet: bei desorientierten Personen, Unruhe, Dys- ● Puls zu schnell (> 100/min): Tachykardie. Puls zu lang-
pnoe sam (< 60/min): Bradykardie
● Messorte beurteilen: ● normaler Blutdruck beim Erwachsenen: 80–89/120–
– Stirn, Leiste, Achsel (Schalentemperatur): wird im kli- 129 mmHg
nischen Umfeld selten gemessen, da zu ungenau ● bei der Atmung besonders achten auf: Frequenz, Atem-
– rektal und aurikulär: entspricht in etwa der Körperkern- tiefe, Rhythmus, Atemgeräusch (Stridor?), Geruch, Kör-
temperatur perhaltung, Mimik
– vaginal: entspricht zwar in etwa der Körperkerntem- ● Eupnoe: normale Atmung: 14–16 Atemzüge/Min.
peratur, wird in der Praxis dennoch kaum angewendet ● Tachypnoe: beschleunigte Atmung
(Intimsphäre!) ● Bradypnoe: verlangsamte Atmung
● Info an Arzt: wenn die Temperatur stark erhöht oder er- ● bei flacher, verlangsamter Atmung: Blutgasanalyse,
niedrigt ist, Begleiterscheinungen zu beobachten (z. B. sonst Gefahr der „CO2-Narkose“
Blässe oder Rötung der Haut, Zittern, Schüttelfrost,
● Körperkerntemperatur sollte relativ konstant 37 °C be-
Schwitzen, Durstgefühl, verminderte Urinausscheidung)
tragen. Weicht die Temperatur zu stark nach unten ab
oder mehrere Vitalparameter auffällig sind
(Hypothermie), drohen im Extremfall tödliche Herz-
rhythmusstörungen.
● Zeitpunkt von Puls-, Blutdruck- und Temperaturmes-
sung: bei Aufnahme des Patienten (Ausgangswert).
Dann einmal täglich. Engmaschiger, falls sich Zustand
verschlechtert.

118
l
16 Vitalparameter und Körpertemperatur

16.4 Körpertemperatur Tab. 16.5 Körpertemperatur: Normwerte.

16.4.1 Physiologische Grundlagen Messort Normwerte

Das Regelzentrum der Thermoregulation sitzt im Hypotha- aurikulär 35,9–37,6 °C


lamus. Dieses Hirnareal erhält ständig Informationen über
die Körpertemperatur von den Thermorezeptoren des Kör- rektal 36,5–37,4 °C
pers. Weicht der Istwert vom Sollwert ab, reagiert der Hy-
sublingual 36,1–37,1 °C
pothalamus mit Ausgleichsmaßnahmen:
● Ist der Istwert zu niedrig, wird die Wärmeproduktion

durch hochfrequente Muskelarbeit erhöht („Zittern“).


● Ist der Istwert zu hoch, wird die Wärmeabgabe durch Er- 16.4.3 Körpertemperatur beurteilen
höhung der Schweißproduktion gesteigert.
● Normwerte: siehe ▶ Tab. 16.5.
Weitere Informationen zur Pflege bei Fieber finden Sie in ● physiologische Temperaturschwankungen: z. B. durch
Kap. 42. Hormone (bei Frauen während des Monatszyklus Schwan-
kungen von 1 °C), körperliche Aktivität, Sport, Sauna, im
! Merke Fieber Tagesverlauf (die Morgentemperatur ist ca. 0,5 °C nied-
riger als die Abendtemperatur)
Fieber ist eine Reaktion des Körpers auf Infektions-, Tumor- oder
Autoimmunerkrankungen, bei der im Hypothalamus der Sollwert ● Hypothermie: Werte unter 36,0 °C, z. B. durch postoperativ
der Körperkerntemperatur erhöht ist. gestörte Thermoregulation. Achtung: Immunabwehr und
Blutgerinnung sind beeinträchtigt. Im Extremfall drohen
Herzrhythmusstörungen.
16.4.2 Körpertemperatur messen ● Hyperthermie: Werte über 37,5 °C z. B. durch uner-
● Zeitpunkt: Temperatur bei Aufnahme und im Verlauf täg- wünschte Arzneimittelwirkung, Flüssigkeitsmangel beim
lich messen, immer unter den gleichen Bedingungen (z. B. Neugeborenen, „Hitzschlag“. Achtung: Die Abgrenzung zu
in Ruhe, morgens vor dem Frühstück). Bei Verschlechte- Fieber ist schwer und erfolgt durch den Arzt.
rung des Allgemeinzustands oder Veränderung der Situa- ● Fieber: Werte über 38,1 °C: siehe Kap. 42
tion engmaschige Überwachung. ● Wann ist ein Arzt zu informieren?
● Indikatoren für häufigere Messungen: Infektionen oder er-
höhte Infektionsgefahr (z. B. nach OPs oder Immun-
abwehrschwäche); Bewusstseinsstörungen; zerebrale Er- KOMPAK T
krankungen; Verbrennungen und Erfrierungen; Früh-
geburt, kranke Kinder und Säuglinge
Vitalparameter und Körpertemperatur beobachten
● Messorte:
und erheben
– äußerer Gehörgang (aurikulär): mit Infrarot-Ohrther-
mometer; bei langem Liegen auf dem Ohr oder bei viel ● beim Puls besonders achten auf: Frequenz, Rhythmus,
Ohrenschmalz besteht die Gefahr verfälschter Werte Qualität
– im After (rektal): Kontraindikation: Hämorrhoiden, ● normale Pulsfrequenz beim Erwachsenen: 60–100/Min.
hohe Blutungsneigung (z. B. bei Marcumar-Einnahme) ● wenn Puls arrhythmisch: eine komplette Minute aus-
– unter der Zunge (sublingual): Normwerte: 36,1–37,1 °C; zählen
ungeeignet: bei desorientierten Personen, Unruhe, Dys- ● Puls zu schnell (> 100/min): Tachykardie. Puls zu lang-
pnoe sam (< 60/min): Bradykardie
● Messorte beurteilen: ● normaler Blutdruck beim Erwachsenen: 80–89/120–
– Stirn, Leiste, Achsel (Schalentemperatur): wird im kli- 129 mmHg
nischen Umfeld selten gemessen, da zu ungenau ● bei der Atmung besonders achten auf: Frequenz, Atem-
– rektal und aurikulär: entspricht in etwa der Körperkern- tiefe, Rhythmus, Atemgeräusch (Stridor?), Geruch, Kör-
temperatur perhaltung, Mimik
– vaginal: entspricht zwar in etwa der Körperkerntem- ● Eupnoe: normale Atmung: 14–16 Atemzüge/Min.
peratur, wird in der Praxis dennoch kaum angewendet ● Tachypnoe: beschleunigte Atmung
(Intimsphäre!) ● Bradypnoe: verlangsamte Atmung
● Info an Arzt: wenn die Temperatur stark erhöht oder er- ● bei flacher, verlangsamter Atmung: Blutgasanalyse,
niedrigt ist, Begleiterscheinungen zu beobachten (z. B. sonst Gefahr der „CO2-Narkose“
Blässe oder Rötung der Haut, Zittern, Schüttelfrost,
● Körperkerntemperatur sollte relativ konstant 37 °C be-
Schwitzen, Durstgefühl, verminderte Urinausscheidung)
tragen. Weicht die Temperatur zu stark nach unten ab
oder mehrere Vitalparameter auffällig sind
(Hypothermie), drohen im Extremfall tödliche Herz-
rhythmusstörungen.
● Zeitpunkt von Puls-, Blutdruck- und Temperaturmes-
sung: bei Aufnahme des Patienten (Ausgangswert).
Dann einmal täglich. Engmaschiger, falls sich Zustand
verschlechtert.

118
17 Körperpflege und Bekleidung

Zyanose kühl, blass warm, heiß


feucht
Blässe Ikterus lokale
Über- trocken
Rötung wärmung
Hauttemperatur schuppig

Hautfarbe, z.B. Hautoberfläche fettig

Hautturgor, z.B. stehende Hautfalte

Ödeme
Haut beobachten
und beurteilen Hilfestellung
Bekleidung beim An- und
Auskleiden
Hautpflege

Wohlbefinden fördern

Infektionsprohylaxe
Nicht bei Antikoagulanzien-
Ressourcen, Rituale,
therapie!
Wünsche erfragen bei der Körperpflege
unterstützen
Intimsphäre schützen nass
Ziele, z.B.
bei der Selbstpflege Rasur trocken
unterstützen Regeln, z.B.
Augenpflege
aktivierend-reinigende
Ganzkörperwaschung Nagelpflege
Formen
therapeutische Intimpflege Vorsicht bei
Ganzkörperwaschung (GKW) Mund- und
Zahnpflege Haarpflege Antikoagulantien- Diabetes
basal- belebende therapie mellitus
Nasenpflege
beruhigende GKW
GKW
Bei der Körperpflege unterstützen

17.1 Hautpflege 17.2 Bei der Körperpflege


17.1.1 Haut beobachten und unterstützen
beurteilen 17.2.1 Säureschutzmantel
Hautbeobachtung und -beurteilung sind eine zentrale Auf- Um die Haut in ihrer physiologischen Funktion zu erhalten,
gabe von Pflegenden. Meist erfolgen sie im Rahmen der Kör- ist es wichtig, sie entsprechend zu pflegen. Als dünner Hy-
perpflege und liefern wertvolle Informationen zum All- drolipidmantel stellt der Säureschutzmantel eine Barriere
gemeinzustand des Patienten. Die Beurteilung erfolgt an- für Krankheitserreger dar. Er besteht aus
hand der nachfolgenden Kriterien. ● Talg,

● Schweiß,

Hautfarbe ● Bestandteilen der Hornzellen,

● dient der Temperatur- und Flüssigkeitsregulation und


Die Hautfarbe lässt Rückschlüsse auf die Durchblutung der
● schützt die Haut vor Austrocknung.
Haut zu.
● Hautrötung: durch Vasodilatation (Erweiterung der Blut-

gefäße) bei Aufregung, körperlicher Anstrengung (physio- Das saure Milieu mit einem pH-Wert von ca. 5,5 schafft
logisch) oder bei arterieller Hypertonie, Fieber, Verbren- ideale Bedingungen für eine resistente Hautflora. Bereits
nungen (pathologisch) durch Waschen mit klarem Wasser wird der Säureschutz-
● Hautblässe: durch Vasokonstriktion (Verengung der Blut-
mantel verändert. Je höher die Wassertemperatur ist, desto
gefäße) bei Kälteexposition (physiologisch) oder bei Anä- stärker wird er in seiner Funktion als Schutzfilm bean-
mie, arterieller Hypotonie bis zum Schock (pathologisch) sprucht.
● Blaufärbung (Zyanose): durch verminderte O2-Sättigung

des Blutes bei verminderter Herzleistung, respiratorischer 17.2.2 Hautreinigungs- und


Insuffizienz bis zur Atemdepression durch Medikamen-
tenüberdosierung oder im Schock. Achtung! Bei Anämie -pflegeprodukte
tritt keine bzw. nur eine geringe Zyanose auf.
Die nachfolgende Tabelle (▶ Tab. 17.1) zeigt die Eigenschaf-
● Gelbfärbung (Ikterus): durch Störungen des Bilirubin-
ten und Wirkungen von Hautreinigungs- und -pflegepro-
abbaus und der -ausscheidung bei Säuglingen (physiolo- dukten auf die Haut.
gisch bis zum 6. Tag) oder bei Leber- und Gallenerkran-
kungen
17.2.3 Grundregeln bei der
Hauttemperatur Körperpflege
Die Hauttemperatur gibt auch Hinweise auf die Durchblu- Die Körperpflege kann dem Zustand und den Ressourcen
tung: des Patienten entsprechend im Bett, am Waschbecken oder
● kühl und blass bei verminderter Durchblutung in der Dusche erfolgen. Dabei sind folgende Regeln zu be-
● warm bis heiß bei vermehrter Durchblutung achten:
● lokale Überwärmung als Zeichen eines Entzündungsvor- ● Informationen sammeln (Allgemeinzustand, Ressourcen,

gangs Wünsche)
● Fenster schließen (Zugluft vermeiden, angenehme Raum-

temperatur)
Beschaffenheit der Hautoberfläche ● Pflegeutensilien und frische Kleidung bereitlegen
Die Haut kann feucht, trocken, schuppig oder fettig sein. ● Privat- und Intimsphäre wahren
Zur Beurteilung der Haut gehört immer auch die Einschät- ● vor dem Transfer aus dem Bett immer Vitalparameter kon-
zung des Dekubitusrisikos. Auch Veränderungen der Haut- trollieren (Kreislaufstabilität überprüfen) (siehe Kap. 16)
anhangsgebilde (z. B. dünner werdende Haare, rissige oder
● Stuhlfläche beim Waschen am Waschbecken mit einem
gerillte Nägel) können Auskunft über den Flüssigkeits- und
Handtuch bedecken
Hormonhaushalt, bestehende Mangelerscheinungen oder
● nur zu waschende Körperteile entkleiden, damit der Pa-
Mykosen geben.
tient nicht auskühlt (Ausdunstungskälte)
● Waschwasser wechseln: vor der Intimpflege, bei sichtbarer
Hautturgor Verschmutzung und nach Kontamination des Wassers
Auch die Spannung der Haut (Hautturgor) ist wichtig für die ● bei Pilzinfektion immer Einmalwaschlappen verwenden

Einschätzung des Allgemeinzustands: und diese sofort entsorgen (Gefahr der Infektionsausbrei-
● verminderter Hautturgor (bei Dehydratation oder Malnu- tung!) + unsterile Handschuhe tragen!
trition): Haut ist schlaff mit stehender Hautfalte ● Hautfalten immer gründlich abtrocknen (Mazerations-

● erhöhter Hautturgor (gibt es Ödeme?): z. B. bei Herz- oder gefahr!)


Nierenfunktionseinschränkung ● Prophylaxen in die Grundpflege integrieren

● unterstützungsbedürftige Patienten nie alleine im Bad las-

sen (Sturz- und Kreislaufkollapsgefahr!)


● rückenschonend arbeiten
l
17 Körperpflege und Bekleidung

Tab. 17.1 Hautreinigungs- und -pflegemittel und deren Wirkung auf die Haut.

Produkt Eigenschaft Wirkung auf die Haut

Seifen primär alkalisch: pH 8–11; lösen nicht nur den wasser- ● Veränderung des pH-Wertes
löslichen Schmutz, sondern auch den Hydrolipidmantel; ● Austrocknung der Haut
lassen die Haut aufquellen ● evtl. Juckreiz durch Eindringen der Alkalisalze in die Haut
● Deoseife: Zerstörung der Hautflora und Reduktion der
Immunabwehr

Syndets wasch- und oberflächenaktive Substanzen (Tenside): ● geringere Veränderung des pH-Wertes
enthalten hydro- und lipophile Substanzen, rückfettende ● Rückfettung je nach Zusatz
Anteile, z. B. Olivenöl, und Zusätze zur pH-Regulierung
(neutral bis sauer)

Badeöle Badeöle mit Emulgator verbinden sich mit Wasser, ● meistens in der Dermatologie anwendbar
flächenhafte Auftragung möglich. ● hohes Rückfettungspotenzial
Spreitungsöle (Öle ohne Emulgator) verbinden sich nicht ● kein Abtrocknen, nur Abtupfen
mit Wasser, keine flächenhafte Auftragung möglich.
● Gefahr der Hautporenverschließung, Achtung: Fieber

O/W-Emulsionen Öl-in-Wasser-Emulsionen: Wasseranteil > Fettanteil, evtl. ● für normale und fettige Haut
Zusätze von Urea (Harnstoff): feuchtigkeitsbindende ● mit Urea-Zusatz auch für trockene Haut
Substanz ● ziehen schnell ein

W/O-Emulsionen Wasser-in-Öl-Emulsion, Wasseranteil < Fettanteil, Pfle- ● für trockene und beanspruchte Haut
gebalsam ● ziehen langsam ein
● bilden einen Fettfilm auf der Haut
● schützen vor Austrocknung

Salben und höherer Pulveranteil, durch Zusatz von Wirkstoffen nur direkte Applikation der Wirkstoffe auf die Haut
Pasten medizinisch indiziert, Anwendung nur auf ärztliche
Anordnung

pflanzliche Öle altgepresst, aus kontrolliertem Anbau, bilden keinen für die Pflege trockener, empfindlicher Baby-, Kinder- und
Fettfilm auf der Haut Altershaut

17.2.4 Grundregeln bei der 17.2.5 Therapeutische


Intimpflege Ganzkörperwaschungen
Für die Intimpflege gelten folgende Grundregeln: Bei der therapeutischen Ganzkörperwaschung (▶ Tab. 17.2)
● Intimsphäre schützen wird ähnlich wie bei der Körperpflege im Bett verfahren,
● vor der Intimpflege immer Waschwasser wechseln die Intimpflege wird allerdings ausgelassen. Dem Wasch-
● Einmalhandschuhe tragen wasser werden keine reinigenden Zusätze zugefügt, je nach
● Handtuch vorlegen, damit der Patient ggf. nicht im Nassen
Bedarf jedoch bestimmte Aromen.
liegen muss
● Einmalwaschlappen nutzen, diese bei Pilzinfektion nach
17.2.6 Mund- und Lippenpflege
jedem Wischvorgang sofort entsorgen
● von der Symphyse zum Anus waschen und
● Ziele: Reinigung des Mundraums (Wohlbefinden), Feucht-
– bei der Frau: von den Leisten bis zur Harnröhrenöffnung halten der Schleimhaut (intakte Mundschleimhaut), Ver-
waschen meidung von Infektionen (Prophylaxe, z. B. gegen Soor, Pa-
rotitis)
– beim Mann: zuerst Penisschaft waschen, Vorhaut zu-
rückziehen, Harnröhreneingang und Eichel waschen,
● Beobachtung: Mundschleimhaut auf Beläge, Färbung, Bor-
abtrocknen und Vorhaut zurückschieben (Gefahr einer ken, Aphthen, Risse, Blutungen, Druckstellen durch Pro-
Paraphimose), abschließend Hodensack in Richtung these beobachten. Sind die Lippen trocken, rissig?
Analbereich waschen ● Durchführungshinweise: Inspektion (mit Lichtquelle und
● Hautfalten sorgfältig abtupfen/abtrocknen (Mazerations-
Spatel), ggf. Mundhöhle auswischen, sofern der Patient
gefahr!) nicht selbst die Mundpflege durchführen kann (ange-
feuchtete, weiche Kompresse oder Schaumstoffstäbchen),
bei der Zahnpflege bzw. Prothesenpflege nach Bedarf un-
terstützen, ggf. Speichelfluss anregen (z. B. Zitronen-
drops). Lippenpflege mit Pflegecreme durchführen.

