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Das Leben Epikurs

Mein Referat über das Leben Epikurs ist der Versuch einer Darstellung des
Verhältnisses zwischen Philosophie und der Geschichte der Philosophie,
inwiefern kann die Ausarbeitung eines gelehrten Werkes, das die
hauptsächlichen Gegebenheiten des Daseins Epikurs aufnimmt und ihn gegen
die Anschuldigungen sittlicher Art verteidigt, als philosophish-schöpferische
Gestaltung aufgefaßt werden. Die Spannung zwischen diesen zwei Formen der
Interpretation und des Stiles verweist auf einen anderen Gegensatz und zwar
den, der doppelten Zugehörigkeit Gassendis, der gleichzeitig epikureischer
Philosoph und christlicher Denker war. Denn mit seiner christlichen Auslegung
des Epikureismus gibt es bei Gassendi keinerlei doppelzüngige, heuchlerische
Ausführungen, die eines Gottesleugnen der seine gewagten Einstellungen in
katholisch-herkömmlicher Aufmachung verschleiert hätte ; am Gegensatz hierzu
hat er einen ihm eigentümlichen, unauflösbar mit dem philosophischen Wissen
verknupften Weg, eingeschlagen. Bei Gassendi wie bei Epikur, darf kein
Wissen, selbst das Philosophische, weiter verfolgt werden, wenn es nicht den
Weg des Humanismus eingeschlagen hat, was bedeutet sich zu bemühen nach
dem Guten zu streben – das heißt dem Prinzip des Guten gemäß zu handeln, zu
leben und zu sterben – ein Wissen ohne existentielle, das heißt sittliche Ausmaße
ist Sache der ausschließlich auf das Weltbliche und auf das Politische
Eingestellten und eine Angelegenheit des blossen Scheins. Auf dieselbe Weise
wie die Zeit und die Entwickelung der Geschichte jedes Ding verändern,
vermehren, verringern und, am Ende, vernichten, lehnt Gassendi die Fiktion
einer objektiven Erfassungsgab ; jedes philosophische System ist abhängig von
der aufeinanderfolgenden Erkenntnissen derjenigen, die, ausgerüstet mit ihrem
unterschiedlichen Wissen, und verbunden mit ihrer Episteme sich auf der
authentischen Suche nach der Wahrheit befinden. Jedoch die Tradition
unterscheidet oft zwei Gesichtspunkte der geistigen Tätigkeit Gassendis : es
gäbe einerseits den Verfasser des Syntagmas, und andererseits den Historiker des
Epikurismus, dem man übrigens seinen Mangel am Präzision vorwirft und sogar
irrtümlichen Interpretationen der Atomlehre vorwirft, die mit seiner
Voreingenommenheit als Römisch-Katholischer im Zusammenhang stehe.
Jedoch scheint heutzutage Gassendis Werk von Bedeutung für den Philosophen
der Geschichte insofern als es den ersten Versuch einer Rehabilitierung Epikurs
darstellt, so wohl im Werke Gassendis als fast1 ebenfalls in der Geschichte der
westlichen Philosophie.

Weil er sich bewußt ist, daß Epikur wegen seines schlechten Rufes
verteufelt ist, insofern als das Adjectiv « epikuräisch » meistens zur
1
Ich sage « fast », denn es gibt Präzädenzfälle, die in dem klassischen und immer noch unersetzlichen
Werk von Eugenio Garin angeführt sind (La cultura filosofica del rinascimento italiano, Florence, Sansoni,
1961), aber diesen Vorgängern ist es nicht gelungen den Vorwurf der Ruchlosigkeit, der Epikur belastet, zu
entkräften.

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November 2000 – Das Leben Epikurs bei Gassendi
Kennzeichnung eines gottlosen, perversen, ausschweifenden, unmoralisch
verlotterten Individuum, gebräuchlich ist eines Zerstörers der offentlichen
Ordnung, der es auf eine Beeinträchtigung alles Humanen abgesehen hat – oder
auch nur nach oberflächlichen Genüssen giert, das alles stellt ein Hindernis dar,
die epikuräische Lehre, in ihrer Eigenheit wahrzunehmen, so erfaßt Gassendi
sein Vorhaben, Epikurs Leben zu beschreiben : genau wie es im Vorwort klar
ausgeführt ist, geht es darum ohne überhaupt die Doktrin Epikurs zu überprüfen,
den Gründer des Gartens von den Vorwürfen reinzuwaschen, die gegen ihn auf
dem Gebiet der Sittlichkeit erhoben werden.
Der Plan des De vita entspricht diesem Vorhaben. In den zwei ersten
Büchern, Gassendi beginnt mit der « nackten » Beschreibung des Lebens
Epikur ; danach nimmt er das Verzeichnis der üblichen Angriffe gegen Epikur
ins Visier und geht in den folgenden sechs Büchern auf jeden einzelnen
Standpunkten ein. Gassendi will den Beweis erbringen, daß Epikur ein
tugendhafteres Leben als jeder andere Philosoph geführt hat ; er geht davonaus,
daß es Pflicht jedes Philosophen ist, für Epikur Partei zu ergreifen, sich
einzusetzen für ihn, selbst im Falle, daß seine Lehre Ansichten enthülle und
verbreite, die im Gegensatz zur Religion stehen.
In kurzer Form gebe ich Ihnen ein Verzeichnis der in den acht Büchern
enthaltenen Themen mit einem Vorwort als Widmung an François Luillier,
Gassendis bestem Freund, sowie ein Epigraph aus Seneca De vita beata2 :
1. Geburt und Ereignisse im Leben Epikurs.
2. Tod und Nachfolge Epikurs.
3. Was den Anlass und die Anstifte der Anschuldigungen betrifft.
4. Was den Vorwurf seiner Gottlosigkeit betrifft.
5. Was den Vorwurf seiner Boshaftigkeit betrifft.
6. Was den Vorwurf seiner Gefrässigkeit betrifft.
7. Von den Vorwürfen, die sich auf die Freuden der Liebe beziehen.
8. Vom Vorwurf seines Hasses gegen die Wissenschaften.
Diese vor 1634 begonnene Apologie ist das erste epikuräische Werk
Gassendis in der Reihe seiner Veröffentlichungen, stellt aber den zweiten Teil
seiner Neuentdeckung Epikurs und seiner Philosophie dar. Ihre Grundlage ist
vorrangig die zukünftige Ausgabe des griechischen Textes des 10. Buchs des
Diogenes Laertius mit den Anmerkungen Gassendis. Der ganze Text ist von
höchster Gelehrtheit ; das gelehrte Verfahren und die auf Tatsachen beruhenden
Argumente überzeugen gegenüber den seit 2000 Jahren verbreiteten Gerüchten.
Eine auf Tatsachen und Erfahrung fundierte Antwort ist dringend nötig, denn es
genügt nicht auf ein Vorurteil mit einer blossen andersartigen Auffassung zu
2
Seneca, Vit. XIII : « In diesem Zusammenhang ist meine Absicht, die ich trotz der Angriff der
Demagogen ausdrücke, daß Epikur heilige und rechtschaffene Vorschriften gegeben hat, welche wenn du sie
eingehend in Betracht ziehst von strenger Art sind. Aus diesem Grund behaupte ich nicht, wie die Mehrzahl der
Unserigen, daß Epikurs Sekte ein Inbegriff der Verworfenheit ist. Im Gegenteil bin ich der Ansicht, daß diese
Sekte ganz unrecht in schlechtem Ruf steht, diese Tatsache aber kennt niemand, der nicht von vorneherein ins
Innere des Werke eingeführt wird. »

