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bewertet Walter Hirche, FDP-Staatsse-

kretär im Bundesumweltministerium, die


harsche Kritik an der Förderung der soge-
nannten erneuerbaren Windenergie. Fazit:
„Die Argumente des Professors sind nicht
neu, aber einseitig.“
Zwar deckten Windräder tatsächlich der-
zeit erst rund „0,7 Prozent“ des deutschen
Stromverbrauchs, in den ertragreichen
Standorten an der Küste sind es jedoch
schon über zehn Prozent.
Bis zum Jahr 2010 könne bei einem
„kontinuierlichen Zubau von jährlich bis
zu 500 Megawatt“ mit einer Verdopplung
auf eineinhalb Prozent Stromleistung ge-
rechnet werden. Zusammen mit den ande-
ren regenerativen Energiearten wie Bio-
masse, Solar- oder Wasserkraft werde die
Windenergie einen „wichtigen Beitrag zur
Ressourcenschonung und zum Klima-
schutz“ leisten.

H.-G. OED
Kurz vor der Uno-Klimakonferenz im
japanischen Kyoto machen die Windgegner
Windkraftanlagen (in Schleswig-Holstein): „Verspargelung der Landschaft“ dagegen andere Rechnungen auf. Die an-
geblich saubere Alternative bringe keinen
nennenswerten Beitrag zur Verringerung
U M W E LT
der Treibhausgase. Die gesamte Windin-
dustrie helfe im Jahr nur, etwas mehr Luft-

Rauher Wind schadstoffe zu vermeiden, als der Luxus-


liner „Queen Elizabeth 2“ pro Stunde aus-
stoße – 84 Tonnen. Die Rechnung hat einen
Haken: Sie berücksichtigt nur Schadstoffe
In der Ökoszene ist ein Glaubenskrieg um die wie Methan, Lachgas und Stickoxide. Der
Windenergie entbrannt. Kritiker und Befürworter kämpfen Klimakiller Kohlendioxid (CO2) wurde bei
mit harschen Worten und harten Bandagen. diesem Beispiel nicht berücksichtigt. Für
den Osnabrücker Bundesverband Wind-

D
ie Objekte seiner Kritik hat er täg- Emnid-Umfragen von 90 Prozent der Deut- Energie ist dies „Schwindelei“.
lich vor Augen. Drei Masten mit rie- schen positiv beurteilt, Tatsächlich reduzierten die Windstromer
sigen Rotoren, „genau 950 Meter π zerstöre die letzten intakten deutschen im Vergleich zu Kohlekraftwerken den
von meinem Haus entfernt“, stören den Landschaften durch die Aufstellung der CO2-Ausstoß jährlich um rund 1,5 Millio-
Blick auf die Hügelketten des nördlichen bis zu 100 Meter hohen Masten; nen Tonnen; für Kritiker Wolfrum kein
Odenwaldes. „Das ist ökologisch und öko- π vernichte durch Subventionen für die Grund beizudrehen, denn schließlich seien
nomisch ein Irrweg“, behauptet Professor Stromabnahme, durch Steuerabschrei- die Klimaforscher darüber zerstritten, „ob
Otfried Wolfrum, 62. Den „großen Schwin- bungen und Forschungsförderung volks- Kohlendioxid überhaupt zur Temperatur-
del Windstrom“ („FAZ“) prangert der Do- wirtschaftliches Kapital von über 30 Mil- erhöhung der Erdatmosphäre beitrage“.
zent für Vermessungswissenschaften an der liarden Mark im kommenden Jahrzehnt; Auch die Leistungskraft der bundesweit
Technischen Hochschule Darmstadt un- π erbringe derzeit weniger als ein Prozent fast 5000 Windräder sei eher bescheiden.
nachgiebig an. des jährlichen Strombedarfs; Um eine „einzige Standardlok der Deut-
Erst die von ihm herausgegebene Auf- π gefährde die Gesundheit schen Bahn AG“ mit Strom
satzsammlung „Windkraft: Eine Alterna- von Anwohnern durch zu versorgen, seien „24
tive, die keine ist“ machte die Kritik zum Lärm. Turbinen an der Küste“
Politikum. Der dünne Band ist im ansonsten Es sei Zeit, sagt Kritiker notwendig, im Binnenland
ökologisch-korrekten 2001 Verlag erschie- Wolfrum, den „Ballast der sogar „34 Turbinen“.
nen, der einst das grüne Standardwerk Ideologie“ abzuwerfen „Alles falsch“, errechnet
„Global 2000“ herausbrachte. Der Bundes- und das „Wunschdenken“ dagegen die BWE-Windlob-
tagsabgeordnete und SPD-Umweltpolitiker sowie den „materiellen by. Bei einer maximalen
Hermann Scheer ereiferte sich, das „offen- Mißbrauch“ der Windener- Windernte von gegenwärtig
kundig scheinwissenschaftliche Pamphlet“ gie zu beenden. Windturbi- rund 2,5 Milliarden Kilo-
wirke wie eine „profaschistische Veröffent- nen seien in der dichtbesie- wattstunden könne ein Vier-
lichung in einem antifaschistischen Verlag“. delten Bundesrepublik eine tel des gesamten Strombe-
Zuvor war der Bundesverband Wind- „sozial unverträgliche, um- darfs der Deutschen Bahn
energie (BWE) gescheitert, den Vertrieb weltfeindliche und damit abgedeckt werden. So gese-
des Buchs zu unterbinden. Landschafts- auch menschenfeindliche hen seien zwei leistungs-
T. BARTH / ZEITENSPIEGEL

freund Horst Stern konterte und kritisier- Technik“. starke Windmühlen ausrei-
te den „Machtmißbrauch eines Verbandes“ Die argumentativen chend, um eine Elektrolok
mit einem „unterm Bundesadler agieren- Böen des Windkritikers ha- ganzjährig zu versorgen.
den Volksvertreter“. ben inzwischen auch Bonn Doch der „Don Qui-
Kritiker argumentieren, die Windener- erreicht. In einer Stellung- chotte“ (BWE) der Wind-
gie, ein Lieblingskind der Ökos und nach nahme für seine Fraktion Windkraftkritiker Wolfrum branche steht bei vielen
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Deutschland

