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Ricola Kräuterzentrum in Laufen

Herzog & de Meuron, Basel

Fotos: Iwan Baan, Markus Bühler-Rasum/ Ricola AG,


Christian Schittich

Herzog & de Meuron und Ricola – dieses Gespann hat die Schweizer
Industriekultur schon um so manches Vorzeigebauwerk bereichert.
Nach 15-jähriger Pause haben die beiden Unternehmen ihrer Koope-
ration nun ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Das neue Kräuterzentrum
am Ortsrand von Laufen bei Basel ist Europas bis dato vermutlich
größter Lehmbau und überdies ein passendes Symbol für die Unter-
nehmenswerte des Bauherrn: Beständigkeit, Heimatverbundenheit
und Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Umwelt. Zugleich
überführt die Konstruktion, die die Architekten gemeinsam mit dem
Vorarlberger Lehmbauexperten Martin Rauch entwickelten, eine der
ältesten Bauweisen der Welt in die Ära des Systembaus und der Vor-
fertigung. 666 Wandtafeln aus Stampflehm, jede bis zu fünf Tonnen
schwer, bilden die Außenmauern des Bauwerks. Ihre Massivität mag
für einen Industriebau überraschen, ermöglicht im Gebäudeinneren
jedoch ganzjährig relativ konstante Klimabedingungen für die Lage-
rung jener Zutaten, aus denen der Bauherr traditionell seine »Schwei-
zer Kräuterzucker« herstellt.
An den physikalischen Eigenschaften des Baumaterials orientieren
sich zahlreiche Details der Gebäudehülle – von der eigenwilligen
Rundform der Fenster bis zu dem minimalen Dachüberstand, der die
Lehmwände vor Auswaschung schützen soll. Im Inneren des Lehmku-
bus freilich dominiert die Logik linearer Betriebsabläufe, kurzer Wege
und weitestgehender Flexibilität. Sie beginnt schon Millimeter hinter
den Außenwänden, wo ein wuchtiges Stahlbetonskelett das Gebäude
gegen Windlasten und Erschütterungen durch Erdbeben stabilisiert.

Herzog & de Meuron and Ricola are a team that has enriched Swiss in-
dustrial building culture with many a model structure. The new Kräuter-
zentrum (herbal centre) near Basle, which the architects developed joint-
ly with Martin Rauch, the Vorarlberg earth construction expert, is proba-
bly the largest loam building in Europe to date. Here, one of the oldest
forms of construction in the world is applied in an age of system building
and prefabrication. The outer walls consist of a total of 666 rammed
earth units, each weighing up to five tonnes. Their massive character
may be surprising for an industrial development, but it ensures a relative-
ly constant indoor climate throughout the year for the storage of the in-
gredients that the company traditionally uses in its famous Swiss herbal
confectionery.
Many details of the building skin are oriented to the physical properties of
the construction material, from the circular windows to the minimal roof
projection. Within the cubic volume, though, the logic of linear operating
sequences dominates. All this begins only a few millimetres behind the
external walls, where the building is stabilized by a powerful reinforced
concrete skeleton frame against wind loads and earth tremors.

Projektbeteiligte S. 281
212 Ricola Kräuterzentrum in Laufen 2015 ¥ 3   Konzept   ∂

Lehmbau in neuer Dimension

A New Dimension for Earth Construction

Architekten: Herzog & de Meuron, Basel


Projektteam:
Partner: Jacques Herzog, Pierre de Meuron,
Stefan Marbach (Partner in charge)
Team: Michael Fischer (Associate, Project
Director), Nina Renner (Project Manager),
Zdeněk Chmel, Wolfgang Hardt, Harald
Schmidt, Hendrik Steinigeweg, Luca
Ugolini, Freya Winkelmann
Stampflehm-Fassade:
Lehm Ton Erde Baukunst, Schlins

