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Ul ri ch

Greiner

HEIMATLOS

Bekenntnisse
eines
KONSERVATIVEN

Ö
k
o

Pt
1945 geboren, war Feu illeto nchef d er Zeit
und v erantwortlicher Red akteur des R e s ­
s o r t s L ite ra tu r und ist nun Autor d er Zeit.
\ls G a s t p r o f e s s o r le h rte e r in Hamburg,
E s s e n , Göttingen und St. Louis. E r isl Mit­
glied d es PEN sowie Präsid ent der Freien
Akademie der Künste in Hamburg.

Sein e jüngsten Buchveröffentlichungen sind


«Ulrich G r e in er s Lyrikverführer» (2009),
«Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskul-
tur» (2014) und «Das Leben und die Dinge:
M phabetischer Roman» (2015). 2 0 1 5 wurde
e r mit dem T r a c la t u s - P r e i s für philosophi­
sche E ss a y istik ausgezeichnet.

Umschlaggestaltung:
A n z i n g e r und R a s p . München
Fo to d e s A u tor s: Nicole St u r z
Ulrich Greiner

HEIMATLOS

Bekenntnisse eines
Konservativen

Rowohlt
l. Auflage Septem ber 2017
C opyright © 2017 b y Rowohlt Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg
Lektorat Stephan Speicher
Satz aus der Diogenes, InDesign
G esam therstellung CPI books GmbH, Leck, G erm any
ISBN 978 3 498 02536 6
Inhalt

l
Die Angst vor einer konservativen Wende - Die linksgrüne
«kulturelle Hegemonie» - Die Selbstbezüglichkeit der Medien
7

2
Links und rechts und der Glaube an einen guten Kommunismus
- Meine Abkehr von linken Positionen - Wolf Biermanns Wandel -
Botho Strauß und der «Bocksgesang»
23

3
Das Eigene und das Fremde - Die Frage nach der deutschen
Identität - Flüchtlingspolitik: Willkommenskultur und
Kontrollverlust
43

4_
Islamkritik und Multikulturalismus - Die unzulässige
Gleichsetzung von Bibel und Koran - Konflikt der Kulturen
65

5
Die Ideologie der Machbarkeit - Die ersten und die letzten Dinge:
Sterbehilfe und Reproduktionsmedizin - Die Revolte gegen die
Genealogie
77
6
Der Konservatismus und der Zweifel an der menschlichen
Vernunft - Der erprobte Nationalstaat und die unerprobte,
verm utlich unrealisierbare Idee eines europäischen
Bundesstaates
99

7
Der schwache Staat und die Diktatur der Fürsorge -
Beobachtungen und Prophezeiungen von Alexis de Tocqueville
113

8
Das Gleichheitsversprechen und die Grenzen des Sozialstaates
- Arm ut und Barmherzigkeit - Die Verherrlichung der Identität
121

9
Das Wunder des Christentums
143

10
Schluss
153

Anmerkungen
155

Dank
159
1

D ie Angst vor einer konservativen Wende -


D ie linksgrüne «kulturelle Hegemonie» -
Die Selbstbezüglichkeit der Medien

ie A ngst geht um. Wovor? Es sind nicht allein die G e­


D spenster von Donald Trump, M arine Le Pen, Geert
Wilders und den anderen, w ie im m er sie heißen m ögen. Es
ist die A ngst vor einer konservativen Wende. N icht so sehr
das Traditionsbürgertum leidet an dieser Angst, schon gar
nich t die vielfach entpolitisierte Unterschicht, sondern es
leiden die Linken und die Grünen und die dom inanten A k ­
teure der M ehrheitsparteien, es leidet die kom m entierende
Klasse in den M edien. Sie alle fürchten, die Hoheit über den
sogenannten Diskurs zu verlieren und die bislang unange­
fochtene M acht, die m oralischen Standards des Ö ffentli­
chen zu bestim m en. Käme es dahin, ich w ürde es begrüßen.

Mit konservativer Wende ist natürlich nicht jene «geistig­


m oralische Wende» gem eint, die H elm ut Kohl im Bundes­
tagsw ahlkam pf 1980 angekündigt hatte, von der aber, als
er dann 1982 Kanzler wurde, nicht viel übrig blieb, zur G e­
nugtuung nicht nur seiner Gegner. Nein, die Wende, die sich
derzeit ereignet, geht viel tiefer, und sie betrifft nicht allein

7
Deutschland, sondern viele Länder der w estlichen Welt.
Diese Wende nim m t Abschied vom Panorama-Blick a u f die
Erdkugel, sie biegt ab ins Nahe und Heimatliche. Das wäre
die freundliche Beschreibung. Die unfreundliche lautet,
dass der alte Nationalism us zurückgekehrt sei und m it ihm
eine neue Feindseligkeit gegen alles Fremde und Kosm o­
politische.

Wahr ist: Das einst verheißungsvolle Bild einer m u ltiku l­


turellen Gesellschaft m it offenen Grenzen hat seinen Glanz
verloren. Die Idee einer Gem einschaft aller Nationen, die
auch religiöse und kulturelle Gräben überw inden könnte,
ist nich t zuletzt am islam istischen Terror zuschanden ge­
worden. Die Globalisierung erscheint nicht m ehr als ein Z u ­
kunftsversprechen, das früher oder später allen M enschen
zugutekäm e, sondern als der Kam pfplatz w eltum spannen­
der Konzerne, deren Produkte bis ins letzte Schaufenster
der Provinz vorgedrungen sind. Und aus der Vision eines
europäischen Bundesstaates, der aus den vorm als sich
bekriegenden Ländern eine Vereinigung m achtvoller M it­
spieler im w eltpolitischen M aßstab m achen sollte, ist ein
bürokratisches M onstrum geworden, dessen Regulierungs­
w ahn in jederm anns A lltag lästige Folgen zeitigt. A n die
Stelle eines Europas, dessen Kultur vom Sternenkranz der
geeinten M itgliedsstaaten überw ölbt wird, ist das schäbige
Gezeter um den Schuldenerlass für insolvente Länder ge­
treten. Aus «Europa!» ist «Brüssel!» geworden.

N atürlich kann m an diese Entw icklung beklagen, und auch


m ir gefällt sie nicht. Was m ir aber noch weniger gefällt, ist
der Versuch der Internationalisten, w ie ich sie sum m arisch
nenne, das bunte Sam m elsurium all jener, die eine Rück­
kehr ins historisch Gewordene und halbwegs Bewährte an­

8
streben, als kleinkariert oder reaktionär zu beschreiben und
kurzerhand in die rechte Ecke abzuschieben. Dass dieses
M anöver a u f Dauer nicht gelingen kann, scheint m ir offen­
kundig. Es w irkt auch deshalb ein bisschen hilflos, weil alles,
was dem herrschenden Diskurs m issfällt, m it dem veräch t­
lichen Begriff des «Populismus», m eist verstärkt durch den
des «Rechtspopulismus», diffam iert wird, gerade so, als ob
es nicht auch einen Linkspopulism us gäbe. Populisten sind
im m er die anderen.

Die einst plausible Rede vom «Ende der Ideologie» (Daniel


Bell) und vom «Ende der Geschichte» (Francis Fukuyama)
ist von der W iederkehr der Ideologie und vom Fortgang der
G eschichte überrollt worden. Und als Folge davon sind die
fast vergessenen Fronten zw ischen rechts und links, zw i­
schen konservativ und progressiv aberm als aufgebrochen.
Im G runde ist das völlig norm al. Dem okratie lebt von Streit,
von Opposition, und wo es Linke gibt, muss es auch Rechte
geben. D och nicht selten dringen die Extrem isten beider Sei­
ten in jenes finstere Gelände vor, das infolge der totalitären
Exzesse des 20. Jahrhunderts bis heute verm int ist. Die W un­
den, die dam als geschlagen wurden, ob von Hitler oder von
Stalin, sind nicht verheilt. Im deutschen Fall ist die nation al­
sozialistische Schreckensherrschaft eine stetige Warnung,
und sie m uss eine W arnung bleiben. W eshalb sich kokett­
riskante A nnäherungen wie von Seiten der A f D verbieten.

Das heißt nun aber nicht, dass jede Abw eichung vo n der
M itte nach rechts m it dem N azi-Vorwurf m undtot gem acht
w erden dürfte. Ich bin zum Beispiel der M einung, dass der
unkontrollierte Zustrom vo n Flüchtlingen im Herbst 2015
ein Fehler war, der bei rechtzeitiger Vorsorge hätte v e r­
m ieden w erden können, und dass die W arnung vor einer

9
Islam isierung nicht bloß das Hirngespinst verw irrter Pe-
gida-Anhänger ist. Ich glaube weiterhin, dass der im G rund­
gesetz garantierte Schutz von Ehe und Familie die gleich ­
geschlechtlichen Lebensform en nicht m it einschließt. Die
dam it nicht selten verbundenen Praktiken biotechnischer
Reproduktion erregen m einen W iderwillen. Auch finde ich
die Beschlüsse der Brüsseler Komm ission zur Rettung von
Banken und insolventen Staaten nicht hinreichend dem o­
kratisch legitim iert - und die dabei m aßgebliche Rolle von
A ngela M erkel erst recht nicht. Wer den Euro für einen kapi­
talen Fehler hält, ist noch kein Gegner der europäischen Idee.

Das sind nur ein paar Beispiele eines Konservatism us, den
ich a u f den folgenden Seiten näher beschreiben m öchte. Ein
solcher Konservatism us m üsste in m einen Augen christlich
begründet sein. Nach w ie vor finde ich, dass die Idee des
christlichen Abendlandes, ungeachtet ihres M issbrauchs
durch Ausgrenzungsfanatiker, richtig und tragfähig ist. Ein
solcher Konservatism us, dessen bin ich m ir bewusst, könnte
keinesfalls m ehrheitsfähig werden, doch wäre schon viel ge­
wonnen, wenn ihn der m ediale Diskurs als seriös anerken­
nen würde.

Es kom m t m ir nicht darauf an, eine konservative Theorie


zu entw ickeln, das haben andere und Klügere schon getan.
W enn ich m ich a u f sie beziehe, so deshalb, um geistige Ver­
w andtschaften zu entdecken und m einem eigenen Sin­
neswandel au f die Spur zu kom m en. Er geschah sozusagen
unbem erkt. Ich war eigentlich im m er ein SPD-Wähler, von
wenigen Ausnahm en abgesehen. Einmal habe ich die längst
vergessene Deutsche Friedens-Union (DFU) gewählt, ein
paarm al die Grünen, nie CDU oder FDP. M ein allm ählich
entstandener Konservatism us hat sicherlich m it dem Ä l­

10
terw erden zu tun und m it der Beobachtung, dass das über­
all herrschende Prinzip ständiger N euerung dazu verleitet,
das Bewahrenswerte gering zu achten. So ist m eine konser­
vative H altung kein politisches Programm, sondern eher
ein Lebensgefühl. Ich betrachte, höre, lese die bedeutenden
Kunstwerke unserer reichen Vergangenheit m it größerer
A ufm erksam keit als früher. Verglichen dam it kom m en m ir
allzu viele M anifestationen der Gegenwart unerheblich und
bloß m odisch vor. Dass etwas neu ist, scheint m ir noch kein
hinreichendes Argum ent, um es gut zu finden.

Es ist aber keineswegs so, dass der Konservatism us, den ich
vertrete, keine Anhänger hätte. Konservative finde ich nicht
allein unter m einen Freunden und Bekannten, nicht allein
unter nam haften Intellektuellen w ie Rüdiger Safranski und
Sibylle LewitscharofF, M artin M osebach oder Peter Sloter-
dijk, sondern auch unter den erstaunlich vielen Lesern, die
m eine diesbezüglichen Beiträge in der «Zeit» zustim m end
begleiten. Was sind das für M enschen? Mit Sicherheit keine,
die völkische Ressentim ents hegen und etw a die deutsche
Schuld leugnen wollten. W elche Partei sie m ehrheitlich
wählen, w eiß ich nicht, und ich verm ute, dass sie in dem sel­
ben Dilem m a stecken wie ich.

Unter der Ägide Angela Merkels ist die CDU so w eit nach
links gerückt, dass der Konservative in ihr keine H eim at
m ehr findet. Da wäre er in den traditionsgeleiteten Parzellen
der ruhm reichen SPD fast besser aufgehoben. Die Grünen
hingegen, die Partei der M enschheitsretter und W eltver­
besserer, w ird der Konservative nur m it Vorbehalt wählen,
und die FDP, die Partei des totalen Anpassertum s, scheidet
für ihn sowieso aus. Bliebe die AfD . M anchen ihrer grund­
sätzlichen Positionen w ird der Konservative zuneigen, aber

11
noch ist das ein bunt oder eher braun gem ischter Haufen
m it allzu oft degoutanten Erscheinungen.

Es ist übrigens von einigen Beobachtern schon festgestellt


worden, dass die Entstehungsgeschichte der Grünen ve r­
blüffende Parallelen zur AfD aufweist: die Kritik an der
Elite und am Establishm ent, die Idee einer A lternative zur
herrschenden Politik, der Gedanke einer außerparlam enta­
rischen O pposition. Auch ideologisch gesehen war bei den
G rünen anfangs nahezu alles zu finden, von dem ehem ali­
gen NSDAP-M itglied Baldur Springm ann, der das Völkische
liebte, bis hin zu dem w aschechten Kom m unisten Thomas
Ebermann. Beide sind sie längst vergessen, doch w ird m an
daraus ersehen, w ie lange es dauern kann, bis sich diffus
gestaute Gedankenflüsse in einem halbwegs einheitlichen
Strom zu sam m eln beginnen.

Dieses Buch trägt den pathetisch klingenden Titel «Hei­


matlos». Es gibt eine gleichnam ige Erzählung von Johanna
Spyri, eine sehr schöne und sehr sentim entale, die m ich als
lesendes Kind zu Tränen gerührt hat. Aus diesem A lter bin
ich glücklich heraus. Als Konservativer jedoch bin ich inso­
fern heim atlos, als die Leitm edien, von den tonangebenden
Zeitungen bis hin zu den öffentlich-rechtlichen Anstalten,
ganz überwiegend einen Anpassungsm oralism us pflegen,
der gegensätzlichen M einungen keinen Resonanzboden
bietet. Das gilt für die politischen Parteien erst recht. Ich
erwarte von ihnen durchaus nicht, dass sie m ir eine Heimat
im Sinne eines traulichen Beisam m enseins bieten, doch zu ­
w eilen hätte ich es ganz gern, w enn ich denn schon w ählen
d arf und soll, die eigenen Ü berzeugungen oder Befindlich­
keiten irgendwo zu entdecken. Und da sehe ich keine Partei,
von Einzelgängern darin abgesehen, in der ich m eine Ü ber­

12
legungen und Bedenken w iederfinden könnte. Es kom m t
m ir so vor, als wären sie m ehr oder m inder alle von einem
A ugenblicksopportunism us erfasst, der es ihnen gebietet,
bestim m te Dinge lieber nicht auszusprechen, um keinen
falschen Beifall zu erzielen.

Im Herbst 2015 hat keine der etablierten Parteien (mit A us­


nahm e der CSU, die ich nicht w ählen kann) die Sorgen vieler
Bürger vor einem ungehem m ten Zustrom vornehm lich isla­
m ischer Einwanderer ernst zu nehm en und zu diskutieren
gewagt. Erst als sich die Stim m ung im Land drehte, wurden
beispielsw eise Forderungen laut, den M igrationshinter­
grund bestim m ter Straftäter nicht länger zu verschweigen.
Ebenso haben nahezu alle Parteien die von A ngela M erkel
«alternativlos» genannte Politik der Euro-Rettung gebilligt
oder schweigend ertragen, w ährend es doch m ittlerw eile
a u f der Hand liegt, dass die Rettung der EU durch ein h art­
näckiges «Weiter so» nicht gelingen kann, erst recht nicht
durch eine «vertiefte Integration».

Der oft gehörte Satz, m an könne gewisse Dinge nicht m ehr


sagen, stim m t nicht. M an kann bei uns eigentlich alles sa­
gen, und es w ird ja auch gesagt, zum indest im N etz und an
den Stam m tischen. Woran liegt es aber, dass das, was m an
dort zu lesen und zu hören kriegt, so oft abgeschm ackt und
abstoßend klingt, erfüllt von Ressentiments? Es liegt nicht
nur an jenem Q uantum Dum m heit, m it dem jede G esell­
schaft leben muss. Es liegt auch daran, dass sich der Dis­
kurs seit längerem schon vereinseitigt und sim plifiziert hat,
dass die Ängste vieler M enschen vor dem sozialen Abstieg,
vor dem Verlust des H eim atlichen und Vertrauten und vor
einer kulturellen Überfrem dung, dass diese Ängste in den
Rede- und Argum entationsw eisen der Elite kaum oder gar

13
nicht Vorkommen. Was «unten» geredet wird, ist häufig ein
Echo dessen, was m an irgendw o gelesen und gehört hat.
Und w enn «oben» ganze Them enfelder ausgespart bleiben,
dann verzichtet die sprachm ächtige, die tonangebende
Klasse au f ihren m äßigenden, zivilisierenden Einfluss. Dann
sinken ernste Fragen a u f den sprachlosen Grund des U nver­
standenen, und dieser Grund, darüber muss sich niem and
w undern, ist schlam m ig und n icht selten braun.

In seinem vieldiskutierten Buch «Rückkehr nach Reims»


stellt der französische Soziologe Didier Eribon konsterniert
fest, dass die Arbeiterschaft, aus der er einst kam, früher
selbstverständlich kom m unistisch gesinnt war, sich heute
hingegen ebenso selbstverständlich von der politischen
Rechten vertreten fühlt. Er sieht die Ursache nicht allein im
W andel der Arbeitsw elt, sondern vor allem darin, dass die
Parteien es verlernt haben, für diejenigen, die keine Stim me
und keine Sprachfähigkeit besitzen, als Fürsprecher auf­
zutreten. Eribon stellt die Frage, «wer auf w elche W eise an
w elchen politischen Entscheidungsprozessen teilnim m t -
und zw ar nicht nur am Erarbeiten von Lösungen, sondern
bereits an der kollektiven Diskussion darüber, w elche The­
m en überhaupt legitim und w ichtig sind und daher in A n ­
griff genom m en werden sollten». Und er gelangt zu einem
Befund, der nicht allein für Frankreich G ültigkeit besitzt:
«Wenn die Linke sich als unfähig erweist, einen Resonanz­
raum zu organisieren, wo solche Fragen diskutiert und wo
Sehnsüchte und Energien investiert w erden können, dann
ziehen Rechte und Rechtsradikale diese Sehnsüchte und
Energien a u f sich.»1

Das nun ist inzwischen auch in D eutschland geschehen, und


die linksgrüne «kulturelle Hegemonie» - ein Begriff, der au f

14
den italienischen Kom m unisten A ntonio Gramsci zu rü ck­
geht - neigt sich dem Ende zu. Giovanni di Lorenzo hat den
Zusam m enhang zw ischen der «Allmacht der Grünen» und
dem Aufstieg rechter Parteien in der «Zeit»2 näher beschrie­
ben. Als der Faschismus in Italien siegte, habe sich Gramsci
gefragt, «warum es in den bürgerlichen Gesellschaften des
W estens zu keiner Revolution gekom m en war - und ob es
einen strategischen Ausw eg gab, um doch die H errschaft
zu erlangen. W enn eine Gruppe die M acht wolle, argum en­
tierte Gram sci in seinen berühm ten <Gefängnisheften>,
m üsse sie zuvorderst den Kam pf um die Köpfe gewinnen,
ihre W eltanschauung m üsse sich zum Beispiel in der Presse,
in den Schulen, in der Kirche, bei den Intellektuellen als die
überzeugendste durchsetzen.»

Diesen Weg, so Giovanni di Lorenzo, hätten die Grünen er­


folgreich beschritten. Nun aber stehe ihre kulturelle H ege­
m onie m öglicherw eise vor dem Ende: «Eine G egenhegem o­
nie [...] breitet sich aus, die lange unvorstellbar schien: der
Vorm arsch populistischer und rechter Bewegungen überall
in Europa, inzw ischen auch in unserem Land. Dies ging ein­
her m it den Exzessen der Grünw erdung Deutschlands: der
Ü berhöhung der Political Correctness, dem Glauben an die
Erziehbarkeit des M enschen bis zur N iederschlagung alles
Bösen, der Neigung der tonangebenden Milieus, vo n sich a u f
den Rest der Bevölkerung zu schließen. Und während sich
viele im Lande freuten, dass anscheinend alle dafür waren,
in K inderbüchern das Wort <Eskimo> durch <Inuit> zu erset­
zen, dam it sich in Grönland keiner beleidigt fühlt, oder ein
beliebter FDP-Politiker wegen einiger plumper, anzüglicher
Bem erkungen gegenüber einer jungen Journalistin v e r­
dam m t w urde und in der Bedeutungslosigkeit verschwand,
gab es im m er auch M enschen, die das alles m it U nverständ­

15
nis, m it Ratlosigkeit und schließlich m it w achsender W ut zur
Kenntnis nahm en. Es fanden sich für sie zw ar Ventile, etwa
im N etz, aber kein nennenswertes politisches Sprachrohr.»

Dieses Sprachrohr hat sich m ittlerw eile gefunden, und zwar


zuerst in den M anifestationen der Pegida-Leute. Die M edien
haben die teilw eise bösen Exzesse, die dort sicht- und hör­
bar wurden, in den Vordergrund gestellt, ohne gebührend
darau f aufm erksam zu m achen, dass keineswegs alle, die
sich vornehm lich in Dresden versam m elten, rechtsradikal
waren. Von daher ist Sigm ar Gabriels heftig kritisierter Ver­
such zu verstehen, «mit den M enschen zu reden». Das war
im m erhin besser als die W eigerung des sächsischen M inis­
terpräsidenten Stanislaw Tillich, bei den Pegida-Demons-
trationen m äßigend oder bloß zuhörend aufzutreten. Erst
die A fD schaffte es, den diffusen U nm ut zu kanalisieren und
politisch nutzbar zu m achen.

Der in Dresden aufgetauchte Vorwurf, der m einen Berufs­


stand am m eisten irritiert und em pört hat, w ar der der «Lü­
genpresse». Die M edien haben vielfältig d arauf reagiert: m it
blanker Abw ehr zuerst sowie m it der Strategie, die Urheber
der «Lügenpresse»-Kritik als Nazis zu enttarnen, schließlich
m it dem im konkreten Fall sorgsam geführten Nachweis,
dass die Nachrichten und Kom m entare a u f nachprüfbaren
Fakten beruhten. Dies w ar aber n ich t das Problem. Das Pro­
blem w ar die A sym m etrie zw ischen der öffentlichen und
der veröffentlichten M einung.

Wer versuchen wollte, die Rede von der «Lügenpresse» ernst


zu nehm en, m üsste zw ischen Polem ik und Sachverhalt un­
terscheiden. Er w ürde w eiterhin unterscheiden m üssen zw i­
schen dem groben Vorwurf, jem and lüge absichtsvoll und

16
im Auftrag (wie es die Presse der Nazis und dann der DDR
getan hat und w ie es die russische noch heute tut) und dem
subtilen Vorwurf, jem and sage strukturell und gew isser­
m aßen ungew ollt die U nwahrheit. Wenn m an diese U nter­
scheidungen trifft, dann gelangt m an zu der beschriebenen
«kulturellen Hegemonie», und m an w ird sich daran erinnern,
dass nicht wenige Leitm edien n icht in erster Linie daran in ­
teressiert schienen, die Flüchtlingspolitik darzustellen und
kritisch zu erörtern, was eigentlich ihre Aufgabe im Sinne
der «vierten Gewalt» gewesen wäre, sondern Angela Merkels
Ö ffnung der Grenzen dadurch zu unterstützen, dass m an
ihre hum anitäre U nabwendbarkeit hervorhob und sich
daranm achte, die vom A nsturm der Ereignisse überrollte
Ö ffentlichkeit m oralisch a u f den richtigen Weg zu bringen.
Wer das dam alige Volkserziehungsprojekt m it dem später
nachgereichten Eingeständnis vergleicht, es habe einen
«Kontrollverlust» gegeben, nicht alle Flüchtlinge seien auf­
nahm eberechtigt gewesen und einige von ihnen seien m it
terroristischen Absichten ins Land gekom m en, der wird den
V orw urf der «Lügenpresse» etwas ernster nehm en.

Der Politikw issenschaftler Peter G raf Kielm ansegg hat in der


«FAZ» eine scharfsinnige Analyse des Populism us3veröffent­
licht, wo er den gedankenlosen V orw urf des Populismus kri­
tisiert und die Frage stellt, was denn Dem okratie anderes sei
als ein institutionalisierter Populism us. Kielm ansegg findet
den neuen Populismus gefährlich, weil sein Verständnis von
Dem okratie insofern eindim ensional sei, als er die Verm itt­
lung durch Institutionen (Parteien, Parlamente) ablehne.
D em okratie sei eben nicht bloße Volksherrschaft, sondern
eine Ordnung, die Repräsentanten und Repräsentierte
zu einem perm anenten Austausch rationaler Argum ente
zwinge. Daran seien die neuen Populisten nicht interessiert,

17
weil sie lediglich bestim m te Ängste der Bevölkerung m obi­
lisieren wollten.

Kielm ansegg nun nim m t diese Ängste ernst und sieht ihre
Ursache im Problem der «Entgrenzung». Darunter versteht
er erstens einen Freihandel, der A rbeitsplätze und U m w elt­
standards bedrohen könnte, zw eitens den ungehem m ten
Zustrom von Flüchtlingen, der die vertraute Lebenswelt in
Frage stelle: «Entgrenzung als Bedrohung, das ist die eine
Erfahrung. Dass die Eliten [...] den Betroffenen Entgrenzung,
jedenfalls soweit es um M igrationsbewegungen geht, als
zw ingendes G ebot der Vernunft w ie der Moral präsentie­
ren, so zwingend, dass m an über die, die es nicht begreifen,
nur verächtlich sprechen kann, ist das andere.» Dadurch
sei ein Gefühl der O hnm acht entstanden sowie das Gefühl,
dass m an die Politik der offenen Grenzen nicht ernstlich in
Frage stellen dürfe, ohne eine Stigm atisierung zu riskieren:
«Eine ganz große Koalition - alle im Bundestag vertretenen
Parteien m it Ausnahm e der CSU gehören dazu, die öffent­
lich-rechtlichen Rundfunkanstalten, viele Feuilletons, die
Kirchen, die W ohlfahrtsverbände - grenzt den Raum der als
legitim akzeptierten Auseinandersetzung über die Flücht­
lingspolitik dieses Landes eng ein.»

Natürlich findet diese Auseinandersetzung trotzdem statt,


w eil sie stattfinden muss und sich nicht unterdrücken lässt.
Der Ort jedoch, wo dies ungehindert passieren kann, sind
die rechten und eben auch reaktionären Gruppierungen.
W em an einer offenen dem okratischen Debatte gelegen ist,
der tu t nicht gut daran, solche Argum ente - oder auch bloße
Gefühle und Stim m ungen - m it der im m er noch fun ktionie­
renden Abseitsregel «Das ist rechts!» zu disqualifizieren.

18
Die Differenz zw ischen veröffentlichter und öffentlicher
M einung aber hat n ich t bloß eine inhaltliche Seite, näm lich
die beschriebene m oralistische, sondern auch eine stru k­
turelle. In seiner großen A bhandlung «Die Gesellschaft der
Gesellschaft» schreibt Niklas Luhmann: «Jeden M orgen und
jeden Abend senkt sich unausw eichlich das N etz der Nach­
richten a u f die Erde nieder und legt fest, was gewesen ist und
was m an zu gewärtigen hat. Einige Ereignisse ereignen sich
von selbst, und die Gesellschaft ist turbulent genug, daß im ­
m er etwas geschieht. Andere w erden für die M assenm edien
produziert. Dabei kann vor allem die Äußerung einer M ei­
nung als Ereignis behandelt w erden, so daß die M edien ihr
M aterial reflexiv in sich selbst eintreten lassen können.»4

Da nun die M edien das jeweils Neue berichten wollen, m üs­


sen sie ständig selbst neue Inform ationen herbeischaffen.
«Allein schon die Täglichkeit des Erscheinens und das Pro­
duktionstem po der M assenm edien schließen es aus, daß die
im Publikum vorhandenen M einungen vorw eg konsultiert
werden. Die Organisationen der M assenm edien sind hier a u f
Verm utungen und, im Ergebnis, au f self-fulfilling prophe-
cies angewiesen. Sie arbeiten w eitgehend selbstinspirativ:
durch Lektüre ihrer eigenen Erzeugnisse, durch Beobach­
tung ihrer eigenen Sendungen. Sie m üssen dabei eine h in ­
reichende m oralische U niform ität unterstellen, um täglich
über Norm verstöße, Skandale und sonstige Abartigkeiten
berichten zu können. Verschiebungen können einkalkuliert
werden: Stichwort <Wertewandel>; aber der eigene A nteil
daran kann nicht herausdividiert werden.» Und Luhm ann
resüm iert: «Das, was als Resultat der Dauerwirkung von
M assenm edien entsteht, die ö ffen tlich e Meinung), genügt
sich selbst. Es hat deshalb w enig Sinn, zu fragen, ob und w ie
die M assenm edien eine vorhandene Realität verzerrt w ied er­

19
geben; sie erzeugen eine Beschreibung der Realität, eine W elt­
konstruktion, und das ist die Realität, an der die G esellschaft
sich orientiert.»5

Anders als Luhm ann jedoch glaube ich, dass m an durch­


aus feststellen kann, ob das von den M edien erzeugte Bild
die W irklichkeit verzerrt oder nicht. Ich w ähle ein zufäl­
liges Beispiel. Wer sich für Ernährungsfragen interessiert
und die M edien daraufhin studiert, der muss den Eindruck
gewinnen, der Fleischkonsum in Deutschland gehe zurück.
Überall hört er von Protesten gegen die krim inelle Praxis
der M assentierhaltung, überall findet er vegetarische oder
vegane Rezepte, liest vo n M itm enschen, die dem Fleisch
glücklich entsagt hätten, und findet ernährungswissen­
schaftliche Studien zitiert, w elche die Schädlichkeit über­
großen Fleischkonsum s nachweisen. Gleichwohl ist er nicht
zurückgegangen, sondern aberm als gestiegen. N och nie
sind in D eutschland d erart viele Tiere geschlachtet worden,
und zw ar keineswegs nur für den Export. Der rasante A n ­
stieg des Verzehrs von Geflügel hat sogar Im porte aus den
Niederlanden, aus Polen und Brasilien erzwungen.6

Selbstverständlich sind die M edien abhängig vo n M oden


und Zeitstim m ungen, doch oftmals sind es M oden und Zeit­
stim m ungen, die sie selbst erfunden haben und vonein­
ander abschreiben. Luhm ann sagt: «Ein hohes Maß an Re-
flexivität - Berichte in den M edien berichten über Berichte
in d en M edien - gehört zu m Alltag.»7 Es kom m t hinzu, dass
das Norm ale keinen Überraschungswert hat. Selbst w enn es
im m er noch üblich ist, dass Mann und Frau einander h ei­
raten und dass Frauen Kinder kriegen: Interessanter sind
Berichte über schwule Ehen und schwangere Männer. Selbst
w enn katholische Priester landauf, landab frühm orgens

20
entsagungsvoll die Messe lesen: Aufregender ist es, davon zu
hören, dass sie ihre M essdiener m issbrauchen. Selbst w enn
(um das Beispiel nochm als aufzugreifen) 53 Prozent aller
D eutschen Fleisch als ihre Lieblingsspeise bezeichnen und
nur zw ei Prozent Veganer sin d 8: A parter ist es, fleischlose
Ernährung als den neuen Trend zu beschreiben.

Im Spiegel der M edien, so schreibt Luhmann, «erscheint die


Gesellschaft als eine sich über sich aufregende, sich selbst
alarm ierende Gesellschaft. Sie reproduziert daher in sich
selbst die Schizophrenie des doppelten Wunsches: an Ä n d e­
rungen teilnehm en zu können und gegen ihre Folgen abgesi­
chert zu werden.»9Und er fügt hinzu: «Die typische Them en­
behandlung alarm iert, stum pft ab, festigt den Vorausblick
a u f w eitere Katastrophen und erzeugt beim individuellen
N achrichtenem pfänger ein Gefühl der Hilflosigkeit (und
dam it nicht zuletzt: ein Rekrutierungspotential für Protest­
bew egungen, die aber ihrerseits nur fordern können, daß die
anderen es anders machen).»10

Dazu ist es ja nun gekom m en. Doch das Gefühl der Hilflosig­
keit hat sich nicht allein in Protestbew egungen Bahn ver­
schafft, sondern auch im Netz. Luhm anns Buch ist 1997 er­
schienen, zu einer Zeit also, als das Internet nicht annähernd
dieselbe Bedeutung hatte w ie heute. Es ist gut m öglich, dass
die oft beschriebenen Hassorgien im N etz nicht nur, aber
auch eine nicht sehr subtile Form der Rache darstellen. Man
w ill nicht m ehr Empfänger von Nachrichten sein, sondern
ihr Urheber. Und als solcher gew innt m an durch Lautstärke,
durch verbale Exzesse am ehesten Aufm erksam keit.
2

Links und rechts und der Glaube an einen


guten Kommunismus - M eine Abkehr von linken
Positionen - W olf Biermanns Wandel -
Botho Strauß und der «Bocksgesang»

D
arf m an sich konservativ nennen? Aber klar doch,
nur muss m an heutzutage bereit sein, dafür gewisse
U nbequem lichkeiten in Kauf zu nehm en. Glim pflich läuft
es für jem anden ab, der sich als einen Kulturkonservativen
betrachtet und beispielsweise die M useen zeitgenössi­
scher Kunst m it w achsender M issbilligung durchstreift
oder die noch im m er üblichen Klassikerhinrichtungen im
deutschen Regietheater verachtet. Wer so denkt, befindet
sich offensichtlich nicht au f der Höhe des Zeitgeists, doch
begegnet m an ihm m it N achsicht. Konservativ hinsicht­
lich der Lebensform en und Verhaltensweisen zu sein, ist
riskanter. Wer das alte Fam ilienbild sam t heterosexueller
Ehe und selbstgezeugter Kinder hochhält, sollte sich von fe ­
m inistischen und genderpolitischen Kreisen fernhalten, wo
ihm Verachtung oder gar Hass entgegenkäm en. Und wer es
wagt, sich als politisch konservativ zu bezeichnen, dem wird
es schwerfallen, den vernichtenden Verdacht abzuwehren,
er stehe den Rechtsradikalen sam t ihrem finsteren Gedan-

23
kengut nahe. Dam it natürlich hängt die Frage zusam m en,
inw iefern ein politisch Konservativer zu den «Rechten» zu
zählen und ob der verpönte Begriff «rechts» in irgendeiner
Weise zu retten wäre.

Die gegenwärtige Sprachregelung läuft darauf hinaus,


«rechts» m it «reaktionär», «rechtspopulistisch» und «rechts­
radikal» gleichzusetzen, «links» hingegen m it «aufgeklärt»,
«fortschrittlich» und «humanitär». Kurz: Links sind die G u­
ten, rechts die Bösen. Diese m oralischen Zuweisungen sind
relativ neu. Ich erinnere m ich daran, dass es sich in m einer
Jugendzeit, also in den sechziger Jahren, geradezu um ge­
kehrt verhielt. M an w ollte zw ar n ich t explizit rechts sein, um
sich nicht aberm als die Finger zu verbrennen, m an strebte
einer bürgerlichen M itte zu. In dieser M itte allerdings ver­
sam m elten sich nicht wenige, die an einer Verharm losung
oder Entsorgung der deutschen Schuld unterschwellig,
m anchm al auch absichtsvoll m itw irkten. In m einer Schule
jedenfalls, im altsprachlichen H einrich-von-Gagern-Gym -
nasium zu Frankfurt am Main, spielte die später sogenannte
Vergangenheitsbew ältigung keine nennenswerte Rolle. Ein­
m al gab es in der Aula, deren W ände m it den anäm ischen
antiken Gestalten des Nazareners W ilhelm Steinhausen ge­
schm ückt waren, eine Gedenkfeier für die Opfer des 20. Juli.
Es w ird 1959 gewesen sein, w ahrscheinlich in der Nähe des
15. Jahrestages des Attentats a u f Hitler. Ich war 14 Jahre alt
und verstand nicht, w orum es letztlich ging. Die w eih evoll­
bedrückte Stim m ung kam m ir befrem dlich vor.

