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332 III Werke und Werkgruppen – D  Religionssoziologische Werke

73 Das antike Judentum Der Entstehungszeitraum lässt sich auf die Jahre 1911–
(1917–1919; 1921) 12/13 eingrenzen. Wesentliche Vorstellungen, die sei-
ne späteren Studien zum antiken Judentum bestim-
men, finden sich bereits im Deponatsmanuskript, wie
Entstehungskontext die Vertragsform des Gottesverhältnisses und die Ra-
tionalisierung (s. Kap. II.35) des Gottesbegriffes. In der
Max Webers Studien zum antiken Judentum haben ei- Bundestheologie wird die mythische Weltsicht zu-
ne längere Vorgeschichte (vgl. MWG I/21-1, 144). gunsten einer ethischen Religionsgestalt überwunden.
Max Webers Methodologie und seine Kulturtheorie Der Zusammenhang zwischen außerkultischem All-
sind zur Zeit der Abfassung der Studien zum antiken tagshandeln und ethischer Religion (s. Kap. II.38)
Judentum weitgehend abgeschlossen. Daher wird in führt zur rituellen Absonderung, deren Träger die
diesem Beitrag nicht näher auf die sogenannte ›süd- Priester sind. Die rituelle Absonderung aber setzt der
westdeutsche Schule der Kulturphilosophie‹ ein- Rationalisierung des Wirtschaftsverhaltens Grenzen.
gegangen, der Weber grundlegende Positionen ver- Als assoziative Randnotiz finden sich die Stichworte
dankt. Die von Wolfgang J. Mommsen und Wolfgang »Städtisches Pariavolk« (MWG I/21, 205), die den
Schwentker (1988) herausgegebenen Aufsätze zu Max »städtischen Demos« unter dem Aspekt der rituellen
Weber und seine Zeitgenossen dokumentieren in viel- Absonderung charakterisieren. Die These von der ri-
fältiger Hinsicht den Standort Max Webers in der wis- tuellen Absonderung dient dazu, Sombarts Judent-
senschaftlichen und politischen Diskussion seiner umsthese abzuweisen.
Zeit. (vgl. u. a. Merz-Benz 1990; Hennis 1988; Graf In der sogenannten Rechtssoziologie, die zwischen
1988; Oakes1988). 1911 und 1914 entstanden ist (MWG I/22-3, 270)
Erst in der dritten Auflage des Handwörterbuchs widmet Weber dem »jüdischen heiligen Recht« einen
der deutschen Staatswissenschaft (1909) fügt Weber längeren Abschnitt (ebd., 535–544). Eingangs hält er
eine wirtschaftsethische Analyse des antiken Juden- fest, dass die Thora und die sie ergänzende heilige
tums in seinen Artikel über die Agrargeschichte ein: I. Tradition das Rechtsleben als Norm beherrschte, aber
Agrarverhältnisse im Altertum (MWG I/6, 320–747, im Gegensatz zum Islam ein »Pariavolk der Träger«
ebd., 438–455). Anhand der Rechtsüberlieferungen des heiligen Rechts war. Das vorexilische Rechts-
weist Weber auf die politischen und gesellschaftlichen wesen sei von Rechtspropheten getragen worden, die
Entwicklungen des israelitischen Gemeinwesens hin. in nachexilischer Zeit von schulmäßig organisierten
Bundesbuch und Deuteronomium werden verstanden Schriftgelehrten abgelöst worden seien. Diese waren
als Ausgleich der Interessengegensätze zwischen freien die »Träger einer die Thora teils interpretierenden,
Bauern und stadtsässigen Patriziergeschlechtern. Das teils aber auch von ihr selbständigen Tradition« (ebd.,
Recht (s. Kap. II.36) spiegele »das typische Bild einer 537). Die schriftliche Fixierung der Rechtsauslegun-
antiken Polisentwickelung« wieder (ebd., 455). gen in Mischna und Gemara führte zum Erliegen der
Sein die Erkenntnis leitendes Interesse ändert sich Rechtsprophetie. Die juristisch gelehrten Theologen
nach dem Erscheinen von Werner Sombarts Studie trieben in theoretisch konstruierter Kasuistik die for-
über Die Juden und das Wirtschaftsleben (1911). So male Rationalisierung des jüdischen Rechts voran,
wendet er sich dem antiken Judentum zu, um seine ohne zu einer eigentlichen Systematik zu gelangen
These von der Entstehung des modernen Kapitalismus (ebd., 540). Gegen Werner Sombart gewandt ver-
(s. Kap. II.22) aus dem Geist des asketischen Protestan- merkt Weber, dass die Juden nicht wichtige Rechts-
tismus (s. Kap. II.34) zu verteidigen (vgl. Liebeschütz institute des Verkehrsrechtes wie das Inhaberpapier
1967, 312 ff.). Sombart sah im Gegensatz zu Weber entwickelt hätten (ebd., 541 f.). Das jüdische Recht sei
nicht im Calvinismus das entscheidende Movens für Partikularrecht und biete keinen Anlass zu einer spe-
die Entwicklung des kapitalistischen Geistes sondern ziellen Betrachtung.
