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ZACHARIE MAYANI

DIE ETRUSKER
BEGINNEN ZU SPRE,CHEN

L9 62
PAUL NEFF VERLAG
ItrIEN . BERLIN . STUTTGART
Nadr dem bei Arthaud, Paris, ersd.rienenen Original
LES ETRUSQUES COMMENCENT A PARLER
übersetzt von
FRIEDERIKE GUSCHLBAUER

Alle Rechte vorbehalteo


Umschlag. und Einbandentwurf von Prof. Villi Bahner
Gesetzt aus der Borgis und der Petit Garamond
Gedruckt und gebundeo bei R. Kiesel zu Salzbug
Hergestellt im Auftrag des Paul Neff Yerlages, Vien
Simon Sbargo
in Freandsdtatt gewidmea

,,Die kombinatorisdre Methode hat das wenige, das sie zu


gcbcn- vermodrte, bereits gegeben,
und man muß eingctehen,
daß ihre Möglidrkeiten s&on ersdröpft sind.
Die etymologisdre (vergleidrende) Methode isr nur deshalb
in Mißkredit geraten, weil sie fals& angeweodet wurde. Um
zur Ifahrheit zu gelangeno genügt ni&t bloß eine streng an-
gewandte Methode; man brautt dazu audr eine glU&li&e
Intuition.
Im übrigerg wenn es darum gehq ehe Vahrheir zu enr-
de&en, ist jene Methode ridrdg die zum Ziel führt.-

Alfredo Trombetti.
(La linga etr*sca, 1928)
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Das alte ltdlien


ERSTER TEIL

DAS ETRUSKISCHE PROBLEM


ABKÜRZUNGEN UND AUSSPRÄCHE

Abkürzungen
A_ bezeidrnet ein Tfort oder einen Satz in etruskisdrer Spradre,
dessen Bedeutung mit Sidrerheit feststeht.
B_ bezeidrnet ein \7orr oder einen Satz in etruskisdrer Spradre,
dessen Bedeutung mit großer \Fahrsdreinlidrkeit feststeht.
CIE _ Corpus Inscriptionum Erruscarum (Sammlung etruskisdrer In-
schriften).
CII _ Corpus Inscriptionum Italicarum. A. Fabretti, Turin, 1862.
cIL- Corpus Inscriptionum Latinarum.
AMB _ Die Agramer Mumienbinden: liber linteus, in Agram aufbewahrrer
Text.
M.- Stuart E. Manq A Historical Albanian-English Dictionary, 1948.
NRIE _ Mario Buffa, Naoaa Raccoha d.i iscrizioni etrasc;he, Florenz,
1935.
P.- Massimo Pallottino, Testimonia linguae etrascde (eine Auswahl
etruskisdrer Insdrriften und Glossen), Florenz, 1954.
SE_ S tudi Etrasdti, Florcnz

Aussprache
Etrashische Budtstaben: Albanische Budt staben :
c
- \ g, q, (tz?) (tsdr?) c-tzrts
e-erl
f-b,bh,ph,f
9
ä - tsdr
dunkles e
P-b,P j-j-
6
- sh (deutsdres sö)
sc-sh
sh
- sh (deutsdres sdr)
x-ds
t-d,t
@
- th, dh, ds, tz
u-uro
l-&,k
EINLEITUNG

Idr werde in diesem Buch viel Neues bringen; es liegt in der Natur des
Themas, daß dieses Neue oft umwälzend ist und mandrmal Fragen aufwirft,
die einen nidrt loslassen.
Ich werde midr nidrt lange mit dem aufhalten, was über die Etrusker
von namhaften Fadrleuten bereits gesdrrieben wurde. Die Gesdridrte dieses
Volkes, die Kunst Etruriens und seine Religion waren schon seit langem Ge-
genstand gründlidrer Untersudrungen, soweit diese ohne das Versdndnis der
etruskisdren Spradre möglidr waren. Diese war übrigens nidrt vollkommen un-
bekannt. Einerseits haben uns die griechisch-römisdren Autoren Bruchstüd<e
davon bewahrt; man wußte zum Beispiel, daß ais, eis ,,Gott" bedeutete und
aisar, eiser ,,Götter"; man kannte auch die Namen mehrerer etruskisdrer
Gottheiten sowie die einiger Monate usw. Andererseits ist es Pauli und an-
deren 'Wissensdraftlern gelungen, durdr Vergleid,en etruskisdrer Grabinsdrif-
ten mit römisdren die Bedeutung einiger 'Wörter herauszufindent clan (Sohn),
clenar (die Söhne), aoil (Jahr), ril (Aker), svalce (lebte), su@i (swthi)
(das Grab), usw.l aber das ist nidrt viel.
Zuerst sdrien es leidrt, die etruskisdren Texte zu lesen, denn das etruskische
Alphabet untersdreidet sidr nur wenig vom griedrisdren. 1t7as jedodr dunkel
blieb, war der Sinn fast aller Ausdrüd<e, die man auf Sarkophagen, Grab-
wänden, Opfergaben an die Götter (kleinen Statuen, Sdralen, Vasen usw.)
sowie in dem einzigen etruskisdren ,,Budr", über das wir verfügen und das
zwölf kleine Kapitel umfaßt, fand; es ist dies der berühmte Text auf
Leinenstreifen, in weldre die Mumie einer etruskisdren Frau gewidcelt war,
die im Museum von Agram aufbewahrt wird.
Die vodiegende Arbeit widmet sich also jenen Texten, die bisher unver-
ständli& waren. Idr konnte sie jedodr nidrt alle mit der gleidren Klarheit
deuten. Es gibt darunter Fragmente, deren Übersetzung unanfedrtbar ist;
die Deutung anderer hingegen kann man nur mit einer gewissen \fahrsdrein-
lidrkeit als ridrtig ansehen. Daher wird jedes entzifferte \üort und jeder ent-
zifrerte Text von einem der beiden Budrstaben A und B begleitet sein. Die
Kategorie A umfaßt alle Ausdrüd<g deren Deutung einwandfrei erwiesen ist.
In die Kategorie B fallen alle jene Texte, deren Sinn mit großer \(ahrsdrein-
lidrkeit fes*teht. Die Bedeutung jener Sätze oder 'Wörter, bei denen keiner
der beiden Budrstaben steht, kann nur vermutet werden. Freilidr bewog midr
die beträdrtli&e Zahl der unter A und B fallenden Elemente dazu, die
Ergebnisse meiner Arbeit zu veröffentlidren; und somit wird das zwei Jahr-
tausende währende Sdrweigen der Etrusker nun gebrochen. Die bisher stummen
Gestalteq die sdremenhaft vor unseren Augen dahinglitterL halten plötzlidr
inne und spredren zu uns.
'!ü7as sie uns sagen werden, hat wenig mit den meisten Insdrriften aus
der Antike gemein. Es sind weder Befehle von Königen nodr Siegesmel-
dungen. Nein, wir überrasdren den etruskisdret Menschen, so wie er in Kriegs-
und Friedenszeiten war, im Tempel, in der Sdrenke, in seiner Küdre oder
10 Das enushisdte Problem

beim Arzt; kurz, den Etrusker aus dem Allmgsleben, einen Mensdren wie wir,
der uns sehr ähnli& isr und der jene erstaunlidre Vitalität besitzt, die uns
seine Kunstwerke sdron seit langem haben ahnen lassen, jene mensdrlidren
Zzugnisse, deren Ursprüngli&keit uns mehr als einmal ergreifen wird.
All das läßt sidr nicht so leidrt erforsdren, und das gebe idr gerne zu; idr
will hier nicht nur die Trophäen einer ganz unwahrsd'reinlidren jagd sdrwen-
ken, sondern audr offen alle unzulänglidrkeiten und Irrtümer eingestehen. vie
oft habe ich einen falsclen weg eingesdrlagen und bin dann unverridrteter Dinge
zum Ausgangspunkt zurückgekehrt! Die Texte, die ich entzifferte, sudrte idr
aufs Geratewohl aus. \flieviel lieber hätte ic]r mictr auf eine einzige Arr von
Insd'rriften besdrränkt und sie methodisch behandelt, um eine klare und er-
sdröpfende übersetzung zu liefern! So aber mußte idr die \flahrheit sdid<weise
der Dunkelheit entreißen, wie und wo idr gerade konnre, einer Intuition, einer
Analogie, einer zufälligen Ähnlidrkeiq einer vermurung oder einem Hinweis,
den ich irgendwo aufgesdrnappt hattg auf gut Glüd< folgend.
__Vor.
vier Jahren stand idr mitten in diesem erruskisdren Dsdrungel, wo
alle Planungen wertlos waren, mit einem ersten Einfall als einzigem \flerk-
zeug. Gerne hätte idr mir einen geraden !(eg gebahnt, jedod-r mein rWeg
wurde in diesem didrten Busdr nur ein erbärmlicher Zidrzad<. Bald mußrc
idr einer Falle ausweidren, bald kriedren, bald springen, um so allen Arten
von Gefahren zu entgehen.
\fenn zumindest die Ergebnisse dieses Kampfes immer klar und beweiskräf-
tig gewesen wären! Leider kann man das nidrt behaupten. Audr idr mußte
wahrscheinlich mein Sclerflein zu der sdron reidren Sammlung von lustigen
Mißverständnissen beitragen, mit denen, wie wir nodr sehen weiden, der'!7eg
der Etruskologie gepflastert ist. Aber wie hätte man erwas anderes erhofien
können? !üollen Sie denn die Toten in ihren schönen, in Stein gehauenen
Sarkophagen plötzlidr erwadren und die Auguren ihre heiligen Handlungen
wiederaufnehmen sehen? Und womöglidr in vollendeter Ordnung, ohne jeg-
lidre Inkohärenz und ohne Mißtöne?
Nein, gewisse Irrtümer sind auf diesem Gebier nodr unvermeidlidr; aber das
madrt nidrts, es geht hier nidrt um unsere Eigenliebe. Am Eingang zur Etrusko-
logie müßte man eine große Tafel aufstellen: ,,Die ihr hier einrreteq laßt alle
Eigenliebe fahren!" \7enn erwas wirklidr lädrerlidr ist, so wohl die Hofinung,
das_Problem eines Tages wie mir einem Zaubersub zu lösen; die Floffnung, den
,,Schlüssel" zu finden, der alle Türen öffnet und für alles eine Erklärung gibt.
Dodr es gibr einen Schlüssel; ic}r habe ihn gefunden: er kann vieles be-
wirken und idr lege ihn allen Etruskologen in die Hände. Trotzdem aber
wird die Rekonstruktion einer Sprache, die seir den Anfängen unserer Zeit-
gesdridrte vergessen ist, nodr einen langen Kampf, viel Sd-rarfblidr und viel
Ausdauer verlangen. Ist denn anderen \Wissensdraften der Verdruß, den jeder
Anfang mit sich bringt, ersparr geblieben? Die Etruskologie folgt nur dei all-
gemeinen Regel.

Hier will idr die Frage aufwerfen, ob audr die Hauptprobleme bei
der Entzifferung etrushisdrer Texre dem Leser bekannt sind. Mandre da-
von werden fast nirgends erwähnt. In populärwissensdraftlidren \Terken und
Artikeln wird das Problem der Entzifferung oft beiseite gelassen. Der Autor,
der nodr soeben in lebhaften \Torren ein leudrtendes Bild etruskisdrer Kultur
Abb. 1. pava taryies, ,,Taryies bat gesehen"
12 Das etraskisdte problem

maltg wird plötzlidr kleinlaut, wenn er von der etruskisdren spradre berichten
soll. Das Problem der F.ntzifferung ist tatsädrlidr zum neuralg-isdren punkt in
der modernen Etruskologie g"*oid"tt. In der Floffnung, das Geheimnis zu
durdrdringen, .vurden viele vergebliche Versudr" .rnt"ä*-en, das Elus-
kisdre mit anderen alten und modernen Sprachen zu vergleidrÄ. zu allem
überdruß treten tedrnisdre Sdrwierigkeiten Lesonderer Arr äuf ,rrrJ verwirren
die Entzifferung. Einige davon will idr darlegen:
1. rflir wissen oft nidr.t, wo ein 'wort beginnt oder aufhört. rrir haben
eine__Buclstabengruppe vor uns und können lidrt ,"g.rr, ob es sich da um
ein \7orr oder um zwei kleinere 'utrörter oder um eine-n ganzen Satz handelt.
F:in Beispiel: Eine auf einem spiegel eingravierte szeneleigt
unrer anderem
einen.jung_en. Flaruspex (zweite Ferson-von rechts), der"eine Leber, den
,sitz de1 'üfleissagungen, unrersudrr. Die Insdrrif t dizt lautet: pavatarxies.
Man erkannte darin TarTies-Tarquin wieder und macllte daraus .in.r, ,,",r.r,
Eigennamen: Pava-Tarlies. Nun konnte idr aber herausfinden, daß paoa
,,hat gesehen" bedeurer, wie wir nodr später lesen werden. vii nlr.n li",
also einen ganzen Satz vor uns:,,Tar1ies hat gesehen." Da es ri.h u-
allgemein Bekanntes handeltq hat sidr' der Küistler kurz gefaßt (Abb. "r*",
rt.
2' Das von den Erruskern verwendere Alphabet war nur"entlehnt, und ob-
wohl sie daran einige Änderungen vornahÄen, entspradr es nidrt 'ganz den
Eigenarten ihrer Phonetik. und so verwenderen sie, irm gewisse Laute auszu-
drücken, bald diesen, bald jenen Budrstaben. Die Sdrrei-ber kümmerten siclr
wenig um ein einheitlidres system. Ihr p drüc}te p, b, bh aos; ihr c konnte
für die_Laute b, g, Q, tr, ttib srehen. Der Vokal i'*u o wie u. Das
z stand oft für u. "b"n*i
3. Sdrließlich, um nur von_den augenfälligsten Schwierigkeiren zu spredren,
-
1\nte1 die Etrusker, vor allem in den lJtzten Jahrhunäerter, .,ro, ,rr,r"r",
Zeitredrnung- die ärgerlicle Gewohnheir der seniiren nadr, beim Sdrreiben
gewisse vokale auszulassen Im Phönizischen, zum Beispiel, schreibt
_ man das
Ylort malkat (Königin) nlht, und den Rest man'eriarcrr. so sdrrieben
-uß
auch
.die Etrusker EQsntre statt Alexander. Das geht noch, wenn es sicih
um einen bekannten Eigennamen handerg aber in ,ird.."r, Fiilen kann man
daran gründlidr anrennen. rüTir wissen also ofr nidrr gena', u" di.re, od".
jenes etruskische \wort ausgesprochen werden muß.
üenn'wi. e, vor uns
sehen, müssen wir uns zwei Fiagen stellen: isr dieses wort vollsdndig
oder
abgekürzt, geben seine Konsonaiten und vokale das \flort exakt oder nur
annähernd wieder?
Man wird vielleidrr einwenden, daß die oben aufgezählten Schwierig-
Art unbedeutend sind neben der wesenäichen Tatsadre, da"ß
keiten tedrnischer
esunmöglidr ist, eine Analogie zwisdren dem Etruskisdren und irgend einer an-
deren Spradre zu finden, wodurch es eine in ihrer Art einzigaitige
,,Sprach-
insel" darstellt und alle unsere Entzifferungsversuche zunichte'-"är. Ich bin
nidrt dieser Meinung, und Sie werden bald meine Gründe sehen. um diesen
l_u"!t _ abzusdrließen, will ich dem Leser eine kleine Kosrprobe vorserzen.
Sie haben eine kleine Insdrrift vor sidr: BIFILTIR. Diese ist in deutsdrer
Spracle abgefaßt, aber der Sdrreiber bediente sidr einer phonetisdren sdrrifq
das heißt, statt, z. B. beute sdrrieb er hoete. Ja, was noch sdrlimmer isr, er
verwedrselte w mit b, d mit t, i mit e. rflie muß man also diese Insdrrifr le-
sen? r7enn Sie über keinen Hinweis verfügen, der Ihnen dabei hilft, werden
Sie zu keinem Ergebnis kommen. sie können bifiltir als,,befehlt iir.. oder
Einleitang 13

als ,,befiehlt er", aber audr als ,rwie Felder" oder als ,,wieviel Teer" auslegen.
Sie sind dann in derselben Lage wie ein Etruskologe.
Ich habe sdron vorhin erwähnt, daß es zuerst leidlr schien, die etruskischen
Texte zu lesen; Sie sehen aber, daß sidr diese Leidrtigkeit in sehr vielen Fäl-
len als gefährlidre Illusion erwies. \[äre dem nidrt so, hätten wir vielleidrt nicht
erleben müssen, daß inmitten der so gründlich srudierten europäiscl-ren Kultur
eine hermetiscl abgesdrlossene und unverständlidre Spradre allen Bemühun-
gen trotzte, die im Laufe von drei Jahrhunderren von S(issensdraftlern aus
allen Ländern unrernommen wurden.
Das Problem wäre weniger brennend, wenn es sidr um den Dialekt irgendeines
obskuren Stammes handelte, und nidrt um die Sprac}e eines starken Volkes, der
,,zwölf Völker Etruriens", das sidr aus unermüdliclen Landwirten, Srädte-
gründern, kühnen Seefahrern, gewandten Flandwerkern, Kämpfern und
Kaufleuten, Erbauern von Tempeln, Dämmen und Festungen zusammensetzte.
Sie haben die Sümpfe ihres Landes trod<engelegq die'Wasser des Po in Kanäle
geleiteg den \fleinstod< gepflanzt und die Metalle bearbeiter. Sie waren es,
die das Dorf Rom in eine befestigte Stadt verwandeken, in der die römisdren
Hirten, die stets auf Raub aus waren, endlich mit dem städtisd'ren Leben und
mit allen vorteilen einer geordneten Gesellsdrafr verrraur wurden. Aus ihrer
Spradre kommt so mandrer Ausdrud<, den wir nodr immer verwenden: Fen-
ster, Laterne, Zisterne, Taverne, Zeremonie, Person, Letter usw. Die Etrusker
waren es, die den Grundstein für die religiöse und politisdre organisation
Italiens legten, sowie für den Milidrapparaq die Kunsr, die Bildhauerei und
das Theater der Römer. Sie, die Initiatoren des literarisdren und wissensdraft-
lidren Lebens im antiken Italien, haben diese Rolle erst den neuen Lehrmeistern
der Mensdrheit, den Griedren abgereten, deren geistige vormadrtstellung sie
uneingesdrränkt anerkannten.
rü7ie nun versuc,hte man, diese versdrollene Sprache wiederzufinden? Im
XV. Jahrhundert grub ein Dominikaner, Annio von Viterbo, einige etruskisdre
Insdrriften aus und entsdried, daß diese mit Hilfe des Hebräisdren zu erklären
seien, das er für die Mutter aller Spradren ansah. Um seiner Ansdrauung
zum Sieg zu verhelfen, sdrrieb er auf Täfeldren hebräisdre \7örter in etruskisdren
Buchstaben und grub sie an einer Stelle ein, wo sdron früher edrte Insdrriften
gefunden worden waren. Zu unserem Glüd< ist diese Methode der nadrahmen-
den Magie nidrt von anderen Gelehrren seiner Zeit übernommen worden. Im
übrigen bestand die Eruskologie als \(issensdraft schon lange vor dem XV.
Jahrhundert, denn sdron die Alten diskutierten über Spradre und Herkunft
der Etrusker. Einer der hervorragendsten Etruskologen aller Zeiter- war der
Kaiser Claudius (1. Jh. n. Chr.), der über die Etrusker ein zwanzigbändiges
I7erk verfaßte, das man in der Bibliothek von Alexandrien srudieren konnte.
Leider ist das alles verlorengegangen. 'Was uns bleibt, ist zum Beispiel die
Behauptung des griedrisdren Gesdridrmsdrreibers Dionysios von Halikarnas-
sos (1. Jh. v. Chr.), daß die erruskische Spradre einmalig sei und daß das
etruskische Volk in seiner Spradre und in seinen Sitten keinem anderen ähn-
lidr sei. Es ist interessanr festzustellen, wie ungünsrig und in weldrem Ausmaß
diese willkürlidre Behauptung die moderne Etruskologie beeinflußt hat.
Seit dem XV. Jahrhundert sind zahlreidre Lösungen für dieses Problem vor-
gesdrlagen worden. Man neigte jeweils zur Annahme, die Etrusker seien ame-
rikanisd'rer, semitischer, kehisdrer, slawisd,er, ugrisdr-finnisdrer, armenischer,
albanisdrer, berberisd-rer oder sogar sumerisdrer Herkunfc J. Martha sdrieb
14 Das etraskische Problem

gegen Ende des vorigen Jahrhunderts: ,,Man hat aus ihnen Kelten, Semiten,
Thrako-Illyrer, Hettiten gemadrt . . . nic}ts ist gewiß, solange man keinen
Sdrlüssel zur Spradre gefunden hat . . ." Für Trombetti war das Etruskisdre
eine mediterrane Sprache, zwisdren der baskisch-kaukasisdren und der indo-
germanisdren Gruppe stehend. 1940 besdrrieb Renard die Lage folgender-
maßen: ,,Vergeblidr hat man fast alle Sprachen der Erde herangezogen,
vom Finnischen bis zum Koptisdren und vom Baskisdren bis zum Japanisdren."

Nadrdem man die ,,exzentriscihen" Theorien allmählidr fallen gelassen hatte,


neigte man im Laufe des XIX. Jahrhunderts dazu, die etruskisdre Spradre
für indogermanisdr anzusehen. Jedodr verfügten die Pioniere dieser Ridrtung
noch nidrt über geprüfte epigraphisdre Unterlagen nodr über erprobte Metho-
den. So hat die Entzifferung in den Händen von Corssen ganz seltsame Er-
gebnisse gezeitigt. Dieser verdienstvolle Linguist, der dodr so viel Interessantes
Lerausfand, nahm bisweilen ein etruskisches \fort her, das mehr oder weni-
ger einem grieclisdren oder lateinisdren \7ort ähnli& sah, und sdrloß daraus
ohne viele Umsdrweife auf die Identität der beiden \flörter. So wurde das
etruskisdre @aura (Ort der letzten Ruhe) bald zu einem taurus (Stier). Zilc,
eine Bezeidrnung für einen etruskisdren Beamten, wurde für ,,Silex" gehal-
ten. Da mehrere Sarkophage und Urnen eine feststehende Formel tragen:
(Name des Verstorbenen).. .zilc...aoils. '. (... Jahre all lupu (starb), hielt
Corssen avils fliir einen Eigennamen und brachte lupu mit der griedrischen lüur-
zel, die,,behauen, in Stein sdrneiden" bedeutet (und von der ,,Glyptik" kommt),
in Zusammenhang und übersetzte diese Formel so: ,,In Stein. . . Avils hat
gehauen...", natürlich einen Sarkophag. Corssen glaubte also, daß die guten
Et.usker auf ihre Sarkophage nidrt nur die Namen der Verstorbenen setzten'
sondern audr die der Steinmetze.
Auf einem andern Sarkophag jedodr entdedrte er einen zweiten Avilsz aoils
mays semfalyls (das heißt:-gesiorben im Alter von 7L Jahren). Den hielt er
füi-einen Bildhauei, Avils Mals. . . Aber da war nodr ein dritter
"nä.r.n
Avils, und ein vierrer . . . ganze Mengen von Avils. Es gab keinen Sarkophag
ohne diesen Namen darauf! Diese Bildhauer hatten aber eine ganz ausge-
prägte Vorliebefür diesen Namen! Es mußte also eine sehr verzweigte, große
f'"-iti.
gewesen sein, so sdrloß daraus Corssen, die allgemein anerkannt war . . .
Ihre NaÄen stehen neben denen der Adeligen in den vornehmsten Totengrüften
von Perugia und Volsinia. Mehr als zwanzig dieser Bildhauer in Südetrurien,
jedodr nur sedrs in Nordetrurien. . .
Und diesen frudrtbaren Betradrtungen folgte ein lehrreidrer Vortrag über
'Werkstätten dieser Meister, die, stolz auf
die Organisation der Arbeit in den
ihr Handwerk, dieses vom Vater auf den Sohn weitergaben. . .
Nun, glauben Sie, daß man seit 1875 viel weiter gekomry91 i,st? Nein, kei-
nerwegr;-wir stehen noch immer am Fuß des Berges..Jedenfalls kann man für
Corssä viele mildernde Umstände anführen: außer dem Griedrisdren und dem
Lateinischen waren zu seiner Zeit nur wenige alte indogermaniscle Spradren
bekannt; vor allem wußte man überhaupt nichts über das Hettitische.

Die großen Philologen, wie O. Müller, Pauli, Deed<e und andere, bedienten
sich einer ganz anderen Methode. Nach einer genauen Analyse gewisser gram-
Einleit*ng 15

matikalisdrer Formen, die man im Etruskisdren erkennen kann (die Endung


a als Zeidten des Femininums, die Endung s als Zeidren des Genetivs, das
Suffix -ce als Zeidren für das Perfektum: zilayce, ,,verwaltete, hat verwal-
tet" usw.), sdrlossen sie, daß das Etruskisdre der großen Familie der indogerma-
nischen Spradren angehöre. Corssen fügte nocl hinzu, daß es sidr dabei um
den italisdren Zweig dieser Familie handle. Ein neununddreißig Seiten langer
Artikel von Deecke hat jedocl genügt üfr das von
- so sagt Pallottino -,
Corssen erridrtete Gebäude ,,wie ein Kartenhaus" zusammenfallen zu lassen.
'Wenn audr Deed<e
Nun gut, aber dieses Exposd ist nidrt vollständig.
zunädrst an dem indogermanischen Charakter der etruskisclen Spradre zwei-
felr, ändert er in der Folge seine Anschauung vollkommen zugunsten dieser
These. Er hat die ausgezeidtnete Arbeit von O. Müller ,,Die Etrusker" (L877),
die eindeutig in diese Ridrtung zielt, wiederaufgenommen, revidiert^ und er-
weitert. Die Sülußfolgerung von Müller-Deed<e ist eindeutig; denn sie besagt,
daß dieses (etruskisdre) Volk der Familie der griedrisdren Völker angehörte,
wenn es auch sidrerlic} eines ihrer entferntest vefwandten Mitglieder war.
(Bd. Stellungnahme Deedres geht immer deutlidrer in diese
II, Seite 324.) Die
itidtrnog. In seinen Forschungen und Studien, Hefr II (1s82), erwähnt er die
Femininindung a und fügt hinzu: ,,Dies ist specifisch indogermanisch."
1952 vermeikten jedodr Maillet und Cohen, daß das Etruskisdrc ,,bis jetzt
auf keine andere Spradrfamilie zurü&zuführen ist." 7942 mußte Pallottino fest-
srellen, daß die Värgleidre zwisdren dem Etruskisdren einerseits, den italischen
Dialekten, dem Griedrisdren, dem Armenischen, dem Baskischen, den.kaukasi-
,dren urri ugrisdr-finnisdren Sprachen und sogar dem Drawida and.ererseits,
fehlgeschlagei *"r"n, und er entwidrelte einen von Buonamici vorgesdllagenen
Leitledank"en. Ihm zufolge ist das Etruskisdre eine aus mehreren Elementen
bestähende Sprache, ihrem Vesen nadr nidrt indogermanisdr, vo_n tyrrhenisdrer
oder prähellenischer Flerkunft und stammt aus der Gegend um die Agäis. Diese
Spr"Ä" soll bei ihrer Bildung-manEinflüsse des aurcdrthonen Substrats erfahren
haben, und außerdem kann ein starkes Eindringen indogermanisdrer
ElemÄte feststellen. Der Autor sdrloß, daß die Frage nadr der Flerkunft der
Etrusker viel weniger widrtig sei als die Frage danadr, wie sie in Italien
selbst zu einem Volk geworden sind.
In den letzten Jafüzehnten hat man sidr hauptsäd,lich mit der Morpho-
logie der etruskiidren Sprad-re besdräftigt: man untersudrte die verba,
diä versdriedenen Fälle der Substantiva, die Entwid<lung der Vokale usw. und
tasrere dabei im Halbdunkel herum; denn man wußte fast nie, was diese rät-
selhaften Vokabeln bedeuteten, mit denen man da hantierte und die man
nach rein äußeren Merkmalen einteilte. Aber gerade deshalb konnten alle den
Ursprung oder den vermutlichen Entstehungsprozeß des etruskisdlen Volkes
betreffenden Thesen nidrt endgültig sein.
Die Etruskologen teilten sidr in zwei Lager: die einen suchten weiterhin eine
dem Etruskischen vergleidrbare Spradre (vergleidrende Methode); die anderen
behaupteten, daß die Existenz dieser Spradre unwahrsdleinlidr sei und daß
man ior aliem die ,,kombinatorische" Methode anwenden und das anlaysie-
ren müsse, was sich vom Etruskisdren selbst ableiten läßt. Diesen zweiten'Weg
har Pallottino gewählt, für den das etruskische Volk und seine Spradre das
Ergebnis ganz besonderer und einmaliger umstände sind, die sidr in Italien
im"Lauf d-es zweiten Jahrtausends vof unsefef Zeiledrnung ergeben hatten und
die sidr nirgends sonst wiederholen konnten.
16 Das etrnshisdte Problem

Nadrdem nun die kombinatorisdre Methode audr keinen zufriedenstellenden


Fortsdrritt in der Entzifferung gezeitigt harte, begannen einige Etruskologen die
Lage als _ausweglos zu betradrten, 7935 stellte Messersd-tÄidt fest: ,,5o wie
das Problem heute liegt, ist es verworrener denn je. Das bisher bekannte
philologisdre, hisrorisdre und archäologisdre Materiaf reidrt nidrr aus, um es
zu lösen." In einem mutigen Arrikel ,,A cJre punto siamo con la inrerp retazione
dell'etrusco", der in der bedeutenden, .'ron pallottino geleiteten Zeitschrift
Stwdi Etruschi (1953) veröfientlidrt wurde, stieß F. Ribeizo einen Schrei der
Verzweiflung aus:
,,Nadr Eva Fiesel besdrränkt sicl der Beirag des ersren internationalen
Etrt'.skologenkongresses auf die Aufklärung eines einzigen \ilortes (talar,
,,Gren-
zen")... Bedeutet das den Bankrott?.. (p. 105.)
,,Im Etruskisdren . . . wird der logisdre Zusammenhang mehr gedad-rt als aus-
gesprodren; wer in einer Spradre, deren Bedeutung man nidrt fennt, versudr.q
Zr:sammenhang auf andere '!?eise zu besiimmen, spielt ein gewagtes
ii:t:i-
Spiel." (P. 108.)
,,Die Bilanz ist nidrr sehr ermutigend. Die Srudien der Etruskologen der
Generationen von Bugge, Larres, Toip und rrombetd fallen eher in äie Ge-
biete der Philologie, der Glottologie und der Erymologie als in das der Etrus-
kologie." (P. 110.)
,,zugegebenermaßen ist die Interpretation der Texte bisher nur am Rande
der F.pigraphie betrieben_worden..., das heißt, der lexikologisdren Erfassung
der vörter . . . Diese Arbeit hat zu der kombinatorisdren Methode seführt.r
Der Autor sdrließt jedoch:
,,-S9 yild es gelingen" ein \flort, ein Element nadr dem anderen, eine gram-
matikalisdre Kategorie, eine syntaktisd're r(endung nadr der anderen, der sphinx
ihr Geheimnis zu entreißen.* (P. 128.)
\J7-urden nidrt eigentlidr diese selben Gedanken,
.bereits 7928 von Trombetti ausgesprochen?
und sogar nodr ofiener,
,,Si ö girato attorno alla fortezza senzd. tentare d.i penetrarvi. ..,,
,,Diese (kombinatorisdre) Methode hat das wenige, das sie zu geben ver-
modrte, gegeben und man muß gestehen, daß sie jetzt am Ende ist. sdron skutsdr
gab zr, daß ,,trotz des neuen Materials die kombinatorisdren Möglichkeiten,
zumindest die einfacleren, ersd.röpft sindJ (La lingua etrusca, S. VlIl.;
setzen wir diese kurze übersidrt mit einem Zeugnis aus dem Jahte 1956
von R. Blodr fort:
,,Die kombinarorisdre Methode, selbst wenn sie mit dem größten Finger-
spitzengefühl und der größten vorsidrt angewender wird, hai nodr nidrt äen
wirklidren 'wert der verwendeten rförter sowie der ausgedrüd<ten Gedanken
aufgeklärt. . . die eigentlidre übersetzung der Texte läßr-am meisten zu wün-
scl-ren übrig . . J' (Le Mystöre Etrasque,5.77-78.)
Sdrließlich hat Pallottino selbst ohne jede Besdrönigung in seinem BucI Dle
Etrusher über die verhältnismäßig langen Texte, wii die Agramer Mumien-
binden oder den Tonziegel aus Capua, gesagr:
,,Hier hat die kombinatorisdre Methode im großen und ganzen nur wenig
sdrlüssige Ergebnisse gezeitigt."

Diesem verständlidren Gefühl der allgemeinen Enttäuschung sdrreibe idr


letzten Endes eine eigenartige, eher tragikomisdre Bewegung z!, die sidr in
Einleitung 17

Ietzter Zeit gezeigt hat, zwar niclt beim Studium der etruskischen Spradre
(lassen wir diese nodr für ein paar Augenblid<e in ihrer marmornen Bewe-
gungslosigkeit), sondern rund um diese Studien. Idt mödrte von einer Art Ab-
wehrgeste gegen die ,,Etruskomanen" spredren' gegen jene ,,Laien", die der
Etruskologie unaufgefordert und unentgeltlidr ihre Mitarbeit anbiercn und
dabei mandrmal, das muß man gestehen, hanebüdtene Dinge sdrreiben.
In seinem B:udt Die Etrusker widmet Pallottino einige, übrigens nadrsicltige,
Zeilen diesen Störern der ö{fentlidren Ordnung. Er bemerkt, daß (sdron vor
1936) die rasdre Aufeinanderfolge von bedeurungslosen Entded<ungen durch
Laien sdrließlidr alle jene die si& für die etruskisdre Spradre interessier-
ten, verwirrt hatte, und das so sehr, daß die Skeptiker begannen, die etrus-
kisdre Frage als das Lieblingsgebiet der Phantasten oder als eine ,,komisdre"
Ricltung der Spradrwissensdraft zu betradrten. lVeiters bedauert der Autor
die Arbeit jener, dig ohne für diese Aufgabe hinreidrend vorbereitet zu sein,
die Iäsung des Problems gefunden zu haben glauben, und er würdigt die
geduldige und sc.hwierige Arbeit der Gelehrten, denen wir den langsamen, aber
beträdrtlidren Fortsd-rritt verdanken, den die Eruskologie in den letzten bei-
den Jahrhunderten gemadrt hat.
Diese Meinung vertritt audr R. Bloch in dem kleinen Budr, in dem er
die Unterlagen für das etruskisdre Problem zusammenfaßt:
,,Alle Versudre, das Etruskisdre durdr eine bereits bekannte Spradre zu er-
klären, sind bisher jämmerlidr gesdreitert, und dieses Versagen, das häufig auf
eine mangelhafte linguistisdre Vorbildung und auf die naive Anmaßung von
Laien zurü&zuführen ist, die von den sdreinbaren Erfolgen ihrer ,Über-
setzungsversudre' geblendet wurden, hat der Etruskologie nur den ungeredrt-
fertigten Argwohn einiger 'Wohlmeinender eingebradrt." (Die Etrasbet, 1954,
s. se.)
Man sdrreibt also den ,,Laien" und ,,Phantasten" die unselige Madrt
zu, Verwirrung zu stifrcn und Mißac}tung zu verbreiten. Ist es wirklidr so
weit gekommen?
Alles hängt von der Meinung ab, die man sidr vom Leserpublikum
bildet. Die launenhaften Sympathien eines verwöhnten Publikums von der
Etruskologie abzulenken, wird nicht schwerfallen. Idr hingegen sehe das Publi-
kum anders. Idr glaube, es gibt viele Gebildete, die, ohne sich in der Etruskolo-
gie spezialisieren zv wollen, die Veröfientlidrungen über das alte Etrurien in
den Zeitungen aufmerksam verfolgen, Ausstellungen etruskisdrer Kunst besu-
dren und deren Meisterwerke bewundern und sich freuen, ihre Kenntnisse
auf diesem Gebiet gelegentlidr erweitern zu können. Sicherlidr werden sie
sdrmunzelnd in der Presse die Gesdridrte dieses oder jenes Fehlgriffes beim
Entziffern verfolgen, aber es ist keineswegs anzunehmen, daß diese unfrudrt-
'\üfissensdraft ernstlidr sdrädigen oder Är-
baren Versudre das Ansehen dieser
ger hervorrufen.
Idr glaube, daß die etwas argwöhnisdre Empfindlidrkeit der Etruskologen
durdr die ,,unheimlidre" Atmosphäre zu erklären ist, die sidr in letzter Zeir um
das Etruskisdre verbreitet. Es gibt fast keine Artikel oder Brosclüren, die sidr
mit dem etruskisdren Geheimnis befassen und wo das '!(ort ,,unheimlich"
nidrt seinen Ehrenplatz hätte. Das \feltbild der Etrusker, dieser Trinker und
Feinsdrmed<er, ihre Religion und erst redrt ihre Vorstellung von einem von
Dämonen bevölkerten Jenseits sollten ,,unheimlidr" sein. All das ist nun ein-
mal nicht heiter, audr nidrt heutzutage.
2 Etrusker
18 Dds etrnskiscbe Problem

- Idr behaupte keineswegs, daß das unheimlidre in der Lebensauffassung


der Etrusker fehlte. Es kamen bei ihnen, wenn audr sehr selren, Mensdrenl
opfer vor (die man übrigens audr bei den Griedren, den Römern und anderen
Zeitgenossen der Etrusker findet), sie verwendeten bei den Totenopfern Blut
(fast aussdrließlidr tierisdrer Herkunft), und ihre vorstellung ',ron d"n Dämo-
nen, diesen urbildern des mittelalterlidren Teufels, all das lst nicht zu leug-
nen, doch vrurde es bei diesem außergewöhnlidren volk auf glüd{lidre Ari
durdr übersdrwang und Lebenslust, ja Sinnlidrkeit ausgeglidren.
_ Idr glaube vielmehr, daß die von dem trotzigen r7iderstand der errus-
kischen Materie verärgerten Etruskologen ihre eigine düstere Laune unwill-
kürlidr auf die Etrusker übertragen haben.
übrigens gibt es einen psychologisclen Faktor, dem wir alle, ohne es zu
wissen, .gehordren. \7enn man Ardräologe ist, beginnt man, die Kultur, das
Land, das alte Volk, das man studiert, so zu lie6en, daß man sidr mit die-
sem identifiziert, sidr von seiner Persönlidrkeit durdrdrungen fühlt und sein
Sdridrsal teilt. Man wird zu einem Griedren des V. Jh. v. Chr. oder zu
einem Ägypter des II. Jahrtausends vor unserer Zeitredrnung mit allen ihren
T-astern und rugenden. über dieses Phänomen mußre idr nadrdenken, als idr
die Hyksosinvasion in Ägypten im XVIII. Jh. vor unserer Zeitredrnung stu-
dierte. Diese fremden Eroberer haben die Bronze, das pferd, das Rad, den
r7agen etc. sowie den Keim eines primidven Monorheismus in das pharao-
nenreidr gebradrt. Für einen berühmten Ägyprologen aber, Fferrn . . .,
waren die hundertdreißig Jahre ihrer Herrsdraft ein bloßes Mißverständnis,
ein böser, rasch vergangener Augenblid<, dem irgendeine Bedeutung be!
zumessen lä&erlidr wäre. Für diesen Gelehrten war Ägypren etwas so Groß-
artiges, so Leudrtendes, daß diese Eindringlinge nur einer Fliege gleidrkom-
men konnten, die sidr auf ein sdrönes Antlitz serzt, aber gleidr wieder ver-
sdreudrt wird. ,,Die Hyksos? Die haben nie existiert." der Einfall
in Ägypten?" ,,Jd,
- ,,IJnd
vielleidrt. . . das waren die Ägypter selbst."
das?" -
,,Dodr, die aus dem Delta!"
- ,,\7ie
-
Tendenzen dieser Aru waren in der Ard-räologie keine Seltenheit. Hat
man denn nidrt gesdrrieben, der Auszug der Israeliten aus Ägypten sei ,,hi-
storisdr nidrt nadrgewiesen", während hingegen der der Philister eine unleug-
bare historisdre Tatsadre sei? Indem man die Gesclidrte vom Exodus den
Philistern zusdrrieb, vergaß man ganz, daß diese nie versklavr gewesen
waren, ja das ägyptisdre ,,Grenzland" von Palästina war ihnen sogar von
den Pharaonen zugesprodren worden.
'Wenn man so
argumenriert, wird man sdrließlich die Rolle aller '!7ande-
rungen, und diese überhaupr leugnen. Der normannisdre Einfall in Eng-
land, zum Beispiel? Ein Märdren. Die englisdren Dandies der damaligen Zeit,
die bereits Bewunderer der Pariser Mode waren, haben dringend einen gewis-
sen Guy le Tailleur, einen Normannen, nadr London kommen lassen.
Jedenfalls fürdrte idr, daß auch die Etruskologen sidr gewissermaßen von
der Mentalität der alten Italiker durchdringen ließen. In diesem Fall müßten
sie den hartnäd<igen \fliderstand der etruskisdren Zitadelle für ein unverkenn-
bares Zeidren des Zornes der Götter halrcn. \flas tun? Nun, diesen Zorn be-
sänftigen! ITie? Aber das weiß man dodr: durd-r ein Opfer. Vas muß
man opfern? Aber das ist dodr seit der jüngeren Steinzeit vorgesdrrieben:
einen Fremden, einen Eindringling. Mit anderen '[üorten, einen ,,Laien-
etruskologen", der da kommt, Verwirrung zu stiften . . . Sühnopfer sind aber
Einleitwng 79

nid'rt mehr modern. Mangels eines Besseren muß man sidr also damit begnügen,
ein Kommuniqu6 zu veröffentlichen:
,,Die etruskologisdre Armee, die seit drei Jahrhunderten die etruskisdre Fe-
stung belagert, *artrt die etruskisierenden Freischärler, die sidr in ihre Reihen
einzusdrleidren versudren, daß sie unbarmherzig in ihre jeweiligen ursprüng-
lichen Fädrer zurückgedrängt werden."
Nocl ein 'Wort zugunsten der Diskussionsfreiheir \renn wenigstens das
Versagen beim EntziffÄrn ein Monopol der ,,Laien" gewesen wärg dann wäre
die negative Haltung ihnen gegenüber zu versrehen. Das ist aber zum Unglüdr
nidrt der Fall. So mandres Mal hat dasselbe Pedr verdiente Etruskologen
verfolgt, die mit gründliclen Kenntnissen ausgestattet waren. \üir haben sdron
den f'a[ Corssen gesehen. J. Martha, der Verfasser eines gut belegten Artikels
über die etruskisc.he Kunst in dem Lexikon von Daremberg-Saglio, war ein
anerkann[er Etruskologe. Nidrtsdestoweniger hat seine Übersetzung der Agra-
mer Mumienbinden nur wenig Zusammenhang mit dem etruskisdren Text...
Nidtts wäre leidtter, als diese Liste fortzusetzen. Flaben denn alle diese Ver-
sager, nod-r dazu von Gelehrten und Ergebnis einer langsamen und gedu^l-
di[en Arbeit, weder das Publikum irregeführt nodr die Etruskologie in Miß-
kredit gebradrt?
Darf ich bezüglidr der Reaktion der Ofientlidrkeit meine persönlidre Er-
fahrung erwähnen? Diese ist wohl besdrränkt, denn id, arbeitete allein und
vermieä verfrühte Mitteilungen. Dennodr habe ich im Laufe dieser vier Jahre
mehrere Bekannte von dem Gegenstand meiner Forsdrungsarbeit unterridrtet.
Alle diese Leute haben mir Inieresse gezeigt, ohne es zu verabsäumen, die
Sdrwierigkeiten eines soldren Unternehmens hervorzuheben. Andere haben midr
lebhaft eimutigt, die ersten Ergebnisse meiner Arbeiten zu veröffentlidren, weil
sie der Meinung waren, daß, audt wenn mir die Entzifferung selbst nicht gelin-
gen sollte, meine Bemerkungen dodr klug genug seien, um zur Arbeit der
Etruskologie beizutragen. Nodr andere s&ließlidr haben bei dem Gedanken,
'Wort übersetzen könnte und erst redrt
daß idr ein einziges ieues etrushisdtes
zwei oder drei \7örter, eine soldre Begeisterung bekundet, daß idr gar,z ge-
rührt und ermutigt war, meine sdtwere Arbeit fortzusetzen.
Es gab audr andere. Zu ihnen gehört jener junge Mann, Sekrevir einer
Parisei \üodrenzeitsdrrift, dem ich einmal einen Artikel über orientalisdre Ar-
dräologie vorsdrlug. Dabei erwähnre i&, daß idr an der Entzifferung eines
etruskiidren Textes arbeitete. Er konnte nur mit Mühe seine Belustigung dar-
über unterdrüd<en, daß ein ganz gewöhnlid.rer Mensdr, der nodr dazu in seiner
Zeitsdrrift einen kleinen Artikel unterbringen wollte und weder eine Geschicbte
der Antihe in drei Bänden gesclrieben hatte nodr Inhaber eines Lehrstuhls
war, sidr mit dem Eruskisdrän besdräftigte. Id-r verstand ihn und war nidrt
beleidigt. Es war ia audt wirklidr ein gefährlicles Unternehmen.
Idr iog also den Sdrluß, daß die allgemeine Sympathie, die die Etruskologie
genießr, iicht vergeudet ist. Die ,,Laien" können der Kleinarbeit in der Etrus-
f.ologie' nidrt mehr sdraden als in anderen Zweiger, _der \(issensdraft. Die
Ardräologen sollten sidr jedenfalls daran erinnern, daß eine entsdteidende
\Tendung im Studium des Aftertums der Initiative eines ,,Laien" zu danken
ist, nämfdr Sdrliemanns, der als erster den Einfall hatte, an den historisdren
Stätten Grabungen vorzunehmen. Bis dahin hatte man nur in Bibliotheken
und Aröiven gegraben.
lüfie dem audr sei, die Etruskologen werden sic} stärker und besser gegen
20 Das etrushisdte Problem