122
Bei der Körperpflege unterstützen

Tab. 17.2 Unterschiede und Gemeinsamkeiten: beruhigende und belebende Ganzkörperwaschung.

Einsatzmöglich- beruhigende Ganzkörperwaschung belebende Ganzkörperwaschung


keiten

Anwendung z. B. bei Unruhe, Agitation, Schmerz z. B. bei Bewusstseinsstörung, Somnolenz, Depression

Aromen z. B. Lavendel, Mandarine z. B. Zitrone, Rosmarin

Wassertemperatur 38–39 °C 18–22 °C

Waschrichtung in Haarwuchsrichtung gegen die Haarwuchsrichtung

Grundsätze Eine Hand hält immer Kontakt zum Patienten. Möglichst wenig sprechen, einzelne Handlungsschritte erklären.
Patienten während der Maßnahme beobachten; empfindet er die Waschung als unangenehm, Maßnahme
abbrechen.

Aktivität/Ruhe Im Anschluss an die Waschung Ruhe ermöglichen. Im Anschluss an die Waschung kann eine Mobilisation
Patienten bei der Einnahme einer angenehmen Position folgen.
unterstützen.

● Zahnprothesen: Um Druckstellen und eine Rückbildung


Abb. 17.1 Zahnprothesenpflege.
des Kiefers zu vermeiden, sollte der Patient die Zahnpro-
these kontinuierlich (auch nachts) tragen. Die Zahnpro-
these nach jeder Nahrungsaufnahme abspülen und min-
destens 1-mal täglich putzen (▶ Abb. 17.1). Dafür zuerst
die Oberkieferprothese entfernen, danach die Unterkiefer-
prothese. Diese Reihenfolge ist für den Patienten angeneh-
mer.

17.2.7 Augen-, Ohren- und


Nasenpflege
● Augenpflege: Die Augen verfügen über eine Selbstrei-
nigungsfunktion, daher reicht es, sie im Rahmen der Ge-
sichtspflege mit einem sauberen Waschlappen zu wa-
schen. Bei sedierten und bewusstseinseingeschränkten
Patienten werden die Augen mit 0,9 % NaCl und weichen
sterilen Kompressen gereinigt. Dabei ist die Wischrich-
tung zu beachten (von außen nach innen). Da Zahnprothesen sehr bruchempfindlich sind, sollte das
● Ohrenpflege: Die Ohrmuscheln werden im Zuge der Ge- Waschbecken vorher mit Wasser gefüllt werden, oder ein Hand-
sichtspflege gewaschen. Die Reinigung mit Wattestäbchen tuch untergelegt werden, damit beim versehentlichen Fallenlas-
ist kontraindiziert, da dadurch das Ohrenschmalz tiefer in sen nichts passieren kann. Foto: A. Fischer, Thieme
den Gehörgang gedrückt wird, was zur Verschlechterung
des Hörvermögens führt.
rend der Nassrasur wird die Haut einzelner Gesichtsareale
● Nasenpflege: Die gesunde Nasenschleimhaut ist feucht, gespannt gehalten und in langen, sanften Strichen rasiert.
weshalb die Nase bei intakter Nasenschleimhaut keine be- Anschließend werden die Schaumreste mit einem feuch-
sondere Pflege braucht. Bei beatmeten Patienten sind Rei- ten Waschlappen entfernt und die Haut wie gewohnt ge-
nigung und Anfeuchtung der Nase mit steriler Kochsalzlö- pflegt.
sung und Nasensalbe nötig. ● Nagelpflege: Die Nägel sollten sauber und kurz gehalten
werden. Überragt die Nagelplatte die Finger- oder Zehen-
kuppen, werden die Nägel geschnitten, sofern der Patient
17.2.8 Haar- und Nagelpflege sein Einverständnis dazu gibt. Die Nägel der Finger wer-
● Haarpflege: Zur Haarpflege gehören das tägliche Kämmen den rund und die der Füße gerade geschnitten, um ein
und ggf. Frisieren der Haare sowie die regelmäßige Haar- Einwachsen zu verhindern. Während der Maßnahme wird
wäsche. Diese kann 1–2-mal in der Woche unter der Du- die Haut inspiziert und anschließend eingecremt. Bei Pa-
sche, am Waschbecken oder im Bett mithilfe des dafür tienten mit Diabetes mellitus sollte die Fußpflege auf-
vorgesehenen Haarwaschbeckens durchgeführt werden. grund der erhöhten Gefahr von Wundinfektionen von me-
● Rasur: Es gibt die Möglichkeit zur Trocken- oder Nassrasur. dizinischen Podologen durchgeführt werden.
Vor der Nassrasur sollte die aktuelle Medikation des Pa-
tienten überprüft werden, eine Kontraindikation stellt die
Gabe von Antikoagulanzien dar (Blutungsgefahr!). Wäh-
l
17 Körperpflege und Bekleidung

17.3 Bekleidung
Der Patient sollte auch in der Klinik nach Möglichkeit eigene
Bekleidung tragen. Wichtig ist, dass die Kleidung nicht ein-
engt, bequem sitzt und leicht in der Handhandhabung ist.
Schuhe sollten einen sicheren Stand bei der Mobilisation
bieten. Je nach Zustand des Patienten kann es sein, dass er
Unterstützung beim An- und Auskleiden benötigt. Dabei ori-
entiert sich die Pflegefachkraft an den Ressourcen des Pa-
tienten.

KOMPAK T

Körperpflege
● Die Hautbeobachtung ist wichtig, um den Allgemein-
zustand des Patienten zu beurteilen. Beobachtet wer-
den: Farbe, Temperatur, Oberfläche und Turgor der
Haut.
● Die Körperpflege dient u. a. der Infektionsprophylaxe,
sie fördert das Wohlbefinden sowie die Wahrnehmungs-
und Kommunikationsfähigkeit des Patienten.
● Bei der aktivierenden Pflege wird der Patient in seiner
Selbstpflege unterstützt. Grundsätzliche Regeln:
– Patienten informieren, ggf. Vitalparameter kontrollie-
ren (siehe Kap. 16), vorhandene Ressourcen sowie
Wünsche und Rituale erfragen
– Maßnahme patientenorientiert planen (patienten-
eigene Pflegemittel, Reihenfolge) und organisieren
(Material vollständig?)
– Intimsphäre schützen
● therapeutische Waschungen:
– basal-beruhigende Waschung: bei verwirrten, agi-
tierten Patienten, Schmerzpatienten und Sterbenden
Waschen mit der Haarwuchsrichtung und warmem
Wasser ohne Reinigungszusätze, ggf. mit Aromen wie
Lavendel oder Mandarine
– belebende Waschung: bei bewusstseinsgestörten,
somnolenten Patienten sowie Patienten mit Wahr-
nehmungsstörungen und Depression. Waschen ge-
gen Haarwuchsrichtung und mit kaltem Wasser ohne
Reinigungszusätze, ggf. mit Aromen wie Zitrone, Ros-
marin oder Latschenkiefer
● Mundpflege dient der Reinigung der Zähne und der
Mundschleimhaut sowie der Soor- und Parotitisprophy-
laxe. Sie fördert das Wohlbefinden des Patienten. Dabei
wird die Mundschleimhaut beobachtet: trocken (Dehy-
dratation)? Weißliche Beläge (Soorinfektion)? Farbe? In-
taktheit? Schmerzen?
● Augenpflege: z. B. bei sedierten Patienten mit in 0,9 %
NaCl getränkten Kompressen von außen nach innen wi-
schen
● Ohrenpflege: nur mit klarem Wasser waschen, keine
Wattestäbchen nutzen
● Nasenpflege: bei beatmeten Patienten mit 0,9 % NaCl
reinigen und anfeuchten, ggf. mit Nasensalbe ein-
cremen

124
18
Positionierung und
Mobilisation, Betten und
guten Schlaf fördern

Selbstständigkeit fördern
z.B. Dekubitusprophylaxen
Scherkräfte und
Kreislaufkontrolle! Prophylaxen Druck vermeiden
Schmerzen? Wunde?
Infusion? Drainage? keine Scherkräfte Beweglichkeit regelmäßige
erhalten Mobilisation
Ziele, z.B.
Selbstwertgefühl und rückenschonend
Wohlbefinden fördern arbeiten

Prinzipien, z.B. Prinzipien, z.B. Nest

geeignete Oberkörper-
Hilfsmittel Mobilisation Positionierung Arten flachlage

Sicherheit Beintief- und


Kinästhetik,
Beinhochlage
Bobath-Konzept
Schocklage
Vitalzeichenkontrolle
Seitenlage Herzbettlage

paradoxer Schlaf
(REM-Phase) Schlaf 30° 90° stabile Seitenlage

Schlafphasen Wechsel der


Patientenbett
Bettwäsche
Schlafstörungen
orthodoxer Schlaf
(Dyssomnien)
(NREM-Phase) Hygieneprinzipien,
schlaffördernde
Medikamente Händedes-
z.B. Schlafanamnese
infektion
pflegerische Nebenwirkungen, z.B.
Auswirkungen, Maßnahmen, z.B. Schutz-
schürze
Suchtgefahr Bettwäsche nur
Unruhe Müdigkeit
Schmutzwäsche vorsichtig
Konzentrationsschwäche Ruhe, Licht erhöhte nicht auf dem ausschütteln
Ohrstöpsel dimmen Sturzgefahr Boden ablegen (Keimverwirbelung)
Bei der Mobilisation unterstützen

18.1 Bei der Positionierung 18.1.2 Positionierungsarten und


unterstützen ihre Indikationen
Menschen im Krankenhaus sind oft aufgrund ihrer Erkran-
kung oder Therapie in ihrer Mobilität eingeschränkt. Die vo-
rübergehende oder langfristige Immobilität bringt dabei be- 18.2 Bei der Mobilisation
stimmte Risiken mit sich (z. B. Thrombose, Pneumonie, De-
kubitus). Deshalb ist die Unterstützung des Patienten bei
unterstützen
der Mobilisation oder Übernahme des Positionswechsels be-
sonders wichtig.
18.2.1 Ziele der Mobilisation
Mobilisation verfolgt präventive, rehabilitative und thera-
peutische Ziele:
18.1.1 Prinzipien einer guten ● Beweglichkeit wiederherstellen oder erhalten

Positionierung ● Dekubitus-, Thrombose-, Pneumonie-, Sturz- und Kon-

trakturenprophylaxe
● Bequeme Position wählen. ● Aktivierung des Kreislaufs
● Ressourcen nutzen und Selbstständigkeit fördern. ● Förderung der Selbstständigkeit
● Atemwege frei halten. ● Steigerung des Selbstwertgefühls
● Scherkräfte und Druck auf Prädilektionsstellen vermeiden. ● Steigerung des Wohlbefindens
● Krankheitsbedingte Indikationen und Kontraindikationen
berücksichtigen.
● Patientenvorlieben, Tagesablauf und Schlaf-Wach-Rhyth- 18.2.2 Prinzipien der Mobilisation
mus berücksichtigen.
Für jede Form der Mobilisation gelten allgemeine Prinzipien:
● Prinzipien der Kinästhetik oder des Bobath-Konzepts nut- ● vor jeder Mobilisation Vitalzeichenkontrolle (Kreislaufsi-
zen. tuation erfassen, siehe Kap. 16)
● Positionswechsel (▶ Tab. 18.1) in vorgegebenen Interval- ● Ressourcen ermitteln und Motivation fördern
len durchführen und dokumentieren.
● krankheitsbedingte Indikationen und Kontraindikationen
● Auf rückenschonende Arbeitsweise achten. berücksichtigen (z. B. En-bloc-Mobilisation bei Patienten
mit einer Verletzung der Wirbelsäule)

Tab. 18.1 Möglichkeiten zur Positionierung und Indikationen.

Positionierungsart Indikation

Flachlage Wirbelsäulen- und Beckenfrakturen, Wirbelsäulen-OP, bei Reanimation

Oberkörperhochlage Herz- und Lungenerkrankungen, zur Atemunterstützung, evtl. Arme und Schultern mit Kissen
unterstützen, z. B. Positionierung in V-A-T-I-Lage, Nahrungsaufnahme, Lesen, Fernsehen usw.

halbhohe Oberkörperhochlage Schädel-Hirn-Trauma, erhöhter Hirndruck, Schilddrüsen-OP

90°-Seitenlage Positionierung bei Hemiplegie, nach Lungen-OP

30°-Seitenlage Druckentlastung von Schulter, Sitzbein und Trochanter der obenliegenden Seite

Bauchlage und 135°-Lage, halbe Verletzungen im Rückenbereich, Druckentlastung des Rücken-, Gesäß- und Sakralbereichs, zur
Bauchlage besseren Belüftung der dorsalen Lungenbereiche, auf Intensivstation bei ARDS-Patienten (Acute
respiratory distress syndrome = akutes Lungenversagen)

Herzbettlage dekompensierte Herzinsuffizienz, Angina-pectoris-Anfall, Lungenödem

Schocklage = Trendelenburg-Lage Schock mit Volumenmangel, ZVK-Anlage

Beintieflage = Anti-Trendelenburg-Lage periphere arterielle Durchblutungsstörungen, nach OPs am arteriellen Gefäßsystem

Beinhochlage Förderung des venösen Rückflusses, nach Venen-OPs und bei Venenentzündungen

stabile Seitenlage Bewusstlosigkeit

Nestlage agitierte und desorientierte Patienten, Säuglinge und Sterbende

bauchdeckenentspannende Lage nach abdominellen OPs, gastroenterologische Erkrankungen


l
18 Positionierung und Mobilisation

Abb. 18.1 Mobilisation an die Bettkante.


18.4 Guten Schlaf fördern
Schlaf fördert das Wohlbefinden und dient der Regenerati-
on. Im Schlaf
● sinken Herzfrequenz und Blutdruck,

● die Atmung wird langsamer, flacher und regelmäßiger,

● die Körpertemperatur sinkt um 0,4 °C,

● die Muskelspannung nimmt ab und

● die Augen sind geschlossen.

Der Mensch orientiert sich am zirkadianen Rhythmus


(Schlaf-Wach-Rhythmus in 24 Std.). Dieser wird vom Schlaf-
Wach-Zentrum im Gehirn gesteuert.

18.4.1 Schlafphasen
Es wird zwischen paradoxem Schlaf (leichtem Schlaf, REM-
Phase) und orthodoxem Schlaf (Tiefschlafphase, Nicht-REM-
Foto: A. Fischer, Thieme
Phase) unterschieden. Der orthodoxe Schlaf wird in 5 Pha-
sen unterteilt:
● geeignete Hilfsmittel bereitstellen (z. B. Unterarmgehstüt- ● 1. Phase, Einschlafen (SEM-Phase: Slow Eye Movement):
zen, Rollator, Gehwagen) Dämmerzustand zwischen Wachen und Schlafen, Augen
● individuelle Bedürfnisse sowie Wünsche des Patienten be- rollen langsam, im EEG kleine Ausschläge mit Zacken zu se-
rücksichtigen hen. Bei ungestörtem Schlaf läuft die Phase nur einmal ab.
● Patienten zu einzelnen Schritten der Mobilisation fachge- ● 2. Phase, leichter Schlaf: Das Bewusstsein ist nicht vorhan-
recht und angemessen informieren/anleiten (▶ Abb. 18.1) den, Augen rollen nicht, Muskeltonus ist herabgesetzt, im
● Vorgehensweise gemeinsam mit dem Patienten planen EEG schlaftypische Veränderungen.
● Prinzipien der Kinästhetik (z. B. Massen fassen, Zwischen- ● 3. Phase, beginnender Tiefschlaf: ca. 30 Min. nach dem

räume spielen lassen) oder des Bobath-Konzepts (z. B. im- Einschlafen, Augen sind still, im EEG Deltawellen (Delta
mer von der mehr betroffenen Seite aus Bewegung einlei- Schlaf).
ten) berücksichtigen ● 4. Phase, Tiefschlaf: Muskeltonus weiter herabgesetzt, im
● Scherkräfte vermeiden (Dekubitusprophylaxe!) EEG langsame Deltawellen.
● Sicherheit beachten (z. B. Stolperfallen beseitigen, auf an- ● Nach der 4. Phase durchläuft der Mensch die Phasen 3 und

gemessenes Schuhwerk achten) 2 schnell hintereinander, anschließend folgt die 5. Phase.


