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YUNUS EMRE

VON

ANNEMARIE SCHIMMEL

Meinem hochverehrten Lehrer,


Professor Dr. Richard Hartmann
zum 8. Juni 1961
Es ist hochst erfreulich, dal3 E. L. WALSH in seiner Studie uber
Yunus Emre, a medieval hymnodist, den Blick der Religionshistoriker
auf den geschichtlichen Hintergrund der Dichtung des grol3en ana-
tolischen Mystikers gelenkt hat, der nach neuentdeckten Quellen
720JI32I im Alter von 72 Jahren gestorben ist 1 ) .
Es mag erlaubt sein, das Thema Yunus Emre noch einmal auf-
zunehmen und die Wirkung dieses mystischen Sangers auf die nach-
folgenden Generationen bzw. bis auf unsere Tage kurz zu skizzieren,
da seine Gestalt dem in der Türkei Lebenden immer wieder entgegen-
tritt.
Niemand, der einmal das Yunus-Emre-Oratorium von Adnan
Saygun 2) in der Ankaraer Oper gehort hat, wird sich dem Zauber
dieser aus moderner Musik und 3berlieferten Derwischmelodien (von
denen G6LPiNARLi in seiner Yunus-Edition 48 Beispiele mitgeteilt
hat) gewobenen Musik entziehen konnen, und unausloschlich hat sich
mir jene Passage eingepragt, da ein Chor standig den Refrain eines
der bekanntesten Gedichte des Yunus gewissermal3en als basso ostinato
wiederholt: "askin ver, .¡evHn ver - gib deine Liebe, gib leidenschaft-

I) Als Textgrundlage diente: Abdülbak�Gölp�narl�, Yunus Emre Divani (3


Teile) Istanbul 1948; ein guter Auszug in den Varl�kTürk Klassikleri No. I
von demselben Herausgeber. - Vgl. ferner: Dr. M. Cunbur, Yunus Emre'nin
Gönlü, Ankara 1959 (hrsg. von der Yunus-Emre-Gesellschaft, No. 3). - M. F.
Köprülü, Türk Edebiyat�ndailk mutesavv�flar,Istanbul 1924. - Adnan Erzi,
Türkiye kütüphanelerinden notlar ve vesikalar (Belleten, 1950, S. 85 ff.). -
E. J. W. Gibb, History of Ottoman Poetry, Bd. I (behandelt Yunus recht kurz).
- Sadeddin Nuzlaet Ergun, Bekta�i �airleri ve nefesleri. Istanbul 19442. -
Vasf�Mahir Kocatiirk, Tekke �iirleriantologisi. Ankara 1955.
2) Ahmet Adnan Saygun, Yunus Emre (Soli, Koro ve Orkestra için) Oratoryo,
3 Teile, Op. 26. Ankara 1946.
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liche Sehnsucht zu dir." Der Komponist hat hier das Zentralthema


der Poesie Emres zu Recht in den Mittelpunkt gestellt: die unendliche
Sehnsucht, die nicht endende, zur ekstatischen Einheit hinfiihrende
Liebe - "das hohe Ehrenkleid, das der Herr einigen gibt" (59), oder,
wie Yunus mit einem schon MAULANA R8Mi bekannten Bild sagt:

'
Was macht man mit dem d3rren Baum?
-
Man schlagt ihn und verbrennt ihn dann
Der niemals Liebe noch gefuhlt - .
Dem durren Baume gleicht der Mann! (77)

Das ware innerhalb der islamischen Mystik nichts Neues; bedeutsam


ist hier jedoch, wie der Sanger des Mittelalters, dem in seiner tur-
kischen Muttersprache ein zu jener Zeit noch ganz unausgebildetes
Instrument zur Verf3gung stand (daran andern auch die ersten un-
beholfenen Versuche des AHMAD YESEwi in seinen fiikam nichts,
die um 1150 in Zentralasien entstanden und sich dort grof3er Beliebt-
heit erfreuen 3), oder die wenigen "seldschukischen" Verse SULTAN
VALADS in Konya) - wie dieser Sanger es verstanden hat, seine
Gedanken in einer Weise poetisch auszudr3cken, dal3 sie fur den
heutigen Turken ebenso verstandlich sind wie f ur seine Zeitgenossen,
denen er die Lieder auf seinen Wanderungen vorgesungen haben
mag - noch heute lernen die Schulkinder jenes unvergleichlich schone
Gedicht:
Im Paradies die F13sse all
Sie fliel3en mit dem Ruf Allah,
Und dort auch jede Nachtigall,
Sie singt und singt Allah Allah ...

und formen daran ihre religiosen Vorstellungen. Viele der Verse oder
Halbzeilen des mystischen Dichters leben in dem Vokabelschatz auch
einfacher Menschen fort, sind zum Sprichwort geworden, ganz ab-
gesehen davon, daB die mystische Dichtung der auf Yunus folgenden
Jahrhunderte immer wieder neue Inspirationen aus seiner Poesie ge-
nommen hat; so wie das oft zitierte und auf Koran 9413 zuruckgehende

3) Timur soll vor dem Angriff auf Anatolien bei Ahmat Yesewis Grab
gebetet, und einen Vierzeiler Yesewis rezitiert haben (Ra�a��t�ayn-ul
Hay�t,
türk.) ; REI 1946 S. 73.