Die Vergangenheit war etwas, w orüber m an nur h öch st u n ­


gern redete. Die Gegenwart lag näher und erschien dring­
licher. Die Trüm m er waren noch nicht alle beseitigt, die
Städte m ussten w iederaufgebaut und die zahllosen Flücht­

24
linge aus dem deutschen O sten m ussten integriert werden
(wie m an heute sagen würde). Und es gab die Angst vor
einem neuen Krieg, es gab einen klar benennbaren Feind:
den Komm unismus. Die N iederschlagung der Aufstände in
O stberlin 1953 und in Budapest 1956, nicht zu vergessen den
Bau der Berliner M auer 1961, die Kuba-Krise des Jahres 1962
und das traurige Ende des Prager Frühlings 1968, versorgten
alle Gegner linker, sozialistischer Ideen m it ständig neuer
M unition. Vor allem galt dies für die dem Krieg entkom m ene
Elterngeneration, die sich vor einem A n griff aus dem Osten
fürchtete, und diese Furcht hatte reale Gründe. Für die El­
tern also w ar «links» ein Schreckgespenst, und folgerichtig
waren sie aufs äußerste em pört, als sich ihre N achköm m ­
linge m it linken Ideen m ehr oder m inder identifizierten.

Die Generation danach näm lich begann m it Heinrich Böll


«Wo w arst du, Adam?» zu fragen, und sie fragte weniger nach
den Kriegserlebnissen, die ihr unaufgefordert und a u f zu ­
nehm end lästige Weise von den Vätern aufgetischt wurden,
sondern sie fragte nach deren Schuld und Verstrickung. Und
sie versorgte sich m it dem theoretischen Rüstzeug der zu ­
m eist jüdischen Emigranten, die der Shoah entkom m en w a­
ren, sie las Autoren w ie Horkheimer, Adorno, Marcuse, Lu-
käcs und W ilhelm Reich, sie studierte M arx und Engels, und
m anche vertieften sich sogar in Trotzki, Lenin und Stalin. Je
m ehr die Achtundsechziger den Diskurs bestim m ten, um so
heller leuchtete der Sozialism us - ungeachtet des traurigen
Bildes, das er in der Realität abgab - als eine zukunftsverhei­
ßende Idee, die nur endlich in die richtigen Hände gebracht
w erden müsse. Jetzt war «links» das Richtige und «rechts»
das Verdam m enswerte. So ist es bis heute geblieben, was in
W ahrheit seltsam ist, wenn m an sich das vom Sozialism us
hinterlassene Desaster vor Augen hält.

25
Ich selbst sehe heute deutlicher, w ie sehr ich ein Kind m ei­
ner Zeit war und sicherlich im m er noch bin. Naturgemäß,
w ie Thom as Bernhard sagen würde, war ich dam als links,
zw ar keineswegs so links w ie jene Radikalen, die 1968 die
ehrwürdige Johann-W olfgang-Goethe-Universität in Frank­
furt, w o ich studierte, in Karl-M arx-Universität um tauften,
aber doch links genug, um aus dem Vorw urf an die Väter, sie
hätten A uschw itz organisiert oder zum indest erm öglicht,
eine w illkom m ene Waffe in jenem G enerationskonflikt zu
schm ieden, der w ahrscheinlich die m eisten Söhne m it ihren
Vätern verbindet, der jetzt aber m it selten da gewesener
H eftigkeit geführt wurde. Was diese Väter verbrochen hat­
ten, näm lich einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche
zu legen und ein ganzes Volk nahezu auszurotten, und was
sie geleistet hatten, näm lich danach das Land w iederauf­
zubauen sam t W iederbewaffnung und W irtschaftswunder,
als ob nichts gewesen wäre - das w ar einm alig.

Um das letztlich U nverstehbare zu verstehen, beschäftigten


w ir uns m it den m arxistischen Faschism ustheorien, die
m ehr oder weniger a u f M ax Horkheim ers D iktum hinaus­
liefen: «Wer aber vom Kapitalism us nicht reden will, sollte
auch vom Faschismus schweigen.» Erst später fiel m ir die
m oralische Verlogenheit auf, die darin bestand, dass wir das
Them a A uschw itz für eigene Zwecke instrum entalisiert und
die O pfer vergessen hatten. Und neben dieser Verlogenheit
gab es einen im m anenten W iderspruch: Wer im Kapitalis­
m us die Ursache dieses singulären Verbrechens erblicken
w ollte (was H orkheim er so w eder gesagt noch gem eint
hatte), der konnte die Väter nicht für schuldig erklären -
und er selbst, das war logisch darin eingeschlossen, konnte
als m ithaftender Erbe keinen Anteil an dieser Schuld haben.
Der Schriftsteller Peter Schneider brachte das 1987 a u f den

26
Punkt: «Auch der Antifaschism us der Studentenbew egung
w ar von unbew ussten Entlastungswünschen gelenkt.»11

Dass ich in die falsche Richtung ging, w urde m ir allm ählich


bew usst, als ich 1988 einen Beitrag von D olf Sternberger in
der «FAZ» las.12 Der Philosoph und Politologe nahm Stellung
in einem Streit, der sich an der These des Historikers Ernst
Nolte entzündet hatte, der Archipel Gulag sei «ursprüng­
licher» als Auschw itz, w om it N olte sagen wollte, die Verbre­
chen der Nazis seien auch als A ntw ort a u f die früheren der
Bolschew isten zu verstehen. Sternberger w undert sich über
die «logische Sonderbarkeit» des Begriffs «ursprünglicher»
und kom m t zu seinem zentralen Gedanken:

«Die wahnsinnige Untat, die m it dem Nam en <Auschwitz>


bezeichnet wird, lässt sich gar nicht verstehen, sie lässt sich
nur berichten. Auch w enn nachgewiesen würde, dass der
Plan zur <Endlösung der Judenfrage> in Hitlers Gehirn als
eine A rt A ntw ort a u f frühere (<ursprünglichere>) U ntaten
des Bolschewism us ausgeheckt w orden wäre, so w ürde das
die w irkliche Ausführung, näm lich den tatsächlichen fa­
brikm äßigen M assenmord, nicht um einen Deut versteh ­
barer machen.» Sternberger fährt fort: «Auch besteht der
Vorgang <Auschwitz> nicht allein aus der U ntat der m etho­
dischen M enschenvernichtung, sondern zugleich aus dem
m illionenfachen unhörbaren Schrei der unschuldigen O p­
fer, und auch daran ist nichts zu <verstehen>, da dieser Schrei
ja gar nicht hat laut werden können.»

M it Sternbergers A rgum ent w ar für m ich der Antifaschis­


m us als Rechtfertigung linker U topien gründlich in Frage
gestellt, aber noch w ar ich w eit von dem Gedanken entfernt,
irgendeinen Konservatism us in näheren Betracht zu ziehen.

27
Ich bin ja auch nicht vorsätzlich konservativ geworden, son­
dern es hat sich nach und nach so ergeben. Verm utlich ist
das ohnehin die Regel: M an sucht sich seine W eltanschau­
ung nicht aus, sondern das Leben, die Umstände, das Alter
führen einen zu bestim m ten H altungen und Anschauungen
hin.

Ein Erlebnis, das m ich a u f diesem Weg ein Stück w eiter


führte, w ar jenes Kolloquium des Bertelsm ann-Konzerns,
das unter dem Titel «Kulturnation Deutschland» im Juni
1990 in Potsdam stattfand, bizarrerweise im Schloss Ceci­
lienhof, wo Attlee, Stalin und Truman am 2. August 1945
das Potsdamer Abkom m en unterzeichnet und die Teilung
Europas besiegelt hatten. Jetzt hatte man, verm utlich der
M ikrophonkabel wegen, den Boden des Saales durch Po­
deste angehoben, m it rotem Teppich belegt und darauf die
Konferenzm öbel installiert. So w irkte der historische Tisch,
als versänke er, Zeugnis einer untergegangenen Epoche, zu ­
sam m en m it den drei W im peln der Siegerm ächte in Grund
und Boden. Die Deutschen aus Ost und West, prom inente
Politiker w ie W illy Brandt, Kurt Biedenkopf, M arkus M eckel
oder Friedrich Schorlemm er, Schriftsteller w ie Christa Wolf,
Stefan Heym, Walter Jens oder Günter de Bruyn, daneben
ein paar ausländische Gäste und jede Menge Vertreter der
M edien: Sie alle redeten zueinander über diesen versinken­
den historischen Ort hinweg, als wäre die neue Zeit schon
gesichert, als wäre die Vereinigung schon die innere Einheit.

Der Tagung war die Kontroverse über Christa Wolfs Erzäh­


lung «Was bleibt» vorausgegangen. Die Autorin hatte den
1979 geschriebenen Text, der ihre Ü berwachung durch die
Stasi und ihre Gefühle w achsender A ngst und Bedrückung
schildert, im Mai 1990 veröffentlicht, und zwar, w ie es am

28
Ende hieß, in einer ü berarbeiteten Fassung. Diese Erzählung
w urde am 1. Juni in der «Zeit» in einem Pro von Volker Hage
und einem Contra vo n m ir rezensiert. Einen Tag später er­
schien in der «FAZ», verfasst von Frank Schirrmacher, eben­
falls ein grundsätzlich angelegter Verriss. Die Tatsache, dass
Christa W olf vo n zw ei einflussreichen Feuilletons des W es­
tens nahezu gleichzeitig heftig kritisiert worden war, führte
bei vielen Beobachtern zu der Verm utung, bei m anchen zu
der festen Ü berzeugung, hier w erde eine verabredete Kam ­
pagne geführt. Schirrm acher und ich w iederholten m ehr­
fach, dass w ir nichts abgesprochen, nichts voneinander
gewusst hätten. Es h a lf nichts.

W alter Jens sprach in Potsdam von «Jagdszenen», u nter­


stellte den «nassforschen» Kritikern «Spruchkam m erden­
ken». Friedrich Schorlem m er sprach von «Denunziation»,
und Stefan H eym setzte a u f all dies den Punkt, indem er
sagte: Er sei am erikanischer Nachrichtenoffizier gewesen
und wisse daher, w ie m an solche H etzkam pagnen steuere.
Christa W olf selbst nannte die Kritik eine «bewusste, ge­
zielte Demontage» und sagte, «solche Wut, solche A ggres­
sion, solchen Hass und solche Häme» finde sie erschreckend:
«Ich bin noch nie, m it zw ei Ausnahm en im (Neuen D eutsch­
land), einer solchen H etzkam pagne ausgesetzt worden.»

Die G leichsetzung von «Zeit», «FAZ» und «Neuem D eutsch­


land» erregte in Potsdam keinerlei W iderspruch. Die Ver­
sam m lung nahm es auch bereitw illig hin, dass keiner der
dissidentischen Autoren, die sich 1976 gegen die A usbür­
gerung W olf Biermanns gew andt und nach und nach im
W esten Aufnahm e gefunden hatten, eingeladen worden
war: w eder Günter Kunert oder Sarah Kirsch, w eder Reiner
Kunze noch Hans Joachim Schädlich, nur zum Beispiel. Na­

29
türlich w ar auch W olf Bierm ann nicht eingeladen, der doch
zum Them a deutsche Kulturnation m anches hätte sagen
und singen können. Eingeladen und anwesend hingegen war
der frühere Zensurm inister Klaus Höpcke, der beim Kam pf
der DDR gegen Biermann eine üble Rolle gespielt hatte.

Der Literaturstreit im frisch vereinten Deutschland brachte


keine Einigung, aber er vereinte linke Intellektuelle aus
Ost und West. Gem einsam sahen sie sich als Opfer: hier des
Kapitalismus, dort des Stalinism us; hier einer reaktionären,
geistfeindlichen M edienlandschaft, dort eines versteiner­
ten Systems, das nun, nachdem es zusam m engebrochen war,
endlich in einen freiheitlichen Sozialism us überführt w er­
den sollte. Ich war, wie m an sich vorstellen kann, von diesen
Vorgängen (und auch von den persönlichen Attacken) tief
irritiert. A ber noch war ich nicht so weit, m eine bisherigen,
a u f unklare Weise linken Ü berzeugungen abzulegen.

Da begegnete ich während einer Kaffeepause a u f der Pots­


dam er Tagung dem Historiker Joseph Rovan. Unter dem N a­
m en Joseph Rosenthal 1918 in M ünchen als Sohn eines zum
Protestantism us konvertierten Juden geboren, der schon
1933 nach Frankreich em igrierte, m achte Rovan sein Abitur
(Baccalaureat) ebendort und wurde M itglied der Resistance.
Er w urde verhaftet, nach Dachau deportiert, überlebte und
spielte in der französischen N achkriegspolitik eine bed eu ­
tende Rolle: als Historiker und Berater, als Publizist und als
Beförderer des Projekts der deutsch-französischen Freund­
schaft. Er ist 2004 in Frankreich gestorben.

All dies w usste ich nicht, als w ir in einer zufälligen Runde


zusam m ensaßen und über das eigentliche Them a dieser
Tagung diskutierten, über die totalitären Ideologien des

30
Jahrhunderts und über die zw eite deutsche Vergangenheits­
bew ältigung. Ich erinnere m ich daran, dass ich zu Rovan,
der dam als so alt w ar w ie ich heute, w ährend ich gerade
m al 44 Jahre zählte, sinngem äß Folgendes sagte: Der Terror
Stalins und der Hitlers seien unbestreitbar gleich schreck­
lich gewesen. Der N ationalsozialism us jedoch habe es nie
zu einer konsistenten Theorie gebracht, er habe sich zu ­
sam m engeklaubt, was ideologisch herum lag und brauchbar
erschien, und er habe es auch nicht verm ocht, Geistesgrö­
ßen und Intellektuelle dauerhaft in seinen Bann zu ziehen.
Der Komm unism us hingegen blicke a u f eine bedeutende
philosophische Ahnengalerie zurück, die w ichtigsten In­
tellektuellen des Jahrhunderts seien ihm wenigstens zeit­
w eise gefolgt. Es liege daran, so etw a schloss ich in m einem
jugendlichen Eifer, dass diese Idee in einem faszinierenden
theoretischen System gipfele. Ich w eiß noch, dass m ich
Rovan m it einem m ilden ironischen Lächeln anblickte und
jenen vernichtenden Satz sagte, der m ir nie w ieder aus dem
Kopf gegangen ist: «Das gerade ist ja das Schlimme.»

Die Tragweite dieser Begegnung blieb m ir lange verborgen.


Heute w eiß ich, dass der W iderstandskäm pfer Rovan recht
hatte, heute w eiß ich, dass die großen Renegaten, ob A rthur
Koestler oder Manes Sperber, die Helden dieser Auseinan­
dersetzung gewesen sind. N och der traurige Streit zw ischen
Jean-Paul Sartre und A lbert Cam us ist, von heute aus gese­
hen, zugunsten von Cam us ausgegangen. A ll das ist verges­
sen, es spielt keine Rolle mehr. Aber es m üsste eine spielen,
denn noch im m er sind die linken Verheißungen virulent.

Mir kam das in den Sinn, als A nton Hofreiter, der Bundes­
tagsabgeordnete der Grünen, in einem Fernsehbeitrag ge­
zeigt wurde, der unter anderem vorführte, zu w elchen Ver­

31
w erfungen und Seilschaften die staatlichen Zuschüsse für
W indräder teilw eise geführt haben. In dieser Sendung sah
m an A nton Hofreiter, w ie er eine Dem onstration für W ind­
energie anführte und m it einer Leidenschaft, die an eine
neue W eltrevolution denken ließ, ins M ikrophon schrie, die
alternativen Energien seien der einzige Weg, die Klim akata­
strophe abzuwenden, und er verstieg sich zu dem Satz: «Es
geht um die Rettung der Menschheit!» Wenn es darum geht,
dann bedeutet es, einer eschatologischen Theorie zu folgen,
die, w eil sie aufs Äußerste zielt, äußerste M ittel anzuw enden
sich gezw ungen sieht. W enn es um die Rettung der M ensch­
heit geht, sind Rücksichten nicht m ehr angebracht. Man
wird sich vor diesen Rettern retten müssen.

Es ist wahr, dass die kom m unistische Verheißung derzeit


keine Anziehungskraft m ehr besitzt, und es wäre unfair,
allen Grünen oder Linken zu unterstellen, sie w ünschten
sich eine W iederkehr des Komm unismus. Die Fairness ver­
bietet es allerdings auch, den «Rechten», wer im m er dam it
gem eint sein soll, generell eine Nähe zur verbrecherischen
Nazi-Ideologie nachzusagen. Und dies geschieht fast im m er
in erstaunlicher Eile.

Um a u f den Literaturstreit zurückzukom m en: Derjenige


Westler, der sich am vehem entesten die Kritik an den ost­
deutschen dagebliebenen Intellektuellen verbat, war
W alter Jens, der von 1989 bis 1997 als Präsident der Berliner
A kadem ie der Künste dafür sorgte, dass nicht wenige DDR-
Künstler darin Aufnahm e fanden. W olf Biermann schreibt
in seiner Autobiographie «Warte nicht a u f bessre Zeiten!»:
«Jens schaffte es m it linksprotestantischer List und katholi­
scher Tücke. Er drückte im Berliner Akadem ie-Streit durch,
dass die spitzelnden H ofschranzen des DDR-Regimes alle

32
ungeprüft übernom m en wurden. Friede-Freude-Eierakade-
m ie. Unter w elchen Zwängen Jens das tat, konnten w ir nicht
ahnen, w eil w ir den blutjungen und naiven NSDAP-Partei-
genossen in seinem Keller noch nicht kannten.»13 In der Tat.

In einem Gespräch, das ich 2006 in Ham burg m it W olf Bier­


m ann führte, fragte ich ihn: «Warum sind Sie m it 16 Jahren
in die DDR gegangen, warum haben Sie so lange an ihr fest­
gehalten?» Seine Antw ort: «Weil ich so geprägt w orden bin.
Ich kom m e aus einer (katholischen) Familie, und das Wort
katholisch heißt bei m ir kom m unistisch. Ich glaubte an den
lieben Gott, und das war bei m ir Karl Marx. Mein Vater war
als M ärtyrer au f dem Scheiterhaufen verbrannt, und der
Scheiterhaufen hieß bei m ir Auschw itz. Und m eine M utter
Emma hatte ihren Privatkrieg m it Herrn Hitler. Nachdem
ihr geliebter M ann und Genosse abgeschlachtet war, als
Kom m unist und als Jude, nachdem die ganze jüdische Fa­
m ilie in die Grube geschossen war, hatte sie den Ehrgeiz, ein
Kind heranzuziehen, das seinen Vater, w ie sie es kindlich
nannte, rächen sollte. Was das konkret heißen sollte, w usste
sie selber nicht.»14

Es ist erstaunlich, wie vieler Nackenschläge es bedurfte,


bis Bierm ann vom kom m unistischen Glauben abfiel. In
seiner A utobiographie erzählt er, w ie er schon als Schüler
einem infam en Erpressungsversuch der Stasi w iderstehen
m usste. Den M auerbau «begrüßt» er, «nicht begeistert, aber
im m erhin tieftraurig».15 Er erlebt die Turbulenzen des Un-
garn-Aufstands 1956 und des Prager Frühlings 1968. Das Di­
plom in den Fächern Philosophie und M athem atik, das ihm
nach gut bestandener Prüfung zusteht, w ird ihm verw eigert.
Seine Bücher werden nicht gedruckt, öffentliche Auftritte
untersagt. Die Stasi u nternim m t Anschläge a u f ihn, die er

33
nur durch Glück überlebt. Trost und Stärkung findet er bei
seinem Freund Robert Havemann: «Alter Fuchs und junger
Wolf. A ls Gegensätze passten w ir bestens zusam m en. Seit
Robert der Guillotine im N aziknast entronnen war, hielt er
sich für unsterblich. Er begrüßte sich jeden M orgen im Spie­
gel und beglückw ünschte die M enschheit dazu, dass er am
Leben war.»16

Es scheint so, als wären die edelm ütigen und starrsinnigen


Kom m unisten Bier- und Havem ann durch die Drangsal, in
der sie lebten, durch die Tragödien der Freunde, die sie m it
ansehen m ussten, im m er noch edelm ütiger und starrsinni­
ger geworden, so w ie m an den christlichen M ärtyrern nach ­
sagt, die Verfolgungen und Foltern hätten sie im Glauben
nur bestärkt. Einmal begegnet Biermann dem österreichi­
schen Kom m unisten Ernst Fischer, ehem als C h ef der KPÖ,
und fragt ihn, warum ihn Stalins Verbrechen nicht stutzig
gem acht hätten. Die Antw ort: «Wir dachten: Wenn es so
grauenhaft ist, w ie es aussieht, dann kann es gar nicht so
sein, w ie es ist.»17

Noch A nfang der achtziger Jahre, so erzählt Biermann, habe


er gedacht: Ich bin der richtige Komm unist, H onecker und
die Bonzen sind die Antikom m unisten. Da begegnet er ein­
m al einem echten Nazi, der ihm erklärt, Hitler habe m it der
A usrottung der Juden einen Fehler gem acht, ansonsten sei
er a u f dem richtigen Weg gewesen. Und jetzt beginnt Bier­
m anns Wandel: «Wer sich heute noch Kom m unist nennt,
brannte es m ir durchs Gehirn, der versteht sich als einen
guten, einen richtigen, einen besseren Kom m unisten. Er
u nterliegt aber dem gleichen Irrtum w ie ein guter Nazi, der
den M assenm ord an den Juden für einen Fehler hält, den
m an beim nächsten totalitären Tierversuch an lebendigen

34
M enschen besser verm eiden sollte.» W enig später trifft er
den großen Schriftsteller und Renegaten Manes Sperber,
der ihm überzeugend darlegt: «Es kann keinen guten, keinen
richtigen Kom m unism us geben.»18

M eine eigene Abkehr von linken Ideen hatte nicht en t­


fernt die Bedeutung, nicht annähernd die Dram atik, die
sie für Bierm ann hatte. Doch w enn ich m ir sein Leben vor
Augen führe, die D em ütigungen und Repressalien, die er
erleiden m usste, dann frage ich m ich abermals, w eshalb es
hierzulande noch im m er als schick oder zum indest als a k­
zeptabel gilt, links zu sein. Hat «links» m it den ungeheuren
Verbrechen, die im Nam en des Komm unismus begangen
wurden, überhaupt nichts zu tun? Ich wundere m ich, w enn
jem and w ie Dietm ar Bartsch in der «Tagesschau» vor die Ka­
m era tritt, um das jeweilige Versagen der Bundesregierung
zu brandm arken. Bartsch ist, zusam m en m it Sahra W agen­
knecht, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag. Er
w urde 1977 M itglied der SED, er arbeitete an der Akadem ie
für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU in M os­
kau, er w ar Schatzm eister der N achfolgepartei der SED, die
sich PDS nannte. Jedes Mal, w enn ich Dietm ar Bartsch in der
«Tagesschau» sehe, versuche ich m ir vorzustellen, w ie es im
entgegengesetzten Fall wäre: w enn ein Politiker, ehem aliges
M itglied der NSDAP und heute aktiv in irgendeiner m ehr
oder weniger geläuterten Nachfolgepartei, sich öffentlich zu
Wort m elden wollte.

Nein, ich behaupte nicht, die SED sei eine ebenso schlim m e
Partei w ie die NSDAP gewesen. Es kom m t m ir nur seltsam
vor, dass die M itarbeit in kom m unistischen Institutionen
der Sowjetunion als interessantes biographisches Faktum
zu gelten scheint, w ährend im ideologisch entgegengesetz­

35
ten Fall ernste Konsequenzen zu gewärtigen wären - zu
Recht, w ie ich finde. Was m ich stört, ist der M angel an h is­
torischer Gerechtigkeit, ist die vorherrschende Weigerung,
die «linken» Verbrechen ebenso im Gedächtnis zu behalten
w ie die «rechten». Hat m an vergessen, dass die Zahl der
M enschen, die dem Kom m unism us zum Opfer gefallen sind,
verm u tlich größer ist als die der O pfer des Dritten Reiches?
Ich weiß, dass solche Vergleiche nicht w eit führen, allein
schon deshalb, w eil die N ationalsozialisten nur zw ölf Jahre
lang Unheil anrichten konnten (dies allerdings m it größter
Effizienz), während die Kom m unisten nahezu hundert Jahre
Zeit hatten, den neuen M enschen zu erziehen. Die Verwüs­
tungen, die sie dabei über Generationen hinw eg in den See­
len der M enschen angerichtet haben, sind noch lange nicht
ausgestanden.

Und weiter: Hatten die Terroristen der sogenannten Rote-


Arm ee-Fraktion nichts m it der Linken zu tun? Sicherlich:
Sie waren «Hitlers Kinder», w ie der Titel des 1977 erschiene­
nen Buches von Jillian Becker lautete. Aber sie waren eben
auch Produkte des herrschenden Zeitgeistes, sie hatten sich
im Bannkreis der «außerparlam entarischen Opposition»
und des N eom arxism us bew egt, sie hatten Ideen, die in
vielen linken Köpfen spukten, w örtlich genom m en und in
die Tat um gesetzt. Als der Generalbundesanw alt Siegfried
Buback am 7. April 1977 von M itgliedern der RAF erschos­
sen w urde (und m it ihm sein Fahrer W olfgang Göbel sowie
der Leiter der Fahrbereitschaft Georg Wurster), bekannte
der anonym e «Göttinger Mescalero» in der Zeitschrift des
Göttinger A StA seine «klam m heim liche Freude» über den
Mord. Und es w ar klar, dass diese Freude von nicht wenigen
geteilt wurde, denn Buback, ehem als M itglied der NSDAP,
entsprach exakt dem Feindbild, das von den Linken gepflegt

36
wurde. Als ich von dem Anschlag hörte, bestand m eine erste
Reaktion darin, dass ich voller Ärger eine w eitere Verschär­
fung der sogenannten Sym pathisantenj agd voraussagte,
und ich w eiß noch, w ie m ich m eine Freundin em pört zu ­
rechtwies und sagte: «Ein M ensch ist um gebracht worden!»

Heute schäm e ich m ich m einer Blindheit, m eines Mangels


an M itgefühl. Damals jedoch w ar ich davon überzeugt, dass
kritische Fragen nach einer linken M itverantw ortung für
den Terror der RAF nur dazu dienen sollten, die Achtund-
sechziger insgesam t zu diskreditieren. Denn darum ging es
in dem Streit um das «Sympathisantentum» und die «geis­
tige Mittäterschaft»: Hatten die linksradikalen In tellektuel­
len, die in der «BRD», w ie sie kaltschnäuzig abgekürzt wurde,
nur eine m odernisierte Variante des Faschismus erblickten,
m it dem Terror irgendetwas zu tun? Schon die Frage schien
m ir gänzlich unerlaubt.

Ein Buch, das diese Stim m ung dokum entiert, sind die 1977
erschienenen «Briefe zur Verteidigung der Republik».19
W enn ich sie heute lese, dann sehe ich zu m einer Verw un­
derung die gewaltige A nzahl nam hafter Schriftsteller und
Intellektueller, die den Zusam m enhang von Terror und lin ­
ker Ideologie entw eder leugneten oder begütigend kleinre­
deten. Damals habe ich m ich nicht darüber gew undert. Ich
stand im Bann jener oft zitierten Zeilen aus dem Epilog von
Brechts «Arturo Ui»: «Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem
das kroch.»

Die von Botho Strauß vor Jahren geforderte Äquidistanz zu


den verbrecherischen Großideologien läuft ins Leere, weil
Kom m unism us und Sozialism us noch im m er für letztlich
hum anitäre Ideen gehalten werden, w ährend alles politisch

37
Konservative unverzüglich und erfolgreich in die Nähe des
Rechtsextrem ism us gerückt und som it erledigt wird. Ein
Beispiel dafür w ar die Reaktion a u f den Essay «Anschwel­
lender Bocksgesang», den Botho Strauß am 8. Februar 1993
im «Spiegel» veröffentlicht hatte. Die Passage, an der sich
W iderspruch, auch Hohn und Spott entzündeten, lautete:

«Wir w arnen etwas zu selbstgefällig vor den nationalisti­


schen Ström ungen in den osteuropäischen und m ittelasia­
tischen Neu-Staaten. Daß jem and in Tadschikistan es als
politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten wie
w ir unsere Gewässer, das verstehen w ir nicht mehr. Daß ein
Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten w ill und da­
für bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen w ir nicht
m ehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezo­
genheit für falsch und verw erflich. Es ziehen aber Konflikte
herauf, die sich nicht m ehr ökonom isch befrieden lassen;
bei denen es eine nachteilige Rolle spielen könnte, daß der
reiche W esteuropäer sozusagen auch sittlich über seine Ver­
hältnisse gelebt hat, da hier das <Machbare> am w enigsten
an eine Grenze stieß. Es ist gleichgültig, w ie w ir es bew er­
ten, es wird schwer zu bekäm pfen sein: daß die alten Dinge
nicht einfach tot sind, daß der Mensch, der Einzelne w ie der
Volkszugehörige, nicht einfach nur von heute ist. Zwischen
den Kräften des H ergebrachten und denen des ständigen
Fortbringens, Abservierens und Auslöschens w ird es Krieg
geben.»20

Das w ar eine Prophezeiung, deren W ahrheit uns heute,


m ehr als zw anzig Jahre später, längst eingeholt hat. Und es
war eine Kampfansage aus konservativem Geist. Zum zw an­
zigsten Jahrestag der höchst erregten Debatte schrieb W olf­
gang Büscher, die linken Intellektuellen hätten das Gefühl

38
gehabt, nun sei es w ieder so weit: «Nun m üssten Dem okratie
und Aufklärung, vulgo 1968, gegen rechts verteidigt werden.
Rechts, das Wort w ar der Skandal. Alles, was rechts war,
schien doch historisch überwunden, und nun nahm Strauß
das Unwort ganzer Jahrzehnte w ieder ungeniert in den
M und. Ausgerechnet er, das setzte dem Skandal die Krone
auf. M itten im M ilieu erhob der altrechte Feind sein Haupt,
m itten im linksprotestantischen Kulturbürgertum , das die
Theater, die Literatur, die M edien der Bundesrepublik so tie f
geprägt hatte.»21

Doch was heißt «rechts»? Die A ntw ort von Botho Strauß:
«Rechts zu sein, nicht aus billiger Ü berzeugung, aus ge­
m einen Absichten, sondern vom ganzen Wesen, das ist, die
Ü berm acht einer Erinnerung zu erleben; die den Menschen
ergreift, w eniger den Staatsbürger, die ihn vereinsam t und
erschüttert inm itten der m odernen, aufgeklärten Verhält­
nisse, in denen er sein gewöhnliches Leben führt. Diese
D urchdrungenheit b ed arf nich t der abscheulichen und lä­
cherlichen M askerade einer hündischen Nachahm ung, des
Griffs in den Secondhandshop der Unheilsgeschichte. Es
handelt sich um einen anderen A kt der Auflehnung: gegen
die Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum je ­
de A nw esenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, vo n ge­
schichtlichem Gewordensein, vo n m ythischer Zeit rauben
und ausm erzen will. Anders als die linke, H eilsgeschichte
parodierende Phantasie m alt sich die rechte kein künftiges
W eltreich aus, b ed arf keiner Utopie, sondern sucht den
W iederanschluß an die lange Zeit, die unbewegte, ist ihrem
Wesen nach Tiefenerinnerung und ist insofern eine religiöse
oder protopolitische Initiation. Sie ist im m er und existen­
tiell eine Phantasie des Verlustes und nicht der (irdischen)
Verheißung.»22Als ich den heftig um strittenen Essay dam als

39
las, hatte ich gem ischte Gefühle. Anders gesagt: Die Trag­
weite, die Triftigkeit dieser G edanken waren m ir noch nicht
hinreichend klar.

Der Konservatism us, der m ir vorschw ebt, ist kein p oliti­


sches Programm, und schon gar nicht folgt er Arm in M öh­
lers «konservativer Revolution». Er hat auch nichts zu tun
m it der Idee des «geheimen Deutschlands», die im Kreis
der m ir gründlich suspekten George-Jünger offenbar noch
im m er herum spukt. M ein Konservatism us versucht die
«Tiefenerinnerung», von der Strauß spricht, lebendig zu
halten, also ein historisches Bewusstsein zu entw ickeln, das
nicht bei Auschw itz endet, sondern die ganze Geschichte
unseres H erkom m ens kennt. Sie ist unw eigerlich von dem
geprägt, was m anche verächtlich, andere in ideologischer
A bsicht «christliches Abendland» nennen. Die kulturelle
Tradition des Christentum s ist derart alltäglich und selbst­
verständlich, dass sie vielen gar nicht m ehr bew usst ist. Es
fiele ihnen vielleicht unangenehm auf, wenn m an den Sonn­
tag abschaffte oder gar W eihnachten, w enn die Kirchen zu
M useen w ürden und von den Friedhöfen die Kreuze ve r­
schwänden.

Im m erhin könnte uns jetzt, da uns m it dem Islam ein neuer


religiöser Ernst begegnet, die Bedeutung des eigenen ku l­
turellen H erkom m ens etwas heller einleuchten. Leider
sieht es danach nicht aus. Im Gegenteil beobachte ich nicht
nur in Deutschland einen seltsam en Selbsthass, der alles,
was nach christlicher Tradition aussieht, unter dem D eck­
m antel m ultikultureller Fairness verleugnet und beispiels­
w eise den deutschen «Weihnachtsmarkt» in «Wintermarkt»
um tauft oder in England das traditionelle O stereiersuchen
«Easter Egg Trail» in «Great British Egg Hunt». Die nich t­

40
christlichen (agnostischen oder m uslim ischen) M itbürger
sollen sich nicht ausgeschlossen fühlen. Man schäm t sich
der eigenen Kultur. W ahrscheinlich nicht einm al das: Man
kennt sie nicht.

M ein Konservatism us behauptet außerdem , dass es nicht


nur sinnvoll, sondern auch notw endig ist, zw ischen dem
Eigenen und dem Fremden zu unterscheiden. M ein Kon­
servatism us behauptet weiterhin, dass der Mensch nicht
das Maß aller Dinge und nicht der Herr der Schöpfung ist,
sondern dass er gut daran tut, sich seiner Grenzen bew usst
zu bleiben. Diese Grenzen haben m it seiner natürlichen Be­
schaffenheit zu tun, und dabei ist klar, dass das «Natürliche»
in der Geschichte der M enschheit im m er auch das «Kultür-
liche» gewesen ist, was bedeutet: die gewordene und ständig
zu verteidigende Kultur. Diese Kultur konnte nur zustande
kom m en, w eil der M ensch frei ist und som it selbstverant­
wortlich. Deshalb w ehrt sich m ein Konservatism us - und
hier denke ich im ursprünglichen Sinn liberal - gegen die
D iktatur der Fürsorge und gegen alle Bevorm undungen aus
dem Geist der Utopie. Ich bin also entschieden gegenwarts­
kritisch, in vieler H insicht m odernisierungskritisch, und ich
bin davon überzeugt, dass sich das jew eils Neue gegen das
Erprobte zu rechtfertigen hat, und nicht, w ie es derzeit der
Fall ist, um gekehrt. Diese Thesen, diese Postulate bedürfen
der Erläuterung. M an findet sie a u f den folgenden Seiten.
3

Das Eigene und das Fremde - D ie Frage nach


der deutschen Identität - Flüchtlingspolitik:
Willkommenskultur und Kontrollverlust

E
s ist gängig, den hum anitär gesinnten Zeitgenossen,
der den M ultikulturalism us begrüßt und die W ill­
kom m enskultur hochhält, «links» zu nennen, den realitäts­
bezogenen Zeitgenossen hingegen, der eine O bergrenze der
Zuwanderung fordert und vor einer Islam isierung warnt,
hingegen «rechts». Was aberm als in das öffentlich gepflegte
Bild passt, die Linken seien w eltoffen und die Rechten b o r­
niert. Letztlich geht es um die Kategorien des Eigenen und
des Fremden. Wer links ist, neigt zum Internationalism us, er
kann also das Eigene für nebensächlich h alten und m uss es
nicht näher bestim m en. Als Konservativer jedoch kann ich
m ich vor dieser Frage nicht drücken, obwohl die m öglichen
A ntw orten in m anche Fallen führen.

U nbestreitbar bedienen sich viele Anstrengungen, das


Eigene zu definieren, bei rechten oder rechtsradikalen Theo­
rien. Dazu gehört der Begriff des Völkischen, der aus zw ei­
erlei Gründen unbrauchbar ist. Erstens ist er rassisch und
biologisch aufgeladen und fü hrt allein schon deshalb in die

43
Irre, w eil die deutsche Bevölkerung zu keiner Zeit in diesem
Sinn hom ogen gewesen ist, auch schon vor den jüngsten Z u ­
w anderungen nicht. Und zw eitens hat der Begriff eine w ah r­
haft üble Geschichte, die allgem ein bekannt sein sollte und
die es verbietet, m it dem «Völkischen», was im m er das sein
soll, auch nur versuchsw eise zu operieren.

