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Der Tarifvertrag in der Altenpflege kommt

nicht. Was nun?


Die Arbeitsrechtliche Kommission der Caritas hat am 25. Februar den Antrag des
Pflegearbeitgeberverbands BVAP und der Gewerkschaft ver.di auf eine
Allgemeinverbindlichkeitserklärung des von ihnen abgeschlossenen Tarifvertrags in
der Pflege durch das Bundesarbeitsministerium abgelehnt. Lesen Sie hier mehr.

Bedeutet die Ablehnung, dass die Pflegekräfte der Caritas gleichgültig sind? Und was
passiert jetzt? Diese und weitere Fragen beantworten wir in dieser FAQ

Was bedeutet der „Tarifvertrag Altenpflege” und was hat er


mit der Caritas zu tun?
Die Caritas hat ein eigenes Tarifwerk (AVR), das auch für die Altenpfleger_innen gilt. Die
Vergütung liegt in der Regel über dem Branchendurchschnitt und oberhalb des
Mindestlohns.

Einrichtungen anderer Träger sind, sofern sie keinen eigenen Tarif haben, an den
Branchenmindestlohn gebunden. Zum 1. Februar 2021 haben sich der BVAP
(Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche), einer von mehreren
Pflegearbeitgeberverbänden in Deutschland, und die Gewerkschaft ver.di auf einen
Tarifvertrag für die Beschäftigten der Altenpflege geeinigt. Er sieht eine höhere Vergütung
als der Mindestlohn vor. Der BVAP und ver.di wollten diesen Tarifvertrag für
allgemeinverbindlich - das heißt, für alle 1,2 Million Beschäftigte in der Pflege gültig -
erklären und den bisherigen Branchenmindestlohn ersetzen. Dafür ist laut Gesetz (das
Arbeitnehmerentsendegesetz ist hier maßgebend) als ein wichtiger Schritt die Zustimmung
der beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbände notwendig. Dort arbeiten insgesamt 300.000
Menschen in der Pflege.

Wie bei allen Fragen, die das Arbeitsrecht und die Tarifbestimmungen betreffen, ist bei der
Caritas die unabhängige Arbeitsrechtliche Kommission zuständig

Die 62-köpfige Bundeskommission der Arbeitsrechtlichen Kommission (31 Vertreter_innen


der Arbeitgeber und 31 Vertreter_innen der Arbeitsnehmerseite der Caritas) hat den Antrag
von BVAP und ver.di zur Allgemeinverbindlicherklärung des Tarifvertrags Pflege in ihrer
Sitzung am 25. Februar 2021 abgelehnt. Die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit wurde
nicht erreicht.

Warum kam es zur Ablehnung?


Die Sitzung der Arbeitsrechtlichen Kommission war nicht öffentlich und die Abstimmung
über den Antrag von BVAP und ver.di war geheim. Deshalb ist nicht bekannt, wer wie
abgestimmt hat.
Nach der Entscheidung sagte Norbert Altmann, Sprecher der Dienstgeberseite: „Wir
haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Wir können aber weder in Detailfragen
noch in grundsätzlichen Fragen diesem Tarifvertrag unsere Zustimmung erteilen.” Die
Dienstgeberseite vermisst im Tarifvertrag eine betriebliche Altersvorsorge, passgenaue
Arbeitszeitmodelle oder Überstundenzuschläge. (Mehr dazu in diesem Interview: Warum
die Dienstgeber einen Einheitstarif ablehnen).

Zum anderen befürchtet sie, dass die Kostenträger (im Wesentlichen die Pflegekassen)
sich künftig am Tarifvertrag Altenpflege als Norm orientieren und die Mehrkosten der
Einrichtungen nicht mehr refinanzieren, die höhere Löhne zahlen. Das ist der Fall bei der
Caritas, die Pflegerinnen und Pfleger höhere Löhne zahlt als der Branchendurchschnitt
und als im Tarifvertrag von BVAP und ver.di vorgesehen ist.
Ein drittes Argument waren die möglichen Folgen für die Tarifbestimmungen der Caritas,
die AVR. Die Caritas ist stolz auf ihr Tarifwerk. Dieser ist im kirchlichen Arbeitsrecht
verankert und gewährleistet eine Tarifbindung für beinahe 700.000 Menschen. Die
Arbeitsrechtliche Kommission sieht Einmischungen in die AVR, die ein
allgemeinverbindlicher Tarifvertrag mit sich bringen würden, skeptisch.

Der Caritas sind also Pflegekräfte, die nicht für sie arbeiten,
egal?
Der Deutsche Caritasverband setzt sich schon lange für bessere Arbeitsbedingungen in
der Pflege ein - und zwar für alle. Nur so kann der Beruf attraktiv für junge Menschen sein
und gute Pflege angeboten werden. Wir sind entschieden gegen Dumpinglöhne und
Ausbeutung.

Wir sind sicher: Es gibt andere Wege als ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag, um
bessere Löhne und Arbeitsbedingungen in der Pflege zu erreichen.

Allerings hadern auch viele im Verband mit der Entscheidung der Kommission - und haben
es so kundgetan. Siehe hier die Pressemitteilung der Arbeitnehmerseite innerhalb der
Arbeitsrechtlichen Kommission und hier eine Pressemitteilung des
Diözesancaritasverbandes Hildesheim.

Wie geht es jetzt weiter?


Ohne die Zustimmung beider kirchlichen Wohlfahrtsverbände können BVAP und ver.di die
Allgemeinverbindlichkeit ihres Tarifvertrags beim Bundesministerium für Arbeit und
Soziales nicht beantragen. Ihr Tarifvertrag wird nur für Mitglieder des BVAP Anwendung
finden. Für Beschäftigte der Caritas gelten weiterhin die AVR. Für die Beschäftigten der
Pflegebranche gilt weiterhin als Lohnuntergrenze der Branchenmindestlohn.

Wir sind der festen Überzeugung, dass Arbeitsbedingungen und Bezahlung der
Pflegekräfte verbessert werden müssen. Und dass dies nur im Rahmen einer
umfassenden Reform des gesamten Pflegesystems geschehen kann. Diese muss
dringend die Finanzierung der Pflegeversicherung in den Blick nehmen - und das
wiederum setzt voraus, dass wir als Gesellschaft die Frage beantworten: Was ist uns gute
Pflege wert? Auch die Absicherung von pflegenden Angehörigen, die Arbeitsbedingungen
für sogenannte Live-In-Pflegekräfte, Fragen zum Personalschlüssel, eine Deckelung der
Eigenanteile, die Pflegebedürftige und ihre Familien zahlen, gehören in eine solche
Reform. Dafür machen wir uns schon lange stark und haben auch eigene Vorschläge
eingebracht. Wir haben die berechtigte Hoffnung, dass sich hier bald politisch etwas tut.

Wieviel verdienen Pflegekräfte bei der Caritas?


In den etwa 1.800 Einrichtungen der stationären Altenhilfe und 1.000 ambulanten Diensten
der Caritas sind insgesamt etwa 170.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.

Eine Pflegehelferin im ersten Berufsjahr verdient bei der Caritas 2.365 € brutto im Monat,
im fünften Berufsjahr 2.462 € und nach 15 Jahren 2.557 €. Eine Pflegefachkraft mit
dreijähriger Ausbildung verdient brutto 2.880 € im ersten, 3.053 € im fünften und 3.590 €
nach 15 Jahren.

In der Regel liegt die Bezahlung bei der Caritas über dem Branchendurchschnitt.
Branchenvergleiche finden Sie zum Beispiel in diesem Artikel (siehe Grafik "Gehalt nach
Träger") und in diesem Bericht.