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reagieren, selbst wenn diese Auffassung günstig ist : die Gelehrsamkeit
ermöglicht die Debatte vom Gebiet der blossen Leichtgläubigkeit auf das Gebiet
der Wissenschaft zu verlegen.
Die Veröffentlichung von De Vita ist der Auftakt für das gesamte Werk
Gassendis über Epikur. Er ist eine Vorwegnahme des philosophischen Teils der
Rehabilitierung in der Lyoner Ausgabe von 16493. Als Mittelpunkt meines
Referats habe ich die Eigenheiten des Stils und seine Auffassung vom Leben
Epikurs auserwählt, ohne an dieser Stelle die Unterschiede hervorzuheben, die
zwischen der ersten Ausgabe von 1647 und der Ausgabe der Gesammelten
Werke von 16584 unterstrichen werden müssen.

1. Die Abfassung von De Vita, Akt und Gattung der Philosophie.

De Vita enthält keine theorische Ausarbeitung der Lehre Epikurs, vor allem
der Atomtheorie. Wenn aber Gassendi sich entschieden hat, das Leben Epikurs
vor der Veröffentlichung des 10en Buchs von Diogenes Laërtius herauszugeben,
so entspricht das seiner Absicht die Ethik vorrangig zubehandeln, als ob das
tatsächliche Sittenleben eines Menschen vor aller Theorie geprüft werden
müssen.5 Denn bei Epikur, viel mehr als die Doktrin, von der man von
Gassendis Veröffentlichungen nur wenig weiß, ist die Ethik Anlass von in die
Alltagssprache übergegangene Beschimpfungen geworden : als Beispiel, Pater
Garasse’s Buch6 übernimmt und erweitert die Schmähungsverzeichnisse deren
Quelle Cicero ist, die dann bei Isidor von Sevilla an Umfang zunehmen und zu
traditionnell verwendeten Gemeinplätzen werden wie Epikuräer – Gottesleugner
– Muselmann, und so weiter, wodurch Epikur zum Paradigma der Erniedrigung
und der Verkommenheit geworden ist.7

3
In seinen Animadversiones ins decimum librum Diogeni Laërtii, die 1649 in Lyon veröffentlicht werden
überarbeitet, übersetzt und erläutert sorgfältig in den Text des zehnten Buchs der Leben, Lehren und Aphorismen
der berühmten Philosophen von Diogenes Laërtius ; der gesamte Text umfaßt 1768 Seiten, eine kritische
Ausgabe der grieschichen Textes, philogische und semantische Erläuterungen sowie die Widerlegung gewisser
Behauptungen Epikurs betreffend Logik, Physiologie, Moral und sehr umgfangreich Bemerkungen in Nachtrag
über die Physiologie betreffend über die Ernährung und die Atemorgane ; der andere Nachtrag, betitelt
Philosophiae Epicuri Syntagma ist ein abgekürztes Lehrbuch in drei Teilen der epikuräische Philosophie.
4
Was die Geschichte dieses Textes betrifft, cf. den schönen Artikel von Carla Rita Palmerino, Pierre
Gassendi’s De Philosophia Epicuri universe rediscovered, Nuncius 14, 1999.
5
Man kann fast sagen, daß es vor Gassendi gar keinen Epikurismus gab. Natürlich ist diese Behauptung
übertrieben in dem Mass, daß es wohl Vergänger gab, aber vom Standpunkt der Geschichte der Philosophie
ausgehend, bildet Gassendi Epikurs Doktrin in dem er aus der gesamten Überlieferung, alles was zur Lehre der
Atome gehört, entnimmt. Gassendi setzt die Kennzeichen des Epikurismus und verwandelt zerstreut,
unvollständige Gedankensplitter in ein kohärentes System, so daß er Epikur und seine Nachfolger wieder auf die
Beine hilft ; zum Beispiel Lukrez wird ein möglich Kommentator Epikurs in Gegensatz zum lateinischen
Übersetzer, der kanonische und orthodox Epikuräer.
6
Garasse François, La doctrine curieuse des beaux esprits de ce temps ou prétendus tels, Paris 1623.
7
Ich habe an anderer Stelle die Verleumdungsmethoden, die gegen den Gründer des Gartens angewendet
wurden untersucht. Sie entspringen einer doppelten Tradition, die zugleich stoischer und christlicher Ursprung
ist und auf diese Weise eine Doppelrolle erfüllt vom Standpunkt derer, welche die Verleumdung verbreiten und
von dem Standpunkt des Publikums, das für sie beinflussbar ist (siehe Bruniana und Campanellana – wird
veröffentlicht, Le cas Épicure : un procès en rhéabilitation).