● auf rückenschonende Arbeitsweise achten (z. B. Bett auf ● 5. Phase, REM-Schlafphase (Rapid Eye Movement), Traum-

Arbeitshöhe stellen) phase: Augen rollen und Lider flattern, willkürliche Mus-
● Mobilisation zeitnah dokumentieren kulatur ist so gut wie gelähmt. Diese Phase dient vermut-
lich der geistigen Erholung.

18.3 Hygienische Prinzipien Pro Nacht durchläuft der Mensch 5–6 Schlafzyklen (je 70–90
Min.). Wird er nicht geweckt, wacht er physiologisch nach
beim Bettenmachen Abschluss einer REM-Phase auf. Im Laufe der Nacht wird die
REM-Phase immer länger und die Nicht-REM-Phase (Tief-
Pflegende sollten beim Bettenmachen folgende Grundprin- schlafphase) immer kürzer.
zipien beachten:
● vor Kontakt mit sauberer Wäsche hygienische Händedes-

infektion durchführen Schlafbedarf


● je nach Hausstandard Einmalschürze anziehen Der Schlafbedarf ist altersabhängig:
● benutzte Bettwäsche nie auf dem Fußboden ablegen, son- ● Kind: Säugling ca. 18 Std., Kleinkind 13 Std., Schulkind

dern sofort im Wäscheabwurf entsorgen (Keimverschlep- 11 Std., Jugendlicher 9 Std.


pung) ● Erwachsener: ca. 8 Std.

● vor dem Bettenmachen für eine geeignete Unterlage für ● Alter Mensch: ca. 7 Std. (kürzere Tiefschlafphasen, Ge-
Kopfkissen und Bettdecke sorgen, z. B. ausklappbare Abla- samtschlafdauer, Traumphasen)
gefläche des Bettes, Stuhl (Flächendesinfektion beachten)
● Bettdecke und Kopfkissen nicht wild aufschütteln (Infekti-

onsprophylaxe, Keime nicht verwirbeln) 18.4.2 Schlafanamnese


Die Schlafanamnese dient der Schlaferfassung. Dabei wer-
den folgende Aspekte erfragt:
● Schlafqualität und Schlafdauer

● Schlafposition

● Begleiterscheinungen (Schnarchen)

128
Guten Schlaf fördern

Befinden nach dem Aufwachen



18.4.5 Pflegerische Maßnahmen zur
● Einnahme von Schlafmitteln
● individuelle Schlafgewohnheiten Schlafförderung
● Einschlafrituale besonders bei Kindern In einer fremden Umgebung zu schlafen ist nicht immer ein-
● Schlafstörungen fach. Besonders während eines Klinikaufenthalts kann der
● Detaillierter lassen sich die Informationen in einem Schlaf gestört sein. Die Ursachen hierfür sind vielfältig.
Schlafprotokoll erfassen, z. B. bei chronischen Schlafstö- ▶ Tab. 18.3 zeigt Ursachen und Maßnahmen zur pflegeri-
rungen. schen Unterstützung bei Schlafstörungen.

18.4.3 Schlafstörungen 18.4.6 Schlaffördernde Medika-


(Dyssomnien) mente und ihre Nebenwirkungen
● akute Schlafstörungen: Dauer bis zu 3 Wochen. Die Ursa- Zu den ärztlich verordneten schlaffördernden Medikamen-
che ist meist leicht identifizierbar: z. B. Stress, Trauma, ten gehören:
● Benzodiazepine: verlängern den weniger tiefen Schlaf und
Jetlag, Prüfung.
● chronische Schlafstörungen: Dauer länger als 3 Wochen. verkürzen die Tiefschlafphasen inklusive REM-Schlaf. Ne-
Oft ist die Ursache unklar. Mögliche organische Ursachen benwirkungen: Sie wirken relaxierend auf die Muskulatur
sind z. B.: Schmerzen, Inkontinenz, Herzkrankheit, Schlaf- (Sturzgefahr), die lange Halbwertszeit führt tagsüber zur
Apnoe-Syndrom. Beeinträchtigung der Vigilanz (ebenso Sturzgefahr) und
des Gedächtnisses (Überhang), Gefahr der Atemdepres-
Verschiedene Arten von Schlafstörungen zeigt ▶ Tab. 18.2. sion (Achtung: pulmonale Vorerkrankung). Nach 2–4 Wo-
chen tritt eine Gewöhnung ein, was zu einer Dosiserhö-
hung und einer Suchtgefahr (psychisch wie physisch) füh-
18.4.4 Auswirkungen von ren kann. Der Erholungseffekt ist durch das veränderte
Schlafmuster geringer. Bei abruptem Absetzen der Ben-
Schlafstörungen zodiazepine kann die Schlaflosigkeit heftiger auftreten
Schlafmangel kann Folgen haben: (Rebound-Insomnie). Ältere Menschen und Kinder kön-
● Konzentrationsschwäche, innere Unruhe, Reizbarkeit und nen mit Unruhe, Angst oder Aggression reagieren (para-
Ungeduld doxe Reaktion). Beispiele: Noctamid, Diazepam
● Benzodiazepin-Analoga: Wirkung und Nebenwirkung wie
● Zerschlagenheit, Müdigkeit, gesteigertes Schmerzempfin-

den bei Benzodiazepinen, jedoch mit geringer Halbwertszeit


● Persönlichkeitsstörungen, Abnahme der Kreativität
und Gewöhnung. Beispiele: Zolpidem, Zopiclon
● Antidepressiva: wirken beruhigend und schlafanstoßend,

insgesamt schwächer, jedoch mit substanztypischen Ne-


benwirkungen wie Obstipation und Mundtrockenheit. Zu-
dem führen sie zur Gewöhnung und haben eine lange
Halbwertszeit (Überhang). Beispiele: Amitriptylin, Doxepin

Tab. 18.2 Schlafstörungen.

Schlafstörung Beschreibung

Insomnie Schlaflosigkeit, z. B. vor Prüfungen, bei großen Problemen

Hyposomnie Leichte Schlaflosigkeit, meist Ein- oder Durchschlafstörungen. Hindernisse beim Einschlafen sind z. B. schwere
Gedanken, Frieren, Hunger, ein fettreiches Mahl.

Hypersomnie Hohes Schlafbedürfnis, diese Menschen schlafen tatsächlich bei alltäglichen Verrichtungen ein. Hypersomnie
gilt als Begleitsymptom einiger Erkrankungen, z. B. von psychiatrischen Störungen, Infekten, Tumoren,
Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, als Folge eines Alkohol- oder Drogenmissbrauchs und auch als
Nebenwirkung von Medikamenten wie Hypnotika, Psychopharmaka, Antihistaminika oder Blutdrucksenkern.

Parasomnie Anfallsartig oder episodisch auftretende Schlafstörungen: Dazu gehören z. B. Schlafwandeln oder Schlaf-
trunkenheit (eine kurzfristige Verwirrtheit nach dem Aufwachen).
l
18 Positionierung und Mobilisation

Tab. 18.3 Häufige Ursachen für Schlafstörungen während eines Klinikaufenthalts.

Einflussfaktoren Pflegerische Maßnahme

psychische Einflussfaktoren

Ängste (vor der Diagnose, vor der Zukunft u. a.) ● Gespräche anbieten, Musik, Lesen
● atemstimulierende Einreibung, z. B. mit Lavendelöl
● Tees mit beruhigender Wirkung, z. B. Melisse, Hopfen

ungewohnte Umgebung, Heimweh ● abendliche Telefonate ermöglichen


● persönliche Gegenstände am Bett, z. B. Fotos

physische Einflussfaktoren

Bewegungsmangel ● Motivation, Anleitung zu Bewegungsübungen


● Physiotherapie, Spaziergang (auf dem Flur)

Schmerzen ● schmerzlindernde, entspannende Positionierung


● Wärme- oder Kälteanwendungen
● Bedarfsmedikation verabreichen

Nykturie ● Toilettenstuhl ans Bett stellen


● Klingel in Reichweite

Hunger, Durst, trockener Mund ● Spätmahlzeit


● Getränk, feuchte Wattestäbchen bei Nahrungskarenz

motorische Unruhe, kalte Füße ● Wärmeanwendungen, z. B. Bauchwickel oder Brustauflage


● Fußbad mit Lavendelöl

arterielle Hypertonie kaltes Fußbad, Achtung: Durchblutungsstörungen

Umgebungsbedingte Einflussfaktoren

Licht ● Licht dimmen


● Nachtlicht

Gerüche lüften

Raumtemperatur: Wärme/Kälte ● entsprechende Bettdecke bzw. Zweitdecke


● warmes Getränk
● nur Bettbezug statt Bettdecke

Lärm, Geräusche, z. B. Schnarchen ● für ruhiges Zimmer sorgen


● Ohrstöpsel

KOMPAK T

Positionierung und Mobilisation, Betten und guten


Schlaf fördern
● Prinzip der Positionierung: Eine gute Positionierung
muss für den Patienten bequem sein. Dabei sollen seine
Ressourcen berücksichtigt und seine Selbstständigkeit
gefördert werden.
● Prinzip der Mobilisation: Vor jeder Mobilisation Blut-
druck kontrollieren und Befinden des Patienten erfragen
(Kreislaufinstabilität)!
● Rückenschonende Arbeitsweise: z. B. beim Bettenma-
chen Patientenbett immer auf Arbeitshöhe stellen.
● Gesunder Schlaf: Ein gesunder Schlaf fördert das Wohl-
befinden des Patienten und unterstützt den Genesungs-
prozess.

130
19
Essen und Trinken anreichen,
Körperlänge und -gewicht
bestimmen, Flüssigkeitsbilanz
erheben

am Tisch, Kreislaufstabilität und


Aspirations-
im Bett an der Bettkante Sicherheit beachten!
richtiger Patient? gefahr!

richtiges Essen? Hilfebedarf ermitteln


Position bei der
Nahrungsaufnahme
richtige Zeit? Speisen Hilfestellung bei der Ressourcen fördern
verteilen Nahrungsaufnahme
ggf. Patienten anleiten
EDEKA-Regel
Kriterien bei
über Medikamenten-
Kultur und der Auswahl
gabe informieren
Religion
Essen und Trinken Aspirationsprophylaxe
Vorlieben
anreichen

Messband, Formeln bei


Messlatte, Haltungsschäden
Messmulde

Körperlänge
messen

Flüssigkeitsbilanz Körperlänge
Körpergewicht
erheben und -gewicht
bestimmen
bestimmen
WTH
positive Bilanz = BMI
Einfuhr übersteigt exakte Dokumentation
Ausfuhr von Ein- und Ausfuhr Einschätzung von
Körpergröße und
negative Bilanz = Gewicht bei Kindern
Ausfuhr übersteigt Einfuhr Fehlerquellen kennen, z.B.
Perzentilenkurve
ausgeglichene Bilanz =
Einfuhr ist gleich Ausfuhr
unvollständige falsche Einschätzung
Dokumentation der Flüssigkeitsmenge
Körperlänge und -gewicht bestimmen

19.1 Essen und Trinken ACHTUNG


Nur Patienten mit ausreichender Rumpfstabilität an die Bettkante
anreichen mobilisieren (Sturzgefahr!).

19.1.1 Angebot und Auswahl 19.1.4 Hilfestellung bei der


Essen und Trinken haben vielerlei Funktionen (physisch, Nahrungsaufnahme
psychisch und sozial). Bei der Auswahl des Essens sollten
Pflegende folgende Aspekte berücksichtigen: Aktivierende Pflege: Die Pflegefachkraft unterstützt den Pa-
● Appetit des Patienten, was möchte er essen? Gibt es kul- tienten bei der Nahrungsaufnahme ressourcenorientiert
turelle oder religiöse Wünsche/Besonderheiten? (Grundsatz: so viel wie nötig, so wenig wie möglich). Fol-
● Gesundheitliche Einschränkungen nach der EDEKA-Regel gende Prinzipien gilt es bei der Unterstützung zu beachten:
● Regeln der Händehygiene beachten
erfragen:
– Empfindlichkeiten und Unverträglichkeiten (z. B. Laktose- ● Patienten nach Gewohnheiten fragen

intoleranz) ● Einfachen Zugang ermöglichen: Niedriges Geschirr steht

– diätetische Kost (z. B. fettarm) vorne, höheres hinten. Das Tablett steht dabei vor dem Pa-
– Einschränkungen bei der Nahrungsaufnahme (z. B. Dys- tienten, nicht vor der Pflegefachkraft.
phagie, fehlende Zahnprothese) ● ggf. Hilfsmittel (Brille, Zahnprothese, spezielles Besteck)

– krankheitsbedingte Kost (z. B. erhöhter Energiebedarf) vorbereiten


● Die Pflegefachkraft positioniert sich auf Augenhöhe des
– Allergien
Patienten.
● Temperatur der Speisen und Getränke prüfen
19.1.2 Speisen verteilen ● bei Bedarf Packungen oder Flaschen öffnen

● Anleitung oder Handführung, ggf. Speisen anreichen


Beim Servieren des Essens müssen folgende Aspekte beach-
tet werden: ● Reihenfolge und Geschwindigkeit des Essens bestimmt

● Der Unterstützungsbedarf des Patienten muss bekannt der Patient.


sein und entsprechend berücksichtigt werden. ● Beim Trinken ist der Schnabelbecher als Trinkhilfe zu ver-

● Die Essenszeiten sollen immer gleich sein. meiden. Der Kopf wird zu weit nach hinten überstreckt,
● Während des Essens sollten keine Blutabnahmen, Visiten was die Gefahr einer Aspiration erhöht. Als Hilfsmittel
usw. erfolgen. kann ein Strohhalm genutzt werden. Besteht eine Dyspha-
● Zu prüfen sind: richtiger Patient? (mit Namen anspre-
gie, kann die Flüssigkeit mit einem Dickungsmittel ange-
chen), richtiges Essen? (Karte vorlesen, evtl. Abdeckung dickt werden.
● Bei seheingeschränkten Patienten wird die Anordnung des
anheben), richtiger Zeitpunkt? (angeordnete oder bereits
durchgeführte Untersuchungen). Geschirrs und der Speisen auf dem Teller erläutert, z. B.
● besonders Patienten mit kognitiver Beeinträchtigung auf
„die Erbsen liegen auf 6 Uhr“.
● Werden Medikamente mit dem Essen verabreicht, muss
die Temperatur der Speisen hinweisen (z. B. „Der Tee ist
noch heiß“) der Patient darüber Bescheid wissen. Zudem muss die
● Nach dem Abräumen ist die Nahrungsaufnahme zu doku-
Kompatibilität der Nahrung mit dem Medikament zuvor
mentieren (z. B. wie viel hat der Patient gegessen?). geprüft werden (z. B. besser keine Milchprodukte bei der
Antibiotikagabe, diese behindern die Aufnahme des Medi-
kaments).
19.1.3 Position bei der ● abschließend Nahrungsaufnahme dokumentieren

Nahrungsaufnahme ! Merke Verhalten bei Aspiration


Benötigt ein Patient Unterstützung bei der Nahrungsaufnah- Aspiriert der Patient während der Nahrungsaufnahme, wird er
me, ist sie von den Pflegenden zu leisten. Zuerst wird der zum kräftigen Abhusten aufgefordert. Das Klopfen auf den Rü-
Patient dabei unterstützt, eine zum Essen angenehme Posi- cken ist kontraindiziert. Es kann bewirken, dass die verschluckte
tion einzunehmen: Nahrung noch tiefer in die Trachea gelangt. Zeigt der Hustenstoß
● Die sitzende Position am Tisch oder an der Bettkannte ist keine Wirkung, kann bei vollständig verlegten Atemwegen das
für den Patienten optimal für die Nahrungsaufnahme und Heimlich-Manöver angewendet werden. So kann ein Fremdkörper
sollte nach Möglichkeiten bevorzugt werden. Dabei ist sei- u. U. herausgedrückt werden. Der Arzt ist zu informieren. Ggf.
ne Sicherheit zu beachten (Kreislauf, stabile Position, Bo- muss ein Schluckversuch mit dem Logopäden durchgeführt und
denkontakt mit den Füßen). die Kostform angepasst werden.
● Kann der Patient krankheitsbedingt das Bett nicht verlas-

sen, wird er mit erhöhtem Oberkörper positioniert (Ach-


tung: Kontraindikationen). Dabei ist die Körperphysiolo-
19.2 Körperlänge und -gewicht
gie zu beachten (Knick in der Hüfte und aufrechter Ober-
körper zur Aspirationsprophylaxe). Der Patient soll sein
bestimmen
Essen gut sehen können. Körperlänge und -gewicht werden meist direkt zu Beginn
● In liegender Position ist die Drehung auf die linke Seite zu eines Klinikaufenthalts erhoben. Je nach Krankheit, Therapie
bevorzugen, da die meisten Menschen Rechtshänder sind. und Verlauf müssen die ermittelten Ausgangswerte regelmä-
ßig kontrolliert werden, z. B. das Gewicht bei Herzinsuffizienz.
l
19 Essen und Trinken

19.2.1 Körperlänge messen 19.2.4 Waist-to-Hip-Ratio


● Erwachsene und Kinder werden meist stehend mithilfe Das Waist-to-Hip-Ratio (WHR) oder das Taille-Hüft-Verhält-
einer Messlatte gemessen. Der Patient stellt sich ohne nis (THV) gibt Aufschluss über die Fettverteilung im Körper
Schuhe mit geradem Rücken und erhobenem Kopf zur und lässt Rückschlüsse auf bestimmte Gesundheitsrisiken
Messlatte, der Messschieber wird zum Kopf geschoben, zu (z. B. kardiovaskuläre Erkrankungen).
der Patient tritt nach vorne und der Wert wird abgelesen. Der Waist-to-Hip-Ratio wird wie folgt berechnet:
● Kann der Patient nicht stehen, wird die Körperlänge lie- Taillenumfang in cm
gend mit einem Messband ermittelt. Der günstigste Zeit- WHR ¼
Hüftumfang in cm
punkt der Messung ist morgens.
● Bei Säuglingen und kleinen Kindern wird die Körperlänge Der WHR sollte bei Männern unter 0,9 und bei Frauen unter
mithilfe einer Messmulde gemessen. 0,85 liegen.
● Die ermittelten Messwerte werden dokumentiert. Wurde
die Körperlänge nur annähernd ermittelt, muss dies ver-
merkt werden. 19.3 Flüssigkeitsbilanz erheben
● Die Bewertung der Körpergröße bei Kindern erfolgt an-
hand der Perzentilenkurven. Dabei werden gleichzeitig
Definition Flüssigkeitsbilanz
Die Flüssigkeitsbilanz ist die Differenz zwischen Einfuhr (Zufuhr)
auch das Körpergewicht und der Kopfumfang altersent-
und Ausfuhr (Ausscheidung) innerhalb von 24 Stunden.
sprechend bewertet.