in der Entwicklung des Judentums. Webers erste Ana- Die das Judentum betreffenden Passagen gelten im
lysen scheinen in dem aus dem Nachlass stammenden Wesentlichen der talmudischen Zeit, die vorexilische
Deponatsmanuskript überliefert worden zu sein Zeit kommt nur ganz am Rand in den Blick. Die Vor-
(MWG I/21, 175 f.). Werkgeschichtlich ist das Manu- stellung von den in dieser Zeit vermeintlich das
skript wahrscheinlich ein Teil der ersten von drei er- Rechtswesen tragenden Rechtspropheten findet sich
haltenen Fassungen Webers zum antiken Judentum nur in diesem Beitrag. Weber wendet beiläufig den
(Schäfer-Lichtenberger 1990, 422 ff.; Otto 2002, 171). Begriff ›Pariavolk‹ auf die Juden an, doch spielen alle

J. B. Metzler © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature, 2020
H. P. Müller/S. Sigmund, Max Weber-Handbuch, https://doi.org/10.1007/978-3-476-05142-4_ 73
73  Das antike Judentum (1917–1919; 1921) 333

diese Vorstellungen in den späteren Schriften keine moral. Gleichzeitig lasse die Einhaltung der Ritualge-
Rolle. In der Auseinandersetzung mit Sombart argu- setze erwarten, dass Jahwe das Ressentiment gegen-
mentiert Weber historisch und bleibt auf der Sachebe- über den anderen Völkern eschatologisch einlösen
ne des Verkehrsrechtes. Inhaltliche Verweise auf We- werde (ebd., 256). Die späte jüdische Religion führe in
bers Protestantismusthese finden sich in diesem Zu- eine traditionale Gesetzeskasuistik, die eine nicht
sammenhang nicht, auch ist der Begriff ›Pariavolk‹ überwindbare religiöse Barriere für die Rationalisie-
noch nicht zum Kampfbegriff gegen Sombart mutiert. rung der Rechts- und Wirtschaftsordnung darstelle
Der Beitrag ist wahrscheinlich im Zusammenhang (ebd., 426). Die jüdische Ethik habe daher nichts zur
mit dem Deponatsmanuskript entstanden. Ausbildung moderner kapitalistischer Wirtschaftsfor-
Weber schreibt seine wirtschaftsethische Interpre- men beigetragen. Das Judentum könne aufgrund sei-
tation des Judentums fort in der Studie Religiöse Ge- nes Pariavolkscharakters und seiner Religiosität nicht
meinschaften (MWG I/22-2, 121–447), die im Rah- als Träger des rationalen Kapitalismus im Sinne Som-
men des Grundriß der Sozialökonomik 1913 geschrie- barts gelten (ebd., 417 f., 420).
