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2012 ¥ 7/8   ∂

Ohne Tradition keine Zukunft –


Interview mit Wang Shu

There’s no Future without Tradition –


Interview with Wang Shu

Fotos: Zhu Chenzhou, Clément Guillaume, Iwan Baan,


Frank Kaltenbach, LV Hengzhong

Im boomenden Baugeschehen Chinas nimmt den sich auf fast verlorenem Posten, mit regionalen Unterschiede. Wenn sie ver-
Wang Shu eine Sonderstellung ein. Die Bau- dem rasanten Fortschritt mitzuhalten, es schwindet oder imitiert wird, wird die Traditi-
ten des 1963 in Urumqi geborenen Architek- mangelt an Identität und Beurteilungskriteri- on sterben. Wenn die Tradition tot ist, dann,
ten sind verwurzelt im Kontext, sie verbinden en für kulturelle und geschichtliche Werte. glaube ich, haben wir keine Zukunft.
regionale Bautraditionen mit zeitgenössischen Gründe dafür sind die zu schnelle Entwick-
Architekturkonzepten, besonderer Materialität lung Chinas, Überkommerzialisierung und Welche Bedeutung hat das reiche kulturelle
und hoher Detailqualität. Als erster chinesi- Überpolitisierung. Die riesigen Bauprojekte Erbe Chinas für Ihre Arbeit?
scher Architekt erhielt er 2012 den Pritzker- und massiven städtebaulichen Veränderun- Unser Ansatz ist, Moderne und Tradition zu
Preis. Neben großen Bauwerken wie dem gen erschüttern und zerstören letztendlich verbinden, mit regionalen Baustoffen zu ar-
Historischen Museum in Ningbo oder dem Kulturtraditionen, Natur und harmonische beiten, regionales Handwerk weiter fortzu-
Xiangshan-Campus in Hangzhou beschäftigt Lebensweise. Chinesische Architekten müs- schreiben und ökologische und nachhaltige
sich Wang Shu, der gemeinsam mit seiner sen beginnen, unabhängig zu denken. Sie Aspekte einzubeziehen. Die traditionelle chi-
Frau Lu Wenyu das Büro Amateur Architec- sollten nicht den Architekturtrends der Welt nesische Architektur achtet sehr auf das
ture Studio führt, auch experimentell mit klei- blind folgen, sondern innovative Wege fin- harmonische Zusammenspiel mit der Natur.
neren Projekten. Er studierte Architektur am den, um ihren eigene Sprache zu entwi- Bei der Gestaltung chinesischer Gärten hat
Nanjing Institute of Technology, seit 2001 ist ckeln. Die Architekturtradition bricht durch sich dieser Ansatz verfeinert zu einem kom-
er Dekan der Architekturfakultät der Kunstaka- die städtebauliche Entwicklung völlig zu- plexen Ganzen, das Natur und Philosophie
demie Hangzhou und lehrt dort Architektur. sammen, auch die Lebensqualität droht ver- verbindet. Ein Garten ist nicht nur eine Imita-
lorenzugehen. Nach Jahrzehnten unge- tion der Natur, sondern auch ein halb-künst-
DETAIL: Ihre Gebäude unterscheiden sich bremsten Fortschritts müssen wir uns einge- liches und halb-natürliches Objekt, über das
sehr von der aktuellen Baurealität in China. stehen, dass wir die wenigsten Dinge be- Menschen mit der Natur kommunizieren,
Wie schätzen Sie die derzeitige Situation für wahrt haben. Meiner Meinung nach sollte durch eine Bauweise und Wohnweise, die
Architekten ein? das Alte in ganz China geschützt werden. dem Vorbild der Natur folgt.
Wang Shu: Chinesische Architekten befin- Denn lebendige Tradition ist die Wurzel der Auch die westliche Kultur inspiriert mich,
beispielsweise die Romane von Balzac oder
Alain Resnais’ Film »Letztes Jahr in Marien-
bad«, der nicht nur den Bezug zwischen Er-
innerung, Dialogen und Räumen erforscht,
sondern auch die Bedeutung von Zeit. Beim
Dokumentarfilm »Antonionis China« des
italienischen Regisseurs Michelangelo Anto-
nioni von 1973 beeindrucken mich insbe-
sondere die langen Filmsequenzen ohne
Schnitte. Sie zeigen auf objektive Weise das
alltägliche Leben in einer großmaßstäbli-
chen Landschaft mit weitem Horizont, der
so im heutigen China nicht mehr sichtbar ist.