Die Flüssigkeitsbilanzierung erfolgt auf ärztliche Anordnung


19.2.2 Körpergewicht bestimmen und ist z. B. bei Herz- oder Niereninsuffizienz sowie bei
Stoffwechselentgleisungen indiziert. Alle Flüssigkeiten, die
Das Körpergewicht ist ein wichtiger Parameter dafür, den der Patient zu sich nimmt (Einfuhr) und wieder ausscheidet
Ernährungs- und Gesundheitszustand eines Patienten ein- (Ausfuhr), müssen exakt dokumentiert werden (z. B. auch
zuschätzen, Medikamente exakt zu dosieren und die Thera- Sekret aus einer Magensonde oder Drainage) (▶ Abb. 19.1).
pie zu überwachen, z. B. bei der Gabe von Diuretika. Ergänzend wird täglich das Gewicht kontrolliert.

Voraussetzungen 19.3.1 Durchführung


Um exakte Messwerte zu ermitteln, gilt es folgende Punkte
Über die Durchführung der Flüssigkeitsbilanzierung sollen
zu beachten:
die Patienten und alle mit ihm in Kontakt stehenden Per-
● Die Waage muss geeicht und tariert sein sowie stabil auf
sonen von den Pflegenden informiert werden. In einem am
einem festen Untergrund stehen.
Bett des Patienten platzierten Bilanzdokumentationsbogen
● Die Bedingungen sollten immer möglichst gleich sein:
werden alle zugeführten und ausgeschiedenen Flüssigkeiten
– dieselbe Waage mit Angabe von Menge, Uhrzeit und Art der Flüssigkeit do-
– die gleiche Tageszeit (am besten morgens, nach dem kumentiert.
Toilettengang) Die Bilanzierung beginnt nach der ersten morgendlichen
– die gleiche oder vergleichbare Kleidung (ohne Schuhe) Miktion (bei Patienten ohne Blasenkatheter). Diese Menge
● Abweichende Bedingungen müssen dokumentiert wer- wird verworfen. Alle benutzten Trinkgefäße werden voll-
den. gefüllt. Um die Ausscheidungsmenge genau zu erfassen,
● Sitzwaage feststellen und Sitzfläche evtl. mit einem Tuch nutzen die Patienten ein Steckbecken oder eine Urinflasche.
abdecken. Der Patient soll seine Füße auf dem dafür vor- Nach Ablauf der 24 Std. entleert der Patient die Harnblase
gesehenen Trittbrett abstellen. nochmals, diese Menge wird noch dokumentiert und an-
schließend erfolgt die Bilanzierung, d. h., es wird die Diffe-
renz zwischen Ein- und Ausfuhr aller Flüssigkeiten berech-
19.2.3 Body-Mass-Index net (siehe Kap. 24.2.4).

Um das Verhältnis des Körpergewichts zur Körpergröße zu


Perspiratio insensibilis • Unter Perspiratio insensibilis ver-
ermitteln, wird der Body-Mass-Index anhand folgender For-
steht man einen unbemerkten Flüssigkeitsverlust über die
mel berechnet:
Haut und Atmung. Sie muss berechnet werden und sollte
ðKörpergewicht ðKGÞ in Kilogramm ðkgÞ bei der Flüssigkeitsbilanzierung berücksichtigt werden.
BMI ¼
ðKörperlänge in mÞ2
Der BMI ist nach Alter und Geschlecht in Normbereiche un-
! Merke Perspiratio insensibilis
Als Faustregel beim Erwachsenen gelten ca. 900 ml über 24 Stun-
terteilt. Demnach gilt ein Erwachsener mit einem BMI von
den. Davon werden 200–400 ml über die Haut, 400–600 ml über
18,5 bis 24,9 als normalgewichtig. Der BMI ist nur ein An-
die Atmung und 100 ml über den Stuhl ausgeschieden. Bei Fieber
haltswert und z. B. bei starken Ödemen oder Amputationen
rechnet man zusätzlich pro Tag ca. 500 ml Flüssigkeitsverlust pro
nicht aussagekräftig.
1 °C erhöhter Temperatur.

134
l
19 Essen und Trinken

19.2.1 Körperlänge messen 19.2.4 Waist-to-Hip-Ratio


● Erwachsene und Kinder werden meist stehend mithilfe Das Waist-to-Hip-Ratio (WHR) oder das Taille-Hüft-Verhält-
einer Messlatte gemessen. Der Patient stellt sich ohne nis (THV) gibt Aufschluss über die Fettverteilung im Körper
Schuhe mit geradem Rücken und erhobenem Kopf zur und lässt Rückschlüsse auf bestimmte Gesundheitsrisiken
Messlatte, der Messschieber wird zum Kopf geschoben, zu (z. B. kardiovaskuläre Erkrankungen).
der Patient tritt nach vorne und der Wert wird abgelesen. Der Waist-to-Hip-Ratio wird wie folgt berechnet:
● Kann der Patient nicht stehen, wird die Körperlänge lie- Taillenumfang in cm
gend mit einem Messband ermittelt. Der günstigste Zeit- WHR ¼
Hüftumfang in cm
punkt der Messung ist morgens.
● Bei Säuglingen und kleinen Kindern wird die Körperlänge Der WHR sollte bei Männern unter 0,9 und bei Frauen unter
mithilfe einer Messmulde gemessen. 0,85 liegen.
● Die ermittelten Messwerte werden dokumentiert. Wurde
die Körperlänge nur annähernd ermittelt, muss dies ver-
merkt werden. 19.3 Flüssigkeitsbilanz erheben
● Die Bewertung der Körpergröße bei Kindern erfolgt an-
hand der Perzentilenkurven. Dabei werden gleichzeitig
Definition Flüssigkeitsbilanz
Die Flüssigkeitsbilanz ist die Differenz zwischen Einfuhr (Zufuhr)
auch das Körpergewicht und der Kopfumfang altersent-
und Ausfuhr (Ausscheidung) innerhalb von 24 Stunden.
sprechend bewertet.

Die Flüssigkeitsbilanzierung erfolgt auf ärztliche Anordnung


19.2.2 Körpergewicht bestimmen und ist z. B. bei Herz- oder Niereninsuffizienz sowie bei
Stoffwechselentgleisungen indiziert. Alle Flüssigkeiten, die
Das Körpergewicht ist ein wichtiger Parameter dafür, den der Patient zu sich nimmt (Einfuhr) und wieder ausscheidet
Ernährungs- und Gesundheitszustand eines Patienten ein- (Ausfuhr), müssen exakt dokumentiert werden (z. B. auch
zuschätzen, Medikamente exakt zu dosieren und die Thera- Sekret aus einer Magensonde oder Drainage) (▶ Abb. 19.1).
pie zu überwachen, z. B. bei der Gabe von Diuretika. Ergänzend wird täglich das Gewicht kontrolliert.

Voraussetzungen 19.3.1 Durchführung


Um exakte Messwerte zu ermitteln, gilt es folgende Punkte
Über die Durchführung der Flüssigkeitsbilanzierung sollen
zu beachten:
die Patienten und alle mit ihm in Kontakt stehenden Per-
● Die Waage muss geeicht und tariert sein sowie stabil auf
sonen von den Pflegenden informiert werden. In einem am
einem festen Untergrund stehen.
Bett des Patienten platzierten Bilanzdokumentationsbogen
● Die Bedingungen sollten immer möglichst gleich sein:
werden alle zugeführten und ausgeschiedenen Flüssigkeiten
– dieselbe Waage mit Angabe von Menge, Uhrzeit und Art der Flüssigkeit do-
– die gleiche Tageszeit (am besten morgens, nach dem kumentiert.
Toilettengang) Die Bilanzierung beginnt nach der ersten morgendlichen
– die gleiche oder vergleichbare Kleidung (ohne Schuhe) Miktion (bei Patienten ohne Blasenkatheter). Diese Menge
● Abweichende Bedingungen müssen dokumentiert wer- wird verworfen. Alle benutzten Trinkgefäße werden voll-
den. gefüllt. Um die Ausscheidungsmenge genau zu erfassen,
● Sitzwaage feststellen und Sitzfläche evtl. mit einem Tuch nutzen die Patienten ein Steckbecken oder eine Urinflasche.
abdecken. Der Patient soll seine Füße auf dem dafür vor- Nach Ablauf der 24 Std. entleert der Patient die Harnblase
gesehenen Trittbrett abstellen. nochmals, diese Menge wird noch dokumentiert und an-
schließend erfolgt die Bilanzierung, d. h., es wird die Diffe-
renz zwischen Ein- und Ausfuhr aller Flüssigkeiten berech-
19.2.3 Body-Mass-Index net (siehe Kap. 24.2.4).

Um das Verhältnis des Körpergewichts zur Körpergröße zu


Perspiratio insensibilis • Unter Perspiratio insensibilis ver-
ermitteln, wird der Body-Mass-Index anhand folgender For-
steht man einen unbemerkten Flüssigkeitsverlust über die
mel berechnet:
Haut und Atmung. Sie muss berechnet werden und sollte
ðKörpergewicht ðKGÞ in Kilogramm ðkgÞ bei der Flüssigkeitsbilanzierung berücksichtigt werden.
BMI ¼
ðKörperlänge in mÞ2
Der BMI ist nach Alter und Geschlecht in Normbereiche un-
! Merke Perspiratio insensibilis
Als Faustregel beim Erwachsenen gelten ca. 900 ml über 24 Stun-
terteilt. Demnach gilt ein Erwachsener mit einem BMI von
den. Davon werden 200–400 ml über die Haut, 400–600 ml über
18,5 bis 24,9 als normalgewichtig. Der BMI ist nur ein An-
die Atmung und 100 ml über den Stuhl ausgeschieden. Bei Fieber
haltswert und z. B. bei starken Ödemen oder Amputationen
rechnet man zusätzlich pro Tag ca. 500 ml Flüssigkeitsverlust pro
nicht aussagekräftig.
1 °C erhöhter Temperatur.

134
Flüssigkeitsbilanz erheben

Abb. 19.1 Flüssigkeitsbilanz.

erhöht Durst

Defizit
Zufuhr Abgabe
ca. 2,5 l/Tag ca. 2,5 l/Tag

Wasserbilanz

0,1 l mit dem Stuhl


0,3 l Oxidationswasser 0,9 l mit der Atmung
0,9 l mit der Nahrung und über die Haut
1,3 l Getränke 1,5 l als Urin
Überschuss

erhöht Urin-
ausscheidung

Ein konstanter Wasserhaushalt im Körper wird durch eine ausgeglichene Flüssigkeitsbilanz aufrechterhalten. Aus: I care – Pflege. Thieme;
2015

Ergebnisse
KOMPAK T
Die Bilanzierung kann wie folgt ausfallen:
● positive Bilanz: Die zugeführte Flüssigkeitsmenge ist grö-

ßer als die ausgeschiedene, z. B. bei einer Niereninsuffi- Essen und Trinken anreichen, Körperlänge und -ge-
zienz (Ödeme). wicht bestimmen, Flüssigkeitsbilanz erheben
● negative Bilanz: Die ausgeschiedene Flüssigkeitsmenge ist
● Bei der Auswahl der Kost ist neben den Patientenwün-
größer als die zugeführte, z. B. bei Diuretika-Therapie. schen auch die EDEKA-Regel zu beachten: Empfindlich-
● ausgeglichene Bilanz: Ein- und Ausfuhr sind gleich. Der keiten und Unverträglichkeiten, diätetische Kost, Ein-
Flüssigkeitshaushalt ist ausgeglichen. schränkungen bei der Nahrungsaufnahme, krankheits-
bedingte Kost und Allergien.
Mögliche Fehlerquellen ● Zur Nahrungsaufnahme nur die Patienten mit ausrei-
chender Rumpfstabilität an die Bettkante mobilisieren
● Die Dokumentation der Einfuhrmenge ist unvollständig, (Sturzgefahr!).
z. B. wird die Eintragung vergessen. ● Um Aspiration zu vermeiden, ist es wichtig, einen Schluck-
● Dokumentierte Getränke werden nicht vollständig ge- versuch durchzuführen oder Getränke anzudicken.
trunken, z. B. wird nur ein halbes Glas getrunken, obwohl ● Werden Medikamente mit dem Essen verabreicht, muss
ein ganzes Glas dokumentiert wurde.
der Patient darüber informiert werden.
● Flüssigkeiten, die nicht genau berechnet werden können, ● Die Körperlänge wird immer direkt nach der Geburt, bei
werden falsch geschätzt, z. B. wenn der Patient schwitzt
der Aufnahme in die Klinik und nach Anordnung ermittelt.
oder bei Inkontinenz.
● Die Erfassung des Körpergewichts ist wichtig für die
● Flüssigkeiten werden nicht mitgerechnet, z. B. Blutentnah-
Medikamentendosierung und Kontrolle der Therapie-
me, Medikamente.
ergebnisse, z. B. bei Diuretika-Therapie. Dabei ist darauf
● Ob Blutersatzprodukte (z. B. Erythrozytenkonzentrate) mit zu achten, dass die Bedingungen gleich sind, wie diesel-
in die Bilanz einbezogen werden, ist von klinikeigenen be Waage, die gleiche Tageszeit und Kleidung.
Standards abhängig. ● Bei der Flüssigkeitsbilanzierung, die ärztlich angeord-
net wird, werden alle Flüssigkeiten, die der Patient zu
sich nimmt (Einfuhr) und ausscheidet (Ausfuhr) exakt
dokumentiert. Anschließend wird die Differenz zwi-
schen Einfuhr und Ausfuhr berechnet. Zu beachten da-
bei ist die Perspiratio insensibilis mit ca. 900 ml.
● Die Ergebnisse der Bilanz:
– positive Bilanz: Einfuhr übersteigt Ausfuhr.
– negative Bilanz: Ausfuhr übersteigt Einfuhr.
– ausgeglichene Bilanz: Einfuhr und Ausfuhr sind gleich
20 Bei den Ausscheidungen
unterstützen

Erkrankungen der Blase Einengung der Harnröhre Frequenz

Farbe
Dranginkontinenz Ursachen, z.B.
Geruch
Überlaufinkontinenz Formen, z.B. Harnin- Beobachtung
kontinenz des Stuhls
Menge
Kontinenztraining
Konsistenz
z.B. erschwertes Miktionsstörungen Urin Stuhl
oder fehlendes Beimengungen
Wasserlassen Farbe
Defäkations-
Beobachtung Ausscheidungen Obstipation
Geruch störungen
Schmerzen? des Urins beobachten
und kontrollieren Stuhlinkontinenz
Menge

pH-Wert Urindiagnostik Diarrhö

spezifisches Elektrolytverlust!
Gewicht

bei der Ausscheidung


Übelkeit
! unterstützen
und Erbrechen
Aspirations-
gefahr! Toilettenstuhl
beim Abführen = erhöhte
Beobachten des Pflege, z.B. unterstützen Sturzgefahr!
Erbrochenen
Inkontinenz-
Lüften Mundpflege hilfsmittel Suppositorien Einlauf,
Farbe anbieten Klistier