ben wurde (Kippenberg, in MWG I/22-2, 89 ff.). Im Weber differenziert in diesem Beitrag die Paria-Be-
ersten Teil (§ 1–7) charakterisiert er die Entwicklung grifflichkeit aus und untermauert seine Sichtweise des
nicht-jüdischer Religionen, indem er die für die Reli- Judentums als Pariavolk durch die Zuschreibung einer
gionsgeschichte des antiken Judentums typischen Ressentimentmoral, die aus der innerweltlichen Erlö-
Vorstellungen und Phänomene verallgemeinert und sungshoffnung resultiere. Weber greift den von Nietz-
als Interpretamente einsetzt. An bestimmten Eigen- sche in die Debatte eingebrachten Begriff des Ressenti-
arten Israels – u. a. ›Rationalisierung des Geisterglau- ment auf, verwendet ihn aber gerade nicht ursprungs-
bens zum Götterglauben‹, ›stadtsässige Laienintellek- genetisch im Hinblick auf die Religion (Fleischmann
tuelle als Träger rational-ethischer Bewegung‹, ›Ver- 1964). Die Erlösungshoffnung werde aufrechterhalten
alltäglichung prophetischen Charismas als Basis ethi- durch die Einhaltung der Ritualgesetze. Sozialge­
scher Priesterlehre‹  – wird das für die allgemeine schichtlich wie soziologisch bleibt die Größe ›Juden-
Religionsgeschichte Typische dargestellt. In § 7 cha- tum‹ unbestimmt, die Weberschen Ausführungen gel-
rakterisiert er dann die Religiösität verschiedener Völ- ten teils dem nachexilischen, dem pharisäischen, dem
ker als Pariaintellektualismus (ebd., 274 f., 279, 286 f.), rabbinischen, dem mittelalterlichen sowie dem neu-
aber nur die Juden der nachexilischen Zeit werden als zeitlichen Judentum, ohne dass die historisch beding-
›Pariavolk‹ bezeichnet (ebd., 255, 257 f.). In den pro- ten Unterschiede zum Tragen kommen. Die Tendenz,
phetischen Verheißungen auf eine innerweltliche Sombarts Judentumsthese zu widerlegen, bestimmt
Umkehr der Machtverhältnisse zugunsten der Juden seine Argumentation.
sieht Weber den wesentlichen Faktor für das Verhar-
ren der Juden in der Pariastellung (ebd., 255 ff., 422,
430). Die Kehrseite der Erlösungshoffnung sei die jü- Aufbau der Studie
dische Vergeltungsreligiosität (ebd., 259), die in der
Folge »einen starken Einschlag von Ressentimentmo- Das Antike Judentum ist die letzte, indes unvollende-
ralismus« zeitigt (ebd., 262). te, Untersuchung Webers im Rahmen seiner Studien
In dem zweiten Teil (§ 8–12) wird die Wirtschafts- zur Wirtschaftsethik der Weltreligionen. Das Manu-
ethik des Judentums im kontrastierenden Vergleich skript des Antiken Judentum ist wahrscheinlich unter
mit der protestantischen Ethik thematisiert. Weber Verwendung verschiedener Vorkriegsmanuskripte
hebt den Aspekt der traditionalen Ethik des Juden- zwischen 1916 und 1919 konzipiert und geschrieben
tums hervor (ebd., 62, 420, 430), weist auf die fehlen- worden (Otto, in MWG I/22-2, 212 ff.). Die Studien
den Anstöße zur innerweltlichen Askese hin (ebd., erschienen zuerst im Archiv für Sozialwissenschaft
262, 427 f.) und zieht das rationale Wirtschaftsverhal- und Sozialpolitik (1917–1920) und wurden (1919–
ten des Judentums in Frage (ebd., 262, 417 ff., 442). 1920) für die monographische Publikation überarbei-
Die Verfassung der nachexilischen Gemeinde als ei- tet. Aus dem Nachlass wurde der Sammelpublikation
ner rituellen Gemeinschaft führe zur Pariastellung des (1920) dann ein unvollendet gebliebener Beitrag über
Judentums. Die rituelle Selbstabsonderung sei gegen- »Die Pharisäer« beigegeben. Die Texte lassen erken-
wartsbezogen wie zukunftsgerichtet. Sie prämiere das nen, dass Weber vom Stand der Fachwissenschaft sei-
städtische Leben und führe im Wirtschaftsverhalten ner Zeit aus argumentiert. Daher überrascht seine Er-
zur Unterscheidung zwischen Binnen- und Außen- öffnung: