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Olaf Rippe

Margret Madejsky

des Paracelsus
Naturphilosophie
Signaturenlehre
Astrologie der Heilkräuter
Alchimie und Spagirik
Magie mit Heilpflanzen
Heilpraxis

V erlag
W ichtiger Hinweis fü r den Leser
Trotz sorgfältiger Ü berprüfung sind die im Buch aufgeführten H inweise,
Rezepte, D osierungsangaben und Applikationsformen ohne Gewähr;
eine G arantie bzw. H aftung übernehm en daher weder der V erlag noch die
Autoren. Jed er Benutzer ist angehalten, durch Prüfung der Beipackzettel
verwendeter H andelspräparate und gegebenenfalls nach Rücksprache
m it einem Arzt oder H eilpraktiker festzustellen, ob die Em pfehlungen für
D osierungen oder die angeführten Kontraindikationen gegenüber den
Angaben in diesem Buch abweichen. Jede D osierung oder Applikation erfolgt
auf eigene Gefahr und muss in jedem Fall individuell abgewogen werden.
G eschützte W arennam en (W arenzeichen) sind nicht gesondert kenntlich
gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen H inweises kann nicht geschlossen
werden, dass es sich um einen freien W arennam en handelt.
Säm tliche vorgeschlagenen T herapiehinw eise und Rezepte haben aus
schließlich einen modellhaften Charakter. Sollten Sie weder H eilpraktiker,
Arzt noch Apotheker sein, bedenken Sie bitte bei einer Selbstm edikation,
dass hierfür ausreichende Kenntnisse der H eilkunst erforderlich sind.

2. Auflage, 2009
© 2006
AT Verlag, Baden und M ünchen
Lektorat: Barbara Im grund, H eidelberg
U m schlagbilder: O laf Rippe, M argret M adejsky
Lithos: V ogt-Schild Druck, D erendingen
Druck und Bindearbeiten: Appl, W em ding
Printed in G erm any
ISBN 978-3-03800-313-7
www.at-verlag.ch
Inhalt

Vorwort

13

Mensch und Heilpflanze

14

Vom Zauberglauben zum W irkstoffkult: Paracelsus und die Geschichte


der K räuterheilkunde

14
16
18
23
26
31
33
35

D er G renzgänger Paracelsus
N aturverehrung als Q uelle der W eisheit
U rwege der Erkenntnis
Das Z eitalter der M ysterien
Die M edizinphilosophie der Antike
Von der M ystik zur W issenschaft
Die Pflanze als W irkstoffträger
Das G eistartige der Arznei
K räuterbücher von der Antike bis heute (Tabelle)

39

Das Licht der Natur: Philosophie als Grundlage der H eilkunst

39
41
43
45
47
53
58
63
66

Die Freiheit des M enschen


Das Staunen über das W underbare
Das U nsichtbare in der sichtbaren W elt
Das fantastische Reich der Elem entar- und Fabelwesen
Von N ym phen, Sylphen, Zwergen und Salamandern
Die W underarznei des Paracelsus
Die vier M ütter des Lebens
Die T rinität Sulfur - M erkur - Sal
D er dreigliedrige M ensch

69

Signaturenlehre: Die Zeichensprache der Natur


69
73
77
81
88
92

W ege der H eilm ittelerkenntnis


Schule der W ahrnehm ung
Das H eilm ittel als Spiegelbild der Krankheit
Signaturbetrachtungen am Beispiel der Brennnessel (U rtica dioica)
Signaturbetrachtungen am Beispiel des Johanniskrauts (H ypericum perforatum)
Signaturrezepte

95

A strologie der H eilkräuter: Die W elt als Spiegelbild kosmischer K räfte

20

95
97
100

Kosmische Sphärensinfonie
Der M ensch als Abbild des Kosmos
Die sieben Planetenorgane und ihre Krankheiten
106
113
116
118

Die kosmische N atur der H eilm ittel


H eilen im Einklang m it den Sternen
Kairos: Die Q ualität der Zeit beim Sam m eln und Verarbeiten von Kräutern
Astrologische T herapieideen

126

Alchimie und Spagirik: T raditionelle W ege der H eilm ittelherstellung

126
127
130
133
136
139
141
145
147

Die M utter aller W issenschaften


Alchim ie als Einweihungsweg
Q uintessenz und Arcanum
Der »grün e G eist« in der Flasche: U ber alkoholische Pflanzenauszüge
Das Sal-Prinzip der Asche: Die Kalzination
Die alkoholfreie Arznei
Die Kunst der D estillation
Der Pflanzengeist
Einige H ersteller spagirischer H eilm ittel

153

Therapie mit Heilpflanzen

154

Krankheitsursachen und Heilungswege

154

K rankheit und H eilung als m ultifaktorielles Geschehen

160

Heilpflanzen am G eburtsort des Paracelsus

161

Von Adlerfarn bis Zinnkraut

174

»W id er Pestilenz und faule Geschw er«: Infektionen und Hautleiden


bei Paracelsus
174
175
180
183
186
192

Vom W undfieber zum Krankenhauskeim


Von der balsam ischen Tugend des Sankt-Johannes-Krauts
Sanikel, das H eiligenkraut der Volksmedizin
Die antibiotischen Kräfte des W egerichs
Einige vergessene W undkräuter des Paracelsus
Ü ber die H eilkraft der H arze: M it W eihrauch und M yrrh e präpariert
für die Ewigkeit
Der deutsche Balsambaum: Die Lärche
Die Pestarzneien des Paracelsus
D er T h eriak der armen Leute
Volksm edizinische Knoblauch- und Zwiebelrezepte w ider die Pestilenz
Vom W eihrauch der nordischen V ölker
Pesträucherung nach Paracelsus

198
201
206
208
210
211
212

D er innere Alchimist: G ew ürze und H eilkräuter fü r Magen und Darm

212

Von der N ahrung zur Quintessenz


W ie man den inneren Alchim isten h eilt
Verstopft wie die Tore zur H ölle
Von der Schwächung durch Abführm ittel
D er Ausscheidungsweg als Eingang für die G esundheit
U ber heilsam e Bitterstoffe: 1000 G ulden für eine gute Verdauung
W ie man die W inde überlistet
W acholderbeeren gegen schlechten iMagen
Exotische Gewürze bei Paracelsus
Liebesgew ürz und Todestrank: D oldenblütler bei Paracelsus

214
215
218
219

221
228
233
235
239

248

Tartarus und Entgiftung: Stoffwechselkrankheiten und Ausleitungstherapien

248
250
252
257
263
276
277
_J8n

V ergiftung: Ein zentrales T hem a der H eilkunde


Von Schlacken und vom Tartarus
Entgiftung: Die Basis jeder T herapie
Die besonderen Zeichen der reinigenden Kräuter
Beispiele für entgiftende H eilpflanzen bei Paracelsus und in der Volksmedizin
Die H eilkraft des W eins
Das Sulfurische des W eins: U ber W einessig und W einsäure
J 3 s "rKr oiVmntarwer l>fer : iTf rar oy r vWfflSfgftr

285

Die Frauenheilkunde des Paracelsus

285
291
292
296
298
305
309
313

G rundregeln der Frauenheilkunde nach Paracelsus


Die B lutstiller des Paracelsus
Die blutflusshem m enden Kräfte der Rosengewächse
Die M enstruationsm ittel des Paracelsus
Die Artem isiagewächse in der Frauenheilkunde
Frauenkräuter - M ännerkräuter
Die Planetenkräfte der Frauenarzneien
Signaturrezepte in der Frauenheilkunde

316

»Die Sonne im M enschen«: H erzerkrankungen und deren Therapie

316
319
323
325
332
336
343

H eim at der Seele und O rgan der Lebenswärme


Die goldene M itte
H erzenstrost und W ohlgem ut: Blaue Blüten für die Seele
K räuter für Lebenskraft und Seelenwärm e
Stachelige Pflanzen zur H erzstärkung
Rhythm ische Signaturen von Herzpflanzen
Das H erz in der m odernen M edizin: H erzglykoside
348

»De vita longa«: Ü ber Lebenselixiere und die K unst des langen Lebens

348
351
356
361
364
366
369

Das G eheim nis des M ethusalem


Das W asser des Lebens: Aqua vitae
M elisse: Ein Arcanum für Herz und Seele
Safran: Das königliche Gewürz
Gewürze der Sonne
Pflanzen der M ittw intersonne
Schwarze N ieswurz: Die Blume für den Lebenswinter
G oldhaltige Elixiere
T raditionelle Lebenselexiere

374
375

378

»W id er das B erufen«: Psychoregulation mit den Heil- und Zauberpflanzen


des Paracelsus

378
381
389
392
394
395
398
400
402
405
407
410
413
417
421

Leidenschaft und Selbstverzauberung


Seelenbalsam und H omunculus
Johanniskraut als Fuga daemonum
Von der M acht der Im agination
Schutz für Haus und H of
Abwehrzauber m it Berufskräutern
U ber das Berufen und Verzaubern heute
Die besonderen Kräfte der roten Koralle
W eitere Abwehrm ittel des Paracelsus
M agische Pflanzen gegen .Anfallsleiden
Der H eilschlaf und die Somnifera bei Paracelsus
Schlafmohn: Von der Blume des Hypnos zum Sedativum des Paracelsus
M andragora: Zauberwurzel und N arkotium der W eisen
Bilsenkraut: Schlafkraut und Zahnwurzel des Paracelsus
Rezepte für einen gesunden Schlaf

Anhang
424

Biografische N otizen zu Paracelsus

429

Praktische H inweise

431

L iteratur und Internetadressen

441

Stichwortindex

459

H eilm ittelindex

461

L'ber die Autoren

463

D anksagung
Mensch und Heilpflanze
,

»Alle Erkenntnis der Welt die w ir Menschen a u f Erden besitzen stammt nur
aus dem Lichte der Natur Dieses Licht der Natur reicht vom Sichtbaren
zum Unsichtbaren und ist hier so wunderbar wie dort. Im Lichte der Natur ist
das Unsichtbare sichtbar.« (Paracelsus 1/221)
Vom Zauberglauben zum W irkstoffkult
Paracelsus und die Geschichte der Kräuterheilkunde
»D en H eiden ist d ie ä lteste A rznei g eg eb en w orden,
diese sin d d ie ä ltesten A rzte.«
(P aracelsus 1/498)

Der Grenzgänger Paracelsus


T heophrast Bombast von H ohenheim , der sich sel
ber Paracelsus nannte, w ar nicht nur einer der be
deutendsten Arzte und M edizinreform atoren in der
Geschichte der abendländischen H eilkunde, er war
auch ein begnadeter N aturforscher, ein tiefsinniger
Philosoph und ein profunder Kenner der H eilpflan
zenwelt. In seinem um fangreichen W erk erwähnte
er im m erhin um die 400 Pflanzen (O. Nowotny,
1997). Leider blieb sein Vorhaben, ein eigenes
Kräuterbuch zu schreiben, unvollendet. M an findet
in seinen Schriften daher kaum M onografien, son
dern vor allem therapeutische H inweise zum U m
gang m it H eilpflanzen, aber auch um fangreiche
philosophische Betrachtungen zu N atur und Pflan
zenwelt.
V ergleicht man seine Texte zu H eilpflanzen mit
den berühm ten K räuterbüchern des 16. Jah rh un
derts, z.B. von Fuchs, Bock oder Tabernaem ontanus, so erscheinen sie auf den
ersten Blick nicht
sehr um fangreich, vor allem was botanische Anm er
kungen angeht. Doch diese Sicht täuscht, denn ins
gesam t dürften seine Ausführungen zur T herapie
m it H eilpflanzen viele hundert Seiten umfassen,
nur sind sie über das ganze W erk verstreut. Bei
Paracelsus stand nie die Pflanze selbst im M itte l
punkt der Betrachtung, sondern im m er das N atu r
verständnis sowie natürlich der kranke M ensch und
dam it die T herapie m it Pflanzenarzneien. Aus der
Sicht des Praktikers sind allein die zahlreichen und
unerm esslich w ichtigen therapeutischen A nregun
gen Grund genug für ein Buch dieser Art.
N atürlich zitieren w ir in diesem Buch auch die
Kräuterbücher seiner Zeitgenossen oder seiner
Schüler. Sie sind nicht nur ein bibliophiler Genuss,
der seinesgleichen sucht, sondern auch in prakti
scher H insicht sehr nützlich. Die Sprache m ag in

vielen Fällen etwas antiquiert erscheinen; wenn


man sie aber zeitgem äß interpretiert, dann zeigt
sich m eistens, dass die angegebenen Indikationen
nicht Fantasiegebilde sind, sondern auf Erfahrun
gen beruhen, die im m er noch ihre G ültigkeit
haben. W ir haben jedenfalls feststellen müssen, dass
man die Bücher auch in ihren kuriosen Aussagen
ernst nehmen sollte. Sie entsprechen wesentlich
m ehr dem therapeutischen A lltag als die »sp artan i
schen« Angaben in neuzeitlichen Büchern. Diese
mögen zwar wissenschaftlich abgesegnet sein und
man sollte sie selbstverständlich berücksichtigen,

• A vreolw s P h ili rrvsTm e o p h r a s t V s


,

Paracelsus m it se in e m Schw ert, in d e sse n K n a u f sich


da s Elixier des Lebens b e fund e n hab e n soll. U n ive rsitäts
bibliothek Leiden, um 1560.
die daraus abgeleitete Praxis ist aber oft w enig über
zeugend, da sie der Individualität und V ielfalt von
Krankheiten in keiner W eise gerecht wird.
Liest man dagegen Paracelsus, dann strotzt jede
Seite nur so vor Erfahrung, und die zahlreichen
praktischen Tipps zeigen einem ungeahnte thera
peutische M öglichkeiten. Abgesehen davon sind die
Texte unterhaltsam , und im m er ist die T herapie aus
einem philosophischen Verständnis abgeleitet
Die K räuterkunde des Paracelsus ist eine faszi
nierende M ischung aus volksm edizinischem und
eigenem Erfahrungswissen, antiker M edizinphilo
sophie, uralter heidnischer und herm etischer W eis
heit sowie Kenntnissen der »em pirischen W eib er«,
wie man die kräuterkundigen Frauen zu jener Zeit
nannte. G leichzeitig öffnet sich m it Paracelsus die
T ür zu einem neuartigen wissenschaftlichen W eltrerständnis und zu einer m odernen
M edizin m it
H eilpflanzen. So g ilt Paracelsus auch als Begründer
der Iatrochem ie (also der Anwendung chem ischer
Kenntnisse zur H erstellung von A rzneim itteln) und er war ein M eister der A
lchim ie.1
Sein W eltbild beruhte auf den unterschiedlichs
ten m ystischen, m agischen und heilkundlichen Tra
ditionen, die sich bis zu den ägyptischen M ysterienkrjlten zurückverfolgen lassen.
Ähnlich der engsten
Stelle einer Sanduhr fließen im Gedankengebäude
des Paracelsus säm tliche Zeitström e der V ergan
genheit zusammen. In seinem G eist verschmolz
i i s alte W issen m it seinen eigenen Erfahrungen,
snd heraus kam ein geistiges D estillat, das als
? r»a s völlig N eues die H eilkunst für alle Zeiten
verändert hat.
Das N euartige und U ngew öhnliche seiner Ideen
» ir d jedoch erst verständlich, wenn man ihre his
torischen W urzeln genauer betrachtet. In seinem
W eltbild integrierte er einerseits m agische Techni
ken. andererseits aber auch das W issen der Priesterirzte und M edizinphilosophen
antiker M ysterienc ilte : er schätzte ferner die christliche M ystik und
die verschlungenen Gedankenpfade der Adepten
der Alchim ie, und nicht zuletzt war er auch ein
Freund hum anistischer G eistesgrößen wie Erasmus
von Rotterdam.
Paracelsus w ar nicht nur ein großartiger Arzt,
sondern auch einer der bedeutendsten D enker der
1 A ndere Sch reibw eisen sind A lchem ie oder A lch ym ie.

beginnenden Renaissance. Es war eine Z eit des


gesellschaftlichen Um bruchs und der geistigen
N euorientierung. Alte spirituelle W erte wurden in
Zweifel gezogen, und unser heutiges naturwissen
schaftliches W eltbild entstand. »D er M ensch war
nicht mehr nur Ziel und Zentrum in einem groß
artig erdachten W eltsystem , in dem, wie in der
gnostischen Lehre, das Personale hinter dem Kos
mischen zurücktrat und der Einzelne ein ver
schwindendes Teilchen in einem erdrückenden
Kosmos war. Er wurde in der Renaissance in seiner
E inm aligkeit und Verantwortung zu einem Indivi
duum, und die M edizin begann bei Paracelsus zu
einer W issenschaft vom M enschen zu wrerden « (G.
Stille, 1994).
Paracelsus war jedoch ein G renzgänger. M it
einem Bein stand er noch im »abergläubischen«
M ittelalter, m it dem anderen bereits w eit in einer
»aufgeklärten « Zukunft. Einerseits vertrat er ein
pantheistisches m ystisches W eltbild, das von Fabel
wesen und Engeln belebt war, andererseits er
forschte er die N atur m it den Augen eines m oder
nen Chem ikers und Pharm azeuten.
H eute befinden w ir uns w ieder an einem ent
scheidenden W endepunkt. Das verkrustete reduktionistische W eltbild unserer Z eit
löst sich langsam
auf, denn es bietet schon länger keine Antworten
m ehr auf die sozialen, ökonomischen und vor allem
ökologischen Probleme unserer Zeit. Auf der Suche
nach Alternativen ist es auf jeden Fall sinnvoll, auch
in die V ergangenheit zu schauen. Altes W issen ist
nicht veraltet, sondern es ist die Wrurzel unseres
heutigen Denkens. V ielleicht ist es auch der Schlüs
sel zu einer philosophisch orientierten H eilkunst, in
der man die W eisheit der Eingeweihten aus alter
Zeit endlich w ieder genauso berücksichtigen wdrd
wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse.
» U ralt-H eidnisches, sch lim m sten A berglauben des
u n tersten Volkes vortäu schen d, brachte e r (Paracelsus)
h erau f. D er christlich e S piritualism us verw a n d elte
sich in sein e p rä h istorisch e Vorstufe, in den A nim is
m u s des P rim itiven , u n d die scholastische G eistes
b ild u n g des P aracelsus er z eu g te darau s ein e P hiloso
phie, d ie sich k einem ch ristlich en Vorbild, son dern
v ie lm e h r dem D enken d e r bestgehassten F einde d er
K irche, d e r Gnostiker, a n n ä h erte.« (C. G. J u n g ,

2001)
Naturverehrung als Quelle der Weisheit
Paracelsus war Arzt, folglich hatte er die zu seiner
Zeit üblichen akademischen H ürden m ehr oder w e
niger erfolgreich gem eistert. Bevor man sich dem
M edizinstudium widmen konnte, musste man da
mals zunächst eine geisteswissenschaftliche Schu
lung absolvieren. H atte man endlich das Vorstu
dium geschafft, stand allerdings das Büffeln der
Schriften alter .Meister auf dem Lehrprogram m und nicht die praktische Erfahrung
am Kranken
bett.
M an leitete in der M edizin des ausgehenden
M ittelalters noch jedes Phänomen vom antiken
W eltbild der Säftelehre ab. Die Ideen der antiken
Arzte galten als heilig und unantastbar. Eigene Vor
stellungen waren unerwünscht, und jegliche K ritik
wurde unterdrückt.
So enthielt beispielsweise noch im Jah re 1676 die
Stiftungsurkunde der ersten protestantischen U n i
versität zu H elm stedt den Passus: »dass, wer sich
erkühne, einen eigenen neuen Gedanken zu ver
folgen, oder wer gar seine Lehre denen der Alten
überzustellen sich unterfange und deren Lehren
entgegenzutreten sich herausnehm e, der sei ein
Verächter der H eiligen und als lächerlich zu erach
ten; denn solche Anmaßung könne allein ihren
Grund haben in L'nkenntnis der Lehren des A lter
tums, in Beschränktheit und Stum pfsinn« (zit. n.
Strebei, 1948).
Der M issm ut des Paracelsus über seine Ausbil
dung ist daher kein W under. Seiner M einung nach
w ar »noch nie ein Arzt von den H ohen Schulen
hervorgegangen, auch nie einer, der im stande gew e
sen wäre, m it wahrem W issen die U rsache der we
nigsten Krankheiten darzulegen« (1/339). »E s gibt
genug Lehrm eister, die den Arzt lehren, aber nicht
auf den Hochschulen. Dort sind auserwählte N ar
ren und Büffel und niemand darf sie weise machen,
denn sie haben Bullen und Statuten, dass sie bei
ihrem Eid nicht w itziger werden dürfen, und so
werden die H ochschulen von solchen freiherrlichen
N arren beherrscht« (11/322). Die in seinen Augen
völlig unerfahrenen H ochschulärzte nannte er fan
tasievoll »Schw aderlappen« (11/328), »L um pelA rzte« (11/368), »D oktor F
ürtzlein «, »M eister Läusejäger«, »M eister K ratzer«, (11/515), »P lärrärzte«
(11/520) oder »Schm ierdoktoren« (11/521).

Der röm isch e D ichter O vid beschreibt in seinen M etam or


phosen die Pflanzenw elt als v e rw u n sc h e n e s Reich der G ötter
und Geister, so z.B. in der G eschichte von A p o llo n und Daphne.
Die N y m p h e v e rw and elte sich a u s V e rzw e iflu n g vo r der
Z udringlichke it des S o n n e n g o tte s in einen Lorbeerbaum .
Im O rakelkult zu D elphi spielte der lichte Baum , den m an
im G riechischen auch mantikos (Hellsehkraut) nannte, eine
w ich tige Rolle. »A po llo u nd D a p h n e « (Detail), Ö lbild von
N icolas Poussin, um 1627; Alte Pinakothek, M ü n c h e n .

Als unruhiger G eist, der eigentlich niem als ein


wirkliches Zuhause fand, wanderte Paracelsus nach
seinem Studium jahrelang durch ganz Europa, um
die nötigen Erfahrungen zu sammeln. Er nahm
sogar an m ehreren K riegen als Feldarzt teil. D a
durch hatte er genug G elegenheit, wirklich erfahre
nen H eilem über die Schulter zu schauen. Seine
Schule w ar vor allem das gem eine Volk. W ie er sel
ber sagte, lernte er bei alten W eibern, Zigeunern,
Schwarzkünstlern, Landfahrern, alten Bauersleuten
und anderen »unachtsam en« Leuten m ehr als auf
den hohen Schulen, die er besucht hatte (IV/325).
Die Erfahrungen der Volksmedizin baute er völ
lig hemmungslos in sein Denksvstem ein, selbst
Verbohren von Krankheiten ist beispielsweise
-en n es noch so abw egig erschien. Alles, was der
im m er noch Brauch, den auch Paracelsus erwähnte
H eilung diente, w ar ihm willkom m en. W as er durch
(IW 325). Vor allem in alten W eiden, in H olunder
fernen U m gang m it dem einfachen Volk lernte, war
büschen, aber auch Eschen und Eichen findet man
-«jo ch teilw eise so kurios, dass es ihm bald den Ruf
manchmal Haare oder Fingernägel von Kranken,
eines M agiers und Scharlatans einbrachte. Dass er
m eistens zusammen m it Zaubersprüchen. Der Geist
nicht wie Dutzende seiner Schüler auf dem Schei
der K rankheit wird dabei vom Baum geist be
terhaufen landete, grenzt eigentlich an ein W under.
siegt. M agischem W issen begegnet man außerdem
>c:ne Schriften wim m eln nur so von Beispielen angehäuft im Brauchtum. M eierorts
stellt man noch
rew andter Hexenkunst, die im Volk damals noch
M arienfiguren an Q uellen oder in Bäumen auf, und
• eit verbreitet war. In der K rankenbehandlung
das geweihte W ürzbüschel zu M ariä H im m elfahrt
scheute er nicht vor Yoodoopuppen, Beschwörun
oder der Palmbuschen sind R elikte, die von der
gen oder dem Gebrauch von Am uletten zurück.
einstigen N aturverbundenheit unserer heidnischen
W ie er m einte, sollte man jede Art von Zauberei
Vorfahren zeugen.
nach dem homöopathischen Prinzip m it Zauberei
Diese W eitsicht kann man nur nachvollziehen,
heilen, und Schadenszauber w ar damals ein durchwenn man eine geistige W elt
jenseits des Sichtbaren
alltägliches Phänomen in der Praxis.
für m öglich hält. Was wir sinnlich wahrnehm en, ist
Seit U rzeiten glaubte man im Volk außerdem an
nur ein kleiner Ausschnitt der W irklichkeit. D ahinGeistwesen als U rsache von
Krankheiten. Z ahlrei_-rt J i t t l h r i/rr AYtk1- ucS' rOiraceiäus' zeigen; uäss"
toch er von dämonischen M ächten überzeugt war.
Um diese Sichtweise zu verstehen, muss man sich in
i e \ orstellungsw elt des m ittelalterlichen M ensebün iunüihlp.n T.if.rp,
Pilatizp.n j^.lhsr.Miivftnalvflv
- ir e n für unsere Vorfahren und auch für Paracelsus
aoeh sichtbarer Ausdruck einer geistigen W eit. Die
U nterscheidung zwischen belebter und unbelebter
Natur ist eine ausgesprochen neuzeitliche und nach
ilte r Vorstellung eine völlig absurde Behauptung.
V ieh jener heilen näm lich keine Stoffe, sondern
sch ere M ächte, die m it einer Substanz in Bezie
hung stehen. Für Paracelsus war jedes H eilm ittel
noch ein Träger göttlicher Energie.
Dieses uralte W issen wurde über Jahrtausende in
Mythen w eitergegeben. Bei dem römischen D ichter
Ovid (43 v. C h r.-17 n. Chr.) kann man nachlesen,
iass Bäume in W ahrheit verwunschene W esen sind
and dass sich im Rauschen der B lätter und im Knis
tern des Räucherwerks die G ötter dem M enschen
offenbaren. Und auch für unsere keltischen und
jerm anischen Vorfahren waren Pflanzen noch ein
\usdruck göttlicher M acht. So zeigte sich der Don
nergott T h or in der kraftvollen G estalt der Eiche
Eine H eilpriesterin be schw ö rt den G eist der Erde. W ie er
und die Liebesgöttin Freya im lieblichen Duft der
selbst im m e r w ie d e r betonte, lernte Paracelsus m e hr v om
Linde. Verwendete man nun einen Teil eines sol
g e m e in en Volk als a u f höheren Schule n. fr kannte sich
chen Baumes zum H eilen, dann war es die G ottheit
in der H exenm edizin, die d a m a ls noch w e it verbreitet war,
b estens a u s und nutzte die ve rschie d enste n m a gisc h e n
■selbst, die half, nicht etwa die Rinde oder die Blüte.
Techniken fü r seine Heilkunst, w ie Räuche runge n, A m ule tte
Im Volk ist man bis heute von der magischen
u nd Zau be rpup pe n. »The M a g ic Circle«, Ö lbild von
W irkung der Kräuter und Bäume überzeugt. Das
J. W. W aterhouse, 1 8 8 6 ;Tate Gallery, London.
ter verbirgt sich eine W’elt, die für unsere normalen
Sinne zu fein ist. Diese »A ndersw elt« kann man
nicht naturwissenschaftlich beweisen, sondern nur
durch einen nichtalltäglichen Bewusstseinszustand
erfahren, z.B. m it H ilfe von psychoaktiven Substan
zen oder Trancetechniken wie ekstatischem Tanz,
Atem übungen oder Kontemplation.
W er die geistige W elt und ihre Gesetze nicht
kennt, kann sich über sie allerdings auch kein U rteil
erlauben. N ur wenige W issenschaftler haben den
M u t zum Selbstversuch. M eistens genügt ihnen die
Beobachtung, ein Tierversuch oder die Betrachtung
einer chem ischen Form el. Die gewonnenen Er
kenntnisse halten sie dann für die wahre W irklich
keit. Haben sie jedoch einm al den M ut zur Er
fahrung, ändert sich m eistens ihr Blickwinkel
vollständig, wenn das W underbare ihre Seele be
rührt hat.
Paracelsus war der Ü berzeugung, dass alles Exis
tierende gleichzeitig auf einer unsichtbaren, rein
geistigen Ebene spiegelbildlich vorhanden ist. Diese
W elten sind nicht getrennt, sondern m iteinander
verschlungen und befinden sich in W echselw ir
kung. In dieser Anderswelt existieren jedoch auch
Fabelwesen wie der Basilisk, dessen Blick einen zu
Stein erstarren lässt, oder Zwerge, die die M etalle
und Erze behüten. W ährend heute Elementarwesen
nur noch M ärchen für Kinder sind, waren sie für
Paracelsus eine G egebenheit und, was noch viel
w ichtiger ist, sinnlich fassbar. Er wusste noch, wie
man das Ü bersinnliche schauen kann; der moderne
M ensch sieht m it seinen Augen dagegen nur noch
den äußeren Schein. Für Paracelsus waren die
Augen eben kein Sinnesorgan m it rein physikali
schen Funktionen, sondern eine Sonne, die in das
Reich jenseits des Sichtbaren leuchtet.
»Ich w eiß . dass die m eisten L eute d ieser A rt
A ria n er sin d u n d die G ottheit C hristi leu gn en . (...)
Ich selb er habe sie im Verdacht. N achfahren d e r
D ruiden zu sein , w elch e bei den a lten K elten
an u n terird isch en O rten w ä h ren d ein ig er J a h r e
von den D äm onen u n terrich tet w u rd en .«
(C unrat G eßner.; 1516-1565. ü b er Paracelsus,
zit. n. C.G. J u n g , 2001)

Urwege der Erkenntnis


Besonders begabte H eiler waren in den Augen des
Paracelsus fähig, über die Pflanzengeister zu ge
bieten; er nannte diesen H eilertyp »S p iritu alis«
(spiritus = G eist). Sein W eg der H eilung ist ein
m agischer und kann nur m it H ilfe von Geistwesen
geschehen, die die Pflanzenwelt beseelen. Diese
G eister sind es auch, die ihm in Visionen die not
wendigen H eilm ittel offenbaren.
In der geistigen W eit des Paracelsus beseelen
übersinnliche W esenheiten nicht nur die Natur, sie
sind auch Lehrer für denjenigen, der die Gabe des
Sehens hat. A llerdings führen diese W esen bei Para
celsus kein losgelöstes Dasein, sondern sind von
einer höchsten geistigen Instanz durchdrungen. Pa
racelsus schrieb: » W ie könnten w ir die Erde be
bauen und sie zu beherrschen verstehen, wäre nicht
ein überm enschliches Licht da, das uns lehrte? (...)
D amit sie uns aber dieses spenden, müssen w ir vor
allem das Streben danach besitzen. Besitzen w ir die
ses V erlangen, so befiehlt G ott einem Engel oder
Geist, uns das oder jenes zu lehren, dam it w ir diese
oder jene Gabe besitzen« (1/290).
Eine »engelh afte« Gabe ist das intuitive Wrahrnehmen verborgener H
eileigenschaften der N atur.
Das Erkrankte und das H eilende müssen auf der
geistigen Ebene eine Verwandtschaft zueinander
haben, sie müssen einander ähnlich sein, sich sym
pathisch sein bzw. eine Affinität besitzen. Diese
Ähnlichkeiten oder Sym pathien kann man durch Si
gnaturen (signu m = Zeichen) wie Form, Farbe oder
Geschmack erahnen. W er die Gabe des »Seh en s«
besitzt, nim m t diese Verwandtschaft m ehr oder we
niger direkt m it seinem inneren Auge wahr. Dann
gibt es keinen Zweifel mehr daran, woher die En
gelwurz ihren N am en hat - man sieht plötzlich in
ihr einen Schutzengel und nicht nur eine m agen
stärkende Aromapflanze unter den D oldenblütlern.
Inzwischen g ilt die Signaturenlehre als A berglau
ben, und in W issenschaftskreisen m acht man sich,
falls man sich überhaupt noch dam it befasst, besten
falls darüber lustig. V ielleicht stim m en aber fol
gende W erte von Rudolf Steiner den modernen
Forscher etwas nachdenklicher: »D urch den Verlust
der intuitiven Fähigkeiten herrschte eine große LTnsicherheit und V erwirrung, die
sich auch in der M e
dizin unserer Zeit findet, indem der Zusammen
hang des M enschen m it der N atur völlig abhanden
gekommen ist. M an bekämpft den alten A berglau
ben, aber man ahnt nicht, dass sich der Aberglaube
nur gew andelt h at« (R. Steiner, 1906, zit. n. W.
Daems, 2001).
Um das Stoffliche m it Röntgenaugen bis zur ato
maren Struktur durchdringen zu können, musste
der M ensch scheinbar m etaphysisch taub und blind
werden. Doch inzwischen wird vielen bewusst, wie
einsam es in einem aufgeklärten Kosmos eigentlich
ist. Die alten G ötter sind aus den Bäumen verbannt,
und Pestizide haben die Elfen von den W iesen ver
trieben. N ur noch in Randgebieten der Zivilisation,
in fernen Ländern, in Sümpfen oder einsamen
B ergregionen kann man eine Ahnung davon be
kommen, wie reich doch die W elt für unsere Vorfahren gewesen sein muss.
Im G egensatz zu heute musste Paracelsus aller
dings nicht Tausende von Kilom etern reisen, um in
Afrika, Asien oder Südam erika die letzten Scham a
nen und Hexen bei der Arbeit zu beobachten. Er
konnte diese Reise noch zu Fuß m achen. Obwohl
die Inquisition bereits seit G enerationen unter H ei
den und Freigeistern gew ütet hatte, gab es zu seiner
Z eit noch zahlreiche M enschen, die nur tagsüber
brave C hristen waren. Nachts gingen sie zu Bäu
men, Q uellen, H öhlen, Felsen und anderen heiligen
Stätten in der N atur, um ihre alten G ötter zu vereh
ren. W er dies nicht m ehr wagte, fand im M arienkult
eine M öglichkeit der ursprünglichen N aturvereh
rung, da man zu M aria häufig an den alten K ultplät
zen in der N atur betete.
Paracelsus war ebenfalls ein M arienverehrer (P.
M eier, 1993). Für ihn war die N atur kein Ding,
sondern die m a gn a m a ter, die große M utter, das LTrw eibliche, das M ysterium
des Lebens. Er sah in ihr
grundsätzlich etwas H eiliges, und ihre V erehrung
war für ihn der einzig m ögliche W eg zu G esundheit
und Glück. W ill man das G öttliche ehren, muss
man den Tempel der N atur besuchen - Paracelsus
nannte dies »durch der N atur Examen gehen«
(1/64).
Ähnlich wie die christlichen M ystiker des M ittel
alters sah Paracelsus in der Liebe zur Erdenm utter
den Schlüssel zur G otteserkenntnis. Ist der Mensch
krank, dann besonders deshalb, weil er sich von der
N atur und dam it vom G öttlichen abgewendet hat.

Aufgabe des H eilers ist es daher vor allem , dem


Kranken die Augen für die Schönheit dieser W elt
zu öffnen.
M eie beschäftigen sich heute wieder m it dem
alten W issen und versuchen es in ihren A lltag zu in
tegrieren. Dabei handelt es sich in der R egel nicht
um rom antische Spinner, sondern um M enschen,
die sich dessen bewusst geworden sind, dass reli
giöse Intoleranz, wissenschaftliche Ignoranz, Selbst
sucht und Profitstreben auf Kosten der A llgem ein
heit sowie die m angelnde Liebe zur N atur die
wirklichen Ursachen für die Problem e unserer G e
sellschaft sind. Besonders interessant ist dabei auch
das große Interesse an schamanischen Kulturen, in
denen das alte W issen im m er noch lebendig ist.
Durch den Schamanismus können w ir w ieder ein
Bewusstsein für unsere eigenen kulturellen W u r
zeln entwickeln. H ierdurch kann die Erkenntnis
reifen, dass die »h eidn isch e« N aturverehrung ein
geeignetes H eilm ittel gegen die Nöte unserer tech
nisierten Kultur ist. H ierzu schrieb Rudolf Steiner:
»D as Sprechen der ganzen N atur müssen w ir w ie
der verstehen lernen. W ir müssen durchdringen
lernen durch das abstrakte Anschauen der N atur zu
einem konkreten Anschauen der Natur. L'nser
Christentum muss erw eitert werden durch ein SichD urchdringen (...) m it einem
gesunden H eiden
tum « (Vortrag vom 2 9 .3 .1 9 1 9 , G esamtausgabe,
Band 190).
»D em i d e r H in m iel ist d e r M ensch u n d d e r
M ensch ist d e r H im m el u nd a lle M enschen ein
H im m el und d e r H im m el n u r ein M ensch.«
(P aracelsus 1/370)

Das Zeitalter der Mysterien


Die intuitive Sicht der N atur geht bis in die LTrzeit
m enschlicher Kultur zurück. Die M edizinge
schichte beginnt somit eigentlich bereits m it dem
N eandertaler. W eil er heute noch verwendete H eil
pflanzen, z.B. Beifuß, als G rabbeigaben gebrauchte,
kann man davon ausgehen, dass er diese Pflanzen
auch zu m edizinischen Zwecken genutzt hat. W ahr
scheinlich war der N eandertaler sogar der erste
L ehrer des m odernen M enschen. W enn man be
denkt, dass beide über Jahrtausende nebeneinander
lebten, ist dies nicht auszuschließen. V ielleicht ist
der Kentaur Chiron, der sein Kräuterwissen an den
H eilgott Asklepios w eitergab, eine Anspielung auf
diese uralte Zeit. H alb T ier und halb M ensch, war
Chiron noch ganz in der W elt der Elem entarwesen
gefangen. Er hatte aber dadurch einen unm ittel
baren, instinktiven Zugang zum W issen. Einige
der w ichtigsten H eilpflanzen tragen noch heute
seinen N am en, so etwa das Tausendgüldenkraut
(Erythraea centaurium ), eines der Lieblingsm ittel
des Paracelsus.
Die Frühzeit unserer K ultur kann man auch als
»m agische Z eit« bezeichnen. In der indigenen
H eilkunst der V ölker dauert sie bis heute an, und
unsere M ärchen. M ythen und Sagen erzählen von
der verlorenen Zeit, als noch Kentauren und Riesen
wie Rübezahl durch unsere W äld er streiften.
M anche spirituelle Lehrer, darunter auch Rudolf
Steiner, vermuten ais W ürze) der H eifkunst das
sagenumwobene Atlantis, eine K ultur der W eisen.
Nach deren L'ntergang gründeten die L’ berlebenden an verschiedenen Stellen der
Erde M ysterien
zentren, so z.B. in Indien, wo es zur Entw icklung
der vedischen K ultur kam. Auch M enhirkultstätten
wie Stonehenge sollen nach dieser Auffassung von
N achfahren der A tlantier stammen. In einer Zeit, in
der man nur auf Fakten schaut, ist eine solche visio
näre Sicht der G eschichte natürlich um stritten. Sie
schlägt jedoch eine geistige Brücke in eine Zeit, aus
der uns außer Steinen nichts überliefert ist; wenn
man diese verstehen w ill, muss man eben zuweilen
auch efrien »o ü u i'te ri B lick « in d ie lergarigen/ieit
wagen.
In der m agischen Kulturepoche übten Scham a
nen, die m eistens E inzelgänger waren, die H eilk u n sc aus. ln d e r n a ch a d
a n tis ch er t Z eit: kam e s d a g e
g e n zur H erausbildung von Priesterkasten. W as der
Schamane und m it ihm seine Sippe noch spontan
übersinnlich erlebten, erforderte nun eine E inw ei
hung und Schulung. W’ar der Schamane noch ein
Berufener gewesen, so wurde der Priester nun zum
Adepten, der den W eg der W eisheit gehen wollte.
Es begann das Z eitalter der M ysterien, und
Priesterärzte erschufen eine neue Sicht der W elt.
H inter dem scheinbar unbeherrschbaren Chaos der
N aturgew alten verm uteten sie eine höhere ord
nende Kraft. Für sie war das M ysterium der Schöp
fung eine göttliche Sphärensinfonie, in der kosmi-

D er äg yp tisc h e Ein ge w e ihte H e rm e s T rism e gisto s gilt als


s a g e n u m w o b e n e r G rü n d e r der herm etischen W is s e n
schaften. B o d e n m o sa ik in der Kathedrale von Siena, 1488.

Harpokrates, der G ott des m ystische n Schw e ige ns. D as


G esetz der Initiation lautete früher: »W isse, w age, w olle
und schw eige«. O dilo n Redon, 1911; M u s e u m o f M o d e rn
Art, N e w York.

sehe Kräfte das Leben auf der Erde prägten. Aus


dieser Z eit stammt das astrologische W eltbild. Es
hat seine W urzeln in der urpersischen, ägyptischen
und indischen Kultur und ist dam it mindestens
5000 Jah re alt, wobei die meisten heute noch g ü lti
gen astrologischen Ideen aus der klassischen Antike
überliefert sind. Bereits in babylonischer Z eit be
fasste man sich auch m it der Zuordnung von Krank
heiten und H eilm itteln zu Planeten. Ähnliche Ideen
finden w ir bei Paracelsus, der in der Astrologie eine
der Säulen der H eilkunst sah; dementsprechend
werden auch wir uns an vielen Stellen dieses Buches
m it der astrologischen W eitsicht befassen.
Eines der bedeutendsten spirituellen Zentren der
alten Z eit war über Jahrtausende Ägypten. Dort soll
ein E ingew eihter namens Herm es Trism egistos ge
lebt und geleh rt haben. D ieser »w ar in das G eheim
nis eingew eiht, dass hinter allem Physischen ein
G eistiges steht, dass die ganze physische W elt eine
Schrift der G ötter ist« (W. Daems, 2001). In den
Kreisen der Eingeweihten ist H erm es Trismegistos
m it T h ot identisch, dem ägyptischen ibisköpfigen
G ott der W eisheit. Seine Insignien sind das Ankh,
Symbol des ewigen Lebens, und die Barke, auf der
er die Toten durch die jenseitige W elt begleitet. Die
Reise in die U nterw elt ist gleichbedeutend m it dem
todesähnlichen Zustand und der geistigen W ied er
geburt während der Initiation. Deshalb gilt T hot
auch als H üter aller W eisheitssuchenden. Die G rie
chen nannten ihn H erm es, die Römer M erkur.
T h ot brachte den M enschen die Schrift und lehrte
sie Philosophie, M usik, D ichtung, Astrologie, A l
chim ie und H eilkunst.
Der wohl bekannteste unter den Lehrsätzen des
H erm es lautet: »In W ahrheit, gewiss und ohne
Zweifel: Das U ntere ist gleich dem O beren und das
O bere gleich dem U nteren, zu wirken die W under
eines D inges.« M ikrokosm os und Makrokosmos
sind also Spiegelbilder und in W ahrheit eine E nti
tät. Sie stehen m iteinander in dynam ischer W ech
selw irkung und sind voneinander abhängig.
Im mer w ieder findet man in den Schriften des
Paracelsus ähnliche Gedanken, zum Beispiel: »E in
G leiches ist im H im m el, das auf der Erde sein G lei
ches hat und auf der Erde ist ein G leiches, das im
H im m el sein G leiches hat. Denn das könnte nicht
sein, dass der Saturnus auf der Erde regieren
könnte, wenn nicht auf der Erde ein Saturnus wäre
(...). D er auf der Erde ist die N ahrung desjenigen
im H im m el, und der im H im m el ist die N ahrung
desjenigen auf der E rde« (11/216).
Auch Paracelsus stellte sich das Zusam m enwir
ken von M ikro- und Makrokosmos wie eine über
sinnliche Sphärensinfonie vor, in der alles m iteinan

der auf harmonische W eise verbunden ist. G esund


heit war für ihn das M itschwingen im Rhythmus der
N atur. Krankheit verstand er dagegen als eine Dis
harm onie in der Beziehung des M enschen zu seiner
m ateriellen und spirituellen L’m welt. Eine H eilung
konnte in seinen Augen nur eine Rückkehr zur
H arm onie auf einer bewussteren Ebene sein. Die
K rankheit war also die Grundvoraussetzung für den
W eg zur Erkenntnis. N ur wer vom »rech ten «, dem
richtigen W eg abgekommen ist, kann eine Vorstel
lung vom Verlust der H arm onie bekommen, und er
kann seine Sp iritualität nur weiterentw ickeln, in
dem er sich auf die Suche begibt. Arzneien sind in
diesem Sinne wie »en gelh afte« Freunde, die einem
die Kraft für die notwendige geistige Entwicklung
geben, während der H eiler den W eg weisen sollte.
Das heilige Land am N il gilt ebenfalls als die
W iege der Alchim ie, die man auch die W issenschaft
des Schwarzen Landes, »C h am «, nennt. Die Alchi
m ie diente damals hauptsächlich noch der G ewin
nung und Bearbeitung von Erzen und M etallen und
w eniger der H erstellung von Arzneim itteln. Für
Paracelsus, der die Arzneikunst nach alchim isti
schen G esichtspunkten propagierte, w ar die A lchi
m ie die M utter aller W issenschaften und die edelste
und höchste Kunst, die der M ensch erlernen kann,
da der .Alchimist das schöpferische W erk Gottes
vollendet.
In den alten Kulturen wurde man in die herm eti
schen W issenschaften noch durch geheim e Riten
eingew eiht, über die man bei Todesdrohung zu
schweigen hatte. Zur Zeit des Paracelsus lernte man
M agie, Astrologie und Alchim ie entweder in gehei
men Bruderschaften, oder man bekam seine L'nterweisungen direkt von einem M eister.
Das heilige
Gesetz »W age, wisse, wolle und schw eige« galt aber
noch immer. Auch Paracelsus h ielt sich an das
Schweigegebot, allerdings häufig mehr im übertra
genen Sinne, da er gern in für U neingew eihte un
verständlichen Bildern sprach: » W ir wollen nur m it
den L’ nseren reden, und für diese ist es genügend
verständlich geschrieben. W ir schreiben es nicht für
die A llgem einheit der Völker. W ir wollen näm lich
unseren Sinn, unsere G edanken, unser H erz und
unser Gemüt nicht den Tauben zeigen und geben;
deshalb schließen wie sie m it einer guten M auer
und einem Schlüssel ab« (III/3; A nspielung auf die
Salomonischen Schlüssel = herm etische Lehre).
Ob auch Paracelsus M itglied einer geheim en
Bruderschaft war, ist unklar. Vom C harakter her
war er sicher m ehr ein Einzelgänger. M erkw ürdig
ist jedoch, dass er an m ehreren Stellen anm erkte,
dass es ihm verboten sei, w eitere Informationen
preiszugeben (z.B. III/313). Auch wenn sich diese
Frage nicht klären lässt, fühlte sich Paracelsus zu
tiefst m it den alten M ysterienkulten und ihren Tra
ditionen verbunden. Einige seiner Reisen sollen ihn
sogar nach Ägypten oder zum H eiligtum des Askle
pios nach Kos und zu den Tempeln des Apollon in
Delphi geführt haben. N atürlich waren diese Stät
ten zu seiner Z eit bereits verlassen und von christli
chen Eiferern zerstört, doch der Genius Loci, der
G eist dieser O rte, kann selbst für heutige Besucher
noch ausgesprochen erleuchtend sein.
»A ngesichts des ru n d z w eita u sen d J a h r e um fassenden
K on tin u u m s d e r antik en P h ytothera pie d iiifte
feststeh en , dass v iele d e r ü b er diesen Z eitrau m v e r
w en d eten pfla n z lich en D rogen n ich t n u r ü b er
ein e spez ifisch e W irk ung v er fü g en , son d ern auch
von risk anten N eben w irk u ngen f r e i sind. S ie -wären
sonst n iem a ls ü b er so v iele Epochen u n d K u ltu ren
h in w eg so h artn ä ck ig tra d iert w orden. W er sich
d ieser E insicht n ich t a n sch ließ en kann, m a g
50 G en eration en von Ä rzten (...) als bek lagens
w erte O pfer des P lacebo-E ffek tes an sehen .«
(Jost B enedum / D ieter Loew/Heinz Schilcher. 2000)
.\ls N achfolger des H erm es sah sich Paracelsus in
der Tradition der Priesterärzte und der M ysterien
schulen des alten Ägypten, in denen nicht nur
M oses, sondern auch noch ein Hippokrates sein
W issen erlangt hatte. W ie R udolf Steiner schrieb,
bekam man «in den M ysterienschulen einen wis
senschaftlich okkulten L'nterricht. Darin wurde
dem Schüler klar gem acht, wie der G eist sich ausge
staltet hat. M an dachte sich einen schlafenden Gott
im Stein, dann einen Gott, der etwas mehr Bewusst
sein hat in der Pflanze usw. Der W eltengeist wachte
dann vollends im M enschen auf. (...) Es wurde da
gezeigt, wie der W eltengeist heruntersteigt in die
Körperwelt, sich verkörpert, und wie er in der M a
terie auflebt, wie er im M enschen dann seine höchs
te Stufe erreicht und seine Auferstehung feiert. (...)
So konnte ich auch zeigen, dass, wenn man richtig
Paracelsus versteht, man erkennen kann, dass seine

H eilkunde ein W iederaufleben dessen ist, was in


den Tempeln des alten Ägypten gelehrt w urde« (R.
Steiner, zit. n. WT. Daems, 2001).

Die Medizinphilosophie der Antike


Die griechische Antike ist ein w eiterer M eilenstein
in der G eschichte der H eilkunst, der auch Paracel
sus stark beeinflusste. Im heutigen G eschichtsbe
wusstsein g ilt die Antike als die W iege der moder
nen Kultur, durchaus zu Recht, denn in dieser Zeit
vollzog sich der vielleicht bedeutendste Einbruch
im Denken des M enschen, der in vielen Bereichen
bis heute nachwirkt.
Der antike Mensch kannte noch die G ötter und
G eistwesen, deren H eim at die N atur war. Nahm
man Pflanzen oder andere Substanzen als H eilm it
tel ein, dann heilten nicht Stoffe, sondern etwas
G eistartiges wirkte durch die Substanz, und in kom
plexen Ritualen versetzte man sich in einen verän
derten Bewusstseinszustand, um den W illen der
G ötter zu verstehen. W ie im alten Ägypten wurde
man auch noch an M ysterienstätten in die G eheim
nisse der G ötter eingew eiht und brachte Opfer
gaben dar, um sich ihres W ohlwollens zu vergew is
sern.
Krankheiten behandelte man in den Tem pelstät
ten des H eilgottes Asklepios. D er H eilsuchende
bekam dort einen Trank, der ihn in den Tempel
schlaf versetzte. W ahrscheinlich gebrauchte man
hierzu eine M ischung aus Schlafmohn, Bilsenkraut
und Alraune. Diese Pflanzen verehrte man als gött
lich und heilig. Bis in unsere Tage werden Präparate
aus diesen Pflanzen verwendet, vor allem zur
Schm erzbehandlung (siehe auch Seite 407).
Der berauschende Trank sollte den Kranken aber
w eniger betäuben, vielm ehr wollte man durch die
geistbewegende W irkung die Sinne für die W elt des
Astralen öffnen. In aller R egel erschien dem Kran
ken in Visionen der H eilgott selbst und überbrachte
dem Träum enden eine Botschaft, worin die Ursache
seines Leidens lag und durch welche H andlungen er
w ieder gesund werden konnte.
Die T herapie entsprach also mehr einer Ini
tiation als einer m edizinischen Behandlung nach
unserem heutigen Verständnis. W ich tig war die Er
kenntnis, in welcher W eise man seine Lebensfüh
rung zu korrigieren hatte, um die K rankheit selbst
verantwortlich zu überwinden. Die D iätetik galt als
die w ichtigste Säule der .Medizin. D arunter ver
stand man damals aber nicht nur das Essen, sondern
säm tliche Bereiche des Daseins, also auch Bewe
gung, Schlaf, Sexualität oder geistige Betätigungen.
Ferner entw ickelte man ein komplexes musisches
T herapiesystem . Bildende Kunst, Tanz oder T h ea
ter waren damals nicht selten w ichtiger als die An
wendung von Arzneim itteln.
Zur Zeit des H ippokrates (460-377 v.C hr.) war
dies die übliche Behandlungsform von Krankheiten.
D ieser vielleicht berühm teste Arzt des Abendlandes
w ar noch in den ägyptischen .M ysterienschulen aus
gebildet worden und hatte daher wie Paracelsus
auch »d ie Begabung, seinen Patienten ohne Berüh
rung beurteilen zu können« (W . Daems, 2001).
In gewisser W eise waren die alten Arzte noch
hellsichtig. Doch H ippokrates steht bereits am
Ende einer langen Entwicklung, m it ihm begann
etwas völlig Neues. »In den Jahrhunderten von
H om er an bis etwa 300-250 v.C hr. tritt im Be
wusstsein des M enschen eine entscheidende W and
lung ein: Von dem m ythologischen G ott-M enschN atur-E rleben über die Idee der
von Gott ge
schaffenen M ensch-N atur-E inheit kommt es nun
allm ählich zum gedanklichen Ergreifen der W elt,
der N atur außerhalb des M enschen. Bilderleben

D er Arzt H ippokrates;
G e m äld e a u f Holz, w a h r
scheinlich Tür e ines A rz n e i
sch ran ke s der In n sbrucke r
H ofapotheke. U m 1740,
Ph arm a zie h isto risch e s
M u se u m , Basel.

wird zum G edankenerleben. N icht m ehr aus


schließlich in den Im aginationen, sondern in den
Gedanken ist die W irklichkeit zu finden« (IV.
Daems, 2001).
Es war die Z eit der großen Denker, und mit
ihnen entstand eine rationale .Medizinphilosophie,
die langsam , aber sicher die m agische M edizin der
alten Zeit ablöste. Das antike W eltbild basierte
nicht m ehr nur auf dem W irken der Götter. Der
griechische Arzt und Philosoph Empedokles (492
bis 432 v. Chr.) entwickelte das System der vier Ele
mente Erde, Wasser, Luft und Feuer. Er sprach
noch von göttlichen W urzelkräften, erst Platon
führte den Begriff Elem ente ein. Der Schw ieger
sohn des Hippokrates, Polybos, entwickelte aus die
sen Ideen die Lehre von den vier Säften, die H um o
rallehre (h u m or = Saft): »D ie vielfältigen im Körper
steckenden Stoffe verursachen K rankheiten, wenn
sie sich gegenseitig naturw idrig erhitzen oder ab
kühlen, austrocknen oder feucht machen. (...) das
W arm e, Kalte, Trockene, Feuchte müssen in einem
angemessenen und gleichen Verhältnis einander ge
genüberstehen; beim Tode des M enschen muss sich
jeder Grundstoff (...) zurückentwickeln. (...) Der
Körper des M enschen enthält in sich Blut, Schleim ,
gelbe und schwarze G alle, und diese machen die
N atur des Körpers aus, und wegen dieser (Säfte) ist
er krank beziehungsweise gesund« (Polybos, zit. n.
W. Daems, 2001).
M it diesen Gedanken war der geistige L'mbruch
vollzogen. Es war die Geburtsstunde der »rationalen
M ed izin «. Die LTrsache von Krankheiten waren
nicht mehr G ötter und G eister, sondern die
m enschliche N atur entschied über das M aß an
G esundheit. Der M ensch war nun m ehr oder w eni
ger unabhängig vom Rest der W elt, und man
konnte ihn ohne metaphysischen Ballast auf »v er
n ünftige« W eise betrachten.
Entsprechend der Säftelehre veränderte sich auch
die Art der Pflanzenbetrachtung. M an beachtete
nun wesentlich w eniger die schutzm agischen oder
Dämonen bannenden W irkungen von Pflanzen,
sondern viel eher die Eigenschaften entsprechend
den Elem entenqualitäten. W ich tig war nun, ob
die Pflanze eine anfeuchtende, zusammenziehende,
austrocknende, kühlende oder erwärm ende W ir
kung hatte und ob sie einen krank machenden Saft
ausleiten konnte. Der gedankliche Schwerpunkt
verlagerte sich von der spirituellen N atur einer
Pflanze hin zu ihrer Stofflichkeit.
Es entstanden die ersten Kräuterbücher, die die
ses neue Denken berücksichtigten. Berühmt sind
die Schriften des Theophrast von Eresos (ca. 372
bis 287 v. Chr.), des bedeutendsten Schülers des Ari
stoteles. In seiner H istoria n a tu ra lis führte T h eo
phrast nicht nur die H eilw irkungen säm tlicher da
mals verwendeter Pflanzen auf, sondern er ordnete
sie bereits nach botanischen G esichtspunkten.
Das w ichtigste Kräuterbuch des Altertums
stammt aus dem ersten Jahrhundert (ca. 50 n. Chr.).
Verfasser ist der griechischen Arzt und Botaniker
Dioskurides. Seine A rzneim ittellehre D e m a teria
m edica lib ri q u in q u e ist die »w ichtigste Q uelle für die
Geschichte der H eilm ittel: Sie liefert zahllose
Pflanzensynonym e, botanische Beschreibungen,
eeobotanische D etails, Q ualitätsaspekte, Informa
tionen über Z ubereitung und therapeutische An
w endungen« (W. Daems, 2001). Das Buch umfasst
die H eilw irkung nach den Gesichtspunkten der
H um orallehre von ca. 600 Pflanzen, ca. 100 .Mine
ralien u n d e i n i g e n T ie r e n . B is z u r Z e it des Paracel
sus war es das Standardwerk der Kräuterheilkunde
und Vorbild für säm tliche K räuterbücher bis zur
Renaissance. N atürlich kannte auch Paracelsus das
Buch. Seine M einung über D ioskurides war aber
nicht die beste. Er beschimpfte ihn als »Sch w ätzer«
(III/573), doch zahlreiche seiner Angaben stimmen
m it denen des Dioskurides überein. Was Paracelsus
ärgerte, war die R eduzierung auf die Säftelehre und
dass Astrologie und Signaturen von D ioskurides
und seinen Anhängern überhaupt nicht berücksich
tigt wurden.
Ebenfalls bedeutend waren die Schriften des
griechischen Arztes Galenos von Pergam on (129 bis
ca. 200 u .Z .). »G alenos war E klektiker und über
nahm von allen System en das Beste, um es zu einem
eigenen System zu m achen« (W . Daems, 2001). Be
sonders w ichtig waren seine .Angaben zur H erstel
lung von Arzneien, die man nicht ohne Grund noch
heute »G alen ik« nennt. N och größeren Einfluss
hatte aber sein Postulat, dass die Säftelehre auch auf
den G eist des M enschen anzuwenden sei. So geht
die Idee der Tem peram entenlehre, also die E intei
lung in Sanguiniker (Luft), C holeriker (Feuer),
Phlegm atiker (W asser) und M elancholiker (Erde),
auf ihn zurück.

Die grie ch ische Arzt Galen


gilt als B e g rü n d e r der
Tem peram entenlehre. Er
fü h rte auch die G ra d u ie ru n g
von H eilp flanzen nach
den E lem entenq ualitäten
ein. Seine Lehre w urd e
1500 Jahre la n g als ab so lute
m e dizinische A utorität
angese h e n, und erst
Paracelsus w a g te eine
Kritik. Kupferstich, 17. Jahr
hundert.

L'm die W irkungen der H eilm ittel besser klassi


fizieren zu können, führte er außerdem ein G radu
ierungssystem ein. Er unterteilte die W irkun g von
H eilm itteln in vier Grade. Im ersten Grad wirken
sie nur schwach, im zweiten (»an d eren «) Grad in
tensiv, im dritten Grad extrem und im vierten Grad
toxisch. » M it Galen bekommt das System (der Elem entenlehre) seine höchste
Ausfeilung, ja, es wird
gewisserm aßen kanonisiert und trägt dam it gleich
die Keime des Dogmatismus, der Erstarrung und
schließlich der Dekadenz in sich« (W. Daems,
2 0 0 1 ).

U ber zwei Jahrtausende sollte die antike Elem entenlehre das beherrschende
Denksystem des
Abendlandes zur Erklärung des W eltgefüges b lei
ben. Die antike H um orallehre und die Ideen des
G alen prägten die .Medizin bis in die N euzeit.
Erst Paracelsus wagte eine erste Kritik. Allerdings
schüttete er nicht selten das Kind m it dem Bade
aus, indem er mehr oder w eniger jeglichen Ansatz
einer H um orallehre verdammte. W as er ablehnte,
war aber eigentlich nicht die Säftelehre als solche,
sondern nur die dogm atische Engstirnigkeit, mit
der man diese .Anschauung zur Erklärung jeder
Krankheit heranzog. Er selbst benutzte die Elem entenlehre sehr häufig zur D
arstellung seiner
alchim istischen Ideen: sie diente ihm außerdem zur
Erklärung des W eltgefüges, und selbst hum oralpa
thologische .Ansätze findet man bei ihm oft. Doch
als alleiniges Denksystem in der M edizin w ar die
E lem entenlehre in seinen Augen unbrauchbar. Es
gab schließlich auch noch G eister und G estirne als
m ögliche Krankheitsursache und nicht nur krank
hafte Säfte.
» D ie W eisheit u n d d ie P rop h etie H ohenheim s, die
m ä ch tige B eleb u n g des religiösen G efühls d u rch sein e
P hilosophie sin d H eilm ittel f ü r u n sere Z eit: Welt
angst, Schick sal u n d V erzireifelung v erflü ch tigen
sich, -wo d e r stark e L u ftz u g sein es G eistes ra uscht
u n d den D ienst am Eil igen als u n seren eigen tlich en
B e r u f z u m B ew usstsein b rin gt.« (E mil S chlegel.
1922)

Von der M ystik zur W issenschaft


Nach dem Zusammenbruch Roms begann ein be
sonders düsteres Kapitel abendländischer G e
schichte. Im frühen M ittelalter kam es vor allem in
M itteleuropa zur völligen Auflösung der bestehen
den G esellschaftsordnung. Es herrschten Anarchie,
Gewalt, Chaos und Hunger.
K ulturell kam es zu einem absoluten Stillstand,
vor allem durch die ablehnende H altung der alles
beherrschenden katholischen Kirche gegenüber
.Andersdenkenden. Im Jah re 529 verbot der dama
lige Kaiser Justinian sogar säm tliche antiken W is
senschaften. Dies führte zu einem Massenexodus
der dam aligen G eistesgrößen. Ihre neue W ah lhei
mat wurde die wesentlich tolerantere arabische
W elt, und nur w enige Jahrzehnte später kam es zu
den bahnbrechenden Errungenschaften der islam i
schen Kultur. W'ährend Europa eine geistige D ür
rezeit durchlebte, entstanden im Osten vergleichs
weise paradiesische Zustände.
Der geistige Verfall führte in Europa auch zum
N iedergang jeder G esundheitsfürsorge. Es gab
praktisch keine Abschriften von antiken H eilkundi
gen m ehr und keine geregelte Ausbildung, so dass
nur noch das m ündlich überlieferte W issen aus der
Volksmedizin vorhanden war. Zwischenzeitlich war
es sogar Kirchendoktrin, dass man Krankheiten
nicht m ehr behandeln durfte, weil dies bedeutete,
gegen den W illen Gottes zu handeln.
Das Einzige, was damals in Europa wirklich
blühte, w ar die Kriegskunst - es war die Stern

stunde m issionarischer Eiferer, die gegen H eiden


und Ketzer wetterten. N achdem sich Europa um
das Jah r 1000 politisch w ieder etwas gefestigt und
man die letzten H eiden zwangsbekehrt oder getötet
hatte, begannen die Kreuzzüge gegen die islam i
schen Völker. H ierdurch wurde aber auch ein kul
tu reller Austausch eingeleitet, der das geistige
Europa aus seinem D ornröschenschlaf erwecken
sollte. In den islam ischen Ländern hatte man über
die Jahrhunderte das W issen der Antike bewahrt,
zahlreiche Handschriften übersetzt und archiviert
und durch eigene .Anstrengungen das Vorhandene
gem ehrt. Berühmte H eilkundige wie Avicenna oder
Geber hinterließen selbst Schriften von unschätzba
rem W ert, vor allem zu T hem en wie Philosophie,
Alchim ie und Astrologie. Viele dieser Schriften
waren Paracelsus bekannt und flössen in sein W erk
ein.
.Arabische Arzte verfugten über einen riesigen
.Arzneischatz, der durch ayurvedische Arzneien aus
Indien wesentlich bereichert wurde. Außerdem
kannte man ausgeklügelte O perationstechniken und
hatte ein Spitalwesen geschaffen, von dem der Rest
der W eit nur träum en konnte. N achdem man im
christlichen Europa das alte W issen gierig auf
gesaugt hatte, kam es auch hier sehr bald zu einer
kulturellen Blüte. Im m edizinischen Bereich ent
wickelte sich die K losterm edizin, und die ersten
L’ niversitäten nach antikem Vorbild wurden ge
gründet, z.B. in Salerno oder M ontpellier. G rund
lage der M edizin war aber im m er noch die antike
Säftelehre. W irkliche N euerungen hatte es also seit
über 1000 Jahren nicht gegeben.
Das M ittelalter war jedoch auch der Höhepunkt
christlicher M ystik. M it dieser Kulturepoche ver
bunden sind Namen wie H ildegard von Bingen
(1098-1179), Albertus M agnus (ca. 1200-1280)
oder M eister Eckhart (ca. 1260-ca. 1327). Paracel
sus schätzte vor allem den visionären G eist der H il
degard von Bingen, die man auch prophetissa teu tonica nannte. Er schrieb: »W arum
der H ildegard dies
träum te und einem anderen etwas anderes, das hat
die L'rsache, dass der G eist dazu erleuchtet wird,
wozu er die Liebe der H ildegard hat. So hat diese
eine Lust gehabt, zu dienen ohne Abgötterei. (...)
Darum hat H ildegard auf phantastische Art gere
det« (IV/402). Die O ffenbarungen durch höhere
W esenheiten, die nur wahrhaft Berufenen wie H il-
H ildegard von B in ge n e m p fä n g t eine göttliche O ffe n
b a ru n g als fla m m e n d e n fü n ffa ch e n Strahl. D er M ö n c h
V olm ar steht ihr hilfreich zur Seite. B uchillustration
a u s d e m Liber Scivias (W isse die W ege), u m 1180.

degard w iderfuhren, waren für Paracelsus der


höchste W eg zur Erkenntnis. Ganz in der Tradition
christlicher M ystik verhaftet, sah auch er in der
N'atur ein Geschenk Gottes. D er M ensch lebt
eigentlich in einem Paradies, doch der N orm alsterbliche verschließt seine Augen
für die Schönheit
dieser W elt und lebt dadurch in einem selbstge
strickten Fegefeuer aus Sünde und Verdammnis.
H ildegard, deren H eilkunde heute w ieder viel
beachtet wird, genoss zu Lebzeiten allerdings lange
nicht so viel Aufmerksamkeit, wie man heute viel
leicht annimmt. D er dam alige B estseller im Bereich
Kräuterkunde w ar nicht ihre P hysica, sondern der
M a cer florib u s, der im 12. Jahrhundert geschrieben
wurde (siehe Tabelle). H eute existieren von diesem
Buch noch zahlreiche Abschriften, während es von
der P hysica nur vereinzelt O riginale gibt; beide
W erke stehen in der Tradition des D ioskurides und
des Galen.

Neben diesen und den wenigen antiken Q uellen


gab es zur Z eit des Paracelsus nur sehr wenige w ei
tere W erke über H eilpflanzen, darunter den G art
d e r G esundheit (1485) oder das D estillierbuch des
H ieronym us Brunschwyck (1500), die Paracelsus si
cher beide gekannt hat. D er M eister widm ete sich
daher zwangsweise den m ittelalterlichen und anti
ken Schriften, sein H erbarius aus dem Jah re 1525
befasst sich z.B. besonders ausführlich m it dem
M a cer florib u s.
Im Spätm ittelalter erlebten schließlich apokalyp
tische Visionen eine regelrechte H ochkonjunktur.
Katastrophale W etterveränderungen läuteten im
14. Jah rh un dert H ungersnöte von nie gekanntem
Ausmaße ein; m it M utterkorn verseuchtes G etreide
führte zu regelrechten Epidem ien von »A ntonius
feuer« und zu kollektiven W ahnvorstellungen.2 M it
dem H unger kam zudem die Pest, die ganze Land
striche entvölkerte, in einem Europa, das ohnehin
nur dünn besiedelt war: So starb im Zuge der ersten
großen Pestepidem ie etwa ein D rittel der europä
ischen Bevölkerung. Es war ein kultureller Schock
ohnegleichen, und noch heute lösen Seuchen irra
tionale Ängste aus - man denke nur an die kollek
tive H ysterie beim Them a Vogelgrippe.
D er M edizinhistoriker H einrich Schipperges
schrieb dazu: »K ritische Situationen und Beschwer2 M utterkorn (Secale cornutum )
ist ein m eist aut' R oggen vor
kom m ender Pilz. Er en th ält verschiedene A lkaloide. D er G e
nuss führt schon in relativ g erin g er D osierun g zum V erschluss
der perip heren G efäße und ein er dadurch bedingten G ew ebe
nekrose. D er Betroffene »v erfa u lt« reg elrech t u n ter erh e b li
chen brennenden Schm erzen, daher d er X am e »A n to n iu sfeu er«
(der hl. A ntonius g alt als Schutzpatron, und der O rden der Anto n iter küm m
erte sich besonders um B etroffene). D ie G iftw irkung führt in v ielen F ällen
auch zu H allu zin atio n en und/oder
extrem en K räm pfen. In der H om öopathie ist Secale heute ein
w ichtiges M ittel zur B ehandlung von H yperton ie, Sklerose und
M igrän e (D 6). Es ist Bestandteil von »Secale/ B leig lan z« (G lobuli, A m
pullen von W ala) und »M e ta g in k g o « (Tropfen von
M eta-F ack ler); beide M ittel eignen sich zur T h erap ie a rte rie ller
D urchblutun gsstö run gen. A lbert H ofm ann extrahierte in den
d reiß ig er Ja h ren des 20. Jah rh u n d erts den W irksto ff aus M u t
terkorn und verw andelte ihn in eine Substanz nam ens L ysergsäu rediäth ylam id.
kurz LSD genan nt. Ab 1949 gab es das P räp a
rat D elvsid (L SD 25) als M edikam ent zur w issenschaftlichen
E rprobung; als Indikationen w urden genan nt: a) »Z u r se e li
schen A uflockerung bei an alytisch er P sych oth erap ie besonders
bei .Angst- und Z w angsneurosen / b) D elvsid v erm itte lt dem
A rzt im Selbstversuch einen E inblick in die Ideenw elt des G eis
tesk ran ken .« D ie Erfolge w aren phänom enal. D ie repressive
D rogenp olitik, vor allem in den U SA , führte aber sch ließlich
w eltw eit zum V erbot, das bis heute an h ält. W äh ren d w ir diese
T extstelle schreiben, feiert der begn adete A l-C h em ik er des Be
w usstseins gerade seinen 100. G eb urtstag - herzlichen G lück
wunsch!
D er A de pt e m p fä n g t von
der K o rnm u tte r Demeter,
hier als M a ria dargestellt,
eine S u b sta n z zur Initiation;
es dürfte sich um M u tte rko rn
handeln, d a s z u sa m m e n m it
S c h la fm o h n w a h rsche inlich
in den E leusinischen
M yste rie n zur m ystisch e n
Schau verabreicht wurde.
Ö lbild von Edw ard B urneJones, 1865-1898, D elaw are
A rt M u s e u m , W ilm in gto n .

In alter Zeit v e rw e n de te n H e b a m m e n
M u tte rk o rn bereits als W ehe n m itte l. Erste
schriftliche E rw ä h n u n g e n als H eilm ittel
fin d et m an im Kräuterbuch des A d a m
Lonitzer (1557/1962). Foto: M a rg re t
Madejsky.

nisse m ancherlei Art hatten die .Menschen früherer


Zeiten vielleicht weitaus m ehr zu verkraften als in
unseren Tagen. Das M ittelalter ist voll von Klagen
über die X öte der Zeit: Kriegszüge und H ungers
nöte und Epidemien aller .Art. D ürrezeiten und
Ü berschwem m ungen, Pest und Kriege wirken sich
weitaus unm ittelbarer aus, schließen sich oft zu
einem nahezu ausweglosen Circulus vitiosus von
Seuchenzügen und H ungersnöten zusammen: N icht
zuletzt infolge von U nterernährung konnte sich der
>Schwarze Tod< über ganz Europa ausdehnen (...).
K rankheit erscheint in der W elt des M ittelalters
nicht als zufälliger Defekt oder vorübergehender
Funktionsausfall und schon gar nicht als rasch zu
behebende Panne, sondern als das Schicksal des
M enschen« (H . Schipperges, 1985).
Das göttliche Inferno führte schließlich im 15.
Jahrhundert zu einem radikalen kulturellen U m
bruch - die Renaissance begann. Die Impulse einer
geistigen Erneuerung kamen vor allem aus Italien.

H eute denken w ir dabei sicher zunächst an Künstler


wie M ichelangelo oder Botticelli. Aber auch in den
Naturwissenschaften begann ein vollständiges U m
denken, und m it M artin Luther brach schließlich
sogar die Einheit der Kirche auseinander.
Der Renaissancemensch wagte es zum ersten
M al, die W elt vom Standpunkt Gottes aus zu be
trachten. .Mau strebte nicht län ger n a ch G o ttg e fä lligkeit und schaute auch
nicht mehr dem ütig in das
W eltall, sondern versuchte die G eheim nisse des L e
bens zu lüften. Der Astronom N ikolaus Kopernikus
entdeckte das heliozentrische W eltbild und erm ög
lichte dadurch eine völlig neue Sicht des L e v e r
sums. Aber auch die N atur und der Körper des
M enschen standen nun im M ittelpunkt der Be
trachtung. M an betrieb intensive anatom ische Stu
dien und entdeckte neben den Organen auch schon
bald die komplexen Stoffwechselvorgänge.
Besonders deutlich zeigt sich der geistige W an
del dieser Zeit in der Kunst. Einige Zeitgenossen
»Sie (die Akelei) ist die go tisc h e Pflanze. S o w o h l ihre
S ym bo lik w ie Z a h le n m ystik und G e o m e trie fordern zu
abstrahie re nd e n D a rste llu n g e n heraus. Da ist zuerst das
zw e im al dreigeteilte Blatt an den Blütentrieben, da n n aber
das g ru n d stä n d ig e Blatt, d a s (...) ein gleichseitige s Dreieck
in eine m Kreis ergibt. D iese D re ite ilu n g verb indet sich zum
Sym bo l der göttliche n Dreifaltigkeit. Die Blüte ist ebenfalls
m ath e m atisch zu beschreiben und ge o m e trisc h als regel
m ä ß ig e s Fünfeck darstellbar. Ihr D ia g ra m m fo lgt dem
G o lde ne n Schnitt, der G öttlichen Proportion« (E. Gallwitz,
1996). Aquarell und Deckfarbe, 1526, verm utlich a u s der
Schule von A lbrecht Dürer; G ra p hisch e S a m m lu n g
Albertina, W ien.
des Paracelsus gelten heute als die bedeutendsten
K ünstler der europäischen G eschichte, so z.B.
Albrecht Dürer, Lucas C ranach, Hans H olbein oder
.Matthias G rünewald. M it besonderer H ingabe und
Sorgfalt und noch nie zuvor gekannter Exaktheit
widm eten sich diese K ünstler insbesondere auch
pflanzlichen D arstellungen. M eistens waren es B il
der von H eiligen, M ärtyrern, Kirchenfürsten,
Königen und vor allem biblische G eschichten, bei
denen man Pflanzen als scheinbar schöne Zierde am
Rand der G emälde, manchmal aber auch an zentra
ler Stelle verwendete.
Bis ins frühe M ittelalter legten die K ünstler noch
w enig W ert auf Exaktheit, sie wollten vielm ehr die
X atur im Allgem einen als liebevolles W erk Gottes
darstellen. In der Renaissance wechselte man je
doch im wahrsten Sinne des W ortes die Perspek
tive, indem man die Z w eidim ensionalität der Gotik,
in der nur G ott und unter ihm der M ensch exis
tierte, gegen eine D reidim ensionalität austauschte,
die aus Kosmos, M ensch und X atur besteht. Der

ßctimtf) ftilln u iittt.

Kü n stle r beim Illustrieren. Kolorierter H o lzsch n itt a u s dem


K räuterbuch des Leonhart Fuchs, 1543.

Sch ö llkra u t u n d andere Heilpflanzen. Detail des » H im m e ls


ga rte n s« an der Decke von St. M ic h a e l in B am berg. In s
g e sa m t kann m an dort 578 Bilder von Pflanzen b ew und ern,
die seit 1614 die Kirche zu ein e m Juw el o h n e gle ic h e n
m achen. Foto: O la f Rippe.

Renaissancekünstler wollte nun nicht m ehr durch


O rnam entik, sondern durch D etailtreue den Geist
Gottes begreifen, der sich für ihn vor allem in Farbe
und Form offenbarte. Die Pflanze wurde dadurch
zum Sym bolträger - m it ihrer D arstellung wollte
man nunm ehr vor allem bestim m te Eigenschaften
der H auptfiguren verdeutlichen. So sollten Rosen,
M aiglöckchen, M adonnenlilie oder G änseblüm
chen beispielsweise die L ieblichkeit M arias ausdrücken, während das Johanniskraut
die balsam i
sche Tugend von Johannes dem T äufer darstellte
oder die Akelei den H eiligen G eist sym bolisierte.
Sehr oft malte man auch Pflanzengem einschaf
ten, die man oftmals auch gem einsam zu thera
peutischen Zwecken verwendete. Ein berühmtes
Beispiel ist der Isenheim er Alter von M atthias
G rünewald, auf dem man W egerich, Pfingstrose,
Mohn oder N achtschatten findet - alles Kräuter,
die man früher zur Behandlung von Besessen
h eit und dem Antoniusfeuer verwendete. W ie eine
R eliquie oder eine H eiligenfigur galt die gem alte
Pflanze selbst als heilend. M an wollte also keines
wegs H eilkräuterbücher ersetzen, vielm ehr war
man der Ü berzeugung, dass die bloße Betrachtung
am geweihten O rt durch die Im agination heilende
W irkung haben konnte - und der m ittelalterliche
Mensch war ein im aginativer M ensch!
Viele der dam aligen M aler und Bildhauer waren
außerdem in die geheim en Künste Alchim ie und
Astrologie eingew eiht, so m ancher war ebenfalls ein
Kenner der M agie. M it Sicherheit trafen sich die
Adepten auch, um ihr W issen auszutauschen. M an
weiß, dass Paracelsus einige berühm te K ünstler und
Philosophen persönlich kannte, z.B. Hans H olbein
und Erasmus von Rotterdam , m it dem er einen
regen Briefverkehr unterhielt und der einer seiner
Patienten war. Albrecht D ürer erwähnte er eben
falls in seinem W erk (IV/491). Er war also direkter
Zeuge der künstlerischen Revolution seiner Zeit.

H E R B A R V M ,A R *
B O R V M , F R V T IC V M ,

F R V M E N T O R. V M

AC

L E G V M I*

num. A m'malmm practerea cerreftrium, uolatilin SC aquatihum,


tliorumq;,quorumitt Mcdicinisufut eS,Sbnplicium, lm g>ustadub

u m depifit^Vni c m nomencUturti corundcm ußutit.

. . ,9 ? e w t e t/ S 5 ä tt m e / © e ( te u & / f c tt ti&
» f r ü d j t / ID ep cjU tcb ett ( S e t t e r / a n Ifcv i m

fcujft/XOrtffcr »n& i£r6tricfe lebcn&e/ tYlit f tmpt 4n


Dttcn iW st e rifilic n v n ö 6 impltctcn/ 5i)K2( r s n c iO !a ih 4 )/
rcd>t C o n t « ftjy t c t /v n ö m it jcen n a m t n b cn cn u «.

Cum Grat iu c Priuilego Imperuli,

» W ie können w ir d ie Teile ein es o rga n isierten


W esens u n d ih re W irk ungen entw ick eln u nd
b egreifen , w en n w ir es n ich t als ein (...) G anzes
beob a ch ten ?« (Joh an n W olfgang von G oethe)
»W ir h eu te m üssen w ied er lern en , überh a u p t w a h r
zu n eh m en , w as d ie Xatur, d ie S ch öp fu n g ist (...).
W ir m üssen w ied er seh en lern en . S ehen, w a s w ich tig
ist un d von w as w ir eigen tlich leb en : von d e r X atu r
od er von d e r M aschine, von d e r Technik? (...) A llein
d e r A ufbau u n d d ie P la n u n g d e r O rga nism en ...
d ie S chöpfu n g, das ist das T hem a des C hem ikers,
m an sch a u t t i e f hin ein in d ie S chöpfu n g, u nd
m an sieh t d o rt u n erh örte W under. Wenn d e r X atu rw issen sch a ftler kein
M ystik er w ird, ist e r kein
N a tu rw issen sch a ftler« (A lben H ofm ann. zit.
77. M athias B roeckers/R oger L iggen stotfer, 2006)
Die Pflanze als W irkstoffträger
In der Renaissance bahnte sich jedoch bereits die
E ntm ystifizierung der N atur hin zu einem reduktionistischen, unbeseelten Kosmos
unserer Tage
an. Für G eister und Elfen wrar eigentlich schon zu
dieser Zeit kaum noch Platz. Es mussten nur einige
Jahrzehnte nach Paracelsus Tod vergehen, und
Rene Descartes (1596-1650) verbannte in seinem
W erk T raite de l'h om m e den G eist und die M agie

f RAN

Titelbild Herbarium von E ngenolph, 1552, kolorierter Holzschnitt.

vollständig aus der Natur. »D ie Philosophie wandte


sich m it Descartes der Phänom enologie zu; sie
fragte nicht mehr zu welchem Zweck und zu
w elcher Bestim m ung etwas wäre, sondern was ge
schähe und wie es geschähe« (G. Stille, 1994).
N ochmals einige Jahre später konnte der Arzt H er
mann Boerhaave (1668-1738) folgende unglaubli
che Behauptung aufstellen: »Es ist eine Tatsache,
dass der m enschliche Körper eine M aschine ist.«
Durch das m echanistische W eltbild entlockte
man der N atur zwar so manches G eheim nis, doch
wirklich verstehen konnte man die Schöpfung
nicht. N icht eine der w irklich bedeutenden Fragen
H ahnem ann, der durch seine M itgliedschaft in
der Freim aurerloge m it der herm etischen G edan
kenwelt bestens vertraut und auch alchim istisch
sehr bewandert war, hatte eine völlig andere Yorstellung von der W irkung einer
Arznei. Er ent
w ickelte die G edankenwelt des Paracelsus w eiter
und postulierte drei entscheidende Schritte zur Arz
neiw irkung:
1.) Es bedarf nur einer geringen M enge, um eine
erhebliche W irkung zu erzielen. H ahnemann redu
zierte schrittweise die Dosis üblicher Arzneien bis
zur M inim aldosis. Paracelsus hatte ebenfalls bereits
die Frage der D osierung in den M ittelpunkt gestellt
und w ar stets darauf bedacht gewesen, m öglichst
geringe und grundsätzlich untoxische M engen zu
verabreichen.
2.) Jedes potenzielle H eilm ittel muss in einer an
deren D osierung die zu behandelnde Krankheit
auch erzeugen können. Berühmt ist H ahnemanns
Selbstversuch m it der C hinarinde, einem H eilm ittel
bei M alaria. Nach Einnahme der Substanz stellte er
fest, dass er Symptom e ähnlich einer M alaria be
kam, die nach Absetzen aber wieder aufhörten. Ex
perim ente m it anderen Stoffen führten regelm äßig
zu vergleichbaren Ergebnissen. Er erstellte darauf
hin zahlreiche A rzneim ittelbilder ausschließlich am
»gesun d en « M enschen. Tierversuche waren und
sind in der H omöopathie unnötig und unüblich.

Sa m u e l H a h n e m a n n
(1755-1843) be g rü n d e te die
H o m ö o p a th ie a u f der
Lehre von der H e ilu n g nach
den G e sich tsp u n kte n der
Sym pathie. D a n k seinen
u m fa n g re ich e n a lch im isti
sch e n K e n n tn isse n konnte
er die Verfahren der Ver
g e is tig u n g e ines Stoffs
w e se n tlich w e ite r e nt
w ickeln. Kupferstich,
18. Jahrhundert.

Das Gesetz der H omöopathie lautet: »S im ilia sim ilibus curantur« (Ähnliches wird
durch Ähnliches
geheilt). Dies entspricht der Vorstellung einer T h e
rapie nach den R egeln der Sym pathie im Gegensatz
zur antipathischen T herapie nach der Regel »C ontrarii contrariis« (nur das G
egensätzliche heilt).
Praktisch identische Vorstellungen findet man auch
bei Paracelsus.
Seine therapeutischen Konzepte sind konsequent
auf dem Gesetz der H omöopathie aufgebaut, nur
die Vorgehensweise ist anders. Paracelsus erkannte
die notwendigen H eilm ittel durch die Signaturen
und durch astrologische Bezüge. Hahnemann
stellte dagegen die W irkun g einer Substanz in den
Vordergrund und enthielt sich m etaphysischer Spe
kulationen, was ganz dem dam aligen Z eitgeist des
Positivismus entsprach.
3.) D amit eine Substanz nach dem Gesetz der
Sym pathie heilen kann, muss man ihre Grobstoff
lichkeit durch alchim istische Verfahren auflösen und
verwandeln. H ierdurch wird die »T ugen d« befreit,
und die Substanz verliert vollständig ihre G iftigkeit.
N unm ehr braucht man anreichernde Verfahren,
ähnlich einer D estillation, um die Schw ingung zu
verfeinern.
Für Hahnemann waren »Arzneistoffe (...) nicht
tote Substanzen in gewöhnlichem Sinne; vielm ehr
ist ihr wahres W esen bloß dynamisch geistig - ist
lautere Kraft, die durch jenen so m erkwürdigen
Prozess des Reibens nach homöopathischer Art bis
an die Grenzen der U nendlichkeit potenziert w er
den kann« (S. H ahnemann, 1987). Diese Anschau
ung ist ebenfalls identisch m it den Ansichten des
Paracelsus, nur das galenische Verfahren un ter
schied sich ein w enig davon.
W ie Paracelsus war auch Hahnemann der An
sicht, dass die feinstoffliche Arznei eine Anregung
der Selbstheilungskräfte erzeugen soll. Dadurch
wird die dumpfe Schwingung einer K rankheit in die
feinstoffliche der G esundheit verwandelt. H omöo
pathisches H eilen gleicht also einer Erlösung und
entspricht in gewissem Sinne der alchim istischen
Transm utation von Blei (Krankheit) in Gold (G e
sundheit).
W'enn es um die Q uellen seines W issens ging,
war der Freim aurer H ahnemann allerdings dem
Schweigegebot unterworfen, so dass heute viele der
M einung sind, er hätte die H omöopathie erfunden.
Er hat sie zweifelsfrei zu dem gem acht, was sie
heute ist, doch W illem Daems weist in seinen
Schriften deutlich nach, dass er sich hierzu alch i
m istischer Kunstgriffe bediente, die schon lange vor
ihm bekannt waren.
Es dürfte nicht verwundern, dass die Philosophie
H ahnem anns zu seiner Zeit einen Aufschrei der
Entrüstung hervorrief, der bis heute in den Kreisen
der »w issenschaftlich-rationalen« M edizin nach
hallt.
Obwohl die W irkun g inzwischen wissenschaft
lich bewiesen und nicht m ehr zu leugnen ist, weiß
man im m er noch nicht, warum ein H omöopathikum wirkt. W ie sollte man auch? Es
handelt sich
hier schließlich um etwas G eistartiges, das wirkt,

und nicht um einen messbaren Stoff. M an kann das


G öttliche zwar bei der Arbeit beobachten, doch den
Sinn der Schöpfung und ihre G esetzm äßigkeiten
versteht man nur auf m etaphysische WTeise.
Der ewige Streit, ob nun der Stoff besser wirkt
oder der G eist, ist ein ideologischer. D arüber sollte
ein H eiler, der das Interesse seiner Patienten im
Auge hat, erhaben sein.
Es geht nicht um ein »E ntw eder-oder«, sondern
um ein »So w ohl-als-auch«. Jede Form der T h era
pie hat in einem bestim m ten Kontext ihre B erechti
gung. Die herm etische W ahrheit »A lle W ahrheiten
sind nur halbe W ah rh eiten « sollte man sich vor al
lem als T herapeut zu H erzen nehmen.

Kräuterbücher von der Antike bis heute


2000-1500
v. Chr.
400 v. Chr.

300 v. Chr.
1. Jahrhundert

2. Jahrhundert

5. Jahrhundert

7./8. Jahrhundert

Papyri und Keilschriften aus der Tempelmedizin.


Besonders berühmt ist der sog. Papyrus Ebers (Ägypten) mit ca. 800 Rezepten und
Angaben zu zahl
reichen pflanzlichen Heilmitteln.
Hippokrates (460-340 v. Chr.): Corpus Hippocraticum (allgemeine Texte zur Heilkunst
und zu Heil
mitteln; nur wenige stammen von Hippokrates selbst). Erste Texte zu einer Heilkunde
nach der Elementenlehre.
Theophrast von Eresos (ca. 372-287 v. Chr.): Schüler des Aristoteles, gilt als
»Vater der Botanik«.
Er verfasst ca. 200 Abhandlungen über Pflanzen, u.a. Causae und Historia plantarum.
Pedanios Dioskurides (genaue Lebensdaten unbekannt): De materia medica (Von der
Heilkunde),
Angaben zur Verwendung von 813 pflanzlichen, 101 tierischen und 102 mineralischen
Heilmitteln.
Originale sind verschollen. Berühmt ist die bebilderte Abschrift Wiener Dioskurides
aus dem 6. Jh., die
allerdings im Gegensatz zum Original nicht mehr nach Verwandtschaft, sondern
alphabetisch sortiert
ist. Die Originaltexte waren sicher unbebildert, da Dioskurides der Meinung war,
dass es nicht mög
lich sei, Pflanzen in ihrem zeitlichen Gestaltwandel darzustellen. 1500 Jahre lang,
bis zur Zeit des
Paracelsus, galt Dioskurides als absolute Autorität.
Plinius Secundus, Gaius, der Ältere (ca. 23-79): Naturalis historiae XXXVII;
Naturkunde in 37 Büchern.
Galen oder Galenos von Pergamon (129-ca. 199): fasste das Wissen seiner Zeit in
einer »Arznei
mittellehre« (Opera Galeni) zusammen. Seine Schriften haben die Pharmazie bis in
die Neuzeit be
einflusst. Noch heute nennen wir die unterschiedlichen Verfahren zur
Heilmittelherstellung Galenik.
Er führte die Graduierung von Arzneien ein, um die einzelnen Wirkungen besser
differenzieren zu
können, und unterschied dabei vier Grade, von schwach wirksam (1. Grad) bis toxisch
(4. Grad). Auf
Galen geht auch die Zuordnung der Körpersäfte zu den Temperamenten zurück. Erst
Paracelsus
wagte eine Kritik.
Pseudo-Apuleius: spätantike Sammlung in Anlehnung an Dioskurides, die u.a.
Walahfried Strabo
zu seinem Hortulus inspirierte. Berühmt ist die Wiener Handschrift 93 aus der
ersten Hälfte des
13. Jahrhunderts; die erste Druckausgabe erfolgte 1481.
Lorseber Arzneibuch: Das älteste erhaltene W erk der Klostermedizin stammt aus der
Reichsabtei
Lorsch bei Worms.
125

1030
11. Jahrhundert

115 0 -116 0

1256

1350

1450

1485

1500

1532

1539

Walahfried Strabo (ca. 808-849): Sein De cultura hortorum (Über den Gartenbau)
versammelt bota
nische Lehrgedichte, die auch als Hortulus bekannt wurden. Die erste Druckausgabe
stammt aus dem
Jahr 1510.
Ibn Sina, genannt Avicenna (980-1037): Canon medicinae. Paracelsus und einige
seiner Schüler nähr
ten 1527 als Symbol für die Zeitenwende in der Medizin mit diesem W erk das
Johannesfeuer.
Odo von Meung aus Meung-sur-Loire (genaue Lebensdaten unbekannt): De viribus
herbarum (Von
der Kraft der Kräuter), auch bekannt als Macer floribus. Die erste Druckversion
stammt aus dem Jahr
1477. Das beliebteste Kräuterbuch des Mittelalters beeinflusste auch Paracelsus -
so liegen uns seine
Kommentare zu den Versen des Macer als Mitschriften seiner Schüler vor.
Hildegard von Bingen (1098-1179): Physica oder Liber subtilitatum diversarum
naturarum creaturarum (Schriften zur Heilkunde und zu Arzneien). Die Druckausgabe
erschien 1533. Zu ihrer Zeit
nur wenig beachtet, erfreut sich die »Hildegardmedizin« heute größter Beliebtheit.
Paracelsus
schätzte ihre Schriften durchaus. Er glaubte, dass Hildegard ihr Wissen auf
träumerische Weise
als Offenbarung direkt vom höchsten Signator (= Gott) erhalten habe. Die
Wissensvermittlung
durch Eingebung von Geistwesen und Engel war auch für Paracelsus der wichtigste Weg
zur Natur
erkenntnis.
Albertus Magnus (ca. 1200-1280): De vegetabilibus (Von den Kräutern). Ein
Klassiker, der noch
zu Zeiten des Paracelsus viel beachtet wurde. Berühmt ist auch das Buch der
Heimligkeiten. Spätere
Druckausgaben aus dem 16. Jh. sind illustriert und mit astrologischen Abbildungen
versehen, was
keineswegs typisch für damalige Kräuterbücher ist.
Konrad von Megenberg (1309-1374): Buch der Natur oder Buch von den natürlichen
Dingen. Der
Bestseller der mittelalterlichen Literatur erlebte selbst in der Renaissance noch
viele Auflagen. Leit
gedanke Megenbergs, wie auch schon Hildegards von Bingen, war eine mystische Sicht
der Natur als
Offenbarung Gottes. Die Schöpfung ist ein Zeichen göttlichen Wollens und seiner
Liebe zum Men
schen. Diese Sichtweise nimmt Paracelsus wieder auf.
Johannes Hartlieb (1410-ca. 1467): Kreutterbuch. Einziges bisher bekanntes,
durchgehend illustrier
tes Kräuterbuch in deutscher Sprache vor der Einführung des Buchdrucks. Berühmt
wurde auch sein
Buch aller verbotenen Künste über die Hexenmagie.
Johannes Wonnecke von Cube (um 1430-ca. 1494 od.1504): Hortus sanitatis oder Gart
der Gesund
heit. Erstes gedrucktes Kräuterbuch in Deutsch und Vorbild für alle späteren Bücher
dieser Art; mit
einer Beschreibung von 368 Pflanzen, 25 Tieren und 28 Mineralstoffen sowie vielen
Abbildungen.
Ein »Bestseller« seiner Zeit.
Hieronymus Brunschwyck (1430-1512/13): Das Buch der rechten Kunst zu distillieren.
Berühmtes
Destillierbuch, das auch von Paracelsus erwähnt wird, mit ausführlicher Angabe der
damals bekann
ten Indikationen zu den erwähnten Heilpflanzen.
Otto Brunfels (1488-1534): Contrafayt Kreuterbuch. Die Pflanzen sind nicht mehr
alphabetisch, son
dern nach botanischer Verwandtschaft geordnet. Mit diesem Buch beginnt der
Siegeszug einer wis
senschaftlichen Illustration von Büchern, die bis dahin eigentlich nur unter
künstlerischen Gesichts
punkten erfolgte. Ein Krankheitsregister erlaubte zum ersten Mal eine
Selbstbehandlung.
Hieronymus Bock (1498-1554): Kreutterbuch. Das originellste unter den drei Büchern
der »Väter
der Botanik«, vor allem wegen der Anmerkungen zur Herbalmagie und den Abbildungen
mit Fabel
wesen. Es erschien zuerst in deutscher Sprache und wurde erst 13 Jahre später ins
Lateinische über
tragen.
Leonhart Fuchs (1501-1566): New Kreutterbuch. Besonders beeindruckend sind die
hervorragenden
Abbildungen, die die Pflanzen zum ersten Mal nicht nur naturgetreu abbilden,
sondern auch in ihrem
zeitlichen Werden darstellen; bei der Bildgestaltung soll sogar Hans Holbein
mitgewirkt haben. In
haltlich ist das W erk nicht sehr umfangreich, dennoch erfreute es sich seinerzeit
größter Beliebtheit.
Brunfels, Bock und Fuchs bezeichnet man auch als »Väter der Botanik«. Die
Pflanzenbeschreibungen
^ottSreutem.

CEJX

auffcingc'HgdbcgrofTc Q$lum/ im ©nräcfefjtric


cm jofeaneblum / in Der (£rDcn rin groflir »affe
ißurpd/eines fern en flarefcn gefefemaef6 /rn&
»olriccfjcnD/ 3£ä d ?§t an feuefeten f?cttcn / auef>
gern in&ärtnt.STton grc&ct6au£ im angt^cn&cn
0 o m m cr.
3)ic -^Bur^dn ipärtn Drei? 3ar»n»crfc£rt an
j&rcr97atur. ,©ie 0)?eu(j ^ülc^cn DicfcIDurijrin
xBintcrejcit ju § / Derhalben fic fdfm B lu m en
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fcucljtimcrßcn.

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0cnffm fraitt/ Struthion, Herba Lacaria. (Tap.üTPj.

f Ärafft »n&Süircfuitg.
iDicfc ‘JBurijd mag grün cingcbcpff werDm
»ic ^ngfcfr/ Dicnü$t man in jot ©crgifftee iuffts
x>nD Pcfiilcng.
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Dcfüeibe.
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1 £ionig/ Darauf cm J a w e rg gemacht/Diegemißt/
ipgut fürn puffen »nD enge 03™!?. 3lanft»urBri * nß
bcnimptbic WfcffudjtigfcitoQp Sföcnfchm/ »nD
Das ienDenwefce. 2Üantt»rin erwärmet Die falten
©lieber »nnDC!)?agcn. 2Uanttrurijd grfottenin
SB rin / DorunDcr gcmtfchct^ud'cr/ bmimptDas
frichcn/»nDmachtt»oI£artun.2llfogenügt/fär* *?«•>«.
DcTt6Drr§ratit»cn$eit.
3lanft»urc iff gtitgenfatfär ©ifft/fonDerliehfürgifftigcQ3i|T5.
£>icQ5lcttcrin SBcingcfottcn/Daraufjgcmachtein Pfla|](T/»nDaufFDiclafcmen@Ii* j u
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Jcrgriegt/cn»drmctDiealfo/Daf;ficbalDtgefunPtheitcmpfinDcn.
2llanti»cm benimpt jorn»nD traurigfcif/|WrcftDcn®?agcn/»nDtrci&tanf;Dic»&cr<
flaffigc fcucl^cigfcit mit Dem £ a m .
lant®em getrunefcnlwtancobgcfchricbencfhicf an imc/iftauchgutfiir^luffpcp«
m/@eitcnfTcchcn/jumBtein/5TauivcnblöDigfcit.
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EmmUcjmfAnJredditftandufm*.

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© r ä n 3lantt»urQ pfTaftcrsrorifcauffgricgi/ ^eplctaücgifftigc^ifTj / !
cgtfa>mlicfje
©cfchwul|i /jrauwen »nD CSJJanncn.
©ftewoif?,
'DicQMcttcriuir33cmgefoftcn/»bcrgcfchlagen/miftcrn©licDfueht»nD $AfFtt»r£e.
'S n D i(i btc ;nnji|Ten/T>a^ aüc gefotten SÖcin/oDcr I B n n mit Äreutcm
gcmacfjt/fcmD
freffer getrunefcn ;um mergmcfTcn Dann *um abcnDteffcn.
£)ae Ärau t aefotten mit Dem Ä ra u t/ X a g »nb 5iacfet gcnanDt/mit öl
»ermengt /»nD :w m n».
» a r m auff Dm ®aueh gelegt/(Mlet Da* Sarmgcgiefjt. vOntern Slabcl gelegt/ifr3 ut
X nfw h
füm Äaitfach.

f 2Üantfraut 2DafTcr.

© a * befic tfveil fdner brcnnimg ifl/Xßurud onD Sra u t mit etnanDcr gedurft : »nD
gc<
fcranDtimenDcDei; CCf?cr)m.3tlantwiirpcltra(Ter getrunefen/morgen» rnDabenDs/jeDce
mal auff cm eperfebat »oU/fünffoDcr f<$6 tag lang'pcrtreftt Das © rien in ienDen.
2tlfo 9rtn ln <fB,
getruntf cn/wnDfcin tranef Damit gcnufcfjt/ifi gut Denen/ fojafrrerf^fjm D un
t«-

Darstellung von Alant, einem altbewährten Tonikum und


Heilmittel bei chronischen Lungenleiden, aus dem
Kräuterbuch des Adam Lonitzer, 1783 (Erstausgabe 1557).

1557

1562

155

<5d>ffcnfrauc.

0ctrtrc>Df.

s~ \> (fpffenfraut Plyr'JDdcferfrauf/ © r i«


Struchujn, ju Ratern Radicula
^ © T o n n D H crb iLana ria, if?/eDerman trol
bftuunt I Dann Die'3elefer getrauten fielj Die«
fesfrauw/Die^BoUDamitJufiiubcni. tie fe s Dremist«.
frautfl IPurBel tflra^pnnf fcharpff/tni^tDcn
^am.3f*mrtÄomgi>ermiffht/wi?auffjire9
quintlin einger,omnien Den 4et>crfueljngnt gut/
m D Denen Dte fch»ebri«h/ »nnD anDcrenö Dann
auffrechtathmen/legtDen^uflen/DnD tmt>t Den
®fulgang. ^icfelbige CIBurßel mit Panacc
rnnt1vEapöirtirpdmifnert/ triefet Den @trin/
treih benfettigen mtt Dem Sy»m au^/ on-,e^rt
Die i)4rteDcf CKilpetf. ÄtcQ B urpd in Der @c*
f!alt eines gdpfflme appüetcn i tefdrDert £>er
QBctter ® lu m ' wtD tiJDtDie Jrtiefet in COhnter#
leib merefliefe. ijcpltmit ©erf?en ©net";. oDcr
ÖÄalß rnD £ (Hg »ermi fefet /»nnD »te cm 'Pfla«
flcrt>fcergelegt/DicXiuD<. 1i33erfrei>t nitf öer#
(eenmeel in ^Bein gcfottenDu- ©cfefemilf? rnD
CSeulen/Die man Panos ju iatrin nennet. & tö
fe 3 B u r?d irirW auefe pnter Die cnrecebenDe
pflaflerrternnfefet. ^Biegleicfefallfaucfeonter
Die^rBnepeniDu ju Der Äfar^ot Perklugen n w
Den bereut/erjegtein niefen / »nnD rcnmge^flcm
gef?o(Ten rnD mit/ 30mg in Die ^ajjgetriJpfft/
Das ^)au|?t D ur^ Den SOJunDf.

0 f1ü6roDt/ Cyclaminus.

€ap. Irjrwi.

CfirbreDt oDer SrDt4pjfd> ©rieefeifefe


p ^ ^ n n D }U Katrin C yclam inus,
te#a
c C taDem i£p^et»faflglcjefei purpurwn&
»ielerlep J a rt; mit ipci ffenglecfcn wiDen »nnD
obeni'einen glatten blodenStengeUierJinger
latig! Darauff ptirpurfarbC'Slumen iraefefenf
PenCKofdi ebnlicb/mit einer (cfeirarpen runDen
3Burii<!/emirenig brq>t/atfeDa£)Ktricetn rüb
anjufebenifl.
5 ) J i® u r W w it ^emigtraffer gemmefen/ *
rtribt Die falte ^heScucfengfeucn/rnD Da# nw«
ferDurifrDcn<2:ulgang^um>eg,v't:tTif'(umen/
ÖBeibem jUDcr ofFrtung frer^j ein liefen er#
tfen oDcr jum
geriutfciitcjOTamen
0efe.im .efcf'oben.'TSft Den «Slumen »berge*
gerei^Tain’twt? ^iHtinafen. © le ^ lu m m
nn O iipgftig mefenJÖcrwlDeCöertr am oDer
rinergebottxkfeflan DmC&eTgen »nD jldniefe*
fcirfeibigccfe.

SoffdK

Seite aus dem Kräuterbuch des Dioskurides mit altkolorier


ten Holzschnitten von Seifenkraut und Alpenveilchen,
die Paracelsus bei Asthm a und anderen Lungenleiden ver
wendete. Seit der Antike erfreute sich das Kräuterbuch
des Dioskurides grösster Beliebtheit; die erste gedruckte
Ausgabe in deutscher Sprache stam m t von 1610.

und Abbildungen sind ein besonders eindrucksvolles Zeugnis fiir eine moderne
wissenschaftliche
Betrachtungsweise der Natur, die in der Renaissance ihren Ursprung hatte. Ihre
Werke machten die
Botanik zu einem eigenen Studiengebiet und bildeten die Grundlage für die
botanische Systematik
Carl von Linnes (1707-1778). Paracelsus wurde von ihnen nur wenig erwähnt; sicher
unter anderem,
weil zu dieser Zeit nur wenige Schriften des Paracelsus bekannt waren. Themen wie
Signaturenlehre
oder Astrologie waren aber ohnehin keine Schwerpunkte in diesen Büchern. Es handelt
sich vielmehr
um eine Zusammenfassung bisher bekannter Heilindikationen nach den Vorstellungen
des Dioskuri
des und des Galen, die von Paracelsus aber vehement abgelehnt wurde.
Adam Lonitzer (oder Lonicer; 1528-1586): Kreuterbuch. M it seinen über 1300
Holzschnitten und
seiner Informationsfulle gehört dieses Buch zu den besonders interessanten seiner
Zeit. Wichtig sind
auch seine Ausführungen zur Kunst der Destillation. W ie schon die »Väter der
Botanik« verzichtet
auch Lonitzer weitgehend auf metaphysische Zusammenhänge, Signaturenlehre oder
Astrologie. Die
Elementenqualitäten werden dagegen berücksichtigt.
Pier Andrea Mattioli (1500-1578): Leibarzt von Ferdinand I. Seine Kommentare zu
Dioskurides
und sein Kreuterbuch machten ihn berühmt.
Leonhardt Thum eysser (1531-1596): Historia vnd Beschreibung
Jnfluentischer/Elementischer vnd

1588

1589
1606

1610
1649

Natürlicher JVirckungen/Aller fremden vnd Heimischen Erdgewechssen/attch jre r


Subtiliteten/sampt warhafftiger vnd Künstlicher Conterfeitung. Als Schüler des
Paracelsus berücksichtigte Thumeysser in sei
nem eigenwilligen Werk, das sich ausschließlich mit der Familie der Umbelliferen
(Doldenblüder)
befasst, nicht nur die Heilkunde, sondern vor allem auch astrologische
Zusammenhänge. So sind zu
den einzelnen Pflanzen individuelle Horoskope zum Wesenhaften der Pflanze,
Sammelhoroskope
und astrologische Signaturbeschreibungen aufgefiihrt.
Jakob Theodor (nannte sich nach seinem Heimatort Bergzabern Tabemaemontanus, ca.
1520 bis
1590): Kreutterbuch. Bis heute eines der umfangreichsten und schönsten
Kräuterbücher überhaupt
(1660 Seiten, ca. 3000 Monografien mit 2500 Holzschnitten); allein der Index
umfasst ca. 100 Seiten.
Johannes Huser (1545-ca. 1600) beginnt mit der Herausgabe der Schriften des
Paracelsus, darunter
auch die Schriften über Heilpflanzen; Basel 1589-1591 und Straßburg 1605.
Bartholomäus Carrichter (genaue Lebensdaten unbekannt): Horn deß heyls Menschlicher
Blödigkeit
oder. Kreutterbuch, darinn die Kräuter des Teudscbenlands aus dem Licht der Natur
nach rechter A rt der
himmlischen Einfließungen beschriben. Ganz nach paracelsischer Tradition werden
nicht nur die Heil
wirkungen diverser Pflanzen beschrieben, sondern auch die astrologischen
Zuordnungen und das
Sammeln in Abhängigkeit von kosmischen Konstellationen. Sein W erk verstand
Carrichter als Ge
gengewicht zu den »Vätern der Botanik«, für die astrologische Zusammenhänge kaum
eine Rolle
spielten.
Erste gedruckte Ausgabe des Dioskurides in Deutsch durch Peter Uffenbach in
Frankfurt am Main.
Nicholas Culpeper (1616-1654): Complete Herbai. Nicht ohne Grund nennt man Culpeper
auch den
»englischen Paracelsus«. Die astrologischen Ausführungen machen sein Kräuterbuch zu
einer der
wichtigsten Schriften d tt hemetischeti Kräuterkunde. Obwohl es seit seinem
Erscheinen ununter
brochen aufgelegt wurde, hat man es bis heute leider nicht ins Deutsche übersetzt.