Der Bonbonhersteller Ricola und das Archi- her verlagert. Deren von einem Ingenieurbü- Rechteckform des Neubaus insgesamt –
tekturbüro Herzog & de Meuron zählen, ro geplanter, technizistischer Ästhetik set- stehen vier große Bullaugenfenster mit ge-
­jeder in seinem Segment, zu den export- zen Herzog & de Meuron auf dem Nachbar- klebter Stufenfalz-Verglasung, die die leicht
stärksten Schweizer Marken. Sechsmal grundstück nun einen Ausdruck von Erden- aus der Fassadenfläche hervortretenden
­haben sie in der Vergangenheit bereits schwere und Naturverbundenheit entgegen. Rahmen komplett überdeckt. Die ­Türen und
­gemeinsam gebaut, zumeist am Stamm- Die Fassaden des neuen Kräuterzentrums Tore sind ebenfalls als rahmenlose Flächen
sitz des Kräuterwarenherstellers in dem gleichen flächigen Kompositionen aus weni- aus Lärchenholz konstruiert und werden von
5000-Einwohner-Städtchen Laufen südlich gen, übergangslos nebeneinander gesetz- kleinen Vordächern vor dem an der Fassade
von Basel. Das siebte Gebäude ist zu- ten Materialien. Den Grundton bildet dabei herabrinnenden Lehmwasser geschützt. Am
gleich das bislang größte: 111 Meter lang, der Stampflehm mit seiner charakteristi- oberen Fassadenabschluss dient eine mini-
29 Meter breit und elf Meter hoch, ein mono- schen Schichtstruktur, der im Umkreis von male Dachauskragung aus Wellblech als
lithisch und zugleich maßstabslos wirkender zehn Kilometern rund um die Baustelle ab- Wetterschutz – dem einzigen Material, das
Stampflehmquader am Rande eines Gewer- gebaut und in einer leer stehenden Fabrik- unmittelbar Assozia­tionen an Industriebau-
begebiets rund einen Kilometer südöstlich halle im Nachbarort Zwingen zu großformati- ten hervorruft.
des Ortszentrums. 2006 hatte Ricola seine gen Fertigteilen weiterverarbeitet wurde. Im In seinem Inneren beherbergt der Lehmbau
Produktionsanlagen aus dem Ortskern hier- denkbar größten Kontrast hierzu – und zur die Lagerflächen, Häcksler und Mischanla-
∂   Konzept   2015 ¥ 3 Prozess 213