Aussehen Menge aufsaugende aufsammelnde


Hilfsmittel Hilfsmittel
Geruch Mazerations- und
Infektionsgefahr

z.B. Inkontinenzvorlage z.B. Kondomurinal


Stuhl

20.1 Urin Harninkontinenz


Definition Harninkontinenz
20.1.1 Physiologie der Miktion Harninkontinenz ist ein unwillkürlicher Harnabgang.
Die Harnblase hat eine Reservoirfunktion. Sie fasst 800–
1000 ml Urin. Bei einer Füllung von ca. 200 ml steigt der Der Nationale Expertenstandard zur Förderung der Harn-
Druck in der Harnblase und die Dehnungsrezeptoren der kontinenz in der Pflege fasst die Risikofaktoren der Harnin-
Blasenwand werden aktiviert. Die afferenten Fasern leiten kontinenz zusammen:
diesen Impuls zum Gehirn weiter, der als Harndrang wahr- ● kognitive und körperliche Einschränkungen

genommen wird. Die hemmenden Impulse aus dem Gehirn ● Erkrankungen (Demenz, Morbus Parkinson, Apoplex, Dia-
lassen dem Menschen noch Zeit, eine Toilette aufzusuchen. betes mellitus)
Der Detrusor (Blasenmuskel) kontrahiert, der innere ● Medikamente (Diuretika, Anticholinergika, Antihistamini-
Schließmuskel entspannt sich, der Beckenboden sinkt ab ka, Antidepressiva, Neuroleptika, Kalziumantagonisten,
und der äußere Schließmuskel öffnet sich. Die Bauchpresse Opiate)
unterstützt die Urinausscheidung (Miktion). ● Harnwegsinfektionen

● Beckenbodenbelastung (durch Schwangerschaft oder Ent-

20.1.2 Urin beobachten und bindung, Adipositas)


● Obstipation
kontrollieren ● Östrogenmangel

Die wichtigsten Kriterien für die Beobachtung von Urin zeigt ● Veränderungen oder Operationen der Prostata
▶ Tab. 20.1. ● Alter

● nicht Kontinenz förderndes Umfeld (weite Toilettenwege)

Miktionsstörungen
Die ▶ Tab. 20.2 gibt einen Überblick über Formen der Harn-
Die Entleerung der Blase kann gestört sein, z. B. durch Dys- inkontinenz, deren Ursachen und Therapiemöglichkeiten.
urie, Inkontinenz, Harnverhalt. Besteht ein Harnverhalt,
kann der Urin aus der Blase nicht mehr vollständig entleert
werden. Es bleibt der sog. Restharn zurück. Kontinenztraining
Ursachen können sein: Ziel des Kontinenztrainings ist die physiologische Miktion.
● Abflussbehinderungen, z. B. durch Nierensteine, Tumoren,
Ein Miktionsprotokoll unterstützt die pflegerische Beobach-
Verletzungen tung und liefert wichtige Informationen für die individuelle
● Prostatahyperplasie oder -adenom
Planung eines Trainings. Die Kriterien dabei sind: Flüssig-
● neurogene Blasenentleerungsstörung, z. B. bei Multipler keitsaufnahme, Miktionsintervalle, Inkontinenzvorfälle.
Sklerose, Diabetes mellitus, Hemi- und Paraplegie Es gibt 3 Arten des Kontinenztrainings:
● post-OP, z. B. nach Dauerkatheterentfernung 1. angebotene Toilettengänge: zur Stärkung der Blasenkon-
trolle (verbale Aufforderung, positive Unterstützung)
Es ist wichtig, eine Harnretention frühzeitig zu erkennen, 2. Toilettengänge zu individuellen Zeiten: zur Unterstüt-
um Komplikationen zu vermeiden (z. B. Nierenversagen zung der Ausscheidung nach einem festen Plan, der auf
durch Rückstauungsschäden am Harnsystem). Abhilfe schaf- dem jeweiligen Ausscheidungsmuster des Patienten ba-
fen Katheterisierung der Harnblase, medikamentöse Thera- siert
pie und Beseitigung der Abflussbehinderung. 3. Toilettengänge zu festen Zeiten: zur Gewohnheitsbildung

! Merke Überlaufblase und zur Vermeidung inkontinenter Episoden

Wenn beim Harnverhalt die Blase maximal gefüllt ist, kann tröpf-
chenweise Urin abgehen. Dies muss kein Zeichen für eine Inkonti- 20.2 Stuhl
nenz sein. Eine Überlaufblase zeigt sich meist mit Schmerzen und
Druckgefühl im (Unter-)Bauch. Bei dementen Menschen ist sie oft 20.2.1 Physiologie der Defäkation
mit Unruhe verbunden.
Der Defäkationsprozess wird vom vegetativen Nervensys-
tem beeinflusst. Die Dehnungsrezeptoren der Darmwand
signalisieren dem Gehirn über die afferenten Fasern, dass
der Enddarm gefüllt ist. Die spinalen Reflexe aus dem Rü-
ckenmark setzen dann die Darmperistaltik in Gang. Als Ant-
wort auf die Enddarmfüllung wird über die efferenten Ner-
venfasern die glatte Muskulatur des Darms aktiviert, sie
kontrahiert und der innere Schließmuskel erschlafft. Der äu-
ßere Schließmuskel wird willentlich beeinflusst und er-
schlafft erst, wenn die Defäkation möglich ist.
l
20 Bei den Ausscheidungen unterstützen

Tab. 20.1 Beobachtungskriterien für die Urinausscheidung.

Beobachtungskriterium Veränderung Ursachen


Physiologie

Farbe/Aussehen physiologische Abweichungen


hell- bis dunkelgelb und klar
rot Rote Bete

orange Vitamin-B-Präparate

pathologische Veränderungen

dunkelgelbbraun Flüssigkeitsdefizit

bierfarben mit gelbem Schaum Bilirubinurie bei Gallenwegs- und Lebererkrankungen (Ikterus)

hellrötlich bis blutig Blutungen bei Nieren- und Blasenerkrankungen, Antikoagu-


lanzientherapie

wasserhell ins Grünliche schimmernd Diabetes mellitus und Diabetes insipidus

milchig, flockig Entzündung (Leukozyturie, Pyurie)

milchig-trüb Phosphaturie, z. B. bei Hungerzuständen, alkalischer Kost

Geruch physiologische Abweichungen


unauffällig

typischer Geruch nach Speisen z. B. Spargel

pathologische Veränderungen

Foetor hepaticus (intensiv, süßlich, Lebererkrankungen


frische Leber)

Azeton (obstartig) Diabetes mellitus, Fasten

Ammoniak (beißend, „Pferdestall- Harnwegsinfekte, länger stehender Urin


geruch“)

Menge Ausscheidungsmenge in 24 Std.


Erwachsene: ca. 2000 ml
Schulkinder: bis 1500 ml Oligurie verminderte Flüssigkeitszufuhr oder Flüssigkeitsverlust, z. B.
Säuglinge: bis 500 ml weniger als 500 ml bei Diarrhö, Nierenerkrankungen, Herzinsuffizienz

Anurie Herzinsuffizienz, Nierenerkrankungen, Nierenversagen im


weniger als 100 ml Schock, urämisches Koma

Polyurie extreme Flüssigkeitszufuhr, Diabetes mellitus und Diabetes


mehr als 2000 ml insipidus, Diuretikatherapie in der polyurischen Phase, nach
akutem Nierenversagen (ANV)

Veränderungen des Harnstrahls ● zu Beginn: häufiger Harndrang und Prostatahyperplasie oder Prostataadenom
Miktion, jedoch verzögert und
schwacher Harnstrahl
● später: unvollständige Entleerung
mit hohem Restharn

Pollakisurie häufige Miktion in kleinen Mengen, Zystitis, Pyelonephritis


Gesamtharnmenge bleibt gleich

pH-Wert ● saure Reaktion eiweißreiche Ernährung, starkes Schwitzen, Diarrhö, Fieber


schwach sauer ● pH bis 4,8
(pH 5–6)
ernährungsbedingt ● neutrale bis alkalische Reaktion pflanzliche Ernährung, Infektionen der Nieren oder der
● pH bis 7,2 ableitenden Harnwege

spezifisches Gewicht hohes spezifisches Gewicht Glukose- und Albuminurie, z. B. bei Diabetes mellitus oder
1,015–1,025 Nierenerkrankungen
Ausscheidungsmenge ist von der
Trinkmenge und der Nierenfunk- niedriges spezifisches Gewicht Funktionsstörungen der Niere (Hyposthenurie)
tion abhängig
gleichbleibende Konzentration trotz Niereninsuffizienz (Isosthenurie), durch Verlust der Konzen-
geringer oder hoher Trinkmenge trationsfähigkeit der Niere

138
Stuhl

Tab. 20.2 Formen, Ursachen und Therapie der Harninkontinenz.

Inkontinenzform Symptome Ursachen Therapie

Belastungsinkonti- anfangs nur tröpfchenweiser ● Schwäche der Beckenbodenmusku- ● Beckenbodentraining


nenz Harnverlust bei Lachen, Hus- latur (Schwangerschaft, Entbindung, ● Elektrostimulation
ten, Niesen und Lastenheben Adipositas) ● Biofeedback
bis hin zur vollständigen Bla- ● Senkung der weiblichen Genitalorgane ● lokale Östrogentherapie
senentleerung bei abdominaler ● Östrogenmangel nach der Meno-
Druckerhöhung
● evtl. OP
pause

Dranginkontinenz unfreiwilliger Harnverlust mit ● motorische Dranginkontinenz: de- ● kausale medikamentöse Therapie
intensivem Harndrang generative Erkrankungen des ZNS, ● Kontinenztraining
Demenz, Einnahme von Barbituraten
● sensorische Dranginkontinenz:
Harnblasenerkrankungen (Zystitis,
Steine, Tumor)

neurogene Blasen- unfreiwillige reflektorische Rückenmarkkompression oder -kon- gezielte Blasenentleerung durch:
funktionsstörung (Re- Miktion mit Restharnbildung, tusion (Bandscheibenvorfall, MS, ● Medikamente
flexinkontinenz) meist ohne Harndrang Tumor, Querschnittlähmung) ● intermittierenden Selbstkathete-

rismus
● Triggern

● evtl. Urostomie

● Harnableitung über Blasenkathe-

ter

Überlaufinkontinenz Harndrang, Harnträufeln, Pol- Einengung der Harnröhre durch Pros- ● Operation
lakisurie, Restharnbildung tatavergrößerung oder Harnröhren- ● Harnableitung über Blasenkathe-
striktur ter

20.2.2 Stuhl beobachten und Stuhlinkontinenz


kontrollieren Definition Stuhlinkontinenz
Die Beobachtungskriterien für die Stuhlausscheidung kön- Stuhlinkontinenz ist das Unvermögen, den Stuhl willkürlich zu-
nen Sie der ▶ Tab. 20.3 entnehmen. rückzuhalten.

Eine Stuhlinkontinenz kann folgende Ursachen haben:


Diarrhö ● sensorische Ursachen: Diarrhöen, chronisch-entzündliche

Darmerkrankungen, Reizdarm, breiige Konsistenz des


Definition Diarrhö Stuhls, „paradoxe Diarrhö“, neurogene Störungen
Diarrhö (Durchfall): häufige, dünnflüssige Stuhlausscheidung, ● muskuläre Ursachen: Schädigung des Schließmuskels
mehr als 3-mal am Tag, meist von Darmkrämpfen begleitet. durch Geburten, postoperativ bei Analfisteln, Rektumtu-
moren oder -prolaps, Stuhlabgang gleichzeitig mit Flatu-
Eine Diarrhö kann folgende Ursachen haben: lenzen oder bei körperlicher Belastung (Bauchpresse)
● Darminfektionen
● neurogene Ursachen: Beckenbodeninsuffizienz durch
● Lebensmittelvergiftungen
chronische Obstipation oder Überdehnung während der
● Nebenwirkungen von Medikamenten (Antibiotika, Zyto- Entbindung, diabetische Neuropathie, Multiple Sklerose,
statika) Querschnittlähmung
● Nahrungsmittelallergien ● psychische Ursachen: Demenz, psychische Erkrankungen
● unzureichende Kaufähigkeit

● Überdosis von Laxanzien Schweregrade der Stuhlinkontinenz • Die Stuhlinkontinenz ist


● psychische Reize (Angst, Stress, Aufregung) für die Betroffenen sehr belastend und oft ein Tabuthema.
● krankhafte Veränderungen des Darms (Stenosen)
Um für den Patienten die effektivste Therapieform zu wäh-
len, ist eine gezielte Diagnostik unabdingbar.
● Sondenkost
Man unterscheidet 3 Grade der Stuhlinkontinenz:
● Grad 1: unkontrollierter Abgang von Darmgasen
Diarrhöen sind mit der Gefahr eines Flüssigkeits- und Elek-
● Grad 2: unkontrollierter Abgang von dünnflüssigem Stuhl
trolytverlustes verbunden. Besonders gilt dies für Kinder
● Grad 3: unkontrollierter Verlust von festem Stuhl
und ältere Menschen.

Stuhlprotokoll • Die Diagnostik kann durch Pflegende mithil-


fe eines Stuhlprotokolls und einer gezielten Beobachtung
(Mobilität, Auffinden der Toilette, Umgang mit Kleidung
l
20 Bei den Ausscheidungen unterstützen

Tab. 20.3 Beobachtungkriterien für die Stuhlausscheidung.

Beobachtungskriterien Veränderungen Mögliche Ursachen

Farbe/Aussehen physiologische Abweichungen


hell- bis dunkelbraun
schwarz Eisen-, Kohlepräparate, Rotwein

rötlich gefärbt Rote Bete

pathologische Veränderungen

schwarz und glänzend, „Teerstuhl“ Blutung im Magen oder in den oberen Darmabschnitten

tonig, fettglänzend Pankreaserkrankungen

grauweiß, entfärbt (acholisch), „Lehmstuhl“ fehlendes Sterkobilin bei Gallenwegs- und Lebererkran-
kungen

Geruch physiologische Abweichungen


nicht übermäßig übel riechend
abhängig von der Nahrung und der Ver- bei kohlenhydratreicher Ernährung eher säuerlich, bei
weildauer im Darm fleischhaltiger Kost geruchsintensiver

pathologische Veränderungen

faulig-jauchig (tiefbraun) Fäulnisdyspepsie

nach Aas (verwesendem Fleisch) riechend Zerfallsprozesse im Darm bei Karzinom

Menge/Konsistenz/Form physiologische Abweichungen


Menge ist ernährungsbedingt
und beträgt beim Erwachsenen größere Menge sehr ballaststoffreiche Ernährung (bis zu 500 g)
etwa 120–300 g pro Tag
kleinere Mengen bei ballaststoffarmer, eiweißreicher Ernährung

pathologische Veränderungen

große Mengen Malabsorption

flüssig Diarrhö bei Darminfektionen

fester als normal Obstipation

trocken-hart Kotsteine bei schwerer Obstipation

bleistiftförmig Stenosen des Enddarms

Beimengungen physiologische Abweichungen

Weintraubenschalen, Tomatenschalen usw. unverdaute Nahrung

pathologische Veränderungen

Blutauflagerungen Blutungen aus den Analfissuren, Hämorrhoiden, Rektum-


und Analkarzinom

Schleim gereizte Darmschleimhaut bei evtl. Darminfektionen

blutiger Schleim Colitis ulcerosa, nach schweren Diarrhöen

Parasiten Maden-, Spul- und Bandwürmer (makroskopisch)


Wurmeier und pathogene Keime (mikroskopisch)

beim Toilettengang) unterstützt werden. Das Protokoll ist Die Stuhlkonsistenz beeinflussen • Es gibt unterschiedliche
über mind. 2 Wochen anhand folgender Kriterien zu führen: Möglichkeiten, die Stuhlkonsistenz zu verbessern. Beispiele
Zeiten der Entleerung, Inkontinenzereignisse, Stuhlkonsis- sind:
tenz, Auslöser für Inkontinenzereignisse, Beeinträchtigung ● Verhaltenstraining (Förderung der funktionellen Fähigkei-

des Wohlbefindens. ten, Stuhlregulierung, Ernährungsberatung, geplante Ent-


leerungszeiten, transanale Irrigation)
● Stuhleindickung

140
Übelkeit und Erbrechen

● Physiotherapie (Beckenboden-, Sphinktertraining, evtl. Beim Wechsel der Hilfsmittel sind folgende Punkte zu be-
Biofeedback) achten:
● Einsatz von Hilfsmitteln (Vorlagen, Analtampon) ● Intimsphäre wahren

● Händehygiene (-desinfektion)

● evtl. allergische Reaktion auf das Material


Obstipation
● Informationen des Herstellers (Größe, Hautpflege, Rasur,

Definition Obstipation Anlagetechnik, Funktionsfähigkeit)


Obstipation ist eine seltene Entleerung (weniger als 3-mal die ● Wohlbefinden, Mobilität und Ressourcen des Patienten

Woche) von hartem Stuhl.