1696

Theodor Zwinger (1658-1724): Theatrum botanicum. Umfangreiches Kräuterbuch nach dem


Bota
niker Bernhard Verzascha. Die Auflage von 1744 wurde von seinem Sohn Friedrich
Zwinger erheb
lich erweitert.

1751

1882

1938

Carl von Linne (1707-1778): Systema naturae (1735), Bibliotheca botanica (1736),
Philosophia botanica
(1751). Begründer der botanischen Systematik nach der Struktur der Blütenorgane und
Einführung
der binären Nomenklatur (der erste Name gibt die Gattung an, der zweite die Art).
Es war seine
Überzeugung, dass eine weltweite Bestandesaufnahme aller Arten eine Erkenntnis des
göttlichen
Schöpfungsplans bedeuten würde.
A. Husemann, A. Hilger und T. Husemann veröffentlichen eine Sammlung des gesamten
Wissens
über Die Pflanzenstoffe in chemischer, physiologischer und toxikologischer Sicht. M
it 1571 Seiten war es das
erste Lexikon der »rationalen Phytotherapie«.
Gerhard Madaus (1890-1942): Lehrbuch der biologischen Heilmittel. Zahlreiche
historische Kräuter
bücher sind integriert. Besonders wichtig sind die Bezüge zu Paracelsus mit Angabe
der Zitatstellen
aus der Aschner-Ausgabe.
Wilhelm Pelikan (1893-1981): Heilpflanzenkunde. Nach paracelsischen und
anthroposophischen
Gesichtspunkten verfasstes Kräuterbuch.
Das Licht der Natur
Philosophie als Grundlage der Heilkunst
»Also ist d ie P hilosophie die M u tter d e r A rznei.
so dass m an d ie N atur erk en n en soll.« (P aracelsus 1/359)

Die Freiheit des Menschen


Philosophie und H eilkunst bildeten für Paracelsus
eine untrennbare Einheit. Er schrieb: »G eraten die
M ediziner in W iderspruch m it der Philosophie, so
sind sie sich über den Gegenstand ihrer W issen
schaft nicht klar. M an muss einsehen, dass alles, was
die Arzte tun, verfehlt und vergebens ist, wenn sie
nicht in Einklang m it der Philosophie sind und
wenn sie philosophischen Erörterungen aus dem
W ege gehen« (1/133).
Als Freigeist gab er sich jedoch nicht m it den
dogm atischen V orstellungen seiner Z eit zufrieden,
in der man jede Frage stereotyp m it der antiken
E lem entenlehre oder m it der Kirchendoktrin be
antwortete. V ielm ehr suchte er nach neuen Antwor
ten auf grundlegende philosophische Fragen, wie
etwa die nach den G esetzm äßigkeiten, die in der
sinnlich wahrnehm baren und unsichtbaren W elt
wirken: W as ist G esundheit und was K rankheit, und
woher stam m t die H eilkraft einer Substanz? W oran
kann man die heilenden Eigenschaften einer Pflanze
erkennen, und welche Therapiem ethoden, Be
wusstseinszustände oder Lebensweisen fördern bzw.
hemmen den H eilungsprozess? Paracelsus w ar also
nicht nur Arzt, sondern vor allem auch ein »W 'ahrheitsforscher« (E. Schlegel,
1915). Im medizinischen
Bereich verstand sich Paracelsus als N achfolger des
H ippokrates. Philosophisch gesehen trat er dagegen
in die Fußstapfen des H erm es Trism egistos, dessen
G edankenwelten auch die seinen waren (111/22 7ff,
111/316).
Von besonderer Bedeutung für das Verständnis
der herm etischen V orstellungen des Paracelsus wie
z.B. die Idee der Beziehung von M akro- und M ikro
kosmos sind die philosophischen Schulen der N euplatoniker und G nostiker in den
ersten Jah rh un der
ten unserer Z eitrechnung. Aus dieser Zeit stammen
wohl auch zahlreiche Schriften, die man Hermes

zuschreibt. In der Renaissance wurden diese G e


danken wieder aufgegriffen, vor allem von italien i
schen Philosophen wie M arsilio Ficino (1433-1499)
und Giovanni Pico della M irandola (1463-1494),
deren hum anistische Ideen damals viele fortschritt
liche Denker, darunter auch Paracelsus, beeinfluss
ten. Sie suchten nach einer E inheit zwischen R eli-

Die Elem entenkräfte, u m g e b e n v o n der Polarität der zwei


Lichter S o n n e und M o n d und den vier W inde n , die zeigen,
d a ss die Elem ente ursp rü n glich der A stra lsp h äre e n tsta m
m en. In der M itte zeigt sich die Erde m it G ebäuden, Flüssen
u nd der g rü n e n Natur, u m g e b e n v om Elem ent W asser,
da n n fo lgt d a s Elem ent Luft und schließlich d a s Feuer, das
m it den G e stirnen identisch ist. Ü ber allem th ro n t das
gö ttliche Licht. A q u a re ll,frü h e s 15. Jahrhundert.

A

A
V

Die N atu r zu erforschen w a r fü r Paracelsus eine


E in w e ih u n g in d a s Licht der Natur. »Initiation«, Ö lbild von
C harles Sellier, 1880.

gion und Philosophie, wobei antike M ysterien und


Philosophie oder christliche M ystik genauso Beach
tung fanden wie magisches und kabbalistisches W is
sen.
G rundgedanke ist eine W eltenharm onie, die
man sich als fünfgliedrige H ierarchie des Seins vor
stellte; die einzelnen H ierarchiestufen sind: das
G öttliche, die Sphäre der Engel, die Seele und die
m ateriellen Körper sowie deren Eigenschaften, die
man dam als m it den Q ualitäten warm, kalt, feucht
und trocken beschrieb. Die allerhöchste göttliche

M acht verstand man als einen geistigen Lichtstrahl,


der die sinnlich wahrnehm bare W elt durchdringt
und ihr Schönheit und H arm onie verleiht.
Philosophen und Künstler waren berufen, diese
Schönheit zu beschreiben und darzustellen, wäh
rend W issenschaftler ihre G esetzm äßigkeiten erfor
schen und verständlich machen sollten.
Die W elt als göttliche Sphärensinfonie sollte in
all ihrer Schönheit im M enschen die Liebe zum
Schönen und zur X atur erwecken, um ihn wieder
zum G öttlichen zurückzuführen. Die Seele des
M enschen ist dabei das Verm ittelnde zwischen
Gott, Kosmos und Natur, da sie einerseits Spiegel
bild des G öttlichen, andererseits aber auch m it der
sinnlichen W elt verbunden ist.
Die Besonderheit des M enschen im G egensatz
zu den anderen ihn umgebenden N aturreichen be
steht in seinem freien W illen , sich entweder zum
göttlichen Sein. d. h. zur G esundheit, zu entwickeln
oder aber den Leidenschaften und dam it der Krank
heit anzuhaften.
Selbsterkenntnis und Ethik galten daher als
oberste Gebote, während man gesellschaftliche
Zwänge weitgehend ablehnte, denn nur ein selbst
bestim m tes Individuum hat die F reiheit zur W ahl.
W ie M irandola in seinem Traktat Ü ber d ie W ürde
des M enschen anm erkte, sind w ir »geboren worden
unter der Bedingung, dass w ir das sein sollen, was
w ir sein w ollen« (G. Pico della M irandola, 1496/
1997).
Auch Paracelsus vertrat die Ansicht einer gottge
wollten Freiheit, dam it wir durch eigenes Bemühen
den W eg zur Vollkom m enheit finden. Zur O rien
tierung auf dem W eg zu G lück und G esundheit
muss man jedoch eine Vorstellung von den unsicht
baren Kräften haben, die in der N atur und auch im
-Menschen wirken.
»W as k önnte w oh l m eh r z u r w a h ren R eligion,
z u r V erehrung G ottes an treib en als die stä n d ige
B etra ch tu n g d e r W under G ottes? Wenn w ir diese in
d e r n a tü rlich en M a gie w oh l d u rch forsch t haben,
dann w erd en w ir um so b ren n en d er auch z u r
V erehrung u nd z u r Liebe des K ün stlers getrieb en
w erd en .« (G iovanni Pico della M irandola,
Ü ber d ie W ürde des M enschen, 1496/1997)
Das Staunen über das Wunderbare
Für den herm etisch denken Paracelsus war die ge
samte X atur vom göttlichen G eist durchdrungen
und belebt. M it dieser Vorstellung kann man ihn zu
den Vertretern des H ylozoism us4 zählen. Anhänger
dieser Lehre sind der Ansicht, dass Empfindung,
T riebhaftigkeit und Bewusstsein Eigenschaften der
M aterie sind. Berühmte V ertreter waren beispiels
weise T haies von M ilet (624—um 547 v.C hr.), der
den M agnetism us als Seele des Eisens bezeichnete,
da seiner M einung nach Bewegung Bewusstheit
voraussetzt. Von ihm stam m t auch der berühm te
Satz: »D er L’ rsprung aller D inge ist das W asser.«
Der Philosoph Anaximenes (ca. 585-525 v. Chr.) sah
dagegen im Elem ent Luft das beseelende W elt
prinzip. Bei Paracelsus wandelte sich diese Idee
zum alles durchdringenden göttlichen Chaos, das in
allen Substanzen wirkt. D er Paracelsist Johan Bapdsta van H elm ont (1579-1644)
führte dafür den
Begriff Gas ein. wobei unter den Begriffen Luft,
Chaos und Gas auch moderne Begriffe wie Infor
mation, Schw ingung oder Resonanz zu verstehen
sind.
Die höchste Instanz w irkt auch im Inneren des
Körpers. Paracelsus nannte sie abwechselnd arcbeu s,
innerer Alchim ist oder sp iritu s vitalis. Aufgrund der
geistartigen Beschaffenheit des Archeus postulierte
Paracelsus die T hese, dass auch das H eilm ittel
geistartig zu sein habe, um tiefgreifend wirken zu
können. Sein Schüler van H elm ont übernahm diese
Idee und erdachte ein Schlüssel-Schloss-System . Er
glaubte, dass in der H eilsubstanz und im Körper
eine ähnliche Kraft existiert, die beide zueinander
führt, ähnlich dem Gesetz der Affinität. Diese Kraft
nannte er sa p or sp ecificiis (spezifischer Geschmack)
und Bote des Archeus. Dies war ein durchaus
m oderner G edanke, der spätere Entwicklungen im
Bereich der Pharm akodynam ik vorwegnahm (G.
Stille. 1994).
Für Paracelsus bestand die X atur aber noch
nicht aus E lem entarteilchen und Biokatalysatoren.
Die X atur war für ihn der wahre G arten Eden, und
selbst das kleinste G eschöpf sah er von göttlicher
Liebe erfüllt. Alles war Teil des großen Ganzen,
nichts ohne Belang. Säm tliche X aturreiche waren
4 G riechisch kyle = M aterie, und zoc = Leben.

auf wunderbare W eise vom höchsten Sein zu einem


großen Ganzen m iteinander verwoben. Als Eben
bild Gottes und M ittelpunkt der W elt war der
M ensch dazu berufen, das W echselspiel der Schöp
fungskräfte zu erkennen. Er ist das letzte G lied der
Schöpfung und besteht aus säm tlichen Bausteinen
des Universum s. Er ist G estirn, M ineral, Pflanze,
T ier und darüber hinaus ein vernunftbegabtes
W esen m it engelhaften Zügen, das m it H ilfe seines
Geistes die Zusammenhänge zwischen den Exis
tenzformen erkennen kann.
Die unterschiedlichen X aturreiche verglich Pa
racelsus m it einzelnen Buchstaben, während der
-Mensch für ihn das daraus gebildete W ort verkör
perte (IV/428). W eil der M ensch die ganze Existenz
in sich trägt, kann auch alles m it ihm in W echsel
w irkung sein. Alles kann für den M enschen dabei
giftig und schädlich oder aber nützlich und heilend
sein, je nach Dosis und Zeitpunkt der Einwirkung.
Als Alchim ist erkannte Paracelsus, dass im G ift die
größte H eilkraft liegt und dass der U nterschied
zwischen G ut und Böse nur ein gradueller ist, was
damals ein durchaus ketzerischer Gedanke war.
Das Begreifen des Kräftespiels der X atur, ihrer
Rhythmen und Q ualitäten war für ihn die G rund
voraussetzung für eine erfolgreiche H eilkunde. Die
Kenntnis von diesen Zusam m enhängen nannte er
philosophia adepta: »S ie lehrt die Kraft und Eigen
schaft der D inge« (II/513). Für ihn musste der Arzt
»ein X aturforscher sein (...), bevor er ein Arzt wird.
Da die X atur selbst durch ihre Kunst (...) Arcana
(wahrhafte Arznei) macht und nicht durch die
Kunst der M enschen, empfehle ich es der X atur
und der Arzt soll erfahren, was die X atu r zusam
m ensetzt, kocht und bereitet. Der Arzt soll diese
Apotheke besichtigen (...), soweit die W elt ist, in
den Bergen, in den Felsen, in Steinen, im Sand und
üb erall« (1/603).
»H inaus in die X atu r« lautet also die Devise!
W er eine Pflanze als H eilm ittel nutzen w ill, der
sollte sie zuerst an ihrem W achstum sort studieren,
der sollte wissen, wo und wann und in welcher
Gesellschaft sie gedeiht, der sollte ihre sinnlichen
Q ualitäten wie Farbe, Geschmack, Geruch oder
Konsistenz erfahren. Säm tliche beobachtbaren
Phänomene sind bedeutsam und müssen m it dem
M enschen in Beziehung gebracht werden. Je mehr
Zusam m enhänge dieser Art dem Einzelnen präsent
Jesu s als H eiler inm itte n sym b o lträ ch tige r Heilpflanzen: H im m e lssc h
lü sse l (Prim ula veris),
Reichsapfel als Sym b o l fü r die M a te rie und d a s A ntim on, T a u se n d sc
h ö n (A m a ra n th u s
paniculatus), Büste m it der B e ze ic h n u n g W olfahrt, Ehrenpreis oder Heil
aller Schäd e n
(Veronica officinalis), W e g w a rte n b lü te (= den W e g w eisend, C icho rium
intybus), Blätter
der M a rie n d iste l (Silybu m m arianum ), B alsam k rau t (Im pa tie ns balsam
ina),T e ufe lsab biss
(Succisa pratensis), W ütte rich (C o nium m aculatum ), W u n d e rb a u m
(Ricinus com m unis),
Feige (Ficus Sycom orus), Kreuzenzian (= Heil aller Schäden, G e ntia na cruciata),
s y m b o li
sch e s Kreuz (= W einstock), Sto rchschn ab el (= G ottes Gnad, G e ra n iu m
robertianum ),
B orretsch als H erze nsfre ud e (B o rago officinalis), G la skra ut (Parietaria
officinalis), V e rg iss
m e in n ich t (M y o so tis arvense), Sch la gkräu tle in als Jelängerjelieber
(Ajuga cham aetipys),
G o ld w u rz (= Türkenbundlilie, Lilium m artagon), K leinod a u s Edelsteinen,
blutroter
Edelstein, A u g e n tro st (Euphrasia officinalis), in G old ge fa sste s Herz und
als letzte Pflanze
der D o st o de r W o h lg e m u t (O rig a n u m vulgare). Öltafelbild, u m 1700,
G e rm a n isc h e s
N a tio n a lm u se u m , N ürnbe rg.
sind, desto tiefer ist seine philosophische Erkennt
nis. Auf diese W eise entdeckt der aufmerksame Be
obachter auch die in Frage kommenden H eilm ittel,
die eine m öglichst große Ähnlichkeit m it dem Ge
schehen im Körper aufweisen müssen. Wrenn die
M edizin aber nicht auf der Philosophie beruht,
dann ist sie »nichts als eine dürre, geruchlos gew or
dene Zim trinde, die einem im M aul zergeht wie ein
Filzhut« (Paracelsus 1/211).
L eider kam es im Laufe der Geschichte zur
Trennung von G eistes- und N aturwissenschaft.
Wrenn man heute m it N aturwissenschaftlern über
das G eistartige in der WTelt der Erscheinungen phi
losophieren möchte, erntet man oftmals nur einen
fragenden Blick oder ein m ildes Lächeln. W ie Ru
dolf Hauschka treffend bem erkte, ist in der m oder
nen W issenschaft leider »d e r E rlebnisinhalt eines
Phänomens verküm m ert und wird auf einige regis
trierfähige Faktoren reduziert. (...) In diesem Stre
ben wird alles Q ualitative, das nicht durch M aß,
Zahl und G ewicht erfassbar scheint, ausgeschaltet.
(...) In der heutigen Zeit haben w ir allen Kontakt
m it der übersinnlichen W elt verloren; das Einzige,
was uns noch davon erhalten blieb, ist eine dumpfe
Erinnerung, welche Form gefunden hat in den re li
giösen Dokumenten, Legenden, M ythen und Sagen«
(R. H auschka, 1965).
W issenschaft ohne N aturverbundenheit und
Spiritualität schafft aber letztlich nur Zerstörung
und Chaos. Der Preis für unseren technischen Fort
schritt ist eine verwüstete Natur. LTm keinen Zwei
fel aufkommen zu lassen, erzeugt man so lange
Angst vor der W ild h eit der N atur, bis man froh ist
über jeden Fortschritt. Die N atur wird als perm a
nente Gefahr interpretiert - überall lauern Zecken
und Fuchsbandwürmer, Vogelgrippe und M alaria.
W ie w underbar ist es doch, dass es da die keim freie
Wrelt der W issenschaftler in ihren R einraum an
zügen gibt, die einem Sicherheit und G esundheit in
einer dom estizierten und sterilen W elt vorgaukelt.
Es herrscht K rieg gegen die ungezähm te N atur; w ir
alle sind Teil eines globalen Vernichtungsfeldzuges,
der erst enden wird, wenn der letzte U rw aldriese zu
Sperrholz verarbeitet wurde.
Doch langsam däm m ert es vielen, dass w ir auf
dem besten W ege sind, aus dem G arten Eden ein
Tor zur H ölle zu machen. N ur: Wro soll man anfan
gen? Eine geistige N euorientierung beginnt m it der

Ü berprüfung unserer E instellung zur N atur und


dam it zu uns selbst. V ielleicht sollten w ir als Erstes
w ieder lernen, über diese W elt zu staunen. W enn
w ir die N atur wieder als etwas W underbares sehen
könnten, hätte die Erde vielleicht etwas von ihrer
einstigen Freiheit zurückgewonnen, was vielleicht
auch unsere Seelen von Angst und Depression be
freien würde. Der notwendige Bewusstseinswandel
wird m öglich, wenn w ir begreifen, dass der indivi
duelle Wreg zur H eilung auch darin besteht, das
Ganze zu heilen. Wras w ir w ieder lernen müssen, ist
die Einheit von N aturverehrung und H eilkunst.
Die Erfolge der W issenschaft sollten nicht daran
gemessen werden, inwiefern sie uns Vorteile ver
schaffen, sondern ob sie nützlich und heilsam für
das Ganze sind.
W er zudem nur auf das M essbare und sinnlich
Fassbare achtet, der hat das Staunen verlernt. Ihm
werden sich die wahren G eheim nisse der N atur nie
mals wirklich offenbaren. »W'enn w ir allein auf das
V ergängliche sehen, so sind w ir blind. Denn da w ir
an diesem hängen, haben w ir zum Ewigen keine Be
ziehung. W enn aber unsere Augen w eiter sehen,
dann werden uns die W underwerke Gottes offen
bart« (Paracelsus IV/569).
»D ie W eisheit hat keinen F eind, n u r d en , d e r sie
n ich t v ersteh t.«
(P aracelsus III/614)

Das Unsichtbare in der sichtbaren Welt


Im Gegensatz zum m odernen physikalischen W elt
bild war Paracelsus von einer höheren iMacht über
zeugt, die auch im kleinsten Teil der Schöpfung
vorhanden ist. Er schrieb: »D as sollen w ir wissen,
dass G ott am Anfang und bei der Schöpfung von
allen D ingen keinen einzigen Körper ohne Geist
geschaffen hat, den der Körper verborgen in sich
führt« (III/239).
Die alles belebende göttliche Kraft ist den Sin
nen nicht ohne weiteres zugänglich, sie ist un
vorstellbar, grenzenlos und physikalisch nicht zu
messen. Erst wenn man alle m öglichen Ausdrucks
formen der Existenz gleichzeitig bewusst w ahrneh
men könnte, würde man eine ungefähre Ahnung
vom höchsten Sein bekommen. Dies ist, wenn über
haupt, nur auf mystische W eise m öglich. W eil der
wissenschaftliche N achweis einer geistigen U rkraft
unm öglich ist, kann man jedoch nicht behaupten,
dass diese geistige W elt nicht existiert. W ie Giordano Bruno (1548-1600) m einte,
gibt es »keinen
Sinn, der das U nendliche sieht. (...) Denn das U n
endliche kann nicht G egenstand der Sinne sein.
Und daher ist, wer es m ittels der Sinne zu erkennen
verlangt, wie einer, der die Substanz und die Essenz
m it Augen sehen w ill. U nd w er etwa deshalb ihre
Existenz abstritte, weil sie nicht fühlbar oder sicht
bar ist, käme dahin, sein eigenes Sein und W esen zu
leugnen« (G. Bruno, zit. n. G. W ehr, 1999).
Die geistige Kraft in der W elt der Erscheinun
gen nannte Paracelsus das »L ich t der N atu r«. D ie
sem Licht galt seine ganze V erehrung, es w ar seine
Religion - er sprach tatsächlich selbst von seiner
Philosophie als »R eligio n der A rznei« (1/543).
Ö ffentliches religiöses Gehabe, R eliquienkult oder
H eiligenverehrung lehnte er dagegen vehem ent ab.
»Sein e geheim ste und tiefste Leidenschaft, seine
schöpferische Sehnsucht gehörte dem h in ten n a tn ra e
(L icht der N atur), dem in der Finsternis begrabe
nen G ottesfunken, dessen Todesschlaf auch selbst
die O ffenbarung des Gottessohnes nicht zu über
winden verm ochte« (C. G. Ju n g, 2001).
W ährend w ir heute davon ausgehen, dass die
W elt w eitgehend von physikalischen G esetzm äßig
keiten bestim m t wird, w ar Paracelsus der Ü berzeu
gung, dass diese Gesetze nur eine Seite der M edaille
darstellen. Auf einer viel subtileren, geistartigen
Ebene war für ihn jede Form auch von einem G eist
fluidum durchdrungen, das m it naturw issenschaftli

chen Gesetzen nicht zu beschreiben ist; diesen un


sichtbaren Leib kann man auch als A stralkörper
oder Seelenleib bezeichnen. In allem w irkt dieser
feinstoffliche Körper, also auch in säm tlichen H eil
m itteln. Die unsichtbaren astralen Kräfte bewirken
die Eigenschaften der natürlichen D inge, sie sind
aber auch Träger unserer individuellen W esens
und W illensnatur.
Die astralen Eigenschaften der Substanzen bezeichnete Paracelsus als Tugenden. Sie
sind in
jedem Teil der Schöpfung mehr oder w eniger ent
halten. Diese Eigenschaften können giftig und
schädlich, aber auch nützlich und dam it heilend
sein. Im G egensatz zur Seelennatur des M enschen
sind die Tugenden der restlichen N atur vorherbe
stim m t. Sie wurden in w eiser Voraussicht bereits
vor dem M enschen geschaffen, um m enschliches
Leid zu lindern: »F ern er sollt ihr wissen, dass w ir in
allen D ingen von der N atur zu verstehen haben,
dass die Gehäuse H erbergen der Tugenden sind
und dass die verschiedenen Formen Zeichen dafür
sind, um eine jede suchen zu können, und dass Gott
diese Kräfte und Tugenden in die N atur gegossen
hat, wie die Seele in den M enschen« (Paracelsus
W/123).
L'm die Tugenden der N atur zu entdecken, muss
man auf sinnlich wahrnehm bare D etails wie Form
und Farbe achten, die eine Aussage über das innere
W esen erm öglichen; doch die N aturerkenntnis des
Paracelsus geht w eit darüber hinaus. In der m ysti
schen Schau verwischen sich die G renzen zwischen
subjektiver W ahrnehm ung und dem Objekt der Be
obachtung: Betrachtet man die M ineralien, ent-

Z eus beobachtet die


M e ta m o rp h o s e von der
Pflanze zum M e n sc h e n
über sieben Stufe n an a lo g
den sieben Plane te n
kräften. H o lzsc h n itt um
160 0 .
deckt man in den K ristallform en die heilige Geo
m etrie der X atur, betrachtet man die Pflanzen, be
kommt man eine Vorstellung von der Lebenskraft,
während einem die T ierw elt die Empfindungsseele
bewusst macht. Die Selbsterkenntnis des M enschen
ist schließlich das Tor zum göttlichen \Y’esen. H ier
bei ging es Paracelsus aber nicht nur um eine tiefe
Versenkung gleich einem Yogi, der seinen Blick auf
seine Innenw elt richtet, sondern auch um die Be
obachtung der Erscheinungen in der realen W elt,
um das L'nsichtbare im Sichtbaren zu begreifen.
»A uf der Stufe der höchsten Erkenntnis strebt
Paracelsus durchaus danach, das einheitliche U rwesen der W elt lebendig m it
seinem G eiste zu ver
schmelzen. Er weiß aber, dass der M ensch die
X atur in ihrer G eistigkeit nur erkennen kann, wenn
er m it ihr in unm ittelbaren Yerkehr tritt. (..) Para
celsus sucht daher nicht G ott oder den G eist in der
X atur; sondern die X atur, wie sie ihm vor Augen
tritt, ist ihm ganz unm ittelbar göttlich « (R. Steiner,
zit. n. W. Daems, 2001).
X u r vor diesem H intergrund wird deutlich, dass
der Alchim ist Paracelsus bei der A rzneiherstellung
nicht an etwas Stofflichem interessiert war. Er war
auf der Suche nach dem Stein der W eisen - das ist
das L icht in der X atur. Dieses wollte er extrahieren
und als H eilm ittel nutzen. Das L icht ist jedoch rein
spiritueller X atur. Ü berhaupt wird seine H eilkunst
erst verständlich, wenn man sich den Stoff als Trä
ger geistiger Energien vorstellt. H ieraus die Geburt
der m odernen W'irkstoffidee abzuleiten ist nur be
dingt richtig. Anders verhält es sich dagegen z.B.
m it der H omöopathie, die durch diese Gedanken
überhaupt erst verständlich wird: Denn »w esentlich
zum \ erständnis der m edizinischen und alchim isti
schen Lehren des Paracelsus ist es, dass er nur mit
Kräften operierte. Der Stoff und das M edikam ent
an sich wirken nur insofern, als sie Träger astraler
Kräfte sind und in sich die Q uinta essentia (L'mschreibung für den W eltgeist) des
betreffenden
Stoffes b ergen « (B. Aschner, 1926).
»D em i in uns ist das L icht d e r X atu r u n d das
L icht ist Gott. D araus fo lg t denn, dass w ir g ö ttlich e
W eisheit in sterb lich en i Leibe tra gen .«
(P aracelsus I I 7499)

Das fantastische Reich der Elementarund Fabelwesen


In alter Zeit war die W eit nicht nur ein Spiegelbild
göttlicher Kräfte, sie war auch beseelt von Fabel
wesen wie dem Kentauren, dem Basilisken oder
dem Einhorn. U nsere Vorfahren erlebten die X atur
noch als fantastisches Reich der G eister, die im
H erdfeuer leben oder den Acker fruchtbar machen.
Sie verehrten die G ötter in den Bäumen, im W'ind
und im Donner. Der W acholder galt als Tor zu den
Zwergenwelten, und im H olunder sah man die gü
tige Frau H olle. Die X atur galt als heilig, und nie
mand wäre damals auf die Idee gekommen, dass
man zur Verehrung der G ötter ein Haus bauen
müsste. Ihr Tempel war der heilige H ain. M it dem
Aufkommen des Christentum s verschwand dieser
G laube langsam, aber sicher. W b dies nicht freiw il
lig geschah, wendete man rohe G ewalt an. Die X aturverehrung war schon bald in
ganz Europa unter
Androhung der Todesstrafe verboten. X u r im .Mari
enkult blieb etwas davon erhalten. Geistwesen sind
in unserer rationalen aufgeklärten W elt inzwischen
nur noch im M ärchen zu H ause, oder sie treiben in
der W elt von Harn,' Potter ihr Unwesen.
Die Kirche hatte m it ihrer Strategie leider ausge
sprochen großen Erfolg. Sie führte jedoch nicht nur
zum U ntergang der heidnischen X aturreligionen,
sondern auch zu einem hem mungslosen U m gang
m it der X atur. W enn die X atur nichts G öttliches
mehr in sich trägt, verletzt man auch kein Tabu,

‘S i a d i /

© c ß la n g /

T ta tcx /

C o lu b e r , ije rp e n s, N a t t i x .

Fabelw esen a u s dem


K räuterbuch des A d am
Lonitzer (1557).
indem man sie gnadenlos schändet. Durch diese
E ntweihung der X atur konnte es geschehen, dass
für viele heute ein Auto ein größeres H eiligtum
darstellt als ein tausendjähriger Baum. C. G. Ju n g
brachte dies auf den Punkt, als er schrieb: »Bald
wird die W elt der U ndinen und Sylphiden ihr Ende
erreichen, und erst im Z eitalter der Seele werden
sie w ieder ihre Auferstehung feiern, wo man sich
alsdann wundern wird, wieso man so alte W ahr
heiten je vergessen konnte. Aber es ist natürlich
viel einfacher, wenn man annim m t, dass das, was
man nicht versteht, gar nicht existiere« (C . G. Jun g,
2 0 0 1 ).

Dass es auch in einer m odernen W elt anderes


gehen kann, zeigt sich in Island, wo es staatliche
Sonderbeauftragte für X aturw esen gibt. Paracelsus
hätte diese Aufgabe sicher gern ausgeübt, denn er
war der festen Ü berzeugung, dass jeder Bereich der

Der G la u b e an N a tu rw e se n
als Lehrer de s M e n sc h e n
s ta m m t a u s heidn ischer
Zeit. D a m a ls ga lte n Tiere
noch als Boten der Götter,
O u e lln y m p h e n o ffenbarten
die Zukunft, u n d im
Rascheln der Blätter glau b te
m an, die S tim m e n der
G ötter zu ve rn e h m e n. D as
Bild zeigt Allvater O d in m it
seinen zwei Raben H u g in
u n d M u n in , die D e nke n und
E rin n e ru n g sym bolisieren,
sow ie den zw ei W ölfen
Geri und Freki als seinen
m a gisc h e n W ächtern.
B le istiftze ich n u n g von
Edw ard Burne-Jones, 1883;
B irm in g h a m M u s e u m s
an d Art Gallery.

uns umgebenden X atu r auch ein W ohnort von


G eistern ist. Er schrieb sogar ein eigenes Buch zu
diesem T h em a.1'
Paracelsus sah in Geistwesen m enschenähnliche,
aber seelenlose W esenheiten, die über X aturprozesse und die H eilkräfte der X atu
r besondere
Kenntnisse besitzen. Auf diese W eise wurden sie
sogar zu fähigen Lehrern, allerdings waren sie in
der Auswahl ihrer Schüler recht w ählerisch: »D ie
G eister, die in den Elem enten sind, denen ist alles
bekannt, was in der X atur zu erfahren m öglich ist.
(...). W'enn der M ensch m it diesen G eistern reden
kann und ihnen sehr angenehm ist, so offenbaren
sie es ih m « (IV/75). Für Paracelsus war die G eister
w elt eine erfahrbare R ealität und kein Ammen
märchen. W oher hatte er aber solche konkreten
Vorstellungen? H atte er vielleicht zu viel W'ein ge
trunken oder war er einfach verrückt? Paracelsus
lehnte Rauschm ittel jedoch weitgehend ab, auch
wenn böse Zungen anderes behaupteten; und ver
rückt war er sicher nicht so sehr, wie seine Feinde
glaubten.
Er muss also noch einen anderen Z ugang zu die
ser W irklichkeit gekannt haben. Je länger man sich
m it Paracelsus beschäftigt, desto m ehr wird einem
bewusst, dass er sein W issen nicht nur auf gewöhn
lichem W ege gewonnen haben kann. Er selbst
sprach im m er wieder davon, dass er Offenbarungen
em pfing oder U nterweisungen von Engeln und an
deren Geistwesen erhielt. W ie H ildegard träum te
er vielleicht sein W issen oder er kannte noch das
G eheim nis des »okkulten Sehens« (R. Steiner). W ie
Paracelsus schrieb, kommt es vor, »dass Gott den
M enschen viel im Schlaf wissen lässt, dass er dem
angeborenen G eist die Kabbala6 eröffnet und sie
durch Verhängnis Gottes dem M enschen verständ
lich w ird « (11/511). »G roß ist der, dessen Träume
richtig sind, denn er lebt und schwebt recht in die
sem kabbalischen angeborenen G eist« (11/512).
Sicher hatte er auf seinen jahrelangen und oft
mals einsamen W anderungen ausreichend Zeit für
eine Zwiesprache m it der X atur. Zeit und Geduld
benötigt man näm lich - zwischen zwei hektischen
5 Das Buch von den X ym pben, Sylphen , P ygrnaeen , S alam andern
un d den ü brigen G eistern. Seh r lesensw ert ist die F aksim ileaus
gabe und Ü b ertrag u n g von G unhild Pörksen, 1996.
6 Jü d isch e M ystik , in d er die K unst der Z uordnungen und das
D enken in A nalogien besonders berü cksich tigt w ird. P aracelsus
sah in dieser Kunst die höchste Sch ule der \Yeisheit.
H andytelefonaten im W ald zeigen sich Xaturvvesen
garantiert nicht. W’ir sehen heute außerdem m it un
seren rational verblendeten Augen auf die X atur
und vergessen dabei ganz, dass w ir diese Art des Se
hens nicht zum .Maßstab aller D inge erheben dür
fen. W enn w ir Paracelsus verstehen wollen, dann
müssen w ir m it seinen Augen in die X atu r schauen;
davor aber scheuen viele zurück. »D as H aupthin
dernis ist die Angst, die der .Mensch vor der geisti
gen W elt h at« (WT. Pelikan. 1958) - sie verleitet ihn
dazu, den G eisterglauben lächerlich zu machen.
W er sich jedoch frei von V orurteilen in das W un
derland begibt, der wird diese W elt schon bald als
Selbstverständlichkeit empfinden.
Es ist nicht einm al besonders schwer, einen Zu
gang zu den X aturgeistern zu finden. D erjenige,
dessen Sinne nicht völlig eingerostet sind, m erkt so
fort, wenn er an einem besonderen Ort ist: V iel
leicht wird man von der Schönheit e r g r i ffe n se in
oder den Platz als unheim lich und abstoßend em p
finden. Indem man auf die Stim m ung achtet, die ein
O rt verursacht, hat man bereits den ersten w ichti
gen Schritt getan. .Als X ächstes achtet man auf
besondere D etails wie X aturgebilde oder den Be
wuchs. Zusammen m it der Atmosphäre sind sie
ein Spiegelbild des Genius Loci, des Geistes eines
Ortes. X atürlich ist auch die m entale H altung
wichtig: »D a handelt es sich vor allem darum , durch
hingebungsvolle Versenkung bestim m te Sinnesein
drücke in m oralische Eindrücke zu verw andeln« (R.
Steiner, 1972), wom it die Integration der Sinneser
fahrung in das Ich-Bewusstsein gem eint ist.
Es ist auch eine Entdeckungsreise in eine andere
W eit, wenn man auf Ü berlieferungen achtet oder
auf besondere N am en, diese ernst nim m t und nicht
als Folklore abtut. Im Volk kennt man vielleicht
noch die eine oder andere G eschichte - dass dort
Erscheinungen oder W underheilungen geschahen
oder ein Spuk um geht. So bezeichnen auch X am en
wie Teufelsschlucht oder H exenagger im m er einen
interessanten Ort.
.Meistens sind es einsam e, w ilde, ungezähm te
G egenden, an denen Geistwesen leben. Je urbaner
ein G ebiet, desto w eniger G eister wird man w ahr
nehmen können - wobei es inzwischen sicher auch
»m u tierte« Elfen in städtischen Parkanlagen geben
mag.

»Es ist eitle törich te M ein u n g, dass w ir uns


f ü r das ed elste G eschöpf halten sollen, da m eh r
W elten sin d als w ir allein. Es ist ein e noch
g r ö ß e r e Torheit, dass w ir die. d ie aus u n serem
E lem ent sta m m en u n d auch L eute sind, n ich t
erk ennen, w ie die X a ch tgeister un d die G nom en.«
(P aracelsus 111/785)

Von Nymphen, Sylphen, Zwergen


und Salamandern
Doch selbst in den einsam sten Bergtälern gibt es
keine G arantie, dass einem X aturgeister erschei
nen. Elem entarwesen leben zwar wie wir auf dieser
Erde, jedoch in einer unsichtbaren parallelen W elt.
L'nsere Gesetze sind in der Anderswelt unbekannt.
WTie man es eben von G eistern kennt, können sie
über Wrasser gehen, und auch .Materie stellt kein
H indernis für sie dar: So gehen die Bergm ännlein
»durch .Mauern und Felsen und G esteine wie ein
G eist« (Paracelsus IV/49).
Q uellen, Tüm pel und Flüsse sind das Zuhause
der X ym phen. Sie behüten der Sage nach wertvolle
Schätze, die den .Menschen jedoch nicht selten
m ehr L'nglück als Vergnügen brachten - man denke
nur an das Rheingold in der X ibelungensage. Den
noch sind X ym phen oft sehr hilfreich. Als D ankes
opfer schätzen sie - wie soll es anders sein - das
.Mondmetall Silber, ist doch der .Mond H errscher
über das Elem ent W asser.
Es sind die X ym phen, die für die H eilkraft einer
Q uelle verantwortlich sind, nicht irgendwelche
chemischen Inhaltsstoffe. Ja , viele wertvolle H eil
quellen sind oft sogar relativ arm an besonderen
Inhaltsstoffen. Wras aber auffällt, ist, dass sie fast
im m er an verwunschenen Orten entspringen und
oft von einer Aura der Andacht und Stille umgeben
sind. An vielen Q uellen klappert und scheppert es
heute jedoch ohne L'nterbrechung, weil zahlreiche
Besucher dort inzwischen ih r Trinkwasser herholen.
Doch sollte man dabei bedenken, dass man gutes
Trinkwasser zwar in Flaschen abfüllen und m itneh
men kann, jedoch keine X ym phe. Ihre m agische
Präsenz spürt man nur vor Ort. Deshalb muss man
zur Q uelle pilgern, dam it die eigentliche H eilung
geschehen kann.
Paracelsus hat sich sehr intensiv m it H eilquellen
auseinandergesetzt; viele davon wurden überhaupt
zum ersten M al von ihm untersucht. M it seinen
Schriften kann man ihn durchaus als einen Pionier
auf diesem G ebiet bezeichnen. Da er noch keine ge
nauen chemischen Analysen durchführen konnte,
wohl aber einen Eindruck von der H eilkraft hatte,
verglich er die W irkung der Bäder am liebsten m it
H eilpflanzen. So m einte er z. B. von Bad Pfäfers in
der Schweiz, dass es der M elisse gleichen würde;
w eitere Beispiele sind Pfingstrose und Beifuß bei
O berbaden, Kam ille bei X iederbaden, Bittersüß
bei Bad Plum ers, M elisse und Drachenwurz beim
österreichischen Bad G astein oder Beinwell für
W alschbrunn (III/728ff).
Auch in der Alchim ie spielt W asser eine w ichtige
Rolle. Es macht einen erheblichen U nterschied,
ob man Q uellwasser, Regenwasser bei G ewitter
(»D onnerw asser«) oder Tau zur H erstellung einer
Arznei verwendet. Immer ist es chemisch gesehen
Wasser, aus alchim istischer Sicht bewirken jedoch

H e ilig e n b ru n n bei Pa ssau gilt als b e so n de rs heilkräftiger


J u n gb ru n n e n . In alter Zeit verehrte m an an Q uellen
N atu rgotth e ite n , h eute sind H eilq uellen fast im m e r M a ria
ge w eiht. In der N ä h e solcher Plätze fin d et m an auch
be sondere H eilp flan ze n - in d iesem Fall ist es ein ver
zauberter Erlenhain. Foto: O la f Rippe.

D a s F raunb rünn l bei G lonn, süd ö stlich von M ü n c h e n , w ird


seit Jahrhu nd e rte n rege besucht, doch der v e rw u n sc h e n e n
A tm o sp h ä re kon nte dies nicht schaden. W e n n es regel
m ä ß ig ge tru n k e n wird, soll das W a sse r die »W iedervervollk o m m n u n g
s g e n e s u n g « bew irken, vor allem bei A lte rs
gebrechlichkeit un d bei A u ge n le id e n ; a u ß e rd e m gilt es als
heilkräftig bei Infektionen. Foto: O la f Rippe.

die Umstände der Entstehung jeweils eine andere


Q ualität. Besonders beliebt bei Alchim isten ist der
»M aien tau «, den man in den M orgenstunden im
W onnem onat M ai von den W iesen sam melt. Er
trägt die Lebenskraft des Sternzeichens Stier und
die regenerativen Eigenschaften der Venus in sich;
als »T eren iab in« wurde er von Paracelsus oft er
wähnt und verwendet. Eine besonders lebendige
Kraft hat auch das G uttadonswasser des Frauen
mantels, der schließlich nicht ohne Grund Alchem illa heißt (M. M adejsky, 2000). W
enn man die
Tropfen am Blattrand des Alchim istenkrauts sieht,
möchte man meinen, sie wären von Zauberhand
entstanden.
Als Kind hat man uns noch erzählt, dass Elfen
darin baden würden. Sie beschrieb Paracelsus als
lufthafte W esen. die m it den Kräutern in der W ild
nis und in den W äldern verbunden sind. »S ie haben
Kleidung, kennen die Scham, haben Zucht und
Orden und eine O brigkeit wie die Bienen, sie schla
fen und wachen wie der M ensch, sie kennen Krank
heiten wie der M ensch« (IY/52).
Im Volksglauben sind zahlreiche Pflanzen m it
Elfen verbunden. So spricht der Volksmund von der
Akelei als Elfenhandschuh; weitere Beispiele sind
Betonie, Salom onssiegel, Einbeere, Knabenkraut
oder Engelwurz. Findet man größere Bestände die
ser Pflanzen, sollte man unbedingt eine Z eitlang
dort verweilen, vielleicht geschieht ja das W under,
und man sieht die kleinen W esen einm al vorbei
huschen. Es sind »G lücksplätze« oder »O rte des
H eils«, die man nur mit größtem Respekt betreten
sollte. Im Volk weiß man auch noch, dass das Sam
m eln an solchen Orten einen Tabubruch darstellt
und nur m it dem Einverständnis der ortsansässigen
G eister geschehen darf - sonst braucht man sich
über anschließendes U nglück nicht wundern.
Es gibt aber auch Orte des U nheils, von denen
m eistens Spukgeschichten überliefert sind. Oft sind
es bizarr geform te unheim liche X aturgebilde oder
Ruinen und abseits gelegene, verlassene Häuser. So
gibt es in der N ähe von W asserburg am Inn ein ein
sames Haus, in dem sich bereits m ehrere Bewohner
das Leben genommen haben sollen; inzwischen
steht es leer. W enn man sich dort aufhält, spürt
man förm lich, wie sich einem die N ackenhaare auf
stellen. E igentlich ist es ein unscheinbarer Ort.
Das Haus liegt aber in H anglage, m itten in einem
Sum pfgebiet m it Q uellaustritten, was wohl der
schlechteste Baugrund überhaupt ist. Auffällig viel
R iesenschachtelhalm . W asserdost und vor allem
Efeu ist in der unm ittelbaren N'ähe zu sehen - alles
Pflanzen, die auf »Stö rzo n en « hindeuten, an denen
eine den M enschen krank machende Schwingung
vorherrscht. Auf solche Orte deuten auch Am eisen
hügel hin - andere H autflügler wie Biene und H or
nisse gelten ebenfalls als Störzonenanzeiger. W ei
tere Pflanzen, die auf Störzonen hinweisen, sind
z.B. H exenkraut, Holunder, M isteln. Schlehe und

säm tliche N achtschattengewächse wie Bittersüß


oder Tollkirsche, aber auch Verwachsungen oder
Drehwuchs von Bäumen. Es ist schon bem erkens
wert, wie unterschiedlich die Kräfte der X atur auf
Lebewesen einwirken: W as dem einen schadet und
wie ein G ift wirkt, ist für den anderen eine W ohltat.
Störzonenflora wie der H olunder oder T iere wie
die Ameise werden nicht nur von der für uns schäd
lichen Energie dieser Orte genährt, man kann sie
manchmal auch als ein H eilm ittel des Genius Loci
betrachten, denn durch das Auftreten dieser Ge
schöpfe werden energetische LTngleichgew ichte in
der X atur teilweise ausgeglichen. Für uns sind sie
indes ein Fingerzeig, auf der H ut zu sein.
Interessant ist das Phänomen, dass die Pflanzen,
die sich auf Störzonen wohl fühlen, für jene M en
schen ein H eilm ittel darstellen, die energetisch aus
gelaugt sind, unter zehrenden Krankheiten leiden
oder deren Immunsystem angeschlagen ist; oft
leben und schlafen diese M enschen auch auf Stör
zonen oder W asseradern. Typische Krankheiten
bzw. Symptom e wären Rheum a, A llergien, A nfällig
keit für Infektionen, Schlafstörungen, X euralgien
und oft auch Krebs. Der Schlaf an solchen Orten ist
betäubend und w enig erholsam, oder er stellt sich
erst gar nicht ein, und man leidet unter Schlaflosig
keit. Auf folgende W eise kann man einen solchen
Schlafplatz eventuell entstören: M an legt vier .Am
pullen Viscum album D6 an den vier Eckpunkten
unter das Bett. Zuvor klopft man sie mehrmals

In alter Zeit w a r der W ald noch von


G e istw e se n beseelt w ie dem Forstteufel,
den m an 1531 bei S a lz b u rg ge sichtet hatte:
»W ie w ol dieses Thier vo n n ie m a n d s m e hr
ge se h e n w orde n/ dan eben zu unse rn
zeiten/und ge fa n g e n im jahr nach Christi
ge b u rt 1531 o h n zw eifei ein erschröckliche/bedeutliche w u n d e rg e b u rt
ge w e se n:
hat es auch kein besonde re n n am e n/ha b
ich es ein Forstteufel genan d/d iew eil es
sch e ußlich se ine r G estalt/den ge m alte n
.t?j iffl^n, n is t f j 1

,Hi 1n j % ^ c

thier ist im ß isth u m b zu Salzburg/im


H a n ß b e rg e r Forst/under and e re m gejagt
g e fa n ge n w orde n/ vo n farb gleich salbgäl/
g a n z w ild (.)«. »Von de m Forstteufel«,
Holzschnitt, M itte 16 Jahrhundert.
leicht auf kalkhaltiges G estein, z.B. einen Calcit,
wobei man sich eine Belebung der Schwingung
durch das Klopfen vorstellt; aber auch ein Gebet
kann aufladend wirken. .Mistelzweige im Raum, vor
allem von Tanne, W eißdorn und Kiefer, haben
ebenfalls eine »entstörende« W irkung.
In alter Z eit galt vor allem der W ald als ein be
sonders unheim licher Ort. Er war das Reich der
wilden N aturgottheiten und war beseelt von den
D ryaden, Baum geistern, über die nur der Druide
oder die Hexe gebieten konnte. M anchm al begegnete einem dort auch der H olz- oder
Forstteufel,
eine unheim liche Z w ittergestalt aus T ier und
.Mensch (siehe Abbildung). Einzelne, besonders
m ächtige Bäume gelten aber auch als W ohnorte von
gutm ütigen W esen: So sollen etwa in den drei 2000
Jah re alten U rlärchen im Südtiroler U ltental die
Saligenfräulein leben; dabei handelt es sich um die
dreigesichtige Erdenmutter. Besondere Verehrung
genießt auch die Linde. Sie ist einerseits G erichts
bauin, andererseits aber auch ein Versam m lungs
baum der Sippe - so manche Tanzlinde ist bis heute
ein Ort des Vergnügens. .An einigen alten Linden
findet man sogar .M arienfiguren, und dies sicher
nicht, weil dafür in der Kirche kein Platz gewesen
w äre, sondern weil in der Linde eine verehrungs
w ürdige weibliche L'rkraft lebt.
W er ein Bewusstsein für diese Kräfte hat, hat na
türlich auch einen ganz anderen Bezug zu Arzneien
aus solchen »besonderen« Pflanzen. Ein Trank aus
H olunderblüten ist dann von Frau H olle beseelt
und ein Lindenblütentee von der H eilkraft .Marias.
Die edelsten Arzneien findet man jedoch als .Me
talle oder Kristalle im Inneren der Erde. Sie ent
stammen dem Reich der Zwerge, Bergwichtl oder
Bergm anderl, die eifersüchtig über ihre Schätze wa
chen (IY768).
Die Zwerge oder Gnome sind »W esenheiten, die
man verwandt findet m it allem , was nach Dauer,
nach Festigkeit, nach Schwere drängt. .Man kann sie
auch als Erdseelen bezeichnen« (R. Steiner, 1972).
Sie sind der lebendige Ausdruck des Sal-Prinzips
(siehe Seite 63). W er im Berg arbeitet und Erze
schürft, der muss, so der Volksglaube, eine beson
ders gute Beziehung zu diesen Elem entarwesen
haben, dam it er überhaupt etwas findet und ihm
kein U nglück zustößt, wenn er seinen Fund m it ans
Tageslicht nim m t. Paracelsus hatte durch seinen

Vater, der sich in der Erzgewinnung und der .Me


tallverarbeitung bestens auskannte, aber auch dank
seiner Lehrjahre in den Betrieben der Fugger reich
lich G elegenheit für Einblicke in die Zwergenwelt.
H iervon zeugt seine Schrift über die Bergsucht, in
der er ausführlich auf die Berufskrankheiten in der
-M etallverarbeitung eingeht.
Alchim isten müssen einen besonderen Bund mit
den Zwergen schließen, sonst haben sie keine
.Macht über die .Metalle. L’m Arzneim ittel aus Anti
mon oder .Arsen herzustellen, muss der Alchim ist in
übertragenem Sinn in das Innere der Erde zu den
Zwergen gehen, um den Stein der W eisen zu finden
- nicht ohne Grund ist es ein Stein, der die höchste
W eisheit enthält, und keine Pflanze oder irgendein
Tier.
In den Kristallform en der .M ineralwelt kann man
das G eheim nis der heiligen G eom etrie besonders
intensiv wahrnehmen. R udolf Steiner sprach sogar
von den Edelsteinen als Sinnesorgane höherer W e
senheiten. Paracelsus ging davon aus, dass M in e
ralien die höchste H eilkraft unter allen .Arzneien
haben; dies gilt besonders für das Sonnenm etall
Gold und für Edelsteine wie Saphir oder Sm aragd.
Um die H eilkraft aus Gesteinen freizusetzen,
muss man jedoch den Feuergeist beherrschen, den
Paracelsus Salam ander nannte. Aus dem L rfeuer
entstand säm tliche M aterie, und nur durch das
Feuer gelin gt die Transm utation der M etalle, in
denen der göttliche Funke besonders tief und fest
verankert ist. Der Schmied galt daher lange Zeit als
heiliger Beruf, wusste er doch, wie man die M etalle
schmelzen und m iteinander vereinen konnte. Die
.Alchimie bezeichnet man nicht ohne Grund auch
als Kunst des Gottes Vulcanus/Hephaistos.
Das Feuer ist jedoch ausgesprochen launisch und
schwer zu bändigen, wovon schon die germ anischen
G öttersagen berichten. Dort war es Loki, der listige
Feuergott, der für ständigen L’nfrieden sorgte. Den
Feuergeist muss man daher m it geeigneten Opfer
gaben bei Laune halten.
H ierzu zählen beispielsweise das rituelle Entzün
den der Feuer zu den Jahresfesten und das Verbren
nen von köstlich duftendem Räucherwerk, nach
dem die Feuergeister regelrecht süchtig sind. Auf
diese W eise geehrt und gütig gestim m t, wird das
Elem ent Feuer zu einer Brücke zur Erkenntnis der
ganzen W elt.
Die W u n d e r a rz n e i d e s P aracelsus

M ythen und Sagen berichten von der wahren


W irklichkeit hinter dem Schein des Sichtbaren,
und im m er geht es dabei um Erkenntnis und
M oral, den Kampf zwischen Gut und Böse und um
den Einfluss unsichtbarer M ächte. Sie dienen
aber auch häufig der Ü berlieferung von altem heilkundlichem W issen. So auch die G
eschichte
von der W'underarznei des M eisters Paracelsus:
Zu jener Zeit, als der W underdoktor Paracelsus
in Innsbruck wohnte, w anderte er gerne in den
um liegenden W ild e rn . Eines Sonntagm orgens
ging er den »G an gsteig« entlang, wo er unverm u
tet seinen Namen rufen hörte. Der Doktor merkte
erst nach langem Suchen, dass die Stim m e aus
einer nahen Tanne kam, in deren Stamm sich ein
Loch befand, das jemand m it einem Holzzapfen
gut verschlossen hatte. Dieser Jem and hatte zudem
noch drei Kreuze eingeritzt.
»W er ruft mich da?« fragte Paracelsus. »Ich «,
erscholl es zur Antwort. »E rlöse mich aus dieser
Tanne, in der ich eingeschlossen b in !« - »W er ist
dieses Ich?« erkundigte sich der W underdoktor.
»M an nennt mich den B ösen«, gab die Stim m e zur
Antwort, »ab er du wirst sehen, dass ich zu L'nrecht
so heiße, wenn du mich befreist.« - »W ie kann ich
das tun?« fragte Paracelsus. »Schau dort rechts an
der alten Tanne empor, da wirst du ein Zäpfchen
m it drei Kreuzen bem erken, das ich von innen
nicht herausstoßen kann. Ein G eisterbeschwörer
hat mich da hineingezw ängt.«
»U nd was soll mein Lohn sein, wenn ich dich
befreie?« fragte Paracelsus. »W as verlangst du
denn?« fragte die geisterhafte Stim m e. »G ib m ir«
- herrschte der Doktor - »erstens eine .Arznei,
durch welche alle Krankheiten zu heilen, zweitens
eine Tinktur, durch welche alles in Gold zu ver
wandeln ist, und drittens ...« - » H a lt!« rief die
Stim m e, »d rei D ings .sind m ir venhassr ja ad .lähmf'.n
m eine Kunst, aber die zwei begehrten kann ich
dir geben.«
Paracelsus begnügte sich daher mit .Arznei und
T inktur, zog den Zapfen aus dem Loch, und so
gleich kroch eine schwarze Spinne auf das Moos
herab, die jedoch sofort verschwand, als sie den
Boden berührte. Im selben Augenblick entstieg der
Erde ein hagerer M ann m it glühenden, unheim

lichen Augen, die bezeugten, dass er sicher kein


H eiliger sei. Er war aber sehr höflich und sprach in
w ohlgesetzten W orten seinen Dank für die Be
freiung aus. Sodann brach er eine H aselstaude ab,
schlug auf den nahen Felsen, der sich krachend
spaltete, und ging durch die Kluft hinein. Schon
nach kurzer Zeit kam er m it zwei durchsichtigen
Gefäßen w ieder heraus, die er dem Doktor über
reichte.
»D as G elbe h ier«, sagte er, »ist die G oldtinktur,
das W eiße die .Arznei.«8 H ierauf schloss sich der
Spalt im Felsen, und das G eschäft war getan. »N un
will ich Rache üben an dem lum pigen G eisterban
ner in Innsbruck«, sprach der Teufel und wandte
sich zum Gehen. Doch Paracelsus machte sich so
seine G edanken, schließlich wollte er den Schwarz
künstler retten, war dieser doch sein K ollege, und
nebenbei wollte er dem rachsüchtigen Teufel einen
Streich spielen.
D er Doktor sagte daher: »D a tut Ihr wohl
daran - aber der G eisterbeschwörer muss doch
ein gew altig m ächtiger M ann sein, dass er Euch
in ein so kleines Loch gebracht - Euch so sehr zu
sam m engepresst und in eine Spinne verwandelt
hat, in eine Spinne, in welche sich selbst der
Teufel nicht verwandeln kann.«
»A h, papperlapapp!« hohnlachte der Teufel.
»In eine Spinne verwandeln kann sich jeder
ordentliche Teufel, und Kriechen ist keine Kunst,
das haben w ir von gewissen Leuten auf der Erde
erlernt: Zu alldem braucht es keinen G eister
banner, und ...«
»G eh, plausch nit so in die W elt hinein, mich
führst du nit an !« entgegnete Paracelsus. »H abe
m ein Lebtag von Teufelsspuk gehört und gesehen,
wie ihr euch in die H abergeiß oder in den W egnarrn und dergleichen U ngeziefer
verwandeln
könnt, aber in eine so kleine Spinne sich verwan
deln - da gehört mehr dazu.« D er Teufel lachte
.und
» JA w .tunhr
»\\t Ant
Loch als Spinne gekrochen b in ?« - »O h, das war
B lendwerk«, sagte der Doktor, »du bist ein Lügen
beutel und ein Prahlhans, euch Teufeln hat ein
größerer H err schon lange das H andwerk g e l e g t :
Ja , ich wollte sogleich m eine zwei W underflaschen

8 A nspielung a u f die P o larität von Sonne (G old) und M ond


(S ilb er) als das gro ß e und kleine W erk der A lchim ie.
ln vielen alten Kirchen

Die Zahl Drei

fin d et m an, m e iste ns


e tw a s versteckt, Relikte
h e idn isch er N a tu rv e r
e h ru n g w ie den »G rünen
M a n n « im D o m zu
Bam berg. Foto: O la f Rippe.

Im G e fo lge der N a tu rg o tt
heiten fin d e n sich m e iste n s
befrem dliche G estalten
w ie W urze lw e sen , B a u m
ge iste r u n d natürlich
Hexen. M a n c h e von ihnen
sch m ü ck e n sich m it
Pflanzen, die eine sch u tz
m a gisc h e u n d heilkräftige
W irk u n g haben, w ie hier
der B u ch sb a u m . Perchten

Nach altem Glauben ist eine Beschwörung nur


dann wirksam , wenn sie mindestens drei M al
w iederholt wird - »D rei M al auf H olz geklopft«,
»A ller guten D inge sind d rei«. D aher muss man
auch drei Kreuze einritzen, dam it die Bannung
beim Verbohren wirksam wird. Die Drei ist
eine göttliche weißm agische Zahl - G ott selbst
ist eine Trinität.
Die Zahl Zwei wird dagegen m it dem Diabo
lischen gleichgesetzt. Sie sym bolisiert das
Trennende, den Zwei-fel, die eigentliche YYurzel
allen L'bels. Die Drei ist dagegen das Y’ersöhnende,
Sie führt das G etrennte zu einer neuen und
vollkom meneren Einheit.

lauf in Penzberg in der


N acht z u m 6.1.2001.
Foto: M a rg re t Madejsky.

Verbohren und Bannen von K rankheiten


(IV7325)

w ieder verwetten, wenn du mich überzeugen


könntest.«
»Topp! Es g ilt!« rief der dumme Teufel und
verwandelte sich wieder in eine Spinne, kroch zu
rück in das Loch und rief: »X u n schau! Die
Fläschchen sind m ein !«
»G lau b ’s nicht rech t«, schrie Paracelsus ins
Loch hinab und steckte den Zapfen, welchen er in
der H and verborgen hielt, schnell auf das Loch,
schlug ihn fest hinein, schnitt m it einem M esser
drei Kreuze darüber - und der Teufel war wieder
gefangen. Da nützte kein Bitten, kein Drohen;
auch die YVut, m it w elcher der Teufel im Stamm
rum orte und am Stamm rüttelte, dass alle Tannen
zapfen von den Asten flogen, war vergebens.
Paracelsus ging darauf heim , fand den Inhalt der
zwei Fläschlein über alle Erwartung wirksam
und war von da noch berühm ter als zuvor.

Für unsere Vorfahren konnten Bäume selbstver


ständlich reden - der Y\ ald war schließlich der
YVohnort von Ahnen und G eistern. Bäume galten
als sichtbare V erkörperung höherer M ächte, ja,
die ganze W elt glich einem Baum. Die Krone des
YVeltenbaumes war der G öttersitz, und an den
YVurzeln weilten die Schicksalsm ächte, aber auch
die M enschen. »Aus dem Baum stam m te die Seele
des M enschen, und dorthin kehrte sie nach dem
Tod zurück, um sich m it den Göttern zu vereinen,
die m enschliche Eigenschaften aufweisen und wohl
vergöttlichte Ahnen sind« (K. Lussi, 2002).
In der Sym pathiem agie nutzt man die H eil
kraft der Bäume u.a. auch zum Ü bertragen von
Krankheiten, z.B. durch das Y erbohren. D amit die
Krankheit auf den Baum übertragen werden kann,
macht man ein Loch, in das man irgendetwas vom
Kranken hinein gibt, z.B. Zähne, H aare oder etwas
aus seinem Besitz, das m it seiner Energie aufge
laden ist. H äufig wird gleichzeitig eine schriftliche
Botschaft m it in das Baumloch gelegt. Das Loch
muss man anschließend sorgfältig verschließen.
M eistens wird der Baum noch speziell gezeichnet,
um das Dämonische zu bannen. Kreuzzeichen
gelten nicht nur im C hristentum als besonders
wirksam , da sich das Böse in den sich kreuzenden
Linien verheddert und so gefangen bleibt. In unse
rer Sage wurde statt einer K rankheit gleich »das
Böse« selbst verbohrt. W er nun das Baumloch ab
sichtlich oder versehentlich öffnet, muss dam it
rechnen, dass sich die frei gewordene Kraft auf ihn
überträgt.

Die Tanne und der W in tergo tt


In unseren Breiten haben im m ergrüne Bäume wie
Tanne oder Fichte eine ganz besondere Bedeutung.
Ihr saftiges Grün ist im W inter, wenn sich die
V egetationskräfte unter die Erde zurückgezogen
haben, ein Ausdruck bleibender Lebenskraft. Fich
ten- oder Tannensamen dienten daher auch als
Totenspeise, die man Verstorbenen in den M und
legte, dam it sie in Baum gestalt w ieder auferstehen
konnten (M . Still-Fuchs, 1983).
Tod und W inter sind Geschwister, gleichzeitig
ist der W interanfang aber auch der m agische
A ugenblick, an dem zur Sonnenwende das L icht
aus der Finsternis geboren wird. Im Jahreskreis ist
dies der E intritt der Sonne in das W interzeichen
Steinbock, welches Saturn regiert. Diese Planeten
kraft steht für V erinnerlichung, Berufung und
Schicksal, verkörpert aber auch Alter, K rankheit
und Tod.
Koniferen (N adelgehölze) unterstehen all
gem ein Saturn. »D er G ang durch den N adelwald
schenkt uns eine U rstim m ung des N aturdaseins,
aus der die M elodie lange vergangener Schöpfungs
tage aufsteigt. Die feierlichen ernsten Empfindun
gen, die beim Betreten eines Tannendoms die
Seele ergreifen, so dass man sich dem E rgründ
der Schöpfung verbunden fühlt, sind ein Erahnen
der geistigen Beschaffenheit der G estirnsmacht
(Saturn), die bei den Koniferen Pate stand«
(W . Pelikan, 1958).
Die saturnalen Kräfte sind einerseits das
V ergängliche, andererseits aber auch das L'berdauernde. D ieser scheinbare W
iderspruch findet
seine Auflösung im M om ent der W intersonnen
wende, an dem die Zeit stillsteht. G leichzeitig
öffnen sich die Grenzen zwischen den W elten, und
geisterhafte W esen mischen sich unter die M en
schen. So ist der Grüne M ann, der als W intergott
durch die nordischen Lande streift, in Tannenreisig
gekleidet (W .-D . Storl, 2000). Krampusläufe
und Perchtenum züge erinnern an diese alte Vor
stellung, und als W eihnachtsschm uck verzaubern

die W aldgeister noch heute unsere W ohnstuben.


Der Segen spendende G rüne M ann verwandelte
sich im Christentum jedoch in eine diabolische
G estalt, die man wie eine Krankheit in ein Tannen
loch verbohren muss. Doch das Böse ist nur
scheinbar böse, wie es in der Sage richtig heißt - in
W ahrheit hütet es den Schlüssel zum wahren
W issen.
Paracelsus nutzte die H eilkraft der Tanne auf
vielfältige W eise. So soll man Tannenzapfen,
Triebspitzen der Lärche und Eibischwurzel zwei
Stunden in W asser sieden lassen; in die Flüssigkeit
getränkte T ücher dienen als W undauflage und
verhindern Eiterprozesse. Auflagen sollen auch das
H erz vor der Pest schützen (1/724). Zur Aus
scheidung von Giftstoffen verordnete Paracelsus
Schwitzkuren mit Badezusätzen, die aus Abkochun
gen von Schößlingen von W acholder, Tanne und
frischen jungen Tannenzapfen bestanden (11/433).

U nheilvolles G etier und Fabelwesen


Obwohl Spinnen im ökologischen G leichgewicht
eine bedeutende Rolle spielen, gibt es nur wenige
echte Spinnenfreunde. W ie so viele nützliche
T iere, die im heidnischen Glauben m it chthonischen G ottheiten' verbunden waren,
wurde auch
die Spinne m it dem Aufkommen des Christentum s
däm onisiert und m it dem Teufel gleichgesetzt.
Die Spinne galt als Pestdämon, entsprechend
verwendete man sie in der Sym pathiem agie als
.Amulett zum Schutz vor ansteckenden Krank
heiten. .Allerdings gebrauchte man Spinnen nicht
nur zur H eilung, sondern auch zum Anhexen
von Krankheiten. Als Beispiel führte Paracelsus an,
wie eine Hexe einen Faden m it Spinnengift
im prägniert. Dann fertigt sie eine W achspuppe an,
die sie m it irgendetwas vom Opfer belebt. W ird
nun ein Frosch darauf gebunden, der m it der
Puppe ins W asser kriecht, entsteht unweigerlich
eine schlim me Krankheit (1/953).
In Fällen von H exerei kann nur noch ein Sym
pathiezauber helfen; hierzu findet man bei Paracel
sus folgendes Beispiel: »E ine lebende Spinne soll in
einer Nussschale um den Hals angebunden über
9 D arun ter versteht man in der Erde w irkende G ottheiten bzw.
E rdgo tth eiten selbst, z.B. den T otengott H ades/Pluto oder den
H irschgott C ernunnos.
dem H erzgrüblein getragen werden, bis die Krank
heit verschwindet. Dies geschieht am 5. oder
6. Tage bis zum Tode der Spinne« (1/953, III/704).
H eute verwendet man Spinnen als H eilm ittel
in der H omöopathie, z.B. die Kreuzspinne (Aranea
diadem a), die Tarantel (Tarantula hispanica) oder
die Schwarze W itw e (Latrodectus mactans). Spin
nengifte wirken vor allem auf das Nervensystem
und beeinflussen die H erztätigkeit. Sie werden da
her in potenzierter Form (D6 bis D l2) vor allem
bei Schm erzzuständen, N euralgien und Krampf
leiden, z.B. bei Stenokardien (H erzbeklem m ung)
und Angina pectoris, verwendet.
W’enn man sich eine Kreuzspinne inm itten
ihres Netzes vorstellt, dann ist dies eine Signatur
für ein m ögliches H eilm ittel m it W irkung auf
das N ervensystem (Verbindung, Ü bertragung
und Kreuzung = Synapsen) und auf das Herz als
Z entralorgan des Blutkreislaufs. Dabei ist die
Kreuzform auf dem Rücken der Kreuzspinne auch
als m agisches Zeichen zu deuten. Paracelsus ver
wendete Amulette m it Spinnen bei H erzleiden
011/451).
In der H omöopathie gebraucht man auch
das Spinnennetz der Kreuzspinne als H eilm ittel
(Tela aranearum D6 bis D l2). W illiam Boericke
gibt als Indikationen an: Erregung, H erzunruhe,
W echselfieber, vor allem , wenn der Patient
einen hektischen und zusam mengebrochenen Ein
druck macht, getreu dem M otto: W er spinnt,
braucht die Spinne!
N eben der Spinne als H auptfigur werden in der
Sage noch zwei w eitere T iere aufgeführt. Da ist
zunächst der Salam ander, den man im Volksmund
auch W egnarr oder Tatterm anderl nennt. O bgleich
ein real existierendes T ier, gehört der farbenpräch
tige Salam ander eigentlich zu den Fabelwesen.
Auch er ist den Erdgottheiten h eilig und der H üter
des Elements Feuer. W er einen Räucherstoff in ein
Feuer gibt, ernährt dam it in W ahrheit den Feuer
geist Salam ander.10 In der Alchim ie genießt der
10 Vor ein igen Jah ren geschah w ährend ein es R ituals zur Som
m ersonnenw ende etw as Seltsam es. Als die T eiln eh m er au sge
lassen um das F euer tanzten, tauchte plötzlich m itten u n ter den
Tanzenden ein Salam ander aut* der sich langsam dem F euer
näh erte, um sch ließlich nach ein ig er Z eit w ieder im W ald zu
verschw inden. W a r dies ein gew ö h n lich er Salam ander, oder
w aren es d ie F euergeister, die in G estalt ihres h eilig en T ieres
d er Z erem onie beiw ohnen w ollten? D ie T eiln eh m er w aren je
denfalls entzückt.

Salam ander höchste V erehrung. Er soll sogar eine


w ichtige Zutat bei der G oldherstellung sein
011/704).
V ielleicht erklärt sich diese W ertschätzung
daher, dass das D rüsensekret des Salamanders
psychedelisch wirksam ist. »In Slowenien diente
der Salam ander als psychoaktive Ingredienz
eines alkoholischen D estillats« (Chr. Rätsch, in
O. Rippe/M. M adejsky/M . Amann/P. Ochsner/
Chr. Rätsch, 2001). Das Sekret aus den H autdrüsen
enthält Steroid-A lkaloide, die eine strychninartige
W irkung haben, wie z.B. das zentral wirkende
und krampfauslösende Salam andrin (Stübler/Krug,
1987: Mebs, 2000).
.Als weiteres anim alisches Fabelwesen wird
noch die H abergeiß erwähnt. Dabei handelt es sich
um einen dreibeinigen (!) mythischen Vogel m it
den H örnern einer Ziege, der als W interdäm on in
den Krampusumzügen eine Rolle spielt. Es dürfte
sich dabei um einen heidnischen G etreidegeist
handeln (H aber = Hafer).

Die Hasel (Corylus avellana)


W egen ihrer lichten Ausstrahlung und ihrer
Ü ppigkeit an Blüten und Früchten wurde die Hasel
im m er schon sehr geschätzt. Sie ist aber nicht nur
ein N ahrungs- und Fruchtbarkeitsbaum , sondern
auch ein Schutzwall gegen unheilvolle M ächte,
weshalb man sie gern als Abgrenzung um Haus und
H of pflanzt. Die H asel hat eine Beziehung zu
wohlwollenden Elem entarwesen. Der natursichtige
Passauer Rutengänger Jürgen Oswald beschreibt
diese Wiesen als gnom enhaft und schelmisch, aber
ohne Boshaftigkeit. Astrologisch ordnet man die
H asel Venus, Sonne und M erkur zu.
Bei den Germanen war die Hasel dem D onner
gott T h or geweiht; bei G ew itter konnte man
daher unter ihr Schutz finden. Es heißt, dass drei
(!) H aselzweige im G ebälk des Hauses vor B litz
schlag schützen. Da T h or auch als Schutzgott der
G erichtsstätten verehrt wurde, umsteckte man
diese mit einem Bannkreis aus H aselgerten. Flecht
kreuze oder »S ch rattlgatter« aus H aselzweigen,
die man an den Stalltüren anbrachte, sollen zudem
die Ernte und das Vieh vor U nwetterschäden und
vor Hexerei schützen (Wr.-D. Storl, 2000).
Die H asel gilt als W o h n o rt be so n d e rs liebevoller N a tu r
w esen. A u s d e m H olz fertigt m an der Tradition nach die
W ünsch e lru te . Foto: M a rg re t Madejsky.

Im \ olksglauben heißt es außerdem , dass eine


W ünschelrute aus einem H aselzw eig die verborge
nen Eingänge zu den Schätzen der Erde anzeigt,
weil die H asel eine Beziehung zu den Ahnen und
zu den Erdseelen hat (W .-D . Storl, 2000). Die Rute
schneidet man am besten an einem heiligen Tag
(Jahresfeste oder an einem Sonntag), ohne dafür
Eisen zu verwenden, da dieses Elem entargeistern
Schaden zufügt (W .-D . Storl, 2004). So ist auch
der G rundatz »sine ferro« (ohne Eisen) eine der
wichtigsten Regeln in der H erbalm agie. Auch soll
man sich vorher innerlich gereinigt haben und
beim Schneiden einen Zauberspruch rezitieren:
»Ich schneide dich, liebe Ruthen,/Das du m ir
musst sagen,/Um was ich dich tu fragen./Und dich
so lang nit rühren,/Bis du die W ahrheit tuest.«
K räuterkundige, die m it Elem entarwesen im
Bunde sind (Paracelsus nannte sie spirituales),
sagen dem Pflanzengeist ohnehin immer, wozu sie
ihn brauchen, und huldigen in Bannsprüchen sei
ner Schönheit. Und natürlich bringen sie meistens
auch ein kleines Opfer als Dank.

M it einem Zauberstab aus H aselholz konnte


auch die unheim liche G estalt in unserer Sage die
Schätze aus dem Inneren des Felsens holen. Da die
H asel vom Bösen nicht berührt werden kann, zeigt
auch dieses Motiv, dass es sich wohl eher um eine
Art W aldgottheit gehandelt haben muss und nicht
um den Teufel. V ielleicht handelte es sich auch um
einen Verwandten des G ötterboten H erm es, dessen
Stab, um den sich zwei Schlangen winden, eben
falls ein H aselzweig ist. Er dient ihm als magisches
Instrum ent zur H eilung von K rankheiten, und m it
ihm öffnet der Gott der H eilkunst die T üren zur
Anderswelt.
Neben den im m er noch aktuellen herbaim agi
schen Anwendungen werden vor allem die Rinde
und die B lätter therapeutisch genutzt; Indikationen
sind z.B. Entzündungen von Venen und Haut.
N eben der innerlichen V erabreichung als Tee oder
T inktur kann man alkoholische Extrakte auch in
Salben einarbeiten, oder man macht U m schläge
aus frischen, zerquetschten Blättern. Teeabkochun
gen können dem Badewasser zugegeben oder für
Abwaschungen verwendet werden. Als venusische
Pflanze eignet sich die Hasel allgem ein zur Be
handlung von kosmetischen Problem fällen.
Die regenerierende W irkung gleicht der von
H am am elis.

D er verborgene Schatz
Das scheinbar Böse, das Paracelsus aus der Tanne
befreite, erwies sich als M eister über die Erd
geister. M it der Hasel öffnete das unheim liche
W esen den Fels und brachte w ortgetreu die
zwei W underarzneien hervor (das Böse hätte
niem als ein Versprechen gehalten!).
In der Alchim ie wird das Elem ent Erde als
Schatzhüterin aller D inge gesehen. Diese Idee
findet man in der w ichtigsten geheim en Botschaft
der Alchim ie bestätigt; diese lautet V ITR IO L.
Es handelt sich dabei um die Anfangsbuchstaben
von sieben (!) W orten: Visita Interiora Terra R ectificando Invenies O ccultum
Lapidem - »Besuche
das Innere der Erde, durch Läuterung w irst du
den verborgenen Stein (der W eisen) finden.«
B estim m te H ölzer
ode r Räucherstoffe sind
eine O p fe rgab e an den
Salam ander, der als
E le m e n ta rw e se n im Feuer
lebt. H o lzsk u lp tu r
»A lchem ie« von M a rlis
Bader, 1995, a u fg e n o m m e n
in der B lu m e n sc h u le
Sch o n gau . Foto: O la f Rippe.

» Gib (...) a u f d ein e» in w en d igen G arten acht.


D enn u'ie im m e r d e r in n ere M ensch gesch a ffen ist.
e r horch e n u r m it dem ä u ß eren a u f sich selbst,
dann w ird e r lern en , w as ihn n iem a n d leh ren kann,
u n d j e d e r w ird sich sein etw egen w u n d ern m üssen.
So b egin n en d ie K ünste d e r n a tü rlich en W erke.«
(P aracelsus 11/309)

Die vier M ütter des Lebens


Paracelsus teilte die Geistwesen entsprechend den
vier Elem enten ein: So finden w ir im Feuer den Sa
lam ander, im Inneren der Erde leben die Zwerge, in
der Luft die Sylphen oder Elfen und im W asser die
Undinen.
Diese W eltvorstellung geht auf den griechischen
Philosophen Empedokles (492-432 v.C hr.) zurück,
der noch von W urzelkräften stau von Elem enten
sprach und schrieb: »D ie vier W urzelkräfte aller
D inge höre zuerst: Zeus, der schimm ernde, und
H era, die lebensspendende, sowie Aidoneus und
X estis, die durch ihre Tränen fließen lässt irdischen
S p rin g q u ell.«11 Es waren also göttliche Kräfte, die

11 F euer = Z eus; W asser = X estis, eine sizilianische W assergöt


tin ; L uft = H era; Erde = Aidoneus/H ades.

das Leben bewirkten, und keine unbeseelten Bau


steine wie die chemischen Elem ente, von denen
man heute spricht.
Empedokles war der .Meinung, dass alles Existie
rende durch Liebe (philia) zwischen den W urzel
kräften entsteht und durch Hass (neikos) wieder ver
geht. Die Polarität von Liebe und Streit entspricht
den zwei polaren T herapieprinzipien sympathisch
und antipathisch. Nach den Regeln der Antipathie
müssen Krankheit und H eilm ittel gegensätzlicher
N atur sein, denn die K rankheit wird durch ihr G e
genteil besiegt; beim sympathischen H eilen muss
dagegen zwischen K rankheit und H eilm ittel eine
m öglichst große Ähnlichkeit oder Sym pathie (= Af
finität) bestehen. Die antipathische H eilm ethode
erfordert große Dosen und häufige Gaben, was
nicht selten zu erheblichen N ebenwirkungen führt
- es ist ja auch ein Kampf g e g e n etwas. Trotzdem
kann diese M ethode in .Akutfällen oft sehr hilfreich
sein. Die H eilung auf dem W eg der Sym pathie,
deren Domäne vor allem die Behandlung von chro
nischen Zuständen ist, kann dagegen auf hohe
Dosen verzichten. Sie ist zudem nachhaltiger in der
W irkun g und vor allem besser verträglich, da sie
hauptsächlich m it ungiftigen bzw. m it ungiftig ge
m achten Substanzen durchgeführt wird.
Bei Paracelsus, der ein leidenschaftlicher Anhän
ger des sympathischen H eilens war, wandelten sich
die vier W urzelkräfte des Empedokles in etwas rein
W eibliches. Er schrieb: »W as gebärt, ist ein Ele
ment. Das Elem ent ist eine M utter, und es gibt vier,
Luft, Feuer, W asser und Erde. Von den vier M üt
tern werden alle D inge der ganzen W elt geboren«
(III/806).
.\hnlich der Philosophie des schon erwähnten
G riechen Anaximenes sah auch Paracelsus in der
Luft das edelste Element. Die Luft ist Träger und
L’ berm ittler des höchsten Seins, sie ist der Lebens
geist sp iritu s vitalis. »Es kann niemand leugnen, dass
die Luft allen körperlichen und wesentlichen D in
gen, die auf der Erde wachsen und geboren werden,
das Leben gibt. (...) Es (die Luft) ist nichts anderes
als ein geistiges W esen, ein unsichtbares und un
greifbares D ing, ein G eist und ein geistiges Ding.
Wrie es nichts K örperliches gibt, das nicht einen
Geist in sich verborgen führt, so gibt es auch nichts,
was nicht verborgen ein Leben in sich hat und lebt.
Denn was ist auch das Leben anderes als ein geisti-
G öttin Erda als Sch atzh ü te rin aller D in g e m it d e m S in n
spruch: »D ie Frucht der m e n sch lich e n W e ish e it ist da s H olz
des Lebens.« A u s Atalantafugiens von M ic h a e l Meier, 1618.

ges D ing. (...) Deshalb sollet ihr auch wissen, dass


der Spiritus eigentlich das Leben und der Balsam
aller körperlichen D inge ist« (III/239). LTnter den
vier Elem enten nun ist die Luft das vornehmste,
denn sie ist zuerst gewesen und gibt auch den ande
ren Elem enten das Leben und ist in den anderen
dreien verborgen« (Paracelsus R 7 3 5 1 ).
Durch das Elem ent Luft kommt es zu den unter
schiedlichen Eigenschaften der M aterie oder »T u

D a s Elem ent Luft steht in


V e rb in d u n g m it Visionen,
O ffe n b a ru n g e n u n d A stra l
projektionen. Die Pflanze
als W in d g e sta lt in Raum
und G e ge n rau m . Ölbild von
de m visio n ä re n Künstler
Fred W e id m an n , 1976.

genden der natürlichen D inge«. Es ist also das


Elem ent Luft, das entscheidet, ob eine Pflanze
schweißtreibend, abführend, anregend oder sedierend wirkt. Die Luft ernährt das
Elem ent Feuer;
dieses ist die Seele des M enschen. Sitz der Seele ist
das H erz, das sonnengleich den O rganism us m it
Licht und W ärm e erfüllt. »So muss man von dem
Elem ente Feuer sagen, dass es an und für sich nichts
anderes ist als ein Leib der Seele oder ein Haus, in
dem die Seele des M enschen wohnt. Also ist das
Feuer der rechte M ensch« (Paracelsus IV/842). Das
Feuer ist der m entale Leib des M enschen, den Para
celsus »V ernunft« nannte.
Das W asser ist das lebenserhaltende Prinzip, das
Paracelsus als Archeus bezeichnete. Es ist die trei
bende Kraft bei allen Stoffum wandlungen und ver
antwortlich für jegliche Regeneration und dam it für
jeden H eilprozess. Das W asser ist die U rkraft des
Lebens, die »M u tter aller lebenden K reaturen«
(1/652). Bleibt noch das Elem ent Erde. In ihm leben
alle Geschöpfe, es ist der Korpus, die uns um ge
bende, sinnlich fassbare W elt und die N ahrung, die
das Leben erhält (III/840).
Die Elemente sind polar geordnet. Feuer und
Luft haben durch ihre W ärm equalität einen kosmi
schen, auflösenden Charakter, während die kalten
Elemente W asser und Erde eine verdichtende irdi
sche N atur haben. H ier zeigt sich w ieder eine Pola
rität. Die warm en Elem ente werden m it aufsteigen
den D reiecken dargestellt: Feuer A /L uft A ; die
kalten dagegen m it absteigenden D reiecken: W as
ser V/Erde V . H ierzu Paracelsus: »E s ist eine rich
tige und wohlbegründete Philosophie, wenn wir
sagen, dass es nur zwei Elem ente gibt, das W’arme
und das Kalte. M it dem W arm en wird im m er auch
das Trockene verstanden, m it dem Kalten das
Feuchte. (...) Es ist ein Vergleich wie ein M ann und
eine Frau. (...) Von den Elementen ist also zu wis
sen, dass Feuer und Luft eins ist, Erde und W asser
auch eins« (III/991).
In der T herapie kann dieser Gedanke für eine
erste B eurteilung eines K rankheitsgeschehens von
großem Nutzen sein, da man die meisten pathologi
schen Zustände als warm oder kalt charakterisieren
kann; Bluthochdruck und -niederdruck, Entzün
dung und Sklerose oder Anspannung und Erschlaf
fung sind einige Beispiele dafür. Eine H eilung ist
im m er der \ ersuch eines Ausgleichs zwischen den
Extremen, ähnlich dem Vin-Yang-Prinzip in der
chinesischen M edizin.
H eute kennt man die abendländische Elem entenlehre vor allem noch in der
anthroposophischen
M edizin, die in weiten Teilen auf dem G edankengut
des Paracelsus beruht. H ier spricht man von den
Elem enten als den vier W’esensgliedern. Die »feu
rig e « Vernunft des Paracelsus heißt nun »Ich-O rganisation«. Das Elem ent Luft,
das sich durch die
G estirne m anifestiert und für die individuellen
C haraktereigenschaften verantwortlich ist, wird
»A stralleib « (astru m = Stern) genannt. Die regene
rierende Kraft des Archeus verwandelt sich zum
»B ildekräftcleib « oder »A th erleib «, und der Kor
pus wird zum »physischen L eib «.
Interessant sind auch die Zuordnungen der vier
H auptorgane zu den Elem enten, die bereits in alten
Rosenkreuzerschriften dargestellt wurden, z.B. in
der T heosophia p ra ctica von Johann G eorg Gichtei
(1638-1710). H ierbei muss man allerdings über die
rein anatom isch-physiologische O rganbetrachtung
hinausgehen und auch eine spirituelle Funktion der
Organe berücksichtigen. Das Feuerorgan H erz ist
Sitz des Ich-Bewusstseins. Störungen der H erz
funktion sind untrennbar m it m entalen Prozessen
verbunden. Emotionale und sexuelle Störungen
drücken sich dagegen als Fehlfunktion der N iere
aus. die man der Luft zuordnet. M angelnde R ege

neration und Störungen in der Stoffum wandlung


entstehen vor allem durch Entgleisungen im Leber
stoffwechsel, wom it im Prinzip alle Verdauungsorgane gem eint sind, die man dem W
asser zuordnet.
Dies erklärt, warum Entgiftungsrezepte und L e
benselixiere in erster Linie aus Arzneien m it einer
positiven W irkun g auf die Xerdauungsdrüsen beste
hen. Schw ierigkeiten im Elem ent Erde drücken sich
vor allem als m angelnde V italität und als gestörte
Lungenfunktion aus, was auch säm tliche Im m uni
tätsproblem e umfasst. In der chinesischen M edizin
entspricht dies der Schwäche der Lebenskraft Chi.
H eilm ittel der Lunge stärken nicht nur die L ungen
funktion und die Im m unität, sondern auch die V ita
lität als solche.
W ährend Paracelsus die Elem ente als LTrkräfte
des Lebens akzeptierte, lehnte er die daraus abge
leitete Vorstellung von den Temperam enten vehe
ment ab. H ier sah er die L'rsache in den G estirnen.
M elancholie war beispielsweise nicht Ausdruck der
»schwarzen G alle«, sondern des saturnalen C harak
ters eines M enschen.
Die antike Lehre, nach der man die H eilsubstan
zen nach ihren Q ualitäten warm, feucht, trocken
und kalt unterscheidet, wurde von ihm eher akzep
tiert als verworfen. N atürlich ist es nützlich, wenn
man ein Kraut als austrocknend oder erwärm end,
kühlend oder anfeuchtend charakterisieren kann.
.An einigen Stellen machte er sogar entsprechende
.Angaben zu manchen H eilpflanzen. .Als wärmende
M ittel (= Feuer) nannte er z.B. Ingwer, Kardamom,
Kubebenpfeffer, Eberraute (III/437) und Pfeffer
(IV/604) - alles H eilpflanzen, die man in Lebenseli
xieren verwendet. Als kalt und feucht (= W asser)
erwähnte er die entzündungswidrigen Pflanzen
Dachwurz und N achtschatten (IV/604), wom it er
wahrscheinlich den Schwarzen N achtschatten (So
lanum nigrum ) m einte, der damals häufiger verwen
det wurde als der Bittersüße N achtschatten (Sola
num dulcam ara); ebenfalls kal't ist der Lattich, den
er als Schm erzm ittel verwendete (1/122). .Als tro
cken und kalt (= Erde) klassifizierte er das Eisen
kraut, während er die Seelenpflanze M elisse als
warm und feucht (= Luft) bezeichnete (IV/604).
Er erwähnte in Bezug auf die Elemente auch Zu
sammenhänge von Farbe und anderen Eigenschaf
ten: »C entaurea (Tausendgüldenkraut), die rot ist,
ist von heißer Natur. Die L ilie (M adonnenlilie), die
weiß ist, ist daher von kalter X atur. (...) Die rote
Rose und der M ohn sind von kalter X atur. Ihre Art
ist narkotisch, sonst ist ihre angeborene X atur das
H eiße. (...) Alles, was brennt, ist Sulfur (alchim isti
sches Prinzip) und von heißer X atur, was bei Kamp
fer ersichtlich ist. (...) Alles Süße, alles Bittere, hat
eine heiße X atur, wie G entiana (G elber Enzian),
Polypodium (Engelsüß), Amara dulcis (B itterm an
del)« (III/438). »X u n seht den M arm or, der ist dun
kel und trübe, dass niemand hindurchsehen kann,
sondern nur darauf. Der K ristall ist lauter und du
siehst durch, was unter ihm liegt. Also gleicht
der M arm or der Erde und der K ristall der L uft«
(1/366).
Jenseits der vier Elem ente gibt es noch ein fünf
tes W esen, das man als geistigen U rsprung der Elementenkräfte verstehen kann: M
an nennt es die
Q uintessenz. Sie ist als L icht in allen vier Kräften
enthalten und dem Elem ent Luft am ähnlichsten.
Bei Paracelsus findet man diesen Begriff vor allem
als Bezeichnung von Stoffen m it einer besonderen
H eilkraft, die man nur durch alchim istische Kunst
griffe gewinnen kann.

S o m m e r - un d W in t e r w e in nach Paracelsus

Paracelsus em pfiehlt zur »V erhütung aller Flüsse«


einen roten Som m erwein und einen weißen
W interw ein (11/479). U nter dem B egriff »F luss«
verstand man früher die Absonderung aus K örper
öffnungen, in erster Linie also Infektionen. Der
Augenfluss war eine Bezeichnung für Bindehaut
katarrhe, der Xasenfluss für einen Schnupfen dieser galt auch als H irnfluss, da
man die X ase als
Ausleitungskanal des Gehirns betrachtete.
Brustfluss wiederum war eine Bronchitis m it
Auswurf, als Bauchfluss galten D urchfallerkrankun
gen, unter m elancholischem Blutfluss verstand
man H äm orrhoiden usw.
M an nahm an, dass die Flüsse größtenteils durch
eine unreine Säftem ischung entstanden und dass
der Körper sich auf diese W eise von selbst reinigen
wollte.
Im Folgenden wurden die M engen heutigen
M aßstäben angepasst, in Klammern sind die o rigi
nalen M engen angeführt.

W interw ein (bei L'bermaß von W asser und Erde;


auch salhafte Zustände)
D ieser besteht aus einem K räutergem isch
in 2 1 W eißwein (566 1 = 1 Stertin):
Kalmuswurzel 6.0 (1120 g)
N elkenwurzwurzel 10.0 (1680 g)
Rharbarberwurzel 3.0 (560 g)
Engelwurzwurzel 1.0 (35 g)
Bibernellwurzel 1.0(52,5 g)
Blutwurzwurzel 1.0 (52,5 g)
Echte D iptamwurzel 1.0 (52,5 g)
Ingwerwurzel 2.0 (280 g)
G algantwurzel 1.0 (70 g)
Z itw erw urzel 1.0 (70 g)
Zim trinde 1.0 (87,5 g)
W acholderbeeren 2.0 (5 Hände voll)
Som m erwein (bei LTbermaß von Feuer und Luft;
auch sulfurische Zustände)
D ieser besteht aus einem Kräutergemisch
in 2 1 Rotwein (283 1):
etwa zu gleichen Teilen von 5 g (je 4 Hände
voll)
Echter-G am ander- Kraut
W egwartenwurzel
Ehrenpreiskraut
Tausendgüldenkraut
Endivienblätter
Sennesblätter
X iesw urzblätter (heute rezeptpflichtig, siehe
auch das Kapitel über Lebenselixiere, Seite 369)
Baldrianwurzel
Ireos (W urzel der M olenschwertel).
Beide W eine werden auf die gleiche W eise herge
stellt: »A lles soll in einen Sack gebunden werden.
Dieser soll hineingehängt oder auf den Boden
liegen gelassen werden. G ieße darauf den M ost
(...). Lasse es über dem Säckel gären und lege
nichts mehr dazu. Sooft du daraus trinkst, fülle
ihn allem al wieder nach«. Für die H erstellung
em pfiehlt sich natürlich eine größere Ansatzmenge
als oben angegeben.
Der W interw ein hat eine allgem ein erwärmende
W irkun g auch auf die Lebensgeister, während
der Sommerwein eher auf Leber und Darm
entschlackend, laxierend und dam it kühlend wirkt.
Z u o r d n u n g zu den vier E le m e n te n

Element

Qualität

Tria Principia
(drei Prinzipien)

Säftelehre und
Temperament

Paracelsus

Anthroposophie

Organ

Pflanzenteil

Feuer

warmtrocken

Sulfur

gelbe Galle
Choleriker

Vernunft

Ich-Organisation

Herz

Blüte

Luft

warm
feucht

flüchtiger
Merkur

Blut
Sanguiniker

viehischer Leib

Astralleib

Niere

Blatt und
Stengel

Wasser
kalt
feucht

fixer
Merkur

Schleim
Phlegmatiker

Archeus oder
Bildekräfte- oder
Innerer Alchimist Ätherleib

Leber

Blatt und
Stengel

Erde

kalttrocken

Sal

schwarze Galle
Melancholiker

Korpus

Lunge

Wurzel

Physischer Leib

Die m a g i s c h e B e d e u t u n g der Z a h len

Zahl

Planet

Qualität

Götdiche Einheit

Dualität/Polarität/Männlich - Weiblich; Sexualität; die zwei Lichter Sonne und


Mond; Kalt und Warm
als Grundqualitäten im Universum (Feuer und Eis in der germanischen Mythologie);
der »Zweifel«

Saturn

Trinität; Dialektik (These, Antithese, Synthese); die Dreidimensionalität der Welt;


das götdiche Kind aus
der Vereinigung der Polaritäten. Die drei Lichter Mond - Sonne - Saturn. Signatur
der götdichen Struktur,
z.B. im Aufbau des Turmalin zu sehen oder dem dreizähligen Stengel der Tollkirsche

Jupiter

Vier-Elemente-System, Himmelsrichtungen; Schlüsselzahl zur realen und zur götdichen


Welt;
1+ 2 + 3+ 4 = 1 0 = 1 + 0 = 1 ; die Zeit als vierte Dimension; die Sonneneckpunkte
im Jahreskalender;
vierkantige Stengel als Signatur der Festigkeit

Mars

»Die Welt als Wille und Vorstellung« (Schopenhauer); der Mensch als Pentagramm; das
fünfte Element,
die Quintessenz, das ist der Mensch, aber auch die Tugend in den Stoffen; die
vieldimensionale Welt
(zahlreiche psychoaktive Pflanzen haben funfzählige Blüten!); Zahl der Bewegung -
die fünf Wandelplaneten

Sonne

Hexagramm $ als Symbol für die Vereinigung der Gegensätze; die Liliengewächse als
heilige Pflanzen,
z.B. das Salomonssiegel, zeigen in der Blüte das Hexagramm

Venus

3+4; die sieben kosmischen Grundkräfte; sieben Chakren, sieben Planetenmetalle,


sieben Planetenorgane;
sieben hermetische Lehrsätze

Merkur

2 x 4 ; Verdoppelung der Vier; Spiritualisierung der Welt; okkulte Räume und das
Taufbecken sind oktogonal;
die acht heiligen Jahresfeste; Zahl Wotans; Mittwoch ist der Tag des Merkur; ital.
mercoledi = Merkurtag,
und engl. Wednesday = Wotanstag

Mond

3 x 3 , Hexeneinmaleins; im Brauchtum die Schlüsselzahl zu den okkulten Kräften in


der Natur; neunerlei
Hölzer und Kräuter usw.
10

Potenzierung der heiligen Eins; alchimistische Schlüsselzahl zur Vergeistigung des


Stoffs; Potenzierschritte
in der Homöopathie

12

Der Tierkreis; 4 x 3

40

Der »philosophische« Monat; Zeitspanne alchimistischer Reifeprozesse


LU X

Die Prim a M ateria, a u s der das Licht gesch affen w urde,


so w ie die Trinität v o n A n im a (Sulfur), Spiritu s (M e rku r) und
Sal (M ensch). Sieben Treppenstufen fü h re n zu m Tempel,
der a u f vier Säu le n ruht u n d ein D ach a u s drei Dreiecken
besitzt. D a rü b e r befindet sich d a s m a gisc h e Siegel der
sieben Erzengel, und über allem th ro n t der B au m e iste r die
ser We/t (adonai), der das Licht a u s der D u n ke lh e it (Prima
M a te ria) sc h u f und als Kreuz dargestellt ist, u m da s sich
zw ei S ch la n ge n w inden. Kupferstich a u s einer Freim aurer
schrift, u m 1800.

»D ass G ott d r eiein ig ist, z eigt d ir ein je d e s


K raut. Da S ch w efel, Salz u n d M erk u r in ein em
w ird gesch a u t.« (A ngelus Silesius, 1624-1677)

Die Trinität Sulfur - Merkur - Sal


Die Idee einer allum fassenden T rinität stammte aus
den M ysterienschulen Ägyptens; auf diese W eit
sicht verweist bereits der N am e des Eingeweihten
Herm es Tw m egistos. Dies ist dam it eines der ältes
ten philosophischen Konzepte überhaupt. Auch die
christliche D reifaltigkeit von Vater, Sohn und H ei

liger G eist geht auf die heidnischen .M ysterienschu


len zurück.
Paracelsus war der Erste, der die Vorstellung von
einer T rinität auch in der Alchim ie und .Medizin be
rücksichtigte (W. Daems, 1982). Er nannte die drei
spirituellen Kräfte Sulfur, .Merkur und Salz oder
Sal; letzterer Begriff soll ganz auf Paracelsus zu
rückgehen. Die Benennungen sind etwas unglück
lich gewählt, weil die Begriffe nur w enig m it den
realen D ingen Schwefel, Q uecksilber und Salz ge
meinsam haben; sehr wohl besitzen diese aber spiri
tuelle Q ualitäten, die der Trinität entsprechen.
»Sal-.M erkur-Sulphur sind nicht als statische Stoffe
anschaulich zu machen, erst recht nicht als Salz,
Q uecksilber und Schwefel. Es handelt sich um
G rundbegriffe eher biospiritueller als biochem i
scher Art, als U m schreibung von Prozessen, die mit
dem letzten Grund des Lebendigen zu tun haben.
(...) Es handelt sich also um drei Lebensprinzipien,
was nicht ausschließt, dass sie sowohl die organische
wie die anorganische X atur gestalten« (P. M eier,
1993). Eine solche Verwendung doppeldeutiger Be
griffe ist eine der schwierigsten H ürden, die es zu
m eistern gilt, wenn man Paracelsus verstehen will.
Paracelsus führte seine T rinitätsvorstellung d i
rekt auf Herm es Trismegistos zurück: »D er M ercurius ist der Geist, der Sulfur
die Seele und das Sal
der Leib. Die Verbindung aber zwischen G eist und
Leib, wovon auch Herm es spricht, ist die Seele, die
der Sulphur ist, der die zwei einander w iderw ärti
gen D inge vereinigt und in ein W esen b ringt«
(III/228). Sulfur steht also als seelischer V erm ittler
zwischen M erkur/Geist und Sal/Körper. Immer
w ieder findet man in der L iteratur auch andere Be
schreibungen der drei Kräfte. In der anthroposo
phischen WreitvorsteNung bildet M erkur die M itte
zwischen Sulfur und Salz. X ach dieser durchaus
sinnvollen U m gruppierung bilden nun auch die
Planetenkräfte die m ittlere Wrelt. M erkur ist m y
thologisch der Bote der Götter, also ein verm itteln
des Prinzip, das m it dem Elem ent Luft identisch ist.
Die Flügel am H elm und an den Fersen sind Sym
bole für seinen flüchtigen und geistartigen C harak
ter. .\ls m erkurielles Prinzip geben die Planeten die
Botschaft Gottes (Sulfur) an die untere W elt (Sal)
weiter, sie gleichen also der christlichen Vorstellung
von Engeln und Erzengeln, die ja ebenfalls geflü
gelte Wiesen sind.
Nach den Vorstellungen des Paracelsus ist die
gesamte M aterie ein Spiegelbild der göttlichen T ri
nität und daher auch nur durch die drei Prinzipien
zu beschreiben. Immer w ieder versuchte Paracelsus,
diese Idee auf einfache Art zu erklären: »D rei Sub
stanzen sind in jedem Körper enthalten, oder: Jeder
Körper besteht aus 3 Substanzen. Das sind Schwe
fel, Q uecksilber und Salz. W enn diese 3 verbunden
werden, ist ein Körper vorhanden, dem nur noch
das Leben und was dam it zusam menhängt, einge
haucht werden m uss« (1/67). »H olz ist ein Körper.
W enn du es verbrennst, so ist das, was brennt, der
Schwefel, der Rauch das Q uecksilber (.Merkur), und
was zur Asche wird, ist Salz« (1/68). »D as ganze
W eltall ist in zwei Teilen geteilt, in einen greifbaren
Leib und einen unsichtbaren Leib. Das Sichtbare
und G reifbare ist der Körper der \\eit, der da aus
den drei Urstoffen besteht, dem Schwefel, Q ueck
silber und Salz« (R 7800).
Jed er Körper zeigt sich durch eine besondere
Form, individuelle Eigenschaften und eine be
stimmte Konsistenz, die m ehr oder w eniger für die
Lebensdauer verantwortlich ist: »Z uerst muss ein
Körper da sein, in dem man wirkt; das ist der Sulfur.
Dann muss die Eigenschaft, die Kraft da sein, das ist
der M ercurius. Dann muss die Festigkeit, die Er
starrung, die V ereinigung da sein, das ist das S al«
(III/1043).
Sulfur beschreibt die Art der Substanz und bildet
m ithin z.B. den U nterschied zwischen einer Pflanze
und einem T ier. Sulfur ist aber auch die individuelle
G estalt, also der U nterschied zwischen einer knor
rigen Eiche oder einer schlanken Zypresse.
.Merkur zeigt sich besonders in den spezifischen
Eigenschaften einer Substanz, ist also dafür verant
w ortlich, ob etwas schweißtreibend oder abführend
wirkt.
Das Salz hingegen offenbart sich in der Art der
Festigkeit und bewirkt z. B. den U nterschied zwi
schen einem harten Eichen- und einem weichen
Lindenholz; ein w eiteres Beispiel wären einjährige
Pflanzen im G egensatz zu ausdauernden Stauden
gewächsen. »D er feste Aggregatszustand (die Er
starrung) des Körpers ist aber auf das Salz zurück
zuführen, d.h. ohne Salz gäbe es nichts G reifbares
(Strukturkräfte). Denn das Salz ist schuld an der
H ärte des Diam anten und des Eisens, ebenso wie an
der W eichheit des Bleies und des Alabasters. Jede

Verfestigung und G erinnung kommt vom Salz.


Demnach ist in den Knochen eine andere Art Salz
als im B lute« (1/99).
Durch dieses Zitat wird auch ersichtlich, dass die
Prinzipien überall zu finden sind, jedoch im m er in
unterschiedlicher Intensität.
Das flüchtige m erkurielle Prinzip ist besonders
geheim nisvoll. Es hat die größte Verwandtschaft
m it dem Spiritus vitalis, dem Lebensgeist, und zeigt
am meisten Eigenschaften der Q uintessenz. U ber
Signaturen wie Geschmack oder Konsistenz, die
im m er einen sulfurischen und/oder salhaften C ha
rakter haben, kann man auf die m erkuriellen Eigen
schaften schließen. W ie w ir noch sehen werden,
versucht der Alchim ist durch U m wandlungspro
zesse der Form, den .Merkur zu extrahieren. Er ist
das G eistartige in der M aterie, das L icht der N atur
und dam it das eigentlich H eilende.
Auch der M ensch besteht aus den drei Prinzipien
- Körper, Seele und G eist wurden bereits genannt.
.Anatomisch findet sich eine U nterteilung in Kopf,
Brust und Bauch oder in Innen, Außen und eine
verm ittelnde Grenzfläche. Physiologisch ist die
E inteilung in die Polarität von Kalt und W arm und
als D rittes das Ausgleichende zu verzeichnen.
Paracelsus stellte sich G esundheit als einen aus
geglichenen Zustand zwischen den Prinzipien vor,
K rankheit dagegen als U ngleichgew icht - ähnlich
einer W aage, die in der K rankheit nicht mehr
schwingt, sondern beständig nach einer Seite aus
schlägt: »Sin d die 3 vollkommen m iteinander ver
bunden, so steht es um die G esundheit gut. W enn
sie aber zerfallen, sich zertrennen und sondern,
wenn die eine fault, die andere brennt und die dritte
sonst irgendeinen anderen W eg geht, so sind das die
Anfänge der K rankheiten« (Paracelsus 1/70).
Sulfur ist das Brennbare. M it Sulfur sind säm tli
che W ärm eprozesse verbunden. Sulfurisch sind z.B.
die G allenfunktion, fieberhafte Zustände oder jede
Art von Entzündung. Im Gegensatz zu Sulfur ver
körpert Sal alles Feste und Erstarrte und ist immer
m it Kälteprozessen verbunden. Besonders vom Sal
geprägt sind die Knochen. D egenerative, verstei
fende Krankheiten zeigen deutlich einen Sal-C harakter.
W ährend das Sulfurische eher akut und heiß ist,
zeigt sich Sal als chronisch und kühl. Die Sklerose
oder die Steinbildung sind tvpisch salhafte Zu
stände. Fressende H autleiden wie die Psoriasis
(Schuppenflechte) haben eher einen Sal-Charakter,
im G egensatz zu entzündlichen nervösen H autlei
den wie N euroderm itis, die mehr sulfurisch sind.
D er Bluthochdruck ist eher sulfurisch, der N ieder
blutdruck eher salhaft. Das sulfurische Tem pera
ment ist m ehr cholerisch oder hysterisch, während
der salhafte Typ zu Phlegm a, M elancholie und
N eurasthenie tendiert. Der flüchtige M erkur w ie
derum bildet die Brücke zwischen Sulfur und Sal.
M an findet ihn besonders an allen Regulationsvor
gängen und Feedbacksystem en beteiligt oder als
rhythm isch wechselnde Vorgänge wie H erzschlag
und Atmung, die im m er eine ausgleichende Funk
tion haben.
Besonders in der anthroposophischen H eilkunde
spielt diese D reiteilung heute noch eine w ichtige
Rolle (siehe Seite 66). Allerdings sind hier die
Begriffe anders gewählt. Das sulfurische Prinzip
nennt man »Stoffw echsel-G liedm aßensystem «, Sal
»X erven-Sin n es-System « und M erkur »rh yth m i
sches System «.
Auch die W elt der H eilm ittel zeigt sich drei
gliedrig; besonders deutlich wird dies bei der Pflan
zenbetrachtung. Die m eisten Pflanzen zeigen eine
U nterteilung in einen oberen Blütenbereich, einen
m ittleren B latt- und Stengelbereich und einen un
teren W urzelbereich. Die Blüte ist eindeutig der
W ärm epol der Pflanze; sie ist oft um einige Grad
w ärm er als die Um gebungstem peratur. Die W urzel
stellt hingegen den Kältepol dar. Sie ist eher auf
nehmend, während die Blüte sich m it der P ollenbil
dung deutlich dem Außen zuwendet. Der B latt- und
Stengelbereich hat eine verm ittelnde Position: Er
dient dem Säftefluss, aber auch dem Stoffaustausch.
M it den Blättern kom m uniziert die Pflanze m it der
U m gebung, sie entwickelt sich sozusagen in den sie
umgebenden Raum hinein.
Diese E inteilung ist für die H eilm ittelerkenntnis
von großer Bedeutung. W oher weiß man eigentlich,
welchen Pflanzenteil man am besten verwendet?
Das W issen, ob nun die W urzel mehr Kraft enthält
oder eine Blüte, wird seit Jahrtausenden von G ene
ration zu G eneration w eitergegeben, doch sind
solche Kenntnisse keineswegs selbstverständlich.
H ierzu schrieb Paracelsus: »(...) so wisset, dass an
dere Kräfte in den Knospen, andere in den Blättern,
andere in den Blüten, andere in den unreifen

»Sein Vater ist die Sonne,


seine M u tte r ist der M o n d « ,
he ißt es bei H erm es
T rism egistos. Z u sa m m e n
e rm ö glich e n sie das gro ß e
W erk, das hier als Trinität
v o n Dreieck (Sulfur), Q uad rat
(Sal) un d Kreis (M erkur)
dargestellt ist. A u s
Chymisches Lustgärtlein,
1624.