Wie setzen Sie diese Gedanken in Ihren


Entwürfen um?
Mit dem Xiangshan-Campus der Kunstaka-
demie in Hangzhou versuchen wir, Stadt
und Land, Architektur und Landschaft auf
neue Weise miteinander zu verbinden. Auf
einem 530 000 m2 großen Areal am Fuß
­eines Hügels bilden 30 Gebäude ein En-
semble, das unsere Ideen auf experimentel-
le Weise widerspiegelt – mit ortsüblichen
Baustoffen und recycelten Materialien zu
1 bauen. Die Gebäude sind um verschieden-
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1 – 3 Historisches Museum in Ningbo, 2003 – 2008
1– 3 Ningbo Historic Museum, Ningbo 2003 – 2008

artig gestaltete Gartenhöfe gruppiert, die


Bezug nehmen zur vorgefundenen Topogra-
fie. Sie stehen entlang der Einfassungsmau-
ern des Campus, teils dicht aneinander, um
trotz großer Studentenzahl und gefordertem
Bauvolumen nur die Hälfte des Areals zu
überbauen. So haben wir ehemalige Acker-
flächen in der Mitte des Geländes ebenso
erhalten wie die Fischteiche.
Der Campus ist ein Reformprojekt, ein Expe-
riment für eine neue urbane Lebensweise,
die von Gebäudetypologie, Bebauungsdich-
te, Maßstäblichkeit über Materialrecycling
und Bauweisen bis zur Einbeziehung von
Feldern und Gärten reicht. Ich sehe ihn
als einen Ausgangspunkt zur Entwicklung
neuer urbaner Strategien, indem sich die
Stadt wieder durch das Vorbild der Natur
beeinflussen lässt. Es zeigt unsere Position:
Die künftige städtebauliche Entwicklung
Chinas sollte von den ländlichen Regionen
lernen.

Der chinesische Markt wird überwiegend von


den großen offiziellen Planungsinstituten und
kommerziellen Bauträgern dominiert. Welche
Möglichkeiten bieten sich hier für private Ar-
chitekturbüros?
Als kleines Büro können wir uns intensiver
mit der örtlich vorhandenen Kultur und den
winzigen Dingen, die das Leben ausma-
chen, beschäftigen. Ich entwerfe gerne im
kleineren Maßstab, arbeite an traditionsver-
bundenen, unspektakulären, ganzheitlichen
Projekten, verwende gerne raue, nicht zu
glänzende Oberflächen, kombiniere moder-
ne Bauweisen mit dem lokalen Handwerk.
Ich denke, dass sich im Vergleich mit den
Megacities die Werte in Dörfern besser er-
halten; in unserer heutigen stark veränder-
ten Welt ist der Mensch wichtiger als die
Gebäude. Bei großen Bauten versuche ich
oftmals, den monumentalen Maßstab durch
Kleinteiligkeit zu brechen.

Sie nennen Ihr 1997 in Hangzhou gegrün-


detes Büro »Amateur Architecture Studio«.
Warum?
Das professionelle Architekturgeschehen in
China rückte erst in den 1990er-Jahren in 3
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4 – 8 Xiangshan-Campus der China Academy of Art


in Hangzhou, 1. Bauabschnitt 2002–2004,
2. Bauabschnitt 2004 – 2007

4 – 8 X
 iangshan Campus of the China Academy of Art in
Hangzhou, first construction phase 2002–2004,
4 second phase 2004–2007