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Die Abfassung von Epikur Lebensbeschreibung läßt einem
ungerechterweise in Verruf geratenem Menschen Gerechtigkeit widerfahren. In
dieser Perspektive ist es möglich De Vita fast unabhängig von Epikur selbst in
Betracht zu ziehen, insofern als die traditionnell gegen ihn erhobenen
Beschuldigungen jeder realen Grunlage entbehren und so ein skandalöse
Schändlichkeit grössten Ausmaßes darstellen, so daß ihre Urheber zweifellos
unwürdig sind sich als Philosophen zu bezeichnen ; allerdings gibt Gassendi
psychologische, rhetorische und politische Erklärungen der menschlichen
Tendanz sich einen Sündenbock auszuwählen. So ist die Ausarbeitung des
Lebens Epikurs ein Akt in der Reihe der Philosophie, ein Akt des Mutes, der
seinem Ausspruch entspricht, Aude sapere.
Die Verteufelung Epikurs ist ein Skandal im Bereich der Philosophie ;
ebenso wie Plato in seinen Überlegungen den Tod des Sokrates betreffend, sieht
Gassendi in Epikurs Verurteilung ein fundamentales Objekt im Kampf um die
Gedankenfreiheit ; er stellt auf diese Weise Philosophie und Machtbefugnisse
gegenüber und er bringt den Beweis, daß eines der Zielobjekte der Philosophie,
das immer wieder aufs Neue verflogt werden muß und fortwahrend in Gefahr
schwebt im Kampf gegen die Vorurteile besteht. Das Vorurteil nimmt im Lauf
der Jahrhunderte unterschiedliche Formen an und steht in Abhängigkeit von den
Machtbefugnissen des jeweiligen Machthabers.
Die Methode worauf sich Gassendi stützt um die Rehabilitierung
vorzunehmen gehört der freigeistigen Philosophie an. Dieses Leben Epikurs
erscheint mir ausschlaggebend in der Einsetzung einer gewissen Anzahl von
Maßstäben zur Definition der freigeistigen Tendanz um ihren Standort in der
Geschichte der Philosophie bestimmen zu können, aber ebenfalls um eine Art
der philosophischen Fragestellung zubestimmen, welche die ganze Geschichte
des menschlichen Denkens durchdringt. Gassendis Methode, die seinen
Ansprüchen auf intellektueller Rechtschaffenheit entspricht, beruht auf einen
gerichtlichen Verfahren : es geht darum gegen jemand einen Prozess zu führen,
in diesen Fall einen Rehabilitierungsprozeß und auf diese Weise den Gerüchten
ein Ende zu bereiten. Es geht darum ein endgültiges Urteil zu fällen, ohne es
jemals in Frage zu stellen zu müssen, ob Epikur ein sittlicher oder ein gegen die
guten Sitten verstossender Mensch gewesen ist. Gassendi beginnt damit
sämtliche Ausdrücke der Beschuldigungen, welche Epikurs Ankläger gegen ihn
angeführt haben ; diese Beschuldigungen ordnet er in Haupkapitel :
Gottlosigkeit, Boshaftigkeit, Schlemmerei, ausschweifender Lebenswandel.
Anschließend beantwortet er diese Anschuldigungen mit Argumenten, die er den
theoretischen Schriften der Epikuräer entnimmt, aber auch den Aussagen von
Augenzeugen ihres Lebenswandels, den archeologischen Denkmalen, oder
indem er die Widersprüche der Verleumder unterstricht. Schließlich versetzt er
Epikur in den erweiterten Umkreis der antiken Philosophie, die im Zeitablauf
der Offenbarung vorausging und deshalb von ihr nicht erleuchtet werden konnte.

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So hat De Vita wohl Aussmasse erreicht, die Gassendi selbst nicht
voraussah und er schneidet darin Fragen an, die ihm wesentlich ercheinen ; das
Problem des Philosophen und seines Publikums, die Fragen, moderne
ausgedrückt, der Kommunikation, die Frage der Beziehungen zwischen dem
Philosophen und der Staat und schließlich des Verhältnisses zwischen Wissen
und Philosophie.
Die Art Lebensläufe philosophischer Betrachtung zu unterziehen ist mit
einer antiken Tradition verknüpft, welche eine Eigentümlichkeit der
hellenistichen Philosophie darstellt : errinern wir uns daran, daß die
wesentlichen Fragmente der Philosophie Epikurs, die uns zur Verfügung stehen
sich in der Biographie des Diogenes Laërtius vorfinden und zwar unter denen,
welche die berühmten Philosophen zum Gegenstand haben ; jedoch vorfügen
wir ebenfalls über Lebensbeschreibungen des Plotin und des Pythagoras.
Gassendi ist auch Erbe einer christlichen Tradition, sowohl des Neuen
Testaments, der Leben Jesu, der von Sankt Hieronymus verfassten Leben der
Heiligen aber auch von der gesamten hagiographischen Überlieferung. Im 16°
und 17° Jahrhundert steht oft eine Biographie als Einführung vor dem Texte der
gesammelten Werke, auch im Falle daß diese Werke von geringener Bedeutung
sind. Dieses Spiel der doppelten Referenzen, das immer in Gedankengut und im
Werk Gassendis vorzufinden ist wird außerdem in Vie de Peiresc8 und in den
Lebensbeschreibungen der Astronomen Kopernik, Tycho Brahé, Peurbach und
Regiomontanus9.
Lebensbeschreibung als Ausdruckform gewährt vielfache Überblicke : sie
gestattet gleichzeitig Lebensdauer und Fortentwickelung der Menschen im
Bezug auf ihre Alterstufe und gleichzeitig, die Zeitgeschichte und Umstände die
ihre Entscheidungen beinflussen in Betracht zu ziehen. Dank des persönlich
Erlebten, in Verbindung mit den bedeutenden Ereignissen der Geschichte in
Grossen über die Gassendi bemerkt sie sei das Licht des Lebens, ein Werk kann
im Bezug auf seine Epoche erforscht werden. In dieser Hinsicht übernimmt
Gassendi eine linear-christliche Temporalität10 und lehnt die zyklische
Zeitauffassung ab. Diese Ansicht, die er mit anderen Freidenkern teilt, verhilft
ihm dazu die Scholastik um der Lehre des Aristoteles loszulösen und
gleichzeitig alle anderen heidnischen Philosophen, die vor der christlichen
Zeitspanne lebten, seiner Lehre einzuverleiben. Im Anschluß an den Ekklesiast
erklärt er häufig : « das alles schon längst gesagt worden ist. » Diese Auffassung
steht im Einvernehmen mit seiner Theorie der Atome, für die er in seiner Physik
eintritt. Die Tatsache, daß alles schon da gewesen ist, die Wörter, die Gedanken,
wie die Atome selbst verbietet in keiner Weise eine Neugestaltung ; diese bildet
sich auf der Grundlage einer Umformung des schon Vorhandenen, das angepaßt,
gespalten und zu einer neuen Synthese geformt werden.

8
Vie de Peiresc, 1641, vier Jahre nach dem Tod seines Gönnen.
9
Vies de Copernic, Tycho Brahé, Peurbach et Regiomontanus.
10
Auch Epikurs Lehre entwickelt eine lineare Zeitauffassung, die Buch V bei Lukrez vor zufinden ist.