ihre tatsädrlidren oder eingebildeten sdrwierigkeiten gewappnet fühlen, wenn


die Enaifferung der- etruskisdren spradre einen breiieren und weniger ver-
staubten sfeg eingesdrlagen haben wird. so werden sie endlidr dem öirculus
vitiosus entgehen, in dem sie sidr jetzt aufzureiben sdreinen. In diesem sinne
leiste idr hier meinen Beitrag.
_die Haltung _ des Publikums der Etruskologie gegenüber wirklidr
!7enn_
so mit Nervosität und Argwohn geladen wärg hätte idl;idr mit rausend
vorsidrtsmaßnahmen umgeben müssen, bevor idr die Ergebnisse meiner
Entzifrerung veröffentlidrte. Idr härte auf leisen sohlen gehenl midr bemühen
müssen, nidrts zu übereilen, keinen standpunkt zu uerl"tzen und um jeden
Preis die verwendung eines so kompromittierenden Ausdru&.es wie
,,das Äben.
teuer", selbst im edelsten Sinn dieses '!?ortes wie man erwa von dem sdrönen
Abenteuer eines Christoph Columbus spridrt - vermeiden m,üssen.
Iü hoffe, daß der Leser nidr* Derartiges von -, mir erwarrer.
Idr habe nämlidr ein wunderbares Abenreuer hinter mir, und sie werden es
mit mir zusammen erleben.
I
DIE ENTZIFFERUNG

l. Wie icb zu der Entd,echung ham

Es war im Jahre 1932 oder vielleidrt audr 1933, da traf idr bei meinen
Ardräologiestudien in der Bibliothek Mazarine einen unbekannten Herrn, der
wie ein Professor aussah. Er besdräftigse sidr mit dem Etruskischen. Auf meine
unwillkürlid're Frage, weldre Bewandtnis es mit dieser Spradre hättg nahm er
statt einer Antwort ein Blatt Papier und schrieb darauf rund zwanzig etrus-
kisdre Wörter mit ihrer französisd-ren übersetzung. Dann reidrte er mir das
Blatt und sagte: ,,Da, das ist alles, was man darüber weiß." Idr habe diesen
Mann nie wiedergesehen und i& weiß nidrt, wer er war. Aber das Blatt
habe idr aufgehoben.
Meine Studien besdräftigten sidr mit dem alten Orient, und das Etruskisd,e
6el nidrt in den Rahmen meiner Arbeiten. Dod-r mandrmal madrte idr zwi-
sd-rendurdr beim Durdrblättern einer Enzyklopädie oder einer rvissensdraft-
lidren Zeitsdrrift einen kleinen Abstedrer zu den Etruskern. Von einem Mal
zum andern vergaß idr aber, was idr über diese Frage sdron gelesen hatte,
weil andere Dinge meine Aufmerksamkeit beansprudrten.
Eines Tages jedodr überflog idr den großen Artikel von Skutsdr in der
Enzyklopädie von Pauly-'Wissowa, eine nüdrterne, immer nodr aktuelle Zu-
sammenfassung, die das l7esentlid're über das etruskisdre Problem bringt. Da-
von merkte idr mir ungefähr, daß das Etruskisdre durd, keine andere Spradre
zu entzifrern sei; aber das beeindrud<te mid-r keineswegs. Idr madrte mir nidrt
einmal Notizen. Idr kann mir gar nidrt erklären, warum idr eines Tages,
als idr züäIlig den Text der Agramer Mumienbinden vor mir hawe, diesen
vom ersten bis zum letzten \ü7ort in ein eigenes Heft absdrrieb. Besonders
überrasdrt war idr über rein hebräisdr anmutende \7örter wie cave@... Aber
das war dodr eindeutig hazted,,,die Leber" ... ena!,,,Mensch"?. .. Das war
sonderbar. Hatten denn die Etrusker, die durdr Generationen, ja durdr Jahr-
hunderte, über das Meer hin mit den Karthagern verbündet waren, keinerlei
\(örter, keinerlei Ausdrüd<e aus dem Schiffahrtswesen oder sonst eine Rede-
wendung von ihnen entlehnt? Hielt idr da eines der Enden des Ariadne-
fadens? Nein, es waren nur Spinnfäden, die in der Luft sdrwebten und ohne
jede Spur versdrwanden. Am Rande sei bemerkt: Später habe idr das albanisehe
'Wort
- vielleidrt alter Herkunft
- anije, ,,Sdriff" (M. 8), aufgegriffen, das
mit dem phönizisdren und hebräischen Hauptwon aniyah derselben Bedzu-
tung idendsdr ist. Tatsädrlidr betradrtet G. Meyer anije als eine Entlehnung
aus dem Hebräisdren. Man würde eher an die Phönizier denken. Jedenfalls
muß über das Vorhandensein dieses Wortes in den etruskisdren Texten nodr
diskutiert werden.
Monate, Jahre vergingen. In meinen seltenen Mußestunden zog idr das
etruskisdre Totenbudr aus seiner dunklen Ed<e hervor und vertiefte midr in
22 Dds etrusbische Problem

diese ebenso faszinierende wie entmutigende Lekdire. ITozu? Diese Frage kam
mir nidrt in den Sinn.
Es war ein sonderbares, mit Scl'rwermut gemisdrtes Vergnügen. Es bedeu-
tete, sidr plötzlidr von allem loszulösen, von der !7elt, der \7'irklidrkeit,
und in einen zugleidr süßen und sdrrecklidren Traum einzutaudren. Es bedeu-
tete, in den Straßen einer Stadt spazierenzugehen, die niemals gebaut wor-
den, Mauern von Fläusern zu berühren, die nidrt aus Stein, ja nidrt einmal aus
Papiermadrd gebildet waren, Mensdren vorübergehen zu sehen, deren Züge
oder Gesidrter man nidrt untersdreiden konnte, Litaneien, Gebete und Lieder
singen zu hören, deren rasdren Rhythmus man spürre, aber von denen man
nicht den geringsten Laut ausnehmen konnte . . . Diese Leute madrten sidr
ringsum zu sdraffen, ohne midr zu bemerken. Sie gingen oder liefen durd,
mid'r hindurdr, als ob idr nidrt vorhanden gewesen wäre. In dieser Gespenster-
welt wurde idr selbst zum Phantom.
Idr erwartete unbestimmt, daß idr eines Tages etwas fühlen würde, was midr
diesem verborgenen, immer nodr pulsierenden Leben näher brädrte, aber idr
erhoffte mir nidrt, beim Verfolgen der Entzifierungsversucle und der durdr
sie ausgelösten Diskussionen zu einem Ergebnis zu gelangen.
Sobald id-r das Heft wieder gesdrlossen hatte, kehrte idr in die \üirk-
lidrkeit zurüd<. Aber naclts brandeten ganze Sätze in meinem Gedädrtnis wei-
ter wie \flogen von \Widersinn:
ceia hia etnam ciz .. , aacl aisztale ,. , cisam pute tul @ans
ba@ec repinec . . . @ufl@ai . . . aperucen . . . satiriasayiia, . .
ztacl lunasie ...
Lauter Mondlandsc}aften !
Gegen 1950 kehrte idr nadr langer Abwesenheit nadr Paris zurü&. Idr bereitete
die Veröffentlichung meiner Forsdrungen über die Hyksos vor, die erst 1956
In meiner Freizeit konnte idr eine alte, liebe Gewohnheit
ersdreinen sollte.
wiederaufnehmen: das Herumsrreifen auf den Kais und das Kramen in
den Kisten der Budrhändler. von zeit zu zeit bradtte idr irgendeinen hödrst
unnützen Sd'rmöker mit heim. so erwarb idr einmal ein kleines albanisdr-
deutsdres $(örterbud'r vonL. Arbanas. Im Grunde braudrte idr es gar nidrr.
Idr wußte fast nidrts über Albanien und hatte audr nic}t die geringste Ab-
sidrt, dorthin zu reisen nodr irgendeine der balkanischen Spradrin zu studie-
ren. BeimDurdrblättern des Büdrleins stieß idr bloß auf einige slawisdreStamm-
wörter in einem ungewohnten Zusammenhang. Nun, es war ja nidrt teuer ge-
wesen, und daheim wurde es zwisd'ren seinesgleidren vergraben, und idr dadrte
lange Zeit, nidrt mehr daran, es zu öffnen.
In meinen Srudien befaßte idr midr mit der alten eurasisdren Steppe, wo die
ersten S7ellen der indogermanisdren \üanderungen gewogt hatten. Mit diesem
Phänomen bradrte idr das Ersdreinen der Hyksos in Zusammenhang. Die Steppe
zwang midr nun, midr mit den Skythen zu besdräftigen. IcI unternahm also
1956 eine neue Forsd-rung, die ganz dieser eigenartigen Völkergruppe, Zeit-
genossen der Etrusker, gewidmet war. So wandte sidr meine Aufmerksamkeit
nadr und nadr vom alten Orient dem östlidren Europa zu. IJnter anderem
war da ein Punkt, der midr besonders interessierre: die Spuren der skythi-
sdren Spradre. Diesbezüglidr fand sidr reidres Material in zwei großen Bänden,
die von einem russisdren Professor mit französisdrem Namen, Bonnell, in deut-
sdrer Spradre veröffentlidrt worden waren. (E, Bonnell, Beiträge zur Alter-
Die Entzifferung 23

tumshunde Rulllands. S. Petersburg, 1882.) Nur braudrte idr zwisdren den


Hyksos
-E, und den Skythen einen Augenblid< der Entspannung
stattd mir eine Heidenarbeic bevor. Ehe idr midr daran madrte, besdrloß
idr, mir eine kleine Pause zu gönnen und einmal nichts Nützlidres zu tun: kurze
etruskisd.re ,,Ferien" einzusdralten. Idr begann damit, Arbeiten nacihzulesen'
die eine Zusammenfassung der Problemstellung boten. Sehr rasdr erwadrte in
mir das Interesse für eine systematisdre Dokumentation. Aber gewisse Bücher
fehlten mir in Paris. Da kam mir ein redrt simpler Einfall: meine Ferien
in einen kurzen Aufenthalt im etruskisdren Italien zu verwandeln. Die Adresse
war gleidr zur Fland: Florenz. Ich wußte allerdings nur zu guq daß idr
dort einer unüberwindlidren Versudrung erliegen würde, nämlidr die Kunst-
sammlungen wiederaufzusud.ren. So wären meine Pläne durdrkreuzt wor-
den. NaÄ reiflicher Überlegung nahm ich eine Fahrkarre nadr Bologna. Dort
besidrtigte idr nur die Pinakothek und konnte midr dann ganz dem Studium
der EtÄsker widmen. Zu meiner Freude gestattete man mir ohne Empfeh-
lungssdrreiben und ohne jede Formalität den Zutritt zu der Bibliothek der
altÄ U.tinersität Bologna. Endlidr konnte idr midr ungestört mit den
'Werken von Pallottino, Nogara und anderen befassen. Es waren wenig Leute
dort und in dem langen Lesesaal herrsdrte heilige Ruhe. Selbstverständlidr
etgänzre idr das Sruditrm der Büdrer durd'r das der kostbaren etruskisdren Reli-
qu-ien im Museo civico. Besonders überrasdrte micl'r der Anblick der großen
Asdrenkrüge, die man aus reiner Pietät ,,Urnen" nennt' Die Vorstellung, daß
ehrwürdige Priester und tapfere Krieger in großen Töpfen ihre letzte Ruhe
fanden, hatte etwas Bestürzendes.
Auf der Heimfahrt ersdrien mir die etruskisdre Spradre wie ein weires,
stilles Feld, wo sidr die Trümmer und Ruinen häufen, als einzige Spuren
einer furchtbaren Sdrladrt, in der die Gegner einander vernidrtet haben.
Nidrt nur, daß man mir keinen Ausweg zeigte, man warnte midr sogar da-
vor, unbedadrt danach zu sudren.
Indes hatte idr in Bologna einen sdrönen Fund gemadrt. Seit langem sdron
stand in meinem Nodzblodr vermerkt: ,,Ein Museum entdecken ist eine der
größten Entdeclungen in der Ardräologie." Diesmal hatte idl in einer Buch-
handlung ein neues Budr von Pallottino aufgestöbert, von d€ssen Existenz
idr nidrti gewußt hatte. Es war eine kleine, inhaltsreidre Sammlung von mehr
als 850 widrtigen etruskisdren Inschriften: Testimonia linguae etruscae. Djese
mit viel Geduld überprüften Texte waren bisher in versdriedenen Publikatio-
nen verstreut und nur teilweise in dem großen Corpus Inscriptionum Etrus-
carum vereinigt gewesen, der einem nidrt so leidrt zur Verfügung stand. Die-
ses Büdrlein war also für midr von unvergleidrlidrem Nutzen und ohne es
'Werkzeug hatte
wäre jede Forsdrung fast unmöglidr gewesen; ein kostbares
idr nun zur Fland.
Dennodr mußte idt meine Etrusker liegen und stehen lassen und für lange
Zeir zu konkreten Dingen zurückkehren, nämlich zu den Skythen, und auf
eine neuerlicle Gelegenheit zu einer Eskapade warten. Von den Etruskern
blieb mir nur ein undefinierbares, beklemmendes Gefühl.

Idr kehrte nadr Paris zurüd< und wollre nidrt mehr daran denken. Mit
doppeltem Eifer madrte idr midr an das studium meines Bonnell. Dieser war
ein iehr großzügiger Mann. Die Skythen waren ja von der thrakisdr-illy-
24 Das etraskisdte Problem

risd-ren rü(/elt nur durdr die Donau getrennt und waren andererseits im
YL Jtr. y. Chr. in Kleinasien eingefallen; Grund genug für Bonnell, den gro-
ßen Fluß, das Sdrwarze Meer und den Kaukasus zu überspringen und iidr
mit den Gebieten der Mazedonier, der Epiroten, der Albaner, dei Illyrier und
der alten Pelasger zu befassen. so erfuhr idr, daß da und dort illyrisdre Na-
men vorkamen. Der Name des Kap Malea auf der einst von den pelasgern
bewohnten Insel Lemnos ließ sidr aus dem albanischen und illyrisdren stamm-
wort mal, ,,Berg" erklären. Der Name einer illyrisdren Völkersclaft, Tri-
balloi sowie der phrygisdre Königstitel ballen kamen vom albanisdren wort
ballö und bedeuteten ,,die von den drei Gipfeln", beziehungsweise ,,der an
der Stirne (oben) steht" (so wie aus dem slawisdren tschölo,,,Stirne,,, tscltel-
nib, natsdtalnik, ,,Haupt, Anführer" abgeleitet werden). Das war sehr inter-
essant. Als aber derselbe Bonnell ohne jeden Grund das semitiscie Y|ort baal,
,,Flerr", das gar nidrr hieher gehörr, mit all dem in Zusammenhang bradrte,
war das für midr eine kalte Dusdre.
Bonnell ziüerte häufig den Namen von Hahn. Dieser war seinerzeir österrei-
&ischer Konsul in ostgriechenland und verfasser eines umfangreidren \flerkes
über die Spradre und die Gebräuc}e der Albaner. Es war dies in der für
die europäisdren Museen so glüd<lidren Zeit der ,,Konsulare'., wo Clermont-
Gannaud französisdrer Konsul in Jerusalem war, die Konsuln der großen
Nationen sidr den Altertumswissensdraften widmeten und der Louvre, das
British Museum und andere große Museen sidr mir den von ihnen gesandten
Kunstgegenständen füllten. Diejenigen Konsuln aber, die nidrt Ardräologen
waren, studierten die wenig bekannten Spracl-ren der Levante,
Um die Aussagen Bonnells zu überprüfen, mußte idr midr nolens oolens mjt
dem \ferke von von Hahn befassen. Die Annahme lag nahe, daß die wilden
Berge und unzugänglichen Pässe des alten Epirus nodr Spuren einer fernen
Vergangenheit bewahren, wie so viele andere natürlidre Museen, z. B. der
heiße Sand Agyptens und Mesopotamiens, der eisige Boden Sibiriens, der
Kaukasus, die wilden litauisdren \7älder. Johann Georg von Hahn war ein
ebenso aufmerksamer Linguist wie Ethnograph. Jahrelang hatte er den '\t(ort-
sdratz der albanisdren Spradre gesammelt, die Folklore des Landes, in dem er
seinen '$Tohnsitz hatre, studiert, seine Lieder, Märdren und volksdmlidren
Spridrwörter aufgezeidrnet und seine Traditionen sowie sein Braudrtum be-
sdrrieben. (Albanesische stadien. Jena,1854.) obwohl er von Beruf weder Histo-
riker nodr Philologe war, habe idr dennodr viele seiner überlegungen später
bei anerkannten Fadrleuten unserer Zeit wiedergefunden, z. n. bÄi F. Alt-
heim. \üeitblid<end wie er war, sudrre er, audr einige albanisdre Ortsnamen zu
erklären, indem er die alten Völker auf dem Balkan, an der Donau und in
Kleinasien studierte. Immer mußte ich gewärtig sein, wieder etwas Neues über
meine Skythen zu erfahren, denn ihr Name wurde häufig erwähnt.
Inzwisdren nahm idr einige elementare Kenntnisse auf, nämlidr: daß der
Name Dalmatiens aus dele, ,,Sdtaf" im Albanischen, und Dardanien, aus der-
selben illyrisdren Quelle srammend, a:us dardhe,,,Birne", erklärt werden; daß
dem Albanisdren verwandre Ausdrüdre bei den Messapiern, einem alten illyri-
schen Stamm in Italien, wiederzufinden sind und sidr in Apulien und Kala-
brien weiterentwid<elt haben. Der Name Brindisi ist durdr das messapische
brendos zu erklären und ist, wie durdr ein Vunder, im Albanisd-ren wieder-
zufinden: bri,Plval brini ,das Hirsdrgeweih". Von Hahn holte audr ein altes
illyrisdres Volk wieder hervor, die istrisdren Japoden, und befaßte sicl mir ihren
Die Entzifferang 25

Kolonien in Italien, im Picenum, das von den Etruskern und den Römern
nidrt weit entfernt war. Der Name eines ihrer Stämme, Lopsi, wurde mir
als Ableitung aus dem albanisdren lope, ,,Kvh", hingestellt; übrigens nannre
man in den Alpen, im ehemaligen Rätien, die Kuh lobe, Alles redrr sd-rön
und gut, dodr wurde alles wieder verdorben dadurdr, daß von Hahn den
Japoden den Namen Ioppe (Jafia) (im Kanaanäisdren ,,sdrön") anhängte,
der mit den vorangegangenen Kuhgesdridrten nidrts zu tun har.
Die albanisdren Begräbnissitten, die von Flahn genauestens besdrrieb, waren
gewiß sehr altertümlidr und wir werden darüber nodr spredren.
Dem historisdren und dem literarischen Teil des von Hahnsdren 'rüferkes
folgte das albanisdr-deutsdre \7örterbudr. Mein Blidr verweilre auf einem son-
derbaren, alleinstehenden \7ort: sbekb, d,em der Verfasser übrigens keine zu-
friedenstellende Deutung geben konnte. Shehb, so sagt er, heißt ,,verlassen...
Diesem rflorr fügt man den Namen einer lebenden pirson hinzu und die al-
banisdren Frauen sdrwören mit diesem tü(ort. Eine Mutter sagtz ,,skehh d.jal!,,
Da lial ,,Kind, Sohn" bedeutet, müßte das also heißen: ,,Idr-sof .ror,
Kind verlassen werden!" Eine Sdrwester sdrwört bei ihreÄ älteren Bruder -"irr"-
und
nur wenn sie keinen soldren hat, bei ihrem Vater: ,,Skehb babai!,,
Beim Lesen dieser Erläuterung erinnerte idr midr unwillkürlich an das etrus-
kisdre fe1,_das phonerisch damit identisch ist und ,,Todlrer" bedeutet. Es gibt
soundsoviele etruskisdre Grabinsdrriften, wo eine fanaqvil oder eine pumiuii
als iey einer sentinei aufsd-reint. Idr fragte midr, äb man denn
- daiaus
nidrt den kleinsten sdrluß ziehen könne. Taisäülidr waren die beiden 'wörter
redrt versdrieden. Das etruskisdre bedeutete ,,Todrter", das albanisdre
,,verlas-
sen"; die Etrusker bezogen es gewöhnlid.r auf verstorbene Frauen, die Al-
baner h.ingegen-nidrt. (Andererseits ist sbekh das präsens des albanischen Ver-
?: :.:2oh., ,,sehen".) Es waren also zwei einander fremde Begrifie; war die
Ahnlidrleit rein phonetisdr? Konnte nidrr dieses etruskisdre üorr, i", urrr.,
{9m ldrgm der Jahrhunderte weiterlebte und von einer ganze. Rinde von
Aberglauben umgeben war, wie ein fossiler Molrusk seine Sibstan, .,röllig .,r"r-
ändert haben? Mit anderen s7orten: könnten nidrt die albanisdren Frauen ein
sdrwadres Edro von etruskisc}en Litaneien beharten und ihnen in ihien Flü-
dren einen neuen sinn gegeben haben? Denn soldre zarberformeln und Be-
sdrwörungen sind oft mit alten \ü?orten durdrwirkt, die niemand mehr ver-
steht . . . Das sagte idr
mir aud-r und tat das alles als Hirng"rpit ri" rrorr-
dem hatte midr die albaniscle sprache, dieses eigenardgJ pherro*en,"u. gefes-
selt.
Für den Enthusiasten von Hahn waren die Albaner die direkten Nadr-
Lo-T.." der-alten Illyrier, und andererseits gehörten sie für ihn zur selben
Familie wie die Etrusker. Er hielt audr den Nimen des heutigen großen stam-
mes in Südalbanien, der Tosker, für vollkommen identisd-r Ä;t ä"- der Tus-
ker-Etrusker und fand in dem \i"-.r, der albanischen stadt Tirana die andere
Bezeidrnung für die Etrusker, nämlidr Tyrrhenier, wieder. Das sdrien mir zu
sdrön, um wahr zu sein. Ich mußte festsiellen, daß die modernen ri.urt olo-
gen diese kühnen sdrlußfolgerungen übergangen hatten und daß der
Name von
Hahn in ihren Diskussionen nidrt a"fsdtiÄ. Damals wußte ich niclt, daß
ein bekannter Linguisg Ascoli, die Annahmen von von Hahn unrersrürzr
hatte. Aber das änderte nidrrs an der Tatsadre, daß das Etruskisdre sidr nidrr
gerührt hatte.
von Hahn ging auf srrabo, polybius und auf aile Alten zurüd<. Idr ver-
26 Das etrusbisdte Problem

vollständigte zunädlst seine Dokumentation durdr das Lesen von besser in-
formierten Autoren. Allmählich begann sidr ein klareres Bild abzuzeichnen:
eine große Familie von Völkern und Stämmen, deren Spradren mit dem Illy-
risdren verwandt waren, breitete sidr gegen die Adria und das Mittelmeer bis
nadr ltalien, nach Kreta und nadr Palästina aus. Es waren Illyrier, Veneter,
Japygen, Mazedonier, Phrygier usw.
Diesbezüglidr teilten sidr Philologen und Historiker in zwei Lager. Die einen
hoben die geringsten Anzeidren einer illyrisdren Expansion hervor; dabei
stützten sie sidr besonders auf zwei Spradren, eine alte und eine moderne,
das Messapische und das Albanische, die nodr einen illyrisdren Grundstod<
hatten, während man im Thrakischen und Mazedonisdren nur kläglidre Brok-
ken davon fand. Aus diesem Grundbestand wollte man eine Basis für künf-
tige Eroberungen sdraffen, besonders für die Eroberung des Etruskisdren. -
Das waren die Illyromanen.
Die Illyrophoben lehnten sidr dagegen auf. Sie warert gereizt über den
Hagel von illyrisdren wörtern, mit dem man sie übersdrüttete und der
welt guc zur Hälfte von
den-Ansdrein eiwed.en mußte, als wäre die antike
illyrisdren Kohorten bevölkert bei einer
gew'ese-n Bevölkerungsdidrte wie
-
der des heutigen New York. Man fragte, wie denn das alles später wie
ein SperlingsrÄ*"r- zer(lattern konnte. Sie leugnet-en auch die Edrtheiq das
Alter und äen Zusammenhang der illyrisdren Überflutung und zogen sidr in
die geheiligte etruskisdre Stellung z_urüd<, die für uneinnehmbar gah. Ztr ent'
,dr.id"rrd.i S&ladrt zwisdren den beiden Lagern kam es nidrt, es kam nur zu
einzelnen Sdrarmützeln auf einigen Gebieten, beispielsweise wurde ein ziem-
iie;;;"r Angrifi auf die IllyrJphoben durdr Jokl im Reallexikon von Ebert
,rrrr.rrro--.rr. ba aber JoH äk i.Iidrtetruskologe sicl zurückzog, änderte sidr
an der Stellung der beiden Lager nidrts.
Etwas überiasdrte micl: bäi d"r, Diskussionen über die etwaige Rolle des
Illyrisdren für die Entzifferung des Etruskisdren blieben alle zeitgenössisdren
A,rtor.r, bei den Namen von Cottheiten, sagenhaften Helden oder von Orten
;h;r, die durcS Mythos oder Tradition geleiligt waren. Niemand versudrte,
d"r"", stammwörter herauszulösen, irgendeinen Gattungsnamen, und diese
mit diesem oder jenem etruskisdren \rort zu vergleidten. Man spradr nur davon,
wie ausgezeichnet die verscliedenen Methoden ieien, aber niemals wandte man
sie an. Man lebte von subtilen Anregungen.
-Hand
Inzwischen arbeitete ictr mictr än der von Hahnsdren sdrriften
srtid. .r- Süüd< Spradre ein. Sie ist hart und klar aus-
in die albanisdre
eebildet. viel eher männlicl als wohllautend zu nennen, reidr an einer
edrt
i'"J"g*ä"rirdren Vielfalt von Formen und läßt si& bald unerwartete Ab-
ft;;;ö; baliausftihrlicle Entwidrlungen gefallen. Ganz durdrsxzt mit
lateinisären, griechisclen, slawisdren, drkisdren und anderen Stammwörtern,
;;; il; spi".1'" für ;icl ihrem Kern nadr keiner anderen ähnlich. Sie war
ard-, .noll.r^Fallen für alle jene, die versudren sollten, festzustellen, was zu
diesem Kern gehörte und was bereits entlehnt'war'
-
v", ai" N"ützlichkeir des Albanisdren vom Standpunkt der Altertumskunde
Professor G. Petrotta bald Einhalt:
-;nilbetrifft, gebot mir
aus
mit Hilfe des Albanischen die lytisclen,. thrakisdren und
V"rä6., gezei-
etüskischen InsÄriften zu erklärer\ haben bisher keinerlei Ergebnis
iigi. . , das ist ein Beweis dafür, daß das Albanisdre nidrt genügend verwandt
mlt diesen Spradren ist, um den S&lüssel daz't z't liefern ' ' '
Die Entzifierung 27

Auf alle Fälle sehen wir uns hier einer unt'ruclttbaren Bemühung der Gelehr-
ten gegenüber, die in der albanischen Sprache, der einzigen balhanisdren, deren
Ursprung man nidrt kennt, einen Fetzen von dem Sdrleier finden mödrten,
der die Ethnographie dieses Gebiets mit einem tiefen Geheimnis umhüllt'"
(Popolo, lingaa e letteratura albanese. Palermo 1931' S. 48.)
Das beeindrudrte mid-r gar nidrt. 'Warum hätte idr die Frage als erledigt
abtun sollen? Zw* erklärte Professor Pallottino in seinen ,,Etruskern" eben'
falls: ,,1Vir können die Möglidrkeit der vollständigen Entzifferung durdr einen
von außen her kommenden Faktor aussdrließen", aber vielleidrt wollten wir
gar nidrt so hodr hinaus, gleidr etwas ,,Vollständiges" zu verlangen. Nadr so
langen Entbehrungen würden wir audr mit einer ,,halben" Entzifferung des
Etruskischen vorlieb nehmen, ja für den Anfang sogar mit einem ,,Viertel"
davon. Hat uns nidrt außerdem derselbe Autor mit guten Ratsdrlägen bezüg-
lidr der besten Methode für die etruskologisdre Forsdrung überhäuft und er-
klärt, man würde sid-r kaum ,,einer strengen Eigenkritik, des methodisdren
Zweilels und einer kühlen Objektivität bei der Einsdrätzung der gewonnenen
Ergebnisse enthalten können"?
Das Loslösen fiel mir nidrt schwer, denn idr war an keines der beiden Lager
gebunden. Daß es heilsam war zlt zweifeln, stand außer jeder Debatte.
Aber man kann nidrt an sidr selbst zweifeln und dabei für die Autorität
anderer eine blinde Verehrung hegen. Daher mußte idr audr das, was man
über das Verhältnis zwisdren dem Erruskisdren und dem Albanisdren dadrte,
einer neuerlidren Prüfung unterziehen. Darauf wird man einwenden, daß man
dann aber alle Quellen nodrmals durdrsehen und alle für die Erläuterung
des Etruskisdren vorgesdrlagenen Spradren überprüfen müsse.
Vielleidrt, aber man muß audr der Intuition einen Platz einräumen. I\feine
Intuition sagte mir, daß man dodr das Albanisdre heranziehen sollte; andere
Sprac}en sagten mir in dieser Hinsidrt nichts. Für das Berberisdre beispiels-
'tüüelt
weise hätte ldr midr um nidrts in der entsdrieden, aber das Albanisdre
zog midr an und die Meinung der anderen flößte mir . . . Zweifel ein.
'rVir an das Berberisdre glaubte, braudrte sidr ja nur damit zu besdräftigen.
Ohne zu wissen, warum, las id'r plötzlidr wieder und wieder die Sammlung
der etruskisdren Insdrriften, die Testirnonia, Tnmitten all dieser Trümmer einer
Spradre, die im Rufe stand, für immer verstummt zu sein und die idr schon
mehr als einmal ihrem Sdridrsal übeflassen wollte, erweckte etwas einen \7i-
derhall in mir. Es handelte sich um einige !üörter, die uns durdr Hesydrius von
Alexandrien, diesen \(ohltäter der etruskisierenden Mensdrheit, bewahrt wor-
den sind, und die Skutsd, zu unredrt nidrt entspredrend sdrätzte, und ferner
um edidle 'S?örter, die in den Grabinsduiften häufig wiederkehren.
Suplu, ,,F\ötist" klang in meinen Ohren wie das alte russisdre \Iorr' sopiel,
sopilha,,,die Hirtenflöte". Konnte capys, ,,Falke" in mir einen anderen Ver-
gleidr wadrrufen als den mit kobietz, hobtchyk, ,,Falke" in den slawisdren
Spradren? tüfar nidrt soal-ce,,,hat gelebt" das \[ort ziaal, zhyaal, ,,lebte",
däs in den slawisd'ren Ländern jedes Kind lernt, wenn es zum erstenmal
ein Märdren hört?
'Waren diese \/örter und so viele andere, ähnlidte, nidlt audr im Etruskisdren
zv finden, da dieses ja ztr den Saternspradten gehörte, der östlidren
indogermanisdren Spradrengruppe? Aber sind nidrt audl zahlreidre Stamm-
formin der verba aus dem slawisdren und Litauisdren im Albanisdren ebenso
alt? Man sdrrieb ihr Ersdreinen auf dem Balkan dem Vorstoß der Slawen
28 Das etruskiscbe Problem

auf das redrte Donauufer im vI. Jh. unserer Zeitreduung zu. Die Entzif-
ferung des Hettitischen d.*dr Hrozny hat uns gezeigt, daß-in dieser Sprache
eine Anzahl von \Turzeln existiert, die audr heute nodr in osteuropa weiter-
leben. Diese vörter waren also in Anatolien sdron im xv. Jh. .,n. chr. itn
umlauf gewesen; das Albanisdre konnte sie aus dem IllyrisdrÄ geerbt haben
und die Donau hätte damit nidr* zu tun. Das haben Kreisd-rmer, jokl vasmer
erkannt.
Idr wollte endlidr zur Sadre selbst kommen. so öffnete idr denn auf gut
Glüd< eines meiner Hefte und betradrtere die erstbesre Inscl-rrift, die mir in
die Hände fiel. Es war ein berühmter, zweispradriger Texq etruskisdr-latei-
nisdr. soldre haben wir nur wenige, und vor allem weiß
-"r, rridrt, ob die Erus-
ker sich wirklidr die Mühe nahmen, ihre Texte genau ins Latein zu über-
setzen. Idr hatte die Grabinsdrrift eines Haruspex und Fulguriators, cafates,
vor mir, der also die Eingeweide der Tiere und die Bliäe zu beobadrten
hatte. Diese beiden Funktionen drüd<te das Etruskisdre durdr drei \(orce aus:
netiois tratnvt frontac, Das dritte wort war sdron aus der Analogie mir
einem grieclisdren stammwort als mit dem ,,Donner" zusammenhängänd er-
klärt, idr konzentrierte also meine Aufmerksamkeit auf net!ö;s, das
in völliges Dunkel gehüllt sdrien. Idr zog das kleine albanisdr-deutsd-re \ü7örter-
budr von Arbanas aus der vergessenheir und begann darin nt blämern. unter
dem Bud'rstaben N auf seite 9b fand idr nidrts.- so einfadr waren etruskisdre
\förter ja dodr nidrt zu finden. Enttäusdrt sdrloß i& das Büdrlein. auf dessen
umsdrlag sdron die Abbildungen zeigten, daß es für eilige Reisende und nictrt
für in eine Sachgasse geratene Etruskologen gesdrrieben wär.
Indessen begann ich, mit den Grillen der albanisdren verba verrraur zu wer-
den. Da gab es soldre, die mit einem n am Anfang oder ohne dieses dasselbe
bedeuteten. Idr kannre sdron einige soldre Paare, z. B. nd.ögjoj wd dägjoj,
Beide bedeuten ,,hören". Zunäcrst verstand idr nicht, warum; aLer idr
daß es sidr nur um eine Art Präfix handelt, wie etwa im Deutsdren "rkatinrä,
die
'!trförter
,,tragen" und ,,wegtragen" im sinn nidrt viel versdrieden sind. Ein
Ausländer, der einen besd,ränkten deutsdren rüonsdratz hat und dem der Zoll-
b_eamte sagt: ,,Tragen Sie Ihren Koffer dorthin.. oder: ,,Tragen Sie Ihren
{.off9r weg*, isr froh, wenn er ,,rragen" versrehr, das übrige ,iid F"irrh.it.rr.
So ist auch für ws ndögjoj wd dägjoj dasselbe. \fenn ich nun die
gleidre Überlegung avf netlvis anwendete? Mit anderen vorren, wenn idr
es nidrt fand mußte idr also unter . , . tiais sudren?
Idr öffnete also mein \förterbuch wieder. unter dem Budrstaben T fand
idr eine ganze Menge 'wörter; hier standen z. B. alle die zahlreiclen verba,
die mit tcä (tsdr) beginnen, jenem Laut, der im Etruskischen abwechselnd
mit c, s und j im selben lwort gesdrrieben wird, wie D. Latres festgestellt
hat. Idr fand also auf Seite 121 ein verbum t!toi!, ,,fortserzen". Rein -äuß."-
lidr sah es dem von mir gesudrten tlris sehr ähnlidr. Da stand nodr t!roi!,
,,erweitern", aber nidrts von tlvis. . . Mein Blid< blieb auf der linken Spalte
der Seite 721 hafrcn. Da war es ja! tiouis,,,voraussehen.. und darüber ein
anderesYort: tiois,,,sehen, bemerken".
Idr war verblüfft. Das traf ja den Nagel auf den Kopf ! Da ne im Alba-
nisdren ,,in" bedeutet, würde mein verbum ne-tsois also ,"hineinsehen" heißen.
Introspektion in verbindung mit einem Haruspex? Das war wieder zu sdrön,
um wahr zu sein; icl glaubte nidrt daran.
Idr weiß wohl, daß L. Barthou eines Tages in einem Sdrulbudr, das er zu-
Die Entzifferung 29

fällig auf dem Seinekai erstanden hatte, eine Anmerkung von der Hand Napo-
leoni fand, aber daß man ein Büchlein sieht, das einem gleidrsam zuruft: ,,Kauf
midr, in mir wirst du ein etruskisdtes Wort finden", das war zu viel.
Später sollte idr erfahren, daß idr beinahe auf dem ridrtigen \(eg gewesen
*"t; drt Verbum, das idr sudtte, war aber am ehesten shof(is). Die Trans-
kription von Arbanas war nicht genau und beruhte übrigens auf einer ganz
bestimmten Mundart.
Dieser vermeintlidre Fehlgriff versetzte mir einen Sdrlag. Ich begann nun zu
verstehen, daß im Albanisdren die Frage der lokalen Dialekte wesentlidr
ist. Diese Spradre verdankt ihre Sdrwierigkeiten, aber aud-r ihren Reidrtum dem
Fortbestehen von regionalen Seit undenklidren Zeiten haben
-nur Untersdrieden. ihre
die Albaner nidrt heldenhaft für Unabhängigkeit gekämpft,
sie waren audr immer in rivalisierende Stämme gespalten, die einander nadr
den Regeln der mitleidslosen Vendetta blutig bekämpften..So kon-nten viele
alte Idiome weiterbestehen, von denen keines sidr von dem anderen ver-
drängen lassen wollte.
Idi hatre somit nidrts entzifiert. Obwohl idr bisher nidrts gefunden hatte,
wafen aber alle anderen Probleme für midr nidrtig geworden, und das Etrus-
kisdre bemädrtigte sidr wieder meines Denkens. Zum Glüd< konnte idr mir
für meine Arböiten ein Präzisionsinstrument besdraffen, ohne das iü kei-
nerlei Fortsdrritte hätte madren können. Es war dies das ausgezeidrnete al-
banisdr-englisdre lüörterbudr von St. E. Mann, das 1948 in London
veröffentli&t worden war. Verglidren mit dem von von Hahn war dieses
\flerk das, was eine moderne Gesteinsbohrmasdrine im vergleidr zu einem
gewöhnlidren Spaten ist. tü(ieldr ein Untersdri edl Zu von Hahns Zeitet harte
äas Albanisdre nodl nidrt einmal ein anerkanntes Alphabet. Um die alba-
nisdren Wörtern zu transkribieren, bediente sidr dieser griedrisdrer Budrstaben,
die er mittels Tremas und anderer von ihm selbst erfundener Zeid'ren für die
Bedürfnisse der albanisdren Phonetik zuredttgemadrt hatte. Seit 1850 hatte
sidr diese Spradre gefestigt, geläutert und vereinheitlidrt. Das lateiniscle Alpha-
bet war endgültig eingefuLrt worden, mit sä für das dzutsdre scb, c fir
tz, g fit ttrb. Oi" Albänologen aller Länder und die Albaner selbst hatten
eine große Arbeit vollbradrt und alles Material, das sidr auf die Gesdri&te die-
ser Spradre und auf seine Grammatik bezog, zusammengetragen. Gute \7örter-
büüer ersdrienen. Das \rerk von S. E. Mann, das Ergebnis einer geduldigen
Kleinarbeit und eines langen Aufenthaltes in diesem Land, zeigte deutlich die-
sen neuen Tatbestand. Mann hat alle Nuancen, alle lokalen Abweichungen die-
ser Sprad're getreu aufgezeidrnet. Bewundernd fragte idl midr, ob dieses !üerk
nidrt vielleidrt einen Beitrag zu meinen Forsdrungen leisten könnte'
An einem \Tintertag befaßte idr midr zum ersten Male mit den Bildern,
die die griedrisdren und etruskisdren vasen sdrmüdren und die vor 120 Jah-
ren von E. Gerhard in einer Sammlung veröffentlicht worden waren. (Grie-
chis&e vasenbilder, 1840.) Das war in der Bibliothöque nationale. vielleidrt
waren es die gleidren stic}e, die idr 25 Jahre vorher in der Bibliothöque
Mazarine zufällig kurz gesehen hatte. Es waren da kleine, exquisite Szenen,
häufig mit kräftigen Strichen gezeidrnet. Einige trugen kurze etruskisdre In-
sdrrifien. Eine dävon, die auf Tafel CXXIY, zog meine Aufmerksamkeit
besonders an. Sie stellte den Kampf zweier Helden dar, von denen der links
stehende mit Bogen und Keule, der redrts mit Lanze, sdrwert und Sdrild be-
w.affner war. Der Ausgang des Kampfes konnte wohl ungewiß ersdreinen,
30 Das etruskisdte Problem

dodr deutete die Dynamik der Zeidrnung an, daß der Mann mit dem rtfolfs-
haupt eben einen Pfeil abgeschossen und seinen Gegner getroffen hatte. Dieses
Detail war nidrt zu sehen, denn das etruskisdre Zeidrentalenr hält sich nidrt
sklavisdr an Details. (Abb. 2.)
Dieser von soviel Meistersdraft zeugenden Zeidrnung waren drei \üförter bei-
gefügt. Zwei davon bezeiöneten die Helden: Aderhes (oder A@ets) und
Kaon; dodr auf den mythologisdren Zusammenhang der Szene kommt es im
Augenblick nidrt an. Das dritte li//ort enqten neben dem links stehenden Hel-
den madrte midr nadrdenklidr. Gerhard fand keinen Sinq keine Analogie, keine
Erklärung dafür.
Es war mir sdron klar, daß man isolierte etruskisd-re \7örter sozusagen aus
dem Hinterhalt überfallen mußre. Nun war der Augenbli& für einen ioldren
Überfall gekommen. Das war ein 'Wort, das weder in die Toponymie, nodr
in die onomastik fiel. Seit mehr als 2oo0 Jahren sdrlummerte es auf dieser
Vase und verbarg etwas Einfadres, Klares, auf der Hand Liegendes. \0as sagre
es?
Als idr mir diese Frage stelltq war idr mir voll bewußt, daß idr bis dahin
im Etruskisdren nidrts gefunden hatte. Einen einzigen Gewinn konnte idr
budren: idr hatte es mir zur Gewohnheit gemadrq kein etruskologisdres Bud-r
zu öffnen, ohne das \(örterbudr von Mann neben mir liegen zu haben. Freilidr
war es vorderhand nur ein stummer Zeuge meines ohnmädrtigen Bestrebens,
daraus irgendein orakel zu enrnehmen. Bald aber sollte es zu spredren begin-
nen.

rrl
z
s+
\L

Abb. 2

Idr ergriff das \(örterbudr und öffnete es mit demselben Beben, mit dem die
Haruspices die Leber irgendeines unglüd<lidren Opfertieres betradrtet haben
modrten, um daraus den \Tillen der Götter zu erfahren.
Die Entzifferung 3l
I& sagte mir: ,,Sudren wir enqten!
Enqten?. . . Das war nidrt da.
- Sehen wir also bei engden na&!
-
-Engden?...Nidrts.
- Nun, dann enkten!
Enkten?. . . Nidrts dergleidren.
- Versudren wir einmal enbtben!
- Enkthen?. . . Audr nidrß."
-Da sdrloß idr das 'Wörterbudr, denn dieses Zwiegespräch begann midr
zu bedrüd<en. Aber dieser Zustand der Entmutigung dauerte nidrt lange. Idr
hatte sdron das Gefühl, daß man hier nidrt wie in einer Zeiang lesen und im
'Wörterbudr
naösdrlagen konnte. Man mußte wie mit Röntgenstrahlen das
Skelett des 'Wortes selbst und das Iflesentlidre daran erkennen, denn, wenn
audr das Albanisdre etwas von der alten illyrisdren Substanz bewahrt hatte,
so durfte man das nidrt für jedes \[ort mit allen seinen Nuancen, seinen der
Veränderung unterworfenen Teilen und allem Drum und Dran erwarten.
Beim l7iederöffnen des rü7örterbudres war idr überzeugt, daß das Rüd<-
grat des Vortes, das es zu entziffern galt, folgendes sei: ENQT, ENGD, NKT,
NGD. Das übrige war nur Beiwerk.
Nun nahm ich den ganzen Buchstaben E nochmals unter die Lupe,
aber idr fand wirklidr nidrts. Es blieb nur eine kleine Gruppe von \flörtern,
die mit ö begannen. Seite 98:
öngadhönjenj. Ein Verbum (das hieße für mid'r ENGDNN).
öngad.hänjim. Ein Subsmntiv (das wäre ENGDNIM). IM ist ein Suffx
für Abstrakta, also hier nebensädrlidr.
'!ü7as
hat das alles zu bedeuten? Man verweist midr auf Seite 317. wo i&
bei ngadhnjej, ngadhnjim nadrsdrlagen soll.
Idr sdrlage diese sdrid<salssdrwere Seite auf:
Ngadhnim (ein veraltetes Vort). Eroberung, Sieg.
N gad, bnoj oder ngad.hnjäj. Erobern.
N gadhnuer, Siegreidr, usw.
e-ngd.?
Ratlos betrachtete idr zum zehnten Male dieses ngadhnoj und dieses fürdr-
terlidre, ganz aufgedunsene und in die Länge gezogene öngadhänjenj
(ENGDNN). lVie ein Bär nadr seinem \t7intersd,laf nodr ganz mit Zweigen,
Tannenzapfen, Grasbüsdreln und Steindren beded<t aus der Höhle kommg
so überfiel midr dieses !(ort. Die Insdrrift auf der Abbildung bedeutete also
,,Sieger", ,,siegreidr" oder etwas Ähnlidres? Der Zeidrner hatte sie frzundlidrer-
weise an die ridrdge Stelle gesetzt, um den Besdrauer über den Ausgang des
Kam,pfes nidrt im Ungewissen zu lassen.
Als ob es einErdbeben gegeben hätte, so begann alles um midr her zu sdrwan-
ken. Idr hatte Lusq meinen Nachbarn, die im Jahrgang lgll der ,,Illustra-
tion" oder in der ,,Geschidrte der byzantinisdren Kunst" lasen, zuzurufen:
,,Idr bin den etruskisdren Iförtern auf die Spur gekommen!" Idr hielt midr
aber zurüd< und sank ermattet auf meinen Sessel. \(er hätte mir geglaubt? Idr
stand am Fuße eines rauhen Berges, auf dessen Abhang sidr zum ersten
Male ein kaum erkennbarer Pfad abzeidrnete. Im voraus erkannte idr all
die Abgründe, die \fildbä&e, das Geröll, die mir den Weg versperren würden.
Da aber der erste S&ritt auf diesem 'Wege getan war, mußte idr nun weiter-
gehen.
32 Das etrusbiscbe Problem

'süar das wirklidr ein sieg?