das Gesellschafts- und Medieninteresse. und über die Konsequenzen ihrer Arbeits- treffen wir gemeinsam. Lu Wenyu ist verant-
Private Büros durften offiziell erst seit 1994 weise nach. Sie hinterfragen kaum die wortlich für die Durchführung der Projekte,
gegründet werden. Viele Architekten haben »Fortschritt« genannte Zerstörung von Tra- von der Werkplanung bis zur Bauabwick-
Angst, dass sie als unprofessionell oder dition, Natur, Kultur. Bei dieser Unmenge an lung. Oft wird ignoriert, wie wichtig gerade
rückständig gelten. Sie sind stark vom Wes- Bauvolumen ist es schwierig, der regionalen hier Kreativität ist. Ohne Wang Shu würde
ten beeinflusst und darauf bedacht, öffentli- kulturellen Vielfalt Beachtung zu schenken. es keine Entwürfe geben, ohne Lu Wenyu
che Gebäude als beeindruckende High- Solange diese Einstellung unter Architekten keine Realisierung der Entwürfe.
tech-Landmarken zu realisieren. Daneben als professionell gilt, nenne ich mein Büro
entstehen riesige, kommerzielle Hochhaus- lieber »Amateur Architecture Studio«. Welchen Stellenwert haben Werk- und Detail-
komplexe. Der Bauboom der letzten Jahre planung in Ihrer Arbeit?
hat zu der fast kompletten Zerstörung traditi- Sie führen Ihr Büro gemeinsam mit Ihrer Frau In China ist Werk- und Detailplanung defini-
oneller Wohngebiete und der dortigen Le- Lu Wenyu, die ebenfalls Architektin ist. Gibt es tiv wichtig, denn Bauherren und Bauunter-
bensweise geführt, und wird sich noch wei- in Ihrer Zusammenarbeit eine spezielle Auf- nehmen bauen das Gebäude selbst ohne
ter auf die Dörfer ausdehnen. Aber die »pro- gabenteilung? Detailplanung. Bei besonders gestalteten
fessionellen« Architekten denken selten Ich bin hauptsächlich für die Entwürfe ver- Details passiert es, dass sie vor Ort geän-
über ihre gesellschaftliche Verpflichtung antwortlich; die wichtigen Entscheidungen dert werden, aus Kosten- oder Materialgrün-
den, wegen der Bauweise oder Bauge-
schwindigkeit. Deshalb gehe ich sehr oft auf
die Baustelle. Gibt es Probleme mit der Bau-
ausführung, muss der Entwurf angepasst
werden. Wurde es falsch ausführt und kann
nicht mehr berichtigt werden, muss ich ei-
nen Weg finden, das auszugleichen.
Manchmal ergeben sich aber auch interes-
sante Möglichkeiten, den Fehler kreativ zu
nutzen.

Wie haben Sie Ihre Kenntnisse der traditionel-


len Bauweisen erworben?
Von 1990 bis 1998 habe ich keine Architek-
turaufträge angenommen und wollte nicht
als Architekt tätig sein. Stattdessen arbeitete
ich mit Handwerkern, um Erfahrungen in der
Bauausführung zu sammeln. Tag für Tag,
von acht Uhr morgens bis Mitternacht habe
ich mit ihnen zusammengearbeitet, geges-
sen und alles gelernt, was ich auf einer Bau-
stelle lernen konnte. Zu dieser Zeit habe ich
mich nur mit der Sanierung von Altbauten
beschäftigt, von denen im Bauboom der
letzten Jahre jedoch viele zerstört wurden.