Lageplan
Maßstab 1:4000

Site plan
scale 1:4000

gen für jene 13 Kräuter, aus denen der Bau- große Fassadenfläche erforderlich. Bei der Six times in the past, the confectionery manu-
herr seit 1940 seine »Schweizer Kräuterzu- Konstruktion und Herstellung der Außen- facturer Ricola and the architects Herzog & de
cker« herstellt. Die Rohstoffe werden von wände arbeiteten Herzog & de Meuron eng Meuron have collaborated to build, most fre-
mehr als 100 Vertragslandwirten in der gan- mit dem Vorarlberger Lehmbauspezialisten quently at the sweetmaker’s headquarters in
zen Schweiz angepflanzt und nach der Ern- Martin Rauch zusammen. Die Fassaden Laufen south of Basle. The present structure,
te zur Hauptanlieferung im Untergeschoss sind selbsttragend, aber zwecks Abtragung the seventh, is the largest to date, with a
des Neubaus transportiert. Von hier gelan- der Windlasten an einem mächtigen Stahl- length of 111 m, a width of 29 m and a height
gen sie über zwei Förderbänder in das gro- betonskelett rückverankert. Letzteres ge- of 11 m. In 2006, Ricola moved its production
ße Lager an dessen Nordostende, das rund währleistet mit seinen 55 ≈ 55 Zentimeter plant from the heart of Laufen to the periph-
40 Prozent der Gebäudefläche einnimmt, starken Stützen überdies die Erdbebensi- ery. The planar facades of this new herbal
sowie in ein Quarantänelager am entgegen- cherheit des Neubaus und trägt die Dach- centre consist basically of rammed earth, ex-
gesetzten Ende des Hallenbaus. In der Ge- lasten ab. Die Betonpfeiler stehen jeweils cavated within a radius of 10 km and worked
bäudemitte sind die Maschinen für das Zer- mittig hinter den großen Rundfenstern, was nearby to create large prefabricated elements.
kleinern und Mischen der Kräuter samt Ne- insofern sinnvoll ist, als die Außenwände an The interior is naturally lit by roof lights and
ben- und Technikräumen untergebracht. Ein dieser Stelle am wenigsten stabil sind. four large circular windows – one in each fa-
relativ kleiner, zweigeschossiger Gebäude- Nach ihrer Montage am Rohbau wurden die cade. The 5.50 m diameter of these openings
teil beherbergt im Obergeschoss ein multi- Stampflehmelemente von Hand mit Lehm-
funktionelles »Forum«, das auch als Besu- mörtel verfugt, sodass die Fertigbauweise
cherzentrum für ausgewählte Gäste dient. der Fassaden heute praktisch nicht mehr zu
Tageslicht fällt zum einen durch Dachober- erkennen ist. Weitaus deutlicher treten hin-
lichter in die Innenräume und zum anderen gegen die feinen weißen Zwischenlagen aus
durch die großen, kreisrunden Fenster, von Trasskalkzement zutage, die den Lehmbau
denen die Architekten je eines in jeder Fas- im Abstand von 65 Zentimetern durchzie-
sade platzierten. Die beiden Bullaugen in hen. Sie wurden in die Fertigteile einge-
den Längswänden sind den Räumen für die stampft, um die Erosion der Fassaden durch
Produktion zugeordnet und gewähren mit herablaufendes Regenwasser zu minimie-
80 Zentimetern Brüstungshöhe Ausblicke ren. Eine gewisse Auswaschung steht den-
ins Freie, die anderen beiden sind dicht un- noch zu erwarten, da der Regen die fein­
ter dem Dach angebracht und belichten die körnigen Lehmpartikel aus den oberflächen-
Lagerflächen. Jedes von ihnen misst stattli- nahen Fassadenschichten abtragen dürfte.
che 5,50 Meter im Durchmesser, und hier- Die Lehmwände werden so nach und nach
aus begründet sich auch die ungewöhnliche eine an Waschbeton erinnernde Struktur
Fensterform: Da Lehm keinerlei Zug- oder ­annehmen.
Biegekräfte aufnehmen kann, wäre bei ei- Für die Funktion des Gebäudes ist der
nem rechtwinkligen Fenster dieser Breite ein Werkstoff Lehm ideal, gewährleistet er doch
Betonsturz erforderlich gewesen. Bei den ganzjährig ein relativ konstantes Innenraum-
Kreisfenstern hingegen entstehen entlang klima mit etwa 50 Prozent Luftfeuchtigkeit.
der Laibungen fast ausschließlich Druck- Während die Außenwände in den Lager­
kräfte, mit denen das verdichtete Erdmate­ flächen keine weitere Dämmung erhielten,