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Die ununterbrochene Umgestaltung der Elemente, der Atome und der
Konzepte spielt sich im Schmelztiegel der Geschichte ab. Wenn es eine
Geschichte der Philosophie vorhanden ist, so hat die Philosophie eine
geschichtliche Entwickelung, Verwandlungen im Lauf der Jahrhunderte und der
äußeren Umstände ; ebenso besitzt jede Zeitspanne die ihr entsprechenden
Philosophen ; die Persönlichkeit des Philosophen ist nicht unveränderlich und
stereotyp-körperlos und abstrakt, sondern sie unterliegt einer zeitlichen
Entwickelung, und der wahre Philosoph ist nicht immer derjenige, der sich als
Philosoph ausgibt. Gassendi als Philosoph, als Historiker der Philosophie,
bemüht sich folglich die Kennzeichen des authentischen Philosophen zu
bestimmen, außerhalb der individuellen zeitlich und geographisch bestimmten
Verschiedenheiten und Lebensbedingungen.
Wenn man vom Standpunkt der Methode ausgeht, gehören die
biographischen Schriften nich zur Geschichte, sondern zur . Hier findet
man, die von Gassendi in allen Bereichen, mit denen er sich befaßt 11,
angewandten Methoden – sei es in der Astronomie, in Biologie oder in der
Philologie, so geht es darum, die Tatbestände festzustellen, sie zusammen zu
stellen, ohne irgendwelche zu unterschlagen oder zu korrigieren, sie ohne
Ausnahme aufzulisten in roher Form, als nackte Tatsachen (er gebraucht diesen
Ausdruck neben « roh ») ; erst in zweiter Etappe ist es erlaubt, einer Tatsache
eine grössere Beteutung als einer anderen und seine eigene Interpretierung
zugeben, die auf der einen oder jener Tatsache beruht. Dieses Verfahren führt zu
der Weigerung sich in der Dankarbeit einer Aktivität zu unterwerfen : der
Lesende wird den Tatsachen gegenübergestellt und losgelöst von der Autorität
des Lehrmeisters in der Lage sein sich seine eigene Auffassung zu bilden, ohne
daß ihm die Meinungen des Kommentators aufzugezwungen werden. Diese
Praxis stützt sich auch auf eine Theorie Gassendis, die er an verschiedenen
Stellen zum Ausdruck bringt. Keine einzige Generation kann das absolute
Wissen beanspruchen ; eine Analyse die hautzutage absolut sicher und gewiß
erscheint, wenn man das gegenwärtige Wissen in Betracht zieht, ist in der Lage
im Lauf der folgenden Generation vollständig zusammenzubrechen in
Konsequenz der neuen Entdeckungen, die ohne jeden Zweifel stattfinden
werden. In diesem Sinn ist die Einstellung Gassendis zur ptolemäischen
Astronomie – zu ihrer Zeit hatte sie ihren Wert und hat auch einen gewissen
Wert bewahrt insofern sie sorgfältig durchdacht worden war, aber sie ist von den
modernen Entdeckungen widerlegt. Der Heliozentrismus, der im Umkreis von
Kopernik, Kepler und Galileo entedeckt wurde, wird vielleicht auch eines Tages
überholt sein, aber an diesen Tag werden die Astronomen froh sein, wenn sie
über mit Sorgfalt und Rechtschaffenheit gesammelte Daten verfügen werden.
Was die Anhäufung um heterogenen biographischen Einzelheiten
angelangt, recht fertigt sich Gassendi zu Beginn seines Tycho Brahe, dieser
11
Cf. mein Artikel, der in den Akten (Journée organisée par le CERPHI en 1998, Histoire et 
dans les lettres latines de Gassendi).

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Mann, erklärt er, hat momentan seinen Platz in der Geschichte der Astronomie,
aber eines Tages in der Zukunft werden vielleicht seine politischen Ideen das
Interesse der zukünftigen Generationen auf sich ziehen und, weil man den
letzten, Gott vorbehaltenen Sinn der Dinge nichts weiß, ist es angebracht alles
zu sagen, alles schreiben und nichts zu verschweigen, was die Persönlichkeit
oder die Meinungen betrifft, die er hervorgerufen hat. Das gleiche trifft auf
Epikur zu. Man darf wieder die lobende Anerkennung noch die Kritik
verschweigen, die er ausgelöst hat. Es muß gesagt werden, was er in der
Philosophie und im täglichen Leben und im Dasein der Staat und in seinen
Beziehungen zu seinen Mitmenschen geleistet hat ohne irgend etwas unter dem
Tisch zu kehren.
Das Problem der Gelehrsamkeit Gassendis befindet sich also im
Mittelpunkt des philosophischen Vorhabens – den Menschen Epikur zu
erforschen heißt alles über ihn und in jeder Hinsicht zu erfahren, denn wir
verfügen über keine präzise Definition über das, was ein Philosophe eigentlich
ist.
Womit beschäftigt er sich denn, wie kommt es, daß er das geworden ist,
was er ist ? Es steht nichts anderes zur Verfügung, als die Lebensbeschreibung
der verschiedenen Persönlichkeiten, die als Philosophen bezeichnet werden.
Seine Überlegungen führt Gassendi bis zur äußersten Grenze, indem er
genau Datum und Stunde der Geburt und des Todes Epikurs angibt. Obwohl er
persönlich nichts um der Astrologie hält, entscheidet er keineswegs, daß
astrologische Forschung sinnlos sei ; er kalkuliert und überläßt anderen die
Auswertung der Berechnungen.
Gassendis Praxis ist doppelten Ursprungs : die wissenschaftliche
Verhaltungsweise, im Anschluß an Bacon, mit Erfahrung und Beobachtung als
Grundlage, fordert auf, die vom menschlichen Geist erdachten und formulierten
Hypothesen aufzugeben, und anstatt dessen jede Theorie an Hand der
erfahrungsgemässen Tatsachen auf die Probe zu stellen ; was die juristische
Fragestellung betrifft, ist sir dazu verpflichtet Anklag zu erheben, einen
Verteidiger zu wortkommen zu lassen und dann endgültig absolut über präzise
Tatsachen zu entscheiden, woher die Gewissensfragen von denen niemand etwas
weiß, außer Gott, der Herz und Nieren prüft, beiseite gelassen werden.

2. Die Moral, oder die Definierung des Philosophen.


Außer seinem Interesse für das Atomsystem gründet Gassendi seine
Entdeckung und Rehabilitierung Epikurs auf die Forderung einem Mann
Gerechtigkeit widerfahren, der ungerechtweise verrufen wurde. So knüpft
Gassendi an die sokratische Lehre an, die die Ethik in den Vordergrund stellt.
Die Ausarbeitung des Lebens Epikurs gibt Gassendi die Gelegenheit sein
philosophisches Programm zu erfüllen, ein Programm, das er auch Epikur
zuschreibt. Es geht darum der Moral den Vorrang zugeben (præhabere). Dieser
Ausdruck scheint zuerst geheimnisvoll : entweder ist die Moral gar nicht