Viele Ihrer Gebäude werden durch bewusst


gewählte Materialien geprägt. Welche Bedeu-
tung haben Materialien und Handwerkskunst
für Ihre Gebäude?
In der Region, in der ich lebe, wurden seit
jeher altes Mauerwerk und Dachziegel bei
Neubauten wiederverwendet. So werden
5 Materialressourcen ebenso erhalten wie
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v­ ariantenreiche Bauweisen und die beson- anderen Einstellung. Beide stehen für zwei die Erhaltung der Geschichte, es geht um
deren handwerklichen Fähigkeiten. So ist verschiedene Sichtweisen, die hier mitein- das städtische Leben selbst. Ich wollte,
auch die Geschichte präsent. Heute dage- ander kommunizieren. dass die Bewohner der Zhongshan Street
gen bleiben riesige Materialberge abgeris- dort weiterwohnen können. Wir haben viel
sener Häuser als Abfall zurück. Wir haben Sie haben hier für einen Großteil der Fassaden darüber nachgedacht, wie wir Alt und Neu
bei einigen Projekten mit Abbruchmaterial recycelte Ziegel verwendet und mit einem zu einem harmonischen Ganzen verbinden
von zerstörten Wohnhäusern gearbeitet und zeitgemäßen Architekturkonzept verbunden. können, und haben einige kleine neue bauli-
mit verschiedenen Methoden experimen- Mit den Fassaden wollten wir auf die frühe- che Elemente eingefügt. Dieses Projekt ist
tiert, diese handgefertigten mit neuen Bau- ren Mauertexturen verweisen und so die Er- deshalb so wichtig, weil es mit den realen
stoffen sowie Handwerkskunst mit moderner innerung erhalten.Sie spiegeln die traditio- Gegebenheiten arbeitet und die Aufmerk-
Bautechnik zu verbinden. Auf diese Weise nelle Bauweise in Ningbo wider, die »wapan samkeit auf anscheinend unbedeutende
lebt die Tradition weiter und die weggewor- walls«: Gesammeltes Baumaterial wird zu Gebäude und Orte lenkt.
fenen Materialien erhalten ihre Würde zu- Mauern aufgeschichtet. Wir haben Abbruch-
rück. Bei meinen jüngsten Experimenten ha- steine aus der Region verwendet, über 20 Von Eingriffen im kleinen Maßstab zu einem
be ich den Bauschutt moderner Gebäude in verschiedene Arten alter Backsteine und Großprojekt, ebenfalls in Hangzhou: den
die neue Konstruktion gemischt. Dachziegel, und sie in eine Art Rahmenkon- »Vertical Courtyard Apartments«, einem
struktion aus Stahlbeton integriert, die von
Wie entwickeln Sie Ihre Entwurfsideen, bei- Maurern ausgefacht wurde. Die oberen Be-
spielsweise bei einem Ihrer bekanntesten Pro- reiche der Fassaden und die Innenräume
jekte, dem Historischen Museum in Ningbo? prägen mit Bambusschalung erstellte Sicht-
Viele chinesische Architekten sahen in dem betonwände. Die Bambusrohre zeichnen
Wettbewerb für dieses Projekt keine Schwie- sich plastisch ab, sie spielen auf die Elasti-
rigkeiten. Für mich war es eine sehr an- zität der Pflanze an im Kontrast zum starren
spruchsvolle Aufgabe. Im Gebiet des Bau- Beton.
platzes gab es ursprünglich Reisfelder,
doch die neuen Stadtviertel sind bis hierher In der Altstadt Hangzhous waren Sie an der
vorgedrungen. Zum Zeitpunkt des Entwurfs Sanierung und Wiederbelebung der Zhong-
wurden 30 schöne Dörfer im näheren Um- shan Street beteiligt. Deren Gebäude sollten
kreis zerstört, die Platz machen mussten für abgerissen werden und Platz machen für eine
die neuen Geschäftsviertel der Stadt. Wenn breitere Straße und Neubauten. Wie sind Sie
ein Ort dem Erdboden gleichgemacht wur- in dieses Projekt eingestiegen und welche ar-
de, hat er jeden Bezug zu seiner Umgebung chitektonischen Interventionen haben Sie dort
verloren, es gibt keinen Kontext. Ein leeres realisiert? 7
Gelände – wie soll man dort ein Gebäude Ich wurde von der Regierung beauftragt,
errichten, das eine eigene Seele bekommt? weil ich den Abriss der historischen Gebäu-
Unser Entwurf ist eine Anspielung auf die de und deren Zerstörung im Namen der
verschwundenen Dörfern: Der obere Teil »Erhaltung« kritisiert hatte. In dieser Straße,
des Gebäudes ist in fünf Teile aufgeteilt, vor 30 Jahren die belebteste Straße Hang­
zwischen den einzelnen Baukörpern können zhous, wurden Neubauten wild mit dem
die Besucher über kleine Plätze und Frei- ­Bestand gemischt, zudem existierten viele
treppen flanieren. Auch die Mauersteine der Schwarzbauten. Es gab einige Lösungsvor-
Fassaden erinnern an traditionelle Wohn- schläge von Architekten, doch das Problem
häuser. So trifft die Vergangenheit auf die kann nicht allein mit architektonischen Mit-
Gegenwart, das Bauwerk wird zum Ort des teln gelöst werden. Es ist eine Frage des
Nachdenkens. Wenn man hinaufsteigt, um Verstehens größerer Zusammenhänge. Das
auf die schnell gewachsene Großstadt zu Interessante einer Stadt ist ja die Gemein-
blicken, wird man sich fragen, was hier pas- schaft, das öffentliche Leben, die Spontani-
siert ist. Das Museumsgebäude verkörpert tät. Ich bin gegen den vorsätzlich geplanten
eine gewisse Haltung, die umliegenden Abriss alter Stadtviertel, weil sie das Herz
neuen Stadtviertel sind das Resultat einer einer Stadt sind. Es geht dabei nicht nur um 8
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9 –11  Stadterhaltung und Revitalisierung