. . . oder war es nidlr vielmehr ein Zufallsrefier?
Jedenfalls rüttelte midr dieses Ereignis auf und half mir, das widrtigste Hin-
dernis auf dem ,ü[eg der Entzifferung zu überwinden: midr selbst. -Ein Ent-
schluß war gereift: alles liegen und stehen lassen und es
mit dem Albanisdren
ernstlidr versudren. Ich fühlte, tsboois wd enqten waren da, in Reidrweite.
Konkret gesehen gab es nur einen 'ü?eg, der kein Absdrweifen gesrartere, näm-
lidr den zum Institut für lebende orientalisdre Spradren. Hofientlidr gab es
dort audr albanisdre Spradrkurse. Idr hatre Glüd<, die gab es.
In einer der ersten Lehrstunden in diesem Anfängerkurs erwähnte der Leh-
rer das lJforr, dögjoi, ,,hören". Da wagte idr die sdr,üdrterne Frage: ,,Gibt
es nidr.t audr eine Form ndägjojl" Der Lehrer war über diesen Zwisdren-
ruf nidrt sehr erfreut und anrworrete;,,Ndägjoi sagr man nicht mehr; das
ist veraltet." wie alle Albaner war er stolz auf seinä Spradre und wollte sie
von allen Absonderlidrkeiten der vergangenheit befreit, Äodernisiert und zeit-
gemäß wissen. Er wußte nidrr, weldre Freude er mir mir seiner Antwort madrte.
Das war es ja gerade, was idr wollte, daß er mir bestätigte, daß alle diese
n und, ö am Anfang der Verba nur veraltet .waren, wie Mann sdrwarz auf
weiß sdrreibt. Ich hame überhaupt keinen Grund, daran zu zweifeln und
trotzdem nagte die unruhe an mir. Nun aber besdrwidrtigten midr diese ein-
fadren \florte aus dem Munde eines Albaners von Fleisdr und Blut. Es gab
also zum Glück dodr ungebräudrlidr gewordene Spradrelemente.
S_päte-r sollte ich verstehn, daß das Yort enqten ein sdrwieriger Fall war
und daß aus diesem Grunde das entspredrende \(fort im Albanisdren fast un-
kenntlicl geworden war. oft und oft aber fand ich albanisdre '\tüörrer, die
die deutlidren und getreuen Gegensrüd<e der erruskisdren stammwörter .waren.
Die Bedeutung von enqten? Idr hatte zuerst geglaubt, es genüge, das an-
lautende ä wegzulassen, um die \(urzel, nqt, z! erhalten; in \firklidrkeir
war en das Präfix und das eigentlidre Zeitwort beschränkte sidt auf qten.
Diaes qten findet man im albanisdren btben(em), ,,umdrehen, zurüdrkehren,
tsw."; lethenej ndä dhet,,,in die Erde zurüd<kehren" (Job 34, l5); pörkthei,
,,(Lidrt) bredren" usw.; (was ebenfalls den Begriff ,,zurüd<" enthält). Das Prä-
fix en werd,en wir später in dem albanisdren ön-begatem, ,,reidt werden"
und im etruskisdren ern-leparre, ,,überraschen", sowie in dem lydisdeen
en-slifid kennenlernen. enqten könnte also bedeutenr ,,Gib (den Sclriag) zu-
rück", oder: ,,Stoße (den Gegner) zurüdr"; vielleidrt ein militäriscl.i Aur-
drud<. Außerdem ist der Mann mit der Keule Herkules. A@ets könnte sein
Ausruf sein A@ ist Hades, ets bedeutet ,,geh!", cf. das albanisdre ec, ,,geh!..
(M. 93); ,,Geh zum Hades!"
Eine andere, bald entzifferte Kampfszene bestätigre mir, daß idr auf dem
ridrtigen \fleg war. Das dabeistehende erruskische \(ort ist übrigens viel
leidrter zu erkennen. Außerdem wird es durdr die Zeidrnung eindeurig erläu-
tert. Die Tafel CCCXCI, 2 der Sammlung etruskisdrer Spiegel von Gerhard
(Bd. IV a, Berlin, 1865) zeigt die Endphase eines merkwürdigen Kampfes
(Abb. 3). Der eine der Krieger bedroht den anderen, wafienlosen, mit dem
Schwert. Gerhard bemerkt darüber, daß, wenn die Insdrrift eln, die sidr auf
diesen jungen Mann bezieht, verständlicl wäre, sie uns über den Sinn dieser
und ähnlidrer Szenen Aufsdrluß geben könnte.
Niemandem wird das Treffende dieser Bemerkung entgehen, dodr bringt sie
uns nidrt viel weiter.
Bei der näheren Betradrtung dieser Insdrrift bemerkte ich, daß die Lesart
Die Entzifferung 33

Gerhards nidrt ridrtig war; zwischen den beiden Kämpfern steht nicht elz,
sondern epn. so konnte idr die Lösung finden und wiäder dank dem Alba-
nisdren. Das verbum ,,geben, sidr geben", ein elementares 'wort, ist im Alba-
nisclen gewissen sdrwankungen unierworfen (was wahrsdreinlidr auf die Dia-
lekte zurüd<zuführen isr), aber leiclt erkennbar. Es ist das Stammworr ap, ep,
ip, iap, igy @t..95). Davon. gibt es audr eine medial-passivisdre Form: rpez,
,!r\,.1ti* ergeben".. (Vergleidre jipen rnbas panimit-artistib,,,sie geben sidr
den künstlerisdren Arbeiten hin" M. Lambertz, Albaniscbei Letrb"rdr,Leip-
-am
_294). Das n plural.
12a.8: I,. S. Ende entspridrt dem albanisrhen ii,
1ig,
dem _sufhx_ des Imperativs im Der sinn des etruskisdren rüfortes
unterliegt keinem zweifel, selbst wenn man über die Nuancen streiten
könnte:
-,,Ergib dich." Man sieht übrigens, daß der besiegte liii.t.. ai. H"na
hebt und um Gnade bitrer.

/->
/, *\
'(<)4 ,
7ll
rs"z!.,

Abb. 3. Bitte um Gnade

Dig,fglF:"den Beispiele aus meiner


,bewerskrättrg sein und mir gesratten,
Entzifferungsarbeit werden auffallend
diese Einführung bald zu besdrließen,
um zu-einer systematisdren Darlegung. der Texte ubJrzugehen. b" gibt
namentlidr eine ganze Reihe von etrusliisdren Insdrriften
.,
nt.i- od", st.in_
geschossen, die von den todbringenden sdrreudern ",rT
der tuskisdren soldaten auf
die Köpfe der Feinde oder übei die Mauern der beragerten SiaarJäraorr.n
wurden. Diese Insdrriften sind kurz und bündig, i- #*rrt.rr-i;""?.,
tes lapidar.-Ähnlidre, von römischen Soldaten ierfaßte I"sclrrifrcn-helfen
vo._
bei
ihrer Entzifferung.,Die Römer sdrrieben nämlidr auf ihre,,S""duns.r.lSdrmäh_
und Spottworte, Flüdre, 'Worte wie ,,töre!.., :. '
,,sdrlag ,"f
Die sammlung von pallottino enthält mehrere-solclrer"r*.----'o-..
Texte. Einer davon,
3 Etnsker
34 Das etruskiscbe Problem

der erste Teil einer Insdrrift auf einem Bleigesdroß in Eidrelform, lautet: vra@
(P. s26)
offnen wir das sförterbudr von Mann (oder ein beliebiges anderes, z. B.
das von Leotti) und lesenwir nadr:
rtras, ern Verbum, ,,töten" (M. 564).
Die etruskisdre Inschrift bedeuter also: ,,Töte!" Das ist eine Aufforderung
des sdrleuderers an sein Geschoß oder eine Ermahnung, die mit militäriscleri
plgestüm und Lakonismus ausgedrückt wird, nämlid-r in ein einziges \i7ort ge-
faßt. Pallottino übersetzt ara@ mit,,trefien, tören", aber analog iu den latei-
nisdren Insdrriften und ohne das Albanisdre zu erwähnen. (Elernenti di lingua
etrusca, S. 91).
Nodr überrasdrender ist ein anderes Beispiel. Diesmal werden wir uns nidrt
mit einem ,,besdrworenen" Stein begnügen, wir braudren den Donnerkeil
und Tinia-Jupiter selbst führt ihn.
Idr muß hier scl-rrittweise vorgehen. Vor kurzem hat Professor Glori ver-
suöt, einige etruskisdre Texte nt entziffern und den Namen Rom zu erklären.
Er stellte fest, daß ,,Römer" auf etruskisch rumay (romahb oder rornak) hieß
und daß das hebräisdre rüüort für ,,Lanze" ebenfalls romahb heißt; daraus
hat Glori eine sagenhafte Episode gemadrt: Romulus, ein etruskisdrer Anfüh-
rer im Dienste des Königs David, kommt an die Ufer des Tiber, wählt
den Ort für die künftige Stadt aus, sted<t seine Lanze zum Zeidren der
Besitznahme hinein und sagt: ,,Meine Damen und Flerren, hier bin ic} und hier
bleibe idr, hier wird RornaT sein . . ."
Um aber den Ursprung dieses 'Wortes zu finden, hätte man nidrr das Mittel-
meer überqueren müssen, sondern nur die Adria, ja man hätte überhaupt
nidrts dergleichen tun, sondern bloß das albanisdr-italienisdre 'Wörterbudr von
Leotti öffnen müssen, um dort das albanisdre '!?ort rornak, ,,Römer" zu fin-
den. Die Endung -aA dieses \fortes gehört nidrt zum Stammwort; sie isr
eine rein etruskisdre Bezeidrnung für die Volkszugehörigkeit. So sagte man
in dieser Spradre: rurna2g (Bewohner von Kom), oelznal (Bewohner von
Felsina), cusiay (Bewohner von Chiusi), svetirnay etc . . . In dem \(ort
frontac, einem Flaruspextitel, der sdron vorgekommen ist, drückte diese
Endung eine Besdräftigung, einen Beruf usw. aus . . . Man findet dasselbe Suf-
fix in dem lydisd-ren Yorr, st'ardaA (Bewohner von Sardes) und in dem
'!ü(ort Spartac thrakisdrer Herkunft.
Gleidrzeitig ist es aber audr typisd-r alba-
nisd-r: Romak, Durrösak (Bewohner von D'trazzo), Ishmiak (Bewohner von
Ishmia), Ulqinak (Bewohner von Dulcigno, Ulqi), fusharale (Bewohner der
Ebene, fushö). Dieses albanisdre -aä bezeiclnet oft eine Eigensd,aft, eine
Gewohnheit, einen Charakterzug: zemerah, ,,mutig" (von zemer, ,,Herz"),
hollah,,,mager", usw , , . übrigens ist das ein gemeinsamer Zvg mehrerer öst-
lidrer indogermanisd'rer Spradren. So die Endung -ah, iah im Russisdren:
sibiriab (ein Sibirier), polak (ein Pole), talak (Bewohner von Tula), permiah
(. . . aus Perm), usw. . . . Ebenso für ständige Besdräftigungen und gewisse
Charakterzüge: rybab (Fisdrer), prostale (ein Einfaltspinsel), usw . . . Die glei-
clre Regel befolgt die Spradre der Skythen: wdyag (Streitroß), marab (Mör-
der), usw . . . (Abajew. Ossetisdre Spradre und Folklore. Moskau 1949,
S. 221, russisdr). Mit dieser Spradrfamilie ist also das Etruskisdre verwandt.
übrigens hat sdron F. Bopp in seiner vergleidrenden Grammatik der indo-
germanisdren Spradren die widrtige Rolle des Suffxes ak hervorgehoben,
das bald deutlidr, bald kaum verhüllt, auf diesem linguistisdren Gebiet vor-
Die Entziffer*ng 35

kommt. Hier nodr einige Beispiele dafür: im Sanskrit: nartah-as (tanzend),


saoah-a (Kind), bälah-as (Knabe), rnadrah-as (aus dem Lande Madra), usw.; im
Litauisdren: degikas (Brandstifter), usw.
Andererseits hat Prof. Hans Krahe dasselbe Suffix im Illyrisdren sowohl
in Ortsnamen (Draudacum, Kerab) als audr in Personennamen (Barac-o, Theu-
tac-o, ttsw.) gefunden (Lexikon altillyrisdrer Personennamen, S. 148 und 115).
Unter diesen Umständen sdreint der kürzlidr unternommene Versudr C. Ta-
gliavinis, dasselbe Süfrx -ah als eine moderne Entlehnung aus den slawisdren
Spradren zu erklären, jeder Grundlage zu entbehren.
So kommen wir zu einer in den Agramer Mumienbinden sehr häufig vor-
kommenden Verbindung zweier '!üörter: ais cemnac. ,4is bedeutec ,,Gotr";
celnndc ersdreint als ein Beiwort, das diesen Gott oder eine ganze Gruppe
von Göttern drarakterisiert. Da haben wir wieder die Endung -ak. \Xlas cemnac
heißt, verstand idr, als idr ein merkwürdiges Budr las, das 1814 von einem
Engländer, \flilliam Martin-Leake, veröffentlidrt wurde. Darin besdrreibt er
seine drei oder vier Jahre vorher unternommene Albanienreise, Er war damals
in vertraulidrer Mission damit betraut, die Pläne Napoleons im Nahen Orient
zu durdrkreuzen (Researdres in Greece. London, 1814).
Als einer der ersten westeuropäisdren Reisenden in diesem Lande im 19. Jh.
madrte Martin-Leake dort inreressanre Beobadrtungen. Seinen Ausführun-
gen zufolge haben die Albaner viele lWörter aus dem Neugriedrisdren enrlehnr;
im Laufe des V. Jh. übernahmen sie gewisse Ausdrüdre von den Goren, die da-
mals im Epirus herrsdr,ten; während des 11. Jh. von den Franken (Normannen),
den Herren von Durazzo, und ferner viel von den Slawen. Der Nationalheld
G. Kastrioti (Iskander-bey) war von 1443 bis 7467 an der Madrt. Bis 1548
blieben die Albaner Christen. Unter dem Drud< der Türkei trar ein großer
Teil der Bevölkerung zum Islam über, dod'r blieben sie religiösen Fragen
gegenüber gleidrgültig. Sie sind arm, energisdr, harce und ausgezeidrnete Sol:
oaten.
Übrigens spielten sie bei der Emanzipation Griedrenlands eine bedeurcnde
Rolle. Lord Byron nahm sie in seine Dienste und transkribierte einige von ihren
Liedern.
Damals waren Albanien und seine Spradre wenig bekannr. Das Vorwort
Martin-Leakes zu seinem \flerk ist bezeidrnend:
,,Nad-r der Meinung mehrerer hat der Verfasser diesem ärmlidren und
barbarisdren Dialekt Albaniens vielleidrt mehr Aufmerksamkeit gesdrenkt, als
er verdient, dodr muß diese Mundart als merkwürdig betradrrer werden, da
sie inmitten aller sie umgebenden Sprachen ihren deutlidren Charakter bewahrt
hat. Vahrsdreinlidr ist sie das Altillyrische mit einigen Veränderungen ähnlidrer
Art wie die, die das Latein und das Griedrisdre infolge der Eroberung Europas
durdr die Teutonen und Slawen erfahren haben...* (S. 111).
über die Albaner:
,,Es ist eine uneinheirlidre und undisziplinierte Nation, was ihre soldati-
sdren Eigensdraften berifft, aber mit dem Gebraudr der 'Wafien vollkommen
vertraut; wild, ungebildet und unzivilisiert, aber von begeisterter Anhänglich-
keit an ihre heimatlidren Berge." (Ib. S. IV.)
Sdrließlidr machte unser gelehrter Reisender nodr reidrlicle Notizen über
die albanisdre Spradre. Allem Ansdrein nadr ließ er einen Bauern vor sidl spre-
dren und transkribierte seine 'Worte Satz für Satz. Das Ergebnis iegre er
dann dem Leser vor, wobei er dem albanisd'ren Texr eine bulgarisdre, eine
36 Das etrushiscbe Problem

rumänisdre und eine englisd're Übersetzung beifügte. Sein Gesprädrspartner gab


versdriedene kluge \Tahrheiten von sidr:
,,Ver Klugheit besitzt, bleibt nicht mit versdrränkten Armen sitzen, sondern
nimmt die Odrsen und geht pflügen und säen. ... 'Wenn ein Kranker gesund
werden will, darf er keine Nüsse und Haselnüsse essen, sondern soll Mandeln,
Äpfel und Birnen essen. Er soll sidr besonders vor den Kastanien, Gurken,
Melonen und Kürbissen hüten . . ."
Mit Genuß nahm idr diese Vorsd-rriften der Volksweisheit in midr auf,
als mein Blidr auf einem Satz haften blieb: ,,Gemon belia,,.",,,Es donnert
der Himmel", übersetzt Martin-Leake. Kelia kommt natürlidr aus dem La-
teinisdren; gernon hingegen gehört zum Kern der Spradre. Mann sagt:
gjörnoj, ,,donnern"l gjömirn, ,,Donner" (S. 146). Bei M. Lambertz liest
man gjömotninö tnaletö,,,es donnerten die Berge" (1. c., Bd. I, S. 132.) ...
Der Untersdried zwisdren gem bei Martin-Leake und gjöm bei Mann ist ne-
bensäd-rlidr, denn das albanisdre j ist nur eine Absdrwädrung des vorangehen-
den Konsonanten; audr e und ä können in den versdriedenen Dialekten
abwedrseln, sie bedeuten also dasselbe.
Idr weiß nidrt, warum midr dieses gemon helia bezatberte. Idr wiederholte
halblaut: gemon helia,.. Meine Gedanken sdrritten allmählidr eine unbekannte
Anhöhe hinan:
getnonbelia...
es donnert der Himmel
gernon.., donnert
gernn. , ,
hernn,. '
cemn...
ce.fnndc , . ,

ats cemnac. . . Donnergott!

Dieses \7ort, das vor 150 Jahren aus dem Munde eines albanisdren Berg-
bauern gekommen und von einem eifrigen Engländer mit einem Gänsekiel zu
Papier gebradrt worden war, :,raf midr wie ein elektrischer Funke aus dem
Sd-rweigen der Jahrhunderte heraus. Tinia, der Gott des Blitzes und des Don-
ners, stand vor mir und hatte midr eben mit einem Donnersdrlag der Ver-
blüfiung getrofien. Tinia, ais cemnac, mit derselben Endung -ak in seinem
Beiwort, wie in den 'Wörtern ru.mdx, velznah. . ., der Bezeidmung für eine
Gewohnheit . . . Ja, er hatte die Gewohnheit zu donnern, dieser Tinia-Jupiter!
'Wir haben aber gesehen, daß der Begriff
,,Donner" sid'r in dem etruskisdren
Wort t'rontac zu verbergen sdreint. Es ist also möglidr, daß wir, entgegen
dem, was das albanisdre Verb gemoj vermtten läßt, in dem etruskisdren Epithet
cernnac eher den Begriff des Blitzes als den des Donners haben. Diese leidrte
Abweidrung des albanischen 'Wortes von dem ursprünglidren Sinn ist natür-
lidr möglidr.
Nodr eine andere Bemerkung drängt sidr hier auf. Das Srammwort gjörn
hat ein lateinisdres Pendant, gemo, das Ernout und Meillet mit ,,stöhnen;
seufzen, weinen" übersetzen. Halten wir aber fest, daß Ernout dazu sagt:
,,Etymologie nidrt gesidrert." Allerdings beweist nidrts, daß gjöm eine Kopie
von gerno sei, ebensowenig wie die Zahl @u, die dem Lateinisd'ren und Alba-
nisdren gemeinsam ist, Beweis für eine Entlehnung ist. Auf keinen Fall aber
paßt der Sinn von stöbnen, seufzen, ueinen zum Charakter des Tinia-
Die Entzifferang 37

Jupiter. Das kann uns nidrt an dem Sinn des Beiwortes cen nAc, cemndy
zweifeln lassen. 'Was den Budrstaben z berrifft, der at dem Stammwort gen
hinzugetreten ist, so werden wir darüber nodr in dem Kapitel über die
etrushische Kunst (id.hnac) spredren.
Man weiß, daß Tinia in der etruskisdren Kunst häufig mit dem Blitz in
der Hand dargestellt wird. (siehe Abb. 3a) überhaupt spielte der Blitz
bei den Etruskern eine große Rolle. Ein etruskisdrer Priester, der in frevel-
hafter !7eise die Mad'rt des Blitzes erproben wollte, mußte diese Leidrtfertig-
keit mit dem Leben bezahlen. Je nach seiner Flerkunfq seiner Farbe und seiner
Rid'rtung konnte der Blitz versdriedenes bedeuten. An diesen Nuancen ließ
sidr feststellen, von weldrem Gotr er srammte und was dieser damit sagen
wollte. Er konnte Zufriedenheir, eine Veigerung, eine 'Warnung ausdrük-
ken, aber er konnte aucih strafen. O. Müller har die Häufigkeir der Gewitter
in den Küstenstridren Etruriens aus dem sumpfigen Boden und der heißen
und ungesunden Luft erklärt. Die \fissensdraft von den etruskisd-ren Blitzen
ist bis 408 unserer Zeitrecbnang erhalten geblieben. Damals sdrlugen die ,,Ful-
guratoren" der Stadr Narnia vor, durdr dieses Mittel die Goten zurückzusdrla-
gen, die ihre Stadt und audr Rom bedrohren. Die Nadrkommen der Etrusker
stellten eine Bedingung: der Bisdrof Innocentius sollte ihre öfientliche Zere-
monie und ihre feierlid-ren Besc.hwörungen anerkennen. Allem Anschein nadr
zog man aber die Goten vor . . .
Im großen und ganzen blieb der Blitz in seinen versdriedenen Funk-
tionen eine Art ,,himmlisdrer Nagel", den jeder der neun blitzesdrleudern-
den Götter in die Erde einsdrlagen konnre, um diesen oder jenen seiner Ent-
sdrlüsse zu verkünden. Idr hatte das Glü&, dieses himmlisdre Morsealphabet
verlängern zu dürfen. Ais cernnac war aus seinem langen Sdrlaf erwadrt,
um mir einen ganz neuarrigen, den Auguren nidrt bekannten Donnerkeil zu-
zusdrleudern. Diesmal war er ein Zeidren des \(ohlwollens, ein sozusagen
lexikaler Blitz, durdr den Cernnac alle jene ermurigq die sidr von der ün-
frudrtbarkeit ihrer Bemühung nicht abhalten lassen, seine geheiligte Spradre
verstehen zu lernen.
Idr konnte über die Ridrtigkeit meiner Entzifferungsmethode nidrt mehr
im Zweifel sein; also betrat idr entsdrieden diesen '!?eg, obwohl ich wußte,
daß idr oft in Sdrlingen hängen bleiben und midr an Steinen stoßen würde.
Hier will idr nur nodr ein enrziffertes 'Wort erwähnen, weil es sidr dabei
um einen ganz wesentlidren Begriff in der etruskisdren Kultur handeh, einen
riötigen Angelpunkt des religiösen Lebens, das eng mir der Verehrung der
,,Sdratten" der Vorfahren zusammenhängt. Denn diese ,,Schatten", diese Ma-
nen, sieht man auf den Fresken der Gräber, wie beispielsweise der Tomba
Frangois, wo ein Opfer an den Sdratten des Paroklus dargestellr ist: end-
lidr spielr dieses Vort ,,Sdrarten" die größte Rolle in den Agramer Mumien-
binden. Auf eruskisc} heißt es hia. Gleidrzeitig ist es ein ganz albanisdres
\flort, nämlidr hie, hije; mit dem nadrgestellten bestimmten Artikel (genauso
wie im Etruskisdren): hija (M. 159) und mit dem griedrisdren skia verwandt.
Um das festzustellen, braucihen wir nur ein albanisches Budr oder eine
Zeitwg zu öffnen . . . z. B. die albanisdre übersetzung des Predigers Salomo,
Kap, VI, 72, wo gesagt wird, der Mensdr ,,verbringe wie ein Sdtatten", sbhon
si hie, die kurzen Tage seines Lebens. Spärer werden wir sehen, daß audr
das albanische Verbum shleon vollkommen etruskisdr ist und dorr den gleid-ren
Sinn hat. Der Beweis dafür wird drrdt scu2gie erbradlt, das i& den Agramer
38 Das etrnskisclte Problem

Mumienbinden (Kap. VI, 16) entnehme und das dem Ansdrein nadt ein Vort
ist, in I7irklidrkeit aber ein zusalnmengesetztes, ein Doppelwort; mit andern
Vorten: sbbu yie, ,,kommt (geht, zieht vorbei, usw.) o Sdratten!" ITir müs-
sen feststellen, daß der etruskisdre Ausdrud< scuTie einerseits und der
albanisdre shhon si bie andererceits sozusagen aus dem gleidren Material beste-
hen und den gleidren Sinn haben.
Nodr eine Bemerkung: das albanisdre hije bedeutet nidrt nur ,,Sdratten", son-
dern audr,,Bild; Ähnlichkeit; Gott", was uns sehr gut zusagt. ]ü(ir finden in der
albanisdren Grammatik von Mann (S. 106): i ba bijA nje bir rnbreti,,'(er) hat
das Aussehen des Sohnes eines Königs". (mbret kommt aus dem lVort impera-
ror.) Also bedeutete das etruskisdre hia audt ,,Bild, Ahnlidrkeig Aussehen".
\Vir können weitergehen, die Sdratten der Etrusker begleiten uns.

2, Meine Vorläwler

Meine Entzifierungsmethode kam folgendermaßen zustande: idr merkte mir


gewisse Anspielungen Bonnells, überprüfte sie mit Hilfe des von von Flahn
gesammelten Materials, und als idr daraufkam, daß die albanisdre Spracle dabei
von Interesse sein konnte, begann ic:h, midr mit dieser Sprache vertrart ztr
madren. Um mir eine Vorstellung von ihrem alten Kern zu madren, zog idr
das etymologisdre \üförterbudr von Gustav Meyer zu Rate. Aber einige Hin-
weise konnte idr nidrt übersehen. Jokl behauptet, daß G. Meyer zu weit ge-
'!?'ortstämme leugnete
gangen sei, als er das hohe Alter zahlreidrer albanisdrer
und sie als Entlehnungen aus fremden Quellen betradrtete. Dazu sagt Stuart
E. Mann in der Vorrede zu seinem albanisdr-englischen \7örterbudr (19a8):
'W'or[stämme,
,,G. Meyer verzeidrnet in seinem etymol Wörterbuch nur 400
deren indogermanisdrer Ursprung bewiesen werden konnte. Heute ist diese
Zahl mindestens auf das Fünffadre angestiegen . . . (G. Meyer) hat den größ-
ten Teil des überreichen angestammten Materials dieser Spradre übersehen ' . .
Seine Erkenntnis und seine Interpretation der indogermanisdren Elemente des
Albanisdren sind zugleidr naiv und nidrt beweiskräftig."
Einige Interpretationen albanisdrer \(örter durdr G. Meyer jedoch anerkennt
S. E. Mann als glänzend.
Daraufhin verglidr idr die Folgerungen von G. Meyer mit den Ansiclten
Kretsdrmers, Jokls und Vasmers. Das so gesiebte Vokabular konnte sdrließ-
lidr dem Etruskiscl-ren gegenübergestellt werden.
Es versteht sidr von selbst, daß dieser äußere Rahmen allein keinerlei Er-
folg verbürgte. Es war sdron außergewöhnlidr, wenn man von Zeit' nt Zeit
ein albanisc.hes \(ort fand, das ein genaues, auf wunderbare \üeise konservier-
tes Abbild eines entspredrenden etruskischen vrar. So war es beispielsweise
leidrt, gleidr auf den ersten Blid< in dem albanisc}en latt, ,,hodt, erhoben"
den sehr verbreiteten etruskisdren Eigennamen Larth zv erkennen. Die gleidre
überlegung gilt für n'rdntisd, einen eruskisdren Handelsausdrudr, sowie
für mehrere andere Glossen, die durdr Hesydrius und andere Autoren erhal-
ten geblieben sind. Später werden wir nodr id'ber mantisa spredren.
Mästens aber bestand ein beträd-rtlidrer Abstand zwisdren dem von mir
entzifierten 'S?'ort und seinem albanisdren Gegenstüdr. Bald entpuppte sidr
das etruskisdre Vort als eine \fortverbindung, wie paaa TarTies (Tarlies
hat gesehen) oder @wlwter (zwei betende Männer) und andere, die wir noch
Die Entzifferang 39

bespredren werden, bald wurde das's(ort infolge einer leidrren Abweidrung oder
geringfügigen Veränderung unkenntlidr, und das stieß auf den ersten Blid<
u-. Übtig"ttt dadrte idr sozusagen in den Kategorien der albanisclen
"tt.r
Syntax. Das Albanisdre ist aber dodr eine moderne Spradre, die eine lange
hinter sidr hat und aus vielen Elementen besteht; es wäre un-
Entwid<lung-".*".t.rr,
logisdr, daß ihre Syntax uns um 2500 Jahre zurüdrversetzen
könne. "o
Die etruskisdren Vörter ersdrienen mir häufig wie Nüsse aus gut gehäftetem
Stahl. \flie oft mußte idr darauf verzidrten, ihren !üiderstand zu brechen.
'wenn sie mandmal meinen zähnen nadrgaben, so geschah es nur mit einem
(idr wollte schon sagen ,,unheimlidren") Kradren, das midr immer entsetzte.
Man braudrte nidrt nur Konzentration und Willenskraft dazu, sondern überdies
audr nodr Intuition, also etwas sehr Ungewisses, das sidr leider weder befeh-
len nodr heraufbesdrwören läßt.
So sdrätzte idr midr glüd<lidr, unter derartig komplizierten Bedingungen,
die nodr dazu so wenig von meinem !üTillen abhingen, Pionierarbeit leisten
'wissensdrafr den \üreg bahnen zu können. Idr
und künftigen Eroberungen der
wußte, daß die Arbeit, die idr gleidrsam nur mit einem Tasdrenmesser voll-
brad-rte, von ihr mit Elektron enappat^ten fortgesetzt werden würde'
Zu Beginn meiner Arbeit glaubte idr in meiner Einfalt, ein epigraphisdres
Goldland entdedrt zu haben. Es erwartete midr aber eine unangenehme
überrasdrung. Idr hatte sdron mehr als die Hälfte der nun in diesem Budr
dargelegten 'lü(/örter entzifrert, als idr beim Studium der Gesdridrte der Etrus-
kologie, die ja bei allen Autoren eng mit der Bespredrung der Texte ver-
bundin ist, auf etwas lJnerwartetes stieß: mein Goldland war seit langem
entded(t und sogar sehr bekannt. Zahlreidre andere ,,Goldsudrer" waren
sdron vor einem Jahrhundert, vor fünfzig Jahren, vor dreißig Jahren dort-
hin gekommen. Sie hatten aber nadr einigen Spatenstidren dieses Gebiet für
unfrudrtbar erklärt und es wieder verlassen. Andere dagegen gaben ihrer Be-
geisterung Ausdrud< und sagten dem Land eine große Zukunft voraus' konnten
aber für diese Behauptung keine Beweise erbringen. Lerzten Endes blieb mein
Goldland verödet.
Idr hatte nicht gewußt, daß die Polemik um die eventuelle Rolle des Alba-
nisdren für die Erklärung des Etruskisdren so lebhaft gewesen war und daß
alle diese klaren und eindeutigen Hinweise übergangen worden und in Ver-
gessenheit geraten waren.
Zt meiner Verblüfiung erkannte idr, daß idr unbewußt einem vor langer
Zeit ergangenen Aufruf gefolgt war, daß idt nur eine seit langem in Um-
rissen vorgezeidrnete Arbeit fortsetzte, die vorzeitig aufgegeben worden war.
Nur erbringe idr diesmal unwiderleglidre Beweise in soldrer Menge, daß die
Möglidrkeit eines ,,Zufalls" oder eines ,,Zusammentreffens" ausgesdrlossen wer-
den muß. Darin liegt der Untersdried.
'werfen wir einen Blidr. zurüdr in die vergangenheit. Bereits 1877 sdrrieb
Ascoli, als er die Anregungen von Flahns weiterentwid<elte:
,,'Wenn jemand versuchen wollte, mit Hilfe des Albanisdren die miste-
riosissime Insdrriften der Etrusker zn entzifreff5 so könnte man gewiß nicht
sagen, daß er von weniger begründeten Voraussetzungen ausgehe als so viele
Gelehrte von anerkannten Fähigkeiten" (Zitiert von Petrotta in dem sdron
erwähnten Artikel).
1873 analysierte S. Bugge das etruskisdre Yort zivas (seiner Meinung
40 Das etruskische problem

nadr ,,lebend") und bradrte es in Zusammenhang mit dem Sanskritwort glzas,


dem litauisdren gyvtts, dem slawisdren ziva, usw. und merkte dabei an] da{i
die etruskisdre Pluralendung -ar, -er im dätirdr.r, wiederkehrr: srrrr, :
söhne (Elr. Forschangen und studien, IV. Heft, s. 52.). Z,rrammenfassend
sdrlolJ dieser Auror, daß das Etruskisdre eine indogermanische spradre sei,
was den ersten Sdrritt zur Annäherung an das Albanisäe bedeutete. ^
1887 lehauptete Moratri, daß die Etrusker, die Messapier und die
Albaner
aus Kleinasien stammren und bradrte das etruskisdre \rrärt ri(l),
,,,Alter,, mir
dem albanisdren Stammwo rt rri, ,,wadtsen.. in Zusammenhang.
1889 erklärte E. schneider, das Etruskiscle lasse sich mlt Hilfe des Alt-
albanisdren enrzifiern, nadr G. Buonamici aber ließ seine Anwendung dieses
Prinzips viel zu wünsdren nbrig. (Di alcune vere od apparente analägie
I'etrusco e I'albanese,1919, S. 82.)
fra

. 1906 gelang es A. Torp, einem dänischen Gelehrten, nadr einigen miß-


lllgg.".." Interpretationen, ein widrtiges etruskisdres Vort herausJ,.rschälen,
nämlid'r peaetx' das in den Agramer Mumienbinden in verbindunj mit dem
vort ztinum vorkommr, und er leitete daraus sehr klug ab, daß
ieoa2g ,,Ge-
!_11nk" bedeutete. (Etrushische Beiträge, II, s. 11.) di.r"r i"aogermanisdre
'wortstamm,
den man ebenso in den bältisdr-slawisdren Spradren indet (pi'o,
,,Bier"), als audr im Albanisdren (pi,,,trinken..; pioa, ,,itat g"tr.rrrk"rr..), hai
jedodr niemand dazu angeregr, untersudrungen in'dieser'nidriung
1909 hob Skutsdr in seinem bereirs erwäLnten Artikel Analoiien "rrrort"ll"rr.
zwisdren
dem Etruskisdren und dem Albanisdren hervor, ohne sidr lanf. dab"i a,rf-
zuhalten.
l9l9 trug Buonamici mit seinem ebenfalls bereits zitierten Artikel viel zum
verständnis des Problems bei. Er beridrtete von dem 'werk eines griedrisdren
Autors, Thomopoulo, der mehrere Berührungspunkte zwisdren iem Etrus-
kisdren einerseits und dem Albanisdren, dem Ätgriedrisdren, dem Hettitisdren
andererseits. gefunden hatte. Buonamici bezeidrn-ere die Arteit Thomopoulos
als ,,gewaltig", sein rtfissen als ,,außergewöhnlidr" und einige seiner verileiche
als-genial' Das waren aber wohl bloße Höflidrkeitsfloskeln, ä.rrr,
-"r, beäerkt,
daß Buonamici das Problem keineswegs als gelöst betradriet. Die von Thomo-
poulo zusammengerragenen Argumente haben ihn nidrt überzeugq und wenn er
darin audr ein Körndren tü(/ahrheit entdedrt, so findet .r" ridttlid,, d"ß
Thomopoulo seiner Beweisführung keinen wissensdraftlidren Anstridr a) ge-
ben verstanden hat. Er besdrloß also, die Arbeiten dieses Gelehrten wieder aif-
zunehmen, um sie der allgemeinen Beadrtung würdig zu gestalten.
In der Folge hob er selbsr mehrere dem Etiuskisdren urrd dem Alba-
nisöen gemeinsame Punkte hervor:
1. \üedrsel von ct zlJ e: Patruni, Petruni, irn Etruskisdren,; ambre, embre,.süß. im
Albanisdren' Die gleidren Beziehungen (in beiden spradren) zwisch,en 'a und, a,
e und j,' € ,snd u, i und I usw.. . .
2. Die sdron erwähnrte Endun,g -ak (wo Buonamici rumaT im Etruskischen nennt
und das al'banisd-r,e romah ibergeht).
3. Das -j am Ende des etrus,kischen Genetivs und das -s am Ende desselben Falles
bei den weiblid-ren Substantiven im Alban,isdr,en usw.
Aus_ all-diesen vergleichen zog Buonamici nur einen sehr vorsidrtigen sdrluß;
et stellte fest, daß zwisdren dem Etruskischen und dem Albanisdren-,,eine Ten-
denz zu analoger Entwicklung" bestehe, die entweder auf gemeinsamen LJr-
sprung oder auf ähnliches verhalten der zugrundeliegenden 'rütrört.r, der ,,so-
1. Die beiden toshanisclten \tr/ürfel, an denen so oft d.ie Entzffirung
der etruskischen Zahlen oersucht zpurde
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1':t4,,,*,r,,1tr!., ' ..,, l.,at:ti .