Früchten, andere in den reifen Früchten sind«


(1/390). »M anche Pflanzen haben ihre Kraft in der
W'urzel wie Pastinak und Enzian, manche in den
Blättern (...) wie C aulis (Kohl), manche in den Blu
men wie Buglossa (O chsenzunge), manche in den
Früchten wie Apfel und Birnen, manche in den
Samen wie Papaver (M ohn), Nux (M uskatnuss) und
dergleichen. (...) D er Aniadus (Strukturkraft) der
Erde verteilt es folgenderm aßen. Die führenden
Kräfte teilt er in drei Teile, in Samen, in W’urzeln
und in die A ste« (III/843).
M it den »führenden K räften« m einte Paracelsus,
dass w ir unser Augenm erk auf besondere Auffällig
keiten in der A usgestaltung lenken sollen. Dies
leuchtet sofort ein, wenn man eine blütenbetonte
R ingelblum e m it einem blattbetonten Frauenm an
tel oder einer wurzelbetonten Alraune vergleicht.
Durch die einseitige Ausprägung wird eine Pflanze
zu einer H eilpflanze. Für die Pflanze ist diese ein
seitige Ausbildung nichts Krankhaftes, sondern nur
Ausdruck ihrer W esensart, sich m it den äußeren
Bedingungen auseinanderzusetzen. Beim M enschen
ist jedoch jedes dauerhafte U ngleichgew icht zwi
schen den polaren Kräften m it K rankheit verbun
den.
Nach dem Gesetz der Sym pathie ist es nun m ög
lich, die U berbetonung beim M enschen m it dem
analogen Pflanzenteil zu behandeln. Ein Überm aß
im Sulfurischen erfordert Pflanzen m it einer Blü
tenbetonung, Krankheiten m it einem Sal-C harakter
hingegen wurzelbetonte Pflanzen, während bei Stö
rungen der rhythm ischen Ausgleichsfunktionen vor
allem blattbetonte Pflanzen hilfreich sind.
Die unterschiedliche Ausbildung von W'urzel,
Blatt und Blüte gehört in den Bereich der Signatu
renlehre, durch die man das W esentliche über den
Charakter einer Pflanze erfährt.
M erkur: Rhythmisches System
De r d re iglie d rige M e n s c h

Sal: Nerven/Sinnessystem
Umfasst alle katabolen (Energie abbauenden)
Prozesse im Körper. K alter Pol des .Menschen.
Ü bersteigerte Bewusstseinsprozesse, W achheit,
Intellektualität.
Im A lter stärker ausgeprägt als in der Jugend.
O rgane m it w enig Kraft zur R egeneration;
Knochen, N erven, N ervengeflechte, Sinnesorgane,
G ehirn; Lunge, .Milz. Alle Abgrenzungsflächen
des Körpers. Leptosome, hagere und trockene
.Menschentypen.
Pflanzen m it ausgeprägtem W urzelprinzip
(auch Rinden) wirken der L'berbetonung des
Sal-Pols entgegen.
Sie wirken hauptsächlich im oberen .Menschen.
.Man verwendet sie vor allem bei kalten und
chronischen Prozessen, bei nervösen Erscheinun
gen, Erschöpfung, Abwehrschwäche und oft
als A ltersheilm ittel.
Indikationen: Chronische Ekzeme, Sklerose,
kristalline Ablagerungen, Steinbildung, Schwerm etallvergiftung, Störungen im .M
ineralhaushalt,
Knochenleiden, degenerative Nerv enleiden wie
m ultiple Sklerose oder Parkinson, allgem ein chro
nisch-kalte und den Körper versteifende Prozesse;
nervöse Erschöpfung, Ü berbetonung des Intel
lekts, Folgen von Elektrosmog, allgem eine
N ervenleiden, N euralgien. A ltersheilkunde. R ege
neration, Rekonvaleszenz, M talitätsschwäche.
W urzelpflanzen dämpfen Kälte- und erhöhen
W'ärmeprozesse; manche wirken sedierend.
Beispiele: Rezepte zur Schw erm etallentgiftung
m it W urzeln aus Berberitze, Engelwurz, Klette,
Liebstöckel; Arnikawurzel bei Schlaganfall;
Baldrian oder N ieswurz als Sedativum; Alraune
und Zaunrübe bei Gelenkschmerzen und Rheuma;
Sonnenhut, Schwalbenwurz und .Meisterwurz
zur Abw ehrsteigerung; Schöllkrautwurzel und
Gelbwurz bei G allensteinen.
Die ersten antiken Kräuterbücher nannte
man »W urzelb üch er« und die K räuterkundigen
»W urzelschneider«. Dies ist m öglicherweise
ein H inw eis auf eine extreme Ü berbetonung des
N erven-Sinnes-System s in der alten Zeit.

Der rhythm ische Pol des M enschen steht für alle


ausgleichenden Prozesse im Körper, z.B. H erz
funktion. Blutdruck, Schlaf-AYachrhvthm us,
Atmung, endokrine Achse, N eurotransm itter. Stark
m erkuriell sind auch säm tliche Stoffum wandlun
gen, vor allem in der Bauchspeicheldrüse. Im
eigentlichen Sinne sind dem .Merkurprinzip keine
Organe, sondern O rganfunktionen zuzuordnen.
Das .Merkurprinzip erkrankt nicht, es kann höchs
tens seine Regulationsfunktion nicht m ehr ausüben
(Dekompensation), was aber häufig lebensbedroh
lich ist (z.B. H erz-K reislauf-V ersagen, A tem still
stand, akutes Abdomen).
Pflanzen mit ausgeprägtem Blatt- und Stengel
prinzip regen die rhythm ischen Prozesse im
O rganism us an. Sie wirken hauptsächlich im m itt
leren M enschen. Ihre W irkungsrichtung ist harm o
nisierend, daher sollte man sie häufig verwenden.
H äufig wird bei Blattdrogen das Kraut zu Beginn
der Blüte geerntet; hierdurch erklärt sich, dass
solche Pflanzen oft gleichzeitig auf das Stoffwech
selsystem wirken (z.B. Dost, W eißdorn).
Indikationen: Alle Prozesse, die einer Periodizität
bzw. einem Rhythmus unterliegen. Physiologische
Kompensationsmechanismen wie Blutdruck,
H erz- und Atemfrequenz, Schlaf-W ach-Rhythm us,
D arm peristaltik, horm onelle Störungen, M enstrua
tionsproblem e. Spezielle W irkung auf Herz,
Blut, N ieren und Horm ondrüsen. A llgem ein be
ruhigend und stim m ungsausgleichend.
Beispiele: M elisse, H erzgespann, Fingerhut,
M aiglöckchen, Bilsenkraut bei H erzrhythm usstörungen; Lungenkraut, Bittersüß und
Eukalyptus
bei Lungenleiden; Brennnessel zur Blutreinigung,
Rosmarin zur K reislaufregulation, Beifuß
und Frauenm antel bei H orm onstörungen.
Sulfur: Stoffwechsel/GIiedmaßensystem
Alle anabolen Prozesse (energiebildend). W arm er
Pol des M enschen. Alle Vorgänge im Körper, die
m it w enig oder ohne Bewusstsein ablaufen. In der
Jugend stärker ausgeprägt als im Alter. Schlaf
zustand; Im agination, M edialität, »B auchgefühl«.
M uskulatur und Bewegung, blutbildende O rgan
teile, Leber-G alle-System ; Verdauung; Bindege
webe. Plethorisch-pyknischer M enschentyp.
B ra u n w u rz (Scrophularia
n o d o sa) stim u liert die
A b w e h rfu n k tio n e n über
die Lymphe. Foto: M a rg re t
M adejsky.
Typisch ist die kn otige
A u sg e s t a lt u n g der W urzel
der B raunw urz, eine
S ig n a tu r fü r V e rh ä rtu n g e n
im Lym phbereich.
Foto: O la f Rippe
Die A n o r d n u n g der
Blätter de s G ä n se fin g e r
krauts (Potentilla anserina)
ist eine S ig n a tu r fü r eine
Arznei m it W irk u n g a u f
d a s rh yth m isch e System .
M a n ve rw e n d e t da s R o se n
ge w ä c h s als k ra m p flö se n
de s M itte l bei M ig rä n e
und M e n s tr u a t io n s
beschw erden.
Foto: M a rg re t M adejsky.

H irsc h zu n g e (Phyllitis sco lo pe n d riu m )


ist B estandteil von A rzneien m it W irk u n g
a u f die D arm p e ristaltik (z.B. D ige sto d o ro n
D ilutio n von W e le da o de r A q u ilin u m
com p. G lobuli von W ala, bei N e ig u n g zur
D ysbiose, Durchfall oder V erstopfung).
Foto: O la f Rippe.
Stie fm ü tte rch e n (Viola tricolor) ve rw e n d e t m a n als A nti-

R in ge lb lu m e (Calendula officinalis) v e rw e nde t m a n vor

d y sk ra tik u m (Säfteverbesserer) bei N e ig u n g zu n ä sse n d e n

allem als W u n d h e ilm itte l un d bei E n tz ü n d u n g e n von H aut

und eitrigen E n tz ü n d u n g e n , z.B. bei M ilc h s c h o rf oder

oder Schle im hau t. M it ihrer le uchtend en Farbe w irkt

N eu rod e rm itis. Foto: M a rg re t Madejsky.

sie zu d e m stim m u n g sa u fh e lle n d . Foto: M a rg re t Madejsky.

P flanzen m it ausgeprägtem B lü ten p rinzip ,

B eispiele: M istel bei Krebsleiden und A nfallslei

auch Sam en, H arze und Ö le wirken einer Ü ber

den wie Epilepsie (Pflanze kann nicht in der Erde


w urzeln!); Kümmel, Anis, Fenchel bei Blähungen;
Schafgarbe zur W undheilung und bei Schleim
hautentzündungen; K am ille bei Entzündungen und
Krämpfen in der unteren Körperhälfte; H arze,
R ingelblum e und Stiefm ütterchen zur W undhei
lung; Johanniskrautöl bei Entzündungen und Ver
brennungen; M ariendistel bei Leberschwellung;
Tausendgüldenkraut bei Darm infektionen.

betonung sulfurischer Prozesse entgegen, haupt


sächlich im unteren M enschen. Ihre W irkungsrich
tung m ildert W ärm eprozesse und fördert die
Strukturbildung. Oft werden Blüten auch zusam
men m it den Blättern verabreicht.
In d ikationen: Fettsucht, Tum oren, Keloid (W ulst
narben), allgem ein heiße Prozesse, Entzündungen,
Fieber, A llergien (v.a. H euschnupfen), exsudative
Dermatosen (H autkrankheiten m it Absonderun
gen), W undheilung, Rausch, Schlafsucht, alle
Erkrankungen m it reduzierter W ahrnehm ung,
U berbetonung der G efühlssphäre. Sie fördern Be
wusstseinsprozesse und dam it Abbauprozesse.
Allgem ein in der Pädiatrie (Kinder brauchen mehr
Blüten- und/oder Blattpflanzen). Jed e fortwäh
rende sulfurische Erkrankung geht irgendwann in
eine Ü berbetonung des Sal-Prinzips über, wird
also »fressend« (entartend) und chronisch!
Signaturenlehre
Die Zeichensprache der Natur
»Die X atu r zeichnet ein jegliches Gewächs. das von ihr
ausgeht. zu dem, wozu es gut ist. Darum, wenn man
eifahren will, was die X atu r gezeichnet hat. soll man es
an den Zeichen erkennen, welche Tugenden in einem
Ding sind.« (Paracelsus III/610)

W ege der Heilmittelerkenntnis


W ie kam der Mensch zur Arznei? Dies ist wohl eine
der elem entarsten Fragen der H eilkunst. Fragt man
Arzte und H eiler nach dem W ie und W arum , dann
erhält man die unterschiedlichsten Antworten. Der
Arzt wird vielleicht sein Studium oder einen kon
kreten Professor aufführen, der ihm dies oder das
beigebracht hat, oder er wird eine andere W issens
quelle nennen, z.B. eine D oppelblindstudie, die ihn
zur Arzneiwahl bewogen hat. Der H eilpraktiker
wird in der R egel ebenfalls seine Ausbildungen oder
konkrete L ehrer anführen, um seine G laubw ürdig
keit bei der Arzneiwahl zu unterm auern. Der Volksheiler hingegen begründet seine
Arzneiwahl mög
licherw eise m it der Erfahrung seiner Vorfahren.
Doch aus der Sicht des Paracelsus sind alle diese
W ege unsicher, denn: »E s ist verfehlt, in der M edi
zin sein W issen vom H örensagen und Lesen zu
schöpfen. Sondern man muss sich fragen: W ie hat
der Erste gelehrt? L'nd der, der ihn gelehrt hat, der
lehre uns auch« (1/66).
Paracelsus wollte zurück zum U rsprung des W is
sens, er war auf der Suche nach einer Q uelle unver
fälschter W ahrheit. Er fand sie schließlich in der
X atur selbst. Für ihn war sie das eigentliche .Myste
rium. Aus ihrem Schoß entstanden säm tliche Arz
neien, also musste sie auch den wahren Schlüssel
zur Arznei kennen. Er fand sie in der Zeichenspra
che der X atur. der Signaturenlehre.
Stark vereinfacht ausgedrückt handelt es sich
hierbei um eine .Methode der H eilm ittelerkenntnis,
bei der vom Äußeren, z.B. von Farbe oder Form,
auf das Innere, also auf W esen und W irkung ge

schlossen wird. Die gesam te X atur lässt sich nach


diesem System interpretieren. Bei .M ineralien sind
Signaturen beispielsweise die Art der K ristallstruk
tur, die Farbe oder die V ergesellschaftung m it ande
ren .Mineralien. Bei T ieren kommt zu Aussehen,
Geruch und Lebensraum noch ihr spezieller H abi
tus. In der Hauptsache wird die Signaturenlehre je
doch auf Pflanzen angewendet, indem man auf be
sondere D etails z.B. der Pflanzengestaltung achtet.
Daher könnte man die Signaturenbetrachtung von
Pflanzen auch als medizinisch interpretierte Bota
nik bezeichnen.
Man sucht durch die Beachtung der Signaturen
nach der größtm öglichen Ähnlichkeit zwischen
X atur und .Mensch, und wenn diese gegeben ist, hat
man ziem lich sicher eine wirksam e Arznei gefun
den. Paracelsus dürfte diese .Methode weitgehend
beim einfachen Volk kennengelernt haben, wovon
folgende Zitate zeugen: »W rir haben das von der
Erfahrung der gewöhnlichen Leute übernom m en«
(1/657). »Ich habe über 80 Bauern gekannt, die die
Kräuter nur wegen ihrer Form und Anatomie m it
den Krankheiten verglichen haben, und sie haben
vor meinen Augen dam it wunderbar und gut gehol
fen. (...) Denn wenn man dies beim Lichte besieht,
gelangten die sichersten Künste fast alle vom ge
meinen .Manne und unachtbaren Leuten an uns.
W ürden alle derartigen Erfahrungen ungefälscht
durch Rezepte und Rezeptenm acher in ein einziges
Büchlein geschrieben werden, dann wäre m ir das
lieber als alle Kommentare des Galenus und Avicenna« (1/672).
Es gab natürlich bereits vor Paracelsus eine Si
gnaturenlehre. In antiker Zeit befassten sich Auto-
W a s ist S ig n a t u r ?
Verhalten

gegenüber Licht, Luft


feuchtigkeit, Berührung usw.
(z.B. Licht-/Dunkelkeimer,
Wetteranzeiger) zeigen
evd. Sympathie zur
Krankheit
Gesellschaft
Standort

Ruderalflora, Kollektiv
pflanze oder Pflanzen
individuum? Zeigt, was
evtl. auf dem Rezeptblock
harmoniert

Wald-, Wasser- oder


Wüstenpflanze? Zeigt,
mit welchen Kräften sich
die Pflanze auseinander
setzt

Farbe

Geschmack

erlaubt Zuordnungen
zu den Elementen und lässt
auf Giftigkeit und Inhalts
stoffe schließen

Signatur (Zeichen)

Geruch

S ig n u m

S ig n a l

erlaubt Aussagen über


Giftigkeit und Inhaltsstoffe;
zeigt evtl. Sympathie zu
Körpersäften

(Kenn
zeichen,
Merkmal)

(Aufmerk
samkeit

zeigt Sympathie zu
Körpersäften (z.B. Lym
phe); erlaubt einfachste
Planetenzuordnung
Form
Gestalt, Gestik, Größe
und Form zeigen
anatomische Ähnlich
keiten mit Organen

Konsistenz

Namen

Zeigt z.B. Inhaltsstoffe


an (wie Schleimstoffe,
Kieselsäure)

geben Aufschluss über


(Heil-)Eigenschaften,
Standort, Erfahrungen

Fortpflanzung

Lebensdauer

zeigt die Beweglichkeit an,


weist evtl. auf tierische
Begleiter hin (z.B. Ameise)

korrespondiert mit dem


Lebensalter: z.B. Früh
lingskräuter - Kindheit,
Immergrüne - Alter
Rhythmus

Blüte oder Fruchtreife,


Tag-Nacht-Rhythmen
usw. zeigen Svnchronizität
mit Krankheiten, ähneln
z.B. rhythmischen Organen
wie dem Herz
D ie se Ü b e rsich t über die S ig n a tu re n ist im Laufe dreier W o rk s h o p
s im R ah m e n der W e ltko n fe re n z der E th n o th e ra p ie n
im O k to b e r 2 0 0 2 in M ü n c h e n in Z u sa m m e n a rb e it m it den T e
ilne hm e rn e n tstan d e n . D ie Ü b e rsich t kan n leider nicht
v o lls tä n d ig sein; z.B. fe h le n Träum e, E in g e b u n g e n u nd a nd e re
»Zufälle«. Sie soll lediglich d e m Inte re ssie rte n ein sy ste
m a tisc h e s H e ra n g e h e n an die Pflan ze n anbieten.
ren wie Theophrast oder Aristoteles m it diesem
T hem a, doch wurde nie sehr viel dazu aufgezeich
net. Paracelsus war somit der Erste, der sich w irk
lich umfassend m it den Signaturen auseinander
setzte. Nach ihm gingen einige seiner Schüler w ei
ter auf diesem uralten W eg der H eilm ittelerkennt
nis, darunter etwa der Alchim ist Oswald C roll
(1560-1608). Postum erschien 1609 seine Schrift
De signaturis morborum. D er Paracelsist Leonhardt
T h um eysser (1531-1596) verfasste ein Buch spe
ziell zur Astrologie und zu den Signaturen der D ol
denblütler. Ein w eiterer Bewunderer dieser Lehre
war Giovanni Battista della Porta (1535-1615). In
seinem W erk Phytognomonica (1588) beschrieb er
seine Suche nach einer gesetzm äßigen Ordnung,
die sich hinter den W undern der N atur verbirgt.
W eniger bekannt ist der Stuttgarter Apotheker J o
hann C udrio von Tours, der im 17. Jahrhundert
lebte. Er schrieb das Buch Anatomia et pbysiognomia
simplicium, das zwei Traktate über die Signaturen
der Erdgewächse enthält (1658). M it Goethe und
seiner M etam orphosenlehre kam es zu weiteren
Entwicklungen auf diesem G ebiet, die später von
Rudolf Steiner und seinen M itarbeitern w eiterge
führt wurden. Em pfehlenswerte moderne L iteratur
zum T hem a gibt es leider nur sehr wenig, lesens
wert sind vor allem die Bücher von Emil Schlegel
und W ilhelm Pelikan (siehe Literaturverzeichnis).
Die Signaturenlehre ist eine magische W eitsicht,
die davon ausgeht, dass jede Natursubstanz von
einer göttlichen Kraft gezeichnet ist, in der Absicht,
dass diese vom M enschen erkannt und genutzt wird.
N ichts wäre demnach zufällig. Paracelsus sprach
von einem höchsten Signator, der die W elt gezeich
net hat, dam it der M ensch durch die Zeichen nicht
nur einen W eg zur H eilung findet, sondern Gott
selbst erkennt.
Für seinen Schüler Oswald C roll war »d ie Signa
tur die Spur des unsichtbaren Gottes. Schatten und

schäften und Form stimmen m iteinander in dem


M aße überein, dass durch die C haraktereigenschaf
ten auf die Form geschlossen werden kann und
durch die Form auf jen e« (Paracelsus IV/541).
Der letzte Sinn des Daseins einer Pflanze oder

Bi'fd des Schöpfers auf den Geschöpfen« (zit. rr. E.

eines ^lVfferai's wäre also die Verwandlung in ein

Schlegel, 1987). Die Signatur w ar für ihn eine in


nere Kraft und eine geheim e Fähigkeit zum W ir
ken, ein göttliches G eschenk der Natur. H at man
die Signaturen begriffen, hat man eine Vorstellung
von der göttlichen Tugend einer Substanz: »A lles,
was die N atur hervorbringt, das formt sich nach
dem W esen der Charaktereigenschaften (Tugen
den), die darin sind (...). Denn C haraktereigen-
H eilm ittel durch den M enschen für den M enschen.
M an könnte auch sagen, das sich die N atur für
etwas Höheres opfert, das M ineral für die Pflanze,
die Pflanze für das T ier, das T ier für den M enschen
und der M ensch für die Engelssphären, die als kos
mische Kräfte durch die Planeten auf die Erde w ir
ken: »So betrachtet haben alle N aturobjekte ihre
U r-Beziehungen zum M enschenwesen. Für jeden

Die Erd en m utter überreicht dem Heiler ein Füllhorn. Hierzu


sprach er fo lge n d e s Gebet: »H e ilige G öttin Erde, Gebärerin
aller Naturwesen/(...) Dich, Göttliche, bete ich an, und Deine
G o tthe it rufe ich an; d e n n leicht k a n n st D u m ir da s g e
w ähren, u m w a s ich Dich bitte./(...) Ü b e rla sse m ir diese Deine
M e d izin. Sie ge la n ge zu m ir m it all D einer H eilm acht./W as
ich auch im m e r d a ra us herstelle, es m ö g e g u t w irken./W em
ich diese M e d iz in gebe, w e r sie auch v o n m ir em pfängt, lasse
sie alle g e su n d w e rd en (zit. n. H. Schipperges, 2 00 0). Codex

Vindobonensis, frü h e s 13. Jahrhundert; Ö sterreichische


N ationalbibliothek.
geringsten Aspekt des unerhört kom plizierten
m enschlichen O rganism us gibt es in der N atur ein
G egenbild (...). Jedes N’aturobjekt hat seit seiner
Schöpfung eine dem M enschen zugeneigte Seite,
trägt H eilverwandtschaft in sich. Dadurch ergeben
sich zwei W ege der H eilm ittelfindung: Der eine soll
versuchen, im Naturobjekt die Verbindung zu einem
Krankheitsprozess zu erkennen, der andere geht vom
K rankheitsbild aus und sucht den dazu passenden
N aturprozess« (AV. Daems, 2001).
Paracelsus ging davon aus, dass jeder Mensch
und dam it jedes Leiden einm alig ist und daher auch
im Prinzip eine einm alige Arznei benötigt. Das
Idealbild wäre hier die maßgeschneiderte Arznei, die
in ihren Signaturen das perfekte Spiegelbild der
K rankheit darstellt. Dies steht in krassem G egen
satz zum Trend in der m odernen Schulm edizin, wo
man m it wenigen Arzneien eine m öglichst große
Anzahl von K rankheitsbildern abdecken w ill. In
einer industrialisierten M edizin ist es eben prak
tisch, wenn nur noch die W ahl zwischen Kortison
oder Antibiotika bleibt.
W ie die L’ bersichtsgrafik zeigt, sind die m ög
lichen Signaturen völlig unterschiedlich und zahl
reich, was den Anfänger hoffentlich nicht ab
schreckt. L'm sich zurechtzufinden, sind vor allem
Einfühlungsverm ögen, Fantasie. Geduld und M uße
notwendig. W er glaubt, dass sich die N atur im X orbeigehen ihre Geheim nisse
entlocken lässt, der irrt
gew altig. Verkrampftes G rübeln ist jedoch auch fehl
am Platz. M it der nötigen Ü bung werden Signatu
ren selbstverständlich. M an kann sie auch m it T ie r
fährten vergleichen, die ein geübter Spurensucher
spielend auseinanderhalten kann. E w as Begabung
gehört natürlich auch dazu, wie auch nicht jeder
zum Künstler geboren ist.
Außerdem darf man sich nicht in D etailbetrach
tungen verstricken. Ein Porträtkünstler zeichnet
auch im m er zuerst die groben U m risse und legt die
Proportionen fest. Erst wenn das Bild im Aufbau
feststeht, beginnt er m it dem D etail, einem Auge
oder der N ase. So ist es auch m it der Signaturen
lehre: Die Betrachtung geht im m er vom Ganzen
zum D etail. Sie ist überdies eine assoziative, künst
lerische M ethode einer geistigen Schau und keine
Naturwissenschaft, die nach E indeutigkeit strebt.
Die künstlerische Freiheit der Interpretation ist
eine der Grundvoraussetzungen dieser M ethode.

Außerdem sollte man beachten, dass es um eine


Suche nach Ähnlichkeiten geht und nicht um exakte
G leichheit. Man forscht nach ähnlichen M ustern,
insofern erm öglicht die Signaturenlehre eine fraktale Sicht der W eit.
Diesen mystischen und für uns ungewöhnlichen
Blick in die N atur beschrieb Oswald C roll sehr an
schaulich: » W ir brauchen schärfere Augen, tiefere
Begabung und subtilere Forschung, wenn wir voll
ständigere und intim ere Kenntnisse von den Pflan
zen erwerben wollen, wie auf Anhieb vielleicht hun
dert von den Pflanzen bei ihrem Namen zu nennen,
und das ohne jede Kenntnis ihres inneren W ertes.
(..). Auf m agische W eise sprechen die Kräuter durch
ihre Signatur den tief in sich schauenden Arzt an,
und allein durch die Ä hnlichkeit eröffnet sich ihm,
in geheim nisvoller Versenkung, ihr Innerstes. Das
Zeichen einer Ä hnlichkeit ist näm lich die Art, wo
durch der Schöpfer die göttlichen und geheim en
D inge zu offenbaren pflegt, wom it er auf die höchs
te Ähnlichkeit der Ideen verweist (...). Die Pflanze
eröffnet dem Sterblichen wie durch Zauberformeln
ihre Kräfte und den T hesaurus ihrer Geheim nisse,
dam it auch der Elendste erfährt, wie seinen Leiden
H ilfe werden kann (...). N ichts ist zufällig und ohne
Sinn in einer Pflanzenfamilie zusammengefügt, alles
auf bestimmte W eise und aus guten Gründen in be
stim m ter Zahl und zweckm äßig nach Z eit und Ort.
L'nd wie die Tauben einander ohne Sprache allein
m it ihrem Körper anzeigen, was sie bewegt, so legt
G ott in die Pflanze sein G eheim nis, dam it die ihr
innewohnenden Kräfte nicht verborgen bleiben und
durch die äußeren Signaturen, also durch die Ähn
lichkeit in Form und G estalt, aus dem Anblick er
schlossen, erahnt und offenbart werden können.«
»Jeder Mensch empfindet natürlich bei einer
Blume und allen Dingen der Umgebung irgend
etwas. Es kommt aber darauf an. einen höheren
Standpunkt zu gewinnen, tiefer hineinzuschauen,
bestimmte Schaumigen mit jede?// Ding zu ver
binden. D arauf beruht zum Beispiel die tiefsinnige
Medizin des Paracelsus. Er spürte, fühlte,
sah die Kraft einer bestimmten Pflanze und die
I erd'andtschaft dieser Kraft mit einer ent
sprechenden im Menschen.« (Rudolf Steiner,
zit. n. z:'. Daen/s, 2001)
Schule der W ahrnehm ung
Die X atur ist der wahre Künstler. Sie erschafft eine
unendliche V ielfalt an Farben, Formen, G erüchen
und G eschmäckern - ein regelrechtes Feuerwerk
für unsere Sinne. In ähnlicher W eise erschafft sie
auch den spirituellen Körper der Substanzen. Der
Astralkörper kennt ebenfalls Farben und Formen,
jedoch sind diese für unsere Sinnesorgane nicht
wahrnehmbar.
X ach den V orstellungen der H erm etik lösen sich
die astralen Eigenschaften nicht auf. wenn ein Stoff
Der A cke rsch ach te lh alm (Eq u ise tu m arvense) g e h ö rt zu den B
odenheilern. O b w o h l
seine W u rze ln n u r einen M e te r in den
Bod e n reichen (w as sch o n beachtlich ist),
verändert der B e w u c h s m it dem kiesel
säurereichen G e w ä c h s da s B od e n m ilie u bis
in e inige M e te r Tiefe. Foto: O la f Rippe.
D er W in te r-Sch a ch te lh alm (Eq u isetu m
hyem ale) zeigt be so n d e rs deutlich die
saturn ale n Q u alitäte n von M in e ra lisie ru n g,
Stru k tu rie ru n g und d u n k le n Farbtönen.
Foto: O la f Rippe.

Die typisch e R h y th m ik im A u fb a u des


Schachtelhalm s, die an den A u fb a u der
W irb e lsä u le erinnert - in d iesem Fall
beim R ie se n sch a ch te lh alm (Eq u isetu m telmateia), den m a n in der V o lk
sm ed izin vor
allem als »ßettstroh« ge g e n R h e u m a u n d
Ischialgie verw endet. Die Pflanze bevorzugt
Feuchtgebiete als W a c h stu m so rt u n d ist
ein typisch e r A n ze ig e r fü r ge o m a n tisc h e
P ro blem zo n e n m it W asse rbe zu g.
Foto: O la f Rippe.
D er B ergkristall (Ouarz) ist da s m in e ra
lische P end ant zu m Schachtelhalm . In der
Therapie e rgän ze n sich Pflanze und
M in e ra l vorzüglich, z.B. bei eitrigen und/
o de r e n tzü n d lich e n H autleid en w ie N e u ro
de rm itis oder in der Th erapie von B in d e
g e w e b ssc h w äch e ; beide M itte l sind
B estandteil von M e tasilice a N Tropfen von
M e ta Fackler. Foto: O la f Rippe.

in seiner sichtbaren Struktur zerstört und in eine


Arznei verwandelt wird. Ganz im G egenteil wird
der Astralkörper hierdurch sogar gestärkt (siehe
auch das Kapitel über A lchim ie, Seite 126). Paracel
sus ging davon aus, dass ein H eilm ittel nur wirkt,
weil es zu einer V erbindung der spirituellen Form
der Substanz mit dem Spiritus im Körper im Kör
per kommt. Die Arznei führt sich durch die »B üdekräfte« der X atur praktisch
selbst zu ihrem ver
wandten Ziel.
Paracelsus drückte sich hierzu sehr konkret aus:
»Sobald eine Arznei, die spiritualiter in ihrer essen-
tia eingenom m en wird (also als vergeistigte Arznei),
in den Körper kommt, ist sie in ihrer Form wie ein
Regenbogen am H im m el, ein Bild oder eine Form
im Spiegel (dam it nur noch energetisch vorhanden).
H at sie die Form der Füße, dann gehört sie in die
Füße. H at sie eine Form der H ände, dann gehört sie
in die Hände. So verhält es sich auch m it dem Kopf,
dem Rücken, dem Bauch, dem H erzen, der M ilz,
der Leber (...) Die Arznei (...) führt sich selbst durch
die Kraft ihres Bildes. (...) Ein Beispiel: Euphragia
(Augentrost) hat in sich die Form und das Bild der
Augen. Daraus folgt, dass sie sich in ihr G lied und
in die Form des Gliedes stellt, wenn sie eingenom
men wird, so dass Euphragia ein ganzes Auge w ird«
(Paracelsus 1/530).
Betrachten wir als weiteres Beispiel die W irb el
säule m it ihrem segm entalen Aufbau, die bereits
ganz am Anfang der Em bryonalentw icklung ange
legt wird (N euralrohr). Sie ist hart, aber in sich sehr
beweglich. Sie schützt m it ihrer H ärte das sensible
Rückenm ark. Seitlich treten die Spinalnerven aus,
die wie ein Baum geäst den Körper ganz umfassen.
Ähnlich wie die W irbelsäule ist nun der Schachtel
halm strukturiert - auch er ist in Segm ente unter
teilt, zeigt seitliche Auswüchse, ist äußerlich hart,
dennoch sehr elastisch, innen jedoch luftig und
hohl und voller Flüssigkeit. Interessant ist zudem,
dass er zu den Sporengewächsen gehört, somit also
w eit in die Em bryonalzeit der Pflanzengeschichte
zurückreicht. In geeigneter Z ubereitung ist der
Schachtelhalm m it seinen Signaturen die ideale
Arznei für Problem e im Bereich der W irbelsäule.
Die Firma W ala bietet eine ganze Produktpalette an
Arzneien für die W irbelsäule an (D isci-Präparate).
Die M ittel sind zwar je nach Indikation etwas an
ders zusam mengesetzt, der Schachtelhalm ist je
doch im m er m it dabei.
Ein w eiterer ständiger Bestandteil der W ala-P räparate für die W irbelsäule ist
der Bambus. Dieser
zeigt im Aufbau ebenfalls eine Sym pathie zur W ir
belsäule und ist dem Schachtelhalm in den Signatu
ren recht ähnlich, obwohl er botanisch einer ganz
anderen Fam ilie angehört. Beide Pflanzen enthal
ten zudem ausgesprochen viel Kieselsäure, die man
auch als N erven- und K nochennahrung bezeichnen
kann. W arum die Pflanzen helfen, liegt aber sicher
nicht allein an ihren W irkstoffen, es ist vielm ehr das
geistige Bild der Pflanzen, das durch die homöopa

A b w e h rste ig e ru n g , aber auch bei H aut- u n d S c h le im h a u t


w u c h e ru n g e n w ie Zysten u nd W arzen, die m a n als S ig n a tu r
in der Fruchtbildu ng entdecken kann.Thuja und E quise tum
sin d E rgä n zu n gsm itte l bei e ine rT e n d e n z zu W u ch e ru n ge n .
Foto: M a rg re t Madejsky.

thische Zubereitung an Kraft gewinnt und als ver


geistigte Arznei im Körper die formverwandte W ir
belsäule zu heilen vermag.
N eben der Ü bereinstim m ung in der Form ist es
eine weitere wichtige L'berlegung, ob die Signatur
eines H eilm ittels einem Krankheitsprozess ent
spricht oder einer Idee bzw. einem Zustand, den
man sich sehnlichst wünscht. Emil Schlegel sprach
im letzteren Fall von der eigenen Kraftsphäre, der
man durch eine freundliche M acht etwas Fehlendes
hinzufügen will. Im Sinne einer Substitutionsthera
pie handelt es sich dabei m eistens um ungiftige
Pflanzen.
M öchte man beispielsweise Sanftm ut und innere
Ruhe erlangen, dann wird man vielleicht in der M e
lisse ein H eilm ittel finden. Ihre weichen Blätter, die
sanften Rundungen der Blätter, das m ilchige Weiß
der kleinen Blüten und vor allem der anm utige,
liebliche Zitronenduft der B lätter sind nach den
Regeln der Sym pathie Signaturen eines Seelenbal
sams.
Stellen w ir uns im G egensatz hierzu vor, wir
wären völlig erschöpft und hätten eine auslaugende
Infektion: Sucht man nun nach einer geeigneten Si
gnatur in der N atur für ein eventuelles H eilm ittel,
wird man vielleicht in stacheligen Pflanzen eine
L’nterstützung finden, weil diese Stärke und W ehr
haftigkeit ausstrahlen.
Paracelsus gab als m ögliches M ittel für Erschöp
fungszustände die Silberdistel (C arlina acaulis) als
Am ulett und Arznei an. W ie er beobachten konnte,
zieht die Pflanze über die W urzel Kräfte von ande
ren Pflanzen an sich (111/63) - eine Eigenschaft
ähnlich dem Lichtschein des .Mondes (III/515), der
auch nicht von selbst leuchtet. Paracelsus w ar daher
der .Meinung, dass schon das bloße Tragen dieser
Pflanze die Kraft aus der U m gebung abziehen und
auf den .Menschen übertragen würde (111/28). Eine
neunblättrige Silberdistel würde dem Volksglauben
nach sogar die anim alische Kraft von neun .Män
nern bewirken. Ein Sinnbild der Kraft ist auch der
anim alische Duft der W urzel - die Pflanze heißt
deswegen Eberwurz. Paracelsus nannte sein Kraft
m ittel jedoch »en glisch e« D istel, wegen ihrer
engelsgleichen W irkung, vielleicht aber auch wegen
des strahligen Aufbaus und des silbrigen Blüten
glanzes, der etwas Ü berirdisches hat.
.Man findet die Distel heute noch im Alpenraum
über viele Stalltüren genagelt, oft zusammen mit
anderen stacheligen Kräutern wie dem W acholder.
Stachelige Pflanzen gelten im Volk als ».M ahrensitz«, m it anderen W orten: Das
Böse spießt sich
daran auf, wenn es versucht, ins Haus einzudringen.
Am Sautrog angenagelt, soll die Silberdistel das
Vieh vor Verhexung schützen. .Man findet die Blüte
auch als Schm uck von Kühen beim Alm abtrieb. Die
stachelige und lichtvolle Pflanze soll hier ebenfalls
das Böse abwehren.
W as sich zunächst als reiner Aberglaube an
hört, ist durchaus wissenschaftlich zu bestätigen.
Die Pflanze enthält entzündungswidrige G erb
stoffe, außerdem fand man antim ikrobiell w irk
same ätherische Oie (C arlinaoxid); eine H em m ung
von Staphylococcus aureus konnte sogar noch in
einer Verdünnung 1 :2 x 1 0 ' nachgewiesen werden

Im V o lk sgla u b e n ver
w e n d e t m an die Silber
distel als sc h u tzm a g isc h e n
Sc h m u c k über der Haustür,
am V ie h tro g o de r w ie hier
beim Alm abtrieb. Die
S c h m ü c k u n g erfolgt nur,
w e n n a u f der A lm w äh re n d
des S o m m e rs kein U n g lü ck
geschah . A u fg e n o m m e n im
U ltental bei M e ra n in der
N ä h e der 2 0 0 0 -jä h rig e n
Urlärchen. Foto: M a rg re t
M adejsky.

Atliuro' (yiurßr*.'

OTiiofn^bUucb.
Chimsltom

tf
Cbtritortj.

Silberdistel und K noblauch, zwei potente antim ikrobiell


w irk sa m e Pflanzen. Im H e rb arium v o n E n ge n o lp h sin d die
Pflanzen in erster Linie nach ihrer therap e utische n Ver
w a n d tsch a ft geordnet. Kolorierter H olzschnitt, 1552.

W e g e n ihres e ige n tü m lich e n a n im a lisch e n G e ruch s nennt


m an die Silberdistel auch Eberw urz. In der Tat bew irkt sie
eine a n im a lisch e Kraft, be so nde rs bei e rschö p fe nde n
Infektionen, z.B. von Lunge, H a u t und Darm . Der S a ge nach
o ffenbarte ein Engel Karl d e m G ro ß e n die pestile nzw id rige
H e ilw irk u n g - so kam die Pflanze zu ihrem b o tanisch e n
N a m e n Carlina acaulis. Foto: M a rg re t M adejsky, a u fg e n o m
m en a m M yth e n , Schweiz.
(Chr. Jänicke/J. Grünwald/Th. Brendler, 2003).
»D er Acetonextrakt, das ätherische Ol und C arlinaoxid besitzen eine starke
antibakterielle W irkung,
nicht jedoch der W asserextrakt; getestet wurden
u.a. Staphylokokken, Enterokokken, Salm onellen
und Shigellen. Für das ätherische Öl konnte auch
eine konzentrationsabhängige antifungische Aktivi
tät nachgewiesen w erden« (M . W ichtl, 2002).
In unserer Praxis verwenden w ir die Silberdistel
als T in ktur oder in Tiefpotenzen bei schwächenden
fieberhaften Infekten, D urchfallerkrankungen und
G astritis, außerdem bei Vergiftungszuständen vor
allem durch Schw erm etalle und bei W illensschw ä
che und Apathie nach oder während Infektionen.
In der Volksmedizin gebraucht man essigsaure
W lirzelauszüge zum W aschen von Flechten und eit
rigen Ausschlägen (M . W ichtl, 2002). Paracelsus er
wähnte die Silberdistel auch als Arznei bei Fall
sucht, M anie und Epilepsie sowie als Schutzm ittel
vor W ahnsinn (1/77).
Ein weiteres Beispiel sind Aphrodisiaka. Die
M ittel der Liebesgöttin Aphrodite eignen sich nicht
nur zur Steigerung der Liebeslust, sie verbessern
zudem die Lebenskraft und vertiefen nicht selten
auch die H ingabefähigkeit; manche eignen sich
auch zur Fruchtbarkeitssteigerung. Zahlreiche Paare
bleiben heute ungew ollt kinderlos - ein gefundenes
Fressen für die Reproduktionsm edizin, die U nsum
men daran verdient, aus gesunden M enschen hor
m onell geputschte Gebär- und Zeugungsm aschinen
zu m achen. In unserer Praxis werden w ir inzwi
schen fast täglich m it den Opfern dieser Branche
konfrontiert.
In vielen Fällen konnten w ir m it einfachen und
zudem billigen M itteln auf ganz natürliche W eise
nachhelfen. .Als w ir zum ersten M al einen Patienten
m it einem schlechten Sperm iogram m vor uns hat
ten, erinnerten w ir uns an Paracelsus: »In dem
K räutlein Satyrion (Knabenkraut) hast du die
Hoden als Signatur. Schaue, ob es seine Kraft bei
der H ilfe für dieses G lied zeigt, dessen Anatomie
und Signatur es beweist. Dann schaue, was es bei
Stärkung des Beischlafes bew eist« (1/656). W eitere
Recherchen in alten K räuterbüchern unter den \ er
weisen »verm ehret den Samen des M annes« oder
»stärkt das G em ächt« ergaben weitere Kräuter wie
Pastinak, Engelwurz oder Senf, aus denen w ir dann
die Rezepte zusam menstellten.

»Satyrion«: Liebestropfen für den M a n n

Zur Stärkung der sexuellen Kraft und bei U nter


funktion der m ännlichen Keim drüsen. Der
Liebstöckel w irkt auf die H arnorgane stärkend
und »m acht den Stöckel lieb «, wom it der Penis
gem eint ist. Potenzholz m acht seinem N am en alle
Ehre, während das Knabenkraut in den W lirzeln
die Signatur der Hoden zeigt. Pastinak m it
seinem warmen sinnlichen Duft w eist auf die
Sexualsphäre hin. Allgem ein wirken D oldenblütler
auf die Sperm iogenese günstig, ein weiteres Bei
spiel hierfür ist M annstreu, das schon von den
thessalischen Hexen zum Liebeszauber gebraucht
wurde.
Bei einer Fruchtbarkeitssteigerung besteht die
Zusatztherapie aus dem xMondmetall Silber, denn
die Keimdrüsen unterstehen dem M ond. Der
Lebenssinn der Bienenkönigin besteht in der Ei
ablage; der Hoden als das O rganm ittel spricht
für sich selbst. G inseng verbessert nachweislich
säm tliche vegetativen Funktionen, besonders wenn
man in die Jah re kom m t (H ähne legen bei Zu-
fütterung ih r H ochzeitskleid an, was zur Ab
wechslung ja einm al ein netter Tierversuch ist);
Ähnliches bewirken Brennnesselsamen bei alten
Pferden, die bei Zufutterung w ieder ein glänzendes
Fell bekommen. Vitam in E regt allgem ein die
K eim drüsentätigkeit an.
Jew eils 20 ml
Eryngium aquaticum (M annstreu) U rtinktur
Levisticum officinalis (Liebstöckel) U rtinktur
M uira puama (Potenzholz) L’ rtinktur
Orchis mascula (Knabenkraut) L'rtinktur
Pastinaca sativa (Pastinak) L’ rtinktur
L’ ber die Apotheke bei Spagyra mischen lassen;
3 x täglich 20 Tropfen einnehmen (zur R ezepter
stellung siehe auch Seite 429).
Z usätzlich:

• G inseng L'rtinktur (W eleda): 2 x täglich


20 Tropfen.
• O ligotherapie m it Vitam in E (z.B. Sanavitan,
S V itam in E 400 mg, 1-2 x täglich 1 Kapsel vor
dem Essen) und Zink (z.B. als Zinkam in-Falk,
1 x täglich 1 Kapsel).
• Speziell bei Fruchtbarkeitsstörungen: »Testes
com p« (G lobuli und Ampullen von W ala);
das M ittel besteht aus Silber, Bienenkönigin
und Rinderhoden als O rganm ittel. 3 x täglich
10 G lobuli und 1 xAVoche subkutan Injektion
2 Q uerfinger unterhalb des N abels.
• T äglich 1 T L voll Brennnesselsam en essen, sie
»m ehren den natürlichen Sam en« (A. Lonitzer,
1557/1962).

»Diese Bezeichnung (Signaturj ist ganz uns


de?/t Brunch gekommen und man hat sie ganz ver
gessen. Dadurch kam es zu vielen Irrtiimern.«
(Paracelsus III/611)

S3:q>( Kiukuftsttit
im rm lf.

C C C X II.

W e g e n der h o d e n fö rm ig e n W u rze ln gelten K nab e nkräuter


als m a gisc h e M itte l zur S te ig e ru n g der Z e u g u n g sfä h ig k e it
und der Potenz. Kolorierter H o lzschnitt a u s de m Kräuter

buch von Leon hart Fuchs, 1543.

Das Heilmittel als Spiegelbild


der Krankheit
N un kann ein H eilm ittel aber auch dem Krank
heitsbild selbst entsprechen. H ier wird man fest
stellen, dass es sich bei den in Frage kommenden
H eilm itteln oft um für den M enschen giftige Sub
stanzen handelt. »D ie Gifte (...) entsprechen uns
nicht, sondern sie entsprechen Störungen in uns.
Dies gestaltet sie zugleich zu .Arzneien« (E. Schle
gel, 1987). Deswegen kommt hier sehr viel stärker
der homöopathische Denkansatz zum Tragen. Je
größere .Ähnlichkeit die G iftwirkung m it einem
pathologischen Geschehen hat, desto w ichtiger ist
eine feinstoffliche A rzneizubereitung und eine ge
ringe Dosierung.
Nehmen wir als Beispiel den Aronstab (Arum
m aculatum ). W ir kennen ihn als Frühlingsblüher,
C$au mans trm

M a n n stre u a rte n , die zu den D olde n b lü tle rn zählen, ge hö re n


zu den Pflanzen, m it d e n e n m an traditionell einen Liebes
zau be r d u rchführt. Sie stehen auch in d e m Ruf, die Sper
m io g e n e se a n zu re g e n und auch die Q u alität des S p e rm a s
zu verbessern. Die do rn e n h afte S ig n a tu r ist typisch für
Pflanzen m it einer rein ige n de n W irk u n g, die starke S a m e n
b ild u n g ist eine S ig n a tu r der Fruchtbarkeit. D er H andel
liefert Fe ld m an n stre u (Eryn giu m cam pestre, siehe Bild) und
M e e re sm a n n stre u (Eryn giu m aquaticum ). A u s dem

Kräuterbuch des J o h an n e s Kentm ann, 1563.

dessen Blüte einem aufgerissenen Rachen gleicht.


Später zeigt sich dann ein feuerwehrroter Frucht
stand m it seinen geschwulstähnlichen Knoten. W er
schon einm al ein kleines Stück von den Blättern ge
kaut hat, weiß, was ätzender Geschmack bedeutet.
In den Blättern sind Kristalle (O xalsäure), die sich
in die Schleim häute bohren und dabei ein unglaub
liches W undheitsgefühl erzeugen. Scharfstoffe
dürften für die G iftwirkung verantwortlich sein.
B etrachtet man nun die Signaturen, so deuten diese
auf ein m ögliches M ittel bei Entzündungen speziell
im Rachen hin, m it einem eventuell ätzenden W und
heitsschmerz - und in der Tat hat sich Arum maculatum als H oinöopathikum (ab D2)
bei M andel
entzündung, Rachenentzündung, H eiserkeit und

Schnupfen m it W undheitsgefühl bewährt (ein Tipp


zur Nasenpflege: »Arum Nasentropfen S « von N est
mann).
Eine weitere Indikation ist die Ü beranstrengung
der Stim m e, was M enschen, die von ihrer Stimme
leben und unter einem wunden Hals leiden, sehr zu
schätzen wissen. So kam einm al eine völlig heisere
O pernsängerin in die Praxis, die einige Tage später
einen w ichtigen A uftritt hatte. W ir verschrieben ihr
neben Arum maculatum D6 (5 x täglich 5-7 Trop
fen) noch Kräuter als T in ktur zum innerlichen Ge
brauch und zum G urgeln m it lauwarm em Wasser,
darunter die »S än gerkräuter« O derm ennig (Agrimonia eupatoria) und W egrauke
(Sisym brium officinale) sowie Echinacea M undspray (W ala) - nach
zwei Tagen war der Spuk vorbei, und ihrem A uftritt
stand nichts mehr im W ege.
Paracelsus erwähnte an verschiedenen Stellen
den Aronstab. Sein Favorit war eine U nterart m it
einem schlangenähnlichen M uster am Stengel, die
er Serpentina (D rachenwurz) nannte. W ie er angab,
lernte er die Pflanze bei Reisen durch das Piem ont
kennen; demnach kann es sich eigentlich nur um
.Arum italicum handeln und nicht um Arum dracunculus m it seiner ekelhaft nach
Verwesung stinken
den und auffallend blutroten, riesigen Blüte, der
zwar eher auf die Beschreibung passen würde, aber
nur noch w eiter südlich, z.B. in G riechenland, vor
kom m t.12 Die an seinem G eburtsort vorkommende
C alla palustris nennt man zwar ebenfalls D rachen
wurz, doch trifft hierauf seine Beschreibung über
haupt nicht zu.
Er verwendete Serpentina zur Behandlung von
H autgeschwüren, vor allem aber als Arznei bei
Knochenbrüchen, wo er die W irkun g m it Beinwell
auf eine Stufe stellte (1/882), und als Schm erzm ittel
bei Koliken (11/122). Zusammen m it Bibergeil
(Castoreum ), Lavendel und M aiglöckchen führte er
Serpentina als balsamisches M ittel zur Einreibung
gelähm ter G lieder nach Schlaganfall an (11/135 und
435). An einer anderen Stelle erwähnte er die D ra
chenwurz zusammen m it O derm ennig als m agen
stärkende Arznei bei Sodbrennen (11/593). Als
W\indtrank führte er sie zusammen m it Tausend
güldenkraut, Frauenm antel, Im mergrün und Sanikel auf (IIL/450), an anderer Stelle
bei »offenen
12 Spagvra liefert A rum italicu m und Arum dracunculus, je
w eils ab d er U rtinktur.
Im A ro n sta b zeigen sich Signaturen, die
a u f eine V e rw e n d u n g als M itte l bei R achen
e n tz ü n d u n g e n hindeuten. D as e ig e n tü m li
che G e w ä ch s gilt auch als A p h rod isiaku m ,
die S ig n a tu r von Vulva und Ph allus ist de u t
lich zu erkennen. Paracelsus bevorzugte
w ah rsc h e in lich A ru m italicum . A u s dem
K räuterbuch des J o h an n e s K entm ann, 1563.
Vielleicht w a r die »Se rp en tin a« des
Paracelsus die bizarr a n m u te n d e D ra ch e n
w urz, A ru m dracunculus, die m a n noch
heute in der H o m ö o p a th ie bei H a lse n t
z ü n d u n g e n u n d A st h m a verw endet.
Foto: O la f Rippe.

Schäden« (z.B. Ulcus cruris) zusammen m it Bein


well und W egerich (III/512 und 513) oder als
W undm ittel m it Eibisch (III/547). Er verwendete
die Drachenwurz m eistens zu W aschungen oder in
Salben, aber auch innerlich, entweder als Abko
chung oder als Alkoholauszug.
Es scheint, als ob Paracelsus vor allem von der
schlangenähnlichen Signatur angetan gewesen
wäre, in der er vielleicht eine Signatur für eine er
neuernde und regenerative Kraft sah. N ach R a
chenentzündungen oder Ähnlichem wie in der
homöopathischen Anwendung sucht man aber ver
gebens, dafür findet man die Indikationen des Para
celsus wiederum nicht in den homöopathischen
A rzneim ittelbildern - was jedoch kein W iderspruch
ist, sondern eine Aufforderung, m ehrere Q uellen zu
studieren und die Angaben in der Praxis zu über
prüfen
Da es viele H eilm ittel für den gleichen K rank
heitstyp gibt, ist es enorm w ichtig, die feinen U n
terschiede der potenziellen Arzneien zu kennen, die
sich in den verschiedenen Krankheiten w iderspie
geln. So heißt es bei Paracelsus: »N ich t siebzigerlei
Fieber gibt es, sondern wie viel .Mittel gegen die
Fieber, so viel Fieber gibt es« (11/229). Diese Vor
stellung entspricht wiederum sehr stark dem Vorge
hen in der Homöopathie. So sind alle Fieberm ittel
in ihrem A rzneim ittelbild zu unterscheiden. Die
Tollkirsche (Atropa belladonna) h eilt Fieber mit

großer H itze, W ahnvorstellungen, Lichtscheu und


böse Folgen von Sonnenstich. Der Blaue Eisenhut
(Aconitum napellus) ist ein gutes .Mittel bei plötz
lichem Fieber m it Schüttelfrost, ausgelöst durch
Tem peratursturz oder durch kalten Ostwind. Der
Bittersüß (Solanum dulcam ara) w irkt wahre W un
der bei bösen Folgen von D urchnässung und von
W etterum schwüngen von W arm nach Kalt.
Die unterschiedliche W irkun g erkennt man an
den Signaturen der Pflanzen. Die Tollkirschenblüte
versteckt sich vor dem Sonnenlicht, indem sie ihre
Blätter als Sonnenschirm verwendet; ihre braunvio
lette Farbe ist eine Signatur der astralen Wrelt der
Geister, die den Kranken besetzt halten. Der Eisen
hut hat einen kalten Blauton in der Blüte und
wächst besonders gern in H ochlagen, wo ständig
ein kalter W ind bläst. Bittersüß liebt Feuchtgebiete,
und seine roten Früchte reifen im Spätsommer,
wenn G ewitter und plötzliche W etterum schwünge
den O rganism us belasten.
H äufig verglich Paracelsus physiologische und
pathologische Abläufe auch m it W etterphänom e
nen. So sah er die H arnbildung in Analogie zur Verwandlung von W asserdam pf in
Regen. Geschieht
dies m it Blitz und Donner, dann entsteht H agel. Im
.Menschen verwandelt sich der H agel in einen N ieren- oder Blasenstein, und das G
ewitter gleicht
einem Schock. M an konnte z.B. inzwischen nachweisen, dass es bei einem Schock zur
Ausfällung von
hi.

Eise n h u t (A co nitu m napellus) g e h ö rt zu den giftigste n


Pflanzen unserer e in h e im i
schen Flora. M a n v e rw e nde t
da s satu rnale H a h n e n
fu ß g e w ä c h s in der H o m ö o
pathie bei N e ura lgie n und
Virusin fe ktio ne n, vor allem
bei gleichze itigen A n g s t
zuständen. Foto: M a rg re t
Madejsky.
W ie alle Solan ace en bevor
zu g t auch der bittersüße
N achtscha tte n »Reiz
streifen«. M a n ve rw e nde t
S o la n u m du lcam a ra in der
H o m ö o p a th ie vor allem zur
B e h a n d lu n g von Im m u n o pathien un d allergischen
Ekzem en. Foto: M a rg re t
Madejsky.

HK1J.ADONK.
Tollkirsche (Atropa bellad on na) g e h ö rt zu den w ich tige n
V iru sm itte ln in der H o m ö o p a th ie - be so n d e rs bei Fieber m it
Lichtscheu, G esichtsröte, Kopfschm erz, M u sk e lsc h m e rz e n
und Delir. B ew ä h rt hat sich da s N ac h tsch a tte n ge w ä ch s
auch bei B lu th och d ru ck und Statu s nach Apoplex.
K olorierter Kupferstich a u s d e m W e rk von C ham beret/
C h a m m e to n , 1814-1820.

O xalsäurekristallen in den N ierentubuli kommt,


was die N ierensteinbildung fördert (= H agel). N ie
rensteine kann man also m it Recht Angststeine
nennen. D er Sauerklee (Oxalis acetosella). der bei
drohendem D onnenvetter blitzartig seine Blätter
zusammenfaltet (Schocksignatur), enthält nun eben
falls Oxalsäure und eignet sich daher in der rich ti
gen D osierung (z. B. D6) zur Behandlung solcher
Leiden.
Paracelsus kannte natürlich noch keinen W irk
stoff, für ihn wäre der unsichtbare G eist des Sauer
klees sein saurer Geschmack gewesen, der auf die
Verwendung bei N ierenleiden hindeutet. Seine zar
ten weißrosa Blüten sind zudem ein sichtbares Z ei

chen für ein H eilm ittel, wenn das Nervenkostüm


des Kranken zerrüttet ist. W eiß findet man häufig
als Farbsignatur bei N ervenm itteln.
Paracelsus betonte im m er wieder, dass man von
der Form der Pflanze auf die Form der Krankheit
schließen kann. Als Beispiele führte er die hoden
förmige W urzel des Knabenkrauts an, die man tra
ditionell als Liebesm ittel verwendet, oder den Au
gentrost, der entfernt an ein Auge m it W im pern
erinnert und ein bewährtes M ittel bei A ugenent
zündungen ist. R udolf Steiner, der sich sehr von Pa
racelsus inspirieren ließ, entdeckte durch die Idee
der Formverwandtschaft vor knapp 100 Jahren die
Verwandtschaft der M istel zum Krebsgeschehen.
Auch wenn man noch so viele Beispiele anführt,
ändert dies jedoch nichts daran, dass man in unserer
Zeit die Signaturenlehre gern als Aberglauben
abtut. V erw irrung stiften auch Lexika, in denen sich
D efinitionen finden wie etwa »inzw ischen über
holte, da wissenschaftlichen K riterien nicht mehr
entsprechende L eh re« (Brockhaus) oder »m ystische
A rzneilehre« (M eyers). Dabei wird verdrängt oder
vergessen, dass indirekt sogar die moderne Phytopharm akologie von der
Signaturenlehre profitiert:
W enn unsere Pflanzenforscher heute in den R egen
wald gehen, um »n eu e« Arzneien zu finden, dann
lassen sie sich die Pflanzen üblicherweise von natur
kundigen L'rwaldeinwohnern zeigen, die ihrerseits
die Kräfte dieser Pflanzen durch die Signaturen er
kannt haben.
Auf die Idee, dieses W issen selbst anzuwenden,
kommen leider nur die wenigsten. In W issen
schaftskreisen ist diese alte M ethode der H eil
m ittelerkenntnis höchstens noch von historischem
Interesse. Von den Vertretern der synthetischen
Pharm aindustrie wird man w ahrscheinlich kaum
etwas anderes erwarten können; dass diese Erkennt
nism ethode jedoch auch von manchem N aturheil
kundigen verachtet wird, stim m t traurig. Vor allem
unter den »ratio n alen « Phytotherapeuten ist die
Aversion sehr deutlich. Die V orstellung zeitgenössi
scher V ertreter der Signaturenlehre, nach der ein
H eilm ittel den körperlich-seelischen Zuständen des
Patienten entsprechen sollte, gelten unter »R atio
n alisten« als unseriös und Scharlatanerie. H erablas
send nennen sie das W issen der Volksmedizin, aber
auch viele Angaben in alten K räuterbüchern sowie
T herapieideen, die nicht durch Laboranalvsen,
Tierversuche oder Doppelblindstudien abgesichert
sind, »In dikation slyrik«. Eine Diskussion hierüber
ist jedoch reine Zeitverschwendung; weil sie die Si
gnaturenlehre verachten, sind sie sehenden Auges
blind (Paracelsus 1/518). N ehm en w ir die Verun
glim pfung also einfach als Kompliment, denn die
Dichtkunst gilt schließlich seit ältester Zeit auch als
Königsweg zum H eilsein.
»Glaube mir, denn ich habe es erfahren. Du ivirst
mehr in den Wäldern finden als in den Büchern.
Bäume und Steine werden dich lehren, iras du
von keinem Lehrmeister hörst.«
(Bernhard von Clairvaux. 1 0 9 0 -1 1 5 3 )

Signaturbetrachtungen am Beispiel
der Brennnessel (Urtica dioica)

G e ru c h

Frisch gesam m elte Brennnesselblätter haben, auch


wenn das Sam m elgut von einem sauberen Platz
stammt, einen dezenten L'ringeruch, der von einem
schwachen m elissenartigen Geruch gefolgt wird.
Die G eruchssignatur zeigt eine Beziehung zwischen
Pflanze und H am . Brennnesseln wachsen bekannt
lich gern, wo M ensch oder T ier H arn gelassen
haben oder wo der Bauer gem istet hat. Tee aus
Brennnesselkraut w irkt harntreibend und leitet
H arnsäure aus, so dass er bei Blasengrieß zum Ein
satz kommt; em pfehlenswert sind z.B. Teekuren mit
Vollmers G rünem H afertee (Salus).

G eschm ack

Die B lätter schmecken krautig, die Samen eher


nussig, was aber häufiger in der Pflanzenwelt vor
kommt. Dafür ist das Brennen auf der Zunge, wenn
man frische Blätter oder Samen kaut, ein H inweis
auf sulfurische und erhitzende Eigenschaften. Die
Brennnessel feuert im Frühling, als Blutreinigungstee oder als Bestandteil der
Gründonnerstagssuppe,
die Lebenskräfte an. Sie g ilt im Alpenraum als To
nikum , ähnlich dem G inseng, und regt zudem die
Bauchspeicheldrüse an. Bereits die Tatsache, dass es
sich um eine essbare Pflanze handelt, ist eine Signa
tur: Nahrungspflanzen unterstehen den wohltätigen
Planetenkräften von Venus, Jupiter und/oder Sonne.

F arbe

W as die Farbe angeht, so wies Paracelsus darauf


hin, dass Rot die Signatur des M ars ist: »D er Artist
sucht im M ars die rote, braune und auch gelbe
Farbe« (11/204). Der rostrote Trieb der Brennnessel
zeigt somit die Signatur des M ars, dem auch das
Eisen zugeordnet wird und der im M enschen über
das Blut regiert. Bem erkenswert ist hierbei, dass
es unter den heimischen Pflanzen keine bessere
Eisenpflanze und B lutbildnerin als die Brennnessel
gibt. Ihre anregende W irkun g auf die Blutbildung
ist m it der von schulm edizinischen Eisenpräparaten
vergleichbar, nur dass die Brennnessel wesentlich
verträglicher ist; z.B. in Form von U rtica dioica
Ferro culta D2 (Tropfen von W eleda), als Ferrum
ustum comp. (Trituration von W eleda) oder als Fer
rum O ligoplex (Tropfen von M adaus). W ill man das
Kraut für Teekuren selbst sam meln, dann erhält
man nach Wr. Pelikan den höchsten E isengehalt bei
um Ostern geernteten Jungpflanzen.

Form

Zur Form gehört, neben der G estalt, Gestik, Größe


oder Besonderheit in der Form bildung auch die
Ü berbetonung von Pflanzenteilen. Im Falle der
Brennnessel besteht eine deutlich Betonung des
Blattprinzips, was nach anthroposophischen G e
sichtspunkten der D reigliedrigkeit auf das rhyth
mische System als W irkungsbereich deutet. Als
Inform ationsträger stellt das Blut auch das alles
Verbindende dar.
Auffällig sind vor allem die Brennhaare. H ier gilt
die Regel: Pflanzen m it Stacheln, Dornen oder
Brennhaaren sind m eist ungiftig, von Ausnahmen
wie Stechapfel einm al abgesehen. Sie zählen zu den
U m stim m ungsm itteln, Blutreinigern und Tonika.
Die Brennhaare ähneln Injektionsnadeln und
zeigen Sym pathie zu stechenden Leiden. D am it ist
die X essel ein pflanzliches Sim illim um 15 bei Insek
tenallergie (z.B. langfristige D esensibilisierung m it
Brennnesselblätter-Teekuren und/oder U rtica omp.
G lobuli und Ampullen von W ala); sie eignet sich
auch zur Behandlung von stechenden Beschwerden
wie Rheum a. Denn Paracelsus forderte bereits: »In
keiner W eise wird eine Krankheit durch entgegen
gesetzte .Wittel geheilt, sondern nur durch ihr ähn
lich e« (III/457). In der Volksmedizin erkannte man
in den Brennhaaren auch ein pflanzliches Ebenbild
zur Kopfbehaarung und nannte die Brennnessel
daher auch H aarwurz.
N icht zuletzt ist das Blatt edel gezähnt, dem
Blatt von Rosengewächsen nicht unähnlich, was zu
sammen m it dem freundlich anm utenden H ellgrün
junger Pflanzen als Venussignatur zu werten ist. Pa
racelsus wies darauf hin, dass »Venus m acht, dass
man den Leuten lieb und angenehm ist« (IV/341).
Beliebt sind Brennnesseln nun nicht gerade, was
auch in dem Sprichwort »sich in die N esseln set13 X ach hom öopathischen G
esichtspunkten hesonders gut
passendes M ittel.

zen« zum Ausdruck kommt. Otto Brunfels schrieb


sogar: »W as ist nichtigers un verächtlicher oder
auch verhasster dan ein N essel« (1532/1964).
Trotzdem kann man die Brennnessel wegen ihrer
venusischen Eigenschaft nach astrom edizinischen
Gesichtspunkten z.B. bei Spannungswinkeln zwi
schen Venus und .Mars, bei rückläufiger Venus, bei
Venus im W idder oder Skorpion, aber auch bei
M ars in W aage oder Stier homöopathisch einsetzen. Sie fördert zudem die
regenerativen Kräfte,
was ebenfalls typisch für Venuspflanzen ist. So kann
man von einer ausgeglichenen Zuordnung VenusM ars sprechen, was eine große
Seltenheit darstellt.

V erh alten

Berührt man Brennnesseln, dann injizieren die


Brennhaare ihre schlangengiftähnlichen Reizstoffe
(u.a. Toxalbumine und H istam in) unter die Haut.
Darin äußert sich ihr wehrhaftes W esen, das sich
m it der Arznei auf den .Menschen übertragen lässt.
Die Brennnessel liefert Eisen und behebt nach Alla
Selawrv (1985) auch die »seelische B lutarm ut«, die
gern m it der Eisenm angelanäm ie vergesellschaftet
ist und sich durch Antriebslosigkeit, .Mangel an
Energie und Durchsetzungskraft auszeichnet. Be
sonders zu Beginn der Pubertät ist dies ein häufiges
Problem , das man gut m it L'rtica dioica Ferro
cultum D2 (W eleda) behandeln kann.
Der Schweizer K räuterpfarrer Künzle verglich
dieses Verhalten sogar m it einem bestim m ten .Men
schentyp, für den die Brennnessel vielleicht ein
Konstitutionsm ittel sein könnte: »D ie Brennnessel
ist ein Bild der em pfindlichen, reizbaren .Menschen
und muss daher wie diese m it G lacehandschuhen
angerührt w erden« (1935).

G esellsch aft

Zur Pflanzengem einschaft, die sich in der Nähe von


Brennnesseln findet, gehören viele weitere Ruderalpflanzen wie Ehrenpreis, G underm
ann, Günsel.
H irtentäschel, Klebkraut, Schafgarbe, Storchschna
bel, Vogelknöterich, Vogelmiere usw. Paracelsus
würde sagen: »D ie Kunst, Rezepte zusammenzu
stellen, ist in der N atur vorhanden, und sie selbst
stellt sie zusam men« (1/347). So diktiert die N atur
dem Arzt die Rezepte, denn nicht selten harm oniert
D er rostrote Trieb der B re n n n e sse l zeigt
eine S y m p ath ie zu m Blut und zu m w e se n
v e rw an d te n Eisen. Foto: M a rg re t Madejsky.
M ik ro s k o p a u fn a h m e e ines Brennhaares.
Foto: A n ge lika Vogel.
»W a ru m hat der liebe G ott dieser Pflanze
das Feuer g e g e b e n ? Erstens, d a m it m an
sie kenne (...) Zw eitens, da m it sie nicht von
den Tierlein a u sg e tilg t w erde, de n n v om
ju n g e n Busli bis zu m letzten Schneck
w ü rd e alles an ihr g n a g e n und zehren, weil
sie ih n e n V o rko m m e n w ü rd e w ie feinste
Schokolade. D a s Feuer ist eben eine Ve rb o t
tafel, die jede G e iß lesen kann« (K räuter
pfarrer Künzle, 1935).

Paracelsus sah in der B re n n n e sse l u n d im

Brennnesselblatt. D er edel g e z ä h n te Blatt

Eisen eine V e rkö rp e ru n g de s M a rs. Eine


K o m b in a tio n beider Heilm ittel e ign e t sich

rand erinnert an R ose n ge w ä c h se un d ist


eine V e n u ssig n a tu r an der so n st m a rsh a ft

zur B e h a n d lu n g von B lu ta rm u t (Anäm ie),

kriegerischen B rennnessel. Foto: O la f Rippe.

aber auch von W ille n ssch w ä ch e und


Lethargie. H äm a tit (Eisenoxid); Foto: O laf
Rippe.
B re nnne sse l als M a u e rb lü m ch e n . P flan ze n
die a u s M a u e rritz e n he rvo rsprie ße n oder
m it e tw a s F lu gsa n d a u f Stein vorlieb
nehm en, zeigen S ym p ath ie zu Steinleiden.
D ah e r leitet die B re nnn e sse l B lase n grie ß
ab. Foto: M a rg re t Madejsky.
auf dem Rezeptblock, was auch in der X atur be
freundet ist.
Ebenso bedeutungsvoll könnte die G eselligkeit
als solche sein. W ährend Eiben oder Engelwurz
gern als Individuen in Erscheinung treten, kommen
Brennnesseln wie viele w eitere Ruderalpflanzen
ausschließlich im K ollektiv vor. .Möglicherweise
kämpfen Kollektivpflanzen auf diese W eise besser
gegen Pflanzenviren an und schützen sich durch
Bildung antibiotisch w irkender Stoffe gemeinsam
besser vor Infektionen. In der Brennnessel könnte
es sich bei den schlangengiftähnlichen Toxalbuminen um solche Schutzstoffe handeln.

S tan d o rt

Von der G emeinschaft, die ein Pflanzenwesen auf


sucht, ist es nicht w eit zur Betrachtung des Stand
orts. W ill man X äheres wissen, dann sollte man sich
an diesem Standort einfach einm al niederlassen, um
die W elt aus Pflanzenperspektive wahrzunehmen.
So kann man sich einfühlen und sich in ihren Exis
tenzkam pf hineinversetzen. Durch ihren Standort
offenbart uns die Brennnessel mindestens drei Charakterzüge:
1.) Als K ulturfolger muss sich die Brennnessel m it
U m w eltgiften auseinandersetzen und zeigt in ihrer
W iderstandskraft gegen die U m weltverschm utzung
ihre H eileigenschaften bei U m w eltleiden wie A ller
gien, X euroderm itis oder Rheuma.
2.) X ich t selten sprießen die ».M auerblüm chen«
aus den kleinsten .Mauerritzen hervor und sind
in der Lage, im Laufe der Zeit sogar den Stein zu
sprengen. Paracelsus erkannte darin die Signatur
der steinbrechenden Arznei: »D u wirst dir m erken,
dass ein steinbrechendes .Mittel einen Stein leicht
bricht« (1/930). In der Tat eignen sich Teekuren
zum Ableiten von Blasengrieß, besonders von H arnsäuresteinchen; z.B. in Form von
Blätterteekuren
oder Vollmers G rünem H afertee (Salus).
3.) An Kahlschlägen, ehem aligen M isthaufen oder
wo beispielsweise jahrelang H olz gelagert wurde,
siedeln sich m itunter zuerst Brennnesseln an, die
auch uns als W undheilm ittel dienen; z.B. in Form
von W und- und Brandgel (W ala). Als Tee werden
die Blätter auch bei »inneren W unden« wie M agenD arm -G eschwüren gelobt, wobei
das Brennen oft
ein Leitsym ptom ist.

B r e n n n e s s e l-B ie r - S h a m p o o

1 Eigelb
1 Glas gehopftes Bier
'/: T L Brennnesselextrakt
'/: T L Buchsbaum blätterextrakt
je 3 -4 Tropfen ätherisches Lavendelöl sowie
ätherisches Rosengeranienöl (Frauen) oder
ätherisches Rosm arinöl (M änner)
Alles kurz in einem Becher verquirlen, m it der
gleichen M enge heißem W asser verm ischen und
wie ein Shampoo in die nassen H aare einm assieren.
Evtl. kurz einwirken lassen und dann gründlich
ausspülen. 1-2 M al pro W oche anstelle eines
Shampoos anwenden; kräftigt den Haarboden
und den Haarwuchs.

T h e ra p ie k o n z e p t bei a lle rgisch e n


H a u tle id e n

Die T herapie w irkt entgiftend und umstimmend


auf den Hautstoffvvechsel. Arsen w irkt besonders
bei brennenden und ätzenden H autleiden, bei
denen man sich blutig kratzt. Die Firm enm ittel
enthalten spezifische Arzneipflanzen m it anti
allergischen, ausleitenden und balsam ischen Eigen
schaften. Die T herapie eignet sich zur Behandlung
von X euroderm itis, U rtikaria (X esselsucht) und
anderen allergischen H autleiden.
Arsenicum album D l2, 1 x täglich 5 Tropfen
U rtica comp. (W ala), 3 x täglich 10 Globuli
C utro (Pekana), 3 x täglich 10 Tropfen
Proal (Pekana), 3 x täglich 10 Tropfen
Cution Lotion (Pekana), mehrmals täglich die
betroffenen H autpartien einreiben
Ein ige b e w ä h r t e B r e n n n e s se lp rä p a r a te für die Praxis

Handelspräparat
Alcea Urtica dioica
Urtinktur

Inhaltsstoffe

Anwendung

Speziell zubereiteter Frischpflanzenextrakt

Bewährtes pflanzliches Konstitutions


mittel bei Neigung zu Eisenmangelanämie und daraus resultierender
Antriebs- und Willensschwäche.
Zur Stärkung des Yang-Pols.

Berberis 0 / D l, Granit D9, Magnesium


sulf. D5, Oxalis D2, Prostata D5, Urtica
urens D2, Viscum album D3

Basismittel zur Behandlung des


Prostataadenoms (Therapieschema
siehe Berb./Uterus comp.).

Berberis 0 / D l, Granit D9, Magnesium


sulf. D5, Ovaria D5, Oxalis D2, Urtica
urens D2, Uterus D5, Viscum alb. D3

Bewährte Basisbehandlung von Myomen:


2 x wöchend. 1 Ampulle subkutan
injizieren und zusätzlich 2 x täglich
Einnahme der Globuli. Der Komplex
eignet sich auch zur Dauerbehandlung
großer Myome.

Eisenhammerschlag D4/6, Ferrum


silicicum D4/6, Pimpinella anisum Dl/4,
Urtica dioica D5/7

Zur Behandlung von Eisenmangelanämien in der Schwangerschaft oder


bei Kindern besonders geeignet.

Anisi fruct., Ferrum ustum D3, Nontronit


D3, Urtica dioica D4

Zur Behandlung von Eisenmangelanämien in der Schwangerschaft oder


bei Kindern besonders geeignet.
Bewährter pflanzlicher Komplex bei
Zyklusstörungen und Blutungs
anomalien (Myom-/Spiral-/Dauerblutungen, Dysmenorrhoe)

(Alcea)

Berberis/Prostata comp.
(Globuli/Ampullen; Wala)

Berberis/Uterus comp.
(Globuli/Ampullen; Wala)
Ferrum silicicum comp.
(Globuli/Ampullen; Wala)

Ferrum ustum comp.


(Pulver; Weleda)

Menodoron
(Dilution; Weleda)

Tinkturen von Origanum, Quercus,


Capsella bursa-pastoris, Millefolium,
Urtica dioica

Pro-Sabona uno

Trockenextrakt aus Brennnesselwurzeln

Zur Begleitbehandlung von Miktions


beschwerden bei gutartiger Prostata
hyperplasie I bis II geeignet.

Styptik N Nr. 21
(Tropfen; Soluna)

Spagirischer Auszug aus Brennnessel


früchten, Brennnesselkraut, Eichenrinde,
Hirtentäschelkraut, Johanniskraut,
Ratanhiawurzel, Frauenmantel, Spitz
wegerichkraut, Tormentillwurzel,
Wiesenknöterich, kolloidalem Eisen

Bewährt bei Blutungen aller Art,


z.B. bei Dauer- oder Myomblutungen,
in Hirtentäscheltee einnehmen. Bei
Neigung zu starken oder lang anhal
tenden Blutungen mindestens 4 Wochen
lang, danach evtl. nur noch einige Tage
vor Eintritt der Regelblutung.

Urtica comp.

Conchae D2/6, Stannum met. D9,


Urtica urens D2

Bewährtes Begleitmittel bei juckenden


Ekzemen.

Vegetabilisiertes Metall: mit Eisen


gedüngtes Kraut

Basismittel zur Behandlung von


Erschöpfung, Eisenmangelanämie und
Eisenverwertungsstörungen.

Vollmers Grüner
Hafertee (Salus)

Brennnesselkraut, Alpenfrauen
mantelkraut, grüner Hafer, Himbeerblätter

Bewährte Teemischung zur Ausleitung


von Harnsäure bei Neigung zu Rheuma,
Gicht, Hamblasensteinen sowie zur
entsäuernden Frühjahrskur.

Wund- und Brandgel

Argentum coll. DS, Amica, Calendula,


Cantharis D5, Symphytum, Thuja,
Urtica urens

Reizlindemdes und regenerierendes


Gel zur Haut- und Wundpflege nach
Verbrennungen, Sonnenbrand,
Dermatosen, Schürfwunden usw.

(Tabletten; Sabona)

(Globuli/Ampullen; Wala)

Urtica dioica Ferro culta


(Dilution/Ampullen D2
oder DJ; Weleda)

(Wala)
K o n sisten z

Als Faserpflanze, die einst N esselstoff für ArmeLeute-K leidung lieferte,


untersteht die Brennnessel
auch dem Planetenprinzip Jupiter. Ju p iter zeigt sich
in der Pflanzenwelt durch Faserbildung oder Ver
holzung, seine Pflanzen haben häufig eine stattliche
G estalt - so etwa Alant, G elber Enzian, Königs
kerze, Kastanie oder W alnussbaum . Der vierkantige
Stengel wird ebenso Ju p iter zugeordnet.
W ir haben es also m it einer Pflanze zu tun, in
der verschiedene Planetenkräfte wirken: viel M ars
(Brennhaare, E isengehalt), etwas Venus (G riinton,
edel gezähntes Blatt) und etwas Ju p iter (Faser
pflanze, vierkantiger Stengel, N ahrungslieferant).
In der Astromedizin unterstehen dem Jup iterp rin
zip u.a. die Leber und die Form kräfte, Jupiterm ittel
wirken allgem ein kräftigend auf das Bindegewebe
und auf die Venen. W ährend die Nesselgewächse
heute eine eigene Pflanzenfam ilie darstellen, zählte
man sie früher zu den Hanfgewächsen; die Form
ähnlichkeit ist w irklich verblüffend.

man viele Gartenpflanzen ebenso m it Brennnessel


jauche. W eniger bekannt ist die haarwuchsför
dernde W irkung von Brennnesselsam en, die man
täglich auf Brot oder im Salat essen kann. W irft
man Pferden täglich eine H andvoll Samen ins
Futter, dann bekommen sie nach einiger Zeit ein
glänzendes Fell und gebärden sich viel m unterer,
weswegen Pferdehändler diesen Trick früher ange
wandt haben, um alte Schindm ähren auf dem M arkt
besser an den M ann zu bringen.
M ancherorts wird die Brennnessel auch »B rühnessel« genannt, was auf die
Verwendung des abge
brühten Krautes als V iehfutter hinweist, das dann
die M ilchbildung anregt. »D onnernessel« w ieder
um spielt auf den schutzm agischen Gebrauch bei
G ew itter an und darauf, dass die N essel dem
D onnergott (D onar-Jupiter-Zeus) unterstellt ist.
Die jungen Triebe werden auch traditionell am
G ründonnerstag, dem Tag des Donar/Thor, in die
N eunkräutersuppe getan. Interessanterweise hat die
Brennnessel gerade dann, wenn sie als O sterkultspeise genossen wird, auch den
höchsten Eisenge
halt.

N am e

»U rtic a « leitet sich vom lateinischen urere ab, was


»b renn en « bedeutet. W ie der Nam e schon sagt,
brennt die Pflanze bei H autkontakt - aber nur,
wenn man sie nicht beherzt genug anfasst, denn so
bleiben die Brennhaare intakt und können R eiz
stoffe unter die H aut injizieren. W eitere Beinamen
wie z.B. »B itzele«, »Sengnessel« oder »Feuerkraut«
deuten ebenfalls auf das feurige W esen hin.
Eben weil die Brennnessel brennt, kann sie bei
allen m öglichen brennenden Leiden hilfreich sein.
Ein w ichtiges Ergänzungsm ittel ist hier Arsen, das
ebenfalls als Leitsym ptom »B ren n en « hat; beide zu
sammen helfen z.B. bei N euroderm itis oder L'rticaria (N esselsucht).
»N essel« ist laut M arzell m it N estel und N etz
verwandt und zeigt an, dass es sich um eine alte G e
spinstpflanze handelt (siehe »K onsistenz«), »H aar
w urz« ist ein w eiterer Beiname. Die vitalisierende
W irkun g von Brennnessel auf Kopfhaut und H aar
wuchs ist allgem ein bekannt und wird vielfach ge
nutzt. Die Anwendung als Shampoo (siehe Rezept),
H aarwasser oder Abkochung ist wie eine Art Eisen
düngung für die H aarpracht, schließlich kräftigt

F ortp flanzu n g

Die Brennnessel ist wie so viele »U n kräu ter« er


staunlich beweglich - sie ist windbestäubt und über
gibt ihre federleichten Früchte ebenfalls dem W ind,
was eine m erkurielle Eigenschaft ist. Eine weitere
Signatur, die auf M erkur hindeutet, der im Körper
über Hormone und Stoffwechsel regiert, ist die
Ausläuferbildung, die der Brennnessel die M acht
gibt, sich zum bodendeckenden Bestand auszuwei
ten. Auf diese W eise erobert sie Nah und Fern,
wahlweise per Luft oder über Land. Der Fortbe
stand ist somit gesichert: »U n kraut vergeht n ich t.«
Von dieser unglaublichen D urchsetzungskraft und
V italität kann die Brennnessel uns einen Teil als
N ahrungs- oder H eilpflanze übertragen.
Ihr Sam enreichtum zeigt fruchtbarkeitspen
dende Kräfte an. Brennnessel wurde einst in der Ve
terinärm edizin gebraucht: W enn die Kuh nicht stierig oder die Stute nicht rossig
werden wollte, dann
rieb der Bauer das H interteil des T ieres einfach mit
frischen N esseln ab. H ippokrates soll die N esseln
gebraucht haben, um die M enstruationsblutung
herbeizuführen und somit die Fruchtbarkeit zu för-
B rennnesselfrüchte. N ach der S ig n a tu re n
lehre steigern sam e n re ich e Pflanzen die
Fruchtbarkeit des M e n sc h e n u n d »m ehren
den natürlichen S a m e n « (A. Lonizter,
1557/1962). Foto: O la f Rippe.
Die Eiternessel (Urtica urens) zeigt m e h r
m arsh a fte Eige n sch afte n als ihre gro ß e
Schw ester. Foto: O la f Rippe.
A n de re Arten, w ie etw a die kuge lige
Brennnessel, die in m editerranen G efilden
w ächst, e ign e n sich ebenfalls als Ent
giftu n gsm itte l. Foto: M a rg re t Madejsky.

D as G la skra u t g e h ö rt zur Fam ilie der


N e sse lg e w ä ch se und w ird ebenfalls zur
E n tg iftu n g gebraucht. Foto: M a rg re t
M adejsky.
dem (M . Höfler, 1990). Otto Brunfels führte für
diese Indikation ein Rezept auf: »N esseln gestoßen
m it M yrrhen und Zäpflein daraus gem acht, in die
M acht gelegt (vaginal appliziert), bringt den Frauen
ihre Blumen (M enstruation)« (1532/1964).
In jedem Fall unterliegen Pflanzenfrucht und
Fruchtbarkeit des M enschen ähnlichen G rundkräf
ten. Vor allem die Samen regen die Keimdrüsen an,
auch w eil sie recht viel V itam in E enthalten.

L eb en sd au er

Im G egensatz zu anderen Frühlingskräutern, die


wie Bärlauch nach der Blüte die B lätter einziehen,
halten Brennnesseln fast das ganze Jah r durch. M it
unter kann man kleine Triebe sogar noch m itten im
W inter unter dem Schnee entdecken; zwar sind sie
dann ohne »G rü nkraft«, aber die Tatsache, dass sie
noch auffindbar sind, ist natürlich eine Signatur, die
auf einen Kraftspender und ein D urchhaltem ittel
hindeuten. Am Ende des W inters findet man das
Fasergerüst der Brennnesseln aus dem Vorjahr
im m er noch, was auch ein Ausdruck des Sal-Prinzips dieser Pflanze ist (Sal = das
Feste) und zeigt,
dass es sich um eine H eilpflanze bei chronischen
Leiden sowie um ein Altersm ittel handelt.

R hythm us

Zum Rhythm us zählt die W achstum speriode, aber


auch die Pflanzensym m etrie. W as die W achs
tumsperiode angeht, so gilt häufig die Regel: Die
Pflanze wächst dann, wenn sie gebraucht wird, oder
sie zeigt in ihrer Blüte- oder Fruchtzeit eine gewisse
Synchronizität zum zeitlichen Auftreten der Sym
ptome. Im Fall unserer Brennnessel wären dies
Leiden, die bevorzugt im Frühling auftreten, wie
etwa A llergien, Frühjahrsm üdigkeit usw. Die jun
gen Triebe bieten sich nun geradezu als K räfti
gungsm ittel an.
Die Sym m etrie führt m anchmal über die Zahl
zur Planetenkraft (siehe Seite 62), wobei nicht an
jeder marshaften Pflanze die Zahl fünf zu finden
ist. »M erz e ilig laufen so die B lätter den Stiel
hinauf; der Stengel, quadratisch im Q uerschnitt,
macht den Rhythmus des überkreuz-gehenden Abgliederns m it« (W. Pelikan, 1958). M
er ist wie be
reits aufgeführt die Zahl des Jupiter, einer sehr

w ohltätigen Planetenkraft. Ferner handelt es sich


beim L'berkreuzgehen um eine Schutzsignatur.
Xach Seligm ann wurde die Brennnessel von den
Alpenländern bis nach T ib et zu schutzm agischen
Zwecken genutzt: W ie er schrieb, legt in T ib et »der
zurückkehrende Reisende auf Passhöhen, bei ge
fährlichen Brücken oder beschwerlichen W egen
X esseln und Dornen unter Steine, um den bösen
G eist, der ihm schaden könnte, zu bannen« (1996).
In unseren Breiten hängt man noch heute X esseln
über Stalltüren auf, um wie m it Disteln böse G eis
ter und Krankheitsdämonen zu bannen.

Signaturbetrachtungen am Beispiel des


Johanniskrauts (Hypericum perforatum)
L ich tk eim er

Im G egensatz zum düsteren Bilsenkraut, das zu den


Frostkeim ern zählt, keim t die Sonnenpflanze Jo
hanniskraut nur unter starker Lichteinw irkung. Der
anthroposophische K räuterkundige W ilhelm P eli
kan deutete diese Eigenschaft als H inweis auf das
lichte W esen dieser alten H eilpflanze: »Sicherlich
gehört die edle H eilpflanze auf die Lichtseite des
Erdenlebens. Schon die Sam en keimen nur im H el
len, können an dunklen Orten jahrelang im Feuch
ten liegen, ohne sich zu regen« (1958).

G elb e B lüten

X ach alter Vorstellung sind gelbe Blüten oder


Pflanzensäfte die wichtigste Signatur von Leber
heilpflanzen. In der gelben Farbe zeigt sich die
Sym pathie zur Gelbsucht. W as das Johanniskraut
betrifft, so nutzen Volksheiler die galletreibende
W irkung des Rotöls zur Ableitung von G allengrieß
(Cave: Kolikgefahr!). Außerdem lindert die E inrei
bung m it Rotöl manchmal unklare Leberschm er
zen. Schließlich konnten W issenschaftler in vitro
eine antivirale W irkung nachweisen, so dass man an
Johanniskraut auch bei V rusleid en wie etwa H epa
titis C denken sollte. W ichtiges Begleitm ittel zur
Behandlung der Leberdepression.
M an ordnet die Pflanze ganz der Sonne zu, daher
kann man sie sehr gut m it dem Sonnenm etall Gold
kom binieren: beide M ittel sind z.B. enthalten in
M it se in e m strahligen
B lü te n a u fb a u zeigt das
Jo h an n iskrau t eine
A ffinität z u m W e se n der
Sonne. Foto: M a rg re t
Madejsky.

Beim ö ligen oder w ie hier beim a lk o h o

D as perforierte Blatt, da s der Pflanze

Im ve rb lü h te n S ta d iu m e rinnert die

ihren N a m e n g a b (H ypericum perforatum ),

Farbe des J o h a n n iskra u ts an getrocknetes

lischen A n sa tz von Jo h an n iskrau t zeigt sich

ist eine S ig n a tu r fü r ein M itte l bei W u n d e n


u nd Stichverletzungen. Foto: M a rg re t

Blut. Paracelsus ve rw e nde te die Sam e n

die rote Farbe, in der Paracelsus eine

als Zusatz fü r sein Rotöl. Foto: M a rgre t

Affinität zu m Lebensgeist erkannte.

Madejsky.

Madejsky.

Foto: M a rg re t Madejsky.
C ordiak zur anregenden H erztherapie (siehe Seite
374) und in dem Antidepressivum Sanguisol (beide
von Soluna), ein weiteres Beispiel ist das stim m ungsaufhellende M ittel
Aurum/Apis regina von
W ala; unter dem X am en H ypericum Auro cultum
(W eleda) liefert der H andel auch ein Präparat, bei
dem man Johanniskraut m it Gold »ged ü n g t« hat.
Die Pflanze zeigt deutlich eine Ü berbetonung
des sulfurischen Blütenbereichs, eine Signatur für
eine entzündungswidrige Arznei.

S o n n en h afte B lüten

W eil die Blüte einem him m lischen Strahlenkranz


gleicht, nannte man das Gewächs auch Corona
regia, was so viel wie Königskrone bedeutet. » H y
pericum perforatum ist es, das uns im Sommer
seine sonnengelben B lütenblätter und die Sonnen
strahlen gleichenden Staubgefäße entgegenstreckt«
(F. C. Czygan, 2003). Die sonnenhaften Blüten
zeichnen das U niversalapotropäum 14 aus, das einst
als »F uga däm onum « gegen G espenster und den
Teufel ins Feld geführt wurde, und zeigen den er
hellenden C harakter der altbewährten H eilpflanze
an, der man wie der alles heilenden Sonne neben
der antidepressiven W irkung viele w eitere H eil
kräfte zusprach.

R o te r P flanzen saft

Z erdrückt man die Blüten zwischen den Fingern, so


tritt der rote Pflanzensaft aus und zeigt die Sym pa
thie zum Blut an. D ieser Signatur wegen wurde die
Abkochung des Krauts als Stärkungsm ittel bei
Bleichsucht, G ebärm utter- und G eburtsblutungen
verwendet. H eute ist das Kraut noch Bestandteil
des spagirischen Blutungsm ittels Styptik von So
luna, das bei G ebärm utterblutungen in H irtentä
scheltee eingenom m en oder auch bei allgem einer
B lutungsneigung versucht werden kann. Der
Schweizer K räuterpfarrer Künzle empfahl das H eil
kraut sogar gegen das Blutharnen: »(...) geht das
W asser rot ab, so nimm diesen Tee, alle Stunden
einen Schluck« (1935).
Die blutrote Farbe ist auch eine Signatur, dass
die Pflanze »das G eblüt« stärkt, also die Abwehr
14 A potropäum : Z aub erm ittel, das U n heil abw ehren soll.

kräfte. »B lut ist ein besonderer Saft« heißt es bei


Goethe; durch das Blut wird der Körper m it der
astralen Kraft der Sonne durchlichtet. Es ist Be
standteil von Sanguisol (sanguis = Blut; sol = Sonne)
von Soluna, einem bewährten M ittel bei Antriebs
losigkeit und Depression.

Perforierte Blätter
H ält man ein Blatt gegen das Licht, dann sehen die
Ö ldrüsen wie kleine Löcher aus. Daher trägt das J o
hanniskraut Beinamen wie »T ausendlöcherlkraut«.
An dieser Signatur erkannten die Alten im Jo h an
niskraut ein H eilm ittel für Stich- oder Schussverlet
zungen; ein Anwendungsgebiet, das bis heute aktu
ell ist.
Das durchlöcherte Blatt ist auch eine Signatur
für eine wirksame Arznei bei Hexenschuss (gilt in
der H erbalm agie im m er als m agischer Angriff).
Einreibungen m it Rotöl, zusammen m it etwas B il
senkrautöl (Oleum H yoscyam i von Caelo) und Aco
nit Schmerzöl (W ala) können hier Linderung ver
schaffen.
Paracelsus sah im perforierten Blatt auch ein
Zeichen für eine giftw idrige W irkung: »die Löcher,
die in den Blättern sind, bedeuten, dass das Kraut
für alle inneren und äußeren Öffnungen der H aut
eine H ilfe ist. W as durch die Poren ausgetrieben
werden soll, kann dadurch geschehen« (III/630).
Schon im 1. Jahrhundert n. Chr. gebrauchte Andromachus, der Leibarzt des Kaisers N
ero, H ypericum
als Bestandteil seines T heriaks, der als L ebenseli
xier und universelles G egengift diente.
In der Tat enthalten die Blüten reichlich G erb
stoffe, deren giftbindende Eigenschaft als bewiesen
gilt: Gerbstoffe verbinden sich z. B. m it M etallen
und Alkaloiden zu unlöslichen Komplexen und kön
nen so über den Darm ausgeschieden werden.
Im Yolksaberglauben kommt den »L ö ch ern «
eine weitere Bedeutung zu: »W enn man die Blätter
des H artheus durch das Licht ansieht, gewahrt man
viele helle Punkte, welche davon herrühren, weil
der Teufel, erbost über die M acht der Pflanze, alle
ihre Blätter m it N adeln durchstach« (R itter von
Perger, 1864).
G e äd e rte B lä tte r

Die »B lattnerven « werden von Signaturkundigen


sowohl m it den Sehnen als auch mit den N erven in
Verbindung gebracht. Die auffällige Äderung zeigt
ein H eilm ittel für die N erven an - Johanniskraut
wird auch als »A rnika der N erven« bezeichnet. Die
Verletzung nervenreicher Gewebe, etwa durch
Stich oder Schnitt, g ilt als eines der H auptanwen
dungsgebiete. Bei Verletzungen dieser Art sind er
fahrungsgem äß der Extrakt oder eine U rtinktur
ebenso hilfreich wie verschiedene homöopathische
Potenzen (z.B. H ypericum D6, D30, C30) - der
balsamische Effekt ist also unabhängig von der Zu
bereitung und der D osierung. Zur W undheilung
em pfiehlt es sich, im m er gleichzeitig innerlich und
äußerlich zu therapieren.
Johanniskraut ist auch ein Balsam für die N er
ven (z.B. bei Ischialgie, Phantom schmerz, Trigem inus- oder Post-Z oster-N
euralgie). Die Behandlung
kann m it E inreibungen von Rotöl geschehen, aber
auch m it Injektionen (z.B. H ypericum Auro cultum
D2 Ampullen von W eleda) oder durch die inner
liche Einnahme (H ypericum D30). Paracelsus er
kannte an der Äderung die antidepressive und ner
venstärkende H eilw irkung des Johanniskrauts: »D ie
Adern auf den Blättern sind ein Zeichen, dass Perforata alle Phantasmata austreibt«
(III/630).

V erh o lzen d e S ten g el

Das verholzende Prinzip unterstellt man traditio


nell dem Jupiter, der im Körper über Leber und
Bindegewebe regiert. W as hart ist (Sal-Prinzip),
spendet Festigkeit. D aher kann man das Rotöl z. B.
zur K räftigung der Venen oder zur N arbenpflege
gebrauchen oder bei Parodontose zur Kräftigung
des Zahnfleischs (G urgeln m it verdünntem Ex
trakt).

schluss, lindert Schm erzen und eignet sich nach


Dam mschnitt oder nach O perationen zur N arben
pflege. Bei nässenden Wrunden, entzündeter M und
schleim haut oder nach Zahnextraktion empfehlen
sich W aschungen oder Spülungen m it verdünntem
Johanniskrautextrakt (z.B. Fluidextrakt von Caelo
oder U rtinktur von Alcea).

S o n n ig e r und tro c k e n e r S tan d o rt

W er einm al an einem sonnigen Tag während der


Blütezeit bei einem Johanniskraut verw eilt, erfährt
am eigenen Körper, m it wie viel H itze und Sonnen
strahlung sich diese Pflanze auseinandersetzt. Jo
hanniskraut wählt nur die sonnigsten Plätze. W äh
rend andere Kräuter ihre B lätter schlaff hängen
lassen, strotzt das Johanniskraut vor Kraft und
scheint H itze sowie U V -Strahlung regelrecht auf
zusaugen. Das Johanniskraut wandelt die empfan
gene W'arme und Strahlung in die Lichtwirkstoffe
H vpericin und H yperforin um, die uns als Seelen
balsam und Sonnenheilm ittel dienen. Eine längere
Einnahme hoch dosierter Präparate kann zu über
m äßiger Lichtem pfindlichkeit führen.

B lü te ab Joh an n i

W eil das Johanniskraut während der heißesten Zeit


des Jahres blüht, h eilt es auch die Leiden dieser Ja h
reszeit: »Es (das Rotöl) lindert Schm erzen, vor
allem bei Verbrennungen, da das Kraut zur Zeit des
längsten Tages und der ärgsten H itze b lüh t« (R itter
von Perger, 1864). N ach dem Ähnlichkeitsprinzip
der Homöopathie kann man die Sonnenpflanze
in homöopathischer Form als B egleitm ittel gegen
Lichtekzem und Lichtem pfindlichkeit versuchen
(z. B. H ypericum D30/C30).

W arm er, tro c k e n e r und m ild -b itte re r


G eschm ack
F auliges A usseh en beim V erb lü h en

»D ie Blüten faulen in der Form des Blutes. Das ist


ein Zeichen, dass sie für W unden und, was von
W unden kommt, gut sind, auch soll man sie gebrau
chen, wo man Fleisch (N arben) zügeln m uss« (Pa
racelsus III/630). Bis heute schätzen Volksheiler das
Rotöl als W undarznei. Sie fordert den W und

Bereits auf der Zunge offenbaren sich der balsam i


sche Charakter und die adstringierende H eileigen
schaft des Johanniskrauts, das schon in alter Zeit bei
D urchfällen gebraucht wurde. Die m ilde Bitterkeit
w eist auf die stoffwechselanregende W irkung hin.
Außerdem lässt der m ild-bittere Geschmack eine
W irkung auf den Dünndarm vermuten.
S ign a tu rre z e p te

Die Rezepte sind Lehrbeispiele und haben daher


vor allem einen m odellhaften Charakter; die
angegebenen Indikationen sind jedoch aus Praxis
erfahrungen heraus entstanden. Die G esichts
punkte der D reigliedrigkeit wurden besonders be
rücksichtigt. Zur Rezepterstellung siehe auch
Seite 429.

R ezep t aus F eu ch tp flan zen

Allgem ein kühlende und entzündungswidrige


W irkung (antiphlogistisch). .Mögliche Indikatio
nen: Fieber, Erkältung und Infektionen, z.B.
Blasenentzündung (Zystitis) nach Durchnässung,
Rheum a, allgem ein günstige W irkung auf Krank
heiten des Immunsystems (Imm unopathien).
M erkur-Sulfur-Rezept.
Betula alba 0 (Birke) 20 g
Eupatorium cannabinum D6 (W asserdost) 10 g
M enyanthes trifoliata 0 (Fieberklee) 20 g
Salix alba 0 (Silberw eide) 10 g
Solanum dulcam ara D2 (Bittersüß) 10 g
Solidago virgaurea 0 (G oldrute) 20 g
Spiraea ulm aria 0 (M ädesüß) 10 g
L'ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;
Dosis: im akuten Fall 5 x täglich 20 Tropfen, sonst
3 x täglich 20 Tropfen (zur R ezepterstellung
siehe Seite 429).

R ezep t aus H aken- und D o m en p flan zen

Zur allgem einen A usleitung von Stoffwechsel


toxinen, z.B. bei gichtisch-rheum atischer Diathese.
Zur A nregung der Ausscheidung, speziell von
Leber und N iere; auch bei chronischer M üdigkeit
zur Entschlackung. Sal-Sulfur-Rezept.
Jew eils 20 ml
Berberis vulgaris D2 (Berberitze)
Carduus benedictus 0 (Benediktenkraut)
Carduus m arianum 0 (M ariendistel)
Crataegus e floribus D4 (W eißdornblätter
und -blüten)
Onopordon acanthium 0 (Eselsdistel)

L'ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;


Dosis: 2-3 x täglich 30 Tropfen zu den M ahlzeiten
(zur R ezepterstellung siehe Seite 429).

P flanzen m it sen fig-sch arfem G eschm ack

Zur allgem einen A nregung der Stoffwechseltätig


keit. Bei Dysbiose des Darms (z.B. Status nach
Antibiotika), N ahrungsm ittelunverträglichkeit,
nahrungsabhängigen H autunreinheiten
(z.B. Akne), allgem ein bei Entzündungen der
Yerdauungsorgane. Sulfur-Rezept.
Jew eils 20 ml
Ferula asa foetida D4 (Stinkasant)
Im peratoria ostruthium 0 (M eisterwurz)
N asturtium officinale 0 (Brunnenkresse)
Raphanus sativus 0 (Rettich, Schwarzer)
Z ingiber officinale 0 (Ingwer)
L'ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;
Dosis: 2-3 x täglich 30 Tropfen (zur Rezepterstel
lung siehe Seite 429).
Z usätzlich: Sulfur D12, 20.0 (W eleda); 1 x täglich

5 Tropfen.

R ezep te aus blauen B lu ten p flan zen

Zur Behandlung der Psychasthenie. Allgem ein bei


nervöser Erschöpfung und zur geistigen Leistungs
steigerung. M erkur-Sulfur-Rezept.
Jew eils 20 ml
Hyssopus officinalis 0 (Ysop)
Lavandula officinalis 0 (Lavendel)
M vosotis arvense 0 (Vergissmeinnicht)
Rosmarinus officinalis 0 (Rosm arin)
Scutellaria galericulata D6 (H elm kraut)
L'ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;
Dosis: 2-3 x täglich 20 Tropfen und bei Bedarf;
nicht abends nehmen, außer, man w ill die
N acht über geistig arbeiten (zur R ezepterstellung
siehe Seite 429).
Z usätzlich: Topas D8 Trit. 20 g (W eleda);

2 x täglich eine erbsengroße M enge Pulver gut


einspeicheln.
R ezep te aus gelb en B lü ten p flan zen

Zur Stoffwechselaktivierung, besonders von


Leber, G alle und Pankreas. Bei Sodbrennen, Darmdysbiose.
Jew eils 20 ml
Agrim onia eupatoria 0 (O derm ennig)
Gentiana lutea 0 (G elber Enzian)
Geum urbanum 0 (N elkenwurz, Echter)
Solidago virgaurea 0 (Goldrute)
Taraxacum officinale 0 (Löwenzahn)
Ü ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;
Dosis: 2-3 x täglich 30 Tropfen (zur R ezepterstel
lung siehe Seite 429).

R ezep te aus w eiß en B lü ten p flan zen

W irkung auf das Im munsystem; »kühlendes


R ezept«; auch zur Im m unstim ulation bei viralen
Erkrankungen.

D er Esel und seine Lieblingsblum e, die Eselsdistel; doch


die A nge b e te te w e iß sich zu w ehren. Stacheln u n d D orne n
sind S ign a tu re n für Pflanzen m it einer e n tgifte nd e n und

Jew eils 20 ml
Bellis perennis 0 (Gänseblümchen)
M elissa officinalis 0 (M elisse)
M envanthes trifoliata 0 (Fieberklee)
Stellaria m edia 0 (Yogelm iere)
Vincetoxicum D4 (Schwalbenwurz)
L'ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;
Dosis: 2-3 x täglich 30 Tropfen (zur Rezept
erstellung siehe Seite 429).

» R o te s« R ezep t

M ild er Im munstimulator, auch zur Immunmodu


lation; m ögliche Indikationen: H alsentzündung,
V irusangina, N euroderm itis. Sulfurisches Rezept
m it M arscharakter.
Jew eils 20 ml
Arum m aculatum D4 (Aronstab)
C orallium rubrum D6 (Rote Koralle)
Echinacea D6 (Sonnenhut)
Ferrum haem atinatum D6 (H äm atit)
Phytolacca D6 (Kermesbeere)

u m stim m e n d e n W irk u n g a u f die Säfte (Alterantia), gleich


zeitig stärken sie die W illenskräfte und da s Im m u n syste m .
Die Eselsdistel zeigt eine spezifische W irk u n g auch bei
seelischen Herzleiden (vergleiche S. 332). A u s de m Staats

und Familienleben der Tiere von Jean Ignace Isidore Gerard,


g e n a n n t Grandville, M itte 19. Jahrhundert.

L’ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;


Dosis: 2-3 x täglich 30 Tropfen (zur Rezept
erstellung siehe Seite 429).
P flanzen m it ausgeprägtem B lattp rin zip

Zur Behandlung von chronischer Bronchitis,


A ltersbronchitis. M erkur-Sulfur-Rezept.
Jew eils 20 ml
Inula helenium 0 (Alant)
M arrubium vulgare 0 (Andorn)
Pulm onaria off. 0 (Lungenkraut)
Tussilago farfara 0 (H uflattich)
Yerbascum thapsiforme 0 (Königskerze)
LTber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;
Dosis: 2-3 x täglich 30 Tropfen (zur Rezept
erstellung siehe Seite 429).
Z u sätzlich : Antim onium arsenicosum D12, 20 g

(Staufen-Pharm a), 1 x täglich 5 Tropfen, und


Bronchi/Plantago G lobuli 20 g (W ala), 3 x täglich
10 G lobuli.

B lü ten b eton tes R ezep t

Bei entzündlichen Leiden der H aut; stim m ungsaufhellend. L'berbetonung des


Stoffwechselsystems.
Gelbweiße Blüten. Auch bei entzündlichen Leiden
im Leber-Bereich.