Zhongshan Street in Hangzhou, 2007– 2009
12 –14 Wohnhochhäuser Vertical Courtyard Apart-
ments in Hangzhou, 2002 – 2007

9 –11  ld town conservation and intervention along


O
Zhongshan Street in Hangzhou, 2007– 2009
12 –14 Vertical Courtyard Apartments in Hangzhou,
2002 – 2007 9

­ omplex aus 26-geschossigen Wohnhoch-


K sophischer Aspekte als auch bei Material-
häusern. Welche Besonderheiten zeichnen kunde und Bauweisen. Westliche Stile wer-
diese Anlage aus? den blind imitiert und damit der kulturelle
Seit Ende der 1990er-Jahre gibt es in China und gesellschaftliche Kontext vernachläs-
eine wachsende experimentelle Architektur- sigt. Es wird wie selbstverständlich nur mit
szene, die durch die großen Veränderungen industriell hergestellten Materialien und Bau-
der letzten Jahre an Bedeutung gewonnen systemen gearbeitet und zu wenig kreativ
hat. Ich denke, dass wir auch für den Woh- und innovativ gedacht. Die Abhängigkeit
nungsbau experimentelle Ansätze entwi- vom Computer ist zu groß. Studenten kön-
ckeln müssen. Die Vertical Courtyard Apart- nen nicht mit der Hand zeichnen, Baustoffe
ments sind das einzige Projekt, das ich für in die Hand nehmen und Gebäude selbst
einen Investor realisiert habe. Es war ein bauen. Als Ziel unserer Architekturfakultät
schwieriges Projekt. Die Immobilienbranche sehe ich eine zeitgenössische landestypi-
arbeitet gewinnorientiert, und in neue Archi- sche Architekturausbildung, die Philosophie
tektur- und Lebensvorstellungen zu investie- und Handwerk verbindet.
ren, erschien zu riskant. Der Bauherr benö-
tigte zwei Jahre, um sich dafür zu entschei- Welche Bedeutung hat der Pritzker-Preis für
den und meinte schließlich: »Ich bin einmal Sie und für die chinesische Architektur?
idealistisch, das erste und das letzte Mal.« Dass der Preis einem chinesischen Archi-
Meine Ausgangsidee war, die Lebensweise tekten verliehen wird, ist vor allem eine
in einem traditionellen zweigeschossigen ­Anerkennung der modernen chinesischen
Hofhaus in ein neues Konzept zu übertra- Architektur. In den 1980er-Jahren gab es
gen, unabhängig davon, wie hoch das Ge- keine moderne Architektur, keine Architek-
bäude werden würde. Wir entwarfen Maiso- ten, und auch kein Lehrfach Architektur,
10
netten, mit großen Terrassen als Neuinter- zwischenzeitlich hat sich jedoch vieles ent-
pretation des Innenhofs. In eingelassenen wickelt. Es ist das erste Mal, dass der Preis
Trögen können Bäume bis zu sechs Metern einem Architekten außerhalb Europas, Nord-
Höhe wachsen, jede Familie kann ihre eige- amerikas und Japans verliehen wird. Dies
ne Baumart pflanzen, so sind die Wohnein- könnte ein Schritt dahingehend sein, dass
heiten leicht zu unterscheiden. Die Einheiten künftig auch die asiatische, afrikanische und
werden in verdichteter Form in sechs Ge- südamerikanische Architektur eine Möglich-
bäuden bis zu einer Höhe von hundert Me- keit findet, stärker in die öffentliche Wahr-
tern übereinandergestapelt. Sie sind nicht nehmung zu rücken.
nur wegen ihrer Gestaltung interessant, son-
dern auch als Versuch der Re-Positionie- Welche Herausforderungen und Chancen
rung kultureller Identität. sehen Sie für eine zeitgenössische chinesi-
sche Architektur?
Als Dekan der Architekturfakultät der Kunst- Derzeit gibt es viele Konfliktpunkte zwischen
akademie in Hangzhou unterrichten Sie Tradition und Moderne, Ost und West,
Architektur. Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte Mächtigen und Schwachen. Wir müssen uns
in der Lehre? dringend mit der Frage auseinandersetzen,
Vor dem Jahr 2000 gab es an Kunstakade- wie man altbewährte Bauweisen in künftige
mien keine Architekturfakultäten. Ich habe Architektur integrieren kann. Ich denke,
diese neue Art der Architekturausbildung in auch in Zeiten rasanten Fortschritts können
Hangzhou 2001 eingeführt, Lu Wenyu kam erhaltene Handwerkstechniken beim Bauen
2003 hinzu und seither versuchen wir, dies einbezogen werden. Aber die derzeitige
aufzubauen. Meiner Meinung nach beste- Entwicklung wendet sich augenscheinlich
hen derzeit fünf Hauptprobleme: Die Ent- gegen die Vergangenheit. Ich betone oft,
wurfslehre ist losgelöst von der chinesi- dass die Stadt von ländlichen Regionen ler-
11 schen Tradition – sowohl hinsichtlich philo- nen sollte, denn die Wurzeln der chinesi-
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12 13