Es gibt allerdings Versuche, das Eigene nicht rassisch-biolo-


gisch, sondern kulturell zu bestim m en und an die zunächst
unverdächtige Tradition der Rom antik anzuknüpfen. Da­
mals erblickte m an im Brauchtum , in den alten Liedern und
Erzählungen den ungehobenen Schatz dessen, was eigent­
lich das Deutsche sei. Es w ar die Zeit, als die Germ anistik
zur W issenschaft wurde, als Clem ens Brentano und Achim
von A rnim die Volksliedersam m lung «Des Knaben W under­
horn» präsentierten und die Brüder Grimm ihre berühm ten
«Kinder- und Hausmärchen» sam m elten. Später zeigte es
sich, dass nicht wenige dieser M ärchen französischen und
orientalischen Ursprungs waren, also keineswegs u n be­
dingt deutsch, und dass viele Lieder, die in «Des Knaben
Wunderhorn» als Volkslieder en td eckt worden waren, von
älteren Dichtern etwa des Barock stam m ten und von den
beiden H erausgebern freihändig um gedichtet und ihren
Zwecken angepasst worden waren. M it anderen Worten: Es
führt in m einen Augen n ich t w esentlich weiter, w enn m an
das Eigene im Sinne eines «deutschen Wesens» kulturell
überhöhen und som it eingrenzen will.

Ein anderer Versuch ist der Begriff der Leitkultur. Zuweilen


wird er verkn üpft m it dem des christlichen Abendlandes.
Dieses nun bedeutet den m eisten Zeitgenossen nur noch
wenig. Daraus folgt aber keineswegs, dass es bedeutungslos
geworden wäre. Auch w enn die Zahl der aktiven Christen

44
abgenom m en hat, so sind doch die kulturellen Traditionen,
in denen w ir leben und denken, vom Christentum geprägt.
A uch das Grundgesetz, nicht nur seine Präambel, ist ohne
christliche W ertvorstellungen n icht denkbar. Dabei kom m t
es nicht darauf an, ob die N achkom m en dieses christlich­
kulturellen Zusam m enhangs tatsächlich noch an Gott glau­
ben, zum al die Frage, was das konkret heißen soll, an Gott
glauben, selbst von Gläubigen nicht leicht zu beantw orten
ist, sondern nur darauf, dass eine Tradition, die sich über
Jahrhunderte herangebildet hat, nicht von heute a u f m or­
gen verschw indet.

M ir selber hat dieser Gedanke erst spät eingeleuchtet. Ka­


tholisch erzogen, als M inistrant und später als Cusanus-
Stipendiat zu bescheidenen Ehren gelangt, trat ich in den
Jahren der Revolte aus der Kirche aus - um Dezennien spä­
ter w ieder zurückzukehren. Ich erspare dem Leser die G e­
schichte m einer doppelten Konversion und sage nur dies:
Es w ar die ehrfurchtgebietende G eschichte der christlichen
Kultur sam t ihren w underbaren Werken der Architektur, der
M usik und der bildenden Kunst, die m ich allm ählich nach­
denklich stim m ten und m ich schließlich darauf brachten,
dass dieser seitdem nie übertroffene Reichtum an Schönheit
und gedanklicher Tiefe etwas m it seiner Ursprungsidee, also
m it der christlichen Botschaft, zu tun haben müsse.

Was genau? Es war «die Erfindung des Individuums», w ie der


englische Ideenhistoriker Larry Siedentop es genannt hat.
Sie entstand aus der christlichen Ü berzeugung, dass alle
M enschen von Gott geschaffen seien und daher die gleichen
Rechte hätten. Das waren m oralische, «natürliche» Rechte,
im Unterschied zu jenen, die sich aus dem H erkom m en und
dem Stand ergaben. Siedentop schildert in seinem B uch23,

45
w ie die Entw icklung des Kirchenrechts, das seinerseits eine
U m form ung des röm ischen Rechts war, den G leichheits­
gedanken begründet hat, auch w enn er zunächst noch nicht
«demokratisch» in unsrem heutigen Verständnis war, denn
als oberster Richter in m oralischen Dingen verstand sich
der Papst in seiner Rolle als Stellvertreter Christi.

Siedentop bezeichnet diese Entwicklung, die sich hau p t­


sächlich im 12. Jahrhundert vollzog, als «Papstrevolution»
und fragt: «Wodurch w urde die Papstrevolution so d yn a­
m isch, dass sie auch die w eltliche Regierung zu verändern
begann?» Seine Antw ort: «Der tiefere Grund w ar die Erfin­
dung des Individuum s, die Einführung einer prim ären so­
zialen Rolle, die die radikalen Statusunterschiede der tradi­
tionellen Rollen schwächte. Die Statusgleichheit, die dieser
neuen Rolle innewohnte, stellte in Europa die W eichen für
eine Entwicklung, die bis dahin noch keine m enschliche
Gesellschaft genom m en hatte.»24 Diese Entw icklung war
durchaus doppeldeutig. Die Transform ation eines m ora­
lischen Status (der «Seele») in eine soziale Rolle habe ein
neues Bild der Gesellschaft geprägt, einer Gesellschaft
«als Zusam m enschluss von Individuen statt von Familien,
Stäm m en oder Kasten. Erm öglicht w urde das durch den
A nspruch des Papsttum s a u f (Souveränität). Denn die For­
derung nach gleicher U nterw erfung unter eine souveräne
A utorität hatte eine bem erkensw erte Konsequenz. Kein
U ntertan eines Souveräns hat irgendeine prinzipielle Ver­
pflichtung, jem and anderem als diesem zu gehorchen. Folg­
lich ist das Recht zu befehlen oder die Pflicht zu gehorchen
nicht m ehr untrennbar m it bestim m ten ererbten oder ge­
w ohnheitsrechtlichen Rollen verbunden. Durch die Exis­
tenz einer souveränen A utorität bekom m en die Akteure
eine Distanz zu anderen Rollen, die sie zufällig bekleiden.

46
Sie verw andeln sich in Rollenträger, Akteure, deren Iden­
tität n ich t erschöpfend durch ihre anderen Rollen definiert
wird. Sie w erden veranlasst, ihr eigenes W ollen zu en tw i­
ckeln und Individuen zu werden.»25

M it leiser Ironie bem erkt Siedentop am Ende dieses G e­


dankengangs: «Die Päpste und Kirchenrechtler, die die
Papstrevolution vorantrieben, w erden w ohl kaum alle Kon­
sequenzen ihrer Reformen vorausgesehen haben.»26 Zu den
Konsequenzen zählte der Liberalism us, der die Freiheit des
Individuum s in den M ittelpunkt stellte, die Trennung von
privatem Glauben und öffentlicher A ngelegenheit a u f die
Tagesordnung setzte und dam it die Trennung von Staat
und Kirche. Der Säkularism us w ar die unbeabsichtigte Kon­
sequenz, die aus der Idee der m oralischen Gleichheit aller
M enschen folgte. Und diese Konsequenz bildet bis heute
den U nterschied zw ischen O rient und Okzident.

W enn m an also eine w estlich-europäische Identität und


daraus abgeleitet eine deutsche «Leitkultur» bestim m en
wollte, so m üsste m an sie in ebendiesen ideengeschicht­
lichen Zusam m enhängen suchen. Das Problem aller Iden­
titätsbestim m ungen jedoch liegt darin, dass die Frage nach
dem Eigenen in der Regel erst dann brennend wird, w enn
sich das Eigene nicht m ehr vo n selbst versteht. Dies ist ge­
genw ärtig unzw eifelhaft der Fall. Die Gegner des Gedankens
einer Leitkultur näm lich behaupten, es gebe sie in W ahrheit
gar nicht. «Deutschland besteht seit Generationen, a u f je ­
den Fall schon lange vor der A nkun ft einer nennenswerten
M enge vo n Fremden, aus einer Vielzahl von Parallelgesell­
schaften. Sie verstehen sich nur m ühsam , m anche hassen
sich, die m eisten ertragen einander seufzend», schreibt Jens
Jessen in einem Essay in der «Zeit».27 Er setzt sich darin m it

47
dem Parteiprogram m der AfD auseinander, wo gefordert
wird, Staat und Zivilgesellschaft m üssten «die deutsche ku l­
turelle Identität als Leitkultur selbstbew usst verteidigen».
Jessen erblickt darin einen A n griff nicht nur a u f die Frem­
den, sondern a u f alle, die einer m odernen, weltoffenen, in
jeder H insicht bunten G esellschaft den Vorzug geben. «Die
<deutsche kulturelle Identität) ist nicht als Beschreibung
eines Zustandes denkbar, sondern nur als Kam pfziel - als
kulturelle Gleichschaltung.»

U nabhängig jedoch davon, was die AfD unter «deutscher


kultureller Identität» versteht, bin ich davon überzeugt,
dass es diese Identität gibt. Ich finde die heftig kritisierte Ini­
tiative des Bundesinnenm inisters Thom as de M aiziere zum
Them a Leitkultur lobenswert. Er schrieb, der Begriff Leit­
kultur habe zw ei Bestandteile: «Zunächst das Wort Kultur.
Das zeigt, w orum es geht, näm lich nicht um Rechtsregeln,
sondern ungeschriebene Regeln unseres Zusam m enlebens.
Und das Wort <leiten> ist etwas anderes als vorschreiben oder
verpflichten. Vielm ehr geht es um das, was uns leitet, was
uns w ichtig ist, was Richtschnur ist.»28Von den zehn Thesen
des M inisters scheinen m ir zw ei erwähnenswert. Erstens
der Hinweis, dass w ir Erben unserer Geschichte sind, und
daraus folgt «ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht
Israels». Und zw eitens die Feststellung, dass dieses Land
christlich geprägt ist. «Wir leben im religiösen Frieden. Und
die Grundlage dafür ist der unbedingte Vorrang des Rechts
über alle religiösen Regeln.»

Was de M aiziere nicht eigens aufführt, was aber selbstver­


ständlich zur Leitkultur dazugehört und w orin sie zualler­
erst sichtbar und hörbar wird, ist die deutsche Sprache. Es
liegt a u f der Hand, dass eine gem einsam e Sprache das

48
stärkste Bindeglied ist, das M enschen einer Region m it­
einander verbin det und unter U m ständen zu einer Nation
m acht. Die Stellung des D eutschen allerdings ist prekär. Sie
w ird «von unten» angefochten durch die große Zahl von Ein­
w anderern, die das Deutsche kaum oder gar nich t beh err­
schen. M ehr noch aber wird sie «von oben» angefochten, von
der Elite. Man schätzt, dass 80 bis 85 Prozent der deutschen
N aturw issenschaftler a u f Englisch publizieren, 50 Prozent
der Sozialwissenschaftler und 20 Prozent der G eistesw is­
senschaftler.

Dies w irkt a u f den W issenschaftsbetrieb zurück. Einmal


dadurch, dass in Deutschland ansässige Verlage im m er
häufiger nur noch englische Zeitschriftenbeiträge und
Buchm anuskripte akzeptieren. Zum ändern zeigt sich die
Dom inanz des Englischen darin, dass sich die M aßstäbe
des Akadem ischen an die der englischsprachigen Welt an­
gleichen. M an sieht das an der schm erzhaften Im plantation
der Bologna-Reform in die deutsche U niversität und des in
deutscher Zunge im m er noch unästhetischen «Bätschelers»;
m ehr noch aber daran, dass die m eisten Förderanträge a u f
Englisch zu stellen sind; und schließlich daran, dass es etwa
700 englischsprachige Studiengänge gibt.

Dass außerdem die W irtschaft englisch spricht, versteht


sich von selbst. Als Thom as M iddelhoff, seinerzeit C h ef
von Bertelsm ann, die m ehrheitlich deutschen M itarbeiter
dazu anhielt, englisch m iteinander zu reden, erntete er hier
und da noch Irritationen. Inzw ischen haben die m eisten
deutschen Firmen m it internationaler Betätigung Englisch
zu ihrer Corporate Language bestim m t. Was dazu führt, dass
Techniker oder W issenschaftler aus der Dritten Welt, die
Deutsch gelernt haben, um in Deutschland etwas zu werden,

49
bei Siem ens etw a erfahren m üssen, sie hätten besser Eng­
lisch gelernt.

Dass schließlich die Politik das Deutsche im m er m ehr auf­


gibt, ist m it der Tatsache, dass Englisch die Sprache der Di­
plom atie ist, nicht vollständig erklärt. Längst ist es Usus,
dass der deutsche Botschafter den deutschen Pavillon auf
der Biennale in Venedig m it einer englischen Ansprache er­
öffnet, selbst w enn die m eisten Gäste Deutsche oder Italie­
ner sind. In der Europäischen U nion gilt Deutsch als eine der
drei Arbeitssprachen, es w ird aber nicht angewendet - auch
deshalb nicht, w eil die deutschen Politiker keinen sonderli­
chen Wert darauf zu legen scheinen.

Die Elite in einer dem okratischen Gesellschaft m üsste


doch, so glaube ich, darauf hinwirken, dass ihre A rbeit von
einer interessierten Ö ffentlichkeit wahrgenom m en und
diskutiert w erden kann. Die Chancen dazu verringern sich
m it der Ausdehnung des Englischen. Es besteht die Gefahr,
dass die ohnedies nicht geringe Kluft zw ischen der Elite und
dem Staatsvolk unüberbrückbar wird. Die Bessergestellten
neigen dazu, aus sachlichen Gründen, aber auch zum Zweck
des persönlichen Fortkommens, sich im m er m ehr aufs Eng­
lische zu verlegen. Im w ohlhabenden und am bitionierten
Bürgertum gehört es zum guten Ton, die Kinder a u f eng­
lische Internate zu schicken. Private deutsche H ochschulen,
wo selbstverständlich englisch gesprochen wird, werden
von den besseren Kreisen bevorzugt.

Auch hier steigern sich die Entw icklungen gegenseitig: Je


m ehr in den Spitzenpositionen von W irtschaft, W issen­
schaft und Politik englisch gesprochen wird, um so m ehr
sehen sich jene Eltern, die es sich leisten können, dazu ver­

50
anlasst, eine englischsprachige A usbildung für das Kind zu
wählen, die w iederum dazu beiträgt, dass in den Kanzleien
und Konferenzräum en englisch gesprochen wird. Dem en t­
spricht die traurige Tatsache, dass die Sprachfähigkeit in den
unteren sozialen Schichten abnim m t, die deutsche w o h l­
gem erkt, und zw ar keineswegs nur bei M igrationskindern.
M an kann sich ja fragen, w arum sie D eutsch lernen sollen,
w enn derjenige, der nach oben kom m en will, vor allem Eng­
lisch können muss. Der EU-Kommissar Günther O ettinger
hat einm al gesagt hat, Deutsch bleibe die Sprache der Fami­
lie und der Freizeit, die «Arbeitssprache» aber sei Englisch.

Ist derjenige, der sich für die Pflege und Bewahrung des
Deutschen als eines zentralen Teils unserer Identität enga­
giert, ein Konservativer? Verm utlich, und m anche Interna­
tionalisten w erden ihn für rechts halten. Er wird es in Kauf
nehm en. Denn zur Leitkultur zählt die deutsche Sprache, in
der einst literarische und philosophische Werke geschrieben
wurden, die zum kulturellen Erbe der ganzen Welt gehören.
W enn Kant oder Hegel a u f Englisch publiziert hätten oder
hätten publizieren müssen, wäre ihre Philosophie eine an­
dere geworden. Ich behaupte keineswegs, dass m an Großes
nur a u f D eutsch denken könne, und ich weiß, dass Leibniz
sowohl deutsch wie lateinisch und französisch geschrieben
hat. Doch w enn der sprachliche Zusam m enhang abreißt,
w enn ältere W endungen und gedankliche Figuren m angels
Bildung oder Interesse nicht m ehr gekannt werden, ist die
L eitkultur gefährdet, und diejenigen, die sie beschwören,
sollten darauf hinwirken, dass in unseren Schulen und U ni­
versitäten hinreichend Deutsch gelernt wird. M ir scheint,
dass diese Aufgabe m indestens ebenso dringlich ist w ie der
Spracherwerb der Eingewanderten. Und m it Sprachkennt-
nis im Sinne einer Leitkultur m eine ich nicht allein die Be­

51
herrschung von Syntax und Gram m atik, sondern auch die
Fähigkeit (und das Interesse dafür), den geistigen Raum zu
betreten und kennenzulernen, der unsere Kultur ausm acht.

Ein anderer A spekt unserer Identität wird bei bew egenden


kollektiven Ereignissen sichtbar, als Begeisterung, als Em­
pörung oder als Betroffenheit. Die Reaktionen a u f den Fall
der M auer 1989, der heitere Som m er der Fußball-Weltmeis-
terschaft 2006, die Welle der H ilfsbereitschaft für die ein­
treffenden Flüchtlinge im Herbst 2015 und schließlich auch
das allgem eine Entsetzen ü ber die Ereignisse der Kölner Sil­
vesternacht kurz darauf hätten sich in anderen Ländern a u f
andere Weise A usdruck verschafft. Diese Identität ist A us­
druck einer M entalität, einer durch geschichtliche Erfah­
rung geprägten kollektiven Reaktionsweise. Sie ist nichts,
w orau f m an stolz sein m üsste oder dürfte. Um Stolz geht
es nicht. Es geht um den geschichtlichen Raum, in dem die
M enschen, ob sie w ollen oder nicht, heranwachsen und den
sie sich aneignen m üssen, um selbstbew usste M itglieder
ihrer Gesellschaft zu werden. Erst so erlangen sie das, was
m an Identität nennt.

Und dazu gehören auch die Toten. Jede Kultur fußt a u f den
Gedanken, den Leistungen, den Kämpfen und Leiden der
Vorfahren, jeder M ensch steht a u f den Schultern derjenigen,
die ihn gezeugt, geboren und erzogen haben. Die Freiheits­
rechte zum Beispiel, die w ir gedankenlos genießen, sind
nicht vom Him m el gefallen, sondern von vorausgegangenen
Generationen erkäm pft worden.

In seiner berühm ten Rede am 26. M ai 1789 in Jena «Was heißt


und zu w elchem Ende studiert m an Universalgeschichte?»
hat Friedrich Schiller gesagt: «Selbst in den alltäglichsten

52
Verrichtungen des bürgerlichen Lebens können w ir es nicht
verm eiden, die Schuldner vergangener Jahrhunderte zu
werden.»29 Daraus leitet er nicht allein die N otw endigkeit
ab, die Geschichte zu kennen, deren vorläufiges Endprodukt
w ir sind, sondern auch die Verpflichtung, unseren N ach­
kom m en diese Kenntnis zu überliefern: «Unser m ensch­
liches Jahrhundert herbeizuführen haben sich - ohne es
zu w issen oder zu erzielen - alle vorhergehenden Zeitalter
angestrengt. Unser sind alle Schätze, w elche Fleiß und G e­
nie, Vernunft und Erfahrung im langen A lter der Welt end­
lich heim gebracht haben. Aus der Geschichte erst werden
Sie {damit m eint er seine Hörer} lernen, einen Wert a u f die
G üter zu legen, denen G ew ohnheit und unangefochtener
Besitz so gern unsre Dankbarkeit rauben: kostbare teure
Güter, an denen das Blut der Besten und Edelsten klebt, die
durch die schwere A rbeit so vieler Generationen haben er­
rungen w erden müssen! Und w elcher unter Ihnen, bei dem
sich ein heller Geist m it einem em pfindenden Herzen gattet,
könnte dieser hohen Verpflichtung eingedenk sein, ohne
daß sich ein stiller W unsch in ihm regte, an das kom m ende
G eschlecht die Schuld zu entrichten, die er dem vergange­
nen nicht m ehr abtragen kann? Ein edles Verlangen muss
in uns entglühen, zu dem reichen Verm ächtnis von W ahr­
heit, Sittlichkeit und Freiheit, das w ir von der Vorwelt über­
kam en und reich verm ehrt an die Folgewelt w ieder abgeben
müssen, auch aus unsern M itteln einen Beitrag zu legen,
und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle M en­
schengeschlechter sich w indet, unser fliehendes Dasein zu
befestigen.»30

Schiller redet hier ausdrücklich von der W eltgeschichte,


in w elche die deutsche Geschichte als ihr kleiner Teil ein­
gebunden ist. Aber eine Tradition ist um so sichtbarer und

53
spürbarer, je näher sie räum lich den M itgliedern einer b e­
stim m ten Gesellschaft liegt und ihr som it a u f je verschie­
dene Weise eine Identität verleiht. Diese Tradition ist kei­
neswegs nur nationalstaatlich bestim m t. In Regionen und
Landschaften bilden sich Zugehörigkeitsgefühle, die a u f ein
gem einsam es Brauchtum oder einen bestim m ten Dialekt
zurückgehen. Und a u f besondere Weise prägt die Tradition
den M ikrokosm os der Generationenfolge. Die verstorbenen
M itglieder einer Familie leben in den Erinnerungen fort, in
den überlieferten Erzählungen, in den Tagebüchern, Briefen,
Fotos, sie kehren w ieder in den Eigenschaften und Eigen­
heiten ihrer Nachkom m en. Dass dieser Zusam m enhang in
unserem Fall ein deutscher ist, versteht sich von selbst. Die
Tatsache, dass dieser «deutsche Zusammenhang» im m erzu
von anderen Sprachen und Kulturen m itbestim m t worden
ist, ändert nichts daran, dass es ihn gibt.

Wenn w ir von den Toten reden, so gehört zur deutschen k u l­


turellen Identität unw eigerlich jenes Faktum, das w ir m it
dem Stichwort «Auschwitz» unzulänglich bezeichnen. Für
m ich und m eine Generation jedenfalls war es a u f eine b e­
drückende, unverm eidliche Weise prägend, und ich glaube,
dass dies auch für m eine Kinder gilt. Die deutsche Nach­
kriegsgeschichte - im O sten wie im W esten - hat im Bann
dieser U ngeheuerlichkeit gestanden. Dass dieser Bann all­
m ählich schwächer wird, ist der kulturgesetzliche Lauf der
Dinge, doch kann m an voraussehen, dass die Tatsache, ein
Deutscher zu sein, auch in ferner Zukunft noch von dieser
Vergangenheit gefärbt sein wird. Sie ist Teil der «deutschen
kulturellen Identität», und m an m uss sich fragen, w ie die
zugew anderten Deutschen dam it um gehen oder um gehen
w erden. Für sie ist «Auschwitz» bestenfalls ein schulischer
Lernstoff, sie haben dam it zunächst nichts zu tun. Doch

54
w enn sie eines Tages w irklich «integriert» sein sollen, d arf
ihnen das Them a nicht gleichgültig sein. Es ist also durchaus
sinnvoll, sogar notwendig, sich des Eigenen im Gegensatz
zum Nicht-Eigenen oder Fremden von Zeit zu Zeit fragend
zu vergewissern, und selbstverständlich kann das Fremde
anim ierend und bereichernd wirken. Das muss aber nicht in
jedem Fall so sein.

Was bedeutet «fremd»? Es ist zunächst eine sachliche Be­


zeichnung. Das 1828 gegründete «Hamburger Fremdenblatt»
zum Beispiel hieß so, w eil es ursprünglich die Liste der an-
kom m enden Fremden abdruckte. Der Titel w urde noch Jahre
nach dem Zw eiten W eltkrieg vom «Hamburger Abendblatt»
als U nterzeile verw endet. A uch die Bezeichnung «Fremden­
zimmer» war früher in Gasthöfen die Regel. Heute ist sie
w eitgehend verschwunden, doch w eist sie darauf hin, dass
der Fremde, jedenfalls unter friedlichen Um ständen, im m er
auch der Gast w ar und noch ist. Er genießt Privilegien, die m it
gewissen Pflichten verbunden sind. Der Fremde ist der von
außen kom m ende Mensch, der sich von den Einheim ischen
zunächst dadurch unterscheidet, dass er nicht einheim isch
ist. Und «das Fremde» besteht ganz einfach darin, dass es
«dem Eigenen» entgegengesetzt ist. Jedes Kind, das sich die
W elt aneignet, indem es nach und nach das Bett, das Zimmer,
den Flur, das Haus, die Straße erobert und som it die Eltern,
die Nachbarn, die Spielkam eraden, m acht diese Erfahrung.
Indem es das Fremde erkundet, w ächst sein Eigenes.

G eht es uns Erwachsenen anders? Wohl jeder erinnert sich


an seine erste Auslandsreise, an den ersten G renzüber­
gang, die ersten Versuche in einer frem den Sprache. Es war
aufregend, schön und m anchm al furchtbar peinlich. Die
G erüche waren anders, die M enschen sahen anders aus, sie

55
benahm en sich anders. Das Fremde konnte derart heraus­
fordernd werden, dass m an vor die Wahl gestellt wurde, sich
entw eder anzupassen oder abzureisen.

Als ich einm al den M aler W olfgang M attheuer in Leipzig b e­


suchte - es w ar kurz nach der W ende -, erzählte er mir, dass
sein Sohn, Student an der berühm ten H ochschule für Gra­
phik und Buchkunst, zusam m en m it einigen Kom m ilitonen
beschlossen hatte, endlich, da jetzt Reisefreiheit herrschte,
nach Italien, an den ew igen Sehnsuchtsort aller bildenden
Künstler, zu reisen. Gem einsam m achte m an Pläne, tra f Ver­
abredungen, doch als es ernst w urde, sagte einer nach dem
anderen ab. Die Gründe, ob Krankheit oder Geldmangel,
w aren allesam t, so M attheuer, vorgeschoben. Die w ahre Ur­
sache habe in nichts anderem bestanden als in der Furcht
vor der Fremde. Ich erinnerte m ich, als ich ihm zuhörte, an
die panischen Gefühle, die m ich wenige Tage vorm Abflug
befallen hatten, als ich zum ersten Mal in die U SA reiste, und
nur die Tatsache, dass ich in New York m it einem Freund fest
verabredet war, bew og m ich dazu, m einem Vorsatz treu zu
bleiben.

Seitdem w eiß ich, dass das Reisen eine Sache der Übung ist.
M an sollte bedenken, dass diese Übung nicht allen Bürgern
in gleicher Weise vertraut ist - aus finanziellen Gründen
oder w egen fehlender Vorbilder. Der Idee des M ultikul­
turalism us näm lich hängen vor allem jene an, die gebildet
und betu cht genug sind, um in der Fremde, die sie oftm als
bereist haben, keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung
zu erblicken. Sie haben das T-Bone-Steak sam t Bourbon und
die Involtini plus Chianti am U rsprungsort genießen kön­
nen. Sie sollten jenen, die solches Vergnügen am Fremden
nicht erfahren haben, daraus keinen Vorw urf m achen. Und

56
die Bewohner der zum eist gut ausgestatteten W ohnungen
am Prenzlauer Berg oder Eppendorfer Baum m üssen in der
Regel die industrielle Reservearmee, die m it der Flüchtlings­
w elle ins Land kam, n icht fürchten.

Ein Effekt der Globalisierung besteht darin, dass sie die Ver­
m ischung des Eigenen und des Fremden dram atisch beför­
dert hat. Sie erleichtert das Reisen - und sie erzw ingt es. Die
M enge des Fremden w ird potenziell unendlich, und das A n ­
sässige, Einheim ische verliert an Bedeutung. Selbst in einer
Großstadt, die Ham burg schon 1828 war, als das «Fremden­
blatt» entstand, waren die Fremden noch leicht zu erken­
nen, w eil m an die Einheim ischen kannte. Derlei ist heute,
da Touristen und Im m igranten die Szene bevölkern, kaum
m ehr vorstellbar. In abgelegenen Kleinstädten und Dörfern
m ag es noch der Fall sein, d och unbekannten, unvertrauten
M enschen zu begegnen, w elcher Couleur auch immer, ist
w eithin zur Gew ohnheit geworden.

Gleichw ohl ist die Kategorie des «Fremden» ebenso wenig


verschw unden w ie die des «Eigenen» oder «Vertrauten». Es
sind GegensatzbegrifFe, an denen w ir uns in tu itiv orientie­
ren. Ein frem der Weg erfordert eine größere Aufm erksam ­
keit von uns als ein bekannter, und in m anchen Situationen
erfordert er W achsam keit. Vor Jahren geriet ich abends
in Säo Paulo in ein dunkles Viertel, das m ir auch deshalb
total frem d, geradezu unheim lich vorkam , w eil ich die Si­
gnale, die von den M enschen ausgingen, nicht einzuordnen
wusste. Ich konnte nicht m ehr beurteilen, ob Gefahr drohte,
und ich folgte dem Rat, den m ir ein geübter Reisender ein ­
m al gegeben hatte: Ich verließ den Bürgersteig und ging
zw ischen den Fahrspuren a u f der M itte der Straße, bis ich
helleres Gelände erreicht hatte.

57
Es gibt ein zuträgliches Verhältnis des Fremden und des
Eigenen und also auch ein unzuträgliches. M an kann die
Differenz nicht dadurch zum Verschwinden bringen, dass
m an alles Fremde für interessant, für bereichernd erklärt
und jeden, der sich lieber unter seinesgleichen aufhält, für
zurückgeblieben oder reaktionär. Die begriffslogische Dia­
lektik des Fremden und des Eigenen ist nicht auflösbar.
Das Problem verschärft sich dadurch, dass es stärkere oder
schwächere Grade der Frem dheit gibt. Die kulturellen U n­
terschiede können so groß sein, dass sie selbst in der zw eiten
oder d ritten Generation noch w irksam sind. M an konnte das
im Juli 2016 bei einer D em onstration in Köln beobachten, wo
Tausende von türkischstäm m igen Deutschen einem fernen
Diktator zujubelten und nicht wenige von ihnen die Einfüh­
rung der Todesstrafe in der Türkei verlangten. Ein ähnlicher
Vorgang w iederholte sich, als der türkische Präsident Recep
Tayyip Erdogan im April 2017 ein Referendum abhalten ließ,
m it dessen Hilfe er die G ew altenteilung aufheben und seine
M acht vergrößern wollte. Das Referendum ist bekanntlich
knapp zu seinen Gunsten ausgegangen. Was die deutsche
Ö ffentlichkeit am m eisten verstörte, war die Tatsache, dass
ein erschreckend großer Prozentsatz der hier lebenden
Türken diesem Schritt zu einer D espotie zugestim m t hat. Es
w urde die Frage laut, ob die Integration nicht gescheitert sei.

A nlässlich der Debatte über einen Beitritt der Türkei zur


EU hat der frühere Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Bö-
ckenförde Ende 2004 bem erkt, dass ein gem einsam es «Wir-
Gefühl» in dem okratischen Gesellschaften stärker ausgebil­
det sein müsse als in autoritären oder technokratischen: «Es
prägt sich darin aus, dass m ental w ie auch em otional dasje­
nige, was die anderen betrifft, auch m ich angeht, nicht von
der eigenen Existenz getrennt wird. A u f dieser Grundlage

58
kom m t es - A usdruck der Solidarität - zur Anerkennung
gem einsam er Verantwortung, von Einstandspflichten und
w echselseitiger Leistungsbereitschaft.» Er fügte hinzu: «In
dem Maße, in dem eine G em einschaft a u f dem okratische
Legitim ationsverfahren angelegt ist, m üssen die Entschei­
dungen vo n den M enschen positiv m itgetragen werden, als
von ihnen selbst getroffene und ausgehende. Daher bed arf
es in w eiterem Um fang gem einsam er Auffassungen und
Zielvorstellungen.»31

Es ist leicht zu sehen, dass der Vorrat solcher Gem einsam ­


keiten nicht bei allen zugew anderten M enschen gleich groß
ist. Die vielen hunderttausend Flüchtlinge, die 2015 und
später nach D eutschland kam en, stam m en m ehrheitlich
aus dem islam ischen Kulturkreis, und ihre Vorstellungen
von Selbstbestim m ung und M einungsfreiheit unterschei­
den sich erheblich von den unsrigen. Die W arnung vor einer
Islam isierung ist keineswegs absurd, auch w enn sie von res­
sentim entgeladenen Dem onstranten an die Wand oder a u f
die Transparente gem alt w urde. Ich zw eifle daran, dass die
Eingliederung so vieler Menschen, denen unsere Kultur und
G eschichte frem d sind, in absehbarer Zeit gelingen kann. Im
Ü brigen glaube ich nicht, dass es einen generellen Frem den­
hass in diesem Land gibt. Kroaten u nd Polen, Ukrainer und
Russen, die hier in nennensw erter A nzahl leben, haben zu ­
w eilen m it abschätzigen Reaktionen zu tun, doch nicht m it
einer Pogrom stim m ung - ganz zu schweigen von Japanern,
Italienern, Franzosen und vielen anderen Ausländern. A n ­
genom m en, Island m üsste wegen eines Vulkanausbruchs
evakuiert werden, und alle Isländer m üssten hier Unter­
kom m en - es wäre ein Problem, aber ein lösbares.

59
Seit jenem Herbst 2015, als Angela M erkel nicht nur ihr Herz,
sondern auch die deutschen Grenzen für Flüchtlinge öff­
nete, ist die Frage, was sie dazu bewog, Gegenstand zahlloser
Verm utungen geworden und m ittlerw eile auch ernsthafter
Bücher. Man muss aber die inneren Gründe nicht kennen,
um so viel über den äußeren A b lau f sagen zu können: Er
bestand, alles in allem, in einem völligen Versagen der m aß­
geblichen Institutionen - und am Ende in einem «Kontroll-
verlust», w ie auch verschiedene M edien ein Jahr danach
eingestanden, nachdem sie die Gegner der W illkom m ens­
kultur zunächst jener unw illkom m enen Spezies zugeordnet
hatten, die m it dem Titel «Rechtspopulisten» ausgesondert
wurde. Es gab damals, w ie m an sich erinnern wird, offizielle
Verlautbarungen der Regierung, die darauf hinausliefen, es
sei unm öglich, die Grenzen zu schließen, w eil es erstens dem
G ebot der H um anität w iderspreche und zw eitens zu spät sei.

In der Tat m usste m an sich fragen, ob das christliche Gebot


der Barm herzigkeit nicht dazu verpflichte, den Entrechte­
ten und Entw urzelten Aufnahm e zu gewähren. Die Vertreter
der Kirchen jedenfalls haben m ehrheitlich dazu aufgerufen.
Doch m uss ich a u f die notw endige U nterscheidung zw ischen
Politik und Moral aufm erksam m achen. Sich m oralisch zu
verhalten, ist zuallererst Sache des verantw ortlichen Sub­
jekts. Die Bedingungen dafür herzustellen, ist Sache der
Regierung, die selber, da sie bloß ein befristet zuständiges
K ollektiv ist, kein m oralisch handelndes Subjekt sein kann,
sondern bestenfalls diejenige Politik zu m achen im stande
ist, die m oralisches Handeln erm öglicht. In der H auptsache
jedoch ist eine dem okratisch gew ählte Regierung dazu da,
das A llgem einw ohl so w eit w ie m öglich zu fördern sowie ihr
Staatsvolk vor U nzuträglichkeiten und Gefahren zu sch üt­
zen. Sie ist nicht dazu da, alles Elend dieser Welt a u f Kosten

60
des Souveräns, dem sie Rechenschaft schuldet, zu lindern.
Zwar kann das eine Ziel - das innere Wohl - zuw eilen nur
erreicht werden, w enn m an das andere Ziel - das globale
Wohl - n icht aus dem Auge verliert, aber die Priorität des
Regierungshandelns hat unzw eifelhaft beim inneren Wohl
zu liegen.

Für das individuelle Verhalten gelten andere M aßstäbe. Als


Christ bin ich zur Barm herzigkeit gegen andere verpflichtet,
jedoch nur so w eit, als ich barm herzig sein kann, ohne mir
selbst und den m ir A nvertrauten zu schaden. M eine Reich­
weite, gleichgültig, w ie tatkräftig und verm ögend ich bin,
ist naturgem äß begrenzt, und folglich w erde ich zw ischen
«nahem und fernem Unglück»32 zu unterscheiden versu ­
chen, w obei «Nähe» natürlich nicht allein in Kilom etern zu
m essen ist. Als Christ w erde ich über das G ebot der N ächs­
tenliebe nachdenken und m ich fragen, wer denn, da ich ja
nicht schlechthin alle lieben kann, jeweils der Nächste ist.
Was das im Einzelfall bed eu tet und ob etw a der heilige M ar­
tin, dem nachgesagt wird, er habe m it dem Schwert seinen
M antel geteilt, um einen Frierenden zu wärm en, was w o ­
m öglich bed eu tet hat, dass er selber zu frieren begann, M aß­
stab eines solchen Handelns sein soll, ist eine Gew issens­
frage, die w ahrlich schwer zu entscheiden ist. Entscheiden
kann sie nur der Einzelne, n icht der Staat und letztlich auch
nich t die Kirche.

Das Problem verschärft sich durch die U niversalisierung


der Moral. Die «Entgrenzung» (Kielmansegg) betrifft ja nicht
allein solche Dinge w ie Freihandel oder Im m igration, son­
dern vor allem auch m eine m oralische Zuständigkeit. Jede
Plastiktüte, in die ich am G em üsestand unbedacht m eine
Cham pignons einfülle, ist eine Gefahr für die Weltmeere;

61
jedem Becher Milch, den ich sorglos trinke, sind die u m w elt­
schädlichen Verdauungsgase einer Kuh vorausgegangen;
jeder Atem zug, den ich unbew usst tue, verschlech tert die
Klim abilanz. An die Stelle des christlichen Gewissens, wo
ich allein m einem Gott Rechenschaft schuldig wäre, ist das
W eltgewissen getreten, dessen Kommissare niem anden da­
vonkom m en lassen. Ihre «kulturelle Hegemonie» kennt w e­
nig Nachsicht, in ihren Augen ist grundsätzlich jeder schul­
dig, allein schon dadurch, dass er lebt und sich verm ehrt.