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2. InschriJt auf dern Sarleophag eines hoben Beamten aus Tarquinia,
(Die Inscbrift ist zweizeilig und zpurde zur besseren veranscbau-
lichung in eier Teile zerlegt)
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3. veno, die Götrin nit Jen entfalreten Flügeln. SieJ'i)hrt die ober-
auf'sicht bei einem Opf'er an die Manen cles ptttrolelus
Die Entzifferang 41

süati omoglotti preistorici" zurüd<zuführen sind. Er anerkannte jedodr, daß


das Albanisd-re ,,eine Materie für eine nützlidre Gegenüberstellung mit dem
Etruskisdren" sei. Das ist ebenso klug formuliert wie das Sdrlußkommuniqud
bei einer diplomatisdren Konferenz. Dabei blieb es.
Ein glänzender kurzer Artikel von Flammarström-Justinien in den Studi
Etrascbi (Band XI, S. 250) wirkte jedodr wie ein Donnersdrlag. Der Autor
hatte auf einer Opfersdrale eine kurze Insdrrifr gelesen, von der nur das drirte
'Wort zum Gegenstand einer Diskussion werden sollte:

(P. 488) ta @afna ra@iu cleusinll


Man wußtg daß ta ,dies", @afna ,,Sdtale" bedeutete und daß es
sidr bei dem letzten 'Wort um die Stadt Clusium handelte. Indem er eine
ähnlidre lateinisdre Insdrrift (,,ordo et cil)es Tarquiniensiurn") zitierte, inter-
pretierte der Autor das \(ort ra@iu als das Äquivalenr zu dem lateinisdren
ordo, ,,Linie, Ordnung" und im erweiterten Sinn als ,,Rar". Er stützte sid-r
auf die Ahnlidrkeit zwisdren dem etruskisöen 'Wort ra@ einerseits und rad,
radh (sdtwedisdr und dänisdr), rata (persisd.t), rad (ossetisd-r) andererseits,
die alle die gleidre Bedeutung von ,,Reihe, Ordnung" haben.
Also: ,,Das ist die Sdrale des Rates von Clusium".
Die Beweisführung war ridrdg. Nun wäre es nidrt mehr sdrwer gewesen,
auf das Albanisdre überzugehen, da in dieser Spracle dasselbe Vort als radä
(M. 106) ersdreint; aber niemand zog diesen Vergleidr, und der Zusammen-
hang wurde also nid,r aufgehellt. Dabei finden wir dieses ]ü(ort nodr in
anderen etruskisdren Insdrriften in der Bedeutung von ,,Linie". rWir werden
in dern Kapitel über die etruskisdre Religion nodr davon spred-ren.
In der Folge hebt der Autor die Existenz einer etruskisdren ,,possessiv-
endung" hervor (wie z. B. in dem Vort tular-u, ,,Grenze..), die man in
ra@iu, hin@ir usw. findet. \ü7äre man nodr einen Sdrritt weitergegangen, so
hätte man in diesem z den etruskisdten bestirnrnten Artihel erkanntf denselben
wie in der albanisdren Spradre, wo wir dusbb-u,,,die Eidre'., si-u, ,das Auge*
usw. kennen (in anderen Fällen ist es ein nadrgestelltes l).
Erwähnen wir nodr Jokl, der 1924 daraü aufmerksam machre, daß es im
Albanischen Konsonanrengruppen br, d.r, gr gibt, die dazu neigen, sidt nt pr,
t-r, hr abzusdtwädren, was sie mit den gleidren Ersdreinungen-bei d,en etrus-
hiscben Konsonanten verbindet. Aber Jokl ließ es dabei bewÄde.r.
Gleichlaufend mit der Frage des verhältnisses zwisdren dem Etruskisdren
und dem Albanisdren befaßte man sidr audr mir den Beziehungen zwisdren
dem Illyrisclen und dem Albanisdren einerseirs und den Spradren gewisser
italisdrer völker andererseits. Pauli behauptere, es bestünde eine enge ver-
wandtsdraft zwisdren dem Messapisclen, dem Illyrisdren und dem Albanischen.
Ribezzo erkannte widrtige übereinstimmungen zwisdren der venetisdr-japy-
gisdr-illyrisdren onomasrik und der der Albaner. Trombetti stellte fest, äaß
die illyriscle Rasse sidr über die ganze Apenninenhalbinsel vom Lande der
veneter _bis nadr Apulien und Kalabrien ausgebreitet hatte. Lattes gestand,
,,nidrt abgeneigt zu sein, die illyriscle Herkunfr dieser oder jener italisdren
Bevölkerung" anzuerkennen. (Bei Buonamici, L'interpunzione sillabica, stadi
Etruscbi, XVL 1942, S. 337.) Diese Worte zeugen von der Objektivität dieses
Etruskologen. Idr glaube nidrt, daß Lattes je hätte hinzufügen wollen: ,,Das
gilt niclt für die Errusker."
Devoto endli& war der Meinung, daß die ehemaligen Bewohner des pice-
42 Dds etrushiscbe Problem

mit den Etruskern vervandt waren und daß sie andererseits


nums einerseits
In diesem
(besonders die Liburner) der großen illyrisdren Familie angehörten.
Sinne wurden die Betracltungen Devotos in den Studi Etruschi, X'VI, t942,
S. 334*5 zusammengefaßt. Kurz gesagt heißt das, daß die Etrusker der illy-
risdren Familie angehörten, eine Tatsadre, die man nidrt einzugestehen wagte.
'War man nidrt gerade deshalb in einen Circulus vitiosus von 'Widersprüdren
geraten?
Als iü so die versdrlungenen Pfade der Etruskologie in der Vergangenheit
verfolgte, wandte sidr meine Aufmerksamkeit unwillkürlidr jenem unglück-
seligen Thomopoulo zu, der sidr einige Komplimente verdient hattg dann aber
von allen Etruskologen vollkommen vergessen worden war. Es kam mir der
Gedanke, einen Blick in sein Budr zu atn. Zv meiner Verwunderung fand
idr es in der französisclen Nationalbibliothek, einen didcen Band, der 1912
in Athen ersdrienen war; sein Titel lautete IACOBOU THOMOPOULOU'
PELASGIKA. In neugrieclisdrer Spradre gesdrrieben, vrar mir dieses Budr
fasr ebenso unverständlidl wie ein etruskischer Text. Mit \t(örterbüdrern be-
waffnet, sudrte idr aus diesem 'ltr7erk so viel heraus, als idr konnte. Jedenfalls
begrifi idr, daß dieser Autor mit Hilfe des Albanisdren mehrere etruskisdre
'S(örter entzifr.ert hatte. Zt meiner Enttäusdrung kam idr darauf, daß min-
'Wörtern, die i& bis dahin mit beredr-
destens ein halbes Dutzend von den
tigter Befriedigung als meine ,,authentisdten" Funde betradrtet hatte, sdron vor
+i Jahren genauso verstanden, ja sogar ,,hinter meinem Rüchen" veröffent-
lidri worden waren. Freilich konnte audr Thomopoulo auf \förter wie mantisa,
capys, ci (,,drei") oder lart, das er mit dem griedrisdrerr ypsistos,,,hödrster",
übersetzt, nidrt anders reagieren als idr.
- und diesmal mit aufridrtiger
Außerdem fand ich bei ihm Bewunderung
-
rund zehn etruskisdre 'Wörter, deren Bedeutung mir unbekannt oder zumin-
dest ungewiß söien und für die er eine gute Erklärung liefert- Idr madrte
mir alsJ sofort seinen Standpunkt zu eigen und werde das in der Folge bei
jeder Gelegenheit vermerken.
' Sclrließli& stellte idr nodr rund zwanzig zweifelhafte oder sdrledrt erklärte
'wörter fest, deren Übersetzung, wie Thomopoulo sie vorschlug, mir unan-
nehmbar sdrien. Er ließ sidr mandrmal von einfadten Konsonanzen in die Irre
führen. Auf diese 'Weise wurde ein so elementares \/ort wie @aura,,,Grab"
bei ihm ein ,,schwiegervater", weil er das griedrisdre daöt damit in Zu-
sammenhang bradrte. Er hatte audr geglaubt, in einem, Epitaph einen etrus-
kisdren BeÄten, ,dgorAnornos" (Maiktaufseher), erwähnt zu finden. Sdrade,
es war das Grab-ein.-r kl"itr"tr Mäddrens! Es gibt zwar'Wunderkinder, das gebe
idr zu, aber das ginge denn dod-r zu weit.
Thomopoulo ieijte dazu, die etruskisdr,en \flörter eher auf das Altgriedrisdre
oder auf das prahäll"nisdre Pelasgisdre zurüd<zuführen als auf das Illyrische-.
Darüber zu diskutieren, bin idr Ädrt zuständig. Ich will nur anmerken, daß
gewisse schwädren Thomopoulos Buonamici nidrt entgangen- srnd, aber
äi"re. h"r ja fast alle Vorschläge des Griedren übergangen, ohne die Spreu vom
'Sreizen ,orrd.rrr. Er hat ,oiut"g.tt das Kind mit dem Bad ausgegossen' Die
".,
Ideen Thomopoulos sind unrerm sdreffel geblieben. Trotzdem hat er einige
Dinge ridrdg g.sehett und war gewiß einer derVorläufer der authentisdren Ent-
zifiäng. Ei [r ,n hoffen, daß man das Studium und die Übersetzung seines
'\ür.rk", "-i"d., aufnehmen oder wenigstens eine ausführliche Zusammenfas-
twert der vermurungen Thomopoulos
sung davon madren wird. so könnre der
Die EntziffeTang 43

offenbar werden, denn meine ,,Erkennmisse" auf diesem speziellen Gebiet sind
ja reidrlidr oberflädrlidr.
Eines steht fest: sdron Ascoli, Bugge, Jokl, Thomopoulo und Hammar-
ström hatten im Albanisdren den Sdrlüssel zur etruskisdren Spradre vermutet,
ja nodr mehr, sie hatten ihn hervorgeholt und ihn jenen, die sidr mit dem etrus-
kira* Rätsel besdräftigten, gezeigt und sogar angeboten. Man ging darüber
hinweg und übersah alle diese Anregungen. Man zog es vor,' die Lösung in
einem lagen Altägyptisdren, im Iberisdren usw., zu sudren, oder man erklärte
ganz einfädr, das- Etruskisdre lasse sidr durdr keine andere Spradre deuten.
Die kombinatorisdre Methode, die auf den inneren Gesetzen aufbaut, konnte
aber keine Erfolge zeitigen, da ihr eine genügend breite lexikologisdre Grund-
lage fehlte. In der vorliegenden Arbeit will idr nun gerade diese Basis ver-
bräitern und so den Veg für die Entzifferung des gesamten etruskisdren epi-
graphisdren Materials gangbar madren. Das wird aber nod'r viele gemeinsame
Ättit".trg,rttg.n der Etruskblogen, Albanisten, Latinisten, Hellenistea und der
Fadrleute d"- Gebiete der ostindogermanisdren Spradren und der Spradren
"nf verlangen.
des Kaukasus
Die etruskisdre Baitille ist erstürmt. Bedenken wir aber, daß die Einnahme
der Bastille nur der erste Sdrritt zu einer neuen Ordnung war.

Abb. 3a. Geflügelter Blitz, etuskisches Symbol des Gottes Tinia, ais cemnac.
II
VORBEMERKUNGEN ZU DEN ETRUSKISCHEN ZAHLEN

\7enn idr nun an eine Reihe von Themen herangehe, die das tägliche Leben
der Etrusker im Spiegel ihrer Texte zeigen sollen, muß ich zunädrst einige
allgemeine Begriffe darlegen, namentlidr die Zahlen.
Dieses Gebiet ist verhältnismäßig trocken; man muß es jedodr durdrqueren,
um dann in das Land zu kommen, wo Mildr und Honig fließen. Da das Pro-
blem der Zahlen ziemlidr verworren ist, werde idr hier hauptsädrlidr Anregun-
gen bringen. Dazwisdren werden wir uns aber aud-r gleidr mit mehreren an-
deren Begriffen besd'räfrigen, die von historisdrem, religiösem und literarisdrem
Interesse sind.
Verstreut in den etruskisdren Insdrriften erkennt man eine Menge Zahlen,
doch ist ihre Identifizierung nach wie vor sdrwierig. Die ersten sedrs Zahlen
bilden eine Gruppe für sidr. Man findet sie nidrt nur auf den Grabsteinen
(wo das Alter des Verstorbenen oder die Zahl seiner Kinder angegeben ist)
oder in den Agramer Mumienbinden (wo zum Beispiel die Daten der perio-
disdr wiederkehrenden religiösen Zeremonien verzeidrnet sind), sondern audr auf
den etruskisdren Würfeln, von denen mehrere Exemplare in Etrurien aufge-
funden wurden. Auf einem Paar \(ürfel, die man \flürfel von Campanari
oder \üürfel von Toskana nennt, hat man an Stelle der gewohnten Punkte
die folgenden sedrs 'Wörter gefunden, die idr in alphabetiscler Reihenfolge an-
ordne und die, in nodr unbekannter Aufeinanderfolge, den Zahlen 1,2,3, 4,
5 und 6 entspred-ren:
ci, hu@, may, 'sa, @w, zal.
So betreten wir denn, statr uns auf die Mathematik zu srürzen, zunädrst
das Gebiet der Spiele, die bei den Etruskern sehr beliebt waren. Sie gaben
ihnen audr mandrmal nodr einen besonderen Sinn und erforsdrten auf diese
rü7eise den S/illen der Götter. Horaz erzählt sdrerzend, daß ihm eine
alte
Samniterin seine Zukunft aus ihren \fürfeln vorausgesagr habe, die sie in ein
kleines Horn rollen ließ. Die \(ürfel entsdrieden audr bei einem Gelage, wer
den Vorsitz führen sollte. Das war freilid-r ein vergänglid'res Amt, dodr inso-
fern widrtig, als dieser Tafeldiktator fesrlegte, wieviel jeder Tisdrgenosse
trinken durfte. Es ist aber zu hoffen, daß man nicht zu derselben Me-
thode griff, wenn es galt, einen Lukumonen zu ernennen, Im Grunde wird
man wohl im Lärm der Sdrenken mit der gleiclen Gelassenheit \fürfel gespielt
haben wie heute. Dabei trank man den guten \7ein aus Luna, den adrette Kell-
nerinnen servierten, von denen wir nodr spredren werden. Man spielte, ohne
zu ahnen, daß dereinst Etruskologen auf diese kleinen Kuben ihre kompl!
zierten Beredrnungen aufbauen würden.
Die uns zur Verfügung srehenden \fürfel sind also nidrt alle von derselben
Art. Auf dem vürfelpaar von Aurun wurden folgende etruskisdre '!ü'örter
gefunden:
i oa est urti. caius tsolote
Die Zahlen 45

schließlidr gibt nodr dreiArten vonlürürfeln, die - wie unsere heutigen -


es
punht, 1 bis 6 an der Zahl, aber versdrieden angeordnet. Und alle
"uf*är.rr,
äi.r. V"tL*en firrdet man auf rurrd \rürfeln! 'Wenn man diese nadr der
".htt
Äi""frf der punkte auf den einander gegenüberliegenden Flädren einteilt, er-
*;t-t;;Je;i
kennt man folgende drei Arten:
s; 3 und 4. Die Summe der gegenüberliegenden zahlen
ist immer sieben;
""d
b) 1 und 2;3 und 4;5 und 6;
.j e"f einem einzigen \gtirfel sieht man 1 und 6; 2 und 4;5 und 3' (Buo-
*t;;;ffi,
namici, EPigrafia etruscd, S. 406')
aus der Toskana? Das ist die Frage.
Är. g"hor.r, die vürfel
eines langen
Nadrstehend ein-e graphisdre Darstellung dieses Gegenstand.es
und erbittert.r, rr"-piär, an dem sidr äie Etruskologen aller
Zeiten be-

teiligten:

o\)
og
\h q,\ % .nh$
q
.\h$
tzo $8
4 Abb. 4
?o<

UnsereAbbildungisteinvereinfadrtesBilddieser\[ürfel,wobeidieetrus-
wurde' Es fällt
kirdr" Sd,r;ib"rt a""ra "ii. üt.iira. Transkription ersetzt in der_ gleidren
;i;;; t* Ä;J","a"r ";;;, v;;;ia,.^uf .beiden
!7ürfeln
;dÄ;;; s;'Ä'.i"u.r, irr,;zit"*ä ai" saiir"idrtune.aller, ubll*13*lt"-Y-t-1-
könnte' womlt
,.1t. D"t"'* sdrließt man, daß dieses mav,,,eins" bedeuten
g1*ontlidr beim Numerieren der \üürfelflädren begann'
-""
-nrä bringen wir audr die beiden Ansidrten eines \üürfels von Aurun:

Abb. 5

twörter ist uns nidrt zugänglidr", aber


Buonamici sdrreibt: ,,Der Sinn dieser
U"-"rt r, daß sie sich ganz nadrlidr in eine Reihe ein-
-vorhergehende.
";h;;-;;;tri""r
ära"ö *" jä", vorr ia"g", irr als das .Die.
zahlen ihrer
i"ärr"u." bilde. eine arithäetirche Reihe, so daßsidr ergibt: i entspridrt 1,
'Worten' \(örter ver-
diese
;;1, ;; 3, orti 4, caius 5' oolote 6' Mit anderen Vokabeln wird am Ende
sinnbildlicien die ersten seÄ s Zahlen. Der Sinn dieser
ä.r*T;;i;;| werden, dodr ändert" er nidrts an ihrem Zahlertwet'
""fg"ktat.
Mankannnodrhinzufiig"',d"ßdiese.s(ürfelvonAutunnadrderBudl-
;rrb;;;;. auf den geg"enüb.rli.genden Flädren in die Kategorie a) fallen;
sie ist nämlidr immer 7.
46 Das etruskisdte Problem

Die tibrigen bekannten, aber nidrt mit Sidrerheir festgestellten Zahlen sind:
sernf (7?),
:e.?4 ß?);yurt'-Q\. Die Zehnerzahlen weräen durcl-r die Endung
-.aly ausgedrid<tz cialT cealT- (30?), sealy (40?) sernlalT (70?), cezpati
(8.0?), muoaly -od,er
Man hat_-aJy mit, dem'-liiauiidren'-riä,.in., rndurri
,Q0?).
Iür-Zehnerzahlen, verglichen. Die 10, die Zahlen von 11 Li, 19, 50, 6ö
und 100 sind nidrt als solöe erkannt. Die meisten Auroren halten ci für
3 yn! ceql4 für 30. Die_einzige, wirkridr anerkannte zahrist za@iurn,20.
Die Addition der Einheiten vorr 1 bis 6 geschiehr durch Aneinanderreihung.
So hält man cii ceah(l!.(im G-enetiv) flr ,,(von) 33,,. Nadr Torp füit
man aber 7, 8 und 9 nidrt auf diese T/eise hitru. st"tt 17. lg und 19
sagr man: 20 3, Z0 2, 20
e 30 - 2,30 -1. Das - 1.uns
erklärt
Ebenso sagr man srrt; 27, 2g, 29:
warum es neben i;i ,iotyß
(33)- (Altersangabe
?O - - verstorbenen) nodr nun,
eines eine andere verbindung derr"l-
ben zahJ,en gibt: ciem ceal2gli(in den AMB). Da die prrut -eÄ ein Ab-
ziehen bezeidrnet, haben wir hier:30 Stelle in"tden AMB gibt
ein Daturn an. Da es ja keinen 33. Tag- 3 lzil.Diese
Mo.r"t, gibt, müssen wir hier
annehmen, daß der 27. gemeint ist, und das "irr.i
um so mehr, ai.r"Z"ii"n -"ndr-
mal neben Namen stehen, die auf Grund der Glossen "i,
Morr"t.rl-.r, ..k"nrrt
wurden. Im ganzen gibr es aber nur drei zahren,"i, die man t
@a ci, zal Mit dem substraktionszeidren ersdreinen sie ars "lr;.ir.n
oi-ir*, ,ir*,
"rr.,
eslem: mints eins, minus zwei, minus drei. Daraus sclloß man,
d.aß @u, ci, zal
in einer bestimmren Reihenfolge l, 2 und 3 darstell.r, Ätirr.rr.
- \fie -
aber müssen sie angeordnet-werden?
. Man stellt fest, daß in den Grabinsdrriften nadr d,en zahlen ci und zal
das r(ort ,,Sohn" im Plural stehtz clenar (statt clan), *ob"i -i, Jas plural-
zeichen isr. Daraus sdrließt man, daß jede äieser beiien zahren
mehr als eizs
bedeuten müsse. Somit aber färlt die nbfle der zahr eins dem ulort
,u.
\fie soll man nun die zahlenwerre von ci und zal besümmen?@, Die Zahl
ci kommt in den AMB häufig vor, besonders im Kapitel VII, aus d"-
die Besdrreibung gewisser Riien herauszulesen glaubt. D"rao, ,irli.tt, -"r,
c.; eine geheiligte
Zahr sein dürfte. Man ieiß, aar Jr. ntrurt
-"r\
laß
lore stadr den ", a."i
Jeder Göttern weihten und daß ihre Tempel häufig dreigeteilt
waren. Das sdreint auf den Kult einer göttridren Dreiheit hinz,r*Ä.rr,
,ä a"r
man daraus wohl ableitenlann, daß ci-,drei" bedzutete. r"r""
J.r."gr also zu:
@! : 7, zal: 2, ci : 3, dann wären @unem,,minus 7,,, eilem,,'minus 2..,
ciem ,,minus 3". \flenn man nun die Regel .,ron der zähl"n uÄ^"
den gegenüberliegenden
z
arr*errde"r, dann erhält man: ia ^ut
nq( - 5, bw@ : 6. unser \flürfel aus Toskana sieht also, nach rorp4,
-Flädren
und rrombetti und nadr der in der Etruskologie allgemein h.rrr'.rr.rrd.r,
an-
sidrt folgendermaßen aus:

+ 5 3
6
2
Die Zahlen 47

Dennodr muß idr bemerken, daß mir gleidr von allem Anfang an diese
ziemlidr willkürlidr ersdrien. Nadr Skutsch könnte die Mittelstel-
Auffassung-des
'Warum sollte
lung, die may, nur von 1 oder 6 eingenommen werden.
man 5 dorthin serzen? Auf den vier Fläclen des lfürfels rund um diese 5 herum
wären dann die Zahlen 1, 3, 6 und 4 angeordnet. Von weldrem Gesidrtspunkt
ausgehend? überprüfen wir docl einmal die Zahl @u wd untersuchen wir die
Unterlagen, ob ihrlü(/ert ,,eins" audr gesidrert ist.
Da gibt es zunädrst einmal ein Relief, das zwei Männer darstellt, die wie
zwei Soldaten bei der Parade starr nebeneinander stehen. Daneben be-
findet sidr eine kurze Inschrift (P. 208, CIE 5180) @wluter (A).
Gleidr zu Beginn meiner albanisdren Studien lernte idr, daß lus ,,beten"
bedeutet und daß dieses Verbum eine medial-passivisdre Form, lutem, hat,
während ,,derjenige, der betet", lutös heißt (M. 453). Im Etruskischen mußte
das lwt, im Plural lwter, heißen und daraus ergibt sidr fid;r @ulwter die Be-
deutung: ,,zwei Betende", ,,zwei Männer im Gebet".
Diejenigen, die @u fiir I halrcn, könnten einwenden, daß @u hier eine
gemeinsame Handlung dieser zwei Personen andeute, so wie tnit in dem dev-
sdren l7ort ,,Mitglieder". Die Frage ist also nodr nidrt entsdrieden.
Untersudten wir nun eine etruskisdre Insdrrift aus dem III. Jh. v' Chr., die
in die \(and einer Gruft in Perugia eingraviert ist und von der nur die ersten
\üorte für uns bei dieser Untersudrung über die Zahlen von Bedeutung sind:
(P. 619, CIE 4116,) ceben su@i hin@iu @ae!; si'an! etoe @awre. . . (A).
Es ist der Anfang eines Invenrars der in der Gruft vorhandenen Dinge, das
einen Museumsdirektor zufriedengestellt hätte, der bestrebt wäre, die Neugier
seiner Besudrer mittels eines soldren Ansdrlages zu befriedigen, ihnen aber
gleidrzeitig zu verstehen geben will, daß die ausgestellten Gegenstände unter
strenger überwadrung stehen:
ceben: Thomopoulo hat in diesem Wort das al anisdre beha, hehan, ,,hier, hieher'
erkannt (Pelasgika, S. 547). Idr'6nde das \üort in derselben Bedeucung bei Mann:
khä, hebä (s. re7).
su@i: .irab,6ra stätte"; i am Ende ist ein nadrgestellter bestirnmter Artikel,
wie im albanisdren: mal, mali, Eerg".
"der
hin@iu: dieses Wort läßt sictr aus dem oskisdr-umbrisdten bondomu, ,,unterer"
erklären, davon hunte, Hondo, ein drthonis&er Gott; aisna hin@u s'ind die Götter
der Unterwelt. Hier handelt es sidr um ein anterirdiscbes Grab.
'Wort @u im Genetiv.
@aei: hier haben wir unser "von
zwei(en)?"
sian!: ßteht aus zwei \[örtern': 1) si i,st das al,banisdre "ihr (fem. sing'), von'ihr"
(M. a5Q; 2) ani ist das albanisdre anä, .Seire'rnit dem i des Genetivs (M' 7)'
' @uei'sian! bedeutet a,lso .von, seinen, zwei Seiten"' \(ir wollen vermerken, daß
irn Albanis&en anä ein von G. Meyer anerkan'ntes Grandutort isr.,
Die große Bedeutung des \(ortes anö in den etruskisdren Insdrriften
zwingt uns hier zu einer kurzen Absdrweifung. Dieses alte illyrisdre \flort fin-
den wir auf einem Fresko im Grab der Insdrriften von Tarquinia wieder,
das idl hier nadr Luigi Canina (L'Antica Etruria Marittitna, 1851, mv.
LXXXVII) abbilde.
Die \üände dieses Grabes sind mis adrt Fresken gesdrmüdrt, die zu ie zweien
angeordner sind. Sie stellen Spiele und sportlid're rüTettbewerbe zu Ehren des
Toten dar. Es herrscht reges Treiben; Reiter lassen ihren ungestümen Renn-
pferden die Z;ilgel sdrießen; man sieht Box- und Ringkampfszenen. Inmitten
ä|| di"..r Getriibes, auf einem eigenen Fresko, sehen wir eine etwas steif
6Nl ll31
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\l/
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Abb. 6. ,,Lege (d.as) zu d.en Göttern"

dastehende, bärtige Gestalt; übrigens ist dieser Mann sdrledrt gezeidrnet, denn
sein linker Arm sieht aus wie ein \6nkeleisen. Er dürfre der Zeremonien-
meister sein, der gerade einem Diener oder sklaven Befehle erreilt. Dieser
kommt mit Lorbeerzweigen dahergelaufen, mit denen wahrsdreinlidr die sieger
gekrönt werden sollen. Neben dem Kopf der bärtigen Gestalt steht eine kuize
Insdrrift. soldre gibt es sehr viele in diesem Grab, aber sie sind augensdrein-
lidr bald nadr der Entded<ung des Grabes (1827) ver{allen und ersi zu spät
wieder abgesdrrieben worden. Daher sind sie sdrwer lesbar. M. Pallottino führt
nur eine an, die einer Opferszene beigefügt ist. Der Text zu unserer Abb. 6
hat allerdings verhältnismäßig wenig gelitten.
L. Canina liesr ihn ffu oeiiiuaniies,. im CIE 5332 steht er soi ve . . . aniies;
dodr kommt, glaube idr, nadr ve eine Silbe ce. ITie dem audr sei, der Sinn
der Insdrrift ist klar: ve oder veii ist das albanisdre Verbum ze, ,,stellen,
legen", ,,stelle, lege" (M. 547); ie mit dem bestimmten Ardkel iu isr das
albanisdre hie,,Götter", ltiu,,die Götter" (M. 159); das b am Anfang ist im
Illyrisdren ohne Bedeutung; anies sdrließlidr ist das \flort, das uns vor allem
interessiert und das immer den Casus obliquus von anö, ,,Seite" darstellt.
Unser kurzer Satz bedeuter also: ,,Lege (das) zur Seite der Görrer", das heißt
,,neben die Statuen der Götter." Der Diener hat hier nidrts zu antwortenl aber
in anderen, daneben abgebildercn Szenen 6ndet man ein Frage- und Antwort-
spiel voll Humor und Charakterbeobadrtung, wie wir in den folgenden Kapi-
teln sehen werden. Man kann sidr nidrts \Tunderbareres vorstellen als diese
unbefangenen, aus dem Leben gegrifienen Dialoge, die die \(ände dieser Grä-
ber freundlidr gestalten und uns mitten in die etruskisdre Stadt und ihr All-
tagsleben geleiten.
Nun können wir unseren anfänglidr behandelten Satz aus der Insdrrift
von Perugia wieder aufgreifen:
etae: idt lese dieses\(ort für edae, denn das etruskische z steht oft an Stelle des u,
so wie audr @ und r abwedr,seln. Dieses \trüort hängt also mit @u zusammen; hier
haben wir tue, @we, die Femininform von @w, ,zwet' vor uns. Rufen vrir una in
Erinnerung, 'daß z. B. in d,en, slawischen Spradren diese Zahl zwei Gesdt,ledrrer hat:
doa im Maskulinum und doe (daie) tm Femininum. Das anlautende e von etoe ist
en'tweder prothetisdr (wie 'das e von eslem z. B.) oder eine Kony'unktion, ound'.
Die Zablen 49

@aare: ,Gräbero, ein Wort, das wir bereits kennen5 im Plural.


Der ganze Satz heißt also deutlidr: ,,Dies ist eine unterirdisdre Gruft.
An zweien ihrer Seiten befinden sidr zwei Gräber. . ." Diese Interpretation
wird durch eine Skizze bekräftigt. Beim Nadrsdrlagen in einem Beridrt über
diese Grabungen von Perugia von G. Conestabile fand idr als angenehme
überrasdrung den Plan dieser Totengruft:
Ei ngong

Conestabile sdrreibt: an den Längsseiten der Gruft sieht man zwei (Grab)-
nisdreq die einander gegenüberliegen.
Soll man da nodr eine eventuelle Bedeutung ,,ein, eine" f.ir @ue, tve stJ'
dren? Doclr @aure steht im Plural und wir dürfen aus Sorge um Objektivität
keine unwahrscleinlidren Lösungen annehmen.
Einem albanisdren Gelehrten zufolge wiSrde etoe ,,der Eltern" bedeuten, ab-
geleitet von dem Vort at, ,,Yater" (cf , malaoe, maleoe).
'!ü7ir
wollen nodr zwei andere Fälle, wo die Zahl ,,zwer" vorkommt, beadr-
ten, den einen aus dem etruskisd-ren ldeenbereidr, den anderen aus der illy-
risdren Toponymie.
a) In einer Grabinsdrrift aus Vulci (P.324, CIE 5315) wird von einem ade-
ligen Etrusker berichtet, wie oft er in seinem Leben das Amt des Prytanen
ausgeübthat @unz ptttsodnd. @unz heißt dodr offenkundig ,,zweimal",
denn wer hätte s&on hervorgehoben, daß er dieser Ehre nur einmal teil-
haftig war?
b) Von Hahn und andere Autoren zitieren einen illyrischen Ort, der Dimal-
lum heißt, was sich aus ,,dy-male", ,,zwei Berge" erklärt. Es wird dodr nie-
mand den absurden Namen ,rein Berg" erfinden.

*"1&*oroo
uE
d"s
\c
\a
.l -l
l2
Abb. 7. ,,Heiliger Rdum" der Etrusker (Fragment nacb M. Pallottino)
4 Eruskcr
50 Das etraskisdte Problem

Sdrließlidr müssen wir nodr bei einem besonders inreressanren Fall des etrus-
kisdren @u verweilen, wo nämlidr diese Zahl in dem Namen einer Gottheit
@ufl@a vorkommt. Dieses Problem ist voll Doppeldeutigkeit. '!?'enn wir
@ufl@as erwähnen, stehen wir vor einem halben Dutzend Gottheiten, die un-
tereinander verwandt und vielleidrr ehemals nur versdriedene Hypostasen der-
selben göttlidren ,,Einheir" waren. . . Es sind dies: Janus (etruskisdr Ani),
Culsan, Cul3u, Cul (alp), @u{\@a.
Ani-Janus-Bifrons, der Gotr mit den zwei Gesidrtern, erinnerr wohl an eine
sumerisdr-babylonisd're Gottheit, den Torhüter, der vor Shamash, der Sonne,
die Tore des Himmels öfinet. Audr der römisdre Janus ist ein Torhüter, denn
sein Name kommt aus dem lateinischen janua, ,,Tir, Tor", insbesondere ,,Tor-
bogen". Es müßte sidr also um eine lateinisdre oder italisdre Gottheit handeln,
die von den Etruskern übernommen worden war. Da eine Tür gleidrzeitig Ein-
und Ausgang darstellt, so war er der Gott allen Beginnens und allen vollendens.
\ach Nggara und anderen Autoren ist CulSan der etruskische Janus.
'\üTahrsdreinlidr
ist er es, der auf der Bronzeleber von piacenz4 diesem ,,Al-
manaclr" der etruskisdren Götter, unrer dem Namen cvl alp aufsdreint. Aber
Ani und culSan in versdriedenen spalten sowohl dieser Leber als audr
stehen
des_sogenannten ,,heiligen Raums", einer Ärt etruskiscler sfeltharte (Abb. z).
rflährend der erste von den beiden Göttern einen Platz neben den hohen
himmlisdren Gottheiten Tinia und Juno einnimmr, stehr der andere unter den
Göttern des sdridrsals und der unterwelt. culsu ist eine Hüterin an den Toren
der unterwelt; es ist widrtig festzustellen, daß sie weder auf der Leber nodr
auf der Karte erwähnt wird. Merken wir jedenfalls, daß cul3an ein doppel-
gesidrtiger Gott ist, ein Janus, wie eine Bronzesrarue beweist, die folgende
Insdrrifr trägt:
(P.640, CIE 437) o cainti arntiaS cullanil alpan turce
Man übersetzt: Velia Cvinti, Gattin des Arnth, dem
CulSan (dieses) Opfer (?) hat gegeben.
turce (.!r) ist das Perfektum des etruskisdren Verbums,
das dem albanisdren dorzoj, ,geben" (M. 81) und
d.buroj,
"sdrenken"
(M. 93) entspridrr. Die etruskisdre
Aoristendung -ce (svalce, lupuce, zilayce usw.) findet
man in mehreren unregelmäßigen albanisdren Verben
wieder: thacö, ,,gabn, mbetge si gar, .idt wurde wie ein
Stein" (Dozon, S. 85). Es isr audr im Altslawisdren die
Endung für eine vergangene Zeit; hooashe, ,sdrmiedere",
pojashe, ,,sangen", usw. (Das Heldenepos vom Prinzen
Igor avs dem XII. Jh.).
Deedre betradrtet @ufl@a als eine Göttin, die ,,heilt
und segnet", und vergleidrt sie mit der Göttin Erde, Ops,
,Säerin", während Janus selbst ebenfalls den Titel
Abb. 8 .Sämann" trug. Die Form @ufl@a findet man weder
auf der Bronzeleber nodr auf der ,Karte". Dort steht
@ufl@as. Sollte das der Genetiv desselben Namens sein? Götternamen sdreinen
dort sowohl im Nominativ (Tin, Le@n) als auch im Genetio (Tins, Le@ns)
auf. Ansonsten könnte es vielleidrt ein nidrt näher bekannter Gott sein.
Untersudren wir kurz einige Insdrriften, auf denen die Göttin @afl@a aü-
sdreint:
Die Zablen 51

a. (P. 652, CIE 446). Votivinsdrrift an @ufl@as (im Dativ) auf einer klei-
nen Kinderstatue.
b. (P. 558, CTE 2341). eiseras @ufi@i cver, ,,der Göttin @ül@a, dem
Sdratz (des Tempels)". \[ir werden das 'tü(/ort coer später nodr sehen. Diese
Insdrrift steht auf einer Statue, die einen nadrten Mann mit einer opfersdrale
darstellt, der gerade ein Trankopfer darbringt (Gori, Museum Etruscorum,
1737, Taf . C).
c. (P. 740, CII 2603 bis). aiseras @ufl@icla trutoecie,,,der Göttin @ufl,@a,
ein Anruf, der Hüterin des Glaubens (?)". Iü nehme an, d,aß cla aus dem
albanisdren Verbum hlaj, qaj,,,sdrreien, beim Namen rufen" (M. 199 und 411)
erklärt werden kann. Das vort trutztecie werden wir später studieren. Diese
\7id_mung steht auf einer Sratue, die eine sdröne junge Frau mit griedrisdrem
Pro6l darstellt, deren redrre Fland eine wahrsdreinlidr anbetende Gibärde aus-
führt. (Annali dell'Instituto ardreologico, XXXIII, 1861, Taf. T.)
Man ridrtete also an @rfl@a Gebete um das rüTohlergehen von Männern,
Frauen und Kindern. Das Leben eines Kindes war immer ein wirklidrer An-
fang.
d. (P. 447). Eine Vidmung an @ufl@a, in der eine Frau, @ania Cencnei,
die_ Göttin @ufl@al cetazna (aus Clusium) anfleht: !;uo lusi (A), ,,sieh (mein)
Gebet"; wir erkennen darin zwei sdron bekannte 'wörter: das etruskis&.e
und albanisdre sbov, (shol), ,,sehen" und lus, ,,Gebet" mit dem bestimmren
Artikel.
e. (P. 65a). I7eihe eines Kandelabers an die Göttin @ql@a3 (aus Clusium?).
f. (P. 149). Votivinsörif t @afl@as cver aluf. einer Bronzelanze.
\7ie dem audr sei, wir müssen hervorheben, daß auf der Karte der etrus-
kisdren \üüelt der Name @ufl@as zum Teil in der Spalte der Torbüter, ztm
andern Teil aber bei den Himmelsgottheiten und direkt neben Ani-Janus ein-
getragen ist. Diese Nacbbarscbaft bestät;gt, daS diese Gottheit za d.er Farnilie
der Bilrons gebört. Es isr aber bemerkenswert, daß weder die Göttin @u{L@a
nod-r audr Cul6u jemals doppelköpfig dargestellt werden. Diese Ehre ist da-
gegen einer männlidren Gottheit vorbehalten, die auf zahlreidren Münzen der
etruskisdren Stadt Velathri zu sehen ist: auf einer Seite befindet sidr ein
Delphin, auf der anderen ein ausgeprägter Bifrons.
Im Museurn. Etrascorum von Gori findet man
die beiden anderen Geldstücl<e der Stadt darge-
stellt, und zwar wieder mit einem Bifrons. In
einem Fall sind es zwei bärrige Gesid-rter, im
anderen zwei junge (Taf. CXCVI, I und II). rüfler
war dieser Gott? Ani, Culdan oder vielleiclt ejz
@ufl@a, denn wir kennen ja sd'ron ein derartiges
Paar, nämlidr CulSan und CulSu? lx/ar @afl@a
insbesonders eine Besdrützerin der Muttersdraft?
\7enn audr all das unklar ist, so läßt sich doch der
Name (oder eigentlidr Beiname) @$l@a-@u{l@as
Abb. 9 vollkommen aus dem Albanisdren erklären:
@ufl@as ist @u-fl@as
Dieses I ist ein ä (bh), wie in den l(örrern Frontac
- bronte.
Also: Du-bl@as.
Da heißt,,zwei".
bal @ asb heißt im Albanisdren,,stirnseitig, Stirnen".
52 Das etrushhdte Problem

Das Vort ,,Stirne" existiert im Albanisdren in zwei Formen: ball, masku-


lin, und ballö, feminin; davon kommt bäj ballö, ,,Stirne bieten"; ballaballö,
,,von Angesidrt zu Angesicl t" ; b allinö,,,Vordergiebel" ; b allab allö t,,,enrgegen-
gesetzt(', wober ballet dieses Hauptworr im Plural ist (M. 18).
Die Endung avf. -asb in @'rfl@alr ist die des Ablativ Pluralis. So von
dega, ,,Zweig" degasb (Mann, Gram., S. 5O). Vom Substantiv balläz (Diminu-
tiv von balle, M. 18) käme ballözash (baldzash, das sidr wahrsöeinlidr zu
-bl@ai, -fl@as konttahiert hat).
Du-bal@as ist Bi-frons.
Janus-Bifrons in Person.
Daß ein Name dieser Art tatsädrlidr bestehen konntg wird durdr eine
Analogie bestätigt, nämlidt durdr den Namen des sdron erwähnten thrakisdr-
illyrisdren Volkes Triballoi, der Leute aus dem gebirgigen Gebiet der ,,Drei
Stirnen (Drei Gipfel)".
Da stehen wir also unmittelbar vor dem Ursprung des lateinisdren Bifrons,
der, bei aller Adrtung, die man ihm zollt, nur eine übersetzung aus dem
Etruskisdren war.
Das sind nun unsere positiven Beweisstüd<e zugunsten der Gleidrung
@u - ,,zwei. Man kann dodr ein negatives hinzufügen. Es handelt sich um
einen Satz aus den AMB:
@unetn cialyui etnarn iy eslem cialyul @anal (XI, 17)
Man kann darin zwei Daten ausnehmen, und es besteht kein Grund anzu-
nehmen, daß zwei versdriedene Monate verstanden werden sollten. In dem
ersten Datum, @unem cialyus, sollte nadr Trombetti und seinen Vorgängern
@il. ,,eirts" bedeuten und wir hätten hier somit ,,30-1", den 29. des Monats.
An diesem Tag tritt ein Ereignis eint etnam i.y, Vy'ir werden sehen, daß das
bedeutet: ,,Die Vorfahren gehen fort." Aber das Ereignis selbst interessiert
uns augenblicklidr nidrt. Nun folgt das zweite Datum: eslem cialTus, an dem
sidr etwas anderes zutragen soll, was unklar bleibt. Dieses zweite Datum wäre
nadr Trombetti (da eslem ,,minvs 2" bedeutet) ,,30 2", der 28 des Monats.
'Warum sollte der 29. vor dem 28. stehen?... 'Wäre- es nidrt natürlidrer, daß
der 28. (@unem cialyus) vor dem 29. (eslem ciafuas) erwähnt würde, was
eben dann zutriff.t, wenn wir @u : 2 annehmen? (Zumindest glaubt M. Pal-
lottino an die progressive Aufeinanderfolge dieser Daten. SE XI, 1937,5.2t5).
\(enn nun @u ,,zwei" bedeutet (wie im Albanisdren ,dy", im Latein, usw.),
wo ist dann die Einbeit zu suchen? Ist es ci oder zal? \7ir haben aber doch
gesehen, daß nadr beiden ein 'lütort im Plural steht (clenar).' in den Insdrrif-
ten P. 98 und P. 169 neben der ZahI ci, aber ansdreinend nur in einer ein-
zigen Insdrrift neben zal: (P. l7o, CII 2056) ...clenar zal arce,,,er hat
geze;ugt zal Söhne." Auf eben diese Insdrrift stützen sidr alle folgenden
Autoren: Fabretti, Pauli, Deed<e, Skutsdr, Goldmann, Cortsen, Torp, Buo-
namici, Trombetd und Pallottinq bei ihrer Behauptung, zal sei mehr als eins.
\üenn es sich hier um einen Irrtum des Sd'rreibers handelte, was zwar
nidrt wahrscheinlidr, aber audr nidrc unmöglidr ist, könnte zal ,,eins" bedeuten
und eslem ,,minus 1'. Idr habe diesen Text nidrt im Original gesehen, er
sdreint aber gut erhaltea zu sein. !üüoher kommt abet eslem?. . . '$ü'er bürgt uns
denn dafür, daß eslem von zal kommt? Väre es nidrt möglich, daß
eslem von einem dem \lort zal ähnlidren, anderen Wort kommt, sal
zum Beispiel, das ,,eins" bedeuten müßte, aber auf dem \(ürfel aus Kampa-
Die Zahlen 53

nien gar nidrt aufsdreint? Dort ist die Zahl ,,eins" wahrsdreinlidr dtrdt ,,may,"
dargestellt. Das wäre möglidr, wenn der Begriff ,,eins" im Etruskisdren zwei
versdriedene Bezeidrnungen hätte, so etwa wie in vielen Spradren die \flörter
,,zweL" und ,,Paar" für denselben Begriff stehen; wie es im Slawisdren ,,ein"
und ,,einmal" oder im Litauisdren zwei \flörter für ,,zehn" gibt: deshimt
wd -lih, die Endung für die zusammengesetzren Zahlen (trylika,,,dreizehn",
usw.). Merken wir an, daß im Etruskisdren ein rätselhaftes \fort sal existiert,
das da und dort in den Agramer Mumienbinden und in anderen Texten auf-
taucht. Idr kann dazu nur Andeutungen madren und der fraglidre Yers: sal cus
eluce zarntic (AMB XII, 12) wird in einem der letzten Kapitel behandelt
werden.
Gehen wir zur ZahI hu@ iber. In der Übersidrt von Torp-Trombetti
ist diese Zahl glei& 6. Ein (durdr Stephanus von Byzanz) erhaltenes Zeugnis
aus dem Altertum hat jedodr zu einer anderen Interpretation geführt.
Trombetti sdrreibt:
Odtir, und mit ihm Kre*drmer, leitete von dem Namen einer prähellenisdren
Stadt, Huttenia, der später durdr Tetrapolis (,,vier Städte") übersetzt wurde,
ab, daß hu@ det Zahl oier entsprädre. (La lingua etrascd, S. 40')
Rund um diese Idee entspann sid-r ein erbitterter Kampf. Vetter verteidigte
sie; Meyer anerkannte sie nidrt; Trombeti widersetzte sidr ihr gleidrfalls.
A. von Blumenthal sdrrieb, daß Hut-tenia von hut und dem prähellenisd'ren
ten mir, der Bedeutung ,,Stadt" käme. Goldmann erwiderte, das ,,hänge in der
Luft", da es keine Stadt Tetrapolis gab, wohl aber einen Bund von vier atti-
sdren Städten (Marathon, Tricorinthos, Oinoe, Probalinthos), der z'tr Zeit
der Griechen gesdrlossen wurde. Eva Fiesel schrieb L931, daß Vergleidre
dieser Art nur auf Ahnlidrkeiten aufbauten und daß an dieser Über-
setzung von F{uttenia nidrts sidrer sei, da der Sinn von bu@ nidrt festsdnde.
Dennodr hat ten ein genaues Gegensti.id< im albanisclen ndeniö (ndeni-,
d,enj-),,,'Wohnort". Es war also ein illyrisdres \üfort.
Gibt es nodr andere Aussagen idber ha@?
Eine Insdrrift auf einem \(einbehälter, einer ,,Amphora vinaria", wie Pallot-
tino angibt, zog meine Aufmerksamkeit auf sidr:
(P.73) .n ha@te anaes