schen Identität sind in ländlichen Regionen Wang Shu is an exceptional figure in China’s urban development and construction in China.
zu finden. So könnte die chinesische Archi- architecture scene. In 2012 he received the Because after decades of this accelerated de-
tektur einen anderen Weg einschlagen. Re- Pritzker Prize. Since 2001 he has been dean velopment, we must admit to ourselves that
gionale Baukultur und nachhaltige Entwick- of the architecture faculty at the China Aca- next to nothing has been preserved. In my
lung werden oft von jungen Architekten be- demy of Art in Hangzhou. view, what remains of the “old” in all of China
rücksichtigt, die im kleinen Maßstab experi- should be protected. Anything old must no
mentell arbeiten. Für die Mainstream-Archi- DETAIL: Your architecture differs in many longer be destroyed. Regional differences are
tekten steht das jedoch nicht im Vorder- ways from the prevailing building practice in rooted in living traditions. If these disappear or
grund. Dass meine Arbeit die Pritzker-Preis- China. How is the situation for architects? ae reduced to imitation of forms, the tradition
Jury überzeugt hat, liegt möglicherweise Wang Shu: Chinese architects are in a difficult will die. If we lose our traditions, I believe that
auch daran, dass die bei kleineren Projekten position: a sense of identity is lacking, and we have no future.
angewendeten Methoden auch auf den gro- cultural and historical criteria for making deci-
ßen Maßstab in China übertragen werden sions have all but disappeared. The develop- Which influence does China’s rich cultural
können, und eine zugleich hohe experimen- ment is extremely fast paced, and there is heritage have on your work?
telle wie auch Detailqualität haben. Ich habe over-commercialization and over-politicization. We are interested in merging modern and tra-
meine Bauten nie als rein künstlerische Pro- The massive urban and architectural con- ditional notions, and using local materials and
jekte verstanden. Sie stellen sich der Gesell- struction have shocked and ultimately de- construction techniques. We try to build eco-
schaft und beeinflussen vielleicht deren Ent- stroyed the historical culture, natural environ- logically and sustainably. The Chinese archi-
wicklung bis zu einem gewissen Grad. ment and harmonious way of living. Chinese tectural tradition seeks harmony with nature.
Wenn sich diese Gedanken und Arbeitswei- architects need to think independently; they In the design of Chinese gardens, this idea
sen weiter verbreiten, wird das wichtiger shouldn’t follow the world architectural trends has developed into a complex whole linking
sein als mein persönlicher Erfolg. blindly, but should instead try to develop their nature and philosophy. A garden is not only
own architectural language. The architectural an imitation of nature, but also a half-artificial
Die Fragen an Wang Shu stellte Claudia Fuchs. tradition is completely falling apart amid the and half-natural entity through which people
communicate with nature. Western culture in-
spires me, too, for example Balzac’s novels,
or Alain Resnais’s film “Last Year at Marien-
bad”, in which he not only explored the
­relationship between memory, dialogue, and
spatial structure, but also the meaning of the
passage of time. In “Antonioni’s China”, a
documentary film by the Italian director
­Michelangelo Antonioni, by persistently us-
ing the cinemascope format, shooting long
film sequences, and including the ground
­level, he depicts life and events in an objective
way in a large-scale landscape. In contempo-
rary China, the relationship to that ground
­level has disappeared.