W u rz e lre z e p t

Bei chronischen Entartungen der D armflora,


G allensteinen, chronischen Leberstörungen, LTberbetonung des X erven-Sinnes-System
s im unteren
.Menschen m it sulfurischem Charakter. Die M ittel
sind in der Regel gelb (Leber-G alle).
Jew eils 20 ml
Alpinia officinarum 0 (G algant)
Angelica archangelica 0 (Erzengelwurz)
Berberis vulgaris 0 (Berberitze)
Curcum a longa 0 (Gelbwurz)
G entiana lutea 0 (Enzian, G elber)
L’ ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;
Dosis: 2-3 x täglich 30 Tropfen (zur R ezepterstel
lung siehe Seite 429).

W u rz e l- und B la ttrezep t, B lü ten w eißro sa

Bei nervöser L'nruhe, Schlafstörungen, Angst (v.a.


Erwartungsangst): allgem ein sedierende W irkung.
L'berbetonung des X erven-Sinnes-System s im
oberen M enschen sowie W irkung auf das rhythm i
sche System.
Jew eils 20 ml
Angelica archangelica 0 (Erzengelwurz)
Leonurus cardiaca 0 (Herzgespann)
Lycopus europaeus 0 (W olfstrapp)
M elissa officinalis 0 (M elisse)
Piper m ethysticum D6 (Kava-Kava, Rausch
pfeffer)
L’ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;
Dosis: 2-3 x täglich 30 Tropfen (zur R ezepterstel
lung siehe Seite 429).

Jew eils 20 ml
Anthyllis vulneraria 0 (W undklee)
Bellis perennis 0 (G änseblümchen)
Calendula officinalis 0 (Ringelblum e)
Rosa damascena D5 (Rose)
M ola tricolor 0 (Stiefm ütterchen)
L’ ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;
Dosis: 2-3 x täglich 30 Tropfen (zur R ezepterstel
lung siehe Seite 429).

B la ttre z e p t
Für funktionelle H erzleiden; weißrosa Rezept.
Ausgleichende W irkung auf das rhythm ische
System.
Jew eils 20 ml
Convallaria m ajalis D2 (M aiglöckchen)
Crataegus 0 (W eißdorn)
D igitalis purpurea D6 (Fingerhut)
Leonurus cardiaca 0 (H erzgespann)
M elissa officinalis 0 (M elisse)
L’ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen;
Dosis: 2-3 x täglich 30 Tropfen (zur Rezepterstel
lung siehe Seite 429).
Z usätzlich: Aurum/Lavandula comp. Salbe

(W eleda); mehrmals täglich den H erzbereich ein


reiben, auch den linken .Arm auf der K leinfingerseite vom Herzen weg einreiben.
Astrologie der Heilkräuter
Die W elt als Spiegelbild kosmischer Kräfte
»So gebe also auch der.; welcher nach natürlicher
Weisheit und Kunst dürstet, zu dem entsprechenden
Brunnen, das ist zum Gestirn.« (ParacelsusIV/537)
»Alles, iras sich in der Welt findet, steht unter der
Herrschaft der Planeten und erhält von ihnen seine
Kraft.« (Agrippa von Nettesheim, 1533/1987)

Kosmische Sphärensinfonie
Auf der Suche nach einer spirituellen O rientierung
blickt der M ensch seit ältester Zeit hinauf in den
H im m el. W ann sich genau der M ensch darüber be
wusst wurde, dass er eigentlich auf einem riesigen
Raum schiff lebt, ist nicht bekannt. Die zeitlichen
D atierungen uralter Sternentem pel wie Stonehenge
oder die K reisanlage von Goseck in Sachsen liegen
zwischen 3500 und 7000 Jah ren , es ist jedoch zu
verm uten, dass ein H im m elsbewusstsein wesentlich
älter ist.
Bei den prähistorischen Anlagen handelt es sich
vorwiegend um Kalender. Durch spezielle Steinset
zungen in Bezug zum Sonnenlauf konnte man die
Jahreszeiten und dam it die Erntezeiten oder andere
regelm äßig wiederkehrende N aturereignisse Vor
hersagen. M eistens sind die Sternentem pel auf die
Sonnenwendpunkte ausgerichtet, vor allem auf den
W interpunkt, den kürzesten Tag des Jahres, an dem
die Sonne stirbt und w ieder neu geboren wird.
In früheren Zeiten prägten vor allem die R hyth
men von Sonne und M ond das menschliche Be
wusstsein - man dachte sich die Erde als festen M it
telpunkt des U niversum s; dieser M einung war man
sogar noch zur Z eit des Paracelsus. Es ist ja auch ein
durchaus plausibler Standpunkt, schließlich leben
w ir auf der Erde und schauen von ihr aus in den
Kosmos hinein. Doch es gab damals bereits andere
V orstellungen. Das W erk des N ikolaus Kopernikus
(1473-1543). De Revolutionibus Orbium Coelestium
(Aon den Umdrehungen der Himmelskörper, 1543),

m it dem das heliozentrische W eltbild begründet


wurde, war allerdings so revolutionär, dass bis zur
vollständigen Akzeptanz dieser Idee einige Jah rh un
derte vergehen mussten. Das alte astrologische
W eltbild geriet dadurch keineswegs in Vergessen
heit, denn die dam aligen Astronomen waren alle
sam t auch überzeugte Astrologen. H im m elsfor
scher wie Kopernikus, K epler oder Tycho Brahe
erklärten als Astronomen die Bewegungen der Ge
stirne und als Astrologen deren Auswirkungen auf
N atur und M ensch.
Die Astrologie ist nun aber ein anthropozentri
sches W eltbild: Auch wenn sich inzwischen die
Erde um die Sonne dreht, betrachten wir im m er
noch den H im m el von der Erde aus. An den prinzi
piellen Ü berlegungen zum Sternenwirken hat sich
also nichts geändert. Doch welche Kräfte bewirken
die Rhythm en der G estirne? Funktioniert das W elt
all nach mechanistischen Gesetzen wie eine Uhr,
oder sind hier spirituelle Kräfte wirksam?
Für jeden sichtbar und wahrnehm bar in ihren
W irkungen sind die zwei Lichter Sonne und Mond.
Sol und Luna sind nach Herm es Trism egistos Vater
und M utter des Lebens. Sie bilden auch den R hyth
mus der Zeit. Die Swastika, das Sonnenrad, eines
der kulturgeschichtlich ältesten Sym bole, stellt den
L auf der Sonne durch das Jah r dar; die Eckpunkte
sym bolisieren die Tagundnachtgleichen sowie die
Sonnenwenden.
Der M ond bildet etym ologisch den W ortstamm
von »M en ses« und »M o n at« und bestim m t m it sei
nen Phasen die Vorstellung von Zeit.
C c c c ß ic o n m i

C f cdr r o. A. Vr r r t npa

Wollet,-t

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CTIcnrco ccrtis dimcnfum parnbus orbcm

Ptrduodcna rcgi cmüdifol aureus aftra.


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D as W eltbild de s Ptolem äus. Die M ilch straß e , dargestellt als Schlange,


u m g ib t die Planetensphären, die w ie d e ru m die Elem ente u m sch lie ße n,
in
deren M itte sich die Erde befindet. Sie bildet auch den M itte lp u n k t eines
H oroskops. H olzschnitt, spätes 15. Jahrhundert.

In der griechischen .Mythologie entstand die


W elt ursprünglich aus der ekstatischen V ereinigung
von G aia. der Erdenm utter (das L nten), m it L’ranos, dem him m lischen Chaos
(das Oben). Sie zeug
ten das G eschlecht der T itanen (die m ittlere W elt).
Der m ächtigste unter den T itanen war Kronos/Sa
turn, der G ott der Zeit. Dieser hatte m it seiner
G attin Rhea sechs Kinder, drei m ännliche - Zeus.
Hades und Poseidon
die sich die W elt teilen
(H im m el, U nterw elt = Erde und Gewässer), und
drei weibliche - H era, D em eter und H estia - , die
für Fam ilie. Fruchtbarkeit und H ausfrieden zustän-

dig sind. Diese sechs und einige weitere sind uns als
olym pische G ottheiten überliefert. Sie gaben den
G estirnen ihre X am en.
Astrologie ist demnach eine W issenschaft, die
sich m it dem W irken der G ötter und ihrer Bezie
hung zur X atur und zum .Menschen befasst, wäh
rend die Astronomie die Bewegung der G estirne er
forscht.
Bis auf Sonne und M ond ist der H im m el schein
bar etwas Ewiges und U nverrückbares, wären da
nicht die fünf m it bloßem Auge sichtbaren W an
delplaneten (griech. planeo = um herirren) M erkur,
Venus, M ars, Jup iter und Saturn. Zusammen m it
den zwei Lichtern bilden sie die Siebenheit der kos
mischen L'rkräfte.
Der Arzt und O kkultist H einrich Cornelius
Agrippa von N ettesheim (1486-1535), ein Z eitge
nosse des Paracelsus, befasste sich sehr ausführlich
m it der Astrologie. Er w ar der M einung, dass man
das W esen der G estirne am besten durch ihre über
lieferten X am en verstehen könne:
»D en Saturn nannten sie den Vater der Götter,
den H errn der Zeit, den hohen, großen, weisen,
einsichtsvollen und verständigen H errn, (...) den
L'rheber der stillen Betrachtung, der den Herzen
der M enschen große Gedanken eingibt oder sie nie
derdrückt, den Zerstörer und Erhalter von allem
(...), den H errn über Leben und Tod.
Jup iter nannte man den helfenden Vater, den
König der H im m el, den G roßm ütigen, (...) den alle
in Güte L’bertreffenden, den H errn des Reichtums
und der W eisheit.
M ars heißt der Kriegsm ächtige, der Schw ertträ
ger, der M utige (...) der Edle (...) der H err der feu
rigen W ärm e, der Planet des Blutes, der die Herzen
der Streitenden entzündet und ihnen Kühnheit ver
leiht.
Die Sonne nannte man (...) die Schöpferin des
Lichtes, die Königin der Sterne, (...) die W eise, die
über die ganze W elt hin Strahlende, die Fürstin der
W elt. (...) Bei X acht heißt sie auch Dionysos, bei
Tag aber Apollo, gleichsam der das Böse V ertrei
bende.
Die Venus heißt die H olde, die Schöne, (...) die
H errin der Liebe und der Schönheit, (...) die Köni
gin aller Freuden (...).
Den M erkur nannte man (...) den H erold der
Götter, (...) den V erm ittler zwischen den oberen
dem G ott der Zeit; er ist auch die letzte Station
nach dem Tod, daher nennt man ihn den H üter der
Schwelle zur kosmischen W elt der Fixsterne. Diese
Sphäre bildet die magische Grenze zwischen dem
Diesseits und dem Jenseits. W ährend der Initiation
lernte man, diese G renze geistig zu überschreiten.
»Das Gestirn begehrt den Menschen zu großer
Weisheit zit treiben, zu großer Kunst, zu
großer Klugheit, a u f dass er im Lichte der X atur
wunderbar erscheinen und dass die Mysterien
der Wunderwerke Gottes herrlich erkannt
und offenbar werden.« (Paracelsus 117451)
A grip p a von N e tte sh eim (1486-1535). Sein W e rk De occulta
philosophia ist da s b e d e u te n d ste W erk zu m T h e m a M a g ie
in der Renaissance. Paracelsus e rw äh n te N ettesh eim ,

Der Mensch als Abbild des Kosmos

m einte aber n u r lapidar, d a ss er m e h r zu m T h em a M a g ie


und A stro lo gie w isse.

und unteren G öttern; er heißt auch H erm es, weil er


jede D unkelheit aufhellt und was im Verborgenen
liegt, offenbart.
Den M ond nannte man (...) Lucina, Proserpina,
Hekate (...), den Irrenden, den Schweigenden, den
H örnerträger (...), die höchste der G ottheiten, den
ersten der him m lischen G ötter und G öttinnen, den
König der abgeschiedenen Seelen, den H errn aller
E lem ente« (1533/1987),
Interessant ist die Reihenfolge der Aufzählung sie beginnt m it Saturn und endet m
it dem Mond.
M an nennt diese Anordnung »chaldäische R eihe« sie beschreibt die m ittlere G
eschwindigkeit, m it der
sich die sieben kosmischen U rkräfte durch den T ier
kreis bewegen. Saturn braucht m it ca. 28 Jah ren am
längsten, während der M ond m it ca. 28 Tagen am
schnellsten ist. Die Sonne bildet m it ihrem Jah res
rhythm us die goldene M itte.
Diese Anordnung spielt auch in der astrologisch
orientierten M edizin eine Rolle. Säm tliche Aufzäh
lungen der Planeten, die man bei Paracelsus findet,
sind ebenfalls nach der chaldäischen Reihe geord
net. Von besonderer Bedeutung sind die »d rei Lich
ter« Sonne, M ond und Saturn. W ährend ihrer In
karnation durchquert die Seele als letzte Station die
M ondsphäre. Der M ond gilt daher als H üter der
Schwelle zur Erde. W ährend des Lebens prägt vor
allem das W esen der Sonne die Persönlichkeit.
Empfangen wurde die Seele jedoch von Saturn,

Aus den antiken M ysterienkulten wurde uns das


W issen überliefert, dass es über die Planetensphä
ren hinaus und jenseits der W elt der Erscheinungen
eine höhere O rdnungsm acht gibt, die den geistigen
L'rsprung der W elt bildet. Paracelsus nannte diese
U rkraft nach antiken Vorgaben Q uintessenz, das
fünfte W esen. Diesen Begriff verwendete er auch
für die heilende Kraft, die sich als geistiges Prinzip
in der M aterie verborgen hält. Bei der A rzneiher
stellung will man diese Kraft befreien und nutzbar
machen. Das Symbol für die Q uintessenz ist das
H exagram m ( $ ) : Es stellt einerseits die sieben kos
mischen LTrkräfte dar, andererseits aber auch die
V ereinigung aller vier Elem ente.
Die (an sich androgyne) Q uintessenz ist zugleich
Vater und M utter der Elem ente, der G estirne und
des Lebens. In der Alchim ie nennt man sie auch
Prima m ateria, andere N am en sind Logos, W elt
geist, W eltenseele oder schlicht das Nam enlose.
Agrippa von N ettesheim schrieb über den W elten
geist: »D ieser G eist ist im W eltkörper gerade von
solcher Form, wie unser G eist im menschlichen
Körper: denn wie die Kräfte unserer Seele durch
den G eist den G liedern sich m itteilen, so wird alles
verm ittels der Q uintessenz von der Kraft der W elt
seele durchström t. In der ganzen W elt gibt es
nichts, das nicht einen Funken ihrer Kraft hätte
(...). Durch diesen G eist also ergießt sich jede ver
borgene Eigenschaft in die Kräuter, die Steine, die
M etalle und in die lebenden Geschöpfe, verm ittels
der Sonne, des M ondes, der Planeten und der
Sterne, welche höher als die Planeten sind« (1533/
1987).
W egen dieser großen Bedeutung sah Paracelsus
in der Astrologie die zweite Säule der H eilkunst,
wobei er mehrfach betonte, dass sie eigentlich eine
Ergänzung der ersten Säule darstelle. Die N atur
philosophie und Signaturenlehre ordnete er den
Elem enten Erde und W asser zu, da sie sich m it der
sinnlich wahrnehmbaren W elt befassen. Die Astro
logie widm et sich dagegen den spirituellen Aspek
ten des Seins, daher korrespondiert sie m it den ver
geistigten Elem enten Luft und Feuer.
Eine V erbindung von Astrologie und H eilkunst
bezeichnete Paracelsus als medicina adepta, als H eil
kunst der W eisen. »D urch diese W issenschaft kann
der letzte Sinn aller Künste gelernt werden, der
Arznei, aller M etalle, aller Kräuter, aller H and
werke und all dessen, was da ist. Durch sie wird das
angeborene Gemüt des M enschen erkannt« (P ara
celsus IY/788).
Spiegelbildlich zum M akrokosmos der Sternzei
chen und Planeten ist der M ensch der eigentliche
M ikrokosm os. .-Vis Ebenbild der Q uintessenz sind in
ihm alle Kräfte vereint, daher kann sich die Energie
des Kosmos je nach ihrer Ausprägung im M enschen
positiv oder negativ bem erkbar machen. Lesen wir
hierzu Paracelsus: »D arum hat der M ensch den
edlen N am en M ikrokosmos, das heißt alle G e
stirnsbahnen, die ganze N atur der Erde und des
W assers und der Luft sind in ihm enthalten. In ihm
ist die N atur aller Früchte der Erde, aller Erze und
Gewässer, nebst allen K onstellationen und den vier
W inden der W elt« (Paracelsus 1/264). »A lso soll
der Astronom wissen, dass der M ensch ein M ikro
kosmos ist, er ist das Quintum Esse des ganzen
W eltalls, er ist das Zentrum , in das alle Sphären
ihre Strahlen ergießen, er ist es, der von ihnen allen
empfangen und geboren w ird « (Paracelsus IY/764).
In der astrologisch orientierten M edizin spielen
die zwei L ichter Sonne und M ond und die fünf
W’andelplaneten die w ichtigste Rolle. Sie verkör
pern sich in sieben zentralen O rganen, sie zeigen
sich aber auch in säm tlichen Stoffuechselfunktionen und prägen unser Temperam ent
(siehe Tabelle
Seite 105). Die Stellung der Planeten im T ierkreis
zum Zeitpunkt der G eburt ist außerdem ein Spiegel
für unsere Begabungen, Leidenschaften, N eigun
gen und K rankheitstendenzen.

Dabei ist das W irken der G estirne nicht physika


lisch zu erklären, sondern ein übersinnliches Ge
schehen. H ierzu schrieb Elise W olfram: »L 'n ter
den Planetengeistern versteht Paracelsus eine H ier
archie schöpferischer W esen, die ihre Rolle in der
Entstehung und E rhaltung des Sonnensystems
spielten und noch spielen. Aus ihrem Kreise hat sich
der Geist der M enschheit herausgesondert, um die
kleine W elt, den M enschenleib zu bauen. Diesen
Leib, dessen O rgane nach den Planetengesetzen ge
baut ist (...): dieser Leib soll dem Ich das Instrum ent
zur Erkenntnis der W elt werden. N ur gleiches kann
gleiches erkennen: wer durch okkulte Entwicklung
zur Erkenntnis des W underbaues und der Kräfte
des eigenen Leibes gelangt, der versteht auch das
W esen und die W eisheit der him m lischen PlanetenH ierarch ien « (1912/1991).
Die Planeten prägen besonders die G efühlswelt
des M enschen. Ganz wie seine olym pischen Yorbilder kennt auch der M ensch Streit,
Ruhmsucht,
W ollust, aber auch W eisheit und Liebe. Ob nun
W eisheit oder Egoismus den M enschen bestim m t,
liegt einzig an der Art der geistigen Ausrichtung.
H ier hat der Mensch ein hohes M aß an Freiheit, die
ihn über das Gestirn erhebt, sofern er seine Ver
nunft gebraucht - »die Sterne zwingen nicht, sie
machen nur g en eigt«, ist eine der Grundthesen des
Paracelsus.
Die damals vorherrschende M einung, dass die
Säftem ischung für das Temperam ent verantwortlich
ist, lehnte Paracelsus vehem ent ab, wie z.B. folgen
des Zitat zeigt: »W enn behauptet wird, dass Sitten,
Gebärden, Lebensgewohnheiten und G ebräuche
etc. von der Komplexion (Elem ent) herstam m ten,
so ist das falsch. Denn sie hängen vom G estirn ab,
nicht von den Komplexionen. N icht die G alle ver
ursacht den Zorn, sondern der M ars. D ieser bringt
die G alle zum L'berlaufen« (1/76).
Der C holeriker hat demnach die feurige N atur
von Sonne und M ars, der Sanguiniker ist vor allem
von M erkur und Venus geprägt, der Phlegm atiker
von Mond und auch vom Jupiter, während der M e
lancholiker einen saturnalen C harakter hat. Der
Choleriker lebt eigentlich nur außerhalb von sich,
er hat den impulsiven G eist der Initiative und des
Eroberns. Der Phlegm atiker ist dagegen eher in der
Innenwelt zu Hause, fürsorglich, in sich ruhend und
tendiert zum N ichtstun. Der Sanguiniker ist be
Die drei S ch ick sa lsgö ttin n e n halten
den Faden des Lebens, der als N a b e lsch n u r
m it d e m Ste rn e n m e n sch e n v e rb unde n
ist. Ihre Trauer zeigt ihr M itge fü h l, de nn
m it der Inkarnation b e ginnt ein langer und
m ühe volle r W e g der Erkenntnis. A u s dem
B ilderzyklus »Jerusalem The Em anatio n
o f The C ia n t A lb io n « von W illiam Blake,
1804.

kanntlich gern »aus dem H äuschen«. Er ist wissbe


gierig, neugierig (G ier ist eines seiner M arkenzei
chen), spontan und erfreut alle m it seiner H eiter
keit, doch fehlt ihm dabei der tiefere Sinn für das
Dasein.
Ganz anders die M elancholie. X ach Agrippa von
N ettesheim bewirkt das m elancholische N aturell
die Gabe der W eissagung und der D ichtkunst. Da
Saturn ȟberdies der U rheber der Betrachtung im
Stillen (...) und der höchste unter den Planeten ist;
so ruft er die Seele nicht nur von den äußeren Ge
schäften stets ins Innere zurück, sondern erhebt sie
von den irdischen D ingen, indem er sie zu dem
Höchsten em porzieht und ih r W issenschaft und
Voraussicht der Zukunft verleih t« (1533/1987).

Platon m einte sogar, dass einige M elancholiker


durch ihren Geist so sehr hervorragen, dass sie eher
Göttern als M enschen gleichen.
»Jeder Mensch hat einen Geist, der außerhalb
seiner Person wohnt und seinen Sitz in den oberen
Sternen hat.« (Paracelsus III/835)
»Es gibt keine wesentlichere Aufgabe der Astrologie
als die, das innere Wesen des Menschen zu eifassen
und es ihm zu Bewusstsein zu hingen, a u f dass er
es nach dem Gesetze des Lichtes zu erfüllen vermag«
(Aleister Crowley, 1976)
Die sieben Planetenorgane
und ihre Krankheiten
»W enn ein Kind geboren w ird, so wird m it ihm sein
Firm am ent geboren und die sieben O rgane, die für
sich selbst die M acht haben, sieben Planeten zu sein
und so alles, was zu einem Firm am ent gehö rt« (Pa
racelsus 1/38). M it diesen W orten verw eist Paracel
sus auf die herm etische Lehre, nach der jede Plane
tenkraft über ein zentrales Organ und die dam it
zusam menhängenden Funktionen herrscht.
In seinem Buch Volumen paramirunt über die L'rsachen von Krankheiten schrieb
Paracelsus über die
Analogie von M ensch und Kosmos: »D as Herz ist
die Sonne, und wie die Sonne auf die Erde und sich
selbst wirkt, also w irkt auch das H erz auf den Leib
und sich selbst. L’ nd ist dieser Schein auch nicht der
der Sonne, so ist er doch der Schein des Leibes,
denn der Leib muss an dem H erzen Sonne genug
haben. Ebenso ist der Mond dem G ehirn vergleich
bar und das Gehirn diesem. Doch nur in geistiger,
nicht substantieller H insicht. Aus diesem Grunde
drohen dem G ehirn so viele L'nfälle. Die M ilz hat
den gleichen Lauf wie Saturn (...). Die G alle ent
spricht dem M ars (...). So ist die G alle in der Sub
stanz, wie der M ars im G eiste und in ihrem G eiste
wie der M ars in seinem Lauf. Die N ieren haben die
Art der Venus (...) und die W irkung der Venus er
streckt sich darauf, die Früchte der Erde hervorzu
bringen. Ebenso dient die Kraft der N ieren den
Früchten im M enschen (...). L’ nd wie die Venus ent
zündet wird durch Empfang der Kraft vom Ens M agnum, so empfangen die N ieren vom
Sinne des
M enschen. Der M ercurius ist ein Planet, der der
Lunge gleicht (...). L’nd der Jup iter gleicht dem P la
net der Leber (...). Ihr sollt wissen, wenn die Leber
nicht da w äre, da gäbe es nicht Gutes im ganzen
Leibe. G leich Jup iter w irkt sie und m ildert wie er
durch seine Güte alles L’ngestüm « (1/40).
Für Paracelsus war das Herz aber nicht nur in
Korrespondenz m it der Sonne, sondern auch der
Sitz der Seele. Das Herz hat die Aufgabe, den gan
zen Körper m it Seelenwärm e bzw. m it Lebenskraft
zu durchfluten. H erzerkrankungen haben demnach
im m er negative Einflüsse auf die Lebensenergie
und als L’ rsache seelische Problem e. Entsprechend
finden w ir in Lebenselixieren sonnenhafte Arzneien
und unter den H erzheilm itteln gehäuft Pflanzen

m it einer W irkung auf seelische Spannungszu


stände.
Sonnenhaft ist für Paracelsus auch das Sehver
mögen. Das L icht kann nur wahrgenom m en w er
den, weil das Auge selbst ein Lichtorgan ist: »D ie
Augen erfüllen die Aufgabe der Sonne im Körper,
gleichsam im M ikrokosmos (...). Im Mikrokosmos
ist das Auge, was im Makrokosmos Sonne genannt
w ird « (Paracelsus 11/684). Sehen m it dem Sonnen
organ Auge ist nicht ein bloßes H insehen, sondern
ein bewusstes W ahrnehm en. Das Sonnensymbol O
zeigt diese Idee deutlich: D er Punkt ist das zen
trierte Bewusstsein und der Kreis der Radius, mit
dem das Außen erkannt bzw. durchleuchtet werden
kann.
In direkter Zwiesprache m it der Sonne steht der
M ond. Der Erdtrabant reflektiert das Licht der
Sonne, auf gleiche W eise reflektiert das lunare Ge
hirn die seelischen W ahrnehm ungen durch Auge
und Herz. »D as G ehirn geht allen zum H erzen und
vom H erzen w ieder zurück zu seinem Zentrum in
geistiger Form « (Paracelsus 1/41).
Die Fähigkeiten zur Innenschau und zur R efle
xion sind lunar geprägt, und dies gilt auch für irra
tionale Zustände des Bewusstseins - im Gegensatz
zum Vernunftprinzip der Sonne. Besonders N euro
sen, Besessenheit und G eisteskrankheiten, aber
auch N ervenleiden wie Epilepsie unterliegen dem
W irken des M ondes. Paracelsus bezeichnete ahn
sinnige als lunatici, als M ondkranke.
Neben den geistigen Funktionen wird die Keim
drüsentätigkeit und dam it die Fruchtbarkeit vom
M ond regiert; dies g ilt für Frau und M ann gleich er
maßen. Das Lunare ist ferner m it säm tlichen R ege
nerationsprozessen verbunden. Die Sonne als m änn
liche Kraft wirkt tonisierend, während der Mond als
weibliche Kraft regeneriert. Auch die stetige Er
neuerung des Körpers, die Z ellproliferation, zeigt
lunare Eigenschaften. Bei fieberhaften Infekten
zeigt sich dies in einer Zunahme der Abwehrzellen
(Leukozytose) und bei einer kanzerösen Entartung
in unkontrollierten Zellwucherungen. Typisch an
der K rebserkrankung ist, dass man sie bewusst nicht
w ahrnim m t; wenn sich die ersten Zeichen bem erk
bar machen, ist m eistens bereits »F euer unterm
D ach«. G leichzeitig zeigen sich Zusammenhänge
m it einer anderen Planetenkraft, dem Saturn, der
im Prinzip einen Gegenpol zum M ond bildet.
1

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M. D, x x x v i ,
Titelblatt a u s einer astro lo gisch e n Schrift des Paracelsus;
Holzschnitt, 1536.

Das m elancholische, saturnale Tem peram ent hat


seinen Sitz in der M ilz. »W einen ist eine Verstop
fung der M ilz «, schrieb Paracelsus (1/326). W einen
reinigt den Körper von saturnalen Kräften, doch
m ancher hat das W einen verlernt oder ist so voller
Tränen, dass man M eere m it ihnen füllen könnte.
Solange die Trauer nicht bewusst wird, also ins
Blickfeld der Sonne gerät, so lange ist sie ganz unter
dem schicksalhaften Bann von M ond und Saturn.
An anderer Stelle weisen w ir darauf hin, dass eine
ungünstige Beziehung dieser beiden Kräfte eine
Krebslatenz begünstigt (siehe Seite 369).
Die M ilz, das Zentralorgan des Saturn, ist das
einzige O rgan, das direkt m it »Todesprozessen«
verbunden ist. Blutanalyse und Blutabbau durch die
M ilz sind Bereiche, die man m it dem N erven-Sinnes-System oder m it dem Sal-
Prinzip in Beziehung
bringen kann. Entsprechend sind Beeinträchtigun
gen der übersinnlichen M ilzfunktion m it chroni
schen K rankheiten, vor allem des Immunsystems,
verbunden (P olarität von Sonne = Abwehr und Sa
turn = Abbauprozesse). Krebs muss man ebenfalls
als eine degeneradve Erkrankung des Immunsys
tems betrachten. Außerdem reagiert die M ilz be

kanntlich häufig m it einer Schwellung (M ilztum or)


bei zahlreichen Im munkrankheiten: »D ie M ilz (...)
besitzt die T ücke und liebt es, den Körper zu schä
digen. Ihre Bosheit zeigt sich darin, dass sie eine
H ärte, Fieber, Fäulnis und Verstopfung erzeugt«
(Paracelsus 1/632).
Saturn ist der H err über alle bösartigen, schick
salhaften und chronischen Krankheiten: »W enn
Saturn siegt, ist er so neidisch, dass er alles, was da
ist, zu fressen begehrt, faulen zu lassen und zu ver
derben, dam it niemand einen N utzen davon habe;
daher ist er der Anfang aller bösen K rankheiten«
(Paracelsus 1/782). Jeder M ensch spürt mehrmals in
seinem Leben mehr oder w eniger stark den Einfluss
des Saturn. Alle sieben Jah re steht der laufende Sa
turn (Transit) in einem Spannungswinkel zum Sa
turn im Geburtshoroskop. Die E inteilung des L e
bens in Siebenjahresrhythm en zeigt die saturnalen
Entwicklungszyklen des M enschen. Sie sind im m er
m it Krisen, aber auch m it der geistigen Reife und
der Ausbildung des Charakters verbunden (siehe
Tabelle Seite 105).
Zwischendurch bildet Saturn natürlich auch w ei
tere Spannungen zu den anderen Planeten: dies sind
die alltäglichen schicksalhaften Ereignisse, Entbeh
rungen und Prüfungen. Art und Intensität des L ei
dens sind im m er vom Aufbau des Gesamthoroskops
abhängig. H ierzu sollte man sich an erfahrene
Astrologen wenden, die gleichzeitig astrom edizinisch bewandert sind - was leider
eine Seltenheit
ist. Doch eines kann man sicher feststellen: Ohne
die Einflüsse Saturns wären die meisten T herapeu
ten arbeitslos.
Säm tliche erschöpfenden, die Lebenskraft läh
menden Krankheiten haben einen saturnalen C ha
rakter: »Jede Schwindsucht gehört in die Sphäre
des Saturnus (...). Gut geht es den Leuten und ge
reicht ihnen zur H eilung, wenn der Saturnus aus ist
(Ende eines Transits); dann geht ihnen ein neuer
H im m el auf, das ist ein Eingang eines langen L e
bens, doch lange und heftig führt sie Saturnus in
seiner Hand (H err der chronischen und unheil
baren Krankheiten), und er speist sie nur dürr und
m ager (Planet der Askese und des Verzichts). (...)
W ird er nicht seiner M acht entsetzt, ist keine H ei
lung m öglich« (Paracelsus 11/199-200). Säm tliche
therapieresistenten Krankheiten und das LTnheilbare unterstehen daher Saturn.
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Türkenbundlilie, die dem
Satu rn untersteht, und
rechts die W e gw arte , die
m an w e g e n ihrer B lü te n
sign a tu re n auch der S o n n e
zuordne t (so n st eher Jupiter
und Saturn). A u s Buch der
Heimligkeiten v o n A lb e rtu s
M a g n u s, 16. Jahrhundert.

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©olctoufß, @ociirm.

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>m «nAcr'b:u|T.

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Ferner finden w ir in allen Strukturbildungen des


Körpers den Saturn wieder: Saturnal sind vor allem
die Knochen, aber auch die H autanhangsorgane
H aare, N ägel und Zähne und alle dam it zusam men
hängenden Erkrankungen. Saturn verkörpert be
sonders intensiv das Sal-Prinzip, entsprechend sind
verhärtende Krankheiten wie Arthrose, Sklerose
oder die Bildung von Steinen saturnal geprägte Zu
stände. Saturn ist aber auch der Zahn der Zeit, und
so ist eine gesunde .Milzfunktion ein G arant für ein
langes Leben. L'm gekehrt sind Lebenselixiere auch
.Arzneien für die M ilz: »W as ein langes Leben er
hält, dient der M ilz «, schrieb Paracelsus (III/404).
M an könnte die M ilz auch als O rgan der drei
(= Zahl Saturns) Schicksalsgöttinnen bezeichnen,
die den Lebensfaden weben.
Eine direkte Beziehung hat die M ilz zur V’erdauungsfunktion, die ja ebenfalls
teilweise abbauende,
also saturnale Funktionen hat. »D ie M ilz hat ihre
Bahn an der Seite und in den G edärm en« (P aracel
sus 1/41). Wichtig- ist hier das Zusam m enspiel von
Leber und M ilz, also von Jup iter und Saturn. Was
durch Saturn abgebaut wird, baut Ju p iter als König
über alle chemischen Vorgänge w ieder auf. Jup iter
beherrscht die Bildekräfte im Körper und ist m it
dem Archeus, wie Paracelsus die innere .Alchimie
nannte, identisch. Sein Z entralorgan ist zwar die
Leber, doch dam it sind auch alle sonstigen Verdau

ungsprozesse und Stoffwechselaktivitäten gemeint.


Stoffwechselkrankheiten wie Fettsucht, Diabetes,
G icht und Rheuma sind in der Regel Folgen von
Störungen im Bereich der Jupiterfunktionen.
Ferner unterstehen dem Ju p iter die Kraft der
Plastizität und somit die G elenke und die Gewebe.
Entsprechend ist Jupiter, zusammen m it Saturn, an
G elenkserkrankungen und G ewebeleiden beteiligt.
Jup iter ist auch für die Q ualität des Blutes zustän
dig. Er liefert die Energie, die die Sonne braucht,
um den Körper zu durchwärm en: »D er geistige
Lauf der Leber vollzieht sich nur im B lute« (Para
celsus 1/41). Die Leber versorgt den Körper via
Lymphe mit der Essenz, die aus der N ahrung ge
wonnen wurde. Blut ist bekanntlich ein »besonde
rer Saft« (M ephisto zu Goethes Faust) und Träger
der Ich-Kräfte, die das H erz bewegen. Die zentrale
Stellung der Leber im Stoffwechsel ist somit auch
für das »Tem peram ent« verantwortlich, die Tempe
ratur des Blutes.
W ie die Sonne ist Ju p iter m it wohlwollenden Ei
genschaften verbunden; man nennt ihn auch das
»große G lück«, denn er m ildert m it seiner Güte
alles L'ngestüm (K om plikationen im K rankheits
verlauf = »Z ufälle«). M an könnte auch sagen, dass
die m edikamentöse U nterstützung der Leber die
wichtigste Therapiem aßnahine ist, da hierdurch
prinzipiell die Lebensqualität verbessert wird.
Ähnlich wohlwollend ist die Venus, die man als
»kleines G lück« bezeichnet. Sie ist für die schönen
und sinnlichen Seiten des Lebens zuständig. H ar
monie und Ästhetik unterstehen ihren Gesetzen.
W enn die Venuskraft gestört wird, zerbricht die
heile W elt der Venus allerdings sehr schnell. Dann
kann es geschehen, dass aus Liebe Hass wird und
sich die entspannten Züge voller Eifersucht verzer
ren. Stim mungsschwankungen sind typisch für eine
angespannte Venus.
Ihr eigentliches Bestreben ist aber der Ausgleich
und die Entspannung: Sie möchte zu allem eine
harmonische Beziehung aufbauen, was bekanntlich
nicht ganz einfach ist. Beziehungsstörungen und so
ziale Problem e sind daher Störungen der Venus
kraft. Sym pathie und Antipathie ist ihre W elt, sie
regiert unsere G efühle und die Libido. Ihr geistiges
Zentrum im M enschen ist die N iere, die vor allem
ein Seelenorgan ist. Der Volksmund spricht nicht
ohne Grund von den Zuständen, die einem an die
N ieren gehen. Die N iere muss säm tliche em otiona
len Eindrücke verarbeiten, und wenn der Mensch
auf H erz und N ieren geprüft wird (Sonne - Venus),
dann sind dies im m er extreme Zustände, die ihn an
die em otionale Belastungsgrenze führen. W erden
sie chronisch, kommt es irgendwann zu psycho
somatischen Störungen wie Asthma, A llergien,
Kram pfleiden wie M igräne oder H erzrhvthm usstörungen und Schlafproblem en, die
auf D auer gern in
saturnale Zustände münden, also in die völlige Er
schöpfung.
Die N iere ist das regulierende Organ bei Schock
zuständen und heißt auch »A ngstorgan« (die g lei
che Zuordnung kennt man übrigens auch in der
Traditionellen Chinesischen M edizin). Entspre
chend sind Arzneien m it einer günstigen W irkung
auf die N iere gleichzeitig H eilm ittel für ein zerrüt
tetes N ervenkostüm und für Beziehungsprobleme.
L'm gekehrt kann man sagen: W enn man auf Emo
tionen einwirken w ill, sollte man an N ierenm ittel
denken. Außerdem zeigt sich an den Zuordnungen,
dass Krankheiten der H arnorgane häufig auch so
ziale H intergründe haben. Vor allem die Angst,
nicht geliebt zu werden, steckt oft dahinter.
»D ie N ieren haben ihren L auf durch die H arn
wege und L enden« (Paracelsus 1/41) - die Venus
regiert neben den H arnorganen auch die Ge
schlechtsorgane, daher sollte man prinzipiell bei

A A A H i A i M E « P O A /SA K H X
V f T E X O H I E JE I/ U 'H T J tX J ^ i. O Y A E PO TE

D er ge flüge lte G ötterbote M e rk u r m it eine m sie be n arm ige n Leuchter,


der die k osm isch e n G ru n dkräfte sym bolisiert.
Kupferstich um 1550.

allen Leiden in diesem Bereich an venusische H eil


m ittel denken. Besonders in der Frauenheilkunde
sind sie von großem W ert. H ier zeigen sich Bezie
hungen zum M ond, m it dem sich Venus die Frucht
barkeit teilt. Beide Kräfte sind auch in der Kosmetik
von Bedeutung. A nti-A ging-Rezepte und W und
heilm ittel unterstehen in der Regel beiden Kräften.
Bei entzündlichen Leiden wirken sie kühlend und
bei chronischen und trockenen Leiden anfeuchtend
und verjüngend.
Im Stoffu echselgeschehen, aber auch bei Entgif
tungsvorgängen ist die Zusam m enarbeit von N iere
und Leber besonders w ichtig, also von Venus und
Jupiter. Sollten hier Problem e auftreten, kommt es
zum Rückstau von Toxinen, die irgendwo abgela
gert werden, meistens am individuell schwächsten
Punkt im Körper (locus minoris resistentiae), um
schließlich dort irgendwann chronische K rankhei
ten (= Saturn) zu verursachen. Daher sollte man die
N ierenfunktion im m er zusammen m it der Leber
stärken - das K ardinalm ittel hierfür ist die Goldrute
(Solidago virgaurea; Zuordnung: Sonne, M erkur,
Xenus). Die völlig ungiftige Pflanze, die man früher

auch als »H eidnisch W undkraut« bezeichnete, för


dert die N ierenaktivität, zeigt aber gleichzeitig m it
ihrer gelben Farbe, dass sie auch den Leberstoff
wechsel günstig beeinflusst, indem sie vor allem den
Pfortaderkreislauf entlastet und dabei sogar noch
etwas die Stim m ung aufhellt. G oldrute sollte prin
zipiell Bestandteil jedes E ntgiftungsrezepts sein.
Recht geheim nisvoll ist das W irken von M erkur.
Als Bote der G ötter ist er eigentlich m ehr oder we
niger an säm tlichen Funktionen des Körpers betei
ligt. Er verkörpert das Prinzip der Informations
überm ittlung. Entsprechend deutlich zeigt er sich
daher in allen Feedbacksystem en, z.B. im H orm onsvstem. D arauf deutet auch das W
ort »H orm on«
hin, das sich von H erm es ableiten lässt. H ier teilt
sich M erkur die W elt vor allem m it Venus, der man
die Horm ondrüsen zuordnet.
Im N ervensystem äußert sich M erkur als R eiz
überm ittlung und als Reflex; so ist auch der H erzrhvthmus m erkuriell (Sonne - M
erkur). N eurologi
sche Störungen, L'bererregbarkeit, Parkinson und
.Ähnliches zeigen eine M erkurstörung an. Im Blut
ist das M erkurprinzip für den Stofftransport verant
w ortlich. W ährend Jup iter eher die Leitung des
Chem ism us innehat, ist M erkur m it der Ausführung
beteiligt. Vor allem in der Verdauung sind beide
Kräfte stark m iteinander verbunden. M erkur finden
w ir ferner an allen Atmungsprozessen beteiligt.
Entsprechend sind Krankheiten von Lunge, N eben
höhlen, Rachen und M andeln, aber auch Sprachprobleme und Kom m unikationsstörungen
m it M er
kur verbunden.
B leibt zum Abschluss der sieben Planetenorgane
noch der M ars, der seinen Sitz in der G alle hat. Er
verkörpert das Sulfurprinzip wie kein anderer und
ist der hitzigste unter den Planeten - entsprechend
ist die G alle der heißeste Pol im Körper und ganz
von Sulfur durchdrungen (G leiches g ilt für den exo
krinen .Anteil der Bauchspeicheldrüse). Als K riegs
gott hat M ars aber nicht nur die Aufgabe, die N ah
rung zu zerstören, dam it die Spreu vom W eizen
getrennt und die Essenz aufgenommen werden
kann (Jupiter/M erkur - M ars). M ars schützt gleich
zeitig vor Angriffen von außen und prägt unsere
W lllensnatur; hier zeigen sich Zusam m enhänge zur
Sonnenfunktion. R udolf Steiner m einte einm al,
dass M ars den W eg zur Sonne ebnen würde. Erst

G n a a J iu u s f r u t r x I n a ic u s C H R IST I l ’t jjü m s

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Jvrnum t referunt- F rufcus
nrdisj^ ccie ligu crm Julaffimum mediemalemg jrredurit.
Isan.Bpr! rxiu&tt.
Die Passio nsblum e , die von M o n d und M e rk u r gezeichnet
ist, zeigt e inzigartige Signature n, die m a n frühe r m it dem
Leiden von Jesus assoziierte: drei Nägel, fü n f W u n d e n und
die D orne nkrone .Tatsächlich ist sie ein Heilm ittel, w e n n
das Leben zum M a rty riu m ge w o rd e n ist. Die Blüte öffnet
sich nachts und verb lüht g e g e n M itta g, w a s eine Sign a tu r
für ein M itte l bei Sch la fstö ru n ge n darstellt. Kupferstich,
A n fa n g 17. Jahrhundert.

Blüte der P a ssio n sb lu m e (Passiflora incarnata) im Garten


der Firm a W eleda. Foto: M a rg re t Madejsky.
P la n e te n w irk e n im M e n s c h e n
Planet

Organe/Alter

Anlagen nach Agrippa von Nettesheim

Krankheiten

Mond

REFLEXION
Gehirn, Keimdrüsen, Lymphe,
Haut, Regeneration, Anabolis
mus, Zellproliferation
(Klein-)Kind: 0-7 Jahre

Friedliche Harmonie, Fruchtbarkeit,


die Kraft der Erzeugung und Vermehrung,
Wachstum und Abnahme, Mäßigung, (...)
das Streben nach dem Irdischen (...) und
um sich und anderen Nutzen zu schaffen

Akute Leiden, Entzündungen, Fieber,


Fruchtbarkeitsstörungen, Schlaf
störungen, Phlegma, psychosomatische
Erkrankungen, Kindheitstraumen;
Krebs, Gehimerkrankungen
(z.B. Epilepsie), Hautentzündungen

M erkur

KOMMUNIKATION
Atmungsorgane, Feedback
systeme, Stoffwechsel, Enzyme,
Schleimhäute
Kindheit: 7-14 Jahre

Eindringlicher Glaube, klare Beweis


führung, Gewandtheit im Auslegen
und Sprechen, Schärfe des Geistes,
dialektische Kunst, Beweglichkeit
der Sinne

Bewegungsstörungen wie Hyperkinetik,


Motilitätsstörungen des Darms,
Sprachstörungen, Allergien, eitrige
Entzündungen, vor allem der Atmungs
organe (Bronchitis, Sinusitis, Angina
tonsillaris), endokrine Störungen

Venus

EMPFINDUNG
Nieren/Blase, Haut (Mond),
Venen, Entschlackung,
Sozialität, Libido
Pubertät: 14-21 Jahre
Glühende Liebe, freudige Hoffnung,
Sehnsucht, Ordnung, Begierde, Schön
heit Liebenswürdigkeit, Trieb nach Ver
mehrung und Fortpflanzung seiner selbst

Nieren-Blasen-Leiden, Angstsyndrom,
Essstörungen, Stoffwechselstörungen,
Gicht, Schilddrüsenleiden (Struma),
Venenleiden, mangelnde Toxinausscheidung, Plethora (vermehrter Blut
andrang), hormonelle Erkrankungen,
Libidostörungen; Erkrankungen der
Geschlechtsorgane

Sonne

BEWUSSTHEIT
Auge, Herz, Kreislauf, Abwehr,
Kompensation, Ausgleich,
Wärmeprozesse
Reife: 21^42 Jahre

Seelenadel, klarer, geistiger Blick, Wissens


trieb, gereiftes Urteil, Besonnenheit;
Eifer, erleuchtetes Rechtsgefiihl, gesunder
Verstand, der das Rechte vom Unrechten,
das Licht von der Finsternis der Unwissen
heit, unterscheidet; Freude an der Wahr
heit, Liebe - die Königin aller Tugenden

Störungen im Selbstwertgefuhl,
soziale Probleme, Herz-KreislaufErkrankungen, Blutdruckleiden,
Allergien und Autoimmunleiden, Seh
störungen

M ars

WILLE
Gallen- und Pankreassäfte,
Arterien, Blutbildung, Abwehr,
Muskeln, Kehlkopf, Oxidation
Midlifecrisis: 42-49 Jahre

Unerschrockene Wahrheitsliebe, Stärke,


Tapferkeit, feuriger Mut, unbeugsamer
Sinn

Sprachstörungen, Störungen im Sexual


verhalten, Erkrankungen der blut
bildenden Organe, Blutdruck- und
Potenzprobleme, Störungen der Energie
balance, Galleleiden, Entzündungen
der Verdauungsorgane, entzündliche
Leiden, Krampfneigung wie Migräne

Ju piter

DENKEN
Leber, Gelenke, Gewebe,
Aufbauprozesse, Temperament,
allgemeine Formkräfte
Klimakterium: 49-56 Jahre

Klugheit, Mäßigung, Güte, Frömmigkeit,


Milde, königlicher Sinn

Störungen des Denkvermögens, Binde


gewebserkrankungen und -schwäche
Dysplastik, Gelenkerkrankungen, Leber
und Fettstoffwechselstörungen

Saturn

WAHRNEHMUNG
Milz, Sinne, Knochen, Hautanhangsorgane, Strukturkräfte,
Abbauprozesse
Alter: 56-Tod

Hohe Betrachtung, tiefe Einsicht, ernstes Alle schleichenden und chronischen


Urteil, strenges Nachdenken, Standhaftig Leiden, Siechtum, Alterserkrankungen
keit, imbeweglicher Vorsatz
und Verschleißerscheinungen,
Verhärtungen, Einschränkungen in
Bewegungen, Knochenleiden,
Störungen in der Sinneswahmehmung
wie Taubheit, Anämie, Hautleiden
wie Psoriasis
eine ausgeprägte W illensnatur lässt die Sonne im
rechten Licht erscheinen.
L'nentschlossenheit, Verzagtheit, Schüchternheit
und Ängstlichkeit, die häufig m it Infektanfälligkeit,
N iederblutdruck und Anämie einhergehen, kann
man sehr gut m it Arzneien behandeln, die den M ars
im M enschen ansprechen; hierzu gehören vor allem
Im m unstim ulanzien, blutbildende M ittel und C ho
lagoga, also galletreibende M ittel. W enn sich M ars
im Körper jedoch im L'bermaß zeigt, dann gerät das
Blut in W allung, Tem peratur und Blutdruck stei
gen, und eine heftige Röte durchzieht den ganzen
Körper. Die Sonne erhitzt sich durch M ars, und ir
gendwann sieht man nur noch rot. Dann bleibt nur
die H offnung, dass die Liebesgöttin Venus den er
zürnten M ars wieder einmal friedlich stimmen
möge.
»Alle unsere Gifte. Neid, Hass. Falschheit. Zorn.
Laster und Üppigkeit steigen in die oberen Magnalia
zurück und diese erzeugen sie von neuem. (...) Die
übernatürlichen Krankheiten entspringen in uns und
dringen ohne Wirkung in den Himmel. In diesem
entstehen sie und fallen nieder a u f uns. (...) Wenn
v i r das Gestirn durch unsere Einbildung nicht
infizierten, fielen keine Impressionen a u f uns.«
(Paracelsus 1/739-740)
»Was ist Eisenf Nichts als Mars. Was ist der M ars?
Nichts als Eisen. Beide sind Mars, beide Eisen.
Was f ü r ein Unterschied besteht zwischen Sonne.
Mond. Saturn. M erkur und Jupiter am Himmel
und den betreffenden Gestirnen im Menschen?
Nichts, als nur die äußere Fonn allein.«
(Paracelsus 1/3)3)

Die kosmische Natur der Heilmittel


Obwohl alle kosmischen Phänom ene auf die X atur
einw irken, berücksichtigt die Astrom edizin in der
H auptsache nur die zwölf Tierkreiszeichen sowie
die zwei Lichter und die fünf W andelplaneten. Die
moderne Astrologie erw eitert diese Sichtweise
heute um die transsaturnalen Planeten, bei denen es
sich um höhere Schwingungsebenen handelt: L'ranus ist die von M erkur, X eptun die
von Venus und
Pluto die von M ars.

M an spricht also im m er noch von sieben spiritu


ellen Grundkräften. Paracelsus ging davon aus, dass
die Sieben als O rdnungszahl höherer M ächte im
gesamten Universum das energetische M uster b il
det, aus dem heraus sich M aterie bildet. Die M ate
rie muss man sich als eine Veränderung der Schwin
gungsebene vorstellen. Auf der spirituellen Ebene
haben die Planeten eine hohe Schwingungsfre
quenz, während sie bei der Verdichtung zur sinnlich
fassbaren M aterie im m er langsam er und träger w er
den. Im M ineral ist die Planetenschwingung zwar
noch vorhanden, für uns aber kaum noch w ahr
nehmbar.
Die Planeten prägen zwar den C harakter der
M aterie, eine ungem ischte Kraft lässt sich jedoch
praktisch nicht finden. X u r die sieben Planetenm e
talle sind ausschließlich einer Planetenkraft un ter
stellt; hierzu Paracelsus: »Also haben nun auch die
alten Philosophen die sieben M etalle m it den sieben
Planeten verglichen und diese in Figuren, Bildern
und Schriften für jene gesetzt, so für das Gold die
Sonne, für das Silber den M ond, für das Blei den
Saturn, für das Zinn den Jupiter, für das Kupfer die
Venus, für das Q uecksilber den M erkur, für das
Eisen den M ars, und das haben sie der M agie nach
recht getroffen, deshalb wird es noch auf diesen Tag
so gehalten« (IV/335).
Diese sieben M etalle stehen in direkter Reso
nanz zu den entsprechenden Planetenorganen, für
die sie die zentralen H eilm ittel darstellen. Das
H auptm ittel für das H erz ist demnach das Gold, für
die Leber das Zinn, für die M ilz das Blei usw. In den
T herapiekonzepten, die wir in diesem Buch vorstel
len, ist diese Idee weitgehend integriert.
Im G egensatz zu den Planetenm etallen sind
säm tliche anderen Existenzformen aus der D urch
m ischung unterschiedlicher Planetenenergien ent
standen, wobei diese Kräfte fast im m er hierarchisch
geordnet sind. W enn w ir davon sprechen, dass eine
Pflanze dem M erkur untersteht, dann heißt dies,
dass sich die M erkurkraft besonders intensiv zeigt.
Sucht man länger oder wechselt man den Stand
punkt der Betrachtung, findet man auch andere
Kräfte wieder. Dies erklärt die zum Teil völlig un
terschiedlichen Zuordnungen in diversen Büchern.
Von der Korrespondenz zwischen Planet, H eil
m ittel und Krankheit kommt man zu einer astrolo
gisch ausgerichteten T herapie. Paracelsus schrieb:
->Es ist zu m erken, dass jeder Stern auf Erden sein
Kraut hat, welches die Art seines Sternes vollbringt
und den Schaden abwendet. (...) Denn H yperion
(Johanniskraut) ist die Sonne und die richtige ird i
sche Sonne. Persica (pfirsichblättriger Knöterich)
ist der M ercurius und der irdische .Mercurius. (...)
Jeder, der ein Philosoph sein w ill, beachte diese
Ü bereinstim m ung gut. (...) Denn die Sterne lehren
die Krankheiten erkennen, die Kräuter lehren sie
heilen. Es sind hier zwei W ege und auf beide soll
der Arzt sein Auge gestellt haben. W enn er die
Sterne kennt, dann denke er an den Beginn der
Krankheiten. W enn er die Kräuter erkennt, über
lege er, was er gebrauchen soll. W enn man die
obere Influenz vergisst und die untere W irkung
nicht weiß, ist mehr als blind gehandelt« (III/861).
Er schrieb w eiter: »Jedes Kraut ist also ein ird i
scher Stern und gehört zum H im m el. Jed er Stern
ist ein him m lisches Kraut in geistiger W eise und
Form, das sich nicht von den Kräutern, die auf der
Erde sind, unterscheidet. Die M aterie ist nur an
ders« (1/675). »S o stehen die him m lischen Kräuter
den K räutern auf der Erde gegenüber, welche sie
hervorgerufen haben. W üsstet ih r den G rund, dann
w ürdet ihr sagen: D ieser Stern heißt Stella Rosmarini (Rosm arinstern), dieser
heißt Stella Absinthii
(W erm utstern) und hat die Kraft A bsinthii« (1/675).
Leider hat Paracelsus, der im m er w ieder die
W ichtigkeit der Planetenkorrespondenzen betonte,
kaum H inweise gegeben, wie man die astralen Ei
genschaften in der X atur entdecken kann. M eie
Beispiele von Zuordnungen findet man ebenfalls
nicht. H ier unterscheidet er sich nicht von anderen
spirituellen Lehrern, die gern in Andeutungen spre
chen und die Lösung des Rätsels dem Schüler über
lassen.
Agrippa von X ettesheim drückte sich hier schon
etwas konkreter aus: »Jede Sache erhält daher
gemäß der harm onischen O rdnung und von ihrem
sie bestrahlenden Sterne ein besonderes Zeichen
oder M erkm al eingedrückt, das den betreffenden
G estim enfluss genau charakterisiert. (...) Es ist sehr
schw ierig, zu erkennen, welche D inge diesem oder
jenem G estirne oder H im m elszeichen zugehören.
M an erkennt sie jedoch daran, dass sie die Strahlen
oder die Bewegung oder die Figur der H im m elskör
per nachahmen. Einige entsprechen auch gewissen
Sternen durch ihre Farbe und ihren G eruch, andere

durch ihre W irkun gen« (A. von X ettesheim , 1533/


1987).
X ettesheim wollte m it diesen W orten ausdrücken, dass man das W esen der
Planetenkraft mit
den Bildekräften in der X atu r vergleichen muss.
Die kosmischen Impressionen zeigen sich w ie
derum als Signaturen. Das sanftm ütige W esen, die
weiche Form und den Duft der M elisse kann man
z.B. m it der Liebesgöttin Venus vergleichen, wäh
rend die W ehrhaftigkeit einer Brennnessel und die
Scharfkantigkeit oder die rote Farbe des Blutsteins
(H äm atit) auf das W irken des K riegsgottes Mars
hindeuten.
X eben den Formen sind es vor allem Farben, die
Hinweise auf astrale Signaturen geben: »In der
M agie wird einem jeden Planeten und M etall eine
besondere Farbe zugeeignet. So dem Saturn und
dem Blei die schwarze Farbe (auch alles Düstere),
der Sonne und dem Gold die gelbe (auch alles
Lichte), dem Mond und Silber die graue, dem M er
kur und Q uecksilber die blaue (schillernde Farb
töne), der Venus und dem Kupfer die grüne (auch
alles Bunte), dem M ars und Eisen die rote, dem J u
piter und Zinn die weiße (auch Bordeauxrot und
Königsblau, z.B. L apislazuli)« (Paracelsus IW 335).
X ettesheim ordnete auch die einzelnen Pflan
zenteile den Planeten zu: »In der Pflanzenwelt sind
alle Früchte vom Jupiter, alle Blumen von Venus,
Samen und Rinde vom Alerkur, die W urzeln von
Saturn, das Holz von M ars und die Blätter vom
M onde abhängig. .Alles, was Früchte trägt, aber
keine Blumen, gehört dem Saturn und Ju p iter zu,
was dagegen Blumen und Samen, aber keine
Früchte hervorbringt, steht unter der H errschaft
der Venus und des M erkur, und was ohne Samen
von selbst wächst, gehört dem M onde und Saturn
an (z.B. Bildung von Tochterpflanzen wie bei Dach
wurz). Alle Schönheit kommt von der Venus, die
Stärke vom M ars« (A. von X ettesheim , 1533/1987).
Die meisten Zuordnungen und Signaturbeschrei
bungen findet man erst bei späteren Autoren, die
sich auf Paracelsus berufen, so z.B. bei Culpeper,
T h um eysser oder C arrichter (siehe Tabelle Seite
112). X achfolgend einige Beispiele für Signaturen
und Zuordnungen.
M o n d h a fte Seerosen (N y m p h a e a alba) deu te n a u f O rte der

Die Farben der Schw ertlilie (Iris versicolor) offenbaren

W a sse rw e se n (N ym p h e n ) hin. Paracelsus geb rau chte

da s m erkurielle Prinzip. Die Pflanze hat ihren N a m e n von

sie bei In fektionen der Bergleute. Foto: M a rg re t M adejsky.

der G ötterb otin Iris. In der H o m ö o p a th ie ge b rauch t m an


sie als M itte l bei M ig rä n e u nd M a ge n le id e n , vor allem

Im Farbenspiel der G ä n se b lü m c h e n (Bellis perennis) zeigt

bei Sodbrennen. Foto: M a rg re t Madejsky.

sich da s liebliche W e se n der Venus. Foto: O la f Rippe.


D as v e n u sisch e H eidekraut (Calluna vulga ris) v e rw e nde t
In der m ajestätischen G estalt und der leuchtenden

m an als m ildes S e d a tivu m bei Sch la fstö ru n g e n und seeli

B lütenfarb e o ffenbart sich der A lan t (Inula h elenium ) als

schen V e rkram p funge n. Foto: M a rg re t Madejsky.

Pflanze der S o n n e u n d des Jupiters. M a n v e rw e n de t


ihn vor allem als Tonikum . Foto: O la f Rippe.

Die Schlüsselblum e , Lieblingspflanze der G öttin Ostara,


w irkt vitalisierend a u f den Lebensgeist. Foto: O la f Rippe.
A ls m arsh a fte Pflanze v e rw e n de t m an den S o n n e n h u t zur
A n re g u n g der A b w e h rfu n k tio n e n . Foto: M a rg re t Madejsky.

D er M a rs o ffenbart sich vor allem durch die W e h rh a ftigk e it


in Form von Stacheln und D o rn e n w ie hier bei einer Distel.
M a n v e rw e nde t solche Pflanzen in Rezepten zur S tä rku n g

Die dem Jupiter zu ge o rd n e te Artischocke (Cynara scolym us)

der Vitalkräfte, aber auch zur A n re g u n g der W ille n s

ve rw e n d e t m a n zur R egeneration der Leberfunktionen.

prozesse. Foto: M a rg re t Madejsky.

Foto: O la f Rippe.
Die saturn ale Bartflechte (U sne a barbata) e ign e t sich zur
S aturn zeigt sich im Im m e rg rü n der Koniferen. Er v e r

B e h a n d lu n g chronischer L u nge nle id e n und bei Er

körpert auch die V e rgän glich ke it und den Tod. G riechische

sch ö p fu n g . Flechten kleiden vielerorts auch den »W ilden

B ergtan n e m it a b ge sto rb e n e r Zypresse beim H ö h e n h e ilig

M a n n « w ä h re n d der Pe rch te n u m zü g e zur W in te r

t u m des D io n y so s in den B ergen o b e rh alb der O rakelstätte

so n n e n w e n d e . Foto: M a rg re t Madejsky.

in Delphi. Foto: O la f Rippe.


M ond: Das L ich t d e r N acht
(H errsch er ü b e r K reb s)

Lunare Pflanzen bevorzugen das feuchte Elem ent


(M ädesüß, Baldrian, Brunnenkresse). Sie bilden
Tochterpflanzen aus (Keimzumpe, Dachwurz). Sie
haben eine saftige und schleim ige Konsistenz (M is
tel) oder einen M ilchsaft (Schlafmohn) und häufig
w eiße, w eißgelbliche oder weißrosa Blüten (B asili
kum, M adonnenlilie, Silberkerze, Taubnessel). Sie
erblühen oft in der N acht oder riechen nachts in
tensiv (Königin der N acht, N achtkerze, Jasm in).
Ihre Blätter sind weich, fleischig (Fetthenne) und
weißlich schimm ernd (W eide, Olive, Beifuß).
Dem M ond unterstehen das Pflanzenwachstum
und der Säftefluss. M ondpflanzen beruhigen, sie
fördern den Schlaf, die Fruchtbarkeit und die R ege
neration und wirken kühlend und anfeuchtend.

M e rk u r: D e r g eflü g elte G ö tte rb o te


(H e rrsch e r ü b e r Z w illin g e und Ju n g fra u )

»M erku r beherrscht unter den Pflanzen (...) die,


welche kurze und kleine B lätter haben, auch ge
m ischter N atur und buntfarbig sind« (A. von N et
tesheim , 1533/1987). Pflanzen des M erkur haben
eine aufrechte, schlanke G estalt (Betonie, Laven
del). H äufig wachsen sie rankend (Bittersüß, W ald
rebe). Sie haben ein ausgeprägtes Blattprinzip
(Lungenkraut), häufig m it lanzettförm igen oder
gefiederten Blättern (D ill, Spitzwegerich). Die
Blütenfarbe ist oft blau bis violett (Akelei, Ochsen
zunge) oder kom plem entärfarben (Vergissm ein
nicht). Ausbildung von Schirm blüten m it zahl
reichen Samen (alle D oldenblütler). Oft sind die
Blüten klein (Schwalbenwurz); manche M erkur
pflanzen zeigen auch Spiralform en (Akelei, Farne),
der G eruch ist oft flüchtig (Lavendel, Zitrusdüfte).
Dem A lerkur untersteht die Blatt- und Stengel
ausprägung sowie der Pollenflug. M erkurpflanzen
aktivieren den Stoffwechsel. Sie eignen sich zur Abrundung von Rezepten.

und regelm äßig gezahnte, sam tige B lätter (Betonie,


Brennnessel, Frauenm antel, M elisse). Sie sind
im m er ungiftig, oft entwickeln sie essbare Früchte
(Apfel, Granatapfel. Kirsche). Sie haben eine pracht
volle Blütenbildung (Rose). Die Blütenfarbe reicht
von W eiß, W eißrosa bis bunt (Rose, Stiefm ütter
chen, Storchschnabel). Sie riechen sehr angenehm
(Zitruspflanzen, Sandelholz, Rose).
D er Venus untersteht die B lütenbildung als sol
che. Venuspflanzen gelten als W ohltäter; sie harm o
nisieren Rezepte m it stark wirkenden und/oder gif
tigen Stoffen, weshalb man sie im m er in Rezepte
integrieren sollte.

Son n e: D ie goldene M itte


(H e rrsch e r ü b e r Löwe)
»Yon den Pflanzen und Bäumen sind diejenigen solarisch, welche sich nach der Sonne
kehren (...) und
die bei Sonnenuntergang die B lätter einziehen, bei
Sonnenaufgang aber sie w ieder entfalten, wie der
Lotus, dessen solarische N atur die Figur seiner
Früchte und seiner B lätter an zeigt« (A. von N ettes
heim , 1533/1987).
Sonnenpflanzen haben eine majestätische und
angenehm e G estalt (.Alant, Engelwurz, Sonnen
blume). H äufig bilden sie fette Öle (Olivenbaum,
Sonnenblum e). Auch Harze unterstehen der Sonne
(M yrrhe, W eihrauch), ebenso wie im m ergrüne
Pflanzen (Lorbeer, Rosmarin) - H arze und Im m er
grünes zeigen auch den Saturn! G eruch und G e
schmack sind warm und angenehm (M uskatnuss,
G ewürznelke, Zimt). Die Farben der Blüten, auch
der Säfte oder Früchte, reicht von Gelb bis O range
(Johanniskraut, Ringelblum e, Safran).
Als Z entralgestirn sind Pflanzen der Sonne un i
versell einsetzbar. W ie die Venus harm onisieren sie
Rezepte. Gewürzpflanzen sind in der Regel solar,
ebenso viele G eriatrika. Lebenselixiere bestehen
aus Pflanzen von Sonne und Venus.

M ars: D e r K rie g e r und B esch ü tzer


(H e rrsch e r ü b e r W id d e r und Skorp ion )

V enus: D ie G ö ttin des Sch ön en


(H e rrsch e r ü b e r S tie r und W aage)

Venuspflanzen sind harm onisch geform t (D ach


wurz, G änseblüm chen, Linde) und haben rundliche

»D em M ars gehören (...) alle wegen ihres Ü ber


schusses an W ärm e giftigen Pflanzen, ebenso die,
welche m it stechenden Dornen bewaffnet sind oder
durch ihre Berührung auf der H aut ein Brennen
verursachen, stechen oder Blasen ziehen, w ie die
D isteln, die N essel, die brennenden W aldreben
(Clem atis vitalba); ferner solche, deren Genuss zu
Tränen reizt, wie die Zwiebeln, der Lauch, der Senf;
endlich sind auch alle stacheligen Bäume (...) dem
M ars h eilig « (A. von N ettesheim , 1533/1987). Bei
spiele für dornige, stechende M arspflanzen sind
Berberitze, Brennnessel, Schlehe, Silberdistel,
W eißdorn, W acholder. H autreizend sind z.B. Giftsumach, Seidelbast. Einen
senfigen, beißenden Ge
schmack haben z.B. Aronstab, Knoblauch, M eister
wurz, Schöllkraut, Zwiebel. M arshafte Rottöne
tragen beispielsweise G auchheil, Aronstab, Sonnen
hut.
M arssignaturen sind auch als Schutzsignaturen
zu verstehen. Einige Pflanzen des M ars wirken auch
antibiotisch und antiviral. Da M arspflanzen häufig
giftig und ätzend sind, muss man sie vorsichtig do
sieren bzw. in einer vergeistigten Z ubereitung ver
abreichen.

Ju p ite r: D as g ro ße G lü ck
(H errsch er ü b er Schü tze und Fisch)

Dem Ju p iter sind Laubbäum e unterstellt (Eiche,


Kastanie). Sie haben oft zähe, vierkantige Stengel
(Eisenkraut). Ähnlich der Sonne ist ihre G estalt ge
rade und herrschaftlich (Artischocke, G elber En
zian, Engelwurz). Essbare Früchte unterstehen dem
Jup iter (Korn und Nüsse). Die Blütenfarben sind
licht, von Gelb bis Tiefblau (Löwenzahn, N elken
wurz, Ysop, Frühlingsenzian). Die B lätter sind glatt
und ledrig (Kirschlorbeer, Lorbeer). D er G e
schmack ist m eistens bitter-w ürzig (Tausendgülden
kraut), der G eruch angenehm balsamisch (Zeder).
Der Ju p iter ist die höhere Oktave der Sonne;
sein w ohltätiger Einfluss zeigt sich auch in seinen
H eilm itteln, die, ähnlich wie die der Sonne, ungif
tig und als U niversalm ittel anzusehen sind.

Früchten, von unvergänglicher D auer und dem


Pluto heilig, ebenso der Eppich, wom it man im
A ltertum e die Gräber, ehe die Leichen in sie ge
legt wurden, zu bestreuen pflegte, weshalb man
bei G astm ählern aus allen Kräutern und Blumen
Kränze flechten durfte, nur nicht aus Eppich, weil
er Trauer verkünde und der H eiterkeit zuwider sei«
(A. von N ettesheim , 1533/1987). Pflanzen des Sa
turn sind langlebige Pflanzen (O livenbaum, Eibe)
und überdauern auch in Extrem klim aten (Eisenhut,
Flechten). Sie wachsen gern an radiästhetisch ge
störten Plätzen (N achtschattengewächse, Efeu). Sie
lieben den Schatten (Eibe, Haselwurz) und bilden
starke W urzeln aus (Alraune, Beinwell). Sie sind oft
giftig (Eisenhut, Schierling). Die Blüten sind oft
düster, dunkelviolett (Bilsenkraut, Eisenhut). Die
G estik ist bizarr, oft gekrüm m t (Kiefer, O liven
baum). Saturnale Pflanzen wachsen entgegen natür
lichen Rhythmen (Efeu, M istel, N ieswurz) und sind
im m ergrün (Zypresse). Alle Koniferen unterstehen
Saturn (Fichte, Tanne). Sie bilden H arze aus (W eihrauch). Pilze unterstehen
Saturn (M utterkorn). Sa
turnpflanzen sind stark m ineralisiert und wachsen
oft auf kargen Böden (Schachtelhalm ).
Saturn ist die höhere Oktave des M ondes. Dem
Saturn untersteht die W urzelbildung. Als »H üter
der Schw elle« sind ihm viele psychoaktive Stoffe
zugeordnet, die man bis heute als Einweihungs
pflanzen gebraucht (heute ordnet man diese Pflan
zen m eistens den transsaturnalen Planeten zu).
Die Gestirne »zwingen nicht, sie treiben aber den
Menschen zu ihrem Vorhaben«. (Paracelsus 1/764)
»Wer ein richtiger Doktor sein will, der lerne
verstehen, welche Rezepte die Konjunktion der
Kräuter lind der Sterne am Firmament zusammen
setzt. Er weiß dann auch, was die Konjunktion der
irdischen Sterne, das ist der Kräuter, die Zusammen
setzung der Rezepte ist.« (Paracelsus 1/680)

S atu rn : D e r H ü te r d e r S ch w elle
(H errsch er ü b e r Stein b o ck und W asserm ann)

»U n ter den Pflanzen gehören dem Saturn zu (...)


die N ieswurz, der stinkende Asant, der Alraun, der
M ohn; ferner (...) die Zypresse, ein Trauerbaum ,
düster, von herbem Geschmack, starkem Geruch,
schwarzem Schatten, m it scharfem H arz, reich an
K o r re sp o n d e n z e n v o n Plan et un d Heilm itte l
Z u o r d n u n g e n d e r P fla n z e n , d ie v o n X e t t e s h e im (*), C a
r r i c h t e r (**), C u lp e p e r (+) u n d P a ra ce lsu s ( X X / X X ) e rw ä
h n t w u rd e n : so fe rn
k ein Z e ic h e n a n g e g e b e n ist, h a n d e lt es sich u m e in e Z u o r d
n u n g , d ie m an h ei m e h re re n A u to r e n fin d e t.

Planet

M etall

Pflanzensignaturen (nach Carrichter)

Pflanzenbeispiele

Mond

Silber

Schöne weisse wurtz/ist wässerig/hat kein öl noch


feystigkeit/hat keinen sonderlichen geschmack.
Die bletter sind schön/zart/breit/mit subtilen
weissen äderlein/sind auch fast wässerig.
Gibt viel weißlechts stengel/haben gar viel wassers
und feuchtigkeit.
Schöne weißlecht blumen/sind oben offen/haben
viel safft.

Augentrost (Wurzel, Kraut **), Baldrian (Blüte **),


Betonie (Wurzel **), Braunwurz (Mars **), Brunnen
kresse (Mars **), Ehrenpreis +, Eisenkraut **
(Wurzel, Mars), Fetthenne +, Keuschlamm *, Klebkraut +, Liebstöckel ** (Wurzel,
Mars), Madonnen
lilie +, Maiglöckchen ** (Blüte), Majoran (1/384),
Olivenbaum *, Wasserdost ** (Wurzel, Blüte), See
rose +, Vogelmiere +, Wegerich ** (Wurzel), Weide +

M erkur Quecksilber Schöns/langs/geschmeyssigs kraut/das ist nit dick.

Alant +, Alraune +, Andom +, Akelei ** (Venus),


Baldrian ** (Gestalt), Bartflechte (III/405), Betonie **
(Blüte), Bingelkraut *, Bittersüß +, Borretsch **
(Blüte), Dill +, Eberraute +, Erdrauch *, Fenchel +,
Fingerkraut *, Hasel *, Kümmel +, Lavendel
(Blüten), Majoran *, Ochsenzunge ** (Blüte),
Persicaria (III/861), Petersilie, Pimpinelle *,
Quendel ** (Blüte), Süßholz +, Teufelsabbiss
(Sonne **), Wegerich (Gestalt)

Die wurtz ist zimlich lang.


Bletter sind langlecht gespitzt/nit breit/haben
kein feystigkeit.
Die stengel sind Iang/zart/glat/nit sonders dick.
Die blümlein sind fast schön/blaw/nit fast offen/
schön und lieblich anzusehen.

Venus

Kupfer
Die Kreutter so diesem Planeten zugefiigt/seind
sehr wolriechend und zart.
Die wurtz ist eines lieblichen geruchs. Schöne/
glatte/hole/mittelmessiger lenge stengel.
Schöne/zarte/lange/glatte bletter/mit kleinen
weißlechten äderlein.
Schöne/zarte kleine blumen/sind oben offen.

Baldrian *, Beifuss (1/424), Betonie (Kraut), Birke +,


Braunelle +, Braunwurz +, Echter Diptam +,
Eibisch +, Einbeere +, Eisenkraut, Erle +, Frauen
haar *, Frauenmantel, Gänseblümchen, Gänse
fingerkraut, Goldrute +, Granatapfel, Gunder
mann +, Günsel +, Herzgespann (Saturn **),
Holunder +, Knabenkraut (HI/405), Koriander *,
Echtes Labkraut +, Liebstöckel ** (Kraut), Malve +,
Melisse (1/384), Myrte *, Rose, Sandelholz *,
Schafgarbe +, Schlüsselblume +, Storchschnabel
(Saturn **, Mars), Taubnessel +, Veilchen *,
Wegerich (Blätter)

Sonne

Gold

Die Sonn ist ein herzlicher Planet. Also die


Kreutter so der Sonn zugefugt sind übertreffen
alle andere kreutter.
Die Sonn gibt schön längs kraut/die wurtz ist
eines gute geruchs.
Schöne zarte/gespitzte/zerkerbte bletter.
Schöne goldfarbe/zerkerbte blumen/haben ein
feystigkeit un ein öl/sind eines lieblichen geruchs/
und rässen geschmacks/vergleichen sich den
blumen des himelbrandts (= Jupiter).

Augentrost +, Dost (Venus **), Engelwurz +, Gelber


Enzian, Esche +, Edler Gamander (Venus **),
Gewürznelke *, Ingwer *, Johanniskraut (III/861),
Königskerze (Blüte), Kümmel ** (Früchte),
Liebstöckel +, Lorbeer, Mastix *, Meisterwurz **,
Mistel +, Nelkenwurz ** (Wurzel, Venus), Pfingst
rose, Raute +, Rosmarin, Safran, Salbei ** (Venus),
Schöllkraut ** (Mars), Tausendgüldenkraut +,
Weinstock, Zeder *, Zimt, Walnuss, Weihrauch

Mars

Eisen

Holzechte wurtz/mit wenig safft/rotfarb/keines


lieblichen geruchs.
Die bletter sind lang/fast glat/zerkerbt/anrotlecht
durch einander gesprengt/nit dick.
N it viel stengel.
Die blümlein sind anrötlecht/schier goldfarb/
haben wenig bletter/keines lieblichen geschmacks/
und sind bitter.
Benediktenkraut +, Berberitze +, Brennnessel (1/424),
Eisenhut *, Eselsdistel +, Euphorbie *, Hauhechel +,
Hopfen +, Kiefer +, Knoblauch, Mäusedorn +, Meer
rettich *, Meisterwurz +, Nieswurz *, Purgierwinde *,
Sanikel +, Sarsaparilla +, Schöllkraut (HI/405),
Seidelbast *, Senf +, Tabak +, Wasserpfeffer +,
Weißdorn +, Wermut +, Zaunrübe +, Zwiebel
Planet

M etall

Pflanzensignaturen (nach Carrichter)

Pflanzenbeispiele

Ju piter

Zinn

Wolriechende wurtz/etwas räß/und gar lieblich/


etwas härig/hat ziemlich safft.
Lange und subtile bletter/mit keinen subtilen
härlein/sind pupurfarb/eines lieblichen geruchs
und rässen geschmacks/ganz safftig.
Lange/runde/purpurfarbe saffüge stengel.
Purpurfarbe blumen/sind oben offen/eines
guten geruchs.

Alant *, Betonie +, Borretsch +, Braunwurz +,


Buche *, Dachwurz +, Eiche, Eisenkraut (Stengel **),
Engelsüß +, Engelwurz ** (Sonne), Feige *, Fichte +,
Hasel *, Hauhechel ** (Wurzel), Hirschzunge +,
Kom *, Linde +, Löffelkraut +, Löwenzahn +,
Mastix *, Muskatblüte *, Nelkenwurz +, Nüsse *,
Ochsenzunge *, Odermennig +, Olivenbaum *,
Pfingstrose * (Wurzel), Rosskastanie *, Taumellolch *,
Tausendgüldenkraut, Veilchen *, Wegwarte +,
Wein *, Ysop +

Saturn

Blei

Schwartzgrawe wurtz/mit wenig safft/eines


unlieblichen geruchs.
Die bletter sind grob dick/kurtz/domig/eines fast
unlieblichen geruchs und bitteren geschmacks.
Grobe/kurtze braune blumen/eines unlieblichen
geruchs und bitteren geschmacks.

Alraune, Beinwell (Wurzel, Mond **), Bilsenkraut +,


Borretsch (Blätter **), Braunwurz (Mond, Mars **),
Efeu +, Eppich (Sellerie *), Herbstzeitlose +, Hirten
täschel +, Johanniskraut ** (Wurzel, Samen;
Stemzeichen Wassermann), Kreuzdorn +, Kümmel *,
schwarze Nieswurz (HI/405), weiße Nieswurz +
(= Germer), Raute *, Salomonssiegel +, Schachtel
halm +, Schlafmohn, Schlehe +, Stechpalme +, Stief
mütterchen +, Stinkasant *, Wermut (Kraut),
Zypresse *

Heilen im Einklang mit den Sternen


Das astrologische Rezept
Kosmos

Signaturen
(Kosmische Impressionen)

M ensch

N atur

Korrespondenzen

Synergismus
Das astrologische Rezept
(Organ, Tier, Pflanze, Mineral)

Bei sehr schwierigen und/oder chronischen Fällen,


die m eistens extreme saturnale Q ualitäten zeigen,
muss man die herrschende disharmonische Kraft in
eine harmonische verwandeln. Paracelsus nannte
dieses Vorgehen transplantatio. Die größte Kraft zur
Verwandlung sah er im Antimon: »W enn nun der
M ensch transplantiert und einem Planeten genom
men werden soll und einem anderen unterworfen
werden soll, ist Antimonium das, was den Saturnus
gegen die Venus auswechselt. (...) Es ist also hier zu
merken, dass bei jeder H eilung von Krankheiten,
bei denen die H eilung auf natürliche W eise unm ög
lich ist (Selbstheilung) und nicht hilft, Transplanta
tio gewählt werden so ll« (11/199-200).
Das giftige Antimon, das man Saturn und Erde
zuordnet, hat in der richtigen Z ubereitung und Do
sierung die M acht, das Saturnale in etwas Venusisches zu verwandeln. Das düster
schimmernde M e
tall (Schwarz = Erdkraft) m it seiner zerbrechlichen
N adelstruktur (N ervensignatur) bewirkt als vergeis
tigte Arznei R egeneration, Verjüngung und seeli-
Dieses Beispiel zeigt, wie man zwei polare Plane
tenprinzipien, näm lich Saturn und Venus, m itein
ander kom biniert; Antimon als sympathisches H eil
m ittel nim m t man in vergeistigter Form, z. B. in
D12 oder als D estillat (Stibium m etallicum praepa
ratum D12 von W eleda). M elisse als regulierendes
M ittel nehmen w ir dagegen in substanzieller Form,
z. B. als Tee oder T inktur; auch ein M elissengeist
wäre wirksam.

Die B e z ie h u n g e n der Planeten,


ihre Liebschaften un d Feindseligkeiten

Die Stern zeichen im M e n sch e n . Es zeigt sich im m e r wieder,


d a ss die z u ge o rd n e te n O rg a n e anfälliger sind, w e n n m an
im e n tsp re ch e n d e n Zeichen ge b ore n w urde. G leiches gilt
fü r den A szendenten, der m e iste n s einen S ch w a ch p u n k t
darstellt. Eisass, u m 1450.

sehe Zuversicht. »E s stärkt die seelische G eschlos


senheit« (W eleda, Arzneim ittelverzeichnis) und ist
das beste H eilm ittel, um die Seele aus der D unkel
heit zu befreien. M an sollte Antimon bei jeder
schwierigen Saturnstellung und bei jedem proble
m atischen Saturntransit in Erwägung ziehen, z.B.
als Stibium m etallicum praeparatum D12 (Anti
m onspiegel von W eleda), 1-2 x täglich 5 Tropfen,
oder als D30, 2 xAYoche 5 Tropfen (siehe auch
Seite 118). Paracelsus empfahl als ergänzendes See
lenbalsam vor allem die venusische M elisse. N atür
lich benötigt man w eitere Ergänzungsm ittel, die
dem individuellen Geschehen gerecht werden.

• M ars und Saturn gelten als »Ü b eltäter«, deren


W irkung man durch die »W o h ltäter« Sonne,
Venus und Jup iter »tran sp lan tiert«.
• Venus, Sonne und Ju p iter gelten als W ohltäter;
ihre M ittel sind weitgehend ungiftig.
• M ars und Saturn gelten als Ü beltäter; ihre
M ittel sind häufig giftig.
• M erkur und Alond sind am bivalent; man findet
sie daher häufig als Zuordnung zweiten Ranges
auch bei Giftpflanzen; z.B. Tollkirsche = Saturn.
M ars und M ond.
• Ju p iter w irkt auf Saturn ausgleichend; M ars
und A lerkur wirken auf Saturn evtl. verstärkend.
• Venus wirkt auf M ars ausgleichend; Saturn,
M erkur und auch etwas Sonne (Feuerprinzip!)
wirken verstärkend.
• M ond und Sonne, Venus und M ars, Jup iter und
Saturn sind polare Kräfte.
• M erkur verstärkt die W irkun g anderer Planeten,
er w irkt wie ein Katalysator. Bei Ü beltätern
(Saturn, M ars, Transsaturnier) sollten M erkur
arzneien im m er m it M itteln der W ohltäter
kom biniert werden. »W enn er sich zum Guten
gesellt, so verm ehrt er das G ute, und um gekehrt
verm ehrt sein Einfluss auf dieselbe W eise das
Böse« (A. von X ettesheim , 1533/1987). Er ver
stärkt als am bivalente Kraft die Grundtendenz
eines Rezepts.
• M ond und Saturn bilden eine Polarität (Kind
heit - Alter).
• M ond, M erkur und Venus zeigen G em einsam
keiten (untersonnige Planeten), M ars, Jup iter
und Saturn sind sich ebenfalls ähnlich (ober
sonnige Planeten).
• Rezepte aus kom plem entären Planetenarzneien
- also M ond, M erkur, Venus einerseits und
Mars, Jupiter, Saturn andererseits - bedürfen
unterschiedlicher D osierungen. Tiefpotenzen
(oder höhere Dosen) der einen Seite werden mit
Hochpotenzen (oder feinstofflicheren Dosen)
der anderen Seite kom biniert.
• Arzneien, die man polaren Prinzipien zuordnen
kann, sind häufig »W u n d erm ittel« (z.B. Brenn
nessel = M ars-V enus-Pflanze, W eihrauch =
Sonne-Saturn-M ittel).
• M ittel der Sonne sollten in einer Rezeptur nicht
fehlen; sie wirken als goldene M itte ausglei
chend. Bei einer Ü berbetonung von M ars sollte
man auch Sonnenm ittel eher bedachtsam und
fein dosiert anwenden (z.B. bei Bluthochdruck,
Entzündungen).

Polare Prinzipien sind besonders zur Behandlung


von chronischen Krankheiten (= Saturn) notwendig:
»W enn eine K rankheit im Blut entstanden ist, die
chronisch genannt werden kann, wird sie keine Arz
nei annehmen. Ihre H eilung geht nur m it dem Ein
fluss (des Gestirns) vor sich. W enn aber der Einfluss
weg ist und er die entstandene K rankheit fest im
Blute zurücklässt, wisset, dass diese K rankheit die
Art des G estirnes behält und vom M onde und ande
ren G estirnen regiert wird (...), daher reizt sie nur
an« (Paracelsus 11/755).
Das W underm ittel zur Deblockade bei chroni
schen Prozessen ist der Schwefel, dem man Sonne
(Farbe) und M erkur (G eruch) zuordnet. Früher hat
man Schwefel in unterschiedlichster Form verw en
det, z.B. als V itriol; heute sind es hauptsächlich ho
möopathische Z ubereitungen: Sulfur D12 (1-2 x 5
Tropfen) oder Sulfur D30 (alle 3 Tage 5 Tropfen) zu
Beginn der Behandlung von chronischen K rankhei
ten als Anreizung oder/und am Ende einer Behand
lung von akuten K rankheiten, dam it sich die Krank
heit nicht durch Resttoxine festfrisst (W. Boericke,
1972). Als ergänzende M ittel nehmen w ir sulfu
rische Arzneien, die einen starken M erkur in sich
tragen; das sind vor allem senfig und scharf
schmeckende Pflanzen wie M eisterw urz oder Brun
nenkresse.
Das Ergänzungsm ittel für Schwefel ist Arsen. Es
beugt einer D egeneration von Krankheiten vor, be

sonders wenn Leiden m it Brennen, Schwächezu


ständen und innerer L’nruhe einhergehen (Arsenicum album D12; 1 x täglich 5
Tropfen). Arsen ord
nen w ir aufgrund seiner G iftigkeit M ars und
M erkur zu. Pflanzliche Ergänzungsm ittel unterste
hen ebenfalls dem M ars; es sind vor allem »un gif
tig e« wehrhafte Pflanzen wie Schlehe und Brenn
nessel.
H ierm it kommen wir zu einem weiteren w ichti
gen T hem a: dem Synergism us von Bestandteilen
einer M ischung, die ähnlichen Kräften unterliegt.
W enn man Arzneien ähnlicher Prinzipien kombi
niert, ist dies so, als wenn man m ehrere Pferde vor
eine Kutsche spannen würde, die gemeinsam
schneller zum Ziel kommen. Solche Kom binatio
nen nennen w ir »goldene K etten«. Paracelsus gibt
hierzu ein Beispiel: »W as ist also Eisen? N ichts als
M ars. W as M ars? N ichts als Eisen. Das heißt, sie
sind beide Eisen oder M ars, dasselbe ist auch LTrtica
(Brennnessel). (...) Darum ist ein Philosoph, der
eines in dem einen weiß, der weiß auch dasselbe in
dem anderen (...) und der einzige L’ nterschied ist
durch die Form gegeben und durch nichts weiter,
darum, weil das nicht vielerlei D inge sind, sondern
nur eines« (1/424). Eisen und Brennnessel ordnen
w ir beide dem M ars zu. W enn wir nun das M ars
prinzip stärken wollen, z. B. bei der Behandlung
einer Anämie, so sind sie zusammen stärker, als
wenn man sie einzeln verabreichen würde.
Der Synergism us kann m it wenigen und natür
lich auch m it mehr M itteln erfolgen. Diese können
im m er der gleichen Kraft unterstehen oder aber
auch einer befreundeten. So eine Kombination liegt
bei den klassischen Lebenselixieren vor wie dem
M elissengeist, dessen Bestandteile man traditionell
Venus und Sonne zuordnet, oder bei Bitterelixieren,
die m eistens aus Sonne und Jupiterm itteln beste
hen.
Paracelsus nutzte im m er relativ wenige Arzneien
für eine Rezeptur. Die ellenlangen Listen von Zuta
ten wie im klassischen T h eriak waren ihm ein regel
rechter Dorn im Auge: »D as L'berhäufen (m it
H underten von Bestandteilen) hat zu m einer Zeit so
sehr überhand genom m en, da früher 6 Sim plicia
oder höchstens 7 ausreichend waren, das erste für
das H erz, das zweite für die Leber, das dritte für die
Lunge, das vierte für das G ehirn, das fünfte für die
G alle, das sechste für die N ieren und das siebente
für die .Milz; das waren gute Rezepte. N achdem sie
aber gelernt hatten, dass 3 x 3 neun macht, dachten
sie, 6 x 6 macht 36, und das M ultiplizieren gefiel
ihnen so gut, dass man fast nicht wissen kann, ob sie
vom Sum m ieren und Addieren oder vom M u ltip li
zieren am meisten halten« (1/681).
Paracelsus nannte hier eine interessante Rezepturvariante, indem er für jedes
Planetenorgan ein
K ardinalm ittel für ausreichend hält. In der Praxis
zeigt sich jedoch, dass man im m er nur einige Plane
tenprinzipien ansprechen muss.
H ier sei noch auf eine w ichtige R egel hingew ie
sen, die nicht von Paracelsus, sondern von einem
seiner N achfolger stammt: die Aszendentenregel
nach N icholas Culpeper (1616-1654), den man
auch den englischen Paracelsus nennt. Sein W erk
Complete berbal wird seit nunm ehr 350 Jah ren unun
terbrochen aufgelegt; es dürfte dam it eines der
m eistgedruckten Bücher in englischer Sprache sein.
Leider gibt es, wie bereits erwähnt, bis heute keine
L’ bersetzung ins Deutsche.
Die Regel besagt: Verwende stets in Rezepten
hauptsächlich Substanzen, die man dem H errn des
Aszendenten1' unterstellt - ganz gleich, wo dieser
steht und wie er aspektiert ist. Dies bedeutet:
Aszendent Stier bekommt Venusarzneien, Aszen
dent Z w illinge dagegen m erkurielle Arzneien.
Sollte der H errscher M ars oder Saturn sein, muss
man, wie schon zuvor bem erkt, bei der Dosierung
etwas vorsichtiger sein, da die Arzneien oft giftig
sind (hier auf Potenzen ausweichen). Diese Regel
war uns in Dutzenden von »sch w ierigen « Fällen
eine große H ilfe.
»Jede natürliche Kraft u'irkt weit wunderbarer,
wenn sie außer ihrem physischen Verhältnisse auch
noch durch den Einfluss der Gestirne verstärkt
wird (...). Bei jedem Werke müssen w ir daher die
Stellungen, Bewegungen und Aspekte der Gestirne
und Planeten in ihren Zeichen und Graden
beobachten« (Agrippa von Nettesheim, 1533/1987)

15 Das ist ienes Sternzeichen, das zum Z eitpunkt der G eburt


der betreffenden P erson am östlichen H o rizo nt aufgeht.

W er Pflanzen selbst s a m m e ln will, sollte sich zuerst im


B e stim m e n üben. Foto: M a rg re t Madejsky.

Kairos: Die Qualität der Zeit beim


Sam meln und Verarbeiten von Kräutern
W enn etwas gelingen soll - in unserem Fall eine
gute und heilkräftige Arznei - , ist der Faktor Zeit
besonders w ichtig. N ur die alten G riechen hatten
hierfür einen Namen - kairos, die Q ualität der Zeit.
W 'ährend Kronos/Saturn das Verrinnen der Zeit
wie in einer Sanduhr verkörpert, zeigt Kairos einem
die Gunst der Stunde, in der einem die G ötter hold
sind. Es ist näm lich keineswegs gleichgültig, wann
man eine H eilpflanze anbaut, sam melt, verarbeitet
oder einnim m t. In unserer wissenschaftlichen Epo
che hat sich eine mechanistische Vorstellung von
Z eit etabliert. Das Leben m it der Stechuhr und die
Ausrichtung der Arbeitsabläufe nach ökonomischen
Gesichtspunkten sind nur selten im Einklang mit
natürlichen Rhythmen.
Jed er D etailschritt, der zu einer Arznei führt,
prägt deren Q ualität. Dies betrifft die Bodenbe
schaffenheit und die klim atischen Bedingungen,
unter denen das W achstum stattfindet, den Z eit
punkt von Anbau und Ernte, die M ethode, ob mit
Hand oder m it M aschinen, die Art der W eiterverar
beitung, die E instellung der betreffenden Personen,
die am Geschehen beteiligt sind. Diese G esichts
punkte und noch viele m ehr prägen den G eist der
Arznei, weil alles m it allem in Resonanz steht. Je
mehr Achtsamkeit man bei der H erstellung walten
lässt, desto besser gelin gt die Arznei. Je mehr man
dabei die N atur respektiert und ehrt, desto mehr
H eilkraft steckt später in der Flasche. Solche fein
stofflichen Eigenschaften lassen sich jedoch mit
analytischen .Messgeräten nicht nachweisen, daher
existieren sie für »ratio n ale« Phytotherapeuten
schlichtweg nicht. H ier zählt vielm ehr die Standar
disierung des W irkstoffgehalts.
Prüfungen auf Rückstände von Pestiziden und
Ähnlichem durch geeignete Analyseverfahren sind
heute selbstverständlich und müssen von allen H er
stellern durchgeführt werden - schlimm genug,
dass es jem als so kommen musste. Ein .Anbau von
H eilpflanzen unter biologischen Bedingungen
müsste eigentlich verpflichtend sein, was aber leider
nicht der Fall ist. \fcr allem exotische, aber auch
viele einheim ische Teekräuter stammen häufig aus
konventionellem Anbau. Dies bedeutet aber bei
spielsweise auch, dass die Kräuter m aschinell und
viel zu schnell getrocknet wurden. W er noch etwas
Gespür hat, der riecht und schmeckt sofort, wie
w enig solche Kräuter an H eilkraft in sich tragen,
auch wenn der W irkstoff noch nachzuweisen ist.
Kräuter aus kontrolliert biologischem Anbau (kbAW are) und/oder m it D em
eterqualität sind in jedem
Fall zu bevorzugen. Pflanzen aus W ildsam m lungen
- die meisten kommen aus Osteuropa - sind nur be
dingt eine A lternative, da sie häufig nicht auf
Schadstoffe geprüft sind. Sehr oft gefährden W ild
sam m lungen zudem die Bestände, so dass der Kauf
von kbA-W are auf jeden Fall im m er ein Beitrag
zum N aturschutz ist.
Da nur wenige Firmen wie Soluna, Phönix, W ala
oder W eleda auf herm etische G esichtspunkte Rück
sicht nehmen, fertigt man seine Arznei am besten
selbst. W enn man nur einige der nachfolgenden Re
geln beachtet, kann man spielend H eilm ittel her

Bei Paracelsus fin d et m an


im m e r w ie d e r H in w e ise
a u f eine Th erapie im Ein
k la n g m it d e m R h y th m u s
der Sonne. » D e rT a g« von
Ferdinand Hodler, 190 4 bis
1906; K u n sth a u s Zürich.

stellen, die übliche H andelspräparate an Q ualität


oft weit übertreffen. Außerdem ist es eine w under
bare Erfahrung, wenn man das, was heilen soll,
nicht in einer Pappschachtel aus der Apotheke holt,
sondern selbst hergestellt hat. Der H eilprozess be
ginnt dann bereits beim Sammeln der Kräuter.
G lücklich darf man sich schätzen, wenn man sogar
noch die M öglichkeit hat, seine H eilpflanzen selbst
anzubauen.

D as W e tte r

Kräuter sollte man m öglichst bei trockenem W etter


sammeln. H at es nachts geregnet, sind viele Kräuter
zu feucht zum Sam m eln. Ebenfalls w enig ratsam
ist übergroße H itze, da die Pflanzen hierbei viel
Feuchtigkeit und »K raft« verlieren. Regenfronten,
G ew itterlagen und Stürm e sind nicht nur zum Sam
m eln, sondern auch zur H erstellung ungünstig, da
die gespannte Atmosphäre das »U m kipp en « von
Präparaten begünstigt. Es gibt aber auch G egenbei
spiele: Zum Beispiel ist der Geruch bei manchen
N achtschattengewächsen wie Bilsenkraut oder Toll
kirsche nach Regen intensiver - dies könnte man als
H inweis verstehen, dass es ein guter Zeitpunkt zum
Sam m eln ist.

D ie T ageszeiten in A nalogie zum Ja h re sk re is

»D as mikrokosmische Jah r ist die Z eit von 24 Stun


d en« (Paracelsus 1/683). Der beste Zeitpunkt zum
Sam m eln ist meistens der M orgen, wenn die Sonne
gerade den Tau verdunstet. In der Firma W ala w er
den säm tliche Kräuter vor Sonnenaufgang gesam
m elt und vorm ittags verarbeitet. Die spirituellen
A s t r o lo g is c h e Therapie id ee n

»Seelen b alsam «

Anzuwenden bei und nach saturnalen Schicksals


schlägen, evtl. auch zur Prophylaxe vor einem
Transit. Ambra, eine Eingeweideausscheidung des
Pottwals, ordnet man dem .Mond zu. Es wurde
von*Paracelsus als N ervinum sehr geschätzt. Engel
wurz, die man wegen ihrer Stattlichkeit Sonne/
Jup iter zuordnet, g ilt als zauberwidriges »B erufs
und Y erschreikraut«, vor allem wenn man durch
N ichtm enschliches bedrängt wird. Das saturnale
Antimon stärkt die seelische G eschlossenheit,
w irkt verjüngend und hilft bei Existenzängsten.
Das Sonnenm etall Gold stärkt in der richtigen
D osierung die goldene M itte und die Ich-Kräfte.
Das sonnenhafte Johanniskraut vertreibt den
Dämon der M elancholie. Die M elisse m it ihrer
venusischen Ausstrahlung bewirkt eine verbesserte
Integration von wesensfremden Sinnesw ahrneh
m ungen. Passiflora ist ebenfalls ein N ervinum . Sie
hat sich bewährt, wenn das Leben zur seelischen
Qual geworden ist; man ordnet sie Mond und
M erkur zu (heute auch noch N eptun). Phosphor
spielt eine wichtige Rolle im Energiehaushalt.
Phosphor heißt übersetzt so viel wie »L ich tträger«
und wird der Sonne zugeordnet. Quarz, der Berg
kristall, ist ein H eilm ittel bei und nach L’b erlastung und stärkt Immunsystem
und N erven; die
Zuordnung ist Sonne und Saturn. Zink ist eben
falls ein w ichtiges N ervinum und Stressm ittel. M an
nennt es auch m etallisches Opium wegen seiner
schm erzstillenden W irkung bei N ervenleiden,
Krämpfen und Epilepsie. Es w irkt entspannend,
was Paracelsus zur Zuordnung zur Venus veranlasste (III/865); w ir ordnen es heute
vor allem
L’ranus, dem Planeten des Plötzlichen und C haoti
schen, zu. W eißdorn stärkt das Seelenorgan Herz.
In ihm verkörpern sich die polaren Kräfte von
Venus und M ars; im angelsächsischen Volksglauben
ist er vom weisen Zauberer M erlin beseelt.
Jew eils 10 ml
Ambra D il. D6
Angelica archangelica L’ rtinktur (Erzengelwurz)
Antim onit Dil. D12 (Grauspießglanz)

Aurum m etallicum D il. D12 (Gold)


Hypericum L’ rtinktur (Johanniskraut)
M elisse U rtinktur (M elisse)
Passiflora U rtinktur (Passionsblume)
Phosphorus Dil. D12 (Phosphor)
Quarz D il. D12 (B ergkristall)
Zincum m etallicum D il. D10 (Zink)
Von Spagyra über die Apotheke mischen lassen.
Am besten verm engt man die M ittel m it 900 ml
L iter W eißdornwein (Auszug von W eißdornblüten
und -blättern in M edizinalw ein). 1-3 x täglich ein
Likörglas voll zu den M ahlzeiten, während und
auch etwas nach der schwierigen Lebensphase,
einnehm en (zur Rezepterstellung siehe auch
Seite 429).

G o ld - W eih rau ch - M y rrh e

Die Opfergaben der drei (Saturnzahl!) M agier


aus dem M orgenland, dem Reich der Sonne, an
den neugeborenen Jesus sind mehr als nur ein
Geschenk. In geeigneter Z ubereitung erm öglichen
sie eine geistige O rientierung und sind eine H ilfe,
wenn die Sonne durch Saturn in M itleidenschaft
gezogen wird.
Der 6. Jan uar ist der Tag der Epiphanie,
der göttlichen Erscheinung, und das Ende der
Rauhnächte, jener m agischen Zeit zwischen den
Jahren, in der die Tore zur G eisterw elt offen
stehen. Diese Zeit beginnt m it der W intersonnen
wende, dem Eintritt der Sonne in das Zeichen
Steinbock, das von Saturn regiert wird. Die Geburt
von Jesus zu diesem Zeitpunkt ist ein H inweis
auf alte Sonnenfeste. Bevor man im Römischen
Reich das Christentum als Staatsreligion einführte,
feierte man am 21.12. den Kult der unbesieg
baren Sonne (sol inrictus) und noch früher
die Saturnalien, ein ausgelassenes dionysisches
Fest zu Ehren Saturns.
Für M enschen, denen das Feiern vergangen
ist, die orientierungslos und gestresst durch diese
W elt irren, liefert der H andel die Königsgaben
auch als Arznei. Das M ittel eignet sich zur Behand
lung von nervösen O rganstörungen wie Herzstress
und nervösem M agen oder als H ilfe bei schwieri
gen Saturnaspekten im Horoskop bzw. bei ent
sprechenden Transiten. Die Rezeptur wurde als
U nterstützung für die W aldorfpädagogik ent
wickelt, um geistig retardierte Kinder zu behandeln.
A u ru m com p. (M ischung aus Gold, W eihrauch
und M yrrhe in tiefen Potenzen und unterschied
licher Dosierung je nach galenischer Zubereitung,
als Ampullen, G lobuli oder Salbe von W ala):
3 x täglich 10 G lobuli bzw. 1-2 xAYoche subkutan
Injektionen im Bereich des Solarplexus. Einreibun
gen m it der Salbe im Bereich des Solarplexus und
des H erzens.
O libanum com p. (M ischung aus Aurum D30,
M yrrha D6^ Olibanum D12 als D ilution und
Ampullen von W eleda): 1-2 x täglich 5-10 Tropfen
bzw. 1-2 xAVoche subkutan Injektionen im Be
reich des Solarplexus.
.M yrrha com p. (Vermischung von Gold und M yr
rhe und eine anschließende Beräucherung der zwei
Bestandteile m it W eihrauch; D8, D10, D20, D30
als D ilution von W eleda). Allein schon die H erstel
lung zeigt das spirituelle Potenzial dieser Arznei.
Tiefe Potenzen bis 3 x täglich 5 Tropfen, höhere
Potenzen von täglich bis 1xAYoche 5 Tropfen.
Astrologisch ordnet man Gold der Sonne und
die H arze Sonne und Saturn zu. Gold ist das
M etall der H arm onie der drei Prinzipien M erkur,
Sulfur und Salz. W eihrauch und M yrrhe sind sulfurischer und etwas salhafter
Natur. Das Goldprinzip
wird hierdurch stärker auf das Sulfurische ausge
richtet. Das Präparat verstärkt die tonisierende
W irkung des Goldes.
Es eignet sich bei D egenerationserscheinungen
des Nervensystems. Gold und goldhaltige Arzneien
haben sich auch zum Abschluss einer spirituell aus
gerichteten T herapie bewährt (A. Selawrv, 1985).

E ntspann u n gstrop fen bei S ch m erzen

Anzuwenden bei psychosomatischen krampfhaften


Darm beschwerden, M enstruationsschm erzen oder
bei Katerkopfschmerz und M igräne.
Die Bitterpflanzen Tausendgüldenkraut (Venus,
Jup iter) und Enzian (Sonne, Jupiter) fördern die
sulfurischen Verdauungsprozesse und bewirken
eine Entspannung im oberen Körper; sie regulieren
und fördern zudem den G allefluss, stärken also
indirekt die .Marsfunktionen. Das marshafte Schöll
kraut (auch etwas Sonne und Jupiter) ergänzt die
stoffwechselaktivierende W irkun g der B itterpflan

zen; als .Mohngewächs enthält es m uskelrelaxierende Alkaloide. Das Alpenveilchen


ordnet man
wegen der hübschen Blüte der Venus zu, wegen
der G iftigkeit der W urzel und der düsteren Blätter
aber auch dem Saturn. D er Blattaufbau m it der
deutlichen Zeichnung zeigt einen Bezug zum
N ervensystem . .Magnesiumphosphat w irkt als
Schüßlersalz allgem ein günstig bei Schm erzleiden
aller Art - man ordnet es der Sonne zu.
Die Brechnuss, ein Pfeilgiftgewächs, bewirkt
als marshaftes Gift im N ervensystem G ereiztheit,
Zorn, krampfartige Lähm ung, Kreislaufkollaps
und L^belkeit, zeigt jedoch als Homöopathikum
eine entspannende und venusartige W irkung. Die
sonnenhafte und venusische G oldrute stärkt die
N ierenausscheidung. Laut Paracelsus benötigt jede
echte H em ikranie (halbseitige M igräne) N ieren
m ittel. Zink als Venusmittel entspannt (siehe auch
Rezept »Seelenbalsam «). Das .Mondmetall Silber
w irkt auf das lunare G ehirn und allgem ein günstig
bei psychosomatischen Leiden. Das Venusmetall
Kupfer nennt man auch »K ram pfm etall« wegen
seiner sehr entspannenden W irkung. Das venusi
sche G änsefingerkraut w irkt entkrampfend (spei
chert Bodenkupfer) und schm erzstillend.
Jew eils 10 ml
C helidonium majus D il. D4 (Schöllkraut)
Cyclam en europaeum D il. D4 (Alpenveilchen)
Erythrea centaurium L’ rtinktur (Tausendgülden
kraut)
Gentiana lutea L’rtinktur (G elber Enzian)
M agnesium phosphoricum Dil. D6 (M agnesi
umphosphat)
Nux vomica Dil. D6 (Brechnuss)
Potentilla anserina L'rtinktur (G änsefingerkraut)
Solidago virgaurea LTrtinktur (G oldrute)
Zincum phosphoricum D il. D12 (Zink)
Jew eils 5 ml
.Argentum m etallicum Dil. D12 (Silber)
Cuprum m etallicum D il. D12 (Kupfer)
Von Spagyra über die Apotheke mischen lassen.
3 x täglich 20 Tropfen zu den M ahlzeiten einneh
m en; im akuten Fall bis zu 7 x täglich 15 Tropfen;
evtl. auch schmerzhafte Punkte einreiben
(zur R ezepterstellung siehe auch Seite 429).
Kräfte von N aturwesen sind im M orgengrauen be
sonders intensiv. Der Tagesrhythm us ist ein Abbild
des Jahreskreises. V ergleicht man beide Kreisläufe
m iteinander, dann entspricht die Zeit um den Son
nenaufgang dem Frühlingspunkt und der Sonnen
untergang dem H erbstpunkt. D er M orgen ist vor
allem dynamisch und nach außen gerichtet, wäh
rend der Abend eher der vergeistigten Innenschau
dient.
Die M ittagshitze, die im Jahreskreis der Som
m ersonnenwende entspricht, ist für fast alle Pflan
zen eine H erausforderung, die man ihnen m eistens
auch ansieht - viele Pflanzen wirken dann erschlafft
und erschöpft. Ausnahmen sind z.B. Ringelblum e
oder Kam ille, die man gegen M ittag sammelt.
N achm ittags ist es dagegen allgem ein w ieder etwas
günstiger. Trockenes W etter m it bedecktem H im
mel sollte man unbedingt ausnutzen. Manche
Pflanzen wie Robinie, M adonnenlilie und Jasm in
entfalten ihren Geruch jedoch erst abends - ein
H inweis darauf, dass man diese Pflanzen in den
Abendstunden sammeln sollte. »Z auberw urzeln«
wie Alraune gräbt man traditionell um M itternacht
aus; im Jahreskreis entspricht dies der W interson
nenwende und der magischen Z eit zwischen den
Jah ren (G eisterstunde).