Vor allem aber sind die Bewohner der w estlichen Zivilisa­


tion unw eigerlich an nahezu allem schuldig: an H unger und
Elend, an der Klim akatastrophe, an den Bürgerkriegen der
Dritten Welt, und die Stichw orte dazu lauten Kolonialismus,
Im perialism us, Kapitalism us. Diese Anschauung führt am
Ende zu einer Ü berdehnung der Moral und schließlich zu
einer M oralisierung der Politik: einer A rt W eltgewissen ver­
pflichtet, das es aber leider de facto nicht gibt. Dieses M iss­
verständnis von Politik führt dann beispielsweise zu dem
m erkw ürdigen Ergebnis, dass junge deutsche M änner unter
hohem Risiko an der Front in Afghanistan stehen, w ährend
junge afghanische M änner hierzulande in der Behörde a u f
die Bearbeitung ihres A sylersuchens warten.

Dass eine derart hochem pfindlich m oralisierte Politik in


einer Ü bersprunghandlung dazu gelangt, über N acht die
Grenzen zu öffnen, ist leicht zu verstehen. Der zw eite offi­
ziell genannte Grund dafür aber lautete, dass es praktisch
ganz unm öglich gewesen sei, sie zu schließen. Das tra f ve r­
m utlich zu, doch hätte die Entscheidung, den Strom der
Flüchtlinge unkontrolliert passieren zu lassen, in dieser
Form nicht fallen müssen, wäre zuvor richtig entschieden
oder überhaupt entschieden worden. Dass die für D eutsch­

62
land überaus bequem e Dublin-Regelung den M ittelm eer­
staaten im Ernstfall eine unzum utbare Last aufladen würde,
war bekannt. Dass H underttausende nur darauf warteten,
sich a u f den Weg zu m achen, w ussten die V erantwortlichen
schon Monate, w enn nicht Jahre vorher. Dass das Elend ge­
rade in den syrischen Flüchtlingslagern den Hungernden
kaum eine andere Wahl lassen würde, als ins Land der Satten
aufzubrechen, w ar auch nicht schwer vorherzusehen. Doch
hat die Bundesregierung nicht dafür gesorgt, dass die A u s­
gaben der UN für die Versorgung der Vertriebenen erhöht
w urden anstatt, wie geschehen, gekürzt. Sie hat die d eu t­
schen Behörden und D ienststellen keineswegs beizeiten
vorgew arnt und hinreichend m it Personal ausgestattet.

Infolgedessen gelangten nicht allein Asylberechtigte ins


Land, sondern auch A rm utsflüchtlinge und G lücksritter in
so großer Zahl, dass sie bis heute nicht vollständig registriert
w erden konnten. In jenem Septem ber 2015 hat der deutsche
Staat die Schutzfunktion für seine Bürger entw eder nicht
w ahrnehm en w ollen oder nicht können, was in jedem Fall
ein folgenreiches Versagen gewesen ist. Und aberm als muss
m an in Erinnerung rufen, dass unser A sylrecht ziem lich
genaue Feststellungen trifft, wer darauf einen Anspruch hat.
U nzw eifelhaft hatten und haben nicht wenige der dam als
Eingereisten diesen Anspruch nicht. Sie jetzt zurückzusch i­
cken, w irft gewaltige rechtliche und m oralische Problem e
auf.

A nstelle eines seinerzeit gebotenen vorausschauenden


Handelns kam von Angela M erkel bloß der berühm te Satz:
«Wir schaffen das!» Ihm war keineswegs zu entnehm en, dass
die Ö ffnung der Grenzen als «Ausnahme» gedacht war. Er
klang, als w ürde sie uns zurufen: «Fürchtet euch nicht, alles

63
w ird gut!» Und dann ging ein Foto von ihr um die Welt. Das
Selfie, aufgenom m en im Septem ber 2015 in einer Berliner
U nterkunft, zeigt sie lächelnd und Wange an Wange m it
einem Flüchtling. Wer jetzt noch daran zweifelte, dass h ier­
zulande die Verfolgten und Entrechteten allesam t w illkom ­
m en seien, dem war nicht zu helfen. Es kam hinzu, dass m an
sich von Experten der deutschen W irtschaft sagen lassen
m usste, D eutschland sei ein hoffnungslos überaltertes Land
und der Zustrom junger Kräfte höchst erwünscht. Die Frage
allerdings, was eine Industrie, die ihre Arbeitsvorgänge zu
autom atisieren bestrebt ist, m it u nausgebildeten Männern,
und seien sie noch so kräftig, anfangen solle, w urde anfangs
nur ganz leise beiseite gesprochen.

M ittlerw eile sieht m an das Elend derjenigen, die erfolglos


einen A rbeitsplatz suchen oder die bloß geduldet sind und
sich der Abschiebung zu entziehen trachten, deutlicher.
M ittlerw eile befinden w ir uns im Jahr 2017, und w ir haben
erlebt, wie die M edien in seltsam em G leichklang m it der
Regierungspolitik unter dem Eindruck der Ereignisse, vor
allem natürlich der diversen Terroranschläge, eine um ge­
kehrte Springprozession veranstaltet haben: einen Schritt
vor, zw ei zurück. Die W ahrnehm ung jedenfalls, die Politik
sei nicht Gestalterin der Vorgänge, sondern ihr Opfer, hat
sich seitdem dram atisch verstärkt und zw angsläufig dazu
geführt, dass außerparlam entarisch-oppositionelle Bestre­
bungen Z u lau f erhielten.
4

Islamkritik und M ultikulturalism us - Die


unzulässige Gleichsetzung von Bibel und Koran -

Konflikt der Kulturen

I m Rückblick au f das verw orrene Jahr 2015 fällt nicht


allein die heute w ie verschw unden w irkende W illkom ­
m enskultur auf, sondern auch die von den M edien gepflegte
Vorstellung, es tue diesem Land nur gut, w enn es sich von
seiner selbstgefälligen Engstirnigkeit befreie und so w e lt­
offen, so bu nt wie m öglich werde. Der dam als von einigen
Kritikern vorgebrachte Hinweis, die M ehrzahl der Zuw an­
derer entstam m e einer vorm odernen, einer antisäkularen
Kultur, die m it der unsrigen kaum vereinbar sei, erschien
den M einungsführern der M edien allein schon deshalb als
vollkom m en abwegig, weil es die Pegida-Dem onstranten ge­
wesen waren, die der Furcht vor einer Islam isierung ebenso
aggressiv w ie unbeholfen Ausdruck gegeben hatten. Man
hätte allerdings schon w eit früher - und nicht erst seit dem
A nschlag au f das World Trade Center im Septem ber 2001 -
erkennen können, dass der Islam nicht bloß eine Variante
der m onotheistischen Religionen ist, sondern, jedenfalls
in seiner heutigen kriegerischen Form, eine Gefahr für die
w estliche W elt bedeutet.

65
Dass dies der Fall sein könnte, däm m erte einigen (nicht sehr
vielen) am 14. Februar 1989, als der iranische schiitische A ya­
tollah Chom eini, der dam als in seinem Pariser Exil a u f die
M achtübernahm e wartete, zum Mord an dem indisch-briti-
schen Schriftsteller Salm an Rushdie aufrief. Die Fatwa rich ­
tete sich ebenso gegen jeden, der den inkrim inierten Roman
«Die satanischen Verse» übersetzte und verbreitete. 1991
wurde der italienische Ü bersetzer in seiner W ohnung über­
fallen, der japanische Ü bersetzer wurde erm ordet und der
norwegische Verleger durch Schüsse verletzt. Dem Verlag
Kiepenheuer & Witsch, der den Roman a u f Deutsch p u bli­
zieren wollte, erklärte das zuständige Landeskrim inalam t,
das Kölner Verlagsgebäude könne nicht geschützt werden.
Daraufhin w urde von m ehreren Verlegern der «Artikel 19
Verlag» gegründet, der die «Satanischen Verse», herausgege­
ben von m ehr als hundert Personen, darunter auch ich, im
Herbst 1989 veröffentlichte.

Das Recht allerdings, einen von m anchen M uslim en als


blasphem isch em pfundenen Roman zu schreiben und zu
publizieren, wurde selbst in der w estlichen W elt nicht von
allen anerkannt. Als die O rientalistin Annem arie Schim m el
1995 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt,
w urde sie in den «Tagesthemen» zum Fall Rushdie befragt,
und sie erklärte: «Eine M orddrohung ist natürlich im m er et­
was Grässliches. Aber ich glaube, auch hier ist vieles ü berzo­
gen. Wenn m an die M entalität kennt. Ich habe gesehen, wie
erwachsene M änner gew eint haben, als sie erfahren haben,
was in den Satan isch en Versen> steht. Und das ist auch m ei­
ner M einung nach eine üble Art, die Gefühle einer großen
M enge von Gläubigen zu verletzen. Das kann ich auch nicht
schätzen.»33Zuvor hatte der englische Schriftsteller Richard
W ebster sein Buch «Erben des Hasses» (1992) veröffentlicht,

66
w o er behauptete, in dem neuen Streit sei der alte Krieg
zw ischen Christentum und Islam w ieder ausgebrochen.
Zwei Fundam entalism en stünden einander gegenüber, der
Fundam entalism us einer theokratischen G läubigkeit im
Islam gegen den Fundam entalism us der M einungsfreiheit
im Westen, der sich rational gebe, in W ahrheit aber ein Re­
ligionsersatz sei.

Der Konservative w ird einräum en, dass Blasphem ie, der A n ­


griff a u f das Heilige, im m er eine ungute Sache ist. Zwar liegt
der Einwand nahe, dass Jesus oder M oham m ed nicht b elei­
digt w erden können, w eil sie über derlei M enschengem ein­
heit erhaben sind, doch w ird jeder Gläubige einen A ngriff
a u f seinen G ott in m ehr oder m inder starker Weise als einen
A n griff a u f sich selbst em pfinden. Ich erinnere m ich an die
Empörung, die M artin Scorsese 1988 m it seinem Film «Die
letzte Versuchung Christi» hervorgerufen hat. Dort w ird ein
Jesus gezeigt, der seiner Berufung unsicher ist und jenem
Zweifel unterliegt, der sich in den bei M arkus und M atthäus
überlieferten W orten äußert: «Mein Gott, m ein Gott, w ar­
um hast du m ich verlassen?» Bei Scorsese steigt Jesus vom
Kreuz herab und gründet m it Maria M agdalena eine Familie.
Zwar en thüllt sich diese Fahnenflucht am Ende des Films
als ein Traum, eben als letzte Versuchung, der Jesus dann
doch nicht nachgibt, aber die Bilder des liebenden Jesus m it
seinen irdischen Begierden erregten dam als einen Zorn, der
in einem Brandanschlag a u f ein französisches Kino gipfelte.
Man sieht daran, dass gew alttätige Reaktionen a u f Blasphe­
m ien keineswegs a u f M uslim e beschränkt sind. Allerdings
ist dies eine Ausnahm e geblieben. Christen w issen heute in
der Regel das hohe G ut der M einungs- und Kunstfreiheit zu
schätzen, und sie nehm en blasphem ische Entgleisungen als
deren Schattenseiten hin. Das hat m it G leichgültigkeit nicht

67
unbedingt etwas zu tun, sondern vor allem m it der Fähig­
keit, zw ischen unterschiedlichen Sphären zu unterscheiden,
zw ischen der Sphäre des persönlichen Glaubens und der
des Öffentlichen.

Diese Erfahrung und die dam it gegebenen Fähigkeiten


scheinen M uslim en allzu oft nicht gegeben. Heute w eiß
man, dass Chom einis M ordaufruf nur der Vorbote eines
neuen heiligen Krieges war, der bis nach N ew York, Madrid,
London, Paris, Brüssel, N izza und Berlin vorgedrungen ist,
eines Krieges, der zahllose Todesopfer gefordert und einen
anhaltenden Schrecken verbreitet hat und im m er m ehr ver­
breitet. Heute ist die Zahl derer, die regelm äßig behaupten,
die Anschläge hätten m it dem Islam überhaupt nichts zu
tun, sie würden lediglich vo n irregeleiteten Fanatikern ver­
übt, die sich zu Unrecht a u f den Koran beriefen, geringer
geworden. Ebenfalls ist die Kritik der Islam kritik, die bis vor
kurzem j eden Verteidiger w estlicher W erte m it dem Vorw urf
der Islam ophobie, einer gehobenen Variante der Ausländer­
feindlichkeit, ereilte, kleinlaut geworden. Das bedeutet kei­
neswegs, dass die M ultikulturalisten aufgegeben hätten. In
den Parteien und den tonangebenden M edien sind sie w ei­
ter fleißig am Werk. Sie neigen zum freundlichen Verstehen
m uslim ischer Em pfindlichkeiten und zu reum ütiger Selbst­
kritik abendländischer Geschichte, für die ja sie eigentlich
nichts können - so wie ja auch die heutigen M uslim e für
die Eroberungskriege M oham m eds und seiner Nachfahren
nichts können. Mit dem U nterschied freilich, dass aus der
schlussendlichen Niederlage der m uslim ischen Kultur für
ihre kriegerischen Verteidiger die Aufgabe folgt, sie endlich
in einen Sieg um zuwandeln.

68
Die K ulturrelativisten folgen, um es a u f den fun dam en­
talen Punkt zu bringen, einer vereinfachten Version der Les-
sing’schen Ringparabel: Die Sonne der Aufklärung strahlt
in der Mitte, und die Trabanten der m onotheistischen Reli­
gionen um kreisen sie in ähnlichem Abstand. Dass der Islam
von dieser Sonne etwas w eiter entfernt ist, führt sie zu der
Forderung, er m öge rasch die Aufklärung nachholen. U n­
ausgesprochen hegen sie den Gedanken, ein aufgeklärter
Islam w ürde ähnlich w eich u nd kom patibel werden w ie das
in seine Bequem lichkeit verliebte deutsche Christentum ,
das den Kern der Botschaft seinen Bedürfnissen längst an­
gepasst hat. Allerdings können auch die K ulturrelativisten
die hässliche Seite des Islams nicht leugnen, und deshalb
beeilen sie sich, sobald sie unübersehbar wird, die häss­
liche Seite des Christentum s hervorzuheben, dergestalt,
als w ollte m an jem anden, der über seinen grippalen Infekt
klagt, dam it trösten, dass m an von dem eigenen, erst u n ­
längst überstandenen erzählt. Die islam ischen Eroberungs­
kriege, die keinen U ngläubigen am Leben ließen - waren
die Kreuzzüge viel besser? Der intellektuelle und w issen­
schaftliche Rückstand des Islam - verdankt die abendlän­
dische Kultur ihre Entstehung nicht auch jenen M uslim en,
die das griechische Denken (Aristoteles!) ins verküm m erte
Europa gebracht haben? Der Terror der Islam isten gegen die
eigenen Glaubensbrüder - erlebten die Christen in Zeiten
der Inquisition nicht ähnlich Furchtbares?

Kaum eine dieser Erzählungen hält strenger historischer


Ü berprüfung stand. Sie bestätigen allerdings die größte
Tugend abendländischer Kultur: ihre Fähigkeit zur Selbst­
kritik, ihre geradezu leidenschaftliche Zerknirschungslust
im Nam en einer größeren Idee, des w ahren Christentum s
zunächst und später der w ahren Aufklärung. Nur so war

69
Europa im stande, Anregungen frem der Kulturen m it räu be­
rischer Inbrunst aufzugreifen und für den eigenen Aufstieg
zu nutzen. Die Verneigung vor dem O rient geht zurück auf
das 18. Jahrhundert, als sich die Kritik an der antiaufkläre­
rischen Kirche aus dem Gegenbild eines grandiosen und
toleranten Islams speiste, und sie fand im 19. Jahrhundert
ihren vorläufigen H öhepunkt. M an erinnere sich an die Ori-
ent-M ode in M alerei und Kunsthandwerk, an die M ärchen
(etwa W ilhelm Hauffs «Kalif Storch») oder an Goethes «West­
östlichen Divan». Goethe jedoch w ar nüchtern genug, um
zu erkennen, dass die Kreuzzüge dazu beigetragen haben,
die abendländische Kultur gegen die m uslim ischen Feld­
züge zu verteidigen: «Indessen bleiben wir allen aufgeregten
Wall- und Kreuzfahrern zu Dank verpflichtet, da wir ihrem
religiösen Enthusiasmus, ihrem kräftigen, unerm üdlichen
W iderstreit gegen östliches Zudringen doch eigentlich Be-
schützung und Erhaltung der gebildeten europäischen Z u ­
stände schuldig geworden.»34 Der Kosm opolit Goethe war
kein Kulturrelativist. Einer Kirche gehörte er nicht an, aber
er w usste die «gebildeten europäischen Zustände», deren
w ir uns allm ählich w ieder bew usst werden sollten, durch­
aus zu schätzen.

Im Streit über den Zusam m enhang von M onotheism us und


Gew alt w eisen die K ulturrelativisten gerne a u f die kriegeri­
schen Aussagen im A lten Testam ent hin. Davon gibt es in der
Tat nicht wenige, doch sind sie in der Regel nichts anderes
als die m ythische Ü berhöhung jenes göttlichen Beistandes,
der es - jüdischer Ü berzeugung zufolge - dem Volk Israels
in einer konkreten historischen Situation erm öglicht hat,
den eigenen M onotheism us gegen feindliche Polytheism en
zu verteidigen. N eben den Aufrufen zur Vernichtung des
Feindes findet m an auch ganz andere gegensätzliche. Ich

70
erwähne nur das 3. Buch Mose (Levitikus), wo sich (19,18) der
berühm te Vers findet: «Du sollst deinen N ächsten lieben w ie
dich selbst. Ich bin der Herr.» Jedenfalls sind die kriegeri­
schen G eschichtsbücher des A lten Testam ents Zeugnisse ei­
ner historischen Situation, die von Drangsal und Verfolgung
bestim m t war. Das A lte Testam ent begründete keine über
den konkreten Anlass hinaus gültige H andlungsanweisung
zur Ermordung von Andersgläubigen und das Neue Testa­
m ent erst recht nicht. Dass Christen gegen das Liebesgebot
oftm als eklatant verstoßen haben, ist unbestreitbar. Es ge­
hört zu den finsteren Seiten des christlichen Abendlandes.

Zugleich liegt die besondere Stärke des Christentum s darin,


dass es sich - anders als der Islam - nicht a u f einen einzigen
grundgesetzlichen Text beruft, sondern a u f eine Vielzahl
höchst unterschiedlicher Texte. Sie geben keine strikte Linie
vor, sie eröffnen einen Raum des suchenden Verstehens, der
im V erlauf der Kirchengeschichte im m er w ieder bis an den
Rand des Zuträglichen erkundet wurde. Niem als jedoch gab
es die Vorstellung, Gott belohne einen Selbstm ordatten­
täter, der U ngläubige um bringe. Die christlichen M ärtyrer
w urden dafür verehrt, dass sie ihrem Glauben treu blieben,
nicht dafür, dass sie andere m it in den Tod gerissen hätten.
Wenn m an die m achtpolitischen Entgleisungen der Chris­
tenheit dagegenhält, so gibt es keinen Zweifel daran, dass sie
der Lehre zutiefst widersprechen. Die Christen selbst haben
sich im m er w ieder dagegen em pört, und die furchtbaren
M issionierungskriege haben eine harsche innerchristliche
Kritik erfahren. Berühm tes Beispiel dafür ist der Bischof
Bartolom e de Las Casas, der seine Stim m e gegen den Völ­
kerm ord an den Indios erhoben hat, was m an in Reinhold
Schneiders großer Erzählung «Las Casas vor Karl V.» (1938)
nachlesen kann.

71
Den K ulturrelativisten erschien die m uslim ische Einwan­
derung nach W esteuropa eine Weile lang als belebendes, die
hiesigen Verhältnisse angenehm aufm ischendes Element.
M ultikulturelle Welt! Endlich Schluss m it dem dum pfen
Teutonentum ! Dass dies ein Irrtum war, dringt allm ählich
sogar in die Köpfe der Appeasem ent-Ideologen. Wer vor
einer Islam isierung w arnen und nicht islam ophob oder gar
rassistisch genannt w erden m öchte, tu t gut daran, M ichel
H ouellebecq zu heißen, der in seinem ebenso scharfsinni­
gen w ie prophetischen Roman «Die Unterwerfung» das sati­
rische Schreckensbild eines christlichen Abendlandes en t­
worfen hat, das an sich selber längst nicht m ehr glaubt und
sich einer neuen theokratischen O rdnung w illfährig fügt. Er
kann auch A lain Finkielkraut heißen. Der französische In­
tellektu elle hat in einem G espräch m it der «Zeit» gesagt, die
Deutschen lebten in einem im aginären Europa des ewigen
Friedens. «Aber w ie schon der französische Philosoph Julien
Freund, der M itglied der Resistance war, gesagt hat: N icht
w ir bestim m en unseren Feind. Es ist der Feind, der uns b e ­
stimmt.» Und dieser Feind, so Finkielkraut, sei der radikale
Islam im eigenen Land.35 M an m uss zum Verständnis h in ­
zufügen, dass die französische Erfahrung m it m uslim ischen
Bürgern - ein Resultat der Kolonialzeit - erheblich älter ist
als die deutsche, und diese Erfahrung ist insofern lehrreich,
als die zuständigen Adm inistrationen es keineswegs ver­
säum t haben, den Im m igranten m it sozialen Hilfen und
kulturellen A ngeboten (Schulen, Bibliotheken etc.) beiseite­
zustehen. Das Ergebnis ist, wie m an weiß, desaströs.

Deshalb ist eine willenlose, die eigene Tradition m issach­


tende N achgiebigkeit zum Scheitern verurteilt. Entweder
w ir berufen uns a u f unser H erkom m en (das, ob m an w ill
oder nicht, abendländisch ist), oder wir folgen einem Kul­

72
turrelativism us, dessen einziges Credo ein Anpassungsden­
ken ist, w ie w ir es von jenem global agierenden Kapitalism us
kennen, dem alles gleich gültig ist, sofern nur profitabel.
Dieser Zynism us w ird uns nich t retten. Die Vorstellung, die
m onotheistischen Religionen seien einander im W esentli­
chen ähnlich, es em pfehle sich also, von beiden M issgebur­
ten Abstand zu halten, führt in die Irre. Es ist kein geringer
U nterschied, dass die eine Religion vo n einem gekreuzig­
ten W anderprediger gegründet w urde und die andere von
einem kriegführenden Kaufmann.

Nein, die Christen sind nicht die besseren M enschen. Sie


haben die Botschaft des Jesus von N azareth oftm als aufs
schlim m ste verletzt, und sie tun das bis heute. Warum? Hat
der Großinquisitor in Dostojewskis berühm ter Legende aus
den «Brüdern Karamasow» recht, der Jesus vorw irft, er habe
nicht erkannt, w ie schwach der M ensch sei und w ie schwer
es ihm falle, dem Liebesgebot zu folgen? Jedenfalls steht
fest, dass der Anspruch, den die Evangelien verkünden, die
m eisten M enschen überfordert. Zugleich jedoch bieten sie
einen einzigartigen Trost. Der O pfertod Jesu ist revolutionär,
w eil er das Prinzip der Vergeltung aufhebt. A nstatt andere
für die eigenen Interessen zu opfern, was unter M enschen
nicht selten ist, opfert sich der Gottessohn im Interesse der
M enschen, um dem ew igen Zyklus der Gew alt ein Ende zu
m achen. Diese Theologie ist so groß, dass ich sie kaum zu
fassen verm ag. In ihrem Licht erscheinen die von Christen
begangenen U ntaten als besonders verw erflich. Und des­
halb hat es auch keinen Sinn, die Bibel gegen den Koran in
Stellung zu bringen und einen interpretatorischen W ett­
kam p f um das Ausm aß der Friedfertigkeit zu beginnen. Wie
der Koran zu interpretieren sei, dies zu entscheiden ist letzt­
lich Sache der M uslim e. Eine Versöhnung m it dem radikalen

73
Islam ist nicht m öglich, eine Versöhnung m it den m odera­
ten M uslim en nicht notwendig. Denn diese leben hier, sind
Bürger des Landes, und ihre religiösen Ü berzeugungen sind
Privatsache, solange sie sich den Gesetzen fügen und den
hiesigen Um gangsform en nicht gröblich widersprechen. Zu
diesen Um gangsform en gehören auch die Rechte der Frau.
Und so w ie sich das Frauenbild des Christentum s allm ählich
gew andelt hat, so wird sich auch das Frauenbild des Islams
w andeln m üssen. Dass die Aussichten dafür gut sind, b e­
zw eifle ich.

Benedikt XVI. hat in seiner Regensburger Rede (2006) a u f


den engen Zusam m enhang von griechischer Philosophie
und christlichem Glauben aufm erksam gem acht und darauf
hingewiesen, «dass das Christentum trotz seines Ursprungs
und w ichtiger Entfaltungen im O rient schließlich seine ge­
schichtlich entscheidende Prägung in Europa gefunden hat.
Wir können auch um gekehrt sagen: Diese Begegnung, zu der
dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen
und bleibt die Grundlage dessen, was m an m it Recht Europa
nennen kann.»36 Wenn diese Beschreibung zutrifft - und da­
von bin ich überzeugt - , so bed eu tet es, dass die Differenz
zw ischen Orient und O kzident nicht historisch erledigt und
längst überholt ist, sondern noch immer, und leider im m er
stärker, ihre W irkung entfaltet.

Der am erikanische Politologe Benjam in R. Barber hat schon


1995 in seinem Werk «Jihad vs. McWorld» den Konflikt zw i­
schen beiden Kulturen vorausgesehen. Die Geschichte, so
lautet sein erster Satz, sei keineswegs zu Ende, und dam it
w endet er sich gegen das drei Jahre zuvor erschienene Buch
von Francis Fukuyam a «Das Ende der Geschichte», wo dieser
behauptet hatte, die Zeit der großen Ideologien sei vorüber.

74
Nein, sagt Barber, w ir seien im Gegenteil aufs Neue an den
ew igen Gegensatz von Rasse und Seele («race and soul»)
gefesselt, w ie W illiam Butler Yeats ihn bezeichnet habe: die
Idee der Rasse, die a u f alte Stam m esgeschichten zu rü ck­
gehe, und die Idee der Seele, die eine kosm opolitische Z u ­
kunft anziele.37 Und Barber übersetzt diese O pposition in
die m etaphorischen Begriffe, die den Titel seines Buchs aus­
m achen: «Jihad» (ich fasse den Gedanken in m einen Worten
zusam m en) bezeichnet die Rückkehr zur archaischen Kul­
tur religiös oder ideologisch hom ogener Gesellschaften,
während «McWorld» eine W eltgesellschaft m eint, die aber
nicht a u f freiwilligem Zusam m enschluss beruht, sondern
au f der M acht der global operierenden Konzerne.

Benjam in Barber beschrieb den dram atischen Konflikt


zw ischen «alter» und «neuer» Welt, als die Schatten der isla-
m istischen Gew alt noch nicht in derselben Weise sichtbar
waren w ie heute. Ich w ill au f die zahlreichen Versuche, diese
neue Verschärfung eines letztlich alten Konflikts begrifflich
zu fassen, nicht näher eingehen (darunter Sam uel H unting­
tons Studie «The Clash o f Civilizations and the Rem aking o f
World Order» von 1996), sondern zu der Frage nach dem Eige­
nen und dem Fremden zurückkehren. Die historische Er­
fahrung zeigt: Wer sich des Eigenen sicher ist, muss es nicht
näher bestim m en, er kann selbstbew usst au f das Nicht-Ei-
gene und Fremde zugehen.

Doch die Zeiten sind nicht danach. Das Eigene ist fraglich
geworden, und was einst norm al war, ist es längst nicht
mehr. Es heißt im konkreten Fall, dass die A nsiedelung einer
gewaltigen Zahl von M igranten aus dem m uslim ischen Kul­
turkreis kein geringes Risiko bedeutet. Die Zuwanderung
infolge der Flüchtlingswelle des Jahres 2015 sowie der folgen­

75
den Jahre w ird das Problem verschärfen. Ob es gelöst w er­
den wird, können wir jetzt noch nicht wissen. Unsere N ach­
kom m en w erden es erleben. Und sie w erden gezw ungen
sein, sich des Eigenen erneut zu vergewissern, also dessen,
w oher sie kom m en und w ofür sie stehen.

Ich bin davon überzeugt, dass sich der m ultikulturalistische


Traum vom Weltbürger, dem nichts frem d und der überall
zu Hause wäre, nicht so bald erfüllen wird. «Erstens: Erkenne
die Lage. Zweitens: Rechne m it deinen Defekten, gehe von
deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen», hat G ott­
fried Benn gesagt38. Mir scheint, dieser Ratschlag sollte je­
nen zu denken geben, die allzeit bereit sind, den deutschen
Stam m tisch eines Besseren zu belehren. W oher eigentlich
stam m t die Verachtung des Stam m tischs? Es sollte klar
sein, dass dieser Stam m tisch nicht allein in den Bierkneipen
steht, «wo die sitzen, die im m er hier sitzen», sondern auch
in den Zentralen der etablierten Parteien sam t angeschlos­
sener Bar.
5

D ie Ideologie der M achbarkeit - D ie ersten und die


letzten Dinge: Sterbehilfe und Reproduktionsmedizin -

D ie Revolte gegen die Genealogie

er Konservatism us, den ich m eine, ist von Behutsam ­


D keit und Selbstbeschränkung bestim m t. Ich glaube,
dass der M ensch nicht gut daran täte, Gott sein zu wollen.
Ich glaube nicht an die Verheißungen der post- oder trans­
hum anistischen Ideologien. Voller M isstrauen beobachte
ich die biom edizinischen Experim ente. Die Fortschritte, die
sie augenscheinlich m achen, sind kein Fortschritt, sondern
sie entfrem den uns den natürlichen Grundlagen unseres
Daseins.

N un ist die Frage, was denn zur Natur des M enschen gehöre,
durchaus strittig, sie unterliegt dem historischen Wandel,
und es ist wahr, dass w ir heute anders darüber denken als u n ­
sere Vorfahren. Wir halten es zum Beispiel für unsere Pflicht,
das Leiden und Sterben der N ächsten nicht als Schick­
sal hinzunehm en, sondern es m it den M itteln, die uns in
w achsendem Ausm aß zur Verfügung stehen, zu lindern, zu
bekäm pfen. A n die Stelle des «therapeutischen Nihilismus»,
den der am erikanische H istoriker W illiam M. Johnston in

77
der österreichischen G eistesgeschichte des 19. Jahrhunderts
beobachtet und beschrieben h a t40, ist heute ein therapeu ­
tischer Interventionism us getreten, der einer im m anenten
Logik folgt und dazu neigt, die Grenzen des ethisch Vertret­
baren ständig zu erweitern.

Die im m erzu w iederkehrende Debatte über die Sterbehilfe


zeigt das Problem. Infolge der besseren Lebensbedingungen
und eben auch der gesteigerten m edizinischen M öglichkei­
ten hat die Lebenserwartung zugenom m en. Die Frage, w ie
und ob m an Schwerkranken ihren m öglicherw eise geäußer­
ten Sterbew unsch erfüllen soll, w ird im m er dringlicher. Da­
bei ist klar, dass allein der W unsch des Patienten gelten d arf
und nicht etw a der etw elcher Angehörigen. G ibt der Kranke
d eutlich zu verstehen, dass er sterben will, so handelt es sich
um einen Suizid, den er aus eigenen Kräften nicht vollziehen
kann. Der Arzt, der ihm das tödliche Getränk a u f den N acht­
tisch stellt, kom m t in einen Konflikt: Zwar begeht er keine
Straftat, denn Suizid ist nicht verboten und som it nach
herrschender Rechtsauffassung auch die Beihilfe nich t -
u nter der Bedingung freilich, dass der Kranke sich die letale
Dosis selber zuführe. W enn der A rzt sie ihm reicht, verstößt
er gegen standesrechtliche Bestim m ungen, die in m anchen
Bundesländern gelten, in anderen, etw a in Bayern, nicht.

Diese unklare Rechtslage zu klären ist Ziel der Befürworter


einer erleichterten Sterbehilfe. Doch sollte m an sich nichts
vorm achen: Klarheit kann es deshalb nicht geben, w eil die
Erfahrung des Todes nicht m itteilbar ist. Wir Lebenden w is­
sen nichts über die W ahrheit der letzten Sekunde. Der u n ­
w iderrufliche Schritt a u f die andere Seite en tzieht sich einer
sauberen rechtsförm igen Regelung.

78
Die Freunde einer erleichterten Sterbehilfe argum entieren
m it dem Recht a u f Selbstbestim m ung. Worin aber besteht
die A utonom ie eines von Schm erzen und Ängsten gepei­
nigten Kranken? Der vielleich t (und solche Fälle gibt es
nicht selten) w ie durch ein W under gesundet? Und geriete
er nicht, w enn eine Liberalisierung den assistierten Suizid
oder gar die Tötung a u f Verlangen zur selbstverständlichen
O ption m achte, unter den Druck einer Erwartung - der
eigenen oder jener der Angehörigen? W ürde er sich nicht
fragen müssen: D arf ich m ein prekäres, hilfsbedürftiges, of­
fenbar m oribundes Dasein den M itm enschen (den Ärzten,
den Erben) noch länger zum uten? Und daraus folgt die all­
gem einere Frage: Verw irklicht der M ensch im Suizid seine
Freiheit - oder verw irkt er sie nicht für immer?

Das Wort Selbstm ord ist verpönt, lieber spricht m an von


Freitod und verneigt sich vo r jenen, die ihn wählen. Der Sui­
zid nam hafter Zeitgenossen findet öffentlichen Beifall, m an
nennt sie gerne tapfer oder m utig. Der Konservative wird
sich dem nicht anschließen können. Eher findet er bei dem
Schriftsteller Reinhold Schneider Beistand, der in seiner
1947 erschienenen Schrift «Über den Selbstmord» gesagt hat:
«Der Selbstm ord - scheinbar das persönlichste, nur gegen
das Ich gerichtete Vergehen - ist in W ahrheit nicht a u f das
Ich beschränkt. A lles Leben ist eins; der sein eigenes Leben
n ich t achtet, verletzt das Leben ü berhaupt und em pört sich
gegen Den, der alles Leben gegeben hat. Der Selbstm örder
trägt etwas Entsetzliches in die Welt, etwas, das nicht in ihr
sein soll und das ihre O rdnung bedroht. Der einzelne Le­
bende hat nicht das Recht, auch nicht um den Preis seines
Blutes, die Bindung aufzuheben, die alles Leben eint. Seine
Haltung, sein Denken haben etwas Zerrüttendes. Niem and
wird schuldig an sich allein, w eder in diesem noch in irgend­

79
einem anderen Sinne. Denn das Gesetz der Ordnung, der
Erhaltung, Verwaltung ist Allen gegeben: darum frevelt
ein jeder, der dieses Gesetz verletzt, an Allen.»41 Es liegt a u f
der Hand, dass die Position des Katholiken Schneider nicht
allen gegenwärtigen Christen schm eckt, ganz zu schweigen
von den N ichtchristen. A ber ich rede ja nicht von üblichen
konsensfähigen Ü berzeugungen, sondern vo n jenen konser­
vativen, die Gehör verdienen.

U nzw eifelhaft ist die Frage nach den letzten Dingen die
allerschw ierigste, und verm u tlich haben die Entscheidun­
gen, die hier zu treffen sind, ebenso viel m it W issen w ie m it
Glauben zu tun. Dies nun gilt für die Frage nach den ersten
Dingen, also für Zeugung und Geburt, nicht in derselben
Weise. Hier ist die Frage, was denn «natürlich» sei, leichter
zu beantw orten. Zu dem «Natürlichen», dass näm lich M ann
und Frau ein Kind zeugen, gesellt sich das «Kultürliche», was
nicht allein in unseren Breiten Ehe und Familie bedeutet.
So hat es ja offensichtlich auch das Grundgesetz gem eint,
das in A rtikel 6, Absatz l feststellt: «Ehe und Familie stehen
unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung»,
und in Absatz 2 hinzufügt: «Pflege und Erziehung der Kin­
der sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst
ihnen obliegende Pflicht.» Es fällt auf, dass die Grundge­
setzväter (es waren in der Tat w eitgehend Väter, unter den
65 M itgliedern des Parlam entarischen Rates befanden sich
lediglich vier Frauen) ganz selbstverständlich den Begriff
des «natürlichen Rechts» verw enden. Es kam ihnen nicht
in den Sinn, die Fam iliengründung von G leichgeschlecht­
lichen als einen Fall «natürlichen Rechts» zu betrachten.
Eben die Bedeutung der N achkom m enschaft ist es ja, die
den Staat fast überall dazu veranlasst, die Ehe nicht allein
m ittels unterschiedlicher M aßnahm en zu fördern, sondern

80
auch die Eheschließung als hoheitlichen A kt zu betrachten,
für dessen A b lau f und Eintragung Standesbeam te zuständig
sind. Der Staat m üsste a u f diese Form alitäten keinen Wert
legen, wären sie für das Fortbestehen der Gesellschaft nicht
essentiell. N un liegt der Gedanke nahe, dass sich in den fast
siebzig Jahren seit der Verabschiedung des Grundgesetzes
die m oralischen Vorstellungen m ehrheitlich derart v e r­
ändert hätten, dass die traditionelle D efinition von Ehe und
Familie geöffnet w erden müsse.