rial ohne weiteres fertig wird. Lediglich die ließen die Architekten im stärker beheizten
Eingangstore des Kräuterzentrums erhielten mittleren Gebäudeteil eine zusätzliche,
betonierte Stürze, die freilich von außen un- 20 Zentimeter starke Ziegelschale innen vor
sichtbar in die Wände integriert sind. den Lehmwänden errichten und den Fassa-
Die Fenster sind mithilfe stählerner Laschen denhohlraum mit 20 Zentimetern Dämmung
zwischen den Stampflehm-Fertigteilen ver- füllen. Zur Temperierung der Räume dient
ankert. Knapp 670 dieser großformatigen eine Betonkernaktivierung der 35 Zentimeter
Elemente – sie sind durchschnittlich 1,30 starken Bodenplatte sowie des Betondachs.
Meter hoch, 3,36 Meter lang und 45 Zenti- Die CO2-neutrale Heizenergie für den Neu-
meter stark und wiegen bis zu fünf Tonnen – bau stammt aus der Abwärme der benach-
waren für die insgesamt 3060 Quadrat­meter barten Produktionsanlagen. JS
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Schnitte • Grundrisse
Maßstab 1:1000

Sections • Floor plans


scale 1:1000

aa bb cc

accounts for their unusual form. Since earth Herzog & de Meuron worked closely with the through the earth construction at 65 cm cen-
cannot resist tension or bending stresses, Vorarlberg earth construction specialist Martin tres. These were tamped into the elements to
concrete lintels would have been necessary Rauch. The facades are self-supporting, but minimize erosion caused by rainwater running
over windows of this width. With circular are anchored at the back to a concrete skele- down the facade. Rammed earth was an ideal
openings, however, almost exclusively com- ton frame. With its 55 ≈ 55 cm columns, this material for the building, since it guarantees a
pression loads occur along the jambs, and transmits wind and roof loads to the ground fairly constant indoor climate with roughly 50
the compacted earth is perfectly capable of as well as providing earthquake resistance. per cent relative humidity. In the middle sec-
bearing these. Only the entrance gates were Centrally behind each of the circular windows tion of the building, where there is more heat-
designed with lintels, but these are not visible stands such a concrete column, where the ing, an additional 20 cm brick skin was erect-
from the outside. The windows themselves external walls are least stable. ed internally in front of the earth walls, and the
are anchored in the prefabricated earth ele- After being erected, the rammed earth ele- cavity was filled with 20 cm of insulation. To
ments. Nearly 670 of these large-scale units – ments were jointed by hand with loam mortar, achieve an agreeable internal temperature, the
on average 3.36 m long, 1.30 m high, 45 cm so that the prefabricated form of construction 35 cm concrete floor slab and the roof were
thick and weighing up to five tonnes – were of the outer walls is practically no longer evi- thermally activated. Waste heat from the near-
required for the 3,060 m2 facade area. In the dent. More clearly visible are the fine, white by production plant is used as heating energy
production and erection of the external walls, horizontal layers of trass-lime mortar that run free of CO2 in the new structure.
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Produkte / Products manufactured:
Kräutermischung für Bonbons, Pastillen und Tees/
Herbal mixture for bonbons, pastilles and teas
Fläche Verarbeitung / Processing area: ca. 1300 m²
Fläche Lager / Store area: ca. 1428 m2
Fläche Büro / Office area: ca. 28 m²
Fläche gesamt / Overall area: 4800 m²
Bruttorauminhalt / Gross volume: 41 350 m³
Geschosshöhe Produktion
Storey height (production): 11 m 10 10
Außenmaße / External dimensions: 111 ≈ 29 m 2
Spannweite Tragwerk / 9 10
Structural span: 14 m
Konstruktionsraster / Construction grid: 6 m
Anzahl Mitarbeiter Produktion / 10
Production staff: 8
Anzahl Mitarbeiter Büro 10 10
Administrative staff: 2 2
Gesamtkosten / Overall construction costs:
16 Mio. CHF/CHF 16 million 9 10