D ie (P laneten-)T age

Die W ochentage teilt man traditionell nach den


Planeten ein: M ontag - M ond, D ienstag - M ars,
M ittwoch - M erkur; D onnerstag - Jupiter, Freitag
- Venus, Sam stag - Saturn; Sonntag - Sonne (güns
tiger Tag für alle Planeten); Uranus - M orgendäm
m erung. N eptun - Abenddämm erung, Pluto - M it
ternacht.
Konnte man Kräuter einem Planeten zuordnen,
dann besagt eine alte R egel, dass man diese m ög
lichst am zugehörigen Planetentag sammeln sollte,
beispielsweise Frauenm antel als Venuspflanze am
Freitag oder D isteln als M arspflanzen am Dienstag.

D ie (P lan eten -)Stu n d en

In der m agischen H eilkunst ist es üblich, auch die


einzelnen Stunden den Planeten zuzuordnen. Die
erste Stunde des Tages entspricht im m er dem Pla
netentag selbst: Die erste Stunde am M ontag ist

also eine »Mondstunde, am D ienstag ist es dagegen


die Stunde des M ars.
Die weiteren Stunden sind nach der »chaldäischen R eihe« geordnet: M ond - M erkur
- \ enus Sonne - M ars - Jup iter - Saturn - Mond - M erkur
- Venus usw. N ur zur Tagundnachtgleichen beträgt
die Stundenlänge exakt 60 M inuten. Im Som m er
halbjahr sind die Tagesstunden länger als die
N achtstunden, im W interhalbjahr ist dies um ge
kehrt. Allerdings ist dieses W issen nur für beson
dere Formen der M agie wirklich notwendig.
D ie Ja h re sz e ite n und d e r Stand d e r Sonne

In alten Kräuterbüchern liest man im m er wieder,


dass »d er schöne M aien « der beste M onat zum
Sam m eln und Verarbeiten sei (Sonne im venusre
gierten Sternzeichen Stier). »Im ganzen Jah r ist
keine gelindere, gesündere und subtilere H itze und
Kälte, als eben im großen M ai der ganzen W elt«
(Paracelsus 1/653). U nsere Erfahrung bestätigt
diese Aussage. Im M ai gesam m elte Kräuter oder
pharm azeutische Prozesse, die man zu dieser Zeit
durchführt, ergeben edle, die Lebenskraft anre
gende Präparate m it einer besonders intensiven re
generativen Kraft.
Es hat sich im m er w ieder gezeigt, dass der Stand
der Sonne in den T ierkreiszeichen die Q ualität von
Präparaten stark beeinflusst. Sam m elt man eine
Pflanze in einem Zeitraum , in dem das Sternzei
chen wechselt, kann es erhebliche U nterschiede
machen, ob man z.B. noch im Sternzeichen Krebs
oder bereits im Löwen sam melt. M an achte hierbei
auf die Korrespondenz von Pflanze - Planet Sternzeichen.
Je nach Stellung der Sonne in den Sternzeichen
ändert sich die Z eitqualität. H ierbei blickt man
auch auf den H errscher der einzelnen Zeichen, da
diese nun die Atmosphäre m itbestim m en: Das Zei
chen Krebs zeigt z.B. lunare Eigenschaften, der
W idder m arshafte, der Steinbock saturnale usw.
Stehen die Sternzeichenherrscher in einem günsti
gen H im m elsstand, z.B. in ihrem eigenen Zeichen
(z.B. Saturn im Steinbock oder W asserm ann) oder
in einem sonst günstigen Zeichen (wie Saturn in der
W aage), wirkt sich dies auch günstig auf die Arznei
herstellung aus. Stehen sie dagegen in für sie
schwierigen Zeichen (z.B. Jup iter im Steinbock)
oder sind sie sogar rückläufig16, sollte man auf bes
sere Zeiten warten.

D er Jah resk reis

»U m von der V erschiedenheit der Z eit und der Ver


änderung der Kräfte und Schwächen zu philoso
phieren, ist zuerst zu wissen, dass die Zeit im Jahre
ungleich ist, und dass sich der Zeit entsprechend
auch alle Kräfte verwandeln und ab- und zunehmen
wie der M ond und sich um drehen wie ein R ad« (Pa
racelsus IV/347).
Die Sonne teilt das Jah r in vier gleiche Jah reszei
ten. Die Tagundnachtgleichen und Sonnenwenden
werden traditionell zum Sam m eln bevorzugt. Der
zunehmende M ond nach dem Frühlingsbeginn
(Osterzeit) eignet sich für Frühjahrspflanzen. G rün
donnerstag ist traditionell der Tag, an dem man sich
eine Suppe aus neunerlei K räutern macht. Im Früh
jahr sam melt man neben den nur zu dieser Zeit
wachsenden Kräutern vor allem junge Triebe,
Knospen und Rinden junger Aste. Zu Beltane sam
melt man Fruchtbarkeitspflanzen und Kräuter, die
die Lebenskraft anregen.
Die Sommersonnenwende wird traditionell zum
Sammeln von schutzm agischen Kräutern und für
den K räuterbuschen1 genutzt; zu dieser Zeit blü
hende Pflanzen haben eine große Zauberkraft, weil
sie den G eist der Sonne in sich tragen. Bis 40 Tage
danach ist einer der besten Zeitpunkte zum Anset
zen von Kräuterwein und -öl.
Als Zwischenfest gilt der sogenannte Frauen
dreißiger (15. August bis 8. Septem ber) im Volk
als eine der besten Sam m elzeiten; zum 15. August
sam m elt man traditionell Kräuterbuschen und lässt
sie in der Kirche weihen. X ach der H erbsttagund
nachtgleiche ist zum ersten X eum ond danach eine
gute Z eit zum W urzelgraben.

16 R ückläu figkeit ist ein optisches P hänom en und bedingt


durch die u n tersch ied lich en L au fgesch w indigkeiten der P lan e
ten im V erhältnis zur U m lau fgesch w in digk eit der E rde um die
Sonne, und zwar von der E rde aus gesehen - d er P lan et läuft
phasenw eise en tgegen der üblichen R ich tu n g für ein ige Z eit zu
rück. H ierb ei handelt es sich um ein rhyth m isches G eschehen.
U n ter ih rer R ückläu figkeit zeigt sich eine P lanetenkraft eher
von ein er u ngün stigen Seite; eine rückläufige Venus ist b ei
spielsw eise u n gün stig für L iebesrezep te, ein rückläu figer Ju p iter
für E rfolgsrezepte usw.
17 T rad itio n elle B ezeichn un g für ein en Strauß aus H eilp flan
zen.

Ein guter Zeitpunkt für die M istelernte ist die


W intersonnenwende und die Z eit zwischen den
Jah ren (hier ist übrigens auch der W irkstoffgehalt
am höchsten!).

D ie M ondphasen
»E s gibt also eine Art der Kräuter, die beim Zuneh
men des Mondes gebraucht werden soll, und eine
andere, die beim Abnehmen gebraucht w erden«
(Paracelsus III/602). Analog zum Jahresrhythm us
der Sonne sind die M ondphasen zu verstehen. Der
zunehmende Mond entspricht dem Frühling, der
Vollmond dem Sommer, der abnehmende Mond
dem H erbst und der X eum ond dem W inter.
Der zunehmende Mond ist günstig für Aussaat
und Ernte von oberirdischen Pflanzenteilen, der
abnehmende Mond dagegen für unterirdische
Pflanzenteile. Vollmond und X eum ond selbst sind
keineswegs im m er günstige Zeitpunkte. Der fran
zösische »K räuterpapst« M aurice M essegue ist bei
spielsweise der M einung, dass man Pflanzen direkt
zu X eu- und Vollmond für etwa drei Tage in Ruhe
lassen sollte, da dies die Z eit sei, in der sie sich m it
kosmischen Kräften bzw. m it E rdenergie aufladen.
Sie sind somit nicht richtig »in dieser W elt« und als

A stro lo ge n beobachten die M o n d p h a se n . H o lzschnitt von


H a n s Holbein, 1534.
H eilm ittel w eniger wirksam . Oft verwässern Präpa
rate, wenn man sie zum Vollmond sam melt, z.B. Jo
hanniskrautblüten zur Ö lherstellung. Es gibt aber
auch G egenbeispiele, vor allem bei der H erstellung
m agischer Präparate. So schrieb Paracelsus: »Ist das
Kraut C helidonia, Schöllkraut, nicht ein starker
Schutz? W enn es bei N eu- oder Vollmond ge
pflückt wird und zur Zeit der Pest angehängt wird,
w irkt es gegen die E inbildung« (1/673).
X eum ond ist traditionell die magische Z eit zum
Graben von Zauberwurzeln. Am exakten Xeum ond
feiern M ond und Sonne ihre »chym ische H och
zeit«, und der M ond lädt sich m it neuer Kraft auf,
um anschließend als Phönix aus der Asche aufzuer
stehen - es wird dann im m er ein gänzlich neuer
M ond geboren, so Paracelsus (III/819). Im Voll
m ondlicht »Pflanzen der X ach t« zu sammeln, z.B.
Blüten der Königskerze oder der X achtkerze, kann
fantastische Präparate ergeben.

D er M ondstand
Der L auf des M ondes durch den T ierkreis ist eben
falls von Bedeutung. D urchläuft der M ond ein
Erdzeichen, ist dies eine günstige Zeit für W u rzel
pflanzen; bei W asserzeichen für Blattpflanzen, Luft
zeichen für Blütenpflanzen und Feuerzeichen für
Fruchtpflanzen.
Jedes O rgan ist einem Sternzeichen unterstellt.
Sam m elt man nun eine Arznei bei M ond im betref-

Bei jedem Unternehm en sollte man nicht nur auf die


M ondphase, sondern auch au f die Stellung in den Stern
zeichen achten. Alchim isten diskutieren den Einfluss des
M ondstandes im Skorpion au f ihr Werk. H olzschnitt zum
Thema D estillation aus Die Alchem ie des Geber, 1541.

fenden Sternzeichen, intensiviert sich die H eilw ir


kung. Pflanzen für den L'nterleib holt man daher
m öglichst bei Mond im Skorpion. Herzpflanzen bei
Mond im Löwen, Kräuter für Knochen bei Mond
im Steinbock, Kräuter für W illensstärke und Ab
wehr bei Mond im W idder usw.

Planetenstand
M an kann auch die Planetenstellungen berücksich
tigen; dies ist besonders w ichtig bei magischen
O perationen. D er Planet sollte m öglichst in einem
Zeichen seiner Kraft stehen. U ngünstige Aspekte
zu M ars und/oder Saturn und transsaturnalen Pla
neten sind m öglichst zu m eiden.

Die Zeitpunkte der Erhaltung


»K ein Arcanum (siehe Seite 130), das natürlich be
reitet ist, ist lebend und kräftig, es sei denn, dass es
bei einem richtigen Zeichen abgebrochen wurde.
Sonst ist es wie ein Leib, den die Seele verlassen
hat« (Paracelsus III/679).
Lebensverlängernde Arzneien, Obst und vor
allem W urzeln sollte man laut Paracelsus zu einer
balsam ischen Zeit sammeln. »W as aber die richtige
balsamische Zeit betrifft, in der die Kräfte erhalten
werden wie die M um ien vor Fäule, so ist vor allem
unter den vier Zeiten des Jah res der H erbst am bes
ten. Dann unter den M onaten der Septem ber und
Oktober am besten, dann die Zeit, wenn der Mond
im Abnehmen ist, und zwar sind am besten die letz
ten drei Tage, morgens, früh, am Anfang des Tages.
(...) Denn m it der Sonne operieren und arbeiten alle
Früchte, die aus der Erde wachsen, und sie ruhen
und schlafen m it dem M onde. W ie der Mensch
nach genügendem Schlaf am gesündesten, stärksten
und kräftigsten ist, so sind auch alle Früchte nach
M itternacht und nicht vor M itternacht oder bei Tag
am kräftigsten. Denn w ir sehen ein Exempel am
Obst. So das in balsam ischer Zeit gebrochen und
abgeschnitten wird, liegt es viel länger und fault we
niger als sonst. Und ein jedes Obst, das gebrochen
wird nach M itternacht oder vor Aufgang der Sonne,
liegt am längsten. So muss das auch in den irdischen
Zeichen geschehen, in denen des Stiers, Steinbocks
und der Jungfrau und im Abnehmen des M ondes«
(W/348).
Es ist keineswegs notwendig, gleichzeitig alle
Aspekte zu berücksichtigen. Außer im Krebs hat der
Mond im Stier seine größte Kraft; im Steinbock ist
er dagegen ungünstig gestellt, außer man möchte
z.B. Kräuter für Knochen sammeln, wie z.B. Bein
wellwurzel.

Pflanzenwachstum
.-Alle R egeln sind jedoch nutzlos, wenn man die
Sprache der Pflanze nicht versteht, die einem ei
gentlich genau sagt, wann die Zeit zum Sammeln
gekommen ist. H ierzu muss man die Pflanze in
ihrem jahreszeitlichen W erden und Vergehen ken
nen. Festgelegte Sam m elzeitpunkte sind nur eine
Richtschnur - jedes Jah r gestaltet sich etwas anders:
Einmal ist der Frühling sehr spät, ein anderes M al
ist der Som m er verregnet usw. Dennoch kann man
sich an Erfahrungswerte halten.
M an sollte nur gesund aussehende Pflanzen ern
ten und darauf achten, dass nicht Insektenfraß,
Blattlausbefall oder verwelkte Pflanzenteile ins
Sam m elgut geraten. Vor der W eiterverarbeitung
werden die Kräuter noch einm al gründlich verlesen
und von Schm utz und m inderw ertigen Pflanzentei
len befreit.
Bei K rautdrogen w artet man den Zeitpunkt bis
zur Blattreife, oft auch bis zur Blütenausbildung ab;
manchmal sind junge B lätter ebenfalls sehr ergiebig
(Bärlauch, W egerich, Eiche). Sind die Blüten eben
falls erwünscht, nim m t man m öglichst solche, die
gerade am Erblühen sind (W eißdorn). Bei Blüten
pflanzen eignet sich oft das Knospenstadium (Rose),
aber auch gerade sich öffnende Blüten (z.B. N acht
kerzenblüte); oft nim m t man auch die voll geöffnete
Blüte (L ilie, R ingelblum e). M an m eide in jedem
Fall verwelkte Pflanzenteile und B lüten1*1.
W ill man zum Kraut auch die Fruchtbildung mit
ins Präparat einfließen lassen, dann w artet man bis
zu deren Ausbildung ab, nicht aber bis zum vollen
Ausreifen und Absterben der anderen Pflanzenteile;
Beispiele sind die N achtschattengewächse B itter

18 E ine K räu terku nd ige, die in G riech enlan d Sem in are abhält,
erzählte uns folgende A nekdote: Eine E xkursionsteilnehm erin
sei im A ugust ganz verzückt darüb er gew esen, dass man alle
K räuter bereits im »g etro ck n e te n « Stadium ernten könne. W ir
hoffen, dass dem L eser der L'nterschied zw ischen frisch, g e
trocknet und vertro ckn et geläu fig ist.

Frischer Bärlauch für ein köstlich schmeckendes Pesto, das


gleichzeitig auch noch entschlackt und Schw erm etalle aus
körpereigenen Depots m obilisiert. Foto: O laf Rippe.

Gesam m elte Kräuter w ährend einer Frühlingsexkursion.


Foto: M argret Madejsky.

süß, Tollkirsche, Bilsenkraut, da hier im m er Blüte


und Frucht gemeinsam auftreten.
Früchte sam melt man oft im unreifen Stadium
(Kastanie, W allnuss), aber auch im reifen Stadium
(Anis, Kümmel). W urzeln gräbt man entweder im
Frühling, wenn die Säfte w ieder aktiv werden, oft
auch zusammen m it den ersten Blatttrieben (N el
kenwurz, Löwenzahn, W egwarte), oder man wartet
bis zum H erbst (siehe oben), was ja die eigentliche
Z eit des W urzelgrabens ist, wenn sich die Säfte w ie
der unter die Erde zurückziehen. D er \ olksglaube
besagt, dass man keine Pflanzen m ehr nach Samhain (1. Xovem ber) sammeln soll,
weil nun die
Pflanzen den X aturw esen gehören - Ausnahme ist
die .Mistel, die ihre größte Kraft zur W intersonnen
wende hat und ohnehin ganz in der anderen W elt
zu H ause ist.

W achstum sort
Alan sam m elt nur an Orten, an denen die Pflanze
üppig gedeiht und gesund erscheint. W enn die
Pflanze kümm ert, zeigt dies, dass der O rt keine
Kraft auf die Pflanze überträgt.
Beim Sammeln hat man die gesetzlichen Bestim
mungen zum N aturschutz zu beachten. W enn man
Seltenheiten verwenden möchte, holt man sich
diese entweder als H andelsware aus kontrolliert
biologischem Anbau, oder man kauft in K räuter
gärtnereien das Kraut im Topf.
Oft gedeihen Pflanzen besonders üppig an expo
nierten Standorten wie Straßen, Bahndämmen,
.M ülldeponien, Straßenrändern oder an pestizid
verseuchten Ackern. Auch wenn es verlockend er
scheint, sollte hier nicht gesam m elt werden. M eis
tens reichern sich Schadstoffe in den Pflanzen an.

Rituale beim Sammeln


Paracelsus w ar der M einung, dass O pfergaben oder
Beschwörungen keinen Einfluss auf die H eilkraft
der Pflanze haben. D ieser M einung kann man sich
anschließen oder auch nicht. Jedes R itual dient in
erster Linie der eigenen geistigen Zentrierung. Sich
beim Sam m eln m it einer Räucherung oder einer
Danksagung an die Pflanzengeister einzustim m en,
heißt für uns, dass man die X atur ehrt - und dies
kann sich nur positiv auswirken.
In unseren Augen ist es w ichtig, keinen anderen
merken zu lassen, dass man an diesem und jenem
O rt gesam m elt hat. Eigentlich geht man m editativ
und gem ächlich von einer Pflanze zur nächsten wie ein T ier auf der W eide, das ja
auch nicht still
steht und alles um sich herum kahl frisst. Sammeln
heißt, geduldig in Bewegung zu bleiben. Die m äch
tigsten Pflanzen (»H äu p tlin ge«) lässt man stehen,
dam it sich die Bestände von diesen stärksten Pflan
zen aus erholen können; dort wäre auch der richtige
Platz für ein kleines Opfer. W er W urzeln gräbt,

sollte sich dessen bewusst sein, dass er der Erde


endgültig etwas nimmt - hier ist daher eine ganz
besondere K larheit der Absicht notwendig.
Oft braucht man nicht die ganze Pflanze zu ern
ten, sondern kann es bei Seitentrieben belassen, sodass sich der Bestand ohne
Problem e erhalten lässt
(z.B. Eisenkraut). M an sam m elt ohnehin im A llge
meinen nur so viel, wie man wirklich braucht, und
auch nur solche Pflanzen, die man w irklich kennt
(Bestim m ungsbücher sind bei U nsicherheit abso
lute Pflicht!). H andschuhe sind manchmal zu em p
fehlen, denn einige Pflanzen können A llergien ver
ursachen, z.B. D oldenblütler wie Engelwurz; auch
wirken manche Pflanzensäfte ätzend (Schöllkraut,
W olfsm ilch) oder dringen als Gift direkt durch die
H aut (Schierling, Eisenhut) - daher sollten giftige
Pflanzen unbedingt auch nur von Kennern geerntet
und verarbeitet werden.
Eine alte Regel besagt, dass man die Pflanze
m öglichst nicht m it Eisen in Berührung bringen
soll (W .-D . Storl, 2004). Sine ferro - »ohne Eisen«
lautet die Devise. Von T h um eysser stammt z.B. der
Spruch: »Yerbeen, Agrim onia und M odelgeer1",
karfreitags graben hilft dich sehr, dass dir die Frawen werden hold, doch brauch
kein Eisen, grabs
m it G old.«
Eisen bannt die G eister, es ist dämonenabwehrend und bewirkt eine Erstarrung der
Pflanzengeis
ter, weshalb man am besten alles m it der Hand
macht. Zum Graben nim m t man z.B. eine Schaufel
aus Horn zur L'nterstützung. und als M esser eignet
sich entweder ein Feuerstein oder - ganz edel - ein
Keramikmesser.
Auf der ganzen W elt ist es Brauch, dem Genius
Loci als G egengeschenk ein kleines Opfer darzu
bringen. In Südamerika »sp en det« man vor allem
Tabak, in anderen Regionen geheiligtes Wasser,
.Milchopfer, Süßigkeiten wie H onigkuchen oder
Rauchopfer, m anchmal auch ein Stück Silber, be
sonders, wenn man W urzeln gegraben hat. Das
wahre Opfer kommt aber von Herzen und braucht
nichts M aterielles, sondern eher das Versprechen,

19 D am it sind gem eint: E isenkraut. O derm ennig und K reuzb lä ttrig e r


Enzian. Am K arfreitag w ird man allerd in g s noch
nicht einm al eine T riebspitze finden, also m uss m an w issen, wo
die K räuter w achsen. W ild er Enzian steht ü brigens unter N a
tursch utz, aber es gib t ihn in jeder guten K räu tergärtnerei zu
kaufen.
die X atur in Ehren zu halten und sie vor m ensch
licher G ier und D um mheit zu schützen.

Transport, Trocknen und Aufbewahren


Die gesam m elten Kräuter transportiert man am
besten locker geschichtet in einem Bastkorb oder in
Stoffbeuteln, um Quetschungen und Staunässe zu
verm eiden.
Ein Abwaschen des Sam m elguts ist nur in Aus
nahmefällen notwendig, die X ässe schadet mehr, als
sie nützt. W urzeln sollte man m öglichst abbürsten
und dies nach dem Trocknen wiederholen. Zum
Trocknen bohrt man ein Loch durch die W'urzel,
zieht eine Schnur hindurch und hängt die W urzel
im luftigen Schatten auf. Kräuter werden zum
Trocknen zu kleinen Sträußen gebündelt und eben
falls an einer Schnur in den Schatten gehängt - am
besten auf dem Dachboden, soweit vorhanden. M an
kann die Kräuter auch locker geschichtet auf einem
H olzgitterrost, der m it Seidentüchern abgedeckt
ist. ausbreiten und in den Schatten stellen. Für eine
längere Aufbewahrung füllt man die getrockneten
Kräuter in Braunglasflaschen, m öglichst m it einem
weiten Hals, die man an einem trockenen, kühlen
und dunklen O rt lagert.
Die Kräuter werden erst nach dem Trocknen
und m öglichst erst zur w eiteren V erwendung z.B.
als Tee zerkleinert - sonst geht zu viel Kraft ver
loren. W er es richtig macht, erhält ein Kraut, das
sich im G eruch und G eschmack nur w enig von der
Frischpflanze unterscheidet.

Gesam m elte Kräuter sollte man gebündelt zum


Trocknen in den lichten und luftigen Schatten hängen.
Foto: Katharina Bodenstein.

In einem Steinbruch bei Eichstätt gesam m elter Wermut,


zusam m en m it lieblich duftendem Labkraut. Im Volks
glauben eignen sich Buschen aus diesen zwei Pflanzen zur
Abw ehr von Schreckgeistern, w eshalb man sie N eu
geborenen an die W iege hängt. Foto: Katharina Bodenstein.

Sieben g o ld e n e Regeln fü r e in e g e lu n g e n e Kräuterarznei

Das richtige Kraut


auf die richtige W eise gesam m elt
zur geeigneten Zeit
richtig verarbeitet
in der richtigen Anwendungsweise
und der richtigen M ischung
sowie der richtigen Dosis
ergibt eine vollkommene Arznei.

(Signaturenlehre, Auswahl der Pflanzenteile)


(Ritual und Ort)
(Kairos = der m agische Augenblick)
(galenische Zubereitungen, z.B. T inktur, D estillat)
(Applikationsform, z.B. innerlich oder äußerlich)
(Synergism us; individuelle M ischrezeptur)
(individuelle M enge und H äufigkeit der Einnahme)
A lchim ie und Spagirik
Traditionelle W ege der H eilm ittelherstellung
»Nichts kann aus Nichts entstehen, und aus
etwas, was ist, kann nicht Nichts werden - es gibt
nur Umwandlungen.« (Alben Hofmann,
zit. n. Mathias Broeckers/Roger Liggenstorfer, 2006)

» Die Natur liefen nichts, was vollendet ist (...).


Sondern der Mensch muss es durch spagyrische
Bereitung dahin bringen, wozu es von der Natur
bestimmt wurde.« (Paracelsus III/321)

Die M u tte r aller W issenschaften

Die Alchim ie ist die dritte Säule der H eilkunst nach


Paracelsus. Es ist eine uralte W issenschaft, deren
W urzeln mindestens bis zu den .M ysterienkulten
zurückreichen. Im Allgem einen verbindet man mit
der .Alchimie die Suche nach dem G eheim nis der
künstlichen G oldherstellung - aber genau das ist
Alchim ie am allerw enigsten. V ielm ehr ist sie »ohnstreitig eine der vornehmsten
und nöthigsten Küns
te in der W elt und nicht unbillig eine M utter und
Ernährerin aller anderen Künste zu nennen. (...) So
ist wohl einem vernünftigen M enschen, nebst der
G ottesgelahrtheit und Sorge vor seiner Seele,
nichts nötiger und nützlicher, als die Erkänntnis der
X atur, welche durch die Chym ie einzig und allein
erlernet wird. Daher ist es auch kommen, dass diese
Kunst alsbald nach Erschaffung der W elt ihren An
fang genom m en« (Kunkel, 1716, zit. n. H. G ebe
lein, 1991). Auch Paracelsus sprach von der Alchi
mie als M utter aller W issenschaft.
Im Laufe der Z eit bildeten sich aus den antiken
.M ysterienkulten zwei W ege heraus. Einmal ist dies
der naturwissenschaftliche W eg der Stoffumwand
lungen und der A rzneiherstellung, der auf den
L'berlieferungen der antiken .Medizinphilosophie
und der alchim istischen Kunst der Araber aufbaut.
Erst in neuerer Zeit kam es wiederum zu einer
Trennung in eine w irkstofforientierte und eine eher

spirituell ausgerichtete Richtung. Allgem ein kann


man aber sagen, dass jede Form der Stoffumwand
lung auf alchim istischen Prinzipien beruht - der
L'nterschied besteht vor allem darin, inwieweit man
dabei herm etische G esetzm äßigkeiten beachtet.
Zum anderen gibt es aber auch eine ungebro
chene Tradition, die in der Alchim ie einen geistigen
Einweihungsweg in die G eheimnisse des Lebens
sieht. L'ber verschiedene Stationen wie den G nosti
zismus, die m ittelalterliche M ystik, das geheime
W issen der Baumeister, die kabbalistische M agie bis
hin zu den Bruderschaften der Rosenkreuzer kam es
zur Entwicklung einer eher geisteswissenschaftli
chen und psychologischen Ausrichtung der .Alchi
mie.
Obwohl sich der M aterialism us gegen die H er
m etik bis zum 19. Jahrhundert weitgehend durch
setzen konnte, hatte die Alchim ie im m er noch ihre
begeisterten Anhänger - man denke nur an Xewton
oder Goethe. Im Ü bergang zum 20. Jahrhundert
kam es sogar zu einem regelrechten Boom der ok
kulten W issenschaften, was man durchaus als G e
genbewegung zum vorherrschenden Positivismus
sehen kann. Jed er Freigeist war damals M itglied in
einer Loge, in der man nicht nur die M agie stu
dierte, sondern sich auch m it Fragen der Alchimie
befasste. Letztlich war es eine Z eit des Umbruchs:
Freud entwickelte die Psychoanalyse, Einstein die
R elativitätstheorie, neue G esellschaftsstrukturen
Ein geflügeltes Geistwesen unterstützt Vulcanus, den
göttlichen Schmied, bei der Arbeit. Aus dem Bilderzyklus
»Jerusalem The Emanation of The Giant Albion« von
W illiam Blake, 1804.

wurden ausprobiert, die Kunst experim entierte m it


neuen Stilform en - nichts blieb beim Alten. So
wagten sich auch zahlreiche Alchim isten zu dieser
Zeit an die Ö ffentlichkeit, und bald kam es zur
G ründung der ersten spagirischen A rzneim ittelfir
men.
Eine der schillerndsten Personen dieser Z eit war
sicher R udolf Steiner (1861-1925). Seine m agische
Persönlichkeit, aber auch sein profundes W issen in
Fragen der geistigen Entwicklung beeinflusste da
mals zahlreiche M enschen, die sich m it den N atur
wissenschaften auseinandersetzten, darunter viele
Arzte und Pharm akologen. Schließlich kam es zur
Entwicklung einer anthroposophisch ausgerichte
ten H eilkunde, die nicht nur eine gelungene Sym
biose von G eistes- und N aturwissenschaft darstellt,
sondern auch in wesentlichen Teilen auf dem G e
dankengut der Alchim ie und des Paracelsus beruht.
Leider g ilt heute die Alchim ie in W issenschafts
kreisen als veraltet und historische Kuriosität. Aus
der Sicht der N aturwissenschaftler m ag dies sogar
berechtigt sein. Sie erschaffen inzwischen künstli

che W elten, m anipulieren die Gene und spalten das


Atom - was kann man da schon aus verstaubten Alchim iebüchern lernen? Alchim ie aus
der Sicht des
Paracelsus ist aber kein Synonym für eine wissen
schaftliche Forschung m it »p rim itiven « M itteln,
sondern ein W eg zur Erkenntnis höherer M ächte,
die m it der N atur- und Selbsterkenntnis gleichzu
setzen ist. Der Alchim ist ist ein N aturforscher, aber
auch ein W ahrheitssucher. Jed er Schritt im Labor
bedeutet gleichzeitig auf einer anderen Ebene ein
Entdecken der göttlichen N atur des Seins. Der A l
chim ist ist auf der Suche nach W eisheit, jedoch
nicht aus egoistischen M otiven, sondern um ande
ren bei ihrer Suche zu helfen - denn w ir alle streben
nach dauerhaftem Glück. Daher entwickelt der Al
chim ist H eilm ittel, einerseits um das kostbare
Leben zu verlängern, aber auch um die Lebensqua
lität zu verbessern. Der dritte Grund unterscheidet
ihn endgültig von einem m odernen Pharm akolo
gen: Denn seine H eilm ittel sollen auch eine H ilfe
auf dem W eg der Selbsterkenntnis sein.
Den Alchim isten, der sein Augenm erk auf .Arz
neim ittel richtet, nannte Paracelsus Spagiriker: So
»h eiß t der, der die einzelnen Substanzen der Kör
per scheiden kann, das Reine von dem U nreinen,
und der Erfahrung h at« (Paracelsus III/447).
»Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an
dir selber fü h rt kein Weg vorbei, und an deinen
sieben Teufeln (= Planetenprinzipien). (...) Verbren
nen ?>utsst di1 dich vollen in deiner eignen Flamme:
wie solltest du neu werden, wenn du nicht erst
Asche geworden bist! Einsamer, du gehst den Weg des
Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen aus
deinen sieben Teufeln!« (F. Nietzsche, zit. n. Frank
Geerk. 1993)

Alch im ie als Einw eihungsw eg

Die WTeltvorstellung der Alchim ie ist uns durch die


Lehrsätze des ägyptischen Eingeweihten H ermes
Trism egistos überliefert. Verm utlich handelt es sich
dabei um eine fiktive G estalt, was in der H erm etik
aber völlig nebensächlich ist. W ich tig ist allein die
Botschaft und nicht, wer sie geschrieben hat. Der
grundlegende Gedanke lautet: Alles ist G eist, alles
hat einen geistigen U rsprung. Alles ist daher auf
einer geistigen Ebene m iteinander verwandt. D ie
ser universelle G eist, aus dem unsere W elt entstan
den ist, ist wiederum nur ein Zwischenzustand zu
einer anderen geistigen Form der Existenz, denn
»X ich ts kann aus N ichts entstehen« (A. Hofmann,
zit. n. Broeckers/Liggenstorfer, 2006).
Dieser G eist ist reines Licht, das man in der Al
chim ie auch AL'R nennt. Dieses »L ich t ist das zen
trale M ysterium der philosophischen .Alchemie«
(C. G. Jun g, 2001). Es entstand aus der Verm ählung
von Leere und L'nendlichkeit am Anfang des Seins.
W enn es aber Licht gibt, existiert auch Schatten.
Dieser Schatten ist die M aterie, wie w ir sie kennen.
Ihre Festigkeit ist jedoch nur relativ, denn je mehr
w ir die M aterie bis in ihre kleinsten Teile zerlegen,
desto mehr nähern w ir uns wieder dem reinen
Geist. Alle Zustände sind relativ und in einer steti
gen Verwandlung.
Wenn man die W elt durch die Augen des philo
sophischen Alchim isten betrachtet, dann entdeckt
man, dass alle W andlungsprozesse rhythm isch sind
und zyklisch verlaufen - und dam it auch die M eta
morphosen von G eist in Stoff und um gekehrt.
Rhythmus trägt Leben, sagte R udolf Steiner. Der
Alchim ist beobachtet die Verwandlungen in der
N atur und leitet daraus G esetzm äßigkeiten ab, die
er bei der H eilm ittelherstellung berücksichtigt. Er
beachtet vor allem körpereigene Stoffwechselpro
zesse, die eine perm anente lebendige .Alchimie dar
stellen, und versucht. Ähnliches im Labor nachzu
ahmen. Er beobachtet natürliche Prozesse und sieht
z.B., wie sich W asser in Dampf verwandelt, wie es
kondensiert und wieder zu Regen wird, als Q uelle
aus der Erde hervortritt, um erneut hinaufzustei
gen. Säm tliche alchim istischen Operationen stehen
in .Analogie zu solchen N aturprozessen, der W as
serkreislauf wird beispielsweise zum Vorbild für die
D estillation. Der Alchim ist beobachtet die N atur
aber nicht als Chem iker, sondern als Al-Chem iker,
der m ehr einem M ystiker entspricht. Er sieht im
Spiel des W assers den ewigen K reislauf von Sterben
und Geborenwerden. W er nur den Barometerdruck
im Blick hat, kann vielleicht das W etter prognosti
zieren, aber nichts über die Rhythmen des Lebens
erzählen.
Zwischen der geistigen und m ateriellen W elt
kennt die Alchim ie noch eine dritte Ebene, die WTelt
der G estirne, die man sich als Schwingungsebenen

oder energetische Sphären vorstellt. Auch die


astrale W elt ist ganz dem rhythm ischen Gesetz un
terworfen; um dies zu verstehen, muss man nur ein
mal über längere Zeit den L auf der Planeten durch
den T ierkreis verfolgen: Auf der Planetenebene
verdichtet sich das G eistartige zur M aterie - ja, man
könnte dies auch als Inkarnationsprozess bezeich
nen. Diese Verdichtung entspricht einem weiteren
herm etischen Prinzip: Alles ist Schwingung, alles
ist Bewegung. Die L’ nterschiede in der W elt der
Erscheinungen entstehen durch unterschiedliche
Schwingungsm uster, die sich durch die .Mischungen
der sieben kosmischen Grundkräfte ergeben, w el
che universelle G ültigkeit haben; »z u fällig« tragen
sie die Namen antiker G ottheiten.
Diese astrale Schwingung entspricht dem fein
stofflichen G eistkörper, der jede körperliche Form
durchdringt und um gibt. Die körperliche Form, die
w ir bereits als Sulfur- und Sal-Prinzip kennenge
lernt haben, versteht man als M atrix für die geist
artigen astralen Eigenschaften. Diese bilden die
unterschiedlichen Wesensnaturen der M enschen, sie
bewirken aber auch den L'nterschied zwischen einer
Linde und einer Eiche oder zwischen einem Kiesel
stein und einem Rubin. Daher beachtet man in der
.Alchimie kosmologische Phänom ene, da diese mit
den Geschehnissen auf der Erde korrespondieren
und bei der .Arbeit im Labor entsprechend wichtig
sind.
Die sichtbare M aterie ist aber nicht nur von kos
mischen Energien durchdrungen, sondern als Spie
gelbild des Göttlichen auch eine T rinität. Sie be
steht aus Sulfur (der »b rennbaren« Substanz), aus
Sal (der »festen« Form) und aus .Merkur (den
»flüch tigen « Eigenschaften, die sich durch die un
terschiedliche M ischung von Sulfur und Sal erge
ben, siehe auch Seite 63). In der W eitsicht des Al
chim isten und zur Beschreibung alchim istischer
Operationen spielen die drei Prinzipien eine wich
tige Rolle.
Der .Alchimist geht davon aus, dass das H eilende
dem m erkuriellen Prinzip entspricht. Um dieses zu
gewinnen, muss er die Schwingungsebenen durch
alchim istische O perationen verändern. Dies erklärt
auch die Idee der L'm wandlung von Blei in Gold.
Die Transm utation der M etalle kann man aber
ebenso als M etapher für einen H eilprozess verste
hen. Die Krankheit gleicht m it ihrer dumpfen und
Alchim ist m it seinen
Gehilfen bei der
Destillation. Kupferstich,
17. Jahrhundert.

langsamen Schw ingung dem Blei (Sal), während die


G esundheit m it ihrer hohen und schnellen Schwin
gung dem Gold entspricht (Sulfur). Das wirklich
W ertvolle wäre dann aber nicht das Gold, sondern
das, was diese Veränderung bewirken konnte (M er
kur). In diesem Sinne ist die Alchim ie ein Erlö
sungsweg von der D unkelheit zum Licht, der zur ei
gentlichen Bestim m ung führt.
Da jeder Laborschritt gleichzeitig eine geistige
Verwandlung im Alchimisten bewirkt, ähnelt dieser
W eg einer Initiation, bei der der Adept symbolisch
stirbt, um auf einer neuen Bewusstseinsebene w ie
dergeboren zu werden. In alten Initiationsriten wie
den Eleusinischen M ysterien nutzte man auch halluzinogene Substanzen, um die
Transformation des
Geistes zu erm öglichen. Typisch für starke Psychedelika sind Todeserlebnisse
entweder der eigenen
Person oder der W elt um sich herum. D er Adept
erlebt sich als zerstückelter O siris, er folgt symbo
lisch dem L auf der Sonne durch die L’ nterw elt und
erlebt die Phasen des M ondes als Spiegel seines Be
wusstseins. In der Initiation erfährt man das M yth i
sche plötzlich hautnah als W ahrheit.
Sonne und M ond sind nun keine H im m elskörper
mehr, sondern spiegeln die Z errissenheit der eige
nen Seele wider, die nach dem G leichgew icht zwi
schen Kosmos und M aterie strebt. Sonne und
Mond verkörpern das Prinzip von G eist und Stoff,
aber auch die Polarität von W eiblich und M ännlich.

Durch ihre symbolische V ereinigung, die »chym ische H ochzeit«, entw ickelt sich
als D rittes die
Seele, die durch ihr grenzenloses Bewusstsein und
ihre allumfassende Liebe zur wahrhaft heilenden
Arznei wird; der angestrebte Zustand der Erlösung
heißt H erm aphrodit (H erm es = W issen, Aphrodite
= Liebe). M an könnte ihn auch als vollkommene
H arm onie bezeichnen (H arm onia ist die Tochter
von Ares und Aphrodite).
Aus alchim istischer Sicht kann diese spirituelle
Veränderung nicht durch etwas Stoffliches gesche
hen. W enn es ein Rauschtrank ist, dann öffnet die
ser nur für das G öttliche, er ist aber nicht das G ött
liche selbst. X u r etwas Vergeistigtes kann direkt auf
den Geist einwirken. G eistestechniken wie die Visualisation und die Kraft der Im
agination sind die
vielleicht wichtigsten M ethoden der Transm utation
überhaupt. M it einiger LTbung kann der Geist
Berge versetzen. N atürlich können hierbei H eilm it
tel eine große H ilfe sein - oft genug gibt es ohne sie
kein W eiterkom m en.
W er begabt ist und genügend Initiativgeist be
sitzt, sollte aus m etaphysischer Sicht m öglichst viele
Arzneien selber herstellen, denn bereits beim Sam
meln und Verarbeiten der Substanzen beginnt der
eigentliche Verwandlungsprozess in R ichtung Ge
sundheit. Abgesehen davon hat die Selbstherstel
lung auch ganz pragmatische Gründe. Im Laufe der
letzten Jah re sind Tausende wern-oller A rzneim ittel
Der Tod als Alchim ist. H olzschnitt von Tobias Stim m er
(1539-1587).

vom .Markt verschwunden, oder bei der H erstellung


finden zu wenige metaphysische K riterien Beach
tung. Es gibt genügend G ründe, warum man die
H erstellung selbst in die Hand nehmen sollte.
Außerdem kann man auch rezeptpflichtige Stoffe
selbst herstellen oder solche, die nicht im H andel
sind, und spart als Verbraucher ganz erheblich Geld.
»Das ist Alchimie, das zum Ende zu bringen,
was nicht zu seinem Ende gekommen ist, das Blei
vom Erz zum Blei zu bringen und das Blei zu ver
arbeiten. wozu es dient. Lerne erkennen, was die
Alchimie ist. dass sie nur das ist. was das Unreine
durch das Feuer zum Reinen macht (...). Sie ist die
Kunst, die das Nutzlose vom Nützlichen entfernt
und es zu der letzten Materie und zum letzten
Wesen bringt.« (Paracelsus 1/513-514)

Q uintessenz und Arcanum

Ein Arzneim ittel im heutigen Sinne besteht aus


einem quantifizierbaren Stoff, der eine m öglichst
selektive und strukturelle Veränderung im O rganis
mus bewirken soll. Zunächst fand man Entspre
chendes in N atursubstanzen; es ist exakt 200 Jahre

her, dass Sertürner m it .Morphium den ersten W irk


stoff der Pharm aziegeschichte entdeckte. Parallel
hierzu richtete man den Blick in der M edizin auf die
Z ellularpathologie und entdeckte zahlreiche E rre
ger von Infektionskrankheiten. Der konstitutionelle
Therapieansatz blieb dabei leider genauso auf der
Strecke wie die ganzheitliche Sicht der Pflanze beides wird heute eigentlich nur
noch in der N atur
heilkunde gewahrt.
Durch die Isolation von W irkstoffen schuf man
die Basis für eine moderne industrielle H erstellung
von synthetischen Arzneien. N euerdings gilt die
G enm anipulation als U ltim a Ratio in der Pharm a
zie. Vorerst endet hier die W eisheit der naturwis
senschaftlichen Alchim isten. Sie haben in ihren L a
bors sicher viel N ützliches entwickelt, aber auch
zum Teil wahrhaft Dämonisches geschaffen, so etwa
T halidom id (C ontergan). Zweifel werden durch
solche »K bllateralschäden«, die m it N aturheilm it
teln niem als m öglich wären, aber nicht geschürt.
Ganz im G egenteil glaubt man w eltw eit mehr denn
je an die technische und chem ische Beherrschbar
keit von Krankheiten - und dies, obwohl man Pa
tienten dadurch im m er w ieder extremen Risiken
aussetzt und Zehntausende tatsächlich jedes Jah r
durch synthetische .Arzneien sterben. Es geht eben
auch um viel G eld, das man m it N aturheilm itteln
nicht einmal zu einem Bruchteil verdienen könnte.:o
Dennoch muss man sich darüber im Klaren sein,
dass man auf eine stofforientierte T herapie nicht ver20 2004 betru g das A rzneim
ittel verordnungsvolum en der
K rankenkassen (davon allein 254 gesetzlich e!) in D eutschland
20,3 .M illiarden Euro; hinzu kom m en noch Z uzahlungen der
P atienten von 2.3 .M illiarden Euro (B un desverein igung der
A potheker). W ie die Phaunazeutische Zeitung sch reibt (50/
2005), rech net die B u n desregieru ng in den nächsten Jah ren
beim G esam tum satz der M edizinb ran ch e m it Steigerun gsraten
von 30 bis 40 Prozent, m anche Schätzungen gehen so gar von
hö heren R aten aus. Bundesw eit arbeiten nach A ngaben des
B undesgesun dheitsm in isterium s 4.2 .M illionen .Menschen im
.M edizinsektor und erw irtschaften ein en jährlich en U m satz von
rund 240 M illiard e n Euro.
S p ieg el-o n lin e (»D as G eschäft m it der A ngst« von M iriam
Schröder, 26.2.06): »D er P harm akonzern Roche hat 2005 g ar
R ekordergebnisse erz ielt - u.a. dank der starken N ach frage nach
dem G ripp em ittel T am iflu. D er B etriebsgew inn erhö hte sich
um 33 P rozent auf rund 6 M illiard e n Euro, der K onzernum satz
stieg derw eil um 20 P ro zent a u f fast 23 M illiard e n Euro. A llein
T am iflu, zuvor eher ein X isch enp ro dukt, bescherte dem Kon
zern im vergangenen J a h r einen U m satz von ein er M illiard e
E uro - ein e S teig eru n g von 370 P ro zent g egen ü b er 2 0 0 4 .« Zum
V ergleich: Eines der w ichtigen anthroposophischen P harm aun
ternehm en hat im Ja h re 2001 ein en Jahres//w<wfo von 43 M illio
nen Euro erzielt. Solche Sum m en geben P harm am ultis allein
für ihre C h efetage aus.
zichten kann. Vor allem organisch m anifeste Stö
rungen erfordern oft eine andere T herapie als kons
titutionelle oder psychosomatische K rankheiten. Es
eilt die Regel: Je mehr sich das Leiden strukturell
und sichtbar m anifestiert, desto mehr muss man
auch an substanzielle H eilm ittel denken - was aber
nicht heißt, dass nur Synthetika in Frage kommen.
In den m eisten Fällen sind stofforientierte Phyto
therapeutika die besseren Arzneien, vor allem weil
sie bei vergleichbarem Effekt wesentlich verträg
licher sind - hierzu haben die V ertreter der »ratio
nalen« Phytotherapie inzwischen eine L'nzahl von
Beweisen geliefert. Pflanzen stellen komplexe W irk
stoffgemische dar, die m it ihrem Synergism us den
biologischen Prozessen im Körper w eit mehr ent
sprechen als ein isolierter W irkstoff oder ein syn
thetischer Stoff.
N atürlich können auch Pflanzen toxisch wirken.
Die Arbeit m it Phytotherapeutika ist keinesw-egs
eine nebenwirkungsfreie H eilkunde; der heute viel
verwendete Ausdruck »sanfte M ed izin « fuhrt eher
in die Irre, denn nicht selten gleicht eine naturheil
kundliche Behandlung einer Rosskur. Oft ist die
Toxizität eine Frage der Dosis, die man nicht nur
bei Giftpflanzen beachten sollte - denn »alle D inge
sind ein G ift und nichts ist ohne Gift, nur die Dosis
bewirkt, dass ein D ing kein G ift ist« (Paracelsus
1/477). Außerdem regiert jeder M ensch auf einen
Stoff anders. Die individuelle Em pfindlichkeit ist
zudem abhängig vom Biorhythm us und von der je
w eiligen Lebenssituation.
Es ist aber ohnehin oft sinnvoll, potenziell toxi
sche Stoffe in Tiefpotenzen zu verabreichen (D2 bis
D4), sozusagen als m odifizierte Phytotherapie: In
diesen Potenzbereichen kann man kaum von einer
w irklichen Homöopathie sprechen, aber man hat
einem G iftstoff seine G efährlichkeit genommen,
wobei das W irkspektrum nahezu unverändert
bleibt. Ähnliches kann man auch m it manchen Des
tillationsverfahren erreichen. Prinzipiell sollte eine
T herapie den ohnehin geschwächten O rganismus
nicht noch zusätzlich belasten. Außerdem sollte
man Pflanzen im m er in Form von G em ischen ver
abreichen, weil man auf diese W eise Antidote (G e
gengifte) einm ischen kann, die eventuelle N eben
wirkungen toxischer Stoffe m ildern oder sogar
aufheben.

Es gibt natürlich auch Situationen, in denen man


auf Synthetika nicht verzichten kann. In solchen
Fällen ist die gleichzeitige V erabreichung von Phy
totherapeutika und auch Homöopathika m it einem
ähnlichen W irkprofil oder einer entgiftenden W ir
kung ausgesprochen sinnvoll. H ierdurch m ildert
man nicht nur eventuelle N ebenwirkungen, son
dern kann sehr häufig auch die Dosis synthetischer
Stoffe von vorneherein deutlich reduzieren.
Stofforientierte Arzneien bilden die eigentliche
Basis jeder T herapie. Sie wirken in erster Linie an
tim ikrobiell, entzündungswidrig, auflösend, entgif
tend und regenerierend. Bei funktionellen Krank
heiten muss man jedoch auch vergeistigte Arzneien
verwenden, also z.B. D estillate oder potenzierte
Stoffe. Bei konstitutionellen, d.h. vor allem bei
chronischen Krankheiten und psychogenen Leiden,
sind sie die H eilm ittel der W ahl. Ferner kann man
auf sie nicht verzichten, wenn man astrale Krank
heiten behandeln möchte, also solche, die eine Ab
hängigkeit zum L auf der G estirne zeigen, was in
unserer Praxis bei mehr als 50 Prozent aller Krank
heiten der Fall ist.

Ahnengalerie berühm ter Alchim isten, darunter auch


Paracelsus. Titelkupfer aus A ntidotarium von Johann Daniel
Mylius, 1620.
M erkur wird von Putten
zum göttlichen Licht
emporgetragen. Symbo
lische D arstellung der
Scheideprozesse bei
der alchim istischen Arbeit.
Aus M utus über, 1702.

N atürlich kann man jederzeit ein T herapiekon


zept erstellen, das aus stofflichen und vergeistigten
Arzneien besteht. D ieser goldene .M ittelweg führt
meistens am schnellsten zum T herapieziel, weil
man so gleichzeitig auf organotroper, funktiotroper
und konstitutiotroper Ebene arbeitet, was der T ri
nität von Sulfur, M erkur und Sal entspricht.
Ein enorm er w eiterer Vorteil der vergeistigten
Arzneien ist ihre U ngiftigkeit, weil durch die spe
ziellen Herstellungs%’erfahren das Stoffliche, das für
die G iftw irkung verantwortlich ist, transform iert
wird. Paracelsus legt größten W ert auf die Feststel
lung, dass eine wahre Arznei keine G iftw irkung ent
falten darf (1/395). W enn unangenehm e Reaktionen
durch veredelte .Arzneien auftreten, dann sind dies
meistens H eilkrisen, die durch eine U m stim m ung
zustande kommen und nicht durch die Toxizität der
Arznei, wobei man die H eilkrise natürlich von einer
fortschreitenden Verschlim m erung des Leidens
streng unterscheiden muss (was nicht im m er leicht
ist).
Um nun eine V ergeistigung zu erreichen, muss
man das Grobstoffliche, also die m aterielle Form
einer Substanz, auflösen. Einer der Schlüsselsätze
des H erm es Trism egistos lautet: »T renne das Feine

vom G roben.« Bei vielen alchim istischen O peratio


nen wie der D estillation findet tatsächlich eine
Trennung statt, aber eigentlich ist es eher eine M e
tamorphose der M aterie, wodurch das feinstoffliche
W irkpotenzial freigesetzt und angereichert wird alchim istisch ausgedrückt eine
Transm utation.
In der .Alchimie spricht man von verschiedenen
G raden der Verwandlung. Eine stoffliche T inktur
wirkt nur auf einer anderen Ebene als ein vergeis
tigtes D estillat; dies ist also kein W erturteil, es hat
aber dennoch Konsequenzen für die T herapie. Die
Erfahrung zeigt, dass eine stoffliche Arznei eher
kurzfristig und punktuell w irkt und häufiger gege
ben werden muss. Je mehr dagegen die Arznei ver
geistigt ist, desto eher wirkt sie auf lange Sicht und
auf prozessuale Geschehen statt auf der zellularen
Ebene. Solche Arzneien kann man wesentlich nied
riger dosieren, und auch die Intervalle der Ein
nahme sind deutlich länger - oftmals ist nur alle
paar Wochen eine Dosis erforderlich oder es genügt
eine Einm algabe.
Je höher der Grad der V ergeistigung, desto mehr
w irkt die Arznei auch auf der spirituellen Ebene.
Paracelsus sprach hier von der V eredelung eines
Stoffs zur Quintessenz - dies ist ein anderer Begriff
für das höchste W esen. E igentlich sind dies keine
Arzneien im gewöhnlichen Sinne, sondern H ilfs
m ittel für den spirituellen Entwicklungsweg des
Menschen, und insofern sind sie H eilm ittel im
wahrsten Sinne des W ortes. Paracelsus m einte, dass
die .Arznei im m er etwas höher im Grad stehen sollte
äls die Krankheit (11/56), dam it die Arznei zu einer
Art Vorbild werden kann. Aber nur die höchsten
Grade können auf den Lebensgeist und die m enta
len und metaphysischen Prozesse im M enschen di
rekt einwirken.
Ein H eilm ittel m it einer quintessenziellen H eil
kraft nannte Paracelsus Arcanum. D arunter ver
stand er kein G eheim m ittel, sondern eine Arznei
mit einer tiefgreifenden und universellen W irksam
keit. wobei die H erstellung tatsächlich oft genug
ein W eg voller ungelöster Geheim nisse ist. Lesen
wir hierzu Paracelsus: »E s sind alle Arcana so be
schaffen, dass sie ohne .Materie und Corpus ihr
W erk vollbringen. L'nd zwar aus dem Grunde, weil
die Krankheiten nicht Corpora sind. Drum soll
G eist gegen G eist gebraucht werden, wie der
Schnee vor der Sonne dahinschm ilzt und vom Som
m er« (1/451). »D urch die Kraft der Arcana wird die
N atur der G estirne geändert, so dass sie ihren Lauf
ändern und die Krankheit nicht erw ecken« (11/318).
->Dass es einen so trefflichen und richtigen Namen
hat. wird dadurch verursacht, weil es ein Arcanum
ist. das unkörperlich, unsterblich und ew ig lebend
ist. Seine N atur kann vom M enschen nicht verstan
den werden. (...) Es hat die M acht uns zu verändern,
zu verwandeln, zu erneuern und wieder herzustel
len, wie die Arcana Gottes. (...) .Arcanum ist jede
Tugend des Dinges tausendfach verbessert. (...) Sie
erhalten den Körper in G esundheit, sie vertreiben
die Krankheiten, sie befreien das traurige Gemüt,
sie bewahren vor jeder L'ngesundheit und Krank
h eit« (111/38).
»Aber ob man nun ein Medikament einnimmt oder
nicht, darin liegt kein wesentlicher Unterschied.
Denn dass sie gekaut wird, ist ja nicht das Wesen der
Arznei. Diese ist für jedermann unsichtbar. (...)
Nicht a u f das Körperliche, sondern a u f die Kraft
kommt es an. Darum gibt es die Quintessenz (...) die
zwanzig Pfund an Kraft übeitrifft. Je kleiner ihre
Masse, desto größer ist ihre Wirkung.« (Paracelsus
1/278)

Der »grüne Geist« in der Flasche:


Über alkoholische Pflanzenauszüge

Prinzipiell sollte man für die meisten H erstellungs


verfahren Frischpflanzen bevorzugen, weil nur
diese die lebendigen quintessenziellen Eigenschaf
ten besitzen. Beim Trocknungsprozess, der m eis
tens nur zum .Aufbewahren von K räutern wirklich
notwendig ist, aber auch bei einer längeren L age
rung, gehen diese Eigenschaften sukzessive verlo
ren.21 Paracelsus veranschaulichte diese Ansicht am
Beispiel M elisse: »M elissa hat einen Lebensgeist in
sich und dieser ist ihre Tugend, Kraft und Arznei.
W enn sie abgebrochen wird, ist das Leben und die
Fugend noch in ihr (...). Daher kann die Q uinta Essentia extrahiert und lebend
ohne Zerstörung als
etwas Ewiges nach seiner Vorausbestim mung be
w ahrt w erden« (111/22). »D arum ist hier ein L'nterschied, dass die gedörrten
Kräuter (also die getrock
neten) wie das (geschlachtete) Fleisch zu achten
sind, denn ihnen fehlt der grüne G eist, das ist das
Leben« (111/24).
L’nser Freund und K ollege M ax Amann befasste
sich als analytischer C hem iker lange Zeit m it L e
bensm itteln und ihrer krebswidrigen W irkun g, spe
ziell m it Vitam inen und Enzymen, aber auch mit
dem Vergleich zwischen unterschiedlichen H erstellungsweisen von Pflanzenarzneien.
Die Ergebnisse
sprechen eindeutig für die Ansicht des Paracelsus:
Durch Trocknung und L agerung verlieren sich ex21 Bestim m te Pflanzenwirkstoffe
entstehen allerdings erst beim
T rocknen durch einen F erm entation s- bzw. F aulungsprozess;
B eispiele sind B aldrian, W ald m eister und Stein klee. In frischem
Z ustand riech en diese Pflanzen n u r w en ig, ab er schon nach w e
n igen Stunden erfü llt ein stark er D uft den R aum . Es g en ü g t al
lerd in gs das A ntrocknen von ein ig en Stunden vor der w eiteren
V erarb eitung, w ürde man ein e vollständige T rockn un g d u rch
führen. gin ge w iederum W esentlich es v erloren . H an delsw are ist
ü brigens im m er viel zu schnell getro ck n et, m eist so gar m aschi
n ell in Trocknungsöfen. W enn m an selb st trocknet, dann sollte
man dies im m er au f schonende W eise tun (siehe Seite 125); dies
e rg ib t K räuter, die nach der .Ansicht des P aracelsus zw ar eine
abgestorbene, ab er noch w irkun gsvolle Q uintessenz beinhalten,
was m an an G eschm ack und G eruch sofort erkenn en kann beide sollten m öglich st
d er F rischpflanze entsprechen.
Es g ib t aber auch Beispiele für eine v o llständige T rockn un g und
so gar ein e län g ere L ag eru n g; B eispiele hierfür sind K üchen
sch elle oder Leberblüm chen (die das toxisch w irkende P rotoanem onin en thalten,
das beim T rocknen verloren geht) oder der
F aulbaum , ein extrem w irkendes A bführm ittel. Vor G ebrauch
muss man die R inde en tw eder durch kün stliche H itze altern,
was m an n atü rlich bei H andelsw are tut, oder m an m uss sie m in
destens ein J a h r lagern, sonst sind die abführenden A nthrachin o n-G lykoside
zu toxisch.
trem schnell alle m erkuriellen Eigenschaften, vor
allem werden im m unologisch wirksam e Stoffe wie
proteolytische Enzyme, Anthocyane, Iridoidglvkoside (z.B. Aucubin),
Senfölglykoside, Aromastoffe,
V itam ine und dergleichen zerstört. Die m erkuriel
len W irkstoffe sind aber im W esentlichen m it den
quintessenziellen Eigenschaften identisch, im G e
gensatz zu anderen, w eniger flüchtigen Stoffen wie
z.B. Gerbstoffen, in denen man oft das W irkprinzip
einer Pflanze verm utet. Jed er kann diesen Versuch
selbst durchführen, indem er frische Rosm arinblät
ter und getrockneten Rosmarin aus dem K räuter
lade oder der Apotheke verreibt. Am extremsten
ist der U nterschied bei alkoholischen Auszügen:
Eine T inktur aus frischem Rosmarin schmeckt nach
Sonne, M eeresfrische und U rlaub, während eine
gewöhnliche H andelstinktur, die man aus getrock
neten Blättern herstellt, nur nach einer pappigen
Arznei schmeckt, die zwar den Kreislauf und die Ver
dauung anregt, aber keinerlei feinstoffliche W ir
kung auf die seelische Befindlichkeit hat.
Da handelsübliche T inkturen nach den gesetz
lichen Vorschriften im m er aus getrockneter W are
hergestellt sind, ist eine Selbstherstellung sehr
sinnvoll, auch w eil man gleichzeitig okkulte G e
sichtspunkte wie etwa den Stand der G estirne be
rücksichtigen kann. Das W ort »T in k tu r« soll von
Paracelsus eingeführt worden sein und bedeutet
eigentlich gefärbt (tingere - färben; W . Dressendörfer, 2003). Tatsächlich haben T
inkturen im m er eine
dunkle Färbung - m eistens Erdtöne von G elblichD urchscheinend bis fast Schwarz
(natürlich gibt es
im m er w ieder auch andere Farbtöne, z.B. V iolett
bei den frischen Blüten der schwarzen Akelei,
G oldorange bei Safran oder T iefrot bei Johannis
kraut). T inkturen schmecken m eistens kräftig, herb,
zusam menziehend, w ürzig-bitter oder scharf, da
man durch den Alkohol säm tliche Geschm acksträ
ger (= Sulfur) wie Aromastoffe, Bitterstoffe. G erb
stoffe oder .Alkaloide auszieht (was aber auch bedeu
tet, dass im Gegensatz zu einer vergeistigten Arznei
auch säm tliche toxischen Stoffe übergehen und
daher unerwünschte N ebenw irkungen möglich
sind).
Die H erstellung von T inkturen ist kinderleicht.
M an füllt klein gehackte Pflanzenteile in ein Gefäß
(bei frischem Kraut ganz füllen, bei getrockneten
zerkleinerten Kräutern sollte die Füllm enge ca. 50

Taubnesselblüten in alkoholischer Lösung. Foto: M argret


Madejsky.

bis 70 Prozent betragen, bei frischen W urzeln 50


Prozent und bei getrockneten W urzeln und Pulver
ca. 30 Prozent). M an sollte die K räuter nur sorgfäl
tig verlesen und von Erde befreien; W aschen ist
m eistens nicht erforderlich, hierdurch wird das Prä
parat oft nur unnötig verwässert. Als Alkohol eignet
sich besonders W einbrand; aber auch Wrodka oder
andere Schnäpse kann man nehmen (besonders
wohlschmeckende Präparate in unserer Sam m lung
sind z.B. Kirschblüten in Kirschwasser oder Schle
henblüten in Schlehengeist).

Der A lk o h o lg e h a l t von Tin ktu ren

Je nach Pflanze und W irkstoff eignet sich ein


anderer Alkoholgehalt. Als Richtschnur hat sich
bewährt:
• bei Stärke und Schleimstoffen ca. 20 Volumen
prozent
• bei G lykosiden, Flavonoiden, Scharf- und
Bitterstoffen ca. 30-40 Volumenprozent
• bei Steroiden, G erbsäuren und Gerbstoffen
ca. 50 Volumenprozent
• bei Alkaloiden, Steroidalkaloiden und äthe
rischen Oien ca. 50-70 \ olum enprozent
• bei fetten Ö len, ätherischen Ölen und Harzen
ca. 70-95 Volumenprozent.
Der M indestgehalt an Alkohol für eine lange
Lagerfähigkeit liegt bei 18 \ olum enprozent; für
kürzere Zeiträum e von einigen M onaten Lagerung
kann man auch gewöhnliche W eine verwenden,
die man allerdings kühl lagern sollte, oder man
»sp ritet« sie m it höherprozentigem Alkohol bis
auf 18 \ olum enprozent auf.
Bei sehr wässrigen Pflanzenteilen muss man
den Alkoholgehalt im m er etwas höher ansetzen
(ca. 5-10 Prozent). Em pfindliche Teile wie Blüten
oder sehr weiche Pflanzen, aber auch viele Knos
pen benötigen in der Regel w eniger .Alkohol,
meistens unter 50 Volumenprozent (Ausnahme
sind z.B. Pappelknospen, die man mit 95 Volumenprozent Alkohol auszieht). H arte
Pflanzenteile
wie W urzeln oder Rinden benötigen einen höheren
.Alkoholgehalt, m eistens über 60 Volumenprozent.
Bei Knospen eignet sich ebenfalls die alkoholfreie
Verreibung m it G lycerin, die sich auch zum Aus
ziehen von Pflanzen m it ätherischen Ölen und
Scharfstoffen bewährt hat.
Für einen höheren .Alkoholgehalt m ischt man
am besten 95 Volum enprozent Alkohol” je nach
Bedarf m it gutem Q uellwasser - destilliertem
W asser fehlt in unseren Augen eine lebendige
Schwingung, die aber wesentlich für ein gutes
Präparat ist. Beim M ischen legt man den Alkohol
in einem Standgefäß vor und gibt das \\asser
langsam unter Rühren ein.-’3

22 B illigen T rinkalkohol aus G etreide. K artoffeln oder Obst


m it 95 V olum enprozent gibt es z.B. in Italien in jedem S u p er
m arkt. und auch in Ö sterreich ist der Alkohol w esentlich b illi
g er als in D eutschland: außerdem ist der teu re Alkohol aus deut
schen A potheken oftm als syn thetisch hergestellt.
23 Beim V erdünnen muss man im m er das W asser in den A lko
hol schütten, niem als um gekehrt. D ies ist besonders bei D estil
laten w ichtig. D er .M in eralien gehalt des W assers führt sonst
zum Ausflocken. D abei fallen Substanzen wie K alzium oder
M agn esium aus und trüben das D estillat nicht nur, sondern b in
den auch noch die .Aromastoffe und m achen das P rodukt even
tuell w ertlos. Aus denselben G ründen muss das W asser unter
leichtem R ühren ganz langsam zugegeben w erden. Sonst zer
stört man die ganze Arbeit.

Das Gefäß wird bis zum Rand m it dem AlkoholW asser-G em isch gefüllt und dann
luftdicht ver
schlossen (auf keinen Fall Plastikgefäße und -V er
schlüsse verwenden, da es dabei zu unerwünschten
chemischen Reaktionen kommen kann). Es hat sich
bewährt, die T inktur an einem dunklen, trockenen
Ort bei Zim m ertem peratur über mindestens 40
Tage auszuziehen (diesen Prozess nennt man M aze
ration). G elegentlich sollte man das Gefäß schüt
teln. H andelsübliche T inkturen haben nur ca. zwei
Tage R eifezeit, obwohl eine W oche das M inim um
sein sollte.
Bei Paracelsus liest man oft, dass man einen An
satz »d igerieren « lassen soll. D arunter versteht man
einen Auszug bei einer Tem peratur von konstant
37 Grad Celsius, was die M azeration beschleunigt.
H eißt es dagegen »in Pferdem ist digerieren «, dann

Ein Alchim ist führt die Kalzination durch, die vom kos
mischen Licht beschienen wird. Auch Anspielung auf die
Arbeit m it einem Brennspiegel. Kupferstich um 1700.
Tod und W iedergeburt ist das zentrale Thema der alchim is
tischen Transm utation. Der Totenkopf, genannt Caput
m ortuum , steht sym bolisch für das nicht m ehr W andel
bare. Foto: O la f Rippe: aufgenom m en au f dem Sebastians
friedho f in Salzburg, einige M eter vom Grabm al des
Paracelsus entfernt. Foto: O laf Rippe.

sind dam it deutlich höhere Temperaturen gem eint.


Im M isthaufen kann es durchaus bis 70 Grad warm
werden; solche Temperaturen benötigt man vor
allem , um ölartige Substanzen auszuziehen.
Vor allem Ansätze in W ein werden oft geköchelt
(infundieren = 90 Grad Celsius, decocderen = 100
Grad Celsius), besonders wenn die Rezepte auf den
Stoffwechsel wirken sollen, also auf den W ärm epol
im M enschen (Ähnliches gilt für T eezubereitun
gen). Bei W einabkochungen kommt es weitgehend
zum Verdampfen des Alkohols. Paracelsus hat diese
Zubereitungsweise des Öfteren erwähnt, in der H il
degardm edizin ist sie ebenfalls sehr beliebt: W ein
ist eine hervorragende Trägersubstanz für die geist
artigen W irkkräfte einer Pflanze, er ist schließlich
selbst bereits eine Arznei und ein Lebenselixier.
Vor Gebrauch wird die T inktur filtriert (ein nor
m aler Kaffeefilter genügt) und der Pflanzenrück
stand ausgepresst; eventuell muss man mehrmals
filtern, dam it alle groben Schwebteilchen entfernt
sind. Die L agerung erfolgt in Braunglasflaschen.
Bei einem sehr hohen Alkoholgehalt verdünnt man
vor der Einnahme auf Trinkstärke m it Wasser.
W er sich etwas auskennt, kann natürlich auch
G emische von Pflanzen gemeinsam ausziehen. Dies
hat den Vorteil, dass es zu synergistischen Prozessen
kommt, die bei einer gelungenen Rezeptur durch
aus den G ütewert steigern.
Bei Paracelsus findet sich eine w eitere verfei
nerte M ethode der Anreicherung: Bei Pflanzen, die

sich über einen längeren Zeitraum zum Sammeln


eignen (z.B. Johanniskraut), em pfiehlt er, die T in k
tur nach jeder W oche abzufiltern und das Filtrat er
neut m it Kräutern anzufüllen; dies wiederholt man.
solange es frische Kräuter gibt. Die T inktur wird
auf diese W eise natürlich wesentlich gehaltvoller:
G leiches kann man übrigens auch bei der H erstel
lung von Kräuterölen tun.
X un ist aber T inktur nicht gleich T inktur, auch
wenn sie aus der Apotheke kommt. M it der homöo
pathischen L'rtinktur gibt es näm lich noch eine
weitere M öglichkeit einer gehaltvollen Arznei.
Sam uel Hahnemann schloss sich der M einung von
Paracelsus auch in Bezug auf das Ausgangsm aterial
einer Pflanze an: Zur H erstellung von Homöopathika ist das M erkurielle einer
Substanz wesent
lich und darf auf keinen Fall verloren gehen.
H ahnemann verwendete daher in der Hauptsache
Frischpflanzen zur H erstellung homöopathischer
L'rtinkturen, die man als solche im Sinne der Phy
totherapie verwendet oder zur w eiteren Potenzie
rung als Ausgangsstoff gebraucht. Auch die Aus
zugsdauer ist länger als bei T inkturen (ca. sieben
Tage).
Homöopathische L'rtinkturen sind teuer, doch
der hohe Preis ist gerechtfertigt, allein schon des
halb, weil man in der Regel nur geringe M engen für
einen therapeutischen Effekt benötigt. W enn man,
aus welchem Grund auch immer, sie nicht selbst
herstellen kann, sollte man diese Zubereitungsart
unbedingt bevorzugen.
»Die Reifling der Früchte ist die Kochkunst der
Xatur, also was die X atu r in sich hat. das kocht sie.
nnd wenn es gekocht ist. so ist die X atur vollkommen.
Wenn der A rzt also kochen kann, dem Inhalte der
oben genannten Philosophie und Astronomie entspre
chend. so ist er ein Arzt, über den man sich wahrhaft
und getrost freuen kann.« (Paracelsus 1/338)

Das Sal-Prinzip der Asche:


Die Kalzination

Der Pflanzenrückstand wird bei gewöhnlichen


T inkturen oder Extrakten praktisch im m er verwor
fen. Stellt man selbst eine T inktur her, dann könnte
man diesen Rückstand wenigstens kompostieren
Die Putrefaktion, der satur
nale Prozess der Faulung,
aargestellt als Rabe,
und die Destillation, der
m erkurielle Prozess der
Reinigung, bei dem venusische Kräfte frei werden,
dargestellt durch einen
Pfau. Aus dem A lchem ie
handbuch des Appenzeller
W undarztes Ulrich Ruosch
von Cam per und Hofmeier.

Die calcinatio, dargestellt


durch Würmer, die dem
Rückstand beim Veraschen
entweichen, und die
coagulatio, die Zugabe des
löslichen Salzes und die
Ausfällung des Unlöslichen
{Caput mortuum). Aus dem
Alchem iehandbuch des
Appenzeller W undarztes
Ulrich Ruosch von Cam per
und Hofmeier.

C altinaxe.

oder trocknen, um daraus eine Asche zu gewinnen.


Diesen Prozess nennt man Kalzination.
Die getrockneten K räuter kann man hierfür in
einer Pfanne über einer starken H itzequelle zu
Asche verbrennen - ein Cam pingkocher reicht
durchaus, Profis verwenden hierfür aber spezielle
Ofen. Es entw ickelt sich am Anfang ein stinkender,
dichter Rauch, daher sollte man diesen Arbeitsgang
am besten im Freien erledigen, wenn man nicht
unter Laborbedingungen arbeiten kann.
Nach einiger Zeit beginnt sich die Substanz
schwarz zu färben, schließlich wird sie weiß oder
doch zum indest hellgrau-bräunlich. Je w eißer die

Salze sind, desto w ertvoller sind sie für den Alchi


m isten. Die Veraschung erfordert hohe Tem peratu
ren, die aber 920 Grad Celsius nicht überschreiten
sollten (viele Firmen arbeiten nur zwischen 500 und
800 Grad Celsius); sonst besteht die Gefahr, dass die
Salze schmelzen und dam it unbrauchbar werden.
.Man erkennt die Schm elzung an dem bläulich-m e
tallischen Schim m er im Veraschungsgefäß.
Ist die Asche nicht weiß genug, kann man sie auswaschen. .Man übergießt die Salze m
it etwas destil
liertem W asser, das man bei sanfter W ärm e wieder
abdampfen lässt. W iederholt man diesen Vorgang
oft genug, wird die Asche im m er weißer, bis sie
schließlich den optim alen R einheitsgrad erreicht
hat. In dem weißen Pulver befinden sich nun lösli
che Teile - das Sal Salis (Salz des Salzes) - sowie das
U nlösliche, das man in der Alchim ie »C ap ut mortuum « (Totenkopf) nennt. Je nach
Rezeptur ver
w endet man das ganze Salz, meistens aber nur
w enig beziehungsweise nur den löslichen Teil.
X ach einer Zeit der Reifung wird man feststel
len, dass durch die Zugabe von Asche die T inktur
w eicher und runder schmeckt, was sich u.a. durch
die basische W irkung der Aschen erklärt und durch
die veränderte Oberflächenspannung.
In der Spagirik gibt es zum T hem a Asche kon
troverse M einungen. M anche Praktiker sind der
Ansicht, dass ohne Zugabe des Sal-Prinzips eine
spagirische Arznei unvollkommen bleiben würde.
Es gibt aber auch M einungen, die davon ausgehen,
dass der Zusatz des »G estorbenen« die .Arznei zu
sehr den Sal-Kräften unterwerfe, weshalb es besser
sei, darauf zu verzichten.
Bei Paracelsus findet man einige H inweise, die
für eine Verwendung der Asche sprechen. Bei der
Beschreibung des M agisterium s aus M elisse heißt es
beispielsweise: »Zerstoße sie klein zu M us. Gib dies
in ein Glas. Verschließe es m it Lehm des H ermes
und lasse es einen M onat im Pferdebauch digerie
ren (= M ist). Dann lasse es einen M onat im Sand
digerieren. Dann scheide das Reine vom U nreinen
(Filtration) und lege das Reine in ein Glas m it ge
löstem Salz (Aschezusatz). M ache es zu und lasse es
einen M onat in der Sonne stehen. Du findest dann
am Boden eine dicke Flüssigkeit und das Salz
schwebt darüber. Scheide dies voneinander und du
hast (...) das erste Ens der M elisse« (III/100).
Im seinem Buch Über die Scheidung der vegetabilen
Stoffe schreibt Paracelsus: »W enn aber die Dinge,
welche im D estillatorium unten liegen bleiben, kal
ziniert und zu Asche gebrannt werden, kann mit
warm em , einfachem W asser das Alkali von ihnen
ausgezogen und geschieden werden (W eißung der
Asche). Die Asche, die zurückbleibt, wird terra
mortua (tote Erde = Totenkopf) genannt, und von
ihr kann nichts m ehr geschieden w erden« (III/2 80).
M an findet aber auch Beschreibungen, in denen
er ähnliche Prozesse anders darstellt. .An einer
Stelle schreibt er, dass man die Kräuter in Brannt
wein ansetzen und einen M onat digerieren soll. Da
nach erfolgt eine schonende D estillation im M ari-

Zirkulation, Reifung und M ultiplikation, dargestellt als


Pelikan, der seine Jungen m it seinem Blut ernährt. Aus dem
Alchem iehandbuch des Appenzeller W undarztes Ulrich
Ruosch von Cam per und Hofmeier.

enbad. Das D estillat wird nun w ieder m it frischen


Kräutern angereichert. Dies tut man so lange, »bis
der Branntwein den vierten Teil vom Safte der
Kräuter erreicht. Dann destilliere durch den Peli
kan m it neuen Zugaben für einen M onat. Dann
scheide es und du hast das M agisterium « (11/57):
hier wird nun keine Asche erwähnt.
Folgendes Zitat zeigt, dass er die Asche eventuell
sogar ablehnte: »D ie spagyrische Kunst lehrt alles
Reine einer Substanz von dem L'nreinen der Sub
stanz zu scheiden. Denn die Kraft und X atur eines
jeden Dinges wirken, nicht die Substanz selbst.
Daher lehrt die Kunst, die Grade zu erhöhen. Wb
näm lich die N atur aufhört, beginnt der Spagyriker.
W enn das Reine von dem L'nreinen geschieden
wird, bleiben die Schlacken zurück und diese nüt
zen überhaupt nicht« (III/451).
Solche widersprüchlichen Aussagen findet man
bei Paracelsus öfter. Am besten ist, verschiedene
M öglichkeiten auszuprobieren und die Ergebnisse
zu vergleichen. V ö llig falsch wäre es, einen richti-
een und einen falschen W eg zu postulieren.
Schließlich lautet eine herm etische W eisheit: »A lle
W ahrheiten sind nur halbe W ah rh eiten .«

Die alkoholfreie Arznei

Auch wenn die W ege m anchmal etwas prim itiv er


scheinen, führen alkoholfreie Zubereitungen oft
mals zu ausgesprochen wirkungsvollen Präparaten.
M an verwendet sie vor allem , wenn man keinen A l
kohol zu sich nehmen darf oder w ill, und natürlich
für Kinder.
X ur an w enigen, aber zentralen Stellen findet
man bei Paracelsus den H inweis auf eine V errei
bung von Kräutern m it Zucker. Er wandte diese
H erstellungsm ethode beispielsweise für die Blätter
der Schwarzen X iesw urz an. Prinzipiell ist diese
simple, aber effektive M ethode bei allen Pflanzen
m öglich, sofern das A usgangsm aterial etwas Saft in
sich hat, den man m it Zucker mischen kann; g e
trocknete Pflanzen sind demnach ungeeignet.
M an sollte die V erreibung im m er erwägen, wenn
es sich um eine Pflanze m it instabilen W irkstoffen
handelt, die beim Trocknen schnell zerstört w er
den. Ideal für die ersten Versuche sind Bärlauch,
Basilikum, Brunnenkresse oder W egerich.
Die frischen Pflanzenteile werden zunächst so
klein wie m öglich geschnitten und in einem M örser
m it M ilchzucker zu einem Brei verrieben. Das
M engenverhältnis variiert je nach Feuchtigkeits
grad der Pflanze, das Ergebnis sollte breiig und
streichfähig sein. Den Pflanzenbrei verteilt man
dünn auf ein Backpapier und lässt ihn ohne Sonnen
einstrahlung langsam trocknen. X ach einigen
Tagen ist der Brei vollständig ausgehärtet und kann
zu Pulver verarbeitet werden; dieses bewahrt man in
einem verschließbaren Gefäß an einem trockenen
und dunklen Ort auf. Die Einnahme erfolgt pur
oder aufgelöst in Flüssigkeit.
Da Zucker konservierend wirkt, ist das Pulver
etwa ein Jah r haltbar, manchmal auch wesentlich
länger. Das Pulver schmeckt natürlich süß, aber
auch intensiv nach der Pflanze selbst - und dies
auch noch nach vielen M onaten, selbst wenn es sich
um sehr flüchtige W irkstoffe handelt. Zucker hat
einen starken Sal-C harakter und ist ein ideales Aus
zugsmedium für das Sulfurische eines Stoffs, also

Putrefaktion im Licht der Sonne, das über einen Spiegel au f


den Ansatz gelenkt wird. Handschrift, 17. Jahrhundert.

für alles, was m it dem G eschmack und dem Geruch


zu tun hat, während gleichzeitig das m erkurielle
W irkprinzip stabilisiert wird.
In der tibetischen M edizin gilt Zucker als » M e
dizinpferd«, das die A rzneiwirkung verstärkt und
auf dessen Rücken die H eilkraft in den Körper ge
tragen wird. Es ist also sehr wohl begründet, wenn
man vor allem in der H omöopathie als T rägersub
stanz M ilchzucker entweder als Pulver oder in
Form von G lobuli verwendet.
Das Köcheln von Kräutern in Zucker ist der
M ilchzuckerverreibung ganz ähnlich. H ierzu ver
flüssigt man den Zucker behutsam auf kleiner
Flamme und gibt Pflanzensaft hinzu, den man mit
der Zuckermasse verrührt. Anschließend lässt man
das Ganze auskristallisieren; hierzu kann man es
auch in Formen geben. Solches »L atw erg « erfreute
sich zu allen Zeiten großer B eliebtheit - der
M ensch ist eben nun einm al naschsüchtig.
Bereits in grauer Vorzeit gebrauchte man auch
den Auszug von Kräutern in erwärm tem H onig, der
ebenfalls ein M edizinpferd darstellt. X och heute
gibt es einige H andelspräparate, vor allem für Kin
der, beispielsweise die »X ervenn ah run g« von W ala,
ein Gemisch von K räutern und M ineralien zur all
gemeinen E nergetisierung, oder den Flechtenhonig
von W eleda bei Bronchitis. Auch Zubereitungen
von K räutern in erhitzter M ilch wurden von Para
celsus mehrmals erwähnt; sie eignen sich vor allem
zum Ausziehen fettlöslicher W irkstoffe.
W ässrige Zubereitungen, also K räutertees, spie
len bei Paracelsus keine große Rolle, umso mehr
dafür aber etw as ganz .Ähnliches, näm lich die Kräu
tersuppe. Inzwischen ist die Küche m it W ildkräu
tern zwar w ieder im Kommen, in alter Zeit - in der
man oft auch H unger leiden musste - war dies indes
die tägliche Speise. In puncto .M ineralien und V ita
mine sind die meisten essbaren W ildpflanzen, von
denen es H underte gibt, ohnehin jedem gezüchte
ten Gemüse überlegen. Statt sich über den Giersch
im G arten aufzuregen, der mal w ieder die Beete zu
wuchert, sollte man ihn deshalb kurzerhand einfach
in die Suppe schnippeln.
Ein bekanntes Beispiel für eine »K räutersuppenT h erap ie« ist die
Gründonnerstagssuppe aus neun
erlei W ildkräutern, die man noch heute traditionell
vor Ostern zubereitet. Im Prinzip sollte man aber
das ganze Jah r über W ildkräuter zu sich nehmen.
Am Jahresanfang sind es mehr junge Blätter, aber
auch Blüten, später dann auch W urzelgem üse wie
Pastinak.
Die Kochkunst wird nicht ohne Grund als hohe
Schule der .Alchimie bezeichnet: Schließlich finden
sich säm tliche Schritte vom Ablöschen über das
Dünsten und Gären bis zum Rösten und Schmoren
auch im Labor bei der H eilm ittelherstellung w ie
der. Bei den meisten Verfahren spielt das Feuer eine
große Rolle: Paracelsus sprach sogar davon, dass
eine Arznei nur durch das Feuer geboren werden
könne (1/395). N atürlich kann man Pflanzen auch
roh zu sich nehmen, wobei die meisten H eilkräuter
eher unbeköm m lich sind und auch unangenehm
schm ecken.24 Ein Arcanum ist eine rohe Pflanze
aber auf keinen Fall, darüber muss man sich im Kla
ren sein.
W enn man ein Rohkostfan ist, sollte man die
Pflanzen im m er gründlich einspeicheln, da die im
Speichel enthaltenen Enzvme eine Ferm entierung
begünstigen und dam it die L'm wandlung der Sub
stanz im Sinne der .Alchimie fördern. O hnehin hat
sich gezeigt, dass man die meisten Arzneien im m er
lange Zeit im M und behalten sollte, dam it eine aus
reichende Ferm entation und Resorption durch das
Einspeicheln stattfinden kann; außerdem kommt es
nur auf diese W eise zu einer reflektorischen .Anre
gung der Yerdauungsdrüsen. Im Z eitalter der dünn
darm löslichen G elatinekapseln kann man dies lei
der nicht mehr als bekannt voraussetzen.

24 F rischpresssäfte. die m an heute in R eform häusern kaufen


kann, eignen sich auch als alk oho lfreie A rznei.

S o n n e n d e s t illa t nach B ru n sc h w y ck

Im D estillationsbuch von H ieronym us Brun


schwyck finden sich zahlreiche Rezepte für Pflan
zenwässer, die man u.a. durch D estillation an
der Sonne gewinnt. Die H erstellung erfolgt ohne
jede Zusätze - das heißt also, dass nur die Feuch
tigkeit aus den frischen Pflanzen gezogen wird,
ohne vorherige G ärung oder Reife. Die W ässer
sind sehr rein und riechen oft sehr gut.
Zwei (Rund-)Kolben werden hierzu ineinander
gesteckt; im oberen Kolben befinden sich über
einem Sieb die zerkleinerten frischen Pflanzen
m aterialien (sonst nichts!). Diese Konstruktion
wird »an die Sonn/wenn und an welchem Oft
sie am aller heisten scheinet« (H. Brunschwyck,
1610/1963) gestellt. H ierdurch zieht man die
Feuchtigkeit, die sich im unteren Kolben sammelt,
aus dem M aterial.
Statt der Sonne eignet sich auch m ilde W ärm e
wie das .Marienbad. Durch die schonende Er
wärm ung schwitzen die Pflanzen langsam ihre
Feuchtigkeit aus. Diesen Vorgang muss man pein
lich genau beobachten. Sobald die Kräuter an
fangen zu trocknen, ist die W ärm equelle zu entfer
nen. Bleiben die Kräuter zu lange auf dem Feuer,
besteht die Gefahr, dass sich ein »b ren zliger«
Geschmack entwickelt. In diesem Falle ist das
Präparat kaum mehr zu retten.
Bei kühler und dunkler L agerung sind Pflanzen
wässer laut Brunschwyck durchschnittlich ein
Jah r haltbar. W erden sie in dieser Z eit nicht ver
wendet. so lässt sich die H altbarkeit durch erneute
D estillation oder Rektifikation m ittels Zirkulation
verlängern.

Die R h y th m is ie ru n g

Eine der vielen M öglichkeiten, alkoholfrei zu


arbeiten, ist die H erstellung von wässrigen
Auszügen, wie sie die Firma W ala praktiziert. Als
Lösungsm ittel wird destilliertes Q uellwasser
verwendet, da .Alkohol nach den Vorstellungen
von Rudolf Steiner m um ifizierend w irkt und der
Pflanze etwas Fremdes hinzufügt, was zu ver
meiden ist. Der Ansatz der zerkleinerten Frisch
pflanzen erfolgt ausschließlich in (destilliertem )
Q uellwasser ohne Zusatzstoffe. N orm alerweise
würde es nach einer leichten m ilchsauren G ärung
durch die Pflanzenhefen bald zu einer alkalischen
Fäulnis kommen, die jeder kennt, der schon
einmal Brennnesseljauche hergestellt hat.
Um dies zu verhindern, hat man nach jahre
langer Forschung ein spezielles Verfahren ent
wickelt: die Rhythm isierung. Licht - D unkelheit,
W ärm e - Kälte und Bewegung - Ruhe bilden die
drei G rundpolaritäten der N atur und die G rund
lage für die Transm utation. Die R hythm isierung
beginnt am ersten Abend nach dem Sam m eln der
Kräuter. Eine Stunde vor und eine Stunde nach
Sonnenunter- bzw. -aufgang wird die »G rundsub
stanz« in einen »L ich th o f« gestellt. Dabei wird
sie auf 4 Grad (an diesem Punkt ist die D ichte von
W asser am größten) abgekühlt und rhythm isch
spiralförm ig bewegt. Den Rest des Tages verbleibt
die Grundsubstanz vom L icht abgeschirm t und
in Ruhe; dabei wird sie auf konstant 37 Grad C e l
sius erwärm t (physiologische K örpertem peratur).
Die Rhythm isierung wird sieben Tage lang
durchgeführt. N ach dreieinhalb Tagen wird filtriert
und der Rückstand getrocknet, während das
F iltrat w eiter rhythm isiert wird - allerdings ohne
W ärm erhythm us.
D er Rückstand wird nach dem Trocknen ver
ascht (K alzination) und die Asche nach der W oche
R hythm isierung so w eit m öglich im Filtrat gelöst.
Danach ruht die T inktur in der Regel ein Jahr.
Das Ergebnis sind völlig stabile, w ässrige Aus
züge aus Pflanzen, was nach heutigem chemischem
W issen nicht erklärbar ist. Durch den rhythm i
schen H erstellungsprozess kommt es alchim istisch
zu einer Anreicherung von M erkur und zu einer
O rientierung der Arznei auf das rhythm ische
System . Die »G rundsubstanzen« werden aus
schließlich zur H erstellung von potenzierten Prä
paraten verwendet.
Auch in der Firma W eleda werden einige
Pflanzen rhythm isiert, allerdings auf eine etwas an
dere W eise. Im L'nterschied zur W ala verwendet
man nur den abgepressten Pflanzensaft. Das
Präparat wird zudem morgens auf 37 Grad erwärm t
und erst am Abend auf 4 Grad abgekühlt; tagsüber
und nachts behält man die entsprechenden Tempe
raturen bei. D er Rückstand wird nicht verwendet,

daher erfolgt auch kein Aschezusatz. Der Z eitrah


men ist nicht festgelegt, sondern wird dem jew eili
gen Gärprozess angepasst, der bei jeder Pflanze
anders verläuft. W ich tig ist bei der Rhythm isierung
also vor allem die Beachtung der Polaritäten und
nicht das detaillierte \ orgehen.

» Die Destillation hat bei den Alchemisten stets die


Bedeutung von Verfeinerung und Vergeistigung
durch Extraktion der volatilen Substanz, eben des
spiritus, aus dem unvollkommenen oder unreinen
Körper. Dieser Vorgang wurde zugleich physisch
und psychisch erlebt. (...) Durch die tausendfache
Destillation erhoffte man sich ein besonders >feines<
Endresultat.« (C. G. Jung. 2001)

Die Kunst der D estillation

In der Antike verwendete man vor allem W ein. Bier


und M et zur H erstellung von Arzneim itteln. H och
prozentigen Alkohol kennt man wahrscheinlich erst
seit knapp 1000 Jahren, und es ist schon fast eine
Ironie der G eschichte, dass man .Alkohol in arabi
schen Ländern entdeckte, wo er heute nicht gerade
w ohlgelitten ist.
Archäologische Funde konnten allerdings bestä
tigen. dass die D estillation und dam it wohl auch die
Alkoholgewinnung mindestens 5000 Jah re alt ist.
Im M useum in Taxila in N ordpakistan stehen Expo
nate aus Terrakotta, die eindeutig der D estillation
dienten (Rovesd/Fischer-Rizzi, 1995). Die arabi
schen .Alchimisten hatten also nur ein uraltes G e
heimnis wiederentdeckt.
Jede G ewinnung von .Alkohol ist ein alchim isti
scher Prozess, bei dem die G ärung eine wichtige
Rolle spielt (andere Begriffe für G ärung sind Fer
m entation oder Putrefaktion). Alkohol ist brennbar
und flüchtig und w irkt konservierend, und er ist
somit ein perfektes Beispiel für das Zusammenspiel
der drei Prinzipien Sulfur, M erkur und Sal. W egen
seiner Eigenschaften gilt .Alkohol als das beste M e
dium, um den Pflanzengeist zu extrahieren.
Gewöhnlich benutzt man zum Ausziehen Alko
hol, den man durch D estillation von Korn, Kartof
feln oder Früchten (vor allem W ein) gewonnen hat.
Es gibt aber auch M ethoden, durch die man den
Destillationsapparat aus Das Destillierbuch von Hieronym us
Brunschwyck, 1532.

Alkohol direkt aus dem Pflanzenansatz durch G ä


rung gewinnt.
Die alkoholische G ärung wird m eist absichtsvoll
in G ang gesetzt, indem man Hefe und Zucker
einem Brei aus W asser und Frischpflanzen zugibt.
H eutzutage sind eine Vielzahl sogenannter Reinzuchthefen im H andel, wie sie bei
der H erstellung
von W einen verwendet werden. Der Gebrauch von
Bierhefe ist ebenso m öglich. Für eine optim ale G ä
rung benötigt man m eistens noch eine Starthilfe in
Form spezieller M ineralstoffm ischungen, die man
auch zur W einherstellung verwendet, oder Säuren
(z.B. M ilchsäure).
N ach dem M ischen verschließt man den G ärbe
hälter m it einem G ärröhrchen; alternativ ist auch
W atte geeignet (der G ärballon darf übrigens nie
vollkommen verschlossen sein, sonst besteht die
Gefahr, dass er infolge der Kohlendioxidbildung
platzt). D er Ansatz benötigt eine Tem peratur von
etwa 20 bis 22 Grad, um optimal gären zu können.
Ein ruhiger Ort und eine gleichm äßige Temperatur
sorgen für einen ungestörten Gärprozess.
Die G ärung dauert nicht im m er gleich lang, je
nach Pflanze zwischen einigen Tagen und einigen
W ochen. Kurze Z eit nach dem Ansatz beginnt die
M aische zu gären, Kohlensäureblasen steigen auf,
und die gesamte Flüssigkeit wird »leb en d ig«. Ein
abgeschlossener Gärprozess lässt sich daran erken
nen, dass sich die D ynam ik verringert.

Ist die G ärung beendet, enthält die Flüssigkeit


maximal ca. 16 Volum enprozent .Alkohol - ein hö
herer G ehalt ist durch herköm m liche V ergärung
nicht erreichbar, sondern nur durch anschließende
D estillation. H ierzu gibt man entweder den Pflan
zenbrei, so wie er ist, in einen Kolben, oder man
filtriert zunächst und arbeitet nur m it dem Filtrat
weiter. Zahlreiche Pharm afirm en verwenden zur
H erstellung ihrer spagirischen Essenzen im Prinzip
solche Gärverfahren, diese sind aber zur spagiri
schen .Arbeit nicht unbedingt erforderlich. Paracel
sus scheint jedenfalls darauf verzichtet zu haben; er
benutzte vor allem Branntwein zur Bearbeitung von
Kräutern.
Durch die D estillation gew innt man die Essenz
bzw. die Quintessenz einer Pflanze; auch die Be
zeichnung Essenz (esse = sein) soll übrigens von Pa
racelsus stammen (W. Dressendörfer, 2003). Ein
w esentlicher U nterschied zu T inkturen ist die ge
ringe Färbung, auch der Geschmack ist anders, vor
allem aromatisch und nicht herb oder zusammen
ziehend. Dies liegt daran, dass bei der D estillation
vor allem flüchtige Aromastoffe übergehen und we
niger sulfurische G eschm acksträger und färbende

M ichael Schmid beim Zubereiten eines Gäransatzes


aus frischer M elisse im Garten der Firma Soluna. Foto:
O laf Rippe.
Stoffe. W ich tig ist auch, dass toxische Stoffe wie A l
kaloide nicht destillierbar sind, weshalb Essenzen
meistens ungiftig sind - was ja eine der wichtigsten
Forderungen des Paracelsus an ein Arcanum war.
Dies bedeutet aber auch, dass reine D estillate für
eine stofforientierte T herapie eher ungeeignet sind.
M an kann sie jedoch ohne Probleme m it T inkturen
mischen, so dass man gleichzeitig auf verschiedenen
Ebenen therapieren kann.
In Lehrbüchern der Pharm azie liest man, dass
die Destillation (lat. destillare, »herabträufeln«) einen
Vorgang bezeichnet, bei dem ein flüssiger Stoff
durch W ärm ezufuhr zunächst verdampft und an
schließend der entstandene Dampf an anderer
Stelle abkühlt und dadurch w ieder zur Flüssigkeit
verdichtet w ird .« N ichts anderes m einte Hermes
Trismegistos, wenn er davon sprach, dass man das
Feinstoffliche vom Groben trennen solle: »E s stei
get auf und fallet hernieder« - dam it ist eindeutig
die D estillation beschrieben. Paracelsus nannte
diese alchimistische M ethode daher auch die »Sch ei
dekunst«.
Das W esen dieser D estillation ist nicht nur die
Abscheidung des Feinen vom Groben wie bei einer
Filtration, sondern eine A nreicherung der merkuriellen H eilkräfte. W enn man die
vielfältigen .An
weisungen aus alter Z eit betrachtet, kann man auch
verm uten, dass durch die D estillation eine D ynam i
sierung ähnlich einer homöopathischen Potenzie
rung erfolgt - wobei man sich hüten sollte, beide
W ege als identisch zu sehen: Ein D estillat ist kein
Homöopathikum , auch kann man die .Arzneimittel
bilder nicht auf D estillate übertragen. Es m ag Ähn
lichkeiten geben und LTberschneidungen, aber nicht
mehr. In unseren Augen ist die Essenz ein dritter
W'eg, der sowohl Bezüge zur H omöopathie als auch
zur Phytotherapie hat.
Es gibt verschiedene Arten der D estillation,
wobei manche auch ohne direktes Feuer auskomm en. Im mer w ieder sieht man auch D
arstellungen,
in denen das Sonnenlicht über einen Spiegel auf
den .Ansatz gelenkt wird. Dies kann zwei Bedeutun
gen haben: Zum einen ist die N utzung des indirek
ten Sonnenlichts zur Erwärm ung gem eint, zum an
deren. dass man nur im M ondlicht arbeiten soll,
also nachts und ohne W ärm e, aber m it Lichtein
strahlung. Der Alchim ist Johann Friedrich Böttger
(1682-1719) benutzte bereits H ohlspiegel, um das

Ilaatnfrfcbnoci?

®a0buocl? Der rechten huntt 50tufhlieren vnt>

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Titelseite aus Das Destillierbuch des Hieronym us


Brunschwyck von 1532.

Licht auf den Ansatz zu lenken, was bei Sonnenlicht


zu extremen H itzegraden führen kann.
Eine andere .Methode, die man auch bei Paracel
sus findet, ist die D estillation in Rossmist (destillatio
per fmiuvi eqtiininn), wobei dieses Verfahren eher
eine spezielle Form der Putrefaktion darstellt. In
Rossmist herrscht eine sehr hohe konstante Tempe
ratur von bis zu 70 Grad. W enn man einen gut ver
schlossenen .Ansatz hineinstellt, wird er praktisch
auf Sparflamme geköchelt. Ständig steigen Dämpfe
auf und tropfen als Kondensat w ieder hinab, es ent
steht also eine Z irkulation, die m it der Zeit zur
Läuterung der Substanz führt. Alchim isten ließen
ihre Ansätze oft m onatelang im M ist vor sich hin
»fau len «. Entweder filtrierte man danach ab, oder
man trennte durch eine aufsteigende D estillation
ab.
Paracelsus empfahl das Faulen im M ist z.B. für
die Schwarze N ieswurz (H elleborus niger): »D am it
das Kraut in einem Balsam gebracht werde, muss es
in seinem eigenen W asser in warmem M iste faulen.
Es muss gut verschlossen und versiegelt sein. Dann
sollen das Feuchte und das Verfaulte voneinander
geschieden werden (= Filtration) und als ein beson
derer Körper aufgehoben werden. (...) Noch höher
ist die Essentia, wenn die Arbeit m it neuem Zusatz
eines neuen Krauts w iederholt w ird « (III/499). M an
gibt also neues Kraut ins Filtrat und w iederholt die
Prozedur. L eider ist nicht ersichtlich, ob Paracelsus
diese Faulung vor der Zuckerverreibung durchfiihrte, die er an anderer Stelle für N
iesw urzblätter
angab. Dies wäre zu untersuchen, denn es ist durch
aus denkbar, dass die toxischen Stoffe nach der Fau
lung in M ist w esentlich schwächer wirken. Bei Ei
genexperim enten em pfiehlt es sich übrigens, eine
Schnur am Gefäß zu befestigen - man w ill ja nicht
auf der Suche nach seinem Ansatz den ganzen M ist
durchwühlen müssen.
Für die klassische D estillation benötigt man stär
kere H itzequellen als M ist. An einer Stelle führte
Paracelsus vier Grade auf. m it denen man in Pflan
zenalchim ie arbeiten sollte: »Bei der D estillation
sollen und müssen auch vier verschiedene Grade
des Feuers betrachtet werden. Der erste Grad des
Feuers bei der D estillation ist Balneum M ariae, das
ist die D estillation im Wasser. Der zweite Grad des
Feuers ist die D estillation in der Asche. Der dritte
Grad des Feuers ist die D estillation im Sand, der
vierte Grad des Feuers ist die D estillation in freiem
F euer« (III/279). Die Auflistung beginnt m it dem
sanftesten H itzegrad und steigert sich dann. Der
erste Grad wird angewendet für »K räuter, Samen
und Blumen und d g l.«, der zweite für »das Laub,
die Blätter und Früchte etc.«, der dritte für »die
W urzeln, Aste und Schößlinge der B äum e«, der
vierte schließlich für »das Holz und seinesgleichen«

M ultiplikationsprozesse, wie man sie auch


in der H om öopathie kennt. Aus M utus über,
1702.

(III/279). Je nach Em pfindlichkeit des zu verarbei


tenden M aterials wird also eine andere Temperatur
gewählt.
Auf den Begriff M arienbad (balneum Marine)
stößt man in alten Büchern sehr häufig. Es ist die
D estillation im W asserbad. Dabei gibt man den
Kolben, in dem sich der Ansatz befindet, in einen
Topf m it Wasser, den man bis knapp unter den Sie
depunkt erhitzt. Der Kolben muss sehr stabil in die
sem Bad befestigt sein, dam it er nicht durch die Dy
nam ik des sich erwärm enden W assers umgeworfen
wird. Diese Form der D estillation behandelt dank
der geringen H itze das M aterial sehr sanft, der Pro
zess läuft langsam und schonend ab.
Bei der D estillation im Aschenbad (destillatio
per eitleres) befindet sich der Kolben in gereinigter
Asche statt in Wasser. Den Kolben versenkt man so
tief, bis die Asche den Rand des Pflanzenm aterials
erreicht. Die H itze überträgt sich gleichm äßig und
stärker als beim gewöhnlichen M arienbad.
Bei der D estillation im Sandbad (destillatio per
arena) ist die H itzeübertragung bereits so groß, dass
die Gefahr besteht, dass das zu destillierende M ate
rial bald anbrennt. Es ist aber dennoch leichter zu
regulieren als das »rein e F euer«. In der Firma So
luna benutzt man das Sandbad auch für die D estilla
tion von Antimon.
Die größte H itze erhält man bei der Arbeit auf
offenem Feuer, z.B. einer Gasflamme (destillatio per
ignem). Bei dieser Form der D estillation steht der
Kolben direkt im Feuer. Dieses sehr heiße Vorge
hen erfordert Erfahrung und L'm sicht - bekannt
lich ist m it dem Feuergeist nicht zu spaßen. Man
benötigt es beispielsweise bei der D estillation von
Säuren.
»(...) dies ist die Eigentümlichkeit unserer (ver
geistigten) Heilmittel, in welche die Substanzen so
eingefiihrt werden, dass der eine, erste Teil von
ihr 10 Teile des unvollkommenen Körpers berührt,
dann 100, drittens 1000, viertens 10000, und so ein
Fortschreiten bis ins Unendliche geschieht.« (Hermes
Trismegistos: »Tractatus aureum«, gedruckt in der

Ars chem ica, 1566, zit. n. Willem Daems, 2001.


Die Parallelen zur Homöopathie sind mehr als nur
ein Zufall.)