Ist der Einwand triftig? In den Augen eines Konservativen


bleibt die Frage m it etwas U ngeklärtem verbunden. Zwar
begrüße ich die weitgehende, jedenfalls rechtsförm ige A k ­
zeptanz gleichgeschlechtlicher Lebensformen, und ich b e­
grüße es, dass sie in der M itte der Gesellschaft in der Regel als
selbstverständlich angesehen w erden - w obei bekannt ist,
dass etw a die m uslim ischen Einwanderer zum eist anders
darüber denken. Auch w ill ich das Recht aller M enschen,
egal w elch sexueller Präferenz, sich einander in förm licher
Weise zu verbinden, nicht bestreiten. Es ist gut, Rechtsfor­
m en w ählen zu können, die eine dauerhafte tiefe Verbun­
denheit ausdrücken, die Fragen der Fürsorge im Notfall re­
geln und die das Erb- und Steuerrecht ähnlich gestalten w ie
in der traditionellen Ehe. Dass auch hom osexuelle Paare sol­
che Vorzüge in Anspruch nehm en können, bed eu tet einen
zivilisatorischen Fortschritt.

Unabhängig davon aber bleibt auch im alltäglichen Ver­


ständnis die H ochzeit ein großes Ereignis, das m einer Be­
obachtung nach derzeit aufwendiger und feierlicher began­
gen w ird als noch vor Jahren. Dass die H ochzeit (der auch
w ieder öfter eine m ehr oder m inder förm liche Verlobung
vorausgeht) eine solche Bedeutung zurückgew onnen hat,

81
hängt zw eifellos m it der stillen Verheißung zusam m en, es
w ürden Kinder daraus hervorgehen. Diese Hoffnung muss
einer alternden, zusehends fragm entierten Gesellschaft in
besonderer und vielleich t auch sentim entaler Weise ent-
gegenkom m en. Die Tatsache jedenfalls, dass diese ehrw ür­
dige Idee in der Vergangenheit oft genug verletzt worden
ist, dass ihre Ü berzeugungskraft in der jüngeren Geschichte
nachgelassen hat, bed eu tet keinen Einwand gegen sie.
Ideen haben es an sich, dass sie selten in reiner Form reali­
siert werden.

Ihre besondere Bedeutung gew innt die Ehe dadurch, dass


sie m it dem Gedanken der Familie verbunden ist. Und Fami­
lie heißt N achkom m enschaft, Erziehung, Traditionsbildung.
Auch hier w ieder ist einzuräum en, dass diese Vorstellung in
den Augen vieler Zeitgenossen fraglich geworden ist. Ehe­
scheidungen, Patchwork-Fam ilien und A lleinerziehende
sind keineswegs m ehr die Ausnahm e. Und doch sehe ich,
w ie die jüngere Generation diesem Ideal unentm utigt nach­
strebt. Es m ag eine M inderheit sein, die m ir vor Augen steht,
aber es gibt sie. Und ihre Sehnsüchte sind ein Zeichen dafür,
dass die M acht des Faktischen fortw irkende Traditionsbil­
der nicht gänzlich zu zerstören verm ag.

Die Ehe bedeutet einen aus dem w eiten Feld m öglicher


Selbstverw irklichungen herausgehobenen Stand. Was nun
spräche dagegen, dieses Prädikat auch gleichgeschlechtli­
chen Partnern zuzubilligen, einschließlich eines Adoptions­
rechts, das dem der heterosexuellen Paare gleichkom m t? Es
spricht nichts dagegen außer einem Gefühl. Dieses Gefühl
sagt mir, dass es nicht gut wäre, eine Institution, die seit
M enschengedenken für die rechtsförm ige Verbindung von
Mann und Frau und für die Legitim ierung ihrer N achkom ­

82
m en gedacht war und im m er noch ist, dadurch zu öffnen,
dass m an eine «Ehe für alle» erm öglicht.

Und gleichzeitig sehe ich ein, dass der Hinweis a u f Tradition


und H erkom m en kein starkes A rgum ent ist. Traditionen
ändern sich, und zuw eilen m uss m an ihnen widersprechen.
So m ag es also sein, dass die Ö ffnung der klassischen Ehe
unverm eidlich und sinnvoll ist. Und sicherlich hat es auch
m it m einer katholischen Erziehung zu tun, dass ich dam it
m eine Problem e habe. Doch zählen diese Problem e m ög­
licherw eise weniger als der W unsch hom osexueller Paare,
ebensolche Rechte zu haben w ie heterosexuelle.

Zu den Anhängern einer «Ehe für alle» zählen übrigens auch


die Verfechter der «Polyamorie», einer angeblich neuen Form
der freien Liebe, die sexuelle A utonom ie erstrebt. Die Poly-
am oristen verlangen die Legalisierung der M ehrfachehe
(der sim ultanen wohlgem erkt), w obei ich m ich frage, w arum
alle im m erzu gleich heiraten wollen. Als wäre die Ehe ein
Bonus, den m an sich nicht entgehen lassen sollte.

Ein anderer Einwand gegen das M onopol der klassischen


Ehe allerdings liegt a u f der Hand: dass sich näm lich der G e­
danke der Nachkom m enschaft von seinen altertüm lich b io­
logischen Voraussetzungen längst befreit habe. Die Vorstel­
lung, dass Zuneigung, Sexualität und Zeugung m iteinander
notw endig zusam m enhingen, sei ebenso obsolet w ie der
Gedanke, nur a u f herköm m lichem Weg zur W elt gebrachte
Nachkom m en seien akzeptabel. In der Tat erm öglichen m o­
derne Reproduktionstechniken nahezu alle denkbaren und
auch undenkbaren Variationen. N icht allein der Fluch der
U nfruchtbarkeit, der kinderlose Paare heim suchen kann
und der in früherer Zeit zu m agischen Praktiken führte,

83
deren Echo noch in den M ärchen nachzulesen ist, verliert
an Bedeutung. Auch die biologisch nicht vorgesehene Fort­
pflanzung gleichgeschlechtlicher Partner ist längst m achbar
geworden. Was nichts anderes bed eu tet als einen w eiteren
Schritt a u f dem Weg der Abtrennung des M enschen vo n sei­
ner kreatürlichen Basis. Die N utznießer dieses Fortschritts
w erden ihn zw eifellos begrüßen, doch ob er dem G em ein­
w ohl dient, ist fraglich. Der Konservative jedenfalls wird
daran zweifeln. Er findet es nach w ie vor wünschensw ert,
dass Kinder einen Vater und eine M utter haben.

Erst allm ählich begreifen w ir die Revolution, die uns durch


die fortgeschrittene und im m er w eiter fortschreitende Re­
produktionsm edizin blüht. Sie kann M enschen m achen.
Das hat zw ei Folgen, deren Tragweite noch nicht hinrei­
chend bedacht w orden ist. Die erste Folge ist die Eugenik.
Die W elt des M ächens unterliegt dem Gesetz der Steigerung
und der Verbesserung. Wer M enschen m acht, w ill sie opti­
m al m achen. Die zw eite Folge ist die M ultiplizierung und
som it die Aufhebung konventioneller Abstam m ung. A h ­
nentafeln, wie w ir sie aus G eschichtsbüchern kennen, wird
es für künftige G eschlechter nicht m ehr geben, w eil es das
A bstam m ungssystem «Geschlecht» nicht m ehr geben wird.
A llein in Deutschland entstehen a u f künstlichem Weg pro
Jahr etw a zehntausend Kinder, deren biologische H erkunft
allzu oft nicht klar ist. Die genealogische Ordnung, die eine
kulturelle Leistung ersten Ranges darstellt, scheint an ihr
Ende gekom m en.

In seinem gründlichen, w enngleich von einem schlichten


Fortschrittsoptim ism us erfüllten Buch «Kinder m achen»43
schildert der W issenschaftsjournalist Andreas Bernard die
Arbeitsw eise der Sam enbanken. Natürlich m öchte m an gute

84
Sperm ien. Man w ählt aus der erstaunlich großen Menge der
Spendew illigen diejenigen aus, die gut aussehen, groß sind,
zum eist ethnisch w eiß und die einen seriösen, m öglichst
akadem ischen H intergrund haben. Liest m an Bernards
Darstellung, so w undert m an sich über die H em dsärm elig­
keit vieler Reproduktionsm ediziner. Jedenfalls herrschte
sie zu Beginn, als m an froh war, die In-vitro-Fertilisation
(IVF) halbwegs im G riff zu haben. N och ist m an nicht so weit,
die Q ualität des einzelnen Sperm ium s genau bestim m en
zu können. Es kann passieren, dass der potent wirkende
Sam en eines N obelpreiskandidaten zufällig ein dum m er Sa­
m en ist. Die erwartbare Q ualität beruht lediglich a u f einer
statistischen W ahrscheinlichkeit. Man kann jedoch sicher
sein, dass die Technik w eiter voranschreitet. Die Selektion,
die bei der Züchtung von Rennpferden oder M ilchkühen
schöne Erfolge zeitigt, w ird verm u tlich auch beim M en­
schen gelingen.

In seiner sogenannten Elmauer Rede (1999) hat der Philo­


soph Peter Sloterdijk g esa gt:«... ob eine künftige Anthropo-
technologie bis zu einer expliziten M erkm alsplanung v o r­
dringt; ob die M enschheit gattungsw eit eine U m stellung
vom Geburtenfatalism us zur optionalen G eburt und zur
pränatalen Selektion w ird vollziehen können - dies sind
Fragen, in denen sich, w ie auch im m er verschw om m en und
nicht geheuer, der evolutionäre H orizont vor uns zu lichten
beginnt.»44 Diese Bem erkung hat seinerzeit viel Aufsehen
erregt und eine größere Debatte hervorgerufen, weil viele
glaubten, Sloterdijk fordere eine solche «Anthropotechnik»,
er plädiere für eine höhere Zuchtw ahl, was aber nicht v o ll­
kom m en klar wurde. Sloterdijk, der als Rastelli der Begriffe
und Referenzen auftritt, liebt die Argum entation aus dem
Gegenteil und lässt seine eigene Position gerne offen. Jeden­

85
falls hat er die neuen M öglichkeiten - sei es kritisch, sei es
beifällig - ins Auge gefasst.

Inzwischen sind wir w eiter vorangeschritten. Im Herbst


2016 w urde bekannt, dass es japanischen Biologen gelungen
sei, befruchtungsfähige w eibliche Eizellen aus gew öhnli­
chem Bindegewebe herzustellen. Die «Süddeutsche Zei­
tung» schrieb, in Zukunft w ürden Frauen von ihrer natürli­
chen Fruchtbarkeit unabhängig, und gleichgeschlechtliche
Paare könnten genetisch eigene Kinder zeugen.45 Das Blatt
befragte dazu den evangelischen Theologen Peter Dabrock,
den Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates. Er sagte, w enn
zw ei M enschen versuchten, bedingungslos zueinander zu
stehen, und diese Liebe an ein Kind w eitergeben wollten,
dann sei auch Gott als Inbegriff der Liebe anwesend. Und
er schloss m it dem alles offenlassenden Fazit: «Über die
A rt und Weise, a u f die diese Liebe dann zur Zeugung eines
Kindes führt, muss m an nicht an erster Stelle nachdenken.»
Die B em erkung lässt im m erhin die O ption zu, dass m an dar­
über nachdenken könnte, eine Option, die Peter Dabrock of­
fenbar nicht persönlich wahrnehm en will. A u f die Frage, ob
sich dam it das klassische M odell von Vater, Mutter, Kind än­
dere, antw ortete er: «Ich plädiere für eine größere O ffenheit
von Fam ilienkonstellationen, die vom tradierten M odell
abweichen.»46 O ffenheit ist im m er gut, doch kann m an sich
darüber w undern, m it w elcher Geschm eidigkeit ein christ­
licher Theologe sich dem herrschenden Zeitgeist andient.
Wer allerdings die Einlassungen prom inenter Protestanten
zu den Fragen von Ehe und Familie kennt, w ird sich keines­
wegs darüber wundern.

Der Philosoph und Schriftsteller Ludger Lütkehaus hin­


gegen, der kein Theologe ist, aber ein historisch kundiger

86
Mensch, sieht die O ptim ierungsvisionen erheblich k riti­
scher: «Die anthropotechnische <Menschenproduktion>
schließt auch hier an die Schöpfungsidee der Genesis an, die
die G enetik n icht um sonst in ihrem Nam en beerbt hat und
deren zentrale Annahm e sie teilt: dass zu schaffen <sehr gut>
sei. Gott, der die M enschen m it dem m etaphysisch nötigen
<kleinen Unterschied», aber doch auch m it der ihm eigenen
Großzügigkeit <nach seinem Bilde> schuf, w ar der erste Bio­
technologe, nur dass er als technisch retardierter Schöpfer
noch nicht ganz so exakt arbeitete. Jeder Kloner ist sein -
relativ bescheidener - Nachfahre, der <nach seinem Bilde>
kopiert. A nspruchsvoller freilich die Genetiker, die versp re­
chen, die Kopie zu verbessern, auch w enn sie dabei gerne
ihren Schöpfungstag, den neuen M erkm alsplanungstag,
schon vor dem Abend loben. Sie h alten dem zu U nrecht to t­
gesagten ehem aligen Schöpfer ihr verbessertes Spiegelbild
vor. Durch die noch bestehenden Grenzen der M achbarkeit
lassen sie sich nicht beirren; sie wissen aus Erfahrung, dass
gem acht w erden wird, was gem acht w erden kann.»47

Diese Vision beflügelt die profitablen Reproduktionszen­


tren. Auch w enn die Befruchtungen m it wachsender Rou­
tine preisw erter werden, so lässt sich doch voraussehen,
dass die optim ierte M enschenherstellung den gebildeten
und gutsituierten Schichten Vorbehalten bleibt, w ährend
sich das Volk am Boden a u f hergebrachte Weise fortpflanzt.
Dass es dam it am Ende besser fährt, ist wahrscheinlich. Die
O ptim ierungsvision, die zugleich ein O ptim ierungswahn
ist, fügt sich in die herrschende Ideologie der Selbstertüch­
tigung um jeden Preis. Lediglich altm odische Christen und
w ertkonservative Bildungsbürger erheben ihre Stimme.
V ielleicht gibt es bei einer stillen M ehrheit ungute Gefühle.
Von lautem Protest allerdings ist nichts zu hören. Es scheint

87
aussichtslos, sich gegen das zu stem m en, was ohnehin ge­
schieht und nach Fortschritt aussieht. Wer es tut, w ie es m it
geradezu ritterlicher Tapferkeit die Schriftstellerin Sibylle
Lew itscharoff getan hat (in ihrer Dresdener Rede vom März
2016), als sie die R eproduktionstechniken «abscheulich»
nannte, gibt nicht Anlass für eine ernsthafte Debatte, son­
dern bloß für allerlei Gekränktheiten.

Elisabeth Beck-Gernsheim hingegen hat in der «FAZ» die


A uflösung hergebrachter O rdnungen begrüßt und von «neu­
artigen transnationalen Verwandtschaftsverhältnissen» ge­
sprochen. Sie schrieb: «Ob das schwule Paar aus Oslo, das
im Labor eigenes Sperm a m it den Eizellen einer U krainerin
m ixen und die Em bryonen von einer indischen Leihm utter
austragen lässt; ob die sechzig Jahre alte Bankerin in New
York, die nach erfolgreicher Karriere ihren Kinderwunsch
entdeckt und in einschlägigen Katalogen sich einen kalifor­
nischen Sam enspender und eine russische Eispenderin aus­
sucht - m it Hilfe der globalisierten Reproduktionsm edizin
w erden W eltbürger in einem ganz neuen Sinne gezeugt.»
Und hoffnungsfroh fragte die Autorin: «Dürfen w ir sie uns
als W egbereiter einer friedlicheren W eltordnung vorstel­
len?» 48

A ber sicher dürfen wir das. Wir kom m en jedoch nicht um die
Frage herum , w ie wir m it der zw eiten Folge der n eu en Tech­
niken um gehen, m it dem Verlust der Genealogie. Selbst A n ­
dreas Bernard betrachtet es als ein gewisses Problem, «wie
die Organisation von Verwandtschaft und Familie im M odus
der Sam enspende, Eizellspende oder Leihm utterschaft auf­
rechterhalten w erden kann. Denn diese Techniken bringen
fragm entierte Fam ilienkonstellationen hervor; Jahr für Jahr
kom m en Tausende Kinder zur Welt, die bis zu fü n f Eltern­

88
teile haben.»49 Er fügt hinzu, in Deutschland gebe es m ehr als
hunderttausend durch eine Sam enspende gezeugte Kinder,
und er schätzt, dass lediglich fü n f bis zehn Prozent wissen,
w er ihr biologischer Vater ist.50 Das Recht a u f Auskunft, das
ihnen m ittlerw eile zugesprochen w orden ist, nutzt ihnen
wenig, w eil die früheren Sam enspenden anonym geleistet
wurden. Es leben also rund 90000 M enschen unter uns, die
ihre A bkunft nicht kennen. Ist das schlim m ?

«Du m usst nicht glauben, dass w ir unseren Schlafplatz m it


jem andem teilen, der nicht sagen will, w elcher Familie er
entstammt.» So spricht A kka von Kebnekaise. Die ehrw ür­
dige W ildgans kom m t aus einem uralten Adelsgeschlecht.
Nils Holgersson nun ist kein IVF-Kind, sondern Sohn acht­
barer schw edischer Bauern. Seine H erkunft hat er nur des­
halb verschwiegen, w eil er sich seiner Geschichte schäm t -
jener Untaten, die dazu führten, dass er in einen Däum ling
verw andelt wurde. In diesem Augenblick jedoch erwacht in
ihm der Stolz, und er erzählt, w er er eigentlich ist und w oher
er stam m t. Er nim m t also den Schm erz der Erinnerung auf
sich, er nim m t die Schuld a u f sich, und das ist der Anfang
seiner Rückkehr unter die Menschen.

Selm a Lagerlöfs Geschichte bezieht sich a u f die herge­


brachte genealogische Ordnung, der bis dato jeder M ensch
unterw orfen w ar und aus der er das Bewusstsein seiner
selbst bezog. Er m usste, um sagen zu können, w er er war, an­
geben können, w oher er kam. Wir sind im m er auch die, die
w ir geworden sind. Dieses Gesetz galt für jedes Volk, jeden
Staat, so wie es für jeden Einzelnen galt. «Je suis m on passe»,
sagt Jean-Paul Sartre: «Ich bin m eine Vergangenheit.»

89
Wer die Genesis liest, m uss darüber staunen, w elche Be­
deutung den endlos w irkenden Stam m tafeln zugem essen
wird. A usschließlich geht es dabei um Vaterschaft, doch
keineswegs nur im Sinn einer als m onogam gedachten Fa­
m ilie. M an erinnere sich an die unfruchtbare Sara, die ihren
Gem ahl Abraham auffordert, m it der ägyptischen Sklavin
Hagar zu schlafen. Hagar bringt Ismael zur Welt, und als Sara
dann doch schwanger wird, gebärt sie Isaak. Ismael w ird ve r­
stoßen, doch der Engel des Herrn errettet ihn. Im Koran gilt
er als der arabische Stamm vater. N icht jede Genealogie ist
eine glückliche Genealogie, und Äonen später wird Herman
M elville seinen «Moby Dick» m it dem Satz beginnen: «Nennt
m ich Ismael.»

Wie alle O rdnungssystem e ist auch das genealogische mit


Zwang verbunden und w eckt W iderstand. Peter Sloterdijk
schildert das in seinem Buch «Die schrecklichen Kinder der
Neuzeit». Sein Interesse gilt den Traditionsbrüchen, doch
versäum t er es nicht, den Sinn der Genealogie zu ben en­
nen. Über den berühm ten Fall des Ödipus, der seinen Vater
um brachte und m it seiner M utter schlief, schreibt er: «Die
Paarung von M utter und Sohn ist w eit davon entfernt, nur
eine erotische Aberration zu bilden - sie steht für eine M es­
alliance von ontologischer M ächtigkeit: Sie zieht W ahnsinn,
Reue und Irrfahrt nach sich, w eil sie das Subjekt aus der p o ­
sitioneilen O rdnung des Lebens entw urzelt. Indem sie die
genealogische consecutio tem porum a u f den Kopf stellt,
lädt sie das Anfangschaos ein, sich inm itten der hum anen
O rdnung einzunisten.»51

Wir können das Anfangschaos auch das Kaninchenprinzip


nennen, und Leser, die sowohl Kinder als auch Kaninchen
hatten, werden sich daran erinnern, dass es nicht im m er

90
leicht war, das Paarungsverhalten der Tiere zu erklären.
Geschwister, Eltern - das w ar den Kaninchen egal. H aupt­
sache Nachkom m en. Die Frage der Generation, die den Kin­
dern am Herzen lag, die Frage, w er jetzt wessen Vater oder
Schwester sei, war nicht zu beantw orten, w eil Kaninchen
so etwas w ie «Generation» nich t kennen. Es w ar eine der
größten kulturellen Leistungen der M enschheit, das Kanin­
chenprinzip außer Kraft zu setzen. Darin liegt der Grund
des Inzesttabus. Die consecutio tem porum , die Abfolge von
zeugender und gezeugter Generation, ist w esentlich für die
Selbstverortung des M enschen. Zum indest war sie es. Der
reproduzierte neue M ensch findet seinen Ort außerhalb ge­
nealogischer Zusam m enhänge. Ebendas ist die neue Utopie,
der Nirgendsort. Was spräche dagegen, dass ein m oderner
Ö dipus m it einer Mutter, die lediglich seine soziale Bezugs­
person ist und nur eine geringe oder keine genetische Ver­
w andtschaft m it ihm besitzt, schliefe - vorausgesetzt, er
wäre volljährig?

Die Generation, die in den Reproduktionsfabriken herge­


stellt wird, ist die Generation Neustart. Sie beginnt m it einer
leeren Festplatte und hinterlässt nach M öglichkeit w ied er­
um eine leere. Die M ahnung des Edmund Burke: «Wenn ihr
eure Vorväter geachtet hättet, hättet ihr gelernt, euch selbst
zu achten», geht an ihr vorbei. Die M acht der Vorväter ist
erloschen, die Selbstachtung hängt nich t m ehr an der Tradi­
tion, sondern am Hier und Jetzt - und an der Sam enqualität.

Elternschaft, reproduktionstechnisch betrachtet, ist nur


noch ein schwaches soziales Konstrukt, das m it Blutsban­
den nichts m ehr zu tun hat und sich vo n Fall zu Fall neu zu ­
sam m ensetzt. Die Liebe zw ischen zw ei Partnern ist erheb­
lich nur für die Erziehung, für Zeugung und G eburt jedoch

91
bedeutungslos. Deshalb spricht alles dafür, die Reproduk­
tion jenen zu überlassen, die sie am besten beherrschen: den
Technikern.

Schillers Traum «Alle M enschen w erden Brüder» hat sich


a u f traurige Weise insofern der Realität angenähert, als
tatsächlich sehr viele M enschen Brüder und Schwestern
geworden sind - allerdings ohne ihr Wissen. Bernard zitiert
eine alleinerziehende Mutter, die sich a u f die Suche nach
den H albgeschwistern ihres IVF-Sohnes gem acht und ein
Verzeichnis der durch Sam enspenden erzeugten Verw andt­
schaften erstellt hat. Über ihr Register sagt sie: «Wir haben
über hundert G ruppen m it m ehr als zehn H albgeschwistern
und rund zw anzig G ruppen m it m ehr als 35.» Von diesen
w iederum gebe es einige, in denen m ehr als hundert Kinder
die Produkte desselben Spenders seien.52 Das übertrifft alle
Fruchtbarkeitsphantasien der Genesis.

In seinem satirischen Zukunftsrom an «Follower» entw irft


der Schriftsteller Eugen Rüge das Bild einer Gesellschaft, in
der die natürliche Reproduktion längst durch optim ierte
Verfahren ersetzt ist. Und selbstverständlich kennt diese
neue W elt neue M erkm ale sozialer Distinktion. Es gibt
näm lich die preisw ert hergestellten Spenderkinder, die
zum Standard gehören, und es gibt die «Exklusivspender­
kinder»53, also singuläre, folglich teure Produkte, die sich
nicht jeder leisten kann und a u f die ihre Verursacher, die
m an nicht eigentlich Eltern m ehr nennen mag, besonders
stolz sind.

Der Roman spielt im Jahr 2055. Zwischen die bizarren Epi­


soden, die in der H auptsache das nunm ehr M ögliche erzäh­
lerisch ausm alen, schiebt Rüge eine historische Betrachtung

92
ein, die den Titel «Genesis /Kurzfassung» trägt. Die Frage,
die ihn antreibt, lautet: Wie eigentlich ist die Existenz des
Helden, eines relativ jungen M annes nam ens Nio Schulz,
zustande gekom m en? Und der Erzähler beginnt beim «Ur­
knall», resüm iert die Erdgeschichte u nd die Entstehung des
Lebens, schließlich des M enschen im Zeitraffer, gelangt zu
den Vorfahren seines Helden, studiert die Kirchenbücher,
die historischen Akten, schildert die Kriege, die Seuchen,
die trotz allem stattfindenden Heiraten und Geburten, bis
er am Ende den Stam m baum vo n Nio Schulz (der übrigens
in die Fam iliengeschichte von Eugen Rüge insofern hinein­
passt, als er dessen Enkel ist) bis in die Zukunft hinein rekon­
struiert hat. Das Fazit? Eine derartige H äufung von glü ck­
lichen Zufällen kom m t fast einem Gottesbew eis gleich. Und
zw eitens führt uns diese w inzige Fallstudie die überragende
Bedeutung des genealogischen Prinzips in der M enschheits­
geschichte vor Augen.

Sloterdijk beschäftigt sich in seinem Buch «Die schreck­


lichen Kinder der Neuzeit» auch m it der rhythm isch w ie­
derkehrenden antigenealogischen Revolte. Er scheint sie zu
begrüßen. Seltsam erweise übergeht er die Reproduktions­
technik. Einen der Revoluzzer erkennt er im M arquis de
Sade, den er nicht als den berüchtigten Lüstling beschreibt,
sondern als den radikalen Zerstörer des genealogischen
Gedankens. In seinem Traktat «Die Philosophie im Bou­
doir» (1795) schildert Sade, w ie die junge Eugenie von einer
M adame unter M ithilfe eines M onsieur in verschiedene
sexuelle Praktiken eingeführt wird. Eugenie, die den eri­
gierten Penis des Herrn interessiert betastet, fragt: «Und
diese Kugeln, w ozu dienen sie?» M adame antwortet: «Diese
Kugeln enthalten jenen fruchtbaren Samen, dessen Erguss
in die G ebärm utter der Frau die m enschliche G attung her­

93
vorbringt. Aber w ir w ollen uns nicht bei diesen Einzelheiten
aufhalten, Eugenie, die m ehr in den Bereich der M edizin als
in den der Libertinage fallen. Ein hübsches M ädchen sollte
sich nur dam it befassen, zu ficken und niem als zu zeugen.
Wir w erden alles übergehen, was den banausischen M echa­
nism us der Verm ehrung angeht.»54 Man muss die W eitsicht
des M arquis de Sade bew undern. Der «banausische M echa­
nism us der Vermehrung» fällt heutzutage tatsächlich in
den «Bereich der Medizin». Allerdings und glücklicherw eise
betrifft das nur eine M inderheit in jenen Ländern, deren
Bewohner so w ohlhabend sind, dass sie die A rbeit der Re­
produktionszentren bezahlen können.

M it der Einführung der Pille begann die Trennung von Se­


xu alität und Fortpflanzung. Dem Prinzip Verhütung ist nun
das Prinzip H erstellung ergänzend zur Seite getreten. M ehr
kann m an nicht wollen. Der Vater allerdings ist dabei abhan­
dengekom m en. Alexander M itscherlichs berühm tes Buch
«Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft» (1963) hat sich
a u f ungeahnte Weise bew ahrheitet. Die fortgeschrittene
Frau lässt ihre Eizellen einfrieren und besorgt sich, w enn der
Kinderwunsch an die Reihe kom m t, den passenden Sam en
von der Bank. Der m ythische Vaterm ord entfällt nun en d­
lich. Die klassische Revolte einer jungen Generation gegen
die etablierte erscheint als atavistisches Ritual. Die vom
biologischen Fatalismus befreite Generation Neustart hält
sich dam it nicht auf.

Die berühm teste Revision einer starr gewordenen G enealo­


gie w ar die des Jesus von Nazareth. Der scheinbare W ider­
spruch, dass der Evangelist M atthäus einerseits die Abstam ­
m ung Jesu über Joseph a u f David zurückführt, andererseits
die Jungfräulichkeit Marias betont, löst sich auf, w enn m an

94
die alte Genealogie als horizontale Achse betrachtet, die
von der vertikalen Achse einer neuen Genealogie geschnit­
ten wird. Der Gottessohn ist doppelt legitim iert: Einerseits
steht er in der Messias-Tradition, ist Teil einer m ächtigen
Abstam m ungskette, andererseits steht er am überzeitlichen
Schnittpunkt der Offenbarung, ist gezeugt vom Heiligen
G eist und erhält seine Legitim ität vom Allerhöchsten. Die
Verbindung des H orizontalen m it dem Vertikalen, die Ver­
söhnung der historisch-leiblichen m it der göttlichen A b ­
stam m ung ist ein w ahrhaft revolutionärer Gedanke, den
m an nur glauben oder verw erfen kann. Er schließt die Ü ber­
zeugung ein, dass der M ensch nicht Herr seines Schicksals
ist. Sibylle Lew itscharoff hat in ihrer Dresdener Rede ganz
unverblüm t gesagt: «Mein Schicksal liegt in Gottes Hand
und nicht in m einen Händen.» Dass dieser Glaube w eithin
unverständlich geworden ist, bed eu tet nicht, dass ihm
keine W ahrheit zukom m t.

Im «Spiegel» hat sich vor einiger Zeit eine nicht m ehr ganz
junge Frau zum «Social Freezing», zum Einfrieren ihrer Ei­
zellen, bekannt und sich gegen den V orw urf des Egoismus
m it der Frage gewehrt: «Was spricht dagegen, das Beste aus
seinem Leben herausholen zu wollen?»55 Ja, was spricht da­
gegen? Wer so redet, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als
das Beste aus seinem Leben herauszuholen. Den Phantasien
der Selbsterm ächtigung und Selbsterlösung kom m t die Re­
produktionsm edizin aufs verlockendste entgegen. Sie v e r­
spricht, jeden, der es bezahlen kann, zum Herrn oder zur
Herrin des eigenen Lebens zu m achen. Sie optim iert den
M enschen als Kunstprodukt. Wie bei allen O ptim ierungs­
prozessen w erden sich auch hier Fehlprodukte nicht v e r­
m eiden lassen. Es w ird Abfall entstehen, w ie es schon jetzt
das Schicksal zahlloser per IVF befruchteter Eizellen ist.

95
Man wird sich daran gewöhnen, doch ist und bleibt es ein
schrecklicher Vorgang.

Und was ist m it jenen, die sich verzw eifelt ein Kind w ü n ­
schen, aber a u f herköm m lichem Weg nicht kriegen können?
M eine konservative A ntw ort lautet, dass es Schicksal gibt.
Nahezu alle M enschen haben Defizite im Sinn einer univer­
salen G leichheitsidee. Das war bis vor kurzem kein Problem.
Wer unm usikalisch war, der m usste darauf verzichten, das
Geigenspiel zu erlernen, und er richtete sich darauf ein, im
Sport oder im Rechnen zu reüssieren. Wer hom osexuell war,
der wusste, dass er biologische Nachkom m en nicht w ürde
haben können, er richtete seine Energie a u f ein anderes
Glück und setzte sich dafür ein, dass H erabsetzung und Ver­
folgung der H om osexualität endlich aufhörten.

Doch heute kann sich keiner, der von der Norm abweicht,
als besonderen und gesonderten M enschen betrachten,
dessen Leben m it dem anderer M enschen keineswegs kon­
kurrierend verglichen w erden muss. Er wird dazu anim iert,
die Tatsache, dass er unm usikalisch oder unfruchtbar ist,
zum allgem einen Problem zu erklären. Seine Beschwerde
richtet sich an den Staat oder die Öffentlichkeit, die dafür
sorgen sollen, dass jem and, der unm usikalisch ist, gleich ­
w ohl G eigenunterricht bekom m en darf, und jem and der
unfruchtbar oder hom osexuell ist, das A nrecht oder die
Chance zu kriegen hat, sich m it Hilfe der neuen Techniken
zu verm ehren.

Diese A nsprüche sind verständlich und nicht in jedem Fall


unrealistisch. Sie sind jedoch Zeichen einer veränderten
Selbstdefinition. Die Frage nach Pflicht und Verantwor­
tung, die Frage nach einer Selbstverortung in der Tradition

96
tritt zurück, und die Bereitschaft, ein Schicksal, w elcher
A rt auch immer, anzunehm en, schwindet. Die «Selbstver­
wirklichung» ist das neue Credo. Wenn m an sie genauer b e ­
trachtet, so handelt es sich eigentlich nur um eine «Ichver-
wirklichung», also nicht um die Entfaltung einer sozialen,
dialogischen Persönlichkeit, sondern um die Durchsetzung
eines Ego. Es folgt der O ptim ierung des Hum ankapitals, das
seine Grenzen nur noch im jeweils M achbaren findet.

Bei den ersten und den letzten Dingen jedoch, beim G ebä­
ren und beim Sterben, gibt es Grenzen, die m an nicht über­
schreiten sollte. Sie definieren sich durch die Geschichte der
M enschheit, die, wo sie ersprießlich war, im m er ein Produkt
aus Natur und Kultur gewesen ist. Sie verdankte sich einer
weisen, aus Erfahrung gew onnenen Selbstbeschränkung.
Wann im m er die M enschen versucht haben, Gott zu spielen,
ist es ihnen schlecht ergangen.

Es liegt a u f der Hand: Dies ist die Position eines anderen,


eines zu Propagandazwecken und zur M ehrheitsbeschaf­
fung untauglichen Konservatism us, den die m eisten Z eit­
genossen ablehnen werden. A ber ich glaube, es sollte ihn
geben. Diese Gesellschaft ist frei genug, ihn ertragen zu
können.
6

Der Konservatismus und der Zw eifel an der


menschlichen Vernunft - Der erprobte
Nationalstaat und die unerprobte, vermutlich
unrealisierbare Idee eines europäischen
Bundesstaates

u den Besonderheiten des Konservatism us gehört,


Z dass er keine geschlossene Theorie hat. Karl M ann­
heim sagt: «Das konservative Bewußtsein ist an und für sich
nicht theoretisch veranlagt, entsprechend der Tatsache, daß
der M ensch die ihn um gebende Realsituation nicht zum
Gegenstände theoretischer Reflexion m acht, solange er sich
m it ihr in D eckung befindet.» Dieses Gefühl, sich m it seiner
Zeit «in D eckung zu befinden», schwindet, w enn die Idee
perm anenter Innovation zu herrschenden M einung wird
und Traditionen als Fortschrittshindernis gelten. Dies ist ge­
genw ärtig der Fall, und es zw ingt das konservative Denken
zum «Reflexivwerden», w ie M annheim sagt56, was bedeutet,
dass der Konservative seinen Standort erst in der O pposition
zum Zeitgeist findet. Schon einer der ersten grundlegenden
Texte des Konservatism us, Edmund Burkes berühm te Streit­
schrift gegen die Französische Revolution («Reflections on
the Revolution in France», 1790), folgte diesem Muster. Otto

99
Heinrich von der Gablentz, ein konservativer Politologe
und als M itglied des Kreisauer Kreises im W iderstand gegen
Hitler, verm erkt lapidar: «Das konservative Denken ist re­
aktiv seinem Wesen nach.»57 M artin Greiffenhagen vertieft
diesen Gedanken: «Im U nterschied zu dem herrschenden
Selbstverständnis des Konservatism us, der sein Denken
als aus alten vorrationalen Q uellen stam m end begreift und
solcherm aßen glaubt, in ihm kom m e die ursprüngliche
G anzheit und H eilheit einer unter dem A nsturm des Ratio­
nalism us versinkenden oder bereits versunkenen W elt zur
Sprache, m einen w ir den Konservatism us von Anbeginn als
gebrochenes W eltverhältnis und som it als reflexives W elt­
verständnis auffassen zu sollen.»58

Ich glaube nicht an eine «ursprüngliche G anzheit und


Heilheit», und wenn m ir ein «reflexives Weltverständnis»
gelänge, wäre ich schon zufrieden. Reflexiv zu sein bed eu ­
tet, die Sache, um die es jeweils geht, in einem Spiegel b e­
trachten zu können. Das Denken betrachtet sich selbst. Und
dieser Spiegel zeigt einen Raum, der m it w achsendem A lter
größer wird. Der alte M ensch hat naturgem äß m ehr Erfah­
rungen gem acht als der junge, die Strecke, die er zu rü ck­
gelegt hat, ist größer als die, die er noch erwarten darf. Des­
halb gibt es einen natürlichen Konservatism us der Älteren,
dem die natürliche FortschrittshofFnung der Jüngeren ge­
genübersteht.

