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neue Erkenntnisse zum Leben in der Arktis 24.03.

2021 16:52

Die Welt von Mammut, Wollnashorn und


Co.
So jung und doch so unbekannt: Die Landschaft der Arktis. Neue Erkenntnisse aus DNA-Stu-
dien zur Pflanzen- und Tierwelt der Arktis revolutionieren unser Bild der ewigen Eiswüste.

Die Arktis wie wir sie heute kennen. Doch was hat sich hier in den letzten 50.000 Jahren verändert? FOTO: IAN MCKENZIE

Wie sah Leben in der Arktis aus? Ein Team aus Forscher:innen aus aller Welt beschäftigte
sich 2014 mit dieser Frage in einem ganz neuen Licht: Eske Willerslev von der Universität in
Kopenhagen und seine Kolleg:innen extrahierten die DNA aus Pflanzenresten, die in den Per-
mafrostböden der Arktis gefunden wurden, um so herauszufinden wie sich die Landschaft dort
in den letzten 50.000 Jahren verändert hat. Dabei stießen sie auf einige interessante neue
Resultate, die Aufschluss über das Zusammenspiel von Pflanzen und Tieren durch die Zeiten
geben.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Die Pflanzendiversität der Arktis, also wie viele unter-
schiedliche Pflanze das Ökosystem einer Region ausmachen, ist seit jeher deutlich geringer
als in anderen Teilen der Welt. Aber die Auswahl an Pflanzen war nicht immer gleich. Das
zeigt die Analyse von 242 Bodenproben, die an 21 unterschiedlichen Orten in der Arktis ent-
nommen wurden. Das Ergebnis: Zwischen der Zeit von 50.000 vor heute und 15.000 vor heute
schrumpfte die Pflanzenvielfalt um einen Großteil und mit dem Wechsel der letzten Eiszeit zu
einer Warmzeit (vor ca. 15.000 Jahren vor heute) änderte sich die Zusammenstellung kom-
plett. Anstelle von Pflanzen, die für eine trockene Steppentundra sprechen würden – wie z.B.
im heutigen Südaltai, Sibirien – finden sich immer mehr Pflanzen, die in einer feuchten Tundra,
einem Gebiet wie den heutigen Rändern der Antarktis, vorkommen. Diese Vermutung ist zwar
nicht komplett neu, aber die Bestätigung bereits bekannter Forschungsfragen ist für die Wis-
senschaft genauso wichtig wie brandneue Erkenntnisse.

Eine weitere kuriose Frage: Gab es in der Arktis zur Zeit von Mammut und Wollnashorn mehr
Gräser oder Stauden? Was manch einem in Zeiten von Klimawandel und Corona eher wie ein
nebensächliches Problem vorkommt, bedeutet für Wissenschaftler:innen eine ganze Menge
mehr. Denn dass einzelne Organismen nicht losgelöst von ihrer Umgebung betrachtet werden
können und das Vorkommen der einen oder anderen Pflanze Auswirkungen auf das ganze
Ökosystem hat, zeigen uns z.B. der Global Assessment Report von 2019, in dem die verhee-
renden Ausmaße des Biodiversitätsverlusts auf der Erde deutlich gemacht werden. Und das
Vorkommen von Gräsern oder Stauden bestimmt das Ernährungsverhalten anderer Organis-
men, die dort leben, und das Zusammenspiel von Tieren und Pflanzen.

Und tatsächlich: Die Analyse von 25 47.000 bis 20.000 Jahre alten Bodenproben aus Main
River in Sibirien legt nahe, dass die Landschaft der Arktis nicht wie bisher vermutet von Grä-
sern bestimmt wurde, sondern eher von Stauden. Die Erforschung von Mageninhalten und
Exkrementen von 8 Tieren, die zwischen 55.000 und 21.000 Jahren vor heute in Sibirien und
Alaska gelebt haben, und auch die Studie von Fadenwürmern aus den Bodenproben unter-
stützt die These. Diese Tiere ernährten sich größtenteils von Stauden und nicht von Gräsern.

Links: Eine Rekonstruktion der Mammutsteppe (FOTO: MAURICIO ANTON), rechts: die Tundra in Nordschweden (FOTO: WI-
KIPEDIA). Willerslev und seinem Team zufolge lebten Mammut, Wollnashorn und Co. nicht in einer endlosen Graslandschaft.

Besonders interessant ist dabei, dass sich diese Ergebnisse nicht mit den Erkenntnissen aus
vorherigen Studien decken. Denn Willerslev und sein Team untersuchten die DNA aus Pflan-
zenresten und sogenannte Makrofossilien – Fossilien, die man mit dem bloßen Auge bestim-
men kann. Bisher wurden für Studien dieser Art meist Pollen analysiert. Analysen dieser Art
sind sehr informativ, aber sie können meistens die zugehörige Pflanze nicht bis auf die Spezies
bestimmen. DNA-Analysen können so etwas und so konnten hier präzisere Aussagen getrof-
fen werden als in anderen Studien und die Erkenntnisse, die durch die Makrofossilien gewon-
nen werden konnten, decken sich mit den Ergebnissen der DNA-Analysen.

Aber wie immer in der Wissenschaft heißt es auch hier: mehr Forschung ist bessere For-
schung. Deshalb ist es wichtig, dass der Vielfalt der Arktis auch weiterhin nachgegangen wird
und die Landschaft bestmöglich rekonstruiert wird.