Obstipation (Verstopfung) wird oft von Völlegefühl, Bauch- 20.3.2 Beim Abführen unterstützen
krämpfen, Meteorismus, Appetitverlust, Zungenbelag, Wenn die ausgewählten Maßnahmen zur Obstipationspro-
Mundgeruch, Kopfschmerzen und Unruhe begleitet. phylaxe (z. B. Kolonmassage, mild angesäuerte Milchpro-
Eine Obstipation kann folgende Ursachen haben: dukte oder Bewegung) nicht die gewünschte Wirkung zei-
● organische Ursachen: Darmerkrankungen (Divertikulitis,
gen, werden abführende Maßnahmen nötig, die die Stuhl-
Tumoren, Entzündungen, Stenosen), neurologische Stö- ausscheidung fördern bzw. unterstützen. Dazu zählen u. a.
rungen (Schlaganfall, Querschnittlähmung, diabetische ● Klistiere (kleine Flüssigkeitsmengen werden in den End-
Neuropathie), endokrine Störungen (Hypothyreose), me- darm verabreicht),
tabolische Ursachen (unregelmäßige Essenszeiten), rek- ● Abführ-Suppositorien oder ggf. auch das
toanale Erkrankungen (Analfissur)
● manuelles Ausräumen der Rektumampulle.
● funktionelle Ursachen: Motilitätsstörungen des Darms

(verlangsamte Darmpassage nach Laxanzienmissbrauch),


Letzteres kommt v. a. dann infrage, wenn die zuvor genann-
Unterdrückung der Defäkation (Mehrbettzimmer, fremde
ten Maßnahmen keine Wirkung zeigen, der Stuhl verhärtet
Umgebung), ballaststoffarme Ernährung, Flüssigkeitsman-
ist und/oder der Patient nicht pressen kann.
gel, Bewegungsmangel, Elektrolytverschiebungen
● auslösende Medikamente: Analgetika, v. a. Opioide, Anti-
Definition Manuelles Ausräumen
depressiva, Anti-Parkinson-Mittel, Antihypertonika, Anta-
Manuelles (digitales) Ausräumen: manuelle – mit einem doppelt
zida, Eisenpräparate, Diuretika
behandschuhten Finger – Entfernung der Kotsteine.

Diese Maßnahme wird als sehr schmerzhaft und unange-


20.3 Bei der Ausscheidung nehm empfunden. Sie greift stark in die Intimsphäre des Pa-
unterstützen tienten ein und wird ausschließlich auf ärztliche Anordnung
durchgeführt. Mögliche Komplikationen sind: Blutungen bei
Kann ein Patient zur Verrichtung der Ausscheidung nicht Hämorrhoiden, Verletzungen der Darmwand und des
mehr selbstständig die Toilette nutzen, können unterschied- Schließmuskels.
liche Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Wird z. B. ein Toilet-
tenstuhl genutzt, muss der Stuhl immer durch Bremsen
„festgestellt“ werden und die Patientenrufanlage in Reich- 20.4 Übelkeit und Erbrechen
weite liegen (Sturzgefahr!). Bei bettlägerigen Patienten wird
häufig eine Urinflasche oder ein Steckbecken genutzt. Dabei beobachten und kontrollieren
muss besonders auf die Gefahr von Druckstellen (Vermei-
dung der Reibe- und Scherkräfte beim Einsetzen des Steck-
beckens) geachtet werden. Die Wahrung der Intimsphäre Definition Übelkeit
steht immer an oberster Stelle! Übelkeit (Nausea) ist eine unangenehme Empfindung im Rachen
oder Oberbauch. Nimmt die Spannung im Ösophagus, Magen
und Darm zu, hat man das Gefühl, erbrechen zu müssen.
20.3.1 Inkontinenzhilfsmittel
Definition Erbrechen
Die Wahl der Hilfsmittel wird durch den Grad und die Form
Erbrechen (Emesis, Vomitus) ist ein Schutzreflex, bei dem der Ma-
der Inkontinenz, die Situation des Patienten und das Ge-
gen- bzw. Darminhalt stoßartig entgegen der Peristaltik über den
schlecht bestimmt. Die ausgeschiedene Urinmenge ent-
Mund entleert wird.
scheidet über die Häufigkeit des Wechsels.
Es wird zwischen aufsaugenden und aufsammelnden
Übelkeit, Würgen und Erbrechen können Symptome einer
Hilfsmitteln unterschieden:
zugrunde liegenden Erkrankung sein. Die Medulla oblongata
● aufsaugende Hilfsmittel: Inkontinenzvorlagen, die die
steuert den Vorgang des Erbrechens. Der Reizung des Brech-
Anatomie und die Bedürfnisse des Patienten berücksichti-
zentrums folgen Übelkeit, Blässe, Schweißausbruch und ver-
gen, z. B. Tag- und Nachtvorlagen, höschenförmige Ein-
mehrte Speichelsekretion. Durch Reizung des Nervus vagus
lagen, Einmalslips
kann Übelkeit auftreten. Erbrechen kann auch ein Selbst-
● aufsammelnde Hilfsmittel: ableitende Systeme, die den
schutz des Körpers vor toxischen Substanzen und verdorbe-
Urin in ein Reservoir leiten, z. B. Kondomurinal, externer nen Lebensmitteln sein.
Urinableiter Die Ursachen für Erbrechen können sehr unterschiedlich
sein.
l
20 Bei den Ausscheidungen unterstützen

● zentrales Erbrechen: Das Erbrechen ist schwallartig und Wurde erbrochen, wird das Erbrochene auf Menge, Ge-
wird durch direkte Reizung des Brechzentrums hervor- ruch, Aussehen (Beimengungen), Häufigkeit und Farbe des
gerufen, z. B. durch Hirntumor, Migräne, Meningitis, Schä- Erbrochenen kontrolliert (▶ Tab. 20.4).
del-Hirn-Trauma, Zytostatika oder Digitalis.
● reflektorisches Erbrechen: Hier wird das Brechzentrum
indirekt über das vegetative Nervensystem gereizt, z. B. KOMPAK T
bei Magen-Darm-Erkrankungen.
Bei den Ausscheidungen unterstützen
Zu den weiteren Formen zählen:
● hormonell bedingtes Erbrechen: z. B. während der ● Beobachtung der Ausscheidungen: Menge, Farbe, Ge-
Schwangerschaft ruch, Beimengungen, Häufigkeit, Konsistenz
● Postoperative nausea and vomiting (PONV): Stimulation ● Miktionsstörungen: können sich durch Schmerzen, er-
des Brechzentrums, z. B. durch Narkotika oder Opiate schwertes oder fehlendes Wasserlassen und einen Ver-
● antizipatorisches Erbrechen: wird hervorgerufen durch lust der Kontrolle über die Blasenfunktion zeigen. Von
schlechte Erfahrungen mit bestimmten Gerüchen, Situa- einem Harnverhalt spricht man, wenn die Blase nicht
tionen oder Stoffen, z. B. Chemotherapie oder nicht mehr vollständig entleert wird.

! Merke Erbrechen von Blut


● Stuhlentleerungsstörungen: Diarrhö kann zu Flüssig-
keits- und Elektrolytverlusten führen; Obstipation (er-
Blut im Magen führt zu schwallartigem Erbrechen. Erbricht ein schwerte und seltene Stuhlausscheidung), Stuhlinkon-
Patient frisches Blut oder Hämatin, handelt es sich um ein lebens- tinenz (Unvermögen, den Stuhl zu halten) sind für den
bedrohliches Geschehen (Notfall), bei dem der Arzt sofort infor- Patienten u. a. mit Scham und einer erhöhten Infekti-
miert werden muss. onsgefahr verbunden.
● Bei der Unterstützung des Patienten steht die Wahrung
Beobachtung des Erbrochenen • Übelkeit und Erbrechen kön- der Intimsphäre an erster Stelle. Dabei immer die Si-
nen für die Betroffenen sehr belastend sein. Oft fühlen sie cherheit des Patienten wahren.
sich dem Zustand bzw. Vorgang machtlos ausgeliefert. Die ● Hat ein Patient erbrochen, Mundpflege anbieten, Raum
Klärung der Ursachen und die Begleitung des Patienten wir- gut lüften.
ken dem Gefühl des Kontrollverlustes entgegen.

Tab. 20.4 Beobachtungskriterien für Erbrochenes.

Beobachtungskriterien Veränderung mögliche Ursachen

Farbe/Aussehen physiologische Abweichungen


hell, frische Galle, Magensaft bis dunkel-
grün, evtl. Beimengungen von Nahrungs- rot Trinken von rotem Tee oder z. B. Essen Roter Bete
resten
pathologische Veränderungen

angedaut, säuerlich riechend Störung der Magenpassage, z. B. bei Tumoren

grünlich gelb hinter dem Choledochusgang liegende Abflussstö-


rungen, Nüchternerbrechen

frisches Blut, Koagel Magenblutung, z. B. bei Ulzera

frisches hellrotes Blut Ösophagusvarizenblutung oder Blutung aus einer


Arterie im Magen bei Ulzera

braunschwarz „Kaffeesatz“-Erbrechen durch Magenblutung, z. B. bei


Ulzera („angedautes“ Blut durch Magensäure)

braun, übel riechend (kotig) Miserere (Kopremesis): Koterbrechen bei einem Ileus

Geruch physiologische Abweichungen


leicht säuerlich
abhängig von der Nahrung und z. B. Gerüche von Kräutern und Gewürzen (Knob-
der Verweildauer im Magen lauch)

pathologische Veränderungen

kotig bei einem Ileus

intensiv sauer Passagehindernis im Magen

142
21 Prophylaxen

Mund spülen
dauerhafte Mund- verschleppte
Zähne putzen trinken trockenheit Keime
Hauptrisikofaktor:
Kontinenzförderung eingeschränkte
Aktivität und Mobilität
Maßnahmen, z.B. Risikofaktoren, z.B. Hautpflege
Ernährung und
Flüssigkeit Druck
Mobilisation

Risiko- Zeit
Soor- und Parotitis Maßnahmen, z.B. faktoren, z.B.
Disposition

individuelles Risiko Dekubitus


erfassen (Assessment)
Prophylaxen II S. 150
Prä- und Probiotika
Reize schaffen
trinken ballaststoff-
reiche Kost Hilfsmittel
frühe
Mobilisation organisieren
Maßnahmen, z.B.
Obstipation Prophylaxen I
Maßnahmen, z.B.
Risikofaktoren, z.B.
Bettlägerigkeit
Risikofaktoren, z.B.
Immobilität Deprivation

ballaststoff- zu geringe
Z. n. Sturz
arme Flüssigkeits- Bewegungs-
Ernährung zufuhr einschränkung
Schmerzen
Risikofaktoren, z.B. Maßnahmen, z.B.

Heimeinzug Hör- und Patient in Alltag Bezugs- Reize schaffen


Sehschäden einbinden pflege
Dekubitusprophylaxe

primäre Risikofaktoren: Erkrankungen und Umstände, die


21.1 Dekubitusprophylaxe ●

die Aktivität und Mobilität einschränken, wie z. B. Läh-


mungen, Traumen, Bewusstseinsstörung, Schmerzen,
Definition Dekubitus Herz- und Lungenerkrankungen
Lokal begrenzte Schädigung der Haut und/oder des darunterlie-
● sekundäre Risikofaktoren: Zeit der Einwirkung von Druck-
genden Gewebes, verursacht durch zu lange und/oder zu starke
und Scherkräften sowie Risikofaktoren, die den Zellstoff-
Einwirkung von Druck- und Scherkräften.
wechsel beeinflussen, wie z. B. Nikotinabusus, Diabetes
mellitus, Tumoren, Adipositas, Kachexie, Malnutrition, De-
21.1.1 Entstehungsmechanismus hydration, transurethraler Blasenkatheter
3 Entstehungsfaktoren: Druck (Auflagedruck), Zeit (Dauer
des Drucks), Disposition (individuelle Risikofaktoren, s. u.) ! Merke Risikofaktoren Dekubitus
● Dekubitus 1. Grades: umschriebene, nicht „wegdrückbare“ Je mehr ein Mensch auf pflegerische Unterstützung angewiesen
Hautrötung (positiver Fingertest) bzw. je stärker seine Gesundheit beeinträchtigt ist, desto höher
● Dekubitus 2. Grades: Schädigung von Epidermis und Der-
ist sein Dekubitusrisiko!
mis, ggf. mit Blasenbildung und nässendem oberflächli-
chem Hautdefekt 21.1.3 Dekubitusgefährdete
● Dekubitus 3. Grades: Schädigung von Epidermis, Dermis

und Subkutis. Nekrosenbildung und ggf. auch Ausbildung


Körperstellen
von Wundtaschen möglich Besonders gefährdet sind Hautstellen mit wenig Unterhaut-
● Dekubitus 4. Grades: wie Grad III + Schädigung von Mus- fettgewebe, wie z. B. Knochenvorsprünge. Man bezeichnet
keln, Sehnen und Knochen. Septische Komplikationen diese Stellen als Prädilektionsstellen (▶ Abb. 21.1).
sind möglich.

21.1.4 Dekubitusrisiko einschätzen


21.1.2 Risikofaktoren Es gibt unterschiedliche Assessmentinstrumente und Skalen
Hauptrisikofaktoren für die Entstehung eines Dekubitus sind zur Einschätzung einer Dekubitusgefährdung. Sie unter-
die Einschränkungen der Aktivität (z. B. durch Bettlägerig- scheiden sich in ihren Zielgruppen und Kriterien. Das Deku-
keit) und der Mobilität (z. B. Unfähigkeit zur selbständigen bitusrisiko wird immer eingeschätzt, wenn ein Risiko nicht
Positionsveränderung). sicher ausgeschlossen werden kann, z. B. bei
● Aufnahme,

Definition Bewegung ● Veränderungen der Aktivität und Mobilität oder

Die Aktivität wird als Ausmaß bezeichnet, in dem sich ein Patient ● veränderten extrinsischen Faktoren (z. B. Anlage oder Ent-

von einem Ort zum anderen bewegt. Die Mobilität kann in Mikro- fernung von Kathetern, Sonden).
und Makrobewegungen unterteilt werden. Mikrobewegungen
verringern den Druck und sind kleine Körperbewegungen. Makro- Wurde ein Dekubitusrisiko festgestellt, muss eine vertiefte
bewegungen dienen der Druckentlastung und sind komplette Risikoeinschätzung vorgenommen werden. Dabei werden
Körperpositionswechsel. u. a. Ursachen, Risiken, Hautzustand und Allgemeinzustand
erfasst.

Abb. 21.1 Prädilektionsstellen für Dekubitus.

Hinterhaupt- Stirn Jochbein


knochen
Jochbein Ohrmuschel
Schulter- Schulter- Schultergelenke
blätter gelenke Hinterhaupt
Rippen
Ellenbogen Brustbein Schulterblatt
Ellenbogen
Dornfort- Ellenbogen Dornfort-
sätze großer sätze
Darmbein-
Rollhügel
Kreuzbein stachel Ellenbogen

Kniegelenk Sitzbein-
Kniescheibe
höcker
Wadenbein

seitliche
Fersen Fußspitzen Knöchel Fersen

a Rückenlage b Bauchlage c 90°-Seitenlage d im Sitzen

Aus: I care – Pflege. Thieme; 2015


l
21 Prophylaxen

21.1.5 Maßnahmen zur 21.2 Prophylaxe der


Dekubitusprophylaxe Bettlägerigkeit
Das Ziel der Dekubitusprophylaxe ist die Entlastung gefähr-
deter Körperstellen von Druck- und Scherkräften. Definition Bettlägerigkeit
● Mobilisation: Eigenbewegung des Patienten fördern, re- Ein längerfristiger Zustand, bei dem sich der Mensch überwie-
gelmäßige Positionswechsel durchführen und individuelle gend im Bett aufhält. Bettlägerigkeit beginnt, wenn sich ein
Gewebetoleranz berücksichtigen (Mikro- und Makroposi- Mensch nicht mehr ohne Unterstützung von einem Ort zum
tionswechsel), Wirkung von Scherkräften vermeiden (z. B. nächsten bewegen kann.
durch Kinästhetik bei der Mobilisation)
● Hautpflege: Hautzustand regelmäßig kontrollieren (Fin-
21.2.1 Risikofaktoren
gertest). Die Haut sollte trocken und gut durchblutet sein.
Zur Körperpflege milde, pH-neutrale Waschemulsion ver- ● Z. n. Sturz (z. B. Immobilität durch Oberschenkelhalsfrak-
wenden, bei feuchter Haut eine O/W-Emulsion und bei tur)
trockener Haut eine W/O-Emulsion. Kontraindiziert sind ● Bewegungseinschränkung (z. B. durch Schmerzen oder
alkoholische Präparate, hautabdeckende Pasten und Pu- Gelenksteifigkeit)
der.
● Ernährung und Flüssigkeitszufuhr: Für eine gesunde Haut

sollte auf eine eiweiß-, vitamin- (A und C) und mineral- 21.2.2 Auswirkungen
stoffreiche (Zink) Kost und auf eine ausreichende Flüssig- Durch die Abnahme der Mobilität kommt es zu einer Verrin-
keitszufuhr geachtet werden (erhöht Gewebeelastizität). gerung von Knochenmasse und Skelettmuskulatur. Die Be-
● Risikofaktoren reduzieren: z. B. bei Inkontinenz Maßnah- troffenen können sich kaum bis gar nicht mehr selbstständig
men zur Kontinenzförderung; bei Kachexie Ernährungs- fortbewegen und verlieren dadurch oft den Anschluss an
zustand verbessern das soziale Alltagsleben. Ebenso betroffen sind kognitive
● druckverteilende Hilfsmittel: z. B. Wechseldruck- oder Mi- und kommunikative Fähigkeiten. Das Risiko für Dekubitus,
cro-Stimulations-Systeme (MiS) einsetzen Kontrakturen, Thrombosen, Nieren-, Herz- und Lungen-
erkrankungen, Inkontinenz und Infektionen steigt an
Zu den speziellen Maßnahmen siehe auch den „Experten- (▶ Abb. 21.2).
standard Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ (Kap. 10.4)

Abb. 21.2 Auswirkungen längerfristiger Bettlägerigkeit.

verkümmernde Dekubitusrisiko
kognitive Fähigkeiten
Kontrakturrisiko
Verlust von
Selbstvertrauen
und Lebensmut Thromboserisiko

verkümmernde Nieren-, Herz- oder


kommunikative Lungenerkrankung
Fähigkeiten

Elektrolyt-
entgleisung

kein sozialer
Inkontinenz
Kontakt Auftreten weiterer
und keine gesundheitlicher
Umweltreize Probleme Infektionsrisiko

keine Verminderung ortho-


Bewegung statischer Reaktionen
(Anpassen des Kreislaufs
an aufrechte
Körperhaltung)
längerfristige Bettlägerigkeit

Die Mobilität des Patienten ist so weit eingeschränkt, dass er sich größtenteils im Bett aufhält. Das Mobilisieren geschieht nur noch
passiv. Dieser Zustand hat Auswirkungen auf vielen Ebenen. Aus: I care – Pflege. Thieme; 2015

146
Obstipationsprophylaxe

21.2.3 Maßnahmen zur Prophylaxe 21.3.1 Risikofaktoren


von Bettlägerigkeit Ursachen und Risikofaktoren können Sie der ▶ Abb. 21.3
entnehmen.
Grundregel: Reize schaffen und den Patienten regelmäßig
und frühzeitig mobilisieren
● Sturzprophylaxe (siehe Kap. 21.6)
21.3.2 Auswirkungen
● bei längerem Krankenhausaufenthalt Case Management

einschalten (um bestmögliche Nachbetreuung zu gewähr- Patienten mit Obstipation leiden häufig an
● Unbehagen,
leisten), ggf. Überleitungspflege einschalten
● Völlegefühl,
● Patienten und Angehörige über geeignetes Mobiliar und

Hilfsmittel informieren (z. B. Matratze mit verstärktem ● Appetitlosigkeit und

Rand für leichteres Aufsitzen) ● Müdigkeit.