Diese über Jahrhunderte hinw eg bew ährte Arbeitsteilung


der Generationen funktioniert nicht mehr, w enn es zum
fraglosen Ziel aller wird, jung zu sein oder jung zu wirken.
Der Erfahrungsschatz der A lten spielt nur noch eine geringe
Rolle, wenn das technisch und ökonom isch begründete
Prinzip der Innovation allum fassend wird. Um von m ei­

100
nem Beruf zu reden: Dass ich noch weiß, was eine Schreib­
m aschine w ar und w ie m an eine Zeitung im Bleisatz herge­
stellt und gedruckt hat - das taugt für Anekdoten, für m ehr
jedoch nicht. Jeder Zeitgenosse, der am gesellschaftlichen
Leben ak tiv teilnehm en will, steht vor der unverm eidlichen
Aufgabe, sich perm anent das jeweils N eue anzueignen, w el­
cher A rt auch immer, seien es die jüngsten digitalen Tech­
niken, die binnen kurzem veraltet sind, seien es die aktuel­
len Aufregungen aus der Welt der Stars und der Moden, die
schon überm orgen vergessen sind. A llein deshalb ist das
A ltw erden kein Vergnügen, w enn es je eines war, und der
natürliche Konservatism us w ird zu einer Haltung, die m an
zu verbergen geneigt ist.

G leichw ohl gibt es diesen generationsbestim m ten Kon­


servatism us noch immer, und er wird auch nicht gänzlich
verschw inden können. Er leidet allerdings darunter, dass
er verstaubt w irkt, dass er bloß «reaktiv» ist. Sein M odus ist
der m issbilligende Einspruch, nicht der verheißungsvolle
Entwurf; die a u f Verzögerung hoffende Kritik und nicht die
optim istische Beschleunigung nach vorn. Daraus folgt, dass
konservative Positionen sich im m er nur von Fall zu Fall er­
geben. Wenn sie program m atisch und überzeitlich werden
wollen, geraten sie rasch in die Gefahr des Ideologischen.
GreifTenhagen sagt, es nehm e nich t wunder, dass dem Kon­
servatism us «eine einfache A ntw ort a u f die Frage, was der
Inhalt seines Denkens, das Ziel seiner Forderungen oder
das Program m seiner Politik sei, im m er unm öglich gewesen
ist. Die Werte, um deren Bewahrung und Tradierung es dem
Konservatism us geht, <entstehen> jeweils erst, indem sie ge­
fährdet, bestritten, bekäm pft und aufgelöst werden.» Und er
fügt hinzu: «Es handelt sich hier um eine allgem eine Erschei­
nung der Geistesgeschichte, ja des Denkens überhaupt: im ­

101
m er dann, w enn eine Institution, ein Wert, eine Vorstellung
oder D enkrichtung aufhört, allgem ein verbindlich zu sein,
rückt sie überhaupt erst in den Umkreis m enschlichen In­
teresses. Erst wenn ein W ert problem atisch wird, w ird er als
<Wert> gewußt. [...] A llgem ein und a u f das Denken bezogen
bedeutet dieser Sachverhalt nichts weniger, als daß m an um
die Voraussetzungen seines Denkens erst weiß, indem man
diese Voraussetzungen bereits zu verlassen beginnt.»59

Daraus folgt nun allerdings nicht, dass dieses nachholende


Denken vergeblich wäre. Denn erstens hinkt das Denken
den Tatsachen fast im m er hinterher und ist dennoch nicht
folgenlos. Zweitens stim m t der oftm als vorgetragene Ein­
wand nicht, es sei ganz ausgeschlossen, verlorene «Werte,
Vorstellungen oder Denkrichtungen» w iederzugewinnen.
Selbstverständlich ist klar, dass Vergangenes niem als iden­
tisch zurückkehren kann, ebendeshalb, w eil es vergangen
ist. Doch w enn m an nicht an einen linearen Fortschritt
glaubt, der - w ie sprunghaft und verzögert auch im m er - auf
ein fernes Ziel zulaufen muss, dann sieht man, dass die Ge­
schichte den Niedergang und den A bbruch ebenso kennt
w ie den N eubeginn und die Renaissance. Und «die» Renais­
sance w ar bekanntlich nicht die Kopie der Kultur der Antike,
sondern ihre Entdeckung und Aneignung unter veränder­
ten Umständen.

Es ist also durchaus m öglich, dem Vergessenen und Ver­


lorenen w ieder zu seinem Recht zu verhelfen. Dabei liegt
es allerdings a u f der Hand, dass dies nich t per Beschluss
gelingen kann und erst recht nicht durch die Einberufung
einer Kommission, sondern nur dadurch, dass m an dem u n ­
ablässigen Strom des Redens vergessene Gedanken zuführt.
Ebendarum geht es mir. Und nicht allein mir. Im um fang­

102
reichen W erk von Botho Strauß kann m an dies als zentra­
les M otiv erkennen: das vom Geröll des Geredes längst Ver­
schüttete w ieder auszugraben.

In einem Gespräch, das ich im Mai 2003 m it ihm führte, sagt


er: «Es gibt verschüttete Grundelem ente, die heute v ie l­
leicht nur in Sekundenbruchteilen von Erleuchtung w ieder
sichtbar werden. Jetzt ist der technische Ü berbau derart ge­
waltig, dass nur noch das Prinzip der Innovation Gültigkeit
zu haben scheint. Aber es könnte doch passieren, dass m an
das anknüpfende, verbindende Elem ent für genauso lebens­
spendend hält.» Und er fügt hinzu: «Dass wir etwas älter sind
als nur vo n heute, habe ich im m er als selbstverständlich
angesehen. Anbindungsstrategien sind für m ich w ichtiger
als Bruch- und Aufbruchparolen. In der ästhetischen Ent­
w icklung spielen Neuerungen keine bedeutende Rolle mehr.
Ich selbst bin ein Transporteur, kein Neuerer. V ielleicht ist
heute der Transporteur der Neuerer, das kann schon sein.
Ich habe m ich im m er als einen em pfunden, der durchdrun­
gen ist von dem, was war, und es weiterträgt.»60

Die Sache w ird allerdings dadurch kom pliziert, dass keines­


wegs alle alten Ideen eine neue Beachtung verdienen. Ras­
sismus oder gar Antisem itism us sind nichts, w orüber m an
diskutieren m üsste. M an sollte aber im m er genau hinsehen
und sich bew usst halten, dass der V orw urf inhum anen Den­
kens und Redens selber m it politischen Absichten beladen
ist. In unserer gegenwärtigen, hochem pfindlichen Diskutie-
rerei erzielt derjenige einen m oralischen Geländegewinn,
der den Gegner am schnellsten des Rassismus oder Sexis­
m us (etc.) überführen kann. W om it über einen w irklichen
Rassismus oder Sexism us oft noch nichts gesagt ist.

103
Trotz des unbestreitbaren konservativen Theoriem an­
gels gibt es m indestens zw ei Konstanten des europäischen
Konservatism us. Die eine ist die schon erw ähnte Fort­
schrittsskepsis, die andere das Verhältnis zum Staat. Der
Konservative ist davon überzeugt, dass ein starker Staat
erstrebenswert sei. Doch was für ein Staat? Von einem d e­
m okratischen Staat haben die Konservativen ursprünglich
nicht viel gehalten, sie waren zum eist M onarchisten und
zuvörderst an Besitzstandswahrung interessiert, an der Er­
haltung jener ständischen Ordnung, die ihnen Privilegien
sicherte. Auch später neigten sie dazu, sich m it den jeweils
M ächtigen zu verbünden, bis hin zu ihrer unrühm lichen
Rolle beim Aufstieg Hitlers. Sie hatten nicht hinreichend
oder zu spät bem erkt, dass die NSDAP keineswegs konser­
vative Ziele verfolgte, sondern die Partei einer radikalen
M odernisierung war. Doch der W iderstand gegen Hitler ging
keineswegs vo n den Kom m unisten und Sozialdem okraten
allein aus, sondern eben auch von christlichen Konservati­
ven. Gleichw ohl ist der Konservatism us von der jüngsten
deutschen Geschichte in M itleidenschaft gezogen worden,
und er hat sich seitdem nie m ehr w irklich davon erholt - von
den gegenwärtigen Versuchen, eine neue Rechte zu etablie­
ren, ganz abgesehen. Im m er drohen die Schatten der Ver­
gangenheit, und m anchm al sind es ja nicht bloß Schatten,
sondern braune Flecken.

Jedenfalls gehört in den Augen des aufgeklärten K onservati­


ven ein starker dem okratischer Nationalstaat zu den Errun­
genschaften der M oderne. Dass er dem okratisch ist, schützt
ihn w eitgehend vor der Tyrannei. Dass er ein N ationalstaat
ist, der eine gem einsam e Sprache und eine kulturelle Iden­
tität besitzt, erm öglicht jene prinzipiell jederm ann zugäng­
liche Öffentlichkeit, die den Streit der A rgum ente erlaubt,

104
sogar erzw ingt. Dies alles trifft für die Bundesrepublik zu,
nur eines leider nicht: dass sie ein starker Staat sei. Und da­
m it m eine ich nicht in erster Linie den Kontrollverlust im
Jahr 2015, als H underttausende unbehelligt ins Land ström ­
ten, sondern ich m eine die Tatsache, dass Grem ien der EU,
die ich nicht gew ählt habe und deren Zusam m ensetzung
sich m einem Votum entzieht, in w achsendem A usm aß m ei­
nen A lltag bestim m en. Das kom m t, w eil m eine Regierungen
bedeutende H oheitsrechte an die Komm ission der EU ü ber­
tragen haben. Viele Entscheidungen, die m ein Leben u n ­
m ittelbar berühren, werden nicht m ehr in Berlin, sondern
in Brüssel getroffen.

Die Ü bertragung von H oheitsrechten geschah m it Z u ­


stim m ung des Bundestages, w oh l wahr. Doch just daraus
entstehen Probleme. Der ehem alige Verfassungsrichter
Dieter Grim m beschreibt in seinem Buch «Europa ja - aber
welches?», w ie der Europäische G erichtshof in einer ganzen
Reihe von Urteilen den G eltungsbereich der nationalen
Verfassungen und dam it natürlich auch des Grundgesetzes
zurückgedrängt hat: «Die nationalen Verfassungsgerichte
stem m en sich nur noch gegen die äußerste Konsequenz
der Bestrebungen, den Anw endungsbereich des nationalen
Verfassungsrechts vollends dem G em einschaftsrecht u nter­
zuordnen. A ber auch ohne diesen letzten Schritt ist die na­
tionale Verfassung nicht m ehr in der Lage, die ursprünglich
m it ihr verbundenen Erwartungen zu erfüllen. Das gilt so­
w ohl für ihre Ordnungs- als auch für ihre Legitim ations­
funktion.» Und er fährt fort: «Was die Legitim ationsfunktion
angeht, kann die nationale Verfassung ihren Anspruch, dass
alle in ihrem räum lichen G eltungsbereich ausgeübte Herr­
schaft ihre Legitim ation vom Volk erhält, nicht m ehr ein ­
lösen. Zwar fehlt es der an die EU abgetretenen H errschafts -

105
gew alt nicht an einer Legitim ationsgrundlage. Sie besteht
aus den Verträgen, die die Gem einschaft ins Leben gerufen
haben und rechtlich regeln. Indessen hat dieses Recht sei­
nen Ursprung nicht im Volk des Staates, das der H errschaft
unterw orfen ist. Die H errschaftsgewalt der Gem einschaft
geht vo n den Staaten aus.»61

Was den Bürgern der einzelnen Staaten vorenthalten wird,


näm lich die entw eder plebiszitär organisierte oder durch
ein Parlam ent verm ittelte Partizipation an Regelungen, die
jederm ann betreffen, das wird auch den U nionsbürgern
insgesam t vorenthalten: «Nicht die Unionsbürger sind die
Q uelle der europäischen öffentlichen Gewalt, sondern die
M itgliedstaaten. Sie verfügen über die Rechtsgrundlage der
EU, w ährend die Unionsbürger dam it w eder als A ktivbürger
noch auch nur als Zurechnungssubjekt der europäischen
öffentlichen Gew alt etwas zu tun haben.»62 Deutlicher kann
m an die Entm ächtigung des Grundgesetzes nicht beschrei­
ben. Die europäische Einigung w ar von Beginn an ein Projekt
der Eliten, zunächst ein kulturelles, dann ein ökonom isches.
Die Unionsbürger w urden nicht gefragt, und jenen Staaten,
die eine nachträgliche Zustim m ung per Referendum erba­
ten, w urde sie m ehrheitlich verw eigert.

Das Legitim ationsdefizit fiel m ir so lange nicht sonderlich


auf, w ie ich die Vorzüge der europäischen Freizügigkeit
genießen konnte. Freudig überrascht bem erkte ich, wie
bequem es war, keinen Grenzkontrollen m ehr zu begegnen
und fast überall m it derselben W ährung bezahlen zu kön­
nen. Zugleich jedoch spürte ich m it gem ischten Gefühlen,
w ie sehr die Brüsseler Vorschriften ins tägliche Leben ein-
griffen. Das reichte vo n Lästigkeiten w ie dem Verbot von
G lühbirnen oder krum m en Gurken bis hin zu w ichtigen

106
Them en w ie etw a dem Kam pf der EU-Kommission gegen die
Buchpreisbindung. Die lag m ir am Herzen, w eil ich wusste:
Das erstaunliche Niveau der deutschen Buchproduktion
w ürde zusam m enbrechen m üssen, w enn die Preisbindung
wegfiele. Sie ist einstw eilen erhalten geblieben, und ich b e ­
tone: einstweilen.

W irklich ernst w urde es bei den Rettungsaktionen für die


vom Staatsbankrott bedrohten M itglieder der EU. Zwar
habe ich die von Fall zu Fall w iederkehrenden Vorschläge,
G riechenland oder Italien aus der EU zu entlassen, im m er
für absurd gehalten - was wäre Europa ohne die beiden
Länder, denen es seinen Ursprung verdankt? -, gleichw ohl
waren und sind die M illiarden, die dort unw iederbringlich
hingeström t sind, eine Frage von nationaler Bedeutung,
w elche die R ichtlinienkom petenz der Kanzlerin allein nicht
hinreichend beantw orten konnte. Das ist ja im Fall der Euro­
krise des Jahres 2010 auch bem erkt worden, und ihr berühm ­
ter Hinweis, es gebe keine Alternative, hat dann zur Grün­
dung der «Alternative für Deutschland» geführt. Was die
Europäische Zentralbank betrifft, die sich die Kom petenz
eines nicht existierenden gem einsam en W irtschafts- und
Finanzm inisterium s anmaßt, so hat sie für ihre G eldpolitik
keine hinreichende dem okratische Legitim ation. Kurz: In
Lebensfragen der Nation hat das höchste Grem ium des Lan­
des, näm lich der Bundestag, oftm als nur eine Nebenrolle
gespielt.

Die w irkliche Alternative zu Angela M erkels alternativloser


Politik bestünde darin, «der Europäischen Union diejenigen
Legitim itäts- und Solidaritätsressourcen zuzuführen, über
die der Nationalstaat im m er noch verfügt»63. Es w ürde b e ­
deuten, die Entm achtung des Nationalstaats w eiter vo ran ­

107
zubringen, was hieße, eine w irkliche gem einsam e Verfas­
sung zu beschließen, ein w irkliches europäisches Parlam ent
zu wählen, das schließlich eine Regierung bestim m en würde.
Dass dies gelingen könnte, ist aus vielen Gründen äußerst
unw ahrscheinlich und in m einen Augen auch keineswegs
wünschensw ert. Erstens verstieße es gegen das Grundgesetz.
Zweitens m üssten je nach Rechtslage die europäischen Völ­
ker plebiszitär oder parlam entarisch zustim m en. Drittens
w ürde ein funktionierendes europäisches Parlam ent vo r­
aussetzen, dass es ein europäisches W ahlrecht gäbe, eine
gem einsam e europäische Öffentlichkeit, also eine gem ein­
sam e Sprache und eine überall gleicherm aßen fun ktionie­
rende vierte Gewalt.

Alles in allem w ürde eine w irkliche europäische Integration


- also ein europäischer Bundesstaat - voraussetzen, dass
sich die Bürger der N ationalstaaten zu europäischen Staats­
bürgern entw ickelten. Es hat nicht den Anschein, dass sie
dies w ollen. M artin Winter, langjähriger Brüsseler Korre­
spondent der «SZ», beschreibt in seinem Buch «Das Ende
einer Illusion» die geringe Begeisterung, w elche die EU bei
den Europäern w eckt. Umfragen zeigen, dass sich die m eis­
ten in erster Linie als Bürger ihres Landes betrachten, dann
erst und in w eitem Abstand als Europäer.64 Der Versuch, ein
Gefühl der Zusam m engehörigkeit durch die W ahlen zum
Europäischen Parlam ent zu stärken, blieb ohne Erfolg. Die
Beteiligung bei den W ahlen zum Europaparlam ent sank von
62 Prozent im Jahr 1979 a u f 42,5 Prozent im Jahr 2014. In der
Slowakei gingen lediglich 13,1 Prozent zur Wahl.65

Einer der Gründe für dieses Desinteresse liegt sicherlich in


der «merkwürdigen Situation», so schreibt Dieter Grimm,
«dass diejenigen Parteien, w elche m an w ählen kann, keine

108
Rolle im Europäischen Parlam ent spielen, während dieje­
nigen Parteien, die dort eine Rolle spielen, nicht zur Wahl
stehen»66. Ich füge hinzu: Wir haben außerdem die Situation
- eine nicht m erkwürdige, sondern tie f beunruhigende -,
dass w ir w eder eine starke EU noch eine starke Bundesregie­
rung haben.

Die Konsequenz daraus? Da aus dem prekären europäischen


Staatenbund verm utlich nie ein m achtvoller Bundesstaat
w erden wird, kann sie nur in einer kontrollierten Abrüstung
bestehen - und eben nicht in einer w eiteren Vertiefung,
wie sie noch im m er von den EU-Enthusiasten gefordert
wird. Eine solche Vertiefung näm lich w ürde zw ar zu einer
w eiteren Schwächung der N ationalstaaten führen, keines­
wegs aber zu einer Stärkung der EU - ganz abgesehen davon,
dass der erw achte Patriotism us oder Nationalism us vieler
Staaten, vor allem der osteuropäischen, einen neuerlichen
M achtverlust der Einzelstaaten nicht hinnehm en würde.

Was einige vorausgesehen haben (unter anderen der His­


toriker Heinrich August Winkler), näm lich die fatale Ü ber­
dehnung der Union, liegt nun allen vor Augen. Die zentri­
fugalen Kräfte haben zugenom m en. M an erinnere sich: Im
Jahr 2004 wurden die Staaten Estland, Lettland, Litauen, Po­
len, Tschechien, Slowakei, Ungarn und Slowenien in die EU
aufgenom m en, 2007 gefolgt von Rum änien und Bulgarien.
M ag sein, dass diese Selbstüberschätzung ihre Gründe hatte,
ökonom ische (Absatzmärkte!) oder geostrategische (Russ­
land!) - dem Europa-Projekt jedenfalls hat sie nachhaltig
geschadet.

Europa w ar im m er ein kultureller Raum, zu dessen Kenn­


zeichen nicht die H om ogenität zählte, sondern der Konflikt

109
der Religionen und Herrschaften; nicht eine verbrüdernde
Idee, sondern der W ettkam pf der Ideen. Die europäische
Kultur besteht eben in ihrer unerschöpflichen Neugierde
und ständig w achen Streitlust. Die räuberische Inbrunst,
m it der sie sich Fremdes im m erzu aneignet, erw eckt bei
anderen Kulturen oftm als den Eindruck der Schwäche und
eines m asochistischen Zweifels. W elch ein Irrtum! Europa
fand in seiner Zerrissenheit im m er eine Kraftquelle, die von
Revolutionen ebenso w ie v o n Rückbesinnungen a u f die Tra­
dition gespeist wurde.

Nach den beiden W eltkriegen, in denen die europäischen


Nationalstaaten einander zerfleischt hatten, w urde die
vorher schon entstandene m achtvolle Idee einer europäi­
schen Vereinigung Schritt für Schritt realisiert, zunächst
ökonom isch in der M ontanunion und der Europäischen
W irtschaftsgem einschaft (EWG). Europa erlebte, jedenfalls
im Westen, eine bem erkensw ert lange Phase der Prosperi­
tät und des Friedens. Das w ar in der Tat eine Revolution. Bei
aller Kritik am jetzigen Zustand Europas d arf m an nicht ver­
gessen, wie erfolgreich und friedfertig dieser notorisch zer­
strittene Kontinent im V erlauf der Nachkriegsgeschichte
geworden ist. Der Versuch jedoch, eine V ertiefung der euro­
päischen Integration durch die Einführung des Euro zu er­
zwingen, ist, w ie m an heute sehen kann, gescheitert. Eine
Rückbesinnung ist nunm ehr notwendig. Sie bestünde in
einer Reduzierung des Brüsseler Apparats, sie bestünde
in einer Rückkehr zur Kooperation eigenverantw ortlicher
Staaten.

Wie das geschehen könnte? Die Verhandlungen über den


Brexit d arf m an als eine erste Ü bung dafür betrachten. Be­
m erkenswert jedoch scheint mir, dass die beschriebene

110
Konsequenz, eben w eil ihr schwer auszuw eichen ist, in
vielen Köpfen herum geistern m uss und sicherlich auch im
kleineren Kreis besprochen wird, dass die Parteien jedoch
alles tun, die Diskussion darüber zu verm eiden. Sie w ollen
um keinen Preis als europafeindlich gelten, wohingegen ich
glaube, dass der wahre Europäer darauf hinw irken sollte,
die M acht von Brüssel zu beschränken und den Blick auf
die eigentliche europäische Kultur zu lenken. Lange w ar es
üblich, die Kritik am Euro oder an Brüssel als europafeind­
lich zu bezeichnen. Man könnte den Spieß um drehen und
sagen, der Euro sei europafeindlich, w eil er den Kontinent
zu zerreißen droht.

A m Ende seiner engagierten und gründlichen Darstellung


gelangt M artin W inter zu einem ernüchternden Fazit. Für
die Krise der EU gebe es prinzipiell drei Lösungen: die einer
forcierten Vertiefung, die eines Rückbaus oder die eines W ar­
tens a u f bessere Zeiten. Keine der drei O ptionen erscheint
ihm w irklich verheißungsvoll. Als er das Buch schrieb, war
der Brexit noch gar nicht beschlossen.
7

Der schwache Staat und die Diktatur der Fürsorge -


Beobachtungen und Prophezeiungen von
A lexis de Tocqueville

er Konservative bem erkt zu seinem M issvergnügen,

D dass der Staat, so gehem m t und behindert er in fu n­


dam entalen Fragen einerseits ist, sich andererseits im m er
detaillierter in die Lebenspraxis seiner Bürger erzieherisch
einm ischt. Wer versuchsweise einen Schritt zurücktritt,
um eine historische Perspektive zu gewinnen, der wird
sehen, dass eine Gesellschaft noch nie derart reguliert war
w ie die unsrige. Diese Vorschriften wären verständlich und
vernünftig, wenn sie nur dazu dienten, den Schaden, der
dem einen von einem anderen zugefügt w erden könnte,
zu begrenzen. Sie m üssten dem Ratschlag W ilhelm von
H um boldts folgen, der gesagt hat, «daß jedes Bem ühen des
Staates verw erflich sei, sich in die Privatangelegenheiten
der Bürger überall da einzum ischen, wo dieselben nicht u n ­
m ittelbaren Bezug a u f die K ränkung der Rechte des einen
durch den andren haben»67.

Eine solche weise Selbstbeschränkung findet m an heute


leider nicht. Im Gegenteil sorgt sich der Staat in geradezu

113
rührender Weise um m eine G esundheit und Sicherheit, um
m eine richtige Ernährung und ein m öglichst risikoarmes
Leben. Eklatantes Beispiel dafür ist das Rauchen. Es geht ja
längst nicht m ehr um den plausiblen Schutz der N ichtrau­
cher allein. Ich selber bin Raucher und freue m ich darüber,
dass die Luft in den Restaurants besser geworden ist. Doch
auch im Freien, a u f Terrassen, Baikonen oder in Gastgärten,
ist das Rauchen im m er häufiger verboten.

Als ich einm al Siegfried Lenz in D änem ark besuchte, um ein


Interview m it ihm zu m achen, trafen w ir uns am Vorabend in
einem ziem lich schicken Hotel. In den Räum lichkeiten des
alten Dorfkrugs war unw eit des Eingangs ein großer Kamin,
um ihn herum standen bequem e Sessel. Das Restaurant, wo
w ir später essen w ollten, w ar ein gutes Stück davon entfernt.
Wir ließen uns also am Kamin nieder, und Siegfried Lenz, der
ewige Pfeifenraucher, holte seinen Tabak hervor und stand
im Begriff, sich eine Pfeife anzuzünden. Der Rauch, den
er vor sich hin gepafft hätte, wäre nicht w eiter aufgefallen,
w eil das Kam infeuer nicht ordentlich brannte und die Sitz­
gruppen m it einem leichten, nicht unangenehm en Q ualm ­
schleier um hüllte. Natürlich w urde Lenz, noch bevor seine
Pfeife zündete, höflich, aber bestim m t a u f seinen Fehltritt
hingewiesen, sodass w ir gezw ungen waren, nach draußen
zu gehen, wo es noch ziem lich kühl war - der Frühling hatte
eben erst begonnen.

Die Logik solcher Verbote ist klar: Es geht nicht nur dar­
um , die M itm enschen vor dem Sünder, sondern auch dar­
um, den Sünder vor sich selbst zu schützen. Diese Fürsorge
um fasst w eite Felder unseres Alltags. Die A nschnallpflicht
für Autofahrer und die H elm pflicht für M otorradfahrer und
Skiläufer (die für Radfahrer w ird bald folgen), die zahllosen

114
anderen kleinen oder großen Vorschriften, die unseren A ll­
tag bestim m en - w ir haben uns längst daran gewöhnt, und
zum eist billigen wir sie auch. A ber sie sind und bleiben un­
nötige Einschränkungen der persönlichen Freiheit. Seltsam
nur, dass riskante Sportarten w ie Drachenfliegen, Reiten
oder M otorradfahren noch nicht verboten sind, doch muss
m an sich deshalb nicht sorgen: Der Staat wird sich schon
noch darum küm m ern. Er weiß, dass zu viel Salz oder zu
viel Zucker nicht gesund sind, dass Rauchen tödlich ist
und A lkohol das Leben verkürzt. Und so, wie er den letzten
Rauchern m it ekelerregenden Fotos die Freude vergällt, so
w ird er bald auch die Tafel Schokolade m it einem Foto v e r­
faulter Zähne schm ücken und die W hiskyflasche m it dem
Bild einer Säuferleber.

Wir sind a u f dem besten Weg in eine D iktatur der Fürsorge.


Die Liberalutopie des Nachtwächterstaates, der die Rechte
seiner Bürger schützt, verw andelt sich still und leise in die
Sozialutopie des Fürsorgestaates, der seine Bürger zum
richtigen Leben anhält. 1789 erklärte die N ationalversam m ­
lung in Paris die M enschenrechte. In A rtikel 4 heißt es: «Die
Freiheit besteht darin, dass m an all das tun kann, was einem
ändern nicht schadet.» Der Kom m unism us in seiner Blüte
m achte daraus: Die Freiheit besteht darin, dass m an all das
tun muss, was jedem Einzelnen und der Gesellschaft nutzt.
Sehr w eit sind w ir davon n icht m ehr entfernt. Und w eil w ir
schon so lange in einer freien Gesellschaft leben, haben wir
vergessen, w ie kostbar und selten Freiheit ist. G esundheit
und Sicherheit sind uns wichtiger.

Der Fürsorgestaat beruft sich a u f den Solidargedanken.


Wenn ich riskant lebe, ohne Fahrrad- oder Skihelm fahre,
w enn ich m ich ungesund ernähre und dann auch noch rau­

115
che, schade ich der Solidargem einschaft, die für die Behand­
lung m eines Infarkts oder Schädelbruchs aufkom m en muss.
Diese Logik untergräbt jegliche Freiheit. Denn so gesehen ist
nichts, was ich tue, ohne Belang für die A llgem einheit, die
daraus folgert, m ich kontrollieren zu dürfen. Diese Logik
ist keineswegs so rational, w ie sie tut. Sie richtet sich kaum
gegen den Raubbau, den die Reichen und M ächtigen an der
Solidarität betreiben. Sie rich tet sich gegen die kleinen Sün­
der. Die wachsende Zahl der Verbote, M aßregelungen und
Ratschläge, m it denen w ir uns gegenseitig zum richtigen,
gesunden Leben anhalten, könnte Ausdruck der Tatsache
sein, dass uns zw ar das Christentum abhandengekom m en
ist, nicht aber die Sünde. W ir sündigen noch, können Verge­
bung aber nur noch von unserem N achbarn erbitten. Der ist
selten gnädig.

Die Idee einer durch gegenseitige Erziehung sich selbst stän­


dig verbessernden Gesellschaft ist eine linke Idee. Wenn
alle einander helfen und zum richtigen Handeln anleiten,
m üsste das größtm ögliche G lück aller doch erreichbar sein.
Die Gesellschaft erscheint als ein Apparat, der perfekt fu n k ­
tionieren würde, w enn m an von seinen Antriebskräften
genug wüsste, um ihn zu beherrschen, und der M ensch als
eine M aschine, die von physiologischen Prozessen gesteuert
wird. Das Böse ist keine m etaphysisches Faktum, sondern
Folge einer Fehlschaltung.

O bgleich sich diese Theorie den Anschein w issenschaftli­


cher Erwiesenheit gibt, ist sie letztlich nur eine G laubens­
sache. Der Konservative jedenfalls w ird sie bezweifeln. Im
Gegenteil glaubt er daran, dass das Leben durch M ächte ge­
ordnet ist, die sich der m enschlichen Verfügung w eitgehend
entziehen. Und der christliche Konservative weiß, dass nicht

116
der M ensch der unum schränkte Herr seines Schicksals ist,
sondern Gott.

Die Freiheit des M enschen ist eingebunden in einen größe­


ren Zusam m enhang, der durch die Geschichte, durch Her­
kom m en und Sitte bestim m t ist, und die ihm auferlegte
Verantw ortung richtet sich nach seinem Vermögen, seiner
Position, seinem Können, seiner Intelligenz. Denn die
M enschen sind - zu ihrem G lück - nicht gleich. Die G leich­
heitsideologie jedoch sucht die Schuld für Besonderheiten
oder M ängel nicht beim Individuum , sondern im sozialen
System. Die Gesellschaft ist Ursache der Benachteiligungen
und dafür verantw ortlich. Tocqueville sagt: «Sind die gesell­
schaftlichen Bedingungen alle ungleich, so fällt keine noch
so große U ngleichheit kränkend auf; wogegen der kleinste
Unterschied inm itten der allgem einen Gleichförm igkeit
A nstoß erregt; deren A n b lick w ird um so unerträglicher, je
durchgehender die Einförm igkeit ist. Daher ist es natürlich,
daß m it der G leichheit selber die Liebe zu ihr u naufhörlich
zunim m t; indem m an sie befriedigt, steigert m an sie.»68

Es ist im m er w ieder hilfreich, den großen Alexis de Tocque­


ville zu lesen. Ich staune darüber, was dieser M ann in seinem
berühm ten Buch «Über die Dem okratie in Amerika» schon
1835 erkannt hat. Im fü n f Jahre später erschienenen zw ei­
ten Teil seiner U ntersuchung schildert er, w ie der G leich­
heitsgedanke zu einem zentralistischen Staat tendiert, und
gegen Ende w agt er eine Prognose, w ie dieser Zentralism us
zu einer neuen Despotie führen könnte: «Ich w ill m ir v o r­
stellen, unter w elchen neuen M erkm alen der Despotism us
in der W elt auftreten könnte: Ich erblicke eine M enge ein­
ander ähnlicher und gleichgestellter M enschen, die sich
rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche

117
Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gem üt ausfüllen. Je­
der steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller ändern
frem d gegenüber: seine Kinder und seine persönlichen
Freunde verkörpern für ihn das ganze M enschengeschlecht;
was die übrigen M itbürger angeht, so steht er neben ihnen,
aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht;
er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt
ihm noch eine Familie, so kann m an zum indest sagen, daß
er kein Vaterland m ehr hat. Über diesen erhebt sich eine ge­
waltige, bevorm undende M acht, die allein dafür sorgt, ihre
Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist
unum schränkt, ins einzelne gehend, regelm äßig, vorsorg­
lich und m ild. Sie wäre der väterlichen Gew alt gleich, w enn
sie w ie diese das Ziel verfolgte, die M enschen a u f das reife
A lter vorzubereiten; statt dessen aber sucht sie bloß, sie u n ­
w iderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten ...»69

Und Tocqueville fährt fort: «Nachdem der Souverän auf


diese Weise den einen nach dem ändern in seine m ächtigen
Hände genom m en und nach seinem G utdünken zurecht­
geknetet hat, breitet er seine Arm e über die Gesellschaft
als Ganzes aus; er bedeckt ihre O berfläche m it einem Netz
verw ickelter, äußerst genauer und einheitlicher kleiner Vor­
schriften, die die ursprünglichsten Geister und kräftigsten
Seelen nicht zu durchbrechen verm ögen, um sich über die
M enge hinauszuschwingen; er bricht ihren W illen nicht,
aber er w eicht ihn a u f und beugt und lenkt ihn; er zw ingt
selten zu einem Tun, aber er w endet sich fortw ährend da­
gegen, daß m an etwas tue; er zerstört nicht, er hindert, daß
etwas entstehe ...»70

Man w ird nicht behaupten wollen, die Brüsseler Behörden


glichen diesem vo n Tocqueville skizzierten Souverän, doch

118
w enn m an liest, die Komm ission beschäftige 35000 Beamte
und das gesam te Gesetzesw erk um fasse m ehr als 50000
Seiten (nach anderen Angaben 85 000), dann sind die U nter­
schiede nicht allzu groß.

Doch woran liegt es, dass sich die Bürger nicht wehren? Sie
leben ja in einer Dem okratie und m üssten eigentlich ihre
Freiheit lieben. Das schon, sagt Tocqueville, aber stärker
ist ihr Bedürfnis, geführt zu werden. Die Freiheit setzt die
eigene Initiative voraus, und die Fähigkeit, eigenverantw ort­
lich zu handeln, muss erlernt werden. Und w er diese Kunst
gelernt hat, kann sie auch w ieder verlernen. Nun m erken
die Bürger durchaus, dass sie nicht m ehr frei sind. Aber, so
Tocqueville: «Sie nehm en die Bevorm undung hin, indem sie
sich sagen, daß sie ihre Vorm ünder selber ausgewählt haben.
Jeder duldet, daß m an ihn fessle, weil er sieht, daß w eder ein
M ann noch eine Klasse, sondern das Volk selbst das Ende der
Kette in Händen hält.»71

Und Tocqueville schließt m it einer düsteren Prognose für


die Zukunft der Demokratie: «In der Tat ist es schwer, sich
auszudenken, w ie es M enschen, die a u f die Gew ohnheit
eigener Lenkung völlig verzichtet haben, gelingen könnte,
diejenigen richtig auszuwählen, die sie führen sollen; und
m an wird uns nicht glauben m achen, daß eine freiheitliche,
tatkräftige und weise Regierung jem als aus den W ahlen
eines Volkes von Knechten hervorgehen kann.»72 Wer sich
die Wahl Donald Trumps zum am erikanischen Präsidenten
vor Augen hält, wird dazu neigen, Tocqueville zuzustim m en.
Von Hause aus Aristokrat, w ar er scharfsichtig genug, um zu
erkennen, dass die Adelsherrschaft an ihr verdientes Ende
gekom m en war. Er sah den Siegeszug der dem okratischen
M assengesellschaft voraus und beschrieb ihre Risiken und

119
Chancen in einer M ischung aus Faszination und Befremden.
Er w ar konservativ und zugleich liberal.

Ein Mann w ie er wäre heute dringend nötig.


