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1.

Historische Lexikologie
In der Vorlesung werden nur zwei lexikalische Probleme behandelt: die genetische
Klassifikation des deutschen Wortgutes und die alten Wortbildungselemente, weil es für die
linguistische Textinterpretation sehr wichtig ist, die Herkunft der zum Kern des Wortschatzes
gehörenden Stämme zu wissen und die alten wortbildenden Elemente historisch deuten zu
können. Alle anderen Probleme der Lexikologie, wie z.B. Bedeutungswandel,
strukturell-semantische Klassifikation des Wortschatzes u.a. werden im lexikologischen Teil
des Arbeitsmaterials beleuchtet.
2. Genetische Charakteristik des deutschen Wortgutes
Genetisch wird der deutsche Wortschatz in folgende Gruppen geteilt:
1. Allgemeinindoeuropäische Stämme, die allen IE Sprachen eigen sind.
2. Allgemeingermanische Stämme, die allen germanischen Sprachen eigen sind.
3. Deutsche Stämme, die nur der deutsche Sprache eigen sind;
4. Entlehnungen zur althochdeutschen Periode aus anderen Sprachen.
5. Internationalismen und Fremdwörter.

3. Allgemeinindoeuropäische Stämme
Wenn wir die gemeingermanischen Stämme als eine abgesonderte Gruppe betrachten, so
ist es festgestellt, dass etwa zwei Drittel dieser Stämme allgemeinindoeuropäischer Herkunft
sind, d.h. diese Stämme sind in allen IE Sprachen vorhanden. Semantisch gehören diese
Stämme zum Grundwortschatz einer Sprache, das sind Pronomen, Zahlwörter,
Verwandtschaftsnomen, Benennungen der Körperteile, der meist verbreiteten Tiere, Vögel
u.a.
Diese Schicht des Wortschatzes ist von besonderer Wichtigkeit bei der linguistischen
Textinterpretation, weil anhand dieser Wörter und Stämme die Verwandtschaft der
deutschen Sprache mit anderen IE Sprachen nachgewiesen werden kann.
In diesen Wörtern können auch alle lautlichen Korrespondenzen und lautlichen Prozesse der
germanischen und der deutschen Sprache entdeckt und interpretiert werden, solche wie die
1. (germanische) und die 2. (althochdeutsche) Lautverschiebung, der Lautwandel im
Vokalismus u.a.

4.2.1.2. Germanische Schicht des Wortgutes


Ein Drittel des gemeingermanischen Wortschatzes bilden die germanischen Stämme, die in
anderen IE Sprachen fehlten (wenn einige von ihnen auch in anderen IE Sprachen
vorkommen, dann gelten sie als Entlehnungen aus germanischen Sprachen). Diese Wörter
sind in urgermani- scher Zeitperiode entstanden und betreffen folgende Sachgruppen:
1) Schifffahrt und Fischerei.
GwD. See - AHD. seo - AS. seo - AE. s& - GwE. sea - GOT. sajws
- GwR. озеро;
GwD. Schiff - AHD. scif (scef) - AS. skip - AE. skip - GwE. ship - GOT. skip - GwR. сосуд,
посудина, корабль;
GwD. schwimmen - AHD. swimman - AS. swimman - AE. swim- man - GwE. swim - GOT.
*sumjan;
Ebenso: Segel, Strand, Mast, Kahn, Netz, Aal, Hering usw.
2) Viehzucht und Jagd.
GwD. Rind - AHD. rind (hrind) - AS. hrid - AE. hrider, hry - GwE. ruther - GOT. hrinpis - GwR.
корова;
GwD. Heide - AHD. heida - AS. hetha - AE. h&d - GwE. heath ‘open waste land’ - GOT. haipi
- GwR. поле;
GwD. Kalb - AHD. kalb (chalb) - AS. calf - AE. cwlf (cealf) - GwE. calf - GOT. kalbö - GwR.
теленок;
Ebenso: Ross, Schaf, Lamm, Bär, Rabe usw.
3) Wohnwesen.
GwD. Haus - AHD. hus - AS. hus - AE. hus - GwE. house - GOT. hus
- GwR. дом;
GwD. Hof - AHD. hof - AS. hof - AE. hof - GwR. двор;
Ebenso: Bett, Halle, Hütte, Saal, Wand usw.
4) Gemeinschaftsleben.
GwD. Ding - AHD. dink (think, ding, dinc) - AS. thing - AE. pinj- GwE. thing - GwR. дело;
вещь;
GwD. Volk - AHD. folk (folch) - AS. folk (folc) - AE. folc - GwE. folk
- GwR. полк;
GwD. Friede - AHD. fridu - AS. fridu (frithu) - AE. freodu (frid, fridu) > frith - GwR. мир;
Ebenso: Sache, Adel, Jünger usw.

5.Entlehnungen
In historischer Sicht sind solche Entlehnungen aus anderen Sprachen von Interesse, die
noch die Spuren der phonetischen Prozesse enthalten, d.h. die Entlehnungen, die
phonetisch völlig assimiliert sind.
Zu den ältesten lexikalischen Entlehnungen gehören die Entlehnungen aus dem Keltischen:
GwD. Eisen - GOT. eisarn - AIS. isern - AE. isern - AHD., AS. isarn - Kelt. *isarno-; GwD.
Reich - GOT. reiki (reiks) - AE. rice - AS. riki - AHD. rihhi (richi) - Kelt. rix; GwD. Amt - GOT.
andbahti - AE. ambeht - AIS. ambätt - AHD. ambaht[i] - Kelt. *amb- [i]aktos ‘der Diener’ u.a.
Die erste Schicht der lateinischen Wörter ist in die deutsche Sprache am Ende v. u. Z. und
am Anfang u. Z. erschienen. Es waren Wörter aus dem Bereich des Handels, der
Landwirtschaft, des Bauwesens, des Haushalts u.a. Das sind, um die allgemein
bekanntesten zu nennen, folgende Entlehnungen:
GwD. Essig - AHD. ezzioh (< L. acetum);
GwD. Fenster - AHD. venstar (< L. fenestra);
GwD. Frucht - AHD. vruht (< L. fructus);
GwD. kaufen - AHD. koufan (< L. caupo);
GwD. Keller - AHD. kelläri (< L. cellärium);
GwD. Kessel - AHD. kezzil (< L. catinus);
GwD. Kirsche - AHD. kirsa (< L. ceresia);
GwD. Korb - AHD. korb (< L. corbis);
GwD. Küche - AHD. chuhhina (< Lvulg. coclna);
GwD. Kurbis - AHD. kurbiz (< L. cucurbita);
GwD. Mauer - AHD. mura (< L. murus);
GwD. Münze - AHD. munizza (< L. moneta);
GwD. pfeffer - AHD. pfeffar (< L. piper);
GwD. Pflaster - AHD. pflastar (< L. plastrum);
GwD. pflücken - AHD. phlukkön (< Lvulg. piluccare);
GwD. Schussel - AHD. scuzzila (< L. scutula, scutella);
GwD. Tisch - AHD. tisc (< L. discus);
GwD. Trichter - AHD. trahtari (< L. tractarius);
GwD. Wein - AHD. wln (< L. winum);
GwD. Ziegel - AHD. ziegal (< L. tegula) usw.
Vom 8. Jh an drang das Christentum immer weiter in den germanischen Lebensbereich vor.
Mit dem Ausbau der Kirchenorganisation und der Einführung des Gottesdienstes kam auch
eine zweite Welle griechisch-lateinischer Entlehnungen. Diese Entlehnungen schließen auch
die Lexik, die mit der Bildung und dem Schulwesen verbunden ist, ein: GwD. Bischof - AHD.
biscof (< AGR. episkopos);
GwD. Brief - AHD. briaf, brief (< L. brevis);
GwD. Kloster - AHD. klöster (< L. claustrum);
GwD. Mönch - AHD. munih (< L. monachus);
GwD. opfern - AHD. opfarön (< L. operari);
GwD. Pfaffe - AHD. pfaffo (< AGR. papas);
GwD. schreiben - AHD. scrlban (< L. scribüre);
GwD. Schule - AHD. scuola (< L. schola);
GwD. segnen - AHD. seganön (< L. signare);
GwD. Tinte - AHD. tinkta (< L. tincta) usw.
Mit der Entwicklung des Schrifttums und der Übersetzerstätigkeit der
religiös-philosophischer Schulbildung ist die Entstehung vieler Lehnübersetzungen
verbunden:
L. conscientia - AHD. giwizzenl ‘Gewissen’;
L. communio - AHD. gimeinida ‘Gemeinde’;
L. spiritualis - AHD. geistllh ‘geistlich’ usw.
6. Wortbildung im Althochdeutschen
Die Bereicherung des Wortschatzes erfolgt auch durch die Bildung neuer Wörter aus
eigenem Material, durch die Ableitung neuer Wörter mit Hilfe der wortbildenden Affixe und
auch durch Konversion.
Schon im AHD war die Ableitung ein produktives Mittel der Wortbildung.