Der erste Budrstabe des ersten 'Wortes fehlt. Es sdreint mir redrt natür-
lidr, daß eine ,,amphora vinaria" . . . \(ein enthielt, und daß das erste !üV'ort
dieses widrtige Bodenprodukt bezeidrnete; so kommen wir zur Annahme,
daß dieses erste 'Wort en hieß, denn man findet es beispielsweise in lena
baastiS enac eii (AMB, X, g, 4) wieder. In diesem Fragment bedeutet
lena,,Trankopfer", wie wir später sehen werden, baustii steht mit der Un-
terwelt in Zusammenhang, eli d,eutet man allgemein als ,,Blut" (in Anleh-
nung an das gleiche rüilort im Hetdtisdren) wd en oder ena ist wahrscfiein-
liclr eine der Bezeidrnungen für ,,'W'ein", neben dem italisdren oinum; enac
e!i, mit. der wohlbekannten etruskisdren Konjunktion c besagt also, daß das
Trankopfer aus ,,'Wein mit Blut" (,,'S?ein und Blut") bestand.
Das \7ort bu.@te ist ganz augensdreinlidr eine Ableitung von ha@.
Das \flort anaes ist uns ja eben aus dem oben erwähnten @ue! si an's
(,,seine beiden Seiten") bekannt. an| wd anaes sind genau das gleidre, nur
daß das zweite 'Wort vollständiger geschrieben ist und nodr klarer seine
Identität mit dem albanisdren anö zeigt.
54 Das etrtskisdte Problem

rü7askann hu@ in diesem Zusammenhang bedeuten: ,,\flein von ha@ Sei-


ten"? ,,Fünf Seiten", ,,sedrs Seiten", das sagt uns nidrts. Natürlidr sudren wir
nadt einer bekannten ,,Formel", einem ,,Klisdreeausdrudr", der die überzeu-
gungskraft eines zweispradrigen Textes hätte. Man denkt also an die
,,vier
Himmelsridrtungen", an die ,,vier Seiten der 'welt", wie man in den siawi-
sdren Sprad-ren sagt, oder an die ,,vier \ü?inde des Himmels.., wie im Alten
Testament steht. Sind nidrt die Himmelsridrtungen die gemeinsa-e Grundlage
aller Kulturen? \fir haben hier also eine \(einmarke r-o, ,rr,r, die als ,,!treL
der vier Himmelsrid'rtungen" bezeidrnet wurde.
Aber warum hätte man einen Vein so nennen sollen? ,,'Wein aus dem
süden" oder ,,\flein aus dem osten" wäre ja wirklidr natürlicher. \(ollrc
da vielleidrt ein etruskisdrer Händler alles überbieren und seine Konkurrenren
ausstechen? Man wird sidr vielleic}t daran erinnern, daß der etruskisdre Außen-
handel nadr allen vier Gegenden der damaligen zivilisierten \t7eh ging, von
den baltisdren Gestaden (woher der Bernstein kam und wohin i. B. ein
etruskisdres-Bronzegefäß aus dem VIII. Jh. gekommen war, das in Däne-
mark aufgefunden wurde), bis nadr Ägypten unä nadt urartu. bas ist nur vom
wirtsdraftlidren standpunkt aus g.r"hett. '!7as das religiöse Leben an-
belangt, so war die Formel ,,vier-Flimmelsridrtungen.. Jo?, ,rodr-härrfig"r.
Es genügt, sidr das eruskisdre ,,templum" vorzustellen, das geheiligte vieräd<,
wo man die vorzeidren beobadr.tete und das man nadr dJn viei Himmels-
ridrtungen aufstellte. Gerade die Etrusker waren ein volk, für das die ,,vier
Himmelsridrtungen" ein alltäglidrer Begrifi waren.
Hier will idr dazu die Meinung zweier hervorragender Gelehrter, Kretsdrmer
und vetter, anführen. Paul Kretschttrer ,rettrai mit Nadrdru& die über-
legung von O6tir und fand sie ,,radellos... Dazt sdrrieb E. Vetter:
,,o6tirs verbindung von vorgr. Fluttenia mit etr. bu@, die Kretsdrmer
angenommen har, wird in jüngster zen von jenen Forsdrern, die fät hu@
eine and:re Bedeurung als ,,vier" annehmen, heftig bestritt.n, irt aber des-
halb nodr nid'rt als widerlegr zu betradrten, da die-anderen Ansätze der Be-
deutung von hu@ durdraus nidrt zwingend sind." (Glotta, xvIII, s. 306.)
Bei einer anderen Gelegenheit bemerkrc derselbe Autor: ,,...die ojtirsdre
vermumng von einer verwandtsdraft von vorgr. Fluttenia mit *t. hu@ . . .,
die, wenn sie ridrtig ist, für die Frage der Heikunft der Etrusker große Be-
deutung har . . ." (Glotta,XVI|2Z9)
Damit wollte vetter folgendes sagen: Die Bildung einer Stadt in Griechen-
land in prähellenisdr er zeit durdr iin volk, das eilne dem Erruskischen ver-
wandte Spradre spradr, wäre ein Anzeiclen für die Etappe, die der Nieder-
lassung der Etrusker in Italien voranging.
Mit diesem Problem können wir uns jetzt nidrt besdräfrigen. Aber die Frage
nadr der Bedeutung des \flortes hu@ sdteint zugunsren von 4 entsd-rieden iu
sein. Das albanisdre anö bedeutet audr ,,Gefäß"; bedeutete das etruskisdre
ane vielleidtt,,Maß" (,,ein viertel")? In diesem Fall würde die Insdrrift p. 23
aussagen' daß die Amphora ,,wein. vier Maß" enthielt. Endlidr heißt anö
audr ,,Gegend" (M. Z). Das könnte zu einer Annahme führen, die in der Ge-
sd-ridrte Roms eine Bestätigung findet. Das alte Rom hatte den Beinamen
Roma Quadrata und Stadt der vier Gegenden. Heißt. nidrt ltu@te anaes lelzten
F,ndes Quadrata, Der vier Gegendezi In diesem Fall wäre (e)n bu@te anaes
ein ,,\7ein aus Rom". Die Amphora kommt aus Caere, das in der Nähe
von Rom gelegen und dessen Verbündeter war. bu@ ist also ,,vier...
Die Zahlen 55

'Ifir müssen nqn ein wenig zurüd<gehen, um die Bedeuftng des \flortes cl
zu bespredren. Idr nehme dafür nidrt nur den Vert 3 an, idr muß audr er-
klären, wie idr dieses \(ort verstehe. Aud-r rein t'ormell ist ci 3; man muß
es ,,tsdri" ausspredren (wie das italienisdre ci); gleidrzeitig hängt es mit dem
indogermanisdtet tre, tri zusammen. Das hatte idr auf dem \[eg über das
polnisdre trzy,,drei", so empfunden; es war eine Überrasdrung für midr, die-
selbe Idee dann bei Thomopoulo zu finden. Er konnte wahrsdreinlidr nicht
polnisdr, hatte es aber irgendwo gelesen, Idr werde midr genauer ausdrü&en.
ci hängt folgendermaß en mit tre, tri zusammen;
In den slawisdren Spradren ist 3 im allgemeinen ,,tri". Aber im Polnischen
und Tsclredrischen heißt es ,,trzy" i das r wird zu einem Doppelkonsonanten
rz, der in diesem Fall sch gesprodren wird. So wird trzy, obwohl es den Aufbau
von tri beibehält, wie tschi ausgesprodren. Diese Ausspradre nähert sidr etwas
dem italienischen ci. Skutsdr hat richtig bemerkt, daß das etruskisdre ci ar.e
ähnliche Aussprache hatte; darauf wurde er durdr den Vergleich der etruski-
sdren Zahl cialyus mit dem aus dem verwandten Dialekt von Lemnos stam-
menden sialyteis geführt. Das Sclwanken des ersten Budrstaben bewies ihm,
daß er nidrt als ,€ gesprodren werden konnte. Die auf das Prokrustesbett
eines fremden Alphabets gespannte etruskisdre Sdrrift war zu allem über-
fluß nocl phonetisdr. Aus diesem Grund zeigt das etruskisdre cl im Gegensatz
a) trzy keinerlei äußeres Anzeidren für seinen organisdren Zusammenhang mit
tri; und dodr ist es dasselbe'Wort. Diese kleinen Verkleidungen sind ein drarak-
teristisdrer Zrg der etruskisdren Sdrreibung.
Hier nodr eine weitere Überlegung zugunsten von ci : 3: In den AMB
findet man häufig eine Formel im Zusammenhang mit Opfern an Flades.
Sie lautet: cisr.r.tn plrte, Da ja das Thrakisdre dem Illyrisöen sehr nahestehg
glaube idr, daß pate das thrakisdre pod, ,,Fuß" ist (Tomasdrek. Die alten
Thraker, II, I, 30). cisum ist ,,drei", cisum pwte wäre dann ein geheilig-
ter Dreifu$, der auö bei den Römern, den Griedr,en und den Kretern, die
ihn tripus (tripodis) nannren, bekannt war.

Als Pauli vorsdrlug, may mit ,,eins" gleidrzusetzen, betonte er, daß may
ein Teil des 'Wortes meylam sei, mit dem sidr die Gesamtheit der ,,zwölf
Völker Etruriens" bezeidrnete. Eigentlidr konnte ja meylurn (tne@lam) audt
,,Liga, Bund" usw. bedzuten, also ein Substantiv sein, in dem der Begriff ,,eins"
nidrt aufsdrien. Ellis bezzugte, daß es im Georgisdren für ,,eins" zwei Bezeidr-
nungen gebe, von denen eine rnhholo (ein Mal, ein einziges) ist. Bugge betonte,
daß ein altkretisdres Yort arnahis, ,,einmal", ebenso wie das armenisdre ttu€gt
miah, ,,eins" dem etruskisdren rndy sehr stark ähnelte. (Etr. Forsdrungen und
Studien, IV, S. 148.) Die Beziehungen dieser Sprache zu der ägäisdren und
anatolisdren \felt verdienen die größte Bead,tung. Skutsdr meinte, wie hier
sdron erwähnt wurde, daß may,,,eins", auf dem \flürfel den Platz einnehmen
konnte, von dem aus man mit dem Numerieren der Flädren begann. rü7enn man
also may (1) als Mittelpunkt annimmt und die Werte von @u (2) und cz (3)
oberhalb und redrts davon auf unserem \fürfel von Toskana gelten läßg ebenso
wie hu@ (4) unterhalb -vofl n ax, sieht man nadr 2, 3 und 4, das heißt im
Sinne des Uhrzeigers weitergehend, die Zahl 5 an Stelle von !a. Vorläufig
stellen wir diesen \(ürfel folgendermaßen dar:
EU 7
SA MRX CI 5 1 3
HUO +
7AL 6
Tesin@ ist wahrsdreinlidr die vollständige Form der Zahl ,,zehn" im Etrus-
kisdren und tesne seine verkürzte Form. Man erkennt hier die Verwandtsdraft
mit dem slawisdren diesientj, dziesientj, d.iesiat. Pauli erinnerte bei dieser Ge-
legenheit an das indo-iranisdre dagan. Deecle und Bugge waren der gleidren
Ansidrt. Im Kapitel über die Küdre werden wir uns mit dem Vort tesin@ be-
sdräftigen. Es ist das albanisdre dhetö. Man könnte sidr fragen, ob die Zahl
zehn nidtt in dem Süfix aly sted<e. Dann wäre cial2l ,,drei Mal zehn",
30 (wie lateinisch triginta : tri(de)cemta : 3 X 10 : 30, oder wie
slawisdr tri-dzat,3 X 10 : 30). Das !7ort afu für sidr allein besreht zwar
im Etruskischen (alxu P. 2, 70 und 18), aber sein Sinn ist nodr niclt klar.
za@rum (A), 20, findet sein Gegensrüdr im Albanisdren, und zwar auf folgende
Art: njiözet, ,,ein Zwartziger", 20; dyzet, ,rzwei Zwanziger", 40, wobei
njö 1 und dy 2 ist. So enthält also zet den wesentlichen Teil von za@rum.
yim@m ist wahrsdreinlidr 100; es wurde von Deed<e in Analogie zu dem
lateinisdren ,,centum" identifiziert. A. Cuny zeigre das Urbild des indoger-
manisdren \Tortes ,,cent" in der Form 'Fhmtom auf, die dem etruskisdren
yim@m sehr ähnlidr ist. Gleidrzeitig aber legte dieser Autor seinen Stand-
punkt über das \(esen der etruskisdren Spradre dar:
,,Das Lydisd'r-Etruskisdre sdreint dem Althamitisdren näher zu stehen als
dem Semitisdren. . . man sollte zunädrst Vergleidre mit einer Spra&e an-
stellen, die vor dem Hamitisdren, dem Semitisdren und dem Südkaukasisdren
existierte. . . Besonders das Altägyptisdre eignet sidr für derartige Kombinatio-
nen." (Etrusque et lydien. R.E.A., 7923, S. lO7 bis ll2.)
\flenn idr bedenke, daß die Anfänge des Semitisdren bis zum Beginn der
Pharaonenzeit zurüd<reidren, kann idr nicht den Mut aufbringen, midr an
einer so weiten Reise zu beteiligen, um das Geheimnis des Etruskisdren zu su-
dren; und das um so weniger, als seit 1923 dieses Altägyprisdre, das ,,sidr
so gut zu Vergleidren mit dem Etruskisdren eignet", niemandem geholfen hat,
audr, nur ein einziges etruskisdres \flort zu erklären.
Jedenfalls steht dieses yim@m in einer interessanten Insc}rift aus dem
IV. Jh. v. Chr., die in das sogenannte Bleitäfeldren von Magliano graviert ist.
Sie beginnt folgendermaßen (P. 359, CIE 5237)t
cau@as tw@iw avili XXX ez yim@m cas@ial@ lac@ ...
Nachstehend die Interpretation des Textes:
caw@as:,d,em Gott Ca't@a"; Ca@, eine Sonnengomheit. Das s am Ende ist, wie im
für 'den Datin' wie für den Genetiv.
Albanisdren, 'das Zeidren
tu@ia: (von) der Stadt. Ein mehreren altitalisdren Sprachen gemeinsames \7orr
avili: jährliü, pro Jahr.
LXXX ez.'80 Mal? Idr stütze midr auf das hettidsdre -i,!, .Mal", aus der Form
Die Zablen 57

20-ii, die ,zwanzig Mal' bedeutet (J. Friedridr, Hith. Wörterbudt, S. 304, mit
Fragezeidren). A,uf keinen Fa'll bezeidrnete das heritisdre -i! ein Darum (im Gegen-
satz zv,m etnuskisdren ba@i!, fünfte"), denn man findet es in Forrnerr wie 50-i3,
70-i3, usw.... "der
lac@ bedeuoet wahrs*reinlidr wie wi.r noch sehen werden.
yim@ cas0ial@ sdreint eine Zahl "Trankopfer",
zu sein. Zn dieset Vermutung führt uns eine
analoge Stelle, die in 'demselben Texr aufsöeinr: ciala@ Xim@m aoilsT, in der wir
ci, ,,drer", vim@m, ,hundert" und aoils(I), .jährlidr" wiedererkennen; ciala@ ist
nidrts aoderes atrs cialL, d,enn 7 und @ können im Etruskisdren alternieren
(meXlum, me@lum). So"dreißig",
bedeueet also ciala@ pim@m ,hunderrdreißig". Vie steht
es aber mit cas@ial@?
cas@i kann midr nr:,r an giashtö, die albanis&e Zahl erinnern (das j in
diesem wort ist nebensäd-rlidr). Das zwiogt midr anzunehmen, "sedrs',
daß, zumindest teil-
weise, gleidrzeitig zwei Kategorien von zahlen bestanden: indogermanisdre (illy-
risdre) un'd anatolisdre (wie beispielsweis'e maL). Neben dem sdronlrüher erwähnten
altillyrisdren tri kann man, nodr das illyris&e und indogermanisdre pes (5) erwäh-
nen, denn an den ufern der Donau gab es dereinst eine stadt Aquincum, die nach
Ptolemäus audr Pession hieß (von Hahn).
Möglidrerweise sdreint dieselbe Zahl pes, ,fünf,., in dem Iflort pellialL auf, das in
einer unvollständigen Grabinsdr,rift vor einer Lüdre soeht. Dieses \[olt bezeich,net
nidrt das Alter des verstorbenen, denn dieser starb im 36. Lebensjah,r, wie das Ende
der Insdrrift ausdrü&lich angibt. Die Bedeutung von pellial| bleibt also offen; man
kann aber festste,llen5 daß dieser Ausdruc;k we!.o sein", Färm unbed,ingt zu cialh,
cezp.dlx,, muoalT usw. gehört. Es muß also
"50; oder ein, davon abgeleiäte, nug.üi
|im@ cas@ial@ erhält. somit den \[err 160. Diese Zahl hat den vorteil, mit der
zahl LXXX desselben Textes in Zusammenhang ztr stehen. vielleidrt ist die Rede
von Mal. . . 160 Trankopfern', das heißt also von g0 Zeremonien zu je 2 Trank-
"80
9pftg' Der gatwe sau könnte bedeuten: Dem cau@as der Stadt, go Ivial jährlidr,
160 Tran'kopfer. Erinnern wir uns sdrließlidr, daß die zahl 60 im-Etruskisdr-en nod.r
immer untrekannt ist. Hier hand,elt es sich natür.'lidr um eine Hypothese.
(A) läßt sidr d,urdr. das albanische lag, ,begießen" ,tii laget, .begossen,"
-lac@
(M. 233), sowie d'u'rdr das hertitische lahara, ,Traniopfergefäß" pl u.oz"y, ce-
sdtidtte des Altertums, s. 290) erklären. Also paßt .frarrfopf.r.,'und d]as um so
mehr, al's man dieses wort auf dem Zippus von perugia in, ier Form laxu@, la|@
(P. 2, 25) wiederfindet.

vervollsrändigen wir unseren etruskisdren Arithmetikkurs durdr eine


Brudrzahl. Kann eine normale Spradre ohne Brudrzahlen auskommen? Das
v.om.Etruskisdren zu__glauben, wäre eine Beleidigung sowohl der Gesdräfts-
tüdrtigkeit dieses volhes als audr seines strebenr r"Ä Genauigkeit. Nament-
lidr das '\üüort ,,Hälfte" glaube ich auf einer Bleitafel eingrav"iert zu finden.
Diese Metalltafeln sollten widrtige verpflichtungen und vYerträge festhalren;
das Büro eines etruskisdren Notars muß ein wenfi einer Meta[wärenhandlunj
ähnlidr gesehen haben. Im Falle der Insdrrifr"p.38o, cIE izir *"ra"o
viele Männer und Frauen erwähnr, die an einer Zeremonie teilzunehmen sdrei-
nen. r(ir y.r_d.l später darauf zurüd<kommen. Begnügen wir uns damir fest-
zustellen, daß darauf Geldbeträge erwähnt werden, -d"rorrt",
ce! zeri! ims
(Zeile 6) und ce! zerii (Zeile 9). Cei wäre der benetiv von ci, ,,drei..;
zeriS uielleidtt ,,Gold, ein Goldstüd<, eine Goldmünze" in Arrl.i.rung "an dii
Bezeidrnung des Goldes bei den Skythen, zirin, und an das ossedsdrä zarand
F"e_Y, Abajew, Ossetiscbe Spracbe und. Folklore, Moskau, 7949, S. l9O).
Der schlüssel zu unserer Hyporhese sdrließlidr, das rrort iÄs, ist das alba-
nisdte gjymsö, ,'Flälfre" (M. 151). Es handelt ri.t-t hi"" alro u- personen. die
58 Das etruskisdte Problem

3 ,,Goldstüdre" erlegten und andere, die 3r/z zahlten. I(enn idr hier wirk-
lidr auf dem ridrtigen ITeg bin, dann ist dieses Versdrwinden des gj am An-
fang des \Tortes gjymsö, das im Erruskisdren ins ergibt, reidrlidr interessanr.
Fliezu sei noch bemerkt, daß die Mazedonier, die mit den Etruskern ver-
wandt waren, für Aphrodite den Namen Zeirene gebraudrten und daß die
Grieclren ihr das sdrmüdrende Beiworr dtrysö, ,,aus Gold" gaben, woraus
hervorgeht, daß zeirene ,,aus Gold" bedeutet. Im Avesta heißt zari.,,Gold".
Doch sdreint zeri mehr als eine Bedeutung zu haben.
Mit dieser Frage der Brüdre hängt eine Glosse zusammen, deren Bedeutung
glücllidrerweise klar ist. Es ist diesmal nicht von einer Zall, die Rede, sondern
von dem Verbum ,,teilen, dividieren". Ein lateinisdrer Autor, Makrobius, hat
uns das entspredrende eruskisdle Vort iduare (A) überliefert. Mir diesem \7orr
srchen die Iden in Zusammenhang (jene Tage, die gewisse Monate in zwei
Hälften teilen). Ich bin seiner Etymologie auf die Spur gekommen: es gibt
im Albanisd'ren das Verbum daj, ,,teiIen" (M. 305); die Endung -uar kenn-
zeidrnet im Albanisdren das Partizip des Perfekrums; so kommt von dem
Verbum dögjoj, ,,hören", das wir bereits kennen, dögjwar, ,,gehört" (M, 72)
oder von dem Verbum körkoj, ,,suchen" körleuar, ,,g€südrt". Der An-
fangsbuchstabe i von iduare ist nidrts anderes als der bestimmte Artikel, ob-
wohl das im Etruskisclen unglaublich ersdreint. Der Grund für diese meine
Behauptung, für die idr nodr ein anderes Beispiel anführen werde, liegt darin,
daß im Albanisclen i der bestimmte Artikel ist, der vor absrakten Substan-
tiven steht: iduare bedettet also ,,die Teilung, geteilt oder teilend".
Es gibt einen guten Beweis für das hohe Alter des illyrisdren Artikels.
Als Carleton S. Coon die albanisdren Stämme des Altertums mit den heutigen
identifizierte, erinnerte er an einen alten Stammnamen Ernathia, der aus dem
albanisdren e rnadbia, ,,die Große" zu erklären ist (The Mountains ot' tbe
Giants, 1950, S. 41).
Flier ist nun eine allgemeine Bemerkung angebradtt' Obwohl ,,hundert" im
Etruskisdren wahrsdreinlich kmtom, yim@m gesprochen wurdg gehörte
diese Spradre dodr der östliclten Gruppe der iadogermanisdren Spradren,
den sogenannten Satemspradren und niclt den westlidren Kentumspradren, an.
Das gleidre Paradoxon kann man im Albanisdren beobadrten, wo ,,hundert"
qind heißt und das aber trotzdem der Satemgruppe angehört.
Nun können wir zu einem weniger wicl'rtigen Problem zurüdrkehren, näm-
lidr zur Bedeutung des Satzes i va est orti caius aolote, der für die \üürfel
nur wegen der jeweiligen Länge seiner einzelnen '!üörter gewählt- wurde. Er
ist ein äruskisdres Spridrworq das die Vorceile gut dressiefter Pferde preist.
Die Etrusker *,lßten sich darauf verstanden haben . . . Nach soviel trod<enen
Reclnungen bringt uns das ein wenig Erfrisdrung. Die Entzifferung dieser
Inschrift auf den \flürfeln von Autun sieht folgendermaßen aus:

i.' der bestimmte Artikel, wie berEits gesehen. 't[


za; im A,lbanisdren ,Furt". G. Meyer bringt es mit dem lateinisdren vadum
Verbind,ung.
est.. das iet sehr wohl ,est" wie im Lateinisdren, Französisdren und Albanisdren
'
(äs,h$.
orti: heißt im Albanisdret art'i, ein altes \frort, ,Intelligenz, Urnsidrt"; artö be-
deutet gelebrig (uenn von Ti.eren die Rede ist)" (M. 541), Die ver-
"i,ntelligutt,
wendung des o ist ,ei'n Zeidren für eine spätere Entwid<lung.
cajzs:"wahrscheinlidr das al,banisdre kilush, .Pony, kleines Pferd", das mft kal,
Die Zahlen 59

zusa.mmenhängt. Später werden wir die etruskisdren'Wörter calusin,,Ritter",


"Pferd"
,tnd kaluleasu unters'udren, die von dem gleidlen Sammwort cal abgeleitet sind. Das
mag unwahrsdreinlidr klingen. Wird man mir nidrt sagen: ,Ihr cal ist sidr,erlidr nur
eine Entlehnung aus dem latein,isdren caballus, daher ein N(ort, das erst spät in die
albanisdre Spradr,e gelangt ist? Vie dürfen Sie 'das mit einem etruskischen !ü(ort
gleidrsezen?"
Nun, sehen wir nadr, was Hans Krahe in seinem Wlerk: "Die Spradre der lllyrer"
(1955) dazu bemerkt:
,,latein. caballus, griedr, haballes, ist wiederholt auf illyrisdren Ursprung zurüd<-
geführt worden, zuletzt in einer ausführlidren Smdie von V. Cocco (Caballus,
Coimbra, 1945). Die Beheimatung im illyrisdren Raum wird bestätigt durdr eine
Anzahl von Personennamen, weldre von einem Stamrn leabal abge'leitet sind' z. B'
Caballus, Caballius, Cabalionius, Kabaletus, usw." (S. 115)'
volote: dzflJ;r gibt es vi.ele Analogien im Albanisdren. Idr hal,te mich bei einem,
allen indogermanisdren Spradren gemeinsamen Stammwort auf volitsi, "Annehmlich-
"
keit, Vohlbefnden'; ooligen, ,,bequem, zuträglidt" (M. 563). te wäre ein adjek-
tivisdres Suffix; wir werden sehen, daß ar@e, .begierig" sidr mit artä, .intelligerrt",
ded<t.

Der Sinn ist also: ,,Für ein gelehriges Pferd ist die Furt angenehm.<'
Natürlidr sind niöt nur kleine Abänderungen möglid,, sondern es kann
auch ein \fortspiel gewesen sein. \(ie wir sehen werden, hatten die Etrusker
das gerne und sie unternahmen auch rein gar nidrts, um die Aufgabe der
Etruskologen zu erleidrtern. Sie hawen Sinn für Ffumor, das habe idr fest-
gestellt, so wie andere ihre ,,Unheimlidrkeit" bemerkt haben. Modern aus-
gedrüd<t: idr konnte eine bisher unbekannte Seite des etruskisdlen Mondes be-
tradrten.

Zum Sdrluß mödrte idr bemerken, daß die beste Darlegung dessen, was bis
jetzt für die Kenntnis der eruskisdren Zah\en getan wurde, Trombetti zu
verdanken ist. \fleshalb hat dieser Autor, der soviel Geisq Objektivität und
Geduld bewies, nidrt die Lösung des etruskischen Rätsels gefunden? Es lag ganz
augensdreinlidr an seiner Methode. Er ließ sidr von rein äußerlidren Ahnlidr-
keiten leiten und madrte zum Beispiel ans cemndx ur.d rd.x zwei Substantiva
derselben Kategorie. Das war eine gefährlidre Illusion, denn im ersten
Fall ist -a7 fuh) ein Suf6x, das an ein Verbum g(em, gemn, ,,donnern")
angefügt isq während wir im zweircn Fall ein Stammwort rd6' ,'sdtla;Ber,,
erwürgen" vor uns haben. Diese Worte kann man freilidr kaum nebeneinander
einreihen. Aber wie hätte man soldre Mißverständnisse vermeiden können,
wenn man morphologisdre Scheidewände ohne jede Grundlage aufbaute und
in den Sinn der fraglichen \(örter nidrt eindrang?
Trotzdem beinhalrct die Lingua etrt4scd eine Menge sehr wertvoller Hin-
weise, beispielsweise über die Berührungspunkte zwisdren dem Etruskisd,en
und den kleinasiatisdren und kaukasisdren Spradren, wie wir in der Folge
sehen werden.
'Wenn sic.h nur Trombetti miu der Untersudrung der indogermanisdren und
kleinasiatisdren Sprachen hätte begnügen wollen! Das wäre ein ohnehin sdron
sehr weites philologisües Gebiet. Zum Unglück hat er auf seiner Sudre naö
einer Aufhellung des Etruskisdren keine Spradre der '$(elt übergangen. Er hat
das Tasmanisdre, das Madagassisdre, die Lappenspradre, das Tungusische usw.
herangezogen. Gibt es denn irgendwo eine synthetisdre Spradre, die mit allen
60 Das etrashisdte Problem

Enden der \üelt zugleidr verwandr sein könnte? Das Etruskisdre war dodr
eine natürlidre Sprache, mit ihren \Tadrstumssdrwierigkeiten, ihren Launen
und Inkonsequenzen, die die Sdrwierigkeit, aber oft audr den Zauber einer
lebenden Spradre ausmadlen. I(enn nidrr nur Trombetti, sondern audr gewisse
andere Autoren glaubten, das Baskisdre und die Dialekte Neuseelands hätrcn
genügend gemein, um beide einen Beitrag zum Etruskisdren leisten zu können,
war das nidrt ein ebenso naiver Gedanke wie der der ersten Etruskologen, die
im Hebräisdren die ,,Mutter aller Spradren" sahen?
Venn man beweisen will, daß irgendein Srammwort auf der ganzen \(elt
verbreitet ist und man zrr diesem Zwed< alle möglidren Sprad.ren und Dia-
lekte, vom Mordwinisdren bis zur Kafiernspradre, zugleidr anführg kann idr
mir vorstellen" daß ein Tasmanier, ein Litauer, ein Kafier, ein Jakurg ein Az-
teke, ein Hertiter, ein Kopte usw. bei der Nennung des !flortes in der jewei-
ligen Spradre zusammenzucken würde, so sehr entstellt müßte es ihm vor-
kommen. Es kann ja audt gar nidrt anders sein, wenn man die S7örter aus den
\(örterbüdrern herauszerrr, ohne ihre Familie und ihre Umgebung zu be.
rüd<sidrtigen.
Die Umgebung des Etruskisdren aber war vorwiegend illyrisdr.
Und dabei war es Trombemi, der folgende versrändige 'S7orte sdrrieb:
,,Die etymologisdre Merhode (des Vergleidrens mir anderen Spradren) ist
nur deshalb in Mißkredir geraten, weil sie falsd-r angewendet wurde. Im
übrigen, wenn es darum geht, eine \flahrheit zu entdedren, ist jene Methode
ridrtig, die zum Ziel fihrt... Um zur \flahrheit zu gelangen, genügr nidrt
bloß eine streng angewandte Methode, sondern man braudrt dazu audr eine
glüdrli&e Intuition. . . So har Bopp mit einer Methode, die wir hzute als ,fal-
sissima' bezeidrnen würden, die vergleidrende Grammatik der indogermani
sdren Spradren begründet.'
(La lingua etrusca, S. X.)
Z\flEITER TEIL

DIE ETRUSKISCHEN TEXTE


III
VOLK UND STADT

Der Ursprung des Volhes, das mit- den Namea Tursker, Tusker und Etrusker
bezeidrnet *.rrä", hängt zum Teil Äit den Tursdra zusammen, jenem kriege-
risdren Stamm, der im XIII. und im XII' Jh. v. Chr. gemeinsam mit den
Lykiern und anderen umherziehenden Volksstämmen das Ägypten. der Phara-
onen vom Meer aus angrifi. Sdrließliü ließen sidr die Tursdra nadr etwa fünf
oder sedrs Jahrhunderten in dem späteren Etrurien nieder. Dieser Tatsadre
sdreinen mehrere Autoren zu wenig Bedeutung beizumessen, denn sie sind der
Ansidrt, daß die Entwidrlung der Kulrur in den von den Etruskern bewohn-
ren Gebieten keinen plötzlichen und gewaltsamen Umsdlwung erkennen läßt;
andere wieder betonen, daß die etruskische Kultur vorwiegend bäuerlidren
Charakter trug, während die Tursdra ein Seevolk waren, und daß die meisten
etruskisdlen Städte nidrt an der Mittelmeerküste liegen. Keiner dieser Auto-
ren jedoch weiß eine Erklärung für die Übereinstimmung der Völker-
namen Turscha und Tursker, noch beispielsweise dafür, daß der gebräudrlidrste
Name bei den Etruskern der einer kleinasiatisdren Gottheit, Tarku oder
Tarkon, ist.
Die Niederlassung einer fremden und noch dazu so dynamisclen und krie-
gerisdren Volksgruppe, wie es die Turscl,a waren, geht selbstverständlidr nidrt
i-mer a.rf freundsdrafrlidre und friedlidre \üeise vor sidr. Der Ardräologe er-
kennt soldre Niederlassungen meist an den Spuren von Bränden und Zerstö-
rungen. So konnte C.F.-A. Sdraefier herausfinden, daß versdriedene Stel-
len ln Nordmesoporamien, Syrien und Phönizien in einer bestimmten Tiefe
Sdridrten aufweisen, die von Zerstörungen und Bränden zeugefl und aus der
gleichen Zeit stammen, und die er alle der gleidren Ursadre zusdrrieb. Ihm
ist es zu verdanken, daß das cl,aotisdre Bild der Ausgrabungen in den Län-
dern des ,,frudrtbaren Halbmonds" plötzlidr einen Sinn bekam. Es blieb jedodr
festzustellen, was die eigentlidre Ursadre dieser Kette von Zerstörungen war.
Meinerseits habe i& darin die Spuren des alles verheerenden Vordringens
der Hyksos nach Ägypten gesehen. Dazu berecltigte mich die Tatsadre, daß
eine Linie ähnlicher Sdtid.tten drei Jahrhunderte früher eine andere, gleidrfalls
von Norden nadr Süden gehende, indogermanisdre Expansion im'!üesten bezeidr-
nete.
,,Alle Niederlassungen in Mittelgriedrenland und auf dem Peloponnes
werden brutal zersörr. Eurresis und Ordromene in Böotien sowie Zyguries
oder Asine in Argolis weisen Brandspuren auf; einige Ansiedlungen auf dem
Peloponnes wurden für immer verlassen."
(F. Chapouthier, Les Ptemiöres Cioilisations, 1950, S. 262')

Die Tursdra, die in Italien im IX. bis VIII. Jahrhundert auftreten und die
sidr selbst Rasna nennerr, bringen zweifellos mehrere neue Elemente aus der
anarolisdren Kultur mit: Riten, Einzelheiten in der Grabardritek$r, künst-
64 Die etruskkdten Texte

lerisdre Motive, einen gewissen orientalisdren Luxus, sowie den Namen Tarkon,
dessen verbreitung in Etrurien nidrr allein auf den Handelsaustausdr zurücl-
geführt werden kann. Aber in Italien wird das Aufrreten all dieser Ele-
mente weder von Bränden nodr von anderen Zeid,en von Gewaltanwendung
und _umbrudr begleiter. Daraus sdrließe idr keineswegs, daß die Festserzung
der Turscha nidrt stattgefunden har; sie hat sich vielmehr reibungslos voll
zogen und das hat seinen Grund: die Namen gewisser lydisdrer orte, aus denen
die Tursdra kamen, wie Malea (vom albanisdten rnal, üerg), plakia (von plah,
alt), waren illyrisch. Die Neuankömmlinge waren also illyrisdrer Absiammung,
sie wale1 weder Lydier, nodr Asianiker, sondern Thrako-Illyrer, die sidr in Lf-
dien_niedergelassen harten. Als sie in ihre neue Freimat Itaiien'kamen, fandän
sie dort eine Bevölkerung der gleiclen Abstammung vor, die dieselbe illyrisüe
spllt. spr,adr, und wurden ganz leidrt heimisdr. Im übrigen läßt nidrts -dawf
sdrließen, daß sie in einer einzigen welle kamerl sondärn viel eher ist an-
zunehmen, daß sie, ähnlidr wie die Normannen, in einzelnen Banden von jen-
seits des Meeres kamen und von einer gleiögearreten umgebung aufgesogen
wurden. obwohl sie eine Minderheir waren, erwiesen sie sidr-dodr wahr-
sdreinlidr als ein aktiveres Element als ihre vorgänger und wurden zum
Sauerteig
-einer reidrergn und vielgestaltigen Kulrur. Audr die alte, primi-
tivere und im wesentlidren bäuerlidre etruskisdre Bevölkerung war niÄiauto-
{rtho3; wie beispielsweise die Messapier, kam sie nur einige Jahrhunderte vor
den Turscha, setzte sidr allmählidr unter den osko-umbrÄ ind anderen dort
lebenden völkern fest und nahm deren ziemlidr rudimentäre Kultur an. Die
etruskisdre Sprad-re isr von klarer, organisdrer Einheirlidrkeir und läßt trotz
mandrer Dialeksnuancen keinen Anteil hetero gener ethni.sdter Elemente er-
kennen. 'wir werden sehen, daß mehrere aus Kleinasien stammende Ausdrüd<e
nur-einen gewissen untersdried der Kulturen bezeugen. \üfas die Lage der etrus-
kisdren Städte fern vom Meer betrifft, so müßte das glei&e Argumeit für Athen
gelten und man härte daraus sdrließen können, daß die Bewohner Attikas
kein seevolk waren. Diese Entfernung s/ar in Etrurien durdr die Furdrt
vor etruskisdren und anderen Piraten geboten, außerdem liegen ja Caere, Tar-
quinia, vulci und vetulonia nahe am Meer, populonia an der Küste selbst.

Die Etrusker haben niemals eine Nation gebilder. Jede stadr war ein klei-
ner Staat für sidr, mit seiner eigenen Politik. Einzig und allein das gemeinsame
Heiligtum des Gottes vertumnus (vekuna) in der Nähe von volsinia vereinre
in regelmäßigen Zeitabständen die Abgesandren der ,,zwölf völker Etruriens"
zu religiösen Zeremonien, bei denen allerdings audr gemeinsame Fragen be-
handelt wurden.
Rom hatte vor diesen furdrterregenden, bronzegeharnisdrten Kriegern ge-
zittert und mußte sidr im VI. Jh. unter ihr Jodr beugen. Die Etrusker besetzten
das Po-Tal und Kampanien (Capua, Pompeji). Vom VIII. Jh. an bauten sie die
Eisenerzvorkommen auf der Insel Elba ab und exportierten Marmor, \üein,
Töpferwaren, sdruhwerk usw. Die Griedren wagren sidr nidrt ins Tyrrhenisdre
Meer und konnten nur mühsam die Verbindung mit Cumae und Massilia (Mar-
seille) auredrterhalten. Auf dem Höhepunkt seiner Madrt erstred<te sidr Erurien
über eine Flädre von nahezu 70.000 km2 und zählte im VII. bis V. Jh. 2 Mil-
lionen Einwohner (M. Renard La qaestion |trasqae. Brüssel, t94i.). Jedodr
konnte Etrurien, das zwisdren jungen und kriegerisdren Völkern (Samnitern,
Volh und Stadt 65

Volskern, Latiqern, Griedren und Karthagern vom Meer her, bald aucl Gal-
liern) eirigesdrlossen lag, und das bereits im Innern durd'r die Kämpfe zwisdren
Adel und Bürgertum zerrissen war, dieser Lage nidrt anders Herr werden als
durch Bündnisse mit seinen Nadrbarn, die jedodr keine wirklidre Sidrerheit bo-
ten. Das Auftreten der Korinther in Sizilien (IV. Jh.) und das Vordringen der
Gallier hatten für die Etrusker verheerende Folgen. Die Gefahr aus dem Nord-
'westen war der Hauptgrund dafür, daß fast alle Städte Etruriens für den Hilfe-
ruf des zehn Jahre von den Römern belagerten Veji taub blieben. übrigens
sdrlugen die Gallier den Etruskern ein Bündnis gegen die Römer vor, das
aber nicht zustande kam, weil die Etrusker keine einheitlidre Politik verfolgten.
Veji fiel im Jahre 396 vor unserer Zeitred'rnung, und sdrließlidr unterwarfen
die Römer Etrurien nadr jahrhundertelangem Ringen: die römisdren Kolonien
auf seinem Gebiet untergruben seine politisdre Existenz.