Der Pflanzengeist

U nter »G e ist« versteht man in diesem Zusam m en


hang ein destilliertes Alkohol-W asser-G em isch.
Die einfachste Z ubereitung wäre demnach eine
Tinktur, die m it H ilfe der D estillation zum G eist
verwandelt wird. Aus den X am en der Spirituosen,
die sich heutzutage im H andel befinden, lässt sich
die Art der Z ubereitung erkennen. So sind H im beer-, Schlehen-, aber auch .M
elissengeist aus T in k
turen hergestellt. Im Gegensatz hierzu werden
Kirschwasser, Zwetschgenwasser und .Ähnliches vor
der D estillation einer G ärung unterworfen (siehe
oben).
Entschließt man sich zur H erstellung eines G eis
tes, muss man also zunächst eine Pflanzentinktur
herstellen. W enn man Erfahrung im M ischen von
Kräutern hat, kann man auch m ehrere Pflanzen ge
meinsam oder in einzelnen Fraktionen ansetzen. Je
nach U m fang der Rezepturbestandteile em pfiehlt
sich aber eine Trennung der E inzelteile. Bei der
H erstellung eines M elissengeistes könnte man z.B.
die M elisse zunächst allein digerieren (reifen) las
sen. Die begleitenden Ingredienzien wie Engel
wurz. Ingwer, .Alant wären dann die zweite Frak
tion, die Gewürze wie X elken, Zimt oder M uskat
die dritte. Dieses Vorgehen ist em pfehlenswert,
da man die Inhaltstoffe der einzelnen Pflanzen mit
unterschiedlichen Konzentrationen eines AlkoholW asser-G em isches besonders
optimal ausziehen
kann. Vor der D estillation werden dann die Einzel
mischungen zusam mengegeben.
Eine Erhöhung kann ein solches Präparat durch
Zugabe entsprechender M ineralien erfahren, die
einen Synergism us zu den Pflanzenteilen bilden.
M ineralien sollte man alchim istisch vorbehandeln,

In der Firma Soluna w ird der Filtrationsrückstand m it


O uellw asser versetzt und abdestilliert. Das gewonnene
Destillat dient als Basis für einen neuen Ansatz von
Kräutern. Foto: Soluna.

also in ein flüssiges M edium überführen, wozu man


in der Regel Säuren und Ähnliches gebraucht; ein
Beispiel wäre ein goldhaltiges Lebenselixier wie
Aquavit (Soluna). W enn man M ineralien nicht in
ein flüssiges M edium überführt hat, sind sie zwar
rein chemisch gesehen nicht für eine nachweisbare
Veränderung des D estillats verantwortlich, weil ja
nichts übergehen kann, jedoch geht ihr W esen - ihr
Geist - m it in die M ischung ein.
Die vorbereitete Flüssigkeit kann man jetzt der
D estillation unterziehen, indem man sie in einen
Kolben gibt (Siedesteine: ' nicht vergessen). M o
derne D estillationsanlagen benutzen meistens
H eizhauben, die in der Regel stufenlos verstellbar
sind und einen runden Kolben etwa zur H älfte um
schließen. Dennoch ist es auch heute noch interes
sant, mit den oben angeführten M aterialien zu ar
beiten. Vorstellbar ist ein m it Wasser, Ol, Sand oder
Asche gefüllter Topf, in dem sich der Kolben mit
dem Ausgangsm aterial befindet und den man auf
einer H itzequelle, z.B. einer Gasflamme, erhitzt.
Auch ein Arbeiten m it einem Bunsenbrenner oder
25 Durch die extrem g latte O berfläche des verw endeten Spezi
alglases können sich die »L u ftb läsch en « kaum an der G efäß
oberfläche sam m eln, w ie das etw a bei Kochtöpfen der Fall ist.
Es kom m t zum sogenannten Siedeverzu g, dabei kann die ganze
A nlage explodieren. U m dies zu verm eiden, gib t man poröse,
kieseläh n lich e Steine m it gro ßer O berfläche zum A usgangsm a
terial (insbesondere wenn es sich um rein e F lüssigkeiten ohne
w eitere .M aterialien w ie etw a Pflanzen handelt). A lchim istische
D enkansätze erlauben auch die V erw endung von E delsteinen
oder anderen Stoffen, deren G eist so in die R ezeptu r ein ge
bracht w ird. D abei ist d arau f zu achten, dass die O berfläche die
ser Stoffe m eist k lein er ist als bei speziellen Siedesteinen (also
even tuell m ehr davon verw enden!).
sogar speziell verfertigten Öfen ist denkbar. Bei der
Arbeit m it elektrischen G eräten entstehen im m er
elektrische Felder, die viele Alchim isten als störend
empfinden - diese Sorge hatte Paracelsus nicht.
Ü blicherw eise bestehen die Gefäße aus Borosili
katglas (häufig »D u ran «), einem speziell gefertigten
Glas, das besonders hitzestabil ist. In Schnapsbren
nereien wird des Öfteren auch Kupfer eingesetzt.
Diese B ehälter sind m eist auf große M engen ausge
richtet (200 bis 500 L iter). M anchm al werden aber
auch kleine, durchaus funktionstüchtige Anlagen
zur Zierde verkauft. Besonders in Ö sterreich, wo
die Schnapsbrennerei nicht so engen gesetzlichen
Bedingungen unterliegt wie etwa in D eutschland,
lassen sich solche Schmuckstücke erwerben. Bei der
Verwendung von Kupfer ist allerdings dessen G if
tigkeit nicht zu unterschätzen. Deshalb sind die
Auffanggefäße in der Regel verzinnt. Da das Kupfer
durch die D estillation nicht übergeht, ist das beim
Ausgangsgefäß nicht erforderlich.
M an erhitzt auf jeden Fall im m er schonend, also
langsam , bis der Alkohol, der einen geringeren Sie
depunkt hat als Wasser, aufsteigt. Für eine stärkere
Trennung verwendet man »Fraktionierkolonnen« das sind G lasrohre, in denen
Einstanzungen oder
G lasstücke eine veränderte O berfläche bewirken, so
dass nicht alles sofort in Dampf übergeführt wird,
sondern es im m er w ieder zu einer Zirkulation
kommt: Ähnlich wie im Kochtopf tropft im m er w ie
der etwas zurück.
L'm das verdampfte M aterial niederzuschlagen,
benötigt man auf jeden Fall ein Tem peraturgefälle.
L'ber eine Brücke wird der Dampf in den Kühler
eingeleitet, bei dem am oberen Ende größere H itze
herrscht als am unteren Ende. Bei Soluna ist die
Anlage so gebaut, dass die Kondensation nur durch
Luftkühlung m öglich ist - die Anlage ist daher ent
sprechend lang. L'blicherweise erzeugt man den
Tem peraturunterschied durch eine L’ m m antelung
des Kühlers; durch sie lässt man kaltes W'asser strö
men, das am oberen Ende eingeleitet wird - am ef
fektivsten sind hier Schlangenkühler. Auf diese
W eise kann man die Anlage in die Höhe bauen, be
nötigt also w enig Platz und kann außerdem schnel
ler arbeiten.
Bei der D estillation eines Alkoholgem isches egal ob T inktur oder M aische -
bestehen die ersten
Tropfen, die übergehen und kondensieren, aus M e

thanol. Diese Flüssigkeit ist giftig, riecht stark


brenzlig und wird in der R egel verworfen. Nach
diesem »V orlauf« beginnt der trinkbare Alkohol.
Äthanol, überzugehen. X ach Ü bergang dieser
Fraktion kommt schließlich der N achlauf - im Fall
einer T inktur sind dies vor allem schwere Alkohole
(Propanol, Butanol usw.), die ebenfalls durchaus to
xisch sind. Die meisten Aromastoffe gehen m it der
Hauptfraktion ins D estillat über. Besonders leicht
flüchtige Stoffe wie ätherische Öle befinden sich
natürlich auch bereits zum Teil im Vorlauf. Es emp
fiehlt sich also, bei der Trennung der einzelnen
Fraktionen sehr vorsichtig und genau vorzugehen.
Ein Beispiel für die m ögliche G iftigkeit des Vor
laufs ist die D estillation von W erm ut. Er enthält
M ethanol und das giftige Thujon, das in konzen
trierter Form zu lähm ungsartigen Erscheinungen
führen kann. Bereits eine geringe M enge genügt für
eine handfeste Vergiftung.
M it Abschluss des D estillationsvorgangs ist die
Bereitung des Produkts jedoch noch nicht beendet.
N un folgt die Reifezeit. Bei der Schnapsherstellung
führt man die Reifeperiode in einem nur zur Hälfte
gefüllten Ballon bei Z im m ertem peratur durch. Die
Oxidation bewirkt im Laufe der Z eit ein »V erbei
ßen« der Aromastoffe m it dem Träger, also dem A l
kohol. H at man Vor- und N achlauf abgetrennt, ist
dieser Alkohol sehr konzentriert und muss noch auf
T rinkstärke verdünnt werden. M eist geschieht dies
schon vor der Reife. Gutes Q uellwasser ist oft bes
ser als destilliertes W asser und sorgt für einen run
den und ausgewogenen Geschmack.
Ob man nun den getrockneten Rückstand ver
ascht und dem D estillat zusetzt ist Geschmackssa
che. H ierzu gibt es viele M einungen, die man am
besten durch eigene Experimente überprüft. N atür
lich kann man den D estillationsprozess nach eige
nen Vorstellungen variieren. D enkbar wäre bei
spielsweise, dass man das D estillat w ieder zum
Ansatz dazugibt und erneut destilliert - diesen Vor
gang bezeichnet man als Kohobadon; er wird häufig
m ehrm als durchgeführt, weil man davon ausgeht,
das sich hierdurch die Quintessenz anreichert. Bei
Paracelsus liest man beispielsweise bei H erstellung
einer Kamillenessenz: »D ie Flüssigkeit wird herge
stellt, wenn man Kam illen zu einem W asser brennt,
das W asser m it den Blüten anfüllt und dann wieder
d estilliert« (III/556).
Einig e H ersteller s p a g iris ch e r H e ilm itte l

A urora Pharma (A ffoltem am Albis, CH)

Die kosm ischen Kräfte und die Dreigliedrigkeit beim


alchim istischen Prozess. Die sieben Planetenprinzipien sind
als Blumen au f der Erde und als Tropfen oder Sperma im
H im m el dargestellt. Die drei Lichter Sonne, M ond und
Saturn spiegeln sich in denTria Principia wider. A u f der
Erde ist das Sal als Würfel, dann fo lg t M erkur und schließ
lich Sulfur m it dem legendären Phönix, Symbol fü r die
U m w andlung eines Stoffs zur Arznei. Recueil de manusrits
chymiques, um 1760.

Es ist auch vorstellbar, dass man das D estillat als


Vorstufe für ein neues Präparat verwendet, indem
man es zum Ansetzen von T inkturen verwendet.
D er Fantasie sind eigentlich keine Grenzen gesetzt.
M it den beschriebenen M aßnahm en lassen sich
hochwertige Arzneien herstellen, aber auch äußerst
wohlschm eckende G enussm ittel.
D ie hier aufgeführten O perationen machen je
doch keineswegs die gesam te alchim istische Arznei
m ittelherstellung aus. Beim Studium alter Schriften
stellt man fest, dass es scheinbar unendlich viele
M öglichkeiten gibt. Die H erstellung einer spagirischen Pflanzenessenz ist dabei
wohl noch der ein
fachste Teil.

Die Firma stellt spagirische Essenzen nach


folgendem Prinzip her:
• G ewinnung der ätherischen Öle durch W asserdam pfdestillation.
• D er Rückstand wird m it Hefe und Zucker einer
G ärung unterzogen (Putrefaktion).
• D estillation des G äransatzes (separatio = T ren
nung), bei der man den Alkohol vom Pflanzen
saft (G ärflüssigkeit) und dem Pflanzenkörper
(Gärrückstand) abtrennt. Aus dem D estillations
prozess gewinnt man verschiedene Fraktionen
(alkoholisch, wässrig, sauer-wässrig, sauer),
die man voneinander scheidet; sie entsprechen
den vier Elementen. Die einzelnen Fraktionen
werden durch weitere D estillationen gereinigt
(purificatio), je nach E lem entencharakter un ter
schiedlich oft; bei der sauren Phase (= Erde)
auch unter Vakuum; bei der alkoholischen
Fraktion, die dem Elem ent Feuer entspricht,
erfolgen mindestens drei Kohobationen. Die
gereinigten Fraktionen werden nunm ehr wieder
vereint (= Archeus; T räger der geistartigen
W irkkräfte).
• Die Rückstände aus der Gärphase (Pflanzen
körper) und der D estillation (eingedickter
Pflanzensaft) werden verascht, um die Salze ab
zutrennen. Aus dem Saft gew innt man das
Salz des Sulfurs, aus dem Körper das Salz vom
Salz. Die Salze werden ausgewaschen, um das
unlösliche (Caput m ortuum) vom löslichen Salz
zu trennen, und bei 1150 Grad reinkalziniert.
• N un erfolgt die V ereinigung (conjurctio), die
»chvm ische H ochzeit«, indem man das ätheri
sche Öl, das D estillat und das Salz vorsichtig
vereint.
• N ach der V ereinigung erfolgt eine Zirkulation
in gem äßigter H itze, ähnlich der im M isthaufen.
• N ach einer obligatorischen Reifephase kann
die Q uintessenz zur T herapie eingesetzt w er
den. Das Endprodukt stellt die U rtinktur ohne
weitere Potenzierung dar.
Die Firm a stellt auch einige M ineralien und
Edelsteine auf spagirischem W ege her, z.B. Arne-
Zirkulationsprozesse zur Anreicherung der Q uintessenz
in der Firma Aurora Pharm a. Foto: M onika Perselli.

thyst, Antimon, Bergkristall, Chalzedon, Gold,


Opal, Rosenquarz, Silber, Sm aragd und Tartarus.
Es werden auch diverse Kom plexm ittel angefertigt.

Pekana-N aturheilm ittel (Kisslegg/Allgäu, D)


Frischpflanzen werden m it H efe, Zucker und
W asser vergoren. X ach der Gärphase erfolgt eine
mehrfache Filtration. D er Rückstand wird verascht
(bei 900 Grad Celsius) und im Filtrat gelöst. X ach
einer Reifung erfolgt nochmals eine Filtration
und die V ereinigung m it H omöopathika zu .Misch
rezepten.

Phönix Laboratorium (Bondorf, D)


D erT heosoph Conrad Johann G lückselig (1864
bis 1934). der auch Rudolf Steiner gut kannte,
arbeitete Anfang des 20. Jahrhunderts einige
Jah re m it .Alexander von Bernus, bevor er 1925
das Phönix Laboratorium gründete. Es kam des

Ö fteren zu Treffen zwischen G lückselig, von


Bernus und Steiner, wo es natürlich vor allem um
Alchim ie ging.
Die Spagirik nach G lückselig unterscheidet
sich deutlich von anderen H erstellungsm ethoden.
Es werden im Homöopathischen Arzneibuch (HAB)
neben der gewöhnlichen T inkturherstellung zwei
verschiedene spagirische H erstellungsw ege be
schrieben. Ein W eg besteht in der M azeration von
D rogen oder Frischpflanzen in einem AlkoholW asser-G em isch (Verhältnis 1:10). X
ach einer
M azeration von sechs W ochen wird abgepresst und
filtriert. Das Filtrat wird destilliert und m it dem
D estillationsrückstand w ieder vereinigt (Kohobation). Die Kohobation erfolgt
insgesam t drei M al.
X ach der letzten Konjugation wird nur noch abfil
triert (= L'rtinktur spag. G lückselig HAB. V. 54A).
Das zweite Verfahren wird wie folgt durch
geführt: M ineralische, pflanzliche, tierische Stoffe
oder M ischungen werden in Lösung gebracht
oder dispergiert (W asser, Säuren oder AlkoholW asser-G em isch; Verhältnis 1 in
99). X ach einer
Reifezeit wird destilliert, das D estillat wird m it
dem Rückstand vereinigt (Kohobation), erneut
destilliert und nochmals vereinigt. Es erfolgt eine
dritte, letzte D estillation ohne weitere Kohobation.
Das Endpräparat ist eine reine Essenz (L'rtinktur
spag. G lückselig HAB. V 54B). Dieses Ver
fahren führt man vor allem m it giftigen Stoffen
durch.
Danach erfolgt in beiden Fällen die M ischung
m it Homöopathika zu Kom plexpräparaten, deren
Zusam m ensetzung ebenfalls nach herm etischen
G esichtspunkten erfolgt. Bis auf w enige Ausnah
men enthalten alle Komplexe Bolus alba (H eilerde,
A lum inium -Silikat), Antim onium crudum (Spießglanzm ohr), Cuprum sulfuricum
(Kupfersulfat,
V itriol) und Arnika sowie weitere Spezifika in
kolloidaler Lösung.
Arnika soll die Schwingung der A therenergie
in der M ilz erhöhen (Sonnenkraft), Kupfer stärkt
die X ierenenergie und das Venusische im M en
schen, Bolus alba w irkt antitartarisch und Antimon
resolvierend; es verkörpert zudem symbolisch den
M enschen in seinem sterblichen Gewand.
Die Firma führt weder Vergärung noch Ver
aschung durch. Sal entspricht der stofflichen Struk
tur der .Arzneistoffe und den enthaltenen M in era
lien, M erkur ist die H eilkraft als solche und Sulfur
ist die spezifische Ausrichtung der H eilkraft einer
Arznei. W esentlich ist die Konjugation (M ischung)
der Einzelbestandteile. Besonders interessant
sind die Präparate zur Entgiftungstherapie (siehe
Seite 284).

Qestillatiofj

Phylak Sachsen (Burgneudorf, D)


Die Firm a stellt spagirische Einzelstoffe nach
Zimpel her (vergleiche Staufen-Pharm a).
M aze ratiof'

Soluna (Donauwörth, D)
Der D ichter und Alchim ist Alexander von Bernus
(1880-1965) gründete die Firm a 1921. Er arbeitete
lange Jah re m it Conrad Johann G lückselig zusam
men und w ar m it R udolf Steiner eng befreundet.
Das H erstellungsverfahren der Firma zeichnet
sich durch einige Besonderheiten aus. Säm tliche
Bestandteile eines Präparats werden gemeinsavi an
gesetzt (nicht m ehr als 6 L iter pro Ansatz). Der
Ansatz besteht aus getrockneten K räutern vorw ie
gend aus eigenem Anbau und aus M ineralien, die
man zuvor einem gesonderten alchim istischen
Prozess unterworfen hat. Da die Kräuter zu unter
schiedlichen Zeiten wachsen und die Produktion
das ganze Jah r läuft, muss man auf Frischpflanzen
leider verzichten. Der Ansatz erfolgt in einem
A lkohol-W asser-G em isch und in einem D estillat,
das man aus den vorherigen Ansätzen gewonnen
hat.
Das D igerieren erfolgt bei 37 Grad in einem
speziellen Raum. Die Gefäße stehen in einem
achteckigen Raum , also einem Oktogon, das alten
Taufkapellen nachempfunden ist. Das gesam te
Gebäude ist nach herm etischen G esichtspunkten
gebaut. D ort soll die T inktur nicht nur reifen, son
dern es reichern sich hierdurch auch die sp irituel
len Kräfte an. Zum Sonnenaufgang rührt man den
Ansatz 32 M al im U hrzeigersinn, zum Sonnenun
tergang 28 M al gegen den LTirzeigersinn; dieses
Verfahren ist der R hythm isierung (siehe Seite 140)
nicht ganz unähnlich: M an w ill auf diese W eise die
solaren und lunaren Kräfte ansprechen. N ach sie
ben Tagen erfolgt die Filtration. Das Filtrat ist das
fertige H andelsprodukt. Es ist stark gefärbt und
auch intensiv im G eschmack und gleicht somit

Zyklischer H erstellungsprozess der Firma Soluna.


© Soluna.

einer T inktur; es enthält w esentliche W irkstoff


komplexe in einer synergistischen M ischung. So
fern es sich bei Bestandteilen um toxische Stoffe
handelt, werden diese entweder alchim istisch auf
bereitet (z.B. Antimon) oder in einer M enge zuge
geben, die im M ischungsverhältnis einer rezept
freien Potenz entspricht (z.B. H elleborus niger).
Der Rückstand aus der Filtration wird nunm ehr
m it Q uellwasser versetzt und unter Luftkühlung
schonend destilliert. M an hat also weder eine
G ärung noch eine Veraschung vorgenomm en (ver
gleiche Phönix Laboratorium ). Dieses D estillat
dient wiederum als G rundlage für den nächsten
H erstellungszyklus. In W ahrheit ist also auch die
Quintessenz aus säm tlichen Produktionsabläufen
im Endprodukt enthalten. Im mer fließt etwas
vom alten Präparat in das neue ein. M it anderen
W orten - die Arzneien werden m it jedem
D urchgang etwas mehr zum Arcanum.

Spagyrik Pharma (Grafenstein, A)


Diese österreichische Firma stellt spagirische Arz
neien auf dem W ege der V ergärung m it einer an
schließenden D estillation und Veraschung her. Der
Alkohol wird ausschließlich aus der G ärung ge
wonnen und durch die D estillation bis auf 20 Volum enprozent erhöht. Die Firm a
liefert auch »T in k
turen nach M anfred Ju n iu s« - dabei handelt es sich
um Alkoholauszüge m it einer wesentlich längeren
Reifezeit als üblich (acht W ochen), außerdem wird
der Rückstand verascht und gelöst.
Alkohol vorgelegt hat. Ist dieser bis auf 20 Volu
m enprozent Alkohol verdünnt, ist die D estillation
beendet. Der getrocknete Rückstand wird verascht
(bei ca. 400 Grad) und im D estillat gelöst. Danach
erfolgt eine längere Reifezeit. Das Verfahren wird
als »Sp agyrik nach Z im pel« bezeichnet, allerdings
sind es nicht m ehr die originalen Verfahren von
K arl-Friedrich Zim pel (1801-1879; eine ausführ
liche W ürdigung seiner Arbeit findet man in
dem Buch Spagyrische Arzneimittel von Axel H elm
städter).

Strath-Labor (Donaustauf, D)
Besonderheit ist ein spezieller H efezusatz, der sich
ohne großen G ärvorgang verm ehrt (Torula-H efe).
D aher erklärt sich der geringe Alkoholgehalt. Nach
der G ärung wird die Hefe abzentrifugiert, biolo
gisch aufgeschlossen und als »P lasm o lysat« der
Pflanzenmasse w ieder zugegeben. Es erfolgt weder
eine D estillation noch eine Veraschung. Die Präpa
rate schmecken in erster Linie stark nach Hefe,
ihre therapeutischen W irkungen sind überzeugend.
Seit Generationen stellt die Firma Staufen-Pharma
spagirische Arzneien unter der Bezeichnung »ZimpelSpagyrik« her. Foto: Bildarchiv
Staufen-Pharma,
Göppingen.

Staufen-Pharm a (Göppingen, D)
Z erkleinerte Pflanzen (in der Regel Frischpflanzen
als Planta tota, als gesam te Pflanze) werden in
W asser, Zucker und Hefe angesetzt. X ach dem
Ende der Gärphase erfolgt eine schonende W asserdam pfdestillation. Das Kondensat
wird in einem
Gefäß aufgefangen, in dem man 86-prozentigen
Krankheitsursachen und Heilungsw ege

»Der Mensch ist nur darum aus den äußeren


Kreaturen geschaffen, dass er infolge seiner
Leiden sich selbst betrachte und erkenne, woraus
er gemacht ist.« (Paracelsus 1/374)

Krankheit und H eilung


als m u ltifaktorielles Geschehen

Die Frage nach den U rsachen von Krankheiten und


die Diskussion über den besten W eg zur Fleilung
sind beide so alt wie die H eilkunst selbst. W ährend
der Schamane in alter Zeit die G eisterwelten be
reiste, um den Kampf m it Krankheitsdäm onen auf
zunehmen, der Priesterarzt durch Zerem onien das
W ohlwollen und die Gnade der G ötter beschwören
wollte, sind es heute Expertenteams, die m it einem
ungeheuren Aufwand an Technik und Chem ie den
K rankheiten den Kampf ansagen.
Doch was ist eigentlich Gesundheit? Gesund ist
der M ensch, sofern er geistig produktiv sein kann,
sich psychisch reich fühlt, also vielseitig interessiert
und in einem sozialen X etz verankert ist, sich im
seelischen G leichgewicht befindet, physiologisch be
lastbar ist und natürlich körperlich unversehrt. Der
M edizinhistoriker Schipperges m einte hierzu: »G e
sund ist der M ensch als Person, solange er auf sein
Gewissen hört und die F reiheit hat, in der letzten
G esundheit aufzugehen, die w ir H eil und H eiligkeit
nennen. G esundheit ist der Zustand des Vermögens
zur F reih eit« (H. Schipperges, 1985). Krankheit be
deutet also im G egensatz zur G esundheit Knecht
schaft. ein G ebundensein kreativer Potenziale, das
oft in die Isolation führt; letztlich ist Krankheit
im m er m it Sorgen verbunden.
K rankheit und Erlösung sind untrennbar m it
einander verbunden. Der T herapeut hat dem zu
folge nicht nur die Aufgabe, jemanden von Schm er
zen zu befreien, sondern auch eine spirituelle
Funktion. Denn im m er stellt sich bei schweren
Krankheiten die m etaphysische Frage nach dem
höheren Sinn: Frei werden von K rankheit, um frei
zu sein wofür?

Die Sinnfrage beschäftigte natürlich auch Para


celsus. Er war der M einung, dass K rankheit in
erster Linie ein seelisch-geistiges L'ngleichgewicht
darstellt. Die eigentliche L’ rsache wäre demnach
auf der spirituellen Ebene zu suchen. Er sprach
mehrmals davon, dass die K rankheit erst entsteht,
wenn sich der M ensch vom geistigen L'rsprung und
dam it vom G öttlichen entfrem det und sich seiner
leidenschaftlichen N atur unterworfen hat. Tatsäch
lich war Paracelsus davon überzeugt, dass Krank
heiten nur existieren, dam it wir durch das Erleben
eine Vorstellung von unserer metaphysischen Un
vollkom m enheit und die M öglichkeit der Korrektur
Der Sündenfall als Ursprung der Krankheit. H olzschnitt aus
»Totentanz« von Hans Holbein, um 1525.
erhalten. Krankheit wandelt sich hier von der schein
baren Strafe in einen strengen, aber dennoch w ohl
meinenden Lehrer (K rankheit = Saturn), der den
W eg zur Freiheit weist. N ur weil w ir im Körper
lichen unvollkommen sind, können w ir geistig er
wachen.
M an könnte nun m einen, dass Paracelsus sich
m it einer m etaphysischen Begründung von Krank
heit begnügt hätte. Dem ist aber nicht so - ganz im
G egenteil entw ickelte er ein komplexes M odell der
Ursachen von Krankheit.
Er war der Erste, der von einem m ultifaktoriel
len Geschehen bei Krankheiten ausging. Er sprach
von fünf m öglichen U rsachen jeder Erkrankung,
die er »E n d en « nannte, auch wenn er als LTrsache
der LTrsachen prinzipiell einen metaphysischen
W illen voraussetzte.
M it der E ntienlehre war er seiner Z eit um 500
Jahre voraus. Sie gehört neben der Trinitätslehre zu
den bedeutendsten m edizinphilosophischen L eis
tungen des Paracelsus. »W e r paracelsisches Denken
verstehen w ill, muss sich m it der Lehre von den En
den befassen. Es handelt sich dabei um einen groß
angelegten Versuch einer Philosophie und M eta
physik der K rankheit. Beeindruckend ist das Bestre
ben, auf keinen Fall in ein monokausales M odell, in
irgendeine Art M onismus zu verfallen. D esgleichen
muss die T heorie eng an die Erfahrung angeschlos
sen werden und für die W egbereitung der T herapie
tauglich sein, ohne diese dogm atisch vorherzube
stim m en« (P. M eier, 1998).
Die Lehre basiert nicht nur auf fünf unterschied
lichen U rsachen jeder Erkrankung, sie geht auch
davon aus, dass jedes Ens seine eigene T herapie er
fordert.
»W eil fünf Entia gefunden werden, sind auch
fünf Behandlungen da. Die Behandlungen des G if
tes sollen nicht für die Krankheit, die aus dem Ens
der G estirne entspringt, gebraucht werden. Die
geistige Behandlung soll nicht für die K rankheit aus
dem Ens N aturale gebraucht werden. Die Krank
heit aus dem Ens D eale reim t sich auch nicht m it
der geistigen Behandlung« (Paracelsus 1/709).
»Es kommt oft von dass der Himmel den
Vulcanus, die Planeten und Leibsterne a u f ein
ganzes Klima, a u f eine Gegend, Provinz
oder Stadt wirken lässt.« (Paracelsus 11/117)

Ein berühmtes Beispiel für


eine krank machende
kosmische Atm osphäre
w urde hier von Albrecht
Dürer verewigt; man
beachte die Sternchen in
den Tierkreiszeichen
W idder und Skorpion. Im
Oktober 1484 stand der
M ars in seinem eigenen
Zeichen Widder; diese
Stellung begünstigt eine
Bereitschaft zu heftigen
Erkrankungen. Dies wäre
nicht besonders tragisch
gewesen, wenn nicht
gleichzeitig im Skorpion,
den man nach alten Regeln
ebenfalls dem M ars zuord
net, die restlichen sechs
kosm ischen Kräfte ge
standen hätten, darunter
auch Saturn, der in dieser
Stellung seinem Namen
als Herr der bösartigen
Krankheiten alle Ehre
macht. Nun sind dem
Zeichen Skorpion die
Geschlechtsteile unterstellt
- entsprechend soll diese
Konstellation die spätere
Ausbreitung der Syphilis
begünstigt haben. Die
Herrscher über Seuchen
sind M ars und Saturn, die
in der Astrologie als Ȇbel
täter« gelten.

Ens astrale
Die erste LTrsache nannte Paracelsus das Ens der
Sterne (astrum = Stern). W ie w ir bereits ausgeführt
haben, war Paracelsus vom Zusam m enhang des
Sternenwirkens und der G esundheit überzeugt. Er
ging davon aus, dass die G estirne das Leben als sol
ches erm öglichen, aber auch die Atmosphäre, in der
w ir leben müssen, ob w ir wollen oder nicht. Je nach
V eranlagung wird der eine durch das W irken der
G estirne krank, während sich der andere pudelwohl
fühlt. Die individuelle N eigung kann man dem G e
burtshoroskop entnehm en. Da der H im m el nicht
stehen bleibt, ergeben sich im m er w ieder Span
nungskonstellationen zwischen dem aktuellen Ster-
nenstand und dem Stand zum Zeitpunkt der Geburt
(= Transite). W er geübt ist, kann hieraus Auslöser
für Krankheitsprozesse jeder Art ableiten.
G leichzeitig befasst sich dieses Ens m it Einflüs
sen des W etters, der Jahreszeiten oder der M ond
phasen auf die G esundheit. X u r noch in der H o
m öopathie kennt man heute ähnliche Vorstellungen
als »böse Folgen von ...« Ferner fallen unter diesen
Gesichtspunkt die Einflüsse durch den Genius Loci
eines Ortes. W ir haben bereits im ersten Teil auf
Störzonen und ihren unheilvollen Einfluss hinge
wiesen. Jed e Q ualität eines Ortes wird in erster
Linie durch die G estirne bewirkt, wobei natürlich
der Mensch durch Eingriffe etwas zum X egativen,
aber auch zum Positiven verändern kann - man
denke nur an Sakralbauten an heiligen O rten, die
spirituelle Energien oft verstärken. Je nach persön
lichem H oroskop fühlt sich der eine an einem Ort
wohl, während der andere am liebsten fliehen würde.
Bekannt ist auch, dass vor allem Infektionen häu
fig unter bestim m ten kosmischen K onstellationen
stattfinden. Die A bhängigkeit von den Jahreszeiten
und vom W etter wird hier kaum jemand leugnen doch auch diese sind kosmischer X
atur. Paracelsus
ging aber noch w eiter und m einte, dass M eteoriten
oder eine Sonnenfinsternis das Auftreten von Krank
heiten begünstigen.
Die T herapie besteht beim Ens astrale vor allem
in einer unspezifischen Stärkung des Im munsys
tems. Auch allgem ein stärkende Lebenselixiere fal
len hierunter. Der therapeutische Ansatz ist w eni
ger individuell als bei den anderen Enden. Auch die
verwendeten M ittel sind eher substanziell; als Bei
spiel kann man die unspezifische Steigerung der
Abwehr durch Echinacea anführen. W ich tig ist
auch, dass bei einer X eigu ng zu bestimmten Krank
heiten die T herapie regelm äßig w iederholt wird,
ähnlich einer jährlichen R einigungskur im Früh
jahr. Ein Beispiel wäre die Behandlung von H eu
schnupfen. die man bereits vor der Saison, also meis
tens noch im W'inter, beginnen sollte, was natürlich
nur für die X aturheilkunde gilt. Allopathische M e
thoden sollten ohnehin nur dem X otfall Vorbehal
ten bleiben. Eine D esensibilisierung ist übrigens
keine kausale T herapie, sondern nur eine unnötige
Belastung des Immunsystems, die kaum etwas bringt.
Ferner benötigt man eventuell einen R utengän
ger, um die Einflüsse des O rtes und seiner Strahlun

gen auf die G esundheit erkennen zu können. Para


celsus hatte eine eher zwiespältige M einung zu die
ser Kunst, w eniger weil er nicht von ihr überzeugt
war, sondern wohl mehr, weil er den meisten Ru
tengängern nicht traute. H eute würden unter dieses
Ens auch noch die Folgen von Elektrosmog, atom a
rer Strahlung und L’m weltgifte fallen, weil diese
Krankheitsauslöser wie eine Störzone wirken oder
wie besonders ungünstige Einflüsse der langsam
laufenden Planeten, vor allem des Saturn (wobei
sich aber L'berschneidungen zu den weiteren En
den zeigen).
»Das, was w ir dem Leib zur Nahrung geben
müssen, darin ist Gift. (...) Doch fü r das Unvoll
kommene, das w ir zu unserem Schaden gebrauchen
müssen, hat er (Gott) uns einen Alchimisten
gegeben, damit w ir das Gift, das w ir mit dem Guten
einnehmen, nicht als G iß verzehren, sondern von
dem Guten scheiden können.« (Paracelsus 1/24-25)

Ens veneni
Die zweite U rsache umfasst die Frage der Diätetik,
vor allem der Ernährung. Paracelsus ging davon
aus, dass jede Form der X ah run g neben den essen
ziell notwendigen Stoffen im m er etwas G robstoffli
ches und Toxisches enthält. D am it das tägliche Brot
aber nicht zur Krankheitsursache wird, hat die Vor
sehung innere alchim istische Prozesse geschaffen,
um die Spreu vom W eizen trennen. D ieser innere
Alchim ist oder Archeus, wie Paracelsus ihn auch
nannte, w irkt vor allem in den Verdauungsorganen.
Aber auch bis in die Zelle hinein finden w ir die
Transm utation der Stoffe. G leichzeitig bewirkt der
alchim istische Lm wandlungsprozess, dass über
flüssige Stoffwechselprodukte, die Paracelsus auch
Schlacken nannte, ausgeschieden werden.
Solange die innere Alchim ie - also die Stoffauf
nahme, L'm wandlung und Ausscheidung - funktio
niert, ist der M ensch gesund. Aber wehe, dieser
Prozess ist gestört: Dann entsteht eine »Fäulung«
oder D yskrasie. die der Beginn eines langwierigen
Krankheitsprozesses werden kann. Die Störung
kann physiologisch altersbedingt sein: Je älter der
M ensch, desto mehr erlahm t die innere Alchimie.
X atürlich können die X ahrungsstoffe selbst belas
tet sein. Schlechtes Essen und W asser ist immer
noch w eltw eit eine der häufigsten K rankheitsur
sachen. H eute kommt noch die Belastung durch
Pestizide und Insektizide oder Antibiotika hinzu,
die einen harm losen Apfel in ein wahrhaft »teu fli
sches« O bjekt der Versuchung verwandeln.
Des W eiteren können die Ausscheidungsorgane
selbst nachhaltig gestört sein. Es kann aber auch
eine U nterdrückung körpereigener Ausscheidungen
zur D yskrasie führen. Zwar kannte Paracelsus noch
nicht die unheilvollen N ebenw irkungen von K orti
son und ähnlichen Stoffen, aber schon zu seiner
Z eit nannte man nicht ohne Grund viele Arzte
»Q uacksalber«, weil ihnen nur einfiel, giftiges
Q uecksilber auf die H aut zu schm ieren. Jedenfalls
zählt die U nterdrückung körpereigener R egulati
onsmechanismen zu den häufigen U rsachen chroni
scher Krankheiten bis hin zum Krebs.
Die T herapie besteht beim Ens veneni vor allem
in der A nregung der T ätigkeiten der Verdauungsor
gane, z.B. durch Bitterelixiere. Interessant ist dabei,
dass die m eisten Lebenselixiere auch aus Pflanzen
m it einer W irkun g auf die Verdauungsorgane be
stehen (z.B. Engelwurz, M eisterw urz, Ingwer oder
G algant). Besonders ältere M enschen schätzen sie
zu Recht.
Die w eitere T herapie besteht in der R egenera
tion der Ausscheidungsorgane und der Anregung
der A bleitung von innen nach außen. H ierzu kom
men vor allem ausleitende Arzneim ittel - z.B. Ab
führm ittel und Brechm ittel, harntreibende oder
schweißtreibende M ittel - oder M ethoden wie Sau
nagänge zur Anwendung. Diese Art der T herapie
benötigt man ebenfalls bei V ergiftungen durch
Schw erm etalle oder andere Zivilisationsgifte sowie
bei einem Status nach einer L'nterdrückungstherapie.
»Alle Planeten haben im Menschen ihr Abbild und
Zeichen. (...) Darum folgt daraus, dass der A rz t das
wissen soll, dass im Menschen Sonne, Mond, Saturn,
Mars, Merkur, Venns und alle Zeichen sind, der
Polus Arcticus und Antarcticus, der Hagen und alle
Viertel im Zodiakus. Das muss der Ai'zt wissen,
wenn er vom Grund der Arznei wissen will. Wo
nicht, so ist er ein reiner Betrüger und übt die A rz
nei wie ein Bauer, der Coloquinthen in den Wein
hängt und alle Menschen damit behandelt.«
(Paracelsus 1/439)

Ens naturale
Die dritte L rsach e befasst sich m it der konstitutio
nellen X atur des M enschen und den sich daraus er
gebenden D ispositionen zu bestim m ten K rankhei
ten. Für Paracelsus bestand der M ensch einerseits
aus dem Erbgut von Vater und M utter und anderer
seits aus dem Astralleib, der ganz durch die Sterne
bedingt ist, sowie aus den vier Elementen. Interes
sant sind in diesem Zusam m enhang seine Ideen zu
einer pränatalen K rankheitsausbildung durch psy
chische Stresssituationen der M utter. Erst neuer
dings ist man zu ähnlichen Ansichten auch in der
Schulm edizin gekommen.
L'nter dieses Ens fallen K rankheiten, die in der
Fam ilie gehäuft auftreten - dabei handelt es sich
nur selten um genetische Erbleiden, viel öfter dage
gen um eine karmische W eitergabe von bestimmten
Krankheitsthem en von G eneration zu G eneration.
Sehr ausführlich geht Paracelsus bei der Be
schreibung des Ens naturale auf das W irken der
G estirne ein. Im Kapitel zur Astrologie haben w ir
diesen Aspekt bereits besprochen. Es sei hier noch
mals daran erinnert, dass die Sterne in Analogie zu
den O rganen stehen, aber in der G esam theit auch
die Konstitution ausmachen, vor allem wenn man
gleichzeitig den Aszendenten und die Verteilung
der Planeten in den Sternzeichen berücksichtigt,
die ja den vier Elementen zugeordnet sind.
Je nach Z eichenverteilung der Planeten kommt
es zu einer unterschiedlichen G ewichtung der Ele
mente. So kann es durchaus Horoskope geben, die
ein oder zwei Elemente nicht besetzt haben; ent
sprechend kommt es zu einem L'berm aß bzw. zu
einem M angel bestim m ter Elem entenqualitäten,
was wiederum die Ausbildung einer Konstitution
begünstigt. Es gibt also Feuernaturen, Erdnaturen
usw.; in der X aturheilkunde sprechen w ir auch von
einer apoplektischen, biliären, dyskratischen, gichtisch-rheum atischen
Konstitution usw. G leichzeitig
ergeben sich aus der Konstitution gewisse X eigungen zu Erkrankungen, die man durch
die Stellung
der Planeten differenzieren kann; besonders die
Saturnstellung sagt viel über m ögliche Krankheiten
aus.
Die T herapie erfolgt entsprechend den Regeln
der Astromedizin. D er Krankheitsprozess wird zu
nächst den G estirnen zugeordnet, entsprechend
w ählt man dann nach den Regeln der Sym pathie
ähnliche A rzneim ittel. Besonders die M etall
therapie ist hier bedeutsam, weil M etalle und viele
M ineralien die Planetenkräfte besonders deutlich
w iderspiegeln; Pflanzen dienen vor allem als Ergän
zungsm ittel, daher erklärt sich auch, warum w ir bei
den Rezeptbeispielen im m er w ieder M ineralien auf
führen.
»Ihi- sollt wissen, dass die Wirkung des Willens
f iir die Arznei von großer Bedeutung ist, denn es ist
möglich, dass einen, der sich selbst nichts Gutes
gönnt und sich selbst hasst, sein eigener Fluch trifft.«
(Paracelsus 1/52)

Ens spirituale
Bei der vierten Krankheitsursache handelt es sich in
erster Linie um geistige U rsachen. Paracelsus zeigt
sich hier als Pionier auf dem G ebiet der Psycholo
gie.
Das Ens spirituale hat nichts m it G eistern, Dä
monen oder Ähnlichem zu tun. Es beschreibt vor
allem die Art und W eise, wie die eigene Sicht der
W elt die N eigung zu bestimmten Krankheiten be
dingt. Besonders die Im agination bewirkt, dass sich
D inge ereignen, die unserer V orstellung entsprin
gen. Das Unbewusste funktioniert hier wie ein
Künstler, der eine weiße Leinwand vor sich hat und plötzlich entsteht im G eist ein
Bild, das nur
noch um gesetzt werden w ill. Die Zukunft ist eigent
lich im m er wie ein unbeschriebenes Blatt, das durch
unsere geistigen \ orstellungen gefüllt wird.
Ein w eiterer Aspekt des Ens spirituale ist das
Selbstwertgefühl und dam it auch die Folgen von
Frem dbestim m ung. U nter dieses Ens fallen aber
auch alle psychosozialen Problem e, also z.B. böse
Folgen von fam iliären Streitigkeiten, M obbing, so
zialer Armut und A usgrenzung (etwa aufgrund von
Religion oder H autfarbe).
Immer w ieder stößt man in der Praxis jedoch
auch auf U nerklärliches, das nur w enig m it einer
Selbstverzauberung oder sozialen Problem en zu tun
hat. Paracelsus ging in solchen Fällen auch davon
aus, dass es sich um eine Verhexung handeln könnte:
Eventuell hat ein Schw arzm agier eine Voodoopuppe von jemandem angefertigt und
traktiert die
selbe m it N adeln, und prompt kommt es bei dem

Ein göttliches Wesen richtet den Kranken w ieder auf. Aus


dem Bilderzyklus »M ilton a Poem« von W illiam Blake, 1804.

»V erhexten« zu bizarren K rankheiten, die extrem


therapieresistent sind, da man sie nur m it M agie
lösen kann.
Die T herapie des Ens spirituale besteht in erster
Linie aus psychisch wirksam en M itteln, also aus
Antidepressiva, N ervina, Sedativa, horm onell w ir
kenden M itteln und auch Schlafm itteln. In alter
Z eit nannte man Pflanzen m it einer psychischen
W irkung »B erufs- und V erschreikräuter«. Das Be
rufen erfolgt durch nichtm enschliche W esen (= Be
sessenheit), während das Beschreien m it Verhexung
gleichzusetzen ist.
N atürlich fällt unter das Ens spirituale auch jede
Form der Psychotherapie, und auch H ypnose oder
musische T herapien eignen sich vorzüglich für
Krankheiten aus dem Ens spirituale. Sollte das L ei
den aber weder auf eine Psychotherapie noch auf
geeignete Arzneien ansprechen, sollte man einmal
an m agische Techniken denken, bevor man die
Flinte ins Korn wirft. Scham anische Methoden
wie Räucherungen, .Amulette, G egenzauber mit
Beschwörungen oder Puppenm agie wären einige
M öglichkeiten. D er schamanische Therapieansatz
ist nur leider in unserer aufgeklärten G esellschaft
kaum m öglich.
Dennoch gibt es inzwischen im m er m ehr T h era
peuten, die m it Scham anen Zusammenarbeiten; hier
könnten sich in Zukunft noch ungeahnte M ö glich
keiten ergeben.
»Jede Krankheit ist ein Fegefeuer. Daher kann
kein A rz t heilen, wenn nicht nach Gottes Ratschluss

Eine T herapie im üblichen Sinn gibt es nicht,


denn vom Ens dei kann man nur erlöst werden,
wenn die Zeit reif ist. W enn es im Schicksalsplan so
vorgesehen ist, kann es in manchen Fällen sogar zu
einer W underheilung kommen. W ann diese Zeit
gekommen ist, kann man nicht selbst bestimmen,
dennoch sollte man nicht untätig bleiben, sondern
sich um Erkenntnis und Liebesfähigkeit bemühen
und diese zum W ohle anderer einsetzen.

das betreffende Fegefeuer beendet sein soll.


Denn der A rz t soll und kann nicht gegen die gött
liche Bestimmung des Fegefeuers wirken.«
(Paracelsus 1/55)

Ens dei
Die letzte U rsache befasst sich m it K rankheit als
Schicksal und Karma. Paracelsus ging davon aus,
dass jede K rankheit auch m etaphysische U rsachen
hat und dass man sie als läuterndes Fegefeuer ver
stehen sollte.
In den m eisten Fällen ist eine therapeutische
H ilfe bei Krankheiten m öglich, wenigstens sofern
die anderen vier Enden als U rsache in Frage kom
men.
Beim Ens dei ist alles anders. H ier ist die Krank
heit und dam it auch die H eilung ganz dem W illen
höherer M ächte unterworfen. Som it finden w ir hier
das scheinbar U nheilbare, die K rankheit als Stigma
- die Betroffenen, aber auch die T herapeuten müs
sen sich in D em ut üben.
Als T herapeut hat man hier vor allem seelsorge
rische Aufgaben zu erfüllen und das U rvertrauen
zu stärken. »D enn im Grund genom m en kann
m enschliches Leben nur gesund bleiben, -wenn es
getragen wird von einem alles umfassenden Da
seinsvertrauen, einem V ertrauen, das aus der Treue
kommt, das sich etwas zutraut, einem anderen sich
anvertraut und zuletzt dann auch das schafft, was
wir - in paracelsischem G eist - die M edizin von
m orgen nennen; eine M edizin der M enschlichkeit«
(H. Schipperges, 1985).
Die Stigm atisierten sind nicht selten Auser
wählte und haben manchmal sogar eine regelrechte
»V orbildfunktion«. Oft sind es gerade solche Per
sonen, die zum H eiler berufen werden. N icht selten
entwickeln sie durch das Stigm a bestimmte Gaben
wie die G eistheilfähigkeit oder die H ellsicht.

Zusammenfassung
Paracelsus ging davon aus, dass man sich nie w irk
lich sicher sein könne, welches der Enden denn nun
eigentlich für eine K rankheit verantwortlich ist. In
letzter Konsequenz bedeutet dies für die T herapie
jeder Krankheit, dass sie auf fünf Säulen aufbauen
sollte:
1. Stärkung der Lebenskraft und der Abwehr, um
die vorherrschende Atmosphäre besser m eistern
zu können; die T herapie sollte astrologische
G esichtspunkte berücksichtigen (Transite!).
Außerdem sollte man geom antische Phänomene
beachten.
2. Stärkung der inneren Alchim ie durch Anregung
der Stoffwechseltätigkeiten; eventuell sind
auch diätetische M aßnahm en erforderlich. An
regung der körpereigenen Entgiftungsvorgänge.
3. K onstitutionelle T herapie m it spagirischen
und/ oder homöopathischen M itteln, die, soweit
m öglich, auch auf astrologischen G esichtspunk
ten beruhen sollte (H oroskopanalyse).
4. Psychisch und sozial orientierte T herapie, die
gegebenenfalls auch unorthodoxe M aßnahm en
erfordert.
5. Spirituelle Führung des Patienten.
Außerdem sollte man die D reigliedrigkeit bei der
T herapie berücksichtigen: Je nach Ausprägung der
Krankheit in Bezug auf Sulfur, M erkur und Sal sind
andere T herapiekonzepte und H eilm ittel erforder
lich. Ferner sollte die Arznei dem K rankheitsge
schehen m öglichst entsprechen. Die T herapie nach
den G esichtspunkten der Sym pathie ist jener der
Antipathie m öglichst vorzuziehen.
Heilpflanzen am Geburtsort des Paracelsus

»Jedem Lunde wächst seine eigene Krankheit, seine


eigene Arznei, sein eigener Arzt. (...) Sie (die Mode
ärzte) wollen Arzneien aus überseeischen Ländern,
und im Garten vor ihrem Hause wächst Besseres.«
(Paracelsus 111/492)

In seinen W erken erwähnte Paracelsus rund 400


Pflanzen, von denen einige leider nie genauer iden
tifiziert werden konnten. .Manches Gewächs tauchte
dagegen mehrmals unter verschiedenen X am en auf.
V iele der von ihm genannten H eilpflanzen und
pflanzlichen Arzneien finden sich nicht oder inzwi
schen nicht mehr in der Flora des Kantons Schwyz,
zu dem sein G eburtsort Einsiedeln heute zählt.
X ich t heimisch sind z.B. die sagenum wobene .Al
raune oder Asa foetida, die beide erst südlich der
Alpen Vorkommen. Auch exotische Gewürze wie
etwa G algant, Ingwer, M uskatnuss oder Zim t oder
orientalische Harze wie M astix, M yrrhe und W eih
rauch fanden große Beachtung in der Kräuterkunde
des Paracelsus, obwohl er eindeutig die Verwen
dung heim ischer Gewächse propagierte. Daher
bleibt zu verm uten, dass er einen nicht unerheb
lichen Teil seiner Arzneipflanzen während seiner
Studien und auf seinen abenteuerlichen Reisen ken
nen und schätzen gelernt hat. Einen anderen Teil
hat Paracelsus verm utlich schon als Kind im Klos
tergarten von Einsiedeln gesehen: Seit den D ekre
ten von Karl dem Großen (747-814) baute man in
Klöstern vor allem w interharte, m editerrane Kräu
ter an. Die H eilkräfte der geläufigsten Kloster
kräuter wie Anis, Fenchel, D ill. Benediktenkraut,
Lavendel, M elisse, Raute oder Salbei waren Para
celsus jedenfalls bekannt.
Etwa drei bis vier Dutzend Pflanzen nannte er
jedoch häufiger und lobte ihre Kräfte vor allen an
deren. Zu den einheim ischen Lieblingsm itteln des
Paracelsus gehörten Akelei, Augentrost, Betonie,
Brennnessel, Braunelle, Johanniskraut, Knaben
kraut, X iesw urz, W egerich und W iesenraute, um
nur einige Beispiele zu nennen. M eie dieser H eil
kräuter hat er verm utlich schon in seiner Kindheit

kennengelernt. X ahe seiner G eburtsstätte bei Ein


siedeln gedeihen im m er noch zahlreiche Pflanzen,
deren Kräfte der M eister häufiger in seinen Werken
beschrieben hat: X ich t weit der Teufelsbrücke be
findet sich heute das X aturschutzgebiet Schwantenau, in dem sich ein Teil der
ursprünglichen Flora
erhalten konnte. Auch in den W äldern, die den be
nachbarten K raftberg Etzel bedecken, dürfte der
junge von H ohenheim seine ersten Begegnungen
mit dem Pflanzenreich gehabt haben.
Sehr wahrscheinlich hat der Vater seinen Sohn
bereits in jungen Jahren zum Kräutersamm eln ge
schickt, dam it er selbst die W unden wie auch an
dere Gebrechen der auf dem Jakobsw eg vorbei
ziehenden P ilger m it der daraus hergestellten
Pflanzenm edizin behandeln konnte. L’nklar bleibt,
ob \ ater und Sohn gemeinsam in die um liegenden
Berge gewandert sind, um dort G ebirgskräuter zu
sammeln, die erst in der heutigen Volksmedizin als
besonders heilkräftig gelten. Seinerzeit w ar der Re
spekt vor den X aturgew alten groß, und die Berg
welt m it ihrem unberechenbaren W itterungsw ech
sel galt eher als unheim lich. Aber auf den W iesen
am Fuße des nahe gelegenen Kleinen und Großen
M ythen könnten Vater und Sohn durchaus H eil
kräuter gesam m elt haben. In seinen Schriften er
wähnte Paracelsus nur wenige typische Alpenkräu
ter, z.B. Bärentraube, Bartflechte, Gelben Enzian.
M eisterwurz und Steinbrech.
Rund um die G eburtsstätte, nahe der Teufels
brücke, wo Paracelsus seine ersten sieben Lebens
jahre verbrachte, findet man im m er noch eine üp
pige Flora. Trotz intensiver Landwirtschaft lädt die
X atur auch heute noch dazu ein, auf den Spuren des
M eisters zu wandeln. Die H eilpflanzen, die einem
rund um die Teufelsbrücke begegnen, waren mit
Sicherheit die ersten, m it deren H eilkräften der
junge Paracelsus in B erührung kam. M öglicher
weise waren dies auch seine ersten pflanzlichen
Lehrm eister. Sein Vater hatte ihm ihre Sprache, die
Signaturen, beigebracht: Als Landarzt war dieser
m it den Kräuterkenntnissen der Landbevölkerung
vertraut, die seinerzeit noch durch kein Buchwissen
verbildet war, sondern vielm ehr die Zeichensprache
der X atur ähnlich wie T ierfährten zu lesen wusste.
X achfolgend einige Pflanzen, die w ir bei unse
ren m ehrm aligen Besuchen in Einsiedeln rund um
den G eburtsort des Paracelsus gefunden haben:
Das Geburtshaus des Paracelsus soll direkt an der
Teufelsbrücke gelegen haben. Foto: M argret Madejsky.

A dlerfam (Pteridium aquilinum; M erkur,


Saturn)
Die Blattform zeigt einen Bezug zum X ervengewebe an. Volksmedizinisch zur Auflage
bei H e
xenschuss gebraucht sowie als Bettunterlage bei
Rheuma. H eute zusammen m it anderen Farnen in
homöopathischer Z ubereitung bei X eigu ng zu
W urm befall und Dysbiose (vergleiche W urm farn).
Enthalten in Aquilinum comp. (G lobuli und Am
pullen von W ala) zur Behandlung von Blähungen,
Störungen der D arm peristaltik (D urchfall, Verstopfung), D ysbakterie, X eigu ng
zu Wrurm befall und
nahrungsabhängigen Ekzemen.
Das Naturschutzgebiet Schwantenau zu Füßen des
Etzels, eines Orts der Kraft - hier lagen die »Spielwiesen«
des jungen Paracelsus. Foto: M argret Madejsky.

Blick vom Geburtshaus Richtung Einsiedeln, Foto: M argret


Madejsky.

Akelei (Aquilegia vulgaris; M erkur, Venus)


Sie soll heilkundlich erstm alig von H ildegard von
Bingen erwähnt worden sein (E. G allwitz, 1996).
Von Paracelsus wegen der harntreibenden und antitartarischen W irkung in Rezepten
gegen Blasen
steine aufgeführt (1/929, III/460).
H eute noch in der H ildegardm edizin von Be
deutung: Akelei-K räuterelixier und Akelei-K räutertabletten zur Behandlung von
Erkrankungen des
Lym phsystem s; A kelei-K räutersalbe zur Ableitung
von Toxinen über die H aut und zur A nregung der
Lymphe (alle drei M ittel liefert z.B. die KlösterlApotheke in M ünchen). Die
Pflanze ist schwach gif
tig (enthält vor allem in den Samen Blausäure
glykoside, die angeblich kanzerogen sind). »D er
ethanolische Extrakt zeigte in vitro antibakterielle
W irkung gegen Staphylococcus aureus (...) und
Candida albicans« (Chr. Jänicke/J. Grünwald/Th.
Brendler, 2003). W ir verwenden Akelei auch zur
Beruhigung bei seelischer E rregtheit und als M ittel,
um die Intuition anzuregen.

Alpenpestwurz (Petasites paradoxus; M ond,


Jupiter)
Die B lattaderung zeigt eine Form venvandtschaft
zu den Bronchien, weswegen Pestwurzarten einst
w ider die Pestilenz gebraucht wurden und bis heute
Bestandteil von Hustensäften sind. Die gemeine
Pestwurz wird inzwischen auch zur Behandlung von
Rram pfschm erzen genutzt, z.B. M igräne, Asthma,
Steinleiden und kram pfartigen M uskelschm erzen
(Petadolex-Kapseln von W eber & W eber); enthält
das spasmolytisch wirkende Petasin.

W ie eine Schar kleiner Elfen muten die zarten Blüten des


Augentrosts an. Laut der Signaturenlehre sind die Blüten
ein pflanzliches Abbild der Augen und dienen daher nicht
erst seit Paracelsus als universelle Augenarznei.
Foto: M argret Madejsky.

A u g e n w e i n nach Paracelsus

Rezept bei Sehschwache: »B ei G reisen ist es für


die Augen ein sehr gutes Arcanum. Dies soll
m it W ein getrunken werden, wenn Sehschwäche
b esteht« (Paracelsus III/559).
R ezept Original
Foeniculi 6 Unzen (210 g)
E uphragiae 2 Unzen (70 g)
Florum centaureae 1,5 Unzen (52,5 g)
Reduc in liquores (keine M engenangabe)
R ezept heute
Fenchel 30 g
A ugentrost 15 g
Tausendgüldenkraut 5 g
auf 1 L iter M edizinalw ein

A ugentrost (Euphrasia rostkoviana und andere


U nterarten; Sonne, M erkur)
N ach der Signaturenlehre ist Euphrasia ein pflanz
liches G egenbild der Augen und wurde als Augen
heilpflanze von Paracelsus sehr gelobt (1/530 und
1/1012, 11/279) und auch in Form eines A ugenwei
nes bei Sehschwäche angepriesen (III/462). Be
standteil von O phthalm ik (Tropfen von Soluna) zur
Behandlung von entzündlichen Augenleiden und
Sehschwache. Ferner erwähnte Paracelsus den Au-

gentrost als G ehirnm ittel (11/462). Bis heute wird


das entzündungswidrige Kraut in der H um an- und
Veterinärm edizin bei A ugenleiden angewandt (z.B.
K onjunktivitis). W egen der allgem ein entzündungs
w idrigen W irkung auf die Schleim häute auch
manchmal Bestandteil von M agentees.

Bachnelkenwurz (Geum rivale; Venus)


Das kleine Rosengewächs m it dem hängenden rosa
Blütenkopf erinnert vom Gestus her an einen
M elancholiker. Doch gebraucht wurde es, wie auch
andere Rosengewächse, vor allem bei Blutungen
und D urchfällen. Paracelsus hat das Kraut nicht er
wähnt, obwohl es m eist in Gesellschaft m it dem
Frauenm antel anzutreffen ist. H eißt im Volksmund
Blutströpferl und wird dem entsprechend bei Blu
tungsneigung verwendet. Die volksmedizinische
Anwendung entspricht ansonsten der von N elken
wurz (Geum urbanum ; siehe Seite 264).

Bärlauch (Allium ursinum; M ond, Mars)


D er Bärlauch hat sich m öglicherweise erst in neue
rer Zeit nahe der Teufelsbrücke angesiedelt. H eute
zählt das m it dem Knoblauch verwandte W ildkraut
zu den beliebtesten Frühlingskräutern m it w eitrei
chenden H eilkräften. Bärlauch m obilisiert Schwer
m etalle und unterstützt daher Ausleitungskuren; die
Betonie (Betonica officinalis = Stachys
officinalis; Venus, M erkur)

Obw ohl Paracelsus die essbaren W ildkräuter sicherlich


kannte, erw ähnte er den Bärlauch in seinen Werken nicht.
M öglicherw eise hat sich dieser auch erst in neuerer Zeit
nahe der Geburtsstätte angesiedelt. Foto: M argret
Madejsky.

enthaltenen Schwefelverbindungen wirken gegen


D armpilz und Dysbiose.

Beifuss (Artemisia vulgaris; M ond, Sonne,


M erkur, etwas Mars)
Kardinalpflanze des Paracelsus zur Behandlung von
Frauenleiden (ausführliche Beschreibung siehe Seite
298).

Paracelsus lobte die Betonie als Polychrest (V ielhei


ler). Er pries ihre H eilkräfte u.a. bei W urm leiden,
speziell bei Askaridenbefall (1/964), als G egengift
(11/415), als H eilm ittel bei Lähm ungen (III/422),
z.B. Status nach Apoplex (Schlaganfall), sowie als
Leberarznei (III/453). Das Kraut findet heute noch
selten Anwendung bei N ieren- und Blasenleiden
(Entzündungen, Anurie). Die edle Rundung der
Blätter, der aufrechte schlanke W uchs und die Blü
ten m it ihrer koboldartigen G estalt und sanften
Farbe, aber auch der W achstum sort, der oft wie
verwunschen wirkt, offenbaren eine Elfenpflanze,
die man Venus und M erkur unterstellen kann. W ir
setzen sie daher gern als B egleitm ittel für Rezepte
m it psychosomatischem C harakter ein, z.B. Bett
nässen und Asthma, aber auch bei H ysterie und
Angstattacken, z.B. zusammen m it der nah ver
wandten M elisse.

Bibernelle (Pimpinella m ajor; Sonne, M erkur)


Die scharf schmeckende W urzel wird in der Volks
heilkunde seit langem bei Verdauungsschwäche,
Lungen- und M agenverschleim ung, gegen H eiser
keit sowie als universelles G egengift genutzt. Para
celsus erwähnte sie als Pestmittel (1/724) und würzte
m it ihr seinen W interw ein (11/479).

Beinwell (Symphytum officinale; Jupiter,


Saturn)
Taucht in den Schriften des Paracelsus als Consolida m aior auf. Paracelsus
bereitete eine Suppe zur
M agenstärkung daraus (1/857); er gebrauchte den
Beinwell verm utlich als M ittel gegen Sodbrennen
(11/593).
Außerdem führte er die W urzel als M ittel bei
Knochenbrüchen (III/399 und 587) sowie bei W un
den und G eschwüren auf (III/533 und 536). H eute
wird Beinwell wegen der enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide, die angeblich kanzerogen
sind, nur
äußerlich in Salben oder in homöopathischer Ver
dünnung als G elenks- und K nochenheilm ittel ge
braucht; ein bewährtes H andelspräparat ist Steiro
call N (Tropfen von Steierl) zur Behandlung von
Knochenleiden wie Status nach Fraktur oder Osteo
porose.

Blutwurz (Potentilla torm entilla; Venus, Sonne)


U niversalheilm ittel der Volksmedizin, das wegen
seiner antibiotischen Kräfte bei Entzündungen aller
Art zum Einsatz kommt, z.B. gegurgelt oder gepin
selt bei H als-, iMandel- oder Zahnfleischentzün
dung, als Pulver auf eitrige W unden gestreut oder
bei D urchfällen als Schnaps oder W ein eingenom
men. In der roten W urzel sah Paracelsus eine blut
stillende Signatur (11/280 und III/308), die seiner
zeit bei Blutungen aller Art (Darm, U terus)
gebraucht wurde (»B lutw urz«). Ferner gab er ge
naue Anweisung zur Zahnbehandlung m it Tormen
tilla (1/1010, 11/640) und gebrauchte sie wegen der
roten Farbe für seinen wärm enden W interw ein
(11/479). Zusammen m it M yrrhe Bestandteil von
Repha OS M undspray (Repha).
Braunelle (Prunella vulgaris; M erkur, Venus)
D er Nam e leitet sich von der H alsbräune (D iphthe
rie) ab. die Paracelsus als eine Art Pest m it L ungen
beteiligung bezeichnete (11/567).
Das Braunellenwasser diente ihm als Lungenarz
nei (1/904). als Pestarznei (11/586) sowie als G urgel
wasser.
Ferner lobte er das Kraut als Badezusatz (1/606)
und als W undöl (III/450). Obwohl das Kraut anti
biotische Gerbstoffe enthält, ist es heute fast in Ver
gessenheit geraten.

Brennnessel (Urtica dioica; Mars, Venus)


In der Brennnessel erkannte Paracelsus die pflanzli
che V erkörperung der Planetenkraft M ars (1/424).
Er nannte die Brennnessel ein .Mittel gegen Pest,
Gelbsucht und G elenkserkrankungen (III/537; siehe
auch Seite 81).

Brom beere (Rubus fructicosus; Venus, Mars)


Seit alter Zeit sind die Blätter Bestandteil von Hausteem ischungen, die als
Schwarztee-Ersatz getrun
ken werden.
Aufgrund der Gerbstoffe em pfiehlt man den Tee
heute bei leichten D urchfällen. Die getrockneten
B lätter werden in manchen G egenden als Tabaker
satz geraucht.
»D er Brombeerstrauch ist überaus dornig und
w irkt sehr gegen G ifte« (J.B. Porta, zit. n. E. Schle
gel, 1915/1987).

Brunnenkresse (Nasturtium officinale; Mond,


Mars)
Essbares W ildkraut und volksm edizinisches Blut
reinigungsm ittel. Paracelsus führt N asturtio als
W urm m ittel auf (11/615), em pfiehlt es gegen Stein
leiden (III/566) sowie als Kinderm ittel (III/569).
Die Firma W eleda liefert m it N asturtium M ercurio
cultum D2 ein Präparat, bei dem die Brunnenkresse
m it potenziertem Q uecksilber gedüngt wurde; es
eignet sich zur Behandlung von N ahrungsallergien
und C olitis ulcerosa.

Im Naturschutzgebiet am Geburtsort findet man heute


noch die sehr seltene Drachenwurz (Calla palustris).
Das Aronstabgewächs dürfte jedoch nicht die berühm te
»Serpentina« des Paracelsus gewesen sein; diese w ar w ahr
scheinlich eine m editerrane Unterart (siehe auch S. 79).
Foto: O laf Rippe.

D rachenwurz (Calla palustris; Mond, Mars)


Das heute sehr seltene Aronstabgewächs kommt im
N aturschutzgebiet Schwantenau noch vor.
Paracelsus verwendet es m öglicherweise gegen
die Pestilenz; eine Drachenwurz wird jedenfalls
mehrmals erwähnt. Er schrieb aber auch, dass er
den Aronstab m it dem Schlangenm uster bevorzuge,
der in südlichen G efilden zu H ause sei - wom it er
entweder Arum italicum oder D racunculus vulgaris
m einte.

Efeu (Hedera helix; M erkur, Saturn, Sonne)


Findet heute vielfältige Anwendung in der N atur
heilkunde, z.B. als Lungenheilpflanze, in Lymphkomplexen oder in C ellulitissalben
(Zellulisan Salbe
von Pekana). Paracelsus führte den Efeu lediglich
als Epilepsiem ittel auf (III/139).

Eisenhut, Blauer (Aconitum napellus; Saturn,


M erkur)
Aconitum zählt zu den giftigsten heim ischen Pflan
zen und wird seit Jahrhunderten als T ötungsm ittel
gebraucht.
H eute nutzt man das Hahnenfußgewächs nur
homöopathisch bei akuten Leiden wie fieberhaften
Erkältungskrankheiten, M ittelohrentzündung, N eu
ralgien und Panikattacken.
Ehrenpreis (Ackerehrenpreis = Veronica
agrestis, an den Feldrändem ; Bachbunge =
Veronica beccabunga, an der Teufelsbrücke;
echter Ehrenpreis = Veronica officinalis,
im Wald; M erkur)
Zählt heute zu den beliebten Teedrogen bei M agenD arm -Erkrankungen wie Reizdarm
oder bei M a
genschleim hautentzündungen sowie bei Bronchitis.
Paracelsus lobte Veronica als Schutz vor Fäulnis
und Pestilenz (11/392) sowie als Blut- und G e
schwürm ittel (III/465) und setzte das Kraut seinem
»kühlenden« Som m erwein zu (11/480). Das Kraut
enthält antibiotisch aktives Aucubin.

Einen Steinw urf von der Ceburtsstätte entfernt blitzen und


funkeln die Guttationstropfen des Frauenmantels im
M orgenlicht. Paracelsus schätzte die Alchem illa vor allem
als W und- und Knochenm ittel. Foto: M argret Madejsky.

Enzian, G elb er (Gentiana lutea; Jupiter, Sonne)


-Altbekannte Bitterpflanze m it verdauungsfördern
der W irkung. B eliebter Bestandteil von H eil
schnäpsen und M agenelixieren. Paracelsus kannte
die Kräfte der W urzel, erwähnte sie jedoch nur bei
läufig (III/843).

Fieberklee (M enyanthes trifoliata; Mond,


Jupiter)
Obwohl das Enziangewächs im N aturschutzgebiet
nur einen Spaziergang von der Teufelsbrücke ent
fernt gedeiht, wurde es von Paracelsus nicht er
wähnt.
X ach H erm ann Fischer (1929) nannte man den
Fieberklee im M ittelalter auch Consolida minor.
Tabernaemontanus führt das Kraut als F ieberheil
pflanze auf.

Frauenm antel (Alchemilla vulgaris; Venus,


Mond, Jupiter)
Paracelsus kannte Collatenna - wie er den Frauen
m antel nannte und was so viel wie »T rän en h alterin «
bedeutet - nur als Knochen- und W undheilm ittel
(III/399 und 450). In der Volksmedizin und H eb
am m enkunst zählt das Rosengewächs seit langem zu
den U niversalheilm itteln bei Frauenleiden aller Art.
Das Kraut w irkt u.a. entzündungswidrig, frucht
barkeitssteigernd, gelbkörperregulierend, m ilch
bildend, uteruskräftigend und zyklusregulierend
(M. M adejsky, 2000).

Gänseblüm chen (Bellis perennis; Venus,


Sonne)
Von Paracelsus nicht erwähnt. H eute genießt man
die essbaren Blüten in W ildkräutersalaten und ge
braucht das blühende Kraut als W undheilm ittel
sowie in Teemischungen für H aut und M ilz. In der
H omöopathie nennt man das liebliche Gewächs
»A rnika der G ebärm utter«, weil es nach der G eburt
die Rückbildung fördert. W ir verwenden es häufig
als typisches Kinderm ittel bei entzündlichen H aut
leiden wie X euroderm itis. Laut H erm ann Fischer
(1929) wurde es auch als Consolida m inor bezeich
net.

Gänsefingerkraut (Potentilla anserina; Venus,


Sonne, M erkur)
Das silbrig gefiederte Rosengewächs wurde bereits
von den Germanen als H eilm ittel gebraucht. Sebas
tian Kneipp lobte es als die beste H eilpflanze gegen
Krämpfe und Bauchgrimm en der Frauen und der
Kinder. Paracelsus führte Anserina als Asthm am ittel
auf (III/558).

G erm er, W eißer (Veratrum album; Mond,


Saturn, etwas Mars)
Zählt heute zu den wichtigsten Kollapsm itteln der
Homöopathie m it Symptomen wie kaltem Schweiß,
Durchfall und Erbrechen. W urde früher als X iespulver zur R einigung des H auptes
gebraucht. W enn
Den W eißen Germ er ver
w endete man früher als
Ableitungsm ittel über die
Nase, daher auch der Name
W eiße Nieswurz. M an
glaubte, au f diese Weise
das Gehirn von schadhaften
Däm pfen zu befreien.
Paracelsus gebrauchte das
giftige Liliengewächs als
H eilm ittel bei W ahnsinn;
diese Indikation hat sich bis
heute in der Hom öopathie
erhalten. Foto: O la f Rippe.

(Er.iä«ic^.ucnv

Paracelsus von der »jun gen N iesw urz« schrieb (III/


610), m einte er verm utlich den Germer, der unweit
seiner G eburtsstätte geradezu wuchert.
Ferner kannte er das giftige Liliengew ächs als
Brechm ittel (III/409) sowie als W aschm ittel zur
V ertreibung von U ngeziefer aus Kleidern (III/536).
Paracelsus verwendete den G erm er eventuell bei
jugendlichem Irresein, während er die Schwarze
N ieswurz lieber bei W ahnsinn der älteren Sem ester
verabreichte. Das homöopathische Arzneibild kennt
ebenfalls psychische Symptome wie »W ahnideen
m it drohendem U nheil; M anie m it D rang, D inge
zu zerreißen; ständiges Fluchen; K indbettm anie«
(W. Boericke, 1972).

G iersch (= Geißfuß; Aegopodium podagraria;


M erkur)
Beliebtes W ildgem üse, das als Spinatersatz und zur
Frühjahrskur dient.
Das Kraut leitet H arnsäure aus und w irkt da
her der G icht entgegen. Im akuten G ichtanfall leg
ten Volksm ediziner einst den Pflanzenbrei auf die
schmerzenden Stellen auf.

In der Hom öopathie ist


Veratrum album (Weißer
Germer) heute ein wichtiges
M itte l bei Kreislauflabilität
und W ahnideen von drohen
dem Unheil oder Zerstörungs
w ut. Altkolorierter H olz
schnitt aus dem Kräuterbuch
von Leonhart Fuchs, 1543.

G ünsel (Ajuga reptans; M erkur, Venus)


M öglicherw eise hat Paracelsus m it Iva arthetica
eine gelbblühende G ünselart gem eint (III/730 und
738 und 752), näm lich Ajuga cham aepitys, die in
der Schweiz sporadisch vorkommt und von Aschner
als »Sch lagkräutlein « bezeichnet wurde. Volksme
dizinisch gebrauchte man Günsel als B lutreiniger
und E iterm ittel sowie als Zugpflaster, um Splitter
aus der H aut zu holen.

Gundelrebe (Glechoma hederacea; M erkur,


Venus)
Beliebtes volksm edizinisches W undheilm ittel mit
antibiotischen Kräften, daher »H err des E iters« ge
nannt. Als blutreinigendes W ildgem üse w ichtiger
Bestandteil der Gründonnerstagssuppe. Paracelsus
führte die G undelrebe neben anderen Kräutern als
Balsam zur H eilung von Kontrakturen auf (1/874.
11/585) sowie als G elbsuchtm ittel (1/949).

G u ter Heinrich (Chenopodium bonushenricus; Mond, M erkur)


Altes W ildgem üse, das von der Landbevölkerung
stets als Spinatersatz und V itam inlieferant genutzt
wurde. Kulturfolger, wächst direkt neben der Ge
burtsstätte. G ilt als Sitz w ohlwollender Pflanzen
geister, daher der Nam e.

Hahnenfuß, Scharfer (Ranunculus acer;


M erkur, Mars)
U nter der Bezeichnung Flamula wurde die Pflanze
von Paracelsus als A bleitungsm ittel verwendet; es
war auch Bestandteil blasenziehender Salben mit
C anthariden (Spanische Fliege). M öglicherw eise
verwendete er auch den Knolligen H ahnenfuß (Ra
nunculus bulbosus) oder die Trollblum e (Trollus
europaeus) als Flamula.

H aselwurz (Asarum europaeum ; M erkur,


Saturn)
W urde bereits von D ioskurides als Abfuhr- und
Brechm ittel erwähnt. Verm utlich m einte Paracelsus
m it Azara die H aselwurz und führte diese als Pur
gierm ittel zweiten Grades auf (III/398). H eute wird
das Kraut eher selten und nur homöopathisch bei
M igräne, O hrleiden und Asthma gebraucht.

H eidelbeere (Vaccinium m yrtillus; Venus,


Jupiter)
Paracelsus nutzte die H eidelbeere als giftw idriges
M ittel (III/548) und m it roter Koralle »zur Ein
schränkung der M enstruation« (III/196). Ferner
führte er H eidelbeeröl als Arznei gegen Gelbsucht
auf (1/949). Volksmedizinisch gebraucht man die
getrockneten Beeren wegen ihrer Gerbstoffe noch
bei leichten D urchfällen. In U ntersuchungen er
wies sich das Kraut als blutzuckersenkend und heißt
daher auch »pflanzliches Insulin«.

H im beere (Rubus idaeus; Venus, Mars)


W ie auch andere Rosengewächse häufiger Bestand
teil von H austeem ischungen. Aufgrund des G erb
stoffgehalts eignen sich die Blätter zur B egleit
behandlung leichter D urchfallerkrankungen. W ird
heute fast nur noch in der G eburtshilfe gebraucht,
wo der Tee in dem R uf steht, den M utterm und
weich zu machen und einem Dammriss/-schnitt
vorzubeugen.

Hirschzunge (Asplenium scolopendrium


= Phyllitis scolopendrium = Scolopendrium
vulgare; M erkur, Saturn)
D ioskurides gebrauchte diese Farnart bei D urchfäl
len. Von Paracelsus als W einabkochung bei reich li
chem Auswurf (chronische Bronchitis) empfohlen
(III/564). Die Pflanze wurde außerdem als lebens
verlängerndes M ilzm ittel erwähnt. Bestandteil von
Digestodoron (Tabletten von W eleda) zur Behand
lung von Dysbiose des Darms.

H irtentäschelkraut (Capsella bursa-pastoris;


Mond, Saturn, M erkur)
Paracelsus lobte das H irtentäschelkraut als B lutstil
ler (1/444). Als solcher wird das Kraut heute in der
Frauenheilkunde gebraucht, z.B. als Tee, T inktur
oder in M ischungen bei M yom blutungen, bei funk
tionellen G ebärm utterblutungen, bei verstärkten
Blutungen infolge von Spirale sowie bei klim akte
rischen Blutungen. Enthalten in Stvptik N Nr. 21
(Tropfen von Soluna) zur Behandlung von Blu
tungsneigung und in Alenodoron (Tropfen von
W eleda) bei H yperm enorrhoe.

H olunder (Sambucus nigra; Mond, Saturn)


Paracelsus kannte die abführende W irkung der
Triebe (11/461) sowie der Rinde (III/398 und 609).
Er empfahl die Blüten als Auflage gegen Schwindel
(III/554) und ließ gegen Podagra (Gicht) vor dem
Schwitzbad bei abnehmendem M ond »H olun der
salz« einnehmen (11/475). H eutzutage sind die Blü
ten fast nur noch wegen ihrer schweißtreibenden
und fiebersenkenden Eigenschaften als Bestandteil
von Erkältungstees im Gebrauch.

Huflattich (Tussilago fanfara; Sonne)


Volksmedizinisch seit vielen Jahrhunderten als
Lungenheilpflanze für M ensch und T ier gebraucht.
G eriet wegen des G ehalts an angeblich leberschädi
genden und embryotoxischen Pyrrolizidinalkaloiden in Verruf, weshalb vor
längerfristiger Ein
nahme, vor allem in der Schwangerschaft, zu warnen
ist. W urde von Paracelsus erwähnt (III/730), aber
nicht als Lungenm ittel.
Johanniskraut (Hypericum perforatum
und andere Arten; Sonne, heute auch etwas
Neptun)
Ein Arcanum des Paracelsus, das er sowohl als beste
W undarznei aller L änder wie auch als W urm m ittel
und nicht zuletzt bei psychischen Leiden schätzte
(111/628ff). Paracelsus bereitete sein W undöl aus
Blüten und Samen (III/485). Er kannte und pries je
doch auch den schutzm agischen Gebrauch von J o
hanniskrautbüscheln (siehe Seite 391).

K erbel (Anthriscus cerefolium ; M erkur)


Paracelsus widm ete dem essbaren W ildkraut, das
heute nur noch in Frühlingssuppen genossen wird,
sogar ein kleines Kapitel (III/567). Er sprach dem
»K ärb lykraut«, in Form von Auflagen angewandt,
große H eilkraft bei Geschwüren der weiblichen
Brust zu und lobte es u.a. bei Schwindel.

Knabenkraut, G eflecktes (Orchis maculata


= Dactylorhiza maculata; Venus, Mond)
W egen der hodenförm igen W urzel wurde das Kna
benkraut von Paracelsus als Beispiel für die Signatu
renlehre aufgeführt (1/656). W eil es die Form des
männlichen Gliedes hat, sollte das W urzelpulver die
Sexualkraft stärken.

»Die Natur des Wasserpfeffers nenne ich Sapenam riparum


oder Persicariam und sie ist für frische W unden gut. Dies
beweist die Form des Blutes und der rote Blutstropfen m it
ten au f dem Blatt. (...) Um die Geschwulst, die Hitze und
das Bluten zu beheben, ist eine vortreffliche Kraft in dem
Kraut Persicariae. Für das Bluten ist die Arznei im Stengel.
Siehe, w ie ein Blutstropfen nach dem anderen rot aus der
W unde tropft. So ist auch die Signatur im Stengel
Persicariae.« (Paracelsus l/6s8f)

Knöterich, Pfirsichblättriger (Polygonum


persicaria; M erkur, Venus; P. hydropiper auch
Mars)

Das gefleckte Knabenkraut gedeiht besonders üppig auf


den W iesen nahe der Geburtsstätte und diente dem ju n
gen Paracelsus verm utlich als eines der ersten Objekte für
seine Signaturstudien. Heute wachsen noch viele weitere
seltene Orchideenarten im nahe gelegenen N aturschutz
gebiet. Foto: M argret Madejsky.

Paracelsus rühm te Persicaria als W undm ittel für


M ensch und T ier (III/502).
Er lobte die wundheilende W irkung beim Sattel
druck der Pferde wie auch beim W undliegen der
Kranken (Dekubitus). Er schrieb: »Bei Rössern, die
vom Sattel gedrückt sind, h eilt es die W unden (...).
Also auch beim M enschen, (...) wo die Ketten bei
Gefangenen gedrückt haben oder die Leute kränk
lich sind und sich in den Betten aufliegen (...). Man
nim m t das Kraut und zieht es durch einen frischen
Bach. Dann legt man es auf die Stell, die man heilen
will (...) dann vergräbt man das Kraut an einem
K ratzdistel (Cirsium vulgare; Mars, Sonne)
NOMINA

ET

E X P L I C A T I O .

Zwgf<r Giltrw o r ali/s cum M i g w ß re dieitur :

quibufdim vn vb er,a lijs y ty / itty .,G ern a is Jn qb cx .


Gsük Gigembre,Lufit4Mj Qtngpire: tadix eü herb* j rä*
mtnu m odoferpauH .cdodtcinuodarjti, pipcrn fa ir e ,e t
laribM/uß quöd urdimeal/äcit.fed d tu titu ,u u lm g m fi
per ,ob hunuiititem exerem entofm : cu m occufnme utrunty tcrtdmibm fa ü e
tentiuiir.C5dtendamrec<ns omttino eü^rnnquiimueM ^mpoßormmore.lA utäurtKA rd
btt T rvgledyticd. ß * ' *>*v« t> * ■

H y d ro p ip «r.

C ap , C L I I t.

feem
iiu
.

Paracelsus führte die D istel als allgem eines Signa


turbeispiel auf: »D ie D istel ist ein Kraut m it Sta
cheln, und diese Signatur zeigt an, dass eine verbor
gene Kraft für das Stechen in der Brust und in den
Seiten in ihm verborgen ist« (1/658). Speziell die
Kratzdistel wird heute nicht m ehr gebraucht.

Löwenzahn (Taraxacum officinale; Jupiter,


Sonne, Mond)

Paracelsus verw endete Wasserpfeffer als W undbalsam .


Hierzu em pfahl er, das frische Kraut m it O uellw asser zu
benetzen und es als W undauflage zu benutzen: »So sollt
ihr wissen, dass Persicaria ein Kraut für offene Schäden
bei M enschen und Vieh ist.« (Paracelsus III/502)
Kolorierter H olzschnitt aus dem Kräuterbuch des
Dioskurides in Latein, das 1610 erstm als in Deutsch
erschien.

feuchten O rt, dam it es faul werde, so wird der Scha


den gesund in derselben Zeit. Das muss ich auch
m elden, dass manche ein Kreuz über die Schäden
machen und dass manche dazu beten. Doch das
alles ist nicht nötig und gehört nicht dazu. Denn es
ist eine natürliche W irkung da, die das natürlich
und nicht durch Aberglauben und Zauberei tu t«
(III/502-503).
Von Aschner wurde Persicaria nur m it W asser
pfeffer (Polygonum hydropiper) übersetzt. Doch
rund um den G eburtsort des Paracelsus wuchert
nur der pfirsichblättrige Knöterich, was vermuten
lässt, dass er eher die Persicaria als den H ydropiper
bevorzugte.
Außerdem erwähnt Paracelsus den Blutstropfen,
den ebenfalls nur P. persicaria hat, als Signatur.

Als L'berdüngungsanzeiger hat der Löwenzahn wohl


erst in den letzten Jahrzehnten die W iesen rund um
die Teufelsbrücke erobert, was vielleicht einer der
Gründe ist, dass die Pflanze von Paracelsus nicht
erwähnt wurde.
H eute zählt der Löwenzahn zu den bekanntesten
H eilpflanzen und findet Anwendung bei Z ivilisati
onsleiden wie Bauchspeicheldrüsenschwäche, Fett
sucht, H arngrieß und Verstopfung. In der Volks
m edizin sind die jungen B lätter eine beliebte
Frühlingsspeise, der M ilchsaft gilt als Krebsprophylaktikum und die W'urzel als
LTniversalheilm ittel zur
R einigung der Bauchorgane.

Lungenkraut (Pulmonaria officinalis; M erkur,


Saturn, Venus)
Paracelsus kannte Pulm onaria bereits als Lungen
arznei (III/453) wie auch als Asthm aheilm ittel
(11/637). Als Lungenheilpflanze ist das Kraut heute
noch in Gebrauch. M eist wird es zusammen mit
H uflattich, M alve, Sanikel und Vogelknöterich in
Teemischungen angewandt. Bestandteil von Pulmonik X (Soluna) zur Behandlung von
entzündlichen
Lungenleiden.

Mädesüß (= W iesenkönigin; Filipendula oder


Spiraea ulmaria; M erkur, Mond, Jupiter)
Auf den sumpfigen W iesen rund um das G eburts
haus des Paracelsus findet man M ädesüß häufig,
dennoch hat er die Pflanze nicht erwähnt. W ir
verwenden sie heute vor allem zur Behandlung
entzündlicher rheum atischer Erkrankungen. Die
Pflanze enthält Salicylsäure; der Produktname
Aspirin leitet sich von Spiraea ab.
N elkenwurz, Echte (Geum urbanum ; Jupiter,
M erkur)
Paracelsus empfahl die W urzel nach Schlaganfall
(III/607), als »T rank für das G ehirn« (11/462) und
bei Kolik (11/478). Ferner würzte er m it ihr seinen
anregenden W interw ein (11/479) und konservierte
m it dem Öl das Bier (III/238). Ähnliche W ertschät
zung erfah r die N elkenwurz in der Volksmedizin,
was der Beiname »H eil aller W elt« verrät. In der
W urzel kommt das schm erzlindernde und stark an
tiseptische Eugenol vor (siehe auch Seite 264).

Rotklee (= W iesenklee; Trifolium pratense;


Venus, M erkur)
Die W'iesen rund um die G eburtsstätte sind heute
voller Rotklee. Paracelsus hat ihn nicht erwähnt.
Dabei wurde er schon von H ildegard von Bingen in
der Physica gelobt. Volksmedizinisch gebrauchte
man den Rotklee als erweichende Auflage bei krebs
artigen Geschwüren. H eute nutzt man Rotklee als
heim ischen Sojaersatz bei Ö strogenm angel (z.B.
M enoflavon von Pascoe).

Sanikel (Sanicula europea; M erkur, Jupiter)


Paracelsus gebrauchte den Sanikel für W undtränke
(1/848, III/450), als K nochenheilm ittel (III/399)
sowie als Bruchkraut (z.B. N abelbruch) für Kinder
(III/552). In der heutigen Volksmedizin schätzt man

Rotklee verw endete man früher als W undbalsam . Heute ist


er eine w ichtige H eilpflanze zur Behandlung von Ö strogen
mangel. Foto: M argret Madejsky.

im m er noch die wundheilenden, entzündungswidri


gen und antibiotischen Kräfte des Sanikel. Daher
ist das »H eiligen krau t« häufiger Bestandteil von
M agen- und H ustenteem ischungen.

Schafgarbe (Achillea m illefolium ; Venus, Mond,


Sonne)
Obwohl die Schafgarbe zu den altbewährten volks
medizinischen W undkräutern zählt, deren H eil
kräfte bereits von H ildegard von Bingen gelobt
wurden, findet sie in den Schriften des Paracelsus
keine Beachtung.

Schlüsselblume (Primula veris und Primula


eliator; Sonne, M erkur)
Obwohl die W iesen bei der G eburtsstätte im Früh
ling voller Schlüsselblum en sind, hat Paracelsus
nichts über deren H eilkräfte berichtet. In der
Volksmedizin gebraucht man die W urzel bei H us
ten m it Verschleim ung und die Blüten in Kopf
schmerztees. Ferner nutzte man die Schlüsselblum e
als H erztonikum sowie nach Schlaganfall.

Sonnentau (Drosera rotundifolia; Mond,


M erkur)
Sonnentau taucht erst im Schrifttum des 13. Jah r
hunderts auf. W egen der klebrigen Absonderungen
wurde er - ähnlich wie die A lchem illa - zum Alche

Der m oorig-feuchte Boden des Naturschutzgebietes


Schwantenau ist im Som m er übersät von Sonnentau, der
wegen seiner tauartigen Ausscheidungen im M ittela lter ein
begehrtes Alchim istenkraut war. Foto: M argret Madejsky.
m istenkraut, das zur Bereitung von Lebenselixieren
verwendet wurde. Trotz der üppigen Vorkommen
auf den M oorw iesen im N aturschutzgebiet Schwantenau wurde D rosera von
Paracelsus nicht erwähnt.
H eute findet man das Sonnentaukraut wegen seiner
antibiotischen Eigenschaften hauptsächlich in L un
gentees und H ustensäften; z.B. enthalten in Droserapect (Tropfen von W eber & W
eber).

Spitzwegerich (Plantago lanceolata; M erkur)


Bis heute erfreut sich der W egerich, das H eilblatt
der G erm anen, größter B eliebtheit in der Volksme
dizin. Aus den Blättern bereitet man beispielsweise
einen H ustensirup und Zugpflaster bei Furunkel
oder man lindert m it dem Saft den Juckreiz nach
Insektenstichen. Für Paracelsus war es eine w ich
tige W undarznei, ein Eiter- und Entzündungsm it
tel, eine Asthma- und Lungenarznei (III/54I f). In
zwischen ist der antibiotische W irkstoff Aucubin
identifiziert.

Taubnessel (Lamium album; Mond)


Die Taubnessel, das »N esselw eib lein «, war schon
zu Paracelsus Zeiten als Frauenkraut in Gebrauch,
wozu sie auch Paracelsus verwendete. »D ie N essel,
die weiß blüht, soll von den Frauen getrunken w er
den« (1/672). Die weißen Blüten zeigen eine Form
verwandtschaft zum weiblichen G enital. M an ver
wendet die Blüten und B lätter bis heute z.B. als
Teedroge bei W eißfluss, zu R einigungskuren bei
U nterleibserkrankungen oder zu Sitzbädern bei
Entzündungen. Taubnessel w irkt auch lindernd bei
Prostatitis.

Teufelsabbiss (Succisa pratensis; M erkur, etwas


Saturn; heute auch Uranus)
Zur B lütezeit im H ochsom m er verleiht der Teufels
abbiss den M oorwiesen einen violetten Schimmer.
Von Paracelsus wird die »A bbissw urzel« zwei M al
erwähnt. Einmal wegen der Form ihrer W urzel, die
wie abgebissen erscheint (III/309), zum anderen als
Abwehrm ittel gegen U nw etter und böse G eister
(IV/320). H eute ist das Kraut nicht mehr gebräuch
lich.

Im August leuchten die W iesen in der Schwantenau violett


von unzähligen Blüten des Teufelsabbisses, den Paracelsus
einst zu den magischen Schutzkräutern zählte. Foto: O laf
Rippe.

Trollblum e (Trollius europaeus; Sonne, Mond,


heute auch Neptun)
Als Zeigerpflanze für Feuchtwiesen darf die T roll
blume im M oor nicht fehlen. Erwähnt wurde sie
von Paracelsus jedoch nicht, wiewohl er dem nicht
ganz ungiftigen Hahnenfußgewächs oft begegnet
sein dürfte.
Er schreibt jedoch über eine Flam ula, die im
Feuchten wächst - m öglicherweise wrar dies die
Trollblum e, die man heute noch als H eilm ittel bei
Rheuma und Entzündungen z.B. der Prostata ver
wendet.
Veilchen (Viola odorata; Venus, Saturn)
Als Tagundnachtblum e und O sterkünderin genoss
das wohlriechende Veilchen stets hohe W ertschät
zung. So wurde es beispielsweise von H ippokrates,
von H ildegard von Bingen sowie von der Schule
von Salerno erwähnt. Paracelsus bevorzugte das
verwandte Stiefm ütterchen, das er als H eilpflanze
gegen die Skrofulöse anführte (III/542) und als
W undkraut gebrauchte (11/585).

Vogelm iere (Stellaria media; Mond)


Als K ulturfolger und essbares W ild kraut dürfte Pa
racelsus die Vogelmiere gekannt haben. H eute ist
das kleine U nkraut fast in Vergessenheit geraten,
obwohl die Pflanze antivirale Eigenschaften zeigt.

W aldengelwurz (Angelica silvestris; Sonne,


Jupiter)
Paracelsus führte .Angelika u.a. in Rezepten gegen
die G elbsucht (1/944) und als Bestandteil des W in
terweines (11/479) auf. Insbesondere lobte er sie als
»höchste Arznei gegen innere Infektionen durch
die Luft und Schutzm ittel gegen die Pest« (III/465)
und erwähnte sie als W urm m ittel (III/631). L'nldar
ist, ob er auch die W aldengelw urz verwendet hat,
die in den Alpen »Brustw urz« heißt, oder ausschließ
lich die Erzengelwurz, die bis heute Bestandteil von
Klosterlikören und Lebenselixieren wie dem M elis
sengeist ist.

W alderdbeere (Fragaria vesca; Venus)


Die dreigeteilten B lätter zeigen eine Sym pathie zur
dreilappigen Leber. In der anthroposophischen M e
dizin werden E rdbeerblätter zusammen m it W ein
blättern zu einer .Arznei verarbeitet, die sich als Ba
sisbehandlung von Lebererkrankungen wie etwa
der Leberzirrhose bewährt hat (H epatodoron-Tabletten von W eleda).

W asserdost (Eupatorium cannabinum; Jupiter,


M erkur)
W ie der N am e bereits sagt, bevorzugt die Pflanze
Feuchtgebiete. L'nter Rutengängern gilt sie als zu-

Wie alle Rosengewächse enthält auch die Erdbeere


spezifische Gerbstoffe, was sie zu einem H eilm ittel bei
Entzündungen macht. Das dreigeteilte Blatt zeigt eine
Sympathie zur dreilappigen Leber. Foto: M argret Madejsky.

verlässiges Zeichen für unterirdisch verlaufende


Gewässer. In alten Büchern als giftw idrig gerühm t,
wird die Pflanze heute wegen ihrer angeblich kan
zerogenen W irkstoffe (Pvrrolizidinalkaloide) nur
noch homöopathisch bei G rippe und Rheuma ge
braucht. W ir verwenden sie zur allgem einen Stär
kung bei Infektionen und Erschöpfung. Paracelsus
hat sie nicht erwähnt.

W iesenknopf, G ro ß er (Sanguisorba officinalis;


Venus, Sonne)
Die roten Blüten zeigen eine Sym pathie zum Blut,
das auch im Namen steckt (lat. sanguis = Blut; sorbere
= saugen). Der Signatur entsprechend findet das
Kraut -Anwendung bei Blutungen aller .Art. beson
ders aber bei klim akterischen Blutungen. W ie die
meisten Rosengewächse enthält das Kraut G erb
stoffe m it blutstillender und stopfender W irkung.
lage gebraucht und als U nterbettfüllung für R heu
m atiker gelobt.

Zinnkraut (Equisetum arvense; M ond, Saturn)


Bei dem von Paracelsus in einem Kolikrezept auf
geführten »Saffhew « handelt es sich verm utlich um
den Ackerschachtelhalm (11/478). Sonst wird die
Pflanze nicht erwähnt.
D agegen erfreut sich der Ackerschachtelhalm
heute größter Beliebtheit, z.B. als N ieren h eil
pflanze und als bindegewebsstärkendes M ittel (ent
halten in M etasilicea N von M eta-Fackler). WTegen
des hohen K ieselsäuregehalts wird die Pflanze auch
in der W 'irbelsäulentherapie verwendet und bei G e
lenksbeschwerden oder Osteoporose. Sie dient auch
als biologischer Pflanzenschutz bei Pilzbefall.

Die W iesenraute verw endete Paracelsus zur Behandlung


der Pestilenz. Foto: O laf Rippe.

W iesenraute, Akeleiblättrige (Thalictrum


aquilegiifolium; M erkur, Mond)
Die heute gänzlich in Vergessenheit geratene W ie
senraute zählte zu den Lieblingsm itteln des Para
celsus. Er empfahl sie mehrfach als Pestm ittel
(1/895 und 899, II/587) und verwendete sie gegen
W urm erkrankungen (1/69). Ferner lobte er »H arm el« bei Phlegm a (III/466) und
als G eschwürm ittel
(III/466).

W urm farn (D ryopteris filix-mas; M erkur,


Saturn)
Paracelsus erwähnte den W urm farn in einer Ver
ordnung zur .M agenstärkung bei V erdauungs
schwäche (1/959). Volksmedizinisch wird W urm
farn wegen seiner nervenähnlichen Blattstruktur
vor allem bei Ischialgie (»H exenschuss«) als Auf
»Wider Pestilenz und faule Geschwer«
Infektionen und Hautleiden bei Paracelsus
»Die aber zu solchen (Pest-)Kranken gehen müssen
(...), bei denen -wundert man sich nicht, dass die Luft
der Kranken sie vergiftet. Damit dies nicht geschehe,
soll man Weihrauch im Munde tragen und dem
Kranken Meisterwurz in den Mund legen. Meister
wurz and Weihrauch werden dann keine Vergiftung
zulassen.« (Paracelsus 1/726)

Vom W u nd fieber zum Krankenhauskeim

Im Z eitalter der Apparatem edizin, Antibiotika und


D esinfektionsm ittel möchte man m einen, dass die
rund 500 Jah re alte Kunst der W undheilung nach
Paracelsus nicht mehr wirklich von Belang sei:
Längst hat der m edizinische Fortschritt das düstere
.M ittelalter hinter sich gelassen, und dank chemisch
definierten Antibiotika sind W undinfektionen kein
Them a mehr.
Bevor w ir das G egenteil beweisen, werfen w ir
einen Blick zurück in die Zeit des Paracelsus. N a
türlich kreiste das Interesse der Arzte, Hebammen
und K räuterkundigen damals ganz besonders um
die H eilung von W unden, denn die H ygiene hatte
noch lange nicht den nötigen Stellenw ert erlangt,
so dass selbst harmlos erscheinende Kratzer,
Schnitte oder Stiche den Tod bringen konnten.
N icht selten wohnte die ganze Sippe m itsam t dem
Vieh in einem Raum zusammen, und wenn eine
Frau niederkam , so geschah dies zuweilen in unm it
telbarer N ähe der Hühner, Kühe und Ziegen, die
den Raum m it der Kreißenden teilten. Und auch
die LTnterernährung schwächte die Abwehrkräfte
der .Menschen. Die Folge waren hohe Sterblich
keitsraten unter den Säuglingen, aber auch unter
den M üttern, die dem K indbettfieber erlagen.
Im merhin wies Paracelsus bereits an, dass sich
Kranke nicht in einem Raum m it T ieren aufhalten
sollten. Er hatte also schon ein genaues Verständnis
von den Krankheitsursachen durch m angelnde H y

giene und forderte zu Recht, dass ein Krankenzim


m er sauber gehalten und regelm äßig gelüftet w er
den solle. Daher darf man verm uten, dass Paracel
sus bereits die Ü bertragungsw ege von Infektionen
kannte.
Seinerzeit ging das lebensgefährliche W undfie
ber von G eburtswunden aus oder von Schnitt- oder
Stichwunden. W ährend seiner Z eit als Feldarzt
hatte Paracelsus jedenfalls viele Erfahrungen über
W unden und W undheilung gesam m elt. Aus diesem
Lebensabschnitt stammen auch die m eisten seiner
W undtränke, Pflaster sowie sein speziell zubereite-

V iele der W undkräuter des Paracelsus verfügen über


beachtliche antibiotische H eilkräfte und könnten bei richti
gem Gebrauch auch heute noch Infektionen durch
Krankenhauskeim e verhindern oder Operationswunden
rascher abheilen lassen. Das Bild zeigt einen typischen
Krankenhausgang von heute. Dass sich hier die G ötter der
Heilkunst nicht sehr wohl fühlen, dürfte einleuchten.
Foto: O laf Rippe.
tes Johanniskrautöl. Außerdem finden sich in seinen
Schriften ebenso viele Rezepturen für innere wie
auch für äußere Anwendungen bei W unden. H äufig
gebrauchte er dieselbe Pflanze innerlich wie äußer
lich, oft zusammen m it anderen W undarzneien, wie
folgendes Z itat belegt: »D er natürliche Balsam ist
nach der Art eines Trankes zu verordnen, oder die
W unden sind zu übergießen. Es ist nichts anderes
als Hypericon (Johanniskraut), Centaurea (Tausend
güldenkraut) und Prunella (B raunelle), die nicht
nur die äußeren, sondern auch die inneren W unden
heilen « (III/145).
Zweifelsohne können von den inneren W unden
auch im 21. Jahrhundert im m er noch lebensgefähr
liche W undinfektionen ausgehen. H eutzutage sind
vor allem Frischoperierte, Immungeschwächte und
Intensivpatienten gefährdet durch K rankheitserre
ger wie etwa Staphylokokken oder Streptokokken,
die zu den sogenannten Krankenhauskeimen zäh
len.26 Diese wie auch andere Bakterienstäm me
konnten durch den exzessiven Einsatz von D esin
fektionsm itteln und Antibiotika in der T ier- wie
H um anm edizin Resistenzen erwerben, so dass die
H eilung von W undinfektionen in der m odernen
C hirurgie w ieder zunehmend zum Problem wird.
Sogar .Menschen, die vielleicht ihr Leben lang nie
.Medikamente genom m en haben, sprechen m itunter
auf viele Antibiotika gar nicht mehr an. M ehrere
zehntausend Infektionen pro Jah r gehen m ittler
weile auf das Konto resistenter Krankenhauskeime,
die eigentlich banale E rreger sind und nur durch
chirurgische Behandlung oder falsche W undpflege
zu den gefürchteten X osokom ialinfektionen füh
ren.
D aher suchen H ygieneexperten ständig nach
neuen W egen der Infektionsprophylaxe und über

prüfen im Rahmen ihrer Recherchen auch die alten


.Methoden der WTundheilung, zu denen u.a. die Bal
same, Pflaster und W undkräuter des .M ittelalters
gehören. Selbst nach einem halben Jahrtausend
haben viele der W’undheilpflanzen des Paracelsus
ihre Kräfte keineswegs eingebüßt, sondern sollten
viel öfter zum W ohle des Kranken genutzt werden
und zum Einsatz kommen, wenn chemisch defi
nierte Antibiotika wieder einm al versagt haben oder
von den Patienten nicht vertragen oder abgelehnt
werden.
W ährend im 14./15. Jahrhundert Infektions
krankheiten wie Pest, C holera, D iphtherie, Krätze,
Lepra, Syphilis oder Typhus grassierten, kämpft
man im 21. Jahrhundert verzweifelt gegen V irusin
fektionen. LTnsere moderne Seuche heißt Aids, aber
auch H epatitis C, Pfeiffersches Drüsenfieber, Infek
tionen m it H erpes- oder Papillom aviren sowie die
Krankenhausinfektionen durch E rreger wie Staphy
lokokken sind therapeutische H erausforderungen,
die sich m it H ilfe der Kräuterkunde des Paracelsus
besser m eistern lassen. N icht zuletzt könnten die
W undarzneien des Paracelsus heutzutage auch bei
den schlecht heilenden W unden der Venenkranken
(L lcus cruris) oder beim offenen Bein der Zucker
kranken wie auch beim Liegegeschw ür B ettlägeri
ger (D ekubitus) zum Einsatz kommen.
»Es ist nicht möglich, dass eine bessere Arznei
(als das Johanniskraut) fü r Wunden in allen Ländern
gefunden wird.« (Paracelsus 111/632)
»Neuerdings konnte auch gezeigt werden,
dass Johanniskrautpräparate das Wachstum von
Staphylokokken beeinflussen können, was vielleicht
die Eifolge des Paracelsus bei der Wundbehandlung
erklären könnte.« (Walter Pöldinger, 1999)

26 Etwa 1 0 0 0 0 P atienten sterben nach E xpertenschätzung in


D eutschland jedes J a h r an Infektionen durch K rankenhaus
keim e. »S ch w erk ran ke P atienten sind durch die ganz norm alen
A lltagskeim e besonders g efä h rd et«, so der H ygien eexp erte P ri
vatdozent Dr. R oland Schulze-R öbbecke von der D üsseldorfer
H e in rich -H ein e-U n iv ersität. Da die E rreger durch den m assi
ven E insatz von A ntib iotika eine zunehm ende R esistenz en t
w ickelten , fo rdert d er M ed izin er zurückhaltenden E insatz der
.M edikam ente. .Andere F orscher gehen so gar von rund 4 0 0 0 0
T odesfällen durch K rankenhausinfektionen aus, wobei die g e
naue U rsach e oftm als nicht ein d eu tig zu klären ist. »E s ist nicht
leicht, den A nteil d er Infektionen als T odesursache bei schw er
kranken P atienten h erau szu filtern «, erläu te rte Sch ulze-R ö b
becke. E xperten schätzten jedoch, dass sich bis zu 800 000 der
jährlich etw a 12 M illio n en P atienten in deutschen K rankenhäu
sern m it den K eim en infizieren (dpa, F ebruar 2000).

Von der balsam ischen Tugend des SanktJohannes-Krauts

Das vielleicht bedeutendste H eilkraut des Paracel


sus gegen Infektionen aller Art ist das Johanniskraut
(H ypericum perforatum). .Als W undarznei hatte
man es in der W issenschaft schon fast vergessen oder aus Gründen m angelnder R
entabilität nicht
w eiter erforscht, da Salben und Crem es m it Anti-
EFFIGIES

PHILIPPI

T H E O P H R A S T I A B HOHENHE1M: ^ T A T I S SUi«.

XLVII.

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Äibiwi»Meitvm.
rcriraatMlafcin ,3<wwr>,<gu<»MnNrr>.

ARPINAS:
Confocdcr ar or um Er cmi
E R E M I T A:

PHILOSOPHUS
PARADOXUS,

MYSTERIARCHA,
A R T IU M MAGISTER,
M E D IC IN A R U M PROFESSOR.
Muf a r um Mcchani car i un

TRISMEGISTYS
CIRMANVS.

Die chirurgischen Schriften des Paracelsus w ie Die große Wundartzney gehören zu


den bedeutendsten ihrer Art in der
M edizingeschichte. Paracelsus hatte als Feldarzt sehr viel praktisches Wissen zum
Thema sam m eln können, vor allem auch
im Um gang m it W undarzneien w ie dem Johanniskraut. Titelkupfer der Huser-Ausgabe
von 1605, au f dem Paracelsus als
germ anischem Trismegistos gehuldigt wird.

biotika, Bepanthen, Kortison oder Zink auf dem


G ebiet der W undheilung den Bedarf zu decken
schienen. Außerdem konzentrierte man sich haupt
sächlich auf die Erforschung der antidepressiven
W irkun g der Inhaltsstoffe H ypericin und H yperforin. Erst seit kurzem rücken die
wundheilenden
Eigenschaften w ieder in den M ittelpunkt des Inter
esses und werden bei chronischen H autleiden wie
X euroderm itis in Form von Salben genutzt. Dabei
blickt das Johanniskraut auf eine ungebrochene
H eiltradition als W undarznei zurück, deren W u r
zeln sich in grauer Vorzeit verlieren.
In ländlichen G egenden stellen Kräuterkenner
seit unzähligen Jahrhunderten ab dem Johannistag
(24. Ju n i) das in der Yolksheilkunde geradezu als
Universalmedizin geschätzte Johanniskrautrotöl her.
Es dient den K räuterkundigen innerlich zur W urm kur (Vorsicht: K olikgefahr!)
oder auch als Balsam

bei M agenschleim hautentzündung oder M agenge


schwür. Äußerlich wird das Rotöl wie bereits vor
m ehr als tausend Jah ren im m er noch nach Verbren
nungen aufgetragen. Die Signatur ist eindeutig: »Es
(das Rotöl) lindert Schmerzen vor allem bei Ver
brennungen, da das Kraut zur Z eit des längsten
Tages und der ärgsten H itze blüht« (R itter von Perger, 1864).
W er sich einm al an einem heißen Hochsom m er
tag zum Johanniskraut begibt und dort eine W eile
ausharrt, kann das W esen dieser H eilpflanze am ei
genen Leib erfahren. Das Johanniskraut nim m t an
seinem natürlichen Standort nicht nur intensiv die
Sonnenkräfte auf - was es zur Sonnenmedizin und
zum Seelenbalsam macht - , sondern es muss sich
auch effektiv vor den schädlichen W irkungen der
L Y -Strah lu ng schützen. Sonnengewächse, die wie
Johanniskraut oder Dachwurz der andauernden
Strahleneinw irkung widerstehen müssen, sind na
türliche H eilm ittel für Sonnenbrand und analog
auch für andere V erbrennungen. Pflanzen sind dem
M enschen auf zellularer Ebene näm lich gar nicht so
unähnlich, wie man vielleicht glauben mag: Auch
die Pflanzenzelle enthält einen Z ellkern m it geneti
schen Informationen, die durch U Y -Strahlen ge
schädigt werden können, und auch Pflanzen können
einen Sonnenbrand bekommen, was in heißen Som
mern so m ancher G ärtner erfahren muss.
Im G egensatz zum M enschen können Pflanzen
jedoch an sonnigen Som m ertagen weder einen
Schirm aufspannen noch Sonnencrem e auftragen.
Um zu überleben, müssen strahlenexponierte Ge
wächse folglich selbst Schutzstoffe bilden, die sie
vor den schädigenden Einflüssen des U \ -L ich ts be
wahren. Inzwischen g ilt als erwiesen, dass es sich
bei dem »zellularen Sonnenschirm « der Pflanzen
w elt in erster L inie um Flavonoide handelt - gelbe
Farbpigm ente, die im Zellsaft gelöst sind und die
Pflanzenzellen vor schädlicher U V -Strahlung ab
schirm en. Flavonoide kommen in allen oberirdi
schen Pflanzenteilen vor und finden sich auch im
Johanniskraut (bis zu 2 Prozent).