● bei langer Liegedauer gezielt Reize schaffen (z. B. Bild auf-

stellen, Musik, Fenster öffnen, bestimmter Duft, Gesprä- Verhaltene Stühle benötigen mehr Platz im Darm und der
che) Betroffene muss mehr Kraft aufwenden, um den Stuhl he-
● Angehörige in die Pflege einbinden und in Grundtech- rauszupressen. Dadurch können organische Schäden entste-
niken (z. B. bei der Mobilisation) schulen hen, z. B.:
● Megakolon (aufgetriebener Dickdarm)
● Patienten zur Mitarbeit bei der Mobilisation motivieren,
● Hämorrhoiden
loben
● paralytischer bzw. mechanischer Ileus (Darmverschluss)
● geeignete Hilfsmittel zur Mobilisation gemeinsam mit

dem Patienten auswählen und diese korrekt einstellen


Der häufige Gebrauch von Laxanzien und Darmeinläufen
Zu den speziellen Maßnahmen siehe auch den „Expertenstan- stört das Zusammenspiel von Tonus und Peristaltik und
dard Erhalt und Förderung der Mobilität“ (siehe Kap. 10.4). führt zur chronischen Kolitis.

21.3 Obstipationsprophylaxe 21.3.3 Obstipationsrisiko


einschätzen
Definition Obstipation ● Derzeit gibt es keine spezifischen Instrumente zur Erfas-
Als Obstipation (Verstopfung) bezeichnet man eine seltene und
sung des Obstipationsrisikos.
mühsame Entleerung von hartem Stuhl. Ab wann von einer Obs-
● Durch die Anamnese kann der Patient nach seiner indivi-
tipation gesprochen wird, hängt von der individuellen Defäkati-
duellen Defäkationsfrequenz befragt werden. Es gilt: So-
onsfrequenz ab. Die Obstipation ist gekennzeichnet durch hohe
lange der Patient Wohlbefinden im Zusammenhang mit
Konsistenz des Stuhls, zu lange Verweildauer des Stuhls im Darm,
der Ausscheidung angibt, muss keine Veränderung vor-
Probleme beim Absetzen des Stuhls sowie eine geringe und selte-
genommen werden.
ne Ausscheidung.

Abb. 21.3 Ursachen und Risikofaktoren für Obstipation.

körperliche psychische Faktoren,


Schwäche z. B. Reise, Stress, Scham unzureichende
schwache Nahrungsaufnahme
Bauchpresse

veränderte Ballaststoffaufnahme
Darmflora Obstipation ohne ausreichenden
Wasserkonsum

Unterdrücken
des Stuhlgangs mangelnde
• gewohnheits- Verlust des Wasseraufnahme
gemäß Entleerungs-
• bei Schmerzen reizes
organisch bedingt,
(z. B. durch z. B. Tumoren, Divertikel
Hämorrhoiden)
Intoxikation
z. B. Opiate, beeinträchtigende
Psychopharmaka, stoffwechselbedingt, Innervation bei
Bleivergiftungen z. B. Kalziummangel Querschnittlähmung

Aus: I care – Pflege. Thieme; 2015


l
21 Prophylaxen

21.3.4 Maßnahmen zur ● Xerostomie (dauerhafte Mundtrockenheit) kann die Ursa-


che für eine Parotitis sein, aber v. a. ist sie die Folge einer
Obstipationsprophylaxe Parotitis.
● Präbiotika (= unverdauliche Stoffe, die physiologische Bak-
● Nicht entzündliche Ursachen sind Stoffwechselstörungen
terien der Darmflora in ihrem Wachstum fördern): för- in der Leber, in der Niere, im Pankreas und andere hormo-
dern die Verdauung. Präbiotische Lebensmittel sind z. B. nelle Dysregulationen.
Artischocken, Zwiebeln, Chicorée. ● Parotitis- und soorgefährdet sind Patienten mit: Infekti-
● Probiotika (= Mikroorganismen wie z. B. Milchsäurebak- onskrankheiten, eingeschränkter Immunkompetenz (HIV),
terien und spezielle Hefen, die das Immunsystem der malignen Erkrankungen, endotrachealer Beatmung, Anti-
Darmflora unterstützen und gesundheitsgefährdende biotikabehandlung, Nahrungskarenz.
Substanzen abbauen): Probiotische Lebensmittel sind z. B.
Joghurts, Quarkzubereitungen, Käse und Fruchtdrinks. Auswirkungen
● Tagesstruktur: individuelle Defäkationsrituale gewähr-
● Durch den fehlenden Speichel haben Patienten Schwierig-
leisten, z. B. morgens Kaffee oder ein kaltes Glas Wasser
keiten beim Sprechen und Schlucken.
täglich nach dem Aufstehen trinken (reflektorische Darm-
entleerung) ● Nahrungsbestandteile kleben an den Zähnen und der Zun-
ge, Pilzbeläge breiten sich entlang der trockenen Mund-
● Darmentleerung fördern: ballaststoffreiche Kost (Vollkorn),
schleimhaus aus.
Trockenpflaumen, ausreichend Flüssigkeit (mind. 2 l), früh-
zeitige Mobilisation, Bauchmassage, tiefe Bauchatmung ● Parotitis und Soor können Folgeschäden an anderen Orga-
nen verursachen, z. B. kann der Mundsoor durch Ausbrei-
● Laxanzien: nur nach Arztanordnung verabreichen, bei pa-
tung in die Speiseröhre zu Ösophagusstrikturen, zu Atro-
thophysiologischen Veränderungen (z. B. Blut im Stuhl)
phien der Schleimhäute und zur Sepsis führen.
Arzt informieren
● Die virale Parotitis kann Schäden an primären Ge-
● Stuhlentleerung unterstützen: für ruhige Umgebung sor-
schlechtsorganen, am Herzen und im ZNS auslösen bzw.
gen, Intimsphäre wahren, Zeit lassen. Die Entleerung wird
die bakterielle Parotitis im Kindes- und Erwachsenenalter
erleichtert, wenn der Patient mit leicht nach vorne ge-
in eine chronisch rezidivierende Form übergehen.
beugtem Oberkörper sitzt und die Beine angewinkelt hat.
Darf/Kann der Patient nicht aufstehen, Steckbecken mit
angewinkelten Beinen in Rückenlage unterschieben. 21.4.2 Parotitis- und Soorrisiko
einschätzen
21.4 Soor- und Parotitis- ● Soor- und Parotitisprophylaxe immer einleiten, sobald die
prophylaxe ●
orale Nahrungsaufnahme beeinträchtigt ist.
Patienten zum Mundstatus befragen: klebende Zunge, tro-
Definition Parotitis ckener Mund, trockene Kehle?
Parotitis ist eine Entzündung der Ohrspeicheldrüse. Man unter- ● tägliche Begutachtung, um Veränderungen frühzeitig zu
scheidet die bakterielle akute Parotitis (Parotitis acuta) und die erfassen: z. B. visuelle Analogskala von 1 bis 10 von Fitch
virale Parotitis epidemica (Mumps). et al. (1999) oder Brushed-Assessment von Hayes & Jones
(1995) zur Beurteilung der Mundhöhle
Definition Soor
Soor ist der Befall der Schleimhäute mit Hefepilzen.
21.4.3 Maßnahmen zur Parotitis-
21.4.1 Parotitis und Soorprophylaxe
Ziel ist es, die Speichelproduktion und somit eine physiolo-
Bei der Parotitis sterben die physiologisch in der Mundflora
gische Mundflora zu gewährleisten, da diese vor Keimen
lebenden Bakterien ab bzw. werden funktionslos. Somit
schützt.
können sie den Verdauungs- und den Atmungstrakt nicht
● mind. 2-mal täglich gründlich Zähne bzw. Prothesen put-
mehr vor schädlichen Eindringlingen schützen. Krankheiten
zen, Zahnseide verwenden
(z. B. Soor) können sich ausbreiten.
● Utensilien nach jeder Anwendung reinigen

● Mundspüllösungen und Materialien des Mundpflegesets


Symptome täglich wechseln
● Schmerzen unterhalb des Ohrläppchens oder am Unter- ● ausreichend trinken, Kaugummis kauen

kiefer ● Dauerhafte Mundtrockenheit (Xerostomie) ist oft auch

● Schwellung medikamentös bedingt (z. B. Antidepressiva).


● reduzierte Speichelproduktion
● Speichel ist weißlich grau, trüb und schmeckt salzig. ACHTUNG
Kamille, Myrrhe und Zitrone haben eine schleimhautaustrocknen-
de Wirkung. Auf antiseptische Wirkstoffe (z. B. Thymian, ätheri-
Risikofaktoren sche Öle oder Chlorhexidin) bei gesundem Mundstatus verzich-
ten. Diese zerstören neben den Bakterien auch die physiologische
● Verschleppte Keime können sowohl in der Drüse selbst als
Mundflora!
auch im Ausführgang die Parotitis hervorrufen.

148
l
21 Prophylaxen

21.3.4 Maßnahmen zur ● Xerostomie (dauerhafte Mundtrockenheit) kann die Ursa-


che für eine Parotitis sein, aber v. a. ist sie die Folge einer
Obstipationsprophylaxe Parotitis.
● Präbiotika (= unverdauliche Stoffe, die physiologische Bak-
● Nicht entzündliche Ursachen sind Stoffwechselstörungen
terien der Darmflora in ihrem Wachstum fördern): för- in der Leber, in der Niere, im Pankreas und andere hormo-
dern die Verdauung. Präbiotische Lebensmittel sind z. B. nelle Dysregulationen.
Artischocken, Zwiebeln, Chicorée. ● Parotitis- und soorgefährdet sind Patienten mit: Infekti-
● Probiotika (= Mikroorganismen wie z. B. Milchsäurebak- onskrankheiten, eingeschränkter Immunkompetenz (HIV),
terien und spezielle Hefen, die das Immunsystem der malignen Erkrankungen, endotrachealer Beatmung, Anti-
Darmflora unterstützen und gesundheitsgefährdende biotikabehandlung, Nahrungskarenz.
Substanzen abbauen): Probiotische Lebensmittel sind z. B.
Joghurts, Quarkzubereitungen, Käse und Fruchtdrinks. Auswirkungen
● Tagesstruktur: individuelle Defäkationsrituale gewähr-
● Durch den fehlenden Speichel haben Patienten Schwierig-
leisten, z. B. morgens Kaffee oder ein kaltes Glas Wasser
keiten beim Sprechen und Schlucken.
täglich nach dem Aufstehen trinken (reflektorische Darm-
entleerung) ● Nahrungsbestandteile kleben an den Zähnen und der Zun-
ge, Pilzbeläge breiten sich entlang der trockenen Mund-
● Darmentleerung fördern: ballaststoffreiche Kost (Vollkorn),
schleimhaus aus.
Trockenpflaumen, ausreichend Flüssigkeit (mind. 2 l), früh-
zeitige Mobilisation, Bauchmassage, tiefe Bauchatmung ● Parotitis und Soor können Folgeschäden an anderen Orga-
nen verursachen, z. B. kann der Mundsoor durch Ausbrei-
● Laxanzien: nur nach Arztanordnung verabreichen, bei pa-
tung in die Speiseröhre zu Ösophagusstrikturen, zu Atro-
thophysiologischen Veränderungen (z. B. Blut im Stuhl)
phien der Schleimhäute und zur Sepsis führen.
Arzt informieren
● Die virale Parotitis kann Schäden an primären Ge-
● Stuhlentleerung unterstützen: für ruhige Umgebung sor-
schlechtsorganen, am Herzen und im ZNS auslösen bzw.
gen, Intimsphäre wahren, Zeit lassen. Die Entleerung wird
die bakterielle Parotitis im Kindes- und Erwachsenenalter
erleichtert, wenn der Patient mit leicht nach vorne ge-
in eine chronisch rezidivierende Form übergehen.
beugtem Oberkörper sitzt und die Beine angewinkelt hat.
Darf/Kann der Patient nicht aufstehen, Steckbecken mit
angewinkelten Beinen in Rückenlage unterschieben. 21.4.2 Parotitis- und Soorrisiko
einschätzen
21.4 Soor- und Parotitis- ● Soor- und Parotitisprophylaxe immer einleiten, sobald die
prophylaxe ●
orale Nahrungsaufnahme beeinträchtigt ist.
Patienten zum Mundstatus befragen: klebende Zunge, tro-
Definition Parotitis ckener Mund, trockene Kehle?
Parotitis ist eine Entzündung der Ohrspeicheldrüse. Man unter- ● tägliche Begutachtung, um Veränderungen frühzeitig zu
scheidet die bakterielle akute Parotitis (Parotitis acuta) und die erfassen: z. B. visuelle Analogskala von 1 bis 10 von Fitch
virale Parotitis epidemica (Mumps). et al. (1999) oder Brushed-Assessment von Hayes & Jones
(1995) zur Beurteilung der Mundhöhle
Definition Soor
Soor ist der Befall der Schleimhäute mit Hefepilzen.
21.4.3 Maßnahmen zur Parotitis-
21.4.1 Parotitis und Soorprophylaxe
Ziel ist es, die Speichelproduktion und somit eine physiolo-
Bei der Parotitis sterben die physiologisch in der Mundflora
gische Mundflora zu gewährleisten, da diese vor Keimen
lebenden Bakterien ab bzw. werden funktionslos. Somit
schützt.
können sie den Verdauungs- und den Atmungstrakt nicht
● mind. 2-mal täglich gründlich Zähne bzw. Prothesen put-
mehr vor schädlichen Eindringlingen schützen. Krankheiten
zen, Zahnseide verwenden
(z. B. Soor) können sich ausbreiten.
● Utensilien nach jeder Anwendung reinigen

● Mundspüllösungen und Materialien des Mundpflegesets


Symptome täglich wechseln
● Schmerzen unterhalb des Ohrläppchens oder am Unter- ● ausreichend trinken, Kaugummis kauen

kiefer ● Dauerhafte Mundtrockenheit (Xerostomie) ist oft auch

● Schwellung medikamentös bedingt (z. B. Antidepressiva).


● reduzierte Speichelproduktion
● Speichel ist weißlich grau, trüb und schmeckt salzig. ACHTUNG
Kamille, Myrrhe und Zitrone haben eine schleimhautaustrocknen-
de Wirkung. Auf antiseptische Wirkstoffe (z. B. Thymian, ätheri-
Risikofaktoren sche Öle oder Chlorhexidin) bei gesundem Mundstatus verzich-
ten. Diese zerstören neben den Bakterien auch die physiologische
● Verschleppte Keime können sowohl in der Drüse selbst als
Mundflora!
auch im Ausführgang die Parotitis hervorrufen.