10
 1 Anlieferung
 2 Technik
 3 Förderband
 4 Trocknen
 5 Quarantänelager 10 10
 6 Schneiden 2
 7 Mischen und Dosieren 9 10
 8 Lager
 9 Forum
10 Luftraum 10

 1 Deliveries
 2 Services a b c
 3 Conveyor
 4 Drying
 5 Quarantine storage
 6 Cutting
d d
 7 Mixing and apportioning 5 7
 8 Storage
 9 Forum
a b 8c
10 Void

6
4
d d
5 7

1
8
a b c

a 6
b c
4

1
d d
a 5 7
b c

1
6
4

1
a 2 b c
1 3

2
3

2
3
dd
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Horizontalschnitt • Vertikalschnitt
Maßstab 1:20
9 9
Horizontal and vertical sections
scale 1:20
13 13

12 12 11 11

14 14

10 10

  1 Aluminium Wellblech SP 42/120, Trennlage 12 Fensterleibung CNS-Blech 5 mm reinforced concrete ring beam
Betonfertigteil, Bitumenbahn 13 Flachstahl ¡ 5/180 mm mit reinforced trass-lime mortar
  2 Kies 30 mm, Drainagematte 15 mm Stahlprofil L 90/90 mm  6 450 mm prefabricated rammed earth external wall
Abdichtung Bitumen zweilagig, Dämmung PUR 14 Eichenholz 250/160/160 mm elements; 15 mm trass-lime mortar bedding joints
170 –270 mm, Dampfbremse, Decke Stahlbeton dazwischen XPS 160 mm 80 mm mineral-wool thermal insulation
(Filigrandecke) 250 mm, mit Bauteilaktivierung 15 Sockel Dämmbeton 450 mm  7 trass-cement erosion-resistant layer
  3 Notüberlauf Kupferrohr 16 Kunstharzzementmörtel 20 mm  8 stainless-steel section with sealing layer
  4 Unterzug Stahlbeton (Fertigteil) 600/550 mm Bodenplatte Stahlbeton 350 mm  9 550/550 mm precast concrete column
 5 Elementstoß/Ausgleichsschicht PE-Folie, Wärmedämmung 200 mm 10 circular window with double glazing
Ringanker Trasskalkmörtel, armiert, Sauberkeitsschicht 50 mm (Ug = 1.0 W/m2K): 2≈ 10 mm +
Rückbindung an SB-Skelett 2≈ 8 mm lam. s­ afety glass + 16 mm cavity on
  6 Außenwand Stampflehm (Fertigteil) 450 mm  1 4  2/120 mm corrugated aluminium sheeting 80/60 mm RHS steel frame
Lagerfugen Lehmmörtel 15 mm separating layer 11 Ø 35 mm stainless-steel tension/compression rod
Wärmedämmung Mineralwolle 80 mm precast concrete element; bituminous layer 12 3 mm sheet chrome-nickel-steel reveal
  7 Erosionsbremse Trasskalkmörtel   2 30 mm bed of gravel; 15 mm drainage mat; two- 13 180/5 mm steel flat
  8 Edelstahlprofil mit aufgesetzten Dichtungen layer bituminous seal; 170 –270 mm polyurethane 14 160/250/160 mm oak members with
  9 Stütze Stahlbeton (Fertigteil) 550/550 mm insulation; vapour-­retarding layer; 250 mm filigree 160 mm extruded polystyrene between
10 Rundfenster Isolierverglasung Ug= 1,0 W/m2K in reinf. concrete roof with thermal activation 15 450 mm insulating concrete plinth
Rahmen Stahlrohr 80/60 mm   3 copper overflow pipe 16 20 mm synthetic resin cement mortar
VSG 2≈ 10 mm + SZR 16 mm + VSG 2≈ 8 mm   4 550/600 mm precast concrete downstand beam 350 mm reinforced concrete floor; polythene foil
11 Zug-/Druckstab Edelstahl Ø 35 mm   5 joint between elements / levelling layer 200 mm thermal insulation; 50 mm blinding layer
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4 8

10

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12 14

13

15
16
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Das Interview mit Pierre de Meuron führte


»Mit Lehm stimmte plötzlich alles« –
Emilia Margaretha.
Interview mit Pierre de Meuron
Pierre de Meuron was interviewed by
Emilia Margaretha.
“Suddenly, with earth, everything fell
­into place” – Interview mit Pierre de
Meuron

DETAIL: Das Kräuterzentrum in Laufen ist das und plötzlich stimmte alles. Die für Lehm Die Gefahr beim Lehmbau ist, dass Wasser
neueste einer Reihe von Projekten, die Herzog ­typische Feuchtigkeitsregulierung wirkt das Material erodiert. Es ging daher vor
& de Meuron für Ricola geplant hat. Was ist sich im Betrieb der Kräuterverarbeitung und ­allem auch um die Frage, wie man verhin-
die Grundidee? -lagerung positiv und energetisch nachhal- dert, dass das Haus beim Regen wegge-
Pierre de Meuron: Zum einen spielt bei die- tig auf das gesamte Raumklima aus. Durch schwemmt wird. Bei den Dimensionen des
sem Projekt die langjährige Zusammenar- die Massivität der Mauern werden Tempera- Kräuterzentrums war das Thema natürlich
beit zwischen Ricola und Herzog & de turspitzen gebrochen und so wird der ener- fundamental.
­Meuron eine große Rolle – der Dialog mit getische Aufwand der Gebäudetechnik re-
dem Bauherrn, seine Ansprüche, die techni- duziert. Hinzu kam noch, dass im Laufental Wie haben Sie das Problem gelöst?
schen und funktionalen Erwartungen an das seit Jahrhunderten Lehm abgebaut wird. In die Wandelemente sind Trassen aus
Projekt und auch der Ort, an dem das Ge- Das Haus ist aus dem Standort, aus dem Kalkmörtel eingestampft, die als Erosions-
bäude errichtet werden sollte. Zum anderen Boden entstanden. Es war ein Aha-Erlebnis, bremsen fungieren. Dadurch kann das
haben wir das Thema Kräuter und das Bau- die einzig richtige Lösung für uns. ­Wasser verlangsamt an der Wand entlang
material Lehm, die zwei anderen wichtigen fließen bzw. abtropfen. Zudem gibt es einen
»Eckpfeiler« für das Projekt. Das Projekt hat eine lange Entstehungsge- zusätzlichen Schutz, das 40 cm auskragen-
schichte und einen sehr schnellen Realisie- de Vordach.
Welche Anforderungen wurden vom Bauherrn rungsprozess. Mussten Sie sich an das Mate-
für den Neubau formuliert? rial, die neue Bauweise erst herantasten? Wie sah die Zusammenarbeit mit den anderen
Zunächst waren Prozesse vorgegeben – Es war eine völlig neue Produktions- und Projektbeteiligten aus, besonders aufgrund der
das Einbringen, Trocknen, Mischen, Schnei- Konstruktionsweise. Anfänglich wussten Ausgangslage, dass so ein Gebäude hier noch
den und Lagern der Kräuter. Dieses Pro- auch wir nicht, wie und ob es überhaupt nie gebaut worden war?
gramm ist linear aufgebaut. Doch als Archi- funktionieren würde. Wir mussten vieles ab- Die Aufgabe war anspruchsvoll und heraus-
tekt hat man nicht nur das Programm als klären, nicht zuletzt auch die Kosten. Wir hät- fordernd. Und es funktioniert natürlich nur,
Vorgabe, sondern auch den Ort. Wir hatten ten auch eine ganz einfache Gebäudehülle wenn jeder Respekt vor dem Anderen hat
von Anfang an die gleichen Vorstellungen aus Wellblech vorsehen können. Die Bau- und wenn klargestellt wird, was wessen Auf-
wie der Bauherr. Klar war auch, dass es ein herrschaft war aber von Anfang an bereit, gabe ist. Erst wenn das so ist, kann ein Re-
großes Bauwerk sein muss, um auf das ­einen Mehrpreis zu bezahlen und war sich, sultat wie das Kräuterzentrum in Laufen ent-
Hightech-Gebäude nebenan zu reagieren. ähnlich wie beim Hochregallager in den frü- stehen. Zeit und Geld spielten eine große
Das neue Kräuterzentrum soll die Bedeu- hen achtziger Jahren, bewusst, dass Zusatz- Rolle. Zuerst sollten die Lehmelemente in
tung der Kräuter für Ricola und für den kosten bei der Gestaltung von Gebäudehül- Vorarlberg fabriziert werden, doch dann
­Herstellungsprozess der Kräuterbonbons len einen Mehrwert für die Firma darstellen. mieteten wir eine leerstehende Halle im
verdeutlichen. Nachbarort und setzten die neu entwickelte
Wie funktionierte das, einerseits der Wunsch Technik zum ersten Mal um, direkt vor Ort.
Es sollte ein prägnantes, aber nicht unbedingt zu experimentieren und andererseits streng
spektakuläres Gebäude werden? auf die Kosten achten zu müssen? Wäre es nicht möglich gewesen, auch die
Exakt. Nicht auffällig, nicht expressiv. Zum Da hat uns Martin Rauch sehr geholfen, Tragkonstruktion aus Lehm zu machen?
einen liegt das Grundstück inmitten von Fel- ­ohne ihn wäre dies nicht möglich gewesen. Die Dimensionen des Kräuterzentrums sind
dern, zum anderen ähnelt auch die Aufgabe Wir brauchten von Beginn an einen Spe­ gigantisch. Traditionelle Lehmbauten in
der eines landwirtschaftlichen Baus. Eine zialisten und zum Glück haben wir Martin ­Afrika oder im Südwesten der USA sind viel
Scheune aus Holz war daher die erste Idee, Rauch in der Nähe, in Vorarlberg. kleiner und das Dach wird meistens als Ge-
und somit ergab sich eine klare Formge- wölbe ausgeführt. Lehmbauten sind wie
bung mit einem rechteckigen Grundriss, an- Welchen Einfluss hatte Martin Rauch auf die auch Steinbauten nicht auf Zug belastbar,
fangs mit einem Sattel- oder Pultdach. Doch Entwicklung des Projekts? sondern auf Druck. Beim Kräuterzentrum
die Holzhülle hätte eine geringere Masse Wir haben das Gebäude gemeinsam entwi- können wir die Fassade als eine Hülle defi-
und somit zusätzliche Lüftungs- und Klima- ckelt. Martin Rauch ist einer der führenden nieren. Es ist eine Ummauerung aus Lehm,
anlagen im Inneren erforderlich gemacht. Lehmbauspezialisten weltweit. Zur Klärung und darin steht das Produktions- und Lager-
Holz als Material hätte auch zu Problemen entscheidender Fragen – Wie sollte die gebäude.
mit der Hygieneverordnung für die Lebens- ­Zusammensetzung des Lehms sein? Wie
mittelverarbeitung geführt. Dann kam der groß können die Elemente sein? – arbeiteten Verleiht die Handarbeit, die darin steckt, dem
Gedanke, den Bau aus Lehm zu machen wir an einem Mock-up im Maßstab 1:1. Haus einen besonderen Wert?
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Baumaterialien für die Stampflehmfassade

Materials used in the construction of the


rammed-earth facade

Zwingen
Produktion Fassade/
Facade production site

Liesberg
Steinbruch/Stone pit
Mergel /Marl

Laufen
Ricola Kräuterzentrum

Laufen
Lehmgrube/
Loam pit
Büsserach
Kiesgrube/
Gravel pit

Ich finde, ja. Bei der Herstellung des Ge- DETAIL: The Kräuterzentrum (herbal centre) struction is that water can erode the material.
bäudes waren viele Menschen beteiligt. in Laufen is the latest in a series of projects Strips of trass-lime mortar were, therefore,
Besonders bei der Produktion der Lehm­ that Herzog & de Meuron have planned for tamped into the wall elements to retard ero-
elemente, dem »Setzen« der Elemente vor Ricola. What is the underlying concept? sion. In this way, the water can be made to
Ort sowie den finalen Arbeiten an der Fas- Pierre de Meuron: On the one hand, there’s flow along the wall more slowly or to drip off.
sade kann man wirklich von Handarbeit the long-standing collaboration with the client The 40 cm roof projection is an additional
sprechen, ähnlich wie bei der Dominus plus the location where the building was to form of protection.
­Winery in Napa Valley in Kalifornien, die be erected. On the other hand, there’s the
wir 1990 bauten. Auch dort gibt es eine theme of herbs and the construction material, How was your collaboration with the others
massive Wand aus Naturmaterialien. Die rammed earth. The various processes were involved in the project?
beiden Gebäude sind miteinander ver- laid down: harvesting, drying, mixing, cutting It could only work with mutual respect be-
wandt. In Napa Valley wird Wein hergestellt and storing the herbs. The programme had a tween all the parties involved and if the main
und gelagert und in Laufen sind es Kräuter- linear form, but for the architect, the location goals were made clear. Time and money both
mischungen. Vergleichbar ist auch die also has to be taken into account. The first played a major role, too. Initially, the loam ele-
Form. Beides sind längliche Prismen mit idea was a timber barn-like structure, but that ments were to be fabricated in Vorarlberg, but
rechteckigen Grundrissen und einer Mauer would have had a smaller mass, and timber then we rented an empty hall not far away
drumherum. as a material would have resulted in legislative and implemented the newly developed tech-
problems in terms of food processing hy- nology close to the site.
Spielt die Tatsache, dass Ricola ein Familien- giene. Then we had the idea of constructing
unternehmen ist, eine Rolle? the building with earth, and suddenly every- Does the centre have a special ­value if so
Ich denke schon. Die Familie Richterich lebt thing fell into place. The typical moisture regu- much manual labour was invested in it?
in der Gegend, ist dort verwurzelt, zieht dar- lation for earth works positively in relation to In my opinion, yes. A lot of people were in-
aus ihre Identität und die Identität der Firma. the processing and storage of herbs; and in volved in its creation – especially in the pro-
Die Inhaber wollen natürlich ein wirtschaft- terms of energy, it has a sustainable effect on duction of the rammed earth elements and in
lich erfolgreiches Unternehmen führen, sie the entire indoor climate. The density of the setting them on site. And in making the finish-
haben darüber hinaus jedoch noch ein kul- walls modifies temperature extremes, reduc- ing touches to the facade, of course, one can
turelles Verständnis von Architektur. ing the energy consumed for services. What’s ­truly speak of handwork – rather like the
more, earth has been excavated in Laufental ­Dominus Winery in Napa Valley, California,
Können Sie ein Gebäude für Ricola nennen, for centuries. which we built in 1990.
das für Sie von besonderer Bedeutung ist?
Alle Gebäude spielen eine wichtige Rolle, The development of the project took a long Does it play a role that Ricola is a family
sie zeigen den Werdegang Ricolas und time, while the process of implementation concern?
auch unseren eigenen, weil wir mit diesem was extremely brief. I think so. The Richterich family has its roots in
Unternehmen ein Stück des Weges gemein- It was a completely new form of production the area, and the firm derives its identity from
sam gehen dürfen. and construction for us. At first, we didn’t that part of the world. The owners want to
know whether it would work. A lot of things run an economically successful concern, of
Für die bedruckten Fassaden des Ricola-Ge- had to be clarified – not least the costs. From course, but they also have a cultural under-
bäudes in Mulhouse nutzten Sie neue Techni- the outset, though, the clients were aware standing of architecture. All their buildings have
ken (s. S. 221, Abb. 5). Haben Sie das Ge- that additional costs for the building skin an important role to play. They show the devel-
fühl, dass das Kräuterzentrum neue Impulse ­represented greater value for the company. opment of Ricola as well as our own.
gibt, was das Material angeht? Martin Rauch was a great help in that re-
Dieses Material sollte in alltäglichen Gebäu- spect, too. From the outset, we needed a Does the Kräuterzentrum give fresh impulses
den einen festen Platz erhalten. Uns interes- specialist, and fortunately, he is only a short as far as the material is concerned?
siert der Lehm, die Lehmbautechnik und wie distance away – in Vorarlberg. We developed This material should have a firm place in ev­
man sie, auch in anderen Breitengraden, the building jointly. Martin Rauch is one of the eryday construction. We’re interested in earth
verwenden kann, zum Beispiel im Nahen leading earth construction specialists in the building technology: how to use it in different
Osten. Auch wie man mit Sand bauen könn- world. To clarify crucial questions – what the parts of the world, how to build with sand, for
te. Wir haben andere laufende Projekte, für composition of the earth should be or how example. And we have other projects where
die wir Mischformen zwischen Beton und large the elements could be – we worked on a we want to use mixed forms of construction
­Erde einsetzen wollen. full-size mock-up. The danger with earth con- between concrete and earth.
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Sieben Bauten für dreizehn Kräuter


