Sie sind auf Seite 1von 4

09/03/2021 Brasilien: Trotz Virus-Katastrophe im Land sieht Bolsonaro Schuld nicht bei sich - FOCUS Online

Drucken
1900 Todesfälle am Tag

Trotz Corona-Hölle in Brasilien sagt Bolsonaro: "Habe keinen einzigen Fehler gemacht"
Dienstag, 09.03.2021, 20:10

Eraldo Peres/AP/dpa

Dienstag, 09.03.2021, 20:10

Brasilien ist ein Corona-Hotspot - auch weil sich die ansteckendere Sars-CoV-2-Variante P.1 immer weiter im
Land ausbreitet. Präsident Jair Bolsonaro hingegen hält Lockdowns für Panikmache und sieht sich selbst nicht
in der Verantwortung für die Katastrophe.

Über 11 Millionen Menschen haben sich in Brasilien bereits mit dem Coronavirus infiziert. Damit ist das größte
Land Lateinamerikas eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Ländern der Welt – nur in den USA
und in Indien sind die Zahlen noch höher. Im Durchschnitt verzeichnete Brasilien in den vergangenen sieben
Tagen rund 66.000 Infektionen pro Tag, Tendenz steigend.

Am vergangenen Mittwoch stieg die Zahl der innerhalb von 24 Stunden erfassten Corona-Toten auf 1910 – so
viele wie nie zuvor. Und die realen Zahlen könnten noch einmal höher liegen, denn in Brasilien wird nicht
ausreichend getestet. Gleichzeitig warnen Experten davor, dass die Fallzahlen in den kommenden Wochen noch
rasanter steigen könnten. Bereits Mitte März könnte die Schwelle von 3000 Toten pro Tag überschritten werden.

https://www.focus.de/politik/ausland/1900-todesfaelle-am-tag-trotz-corona-hoelle-in-brasilien-bleibt-bolsonaro-dabei-habe-keinen-einzigen-fehler-… 1/4
09/03/2021 Brasilien: Trotz Virus-Katastrophe im Land sieht Bolsonaro Schuld nicht bei sich - FOCUS Online

LIVE ABSTIMMUNG 7.546 MAL ABGESTIMMT

Sollen die Einschränkungen für Geimpfte


früher enden?

Ja, das wäre Nein, da bin ich


angebracht dagegen

Ansteckende Mutation P.1 breitet sich im Land aus


Der Grund dafür ist die neue Sars-CoV-2-Variante P.1. Sie breitet sich seit Ende des vergangenen Jahres vor
allem in Manaus und von dort aus nun auch im Rest des Landes aus. Experten gehen davon aus, dass die
Mutante deutlich ansteckender ist als die bisherige Variante des Coronavirus. Gleichzeitig gibt es Hinweise
darauf, dass die Variante den Immunschutz genesener und geimpfter Personen aussetzen und damit die
Wahrscheinlichkeit für eine zweite Infektion erhöhen könnte.

Im ganzen Land werden deswegen immer wieder Rufe nach einem landesweiten Lockdown laut. Doch
Präsident Jair Bolsonaro handelt nicht. Im Gegenteil. Erst am Donnerstag soll der Präsident Medienberichten
zufolge bei einer Veranstaltung zu den Teilnehmern gesagt haben: "Ihr seid nicht zu Hause geblieben. Ihr seid

https://www.focus.de/politik/ausland/1900-todesfaelle-am-tag-trotz-corona-hoelle-in-brasilien-bleibt-bolsonaro-dabei-habe-keinen-einzigen-fehler-… 2/4
09/03/2021 Brasilien: Trotz Virus-Katastrophe im Land sieht Bolsonaro Schuld nicht bei sich - FOCUS Online

nicht feige gewesen." Und: "Schluss mit dem Gejammere." Bereits zuvor soll er die diejenigen, die die
Regierung zum Kauf von Impfstoffen auffordern, als "Idioten" bezeichnet haben.

Lesen Sie auch: Rainer Schaller im Interview - McFit-Boss sah Studio-Sterben in USA und sagt: "In drei
Monaten geht es bei uns los"

Staatspräsident Bolsonaro: "Wovor haben Sie Angst?"


Staatspräsident Bolsonaro steht für seien Umgang mit der Corona-Krise stark in der Kritik. Von Anfang an hatte
er das Virus verharmlost, Einschränkungen des öffentlichen Lebens und Schutzmaßnahmen lehnt er ab. Auch
seine eigenen Infektion mit dem Virus bewirkte kein Umdenken. Stattdessen soll er nach seiner Genesung
gesagt haben: "Ich denke, dass leider fast alle von Ihnen sich eines Tages anstecken werden. Wovor haben Sie
Angst?" Im Hinblick auf die Corona-Toten erklärte er nur: "So ist das Leben."

Auch den Sinn von Impfungen gegen das Virus zieht Bolsonaro in Zweifel. Die Impfkampagne im Land startete
trotz hoher Zahlen erst im Januar – und das schleppend. Nur rund 3,7 Prozent der Bevölkerung haben bisher
eine erste Impfdosis erhalten. Bolsonaro hatte zunächst mehrere Angebote zur Lieferung von Impfstoffen
abgelehnt, er sprach außerdem davon, dass die Impfung genetische Schäden hervorrufen könnte. Erst als
Bürgermeister und Gouverneure ankündigten, selbstständig Verträge mit Impfstofflieferanten abzuschließen,
reagierte auch die Zentralregierung. Ein Großteil der nun bestellten Impfdosen soll jedoch erst in der zweiten
Jahreshälfte geliefert werden.