How do you translate your ideas into de-


signs?
The new campus for the China Academy of
Art occupies a 530,000 m2 site. There are 30
buildings in all, and they reflect our ideas in a
very experimental way – building with local
materials and recycled materials. The build-
ings are grouped around a variety of garden
courtyards, and the design retains the original
14 landforms. The buildings along the enclosure
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15, 16 D etailaufnahmen Ningbo Tengtou Pavillon,


­Expo in Shanghai 2010
17 Ceramic House, Jinhua, 2003 – 2006

15, 16 D
 etail photos of Ningbo Tengtou Pavillon, Expo
2010 in Shanghai
15 16 17 Ceramic House, Jinhua, 2003 –06

walls of the campus are so close together boom of late has almost completely destroyed number of projects we have used material sal-
that, despite the large number of students, traditional built form and local customs, and vaged from demolished buildings – and mix
only half the site is taken up by buildings. So this is now spreading to the villages. But the them with modern materials and technology.
we kept large areas of farmland in the middle “professional” architects rarely consider their
for agriculture. The campus is a reform pro- responsibility toward society and the danger How do you develop the initial idea, for ex-
ject. It has an experimental approach to a new associated with their way of working. Amid ample, for the Ningbo Historic Museum, one
urban mode, from the building typology, this huge amount of construction, it is difficult of your most renowned projects?
group density, building scale, and material re- to see the regional cultural diversity and minu- Many Chinese architects did not find the com-
cycling, construction method, to the inclusion tiae of people’s way of living. That’s why I petition particularly difficult, but to me, it was
of both agricultural fields and gardens. It at- named my firm Amateur Architecture Studio. difficult. When I started the design, the 30
tempts to root the new structures and gar- beautiful villages that had existed in this region
dens in the specific context. It is an effort to You run your office with your wife Lu We- were all demolished to make way for the city’s
influence the city, inspired, conversely, by the nyu? How do you divide the work? new centre. When a place is totally wiped out,
“way of nature”, an approach which has come I am mainly in charge of the conceptual draw- no relationship to the surroundings remains;
about through our studies of the countryside. ings; we make all of the important decisions there is no context. How can we create a
It reflects our overriding position: urban devel- together after discussing them. Lu Wenyu building on an empty site and give it a spirit of
opment in contemporary China should take plays a crucial role in realizing the designs, its own? Our design contains a reflection of
lessons from the countryside. ­including specifications and construction the vanished village of this age. The upper
management. People often underestimate part of the building is split into five parts; visi-
A large part of the Chinese market seems to how important creativity is in these stages. tors stroll through the small squares and up
be dominated by official planning institutes There would be no designs in our studio with- and down the stairways between these differ-
or commercial developers. What opportuni- out me, and no realizations of the designs ent parts. The stone masonry in the facades
ties exist for private architectural offices? without Lu Wenyu. brings to mind vernacular dwellings. In this
As a small firm, we can pay more attention to manner, the past and present intersect; the
the local culture and the tiny things that im- What role do construction documents and building becomes a place for contemplation.
pact day-to-day life. I like designing at a small detail planning play in your practice? When a person looks out at the rapidly chang-
scale with a predilection for the integral and In China, they are definitely important: if there ing megalopolis from this vantage point, he
natural, the non-reflective, for surfaces rough are no design details, the Chinese client and will think about what has occurred. The muse-
to the touch. I’m not obsessed with cleanli- construction company can still do the con- um building embodies a certain stance, the
ness. We incorporate local crafts and make struction. Even if there are specific details, new districts surrounding it are the result of a
links to tradition; we are interested in the non- they will be changed because of cost, materi- different one. There is a dialogue here be-
remarkable. I think that, in comparison to me- als, construction technology and speed. tween these two different world views.
ga-cities, villages are better able to preserve Therefore I visit the construction site often. If
long-standing values; in the drastically altered there is a problem with the construction, the The facades are, to a great extent, of reused
reality, humanity is ever more important than design had to be adjusted. If something hap- bricks, in a contemporary concept.
buildings. When I am commissioned to design pens that can’t be adjusted, I have to figure The materials in the exterior walls refer to the