148
Deprivationsprophylaxe

21.5 Deprivationsprophylaxe 21.5.3 Deprivationsrisiko


Definition Deprivation
einschätzen
Deprivation ist der Zustand der Reizverarmung bzw. der fehlen- Screening mit Ja/Nein-Fragen (lässt sich eine dieser Fragen
den Befriedigung wesentlicher Bedürfnisse. Eine Person ist depri- mit Nein beantworten, besteht ein Deprivationsrisiko):
viert, wenn ihre objektiven (z. B. Gesundheitszustand) und subjek- ● Bewegung: Erfährt der Patient täglich Ganzkörperbewe-

tiven (z. B. Berufszufriedenheit) Lebensumstände schlecht sind. gungsreize durch Gehen bzw. werden alle Gelenke min-
destens 1-mal am Tag vom Patienten bewegt?
● Berührung: Erfährt der Patient täglich Eigen- oder Fremd-
21.5.1 Risikofaktoren berührungen am ganzen Körper und geschieht dies durch
● Krankenhausaufenthalt bzw. Heimübertritt mehrere Reize (z. B. kaltes, warmes Wasser, Bürste etc.)?
● Demenz ● kognitive Herausforderungen: Wird der Patient vor ver-

● sensorische und soziale Reizarmut schiedene kognitive Herausforderungen gestellt und kann
● Hör- und Sehschäden er diese auch bewältigen?
● soziale Kontakte: Bewegt sich der Patient täglich außer-
● räumliche Isolation
halb des Zimmers in Gruppen und nimmt er dort aktiv an
● Trennung von der Familie bzw. der Gesellschaft
Gesprächen teil?
● Verlust bzw. Liebesentzug der Bezugsperson
● fehlende Herausforderungen
21.5.4 Maßnahmen zur
21.5.2 Auswirkungen Deprivationsprophylaxe
Deprivation findet teilweise oder vollständig statt. Für Pfle- Ziel: eine möglichst reizvolle und angemessene Umgebung
gende besteht die Gefahr, dass sie die Bedürfnisse von depri- gestalten. Menschliche Zuwendung und Spaß stehen im
vierten Patienten übersehen, da diese nicht besonders auf- Vordergrund! Abwechslung schafft Reize und ein struktu-
fallen und nichts einfordern (▶ Abb. 21.4). rierter Tagesablauf gibt Orientierung.
● Bezugspflege

● Angehörige in die tägliche Pflege einbinden

Abb. 21.4 Folgen der Reizarmut.

Deprivation

sensorische soziale

reizarme, stereotype keine konstante


Umwelt emotionale Zuwendung

fehlende Geborgenheit
ungenügend
wahrnehmbare
Reize
fehlendes Selbstvertrauen

Wahrnehmungsstörungen Entwicklungsverzögerungen (Kind),


akute Verwirrtheit (Delir) Verlust kognitiver und körperlicher
(Rest-)Fähigkeiten (älterer Mensch)

psychischer Hospitalismus
in stationären Einrichtungen

stereotype Bewegungen,
Passivität, Reizbarkeit,
depressive Verstimmungen

Aus: I care – Pflege. Thieme; 2015


l21 Prophylaxen

Schmerzen beim
angenehme Essensumgebung Kauen und Schlucken
Vorlagenwechsel üben

Wunschkost Dysphagie? Schluckstörung


Hüftprotektoren
Soor? Demenz
Wohnraumgestaltung
Prophylaxe I S. 144
Maßnahmen, z.B. Risikofaktoren, z.B. Maßnahmen, z.B.
Harninkontinenz

individuelles Risiko Mangelernährung Sturz Risikofaktoren, z.B. Schlafmangel


erfassen (Assessment)
Stolperfallen
V-A-T-I-Lagerung trinken Hygiene

passive und Schmerzursache


Maßnahmen, z.B. aktive Bewegung beheben

Pneumonie
Kontraktur Maßnahmen, z.B.
Risikofaktoren, z.B.

Prophylaxen II Risikofaktoren, z.B.


eingeschränkte Schonatmung Schmerzen
Mobilität bei Schmerzen Thrombose Intertrigo eingeschränkte
Mobilität Apoplex

Risikofaktoren Maßnahmen, z.B. Demenz

z.B. Virchow-Trias trinken Risikofaktoren, z.B. Maßnahmen, z.B.

Mobilisation und MTPS und Adipositas starkes Hautfalten atmungsaktive


Bewegungsübungen Kompression Schwitzen trocken halten Kleidung

Besuche, so oft es geht, ermöglichen



21.6.1 Risikofaktoren
● beruhigende oder anregende Waschung
● beruhigende und anregende Massagen mit ätherischen
● personenbezogene Risikofaktoren:
Ölen durchführen – Beeinträchtigung funktioneller und/oder sensomotorischer
Fähigkeiten, z. B. Gang- und Gleichgewichtsstörungen
● Musik, Blumenduft etc.
– Gesundheitsstörungen, die z. B. mit Schwindel, körper-
● basale Stimulationstechniken anwenden
licher Schwäche einhergehen, Schwierigkeiten beim
● Teller ansprechend anrichten, gemeinsam essen Aufstehen
● Patienten in Alltag einbinden, z. B. Post sortieren, Kochen, – kognitive akute und/oder chronische Beeinträchtigun-
Blumen gießen gen, z. B. Demenz, Delir
– Kontinenzprobleme (Urininkontinenz)
– Nykturie (nächtlicher Harndrang)
21.6 Sturzprophylaxe – Sehbeeinträchtigung (Visusminderung), ungeeignete Brille
Definition Sturz – Sturzangst oder Sturzvorgeschichte
Ereignis, bei dem eine Person unbeabsichtigt auf dem Boden oder ● medikamentenbezogene Risikofaktoren:
auf einer tieferen Ebene aufkommt (sitzend/hockend oder liegend). – Polypharmazie (mehrere Medikamente gleichzeitig)
– psychotrope Medikamente (Medikamente, die auf die
Psyche wirken)
– Antihypertensiva (Medikamente zur Blutdrucksenkung)

150
Sturzprophylaxe

– Schlafmittel, Diuretika toren wie z. B. der Gesundheitszustand, die Umgebung oder


● umgebungsbezogene Risikofaktoren: die Medikation, muss das Sturzrisiko erneut erfasst werden.
– steile Treppen Nach jedem Sturz muss das Sturzrisiko erneut eingeschätzt
– Hindernisse auf dem Boden, Stolperfallen (Teppich) und ein Sturzereignisprotokoll ausgefüllt werden. Inhalte
des Sturzereignisprotokolls sind:
– schlechte Beleuchtung
● Angaben zur Person
– falsches Schuhwerk
● Angaben zur Einrichtung
– ungewohnte Umgebung
● Datum, Uhrzeit, Ort des Sturzes
– freiheitsentziehende Maßnahmen
● Sturzumgebung

● gesundheitliches Befinden nach dem Sturz

21.6.2 Auswirkungen ● Aktivität vor dem Sturz

● unmittelbare physische und psychische Sturzfolgen


● körperliche Verletzungen: Schmerzen, Frakturen, Hämato-
● eingeleitete Folgemaßnahmen
me, Prellungen, Wunden etc.
● psychische Beeinträchtigungen: Angst vor weiteren Stürzen
ACHTUNG
● Verlust der Selbständigkeit: z. B. nach Oberschenkelhals-
Beinahestürze sind ein Alarmzeichen für ein erhöhtes Sturzrisiko.
fraktur auf Hilfe angewiesen
Sturzereignisse können ein Indiz für Krankheiten wie Arrhyth-
● Negativspirale Sturzangst: Nach einem Sturzereignis ent-
mien, Herzinfarkte oder Schlaganfälle sein. Ein Sturz kann somit
wickeln besonders ältere Patienten eine Sturzangst. Sie
Anlass für weitere Abklärung sein.
bewegen sich weniger, um Stürze zu vermeiden, Skelett-
muskulatur und Kraft bauen ab, wodurch das Sturzrisiko
wiederum steigt. 21.6.4 Maßnahmen zur
Sturzprophylaxe
21.6.3 Sturzrisiko einschätzen Die ▶ Tab. 21.1 zeigt wichtige Sturzrisikofaktoren und ent-
Im Vordergrund steht die Erfassung von Risikofaktoren im sprechende pflegerische Maßnahmen.
Rahmen der pflegerischen Anamnese. Verändern sich Fak- Zu den speziellen Maßnahmen siehe auch den „Experten-
standard Sturzprophylaxe in der Pflege“ (Kap. 10.4).

Tab. 21.1 Sturzrisikofaktoren und entsprechende Maßnahmen.

Risikofaktoren Pflegerische Intervention

● Muskelschwäche, Gangunsicherheit ● Kraft, Ausdauer, Koordination, Körperwahrnehmung und Balance trainieren,


● kognitive Beeinträchtigung, Konzentrationsschwäche Treppensteigen üben
● auf eine angemessene Flüssigkeitszufuhr achten

● bereits vorangegangener Sturz ● Orientierung im Raum geben durch Hinweise auf Türbildern, Haltegriffe usw.
● Sturzangst ● Sicherheit geben durch verbales Orientieren

● Harninkontinenz, v. a. Dranginkontinenz ● Harnblase, Beckenboden trainieren


● Diarrhö ● Ablauf beim Vorlagenwechsel üben, v. a. wenn eine Hand zum Festhalten
● ungeeignete Kleidung benötigt wird
● Kleidung sollte weit und leicht zu öffnen sein (für schnelles An- und Ausziehen)

kein sturzrisikobewusstes Verhalten Aufklärung und Anleitung zur Nutzung von Hilfsmitteln (Sturzvermeidung)

● eingeschränkte Seh- bzw. Hörfähigkeit ● Brille und Hörgeräte auf Funktionsfähigkeit prüfen
● schlechte Beleuchtung ● Bewegungssensoren (im häuslichen Umfeld Wohnraumanpassung/Wohn-
raumberatung)

● Hindernisse (Kabel, Infusionsständer etc.) ● auf barrierefreie Durchgänge achten


● bauliche Einschränkungen (steile Treppen) ● Patienten begleiten

ungewohnte Umgebung im Krankenhaus, Pflegeheim Patienten gezielt an die neue Umgebung gewöhnen, zeigen, wo Toiletten,
Lichtschalter, Rufanlage sind

● Hypnotika, Sedativa ● Patienten über Medikamentenwirkung und Sturzgefahr aufklären und gezielt
● Polypharmazie überwachen
● Hüftprotektoren empfehlen (Aufpralldruck wird vermindert)
● ggf. Medikation anpassen lassen

neurologische Einschränkungen (z. B. Morbus auf regelmäßige und pünktliche Einnahme der Medikamente achten (Parkinson-
Parkinson) medikamente sollten nicht mit eiweißreichen Lebensmitteln, wie z. B. Milch,
eingenommen werden. Dies kann die Wirkstoffaufnahme hemmen.)
l
21 Prophylaxen

21.7 Prophylaxe der Assessmentinstrumente zur Einschätzung


von Mangelernährung
Mangelernährung Ergänzend zu einer ausführlichen Anamnese können folgen-
Definition Mangelernährung de Assessmentinstrumente bei der Einschätzung einer Man-
Mangelernährung (Malnutrition) ist ein anhaltendes Defizit an gelernährung helfen:
● Krankenhaus: Nutritional-Risk-Screening-2002 (NRS 2002)
Energie und/oder Nährstoffen, entstanden durch eine länger an-
dauernde negative Bilanz zwischen Aufnahme und Bedarf. und Subject Global Assessment (SGA)
● Geriatrie: Mini Nutritional Assessment (MNA) bzw. die

● Mangelernährung kann Auswirkungen auf den Ernäh- Kurzversion MNA-SF (Short Form)
rungs- und Gesundheitszustand haben und die physi- ● ambulanter Bereich: Malnutrition Universal Screening

schen und psychischen Funktionen beeinflussen. Tool (MUST)


● Auch übergewichtige Menschen können mangelernährt ● stationäre Langzeitpflege: pflegerische Erfassung von

sein. Mangelernährung und deren Ursachen (PEMU)

21.7.1 Risikofaktoren 21.7.4 Maßnahmen zur Prophylaxe


Ausgewählte Risikofaktoren, die eine Mangelernährung be- von Mangelernährung
günstigen:
Beispiele für Maßnahmen zur Prophylaxe von Mangelernäh-
● kognitive Beeinträchtigung (z. B. bei Demenz)
rung:
● Funktionseinschränkungen der Arme und Hände (z. B. bei
● Hilfsmittel wie Brille, Hörgerät, Zahnprothese regelmäßig
Hemiparese) reinigen, Funktionalität prüfen
● Läsionen im Mundinnenraum, Schmerzen beim Kauen
● Wunschessen des Patienten erfragen (z. B. lieber herzhaft
und Schlucken, drückende oder lose Zahnprothese oder süß)
● Schluckstörung
● möglichst natürliche Essumgebung schaffen (z. B. Patien-
● Operationen am Gastrointestinaltrakt ten an den Tisch mobilisieren)
● unangenehme Gerüche, fehlende soziale Zuwendung bei ● bei der Einnahme einer geeigneten Position unterstützen
der Mahlzeit und Ressourcen des Patienten beachten (z. B. Essen im Sit-
● Müdigkeit, Fatigue, Appetitlosigkeit zen am Tisch)
● erhöhter Energiebedarf, z. B. durch Wunden ● Mund gründlich inspizieren (z. B. Soor)

● Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, verminderte Flüssigkeitsauf- ● bei Schmerzen rechtzeitig Schmerzmedikamente ver-

nahme, Diuretika abreichen (z. B. bei Läsionen im Mundinnenraum)


● Bettlägerigkeit ● Essgepflogenheiten des Patienten ermitteln (z. B. Rituale

● unzweckmäßiges Ess- und/oder Trinkgeschirr oder Be- und kulturelle Besonderheiten beachten)
steck ● zusätzlichen Energiebedarf in Ausnahmesituationen er-

rechnen (z. B. bei Wunden)


● mit der Ergotherapie über geeignete Hilfsmittel sprechen
21.7.2 Auswirkungen (z. B. Ess-/Trinkgeschirr oder Besteck)
● Mangelernährung kann zu Komplikationen wie Wundhei- ● bei Dysphagie Logopäden hinzuziehen

lungsstörungen und Infektionen führen.


● Krankheiten verschlechtern sich und die Mortalitätsrate Zu den speziellen Maßnahmen siehe auch den „Experten-
steigt. standard Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förde-
● Die Muskelkraft nimmt ab, sodass Betroffene Unterstüt- rung der oralen Ernährung in der Pflege“ (Kap. 10.4)
zung im Alltag benötigen.
● Das Risiko eines Sturzes und des kognitiven Leistungsver-
falls nimmt zu. 21.8 Pneumonieprophylaxe
Definition Pneumonie
21.7.3 Mangelernährung erkennen/ Unter einer Pneumonie (Lungenentzündung) versteht man eine
infektiöse Entzündung der Alveolen (Lungenbläschen) und/oder
einschätzen des Lungeninterstitiums (Lungenzwischengewebe). Sie wird durch
● Patienten beobachten und zu seinem Ernährungsverhal- Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten ausgelöst. Die nosokomiale
ten befragen (Pflegeanamnese), Gewichtsverlauf beobach- Pneumonie wird im Krankenhaus erworben.
ten
● Anzeichen von Nahrungs- und Flüssigkeitsmangel erfas- 21.8.1 Risikofaktoren
sen (z. B. stehende Hautfalten, weiter Hosenbund, geringe
Ess- oder Trinkmengen)
● ungenügende Belüftung kleinster Lungensegmente (z. B.
durch Schonatmung bei Schmerzen)
● vermehrte Sekretansammlung in der Lunge (z. B. durch
fehlendes Abhusten aufgrund von allgemeiner Schwäche)
● absteigende Infektionen (z. B. Bronchitis)

152
Thromboseprophylaxe

Aspiration bei Dysphagie (z. B. bei Apoplex)


● liegende Sonden im Nasen- oder Rachenraum


21.9 Thromboseprophylaxe
● chirurgische Eingriffe am Abdomen/Thorax Definition Thrombose
● eingeschränkte Mobilität Verschluss oder Verengung eines Gefäßes durch ein Blutgerinnsel
● vorerkrankte Lunge (z. B. COPD, Emphysem) (Thrombus). Es können sowohl Arterien als auch Venen betroffen
● besonders gefährdete Patienten: beatmete, immunsuppri- sein. Besonders häufig kommt es in den Becken- und tiefen Bein-
mierte Patienten venen zu einer Thrombose.

21.8.2 Pneumonierisiko einschätzen 21.9.1 Risikofaktoren


3 Faktoren spielen bei der Entstehung einer Thrombose eine
Pflegende können durch Anamnese, Beobachtung und As-
wesentliche Rolle (Virchow-Trias):
sessment (z. B. Bienstein-Atemskala) feststellen, ob ein
1. Veränderungen der Gefäßwand (Gefäßwandschäden, z. B.
Pneumonierisiko vorliegt:
Arteriosklerose)
● Mobilität/Sitzhaltung: Sitzt oder liegt der Patient viel über

24 Stunden? 2. Veränderungen der Strömungsgeschwindigkeit (verlang-


samter Blutfluss, z. B. durch Immobilität)
● Schmerzen: Hat der Patient Schmerzen und vermeidet tie-

fes Einatmen? 3. erhöhte Gerinnungsneigung (z. B. bei Exsikkose)


● Lungengeräusche: Sind Lungengeräusche hörbar (Giemen,

Rasseln)? 21.9.2 Thromboserisiko einschätzen


● Husten/Sputum: Hustet der Patient? Ist es ein produktiver

Husten mit Auswurf? Das individuelle Risiko setzt sich aus expositionellen (zeit-
● Medikamente: Nimmt der Patient Medikamente wie Mus-
lich begrenzte bzw. akute Risikofaktoren, z. B. OP oder Trau-