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vorhanden, was der Fall ist in dem philosophischen Unterricht, den er in den
lateinischen Briefen seinem Gönner und Schüler erteilt, oder erscheint die Ethik
an letzter Stelle, wie es in den zwei Syntagmas, dem Syntagma philosophiæ
Epicuri12 oder dem Syntagma totius philosophiæ13.
Was bedeutet denn dieser erste Platz, den die Moral innehaben soll ? Zum
Unterschied mit der Logik und der Physik, die Mittel zur Erreichung eines
Zwecks darstellen, kann die Moral nicht der Gegenstand einer Geschichte der
Philosophie werden, einerlei ob dieser Zweck die Tugend oder die Sinnenlust
ist. Die Sittenlehere umfaßt zwei Aspekte, einen der theoretisch ist und einen
praktischen. Dieser Doppelcharakter verbietet, daß man sie als blosse, fast
abstrakte Erzählung auffaßt. In dem Werk Das Leben Epikurs befindet sie sich
sozusagen außerhalb jeder Einteilung und jeder Hierarchie zwischen den
Lehrstoffen.
Denn insofern man der Moral den Vorrang gewährt, so begünstigt man die
Sittenlehre : bei Epikur als Kind entsteht die philosophische Fragestellung aus
ein Angstgefühl physischem, persönlichem und rhetorischerem Ursprung ; wie
ist das Chaos entstanden ? Ein körperliches Angstgefühl, weil es sich um die
Frage des Ursprungs der Dinge handelt, um ihr Entstehen, und folglich auch um
die Frage ihres Vergehens, ihres Todes, eine persönliche und psychologische
Angst, weil dans Kind nicht umhin kann die Nichtigkeit der vom Schulmeister
gegebenen Antwort feszustellen, seien sie dilatorisch vertröstend oder
ungerechtfertigt ; so ist das Kind auch veranlaßt, die Machtstrukturen, die vor
ihm da waren und beauftragt sind es zu bekehren abzulehen. So ist das Kind
veranlaßt auf eigene Faust und nur auf sich selbst gestellt auf die Suche nach
seinen eigenen Antworten zu machen ; Angstgefühl auch rhetorischer Art, denn
man verfügt immer über die Möglichkeit eine rein rhetorische und inhaltlose
Vergangenheit erfinden und sich mit rhetorischen Taschenspielereien befassen,
die unbefriedigt lassen. Aus dieser dreifachen Fragestellung entspringt eine
existentielle Angst, die wohl das Kennzeichen des silbernen Zeitalters der
Philosophie ist.
Epikur errichtet seine Physik und seine Kanonik im Bezug auf die
Sittenlehre : die Physik nützt dem Menschen nur insofern als sie den Geist
gestattet sich sorglos zu entfalten und dem Körper ermöglicht schmerzlos zu
leben ; die Regeln der Kanonik dienen auschließlich dazu, die Begriffe der
Physik zu stützen und die Kriterien des Wissens zu bestimmen (besonders die
Kriterien der Wahrheit und des Irrtums der sinnlichen Wahrnehmungen). Aus
diesen Gründen erscheint die Moral nicht in der Forme einer theoretischen
Darstellung, sondern in einer Forme der Kasuistik beider gewisse Aspekte an die
pastoralen Aufgaben Gassendis als Dompropst der Stadt Digne. Die Moral
offenbart sich in den Sitten, und der Wert der moralischen Prinzipien läßt sich an
12
Epikur spricht da in der ersten Person um sein System, in « nackter » Form darzustellen, das heißt ohne
Gassendis Interpretationen.
13
Gassendi gibt hier seine eigene Philosophie, in der zwar Epikur die wesentliche Rolle spielt, aber
weitgehend neu interpretiert, das heißt, zerstückelt und in schöpferischen Form neu erfaßt.

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den Entscheidungen ermessen, die der Mensch in den wesentlichen Stunden
seines Lebens trifft. Bei Epikur ist es das Lustprinzip, das alle Handlungen und
Reaktion des menschlichen Daseins reguliert. Es liegt dabei, in jedem
Augenblick eine kurz-mittel oder langfristige Berechnung (der sogenannte
epilogismos) des maximalen Lustgewinns vor. Eine philosophische Lehre unter
dem Gesichtspunkt der Sittenlehre zu durchdenken, bedeutet weder daß man
ihre Vorschriften formell (das heiß vom Standpunkt der Logik her) untersucht
noch theoretisch ; denn mal kann ja Dinge sagen und ganz im Gegenteil dazu
handeln. Der sittliche Wert eines Individuums tritt nicht in seinen Worten in
Erscheinung ; der auf Erfahrung gegründeten Regelgemäß, beurteilt Gassendi
die Menschen nach ihren Handlungen und schlägt mehrere Abwandlungen eines
Satzes von Cicero vor14 : « Wenn die anderen Menschen sich damit begnügen,
etwas zu tun ohne es zu sagen, begnügst du dich damit zu handeln ohne es zu
sagen. »
Das Leben Epikurs hat ein sittliches Ziel im Visier : der Weg zur
Philosophie führt über einen Mann, der als Wegweiser dient, Impulse gibt und
Mut einflößt. Gassendi zitiert Seneca, der sich seinerseits auf Epikur beruft 15 :
« Wir müssen uns einen anständigen Menschen auserwählen und uns sein
Beispiel fortwährend vor Augen halten, so daß wir so leben, als wenn wir
andauernd in seinem Blickfeld ständen und in all unserem Tun so handeln, als
könnte er uns dabei beobachten. » Die Notwendigkeit eines Modells dessen
Beispiel wir in allen Dingen folgen sollen, entspricht seiner Definierung der
Tugendhaftigkeit die seiner Ansicht nach in der Übereinstimmung mit dem
ursprünglichen Motor besteht, das heißt mit der göttlichen Vollkommenheit ; das
Vorhanden eines Mentors auf dem schwierigen Wege der Standhaftigkeit ist ein
Bestand von ausschlaggebender Bedeutung. Gassendi fordert die schützende
und geistig sittliche Anregung eines Begleiters nicht als abstrakte
Notwendigkeit, sondern als alltägliche Realität. So hatten Epikurs Jünger und all
seine Nachfolger das Vorbild des Meisters vor Augen, den sie nicht wie einen
Gott, sondern wie einen Mittelsmann verehrten. Unter diesem Gesichtspunkt
besteht ein Zusammenhang zwischen Epikur als Vermittler und der Gestalt
Christi. Immerhin bietet der Philosoph als Vermittler den Höhepunkt der
menschlichen Daseinsbedingungen. Epikur ist kein Gott, und auch kein Sohn
Gottes ; er kennt ausschließlich die Lust in der Bewegung, und keine Lust in der
Ruhe, welche die göttliche Natur kennzeichnet. Epikur ist das einzige Vorbild,
das der Mensch in jeder Hinsicht nachahmen kann.
Streng verurteilt Gassendi die dünkelhafte Arroganz der Stoiker, weil sie
ein freierfundenes und trügerisches Vorbild vorschlagen, das eines Weisen, der
über das menschliche Geschick herausragt : das sind « Worte, wohlklingende
Worte, aber nichts als Worte. » Das wahre Vorbild leugnet nicht die im
Menschen vorhandene Schwäche, und gibt zu in allen Dingen die Lust zu
14
De finibus, II, 81.
15
Brief an Lucilius, XI, 7.

