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Monique Weissenberger-Leduc und Anja Weiberg

Gewalt und Demenz


Ursachen und Lösungsansätze
für ein Tabuthema in der Pflege

W
Mag. DDr. Monique Weissenberger-Leduc
Dipl. Gesundheits- und Krankenschwester,
Pflegewissenschafterin, Philosophin, Soziologin
Universität Wien, Wien, Österreich

Dr. Anja Weiberg


Institut für Philosophie
Universität Wien, Wien, Österreich

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ISBN 978-3-7091-0061-5 SpringerWienNewYork


Inhalt
1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

2. Demenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4
2.1 Demenz aus medizinischer Sicht: Daten und Fakten . . . . . 4
2.2 Demenz aus der Sicht der Betroenen:
Das Erleben von Demenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

3. Epidemiologie der Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35


3.1. Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
3.2 Klinische Warnzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
3.3 Konsequenzen der Gewalt an alten Menschen . . . . . . . . . . 41

4. Definitionen des Gewaltbegriffs und der Formen


von Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
4.1 Denion von Margret Dieck: Gewalt als
systemasche Handlung oder Unterlassung mit
ausgeprägten negaven Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
4.2 Denion von Rolf Hirsch und Bodo Vollhardt in
Anlehnung an Johan Galtung: Personelle,
strukturelle und kulturelle Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
4.3 Denion der WHO: Gewalt als Enäuschung einer
Erwartungshaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

5. Personelle Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
5.1 Misshandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
5.1.1 Körperliche Misshandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
5.1.2 Psychische Misshandlung und Verletzungen
der Seele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
5.1.3 Finanzielle Ausbeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
5.1.4 Einschränkung des freien Willens . . . . . . . . . . . . . . . 55
5.2 Vernachlässigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
5.2.1 Passive Vernachlässigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
5.2.2 Akve Vernachlässigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
5.3 Typisierungen des Handelns nach Kitwood . . . . . . . . . . . . . 57
5.4 Beispiele für Interakonen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
5.4.1 Der Sender des ersten Signals (Akon) ist
eine Person mit Demenz und auch der Empfänger
(Reakon) ist eine Person mit Demenz . . . . . . . . . . . 60
 Inhalt 

5.4.2 Der Sender ist eine Person mit Demenz und der
Empfänger ist eine Pegeperson (diplomierte
Gesundheits- und Krankenpegeperson oder
Pegehelfer/in) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
5.4.3 Der Sender und der Empfänger sind Pegepersonen
(diplomierte Gesundheits- und Krankenpegeperson
oder Pegehelfer/in) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
5.4.4 Der Sender ist eine Pegeperson (diplomierte
Gesundheits- und Krankenpegeperson oder
Pegehelfer/in) und der Empfänger ist eine Person
mit Demenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67

6. Strukturelle Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
6.1 Kennzeichen struktureller Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
6.2 Strukturelle Gewalt in der Instuon . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
6.3 Ein Beispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93

7. Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle


Gewalt in der Institution –
Geriatrische Gesundheitsförderung . . . . . . . . . . . . . 98
7.1 Begrisbesmmungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
7.1.1 Gesundheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
7.1.2 Gesundheitsförderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
7.2 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen
Gesundheitsförderung für die Personen mit Demenz . . . . 111
7.3 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen
Gesundheitsförderung für das Personal . . . . . . . . . . . . . . . 117
7.3.1 Änderung des Pegeverständnisses . . . . . . . . . . . . . 117
7.3.2 Änderung des Arbeitsverständnisses. . . . . . . . . . . . . 124
7.4 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen
Gesundheitsförderung für die Organisaon . . . . . . . . . . . . 128
7.5 Eziente Gesundheitsförderung in einer geriatrischen
Organisaon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
7.5.1 Maßnahmen/Änderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
7.5.2 Implemenerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
7.5.3 Hindernisse bei der Implemenerung . . . . . . . . . . . . 138
7.5.4 Evaluaon der Implemenerung . . . . . . . . . . . . . . . . 139

8. Ein Beispiel für Good Practice . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139


 Inhalt 

9. Kulturelle Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164


9.1 Stereotype und Vorurteile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
9.2 Stereotype und Vorurteile in Bezug auf das Alter –
Altersbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
9.3 Altersbilder als Quelle der Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
9.4 Vorurteile in Bezug auf Menschen mit Demenz und
deren Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
9.5 Maßnahmen, mit denen Stereotypen und Vorurteilen
gegenüber Menschen mit Demenz entgegengewirkt
werden kann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187

10. Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192


1. Einleitung
Wie sehr es sich bei dem Thema „Gewalt in der Betreuung und Pege von
alten Menschen“ noch um ein Tabu handelt, kann am Beispiel der Studie
der Sozialarbeiterin Chrisne Förster dargestellt werden. Sie suchte für
ihre qualitave Diplomarbeit über „Gewalt in der instuonellen Alten-
pege“ Interviewpartner/innen: Sie bat acht Pegedienstleitungen von
Alten- und Pegeheimeinrichtungen, Aushänge machen zu dürfen. Diese
Bie wurde in „allen acht Fällen mit dem Hinweis abgewiesen, dass die
Instuon frei von jedwelchen Gewaltphänomenen sei“ (Förster 2008, 43).
Fängt hier nicht bereits strukturelle Gewalt an? Was nicht sein darf, das
gibt es auch nicht ... Was bedeutet dies aber konkret für den Pegealltag
in diesen Instuonen?
Dürfen Bewohner/Paenten/Klienten über Gewaltanwendungen klagen?
Oder wird ihre Klage als nicht glaubwürdig eingestu? Wird ihnen eine
Zurechnungs- und Beurteilungsfähigkeit oder ihre Experse in eigener Sache
zu- oder abgesprochen? Wo und in welcher Form können sich Angehörige
beschweren? Handelt es sich dann immer nur um Missverständnisse, Un-
kenntnis der Wirklichkeit und falsche Einschätzung der Situaon?
Werden Pegepersonen, die Gewaltanwendungen wahrnehmen, zu pas-
siver Mitwisserscha gezwungen? Es ist im Pegealltag häug nicht vor-
gesehen, dass sie ihre Beobachtungen melden, und falls sie es doch tun,
wird ihr Handeln als extremer Störfaktor eingestu.
Wie kann Gewaltproblemen zwischen Bewohnern/Paenten/Klienten
vorgebeugt bzw. wie können diese gelöst werden, wenn das Thema nicht
in Fallbesprechungen, Teamsitzungen oder Pegevisiten erörtert werden
darf?
Wie werden Unterlassungen, negave Kommunikaonsarten oder Inter-
akonen eingestu?
Wenn Phänomene nicht exiseren dürfen, wie sollen Pegepersonen da-
rauf aufmerksam gemacht oder dafür sensibilisiert werden? Wie sollen
Pegepersonen Deeskalaonsstrategien entwickeln, wenn ihnen keine
Fort- und Weiterbildung zu diesem Thema angeboten wird?
Wird der Strukturwandel der eigenen Klientel wahrgenommen oder nicht?
Die Menschen treten immer älter und mulmorbider in die Pegeheime
ein. Auch wenn derzeit nur ca. ein Driel der Menschen mit Demenz in in-
stuoneller Betreuung ist, wird Demenz für Instuonen zunehmend ein
Thema: 60 bis 70 % der Heimbewohner haben heute schon eine Demenz.
Demenz im fortgeschrienen Stadium, besonders wenn die Person mit
Demenz Stuhl- und Harninkonnenz hat, ist mit 43,2 % der Hauptgrund für
den Heimeintri (vgl. Erster Österreichischer Demenzbericht 2009, 12).

1
 Einleitung 

Alle diese Faktoren haben zwangsläug Einuss auf die Qualität der Be-
treuung und Pege. Qualität in der Pege ist nichts Starres, sondern ein
Prozess, an dem permanent gearbeitet werden muss. Sie ist unter ande-
rem ein Lernprozess aus begangenen Fehlern. Nur wenn Gewalt als Fehler
angesehen wird, können Koniktsituaonen reekert und bearbeitet
werden. Wenn Leitungskräe einer Instuon das Aureten von Gewalt
grundsätzlich leugnen, verhindern sie, dass ihre Mitarbeiter sich weiter-
entwickeln und selbst Verantwortung übernehmen. Führt diese instu-
onelle Haltung nicht zu Frustraon, innerer Kündigung, Intrarollenkon-
ikten und Kommunikaonsmangel und dadurch automasch zu einer
Erhöhung des Gewaltpotenals?
Wenn es „jedwelche Gewaltphänomene“ in einer Instuon gibt, dann
müsste diese Instuon ihre Türen für Forschungsprojekte über Gewalt
weit önen, damit die Gewal orschung vorangetrieben werden kann und
prävenve Maßnahmen bekannt gemacht sowie umgesetzt werden kön-
nen. Und wenn es tatsächlich keinerlei Gewalt in einer Instuon geben
sollte, dann gibt es nicht nur keinen Grund, die Türen geschlossen zu hal-
ten, sondern darüber hinaus sollten in diesem Fall die Türen für For-
schungsprojekte über Gewalt ebenfalls weit geönet werden – um (vor-
bildha) aufzuzeigen, welche Beteiligten es mit welchen Maßnahmen
schaen, Gewalt in dieser Instuon zu verhindern.

Da die Pegerealität durch die Zunahme des Anteils älterer Paenten


mehr und mehr auch von der Problemak der Gewalt gegen alte Men-
schen betroen ist, sollten Pegepersonen den Kopf nicht weiterhin in
den Sand stecken. Lösungen zu suchen, um die verschiedenen Formen
und Arten von Gewalt zu mindern, ist eine Aufgabe, die jede im Sozialwe-
sen beschäigte Person betrit.

Bevor aber Lösungen gesucht werden können, müssen die verschiedenen


Formen und Arten der Gewalt in der Pege und ihre möglichen Ursachen
bewusst werden. Daher werden wir in diesem Buch nach einführenden
Erläuterungen zum Syndrom Demenz zunächst die Datenlage in Bezug auf
Gewalthandlungen an alten Menschen und an Personen mit Demenz so-
wie Denionen des Gewaltbegris behandeln. Im Folgenden gehen wir
näher auf jene zwei Formen von Gewalt ein, die für Pegepersonen in
ihrer Arbeit besonders von Belang sind: Personelle Gewalt und struktu-
relle Gewalt.
Im Rahmen unserer Vorschläge zur Verhinderung von Gewalt – sowohl an
Personen mit Demenz als auch an den Mitarbeitern einer Instuon –
versuchen wir einen Weg aufzuzeigen, der allen Beteiligten (Personen mit

2
 Einleitung 

Demenz, Mitarbeitern, Führungskräen einer Instuon) zugute kommt.


Dass es sich bei diesen Vorschlägen nicht um eine unrealisierbare Utopie
handelt, zeigt sich im nächsten Kapitel über ein Pensionistenheim, dessen
Mitarbeiter – auf ihre eigene Art – diesen Weg bereits gegangen sind.
Das Kapitel über kulturelle Gewalt haben wir an den Schluss gestellt, da es
sich bei dieser Form von Gewalt um kein spezisches Problem der Pege
handelt. Vielmehr wird mit dem Phänomen der kulturellen Gewalt ein
Problem angesprochen, das uns alle als Mitglieder einer Gesellscha be-
trit.

Zur besseren Lesbarkeit wurde auf eine geschlechtergerechte Dieren-


zierung in Bewohnerin und Bewohner, Paenn und Paent, Pegerin
und Peger usw. weitgehend verzichtet.

Wir haben bei der Erstellung dieses Buches vielfälge Unterstützung von
einer ganzen Reihe von Menschen bekommen, bei denen wir uns an die-
ser Stelle herzlich bedanken möchten. Unser besonderer Dank geht an:
Thomas Frühwald, Johanna Gaitsch, Helma Riefenthaler, Philipp Schmidt
und Chrisan Wimplinger.
Chrisne Akbaba und Katrin Stakemeier vom Springer-Verlag schließlich
möchten wir für ihr Entgegenkommen in Bezug auf das Projekt, ihre Ge-
duld und die gute Zusammenarbeit danken.

Wien, im Juni 2010


Monique Weissenberger-Leduc, Anja Weiberg

3
 Demenz 

2. Demenz

2.1 Demenz aus medizinischer Sicht:


Daten und Fakten
Das Wort Demenz kommt von „demens, demena“, was so viel bedeutet
wie „ohne Geist“.

Der Oberbegri Demenz beschreibt keine einheitliche Erkrankung, son-


dern ein Syndrom, eine Reihe von Symptomen, die von mehreren, meis-
tens degeneraven Gehirnerkrankungen verursacht werden können. Wir
möchten aber gleich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass der Fokus auf
den Aspekt der degeneraven Gehirnerkrankung allein unserer Ansicht
nach zu kurz grei: Die Art, wie sich Demenz ausdrückt, muss im Zusammen-
hang mit kulturellen und psychosozialen Einüssen, Persönlichkeit, Bio-
grae, erlernten und noch vorhandenen Bewälgungsstrategien betrach-
tet werden.

Epidemiologie
Es gibt in Österreich keine ausdrückliche Erhebung der Prävalenz der De-
menz, sie wird jedoch mit 1,15 bis 1,27 % eingeschätzt (vgl. Erster Öster-
reichischer Demenzbericht 2009, 14). Dies würde einer Gesamtzahl von
ca. 100.000 Personen mit Demenz entsprechen (vgl. Demenzhandbuch
2008, 2).

Es besteht eine exponenelle Zunahme der Prävalenz der Demenz mit zu-
nehmendem Alter. Das Alter ist sozusagen der stärkste und ausschlagge-
bende Risikofaktor, der zu Demenz führen kann. Bei etwa sieben Prozent
der über 65-jährigen ndet sich eine Demenz, bei den über 90-jährigen
sind es ca. 30 % (vgl. Demenzhandbuch 2008, 8; Erster Österreichischer
Demenzbericht 2009, 12 f.). Diese Tatsache kann auch anders – opmis-
scher – betrachtet werden: Zwei Driel der Menschen, die dieses hohe
Alter erreichen, sind von Demenz nicht betroen. Nichtsdestoweniger
wird die Gesamtzahl der von Demenz Betroenen ansteigen.

Es werden hauptsächlich alleinstehende Frauen sein, aufgrund ihrer hö-


heren Lebenserwartung, deren Betreuung rein quantav eine noch nie
da gewesene Aufgabe und Belastung für die Gesellscha darstellen wird.
In diesem Zusammenhang muss bedacht werden, dass schon jetzt die
Häle der pegenden Angehörigen mehr als 65 Jahre alt ist und selbst an

4
 Demenz aus medizinischer Sicht: Daten und Fakten 

einer Krankheit leidet. Nur etwa 20 bis 30 % der Demenzkranken sind in


instuoneller Betreuung – aber 60 bis 70 % der Heimbewohner haben
eine Demenz (vgl. Vierter Bericht 2002, 21).
Die Leistungen, die Laienpegende heute erbringen, sind von unschätz-
barem humanitärem Wert: Sie versorgen in Österreich 75 bis 80 % der
rund 100.000 Personen mit Demenz.
Der ökonomische Wert der Behandlung eines einzigen Paenten pro Jahr,
unabhängig vom Demenzstadium, beläu sich auf zwischen 10.680 Euro
und 25.265 Euro, je nachdem, ob die Behandlung zu Hause oder im Pe-
geheim sta
indet. Ein Großteil der Kosten wird von den Familienmitglie-
dern getragen (vgl. Erster Österreichischer Demenzbericht 2009, 109 .).
Der Wert aller informell erbrachten Betreuungs- und Pegearbeit in Ös-
terreich wird auf zwei bis drei Milliarden Euro pro Jahr geschätzt (vgl.
Schneider et al. 2006, 13).
Es ist anzunehmen, dass nur ein Bruchteil der im Krankenhaus aufgenom-
menen Paenten mit Demenz mit der Hauptdiagnose Demenz kodiert
wird, da viele an Mulmorbidität leiden und der Aufnahmegrund nur sel-
ten die Demenz selbst ist (vgl. Erster Österreichischer Demenzbericht
2009, 116 u. 222).
Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass Demenzen mit 47 % hauptverant-
wortlich für den Pegebedarf im Alter sind (vgl. Demenzhandbuch
2008, 9). Dies bedeutet auch, dass Demenzen Ursache für den größten
Zeitaufwand und die größte psychische Belastung für Pegepersonen
sind.

Klassikaon und Begrisklärung


Die derzeit gebräuchlichen Klassikaonssysteme sind:
• DSM-IV, herausgegeben von der American Psychiatric Associaon, im
Kapitel „Delir, Demenz, amnessche und andere kognive Störungen“
(DSM 1996, 163–209).
• ICD-10, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisaon (WHO),
Kapitel F00-F09 „organische einschließlich symptomaschen psychi-
schen Störungen“. Dieses Klassikaonssystem dient als Verrechnungs-
system für die Krankenkassen in Österreich (ICD-10 1996, 59).

Die Demenzen unterteilen sich in primär degenerave Demenzen, die


direkt durch eine Schädigung des Gehirns als Organ hervorgerufen wer-
den:
• 60 bis 80 % Demenz vom Alzheimer Typ
• ca. 15 % reine vaskuläre Demenz
• bis zu 20 % gemischte Formen wie Alzheimer und vaskuläre Demenz

5
 Demenz 

• zwischen 7 und 25 % Lewy-Body Demenz (vgl. Erster Österreichischer


Demenzbericht 2009, 4)
• Rest ca. 10 %: Parkinson-Demenz, Frontotemporale Demenz (Morbus
Pick); Demenz bei Chorea Hunngton und Creuzfeld-Jakob-Krankheit
und in sekundäre (symptomasche) Demenzen, die durch Schädigungen,
Infekonen, Intoxikaonen oder Störungen, die außerhalb des Gehirns lie-
gen, verursacht werden. Hier sind Demenzen Folgen oder Komplikaonen.
Eine Dierenzialdiagnosk ist unbedingt notwendig, da es unter anderem
Demenzformen als Begleiterkrankung einer behandelbaren Depression
gibt. Die kogniven Störungen nehmen bei erfolgreicher medikamentöser
andepressiver Therapie ab.

Diese Demenzunterscheidungen sind im Kontext dieses Buches nur inso-


fern interessant, als sie mit verschiedenen Verhaltensweisen in Zusam-
menhang gebracht werden können.

Eine weitere Unterscheidung wird vorgenommen zwischen


• präsenilen Demenzen, die vor dem Alter von 65 Jahren aureten und
• senilen Demenzen, die ab dem Alter von 65 Jahren aureten.

Die Krankheit Demenz


Es gibt mindestens 50 verschiedene Formen von Demenzerkrankungen.
Die medizinischen Fakten und Daten werden hier nur hinsichtlich ihrer
Relevanz für die Bewälgung des Alltags betrachtet.
Das Demenzsyndrom ist durch vielfache Störungen der höheren Gehirn-
funkonen wie Rechnen, Sprechen und Denken gekennzeichnet. Hier
wird von Störungen der kogniven Leistung gesprochen. Diese Verluste
können zur völligen Pegebedürigkeit und zum Tode führen.
Es darf aber nicht vergessen werden, dass das Phänomen Demenz beson-
ders aufgrund des nicht nachvollziehbaren Erlebens nicht mit rein natur-
wissenschalichen Methoden erfassbar ist. Die Forschung kann durch den
Einsatz immer besserer bildgebender und elektrophysiologischer Diagno-
severfahren neue Erkenntnisse über die Vorgänge im Gehirn gewinnen.
Sie kann aber nicht das Kranksein erfassen.

Sowohl die ICD-10 als auch das DSM-IV betrachten eine Beeinträchgung
der Gedächtnisleistung als Picht- und Hauptsymptom der Alzheimer-De-
menz. Die Denionen unterscheiden sich vor allem durch die zusätz-
lichen kogniven Störungen, die für die Diagnose notwendig sind, sowie
dadurch, dass ICD-10 einen Zeitrahmen für die Beeinträchgung der Ge-
dächtnisleistung von mindestens sechs Monaten nennt.

6
 Demenz aus medizinischer Sicht: Daten und Fakten 

Demenz nach ICD-10- Code F00-F03


[i]st ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden
Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer korkaler Funkonen, ein-
schließlich Gedächtnis, Denken, Orienerung, Auassung, Rechnen, Lernfähig-
keit, Sprache, Sprechen und Urteilsvermögen im Sinne der Fähigkeit zur Ent-
scheidung. Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Für die Diagnose einer Demenz
müssen die Symptome nach ICD über mindestens sechs Monate bestanden
haben. Die Sinne (Sinnesorgane, Wahrnehmung) funkonieren im für die Person
üblichen Rahmen. Gewöhnlich begleiten Veränderungen der emoonalen Kon-
trolle, der Aektlage, des Sozialverhaltens oder der Movaon die kogniven
Beeinträchtigungen; gelegentlich treten diese Syndrome auch eher auf. Sie
kommen bei Alzheimer-Krankheit, Gefäßerkrankungen des Gehirns und anderen
Zustandsbildern vor, die primär oder sekundär das Gehirn und die Neuronen
betreen. (ICD-10 1996, 60)

Denion der Demenz im DSM-IV:


Die kogniven Dezite verursachen eine signikante Beeinträchgung der sozia-
len und beruichen Funkonen und stellen eine deutliche Verschlechterung
gegenüber einem früheren Leistungsniveau dar. Sie treten nicht im Rahmen
einer rasch einsetzenden Bewusstseinstrübung oder eines Delirs auf. Zur Beein-
trächgung des Gedächtnisses muss noch mindestens eine der folgenden Stö-
rungen hinzukommen:
Aphasie: Störung der Sprache
Apraxie: beeinträchgte Fähigkeit, motorische Akvitäten auszuführen
Agnosie: Unfähigkeit, Gegenstände zu idenzieren bzw. wieder zu erkennen
Dysexekuves Syndrom: Störung der Exekuvfunkonen, d. h. Planen, Organisieren,
Einhalten einer Reihenfolge. (DSM 1996, 163)

In diesem Zusammenhang sind zwei Hirnleistungen zu unterscheiden:


• Die Thymopsyche betrit die Bendlichkeit, die Steuerung des Vegeta-
vums wie der Aekte, des Antriebes, der Triebe, der Psychomotorik
(Mimik und Gesk).
• Die Noopsyche hat Auswirkungen auf das Bewusstsein, die Oriene-
rung, die Intelligenz, das Gedächtnis und das Denken (Geschwindig-
keit, Ablauf, Konzentraon) zu tun.

Bei Demenz dekompensieren langsam aber steg die Thymo- und die
Noopsyche. Im Gegensatz dazu dekompensiert bei Depression allmählich
primär die Thymopsyche und bei einem Delirium ndet eine heige und
relav plötzliche Dekompensaon der Thymo- und der Noopsyche sta.

7
 Demenz 

Die eventuell behandelbaren Ursachen der Demenz machen lediglich fünf


Prozent aller Demenzerkrankungen aus. Die Demenz als Syndrom kann,
muss aber nicht progressiv verlaufen. Im Vierten Bericht zur Lage der älte-
ren Generaon aus Deutschland ist zu dieser Themak zu lesen:
Außerdem scheinen, wie Längsschniuntersuchungen zeigten, nur etwa die
Häle der Kranken an voranschreitenden Demenzprozessen zu leiden. Ein gro-
ßer Anteil der Betroenen weist über Jahre hinweg keine nennenswerten Ver-
schlechterungen der Leistungsfähigkeit auf. (Vierter Bericht 2002, 165)

Leider werden im Bericht die genauen Quellenangaben zu diesen Längs-


schniuntersuchungen nicht genannt. Diese Untersuchungen wären aber
besonders relevant, da sie gerade nicht die allgemeine Meinung vertre-
ten, dass Demenz immer eine voranschreitende Erkrankung ist.

Es ist bei jedem Betroenen genau zu unterscheiden, ob es sich um alters-


assoziierte Gedächtnisbeeinträchgungen (Age Associated Memory Im-
pairment; AAMI) oder um erste Zeichen einer demenellen Erkrankung
bzw. ein Middle Cognive Impairment (MCI) handelt. Die Grenzziehung
kann sich sehr schwierig gestalten.
Die Variabilität kogniver Funkonen im Alter und die Variabilität und Verschie-
denheit demeneller Syndrome können überlappen. Man denke dabei nur an
Störungen wie Primäre Progressive Aphasien, Prosopagnosien, Apraxien und
auch an Persönlichkeitsstörungen, die sich zu Demenzen erweitern können. Zu-
dem ist wenig über Häugkeitsverteilungen besmmter Merkmale im Alter be-
kannt. (Kessler u. Kalbe 1997, 864)

Alzheimer-Demenz
Auf der „37. Versammlung der Süddeutschen Irrenärzte“ im November
1906 in Tübingen berichtete der deutsche Psychiater und Histopathologe
Alois Alzheimer (1864-1915) über „einen eigenargen schweren Erkran-
kungsprozess der Hirnrinde“ bei der Paenn „Auguste D.“
Mein Fall Auguste D. bot schon klinisch ein so abweichendes Bild, daß er sich
unter keine der bekannten Krankheiten einreihen ließ. Ich werde es Ihnen im
folgenden beschreiben. (Alzheimer 1907, 146 f.)

Dies war der erste dokumenerte Fall der Demenz, die heute Alzheimers
Namen trägt. Alzheimer selbst beschreibt nur die präsenile Demenz als
eine Erkrankung. Erst Emil Kraepelin unterscheidet im zweiten Band sei-
nes Lehrbuches der Psychiatrie das „Senile und Präsenile Irresein“ im Rah-
men der Alzheimer Krankheit (Kraepelin 1910, 624).

8
 Demenz aus medizinischer Sicht: Daten und Fakten 

Die Alzheimer-Demenz ist eine alterskorrelierte, progressive und neuro-


degenerave Erkrankung mit einer Hirnatrophie (Untergang von Nerven-
zellen in den Temporal- und Parietallappen und im Hippocampus). Die
Alzheimer-Demenz nimmt aufgrund der verlängerten Lebenserwartung
exponenell zum Alter (bis zu ca. 80 Jahren) zu und ist die bekannteste
Form der Demenz. Sie ist der häugste Grund für die Entstehung von Pe-
gebedürigkeit in den Industrienaonen.
Das Leitsymptom einer Alzheimer-Demenz ist die Gedächtnisstörung. Das
Gehirn hat zunehmend Probleme bei der Aufnahme, der Speicherung und
dem Abrufen von Informaonen.

Durch welche Mechanismen die Neurodegeneraon sta


indet und wo-
rin die Ursache für die neurobrillären Tangles (NFT) besteht, ist noch
nicht genau geklärt. Sowohl die amyloiden Plaques als auch die neuro-
brillären Tangles treten unabhängig voneinander bei normalem Altern auf.
Die entscheidenden und noch nicht ganz aufgeklärten Fragen sind einer-
seits, wie die Grenze zwischen normalen und pathologischen Ablagerun-
gen und Verteilungen zu ziehen ist und anderseits, wie krankheitsspezi-
sch diese Tangles und Plaques für die Alzheimer-Demenz sind. Da die
Forschung über die Entstehung der Alzheimer-Krankheit noch voll im
Gang ist, scheiden sich hierin die Meinungen der Neuropathologen.

Sowohl bei Speicherungs- als auch bei Abrufprozessen spielt das limbi-
sche System durch die emoonale Bewertung der jeweiligen Informaon
eine wesentliche Rolle. Was bedeutet es zum Beispiel für eine besmmte
Person, wenn sie über ein schlechtes Gedächtnis klagt? Die Bewertung ist
abhängig von:
• der Einschätzung der eigenen Erinnerungsezienz (Überzeugung)
• den erinnerungsbezüglichen Ängsten (Aufregung)
• der erinnerungsbezüglichen Haltung (Bewertung)
• den erinnerungsbezüglichen sozialen Normierungen (Einschätzung)
(vgl. Mol et al. 2008, 167)
• einer etwaigen Depression dieser Person: Die Depression und nur die
Depression korreliert mit selbst berichteten Gedächtniseinbußen (vgl.
Mendes et al. 2008, 177; Sachs-Ericsson et al. 2008, 183). Gleichzeig
düren bis zu zwei Driel der Personen mit Demenz im Verlauf der
Demenzerkrankung unter einem depressiven Syndrom leiden. Eine
Dierenaldiagnosk ist extrem wichg, da die Depression gut auf
eine medikamentöse Therapie anspricht und dadurch eine Erhöhung
der Lebensqualität erreicht werden kann.

9
 Demenz 

Mit der Verschlechterung der Gedächtnisleistungen gehen o Antriebs-


losigkeit, Aufmerksamkeitsdezite oder Interesselosigkeit einher.

Die Alzheimer-Demenz bleibt o lange unbemerkt und dadurch unbe-


handelt. Die Paenten versuchen so lange wie möglich, ihre beginnenden
Dezite zu kompensieren (Fassade). Sie entwickeln o Rückzugstenden-
zen und depressive Symptome, um diese beginnenden, zunehmenden
Beeinträchgungen zu verbergen. Die Diagnose wird im Durchschni erst
vier Jahre nach dem Aureten der ersten Symptome gestellt. Die Durch-
schnisdauer einer Alzheimer-Demenz liegt bei neun Jahren.
Die moderne Demenzdiagnosk umfasst medizinische Untersuchungen
und eine ausführliche, psychologische Testung. Bei der Diagnosestellung
und bei der Dierenaldiagnosestellung spielen psychologische Tests und
Testbaerien eine große Rolle.1

Krankheitsverlauf
Obwohl die Alzheimer-Demenz eine Erkrankung des höheren Lebens-
alters ist, beginnt der neurodegenerave Prozess wahrscheinlich schon
20 bis 30 Jahre bevor die ersten massiven Gedächtnisstörungen sichtbar
werden. Eine Abnahme der Lernfähigkeit düre 5 bis 7 Jahre vor der Diag-
nose aureten (vgl. Mahlberg u. Gutzmann 2009, 15). Da es sich um eine
progrediente Erkrankung handelt, sind abrupte Verschlechterungen im
Verlauf untypisch und müssen an andere Erkrankungen denken lassen.
Die Gedächtnisproblemak korreliert mit dem fortschreitenden Verlust
von Nervenzellen und Synapsen.
Die Alzheimer Demenz wird in drei Stadien eingeteilt:
• die leichte Demenz, die in der Regel 2–3 Jahre andauert
• die milere Demenz, die in der Regel 5–7 Jahre umfasst
• die meist zu Belägerigkeit führende schwere Demenz
Der Tod erfolgt nicht unmielbar aufgrund der Demenz, sondern häug
durch eine sekundäre Infekon wie Pneumonie, durch Komplikaon einer
kardiovaskulären Erkrankung oder durch eine Sturzverletzung.

Die Symptome der Demenz, die erst nach einer weitgehenden Zerstörung
verschiedener Gehirnbereiche klinisch manifest werden, können in drei
großen Störungsgruppen dargestellt werden:

1 Wir gehen hier weder auf die moderne Diagnosestellung noch auf die Testverfahren näher ein, da
sie nicht zur Kernaufgabe dieses Buches gehören (vgl. zu diesem Thema etwa Mahlberg u. Gutz-
mann 2009).

10
 Demenz aus medizinischer Sicht: Daten und Fakten 

Somasche Störungen
Bekannte Begleitsymptome von Demenz sind Appetlosigkeit und Mal-
nutrion, Inkonnenz und Störungen des Wasser- und Elektrolythaus-
halts.
Ein möglicher Grund unter vielen für die Appetlosigkeit könnte sein, dass
die Riechschwelle, die Duidenkaon und das Riechgedächtnis bei Alz-
heimer-Demenz, im Vergleich zur normalen Abnahme im Alter, stark sinkt.
Die Gründe dafür düren in einer Störung des olfaktorischen Informa-
onsprozesses in den limbischen Strukturen liegen. Das Problem im Alltag
ist, dass wenn eine Person nicht riechen kann und möglicherweise schlecht
sieht, sie kein Interesse an der Nahrungsaufnahme zeigt. Die Pegenden
bemühen sich, versuchen basal zu smulieren, aber ohne Erfolg – die Be-
mühungen werden nicht wahrgenommen.

Kognive Störungen
Zuerst zeigen sich Gedächtnisstörungen mit schlechter Konzentraon,
eine herabgesetzte Fähigkeit, Prioritäten zu setzen und komplexe Zusam-
menhänge nachzuvollziehen, womit eine Redukon des Urteilsvermö-
gens einher geht. Dazu kommen zeitliche und örtliche Orienerungspro-
bleme durch ein verändertes Zeitempnden, Wor indungsstörungen und
Probleme, sich neue Inhalte zu merken. Im weiteren Verlauf treten Sprach-
störungen wie zunehmende Inhaltsarmut, Unfähigkeit, Gegenstände oder
Situaonen präzise zu benennen, bis hin zu Aphasie, Apraxie und Agnosie
auf.
Probleme bei der bewussten Wiedergabe von einzelnen Zellinformao-
nen und ihrer Dendriten führen zu einer Hirnatrophie. Schwierigkeiten,
Informaonen aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen, Zusammenhänge
zwischen Ereignissen zu erfassen und exekuve Funkonseinschränkun-
gen wie Schwierigkeiten beim Einparken oder bei der Koordinaon von
Hand und Auge treten auf. In späteren Stadien kommt es zusätzlich zur
kogniven Symptomak, zu Verhaltensveränderungen und emoonalen
Störungen als Antwort auf die existenelle Bedrohung des Selbst.

Smmungs- und Verhaltensstörungen


Erst 80 Jahre nach der Entdeckung von Alzheimer beginnt die Wissen-
scha sich für Smmungs- und Verhaltensstörungen zu interessieren, ob-
wohl BPSD (Behavioural and Psychological Symptoms of Demena) bei
ungefähr 80 bis 90 % aller Personen mit Alzheimer-Demenz aureten.
Diese Smmungs- und Verhaltensstörungen tragen o mehr zur psychi-
schen Belastung der Pegenden bei als die kogniven Dezite und sind
häug der Grund für eine Heimaufnahme.

11
 Demenz 

Was wird unter BPSD verstanden? 1999 einigten sich – bei der Update
Consensus Conference – 660 Experten der Internaonal Psychogeriatric
Associaon (IPA) auf den Begri „Behavioural and Psychological Symp-
toms of Demena“ (BPSD):
The term behavioral disturbances should be replaced by the term behavioral
and psychological symptoms of demena (BPSD), dened as:
Symptoms of disturbed percepon, thought content, mood or behavior that fre-
quently occur in paents with demena. (IPA 2002, 5)

Diese Smmungs- und Verhaltensstörungen können bei allen Demenz-


formen aureten.

Zur Prävalenz von Smmungs- und Verhaltensstörungen im Verlauf einer


Demenz:
• Apathie, etwa 76 %, eine Akvitäts- und Antriebsstörung wie Gleich-
gülgkeit, Interesselosigkeit, Iniavlosigkeit, vorzeige Ermüdung (Fa-
gue) und Hyperakvität
• Zielloses Herum-Irren, „aberrant motor behavior“, etwa 65 %
• Essstörungen (Essen von Unessbarem), 64 %
• Gereizheit/Labilität, 63 %
• Agitaon/Aggression, 63 %. Das Aggressionspotenzial könnte mit einer
Störung des Serotoninwechsels verbunden sein. Aber vor allem sind
es zwischenmenschliche Missverständnisse, Koniktsituaonen, Be-
wälgungsstrategiedezite, Ängste durch Orienerungsstörungen
und akussche wie opsche Dezite, die zu Aggression und Agitaon
führen.
• Aektstörungen: Depressive Symptome, Dysphorie, bis zu 66 %, und
Euphorie, 17 %
• Schlafstörungen, 54–60 %, wie zum Beispiel Durchschlafstörungen
oder Beeinträchgung der Schlaiefe
• Zirkadiane Rhythmusstörungen, bis zu 60%, wie Tagesrhythmus- und
Schlafstörungen, Tag-Nacht-Umkehr oder „Sundowning“ (vorüberge-
hende Steigerung des Antriebsniveaus und des Auretens von sozial
unangemessenen Verhaltensweisen in den Abendstunden) sind durch
ihren zermürbenden und erschöpfenden Charakter eine erhebliche
Belastung für die Pegenden und o der Grund für eine vorzeige In-
stuonalisierung.
• Ängste und Phobien, 50–55 %
• Wahnsymptome, 50 %. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass be-
reits Gefühle von Scham, Insuzienz, Verunsicherung, Störungen der
Kommunikaon und soziale Isolaon Faktoren sein können, die zur

12
 Demenz aus medizinischer Sicht: Daten und Fakten 

Entwicklung von Wahnsymptomen beitragen. Durch Gedächtnislücken


ist die Person mit Demenz immer weniger imstande, die Vielfalt der
Wahrnehmungen zu verarbeiten. Dadurch kommt es immer wieder zu
Verzerrungen des Erlebten und des Empfundenen, zum Beispiel bei
der Körperpege.
• Enthemmung, 30 %
• Akussche und opsche Halluzinaon, 28 %. Die visuellen Halluzina-
onen nden zuerst o nur im Zwielicht der Dämmerung sta. Im Ver-
lauf der Erkrankung können sie von sehr viel Angst begleitet sein und
Aggressionen auslösen, wenn Pegende sich nähern.
• Verkennungen im Sinne von Fehlinterpretaon, 25 %. Sie treten eher
im mileren bis späten Stadium der Demenz auf.
• Motorische Unruhe wie Agitaon und „Wandering“, Umher-Irren oder
ständiges Suchen aufgrund von örtlicher Orienerungslosigkeit, Schrei-
en, Enthemmungsphänomene mit und ohne Störung der Impulskont-
rolle
• Horten und „Verstecken“, das nie ein bewusstes, bösarges Verstecken
ist.
• „Veränderungen“ in der Persönlichkeit wie Verachung der Aekte
oder Störung des Sozialverhaltens.
(Vgl. Mirakhur et al. 2004, 1035; Rao et al. 2008, 199)

Die Smmungs- und Verhaltensstörungen werden o ausgelöst durch pe-


ristasche Bedingungen, die nicht den Erfordernissen der Demenz ange-
passt sind. Personen mit Demenz sind und bleiben soziale Wesen. Ihr Ver-
halten im Rahmen eines komplexen Prozesses versucht eine gemeinsame
Wirklichkeit zu erzeugen, wo ein soziales Miteinander möglich ist. Die An-
passungsfähigkeit einer Person wird mit fortschreitender Demenz gerin-
ger, ihre Sprach- und Kulturressourcen versagen Stück für Stück. Eine ge-
meinsame Wirklichkeit kann nicht mehr entstehen oder verstanden
werden. Die Reihenfolge der zwischenmenschlichen Handlungen wird
aufgrund von Gedächtnislücken durcheinander gebracht.
Daraus kann nur eine Konsequenz gezogen werden: Die Umwelt muss sich
auf die Bedürfnisse der Person mit Demenz einstellen und nicht umge-
kehrt. Geschieht dies nicht, dann treten Verhaltens-„Störungen“ auf als
Ausdruck von Angst und Unsicherheit, als Reakon auf die Fremdbesm-
mung und Abhängigkeit.

Fast alle Personen mit Demenz (97 %) weisen mindestens eine Sm-
mungs- und Verhaltensstörung auf (vgl. Benoit et al. 2008, 409). Die Apa-
thie geht mit größeren Einbrüchen von kogniven und alltagsbezogenen

13
 Demenz 

Funkonen einher (vgl. Benoit et al. 2008, 409). Sie war darüber hinaus
über einen Beobachtungsraum von fünf Jahren das Symptom mit dem
höchsten Schweregrad (vgl. Steinberg et al. 2008, 170). Das besondere
Problem bei der Apathie ist, dass sie nicht wahrgenommen wird, da Pas-
sivität nicht als herausforderndes Verhalten verstanden wird. Darüber
hinaus ist bis heute noch nicht klar, ob Apathie ein „abnormales“ Verhal-
tensmuster der Demenz oder ein bedürfnisorienertes Verhalten dar-
stellt.

Was wird genau unter Verkennungen verstanden? Hier handelt es sich um


verschiedene Syndrome, die durch Fehlidenkaonen von Situaonen
und Personen charakterisiert sind:
• Phantom-boarder-Syndrom ist die bildhae Vorstellung, andere Per-
sonen seien im selben Haus.
• Naomi Feil spricht in der Validaon® von Fahrkarten in die Vergangen-
heit, Mediziner sprechen vom TV-Design-Syndrom. Hierbei handelt es
sich um Wahrnehmungen von Ereignissen oder Personen im Fernse-
hen, die als real exiserend und als gegenwärg geschehend empfun-
den werden. René van Neer fragt sich,
ob es der Mühe wert ist, in Erfahrung zu bringen, »ob die Traumheit2 mit der
Wirklichkeit übereinsmmt. Es scheint, als träume ich unablässig. Das ist läsg,
denn ich weiß nicht mehr, was wirklich passiert ist«. (Braam 2007, 101)

Diese Erfahrung kann mit sehr viel Angst verbunden sein, wie folgen-
des Beispiel zeigt: Frau Maier, die aus einem Überutungsgebiet
stammt, sieht im Fernsehen einen Bericht über die Überschwemmun-
gen auf den Philippinen. Sie glaubt aber, dass das Wasser gleich zu ihrer
Tür herein strömen wird, steht auf, packt ihre Nachbarin Frau Müller
und meint: „Ich muss um mein Leben rennen“. Sie reagiert ungehal-
ten, als eine Pegeperson Frau Müller von Frau Maiers Hand befreit.
Was ist passiert? Frau Maier war jahrelang von ihren Eltern geprägt
worden: „Wenn die Flut kommt, bist du für dich und deine kleine
Schwester verantwortlich.“ Frau Maier hae gerade ein TV-Design-
Syndrom und augenblicklich wurde die Überschwemmung im Fernsehen
für sie Realität. Sie musste laufen und vor allem ihre kleine Schwester
reen. Damals fühlte sie sich einer großen Verantwortung verpich-
tet, die ihre ganze Energie in Anspruch nahm. Nun stellt sich ihr jemand
in den Weg und versucht sie daran zu hindern.

2 Die kursiv gesetzten Wörter sind Wortkreaonen von René van Neer.

14
 Demenz aus medizinischer Sicht: Daten und Fakten 

• Mirror-Design: die Unfähigkeit einer Person, sich im eigenen Spiegel-


bild zu erkennen: „Wer bist Du?“; „Das bin ich nicht.“ Bärbel Danne-
berg erzählt von einem Friseurbesuch mit ihrer Muer, die während-
dessen ein Mirror-Design-Syndrom hae: Sie hat
mit ihrem Spiegelbild koke ert, hat Kusshändchen in den Spiegel geschickt. Sie
dachte wohl, es sitzt noch jemand neben ihr. Als die erwartete Antwort nicht
kann, hat sie mit der Faust gedroht, und dann wollte sie sich im Spiegel immer
die Hand geben. Ist gegen den Spiegel gestoßen, Verwunderung, als es nicht
weiterging und kein Echo aus dem Spiegel kam, nur ihr schönes, altes, falges
Gesicht hat mit der neuen Frisur herausgeschaut. ‚Na dann eben nich‘, meinte
sie, als ihr Abbild keine Anstalten machte, ihr zu antworten. Schließlich hat sie
ihrem Konterfei Bonbons angeboten, hat sich halb tot gelacht, weil ihr Spiegel-
bild immer Fratzen geschnien hat, die ja die ihren waren. Das ging so eine ganze
Zeit hin und her zwischen Muer und Muer, es muss komisch sein, sich selbst
als Fremde gegenüberzustehen. (Danneberg 2008, 132)

Hier ndet anscheinend ein Wechselbad der Gefühle sta: Zorn, Ver-
wunderung, Erheiterung. Was passiert, wenn dieses Zwiegespräch
plötzlich durch einen ungebetenen Drien brüsk unterbrochen
wird?
• Capgras-Syndrom: Erkennen des Gesichts einer Person, jedoch mit
der falschen Vorstellung verbunden, wer diese Person ist. „Du bist
nicht meine Frau.“ Die Situaon ist für Angehörige sehr belastend.
• Die irreale Vorstellung, das eigene Haus sei eine fremde Wohnung.
„Hier wohne ich nicht.“

Medikamentöse Therapieansätze
Wie schon erwähnt, ist Alzheimer-Demenz eine progrediente, chronisch
verlaufende Erkrankung, deren Ursachenbehandlung und Heilung derzeit
nicht möglich sind. Deswegen ist Palliave Care eine klare Zielsetzung in
der Demenzbetreuung.
Medikamentöse Therapieansätze können nur dazu dienen,
• das Fortschreiten der Krankheit zu verzögern und diese selbst zu lindern
• das Leistungsvermögen des Paenten zu steigern.
Meistens handelt es sich um ältere Paenten, die unter Mulmorbidität
(Hypertonie, Diabetes Mellitus, Herzkreislauferkrankungen, etc.) leiden
und daher zusätzliche Behandlungen benögen.
Derzeit gibt es folgende Andemenva:
• Acetylcholinesterase-Inhibitoren wirken bei beginnender Demenz.
Sie können den Demenzverlauf um ein Jahr bremsen und sie können
die Verhaltensstörungen (BPSD) lindern sowie die Kognion verbes-
sern.

15
 Demenz 

• Memanne: Die posive Wirkung auf die BPSD und die Akvitäten des
täglichen Lebens (ATLs) bei fortgeschriener Demenz ist wissenscha-
lich bewiesen.

Agneta Ingberg, Paenn mit präseniler Demenz, beklagt sich allerdings


über die Medikamente:
Die An-Alzheimer-Miel radieren das Gefühlsleben aus. […]
Vielleicht ist das ein Verdrängungsspiel, aber ich habe nicht den Eindruck, dass
die Medizin diese Gefühlsabstumpfung wert ist. […]
Schön, es gibt Alzheimermedikamente, aber sie verändern das ganze Ich des
Paenten. (Andersson 2007, 72 u. 82)

Agneta Ingberg wartete drei Jahre auf die Diagnosefestlegung, nach-


dem ihr ihr Hausarzt beim ersten Besuch sagte: „Wir wollen nicht gleich
das Schlimmste [Alzheimer, M. W-L.] glauben.“ (Andersson 2007, 30).
Was bedeutet diese Inkongruenz: drei Jahre auf eine Diagnose zu war-
ten, um dann ein Andemenvum zu erhalten, das möglicherweise
(nicht jeder Paent spricht an) einerseits den Krankheitsverlauf
höchstens um ein Jahr bremst und anderseits massive Wirkung auf das
Gefühlsleben hat?
Jean, die genau so wie Agneta Ingberg von Arzt zu Arzt geschickt
wurde, schreibt:
Ich bin mir ganz sicher, dass fast alle Ärzte, die ich aufsuchte, sehr wohl wussten,
dass hier die Alzheimer-Krankheit eine Rolle spielt. Sie wollen aber nichts damit
zu tun haben. Das macht mich sehr wütend. (Jean, zit. in Bowlby Sion 2008,
127)

• Ginkgo Biloba, der Baum gegen die Vergesslichkeit, ist erst bei einer
Dosis von 240 mg pro Tag wirksam, hat eine posive Wirkung bei leich-
ter bis milerer Demenz und eine hohe Verträglichkeit.3

Störungen des Erlebens und Verhaltens wie paranoide Ideen, Wahnvor-


stellungen, Halluzinaonen, Depression, Agitaon oder Apathie können
medikamentös posiv beeinusst werden, aber nur in Kombinaon mit
nicht-medikamentösen Therapieansätzen.
Symptome wie Wandering, Rufen, Sammeln, Schreien, Stereotypie und
Persönlichkeitsveränderungen können medikamentös kaum beeinusst
werden.

3 Einen Beleg für einen Nutzen beim Therapieziel „Akvitäten des täglichen Lebens“ gebe es, inso-
fern 240 mg Extrakt täglich eingenommen werden (vgl. IQWiG 2008).

16
 Demenz aus der Sicht der Betroenen: Das Erleben von Demenz 

In der medikamentösen Therapie wird sich in den nächsten 10 bis 15 Jah-


ren nicht viel ändern, vermutet der Neurologe Bancher – eine Zulassung
für die sogenannten „disease modifying therapies“ wird nicht in den
nächsten Jahren erwartet.4 Aus der Auswertung der Daten der Kranken-
versicherungsträger wird ersichtlich, dass schätzungsweise nur rund 30
bis 32 % der Personen, die an Demenz erkrankt sind, eine moderne An-
demenva-Therapie erhalten. Des Weiteren düren mehr als 10 % der
Anspruchsberechgten nur eine Einmalverordnung erhalten (vgl. Erster
Österreichischer Demenzbericht 2009, 62 u. 68). Hier ndet eine Unter-
versorgung durch niedergelassene Ärzte sta. Die Gründe dieser Unter-
versorgung wurden leider nicht erläutert. Tatsache ist, dass noch ein gro-
ßer Bedarf an der Entwicklung von wirksamen, pharmakologischen
Behandlungsmöglichkeiten und an kontrolliertem Einsatz nicht-medika-
mentöser Intervenonen besteht. Die Ezienz von nicht-medikamen-
tösen Intervenonen muss noch profunder erforscht werden.

2.2 Demenz aus der Sicht der Betroffenen:


Das Erleben von Demenz
Die Krankheit Demenz wird im ICD-10 und DSM-IV klar deniert. Was
sagen die Betroenen?
‚Und was hab’ ich davon?‘ Von meinem Standpunkt aus betrachtet, von dem
einer Person, die mit der Diagnose lebt, wird der Bezeichnung, dem Namen und
den meist mit Leiden einhergehenden Symptomen viel zu viel Bedeutung bei-
gemessen, den Menschen dagegen, die die Krankheit haben, zu wenig. (Taylor
2008, 41 f.)

Das Kranksein, das mit der Krankheit verbunden ist, wird nicht beschrie-
ben. Hier soll der Versuch unternommen werden, die medizinischen Be-
grie mit dem Erleben der Person mit Demenz zu durchleuchten. Die Be-
troenen, die Personen mit Demenz, sind die Erlebensexperten mit der
Einschränkung, dass sie – wie Personen ohne Demenz auch – immer in
den Grenzen ihrer Vorstellungswelt verhaet bleiben. Richard Taylor
drückt es so aus:
Wer behauptet, die Wahrheit über Menschen im Spätstadium der Alzheimer-
Krankheit zu kennen, tut, als kenne er Form und Inhalt der vierten oder fünen
Dimension. (Taylor 2008, 51)

4 Vortrag von Chrisan Bancher („Medikamentöse Therapie der frühen Alzheimer-Demenz“) bei
der 8. Tagung für Allgemeinmedizin und Geriatrie am 9. u. 10. Oktober 2009 in Wien; s. dazu das
Abstract unter hp://www.geriatrie-online.at/mm/mm014/gpoe_abstracts_low.pdf (2. 7. 2010).

17
 Demenz 

Erst wenn Personen ohne Demenz verstehen, was Personen mit Demenz
erleben, können sie das Verhalten der an Demenz Erkrankten deuten.
Diese Auslegung soll als Grundlage der personzentrierten Begleitung im
Sinne von „Lasst mich selbst krank sein“ (Andersson 2007, 17) und der Ge-
waltprävenon dienen.
In den letzten Jahren melden sich Personen mit Demenz vermehrt selbst
zu Wort und versuchen der Gesellscha und den Medien mitzuteilen, was
sie erleben.
Richard Taylor gibt mehrere Gründe an, warum es für ihn so wichg ist, zu
schreiben:
• Seine Gedanken werden leicht missverstanden, von sich selbst und
von anderen
• „dass ich mich selbst nicht verstand“
• Entwicklung einer eigenen Lösungsstrategie: Nozen am Computer
schreiben, um
• vorhandene Informaonen nicht zu verlieren
• Gedankengänge besser zu begreifen
• Kontrolle über die Vorgänge im Kopf zu behalten
• über das Denken nachzudenken
• eine Beziehung mit seiner Mitwelt aufrechtzuerhalten
• einen Erfahrungsbericht für Drie zu hinterlassen
• sich zu beruhigen: „Der Schreibvorgang allein kann beruhigen“
• sich seiner selbst zu vergewissern: „Ich schreibe, also bin ich“ (vgl.
Taylor 2008, 23 .).
Persönliche Berichte darüber, was man als Person mit Demenz erlebt, sind
sehr wertvoll und helfen uns viel weiter – unter anderem dahingehend,
dass sie dem Eindruck der Fremdheit des Verhaltens und Handelns von
Personen mit Demenz entgegenwirken. Ein unserer Ansicht nach sehr
wichger Aspekt, denn die Zuschreibung von Fremdheit, von Andersarg-
keit impliziert häug auch Ausgrenzung („Ihr gehört nicht dazu“). Was
„fremd“ ist, macht o Angst.

Die moderne Demenzdiagnosk wird in Einzelheiten als großer Erfolg der


Medizin und der Psychologie gepriesen. Welche Bürde sie aber zum Teil
für den Betroenen bedeutet, wird weit seltener beschrieben.
Richard Taylor, 58, und an präseniler Demenz erkrankt, spricht von 13 Mo-
naten „Fegefeuer“, 13 Monaten, in denen er Woche für Woche immer
wieder untersucht und befragt wurde. Mehr als 100.000 (!) Fragen musste
er im Lauf dieser 13 Monate beantworten, bis ihm „eine eher vage Diag-
nose“ mitgeteilt wurde:

18
 Demenz aus der Sicht der Betroenen: Das Erleben von Demenz 

Willkommen in meinem Fegefeuer – in der Zeit zwischen der Vermutung, die


Alzheimer Krankheit zu haben, und der Sicherheit, alzheimer [sic!] krank zu
sein. […]
Ich war 58 Jahre alt, als mir die Diagnose oziell mitgeteilt wurde. Darau in
weinte ich drei Wochen lang Tag für Tag. (Taylor 2008, 43 u. 47)

Bei Agneta Ingberg, 58, dauerte das „Fegefeuer“, wie schon erwähnt,
noch länger:
Insgesamt dauerte es drei Jahre mit diversen Symptomen, die auf die Alzheimer-
krankheit hindeuten können, bis ich meine Diagnose bekam. […]
Das Schwerste an diesen Tagen [Durchuntersuchung im Krankenhaus, M. W-L.]
war, all die anderen Paenten zu sehen, die sichtlich krank waren, und einer von
ihnen zu sein. (Andersson 2005, 30 u. 38)

Immer wieder ist zu hören und zu lesen, dass die Demenzdiagnose so früh
wie möglich erfolgen soll. Richard Taylor sieht dies etwas anders:
Mein Neurologe mag sich darüber freuen, dass er die Diagnose bereits im frühen
Stadium der Erkrankung gestellt hat. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das tatsäch-
lich ein Segen war. (Taylor 2008, 47)

Chrisne Boden beschreibt, wie sie sich fühlte, als sie von der Diagnose
erfuhr:
Es […] löst große Angst aus, zu erfahren, dass man an einer unheilbaren, zur De-
menz führenden Krankheit leidet. Versuchen Sie sich vorzustellen: Sie sind mit
der Tatsache konfronert, dass Sie im Laufe der Jahre alle ihre normalen geis-
gen Funkonen verlieren werden, und niemand kann Ihnen genau sagen, was
geschehen, wann es passieren und wie lange es dauern wird. (Boden 1998, zit. in
Bowlby Sion 2008, 127)

Bob Simpson vertri eine andere Meinung:


„Kümmern Sie sich um eine Diagnose!“, das wäre mein erster Rat an Leute, die
vermuten, dass sie an der Alzheimer-Krankheit leiden. Erzählen Sie es dann her-
um. […] Sie werden einsamer werden, wenn Sie die Wahrheit verschweigen!
(Simpson & Simpson 1999, zit. in Bowlby Sion 2008, 124)

Für Agneta Ingberg aber zum Beispiel ist es nicht leicht, über die eigene
Krankheit zu sprechen, da es viel Energie kostet:
Es wagen, von seiner Krankheit zu erzählen, wo dies nög ist, und gleichzeig
daran denken, dass es nicht jeden angeht, wie es einem geht – das verlangt
Übung. Manchmal muss man sich halt am Riemen reißen. […]

19
 Demenz 

Es ist Schwerarbeit für mich, über meine Krankheit und das Leben mit ihr zu
reden. Anschließend bin ich x und ferg, aber es muss sein. (Andersson 2007,
64 u. 71)

Welche Folgen hat aber die Bekanntgabe der Diagnose Demenz auf die
Mitmenschen? Die Auswirkung der Diagnose auf die Angehörigen ist nicht
zu unterschätzen. Einerseits bedeutet sie sicher Erleichterung: „Jetzt wis-
sen wir endlich, was los ist.“ Anderseits schreibt Chrisne Boden als Be-
troene zu Recht:
Auch wenn die Diagnose endlich feststeht: Es bleibt Aufgabe der Familie, mit
sehr belastendem Verhalten zurecht zu kommen. O schämen sich die Angehö-
rigen und geben vor, alles wäre in Ordnung. Wenn wir uns der Krebserkrankung,
des Herzinfarkts oder Gehirnschlags unseres Verwandten oder unserer Freun-
din nicht schämen, warum ist uns eine Erkrankung so peinlich, die ebenfalls ein
Organ schädigt, eben das Gehirn? (Boden 1998, zit. in Bowly Sion 2008, 413)

Personen mit Demenz schätzen ihre Lebensqualität besser ein als pe-
gende Angehörige. Auf der anderen Seite unterschätzen sie ihre kogni-
ven Einbußen (vgl. Arlt et al. 2008, 604).
Möglicherweise ist dies ein Grund, warum Personen mit Demenz o Op-
fer des „Höichkeitssgmas/Sgmas durch Assoziaon; courtesy sgma/
sgma by associaon“ sind: Pegende Angehörige verhalten sich freund-
lich, vermeiden aber den Kontakt zu Bekannten und Freunden. Personen
mit Demenz werden von ihren pegenden Angehörigen vor dem sozialen
Umfeld verborgen. Ein möglicher Grund ist, dass die pegenden Angehöri-
gen die Auassung vertreten, dass Freunde, Nachbarn und sogar die eige-
ne Familie sich gegenüber der Person mit Demenz nach dem Bekanntwer-
den der Diagnose deutlich anders verhalten. Und sie haben nicht Unrecht,
wie wir im letzten Kapitel noch sehen werden, in dem wir uns ausführlich
mit der Diskriminierung von Menschen mit Demenz beschäigen.
Jede seiner Äußerungen und Bewegungen wurde beobachtet, nicht um festzu-
stellen, was daran smmte, vielmehr in der Erwartung, dass ihm Fehler unter-
liefen. (Buchanan 1989, zit. in Bowlby Sion 2008, 116)

Ist es wirklich wünschenswert, die Diagnose so bald als möglich zu erfah-


ren, wenn danach nur mehr die Fehler, die nicht gelungenen Handlungen
wahrgenommen werden und man deshalb aus der Gesellscha ausge-
schlossen wird?

20
 Demenz aus der Sicht der Betroenen: Das Erleben von Demenz 

Personen, die gerade die Diagnose erhalten haben, suchen o Informa-


on über die Demenzkrankheit in der Fachliteratur. Welche Gefühle kön-
nen diese Bücher aber auslösen:
Eine Freundin gab mir ein Buch, das von einer Frau mit Alzheimer-Krankheit han-
delte und davon, wie toll und wunderbar sie mit ihrer Krankheit zurecht kam. Ich
hasste dieses Buch. […] Ich wollte heulen, klagen und wild um mich schlagen!
(Jean, zit. in Bowlby Sion 2008, 107)

René van Neer holt sich ein Buch über Demenz aus der Bibliothek, liest es
und gibt es seiner Tochter und seinem Schwiegersohn zu lesen mit den
Worten:
»Das müsst ihr lesen. Dann wisst ihr, was euch bevorsteht.«
»Findest du das nicht schlimm?«, frage ich [die Tochter, M. W-L.] ganz perplex
über seine plötzliche Oenheit.
René: »Ach nein, es ist einfach Demenz. Das muss ich oensichtlich mitmachen.
Ich bin Pragmaker und habe gelernt, mit dem Strom zu schwimmen.« […]
Man schreibe zu negav über diese Krankheit, sagt er. »Ich betrachte es viel-
mehr als Herausforderung: Was passiert am Ende des Lebens mit dem Geist?
Alzheimer ist ein Abenteuer. Ich lasse mich darauf ein.« (Braam 2007, 19)

Zu einem anderen Buch sagt er allerdings:


»Was ich darüber lese, ist nicht gerade beruhigend.« […] »Auf der anderen Seite:
Diese Krankheit ist personenabhängig. Sie kann bei jedem Menschen anders
verlaufen.« (Braam 2007, 91)

Agneta Ingberg fragt sich grundsätzlich, ob es von Vorteil ist, Fachliteratur


zu lesen:
Meine Medizin kann den Verlauf der Krankheit nicht stoppen, sondern nur das
Pegeheim um ein paar Jahre aufschieben; so steht es in der Fachliteratur, die
man vielleicht lieber nicht lesen sollte. (Andersson 2007, 49)

Haben diese unterschiedlichen Reakonen mit der Annahme der Diagnose,


der Krankheitseinsicht zu tun? Gibt es hier auch einen Unterschied zwi-
schen jungen Betroenen und Älteren?

Kann das Personsein erhalten bleiben, wenn das Gedächtnis versagt?


Wenn es nur mehr die Gegenwart gibt?
Chrisne Boden ist der Ansicht, ihr „Wesenskern“ werde von viel Ballast
befreit und komme dadurch erst zum Vorschein:

21
 Demenz 

Dieses einzigarge »Ich« liegt in meinem efsten Innern und wird dort bis zu
meinem Ende bestehen. Vielleicht werde ich noch wahrhaiger »Ich selbst« als
ich es jemals gewesen bin. (Boden 1998, zit. in Bowlby Sion 2008, 89)

Da sie sich nicht anders verhalten kann, so sehr sie sich auch bemühen
mag, wird sie authenscher. Gleichzeig berichtet Chrisne Boden, dass
sie den Kontakt zu ihren Gefühlen verliert:
Wir kennen uns selbst nicht mehr, verlieren den Kontakt zu unseren Gefühlen
und können uns nicht mehr mieilen. (Boden 1998, Bowlby Sion 2008, 246)

Dieser Kontaktverlust kombiniert mit dem Sprachverlust führt o direkt in


die Isolaon.

Diana Friel McGowin schreibt als betroene Person am Anfang ihrer De-
menzerkrankung folgende bewegende Worte:
Jedes Molekül in mir scheint zu schreien, daß es mich wirklich gibt, und daß
diese Existenz von irgendjemandem gewürdigt werden muss! Wie kann ich den
Rest dieser Reise ins Ungebahnte ertragen ohne jemanden, der dieses Laby-
rinth an meiner Seite durchwandert, ohne die Berührung eines Mitreisenden,
der mein Bedürfnis nach Selbstwert versteht? (McGowin 1993, zit. in Kitwood
2000, 111 f.)

Die Person mit Demenz sucht etwas, dass ihrem Leben in der Gegenwart
wirklich Bedeutung gibt. Der Augenblick ist die einzige Erfahrung, die sie
betrachten, bestaunen und schätzen kann. Chrisne Bryden (geb. Boden)
formuliert es so:
Doch das ist die Erfahrung, mit Demenz zu leben – Leben in der Gegenwart, ohne
Vergangenheit und Zukun. (Bryden 2005, zit. in Brooker 2008, 28)

Diese Erfahrung, nur mehr in der Gegenwart zu leben, hat mehrere Kon-
sequenzen:
• Gefühl der Sinnlosigkeit: „›Erst passiert das, dann wieder das‹, kommt
er schimpfend heraus. ›Für mich macht nichts mehr einen Sinn.‹“
(Braam 2007, 130) Die Konnuität ist verloren gegangen. Handlungen
stehen für sich alleine da, sie können nicht mehr in eine sinnvolle Rei-
henfolge eingebeet werden. Wieso soll B jetzt logischerweise ge-
schehen, wenn ich nicht mehr weiß, dass A stagefunden hat?

• Das Gefühl des Verloren-Seins entsteht, da die Realität nicht mehr


nachvollziehbar ist.

22
 Demenz aus der Sicht der Betroenen: Das Erleben von Demenz 

René van Neer:


»Du kannst behaupten, was du willst, aber hier wohne ich nicht.« ( Braam 2007, 36)

• Ruhelosigkeit durch Vergessen:


»Man hat nie Ruhe. Jeden Moment kann dem Gedächtnis etwas en allen.
Abends weiß man noch, dass man Besuch hae. Aber wer war das? Hat man et-
was verabredet? Hat man Nozen gemacht? Wo liegen die dann? Man lebt in
ständiger Unsicherheit.« ( Braam 2007, 23).

• Handlungsdrang:
»[W]enn ich mit einem Absatz ferg bin und den nächsten beginne, habe ich den
vorherigen schon wieder vergessen. Den muss ich dann noch einmal lesen. Bis
ich denke: Gib auf!« Aber auch diese Schlussfolgerung bleibt nicht hängen und
das Ritual beginnt von neuem. (Braam 2007, 58)

• Ängste: Es düre sehr beängsgend sein, die Vergangenheit und die


Zukun nicht mehr fühlen zu können.
»Wovor hast du Angst?«
»Vor allem. Man begegnet hier seltsamen Leuten. Es macht keinen Spaß, es ist
unangenehm. Ich habe keine Anhaltung, welche Aufgabe ich hier habe. Was er-
wartet man von mir? Steht es irgendwo schwarz auf weiß? Kann ich es lesen?«
(Braam 2007, 145)

• Seelischer Schmerz: Die Person mit Demenz versucht ihr Bestes und
muss trotzdem permanent neue Verluste hinnehmen:
Jedes Mal, wenn ich klein beigeben muss, habe ich das Gefühl, dass mir ein Stück
Leben genommen wird. Wenn man alle diese Zeiten zusammenzählt, bleibt nur
noch ein schmaler, begehbarer Pfad übrig. (Jean, zit. in Bowlby Sion 2008, 102)

• Heimatlosigkeit: „Das ist doch bei mir das Heimatlose“, sagt Else, die
Muer von Bärbel Danneberg (Danneberg 2008, 97). Es gibt keinen
Anker, keinen Halt mehr. Es gibt nur mehr den Augenblick allein.

• Die zunehmende Fokussierung auf Gefühle erzeugt einen immensen


inneren Druck: „›Ich bin fröhlich, doch auch immer kurz davor, zu ex-
plodieren‹“, beschreibt es René van Neer (Braam 2007, 99).