Die uns zur Verfügung stehenden effuskisdren Insdrrifterr bewahren nur


wenige Spuren von all diesen Ereignissen. '!üfir werden darin wohl einen \flider-
hall von Kriegen, ja von erbitterten Kriegen, finden, aber keine historisdren
Tatsadren. Außer auf einem Fresko der Tomba Frangois, das eine Episode aus
der Zeit der etruskisdren Herrschaft in Rom zeigt, wird fast kein aus der
Andke bekannter Name erwähnt. Nid,tsdestoweniger werden wir in einigen
Insdrriften widrtige Zeugnisse über die sagenhafrc Vergangenheit der Etrusker
sowie über das öfentlidre Leben finden. Die Entzifferung dieser Insdrriften
ist aber vor allem für die Erforsdrung der etruskisdren Spradre wichtig.
Beginnen wir mit der auf dem toskanisdren Spiegel eingravierten Szene. Sie
zeigt im wesentlidlen eine Personengruppe rund um einen jungen Mann, der
eine Leber untersudrt, den Sitz derOrakel (Abb. 1). Die Insdrrift lautet: oehune
ucerseia (A) al tarpnas raOI@ paaa taryies. (A). Trotz einiger Unbestimmt-
heiten in der Schreibung ist der Sinn im allgemeinen klar. Veltune ist der
Gott Vertumnus; seine Anwesenheit zeigt, daß es sidr hier um ein Ereignis
von nidrt bloß lokaler, sondern von nationaler Bedeutung handelt. Ucerseia
ist die in der Mitte stehende Frau, Vl Tarlunus ist der bärtige Mann rechts;
die neben dem Jüngling links stehenden \X|orte ra@ l@ sdreinen sidr niclt
gerade auf ihn ztr beziehen. Paoa Taryies endlidr steht neben dem
Kopf des Flaruspex.
Pallottino sah in dieser Szene eine Unterweisung in der '!üflahrsagekunst,
P. Ducad hat sie als die Untersudrung der die Gründung der Stadt Tar-
quinia betreffenden Vorhersagen interpretiert. über Ucerseia wurde nidrts ge-
sagt. Das ist erstaunlid-r, denn ihr kommt die Hauptrolle in dieser Szene zu.
ITir haben da eine der widrtigsten Begebenheiten der etruskisdren Sage vor
uns. Zunädrst ist Ocresia ein bekannter etruskisdrer Eigenname, der im Mas-
kulinum wie im Femininum gleidrerweise vorkommt. Bugge zitiert eine lar@i
beli cainalucrsa, sowie eine @ania oele@nei acurs. (Etttskisc} und Armenisdr.
Christiania, 1890, S. 128.) \fleiters handelt es sidr um eine Tradition, die die
Vergangenheit der Etrusker mit den Anfängen Roms verknüpft. Diese Sage
kennen wir in mehreren Versionen; nennen wir bloß zwei davon:
a) Ocresia war Sklavin im Hause des Tarquinius Priscus, Königs von
Tarquinia, später von Rom. Als sie eines Tages am häuslidren Herd ein Opfer
darbradrte, sah sie dort einen Phallus ersdreinen. Sogleidr erkannte man darin
eine Offenbarung des Laren, des Hausgottes der königlidren Familie, der eine
J Etrusker
66 Die en*skisdten Texte

außergewöhnlidre Geburt in diesem Hause voraussagte. Der König befahl Ocre-


sia, sich als Braut gekleidet neben den Flerd zu stellen. Sie wurde sdrwanger.
Ihr Sohn Mastarna sollte einer der etruskisdren Anführer werden, die ihren
Sitz in Rom hatten. Dort herrsdrte er unter dem Namen Servius Tullius,
dessen Andenken später der Kaiser Claudius (in seiner Rede vor dem Senat
zugunsten der Redrte des gallisdren Adels) verherrlidrte.
b) Nadr Plutardr befahl ein gewisser Tardreties, ein grausamer Albaner-
könig, als er das 'Wunder gesehen hatte, seiner Tochter, sidr mit dem Sdrutz-
geist der Dynastie zu verbinden. Aber diese Prinzessin, die keine ausgespro-
drene Vorliebe für die etruskisdre Mythologie hatte, sdrid<te Ocresia, ihre Skla-
vin, an ihrer Stelle.
Kommen wir auf die Insdrrift zurüd<: paoa, das Sdrlüsselwort dieses Rätsels,
ist eine Vergangenheitsform (Aorist) des illyrisc.hen, also etruskischen und al-
banischen, bereits oben untersudrten shof, shop sbob, ,,sehen". Schlagen wir
bei Mann, Seite 488, nadtl. shot', Aoüst paoa. Diese Endung -vd der Vergan-
genheit ist im Etruskischen sehr häufig: marunuyna, ,r€r verwaltete",
epr@ieva, ,,er war Prytan", usw. Im Albanisdren ist -oa ein Aoristzeidren
bei mehreren Verben: blej, ,,kaufen", bleoa, etc. (M. Alb. Grammar, S. 28).
Also: paoa Taryies,,,Tarlies hat gesehen". Der Sage nadr soll der Sinn der
Ersdreinung von der Gemahlin des Königs, Tanaquil, gedeutet worden sein;
unserem Spiegel zufolge ist es Tarlies, ein Haruspex, der zunädrst die Leber
eines Opfertieres untersudrt und das anfänglidr gesdrilderte lüunder deuteg
zu dem Ocresia aufgefordert wird, ihren persönlidren Beitrag zu leisten. Es
handelt sidr da vielleidrt um eine Variante der Sage.
Vl Tar1unus ist also der König Tarquinius Priscus. ra@ l@ ist sdrwer
zv entzifrern Idr neige dazu, darin nidrt den Namen des Epheben zu sehen,
der der Symmetrie wegen (einer ständigen Sorge der etruskisdren Künstler)
links steht, sondern das Objekt zu dem kleinen Satz ,,Taryies har gesehen".
Vielleidrt wollte der Künstler den Sinn des Satzes präzisieren. Als Ver-
murung könnte man nocrh anführen: rad ,,Sdrid<sal" (M. 421) und ledhö,
,,Sdrmeidrelei", ledhatoj, ,,sdrmeidreln" (M. 239-240), also ,,ein sdrmeidrel-
haftes Sdridrsal", das dem künfrigen etruskisdren Condottiere vorausgesagt
wird? Dodr ist der Sdrluß der Insdrrift besdrädigt, und andere Deutungs-
vorsdrläge wären möglidr.
Merken wir uns das Vesentlidre: aus dem Anblid< der Leber wird eine
Aussage gewonnen; man prophezeit eine außergewöhnlidre Geburt. Ungezählte
Seiten sind sdron über diesen Brauch der Etrusker, den Angelpunkt ihrer Re-
ligion, gesdrrieben worden, der über die lydisdr-hettitisdre Kultur bis auf die
assyrisdr-babylonisdren Quellen zurüd<geht. Erinnern wir uns an die in Pia-
cenza gefundene Nadrbildung einer Leber, die in verschiedene Absdrnitte geteilt
ist, auf denen die Namen mehrerer etruskisdrer Gomheiten eingesdrrieben sind.
Als K. Olzsdra vor kurzem die Bilanz der Fortsd-rritte der Etruskologie madrte,
entdeckte er, daß diese Bronzenadrbildung der Leber wahrsdreinlidr zum lJnter-
richt in der Kunst der Haruspices diente; andererseits ist es aber audr eine
Naclrbildung, über deren Anomalien und daraus zu ziehende Sdrlüsse man
sidr klar wird, wenn man sie mit einer Tierleber vergleidrt. (,,Schrift und'
Sprache der Etrusker", Historia, 'Wiesbaden, VI, 1957, S. 34.)
Jedo& muß man über dieses Thema noö etwas hinzufügen. \(ollen wir uns
nidrt, bevor wir von Etrurien nadr Mesopotamien gehen, einen Augenblick
in Albanien aufhalten? Dort werden wir einen redrt sonderbaren Nadrklang
Volk snd Stadt 67

der vergangenheir vorfinden; namentlidr hat eine Mission der Harvard uni-
versität 1950 einen ausgezeidrneten Berid-rt über ihre Erhebungen in Al-
banien veröffenrlidrt. Sie hat dort anthropologisdre und demographisdre
Fragen studiert, hat die Maße von rund tausend Nordalbanern (Ghegs) g..rotn-
men, hat sidr für die Folklore des Landes interessierr usw. carleton s. coon
bemerkt u. a. folgendes:
,,Sie halten viel von Vorhersagen und rVahrsagerei. Ein Mann, der diese
Kunst versreht, liest die Zukunft aus . , . den Sdrulterblättern von Lämmern.
Ich war zeuge davon Dieser Knodren weist mehrere Teile auf, deren jeder seine
Bedeutung hat. Eine Höhlung bedeurer das Haus; je nadrdem, ob sie tiefer
oder fladrer ist, wird das Flaus leer oder voll von Gütern sein. Man kann
audr schlüsse auf die Ernte daraus ziehen. Ein kantiger Vorsprung zeigt, ob
die Herden sicl vermehren werden oder nidrt. Kleine Lödrer lm flaclten teil
des Knoclens sind !ü0iegen, und der \flahrsager kann sagen, ob eine Geburt
bevorsteht . . ." (The Mountains of tbe Giants, papers of tf,e peabody Museum,
s. 37 tr.)
..9oo." zitier_t einige ältere Autoren, denen zufolge die Lebensbedingungen in
Albanien an die Hallstätter Eisenzeit erinnern sollen. Jedenfalls führt-uns diese
Vorhersage einer Gebart nadr den Anzeiclen auf dem Schulterblatt eines
Lammes auf einem beadrtlidr verkürzten veg zu unserem Tar2gies, dem Ex-
Pava-Taryiel zurück.
.
Aus der Betradrtung der in diesem Kapitel dargelegten Texte gewinnen wir
einen allgemeinen Eindrud<: obgleicl die Etrusker ebensoviele-sraaren wie
städte hanen, bestand der Begrifi des vaterlandes sdron in der Stufenleiter
ihrer siwlidren 'werre. Beginnen wir mit der Tatsadrg daß die Gründung der
Stadt von religiösen Riren begleitet wurde. Ihre Mauern sowie ihre Gräzen
waren geheiligt. Diese Grenzen sind unter der Bezeiclnung tular spural be-
kannt' spura bedeutet ,,Stadr", was uns an das slawiscle "ylort sbär, sobor,
,,versammlung, Zusammenkunft", denken läßt. Das Land selbst wird durctr die
Gegenwart der vorfahren geheiligt. Das geht aus den Ausführungen von Fustel
de Coulanges hervor:
,,Nadr der überlieferung gräbt Romulus bei der Gründung Roms eine
Grube und wirft eine Erdscholle hinein, die er aus Alba gebraÄt hat.
Jeder
seiner Gefährten wirft ebenfalls ein wenig Erde aus dem LÄd hinein, d"r'
er kommt. Diese Handvoll Erde war füi jeden von ihnen das sinnbild "uJ
,,des
geheiligten Bodens, wo seine vorfahren besgtter waren und mit dem deren
Manen verbunden waren". ,,Durdr das Hineinwerfen einer Erdsdrolle aus ihrem
vaterlande in die Grube glaubten sie die seelen ihrer vorfahren miteinzu-
sdrließen." (La Citö antique, S. 154.)
so befinden wir uns also an der Quelle des Begrifies vaterland. \(ir werden
später bei der Erwähnung der Göttin ven@ auf diesen punkr zurüclkom-
men,
Die verbundenheit der Etrusker mit ihrer italisdren Fleimat läßt sid.r audr
an den Namen erkennen, die sie Flüssen, Bergen und rälern gaben. Der ur-
sprung des Namens Tiber (B) erklärt sidr ji aus dem albarisclen thepuer,
tltepory ugezad<t" (M. 534). Diese Bezeid-rnung entspridrt sehr gut dem gewun-
denen Lauf dieses Flusses. Letzten Endes waren die biadrtlidre o"rganisatiän und
die Sdrönheir der etruskisdren städte mit ihren breiten, g"pflart"it"rr, einander
r.ed'rtwinkelig kreuzenden straßen, ihrer Kanalisierung usw. Folge eben
dieser verbundenheit. veji blieb, obwohl eingenommä, geplündert "itre und teil-
68 Die etruskisrhen Texte

weise eingeäsd'rert, dennodr viel sdröner als Rom, so daß ein Teil der Römer
den'lfunsdr hegte, die eigene Stadt aufzugeben, um sidr in der Etruskerstadt
niederzulassen. Da begaben sidr junge Patrizier zu diesen Leuten und flehten
sie an, die Erde der Vorväter nidrt zu verlassen.
Bevor wir von der Verwaltung spredren, wollen wir einen Augenblid<
bei dem allgemeinen Begriff der Madrt in der etruskisdren Spraöe
verweilen. Durdr Hesydrius wurde uns ein \ü7ort überliefert: (P. 829) d.rouna
(A). Seine griedrisdre übersetzung ergibt den Sinn ,,Flerrsdraft, Befehl, Madrt".
Dank dem Albanisdren können wir aber die ursprünglidre Bedeutung des Sub'
stantivs drouna heraussdrälen: ,,fürdrten madren", denn es hängt mit dern im
Albanisdren neutralen, unregelmäßigen Verbum d,rue, draa,,,fürdrten", zusam-
men; draen, ,,sie fürdrten"; druhetn, ,,Angst haben" usw. (M. 84). Bet'ehlen
bedeutete für die Etrusker vor allem: eine heilsame Furdrt einflößen. Ein
Missetäter mußte immer mit einer körperlidren Züdrtigung redrnen. In einern
Artikel, den wir nodr im Kapitel über die Familie zitieren werden, drüdrt
jedodr J. Heurgon sein Bedauern aus: ,,Aber man sudrt in unseren Insdrriften
vergebens das \7ort *trund odet "druna, das dem entsprädre" (Historia, YI,
S. 75). Offenkundig ist die Silbe na dieses \fortes nur ein Suffrx (vgl. rasna
etc.). !üir müssen die Wurzel dru, tru sudren. Diese finden wir in dem
\lorr truisie in einer auf einem Spiegel eingravierten Szene, die wir im selben
Kapitel über die Familie untersudren wollen, aber audr sehr wahrsdreinlidr in
dem Titel eines Haruspex, tr,4tnot, der uns bei der Bespredrung der etrus-
kisdren Religion unterkommen wird.
Die etruskisdre Verwalmng kennen wir aus den Grabinsdrriften sehr gut. Die
Vorredrte der Beamten trugen, wie alles Offizielle bei den Etruskern, einen ge-
heiligten Charakter, sdron deshalb, weil ja jeder Beamte an gewissen Opfern
teilnahm oder sie leitete. Einer der gebräudrlidrsten Ausdrüd<e in diesem Ver-
walrungsapparat vrar zila@ (A). Es ist lehrreidr, daß sidr dieses Substantiv
fast zur Gänze in dem albanisdrer, zyrtdr,,,Staambeamter", (M 585) erhalten
hat, wo die Endung ar n:ur zur Bezeidrnung des Berufs oder der Gewohnheit
dient (was wir im Etruskisdren wiederfinden werden). Zyrö ist eine ,,drin-
gende Angelegenheit", das albanisdr-russisdre lflörterbudl sagt: zirtar.
Von dem Vort zyrö gibt man an, daß es nidrt mehr gebräudrlidr ist. \7ie!
Vor kaum 2500 Jahren war dieses \üort gerade in Mode gekommen und sdron
will man es in die Ardrive verbannen? Unglaublidt, wie sdrnell diese illyrisdren
'$7örter sidr abnützen und veralten!
\Tidmen einige 'Worte einem jener zilc, zily, dessen Sarkophag zusam-
wir
men mit einer sdrönen Insd'rrift dem Zahn der Zeit entgangen ist. Es handelt
sidr um einen Beamten aus Tarquinia, Vel@ur Partunus (Bardhunus), über
den man folgendes liest:
(P. 126, CIE 5423) vel@ur partuntls larisalisa clan
ram@as cuclnial
zily ceyaneri ten@as
avil sval@as LXXXII
V. P., des Laris Schn
(und der) Ram@a Cuclnia,
(war) zily ceyaneri ten@as.
(gestorben) (im) Jahr von (seinem) Leben 82

\[eldre Rangstufe hatte er in der Hierardrie seiner Vaterstadt inne?


Volk und Stadt 6g

Aus hu@-tenid, ,,vier Städte", folgern wir, daß ten ,,Stadt" bedeuret
und demnadr ten0ai,,aus der'Stadt",
Das'Wort ceyaneri hat zu vielen Hyporhesen Anlaß gegeben. Das Stammwort
ceTa könnte, in übereinstimmung mit Thomopoulo, dem albanisdten köba,
,,hier", gleidrgesetzt werden. So interpretierr man in dem Epitaph eines Lar@
Vellas (P. 90, CIE 5385) das Ylorr ceyari als ceya ri, ,,hier ruht", denn
albanisdr rri bedeutet ,,be6ndet sidr, wohnt" (M. 439). \(enden wir uns
nun einer kleinen Votivfigur des Gottes Apoll zu, die in Paris, in der Biblio-
thöque Nationale, aufbewahrt wird. Die darauf befindlidre Insdrrift enrhälr
die lVorte: trce clen ceya (P. 737, CII 2613). Sie bedeuten, daß diese
Plastik ,rgegeben (wurde), (um zu) sein hier"; denn clen (A) isr das albanische
hlenö, der Infinitiv des Verbums jam, ,,seirf' (M. 199). Sdrließlidr wollen
wir nodr die Insdrrift auf dem Zippus von Perugia, P.570, heranziehen (wir
werden auf diesen nodr zu spredren kommen), die mit folgenden'Worten ender:
i7 ca ceya ziyuTe. Das bedeuret im wesenrlidren: ,,(Es) wird gehen (wird
sid-r ereignen) gemäß dem, was ist gesd-rrieben hier" (?). ceyane kommr von
cega; es ist ein abgeleiretes Adjektiv. rt7ir erkennen daran das Suffix ze, das
in raine, ,,etruskisdr", und in Siiane, ,,sdtmad<.haft", wiederkehrt. Veldrer
Sinn könnte sidr also f|ür zily cegane ergeben? Idr glaube, es handelt sidr
um das Amt eines Vertreters eines Teiles der rarquinisdren Bevölkerung, ähn-
lidr dem des Volkstribunen bei den Römern. ceyaneri wäre ein Kol-
lektivum oder ein Plural, so wie das oben besprodrene mdnimeri,,,Obst oder
Früdrte, Nadrkommensdrafr". Die ceyaneri waren also vielleidrt ,,die von
hier, die Hiesigen, die Eingeborenen", eine Bevölkerung, die das bodenständige
Element der Stadt darstellte und möglidrerweise sdron vor den Etruskern dort
gelebt hatte.
Halten wir fest, daß das Tfort neri in den AMB deutlidr die Bedeutung
,,Leute, Mensdren" hat (Kap. X, das wir später bespred,en werden), ebenso
wie nieri, ,,Mann, Mensdr" im Albanisdren (M. 330) und im Gried.risdren:
anör. So hieße also ceyaneri ,,die hiesigen Leute"? Es würde jedenfalls
gut Passen.
Vel@ur Partunus muß auf alle Fälle eine bedeutende Persönlidrkeic gewe-
sen sein, und der Name für seinen Sarg, del Magnate, ersdreint somit geredrt-
fertigt.
Dodr es srehr nodr ein anderer'\t7eg ofien. Gesetzq Thomopoulo hätte un-
redrt und ceTa wirde mit, @a7, za5, zdc, ,,Blut" (albanisdr gjah) äbe*
einstimmen, so wie etruskisdr etnam, ,,Väter" (alban. etna) mit, dt, ,Vater"
(in beiden Spradren) zusammenhängt und so wie clenar von clan abgelei-
tet ist. In diesem Falle würde ceya ,,blutiges Opfer" (oder ,,Opfer" über-
haupt) bedeuten, ceTaneri hieße dann: ,,vom selben Blur, verwandt, Geburts-".
Audr im Polnisdren kommt ja z. B. kreutny, ,,verwandt" von hre@,,,Blut...
zily, ceyaneri ten@as aus unserem Text könnte also ,,zil2g der Geburts-
stadt" bedeuten. In P. 737 rniüißte trce clen ceTa heißen:",,gab (um zu)
sein (anstatt des) opfers." In den letzten worten von P. 5zo müßte es sidr
um ein Opfer (ziguge) handeln und um Blw (cega), d,as zugunsten der
Verstorbenen vergossen wurde.
S&ließlidr würde in der Insdrrift P. 90 CIE 5385 ceyasie@ur ,die ver-
wandte Linie", ,,von gleidrem Blut" ergeben.
Marun, ein anderer Titel in der Verwaltung, der in den Insdriften häufig
vorkommt, erklärt sidr leidrt aus dem albanisdren Verbum maroj (mbaroj, öi-
70 Die etraskisdten Texte

baronj), ,,durdrführen, vervollständigen, beenden" (M. 268), mit dem ein an-
deres Verbum, mbarsbtoj,,,anordnen, verwalten, kontrollieren" zusammen-
hängt, das wirklich der Beadrtung werr ist. 'Was wollen wir mehr! Wir sind
direkt in das Räderwerk der etruskisdren Verwaltung vorgedrungen, und dank
dem Albanischen stellen wir fest, daß diese entsdrieden anders war als alle
übrigen: sie betradrtete ihre Gesdräfte als dringend und erledigte sie gerne.
Es gab audr eine oberste Beamtensdlaft, deren Bezeiclnung wahrsd-reinlidr
von einem altertümlidren Ausdruck stammr. Es handelt sidr um pur@ (A). Es
war dies der griechisdre pry)tanis, der oberste Priester. In Griedrenland war
dieses '\üort ein Synonym für König. Flammarström zufolge gab es Pryranen
im IX. bis VIII. Jh. vor allem auf den Inseln, in Kleinasien und in Ost-
griedrenland, das heißt in den Gebieten, die man als ,,pelasgisdr" betradrtete.
Der Prytan, oberster Beamter und Priester des klassisdren Altertums,
gehört jedocl bereits einer hoch entwickelten Epoche an, die sidr nidrt mehr
gerne an ihre besdreidenen Anfänge erinnerre. Daremberg führt ihn auf diese
Vergangenheit zurück, indem er uns daran erinnert, daß sidr im Prytaneum
die Feuerstelle des ganzen Staates und der Altar der Hestia befanden, wo sidr
die Kolonien von dem ständig brennenden Feuer den heiligen Brand des Vater-
landes holten. Mit anderen 'Worten, der Prytan war damit betraut, das
Feuer zu überwachen.
Die albanische Spracle, die uns so viel über das illyrisdre Altertum aufbe-
wahrt hat, gestattet uns audr hier, ohne alle Umsdrweife zum Kern dieser
Ausdrüd<e vorzudringen. parris,Verbum,,,das Feuer anfadren" (M.409); prush,
,,Glut"(alb.-russ. '\ü(örterb., prushis,,,idr
S. 345); fadre das Feuer an"
(von
Ffahn, III, S. 106); posi prushi ndönö hi, ,,wie die Glut unter der Asdre"
(alb.-ital. Vörterb. von Leotti, S. 1113). Der Flamen, ein römisdrer Priester,
verdankte ebenfalls seinen Namen dem lateinisdren flare, ,,Feuer sdrüren".
'Wir müssen nodr die Identität einer anderen wicltigen Persönlidrkeit
feststellen, die uns mit einem Sprung in die Römerzeit führt, Es handelt sidr
um den cam@i, den man zu Unredrt in die Reihen der etruskisdren Priester-
sdraft eingliedern wollte. 'Sfir sehen in ihm eher einen wad(eren Zenturio, denn
cam@ erinnett uns an yirn@, ,,hundert", eine bereits besprodtene Zahl,
ebenso wie cnticn@ aus den AMB, Kap. VII und XI, die wir später unrer-
sudren werden. Die anfänglicl-re Abhängigkeit der militärisdren Organisation
der Römer von der etruskisdren gibt uns das Redrt zu dieser Parallele. übrigens
gibt es eine interessante Grabinsdrrift, P. 99, CIE 5526, die unsere Ansicht
iber cam@i bekräftigt. Es handelt sidr um Lar@ Ceisinis, den Sohn des
Velus, von dem gesagt wirdz cizi zilaTce me@lum, ,,ist gewesen dreimal
zila@ der Liga" (das ist vielleidrt nidrt der etruskisdre Bund, sondern eine Liga,
die Tarquinia mit den kleinen umliegenden Städten bildete) und nurt'zi can@ce
calwsin (B):
nwrlzi ,,neunmal"
can@ce als can@i" (carn@i)
calusin 'diente
,,Ritter, von den Rittern", von dem Vort cal, ,,Pferd",
Man muß doch annehmen, daß die berühmte etruskisdre Reiterei eher von
Zenturionen als von Priestern befehligt wurde. Aber nidrt der Verwaltungs-
apparat dieser Stadtstaaten maclte ihre Stärke aus, sondern vielmehr der Geist,
der in ihnen herrschte und in dem Mut, Aufopferung und Hingabe an das
Vaterland gepflegt wurden. \7ie ausdrud<svoll ist dodr das Bild (Abb. 10)
eines jungen Eruskers, der, den Tönen der Harfe lauschend und über sein
Volh and Stad.t 7l
Buö gebeugt, zu träumen sdreint. Ni&t die Musik, sondern der Texq den er
vor Augen hat, besdräftigt ihn so. Obwohl idr zugeben muß, daß dieser
Text sdrleclt lesbar ist, konnte idr
doch (auf der oberen Seite) das
\lort irai ausnehmen. Der Knabe
heißt Artile, das ist ein Dimi-
wtiv. ira! kommt aus dem Grie-
drisclen und bedeutet natürlidr
,,Fferos, Held". Erfreulidrerweise
existiert dieses 'Wort irasb, a:us der-
selben Quelle stammend, audr im
Albanisdren. Es ist ein Adjektiv:
,,tugendhaft, heldenhaft" (M. 167).
Nodr erfreulidrer ist es, daß wir
audr den Namen Artile au,s dem
Albanischen erklären können. Ganz
offenkundig kommt er aus dem
Stamm afti, ,,mvtig" (M. 12). So
prägt sidr also dieser etruskisdre
Gymnasiast mit dem symbolisdren
Namen sdron in frühester Jugend
)
N die Begriffe Mut und Heldentum
ein. Träumt er von den Helden
Ffomers oder von Alexander dem
Abb. 10 Großen, der ähnlidrer Abstam-
(Gerhard, Etruskiscbe S piegel, V, 127) mung war wie er, oder von den
Trojanern, die ebenfalls mir den
Etruskern stammesverwandt waren?
Folgende Insdrrift auf einer Bronzevase besagt meiner Ansidrt nadr, daß
diese von der Stadt den Mutigen als Preis verliehen wurde:

(P.241) mi zpurana talape


mi,bedeutet ,,dies" (oder: ,,i& bin"). zpurnna kommt von lpura,,Stadt..;
erwähnen wir, daß das Etruskerviertel von Rom Subura hieß. Die
Endung -na, die sdron vorgekommen ist (wie in su@ina,,,zum Begräbnis gehö-
rig"), bezeidrner die Zugehörigkeiv sp,rdnd heißt also ,,zur Stadt g"hörig,
städtisdr". talpe rcilr sidr.in
.tal und dpe; tal ist das albanisdre d.alä, l,mttigl;
(M. 66) und ape hängt mit der 'sfurzel ap ztrsammen, die, wie wir sdron wii-
sen, ,,geben" bedeutet. Das ergibt also: ,,Gesdrenk der Stadt an die Mutigen...
Dieser Mut mußte sogar, wenn nötig, bis zur Hingabe des Leben gähen.
und wie konnte es aucih anders sein bei einem der frömmsten völker der Erde,
wie die Römer die Etrusker nannren? \zer jedodr Religion sagte, meinre
Opfer. In Etrurien hat sidr kein Prophet erhoben, um wie FIos", -r.r-rr"rkün-
den: ,,Näclstenliebe und keine Opfer!" Der Gedanke des Opfers muß ja in
Etrurien in der Luft gelegen sein. Bei jedem Schritt mußte man den ob"r.r,
Gättern, den unteren Göftern, den Göttern der pflanzen, den Göttern der Flüsse,
!e1 Quellen, des Regens, den Gömern der Türen, den vergöttlidrren vor-
fahren usw. opfern. Die Konsumenten dieser opfergaben waän ebenso zahl-
reicl wie die Bedürfnisse des Mensdren. Göttliche, himmlische oder höllisdre
Münder öffneten sidr überall, und unsidrtbare Hände sred<ten sidr von oben
72 Die etraskhchen Texte

und unten aus und forderten ihre tägliche Kost, lauter Forderungen, die jeder-
zeit von einem diskreten Donnersd-rlag unterstridren werden konnren, aber
audr gelegentlidr von einer Trod<enheit, einer Epidemie oder einer militärisdren
Niederlage. Daher konnte man bei einem etruskisdren Gelage die Anwesen-
heit ebensovieler göttlicher Tischgenossen spüren wie gewöhnlicher Sterblidrer.
Dieses Gefrihl wurde übrigens gemäßigt durch die Tatsadre, daß die Götter
symbolisdre Portionen annahmen und im großen und ganzen den gleidren Ge-
sdrmad< hatten wie die Mensdren. Das sdruf sogar eine gewisse familiäre Atmo-
sphäre rund um den Tisch, obwohl die niedrigeren Mitglieder dieser vielköpfigen
Familie verhalten waren, sidr schweigend dem unerklärlidren Desporismus der
höheren zu beugen.
In sdrwierigen Fällen aber mußte als hödrstes Opfer Mensdrenblut dar-
gebradrt werden. Bei der ,,etruskisdren Blutbank" gab man jedodr sein Blut
nidrt nur für den Mitmensdren, sondern die zu Göttern erhobenen Vor-
fahren forderten ihren Anteil daran. Ein adeliger Etrusker wußte sein
Leben nidrt nur auf dem Sdrladrtfeld, sondern audr im Verlaufe einer feier-
li&en religiösen Zeremonie hinzugeben, wie wir sehen werden. Natürlidr opferte
man lieber das Blut der anderen.
Bei allen Völkern des klassisdren Altertums gab es Mensdrenopfer zu Ehren
der toten Helden, Bei den Griedren Flomers, den Etruskern und den Römern
drüd<t sidr diese Gepflogenheit häufig durdr das Absdrladrten eines Teiles der
Gefangenen aus. Nach Flerodor (I, L66) verheerten die in Korsika ansässigen
phokisdren Seeräuber die benadrbarten Küstenstridre so langg bis die Tyrrhe-
ner und die Karthager, die am meisten unter ihren Einfällen zu leiden hat-
ten, den Phokern gemeinsam eine Sdrladrt lieferten. Danadr steinigten die
Verbündeten ihre Gefangenen. Folgendes Ereignis wird besonders erwähnt, um
die Grausamkeit der Etrusker zu betonen: Nadr einem Sieg über die Römer im
Jahre 355 vor unserer Zeitredrnung sdrnimen die Tarquinier 307 römisdren
Gefangenen die Kehlen durdr; 4 Jahre später metzelten die Römer die Bevöl-
kerung von Tarquinia nieder mit Ausnahme von 358 der Vornehmsten, die
nadr Rom abgeführt wurden, um dort mit Ruten gesdrlagen und dann enr-
hauptet zu werden. Erinnern wir uns aber audr daran, daß im Jahre 405, zu
Ende des peloponnesisdren Bruderkriegs, die Spartiaten nadr dem Sieg über
die athenisdre Flotte 4000 gefangene Biirger von Athen hinsdrladrteten. Die
Etrusker waren also in dieser Hinsidrt weder sdrledrter nodr besser. Aber nadr
und nadr versdrwanden die Mensdrenopfer bei ihnen, um von Spielen, Faust-
kämpfen und dem Kampf eines Mensdren mit einem großen Hund abgelöst zu
werden, wie man nodr sehen wird. Nodr im Jahre 42 v. Chr. jedodr läßt
Oktavian 300 Gefangene, adelige Etrusker aus Perugia, umbringen.
Die Etrusker ließen auf die Wände ihrer Gräber die Hinopferung der tro-
janisdren Gefangenen an den Sdratten des Patroklus malen, eine Episode aus
der llias. In der Tomba Frangois ist neben dem Fresko, das dieses Opfer
darstellq eine andere Episode gemalt, die aus den etruskisdren Annalen stammt.
Man sieht darauf einige etruskisdre Helden, die einige andere nidrt weniger
etruskisdre Helden niedermetzeln. Es handelt sidr um einen Kampf zweier Ge-
sdrledrter um die Vorherrschaft in Rom. Caile Vibenna und seine Lzute
wurden von Tarlunies Rumal und dessen Gefährten gefangengenommen.
Der bereits erwähnte Mastarna jedodr kommt zu Hilfe und befreit Caile. Ni&t
nur die Erwähnung Mastarnas durcl Claudius, sondern audr ein Sd'rerben,
auf dem der Name eines Bruders von Caile steht, beweisen, daß wir hier
Volk und Stadt 73

gesdridrtlidre Persönlidrkeiten vor uns haben. Nun gibt es aber auf diesem
zweiten Fresko ein Detail, das unerklärt geblieben ist. Einer der Sieger sdrreit,
indem er sein Sdrwert in die Brust eines Feindes stößt:
(P. 299) ven@ical . . . 3 . . . plsays. (Abb. 11)
Diese leider ausgebrodrene Insdrrift verdient
größte Beadrtung. In großen Zügen läßt sie sidr
folgendermaßen erklären :

oen@i ist ein Dativ des Substantivs ven@, das eine


Totengöttin bezeidrnet. Sie steht in direktem Zusam-
menhang mit der Erde, die durdr die An.wesenheit der
Geister der Vorfahren geheiligt wird. Der Ausdrud<
oend ist ein widrtiges Element der illyrisd-ren und all-
gemein indogermanisdren Toponymie bis nadr Lykien
(Kaduanda, Pudvandos naö Pauli und Bugge) und
bis in den Iran hinein. Im Albanisdten bedeutet oend
,Stelle, Land, Heimat'.
cal ist hier wahrsdreinlidr das albanisdre gjallö, ,das
Leben' (genauer: und (M. 141).
"leben'd" "leben") Abb. 11
.. p/ bleibt unverstän.dlidr. Ygl. ep, nep, ,geben'.
saTs läßt sidr zerlegen in sa, und fresä. Dieses letzre Wort kommt vom
"wieviel",
albanisdren Verbum ham, .haberr"; (tö) kesb, du habest'; kishe, .dt hattesr".
Rodewendungeo, die mit sa,
"daß
"wieviel, soviel, ebensoviel" beginnen, sind in deo
etruskisdren Grabinsdr,riften häufig und wir werden n'odr davon spredren.

\7as wollte dieser Ausruf sagen? Ttotz der Lüdlen im Text sdreint det
Sinn folgender zu sein: ,,Du wirst geben der Ven@ (von) deinem Leben soviel
als du davon hast." Der Sieger bringt der Ven@ das Leben seines Opfers
dar.
Eine ausgezeidrnete Bestätigung meiner Interpretation finde idr bei Mommsen,
der in seiner Römisdten Geschidtte,I., sdrreibt:
,,Die Hinri&rung des zum Tode verurteilten Verbredrers ist ebenso ein der
Gottheit dargebradrtes Sühnopfer wie die im geredrten Krieg vollzogene Tö-
tung des Feindes; der näütliüe Dieb der Feldfrüdrte büßt der Ceres am Gal-
gen wie der [räse Feind der Mutrer Erde und den guten Geistern auf dem
Sdrladrtfeld."
Betradrten wir einmal näher, wer Ven@ war. Sie ist auf dem Fresko mit
dem Opfer an die Manen des Paroklus dargestellt. Mit ausgebreiteten Flügeln
steht sie neben Adrilles, der einen Trojaner opfert. Zu unserem Erstaunen
sieht sie nidrt abstoßend aus wie ein Dämon der (Interwelt, trorz der beiden
Sdrlangen, ihren Attributen. Einen maßgebli&en Beitrag zu diesem Thema
liefert uns F. Poulsen, der mehrere mit Fresken gesdrmüd<te etruskisdre Gräber
besdrreibt. (Etr. Tomb Paintings, 1932, S. 54, Abb. 40.) Beim Studium der
Tomba Frangois kommt er zu dem Sdrluß, daß diese Ven@ eine der Lasa
ist, einer von den wohkaollenderz Geisrern jenseits des Grabes. Ihre Rolle als
Besdrützerin geht nodr deutlidrer aus dem GoliniGrab hervor, das vom gle!
dren Autor besdrrieben wird (unsere Abb. 12). Die beiden Sdrlangen am Gürtel
der Gönin zeigen ihre Zugehörigkeir zur lJnrerwelt an. Sie jedodr isr es, die den
jungen Adeligen, einen Larth, der soeben im Jenseits angekommen ist, empfängt
oder begleitet, indem sie seinen !7agen führr. Mit der linken Hand madrt sie
eine trösdidre Geste; in der redrten hält sie eine Rolle, von der Poulsen verrnu-
74 Die etuskhchen Texte

tet, daß sie eine Aufzählung der guten Taten dieses Larrh im Laufe seines
kurzen Lebens enthält; gewiß eine Lisre, deren Lekdre die strenge des Hades
mildern soll.
\[enn man sidr jedoch auf die bereits erwähnte ähnlidre Rolle des Laris
Pulena sowie auf andere Insc}riften stützt, so kann man genauer sagen, daß
es sidr in diesem und ähnlidren Fällen in erster Linie um d]e Dienste-handelt,
die der Stadt und dem Land erwiesen wurden. Diese Dienste also werden
von der Göttin hervorgehoben, deren Name selbst ,,Land, Geburtsland" be-
deutet. Sie ist es, die dort die seelen der vorfahren empfängt und besdrützt.
Ihr scfieint ein bedeutender Teil der opfer zugedadrt ru ri;n. \Vir können
also bereits sehen, wie aus allen diesen Angaben sidr nach und nach ein neuer
Begriff herausschält und allmählich klarer wird: die Idee des vaterlandes.
Erklärungen werden nodr durdr eine andere Darstellung bekräftigt,
,.Meine
die man an anderer stelle, nämlidr in der römisdren Ardräolögie, 6ndäti
die geflügelte Ruhmesgöttin, die wahrsdreinlidr die Nadrfolgerinier ven@
ist und die eine Rolle in der Hand hälq auf der alle veräienste des ver-
tjg{.ry" eingetragen sind. sdrließlidr wollen wir feststellen, daß in den
AMB, Kap. VII, Ven@ unrer dem Namen Van@ aufscheint.

&, a\,
/l' 4

Abb. 12. Ven@, d.ie Beschützerin der Verstorbenen

Der Boden, der diese Ven@, diese Ruhmesgörtin, hervorgebradrr hat, ist
ursprünglidr die Erde des Geburtslandes selbst, mit der die Seelen der vor-
fahren verbunden bleiben. Man muß sich um sie kümmern, damit sie ihrer-
seits in Gefahren das Land unrersrürzen. Bei außergewöhnlich großer Gefahr
braudren sie audr außerordentlidre opfer für diese solidarität iwisd-ren ver-
gangenheit und Gegenwart. Das Blut der Gefangenen genügt nidrt mehr für
Volk und Stadt 75

dieses hödute Opfer. Die vornehmen Etrusker zögern nidrt, ihr eigenes Le-
ben anzubieten.
Hier sdrlagen wir eine der düsrcrsten Seiten dieser Abhandlung auf; es han-
delt sidr jedodr dabei nidrt um ein ,,Vergnügen an der Grausamkeit", son-
dern um einen Glaubensakt, einen alten Ritus.
Ein im Jahre 1890 von G. Körte veröffentlichter, interessanter Stidr
(I rilievi delle urne etrusdte, Roma, pl. CXV, I) stelltein doppeltes, frei-
williges Opfer dieser Art dar (Abb. 13). Man sieht darauf in der Mime
zwei junge Patrizier, den einen kniend, den andern stehentd. Das Antlitz des
ersten ist von ergreifender Gefaßtheit. Flinrer ihnen erkennt man zwei Män-
ner mit erhobenen Doldren, die bereit sind, sie za opfern. Redrts steht ein
Flötenspieler; links zwei Diener mit'Werkzeugen und einer Leiter; der linke
faßt in seiner Ergriffenheit den Kameraden am Arm. Nadr Körte dient die
Leiter bei der riruellen Einäsdrerung.

,2
Ap t3-"
,Y,

Abb. 13. Zwei r.tornehrne Etrusker lassen sich opfern,

Der Autor schreibt, daß das vorliegende Relief dem III. bis II. Jh. vor un-
serer Zeitredrnung angehört, wo so barbarisdre Zeremonien nidrt mehr statt-
fanden:
,,Daraus geht hervor, daß unsere Reliefs sidr nidrt auf zeitgenössisdre Be-
gräbnisriten beziehen, sondern vielmehr auf irgendein bedzutendes Ereignis
aus der (etruskisc}en) Mythologie, bei dem vornehme Männer sidr zum Opfer
anboten, um das Vaterland zu retten und um sidr so einen Ehrenplatz in der
Erinnerung der Nadrwelt zu sidrern." (S. 260.)
So ersdreinen also die Besdrürzerin Ven@ und das Vaterland als hlare,
hod-r entwickelte Begriffe, die sich in der alrcn italisdren Kultur unter dem
Einfluß der religiösen Vorstellungen der Etrusker gebildet hatten. Nun glaube
idr aber, dieselbe Göttin unter dem Namen Bend.is bei den Thrakern zu frn-
den, die sie mit Artemis gleichsetzten. Diese aber ist für sie dieselbe wie
Hekate, die Göttin der Unterwelt.
'W'ir $/ollen jedodr
auf die im täglidren Leben belohnten Tugenden z!-
rüd<kommen. Der Sinn der folgenden Insd'rrift, die eine Vase sdrmüdrq
könnte nacih meinen Vermutungen gedeutet werden:
(P.67) cena mi balaturus fapenas cenecuhe @ieze
76 Die etru.skischen Texte

cena (A): ,,Preis, \[ert, Belohnung." Eine alre indogermanisdre \furzel, zu der
kaena (im Avesta), kaina (tn skythisdrer Spradre) gehört, sowie po'ine (griedtis&),
zena (slawis&,), c enis, (albanisch).
"sdrätzen"
calaturus wäre,Sdrale'.
fapenas, ein Eigennarne, im Dativ.
cube wäre das albanisdre hohe, .Zeit' (M. 202). Nadr G. Meyer ist dieses $(orr
kein Lehnwort (L c., S. 194).
@ieze ist sdrwierig. Es hängt vielleicht mit dem Begrifr decem, ,Dgzennium" zu-
sammen, v/orüber rbereits diskutiert wur,de.

lm ganzen bedeutet dies vielleidrt:


,,Diese Vase ist eine Belohnung für Fabena für die Zeit seiner Dekade."