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suchen : ohne Anerkennung seiner eigenen Natur und der Grenzen, die den
Menschen gesetzt sind, vermag der Weise kein Vorbild zu sein. Der weise
Epikuräer – und Epikur selbst – ist nicht leidenschaftslos () ; er ist
keinesweg der teilnahmslose Mensch, der die Stoiker als Vorbild anpreisen :
deshalb öffnet er den Weg zur Rehabilitierung der Leidenschaften, weil sie die
Grundlage des tugendhaften Handelns sind.
Das Leben Epikurs steht unter dem Motto von zwei Hauptprinzipen der
Philosophie Gassendis und Epikurs, die darin bestehen, daß eine dringende
Notwendigkeit vorliegt zu philosophieren und zwar unvorzüglich in jedem Alter,
gleichviel Weib oder Mann, reich oder arm, wobei er ununterbrochene
Ausübung im Sinne des konsequenten Handelns fordert. Zielbewußte Tätigkeit,
sei es beim Studium oder auf politischem Gebiet, die Aktivität allein offenbart
positive Wirkungen. Das Leben Epikurs ist ein Dasein, das der Philosophie, das
heißt der Morale, von der Geburt an bis dem Tode gewidmet ist.
So offenbart sich die Rhetorik des Exemplums viel wirksamer als die
trockene Darstellung theoretischer immer dogmatischer Vorschriften. In all den
Lebensbeschreibungen die er verfaßt, übernimmt Gassendi die selbe Struktur :
er beginnt mit einer chronologischen Aufstellung seiner Heroen und stellt eine
Synthese ihres Lebens und ihrer Sitten am Ende der Biographie. In diesem
Zusammenhang unterbreitet Gassendi einen hagiographischen Bericht über des
Tod Ludwigs des XIIIes als Darstellung des volkommenen Epikuräers16 : obwohl
er füchterlichen Schmerzen ausgesetzt ist, genau wie Epikur der blasenleidend
war, dem Tod bietet er die Stirn, ohne seine innere Ruhe und sein Glücksgefühl
einzubüßen.

Gegen die Fiktion einer Tabula rasa vertritt Gassendi die Auffassung, daß
niemand auf sich allein gestellt, was besagen will, ohne Kultur, ohne aüßerer
Bezugnahme, ohne Ausgangspunkte, Gegebenheiten, ohne Tatsachen, ohne
Handlungen, ohne vorexistierende Begriffssysteme die neu gedacht und
neuformuliert werden müssen. Jedoch fordert die freigeistige Philosophie die
Befreiung des Geisteslebens, die Überwindung der Vorurteile, welche die
Aufklärung kennzeichnen.
Die vielfaltige und zweideutige Gestalt des Vorbildes, die im Gegensatz zu
den dogmatischen Zügen des Lehrmeisters steht, gestattet eine scheinbar
paradoxe Behauptung zu klären, wenn einerseits Gassendi jede Anlehnung an
die Autorität der Überlieferung ablehnt, und die Selbsbestimmung des
Individuums befürwortet, so tritt bei ihm Epikur in der Gestalt eines
Lehrmeisters auf, dessen Leben und Einstellungen nachahmungswürdig sind. Er
rühmt die große Anzahl seiner Jünger und drückt seine Bewunderung dafür aus,
16
Brief an Beaurecueil : « Ich bin sicher daß entweder Sokrates noch Canius, und überhaupt kein ihnen
ähnlicher Mensch, den Tod mit grössener Furchtlosigkeit ins Auge geblickt hat (…). Er trat immer mit einen
derartigen inneren Frieden, Abgeklärtheit und Selbstbewußtsein auf, daæ ich vom Vorhergesagten überzeugt
bin : kein Sterblicher ist fähig, dem Tod die Stirn zu bieten oder ihn mit grösserer Standhaftigkeit oder mit
grösserer unerschütterlicher Entschlossenheit zuerwarten. »

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daß der Garten vor allen anderen philosophischen Schulen des Altertums die
längste Lebensdauer gehabt hat. Jedoch erfordert die Geistesfreiheit das
Vorhandensein einer wissenschaftlichen Methode : denn die Gelehrsamkeit
allein erlaubt mit der Zuverlässigkeit der « bona mens » die Argumente der
überlieferten Autorität zu bekämpfen, die auf einer rhetorischen Verfügung
gegründet ist. Allein die Darlegung der verschiedenen philosophischen Lehren
erlaubt ihre freie Überprüfung und ihre Kritik.
Vom rhetorischen Standpunkt aus betrachtet kämpft Gassendi gegen eine
esoterische Praxis der Philosophie, deren Kauderwelsch ausschließlich den
Eingewiehten verständlich ist und empfiehlt den Gebrauch einer auf Einfachheit
und Veständlichkeit beruhenden Sprache, sowie sie von der allgemein
gebräulichen Grammatik empfohlen wird. Zur Rechtfertigung der sprachlichen
Neubildungen Epikurs (zum Beispiel « das Kitzeln im Körper », oder die
« Beleibtheit der Augen », zur Bezeichnung der quellenden Tränen) offenbart
ihre starke Ausdrucksfähigkeit und perfekte Lesbarkeit, ihre konkrete
Ausdrucksform, die im Gegensatz zu den abstrakten Vokabeln der Stoiker
ummittelbar verständlich sind.