Die homöopathische Lösung


bei Verbrennungen
Die volksm edizinische .Anwendung des Rotöls nach
V erbrennungen ist ein gutes Beispiel für den ho
möopathischen Grundsatz, nach dem man .Ähnli
ches m it Ähnlichem heilen soll. Doch die Art von
Homöopathie, die Paracelsus m einte, stützt sich
keineswegs - wie heute leider oft üblich - auf sym
ptombezogenes Buchwissen des T herapeuten, denn
den papiernen Büchern wollte der M eister nie so
recht trauen. Sie basiert vielm ehr auf N aturerfah
rungen und auf Erkenntnissen, die unm ittelbar von
der H eilpflanze stammen.
Verbrennungen wie der Sonnenbrand zeichnen
sich u.a. durch H autrötung aus, und das Johannis
kraut zeigt eben durch seine rote Farbe, die im
Volksmund »Johannisblut« heißt, Sym pathie zur
Erkrankung. Außerdem kann die hoch dosierte und
langfristige Einnahme von Johanniskraut nach
Lichtexposition zu sonnenbrandähnlichen H aut
erscheinungen führen. In der V eterinärm edizin ist
diese unerwünschte N ebenw irkung als H ypericis-

mus bekannt: W eil das »H arth eu « beim W eidevieh


ebenfalls Sonnenbrände fördert, mussten in den
L’ SA bereits unzählige H ektar W eideland aufgege
ben werden, auf denen Johanniskraut w-uchert. Aus
homöopathischer Sicht h eilt eine Verbrennung am
besten durch jene Arzneien, die eine Verbrennung
verursachen können. Daher sollte man nach Ver
brennungen, aber auch bei Lichtem pfindlichkeit
oder Lichtekzem en homöopathisches Johanniskraut
versuchen (z.B. H ypericum C30).
Im Zusam m enhang m it dem Johanniskraut er
wähnte Paracelsus das Stichwort Verbrennung zwar
nicht, dennoch dürfte ihm dieses uralte und tief in
der Volksheilkunde verwurzelte Anwendungsgebiet
bekannt gewesen sein. Für ihn war das Sankt-Johannes-K raut ein Arcanum, ein
Gottesgeschenk
und die beste W undheilpflanze überhaupt (III ab
628). Kaum ein Gewächs lobte er mehr, wenn es
darum ging, W unden oder Geschwüre zu heilen:
»S ie (die W undarznei) soll bei allen Stichen, inne
ren Körperwunden und W unden der wichtigen
G lieder eingenom m en werden. Sie ist eine so gute
Arznei, dass es keinen besseren W undtrank gibt.
Die Arznei wird so bereitet: M an nehme weißes
W acholderöl und Sankt-Johannes-Sam enöl. M an
fülle diese zwei m it den Blüten an und lasse sie an
der Sonne digerieren nach gem einem Brauch. M an
soll sie w ieder ausdrücken und m it anderen Blumen
einige M ale füllen. Dann soll die Arznei getrunken
werden (...). Von dem W undtrank soll man jeden
Tag am M orgen, zu M ittag und nachts einen Trunk
tun. M an soll einen Löffel m it 10 Löffeln gutem
W ein mischen und im m er 2 Löffel davon trinken,
das macht im Tag 6 Löffel. Dies soll man bis zum
Ende der H eilung tu n .« (III/635)
W ährend Kräuterkundige landauf und landab
das Rotöl fast im m er auf die gleiche W eise herstellen, indem sie die B
lütentriebe an der Sonne in Ol
ausziehen, führte Paracelsus ein ganz besonderes
Rezept auf. Zwar verwendete schon D ioskurides
die Johanniskrautsam en für H eiltränke und U m
schläge, aber vor allem die Kombination m it W a
cholderöl erscheint sehr vielversprechend. V iel
leicht vereinte Paracelsus ganz bewusst Sommer
(Johanniskraut) und W in ter (W acholder) in dieser
Rezeptur. In jedem Fall aber ergänzen sich nach
heutigem W issenstand beide H eilpflanzen in ihren
antibiotischen W irkebenen ideal.
W acholderöl zählt aufgrund seiner ätherischen
Öle m it zu den stärksten antibiotisch aktiven Stof
fen, die das Pflanzenreich hervorbringt. Die ätheri
schen Öle greifen näm lich direkt die M em bran von
Bakterien an.
Im Johanniskraut findet sich ebenfalls ein anti
biotisches Stoffgemisch: »b is zu 3% H yperforin,
ein den Hopfenbitterstoffen verwandtes Phloroglucinderivat; (...); bis über 10%
Gerbstoffe; (...)«
(M . W ichtl, 2002). Dass Johanniskraut auch zu den
Gerbstoffdrogen zählt, wird jedoch oft vernachläs
sigt. Dabei sind Gerbstoffe wahre M ultitalente
unter den Pflanzeninhaltsstoffen: »G erbstoffe w ir
ken (...) entzündungsw idrig, schwach lokalanästhe
tisch, trocknend auf der H aut und W unden und
bakterizid« (H. W agner, 1993).

Hypericon nimmt den W undschm erz


A llerdings sei in diesem Zusam m enhang d arau fh in
gewiesen, dass die Gerbstoffe, wenn überhaupt, nur
in sehr geringem M aß in einen Ö lauszug überge
hen. Jedenfalls fehlt dem Öl der zusammenziehende
und trockene Geschmack, den Tee und Extrakte
aufweisen.
D aher ist die stärkste antibiotische W irkun g von
Alkoholauszügen, insbesondere von Alkoholextrak
ten (z.B. H yperforat Tropfen von Klein) sowie von
U rtinkturen zu erwarten. Diese eignen sich u.a. zur
Behandlung von Zahnfleischbluten, von Entzün
dungen oder G eschwüren im M undraum sowie zur
W undheilung nach Zahnextraktion. In der Zahn
m edizin sollten Johanniskrautextrakte ohnehin rege
gebraucht werden, da hier Operationswunden be
sonders rasch schließen müssen; darüber hinaus gilt
Johanniskraut als Spezifikum nach Verletzung ner
venreicher Gewebe.
Paracelsus wusste längst, dass Johanniskraut
nicht nur W unden heilt, sondern dass es darüber
hinaus noch Nervenschm erzen bekämpft: »Bei
W unden stimmen überein: Die den Schm erz lin
dern, wie H ypericon (Johanniskraut). Die durch
Verschließen heilen, wie Oel des Tartarus (Anti
mon). Die die N atur des Balsam haben, wie C en
taurea (Tausengüldenkraut). M it Terpentin (L är
chenharz) wird jedes Geschwür geh eilt« (III/482).
Johanniskraut verfügt sogar über zweierlei M ög
lichkeiten der Schm erzlinderung: Zum einen w ir

ken die Gerbstoffe schwach lokalanästhetisch - aus


diesem Grund hinterlässt eine gerbstoffhaltige T ink
tur ein pelziges Gefühl im M und. Zum anderen
wirkt der rote Farbstoff H ypericin zentral schmerz
lindernd; Pharm akologen vergleichen die W irkung
- wenn auch viel schwächer - m it der von M or
phium. Daher leisten Johanniskrautpräparate bei
der Bekämpfung von Schm erzsyndrom en wie etwa
zu Beginn von M igräneattacken oder bei der Be
handlung von Phantomschmerz gute Dienste. Aber
auch bei T rigem inusneuralgien sowie bei anderen
Arten von N ervenschm erzen sollte Johanniskraut
versucht werden. In der anthroposophischen M edi
zin wird eine spezielle Johanniskrautzubereitung
(H ypericum Auro cultum Tropfen und Injektions
lösung von W eleda) sogar erfolgreich bei Zahn
neuralgien eingesetzt.
Ein weiteres Anwendungsgebiet, das sich bis
heute in der \ olksm edizin wie auch in der H ebam
m enkunst erhalten konnte, ist die Behandlung von
frischen N arben und die Prophylaxe von N arben
wucherungen. Das Johanniskrautrotöl ist zweifels
ohne das beliebteste H ausm ittel zur Pflege von
D am mschnitten oder -rissen sowie von O perations
narben und findet auch Einsatz bei N arben- oder
Nervenschm erzen nach O perationen. Bestimmt
wurden nicht alle diese Indikationen von Paracelsus
gefunden, aber sie waren ihm sicherlich bekannt Johanniskraut hat sich über
Jahrhunderte hinweg
auf diesen G ebieten im m er w ieder bewährt: »D ie
Blüten faulen in der Form des Blutes. Das ist ein
Zeichen, dass sie für W unden und, was von W un
den kommt, gut sind, auch soll man sie gebrauchen,
wo man Fleisch (N arben) zügeln w ill« (III/630).
Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass
das Lieblingsm ittel des Paracelsus - das Sankt-Johannes-K raut oder H ypericon,
wie er es nannte - in
der W undbehandlung durchaus seine Berechtigung
hat und unbedingt intensiver als bisher gebraucht
werden sollte.
»Man gebrauchets meistens in Reinigung der
Wunden (eusser- und innerlich) in Resolvierung des
gerunnenen Bluts (,..)/eusserlich in Zerstossungen/
(der Nerven insonderheit).« (Johann Schröder über
Johanniskraut, 1685/1963)
Jo h a n n is k ra u tro tö l: Rezepte im V erg leich

Zur H erstellung des Rotöls wie auch anderer


Johanniskrautpräparate werden traditionell ab
Johanni (24. Jun i) die noch ungeöffneten Blüten
triebe gesam m elt. M an kann z.B. ab Johanni
m it der Ernte in den T älern beginnen und sich bis
zur H erbsttagundnachtgleiche sammelnd in die
B erglagen hinaufarbeiten.
W ich tig ist, dass diese Sonnenpflanze vor der
Ernte viel Sonne abbekommen hat. Auf keinen Fall
sollte man das Johanniskraut rund um den V oll
mond ernten, da dieser den W assergehalt, nicht
aber den W irkstoffgehalt steigert. D am it das Ol
nicht schim m elt, darf man das Sam m elgut auf
keinen Fall im feuchten Zustand verarbeiten - zur
N ot lässt man es vor der Verarbeitung trocknen.
Außerdem sollte man das am Glasrand konden
sierte W asser täglich m it einem Tuch abtupfen.
Laut Paracelsus wäre der beste Zeitpunkt für die
Ernte des Johanniskrauts, wenn M ars, Ju p iter oder
Venus günstig stehen. Erfahrungsgem äß färbt sich
das Ol schneller, wenn das Johanniskraut bei einem
feurigen M ond im W id d er oder im Löwen gesam
m elt und verarbeitet wird. Sonnenlicht wie auch
Wrärm e fördern die U m w andlung bestim m ter
Inhaltsstoffe in wirksam ere Formen; beispielsweise
wird Protohypericin zu H ypericin. In der Volks
m edizin ist es daher üblich, das Rotöl vier bis sechs
W ochen lang an einen sonnigen Platz zu stellen;
hierfür genügt in der Regel eine sonnige Fenster
bank. In sonnenarmen Jah ren kann man das Rotöl
auch im W'asserbad erhitzen oder in den Backofen
stellen und bei 40 Grad eine Z eitlang künstlich
erwärm en. Paracelsus förderte den L'm wandlungsprozess einst dadurch, dass er sein
W undöl m ehr
fach zum Sieden brachte oder in Rossmist stellte.
V olksm ediziner nutzen keineswegs nur das echte
Johanniskraut (H ypericum perforatum) arzneilich,
sondern verwenden auch alle anderen Arten, deren
Blüten beim Zerquetschen zwischen den Fingern
reichlich »Johannisblut« abgeben. U nwirksam sind
alle nicht oder nur schwach rot färbenden Arten
wie etwa Z ierarten (z.B. H ypericum androsaemum)
oder in W'ald- oder Sum pfgebieten vorkommende
Johanniskräuter wie das geflügelte oder das be
haarte Johanniskraut (H ypericum hirsutum) - diese

Für Paracelsus w ar das Johanniskraut die beste W undarznei


überhaupt. Vor allem die Blütentriebe enthalten nach
neuesten w issenschaftlichen Erkenntnissen antibakterielle
W irkstoffe. In der Firma Soluna w ird einem Auszug von
Johanniskraut m it Olivenöl noch etwas Gold (Aurum potabile) zugegeben, um die
sonnenhaften Eigenschaften zu
verstärken. Foto: Soluna.

Arten enthalten nicht die für eine T herapie er


forderlichen W irkstoffe und färben sich beim
Quetschen auch nicht rot. W7eil viele Johanniskräu
ter B lätter haben, die wegen der Öldrüsen wie per
foriert aussehen, sollte man auch auf den Stengel
achten: Das echte Johanniskraut hat einen unbe
haarten Stengel m it zwei Längskanten.

Ol nach Künzle
D er Schweizer Kräuterpfarrer Künzle, ein echter
V ertreter der Volksmedizin, führte folgendes
Rotölrezept auf: »N im m ein paar H andvoll Jo h an
nisblüten, zerquetsche sie, bis sie bluten, lege sie
in O livenöl, stelle es zehn Tage an die Sonne, bis
das Öl rot wird; nimm nochmals soviel frische
Blüten, zerquetsche sie wieder, lege sie w ieder ins
gleiche Öl und wieder an die Sonne zehn Tage;
so kannst du es drei- bis vierm al machen, bis das
Öl dunkelrot w ird« (Johann Künzle, 1935).

Öle nach Paracelsus


Im G egensatz dazu vertrat Paracelsus die M einung,
den Ansatz nach sechs Tagen abzufiltrieren und
m it frischen Blüten anzureichern; dies sollte sechs
oder sieben M al geschehen. V ielleicht wollte er be
wusst im m er am siebten Tag, also am Sonn(en)tag,
die Blüten erneuern. So entstehe näm lich ein Bal
sam, der sogar sonst tödlichen W unden gewachsen
sei (III/634).
Noch kom plizierter ist die alchim istische H er
stellung des W undöls nach Paracelsus, der, wie be
reits von D ioskurides erwähnt, auch die Johannis
krautsam en gebrauchte: »M an soll vom Samen ein
Oel m achen.2 Dann soll man das Oel vom Samen
nehmen und die gleiche M enge T erpentin28 dazu
geben. Schütte darüber guten Rotwein. Lasse diese
drei m iteinander eine Stunde sieden. Dann soll
man die halbe M enge Baumöl dazu geben. Es soll
neu sein. W ieder soll man es m it Rotwein eine
Stunde sieden lassen. Dann soll man die Blüten von
Perforata dazugeben und (das Gefäß) ganz voll
dam it anfüllen und w ieder m it W ein 6 Stunden sie
den lassen, bis der W ein ganz eingekocht ist und
nur die zwei Oie und das Terpentin da sind. Dann
soll man es für einen M onat an die Sonne stellen.
Dann soll es gebraucht w erden« (III/634).

V olksm edizinische A n w end u n gsgebiete


fü r das Jo h a n n isro tö l

Äußerlich bei Sonnenbrand, Verbrennungen, Ver


brühungen, Hexenschuss, Rheum a, N erven
schmerz, zum W undverband bei Schürfwunden,
Schnitt- oder Stichverletzungen. Innerlich bewährt
bei M agen-D arm -K olik, G astritis oder U lcus und
in der Tierm edizin bei W urm befall.

27 Z ur H erstellu n g eines Sam enöls w erden die Sam en zer


quetscht und d estillie rt (III/485).
28 Als T erpentin w erden dreierlei D inge bezeichnet: Zum Ers
ten w ird T ereb inth ina laricin a als L ärch en terp en tin (= L ärch en
harz) geh an d elt. L ärch en terp en tin ist bis heute B estandteil von
W und- und Z ugsalben (z.B. Ilon-A bszeß-Salbe). Zum anderen
kann es sich auch um T ereb inth inae aethero lum rectificatum
han deln , das aus Pinus-A rten durch W asserdam pfdestillatio n
gew onnen w ird und ebenso zur R heu m a-E in reibu ng und in
F urunkelsalben zur .Anwendung kom m t. D ieses O leum T ere
b in thin ae ist im »S p iritu s russicus« en th alten , d er ähn lich w ie
F ranzbranntw ein zur durchblutun gsfördernden E inreib un g bei
R heum a gebrau cht w ird. Sch ließlich heißt auch echtes L einöl
im Yolksm und T erpentin und wurde früh er m it K alkwasser
gem isch t als B ran dlin im en t angew endet. P aracelsus m ein te je
doch sich erlich L ärch en terp en tin , da er die L ärche besonders
schätzte.

»In allen Wundträncken soll Sanickel genützt


werden /hefft die frische Wunden zusammen/ist gut
zu allerley Brüchen. Pflasterte iß übergelegt. Ist
so heylsam/dass es auch Fleisch im Hafen zusammen
fügt/so man die Wurzel darbey thut.«
(Adam Lonitzer über Sanikel. 15>7/1962)

Sanikel, das H eiligenkraut der Volks


m edizin
Ein weiteres Kraut, das schon von Paracelsus wegen
seiner H eilkräfte gerühm t wurde und sich bei Kräu
terkundigen im .Alpengebiet im m er noch größter
Beliebtheit erfreut, ist der Sanikel (Sanicula europaea). Der kleine D oldenblütler
begegnet uns zu
weilen in Buchenm ischwäldern, doch er ist so un
scheinbar, dass nur w enige W anderer diesen Schatz
der Volksmedizin überhaupt bem erken. Beinamen
wie Bruchkraut, Fünfwundenblatt, H eildolde, H eil
aller Schäden oder W undsanikel deuten bereits an.
welche Kräfte dem arom atischen Pflänzchen inne
wohnen. Ein alteingesessenes M ünchener Kräuter
haus vertreibt die Droge sogar unter dem alten
X am en »H eiligen krau t«, denn der Sanikel ist von
alters her dem heiligen Laurentius unterstellt, der
im Bedarfsfall als Patron der durch Brandwunden
Versehrten um H ilfe angerufen wird; doch verließ
man sich neben dem G ebet stets auch auf die H eil
wirkung des Sankt-Lorenz-K rauts, sprich des Sanikels. Die Kräuterkundigen des M
ittelalters glaubten
noch, der Sanikel sei so heilsam , dass er das Fleisch
im Kochtopf w ieder zusammenwachsen lasse, wenn
man die W urzel nur dazugebe (A. Lonitzer, 1557/
1962).
Volksmedizinisch gebraucht man die Blätter wie bereits von H ildegard von Bingen
empfohlen auch bei M agenbeschwerden. So findet sich der Sa
nikel in entzündungswidrigen M agenteem ischungen sowie in manchen G astritis-Kom
plexm itteln
(z.B. .Argentum O ligoplex Tabletten von Madaus).
W egen der schleim lösenden H eileigenschaften
nutzt man das Kraut auch volksm edizinisch bei Er
kältungskrankheiten m it Halsschm erz, Husten und
Lungenbeteiligung. Hierzu überbrüht man üblicher
weise 1 bis 2 Esslöffel der Droge m it lA L iter Liter
kochendem Wasser, lässt das Ganze 8 bis 10 M inu
ten ziehen und süßt gegebenenfalls m it etwas Honig.
Zwar klingt die Zusammensetzung solcher W und
tränke inzwischen recht seltsam, denn diese enthiel
ten u.a. wenig gebräuchliche Zusätze wie D rachen
wurz (Serpentaria) und Im m ergrün (Pervinca; heute
noch Bestandteil homöopathischer M ischungen
gegen Flechten wie D ercut Salbe von Pekana); den
noch kann ein durch Paracelsus inspirierter Sanikelwein oder ein W undheiltee m it
Sanikel im m er
noch die H eilung innerer W unden, etwa nach O pe
rationen, fördern.
Bei all dem Lob, das die m ittelalterlichen wie
auch die heutigen Kräuterkundigen diesem fast ver
gessenen H eilkraut zollen, verwundert es nicht,
dass laut neueren wissenschaftlichen U ntersuchun
gen im Sanikel ein antibiotisches W irkstoffgem isch
gefunden wurde: Dem vor allem in den Blättern
enthaltenen Saponinkomplex m it Saniculosid konnte
eine pilzfeindliche und antivirale Aktivität nachge
wiesen werden.

Sa n ikelrezep te

San ikelw ein (K räu terlad en )


Bei W unden und Knochenbrüchen em pfahl Paracelsus
Heiltränke m it Sanikel, dem H eiligenkraut der Volksm edizin.
Foto: M argret Madejsky.

X ich t zuletzt deshalb steht der Sanikel in so


hohem Ansehen, weil er dem Kranken das ganze
Jah r über zur Verfügung steht. Der A llgäuer H eim atkundler und K räuterkenner
Pius Lotter erzählte
einm al, dass man bei starker Erkältung die Blätter
zur X o t auch im W inter unter dem Schnee hervor
holen könne.
W eil das Kraut im m er da ist, eignet es sich be
sonders zur Behandlung chronischer Erkrankungen
(die ja auch im m er da sind). Diese Signatur zeigt
gleicherm aßen an, dass das Kraut bei A ltersleiden
hilfreich ist, denn dem A lter entspricht im Jah res
kreis der W inter. L'nd schließlich haben Pflanzen,
die dem W in ter trotzen, viel Sal (= Festigendes) in
sich. V ielleicht erkannte Paracelsus eben daran die
Knochenheilpflanze. Er führte »D iap ensia«, wie
der Sanikel bei ihm hieß, jedenfalls als wichtige
H eilpflanze für Knochenbrüchen aut (III/399) und
tat ihn in seine W undtränke (III/412 und 450).

Frauenm antelkraut 20 g
G undelrebe 20 g
Sanikel 30 g
Schafgarbe 20 g
Tausendgüldenkraut 10 g
.-Alle Kräuter vermischen und in einem Topf
m it 0,7 1 Rotwein zum Sieden bringen. Abgedeckt
abkühlen lassen und im lauwarm en Zustand m it
1 EL H onig süßen. In die gesäuberte W einflasche
zurückfüllen und kühl aufbewahren. T äglich
3 -4 Gläschen ä 20 ml vor oder zwischen den .Mahl
zeiten trinken.
X ach Operationen em pfiehlt sich der Sanikel
wein vor allem als Ergänzung zu anderen natur
heilkundlichen M aßnahm en wie etwa einer Kur
m it Traum eel Tabletten von H eel und/oder E inzel
gaben von Arnica C30 und Sym phytum C30, die
Schwellungen sowie Entzündungen rascher
abklingen lassen und den W undschluss anregen.
W u n d h e iltee (K räu terlad en )

Frauenm antelkraut 20 g
G undelrebe 20 g
Ringelblum enblüten 20 g
Sanikel 20 g
Schafgarbenblüten 50 g
Tausendgüldenkraut 20 g
Alle Kräuter verm ischen; 2 T L pro Tasse
(ca. 200 ml) heiß überbrühen, 8-10 M inuten
ziehen lassen. Im trinkwarm en Zustand m it etwas
echtem Bienenhonig süßen, 3-5 Tassen täglich
trinken. Zur Förderung der W undheilung nach
O perationen em pfiehlt sich ergänzend die Ein
nahme von Traum eel Tabletten von H eel, bis alle
Entzündungen und W unden verheilt sind.

K n o ch e n h eilte e (K räu terlad en )

Frauenm antelkraut 20 g
H ohlzahnkraut 30 g
Sanikel 40 g
Storchschnabel 20 g
Tausendgüldenkraut 10 g
Vogelknöterich 20 g
Alle Kräuter verm ischen; 1-2 T L pro Tasse
(ca. 200 ml) heiß überbrühen, etwa 8-12 M inuten
ziehen lassen. Abseihen, ggf. im trinkwarm en
Zustand m it etwas echtem Bienenhonig süßen,
über den Tag verteilt 3-5 Tassen trinken.
N ach Knochenbrüchen, G elenksoperationen,
bei K ieferentzündungen oder bei Im plantaten
em pfiehlt es sich, einige W ochen lang m it dem
Knochenheiltee zu kuren und zur Förderung der
Knochenregeneration ergänzend das Schüßlersalz
Calcium phosphoricum oder Apatit D6 Pulver
von W eleda (= Calcium fluorphosphat) einzuneh
men.

Der Rittersporn w urde früher als königliches W undkraut


bezeichnet. Heute hat man seine w undheilenden und
entzündungsw idrigen Eigenschaften fast vergessen.
Kolorierter H olzschnitt aus dem Kräuterbuch des Leonhart
Fuchs, 1543.

Ü b e r C o n so lid a

»Consolidas nennen die Apotecker und newe ärtzte


alle heysame wundtkreutter (...).« (Walther Ryff,
1544/1983)

In den Schriften des Paracelsus taucht im m er


w ieder der Begriff »C o n so lida« auf, der jedoch
nicht im m er eindeutig einer Pflanze zugeordnet
werden kann. Consolida leitet sich vom lateini
schen solidare ab, was »festigen «, »gesund machen«
und im weiteren Sinn »h eilen « bedeutet. Paracel
sus spricht etwa im Zusam m enhang m it dem
W egerich von consolidet, was bei ihm so viel wie
konsolidieren, also (wund-)heilen bedeutet. Alle
»Und du. Wegerich. M utter der Kräuter.
Östlich offen, innen mächtig.
Uber dir quietschten Kampfwagen.
Uber dir reisten Königinnen, über dir riefen Bräute.
Uber dir knirschten Stiere mit den Zähnen.
A ll dem widerstandst du und widerstehst du:
So widerstehst du auch Gift und Ansteckung,
Und dem Feind, der durchs Land fö h n .«
(Altenglischer Xeunkräutersegen, zit. n. G.
von Nemenyi, 1991)
»Bei eitrigen stinkenden Löchern hilft Eichenlaub
zusammen mit Plantago gestoßen und aufgelegt.«
Goldrute kennt man heute vor allem als linderndes M ittel
bei Nieren- und Blasenentzündungen. Der alte Name
»heidnisch W undkraut« deutet jedoch auch eine H eil
w irkung bei Hautleiden an. Die goldene Farbe w eist zudem
au f eine Leberwirksam keit hin und au f ein H eilm ittel bei
Depressionen, vor allem, wenn diese m it Leberstörungen
verbunden sind. Foto: O laf Rippe.

Kräuter, die diesen Beinamen tragen, zählten einst


oder zählen heute noch zu den W undheilpflanzen.
H ier einige Beispiele:
• Consolida major
Beinwell (Sym phytum officinale)
• Consolida media
G ülden G ünsel (Ajuga sp.)
• Consolida mediana
Im m ergrün (Vmca minor)
• Consolida minor
Braunelle (Prunella sp.)
Fieberidee (M enyanthes trifoliata)
G änseblümchen (Bellis perennis)
Sanikel (Sanicula europea)
• Consolida m ucilaginosa
Beinwell (Sym phytum officinale)
• Consolida regalis
R ittersporn (D elphinium regalis)
• Consolida rubea
Blutwurz (Potentilla torm entilla)
• Goldene Consolida
Johanniskraut (H ypericum perforatum)
• Scharfe Consolida
V itriol (nach Paracelsus)
• Solidago
G oldrute = H eidnisch W undkraut (Solidago sp.)

(Paracelsus 111/541 über Wegerich)

Die antibiotischen Kräfte des W egerichs

Ausführlicher als über die m eisten anderen W und


kräuter ließ sich Paracelsus über den W egerich aus,
den er schlicht Plantago nannte. Doch Paracelsus
unterschied zwei Arten: »P lantago und Arnoglossa
sind nicht dieselbe Pflanze. (...) Arnoglossa ist
trocken und heiß. .Manche nennen sie Lanceola«
(III/541).
W ährend heute vor allem Lanceola, der Spitz
wegerich (Plantago lanceolata) in der N aturheil
kunde Beachtung findet, dürfte seinerzeit der Breit
w egerich (Plantago major) häufiger zur Anwendung
gekom men sein. Beide Arten gelten als heilkräftig,
und beide zählen zu den W egbegleitern des M en
schen. Aber der B reitwegerich wächst oft m itten auf
viel begangenen oder befahrenen W egen und zeigt
dam it eben jene Zähigkeit, von der bereits der alt
englische X eunkräutersegen erzählt.
Das Anwendungsspektrum reicht nach Paracel
sus von der Blutstillung über die Behandlung
von .Magenbrennen, M igräne, M undfäule und G e
schwüren bis hin zur X ierenstärkung und Zahn
fäule. W enn man heute einem Anfänger in Sachen
K räuterheilkunde eine solche Bandbreite an Indika
tionen nennt, gerät dieser ins Staunen und kann
gar nicht glauben, dass ein und dasselbe Kraut für
all diese Beschwerden gleicherm aßen gut sein soll.
Rationale Phytotherapeuten schimpfen solche Auf
listungen abfällig Indikationslyrik - jedoch ohne
über die therapeutische Erfahrung zu verfügen, die
einem solchen U rteil zugrunde liegen sollte.
H eilpflanzen wie der W egerich sind sehr kom
plexe W esen, die sich an ihrem Standort vor zahl
reichen K rankheitserregern wie etwa Fäulnisbakte
rien, Pflanzenviren und Schim m elpilzen schützen
müssen. Im Grunde genom m en ist die scheinbar so
friedliche X atur näm lich der Schauplatz des ewigen
Kampfes ums Ü berleben, wobei alles, was keine
Reißzähne hat, sich eben durch Chem ikalien oder
durch andere raffinierte Schutzmechanism en zur
W ehr setzen muss. Das Ergebnis sind im Pflanzen
reich sozusagen (phyto)chemische Keulen, auch
W irkstoffe genannt.
Im W egerich fand man einen antibiotischen In
haltsstoff namens Aucubin, der nach neuesten Er
kenntnissen u.a. den gefürchteten E itererreger und
K rankenhauskeim Staphylococcus aureus in Schach
halten kann. Die antibiotischen Kräfte des W ege
richs reichen sogar so weit, dass der Apotheker und
H eilm ittelhersteller Dr. Beyersdorff (Pekana) nach
eigener Aussage das Kraut nicht zum Vergären
bringen konnte. Das dafür verantwortliche Iridoidglykosid Aucubin kommt in vielen w
eiteren H eil
pflanzen vor, die alle wegen ihrer antibakteriellen
Eigenschaften geschätzt werden, darunter Augen
trostkraut, im Ehrenpreis, in K önigskerzenblüten
oder im W undklee.
Der G ehalt an Aucubin könnte jedenfalls erklä
ren, warum Paracelsus dem W egerich eine solch au
ßergewöhnliche W 'undheilkraft, speziell bei entzün
deten und sogar bei eitrigen W unden bis hin zu
nekrotischen G eschwüren (III/208), zusprach. Eine
seiner Auflagen, die u.a. W egerich enthielt, pries er
als universelles W und- und G eschwürm ittel an:
»D ies (Schöllkraut, Plantago, Sanikel und Johannis
kraut m it H onig als Kataplasma) hilft bei jedem Ge
schwür und bei jeder W unde, vor allem bei jenen
W unden, wo das Zentrum und die schädliche M ate
rie in der W unde selbst sind« (III/542).
X ich t erst seit Paracelsus gehörten W’egericharten zu den hauptsächlichen W
lindkräutern. Schon
die alten V ölker wie die Kelten und Germanen
sollen die Blätter gekaut und als W undauflage
gebraucht haben. Beinam en wie »A rztgras« oder
»H eilb la tt« deuten die W ertschätzung an, die die
ses U nkraut einst genossen hat. Einige Anwendun
gen konnten sich über Jahrhunderte hinweg in der
Volksmedizin erhalten. Bis heute gebraucht man
vor allem den Spitzwegerichsaft als W undbalsam ,

A u f vielen alten Tafelbildern findet man als Symbol für Tod


und Vergänglichkeit Abbildungen vom Wegerich. Die
unscheinbare Pflanze w ar den Germ anen heilig, w eil sie als
von Totengeistern beseelt galt. Bereits Druiden schätzten
die großen Heilkräfte bei Entzündungen aller Art. »Hofer
Altar« von Hans Pleydenwurff, 1465 (Detail); Alte
Pinakothek, M ünchen.

speziell bei Schürfwunden, Sonnenbrand sowie zum


Abschwellen und zur Juckreizlinderung nach Insek
tenstichen; die Blätter werden im m er noch von
manchen Kräuterkundigen als Zugpflaster bei Ab
szessen oder Furunkeln gebraucht.
Von den von Paracelsus em pfohlenen H eilindi
kationen konnte sich für den B reitwegerich nur ein
Bruchteil erhalten. So wird z.B. die homöopathi
sche U rtinktur im m er noch bei Zahnschmerz emp
fohlen. Paracelsus führte dies konkret aus (siehe
Seite 420).
Aufgrund des großlappigen Blattes zeigt der
Breitwegerich außerdem Form verwandtschaft zu
den großlappigen O rganen, also zur Leber, zu den
Lungen oder zu den X ieren . Im merhin wurde Plan
tago schon von Paracelsus im Zusam m enhang mit
Asthma erwähnt (III/542). Als Lungenheilpflanze
konnte sich aber vor allem der Spitzwegerich einen
festen Platz in der K räuterheilkunde erobern (siehe
Rezept Seite 185). Am bekanntesten dürfte die Zu
bereitung als Spitzwegerichsirup sein - die Extrakte
sind Bestandteil zahlreicher H ustensäfte und -kom
plexe (z.B. Bronchi/Plantago G lobuli und Ampul
len, Plantago H ustensaft und Plantago-Bronchialbalsam, alle drei von W ala; Pulm
onik Tropfen von
Soluna).
Laut U ntersuchungen fanden sich sogar Leberschutzstoffe im W egerich
(Polyphenole), welche
seine Anwendung als Leberheilpflanze rechtferti
gen würde. Paracelsus nannte Plantago jedoch nicht
im Zusam m enhang m it der Leber, sondern als M it
tel zur N ierenstärkung (1/919) und nach M igräne
(1/927). W enn auch andere H eilm ittel dem W ege
rich auf diesen beiden A nwendungsgebieten den
Rang abgelaufen haben, so ist doch der Zusam m en
hang zwischen M igräne und N ieren interessant, auf
den Paracelsus hinwies. In der Praxis zeigt sich
im m er wieder, dass M igräne in vielen Fällen entwe
der m it Gallenschwäche (Schläfenkopfschmerz)
oder/und m it N ierenschwäche (A ugenbeteiligung)
einhergeht. »D aher ist bei H em ikranie (M igräne)
und jedem Kopfschmerz die Behandlung nur so,
dass zuerst die N ieren geheilt w erden« (1/926).

S p it z w e g e ric h r e z e p te

A n m erku n g: Besser als die T inkturen zu mischen

ist es, die frischen Kräuter gemeinsam in einem


60-prozentigen Alkohol-W 'asser-Gemisch anzu
setzen. Dann würde die H erstellungsvorschrift so
lauten:
B reitwegerichblätter, Johanniskrautblütentriebe,
Sanikelblätter und Torm entillwurzel zu gleichen
Teilen; die frisch geernteten Kräuter sorgfältig ver
lesen, zu feinem Pflanzenbrei zerhacken und m it
60-prozentigem Trinkalkohol in einem sauberen
Schraubglas ansetzen, so dass m öglichst w enig Luft
im Glas verbleibt. Das Glas sollte etwa zu einem
V iertel m it Pflanzenbrei angefüllt sein. Etwa sechs
W bchen lang an einem warmen Platz stehen lassen,
täglich kräftig schütteln und schließlich durch ein
sauberes Tuch abfiltern und auspressen. Zur
W undreinigung unbedingt verdünnt anwenden
(1:10 bis 1:5)!

L u n genteem isch un g m it S p itzw eg erich


(K räu terlad en)

Efeublätter 20 g
Ehrenpreis 20 g
Lungenkraut 50 g
M alvenblüten 20 g
Q uendelkraut 20 g
Sanikel 20 g
Spitzw egerich 50 g

Rezept: A u fla g e und Trank beim


N a b e lb ru c h der Kinder

» Es gibt kein Kram, das kräftiger bei einem Bruch


der Kinder ist als Betonica in Wein gekocht und
tzarm über den Bruch gelegt. Man muss zu Betonica
Saniculus albus geben. Dies soll zusammen gestossen
und aufgelegt werden. Ein Trank davon gesotten
und getrunken, heilt auch einen Bruch ...«

.Alle Kräuter verm ischen; 2 gehäufte T L pro Tasse


(ca. 200 ml) heiß überbrühen, etwa 8-10 M inuten
ziehen lassen, abseihen und im trinkwarm en
Zustand m it etwas echtem Bienenhonig oder mit
Flechtenhonig von W eleda süßen. Bei Husten
3-5 Tassen täglich trinken.

W u n d trop fen zu r R einigung e itrig e r G eschw üre

H ypericum perforatum L'rtinktur 30 ml


Plantago major L 'rtinktur 30 ml
Potentilla erecta U rtinktur 20 ml
Sanicula europea U rtinktur 20 ml
Von Spagvra über die Apotheke mischen lassen und
m ehrmals täglich zur R einigung eitriger W unden
(1:10 bis 1:5 verdünnt) m it M ull oder W atte auf
tupfen, als W undspülung oder zur Auflage gebrau
chen (zur Rezepterstellung siehe auch Seite 429).

(Paracelsus 111/553)

Je 20 g
Betonienkraut
Sanikel
Die K räuter in einen Topf m it 0,7 1 Rotwein geben
und auf kleiner Flamme zum Sieden bringen.
Dann den Topf vom H erd nehmen und abgedeckt
abkühlen lassen. W enn das Ganze Trinkwärm e er
reicht hat, den W ein durch ein Leintuch abfiltern,
auspressen und in die Flasche zurückfüllen. Der
warm e Pressrückstand wird nun m itsam t Tuch für
einige M inuten auf den Bauch aufgelegt. Den W ein
m it 1 oder 2 EL H onig gesüßt und m it derselben
M enge Traubensaft verm engt den Kindern zu
trinken geben - durch das Sieden ist der Alkohol
näm lich vollständig verdampft.
» Wegen der zerrissenen und eingeschnirtenen Blätter
w ar sie (die Betonie) nach allen Signaturenlehren
ein M ittel gegen Wunden.« (Siegfried Seligmami.
1 8 7 0 -19 2 6 . 1996)

Einige vergessene W undkräuter


des Paracelsus

Paracelsus kannte natürlich viele weitere H eilpflan


zen als W undarzneien. So taucht in seinen Behand
lungsanweisungen auch die Kam ille (Cham om illa
recutita) auf (11/97, III/142 und 182). Ähnlich wie
seine Zeitgenossen gebrauchte er das K am illenblütendestillat, das bei ihm Aqua
Parthenionis hieß,
zur Säuberung schlecht heilender W unden: »S ie
(C ham om illa) reinigt die G eschw ürshöhle« (III/
557).
Doch neben den Kam illen, deren antiseptische
und bakteriostatische W irkung längst wissenschaft
lich erwiesen ist, verwendete er nicht wenige K räu
ter, die heute fast gänzlich in Vergessenheit geraten
sind. Zu diesen vergessenen \Yündheilpflanzen ge
hören etwa die Braunelle, die Betonie oder der
Wasserpfeffer, um nur einige von ihnen zu nennen.

B eto n ie (B etonia officinalis = Stachys


officinalis)

Das Bruchkraut des Paracelsus: X ich t zuletzt stößt


man in den W undrezepten des Paracelsus im m er
wieder auf die Betonie, die wie die Braunelle zur
H eilpflanzenfam ilie der Lippenblütler gehört. Der
Yolksmund nennt die anspruchsvolle und wegen
L'berdüngung selten gewordene W iesenblum e ehr
furchtsvoll »H eilz iest«. W eitere bedeutungsträch
tige Beinam en sind Antoniustee, Fleischblum e,
Pfaffenblume, Zahnkraut oder Zehrkraut.
Yon der großen W ertschätzung, die der H eilziest
bereits in der griechischen Antike genoss, zeugt der
Spruch »Y erkauf deinen M antel und kauf Ziest
dafür« (M . Bocksch, 1989). Außerdem sagte man
laut einem italienischen Sprichwort von einem be
sonders tugendhaften M enschen, er habe m ehr Tu
genden als die Betonie. Denn diese wurde bereits
von .Antonius M usa, dem Leibarzt des Kaisers Augustus, in seiner Schrift De herba
betonica als A llheil
m ittel gepriesen (vergleiche G. M adaus, 1938/1987).

Gem äß der Signaturenlehre eignen sich Heilpflanzen m it


gebuchteten, gekerbten oder edel gezähnten Blättern
w ie Betonie, Eiche oder Rosengewächse besonders gut zur
W undheilung. Foto: O laf Rippe.

Schließlich lobte auch Paracelsus die Betonie in


seinen Schriften in höchsten T önen (III/551): So
nutzte er ihre breitgefächerte H eilw irkung bei
spielsweise bei der W assersucht, zusammen m it der
Dachwurz bei Augenleiden, gegen Husten und
Blutspucken, zur R einigung der X ieren sowie als
G ebärm utterarznei. Ihre wundheilenden Kräfte
schätzte er jedoch am m eisten; ja, er h ielt sie sogar
für das edelste W undkraut (III/552) und schrieb:
»Bei jeder G eschwulst durch einen Stoß oder
Streich hilft das Kraut von Betonica, in Essig ge
kocht und aufgelegt« (III/551). Ferner rühm te er
die Betonie bei Schädelbruch: »Betonica m it Basilicum in W ein gekocht und
getrunken, stärkt den
Kopf, wenn er verwundet war oder Schädelbrüche
bestehen. Es behebt die Schm erzen und behütet
den Balsam, so dass kein Eiter entsteht« (III/552).
Seit Jahrhunderten finden vor allem der Presssaft
aus den Blättern sowie die sirupartige Abkochung
m it H onig Anwendung bei entzündlichen Leiden
wie etwa .Mandelgeschwüren, .Magenkoliken oder
W unden. Im Yolksglauben sind die wundheilenden
Kräfte der Betonie so groß, dass sie in dem Ruf
steht, sogar fressende Geschwüre (Krebs?) zu besei
tigen. W ie so oft gibt es auch im Fall der Betonie
eine wissenschaftliche B estätigung der alten An
wendungsgebiete: »W egen des hohen G erbstoffge
halts fördern wässrige und w einige Abkochungen
des H eilziests die X arbenbildung infizierter W un
den. Diese moderne pharm akologische Erkenntnis
kommt bei W alahfrid in folgender Empfehlung
zum Ausdruck: >YVenn außerdem der Kopf in ge
fährlicher W unde klafft, soll man H eilziest auflegen
(...)<« (H. D. Stoffier, 1989).

B rau n elle (P ru n ella vulgaris)

»Aqua prunellae (B raunellendestillat) soll den Pest


kranken häufig gegeben werden, wenn ein G e
schwür unter den Achseln ist« (Paracelsus 11/597).
W egen ihrer entzündungswidrigen und wund
heilenden Kräfte hieß die kleine Braunelle bei Para
celsus Consolida m inor (siehe Seite 182). Ihren
Namen erhielt sie jedoch von der K rankheit, für die
sie seinerzeit als K ardinalheilm ittel galt: der D iph
therie, die im Yolksmund auch H alsbräune heißt
und die von Paracelsus mal Bräune, mal prunella ge
nannt wurde. N atürlich kannte er die Braunelle als
Yolksm ittel gegen die H alsbräune: »A qua prunella
(Braunellendestillat) cum theriaca ist bei Pest am
nützlichsten, auch bei Pleuresis (Lungenentzün
dung) und Prunella (D iphtherie)« (11/586). Ferner
lobte er die H eilkräfte des Lippenblütlers als
G urgelwasser (II/587) sowie als G eschwürm ittel
(11/597). Trotzdem zweifelte er zu Recht daran, dass
die Braunelle bei einer tödlichen Erkrankung wie

der D iphtherie als alleiniges .Mittel genügen würde


(1/ 886 ).
Er führte aber die Braunelle gleich neben Jo h an
niskraut als H eilpflanze für innere und äußere
W unden auf, wom it sowohl Infektionskrankheiten
als auch W undinfektionen gem eint waren (III/145
und 172). Das Lob hat der kleine Lippenblütler un
bedingt verdient, denn in dem Kraut findet sich ein
antibiotisches W irkstoffgem isch, das die Anwen
dung bei inneren wie auch bei äußeren Entzündun
gen rechtfertigen würde. So kommen in der Brau
nelle entzündungswidrige und keimhem m ende
Labiaten-G erbstoffe und Saponine vor, die - in der
richtigen W eise angewandt - in der Lage sind, Bak
terien, Pilze und sogar Viren in Schach zu halten.

T au sen dg üld en krau t (C en tau riu m eryth raea)

Tausend G ulden wert bei H autleiden - auch dieses


zählt zu den w ichtigsten W undkräutern des Para
celsus: »Es ist nichts anderes als H ypericon, C en
taurea und Prunella, die nicht nur die äußeren, son
dern auch die inneren W unden h eilen « (III/145).
W ährend das rosablütige Enziangewächs heute
fast nur noch bei Yerdauungsschwäche als Bitter-

Confolida m inor.

Paracelsus verwendete
die Braunelle als Wundund Pestarznei. Kolorierter
H olzschnitt aus dem
Kräuterbuch des M atthiolus,
1562.
Lippenblütler w ie die
Braunelle findet man wegen
ihrer spezifischen Gerb
stoffe häufig in alten
Rezepten zur Behandlung
innerer und äußerer
W unden. Die Braunelle, die
man früher vor allem bei
H alsentzündungen verw en
dete, hat man jedoch in der
modernen Phytotherapie
fast vergessen. Im Zeit
alter der Resistenz gegen
A ntibiotika täte man gut
daran, sich w ieder ihrer
enorm en Heilkraft zu
erinnern. Foto: M argret
Madejsky.

SHUmUOI.
m ittel genutzt wird (siehe Seite 221), w ar es für
Paracelsus noch ein w ichtiger Bestandteil seiner
W undtränke, W undöle, Pflaster und Balsame
(III/172, 399, 450, 482, 634). Interessant ist jedoch,
dass er die Centaurea, wie er die kleine B itter
pflanze nannte, auch w iederholt als Fieberarznei er
wähnte (1/811 und 867, 11/594). Im Französischen
trägt das Kraut näm lich den Beinamen herbe h la
fievre (Fieberkraut). Das bedeutet, dass sich die
W irkun g keineswegs auf den M agen-D arm -Trakt
beschränkt.
D er lateinische Nam e Centaurium soll sich u.a.
von dem heilkundigen Kentauren Chiron ableiten,
der dam it einst eine W unde geheilt haben soll, w el
che ihm durch einen Pfeil beigebracht worden war.
Plinius berichtete, dass es vom Tausendgüldenkraut
- ähnlich wie vom Sanikel - hieß, dass es das Fleisch
im Topf wieder zusammenwachsen lassen könne.
Als W undm ittel ist das Tausendgüldenkraut zwar
längst verdrängt, doch nutzt man seine H eileigen
schaften im m er noch volksm edizinisch in Teem i
schungen, um die H aut von innen heraus zu rein i
gen. Speziell bei eitrigen H autleiden wie Akne
entlastet und reinigt es Blut und Darm, was sich
langfristig positiv auf das H autbild auswirkt. Daher
m engt man kleine M engen dieser Bitterstoffdroge
m it Vorliebe Teemischungen bei, die den H autstoff
wechsel entlasten sollen, was etwa bei H autpilz, bei
N euroderm itis oder bei Psoriasis sinnvoll ist.

Als W undheilm ittel sind die M alvenblüten längst außer


Gebrauch, doch bei Lungenleiden dienen Kaltauszüge
im m er noch im Sinne des Paracelsus als entzündungsw idri
ges und reizlinderndes H eilm ittel. Foto: M argret Madejsky.

Alchimilla,

.B e to n i« ,

Qinnaw.

Rezept: T e e m is c h u n g zur A n r e g u n g
des H a u t s t o ffw e c h s e ls

B irkenblätter 20 g
E rdrauchkraut 30 g
G änseblümchenblüten 20 g
Stiefrnütterchenkraut 50 g
Tausendgüldenkraut 10 g
W alnussblätter 20 g
Pro Tasse (ca. 200 ml) 1-2 T L der M ischung
heiß überbrühen, etwa 5-8 M inuten ziehen lassen
und abseihen. LTngesüßt trinken, bei chronischen
H autleiden 6-8 W ochen lang täglich bis zu
5 Tassen, danach m it 1-2 Tassen fortfahren.

Frauenmantel und Betonie sind ideale Ergänzungsm ittel


zur Behandlung von W undinfektionen, vor allem im
Genitalbereich. Kolorierter H olzschnitt aus dem Herbarium
des Engenolph von 1552.
Die W u n d a r z n e ie n des Paracelsus ein st und h e u te

Anwendungsgebiete bei Paracelsus


Beinwell
(Symphytum
officinale; Wurzel)

Betonie
(Betonica officinalis;
blühendes Kraut)

Dachwurz
(Sempervivum
tectorum)
Drachenwurz

(Arum italicum
oder Arum
dracunculus;
Wurzelstock)

Eiche
(Quercus sp.;
Blätter, Rinde)

Frauenmantel
(Alchemilla sp.;
blähendes Kraut)

Johanniskraut
(Hypericum
perforatum; Blüten,
Kraut, Samen)

K a m ille

(Chamomilla
recutita; Blüten)

Von Paracelsus Consolida genannt und zur


Behandlung von Knochenbrüchen (HE/399,
412, 450, 587) sowie bei Wunden und
offenen Schäden empfohlen (IH/512, 536,
542, 547, 735).

Wegen der Pyrrolizidinalkaloide innerlich


nur homöopathisch (z. B. Symphytum C30)
nach Operationen und Verletzungen
von Knochen oder Sehnen. Äußerlich bei
Sportverletzungen, Sehnenzerrungen,
Knochenhautverletzungen, Knochenhaut
reizungen usw.

Paracelsus nannte die Betonie »das edelste


Wundkraut« und empfahl eine Abkochung
in Essig als Auflage »bei jeder Geschwulst
durch einen Stoß und Streich« (HI ab S. 551).
Ferner lobte er ihre Kräfte zusammen mit
Sanikel beim Nabelbruch der Kinder, bei
Schädelbruch, zur Nierenstärkung, bei
Wassersucht sowie als Fieber- und Gebär
mutterarznei.

Wegen des hohen Gerbstoffgehalts fördern


Waschungen und Auflagen die Narbenbildung
bei infizierten Wunden. Dennoch ist die
Betonie als Wundkraut außer Gebrauch.
Das Kraut findet selten Anwendung als Tee
bei Nervenschwäche, zur Nierenstärkung,
bei Blutungsneigung und Durchfällen. Für
die blutstillende Wirkung werden Gerbstoffe
und Stachyndrin verantwortlich gemacht.

Von Paracelsus bei Brandwunden durch


Blitzschlag empfohlen (III/436). Ferner als
kalte und narkotische Arznei (1/1005), als
Styptikum (IH/542) und gegen Podagra.

Von den Römern als Schutz vor Blitzschlag


auf Dächer gepflanzt. Altes Fiebermittel.
Wegen der Schleimstoffe als Aloe-Ersatz und
wegen der Ameisensäure bei Krebs gebraucht.

Von Paracelsus bei Geschwüren (1/857),


als Wundtrank (1H/450) und -öl (III/547),
bei Knochenbrüchen (11/435,131/399, 411,
412, 730), bei Gelenkschmerzen (HI/544)
sowie zur Magenstärkung (H/593) gelobt.

Als Wundarznei nicht mehr gebräuchlich.


In der griechischen Volksmedizin gilt
der Weinauszug von Dracunculus vulgaris
als Aphrodisiakum. In Aronstabgewächsen
kommen darm- und hautreizende Calciumoxalat-Kristalle vor. In der Homöopathie
noch gebräuchlich als Wundarznei bei
Rachenkatarrh (ab D4).

Paracelsus verwendete die Eichenblätter


zusammen mit Wegerich bei »stinkenden
Löchern« als Auflage (IH/541).

Blätter und Rinde enthalten Gerbstoffe,


deren Wirkung nachweislich austrocknend,
zusammenziehend und antibiotisch ist.

Paracelsus gebrauchte Alchemilla


für Wundtränke bei inneren und äußeren
Wunden (III/145) sowie bei Knochen
brüchen (113/399 und 450).

Aufgrund der Gerbstoffe spricht man dem


Kraut eine stopfende Wirkung bei Durch
fallen zu. Volksmedizinisch schätzt man
das Kraut als Universalmedizin für Frauen.

Obwohl im Kraut antibiotische und antivirale


Lieblingsmittel und bewährtes Wundkraut
Wirkstoffe, etwa Gerbstoffe und Hyperforin,
des Paracelsus (III ab S. 628). Paracelsus
nachgewiesen wurden, wird es nur noch
gebrauchte nicht nur die Blüten, sondern
fertigte auch ein Samenöl an. Seine Haupt- volksmedizinisch als Wund- und
Brandmittel
indikationen waren Wunden, speziell Stich gebraucht. Johanniskraut hemmt
nachweislich
das Wachstum von Staphylokokken. Eine
wunden, faule Geschwüre, Quetschungen,
Wirkung bei Neurodermitis wird diskutiert.
Sehnenzerrung, Narben.
Die Blüten enthalten ätherisches Öl mit
Paracelsus schätzte Kamillenblüten als
Chamazulen und Bisabolol, die fiir die
Wund- (m/182) und Geschwürmittel
entzündungswidrige und die krampflösende
(m/142) und empfahl sie zur Reinigung
Wirkung verantwortlich sind. Der Aufguss
von Geschwürhöhlen (IH/556). Ferner
wie auch die Extrakte haben eine anti
nannte er Chamomilla bei Gebärmutterbiotische Wirkung, die auch Staphylokokken
leiden (H/70, IU/556), als Klistier bei
einschließt und daher bei eitrigen Leiden
Kolik (H/478) und als Menstruations
wie Angina oder zur Reinigung von Abszessen
mittel (11/576).
hilfreich sind.
Käsepappel
(= Malve; Malva
silvestris; Blüten)

Lärche
(Larix europaea;
Terpentin =
Lärchenharz)

Mastix
(Pistacia lentiscus;
Harz)

Myrrhe
(Harz von
Commiphora-Arten,
speziell von
C. molmol)

Odermennig
(Agrimonia
eupatoria; blühendes

Opoponax
(Ferula opoponax;
Harz = getrockneter
Wurzelsaft)

Persicaria
= pfirsichblättriger
Knöterich (Polygonum persicaria)
oder Wasserpfeffer
(P. hydropiper)

Sanikel
(Sanicula europaea;
Blätter)

Paracelsus führte die Malve in Pestrezepten


(1/695) und bei Lungenentzündung (1/904)
auf. Ferner schätzte er den Wein als Wund
trank (IÜ/547) und eine Wundauflage
mit Malven- und Johanniskrautblüten sowie
Centaurea (IÜ/547).

Wegen des Gehalts an Schleimstoffen werden


die Malvenblüten häufig als reizlindemder
Tee (Mazerat) bei Bronchitis und Reizhusten
zubereitet. Nur volksmedizinisch nutzt man
die reizlindemde Wirkung der Blüten noch
bei Magenschleimhautentzündung.

Paracelsus kannte die konservierende Kraft


(III/595) und lobte Terpentin als Geschwür
mittel (ÜI/482). Ferner nutzte er das Harz
als Zugpflaster für Pestbeulen, als Fieber
mittel, zur Einreibung bei Beinbruch,
Sehnenzerrung, Nabelkolik, Gicht und
Tuberkulose und zur Nierenstärkung.
Alle von Paracelsus genannten Anwendungs
gebiete lassen sich nach wie vor mit den
im Handel befindlichen Arzneispezialitäten
mit Lärchenharz behandeln. Dem Lärchen
harz kommt vor allem eine stark antiseptische,
durchblutungsfördemde, erwärmende und
hamwegsdesinfizierende Heilwirkung zu.

Nach Paracelsus bei Geschwüren, Magenund Gelenkschmerzen wirksam (IH/216


und 537).

Heute wird Mastix nur noch als Räucher


stoff sowie zum Harzen griechischer Weine
gebraucht.

Paracelsus nutzte die antiseptischen Kräfte


der Myrrhe in Pesttränken (1/724, HI/69),
gekaut oder in Wein eingenommen als
Pestprophylaxe (1/725), zur Reinigung der
Luft bei Pest (1/696) und zusammen mit
anderen Harzen bei Geschwüren (1/696,
III/413). Ferner als Bestandteil des Aqua
vitae (11/93) und als Altersheilmittel (HI/81).

Enthält etwa 7% ätherische Öle, bis zu


40% Harz mit Commiphora-Säuren
und Sesquiterpenen mit antimikrobieller, pilzund wurmfeindlicher, antitumoraler
Wirkung. Tinkturen wirken adstringierend,
desinfizierend, wundheilend. Daher
bewährt zum Gurgeln und Pinseln bei
Entzündungen von Mundraum oder Zahn
fleisch und innerlich bei Darmpilz und Reiz
darm. In Form von Salben bei Hautpilz.

Von Paracelsus bei jauchigem Eiter als


Wundkraut (1/848) und Wundtrank
empfohlen (IÜ/412). Ferner gebrauchte
er Agrimonia bei Kontrakturen (HI/730).

Wegen der Gerbstoffe bei leichten Durch


fallen indiziert. Volksmedizinisch als
»Leberklette« und wegen der stimmbandstraffenden Wirkung als »Sängerkraut«
in Gebrauch.

Wurde von Paracelsus zu Milzsalbe (1/633),


als Zugpflaster für Eiterbeulen und Pest
geschwüre (1/696 und 723,11/464) und in
verschiedenen Geschwürrezepten verarbeitet
(11/63, m/413 und 461).

Obgleich in der Antike als Heilmittel


geschätzt, findet Opoponax heute keine heilkundliche Verwendung mehr. Das ölige
Harz ist nur noch als Räucherstoff und zur
Herstellung von Lacken für die Malerei
in Gebrauch.

Paracelsus lobte die wundheilenden Kräfte


der Persicaria (1/658, III 502) speziell bei
frischen Wunden, beim Satteldruck der
Pferde sowie beim Wundliegen der Kranken.
Ferner bei Krebs (IH/183) und als Zahn
wasser (m/507).

Persicaria ist nur noch volksmedizinisch


in Gebrauch. Unklar bleibt, ob es sich um den
Wasserpfeffer oder um den pfirischblättrigen
Knöterich handelt; Ersterer schmeckt scharf,
worauf Paracelsus hinwies (IH/505), Letzterer
gedeiht am Geburtsort. Die Signatur des
Blutstropfens hat nur der pfirsichblättrige
Knöterich.

Paracelsus nutzte die wundheilenden Kräfte


des Sanikels, der bei ihm Diapensia hieß,
vor allem in seinen Wundtränken (1/848,
HI 412 und 450), als Knochenmittel
(IÜ/399) und mit Betonie beim Nabelbruch
der Kinder (III/552).____________________

In der Volksmedizin bewährte sich Sanikel


wegen seiner entzündungswidrigen Wirkung
in Erkältungs-, Bronchial- und Magentees.
In den Blättern kommen Saponine vor, die
antimykotische und antivirale Aktivität
speziell gegen Influenzaviren zeigen.________
Paracelsus schätzte das Schöllkraut als
(Chelidonium majus; Feigwarzenmittel (DI/308), bei Wunden und
Saft, Kraut, Wurzel) Geschwüren (III/205, 208, 541). Er kannte
auch die Gallenwirkung (11/608) und nannte
es der Farbsignatur entsprechend oft bei
Gelbsucht (1/940, m/405, 531, 536).

Wegen der gallebildenden und -treibenden


Wirkung heute vor allem bei Gallensteinen,
bei Leberschwäche, als Begleitmittel bei
Hepatitis und Kolik eingesetzt. Homöo
pathisch bei rechtsseitiger Migräne bewährt
(z.B. Chelidonium Ferro cultum Dilution
D2 von Weleda).

Stinkasant

Im Ayurveda als heilsames Gewürz wie


auch als Arznei gebraucht, z.B. bei Blähkoliken der Kinder. Homöopathisch bewährt
sich Asa foetida D6 bei Blähungen, Hysterie
und bei Bauchspeicheldrüsenschwäche.
Schamanen nutzen das Harz zur Geisterbannung und für exorzistische Heilrituale
(Chr. Rätsch, 1996).

Schöllkraut

(Asa foedda;
Harz = getrockneter
Wurzelsaft)

Paracelsus gebrauchte den Stinkasant für


eine Geschwürsalbe (11/63), bei nekro
tisierenden Geschwüren (ÜI/462) sowie
bei Lepra (111/467). Ferner lobte er die
Räucherung zur Austreibung der Pest
(1/696), zur Epilepsiediagnostik (1/977)
und zum Vertreiben böser Geister
(IV/320).

Tausendgülden
kraut
(Centaurium
erythraea; Blüten,
blühendes Kraut)

Wegerich
(Plantago major;
Kraut, Wurzel,
Samen)

Weihrauch
(Harz von Boswellia
serrata, B. carterii
und anderen Arten)

Wacholder
(Juniperus
communis; Beeren,
Öl)
Als Heilmittel für innere Wunden (III/145)
und als balsamisches Wundmittel von
Paracelsus mehrfach gelobt (III/399, 450,
482, 634). Ferner bei Fieber, als Lebermittel
und bei Gelbsucht oft erwähnt.

Heute fast nur noch als Bittermittel in


Gebrauch, vor allem zur Anregung der Ver
dauungssäfte bei Verdauungsschwäche, bei
Altersgastritis und zur Verbesserung der
Eisenresorption bei Anämie sowie als
Rekonvaleszenzmittel.

Von Paracelsus als universelles Wundund Geschwürmittel gepriesen (ÜI/208, 541,


542), selbst bei eitrigen und stinkenden
Geschwüren. Ferner als blutstillendes
Kraut, als Zahnmedizin, bei Migräne,
Magenschmerz und zur Nierenstärkung ver
wendet.

Im Wegerich fand man den antibakteriellen


Wirkstoff Aucubin, der die Anwendung
als Wund- und Geschwürmittel und Eiter
mittel rechtfertigt. In der Homöopathie
wird die Urtinktur von Plantago major
bei Zahnschmerz empfohlen.

Bei Paracelsus als Umschlag bei Geschwulst


(1/695), als Balsam nach Kontrakturen
(H/96), als Bestandteil eines Gummipflasters
(m/450) und Wundöls (M/634). Außerdem
empfahl er als Pestprophylaxe, Weihrauch
im Mund zu halten, wenn man zu Kranken
geht (1/726).

Enthält bis zu 15% ätherisches Ol und etwa


60% Harz mit Boswellinsäure. Äußerlich
wirkt Olibanum antiseptisch und durchblutungsfördemd und hilft in Salben bei
Hautpilz, Narbenkeloid sowie bei schlechter
Wundheilung. Boswellinsäure hemmt die
Synthese von Prostaglandinen und Leukotrien
und wirkt daher entzündungswidrig und
schmerzlindernd bei Rheuma usw.

Als Wundöl erwähnte Paracelsus den


Wacholder nur zusammen mit Johanniskraut
(IÜ/635). Sonst gebrauchte er die »Krametbeeren« bei Pest (1/722), bei Kontrakturen
(1/874, 951), als Magenarznei (11/462),
gegen Kolik (H/477, HL/549) sowie zur Blut
reinigung (HI/749).

Das ätherische Wacholderöl verfügt über


ein beachtliches antibiotisches Potenzial,
was den Gebrauch als Wunddesinfiziens
rechtfertigt. In der Volksmedizin zählt die
Wacholderbeerenkur zu den beliebten
Magenstärkungsmitteln. Die Einreibung
mit dem verdünnten Ol wird bei Rheuma und
Gelenkschmerzen praktiziert.

Noch viele w eitere W undkräuter des Paracelsus hätten es verdient, hier


ausführlich behandelt zu werden.
Doch wenden w ir uns nun noch den H arzen zu, die bei Paracelsus sowohl als W
undarzneien als auch bei
der Behandlung der Pestilenz hoch im Kurs standen. Denn die antibiotischen Kräfte
der meisten W und
kräuter lassen sich durchaus auch in der Behandlung und Prophylaxe vieler
Infektionskrankheiten nutzen.
Über die Heilkraft der Harze:
M it W eihrauch und M yrrhe präpariert
für die Ewigkeit

Bereits viele Jahrhunderte vor Paracelsus kannte und


nutzte man die antibiotischen Kräfte der Kam illenblüten
zur Linderung von Entzündungen sow ie zur Reinigung
von W unden. Foto: M argret Madejsky.

» Der Hen- sprach zu Mose: >Nimm zu dir die beste


Spezerei - die edelste Myrrhe (...) und Zivnnet (...)
und Kahms (...) und Knssia (...) und 0 1 vom
Ölbaum. Und mache ein heiliges Salböl nach der
Kunst des Salbenbereiteres. <« (Exodus 30, 23-25)

Dachwurz verw endete Paracelsus als


H eilm ittel bei Verbrennungen. Kolorierter
H olzschnitt aus dem Kräuterbuch des
Leonhart Fuchs.

Als Salböle wurden M yrrh e und W eihrauch bereits


in der Bibel erwähnt, doch ih r Gebrauch reicht
noch viel w eiter zurück. Schon im alten Ägypten
verwendete man die H arze aufgrund ihrer konser
vierenden Eigenschaften zur M um ienpräparation.
W ie H erodot eindrucksvoll beschrieb, wurden den
Leichen erst G ehirn und Eingeweide entfernt; dann
wusch man sie gründlich und bestreute sie m it pul
verisierten H arzen. M an legte sie in N atron, wusch
sie nach einiger Z eit erneut und wickelte sie mit
Leinenbinden ein, die m it Gummi arabicum bestri
chen waren (Chr. Rätsch, 1996).
Eben weil die alten Ägypter nur die stärksten
fäulnisabwehrenden Pflanzen eingesetzt haben,
konnten die so präparierten Leichen die Jah rtau
sende fast unbeschadet überstehen. Neben W eih
rauch und M yrrhe verwendete man zum Einbal
sam ieren auch Kassiablätter, Rose und T hym ian,
deren antibiotische W irkungen erwiesen sind: Bei

Noch heute verw endet man Dachwurz bei Sonnenbrand, H autentzündungen und bei
kosm etischen Problemen. M an kann den Saft sogar direkt au f die betreffenden H
aut
partien auftragen, ähnlich w ie bei Aloe, die zw ar nicht botanisch, jedoch dem
Wesen nach
m it der Dachwurz verw andt ist. Foto: O la f Rippe.
Zur Zeit des Paracelsus herrschte reger Handel m it ägyp
tischen M um ien. Die m it Balsamen und Harzen konser
vierten Leichenteile galten als magische M edizin und
W undarznei. M um ia galt bei Paracelsus als U niversalheil
m ittel. M u m ifizie rte r Schädel; Pharm aziehistorisches
M useum , Basel. Foto: M argret Madejsky.

Kassia (Cinnam om um cassia) handelt es sich um


Zim taldehyde m it antibiotischen und antim ykoti
schen Eigenschaften, bei der Rose wirken die G erb
stoffe sowie das G eraniol konservierend, und beim
T hym ian sind die ätherischen Öle an der keim tö
tenden W irkun g beteiligt.
Zur Z eit des Paracelsus, also »in der frühen
N euzeit blühte in Europa ein schwungvoller H an
del m it ägyptischen .Mumien (M um ia vera). Das aus
den .Mumien gewonnene H arz wurde als .Medizin,
Liebestrank und m agisches R äucherm ittel ver
w endet« (Chr. Rätsch, 1996). Paracelsus beschrieb
genau, wie man eine mumia zu extrahieren habe
(III/153), und nannte sie in seinen Schriften recht
häufig als Arznei. Einerseits wollte man auf diese
Wreise die äußerst wertvollen Harze zurückgewin
nen, die bei der E inbalsam ierung verwendet wor
den waren, andererseits stellt M um ia bereits eine
sehr komplexe Arzneiform dar, die man heute mit
einer Nosode vergleichen könnte. Bei den Nosoden
handelt es sich um Arzneien, die aus kranken O rga
nen oder aus krankhaften Körpersekreten herge
stellt werden. Ähnlich wie bei anderen homöo
pathisch zubereiteten Arzneien ist das Ziel der
N osodentherapie, durch einen der Krankheit
gleichgerichteten Reiz die Selbstheilungskräfte zu
aktivieren (= Isopathie). Ein Beispiel: Eine in der
Homöopathie häufig gebrauchte Nosode ist M edorrhinum , das aus G onokokkeneiter
gewonnen
wird und sich z.B. bei L’ nterleibsleiden wie Aus-

Nosoden, die »Mumia« der Jetztzeit, spielen in der


Hom öopathie eine w ichtige Rolle bei chronischen Krank
heiten. Das Bild zeigt Apothekerflaschen aus dem
19. Jahrhundert; Pharm aziehistorisches M useum , Basel.
Foto: O laf Rippe.

fluss, LTnfruchtbarkeit oder Zysten bewährt hat.


D am it erweist sich diese Nosode bei jenen Leiden
als hilfreich, die durch eine Infektion m it Gonokok
ken verursacht werden können.
Ein anderes Beispiel stam m t aus der L andw irt
schaft: Ein Bauer, der die eitrigen Euterentzündun
gen seiner M ilchkühe m it den üblichen M itteln
nicht m ehr in den G riff bekam, hörte einst von der
N osodentherapie und stellte gemäß dem Lehrsatz
der Isopathie - Gleiches m it G leichem - eine N o
sode aus dem Eiter her, den die wunden Euter abge
sondert hatten. Diesen Krankheitsstoff verdünnte
und verschüttelte er nach den Regeln der Homöo
pathie zu einer D30 und reichte die so gewonnene
Arznei den erkrankten Kühen. Ergebnis war eine
raschere W’undheilung bei den auf diese Wreise be
handelten Kühen.
Nosoden wie M edorrhinum , Pyrogenium oder
Tuberculinum haben sich innerhalb der Homöo
pathie einen festen Platz erobert. Andere Nosoden,
etwa Borreliose, M alaria oder Pfeiffersches D rüsen
fieber, werden inzwischen sogar in der Prophylaxe
und Behandlung von Infektionskrankheiten ge
braucht. Trotzdem würde die Verordnung von
M um ia zweifelsohne gegen den guten Geschmack
verstoßen. Dagegen war M um ia zur Z eit des Para
celsus nicht nur eine saturnale M edizin, die der Si
gnatur entsprechend u.a. L anglebigkeit und Z ähig
keit übertragen sollte, sondern galt geradezu als
m agisches H eilm ittel.
Die in einen Baum ver
w andelte Prinzessin
M yrrha gebiert Adonis, den
die G öttin Artem is gerade
in ihren Händen hält und
ihrem Bruder Apollon
überreicht. M arcantonio
Franceschini, um 1700.

Kehren w ir dennoch zurück zu W eihrauch, M yr


rhe und ähnlichen H arzen. Im Grunde genommen
kannten alle alten H ochkulturen die konservieren
den Kräfte sowie die breitgefächerten H eileigen
schaften der H arze. Erstmals schriftlich erwähnt
wurde der W eihrauch im Papyrus Ebers, in dem be
reits 100 W eihrauchrezepte aufgeführt sind. Aber
auch die jahrtausendealten M edizinsystem e Chinas
und Indiens, also die Traditionelle Chinesische M e
dizin und die ayurvedische M edizin, nutzten H arze
wie M yrrh e, W eihrauch oder Stinkasant zu H eil
zwecken, z.B. bei Gelenkschmerzen, bei Verdau
ungsstörungen sowie zur Pflege von W unden und
Geschwüren.
Diese H eiltradition wurde in der Antike fortge
führt. So gebrauchte H ippokrates (4. Jh . v. Chr.)
W eihrauch und M yrrhe ebenfalls zur Behandlung
schlecht heilender WTunden und Geschwüre. N icht
zuletzt wies auch Paracelsus darauf hin, dass alle
H arze wundheilend sind. W ährend seiner Zeit als
Feldarzt hatte er viele Erfahrungen in der Behand
lung von W unden aller Art gesam m elt und Harze
wie M astix, M yrrh e, O libanum oder Opoponax oft
mals in Form von Pflastern zur Behandlung von
Schuss- oder Stichverletzungen sowie gegen den
W W dbrand eingesetzt. H arze widerstehen Schim
m elpilzen und Fäulnisbakterien und vertreiben

sogar W ürm er. Kein W under, dass sich in fast


jedem W undrezept des Paracelsus irgendein Harz
findet.
Dass man den Harzen stets große wundheilende
Kräfte zusprach, verwundert nicht, wenn man be
denkt, dass die Bäume ihre V erletzungen m it H ar
zen verschließen. Es handelt sich hier also um
Selbstheilstoffe der Pflanzenwelt, die beim M en
schen glücklicherweise ähnliche W irkungen ent
falten. Eben weil H arze die W unden der Bäume
schließen und heilen, gehören sie zu unseren besten
W undarzneien. Sie dienen den Bäumen jedoch
nicht nur als eine Art W undkork, sondern schützen
den verletzten Stamm darüber hinaus auch vor dem
Eindringen von Parasiten. Folglich verfügen alle
Harze mehr oder w eniger über antim ikrobielle und
antiparasitäre Kräfte, was man schon vor Jah rtau
senden erkannt und genutzt hat.

Sch u tz v o r d e r P estilen z

Paracelsus sprach den H arzen allerlei H eilkräfte zu.


Er gebrauchte sie etwa zur E rhaltung der Lebens
kräfte (11/93, 111/81) sowie als Schutzm ittel vor der
Pest (1/696 und 725). Zur R einigung der Luft in
einem Pest-H aus ließ er beispielsweise W eihrauch
und M yrrhe zusammen m it Schwefel und widerlich
stinkendem Teufelsdreck (= Stinkasant, Asa foetida)
räuchern. Räucherungen dieser Art würden heute
jedoch vor allem die Bewohner und alle guten
G eister des Hauses vertreiben, vor allem , wenn man
sich an die Anweisung des M eisters hielte, der eine
stündliche Räucherung anwies. Dennoch hat die
R einigung der L uft m it ätherischen Ölen oder Räu
cherungen heute noch ihre Berechtigung, da viele
Infektionen durch die Luft übertragen werden
(siehe Rezept Seite 211) und der G eruch von
Krankheit doch stets für eine beklem m ende Atmo
sphäre sorgt, in der selbst gesunde M enschen leich
ter erkranken.
Zum Schutz vor Ansteckung gab Paracelsus
außerdem die Anweisung, M yrrhe zu kauen oder
in W ein einzunehm en: »N ich t w eniger gut ist es,
wenn man (zum Schutz vor der Pest) ständig M yr
rhen gebraucht. M an zerkaut sie im M und und
schluckt sie oder es soll jeden M orgen davon eine
Haselnuss groß in W ein getrunken w erden«
(1/725). W eihrauch nutzte er in ähnlicher W eise:
N YP JP £ -JlV
A *» ”

Ycxs C a s t '

Paracelsus em pfahl das Kauen von Myrrhe, um sich


vor Ansteckung zu schützen. Kolorierter Kupferstich, spätes
19. Jahrhundert.

'IT.4 . ' mJkjiiZJ'yiczt 7


Mxiu,fi/TH4 MYRßiH,nJ
Die M yrrhe lindert nicht nur körperliche, sondern
auch seelische Beschwerden. Das Bild zeigt Jesus, w ie er
an einem M yrrhebaum hängt. Kupferstich, frühes
16. Jahrhundert.

D iesen sollte der Pestkranke im M und halten,


dam it seine krank machende Atem luft nicht andere
infizierte.
Interessanterweise gebraucht man vor allem die
M yrrhe heute wieder auf einem ähnlichen Gebiet:
Die M yrrhentinktur wird, wie bereits angedeutet,
aufgrund ihrer desinfizierenden W irkun g bei Ent
zündungen im M und- und Rachenraum angewen
det. H alskratzen oder Schluckbeschwerden treten
nicht selten als Vorboten grippaler Infekte auf - Er
krankungen dieser Art zählten einst zur pestilenz,
denn dieser Begriff fasste ursprünglich alle durch
die Luft übertragbaren Erkrankungen zusammen.
Einst machte man unsichtbare W ü rm er für die viele
K rankheiten verantwortlich, inzwischen weiß man,
dass es sich um Tröpfchen- oder eine Schm ierinfek
tion m it Bakterien oder Viren handelt. N eben der
Abw ehrsteigerung, die heute oftmals m it U m cka
loabo, m it Zink, m it Vitam in C oder m it homöopa
thischen Kom plexm itteln durchgeführt w ird, zäh
len desinfizierende M aßnahm en wie das G urgeln
m it M yrrhenextrakt nach wie vor zu den unerlässli
chen Vorbeugungsm itteln vor »pestilenzartigen Er
krankungen« wie etwa der Virusgrippe.

W u n d e r b a l s a m m it Rose, W e ih r a u c h
u n d M y rr h e

Oleum Am ygdalarum (M andelöl) 44,0 ml


C era flava (Bienenwachs, gelbes) 4,0 g
O libanum plv. (W eihrauch, pulverisiert) 1,0 g
T inctura M yrrhae (M yrrhentinktur) 6,2 5 ml
Oleum aeth. Rosae verum (Echtes äth. Rosenöl)
4 Tropfen
1 kleinen T L W eihrauchgranulat im M örser
zu sehr feinem Pulver zerreiben. 44 ml M andelöl
in ein Glas geben und das H arz sowie das gelbe
Bienenwachs unterrühren. Das Ganze unter ständi
gem L’ m rühren so lange im W asserbad erhitzen,
bis sich das Wachs und das pulverisierte H arz
vollständig im Öl gelöst haben. Dann die M yrrh en
tinktur einrühren, das Glas aus dem W asserbad
nehmen und unter L'm rühren abkühlen lassen.
Erst wenn das Öl nicht m ehr ganz durchsichtig ist,
das echte ätherische Rosenöl einm ischen, so dass
die Salbe angenehm danach riecht.
G ut verschlossen, kühl, dunkel und trocken auf
bewahrt hält sich die Salbe etwa ein Jah r lang.
Bei chronischen H autleiden wie H autpilz, Ekzem,
D ekubitus oder zur N arbenpflege mehrmals täg
lich dünn auf die betroffenen H autpartien auf
tragen (zur Rezepterstellung siehe auch Seite 429).

H arze heute: N eue H offn u n g fü r R heum a


und R eizdarm

N ach heutigem Erkenntnisstand verfügen Harze


über geradezu außergewöhnliche H eilkräfte. So
fand man speziell im indischen W eihrauch (Harz
von Boswellia serrata) nicht nur bis zu 15 Prozent
ätherische Öle m it keim hem m ender W irkung, son
dern auch bis zu 57 Prozent H arze m it Boswellinsäure, deren entzündungswidrige W
irkung nach
gewiesen werden konnte. D ieser im Fachjargon
antiinflam m atorisch genannte Effekt basiert darauf,
dass Boswellinsäuren die Leukotrien- sowie Prostaglandin-Synthese hemmt.
Leukotriene sind an
zahlreichen entzündlichen Erkrankungen beteiligt:
Erhöhte W erte findet man bei Autoimm unkrank
heiten wie Rheum a, Fibrom yalgie und Lupus ervthematodes, bei entzündlichen D arm
leiden wie
M orbus Crohn oder C olitis ulcerosa bis hin zu All
ergien und H autleiden sowie bei m ultipler Sklerose
und speziellen H irntum oren (Astrozytome und
Glioblastome).
Eben weil die W irkstoffe des W eihrauchs regu
lierend in den Leukotrien- und Prostaglandin
stoffwechsel eingreifen, können es diese N atur
stoffe durchaus m it den G lucocorticoiden der
Schulm edizin (z.B. Kortison) aufnehm en, die auf
derselben W irkebene angreifen. Im G egensatz zum
Kortison zeichnen sich die H arze jedoch durch ihre
w eit bessere V erträglichkeit aus. Selbst bei lang
fristiger Einnahme von W eihrauch oder M yrrhe
über M onate hinweg braucht man keine Folgeer
krankungen zu befürchten. Schließlich fanden W is
senschaftler heraus, dass die Boswellinsäure sogar
einen gewissen leberschützenden Effekt hat.
Längst haben sich verschiedene H arze in der
Praxis unentbehrlich gem acht. So kommen W eih
rauchpräparate zum Einsatz, wenn beispielsweise
Rheum apatienten Kortison ablehnen oder auch
nicht vertragen, und auch bei entzündlichen Darm
leiden wie dem Reizdarm -Syndrom oder bei Darm
pilz erweist sich die M yrrhe als besonders heilsam
(siehe Tabelle Seite 198). Doch die neuen For
schungsergebnisse zum W eihrauch geben auch bei
anderen chronischen K rankheiten Hoffnung und
bieten vielversprechende Therapieansätze für aus
der Sicht der Schulm edizin unheilbar Kranke.
W eihrauchextrakte zeigten näm lich gute W lrkun-
gen bei C olitis ulcerosa, bei .Morbus Crohn und
Asthma bis hin zu Tum orerkrankungen. Gemäss
neueren Studien reagierten beispielsweise die für
H irntum ore wie Astrozytome und G liablastom e ty
pischen H irnödem e auf W eihrauchgaben (3 x täg
lich 1200 m g Trockenextrakt) wesentlich besser als
auf die sonst übliche schulm edizinische M edikation
(Deyxamethason).

W eil die Bäume ihre


W unden m it Harzen ver
schließen und sich dam it
vor dem Eindringen von
Parasiten schützen, ver
fügen diese Selbstheil
stoffe der Pflanzenw elt
über w undheilende und
antibiotische Heilkräfte.
Foto: M argret Madejsky.

Harze als Sonnenmedizin


Zu den H arzbildnern gehören hauptsächlich exoti
sche Balsambaumgewächse wie die M yrrhe und
Boswellia-Arten wie der W eihrauchbaum oder Styraxgewächse wie Benzoe und Styrax.
Aber auch
manche D oldenblütler, z.B. Galbanum, Opoponax
und Stinkasant, bilden harzreiche M ilchsäfte, die
seit langem als Räucherstoffe, als H eilm ittel oder
als W undarzneien genutzt werden.
Die harzbildenden Pflanzen haben dam it eine
w eitere G em einsam keit: Sie stammen näm lich
m eist aus den sonnenverwöhnten G ebieten Afrikas,
Arabiens oder Indiens. Der anthroposophische
H eilpflanzenkundler W ilhelm Pelikan bezeichnete
H arze daher als »stoffgewordenes Sonnenlicht«,
denn die Pflanzen wandeln Licht und W ärm e um,
indem sie verm ehrt ätherische Öle und eben auch
H arze bilden. X icht umsonst bestehen die G e
schenke der H eiligen Drei Könige an das C hristus
kind, das in der dunkelsten Z eit des Jahres geboren
wurde, aus dem Sonnenm etall Gold sowie aus den
Sonnenstoffen W eihrauch und M yrrhe.
H arze sind also von den Pflanzen destillierte
Lichtwirkstoffe und haben dem entsprechend ein
erhellendes und erwärm endes W esen, das sich nicht
nur bei chronischen Erkrankungen als heilsam er
weist, sondern auch bei seelischen Entwicklungs
störungen. M an könnte sagen, dass Harze der
geistigen L'm nachtung entgegenw irken. In der an
throposophischen M edizin nutzt man die geister
hellenden Kräfte von Gold, W eihrauch und M yrrhe
auf diesem Gebiet. Die Geschenke der drei M agier
aus dem M orgenland wurden von den anthroposo
phischen H eilm ittelfirm en in die .Arzneikomplexe
Aurum comp. (W ala) und Olibanum comp. (W e
leda) eingefügt, die laut H ersteller bei degenerativen, entzündlichen oder traum
atischen Erkran
kungen des Zentralnervensystem s sowie bei Ent-
wicklungs- und V erhaltensstörungen indiziert sind.
In Einzelfällen wurden Aurum comp. G lobuli be
reits bei kindlichen Entwicklungsstörungen mit
Erfolg erprobt (wobei Kinder die heilsam en Zu
ckerkügelchen gern einnehm en, wenn sie die G e
schichte von den H eiligen Drei Königen kennen).
Paracelsus empfahl den Stinkasant darüber hinaus
bei Epilepsie (1/977, 11/621) sowie als Schutz vor
V erzauberung und vor G eistern (IV/320).
In Form von Salben angewandt, steigern Harze
die D urchblutung der Gewebe, so dass sie sich vor
allem zur Behandlung von schlecht heilenden W un
den eignen, die eben nicht so gut durchblutet sind
wie eine frische Operationsnarbe, welche man bes
ser m it Ringelblum ensalbe oder Johanniskrautrotöl
pflegt. Bei täglicher E inreibung kann ein harzrei
cher W undbalsam manchmal sogar alte N arben
wülste verkleinern, H autpilze vertreiben und einen
Lippenherpes oder ein juckendes Dammekzem ra
scher zum Abheilen bringen.
Für Paracelsus waren die Harze jedoch nicht nur
W undheilstoffe, sondern repräsentierten auch das
sulfurische Prinzip (= das Brennende) in der Arznei
m ittelw elt: »Es gibt viele Arten von Schwefel: Harz,
Gummi, Botin (= Terpentinharz), Schm alz, Fett,
Butter, Öl, Branntwein usw.« (1/72). Daher sind
seine H arzrezepte im m er erwärm ende Arzneien.
M an könnte auch sagen: Harze bringen Lebens
wärme in das erkaltete Krankheitsgeschehen.
A u s w a h l an Firm e n p r ä p a ra t e n m it W e ih r a u c h und M y rr h e

Finnenpräparat
Inhaltsstoffe
(Hersteller, Inhaltsstoffe)
Arsen, sulf. F Komplex
Nr. 86
(Tropfen, Nestmann)

Aurum comp. Salbe


(Wala)

Anwendungsgebiete und Praxiserfahrungen

Arsenicum sulfuratum flavum D8,


Zur Unterstützung der Blutreinigung
Passiflora D2, Myrrha D3, Baptisia D3, bei eitrigen Prozessen, z.B. Abszessen oder
Aqua silicata, Echinacea D4, Aloe D4 Geschwüren mit übelriechenden Sekreten,
besonders in Mund und Rachen.
Aurum metallicum D3 0,1 g, Myrrha
0,1 g, Olibanum 0,1 g auf 10 g

Echtrosept Mundspülung Auszüge aus Myrrhe, Ratanhia und

Laut Hersteller zur Einreibung in der Herz


gegend bei funktioneilen Herz-KreislaufStörungen. Die Salbe eignet sich auch zum
Entstören alter Narben.
Antibakterielle Mundspülung bei Neigung
zu Entzündungen im Mund- und Rachen
bereich, bei Parodontose und Zahnfleisch
bluten.

(Weber & Weber)

Pfefferminze

Infi-Cardamomum

Cardamomum D3, A calamus D2,


Alkanna D5, Aloe D4, Alpinia off.
D4, Cinnamomum D3, Crocus D4,
Polyporus pinic. D4, Geum urbanum
D3, Myrrha D4, Olibanum D4,
Piper cubeba D6, Valeriana D3,
Veratrum D4, Zingiber D4

Empfehlenswerter Komplex zur länger


fristigen Anwendung bei Verdauungs
schwäche mit Neigung zu Blähungen bis
hin zu Blähkoliken, ferner bei MagenDarm-Krämpfen und chronischem Alters
magen (subazide Gastritis).

Gelbwurz, Angelika, Zitwer


wurzel, Eberwurz, Enzian, Myrrhe
und Safran plus Vitamin C
und Mannit

Bewährtes diätetisches Mittel bei Neigung


zu Blähkoliken und Verdauungsstörungen
sowie als Begleitmittel zur Darmsanierung.

(Tropfen; InfirmariusRovit)

Infi-tract V
(Tropfen; InfirmariusRovit)

Myrrhentinktur
Alkoholischer Auszug aus Myrrhe
Andechser Klosterarznei
(Steierl)

Hoch konzentrierter Alkoholauszug,


der bei Entzündungen der Mundschleimhaut
oder des Zahnfleischs getupft, gepinselt
oder gespült wird.

Der deutsche Balsam baum : Die Lärche

Paracelsus schätzte die Lärche, den »heimischen


Balsambaum«, sehr und gebrauchte ihr antibakterielles
sowie konservierendes Harz als U niversalheilm ittel unter
anderem gegen Fieber, Pest und Wunden. 2000-jährige
Urlärche im Ultental bei Meran. Foto: O la f Rippe.

Ein alter Bergwald m it Lärchenbestand hat im


Allgem einen nichts von der E rnsthaftigkeit und
Strenge, die ein Fichten- oder Tannenwald aus
strahlen kann. In lichtes Grün gekleidet, m it rosa
roten Blüten und m eist noch m it G irlanden aus
Bartflechten behängen, macht die Lärche (Larix europaea) den freundlichsten
Eindruck unter den N a
delbäumen. Doch die Lärche ist nicht nur anm utig,
licht und schön, sondern sie liefert auch ein beson
ders wertvolles H olz, das die Schreiner für den Bau
von Häusern und Schiffen vor allem deswegen
schätzen, weil es sich selbsttätig im prägniert. L är
chenholz muss deswegen nicht m it H olzschutzm it
teln behandelt werden.
Firmenpräparat
Inhaltsstoffe
(HersteOer, Inhaltsstoffe)

Anwendungsgebiete und Praxiserfahrungen

Myrrhinil-Intest

Kaffeekohle, Kamillenblüten, Myrrhe

Bewährter pflanzlicher Komplex bei ent


zündlichen Darmleiden wie etwa ReizdarmSyndrom, als Reisemittel bei akuten Durch
fallerkrankungen und in mehrwöchigen
Kuren bei Darmpilzbelastung.

Olibanum Glob. Dl/Trit. Dl/Ur


tinktur

Aufgrund der entzündungswidrigen Wirkung


bei Autoimmunerkrankungen wie Rheuma
indiziert sowie bei entzündlichen Darmleiden
wie Colitis ulcerosa, Morbus Crohn.

Auszug aus Tormentillwurzelstock,


Ratanhiawurzel, Myrrhe und
ätherische Öle von Anis, Eucalyptus,
Pfefferminze, Nelke

Antibakterielles Spray; bewährt bei Ent


zündungen im Bereich von Mund, Rachen
und Zahnfleisch sowie als Munddesinfiziens
nach Zahnextraktion, bei Darmpilz oder
Infektionskrankheiten.

(Dragees; Repha)

Olibanum RA
(Globuli/Tabletten/
Tropfen; Zilly)

Repha-OS Mundspray
(Repha)

Ratanhia-comp.
(Lösung; Weleda)

Weihrauch Balsam
mit Myrrhe
(Salbe; Bergland)

Indische Weihrauch
creme

Myrrhe, Ratanhia, Aesculus D l9, Arg. Antibakterielle und adstringierende Lösung


nitr. D14, Fluorit D9, Kieserit D l9, bei Entzündungen von Mundschleimhaut
ätherische Öle von Nelke, Eukalyptus, und Zahnfleisch.
Lavendel, Pfefferminze, Salbei
Auszug von Weihrauch und Myrrhe,
Jojoba, Weizenkeimöl, Bienenwachs,
Vitamin E

Haut- und Wundbalsam speziell für trockene


Ekzeme und unreine Haut. Eignet sich
auch zur Narbenpflege sowie zum Entstören
von Narben.

Hautcreme mit Boswellia serrata

Durchblutungsfördemde und entzündungs


widrige Hautcreme, bewährt bei chronischen
Ekzemen wie Dammekzem und Hautpilz
sowie zur Narbenentstörung.

(Zilly)

Die Lärche bildet ihre balsam ischen H arze im


Stam m, weshalb ihr H olz besonders beständig ist
und selbst im W asser nicht fault. Diese Eigenschaf
ten des Lärchenholzes sind zugleich die Signaturen
des Lärchenharzes, von dem das Holz durchdrun
gen ist. Paracelsus erkannte darin die konservie
rende W irkun g des Lärchenharzes, denn er schrieb:
»D as ist ein Balsam, was die Körper nicht faulen
lässt« (III/595).
Lärchenharz, auch Terpentin genannt, verhin
dert also Fäulnis und Verderben des H olzes und
dient zugleich als stark antiseptisches H eilm ittel.
D ieser Eigenschaften wegen wurde es von Paracel
sus vielfältig genutzt.
Er sprach dem Terpentin im W esentlichen vier
Kräfte zu: »D ie Tugenden wirken bei W ürm ern,

L lzeratio n en der Blase, Geschwüren, W unden«


(III/215). Daher war Lärchenharz auch einer seiner
Lieblingsbestandteile in W und- und G eschwürre
zepten. N icht umsonst behauptete er: » M it Terpen
tin wird jedes Geschwür g eh eilt« (III/482).
Interessanterweise sind fast alle Indikationen, die
Paracelsus für das Lärchenharz nannte, im m er noch
aktuell. Bis heute gebraucht man in der Volksmedizin das Terpentin (m eist in 1-
bis 2-prozentiger
Verdünnung) zur schm erzlindernden Einreibung
bei H üftschmerz, G icht oder Rheum a. Vor allem
die anthroposophischen H eilm ittelfirm en W ala und
W eleda bieten zahlreiche A rzneim ittel m it L är
chenharz an und decken m it ihrem Sortim ent im
G runde genommen alle von Paracelsus genannten
Anwendungsgebiete ab.
A u s w a h l an F ir m e n p r ä p a ra te n m it Lärch enharz

Lärchenharzpräparat
Inhaltsstoffe
(Hersteller, Inhaltsstoffe)

Anwendungsgebiete

Amica/Symphytum comp. Tinkturen von Eisenhut, Amika, Birke,


(Salbe; Weleda)

Berberis/Apis comp.
(Ampullen/Globuli; Wala)

W irkt als Einreibung abschwellend und schmerz


Alraune, Beinwell, ätherisches Rosmarinöl, lindernd. Als Salbenverband bewährt bei
Prellungen,
Lärchenharz
Quetschungen, Verstauchungen, Zerrungen oder
nach Knochenbruch usw.
Apis D7, Belladonna D5, Berberis D2,
Terebinthina laricina D2

Entzündungswidrig und hamwegsdesinfizierend;


bewährt bei leichten Blasenentzündungen.

Ceratum Ratanhiae comp. Myrrhe, Ratanhia, Nelke, Eukalyptus,


(Paste; Weleda)

Chelidonium comp.
(Augentropfen; Wala)

Echinacea/Viscum comp.
(Gelatum; Wala)

Heilsalbe
(Weleda)

Empfohlen zur Wundbehandlung im Mund- und


Lavendel, Minze, Salbei, Lärchenharz,
Kieferbereich, nach zahnchirurgischen Eingriffen, bei
Kastanienextrakt, Argentum nitricum D l4, Geschwümeigung und akuten wie auch
chronischen
Fluorit D9, Kieserit D19
Zahnfleischentzündungen.
Chelidon. D3, Rosa ferm, cum Ferro D3,
Ruta D3, Terebinth. laricina D5

Bei Bindehautentzündung und Übermüdung der


Augen nach PC-Arbeit. W irkt antiviral und wund
heilend bei Homhautgeschwüren; in der Tiermedizin
z.B. bei Katzenschnupfen hilfreich.

Argent. met. D10, Calendula, Cuprum


acet. D6, Cutis D4, Echinacea, Funiculus
umbil. D4, Placenta D4, Rosmarinöl,
Lärchenharz, Viscum alb. D2

Regenerierendes Gel, das für degenerative und


geschwürige Hautleiden entwickelt wurde. Indiziert
bei Altershaut, Narben, Keloid, Afterfissuren, Unter
schenkelgeschwüren usw.

Ringelblume, Bingelkraut, Perubalsam,


Lärchenharz, Stibium met. praep.

Bewährt zur Behandlung oberflächlicher Wunden


und eitrig-entzündlicher Hauterkrankungen
wie Abszessen, Furunkeln oder rissigen Brustwarzen.

Juniperus/Berberis comp. Kalmus, Anis, Berberitze, Kampfer,


(Kapseln; Wala)

Fenchelöl, Eukalyptusöl, Wacholderöl,


Leinöl, Rizinusöl, Latschenkiefer und
gereinigtes Terpentinöl, Goldrute,
Lärchenharz

Plantago Bronchialbalsam Kampfer, Bienenwachs, Sonnentau,

Zur Anregung der Nierentätigkeit bei Steinleiden,


vor allem bewährt in der Rezidivprophylaxe von
Blasensteinen; außerdem als Begleitmittel bei Gicht
und Neigung zu Blähungen.
Bewährt zur Brusteinreibung bei grippalen Infekten
mit Schnupfen, Husten und Lungenbeteiligung.
Empfehlenswertes Kindermittel.

(Wala)

Eukalyptusöl, Pestwurz, Spitzwegerich,


Lärchenharz, Thymian

Resina laricis Bademilch

Lärchenharz 2%

Als Badezusatz oder verdünnt zu Waschungen bei


Neigung zu chronischen Hautleiden wie Hautpilz.

flüssige Verdünnung ab D3, flüssige Ver


dünnung zur Injektion D5

Mild antiseptischer und durchblutungsfördernder


Zusatz für Wundsalben oder -Spülungen; innerlich
zur Hamwegsdesinfektion bei Blasenentzündung.

(Weleda)

Basilikum, Kampfer, Fluorit, Ross


kastanienknospen, Lärchenharz, Meersalz,
Murmeltierfett, Rosmarinöl

Zur durchblutungsfördemden und schmerzlindernden


Einreibung bei Rheuma, Gelenkschmerzen, Gicht,
Neuralgien usw.

Terebinthina laricina
Globuli ab D l, Dilution ab D2

Siehe Anwendungsgebiete von Resina laricis.

(Wala)

Resina laricis
(= Lärchenharz; Weleda)

Rheumasalbe M

(= Lärchenharz; Spagyra)
Die A n w e n d u n g s g e b ie t e von Lärch e nha rz
nach Paracelsus









Als Z ugpflaster für reife Pestbeulen (1/724)


zur N ierenstärkung (1/919)
bei G elbsucht der G lieder (1/949)
als Balsam, Pflaster oder Salbe bei Beinbruch
(11/95, III/450, IY/686 und 919)
zur Behandlung von W unden und Geschwüren
(11/584 und 585, III/399, 467, 482, 634)
als schweißtreibendes Fieberm ittel (III/442)
zur E inreibung bei G icht, X abelkolik, H üftleiden und Schwindsucht (III/490)
m it Johannissam enöl als Balsam für die Sehnen
(III/634)
bei D urchfällen (III/189)

» Der Lärchenbaum hat die Gabe, die ihm von Gott


beschert wurde, dem Menschen Harz zu liefern.«
(Paracelsus 111/593)
»Wie die Wunden geheilt werden, so soll auch die
Pest geheilt werden. Die Wunden haben zweierlei

»Die Pest«: von Arnold Böcklin, 1902: Gottfried-KellerStiftung.

Heilung, innen und außen. Wisset, dass die inneren


böser sind als die äußeren.« (Paracelsus I/~51)

Die Pestarzneien des Paracelsus

Zum G lück spielt die Pest heute keine herausra


gende Rolle mehr. Zur Zeit des Paracelsus herrsch
ten jedoch noch katastrophale hygienische Zu
stände, die den Seuchen T ü r und Tor öffneten. Für
den m odernen M enschen ist es nur schwer vorstell
bar, dass es seinerzeit üblich war, den N achttopf aus
dem Fenster zu schütten und allen übrigen U nrat
im Stadtbach zu entsorgen. Daher muss es in den
m ittelalterlichen Siedlungen zum H im m el gestun
ken haben, was Scharen von Ratten anlockte. Die
Flöhe, die sie m itbrachten, übertrugen wiederum
die Bubonenpest.
Die Bevölkerung hatte damals entweder m it Flö
hen oder Läusen, m it Krätze oder sonstigen Para
siten zu kämpfen. Fast jeder litt unter juckenden
Ekzemen oder Flohbissen, schlecht heilenden
W unden oder Geschwüren. Darüber hinaus trugen

Armut und H ungersnot ihren Teil zur geschwäch


ten Abwehr bei. so dass die Pest in kurzer Zeit
Abertausende dahinraffen konnte. Kein W under
also, dass sich in den Schriften des Paracelsus viele
H inweise zum Schutz vor der Pest oder zur Be
handlung von Symptomen wie der Eiterbeulen fin
den.
Außerdem stellte er einige G esundheitsregeln im
Zusam m enhang m it pestartigen Erkrankungen auf,
w orunter man seinerzeit auch andere Infektions
krankheiten zusammenfasste.
Zum Beispiel forderte er, dass keine T iere im
Krankenzim m er sein sollten, was in der dam aligen
Z eit schon zu den außergewöhnlichen H ygiene
maßnahmen zählte: »D ulde nicht, dass bei solchem
Patienten ein Hund, eine Katze oder Vögel im
Zim m er seien « (1/696).
X ich t selten hausten näm lich M ensch und T ier
auf engstem Raum zusammen. Vor allem arme
Leute besaßen weder Stallungen noch saubere K lei
dung, so dass der Pestfloh beste Bedingungen vor
fand.
W ie man die Pest über den Schweiß austreibt
Paracelsus forderte auch, dass man dem Kranken
einen Trank geben solle, der die vergifteten L e
benssäfte über den Schweiß austreibt (1/721). Eine
solche Vorgehensweise ist bis heute üblich. Die be
w ährtesten H ausm ittel bei fieberhaften Infekten
sind im m er noch Bettruhe zusammen m it einer
Kanne H olunderblüten- oder Lindenblütentee. In
der W irkun g sind sich H olunder- und Lindenblü
ten recht ähnlich. In klinischen Studien konnte
schon vor m ehr als einem Jahrzehnt nachgewiesen
werden, dass bei fieberhaften Infekten L inden
blütentee zusammen m it Bettruhe eine raschere
H eilung m it selteneren Rückfällen und w eit w eni
ger K om plikationen bewirkt als Antibiotikagaben
(R. F. W eiß, 1991).
Paracelsus verwendete H olunderblüten jedoch
nicht in Form eines schweißtreibenden Tranks, son
dern ließ sie gegen die Schläfrigkeit bei Infektionen
zusammen m it Betonie, M ajoran, Salbei und Ro
senblüten in einer E ssig-W ein-M ischung einsieden
und als U m schlag um den Kopf gebrauchen (1/721).
Bei der Pest würde ein schw eißtreibender Blütentee
als alleinige M aßnahm e ohnehin nicht genügen,
aber bei all den banalen Infekten, die heutzutage
m it Antibiotika niedergeknüppelt werden, wäre die
alte Vorgehensweise gewiss die gesündere.
Paracelsus pries einen viel kom plexeren Trank
an, »durch den die Pest m it dem Schweiße ausge
trieben w ird « (1/724). Im W esentlichen bestand
dieser aus T h eriak als Auszugsm ittel sowie M yrrhe,
Schwalbenwurz, Diptam, B ibernelle, Baldrian und
Kampfer als Arzneizusätze, wobei alles acht Tage an
der Sonne ausgezogen werden sollte. Abgesehen
von M yrrhe und Schwalbenwurz, die zu den w ichti
gen Pestarzneien des Paracelsus gehörten und heute
noch große Bedeutung in der Behandlung von
Infektionskrankheiten oder von W undinfektionen
haben, verdient hier die Bibernelle (Pim pinella
major) Beachtung. Obwohl Paracelsus die W urzel
eher beiläufig erwähnte, dürfte sie ihm gut bekannt
gewesen sein - zum einen, weil sie an seinem G e
burtsort gedeiht, zum anderen, weil es sich um ein
volksm edizinisches U niversalm ittel handelt, das seit
vielen Jahrhunderten bei Erkältungen m it Husten
als Abkochung eingenom m en oder zu Bitterschnäp
sen verarbeitet wird.

Der Schweizer K räuterpfarrer Künzle lobte die


H eilkräfte der W urzel über alle M aßen: »BibemeE
ist gew alttätig wie ein Russe und verjagt verhockte
und eiternde Stoffe aus Kehlkopf, Lunge, M agen.
Gedärmen, h eilt H eiserkeit (in W ein gesotten, gegurgelt, getrunken) in einer
Stunde, daher für Red
ner unschätzbar, entfernt D arm katarrh und Lucgenkatarrh« (1935). WTas der scharf
schm eckender
Bibernellwurzel solch außergewöhnliche Kräfte
verleiht, sind - wie man heute weiß - vor allen:
ätherische Öle m it antibakterieller und Saponine
m it antiviraler W irkung. Die erwärm ende Kraf:
ihrer Schärfe nutzte Paracelsus übrigens auch m
seinem W interw ein (11/479).
M it der Bibernelle nah verwandt ist die M eister
wurz (Peucedanum ostruthium = Im peratoru
ostruthium ). Das D oldengewächs gehört zu den
G ebirgskräutern, die ebenfalls in der H eim at des
Paracelsus häufig Vorkom m en. N am en wie »K aiserw urz« oder auch die lateinische
Ü bersetzung »Im p eratoria« zeigen an, dass es sich sozusagen um den
»M eister aller heilkräftigen W u rzeln « handelt. Der
K räuterpfarrer Johann Künzle schrieb hierzu: »Die
M eisterw urz (...) hat ihren N am en von der gewalti
gen H eilkraft, m it der die M eister in der Heilkunde
sie verwendet haben. (...) Auch die M eisterw urz ge
hört zu den ziehenden Kräutern; bei ansteckenden
Krankheiten trugen sie die Alten bei sich und hin
gen sie den Kindern um den H als« (1935).
Ähnlich wie die Bibernelle schmeckt auch die
M eisterwurz feurig scharf und bringt den Speiche:
ins Fließen. Diese G eschm ackssignatur ist wichtig,
weil man scharf schmeckende H eilpflanzen und
G ewürzkräuter in der Traditionellen Chinesischen
M edizin dem Elem ent M etall unterstellt, das über
Lunge und Dickdarm regiert; dagegen sind bittere
Kräuter dem Elem ent Feuer und somit den Or
gansystem en H erz-K reislauf und Dünndarm zuge
ordnet.
Das ist auch der Grund, warum man m it Hilfe
von bitteren und scharfen H eilpflanzen den gesam
ten D arm trakt reinigen und über die Anregung aller
Verdauungssäfte die D arm tätigkeit verbessern kann.
Auch in unseren Breiten hat man aus scharf
schmeckenden W urzeln wie Bibernelle und M eis
terwurz Heilschnäpse gebraut, die vor allem die
Verdauung anregen, Koliken lindern und Blähun
gen entgegenwirken.
Aber auch die Lungenw irksam keit ist nicht von
der H and zu weisen, denn kaut man die W urzel,
dann breitet sich dieses Pflanzenfeuer in Form einer
wohligen W ärm e spürbar in die Speiseröhre sowie
in die Bronchien und in die Nase aus. Daher wird
die W urzel seit langem volksm edizinisch bei Erkäl
tungen und Schnupfen gebraucht: »M eisterw urz im
M und gekaut, entfernt sehr bald den Schnupfen« (J.
Künzle, 1935). Künzle führte die M eisterw urz sogar
gegen die Blutvergiftung ins Gefecht: H ierzu ließ er
das in O livenöl ausgezogene W urzelpulver m ehr
mals täglich auf die entzündeten Stellen auftragen.
W eil man der M eisterw urz große Schutzwirkung
gegen Infektionen zubilligte, wurde sie in der T ie r
m edizin einst gegen die M aul- und Klauenseuche
eingesetzt. V ielleicht waren es die aufgeblasenen
Blattachselscheiden, die Paracelsus an Pestbeulen
oder an geschwollene Lym phknoten erinnerten, so
dass er in der M eisterw urz ein Pestprophylaktikum
erkannte. Jedenfalls wurde die M eisterw urz über
Jahrhunderte hinw eg gegen pestartige Krankheiten
gebraucht (G. M adaus, 1938/1987). Eine weitere
Signatur erblickt man in den dreilappigen Blättern
der M eisterw urz, die ein pflanzliches G egenbild der
dreilappigen Leber sind. Daher bemerkte Paracel
sus: »E s (O struthium ) hilft bei allen Schäden der
Leber. (...) Bei G elbsucht soll es m it dem Saft von
Centaurea verordnet w erden« (III/566).
»Meistern'urz ist auch der fiimehmsten Kräuter
eins/so zu vielen Gebrechen dienlich (...) Meistervi'urz mit Gerstenmeel
gesotten/und ein Pflaster
davon gemacht/erweicht die schwarzen Blattern.
Fürs Fieber nimm dieses Krauts ein Hand voll oder
zu'o/thu ein halb Maß guten Wein darüber/laß es
über Nacht stehen/darnach seyhe den Wein ab/thue
ändern darüber/laß ihn stehen wie zuvor/trincke des
Weins allemal einen guten Trunck/vier oder fiin ff
Nacht nacheinander/es hilfft.« (Adam Lonitzer.
1557/1962)

Ein P flan zen en g el gegen die P estilen z

Die Engelwurz, auch Angelika (lat. angelus = Engel),


genannt, ist zwar nicht der letzte D oldenblütler im
Reigen gegen Pest, Tod und Teufel, doch ist die
Verwandte von Bibernelle und M eisterw urz eine
ganz besondere Erscheinung in der Pflanzenwelt.