a large building, I often dissolve its power by out how to salvage it, and sometimes I can historic fabric, and in this way evoke memo-
breaking it down into smaller components. even create an interesting effect. ries of it. They are inspired by Ningbo’s tradi-
tional construction system, the “wapan wall”,
You established your office in 1997 and What significance do materials and handi- in which material that has been amassed is
called it Amateur Architecture Studio. Why? craft have for your buildings? stacked in layers. We used bricks and tiles
It was not until 1990s that professional archi- I like to build with old recycled bricks and tiles from demolished buildings – more than 20 dif-
tectural activity entered into the Chinese so- in the tradition of the region in which I live. In ferent types of bricks and roof tiles: we incor-
cial and public media perspective. Private this way, the materials are saved, various pos- porated them in a reinforced-concrete frame.
firms could be established beginning in 1994. sibilities of material application are expressed, The surfaces of the exposed concrete walls –
Many architects fear being considered un- ample and exquisite crafts are developed, and both inside and outside – are imprinted with
professional or not modern. They are strongly meanings of memory and time are kept. But in the bamboo used to make the formwork.
influenced by the West, and are keen to de- the new architecture today, such tradition has
sign public projects as impressive, powerful, been broken. A great amount of material from In Hangzhou you are involved in a conser-
bright, high-tech monuments. The building demolished buildings goes to the dump. In a vation project in the old town: the renovation
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and revitalisation of the Zhongshan Street. As dean of the architecture department of Which challenges and chances do you see
The buildings were slated for demolition to the China Academy of Art in Hangzhou you for contemporary Chinese architecture?
make way for a wide street and new build- also teach architecture. What is your focus? It is a time of conflict: tradition vs. modernity,
ings. How were you involved in this project, Before the year 2000, there were no architec- East vs. West, and the powerful vs. the disen-
and which of your interventions were real- ture departments at Chinese art academies. franchised. There should be intense debate
ised there? In my view, there are a number of problems in on how age-old knowledge of traditional con-
The government commissioned me, because the current architectural education system. struction techniques can be integrated in fu-
I had criticised the destruction of the old Design instruction is divorced from Chinese ture designs. Chinese architecture could chart
buildings under the guise of preservation. It tradition with respect to philosophical issues, its own path. Young architects are interested
was chaotic in this area. The new was mixed but also from its materials and construction in local customs and sustainable develop-
in with the old. There was a lot of unauthor- methods. Many graduates use commercial ment; they do small-scale, experimental work.
ised construction. There had been a number materials and construction systems uncritical- The Pritzker jury’s decision implies that the
of proposals from different architects. It was ly, rely too heavily on the computer, and have approach I take could be applied to architec-
not a problem that could be solved by archi- lost touch with the sensuous side of architec- ture here at a larger scale. My buildings seek
tecture. It was a problem of cognition. In fact ture. Our academic goal is to link philosophy to engage with society and will perhaps influ-
what makes a city interesting is the communi- and craftsmanship. ence it to a certain degree.
ty it supports, public life, and spontaneity.
This is why I am opposed to deliberately dis-
mantling the old city: it is the core of a city. It
is not only about preserving history, it is about
urban life itself. We thought hard about how
to link old and new harmoniously, and we
were able to realise a number of small inter-
ventions. So this project is very important, be-
cause it explored the urban reality and paid
attention to the miniscule and unimportant
buildings and sites that are often overlooked.

The 26-storey “Vertical Courtyard Apart-


ments” is also located in Hangzhou. What
special features characterise it?
The experimental architecture movement
started to develop in China in the late 1990s,
and, thanks to the changes, gained signifi-
cance in recent years. I think that we must
­also develop experimental concepts for resi-
dential projects. “Vertical Courtyard Apart-
ments” is the only project I have done for a
­real estate developer. The process was very
difficult. As a profit-oriented industry, it rarely
explores new concepts of architecture and
­living. It took two years for the developer to
make up his mind, “I’ll be idealistic once: this
is the first and the last time.” My idea was to
transfer the way of living associated with the
traditional two-storey house to a new form,
regardless of how many storeys the building
has. We designed two-storey units with large
terraces, as a reinterpretation of the court-
yard. 17