3. Gassendi und Epikur : was ist der Mensch, oder wer bin ich ?
Das Leben Epikurs bildet eine bedeutende Entwickelungsstufe einer
Philosophie der Person zwischen Humanismus und der Sittenlehre der Klassik.
Gassendi ist in diesem Zusammenhang geistiger Erbe eines Montaignes. Er
verfügt über dessen Skepsis aber auch seinen fruchtbachen Dialog mit den
Philosophen des Altertums und auch seinen Stil, der eine beabsichtigte
Verflochtung von wissenschaftlicher Bezugnahme und persönlichen Gedanken
vornimmt ; er nimmt teil an seiner Philosophie des glücklichen Daseins, eine
Form sinnenfreudiger Mystik, das Bedürfnis nach Gerechtigkeit und noch
sozialem und religiösen Frieden. Die Rolle der Freundschaft ist auch wichtig.
Aber das gemeinsame Hauptthema dreht sich um das philosophische Problem
des « Ich ». Montaigne schreibt, ohne Bedenken, in der ersten Person, wobei er
sich über die Unbeständigkeit dieses « Ich » Gedenken macht und erfüllt sein
unsicheres Dasein auf diesen « branloir pérenne », der die Welt da steht.
Gassendi seinerseits ist auf der Suche nach der getreuen Darstellung seines
« Ich » und der menschlischen Lebensbedingungen. Anderseits scheint ihm sein
eigenes « Ich » kein ausreichendes Forschungsgebiet, nicht überzeugend genug
mangels einer tiefgehenden Prüfungsmöglichkeit ; denn wie kann man mit
Genauigkeit wissen, daß das in ihn Vorgefundene auch bei anderen
Mitmenschen existiert ? Mit Begeisterung stellt Gassendi oft fest, daß einer oder
jener seiner Gedanken bei diesem oder jenem Autor sich findet, als
unverändlicher Bestandteil jedes Menschen.
Aus diesem Grund, weil er sorgfaltig identifiziertes « Ich » durchleuchten
will, unternimmt Gassendi eine biographische Arbeit, die man unter dem
Gesichtspunkt der Autobiographie lesen muß. In seinem « Leben von Peiresc »

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wie in den Leben der Astronomen, die vor ihm lebten, sieht unandeutlich den
Entwurf eines Selbstbildnisses. Meiner Ansicht nach verhält sich genau so mit
den « Lettres latines » (mit den lateinischen Briefen) mit denen ich mich
vorrangig befaßt habe und die im letzten Band des Vollständigen Werks
aufgeführt sind und wie in einem Spiegel die Bilanz seines ganzen Lebens
reflektieren und so die fünf verhergehenden Bände ihre Tiefenwirkung
verleihen. La Mise en abyme.
Die im « Leben Epikurs » angewandte Lösung besteht darin, das Thema
des doppelten « ich » in Spiegel zu betrachten : Gassendi konfrontiert sein
eigenes « Ich » mit einem anderen « ich », das in einer anderen Epoche und in
einem anderen Raum lebte, ein « ich » das Philosoph ist und ladet ein, den
zweckmässigen Abstand ausfindig zu machen, als wäre es im tridimensionel am
Raum außerhalb des Blickfeldes, so daß das dargestellte Leben Epikurs eine Art
philosophischer Roman zur Selbstdarstellung Gassendis wird, jedoch ihn in die
Einzelheiten einer egotistischen Selbtsverherlichung (philautie) zu verfallen17.
Sein Vorbild, als Philosoph, erlaubt von sich selbst zu sprechen, indem das
« ich » wovon er redet nicht verhaßt (haïssable) sei.
Für Gassendi, der bemüht ist die Frage « Was ist denn der Mensch ? » zu
beantworten, besteht die Notwendigkeit eines Umwegs über die Frage : wer ist
denn Epikur, dieser Mensch in seiner Eigenheit als Individuum, und dabei all
seine Schwankungen, Ungewißheiten, Unbeständigkeiten zu unterstreichen weil
sie eine allgemeingültige Lehre über die Natur des Menschen darstellen. Das
auserwählte Vorbild übernimmt die Gestalt des Philosophen, so daß sich seine
biographischen Studie von einem introspektiven Verfahren begleitet ist ; denn
der Philosoph spielt die Rolle eines klinischen Spiegels wenn er die Sprache
durchforscht. Der Grunder des Gartens besitzt alle Eigenschaften, die den
wahren Philosophen auszeichnen und wenn er sich über die Handlungsweise
und die Entwickelung Epikurs Fragen stellt, kann sich seine eigenen
Überzeugungen und seine eigene Praxis prüfen. Sein gelehrtes
Ermittlungsverfahren findet Sinn und Berechtigung in der Definition des
philosophischen Wissens durch Epikur und des guten Gebrauches der
Kenntnisse, die zweckgemässe Anwendung der Erkenntnisse, wobei er betont,
daß schon im Ausbildungsstadium jede eitle Zuschaustellung des Wissens
ausgemerzt werden muß, aber immerhin empfehlenswert sind, soweit dazu
beitragen zu können das augegefaßte Ziel der Philosophie näher zu kommen.
Gassendi identifiziert sich mit dem Gründer des Gartens und läßt im
Hintergrund seiner Tätigkeit als Historiker des Epikurismus den kampfbereiten
epikuräischen Philosophen auftreten, einen lebensverbundenen Epikur
(Epicurus redivivus). Zum Beispiel, Gassendi vertritt die Ansicht, hätte Epikur
im modern Zeitalter gelebt, wäre er Anhänger des Kopernikus geworden, was
17
Einevilleciht interessante Einzelhgeit über das Gebrutsdatum der beiden Philosophen : Gassendi
bemerkt, daß Epikur und er selbst den selben Tag geboren sind ; er sagt es nicht präzis, aber er kaluliert es so daß
man fast sagen kann, es würde in Rätsel geschrieben ; es ist fast ein Geheimsprache, wodurch er die Eitelkeit
auswischt.

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die Wissenschaft angeht und Katholik, was die Religion betrifft : denn in diesen
beiden Punkten ist sein System schwach und unverständig und muß folglich
ergänzt werden. Jedoch kann ich zwei weniger polemisch umstrittene
Einzelheiten in Angriff nehmen. Die erste betrifft eine rhetorische Frage : die
Philosophen des Altertums hatten Epikur wegen der Struktur seines Werkes
angegriffen, weil bei ihm weder Prolog noch Epilog vorzufinden sei : Gassendi
widmet sich ausgiebig seiner Verteidigung, indem er erklärt die grössere
Wirksamkeit bestände darin sich unerzüglich mit dem Wesentlichen (in medias
res) zu befassen. Gassendi erbringt den Beweis der Nutzlosigkeit der Rhetorik,
in welcher Form sie auch sei, wenn nur die Wahrheit in vollem Glanz erscheint.
Vor allen Dingen nimmt Gassendi Epikur zum Vorbild. Sein Werk, das Leben
Epikurs, endet in abrupter Form (« Diese Wort genügen jetzt, was Leben und
Werk Epikurs betrifft »). Das gleiche Verfahren liegt in jedem Kapitel der
anderen Büchern vor.
Was die Ideen betrifft, bemerken wir eine Abschweifung im Kapitel 5 (wo
der Garten Epikurs gegen den Vorwurf der Niederträchtigkeit der Frauen
gerechtfertigt wird) des Buchs 7, das sich mit den Vorwürfen im Bezug auf die
Freuden der Liebe, befaßt : gegen die Anschuldigung, wonach die Frauen des
Gartens Prostituirte seien, entgegnet Gassendi diese Frauen seien authentische
Jüngerinnen Epikurs gewesen und er nimmt diese Gelegenheit wahr um der
Erziehung der Mädchen das Wort zu reden : « Klar ist, daß es unmöglich ist,
ohne Haß gegen die Philosophie, das heißt der Suche nach dem höchsten Gut
und dem Glück, die Frauen von der Philosophie auszuschließen, wenn diese
Frauen Scharfsinn und Begabung für die Philosophie besitzen ; denn genau wie
wir, nehmen sie an der menschlichen Natur teil und verfügen über die gleichen
Begabungen wie wir, wobei eine Mehrzahl von ihnen an Scharfsinn und
Geisteskraft viele Männer übertreffen, die sich einbilden auf dem Höhepunkt der
philosophischen Kenntnisse zu stehen. » Ansschließend stellt uns Gassendi
(zwischen Klammern) eine den Spezialisten des 17. Jahrhunderts wohl bekannte
Frau, Anna Maria Schurmann18 als Vorbild weiblicher Gelehrsamkeit vor. Diese
Abschweifung vom Text ist eine aktive Teilnahme an einer der wesentlichen, in
diesem Jahrhunderte behandelten Probleme : sie ist sozusagen eine Bestätigung
der freigeistigen Denkers für den, jedes menschliche Wesen, sei es eine Frau
oder ein Individuum geringeren oder selbst gänzlich untergeordneten Standes,
Anspruch auf Zugang zur Wissenschaft und zur Philosophie hat.
Die Frage des Wissens erfordert also gleichzeitig die Ausarbeitung einer
philosophischen eigentümlichen und spezifischen Schreibweise geprägt in den
Einzelheiten der « dispositio » durch die Verflechtung der Bezugnahmen und
die Aufhäufung der Einzelheiten, die der Wahrnehmung entspringen verbunden
mit einer mehr abstrakten konzeptuellen Formulierung. Dieses Hin und Her ist