1945 Wind groß dimensionierte Windparks. Tatsäch-


2000 Erneuerbare lich steigt die Zahl der neu beantragten
Energien
in Millionen kWh Windmühlen nach dem Flautejahr 1996
1500 wieder an, insbesondere im Binnenland
1323 Wasser (siehe Grafik).
Ob für private Anleger die Windener-
1000 gie tatsächlich einer „Lizenz zum
Gelddrucken“ (Wolfrum) gleicht, ist
513 Biomasse allerdings höchst ungewiß. Zu sehr ist
500 eine gute Verzinsung des grünen Kapitals
von möglichen Reparaturkosten sowie der
4,5 Photovoltaik Entwicklung der sogenannten Stromein-
0 speisungsvergütung abhängig (derzeit rund
1992 94 96 geschätzt
17 Pfennig pro Kilowattstunde). Vorige Wo-
5000 che wurde in Bonn eine Deckelung für
Im Auftrieb 4326 Neuanlagen im nächsten Jahrtausend be-
schlossen. Seriöse Windparkbetreiber hü-
Windkraftanlagen
3528 ten sich deshalb, satte Renditen zu ver-
in Deutschland
sprechen.
Quelle: Deutsches Nach einer internen Kostenkalkulation
Windenergie-Institut 2467 aus dem Bonner Wirtschaftsministerium
ist die Windstromerzeugung derzeit „noch
1675 nicht wirtschaftlich“, allerdings sei das
„Kostensenkungspotential beträchtlich“.
1084 Aus diesem Grunde halten die Ministeria-
len eine „Förderung der Windenergie we-
gen der energie- und umweltpolitischen
1992 93 94 95 96 97 Vorteile“ für notwendig.
Das sehen neugegründete Anti-Wind-
Naturschützern hoch im Kurs. Im „Bun- Bürgeriniativen quer durch die Bundesre-
desverband Landschaftsschutz“ (BLS) mit publik ganz anders. Häufig selbst von Na-
Sitz im schleswig-holsteinischen Emmels- turschützern gebildet, die zuvor den Aus-
büll-Horsbüll haben sich die Windgegner bau der Atomenergie ablehnten, fordern
zusammengeschlossen, Wissenschaftlicher die Ökoaktiven „windkraftfreie Gemein-
Beirat: Otfried Wolfrum. Das Flachland den“. Im niedersächsischen Oberndorf
zwischen Ost- und Nordseeküste ist welt- wird unter dem Motto „Windanlagen –
weit einer der am dichtesten mit Wind- nein Danke“ gegen einen Großpark mobil
mühlen bebauten Landstriche. gemacht. Wer in dem Glaubenskampf ins-
Nach der von Bonn beschlossenen Er- gesamt die besseren Argumente hat, läßt
leichterung sogenannter privilegierter Bau- sich schwer entscheiden.
vorhaben im Außenbereich befürchten Im rheinland-pfälzischen Eifeldorf Reuth
die Anwohner von 1998 an eine weitere herrscht bereits ein regelrechter Windkrieg.
„Verspargelung der Landschaft“ durch Um per Bürgerentscheid einen Windpark
von 40 Millionen Mark zu kippen, ließ
BLS-Mitglied und Rechtsanwalt Thomas
Steife Brise Mock Unterschriften sammeln. Doch in
Windanlagen in den Bundesländern der schriftlichen Eingabe an den Mainzer
über 1000 von 500 bis 100 Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) war
von 1000 bis 500 von 100 bis 20 der Urtext der Unterschriftensammlung,
unter 20
so behaupten Windkraftfreunde, an 14
SCHLESWIG- Stellen abgeändert. Wegen Urkundenfäl-
HOLSTEIN 1479 schung erstattete der Bürgermeister des
HAMBURG 261 MECKLENBURG-
29 VORPOMMERN Eifeldorfes, der selbst vom Windpark
BREMEN 14
NIEDER- profitiert, daraufhin Strafanzeige gegen
SACHSEN BERLIN den Anwalt.
SACHSEN- 6
1343 ANHALT BRANDENBURG Mock bestreitet Manipulationen und kri-
NORDRHEIN- 198
WESTFALEN 102 tisiert die „hemmungslose Durchsetzungs-
616 SACHSEN politik“ in Deutschland. Der Ausbau der
HESSEN THÜRINGEN 183 Windenergie sei „zutiefst undemokratisch“
197 48 und gleiche einer „ökologischen Diktatur“.
RHEINLAND- Quelle: DEWI
PFALZ 149 Stand 1. Halbjahr Ein Argument, das Hubert Weinzierl,
13
1997 Vorsitzender des Bundes Umwelt- und Na-
SAAR- BAYERN turschutz Deutschland, für absurd hält.
LAND 36 150 000 Hochspannungsmasten gebe es in
BADEN-
WÜRTTEMBERG Deutschland – bei einem Endausbau der
32 Windenergie sei mit maximal 20 000 Tür-
men zu rechnen: „Die Gegner laufen Ge-
fahr, sich vor den Karren der Stromlobby
spannen zu lassen.“ ™
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