23
 Demenz 

• Für Chrisne Boden bedeutet Go, Goesvertrauen, Trost in der Not:


Ich glaube, dass Go unser Wesen in all seinen Spielarten kennt und weiß, wer
wir wirklich sind. Diese Krankheit bringt nach und nach mein innerstes Wesen
zum Vorschein und legt es vor Go oen. (Boden 1998, zit. in Bowlby Sion 2008, 89)

René van Neer beschreibt seine Honung folgendermaßen:


»Ich habe angefangen, daran zu glauben«, meint er mit Tränen in den Augen.
»Wenn nichts oder niemand mehr hil, gibt es immer noch die Engel. In der Not
kann man seinen Schutzengel anehen.« […]
»Hilfs-Arme: die Hilfe Goes. Da, wo man sie braucht, hat er ein Bataillon Engel
aufgestellt.« (Braam 2007, 69)

• Genießen-Können: Chrisne Bryden sagt: „wir inveseren all unsere


Energie in das Jetzt, nicht in das Damals oder das Später.“ (Bryden
2005, zit. in Brooker 2008, 71) René van Neer meint:
»Das hat auch witzige Seiten: Manchmal genieße ich dreimal denselben Tag.«
(Braam 2007, 81)
»Ich nasche viel […]. Um das auszugleichen, was ich nicht mehr machen kann.«
(Braam 2007, 92)

Chrisne Boden erläutert:


Ich will, wie ich es bislang getan habe, die Schönheit dieser Welt in mich aufneh-
men und die Zuneigung meiner Familie und Freunde spüren. Ich möchte all diese
Dinge erleben, auch wenn die Erinnerung schnell verblasst. Wir genießen solche
Momente ja um ihrer selbst willen, nicht nur, um uns später daran erinnern zu
können. (Boden 1998, zit. in Bowlby Sion 2008, 252)

Können Personen ohne Demenz den Augenblick um seiner selbst wil-


len genießen? Oder geht ihnen diese Fähigkeit nicht omals verloren?
Schaen sie es, in der Gegenwart zu leben? Diese Achtsamkeit in den
kleinen Dingen düren die Menschen mit Demenz den Menschen
ohne Demenz voraus haben.

• Die Tragweite der Erkrankung kurzfrisg vergessen:


»Habe ich Alzheimer? Ganz vergessen.« Er zuckt die Achseln. »Alle Alten kriegen
schließlich was. Ich habe Alzheimer. Sei’s drum.« (Braam 2007, 32)

24
 Demenz aus der Sicht der Betroenen: Das Erleben von Demenz 

Als René van Neers Tochter ihm seinen abgelaufenen Personalausweis


zeigt, kontert er grinsend „›Genauso abgelaufen wie mein Gedächtnis‹“
(Braam 2007, 20).

Die Vergesslichkeit, wenn sie bewusst ist, erzeugt einen sehr starken
Druck: „›Das Problem ist das Gedächtnis … Ich muss immer …‹“ beschreibt
René van Neer (Braam 2007, 70). Bzw.:
»Das Problem ist das Gedächtnis. Es will nicht mehr. Man erzählt etwas und mit-
tendrin weiß man nicht mehr, worüber man redet. Das Gedächtnis funkoniert
nach besmmten Gesetzen. Also denkt man: so mache ich es, Schri a, b, c, …,
aber diese Gesetze sind nicht mehr in Kra.« (Braam 2007, 86)

Agneta Ingberg stellt einen anderen Vergleich an: „Als ob ich Lockenwick-
ler im Gehirn vergessen habe.“ (Andersson 2007, 58)
Personen mit Demenz haben aufgrund ihrer Vergesslichkeit teilweise das
Gefühl, permanent etwas tun zu müssen, sie wissen aber nicht mehr was.
Sie müssen sich so auf eine Akvität intensivst konzentrieren. Jede gering-
fügige Störung kann eine sehr intensive Reakon hervorrufen. Die Stress-
toleranz ist für Chrisne Boden sehr niedrig oder kaum noch vorhanden:
In den frühen Stadien versuchen wir, belastende Situaonen zu vermeiden. Ge-
spräche, Unterhaltungen, spielende Kinder, Hintergrundmusik – all das können
wir nur schwer ertragen. Weil es unserem Gehirn so schwer fällt, die unter-
schiedlichen Geräusche und opschen Eindrücke richg zu verarbeiten. (Boden
1998, zit. in Bowlby Sion 2008, 202)

Agneta Ingberg geht nicht mehr zu Festen, was ihre Tochter sehr ent-
täuscht. Aber für sie bedeuten Feste vor allem Lärm:
Außerdem läu bei diesen Feiern im Hintergrund immer Musik, und dann kann
ich nicht mehr verstehen, was die Leute sagen. Es ist geradeso, als ob ich hörge-
schädigt bin; alle Störungen schlagen voll durch. (Andersson 2007, 66)

Wie o laufen im Aufenthaltsraum eines Pegeheimes der Fernseher


oder das Radio als akussche Hintergrundkulisse?

Betroene suchen nach verschiedenen Bewälgungsstrategien, um den


Stress, der durch Nichtnachvollziehbarkeit entsteht, zu reduzieren.
»Ich muss versuchen, mich in einem Klima des Widerstands und der Schikanen
zu behaupten.« […]
»[L]assen Sie mich gehen. Sie verstoßen gegen das Gesetz. Das ist widerrechtli-
che Freiheitsberaubung.« […]

25
 Demenz 

»Die Dinge, die man vergisst. Sachen, die man nicht mehr weiß. Dass man nicht
mehr klar denken kann«, zählt er auf und verrät dabei seine Strategie: »Immer
weiter mit sich selbst sprechen.« (Braam 2007, 38, 40 u. 50)

Das Telefonieren ist zwar o die einzige Tür zur Außenwelt, aber gleich-
zeig „Schwerstarbeit“:
Ach, das Telefon. Es gibt nichts Frustrierendes! Es macht mich so nervös, ich be-
komme dann kein Wort heraus. Ich bin völlig ratlos und hilos. Besonders
schlimm ist es, wenn ich allein zu Hause bin. Ich scha ’ es einfach nicht, auch
wenn die Leute am Telefon ungeduldig werden und schließlich auegen, auch
wenn jemand anru, mit dem wir wirklich gerne sprechen möchten. Wenn die
Leute merken, dass ich lange und umständlich nach Worten suche, geben sie es
meist auf. (Henderson & Andrews 1998, zit. in Bowlby Sion 2008, 204)
Dinge, die ich früher fast insnkv erledigt habe, kosten mich jetzt große Mühe.
Telefonieren zum Beispiel ist Schwerstarbeit. All diese Zahlen … mit wem will ich
eigentlich sprechen? ... was will ich sagen? … Das war früher doch nicht so
schwer! Aber ich will das Telefonieren doch nicht aufgeben. (Simpson & Simpson
1999, zit. in Bowlby Sion 2008, 203 f.)

Viele Menschen preisen die technischen Fortschrie, die ermöglichen


sollen, dass kranke Personen zum Beispiel mit Demenz länger zu Haus
bleiben können. Man denke nur an „Ambient Assisted Living (AAL): Alters-
gerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben im
Alter“ oder an Ambient Intelligence, wo Gegenstände in der Wohnung mit
verschiedener Informaonstechnologie untereinander vernetzt werden.5
Ist dies wirklich ein Segen für Menschen mit Demenz, wenn bereits das
Telefonieren so anstrengend ist?

Die Heimatlosigkeit, das Verloren-Sein führt zu Unruhe. René van Neer ist
auf der Suche nach dem Zuhause:
»Was ist mit meiner Wohnung in Tilburg passiert? Ist sie abgebrannt oder wegen
Mietrückstands geräumt?« […]
»Kannst du mir erklären, wo ich bin und was passieren wird?« (Braam 2007, 36 f.)

Welche Ängste müssen damit verbunden sein? René van Neer glaubt sich
(bald) obdachlos und ist wegen seiner nanziellen Situaon beunruhigt:

5 Sieh dazu die Homepage von Wolfgang Zagler: hp://www.is.tuwien.ac.at/de/sta/zw.html.

26
 Demenz aus der Sicht der Betroenen: Das Erleben von Demenz 

»Vor kurzem noch hat man mich auf die Straße gesetzt. Das passiert mir nicht
noch einmal. Es geht das Gerücht, dass ich wieder raus muss. Weißt du etwas
darüber?« […]
»Was kostet dieses Hotel? Wie steht es um meine Finanzen?« […]
»Es tut mir leid, dass ich so reizlich bin. Aber ich muss überleben.« (Braam 2007, 48 f.)

Nun wird verständlich, weshalb René van Neer durch die Gänge irrt.
Wenn zusätzlich das Personal bzw. die Organisaon ihn nicht zur Rezep-
on/Verwaltung lässt, dann muss Verzweiung entstehen:
»Schönen guten Tag, junge Frau, können Sie mir vielleicht sagen, wo ich die Ver-
waltung dieses Hotels nde?« […]
»Aber Herr von Neer, warum wollen Sie das wissen?«
»Ich möchte einfach wissen, wie es nanziell um mich steht. Es ist nicht mein Sl,
Schulden zu machen.«
»Alles wird für Sie geregelt. Setzen Sie sich einfach hin.«
»Können Sie mir sagen, ob ein Euro ein Cent 49 oder ein Cent 50 ist«, fragt er
weiter.
»Mit solchen Sachen brauchen Sie sich nicht zu beschäigen, das regelt die
Heimverwaltung.« (Braam, 2007, 37)

René van Neer schämt sich für seine Vergesslichkeit, er merkt, dass in ihm
eine Veränderung stagefunden hat und hat große Angst, Fehler zu ma-
chen. Er versucht durch kleine Tricks und Ausreden, eine Fassade aufrecht
zu erhalten. Er kann den Weg zu den Mülltonnen im Keller nicht mehr
nden und ist verärgert:
»Es sieht so aus, als häen sie zuerst das Haus gebaut und später entdeckt, dass
sie den Keller vergessen haben«, seufzt er. »Den haben sie dann noch schnell
darunter gesetzt.« (Braam 2007, 21 f.)

Eine gravierende Nebenwirkung der Heimatlosigkeit ist für Agneta Ing-


berg die Angst, besonders in der Nacht.
Es ist schlimm genug, wenn nachts die große Angst kommt und ich eigentlich
jemanden bräuchte, aber niemand anrufen will. [...]
Dass ich überhaupt schlafen kann, liegt daran, dass wir zusammen schlafen und
Körperkontakt haben. Ohne es zu wissen, hil Ulf mir sehr, mit der Angst vor der
Nacht ferg zu werden. […]
Aber wenn ich dann nachts nicht schlafen kann, kommen die anderen Bilder, die
Angstaacken. Dann denke ich auf einmal: ich will nicht! (Andersson 2007, 67, 72
u. 95)

27
 Demenz 

Kann es sein, dass ein Grund für die Tag-Nacht-Umkehrung diese sehr ef
sitzenden Angstaacken sind? Wenn ein Mensch Angst vor der Nacht hat,
wird er in der Zweisamkeit versuchen, diese zu lindern. Er wird nicht allein
in seinem Zimmer bleiben wollen. Er muss Gesellscha suchen, sei es im
Gang, sei es in einem fremden Zimmer.

Agnosie bedeutet die Unfähigkeit, Gegenstände zu idenzieren bzw.


wieder zu erkennen. Stella Braam beschreibt das Verhalten ihres Vaters
René van Neer zum Beispiel so:
Er hört die Türklingel, aber er önet nicht: Er kann den Ton oenbar nicht mehr
zuordnen. (Braam 2007, 47)

Das Essen steht vor René van Neer. Er rührt es jedoch nicht an. Hat er kei-
nen Hunger? Doch, nur:
Er schaut auf die Gabel und fragt: »Ist das ein Instrument für selbst registrieren-
de Apparate?« (Braam 2007, 169)

Wie soll er mit einem „Instrument für selbst registrierende Apparate“ es-
sen? Die Verbindung zwischen der Gestalt einer Gabel und seiner Funk-
on als Essbesteck fehlt. Ähnlich geht es ihm bei fast allen Handgrien, die
er im Lauf eines Tages bis jetzt automasch vollzogen hat. Für jede kleins-
te Tägkeit ist die Person mit Demenz in einem späteren Stadium auf die
Geduld des Interakonpartners angewiesen. Angewiesen darauf, dass
ihm immer wieder jemand vorzeigt, wie man eine Gabel benützt:
Ich öne seine geballte Faust, lege die Gabel hinein und führe seine Hand zum
Mund. Nach zweimaligem Zeigen stürzt sich René leidenschalich auf das Essen.
Kurz darauf hat er es schon wieder vergessen. (Braam 2007, 169)

Es ist für die Person mit Demenz kaum möglich, zur Ruhe zu kommen. Sie
lebt in ständiger Unsicherheit. Das Selbstwertgefühl wird permanent auf
die Probe gestellt: „Schae ich es jetzt?“ Wie schnell wird sie resignieren
und einfach auf eine im Vorbeigehen gestellte Frage wie: „Sind Sie sa?“
zusmmen, obwohl sie möglicherweise noch Hunger hat und „nur“ das
Besteck nicht mehr zu verwenden weiß?

Aphasie – die Störung der Sprache – drückt sich bei René van Neer etwa so
aus:
»Wie heißen diese Dinger auch wieder?« René zeigt auf Trauben auf seinem
Schreibsch.
»Trauben.«

28
 Demenz aus der Sicht der Betroenen: Das Erleben von Demenz 

»Trauben. Klar. Läsg, wenn man den Namen nicht mehr weiß. […]« (Braam
2007, 47)

Auch diese Sprachstörungen bewirken Angst.


»Beängsgend, wenn man nicht deutlich machen kann, was man braucht«, sagt er.
»Ich weiß, was ich sagen möchte, aber ich kann nicht darüber kommen.« (Braam
2007, 95)

Angst, die Wörter zu verlieren, Angst, sich nicht mehr arkulieren zu kön-
nen, Angst, Fehler zu machen, Angst, die Toilee nicht mehr rechtzeig zu
erreichen. Wenn die Wörter nicht mehr vorhanden sind, wie soll René van
Neer seine Bedürfnisse und Wünsche ausdrücken? Eingesperrt im eige-
nen Körper.
»Tut mir Leid. Ich habe es im Kopf, aber ich kann es nicht erzählen.« (Braam
2007, 59)
Abends ru er mich an. »Hallo, liebe Tochter, hier ist dein Sohn.« Seine Smme
bebt. »In meinem Zimmer standen fremde Leute. Was soll ich machen? Ich … es
sieht so aus … man muss … Polizei?«
»Sag es nur«, ermuntere ich ihn.
»Sagen?« Er stößt einen Schrei aus. »Genau das kann ich nicht mehr.« (Braam
2007, 98)

Hier wird deutlich spürbar, wie verzweifelt René van Neer ist.

Eine normale Aphasie kann von einer sensorischen Aphasie begleitet wer-
den. Hierbei versteht die Person mit Demenz den Sinn der gesprochenen
Sprache nicht mehr:
»Was denkst du, wo wir sind?«, teste ich seine Orienerung.
»Wodenksuwowirsin?«, wiederholt René. […]
»Jetzt zum Beispiel.«
»Was ist jetzubebi?« (Braam 2007, 150 u. 161)

Wie sollen sich Personen mit Demenz zu Recht nden? Sie verstehen nicht
und werden nicht verstanden:
»Wie heißt es auch wieder? Ein kleiner … Rand … und noch ein Kechen.«
»Kechen?«
»Nein, ein Rundchen.« Er zeichnet einen Kreis in die Lu. »Man kann es essen.«
»Ein essbarer Kreis?«

29
 Demenz 

Neuer Anhaltspunkt: »Man packt es aus einem runden Ding aus.«


»Ein Keks?«
Na endlich. (Braam 2007, 129)

Das Gleiche passiert mit Zahlen und beim Rechnen:


»Früher machte ich einen Geldbeutel auf und wusste sofort, wie viel Geld drin
war. Jetzt kann ich das nicht mehr. Ich weiß nicht mehr, welches Geld welchen
Wert hat. Ob etwas viel oder wenig ist. Ich muss das leider feststellen. Ich kenne
die Erfahrung von eins, zwei und drei nicht mehr.« Er kann nicht mehr rechnen.
(Braam 2007, 97).

Das Leben muss jeden Tag aufs Neue entdeckt und verstanden werden.
Die zahllosen kleinen Dinge des Alltags werden zum Problem und führen
letztendlich zur geisgen Erschöpfung durch Überforderung.
»Morgen? Sprich nicht von morgen. Ich muss erst versuchen, mir das Heute zu
merken.« (Braam 2007, 62)

Bei Agneta Ingberg führen die Sprachstörungen zu Wut, da sie ihnen hilf-
los ausgeliefert ist:
Aber die Vergesslichkeit ist noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste sind die
Probleme mit den Worten. […]
Oder ich bin in einem Gespräch und weiß, was ich gleich antworten will – und
wenn ich den Mund aufmache, ist es wieder weg. Dann kann es mir passieren,
dass ich heule vor Wut.
Ich bekomme rasende Kopfschmerzen, wenn ich meine Gedanken nicht ordnen
kann. Das ist dann wie ein Kurzschluss im ganzen Organismus, oder wie ein
Deckel über dem Kopf. […]
Ich kann verrückt werden, wenn ein Name mir auf der Zunge liegt und ich komme
nicht mehr darauf. (Andersson 2007, 60 u. 62)

Aphasie und Agnosie können zu einer wachsenden Isolaon der Person


mit Demenz führen. Besonders dann, wenn die Umwelt nicht mehr direkt
die Person mit Demenz anspricht, sondern über ihren Kopf hinweg redet
(vgl. Kap. 9).

Chrisne Bryden weist auf einen sehr wichgen Aspekt in der Kommuni-
kaon mit Personen mit Demenz hin:
Je stärker emoonal und weniger kogniv wir werden, desto mehr ist es die Art,
in der ihr mit uns sprecht und weniger das, was ihr sagt, an die wir uns erinnern.
Wir kennen das Gefühl sehr wohl, aber nicht das Handlungsschema. Euer Lächeln,

30
 Demenz aus der Sicht der Betroenen: Das Erleben von Demenz 

euer Lachen und eure Berührung sind das, womit wir in Verbindung treten. Em-
pathie hat eine heilende Wirkung. Liebt uns einfach, wie wir sind. Wir sind im-
mer noch da, emoonal und spirituell, wenn ihr in der Lage seid, uns zu nden.
(Bryden 2005, zit. in Brooker 2008, 94)

Was bedeutet die Apraxie, die Beeinträchgung der Fähigkeit, moto-


rische Akvitäten auszuführen, in der Praxis? René van Neer hat die
Fergkeit des Sich-Hinsetzens verloren. Er muss permanent stehen und
gehen.
Er lehnt erschöp an einer Wand und meint: ‚»Ich kann wirklich nicht mehr. Aber
ich weiß bei Go nicht, wie ich mich hinsetzen soll.« […]
Eine Pegerin kommt vorbei. Sie hil ihm auf einen Stuhl.
»Herr van Neer, Sie müssen sich umdrehen. Einen kleinen Schri nach links.«
»Ja, ja das verstehe ich schon.«
»Sie müssen sich setzen.«
»Zerren Sie doch nicht so an mir.«
»Sonst kann ich Ihnen doch nicht helfen.«
»Lassen Sie mich in Ruhe. Ich mache es lieber selbst.«
»Setzen Sie sich, Herr van Neer.«
»Versuche ich ja.«
»Lassen Sie sich einfach fallen. Ich halte Sie.«
»Einfach fallen lassen.«
»Oje, oje, oje. Lassen Sie mich in Ruhe.«
»Herr van Neer!« (Braam 2007, 142 f.)

Diese Apraxie führt zu totaler Erschöpfung. Später tri bei Herrn van Neer
noch eine Haltungsapraxie auf: Er verlernt die Fergkeit des Stehens. Ste-
hen kann er nicht mehr, aber sitzen auch nicht. Welche Möglichkeiten
bleiben noch übrig? Liegen und Gehen, bis er vor Erschöpfung stürzt und
an Ort und Stelle einschlä.

Welches Gefühl könnte mit der irrealen Vorstellung verbunden sein, das
eigene Haus sei eine fremde Wohnung? Chrisne Bryden zeigt eine mögli-
che Interpretaon:
‚Helen sagte, dass sie sich o verloren gefühlt hat – und das selbst in ihren eige-
nen vier Wänden. Dabei ging es nicht darum, dass sie sich verirrt häe, sondern
darum, dass es sich gelegentlich anfühlte, als sei sie sich irgendwie selbst abhan-
den gekommen.‘ (Bryden 2005, zit. in Brooker 2008, 95)

31
 Demenz 

So interpreert smmt die Aussage „Hier wohne ich nicht“. Helen hat sich
als Person verloren, weshalb sie dann auch nicht hier wohnen kann. René
van Neer meint:
»Als lebe man in einer Wolke. Jegliche Ordnung ist verschwunden.« (Braam
2007, 13)

„In einer Wolke leben“: Bedeutet das, ohne Begrenzung, ohne Halt zu le-
ben? Oder die Dinge nicht mehr richg wahrnehmen zu können? Der Blick
erlaubt nur mehr die Wahrnehmung von Bilderbruchstücken, das Gehirn
ordnet die Bilder nicht mehr: „Wo gehört was hin?“ Alles wird chaosch.
Die Person mit Demenz kann ihre Gedanken nicht mehr ordnen.
»Kannst du mir beim Geldabheben helfen?«, fragt René. […] »Wenn ich es allein
machen muss, sind meine Füße wie Blei«, erklärt er. »Auf dem Weg zur Bank ver-
suche ich, mich an meine Geheimzahl zu erinnern. Dann schwirren allerlei Zah-
lenkombinaonen durch meinen Kopf. Aber weißt du, was das Komische ist?« Er
muss plötzlich lachen. »Wenn ich vor dem Schalter stehe, weiß ich sie wieder.«
(Braam 2007, 14)

Beim Kaeetrinken fragt er seine Tochter:


»Möchtest du mein Vormund werden?« […] »Ich muss akzeperen, dass ich im-
mer weniger machen kann. Als mein Vormund kannst du ein Auge auf mich wer-
fen. Ich mache immer mehr Fehler.« (Braam 2007, 20)

Es ist schmerzha, auf Andere angewiesen zu sein. Wer soll helfen, wer
setzt sich ein, ohne zu beeinussen?
»Man ist von seiner Umgebung abhängiger. Von Leuten, die man früher kannte«,
erklärt er. »Manche schmecken einem nicht mehr, obwohl man sich früher gut
vertagen hat. Aber man muss schon sich selbst bleiben können.«
»Geht das? Kannst du dabei du selbst bleiben?«
»Auf diesem Gebiet habe ich nicht so viel Erfahrung. Ich kenne nur die Psycho-
logie«, antwortet er unsicher. »Es kommt darauf an, wie schlimm es ist. Wenn
andere einem ihre Smme geben, geht es.« (Braam 2007, 56)

Ein Symptom, das die Medizin nicht zu den Symptomen der Erkrankung
zählt, von dem aber die Betroenen berichten, ist eine extreme Erschöp-
fung, die wir auch bereits angesprochen haen. Diese Erschöpfung wird
sehr ähnlich beschrieben wie die Grande Fague bei Krebserkrankungen.
René van Neer schreibt etwa:
»Das kommt von Alzheimer«, sagt er. »Ich denke, der Kern meiner Krankheit ist
Erschöpfung, kombiniert mit den Erwartungen des Umfelds, dass man noch im-
mer das Gleiche können muss.« (Braam 2007, 96)

32
 Demenz aus der Sicht der Betroenen: Das Erleben von Demenz 

Agneta Ingberg formuliert es so:


Ich fühlte mich so verwirrt und müde, war total erschossen. […]
Aber ich wurde nur immer noch müder, ich schlief und schlief und schlief. Es war
erschreckend.
Die Müdigkeit, diese elende, lähmende Müdigkeit. […] Dann schlägt die Müdig-
keit wieder zu. Ich bin es so müde, müde zu sein.
Traurig und müde, so elend müde in Körper und Seele.
(Andersson 2007, 22, 27, 56, 58)

René van Neer ist zeitweilig so erschöp, dass er sofort an Ort und Stelle
einschlafen möchte, ohne zu bedenken, wo er gerade ist:
Das endlose Herumlaufen laugt ihn aus. »So jetzt gehe ich schlafen«, meint er
eines Nachmiags im Tagesraum. Nach kilometerlangen Wanderungen sitzt er
endlich in einem Sessel.
»Soll ich dich ins Be bringen?«, biete ich ihm an.
»Nein, Engel. Das kann ich gerade noch selbst.« Er beginnt, den obersten Knopf
seines Hemdes aufzuknöpfen.
»Du bist nicht in deinem Zimmer«, warne ich ihn.
»Nicht in der Schlafgelegenheit?«
»Nein.«
»Bist du dir sicher? Ich dachte, dass ich hier schlafe.« (Braam 2007, 143)

Woher kommt diese Erschöpfung? Für René van Neer:


»Probleme bereiten einem die zahllosen kleinen Dinge, mit denen man tagtäg-
lich konfronert wird«, erklärt er. […] » Ich nehme die Dinge nicht mehr richg
wahr.« (Braam 2007, 61)

Ist es nicht vorstellbar, dass diese Erschöpfung Ergebnis des permanenten


Versuchs ist, sich in diesem Augenblick zurechtzunden und den Alltag zu
bewälgen? Die Aufmerksamkeit ist fokussiert, da die Person mit Demenz
in einer permanenten Alarmbereitscha steht: „Was muss ich jetzt tun?“,
„Was darf ich nicht vergessen?“, „Wie geht das?“, „Was ist der nächste
Schri?“, „Wo bin ich?“, „Wer bin ich?“ Auf diese intensive Beanspruchung
müssen Erschöpfung und Ermüdung folgen. Dauert die Alarmbereitscha
sehr lang, dann werden die letzten körperlichen und geisgen Reserven
mobilisiert.

Wenn man diese Erschöpfung bereits angesichts der Bewälgung des All-
tags berücksichgt, dann muss man sich fragen, ob Verhaltens-, Reak-
vierungs-, Garten- und Musiktherapien oder das Psychobiographische

33
 Demenz 

Pegemodell®/Übergangspege® nach Böhm, die alle stark akvitäts-


orienert sind, für Menschen mit Demenz immer sinnvoll sind.

Die Erschöpfung geht sehr o mit einer Depression einher. Die Person mit
Demenz wird dadurch zusätzlich unter anderem mit Schlafstörungen,
Smmungslabilität, Energieverlust und mangelndem Selbstwertgefühl
konfronert. Die Betroenen wie René van Neer benden sich in einer
Spirale.
»Es gibt nichts mehr, das einem Halt gibt«, meint er. »Es ist, als exisere man
immer weniger. Ein Mensch allein kann das nicht ertragen.« (Braam 2007, 176)

René van Neer, Richard Taylor, Agneta Ingberg, Else, die Muer von Bärbel
Danneberg, Chrisne Boden, Jean, Cary Henderson, Bob Simpson und
viele unbekannte Betroene wünschen sich unter anderem soziale Be-
ziehungen: „Die Begegnung mit einem anderen ist für mich von eksta-
schem Wert.“ (Braam 2007, 180). „Wie schön, dass du da bist.“ sagt Else
zu ihrer Tochter Bärbel Danneberg (2008, 154).

Lisa, Ga n von Richard Taylor, zeigt den Weg, den Betreuende einschla-
gen sollten:
Ich habe mich weitgehend mit der Tatsache abgefunden, dass ich meinen Mann
nie mehr so verstehen werde wie früher […].
Ich wünsche, Sie häen Richard gekannt, bevor die Alzheimer-Krankheit sein
und mein Leben verändert hat. Ich bin so froh, dass Sie durch diese Essays zu-
mindest Gelegenheit haben, ihn kennen zu lernen, wie er vor ein paar Jahren
war. Beim Lesen seiner Arbeiten habe ich etwas über ihn und über uns erfahren.
Ich bin nicht immer seiner Meinung, aber er war zeitlebens und ist auch heute
noch ein außergewöhnlicher Mensch. […]
Ich werde niemals au ören, diesen außergewöhnlichen Mann zu lieben.
November 2006 Linda Taylor. (Vorwort in Taylor 2008, 28 f.)

Ziel dieser Zusammenführung der einzelnen Erfahrungsberichte war es,


dass Nicht- oder Noch-nicht-Betroene ihren Umgang mit Person mit De-
menz reekeren und bei Bedarf modizieren. Sie sollen als Schlüssel
zum Verständnis des Verhaltens von Personen mit Demenz dienen. Nur
wenn der Mensch immer wieder versucht zu verstehen, kann Eskalao-
nen, Aggressionen und dadurch Gewalt vorgebeugt werden. Eine Deeska-
laonsstrategie kann dann prävenv eingesetzt und das sehr schmerz-
volle Vollbild der Krankheit kann verhindert bzw. gelindert werden.

34
 Daten 

3. Epidemiologie der Gewalt

3.1. Daten
Anscheinend gibt es keine sicheren Inzidenz- und/oder Prävalenzzahlen
für die Diagnose „Gewalt an alten Menschen in Langzeitpegeeinrichtun-
gen“. Es liegen lediglich einige wenige Daten und Fakten vor, jedoch keine
naonalen Berichte (vgl. Sillman 2008, 2).
Karl Pillemer und David Moore befragten 1989 577 Pegepersonen in
31 Langzeitpegeeinrichtungen von New Hampshire zu Gewalt in der In-
stuon in den letzten zwölf Monaten:
• 36 % berichten über wahrgenommene körperliche Gewalt und 81 %
über wahrgenommene psychische Gewalt;
• 10 % berichten, selbst körperliche Gewalt und 40 %, selbst psychische
Gewalt angewandt zu haben (vgl. Pillemer u. Moore 1989, 314–320).

Die Dunkelzier („das Verhältnis zwischen der Zahl der stassch ausge-
wiesenen und der wirklich begangenen Straaten“; Pegerl u. Cizek 2002,
63) der Gewaltanwendungen ist wahrscheinlich sehr hoch. Gewalt an al-
ten Menschen bleibt im Rahmen von Pegebeziehungen meist unsicht-
bar. Nur die gravierenden Gewaltanwendungen, deren Folgen sichtbar
sind, werden weitergeleitet bzw. zur Anzeige gebracht. Wenn der alte
Mensch Gewalt erfährt, weiß er nicht, an wen und in welcher Weise er
sich an jemanden wenden soll, nicht zuletzt, da er von den Pegenden
abhängig ist. Wer entscheidet über eine eventuelle Anzeige? O ndet
Gewalt in spezischen Täter-Opfer-Konstellaonen sta (vgl. Pegerl u.
Cizek 2002, 62).
Wenn Gewaltvorfälle einmal aufgedeckt worden sind, besteht die Reakon der
alten Menschen, die Opfer werden, normalerweise in Vertuschungs- und Ver-
harmlosungsversuchen auf Grund von Scham oder aus Furcht, dass die Bezie-
hung zum trotz allem emoonal nahe stehenden Angehörigen oder gewalä-
gen „Partner“ verschlechtert wird. (Hörl u. Spannring 2002, 335)

Josef Hörl und Reingard Spannring schreiben in Teil IV des Gewaltberich-


tes Folgendes:
Es sind meines Wissens für kein Land Daten auf der Basis repräsentaver Unter-
suchungen verfügbar, die über das Ausmaß an Gewalthandlungen an alten
Menschen in Krankenhäusern oder Altenheimen Auskunft geben. (Hörl u.
Spannring 2002, 319)

35
 Epidemiologie der Gewalt 

Doris Bredthauer et al. führten 2005 eine prospekve Studie auf einer
psychogeriatrischen Staon eines akuten psychiatrischen Spitals durch.
Hierbei stellte sich heraus, dass 30 % (n = 37) aller Probanden (n = 122) in
ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt wurden. Die höchste Inzidenz, 48 %,
fand sich bei alten Menschen mit der Diagnose „Demenz“ und/oder Delir.
Die am häugsten auretenden Fixierungen waren Begier, gefolgt von
Bauchgurten oder Schulter-/Brustgurten und, bei Fixierung von sitzenden
Paenten, durch Tische.
These results conrm that physical restraints remain a common pracce in psy-
chogeriatric care. (Bredthauer et al. 2005, 17)

Es sei an dieser Stelle gleich zu Beginn darauf hingewiesen, dass die Auto-
rinnen sich dessen bewusst sind, dass freiheitseinschränkende Maßnah-
men (FEM) manchmal notwendig sind.
Das Anwenden von freiheitseinschränkenden Maßnahmen hat man aufgrund
ihres Zieles deniert, nicht aufgrund der Verfahrensweise selber. (Hankainen
2008, 3)

Andererseits sollten FEM nur als letzte Möglichkeit eingesetzt werden,


• wenn alle Alternaven ausgeschöp wurden;
• wenn es klare Leitlinien gibt, in welchen konkreten Situaonen FEM
zulässig sind;
• wenn es genaue Beschreibungen gibt über die Art und Weise, wie FEM
anzuwenden sind;
• und wenn klar ist, wer die Verantwortung für die Anwendung von FEM
übernimmt.
(Vgl. Hankainen 2008, 3)

Claudia Cooper et al. befragten mit „minimum dataset homecare (MDS-


HC)“ ca. 4.000 Personen im Alter von über 65 Jahren, die eine professio-
nelle Unterstützung zu Hause erhielten, in elf europäischen Ländern, ob
sie Gewalt erfahren haen. Davon gaben 4,6 % zumindest ein Gewaltkri-
terium an.
The proporon screening posive increased with severity of cognive impair-
ment, presence of depression, delusions, pressure ulcers, acvely resisng
care, less informal care, expressed conict with family or friend, or living in Italy
or Germany, but not with having a known psychiatric diagnosis. (Cooper et al.
2006, 489)

Die Autoren sind der Ansicht, dass die höheren Risiken in Italien und
Deutschland mit kulturellen Bedingungen und mit der Art und Weise der

36
 Daten 

Hauskrankenpege zu tun haben könnten. Die Betreuten düren unter


anderem ein erhöhtes Pegebedürigkeitsniveau als in anderen europä-
ischen Ländern erreicht haben.
Thomas Frühwald stellte 2008 fest, dass in der Gruppe der älteren mul-
morbiden Menschen, die in ihrer Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt
und o an Demenz erkrankt sind, bereits jeder Vierte mindestens eine
Form von Gewalterfahrung gemacht hat (vgl. Frühwald 2008).
Cooper et al. führten 2008 eine systemasche Literaturrecherche durch.
Sie konnten im Rahmen der Untersuchung von 49 Studien nur sieben n-
den, die den wissenschalichen Kriterien von Erkennungs- und Messme-
thoden entsprachen. Die Ergebnisse können folgendermaßen zusammen-
gefasst werden:
• 6,3 % der Personen im Alter von über 65 Jahren erlebten eine signi-
kante Gewalterfahrung im vergangenen Monat und 5,6 % der in Part-
nerschaen lebenden Menschen gaben die Anwendung von körper-
licher Gewalt im letzten Jahr an;
• 5 % der pegenden Angehörigen berichteten über körperliche Gewalt-
anwendung im letzten Jahr im Zusammenhang mit der Betreuung der
pegebedürigen und an Demenz erkrankten alten Menschen. Ein Drit-
tel berichtete über irgendeine andere Form von Gewaltanwendung;
• 16 % des Pegeheimpersonals gaben zu, signikante psychische Ge-
walt angewendet zu haben;
• nur 1 bis 2 % der Fälle von Gewaltanwendung wurden an die Heimlei-
tung weitergeleitet.
(Vgl. Cooper et al. 2008, 151-60)

Ein Grund für diese unsichere Inzidenz und Prävalenz könnte in folgendem
Problem liegen: Wer besmmt, was Gewalt an alten Menschen ist? Amber
Selwood et al. führten eine Studie mit 74 Familien durch, die eine Person
mit Demenz betreuten, und mit 38 Professionellen aus verschiedenen Be-
rufen, die im geriatrischen intramuralen Gesundheitsservice arbeiteten.
Eine Antwort auf die Fragestellung: „What is elder abuse?“ war:
Professionals and carers reported signicantly dierent views from each other
and guidelines about what constuted elder abuse. (Selwood et al. 2007, 1011)

Ein anderes Beispiel: Mehr als die Häle von 135 Angehörigen von Men-
schen mit Demenz in Japan wusste nicht, dass ihr Verhalten als Gewalt
einzustufen sei (vgl. Matsuda 2007, 892).

Das beste Screening-Instrument scheint derzeit immer noch die direkte


Befragung bei der Anamnese zu sein (vgl. Sillman 2008, 7).

37
 Epidemiologie der Gewalt 

The United States Prevenve Services Task Force concludes that ‚there is insu-
cient evidence to recommend for or against the use of specic screening instru-
ments for family violence, but including a few direct quesons about abuse … as
part of the roune history in adult paents may be recommended on other
grounds.‘ (Zit. in Sillman 2008, 7)

Wobei Colm Cooney et al. der Meinung sind, dass es auch ohne direkte
Befragungen Möglichkeiten gibt, in der Hauskrankenpege Konstellao-
nen zu erkennen, in denen ein erhöhtes Gewaltpotenal vorhanden ist.
Sie führten eine strukturierte Befragung von 82 pegenden Angehörigen
von Menschen mit Demenz durch. Von diesen 82 Menschen gaben 52 %
(n = 43) an, eine der drei genannten Formen (verbale (n = 52,51 %), kör-
perliche (n = 16,20 %) und Vernachlässigung (n= 3,4 %)) von Gewalt ange-
wandt zu haben.
Signicant associaons were found between verbal abuse and psychological ill
health in the carer and behavioural problems in the demena suerer. (Cooney
et al. 2006, 564)

Hier düre es sich um einen klaren Zusammenhang zwischen emoona-


ler Überforderung des pegenden Angehörigen und dem Verhalten der
Person mit Demenz handeln.

3.2 Klinische Warnzeichen


Die deutlichsten Warnzeichen düren wohl einerseits unerklärbares
Schreien sowie Ängstlichkeit und andererseits Verdachtsmomente von
Einzelpersonen in den Instuonen sein.

Spezische Zeichen für körperliche Gewalt sind unter anderem:


• Hämatome, blaues Auge und Befesgungsmerkmale
• Brüche, unbehandelte Verletzungen
• Verletzungen, die nicht auf die angegebenen Stürze zurückgeführt
werden können
• Verletzungen von Organen
• Gebrochene Brillen
• Verweigerung von Zahnprothesen (zwecks Arbeitserleichterung)
• Laborbefunde, die darauf hinweisen, dass es Überdosierungen von
verordneten Medikamenten, Verabreichung von nicht ärztlich verord-
neten Medikamenten oder Unterdosierung von verschriebenen Medi-
kamenten gibt.

38
 Klinische Wahzeichen 

• Die ältere Person gibt an, zum Beispiel geschlagen, geohrfeigt, gesto-
ßen, kalt geduscht worden zu sein.
• Plötzliche Veränderung im Verhalten eines alten Menschen: Er er-
scheint sehr schreckha und ängstlich, besonders in Anwesenheit
einer besmmten Person.
• Eine Pegeperson verweigert den Zugang zum alten Menschen.
• Legen eines Dauerkatheters (zur Arbeitserleichterung)

Für sexuellen Missbrauch:


• Hämatome um den Brust- und/oder im Genitalbereich
• Unerklärbare Geschlechtskrankheiten oder genitale Infekonen
• Unerklärbare Blutungen im analen oder vaginalen Bereich
• Gerissene, beeckte oder bluge Unterwäsche
• Missachtung der Privatsphäre
• Der alte Mensch gibt an, vergewalgt oder sexuell missbraucht wor-
den zu sein.

Für emoonale/psychische Gewalt:


• Verwirrtheit oder Unruhe
• Verbale Drohungen; Tonfall und Wortwahl in der Kommunikaon zwi-
schen Pegendem und Gepegtem (aggressiver Tonfall, Infanlisierung,
Entpersonalisierung, Ignorieren von Bien und Hilferufen etc.) in An-
wesenheit anderer.
• Der alte Mensch wird daran gehindert, alleine mit einer professionel-
len Driperson zu sprechen.
• Klingeln oder Glocken sind außerhalb der Reichweite von Bewohnern
platziert oder nicht vorhanden.
• Außerordentlicher Rückzug, keine Kontaktaufnahme des Bewohners
• Der alte Mensch berichtet über verbale psychische Gewalt.

Für Unterlassung und Vernachlässigung (neglect and abandonment):


• Dehydrataon, Malnutrion, unbehandelte Decubita, körperliche Ver-
nachlässigung
• Unerwartete und unbehandelte Gesundheitsprobleme
• Ein alter, körperlich vernachlässigter Mensch wird mehrmals zu unge-
wöhnlichen Zeiten auf der Straße angetroen.
• Die ältere Person berichtet über Unterlassungen.
• Abschiebung eines alten Menschen in eine staonäre Instuon
• Vorsätzlich unsachgemäße Durchführung pegerischer Maßnahmen
• Grob fahrlässige Verzögerung therapeuscher Maßnahmen (zum Bei-
spiel dem alten Menschen einen Rollstuhl verweigern)

39
 Epidemiologie der Gewalt 

Für nanzielle und materielle Gewalt:


• Plötzliche Veränderungen des Kontostands
• Der alte Mensch scheint keine Habseligkeiten zu besitzen und/oder
hat kein Bargeld.
• Viele unbezahlte Rechnungen, Mietrückstand usw.
• Neue Bevollmächgte auf einem Konto
• Unerlaubte Kontoabhebungen
• Leerer Kühlschrank und/oder ungepegte Wohnung
• Plötzliche Änderungen in einer Willensäußerung
(Vgl. Sillman 2008, 4 f.; Frühwald 2008, 11; Görgen 1999, 85 f.)

Johnson hat 1991 eine Checkliste für mögliche Misshandlungsanzeichen


vorgelegt:
ÖL
  Y
OLOG
 OZ OLOG
 
L

A Medikamenten- A Demügung A Isolaon A materieller
missbrauch Missbrauch
1 Vorenthalten 1 Beschämung 1 unfreiwilliger 1 Misswirtscha
2 unangemessene 2 Beschuldigung Rückzug mit Eigentum
Verwendung 3 Bloßstellung 2 freiwilliger 2 Misswirtscha
3 ungünsge 4 Ablehnung Rückzug mit Verträgen
Wechselwirkung 3 unangemessene 3 Zugang zu Eigen-
4 unnöge Beaufsichgung tum sperren
Verwendung 4 unpassende 4 Zugang zu Ver-
Beaufsichgung trägen sperren
B körperliche B „Plagen“ B Rollenkonfusion B Diebstahl
Beeinträchgung
1 Übersehenv on 1 Beleidigung 1 Konkurrenz 1 Stehlen von
medizinischen 2 Einschüchterung 2 Überlastung Eigentum
Bedürfnissen 3 Furchtauslösung 3 Umkehrung 2 Stehlen von
2 mangelnde 4 Erregung 4 Auösung Verträgen
Hygiene 3 Erpressen von
3 Ruhestörungen Eigentum
4 Erpressen von
Verträgen
C körperliche C Manipulaon C Missbrauch Missbrauch
Angrie von Wohn- von Rechten
arrangements
1 äußere 1 Informaon 1 desorganisierter 1 Verneinung von
Verletzungen zurückhalten Haushalt Verträgen
2 innere 2 Informaon 2 mangelnde 2 unfreiwillige
Verletzungen verfälschen Privatsphäre Unterwerfung
3 Vergewalgung 3 unbegründete 3 unpassende 3 unnöge
4 Selbstmord/ emoonale Umgebung Vormundscha
Totschlag Deprivaon 4 Verlassenheit 4 Missachtung von
4 Einmischung in professioneller
Entscheidungen Autorität
 Johnson 1991, zit. in und übers. von Kranich 2007, 5 f.

40
 Konsequenzen der Gewalt an alten Menschen 

3.3 Konsequenzen der Gewalt an alten


Menschen
Es sind kaum Daten über die Mortalität als Folge von Gewaltanwendun-
gen in der Pege vorhanden. Allerdings wurde das Gefahrenpotenal von
mechanischen Fixierungen mehrfach in der Fachliteratur aufgezeigt:
• Sturzgefahr durch kogniven und muskulären Abbau
• Drehen um die eigene Körperachse; Herausrutschen über die Bekante
mit Folgeerscheinungen wie Luxaonen, Nervenkompressionen bis
zum Absterben einer Extremität, tödliche Strangulaon oder Thorax-
kompression
• Beim Liegen mit einer 4-Punkt-Fixierung an beiden Hand- und Fußge-
lenken durch Herausgleiten über die Bekante Möglichkeit von schwe-
ren Verletzungen
• Beim Liegen mit einer 5-Punkt-Fixierung mit Bauchgurt Möglichkeit
von Kopfverletzungen durch Aufrichten oder/und Herumschlagen
• Beim Liegen mit einer 5-Punkt-Fixierung mit Schulter-/Brustgurt ev.
Atemnot und Strangulaon durch Hinunterrutschen

Physische Gewalt kann eine unmielbare und mielbare Beeinträch-


gung der physischen Gesundheit zur Folge haben – durch Wunden, Schmer-
zen, Immobilität, Kontrakturen, Gleichgewichtsstörungen, beschleunig-
ten motorischen Abbau, Selbstständigkeitsverlust in einigen Akvitäten
des täglichen Lebens, Stürze und körperliche Erschöpfung, Exsikkose, Appe-
tlosigkeit, Malnutrion, Harn-, und Stuhlinkonnenz.
Gewalt kann jedoch auch die psychische Gesundheit unmielbar und mit-
telbar beeinträchgen und zum Beispiel Überwachsamkeit, Sorge um die
eigene Sicherheit, Furcht oder Angst, Traurigkeit, Hilosigkeit, Machtlosig-
keit, Kontrollverlust, Selbstbeschuldigung, Selbstvernachlässigung, Apa-
thie, psychische Erschöpfung, Depression, Regression, soziale Isolaon
und Rückzug, beschleunigten kogniven Abbau und Gefühlsinkonnenz
hervorrufen.
Mielbare Folgen von physischer und/oder psychischer Gewalt sind unter
anderem Folgende: Chemische Fixierung durch Medikamente kann zu
Verwirrtheit, paradoxen Reakonen, Unruhe, kognivem Abbau, Apathie
und herausforderndem Verhalten führen. Nebenwirkungen von Psycho-
pharmaka sind bei hochbetagten mulmorbiden Paenten mit und ohne
Demenz nicht zu unterschätzen (vgl. Frühwald 2008, 8; Rodney 2000, 176).
In jedem Fall entsteht daraus ein erhöhter Pege- und Betreuungsbedarf.
Mark Lachs et al. führten 1998 eine prospekve Kohortenstudie mit 2.812
Menschen über 65 Jahren durch und kamen zu der Schlussfolgerung:

41
 Denionen des Gewaltbegris und der Formen von Gewalt 

Reported and corroborated elder mistreatment and self-neglect are associated


with shorter survival aer adjusng for other factors associated with increased
mortality in older adults. (Lachs et al. 1998, 430)

Die Ergebnisse der zu Beginn zierten Forschungsarbeiten haben deutlich


gemacht, dass Gewalt an alten Menschen verübt wird – und zwar nicht
„nur“ in einigen wenigen Ausnahmefällen, sondern konnuierlich und an
sehr vielen alten Menschen. Ebenfalls deutlich wurde, dass die Gefahr
von Gewaltanwendung steigt, wenn ein alter Mensch eine Demenz hat.
Bevor aber näher auf das Phänomen der Gewalt durch Pegepersonen in
Instuonen eingegangen werden kann, soll zunächst im folgenden Kapi-
tel beschrieben werden, wie Gewalt zu denieren versucht wird und wel-
che Formen von Gewalt hierbei unterschieden werden.

4. Definitionen des Gewaltbegriffs und


der Formen von Gewalt

Der Begri „Gewalt“ ist kein klarer bzw. eindeug denierter Begri. Es
erscheint daher unmöglich, in ein oder zwei Sätzen eine präzise und zu-
gleich umfassende Denion zu präseneren.
Gewalt an alten Menschen kann im Pegeheim ebenso wie in der eigenen
Wohnung ausgeübt werden, von professionellen Pegepersonen wie von
Angehörigen (aber auch von anderen alten Menschen); Gewalt erfährt
man direkt durch eine besmmte Person oder indirekt durch organisato-
rische Rahmenbedingungen einer Instuon bzw. durch eine Gesellscha,
ihr Altersbild und ihre Regelungen für den Umgang mit alten Menschen;
und schließlich umfasst Gewalt das äußerst weite Spektrum von Schlägen
und Beschimpfungen über nanzielle Ausbeutung bis hin zur Überdosie-
rung von Medikamenten, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
Das Phänomen der Gewalt ist also bereits aufgrund der Unterschiedlich-
keit der unter diesem Begri subsumierten Handlungen und Unterlassun-
gen sowie der Vielfalt an „Tätern“ und „Opfern“ nicht leicht zu fassen.
Darüber hinaus gibt es aber auch verschiedenste Menschen, die sich mit
dem Phänomen der Gewalt beschäigen (müssen): Ärzte, Pegeperso-
nen, Sozialarbeiter und Juristen beispielsweise, die häug durch Erleb-
nisse in der Praxis auf dieses Thema gestoßen werden. Sozialwissenscha-
ler oder Philosophen hingegen werden zumindest zum Teil eher aufgrund
theorescher Überlegungen mit dem Gewaltbegri konfronert werden.
Vor allem aber werden die Zugänge sehr verschieden sein:

42
 Gewalt als systemasche Handlung oder Unterlassung mit ausgeprägten negaven Folgen 

Jede fachliche Auseinandersetzung mit der Gewalt-Problemak tendiert dazu,


eigene Definitionen und Sichtweisen vorzustellen. Überwiegend wird unter
Gewalt eine gegen eine Person gerichtete körperliche Handlung verstanden, die
diesen spürbar schädigt (z. B. schlagen, verletzen, vergewalgen). Andererseits
kann z. B. die Gewalt gegen alte Menschen als ein Verbrechen betrachtet wer-
den. Die entsprechende Denion stützt sich dann auf die Bausteine „Absicht“,
„Verletzung“ und „Verursachung“. Gewalt kann auch als ein soziales Problem ge-
sehen werden. Eine entsprechende Denion wird dann die Rolle kulturspezi-
scher Wahrnehmungen, soziale Normen und Wertsetzungen betonen. Andere
Sichtweisen verdeutlichen, dass die Gewalt nicht nur ein sozial-unverträgliches
Verhalten ist und betonen die Absicht, Schmerzen zuzufügen, indem sie den
Begri der Aggression direkt oder indirekt mit in die Denion einbeziehen.
(Hirsch 2001, 2)

Wie hier deutlich wird, hängt die Denion von Gewalt unter anderem
immer auch davon entscheidend ab, welcher Berufsgruppe derjenige
entstammt, der eine solche Denion formuliert; ob seine Interessen und
Ziele jurisscher, polischer oder medizinischer Natur sind u. v. m.
Wir werden im Folgenden drei jener Denionen von Gewalt an älteren
Menschen näher betrachten, die in der Literatur am häugsten genannt
werden und die unterschiedliche Aspekte von Gewalt besonders hervor-
heben.

4.1 Definition von Margret Dieck: Gewalt als


systematische Handlung oder Unterlassung
mit ausgeprägten negativen Folgen

In sehr vielen Aufsätzen zum Thema Gewalt wird auf die Denion von
Margret Dieck Bezug genommen.
Die 1996 verstorbene längjährige Leiterin des „Deutschen Zentrums für
Altersfragen“ veröentlichte 1987 in der Zeitschri für Gerontologie
einen Arkel zum Thema „Gewalt gegen ältere Menschen im familialen
Kontext – Ein Thema der Forschung, der Praxis und der öentlichen In-
formaon“. In diesem Arkel weist auch sie auf Schwierigkeiten bei der
Denion hin und erteilt der Möglichkeit einer „klare[n] Grenzziehung“
zwischen einem (für die Beteiligten) „normalen“ konikthaen Verhält-
nis, einer „einmaligen oder gelegentlichen Entgleisung“ und einer sys-
temaschen, anhaltenden Gewaltanwendung eine deutliche Absage
(Dieck 1987, 310). Begründet wird dies von ihr zum einen mit den oben
schon erwähnten unterschiedlichen professionellen Zugängen und Pers-

43
 Denionen des Gewaltbegris und der Formen von Gewalt 

pekven, zum anderen mit „individuell variierenden Bewertungsmaß-


stäben“ (Dieck 1987, 310).
Dennoch, so Dieck, erscheint der „Versuch einer Nomenklatur“ (Dieck
1987, 310) wichg, um sich dem Phänomen der Gewalt in all seiner Viel-
schichgkeit annähern zu können. Und so formuliert sie eine für die mo-
derne Gewal orschung zentrale Denion:
Gewalt wird hier verstanden als eine systemasche, nicht einmalige Handlung
oder Unterlassung mit dem Ergebnis einer ausgeprägt negaven Einwirkung auf
die Bendlichkeit des Adressaten. Eine einmalige Handlung/Unterlassung muß
sehr gravierende Negavfolgen für den Adressaten haben, soll sie unter den Be-
gri der Gewalt subsumiert werden können. (Dieck 1987, 311)

Folgende Aspekte des Gewaltbegris werden hier deutlich:


1. Gewalt umfasst nicht nur akve, absichtliche Handlungen, sondern
auch – absichtliche oder unabsichtliche – Unterlassungen. Nicht nur,
wenn ich einen Menschen schlage, tue ich ihm Gewalt an, sondern
auch dann, wenn ich aus Ärger über das Verhalten eines Bewohners
oder aber aus Müdigkeit gewisse Pegehandlungen, wie etwa den Ein-
lagenwechsel in der Nacht, nicht vornehme.
2. setzt Dieck mit dieser Denion Gewalt nicht ausschließlich mit kör-
perlicher Gewalt gleich, wie später anhand der verschiedenen Formen
noch deutlicher werden wird. Das Ignorieren eines Bewohners, demü-
gende Aussagen o. ä. sind ebenfalls als gewaläge Handlungen ge-
genüber diesem Menschen anzusehen.
3. schließlich spricht man nach Dieck in der Regel erst dann von Gewalt,
wenn es nicht um Einzelhandlungen, sondern um ein systemasches
mehrfaches Handeln oder Unterlassen geht (sie beru sich hierbei auf
die Literatur, in der dies weitgehend übereinsmmend als Kriterium
für die Zuordnung zu Gewalt genannt werde; vgl. Dieck 1987, 310). Zu
Recht relaviert sie aber sofort dahingehend, dass auch einzelne Hand-
lungen als gewaläge Handlungen zu klassizieren sind, sofern sie
gravierende negave Auswirkungen auf das Opfer haben. Hier geht es
wohl um die Unterscheidung zwischen der oben beschriebenen „ein-
maligen oder gelegentlichen Entgleisung“ und der konnuierlichen
Gewaltanwendung, die darüber hinaus von ihr vor allem im Kontext
der Gewalt in Familien getroen wird, bei der wir es in der Regel
mit langjährigen Beziehungen zu tun haben (vgl. Hörl u. Spannring
2002, 313).

44
 Personelle, strukturelle und kulturelle Gewalt 

4.2 Definition von Rolf Hirsch und Bodo Vollhardt


in Anlehnung an Johan Galtung:
Personelle, strukturelle und kulturelle Gewalt

Diecks Denion themasiert bereits zahlreiche Aspekte von Gewalt;


allerdings bleibt sie, wie unter anderem Rolf Hirsch deutlich macht, aus-
schließlich auf „Interakonen zwischen Personen“ beschränkt (Hirsch
2001, 3).
Um die Denion umfassender zu machen, grei er zunächst die von Jo-
han Galtung, einem der Gründungsväter der Friedensforschung, vorge-
nommene Unterscheidung zwischen direkter, struktureller und kulturel-
ler Gewalt auf und passt diese an das Thema Gewalt gegen alte Menschen
an. In der Adapon von Rolf Dieter Hirsch und Bodo Vollhardt stellt sich
das Gewaltdreieck dann folgendermaßen dar:

Strukturell Kulturell
prozessha invariant
Beispiele: indirekt
mangelhae Diagnosk
mangelhae Lebensräume
Sicherheit von Lebensqualität Beispiele:
inhumane Arbeitsbedingungen ewalt Akzeptanz von Gewalt
unzureichende Kontrollinstanzen Vorurteile gegen das Alter
unzureichender Personalschlüssel Pegeverpichtung für Frauen
unnöge Einrichtung von Betreuung Scham der Opfer vor Öentlichkeit
mangelhae Qualizierung des Personals starre intergenerave Beziehungsmuster
unzureichende Durchsetzung von Gesetzen direkt „Sendungsbewusstsein“ der Professionellen
monetäre Einschränkung vor ethischer Picht Ungleichheit psychisch und körperlich Kranker
Personell
aktuell
Beispiele:
Symptome nicht ernst nehmen
beschämen, bloß stellen, drohen
sexuell beläsgen, vergewalgen
beschimpfen, anschreien, beleidigen
schlagen, verletzen, fesseln, einsperren
Medikamente vorenthalten, vernachlässigen
isolieren, nanziell ausbeuten

 „Gewaltdreieck“, Hirsch 2003, 2

Personelle Gewalt bezieht sich also immer auf Handlungen und Unterlas-
sungen, die von besmmten Personen anderen Personen gegenüber aus-
geübt werden. Sowohl Täter und Opfer als auch die Handlungen oder
Unterlassungen selbst können idenziert und beobachtet werden.
Wie verhält es sich aber etwa im Fall von chronischem Personalmangel
auf einer Staon, der ein Beispiel für strukturelle Gewalt darstellt? Hier ist

45
 Denionen des Gewaltbegris und der Formen von Gewalt 

die Gewalt nach Hirsch „nur indirekt fassbar als ein Prozess, wie er z. B.
seinen Niederschlag in Instuonen und deren genormten Abläufen
ndet oder bei der mangelhaen Anwendung von Gesetzen“ (Hirsch
2001, 3). Wer ist hier genau der Täter? Welche Handlung oder Unterlas-
sung sollte hier konkret als die gewaläge idenziert werden? Und
doch wird Gewalt ausgeübt, sowohl gegenüber den Paenten/Klienten
als auch gegenüber dem Personal.
Johan Galtung fasst den Unterschied zwischen personaler und strukturel-
ler Gewalt folgendermaßen zusammen:
Der Typ von Gewalt, bei dem es einen Akteur gibt, bezeichnen wir als personale
oder direkte Gewalt: die Gewalt ohne einen Akteur als strukturelle oder indirekte
Gewalt. In beiden Fällen können Individuen im doppelten Sinne der Wörter ge-
tötet oder verstümmelt, geschlagen oder verletzt und durch den strategischen
Einsatz von Zuckerbrot und Peitsche manipuliert werden. Aber während diese
Konsequenzen im ersten Fall auf konkrete Personen als Akteure zurückzuführen
sind, ist das im zweiten Fall unmöglich geworden: hier tri niemand in Erschei-
nung, der einem anderen direkt Schaden zufügen könnte; die Gewalt ist in das
System eingebaut und äußert sich in ungleichen Machtverhältnissen und folg-
lich in ungleichen Lebenschancen. (Galtung 1975, 12)

Noch verschwommener wird es beim Aspekt der kulturellen Gewalt: Wie


kommt es beispielsweise dazu, dass in einer Gesellscha ein negaves
Altersbild vorherrscht, dass alte Menschen stereotypisiert werden oder
dass ihnen mit Vorurteilen begegnet wird? Hirsch weist in diesem Zusam-
menhang darauf hin, dass gerade die kulturellen gewal ördernden As-
pekte „eher invariant (sind), schwer und nur langsam zu verändern“
(Hirsch 2001, 3). Das ist zumindest insofern richg, als in diesem Bereich
die Möglichkeit von Sofortmaßnahmen kaum gegeben ist. Wenn jemand
einem anderen Menschen Gewalt antut, kann ich zum Beispiel selbst ein-
greifen oder die Polizei anrufen und das Opfer damit zumindest im Mo-
ment vor dem Täter schützen. Die aus Personalmangel resulerende Ge-
walt kann ich beheben, indem ich mehr Personal ausbilde und anstelle.
Weitaus schwieriger ist es aber, festgesetzte Stereotype bzw. Vorurteile
gegenüber Alter, Krankheit, Demenz u. ä. abzubauen. Andererseits liegt
gerade hier eine Aufgabe, die jede und jeder von uns täglich in Angri
nehmen kann – doch dazu später mehr (vgl. Kap. 9).
Besonders problemasch ist ein spezischer Aspekt von kultureller Ge-
walt, den Johan Galtung hervorhebt: Sie „läßt direkte Gewalt und struktu-
relle Gewalt rechtmäßig erscheinen und führt dazu, sie […] nicht als Un-
recht zu empnden“ (Galtung 1993, 106). Eine der Konsequenzen besteht
dann darin, dass die Realität insofern „undurchsichg“ wird, als „wir eine

46
 Personelle, strukturelle und kulturelle Gewalt 

gewaläge Handlung oder Tatsache überhaupt nicht wahrnehmen oder


sie zumindest nicht als solche erkennen“ (Galtung 1993, 106). Wenn bei-
spielsweise eine Pegeperson die gängigen Vorurteile gegenüber dem
Alter teilt und davon ausgeht, dass alte Menschen sowieso senil und
gleichzeig halsstarrig seien, wird der alte Mensch, der von ihr oder ihm
betreut wird, omals in seiner Selbstbesmmung eingeschränkt wer-
den – und eventuell werden dieser Pegeperson diese Handlungen nicht
einmal als gewaläg auallen.

Vor dem Hintergrund dieser verschiedenen Arten von Gewalt deniert


Hirsch jedenfalls in Anlehnung an Galtung6 den Begri der Gewalt folgen-
dermaßen:
[U]nter Gewalt (ist) eine Handlung oder Drohung zu verstehen, die grundlegende
menschliche Bedürfnisse (Wohlbenden, Überleben, persönliche Identät und
Freiheit) beeinträchgt, einschränkt oder deren Befriedigung verhindert. (Hirsch
2001, 3)

Im Unterschied zur Denion von Margret Dieck, die auf die negaven
Folgen von Gewalt für die betroene Person abgezielt hat, liegt der Fokus
hier also auf den Bedürfnissen eines Menschen und deren Nichterfüllung
im Fall von Gewalt – eine Konsequenz aus der Erweiterung des Gewalt-
begris über personelle Interakonen hinaus.
Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck, als würden Unterlassungen
hier nicht mehr zu Gewalt gezählt werden. Berücksichgt man allerdings
das Gewaltdreieck, dann wird deutlich, dass viele der gewalägen Hand-
lungen eben in Unterlassungen bestehen, wenn beispielsweise nicht aus-
reichend Personal eingestellt wird, Medikamente bzw. Nahrung vorent-
halten werden usw.
Hirsch fasst die Vorteile, die sich seines Erachtens aus dem hier skizzierten
Gewaltdreieck ergeben, kurz zusammen:
1. Gewalt als eine vermeidbare Beeinträchgung menschlicher Grundbedürfnisse
zu sehen: diese Denion ist neutral und vermeidet den Skandalisierungseekt
von Sachverhalten, deren Emoonalisierung häug einer Au lärung, Korrek-
tur und Suche nach Alternaven im Wege steht;

6 Denion von Galtung: „Ich begreife Gewalt als vermeidbare Beeinträchgung grundlegender
menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der
Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potenell möglich ist.“ (Galtung 1993, 106). Die
Bedürfnisse teilt er direkt im Anschluss in vier Gruppen: „Überlebensbedürfnisse (Negaon: Tod);
Wohlbendlichkeitsbedürfnisse (Negaon: Not und Elend); Identäts-, Sinnbedürfnisse (Nega-
on: En remdung); und Freiheitsbedürfnisse (Negaon: Unterdrückung).“ (Ebd.)

47
 Denionen des Gewaltbegris und der Formen von Gewalt 

2. der Bedeutung von mulfaktoriellen und mehrdimensionalen Entstehungsbe-


dingungen, die veränderbar sind und somit zum Handeln auordern;
3. der Vermeidung, lediglich eine Opfer-Täter-Dichotomisierung oder eine reine
Beziehungsproblemak zu sehen; dies ist zur Vermeidung von Emoonalisie-
rung und zur Operaonalisierung von Alternaven entscheidend. (Hirsch
2001, 3)

4.3 Definition der WHO: Gewalt als


Enttäuschung einer Erwartungshaltung
Die Weltgesundheitsorganisaon (WHO) hat sich in der Toronto-Dekla-
raon 2002 um eine weitere Denion bemüht, die folgendermaßen lau-
tet:
Gewalt an alten Menschen ist eine einzelne oder wiederholte Handlung, oder
das Fehlen einer angemessenen Handlung, die im Rahmen einer Beziehung ge-
schieht, in der Vertrauen erwartet wird und die einer älteren Person Schaden
oder Leid zufügt.7 (WHO 2002; Übers. v. Thomas Frühwald)

Mit dieser Denion wird ein neuer Aspekt ins Spiel gebracht: die Enäu-
schung einer Erwartungshaltung – die Enäuschung der Erwartung, dem
Gegenüber Vertrauen entgegenbringen zu können (er oder sie wird sich
um mich kümmern, mich versorgen), was das Gewalterlebnis nochmals
schwerwiegender macht.
Es ist allerdings zu berücksichgen, dass durch diese Einengung andere
Fälle von Gewalt ausgeschlossen werden, zum Beispiel Raubüberfalle auf
der Straße, also Gewalt im öentlichen Raum (da man kaum davon aus-
gehen kann, dass alte Menschen jedem Menschen, dem sie begegnen,
Vertrauen entgegenbringen). Hier wird also implizit schon auf die Pege-
bedürigkeit und die Betreuungspersonen Bezug genommen.