18
« In der Reihe der wircklich gelehrten Frauen wird sich immer die junge Frau sehen lassen, die fûr
den seltenent Glück unseres Jahrhundertes aufblüht, Anna-Maria Schurman aus Utrecht ; zwar gibt es keine
Person die mit meht Tugend und Gelehrsamkeit behängt sei.

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charakteristisch für einen atomistisch geprägten Stil. Weiterhin, der Rückgriff
auf den einfachsten, gebräulichsten Ausdruck, verweist auf eine Reflexion über
den « gesundten Menschenverstand » und die Verbreitung des Wissens, und auf
die Ablehnung der Metaphern, des Kauderwelschs, der Geheimwissenschaft.
Auf einer allgemeineneren Stufe ist der Dialog zwischen Gassendi und Epikur,
der die verschiedenen Phasen der Aneigung, der Kritik, der Interpretierung
umfaßt, in der « inventio » vorzufinden die zu den Gesamten Werken gehört.
Hier kann dieses Problem nicht behandelt werden, aber wir können in kurzer
Form bemerken, daß verschieden Stellen ihren ursprünglichen kleineren
Schriften entnommen und in einen anderen Teil des Werkes eingefügt wurden
und auf diese Weise eine neue Bedeutung erhielten.
Aus diesem Grund vergleiche ich abschließend Gassendis Epikur
betreffende Tätigkeit mit Montaignes Bemühungen bei den Essais. Von der
ersten bis zur dritten Ausgabe seines Textes beginnt er die Gedanken der Alten
mit Anmerkungen zu versehen ; anschließend fügt er seine eigenen Gedanken
hinzu, die er nach und nach im Lauf der Zeit erweitert. Dies ist der Fall bei der
Stelle des Lebens Epikurs im ersten Syntagma und anschließend im zweiten.
Auf diese Weise verläuft der philosophische Forschungsprozess bei Gassendi.

Indem sich Gassendi mit Epikur idenfiziert, entwickelt er im Mittelpunkt


der epikuräischen Darstellung eine eigene philosophische Lehre, die er übrigens
in der ersten Person schon im ersten Syntagma verfaßt, wo Epikur selbst, mittels
Gassendis Feder, das Wort ergreift, « Epicurus loquitur. »
De jure und de facto ist der wahre Philosoph gleichfalls ein Historiker der
Philosophie und darauf bedacht sich um sicherem Schritt in der Vielfalt der
Doktrinen und Systemen zurechtzufinden ; es ist seine Aufgabe nicht nur
Doktrinen und Systemen einer Prüfung zu unterziehen, sondern auch sich mit
einer Ermittelung über das, von den einen und den anderen, geführte Leben zu
befassen. Denn es kann vorkommen, daß eine Spaltung zwischen den Worten
und den Taten vorliegt ; es kann geschehen, daß sich der Wortsinn verdunkelt
hat (wie es der Fall ist bei der « voluptas » Epikurs), weil er von
unterschiedlichen Interpretierungsschichten überdeckt ist, oder von historischen
Unterschiedlichkeiten, die umständebedingt sein können oder in Abhängigkeit
von den « realia » stehen.
Jedoch besitzt die Sittenforschung eine vorrangige Stelle in der Definierung
des Philosophen, der seine Tätigkeit in zwei Richtungen ausüben muß, der
kontemplativen (Theologie, Physiologie, Mathematik) und der auf die Praxis
zielenden (Ethik, Ökonomie, Politik). Die Aufteilung ist ein Hinweis auf die
zwei Bereiche der Erkenntnis und der Moral, ohne daß es möglich wäre, die
Beziehungen abzuleugnen, die zwischen beiden existieren. Auf diese Weise
umschließt das Wort « Wissen » zwei Bedeutungen : wissenschaftliche
Erkenntnis und Moral (sapere).

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Die Denkarbeit des Historikers der Geschichte wird kraftvoller und bildet
sich im Kontakt mit dem scheinbaren Paradoxon im Werke Gassendis und der
fortwährenden doppelten Gegensatzes, die bei ihm vorliegen, zwischen
Katholizismus und Epikurismus, zwischen Gelehrsamkeit und Verurteilung des
freien Studiums, zwischen persönlicher Philosophie und der Deutung des
Altertums, zwischen der Ablehnung der Autorität und der Wahl eines
Lehrmeisters, zwischen den verschiedenene Formen der Philosophie vor allen
Dingen, den gelehrten Abhandlungen, Lebensbeschreibungen und Briefen. Die
Koexistenz im Werke Gassendis und in seinem Gesamtwerk von gelehrten
Abhandlungen, die ausdrücklich der epikuräischen Philosophie, sei sie
überliefert oder interpretiert, und eines Lebens Epikurs mit dem wir uns hier
befassen nötigt uns Fragen über die spezifischen Eigenheiten einer Methode und
eines philosophischen Sprachgebrauch zustellen und in grossen Zügen die
Möglichkeit einer « Innutrition » zu errichten.

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