8

Das Gleichheitsversprechen und die Grenzen


des Sozialstaates - Arm ut und Barmherzigkeit -
D ie Verherrlichung der Identität

W as bedeutet Gleichheit? Zunächst ist der Gedanke


christlichen Ursprungs. Vom A postel Paulus berich ­
tet Lukas in der A postelgeschichte (17,26), er habe, als er a u f
dem Areopag stand, zu den Athenern gesagt: «Gott hat aus
einem einzigen M enschen das ganze M enschengeschlecht
erschaffen, dam it es die ganze Erde bewohne.» Und in sei­
nem Brief an die Galater (3,28) schreibt Paulus: «Es gibt nicht
m ehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht
M ann und Frau; denn ihr alle seid <einer> in Christus Jesus.»

Der Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen, der diese bi­


blischen Texte in seinem Essay zum Them a G leichheit zi­
tiert, legt Wert darauf, dass die G leichheit der von Gott ge­
schaffenen M enschen eine «metaphysische Bedeutung» habe,
eben «weil das Christentum ursprünglich eine Erlösungs­
religion ist, in seinem Kern diesseitsabstoßend; so m üßte es,
zur Rede gestellt, den w eitverbreiteten Gegenwartsglauben
verw erfen, nach dem das Leben der G üter höchstes ist. Eben
desw egen ließ jene m etaphysisch verstandene G leichheit

121
Raum für alle m öglichen historisch gewachsenen oder er­
zw ungenen U ngleichheiten, nicht einm al im m er m it A us­
nahm e der Sklaverei.»73

M ir gefällt die schroffe Vokabel «diesseitsabstoßend». Sie b e­


schreibt eine Haltung, die dem gegenwärtigen Christentum
abhandengekom m en ist. Ich kann das nicht w irklich m iss­
billigen, denn auch ich bin, um ehrlich zu sein, ein diessei­
tiger M ensch. Und doch hoffe ich, gewisserm aßen heim lich,
dass die Christen für eine andere Botschaft geradestehen,
dass sie die Frage der G leichheit nicht a u f die Tabellen des
Statistischen Bundesam tes reduzieren, sondern jenen m eta­
physischen G edanken hinzufügen, vo n dem G ehlen spricht:
dass näm lich das diesseitige W ohlergehen nicht das höchste
G ut ist. W ichtig scheint m ir sein Hinweis, dass in der christ­
lichen G leichheitsidee die m ateriellen Lebensverhältnisse
zw ar eingeschlossen sind, aber keineswegs an erster Stelle
stehen. Die Spannung zw ischen Diesseits und Jenseits ist im
Lauf der G laubensgeschichte unterschiedlich interpretiert
w orden - von der Idee, irdischer Reichtum sei ein Hindernis
a u f dem Weg ins Paradies, bis hin zu der Verm utung, ein im
christlichen Geist und im christlichen Nam en erzielter öko­
nom ischer Erfolg w erde G ott gefällig sein. Der Puritanism us
hat daran lange geglaubt. Unsere m odernen Zeiten haben
diesen heilsgeschichtlichen Gedanken in eine Säkularreli­
gion verw andelt. Und diese allseits beköm m liche Religion
m uss nun, w eil sie an ein Jenseits nicht m ehr glaubt, das
G lück - oder jedenfalls ein W ohlbefinden - im Diesseits ver­
sprechen, und zw ar prinzipiell allen.

Das in W ahrheit unerfüllbare Versprechen m ündet in einen


Anspruch, den Arnold G ehlen so beschreibt: «Man em p­
findet heute Differenzierungen und U ngleichheiten in der

122
Sicherheit oder Versorgung als unerträglich, ebenso in der
Zuteilung von Lebenschancen, in Prestigefragen; in all d ie­
sen Fällen geht der rechtlichen G leichbehandlung die A us­
gleichsidee vorher, im Sinne eines Anspruchs a u f dasselbe,
was die anderen haben oder sind.» Und daraus folge, «daß
jeder menschliche Lebensausdruck so etwas wie einen gleichgeord­
neten Daseinswert mitjedem anderen erhält. M it anderen Worten:
Das schlechthin Vorhandene ist schon deswegen moralisch legi­
tim iert, denn aus der Ethisierung des Lebenswertes und der
natürlichen G leichheit der M enschen und ihrer Ä ußerun­
gen folgt eine Sanktionierung des Vorhandenen, weil es vorhanden
ist. U nm oralisch ist nur, irgendeiner Sache das Daseinsrecht
zu bestreiten oder gar die Grundideen der G leichheit und
Freiheit oder des M assenlebenswertes in Frage zu stellen.
Hier liegt eine ganz tiefe m oralische Transform ation vor,
vo n bisher erstm aliger Art.»74

Es ist bem erkenswert, dass der zitierte Essay schon 1966 ge­
schrieben wurde, und als ich ihn jetzt las, fiel m ir aberm als
auf, w ie sehr ich ein Kind m einer Zeit bin. Denn natürlich
(natürlich?) finde ich die Abgründe zw ischen A rm und Reich
gespenstisch, die Gehälter ganz oben schwindelerregend
und die Zunahm e von U nwissenheit und Verwahrlosung
ganz unten bedrückend. Während die Recheneinheit von
Staatshilfen für selbstverschuldet fallierende Banken bei
einer M illiarde beginnt, endet sie für unverschuldet ins A b ­
seits Geratene bei tausend. W ährend M artin W interkorn,
der ehem alige Vorstandsvorsitzende des VW-Konzerns,
trotz seiner verm utlichen M itverantw ortung für den D ie­
sel-Skandal, trotz der daraus entstandenen M illiardenver­
luste, eine Altersversorgung vo n um gerechnet täglich 3100
Euro erhält, kriegt ein Arbeitnehm er, der die Höchstrente
bezieh t (was selten der Fall ist), täglich 60 Euro.

123
W arum em pört m ich das? N icht aus Gründen des Neides.
Ich w üsste gar nicht, w ie es zu schaffen wäre, jeden Tag 3100
Euro auszugeben. M eine W ünsche, soweit ich sie kenne, w ä­
ren binnen kurzem erfüllt. Vielleicht w ürden sie m it ihrer
Erfüllung wachsen, das könnte im m erhin sein. Ich glaube
jedoch, m eine Em pörung (und die vieler Zeitgenossen)
hat einen anderen Grund. Er hängt m it dem G leichheits­
anspruch zusam m en, den Tocqueville und G ehlen voraus-
gesehen haben. M an muss sich dabei vor Augen halten, dass
die Lebens- und Glückschancen in einer ökonom isierten
Gesellschaft vom Einkom m en abhängen und, da eine Trans­
zendenz ausgeschlossen ist, von nichts anderem.

Das Reich der M öglichkeiten w ächst m it der Menge des


Geldes, das jem and hat. Es geht nicht eigentlich darum,
dass sich der M inderbem ittelte danach sehnt, eine Yacht
zu besitzen, sondern darum, dass diese O ption für ihn nicht
in Frage kom m t, w ährend m anche Leute sie haben. Und
w elche Leute das sind, w eiß m an in Zeiten der geforderten
und teilw eise schon realisierten Transparenz ziem lich gut.
Ranglisten der Reichen, Tabellen m it dem Einkommen von
Konzernchefs w erden gerne gedruckt und gerne gelesen.
Das befördert die Em pörungslust. Sie ist insofern neu, als
der U nterschied zw ischen A rm und Reich ein ewiges Phä­
nom en ist, das die Phantasien im m erzu beflügelt hat. In den
M ärchen kann m an sie nachlesen. M it Neid jedoch waren
sie nie verbunden. Dass der König vo n goldenen Tellern aß,
verstand sich von selbst. Es gehörte sich so. Und er aß davon
nicht zu seinem Vergnügen, sondern w eil es seine Position
erforderte. Lange Zeit w ar es selbstverständlich, dass einige
reich waren und folglich M öglichkeiten in ihrer Reichweite
lagen, die anderen verschlossen blieben. M an nahm das hin.

124
Ein derartiger G leichm ut ist m it der Ausdehnung des G leich­
heitsgebots nahezu völlig verschw unden. Es durchzusetzen
wäre Sache des Sozialstaats. Der aber gerät an seine Gren­
zen. Ganz abgesehen davon, dass er in vielen Ländern nach
den M aßstäben eines ehrbaren Kaufm annes längst pleite
ist: Man m uss sich darüber im Klaren sein, dass es nicht in
seiner M acht liegt, das Ideal der m ateriellen G leichheit zu
realisieren. Seine Fürsorge, deren Ausm aß historisch gese­
hen einzigartig ist, hat die A rm ut zw ar gem ildert, aber nicht
beseitigt.

Es w ar Hegel, der in der staatlichen W ohltätigkeit ein grund­


sätzliches Problem sah. In Paragraph 245 seiner Rechts­
philosophie sagt er: «Wird der reicheren Klasse die direkte
Last auferlegt [...], die der A rm ut zugehende Masse au f
dem Stande ihrer ordentlichen Lebensweise zu erhalten, so
w ürde die Subsistenz der Bedürftigen gesichert, ohne durch
die A rbeit verm ittelt zu sein, was gegen das Prinzip der bü r­
gerlichen Gesellschaft und des Gefühls ihrer Individuen von
ihrer Selbständigkeit und Ehre wäre.»75

Hegel schrieb das 1821, vor fast zw eihundert Jahren. Bis


heute bildet A rbeit die Basis vo n «Selbständigkeit und Ehre».
Der Em pfänger staatlicher Fürsorge ist zw ar befreit von
unm ittelbarer Not, aber bedroht in seiner Selbstachtung.
N icht nur er. Auch der Steuerzahler, der Angehörige der
staatstragenden M ittelschicht, fühlt sich in seiner Selbst­
achtung bedroht, w eil er sich um die Früchte eigener A rbeit
gebracht sieht, ohne zu jenen, die davon profitieren sollen,
je in ein näheres Verhältnis zu treten. Er hat das Gefühl,
einen Apparat zu m ästen, der im m er unübersichtlicher, u n ­
begreiflicher wird.

125
Dass unser Steuersystem schon deshalb nicht gerecht ist,
w eil kaum einer es noch versteht, darauf hat der frühere
Verfassungsrichter Paul K irchhof im m er w ieder und ver­
geblich hingewiesen. Die Steuerflüchtlinge, die, sofern sie
jem als erwischt werden, eine staatsanwaltliche Verfolgung
und eine öffentliche Bloßstellung zu fürchten haben, sind
ja nur die eine und kleinere Seite des Problems. Die andere
dokum entiert eines der erfolgreichsten Bücher, die es je
gegeben hat: die jährlich aktualisierte Auflage des Bestsel­
lers «1000 ganz legale Steuertricks» des m ittlerw eile (2013)
verstorbenen Franz Konz. Strategien der Steuerverm eidung
sind in die Logik des System s unsichtbar eingebaut, und
nur der Fachkundige w ird sie verstehen und nutzen kön­
nen. Wer zu träge oder zu dum m dafür ist, zahlt mehr, als er
eigentlich m üsste. Was bedeutet, dass unser Steuersystem
den G leichheitsgrundsatz in seinem Kern verletzt. Es ist er­
staunlich, dass sich die Ö ffentlichkeit m it diesem Skandal
ohnm ächtig abgefunden hat. Es liegt w ohl daran, dass es
«Öffentlichkeit» a u f diesem Gebiet nicht gibt, denn Interes­
sengruppen der unterschiedlichsten A rt zerren an diesem
undurchschaubaren Netz, um von Fall zu Fall einen kleinen
Vorteil zu erlangen, der dann in der nächsten Steuerreform
durch den Sieg einer gegnerischen Interessengruppe kon­
terkariert wird. Was bedeutet, dass den «1000 ganz legalen
Steuertricks» eine quasi unendliche Zukunft bevorsteht.

Der G leichheitsgedanke ist also schon steuerrechtlich eine


Chim äre. Hinter ihn zurückzugehen hieße jedoch, h in zu ­
nehm en oder gar zu billigen, dass jedes System seine Opfer
fordert. Der Konservative w ird sich dam it nicht abfinden
wollen. Er weiß, dass aus der christlichen «Erfindung des In­
dividuums» (Siedentop) die ursprüngliche G leichheit aller
M enschen hervorgeht, unabhängig von Stand oder Rasse.

126
Er sieht allerdings auch, dass die Verrechnungslogik des
Sozialstaats, die keine konkreten M enschen kennt, sondern
nur abstrakte Geber und Nehmer, den hum anitären Impuls
beschädigt. A n dessen Stelle tritt der Rechtsanspruch des
Staatsbürgers. Der Verlust der Ehre, um m it Hegel zu reden,
ist dam it aber keineswegs aufgehoben. Denn es m acht einen
Unterschied, ob ich als Rentner N utznießer eines Solidar-
system s bin, zu dem ich m einen Teil beigetragen habe, oder
ob ich eigene Leistungen nie erbracht habe oder nie habe
erbringen können. Derlei Beitrag w ürde m an von Kindern
oder Geistesschwachen nicht verlangen, aber m it denen
a u f einer Stufe zu stehen ist dem ütigend. M angel an A n ­
erkennung jedoch führt zum Schwund der Selbstachtung,
der nicht selten durch eine A rt Em igration beantw ortet
wird, sei es intern durch Krankheit oder Sucht, sei es extern
durch Krim inalität oder politische Radikalisierung. Auch
w enn der Anspruch a u f gleiche Grundbedingungen für je­
derm ann nie erfüllt w urde und, realistisch betrachtet, auch
nie erfüllt w erden wird, so ist er dam it noch nicht erloschen
und die Frage, was aus jenen w erden soll, die Hegel herzlos
«Pöbel» nennt, n icht beantw ortet.

W ilhelm vo n H um boldt hat schon 1792, in seinen «Ideen zu


einem Versuch, die Grenzen der W irksam keit des Staats zu
bestimmen», die Beobachtung gem acht, dass sich das A us­
m aß privater Tugend um gekehrt proportional zum A u s­
m aß staatlicher Fürsorge verhält. Je stärker der Bürger als
anonym er Steuerzahler verpflichtet wird, um so m ehr sinkt
seine N eigung zu nachbarschaftlicher A nteilnahm e und Z u ­
wendung. Die Verstaatlichung der Tugenden kann nicht ge­
lingen, und der Wunsch, die Bedürftigen sollten m it einem
gewissen Stolz das ihnen Zustehende in Anspruch nehm en
dürfen, ist unerfüllbar: Sie w ollen nicht bloß Geld, sondern

127
auch Anerkennung. Stattdessen m üssen sie a u f den War­
tebanken der Sozialäm ter die Erfahrung m achen, dass sie
lediglich ein Aktenvorgang sind.

Anerkennung ist deshalb ein knappes Gut, w eil es nicht in


m einem Ermessen steht, sie zu bezeugen. Der andere muss
m ir in einer konkreten Weise begegnen, als Nachbar, als M it­
m ensch. Wenn dies nicht gelingt oder gelingen kann, gibt es
nur zw ei M öglichkeiten. Die erste: Ich helfe ihm in voraus-
schauendem Eigeninteresse, w eil der soziale Friede auch
m ir und m einen Kindern nutzt. In diesem Gedanken steckt
die eigentliche Kälte des Sozialstaats. Ich delegiere das Pro­
blem an einen Apparat, der seiner Logik nach nicht das ein­
zigartige Individuum w ahrnim m t, sondern den typischen
Fall registriert.

Zw eite M öglichkeit: Ich helfe aus M itleid oder G roßherzig­


keit. Dass dieses M otiv in V erruf gekom m en ist, obwohl es im
Katalog christlicher Tugenden an vorderster Stelle steht, ist
das eigentliche Problem der G leichheitsidee. In deren Ver­
ständnis verstößt das A lm osen gegen den Rechtsanspruch.
Weil der aber nie vollständig realisiert w erden kann, muss
die Gesellschaft darauf hinwirken, dass die Tugend der
Barm herzigkeit nicht ausstirbt. Es ist näm lich keineswegs
ein Gesetz, dass dem Stolz des Gebenden die Schande des
N ehm enden korrespondiert. Dies wäre nur dann der Fall,
w enn w ir den G leichheitsgedanken so exzessiv auslegten,
dass jegliche Form des m ildtätigen H inabbeugens oder h ilfe­
suchenden Em porblickens als Verstoß gegen die M enschen­
w ürde zu betrachten wäre, was aller Erfahrung w iderspricht.

Wenn m an hingegen akzeptieren könnte, dass U ngleich­


h eit zu den fundam entalen m enschlichen Existenzialien

128
zählt, gewönne die Tugend der Barm herzigkeit ihr altes
G ew icht zurück. Sie würde den Sozialstaat, der trotz allem
ein Gew inn bleibt, nicht ersetzen, sondern ergänzen. Fast
alle Religionen legen a u f die Barm herzigkeit größten Wert.
Dass Geben seliger sei als Nehm en, steht in der Bibel. Der
berühm te Satz, eher gelange ein Kamel durchs Nadelöhr als
ein Reicher in den Himmel, hat die Theologen im m er w ieder
beschäftigt.

In dem Roman «Tagebuch eines Landpfarrers» von Georges


Bernanos (1936) diskutieren zw ei Priester über die W ürde
der Arm ut. Jesus, so sagt der eine, habe die A rm ut geheiligt,
und folglich m üsste es die Aufgabe der Kirche sein, den A r­
m en die Arm ut zu predigen. Aber er gesteht sich ein, dass er
diesen Gedanken nicht ertragen könne, lieber w ürde er den
A rm en den Aufstand predigen.76 «Die Kirche ist der Schutz
der Arm en, das steht fest. Es ist gar nicht schwierig. Jeder
m itfühlende M ensch gewährt ihnen m it ihr gem einsam
Beistand. Sie dagegen ist die einzige, wohlverstanden: ohne
A usnahm e die einzige, die die Ehre der A rm ut wahrt.»77

Ein atheistischer Arm enarzt entgegnet: «Wißt ihr, was ich


euch vorwerfe, euch Priestern? [...] Nach zw anzig Jahrhun­
derten Christentum , H im m eldonnerwetter, dürfte es doch
keine Schande m ehr bedeuten, arm zu sein! Nein, ihr habt
euren Christus verraten! M ein Gott, guter Gott! Ihr verfügt
doch über alles, was m an braucht, um die Reichen zu dem ü­
tigen und zur Pflichterfüllung zu zwingen. Die Reichen dürs­
ten doch nach Achtung, je reicher sie sind, um so mehr.»78
Diese M acht haben die Kirchen längst verloren, und von der
W ürde der A rm ut zu sprechen käm e ihnen nicht in den Sinn.
Es wäre ein Skandal.

129
Der Gedanke der G leichheit ist w esentlich m it d em der A n­
erkennung verbunden. Anerkennung steht jedem zu - im
G egensatz zur Ehre, die nur wenige auszeichnet, sei es wegen
der A bkunft und des Herkommens, sei es wegen besonderer
Leistungen. Die Ehre verliert um so m ehr an Wert, je häufi­
ger sie zuerkannt wird. Bekäm e jeder das Bundesverdienst­
kreuz, wäre es keine Auszeichnung mehr. Die Anerkennung
jem andem zu verw eigern, der als M itm ensch vor m ir steht,
verstieße gegen den Gedanken der M enschenwürde. In sei­
nem Buch «M ultikulturalismus und die Politik der A nerken­
nung» schreibt der kanadische Philosoph Charles Taylor:

«Die Politik der allgem einen M enschenwürde beruht a u f der


Idee, daß alle M enschen gleicherm aßen geachtet w erden
sollen. Dem liegt, auch w enn w ir uns vielleicht scheuen,
diesen (metaphysischen) Kontext ins Auge zu fassen, eine
bestim m te Vorstellung davon zugrunde, was an den M en­
schen besondere A chtung verdient. Für Kant, der den Be­
griff Würde in diesem Zusam m enhang schon sehr früh und
m it nachhaltiger W irkung verw endete, lag das A ch tungs­
gebietende an den M enschen darin, daß sie zu vernünftigem
Handeln fähig sind, dazu, ihr Leben von G rundsätzen leiten
zu lassen. [...] Was hier als w ertvoll hervorgehoben wird, ist
ein universelles menschliches Potential, eine Fähigkeit, die allen
M enschen gem einsam ist. Dieses Potential und nich t das,
was der Einzelne aus ihm m acht oder gem acht hat, sichert
jederm ann Achtung. Und w ir dehnen unseren Schutz auch
a u f solche M enschen aus, die infolge irgendw elcher U m ­
stände nicht in der Lage sind, ihr Potential in der üblichen
Weise zu verw irklichen - a u f Behinderte zum Beispiel oder
au f M enschen, die im Koma liegen.»79

130
Dem nun steht eine neue Entw icklung entgegen, die Politik
der Identität. M it Identität ist nicht gem eint, dass ich ein
M ensch bin, sondern dass ich beispielsweise dunkelhäutig,
w eiblich oder hom osexuell bin. Taylor spricht von einer
«individualisierten Identität»80, und er schildert die Ent­
stehung dieses Gedankens bei Rousseau und Herder. Nun
geht es nicht m ehr darum, dass Allgem einm enschliche in
sich auszubilden, sondern das je Eigene. Nur w enn ich a u f
m eine innere Stim m e höre, bin ich im stande, m ich selbst
zu verw irklichen. Und diese innere Stimme, so Taylor, er­
scheine als gefährdet, «etwa durch den äußeren Konfor­
m itätsdruck, aber auch dadurch, daß ich, w enn ich m ich
bloß instrum enteil zu m ir verhalte, w om öglich die Fähigkeit
verliere, a u f die innere Stim m e zu hören. Das Ideal erweitert
die Bedeutung des Selbstbezugs noch, indem es das Prinzip
der O riginalität einführt: die Stim m e jedes M enschen hat
etwas Unverwechselbares m itzuteilen. N icht nur, daß ich
m ein Leben nicht nach den Erfordernissen äußerlicher Kon­
form ität gestalten soll - außerhalb m einer selbst kann ich gar
kein M odell dafür finden, w ie ich m ein Leben leben soll. Ich
kann dieses M odell nur in m ir selbst finden. Mir treu zu sein
bedeutet: m einer Originalität treu zu sein, und sie kann nur
ich allein artikulieren und entdecken. Indem ich sie artiku­
liere, definiere ich mich.»81

Hier haben w ir den Kern einer Identitätspolitik, die den


G leichheitsgedanken letztlich auflöst. Er besteht dann nur
noch im Anspruch a u f Anerkennung der Differenz. Dieser
A nspruch geht sehr w eit. Denn er behauptet, m eine Iden­
tität sei durch einen historisch zurückliegenden A nerken­
nungsm angel noch im m er bedroht, etw a dadurch, dass ich
als Schwarzer oder als Frau von der Geschichte des Kolo­
nialism us oder des Patriarchats bis heute derart beschädigt

131
bin, dass ich einen Anspruch a u f W iedergutm achung habe,
dass ich geradezu genötigt bin, alle Zeugnisse, die diese U n­
heilsgeschichte kom m entarlos abbilden, als Kränkung zu
em pfinden. M an kennt ja die Berichte von am erikanischen
U niversitäten, w o identitätspolitisch erregte Studenten den
klassischen Lektürekanon ablehnen und warnende Hin­
w eise a u f Bücher verlangen, die geeignet sein könnten, sie in
ihrem Selbstbild zu verletzen.

Es loh n t sich nicht, diese Exzesse der Political Correctness


näher zu schildern. Ich begnüge m ich dam it, au f den gran­
diosen tragischen Roman «Der m enschliche Makel» (2002)
von Philip Roth hinzuweisen, dessen Held ein Schwarzer
ist und der den täglichen Rassismus am Beispiel seines Va­
ters bitter erfahren hat. Da er relativ hellhäutig ist, gibt er
sich>als Jude aus. Dieser Professor der A ltphilologie wird
von den Studenten und schließlich vom Kollegium seiner
U niversität des Rassismus gegen Schwarze angeklagt, einer
unbedeutenden, unbedachten Äußerung wegen, die er mit
dem Ausdruck des Bedauerns zurücknehm en könnte. Was
er aber nicht kann, w eil er dann zugeben m üsste, dass seine
soziale und berufliche Existenz a u f einer Verleugnung sei­
nes H erkom m ens beruht. Er, der Schwarze, w ird das Opfer
einer Intrige von Weißen, die sich des Instrum ents der Po­
litical Correctness bedienen, um persönliche Interessen zu
verfolgen.

Den W ettlauf um Anerkennung gew innt, w er als Erster den


Opferstatus behauptet. Das Problem dabei ist, dass die w irk­
lichen Opfer der Gesellschaft, die Arm en, die an den Rand
Geratenen, die Entrechteten und die Sprachlosen, von
der Debatte ausgeschlossen sind. M ark Lilla, Professor für
Ideengeschichte an der Colum bia-U niversität, hat diese

132
Fixierung a u f «Identity Liberalism» für die Niederlage von
H illary Clinton verantw ortlich gem acht. In einem vield is­
kutierten Beitrag für die «New York Times»82 sagt er: Als
Clinton den identitätspolitischen Forderungen gefolgt sei,
habe sie den Gedanken der nationalen Bestim m ung, des na­
tionalen Gem einwohls aufgegeben und die W ähler der M itte
verloren. M ark Lilla schreibt: «Die Fixierung unserer Schu­
len und M edien a u f Vielfalt hat eine Generation von Linken
und Fortschrittlichen hervorgebracht, die a u f narzisstische
Weise unfähig sind, die Lebensbedingungen außerhalb ihrer
selbstdefinierten Gruppe w ahrzunehm en, und denen die
Aufgabe, den durchschnittlichen Am erikaner anzusprechen,
gleichgültig ist. Schon in frühestem A lter werden unsere Kin­
der, noch bevor sie eine haben, dazu angehalten, über ihre
besondere Identität zu reden.» Und er fügt warnend hinzu:
«Die Linken sollten sich daran erinnern, dass die erste iden-
titäre Bewegung in der am erikanischen Politik der Ku-Klux-
Klan gewesen ist, den es ja noch gibt. Wer das Identitätsspiel
spielt, m uss dam it rechnen, dass er es verliert.»83

Wir m üssen aber gar nicht nach A m erika gehen, um den


W echsel vo n einer am Gesam twohl interessierten Debatte
zu einer identitätspolitischen zu verfolgen. In Bundes­
ländern, wo die Grünen m itregieren, gibt es Versuche, die
Gender-Ideologie in die Lehrpläne einzufügen. Die Kinder
sollen nicht allein den Respekt vor abw eichenden sexuellen
O rientierungen lernen, sondern auch frühzeitig die Chance
erhalten, aus dem reichhaltigen Katalog der geschlecht­
lichen O ptionen das für sie Passende auszuwählen. Ich ge­
stehe, dass m ir die G roßbuchstaben lange ein Rätsel waren,
und w eil es Leser geben m ag, die ähnlich unw issend sind,
zitiere ich aus den w ahrhaft erschöpfenden Inform ationen
von W ikipedia:

133
«LGBT (auchGLBT undLSB TTIQ )isteineaus dem englischen
Sprachraum kom m ende A bkürzung für Lesbian, Gay, Bise-
xual und Transgender, also Lesben, Schwule, Bisexuelle und
Transgender. Die in D eutschland m anchm al verw endete
A bkürzung LSBTTIQ steht für lesbische, schwule, bisexuelle,
transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere M en­
schen.» In einer Tabelle listet der Beitrag nicht weniger als
23 verschiedene G eschlechter auf. Ich glaube, dass die Frage
der geschlechtlichen Neigungen Privatsache und ihre öf­
fentliche Erörterung untunlich ist. Jedenfalls sollte sie nicht
Gegenstand staatlicher Förderung sein. In D eutschland gibt
es m ehr als 200 Professuren für Genderforschung, und es ist
klar, dass das dort Erforschte Eingang in die Lehrpläne und
in den am tlich vorgeschriebenen Sprachgebrauch finden
w ill und schon gefunden hat.

Toleranz zu üben gegenüber M enschen einer anderen se­


xu ellen O rientierung ist zw eifellos wichtig, doch sollte m an
nicht so tun, als folge die selbstbestim m te Wahl ausschließ­
lich jener «inneren Stimme», von der Charles Taylor spricht.
Was w ir sind, entsteht erst im Dialog m it anderen. «Wir er­
w erben die Sprachen, die w ir zur Selbstdefinition benötigen,
nicht <von selbst>. Wir w erden in ihren Gebrauch im Umgang
m it anderen Menschen, die w ichtig für uns sind, eingeführt -
durch die Interaktion m it denen, die George H erbert Mead
die sign ifikan ten Anderem genannt hat. [...] Wir bestim m en
unsere Identität stets im Dialog und m anchm al sogar im
Kam pf m it dem, was unsere (signifikanten Anderen) in uns
sehen wollen.»84 Das heißt, dass unsere Identität - also auch
die geschlechtliche, genderm äßige - vom gesellschaftlichen
Diskurs m itbestim m t wird. Nichts anderes behauptet ja
die Gender-Theorie. Doch indem sie die m öglichen Iden­
titäten im m er w eiter ausdifferenziert, legt sie zugleich eine

134
potenziell endlose V ielfalt von O ptionen nahe, aus denen
dann w ie in einem W arenhaus auszuw ählen wäre, die unter
U m ständen w ieder zurückgegeben und gegen andere aus­
getauscht w erden könnten. Es wäre aber in m einen Augen
falsch, aus solchen Bestim m ungen, w ie im m er sie zustande
kom m en und ausfallen, eine M aßgabe für staatliches Han­
deln abzuleiten. Der Staat muss, soweit er überhaupt dazu
im stande ist, das Gem einwohl befördern und sich jenen
Fragen widm en, die für die Gesam theit der Bürger und ihre
Zukunft von Belang sind. Er verfeh lt seine Aufgabe, wenn
er versucht, den potenziell unendlichen Partialinteressen
gerecht zu werden.

Zum Them a «Political Correctness» w ill ich au f eine D ebatte


hinweisen, die sich 2012/2013 abgespielt hat und deren Teil­
nehm er ich gewesen bin. Es ging um die sprachliche Rei­
nigung vo n Kinderbüchern. 2012 hatten deutsche Verlage
angekündigt, ihre Kinderbuch-Klassiker zu überarbeiten
und Form ulierungen, die als verletzend em pfunden werden
könnten, durch neutrale zu ersetzen. Klaus W illberg vom
Thienem ann Verlag, der die Bücher von M ichael Ende und
O tfried Preußler verlegt, erklärte dam als die Absicht, «ver­
altete und politisch nicht m ehr korrekte Begrifflichkeiten»
zu entfernen. Gem eint war zum Beispiel O tfried Preußlers
Buch «Die kleine Hexe». Darin verkleiden sich die Kinder als
Neger, Chinesenm ädchen und Türke. Diese Begriffe sollten
nach W illbergs W illen verschwinden: «Die Kinder werden
sich als etwas anderes verkleiden.» Doch als was? Als In­
dianer, Zigeuner oder Eskimo können sie auch nicht gehen,
das wäre diskrim inierend, ein Dornröschen wäre sexistisch,
ein Scheich islam feindlich. Und Hexe geht ja schon lange
nich t mehr. Vielleicht Pirat? Pippis H erzenswunsch ist es,
Seeräuber zu werden. Einstweilen ist die Heldin von Astrid

135
Lindgrens legendärer Trilogie «Pippi Langstrumpf» lediglich
«Negerprinzessin». Das heißt, sie war es. Der Oetinger Verlag
hat schon vor Jahren alle «Neger» entfernt. Heute ist Pippi
«Südseeprinzessin». Damals, M itte der vierziger Jahre, als
der erste Band in Schweden erschien, sei der Begriff noch
nicht verletzend gewesen, sagt der Verlag, heutzutage könne
m an ihn so nicht stehenlassen.

Die dam alige Fam ilienm inisterin Kristina Schröder hat auf
die Frage, w ie sie m it dem «kleinen Neger» um gehen würde,
der gleich zu Beginn in M ichael Endes Roman «Jim K nopf
und Lukas der Lokomotivführer» auftaucht, geantwortet,
sie w ürde daraus beim Vorlesen «ein Baby m it schwarzer
Hautfarbe» m achen. Schauen w ir uns die Szene an. A u f der
Insel Lummerland, die unter der Regentschaft von König
Alfons dem Viertel-vor-Zw ölften von Frau Waas, Herrn Ä r­
m el und Lukas dem Lokom otivführer bew ohnt wird, kom m t
eines Tages ein Paket an. M an öffnet es: «<Ein Baby!>, riefen
alle überrascht, <ein schwarzes Baby!> - <Das dürfte ver­
m utlich ein kleiner Neger sein>, bem erkte Herr Ä rm el und
m achte ein sehr gescheites Gesicht.» Frau Schröder würde
übersetzen: «<Ein Baby!>, riefen alle überrascht, <ein schw ar­
zes Baby!> - <Das dürfte verm utlich ein Baby m it schwarzer
H autfarbe sein>, bem erkte Herr Ärm el und m achte ein sehr
gescheites Gesicht.»

Herr Ä rm el ist ein M ann vo n großer Güte und kleinem Ver­


stand, aber so blöde dann doch nicht. Und der W itz der
Szene verschw indet. Denn der eigentliche Schwarze auf
Lum m erland ist Lukas, der täglich m it seiner Lokom otive
au f der Insel herum fährt und den Ruß nie ganz von der Haut
kriegt, trotz seiner «besonderen Lokomotivführerseife». Er
bleibt also schwarz, «aber w enn er lachte, sah m an in seinem

136
M und prächtige w eiße Zähne blitzen. Außerdem trug er im
linken O hrläppchen einen kleinen goldenen Ring.» Man
sieht: Lukas ist der Karnevalsneger, Jim K nopf ist der rich­
tige Neger. Wer da m it Korrekturen anfängt, d arf gar nicht
m ehr aufhören. Das gilt erst recht für «Pippi Langstrumpf».

Der Antisem itism us- und Rassism usforscher W olfgang Benz


hat vor einiger Zeit entdeckt, Astrid Lindgrens Buch sei «mit
Ressentim ents befrachtet» und von «Kolonialrassismus»
gezeichnet. Beweis dessen: Pippi behaupte, alle M enschen
im Kongo lögen. Ja, sie sagt das, und es kom m t so: Pippi geht
eines Tages a u f der Straße rückwärts. Von den N achbarskin­
dern Thom as und Annika darauf angesprochen, antw ortet
sie: «Leben wir etw a nicht in einem freien Land? D arf m an
n ich t gehen, w ie m an möchte?» In Ä gypten zum Beispiel,
wo sie schon einm al gewesen sei, gingen alle M enschen so,
und in H interindien liefen sie a u f den Händen. «<fetzt lügst
du>, sagte Thomas. Pippi überlegte einen Augenblick. (Ja, du
hast recht, ich lüge>, sagte sie traurig. (Lügen ist hässlich),
sagte Annika. (Ja, Lügen ist sehr hässlich), sagte Pippi noch
trauriger. (Aber ich vergesse es hin und wieder, w eißt du.
Und übrigens), fuhr sie fort, und sie strahlte über ihr ganzes
som m ersprossiges Gesicht, (will ich euch sagen, dass es im
Kongo keinen einzigen M enschen gibt, der die W ahrheit sagt.
Sie lügen den ganzen Tag. Sie fangen früh um sieben an und
hören nicht eher auf, als bis die Sonne untergegangen ist>.»

Selbstverständlich ist es die Aufgabe eines Rassism usfor­


schers, Rassismus ausfindig zu m achen, aber er sollte sein
Augenm erk vielleicht lieber a u f die Realität richten als a u f
die Fiktion. «Pippi Langstrumpf» ist näm lich nicht nur ein
Kinderbuch, sondern auch ein literarisches M eisterwerk. Es
spielt virtuos m it verschiedenen Ebenen von W ahrheit und

137
W irklichkeit. Wenn Pippi zugibt, dass sie leider oft lüge, und
zugleich behauptet, dass alle Kongolesen lögen, erinnert sie
an das berühm te Paradoxon: «Epimenides, der Kreter, sagte:
A lle Kreter lügen.»

Dem Wegfall der Negerprinzessin haben Lindgrens Erben


zugestim m t. Man w ill keinen Ärger. Es ist aber sonnenklar,
dass Pippis «Neger» nichts anderes sind als eine haltlos-un­
schuldige Spielerei m it jenem Phantasm a des naiven N atur­
volks, das schon Gauguin um getrieben hat. Pippi fährt in
die Südsee, wo es bekanntlich keine Schwarzen gibt, w es­
halb Kritiker bem erkt haben, m an m üsse «Polynesier» sagen.
Das steht aber nicht bei Lindgren. Da steht «negerprinsessa»,
und an einer Stelle sagt Pippi: «Ich werde einen eigenen
Neger haben, der m ir jeden M orgen den ganzen Körper m it
Schuhcrem e putzt. Dam it ich ebenso schwarz w erde w ie die
anderen Negerkinder. Ich stelle m ich jeden Abend zum Put­
zen raus, zusam m en m it den Schuhen.» Das verstehen heute,
da in fast keinem Hotel m ehr die Schuhe geputzt werden,
selbst Erwachsene nicht.