Abschließend wird in der Deklaraon noch explizit darauf hingewiesen,


dass es sich bei Gewalt gegen alte Menschen um eine Verletzung der
Menschenrechte handelt.
Am Beispiel der Charta der Grundrechte der Europäischen Union lässt sich
diesbezüglich festhalten, dass im Fall von Gewalt gegen alte Menschen
vor allem folgende Arkel betroen sind bzw. die entsprechenden gewalt-

7 Im Original: „Elder Abuse is a single or repeated act, or lack of appropriate acon, occurring wit-
hin any relaonship where there is an expectaon of trust which causes harm or distress to an
older person.“ (WHO 2002)

48
 Gewalt als Enäuschung einer Erwartungshaltung 

tägen Handlungen oder Unterlassungen folgende Rechte europäischer


Bürger verletzen:

• Arkel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten
und zu schützen.“
• Arkel 3 (1): „Jeder Mensch hat das Recht auf körperliche und geisge
Unversehrtheit.“
• Arkel 4: „Niemand darf der Folter oder unmenschlicher oder ernied-
rigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.“
• Arkel 6: „Jeder Mensch hat das Recht auf Freiheit und Sicherheit.“
• Arkel 21: „Diskriminierungen insbesondere wegen des Geschlechts,
der Rasse, der Hau arbe, der ethnischen oder sozialen Herkun, der
geneschen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltan-
schauung, der polischen oder sonsgen Anschauung, der Zugehö-
rigkeit zu einer naonalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt,
einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung sind
verboten.“
• Arkel 25: „Die Union anerkennt und achtet das Recht älterer Men-
schen auf ein würdiges und unabhängiges Leben und auf Teilnahme
am sozialen und kulturellen Leben.“
(Charta der Grundrechte 2007, C 364/9-C 364/14)

Johan Galtung weist in seinem Werk Strukturelle Gewalt. Beiträge zur


Friedensforschung darauf hin, dass eine Denion des Gewaltbegris
„eine überaus undankbare Aufgabe“ sei (Galtung 1975, 8) und dass es
nicht gelingen könne, eine Denion zu nden, die alle zufriedenstelle. Es
sei angesichts des Faceenreichtums von Gewalt allerdings auch nicht
notwendig, die eine Denion des Begris zu nden.
Vielmehr kommt es darauf an, theoresch signikante Dimensionen von Gewalt
aufzuzeigen, die das Denken, die Forschung und möglicherweise auch das Han-
deln auf die wichgsten Probleme hinlenken. Wenn das Handeln für den Frieden
einen so wesentlichen Stellenwert einnimmt, weil es ein Handeln gegen die Ge-
walt ist, dann muß der Begri von Gewalt so umfassend sein, daß er die wichgs-
ten Varianten einschließt, gleichzeig aber so spezisch, daß er die Basis für
konkretes Handeln abgeben kann. (Galtung 1975, 8)

Diesen Überlegungen schließen wir uns im Rahmen dieses Buches an: Der
Gewaltbegri muss einerseits weit genug deniert sein, um die breite Pa-
lee an Gewalt an Menschen mit Demenz zu erfassen. Darüber hinaus
wurde der weit gefasste Begri von uns auch deshalb gewählt, um eine

49
 Denionen des Gewaltbegris und der Formen von Gewalt 

gewisse Sensibilisierung anzuregen – zum Beispiel für die Frage, ab wel-


chem Punkt man von gewalägem Handeln sprechen muss bzw. für die
Rech ergung, warum eine besmmte Handlung oder Unterlassung nicht
als gewaläg eingestu wird.
Andererseits muss die Denion aber auch spezisch genug sein, um die
gewalägen Handlungen und Unterlassungen bzw. Prozesse klar zu ver-
orten und gewaltverhindernde Maßnahmen beschreiben zu können.
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und unter Einbeziehung der
beschriebenen Denionen werden wir folgende Aspekte als relevant be-
trachten:

1. Gewalt umfasst Handlungen wie Unterlassungen.


2. Gewalt tri sowohl in Form von einzelnen Handlungen bzw. Unterlas-
sungen als auch in Form von systemaschem Handeln bzw. Unterlas-
sen auf.
3. Gewalt wird physisch wie psychisch ausgeübt.
4. Gewalt wird nicht immer absichtlich angewendet. Und doch müssen
auch unabsichtliche Handlungen zur Gewalt gerechnet werden, wenn
sie dem Opfer Leid oder Schaden zufügen. Die Frage der Schuld bzw. der
Verantwortung ist gesondert zu behandeln. Unsere Untersuchung von
Gewalthandlungen bezieht sich vorrangig auf die Konsequenzen für
das Opfer; die Frage nach Schuld bzw. Verantwortung hingegen nimmt
verstärkt die Frage der Intenon in den Blick (vgl. Galtung 1975, 14).
5. Gewalt tri auf personeller, struktureller wie auch kultureller Ebene
auf.

Zusammenfassend verstehen wir Gewalt als eine „vermeidbare Beein-


trächgung menschlicher Grundbedürfnisse“ (Galtung 1993, 106), die
entweder direkt von einem oder mehreren Akteuren oder aber struktu-
rell bzw. kulturell ausgeübt wird und die beim Opfer Schaden und/oder
Leid hervorru.

Aufgrund der Fokussierung auf Gewalt durch professionelle Pegende


werden wir uns im Folgenden zunächst auf die Aspekte der personellen
und der strukturellen Gewalt konzentrieren.
Der Aspekt der kulturellen Gewalt, dessen Reichweite weit über die Per-
sonengruppen der professionellen Pegenden sowie der Menschen mit
Demenz hinausgeht, wird im abschließenden Kapitel gesondert betrach-
tet.

50
 Misshandlung 

5. Personelle Gewalt
In Bezug auf die personelle, direkte Form der Gewalt gibt es verschiedene
Versuche der weiteren Untergliederung – und das aus guten Gründen,
gibt es doch, wie wir gesehen haben, vielfälgste Formen, wie ein Mensch
auf einen anderen Gewalt ausüben kann.
Eine unserer Ansicht nach sehr umfassende, aber auch prakkable Unter-
gliederung wurde schon 1987 von Margret Dieck in dem bereits erwähn-
ten Aufsatz vorgenommen.
Sie unterscheidet zunächst zwischen „Misshandlung (Abuse)“ und „Ver-
nachlässigung (Neglect)“ (Dieck 1987, 311). Misshandlungen wiederum
werden untergliedert in körperliche und psychische Misshandlung, nan-
zielle Ausbeutung sowie Einschränkung des freien Willens; Vernachlässi-
gungen zeigen sich als passive wie auch als akve Vernachlässigungen
(vgl. Dieck 1987, 311).
Umgesetzt auf professionelle Pegepersonen bedeutet dies, dass folgen-
de unterschiedliche Handlungen und Unterlassungen als Formen von Ge-
walt gegen ältere Menschen zu klassizieren sind:

5.1 Misshandlung
5.1.1 Körperliche Misshandlung
Körperliche Mißhandlung: Das Ergebnis dieser Form der Mißhandlung sind akv
beigebrachte körperliche Beeinträchgungen z. B. durch Schlagen, Verbrennen,
Schneiden usw. Immobilisierungen und sexueller Mißbrauch können dieser Ka-
tegorie subsumiert werden, desgleichen die Verabreichung von deutlich über-
dosierten Medikamenten. (Dieck 1987, 311)

Neben diesen eindeug gewalägen Handlungen wenden Pegeperso-


nen aber auch bereits körperliche Gewalt an, wenn sie zum Beispiel fol-
gende Tägkeiten ausführen:
• Ruckarg eine hochbetagte mulmorbide Person mit Schwung auf die
Bekante setzen: „Ich bin völlig durcheinander. Was will Schwester
Berta von mir?“8 Pegerin Frau Berta hat ihr keine Adaptaonszeit ge-
lassen.
• Schnell und mit einem Gri einen Transfer durchführen: „Mir ist ganz
schwindlig; ich verliere den Boden unter den Füßen.“

8 Anmerkung Monique Weissenberger-Leduc: Zitate und Beispiele sind Beschreibungen eigener


Beobachtungen im Lauf meines Berufslebens als Pegeperson bzw. als Pegeforscherin.

51
 Personelle Gewalt 

• „Füern“ sta das Essen einzugeben. „Ich kriege keine Lu. Ich muss
ausspucken, sonst erscke ich.“ Der Eingabe-Rhythmus der Pegeper-
son war viel zu schnell.
• Eine hochbetagte mulmorbide Person ohne vorherige Ankündigung
aus dem Tiefschlaf reißen. „Schrill blendet plötzlich das Neonlicht. Eine
übereifrige Hand zieht die Decke weg. Sie reißt und dreht wortlos links
und rechts. Lässt das Licht an und verlässt laut das Zimmer.“
• Bei den Akvitäten des täglichen Lebens im eigenen Rhythmus arbei-
ten, sta sich an den Rhythmus des alten Menschen anzupassen.
• Der Bewohner möchte sich nach dem Duschen ausruhen, wird aber
verpichtet, an einer Reakvierungsgruppe teilzunehmen.
• Sexuelle Beläsgung oder sexueller Missbrauch ist direkter oder indi-
rekter sexueller Kontakt mit einem älteren Menschen, in den dieser
nicht eingewilligt hat. Man sollte hierbei bedenken, dass für die Gene-
raon von hochbetagten mulmorbiden Personen mit Demenz, die
wir derzeit in Österreich betreuen, die Inmpege sehr schnell zur
„Fahrkarte“ im Sinne von Naomi Feil werden kann – auch ohne irgend-
welche sexuellen Absichten der Pegeperson. Wenn das Pegeperso-
nal – aufgrund der Biograe des alten Menschen – weiß oder vermu-
tet, dass der alte Mensch in der Vergangenheit (etwa während des
Zweiten Weltkrieges oder während der zehnjährigen Besatzung) se-
xuell missbraucht wurde, dann müssen alle Faktoren, die daran erin-
nern könnten, verhindert werden. So sollte in vielen Fällen eine alte
Frau nicht von einem jungen Peger, der darüber hinaus etwa aus
einem osteuropäischen Land stammt, gewaschen werden. Denn da-
durch, dass es sich nicht nur um einen Mann handelt, sondern dieser
des Weiteren eventuell eine besmmte (bei ihr mit Angst besetzte)
Sprache bzw. mit einem besmmten Akzent spricht, werden diese Er-
innerungen ausgelöst. So wird dieser Frau Gewalt angetan, ohne dass
der Peger durch seine Pegehandlung als solche etwas dazu bei-
trägt.
• Des Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass gewaltsame Einschränkun-
gen der Bewegungsfreiheit nicht nur dann erfolgen, wenn eine Person
im Be xiert wird, sondern hierzu zählt beispielsweise auch der un-
sachgemäße Einsatz eines Therapiesches. Wenn der Rollstuhlsch
leer ist, kann das als Fixierung betrachtet werden. Steht ein Glas Was-
ser auf dem Tisch, wird er als Therapiesch betrachtet. Oder, um ein
anderes Beispiel zu nennen: Eine Person mit Demenz kann auch xiert
werden, indem ihr Rollstuhl zwischen Tisch und Wand eingeklemmt
wird.

52
 Misshandlung 

Exkurs: Einsatz von Medikamenten


In den verschiedenen Untergliederungen wird meist nur das Thema
„Übermedikaon“ angesprochen und dieses der physischen Gewalt zu-
geordnet. Da im Zusammenhang mit Medikamenten aber verschiedene
Formen von Gewalt ausgeübt werden können, wird dieses Thema geson-
dert in einem Exkurs behandelt.
In Bezug auf die Übermedikaon ist zunächst festzuhalten, dass hierbei
omals keine direkte körperliche Gewalt ausgeübt wird (wenn der Paent
sich nicht gegen die Einnahme wehrt), sondern akv und bewusst eine
pharmakologische, biochemische Methode angewendet wird – die Sedie-
rung –, um eine Person mit Demenz ruhig zu stellen.
Diese gezielte Sedierung führt allerdings unter anderem zu einer Erhöhung
der Sturzgefahr und zu Desorienerung, zu Belägerigkeit, zu Mangel-
ernährung, zu Exsikkose und zu Polypragmasie mit all ihren Nebenwirkun-
gen – somit also durchaus zu körperlichen (und psychischen) Schädigun-
gen der Person mit Demenz.
Eine andere Form der Gewalt im Zusammenhang mit Medikamenten, die
eher der Vernachlässigung zuzuordnen ist, ist die Untermedikaon. Unter-
medikaon ndet o sta, weil die Pegeperson gegen den Willen des
hochbetagten mulmorbiden Paenten versucht, das Medikament oral
zu verabreichen, dieser sich aber erfolgreich dagegen wehrt.
Gewalt durch Medikamentengabe kann auch aufgrund von Fehlmedika-
on geschehen. Es werden verschiedene Kategorien unterschieden:
• Nicht zulässiges Medikament
• Zusätzliche Dosis
• Unterlassung einer Verordnung
• Falscher Verabreichungsweg (zum Beispiel oral sta intramuskulär)
• Ungeeignete Darreichungsform
• Falsche Verabreichungstechnik
• Falscher Verabreichungszeitpunkt

Beispiel aus der Praxis: Peger Herr Simon holt die Medikamente für den
Männersch. Er hat alle Tableen in der Hand und verteilt sie.
Interpretaon: Hier entsteht eine gefährliche Pegesituaon. Peger
Herr Simon hat alle Medikamente in der Hand und verteilt nach nicht
nachvollziehbarer Grundlage.

Es ist des Weiteren darauf hinzuweisen, dass Gewalt durch Medikamen-


tengabe omals auch auf Unwissenheit basiert – Unwissenheit über Wir-
kung und Nebenwirkung der Medikamente aber auch über Galenik. Wie-
derum ein Beispiel: Pegepersonen, die Medikamente aus der Familie der

53
 Personelle Gewalt 

L-Dopa (gegen Parkinson) erst mit dem Frühstück verabreichen, üben aus
mindestens zwei Gründen (wahrscheinlich unabsichtlich bzw. unwissent-
lich) Gewalt gegen den alten Menschen aus: Erstens wird die Substanz
L-Dopa durch Milch und Milchprodukte inakviert – wodurch man die
Medikamentengabe auch gleich unterlassen könnte. Zweitens wird dem
Paenten von vornherein keine Möglichkeit zur Selbstständigkeit gebo-
ten, wenn er das Medikament erst mit dem Frühstück erhält: Der Paent
benögt L-Dopa, um seine Grob- und Feinmotorik akvieren zu können.
L-Dopa wirkt aber erst nach ½ bis ¾ Stunde. Würde die Pegeperson „sta-
te of the art“ handeln, müsste sie Medikamente, die L-Dopa beinhalten, ½
bis ¾ Stunde vor dem Aufstehen anbieten, damit der alte Mensch über-
haupt die Möglichkeit erhält, selbst akv sein zu können. Er müsste dann
aber auch nicht mehr unbedingt „gefüert“ werden. Hier haben wir es
mit einem Fall von Gewaltanwendung aus Unwissenheit zu tun.

5.1.2 Psychische Misshandlung und Verletzungen der Seele


Psychische Mißhandlung: Diese Form der Mißhandlung bezieht sich auf den ver-
balen und emoonalen Bereich der Beziehungen zwischen dem Anwender und
dem Adressaten der Akon. Die Ausprägungen reichen von der Beschimpfung
und verbalen Verunglimpfung über Einschüchterungen und Drohungen bis hin
zur Isolierung. (Dieck 1987, 311)

• Beschimpfungen/grobe Kränkungen: „Herr Konrad, Sie sabbern so. Es


ist nicht mit anzusehen“; „Warum haben Sie ins Be gepinkelt?!“ Oder:
Herr Nikolaus vermischt Kompo mit Nudeln. Pegerin Elfriede zu
Herrn Nikolaus: „Es ist fürchterlich!“ und nimmt ihm den Teller weg.
• Verunglimpfungen: „Frau Mayer ist aggressiv.“
• Einschüchterungen: „Bist Du ruhig?!“ (Tonfall sehr laut und besmmend)
• Drohungen: „Iss, sonst ...“; „Wenn Sie jetzt nicht essen, weisen wir Sie
ins Spital ein!“
• Ausdrücken von Verachtung: „Omi, schlucken!“
• Demügung: Eine Pegeperson spricht mit der Tochter über den alten
Menschen – in seiner Anwesenheit: „Ihre Muer war gestern so lieb
angezogen mit einer roten und einer grünen Socke“. Möchte die Mut-
ter so „verkindlicht“ werden? Gefällt es ihr, dass man vor ihr über sie
spricht? Oder: „Geben Sie her, Sie machen alles nur dreckig!“
• Schikanierung: Die hochbetagte mulmorbide Person mit Demenz isst
ruhig mit den Fingern. Die Pegeperson kommt und sagt: „Sie müssen
mit Gabel und Messer essen.“
• Isolierung: Das Pegepersonal kommt nur zu unbedingt notwendigen
Pegehandlungen ins Einbezimmer. Der mulmorbide Paent mit

54
 Misshandlung 

Demenz wird im Aufenthaltstraum so hingesetzt, dass er keinen Kon-


takt mit anderen Paenten und dem Pegepersonal aufnehmen kann.
Beharrliches Schweigen und damit Ignorieren des Bedürfnisses nach
Kommunikaon und/oder Anerkennung.

5.1.3 Finanzielle Ausbeutung


Finanzielle Exploitaon: Vermögensbestandteile des Adressaten der Akon wer-
den gegen seinen Willen verwendet, bzw. wird ihm die Verfügungsmacht über
sie verweigert. (Dieck 1987, 311)

• Als Staonsschwester Martha mit Frau Homan einen Ausgang nach


Hause bespricht, geskuliert auf einmal der anwesende Nee, der
hinter dem Rücken von Frau Homann steht, ganz heig. Er nimmt
Schwester Martha beiseite und erklärt: Ein Besuch sei nicht möglich,
da er die Wohnung inklusive Inhalt bereits verkau habe. Er habe es
seiner Tante nicht mitgeteilt, damit sie nicht traurig sei. Frau Homan
ist nicht entmündigt, da sie vom Neurologen noch als „zurechnungs-
fähig“ eingestu wird.
• Der Schwiegersohn von Herr Nagel drängt seine Schwiegereltern dazu,
ihrer Tochter ihr Weingut bei Lebzeiten zu übergeben, damit sie keine
Erbschas- und Schenkungssteuer zahlen muss. Er versichert ihnen,
dass sie Wohn- und Nutzungsrecht bis an ihr Lebensende behalten
werden. Kaum ist der Vertrag unterschrieben, wird Herr Nagel von al-
len geschälichen Tägkeiten völlig ausgeschlossen.
• Frau Maier wird zu Hause betreut und gepegt. Sie hat Pegestufe 5
bewilligt bekommen. Trotz dieses hohen Pegegelds lehnt die Tochter
jegliche kostenpichge Unterstützung (wie etwa den Kauf einer De-
cubitus-Matratze) ab.
• Eine weitere Form der nanziellen Ausbeutung wird unserer Meinung
nach vielen Pegepersonen nicht bewusst: die nicht sachgemäße An-
wendung von Hilfsmieln inklusive Medikamenten (zum Beispiel Ver-
wendung eines Pegeschaums für den Inmbereich zur Ganzkörper-
pege).

5.1.4 Einschränkung des freien Willens


Einschränkung des freien Willens: Dem Adressaten der Gewalt zustehende Hand-
lungen werden gegen seinen Willen unterbunden. Beispiele beziehen sich ins-
besondere auf Verletzungen der Menschenrechte und auf Behinderungen in der
Ausübung der Zivilrechte, z. B. Wahl des Wohnorts, Heirat, Abfassung des Testa-
ments. (Dieck 1987, 311)

55
 Personelle Gewalt 

• Behinderung der freien Wahl des Wohnorts: „Herr Jung wird direkt
vom Spital ins Pegeheim überstellt“, obwohl keine Diagnose vorliegt,
die ihn grundsätzlich daran hindern würde, zu Hause bleiben zu können.
• Unterbindung von Handlungen: „Die Schwester entscheidet, was ich
anziehen muss und was hübsch aussieht.“
• Einschränkung des freien Willens: „Und dann sage ich: ‚Jetzt wird ge-
trunken‘ (…) ‚Doch, Sie wollen, das tut Ihnen gut und jetzt trinken Sie.‘
Und ich halte den Becher, bis sie getrunken hat.“ (Pegeperson zit. in
Förster 2008, 67)

5.2 Vernachlässigung
Eine Vernachlässigung ist die wiederholte Verweigerung oder Unterlas-
sung von notwendiger Hilfeleistung oder Pege einschließlich richger
Ernährung, Körperpege und Maßnahmen zur Prävenon von Gesund-
heitsproblemen (zum Beispiel Verschluckungsprophylaxe durch Lagerung
und Verdickung der Trinküssigkeiten, um die Entstehung von Aspiraons-
pneumonie zu vermeiden). Vernachlässigungen können absichtlich oder
unabsichtlich sta
inden.

5.2.1 Passive Vernachlässigung


Passive Vernachlässigung: Unterlassung von Handlungen infolge des Nicht-
erkennens von Bedarfssituaonen oder des unzureichenden Hilfspotenals.
Beispiele sind das Alleinlassen des Älteren über eine unangemessene Zeit, Ver-
gessen von notwendigen Hilfeleistungen, unzureichende Pege mit dem Ergeb-
nis von Mangelernährung, Dehydraon, sich verschlechternde Decubi. (Dieck
1987, 311)

• Alleinlassen im Gang oder vor der Tür des Friseurs


• Das Pegepersonal nimmt sich nicht die Zeit, das Essen anzubieten.
Die Folge ist fast immer eine Mangelernährung, die o zur Setzung
einer PEG-Sonde führt.
• Gläser werden für den hochbetagten mulmorbiden Mensch nicht
sichtbar oder nicht erreichbar aufgestellt bzw. werden so voll gefüllt,
dass der alte Mensch das Glas nicht heben und halten kann. Diese pas-
sive Vernachlässigung führt zur Dehydraon, die ihrerseits die Ursache
von verstärkter Verwirrtheit und Sturzgefahr sein kann.
• Falten werden nicht gegläet, Brösel werden nicht vom Leintuch ent-
fernt; dies fördert die Entwicklung von Druckgeschwüren. Dies ist
o kein absichtliches Unterlassen, sondern geschieht aus Unacht-

56
 Typisierungen des Handelns nach Kitwood 

samkeit und gehört daher in diesem Fall zur passiven Vernachlässi-


gung.

5.2.2 Akve Vernachlässigung


Akve Vernachlässigung: In diesen Fällen verweigert der Helfende bewußt Hand-
lungen, die auf den erkennbaren Bedarf des Adressaten der Vernachlässigung
gerichtet wären. Beispiele sind die bewußte Vernachlässigung pflegerischer
Handlungen wie des Waschens, der Reinigung des Bees, der Versorgung mit
Essen und Getränken. (Dieck 1987, 311)

• Vernachlässigung des Waschens: „Ich habe keine Lust, den Inmbereich


von Frau Ludwig nach dem Stuhlgang zu waschen. Sie soll es selbst
tun.“ Obwohl die Pegeperson weiß, dass Frau Ludwig aufgrund ihres
Körperumfanges nie dazu imstande wäre.
• Vernachlässigung der Reinigung des Bees: „Frau Korn hat mich heute
so genervt. Sie soll jetzt Ruhe geben.“
• Vernachlässigung der Versorgung mit Essen. „Das Essen-Verabreichen
ekelt mich.“ Oder: Das Pegepersonal hat keine Lust, das Essen anzu-
bieten, da die Miagspause in fünf Minuten anfängt.
• Vernachlässigung der Versorgung mit Medikamenten als „Bestrafung“
für unangemessen erscheinendes Verhalten.

5.3 Typisierungen des Handelns nach Kitwood


Tom Kitwood nimmt in seinem personzentrierten Ansatz im Umgang mit
verwirrten Menschen Typisierungen vor, die aufgrund eigener Forschungs-
arbeiten entstanden sind.9 Diese Typisierungen ermöglichen ein besseres
Verstehen der Interakonsschleifen zwischen Personen mit Demenz und
Pegepersonen. Kitwood spricht von zwölf spezischen posiven Formen
des Handelns10 und von „maligner, bösarger Sozialpsychologie“ (Kit-
wood 2000, 73). Im Kontext der Gewalt sind die negaven Formen des
Handelns interessant.

9 Kitwood benützte hierbei eine einfache Form der Dokumentaon besonderer Vorkommnisse
und versuchte später, diese kurzen Nozen zu clustern. Hierdurch entstanden die Typisierungen.
10 1. „Anerkennen (recognion)“, 2. „Verhandeln (negoaon)“, 3. „Zusammenarbeiten (collabora-
on)“, 4. „Spielen (play)“, 5. „Timalaon (malaon)“, 6. „Feiern (celebraon)“, 7. „Entspannen
(relaxaon)“, 8. „Validaon (validaon)“, 9. „Halten (holding)“, 10. „Erleichtern (facilitaon)“,
11. „Schöpferisch sein (creaon)“, 12. „Geben (giving)“ (Kitwood 2000, 134-137).

57
 Personelle Gewalt 

Kitwood beschreibt die maligne bösarge Sozialpsychologie folgender-


maßen:
Das starke Wort „maligne“ bedeutet etwas sehr Verletzendes und für ein pege-
risches Umfeld, das das Personensein ef schädigt und möglicherweise sogar
das körperliche Wohlbenden untergräbt, Typisches. (Kitwood 2000, 75)

Kitwood hat eine Liste mit 17 verschiedenen Aspekten erstellt, die diese
maligne, bösarge Sozialpsychologie beschreiben (auch diese bösargen
Handlungen werden übrigens nach Kitwood omals ohne böse Absicht
ausgeführt; vgl. Kitwood 2000, 75). Wir werden im Folgenden zunächst
die Liste wiedergeben und im Anschluss das Aureten einzelner Aspekte
anhand von Beispielen beschreiben.
1. Betrug (treachery) – Einsatz von Formen der Täuschung, um eine Person abzu-
lenken, zu manipulieren oder zur Mitwirkung zu zwingen.
2. Zur Machtlosigkeit verurteilen (disempowerment) – jemandem nicht gestat-
ten, vorhandene Fähigkeiten zu nutzen; die Unterstützung beim Abschluß be-
gonnener Handlungen versagen.
3. Infanlisieren (infanlizaon) – jemanden sehr väterlich bzw. müerlich autori-
tär behandeln, etwa wie ein unsensibler Elternteil dies mit einem sehr kleinen
Kind tun würde.
4. Einschüchtern (inmidaon) – durch Drohungen oder körperliche Gewalt bei
jemandem Furcht hervorrufen.
5. Ekeeren (labelling) – Einsatz einer Kategorie wie Demenz oder «organisch
bedingte psychische Erkrankung» als Hauptgrundlage der Interakon mit der
Person und zur Erklärung ihres Verhaltens.
6. Sgmasieren (sgmazaon) – jemanden behandeln, als sei er ein verseuch-
tes Objekt, ein Alien oder Ausgestoßener.
7. Überholen (outpacing) – Informaonen liefern, Alternaven zur Wahl stellen
etc., jedoch für die betreende Person zu schnell, um zu verstehen; der Betrof-
fene gerät damit unter Druck, Dinge rascher zu tun, als er ertragen kann.
8. Entwerten (invalidaon) – die subjekve Realität des Erlebens und vor allem die
Gefühle einer Person nicht anerkennen.
9. Verbannen (banishment) – jemanden fortschicken oder körperlich bzw. see-
lisch ausschließen.
10. Zum Objekt erklären (objeccaon) – jemanden behandeln, als sei er ein
Klumpen toter Materie, der gestoßen, angehoben, gefüllt, aufgepumpt oder
abgelassen werden kann, ohne wirklich auf die Tatsache Bezug zu nehmen, daß
es sich um ein einfühlendes Wesen handelt.
[…]

58
 Beispiele für Interakonen 

11. Ignorieren (ignoring) – in jemandes Anwesenheit einfach in einer Unterhaltung


oder Handlung for ahren, als sei der bzw. die Betreende nicht vorhanden.
12. Zwang (imposion) – jemanden zu einer Handlung zwingen und dabei die Wün-
sche der betroenen Person beiseiteschieben bzw. ihr Wahlmöglichkeiten ver-
weigern.
13. Vorenthalten (withholding) – jemandem eine erbetene Informaon oder die
Befriedigung eines erkennbaren Bedürfnisses verweigern.
14. Anklagen (accusaon) – jemandem Handlungen oder deren Unterlassen, die
sich aus einer fehlenden Fähigkeit oder einem Fehlinterpreeren der Situaon
ergeben, zum Vorwurf machen.
15. Unterbrechen (disrupon) – plötzlich oder in störender Weise in die Handlung
oder Überlegung von jemandem einbrechen; ein rohes Aurechen des Bezug-
rahmens einer Person.
16. Lästern (mockery) – sich über die «merkwürdigen» Handlungen oder Bemer-
kungen einer Person lusg machen; hänseln, erniedrigen, Witze auf Kosten
einer anderen Person machen.
17. Herabwürdigen (disparagement) – jemandem sagen, er sei inkompetent, nutz-
los, wertlos etc.; Botschaen vermieln, die der Selbstachtung einer Person
schaden.
(Kitwood 2000, 75 f.)

5.4 Beispiele für Interaktionen


Nach dieser Auistung der Typisierung negaven, bösargen Handelns
sollen nun Beobachtungen im Haus Bernard11 anhand dieser Kriterien der
malignen, bösargen Sozialpsychologie nach Kitwood analysiert werden.
Vier verschiedene Typen von Interakonen kehren immer wieder:

11 Die folgenden Beschreibungen beziehen sich auf die Alzheimer-Langzeitpegegruppe des Pege-
und Sozialzentrums „Bernard“ (Name zur Wahrung der Anonymität geändert), die ich, Monique
Weissenberger-Leduc, in der Zeit von Anfang Juli 2005 bis Ende September 2005 besuchte. Diese
waren Teil meiner Dissertaon im Fach Soziologie, deren Ergebnisse hier in Auszügen und zum
Teil überarbeiteter Form wiedergegeben werden (vgl. Leduc 2007, 154–221).
Es handelte sich um eine qualitave, nicht teilnehmende Forschungsarbeit. Während der drei-
monagen Beobachtungszeit verabreichten männliche und weibliche Pegepersonen oder
Schüler bzw. Schülerinnen das Miagessen. Zivildiener und Abteilungshelferinnen halfen nicht
mit. Sie waren für das Vorbereiten in der Staonsküche, das Servieren im Aufenthaltsraum, das
Abservieren, Abholen und Zurückbringen von Tables und Geschirr von der bzw. in die Groß-
küche zuständig. Um die Identät des Pegepersonals zu schützen, gebe ich ihnen kve, zufällig
aus dem Telefonbuch ausgewählte, deutsche Vornamen. 13 Bewohner (fünf Frauen, acht Män-
ner) leben in der Alzheimer-Langzeitpegegruppe. Sie sind durchschnilich 79,07 Jahre alt. Um
die Identät der Bewohner zu schützen, gebe ich ihnen ebenfalls kve Vornamen aus dem Tele-
fonbuch.

59
 Personelle Gewalt 

1. Der Sender des ersten Signals (Akon) ist eine Person mit Demenz und
der Empfänger (Reakon) ist auch eine Person mit Demenz.
2. Der Sender ist eine Person mit Demenz und der Empfänger ist eine
Pegeperson (diplomierte Gesundheits- und Krankenpegeperson
oder Pegehelfer/in).
3. Der Sender und der Empfänger sind Pegepersonen (diplomierte Ge-
sundheits- und Krankenpegeperson oder Pegehelfer/in).
4. Der Sender ist eine Pegeperson (diplomierte Gesundheits- und Kran-
kenpegeperson oder Pegehelfer/in) und der Empfänger ist eine Per-
son mit Demenz.
Ganz seltene Interakonen basieren auf der Begegnung mit einer frem-
den Person wie einer ehrenamtlich tägen Person oder einem Angehöri-
gen.
Der größte Teil der Interakonen ist extrem kurz und/oder oberächlich.
Dies stellt ein zusätzliches Problem dar, da viele der Personen mit Demenz
bereits den ganzen Vormiag ohne jeden menschlichen Kontakt vor lau-
fendem Fernseher verbringen. Bei Personen mit Demenz (aber natürlich
nicht nur bei ihnen) kann durch diese Vernachlässigung das soziale Selbst
verkümmern. Eine zentrale Aufgabe der Betreuung und Pege sollte es
aber, nach der Befriedigung der verschiedenen körperlichen Bedürfnisse,
sein, dass die Person mit Demenz sich weiterhin als eine besmmte Per-
son wahrnimmt (dass sie weiterhin weiß, wer sie ist, und sich nicht selbst
verliert).
Ein Problem der Interpretaon besteht darin, dass die Forscher versuchen
müssen, Eindrücke eines subjekven Seinszustandes (der einzigarg ist)
sprachlich zu vermieln. Die sprachlichen Miel erscheinen hierbei o-
mals beschränkt, vor allem wenn es um eine umfassende Beschreibung
der Gesamtsituaon geht, die auch die Beschreibung von Mimik, Gesk, Kör-
persprache, paralinguisschen Phänomenen u. ä. beinhaltet. Je schwerer
die kogniven Beeinträchgungen sind, desto größer wird auch diese
Schwierigkeit der adäquaten sprachlichen Beschreibung.
Trotz dieser Einschränkungen wird im Folgenden der Versuch unternom-
men zu beschreiben, wie sich die Partner verhalten, und zu interpree-
ren, warum sie sich so verhalten.

5.4.1 Der Sender des ersten Signals (Akon) ist eine Person mit
Demenz und auch der Empfänger (Reakon) ist eine Person
mit Demenz
Diese Art von Interakon, die in dieser Instuon während des Miag-
essens nur selten vorkommt, basiert auf einer einfachen Kee, einer ein-
fachen Mieilung (message): Signal – Antwort oder Akon – Reakon, die

60
 Beispiele für Interakonen 

nie negav waren, so auch am Beispiel einer einfachen Kee zwischen


Herrn Johann und Herrn Michael:
• Akon: Herr Johann versucht den Pudding von Herrn Michael mit sei-
ner Gabel zu erreichen. Er schat es auch immer wieder. So isst er
Stück für Stück den Pudding von Herrn Michael auf.
• Reakon: Herr Michael schaut genau zu, sagt aber nichts.
• Interpretaon: Herr Johann ist mit seiner Hauptspeise und Nachspeise
bereits ferg. Er düre aber entweder noch Appet haben oder die
Nachspeise hat ihm besonders gut geschmeckt. Deswegen versucht er
die Nachspeise von Herrn Michael, der mit der Hauptspeise noch nicht
ferg ist, zu nehmen, um seinen Wunsch zu erfüllen. Die innere Reak-
on von Herrn Michael ist für einen außenstehenden Beobachter nicht
fassbar. Er erweckt den Eindruck, das Geschehen konzentriert zu be-
obachten und die Bewegungen von Herrn Johann aufmerksam zu ver-
folgen, aber seine Mimik oder seine Körpersprache verraten nichts
über seine Gedanken und Gefühle. Herr Michael wehrt sich jedenfalls
nicht und akzepert die Akon von Herrn Johann.

5.4.2 Der Sender ist eine Person mit Demenz und der Empfänger ist
eine Pegeperson (diplomierte esundheits- und Kranken-
pegeperson oder Pegehelfer/in)
In dieser Art der Interakon entstehen einige wenige einfache Keen und
viele Kommunikaonsschleifen. So treten Interakonssequenzen auf, die
für die Person mit Demenz posiv oder negav ablaufen können. Eine
Kommunikaonsschleife ist eine Interakon, die in mehreren Schleifen
abläu: Sender setzt ein Signal – Empfänger nimmt das Signal wahr und
reagiert, indem er ein Signal Richtung Sender zurücksendet usw. Diese
Schleifen werden solange weitergeführt, bis einer der beiden Teilnehmer
das gesendete Signal zwar wahrnimmt, aber selbst kein neues Signal mehr
sendet. Diese Art der Interakon ist bei jeder Beobachtungssequenz zu
sehen. Sie sagt sehr viel über die momentanen Bedürfnisse der Person
mit Demenz in der jeweiligen Situaon aus.
Beispiele für einfache Keen:

Frau Margarethe und Peger12 Herr Richard:


• Akon: Frau Margarethe: „Kommst Du auch zu uns?“
• Reakon: Peger Herr Richard: „Selbstverständlich“; er bleibt aber sit-
zen, gibt Herrn Karl das Essen ein und fragt Herrn Michael: „Darf ich

12 Mit Peger oder Pegerin sind sowohl diplomierte Gesundheits- und Krankenpegepersonen als
auch Pegehelfer oder Pegehelferinnen gemeint.

61
 Personelle Gewalt 

Ihnen beim letzten Stück helfen?“ Anschließend verlässt Peger Herr


Richard den Raum.
• Interpretaon: Das Bedürfnis von Frau Margarethe nach Zuwendung
wird nicht wahr-/ernstgenommen. Dies entspricht dem Begri des Be-
trugs (1), des Entwertens (8) und des Vorenthaltens (13) von Kitwood.
Peger Herr Richard antwortet zwar pro forma, denkt aber nicht dar-
an, seine Tägkeit auch nur kurz zu unterbrechen. Diese einfache Kom-
munikaonskee ist für Frau Margarethe unbefriedigend.
• Wie unbefriedigend die Situaon für Frau Margarethe ist, wird durch
ihre Reakon auf dieses Vorkommnis sichtbar: Sie hört auf zu essen.

Herr Karl und Peger Herr Simon:


• Akon: Herr Karl isst allein. Er hat ein zu großes Stück Tomate aufgega-
belt. Er schat es nicht, das Stück als Ganzes in den Mund zu geben.
Das Stück fällt aufs Table zurück und Herr Karl verschluckt sich hoch-
gradig.
• Reakon: Peger Herr Simon, der neben Herrn Karl sitzt, steht auf und
holt die Medikamente.
• Interpretaon: Obwohl die Gefahr einer Aspiraon besteht, steht
Peger Herr Simon auf und geht, ansta professionelle Hilfe anzubie-
ten. Hier entsteht eine gefährliche Pegesituaon durch Ignorieren
(11) der Aspiraonsgefahr.

Beispiele für Interakonsschleifen:


Herr Karl und Pegerin Frau Erika:
• Akon: Herr Karl: zuerst leise, aber im Befehlston in Richtung Pegerin
Frau Erika: „Gehen Sie weg von da!“
• Reakon: Pegerin Frau Erika bleibt.
• Akon: Pegerin Frau Erika versucht noch einmal, Herrn Karl einen
Löel zu geben.
• Reakon von Herrn Karl, ganz laut schreiend: „Weg von da!“
• Reakon Pegerin Frau Rita: „Dreh’ ma den Fernseher oder das Radio
leise an.“ Pegerin Frau Erika dreht das Radio auf.
• Interpretaon:
Das Bedürfnis, seine Umwelt zu organisieren und Ordnung in komplexe Abläufe
zu bringen, bleibt nicht nur als Möglichkeit lebenslänglich erhalten, sondern
auch als Bedürfnis! (Specht-Tomann u. Tropper 2003, 28)

Herr Karl war von Beruf Direktor einer Firma und sehr stolz darauf, be-
ruich erfolgreich zu sein. Es ist für ihn wichg, immer mit „Herr Direk-
tor“ angesprochen zu werden, und er ist gewöhnt, Befehle zu erteilen.

62
 Beispiele für Interakonen 

Deshalb hat er ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Selbst-


ständigkeit. Pegerin Frau Erika will Herrn Karl gegen seinen Willen das
Essen eingeben, obwohl in der Dokumentaon eindeug zu lesen ist,
dass man den Bewohner in Ruhe essen lassen soll, da er sonst aggres-
siv reagiert. Diese Akon von Pegerin Frau Erika ist nicht nur eine
Missachtung der Realität von Herrn Karl, sondern auch ein Eindrin-
gen in seine Privatsphäre. Er muss sich wehren und signalisiert klar
seine Abwehr. Herr Karl warnt Pegerin Frau Erika deutlich und be-
smmt, die aber nicht auf seine Warnung reagieren will. Die Reakon
von Pegerin Frau Rita deutet eher auf Ablenkung und Hilosigkeit als
auf Kompetenz hin. Herr Karl wird in seinem Bedürfnis nach Respekt
und Anerkennung seiner Selbstständigkeit nicht wahrgenommen.
Kitwood-Typisierung: bei Pegerin Frau Erika: Ignorieren (11) und
Zwang (12). Beide Pegerinnen nehmen die Realität von Herrn Karl
nicht wahr: Entwerten (8).

Frau Margarethe und Pegerin Frau Rita:


• Akon: Frau Margarethe: „Ich muss sofort aufs Klo!“
• Reakon: Pegerin Frau Rita: „Essen Sie zuerst, dann gehen wir aufs
Klo!“
• Akon: Frau Margarethe: „Ich habe so starken Durchfall!“
• Reakon: Pegerin Frau Rita: „Ja, essen Sie, sonst wird es kalt.“
• Akon: Frau Margarethe: „Ich muss wohin.“ Sie steht auf. „Wie soll ich
da in der Mie …?“ (Sie kann an Frau Rosa und an Pegerin Frau Rita
nicht vorbei.)
• Reakon: Peger Herr Michael: „Ich gehe mit Ihnen.“ Er steht auf.
• Akon: Frau Margarethe: „Ich muss …“
• Reakon: Peger Herr Michael unterbricht Frau Margarethe, sagt: „Ja,
schauen wir mal, wir haben Zeit“, und hil Frau Margarethe, an Frau
Rosa und der Pegerin Frau Rita vorbeizukommen und geht mit ihr ins
Zimmer.
• Interpretaon: Die Person mit Demenz, hier Frau Margarethe, erlebt
eine Umwelt, die auf ihre Bedürfnisse zunächst gar nicht und später
nicht adäquat reagiert und somit das Gefühl der Unsicherheit, der Hilf-
losigkeit und der Abwertung verstärkt. Frau Margarethe wird von
Pegerin Frau Rita zur Machtlosigkeit verurteilt (2), ihre Konnenz-
kompetenzen und ihre Bedürfnisse werden nicht ernst genommen:
Vorenthalten (13) – obwohl bekannt ist, dass in der Altenpege das
physiologische Gesetz gilt: „Jedem Defäkaonsreiz (‚call of nature‘
= Ruf der Natur) muß baldmöglichst Folge geleistet werden. Die Darm-
entleerung kann nicht mehr willkürlich wie die Mikon (= Blasenent-

63
 Personelle Gewalt 

leerung) eingeleitet werden!“ (Hafner u. Meier 1996, Teil II, 54 f.). Zu-
sätzlich wird Frau Margarethe entwertet (8) und dadurch misshandelt.
Sie ru zuerst nach Hilfe, versucht dann wegzulaufen und resigniert
letztendlich. Peger Herr Michael hil Frau Margarethe zwar, nimmt
sie aber gleichzeig ebenfalls nicht ganz ernst. Hier sind aber immer-
hin Ansätze einer posiven Interakon zu erkennen – „Zusammen-
arbeiten“13.

Frau Rosa und Pegerin Frau Lena:


• Akon: Frau Rosa versucht, allein zu essen. Es geht nicht, da sich das
Table außer Reichweite bendet. Sie versucht trotzdem, den schwe-
ren Metalldeckel, der auf der Hauptspeise liegt, zu en ernen. Sie bleibt
erfolglos und beginnt, mit ihren Händen ununterbrochen den Tisch zu
gläen.
• Reakon: Pegerin Frau Lena, die neben Frau Rosa sitzt, schaut zu, re-
agiert aber nicht. Sie unterstützt Frau Rosa nicht in ihrem Bestreben
nach Selbstständigkeit.
• Interpretaon: Obwohl Frau Rosa eindeug ihr Bedürfnis nach Selbst-
ständigkeit zu erkennen gibt, nimmt Pegeperson Frau Lena dieses
Bedürfnis nicht ernst und reagiert nicht darauf. Dies entspricht den
Typisierungen: zur Machtlosigkeit verurteilen (2), Zwang (12) und Vor-
enthalten (13). Das ist vor allem auch deshalb schade, weil Frau Rosa
eine sehr schlechte Esserin ist, die viel Zuwendung und Überredungs-
kunst benögt, um ein Minimum an Nahrung zu sich zu nehmen. Frau
Rosa resigniert und üchtet in ihre innere Welt. Was will sie mit ihrem
Gläen ungeschehen machen? Oder ist diese Tägkeit als eine Form
der Eigensmulaon zu verstehen, da die Umwelt, hier Pegeperson
Frau Lena, weitgehend versagt und ihre Bedürfnisse nicht wahrge-
nommen hat, weshalb sich Frau Rosa in ihre innere Welt zurück ziehen
muss, die ihr einen Raum minimaler Sicherheit und Selbstachtung
gibt?

13 „Zusammenarbeiten (collaboraon). Hier betrachten wir kurz zwei oder mehr Menschen bei
einer gemeinsamen Aufgabe mit einem besmmten Ziel in Sicht. Zusammenarbeiten kann bis-
weilen sogar im wörtlichen Sinne sta
inden, etwa bei gemeinsamen Arbeiten im Haushalt. We-
niger oensichtlich kann sie im Zusammenhang mit der persönlichen Pege, etwa beim Anzie-
hen, Baden oder beim Gang zur Toilee, werden. Das Kennzeichen des Zusammenarbeitens
besteht darin, daß Pege nicht etwas ist, das einer Person ‹angetan› wird, die ihrerseits in eine
passive Rolle gezwängt wird; es ist ein Prozeß, an dem ihre eigene Iniave und ihre eigenen Fä-
higkeiten beteiligt sind.“ (Kitwood 2000, 134)

64
 Beispiele für Interakonen 

5.4.3 Der Sender und der Empfänger sind Pegepersonen (diplomierte


esundheits- und Krankenpegeperson oder Pegehelfer/in)
Obwohl diese Interakon keine Spiegelung von direkter Gewalt an alten
Menschen ist, kann sie diese fördern.

Pegerin Frau Rita und Peger Herr Marn:


• Akon: Pegerin Frau Rita steht und bendet sich gerade in einer Inter-
akon mit Frau Rosa. Sie sagt: „Es zieht irgendwo … vom Zimmer.“
• Reakon: Peger Herr Marn, der gerade Frau Anna im Sitzen langsam
das Essen gibt, steht auf und macht die Zimmertür zu.
• Interpretaon: Pegerin Frau Rita verhält sich in einer Weise, die ein
besmmtes Verhalten des Pegers Herr Marn voraussetzt und be-
dingt. (Frau Rita kennt Herrn Marn, sie weiß entsprechend, wie er
reagieren wird und nützt ihr Wissen aus, um auf sein Verhalten zu wir-
ken.) Er fühlt sich sofort angesprochen, obwohl die Feststellung von
Pegerin Frau Rita bloß im Raum steht und sie selbst nicht weit von der
oenen Tür en ernt steht. Der Peger sieht keine andere Wahl, als
aufzustehen und die Tür zuzumachen. Diese Interakon ist nach Paul
Watzlawick et al. eine komplementäre Interakon (als Gegensatz zu
symmetrischer Interakon):
Im zweiten Fall ergänzt das Verhalten des einen Partners das des anderen, wo-
durch sich eine grundsätzlich andere Art von verhaltensmäßiger Gestalt ergibt,
die komplementär ist. (Watzlawick et al. 1982, 69)

Wenn Peger Herr Marn durch seine Persönlichkeitsstruktur keine


Möglichkeit sieht, anders zu handeln, kann dies sehr demoralisierend
und frustrierend sein. Die Gefahr besteht, dass er sich, um sich ab-
zureagieren, einen Schwächeren aussucht: einen Bewohner mit De-
menz.

Pegerin Frau Ida und Pegerin Frau Erika:


• Akon: Pegerin Frau Ida zu Pegerin Frau Erika: „Ich glaube, das Vol-
taren ist viel zu schwach für sie [für Frau Rosa, M. W-L.]. Ihr Ausdruck
gefällt mir überhaupt nicht.“
• Reakon: Pegerin Frau Erika zu Pegerin Frau Ida: „Wenn es dir recht
ist, gehe ich mit Frau Ingrid im Rollstuhl spazieren.“
• Interpretaon: Pegerin Frau Erika ignoriert die Aussage von Pegerin
Frau Ida. Sie will sich über das Wohlbenden der Bewohnerin keine
Gedanken machen.

65
 Personelle Gewalt 

Pegerin Frau Lena und Peger Herr Simon


• Akon: Pegerin Frau Lena spricht mit Peger Herr Simon: „Sie isst
die Nachspeise“ und zeigt auf Frau Rosa, die neben ihr sitzt. Frau Rosa
isst die Bananencreme mit den Fingern. Diese ist das Einzige, das sie
erreichen kann, da die Hauptspeise und das Besteck zu weit weg
sind.
• Reakon: Peger Herr Simon fragt Pegerin Frau Lena: „Wie schwer ist
der Kurs?“ (oder ähnliches, für mich schwer zu verstehen)
• Reakon: Pegerin Frau Lena: „Der Kurs ist sehr schwer“ und sie füt-
tert nebenbei Herrn Johann.
• Interpretaon: Pegerin Frau Lena ignoriert (11) Frau Rosa, indem sie
in ihrer Anwesenheit über sie spricht. Sie gibt ihr auch nicht die Mög-
lichkeit, vorhandene Fähigkeiten zu nützen und verurteilt sie so zur
Machtlosigkeit (2).

Peger Herr Bruno, Pegerin Frau Maria und Frau Rosa


• Akon: Peger Herr Bruno, ein sehr ruhig wirkender Peger, gibt Frau
Rosa gerade im Sitzen langsam das Essen: „Frau Rosa, möchten Sie
noch was essen?“
• Reakon: Frau Rosa bejaht kopfnickend, macht aber den Mund nicht
auf. Sie wirkt sehr konzentriert. Sie scheint sich trotzdem sichtlich wohl
und geborgen zu fühlen (entspannter Gesichtsausdruck).
• Akon: Pegerin Frau Maria kommt und sagt: „Alles ist schmutzig.“
• Reakon: Peger Herr Bruno: „Das macht nichts. Sie hat einen Bezug
zum Essen und hat allein gegessen und getrunken.“
• Reakon: Pegerin Frau Maria macht die Finger von Frau Rosa sauber.
Sie gibt ihr zu trinken und dann den Rest der Nachspeise im Stehen.
• Reakon: Peger Herr Bruno schaut traurig zu, sagt aber nichts.
• Akon: Pegerin Frau Maria: „Frau Rosi!“ (Es handelt sich um Frau Rosa.)
• Reakon: Peger Herr Bruno darauf: „Frau Rosa.“
• Reakon: Pegerin Frau Maria geht wieder.
• Reakon: Frau Rosa versucht, allein die Nachspeise zu essen.
• Akon: Kurz darauf kommt Pegerin Frau Maria wieder und setzt sich
zu Frau Rosa. Sie will ihr von der Hauptspeise geben.
• Reakon: Peger Herr Bruno: „Sie hat selbst Obstkompo probiert.“
• Reakon: Pegerin Frau Maria lässt sich nicht abhalten und gibt ihr
gegen ihren Willen (Mund zu und Gesicht abgewandt) einen Löel voll.
• Reakon: Peger Herr Bruno schaut traurig, sagt aber nichts.
• Akon: Pegerin Frau Maria: „Frau Rosi“
• Reakon: Peger Herr Bruno: „Frau Rosa.“
• Akon: Pegerin Frau Maria: „Frau Rosi, nichts mehr?“

66
 Beispiele für Interakonen 

• Interpretaon: Pegerin Frau Maria platzt herein und verhält sich in


einer Weise, die ein besmmtes Verhalten des Pegers Herrn Bruno
voraussetzt und bedingt. Er fühlt sich sofort angesprochen, obwohl die
Feststellung von Pegerin Frau Maria „Alles ist schmutzig“ bloß im
Raum steht. Der Peger sieht keine andere Wahl, als traurig zuzu-
schauen und sll zu sein. Vor allem, da er sehr selten in dieser Gruppe
Dienst hat. Diese Interakon ist ebenfalls wieder eine komplementäre
Interakon. Die Art und Weise, wie Pegerin Frau Maria auri,
könnte sowohl als Infanlisieren (3) als auch als Sgmasieren (6)
interpreert werden. Auf jeden Fall ekelt sich Pegerin Frau Maria. Sie
deklariert Frau Rosa zum Objekt (10). Sie würdigt sie herab (17) und
unterbricht das Geschehen (15). Peger Herr Bruno, der ein ausge-
zeichnetes Verhältnis zu allen Personen mit Demenz hat, versucht An-
erkennung14 für Frau Rosa zu erreichen, ist sich aber anscheinend zu-
gleich der Sinnlosigkeit seiner Intervenon bewusst. Hier stoßen zwei
konträre Pegeverständnisse aufeinander. Für Peger Herrn Bruno
gestalten sich Pege und Betreuung als ein partnerschalicher Bezie-
hungsprozess. Pegerin Frau Maria hingegen erlebt Pege nur als
Arbeit, die erledigt werden muss.

5.4.4 Der Sender ist eine Pegeperson (diplomierte esundheits- und


Krankenpegeperson oder Pegehelfer/in) und der Empfänger ist
eine Person mit Demenz
Hier sind die überwiegenden Interakonen nonverbal, einfach und ober-
ächlich. Sie basieren auf einer einfachen Kee, einer einfachen Miei-
lung (message). Die Pegeperson, wie vorher die Person mit Demenz, als
Sender drückt mit ihrer Akon ihre Denion der Beziehung zwischen
sich und dem Empfänger aus. Die analoge Mieilung erhält einen klaren
Hinweis, wie die Pegeperson als Sender sie verstanden haben möchte:
„Ich tue meine Picht – deine Aufgabe als Empfänger ist es, zu essen.“
Man gewinnt den Eindruck, dass die Pegepersonen keine Beziehung mit
den Bewohnern eingehen, sondern nur den Inhaltsaspekt „Bewohner
muss essen“ erledigen wollen.

14 „Anerkennen (recognion). Hierbei wird ein Mann oder eine Frau mit Demenz als Person an-
erkannt, ist namentlich bekannt und wird in seiner bzw. ihrer Einzigargkeit bestägt. Anerkennen
läßt sich durch einen einfachen Akt des Grüßens oder durch achtsames Zuhören über einen länge-
ren Zeitraum, in dem jemand vielleicht einen Teil seines früheren Lebens beschreibt, erreichen.
Anerkennung ist jedoch niemals rein verbal und kann auch völlig wortlos erfolgen. Einer der grund-
legenden Akte des Anerkennens ist einfach der direkte Blickkontakt.“ (Kitwood 2000, 134)

67
 Personelle Gewalt 

Beispiele für einfache Keen:

• Akon: Pegerin Frau Erika gibt, im Stehen, wortlos abwechselnd


Herrn Michael und Herrn Karl die Suppe ein.
• Reakon: Beide Herren lassen es geschehen und versuchen, sich an
das Tempo der Pegerin anzupassen.

• Akon: Pegerin Frau Rita kommt herein, setzt sich wortlos zwischen
Herrn Johann und Herrn Karl. Sie gibt Herrn Johann das Essen mit
einem Löel ein, ohne zu reden, und hil abwechselnd dem einen oder
dem anderen.
• Reakon: Beide Herren lassen es geschehen und essen.

• Pegerin Frau Erika geht zu Frau Anna, die noch kaut, gibt ihr, ohne
mit ihr zu sprechen, einen Löel zu essen und geht zurück zu Herrn
Michael.
• Reakon von Frau Anna: Sie erschrickt, macht den Mund in der Folge
nicht mehr auf und weicht mit dem Kopf zurück.
Alle diese einfachen Interakonen können als „zum Objekt erklären“ (10)
interpreert werden.

• Akon: Pegerin Frau Rita zu Frau Rosa: „Ein Löel für Mama, einer für
den Bub … schau“ und gibt ihr parallel dazu den Trinkbecher (der halb
voll ist) in einem Zug zu trinken.
• Interpretaon: Pegerin Frau Rita infanlisiert (3) Frau Rosa und über-
sieht dabei, dass aus dem erzwungenen Trinken eine gefährliche Pe-
gesituaon entstehen kann.

• Pegerin Frau Erika sitzt so, dass sie abwechselnd Herrn Michael und
Frau Anna einen vollen großen Löel Essen eingeben kann.
• Interpretaon: Obwohl Herr Michael selbst essen kann und Frau Anna
den Löel in der rechten Hand hält, werden sie von der Pegerin Frau
Erika „gefüert“. Sie scheint unter Zeitdruck zu stehen und möchte al-
len Bewohnern gleichzeig das Essen verabreichen. Wiederum sind
die Bewohner zur Machtlosigkeit verurteilt (2).

• Pegerin Frau Erika gibt sitzend Frau Anna einen großen Löel (hält
dabei die Hand in Frau Annas Nacken, damit sie nicht mit dem Kopf
zurückweichen kann).
• Interpretaon: Pegerin Frau Erika schüchtert Frau Anna ein (4) und
übt Zwang aus (12), indem sie Gewalt anwendet.

68
 Beispiele für Interakonen 

• Pegerin Frau Erika geht zu Herrn Nikolaus ins Zimmer und sagt: „Kom-
men Sie essen.“ Und nimmt ihn bei der Hand.
• Interpretaon: Herr Nikolaus ist ein sehr zurückhaltender aber selbst-
ständiger Herr, der gern alles selbst macht und eher Distanz als Nähe
sucht. Er kann eigentlich sehr gut besmmen, wann er was tun will.
Hier wird er von der Pegerin Frau Erika infanlisiert (3) und sie zwingt
ihn, eine Handlung zu tun, die er gerade nicht tun möchte (12).

• Pegerin Frau Lena sagt laut zu Frau Ingrid: „Geh’ ma’ kacken“ und
nimmt sie bei der Hand.
• Interpretaon: Pegerin Frau Lena signalisiert Frau Ingrid durch ihre
Art und Weise des Handelns, dass sie nutz- und wertlos sei (17) und
eke ert sie so (5). Diese Situaon muss besonders für Frau Ingrid
unerträglich sein, da sich Frau Ingrids Demenz erst im Anfangsstadium
bendet und sie daher noch sehr selbstständig ist.

• Pegerin Frau Erika holt Frau Elfriede, die spazieren gehen will, wieder
zurück und führt sie, ohne zu reden, zu ihrem Platz.
• Interpretaon: Frau Elfriede ist eine Person, die gern spazieren geht,
besonders wenn sie all ihre Tägkeiten erledigt hat und nichts mehr zu
tun hat. Sie ist insofern selbstständig. Es ist nicht ersichtlich, warum
Pegerin Frau Erika sie zurück holt und warum Frau Elfriede sitzen blei-
ben muss. Man könnte möglicherweise hier von Zwingen (12) oder
Vorenthalten (13) sprechen. Sie gestaet Frau Elfriede nicht, ihre vor-
handenen Fähigkeiten zu nutzen (2) und eke ert sie (5), indem sie
Frau Elfriede kategorisiert: Demenz ist für Pegerin Frau Erika gleich-
bedeutend mit der Unfähigkeit, selbständig eine Handlung zu setzen.

Beispiele für Interakonschleifen:


Pegerin Frau Erika und Herr Johann:
• Akon: Pegerin Frau Erika gibt Herrn Johann in hohem Tempo Löel
für Löel die Suppe ein.
• Reakon: Herr Johann hat kaum Zeit zu schlucken.
• Akon: Herr Johann verschluckt sich.
• Reakon: Pegerin Frau Erika: „Es ist üssig, Sie können jetzt trinken.“
• Akon: Pegerin Frau Erika gibt Herrn Johann die Suppe direkt aus der
Suppenschüssel zu trinken.
• Interpretaon: Pegerin Frau Erika eke ert (5) Herrn Johann (er ist
dement und verliert dadurch für die Pegerin Frau Erika automasch
alle Fähigkeiten) und bemerkt dabei nicht, dass eine gefährliche Pe-
gesituaon entstehen könnte.

69
 Personelle Gewalt 

Pegerin Frau Ida und Herr Karl:


• Akon: Pegerin Frau Ida will Herrn Karl wortlos etwas zu trinken
geben.
• Reakon: Herr Karl wehrt sich wortlos mit der Hand.
• Akon: Herr Karl möchte etwas ausspucken, und zwar das Medika-
ment. Er nimmt es aus seinem Mund heraus.
• Reakon: Pegerin Frau Ida gibt Herrn Karl wortlos den Becher zum
Trinken.
• Akon: Pegerin Frau Ida en ernt das ausgespuckte Medikament aus
der Reichweite von Herrn Karl.
• Akon: Pegerin Frau Erika (die gerade Herrn Michael das Essen ein-
gibt) geht zu Herrn Karl, gibt ihm das Medikament schnell in den Mund
und hält den Trinkbecher so, dass Herr Karl sofort Wasser nachtrinken
muss. Sie dreht sich wieder um und gibt Herrn Michael das Essen
weiter.
• Reakon: Herr Karl versucht, sich nicht zu verschlucken.
• Interpretaon: Pegerin Frau Ida ignoriert (13) den Wunsch von Herrn
Karl auszuspucken und seine Abwehr. Pegerin Frau Erika entwertet
ihn (8). Sie übt Zwang (12) und Einschüchterung (4) aus. Sie bemerkt
nicht, dass dabei eine gefährliche Pegesituaon entstehen könnte.
Kurz darauf passiert folgende Interakonsschleife:
• Akon: Pegerin Frau Erika fragt Herrn Karl: „Soll ich Ihnen helfen?“
und versucht, ohne auf eine Antwort zu warten, Herrn Karl einen Löel
zu essen zu geben.
• Reakon: Herr Karl wehrt sich und önet den Mund nicht.
• Interpretaon: Pegerin Frau Erika hat kurz zuvor Zwang ausgeübt
und Herrn Karl eingeschüchtert und möchte jetzt, ohne eine Beziehung
aufzubauen, helfen. Sie ist dadurch für Herrn Karl nicht berechenbar:
„Will sie mir Gutes oder Schlechtes tun?“ Dadurch entwertet (8) Pe-
gerin Frau Erika Herrn Karl und nimmt seine Lebensgeschichte, die in
der Dokumentaon nachzulesen ist, nicht wahr.

Peger Herr Simon und mehrere Personen mit Demenz


• Akon: Peger Herr Simon nimmt seinen Sessel und setzt sich zu Herrn
Johann. Er gibt ihm Löel für Löel relav schnell und wortlos das
Essen ein.
• Reakon: Herr Johann macht den Mund weit auf und streckt die Zunge
heraus.
• Akon: Herr Johann verschluckt sich und hustet.
• Reakon: Peger Herr Simon hört kurz auf, fährt dann aber im selben
Tempo weiter fort.

70
 Beispiele für Interakonen 

• Akon: Peger Herr Simon: „Frau Rosa bekommt einen Einmal-


Wäscheschutz.“ Er nimmt seinen Sessel, setzt sich zu ihr und sagt:
„Suppe haben wir, fangen wir an.“
• Reakon: Frau Rosa lässt ihren Mund geschlossen, schaut Peger
Herrn Simon an und macht dann erst den Mund auf.
• Akon: Peger Herr Simon (der Löelrhythmus ist schnell) fragt:
„Geht‘s?“ Er wartet die Antwort nicht ab, sondern fährt in schnellem
Tempo fort.
• Reakon: Frau Anna schaut zu und isst nicht allein weiter.
• Reakon: Frau Rosa macht den Mund nur ein wenig auf.
• Akon: Peger Herr Simon gibt, ohne zu reden, Frau Anna zwei, drei
Löel Suppe, während Frau Rosa ihren Blusenärmel begutachtet. Dann
gibt Peger Herr Simon abwechselnd Frau Anna und Frau Rosa einen
Löel Suppe.
• Reakon: Frau Anna macht den Mund weit auf.
• Reakon: Frau Rosa hingegen macht den Mund kaum auf.
• Akon: Pegerin Frau Lena führt das Essen herein.
• Reakon: Frau Rosa schaut hin und vergisst zu schlucken.
• Reakon: Darau in hört Peger Herr Simon auf, Frau Anna und Frau
Rosa die Suppe zu geben. Er steht, ohne zu sprechen, auf und geht
wieder zu Herrn Michael.
• Interpretaon: Die Bewohnerinnen Frau Rosa und Frau Anna müssen
so schnell wie möglich essen (Zwang (12)). Was die Bewohnerinnen
fühlen und erleben, ist für Peger Herr Simon in der Situaon nicht
relevant. Hier ist keine Beziehung zwischen Peger und Bewohner
sichtbar oder spürbar. Diese Interakonsschleifen können als zum Ob-
jekt erklären (10) interpreert werden.

Pegerin Frau Lena und mehrere Personen mit Demenz


• Akon: Pegerin Frau Lena gibt Herrn Johann sein Essen. Sie steht und gibt
ihm einen Löel. Sie „füert“ Herrn Johann im wahrsten Sinn des Wortes,
ohne ihn dabei anzuschauen. Die Löelporonen sind viel zu groß.
• Akon: Pegerin Frau Lena geht zu Frau Anna und gibt ihr einen vollen
Löel in die Hand, geht zurück zu Herrn Johann, „schiebt“ einen Löel
in seinen Mund und verlässt den Speisesaal wortlos.
• Nach ca. zehn Minuten kommt Pegerin Frau Lena zurück, nimmt,
ohne zu reden, einen Sessel und setzt sich zu Herrn Johann. Sie gibt
schnell einen vollen Löel, steht auf und geht zu Frau Anna. Sie will
auch ihr einen Löel voll geben.
• Reakon: Frau Anna erschrickt und schaut Pegerin Frau Lena erstaunt
an.

71
 Personelle Gewalt 

• Akon: Pegerin Frau Lena geht zurück zu Herrn Johann und sagt zu
Herrn Josef: „Herr Josef, essen Sie die Kartoel auf.“ Sie grei über den
Tisch zu Herrn Josef, gibt ihm eine Kartoel in den Mund und setzt sich
wieder.
• Akon: Pegerin Frau Lena nimmt ihren Sessel, geht zu Frau Anna und
sagt: „Anni so lalala.“
• Reakon: Frau Anna lacht. Der Löelrhythmus ist zu schnell für Frau
Anna. Sie beugt den Kopf zurück.
• Akon: Pegerin Frau Lena zu Frau Ingrid „Haben Sie noch Bauchweh?“
• Reakon: Frau Ingrid: „Ja.“ Es hat keine weiteren Konsequenzen.
• Interpretaon: Pegerin Frau Lena agiert genauso wie Peger Herr Si-
mon oder Pegerin Frau Erika. Pegerin Frau Lena hat o Dienst in
dieser Gruppe. Für sie sind Personen mit Demenz nicht berechenbar
und nicht handlungsfähig. Sie müssen behandelt werden wie kleine
Kinder (infanlisieren (3)). Sie werden zur Machtlosigkeit verurteilt
(2): Wozu sich bemühen, sie haben ohnehin eine Demenz (eke eren
(5)). Diese Interakonsschleifen können als „zum Objekt erklären“ (10)
interpreert werden: Die Personen mit Demenz werden behandelt,
als seien sie Wesen, die nicht fühlen und die nur gefüllt bzw. „gefüt-
tert“ werden müssen.

Pegerin Frau Senta mit Frau Rosa und mehreren Personen mit Demenz.
Diese Interakonssequenz dauerte 25 Minuten.
• Akon: Pegerin Frau Senta versucht, Frau Rosa einen Löel voll zu
geben.
• Reakon: Frau Rosa bearbeitet ihren Einmal-Wäscheschutz.
• Akon: Pegerin Frau Senta: „Es ist nur für Frau Rosa … keiner darf es-
sen … nur Frau Rosa.“
• Akon: Pegerin Frau Lena: „Frau Rosa, hat sie gut gekocht?“
• Frau Rosa antwortet nicht; sie scheint Durchfall zu haben (Geräusche
und Geruch).
• Akon: Pegerin Frau Senta: „Ida hat gesagt, man soll sie zu nichts
zwingen … sie soll tun dürfen, was sie will.“
• Pegerin Frau Lena gibt Frau Anna schnell Löel für Löel.
• Reakon: Frau Rosa schaut genau auf das Table.
• Akon: Pegerin Frau Senta: „Was haben wir drinnen?“ Und gibt Frau
Rosa einen vollen Löel „Frau Rosa, essen Sie gerne Kartoeln?“
• Reakon: Frau Rosa: „Ja.“
• Akon: Pegerin Frau Senta: „Sehr gut … es schmeckt heute sehr gut.“
• Akon: Frau Rosa versucht ganz leise etwas zu sagen (wie „früh …
Bauchweh“) und zeigt auf ihren Bauch. Sie hat den Mund sehr voll.

72
 Beispiele für Interakonen 

• Akon: Pegerin Frau Senta: „Was in der Früh … Sie haben gut geges-
sen in der Früh?“ (Antwort nicht passend.)
• Akon: Frau Rosa mit leiser und ziriger Smme, die Hand liegt auf
ihrem Bauch: „Ja, jetzt auch …“.
• Reakon: Pegerin Frau Senta: „In der Früh hat es Ihnen auch ge-
schmeckt?“ (Antwort wieder nicht passend.)
• Pegerin Frau Lena steht auf und verlässt den Speisesaal.
• Akon: Pegerin Frau Senta gibt Frau Anna einen Löel und sagt: „Miki
(zu Frau Margarethe), essen Sie die Kiwis!“
• Reakon Frau Margarethe: „Ja.“
• Akon: Pegerin Frau Senta: „Sehr gesund.“
• Akon: Pegerin Frau Senta gibt Frau Rosa Sa zu trinken, dann einen
Löel und sagt: „So, Anni“ (zu Frau Anna) und gibt ihr einen vollen Löf-
fel Püree.
• Reakon: Frau Rosa schaut verzweifelt links und rechts. Sie hat den
Mund voll. Sie hat nicht geschluckt.
• Akon: Pegerin Frau Senta zu Frau Rosa: „So, ein Löel.“
• Reakon: Frau Rosa will den Mund nicht aufmachen,
• Akon: Trotzdem schiebt Pegerin Frau Senta den Löel in den Mund
von Frau Rosa hinein.
• Reakon: Frau Rosa wird mit ihren Händen sehr akv.
• Akon: Pegerin Frau Senta steht auf und gibt Frau Anna mehrere Löf-
fel Nachspeise und sagt: „So, Rosi“ (zu Frau Rosa) und gibt Frau Rosa
Sa zu trinken.
• Akon: Pegerin Frau Senta: „So, Anni“, sie gibt ihr den Rest der Nach-
speise und serviert das Table von Frau Anna ab.
• Akon: Pegerin Frau Senta: „Mach’ ma’ weiter, Frau Rosa?“
• Reakon: Frau Rosa will den Mund nicht aufmachen und möchte ihren
Einmal-Wäscheschutz weg haben.
• Reakon: Pegerin Frau Senta: „Nein, lass’ ma’ … die Hose ist ganz
sauber.“
• Akon: Pegerin Frau Senta steht auf und will Frau Anna etwas zu trinken
geben. Sie ist aber noch nicht so weit. Darauf gibt Pegerin Frau Senta
ihre Hand in Frau Annas Nacken (verhindert dadurch das Zurückziehen
des Kopfes) und gibt ihr in einem Zug ca. 150 ml Wasser zu trinken.
• Akon: Pegerin Frau Senta setzt sich wieder: „Essen Sie noch, Frau
Rosa?“ und versucht, Frau Rosa einen vollen Löel in den Mund zu
schieben.
• Reakon: Frau Rosa sagt etwas (für mich, M. W-L., zu leise).
• Reakon: Pegerin Frau Senta: „Was denn (Frau Rosa muss wieder Durch-
fall haben: Geruch und Geräusche), Frau Rosa, haben Sie Bauchweh?“

73
 Personelle Gewalt 

• Akon: Pegerin Frau Senta: „Schau, das geht besser. Es ist die Nach-
speise.“
• Reakon: Frau Rosa schaut ganz verzweifelt die Pegerin an.
• Akon: Pegerin Frau Senta gibt ihr zu trinken.
• Reakon: Frau Rosa arbeitet sehr viel mit den Händen, sie gläet den
Wäscheschutz.
• Akon: Pegerin Frau Senta: „Frau Rosa, weiter?“
• Reakon: Frau Rosa bejaht kopfnickend, macht aber den Mund nicht
auf (Durchfall).
• Reakon: Pegerin Frau Senta: „Schon wieder?“
• Reakon: Frau Rosa bejaht kopfnickend.
• Reakon: Pegerin Frau Senta „schiebt“ ihr einen Löel in den Mund
und sagt deutlich: „Gut“, danach „So ist‘s gut.“
• Reakon: Frau Rosa macht den Mund zu, als Pegerin Frau Senta ihr
einen Löel voll geben will. Sie hat nicht geschluckt.
• Akon: Pegerin Frau Senta will ihr den Mund mit dem Einmal-Wä-
scheschutz abwischen.
• Reakon: Frau Rosa: „Nein, nein“ (sehr deutlich).
• Reakon: Pegerin Frau Senta: „Rosi … Frau Rosa.“
• Akon: Pegerin Frau Lena kommt wieder herein und blödelt vor Frau
Rosa und gibt Töne von sich wie „mhmhmh … la, la, la …“. Frau Rosa schaut
sie an. Pegerin Frau Lena versucht anscheinend vorzuzeigen, wie man
isst. Frau Rosa presst die Lippen zusammen. Ihr Durchfall ist zu hören.
• Reakon: Pegerin Frau Senta: „Es ist so stark … noch ein Schluck“ und
will Frau Rosa noch einen Löel geben.
• Reakon und Akon: Frau Rosa: „Nein, nein“ (sehr deutlich). Sie will
nicht und sagt: „Heute ist der letzte.“
• Reakon: Pegerin Frau Senta wiederholt: „... heute ist der letzte … ich
verstehe schon, heute haben Sie Bauchweh.“ Pegerin Frau Senta zu
Frau Rosa: „Könn ma’ schon ins Zimmer gehen.“ Und dann leise: „Sie
hat heute ein Zäpfchen bekommen.“
• Akon: Pegerin Frau Senta und Pegerin Frau Lena helfen Frau Rosa
beim Aufstehen und unterstützen sie beim Gehen.
• Laute Darmgeräusche sind zu hören. Akon: Frau Rosa laut und mit
ziriger Smme: „Es ist nicht von mir.“
• Reakon: Pegerin Frau Lena lacht.
• Interpretaon:15 Hier ist (mit Ausnahme von nanzieller Ausbeutung)
die gesamte Palee der Misshandlungen sichtbar und spürbar:

15 Ich [M. W-L.] muss gestehen, dass es mir bei der gesamten Beobachtung sehr schlecht gegangen
ist. Ich wäre am liebsten aufgestanden und häe eingegrien (was ich nicht getan habe).

74
 Beispiele für Interakonen 

• Misshandlung durch körperliche Gewalt: zum Beispiel: Pegerin


Frau Senta gibt ihre Hand in Frau Annas Nacken (um das Zurück-
ziehen des Kopfes zu verhindern) und zwingt sie so zum Trinken.
• Misshandlung durch Verursachen von emoonalem Schmerz: Frau
Rosa wird in ihrer gesamten Notsituaon nicht ernst genommen
und am Schluss sogar ausgelacht.
• Misshandlung durch Vernachlässigung: Unterlassen von notwendi-
gen Pegemaßnahmen: Frau Rosa hat Durchfall aufgrund einer ge-
zielten pegerischen Maßnahme (sie hat in der Früh ein Zäpfchen
erhalten, da sie den vierten stuhlfreien Tag hae) und gehört ent-
sprechend begleitet und gepegt.
Da Frau Rosa eine Demenz hat, werden ihr alle Fähigkeiten und Ferg-
keiten abgesprochen. Sie wird in dieser Situaon vollständig zum Ob-
jekt degradiert. Ihre gesamte Subjekvität, ihr Personsein wird ihr ab-
gesprochen.
Bisher wurden bewusst nur maligne, bösarge Interakonen beschrieben,
obwohl ich im selben Zeitraum auch sehr schöne Beziehungen beobachten
konnte, von denen eine hier stellvertretend wiedergegeben werden soll:

Peger Herr Bruno und zwei Personen mit Demenz.


• Akon: Peger Herr Bruno setzt sich zwischen Frau Anna und Frau
Rosa. Er gibt Frau Anna langsam einen Löel voll und Frau Rosa einen
Löel voll.
• Reakon: Frau Anna macht den Mund sehr weit auf und isst problem-
los.
• Akon: Peger Herr Bruno gibt Frau Anna die Suppe und sagt: „Sie
müssen nicht alles aufessen.“
• Reakon: Frau Anna lacht und freut sich sichtlich über den Peger Herr
Bruno, der sehr langsam und ruhig die Suppe gibt. Frau Anna lacht und
macht den Mund jedes Mal auf, wenn der Löel kommt.
• Akon: Pegerin Frau Maria: „Sie lacht immer.“
• Akon: Peger Herr Bruno: „Frau Anna, wollen Sie selbst probieren?“
und gibt ihr den Löel in die Hand. Frau Anna probiert ein kleines Stück
Grießnockerl zu nehmen – ohne Erfolg.
• Reakon: Peger Herr Bruno: „Ich helfe Ihnen bei der Suppe“ und
nimmt den Löel wieder.
• Reakon: Frau Anna lacht und freut sich wieder, von Peger Herr Bruno
bedient zu werden.
• Akon: Peger Herr Bruno gibt weiter die Suppe ganz vorsichg ein.
Trotzdem erschrickt Frau Anna, als er mit dem Löel einen Tropfen ab-
wischen will.

75
 Personelle Gewalt 

• Akon: Peger Herr Bruno holt das Essen von Frau Anna ab, setzt sich
wieder hin und sagt: „Wollen Sie selber probieren?“
• Reakon: Frau Anna lacht, beugt aber gleichzeig den Kopf zurück.
• Akon: Peger Herr Bruno gibt ihr zu trinken und sagt zu Frau Anna:
„Frau Anna ist heute ein bisschen abgelenkt vom Essen.“
• Reakon: Frau Anna lacht wieder.
• Akon: Frau Anna versucht zu essen und gibt den Löel in die Sauce.
• Reakon: Peger Herr Bruno gibt ihr einen neuen Einmal-Wäsche-
schutz.
• Akon: Peger Herr Bruno hat Frau Rosa zwei Löel gegeben: einen,
den er benützt, und einen, den sie benützen soll, und sagt: „Probieren
Sie es mit dem Löel, Sie tun sich leichter“, da Frau Rosa gerade ver-
sucht, mit der Gabel zu essen.
• Reakon: Frau Rosa antwortet ganz leise (nicht zu verstehen).
• Reakon: Peger Herr Bruno: „Schon.“ Die Smme ist ganz ruhig und
er schaut Frau Rosa in die Augen.
• Akon: Pegerin Frau Maria: „Ich komme.“
• Reakon: Peger Herr Bruno: „Sie probiert gerade allein.“
• Akon: Frau Rosa isst allein und zeigt auf einen Fleck.
• Reakon: Pegerin Frau Maria sagt im Stehen: „Bruno hat das ge-
macht.“
• Reakon: Peger Herr Bruno schaut Frau Rosa an und antwortet: „Es
macht nichts.“
• Reakon: Frau Anna lacht weiter bei jedem Löel.
• Akon: Peger Herr Bruno streichelt ihren Arm.
• Akon: Frau Rosa isst allein mit dem Löel.
• Reakon: Peger Herr Bruno – parallel dazu – gibt ihr mit dem Löel
ein bisschen zu essen.
• Akon: Frau Anna lacht immer wieder.
• Akon: Peger Herr Bruno zu Frau Anna: „Heute sind Sie abgelenkt …
Sie lachen auch schon, Frau Rosa?“
• Reakon: Frau Rosa: „Nein“ (mit freundlichem Gesichtsausdruck).
• Akon: Der Gesichtsausdruck von Peger Herr Bruno ist sehr oen
und fröhlich, wenn er Frau Anna anschaut, konzentriert, wenn er sich
Frau Rosa zuwendet.
• Akon: Frau Anna will nicht trinken. Darauf hält Peger Herr Bruno
ihre Hand und gibt ihr den Becher in die Hand und sagt: „Es ist ein Mi-
neralwasser.“
• Reakon: Nach einer gewissen Zeit trinkt Frau Anna allein.
• Akon: Peger Herr Bruno ruhig zu Frau Anna: „Stellen Sie den Becher
zurück“ und gibt ihr einen Löel.

76
 Kennzeichen struktureller Gewalt 

• Interpretaon: Dies ist eine gelungene Interakon. Frau Anna und


Frau Rosa werden in ihrem Personsein ernst genommen: Anerken-
nen (1). Peger Herr Bruno gibt ihnen die Möglichkeit der Zusammen-
arbeit (3). Frau Anna erfährt Genuss und fühlt sich geborgen.16 Man
merkt genau, dass Peger Herr Bruno für beide Damen da ist. Sie dür-
fen im Mielpunkt seiner Aufmerksamkeit stehen. Er ist nicht nur kör-
perlich anwesend, sondern nimmt die Bedürfnisse der beiden Bewoh-
nerinnen wahr und geht auf sie ein (Achtsamkeit).
Da sehr viele posive Interakonen im gleichen Zeitraum beobachtet
wurden, müssen die beschriebenen negaven Handlungen als personelle
direkte Gewalt (und nicht als strukturelle Gewalt) betrachtet werden. Die
Rahmenbedingungen waren für alle Pegepersonen gleich.

6. Strukturelle Gewalt

6.1 Kennzeichen struktureller Gewalt


All die vielfälgen im letzten Kapitel beschriebenen Formen der personel-
len Gewalt haen zunächst zweierlei gemeinsam: Jedes Mal wurde von
einem besmmten, wahrnehmbaren Akteur entweder eine besmmte
Handlung gesetzt oder eine besmmte Handlung unterlassen. Und mit
dieser Handlung oder Unterlassung des Akteurs bzw. der Akteure wurde
Gewalt auf eine besmmte Person ausgeübt. Die Frage nach dem „Täter“
ist also klar beantwortbar, ebenso wie die konkrete Handlung oder Unter-
lassung klar beschrieben werden kann.
Mit der strukturellen Gewalt kommen wir nun aber zu einer Form von
Gewalt, die (wie schon erwähnt) eine „Gewalt ohne einen Akteur“ ist
(Galtung 1975, 12). Hier wird keine direkte Gewalt ausgeübt, sondern es
handelt sich um eine strukturimmanente Gewalt. Wir werden hierbei im
Folgenden unter struktureller Gewalt sowohl jene durch polische Struk-
turen hervorgerufene Gewalt verstehen (zum Beispiel Gesetze, Verord-

16 Siehe dazu: „Timalaon (malaon). Dieser Begri bezieht sich auf Formen der Interakon, bei
denen die primäre Zugangsweise sensorisch oder sinnenbezogen ist, ohne daß Begrie und intel-
lektuelles Verstehen eine Rolle spielen, z. B. bei einer Aromatherapie und Massage. Das Wort Ti-
malaon ist ein Neologismus, abgeleitet aus dem griechischen Wort mao (ich halte in Ehren, ich
würdige – und demnach verletze ich keine persönlichen oder moralischen Grenzen) und aus S-
mulaon (mit ihren Bedeutungen der sensorischen Anregung). Die Bedeutung dieser Art von
Interakon liegt darin, daß sie Kontakt, Sicherheit und Vergnügen bieten kann, während sie nur
sehr wenig erfordert. Sie ist daher bei schwerer kogniver Beeinträchgung besonders wertvoll.“
(Kitwood 2000, 134 f.)

77
 Strukturelle Gewalt 

nungen) als auch jene, die durch Strukturen einer Instuon entsteht
(zum Beispiel rigide, normierte Abläufe für alle Bewohner bzw. Pa-
enten).
Neben dem (Nicht-)Vorhandensein eines konkreten Akteurs besteht ein
weiterer Unterschied zwischen personeller und struktureller Gewalt in
der Dynamik:
Personale Gewalt steht für Veränderung und Dynamik – sie ist nicht nur eine
sane Bewegung der Wellen, sondern bewegt selbst die sonst sllen Wasser.
Strukturelle Gewalt ist geräuschlos, sie zeigt sich nicht – sie ist im Grunde sta-
sch, sie ist das slle Wasser. (Galtung 1975, 16)

Wenn eine Person eine andere Person anschreit oder schlägt, unterbricht
diese Handlung das bisherige Geschehen: Hier entlädt sich augenschein-
lich und vehement eine Koniktsituaon. Ähnliches gilt für eine Unterlas-
sung, auch wenn diese in der Regel weniger lautstark ausfällt. Auch hier
gibt es eine dynamische Spannung, vor allem bei absichtlichen, akven
Unterlassungen, die als „Bestrafung“ gedacht sind. Wichg ist hierbei der
Aspekt, dass personelle Gewalt nicht ununterbrochen ausgeübt wird – sie
hat ein ereignishaes Moment.
Ganz anders hingegen stellt sich die Situaon dar, wenn Gewalt konstant
durch die Rahmenbedingungen in Form von gesetzlichen Verordnungen
und/oder instuonellen Regulierungen ausgeübt wird: Hier gibt es keine
gewaltvollen und gewal reien Phasen, sondern es handelt sich um eine
permanente, stasche Gewalt.
Nimmt man diese beiden Aspekte zusammen – das Fehlen konkreter Ak-
teure und die stasche Konnuität –, dann wird deutlich, dass im Fall der
strukturellen Gewalt eine große Gefahr darin besteht, dass man sein eige-
nes Handeln durch sie rech ergt. „Die Bedingungen sind halt so“, „ich
habe nicht die Zeit, mich mehr um die Bewohner zu kümmern“, „die Lei-
tung will es so, was soll ich machen“ sind Beispiele für geläuge Erklä-
rungsmuster. Erklärungsmuster für Handlungen oder Unterlassungen, die
gewaltsam sind, aber entweder gar nicht mehr als gewaläg wahrge-
nommen werden oder aber eben über die Rahmenbedingungen zu recht-
fergen versucht werden. Man bekommt den Eindruck, dass Menschen,
die im Rahmen solcher „repressiver Strukturen“ (Galtung 1975, 23) arbei-
ten, omals Abwehrstrategien entwickeln, wie etwa folgendes Beispiel
zeigt:
Weil der Ausdruck „freiheitsbeschränkend“ oft durch den Ausdruck „schüt-
zende Maßnahme“ ersetzt wird, besteht die Gefahr, dass die wirkliche Anwen-
dung von solchen Massnahmen in der Pegepraxis unterschätzt wird. (Hankai-
nen 2008, 3)

78
 Kennzeichen struktureller Gewalt 

Hierdurch können freiheitseinschränkende Maßnahmen, die unter dem


Titel „Schutz und Sicherheit des Bewohners/Paenten/Klienten“ laufen,
vermeintlich gerech ergt werden. Wird eine solche Vorgehensweise –
die Tarnung einer gewaltsamen Handlung durch verfälschende und be-
schönigende Beschreibungen – über längere Zeit hinweg prakziert, wird
die Gewalägkeit irgendwann nicht mehr wahrgenommen werden.
Freiheitseinschränkende Maßnahmen werden dann grundsätzlich als
„notwendig“ oder sogar als „normal“ empfunden, und die Tagesstruktu-
ren und die Arbeitsorganisaon werden nicht (mehr) gestört.
Des Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass sowohl Menschen mit Demenz
als auch das Pegepersonal von struktureller Gewalt betroen sind:
Das Personal ist der strukturellen Gewalt der Instuon (z. B. schlechte Arbeits-
bedingungen und ungünsges Arbeitsklima, ungenaue Dienstvorschrien, För-
derung der „frei o erenden Angst“ vor Sankonen, Nichteinbeziehen bei
wichgen Entscheidungen, unzumutbare bauliche Gegebenheiten) genauso
ausgesetzt wie die Patienten oder Heimbewohner (Fremdbestimmung von
Essens- und Aufstehzeiten, Verringerung der Kompetenzen, Verlust der Privat-
sphäre). (Hirsch 2001, 18)

Darüber hinaus gibt es aber natürlich auch noch eine verstärkende Wirkung:
Wenn das Pegepersonal struktureller Gewalt ausgesetzt ist, ist damit zu-
gleich ein Faktor gegeben, der personeller Gewalt den Weg mitebnet.
Deutlich sollte bis hier geworden sein, dass das Vorhandensein oder Nicht-
Vorhandensein eines sichtbaren konkreten Akteurs, der oder die eine
konkrete Handlung oder Unterlassung ausführt, keine relevante Größe
für die Entscheidung der Frage ist, ob Gewalt ausgeübt wird oder nicht.
Hierzu ein Beispiel Galtungs:
Wenn Menschen in einer Zeit verhungern, in der dies objekv vermeidbar ist,
dann wird Gewalt ausgeübt, gleichgülg, ob eine klare Subjekt-Objekt-Bezie-
hung vorliegt (wie z. B. früher bei einer Belagerung), oder […] [ob] keine solche
eindeuge Beziehung exisert (wie beispielsweise bei der Art der Weltwirt-
schasorganisaon heute). (Galtung 1975, 13)

Es ist nicht schwer, diese Bemerkung auf die Betreuung und Behandlung
von Menschen mit Demenz umzusetzen …

Um aber keine Missverständnisse au ommen zu lassen: Dass kein kon-


kreter Akteur auszumachen ist, bedeutet natürlich nicht, dass es nicht
Menschen sind, die diese indirekte Form der Gewalt ausüben. Eine Struk-
tur kann nur wirksam werden, wenn es Menschen gibt, die ihr – freiwillig
oder unfreiwillig, absichtlich oder unabsichtlich – „Leben verleihen“:

79
 Strukturelle Gewalt 

[R]epressive Strukturen (werden) […] durch die summierte und konzererte Ak-
on von Menschen aufrechterhalten […]. (Galtung 1975, 23 f.)

Hirsch nennt Beispiele für Personen(gruppen), die an dem Wirksamwer-


den von struktureller Gewalt beteiligt sind – auch wenn sich ein einzelnes,
letztverantwortliches Subjekt nicht ausmachen lässt:
Arbeitgeber des Pegepersonals (z. B. Träger von Einrichtungen),
Poliker (unzureichende und widersprüchliche Gesetzgebung),
Juristen (Gesetzesauslegung und Rechtssprechung),
Vertreter von Behörden (Gesetzesanwendung und -durchführung, mangelhae
Kontrollen [z. B. Heimaufsicht; M. W.-L.]),
Verantwortliche der Kranken- und Pegeversicherungen (z. B. medizinischer
Dienst der Krankenkassen),
rechtliche Betreuer (insbesondere Berufsbetreuer),
Ärzte und Pegekräe (unzureichendes Problembewusstsein),
Medien (eingeschränktes Interesse an diesem Tabubereich),
Öentlichkeit [d. h. jede/r Einzelne von uns; A.W.] (Wegsehen, Schweigen und
verdrängen). (Hirsch 2000, 1)

Das bedeutet in weiterer Konsequenz aber natürlich auch, dass es keine


trennscharfe Unterscheidung zwischen personeller und struktureller Ge-
walt gibt. Galtung weist darauf hin, dass „Spuren des strukturellen Ele-
ments in der personalen Gewalt“ ebenso wie Spuren „des personalen
Elements in der strukturellen Gewalt“ vorzunden sind, da ein Mensch
„seine Entscheidung, mit Gewalt zu handeln, nicht nur auf der Grundlage
individueller Überlegungen fällt“, sondern auch aufgrund seiner sozialen
Rollen (Galtung 1975, 23).

6.2 Strukturelle Gewalt in der Institution


Ein Aspekt, hinter dem sich nicht selten strukturelle Gewalt verbirgt bzw.
das mit struktureller Gewalt einhergeht, ist jener der wirtschalichen
Orienerung. Die Einführung der Pegeversicherung SGB XI am 1. 1. 1995
in Deutschland hat zum Beispiel zu einer zunehmenden Kostenoriene-
rung beigetragen, die wiederum die Orienerung am Prinzip der Mensch-
lichkeit omals nachrangig werden lässt. Häug geht die Kostenoriene-
rung mit einer Regulierung und Standardisierung aller Abläufe einher, wie
zum Beispiel:

80
 Strukturelle Gewalt in der Instuon 

• Feste Essenszeiten: Diese sind meist sehr eng kalkuliert. Zwischen


12 Uhr und 12.45 Uhr müssen alle Paenten/Bewohner/Klienten das
Miagessen einnehmen, da das Geschirr um 13 Uhr wieder in der
Großküche sein muss. Dies hat zur Folge, dass die Paenten/Bewoh-
ner/Klienten erstens nicht in ihrem langsamen Rhythmus essen dür-
fen; zweitens, dass diejenigen, die einer Unterstützung zum Beispiel
aufgrund von Apraxie bedüren, diese nicht erhalten können. Sie wer-
den dann „gefüert“, weil es schneller geht. Driens essen Paenten/
Bewohner/Klienten, die von vornherein keinen Appet haben bzw.
viel Zuwendung benögen, um essen zu können, entweder gar nicht
oder nur unter Anwendung von Gewalt; und viertens schließlich wird
o Breikost serviert, da sie leichter zu verabreichen ist.
Zwei Tische weiter kämp Frau Simonse mit einer Gabel. ‚Sind Sie ferg mit Es-
sen?‘, fragt die Pegerin sie. ‚Hat‘s geschmeckt?‘ Frau Simonse nickt höich –
und weg ist ihr halbvoller Teller. (Braam 2007, 169)

Tagsüber werden zwischen 7.30 Uhr und 16.30 Uhr o zwei Haupt-
mahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten angeboten. In dieser Zeit
sollte auch mindestens ein Liter getrunken werden. Hingegen gibt es
zwischen 17.30 Uhr und 7.30 Uhr außer für Diabeker (vorbereitete
Spätmahlzeit) keine Essensmöglichkeit. Im Haus Benedikt17 beispiels-
weise, einem sehr großen Pegeheim, wird das Abendessen um
16.15 Uhr auf den Staonen serviert. Die Zentralküche sperrt um
18 Uhr zu, bis dahin muss das gesamte Geschirr ferg gewaschen und
wieder eingeräumt sein. Dieser Rhythmus entspricht nicht dem Ver-
dauungs-, Tages- und Appetrhythmus älterer mulmorbider Paen-
ten, besonders dann nicht, wenn sie eine Demenz haben.
Eine weitere Folge könnte sein, dass aus arbeitsökonomischen Grün-
den die Setzung von PEG-Sonden bei Menschen mit Demenz im weit
fortgeschrienen Stadium befürwortet wird, obwohl sie medizinisch
meistens nicht mehr indiziert ist und für den Paenten mehr Schaden
als Nutzen bringt. Die Setzung wird jedoch aus Gründen der Zeit- und
Personaleinsparung in Kauf genommen.

• Feste Frühstückszeiten des Personals: Das gesamte Personal der Sta-


on muss zwischen 9 Uhr und 9.30 Uhr frühstücken. 15 Minuten sind
pro Person dafür eingeplant. Unnöger Stress entsteht bereits vorher
schon: „Schae ich es, bis 9 Uhr ferg zu sein?“ Jede Störung – wie zum

17 Um die Anonymität zu wahren, wurde der Name des Pegeheims geändert.

81
 Strukturelle Gewalt 

Beispiel Langsamkeit, Agnosie oder Apraxie – erzeugt Druck und Un-


behagen beim Pegepersonal.

• Rigide Zeitpläne und festgelegte Arbeitsablauforganisaon:


Ebenso entstehen Probleme, wenn die alten Menschen Bedürfnisse äußern, die
dem zeitlichen Staonsablauf oder den Vorstellungen des Pegepersonals zu-
wider laufen. Auch hier werden aggressionsgeladene Gefühle ausgelöst […].
(Förster 2008, 82).
Je belastender die Bevormundung von einem Heimbewohner erlebt wird, desto
mehr wird er sich – zur Wahrung seiner Würde – gegen das Pegeprogramm
wehren. Je stärker der Arbeitsablauf den Bedürfnissen der Bewohner wider-
spricht, umso mehr wird die Mitarbeiterin Dankbarkeit vermissen, was wie-
derum dazu führen könnte, dass die seelische Distanz und Vernachlässigung
noch größer wird. Der Teufelskreis dreht sich. (Ruthemann 1993, zit. in Seidel
2007, 39)

Jede Änderung in der Durchführung einer Pegemaßnahme muss ar-


gumenert und dokumenert werden. In der Pegeplanung von Frau
Rosa steht zum Beispiel, dass sie einmal in der Woche, immer diens-
tags, geduscht werden soll. Frau Rosa will jedoch heute, Dienstag,
nicht geduscht werden, da sie noch keinen Stuhlgang gehabt hat. Die
Pegeperson Frau Berta, die den Wunsch von Frau Rosa respekeren
möchte, muss das dokumeneren und sich dafür vor ihren Kollegen
rech ergen. Der Wunsch von Frau Rosa stört den vorgesehenen Ab-
lauf und ist daher nicht gerne gesehen.

In der Pegeliteratur und Praxis gibt es insgesamt vier anerkannte Pe-


gequalitätsstufen:
• „Stufe 1: gefährliche Pege; der Bewohner erleidet Schaden.“
• „Stufe 2: Roune oder sichere Pege; der Bewohner wird versorgt,
seine Selbständigkeit wird jedoch nicht gefördert, persönliche Ge-
wohnheiten werden nur dann berücksichgt, wenn sie den Ablauf
nicht stören.“
• „Stufe 3: angemessene Pege; der Bewohner erfährt Berücksich-
gung seiner persönlichen Bedürfnisse und Gewohnheiten, die An-
gehörigen werden regelmäßig informiert und nach Wunsch und
Möglichkeit in die Pege einbezogen.“
• „Stufe 4: opmale Pege; der Bewohner erhält die Möglichkeit, die
Pege akv mitzugestalten und selbst zu entscheiden, die Anforde-
rungen entsprechen seinen Fähigkeiten.“
(Kämmer 1994, 134 f.)

82
 Strukturelle Gewalt in der Instuon 

Nach diesen anerkannten Pegequalitätsstufen kann eine festgeleg-


te Arbeitsablauforganisaon nur die Stufe 2 erreichen. Monk ver-
wendete 1990 dafür den Ausdruck „Fließbandpege“ (vgl. Görgen
1999, 86).

• Reglemenerte Hausordnung mit festen Schlaf- und Weckzeiten: Pa-


enten/Bewohner/Klienten, besonders wenn sie eine Demenz haben,
können sich nicht mehr an festgelegte Zeitordnungen halten. Viele lei-
den unter einer Tag-Nacht-Rhythmusumkehr. Ältere Menschen benö-
gen o viel weniger Schlaf als jüngere. Sie werden, falls sie nicht mehr
selbstständig sind, trotzdem am späten Nachmiag ins Be gelegt.
Der Tagdienst muss bis 19 Uhr (Dienstwechsel) mit seiner Arbeit ferg
sein. In einigen Häusern wird nach wie vor um 5 Uhr früh bei allen Pa-
enten/Bewohner/Klienten Fieber gemessen und manchmal sogar
die Ganzkörperpege durchgeführt.

• Reglemenerte Beenbelegung: Manche Träger verpichten die Sta-


onen, die Been innerhalb von 24 Stunden wieder zu belegen. Dies
beeinusst die Entscheidung, wer mit wem in einem Mehrbezimmer
liegt. In streng organisierten Abläufen werden die Zusammenlegun-
gen einfach aufgrund von frei werdenden Been getroen. Es wird kei-
ne Rücksicht genommen auf unterschiedliche Demenzstadien, Ge-
wohnheiten und Bedürfnisse der einzelnen Bewohner.
Er [der Bewohner; M. W.-L.] fühlt sich o dauernder Kontrolle und Beobachtung
durch den Mitbewohner ausgesetzt oder erfährt die interferierenden Tages-
und Schlafrhythmen als störend und die Gewohnheiten der mitbewohnenden
Person als schwer tolerierbar. (Meyer 1998, zit. in Seidel 2007, 43)

• Festgelegte Besuchszeiten: Wie sinnvoll sind streng festgelegte Be-


suchszeiten? Wer beharrt auf deren Einhaltung und – vor allem – wa-
rum?

• Einschränkung der Privatsphäre: Wieviel persönliches Eigentum darf/


kann ein Paent/Bewohner/Klient in ein Alten- und Pegeheim mit-
nehmen?
In den Bereich der Einschränkung der Privatsphäre gehört auch die Ab-
erkennung von sexuellen Bedürfnissen:
Ein Sonderfall der gesellschalichen Abwertung der Alterssexualität läßt sich in
den Altersheimen feststellen. Der körperlich und o auch der (zusätzlich) geisg
eingeschränkte Mensch verliert prinzipiell in der Heim- bzw. Pflegesituation

83
 Strukturelle Gewalt 

seine Sexualität nicht. Der Bereich, sie zu erleben, wird dort aber o unnög
stark eingeschränkt, so daß man nicht selten Ehepaaren gemeinsame Zimmer
verweigert. (Rosenmayr 1996, 271 f.)

Joachim Bauer prägte 1999 den Ausdruck: „[T]heir only privacy is be-
tween their sheets“ (zit. in Görgen u. Nägele 2003, 53). Die strukturel-
len Vorgaben greifen eindeug in die sexuelle Selbstbesmmung von
hochbetagten mulmorbiden Paenten/Bewohnern/Klienten ein. Pri-
vatsphäre und Inmität werden nicht nur erschwert, sondern o auch
unmöglich gemacht. Gibt es in der Instuon ein Recht auf einver-
nehmliche Sexualität bei einwilligungsfähigen Paenten? Werden an-
dererseits Verdachtsmomente, die auf Sexualdelikte hindeuten, wahr-
genommen oder werden sie fahrlässig ignoriert?

In einer Organisaonsstruktur, die vorrangig zum Zweck der wirtscha-


lichen Orienerung entworfen wurde und in deren Rahmen standardi-
sierende Qualitätsmanagements die Hauptrolle spielen, werden fast
zwangsläug Pegemodelle verwendet, die weder kunden- noch mitar-
beiterorienert sind.
Die oberste Regel lautet ‚Der Betrieb muß laufen‘, und um dieser Regel willen
dürfen alle anderen Regeln und Normen verletzt werden. […]
Vieles, was im Pegeheim geschieht, ist von der Maxime des Funkonierens
der Einrichtung besmmt und nicht von humanitären Erwägungen. (Görgen
1999, 73 f.)

Diese Überregulierung hat zur Folge, dass einerseits die persönlichen


Kompetenzen sowie die Selbstbesmmung des Paenten/Bewohners/
Klienten eingeengt werden und andererseits die Mitarbeiter immer we-
niger Zeit mit den Paenten/Bewohnern/Klienten verbringen, weshalb
sie sich nicht an deren Bedürfnissen orieneren können. Die mulmor-
biden alten hilfsbedürigen Menschen können sich nur durch ein Ver-
halten wehren, das in der Pege als „herausfordernd“ bezeichnet wird.
Eine Antwort auf dieses „herausfordernde“ Verhalten ist leider häug
eine negave Psychologie im Sinne von Kitwood (vgl. das Kapitel über
personelle Gewalt): Die Pegepersonen sehen keine Alternave zur Ge-
waltanwendung: Gewaltanwendung erscheint ihnen notwendig. Das
Problem besteht also darin, dass das Verhalten der Pegepersonen von
der Organisaon strukturell „normalisiert [wird], d. h. als nicht-abwei-
chend gedeutet und gewertet [wird].“ (Görgen 1999, 73) Das Verhalten
wird toleriert:

84
 Strukturelle Gewalt in der Instuon 

Auf einer informellen Ebene wurden derarge Verhaltensweisen [Anschreien,


Fluchen, Beleidigen, Lächerlichmachen etc., M. W-L.] von der Anstalt und dem
leitenden Personal toleriert. (Görgen 1999, 73)

In diesem Zusammenhang stellt sich eine grundsätzlichere Frage: Können


Pegemodelle großer Reichweite, die ausschließlich auf Akvitäten des
täglichen Lebens ausgerichtet sind, überhaupt eine Hilfestellung bei der
Pegediagnosk geben? Sind hier nicht eher Modelle mit kleiner Reich-
weite, die krankheitsbildspezisch entwickelt worden sind, hilfreicher?
Konzepte wie NDB/„Need-driven demena-compromised behavior“ von
Algase et al. (1996), Kitwoods personzentrierter Ansatz, Feils Validaon,
Van der Kooijs Mäeuk oder Biensteins Basale Smulaon ermöglichen
eine bessere Situaonsanalyse, auf deren Grundlage erst situaonsange-
messene, individuelle Hilfeplanungen möglich und deren Zielsetzungen
durchführbar werden.
Ein Problem in diesem Zusammenhang ist sicherlich das fehlende Prob-
lembewusstsein der Pegedienstleitungen. Hierdurch kommt – wenn
auch vielleicht unabsichtlich – eine weitere Variante von struktureller Ge-
walt ins Spiel, da die Pegepersonen mit Pegemodellen arbeiten müs-
sen, die für die Praxis, für den Umgang mit mulmorbiden alten Men-
schen nicht geeignet sind. Chrisne Förster formuliert ihre Bedenken
folgendermaßen:
Beachtung muss auch den in den einzelnen Instuonen geltenden Pege-
modellen geschenkt werden. Häug ist es so, dass in den Einrichtungen nach
Modellen gepegt wird, die sich nicht an den Ressourcen und Kompetenzen der
alten Menschen orieneren, sondern ihren Blick fast ausschließlich auf die
Beeinträchgungen und Probleme der BewohnerInnen richten […]. (Förster
2008, 29)

Die Werte einer Organisaon spiegeln sich in der Auswahl des gelebten
Pegeleitbildes und in den Zielvorgaben dieses gewählten Pegemodells
wider. Die Pegedienstleitung ist für die Durchführung, die Steuerung und
die Evaluaon verantwortlich. Sie gibt entsprechend die Werte und Hal-
tungen vor.

Hirsch nennt in seiner Triade der Gewalt noch andere Arten von struktu-
reller prozesshaer Gewalt, zum Beispiel:

• Mangelhae Diagnosk und Therapie: Eine solche kommt vor allem in


Alten- und Pegeheimen vor, in denen kein Arzt angestellt ist. Die
Folge ist unter anderem die mangelhae Therapie von Risikofaktoren

85
 Strukturelle Gewalt 

wie Delir, Inkonnenz, Sturz und Depression. Dies hat zum Teil direkte
Konsequenzen für die Lebensqualität der Paenten/Bewohner/Klien-
ten – wie etwa mangelhae HNO-, opsche oder zahnärztliche Ver-
sorgung. Gute Rehabilitaonsplätze für mulmorbide alte Paenten
sind selten. Die personzentrierte Begleitung von geriatrischen Pa-
enten mit erhöhtem Delirrisiko ist kaum angedacht. Überleitungs-,
Entlassungs- bzw. Case-Management sind noch nicht überall imple-
menert.

• Mangelhae Lebensräume: Dies betrit besonders überdurchschni-


lich große Einrichtungen. Der Paent/Bewohner/Klient kann kaum
Eigentum bei sich haben, da ihm nur ein Kastenteil und ein Nachtkas-
ten zur Verfügung stehen. Die Gänge wurden architektonisch o re-
lav eng konzipiert und müssen aus feuerpolizeilichen Gründen frei
gehalten werden. Gelegentlich ist es schwierig, die Inmsphäre der
Paenten/Bewohner/Klienten nicht zu verletzen. Der Paent/Bewoh-
ner/Klient muss o jahrelang mit anderen Menschen in einem Raum
leben, die er sich als Mitbewohner nicht ausgesucht hat.

• Sicherheit vor Lebensqualität: Aus Angst (… wovor?) werden freiheits-


einschränkende Maßnahmen getroen. Es ist manchmal bequemer,
von Vornherein pauschal etwas zu verbieten, als jedes Mal überlegen
zu müssen, ob diesem Paenten/Bewohner/Klienten in dieser konkre-
ten Situaon zugetraut werden kann, sein Fleisch allein schneiden zu
können, in Begleitung einer Driperson einkaufen zu gehen etc. Dieses
Sicherheitsdenken kann eine bevormundende Posion fördern bzw.
Ausdruck einer solchen Posion sein: „Ich weiß, was für dich gut ist“:
Wir haben Paenten, wenn wir denen nicht mit Gewalt … zu trinken gegeben
häen, die wären schon längst weg … (Pegeperson, zit. in Förster 2008, 67)

Eine andere Spielart der Maxime „Sicherheit vor Lebensqualität“ ist


die erzwungene Heimeinweisung. Das Angebot an alternaven Betreu-
ungsformen wie zum Beispiel Wohngemeinschaen und Generaons-
häusern ist sehr begrenzt. Die Möglichkeiten der Hauskrankenpege
sind durch sehr enge Budgeerungsvorschrien schnell erschöp.
Bauliche Rahmenbedingungen können ebenfalls freiheitsentziehende
Maßnahmen fördern, die dann wiederum
einen erheblichen Eingri in die Selbstbesmmung und Selbstständigkeit eines
Pegebedürigen dar[stellen]. (Bayerisches Staatsministerium 2006, 6)

86
 Strukturelle Gewalt in der Instuon 

Beispiele in diesem Zusammenhang:


• Das Licht im Gang ist zu dunkel, der Bewohner/Paent/Klient ndet
die Toilee nicht oder übersieht eine Türschwelle.
• Das Licht wird aus Kostengründen und gegen den Willen eines Be-
wohners/Paenten/Klienten im Zimmer abgedreht, obwohl er in
der Dunkelheit Angst hat und weglaufen möchte.
• Gibt es einen Tre- und Ruhepunkt (Nachtcafé) für Paenten/Be-
wohner/Klienten, die nachts spazieren gehen?
• Sind Gefahrenquellen wie Türschwellen en ernt worden?
• Müssen Zimmertüren in der Nacht geschlossen sein? Ein Oenlas-
sen könnte helfen, Ängste abzubauen.
• Sind Hilfsmiel wie Sensormaen, Hüschutzhosen, Bodenmatrat-
zen, Been mit extra Tiefstellung, Bewegungsmelder für Licht, die
Stürze verhindern, in ausreichendem Ausmaß vorhanden?

• Inhumane Arbeitsbedingungen: Darunter ist erstens das Vorenthalten


der Begleitung und Einführung von neuen Mitarbeitern und Schülern
(zum Beispiel durch Praxisbegleiter) zu verstehen, zweitens und vor
allem das Ausnützen von Pegepersonen, die in erster Linie Geld ver-
dienen müssen und sich ihren Arbeitsplatz nicht freiwillig aussuchen
können. Da sie auf den Arbeitsplatz angewiesen sind, akzeperen sie
es zum Beispiel, Lückenfüller im Dienstplan zu sein oder Überstunden
zu leisten, obwohl diese Dienste nicht mit einem Familienleben zu ver-
einbaren sind.

Wie viel Wertschätzung und Anerkennung erfährt dieses Personal?


Du schast dich da tot für die Menschen und dann kommt Null Dankbarkeit …
(Pegeperson, zit. in Förster 2008, 64)
Also ich kann mich nicht erinnern, dass mich meine PDL mal gefragt hat: ‚geht‘s
dir gut? Hast du irgendetwas auf dem Herzen?‘. ... Und das ist etwas, das ich ver-
misse. Oder … einfach mal ein Lob aussprechen. … so etwas kommt nicht. Man
kriegt …. immer nur vorgekaut, was nicht in Ordnung ist, was nicht funkoniert
und was schief gelaufen ist … (Pegeperson, zit. in Förster 2008, 83)

Wertschätzung und Lob sind aber notwendig für die eigene Wertschät-
zung und für die Eigenmovaon. Sie wirken gegen Gewaltanwendun-
gen, indem die geleistete Arbeit anerkannt wird, was wiederum einem
„Ausbrennen“ der Pegeperson entgegenwirkt.
Die mangelnde Perspekve auf beruiche Weiterentwicklung kann
Frustraon und Demovaon fördern, die auch Grundlagen für das
Entstehen von Gewalt bilden.

87
 Strukturelle Gewalt 

Die aus Frustraon entstandene Aggression kann sich verlagern und verschie-
ben und somit eine andere Person treen als den eigentlichen Frustraonsaus-
löser. (Seidel 2007, 45)

Die frustrierte Pegeperson wandelt, bei entsprechender Persönlich-


keit, ihre negave Frustenergie in Aggression gegen Schwächere um.
Fällt es nicht in den Aufgabenbereich der Pegedienstleitungen, für
eine entsprechende Personalentwicklung zu sorgen? Diese Aufgabe
wird sie wahrscheinlich nur wahrnehmen, wenn ihr ihre Mitarbeiter
etwas wert sind und sie diese nicht nur unter dem Aspekt der Funk-
onstüchgkeit betrachtet (vgl. Förster 2008, 93).
[J]e autoritärer der Führungssl der Vorgesetzten gegenüber den Mitarbeitern
ist, desto autoritärer werden auch die Mitarbeiter gegenüber den Paenten. Die
Gewalt wird an die Nächstschwächeren weitergegeben. (Seidel 2007, 35)

• Unzureichende Kontrollinstanzen: Die Kontrollinstanzen sind zwar vor-


handen, jedoch werden die Kontrollen erstens o vorangemeldet und
zweitens nur hinsichtlich besmmter Aspekte durchgeführt. Es kommt
vor, dass die Kontrollorgane selbst sagen: „Ja, ich sehe, dass die Pege-
qualität smmt, aber es wird nicht exakt genug dokumenert!“ Diese
zunehmende Bürokrasierung kann auf das Pegepersonal sehr zer-
mürbend wirken, besonders wenn die Personalressourcen knapp sind.
Die Organisaonskultur kann so einengend sein, dass Mitarbeiter sich
nicht trauen, beobachtete Gewaltanwendungen zu melden, da sie ers-
tens Angst um ihren eigenen Arbeitsplatz und zweitens Angst vor Mob-
bing und dem Vorwurf des Verrates haben.

• Monetäre Einschränkung vor professioneller Picht: Die wünschens-


werte Vorrangigkeit von prävenven und rehabilitaven Maßnahmen,
die Lebensqualität gewährleisten und Pegebedürigkeit vermeiden,
kann in Widerspruch zu wirtschalichen Zielsetzungen des Pegehei-
mes treten. Denn durch gelungene rehabilitave Maßnahmen kann
(und soll!) der Fall eintreten, dass ein alter Mensch verloren gegange-
ne Fähigkeiten wieder erlangt. Dies führt in der Regel zu einer geringe-
ren Pegestufe, wodurch die Instuon weniger Geld erhält.

• Unzureichender Personalschlüssel: Markus Breitscheidel schätzte 2005,


dass in Deutschland die Altenpegekräe rund neun Millionen Über-
stunden leisten, was umgerechnet in Vollzeitstellen ca. 5.000 Stellen
entspräche (vgl. Breitscheidel 2005, zit. in Seidel 2007, 24). Wie über-
fordert und frustriert muss das Altenpegepersonal sein!

88
 Strukturelle Gewalt in der Instuon 

[Die Kollegin] hae gerade zehn Tage am Stück am Buckel. Jeden Tag Schicht-
dienst, Wechseldienst, war ausgepowert. Die war vollkommen ausgepowert
diese Frau. (Pegeperson, zit. in Förster 2008, 91)

Diese Überbelastung hat eine enorme Rückwirkung auf die gesamte


Familie, wo doch bekannt ist, wie negav sich bereits normale Schicht-
dienste auf das Familienleben und die Freizeit auswirken. Eine akute
Gefahr von Gewaltanwendung besteht besonders dann, wenn
die Überforderungssituaonen lang andauern und in mehreren Bereichen be-
stehen, wenn Gefühle der Ausweglosigkeit vorherrschen und die Honung auf
eine Änderung der Situaon aufgegeben wurde. (Seidel 2007, 53)

Die permanente Überforderung führt zu Reizbarkeit, einem Gefühl der


Niedergeschlagenheit und der Resignaon, Verlust der Empathie, kör-
perlicher, geisger und emoonaler Erschöpfung, besonders dann,
wenn die Pegeperson ein Helfer-Syndrom hat. Dieses Bündel von
Ursachen, die sich gegenseig beeinussen, kann wiederum zu Ag-
gression gegen die und zu Gewalaten an den alten Menschen führen.
Die Pegepersonen sind Opfer und Täter zugleich.
Der durch Personalmangel entstehende Zeitdruck kann dazu führen,
dass nur die nögsten Pegehandlungen (Pegequalitätsstufe 1) durch-
geführt werden. Kurzfrisg können Pegepersonen damit gut umge-
hen, aber nicht, wenn ihre Überbelastung dauerha zur Kompensaon
des Personalmangels dienen soll. Sie geraten in Intrarollenkonikte
und Angst entsteht: „Ich bin den Anforderungen nicht gewachsen.“
Der Verantwortungsdruck steigt.
Es fehlt nicht nur grundsätzlich an Personal, sondern auch der Schlüs-
sel zwischen diplomierten Gesundheits- und Krankenpegepersonen
und dem Pegehilfepersonal bzw. zwischen Pegehilfe und Heimhilfe
ändert sich häug aus Kostengründen zu Gunsten des weniger quali-
zierten Personals.
«Aus Spargründen wird das Pegefachpersonal zunehmend durch weniger qua-
liziertes ersetzt», krisiert Elsbeth Wandeler, Geschäsleiterin des Schweizeri-
schen Berufsverbandes für Pegefachfrauen und Pegefachmänner (SBK). So
werde zunehmend ausländisches Personal, vermehrt aus europäischen Ländern
und aus Asien, zu einem eferen Stundenansatz beschäigt. Diese Pegerinnen
seien jedoch im Umgang mit hochbetagten, gebrechlichen und mental einge-
schränkten Heimbewohnerinnen o überfordert – nicht nur aus sprachlichen
Gründen. «Wer Demenzkranke pegt, müsste auch den kulturellen Hintergrund
der Paenten kennen.» (Bühlmann 2009)

89
 Strukturelle Gewalt 

Diese zunehmende Ersetzung von Pegefachpersonal durch weniger


qualiziertes Personal ist nichts anderes als eine (versteckte) Raona-
lisierung, die zu einer weiteren Belastung des Personals führt, denn je
weniger Fachwissen über geriatrische Erkrankungen, insbesondere über
Verhaltensauälligkeiten von Menschen mit Demenz, vorhanden ist,
desto größer ist die Gefahr der Überforderung des Personals. Wenn Fach-
wissen fehlt, verwechseln Pegepersonen o Nicht-Können mit Nicht-
Wollen: Die Pegeperson glaubt, der Mensch mit Demenz will nicht, tut
etwas mit Absicht nicht usw. Er kann aber nicht aufgrund seiner Demenz.
Es kann dann sehr leicht zu Machtdemonstraonen sowohl auf Seiten
des Menschen mit Demenz als auch auf Seiten der Pegeperson kom-
men. Eine Vertrauensbasis, die Grundvoraussetzung für ein Miteinander
anstelle eines Gegeneinanders ist, kann nicht aufgebaut werden.
Die meisten Trägerorganisaonen in Wien halten sich genau an die
personellen Mindeststandards für das Betreuungs- und Pegeperso-
nal des § 4 (1) der Durchführungsverordnung zum Wiener Wohn- und
Pegeheimgesetz. Das Gesetz deniert die personellen Mindeststan-
dards, sagt aber nichts über die normale Arbeitszeit der jeweiligen Be-
rufsgruppen: 39, 40 oder mehr Stunden, die je nach Heimträger unter-
schiedlich sein kann.

Drei Aspekte der strukturellen prozesshaen Gewalt werden etwas sel-


tener genannt: Der Einsatz von elektronischen Überwachungen, mehr-
fache Umzüge innerhalb einer Einrichtung sowie die Kommunikaons-
kultur eines Unternehmens (zu letzterem s. zum Beispiel auch Hirsch
2001, 19 f.):

• Was die elektronische Überwachung betrit, soll hier im Rahmen von


struktureller Gewalt nur ein Aspekt kurz angeschnien werden. Nicht
der Einsatz als solcher ist in Frage zu stellen, dieser ist ja neutral, son-
dern das Ziel des Einsatzes in einer Alten- und Pegeeinrichtung. Wer-
den die Bewohner vor einer möglichen Selbstgefährdung geschützt
oder ist die elektronische Überwachung vielmehr ein Miel, um Per-
sonalkosten zu sparen?

• Zum Thema der mehrfachen Umzüge: In einigen großen Pegeheimen


werden die Menschen mit Demenz zuerst auf einer Aufnahmestaon
aufgenommen, wo eine Triage sta
indet: Welche Betreuung benögt
der Paent – ambulante, teilstaonäre, reakvierende und rehabilita-
ve Pege oder doch die Betreuung einer Pegestaon? Kommt der
Paent auf eine reakvierende und rehabilitave Staon, darf er dort

90
 Strukturelle Gewalt in der Instuon 

bleiben, solange er noch gehen kann. Verschlechtert sich sein Zustand


(was nahezu zwangläug geschieht, da Demenz eine fortschreitende
unheilbare Krankheit ist), wird er verlegt. Eine Person, die in einer Krise
ist und die sich aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr adaperen kann,
wird also mit mindestens drei verschiedenen neuen Umgebungen mit
je verschiedenen Betreuungspersonen konfronert.
Ein anderes Problem in diesem Zusammenhang sind die bereits zum
Teil angesprochenen Verlegungen innerhalb einer Staon aufgrund von
Aufnahmen und Abgängen. Srbt in einem zentral geführten Haus zum
Beispiel eine Person in einem Zweibezimmer, wo beide Menschen
eine fortgeschriene Demenz haen, wird innerhalb von 24 Stunden
eine neue Aufnahme vorbereitet. Die Neuaufnahme (die nächste Per-
son auf der Warteliste) ist aber eventuell eine hochbetagte Person
ohne Demenz. Es ndet eine Beenrochade sta.
Diese mehrfachen Umzüge sind ein Risikofaktor für Sterblichkeit.

• Fragen, welche die Kommunikaonskultur eines Unternehmens be-


treen, sind zum Beispiel:
• Können sich Pegepersonen, wenn sie zum Beispiel beruiche Pro-
bleme haben oder emoonal überbelastet sind, an ihre Vorgesetz-
ten wenden?
• Werden Entscheidungen erklärt? Werden Pegepersonen in die
Entscheidungsndung der sie betreenden Belange miteinbezo-
gen? Dürfen sie mitgestalten und Ideen einbringen? Werden sie in
die pegerische Ursachenanalyse und bei der Suche nach und An-
wendung von Alternaven miteinbezogen? Werden Ängste und Vor-
behalte, die durch Erneuerungen eintreten können, ernst genom-
men und durch Informaon abgebaut?
• Dürfen Aggressionsereignisse dokumenert werden? Gewalt, die
nicht dokumenert werden darf, wird mit der Zeit o nicht mehr als
solche eingeschätzt. Es ndet eine Desensibilisierung sta und ei-
gene Aggressionsmuster werden nicht mehr wahrgenommen.
• Wird Supervision als Emoons- und Reexionsarbeit angeboten?
• Sind interdisziplinäre Besprechungs- und Kommunikaonsstruktu-
ren vorhanden und werden sie genutzt?
• Sind die jeweiligen Verantwortlichkeiten klar geregelt?

Ein anderes Problem der Kommunikaon wird dann ersichtlich, wenn


hochbetagte mulmorbide Paenten/Bewohner/Klienten Zeugen von
Gewalt werden und darüber berichten wollen. Thomas Görgen nennt
fünf Faktoren, die in mehrfachem Sinne die Meldungen erschweren:

91
 Strukturelle Gewalt 

Erinnerungen und wahnhae Vorstellungen überlagern und vermischen sich bei


demenzkranken Bewohnern.
Viele können sich schlecht oder gar nicht dierenziert arkulieren.
Erinnerungen an Ereignisse, deren Zeuge die Person wurde, sind infolge geis-
ger Abbauprozesse nicht vorhanden oder nicht mehr verfügbar.
Sofern es sich um Angehörige des Pegepersonals als Täter handelt, sind die al-
ten Menschen als Zeugen infolge ihrer Abhängigkeit von den Pegkräen leicht
einzuschüchtern und zu manipulieren.
Pegebedürigen Heimbewohnern wird in der Regel eine geringe Glaubwürdig-
keit zugesprochen. (Görgen 1999, 82)

Dies düre umso mehr zutreen, je rigider die Organisaonsstruktu-


ren sind, je geringer qualiziert das Pegepersonal ist und je weniger
Vertrauensbeziehungen aufgebaut worden bzw. erwünscht sind. Hoch-
betagte mulmorbide Paenten/Bewohner/Klienten können o nur
mehr nonverbal ihre Ängste ausdrücken. Sie werden insnkv versu-
chen, sich mit Schreien, Kratzen, Treten und Abwehren zu schützen,
um die beobachtete Gewalt nicht am eigenen Leib zu erleben. Die Ge-
fahr dabei ist, dass die Gewaltopfer dann als Auslöser von Gewalt gel-
ten, dass nicht hinterfragt wird, wie es zu dieser schwierigen Situaon
gekommen ist. Nicht die Situaon wird als schwierig eingestu, son-
dern der Paent. Dies wird auch im Team untereinander so kommuni-
ziert: „Herr Mayer ist der Gewaltausübende.“
Daraus entwickelt sich eine Tratsch- und Klagerunde – Klagen über die Paen-
ten, die zu ,Feinden‘ werden. (Petzold 1990, zit. in Görgen 1999, 93)

Es entwickelt sich eine Gewaltspirale. Das Pegepersonal reagiert


dann eventuell mit missbräuchlichen Medikamentengaben und frei-
heitseinschränkenden Maßnahmen. Alle Beteiligten sind in einen Teu-
felskreis geraten.
[D]as wechselseige Zusammenspiel der ungünsgen Verhaltensweisen bildet
o einen Teufelskreis, in dem beide gefangen sind, solang keiner von beiden ver-
sucht, das Muster zu durchbrechen, oder solang falsche Lösungswege einge-
schlagen werden. (Ruthemann 1993, zit. in Seidel 2007, 31)

Der alte mulmorbide Mensch mit Demenz jedoch kann sein Verhal-
ten nicht mehr ändern.

92
 Ein Beispiel 

6.3 Ein Beispiel18


Im Haus Bruno stellt sich die Situaon folgendermaßen dar: 528 Wochen-
stunden des Pegepersonals dividiert durch 39 Wochenstunden Arbeits-
zeit, ohne Fehlzeiten, ergibt 13,53 Vollplanstellen für 23 Bewohner. Dies
ergibt einen Pegepersonalschlüssel von 0,59 Vollplanstellen pro Bewoh-
ner. Die tatsächlichen Pegepersonalfehlzeiten betrugen 2005 für die Sta-
on 22 %, obwohl es keine Amtswege- oder Pegeurlaubsstunden gab
(die Pegepersonen haben entweder noch keine Familie oder die Kinder
sind älter als 15). Die Gesam ehlzeiten der Staon lagen bei 21 % aller
Kalendertage, während die Geschäsführung grundsätzlich von einem
18 %igen Fehlzeitanteil ausgeht. Ein möglicher Grund für Fehlzeiten könn-
te in der Überforderung des Pegepersonals liegen. Einige Bemerkungen
lassen darauf schließen, wie zum Beispiel:
Ich muss ef Lu einatmen, bevor ich in ein Zimmer pegen gehe, wenn ich ein
paar Tage hintereinander in der Pege täg bin. (Protokoll vom 9. 12. 2005)
Ich gehe immer wieder für ein paar Tage in Krankenstand, weil ich es nicht
schae. (Protokoll vom 19. 12. 2005)
Ich spüre ein verstärktes Aggressionspotenzial in mir ... – gegen mich selbst – ...
weil ich nicht schae zu pegen, wie ich es möchte. (Protokoll vom 9. 1. 2006)

Die Fluktuaon auf der Staon 2005, die auch auf ein negaves Arbeits-
klima schließen lässt, führte zu zwei Neueinstellungen:
• Eine diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester trat mit März
2005 eine Teilzeitstelle an (und ging, wie unten zu sehen ist, mit De-
zember 2005 in Muerschutz).
• Eine diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester war im Januar
2005 mit 20 Wochenstunden täg geworden, ihr Posten wurde mit An-
fang April 2005 zu einer Vollzeitstelle ausgebaut.
und sechs Kündigungen bzw. Abgängen:
• Eine diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester in Teilzeit musste
Anfang Dezember 2005 frühzeigen Muerschutz in Anspruch nehmen.
• Eine diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester wurde mit Ende
Oktober 2005 entlassen, da sie die notwendige Voraussetzung, um in
Österreich eine Arbeitsbewilligung zu erhalten, nicht rechtzeig erfüllt
hae.

18 Zur Wahrung der Anonymität wurden sowohl der Name der Instuon als auch die Namen der
Mitarbeiter geändert.

93
 Strukturelle Gewalt 

• Eine Pegehelferin kündigte mit Ende September, da sie sich zu einer


diplomierten Gesundheits- und Krankenschwester weiter ausbilden,
dabei aber keine Arbeitsverpichtung eingehen wollte.
• Eine geringfügig angestellte diplomierte Gesundheits- und Kranken-
schwester kündigte ihren Dienst mit Ende Juni 2005, da sie Familie und
Beruf nicht miteinander vereinbaren konnte.
• Eine diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester und eine Pe-
gehelferin kündigten mit Ende März 2005, da sie andere Berufspläne
verfolgten.

Diese hohe Fluktuaon erschwert die Konnuität und den Auau eines
Vertrauensverhältnisses in der Basispege. Beides ist aber Voraussetzung
für eine reibungslose Betreuung und Begleitung von mulmorbiden alten
Menschen, besonders wenn sie eine Demenz haben. Nur auf Grundlage
eines Vertrauensverhältnisses kann von Seiten des alten Menschen ein
als herausfordernd eingestues Verhalten vermieden werden.

Zwei Abteilungshelferinnen haben auf dem zweiten Bildungsweg die Aus-


bildung zur Pegehelferin absolviert. So konnte die eine bereits ab April
2005, die zweite ab Juni 2005 als Pegehelferin arbeiten. Sie wurden aber
als Abteilungshelferinnen nicht ersetzt, da sonst aufgrund der Durchfüh-
rungsverordnung – WWPG19 – § 6(2) das gesamte Betreuungs- und Pege-
personal erhöht häe werden müssen. Die 78 Wochenstunden der Ab-
teilungshelfer können allerdings wiederum nicht den Dienstplan
abdecken. Zusätzlich erschwerend kommt die bauliche Struktur der Sta-
on hinzu, die sich auf zwei Stockwerke erstreckt. Eine diplomierte Ge-
sundheits- und Krankenschwester, Frau Grubauer, berichtete:
Die Zivildiener sind überfordert. Deswegen gehen sie so o in Krankenstand.
Zusätzlich denken sie nicht ‚haushaltsmäßig‘ mit. Sie sehen vieles nicht. Somit
müssen die zwei Abteilungshilfen viel aufarbeiten, was liegen geblieben ist.
(Protokoll vom 9. 1. 2006)

Die tatsächlichen Fehlzeiten betrugen 2005 für die Zivildiener der Staon
21 %, bei jedoch sehr großen Schwankungen (von 10 % bis 53 %) im Ver-
lauf des Jahres.

19 Wiener Wohn- und Pegegesetz (WWPG) LGBl 15/2005 vom 29. März 2005. Das Landesgesetz-
bla für Wien, 31. Verordnung: Mindeststandards von Pegeheimen und Pegestaonen, aus-
gegeben am 29. Juni 2005 (Durchführungsverordnung zum Wiener Wohn- und Pegeheimge-
setz – WWPG). 15. Landesgesetz für Wien: das Wiener Wohn- und Pegeheimgesetz – WWPG-
ausgegeben am 29. März 2005.

94
 Ein Beispiel 

Dies bringt automasch Probleme mit sich: Da es nur zwei Abteilungs-


hilfe-Vollplanstellen (für den 2. und 3. Stock) gibt, müssen Pegepersonen
in deren Abwesenheit viel „Haushalts- und Hoteltägkeiten“ zusätzlich zu
ihren genuinen Pegetägkeiten übernehmen. Dies ist eine Vergeudung
von Material- und Personalressourcen, da einerseits die Pegepersonen
für solche Tägkeiten überqualiziert sind und anderseits die Pege- und
Hygienemiel aus Zeitmangel nicht richg eingesetzt werden können.
Das führt auch zu Spannungen innerhalb des Teams, wie ein Protokoll der
Teamsitzung vom 27. 10. 2005 verdeutlicht:
Mitarbeiter berichten Frau [Pegedienstleitung, Name en ernt M. W-L.], dass
in letzter Zeit häufig nur ein Abteilungshelfer oder Zivildiener für beide Ge-
schosse im Dienst ist, und dadurch viel Arbeit den Pegepersonen bleibt, vor
allem auch die Aufsicht der Bewohner in der Früh, während alle bei der Pege in
den Zimmern sind. Frau [Pegedienstleitung, Name en ernt M. W- L.] sagt, dass
der Stellenplan dafür bereits ausgeschöp ist. (Protokoll der Teamsitzung vom
27. 10. 2005)

Besonders nachdenklich smmt die Bemerkung: „vor allem auch die


Aufsicht der Bewohner in der Früh, während alle bei der Pege in den
Zimmern sind“. Denn diese Aussage lässt darauf schließen, dass üblicher-
weise die Abteilungshelfer und Zivildiener diese Aufsicht übernehmen.
Hierbei ist aber Folgendes zu bedenken: Auch wenn der Abteilungshelfer,
der im zweiten Stock Dienst leistet, die Bewohner und ihre Probleme gut
kennt und auch wenn Pegepersonen schnell zur Stelle sein könnten, da
sie sich in den Zimmern im selben Stock benden, stellt sich die Frage, ob
es wirklich die Aufgabe eines Hilfsdienstes (Abteilungshelfer oder Zivil-
diener) ist, die Aufsicht über Bewohner zu übernehmen. Diese Aufsicht
beinhaltet beispielsweise Sturzprävenon, aber auch die Flüssigkeitszu-
fuhr und Ermugung zum Trinken, da die Bewohner sonst nicht genug
Flüssigkeit zu sich nehmen würden. Sie sollen im Laufe des Vormiages
zusätzlich zum Frühstücksgetränk 500 ml Flüssigkeit (Tee oder Sa) zu sich
nehmen.
Die Zielsetzung der Abteilungshilfestelle lautet:
[Der Abteilungshelfer, M. W-L.] hat den Gesamtüberblick für Ordnung und
Sauberkeit auf der Staon und sorgt für ein ansprechendes Ambiente und eine
wohnliche Atmosphäre. (Stellenbeschreibung Stand 24. 2. 2005)

Sehr nachdenklich smmt auch ein Gespräch mit der diplomierten Ge-
sundheits- und Krankenschwester Frau Lanz, die sagte:

95
 Strukturelle Gewalt 

Es ist jetzt so: Um den Tagesablauf zu schaen, müssen wir Bewohnern das Früh-
stück im Be geben, vor dem Waschen, da sie sonst erst um 9.30 bzw. sogar
10.00 das Frühstück bekommen würden. Das kann aber nicht sein. (Protokoll
vom 19. 12. 2005)

Meiner [M. W-L.] Bemerkung, dass dieser Umstand zu mehr Pegebe-


dürigkeit, sta zum Erhalt der eigenen Fähigkeiten führt, smmt Frau
Lanz zu.
Aber es geht nicht anders. Dasselbe gilt für die Körperpege. Bewohner werden
gewaschen, da es nicht genug Zeit für Anleitung und Rhythmusanpassung gibt.
(Protokoll vom 19. 12. 2005)

Auf meine [M. W-L.] Anfrage an Frau Oberin Magenbauer20 vom


29. 12. 2005, „ob es Empfehlungen gibt, wie der Personalschlüssel für eine
Demenzstaon bei sicherer bzw. angemessener Pege aussehen soll“, er-
hielt ich folgende Antwort von Oberschwester Gabriele Thür:
Zur personellen Ausstaung:
Berechnungen oder Empfehlungen über erforderliches Pegepersonal für die
Demenzstaonen sind mir nicht bekannt.
In unserer angewendeten Personalbedarfsberechnung ndet sich die Betreuung
von Demenzkranken in der Beschreibung von Akvitäten des täglichen Lebens.
Unter Zuhilfenahme des Einstufungsschemas der Allgemeinen Pege werden
die Ressourcen der Bewohner den vorgegebenen Bedürfnisbereichen zuge-
ordnet.21

Ein Arbeitskreis hat 2004 Qualitätskriterien für die Betreuung dementer


Menschen in den Heimen Niederösterreichs erarbeitet. Diese wurden nie
oziell bekannt gegeben. In den Erläuterungen ist zu lesen:
Rechenbeispiel:
30 Bewohner der Pegestufe 6 = 16,5 Pegepersonen plus 1 Staonsleitung plus
4 Personen in der Beschäigung = 21, 5 Personen. Pro Heimbewohner stehen
0,72 Personen zur Verfügung. (Erläuterungen 2004, 4)

20 Generaldirekon der Unternehmung Wiener Krankenanstaltenverbund. E-Mail vom 29. 12. 2005.
21 Oberschwester Gabriele Thür; Unternehmung Wiener Krankenanstaltenverbund, Teilunterneh-
mung 4, Direkon Pegeheime der Stadt Wien: E-Mail vom 2. 1. 2006.

96
 Ein Beispiel 

Die Begründung lautet:


Es ist notwendig, zusätzlich zur schwierigen Körperpege (bei unprofessionel-
lem Vorgehen, o bedingt durch Zeitnot, wehrt sich der demente Mensch vehe-
ment dagegen) Personal für die psychosoziale Betreuung und für die Beschäi-
gung nach Arbeitsplatz zu berechnen. (Ebd.)

Eine Begründung, der ich [M. W-L.] fachlich nur zusmmen kann.
Bei einem orienerten Bewohner kann die Pegeperson die Pegemaß-
nahme ankündigen, fragen, ob der Bewohner damit einverstanden ist,
und ob sie diese Maßnahme jetzt durchführen darf. Diese Art der Kontakt-
aufnahme ist bei einem Bewohner mit Demenz nicht möglich. Die Pege-
person muss jedes Mal von Neuem versuchen, eine Beziehung zur inne-
ren Welt des Bewohners aufzubauen. Erst wenn es durch den Kontakt
gelingt, Vertrauen zu gewinnen, kann die Pegeperson überlegen, ob die
Pegemaßnahme jetzt mit dem Bewohner durchführbar ist.
Ein Beispiel: Pegeperson Frau Mayer möchte die Bewohnerin Frau Kon-
rad bei der Körperpege anleiten und ihr helfen. Dies wird nur möglich
sein, wenn Frau Konrad nicht gerade „ihre Kinder von der Schule abholen
muss“. Sonst kann die Körperpege nur gegen den Willen von Frau Konrad
und mit allen daraus resulerenden negaven Folgen sta
inden. Diese
Arbeitsweise – gegen die innere Welt von Frau Konrad – führt automa-
sch zu einem verstärkten Rückzug, da die äußere Welt für sie mit nega-
ven Signalen verbunden ist. Diese Pegeart – gegen den Willen von Frau
Konrad – widerspricht den Validaons-, Mäeuk- oder basalsmulieren-
den Gedanken und ist für beide Beteiligten kräeraubend und nicht zu-
friedenstellend.
Dieser immer wieder von Neuem aufzubauende Kontakt ist bei einem Be-
wohner mit Demenz sehr zeitaufwendig und muss in den Pegeaufwand
mit eingerechnet werden. Wie dies zeitlich zu erfassen ist, kann nur in der
konkreten Situaon festgestellt werden. Dies hängt einerseits von der Er-
fahrung, Kommunikaonskompetenz und Qualikaon der Pegeperson
und anderseits vom Bewohner und vom Stadium der Demenz ab.

Den oben genannten Personalschlüssel bestägt auch Primaria Marina


Kojer22 in einem E-Mail vom 6. 1.2 006:
Ich bin selbst einmal [...] durch Berechnung des durchschnilichen Zeitaufwands
für die Pege und Betreuung hochbetagter Demenzkranker meiner Abteilung zu
einem ähnlichen Ergebnis (Pegeschlüssel 1:07) gekommen.

22 Geriatriezentrum am Wienerwald – GZW, ehemaliger Abteilungsvorstand Pavillon 7, 1. Med. Ab-


teilung für palliavmedizinische Geriatrie.

97
 Strukturelle Gewalt 

Die Pegepersonalberechnung mit einem zugrunde liegenden Personal-


schlüssel von 0,70 Pegepersonen pro Bewohner mit Demenz scheint
demnach sehr realissch.

Wenn wir diese Überlegungen nun wieder an die Situaon im „Haus


Bruno“ zurückbinden, lässt sich Folgendes festhalten: Die Einhaltung der
Mindestpersonalbesetzung laut Wiener Wohn- und Pegegesetz ohne
Berücksichgung der eekven Gesam ehlzeiten und der Pegequalität
auf der Staon führen einerseits zu einer Überforderung des Personals
und anderseits zu einer Pege, die die Bewohner zur Belägerigkeit
zwingt. Die Organisaon schat durch ihre Personalpolik bewusst Rah-
menbedingungen, die Gewaltanwendungen nicht nur zulassen, sondern
auch fördern. Hier ist das Personal Täter und Opfer zugleich.

7. Lösungsansätze gegen personelle und


strukturelle Gewalt in der Institution –
Geriatrische Gesundheitsförderung 23
„Nichts kann den Menschen mehr stärken
als das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt.“
Paul Claudel (1934): Ecoute ma lle.

Personen mit Demenz bezahlen einen sehr hohen Preis, wenn tagtäglich
kräeraubende „Machtkämpfe“ sta
inden. Das Leben wird zur Qual. Die
Personen mit Demenz reagieren mit Abneigung sowie Abwehr, und es
zeichnet sich eine Zunahme der Fälle von Mulmorbidität in dieser Situa-
on ab. Das Bedürfnis nach Geborgenheit, Sicherheit und Sich-Verlassen-
Können wird nicht gedeckt. Sie werden o menschenverachtend behan-
delt, und die Integrität ihrer Persönlichkeit wird nicht anerkannt. Daher
treten Personen mit Demenz o den Rückzug in ihre innere Welt an, um
die Realität aushalten zu können.
Doch auch die Pegepersonen leiden unter diesen Koniktsituaonen
und haben darüber hinaus häug das Gefühl, aufgrund struktureller
Zwänge gar nicht anders handeln zu können.

23 Die folgenden Ausführungen stellen eine überarbeitete Fassung des Kapitels „Geriatrische Ge-
sundheitsförderung“ der Dissertaon von Monique Weissenberger-Leduc dar (vgl. Leduc 2007,
297–361).

98
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Unmielbare Auslöser/ mielbare Auslöser Wirkung Konsequenzen


Agiertheit
Beziehung Bewohnerin 1
Unerfüllte Aggressivität
Bedürfnisse
Fehlinterpretaon Umhergehen
Bewohnerin Vokale Pegende 2
Unbehagen
Störungen
(Discomfort)
Passivität
Umgebung Andere 3
usw.

 Ursachen- und Wirkungszusammenhänge von herausforderndem Verhalten (Halek u.


Bartholomeyczik 2006, 57, angelehnt an King 2005).
 Legende:
Bewohnerin 1: Stress, Frustraon, Stürze, Schlafstörungen, Gewichtsverlust, schlechte
Lebensqualität u. v. m.
Pegende 2: Stress, Frustraon, Belastung, Burn-out, Unzufriedenheit u. v. m.
Andere 3: Steigende Kosten, höherer Pegebedarf und -aufwand.

Wollen die Bürger eine Entwicklung in Richtung Humanisierung und Nor-


malisierung der Lebensqualität der betroenen Personen mit Demenz
unterstützen, so müssen sie unter anderem den österreichischen Staat in
die Picht nehmen. Österreich hat, als Mitgliedstaat der WHO, im Rah-
men der im Mai 1998 verabschiedeten „Weltgesundheitserklärung“ fol-
gende Verpichtung unterschrieben und sich festgelegt, „durch relevante
regionale und naonale Konzepte und Strategien“ (WHO 1999, v) dieser
Verpichtung Wirkung zu verleihen:
Wir, die Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisaon (WHO), bekräigen
unsere Verpichtung auf das in der WHO-Satzung verankerte Prinzip, daß es zu
den Grundrechten eines jeden Menschen gehört, sich der bestmöglichen Ge-
sundheit erfreuen zu können, und damit bekräigen wir zugleich die Würde und
den Wert einer jeden Person und die für alle geltenden gleichen Rechte, aber
auch das Prinzip, daß alle die gleichen Pichten und Verantwortlichkeiten für die
Gesundheit haben. (WHO, 1999, v)

Hilfreich bei der Umsetzung könnte eine eziente geriatrische Gesund-


heitsförderung sein, die wir im Folgenden hinsichtlich ihres Gewalt ver-
hindernden Potenals untersuchen wollen.

Ein zentraler Aspekt im Rahmen eines personzentrierten Menschenver-


ständnisses und der Pegephilosophie ist das Vertrauen in individuelle
und gemeinschaliche Ressourcen und Potenziale. Egal wie krank, egal
wie entstellt ein Mensch sein mag, er bleibt ein Mensch, der posive

99
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Handlungsbeiträge einbringt und eine innere Kra besitzt (wie auch im-
mer sie genannt wird). Diese innere Kra als Prozess ist eine Ressource,
die ein Leben lang anhält. Die Aufgabe des Pegepersonals besteht darin,
die jeweilige innere Kra zu erkennen und zu unterstützen.
The nursing role with older people who are ill or dependent is widely accepted,
but for nurses to engage in health promoon work, with this age group is oen
regarded as a ‚challenge‘. (Redfern u. Ross 2004, 195)

Um dieser Aufgabe nachkommen zu können, scheint die Verknüpfung von


Paenten- und Personalorienerung unverzichtbar zu sein. Petra Bot-
schaer-Leitner weist darauf hin,
daß eine Umsetzung von mehr Paentenorienerung scheitern muß, wenn
nicht die Bedürfnisse des Krankenpegepersonals mit in die Überlegungen ein-
bezogen werden. (Botschaer-Leitner 1982, 40)

Beide Aussagen zusammen können als Grundlage für einen Lösungsan-


satz dienen.
Die daraus resulerenden Fragen sind vor allem:
• Was bedeutet die Umsetzung einer ezienten geriatrischen Gesund-
heitsförderung für die Personen mit Demenz?
• Was bedeutet die Umsetzung einer ezienten geriatrischen Gesund-
heitsförderung für das Personal?
• Was bedeutet die Umsetzung einer ezienten geriatrischen Gesund-
heitsförderung für die Organisaon?
• Welche Maßnahmen/Änderungen müssen getroen/vorgenommen
werden?

Bevor auf diese Fragen im Einzelnen eingegangen wird, sollen zunächst


die Begrie Gesundheit und Gesundheitsförderung operaonalisiert wer-
den, um den Rahmen der Diskussion in dieser Arbeit abzustecken.

7.1 Begriffsbestimmungen
7.1.1 esundheit
Die erste Gesundheitsdenion der WHO ndet sich bereits in ihrer Ver-
fassung aus dem Jahre 1946 (in Kra getreten 1948):
Gesundheit ist der Zustand des völligen körperlichen, seelischen und sozialen
Wohlbendens und nicht nur das Freisein von Krankheit oder Gebrechen. (WHO
2009, 1)

100
 Begrisbesmmungen 

Diese Denion schließt erstmalig den holisschen Ansatz bzw. die


Ganzheitsbetrachtung inklusive Berücksichgung der bio-sozio-psycho-
logischen Komponenten mit ein. Der Begri der Gesundheit wird nicht
mehr rein körperlich betrachtet, sondern soll alle Akvitäten des täg-
lichen Lebens mit einbeziehen. Entsprechend ist Gesundheit nicht
gleichbedeutend mit Nicht-Kranksein, sondern diese Denion bezieht
auch das Gefühl des Wohlbendens mit ein. Jürgen Pelikan und Stefan
Wol u. a. allerdings krisieren, dass die Denion einerseits zu stasch
und anderseits nicht operaonalisierbar sei (vgl. Pelikan u. Wol 1999,
13 .).

Da die erste Denion von 1946 „ein Ideal aus(drückt), das das Ziel aller
gesundheitlichen Entwicklungstägkeiten sein sollte (d. h. Gesundheit als
ein Grundrecht des Menschen und als ein weltweites soziales Ziel)“, und
dadurch keine „objekve Meßgröße“ zur Verfügung stellt, hat man eine
„enger gefaßte Arbeitsdenion“ entwickelt (WHO 1999, 265):
Die Verringerung der auf erkennbare Krankheiten oder Störungen zurückzufüh-
renden Mortalität, Morbidität und Behinderung und die Verbesserung des sub-
jekv empfundenen Gesundheitszustands. (WHO 1999, 265)

In unserem Kontext bedeutet dies, dass Gesundheit bei Personen mit De-
menz hauptsächlich im Sinne von Wohlbenden verstanden werden
muss, da die Krankheit „Demenz“ nicht heilbar ist. Der Begri des Wohl-
bendens wiederum stellt für ein biomedizinisches Paradigma ein gewis-
ses Problem dar, da Wohlbenden nicht im üblichen Sinne messbar oder
objekvierbar ist.

Die biomedizinische, naturwissenschaliche Sicht des Begris „Gesund-


heit“ hat im Rahmen des Gesundheitssystems, der Zusammenarbeit zwi-
schen Staat, Arbeitgebern, Krankenkassen und Ärztescha eine hohe ge-
sellschaliche Bedeutung, die sich in Denk- und Entscheidungsprozessen
manifesert. Besonders deutlich wird dies bei der ärztlichen Diagnose-
stellung. Diagnossche Entscheidungen bilden die Grundlage für die Über-
nahme der „Krankenrolle“ und einer abgesicherten Leistungsgewährung
(vgl. Schwartz et al. 2003, 23 f.). Die soziale Einbindung von Gesundheit
und Krankheit in individuelle Lebensweisen und Lebenslagen hingegen
wird im biomedizinischen Denken eher ausgeblendet (vgl. Bundeszentrale
für gesundheitliche Au lärung 1996, 15 f.).
Konkret bedeutet das, dass das Erleben, die Empndungen der Person mit
Demenz mit ihrer jeweiligen Biograe, ihrer Persönlichkeit, ihren Bewäl-
gungsstrategien, ihren Gewohnheiten, Merkmalen und ihrem Alltag nicht

101
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

bzw. zu wenig berücksichgt werden. Tom Kitwood beschreibt dieses


Paradigma folgendermaßen:
Das Paradigma umreißt die Probleme, welche die Demenz umgeben, im wesent-
lichen auf eine technische Weise, wie es etwa ein Elektronikexperte mit einem
defekten Computer oder ein Mechaniker mit einem liegengebliebenen Fahr-
zeug tun würde. (Kitwood 2000, 63)

Der biomedizinisch orienerte Pegeprozess kann nur standardisiert,


vage und paentenfern gestaltet werden, da er das Erleben, die Empn-
dung der Person mit Demenz mit ihrer Persönlichkeit, ihrem Charakter,
ihren Gewohnheiten im Alltag und ihrem Hintergrund nicht berücksich-
gt. Die Einhaltung der rechtlichen Normen (GuKG 1997)24 sagt nichts
über die Ezienz der Pege im Sinne von Erhaltung oder Verbesserung
des Wohlbendens der Person mit Demenz, da diese Form der Ezienz
gar nicht vorgesehen ist. Solange die medizinische Forschung keinen
Durchbruch im Kampf gegen Demenzen erzielt, kann die Medizinpraxis
für die betroenen Paenten nur wenig tun.

Gerade für Personen mit Demenz (aber nicht nur für diese) erscheint uns
demgegenüber die Gesundheitsdenion der Pegetheorekerin Bey
Neuman treend zu sein: Sie betrachtet Pege aus der Systemperspekve
nach Bertalany (1968) und deniert Gesundheit folgendermaßen:
Gesundheit wird mit opmaler Systemstabilität gleichgesetzt, das heißt, mit
einem größtmöglichen Zustand des Wohlbendens, der zu einem besmmten
Zeitpunkt erreichbar ist. Gesundheit bewegt sich im Laufe des Lebens auf unter-
schiedlichen, wechselnden Niveaus innerhalb einer Bandbreite der Normalität
[…]. Gesundheit ist ein Ausdruck der Lebenskra, die für die Erhaltung und Stär-
kung der Integrität des Systems zur Verfügung steht. (Neuman zit. in: Schaeer
et al. 1997, 223)

Klaus Hurrelmann hat auf Grundlage unterschiedlicher Gesundheitsde-


nionen der verschiedenen wissenschalichen Disziplinen eine neue De-
nion erarbeitet:
Gesundheit ist ein Stadium, das einem Menschen Wohlbenden und Lebens-
freude vermielt. (Hurrelmann 2003, 94)

24 108. Bundesgesetz: Gesundheits- und Krankenpegegesetz – GuKG . Ausgegeben am 19. August


1997.

102
 Begrisbesmmungen 

Beide Denionen sollen uns als Grundlage dienen, da sie am besten ge-
eignet erscheinen, um den Wirkungsrahmen der Pege innerhalb der Er-
krankung Demenz zu beschreiben. Denn mit ihrer Hilfe kann sowohl das
subjekve Erleben und die Geschichte der betroenen Person berück-
sichgt als auch auf die Stärkung von vorhandenen Gesundheitspotenzia-
len fokussiert werden.

Darüber hinaus erscheint für die Pege von Personen mit Demenz ein
Merkmal des Rahmenkonzepts „Gesundheit für Alle“ relevant, das in der
Oawa Charta als Ziel formuliert wurde: Gesundheit als Prozess ist ein
Grundrecht und ein fundamentales Menschenrecht (vgl. WHO 1999, 16).
Die Anwendung des Menschenrechtsansatzes auf die Praxis der Gesundheits-
systeme ist für den Gesundheits- und für den Menschenrechtsbereich relav
neu. Er impliziert die Anerkennung einiger allgemeiner Rechte, die sich nicht ex-
plizit auf Gesundheit beziehen:
• das Recht auf Gleichbehandlung und Freiheit von Diskriminierung,
• das Recht auf freie, bedeutungsvolle und wirksame Teilhabe,
• das Recht, Informaonen zu verlangen und zu erhalten,
• das Recht, vom wissenschalichen Fortschri und seinen Anwendungen zu
proeren,
• das Recht auf eine gesunde physische und soziale Umwelt,
• das Recht auf reines Wasser, sichere Nahrung und geeignete Wohnung und
• das Recht auf Privatsphäre. (WHO 2005, § 92)

Diese Rechte haben zuletzt Einzug in die Rechtsnormen Österreichs ge-


funden, unter anderem ins Wiener Wohn- und Pegegesetz (WWPG) LGBl
15/2005 vom 29. März 2005 und ins Heimaufenthaltsgesetz (HeimAufG),
11. Bundesgesetz, ausgegeben am 27. Februar 2004.
Da Gesundheit von sehr vielen (sozio-ökonomischen, öko-kulturellen,
polischen, etc.) Faktoren abhängig ist, verlangt die Achtung des Rechts
auf Gesundheit die Einhaltung der Menschenrechte. Hierbei besteht ein
dreifacher Zusammenhang:
• Direkte Menschenrechtsverletzungen können eindeuge und o schwerwie-
gende Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroenen haben.
• Die Art der Gestaltung oder Umsetzung mancher öentlicher Gesundheits-
konzepte und -programme kann zu indirekten Menschenrechtsverletzungen
führen.
• Gesundheit ist direkt oder indirekt eine Voraussetzung für die meisten ande-
ren in internaonalen Verträgen anerkannten Menschenrechte. Bei beein-
trächgter Gesundheit kann es für Menschen schwierig sein, ihre Rechte als
vollwerge Mitglieder ihrer Gemeinscha auszuüben. (WHO 2005, § 94)

103
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Die beiden oben genannten Gesetze waren unter anderem eine Reakon
auf immer wiederkehrende Verletzungen der Menschenrechte von alten
und hochbetagten Menschen.

7.1.2 esundheitsförderung
Der Begri der Gesundheitsförderung der WHO, formuliert etwa in der
„Oawa-Charta zur Gesundheitsförderung“ (1986), handelt von Werten.
Gesundheitsförderung war und ist die Grundlage für ein umfassendes
Programm gesundheitsbezogener Intervenonen und für viele bis heute
anhaltende Diskussionen.
Die WHO deniert esundheitsförderung (Health Promoon) folgender-
maßen:
Der Prozeß, durch den der einzelne Mensch und die Gemeinscha dazu befähigt
werden, die Determinanten von Gesundheit besser zu steuern und dadurch ihre
Gesundheit zu verbessern. Ein dynamisches Konzept, das die Förderung von
Lebensweisen und anderen sozialen, wirtschalichen, umweltbezogenen und
persönlichen Faktoren umfaßt, die alle gesundheitszuträglich sind. Gesund-
heitsförderung zielt auf einen Prozeß, allen Menschen ein höheres Maß an
Selbstbesmmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stär-
kung ihrer Gesundheit zu befähigen. (WHO 1999, 266)

Die Oawa-Charta stellt eine Verbindung zwischen dem Begri der Ge-
sundheitsförderung und dem Begri des Wohlbendens her.
Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbenden zu er-
langen, ist es notwendig, daß sowohl Einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse
befriedigen, ihre Wünsche und Honungen wahrnehmen und verwirklichen so-
wie ihre Umwelt meistern bzw. sie verändern können. (WHO 1986)

Gesundheitsförderung basiert für die WHO vorrangig auf zwei Grundla-


gen und auf drei Werten. Bei den zwei Grundlagen handelt es sich um In-
tersektorialität und Empowerment. Intersektorialität bedeutet die Ein-
bindung von Gesundheit als Handlungsziel in eine Vielzahl von polischen
Bereichen; Empowerment wird als lebensweltbezogene Denion dar-
gestellt, d. h. als die Stärkung von Kompetenz in Bezug auf die eigene Ge-
sundheit (vgl. Schwartz et al. 2003, 182).
Die WHO deniert Empowerment for health folgendermaßen:
In health promoon, empowerment is a process through which people gain
greater control over decisions and acons aecng their health. (WHO 1998)

104
 Begrisbesmmungen 

Entsprechend soll Empowerment hier als professionelle Unterstützung


von Selbstbesmmung und Selbstgestaltung, als Entwicklungsprozess be-
trachtet werden:
Empowerment ist in diesem Wortsinn programmasches Kürzel für eine psycho-
soziale Praxis, deren Handlungsziel es ist, Menschen das Rüstzeug für ein eigen-
verantwortliches Lebensmanagement zur Verfügung zu stellen und ihnen Mög-
lichkeitsräume aufzuschließen, in denen sie sich die Erfahrung der eigenen
Stärke aneignen und Muster solidarischer Vernetzung erproben können. (Herri-
ger 2006, 11 f.)

Das Empowerment-Konzept verabschiedet sich von der Dezitoriene-


rung und richtet den Blick auf die Selbstgestaltungskräe. Mit ihm kon-
zentriert man sich auf die Fähigkeiten des Menschen. Eine der Fähigkeiten
der Person mit Demenz ist es, auf einer nonverbalen Ebene zu kommuni-
zieren. Die Aufgabe der Pegepersonen sehen wir entsprechend in der
Erschließung von Möglichkeitsräumen in der Mikrowelt des Pegealltags.
Sie sollen die Person mit Demenz bei dem Versuch, ihre Gefühle, ihr Erle-
ben, ihre Sorgen und ihre Freude auszudrücken, unterstützen. Die non-
verbale Kommunikaon ist als Ressource der Person mit Demenz zu be-
trachten, mit deren Hilfe Veränderungen in belastenden Ist-Situaonen
erreicht werden können. Unterstützung bedeutet in diesem Zusammen-
hang beispielsweise
• akves Zuhören,
• Wahrnehmung der nonverbalen Signale, die die Person mit Demenz
permanent sendet,
• Ermugung, eigene, vielfach verschüete, non-verbale Ressourcen
einzusetzen,
• Vertrauen in die Stärken jedes Menschen,
• Förderung der Selbstbesmmung, etwa bei dem Versuch, allein zu es-
sen, sich anzuziehen, auf die Toilee zu gehen,
• Vorzeigen, wie einfache Handlungen ablaufen, wie verschiedene Uten-
silien benützt werden,
• Erlauben der von den Gesellschasnormen abweichenden Verhal-
tensweisen, wie zum Beispiel das Essen mit den Fingern oder das Tragen
bunter Kleiderkombinaonen,
• Rhythmusanpassungen.

Die drei Werte, auf denen die Gesundheitsförderung der WHO vor allem
beruht, sind Folgende: Chancengleichheit, Solidarität und Teilhabe.

105
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

• Chancengleichheit (Equity) bedeutet,


dass die Gesundheitsdienste gerecht auf die Bevölkerung verteilt sind. Das be-
deutet, dass arme und andere vulnerable sowie gesellschalich an den Rand
gedrängte Gruppen Priorität erhalten. Auf Chancengleichheit beruhende Ge-
sundheitssysteme tragen zur Selbstbesmmtheit und zur gesellschalichen Ein-
beziehung solcher benachteiligten Gruppen bei. (WHO 2005, § 35)

Chancengleichheit in der Pege von Personen mit Demenz kann auf zwei
unterschiedliche Weisen verstanden werden:
Chancengleichheit in Bezug auf den Prozess:
Alle Personen mit Demenz sollen als Bürger die gleiche Chance auf den Zugang
zu Gesundheitsdiensten haben, die auf ihre individuellen Bedürfnisse zuge-
schnien sind. (WHO 2005, § 101)

Chancengleichheit in Bezug auf das Ergebnis: Die Rahmenbedingungen,


die der Staat unter anderem durch Gesetze, Finanzierung vorgibt, ermög-
lichen,
das gesundheitliche Potenzial von Angehörigen benachteiligter Gruppen auf das
Niveau der übrigen Bevölkerung zu bringen. (WHO 2005, § 101)

Für die Gesundheitspolik bedeutet die Chancengleichheit als norma-


ver25 ethischer Wert, dass sie die Rahmenbedingungen schaen muss, um
eine gerechte Verteilung von Ressourcen und Zugangsmöglichkeiten zum
Gesundheitswesen (die Pege von Personen mit Demenz gehört dazu) in
und unter verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Gleichzeig
muss sie dafür sorgen, dass jegliche Form von Diskriminierung verhindert
wird. Ob dies derzeit im österreichischen Gesundheitssystem der Fall ist,
ist zu bezweifeln, insbesondere solange die Budgeerung von intramura-
ler und extramuraler Pege in verschiedenen Händen liegt. Chancen-
gleichheit im Gesundheitswesen bedeutet auch, dass die Bereiche Ge-
sundheitsversorgung, Prävenon, Gesundheitsförderung und öentliche
Gesundheit gleichwerg behandelt werden. Derzeit ist es zum Beispiel
nicht möglich, besmmte medikamentöse Therapien im Frühstadium der
Demenzerkrankung einzusetzen, da die Krankenkasse in diesem Bereich
die Finanzierung von Gesundheitsleistungen durch die öentliche Hand
nicht vorsieht. Die Einnahme dieser Medikamente im Frühstadium der
Demenz ist dadurch von den nanziellen Ressourcen der Betroenen ab-

25 Normav: „Bezeichnung für wertende (evaluave) oder vorschreibende (präskripve) Urteile


oder sprachliche Ausdrücke.“ (Metzler Philosophie-Lexikon 1999, 406)

106
 Begrisbesmmungen 

hängig. Dies widerspricht eindeug dem Begri der Chancengleichheit,


wie ihn die WHO versteht.

• Solidarität
Im GFA26-Zusammenhang bedeutet Solidarität, dass jeder nach seinen Fähigkei-
ten zum Gesundheitssystem beiträgt. [...] Solidarität kann als ein Weg zur Siche-
rung von Chancengleichheit gesehen werden. (WHO 2005, § 36)

Hierdurch werden natürlich auch die Pegenden als Berufsgruppe ange-


sprochen. Eine zentrale Aufgabe professioneller Kranken- und Gesund-
heitspege ist in diesem Rahmen die Unterstützung der Personen mit De-
menz und ihres sozialen Umfelds, damit das Wohlbenden erhalten oder
sogar gefördert wird. Betrachtet man die Denion von professioneller
Pege, die für die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissen-
schaen (SAMW) entwickelt wurde, nden wir den WHO-Ansatz wieder:
Professionelle Pege fördert und erhält Gesundheit, beugt gesundheitlichen
Schäden vor und unterstützt Menschen in der Behandlung und im Umgang mit
Auswirkungen von Krankheiten und deren Therapien. Dies mit dem Ziel, für be-
treute Menschen die bestmöglichen Behandlungs- und Betreuungsergebnisse
sowie die bestmögliche Lebensqualität in allen Phasen des Lebens bis zum Tod
zu erreichen. (Spichiger et al. 2006, 51)

• Teilhabe
Die akve Beteiligung von Akteuren des Gesundheitssystems, darunter sowohl
Einzelpersonen als auch Organisaonen, verbessert die Qualität der Entschei-
dungsndung im Bereich öentlicher Gesundheit. (WHO 2005, § 37)

Teilhabe bedeutet auch, dass Personen mit Demenz ihre Zugehörigkeit zu


den Alltagswelten nicht abgesprochen wird. Das heißt, dass sie nicht in
„Gheos“ isoliert werden. Sie bedürfen genauso einer achtenden An-
erkennung durch die Gesellscha wie Menschen ohne eine Demenz. Sie
sind volle Mitglieder der Gesellscha und dadurch haben sie Anspruch
auf Chancengleichheit, Solidarität und Teilhabe.
Die drei Werte Chancengleichheit, Solidarität und Teilhabe wirken sich direkt auf
die Finanzierung des Gesundheitssystems, den Zugang zu Gesundheitsdiensten,
die Bemühungen um die Verbesserung der öentlichen Gesundheit und die
Entwicklung qualitav hochwerger Programme in diesem Sektor aus. (WHO
2005, § 38)

26 Gesundheitsförderungsansatz

107
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Wie sollen diese Werte nun umgesetzt werden? In der Oawa-Charta


werden drei grundlegende Strategien empfohlen: 1. Interessen vertre-
ten27, 2. Befähigen und Ermöglichen28, 3. Vermieln und Vernetzen29.
Konkreter formuliert, sind für ein „[a]kves, gesundheitsförderndes Han-
deln“ Maßnahmen in fünf Handlungsbereichen nög (WHO 1986):
• „Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolik“ (WHO 1986):
Darunter ist unter anderem die Frage der Ressourcenverteilung zu ver-
stehen: Wer zahlt wie viel wofür und wann? Wie viel ist die Altenbe-
treuung der Gesellscha wert?
• „Gesundheitsförderliche Lebenswelten schaen“ (WHO 1986): Bezo-
gen auf unser Thema bedeutet dies etwa Folgendes: Die Aufgabe der
professionellen Pege in der Pege von Personen mit Demenz muss
auf einer vertrauensvollen Beziehung zwischen betreuten Personen
mit Demenz und Pegepersonen beruhen, die wiederum auf Empathie,
Zuwendung, Einfühlungsvermögen und Anteilnahme basiert. Diese
oene Beziehung ermöglicht es, die Ressourcen beider Interakons-
partner wahrzunehmen und das Wohl beider zu en alten. Gemein-
sam suchen und xieren sie konkrete kurz-, miel- und langfrisge
Ziele, um die Lebensqualität beider zu unterstützen – die Lebensquali-
tät für die Person mit Demenz, aber auch Lebensqualität in der Arbeit
der Pegepersonen. Gesundheitsförderliche Lebenswelten zu schaf-
fen bedeutet, dass die Lebenswelten staonär betreuter Personen mit

27 „Ein guter Gesundheitszustand ist eine wesentliche Bedingung für soziale, ökonomische und per-
sönliche Entwicklung und ein entscheidender Bestandteil der Lebensqualität. Polische, ökono-
mische, soziale, kulturelle, biologische sowie Umwelt- und Verhaltensfaktoren können alle ent-
weder der Gesundheit zuträglich sein oder auch sie schädigen. Gesundheitsförderndes Handeln
zielt darauf ab, durch akves anwaltschaliches Eintreten diese Faktoren posiv zu beeinussen
und der Gesundheit zuträglich zu machen.“ (WHO 1986)
28 „Gesundheitsförderung ist auf Chancengleichheit auf dem Gebiet Gesundheit gerichtet. Gesund-
heitsförderndes Handeln bemüht sich darum, bestehende soziale Unterschiede des Gesund-
heitszustandes zu verringern sowie gleiche Möglichkeiten und Voraussetzungen zu schaen, da-
mit alle Menschen befähigt werden, ihr größtmögliches Gesundheitspotenal zu verwirklichen.
Dies umfaßt sowohl Geborgenheit und Verwurzelung in einer unterstützenden sozialen Umwelt,
den Zugang zu allen wesentlichen Informaonen und die En altung von prakschen Fergkeiten
als auch die Möglichkeit, selber Entscheidungen in bezug auf die persönliche Gesundheit treen
zu können. Menschen können ihr Gesundheitspotenal nur dann weitestgehend en alten, wenn
sie auf die Faktoren, die ihre Gesundheit beeinussen, auch Einuß nehmen können. Dies gilt für
Frauen ebenso wie für Männer.“ (WHO 1986)
29 „Der Gesundheitssektor allein ist nicht in der Lage, die Voraussetzungen und guten Perspekven
für die Gesundheit zu garaneren. Gesundheitsförderung verlangt vielmehr ein koordiniertes
Zusammenwirken unter Beteiligung der Verantwortlichen in Regierungen, im Gesundheits-, So-
zial- und Wirtschassektor, in nichtstaatlichen und selbstorganisierten Verbänden und Inia-
ven sowie in lokalen Instuonen, in der Industrie und in den Medien. Menschen in allen Lebens-
bereichen sind daran zu beteiligen als einzelne, als Familien und als Gemeinschaen. Die
Berufsgruppen und sozialen Gruppierungen sowie die Mitarbeiter des Gesundheitswesens tra-
gen große Verantwortung für eine gesundheitsorienerte Vermilung zwischen den unter-
schiedlichen Interessen in der Gesellscha.“ (WHO 1986)

108
 Begrisbesmmungen 

Demenz und die Arbeitswelt der Pegepersonen in einem Rahmen


sta
inden können, der das Wohlbenden aller Beteiligten berück-
sichgt. Die Trägerorganisaonen sind aufgefordert, Rahmenbedin-
gungen zu schaen, die physische, psychische, spirituelle, lebenswelt-
liche sowie soziokulturelle Erfahrungen der Bewohner und der
Mitarbeiter respekeren und ethische Richtlinien berücksichgen.
• „Gesundheitsbezogene Gemeinschasakonen unterstützen“ (WHO
1986): Darunter ist unter anderem zu verstehen, dass sich der Staat,
die Länder und die Gemeinden gemeinsam mit Experten der geronto-
psychiatrischen Betreuung und Pege Gedanken über den Ist-Zustand
und den Soll-Zustand der Altenbetreuung in 10, 20, 30 Jahren machen.
Welche Arten von Einrichtungen im weitesten Sinn müssen in 10, 20,
30 Jahren zur Verfügung gestellt werden, um den verschiedenen Be-
dürfnissen der Altenbetreuung zu entsprechen? Welche Pegeperso-
nen werden wir in 10, 20, 30 Jahren benögen, um beispielsweise Mi-
granten der zweiten oder drien Generaon betreuen zu können?
• „Persönliche Kompetenz entwickeln“ (WHO 1986): Hierin sehen wir
zum Einen die persönlichen und fachlichen Kompetenzen der Pege-
personen angesprochen. Zum Anderen aber sollte man nicht ver-
gessen, dass Personen mit Demenz im Lauf ihres Lebens Strategien
entwickeln, die es ihnen ermöglichen, Probleme, Krisen, Herausforde-
rungen und Überforderungen zu meistern. Diese Strategien gilt es in-
nerhalb des biograschen Assessments zu entdecken, wahrzunehmen
und im Alltag individuell zu nützen, um „dadurch den Menschen [zu]
helfen, mehr Einuß auf ihre eigene Gesundheit und ihre Lebenswelt
auszuüben und […] ihnen zugleich [zu] ermöglichen, Veränderungen in
ihrem Lebensalltag zu treen, die ihrer Gesundheit zugute kommen“
(WHO 1986).
• „Die Gesundheitsdienste neu orieneren“ (WHO 1986): In diesem Zu-
sammenhang ist die Frage zu stellen, ob wir (die Gesellscha, die Leis-
tungsträger, das Personal im Gesundheitswesen) zu einem Paradig-
menwechsel bereit sind.
Einem Paradigmenwechsel
• von einem vorrangig biomedizinischen, naturwissenschalich orien-
erten zu einem holisschen Gesundheitssystem;
• vom dezitorienerten zum ressourcenorienerten Pegeprozess;
• von einer Systemorienerung hin zu einer Personorienerung;
• von Paenten/Klienten/Bewohner-Orienerung zur Mitarbeiter-
und Paentenorienerung;
• von der Schwerpunktsetzung „Lebensunfähigkeit und Hilosigkeit“
zu Empowerment als dem „Ansen zur (Wieder-)Aneignung von

109
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Selbstbesmmung über die Umstände des eigenen Lebens“ (Herri-


ger 2006, 8);
• von einer nur wissenschasbasierten technisch-instrumentellen
Professionalität zu einer darüber hinaus personalen und auf sozia-
len Ressourcen basierenden Professionalität;
• von einer Förderung der Machtlosigkeit und Fremdbesmmung zur
Förderung der Selbstbesmmung;
• von der Frage: „Was macht Menschen krank?“ zur Frage: „Was er-
hält Menschen gesund?“

Die verschiedenen Ebenen der Gesundheitsförderung sind die Ebene der


Individuen, der Gruppen, der Instuonen, des Gemeinwesens und der
Polik. In dieser Arbeit interessieren uns insbesondere drei Ebenen: die
individuelle, personenbezogene Ebene (zum Beispiel Kompetenzförde-
rung), die gruppenspezische Ebene (Netzwerkförderung, Auau sozia-
ler Unterstützung, Verbesserung der Arbeitssituaonen) sowie die ins-
tuonelle Ebene (systemische Personal- und Organisaonsentwicklung,
betriebliche Gesundheitsförderung).

Person

Problem- und Ressourcen und


Risikostrukturen Potenziale
(interne und externe) (interne und externe)

Gesundheit:
Fähigkeit zur Problemlösung

Gesundheitsförderung:
Unterstützung und Förderung
dieser Fähigkeit

Prinzipien

Risikostrukturen Ressourcenarbeit Empowerment-


vermindern prozesse in Gang
setzen

 Modell der salutogenesch orienerten Gesundheitsförderung (Brieskorn-Zinke 2004, 94)


 Legende zur Abbildung:
Risikostrukturen vermindern: Umwelt, Arbeit, Leben etc.
Ressourcenarbeit: entdecken, fördern, erweitern, Dezite feststellen etc.
Empowermentprozesse in Gang setzen: befähigen und ermöglichen, vermieln und
vernetzen, Interessen vertreten.

110
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für die Personen mit Demenz 

7.2 Konsequenzen einer effizienten geriatrischen


Gesundheitsförderung für die Personen mit
Demenz

Dieser Aspekt kann in folgende Frage umformuliert werden: Was bedeu-


ten Wohlbenden bzw. Lebensqualität in der Pege von Personen mit
Demenz?
Empowerment unterstützt die Person mit Demenz bei der Suche nach
Kräen sowie nach eigener Wergkeit, die ein „besseres Leben“ ermög-
lichen. Worin ein „Mehr an Lebenswert“ besteht, kann nur die Person mit
Demenz im Rahmen ihrer Lebenseinstellungen, Prioritätenskalen, Grund-
überzeugungen besmmen. Ein „Mehr an Lebenswert“ ist dadurch eine
oene, individuelle, normave Form. Die Person mit Demenz wird (wie-
der) zur Regisseurin der eigenen Biograe und zur Expern in eigener Sa-
che. Die Gesundheitsförderung muss sich auf die Movaon und auf die
Erwartungen der Person mit Demenz beziehen. Parzipaon und Selbst-
ständigkeit werden gefördert.

Einige Faktoren scheinen unentbehrlich zu sein, damit eine gute Betreu-


ung im letzten Lebensabschni im intramuralen Bereich sta
inden kann:

• Eingehen auf die Bedürfnisse und/oder Ressourcen der Person mit De-
menz. Zum Beispiel Eingehen auf Bedürfnisse wie Nahrungsaufnahme
oder Nahrungsverweigerung, Respekt, Anerkennung der kulturellen
und spirituellen Wünsche oder soziale und emoonale Unterstützung
im Alltag. Die Wahrnehmung der nonverbalen Kommunikaon als Res-
source der Person mit Demenz, sich zu arkulieren und ihrem Willen
oder Unwillen eine Ausdrucksmöglichkeit zu geben. Was könnten Ag-
gressivität, rastlose Unruhe, Schreien oder Fluchendenz bedeuten?
Grundsätzlicher formuliert: Es soll ein Raum geschaen werden, in
dem der Bewohner als Person nicht nur wahr-, sondern auch ernst ge-
nommen wird, in dem er sich wohl fühlt und seinen Weg in seinem
Rhythmus gehen kann.

• Eine Umgebung schaen, die Berechenbarkeit, Sicherheit und Gebor-


genheit als Grundcharakterisk aufweist. Dies ist verbunden mit dem
Wunsch nach Inmsphäre und der Möglichkeit, Angehörige und Be-
kannte zu sehen. Dass eine intramurale Instuon ein „Zuhause“ er-
setzen kann, ist wohl unrealissch, aber ihre Mitarbeiter können sich
tagtäglich bemühen, adäquate Rahmenbedingungen zu erzeugen. Von

111
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

zentraler Bedeutung ist hierbei die Frage, inwieweit der Bewohner mit
Demenz seinen Tagesablauf selbst besmmen darf bzw. inwieweit die
Lebensgewohnheiten des Bewohners im Tagesablauf berücksichgt
werden.

• Unterstützung der Angehörigen, falls diese bereit sind, Kontakt zu pe-


gen, unter anderem durch Informaonen über den Krankheitsverlauf
und den Sterbeprozess oder durch Validaons- und Gesprächsrunden.
Verees Wissen hil, Situaonen klarer zu sehen und Varianten zu
analysieren. Dies soll ihnen ermöglichen, Entscheidungen des Bewoh-
ners mitzutragen oder diese im Sinne des Bewohners zu treen (be-
sonders, wenn sie dessen Sachwalter sind).

• Individuelle fachkompetente Betreuung. Sie ist direkt abhängig vom


Betreuungsteam und beinhaltet zum Beispiel die genaue Evaluaon
der täglichen Wünsche, Ressourcen und Bedürfnisse des Bewohners
sowie die Fähigkeit, akv zuzuhören. Ein weiterer Faktor der Betreu-
ungsqualität besteht darin, prägende Ereignisse der Lebensgeschichte
des Bewohners zu kennen (Angehörige als Informaonsträger), Co-
pingstrategien, die der Bewohner im Lauf seines Lebens entwickelt
hat, zu verstehen und ihre Umsetzung in der Bewälgung des Heute
und Hier nachvollziehen zu können. Wenn Herr Katzenberger sehr
stolz darauf ist, was er in seinem Leben erreicht hat (er ist vom einfa-
chen Hilfsarbeiter zum Kommerzialrat aufgesegen und hat immer
sehr viel Wert darauf gelegt, mit „Herr Kommerzialrat“ angesprochen
zu werden), dann kann und darf das Betreuungspersonal nicht versu-
chen, dadurch eine Kommunikaon aufzubauen (die noch dazu als
Vertrauensbasis dienen soll), dass es ihn mit „Papi“ anspricht. Hin-
gegen wenn Frau Perl mit Leib und Seele Kindergärtnerin war, dann
wird sie heute das Betreuungspersonal sehr wahrscheinlich als „ihre“
Kindergartenkinder betrachten. Hier wird das Personal eine Beziehung
auauen können, wenn es sie respektvoll mit „Tante Poldi“, wie sie in
ihrem langjährigen Berufsleben genannt wurde, anspricht. Möglicher-
weise wird man sie in die Bastelrunde, die die Dekoraon für die Feste
vorbereitet, einbeziehen können, denn das hat sie ihr Leben lang gerne
gemacht. Herr Zuber war im Holzgeschä täg. Er hat den Naturjah-
reskreisen gemäß gelebt. Eine Beschäigung mit Erde im Therapie-
garten oder Töpferarbeiten könnten ihm möglicherweise Sicherheit
vermieln, aber nur, wenn er seinen Beruf auch gern ausgeübt hat.
Wenn eine Person ihren Beruf als Belastung erlebt hat, dann wird es
ihr sehr wahrscheinlich keine Freude bereiten, wenn sie ständig daran

112
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für die Personen mit Demenz 

erinnert wird, unter anderem durch reakvierende Maßnahmen.


Frau Weiss war Schneiderin, daher könnte man meinen, sie solle heu-
te in der Bastelrunde Sto schneiden. Das ist falsch verstandene Bio-
graearbeit, wenn Frau Weiss gegen ihren Willen zur Schneiderin
wurde.

• Eine gute, eziente Interakon zwischen dem Personal, den Bewoh-


nern und ihren Angehörigen, eine inter30- oder muldisziplinäre Be-
treuung und eine konnuierliche Weiterbildung des Personals tragen
zur Betreuungsqualität bei. In einer ezienten Interakon fühlt sich
die Person mit Demenz nicht mehr ausgeliefert. Sie steht nicht „mit
dem Rücken zur Wand“, sondern sie erlangt (wieder) Macht über die
eigene Lebensgestaltung. Sie ndet mit Hilfe des Personals Wege aus
der Ohnmacht. Dadurch kann die Person mit Demenz nicht mehr in die
Objekt-Rolle der „Verdinglichung“ fallen. Sie bleibt oder wird wieder
Subjekt/Person, das/die akv und produkv ihre Lebenswelt gestalten
darf.
• Für die Menschen mit einer Demenz im Frühstadium selbst ist es wich-
g, Folgendes zu berücksichgen:
[O]hne Zukunserwartungen vermag niemand zu leben. Der Einzelne (vermag
sich) nur dann der Zukun zuzuwenden und sich neu zu orieneren, wenn die
Vergangenheit nicht alle Energien bindet und diese als vollendete Vergangen-
heit akzepert ist. (Kade 1994, zit. in Herriger 2006, 111)

Pegepersonen können hierbei unterstützend täg werden, indem sie


lernen ein „Fenster“ aufzumachen, wo die Person mit Demenz ihre
subjekve Lebensgeschichte erzählen kann. Hier denken wir beson-
ders an die Validaonsmethode nach Naomi Feil.
Das erzählende (Wieder-)Aufgreifen von biographischen Fäden hat zum Ziel,
Würde und Wert des eigenen Lebens – allen Lebensniederlagen und Verlusten
zum Trotz – zu erinnern, die Schaen negav eingefärbter Selbst-Typisierung zu
bannen und Schutzschilder gegen Identätsredukonen und Ohnmachtserfah-
rungen aufzubauen. (Herriger 2006, 111)

Diese Orienerung an der eigenen Vergangenheit, betrachtet aus heu-


ger Sicht, ermöglicht einerseits, eine Orienerung für die noch unbe-
kannte Zukun zu nden. Anderseits kann durch die Verarbeitung des
Erlebten ein Kapitel abgeschlossen und angenommen werden. Das Er-
zählen ermöglicht der Person mit Demenz im Frühstadium, ihre Iden-

30 Im Sinne des § 16 des Gesundheits- und Krankenpegegesetzes GuKG vom 19. August 1997.

113
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

tät im Rahmen von sozialem Milieu und Gemeinschaen zu nden und


neu zu entdecken: Ein Zugehörigkeitsgefühl kann entstehen.
Sie [die Zugehörigkeit, M.W.-L.] erhält und reproduziert sich im Austausch ge-
meinsamer Erinnerungen, durch das Erzählen oder Anhören von Geschichten.
(Kade 1994, zit. in Herriger 2006, 114)

Das Zugehörigkeitsgefühl ist xer Bestandteil des menschlichen


Wohlbendens. Harro Kähler formuliert die Zielsetzung der biogra-
schen Arbeit wie folgt:
Negave biographische Anteile auf freiwilliger Basis in einer vertrauenschaen-
den Atmosphäre mit anderen Menschen teilen zu können, kann erleichternd
wirken. Ein richges Verständnis von Empowerment sollte deshalb auch diese
Seiten der Biographie zulassen und fördern. Dies gelingt am ehesten dann [...],
wenn genügend Gelegenheit gegeben ist, ‚von seinen guten, respektablen Seiten
zu berichten‘, da dann Selbstachtung und Selbstwertgefühl gestärkt und damit
die Voraussetzungen geschaen werden, sich auch den Schaenseiten der Lebens-
geschichte zuzuwenden. Lebensrückschau dient dazu, sich der eigenen Herkun
und Vergangenheit bewußt zu werden, das eigene Leben in seinen posiven und
negaven Ausschnien zu akzeperen und befriedigende Antworten auf die
Frage zu nden, ‚wozu‘ man eigentlich gelebt hat. (Kähler 1997, 306 f.)

Diese Arbeit im Frühstadium der Demenzerkrankung erscheint umso


wichger, als sie später nicht mehr möglich ist. Je weiter die Demenz-
erkrankung fortschreitet, desto weniger Chance hat die Person, den
biograschen Faden zu nden, desto weniger Möglichkeiten hat sie,
ihre Vergangenheit zu betrachten und anzunehmen. Diese Möglich-
keit, durch das gelebte Leben Selbstwert und Kohärenz zu erfahren,
verschwindet. Die Person kann daraus keine Kra mehr schöpfen. Die
nicht reekerte, nicht verarbeitete Vergangenheit bindet alle verfüg-
baren Energien.

• Das Lebensende, die letzte Zeit des Lebens, als Phase bedeutungsvol-
ler Ereignisse wahrnehmen und erkennen, diese Ereignisse aber gleich-
zeig als natürliche Vorkommnisse annehmen, die im intramuralen
Bereich ihren festen Platz haben. Sie benögen zwar eine intensivere
pegerische und menschliche Betreuung, erfordern aber nur in selte-
nen Fällen unbedingt besondere medizinische Maßnahmen, wie etwa
eine Spitalseinweisung.

Da die hier beschriebenen Faktoren stark auf die Ressourcen der Person
mit Demenz fokussieren, ist dieser Begri noch näher zu beschreiben.
Norbert Herriger deniert den Begri der Ressourcen folgendermaßen:

114
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für die Personen mit Demenz 

Unter Ressourcen wollen wir jene posiven Potenale verstehen, die von der
Person zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse, zur Realisierung von langfris-
gen Identätszielen, zur Bewälgung altersspezischer Entwicklungsaufgaben
oder zur gelingenden Bearbeitung von belastenden Alltagsanforderungen ge-
nutzt werden können und damit zur Sicherung ihrer psychischen Integrität, zur
Kontrolle von Selbst und Umwelt, sowie zu einem umfassenden biopsychosozia-
len Wohlbenden beitragen. (Herriger 2006, 5)

Psychische und physische Gesundheit bzw. Wohlbenden sind abhängig


von der Verfügbarkeit unserer Ressourcen zur Bewälgung der Alltags-
anforderungen. Dies bedeutet, dass Ressourcen in einer besmmten Si-
tuaon für eine besmmte Person wirksam sind, dass der Nutzwert von
Ressourcen individuell ist, dass Bewertung und Sinnzuschreibung indivi-
duell sind. Ressourcen ermöglichen es, Grundbedürfnisse zu decken,
wodurch ein ausgeglichenes biopsychosoziales Wohlbenden erreicht
wird.

Daraus leitet Herriger zwei Gruppen von Ressourcen ab: Umweltressour-


cen und Personenressourcen.

Die Umweltressourcen unterteilt Herriger weiter in


• strukturelle Ressourcen, die zur Sicherung von Aspekten der Lebens-
qualität beitragen;
• soziale Ressourcen, die für das soziale Eingebundensein des Einzelnen
bzw. der Familie in unterstützende Netzwerke verantwortlich sind;
• ökonomische Ressourcen wie Arbeit, Arbeitseinkommen, ökonomi-
sches Kapital und Sozialstatus;
• ökologische Ressourcen, welche die Lebensqualität prägen.
Die Umweltressourcen gehen für die Personen mit Demenz zum Teil ver-
loren: Sie verliert zum Beispiel ihren sozialen Status, sie kann o nicht
mehr von sich aus teilnehmen am gesellschalichen Leben. Die gezielte
Teilhabe am Konsum wiederum wird für eine Person mit Demenz, die
unter Sachwalterscha steht, erschwert.

Die Personenressourcen steuern die „persönlichkeitsgebundenen Selbst-


wahrnehmungen, werthaen Überzeugungen, emoonalen Bewälgungs-
sle und Handlungskompetenzen“, wie Beziehungsfähigkeit, Selbstakzep-
tanz und Selbstwertüberzeugungen (Herriger 2006, 90). Sie dienen als
„Schutzschild gegen drohende Verletzungen der psychosozialen Integri-
tät.“ (Herriger 2006, 90)
Diese Personenressourcen besitzt die Person mit Demenz auf ihre Art und
Weise noch immer, insbesondere, wenn man Mimik, Blickkontakt, Schreien,

115
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Murmeln, Kopfwegdrehen, Lippenzusammenpressen etc. als Aspekte


einer Beziehung inkludiert.
Ihre persönlichkeitsgebundene Selbstwahrnehmung drückt die Person
mit Demenz, wenn sie noch mobil ist, durch das Gehen, das Tasten, In-
den-Mund-Stecken, das Liebkosen etc. aus. Ist sie nicht mehr mobil, sollte
die Selbstwahrnehmung von der Pegeperson durch Basale Smulaon®
oder Nestbauen, durch Erlauben des Daumenlutschens oder der Selbst-
befriedigung unterstützt werden.

Die Umwelt- und Personenressourcen sind einerseits sehr individuell im


Hier und Jetzt, andererseits basieren Ressourcen auf Beziehungen. Das
soziale Eingebundensein ndet zum Teil zum Beispiel dann sta, wenn
Pegepersonen erlauben, dass die Personen mit Demenz, die in der Nacht
akv sind, im Schwesternzimmer gemeinsam mit den Schwestern einen
Kaee trinken dürfen, wenn unruhige Personen mit Demenz einfach die
Pegeperson begleiten dürfen, wenn zwei Personen mit Demenz, die sich
gern haben, gemeinsam in einem Be schlafen, wenn Personen, die ans
Be gebunden sind, tagsüber im Be in den Aufenthaltsraum oder in den
Garten geschoben werden, um bekannte Smmen hören zu können etc.

Ein Teil der Personenressourcen kann auch bei Personen mit Demenz ge-
zielt akviert werden. Brieskorn-Zinke nennt diese akvierbaren Ressour-
cen Widerstandsressourcen, die für sie zwei Funkonen haben:
1. Sie prägen konnuierlich die Lebenserfahrungen und ermöglichen den Men-
schen, bedeutsame und kohärente Lebenserfahrungen zu machen.
2. Sie wirken als Potenzial, das akviert werden kann, wenn es für die Bewäl-
gung eines Spannungszustandes erforderlich ist. (Brieskorn-Zinke 2004, 81)

Unter Spannungszustand ist etwa auch das „Wandering“ der Person mit
Demenz zu verstehen, ebenso wie das wiederholte Fragen nach einer be-
smmten Person, das „Gläen“ am Tisch etc.
Die Aufgabe der Pegeperson ist es, einen Rahmen des Respekts und der
Anerkennung, der Geborgenheit und Sicherheit vermielt, zu schaen.
Dies alles ermöglicht es, dass die Person mit Demenz in ihrer Persönlich-
keit und Geschichte, mit ihren individuellen Ressourcen, in ihrer Wirklich-
keit leben darf. So können sowohl die Person mit Demenz als auch die
Pegeperson eine Ich-Du-Beziehung, eine Selbstorganisaon und eine
selbstbesmmte Lebensführung erleben.

Der Glaube an die Stärken der Person mit Demenz baut eine Brücke zwi-
schen Pegeperson und Person mit Demenz, auch oder besonders dann,

116
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für das Personal 

wenn die Person mit Demenz in sich eingekapselt ist. Millimeter für Milli-
meter, Zenmeter für Zenmeter bewegen sich Pegeperson und Person
mit Demenz gemeinsam, solidarisch und vertrauensvoll eingebeet in
ihre Kräe über diese Beziehungsbrücke. Ziel ist die Vernetzung der Poten-
ziale, um zwei gelingende Lebensmanagements zu gestalten. Das Moo
könnte lauten: „Lass uns gemeinsam einen biograschen Dialog gestal-
ten“ ansta „Ich weiß den richgen Weg für dich“.

7.3 Konsequenzen einer effizienten geriatrischen


Gesundheitsförderung für das Personal
Die Umsetzung einer ressourcenorienerten Paentenpege erfordert
von den Pegepersonen ein Umdenken. Ein Umdenken hinsichtlich ihrer
Pegephilosophie, ihres Berufsverständnisses, ihrer beruichen Rolle,
ihrer Zuständigkeit sowie ihrer Eigenverantwortung.

7.3.1 Änderung des Pegeverständnisses


Ziel der Pege soll es sein – da sich die Person mit Demenz in einer Situa-
on des Mangels bendet –, die Stärken, Fähigkeiten, Fergkeiten, Kom-
petenzen der Person mit Demenz zu entdecken und ihr bei der Entwick-
lung dieser Ressourcen Unterstützung anzubieten.
Um auf das Erleben der Person mit Demenz eingehen zu können, benö-
gen die Pegepersonen ein biograsches Assessment. Um die Ressourcen
der Person mit Demenz in einen Hilfsprozess integrieren zu können, ist
hingegen eine Ressourcendiagnosk nög.
Assessment is a cornerstone of high-quality care upon which all subsequent in-
tervenons are based. (Redfern u. Ross 2004, 163)

Das Feingefühl für die Ressourcen der Person, ihre Talente, Erfahrungen,
Fähigkeiten und Ansprüche bedarf einer Einübung in sensible Aufmerk-
samkeit als Fähigkeit der Pegeperson, akv und spurenzentriert zu hö-
ren. Sie nimmt dabei eine nicht beurteilende Grundhaltung ein. Es kann
kein standardisiertes Assessment geben:
The purpose and methods of assessment are as varied as the paents for whom
it is intended. (Redfern u. Ross 2004, 163)

Dies bedeutet, dass das Assessment von der jeweiligen Person mit De-
menz abhängig ist und weiters durch folgende Faktoren beeinusst wird:
• Wo ndet das Assessment sta? (Kontext)
• Warum wird das Assessment durchgeführt? (Zielsetzung)

117
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

• Welche Grundlagen sind notwendig, um das Assessment durchführen


zu können? (Fachwissen, Schlüsselqualikaonen etc.)
• Wie werden die Bedürfnisse, Ressourcen, Gefühle im Assessmen or-
mular deniert? (Kommunikaonskompetenz)

Welche Funkonen hat ein Assessment?


[T]he collecon of data which describes an individual’s aributes, behaviours
and resources. […]
[A]n analysis of the data to form inferences and judgements concerning an indi-
vidual’s need for nursing and other health-related intervenons. (Redfern u.
Ross 2004, 164)

Erst wenn die Pegepersonen imstande sind, die Ressourcen der Men-
schen mit Demenz wahrzunehmen, können sie die Selbstheilungskräe
und die Gesundheit fördern.

Die Beziehung ist demnach muldimensional. „High well-being“ und „low


ill health“ sind die zwei posiven Pole des jeweiligen Konnuums. Der lin-
ke obere Quadrant und der rechte untere Quadrant haben eine negave
Beziehung. Für die Praxis ist es wichg, beide Dimensionen auseinander-

Wellbeing
High: maximale Gesundheit „well-ease“

Example: a person who has Example: a person who has


a high level of wellbeing a high level of wellbeing
despite having a diagnosed and no diagnosable illness
illness

Ill health High Low

Example: a person with Example: a person with no


diagnosed illness and a diagnosable illness and a low
a low level of wellbeing level of wellbeing

Low: minimale Gesundheit „dis-ease”

 There laonship between wellbeing and ill health based on Downie et al. 1990 in
Redfern u. Ross 2004, 165

118
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für das Personal 

zuhalten, da das Vorhandensein von Krankheit nicht automasch die Ab-


wesenheit von Gesundheit bedeutet: Wohlbenden, Handlungs- und
Leistungsfähigkeit, Einschränkungen und Unfähigkeiten, Behinderungen,
Fehlen oder Vorhandensein von Schmerzen u. v. m. – alles dies sind rele-
vante Faktoren.
Diese Konzepon von Kranksein und Gesundsein trit die Kernbereiche pegeri-
scher Handlungsfelder und pegerischer Aufgabenbereiche. (Brieskorn-Zinke
2004, 79)

Pegepersonen sollen aufmerksam sein und gezielt versuchen herauszu-


nden, wo die Stärken von Personen mit Demenz mit scheinbar beson-
ders gut verlaufender progredienter Demenz liegen. Was unterscheidet
sie von Personen mit Demenz, die sichtbar unter der Demenz leiden (Un-
ruhe, Mimik, Töne etc. als Zeichen des Leidens)? Gibt oder gab es andere
Lebens- oder Umgebungsbedingungen?

Im Mielpunkt des Pegeprozesses stehen nicht nur die Bedürfnisse und


Probleme der Paenten, sondern alle infrage kommenden Belastungen
und Bewälgungsmöglichkeiten ihrer Ressourcen, die eine Person mit
Demenz erlebt:
Soluon-focused care planning ulizes a paent’s own aptudes and strengths
and is based on the premise that excepons to problems can form the basis for
soluons. (Redfern u. Ross 2004, 167)

Daraus ergeben sich folgende Fragen:


• Was bedeutet Kranksein für die Person mit Demenz? Welche Grund-
smmung besmmt ihren Alltag?
• Wie sieht die dynamische Interakon zwischen Belastungen und Res-
sourcen auf allen Ebenen des Seins bei dieser Person aus?
• Auf welche persönlichen, sozialen, organisaonalen und gemein-
schalichen Ressourcen kann die Person mit Demenz zurückgreifen?
• Wie geht die Person mit Demenz mit ihrer Krankheit um? Welche Stra-
tegien hat sie im Lauf der Jahre entwickelt?
• Wie kann den Alltagssymptomen begegnet werden?
Was bedeutet die Krankheit für das soziale Umfeld des Paenten? Wo benögt
der Paent Unterstützung, um seine Situaon autonom zu meistern? (Mahrer-
Imhof 2005, 343)

Die Antworten auf diese und ähnliche Fragen ergeben die Gesundheits-
dimension auf dem muldimensionalen Konnuum. Da es sich nicht um
einen Zustand, sondern um einen Prozess handelt, muss die Pegeperson

119
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

immer wieder reekeren und neu analysieren: Die immer wiederkeh-


rende Auseinandersetzung mit relevanten Problemsituaonen des All-
tags ist Teil der pegeberuichen Bildung. Diese bedeutsamen Problem-
situaonen des Alltags sind nicht „Themen“, sondern es sind Situaonen,
die verschiedene Deutungen (einschließlich Widersprüchen) und Hand-
lungsmöglichkeiten zulassen. In welchem Bereich des muldimensiona-
len Konnuums bewegt sich die Person mit Demenz gerade?
Dieser Blick und diese Fragestellung sind unerlässlich für angemessene pegeri-
sche Intervenonen. (Brieskorn-Zinke 2004, 80)

Die Pegeperson muss auch für sich reekeren: Was bedeutet für mich
das Aushaltenkönnen von Fremdheit (im Sinne von unkonvenonellen Le-
bensentwürfen)? Schae ich es, ohne auszugrenzen, zu sgmasieren, zu
moralisieren, ohne in eine „Ist-mir-egal-Haltung“ zu geraten?

Nach Herriger gibt es derzeit nur zwei Verfahren der Ressourcendiagnos-


k: 1. Das oene Verfahren der Ressourcendiagnosk – das Ressourcen-
interview basiert auf einer Einladung zur Selbstreexion, was für die Per-
son mit Demenz im mileren oder fortgeschrienen Stadium nicht mehr
in Frage kommt. 2. Das geschlossene Verfahren der Ressourcendiagnosk
– das Kompetenzinventar, das vom Landschasverband Rheinland unter
anderem für den instuonellen Bereich des betreuten Wohnens entwi-
ckelt wurde. Nach einer Phase des Probewohnens wird in einem geschlos-
sen-strukturierten Kompetenzinventar
eine umfassende Erhebung des individuellen Patchwork von Fähigkeiten und
Beeinträchgungen, von subjekven Lebenszielen und notwendigem Unter-
stützungsbedarf [...] dokumenert. (Herriger 2006, 96)

Der Paent steht im Mielpunkt des akven Pegeprozesses. Diese sub-


jektorienerte Sicht verlangt unter anderem ein muldisziplinäres Praxis-
verständnis im Rahmen des interdisziplinären Tägkeitsbereiches im Sin-
ne des § 16 des GuKG von 1997.
Der Pegeprozess selbst ndet nicht mehr im Rahmen der Pathogenese
sta, sondern im Rahmen der Salutogenese:

120
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für das Personal 

 OGN LU OGN


Main focus: disorder, i. e. treatment of Main focus: order, i. e. sense of coheren-
disease, problems, dicules, dysfuncon ce, of wellbeing and personal experience
Concerned with professional knowledge; Concerned with lay knowledge; personal
medical science and objecve understan- experience and subjecve understanding;
ding; empirical measurements human values (humanism)
(posivism)
Prevenon involves idenfying risk Prevenon involves creang resources for
factors, e. g. of disease, disability, delayed health, e. g. caring, trust, autonomy
development; idenfying and removing growth, development, promong healthy
barriers to health acvies, e. g. parcipaon, involvement
Essenally reacve: looks to the future Essenally proacve: looks at the
only if it can be sciencally predicted potenal for improving the future
Individual emphasis: separateness and Social focus: sociocultural context and
single focus (e. g., germ theory of disease, integraon – meaningfulness, compre-
medical prescripon, single paent) hensibility and manageability.
 Nach Cowley u. Billings 1997 in Redfern u. Ross 2004, 201

Für Romy Mahrer-Imhof dienen pegerische Intervenonen im Rahmen


der Salutogenese
der Förderung der Fähigkeit zum Selbstmanagement und zum Erreichen der Ziele
von Paennnen und Paenten. (Mahrer-Imhof 2005, 343)

In der Pege von Personen mit Demenz bedeutet dies, dass Personen mit
Demenz im Alltag die Möglichkeit erhalten, Grundbedürfnisse wie Essen,
Trinken, Schlafen, Wärme, Sicherheit, Geborgenheit, Anerkennung ihres
Verhaltens zu erfüllen. Pegepersonen müssen lernen, zwischen der Le-
bensqualität von Frau Müller und den eigenen Vorstellungen von Frau
Müllers Lebensqualität zu dierenzieren (Eigen- und Fremdvorstellun-
gen).
Für Herlinde Steinbach können „Pegende einen Beitrag leisten oder Um-
stände schaen, die Gesundheit ermöglichen“ indem sie die Ressourcen,
Fähigkeiten und Kompetenzen der Personen mit Demenz wahrnehmen
und gezielt unterstützen (Steinbach 2007, 125).

Will die Pegeperson der Person mit Demenz begegnen, mit ihr in Bezie-
hung treten, dann muss sie lernen, sich an die Wirklichkeit der Person mit
Demenz anzupassen.
Sie muss wie ein Museumsbesucher lernen, hinter der möglicherweise
„bröckelnden Fassade“ die Schätze zu suchen. Erst nach mehrmaligen Be-
suchen entdeckt der Besucher immer mehr Details und manchmal sogar
neue Bilder, die er bis jetzt übersehen hat. Lernt der Besucher den Direk-

121
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

tor des Museums persönlich besser kennen, entsteht manchmal eine Be-
ziehung, die auf Vertrauen und Respekt basiert. Der Museumsdirektor
wird möglicherweise seinen Dachboden, die Depots, kurz für den Besu-
cher önen, damit dieser die dorgen Schönheiten betrachten kann. Eine
gelungene vertrauensvolle Beziehung zwischen einer Pegeperson und
einer Person mit Demenz ist nicht anders. Nur so können kraraubende
Konikte und Ängste vermieden werden.

Eine Fachkompetenz und ein Zeichen der Professionalität der Pegeper-


son ist sicher die Beratung im Rahmen eines Lernprozesses und im Sinne
von Tschudin (1990):
Das übergeordnete Ziel der Beratung ist es, dem Klienten eine befriedigendere
und erfülltere Lebensweise zu ermöglichen. (Tschudin 1990, zit. in Steinbach
2007, 138)

Die Pegeperson hat gelernt, die Pege zu individualisieren. Dies ist auf-
grund von spezischen Charaktereigenschaen, Lebensgeschichte, Mul-
morbidität und individuellem Krankheitsverlauf des zu pegenden Men-
schen notwendig (und bei Personen mit Demenz von besonderer Relevanz,
da diese sich o nicht mehr wehren können). Für jede Person mit Demenz
ist ein individueller Pegestandard zu entwickeln und (von allen beteilig-
ten Pegepersonen) anzuwenden. Frau Konrad zum Beispiel soll nicht ge-
duscht werden, weil sie mit Panik reagiert. Die Dusche wird von Frau Kon-
rad gleichgesetzt mit negaven Erfahrungen in der Kindheit. Sie hat in
einem Hochwassergebiet gewohnt und musste mehrmals „um ihr Leben
rennen“. Hier besteht der individuelle Standard darin, dass Frau Konrad
nicht geduscht werden soll. So lange wie möglich soll sie sich beim Wasch-
becken waschen. Die Pegeperson unterstützt sie in diesem Vorhaben. Es
kann also keinen allgemeinen Standard geben. Das einzige Betreuungsziel
kann hier nur die Erhaltung und wenn möglich die Verbesserung der Lebens-
qualität der Person mit Demenz im Rahmen ihrer Lebenssouveränität sein.

Marianne Brieskorn-Zinke listet in Anlehnung an Hurrelmann verschiede-


ne Ziele pegerischer Gesundheitsförderung auf:
Pegende unterstützen und befähigen ihre Paenten/Klienten so [...], dass sie in
geeigneter Weise ihre verbliebenen Gesundheitspotenziale erhalten und gege-
benenfalls auch gesundheitsbezogene Veränderungen in Angri nehmen kön-
nen. (Brieskorn-Zinke 2004, 104)

Ein Gesundheitspotenzial für eine Person mit Demenz kann beispielswei-


se auch darin bestehen, allein mit den Fingern zu essen.

122
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für das Personal 

Frank Weidner listet operaonalisierbare Aspekte für die paentenorien-


erte Perspekve auf: Selbstbesmmung des Paenten fördern, Bedürf-
nisse, Honungen und Wünsche des Paenten berücksichgen, körperli-
ches und soziales Wohlbenden des Paenten fördern, eine individuelle
Paentenumgebung gestalten, persönliche Kompetenzen (lehren, bera-
ten) und interdisziplinäres Arbeiten fördern (vgl. Weidner 2004, 149).

Ivan Illich prägte 1995 den Begri der „sozialen Iatrogenese“ und zielt da-
mit darauf ab, dass die führende Rolle der Experten und ihre Inbesitznah-
me der Verantwortlichkeit neue Muster der Unmündigkeit produziert.
Schri für Schri, o kaum wahrnehmbar, verschwinden die Ressourcen
und Kompetenzen der Person mit Demenz. Mehr und mehr wird sie auf-
gefordert, ihr Leben aus der Hand zu geben. Sie verlernt, selbst Entschei-
dungen zu treen, selbstbesmmt zu agieren, und wird zusehends hilos
(im Sinne der Theorie der gelernten Hilosigkeit nach Seligman), obwohl
das nicht notwendig wäre.31 Das Wissen um die Stärken, Ressourcen und
Copingstrategien der Person mit Demenz ermöglicht ihr, so lange wie nur
möglich im Rahmen ihrer progredienten Demenzerkrankung Lebensqua-
lität und ein „Mehr an Lebenswert“ zu erfahren.
Die Grundhaltung der Pegeperson soll zeigen: „Du bist okay mit deiner
Wertorienerung, deinen Denkmustern und deinen Handlungen. Ich er-
kenne deinen Eigensinn an und lasse dir Raum zur Selbstgestaltung. Die
Grenze dieses Raums ist die Verletzung deiner physischen und/oder psychi-
schen Integrität und der Integrität Anderer: Selbst- und/oder Fremdschädi-
gung. Ich verlasse meine Posion des Besser-Wissers und des Moralisten.“

Für Brieskorn-Zinke können Pegepersonen einen Beitrag zur Kompe-


tenzförderung leisten,
denn in jeder Interakon mit dem Menschen, der Pege braucht, geht es auch
darum, Lernprozesse zu iniieren und zu begleiten. Als Beispiel seien hier nur
genannt die Verbesserungen der Körperwahrnehmung [...]. (Brieskorn-Zinke
2006, 221)

Eine konkrete Umsetzung dieses Gedankens wäre die Basale Smula-


on®. Sie unterstützt den Paenten in der Wahrnehmung seines Körpers
und lässt ihn die Grenze zwischen sich und der Umwelt spüren. Sie ver-
mielt Eindrücke und Erfahrungen. Aus Smulaon wird Kommunikaon,
die Fähigkeiten wecken kann und eine Begegnung mit anderen ermöglicht
(vgl. Bienstein u. Fröhlich 2007).

31 Könnte das eine Erklärung für die verschiedenen Inzidenzraten der Demenz sein?

123
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Bewusste Ermugung zur Körperwahrnehmung beim Waschen, bei Einreibun-


gen, beim Lagern und Mobilisieren und zur Wiederentdeckung des eigenen Kör-
pers als Orienerungspunkt sind spezische pegerische Möglichkeiten, hier
gesundheitsförderlich täg zu werden. (Brieskorn-Zinke 2004, 99)

Kinästhek® und die Bobath-Methode® sind, neben Basaler Smulaon®,


sicher zwei zusätzliche nützliche Ansatzpunkte.
Der Körper vermielt Gefühle des Selbstvertrauens, des Wohlbendens
oder des Unbehagens. Nur wer seinen Körper spürt, kann wissen, was
ihm gut oder schlecht tut. Nur wenn der Mensch zwischen gesundheits-
schädigenden und gesundheitsfördernden Maßnahmen unterscheiden
kann, kann er gezielt gesundheitsfördernde Maßnahmen nden, auspro-
bieren und in sein Verhalten integrieren. Der Körper als empndsamer
Organismus meldet sich durch Wohlbehagen oder Versmmtheit zu-
rück. Will die Pege erfolgreich sein (Ziel: Erhöhung des Wohlbendens
beider Partner), bedarf sie der produkven Mitarbeit der Person mit De-
menz.

Die Pegeperson muss sich von ihrer „Expertenmacht“ im Sinne von „Ich
weiß, was für dich gut ist“ verabschieden. Sie muss sich mehr und mehr
auf ein konsensorienertes Aushandeln einlassen: Wo steht die Person
mit Demenz gerade? Wie kann ich jetzt in ihrer Wirklichkeit die vorhande-
nen Ressourcen zum eigenen Nutzen verwenden? Welche Konsensbasis
gibt es hier und jetzt in der Interakon? Dies ist eine Veränderung der
Grundhaltung: weg von Expertenmacht, hin zu Parzipaon und Mova-
on. Diese Veränderung der Grundhaltung vermindert die Koniktpoten-
ziale radikal und önet den Weg zu Kreavität im Dienst der Lösungssuche.

Die Ressourcendiagnosk dient nicht nur der Anamnese, sondern sie soll
auch als Instrument der Verfahrensevaluaon dienen, indem sie eine pro-
zessbegleitende Reexion darstellt: Wie war der Ist-Zustand? Was hat sich
verändert? Wo sind Hindernisse aufgetreten? War die Zielsetzung kon-
kret und erreichbar? Muss das Hilfsangebot neu organisiert werden?
Schließlich dient die Ressourcendiagnosk als qualitave Dokumentaon
und Endevaluaon.

7.3.2 Änderung des Arbeitsverständnisses


Wie am Anfang des Kapitels festgestellt wurde, kann es den Personen mit
Demenz im intramuralen Bereich nur gut gehen, wenn es auch den Mit-
arbeitern gut geht. Paentenorienerung ohne Mitarbeiterorienerung
ist nicht zielführend. Im Kapitel über strukturelle Gewalt wurde deutlich,

124
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für das Personal 

dass Pegepersonen unter einem doppelten Druck stehen: dem inneren


und dem äußeren Druck. Hier soll der innere Druck genauer beschrieben
werden. Er entsteht durch die Ansprüche der Pegepersonen an ihre
eigenen Kompetenzen: Die Pegeperson hat in ihrer Ausbildung gelernt,
dass sie eine State-of-the-Art-Pege leisten soll (Evidence Based Nursing);
sie spürt, dass ohne vorherige Beziehungsarbeit kein Vertrauen, keine rei-
bungslose Pege, keine posive und beruhigende Interakon sta
inden
kann (Beziehungspege); sie würde gerne Weggefährte sein und die Per-
son mit Demenz auf ihrem letzten Lebensabschni begleiten; und schließ-
lich weiß sie, wie sie arbeiten sollte, kann aber die dafür notwendigen Fä-
higkeiten und Fachkompetenzen nicht einsetzen.

Für die Pegeperson entsteht hierdurch ein starker, psychischer Druck, da


sie ein besmmtes Leistungsniveau anstrebt, das sie aber nicht erreichen
kann. Dieser Druck oder innere Stress hat auf die Dauer Auswirkungen auf
das Denken, die Emoonen und das Verhalten und beeinträchgt das
Wohlbenden und die Gesundheit der Pegeperson. Die Pegeperson
verliert ihr inneres Gleichgewicht.
Das bewußte Erleben von Diskrepanz zwischen der eigenen Handlung und den
internalisierten Ansprüchen kann zu Schuldgefühlen und Selbstabwertungen
führen [...]. (Schwarzer 1996, 110)

Empowerment meint hier entsprechend einen Prozess, innerhalb dessen


Pegepersonen lernen, ihre eigene Arbeitswelt, ihre soziale Umwelt in
die Hand zu nehmen. Sie begeben sich auf die Suche nach eigenen Kom-
petenzen, Ressourcen und Kräen. Sie trauen sich, ihre selbst erarbeite-
ten Lösungsansätze zu präseneren, zu argumeneren und zu leben.

Durch Empowerment lernt die Pegeperson, ihre Gesundheitspotenziale


auf den verschiedenen Ebenen wahrzunehmen und gezielt in der Bewäl-
gung der Situaon einzusetzen.
Erst nachdem eine Pegeperson ein Ereignis bewertet hat, kann sie wäh-
len, welche Bewälgungsstrategie sie anwenden möchte: Das Spektrum
reicht hierbei von akver Auseinandersetzung über pragmasche Prob-
lemlösung bis zum Versuch, durch Rückzug der Belastung aus dem Weg zu
gehen (innere oder äußere Kündigung).

Stressfolgen machen sich auf verschiedenen Ebenen bemerkbar:


• Auf der emoonalen Ebene: Angst, Aggression, Erschöpfung, Depres-
sion, Unzufriedenheit, Resignaon, Zynismus, Senkung der Leistungs-
und Konzentraonsfähigkeit, Bendlichkeitsstörungen etc.

125
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Person

Problembewälgung

Externe und interne Externe und interne


Anforderungen Ressourcen
Kognive Ebene

Emoonale Ebene

Physiologisch-körperliche
Ebene

Verhaltensebene

 Vereinfachtes Ablaufmodell des Bewälgungsprozesses (Brieskorn-Zinke 2004, 85)


Zur vollständigen Darstellung müsste zusätzlich zu der kogniven, emoonalen und
physiologisch-körperlichen Ebene die Umweltebene hinzugefügt werden.

• Auf der biologischen Ebene: Beschwerden im Nervensystem, Verdau-


ungstrakt, Herz-Kreislaufsystem, Bewegungsapparat etc.
• Auf der Verhaltensebene: Gewalt, Sucht, Rückzug, Erhöhung der Feh-
lerquote und des Unfallrisikos, Indierenz etc.
All dies kann zu Fehlzeiten, Krankenstand, Frühinvalidität, Unfall und Fluk-
tuaon führen.

Worin könnten die inneren Ressourcen der Pegeperson bestehen?


• Persönliche, lebensgeschichtlich gewachsene Bewälgungs- und Be-
arbeitungsstrategien,
• private Interessen als Kraquelle,
• soziales Umfeld und Beziehungen und/oder Fähigkeit zu entspannen
u. v. m.

Welche Art von arbeitsbezogenen Ressourcen könnte die Pegeperson


für sich in Anspruch nehmen?
• Handlungsressourcen: Wie gestalte ich den heugen Arbeitsvormit-
tag? Welche Prioritäten setze ich? In welcher Reihenfolge möchte ich
vorgehen? Welche Arbeitsmiel kann ich als Hilfe benützen? Akver
Zugang zu Informaonen etc.
• Beziehungsressourcen: Wer ist heute im Dienst? Wie können wir uns
gegenseig unterstützen? Wen kann ich um Rat bien? Mit wem kann
ich eine schwierige Situaon besprechen und analysieren etc.?

126
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für das Personal 

Die interakven und kommunikaven Kompetenzen der Pegenden [können]


von einer intuiven auf eine systemasche Ebene gehoben werden. (Brieskorn-
Zinke 2004, 99)

• Zufriedenheitsressourcen: Lob aussprechen, stolz auf seine Leistung


sein, Mitgestaltung eines angenehmen posiven Arbeitsklimas, ei-
gene Ressourcen wahrnehmen und nutzen, Humor und Lachen nicht
vergessen. Pegepersonen sollen das „Menschenrecht auf Irrtum“
auch für sich in Anspruch nehmen. So können sie sich dazu bekennen,
dass Irren menschlich ist.

Weidner hat eine Liste von wichgen Aspekten im Rahmen der personal-
orienerten Perspekve erstellt:
• Eigene Selbstbesmmung fordern und fördern: Bevormundenden
Übergrien Anderer besmmt entgegen treten
• Eigene Bedürfnisse, Wünsche und Honungen wahrnehmen, berück-
sichgen, akv dafür eintreten und umsetzen
• Fähigkeit, belastende Situaonen anzusprechen und Änderungen in
der Erfahrung der Selbstwirksamkeit und des Gestaltungsvermögens
akv zu bewirken
• Eigenes körperliches und soziales Wohlbenden fördern und akv be-
einussen
• Persönliche Kompetenzen fördern unter anderem durch Lob, Anerken-
nung, Movaonsanreize etc.
• Interdisziplinäres Arbeiten fördern
• Gesundheitsförderliche Umgebungen und Bedingungen schaen (Ver-
änderungen am Arbeitsplatz)
• Eine Organisaonskultur des Empowerments bewusst anregen, unter-
stützen und ihre Realisierung als xen methodischen Bestandteil der
Organisaonsentwicklung fördern: „empowering organizaon“
• Empowerment als Schri in eine neue Kultur des Helfens
• Professionalisierung im Rahmen von Solidarität, Chancengleichheit
und Teilhabe
(Vgl. Weidner 2004, 149)
Der Bezug zwischen Menschen, die sich so aufeinander einlassen, soll zu keinem
autoritär-hierarchischen Verhältnis führen, sondern prinzipiell reversibler Um-
gang wechselseigen Lernens und Helfens sein, soll aber zum anderen gleich-
wohl den Betroenen Angebote zu neuen Erfahrungen, notwendigen Klärungen
und unvermeidlichen Hilfen vermieln. (Thiersch u. Rauschenbach 1984, 1008)

127
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Voraussetzungen Prozesse Egebnisse

Umweltvariablen Wohlbenden

Ereigniseinschätzung
Coping Gesundheit
Ressourceneinschätzung

Sozialverhalten
Personvariablen

 Stress und Coping aus transakonaler Perspekve (Schwarzer 1996, 156)


Schwarzer hat diese Abbildung in Anlehnung an Lazarus’ Transakonales Stressmodell
(1974) entwickelt.

7.4 Konsequenzen einer effizienten geriatrischen


Gesundheitsförderung für die Organisation
Wie wir gesehen haben, ist für Botschaer-Leitner eine Umsetzung der
Paentenorienerung mit einer Wahrnehmung der Bedürfnisse des Pe-
gepersonals verbunden. Nur wenn sich beide Interakonspartner wohl-
fühlen, kann die Lebensqualität steigen.

Projekte zur Verbesserung der Betreuungsqualität von Personen mit De-


menz im intramuralen Bereich können sich sicher nicht nur auf die Weiter-
bildung des Betreuungsteams beschränken. Dies wäre zu einseig und
deshalb zum Scheitern verurteilt.
Die Umsetzung des Empowerment-Konzeptes erfordert einen Paradig-
menwechsel im instuonellen Selbstverständnis, im Organisaonsleit-
bild, im Klientenbild, im Methodenkatalog, im Problemlösungsverfahren,
in der Kultur des Helfens.

Als hilfreich für die Umsetzung erweist sich der Empowerment-irkel.


Herriger plädiert für Empowerment als Organisaonsentwicklungsform.
Die Ziele eines solchen „Empowerment-Zirkels“ werden folgendermaßen
beschrieben:
Die gemeinsame Erarbeitung von empowerment-förderlichen Organisaons-
strukturen (‚empowering organizaons‘), d. h. also die Gestaltung von Arbeits-
platzstrukturen, die eine gemeinsame instuonelle ‚Kultur des Empowerment‘
anregen und fördern;
die Movaon der MitarbeiterInnen fördern, die ihre spezischen Fähigkeiten
und Stärken in der Empowerment-Arbeit akvieren und ihre Idenkaon mit
dem Empowerment-Programm bestärken;

128
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für die Organisaon 

das Engagement und die subjekve Arbeitszufriedenheit der MitarbeiterInnen


durch die posiv erfahrene Einbindung in eine verlässliche und von allen Mit-
gliedern geteilte Organisaonsstruktur befördern. (Herriger 2006, 12 f.)

Mögliche Themen des Empowerment-Zirkels sind für Herriger folgende:


• Der Perspekvenwechsel von der Dezit- zur Stärkenorienerung: Hier
geht es um einen Paradigmenwechsel im Menschenbild und in der
Pegephilosophie. Dies hat unter anderem zur Folge, dass der Pege-
prozess nicht mehr problemorienert geführt wird, sondern kompe-
tenzen- und ressourcenorienert sta
indet, als Verfahren der Kom-
petenzdiagnosk. Das gesamte Betreuungsteam muss geschult und
begleitet werden, damit die „Philosophie der Menschenstärken“ (Her-
riger 2006, 72) implemenert werden kann. Schulungsmöglichkeiten
wären beispielsweise mulperspekvische Fallbesprechungen, Super-
visionen und Pegevisiten.
• Die Verständigung auf einen gemeinsamen Zielkatalog – Leitbildent-
wicklung: Welche Werte, welche Qualität wollen wir gemeinsam er-
reichen und nach außen vertreten? Wo sind unsere Stärken? Was
unterscheidet uns von der Konkurrenz, etwa hinsichtlich der Ergeb-
nis-, Prozess- und Strukturqualität?
• Die Transparenz von Informaonen und Entscheidungen: Hier wird die
Kommunikaonskultur der Organisaon betrachtet und nach Verbes-
serungsmöglichkeiten gesucht, damit alle Mitarbeiter sich als Mitglied
der Organisaon fühlen.
• Eine parzipave instuonelle Entscheidungsstruktur: Stellenbeschrei-
bungen mit klarer Verantwortung, Zuständigkeit und klaren Kompe-
tenzen als Teil eines parzipaven Managements.
• Die Suche nach fördernden und sichernden Teamstrukturen, die auf
Wertschätzung, Anerkennung und Respekt basieren: Mitarbeiterge-
spräche, die als Ziel die Förderung der personellen und fachlichen Ent-
wicklungen haben. Fehler als Teil einer Feedbackkultur werden als Ent-
wicklungschance betrachtet. Mitarbeiter werden unterstützt und
angehalten, Erfahrungen von Fort- und Weiterbildungen in die Organi-
saon einzubringen.
• Die Komplementarität von Zuständigkeiten und Methoden ermöglicht
den Mitarbeitern, ihre Ressourcen in die alltäglichen Arbeitsprozesse
einzubringen.
• Gestaltbarkeit des individuellen Arbeitsplatzes
• Die Einführung von Verfahren der (Selbst-)Evaluaon: Intern werden
die Struktur-, Prozess- und Kommunikaonsqualitäten fortlaufend ge-
messen. Pegevisiten inklusive Dokumentaonsbegutachtung und

129
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Befragung der Paenten sollen nicht als Kontrolle erlebt werden, son-
dern als Chance zur Arbeitsprozessentwicklung.
• Gemeinsame Ergebnisverantwortung
• Die Chance auf Weiterlernen („learning organizaon“) durch externe
Supervision, Fort- und Weiterbildung für alle Mitarbeiter, inter- oder
muldisziplinäre Klausuren u. ä.
• Implemenerung eines Gesundheitszirkels mit der betrieblichen Ge-
sundheitsförderung als zentralem Element
• Regelmäßige Herstellung eines Gesundheitsberichtes, um Entwicklun-
gen und Fortschrie zu zeigen, um Probleme und Dezite anzuspre-
chen, als Informaonsgrundlage etc.
• Regelmäßige extern geleitete Fallbesprechungen als Miel zur Perso-
nalentwicklung
• Den Theorie-Praxis-Transfer als eigenen Prozess betrachten – Raum
zur Gestaltung ist vorhanden.
Einige dieser Themen des Empowerment-Zirkels nden sich wieder in den
Maßnahmen, die eine Organisaon setzen muss, will sie sich Richtung Ge-
sundheitsförderung entwickeln (vgl. Kap. 7.5).

Dieser Paradigmenwechsel ermöglicht eine veränderte Grundorienerung:


• Begleitung ansta Bevormundung des Mitarbeiters: soziale Rücken-
deckung
• Vertrauen in die Fähigkeiten, Fergkeiten, Ressourcen, Kompetenzen
und Qualikaonen des Mitarbeiters, sta Abhängigkeit, Resignaon,
Dezite und Hilosigkeit: Feedbackkultur; Fehler als Chance und Lern-
prozess
• Mitarbeiter werden in der Übernahme von Arbeiten von Anfang bis
Ende unterstützt
• Förderung von Selbstverantwortung, Selbstgestaltung des eigenen Le-
bens: Vielseigkeit und Kreavität fördern
• Wahlrecht des Mitarbeiters (inklusive der Möglichkeit des Nein-Sa-
gens)
• Transparenz von Entscheidungen und Informaonsuss
• Parzipaons- und Selbstbesmmungsrecht des Mitarbeiters: Hand-
lungsspielräume önen
• Eingehen auf den Entwicklungs- und Lebensrhythmus des Mitarbei-
ters ansta starrer Zeitrahmen: Mitarbeiterförderungsgespräche: Wo
benögt der Mitarbeiter noch Unterstützung? Welche Art von Unter-
stützung benögt er? Karriereplanung
• Einbeziehung der drei Werte: Chancengleichheit, Solidarität und Teil-
habe, die in der WHO-Satzung verankert sind

130
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für die Organisaon 

Dies erfordert von der Trägerorganisaon eine „sensible, selbstreexive


Eingrenzung der eigenen Expertenmacht (‚sharing power‘)“ (Herriger
2006, 80).

Für Herriger gibt es drei normave Fundamente der Philosophie des Emp-
owerment-Konzeptes: Selbstbesmmung, soziale Gerechgkeit und de-
mokrasche Parzipaon.
Diese drei normaven Fundamente haben Auswirkungen auf die Wahr-
nehmung der Ressource „Mitarbeiter“. Der Mitarbeiter soll die Möglich-
keit erhalten, sich in seiner alltäglichen Arbeitswirklichkeit zu engagieren,
soziale Gerechgkeit, Selbstbesmmung und Selbstverantwortung zu er-
leben. Der Mitarbeiter darf (und soll) sich in der Gestaltung des Mikrokos-
mos seiner Arbeitswelt einmischen und Rahmenbedingungen einfordern,
die die Realisierung der drei Fundamente überhaupt gestaen.
Furthermore, a predominant view persists in which carers are perceived by ser-
vice providers as resources to be ulized. As a consequence their own needs
have rarely been recognized. (Redfern u. Ross 2004, 167)

Weidner weist auf den Bereich der personen- und personzentrierten Ge-
sundheitsförderung hin:
Krankenschwestern und -peger sind körperlichen, psychischen und sozialen
Gesundheitsgefährdungen ausgesetzt, sollen aber zu ‚gesundheitsförderndem
Verhalten‘ anhalten. Diese Verknüpfung von personalbezogenen Bedingungen
und paentenbezogenen Anforderungen ist eine unabdingbare Voraussetzung
des formulierten Strukturprinzips des professionellen Pegehandelns. Nur durch
die Schaung von Entscheidungs- und Handlungsräumen und die Verringerung
von Restrikonen im Pegealltag wird gesundheitsförderndes Fallverstehen
möglich. (Weidner 2004, 146)

Für Weidner stellen die Gesundheitsgefährdungen im Arbeitsbereich der


Gesundheits- und Krankenpege „einen wesentlichen in der Regel stark
beschränkenden Handlungsfaktor in der Pege dar“ (Weidner 2004, 141).

Die Qualität der Pege ist unter anderem abhängig von äußeren Bedin-
gungsfaktoren. Die Belastungen der Pegepersonen können Weidner zu-
folge in drei Bereiche eingeteilt werden: körperliche, psychische und so-
ziale Belastungen.
Weidner ziert eine Studie von Bartholomeyczik aus dem Jahr 1987 über
Arbeitsbedingungen und Gesundheitsstörungen bei Krankenschwestern,
wonach sich die Hauptproblemfelder der körperlichen Belastungen „im
Aureten von Rücken- und Nackenschmerzen, Kreislaufstörungen, Migrä-

131
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

ne, Hautausschlag und gynäkologischen Beschwerden“ bemerkbar ma-


chen (Bartholomeyczik 1987, zit. in Weidner 2004, 142). Diese Belastun-
gen entstehen hauptsächlich durch das viele Gehen, Bücken, omalige
Heben und Tragen sowie durch das Tragen von Handschuhen und den
häugen Kontakt mit Desinfekonsmieln.
Die psychischen Belastungen entstehen aufgrund von Arbeitsstrukturen,
mangelnder Anerkennung des Berufes in der Gesellscha, intensiven Be-
ziehungen zu den Paenten und mangelnden Koniktbewälgungen. Die
Pegepersonen haben den Eindruck, nicht genug Zeit, zu wenig Personal
und belastende Dienste zu haben (vgl. Weidner 2004, 143).
Soziale Belastungen entstehen vor allem bei Frauen, weil viele Frauen
mehrere Rollen gleichzeig übernehmen müssen: Pegeperson, Muer,
Partnerin. Bartholomeyczik weist in ihrer oben zierten Studie nach, „daß
Krankenschwestern, die neben der Berufstägkeit noch eine Familie zu
versorgen haben, mehr unter Beschwerden leiden als Alleinlebende.“
(Bartholomeyczik 1987, zit. in Weidner 2004, 144)
Durch die unregelmäßigen Dienstzeiten müssen sich das soziale Leben
und das Familienleben nach dem Berufsleben richten. Die Teilnahme an
regelmäßigen außerberuichen Akvitäten ist nur sehr eingeschränkt
möglich. Der Wechsel zwischen Tag- und Nachtdienst wird vom sozialen
Umfeld als sehr negav empfunden und führt teilweise zu einer Außen-
seiterstellung. Darüber hinaus stellt sich ein weiteres Problem im Rahmen
eines Zwölf-Stunden-Dienstes: Es ist bereits kaum anzunehmen, dass je-
mand so ausgeglichen ist, dass er zwölf Stunden lang die Geduld auringt,
seinen Arbeitsrhythmus an den Lebensrhythmus der verschiedenen Per-
sonen mit Demenz anzupassen und/oder zwölf Stunden lang das Be-
dürfnis nach Körperkontakt der Personen mit Demenz zu decken etc. Die
Pegeperson soll aber darüber hinaus anschließend an einen Zwölf-Stun-
den-Dienst zu Hause noch genauso ausgeglichen und geduldig sein wie in
der Arbeit. Dies wird von ihr in ihrer Rolle als Muer, Partnerin, Tochter
erwartet.

Wie diese Beispiele von Belastungen des Pegepersonals zeigen, müssen


beide Aspekte der Gesundheitsförderung – Paentenorienerung und
Mitarbeiterorienerung – Hand in Hand gehen. Die Organisaonsent-
wicklung muss sowohl die Kompetenzen und Ressourcen der Mitarbeiter
als auch jene der Paenten unterstützen und akv fördern. Diese doppel-
te Zielsetzung sollte im Leitbild der Organisaon klar dargestellt werden.
Dieser Bereich des Leitbildes würde somit den Zielen der Gesundheits-
förderung nach der Oawa-Charta entsprechen.

132
 Konsequenzen einer ezienten geriatrischen Gesundheitsförderung für die Organisaon 

Die Intervenonsstrategien der pegerischen Gesundheitsförderung sind


integrierender Bestandteil der Gesundheits- und Krankenpege. Inner-
halb des Betreuungsteams, ob im intra- oder im extramuralen Bereich, ist
die Gesundheits- und Krankenpegeperson für die Vermilung von Schu-
lungen über zum Beispiel den Umgang mit der Krankheit Demenz, mit
Pegemaßnahmen oder Informaonen über vorhandene Hilfsangebote
die am besten geeignete Person. Eine Nebenerscheinung dieser Rolle ist,
dass die Inhalte des Berufsbildes wahrgenommen werden. Diese Rolle
regt die Kreavität der Pegeperson an und stärkt die Identät des Berufes
(vielen Pegepersonen ist zum Beispiel ihre Rolle als Informaonsvermi-
ler und Berater noch nicht bewusst genug). Die Langzeitpegeeinrichtun-
gen werden beispielsweise als Se ng zum Ort, wo sich die Lebensqualität
der Personen mit Demenz erhält. Dieses neue Image der Langzeitpege-
einrichtungen als Gesundheitsförderer muss aber erst noch von der Ge-
sellscha und der Polik wahrgenommen werden. Eine systemasche
Anwendung erfordert eine umfassende polische Einsicht. Der erste Schri
wurde mit dem oenen Curriculum von 2003 gesetzt (vgl. ÖBIG 2003).
Der zweite Schri, dass die Krankenkassen auch Gesundheitskassen sein
sollen, die Paentenbildung, Prävenon aus wirtschalichen Überlegun-
gen voll einbeziehen, ist noch zu gehen. Wenn man eines der Ziele der
professionellen gesundheitsorienerten Beratung ansieht:
Außerdem soll Beratung Belastungen und Krisen verhindern bzw. dafür sorgen, dass
sie rechtzeig erkannt und konstrukv bewälgt werden. (Steinbach 2007, 143)

dann müsste das Gesundheitssystem daran interessiert sein, den präven-


ven Aspekt der professionellen Gesundheitsorienerung zu fördern.

In ihrem heurisschen Modell muldimensionaler Paentenorienerung


ergänzt Karin Wineben die Paentenorienerung um ihren Gegensatz
der Paentenignorierung. Was meint sie damit?
Eine Haltung ist demnach zunehmend paentenorienert, je mehr sie den gan-
zen Menschen in Betracht zieht. Eine Haltung ist eher paentenignorierend, je
mehr sie nur Teilbereiche des Menschen oder nur Tägkeiten an ihm berücksich-
gt. (Wineben 1991, zit. in Weidner 2004, 77)

Dieses Zitat sollte um die Begrie der Mitarbeiterorienerung bzw. Mit-


arbeiterignorierung ergänzt werden, da beide Hand in Hand gehen. Ein
eigenverantwortlicher, selbstbesmmter, gesundheitsorienerter Mitar-
beiter wird dem Arbeitsplatz weniger o fernbleiben. Organisaonsträger
vergessen o, dass gelingende Teamprozesse (ein Team kann nicht starr
sein) eine Grundvoraussetzung für eine gute gerontopsychiatrische Arbeit

133
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

sind. Zu o werden aufgrund von Krankenständen und Personalmangel


kurzfrisg Teams auseinandergerissen ohne Rücksicht auf die Mitarbeiter
und ihren Bedarf an Rückenstärkung.

Eine Organisaon, die gesundheitsfördernd sein will, muss ein Bündel an


Maßnahmen umsetzen. Diese Maßnahmen wollen wir im Folgenden nä-
her skizzieren.

7.5 Effiziente Gesundheitsförderung in einer


geriatrischen Organisation
7.5.1 Maßnahmen/Änderungen
Die Maßnahmen müssen, um erfolgreich zu sein, auf verschiedenen Ebe-
nen der Organisaon angesetzt werden.

Auf der Personalebene:


• Die Instuon muss genügend Ressourcen und adäquate Rahmenbe-
dingungen zur Verfügung stellen, damit fachkompetente Betreuung
überhaupt eine Chance hat, stazunden. Eine Personalberechnung
nur auf der Basis des gesetzlichen Minimums scheint nicht zielführend
zu sein, daher ist eine Erhöhung des Personalschlüssels für den Be-
reich Pege und Betreuung von Personen mit Demenz und mit heraus-
forderndem Verhalten auf 0,70 nög.
• Die Mitarbeiter sind das größte Kapital einer sozialen Einrichtung. Eine
Einrichtung kann nur so gut sein wie die Summe der Intenonen und
Move ihrer Mitarbeiter. Die Werte und Intenonen der Mitarbeiter
besmmen ihr Handeln. Ihre Grundhaltung sollte von Respekt und
Wertschätzung gegenüber den Personen mit Demenz geprägt sein.
• Jeder Mensch möchte in einer Instuon nicht nur eine Nummer sein,
sondern auch einen Namen haben.
• Jeder Mensch möchte Gestaltungsmöglichkeiten haben: Er möchte et-
was tun können.
• Aufwertung der Teilzeitbeschäigung
• Es gibt drei zentrale Indikatoren, um die Lebensqualität der Mitarbei-
ter zu erfassen: den Grad der emoonalen Anstrengung (emoonal
exhausng): Erschöpfung, Frustraon; den Grad der Depersonalisa-
on (Depersonalisaon Scale): Abstumpfen, Desinteresse; und den
Grad der persönlichen Leistung (personal accomplishment): Vollen-
dung, Kompetenz, Movaon, Empathie, Reexionsfähigkeit etc.
• Zufriedene ehrenamtliche Mitarbeiter sind die besten Mulplikatoren.

134
 Eziente Gesundheitsförderung in einer geriatrischen Organisaon 

Auf der Mitarbeiterentwicklungsebene:


• Gesundheitsförderung in Stellenbeschreibungen aufnehmen mit Kom-
petenzen und Verantwortung für den Stelleninhaber, Zielvereinbarun-
gen bei Mitarbeitergesprächen etc.
• Schulungen über richges Heben, Tragen und Bewegen
• Schulungen über Koniktmanagement und Zeitmanagement
• Kommunikaonstraining
• Training und Schulung, um Ressourcen bei sich und seinem Umfeld zu
entdecken
• Zur Stärkung der körperlichen Gesundheit: zum Beispiel Sportangebote,
Rückenschulungen, Kochkurse durch Diätassistennnen bzw. Menü-
angebot gegen Adipositas, Obst für das Personal auf der Staon, Pro-
gramme zur Entwöhnung von Rauchern
• Zur Stärkung der psychischen Gesundheit im Alltag: Angebote zur Re-
generaon, Hilfen zur Koniktbearbeitung: Supervisionen, Selbster-
fahrungsgruppen, Balintgruppen etc. (vgl. Weidner 2004, 144 .).
• Supervision kann über die Koniktbearbeitung hinaus Entlastung brin-
gen, da sie eine Reexion über das beruiche Handeln ermöglicht und
eventuell auch dabei hil, einen reekerten Umgang mit Nähe und
Distanz zu lernen.

Auf der Organisaonsebene:


• Ein Prozess der Veränderung ausgehend von den Intenonen der Mit-
arbeiter wird zur Demokrasierung der Einrichtung führen, wenn in
allen Schrien eine hohe Transparenz hergestellt wird.
• Mitwirkung, Mitbesmmung und Transparenz sind die stärksten An-
reizfaktoren.
• Interdisziplinäre Teams (im Sinne des § 16 des Gesundheits- und Kran-
kenpegegesetzes GuKG vom 19. August 1997) sind am besten geeig-
net, um die Bedürfnisse der Personen mit Demenz und ihrer Angehöri-
gen wahrzunehmen und Lösungen anzubieten. Dazu gehören neben
pegerischem und ärztlichem Personal etwa Physiotherapeuten, Psy-
chologen und Ergotherapeuten.
• Die Instuon muss mit den betroenen Mitarbeitern, basierend auf
Evidence Based Nursing, klare Richtlinien erarbeiten (Schmerzmanage-
ment, Symptomkontrolle, Umgang mit Personen mit Demenz etc.).
• Langfrisge Dienstplangestaltung, um außerberuiche Akvitäten pla-
nen zu können
• Vergrößerung der Tägkeitsspielräume

135
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

• Entwicklung von Empowerment-Konzepten mit Förderung der Selbst-


besmmung der Personen mit Demenz und der Selbstverantwortung
der Pegepersonen
• Schaung einer berechenbaren Umgebung
• Paradigmenwechsel: Änderung des Pegeverständnisses und des
Arbeitsverständnisses
• Es bedarf einer Instuonskultur, die Demenz, Mulmorbidität, Ster-
ben und Tod als natürliches, bedeutungsvolles Ereignis nicht nur zu-
lässt, sondern diesem Ereignis auch einen Platz im Alltag einräumt.
• Eine Betreuungs- und Pegekonzepon kann nur gelingen, wenn sie
einen Prozess widerspiegelt, an dem wirklich alle beteiligt sind, die am
Aurag der Einrichtung parzipieren.
• Auau einer transparenten Kommunikaonsstruktur und -kultur: Al-
les, was die Person mit Demenz betrit, muss den Mitarbeitern mit-
geteilt werden.
• Implemenerung einer Feedback- und Fehlerkultur
• Implemenerung von Empowerment-Zirkeln und mulperspekvi-
schen Fallbesprechungen
• Schaung eines Angehörigenbeirates

Auf der gesellschalichen Ebene:


• Eine soziale Einrichtung muss eine Einladungskultur auauen und
pegen, wenn sie nicht zu einem Gheo werden will. Ziel: Berührungs-
ängste abbauen und das Image der Pegepersonen in der Gesellscha
verbessern.
• Ein Zeichen der gesellschalichen Wertschätzung wäre auch eine An-
erkennung im Rahmen einer gehaltlichen Abgeltung und terären
Ausbildung.
• Aufwertung des Berufsbildes in der Gesellscha
• Professionalisierung der Pege

7.5.2 Implemenerung
[Spezielle Schulungen für Pegende, M. W.-L.] reichen jedoch o nicht aus, um das
eigene Pegeverhalten zu verändern, denn Veränderungsmöglichkeiten hängen
vor allem davon ab, ob die Vermilung der Inhalte sowohl die Kognion, als auch
die Emoonen und die Haltung der Pegenden ansprechen. (BMG 2006, 59)

Ein vielseiges Implemenerungs- und Movaonsmanagement ist eine


grundlegende Voraussetzung für die Implemenerung in der Praxis. Trä-
gerorganisaonen, die die Gesundheitsförderung implemeneren wol-
len, müssen viel Geduld auringen. Da es sich um einen Paradigmen- und

136
 Eziente Gesundheitsförderung in einer geriatrischen Organisaon 

Menschenbildwechsel handelt, müssen Umwege, Rückschrie, Pausen,


Sackgassen, Entmugungen, Widerstände mit einkalkuliert werden. Die
Zeitrhythmen der Mitarbeiter sollen respekert werden. Die Führungs-
kräe dürfen nicht vergessen, wie viel Zeit sie selbst benögt haben, um
diesen Weg der Veränderungen zu gehen. Wollen sie Überforderung und
Ablehnung gegen das Projekt vermeiden, müssen sie daher im Rahmen
der Implemenerung den Mitarbeitern ebenfalls die entsprechende Ad-
aponszeit zugestehen.
Die Führungskräe spielen eine entscheidende Rolle in der Phase der Im-
plemenerung, weil sie für ein oenes und förderndes Arbeitsklima der
Einrichtung verantwortlich sind. Schwierig wird es, wenn die Führungs-
kräe zu wenig Kenntnisse haben über den Implemenerungsprozessver-
lauf, über die Vorgangsweise, über die notwendigen Hilfsinstrumente,
über die notwendigen Handlungen, die gesetzt werden müssen, um lang-
frisg Erfolge zu erzielen.

Ein Implemenerungsprozess ist eine sehr komplexe Managementher-


ausforderung, der gut überlegt und vorbereitet werden muss. Die Entwick-
lung der Gesundheitsförderung kann nicht den Prakkern überlassen
werden. Der Implemenerungsprozess gehört ganz klar in die Hände des
Managements. Die Führungskräe müssen vor allem auf die Qualität der
einzelnen Maßnahmen und nicht auf deren Quantät setzen. Hier ist
weniger mehr.

Das Management aber muss den Plan für den gesamten Implemenerungspro-
zess entwickeln und durchführen. (Elsbernd 2007, 366)

Das Management muss eine klare, transparente und nachvollziehbare


Strategie entwickeln mit den Aspekten übergeordnetes Ziel, Projektziel,
Resultate und Indikatoren, die die Grundlagen für ein Monitoring- und
Evaluierungssystem bilden.

Die Implemenerung der Gesundheitsförderung verläu nicht geradlinig.


Die Stufen des Akzeptanzprozesses gehen von akver Verweigerung
(„NEIN, warum etwas ändern? Es funkoniert gut so, wir haben es immer
so gemacht“, blockierendes Schweigen), aggressiver Verweigerung (Wi-
derstand), pareller Verweigerung („Wenn’s sein muss“), depressiver An-
nahme („Keiner hört auf mich“, innere Kündigung), bewusster Annahme
(Oenheit) bis zu begeisterter Annahme (JA, bewusste Auseinanderset-
zung). Hier kann man übrigens Analogien zum Krankheitsverarbeitungs-
prozess, „Coping“, entdecken.

137
 Lösungsansätze gegen personelle und strukturelle Gewalt in der Instuon 

Fühlen sich Mitarbeiter wahr- und ernstgenommen, dürfen Probleme


und Fehler angs rei besprochen werden, sind Selbstverantwortung und
Mitbesmmung im Tagesablauf erwünscht, können Pegepersonen ihre
Professionalität leben und müssen nicht ihren Frust, ihre Demovaon
und/oder Erschöpfung durch Gewalt zu Tage bringen. Sind die Rahmen-
bedingungen, Verantwortungen, Kompetenzen nachvollziehbar, haben
die Mitarbeiter einen klaren Arbeitsaurag. Wenn die Organisaon Leit-
linien entwickelt hat, die genau denieren, unter welchen Voraussetzun-
gen freiheitseinschränkende Maßnahmen angewendet werden und wenn
die Mitarbeiter zusätzlich durch gezielte Schulungsmaßnahmen (im Rah-
men von Gewaltprävenon, Schulungen über FEM, Sedierung usw.) und
Supervision unterstützt werden, können sie in schwierigen Situaonen
gewal rei handeln, freiheitseinschränkende Maßnahmen egal welcher
Art minimieren und deeskalierend wirken.

Wo liegen die Vorteile für die Organisaon?


• Transparenter Kommunikaonsuss und -prozess
• Klares Organigramm, Verantwortung und Kompetenzgrenzen
• Innovaonsprozess in der Organisaon, in den Abläufen, in den Zu-
ständigkeiten etc.
• Erhöhung der Arbeitszufriedenheit, dadurch Movaon und Corpo-
rate Identy
• Posives Arbeitsklima, das zu einer Verbesserung des Unternehmens-
images nach innen und nach außen führt.
• Gegenseiges Helfen: Alle ziehen an einem Strang
• All dies zusammen verringert die Anzahl der Krankenstände, reduziert
die Fehlzeiten und Fluktuaonsrate und erhöht die Wahrnehmung von
Risiken. Dies führt zu mehr Ezienz, besserer Konkurrenzfähigkeit und
besseren Marktchancen.
• Opmierung der vorhandenen Ressourcen

7.5.3 Hindernisse bei der Implemenerung


Wo könnten Hindernisse in Bezug auf eine gesundheitsfördernde Pege
liegen?
• Im Individualismus: Die Bezugspege berücksichgt möglicherweise
zu wenig die gesundheitsfördernden Komponenten, die außerhalb
der Person mit Demenz liegen: Abstrakon der Person mit Demenz
von ihrer Umwelt.
• In dem Rollenverständnis der Pegeperson: Die Mitarbeiter-Be-
wohner-Beziehung soll einer Eltern-Kind-Beziehung gleichen, passi-
ves Verhalten wird gefördert.

138
 Eziente Gesundheitsförderung in einer geriatrischen Organisaon 

• In organisatorischen und systemischen Einüssen: Die Organisaons-


kultur in Langzeiteinrichtungen, die mit xen Esszeiten, Besuchs-
zeiten, „Wasch-/Badetag“ u. ä. arbeitet. Die Person mit Demenz wird
nur geduldet. Sie ist ein Störfaktor der Arbeitsabläufe.
• Im Ignorieren der Gesundheitsförderung für die Pegeperson selbst:
Pegepersonen sollen sich selbst nicht vernachlässigen. Eine Pe-
geperson kann nur so gut pegen, wie sie sich wohlfühlt.

7.5.4 Evaluaon der Implemenerung


Jede Intervenonsstrategie der pegerischen Gesundheitsförderung soll-
te evaluierbar sein. Da das übergeordnete Ziel, das Projektziel, Resultate
und Indikatoren durch das Management am Anfang des Implemene-
rungsprozess klar deniert wurden, düre eine Evaluaon als systemi-
scher Vorgang mit der Schwerpunktsetzung, die Ezienz der Maßnah-
men, Projekte und Programme zu prüfen, problemlos durchzuführen
sein.
Um etwa den Erfolg der ezienten Gesundheitsförderung in der geriatri-
schen Organisaon hinsichtlich der Häugkeit von Gewaltanwendungen
sichtbar zu machen, könnten einfache Indikatoren benützt werden:
• Wann, wie lang und warum wurden welche freiheitseinschränkenden
Maßnahmen angeordnet? Wurden die Voraussetzungen, die medizi-
nischen und pegerischen Indikaonen und die rechtlichen und juridi-
schen Rahmenbedingungen für die Applizierung einer freiheitsein-
schränkenden Maßnahme eingehalten?
• Wurden Psychopharmaka verschrieben? Wenn ja, mit welcher Indika-
on und in welcher Dosierung?

8. Ein Beispiel für Good Practice32


Was kann eine Organisaon gegen Gewalt tun? Hierauf gibt es eine erste
klare Teilantwort: Ohne eine entsprechende Leitung gar nichts.
Als Grundvoraussetzung, um die Betreuung und Pege hochbetagter mul-
morbider Personen mit und ohne Demenz zukünig auf hohem Standard
32 Die folgenden Beschreibungen beziehen sich auf das Pensionistenheim „Haus Paul“ (der Name
wurde geändert), das ich, Monique Weissenberger-Leduc, in der Zeit von Anfang September
2008 bis Ende Oktober 2008 besuchte. Sie sind Teil einer qualitaven, nicht teilnehmenden For-
schungsarbeit. Während der zweimonagen Beobachtungszeit verabreichten weibliche Pege-
personen oder Schülerinnen das Miagessen (es gab keine männlichen Pegepersonen oder
Schüler zu dieser Zeit auf der Staon). Zivildiener und Abteilungshelferinnen halfen direkt bei der
Essenseingabe nicht mit. Sie waren aber für das Vorbereiten in der Staonsküche (die Teil des
Aufenthaltsraumes ist), das Anbieten und Servieren im Aufenthaltsraum, das Abservieren und
für das Abwaschen auf der Staon zuständig.

139
 Ein Beispiel für Good Pracce 

gewährleisten zu können, ist die Erarbeitung einer angemessenen Grund-


haltung der Organisaon und aller ihrer Mitarbeiter unerlässlich. Ohne
geeignete personzentrierte Grundhaltung kann die Pegeleitung alle
möglichen Schrie setzen, alle möglichen Versuche unternehmen – die
Qualität der Betreuung und der Pege wird nicht steigen. Obwohl Träger,
Finanzierung, Heimverträge, Hausordnungen, Leitbilder, Pegekonzepte,
Gesetze, Weiterbildungsbudgets o homogen sind, sind die einzelnen
Heime sehr unterschiedlich. Woran kann das liegen? Am Beispiel des Hei-
mes „Haus Paul“, das einerseits schwarze Zahlen schreibt und anderseits
Teil einer großen österreichischen Organisaon ist, soll ein – trotz wirt-
schalichen Druckes – gangbarer, gewal reier, struktureller, prozesshaf-
ter Weg aufgezeigt werden.

Thomas Görgen stellt Folgendes fest:


Instuonen entwickeln auch Mechanismen, um sich von der Außenwelt abzu-
schoen und sich bei vielem von dem, was sie tun, nicht in die Karten schauen zu
lassen. (Görgen 1999, 61)

Im Haus Paul nden sich solche Mechanismen nicht und seine Mitarbeiter
behaupten auch nicht, „die Instuon sei frei von jedwelchen Gewaltphä-
nomenen“ (Förster, 2008, 43). Der Zugang zum „Innenleben“ des Hauses
Paul war nicht schwierig. Das Ansuchen, eine qualitave Forschungsarbeit
im Haus durchführen zu dürfen, wurde nicht nur posiv aufgenommen,
sondern die Forscherin wurde während des gesamten Projektes unter-
stützt: Unterlagen wurden problemlos zur Verfügung gestellt, Gespräche
konnten jederzeit geführt werden, teilnehmende und nicht teilnehmende
Beobachtungen konnten ohne Vorankündigung im öentlichen Raum
sta
inden usw. Die Mitarbeiter dieses Hauses schoen sich eindeug
nicht ab.
Auällig war die Haltung der Mitarbeiter gegenüber den Bewohnern, die
auch im Rahmen der Landespegeeinschau dokumenert wird:
Die Einstellung der MitarbeiterInnen gegenüber den BewohnerInnen ist sehr
einfühlsam und bewohnerorienert, die Philosophie, das DaHeim wird von allen
MitarbeiterInnen gelebt. (Landespegeeinschau 2005, 2)33

Der Pegedienstleiter hat eine klare Vorstellung von Pege und Betreu-
ung. Er hat sich die zentrale Frage gestellt: „Welche Qualität will sich das
Haus leisten?“ und hat die Antwort in der Übereinsmmung der Werte
33 Um die Anonymität zu gewährleisten, wird in diesem Fall (Landespegeeinschauen in Bezug auf
das hier näher beschriebene Heim) auf eine nähere und eindeuge Quellenangabe bewusst ver-
zichtet (daher auch keine Aufnahme ins Literaturverzeichnis).

140
 Ein Beispiel für Good Pracce 

von Gesundheit, Krankheit und Alter gefunden. Er hat diese Einstellung


zur Pege auch in der Stellenbeschreibung für diplomierte Gesundheits-
und Krankenpeger und Staonsleitung-Stellvertretung deniert: „Den
HeimbewohnerInnen ist ein menschenwürdiges, ihren Bedürfnissen und
den modernen Grundsätzen der Pege entsprechendes Leben zu ermög-
lichen.“ Die Heimleiterin hat darüber hinaus eine klare Vorstellung von
Wirtschalichkeit. Beide geben gemeinsam den Weg vor: Respekt und
Wertschätzung des Einzelnen bei hoher Qualität und posiver Bilanzie-
rung.
Die Pegeorganisaon im Haus ist sehr gut strukturiert und lässt eine gute Zu-
sammenarbeit zwischen Verwaltungs- und Pegebereich erkennen. (Landes-
pegeeinschau 2006, 1)

Der Pegedienstleiter hat sich bewusst mit dem Pegepersonal auf Pe-
gemodelle mit kleiner Reichweite geeinigt, die krankheitsbildspezisch
entwickelt worden sind.
In Konzepten und Modellen sind Bereiche verankert wie Ethik, Menschenwürde
und die Haltung gegenüber Menschen, die vom Team in einem Leitbild formu-
liert sein sollten. (Protokoll 29. 4. 2009, 18) 34

Das gesamte Personal wurde und wird weiterhin besonders in Kinästhe-


k, Christel Biensteins Basaler Smulaon® (Bienstein u. Fröhlich 2007)
und im Integraven Pegemodell® von Maria Riedl (Riedl 2006) bzw. im
Psychobiographischen Pegemodell®/Übergangspege® nach Erwin Böhm
(Böhm 2009) weitergebildet. Diese Modelle ermöglichen eine bessere Si-
tuaonsanalyse, auf deren Grundlage erst eine situaons- und individu-
umsangemessene Hilfeplanung erstellt werden kann und deren Zielset-
zungen durchgeführt werden können. Warum ist diese situaons- und
individuumsangemessene Pegeplanung so wichg?
Wenn Pegepersonen den Sinn des Instrumentes Pegeprozess und der Pege-
visite verstanden haben, wird ihnen dadurch klar dargestellt, welche Aufgabe
die diplomierte Gesundheits- und Krankenpegeperson hat und wofür sie be-
zahlt wird. Nämlich im Team und mit dem Kunden die gemeinsame Erarbeitung
seiner pegerischen Maßnahmen, dieser Pegeprozess ist zugleich der Arbeits-
aurag, Anleitung und Delegaon für die Pegehilfe. Das Arbeiten am Kran-
kenbe sollte vom gehobenen Dienst ganz gezielt eingesetzt werden, zur Vor-
bildwirkung, zur Kontrolle und Aufsichtspicht, zur Beratungsfunkon, zur
Rehabilitaon, als Bezugsperson und zur Umsetzung von Konzepten. (Protokoll
29. 4. 2009, 10)

34 Die Staonsleiterin hat ihre Gedanken zur Aufgabe und Rolle einer Führungskra am 29. 4. 2009
niedergeschrieben.

141
 Ein Beispiel für Good Pracce 

Hier werden die Organisaonsstrukturen, die einzelnen Kompetenzen,


Rollen und Aufgaben klar transporert. Doppelgleisigkeiten, die o durch
Intransparenz, Unklarheiten, Nicht-Absmmen und Unübersichtlichkeit
entstehen, können beseigt werden. Kapazitäten werden frei. Die Beset-
zung und die Zusammensetzung des Personals sind für alle Mitarbeiter
klar dargestellt – das Ergebnis ist eine erhöhte Personalzufriedenheit. Die
Bewohner und die Angehörigen wissen, wer wofür zuständig ist. Sie kön-
nen sich orieneren, sind somit nicht der Willkür ausgeliefert – das Ergeb-
nis ist eine erhöhte Kundenzufriedenheit.

Auf Grundlage der Kriterien für strukturelle Gewalt (vgl. Kap. 6) soll jetzt
der Blick näher auf das Haus Paul gerichtet werden.

Hierarchie und Führungssl


Die Erwartungen des Pegedienstleiters und der Heimleiterin des Hauses
Paul stehen nicht im Gegensatz zu den Erwartungen der Heimbewohner.
Die Bewohner kommen nicht zu kurz und müssen nicht durch negave
Verhaltensweisen auf sich aufmerksam machen. Die Mitarbeiter können
sich mit den Zielen und Normen des Hauses idenzieren und daher
gleichzeig die Interessen der Bewohner respekeren. Dadurch entste-
hen keine Intrarollenkonikte. Die Mitarbeiter stehen nicht im Spannungs-
feld zwischen Heimanforderungen und Bewohnererwartungen. Hierdurch
entsteht ein Miteinander anstelle eines Gegeneinanders.
Im Haus Paul gibt es eine sehr ache Hierarchie. Entscheidungen werden
miteinander getroen und die Mitarbeiter werden ernst genommen. Der
Pegedienstleiter und die Heimleiterin haben den Mitarbeitern beispiels-
weise erklärt, dass das Haus nur kostendeckend arbeiten kann, wenn es
pro Staon einen Bewohner mehr gibt und die Bewohner erst ab Pege-
geldstufe IV (ansta Pegegeldstufe III) aufgenommen werden. Die Mit-
arbeiter haben die Erläuterungen verstanden und akzepert. Selbstver-
antwortung wird bei ihnen groß geschrieben und sie haben das Gefühl,
dass das, was sie tun, sinn- und wertvoll ist. Der Grund für die Movaon
düren die guten Beziehungen und die Kooperaon zwischen Pege-
dienstleiter, Heimleiterin und Mitarbeiter sein.
Verschiedene Aspekte sind hierbei relevant:
• Eine Führung, welche die Movaon in ihren Mitarbeitern weckt.
Am Erfolg zu arbeiten, moviert, macht Spaß, man wird süchg und kann nicht
mehr au ören. Das Interesse, wie man zum Erfolg kommen kann, wird größer.
[…] Qualizierte und movierte Mitarbeiter sind somit der Schlüssel zur Wirt-
schalichkeit. (Protokoll 29. 4. 2009, 5)

142
 Ein Beispiel für Good Pracce 

Die Idee dahinter ist, den Mitarbeitern die Sinnhaigkeit ihrer Leistun-
gen, die sie im Rahmen einer Instuon im Aurag der Gesellscha
leisten, zu vermieln. Ein persönlicher Umgang am Arbeitsplatz ist
maßgeblich für die individuelle Movaon. Gute Beziehungen am
Arbeitsplatz, Gerechgkeit und erlebtes Vertrauen wirken nicht nur
movierend, sondern sind auch gesundheitsfördernd. Mitarbeiter, die
in den Prozess der Qualitätsentwicklung eingebunden sind, fürchten
sich nicht mehr vor Qualitätsevaluaonen.
Der Heimleiter des Hauses Paul schmückt sich nicht mit fremden Fe-
dern. Er verteilt Lob und Dank an seine Mitarbeiter. Er zeigt den Mit-
arbeitern ihre eigenen Erfolge, die sie o selber nicht mehr wahrneh-
men: Ruhe und Leben auf der Staon, keine Decubita, keine PEG-Sonden
aufgrund von Mangelernährung etc.
• Staonsleitungen, die ihr Budget kennen, können dadurch Prioritäten
setzen. So liest man in der Stellenbeschreibung: „Die Wirtschalich-
keit ist durch den zielführenden Einsatz sämtlicher Ressourcen sicher-
zustellen.“ Das Wissen um das eigene Budget ermöglicht die Suche
nach dem opmalen Einsatz der vorhandenen materiellen, nanziel-
len und vor allem personellen Ressourcen und führt zu Kreavität. Im
Haus Paul ist das besonders in der Dienstplangestaltung sichtbar: „Wie
können wir mit dem vorhandenen Personal am besten den Erforder-
nissen der Staon gerecht werden?“ Gemeinsam wurden Dienstplan-
formen gesucht, ausprobiert und evaluiert. Der Tagdienst im Haus Paul
ist zwischen 6 Uhr und 20.30 Uhr präsent. Einige Mitarbeiterinnen, die
in der Nähe wohnen, haben sich bewusst für einen geteilten Dienst
entschieden. Zum Beispiel: 6.45 bis 12.45 Uhr oder 7.30 bis 12.45 Uhr
und dann 15.15 bis 19.45 Uhr oder 16.00 bis 20.30 Uhr. Hier liegt der
Fokus nicht ausschließlich auf der Deckung der Bedürfnisse der Be-
wohner, sondern genauso auf der Deckung der Bedürfnisse der Pege-
person zum Beispiel als Muer, die ihre Tochter oder ihren Sohn nicht
in der Rolle eines Schlüsselkindes alleine lassen möchte. Der Nacht-
dienst ndet zwischen 19.15 und 7.15 Uhr sta.
• Sprechen alle Führungsmitarbeiter eine gemeinsame Sprache? Können
die relevanten Fragen gestellt werden? Fachwissen und Eigenverantwor-
tung führen dazu, dass Mitarbeiter im Haus Paul lernen, sich zu arkulie-
ren und zu argumeneren. Durch gemeinsame Indoorschulungen und
eine gemeinsame Haltung sprechen die Mitarbeiter die gleiche Sprache.
• In der letzten Zeit wird sehr viel von Standards gesprochen, unter an-
derem auch von dem sehr vielschichgen Begri „Pegeassessment“.
Für die Gesundheitsbehörde ist der Einsatz eines Sturzrisiko- oder Er-
nährungsassessments ein Qualitätskriterium, ein Indikator, da nach

143
 Ein Beispiel für Good Pracce 

Meinung der Gesundheitsbehörde die Standards bewohnerzentrier-


tes Pegehandeln indizieren.
Im Haus Paul gibt es sehr wenige Pegeassessments und es wird auch
nicht nach der Regel „Assessment vorhanden = gute Qualität“ gepegt.
Mitarbeiter wurden befähigt, Assessmennstrumente krisch zu hin-
terfragen. Assessmennstrumente können zu einer professionellen
bewohnerorienerten Pegepraxis beitragen, tun es aber nicht auto-
masch (vgl. Bartholomeyczik 2007, 211).
So ist die Kehrseite standardisierter Instrumente, dass sie zum Missbrauch ver-
leiten, weil sie manchmal wie eine nicht zu hinterfragende Vorschri angewandt
werden, ohne ihre inhaltlichen und formalen Qualitäten genauer zu beachten.
(Bartholomeyczik 2007, 211 f.)

Im Haus Paul werden sehr wenige standardisierte Assessmennstru-


mente benützt, diese dafür aber gezielt eingesetzt. Die Pegeperso-
nen wurden bestens geschult. Sie wissen, wann, wofür und wie die
Qualitätsinstrumente anzuwenden sind. Viel Leid wird dadurch ver-
mieden, viel Zeit und Kosten werden dadurch gespart. Pegehandeln
basiert vorrangig auf dem Urteil der Pegenden.
Pegepersonen erreichen durch partnerschaliche Zusammenarbeit, durch Ver-
stehen-Lernen des Menschen und durch versuchen, in den Füssen des anderen
zu gehen, eine opmale Pege für den Betroenen. (Protokoll 29. 4. 2009, 15)

Das Pegehandeln, das in den Selbstverantwortungsbereich des Pe-


genden gehört, muss „State of the Art“, muss stets nachvollziehbar und
begründet sein. Das Ergebnis: Einstufung des Qualitätsniveaus der Pege
auf Stufe 4, „opmale Pege; der Bewohner erhält die Möglichkeit, die
Pege akv mitzugestalten und selbst zu entscheiden, die Anforderun-
gen entsprechen seinen Fähigkeiten“ (Kämmer 1994, 134 f.). Die Kon-
nuität wird unter anderem durch Pegevisiten gewährleistet:
Die ständige Kommunikaon in Pegevisiten und deren Verschrilichung stellt
sicher, dass Maßnahmen mit dem oder ohne den Pegebedürigen vereinbart
wurden und dass alle Mitarbeiter an diesen Zielen beteiligt sind, daran arbeiten,
Konzepte umsetzen und sie gelebt werden. (Protokoll 29. 4. 2009, 18)

• Kann eine Staonsleitung delegieren?


Im Haus Paul werden gemeinsam Lösungen gesucht, Informaonen
ießen in alle Richtungen. Es gibt viele kleine temporäre Arbeitsgrup-
pen, sei es über Trauerbegleitung, über Schmerztherapie, Urlaub vom
Heim oder über Pegeleitbilder. Die Ergebnisse aus diesen Arbeits-
gruppen ießen in die Alltagspraxis ein.

144
 Ein Beispiel für Good Pracce 

Die Stärke von Führungskräen liegt in der Wirksamkeit und Ausdauer, sie arbei-
ten im Hintergrund und es sind ganz gewöhnliche Menschen, die konstant, wie
ein Motor, das Schi vorantreiben. (Protokoll 29. 4. 2009, 21)

Die Stärke eines Staonsleiters wird besonders sichtbar in seiner Fä-


higkeit, einen „Mitarbeiter so einzusetzen, dass er sich weiterentwi-
ckeln und verwirklichen kann.“ (Protokoll 29. 4. 2009, 21) Das ist eine
vom Pegedienstleiter im Haus Paul vorgelebte Kunst: Präsent zu sein,
ohne dabei aufdringlich zu wirken; die Geschichte jedes Bewohners
und jedes Mitarbeiters so gut zu kennen, dass er oder sie sich wahrge-
nommen und ernst genommen fühlt; zu führen, ohne zu manipulie-
ren; Raum für Kreavität und Freiheit zu bieten, ohne Chaos entstehen
zu lassen. Der Pegedienstleiter des Hauses Paul kann mit einem Or-
chesterdirigenten verglichen werden.35 Jeder Musiker ist ein Experte
in seinem Bereich. Die Rolle des Orchesterdirigenten ist es, diese Solis-
ten so zu führen, dass sie ein Musikstück auf höchstem Niveau gemein-
sam spielen, ohne dabei ihre Eigenheiten zu verleugnen. Jeder Einzel-
ne ist wichg. Aufgabe des Dirigenten ist es, den Einsatz genau zu
koordinieren, die Betonungen und Rhythmen aufzuzeigen, um den
eigenen Klang des Orchesters entstehen zu lassen. All das geschieht zu
dem Zweck, das „größere Ganze“, ein einzigarges Musikstück eines
besonderen Komponisten, hörbar und spürbar zu machen. Der Pege-
dienstleiter hat nur diese eine Aufgabe: Seine Musiker sind die Mit-
arbeiter und das größere Ganze ist das Angebot einer Betreuung und
Pege auf hohem Niveau bei gleichzeiger Wirtschalichkeit. Der
Pegedienstleiter wie der Dirigent behalten das ganze Orchester und
seinen Rahmen im Auge.
Die Gesamtverantwortung trägt die Führungskra, aber durch Weitergabe von
Verantwortung an die Mitarbeiter wird wiederum die Führungskra von den
Mitarbeitern getragen. (Protokoll 29. 4. 2009, 22)

Dieses Geben und Empfangen von Kra ist ein entscheidendes Miel
gegen Überforderung und Burnout. Es wirkt stabilisierend auf den Res-
sourcenhaushalt aller Personen, die im Haus Paul arbeiten, und schat
die Grundlage einer Vertrauensbasis. Ein weiterer Aspekt dieses Ge-
bens und Empfangens ist das Zugestehen der Möglichkeit, zu sagen:

35 Das Bild des Orchesters wurde in anderer Form von Erich Loewy bereits in den 90er Jahren ver-
wendet – im Kontext des Lebensendes: „Den Tod zu ‚orchestrieren‘, genauso wie eine Symphonie
zu dirigieren oder eine Partur zu schreiben, heißt, die richgen Instrumente in der richgen Ton-
art und zum richgen Zeitpunkt zu verwenden. Es ist eine Aufgabe, die nicht nur technisches,
sondern in erster Linie auch Wissen um menschliche Gefühle voraussetzt. (Loewy 1995, 104)

145
 Ein Beispiel für Good Pracce 

„Ich habe einen Fehler begangen“ oder „Hier sind wir auf dem falschen
Weg“.

• Wie funkoniert die Staon während einer Abwesenheitsphase der


Staonsleitung?
Dies ist ein interessanter Aspekt. Die Staonsleiterin meint in Anleh-
nung an Fredmund Malik (vgl. Malik 2006):
Eine Staon hängt nicht alleine von einer Einzelperson ab, da der wahre Prüf-
stein für eine Führungskra nicht der Erfolg während seiner Akvphase ist, son-
dern vielmehr die Situaon, in die die Organisaon nach seinem Ausscheiden
gerät: Ist sie weiterhin erfolgreich, ist sie trotz des Wechsels an der Spitze robust
oder bricht sie zusammen, weil eben alles auf diese Person zugeschnien war.
(Protokoll 29. 4. 2009, 23)

Diese Bemerkung birgt viel Kra in sich, besonders wenn wir sie anwen-
den auf die nur zeitweilige Abwesenheit einer Führungskra: Wie o
werden Pegemaßnahmen nur dann durchgeführt, wenn die Staons-
leitung anwesend ist? In diesen Häusern herrscht Angst vor Repressalien.
Der Dienst wird nach Vorschri „abgearbeitet“. Die Haltung der Staons-
leitung wurde nicht übernommen; der Sinn der Wertepriorität wurde
nicht verstanden. Gleichzeig ist bekannt, dass ein solches Arbeitsklima
allen Arten von Gewalt Tür und Tor önet. Nur wer die Grundhaltung
des Respekts und der Achtung vor dem Mitmenschen verinnerlicht hat,
wird auch ohne Anwesenheit der Leitung in diesem Sinne arbeiten.
• Achten die Führungskräe auf ihre Mitarbeiter, dürfen sie sich en al-
ten? In einer Organisaon, die Heiterkeit, Inspiraon, Respekt und
Achtsamkeit vorlebt, wird jeder Einzelne ernst genommen und braucht
keine Gewalt, keine Macht auszuüben. Jeder Mitarbeiter hat das Recht,
er selbst zu sein. Der Pegedienstleiter des Hauses Paul stellt nicht
wahllos jemanden an, weil gerade irgendwo jemand gebraucht wird,
sondern er besetzt jeden einzelnen Posten ganz gezielt: Frau Meyer,
weil sie Frau Meyer ist und über besmmte Kompetenzen, Fergkei-
ten und Fähigkeiten verfügt. In den Anfängen der Pegetägkeit des
Hauses Paul gab es Schwierigkeiten, gutes Personal zu nden. Der Pe-
gedienstleiter, im Einklang mit dem Team, hat manchmal eine Stelle
unbesetzt gelassen, um niemanden anzustellen, der die Werte des
Hauses nicht miragen kann. Diese Zeiten sind vorbei. Das Haus Paul
kann sich jetzt ganz gezielt und bewusst sein Personal aussuchen: Wer
passt zum Team? Um dies herauszunden gibt es vor einer Anstellung
sowohl einen Schnuppertag als auch einen Probemonat. Das Haus
Paul hat sich außerdem dazu entschlossen, zuerst nur Verträge mit

146
 Ein Beispiel für Good Pracce 

einer Ein-Jahres-Frist mit seinen Angestellten einzugehen, weil die Mit-


arbeiter der Meinung sind, dass erst im Laufe der Zeit die Grundhal-
tung der Person im Alltag erkennbar wird. Der erste Punkt der Check-
liste für neue Mitarbeiter ist die Übereinsmmung der Philosophie der
Staon mit jener des Bewerbers: Normalitätsprinzip, Wertschätzung,
Prioritäten. Dafür verwendet die Staonsleiterin viel Zeit, denn hierbei
handelt es sich auch um ihre erste Priorität.

Essenszeiten, eitpläne, Arbeitsablauforganisaon und Schlaf- und


Weckzeiten
Die Tagesabläufe werden von den Bewohnern besmmt, je nach ihrer
Eigenständigkeit und ihren Lebensgewohnheiten. Ihre jeweilige Normali-
tät gibt den Rhythmus vor.
Beobachtung am 16. 9. 2008:
• 12.35 Uhr: Frau Schönberg36 kommt im Nachthemd.
• Pegerin Frau Maria zu Frau Schönberg: „Wer kommt daher? … Guten
Morgen … Ausgeschlafen?“
• Frau Schönberg: „Sehr gut.“
• Pegerin Frau Maria: „Das ist fein.“ Sie zeigt Frau Schönberg ihren Platz
am Tisch.

Während der Essenszeiten ist die Anwendung der Basalen Smulaon®


von größter Wichgkeit: Sowohl der Raum als auch die Atmosphäre und
die Bewohner werden gut auf das Ereignis „Essen“ vorbereitet. Alle Sinne
werden angeregt, um den Speicheluss in Gang zu setzen. Der Körper
kann sich auf die Nahrungsaufnahme vorbereiten. Das Schlucken und
Kauen werden dadurch smuliert.
Beobachtung am 22. 9. 2008:
• Pegerin Frau Pia: „Was riecht da?“
• Mehrere Personen versuchen, den Geruch zu erkennen und thema-
sieren: „Das riecht nach Brot“, „nach Nusskipferl“ etc.
• Pegerin Frau holt Apfelspalten, kommt zurück und sagt: „Schauen Sie
[zu Frau Hackl und Frau Bäckmann, M. W.-L.], wie das gut ausschaut,
riechen Sie einmal.“
• „Frau Köhler schauen Sie mal, eine Apfelspalte, sie riecht ganz intensiv.“

Die Tochter von Frau Schönberg ist da und macht ihre Muer auf ihre
eigene Vorliebe für Apfelspalten aufmerksam.

36 Um die Anonymität zu gewährleisten wurden deutsche Vor- und Nachnamen aus dem Telefon-
buch gewählt.

147
 Ein Beispiel für Good Pracce 

Die Getränke besorgt der Zivildiener, der jeden Bewohner fragt, was er
gerne zu trinken häe. Die Bewohner bekommen alles Mögliche zu trinken:
Cola, helles oder dunkles Bier, Wein, Most, Leitungswasser, Apfelsa – je
nach Wunsch.
Ein Kompromiss zwischen den Hygienevorschrien und der Anwendung
der Basalen Smulaon® musste hinsichtlich der Tischplaen gefunden
werden: Diese sind aus Kunststo und regen dadurch nicht zum Nachspü-
ren an, wie etwa unebene Holzplaen.
Der Herrgoswinkel zu Tisch entspricht den Lebensgewohnheiten dieser
Generaon, und es ndet keine Ablenkung durch Radio, TV oder Musik
sta. Die Atmosphäre ist ruhig und auf Essen eingestellt. Diese Gusto-Vor-
bereitung ist für die Nahrungsaufnahme notwendig. Denn nur wenn die
Sinne wach sind, ist der Bewohner in der Lage, zu essen.
Zur Essenszeit wird ein Glöckchen geläutet. Hierbei handelt es sich um ein
Einsegsritual wie auch das Mahlzeit-Wünschen, oder die Inialberüh-
rung beim Kommen und Gehen, die durch die Pegeperson bewusst ge-
setzt wird. Diese Adaptaonszeit ist notwendig, um die Bewohner da ab-
zuholen, wo sie sich gerade mental benden.
Die Pegepersonen achten auch sehr auf die Körperposion der Bewoh-
ner während des Essens. Ist eine Verbindung zwischen den Füßen und der
Erde vorhanden? Passen Stuhl- und Tischhöhe zusammen? Pegerin Frau
Pia lässt Frau Mayer schlürfen. Von der Resonanz her ist sie dicht bei ihr.
Der Dialog ist sowohl verbal als auch nonverbal. Frau Mayer spürt, dass
jemand bei ihr ist, der sie führt, aber dabei nicht drängt und ihren Rhyth-
mus unterstützt.
Werden Behinderungen des Schluckvorganges bemerkt? Bei Herrn Nagel
ndet eine orale Anbahnung über die Ohren/Parosspeicheldrüse und
der Wange sta. Die Wange wird ganz fein mit einen Froeetuch ausge-
strei. Dadurch wird Herrn Nagel passiv der Kauapparat bewusst ge-
macht. Die Innervaon der Kaumuskeln im Gehirn wird angesprochen.
Die Parosspeicheldrüse ist immer bereit, Speichel zu erzeugen. Nach
fünf- bis sechsmal Streicheln kommt der Speicheluss im Mund in Gang.
Dies führt zu einer Selbstreinigung des Mundes durch die eigene Mund-
ora, zu Zungenbewegung und dadurch zu Schluckbewegung. Diese
Vorgänge geschehen automasch durch den Hirnnerv (Innervaon zum
Gedächtniszentrum), der mit der Zunge gekoppelt ist. Eine andere Vor-
gangsweise, die sich gerade zu dieser Jahreszeit (Herbst) für den Bauern
Herr Nagel anbietet, ist Most. Herrn Nagel kann man sehr gut mit Most
oder Sturm „locken“. Sein Bruder bringt einen Hausgemachten mit, den
Herr Nagel früher immer gerne vor dem Essen getrunken hat.

148
 Ein Beispiel für Good Pracce 

Die spannende Frage im Alltag ist: Wie viel individuelle Normalität kann
gelebt werden, ohne die individuelle Normalität eines anderen Bewoh-
ners einzugrenzen? Konikte zwischen gegenteiligen Rhythmen müssen
von vornherein angesprochen werden, um Kompromisse im Sinne der
Gemeinscha nden zu können. Im Alltag bedeutet dies, dass es keine
festen Zeiten für das Aufstehen und Zu-Be-Gehen geben kann. Die Sta-
on bewälgt diese Vielfalt durch
• eine klare Grundhaltung und das Bekenntnis zum Normalitätsprinzip
• gut durchdachte Dienstplangestaltungen
• eine kleine Küche auf der Staon
• Flexibilität und muldisziplinäre Zusammenarbeit
• Platz für Kreavität und En altungsmöglichkeiten: Obsternte einbringen
• außerordentliche begründbare und argumenerbare Lösungen: Urlaub
vom Heim
Das Frühstück, die Zwischenmahlzeiten und das Abendessen werden indi-
viduell auf der Staon vorbereitet. Der Zivildiener holt den Warmhalte-
wagen für das Miagessen um 11.30 Uhr. Die Staon hat sich für ein
Schöpfsystem entschieden, damit sie je nach Bedarf variieren kann. Die
Bewohner werden nicht im Voraus gefragt, sondern an Ort und Stelle, bei
Bedarf werden beide Hauptmenüs nacheinander (sehr wichg, sonst n-
det eine Überforderung sta) vorgezeigt. Das jeweils aktuelle Menü wird
täglich auf einem Schwarzen Bre mit großen handgeschriebenen Leern
angekündigt. Da das Geschirr auf der Staon gewaschen wird, gibt es kei-
nen Rückgabedruck.

Frühstückszeiten des Personals


Das Frühstück und das Miagessen stehen im Sozialraum bereit. Die Sta-
onsleiterin legt nur darauf Wert, dass jeder ihrer Mitarbeiter seine Pau-
sen einhält und in dieser Zeit nicht gestört wird.

Hausordnung
Die Hausordnung des Hauses Paul ist so konzipiert, dass sie so wenig wie
möglich die individuelle Lebens- und Arbeitsgestaltung der Bewohner
und Mitarbeiter einschränkt. Wo eine Einschränkung nög ist (durch bau-
polizeiliche Richtlinien), wird sie erklärt und begründet. Gemeinsam werden
Lösungen und Alternaven gesucht. Das Moo lautet: „Wo können sich
alle treen, damit die Entscheidung für alle lebbar und vertretbar wird?“

Einbindung der Angehörigen


Die Betreuung der Bewohner inkludiert bei Bedarf die Betreuung der An-
gehörigen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Die Angehörigenbetreuung

149
 Ein Beispiel für Good Pracce 

und -begleitung nimmt viel Zeit in Anspruch. Sie werden nicht nur in ihrer
Rolle als Bezugsperson geschätzt, sondern o auch als Kontakt zur Außen-
welt (Kann jemand auf Besuch kommen bzw. eine Weile da bleiben, da der
alte Mensch gerade eine schwierige Phase durchlebt; ist ein Besuch des
alten Wohnsitzes möglich – Urlaub zu Hause?), als Dolmetscher (Was
könnte sein Verhalten bedeuten? Welche Bewälgungsstrategien hat er
früher erfolgreich verfolgt?), als Informaonsquelle (Wo und wie hat er
gelebt? Was war er für ein Mensch?) und als Entscheidungsträger (Unter-
stützung bei der Entscheidung, ob der alte Mensch ins Krankenhaus über-
stellt werden soll oder nicht; Übernahme der Sachwalterscha etc.).
Wenn die Familie den Geburtstag eines Bewohners im Haus feiern möch-
te, werden ein Raum, Geschirr, etc. zur Verfügung gestellt und Unterstüt-
zung angeboten.

Privatsphäre und ebensräume


Die Frage, wie viel persönliches Eigentum ein Bewohner ins Haus Paul mit-
nehmen darf, stellt sich hier nicht. Sondern eher umgekehrt: Wie können
die Angehörigen davon überzeugt werden, dass die Mitnahme von Mö-
beln und Gegenständen besonders in der Eingewöhnungsphase sehr wich-
g ist? Im Wohn- und Esszimmer gibt es verschiedene Bereiche, die eine
persönliche Note der einzelnen Bewohner tragen: der Herrgoswinkel
von Frau Maier, der Küchensch von Frau Hamann; der Lehnsessel von
Herrn Schüberl etc. Am Tisch benden sich Bilder, Nähzeug und eine Gieß-
kanne. An der Wand hängen Bilder und Frau Hackls Küchenwanduhr. Frau
Hackl hat sogar ihre Küchenecke von zu Hause mitgebracht. Als Frau Hackl
ins Haus Paul einzog, konnte sie sich nicht mehr zurech inden. Sie war
örtlich und zeitlich desorienert. Erst als die Küchenecke aus der alten
Wohnung überstellt wurde, fand sie Ruhe.

Auf den Tischen stehen entweder Glaskaraen oder Plaskkrüge, je nach


Vorliebe. Die Trinkgefäße sind alle aus Glas, das Geschirr ist aus weißem
Porzellan.

Beobachtung am 4. 9. 2009:
• Frau Hackl, will nicht essen (keinen Gusto).
• Pegerin Frau Katharina: „Möchten Sie ein Joghurt?“
• Frau Hackl: „Ja.“
• Pegerin Frau Katharina holt aus dem Kühlschrank vier verschiedene
Produkte: Schoko- und Vanillepudding, Fruchtjoghurt und einen Mohn-
strudel und zeigt sie nacheinander Frau Hackl und fragt: „Worauf ha-
ben Sie Lust?“

150
 Ein Beispiel für Good Pracce 

• Nach langem Überlegen entscheidet sich Frau Hackl für einen Vanille-
pudding und ein Stück vom selbstgemachten Mohnstrudel. Pegerin
Frau Katharina ist einverstanden. Frau Hackl isst ein bis zwei kleine Löf-
fel vom Pudding und schlä ein.

Die Gänge sind schön gestaltet. Jede Ecke hat eine eigene Geschichte,
denn viele von ihnen sind bewohnerbezogen. Vis-à-vis der jeweiligen
Zimmertür sind private Möbel oder Gegenstände des Bewohners aufge-
stellt: eine Vitrine mit dem Nähzeug von Frau Hackl, die einmal Schneide-
rin war (sie trägt auch heute noch nur selbst angefergte Kleidung); den
Vogelkäg mit zwei lebenden Vögeln von Herrn Konrad (sie werden auch
von ihm betreut); die Grünpanzen des ehemaligen Gärtners Herrn Baier
(der aufgrund einer Bauchdeckedialyse keine Panzen im Zimmer haben
darf, weshalb eine Blumenecke im Gang eingerichtet wurde, die allein
ihm gehört); der Schulschreibsch der Lehrerin Frau Atzler; die Ache
von einem Konzert, bei dem Frau Kornberger Zither gespielt hat, der Fri-
siersch mit allen notwendigen Utensilien von Frau Bauer etc. Die Privat-
wäsche wird im Haus nicht nur gewaschen, sondern auch gebügelt. Eine
Mitarbeiterin der Wäscherei/Näherei bringt jeden Tag die frisch gebügel-
te Wäsche auf einem fahrbaren Diener auf die Staon. Hingegen werden
die Geschirrtücher, Schutzlatze, Tischtücher usw. auf der Staon gewa-
schen, und es nden sich immer Bewohnerinnen, die gerne bügeln und
falten.

Beobachtung am 5. 9. 2008:
Pegerin Frau Katharina bringt den Bügelsch und steckt das Bügeleisen
ein. Frau Kainz möchte die Geschirrtücher bügeln. Wenn es ihr zu warm
wird, geht sie, wie sie sagt „kühle Lu holen“. Das bedeutet – eine Zigaree
rauchen.

Bewohner beziehen ein Zimmer und bleiben bis zu ihrem Tod in diesem.
Es wird sehr großer Wert darauf gelegt, dass die Bewohner sich im ganzen
Haus leicht orieneren können. Auf jeder Zimmertür ist ein persönlicher
Bezug zum Bewohner zu nden. Eine Ausnahme sind Kurzzeitpege-Be-
wohner, die nach drei bis vier Wochen wieder nach Hause entlassen wer-
den. Sollte sich herausstellen, dass eine permanente Aufnahme notwen-
dig ist, wird der Bewohner in der Regel für einige Tage entlassen, damit er
sich in Ruhe von seinem Zuhause verabschieden kann. Es gehört zur Philo-
sophie des Hauses Paul, dass jeder Bewohner die Möglichkeit erhalten
soll, sich von seinem Zuhause zu verabschieden. Dadurch kann es vorkom-
men, dass er nicht mehr im selben Zimmer aufgenommen wird. Sollten

151
 Ein Beispiel für Good Pracce 

aufgrund einer neuen Belegung eines Zwei-Bezimmers Konikte entste-


hen, werden Alternaven gesucht. Das heißt aber nicht, dass gut funko-
nierende Gemeinschaen zerstört werden. In der Regel überlegt das
Team jedoch bereits vor einer Neuaufnahme, ob für den Bewohner ein
geeigneter Platz zur Verfügung steht.

Die Bewahrung der Inmsphäre steht bei allen Mitarbeitern ganz oben auf
der Agenda. Es wird diskret gefragt, ob jemand auf die Toilee muss; es n-
det kein Einlagenwechsel auf dem Gang im Vorbeigehen sta; die Toileen-
türen sind zu, genauso wie die Zimmertüren während der Körperpege. Das
Zimmer wird nur dann betreten, nachdem der Bewohner/die Bewohnerin
dazu aufgefordert hat bzw. wird den Bewohnern nach dem Klopfen eine
Adaptaonszeit gelassen. Bei einer Bewohnerin, die sich verbal nicht mehr
arkulieren kann und Angst vor fremden Personen hat, wird angeklop, das
Zimmer betreten und eine besmmte Spieluhr in Betrieb genommen. Die
Pegeperson geht erst dann weiter ins Zimmer hinein, wenn die Spieluhr zu
Ende gespielt hat. Somit kann sich die Bewohnerin auf den bevorstehenden
Besuch der Pegeperson einstellen. Ein Besucher darf ein Zimmer nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Zimmerbewohnerin betreten.

Die Pegeperson wird, während sie die Körperpege bei einem Bewohner
durchführt, nicht unterbrochen. Sie kann sich die Zeit nehmen, sich auf
den Bewohner einzulassen. Das Baden dient zum Beispiel weniger der
Körperreinigung als dem Wohlbenden, da bei dieser Tägkeit, die kör-
perliche Nähe erfordert, die Pegeperson dem Bewohner auch seelisch
nahe sein kann. Es entsteht keine Diskrepanz zwischen körperlicher Nähe
und seelischer Distanz (diese Diskrepanz würde beim Bewohner Frustra-
on und Unwohlbehagen erzeugen). Der Beziehungsaspekt, der Voraus-
setzung für das Wohlbenden des Pegebedürigen und für das Wohl-
benden des Mitarbeiters ist, tri in den Vordergrund. Dadurch entsteht
eine Vertrauensbasis.
Die Grundpege steht jedem Bewohner zu. Das steht außer Frage. Was
allerdings sehr wohl zur Diskussion steht, ist einerseits die Frage, von wem
der Bewohner nicht gewaschen werden möchte, und anderseits das täg-
liche „Zwangswaschen“. Manche Bewohner, besonders jene vom Land,
waren es o nicht gewohnt, sich täglich zu waschen. Es galt als Luxus und
gehörte nicht zu ihrer Normalität.

Diagnosk
Eine mangelhae Diagnosk, die besonders in Alten- und Pegeheimen,
in denen kein Arzt angestellt ist, o zu freiheitsbeschränkenden Maßnah-

152
 Ein Beispiel für Good Pracce 

men in der Pege führt, kommt im Haus Paul trotz des fehlenden Arztes
nicht vor. Warum?
• Ausbildung des Personals: Die Pegepersonen sind die Schlüsselgu-
ren in der Entscheidungsndung zur Anwendung/Vermeidung von frei-
heitsbeschränkenden Maßnahmen in einem Haus. Dank des Fachwis-
sens und der Grundhaltung der Mitarbeiter wird im Haus Paul solange
nach Alternaven gesucht, bis eine passende Lösung gefunden wird,
die die Anwendung von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen obsolet
macht. Der Pegedienstleiter organisiert die Rahmenbedingungen, die
ermöglichen, dass die Pegepersonen ihrer Picht, das eigene Verhal-
ten zu reekeren und zu hinterfragen, opmal nachkommen können.
• Zeit für Fallbesprechungen, kollegiale Pegevisite und gegenseigen
Austausch
• Zeit für die Pegeplanung: Jede diplomierte Pegeperson hält alle 14
Tage einen Bürotag, an dem sie von der direkten Pege ausgenommen
wird. Ihre Aufgabe besteht an diesem Tag darin, einerseits die Medika-
mente einzuordnen und anderseits die Pegedokumentaon für ihre
Bewohner zu gestalten und zu evaluieren. Jedem Bewohner wird beim
Einzug eine Bezugpegeperson an die Seite gestellt.
• Zeit für Supervision, die nur auf Wunsch des Personals sta
indet. Es
ist kein xer Termin mehr vorgesehen. Die Mitarbeiter melden sich,
wenn sie das Gefühl haben, eine Supervision zu benögen. Dies ge-
schieht zum Beispiel manchmal, nachdem ein Bewohner gestorben
ist, der eine besondere Herausforderung für das gesamte Team dar-
stellte: Wo sind schwierige Situaonen entstanden und warum? Was
können wir daraus lernen? Welche Alternaven häe es gegeben? Hat
es überhaupt Alternaven gegeben? etc.
• Fehler als eine Chance begreifen: Frau Maier sitzt am Tisch. Die Schü-
lerin Claudia kommt vorbei und en ernt wortlos alle gebrauchten Ge-
genstände des Frühstücks. Frau Maier klop darauf hin auf den Tisch
und ru „Ah, Ah“. Die Staonsleiterin beobachtet die Situaon. Sie
geht zur Schülerin und versucht das Erleben von Frau Maier zu erklä-
ren. Die Schülerin Claudia erhält dadurch die Möglichkeit, ihr Tun zu
reekeren und die Situaon zu entspannen.

Arbeitsbedingungen und Personalschlüssel


Der Personalstand wird von der Trägerorganisaon festgelegt. Der Pege-
dienstleiter gibt aber durch sein Pegeverständnis und seinen Führungs-
sl die Richtung vor:
• Es wird großer Wert auf Wertschätzung und Anerkennung gelegt, was
im ganzen Haus Paul spürbar ist.

153
 Ein Beispiel für Good Pracce 

• Den Mitarbeitern wird die Möglichkeit zur beruichen Weiterentwick-


lung geboten. Eine ehemalige Altenpegerin ist nach ihrer Weiterbil-
dung zur diplomierten Gesundheits- und Krankenschwester gerade
wieder angestellt worden, als das Forschungsprojekt lief.
• Die Auswahl des Personals wird sehr sorgfälg und überlegt durchge-
führt. Die meisten sind ehemalige Prakkanten, die um eine xe Anstel-
lung bien. Viele Pegepersonen aus der näheren Umgebung bewer-
ben sich. Das hat den großen Vorteil, dass sie die Kultur, die Geschichte
und vor allem die Sprache der Region kennen. Ein weiterer Vorteil be-
steht darin, dass sie mit den Bewohnern gern kleine Ausüge in die
Umgebung unternehmen bzw. sogar mit einigen Bewohnern auf Ur-
laub in der näheren Umgebung fahren. Das Projekt heißt: „Urlaub vom
Heim“ und ndet regelmäßig sta.
• Organisaonskultur: Eine Organisaonskultur im Sinne von Empower-
ment und Gesundheitsförderung muss den Blick auf die Autonomie und
auf die Lebenspraxis der Menschen richten. Die Organisaonskultur soll
sie bei der Suche nach Befriedigung und Selbstbesmmung unterstüt-
zen, auch jenseits der Verwertungslogik des Arbeitsmarktes. Die Orga-
nisaonskultur ist ein unterstützender Wegbegleiter. Im Haus Paul wird
nach dem Prinzip von Carl Rogers, Anselm Grün und Joachim Bauer ge-
arbeitet: Jeder Mensch trägt die Kra zur Weiterentwicklung in sich.
• Das Haus Paul ist ein gutes Beispiel für Transparenz: Es gibt dort im
Organisaonsordner ein Papier, auf dem geschrieben steht, was zu tun
ist, wenn ein Medikamentenfehler gemacht wurde. Es wird dort also
zur Kenntnis genommen, dass solche Fehler passieren können, und es
wird nicht versucht, diese zu vertuschen. Stadessen ist dort zu lesen,
dass, wenn der Hausarzt nicht erreichbar ist, der Notdienst angerufen
werden und genau erklärt werden soll, welcher Fehler passiert ist:
welches Medikament, in welcher Dosis. Dass, falls es notwendig sein
sollte, den Bewohner im Krankenhaus behandeln zu lassen, jemand
ins Krankenhaus mi ahren und die Ärzte über die Geschehnisse infor-
mieren soll. Dies ist ein gutes Beispiel für Transparenz, auch nach au-
ßen. Begangene Fehler werden nicht verleugnet, sondern zugegeben.
Sie können passieren und auf sie sollte dann richg reagiert und aus
ihnen gelernt werden. „Fehler als Chance“ wird im Haus Paul gelebt.
• WelcheK ommunikaonskultur hat die Organisaon? Man vergleiche
diese beiden Kommunikaonssle: „Den Verband von Frau Müller
hast du gestern schon wieder nicht gemacht, was soll denn das? Du
weißt doch, wie wichg das ist!“ Und wie im Haus Paul: „Ich sehe, du
hast gestern den Verband von Frau Müller nicht gemacht. Ich nehme
an, das hat einen Grund. Kannst du es mir bie erklären, damit ich es

154
 Ein Beispiel für Good Pracce 

verstehe?“ Die gleiche Frage in zwei sehr verschiedenen Weisen der


Kommunikaon.
• Für den Neurobiologen und Genforscher Joachim Bauer ist der Kern al-
ler menschlichen Movaon die zwischenmenschliche Anerkennung
und Wertschätzung. Die Grundhaltung einer gelebten Anteilnahme be-
deutet, akv zuzuhören und die Fähigkeit zu besitzen, Fakten und Ereig-
nisse zu schildern, ohne sie zu bewerten (vgl. Bauer 2008, 37).
• Zuerst muss der Rahmen geschaen werden, um die zwischenmensch-
liche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung mit-
einander gestalten zu können.
• Wenn diese Grundhaltung in der Gesamtorganisaon nicht tatsächlich
auch in den kleinsten Tägkeiten von allen Mitarbeitern gelebt wird,
ist es für die Leitungsperson auch nicht sinnvoll, neue Methoden und
Konzepte wie Palliave Care, Biensteins Basale Smulaon® (Bienstein
2007), Feils Validaon® (Feil 2007), Algases NDB „Need-driven demen-
a-compromised behavior“ (Algase et al. 1996), Kitwoods personzen-
trierten Ansatz (Kitwood 2000), oder Van der Kooijs Mäeuk (Van der
Kooij 2007), neu einzuführen. Das würde nur verschwendetes Geld
und verlorene Zeit bedeuten.
Die Organisaonskultur im Haus Paul basiert auf einem integrierten
Ansatz, um den Bedürfnissen der Mitarbeiter und der Bewohner nach-
zukommen. Umfassendes Denken und Handeln ist nur möglich, wenn
der Lebensentwurf des Bewohners und des Mitarbeiters so früh wie
möglich erfasst werden. Veränderungen in den Bedürfnissen der Be-
wohner und der Mitarbeiter lassen sich nur durch einen intensiven
und hohen Zuwendungsaufwand feststellen. Wenn Bewohner und
Mitarbeiter sich wahrgenommen fühlen, wenn sie im Heim als Wohn-
und Arbeitsort eine Bezugsperson nden, die ihnen Wertschätzung
und Respekt entgegen bringt, dann müssen sie kein herausforderndes
Verhalten entwickeln, um auf sich aufmerksam zu machen. Diese spe-
zialisierte und integrierte Begleitung von Mitarbeitern und Bewohnern
kann nur in einem Raum des Vertrauens, der Transparenz und der
Wahrhaigkeit sta
inden. Dieser Raum wird – vor allem durch das
Vorleben an Ort und Stelle, hier – durch den Pegedienstleiter und die
Heimleiterin gestaltet. Sie zeigen den Weg, die Richtung, welche Or-
ganisaonskultur im Haus Paul erwünscht ist. Der Pegedienstleiter
und die Heimleiterin des Hauses Paul haben es auch nicht nög, den
Ausdruck „freiheitsbeschränkende Maßnahme“ durch den Ausdruck
„schützende Maßnahme“ zu ersetzen. Sie müssen nicht die Anwen-
dung von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen durch den Vorwand
des Schutzes und der Sicherheit des Bewohners rech ergen. Ihre

155
 Ein Beispiel für Good Pracce 

strikte Ablehnung solcher Maßnahmen ist klar im Alltag sichtbar und


spürbar. Ein solches Verhalten würde dem Prinzip der zwischenmensch-
lichen Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung völ-
lig widersprechen. Wie Hankainen deutlich macht, ndet solches
Verhalten in Organisaonskulturen des öeren sta, um die Schuld-
gefühle des Pegepersonals zu lindern (vgl. Hankainen 2008, 3). Im
Haus Paul hat das Pegepersonal keine Schuldgefühle. Sie können klar
einschätzen, ob eine Maßnahme freiheitsberaubend ist oder nicht.
Das Anwenden von freiheitsbeschränkenden Massnahmen hat man auch
aufgrund ihres Zieles deniert, nicht nur aufgrund der Verfahrensweise sel-
ber. Die Verfahrensweise, welche die Tägkeiten eines Betroenen ein-
schränkt, stu man als freiheitseinschränkend ein, aber dieselbe Verfahrens-
weise wird als Hilfsmiel eingestu, wenn sie den Betroenen in seinen
Tägkeiten unterstützt. (Hankainen 2008, 3)

Im Haus Paul gibt es Begier nur auf ausdrücklichen Wunsch der Be-
wohner, zum Beispiel als unterstützende Maßnahme bei der Selbstla-
gerung im Be. Der Einsatz von Therapieschen als versteckte frei-
heitseinschränkende Maßnahme wurde während meines [M. W.-L.]
Aufenthalts auf der Staon und im gesamten Haus Paul nie beobachtet.
• Weder die Mitarbeiter noch die Bewohner werden wie Kinder behan-
delt. Andererseits gibt es kein „Du-Verbot“. Die Bewohner und die Mit-
arbeiter werden so angesprochen, wie sie es möchten. Die Ansprache
wird gleichzeig dem Demenzstadium angepasst: Frau Müller kann
dann Fräulein Böhm (sie lebt gerade in der Zeit vor ihrer Eheschlie-
ßung) bzw. Tante Rosa (sie lebt gerade in der Zeit, als sie Kindergärtne-
rin war) genannt werden. Um das Demenzstadium festzustellen, be-
darf es eines ausgezeichneten Fachwissens und pegerischer Erfahrung.
Die Angehörigen werden auch darin geschult, den Sinn der jeweiligen
Ansprache verstehen und annehmen zu können. Dadurch müssen sie
auf die Rollenumkehr nicht mit Verkindlichung antworten.
Im Rahmen des qualitaven Forschungsprojektes wurden auch retro-
spekv die Pegeberichte einer qualitaven Inhaltsanalyse unterzo-
gen. Alle Pegeberichte der letzten drei Monate (Juli, August und Sep-
tember 2008) der 29 Bewohner (inklusive Kurzzeitpege) wurden auf
negave Schlüsselwörter37 oder Sätze analysiert. Es wurden keine ne-

37 Negave Schlüsselwörter sind zum Beispiel: aggressiv, unruhig ohne nähere Angabe (o. A.), keine
besonderen Vorkommnisse, wenig, viel getrunken o. A., wenig, ausreichend, viel gegessen o. A.,
füern, gefüert, schlecht, wenig, viel geschlafen o. A., ungehalten o. A., ungeduldig o. A.,
schimpfen o. A. oder mit Erklärung (m. E.), Schmerzen o. A., unzufrieden o. A., läutet wie o, läu-
tet o. A., usw.

156
 Ein Beispiel für Good Pracce 

gaven Wörter oder Sätze gefunden. Im September wurde der Begri


„Paent“ anstelle der persönlichen Anrede „Frau Maier“, „Frau Braun“
oder „Herr Müller“ in einigen wenigen (n = 4) Pegeberichten verwen-
det. Diese Berichte stammen alle von der gleichen Pegeperson. Es
stellte sich heraus, dass diese Pegeperson gerade erst ihre Ausbil-
dung zur diplomierten Gesundheits- und Krankenschwester beendet
hae. Ihre letzten Prakka hae sie im Krankenhausbereich absolviert.
Dort war es üblich, von Paent/Paenn zu sprechen. Sie hae sich in
diesem Punkt noch nicht umgestellt.

Schulungen
Einen weiteren Unterschied zu anderen Instuonen sieht man zum Bei-
spiel auch in den Schulungen. Werden viele, sehr teure Outdoor-Schulun-
gen angeboten? Die Mitarbeiter reekeren die Inhalte dieser Schulun-
gen, an denen sie teilgenommen haben, sehr o nicht.
Die Mitarbeitergespräche können als Kontrolle erlebt werden, da sie sehr
o unangemeldet und unvorbereitet sta
inden.
In Haus Paul hat sich der Pegedienstleiter bewusst zu Indoorschulungen
entschlossen. Er ist der Meinung, dass die Grundhaltung im gesamten Team
getragen werden muss und die Mitarbeitergespräche als Hilfe zur Weiter-
entwicklung angesehen werden müssen. In diesen Gesprächen wird gemein-
sam nach Lösungen gesucht, es werden verschiedene Wege betrachtet und
sowohl die Mitarbeiter als auch die Staonsleiterin oder der Pegedienstlei-
ter haben Zeit, sich vorzubereiten und eine eigene Meinung zu entwickeln:

• Über die Dinge nachdenken, sie mit den eigenen Sinnen erfassen, mit
einer inneren Ruhe, was dann auch sachliche Stellungnahmen ermög-
licht.
• Den Mitarbeiter in seiner Meinungsbildung unterstützen, damit die Pe-
geperson sich nicht von unreekerten Äußerungen verunsichern
lässt. Zum Beispiel: Ist Snoezele wirklich für hochbetagte mulmorbide
Menschen gedacht bzw. für diese sinnvoll? Muss ein neues Pegekon-
zept immer übernommen werden, oder sollte es nicht eher zunächst
auf seine Vor- und Nachteile überprü werden?
• Bin ich eins mit mir selbst? Eigenes Gewissen, Konkurrenz, Integrität.
• Die Möglichkeit nützen, sich kurz zurückzuziehen, um eine erlebte Situ-
aon zu reekeren, damit Auseinandersetzungen möglich werden.
Wenn die Bürotür auf der Staon geschlossen ist, bedeutet dies: „Bie
nicht stören“. Zeitspannen sind notwendig, in denen man nicht er-
reichbar ist – außer im No all natürlich –, damit in Ruhe Entscheidun-
gen getroen werden und Gespräche sta
inden können.

157
 Ein Beispiel für Good Pracce 

• Vermeidung von Konkurrenzdenken und Eifersüchteleien: Hierbei geht


viel Energie verloren, die für etwas genützt werden könnte, das der
Sache dienlich ist. Diese Energie fehlt aber zum Beispiel für die Durch-
setzung einer wertvollen Idee, für die Haltung, die es im Alltag zu ver-
körpern gilt, nämlich den Respekt vor jeder Person, seien es Mitarbei-
ter, Angehörige, Besucher oder Bewohner. Sie fehlt auch für die
Achtsamkeit im Handeln, sei es durch Tun oder Unterlassen.
• Eine gute Leitungskra steht hinter ihren Mitarbeitern, besonders
dann, wenn eine Obrigkeit wie zum Beispiel Träger, Aufsichtsbehör-
den, Richter, Bewohnervertretungen, Sachwalter etc. ihnen etwas an-
kreiden möchte. Sie steht hinter ihnen, wenn sie Probleme haben, bei-
spielsweise mit Angehörigen. Wenn etwa bekannt ist, dass Herr Meyer,
der Sohn von Frau Meyer, in regelmäßigen Abständen von ca. drei Mo-
naten, auf der Staon einen Wutanfall bekommt. An solchen Tagen
können die Schwestern machen, was sie wollen, das gesamte Personal
kann machen, was es will, es wird am Verhalten von Herrn Meyer nichts
ändern. Alle kennen solche Personen. Es ist die Überforderung, die
sich in Wut äußert. Wenn die Mitarbeiter darüber Bescheid wissen,
kann die Staonsleitung/der Pegedienstleiter den Mitarbeitern an-
bieten, dass sie sie anrufen sollen, wenn sie merken, dass Herr Meyer
wieder in einer schlechten Smmung zu sein scheint. Die Staonsleite-
rin/der Pegedienstleiter wird dann Herrn Meyer in einen Extraraum
bien und ihm ein Gespräch anbieten. So können die Pegekräe
nicht nur in Ruhe arbeiten, sondern sie fühlen sich auch nicht schuldig.
Sonst könnten sie sich persönlich für das Verhalten von Herrn Meyer
verantwortlich fühlen und dabei übersehen, dass die Situaon nicht
von ihnen verursacht wurde, sondern von Herrn Meyer, der überfor-
dert ist. Das entlastet alle, Herrn Meyer, seine Muer und das Per-
sonal.
• Die Situaon richg und nüchtern einschätzen. Nüchtern bedeutet
wohlgemerkt nicht kalt und emoonslos. Alle Parteien sind gleichwer-
g, auch die Personen mit Demenz. Personen mit Demenz können sehr
wohl – wenn auch nicht immer verbal – äußern, was sie wollen und
was nicht.

Das Personal hat durch gezielte geriatrische Weiterbildungen gelernt,


dass Frustraon, Scham und mangelndes Selbstwertgefühl eine zuneh-
mende Abhängigkeit von der Hilfe Anderer verursachen kann. Sie können
diese Gefühle ansprechen und gemeinsam mit dem hochbetagten Men-
schen nach Lösungen suchen. Sie können zum Beispiel verstehen, dass
alte Menschen o das Dahinschmelzen der eigenen Ersparnisse (durch

158
 Ein Beispiel für Good Pracce 

den Aufenthalt im Heim verursacht), die sie eigentlich ihren Kindern ver-
machen wollten, als sehr frustrierend erleben. Heimbewohner haben o
das Gefühl, nanziell abhängig zu sein. Sie schämen sich, da sie nicht mehr
über ihre Finanzen Bescheid wissen oder über sie verfügen können. René
van Neer formuliert es so:
[I]ch möchte einfach wissen, wie es nanziell um mich steht. Es ist nicht mein
Sl, Schulden zu machen. (Braam 2007, 37)

Darau in wollte sich René van Neer, wie bereits im ersten Kapitel berich-
tet, bei der Verwaltung über seine nanzielle Situaon erkunden, was ihm
allerdings nicht gewährt wurde. Im Haus Paul hingegen darf ein Bewohner
zur Verwaltung, zum Pegedienstleiter, gehen, sein Anliegen vortragen
und ihm wird dabei akv zugehört und er wird ernstgenommen. Dadurch
gewinnt der Bewohner nicht den Eindruck, die Kontrolle über seine Finan-
zen verloren zu haben. Eine Bewohnerin kam zum Beispiel nach einer klei-
nen Einkaufstour zurück ins Heim und berichtete ganz stolz: „Ich habe
mein ganzes Geld verprasst.“ Sie war sehr glücklich, lächelte viel und be-
dankte sich mehrmals. Sie war sichtlich zufrieden. Was war geschehen?
Eine Pegeperson war mit ihr in das benachbarte Geschä gegangen und
hae sie selbst entscheiden lassen, was sie kaufen wollte von jenem Be-
trag, den sie in ihrer Handtasche bei sich hae. Sie dure die von ihr ge-
wählten Produkte auch selbst bezahlen.

Kontrollinstanzen
Innerhalb des Hauses Paul nden Qualitätskontrollen nur nebenbei sta.
Sie werden anhand der Mitarbeiter-, Bewohner- und Angehörigenzufrie-
denheit wahrgenommen. Die Behörde führt regelmäßig Pegeeinschau-
en durch. Die Haltung des Personals, die Bewohnerorienerung und die
Vermeidung von freiheitseinschränkenden Maßnahmen wurden bei einer
Pegeeinschau besonders hervorgehoben:
Besonders hervorzuheben ist die Haltung und Bewohnerorienerung des ge-
samten Personals. Die Bewohnerzimmer werden als Inmbereich betrachtet,
keine Pegeperson betri ohne Einwilligung des Bewohners ein Zimmer. Das
Unterlassen von Fixierungsmaßnahmen gehört zur Philosophie des Hauses. Es
herrscht das Normalitätsprinzip. (Landespegeeinschau 2003, 2)

Aspekt der elektronischen Überwachung


Auch eine Art der elektronischen Überwachung ist im Haus Paul vorhan-
den und zwar eine Sensormae. Sie liegt bei Frau Kornberger vor ihrem
Be. Wie kam sie dorthin?

159
 Ein Beispiel für Good Pracce 

Beobachtungen am 8. 9. 2008:
• Bei einer Visite sitzen die Staonsleiterin und ein Hausarzt nebenein-
ander und besprechen in Ruhe Punkt für Punkt die Pegeangelegen-
heiten, unter anderem auch, was in der Nacht geschehen soll. Frau
Kornberger steht alleine auf, ist aber in der Nacht desorienert. Die
Staonsleiterin rät von einem Begier eher ab, da die Gefahr zu groß
ist, dass Frau Kornberger über das Gier steigt.
• Der Arzt macht sich Nozen und spricht dabei laut mit, was er gerade
noert: „Schwierige Situaon: allein aufstehen + Verwirrtheit. … Be-
wusst: Gefahr ist zu groß, dass sie über Begier steigt … noch dazu
benützt sie keine Glocke … ich will ihr keine Psychopharmaka geben …
Gefahr noch größer …
• (Das Problem ist, dass Frau Kornberger wegen Schulterverletzungen
nach einem Sturz aus dem Be in der Nacht gerade im Spital war.)

Frau Kornberger ist mehrmals gestürzt und vergisst immer wieder zu läu-
ten, wenn sie aufstehen will. Damit neue Stürze vermieden werden, wird
eine Sensormae verwendet, wenn Frau Kornberger im Be liegt. Will sie
aufstehen, meldet die Sensormae dies an das Pegepersonal. Eine Mit-
arbeiterin kann Frau Kornberger zur Hilfe kommen. Frau Kornberger ist
einverstanden mit dieser Maßnahme, nachdem ihr die Funkon der Sen-
sormae erklärt wurde.

Die Türen der Staonen sind permanent oen. Die Bewohner können pro-
blemlos im ganzen Haus spazieren gehen, wenn sie es möchten. Es gibt
einen Ausgang zur Straße. Tagsüber sitzt ein Porer am Eingang. Interes-
santerweise spüren die Bewohner mit Demenz keinen Drang zur Flucht.
Warum sollten sie weggehen wollen, da das Haus Paul ihnen Geborgen-
heit und Sicherheit vermielt. Sollten sie dennoch hinausgehen wollen,
können sie das jederzeit mit einer Mitarbeiterin tun, wovon die Bewohner
auch Gebrauch machen.

Bedeutet dies, dass es im Haus Paul keine Verhaltensaufälligkeiten gibt?


Sicher nicht. Verhaltensveränderungen und Verlust der sozialen Normen
gehören zum Bild der Syndrome, die unter den Begri „Demenz“ zusam-
mengefasst werden. Die Frage ist nicht, ob diese Verhaltensveränderun-
gen vorhanden sind oder nicht, sondern wie das Personal mit Verhaltens-
formen umgeht, die sie herausfordern.

160
 Ein Beispiel für Good Pracce 

Beobachtung am 5. 9. 2008:
• Fräulein Frank schlä ganz ruhig in einem Lehnsessel.
• Frau Hackl: „Das ist mein Sessel!“ (Befehlston mit empörter Smme)
• Pegerin Frau Dorothea: „Nein. Dein Sessel ist im Zimmer. Das ist der
Sessel von Herrn Bayer. Er hat ihn dem Haus vererbt, als er gestorben
ist.“
• Frau Hackl: „Wirklich wahr?“
• Pegerin Frau Dorothea: „Ja. Deiner steht im Zimmer.“
• Frau Hackl: „Dann ist ja alles in Ordnung.“
• Interpretaon: Frau Hackls Sorge um ihr Eigentum wird ernst genom-
men. Sie wird nicht angelogen, sondern die Fakten werden einfach er-
klärt.

Beobachtung am 8. 9. 2008
• 10.30 Uhr: Frau Mayer ist sehr aufgeregt. Der Sohn war gerade da, der
sie anscheinend sehr zornig (Gesk, Tonfall und Lautstärke) gemacht
hat.
• Pegerin Frau Pia versucht sie verbal zu beruhigen, aber ohne Erfolg.
• Frau Mayer: „Nehmen Sie das weg“ und zeigt auf mehrere Kleinigkei-
ten, die auf dem Tisch vor ihr liegen.
• Pegerin Frau Pia nimmt alles weg, außer einem Glas.
• Pegerin Frau Pia: „Das habe ich jetzt gemacht. Das ist der Heidelbeer-
tee für die Blase.“
• Frau Mayer: „Der aus der Apotheke? Der ist grausig.“
• Pegerin Frau Pia: „Ich habe Ihnen Apfelsa und Zucker hineingege-
ben. Es ist nicht so schlimm heute.“
• Frau Mayer kostet den Tee und meint „ja, so ist er gut“. (Der Gesicht-
ausdruck hat sich entspannt, der Tonfall ist neutral)
• Interpretaon: Pegerin Frau Pia versucht Frau Mayer zu zeigen, dass
sie sich extra bemüht hat. Der Heidelbeertee, der nicht gut schmeckt,
wurde so zubereitet, dass er Frau Mayers Geschmack trit. Dieses klei-
ne Zeichen der Fürsorge genügt, um Frau Mayers Zorn zu lindern.

Beobachtungen am 11. 9. 2008


• 12.10 Uhr: Frau Kornberger ru: „Ich kann hier nicht mehr sitzen.“ Sie
sitzt zu Tisch im Gangbereich.
• 12.15 Uhr: Frau Kornberger ru: „Liebe Schwester, ich halte es nicht
mehr aus im Sitzen, es tut so weh. Verzeihen Sie mir“ (sie ist am Mon-
tag nach einem Schulterbruch vom Krankenhaus unerwartet zurück-
gekommen).
• Frau Bäckmann antwortet: „Ja, Mama … Ja, Mama“.

161
 Ein Beispiel für Good Pracce 

• Frau Wöginger schaut unwillig.


• Frau Kornberger: „Liebe Schwester, ich halte es nicht mehr aus im Sit-
zen, es tut so weh.“
• Pegerin Frau Irene, die gerade einen Bewohner in den Speisesaal ge-
bracht hat, geht zu Frau Kornberger.
• „Grüßgo Frau Kornberger. Ich bin die Irene.“
• „Ich weiß noch vom vorigen Jahr.“
• „Wie geht es Ihnen?“
• „Ich habe so starke Schmerzen.“
• „Wo?“
• „Am Po.“
• „Am Po. Das ist schlimm.“ Sie nimmt den Hamster weg, der gerade auf
dem Schoß von Frau Kornberger geschlafen hat.
• Frau Kornberger: „Es tut mir leid.“
• „Kein Problem. Ich bringe Sie zu Be.“
• Frau Kornberger: „Es tut mir leid.“
• Beim Vorbeigehen zu einer Schülerin: „Ich bringe Frau Kornberger ins
Be und komme gleich wieder.“
• Interpretaon: Zuerst wurde Frau Kornberger nicht ernst genommen.
Sie musste sich erneut melden. Erst als Pegerin Frau Irene ihre
Schmerzgefühle anspricht, wird sie ruhiger. Wobei Frau Kornberger
eindeug Schuldgefühle hat, die sie im Gespräch mit den Pegeperso-
nen verarbeiten muss. Andernfalls wird sie for ahren, ihre Entschul-
digungen, die in keinem Zusammenhang mit der jetzigen Situaon
stehen, zu wiederholen. In ihrer Biograe ndet sich wahrscheinlich
ein Ansatzpunkt, der diese zusammenhangslosen Entschuldigungen
erklärt. Im Lauf der nächsten Wochen wird dies auch zum Thema auf
der Staon und Lösungsansätze werden gemeinsam gesucht.

Für Hörl gibt es


in der staonären Pege eine stärkere [als in der Familie, M. W-L.] Verzahnung
und Wechselwirkungen zwischen individuellem Fehlverhalten (durch fehlende
Movaon und Empathie, burnout usw.) und strukturellen Mängeln (Personal-
mangel, Fluktuaon, Arbeitsklima, niedriges Berufspresge usw.). (Hörl 2008, 6)

Wie man sieht, können in den Langzeitpegeeinrichtungen durch eine ge-


zielte Prävenon Gewaltrisiken minimiert werden. Die Prävenon bein-
haltet:
• gelebte ethische personzentrierte Grundhaltung
• Auswahl des Pegerahmens: Pegemodelle/Pegetheorie, die Para-
digmen (Denion von Menschenbild, Gesundheit/Krankheit; Umwelt/

162
 Ein Beispiel für Good Pracce 

Umfeld, Pege und Rolle der Pegeperson) für die Praxis zur Verfü-
gung stellen.
• bedachte Personalauswahl
• gezielte Personalentwicklung
• transparente Organisaonsstrukturen
• Fallbesprechungen, Pegevisiten, gezielte Reexion über den Umgang
in schwierigen Situaonen
• Einbeziehung der Angehörigen: Angehörige als Chance und nicht als
Feind
• Kommunikaonskultur, Fehlerkultur, Feedbackkultur

Qualität liegt im Spannungsfeld zwischen den Interessen der Bewohner,


der Angehörigen, des Personals, des Trägers, des Financiers und der Ge-
sundheitspolik des jeweiligen Bundeslandes. Die Heimleiterin und der
Pegedienstleiter dieses Hauses haben den Spagat zwischen den ver-
schiedenen Interessen unter Gewährleistung einer hohen Pege- und Be-
treuungsqualität geschat. Sie arbeiten täglich an diesem Prozess mit
einem klaren Konzept für das Haus Paul weiter. Der rote Faden ist für alle
involvierten Personen nachvollziehbar.
Ein Gutteil der Qualitätsaspekte ist mittels eines einheitlichen und nachvoll-
ziehbaren Vorgehens nachzuweisen. Im Qualitätsprogramm finden sich dazu
die Formen Konzept und Standard. Konzepte werden z. B. für die Pflege und
Betreuung allgemein und für spezielle Bewohnergruppen gefordert. Sie haben
nach innen eine handlungsleitende und nach außen eine Darstellungs- und
Werbefunktion. (Diakonisches Werk Württemberg 2004 zit. in Dachverband,
2007, 8)
Das grundsätzliche Schema eines Konzepts bleibt für alle Bereiche und Themen
gleich und soll mindestens folgende Punkte beinhalten:
• Einleitung
• Beschreibung der Zielgruppe
• Ziele und Grundsätze
• Wohn- und Betreuungsform
• Methodische Betreuungsgrundlagen
• Leistungsangebot (Pegeorganisaon, Pegeprozess, Gestaltung des Alltags,
Angehörigenarbeit, Gestaltung der räumlichen Umgebung)
• Team und Mitarbeiter
• Qualitätssicherung
• Ausstaung (personell, räumlich, nanziell) (Dachverband, 2007, 8)

Die Landespegeaufsicht, die die jährliche Qualitätskontrolle durchführt,


soll das letzte Wort haben:

163
 Ein Beispiel für Good Pracce 

Im Haus „Paul“ [Name geändert, M. W.-L.] werden die Bewohner nach ihren
individuellen Bedürfnissen gepflegt und betreut. […] Von Seiten der Pflegeauf-
sicht wird das Haus Paul gerne als positives Beispiel für ein gutes Pflegeheim
angegeben. Kolleginnen und Kollegen aus anderen Häusern bestätigen immer
wieder die vorzügliche Qualität. Zitat: ‚Ich habe mindestens schon hundert
Heime gesehen, das Haus Paul in […] ist das beste davon.‘ (Landespflegeein-
schau 2003, 2)

Hohe Pegequalität und Wirtschalichkeit müssen also keine Gegensätze


sein.

9. Kulturelle Gewalt
Mit der Betrachtung kultureller Gewalt werden die Gruppen der Gewalt
ausübenden und Gewalt erleidenden Personen nochmals vergrößert: Ist
die personelle Gewalt auf einzelne Personen oder Personengruppen als
Akteure beschränkt, sind im Rahmen von struktureller Gewalt doch
schon weit mehr Menschen als ausübende (Mit-)Täter beteiligt: in unse-
rem Fall also all jene Menschen, die in irgendeiner Form mit der Betreu-
ung von Menschen mit Demenz zu tun haben – seien sie nun Poliker
oder andere Personen, die entsprechende Gesetze oder Verordnungen
erlassen, seien sie Leitungspersonen eines Pegeheims, die sich weder
für die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter noch für die Lebensbedin-
gungen der Bewohner sonderlich engagieren, seien sie Ärzte, die eine
genaue Diagnose und Behandlung im Fall von Menschen mit Demenz als
zu zeitaufwendig oder gar als Zeitverschwendung ansehen; seien sie An-
gehörige, die gewaläge Handlungen bzw. Unterlassungen ihrem de-
menten Familienmitglied gegenüber tolerieren (oder selbst Gewalt aus-
üben).
Kulturelle Gewalt ist etwas, das jedes Mitglied der Gesellscha betrit,
denn hier geht es vor allem um Stereotype und Vorurteile, um unreek-
erte Wertungen von (zum Teil großen) Teilen einer Gemeinscha – mit
gravierenden Konsequenzen für die „Verurteilten“.
Dies ist auch der Grund, warum wir dieses Kapitel an den Schluss des Bu-
ches stellen: Kulturelle Gewalt ist weder auf besmmte Personengruppen
beschränkt noch gibt es besmmte klar zu idenzierende Orte, an denen
sie vermehrt zu beobachten ist.

Im Denionsteil haen wir mit Johan Galtung bereits kurz angedeutet,


dass kulturelle Gewalt gewissermaßen den grundsätzlichen Kontext bie-
tet, vor dessen Hintergrund gewaläge Handlungen und Unterlassun-

164
 Kulturelle Gewalt 

gen (personeller wie struktureller Natur) legimiert werden und nicht


mehr als solche erscheinen – man nimmt sie nicht als Unrecht wahr.
Kulturelle Gewalt funkoniert zum einen dadurch, daß sie die „moralische Fär-
bung“ einer Handlung von rot/falsch auf grün/richg oder zumindest auf gelb/
akzeptabel schaltet; ein Beispiel hierfür wäre: „Töten im Namen eines Landes ist
gerech ergt, im eigenen Namen jedoch ungerech ergt“. Andererseits macht
sie die Realität so undurchsichg, daß wir eine gewaläge Handlung oder Tat-
sache überhaupt nicht wahrnehmen oder sie zumindest nicht als solche erken-
nen. (Galtung 1993, 106)

Galtung weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass wir in verschie-


densten Bereichen einer Kultur Elemente kultureller Gewalt vornden
(seien es besmmte Aspekte einer Religion, seien es Aspekte unserer
Sprache, aber auch unserer Wissenscha). In all diesen Bereichen treen
wir auf Vorurteile, auf Wertungen, die in Zusammenhang stehen mit Di-
chotomien wie Selbst und Anderer, Eigenes und Fremdes, Erhöhung und
Erniedrigung (vgl. Galtung 1993, 109). Man denke hier beispielha etwa
an Dichotomien wie Gläubiger – Ungläubiger, Inländer – Ausländer, Jung –
Alt, Leistungswillige – „Schmarotzer“, Raonalität – Irraonalität …

Rolf Hirsch nennt folgende Beispiele für kulturelle Gewalt in Bezug auf alte
Menschen:
• Akzeptanz von Gewalt
• Vorurteile gegen das Alter
• Pegeverpichtung für Frauen
• Scham der Opfer vor Öentlichkeit
• starre intergenerave Beziehungsmuster
• „Sendungsbewusstsein“ der Professionellen
• Ungleichheit psychisch und körperlich Kranker
(Hirsch 2001, 4)

Wir werden uns in den folgenden Ausführungen auf den Aspekt der Vor-
urteile (und Stereotype) in Bezug auf alte Menschen und auf Menschen
mit Demenz konzentrieren.

Auch wenn bei weitem nicht alle Menschen mit Demenz in höherem Alter
sind, betrit Demenz doch mehrheitlich ältere Menschen und wird auch
in der Öentlichkeit vorrangig als „Alterskrankheit“ angesehen. Daher ist
der Umgang mit Menschen mit Demenz zu einem nicht unwesentlichen
Teil davon beeinusst, welche Altersbilder in einer Gesellscha vorherr-
schen und welcher Umgang mit alten Menschen aus diesen Bildern resul-

165
 Kulturelle Gewalt 

ert (integrierend – ausgrenzend, wertschätzend – ablehnend); und da-


mit zusammenhängend, welche Beziehungen zwischen den Generaonen
(Eltern – Kinder, Großeltern – Enkelkinder) und innerhalb der Generao-
nen (Mann – Frau) gelebt bzw. als „gehörig“ skizziert werden.
Die jeweiligen Altersbilder wie auch die Bilder der Generaonenbezie-
hungen zeichnen sich unabhängig von ihrer jeweiligen posiven oder ne-
gaven Ausrichtung vor allem dadurch aus, dass sie mehrheitlich aus Ste-
reotypen bzw. Vorurteilen gespeist sind.
Bevor wir im Folgenden solche Vorurteile und Stereotype in Bezug auf alte
Menschen und in Bezug auf Menschen mit Demenz näher betrachten, ist
es zunächst nög, sich über die beiden Begrie klar zu werden sowie die
Funkonen von Stereotypen und Vorurteilen zu erläutern.

9.1 Stereotype und Vorurteile


Auch wenn die Denionen in der Literatur nicht gänzlich einheitlich ver-
wendet werden, lassen sich doch gewisse mehrheitlich genannte Kenn-
zeichen herausarbeiten:
Gemeinsam ist Stereotypen und Vorurteilen, dass sie sich auf soziale
Gruppen beziehen. Menschen werden hierbei aufgrund eines besmm-
ten Kriteriums wie Geschlecht, Alter oder Naonalität einer sozialen
Gruppe zugeordnet (Männer/Frauen, Alte, Ausländer …).
Ein Individuum wird aufgrund irgendeines Merkmals (zum Beispiel graue
Haare) einer sozialen Gruppe (den alten Menschen) zugeordnet; und diese
Zuordnung geht wiederum mit der Zuschreibung von besmmten Eigen-
schaen oder Merkmalen einher (gebrechlich, geisg verlangsamt, weise
o. ä.), ohne dass das tatsächliche Vorhandensein eines dieser Merkmale an
der Person selbst überprü wird. D. h., es gibt zum Beispiel die Überzeugung,
dass alle alten Menschen vergesslich sind, und diese Überzeugung wird auf
jeden alten Menschen übertragen, dem man begegnet. Da der alte Mensch
nun von Vornherein als vergesslich kategorisiert wurde, konzentriert man
entsprechend auch seine Aufmerksamkeit auf Verhaltensweisen, die die-
ser Kategorisierung entsprechen, wohingegen Verhaltensweisen, die ihr
widersprechen, entweder nicht berücksichgt oder aber als Ausnahme
von der Regel klassiziert werden („sie hat aber ein gutes Gedächtnis für
ihr Alter“).
Unabhängig davon, ob ein Stereotyp oder Vorurteil zumindest in mancher
Hinsicht wahr oder falsch ist bzw. sich in Bezug auf einzelne Personen als
wahr oder falsch erweist, besteht ein weiteres gemeinsames Kennzeichen
also darin, dass wir es bei ihrer Bildung mit „Übergeneralisierungen und Ver-

166
 Stereotype und Vorurteile 

einfachungen“ (Filipp u. Mayer 1999, 65) zu tun haben, in deren Rahmen das
einzelne, konkrete Individuum kaum eine oder sogar gar keine Rolle spielt.
Eine weitere Gemeinsamkeit von Stereotypen und Vorurteilen besteht
darin, dass sie über eine „hohe Änderungsresistenz“ verfügen (Filipp u.
Mayer 1999, 58). D. h., sie sind zwar nicht grundsätzlich unwandelbar oder
unau ebbar – diese Möglichkeit besteht durchaus; aber eines ihrer Cha-
rakteriska besteht darin, dass sie sich hartnäckig halten – und, wie wir
noch sehen werden, im Fall von Stereotypen sind diese sogar dann even-
tuell wirksam, wenn wir nicht an ihre Wahrheit glauben.

Was die Unterschiede betrit, so ist zunächst darauf hinzuweisen, dass im


Rahmen der psychologischen Forschung dann von Stereotypen gespro-
chen wird, wenn kognive Vorgänge im Vordergrund stehen, während
man Vorurteile wegen ihres „aekven Gehalts“ als solche bezeichnet
(Filipp u. Mayer 1999, 56).
Bei Stereotypen handelt es sich um Vorstellungen über eine Gruppe, die
nicht automasch mit Wertungen verbunden sein müssen. So ist das Ste-
reotyp „alte Menschen sind gebrechlich“ eine Überzeugung, die nicht un-
bedingt mit irgendeiner Emoon verknüp sein muss (aber natürlich
leicht verknüp werden kann). Es geht also zunächst schlicht um die Ver-
knüpfung einer sozialen Gruppe mit besmmten, für sie als typisch ange-
sehenen, verallgemeinerten Eigenschaen.
Beim Vorurteil hingegen geht es um die Verknüpfung einer sozialen Grup-
pe mit mehrheitlich negaven Aributen (die ebenfalls für diese Gruppe
als typisch angesehen werden) und mit aekven Reakonen, also mit
Emoonen wie Hass, Furcht, Neid etc.
In der Regel werden Vorurteile als immer mit negaven Emoonen ver-
knüp angesehen. Wir schließen uns hier aber Jens Förster an, der unse-
res Erachtens zu Recht davon spricht, dass man ebenso gut posive Vor-
urteile haben kann (auch wenn diese vielleicht nicht gleich häug aureten
wie negave Vorurteile). In dem Moment, wo ich einer besmmten sozia-
len Gruppe besonders posiv gegenüberstehe (zum Beispiel Frauen oder
Männern), wird es nicht selten geschehen, dass ich Mitgliedern dieser
Gruppe gegenüber von Vornherein (ohne sie zu kennen) posive Gefühle
hege und sie tendenziell wohlwollender behandle (zum Beispiel bei Be-
werbungen, bei Urteilen in Bezug auf Fehlverhalten u. v. m.).
Zusammengefasst in den Worten von Jens Förster:
Stereotype sind emoonslose Gedanken über besmmte Gruppen, die Erwar-
tungen, Bilder und Assoziaonen enthalten. Man muss aber nicht an sie glau-
ben. Vorurteile dagegen sind emoonale, persönliche negave und posive
Urteile über besmmte Gruppen. (Förster 2007, 24)

167
 Kulturelle Gewalt 

Mit dem Hinweis Försters, dass man an Stereotype nicht glauben muss, sind
wir beim zweiten Unterschied angelangt. Ein Stereotyp kann ich kennen,
muss es mir aber nicht unbedingt zu eigen machen in dem Sinn, dass ich an
seine Wahrheit glaube. So kann ich das Stereotyp „alte Menschen sind ge-
brechlich“ kennen, aber dennoch der Meinung sein, dass es (in dieser Verall-
gemeinerung) nicht der Wahrheit entspricht. Ein Vorurteil hingegen zeichnet
sich dadurch aus, dass wir an es glauben, dass wir es für wahr halten. Wenn
ich Vorurteile gegenüber Ausländern habe, dann bin ich auch tatsächlich
davon überzeugt, dass sie – zum Beispiel – stärker zu Kriminalität neigen.
In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage, wie es dazu
kommt, dass wir Stereotypisierungen vornehmen und Vorurteile haben.
Diese Frage lässt sich am leichtesten beantworten, wenn man sich an-
sieht, welche Funkonen sie laut psychologischer Forschung haben. Hier-
bei übernehmen wir die von Sigrun-Heide Filipp und Anne-Kathrin Mayer
vorgenommene Einteilung in eine kognionspsychologische, eine sozial-
psychologische, eine movaonspsychologische und eine konikheore-
sche Perspekve.38

Funkonen von Stereotypen aus kognionspsychologischer Perspekve


Hier gilt zunächst das von den Autorinnen so genannte „Primat der öko-
nomischen Informaonsverarbeitung“ (Filipp u. Mayer 1999, 62). Es geht
darum, sich möglichst rasch in der sozialen Welt zurechtzunden.
Dadurch sollen Stereotype vor allem in Ermangelung weiterer Daten helfen, In-
formaonen zu strukturieren und Sicherheit im Umgang mit anderen zu erhal-
ten. Damit liefern Stereotype eventuell objekv unangemessene, subjekv aber
entlastende Vereinfachungen und damit letztlich kognive Sicherheit. (Filipp u.
Mayer 1999, 62)

Betroen ist hier also unser Gedächtnisapparat, der, wenn verschiedene


Schlüsselworte mehrfach zusammen aufgetreten sind, diese automasch
gemeinsam aufru – um bei unserem Beispiel zu bleiben: Wenn von
einem alten Menschen die Rede ist, wird automasch „gebrechlich“, „ver-
gesslich“ o. ä. damit assoziiert.
Diese Art der Informaonsverarbeitung ist grundsätzlich sehr hilfreich, da
wir uns sonst in jeder Situaon, in jeder Begegnung mit einem bisher un-
bekannten Menschen völlig neu orieneren müssten. Eine unangenehme
Konsequenz von Stereotypen kann aber darin bestehen, dass ich ein Stere-
otyp zwar für falsch halte, die Verknüpfung aber trotzdem akviert wird.

38 Filipp und Mayer argumeneren weit ausführlicher, wir geben im Folgenden nur einige der Über-
legungen wieder.

168
 Stereotype und Vorurteile 

Dies kann zum Beispiel dann passieren, wenn das Stereotyp häug wieder-
holt wird, ich also in meinem Leben regelmäßig damit konfronert werde.
Hierbei ist zu berücksichgen, dass wir nicht nur dann Informaonen auf-
nehmen, wenn wir dies absichtlich tun (zum Beispiel, wenn wir etwas
lernen wollen), sondern dass dies omals auch ohne Absicht geschieht
(dass wir Informaonen sozusagen „im Vorbeigehen“ aufnehmen).
Wenn wir jeden Tag einmal die Assoziaon ›Bombe‹ und ›Islam‹ lesen oder hö-
ren, akvieren wir diese Verbindung, selbst wenn wir die Hetze gegen islamische
Mitbürger widerlich nden. Das heißt, zu einem gewissen Anteil liegt die Akvi-
tät dieser Verbindung außerhalb unserer Kontrolle. (Förster 2007, 78 f.)

Umgesetzt auf unser Thema kann man an die so häug zu hörende Rede
von „Alterung“, „Überalterung“ oder gar „Vergreisung“ unserer Gesell-
scha denken.
Wenn Förster schreibt, dass die Akvierung eines Stereotyps zum Teil au-
ßerhalb unserer Kontrolle liegt, dann heißt das wohlgemerkt nicht, dass
wir keinerlei Einuss auf die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit von Stereo-
typen haben, sondern nur, dass uns 1. diese Akvierungen erst einmal
bewusst werden müssen und dass es 2. mit einem gewissen Aufwand ver-
bunden ist, ungeliebte Stereotype wieder loszuwerden oder zumindest
ihre Wirksamkeit zu verringern.
Neben der Häugkeit des Hörens oder Lesens von Stereotypen und Vor-
urteilen als Ursache für ihre Wirksamkeit besteht eine weitere Ursache
für das Entstehen von Stereotypen und Vorurteilen in negaven Erfahrun-
gen, da diese sich stärker einprägen und omals auch länger im Gedächt-
nis bleiben, denn „Tränen sind ein hervorragender Fitnessdrink für unser
Gedächtnis.“ (Förster 2007, 80)
Das ist sicherlich wichg für das Überleben, denn negaven, belastenden Erleb-
nissen wollen wir aus dem Weg gehen. Deshalb ist es sinnvoll, wenn wir poten-
ziell ähnliche Situaonen schnell wiedererkennen und meiden. (Förster 2007, 80)

Beispiele in Bezug auf unser Thema könnten hierbei sein: Das Leben mit
einem autoritären Elternteil (als Folge entsteht eventuell das Vorurteil, dass
alle alten Menschen die Tendenz haben, das Leben jüngerer Menschen zu
besmmen, sie herumzukommandieren usw.), sexuelle Beläsgung durch
einen wesentlich älteren Menschen (als Folge entsteht eventuell das Vor-
urteil, dass alle alten Männer oder Frauen sexuell übergrig sind) u. ä.

Funkonen aus sozialpsychologischer Perspekve


Hier geht es nach Filipp und Mayer um die „Funkon für das Individuum
als einem Mitglied sozialer Gruppen“ (Filipp u. Mayer 1999, 59). D. h., Ste-

169
 Kulturelle Gewalt 

reotype und Vorurteile sollen dazu verhelfen, dass man in eine Gruppe
integriert wird bzw. in ihr integriert bleibt und von dieser auch anerkannt
wird.
Neben der Identätssicherung wird als wesentliche Funkon auch gesehen, daß
Stereotype der Stabilisierung und Erhöhung des kollekven und individuellen
Selbstwertgefühls dienen. Denn in dem Maße, in dem Abwertungen stereotypi-
sierter anderer Gruppen (outgroups) erfolgen, sollte die eigene Gruppe und da-
mit die eigene Person zugleich aufgewertet werden. (Filipp u. Mayer 1999, 59)

Diese Überlegung kann man eventuell auf jene Situaonen anwenden, in


denen Pegepersonen nicht nur als Einzelperson ein stereotypes Bild al-
ter Menschen haben, sondern als Team dieses Bild teilen.

Funkonen aus movaonspsychologischer Perspekve


In diesem Bereich nennen die Autorinnen die „Angstabwehrhypothese“,
die besagt, dass „Stereotypisierungen der Abwehr von Angst, Selbstun-
sicherheit und Gefühlen der Unterlegenheit dienen sollen“ (Filipp u.
Mayer 1999, 60). Es geht in diesem Fall also weniger um die erhote Zuge-
hörigkeit des Individuums zu einer Gruppe oder um das kollekve Selbst-
wertgefühl der Gruppe, sondern gewissermaßen um den Emoonshaus-
halt der Person in Bezug auf sich selbst.
Es gibt auch in Bezug auf das Altersstereotyp nach Filipp und Mayer ver-
schiedene Studien, denen zufolge die Angst vor dem Altern (und dem
Sterben bzw. Tod) stereotypkreierend wirkt:
Je mehr für ein Individuum das (hohe) Alter eine „angsterregende“ Situaon
darstellt, umso ausgeprägter sollte – entsprechend der „Angstabwehrhypo-
these“ – das negave Altersstereotyp sein und umso stärker sollte die Distanzie-
rung und Abwertung von alten Menschen erfolgen. (Filipp u. Mayer 1999, 61)

D. h., wenn ich vor etwas Angst habe, dem ich aber, so wie dem Alter, nicht
ausweichen kann, dann versuche ich in meiner Darstellung alter Men-
schen möglichst viel Distanz zwischen mir und dem Alter zu erzeugen.
Damit erscheinen diese Menschen nicht nur grundsätzlich als ganz anders
als ich selbst, sondern sie werden darüber hinaus mit so vielen negaven
Zügen charakterisiert, dass ich mir sicher sein kann, nie ein vergleichbares
Bild abzugeben. Dies erlaubt mir des Weiteren, „unangemessenes Verhal-
ten gegenüber anderen im Nachhinein zu rech ergen“ (Filipp u. Mayer
1999, 61).

170
 Stereotype und Vorurteile in Bezug auf das Alter – Altersbilder 

Funkonen aus konikheorescher Perspekve


Zentraler Aspekt ist hierbei der Kampf um begrenzte Ressourcen, und daher
grenzt sich eine Gruppe von der anderen ab bzw. wertet die andere ab, um
sich bessere Chancen im Kampf um diese Ressourcen zu erwerben.
Gerade in Bezug auf alte Menschen erhält dieser Aspekt wieder zuneh-
mende Aktualität, wenn man bedenkt, dass seit einigen Jahren vermehrt
der Vorwurf erhoben wird, die jetzige alte Generaon lebe auf Kosten der
jungen Generaon, dass manche Schreiber schon hingebungsvoll einen
„Krieg der Generaonen“ prognoszieren, dass zunehmend Fragen laut
werden, ob 80-jährige wirklich noch teure Operaonen erhalten sollen
oder eine jahrelange Dialyse usw.
Hierzu treend auch Filipp und Mayer:
Schließlich bieten sich mit der auf Vorurteilen und Stereotypen basierenden Ab-
wertung anderer Gruppen nicht selten auch willkommene Gelegenheiten, die
Ursachen für tatsächliche oder vermeintliche Mißstände in einem sozialen Ge-
bilde mit diesen Gruppen in Verbindung zu bringen und rasch vermeintlich Ver-
antwortliche als Sündenböcke auszumachen. (Filipp u. Mayer 1999, 59)

9.2 Stereotype und Vorurteile in Bezug auf das


Alter – Altersbilder
Häug bekommt man zu hören, dass früher (wann auch immer dieses
„früher“ angesiedelt wird) das Alter noch geehrt worden sei, heute hin-
gegen werde es nicht mehr geschätzt. Ebenso wird man tendenziell häu-
ger hören, dass das Alter ausschließlich negav angesehen werde, dass
also eine Dezitsicht des Alters vorherrsche.
Beides smmt zumindest in dieser Verallgemeinerung nicht:
So ist eine Abwertung des Alters bzw. der alten Menschen alles andere
als ein neues Phänomen – ganz im Gegenteil. Schon Aristoteles (384–322
v. Chr.) etwa hat in der Rhetorik alte Menschen vorrangig negav skizziert
(vgl. Rhet. II 1389b–1390a, Kap.13). Sie werden als schwankend skizziert,
aus Furcht vor Fehlern, schlechten Handlungsausgängen usw. Des Wei-
teren seien sie, so Aristoteles, „argwöhnisch aus Mißtrauen“, „klein-
müg, weil sie vom Leben erniedrigt worden sind“, „knauserig“ (weil sie
wissen, wie schwer man sich Geld erwirbt und wie leicht man es wieder
verliert), sie „fürchten sich schon, bevor es Anlaß dazu gibt“ und sie „lie-
ben sich selbst mehr als angemessen“ (Rhet. II 1389b, Kap.13) – um hier
nur einige der negaven Zuschreibungen zu nennen. Auch wenn in
diesem Zusammenhang zu berücksichgen ist, dass Aristoteles die pos-
tulierten negaven Eigenschaen mit der Lebenserfahrung alter Men-

171
 Kulturelle Gewalt 

schen begründet, „[w]eil sie nämlich schon viele Jahre gelebt haben, öer
enäuscht worden sind, öer Fehltrie begangen haben und die Mehrzahl
der menschlichen Unternehmungen schlecht ausgeht“ (ebda.), so ist diese
Einseigkeit doch erstaunlich. Von einer Ehrung des Alters oder einem Re-
spekt vor dem Alter kann hier jedenfalls nicht die Rede sein.
Aber auch eine einseige Erhöhung des Alters ist in der Tradion immer
wieder zu nden. Hierfür ist Cicero (106 bis 43 v. Chr.) ein gutes Beispiel. In
seinem Werk Cato der Ältere über das Alter vertri er die Ansicht, dass
zwar die körperlichen Fähigkeiten alter Menschen nachlassen mögen,
dies aber keine Rolle spiele, da körperliche Tägkeiten von alten Men-
schen ja auch nicht verlangt würden. In geisger Hinsicht aber würden die
Fähigkeiten alter Menschen nicht nur nicht abnehmen, sondern könnten
sogar zunehmen (vgl. Cato, 53).
Er [der alte Mensch; A. W.] tut nicht, was die jungen Leute tun, aber er tut etwas
viel Wichgeres und Besseres. Große Dinge vollbringt man nicht durch körperli-
che Kra, Behendigkeit und Schnelligkeit, sondern durch Planung, Geltung und
Entscheidung; daran pegt man im Alter nicht nur nicht abzunehmen, sondern
gar noch zuzunehmen. (Cato, 37)

Vor diesem Hintergrund ist auch die Abnahme der Sinnesfreuden, die o
stereotyp mit dem Alter verknüp wird, nichts, das Cicero bestreiten will,
sondern etwas, das er sogar besonders herausstreicht in dem Sinn, dass
man dafür dankbar sein solle: „Die Lust behindert ja die Überlegung, sie
ist die Feindin der Vernun, sie blendet sozusagen die Augen des Geistes,
und sie verträgt sich überhaupt nicht mit der Tugend.“ (Cato, 63) Man
sieht also hier ebenso stereotype Beschreibungen wie bei Aristoteles, nur
diesmal ins Posive gewendet.

Auch die ausschließliche oder vorrangige Dezitsicht des Alters kann ent-
sprechend nicht bestägt werden, wie das Beispiel Ciceros zeigt. Zwar
scheinen dem Alter tendenziell mehr negave Kennzeichen zugesprochen
zu werden, aber eine posive Beschreibung des Alters lässt sich durchaus
ebenso nden. In den Worten von Filipp und Mayer (in Anlehnung an Bor-
scheid und Ehmer):
Schon immer [ist] Alter mit Krankheit assoziiert gewesen und [sind] Menschen
im Alter als unnütz angesehen worden. Andererseits [hat] es stets die posive
Wertschätzung älterer Menschen gegeben, denen Lebenserfahrung, spezielle
Kenntnisse und Fergkeiten sowie polisches Wirken zugeschrieben worden
[sind]. Die Vorstellung vom Alter als Bürde und Jammertal ist nicht minder ge-
läug als die vom Alter als Krönung des Lebens und des hohen Respekts. (Filipp,
Mayer 1999, 12)

172
 Stereotype und Vorurteile in Bezug auf das Alter – Altersbilder 

Das heißt, wir haben es mit mulplen Altersbildern zu tun – sowohl in


einer Gesellscha als auch zum Teil bei einzelnen Personen. Hierbei wird
der jeweils verschiedene Kontext eine nicht unwesentliche Rolle spielen
(ob wir beispielsweise gerade einen brillanten Vortrag einer 70-jährigen
Person gehört haben oder aber mit einer ebenfalls 70-jährigen Person ge-
sprochen haben, deren Äußerungen sich auf die Aussage „früher war alles
besser“ beschränken).

Was aber wohl tatsächlich sehr häug vorzunden ist, ist, dass sowohl das
posive als auch das negave Altersbild (sei es nun in Form von Stereo-
typen oder von Vorurteilen) stark überzeichnet werden, dass man also
häug mit Ansichten konfronert wird, die das Alter entweder als äu-
ßerst vorteilha oder aber als nur durch großes Leiden gekennzeichnet
sehen.

Diese so einseigen und überzeichneten Altersbilder düren bis zu einem


gewissen Grad damit in Zusammenhang stehen, dass man als sich noch
nicht zur Gruppe alter Menschen zugehörig fühlender Mensch der Vor-
stellung von seinem künigen Lebensabend alles andere als neutral oder
gar gelassen gegenübersteht. Manche möchten das Alter als Krönung des
Lebens erlebt wissen; Manche möchten sich als in Würde auf das Ende
zugehend denken können; Andere möchten einen letzten „Coup“ landen
und wieder Andere haben vor allem die Honung, vor dem Alter den Tod
zu nden …
Wie auch immer diese Wünsche bzw. Vorstellungen konkret aussehen –
anscheinend lässt es nur die wenigsten unberührt (unabhängig davon, ob
sie o oder selten daran denken), wie sich ihr Lebensabend gestalten
wird. Furcht und Honung scheinen hierbei zentrale Momente zu sein.
Nun könnten Furcht bzw. Honung prinzipiell ja durchaus produkv ge-
nützt werden – in dem Sinn, dass sie Anlass sind, entweder sich mit dieser
je eigenen Zukun auseinanderzusetzen oder aber sich dessen bewusst
zu werden, dass es hier etwas gibt, mit dem man sich nicht auseinander-
setzen will. Beide Wege könnten Stereotypen und Vorurteilen in Bezug
auf das Alter entgegenwirken.
Wenn aber Furcht bzw. Honung nicht zum Anlass für solche Reexionen
genommen werden – warum auch immer: sei es, weil Furcht oder Ho-
nung zu groß sind; sei es, weil man in einem Umfeld lebt, das Überlegun-
gen dieser Art allenfalls als lächerlich qualiziert – dann sind sie geradezu
ideale Grundlagen für stereotype Altersbilder.

173
 Kulturelle Gewalt 

9.3 Altersbilder als Quelle der Gewalt


Simone de Beauvoir hat in ihrer 1970 erschienenen Studie über das Alter
eine sehr einleuchtende Erklärung für einseige Altersbilder gegeben.
Ausschlaggebend ist ihrer Ansicht nach die von Menschen im Erwachse-
nenalter gewünschte wie geforderte Auf- und Erlösung von Spannungen
am Ende eines Lebens:
Seit der Anke hat der erwachsene Mensch versucht, das Leben unter einem
opmisschen Licht zu betrachten, und hat dabei den anderen Lebensaltern,
die nicht die seinen waren, die Tugenden beigemessen, die er nicht besaß: die
Unschuld dem Kind, die heitere Gelassenheit dem Greis. Das Ende des Lebens
wollte er als die Lösung all der Konikte, von denen es zerrissen ist, betrachten.
Das ist im Übrigen eine sehr bequeme Illusion: Sie erlaubt, dass man die Alten,
trotz aller Leiden, von denen man sie gequält weiß, für glücklich hält und sie
ihrem Schicksal überlässt. (Beauvoir 2004, 635)

Hier wird nun zunächst ein posiver Aspekt genannt: Heitere Gelassen-
heit. Dies könnte man auf den ersten Blick als Vorteil sehen – weist diese
Zuschreibung doch immerhin in Richtung eines posiven Altersbildes, das
noch dazu eventuell mit einer Wertschätzung der alten Menschen einher-
gehen könnte (nicht zuletzt, da heitere Gelassenheit nicht weit en ernt zu
sein scheint von Zuschreibungen wie Weisheit, Friedfergkeit usw.).
Beauvoir arbeitet aber sehr deutlich heraus, dass die Zuschreibung einer
als posiv gewerteten Eigenscha nicht im Geringsten mit einem wert-
schätzenden Verhalten und Handeln gegenüber alten Menschen einher-
gehen muss.
Denn 1. und vor allem, wie aus dem Zitat ersichtlich wird, entsteht die
Zuschreibung einer heiteren Gelassenheit nicht als Resultat zahlreicher
empirischer Beobachtungen, in deren Verlauf man so viele heitere und
gelassene alte Menschen angetroen hat, dass man „heitere Gelassen-
heit“ als charakterissches Merkmal alter Menschen idenziert. Son-
dern es handelt sich sowohl um eine Honung in Bezug auf die eigene
Zukun (aus der Perspekve des Erwachsenenalters) als auch – und vor
allem – um eine Forderung an die bereits alten Menschen. Honung,
weil das Lebensende die Lösung aller Konikte beinhalten soll; Forde-
rung, weil man die bei sich selbst nicht entwickelte Tugend auf das Alter
projiziert und von den alten Menschen (also gerade nicht von sich selbst)
verlangt.
2. erlaubt diese Zuschreibung ein für die alten Menschen sehr gefähr-
liches Vorgehen: Wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch sowieso zu-
frieden ist, muss man sich auch nicht allzu intensiv um ihn kümmern. Ge-

174
 Altersbilder als Quelle der Gewalt 

lassen und heiter (und entsprechend bedürfnislos), wie er ist, wird er mit
seinem Schicksal schon zurechtkommen …
3. schließlich, wie Beauvoir an anderer Stelle deutlich macht, geht diese
Zuschreibung mit weiteren Forderungen an das Verhalten alter Menschen
einher, die alle als reale Eigenschaen alter Menschen behauptet werden
und die den Handlungsspielraum alter Menschen sehr weitgehend ein-
engen (in dem Sinn, was als der Konvenon, der Ekee entsprechend gilt
und was nicht). Denn ihnen ist nicht erlaubt, was den jüngeren Erwachse-
nen erlaubt ist. Sie dürfen – um dem Bild der heiteren Gelassenheit zu
entsprechen – nicht mehr die gleichen Wünsche oder Gefühle haben bzw.
äußern; Liebe oder Eifersucht im Alter, so Beauvoir, wirken für viele
Erwachsene „widerwärg oder lächerlich“, Sexualität im Alter wird von
vielen als „abstoßend“ empfunden und „Gewalägkeit [als] lachha“
(Beauvoir 2004, 8).
Hier sieht man also deutlich, dass gewisse Idealvorstellungen an das Alter
und damit an die alten Menschen herangetragen werden, denen man
selbst als Erwachsener gerade nicht entspricht.
Beauvoir kontert diesen Haltungs- und Verhaltenszuschreibungen übri-
gens mit der schlichten Frage: „Warum sollte der Greis ‹besser› sein als
der Erwachsene oder das Kind, das er einmal war?“ (Beauvoir 2004, 636)
Womit sie nochmals die unhinterfragte Selbstverständlichkeit einer Er-
wartungshaltung der Entwicklung zum „Besseren“ beim alten Menschen
(nicht etwa bei sich selbst) krisiert …

Sollte aber ein alter Mensch in seinem Verhalten diesen Vorstellungen


nicht entsprechen, so führt dies nach Beauvoir dazu, dass die Stereotypi-
sierung von der Erhöhung auf ein übermenschliches Podest genau in ihr
Gegenteil kippt:
Weichen sie von dem erhabenen Bild ab, das man ihnen aufnögt, nämlich dem
des Weisen mit einem Heiligenschein weißer Haare, reich an Erfahrung und ver-
ehrungswürdig, hoch über dem menschlichen Alltag stehend – so fallen sie ef
darunter: Diesem Bild steht das des alten Narren gegenüber, der dummes Zeug
faselt und den die Kinder verspoen. (Beauvoir 2004, 8)

Und damit sind wir auch schon beim negaven Altersbild angelangt.
Wie an dem Zitat deutlich wurde, beschreibt Beauvoir posive bzw. nega-
ve Altersbilder mit den Begrien der Erhöhung bzw. Erniedrigung. Dies
hat einen guten Grund (der sich übrigens auch gut mit den Funkonen
von Stereotypen und Vorurteilen aus sozialpsychologischer, movaons-
psychologischer und koniktpsychologischer Perspekve kurzschließen
lässt) – denn ihre Schlussfolgerung lautet folgendermaßen:

175
 Kulturelle Gewalt 

Auf jeden Fall stehen die Alten, sei es dank ihrer Tugend, sei es durch ihre Ernie-
drigung, außerhalb der Menschheit. Man kann ihnen also ohne Skrupel jenes
Minimum verweigern, das man für ein menschenwürdiges Dasein als unerläss-
lich erachtet. (Beauvoir 2004, 8)

Stereotype/vorurteilsbeladene Altersbilder – gleich, ob posiv oder ne-


gav – bedeuten also, wie Beauvoir überzeugend deutlich macht, eine
Ausgrenzung aus dem „Normalmenschlichen“. Und hierin liegt eine große
Gefahr für die alten Menschen, wie auch Hirsch festhält (wenn auch nur in
Bezug auf negave Altersbilder):
Negave Vorurteile und gesellschalich geprägte altendiskriminierende Vor-
orienerung werden leider o bei Fragen nach der Verursachung von Gewalt-
handlungen vernachlässigt. Doch sie sind der Nährboden39 für Gewalt gegen alte
Menschen. (Hirsch 2001, 10)

Dieser Nährboden entsteht unseres Erachtens im Anschluss an Beauvoir


sowohl bei posiven als auch bei negaven Vorurteilen gegenüber alten
Menschen. Wie schon beschrieben, geht die Zuschreibung von heiterer
Gelassenheit mit verschiedenen Erwartungen einher – etwa Bedürfnis-
losigkeit oder Mangel an starken Emoonen (wie Liebe, Begehren, Eifer-
sucht, Wut usw.). Ersteres kann, wie schon erwähnt, zu einer mangelhaf-
ten Aufmerksamkeit gegenüber alten Menschen führen (bis hin zur
Vernachlässigung), Zweiteres zu Überreakonen für den (wahrschein-
lichen) Fall, dass der alte Mensch dieser Erwartung der weitgehenden
Emoonslosigkeit nicht entspricht (Beschimpfungen, Demügungen u. ä.).
Im Fall von negaven Altersbildern ist der Nährboden für Gewalt besser
bekannt: Wer alte Menschen für dummes Zeug faselnde alte Narren hält,
wird ihnen nicht mehr viele Rechte zugestehen, sondern sie in ihrer Selbst-
besmmung und ihrer Freiheit – mehr oder weniger stark – einschränken.

9.4 Vorurteile in Bezug auf Menschen mit


Demenz und deren Konsequenzen
Auch wenn wir Beauvoirs These, dass auch posive Vorurteile gegenüber
dem Alter eine Gefahr für alte Menschen bedeuten können, für einen
sehr wichgen Aspekt halten, der weit mehr Berücksichgung zu nden
verdient, so ist doch festzuhalten, dass Menschen mit Demenz dieser Ge-

39 Siehe Johan Galtung: „Auf dem Grund bendet sich die immerfort gegebene kulturelle Gewalt,
die den Nährboden darstellt, von dem die zwei anderen zehren.“ (Galtung 1993, 108).

176
 Vorurteile in Bezug auf Menschen mit Demenz und deren Konsequenzen 

fahr wohl kaum ausgeliefert sind. Denn wenn es eines gibt, mit dem Men-
schen mit Demenz mit großer Sicherheit nicht konfronert werden, dann
sind es posive Vorurteile gegenüber ihnen bzw. ihrer Krankheit.
Die negaven Vorurteile hingegen sind zahlreich – hier eine (sicher nicht
vollständige) Liste an Beispielen, belegt durch Aussagen von Betroenen.
(Mit all diesen Vorurteilen sind übrigens auch alte Menschen bis zu einem
gewissen Grad konfronert.)

1. Vorurteil: Menschen mit Demenz sind arbeitsunfähig


In dem von Demenz Support Stugart herausgegebenen Sammelband
„Ich spreche für mich selbst.“ Menschen mit Demenz melden sich zu Wort
nden sich einige Beispiele, anhand derer deutlich wird, dass eine der
ersten Konsequenzen der Diagnose darin besteht, dass die Menschen ihre
Arbeit verlieren. Wenn der Arbeitgeber von der Diagnose erfährt, erhält
der Betroene recht schnell das Kündigungsschreiben, wie etwa ein ame-
rikanischer Betroener berichtet:
Nachdem er von meiner Diagnose erfahren hae, hat mir mein Arbeitgeber
einen Brief geschickt, in dem er mir mieilte, dass ich nicht länger in der Lage sei,
meinen Arbeitsverpichtungen nachzukommen. Ich häe mir gedacht, es häe
bessere Wege gegeben, meine Fähigkeiten weiter zu nutzen, als mich bei der
erstbesten Gelegenheit loszuwerden.
Teilnehmer eines Town-Hall-Meengs von Alzheimer-Betroenen, USA
(Demenz Support 2010, 108)

Ausführlich berichtet Helen Merlin in dem genannten Buch von dieser


Problemak. Die frühere freiberuiche Dolmetscherin, bei der im Alter
von 55 Jahren eine Lewy-Body-Demenz diagnosziert wird, stellt selbst
fest, dass sie die Übersetzertägkeit nicht weiter ausüben kann, beantragt
zunächst Hartz IV (ohne die Diagnose mitzuteilen) und vereinbart einen
weiteren Termin, bei dem sich Folgendes ereignet:
Wie auch immer, jedenfalls bin ich zu dem Termin gegangen. Und habe gesagt,
dass ich bereit bin zu arbeiten, auch auf 400 Euro Basis oder auch nur einen Ein-
Euro-Job zu machen. Ich sagte zu ihr: „Wissen Sie, ich bin zwar schwerbehindert,
aber ich bin bereit, integriert zu werden und zu arbeiten.“ „Ja, was haben Sie?“
Und ich sagte ganz ta, ohne zu weinen: „Ich weiß nicht, inwieweit Sie medizi-
nisch bewandert sind. Wissen Sie, was eine Demenz bedeutet?“ „Ja, ja, Sie ha-
ben Alzheimer“ sagte sie. Worau in ich entgegnete: „Nein, ich habe nicht Alz-
heimer. Ich bin noch nicht so alt. Aber ich habe eine Form der Demenz.“
Und ich sage Ihnen, die ist blass geworden, stand auf mit den Worten: „Ich geh’ zu
meiner Vorgesetzten, ich muss die fragen. So einen Fall hae ich ja noch nie.“ Und
lässt mich da sitzen wie einen Depp und kam nicht wieder. Ich habe dann ihren

177
 Kulturelle Gewalt 

Kollegen gefragt, was ich machen soll, ob ich gehen oder warten soll. Der wusste
aber auch nicht wie und was. Also habe ich gewartet. Und nach einer Ewigkeit kam
sie dann wieder und meinte: „Bei Ihnen ist das so: Sie müssen zum Gutachter. Und
so wie ich das sehe, fallen Sie in eine andere Gruppe. Sie sind ja nicht fähig, mehr
als drei Stunden am Tag zu arbeiten.“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen und sagte:
„Aber das weiß ich ja nicht, ob ich arbeiten kann oder nicht. Gibt es nicht eine Kol-
legin, die sich mit solchen Leuten wie mir befasst, die eine neurologische Erkran-
kung haben? Haben Sie denn gar nichts für mich?“ „Nein“, sagte sie „ich schick’ Sie
erst mal zum Gutachter, vorher kann man gar nichts machen.“ […]
Irgendwann kam dann der Bescheid des Gutachters, und da stand: „Empfehlung
auf volle Erwerbsminderungsrente“. Ich sei unfähig, drei Stunden am Tag zu
arbeiten. (Merlin 2010, 17 f.)

2. Vorurteil: Menschen mit Demenz sind wie kleine Kinder


Kleine Kinder dürfen nicht unbeaufsichgt gelassen werden; sie sind bei
fast allem, was sie tun, auf Hilfe angewiesen; man muss ihnen vieles ver-
bieten, da sie nicht in der Lage sind, vernünige Entscheidungen zu tref-
fen und daher auch nicht entscheidungskompetent sind (weshalb sie in
viele Entscheidungen gar nicht erst eingebunden werden).

Ad Beaufsichgung:
Da sind immer noch Fähigkeiten da, aber meine Frau lässt mir keinen Raum zum
Atmen. Sie denkt, sie weiß es am besten und meine Meinung zählt nicht. Heute
ist sie aus dem Haus gegangen und ich habe mich auf einen Tag Ruhe und Frie-
den gefreut. Aber sie hat meine Tochter damit beauragt, ‚mal eben vorbeizu-
schauen‘, so, als ob ich es nicht überleben würde, auch einmal eine Weile alleine
zu sein.
Teilnehmer eines Town-Hall-Meengs von Alzheimer-Betroenen, USA
(Demenz Support 2010, 102)

Ad Angewiesensein auf Hilfe:


Manche scheinen anzunehmen, dass eine Demenz die Hörfähigkeit einschränkt.
Wenn sie mit mir sprechen, dann wird ihre Smme lauter. Sie sprechen lang-
samer als gewöhnlich. Und sie geben sich Mühe, jedes Wort deutlich auszu-
sprechen.
Manche scheinen der Ansicht zu sein, dass man von einer Demenz schwere
Arme bekommt. Sie halten ständig meinen Ellenbogen fest, um mir dabei behilf-
lich zu sein, durch das Zimmer oder über die Straße zu gehen. (Taylor 2010, 66.)

178
 Vorurteile in Bezug auf Menschen mit Demenz und deren Konsequenzen 

Ad Verbote:
Oder das Problem: Ich hab‘ kein Radl mehr, na, weil meine ehemalige Frau das
halt unterbunden hat, weil sie meinte, das wird zu gefährlich für mich. Das Rad
ist leider schon verkau worden. Ich würde so gerne wieder Radfahren. Aber
keiner traut sich, mir ein Radl zu leihen. Das [sic!] man’s versuchen kann. Ein
Auto, da würde ich drauf verzichten. Radeln kann ich mir vorstellen. […]
Heimo, München (Demenz Support 2010, 103)

Ad Entscheidungskompetenz:
Ich denke so o, dass die Menschen für uns sprechen oder einfach unterstellen,
was wir wollen.
Teilnehmer eines Town-Hall-Meengs von Alzheimer-Betroenen, USA
(Demenz Support 2010, 105)
Ich half ihr beim Ausziehen und beim Anlegen des OP-Hemdes. Während wir in
einem Zimmerchen auf den Arzt warteten, kamen noch mehr Leute und stellten
mir Fragen! Oh, dieses köstliche Gefühl, meiner Frau helfen und feststellen zu
können, dass niemand meine Worte anzweifelte. Alle schienen sich auf meine
Antworten zu verlassen. Man wechselte keine wissenden Blicke und suchte keine
Bestägung meiner Antworten. Ich war wieder voll drin im Spiel des Lebens!
Schließlich kam der Arzt herein und wollte mit meiner Frau sprechen. Nach
ihrem vierten oder fünen von den Spasmen im Rücken ausgelösten Schmer-
zenslaut wandte er sich dann an mich. Was wussten wir von ihrem Krankheits-
bild und was erwarteten wir von der bevorstehenden Prozedur? Es ist sehr lange
her, seit ich zum letzten Mal gefragt wurde, was meine Frau und ich über irgend-
ein Thema wissen. Die Leute haben es längst aufgegeben, sich bei mir zu erkun-
digen, was Linda und ich als Paar von einer Sache halten. Sie wenden sich inzwi-
schen fast ausschließlich an Linda. Was wusste sie? Wie war ihr zumute? Wie
steht es um Richard? (…) Erst als wir wieder zuhause waren, wo mich alle kennen
und alle von meiner Erkrankung wissen, erfasste ich die volle Bedeutung dieses
Erlebnisses. Daheim wurde ich behandelt, als häe ich den Termin im OP-Zent-
rum verschlafen und wäre überhaupt nicht mit dabei gewesen. (…) Meine
Schwiegertochter wurde zur bevorzugten Informaonsquelle. Die Leute riefen
sie an und redeten mit ihr. Sie kamen zu Besuch und blickten ihr in die Augen.
Niemand zweifelte ihre Worte an.
Richard Taylor, Cypress, USA (Demenz Support 2010, 104)

Ein besonders erschreckendes Beispiel für Infanlisierung von Menschen


mit Demenz bietet Iris Radisch in einem Arkel, in dem sie vorgibt, sich
krisch mit dem für sie „empörende[n] Buch“ von Tilman Jens über seinen
Vater, Walter Jens, auseinanderzusetzen.40 Im Zuge dieser Krik liest man
dann folgende Sätze:

40 Tilman Jens: Demenz. Abschied von meinem Vater. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2009.

179
 Kulturelle Gewalt 

Vier Tage lang versorgte der Journalist Tilman Jens in der vergangenen Woche
unter dem Titel Das lange Sterben des großen Walter Jens die Bild- Leser mit in-
men Details aus dem Windeleimer seines kranken Vaters. […] Fassungsloses
Staunen. Woher weiß der Sohn, was er zu wissen vorgibt: dass sein berühmter
Vater mit dieser invesgaven Homestory über die väterliche Spielknete und
die väterlichen Babypuppen im höchsten Maße einverstanden wäre? Und wem
außer dem voyeurisschen Boulevard nutzt dieser Report aus der Krabbelgrup-
pe des gelehrten Mannes? (Radisch 2009)

„Fassungsloses Staunen“ ergrei hier auch den Leser: Wie bringt man die-
ses Kunststück zustande, den Sohn angreifen zu wollen und dabei den
demenzkranken Vater derart zu infanlisieren und zu verhöhnen?

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass bei diesem Vorurteil zu


berücksichgen ist, dass Menschen mit Demenz zwar wie kleine Kinder
behandelt werden, allerdings ohne in den Genuss des Sympathiefaktors
zu gelangen, der Kindern üblicherweise zugute kommt. Außerdem be-
müht man sich bei kleinen Kindern, ihnen etwas beizubringen. Sie sollen
lernen, selbstständig zu werden usw. Ein analoges Engagement (Erhalt der
Selbstständigkeit, Lernen des Umgangs mit der veränderten Lebenssitu-
aon u. ä.) ndet sich in Bezug auf Menschen mit Demenz leider weit we-
niger häug – was ihre Situaon nochmals erschwert. Allenfalls ndet
man bei einigen Pegepersonen oder Angehörigen die Tendenz, die Men-
schen mit Demenz (wieder) zu „richgem“ Benehmen zu erziehen (etwa
nicht mit den Fingern zu essen) – mit all den negaven Konsequenzen, wie
sie in den Kapiteln über personelle und strukturelle Gewalt beschrieben
wurden.

3. Vorurteil: Menschen mit Demenz „begreifen nichts mehr“41


Wer nichts mehr begrei, dem ist die Wahrnehmungs- und Aufnahmefä-
higkeit verloren gegangen. Daher erscheint es Vielen nicht nur sinnlos,
weiter mit diesem Menschen zu sprechen, sondern es erscheint ihnen
auch unproblemasch, in seiner Anwesenheit über ihn zu sprechen und
ihn selbst zu ignorieren.
René stellt die Arkel der Reihe nach auf das Warenband, sucht in seinem Geld-
beutel und gibt der Kassiererin einen Geldschein. Das Wechselgeld gibt sie nicht
ihm, sondern mir. Immer häuger passiert es, dass sich die Leute an seine Toch-
ter wenden. Das verunsichert ihn. »Denken die, dass ich ’ne Macke habe?
Schlimmer: Habe ich eine Macke?« (Braam 2007, 15)

41 Dieses Vorurteil steht als erstes auf der Liste der Vorurteile gegenüber Menschen mit Demenz,
die der niederländische Gesundheitsrat erstellt hat (vgl. Braam 2007, 64).

180
 Vorurteile in Bezug auf Menschen mit Demenz und deren Konsequenzen 

In der Bibliothek kann er seine Sorgen für kurze Zeit vergessen. Wie ein Kiebitz
läu er durch die Abteilung mit den Großdruckausgaben. Er grei ein willkürli-
ches Buch aus dem Regal und beginnt zu lesen. »Es könnte eine Nummer größer
sein«, bemerkt er. Er streckt den Finger in die Höhe. »Ein Vergrößerungsglas!«
Schnell macht er sich auf die Suche nach einer Bibliotheksmitarbeiterin.
»Verkaufen Sie Lupen?«, fragt er am Informaonsschalter. »So ein Ding, mit dem
man die Buchstaben etwas größer sehen kann«, erklärt er zur Sicherheit. Es
scheint, als verstehe man ihn immer weniger.
»Wir haben tatsächlich eine Lupe da«, meint sie. »Sie dürfen sie hier benützen,
aber nicht mitnehmen.«
René nickt zusmmend. »Genau, was ich meine. Ein Buchstabenvergrößerer.
Was schulde ich Ihnen?«
»Wir verkaufen keine Lupen.«
»Aber ist das nicht ein Lupengeschä?«
»Nein, das ist eine Bibliothek.«
»Aber gerade eben verkauen Sie mir doch eine Lupe?«
Sie wendet sich an mich: »Können Sie es ihm erklären? Er versteht es nicht mehr,
was? Schlimm.«
Immer dasselbe Lied. In seiner Gegenwart spricht man über ihn.
(Braam 2007, 62 f.)
Zwei Stunden später ist er wieder dran [am Telefon]. »Ich bin ein bisschen be-
nommen. Ich lasse die Arbeit gut sein, unser Buch. So schae ich es nicht mehr.
Ich will dir nur sagen: Ich muss dieses Gebäude verlassen. Man hat mir gerade
ein Ulmatum gestellt.«
René hat Gesprächsfetzen zwischen den Pegekräen und mir und dem Perso-
nal untereinander aufgeschnappt. »Sie« kriegen eh nichts mehr mit. Dann kann
man alles in ihrer Anwesenheit sagen.
René: »Stell dir nur vor, ich würde um drei Uhr nachts auf die Straße gesetzt.
Wohin soll ich dann?« (Braam 2007, 112)

Dieses Vorurteil bestärken entsprechend auch alle Autoren, die ein Leben
mit Demenz einem Leben im Dämmerzustand vergleichen, die wie Frank
Ochmann von einem „lebendige[n] Versinken ins ewige Vergessen“ schrei-
ben (Ochmann 2007, 156) oder wie Nils Köhler von einem „Leben im Halb-
schaen“ (Köhler 2009).

4. Vorurteil: Demenz verändert die Person völlig/löscht die Person aus


Das ist nicht der Walter Jens, den wir kannten. Muss dieser Walter Jens zu seinen
Lebzeiten so vorgeführt werden? (Köhler 2009)

181
 Kulturelle Gewalt 

Dieser Satz und die anschließende Frage sprechen eine deutliche Spra-
che. Der Literaturwissenschaler Walter Jens, der Denker, der brillante
Rhetoriker, verliert sein Gedächtnis, verliert seine rhetorischen Fähigkei-
ten, seine intellektuelle Größe und Scharfzüngigkeit – und damit ist er
nicht mehr „der Walter Jens, den wir kannten“.
Nun mag es ja sein, dass Einbußen der rhetorischen Fähigkeiten und der
Arkulaonsfähigkeit, dass Wor indungsstörungen und Gedächtnisver-
lust gerade angesichts eines Intellektuellen besonders gravierend erschei-
nen. Aber die Formulierung „das ist nicht der Walter Jens, den wir kann-
ten“ geht um einiges weiter. Denn hier wird eine Gleichsetzung der Person
Walter Jens mit den intellektuellen Fähigkeiten von Walter Jens vorge-
nommen. Wenn nun Walter Jens diese intellektuellen Fähigkeiten nicht
mehr besitzt, so ist – legt zumindest diese Formulierung nahe – auch die
Person Walter Jens – zu Lebzeiten – erloschen.
Beauvoir hat anhand des Beispiels des Älterwerdens folgenden Satz for-
muliert: „In jeder Metamorphose liegt etwas Erschreckendes.“ (Beauvoir
2004, 9) In Bezug auf Demenz scheint dieser Schrecken noch viel größer zu
sein, da mit ihr eine nicht verhinderbare und auch nicht kontrollierbare
Veränderung im Sinne eines konnuierlichen Weniger-Werdens, eines
„Absterbens“ assoziiert wird.
Und damit sind wir auch schon beim fünen und letzten hier behandelten
Vorurteil:

5. Vorurteil: Ein eben mit Demenz ist kein eben mehr, sondern ein täg-
liches Sterben
„Ich möchte sterben, bevor ich alt bin“ ist eine Aussage, die man bei jun-
gen und erwachsenen Menschen gar nicht so selten hört. „Lieber tot als
dement“ allerdings hört man noch weitaus häuger. Und bis zu einem ge-
wissen Grad klingt dies auch in der Frage von Nils Köhler an: „Muss dieser
Walter Jens zu seinen Lebzeiten so vorgeführt werden?“ „Vorführen“ zeigt
in diesem Zusammenhang deutlich, dass das jetzige Leben von Walter
Jens als – wenn überhaupt – nur sehr eingeschränkt lebenswert einge-
stu wird.
Noch deutlicher bzw. explizit ausgedrückt wird dieses Vorurteil etwa von
Frank Ochmann im bereits zierten Arkel, wenn er schreibt, „dass kaum
mehr von einem Menschen bleibt als eine welke Hülle und Kinder ihren
kranken Eltern nur noch den Tod wünschen, damit das tagtägliche Ster-
ben ein Ende hat“ (Ochmann 2007, 156)

Welche Konsequenzen haben diese Vorurteile für Menschen mit Demenz?


Stellen wir uns vor, wir häen vor kurzem die Diagnose einer Demenz be-

182
 Vorurteile in Bezug auf Menschen mit Demenz und deren Konsequenzen 

kommen, benden uns also wahrscheinlich im Frühstadium einer De-


menz.
Die Diagnose selbst ist bereits für viele Menschen alles andere als leicht zu
verkraen. Doch sta in diesem Verarbeitungs- und Umstellungsprozess
umfassende Unterstützung zu erhalten, wird man von vielen Seiten mit
gravierenden Angrien auf das Selbstwertgefühl konfronert. Denn das ist
die Konsequenz, die aus all diesen Vorurteilen resulert. Du hast eine De-
menz? Dann bist Du ab sofort auf keinen Fall mehr in der Lage zu arbeiten;
dann kann man Dich nicht mehr alleine lassen, muss Dir bei jedem Schri,
den Du gehen willst, über die Schulter schauen oder, noch besser, Dir die-
sen Schri abnehmen, Dir „unvernünige“ Schrie verbieten und Dir zei-
gen, welche Schrie Du selbst in welcher Richtung gehen solltest; da Du eh
nicht mehr verstehst, worum es geht, müssen wir für Dich entscheiden; Du
bist ab sofort ein völlig anderer Mensch; wir müssen den „Verlust Deiner
Person“ (am besten in Deiner Anwesenheit) betrauern, weil Dein Leben ab
jetzt ein Elend, ein Siechtum, ein lang anhaltendes Elend ist.
Unterstützung sieht wohl anders aus …

Wie reagiert man in einer solchen Situaon?


Es gibt einige Menschen, die in die Oensive gehen. Der bereits zierte
Alzheimer-Akvist Richard Taylor ist hierfür ein Beispiel. Chrisan Zim-
mermann, ein Unternehmer, ist ein weiteres Beispiel:
Ich denke, dass man ganz schnell von der Diagnose wegkommen muss. Dann ist
es einfacher. Mein Lieblingsspruch ist ja: Es gibt ein Leben nach der Diagnose!
Klar ist da am Anfang der Schock. Aber das Leben ist dann doch nicht beendet.
(Zimmermann 2010, 52)

Er zieht sich aus eigenem Willen aus der Firma zurück („Das [eventuelle
Misstrauen; A. W.] überspringt man, wenn man gleich am Anfang alle
krischen Sachen ferg macht und regelt. Das wird dann harmloser,
diese Geldverlustängste, die ja häug da sind, oder dass man zu wenig
kriegt, oder dass man rausiegt …“ Zimmermann 2010, 53) und be-
schließt:
Ich kann es mir doch jetzt auch schöner machen, in dem Sinn, dass ich sag’: ‚Ich
mach jetzt das, was ich versäumt hab’ bisher im Leben. Was ich mich nicht ge-
traut hab’ bisher.‘ (Zimmermann 2010, 55)

Zu diesen neuen Akvitäten von Chrisan Zimmermann gehören vor al-


lem das Malen, Theaterspielen, Reisen (in nicht zu große Städte) und ge-
meinsame Zeit mit dem Enkelkind Verbringen.

183
 Kulturelle Gewalt 

Weit mehr Menschen aber gehen genau umgekehrt in die Defensive. Als
„zu nichts mehr zu gebrauchen“ gebrandmarkt, ziehen sie sich zurück.
Diese Reakon kann wohl auch nicht weiter verwundern angesichts der
zuvor beschriebenen vorurteilsbeladenen Reakonen auf die Diagnose.
Ebenso wenig kann es verwundern, dass etliche Betroene versuchen,
ihre Diagnose so lang wie möglich zu verheimlichen. Hierzu nochmals He-
len Merlin:
Ich will das mal mit einer physischen Erkrankung vergleichen. In 2003 bekam ich
eine onkologische Diagnose und die Leute haben das hingenommen. Sie waren
natürlich bedrückt, aber sie haben mich normal behandelt. Im Gegensatz dazu
ist es bei einer neurologischen Erkrankung so, als ob einem ein Stempel aufge-
drückt wird: „Die ist nicht mehr klar in dem was sie so sagt. Die kann man nicht
mehr ernst nehmen.“ Und das Verhalten ist dann so wie mit einem total Vertrot-
telten. Das habe ich ganz massiv bei den Ämtern erfahren. Daher sage ich mei-
nen Freunden und Bekannten im Moment nicht, dass ich eine Demenz habe.
Und ich möchte es solange hinaus zögern, bis ich selber merke, ich kann dieses
„Theater“ nicht mehr spielen. Im Moment sind meine Freunde zwar etwas irri-
ert über meine „Wortneubildungen“, aber sie wissen nicht, was dahinter steckt
und halten mich vielleicht für ein bisschen überspannt. Aber ich will es ihnen
noch nicht sagen, weil ich diesen Stempel nicht möchte.
Auf der anderen Seite ist dieses „Theaterspiel“, das Verstecken, manchmal auch
anstrengend. Ich will Ihnen mal ein Beispiel geben: Im Moment klappt es bei mir
mit dem Kopfrechnen nicht mehr so. Aber demnächst veranstaltet ein Verein,
bei dem ich Mitglied bin, einen Flohmarkt und ich bin zum Verkaufen eingeteilt.
Da mache ich mir jetzt schon meine Gedanken, wie ich das mit dem Wechselgeld
hin bekomme. Denn sechs plus sieben, das kann ich schon noch im Kopf, aber
von 14,35 auf 20 herausgeben, da brauche ich ewig. Aber was werden die Leute
sagen, wenn die Alte nicht mal mehr richg herausgeben kann. Ich werde wohl
ein bisschen tricksen müssen und einer Kollegin sagen: „Gib du mal dem Herrn
das Wechselgeld, ich mache mal dahinten weiter.“ (Merlin 2010, 14 f.)

Dass diese Befürchtung Merlins nicht so weit hergeholt ist, belegen ver-
schiedenste Aussagen, in denen das Thema der sozialen Kontakte ange-
sprochen wird. Die Palee reicht hierbei von

• sozialer Isolaon
Einigen so genannten ‚Freunden‘ häe ich niemals von der Diagnose erzählen
sollen. Ich nehme an, ich hae mir irgendwie Unterstützung von ihnen erhot,
aber sie haben sich sofort von mir zurückgezogen. […]
Teilnehmer eines Town-Hall-Meengs von Alzheimer-Betroenen, USA
(Demenz Support 2010, 107)

184
 Vorurteile in Bezug auf Menschen mit Demenz und deren Konsequenzen 

• über Sprachlosigkeit
Die Leute wussten nicht mehr, wie sie mit mir reden sollten, obwohl ich doch
dieselbe Person war wie fünf Minuten bevor ich ihnen erzählt hae, dass ich es
habe. Sie sahen nur noch dieses große ‚A‘ auf meiner Srn. Sie betrachteten
mich nicht mehr als dieselbe Person.
Teilnehmer eines Town-Hall-Meengs von Alzheimer-Betroenen, USA
(Demenz Support 2010, 106)

• und „Glaubwürdigkeitsverlust“
Wenn Du das Eke ‚Alzheimer‘ erst einmal hast, setzt eine suble Art von
Glaubwürdigkeitsverlust ein. Ich war im Aufsichtsrat unserer Hausbesitzerver-
einigung. Und als publik wurde, dass ich Alzheimer hae, wurde alles, was ich
auf den Tisch brachte, abgebügelt. Es war nicht oen und direkt – es wurde ge-
wissermaßen hinter der Bühne arrangiert.
Teilnehmer eines Town-Hall-Meengs von Alzheimer-Betroenen, USA
(Demenz Support 2010, 107)

• bis hin zu Aufrechterhalten des Kontakts, allerdings unter stark verän-


derten Bedingungen
Es scheint, als scheuten sich Freunde und auch Familienmitglieder, mir direkt in
die Augen zu sehen und Blickkontakt zu halten. Unterhaltungen sind kürzer. Die
Gesprächsthemen führen selten zu ausführlichen, introspekven, philosophi-
schen und polischen Diskussionen.
Ich habe die Leute gefragt, warum sie allem Anschein nach die Art verändert
haben, in der sie mit mir kommunizieren. Viele haben mir gesagt, dass sie davor
zurückschrecken mich etwas zu fragen, weil sie fürchten, dass ich die Antwort
nicht weiß und mir das peinlich ist. (Taylor 2010, 66)

Zusammengefasst: Menschen mit Demenz erfahren nach (dem Bekannt-


werden) der Diagnose in vielen Fällen massive Angrie auf ihr Selbstwert-
gefühl, sie erfahren Diskriminierungen und auch Gewalt: Sie werden
durch Kündigung von einem Tag auf den anderen ihrer gewohnten Tages-
strukturierung und eines Teils ihres Lebensinhalts beraubt (unabhängig
davon, ob sie ihren Beruf gern oder unwillig ausgeübt haben), damit ein-
her gehen meist auch nanzielle Einbußen, man versucht sie davon abzu-
halten, Akvitäten weiter auszuüben oder mit neuen Tägkeiten zu be-
ginnen, man verweigert ihnen sowohl die Erfüllung des Bedürfnisses nach
Ruhe und Privatsphäre als auch jene des Bedürfnisses nach – selbst ge-
wählten – sozialen Kontakten. Omals werden Menschen mit Demenz
gedemügt und erniedrigt – wenn man sie etwa aus dem Gespräch aus-
schließt, wenn in ihrer Anwesenheit über sie gesprochen wird, wenn sie

185
 Kulturelle Gewalt 

ignoriert werden, wenn man ihnen gegenüber behauptet, sie seien ein
„völlig anderer Mensch“ geworden (und dies nicht posiv meint).

Zwei relavierende Bemerkungen erscheinen an dieser Stelle allerdings


angebracht:
1. Viele der hier beschriebenen Handlungen werden nicht aus böser Ab-
sicht gesetzt. Ganz im Gegenteil, wie etwa in der letzten Bemerkung von
Richard Taylor deutlich wurde, sind viele dieser Handlungen Resultat einer
Intenon der Unterstützung, der Erleichterung, des Erhalts des Wohlbe-
ndens. Und wie bei anderen Menschen auch, ist es bei den je verschie-
denen Menschen mit Demenz nicht immer einfach herauszunden, wel-
che Unterstützung sie gerade benögen oder wünschen. Letztlich geht es
wohl vor allem darum, gerade bei Menschen mit Demenz in einem frühen
Stadium (aber nicht nur bei ihnen) die Fürsorge nicht auf Kosten der
Selbstbesmmung „überborden“ zu lassen.
Schließt uns nicht durch eure Freundlichkeit und Herzensgüte aus der Entschei-
dungsndung aus! Immerhin gilt der Satz: ‚Benutze es, sonst verlierst du es!‘
Wenn du jemandem etwas wegnimmst, wird er oder sie es niemals zurückbe-
kommen.
Teilnehmer eines Town-Hall-Meengs von Alzheimer-Betroenen in den USA
(Demenz Support 2010, 125)

2. Zumindest einige Menschen machen durchaus posive Erfahrungen


mit der Bekanntmachung der Diagnose im persönlichen Umfeld. Hierzu
nochmals Chrisan Zimmermann:
Ich habe damals meine Freunde und meine Bekannten darüber informiert und
das mache ich heute eigentlich auch noch so. Ich sage dann eben einfach: ‚Ich
habe Alzheimer.‘ Nicht nur bei Freunden, auch in Geschäen hier in der Gegend
und so weiter. Eigentlich überall, wo ich regelmäßiger hingehe oder mit zu tun
habe. Und das Gute ist: Das haut hin! Wenn ich da oen bin, dann erfahr’ ich
auch immer so eine Anteilnahme. Bei fast allen spür’ ich dann so eine Aufge-
schlossenheit. Das nimmt mir auch eine Last ab, wenn es die anderen wissen.
(Zimmermann 2010, 54)

Die hier skizzierten Vorurteile wurden absichtlich in „aufsteigender“ Rei-


henfolge angeordnet. „Aufsteigend“ insofern, als das nachgereihte Vorur-
teil das vorausgegangene meist bis zu einem gewissen Grad einschließt
und die negaven Konsequenzen für die Betroenen immer gravierender
und umfassender werden – bis zu jenem Punkt („lieber tot als dement“),

186
 Maßnahmen gegen Stereotype und Vorurteile 

an dem man sich dann schon die Frage stellen muss, welche Art von Be-
troenheit denn nun die schlimmere ist: Jene, von Demenz betroen zu sein,
oder jene, von den Vorurteilen gegenüber Demenz betroen zu sein.
Anders formuliert: Viele Menschen glauben, dass es besser sei, tot zu sein
als dement zu leben. Und mit dieser Haltung/Überzeugung und den damit
verknüpen Verhaltens- und Handlungsweisen bringen sie eine ganze
Menge von Menschen mit Demenz in die Situaon, sich lebendig begra-
ben zu fühlen.

9.5 Maßnahmen, mit denen Stereotypen und


Vorurteilen gegenüber Menschen mit
Demenz entgegengewirkt werden kann

Üblicherweise wird in Texten über gesellschaliche/kulturelle Bezüge


über die Kultur, über die Gesellscha geschrieben, über die polische Ver-
antwortung, über die Verantwortung von Staaten.
Diese Verantwortung ist natürlich nicht zu leugnen und wir haben in die-
sem Buch auch einige Maßnahmen angesprochen, die auf polischer
Ebene zu setzen sind, wie etwa die Aufwertung des Berufsbildes in der
Gesellscha, erhöhte nanzielle Ressourcen und gerechtere Verteilung
u. ä.
Ebenso wenig ist zu leugnen, dass uns die Gesellscha, in der wir auf-
wachsen und leben, hinsichtlich unserer Vorurteile stark prägt – seien die-
se Vorurteile uns nun von den Eltern vermielt, von besmmten Medien,
sozialen Gruppen oder polischen Parteien.
Bei alledem wird aber omals vergessen, dass wir selbst ein Teil dieser
Gesellscha sind. Zu o hört man (meist negave) Reden über die Gesell-
scha, als häe man selbst nichts mit ihr zu tun. Die Gesellscha orien-
ert sich nur am Leistungsdenken, alte Menschen werden nicht wertge-
schätzt, Menschen mit Demenz werden wegen der Priorität der kogniven
Tägkeiten ausgegrenzt – das sind nur einige Beispiele für Aussagen, die
in solchen Reden häug zu hören sind.
Das erste Problem dabei besteht darin, dass sie in dieser Verallgemeine-
rung schlicht nicht wahr sind. Eine ganze Menge Menschen orienert sich
nicht ausschließlich an Leistung, eine beträchtliche Anzahl alter Men-
schen wird zu Hause von den Angehörigen oder ambulant bzw. in einer
Instuon von professionellen Pegepersonen gepegt – und zwar gut
gepegt, gleiches gilt für Menschen mit Demenz in einem späteren Sta-
dium, wenn sie pegebedürig sind.

187
 Kulturelle Gewalt 

Das zweite Problem liegt in der Art, in der die Aussagen formuliert sind: Es
sind immer die Anderen, die ein verweriches Verhalten an den Tag le-
gen – nie wir selbst.
Das drie Problem schließlich wird manifest anhand der Schlussfolgerun-
gen, die häug aus solchen Aussagen gezogen werden: „Ich häe ja gern,
dass sich etwas ändert, aber ich allein gegen die Gesellscha kann ja nichts
tun.“ Diese Schlussfolgerung ist nicht nur ein Fehlschluss (denn warum
sollte mich die Tatsache (wenn sie denn smmen würde), dass die meis-
ten Menschen anderer Meinung sind als ich, daran hindern, etwas zu un-
ternehmen, um diese Meinung/Haltung/Überzeugung zu ändern?), son-
dern vor allem überaus bequem: Denn nun bendet man sich in der
Posion, zu wissen, wie es richg wäre, ohne sich aber mühsam engagie-
ren zu müssen, da man ja gegen die Gesellscha ohnehin nichts ausrich-
ten kann …

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen soll in diesem Kapitel das


Hauptaugenmerk darauf gelegt werden, welche Maßnahmen wir in Be-
zug auf uns selbst ergreifen müssen, wenn wir tatsächlich einen Wandel
erreichen wollen – und zwar unabhängig davon, ob wir beruich oder
privat in Kontakt mit Menschen mit Demenz stehen oder nicht, ob wir
selbst eine Demenz haben oder nicht.

„Gewalt beginnt im Kopf“ ist eine häug zu hörende Redewendung, die


wohl bis zu einem gewissen Grad auch durchaus ihre Berechgung hat,
wenn wir etwa an die Ausführungen über Stereotype und Vorurteile zu-
rückdenken.
„Änderung beginnt mit Hinterfragung“ ist entsprechend eine (Haupt-)
Antwort auf die Frage, wie man kultureller Gewalt in Form von Vorurtei-
len begegnen kann, wie man sie reduzieren kann (eine Auösung des Phä-
nomens erscheint uns hingegen illusorisch).
Versuchen wir eine solche Hinterfragung in Bezug auf die eigene Person,
so sind wir mit einer Vielzahl von Fragen konfronert:

1. Eigene Stereotype und Vorurteile:


• Tree ich selbst generalisierende Aussagen über soziale Gruppen bzw.
deren Mitglieder? Wann, in welchen Situaonen und warum? Handelt
es sich dabei um Vorurteile oder um Stereotype?
• Teile ich es anderen Menschen mit, wenn sich ein Vorurteil in Bezug
auf einen Menschen als falsch herausstellt? Bzw.: Nehme ich selbst
es überhaupt zur Kenntnis, wenn sich ein Vorurteil als falsch heraus-
stellt?

188
 Maßnahmen gegen Stereotype und Vorurteile 

• Wie kommt es dazu, dass ich bei manchen Menschen ein Fehlverhal-
ten zu erklären, zu entschuldigen oder zu rech ergen versuche, bei
anderen Menschen aber nicht?
• Habe ich ein Bild des Alters? Eine Wunschvorstellung in Bezug auf mein
eigenes Altern?
• Erfüllt mich die Vorstellung, an Demenz zu erkranken, mit Furcht?
Furcht wovor? Habe ich genügend Wissen über diese Krankheit bzw.
Belege, um diese Furcht begründet erscheinen zu lassen?
• Habe ich eine Idealvorstellung eines alten Menschen oder eines Men-
schen mit Demenz? Wenn ja – kann es sein, dass diese Idealvorstellung
meine posiven oder negaven Urteile über einzelne Menschen und
mein Handeln ihnen gegenüber lenkt? Anders formuliert: Führt meine
Idealvorstellung zu einer besmmten Erwartungshaltung an einzelne
Menschen?

2. Umgang mit Stereotypen und Vorurteilen von anderen Menschen


• Wie reagiere ich, wenn Menschen im Gespräch Vorurteile gegenüber
Mitgliedern von sozialen Gruppen äußern?
• Reagiere ich verschieden, wenn ich dieser sozialen Gruppe oder ein-
zelnen ihrer Mitglieder nahestehe oder aber keinen Kontakt zu Mit-
gliedern dieser sozialen Gruppe habe?
• Reagiere ich unterschiedlich, je nachdem, welche Person diese Vor-
urteile äußert?

Wer einmal das Experiment gemacht hat, sein tägliches, alltägliches Han-
deln auf die hier formulierten Fragen hin „abzuklopfen“, der wird schnell
feststellen, dass er vor der eigenen Tür noch viel zu kehren hat, bevor er in
die moralisch überlegene Lage versetzt ist, Andere für ihre Vorurteile zu
krisieren.
Wer das Experiment länger durchführt, gerät zwischenzeitlich wahr-
scheinlich in einen Zustand der Verzweiung, weil der Eindruck entsteht,
es sei geradezu unmöglich, den „Bann“ dieser Stereotype und Vorurteile
zu brechen.
Und es wird auch tatsächlich nicht möglich sein, „vorurteilsfrei“ durchs
Leben zu gehen. (Ganz abgesehen davon wäre dies auch nicht von Vorteil,
da ja im Kapitel über Stereotype und Vorurteile aufgezeigt wurde, das
diese durchaus auch posive Funkonen erfüllen.) Nichtsdestoweniger
kann man es schaen, den Anteil an vorurteilsgelenkten Gedanken und
Handlungen zu reduzieren – vorausgesetzt, dass man bereit ist, diese Auf-
gabe als eine lebenslange zu begreifen und sie auch als Herausforderung
anzunehmen.

189
 Kulturelle Gewalt 

Es kann natürlich gute Gründe geben, dass wir nicht bereit oder nicht ge-
willt sind, dieses Maß an Eigenarbeit auf uns zu nehmen. Dann sollten wir
aber zumindest damit au ören, allzu selbstgerecht Andere für ihre Vor-
urteile zu krisieren.
Darüber hinaus müssen wir dann aber auch damit leben können, dass an-
dere Menschen die Konsequenzen unserer Nicht-Bereitscha, unseres
Unwillens tragen müssen:
Die Menschen scheuen vor dir zurück. Es ist eine Reakon, wie man sie vom
Körpergeruch her kennt. Es ist etwas, wofür man nichts kann, aber in Wirklich-
keit wollen sie nichts davon wissen und da auch nicht hineingezogen werden.
Teilnehmer eines Town-Hall-Meengs von Alzheimer-Betroenen, USA
(Demenz Support 2010, 105)

Wenn man sich abschließend ansieht, welche Wünsche Menschen mit


Demenz in Bezug auf ihr Umfeld äußern, dann stellt man fest, dass es vor
allem drei Aspekte sind, die immer wieder genannt werden:

1. Ein Ende der Sgmasierung


Ich möchte dieses Tabu brechen – mich einer Erkrankung zu schämen. Warum
sollten wir uns wegen des physiologischen Ausfalls von Gehirnzellen mehr schä-
men als wegen des physiologischen Ausfalls irgendeines anderen Körperteils?
Wir sind nicht irre, sondern krank, weshalb wir bien, unsere Würde zu achten,
sich nicht über uns lusg zu machen und sich nicht für uns zu schämen. Vielleicht
breche ich eines der letzten Tabus, wenn ich öentlich sage. ‚Ich habe Demenz!‘
(Boden 1998, zit. in Bowlby Sion 2008, 15)

2. Mitmenschlichkeit
Die Leute müssen lernen, Alzheimerkranke zu verstehen. Wir sind noch da! Wir
haben noch immer Gedanken und Ideen und können sie ausdrücken. Seid ein-
fach geduldig und hört uns zu. Wir sind Menschen wie andere auch! Der Mensch
und die Erkrankung sind zwei verschiedene Dinge. Nur die Krankheit unterschei-
det uns von euch. (Simpson & Simpson 1999, zit. in Bowlby Sion 2008, 189)

3. Teilhabe
Bie hel uns! Versteckt uns nicht, lasst uns dabei sein, lasst uns durch euer Ge-
dächtnis, eure Fähigkeiten und eure Geduld an den Freuden des Lebens teilha-
ben. (Boden 1998, zit. in Bowlby Sion 2008, 246)
Bie heißt Menschen mit einer Demenz willkommen, sta euch von ihnen zu
verabschieden. (Taylor 2010, 72)

190
 Maßnahmen gegen Stereotype und Vorurteile 

Nicht sgmasiert zu werden, Mitmenschlichkeit zu erfahren und an


einem Leben in Gemeinscha teilzuhaben – viele Menschen haben weit-
aus unbescheidenere Wünsche . . .

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