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Date and Time: Thursday, 24.

September 2020 14:45:00 CEST


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1. Finde das Arbeiterkind!; Wer mit der akademischen Welt nicht vertraut ist, fremdelt mit der Uni - davon war
die Forschung bisher überzeugt. Unsinn, sagt Bildungsexpertin Ingrid Miethe
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Finde das Arbeiterkind!; Wer mit der akademischen Welt nicht vertraut ist,
fremdelt mit der Uni - davon war die Forschung bisher überzeugt. Unsinn,
sagt Bildungsexpertin Ingrid Miethe
Die ZEIT (inklusive ZEIT Magazin)
19. Juli 2018

Copyright 2018 Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. Alle Rechte vorbehalten

Section: CHANCEN;Finde das Arbeiterkind!; S. 63; Ausg. 30


Length: 1391 words
Byline: Martin Spiewak

Body

Im Lesesaal der Humboldt-Universität zu Berlin sind keine Unterschiede zwischen den Studierenden
erkennbar

DIE ZEIT: Es gibt den Mythos, dass Arbeiterkinder es im Studium schwerer haben, weil sie sich an der
Universität als Außenseiter fühlen. Sie sagen, das stimmt nicht. Wie kommen Sie darauf?

Ingrid Miethe: Auch ich bin lange von diesem Mythos ausgegangen: Dass Bildungsaufsteiger sich im
Universitätsmilieu fremd fühlen, weil ihnen der akademische Habitus fehlt. Weil sie also eine andere Sprache
sprechen und einen anderen kulturellen Hintergrund haben als Studierende aus dem Bildungsbürgertum. Ja, dass
es für den einen oder anderen besser wäre, statt eines Studiums lieber wie ihre Eltern eine Ausbildung zu
absolvieren. Aus Sicht der Betroffenen erweist sich diese Auffassung jedoch als Vorurteil.

ZEIT: Was haben Sie konkret untersucht?

Miethe: Ich habe in einer Studie Mitglieder der Beratungsinitiative Arbeiterkind.de nach ihren Erfahrungen an
der Universität befragt - online sowie in Gruppendiskussionen. Dabei stellte sich heraus, dass die allermeisten
Bildungsaufsteiger kaum Fremdheits- oder gar Diskriminierungserfahrungen an der Uni machen. Viele sagen im
Gegenteil, dass sie ihr Studium als großartig erleben.

ZEIT: Das heißt, es gibt keine Probleme?

Miethe: Viele der Interviewten berichten, dass ihnen anfangs die Sprache an der Uni Probleme bereitet hat.
Oder dass sie im Seminar sitzen und meinen, sie seien die Einzigen, die nicht verstehen, worum es geht. Solche
Anpassungsprobleme sind aber nicht spezifisch für Bildungsaufsteiger. Auch Studierende aus
Akademikerfamilien machen ähnliche Erfahrungen. Erstsemester verstehen aber recht schnell, den Uni-Bluff, wie
sie es nennen, zu durchschauen und sich anzupassen, egal welchen sozialen Hintergrund sie haben.

ZEIT: Gilt das für alle Disziplinen?

Miethe: Es gibt bekanntermaßen soziale Unterschiede bei der Fächerwahl. So studieren Bildungsaufsteiger
häufiger an der Fachhochschule; an der Universität findet man sie eher im Lehramt oder in den
Sozialwissenschaften. Aber auch wenn sich Arbeiterkinder für klassische Fächer entscheiden und es
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Forschung bisher überzeugt. Unsinn, sagt Bildung....

beispielsweise bis ins Medizinstudium geschafft haben, fühlen sie sich an der Uni oft wohl. Nur Jura scheint eine
Ausnahme zu sein. Hier berichteten die Befragten von größeren Schwierigkeiten, sich an den Habitus der
Professoren und Mitstudierenden zu gewöhnen. Die genauen Gründe dafür kennen wir noch nicht.

ZEIT: Die Tochter eines Dachdeckers und einer Verkäuferin ist doch anders sozialisiert als der
Professorensohn, der schon am Küchentisch gelehrige Gespräche verfolgt. Kaum vorstellbar, dass sich das im
Studium nicht bemerkbar macht.

Miethe: Bildungsaufstieg beginnt nicht mit dem Studium, sondern viel früher. Wer an die Hochschule kommt,
hat bereits viele Jahre auf dem Gymnasium verbracht oder auf einer anderen weiterführenden Schule und sich
hier mit den kulturellen Codes des Bildungsbürgertums vertraut machen können. Als Schock empfanden manche
der von mir Befragten deshalb rückblickend eher den Übergang von der Grundschule auf das klassische
Gymnasium.

ZEIT: Die von Ihnen beschriebene Anpassung wird in der Forschung oft als Entfremdung von der
Herkunftsfamilie beschrieben.

Miethe: Auch das erscheint mir zu negativ. Für fast alle Bildungsaufsteiger ist es ein zentrales Thema, dass man
in ihrer Familie anders redet, sich anders gibt und sich für andere Dinge interessiert als an der Uni. Einige treffen
bei ihren Eltern auf Unverständnis nach dem Motto: Ich weiß gar nicht, wie man den ganzen Tag nur Bücher
lesen kann. Doch fast alle Befragten kamen damit sehr gut zurecht. Zusammenzufassend: Ja, es stimmt, was in
der Literatur oft beschrieben wird, dass die Bildungsaufsteiger in zwei Welten leben. Aber sie haben damit nicht
unbedingt ein Problem - und das steht im Gegensatz zu dem Mythos des mit der Universität fremdelnden
Arbeiterkindes. Klischeehaft gesagt: Die wissen, in der Uni-Kneipe trinke ich Rotwein, zu Hause bei den Eltern
Pils. Einige empfanden die doppelte Identität sogar als Privileg.

ZEIT: Inwiefern?

Miethe: Eine Medizinstudentin sagte, dass sie als Ärztin später mit Patienten aus allen sozialen Schichten zu
tun haben wird. Darauf sei sie besser vorbereitet als jemand aus einer Akademikerfamilie, der nur eine Welt
kennt.

ZEIT: Dennoch gehen viele Ihrer Kollegen aus der Bildungsforschung davon aus, dass es Arbeiterkinder per se
schwerer haben an der Uni. Warum eigentlich?

Miethe: Zugespitzt würde ich sagen, sie haben ein bisschen zu viel Bourdieu gelesen ...

ZEIT: ... Pierre Bourdieu, den vielleicht einflussreichsten Sozialphilosophen des vergangenen Jahrhunderts.

Miethe: Bourdieus Studien zur Universität stammen aus dem Frankreich der sechziger Jahre. Das auf die
aktuelle Situation an deutschen Hochschulen zu übertragen ist aber problematisch. Denn zum einen war das
französische Universitätssystem schon immer hierarchischer und elitärer als das in Deutschland. Zum anderen
haben sich die Hochschulen seit dieser Zeit dank der Bildungsexpansion massiv verändert.

ZEIT: Trotzdem haben es Arbeiterkinder noch immer viel schwerer, an die Uni zu kommen als
Akademikerkinder.

Miethe: Das stimmt natürlich. Dennoch ist ein Hochschulstudium heute kein exklusives Privileg mehr.
Schließlich studiert heute fast die Hälfte eines Jahrgangs, und fast jeder zweite Studierende hat Eltern, die selbst
nicht an der Uni waren. Auch die Atmosphäre an den Hochschulen ist viel weniger elitär und formell. Professoren
laufen nicht mehr alle mit Anzug und Schlips herum, die Umgangsformen sind lockerer geworden.

ZEIT: Manche Professoren finden es zu locker, wenn sie Mails bekommen, die mit "Hallo, Prof" beginnen.
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Miethe: Das mag sein. Es ist aber die Frage, ob eine solche Reaktion typisch ist für Arbeiterkinder.
Möglicherweise reagieren auch Akademikerkinder in dieser Form. Die Umgangsformen insgesamt haben sich
verändert. Welche schichtspezifischen Auswirkungen das hat, muss man empirisch untersuchen. Teilweise konnte
ich das in einer zweiten Studie nachverfolgen, die ich gemacht habe.

ZEIT: Worum ging es dabei?

Miethe: Ich habe Bildungsaufsteiger aus drei Generationen in Ost- und Westdeutschland zu ihren Erfahrungen
befragt. Da zeigen sich für Westdeutschland große Unterschiede. Wer als Arbeiterkind in den fünfziger Jahren an
der Universität war, empfand sich häufig tatsächlich als Außenseiter. Aber schon in den siebziger Jahre verliert
sich das Distanzgefühl. Und heute kommt es vielleicht ab und an noch zu Irritationen, für den Erfolg eines
Studiums ist das aber irrelevant.

ZEIT: Sie werfen dem Mainstream der Forschung eine Kulturalisierung der Arbeiterkinder vor. Das Wort
gebraucht man sonst im Kontext von Migranten, von denen man annimmt, dass sie sich niemals ganz integrieren.

Miethe: Ich warne schlicht davor, die kulturelle Herkunft überzubetonen. Manche Kollegen gehen automatisch
davon aus, dass ein Bildungsaufsteiger das Milieu, aus dem er stammt, immer wie eine Last mit sich herumtragen
muss. Ich halte solche kulturellen Aspekte für übertrieben.

ZEIT: Was ist wichtiger?

Miethe: Das Geld zum Beispiel. Wer auf Bafög angewiesen ist, muss sich verschulden und sein Studium in der
Regelzeit absolvieren. Umwege im Studium, die ja auch lehrreich sein können, kann er sich kaum leisten. Wer
das Geld für Miete und Mensa dagegen jeden Monat von seinen Eltern überwiesen bekommt, kann einfach
entspannter studieren. Diesen Unterschied erwähnen fast alle Bildungsaufsteiger, mit denen ich gesprochen
habe.

ZEIT: Halten Sie Initiativen für Arbeiterkinder denn für überflüssig?

Miethe: Es ist für alle Studierende wichtig, jemanden zu haben, der weiß, wie es an der Universität läuft. Wenn
meine eigenen Kinder bei einer Prüfung mal durchfallen, kann ich sie beruhigen, dass mir das im Studium auch
mal passiert ist. Jemand, der niemanden in der Familie kennt, der studiert hat, besitzt diese Möglichkeit nicht.
Für diese Fälle bleiben solche Initiativen wichtig.

DIE FRAGEN STELLTE MARTIN SPIEWAK

***

Ingrid Miethe, 57, ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Gießen und dort
Dekanin am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften

***

Classification
Language: GERMAN; DEUTSCH

Publication-Type: Zeitung
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Forschung bisher überzeugt. Unsinn, sagt Bildung....

Journal Code: zei

Subject: WEITERFÜHRENDE SCHULEN (72%); FORSCHUNGSBERICHTE (71%); DISKRIMINIERUNG (66%)

Industry: WEITERFÜHRENDE SCHULEN (72%)

Geographic: BERLIN, DEUTSCHLAND (57%)

Load-Date: July 20, 2018

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