Ein besonders steiler Aufstieg zum Ruhm wurde durdr die Erridrtung des
Standbildes eines etruskisdren Redners im Tempel des Gottes Sancus verewigt.
Es ist eine sdröne Bronzestatue, die bereits die Strenge der römisdren Skulptu-
ren ankündigt. Sie trägt eine Insdrrift (P. 651, CIE 4196)z
auleli metelii oe vesial clenli cen flere|
tece san'sl tenine tu@inel yiwlici
In Übereinstimmung mit anderen Autoren hat Pallottino den ersten Teil
dieser Insdrrift folgendermaßen übersetzt: ,,DemAule Meteli, Sohn desVel und
seiner Gemahlin Vesi, ist diese Statue eridrtet worden. . .", denn die Endung
ji drüdrt tatsädrlidr den Dativ, cen den Akkusativ von ca (,,dies, dieser")
aus; fleres ist anerkannt im Sinn von Exvoto oder Bildnis; tece wäre
gleidrbedeutend mit dem albanisdren tek,,,in". Man weiß, daß sanlsl heißen
kann: ,,von Sancus" oder,,vom Gott Sancus"l tenine ist nidrts anders als
eine Ableitung von der \Turzel ten, die wir sdron oben gehabt haben, näm-
liclr in den \flörtern hu@-tenia und ten@as (,,von der Stadt"). Audr das alba-
nisdre nd.enjä, ,,'Wohnsitz", (M. 306) hat man vermerkt. In einer Reihe von
albanisdren '!(örtern, die mit nd beginnen, kann das z versdrwinden (so
entwidrelt sich ndk. zu teh und nd.eri zrt d'eri, M. 306, und ebenso ndez zrl
dhez, M.307). Mit anderen \(orten, dieses tenu oder tenine sdrrumpft praktisdr
zusammen zu d.en, das gleidrbedeutend ist mit unserem ndenjä; tu@inei ist
ein bekannter imliscler Name: ,,der Bürger" (gett. plur.); dann kommen
nodr die letzten beiden, nodr nidrt erklärten 'S(orte dieser Insdrrift, fii olici.
7i! erklärt sidr aus dem albanisdren hieslti, ,,Zierde" (M. 159); vlici ist das
albanisclre oluh, ,,Gipfel, Höhepunkt, Krönung" (im Casus obliquus) (M. 561)'
Zusammenfassend können wir vermuten, daß dieses Wort übersetzt werden
mußte: ,,das sdrönste Ding."
Der Text sdreint zu bedeuten: ,,Dan Aule Meteli, Sohn des Vel und der
Vesi. Diese Statue (ist), im Vohnsitz des Sancus, von (seinen) Mitbürgern
eine hödrste Zierde." \üenn jedoch cen ,,Preis" bedeutet, dann muß man lesen:
'$Tohnsitz . . ." usw.
,,Dem Aule ist diese Statue ein Preis; im
NacI diesen Texten, die uns über mehrere Punkte im Ungewissen lassen,
werden wir für unsere Mühe mit einer historisch sehr wertvollen Insdrrift auf
einem Zippus, einem Grabstein, aus Perugia belohnt, die eine unvergleidr-
lidre Heläentat verherrlidrt. Sie erinnert uns daran, daß in dem zerstückelten
Imlien und in dem zerrissenen Etrurien die Kriege häufig waren. Rufen wir
uns zunädrst ins Gedädrtnis zurüdr, was wir über den Ursprung der mili-
Volk und Stadt 77

tärisdren Organisadon bei den Etruskern und den Römern wissen: O. Müller
sdrreibt, daß die Namen der drei Stämme im alten Rom oder der drei Zen-
turien aus dem Ritterstand, der Ramnes, Luceres und Tities, etruskisdre Be-
zeidrnungen waren und daß man nidrt daran zweifeln könne, daß in Etrurien
selbst eine ähnli&e Gliederung bestand (1. c., S. 355).
,,Die Einführung der Satelliten oder Leibgarden in Rom geht auf die etrus-
kisdren Anführer zurüd< . . . besönders auf Tarquinius Superbus . . . Zwei Aus-
drüd<e aus dem Heereswesen haben keine einleudrtende Erymologie; es sind
dies miles ttnd zteles . . . Varro . . . gibt an, daß die rnilites ursprünglidr von den
etruskisdren Stämmen d,er Titienses, Ramnes wd Luceres gestellt wurden,"
(A. Ernout, Les |löments ötrusques du vocabulaire latin, 1930, S. 117).
Es gab also in Rom drei Reiterkorps, deren Namen sidrerlidr entstellte etrus-
kisdre Ausdrüd<e waren, deren Bedeutung sidr aber ursprünglidr gewiß auf die
Eigensdrafrcn und die Funktionen dieser. Korps bezog. In diesem Sinne wol-
len wir nun an unsere Insdrrift von Perugia herangehen. Vorher nodr eine
Bemerkung: man findet darin weder Eigennamen nodr das Vort clan (,,Sohn").
Trotz einiger Lüd<en im Text glaube idr, daß es sidr um das gemeinsame
Grab mehrerer Ritter handelt, die im Verlauf eines siegreidren Angriffes auf
eine feindlidre Stadt fielen. Hier ist der Text (P.572, CIE 4539):

ca su@i nes (l) . , . amcie titial canl restiai


cal cara@sle aperr.tcen ca @ui ceiu lasver etoa
cd .urane cares, cara@sle se . . .

ca st@i: dies ist das Grab,


nesl: idt erkläre es a'us dem a,lbanisdren nejsbäm, (M. 313) (von nye,
"verbunden"
"Gelenk"); der Sinn' wäre gemeinsam" (fem.).
"verbunden,
Eine andere Erklärung wäre möglidr, nämlidr aus einer Form von ndejä,
sitz", die wir sdron gehabt ha'ben, und zwar im Sinne von
"Yohn-
"Ruhestätte".
amcie ist vielleidrt das Perfekuum des Verbums das irn Albanisdren im
P'räsens folgendermaßen konjugiert wird:
"sein",
ju* ,erTll
je jini
asht tarle
Das j am Anfang ist unwesentlidt, amci.e steht wahrsdreinlidr für amce, das ist
das etruskisdre Perfekrum di,eses Verbums; heißt es also: oes waro?
titial (A)z hier haben wir unsere etruskisdren Titi.es im Genetiv. Wir können
zwisdren zwei albanisdren \[örtern, wählen, um ihre Erymologie festzustellenz tbitö,
Plural von thi, .Eber" (M. 534) vnd dhitö, Plural von dhi, das im neueren Albanisdr
bedeutet (M. 91); da aber dhi e egör,,Gemseo heißt, ist es möglich, d,aß dbi
"Ziege"
im Etruskisdren audr ,,Gemse" bedeutet. Idr glaube viel eher, daß diese etruskisdren
Haudegen einen Eber in ilrer Fahne führten.
canl (B) ist das albanisdre gjanö (mit der Genetivendung -1, gan-l),
"breit",
restiai: ein sehr interess.antes rWort; es läßt sidr sehr leicht erklären, aber leider
auf drei versdried,ene Arten z,ugleidr:
a) aus dem albanisdren resht, .keihe, Linie' (M. 435), wonadr canl restia! den Sinn
breiten Reihe" hätte;
"einer
b) aus dem albanisdren rrösbitö, ,Gleiten" (M. 438). Also ,Sdrwung"?
c) oder aus resitje, ,Auslösdren, Zerstören" (M, 426), Handelt es sidr um einen
Angrif,, einen Ansturm? Siehe P. 758 Anhang zum Kap. III (AMB) 4.
cal: ist wahrsdreinliö das albanisdre cal, ,Pfend, eine Parallelform zum lateini-
sdten caballa,,,Stute". Man könnte audr an gjallö, .lebend', .lebhaft" denken.
caraosle: idr erkenne darin zwei Wörter, ein Su,bstantiv und ein Verb, die, von
78 Die etrushisdten Texte

,4nseretn Standpu,nkr arus gesehen5 ohne gültigen Grr.md miteinander vorbunrden sind.
Aber nrit unserer Ansidr,t haben ja die et'ruskisdren Grammatiker nidr,ts zu run.
carao (A)t kommr aus einer alten und gu,t b,elegten, indogerman,isdren euelle,
garad, tsw., den'n m,an findet diesen Samm bereits bei den Hetiitern: garta, ,Stadt"
(Friedridr, Hith. Vört., S. 119); im Oskisdren: burtin, ,heiliger Flain', aber audl
P\atz"; im Pelasgisdren: Curru, Cortona; im Albanisdren gardb, .TJm,
"umfriedeter
friedrung" (M. 122), und im Slawisdren: grad, ograda, gorod, ,Einfriedu,ng, Stadt'.
s/e (A) ist das albanisdre Yerb shlej, sblyej, .auslösdren, durdrstreidren" (M. 486);
hier im Sinne von ,hinwegfegen". Man findet es in anderen etruskisdren Texten
wi'eder. Der Sinn d,es' Beridrtes beginnt s'ich also abzuzeidrnen: es handelt sidr um
Reihe'n von, Ritoern, die in einem Angrifi einen u,rnfriedeten Platz, oder vielmehr
ei'n Befestigungswerk, hinweggefegt haben. Die eiden folgenden Iflörter fassen das
eindrud<svoll zusamrnen.
dperucen: wieder zwei verb,unrdene !7örter,
ape (B) ist das a,libanis&e hap,,öffnen". Das b am Anfang ist nebensädrlidr. (Man
vergleidle ha, ,,er ißt" und a der gleidren Bedeutung, So 6ndet man im Etrus.kisdren
hercle neben' ercle, .Hetkules"). Mir fällr es sdrwer, in ap das roma.nisdre Verb
aperire (öfrnen) (Meyer-Lü ke, Nr. 515) z,u sehen, weil das r fehlt.
rucen (B) könnte ein Akkusatirv 'des albanisdren: rragö, raga sein, des französisdren
rwe, ,Straße". G. Meyer betradrtet d'ieses \üort als ,altitalienisdr", aber derselbe
Autor glaubt, daß beispielsweise das IVort ra@ ,romanisch" sei; Hammarström hat
jedoch bewiesen, daß dieses etruskisdre \fort sehr alt ist. Raga wäre also altitalisch
oder etr,uskisdr.
dpert cen hieße somit Weg öfrnen". Es ist wirklidr inreressa,nr, daß dieser
selbe Ausdrudr
"den
im Albanisdren exisriert:
bap rragön, ,clear the way", überserzt Mann (5. 242).
ca wäre das albanisdre ca, ,ein wen,ig, einige".
@ai: hier.
ceiu wäre 'das albanüsdr,e käso, .so" (M. l9V).
lusver (A)z jetzt lernen wir audr noö die etruskischen Lanzenreiter kennen. Zu-
nädrst erinnern wir uns datan, daß im Etruskisdlen a 'und z abweöseln können:
Aclinei: Uclnal; a6ale: uTule (Buonamici, Di alcune irere, etc., S. 85); und daß das o
oft an Stel,le 'des z aufsdr,eint. So karur man' a so unser lüort lulaer oder laluer
lesen. Idr erkenne darin ohne Zögern das alte hettitisdre (Friedridr, L c., S, 123)
un'd illyrisdre Yerb lä, ,lassen, loslassenr" mit d.em, Imperfekt lishö, Aodst lasbö,
usw...; laSuer hat dieselbe Endung im Partizipium Perfekti, die wir in der Glosse
i"daare oder im albanischon dasbur, ,geliebt" aus der lüfurzel due, ,\\eben, wol,len"
gefunden haben. Diese laSaer, ,Losgelassenen', sind nidrts anderes als die kühne
etruskische Reiterei, die Luceres, die man hier in der ehrenwerten Gesellsdraft der
titial, der Tities,, antrifft. Die drittE Truppe, die Ramnes, sc.:heinen bei 'dieser Sdrlacht
nidrt dabei gEvresenr zu s,eifl, oder aber sie si.nrd unter den Trümrnern dieses Textes
begraben.
et,ud cd: ,unrd zwei" oder ,mehrere"? ,..
, ardne: der Rest .ron spilrdne, oaus der Stadt". Hier berühren wir ein interessan-
rcs Problem; !üenn zwei Budlstaben aus dies€rn Wort fieh'len, nimmt man spardne an,
wenn nur einer fehlt, tarane. Tura war in Lydien Ort, Fes,tung'. Ein'ige
"befesdgter
Autoren sehen darin sogar die eigentlidre Quelle des Namens der Tyrrbenier, Vir
wenden darauf nodr zurüd<kom'men, wenn wir von der lydisdren Spradre spredren.
Jedenfalls wäre das die einzige Erwähnung vorL tilrd in den etnrskisdren lrudr'riften.
Aber auf einer Lüdre läßt sich nidrts aufbauen.
cares läßt entweder an das albanis&te garre, (M. 123) oder an das lateini-
"Grube"
sdre 'Wort carrus, ,Karren, Vagen' denken, das nidrt lateinisdrer, sond,ern keltisdrer
Flerkun'ft ist. Wir werden dieses Wort auf der Stele von, Novila.ra wiedersehen,
Volk and Stadt 79
'\Vörter
Selbstverständlidr kann derzeit niemand behaupten, alle etruskisdren
oder alle möglidren Nuancen eines etruskisdren Textes erklären zu kön-
nen. 'Wir begnügen uns gerne damit, den allgemeinen Sinn zu erfassen. Bei un-
serem Text ist dieser Sinn folgender:
,,Dies ist das gemeinsame (?) Grab der Tities, die mit einem großen Reiter-
angriff die Festungsmatern (cara@s/e) hinweggefegt und den lfeg freigemadrt
(aperacen) haben, sowie der Luceres, die (mit) den Kriegswagen der Stadt die
Hindernisse hinwegfegten. . ."
Man würde audr gerne den Namen der belagerten Stadt erfahren. 'Wenn
audr niclt alles daran klar ist, ist dieses Dokument aber dodr sehr interessanr.
Nodr andere Hinweise belzuchten die Gesclidrre der eruskisdren !7affen.
Ernout sdrreibt: ,,Trossuli, eine andere alte Bezeiclnung der Reiterei, ist nach
Plinius etruskisdr. So hätten wh in celeres, tossuli, flexuntes drei Spuren der
etruskisdren Flerrsdraft in Rom, nämlidr andere Namen für die versdriedenen
Kavallerieformationen." (1. c., S. 105.) V/enn das drei etruskisdre \flörter
sind, so könnte man folgende Erklärung vorsdrlagen: celeres aus dem albani-
sdten qell, ,,führen, anhalten, aufhalten" (M. 413), flexwntes ats flakä,
,,Flamme" (vom griedrisdten floks abgeleitet?), und sdrließlidt trossuli aus
tursbij, ,,sdrlagen, zermalmen" (M. 530). So wären also die Rollen der ver-
sd-riedenen Truppengattungen klug verteilt: den Feind aufhalten, seine Reihen
durdr einen kühnen Angriff zerstören und ihn vernichten.
\Vir wollen nocl hinzufügen, daß wir, dank dem \flort cara@, (sle) zum
Verständnis zweier anderer Insdrriften der Testimonia gelangen, von denen die
erste nur teilweise erhalten ist:
7. (P. 532, CIE 3202.) ist auf einen Stein gesdrrieben; von den vier \flörtern
fehlen zwei: . . . iucurte at (A). Man kann aber folgendes versrehen:

iz..albanisdr byu,.Gott, göttlidr.., ein häufiges Wort; oder geheiligt? (M. 164).
__ryrt:t kornmt cara@ gleidr; hier: "Urnfriedung, eingefriedeter platz, geheiligter
Hain."
at: oMutier" (wie wir unren sehen wenden).

Dieses Fragmenr bedeuter somir: ,,. . . geheiligter Hain (der) Mutter. . ... Die
ser Stein bezeidrnete also einen umfriedeten Platz oder Flain, der einer Mut-
tergöttin, Turan, Juno oder Latona, geweihr war.
2. (P. 644, CIE 471.) Auf dem Sockel einer kleinen Statue:
tinlcvil mi unial curtttn
tinS: ,'des Tages.'
coil: ,Glarn, Lid't'n wie wir es i,n dem Kapi'tel über die sdrenke sehen werden.
tinscail: ein Beiwort zu Aurora?
mi.: ,dies', unial curtam,.der Hain der Juno...

Die Insdrrift besagt: ,,Dies (ist eine kleine Statue der) Aurora aus dem
Hain der Juno."

viel klarer sind die Insd-rriften auf etruskisclen \furfgesdrossen. rüflir haben
soldre bereits gesehen. Glücklidrerweise gibt es nodr viele davon. seit langem
hat Bugge eines dieser \üörter erklärt: borc, avs dem armenisdten harhaäm,
,,gesdrlagen, verwunder". Ebenso wie das Albanisdre, zeigt das Etruskisdre
80 Die etrsskisdten Texte

tatsächlidr einige Berührungspunkte mit dem Armenischen. Eine andere Inschrift


auf einem Gesdroß jedodr, die idr jetzt analysieren werde, geht nidrt über den
illyrisdren Rahmen hinaus. Es handelt sidr um das rVort uesmie, (B), das
Buonamici auf einer dieser ,,Eidreln" gefunden hat. Idr erkläre es aus dem
albanisclren lerismö, ,,Getöse", Arls, ,,knad<en, zersdrmettern" (M. 215). Der
Sinn ist also: ,,Zersd-rmerrere!"
Diese Insdrriften sind nicht immer so blutrünsrig. Die etruskisdren Krieger
ließen darin mandrmal ihren derben Flumor aus. Der Beweis dafür ist die lau-
nige Insdrrift auf einer anderen ,,Kugel": (P, 493) rni hatecril (A). Es ist dies
ein wunderbar klarer Beleg; und wieder ist es eine Zvsammenziehung zweier
Vörter. hateb ist das albanisdre hatog, das zwei Bedeutungen har: 1. ,,eine
Haselnuß"; 2. ,,ein Stüd<, ein Kopf" (wie man bei uns ,,Kohlkopf" sagt)
(M. 189). Ich nehme an, d,aß dieses Ifort mit dem russisdren hatatj, hatitj,
,,rollen" verwandt isq das audr den Begriff des Runden oder Abgerundeten
ausdrüd<t. Die versdriedenen Endungen, ä und g (tsb), sind im Albanisdren
nebensädrlidr, wie es z. B. gjurnag wd gjurnah, ,,Schläfer" (M. 149) oder
haliq und balig, ,,Fiuine" (M. 153) usw. beweisen. rll entspridrt vollkommen
dem albanisdren rillö, ,,Erbse" (M. 42S). Das Ganze heißt also: ,,Hier ist
eine Erbse!" oder, freier übersezt, z. B,: ,,Mögen Sie gerne Erbsen?" Venn also
die eruskisdren Soldaten den gewiß unterernährten Bewohnern einer bela-
gerten Stadt soldre fredre, auf ungenießbarem Material gesdrriebene Anspie-
lungen sandten, so trieben sie ihren Spaß mit ihnen.
Hieher gehört audr eine andere Insdrrift, ebenfalls auf einem Bleigesdroß:
(P. 401) burtu (B). S7ahrsdreinlidr muß man sie hurdhu lesen, mit dem
bestimmten Artikel -u amEnde. Im Albanisdren 6ndet man das Yott hurdbö;
die Erklärung, die Mann (S. 164) dafür gibt, paßt zu dem etruskisdren hurta
wie der kleine Sdruh im Märdren auf Asd-renbrödels Fuß. Hurdhö isr,
wie man uns sagt, ein albanisd-res Spiel, ,,Türspiel" genannt. Es besteht darin,
daß ,,die Spieler versudren, Gegenstände in den Mund eines anderen zu wer-
fen". Es gibt gewiß feinere Arten, sidr zu unterhalten, dafür aber mutet
uns dieses Spiel altertümlich an. Der Sinn unserer kleinen Insdrrift körinte
also so gedeutet werden: ,,'$Tillst du mit mir spielen? Madr den Mund auf!
Da hast du." Das würde ganz zur etruskisdren Art passen. Übrigens erwähnt
Titus Livius in seiner Besdreibung der Kriege zwisdren Römern und Vejern
häufig die faulen \Vitze und Besdrimpfungen, die die beiden Lager austausdr-
ten. Die Inschriften dieser Art sind zahlreidr. Sie sdrrieben sehr viel auf ihre
Gesdrosse, diese etruskisclen Schleuderer. Idr sdrätze nidrt nur ihren Flumor
und ihre Freiheit, zu tun, was sie wollten (das ist sie teuer zu stehen gekom-
men), sondern idr bewundere audr die Tatsadre, daß sie so viel schrieben.
Sie konnten also sclreiben.
Andere Insdrriften sind schwieriger z! entziffern. Diejenige, die (P. 377)
har (B) lautet, hat, glaube idr., den Sinn des albanisdren harr,,,jäten".
'lü(/enn das ein Sdrerz sein soll, dann ist er makaber. Man besdrwor das Ge-
sdroß: ,,Reiß das Unkraut aus!" Eine ähnlidre Insdrrift, (P. 649) semnilsi
(B), besteht ofienkundig aus zwei \7örtern: shöme, im Albanisdret ',Zet-
störung, Ruin" (M. 47L), wd nis, einem Verbum: ,,beginnen" (M. 325)' Der
Sinn isc also: ,,Beginne zu zerstören!" oder ,,Verbreite die Zerstörung!" In
dieselbe Serie müßte eine weitere Inschrift gehören: (P. 617) mi cuicna; wenn
das nicht allenfalls ein Eigenname isq könnte man es als ein Sdrimpfwort
erklären: leoje, kue bedeutet im Albanisdren ,,Flaut" (M. 203); kna wäre, nadr
Volk und Stadt 81

dem albanisdren qen,,,Hund", lateinisdr canis, griedisdl kuon, aber besonders


nadr dem lydisdren und karisdren kan (vgI. ,,Beim Arzt"). Es wäre also ein
Zurvf.: ,,Hundsfell!"
Um dieses kleine Kapitel über die etruskisdre Briefsdrreibekunst würdig zu
besdrließen, habe idr eine lehrreidre Inschrift gewählt, deren Sinn durdr etwas
Konkretes und Greifbares bestätigt wird, nämlidr durdr die Form selbst des
Bleigesdrosses, auf das sie gekritzelt ist. rü(/ie unsere Abb. 14 zeigt, hat dieses

Abb. 14

Gesdroß eine besonders langgezogene Form (nadr Fabretti, CII). Man liest
daratf (P.784,CII 2635): strevc (A). Das ist nidrt ein \üorg sondern es sind
zwei lü(/örter, ja es ist ein g nzer Satz: stre isr das albanisdre Verbum
shtrij,,,sidr dehnen, sidr srredren, sidr ausstrecken" (M.503); in zc (uk) habe
iclr sdrließlich das albanisdre ujk, ,der \(olf" (M. 503) erkannt, das uns mit
einem Sprung in die \(elt der Totems und nadr Lykien versetzr, dem ,,Land
der \flölfe". streac, shtreuh heißr: ,,strecke didr aus wie ein 'Wolf!", ,,serze
zum Sprung an wie ein lt(olf!" Das ist also eine ridrtige Beschwörung, die an
das Gesdroß geridrtet wird. Der Volf war ein widrtiges Elemenr der Mytholo-
gie bei den Völkern des Balkans und der Ägäis vor 3000 Jahren und ist bis
auf den heutigen Tag ein wesentlidres Element der Folklore dieses Gebietes.
Im letzten Augenblid< kann idr jedodr nidrt der Versucihung widerstehen,
hier nodr zwei ,,Sendungen" der etruskisdren Sdrleuderer anzuführen.
Die eine ist ironisdr: (CII, 2639) putist ic (B). Id1 interpretiere putis in
Analogie zu den Verbalformen pultis, ,,einwilligen", wd paris, ,,sdr,üren",
als das albanisdre Verbum puth, putbös,,,küssen" (M. a1O); r ist ein Ad-
jektivzeiclen; es kann audr ,,in" bedeuten; lc isr das albanisdre ih, ,,lat[t"
(M. 166). Die übersetzung lauter also: ,,Geh mit (meinem) Kuß!" oder ,,Geh
(als) Kuß!"
Die andere Insdrrift klingt wild: (1b. 2640) @kih@. @h ist das albanisclre
dzah, ,,Blt*, bluten"; ih, ,,Iatfl"; auslautendes @ bedeuter ,,in...
bluten in deinem Lauf!" - ,,Mache
Es bleiben uns nodr zwei oder drei Ausdrücke aus dem militärisdren \flort-
sdratz, die die Römer zugleidr mit anderen Eigentümlidrkeiten oder Begrifien
aus dem öffentlidren Leben von den Etruskern geerbt haben. In seinem sdron
zitierten Artikel erwähnt Ernout das lateinisdre vort tttrma,,,Reitersdrwadron,
Menge":
,,,,,tnrtr7A, das niclt indogermanisdr aussieht, das aber nach dem Zeugnis des
Varro wahrsdreinlidr die Etrusker eingeführt haben. . ." (A. Ernout. Les
dldments dtrusques du vocabulaire latin, Bulledn de la Soci€t€ de Lin-
guistique, XXX, 1930, p. 118).
Idr mödrte dazu bemerken, daß das Problem des ,,indogermanisdren Aus-
sehens" wahrsdreinlidr nodrmals im Lid-rte der sd'ron dargelegten und der im
Rahmen dieser srudie nodr darzulegenden Tatsadren berradrtet werden muß.
Das Etruskisdre enthält eine Anzahl anatolisd'rer vokabeln, die nidrt indoger-
6 Etrusker
82 Die etuskiscben Texte

manisdr sein müssen, zum größten Teil jedodr ist sein 's7ortsdratz illyrisdr
und dem Flettitisdren, dem Litauisdren und den slawisdren Spradren usw. ver-
wandt; es ist also im wesentlidren eine indogermanische Sprache.
Ferner kann man feststellen, daß man tarmä im Albanisdren wiederfindeq
wo es das gleidre bedeutet: ,,Masse, Menge, Bande" (M. 530). Das soll natür-
liclr nidrt heißen, daß dieses 'Wort eo ipso in die Liste der '\ü(örter gehörr,
die das Albanisdre direkt vom alten Illyrisdren geerbt hat. Es isr vom Etrus-
kisdren ins Lateinisdre übergegangen, und später konnte es das Albanisdre als
Lehnwort aus dem Lateinisd-ren übernehmen. Es ist ganz normal, daß Wörter
ein soldres Sdrid<sal durdrmadren; nehmen wir ein Beispiel, das uns näher liegt:
das französisdre ,,fleurette" wurde vom Englisdren entlehnt und kam in seiner
englisdren Form, ,,flirt", ins Französisdre zurüd<. Derartige Fälle sind für uns
nicht sehr interessant. \[ir besdräftigen uns hier mit jenen etruskisdren'!üüörtern,
deren Sinn unbehannt ist und die dank der albanisdren Sprad,e erklärt wer-
den können.
In diese Kategorie gehört ein anderer römisdrer Ausdrud< aus dem Hee-
reswesen, der aus dem Etruskisdren stammt und in einer Glosse enthalten
ist: (P. 816) balteus, ,,'W'ehr-, Degengehänge", ein Gürtel, der das Sclwert
oder andere l7affen hielt. Thomopoulo hat dieses 'Sfort aus dem Albani-
sdten balea, balitsea (Pelasgika, Seite 504) erklärt. Diese Vörter finden sidr
im tü7örterbudr von Mann mit folgender Bedeutung: ,,Ehrenzeidren, Ta-
sdrentudr" (S. 18). Idr für meinen Teil bringe balteus (B) mit der albanisdren
'lVurzel baj,
,,tragen, halten" (M. 17) in Verbindung. Der Infinitiv dieses
Verbums ist bajtun, bajtur; bajtös ist ,,Träger", baj*häm soll ,,tragbar"
bedeuten. Der Untersdried in der Sdrreibung (l statt l) ist kein Hindernis,
denn diese Sdrwankung ist sowohl im Etruskisdren als audr im Albanisdren
drarakteristisdr. Im Etruskisdren haben wir züace und zilace; piute und
plute. Im Albanisdren findet man: fle, ,,sdtlafen" ntd t'jetun (M. 710); mbiej,
,,melken" und mbiel (M. 270); gjobö, ,,Strafe" nnd globö (M. 728),
usw. So ist der etruskisdre und illyrisdre bajtös oder baltös, ,,der Träger
des Sd-rwertes", derVater des lateinisdren balteus,
Auf diese Art gewinnen zahlreiche ,,etruskisdre Glossen", die seit 2000
Jahren stumm waren, wieder Leben. Mit Verwunderung und Erstaunen stellen
wir fest, mit welcher Treue die Alten, und in erster Linie der weise Flesydrius,
sie bewahrt haben.
IV
DIE FAMILIE
Die Sippe, das Gesdrledrt, die Familie, das waren die Grundlagen der etrus-
kisd'ren Gesellsdraft. Daher wurden in den Grabinsd'rriften hinter dem Na-
men des Verstorbenen die seines Vaters und seiner Mutter, seiner Großeltern
und mandrmal sogar der Name seines Onkels genau hintereinander angeführt.
Man besclrieb kurz die Beamtenlaufbahn des Betrefienden und vermerkte die
Zahl seiner Kinder. In Etrurien gab es kein Matriardrar; wenn jedodr die Her-
kunft des Vaters besdreidener war, ging der Adel von der Mutter auf die
Kinder über. Die Frau wurde von Liebe und Ehrfurdrr umgeben und im
Gegensatz zur griedrisdren Sitte wurde die Hausfrau bei einem Gelage als
gleid'rwertiger Tisdrgenosse zugelassen. Da gewisse Priesterämter immer von der-
selben adeligen Familie bekleidet wurden und das Beamrenrum immer mit
den religiösen Ämtern verbunden war, konnte man zu bestimmten führenden
Positionen nur dann gelangen, wenn man diesem Adel angehörte. Daraus
ist die besonders große Bedeutung derAbstammung für das öffentlidreLeben bei
den Etruskern zu verstehen. Diese Lage änderte sidr erst, als die Ausweitung
des Seehandels und der Ausbeurung der Kolonien (Korsika und Sardinien)
sowie der Erzlager (auf der Insel Elba und in spanien) ein reidres und liberales
Bürgertum hodr.kommen ließen. Dieses sollte die Aristokratie aus so mandrer
Position verdrängen.
Bereits 1883 erklärte Bugge das \flort @ur, @ura (wo wir in a den
bestimmten Artikel, so wie im Albanisc}en, sehen) mit ,,gens, Familie, Ab-
stammung". Daher wird (F. 2033) ael leinies arn@ial.. . mit ,,Vel Leinies,
aus der Familie des Arnth" übersetzt. (Etr. Forsch., IV, S. l9l.)
Man kann feststelleq daß dieses @ura (A),,,Gründungsstein", ein Ausdrud<
aus dem öfrentlidren Leben der Etrusker, sidr in der albanisdren Spradre, dieser
Bewahrerin der illyrischen Tradition, ganz erhalten hat: d.orö: 1. Hand;
2. Gattung, Art, Gesellsdraftsklasse (Leotti, S, 124); Rang, Gesdrledrt (M. 80).
\fir kommen nun zu unserem Laris Pulena aus Tarquinia (Tafel 5), der gatrz
so aussieht, als wolle er an einem göttlidren Gelage teilnehmen, der uns aber
trotzdem mit Gelassenheit empfängq uns seine Pergamentrolle zeigr und
leidrt ironisdr fragt: ,,Nun, haben Sie sdron lesen gelernt? Flier, lesen Sie
dodr bitte!"
Hm. . . \Vir haben nadr allem nun sdron geglaubt, davon erwas zu ver-
stehen. Aber diese kostbare Insdrrift werden wir uns nur Sfidr für Stü&
zu Gemüte führen können. Diesmal werden wir gleidr fest zupa&en: Laris
Pulena (P. 131) parniy amce. Er war parniy (A). Man erkennt darin das
albanisdre paranile,,,Vorfahre" (M. 350), aus dem Srammwort par, ,,Erste{,.
Im Etruskisdren wäre die Bedeutung; ,,Patrizier."
Setzen wir unseren Besudr bei den vornehmen Etruskern fort. Eine an-
dere Insdrrift, die des Alethnas (P. 169, CII 2065), gibt uns in erster Linie
an, daß er zila@ parTis (A) war,
84 Die etruskischen Texte

Deed<g der, wie Skutsdr beridrteg zusammen mit Corssen den indoger-
manisdren Charakter der etruskisdren Spradre festgelegt hat, wurde einmal
vom Teufel verführt, paryis mit ,,Park, eingefriedete Stelle" zu übersetzen.
Corsser übersetzte par2gis mit ,,Reiter- . . .". Torp nahm an, daß das \[ort
par ,,Yate{' bedeutete. Sdrließlidr arbeitete F. Leifer eine Theorie aus, derzu-
folge parc . , . ,,Donner" , Zeidren der Madrt, heißen sollte !
J. Heurgon, von dem wir einen Teil dieser Zusammenfassung entlehnen,
nimmt die Erklärung von S. Mazzarino wieder auf zila@ paryis war ein
Beamter der Patrizier. (,,L'Etat €trusque", ,,Historia", Vl, L957, S. 94).
Ein eleganter, hinsidrtlidr des Gehaltes ridrdger Sdrluß, der jedodL was die
Etymologie betrifft, irrig ist, denn er wurde mit Hilfe einer falsdren Methode
gewonnen.
In lüirklidrkeit bedeutete paryis ,,von edler Abstammung". Das '!ü7ort
kommt aber von einem materiellen und primitiven Begriff: ,,Baud:, ,.ttert4s;
denn, wie wir sdron erklärt haben, sind die etruskisdren
'Wörter mandrmal
ein wenig verkleidea Nidrt das Ssammwort parc, sondern bharb oder barh
hätte man suöen m'üssen. Vir finden es im Albanisdren in aller Frisdre wie-
derz barh,,,Baudr, Sdroß, Generation, Rasse, Abstammung, Familie" (M. 21).
pdrxis, das heißt barkis bedeutet somit: ,,Generationen, seit Generationen"
Das ist ein Ablativ, der vollkommen mit dem albanisdren Ablativ Plu-
talis nerzish, ,,Männer", notis, ,,Zeiten" übereinstimmt (Cimodrowski, Der
Dialekt von Dushmani, 1951, S. 60). Also handelt es sidr sozusagen
um einen erblidten zila@. Zu diesem barh ist es nidrt sdrwer, indo-
germanisdre Verwandte zu finden: russisdr briucbo, polnisdr brzuch, ,,Baudr".
Der Vater hieß auf etruskisdr dt (A). Es ist sonderbar, daß dieses 'Wort in
den Insdrriften nidrt immer leidrt zu erkennen ist. Es existiert im Albanisdren
und hat mehrere Pluralforment dtön(it) atör(it) (M. l4), ateri (P. 27)
wd etna (M. 97). Etna ist ganz augensdreinlidr in dem Vorce etnam (Cf.
cletra, ,,Bahre" im Oskisdr-Umbrisdren wd cletram im Etruskisd,en),
',Vor-
fahren", enthalten, das in den AMB sehr häufig vorkommt; wir werden es
später bespredren. In P. 100 6ndet man @nam an Stelle von etnam.
Atör kommt, wie idr glaube, in einer häufig wiederkehrenden Formel vor:
hels atrai (P.293, P. 301, P. 317, P. 318). Der deutlidrste Fall ist eine
Insdrift in der Tomba Frangois neben der Darstellung einer Frau, um die
herum Bildnisse von Verstorbenen angeordnet sind:
(P. 301, CIE 5278) @an1gtil aerati hel's atri (B)
Die ersten beiden 'Wörter sind der Vor- und der Familienname. hell ist
aus dem albanisdren ila zu erklären (cf. ijä, ,,Sdroß") (M. 165) im Sinne
von ,,im Sdroße der Vorfahren". Das wird durdr ein Fresko ,,die Sdratten der
Vorfahren" illustriert, das wir in dem betrefienden Grab sehen. All das stimmt
mit den Folgerungen von Trombetti überein, der uns das lateinisdre atta,
,,Papa, Vatei" ins Gedädrtnis ruft, sowie mit denen von Skutsdr, für den
aü aie Bedeutung ,,Mutter" hat. Das fand idr beim Entziffern zweier kleiner,
aber interessanter Insdrriften besrätigt:
a) Auf einem Spiegelz Turan dti (A) (P. 754), ,,Aphrodite, die Mutter".
b) Auf der kleinen Statue einer Göttin: ondt (A) (P. 456, CIE 303). Diese
Insdrrift ist ebenso kurz wie reizvoll: ttn dt' ,,J:u11o, die Mutter". Vielleidlt
muß man in diesen beiden Fällen einen Dativ verstehen: (den) Göttinnen
Opfergaben.
Die Familie 85

Eine Insdrrift auf der lVand eines Sarkophags besagt, daß darin eine ge-
wisse Elnei Ram@a (P. 159) ruhe, die ati @uta eines Aule Velu @ansina war.
dti @uta heißt ,,vielgeliebte Muttef'. @uta ist das Partizip Perfekti
des Verbums d.ue, ,,lieben" (M. 85), obwohl G. Meyer der Meinung isq daß
d.we avs dem lateinisdren debeo,,,müssen, sdrulden" kommt; gleid,zeitig ver-
gleidrt er aber desh (das Perfekt des Verbums dae) mir dem Yerbum zush,
aus dem Avesta, und dem altindis&ren jusb,
Im Albanisdren gibt es für den Begriff,,Mutter" zwei \flörter nuna (Ar-
banas, S. 99) und ärnö, öma (M. 5). Nun sdreinen beidg audr im Etrus-
kisdren, neben ati, vorzukommen:

A. ame: die Entziferung dieses etruskisdren \[ortes ist redrt sdrwierig, denn es
gibt audr ein Starnm,wort arn, ,,sein'o, von dom amce, nwarn kom'mt; zufäll,ige Über-
einstirnrrnungen sind möglidr. lfirwollen im,rnerhin auf einige Fälrle hinweisen, wo
ame eher ,Mut'tero als irgend etwas anderes zu bedeuten, sdreint:
7, Uni at bedeutet also Juno".M,utter. Desen Beinarnenr der Juno finrden wir in
anderer, anrs*reinen'd gleidribedeutenrder Form wiider: ttne dme. Es handelt sidr, um
eine Insdrrift auf eine'rn Gefäß (askos):
(P. 213, NRIE 530) taris mi ane dme
Zu Unrecht erklärte Goldmann taris durdt das griedrisdre turos, .Käse', und hielt
Corssen ane fijr eine Flüssigkeit. I(ahrsd-reinlidr ist es, daß raris ,Gesdrenk,
Gabe" (cf. turce, und une atne ,Jvno-Mwtrer" bodeuten. Die ganze Insdrrift
"gab")
heißt somit: ,Das' ist eine ,Gabe an Juno-Mutter.'
2. In den AMB, VII, 14 liest mar.c acil drne etndm. Acil bedettet ,lJrneo , ernam,
,,Yäter". Der Satz s,tellt si,ch also folgendermaßen heraus: ,die Urnen der Mütter
und Väter." !flenn unsere U,bersetzung srimmr, ist es bemerkenswerr, daß die Mütter
an erster Stelle genannt werden.
3. Auf dem Zipp,us von Perugia (P. 570) liest man: ipa arna hen naper, Man weiß,
da.ß naper ein, Land,maß ist; wir harben sdron gesehen, daß ipa ,rnit dem Verrbum
ip, ap, ep, ,geiben, sdr,enken" zusarn'menhängt. Flier handelt also eine ama, Mttter
oder Sdwiegermutter, a,ls Elblasserin oder Stifterin, denn sie verteilt Ländereien
oder bestimrrnt sie z'ur Ded<u,n'g kultisdler Ausgalben.
Nach Emil Vetter hängt je'dodr arne mit dem Verbum am, ,,sein', zusammen und
hat idie Bedeutun'g ,es sei"; wir haben sdton arnce, ,ist gewesen. übersetzt.

B. In einer undeutlidren Insdrrift auf einem Gefäß sdreint das \lort nuna
im Sinne von Mutter verwendet zu sein. \(ir zitieren nur den Anfang (P. 29,
CIE 8412) ipas ikam ar nuna turani ria . . .
ipas: Bezeidtrutng für das Gefäß: nradr, einer Anregung von Corssen ,mit dem
griec.hisdren ibe z,t v erg,leidten.
iham: i- ist das Zeichen für das Akkusativobj,ekt; kam im A,lbanisdren ,haben"
(M. 178).
ar: ,Alrr.ar", wie wir später sehen werden.
nuna: .Mrttter"?
tur ani : der Turan-Apürrodite?
ria: neu, jung, frisdr usw.

Handelt es sidr um ein Gefäß, das der Aphrodite-Mutter geweiht war?


Zu diesem Thema wollen wir eine andere Inschrift zitieren, die aus Vejr
stammt: (P. 46, NRIE 885) . , . mi nunai. Offensidrtlich ist das eine lüidmung.
Iv{an ist versudlt, sie folgendermaßen zu vervollständigen: uni rni nandi, oder
86 Die etrusbiscben Texte

atdt: Aritimi nunai, Diese beiden Substantiva Aritimi und ntmd stehen näm-
lidr audr auf einer anderen, ebenfalls aus Veji srammenden Vase (P. 45, NRIE
862). Somit heißt das: ,,der Uni Mutter" oder audr ,,der Aritimi (Artemis)
Mutter".
Über den oben erwähnten Ale@nas erfahren wir, daß er drei Söhne ge-
zeugt hat: clenar ci acnanasd (P. 169). Obwohl die Bedeurung des dritten
'\üTortes
nidrt in Zweifel steht, ist seine Zusammensetzung dodr nidrt leidrt
zu bestimmen. Es besteht aus drei Elementen: d-cndna-sa. Idr glaube, daß das
erste a ein Akkusativobjekt ist, das (wie im Albanisdren) vor dem Verbum
steht: (er) sle (Plur.) har gezeugt. cnan isr, das albanisdre Verbum qänun,
,,sein", hier aber in transitiver Bedeutng: ,,sein maclen, sdraffen"; im Lyki-
sdren ist das audr der Name für die Mutter: knna.Der dritte Teil, asa,hängt
vielleiöt mit dem albanisdren asaj, ,,ihr" (Fem., Dat., Sing.) zusammen, aber
im Etruskisdren konnte dieses 'Iflort audr ,,ihm, für ihn" bedeuten.
Auch bedeutet die Insdrrift P. 87: ati nacnuaa ,,die Mutter, die uns ge-
sdraffen hat". ati ist ,,die Mutter"; nd, ,,nns"; cnuoa ist das Perfektum des
oben erwähnten Verbums qänun; va ist ein etruskisdres Perfektsuffix (cf.
p aa d, tutrtunayu a, usw.).
Erweitern wir den Kreis der Familie ein wenig. In den AMB findet
man unter den Sdratten, die zum Leidrenmahl gerufen werden:

ar@ eaxr ceui (YII,7) (A)


ar@ ist das albanisdre ardhä, der Konjunktiv des unregelmäßigen Verbums
alj, ,,kommen" (M. 10). Ein Eigenname (Arth : Arnth) ist hier wenig wahr-
sdreinlidr.
aayr... ein sehr charakteristisdres indogermanisdles \fort. Es ist natür-
lidr das albanisdre ajehär, das russisdre, bulgarisdre, usw. soeäor (M. 559);
kurz, der ,,Sdrwiegervater"l immerhin muß man bemerken, daß es im Etrus-
kisdren zugleidr,,sdrwiegereltern" bedeuten konnte.
Diese Folgerung ist möglich, weil dieses tVort audr auf dem Zippus von Pe-
rugia (P. 570, CIE 4538) aufsdreint, wo sdron in der ersten Zeile die schon
bekannte Stifterin Tanna Larez (ul) erwähnt und als drne oagr laatn oel@ inas
bezeidrnet wird. Die ersten beiden \7örter zeigen natürlich das Verwandt-
sdraftsverhältnis an. ame bedeutet ,,Mutter" (M. 5), so wie ati. lst Tanna
,,die Mutter des Sclwiegeryaters des Freigelassenen Vel@ina"? Oder ist nidrt
vielmehr arre oaxr ganz einfach der Ausdrudr für ,,die Sdrwieger-
mutter" im Etruskisdren?. . . Man könnte sidr auch fragen, warum aaTr hier
gleidr zu Beginn steht. Obwohl diese Einzelheiten nodr ungenau sind steht
die Bedeutung vor' vaxr außer Zweifel.
ceui ist, das albanisdre gjysh, ,,Großvater", gjusbö, ,,Großmutter" (M. 151).
Dieses 'S(ort finden wir in einer anderen Insdrrift auf der lVand eines Grabes
von Tarquinia (P. 98, CIE 5525), wo eine Frau rarn@a matulnai erwähnt
wird. Der Epitaph zählt ihre Verwandtsdraftsverhältnisse auf. Sie war sel
(Tochter) des X, puia (Gattin) des Y und dann ceul (Großmutter) dieser und
jener. Die Aufeinanderfolge dieser Angaben läßt keinen Zweifel über den
Sinn des Vortes ceu|.
Unsere drei vorliegenden 'Wörter aus dem AMB, VII, 7, bedeuten also:
,,Sie mögen kommen, die Sdrwiegereltern und die Großeltern!"
In einer Grabinschrift (P. 630) ist von einem Arnt die Rede, der aeliak
Die Familie 87

bapiinei (B) genannt wird. Das zweite Wort ist ein Frauenname. veliah er
innert an das albanisdre alla, ,,Bntder".
Vermerken wir, daß das etruskisdre net's, ,,Nefe", ein genaues Gegen-
sdd< im albanisdren nipash (M, 325) hat. Andererseits kann das lateinisdre
\üort etruskisdrer Fferkunft, talea (A), ,,Ableger, Sproß", das wir dem be-
reits zitierten Artikel von Ernout entnehmen, vollkommen mit Hilfe des uns
sdron bekannten albanischen Stammwortes dal,,,hervorkommen" erklärt wer-
den; also: ,,was aus dem Baum hervorkommt", das heißt tatsädrlidr: ,,ein
Sproß."
So sind wir also auf die Jugend zu spredren gekommen. Eine Votivinsdrift
von vollkommener Klarheit gibt uns Gelegenheit, uns etwas zu erquid<en.
Folgende albanisdre '\tr(örter haben mir dazu verholfen, sie zu verstehen:
djalö, ,,ein Junge"
djalosb
cf. djalosbar, adj. ,,jugendlidr"
d.jaläri,,,Jugend, Kindheit" (M. 77).
Es stellt sidr gleidr heraus, daß dieses alte illyrisdre \flon djalö besonders
interessant ist. Am Ende dieser Untersudrung werden wir Gelegenheit haben,
ihm einige Zeilet zu widmen. Vir lesen auf der Statue einer Göttin:
(P. 734, CIE 302) mi fleres atisili@iial (A)
Buffa hat in dem dritten'Wort eine Erwähnung der Göttin Ilizia vermutet.
Idr ftir meinen Teil überseee diesen Text folgendermaßen:
rni fleres: dies ist ein Exvoto (oder Bildnis).
ati: der Mutter (Gen.)
sili: ist das albanisdre Verbum siell, das unter anderem ,,tragen, bringen,
hervorbringen" (M. 450) bedeuten kann.
@ial: Kinder.
Also: ,,Dies ist das Bildnis der Mutter, die Kinder hervorbringt."'\üüir haben
weiter oben ,,Aphrodire-Mutter" und ,,Juno-Mutrer" gesehen. Das alles sind
Ersdreinungsformen der kleinasiatischen Großen Mutter, des Urbildes einer
Göttin der Frudrtbarkeit, die von den Frauen angefleht wurde, sie frudrtbar zu
madren,
Ein anderes djalä ist in einer erwas besdrädigten Glosse von Hesydrius
erhalten, wo vom Kind die Rede isr: (P. S02) agaletora, Thomopoulo hat
dieses etruskisdre rJüort wohl durdr das albanisdre d.jalö erklärt. Idr bin aber
über diesen klugen Vergleidr hinweggegangen. Um mir seines '$üertes bewußt
zu werden, mußte idr erst das Problem der verschiedenen albanischen Dialekte
studieren, das bereits Lambertz, Carlo Tagliavini und Cimoöowski mir ihren
Arbeiten geklärt hatten. Da erst begriff idr, daß z. B. das \Xlort gjale,,,Blut"
in einem anderen Dialekt als dzjak und in einem dritten als ziah aufsdreinen
konnte. Es wäre also nidrt verwunderlidr, wenn wir es im Etruskisdren in der
Form @ac anträfen (P. 6L2). Um auf unser agaletora ztrüdrzukommen: man
kann annehmen, daß diese Glosse im Laufe der Jahrhunderte von den Sdrrei-
bern verbalhornt wurde und daß ihre Endung ora nidrts anderes ist als die
Parcikel eri des Plurals oder (wie im Albanisdren) der Abstrahta; das a am
Anfang ist vielleidrt prothedsdr. Der einzige'$Tortteil, der hier ges/onnen wer-
den kann, ist galet, Casus obliquus des ursprünglidren gjale. Dieses gjalö isr,
eine dialektisdre Variante von djalö, so wie gjak eine Variante von dzjak ist.
i'$o müßte das ursprünglidre lTort a-djalötori lauten.
88 Die etraskischen Texre