Dabei war Brasiliens einst ein weltweiter Vorreiter in Sachen Impfung. Krankheiten wie Polio und Röteln
konnten dank nationaler Impfkampagnen im Land quasi ausgerottet werden. Als 2010 die Schweinegrippe
wütete, verimpfte das Land innerhalb von vier Monaten fast 90 Millionen Impfdosen.

Alle Neuigkeiten zur Corona-Pandemie finden Sie im News-Ticker von FOCUS Online

Gesundheitssysteme stehen vor dem Kollaps


Bolsonaro hingegen setzt in der Corona-Pandemie lieber auf Wundermittel mit nicht bewiesener Wirksamkeit.
So bewarb er lange Zeit das Malaria-Medikament Chloroquin und erklärte, das Mittel hätte bei ihm gegen die
Infektion gewirkt. Und das, obwohl Wissenschaftler schon damals von dem Einsatz des Medikaments abrieten.
Es wirke nicht nur nicht gegen das Coronavirus, sondern könnte auch gefährliche Nebenwirkungen haben.

Derweil stehen die Gesundheitssysteme in mehreren Städten Brasiliens kurz vor dem Kollaps, immer mehr
Krankenhäuser melden die vollständige Belegung der Intensivbetten. Alle zwei Minuten wird zum Beispiel im
reichen São Paulo ein Patient ins Krankenhaus gebracht. In den von deutschen Einwanderern geprägten
Bundesstaaten Santa Catarina und Rio Grande do Sul verlegen Hospitäler Patienten und stellen Kühlcontainer
für die Leichen auf. Das staatliche Gesundheitsinstitut Fiocruz nannte die Situation in dem 210-Millionen-
Einwohner-Land "alarmierend".

Mehrere Gouverneure und Bürgermeister verhingen deswegen nun eigenmächtig Ausgangssperren. In Rio de
Janeiro beispielsweise müssen Bars und Restaurants bereits um 17 Uhr schließen. Nach 23 Uhr darf sich
außerdem niemand mehr draußen aufhalten. Auch in São Paulo müssen Geschäfte und Restaurants
dichtmachen.

"Warum soll man zu Hause bleiben und heulen?"


Präsident Bolsonaro spricht hingegen von Panikmache. Diese Politik hat aus seiner Sicht nirgendwo auf der
Welt funktioniert. Gouverneure, "die ihren Bundesstaat schließen", hatte er gewarnt, dass sie für die Nothilfe
des Staates selbst aufkommen müssten.

Gleichzeitig versucht er, Maßnahmen zur Eindämmung zu sabotieren. Das Tragen von Masken würde bei
Kindern nur zu Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme führen, erklärte er. An seine Anhänger appellierte
er außerdem, sich nicht an Einschränkungen zu halten. "Warum soll man zu Hause bleiben und heulen?", soll er
sie gefragt haben.

https://www.focus.de/politik/ausland/1900-todesfaelle-am-tag-trotz-corona-hoelle-in-brasilien-bleibt-bolsonaro-dabei-habe-keinen-einzigen-fehler-… 3/4
09/03/2021 Brasilien: Trotz Virus-Katastrophe im Land sieht Bolsonaro Schuld nicht bei sich - FOCUS Online

Mehrheit der Bevölkerung sieht Schuld nicht bei Bolsonaro


Sich selbst sieht er für die Corona-Katastrophe im Land nicht in der Verantwortung. Stattdessen erklärte er laut
Medienberichten: "Ich habe seit vergangenem März keinen einzigen Fehler gemacht." Der Fokus des
rechtspopulistischen Staatschefs liegt nicht auf der Bekämpfung der Pandemie, sondern auf einem ganz anderen
Ziel - der Wahl im kommenden Jahr. Und seine Chancen auf eine Wiederwahl stehen dabei nicht schlecht.
Aktuell kommt er auf einen Umfragewert von rund 30 Prozent.

Auch seine Hoffnung, dass die Bevölkerung ihm die Schuld an der Corona-Katastrophe im Land nicht anhängt,
ist nicht unberechtigt. Die Mehrheit der Brasilianer sehen laut einer aktuellen Umfrage nicht ihn in der
Verantwortung für die Misere.

Seine Kritiker hingegen nennen Bolsonaro einen "Todesboten". Und seine Politik könnte auch weltweite Folgen
haben. In 15 europäischen Ländern wurde die brasilianische Corona-Mutation bisher nachgewiesen. Der
brasilianische Neurowissenschaftler Miguel Nicolelis nannte das Land in einem Interview mit dem "Guardian"
ein "Freiluftlabor für das Virus", in dem es sich vermehren und weitere tödliche Mutationen erzeugen könnte.
Und das betreffe nicht nur Brasilien, sondern die ganze Welt.

csr

© FOCUS Online 1996-2021 Drucken

Fotocredits:

Eraldo Peres/AP/dpa
Alle Inhalte, insbesondere die Texte und Bilder von Agenturen, sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nur
im Rahmen der gewöhnlichen Nutzung des Angebots vervielfältigt, verbreitet oder sonst genutzt werden.

https://www.focus.de/politik/ausland/1900-todesfaelle-am-tag-trotz-corona-hoelle-in-brasilien-bleibt-bolsonaro-dabei-habe-keinen-einzigen-fehler-… 4/4