Ricola und Herzog & de Meuron 61 43

2
Seven Buildings for Thirteen Herbs
Ricola and Herzog & de Meuron
Laufen

Mulhouse
7

A 5 1

Die Zusammenarbeit zwischen Ricola und tion erfüllt, die von einer Gebäudehülle zu zementverkleidung und die metallverkleide-
Herzog & de Meuron begann unspektaku- erwarten ist. ten Dämmpaneele treten offen zutage.
lär. 1983 betraute das Unternehmen die Auf Betonkonsolen, die von der Bodenplatte Ein ähnlich prägnanter Kommentar zum
beiden jungen Basler Architekten mit dem des Gebäudes auskragen, stehen Holz­ Thema Tragen und Lasten gelang den
Umbau der eigenen, bis heute genutzten pfosten. Daran sind kurze horizontale Krag- ­Architekten 1991 mit ihrer modular konzi-
Verwaltungszentrale (Abb. 1). arme aus Holz befestigt, auf die – teils in pierten Aufstockung des benachbarten
Die einstige Notkirche an der Hauptstraße schräger und teils in horizontaler Anord- ­Fabrikgebäudes. Mit gewaltigen, fassaden-
Richtung Basel ist bezeichnend für die be- nung – Faserzementplatten geschraubt bündigen Stahlrahmen überspannten sie
scheidenen Anfänge der Firma: In den sind. Die Höhe der Fassadenbänder steigt den zweigeschossigen, nicht weiter belast-
Nachkriegsjahren waren hier nicht nur die nach oben hin schrittweise an, was der opti- baren Bestandsbau stützenfrei und stockten
Büros, sondern auch die Fabrikation, das schen Verkürzung entgegenwirkt. Ganz ihn so um zwei weitere Geschosse auf. Zum
Lager und das Wohnhaus der Gründerfami- oben schließt der Bau mit einem horizonta- Hof hin mündet die Stahlkonstruktion in ei-
lie untergebracht. Ausgestattet mit einem len Gesims aus Faserzementplatten ab. nen weit ausholenden Kragträger, auf dem
Minimalbudget von 600 000 Schweizer Das Lagern der ­Ware im Gebäudeinneren ein Glasdach aufliegt. Zur Straße im Süden
Franken gaben die Architekten dem Haus wird so schon am Außenbau symbolhaft ab- hin tragen kleinere Auskragungen einen
eine neue, innere Struktur, fügten ihm eine lesbar. In der Nahansicht gibt die offene überdimensionierten Sonnenschutz aus
zweigeschossige Eingangshalle ein und Fassadenver­kleidung den Blick frei auf die Doppel-T-Trägern. Die Fassaden sind mit
­öffneten es zum Garten hin. 2013 erhielten dahinter liegende Dämmschicht und schützt horizontalen Bändern aus Blechverkleidun-
die Architekten hier die seltene Gelegen- diese ­zugleich vor Regen. Lediglich im gen und Fenstern ausgefacht, die sich bei
heit, eines ihrer eigenen Werke behutsam obersten Teil der Fassade entfällt die Faser- Umbauten jederzeit auswechseln lassen.
zu restaurieren.
Auch der zweite Bauauftrag führte Herzog &
de Meuron 1985 zurück zu den Wurzeln ih-
res Auftraggebers: Es galt, das Wohnhaus
mit Café im Ortszentrum umzubauen, in
dem der Bäckermeister Emil Richterich
1930 die Confiseriefabrik »Richterich &
Compagnie« gegründet hatte (Abb. 2). Die
Architekten ordneten den Bestandsbau neu
und ergänzten ihn durch ein angebautes,
zweigeschossiges Ladengeschäft. Heute
dürften nur noch Kenner der Materie das
Gebäude als eines ihrer Frühwerke identifi-
zieren.
Wenig deutete darauf hin, dass die Basler
Architekten mit ihrem dritten Gebäude für
Ricola schlagartig international bekannt wer-
den würden. Zu alltäglich schien die Aufga-
benstellung: Für ein neues Hochregallager
im Hof der Firma galt es eine Hülle zu ent-
werfen (Abb. 3). Die Abmessungen des –
mit 17 Metern Höhe durchaus stattlichen –
Neubaus waren ebenso vorgegeben wie
dessen Tragkonstruktion und voll mechani-
siertes »Innenleben«. Doch mit der Hüll-
struktur gelang Herzog & de Meuron ein
Meisterwerk, das den Bezug zum Ort eben-
so herstellt wie zum menschlichen Maßstab,
die Zweckbestimmung des Bauwerks ver-
sinnbildlicht und überdies die Schutzfunk­ 3