Die Bedeutung von «Neger» hat sich gewandelt. Heute ist


es ein herabsetzender Begriff, der sich im respektvollen
Umgang verbietet. Und ich kann gut dam it leben, dass der
«Negerkuss», den ich als Kind liebend gerne aß, so nicht
m ehr heißen darf. In einem literarischen Text aber kann
er erlaubt sein, denn jeder Sprachgebrauch ist geprägt von
den Zeitum ständen. In Schillers Drama «Die Verschwörung
des Fiesco zu Genua» tritt ein Schwarzer auf: «Muley Hassan,
M ohr von Tunis. Die Physiognom ie eine originelle M ischung
von Spitzbüberei und Laune». Er versucht erfolglos, Fiesco
zu erdolchen. Für Geld tu t er alles, und für eine höhere Prä­
m ie w echselt er au f Fiescos Seite. Davor sagt er: «Herr, einen

138
Schurken könnt Ihr m ich schim pfen, aber den D um m kopf
verbitt ich.» D arauf Fiesco: «Ist die Bestie stolz. Bestie, sprich,
wer h at dich gedungen?» V ielleicht ist es gut, dass das Stück
heute fast nicht m ehr gespielt wird. Andererseits ist der Be­
griff M ohr so erkennbar altm odisch, dass m an ihm eine u n ­
heilvolle W irkung kaum noch unterstellt.

W inston Smith, der Held von George O rwells Roman «1984»,


ist A ngestellter im sogenannten W ahrheitsm inisterium .
Seine Aufgabe besteht darin, Bücher und Zeitungsberichte
um zuschreiben, also rückw irkend zu verfälschen. Seine
Freundin Julia ist jünger als er, sie ist unter dem Regime des
Großen Bruders aufgewachsen. Eines Tages sagt er zu ihr: «Ist
dir klar, dass die Vergangenheit [...] tatsächlich ausgelöscht
w orden ist? [...] A lle Dokum ente sind entw eder vernichtet
oder gefälscht worden, jedes Buch hat m an um geschrieben,
jedes Gem älde neu gem alt, jedes Denkm al, jede Straße und
jedes Gebäude um benannt, jedes Datum geändert. [...] Die
Historie hat aufgehört zu existieren.»85

So w eit sind w ir glücklicherw eise nicht. Es ist n ich t Orwells


Großer Bruder, der interveniert, sondern der Kleine Bruder
politische Korrektheit. Dessen rastlose Tätigkeit sollte m an
aber nicht unterschätzen. Er realisiert sich im Tun jener
oftm als staatlich bestallten Tugendwächter, die in höherem
Auftrag, sei es Feminismus, Antisexism us oder A ntirassis­
mus, agieren und die m it ideologisch geschärftem N acht­
sichtgerät Abw eichungen vom Pfad der G erechten auf­
decken. - Diese Bem erkungen zum Kinderbuchstreit habe
ich 2013 in w eit ausführlicherer Form in der «Zeit» veröffent­
licht.86 Ich erlebte daraufhin den ersten Shitstorm m eines
Lebens, eine interessante Erfahrung, die ich durchaus m is­
sen m öchte.

139
Die potenziell unendliche Erweiterung privater A nschau­
ungen und Lebensziele m it dem Anspruch öffentlicher, gar
staatlicher A nerkennung begegnete m ir während eines Dis­
kussionsabends zum Them a Tierrechte. O ffenkundig ist die
m it krim inellen M ethoden betriebene und von der EU ge­
förderte M assentierhaltung ein Skandal, dessen schon viele
D ezennien währende Dauer unter anderem der seit je star­
ken Lobby der Agrarindustrie zuzuschreiben ist. Insoweit
w aren die rund 400 Zuhörer dieses Abends (und auch ich)
m it dem Philosophen Richard David Precht und der Tier­
rechtlerin Hilal Sezgin selbstverständlich einig. Was m ich
jedoch verblüffte, war die Tatsache, dass die Versam m lung
aus Vegetariern und Veganern darin übereinstim m te, dass
es zw ar in der Tierwelt Grausam keit gebe (der W olf reißt das
Schaf), dass aber der M ensch Tiere keinesfalls töten dürfe.
Denn auch das Tier leide Schm erz und habe Rechte, w obei
nicht näher bestim m t wurde, wie w eit nach unten diese
Rechte reichen sollen, und ich erinnerte m ich an m eine
leider erfolglosen Kämpfe gegen die Schnecken im Garten.
Und fragte m ich, der ich eine größere Nähe zu Pflanzen als
zu Tieren em pfinde, ob nicht zum Beispiel Bäume als Lebe­
wesen betrachtet w erden m üssten, die Schm erz oder etwas
Ä hnliches em pfinden, w enn sie gefällt und zu M öbeln v e r­
arbeitet werden.

Im Lauf des Abends w urde ich m it der Kritik des «Spezie­


sismus» bekannt gem acht, einer m ir bislang unbekannten
«Philosophie», die analog der Kritik des Sexismus und des
Rassismus in der Tatsache einen Skandal erblickt, dass die
m eisten M enschen sich den Tieren überlegen fühlen. Es
handelt sich beim Speziesism us sozusagen um einen anti­
tierischen Rassismus, der m ich m ein Leben lang unw issent­
lich b egleitet hat. Selbstverständlich waren die Versam m el­

140
ten vo n der Bedeutung ihrer m oralischen Position erfüllt,
selbstverständlich verlangten sie nach öffentlicher A n ­
erkennung und entsprechenden staatlichen M aßnahmen.

Arnold Gehlens Bem erkung, das schlechthin Vorhandene


sei schon deshalb m oralisch legitim iert, w eil es vorhanden
sei, ist purer Sarkasmus, denn natürlich war der konserva­
tive G ehlen genau gegenteiliger Ansicht. A ber er hat dam it
den Zustand einer Anspruchsgesellschaft vorw eggenom ­
men, die keine Vision von sich selber m ehr hat, sondern
nur noch die Befriedigung von Partialinteressen anzielt, die
nicht m ehr weiß, was das große Ganze sein könnte, und sich
in einer kleinlichen M issgunst gefällt, die dann aus der Tat­
sache, dass sich der seinerzeitige Bundespräsident Christian
W ulff die Brötchen von seinem Lieblingsbäcker in H annover
nach Berlin liefern ließ (so geschehen 2010), gerne einen
Skandal m acht. So w eit ist der G leichheitsgedanke herun­
tergekom m en: dass der Präsident die gleichen schlechten
Brötchen verzehren m uss w ie jeder beliebige Berliner.
9

Das Wunder des Christentums

leichgültig, wie w eit nach rechts sich die neuen

G rechten Gruppierungen bew egen oder bew egt haben,


eines ist ihnen gemeinsam: Es sind neuheidnische Bew egun­
gen, die sich selten oder gar nich t au f das Christentum beru ­
fen. Das christliche Abendland, das sie oftm als im M unde
führen, scheint nicht m ehr zu sein als eine leere Formel, und
m anche W ortm eldungen aus dem rechten Lager erinnern
m ehr an graue germ anische Vorzeiten als an die Kultur des
Abendlandes. Augenzeugen berichten von der Pegida-Ver-
anstaltung W eihnachten 2014 in Dresden, als m an versuchte,
a u f dem Platz zw ischen Sem peroper und Hofkirche ein zen ­
trales M om ent der Leitkultur, näm lich das deutsche W eih­
nachtslied, dem onstrativ zu Gehör zu bringen. Was aber
leider daran scheiterte, dass die w enigsten der Versam m el­
ten die kanonischen Lieder beherrschten. Wer nicht einm al
«Stille Nacht, Heilige Nacht!» auswendig kann, sollte vom
christlichen Abendland schweigen.

Die A f D im m erhin, so heißt es in ihrem Grundsatzprogram m ,


bekenne sich «zur deutschen Leitkultur», die sich aus drei
Q uellen speise: erstens aus der religiösen Ü berlieferung des

143
Christentum s, zw eitens aus der w issenschaftlich-hum anis­
tischen Tradition und drittens aus dem röm ischen Recht.
Dagegen ist nichts zu sagen, aber ein feuriges Bekenntnis
zum Christentum wird m an es nicht nennen können. Da
ist die CDU deutlicher: «Grundlage unserer Politik ist das
christliche Verständnis vom M enschen und seiner Verant­
w ortung vor Gott.»

Was allerdings aus dem «christlichen Verständnis» für die


politische Praxis folgen m üsste, ist schon deshalb unklar,
w eil auch die Christen, ob katholisch oder evangelisch,
höchst unterschiedliche Ansichten dazu haben. Politik und
Moral, alltägliches Handeln und persönlicher G ottesglaube
sind zw eierlei Dinge, die oftm als nich t harm onieren. Zu
den größten Errungenschaften des Christentum s gehört die
Trennung der Sphären: «Gebet dem Kaiser, was des Kaisers
ist, und Gott, was G ottes ist!», heißt es bei M atthäus (22,21).

Dass die Parteien m it dem christlichen Pfund nicht w u ­


chern, hat sicherlich dam it zu tun, dass es an Wert verloren
hat. Die Kirchen käm pfen um ihren Bestand. Die Zahl der
Kirchenaustritte ist gleichbleibend hoch, die der Gläubigen
geht ständig zurück. Die Zahl der katholischen Trauungen
zum Beispiel lag 1990 bei 116 000, im Jahr 2015 betrug sie noch
44000. Gotteshäuser w erden verkauft, abgerissen oder um ­
gewidm et. Der Priesterm angel vor allem in der katholischen
Kirche ist dram atisch. Man könnte diese Litanei des N ieder­
gangs fortsetzen, m üsste sich aber zuvor darüber verständi­
gen, w orin er besteht. Er bedroht die O rganisationsstruktur
der Kirchen insofern, als sie ihren Apparat verkleinern m üs­
sen, was für das karitative System dieser Gesellschaft fatale
Folgen hat. Der Niedergang ist aber vo r allem deshalb trau ­
rig, w eil er eine jahrhundertelange kulturelle Ü berlieferung

144
beschädigt, die so leicht nicht zu renovieren wäre, w enn sich
die Zeiten änderten. Die Kenntnis grundlegender biblischer
Texte zum Beispiel ist derart geschw unden, dass m anche
kunsthistorischen Institute entsprechende Seminare an­
bieten, w eil m an bedeutende Werke der Kunstgeschichte
andernfalls nicht verstehen kann.

Das alles (und m ehr noch) ist leider wahr, und doch muss ich
jener Ü berzeugung beipflichten, die Papst Benedikt XVI. in
vielen seiner Reden und Schriften bekräftigt hat: G laubens­
w ahrheiten hängen nicht von der Menge der Zustim m enden
ab. Deshalb finde ich es problem atisch, dass die Kirchen, als
w ären sie politische Parteien, ihre Verkündigung den w irk­
lichen oder verm eintlichen Bedürfnissen der Halbherzigen
anpassen. Jedenfalls beobachte ich das bei den Protestanten.
Da ich jedoch Katholik bin, rede ich besser von m einer Kir­
che. Und hier habe ich höchst am bivalente Gefühle. Auch
ich finde die katholische Sexualpolitik schädlich und falsch.
Im m er noch scheint sie in der Sexualität einen sündhaften
Trieb zu erblicken, dessen Ausübung allein durch den Kin­
derw unsch in der Ehe gerechtfertigt ist.

Ich könnte noch einige andere Them en aufführen, bei d e­


nen ich die am tliche Lehre fragw ürdig finde, doch w ill ich
a u f etwas anderes hinaus, näm lich a u f die Frage, w ie schwer
die rund siebzig Jahre m eines Lebens im Verhältnis zu einer
zw eitausend Jahre um fassenden Kirchengeschichte wiegen.
Wie käm e ich dazu, m eine m ehr oder m inder zufälligen A n ­
schauungen verbindlich m achen zu wollen? Ist es nicht ein
Wunder, dass es die Kirche noch im m er gibt, nach all den
zahllosen W irrnissen und Glaubenskäm pfen?

145
Der englische Schriftsteller G ilbert Keith Chesterton, den
viele als den A utor der Pater-Brown-D etektivgeschichten
kennen, konvertierte 1922 zum Katholizism us. In seinem
Buch «Orthodoxie» (1908) beschreibt er das W under des
Christentum s so:

«Das H eidentum glich einer M armorsäule, es stand aufrecht,


w eil es sym m etrisch gebaut war. Das Christentum gleicht
einem riesigen, zerklüfteten, rom antischen Felsblock, der
zw ar bei jeder Berührung a u f seinem Sockel hin und her
schwankt, aber dennoch, w eil seine enorm en Ausw üchse
einander genau die Waage halten, seit tausend Jahren dort
thront.»87 Dieses ständig bedrohte Gleichgewicht, sagt
Chesterton, erkläre auch, was den Kritikern des Christen­
tum s unerklärlich erscheine: «Ich m eine die fürchterlichen,
um w inzige Fragen der Theologie geführten Kriege, all die
vielen, von einer Geste oder einem Wort angestoßenen em o­
tionalen Erdbeben. Dabei ging es im m er nur um einen Zoll;
aber ein Zoll ist alles, w enn m an die Balance halten muß.
W ollte die Kirche ihr großartiges und gewagtes Experiment,
ihren Versuch eines unregelm äßigen G leichgewichts fort­
setzen, konnte sie sich bei m anchen Dingen keine A bw ei­
chung leisten, nicht einm al um Haaresbreite. Lässt m an
die eine Idee schwächer werden, dann m acht m an eine an­
dere zu stark. Der christliche Hirte h ü tet keine Schafherde,
sondern eine Horde Stiere und Tiger, einen Haufen furcht­
erregender Ideale und gefräßiger Dogmen, von denen jedes
stark genug war, um zur falschen Religion zu w erden und die
Erde zu verwüsten.»88

Verglichen m it dem Islam ist das Christentum , so kom m t es


m ir jedenfalls vor, eine kom plizierte Religion. Die Botschaft
der N ächstenliebe u nd der Barm herzigkeit ist n icht schwer

146
zu verstehen, w ohl aber die Theologie. Was genau soll m an
sich unter der Dreifaltigkeit vorstellen? Was bed eu tet das
ew ige Leben, was heißt Auferstehung der Toten? Im G ottes­
dienst ruft der Priester nach der W andlung: «Geheimnis des
Glaubens!» Und die Gläubigen antw orten «Deinen Tod, o
Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir,
bis du kom m st in Herrlichkeit.»

Dieses Geheim nis lässt sich kaum in die Alltagssprache


übersetzen. M an kann es nur feiern, und dazu bed arf es der
Liturgie, der Gesänge, Gebete, Anrufungen. Es bed arf einer
Festlichkeit. In ihr treten die theologischen Streitfragen
zurück, es gilt das Hier und Jetzt der fortw ährenden Feier.
W enn es gutgeht, verschw inde ich als zw eifelnder Mensch
in der rituellen Handlung. Ich m uss sie nicht befragen, weil
ihre D auer auch m ich überdauern wird.

Was nun die von vielen gew ünschten Reform en der Kirche
anbelangt: Angenom m en, sie w ürde den Zölibat abschaffen
und die O rdination von Frauen gutheißen, so wäre sie auf
dem selben Stand w ie die Protestanten. Sind deren Kirchen
voller? G lüht die EKD vor Glaubenseifer? Ich glaube nicht,
dass eine A ngleichung der Lehre an die heutige Lebens­
praxis den Kirchen eine neue A nziehungskraft verschaffen
könnte. Ja, verm u tlich wäre es gut, auch verheiratete M än­
ner, die «viri probati», für den Dienst zu gew innen - zum al
der Zölibat theologisch nicht absolut zw ingend ist - und
som it den Priesterm angel zu lindern. Das wäre schon ein
Gewinn. Doch wäre dam it das Problem der allgem einen Ent-
kirchlichung keineswegs gelöst. Es wird auch nicht durch die
seit längerem schon gepflegte «weiche» Form der G laubens­
verm ittlu ng gelöst. Sie scheint m ir das Dilem m a eher zu ve r­
schlim m ern. Zwar ist es gut, dass an die Stelle des zürnenden

147
und strafenden Gottes, m it dem auch m ir seinerzeit gedroht
wurde, der Gott der Liebe getreten ist, der er ja eigentlich im ­
m er gewesen ist. Aber die notorische Rede vom «lieben» Gott,
der m ir in der G estalt des Jesus in allen N öten w ie ein Freund
zu Seite steht, erinnert m ich an eine Phantasie aus jenen pu ­
bertären Tagen, als ich m ich von aller Welt verlassen glaubte
und m ir einen H und w ünschte, der m ich trösten könnte.

Wir w issen nicht, w ie Gott aussieht, wir wissen nicht, wer


er «eigentlich» ist. Die Bibel ist u nter anderem auch der ge­
waltige, endlose und in sich w idersprüchliche Versuch, den
U nbeschreiblichen zu beschreiben. Den gelungensten Ver­
such finde ich im Buch der Könige, wo es heißt: «Da zog der
Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zer­
riss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch
der Herr war nicht im Sturm . Nach dem Sturm kam ein Erd­
beben. Doch der Herr w ar nicht im Erdbeben. Nach dem Be­
ben kam ein Feuer. Doch der Herr w ar nicht im Feuer. Nach
dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte,
hüllte er sein G esicht in den Mantel.» (1 Kön 19,11-13)

Ü berhaupt scheint mir, dass es zu den Vorzügen, zu den


Schönheiten des Christentum s gehört, sich nicht a u f einen
einzigen verbindlichen, grundgesetzlichen Text zu berufen,
sondern nicht w eniger als vier Evangelien sam t A p oka­
lypse, Apostelgeschichte und den diversen Briefen in den
Glaubenskanon aufzunehm en, zu dem schließlich auch
die Schriften des A lten Testam ents gehören. Einen solchen
nicht zu letzt literarischen Reichtum kennt keine andere Re­
ligion.

Der Versuch, eine persönliche G ottesbeziehung dadurch


scheinbar zu erleichtern, dass m an eine alltägliche, jeder­

148
m ann vertraute Sprache verw endet, ist m ir ein Graus. Er
kriegt leicht etwas Kindergartenhaftes, und w enn ich bei
den Fürbitten, die in der Regel von G em eindem itgliedern
form uliert werden, die gestrige «Tagesschau» gespiegelt
finde, sehne ich m ich nach der alten Liturgie zurück, in der
nur lateinisch gesprochen w urde. Dass es eine unalltägliche
Sprache war, entsprach dem Anlass vollkom m en. A uch den
gregorianischen Gesängen trauere ich nach. Sie setzten ein
objektives Gegenüber voraus: hier die gläubige Gem einde,
dort der zu verherrlichende oder um Beistand angeflehte
Gott.

M it Luther begann recht eigentlich die Geschichte des


m odernen Subjekts. Jetzt war der M ensch unm ittelbar zu
G ott - zu seinem Gott. Jetzt konnte und durfte er «Ich» sagen.
Bei dem großen Lyriker und protestantischen Liederdich­
ter Paul Gerhardt tritt ein Ich auf, das nicht m ehr stellver­
tretend für ein Kollektiv spricht, sondern ganz persönlich
seinen G ott anspricht. In seinem Passionslied «O Haupt voll
Blut und Wunden» heißt es: «Nun, was du, Herr, erduldet, /
Ist alles m eine Last; / Ich hab es selbst verschuldet, / Was du
getragen hast. / Schau her, hier steh ich Armer, / Der Zorn
verdienet hat, / Gib mir, o m ein Erbarmer, / Den A nb lick dei­
ner Gnad.» Das Verhältnis, das hier poetisch ausgem alt wird,
hat durchaus erotische Züge, etwa, w enn dieses Ich zum
G ekreuzigten sagt: «Die Farbe deiner Wangen, / Der roten
Lippen Pracht / Ist hin und ganz vergangen ...» Und später:
«Dein M und hat m ich gelabet» oder «Alsdann w ill ich dich
fassen / In m einem A rm und Schoß.»

M an d arf diese religiöse Erregung, die für die Lyrik des


Barock kennzeichnend ist, nicht m it unserem heutigen
Sprachgebrauch gleichsetzen. Die Intim ität war nur schein­

149
bar, sie entsprang zeittypischen literarischen M ustern und
war eingebunden in eine noch relativ stabile Dogm atik. Und
doch war dam it der Weg eines unbegrenzten Subjektivis­
m us beschritten, der dann in den oftm als sentim entalen
Kirchenliedern des 19. und des 20. Jahrhunderts zu einer
breiten A llee wurde.

Wo sie hingeführt hat, kann m an leicht an dem in der jü n ­


geren Generation sehr beliebten katholischen Gesangbuch
«Troubadour für Gott» erkennen. Es enthält etw a 1200 «geist­
liche Lieder» internationaler H erkunft und spricht jenes
Publikum an, das m an a u f Kirchentagen oder in jugen d­
bew egten G ottesdiensten antrifft. A n die Stelle der Orgel
sind Gitarre, Flöte und Keyboard getreten, an die Stelle der
im Ritus aufgehobenen Form das individualistische Be­
kenntnis, an die Stelle der gehobenen Sprache der A lltags­
jargon: «Einfach spitze, daß du da bist, einfach spitze, daß du
da bist. Einfach spitze, komm , w ir loben Gott, den Herrn!»
Ein anderes Lied lautet: «Ich singe vor Freude, ich lache vor
Freude, ich weiß, daß der Herr m ich jetzt haben will. Das
gibt m ir Sicherheit in all m einem Tun. Der Herr legt selbst
die Hand m it an. Leicht ist es nun, vor M enschen zu stehn,
auch w enn sie schwierig sind. W enn sie m ir auch oft a u f die
N erven gehn: der Herr ist selbst bei jedermann.» Das nun
ist offenbar ein etwas anderer Gott als der, von dem das «Te
Deum» kündet. Es ist der G ott der partikularen Identitäten,
es ist der Gott der M otorradfahrer und der Naturfreunde,
der Graffitisprayer und der Kapitalism uskritiker. Für sie alle
und viele m ehr gibt es passende Lieder.

N un kann und w ill ich m eine Aversionen nicht zum Maß der
religiösen Praxis m achen. «In m eines Vaters Haus sind viele
Wohnungen», heißt es bei Johannes (14,2). Loben und preisen

150
kann m an in jeder Sprache. Die H errlichkeit Gottes zu ver­
herrlichen - dafür gibt es sehr viele Ausdrucksform en. In
m einen Augen jedoch ist es wichtiger, jenes alltägliche, im ­
m erzu neue W under zu bestaunen, das jedes Baby im Buggy
und jedes Kind a u f dem Roller leibhaftig bezeugt. Dieses
Staunen ist ersprießlicher als die heutzutage geübte und a ll­
seits vorgelebte Praxis, sich zu beklagen, sich zu em pören
und die dafür vorgesehenen G ratifikationen einzusam m eln.

Das Staunen über dieses W under setzt voraus, dass m an


diese Welt, diese M enschheit und som it auch das eigene
Leben nicht für einen interstellaren Unfall, nicht für eine
anonym e Katastrophe hält, sondern - nehm t alles nur in al­
lem - für ein Glück. Dass dieses Glück vergänglich ist, ist ja
kein Geheim nis. «Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst
du zurück», übersetzt Luther die berühm ten Zeilen der
Genesis (l Mose 3,19). Um es skeptischen Zeitgenossen v e r­
ständlich zu m achen: Was nach dem Staub war und was vor
dem Staub gewesen sein wird, ist in jedem Fall m ehr als das
schiere Nichts. - Dies ist verm u tlich der allerkonservativste
Gedanke m einer konservativen Bekenntnisse.
10

Schluss

W o sind w ir nun gelandet? Keine W ahlem pfehlung?


Nein. In diesem M om ent (Mai 2017) w eiß ich w ahr­
haftig nicht, was oder wen ich bei der Bundestagswahl im
Septem ber w ählen werde, und m ancher Leser dieser Be­
trachtungen w ird es gleichfalls nicht wissen. Er w ird sich a l­
lerdings fragen, an w en eigentlich m eine Kritik gerichtet ist.
Im Fall der Euro-Rettung oder der Flüchtlingspolitik zw ei­
fellos an die Parteien und die Bundesregierung. Was aber
den Fürsorgestaat anbelangt, so handelt er weniger aus eige­
nem A ntrieb als vielm ehr unter gesellschaftlichem Druck.
Das gilt ebenso für die Identitätspolitik. Und im Fall der Re­
produktionstechnologie muss m an sagen, dass Deutschland
zu den konservativsten Ländern überhaupt zählt.

Der im m er häufiger geäußerte V orw urf lautet, die politische


Klasse sei abgehoben, sie habe sich von den Bedürfnissen
und Em pfindungen der Bevölkerung gelöst. Ich w eiß nicht,
ob das stim m t. Mir scheint eher, dass die Reizbarkeiten und
Sensibilitäten zugenom m en haben. Die Politiker früherer
Dezennien haben a u f die Stim m ungslage auch deshalb keine
größere Rücksicht genom m en, w eil m an sie kaum kannte.

153
Die M einungsforschung w ar noch nicht in derselben Weise
entw ickelt w ie heute, die Zahl der Sender und gedruckten
M edien w ar bedeutend geringer, und jene Erregungskurven,
die das Netz sowohl abbildet w ie provoziert, waren u n be­
kannt. Und doch weiß m an auch heute noch nicht - glü ck­
licherw eise was die W ählerschaft im bestim m ten A ugen­
blick fühlt und denkt. Die Experten haben w eder die Wahl
Donald Trumps noch den Brexit vorhergesehen, und die
Begeisterung, m it der die Kanzlerkandidatur vo n M artin
Schulz nicht nur in der SPD aufgenom m en wurde, schien
bei den schleswig-holsteinischen und nordrhein-westfäli-
schen Landtagswahlen im Mai 2017 schon w ieder verflogen.
Von daher gesehen w ären Politiker nicht gut beraten, ihr
Handeln nach den Launen des Publikum s auszurichten.
Man spürt in der Regel recht gut, ob ein Politiker a u f W ellen
surft oder seinem Credo folgt.

Der vorliegende Versuch, m ein eigenes Credo zu beschrei­


ben, richtet sich w eder an bestim m te Parteien, noch folgt er
m ehrheitlichen Stim m ungen. Er richtet sich gegen m anche
gesellschaftliche Haltungen und M entalitäten, die ich b e­
schrieben habe. Sie zu ändern steht w ohl kaum in der M acht
der Politiker - und natürlich erst recht nicht in meiner. Mir
w ar es wichtig, eine gewisse Klarheit hinsichtlich m eines
eigenen Konservatism us zu gewinnen, sie öffentlich m itzu ­
teilen und m öglichst viele Leser davon zu überzeugen. Wäre
m ir das gelungen, so wäre ich nich t länger heim atlos.
Anmerkungen

1 D idier Eribon: Rückkehr nach Reims. Berlin 2016, S. 146


2 «Die Zeit» vom 22. Septem ber 2016
3 Peter G raf Kielmansegg: Populism us ohne Grenzen. «FAZ» vom
13. Februar 2017
4 N iklas Luhmann: Die G esellschaft der G esellschaft. Frankfurt am
Main 1998, S. 1097
5 E b d .,S .ll0 lf.
6 «FAZ» vom 8. Februar 2017
7 Luhmann, S. 1104
8 «FAZ» ebd.
9 Luhmann, S. 1100
10 Ebd., S. 1101
11 «Die Zeit» vom 27. M ärz 1987
12 «FAZ» vom 6. April 1988
13 W olf Biermann: Warte n icht a u f bessre Zeiten! Die Autobiographie.
Berlin 2016, S. 501
14 «Die Zeit» vom 2. N ovem ber 2006
15 W olf Biermann, S. 91
16 Ebd., SS135
17 Ebd., S. 148
18 Ebd., S. 376
19 Freim ut Duve / Heinrich B öll/ Klaus Staeck (Hrsg.): Briefe zur Ver­
teidigung der Republik. Reinbek b ei Ham burg 1977
20 Heimo Schwilk, U lrich Schacht (Hrsg.): Die selbstbew ußte Nation.
«Anschwellender Bocksgesang» u nd weitere Beiträge zu einer
deutschen Debatte. Frankfurt am Main /Berlin 1994, S. 21 f.
21 «Die Welt» vom 28. Januar 2013
22 Die selbstbew ußte Nation, S. 24 f.
23 L ariy Siedentop: Die Erfindung des Individuum s - Der Liberalism us
und die w estliche Welt. Stuttgart 2015
24 Ebd.,S.295f.
25 Ebd., S. 296
26 Ebd., S. 297

155
27 «Die Zeit» vom 22. Septem ber 2016
28 «Bild am Sonntag» vom 30. A pril 2017
29 Friedrich Schiller: Säm tliche Werke, Band IV. Hrsg. Peter-Andre Alt.
M ünchen 2004, S. 760 f.
30 Ebd., S. 766 f.
31 «FAZ» vom 10. D ezem ber 2004
32 Vgl. Henning Ritter: Nahes und fernes U nglück - Versuch über das
M itleid. M ünchen 2004
33 Zitiert nach: «Die Zeit» vom 15. Septem ber 1995
34 G oethes Werke, H am burger Ausgabe, Bd. II, S. 226
35 «Die Zeit» vom 26. N ovem ber 2015
36 http://w2.vatican.va/c0ntent/benedict-xvi/de/speeches/2006/
september/documents/hf_ben-xvLspe_200609i2_university-
regensburg.htm l
37 Benjam in Barber: Jihad vs. McWorld. N ew York 1995, vgl. S. 4-6
38 G ottfried Benn: G esam m elte Werke, Bd. II, Prosa und Szenen.
W iesbaden /M ünchen 1959, S. 232
39 Im m anuel Kant: Werke in zehn Bänden. Hrsg. v. W ilhelm Weische-
del. W issenschaftliche Buchgesellschaft, D arm stadt 1970. Band 9,
S. 40 f.
40 W illiam M. Johnston: österreich isch e Kultur- und G eistesge­
schichte - G esellschaft und Ideen im D onauraum 1848 bis 1938. Graz
1974. Vgl. S. 236
41 Reinhold Schneider: G esam m elte Werke, Bd. 9. Frankfurt am Main
1978. Der Essay «Über den Selbstmord» ist aberm als abgedruckt
in einer Streitschrift gegen die erleichterte Sterbehilfe - Andreas
Krause Landt: W ir sollen sterben w ollen /A xel W. Bauer: Todes
Helfer. Edition Sonderwege bei M anuscriptum , W altrop und Leipzig
2013. Das Zitat findet sich hier a u f S. 185 f.
42 Vgl. «Der Spiegel» vom 4. März 2017
43 Andreas Bernard: Kinder m achen. Neue Reproduktionstech­
nologien und die O rdnung der Fam ilie - Samenspender, Leihm ütter,
Künstliche Befruchtung. Frankfurt am M ain 2014
44 Peter Sloterdijk: Regeln für den M enschenpark. «Die Zeit» vom
16. Septem ber 1999
45 «SZ»vom 3l.i0./i.ll.20l6
46 Ebd.
47 «Die Zeit» vom 22. D ezem ber 1999
48 «FAZ» vom 5. August 2014
49 Bernard, S. 21
50 Ebd., S. 128
51 Peter Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der N euzeit. Über das
anti-genealogische Experim ent der Moderne. Berlin 2014, S. 274

156
52 Bernard, S. 154
53 Eugen Rüge: Follower. Roman. Reinbek bei Hamburg 2016, S. 113
54 Donatien A lphonse Francois M arquis de Sade: Ausgew ählte Werke 3.
Hrsg. von M arion Luckow. Frankfurt am M ain 1972, S. 181
55 «Der Spiegel» vom 14. Juli 2014
56 Karl M annheim: Ideologie und Utopie. Frankfurt am M ain 1985,
S. 199
57 O tto Heinrich von der Gablentz: Reaktion und Restauration. In:
Konservativism us. Hrsg. von Hans-Gerd Schum ann. Neue W issen­
schaftliche Bibliothek - Geschichte. Köln 1974, S. 79
58 M artin Greiffenhagen: Das D ilem m a des Konservatism us. In: ebd.,
S. 158.
59 Ebd.
60 «Die Zeit» vom 18.6.2003
61 D ieter Grimm: Europa ja - aber w elches? Zur Verfassung der euro­
päischen D em okratie. M ünchen 2016, S. 177 f.
62 Ebd., S. 179
63 Ebd., S. 180
64 M artin Winter: Das Ende einer Illusion - Europa zw ischen A n ­
spruch, W unsch und W irklichkeit. M ünchen 2015, vgl. S. 215 ff.
65 Ebd., S. 221 f.
66 Grimm , S. 196
67 W ilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der
W irksam keit des Staats zu bestim m en. In: Schriften zur Sprache.
Frankfurt am Main 2008, S. 562
68 A lexis de Tocqueville: Über die D em okratie in Am erika. M ünchen
1976, S. 791
69 Ebd., S. 814
70 Ebd., S. 815
71 Ebd.
72 Ebd., S. 817
73 A rn old Gehlen: Gesam tausgabe, Band 7, Einblicke. Frankfurt am
M ain 1978, S. 375
74 Ebd. S. 394 f.
75 G eorg Friedrich W ilhelm Hegel: G rundlinien der Philosophie des
Rechts. Hamburg 1955, S. 201
76 Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers. Köln 1952, S. 72
77 Ebd., S. 76
78 Ebd., S. 98 f.
79 Charles Taylor: M ultikulturalism us und die Politik der A n erken ­
nung. Frankfurt am Main 1993, S. 31 f.
80 Ebd., S. 17
81 Ebd., S. 19 f.

157
82 M ark Lilla: The End o f Identity Liberalism. N ew York Times vom
18. N ovem ber 2016
83 But the fixation on diversity in our schools and in the press has
produced a generation o f liberals and progressives narcissistically
unaware o f conditions outside th eir self-defined groups, and in dif­
ferent to the task o f reaching out to Am ericans in e v e iy w alk o f life.
A t a v e iy you n g age our children are being encouraged to talk about
th eir individual identities, even before th ey have them . [...] Liberals
should bear in m ind th at th e first iden tity m ovem ent in Am erican
politics was the Ku Klux Klan, w hich still exists. Those who p lay the
id en tily gam e should be prepared to lose it.
84 Taylor, S. 22
85 George Orwell: 1984. Frankfurtam Main /Berlin 1984, S. 156
86 «Die Zeit» vom 17. Januar 2013
87 G ilbert Keith Chesterton: O rthodoxie. Eine H andreichung für die
Ungläubigen. Frankfurt am Main 2000, S. 191 f.
88 Ebd., S. 193
Dank

A u f die Idee, dieses Buch zu schreiben, brachte m ich A lexan ­


der Fest. Dafür und für die vielen hilfreichen Gespräche sei
ihm herzlich gedankt. Ebenso danke ich Stephan Speicher
für seine sorgfältigen Anregungen und Verbesserungsvor­
schläge. Vor allem aber danke ich Irmgard Leinen-Greiner,
deren w issenschaftliche Kom petenz m ir überaus nützlich
war - von ihrer übrigen liebevollen U nterstützung ganz zu
schweigen.
Ulrich G rein er nimmt für sich d as R echt in
\nspruch, im \iter konservativ geworden zu
sein. Und er stellt Fest, d a s s der konserv ative
Gedanke in Deutsch land politisch und intel­
lektuell heimatlos geworden ist. Was also kann
es in Zeilen von Flüchtlingskrise und Trump
bedeuten, konserv ativ und dabei doch au fg e ­
klärt zu sein? Wer vertritt die S kepsis ge g e n ­
über einer im m er s tä rk e re n Verflech tung
E u r o p a s ? Woher kommt der d eu tsch e S e lb s l-
h a s s ? Wie elitär ist der MuHikulturalisinus?
Was gilt e s von der geistig en Tradition d es
c hristlichen A bendlandes in der glo b a lis ie r­
ten Welt zu bew ahren?

So lche Fragen stellt sich der langjährige


F e u ille to n ch ef d er Zeit. Sein Buch ist der
s t r e it b a r e Versuch, im J a h r der B u n d e s ­
tagswahl den politischen und intellektueller
Raum für einen modernen K o nserv ativ is­
mus au sz u lo te n - je n s e it s von p o litis ch e r
Korrektheit und d ie sse its der All).
«Dieses Buch trägt den pathetisch klingenden Titel
(Heim atlos). Es gibt eine gleichnam ige Erzählung von
Johanna Spyri, eine sehr schöne und sehr sentim en­
tale. die mich als lesendes Kind zu Tränen gerührt hat.
Aus diesem Alter bin ich glücklich heraus. A ls K onser­
vativer jedoch bin ich insofern heim atlos, als die
Leitm edien, von den tonangebenden Zeitungen bis hin
zu den öffentlich-rechtlichen Anstalten, ganz überwie­
gend einen A npassungsm oralism us pflegen, der gegen ­
sätzlichen Meinungen keinen Resonanzboden bietet. Das
gilt für die politischen Parteien erst recht. Ich erw arte
von ihnen durchaus nicht, d a ss sie m ir eine H eim at im
Sinne eines traulichen Beisam m enseins bieten, doch
zuweilen hätte ich es ganz gern, wenn ich denn schon
w ählen d arf und soll, die eigenen Ü berzeugungen
oder Befindlichkeiten irgendwo zu entdecken.»

«Ein g r ü n d l i c h e r , b e d a c h t e r
L e s e r , d e s s e n Ur t e i l e i n e
Art G oldstandard darstellt.»
Gustav Seibt, Sü ddeu tsche Zeitung