Pestarzt in seiner traditionellen Kleidung m it Schnabel


maske, in der Riechsalze enthalten waren oder Räucher
stoffe, die man entzündete, um sich vor Ansteckung
zu schützen. Kolorierte Zeichnung um 1725.

W enn sich die noch von H üllblättern umgebene


Blütendolde m it dem Stengel nach oben schiebt,
strahlt die Engelwurz etwas W esenhaftes aus, ihre
G estalt erinnert dann an eine M adonna m it Kind.
An den H üllblättern erkennen Signaturkundige auch
das Zeichen der Schutzpflanze, denn sie verkörpert
ähnlich wie der Frauenm antel das einhüllende
Prinzip. Andererseits erblickt man darin auch ein
pflanzliches G egenbild geschwollener Lym phkno
ten oder anderer Auftreibungen wie etwa Pestbeu
len, für die der Pflanzensaft im M ittelalter ge
braucht wurde.
Paracelsus lobte das engelhafte Gewächs in
höchsten Tönen: »Ih r Saft ist die höchste Arznei
gegen innere Infektionen durch die Luft und ein
Schutzm ittel gegen die P est« (III/465). D er Begriff
Pestilenz umfasste näm lich ursprünglich alle durch
die Luft übertragenen Erkrankungen - heute fallen
darunter z.B. auch Kinderkrankheiten wie Röteln,
.Masern oder M umps; diese Infektionskrankheiten
gehen bekanntlich m it schmerzhaften Lym ph
knotenschwellungen einher. Ganz im Sinne des
Paracelsus bietet der anthroposophische H eilm it
telhersteller W eleda eine Engelwurzsalbe an (Archangelica comp. Salbe), die bei
Infektions
krankheiten zur Entlastung der Lymphe auf die
schmerzhaften Lym phknoten aufgetragen wird.
Das Rezept scheint von Paracelsus inspiriert zu
sein: Die Salbe enthält Angelika-Presssaft, T iefpo
tenzen von Knoblauch und Zwiebel, H onig sowie
die ätherischen Öle Kiefer, Lavendel und Rosmarin.
Die antibiotischen Pflanzen entlasten die Lymphe,
indem sie die D urchblutung und somit den Abbau
von Eiter fördern, lindern Schm erzen in den
Lym phknoten und tragen von außen zur rascheren
H eilung bei.
W egen ihrer außerordentlichen H eilkräfte trägt
die Angelika nicht nur bedeutungsträchtige Namen
wie Angstwurz, Brustwurz, Choleraw urzel, Giftwurz, H eiligenbitter, H eiliggeistw
urzel, M agen
wurz, T heriakw urzel, Zahnwurz usw., sondern die
Alten dachten sogar, dass »d er heilige G eist oder
die lieben Engel dem m enschlichen G eschlechte
dieses Gewächs und heylsam e W urtzel geoffentbaret h etten« (J. Tabernaemontanus,
1731/1993).
Dass das madonnenhafte Gewächs diese große
W ertschätzung durch alle Zeiten verdient hat, be
weisen die vielen Lebenselixiere, in denen A ngeli
kawurzel als Kardinalheilpflanze enthalten ist. Was
wäre ein Karthäuserschnaps, ein Benediktiner oder
der M elissengeist ohne diesen heilsam en Pflanzen
engel? Paracelsus dürfte die Angelika (Angelica archangelica) aus der Klosterm
edizin gekannt haben.
Aber in den W äldern nahe der G eburtsstätte hat er
sicherlich auch Bekanntschaft m it der W ildform ,
der W^aldengelwurz (Angelica silvestris), gemacht,
die in der Bauernm edizin ähnlich gebraucht wurde
wie ihre anm utige Verwandte.

Eine S ieg erin w id e r die P estg ifte

Kehren w ir noch einm al zurück zu dem Trank des


Paracelsus, der die Pest über den Schweiß austreiben soll (1/724). D ieser enthielt
u.a. die Schwalben
wurz (Vmcetoxicum hirundinaria), die bei Infek
tionskrankheiten aller Art bis heute gute Dienste
leistet.

Cfnadicf.

\ v
Wegen ihrer außergew öhnlichen Heilkräfte heißt die
Angelikaw urz auch Theriakwurzel und w urde früher wie
ihre Verwandten Bibernelle und M eisterw urz zum Schutz
vor der Pestilenz gebraucht. Kolorierter H olzschnitt aus
dem Kräuterbuch des Leonhart Fuchs, 1543.

Im M ittelalter h ielt man die Schwalbenwurz für


ein universelles G egengift, was sich bereits in ihrem
lateinischen N am en w iderspiegelt: Vmcetoxicum
leitet sich ab von vincere (siegen) und toxicum (Gift).
In der m ittelalterlichen M edizin gebrauchte man
die Schwalbenwurz vor allem als G egenm ittel
gegen Bisse von toll(w ütig)en H unden - vielleicht
verbirgt sich hinter dieser heute eher zweifelhaft
klingenden Indikation bereits ein erster H inweis auf
die antivirale W irkung. N eben Angelikawurz, Bi
bernelle, M eisterwurz und anderen antibiotisch
aktiven H eilpflanzen w ar auch die Schwalbenwurz
Bestandteil des extractum pestilentiale des Johann
Schröder, der seinem Pestextrakt größte H eilw ir
kung bei Infektionen zusprach: »E r verm ag trefflich
viel in der V ertreibung der Pestilenzialischen
Lufft/in der Pest/und dergleichen Kranckheiten
und treibet den Schw eiß« (J. Schröder, 1685/1963).
Die Volksmedizin hat diesen alten B lutreiniger
inzwischen völlig vergessen. Dafür konnte sich die
Schwalbenwurz in der m odernen N aturheilkunde
einen festen Platz erobern. Sie wird fast ausschließ
lich in Form eines .Arzneikomplexes gebraucht und
L y m p h s a lb e nach Paracelsus

»Nimm ein Lot Opoponacum; dies ist ein Gummi


in der Apotheke. Lasse es in Essig zergehen. Siede es
ein und mache ein Pflaster. So zeitreibt sich die
(geschwollene Lymph-)Dtiise.« (Paracelsus 1/723)

A ngelika-Presssaft 4 ml
Knoblauch-Presssaft 2 ml
Lärchenharz 1 g
Opoponax 1 g
äth. Lavendelöl 10 Tropfen
O livenöl 40 ml
gelbes Bienenwachs 4 g

Die Wurzel der Bibernelle schm eckt ausgesprochen scharf.


Dies ist eine Signatur der die Lebenskraft anreizenden
W irkung, w eshalb man die Pflanze häufig als Bestandteil
in Lebenselixieren findet. In der chinesischen M edizin
stärken scharf schm eckende Pflanzen das Lungen-Chi.
Foto: M argret Madejsky.

hat sich sowohl in der T ier- als auch in der H um an


m edizin bewährt. Einst ersann Dr. Reckeweg, Arzt
und Begründer der Firm a H eel, das Komplexmittel
Engystol (H eel), um dam it speziell nach viralen
Infekten sowie nach Impfungen Virustoxine auszu
leiten. Im übertragenen Sinn dient der Arzneikom
plex also - ganz im Sinne des Paracelsus - zur Aus
treibung der Pestilenzgifte. Paracelsus lobte die
Schwalbenwurz insbesondere zur Entgiftung des
H irns: »D as Blut des G ehirns muß durch H irunditvari-i g erein igt w erd en «
(1/910). M öglicherw eise
m einte er dam it die seelische und geistige Erschöp
fung, welche oftmals einen V irusinfekt ankündigt
oder begleitet. Erkrankte berichten ja häufig, dass
sie bei Infekten nicht nur in ihrer körperlichen L ei
stungsfähigkeit eingeschränkt sind, sondern sich
gleichzeitig auch depressiv verstim m t fühlen. In der
Praxis kann man den negativen Einfluss von Viren
auf das G ehirn bei Pfeifferschem D rüsenfieber be
obachten: Fast alle Betroffenen klagen auch über
D epressionen, weshalb eine »H irn en tgiftun g« im
Sinne des Paracelsus neben der Im m unstim ulation
unerlässlich ist.

Öl und Bienenwachs in ein sauberes Glas geben


und im W asserbad erhitzen. W enn sich das Wachs
aufgelöst hat, Opoponax und Lärchenharz (beide
zuvor in etwas W einessig gelöst) unterrühren.
Das Glas aus dem W asserbad nehmen und erst,
wenn das Öl im Abkühlen leicht m ilchig wird, die
Frischpflanzen-Presssäfte und das Lavendelöl
beim engen. Alles kräftig schütteln.
Anmerkung: An einem kühlen und dunklen Ort
hält sich die Salbe etwa ein Jah r lang. Bei schm erz
haften Lym phknotenschwellungen im Rahmen
von Infekten (z.B. K inderkrankheiten, Virusgrippe)
kann die Salbe zur Entlastung der Lymphe m ehr
mals täglich aufgetragen werden (zur R ezepter
stellung siehe auch Seite 429).

Engystol: Eine p ara celsische Pestarznei


des 2i. Ja h r h u n d e rts

»Diß ist ein herrliche zrurtzel wider alle gifft/von


gantzer substantz und eygenschafft/daher sie auch
im Latein Vincetoxicum/das ist/ein sigerin des giffts
genandt wird/derhalben mag man sie wider die
Pestilenz sicherlich brauchen/im wein trincken/und
darauf f schwitzen.« (Matthiolus über Schwalben
wurz. 1626/1963)

Die Firma H eel hat m it Engystol, das m ehrere


homöopathische Potenzen von Schwalbenwurz
(Vmcetoxicum D6, D10 und D30) und Schwefel
(Sulfur D4 und D10) enthält, einen Arzneikomplex
gesetzt hat und die Lym phknoten noch M onate
nach dem H auptinfekt geschwollen sind oder bei
jedem Infekt m itreagieren. Engystol-K uren helfen
in der Regel auch dann noch, wenn der unbehan
delte Infekt in eine postinfektiöse Erschöpfung
mündet, die zuweilen bis zur .Arbeitsunfähigkeit
führen kann.
In der T ierm edizin zeigt Engystol ebenfalls
gute W irkung bei Virusinfektionen (z.B. Katzen
schnupfen); m eist genügt es, die Tabletten im
M örser zu verreiben und das Pulver einige Wochen
lang ins Futter zu streuen.
Bald fü n f Jahrhunderte nach Paracelsus nutzt man die
im m unm odulierenden H eileigenschaften der Schw alben
w urz im m er noch bei Infektionen, heute jedoch vor allem
in hom öopathischer Verdünnung. Deutlich ist in der Blüte
ein Pentagram m zu erkennen, das als schutzm agisches
Symbol gilt. Foto: M argret Madejsky.

geschaffen, der sich in der V eterinär- wie auch in


der H um anm edizin speziell bei Virusinfekten be
w ährt hat. Die Schwefelkom ponente, die bei
Paracelsus in der Bekämpfung der Pest eine Rolle
spielte, w irkt hier im Sinne einer Art Entgiftung
des Im munsystems. Erfahrungsgem äß lassen sich
m it schwefelhaltigen Pflanzenwirkstoffen, wie sie
z.B. im Bärlauch sowie im K noblauch Vorkom m en,
oder eben m it kleinen M engen m ineralischem
Schwefel (z.B. Sulfur D6) B akteriengifte ausleiten
oder bei Virusinfekten bakterielle B egleitinfektio
nen in Schach halten.
Den pflanzlichen Gegenpol bildet die harnund schweißtreibende Schwalbenwurz, die in
der
chinesischen wie auch in der mongolischen M edi
zin seit langem als blutreinigendes Fieberm ittel ge
nutzt wird (G. M adaus, 1938/1987). Die antivirale
und im m unstim ulierende W irkung beruht ver
m utlich auf dem G ehalt an Vincetoxin, einem in
der W urzel vorkommenden Saponingem isch, denn
auch den Saponinen aus anderen H eilpflanzen
konnten antivirale Eigenschaften nachgewiesen
werden.
Engystol hat sich daher bei der Behandlung
viraler Infekte wie etwa des Pfeifferschen D rüsen
fiebers bewährt. Erfolgversprechend sind m ehr
w öchige Injektionskuren (2 x wöchentlich bis zu
1 x täglich 1 Ampulle subkutan injizieren, an den
injektionsfreien Tagen täglich 1 Tablette), vor
allem wenn sich das Virus im Lym phsystem fest

D erTh eriak der arm en Leute

W ie bereits erwähnt, empfahl Paracelsus u.a. M yr


rhe und W eihrauch als Pestprophylaxe. M it W eih
rauch sollten Kranke ihren Atem desinfizieren und
sich diejenigen schützen, die sich in der N ähe dieser
Kranken aufhielten (1/725). Ferner riet Paracelsus,
stets ein w enig zerstoßene M yrrhe in die Speisen
zu tun, um die Kinder vor der Pest zu bewahren
(1/726). Doch die edlen H arze waren seinerzeit un
erschwinglich teuer. Daher erteilte er den armen
Leuten einen anderen Ratschlag: »E s gibt auch
viele andere Schutzm ittel (vor der Pest), die der ge
wöhnliche M ann gut gebrauchen kann, wie Knob
lauch m it Essig öfters im Tage zu essen« (1/726).
L'berhaupt war Paracelsus der Ansicht, dass man
Knoblauch und Zwiebel essen müsse, wenn man
nicht an der Pest erkranken wolle (1/799).
Erfunden hatte er diese Art der Seuchenprophvlaxe nicht, denn Knoblauch und
Zwiebeln zählten
bereits im alten Ägypten zu den gesunderhaltenden
Speisen, die die Arbeiter, welche den Bau der Pyra
miden bewältigen mussten, vor Amöbenruhr und
zahlreichen anderen Krankheiten bewahren sollten.
Im 2. Jahrhundert unserer Z eitrechnung rühmte
der Arzt Galenus den Knoblauch wegen seiner
guten Eigenschaften und nannte ihn »T h eriak des
B auern«. Dennoch w ar es im antiken Rom und ins
besondere in den Tempeln der Liebesgöttin Venus
verpönt, nach Knoblauch zu riechen. Aus diesem
Grund litt die gehobene Bevölkerungsschicht Roms
zeitweise unter Fortpflanzungsproblemen. Denn im
alten Rom floss das Trinkwasser durch Bleirohre
und führte zu Bleivergiftungen, die unfruchtbar
machten. Davon w ar jedoch das gem eine Volk, das
weiterhin reichlich Knoblauch verspeiste, nicht be
troffen, da die arom atische Zwiebel das Blut u.a.
auch vom Blei zu reinigen vermag.
Im 8. Jahrhundert schätzte Karl der Große den
Knoblauch als Gewürzpflanze und Arznei und ord
nete seinen Anbau an. Im Klosterplan von St. G al
len aus dem 9. Jahrhundert wies man dem Knob
lauch zusammen m it anderen Allium -Arten wie der
Zwiebel unter der Bezeichnung alias einen eigenen
Bereich im Klostergarten zu. Ein w eiterer Befür
w orter des Knoblauchs war H erzog Robert I. von
der N orm andie, der im 11. Jahrhunderts riet: »W eil
Knoblauch die Kraft hat, vom Tode zu erretten, er
trage ihn, obwohl er schlechten Atem hinterlässt«
(zit. n. Koch/Hahn, 1988).
Zweifelsohne spaltet der Knoblauch die M ensch
heit seit U rzeiten: Die einen wissen um die außer
gewöhnlichen H eilkräfte der stark riechenden
Zwiebel und schätzen ihr spezielles Aroma, die an
deren finden sie einfach unerträglich. Doch eben
der eindringliche Geruch verleiht dem Knoblauch
seine H eilkräfte, wie sich herausgestellt hat. M it
ihm scheint auch die W irksam keit des folgenden
Vorbeugungsm ittels aus der Volksmedizin zusam
m enzuhängen, das der Schweizer K räuterpfarrer
Johann Künzle in seinem K räuterbüchlein Chrut
und Ucbmt lobte: »V orbeugungsm ittel bei auftretenden K inderkrankheiten wie M
asern, Scharlach,
U eberröti (Röteln), Keuchhusten. Sobald die
K rankheiten in der N ähe auftreten, nähe zwei bis
drei Knoblauch oder Zwiebeln oder Allerm annsharnisch in ein Säcklein und häng’ es
dem Kinde an
den Hals; ich kenne eine Fam ilie m it 16 Kindern,
die im m er so verfuhr und von allen diesen Kinder
krankheiten gänzlich verschont blieb; es ist keiner
lei Aberglaube dabei, sondern einfach die natürliche
Auswirkung dieser scharfen Pflanzen« (1935).
Erst im 19. Jahrhundert kam man dem w irksa
men Prinzip des Knoblauchs allm ählich auf die
Spur, als es dem Chem iker W ertheim gelang, einen
schwefelhaltigen Inhaltsstoff zu isolieren, den er als
»Sch w efelallvl« bezeichnete.
H eute weiß man, dass Knoblauch viele Schwefel
verbindungen enthält, die für G eruch, Geschmack
und H eilw irkung verantwortlich sind. Einige dieser
Verbindungen sind hitzeem pfindlich und gehen

auch beim Trocknen verloren, so dass die größte


W irksam keit von frischem Knoblauch zu erwarten
ist. Zeitweise glaubten die W issenschaftler, dass sie
im Allicin den H auptwirkstoff gefunden hätten. Sie
verm uteten, dass sich der Knoblauch m it H ilfe die
ses Duftstoffs vor B akterien- und Pilzbefall schütze,
denn eine »frisch aufbereitete wässrige Lösung des
Allicins erwies sich beim Test auf antim ikrobielle
W irksam keit als hochaktiv« (Koch/Hahn, 1988).
In jedem Fall erwies sich der Knoblauch in ver
schiedenen L'ntersuchungen als pflanzliches Breitbandantibiotikum . In einem Test
konnte das U ber
impfen m it Knoblauch sogar alle 22 getesteten
Keime im W achstum hemmen! M it der Zeit identi
fizierte man viele weitere Inhaltsstoffe, z.B. Ajoene,
die nachweislich der .Arterienverkalkung entgegen
wirken und einer Verklum pung der Blutplättchen
mindestens genauso stark wie Acetylsalicylsäure
vorbeugen.
Alles in allem behalten also die Alten und somit
auch Paracelsus in gewissem Sinne Recht, wenn sie
den Knoblauch gegen die Pestilenz und allerlei w ei
tere Krankheiten ins Feld führen.

Rezept: P e stp ro p hyla x e fü r Seefahrer


und Fernreisende

»Rec. Aquae allii ss. Traganti, fiant pillulae vel


trochisci. Dies ist gut bei Pest lind kein IVasseftrin
ken schadet dann. Man soll ihn mit Zimt fiillen und
trocknen lassen. M it M yrrha und Zimt gemischt
und in Knoblauchn asser gelegt, hilft er besonders
denen, die das Meer befahren.« (Paracelsus III/541)

So könnte man dieses Rezept heute beispielsweise


für Fernreisende umsetzen:
Knoblauchpulver 1 Teil, M yrrhenpulver 1 Teil,
Tragantpulver 2 Teile, Zim tpulver 1 Teil mischen
und in dünndarm lösliche Kapseln ä 0,2 g füllen;
zur unspezifischen Infektionsprophylaxe während
Fernreisen 3 x täglich 1-2 Kapseln. Ergänzend
kommen Okoubaka D2 für den Darm, China D2
in M alariagebieten und Blutwurzelpulver in
Choleragebieten in Frage.
V o lk s m e d iz in is c h e K n o b la u c h und Z w ie b e lre z e p te w id e r
die Pestilenz

W enn einen statt der Pest G rippewellen bedrohen,


kann man das Ü bel - ganz im Sinne des Paracelsus
- m it einer Knoblauch- oder Zwiebelkur abzu
wenden oder die Beschwerden m it diesen beiden
Breitbandantibiotika aus der Küche zu lindern ver
suchen. Vorsichtig muss man m it den sonst urgesunden Zwiebelgewächsen nur sein,
wenn man
unter einer K noblauchallergie oder unter N ieder
blutdruck leidet. Außerdem sollte man für H eil
zwecke nur die unbestrahlten Zwiebelgewächse aus
kontrolliert biologischem Anbau verwenden.

»Das G ift (der Pest, die m it großer Hitze und m it großen


Beulen einhergeht) muss extrahiert werden m it Knoblauch
und Zwiebel.« (Paracelsus I/667). Foto: M argret Madejsky.

K noblauchschnaps

1 H andvoll Knoblauchzehen schälen, grob zer


stückeln und in einem sauberen Schraubglas m it
'/: 1 W einbrand oder m it einem 50-prozentigen
Alkohol-W asser-G em isch überschütten. Je nach
Geschmack m it 4-5 EL V ollrohrzucker süßen,
kräftig schütteln und gut verschlossen etwa 7 Tage
lang an einen sonnigen Platz stellen. Dann den
Knoblauch absieben und den Schnaps in eine
saubere Flasche füllen. Bei Bedarf, etwa zu Beginn
von Erkältungen, kann man mehrmals täglich
ein Schnapsgläschen davon zu sich nehmen.

K n o b lau ch bier

Dieses Rezept stam m t aus der rumänischen


Volksmedizin und g ilt dort als G eheim tipp gegen
grippale Infekte: M an stellt 1 Flasche Bier in einen
Topf m it heißem W asser, erhitzt das Bier darin
und presst 1-2 Knoblauchzehen hinein. Das Knob
lauchbier sollte so heiß wie m öglich getrunken
werden. W enn man sich anschließend sofort ins
Bett legt und gut zudeckt, schwitzt man die Er
kältung aus. Das warme Bier fördert zudem den
H eilschlaf.

»Esst Kranaw itt (Wacholder) und Bibernell.dann sterbt ihr


nit so schnell«, sollen einst die Spatzen von den Dächern
gepfiffen haben, als die Pest durch das Land zog. Wegkreuz
m it W acholder im A ltm ü h lta l bei Eichstätt. Foto: O laf
Rippe.

»Allicin wirkt noch in einer Verdünnung


von 1:10 0 .0 0 0 gegen pathogene grampositive und
gramnegative Bakterien. Die Wirkung von

A yu rved isch er K n o b lau ch d rin k

In der ayurvedischen M edizin schätzt man eine


M ixtur aus Zitrone und Knoblauch, die den Körper
entgiftet, die Abwehrkräfte stärkt und die Lebens-

1 mg Allicin entspricht etwa 15 OE Penicillin


(- 10 /ig).« (Hildebeit Wagner. 1993)
IIKZAXDRJA

;M o a -()« -X ]a

und m it 1-2 EL Zucker bestreuen. Dann kommt


die nächste Zwiebelschicht, die wiederum m it
Zucker bestreut wird.
So fährt man fort, bis die Zwiebeln aufgebraucht
sind. Dann lässt man das Ganze zugedeckt ziehen.
Schon nach 1 Stunde kann man m it einem Löffel
den süßen Zwiebelsaft abschöpfen und zur Linde
rung von H ustenreiz dem Kranken pur verabrei
chen. Der Zwiebelsirup sollte täglich erneuert
werden.

K n oblau ch w ickel bei M itte lo h ren tz ü n d u n g

Ein beliebtes H ausm ittel bei eitriger M ittelo h r


entzündung der Kinder ist der Knoblauchwickel:
1-2 Knoblauchzehen schälen, fein hacken und in
ein Baum woll- oder Leintuch wickeln.
Das Tuch nun m it einem Schal oder m it einer
Skim ütze über dem betroffenen Ohr befestigen. So
steigen die Knoblauchdämpfe auf und regen sanft
die D urchblutung an, so dass der Eiter abgebaut
wird. Ü brigens: Bei juckendem H autpilz im After
oder D am mbereich hilft dieser W ickel ebenfalls,
wenn der Betroffene ihn wie eine Binde trägt.

K n oblau ch tam pon ad e bei b ak teriellem A usfluss

/'/////
r/// j///////
Schon die Ägypter kannten den Knoblauch als Schutzm ittel
gegen die Pestilenz und Vergiftungen aller Art. Kupferstich,
20. Jahrhundert.

geister weckt: In 1 Glas W asser (ca. 200 ml) w er


den der Saft von 1 frisch gepressten Zitrone sowie
1 T L flüssiger H onig gerührt und zuletzt 1 Knob
lauchzehe hineingepresst. D ieser G esundheitsdrink
kann während G rippewellen mindestens 1 x täglich
zugeführt werden, er ist jedoch längerfristig ange
wandt auch in der Lage, so manche chronische
oder gar unheilbare K rankheit positiv zu beein
flussen, weil er u.a. das Blut rein igt und die Leber
funktion unterstützt.

Z w ieb elsiru p bei H usten

2-3 Zwiebeln schälen und fein hacken. Nun eine


fingerdicke Zwiebelschicht in eine Schüssel geben

Bei unangenehm riechendem , bakteriellem Aus


fluss oder bei vaginalem Juckreiz leistet eine
Knoblauchzehe oftmals gute Erste H ilfe. 1 große
Knoblauchzehe vorsichtig schälen und m it H ilfe
einer N adel m it einem Rückholfaden versehen. Die
Zehe wird nun über N acht wie ein Tampon tief
in die Scheide gesteckt und am nächsten M orgen
m it dem Faden einfach w ieder herausgezogen.
G ynäkologen empfehlen 7- bis 10-tägige Kuren
auch bei Scheidenpilz.

K n o b lau ch b ro t fü r G rip p ekran ke

Dies ist eine besonders schmackhafte Z ubereitung


des antibiotisch wirksam en Knoblauchs: M an
röstet Brot auf der H erdplatte und bestreicht jede
Scheibe mindestens m it V: Knoblauchzehe. Zu
sammen m it etwas Butter und Schnittlauch
schmeckt diese Krankenspeise köstlich und ver
treibt allerhand K rankheitserreger.
»(Weckholter) ist ein sonderlich Preservativum
zur Zeit der Pestilenz inn Geiitiania.« (Hieronymus
Bock, 1577/1964)
»D er rauch davon/verjagt die Schlangen/und den
vergijften lufft. Derhalben ixo die pestilentz
regiert/sol man std'ts von n'eckholderboltz rauch
machen in allen gemachen darinnen

tuan

wonet.«

(Leonhard Fuchs, 1543/1964)

Vom W eihrauch der nordischen Völker

Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen war Paracel


sus von der Schutzw irkung einer W acholderräucherung offenbar nicht sehr
überzeugt: »G ute Dämpfe
von W acholder helfen nicht bei der P est« (1/866).
Dennoch stammt der bis heute erhaltene bäuer
liche Brauch, K ranken- und Sterbezim m er mit
W acholder auszuräuchern, ursprünglich aus Pest
zeiten. Laut einer Sterzinger Sage waren es die
V ögel, die während der Pestepidem ien von den D ä
chern pfiffen: »E sst K ranawitt (W acholder) und Bi
berneil, dann sterbt ihr nit so schn ell!« W er diesen
him m lischen Rat befolgte, blieb der Sage nach von
der Seuche verschont.
N iem and wollte damals ein Pesthaus betreten,
ohne sich in V acholderrauch zu hüllen. Pestärzte
räucherten die Beeren sogar direkt vor der Nase,
wenn sie zum Kranken gingen. Im Südtiroler
Vinschgau wurden die Pestleichen grundsätzlich
unter W acholderräucherung abtransportiert. Als
die Seuchenzüge in Südtirol endlich abebbten,
waren auch die beiden beliebtesten einheim ischen
Pflanzen, die der Pestprophylaxe dienten, die A nge
likawurzel und der W acholder, beinahe ausgerottet.
Fragt sich nur, w er denn nun Recht hat: der
Volksglaube oder Paracelsus. Die Antwort ist gar
nicht so eindeutig und lautet wom öglich: beide.
Denn im W acholder kommen tatsächlich ätherische
Öle vor, die w iederum starke antiseptische W irkung
zeigen (Hänsel/Hölzl, 1996). N icht umsonst nutzt
man den Rauch, um etwa Fleisch haltbar zu m a
chen. W enn auch eine W acholderräucherung als al
leinige .Maßnahme nach heutigem H ygienever
ständnis nicht wirklich absoluten Infektionsschutz
bietet, so würde sie doch sicherlich auch Pestbazil
len in ihrer Virulenz schwächen. Doch die Pest wird

ja nicht ausschließlich über die Luft, sondern eben


auch durch den Pestfloh übertragen. M öglicher
weise m einte Paracelsus aus ebendiesem Grund,
dass der W acholder nicht hilft, denn es bleibt zu
verm uten, dass er m ehr von H ygiene und den LTbertragungswegen der
Infektionskrankheiten ahnte oder
gar wusste, als man heute glaubt.
Andererseits schrieb Paracelsus im Zusammen
hang m it der roten Koralle, dass viele Menschen
nicht von der Pest infiziert würden, wenn man den
Schreck vor der Seuche von ihnen abwehren würde.
Zur N ervenstärkung und um den Schrecken aus
zuhalten, empfahl er, »soll man ihnen ein halbes
Q uintlein rote gestoßene Koralle in W'ein alle 12
Stunden zu trinken geben; dies ist der beste Schutz(1/726). Die Hälfte der M
enschen würden danc
vom Pesthauch nicht vergiftet werden.
Ähnlich wie die rote Koralle bei Paracelsus
zählte auch der W acholder einst im Volksglauben
m it zu den däm onenfeindlichsten Pflanzen über
haupt. W eltw eit wird er, wo im m er er auch vor
kommt, von Schamanen und Volksheilern zur
A ustreibung der K rankheitsgeister gebraucht; bei
B edarf sollte man also nicht zögern, im Kampf
gegen »schlechte L uft«, Pestdämonen oder andere
K rankheitsgeister auch diese W'affe zu gebrauchen.
Die Signatur des W acholders ist jedenfalls eindeu
tig: Die stacheligen N adeln zeigen das wehrhafte
W esen dieser alten Schutzpflanze an. Der w ohlrie
chende Rauch der W acholderbeeren, aber auch der
N adeln und des Holzes, verbessern in jedem Fall
die Atmosphäre im Kranken- oder Sterbezimmer,
so dass er jenen ein w enig den Schrecken vor
K rankheit und Tod nehmen kann, die sich dort auf
halten müssen.
P e s trä u c h e r u n g nach Paracelsus

»D ie R einigung der Luft im H ause, wo die Pest ist:


Rec. Sulphuris vivi (Schwefel), Olibani (W eihrauch),
M yrrhae (M yrrhe), Gummi opoponaci (Opoponax), Assae foetidae (Stinkasant)
M ische und pulverisiere es. N im m davon
jede Stunde und erzeuge dam it einen Rauch in
allen Zim m ern des Hauses folgendermaßen.
N im m einen Teil der M ischung und zwei Teile
Lorbeerschalen und einen halben Teil Bernstein.
N im m davon ein Stück so groß wie eine Baum
nuss (W alnuß) für jedes Zim m er und w irf es auf
glühende Kohlen. Die Fenster und T üren
sollen zu sein. So ist die R einigung der Luft
am besten.« (1/696)
Schwefel und schwefelhaltige Pflanzen wie
Bärlauch oder Knoblauch verfügen über ein be-

achtliches antibiotisches Potenzial.


Selbst in homöopathischer Yerdünnung (z.B. Sulfur D 6) ist Schwefel
noch in der Lage, nach A ntibiotika
gaben resistente Bakterienstäm me
oder D arm pilze wirksam zu bekämp
fen. Daher darf man verm uten,
dass eine Räucherung m it Schwefel
auch den Pestbazillen in der Luft
schaden könnte. Einst desinfizierte
man aus diesem Grund G eburtsräum e
oder Krankenzim m er m it Schwefel
kerzen. Die antibiotischen E igen
schaften der Harze wurden bereits
besprochen (siehe Seite 192).
Der Stinkasant, eine Sonderform unter
den H arzbildnern, galt im M ittelalter als eine der
däm onenfeindlichsten Pflanzen überhaupt.
Ganz im Sinne der H omöopathie begegnete Para
celsus m it dem durchdringend stinkenden Rauch
von Asa foetida dem G eruch von Pest und Tod.
Auch Bernstein, ein fossiles H arz, ergibt keinen
W ohlgeruch, so dass man die aufgeführte Pest
räucherung nur in wahren N otzeiten wiederholt
gebrauchen wird.
G lücklicherweise zählt die Pest nicht zu den
Problem en des modernen M enschen, aber auch sie
ist wie die heutigen V irusgrippen eine Infektion,
die sich über Tröpfchen, sprich über die Luft ver
breitet. Eine L uftreinigung ist also bei jeder durch
die Luft übertragbaren K rankheit sinnvoll und
kann auch etw as wohlriechender gestaltet werden:
W eihrauch 3 EL
M yrrhe 2 EL
Opoponax 1 EL
Stinkasant '/: EL
W acholderbeeren 6 EL

Nach dem Doldengewächs Opoponax benannte Paracelsus


seine berühm te W undsalbe aus verschiedenen Harzen und
anderen Pflanzenteilen: »Opodeltoch«. Aus Descriptiones
et icones plantarum rariorum Hungariae, um 1800.
Die H arze im M örser sehr fein zerreiben. Die
W acholderbeeren m it dem Stößel etwas anquet
schen und m it den Harzen verm engen. Für ein
Zim m er etwa 1 EL in einem feuerfesten Gefäß auf
glühende Kohle legen und im U hrzeigersinn von
Ecke zu Ecke tragen. Erst nach der Räucherung
gründlich lüften!
Der innere Alchim ist
Gewürze und Heilkräuter für M agen und Darm
»D er Alchimist unter den Menschen, der so viel
vermag ivie der im Menschen, dem »/angelt es nicht an
Kunst. Denn an dem Alchimisten der X atur mag sich
jeder Alchimist ein Beispiel nehmen.« (Paracelsus 1/33)

Von der N ahrung zur Q uintessenz

W ie auf so vielen G ebieten war Paracelsus auch in


Fragen des Stoffwechsels und seiner Störungen sei
nen Zeitgenossen um Jahrhunderte voraus. W äh
rend man zu seiner Zeit nur die Säftelehre kannte
und glaubte, dass von der rechten .Mischung dieser
Säfte Krankheit oder G esundheit abhänge, hatte
Paracelsus wesentlich komplexere Vorstellungen.
Grundvoraussetzung ist bei ihm der Gedanke,
dass jede X ahrung aus etwas Grobstofflichem und
G iftigem besteht, aber auch aus einer feinstoffli
chen Essenz, die wir zum Leben unbedingt brau
chen. Als Alchim ist hatte er erkannt, dass jedes
Stoffwechselgeschehen eine Transm utation dar
stellt, um N ahrung in Lebensenergie zu verwan
deln. W ie auch beim H eilm ittel muss hierzu das
Toxische, Grobstoffliche von der Essenz geschieden
werden. Er schrieb: »D och für das L'nvollkommene, das w ir zu unserem Schaden
gebrauchen
müssen, hat er (Gott) uns einen Alchim isten gege
ben, dam it w ir das Gift, das w ir m it dem Guten ein
nehmen, nicht als Gift verzehren, sondern von dem
Guten scheiden können. (...) D ieser ist ein so gro
ßer Künstler, dass er die beiden voneinander schei
det. Das Gift steckt er in einen Sack und das Gute
gibt er dem L eib « (1/25). »E r scheidet das Gute
vom Bösen, er verwandelt das Gute in eine Tinktur,
die er dem Leibe eingibt, auf dass er lebe (...) D ieser
Alchim ist hat im M agen seinen Sitz, der sein Instru
m ent ist, worin er kocht und arbeitet« (1/28).
Zunächst benötigt man für die Transm utation
eine Fäulung. die im M agen und Darm stattfm det,
wobei die Polarität von sauer (M agen) und basisch
(Darm) eine w ichtige Rolle spielt. »D as Z entralor
gan der Stoffum wandlung, der Transm utation auf

genom m ener Substanzen, ist der M agen, der über


ein universales saures Lösungsm edium verfügt. (...
Der >.Archeus< scheidet die aufgenommenen Stoffe
in lösliche, einverleibbare und auszuscheidende
M aterien. (...) Im Körper findet sodann der Ver
dauungsvorgang als absteigende D estillation starr
(= Filtration), die im M und beginnt und über alle
O rgane zu den Ausscheidungswegen führt. Dabc:
spielt die >Säure< eine w ichtige Rolle. Die »hungriee
Säure« (Acetosa Esurina) baut im M agen Tartarus
(Schlacken) ab und verhindert seine Entstehung(Chr. H abrich, 1996).
Die »T ö tu n g« der Nahrungssubstanzen bis ins
Kleinste durch die .Magensäure und die anschlie
ßende G ärung durch die Säfte der Yerdauungsdrüsen (Trias G alle, Pankreas,
Dünndarm = M ars) ist
die Voraussetzung für die Scheidevorgänge; dieser
Prozess entspricht ganz dem alchim istischen Sulfur.
M it der w eiteren H ilfe durch die rhythmischen
Prozesse der D arm peristaltik kommt es zu einer
ersten Abscheidung der Spreu vom W eizen, und da*
Essenzielle kann grob gereinigt zur Leber weitergeleitet werden. Der Rückstand wird
als Fäzes/Kot
(= Salz) ausgeschieden, wobei aber noch einmal
im D ickdarmbereich durch den enterohepatisches
Kreislauf essenzielle Stoffe zur Leber zurückresor
biert werden, um w ieder u.a. in G allensaft verwan
delt zu werden (L eber-G alle-D ickdarm -L eb erG alle usw. = Zirkulation = M
erkur). Außerdem wird
der Stuhl im Dickdarm durch W asserentzug einge
dickt (= Abpressung des Rückstands).
Die Leber (Jupiterorgan) hat die vielleicht wich
tigste Funktion bei der Transm utation, denn hier
wird durch einen Reinigungsprozess (Purificatio'
die endgültige Scheidung vollzogen. Der entste
hende Rückstand wird über die G alle ausgeschieder
A lchim istische Um w andlungen bewirken die Entstehung
von Lebensenergie. Ein geflügelter Drache, der sich
selbst in den Schwanz beißt, als Symbol fü r zyklische und
rhythm ische Prozesse, um ringt das Feuer, in dem die
Putrefaktion stattfindet. Die Verdauung ist der entspre
chende Vorgang im Menschen. »Herm aphroditisches
Sonn- und M ondkind«, 1752.

und verlässt den Körper über den Kot. Die ge


reinigte Essenz, die Paracelsus als Rubinrot bezeichnete, kann nun via Lymphe/Blut
(M ars) zur
Zelle transportiert werden, wobei auf der Zellebene
nochmals eine sehr subtile D estillation erfolgt.
H ierfür ist auch Sauerstoff (Lunge = M erkur) not
wendig, der durch komplexe L'm wandlungsprozesse auf der Zellebene (Atm ungskette
und Z itro
nensäurezyklus) m it der N ahrungsessenz verbun
den w ird, wobei sich die eigentliche Q uintessenz,
die Lebensenergie, bildet (= Licht/Sonne = Spiritus
vitalis). Die anfallenden Schlacken werden über das
venöse Blut (Yenus) abtransportiert und ausgeschie
den.
Im Gesamtstoffwechsel spielen noch weitere
O rgane eine Rolle. Die M ilz (Saturn = Todespro
zesse) rein igt beispielsweise das Blut von Schlacke
und führt w ichtige Abbauprodukte der Leber zu

(Saturn -Ju p iter = Zirkulation). G leichzeitig ist die


M ilz zusammen m it der Leber ein wichtiges
im m unologisches O rgan; beispielsweise kommt es
bei vielen Infektionen zur Schwellung der beiden
O rgane als Zeichen ihrer gem einsam en im m unolo
gischen Aktivität (Beziehung zu M ars).
Im mer w ieder zeigt sich die Leber deutlich als
das Zentralorgan aller Stoffwechselprozesse im
Groben; die Zelle vollzieht dieselben Prozesse auf
feinstofflicher Ebene. Daher ist bei allen Leiden
im Stoffwechselbereich bis hin zur Pathologie
auf der Zellebene (z.B. Krebs) im m er eine kombi
nierte M agen-D arm -Pankreas-G alle-Lebertherapie
die Basis jeder Behandlung.
N atürlich spielt auch die X iere (Venus) eine
w ichtige Rolle, denn sie muss leisten, was vorher
durch eventuelle Störungen im Ablauf noch nicht
vollbracht wurde. Ihre Funktionen laufen ganz nach
ökonomischen und ökologischen G esichtspunkten
ab. Zum einen hat sie w ichtige Ausscheidungsfunk
tionen (Prim ärharn- und H arnbildung): Die m eis
ten Stoffvvechselgifte, aber auch chem ische Noxen,
z.B. M edikam ente oder tückische Gifte wie Arsen
und Quecksilber, werden über den H arn ausge
schieden. Die N iere ist ein regelrechtes Sinnesor
gan des Stoffwechsels, das wie ein Seism ograph auf
jede Dysbalance reagiert. Sie funktioniert ebenfalls
analog den Destillationsprozessen, wie sie in der
Alchim ie durchgeführt werden. G leichzeitig hat sie
spirituelle Funktionen, indem sie Sinneswahrneh
mungen verarbeitet (Schockorgan). Die Volksweis
heit »Es geht einem etwas an die N ieren « zeigt, wie
w ichtig die N iere als Regulationsorgan der Ge
fühlswelt w irklich ist. Sie ist zudem wie M ilz und
Leber auch ein blutbildendes Organ und hat durch
ihre wichtigen Horm onfunktionen eine regulie
rende W irkung auf K reislauf und Libido.
Insgesam t sind also drei große D estillationszy
klen notwendig, um die eigentliche Quintessenz
aus der N ahrung zu gewinnen: D arm -Leber,
L eb er-B lut-Z elle (via Lym phe) und Z elle-B lu tN iere, wobei sich zwei prim
äre Ausscheidungswege
ergeben - Kot und Harn.
Es dürfte jedem einleuchten, dass diese U m
wandlungsprozesse ausgesprochen sensibel auf Stö
rungen reagieren und als L'rsache für zahlreiche
Krankheiten in Frage kommen. Paracelsus fasste
die Störungen im Stoffwechsel unter dem Begriff
ens veneni zusammen. N atürlich konnte er nicht

jedes D etail der komplexen biochemischen Stoff


wechselprozesse kennen; seine ganzheitlichen An
sätze und analogen alchim istischen Ü berlegungen
übertrafen die Säftelehre aber auf jeden Fall.
»Tartarus kommt also durch die Nahrung, durch
das Gegessene und Getrunkene zustande, und zwar
infolge der Schwäche der Scheidung der Organe.«
(Paracelsus 1/807)

W ie man den inneren Alchim isten heilt

W enn der Verdauung inklusive der intrazellularen


Ebene die zentrale Aufgabe der B ildung von L e
bensenergie obliegt, dann ist eine gestörte Verdau
ung die .Mutter aller K rankheiten, da sie im m er zu
einem D efizit an Lebenskraft führt. Der Archeus nach Paracelsus die oberste
Instanz, die alle Stoff
wechselprozesse steuert - ist vollständig abhängig
von einer geglückten Stoffum wandlung. W ie Para
celsus aber anm erkte, ist der Archeus in sich unvoll
kommen, weshalb Störungen prinzipiell zu erw ar
ten sind.
Es liegt in der physiologischen N atur des M en
schen, dass in der Kindheit, aber auch im Alter die
alchim istischen Prozesse besonders anfällig sind.
W as man in den ersten Lebensjahren durch falsche
Behandlungen und/oder falsche Lebensgewohnhei
ten bewirkt, wird sich in späteren Jahren unw eiger
lich rächen.
Es ist völlig norm al, dass m it zunehmendem
A lter die Funktionen der inneren Alchim ie langsam
erlahm en. Aus diesem Grund bestehen ja auch
Lebenselixiere im m er aus stoffwechselanregenden
Substanzen, besonders m it einer W irkun g auf die
Verdauungsdrüsen. An diese M ittel muss man leider
inzwischen auch bei vielen Kindern denken, speziell
wenn sie nicht gestillt oder m it Antibiotika oder
Impfungen behandelt wurden; aber auch die N ah
rungsbelastung m it Pestiziden usw. verzeiht der
kindliche O rganism us nicht.
W ich tig ist bei allen Störungen, die aus dem ens
veneni kommen, dass man die Verdauungsprozesse
intensiviert, sonst entsteht eine überm äßige Fau
lung, die man seit der Antike als Dyskrasie bezeich
net (Säfteentartung). Paracelsus nannte diesen Zu

stand D igestion bzw. Verwesung: »W enn der Alchi


m ist krank ist, dass er das Gift nicht m it vollkom
m ener Kunst vom Guten zu scheiden verm ag, dann
geht G iftiges und Gutes gemeinsam in Verwesung
über, und dann entsteht eine D igestio (das ist es.
was uns die K rankheit des M enschen anzeigt
Denn alle Krankheit, die dem M enschen aus den:
ens veneni erwächst, stammt von dem verfaulten
Digest. Denn das D igest muss sich in seiner Tempe
rierung befinden, dam it sich der Alchim ist bei sei
ner T ätigkeit nicht nach der einen oder anderes
Richtung irre« (1/29).
M an muss nur an verfaultem Fleisch riechen
oder an Brennnesseljauche, wenn man sich eins
überm äßige D igestio nicht vorstellen kann. D urci
die Dyskrasie kommt es zur nachfolgenden Belas
tung aller O rganprozesse, prim är von Leber und
Pankreas, später aber auch der N iere und n atü rlici
auch auf der Zellebene, was besonders bösartig!
Konsequenzen hat. Es kommt zunächst zu einer ge
schwächten Scheidung, die prinzipiell auch zu einer
mangelnden oder überm äßigen Ausscheidung fü h n
Folgen sind einerseits der Verlust essenzieller Sub
stanzen, was sich bis zur Kachexie entwickeln kann,
oder aber die Ablagerung von Toxinen in Depots,
speziell in allen H ohlräum en des Körpers (z.B
Gelenke) und im Bindegewebe, wo es irgendwann
zur D egeneration und Entartung kommen wird.
Dies führt nicht nur zu chronischen Erkrankungen
aller Art, sondern auch zu Erschöpfung, psychi
schen D auerkrisen, im m unologischen Störungen
bis hin zum Krebs. Andererseits entstehen durch
eine Schwäche der Stoffwechselorgane pathologi
sche Ausscheidungsvorgänge, z.B. Krankheiten von
H aut und Schleim haut; Beispiele sind Durchfall b e
C olitis ulcerosa und Pankreatitis, aber auch chroni
sche Verstopfung, Vaginalausfluss (Fluor albus l
chronischer Schnupfen und Husten und allergische
H autleiden wie N euroderm itis oder Pilzleiden.
Abgelagerte Toxine bezeichnete Paracelsus ai>
»T artarus«, weil der Prozess .Ähnlichkeit m it der
Bildung von W einstein hat, den man ebenfalls Tar
tarus nennt. Als giftige M aterie fuhrt der Tartarus
besonders zu chronischen K rankheiten, z.B. Skle
rose, Arthrose, Gicht, Rheuma oder Steinleiden.
Aus den Vorstellungen des Paracelsus ergeben
sich logische T herapiekonzepte, die im m er eine In
tensivierung der physiologischen alchimistischen
Prozesse bewirken sollen. An erster Stelle steht die
tonisierende Behandlung von M agen und Darm.
Paracelsus gab an, dass die D igestion nur erfolg
reich verlaufen kann, wenn der .Magen warm genug,
also der sulfurische C harakter ausreichend ist. Dies
erreicht man durch Pflanzen, die ebenfalls eine
warme N atur haben, z.B. m it Bitterstoffen (Amara)
oder m it Pflanzen, die Scharfstoffe enthalten. Sollte
der Darm zu sehr gereizt sein, muss man aber zu
nächst auch balsamisch arbeiten; entsprechende
.Arzneien sind häufig süß - z.B. R ingelblum e, Süß
holz und Ehrenpreis - oder stark zusammen
ziehend, also Gerbstoffdrogen wie W alnuss. Da im
Darm Gärprozesse ablaufen, die man durch Arz
neien in die richtige Bahn lenken muss, benötigt
man auch Pflanzen, die ebenfalls dem Elem ent Luft
zugeordnet sind (beispielsweise Schöllkraut oder
Pflanzen m it Senfölglykosiden, z.B. Brunnenkresse
oder D oldenblütler wie Stinkasant, Engelwurz,
Kümmel oder M eisterw urz). Die meisten dieser
Pflanzen bewirken auch eine bessere Stoffwechsel
arbeit von Leber, G alle und Pankreas.
M eie H eilm ittel m it einer W irkung auf die in
nere .Alchimie zeigen die Farben Gelb bis Rot als
Signatur des Sulfurischen; Beispiele sind G elber
Enzian, G elbwurz, Berberitze, aber auch .Minera
lien wie Zinnober. Schwefel, R ealgar oder A uripig
m ent. Außerdem geht man in der Alchim ie davon
aus. dass sich bei der Transm utation die Farbe des
H eilm ittels in das Rubinrot der Lebensessenz ver
wandelt. Sogar viele N ierenpflanzen zeigen diese
lichtvolle Signatur - man denke nur an Goldrute
oder Liebstöckel. G leichzeitig muss man durch eine
Intensivierung der Ausscheidungsprozesse die in
nere Alchim ie entlasten. Dies kann man beispiels
weise durch Brechm ittel und Abführm ittel bewir
ken (Purgation).
Der Körper hat zahlreiche weitere Öffnungen,
aus denen man Schadstoffe ableiten kann, z.B. über
die H arnorgane oder über die H aut; aber auch das
N iesen galt früher als w ichtige Ableitung, wenn es
um Erkrankungen im Kopfbereich ging. Immer
wieder kommt es jedoch zu einem Toxinstau in Be
reichen, wo eine physiologische Ausscheidung nicht
m öglich ist, beispielsweise im G elenkbereich. In
diesen Fällen empfahl Paracelsus künstliche W un
den zum Ableiten, herbeigeführt etwa durch bluti
ges Schröpfen oder blasenziehende Pflaster.

Ferner gibt es auch A rzneim ittel, die eine N eu


strukturierung der Stoffwechselprozesse erm ög
lichen. H ierzu gehören die Säfteverbesserer, so
genannte Antidyskratika und Alterantia. Auch
auflösende M ittel, also Resolventia, findet man re
gelm äßig in alten Rezepten zur Entgiftung. Auch
diese H eilm ittel sind durch ihre Signaturen ge
zeichnet. H äufig sind sie wehrhaft (D ornen, Sta
cheln. Brennhaare) oder haben klettartige Früchte
(toxinbindend), manchmal haben sie selbst den
C harakter des T irtarus (physiologische Ablagerung
in Naturprozessen wie W einstein oder Krebsstein).
»Infolge der l Verstopfung entstehen andere Krank
heiten (...).« (Paracelsus 1/821)

V erstopft w ie die Tore zur Hölle

Die Stuhlverstopfung scheint bereits zu Zeiten des


Paracelsus ein häufiges Problem gewesen zu sein,
denn nicht umsonst schimpft er über Abführmittel
und K listiere: » W ir haben nichts über Klistiere ge
schrieben, die das wohlfeilste, verkehrteste und
schimpflichste M ittel bei uns sind. W ir schreiben
auch nicht über Abführm ittel, weil die Abführm ittel
die G lieder verzehren« (1/874). Doch die Arzte sei
ner Zeit kannten als Antwort auf Yerdauungsproblem e wohl nur Abführm ittel oder K
listiere - und
beide hatten und haben eben ihre N achteile.

Anw endung eines Klistiers; H olzschnitt um 1550.


W as K listiere angeht, so sind diese heute im m er
noch beliebt, z.B. im Rahmen volksm edizinischer
E ntgiftungskuren oder als eigenständige T h erapie
form (z.B. C olon-H ydro-T herapie).
Die H eilerfolge, die regelm äßige D arm spülun
gen m it sich bringen, sind jedoch nicht im m er so
überw ältigend, wie von den Anwendern manchmal
behauptet wird. Vor allem um gehen D arm spülun
gen und Klistiere die Ursache der Verstopfung, die
verm utlich schon im .M ittelalter hauptsächlich in
falschen Lebens-, Ernährungs- und Trinkgewohn
heiten zu suchen war. So soll einst sogar die Fasten
speise m ancher M önche noch bis zu 3000 K ilokalo
rien täglich betragen haben - und das verdaut selbst
der sprichwörtliche Rossmagen auf D auer nur unter
M ühen.
H eute ernährt man sich im m er noch viel zu fett
und viel zu süß. so dass Ü bergew icht und Verdau
ungsproblem e zu den häufigsten Volkskrankheiten
gehören. In den meisten Fällen müssten die Betrof
fenen nur wesentlich m ehr trinken, sich regelm äßig
bewegen, m ehr Ballaststoffe m it der N ahrung zu
sich nehmen und sich auch die nötige Zeit zum
Stuhlgang nehmen, um eine bessere Verdauung
zu bewirken. Zu Ernährungssünden wie Fastfood.
M ikrowellenkost, pestizidbelastetem Obst und G e
müse oder Zuckersucht und chronischem Bewe
gungsm angel infolge sitzender T ätigkeiten kom
men noch w eitere Faktoren hinzu, die erst seit
wenigen Jahrzehnten eine Rolle spielen.
.Allen voran seien hier die .Antibiotika genannt,
die in der N achkriegszeit von den Am erikanern als
W underarznei gegen bakterielle Infektionen in
Europa eingeführt wurden. Inzwischen hat man sie
ein halbes Jahrhundert lang in der H um an- und Ve
terinärm edizin exzessiv erprobt und setzt sie leider
im m er noch viel zu oft bereits bei banalen Infekten
ein. Chem isch definierte Antibiotika wie etwa P en i
cillin töten bekanntlich nicht nur die »bösen«
Keime, die K rankheitserreger, sondern auch die
»gu ten « Bakterien, die Sym bionten, die das M ilieu
im Darm positiv regulieren. M an könnte die zerstö
rerische Kraft eines Antibiotikums auf die D arm
flora m it einer gigantischen Bombe vergleichen,
denn diese Arzneien, die der Behandlung lebensge
fährlicher Infektionen Vorbehalten bleiben sollten,
beeinträchtigen schlagartig das Zusam m enwirken
von etlichen M illiarden D armkeimen.

Das nach Gebrauch von Antibiotika entstandene


L'ngleichgew icht nennt man Dysbiose; eine ihrer
häufigen Folgekrankheiten ist der D armpilz, der
m itunter auch durch versteckte Antibiotika in der
N ahrung im wahrsten Sinne des W ortes ernährt
wird.
Den Boden für die Fehlbesiedlung bereitete aber
schon die m angelnde Stillbereitschaft, die in den
1960er-Jahren in M ode kam. Die M utterm ilch, vor
allem die Kolostralm ilch, ist unentbehrlich für den
Aufbau einer gesunden Darmflora und dam it für die
normale Entwicklung der Darmfunktionen.
Eine weitere L'rsache von Verdauungsschwäche,
die weder von Klistieren noch von Abführmitteln
ursächlich erfasst wird, liegt in einem M angel an
Verdauungssäften. Diese werden vorwiegend im
M agen, in der Leber und in der Bauchspeicheldrüse
gebildet, so dass man langfristig lieber diese Verdauungsorgane in ihren Funktionen
stärken sollte,
als Abführm ittel oder K listiere zu gebrauchen. Er
fahrungsgemäß hat die D arm trägheit im Alter meist
im M agen ihren L’ rsprung, w eil nicht mehr genug
M agensäure gebildet wird (chronisch-atrophische
Korpusgastritis).
Die Bildung von M agensäften lässt sich leicht
durch Bitterstoffe anregen; viele ältere Menschen
empfinden bittere .Arzneitees oder B itterelixiere oh
nehin als wohltuend.
Paracelsus brachte die Verdauungsschwäche mit
dem Tartarus des M agens in V erbindung, worunter
man sich ein Erlahm en und Erkalten der Verdau
ungsfunktion vorstellen muss. So bilden etwa die
.Magenschleim hautdrüsen im Rahmen des natürli
chen Alterungsprozesses im m er w eniger M agen
säure - die Folgen sind V öllegefühl nach dem Essen
sowie eine langsam ere Verdauung. W enn dagegen
eine Schwäche der Bauchspeicheldrüse vorliegt,
dann stehen eher Blähungen, klebriger Stuhl, N ah
rungsm ittelunverträglichkeiten oder Darm pilze im
Vordergrund. Dem kann man z.B. m it den großen
Reinigungspflanzen der Bauchorgane begegnen, zu
denen .Angelikawurzel, M eisterw urz, Tausendgül
denkraut und Löwenzahn gehören, wobei Letzterer
von Paracelsus erstaunlicherweise nicht einm al er
wähnt wurde.
Schließlich führte Paracelsus die träge Verdau
ung noch auf die Leber zurück. Bei Leberschwäche
ist in erster Linie die Fettverdauung gestört; zur
Das Öl des Rhizinusbaum s
verw endet man bis heute
häufig als A bführm ittel;
auch Paracelsus gebrauch
te den Ö lauszug als drasti
sches Purgativum über
den Darm. Kolorierter H olz
schnitt aus dem Kräuter
buch des Leonhart Fuchs,
154 3 -

Paracelsus em pfahl Aloe


ebenfalls als A bführm ittel,
aber auch als W undbalsam .
Kolorierter H olzschnitt
aus dem Kräuterbuch des
Leonhart Fuchs, 1543.
;xcn.

Wem.
LX X Y.

Verstopfung kommt vielleicht noch eine chronische


Erschöpfung hinzu. Die hartnäckigste Stuhlver
stopfung kann man nach Infektionen beobachten,
welche im m er auch zu einer Leberbelastung führen.
So berichtete beispielsweise eine Frau, die eine M a
laria durchgem acht hatte, von einer sechs Wochen
andauernden Verstopfung, die schon an eine D arm
lähm ung grenzte. Doch selbst hier können L eber
heilpflanzen zusammen m it Bitterstoffdrogen und
B lutreinigern Abhilfe schaffen (siehe Rezept Seite
219).
X ich t zuletzt werden durch Darm spülungen
zum Teil uralte Stoffwechselschlacken von den
D armwänden abgelöst und geraten über die D arm
lymphe in den Blutkreislauf - wobei die fettlös
lichen Giftstoffe m it der Lymphe auch direkt ins
G ehirn gelangen können.
Die Folgen dieser plötzlichen L'berschwem m ung von Blut und Lymphe m it
Stoffwechselgiften
sind etwa Kopfschmerzen, Schwindel, depressive
V erstim m ungen, .Allergieschübe oder H autreaktio
nen, die jedoch nicht m it einer H eilkrisis verwech
selt werden dürfen.
Im Grunde genom m en wurde nur »Sch lam m «
aufgewühlt, und wenn nun nicht massiv ausgeleitet
wird, setzen sich die Stoffwechselschlacken oder die
L'm w eltgifte eben wieder an anderer Stelle ab.

Präparate aus Sennesblättern sind heute das vielleicht


beliebteste Abführm ittel. Schon Paracelsus wies daraufhin,
dass man starke Purgativa nur behutsam und nur in Aus
nahm efällen verwenden sollte. Sennesblätter oder Sennesfrüchte fördern nicht nur
die Verdauung, sondern auch die
M enstruationsblutung. Foto: O laf Rippe.
Von der Schw ächung durch A b fü h rm itte l

D er Gebrauch von Abführm itteln hat m ehr N ach


teile als N utzen. Paracelsus kritisierte: »Jedes Laxativum hat zwei Ü bel in sich,
erstens weil es
schwächt, zweitens, weil es gewöhnlich mehr ent
leert, als notwendig ist. Davor muss man sich also
h üten« (III/455).
Die Schwächung kommt daher, dass m it dem
Stuhl M ineralstoffe wie Kalium verloren gehen.
Außerdem führt die langfristige Anwendung von
Abführdrogen zu einer G ewöhnung. N ach heuti
gem W issensstand enthalten Aloe, Faulbaum , Rha
barber oder Senna sogenannte Anthranoide, die
die D arm peristaltik anregen und im Dickdarm die
Rückresorption von W asser verm indern, so dass der
Stuhl weich bis flüssig bleibt. L angfristig können
Abführm ittel aber Leber und N ieren schädigen und
einen Kalium m angel verursachen. Ein D auerge
brauch kann sogar das für die D arm tätigkeit zustän
dige N ervengeflecht (Plexus m yentericus) schädi
gen, so dass man zunächst im m er größere Dosen
benötigt, dam it der Darm überhaupt noch reagiert,
bis ein lähm ungsartiger Zustand eintritt. D aher ist
es sinnvoll, Abführpflanzen nur kurzfristig einzuset
zen, um eine D arm entleerung m it weichem Stuhl
hervorzurufen (was heute z.B. zu Beginn einer Fas
tenkur oder etwa vor einer D arm spiegelung üblich
ist).
Paracelsus erwähnte zwar Aloe und andere Ab
führdrogen, als Arzneien für die Verdauung hebt er
diese jedoch nicht sonderlich hervor. Die AloePflanze (Aloe sp.) nennt er z.B. nur
ein M al in
einem Abführrezept zusammen m it Absinth, Laudanum und Safran (1/925). Sonst
gebraucht er die
Aloe bei W 'ürmern (III/215), als Kataplasma bei
Wrunden (III/-+13), als Pflaster bei Geschwüren
(III/646) sowie als D iätetikum bei Lungenschwäche
(11/481).
Auch heute ist der eingedickte Saft mancher
Aloe-Arten (z.B. Aloe ferox) als Abführdroge eher
selten in Gebrauch und auch nicht ganz ungefähr
lich, da eine L'berdosierung zu D arm blutungen
führen kann. H ier kann man aber auch auf T iefpo
tenzen ausweichen (D2). Aloe gilt in der Homöopa
thie auch als bewährtes M ittel für Verstopfung
durch eine sitzende Lebensweise, die für unsere
Zeit typisch ist.

Die sehr bittere Koloquinte verw endet man traditionell zu'


Purgation. Flore medical von Cham m eton und Chamberet.
Paris, 1814-1820.

M el populärer ist heute dagegen der Gebrauch


als H autheilpflanze und Kosmetikum. Für diesen
Zweck nutzt man neben der Aloe vera gern eine
baum bildende Aloe-Art (Aloe arborescens), die
schon vor 100 Jah ren Einzug in Großmutters Haus
apotheke gehalten hat. Egal, ob es sich um eine
Schürfwunde oder um eine Verbrennung handelte,
zur W undpflege brach man ein Blattstück ab und
strich den Saft auf die wunden Stellen.
Dass sie zu den großen W undheilpflanzen ge
hört, zeigt die Aloe-Pflanze deutlich durch ihre Si
gnaturen: Bricht, knickt oder schneidet man ein
Stück vom Blatt ab, dann zieht sich die W unde ein
fach zusammen, und das Blatt lebt gesund fort. So
regeneriert sich die fast unverwüstliche Aloe nach
dem Umtopfen oder nach Verletzungen von selbst.
Die regenerierenden H eilkräfte wirken auch dann
wohltuend, wenn die H aut chronisch entzündet
oder gereizt ist, z.B. bei N euroderm itis, bei C raurosis vulvae, bei
Scheidentrockenheit oder nach Be
strahlung. Am w ertvollsten ist und bleibt jedoch der
frische Pflanzenbrei, den man leicht selbst gew in
nen kann, indem man ein Blattstück wie eine Ka
rotte schält und den schleim igen Kern im M ixer pü
riert. D ieser Aloe-Brei eignet sich allerdings nur
zum sofortigen Verbrauch, weil er keine Konservie
rungsstoffe enthält.
Auch über den M edizinalrhabarber (Rheum palmatum), der bis heute als Abführdroge
im Ge
brauch ist, ließ sich Paracelsus nur w enig aus. Er
führte ihn zusammen m it der Koloquinte als bittere
Arznei m it austreibender Kraft auf (1/638) und
nannte ihn auch als K olikm ittel (11/477). Am m eis
ten lobte er die H eilw irkung der Rhabarberwurzel
auf die G alle: »D ie G alle wird verzehrt, so dass alle
K rankheiten, die von der G alle stammen, aufhören
und kein Zorn und keine K rankheit durch die Galle
gebracht werden; dies geschieht durch Rhabarbarum « (1/634).
Zu den hauptsächlichen Purgativa gehört
schließlich noch Senna (Cassia angustifolia), deren
Blätter oder Früchte wegen der abführenden W ir
kung bis heute in einigen Abführtees und B itterm it
teln zu finden sind (z.B. Schw edenkräuter nach
M aria Treben). Paracelsus führte Senna zusammen
m it Attich (Sambucus ebulus), Engelsüß (Polypo
dium vulgare) und W egwarte (C ichorium intybus)
als Purgativum ersten Grades auf (III/398). D amit
stufte er Senna als relativ m ildes Abführmittel ein.
Dies dürfte auch der Grund sein, warum die Sennesblätter bis heute zu den am
häufigsten gebrauch
ten pflanzlichen Abführm itteln gehören; noch
etwas m ilder bzw. verträglicher sind die Früchte.
N icht uninteressant ist auch der H inweis, dass
Senna die M elancholie beheben soll: »M anche
(Purgativa) lösen M elancholia, wie Sena« (III/62).
Denn je länger eine Stuhlverstopfung anhält, umso
depressiver fühlen sich manche M enschen. Zum
einen findet die Selbstreinigung nicht mehr im nö
tigen M aße statt, so dass es, wie zuvor bereits ange
deutet, zu einer Vergiftung von Körper und Seele
kommt. Andererseits betrifft eine Stuhlverstopfung
selten nur den Darm - sie zeigt vielm ehr einen K äl
tezustand im unteren M enschen an und ist daher
nicht selten m it einer sexuellen Schwäche vergesell

schaftet. Beides lässt sich als Zeichen m angelnder


Lebenskraft und Lebenswärm e werten. Daher trägt
eine regelm äßige Verdauung in jedem Fall zum see
lischen W ohlbefinden bei.

Rezept; M is c h r e z e p t u r bei S t u h l
v e r s t o p fu n g

»Hein von Artemisia (Beifuß) behebt alle Verstop


fungen. An sich selbst ist sie zu schwach, deshalb soll
sie Zusätze haben, dann nützt sie am meisten.«
(Paracelsus 111/532)

Jew eils 10 ml
Angelica archangelica (Angelikawurzel)
L’rtinktur
Artem isia vulgaris (Beifuß) L^rtinktur
Carum carvi (Kümmel) U rtinktur
Cochlearia officinalis (Löffelkraut) L’ rtinktur
Colocynthis (Koloquinte) D il. D2
Erythrea centaurium (Tausendgüldenkraut)
LTrtinktur
Im peratoria ostruthium (M eisterwurz) L'rtinktur
M agnesium phosphoricum (M agnesium
phosphat) Dil. D6
Nux vomica (Brechnuss) D il. D4
Taraxacum officinale (Löwenzahn) LTrtinktur
U ber die Apotheke von Spagyra mischen lassen.
2-3 x täglich 10-25 Tropfen in etwas W asser vor
dem Essen einnehmen (zur R ezepterstellung
siehe Seite 429).

»W er Koloquinten isst, muss zum Stuhl.« (Paracel


sus 1/273)

Der Ausscheidungsw eg als Eingang


fü r die G esundheit

Obwohl die Abführmittel bei Paracelsus nicht ge


rade hochangesehen waren, wollte er doch eine
Stuhlverstopfung nicht unbehandelt lassen. Sicher
lich wusste er, dass es verm ehrt zu Fäulnisprozessen
und Blähungen kommt, je länger der Kot im Darm
verweilt: »D iejenigen welche den Stuhl verhalten,
die haben viele W in d e« (1/877). D arüber hinaus be
steht - wie man heute weiß - die Gefahr, dass bei
zu langer Verweildauer stuhlpflichtige Stoffwechselgifte, die ausgeschieden werden
müssten, stetig
rückresorbiert werden und daher allm ählich das
Blut vergiften (Koprämie). W egen der Autointoxi
kation ist die Stuhlverstopfung häufig begleitet von
Beschwerden wie Erschöpfung, Kopfschmerzen,
Depressionen oder H autleiden - man fühlt sich
nicht nur wie vergiftet, sondern man ist es auch.
X ich t umsonst wies Paracelsus darauf hin, dass
»jed er Ausscheidungsweg auch ein W eg ist, durch
den man die G esundheit herbeiführen kann«, und
»dass es für alle Ausscheidungswege .Arzneien gibt:
Für die Gedärme Coloquinten und Esula (W olfs
m ilch)« (1/162). Insbesondere bei Blähungen oder
bei chronischen H autleiden kann die Förderung der
Ausscheidung von Stoffwechselschlacken und U m
w eltgiften über den Darm ein W eg zu neuem
W ohlbefinden sein. Doch der U m gang m it Kolo
quinten (C itrullus colocynthis) erfordert viel Erfah
rung, wie man bereits von H ieronym us Bock er
fährt: »D ie Landstreicher purgieren die Leut
damit/das etliche den G eist auffgeben/beissen und
sieden diese (K oloquinten-)Frucht in Wein/und gebens den Kranken zu trincken«
(1577/1964).
Der Koloquintenwein war schon bei den alten
G riechen ein beliebtes H eilm ittel. M an stellte ihn
her, indem man die ausgehöhlten Früchte mit W ein
füllte, diesen dann erwärm te und als Abführmittel
zu trinken gab. Ähnlich nutzte man die Zaunrübe
(Brvonia), die gleichfalls ausgehöhlt und m it W ein
oder Bier gefüllt w urde, dam it ihre purgierenden
Kräfte in den Trank übergehen.
Paracelsus war die G iftigkeit der Koloquinte
wohlbekannt: Er nannte sie in einem Atemzug mit
H elleborus, H olunder, W olfsm ilch und Rizinus als
eine der drastischen Abführpflanzen, denn alle
»purgieren im IV G rad« (III/398), was bedeutet,
dass sie den Stuhl »m it G ewalt austreiben«
(III/609). Die Koloquinte zählt heute noch zu den
»D rastika«. deren abführende W irkung m it einer
starken D arm reizung einhergeht. Je nach Dosis
kommt es zu einer beschleunigten Darmpassage m it
gesteigerter D arm peristaltik bis hin zu V ergiftungssymptomen wie blutigen D
urchfällen. G eschwür
bildung. Bauchfellentzündung, Blutandrang in den
X ieren und im G ehirn m it nachfolgendem Kollaps.

Außerdem führte Paracelsus die Koloquinte als


wurm widriges M ittel auf, das speziell gegen Askari
den wirksam sei (1/964), und wies ausdrücklich dar
au fh in , dass die wurm treibende W irkun g der bitter
schmeckenden Früchte auf ein G ift zurückzuführen
sei: »Schließlich ist jede Arznei, die die W ürm er
tötet, aus Gift. (...) W as von der Koloquinte für
T iere gebraucht wird, ist ein Gift, für den M en
schen ist es bei manchen Krankheiten g u t« (1/96* l.
Inzwischen sind die verantwortlichen Inhalts
stoffe identifiziert: Es handelt sich um sogenannte
Cucurbitacine, die in den Blättern sowie in den
Früchten der Koloquinte V orkom m e n . Dabei trägt
das Kürbisgewächs seine G iftigkeit offen zur Schau:
So gaben die Araber ihr einen Beinamen, der so viel
wie »Todespflanze« bedeutet, weil alle anderen
Kräuter, die in ihrer X ähe wachsen, absterben. Die
chem ische Waffe, derer sie sich zur Abwehr von
Standortkonkurrenten bedient, scheint der Kolo
quinte gleicherm aßen besondere Kraft gegen W ü r
mer und Parasiten zu verleihen.
»D ie Koloquinten sind auch als M ittel zur Ver
treibung von W anzen und anderem L'ngeziefer be
kannt. Man setzt sie zu diesem Zweck der Farbe zu.
m it der die W ände bestrichen w erden« (G. M adaus.
1938/1987).
Im gleichen M aß, wie er vor ihrer Stärke warnt,
lobte Paracelsus die H eilkraft der Koloquinte:
»W ie Serpentina heilt, nicht ohne zu reinigen und
zu purgieren, so purgiert die Koloquinte, nicht
ohne zu heilen « (III/581).
W ährend es z.B. in südam erikanischen Ländern
bis heute üblich ist, sich vor H eilritualen gründlich
zu reinigen, was in der Regel neben den obligaten
W aschungen und Räucherungen auch eine drasti
sche Brech- und Abführkur einschließt, würde man
hierzulande m öglicherweise wegen Körperverlet
zung belangt, wenn sich der Patient nach der Ein
nahme von brechreizerregenden und abführenden
Pflanzen krank fühlt. Daher w ählt man heute meist
den sanfteren W eg über die H omöopathie, in der
die Koloquinte (Colocynthis) zu den großen Kolik
m itteln gehört. In homöopathischer Form findet
Colocynthis vor allem Anwendung bei den »Bauch
m enschen«, die ständig unter krampfartigen
Schmerzen im Darm oder L n terleib klagen. Vor
allem die Tiefstpotenzen (z.B. D2) wirken verdau
ungsfördernd und entkrampfend bei Stuhlverstop-
A u s w a h l an F irm e n p r ä p a ra t e n m it C o lo cy n th is

Anwendungsgebiete

Firmenpräparat (Hersteller) Inhaltsstoffe


Asto spag.

(Tropfen; Pekana)

Chelidonium/Colocynthis

Antimon, crud. D8, Belladonna D4,


Colchicum D6, Colocynthis D4,
Natrium phosph. D4, Nux vomica D4,
Robinia D6, Millefolium Urtinktur

Spagirische Magenfunktionstropfen für


chronisch entzündliche und krampfartige
Magenleiden wie Magenkrämpfe, Magen
übersäuerung, Reizmagen, Sodbrennen
oder Völlegefühl.

Chelidonium D2, Colocynthis D3

Bei leichten Formen von Gallenkoliken


sowie bei Neigung zu Darmkrämpfen.

Anisi aeth., Berberis, Carvi aeth.,


Chelidonium, Cichorium, Colocynthis,
Menthae aeth., Leinöl, Rizinusöl,
Weizenkeimöl, Lebertran

Bei Neigung zu Gallenfunktionsstörungen


(nicht bei Kolik!) und Stuhlverstopfung
sowie bei Blähungen und krampfartigen
Darmbeschwerden.

(In jektionslösung/Globuli;
Wala)
Chelidonium Kapseln

(Wala)

Dysmopas F

(Tropfen; Pascoe)
Nestmann Komplex Nr. 8
Colocynthis

Caulophyllum D3, Vibumum prunifol. Zur Vorbeugung und Behandlung


von Krämpfen bei der Regelblutung
D3, Colocynthis D3, Pulsatilla D3
und Unterleibskoliken.
Colocynthis D4, Chamomilla D4

Bewährte Erste Hilfe bei Blähkoliken


und unklaren Oberbauchschmerzen.

Apomorphinum hydrochlor. D4,


Atropinum sulf. D4, Cholesterinum
D3, Magnesium phos. D3, Natrium
sulf. D3, Cuprum D4, Chamomilla
D3, Colocynthis D4

Mild entzündungswidriger und krampf


lösender Komplex, der sich speziell
bei Entzündungen oder Reizungen der
Gallenblase sowie bei leichten Formen
der Gallenkolik bewährt hat.

Colocynthis D3/D4, Ammonium


bromat. D3/D4, Atropinum sulf. D5/6,
Veratrum D5/D6, Magnesium phosph.
D6, Gelsemium D5/D6, Passiflora
D1/D2, Chamomilla D2/D3, Cupr.
sulf. D5/D6, Agaricus D3/D4,
Aconitum D5/D6

Sehr bewährter krampflösender Komplex


bei Unterleibskrämpfen zu Beginn
der Regelblutung sowie bei Eierstock
schmerzen bei Ovarialzysten, bei Bauch
koliken der Kinder, Blähkolik und
unklaren Darmkrämpfen bis hin zu
leichter Blinddarmreizung.

(Tropfen; Nestmann)
Natr. sulf. Komplex
Nr. 263

(Tabletten; Nestmann)

Spascupreel

(Zäpfchen/Tabletten/
Ampullen; Heel)

fang m it N eigung zu Blähkoliken, wobei C olocyn


this gern bei »bösen Folgen sitzender T ätig k eit«
gewählt wird. Andere Verdünnungsgrade (z.B. zur
täglichen Einnahme D6 oder als Akutm ittel C30)
wirken wohltuend krampflösend und kommen
daher z.B. bei Blinddarm reizung. G allenkolik oder
schmerzenden Eierstockszysten zum Einsatz.
»Gleiche Teile von Centauren (Tausendgüldenkraut)
und Saturei (Bohnenkraut) in Wein gekocht
und getrunken, machen eine gute Verdauung.«
(Paracelsus III/564)

Über heilsam e Bitterstoffe: 1000 Gulden


fü r eine gute Verdauung

Aufgrund ihrer w eitreichenden W irkungen werden


Bitterpflanzen wie das Tausendgüldenkraut (Erythraea centaurium ) seit vielen
Jahrhunderten heilkundlich genutzt. N icht erst seit Hippokrates
schätzt man die H eilkräfte der Centaurea, deren
Nam e von dem sagenumwobenen Kentauren C h i
ron stammt, welcher m it dem Kraut einst seine
W unden geheilt haben soll.
Auch H ildegard von Bingen empfahl eine W ein
abkochung bei G icht und lobte die Auflage nach
Knochenbrüchen. Im M ittelalter und bis in die
Bitterstoffpflanzen w ie das Tausendgüldenkraut bringen
die M agensäfte zum Fließen, verbessern die Nahrungsver
w ertung und w irken einer Verdauungsschwäche entgegen.
Paracelsus bezeichnet das Enziangewächs als Arcanum
der Leber. Foto: M argret Madejsky.

N euzeit hinein priesen alle Kräuterkundigen die


wundheilenden Eigenschaften des Tausendgülden
krauts, das seinen Namen auch deswegen zu Recht
trägt, weil es als Arzneipflanze »1000 G ulden w ert«
ist. Das Anwendungsspektrum reichte einst über die
Behandlung von Fieber, G elbsucht, W unden und
W ürm ern bis hin zur Verdauungsförderung, wofür
es heute noch hauptsächlich gebraucht wird.
H ieronym us Bock ließ sich in seinem Kreiitterbucb wie folgt über das kleine
Enziangewächs aus:
»E in handtvoll Tausent gulde kraut m it den blu
men/in einer guten halben maß YVeins/oder wasser
über das halb theil eingesotten und getruncken/
zertheilet unnd treibet auß durch den stulgang die
zähe magen G allen. Darumb ist solche decoction
nützlich den Gälsüchtigen/und dene so stats Febres
haben. D ieser tranck etliche tag getruncken m or
gens unnd abends/eröffnet die L eber unnd .Milz/
führet allen unrath auß dem Leib/tödtet und treibet
auß die W ürm/die todte frucht/unnd Frawen blöd igkeit« (1577/1964).
Für Paracelsus war die Centaurea ebenfalls eine
Art Universalm edizin. Er bevorzugte die zarten,
aber sehr bitter schmeckenden Blüten als Zusatz für
sein Johanniskraut-W undöl (III/634).
Außerdem lobte er die reinigende W irkung bei
fieberhaften Erkrankungen m it Leberbeteiligung:
»So hilft Centaurea auch bei Fieber. Centaurea hilft

der Leber, sie stärkt und rein igt die scheidende


Kraft der Leber« (1/811). M ehrfach wies er darauf
hin, dass Centaurea die G elbsucht h eilt (1/940, 944.
948, 11/279, 608, III/410). Doch bei G elbsucht fand
er, dass der Saft von Centaurea zusammen mi:
M eisterwurz verordnet werden solle (III/566).
In der heutigen N aturheilkunde findet Tausend
güldenkraut bei G elbsucht zwar kaum mehr Ver
wendung. Dafür sind Bitterpflanzen beliebte Kräfti
gungsm ittel, und in der Rekonvaleszenz und bei
viralen Infekten gebraucht man sie, um die Leber zu
entlasten (daher enthält z.B. der abwehrstärkende
Komplex M etavirulent von M eta Fackler Gelben
Enzian).
Bei V rusinfekten wie etwa dem Pfeifferschen
D rüsenfieber kommt es zuweilen auch zu einer Le
berbeteiligung m it Schwellung und nachfolgend zu
leberbedingten Erschöpfungszuständen, und eben
diesen Erschöpfungszuständen nach langwierigen
Erkrankungen oder Infekten begegnet man bis
heute m it B itterelixieren wie etwa den Schweden
kräutern nach M aria Treben oder dem Schweden
trunk.
Hauptsächlich gebraucht man Bitterpflanzen wie
das Tausendgüldenkraut inzwischen zur Verdau
ungsförderung. Paracelsus lobte das kleine Enzian
gewächs als darm reinigende Arznei (III/471). Die
tiefgreifenden H eilw irkungen lassen sich m it den in
der ganzen Pflanze enthaltenen Bitterstoffen be
gründen.
Zusammen m it dem Gelben Enzian gehört
das Tausendgüldenkraut zu den bittersten Pflanzen
Europas. Die Blüten erreichen einen B itterwert von
etwa 12 000; im Vergleich dazu hat der Bitterstoff
Am arogentin, der im G elben Enzian vorkommt,
einen Bitterwert von 58 000 000 und ist dam it einer
der bittersten bekannten Naturstoffe überhaupt.
Bittere Pflanzeninhaltsstoffe bringen alle Ver
dauungssäfte ins Fließen. Sie verm ehren den Spei
chelfluss, lassen also das sprichwörtliche W asser
im M und zusam menlaufen, regen die M agensaftproduktion und den G allenfluss an,
fördern die
Sekretion der Darmdrüsen sowie von Verdauungsenzymen aus der Bauchspeicheldrüse.
Daher beschleunigen Bitterstoffe die Verdauung
und sorgen darüber hinaus für eine effektivere Nah
rungsverwertung. Insbesondere steigern sie die Ei
senaufnahme im D ünndarm, weshalb Bitterpflan
zen bei Blutarm ut neben homöopathischen oder
schulm edizinischen Eisengaben unerlässlich sind.
Durch die raschere Darmpassage verhindern sie
auch Fäulnisprozesse im Darm und wirken Blähun
gen entgegen. Deshalb sind Bitterdrogen wie En
zian oder Tausendgüldenkraut beliebte Bestandteile
von K räuterlikören und .M agenelixieren.
W eil Bitterstoffe die V erdauung und somit die
D arm reinigung antreiben, gelten manche in der
Volksmedizin auch als B lutreiniger und sind be
liebte Bestandteile sogenannter Stoffwechseltees insbesondere zur A nregung des H
autstoffwechsels
bei .Akne, aber auch bei anderen chronischen H aut
leiden wie N euroderm itis oder Schuppenflechte,
sofern diese m it D arm trägheit oder Dysbiose verge
sellschaftet sind.
Redensarten wie »B itter m acht das H erz froh«
oder Begriffe wie die »b ittere E rfahrung« deuten
darüber hinaus eine H eilw irkung auf die Psyche
an. Paracelsus m erkte hierzu an: »Ebenso ist es
m it dem Geschmack (...), der die Aufgabe hat, G lei
ches zu G leichem zu bringen (...), dam it das Süße
zum Süßen, das Bittere zum Bitteren kom m e«
(1/83). Demzufolge sollte man bei der G allsucht
oder bei der seelischen V erbitterung einm al ganz
homöopathisch vorgehen, indem man dem Betrof
fenen bittere Tees oder K räuterbitter verabreicht
(z.B. Schw edenkräuter von Infirm arius-Rovit oder
Amara-Tropfen von W eleda).
Erfahrungsgem äß hat sich auch folgende Regel
bewährt, egal, ob es sich um ein seelisches Leiden

oder um körperliches G ebrechen handelt: Je krän


ker der M ensch, desto bitterer sollte die Arznei
sein, denn Bitterdrogen stärken nicht nur die Ver
dauungsorgane, den Stoffwechsel und das Immunsvstem, sondern füllen langfristig
auch die Lebens
energie wieder auf. M an könnte auch von einer
erwärm enden W irkun g auf Verdauung, Stoffwech
sel und Lebenskraft sprechen; ebendiese erkannte
Paracelsus schon an den Blüten: »A ußerdem ist die
O rdnung der Farben zu beachten, die die N atur der
D inge anzeigen, wie C entaurea, die rot ist, daher ist
sie von einer heißen N atu r« (III/384).

T a u s e n d g ü ld e n k ra u t re z e p te

K äm pfsches V isc era lk listier bei hartnäckiger,


von L eb erleid en au sg eh en d er O bstip ation

(aus G. M adaus, 1938/1987)


Jew eils 60 g
Löwenzahnwurzel
Queckenwurzel
Seifenkrautwurzel
Tausendgüldenkraut
Alle K räuter verm ischen und von der M ischung
etwa 30 g (ein Achtel) m it '/: 1 W asser a u f '/+1 ein
kochen, auf K örpertem peratur abkühlen lassen.
Als K listier anwenden.

R ezep t: D arm tee bei V ersto p fu n g sn eigu n g


d u rch L eberschw äche

Beifußkraut 40 g
Enzianwurzel 20 g
K ardobenediktenkraut 20 g
Löwenzahnwurzel 40 g
M eisterwurz 20 g
O derm ennig 20 g
R ingelblum enblüten 20 g
W egwartenwurzel 20 g

Die gelben Enzianblüten, aber auch die gelbe Farbe der


Wurzel zeigten schon den Alten die Heilkräfte bei
Gelbsucht und Leber-Galle-Leiden an. Foto: O laf Rippe.

Alle Kräuter verm ischen. 1-2 T L pro Tasse


(ca. 200 ml) heiß überbrühen und etwa 5 M inuten
ziehen lassen. Abseihen und ungesüßt 2-3 Tassen
täglich trinken.
Im Som mer erhebt sich der gelbe Enzian zu stattlicher
Größe, was eine Zuordnung zu den Planetenkräften Sonne
und vor allem Jupiter erlaubt, deren pflanzliche Vertreter
meist w eithin sichtbar sind, eine besondere Ausstrahlung
haben und gelb blühen. Foto: M argret Madejsky.

Die vier H auptw irkungen der Bitterstoffe

Ein Trieb des Gelben Enzian durchstößt im Frühling


ein altes Blatt. Gem äß Signaturenlehre w eist dies unter
anderem au f Heilkräfte bei stechenden Leiden hin.
Foto: M argret Madejsky.

Tra d itio nelle A n w e n d u n g s g e b ie t e


von B it ters to ffd ro g en

fördern Appetit
und Verdauung
(bringen alle Säfte
ins Fließen), ver
bessern die Leber
funktion
steigern die
Resorption von
Eisen und Spuren
elementen

Bitterstoffe

aktivieren das
Immunsystem
(bewirken Leuko
zytose) und
tonisieren die
Herzfunktion

verbessern Haut
bild und Stoff
wechsel über den
Darm











Appetitmangel
Völlegefühl
Verdauungsschwäche
Altersmagen
Verstopfungsneigung
Blutarmut
Erschöpfungszustände
Rekonvaleszenz
Fettverdauungsstörungen
Sodbrennen
H autleiden (.Akne, X euroderm itis, Psoriasis)

G egen an zeig en : X ich t bei Entzündungen und

Geschwüren im M asen oder Dünndarm!


»Der Magen muss ein Temperament in sich haben,
sonst ist alles vergebens. Wenn das nicht ist. sind
viele Krankheiten zu erwarten.« (Paracelsus 1/517)

Neben dem Tausendgüldenkraut gehören viele w ei


tere Bitterpflanzen (Amara) zum abendländischen
H eilschatz. Die U nterschiede finden sich im Grad
der B itterkeit sowie in den speziellen Signaturen.

losigkeit, feuert die Verdauung an und bringt


Lebenswärme in den unteren M enschen - daher bei
L'nfruchtbarkeit von Frau oder M ann, zur Auflö
sung von Operationsnarben oder Verklebungen im
Bauchraum sowie bei Eierstockszysten hilfreich. Bei
D auergebrauch wird die H aut lichtem pfindlich!

Enzian, G e lb e r (G en tian a lu tea; W u rze l):


J u p ite r > Sonne

Beifuß (A rtem isia vu lg aris; K rau t, W u rze l):


Venus/M ond > M e rk u r > M ars

Frauenkraut und Räucherdroge m it universeller


R einigungsw irkung auf Körper und Seele (siehe
Seite 298). M ild-bitteres Gewürz für fette Speisen
wie G änsebraten. W egen der krampflösenden und
m enstruationsfördernden W irkun g wurde es von
Paracelsus der Venus zugeordnet. Die silbrige Be
haarung zeigt jedoch einen Bezug zum M ond und
seinen O rganen, z.B. G ehirn (E pilepsiem ittel) und
Keimdrüsen (Fruchtbarkeitspflanze, G eburtsm ittel
und Em m enagogum ). Die lanzettförm igen Blätter
und die schlanke G estalt zeigen wiederum M er
kur an (D rüsenm ittel, regt Hypophyse und Stoff
wechsel an). Die rote Farbe des Stengels und das
schwertförm ige Blatt zeigen auch einen Bezug zum
Elem ent Feuer; Beifuß ist traditionell auch ein
Kraftm ittel.

Bitterpflanze (Amarum purum ), die den stärksten


Bitterstoff (Am arogentin) enthält. Bestandteil von
verdauungsfördernden Likören wie etwa Benedic
tine und B itterm itteln wie den Schwedenkräutern
oder dem Schwedentrunk. Ferner in Teem ischun
gen bei .Altersmagen, Blutarm ut, D arm trägheit,
Sodbrennen, V öllegefühl sowie in der Rekonvales
zenz. W egen der stattlichen G estalt, der gelben
Blüten und W urzeln (Jupiter) auch bei Leberschwä
che sowie zur Leberentlastung angezeigt.

E d elgam ander (T eucrium cham aedrys; b lü h e n


des K rau t); V enus, Sonne

Edel gebuchtete B lätter und rosa Blüten zeigen die


Venus an, daher ist das Kraut völlig ungiftig, wirkt
regenerierend und wundheilend. N ur noch selten
volksm edizinisch bei Verdauungsstörungen und
G allenleiden gebraucht. Die relativ m ilde B itterkeit
ist für langfristige Teekuren zur D arm sanierung
nützlich. Äußerlich als W undheilm ittel in Form von
Bädern und W aschungen anzuwenden.

E n gelw u rz (Angelica archangelica; W u rze l):


Son n e, etw as J u p ite r

Aromatisch bitter und feurig schmeckende Sonnen


pflanze. Bestandteil von Lebenselixieren und M agen
bittern wie Aquavit, M elissengeist, Averna. Er
wärm t die Seele bei .Angstzuständen oder Schlaf

In den Bächen unw eit der Geburtsstätte des Paracelsus


findet man heute noch Fieberklee. Die dreigeteilten Blätter
zeichnen die bittere Pflanze auch als Leberheilm ittel aus;
ansonsten verwendet man die Pflanze in der Volksm edizin
zur Stärkung der inneren Alchim ie bei fieberhaften
Infektionen. Foto: M argret Madejsky.
F ieb erk lee (M en yan th es trifo lia ta; blü h end es
K rau t): M o n d > J u p ite r

Die filigranen weißen Blüten sowie der Standort am


Bach- oder Seeufer deuten auf mondhaftes W irken
hin - das m it dem Kraut seit Jahrhunderten behan
delte Fieber wird ebenfalls dem M ond zugeordnet.
Die dreilappigen B lätter zeigen die Leberpflanze
an, die bei fieberhaften Infekten m it L eb erb eteili
gung hilfreich ist (z.B. bei oder nach Virusleiden,
die m it großer Erschöpfung einhergehen).

K alm u s (A corus calam us; W u rzelsto ck ): M ond


>

M e rk u r

Arom atische Bitterpflanze. H eißt im Yolksmund


M agenw urz, weil sie den Altersm agen stärkt und bei
Appetitm angel, Sodbrennen oder V öllegefühl hilft.
Bestandteil m ancher K losterliköre und M agenbitter

Kalmus ist ein traditioneller Bestandteil von M agenbittern


und Klosterlikören. Foto: M argret Madejsky.

(z.B. Aquavit von Soluna, Schwedenbitter nach


M aria Treben). Das enthaltene Isoasaron erwies
sich im Tierversuch als krebserregend, daher wird
heute die am erikanische Droge bevorzugt.

T au sen dg üld en krau t (E ryth rea cen tau riu m ;


b lühendes K rau t): V enus > Ju p ite r, M e rk u r

Die rosa Blüten zeigen Venus an, die schmalen Blät


ter deuten auf M erkur (Stoffwechsel) hin. Beliebte
Bitterpflanze für Teem ischungen, die den M agen
stärken, die Verdauung fördern, die B lutbildung an
regen, den H autstoffwechsel sowie die allgem einen
Abwehrkräfte über den Darm verbessern.
H ieß einst Fieberkraut und wurde von Paracelsus
bei Gelbsucht gelobt, daher auch zur Entlastung
der Leber bei oder nach Viruserkrankungen hilf
reich. W egen der B itterkeit um sichtig zu dosieren!

Der W erm ut zählt zu den volksm edizinischen MagenStärkungsm itteln. Wegen der
extrem en Bitterkeit muss
man das Kraut jedoch sehr vorsichtig dosieren oder in Form
von Mischungen, z.B. als Bitterelixier, gebrauchen.
Foto: M argret Madejsky.
A u s w a h l an Bitterelixieren im H a n d el

Bitterelixier (Hersteller)

Inhaltsstoffe

Anwendungsgebiete und Praxiserfahrungen

Amara-Pascoe

Chinarinde, Enzianwurzel, Pomeranzen


schale, Zimtrinde

Bewährter Bitterkomplex zur Steigerung der


Sekretion von Verdauungssäften, bei Altersmagen,
bei Völlegefühl sowie bei Erschöpfungszuständen
in der Rekonvaleszenz.

Wermut, Wegwarte, Tausendgüldenkraut,


Meisterwurz, Schafgarbe, Enzian,
Wacholdertriebe, Salbei, Löwenzahn

Bringt bei Appetitlosigkeit oder Völlegefühl


die Verdauungssäfte ins Fließen. Ferner bei Sod
brennen, Fettunverträglichkeit oder bei Kost
umstellung auf Reisen sowie als Begleitmittel bei
Eisenmangelanämie, in der Rekonvaleszenz oder im
Rahmen einer Darmsanierung.

(Tropfen; Pascoe)

Amara-Tropfen

(Tropfen; Weleda)

Geheimrezept enthält u.a. Enzian, Nelken,


(Likör; Benedictine
Zimt, Pfefferminze, Absinth, Galgant,
S.A.F-Fecamp, Normandie) Majoran, Thymian, Rhabarber, Lavendel,
Safran

Eher mild schmeckender Kräuterlikör der Benediktiner,


dessen Geheimrezeptur aus dem Jahr 1510 stammt.
Wirkt als Digestif vor allem Blähungen, Sodbrennen
und Völlegefühl entgegen.

Gentiana-Strath comp.

Spagirische Urtinkturen von Angelikaund Enzianwurzel, Schafgarbe, Kalmus


und Wermut

Wegen des Strath-Verfahrens säuerlich schmeckendes


Magenelixier, das vor allem bei Magenschwäche
im Alter indiziert ist (chronisch atrophische Korpus
gastritis).

Aloe, Chinarinde, Zimt, Gewürznelken,


Orangenschalen, Safran, Stemanis,
Wermut, Rathaniawurzel, Tausend
güldenkraut, Galgant, Sandelholz, Enzian,
Baldrian, Myrrhe, Zitwerwurzel

100 Jahre altes Einsiedelner Magenbitterrezept,


das bei Verdauungsbeschwerden mit Völlegefühl
und Blähungen zum Einsatz kommt. Bei Bedarf
'/2-1 T L pur oder in etwas Wasser einnehmen,
zur Appetitanregung 1 Stunde vor dem Essen.

Benedictine

(Tropfen; Strath-Labor)

M agentropfen Eremita

(Tropfen; Engel-Apotheke,
Einsiedeln)

Manna, venezianischer Theriak, Myrrhe,


Zitwerwurzel, Diotöm, Terra sigulata,
(Tropfen; Löwen-Apotheke, Ferrum, Enzian, Engelwurz, Eberwurz,
München)
Kampfer, Tonnentill, Bibergeil, Lärchen
schwamm, Safran, Muskatblüte, Kalmus
wurzel, Muskatbohnen
G roßer Schwedenbitter
nach Maria Treben

Schwedenkräuter
zum Ansetzen
von K räuterbitter

Angelika-, Eber-, Rhabarber- und Zitwer


wurzel, Wermut, Manna, Sennesblätter,
Theriak, Myrrhe, Kampfer, Safran

Universell einsetzbarer Kräuterbitter bei Blähungen,


Blutarmut, Darmträgheit, Fettunverträglichkeit,
Völlegefühl usw. Wegen Rhabarber und Senna eher
bei Verstopfungsneigung indiziert.

Angelika-, Baldrian- und Enzianwurzel,


Kardamomsamen, Zimtrinde

Traditionsmittel zur Verdauungsförderung bei Völle


gefühl und Blähungen oder nach verdorbenem Essen;
ein Messbecher (10 ml) pur oder verdünnt.

(Kräuter-Mix; Abtswind)
Schwedentrunk Elixier

(Tropfen; InfirmariusRovit)

Bewährtes Verdauungselixier, das sowohl bei Darm


trägheit, Blähungen und Völlegefühl zum Einsatz
kommt als auch zur Aufbaukur nach Durchfall
erkrankungen, nach Antibiotikagaben, in der
Rekonvaleszenz sowie bei Blutarmut oder als Be
gleitmittel zu Darmkuren bei Dysbiose.
W e rm u t (A rtem isia absinthium ; K rau t): M on d
> M e rk u r > Ju p iter/ S o n n e

.Alte Abtreibungspflanze. Die silbrige Behaarung


stellt den Bezug zu den .Mondorganen her (G e
hirn/Nerven, Schleim häute von G ebärm utter und
M agen-D arm ). Die gelben Blüten zeigen die LeberG alle-W irkung an.
Volksmedizinisch zur .Magen
stärkung, bei Verdauungsschwäche sowie zu W urm

kuren gebraucht. Sehr vorsichtig dosieren, da ex


trem bitter. W ichtig: W egen des G ehalts an aborti
vem T hujon nicht in der Schwangerschaft gebrau
chen!
»Kümmel ist eine Speise bei Windkrankbeiten
und keine Arznei, daher soll er als eine Speise
gegeben werden. Die Gewürze und ähnliche Kräuter
mehr haben die große Tugend. große Dinge bei
vielen Krankheiten zu vollbringen, indem die
Krankheiten a u f diese Weise in ihrem Gestirn über
wunden werden. Denn Kümmel ist ein Feind des
Boreas (Nordwind) und bricht daher dessen
Astrum.« (Paracelsus 11/370)

W ie man die W inde überlistet

Zu Paracelsus’ Zeiten ging man noch davon aus,


dass die W inde im H im m el m it den W inden im
Bauch zu tun haben, wobei jeder W indrichtung ein
bestim m ter Bereich im Bauch zugeordnet wurde.
So findet sich Boreas, der N ordwind, im O ber
bauch; Ost-, W est- und Südwind ordnen sich wie
auf einem Kompass im Bauchraum rund um den
Nabel an.
Im merhin konnte uns eine Patientin den m eteo
rologischen Einfluss auf ihre Blähungen tatsächlich
bestätigen: »B itte halten Sie mich nicht für verrückt
- kein Arzt glaubt m ir - , aber wenn es draußen
stürm t, vor allem bei N ordwind, dann plagen mich
die W inde im Bauch, dann platze ich fast.« In ihrem
Fall handelte es sich um eine Schwäche der Bauch
speicheldrüse. Eine der ersten H eilpflanzen, an die
man dabei denken sollte, ist der gewöhnliche W lesenkümmel (Carum carvi), den
bereits H ildegard
von Bingen erwähnte: »F ü r den M enschen ist er gut
und nützlich und gesund zu essen, auf welche WTeise
auch im m er er gegessen w ird «, schrieb die kräuter
kundige Abtissin in der Physica.
Auch die m ittelalterlichen Kräuterbücher sind
voll des Lobes, wenn es um die heilsam en W irkun
gen des Kümmels auf den Darm geht. So führte
Brunfels ihn in seinem Contrafayt Kreuterbuch von
1532 als Arznei gegen das Leibweh auf, und H iero
nymus Bock wusste zu berichten: Er »zerth eilet alle
w indigkeit im leib « und »K üm m el in öl gesotten/
unnd m it einem C lystier eingegossen/ist gut wider
das Grim en und auffblähen des leib s« (1577/1964).
Dem schloss sich Paracelsus an, der den Kümmel
ebenfalls gegen Bauchgrimm en und Blähungen
empfahl: »A ber Apium (= Sellerie) m it Kümmel ge
kocht und dann m it W asser und W ein gesotten und

aufgelegt, behebt jedes Grim m en des Bauches und


B lähungen« (Paracelsus III/546).
Daraus geht u.a. hervor, dass Paracelsus den
Kümmel sowohl innerlich als auch äußerlich an
wandte, wie es eben heute noch Brauch ist. In der
K inderheilkunde hat sich der Kümmel für »B auch
kinder« als Bestandteil des V ier-W inde-T ees einen
festen Platz erobert. Der M er-W lnde-T ee besteht
zum eist aus den vier Brotgewürzen Anis, Fenchel.
Kümmel und Koriander, die den vier W indrichtun
gen entsprechen. L*m Bauchkrämpfe oder Blähkoliken zu lindern, bereitet man in
ländlichen G egen
den manchmal noch eine M ilchabkochung mit
frisch zerquetschten Küm m elfrüchten zu (siehe
Rezept Seite 230), während Erwachsene lieber auf
Kräuterliköre oder Kümmelschnäpse zurückgrei
fen. Äußerlich nutzt man die krampflösende W ir
kung beispielsweise in Form von öligen Einreibun
gen oder auch als Zäpfchen (siehe Tabelle Seite
231).
Obwohl der Kümmel auf eine jahrhundertealte
H eiltradition in der Klosterm edizin sowie in der
Yolksheilkunde zurückblickt, wird das w eit verbrei
tete Doldengewächs m it den eigentüm lich aromatisch-würzigen Früchten m eist
unterschätzt. Die im
ätherischen Kümmelöl enthaltenen W irkstoffe wir
ken näm lich nicht nur blähungswidrig, krampf
lösend und m ilchbildend - Forscher fanden heraus,
dass der Kümmel sogar stärker pilzfeindlich ist als
die üblichen Pilzm ittel der Schulm edizin (z.B. Antim ykotika wie N ystatin): »F ü
r Kümmelöl ist eine
beträchtliche fungizide W irkun g (vergleichsweise
stärker als Nystatin) festgestellt worden« (AI. W ichtl.
2 0 0 2 ).

N icht selten finden D arm pilzpatienten nach jah


relanger Anwendung schulm edizinischer Antimykotika den W eg in die Praxis und sind
dann er
staunt, dass ein A llerweltsgewürz wie der Kümmel
stärker als die vorangegangenen N ystatin-K uren
wirkt.
Doch einerseits sind H efepilze wie Candida albi
cans gegen viele Antim ykotika resistent geworden
(sonst gäbe es schließlich nicht so viele Rückfälle),
andererseits geht das Abtöten der Pilze oder das
H em men des Pilzwachstums durch schulm edizinische Arzneien an den
Erkrankungsursachen meist
völlig vorbei. Pilze siedeln sich näm lich in der
Regel nur auf vorgeschädigtem Gewebe an. Im
Darm kann es etwa nach Antibiotika oder durch fal
sche Ernährung (z.B. durch zu viel Süßigkeiten
oder Fastfood, durch K onservierungsm ittel oder
Pestizide in der X ahrung sowie durch Fleisch von
m it .Antibiotika behandelten T ieren) zu einer sol
chen V orschädigung kommen. Die Folge ist eine
Fehlbesiedlung im Darm, die dem Pilz den Boden
bereitet.
D er Kümmel gehört zu den Bodenheilern, also
jenen Pflanzen, die sich auf übersäuerten und heruntergew irtschafteten Böden
ansiedeln und diese
langfristig heilen, indem sie beispielsweise den pH W ert der Erde verbessern.
Zu den Bodenheilern zählen außerdem auch Ka
m ille, Schafgarbe, E hrenpreisarten oder Schachtel
halm. M an könnte diese Gewächse auch als K ran
kenschwestern der .Mutter Erde bezeichnen, da die
W iederherstellung kranker Erde eine ihrer Aufga
ben zu sein scheint. G lücklicherw eise verbessern ei
nige dieser Erdheilpflanzen auch das M ilieu im
m enschlichen Darm und w irken einer Fehlbesied
lung entgegen.
N atürlich wäre es interessant, alle Bodenheiler,
die ausgelaugte Ackerböden oder Brachwiesen be
siedeln, eingehend zu studieren, denn unter ihnen
finden sich zahlreiche H eilpflanzen, die auch dem
fehlernährten und übersäuerten M enschen dienlich
sein könnten.
W as den W iesenküm m el angeht, so hat es sicher
lich auch seine Bedeutung, dass er auf unseren W ie
sen so reichlich vorkommt. Paracelsus bemerkte
einm al, dass jedem Land die eigene Arznei er
wächst. Daher liegt es nahe zu verm uten, dass ein
besonders üppiges Heilpflanzenvorkomm en durch
aus einen großen Bedarf anzeigen könnte.
Dies bestätigt sich in der Praxis im m er wieder,
denn fast alle Patienten klagen doch m ehr oder w e
niger über Blähungen - und der Kümmel w artet so
zusagen nur darauf, von ihnen entdeckt und ge
braucht zu werden.

K üm m elrezepte

V ie r-W in d e -T e e

H auptbestandteile des V ier-W inde-Tees sind


die vier Brotgewürze Anis, Fenchel, K oriander und
Kümmel, die den vier W indrichtungen entspre
chen. Alle vier zählen zur Pflanzenfam ilie der
D oldenblütler, die wegen ihrer luftigen G estalt
und ihrer stoffwechselaktivierenden H eilw irkung
M erkur unterstellt sind. Aufgrund ihres G ehalts an
ätherischen Ölen regen sie die Verdauung sowie
die M ilchbildung an, lindern Krämpfe der glatten
M uskulatur und wirken Fäulnisprozessen im Darm
entgegen.
Einst enthielt jedes Brot diese und andere
Brotgewürze, weil man dam it den Blähungen und
Bauchkrämpfen entgegenvvirken wollte, die der
Verzehr von frischgebackenem Brot m it sich
bringt. H eute würzt man m it den Brotgewürzen
nur noch bestim m te Brotsorten (z.B. Vinschgauer),
die dadurch bei D arm pilz oder Reizdarm zu H eil
broten werden. Außerdem bereitet man blähungs
widrigen Säuglings- und K indertee dam it zu. Man
sollte die ganzen Früchte und Samen im M örser
frisch zerquetschen, um eine hohe W irkstoffaus
beute zu erzielen.
Z u b ereitu n g : Anisfrüchte, Fenchelfrüchte,

Kümmelfrüchte und Koriandersamen zu gleichen


Teilen verm ischen. Pro Tasse 1-2 T L frisch zer
quetschte Früchte bzw. Samen heiß überbrühen,
etwa 10 M inuten zugedeckt ziehen lassen, abseihen
und eventuell im trinkwarm en Zustand m it etwas
echtem Bienenhonig süßen. Zur Linderung von
Bauchkrämpfen oder Blähkoliken wie auch zur An
regung der M ilchbildung m ehrere Tassen über
den Tag verteilt trinken.

K ü m m elm ilch bei B lähkolik

Lange bevor man in unseren Breiten Tee gekocht


hat, war das Sieden der K räuter in M ilch üblich.
Die Germanen verwendeten für ihre M ilchab
kochungen jedoch Z iegenm ilch, die w eit verträgli
cher und sogar heilsam er als Kuhmilch ist. D ieser
Tradition folgte auch Paracelsus und ließ die eine
oder andere H eilpflanze in .Milch kochen (z.B.
M eisterw urz III/566).
X ach heutigem W issensstand macht diese
Z ubereitungsart aus zwei Gründen Sinn: Zum
einen werden durch M ilch Pflanzeninhaltsstoffe
(wie etwa Gerbstof