Eine kleine Komplikadon raudrt in dem.sdron besprodrenen Epitaph


unseres ale@nas zila@ parfis auf, wo uns mitgeteilt wird:
(P. 169) ... zilaTnw @elula ril XXVIII
Die überserzung: 1. ,,er war zila@" oder ,,er ist zila@ geworden.,.
2. ,,(im Alter) von 29 Jahren." Aber was madrt das \Iort @eluia zwisdren
diesen beiden Angaben? Zunädrst interpretierte id'r es als gleidrbedeutend mit
@ialiia,,,Knabe, jung" (P. 93)
worden noch jung: im Alter von - wie oben
- und
29 Jahren."
übersetzie: ,,er isr zila@ ge-
I& dadrte also, daß man die-ses
Amt grundsätzlidr nur Personen reiferen Alters anvertraute und daß Ale@nas
nur eine Ausnahme gewesen sei; indes ist man mit 29 Jahren nidrt mehr in seiner
frühesten Jugend! ...Idr muß also eine andere Deutungsmöglidrkeir anfüh-
ren: @elula könnte mit dem albanisdren d.alluesböm, ,,vornehm.. (M. 66)
zusammenhängen (dieses kommt aus dem Grundwort dal, ,,heransragen..
und aus dem abgeleiteten Srammwort dalloj, ,,untersdreiden"). \üflenn dem
so ist, würde das Fragmenr bedeuren: ,,Er hat als zila@ 29 Jahre lang her-
vorragend gedient." Rein arithmetisdr gesehen ist das ohne weiteres möglidr,
denn dieser vornehme Etrusker ist im Alter von 66 Jahren verstorben.
Bevor wir diesen Fragenkreis um djalö abs&ließen, bleibt uns nodr ein
letzter Fall zu klären, der leider recht kompliziert ist. Das ist sehr bedauer-
lidr, denn es handelt sidr um zwei ansehnlidre Reliefs auf einem Grabstein.

o
D
f
5
I
:
o
D
1

A1'1
',lV/A 4)l
r{ . ll')
,4{
H
\t_,/

Abb. 15. Der Held. und die Freigelassene


4, Flezra, die Hilterin
d.es Schlummers
5. Der Sarkopbag des Laris Palena
6. Amphora aus Forrnello mit dem Alphabet and, d.en \Y/örtern ,mi atianaia"
Die Familie 89

die Aufklärungen über das Familienleben des etruskisdren Adels zu verspredren


sdreinen (Abb. 15). Links sehen wir einen Krieger, der von einer Fräu Ab-
sdried nimmt; redrts eine Gruppe, wo zwei Personen zwei widrtige, mit stempel
versehene urkunden auszutausdren sdreinen. Diese Personen blid<en uns mit
der Feierlidrkeit der Gestalten eines Zöllners Rousseau geradeheraus an. Aber
das genügt nich,t, um unserer Ratlosigkeit abzuhelfen, die um so größer ist,
als das redrte Relief keine Insdrrift trägt. tüflas die Insdrrift-auf dem
linken Teil anbelangr, so drüd<t sidr G. Körte, der sie veröffentlidrt hat,
sehr vorsidrtig darüber aus. Er meing die Insdrrift sei sdrwer zu lesen
und _ungewiß, dodr nidrt die Transkriprion, die anscheinend die Namen
der dargestelhen Personen enthäh Sie säien zweifellos Mann und Frau und
man sehe ihnen an, daß sie dem etruskisd'ren Adel angehören. (I rilievi delle
urne etrusche, II, 1890, S. 159; Tafel LXV.)
Die Insdrrift auf dem Relief ist in zwei reile geteilt und lautet wie folgt
(P. 390, CIE 144):
@af aalbi la @unihai @ania iiula @ilin
Idr_ fragte mich vergeblidq weldre person aus diesem
. ,,Familiendiptychon..
damals am Leben geblieben war und weldre gestorben ,rrrl .rrrr". diesem
srein
begraben worden war; in dieser Insdrrifr entdäckte idr eine eitzige kür"
stelle:
oania isr im Etruskisdren ein sehr gebräudrlidrer Frauenname. i4it ebensoviel
Sidrerheit kann man hinzuf,ügen, -daß iiula@ilin nidtt nacl' einem Eigen-
namen aussieht.
Beim Betradrten dieser szene links kann man annehmen, daß der junge
Krieger es isr, der auf seine lezte Reise geht: sein pferd warret auf ihn
und
die. junge legt-ihm zum Trost zärtliä die Hand auf die sdrulter. Zieht
^Frau
er in die sdrladrq die ihm zum verhängnis werden soll? oder
ins Jenseits? Keine Antwort. Flandert es" sidr um einen Dialog !"hi ",
air.kt
o'j"i ,idrr.t
alle diese lü7orte an @ama? Eine sdrwierige Frage. "ist ",
.r- s"irr *ohl
Jedenfalls
iiula@ilin sagt; dieses rü7ort kaÄ man entzifiern und es wird
9,, 9",r
LahI d,er bereits gedeuteten bereid.rern:
die

iiu: ,Gow' oder .Götter"; hängt mit dem albanisdren bie, ,Gott zusamrnen (das_
seirbe $7ort- 'bedeutet ,sdratten"; und i'rn Etruskisdren, ha"deit
es sid, vielleldrt urn
'den göttlidten schatten eines Held.en oder ei,nes Vorfahren und nicrt u--.in"r,
fadren
.Schatten) sowie mit dem \tort hyj,,Cott" (M. 159 und 164). "in-
la: d,as albanisdre Verbum lo, ,l^rr"i;, äas wir bereits kennen,
@ilin: das isr unser diale, .Kiid, Kinäer" Akkusativ).
1im
was zusammenfassend heißen son: ,,Icrr vertraue die Kinder den Göttern
an." 'was wir für ein 'worr gehalten hatren, war also ein satz. Das sind
die
überrasdrungen, die man in d-er erruskischen rt,pigraphi"
Besdräftig_en wir uns jetzt mit la@unihai. Dieses \(ort"rl"br
bereitece mir ziemlidr
.
viel verdruß. Ist es ein Eigenname? Idr wolke es mit der Göttin Latona
und
vielen anderen unnützen Dingen in Verbindung bringen, *;ft
einer red-rr einfachen Lösung halrmadren. Man brJucht tJtraalia ;.a.A f.i
bioß zu be-
achten' mit welcher unbefangenheir die etruskisdren sd-rr"ib""
Art das wohlbekannte rü(ort 1"d., *r ,"irr"
sdrrieben, das ,,die Freigelarr"rr"..'b"J.ur.r,
1. lauma (P. 560)
2. I,atttni (p. 393, usw . . .)
3. latni (p. 443)
90 Die etraskischen Texte

4. laatuni (P. 606')


5.lawni@a (P.550)
6. lautnic (P. 550)
'!7enn
idr diese Varianten vergleidre, glaube idr, daß unser latunihä in den
gleid-ren Rahmen gehört, denn es ist den Beispielen 3, 4 und 6 mehr oder
weniger ähnlidr.
Da ist nodr das erste 'Wort dieser Insc.hrift. Wenn es ein Eigenname isg
dann wahrsdreinlidr ein in seiner Art einmaliger. Es sieht aber ganz wie ein
Satz aus. In diesem Fall könnte es folgendes bedeuten:

@a: im Albanisdren: tba,,sagt",


fa wäre ba; dieses f ist wie das f in @afl@a, in frontac und in mehreren anderen
widrtigen' Ifiörtern, die wir später sehen werden: Ffilans, fan*'se, usw... Es wäre
somit das alrbanisdre Velbum bäi, ,ma&ten" in einem passiven Sin'n': "s'idr madren,
gesdrehen'.
" alki wäte das albanisdre ItrJon haliq, Einsturz" (M. 151); kann es m'it dem
"Ruin, l. c., S. 252),
hettitisdren aalx, .sdtlagen", verglidren werden? (Fri'edridr,

Die Insdrrift häne daher folgenden Sinn: ,,Er sagt: Ein Unglüdr ist ge-
sdrehen, o Freigelassene @ania! Idr venraue die Kinder den Göttern an"'
Die 'worte,
Man kann si& äber den gleidren Text in Dialogform vorstellen.
die neben dem Kopf des kriegers srehen: @afaalhi la@unikai, ,,Er sagc: Ein
Ü"elü* ist gesclehen, (o) Freilelassene!" Die Antwort steht neben dem Kopf
-,,@ania
J.r" f.r", öania iiuü@ilin, (sagt): Verraue (deine) Kinder den
Göttern an!"
ja
Beide vermutungen befriedigen uns freilidr bei weitem nidrt, es fehlt
Helden or,ä d"r l(ort (oder der Satz) @afaalhi sieht gar
z. B. der Name dei
nidrt wie ein Männername aus. Der einzige Gewinn in dieser Insdrrift wäre
also äula@ilin. \lenn meine Interpretad;n des \Tortes la@unikai bestätigt
würde, wäre das ein interessantes leugnis für die bedeutende Rolle, die man
einer Freigelassenen in einer etruskisclei Familie anvertrauen konnte. Aber
auf
Dasselbe $üort kann
;;-;";;*i'rr.n Fundamenten läßt sidr nidrts aufbauen.
t"lg."des bedeuten: ,,Du hinterläßt das Haus voll !(ehklagen." Das
""d,
verden wir im Kapitel XII sehen. '\(ort lautni, ,,ein
Mit lautni@a sÄneiden wir eine wichtige Frage an: das
hatte
Freigelassener", verbirgt wahrsdleinlidr das-Wort ,,Familie". Bereits 1883
D..ä" herausjefund;; J"ß dieses 'ilüort mit den lateinisdren Begrifren ,d'o-
*rrt;rur, gentticas, f amiliaris" in Zusammenhang stand; seine.Bedeurung ist
dah"r, ,,di, zur Familie zugelassen worden ist". Der gleidre Auto,r betonte'
aag a.i' Ausdrud< su@i lauini nidrt mit ,,ein freigemadrtes -Grab" übersetzt
lt ".t die enge
*"id* kann, sondern mit ,,eine Familiengruft"; zugleichslawisdr-deutsdren
V..*""a"a"ft "-lrdr"r, io"t";, lutni (P' !ar1 ttttd äem
taud.bi, ludini, lwdi, Leute (Forich. u. itud., v, 44), htrygtt was
'wieder ein
der etruskisdlen Spradre ist'
S.*"i, für ien indoeer-anisdren Charakter
Ic5 will noch bemerketi a"f der Ausdrud< ,,Freigelassener" in einem
zweispra-
Aig"" i.*t aus Lykien mit ,,zur Familie gehörig" übersetztwird'.,.
--fr.rrd.r,
wir uns jetzt eiÄem andere"legriff zu, dem des "Klienten"' Das
war ein ehemaliger ,,Freier" oder ,,Freigelassener"' Mommsen sagt: "Darum
bildeten die ,Hörigen' (clientes) des Hauses in Verbindung mit
den eigent-
lidren Knedrten die von'dÄ\fziflen des ,Bürgers'( patronu's) abhängige ,Knecht-
sdtaf{ (familia);'
Die Familie 9l
Obwohl er ein Mitglied der Familie wurde, hatte der Klient dodr bei weitem
nidrt dieselben Redrte wie andere Familienmitglieder: er konnte sicl weder
von seinem Patronus loslösen, nodr einen anderen wählen. tü7ie ein Leib-
eigener blieben er und seine Nadrlommen an eine bestimmte Familie ge-
bunden. (Fustel de Coulanges, S. 307-308.) Er war ein Teil d.es Familien-
gutes und der Erbschaft.
Diese Angaben werden uns bei der Deutung eines widrtigen etruskisdren
'Wortes helfen: eteri, etera. Man findet häufig in Insdrriften: su@i etera,
lautn eteri (P.450). Iö werde dieses'Wort aus dem Stammwort at,,,Yater",
das wir bereits kennen, erklären, namentlidr aus dem albanis&en atäri, ,,Ya-
tersd'rafr" (M. 14), was wohl für die Alten nidrts anderes als ,,Familiengut"
und vielleidrt ,,Erbsdraft" war. In diesem Fall wäre lautn(i) eteri ein,,ererbter"
Freigelassener oderKlient, der zum Familiengut gehörte. Gleidrerweise hat der
oben erwähnte Ale@nas, der zila@ eterav (d. h. eterau, mit dem bestimmten
Artikel) war, seinen Titel zila@ zusammen mit seinem Familiengut geerbt.

Sdrließlidr ist da noch das Problem der ,,Nadrfahren, Nadrkommensdraft".


rü(/ennidr mich nidrt täusche, so wird dieser Begriff durdr die Yörter mani
(P. 730, CIE 304), manim (P. 769, CII 2055), manirneri (P. 170, CII 2056)
ausgednüdrt. Das letztgenannte 'Wort gehört zur Endformel einer Insdrrift:

e@l matu manimeri

e@/ teilen wir in e und @1. Dann wäre e eine Demonstrativ- oder sonst eine Partikel.
Diese beweglidren Partikeln sind audr im Albanisdren geläufig; und mandrmal ver-
wirren sie die Lage. Man hat beinahe Lust, mit einer der .gelehrten Fraueno von
Moliöre gegen diese Partikeln zu wettern, die man überall antrifft un'd die in den
sdrönsten Vörtern Ärgernis erregen.
@I wäre das albanisdre Verbum dal, ,hervorgehen", im weiteren Sinn.
,ndtil sdreitut ganz mit dem alban,isdren madh, ,,groß" übereinzustimrnen'; r ist ein
nadrgesteller bestimmter Artikel.
manimeri: ,Nachkommensduft"? Idr lasse midr von mdne, der albanisdren' Be-
zeidr,nung für mehrere Beeren (Brombeere usw.' . .) (M. 262) lerten. Vielleicht hat
es hier die Bedeurung ,Fnrdrrt",
"Same"?

Hier handelt es sidr also um einen Arn@ Ale@nas, von dem anderswo
die Rede ist, und von dem wir wissen, daß er clenar zal drce ,,sechs
Söhne zeugte" und daß ,,aus ihm eine zahlreidre Nadrkommensdraft hervor-
gegangen ist".
Die Insdrrift P. 169 sdreint diese Interpretation zu bestätigen. Dort wird
von einem anderen Ale@nas gesagt: VI manin atce, ,,sedts Nadrkommen
zeugte er".

Im etruskisdren Familienleben gab es etwas besonderes: seine Grundlage


war die Zuneigung. Dieses Gefühl wurde nidrt nur in den Fresken und Skulp-
turen ausgedrüd<t, wo Mann und Frau einander mit soviel Vertrauen anbli&en,
sondern auch in einem 'Wort, das man in Grabinsdrriften findet und das man
für ,,Gatten" gehalten hatte, weil es auf einem Knochensdrrein hinter den Na-
men zweier Gatten steht (P. 586, CIE 3858)t tuiur@, (B). Idr glaube, daß
diesem Ausdrudr das \fort dusur zv Grunde liegt, das dem albanischen
92 Die etruskis&en Texre

d.ashur, ,,Liebe" gleidrkommt (M. 68); taiur@i wäre also ,,in Liebe". Später
dann honnte dieses 'Wort zu einem Synonym für ,,Gatten" werden.
Auf einer etruskisdren Gemme sind das Abbild eines Kindes und folgende
Insclrrift eingraviert: (P. 780) num (A). Idr erkenne darin das albanisdre
njorn, ,,2ärtlidf', njomje, ,,Z,ärdidtkeit" (M. 333) wieder. Diese Gemme war
ein Gesdrenk!
'\trüenn wir die
Altersstufen ein wenig hinaufsteigen, entded<en wir einen
lusdgen Beinamen für sdruljungen. um ihn zu verstehen, braudrt man übrigens
lieinerlei Fachkenntnis. Es handelt sidr um das \üort apcar, das auf einer
Gemme steht, auf der ein Knabe mit einem abacas, einer ,,Redrentafel" (p.
77-9, crr 2578 ter) abgebildet ist. Das etruskisdre aph (abah) ist eine Ent-
lehnung aus dem Griedr.isdren. Die Endung -ar ist äieselbe wie in cdpesar,
,,sdruster" und anderen ähnlidren Substantiven, die den Beruf oder die Ge-
vrohnheit anzeigen und auf die wir nocih zu sprecl-ren kommen werd,en. apcar
ist der Beiname für den Gymnasiasten, der fortwährend sein Täfeldren zu
Hilfe nehmen muß.
In einem Knodrensdrrein in Tarquinia wurden die überreste eines kleinen
Mäddrens aufgefunden. Sein varer hieß velus, seine Mutter Lar@i. Die Na-
men seiner Großeltern sind ebenfalls angegeben. Die Grabinsdrrift endet
folgendermaßen:

(P. 193, CII 2104) , . . aztils |as amce uples (A)


Das \7ort, weldres mir erlaubte, den sinn der Insclrift zu deuten. nämlicl
uples, ist äußerst widrtig, denn es besdrreibt nidrt nur die ganze AtÄosphäre,
sondern es ist audr vom grammatikalisdren Standpunkt hödtrt interessant.
uples ist ein verbum im medial-passivisdren Modus, den".t, idr dank dem a am
Anfang erkannte, das audr das albanisdre Medial-passivum in der vergan-
genheit
.(Aorist) und im Konjunktiv drarakterisierr, sowie dank der End-'ung
s (alb. s/, sha). Im Albanisdren heißt es:

bäj: madten.
bahem: gemadrt werden5 sidr madren, werden.
üba: er ist gewonden.
u-bäjsh, der Optariv: mögest du werden.

Derartige Fälle sind im Etruskisdren nidrt sehr zahlreich, aber ohne die
Kenntnis dieser Regel hätte man sie freilidr nidrt verstehen können. unser
YIort uples isr ein Beweis dafür. Man findet darin das albanisdre Sramm-
wort fle, ,,sdrlafen" im Oprativ: ,,Mögest du einsdrlafen!'. Davor stehen in
diesem Text die \florre: ,,Sie war 5 Jahre (alt)."
Dieses verbum fe steht nidrt allein da. unter den Zeidrnungen, die Fabremi
in seinem-cII vorlegt, bemerkte idr die Abbildung einer Bronzefigurine (cf.
Tafel 4), die eine Frau mit konisdrer Kopfbeded<ung darstellt. Diese bame lrält
ihre Röd<e zusammen und mad.rt mit der rec,hten Hand eine Geste. die tat-
sädrlidr ,,Friede!" bedeuten könnre. Zwisdren ihre Sdrulrerblätrer har der Künst-
Ier flezru (A) eingraviert. M. Pallottino las flezrl (p. 629, CIE 4562) und sagt
kurz dazu: Eine kleine Bronzestatue einer Frau (v.Jh.). Ihre Pose ist hieratisdr,
wie es einer geheiligren Person geziemt. Sie sieht aus, als wolle sie segnen
oder sdrützen. Der Ausdrud< flezru zerfälk in zwei \flörter: flesh, was dasselbe
wie (u)ples im vorherigen Text ist; ru ist das albanisdre ruej, ,,sdt'ützen,,
Die Familie 93

(M. 430). Sie ist also eine Gottheit, die den Sclkf schützt, ein etruskisdrer
Sdrutzengel. Sie dürfte gegen Lärm, Müdren und Alpträume geholfen haben
Venn flez ein Casus obliquus des Substantivums fe, ple, ,,Sdtlaf" ist, hat
flez-rw den Sinn ,,Hüterin des Sdrlafes". Fügen wir hinzu, daß Jokl
dieses albanisdre Verbum rzej untersudrt, sein hohes Alter festgestellt und
den Versucl'r G. Meyers, es als eine Entlehnung aus dem Slawisdren zu erklä-
ren, verworfen hat.
In ,dieser kleinen \üelt der etruski- ilr,
sdren Frauen .rnd Kinäer- fJil-; 13
t-l=Vtt\ G.
also nicht an Zärtlichkeit. Das fühlt
man ebenfalls, wenn man eine, auf ' I t {"/:\h1StY,
einem Spiegel eingravierte, bukoli- I )L--t-( W,
sdre Szene betrachtet: Aphrodite läßt I \
eine raube
Taube a"',,o'R;"glPJilH: fäi
davonfliegeir (Abb. 16). LT/-/\
L i, f
I/
wenn
Nodr besser versteht Lan sie, wenn ltt
l|f
of\, /|I I/ , \
man sidr dazugehö-
sicl mit ,der kurzen, dazugehö-
-t\l
tilanati
rigen Insdrrift näher befaßt: tilanati l1 l_ | X -\ \
daß
eescfilossen- daß
ß-). Trombetti hatte geschlossen,
(B-). ,/7 \'-\ // )) )
es ein Epithetum der Venus sei. Es --.2'/-+ \\t// / /
handelt sidr jedoch um etwas anderes: ./,.-( t
-. / /
ri ist das albanisdre
,,wissen...
..wissen...
albanisdre verbunr di,
Verbunr di. di' (2)W1
,l t
tfttt\)Nz ,/ ll \\\\- - h -'

landtt tst das albanrsdre banesö, .Haus,


**i,!,!iJ:'r!,i."1i;:*k;:e;i'ru: |)v ,l '/1///A
Vohnsitz" (M. 19). Der etruskisdr.'rrA-
stabefkann,wiewirsdrongesagt.haben,
itabefkann,wiewirsdrongesagt.haben, I
/ 44re)
/. ,//,'//l / --\
- \ /

r*i:":i:*'i1*;m.i: t;if
berci* @uftoas :- @ubartas,.
mZJJ/4L
frontac
-bronte (griedrisdr) gesehen und werden:
/\/
/-/, ,ll
r'
/
ll
__JL--
l/

nodr andere Beispiele bespredren. Abb. 16. Aphrodite mit einer Taube

Die Bedeutung der Insdrrift: ,,Sie kennt das Flaus!"

Mit diesem lakonisdren Kommentar verstand es der Künstler, diesem Bild


einen tieferen Sinn zu geben. 'rüüenn man jedodr bei dieser kleinen Insdrrift
tiefer sdrürfen will, kann man daraus eine nodr exaktere Nuance herauslesen.
,,Ffaus" heißt auf albanisdr audr banö, davon kommt bana, ,,das Haus".
Die Endung ti (@i) ist ein Lokativ. Das Anfangs-li könnte audr erwas
anderes sein, vor allem das albaniscle tej,,,fort!, geh!, gsdr!" (M.511.) Unter
diesen Umständen hat tit'anati die Bedeurung ,,Gsdr! Nadr Flause!" oder
,,Geh'nadr Flause!" (Gerhard, Etr. Spiegel, III, T. CXVI.)

Man hatte die Jugend gern und verzieh ihr so mandres. Betradrten wir
einmal eine kleine, leidrt nudistisdre Szene: ein junger Mann hält in seiner
redrten Hand ein Fläsdrdren (zweifellos mit wohlriedrender Flüssigkeit) und
bietet einem jungen Mäddren, das sein Badekörbdren hält, eine Blume an. Das
Mäddren streidrelt ihm die ltüange oder aber sie dankt ihm mit einer Ohrfeige
(Abb. 17).
Dieser ,,Flirt" bewog Gerhard, von dem wir die Zeidrnung haben, an die
jungen Leute im nadrhinein einen Verweis zu richten. Er sdrreibq die frivole
F V\-
o
N
((.
q

Abb. 12. Nacb dem Bad


Begegnung von Personen beider Gesdrledrter nacih einem kaum vollendeten
Bad, wie sie hier dargestellt zu sein scheint, sei bei den leidrten Sitten Etruriens
wohl nid,ts Fremdes gewesen. Die erotisdre Bedeurung dieser Zeidrnung sei
jedenfalls leidrter zu verstehen als die Insdrrift neben dem Mann, truisie,
oder die neben der Frau, talitba.
Z,t allererst wollen wir feststellen, daß diese talitba nidrt die aus dem
Evangelium ist (Marcus, 5, 4l), wo dieses aramäisdre 'W'ort ,,junges Mäddren"
bedeutet. '\ü7ir stehen mir dieser Meinung in Gegensatz zu Bugge, der es mit
dem armenisdren talitaj,,,junges Mäddren", einem aramäisdren Lehnwort, ver-
gleidrt.
Vom Gesidrtspunkt der Moral gesehen, zeigt diese Szene vielleidrt sogar eine
keusdre und rugendhafte Lebensauffassung. Der junge Mann, der unbedadrt
eine Blume anbieten will, wird von dem empörten jungen Mäddren gezüdrdgt
und streng verwiesen. (1b., IYa, T. CDXIII, S. 24.)
Vie dem audr sei: was bedeuten die \förter truisie und talitha? Trom-
bemi glaubte in talitba den Namen einer Götrin zu enrdedren. Es hatte aber
Gerhard redrt, der hier eine Szene nadr dem Bade sah. Hier die Entzifferung:
truisie (A) ist das albanisdte druejshöm, Dieses, \fort gehört jedodr
"sdrred<lidr".
zum Stammwort druej,,fürdrren, vererren" (M. 84). Die Be'deutung im Etruskisdren
wäre hier natürlidr: ,Verehrer". cf. drouna, das wir weiter oben gesehen haben.
tali@a (A) ist das albanis&e tallit,,Nedrer,ei, Spötterei"; tallös, ,ironisrJn (M. 509).

Man braudrt hier somit gar keine Eigennamen. Die Szene trägt die Auf-
sdrrift: ,,Verehrung und Spötterei" oder ,,ein Verehrer und eine Spötterin."
Jedodr die \flirkli&keit war niclt immer so heiter. Es gab Kriege und
Trauer. Daran gemahnt uns eine Insdrrift auf einem sd'rwarzen Keramiktäfel-
dren, auf dem ein Lözae abgebildet ist. M. Pallottino bemerkt dazu: ,,ein
Läwe oder ein Flund" (Testirnonia, S. 92), obwohl nidrt weit von diesem
Löwen das \Wort liuna steht. Muß man denn den indogermanisdren ,,In-
filtrationen" derartig mißtrauen? Im übrigen steht derselbe Autor dieser In-
sdrrift argwöhnisdr gegenüber. M. Buffa war anderer Meinung. Er spridrt deut-
lidr von einem Lörtten vnd sdrreibt diesbezüglidr: ,,Ihre Edrtheit wird
aus einem einzigen Grund angezweifelt: es ist sdrwierig, sie zu entziffern."
Die Familie 95

M. Buffa hatte redrr. Da es mir gelungen ist, diese Sdrwierigkeit zu über-


winden, kann idr behaupten, daß es da nidrts anzuzweifeln gibt. Der Zu-
fall wollte es, daß gerade diese etruskisdre Insdrrift die ursprünglid-rste und
pad<endste isr, die zu entzifrern idr je Gelegenheit hatte. Sie allein hätte genügt,
meine Meinung über dieses Volk von Grund auf zv ändern, wenn idr vorher
seine Vitalität und offenheir falsdr eingesdrätzt hätte. Sie vermittelt uns das
Gefühl, daß dieses ardraisdre Volk, das zugleidr kompliziert und naiv war,
uns sehr nahesteht.
Die wesentlidrsten Bestandteile dieses Textes werden wir in einem anderen
Dokument wiederfinden, das ich gleidr danadr bespredren will, um dadurdr
meine Interpretation einwandfrei zu besdrigen. Hier also ist der Text auf dem
erwähnten Täfeldren, das wahrscheinlidr in das Grab eines jungen Kriegers
gelegt worden war und auf dem die trauernden verwandten oäer Freu de
ihrem Sdrmerz beredten Ausdrudr verliehen:
(P. 744, NRIE 1061) mi fep mi timya ndepirm pepanl liuna emt'epame
iu@ina (A)
Beginnen wir, mir jenen Elementen, deren Deutlidrkeit nid-rt in Frage steht:
mi, ,,hier ist, dies ist"i pepanl liuna, ein Name und ein Beiname: -,,pepan,
der Löwe." Im Albanisclen heißt ,,Löwe'. luan (M. 257). ia@ina, ,,Cräf-.
fm großen und ganzen: ,,Flier isr das Grab von pepan dem Löwen... Iüas
besagt das übrige?

fe.p:.zu lesen bep, bef, Es ist das albanis&e befä,,ü,berraschunrg"3 bef : ,,:zutällig
gesdrohen"; beföt: .plfotzliö" (M. 24).
timTa: zwei Wörter: tim ist das albanisdre dbimbö,.Sdrmerz" (M. 91).
7a ist d,as
albanisdre ka, das von dem sdron bekannten leam, ko-Lt, in'där Bedeu-
"haben',
tung ,_es gibt'. Ein anderes kä wird vom verbum ia*, .idt bin', abgeleitet. Dann
wäre der sinn isto, was_,in der Bedeurung nidrt viel.unterschied erfibt,
"es
naepirm ist verhältnis,mäßig sdrwierig, denn mehrere Lösungen könnln in Betradrt
gezogen wer'den. Hier die einfadrste: ia ist das alrbanisdre p-ersonalpronomen,
ersre
Person Pluralis, Norniinativ und Akkusativ. epir ist das albanisdte'epera,
dasselbe etrushisdre Vort werden wir in dem Kapitel ilber den "höher-;
,trri"oki" wieder_
6nden. zz ist nur ein Suf6x oder eine nadagestellte präposition. Der sinn ist:
,höher
als wir", ,das uns übersteigt".
ernfepame ist ein Attri ut zn !u@ina,.Grab". Es ist gewiß eines der
aufsdrluß-
reidrsten \flörter der etruskisdren Epigraphie. Es wirft eii besonderes Lidrt auf den
indogermanisdren chara,k er der etruskisdren Gramrnatik. sein Aufbau isr genau der
gleidre wie der des alibanisdren Yortes änbet'taeh, ,unvorbereitet, überras&rr",
oder
eines arderen5 önbegat-em, ,reidr werden" (aus dem stamrrnwort begat,
zugleidr .bereidrernd".
,reiü,;) und
. D-ieses vort emfeparne zerfällt also in drei Elemenrc, genauso wie ähnliche ver-
'balfor'men irn Albanischen, Lareinisdren, Französisdren "und i- o.uirdrlr,
s.!önyn-,^1svrr, .): lrrr-
1m (Yorwort) + fe? (das sdron bekannte Sr"-;;;;;i + dme
(ein suffix?)' Der sinn ist also: überraschend, verblüffeiJ.i '
"errtru.tlidr"
Kaum stilisiert durd-r das vertausdren von ,,hier ist" mit
,,weldr.. ist das
Ergebnis folgendes: ,,'weldre überrasdrung, *.id, ein sdrmerzl dei urrs
tiber-
steigt: von Pepan Liuna dieses verblüfiende Grab...
Das ist ein mensdrlidres Zeugnis. Kann man vor soldren Texten nodr von
der,etruskischen Epigraphie behiupren, sie sei eine Anhäufung
,r.ioryp"r rn"-
grsdrer -hormeln, weldre die etruskisdren zauberer herunterÄurmehen?
96 Die etruskisdten Texte

Der entsdreidende Punkt in dieser Insdrrift war t'ep, ,,Überrasdrung". Idt


fand dieses \fort in einer beinahe mythologischen Szene wieder, die idr hier
heranziehe, weil sie zur Bekräftigung meiner Interpretation sehr ins Gewidrt
fällt. Der Künstler hat sie bloß erfunden, um den Besdrauer damit zu unter-
halten. Es handelt sich um eine ausgezeidrnete, auf einen etruskisdren Spiegel
gravierte Zeidrnung, die von Corssen veröffentlidrt wurde. Der Autor erklärt
sie wie folgt:
Quelle und stellt eine Amphora unter
,,Herakles kommt durstig an eine 'l/asserstrahl
dieselbe, um zu trinken. Der srarke der Quelle wirft aber das
Gefäß um. Darüber gerät der durstige Held in Zorn, sieht den Löwenkopf,
der den \Wasserstrahl ausspeit, für den Sdruldigen an, hebt die Keulg um
auf ihn einzuhauen wie auf ein lebendiges Ungetüm, und stredrt das Fell des
Nemeisdren Löwen vor zum Sdrutze gegen die Zähne des Löwenradrens der
Quelle. Die blinde Berserkerwut des Herakles gegen den unsdruldigen Quellen-
Änd, das sreinerne oder metallene Löwenmaul, das ihn an den Nemeischen
Löwen erinnern modrte, und seine regelredrte Feclterstellung gegen dasselbe
fallen ins Lädrerlidre. . . In der abgebildeten Spiegelzeidrnung liegt also eine
komisdre Darstellung des Flerakles vor, in weldrer derselbe, wie aucl sonst,
als durstig, jähzornig und etwas einfältig erscheint. Komisdr ist ja dieser Heros
nidrt selten'dargest.llt, wo er... auftritt . .. trinkend oder betrunken in Ge-
sellsclaft von Satyrn oder Bacchantinnen, oder im Kampfe mit zwergenhaften
und koboldartigen \fesen wie den Pygmäen und Kerkopen." usw. (Über die
Sprache der Etrusleer, 1874,F,d. I, S. 325).
Eine hervorragende Besdrreibung! Der Text auf diesem Spiegel lautet:

fipece bercle (A)


Sdrade, daß Corssen fipece fiir ein Gegenstäd< zum lateinisdren bibere, ,,trin-
'Wortes ist dem Geist dieser
ken.. gehalten hat. Nein, die Bedeururlg dieses
Sr"rrid"o der Autor ro go, zu deutei versrand, bei weitem_ näher. fipece
ist das perfekrum des Veibums t'ep, das wir oben gesehen haben: ,,'über-
-wurde über-
rasdrt sein, staunen". Der Text will somit sagen: ,,Flerkules
;;;&;. iJ",. audr: ,,Das war für Herkules unvorhergesehen"). Der Künstler
*oitr" a'." psyclrololischen das Verhalten des Halbgottes deutlidr
Grund für
madren: seine bewegung drü&t eher Überrasdrung als Zorn aus' ..
Zum Schluß möchte-idr nodr eine letzte Bemerkung über die etruskisdre
Iueend machen, und zwar eine beruhigende. Dazu ziehe idl ein Pradrtstüd<,
!irr'"trurkirdres Spriclwort voll Volksweisheit, heran, das gerade zu unserem
itr-" paßu In'seiner Sammlung verhält -sidr M.jahrelang Pallottino argwöhnisdr
in einer Atmo-
diesem kl.irr"r, Text gegenüber. \üinn man jedodr
,ohar. d.. Argwohns- soll man da nidrt nadr einiger Zeit immun
"'rb"ir"r,
#erden? Besagie Insd*ift steht auf einem Trinkbedrer aus Clusium:

(P. 486, CII 802) lmalis rite ('t')


je ist 'wasserlauf" (M. 47O). Das paßt gut
das albanisdre sää, "\rildbadr, sdrneller
zu dem gebirgigen E rurien.
--nutis
üt ei.i"".ng" Versörnelzung zweier. Elemente: z ist das albanisdre ne, .in"'
gin .irr"hAdrrt widrtigei illyriscles Stammwort zur'üd<: ul, ,,abw*ts be-
-"Abqrärtsbew.so^;"
"i;1,
*ä.4- "uf
hii, (^'I. 5'39), hier mit dem s des Casus obliquus
am
-' Ende.
ite ist genau das albanisdre rit (tö rit), ,Jugendzeit" (M' 427)'
Abb. 18. Herkules in einer mi$lichen Lage

Zusammenfassend: ,,Ein abwärrs eilender rTildbadr, das


ist die
Ah, diese Etrusker! Beim Tfein also enrded<t"" ri; iirr;-iGi;r"g Jugend!..
'rri" pur"-
sophieren! Ich finde dieses Spridrwort herrlidr. Halb sdrerz,
häiü"nrrrrt arü&t
es ebensoviel Bewunderung wie Resignation aus
. . . Dieser'vergleicl.r-mit dem
abwärtseilenden r7ildbadr stelrt uns"die ,idr a' die nerle
,aili"g.rra. ror-
kana vor Augen.
In diesem sinne hat Italien seine ureigenste seere diesem rauhen, fremden
Volk eingehaudrr Landsdrafr und volk- sind eins geworden; die'ethnisdre
Einheir der E*usker konnrc erst in Italien zustande k;*;;i;d;l;
Römer
später einige ihrer Bräudre übernahmen, sollten sie sidr
lisdren Kultur heimisdr fühlen.
ln de, alien, ita-

7 Etrusker
v
KÜCHE UND MAHLZEITEN

Nun kommen wir zu einem sehr materiellen und alltäglidren Interessen-


kreis, der so erdnah ist, daß alles, was ,,unheimlicl" oder audr nur sym-
bolisdr ist, von vornherein davon ausgesdrlossen ersdreint.
Nidrtsdestoweniger muß idr den Läser mitten in eine Nekropole führen, um
ihn einen Blid< in eine Fleisdrerei werfen zu lassen. Dieser in Abb. 20 gezeigte
Laden ist auf die \fland einer Grufr gemalt. I(ir dürfen nidrt vergessen, daß
wir bei den Etruskern sind.
\üir haben in der Tat ein Fresko aus dem IV. bis III. Jh. vor urx, das
Golini 1863 in einer Gruft nahe bei Orvieto entded(te. Die neun ausge-
sdrmüchten \üände dieser Gruft zeigen versdriedene Bilder. (Abb. 19.)
Auf \üand 6 (der am wenigsten ins Auge
fallenden) bemerkt man zw'ei Bildnisse von
Gottheiten der lJnterwelt; redrts vom Ein-
gang'szenen von einem Totenmahl; links vom
Einga.tg, 'sehr gut sichtbar, die Vorbereitungen
d"* Mahle. Diese lassen allerdings nidrts
".t
von Trauer mefken, sondern führen uns in
jenen Teil des etruskisdren Flerrenhauses' wo
bi.tr.. und Sklaven ihrer täglicJren Arbert
nadrgehen. Die Mitte'der Gruft, \fland 5, wird
lron . . Afien dingenommen, der audr
Symbolisches an sidr hat, denn er wird
nichts"inettt. Abb. 19
von einer Person, deren Bild dem Zahn der
zer. ztm opfer gefallen isr, an der Leine ,geführt. Mit Ausnahme der Dar-
stellung d.r'H.rrätt der lJnterwelt vetraten 'die Fresken 'deutlic} die Absidrt.
ä"i f.'g.t"flauf der Verstor'benen, 'die ihnen verlraute Umgdbung und alle
Ätt".t Ätiateiten, die sie 'bei Lebzeiten genossen haben, um sie her wieder
-Dl;r.;zu lassen.
erstehen
Ü-rt"rrd. verdanken wir das Vergnügen, auf \rand 1 diese Flei-
,dr.r"orl"g. vorzufinden, in der ein riesigei Odrse, ein direkter Vorfahre
do R.-bi"ttdtsdren, eine dominierende Stellung einnimmt. Conestabile be-
sdrreibt dieses Bild folgendermaßen:
,,Ein Tier mit geödnetem
"Reh
Leib, ein Odrsenkopf, zw^ei Tauben, ein Flase,
ein' ausgeweidetes . . . zwei andere Vögel, die größer sind als die Tau-
ben.. ." (Pitture marali', Bd' IV.)
Keine insdrrift. Aber diese reidrhaltige Auslage wird uns zum Verständnis
des Folgenden verhelfen. Auf \fland 2 ist die Arbeit in vollem Gange. Man
sieht linis eine Hadcbank. Eine halbnad<te, männlidre Gestalt bzugt sidr vor,
trot, -it einem Beil kräftig aus und zetteilt damit ein Fleischstüd<' (Abb.21')
Dazu gehört die Inschrift:
- (P' 220, CIE 5058) @ar . ' ' ka@ (A)'
Abb. 20. Etraskische Fleischerei

Uber den Sinn besteht kein Zweifel: albanisdr \nr. ,r


darö ist der Infinitiv des Verbums daj, ,,teilen, ,/All
zerteilen", das wir sdron kennen. 'Wenn ha@ { ,! 1/ ,---.^
-
gja (mit dem r für den Casus obliquus) ,,'Wild" \ \ y'r.,r)
(M. 140) bedeutet, dann ist alles in Ordnung,wenn \,, -iit Y
nidrt, dann bedeutet es irgendein anderes Fleisdr; /' "\
das geht aus dem Bild deutlidr hervor. / äs:-4
Auf der redrten Seite derselben Vand bildet eine Ä /- | |
andere Person das Gegenstüd< zu dem Fleisdrer. ,.V()) \ \
-
Ein muskulöser Bursdre beugt sidr über einen klei- / 1, \ t
nen, runden, dreibeinigen iir.l'r, d", wie ein mit | 1., /\--S_
einem Ausgußsdrnabel versehenes Becken aussieht. I r,. ' Y%ZZ'Z/y'
(Abb. 22) Die entspredrende Insdrrift lautet: \ .f--f lZ/'
(P. 225, CIE 5083) pazu muluane. (B) \ ,| I /W
Conestabile sagq dieser Mann sei ,,im Begriffe, ) | / / 7
mit zwei kleinen Bausdren, die er in den Händen ==1
hält, auf den Tiscfi zu .drüd<en, als ob er Farben Abb. 21
reiben oder versdriedene Stofie misdren wolle...
Da er aber merkt, daß diese Besdrreibung unklar ist, besdrließt der Auror,
sie mit symbolisdren Substanzen zu würzen:
,,Es handelt sidr um eine Tätigkeit, die für den Vollzug der Opfer.*ir not-
wendig war. . . bei einer Totenfeier . . . eine verridrtung, ]ür di" k"in
anderes Beispiel haben. . . sie paßt aber ihrem Zwed< nadr dennodr zum Ge-
samteigdrud< . . .. (sie besteht darin), daß substanzen zubereitet werder4 die
sdrließlidr auf dem Tisdr beim Leidrensdrmaus oder Totengelage ihre veihe
erhalten werden . . . an diesem geheiligten Orf,. . ." (Pitture *o*t;, S. 55).
100 Die etrushiscben Texte

Ich glaube, daß es sidr viel eher um einen


Käse handelt.
Namentlidr frndet pazu eine genaue Ent-
spredrung in dem albanisdren Vort basho
(spridr: bascbo, mit stimmhaftem s&),
,,Käsemadrer" (M. 23) und in baE, ,,Mildt-
verarbeiter" (M. 16).
mwlwane kann man sehr leiclt aus dem
albanisdren mollis,,,auf etwas drüd<en, zu-
sammendrücken" (sagen wir: ,,pressen") er-
klären. Dieses Verbum ist gewiß mit dem
albanisclren Stamm rnul- verwandt, den man
in den \üörtern mwlli,,,Mihle", mallis,
,,Müller" usw. findet und der auf das alt-
indogermanisdre Verbum zurückgeht, das im
Hettitischen rnalla, im Lateinisdten molo,
,,mahlen" heißt; cf. griedt. mulon, ,,Mühle".
Dieser junge Mann wäre also dabei, den
Käse zu pressen, um ihn abtropfen zu lassen,
was den Sdrnabelansatz dieses Abtropf-
tisdres erklären würde. Handelt es sidr also
um frisdren Käse? Die Alten hatten audr
gern geriebenen Käse, der zur Bereitung des
libum, des bei den Opfern verwendeten Ku-
chens, diente. So übersättigten sidr die
Abb.22 Umbro-Osker, nadr den Iguvisdren Tafeln
zu sdrließen, mit einem Kudren, mefa, der
dasselbe war, wie das lateinisdre libum. Er bestand aus Reibkäse, Eiern und
Mehl. Ebenso liest man in den ,\Terken und Tagen" von Flesiod: ,,Trink
'S?ein aus Byblos, wähle für dein Mahl Käsekudren."
Vielleidrt ging es aber hier um eine symbolisdre Substanz, um eine Farbe?
Die etruskisdren Triumphatoren hatten das Vorredrt, sich das Gesicht mit
Minium zu bestreidren, einem Bleioxyd, das man in Ol anrührte, um eine
rore Farbe zu bereiten. o. Müller bringt dies in Zusammenhang mit den Minium-
spuren auf den Gesichtern der Skulpturen, die die Totenurnen zieren und sieht
darin ein Zeidren für die Vergötterung der Verstorbenen. Die Römer übernah-
men diesen Braudr und färbten das Standbild des Kapitolinisdren Jupiter regel-
mäßig mit Minium. Andererseits findet man in den Iguvinischen Tafeln ein
rätselhaftes Yort pistunire (II b, 15). Man weiß nur, daß pistum das latei-
nisdte molitum, ,,zerrieben, zerstoßen" ist. nire erinnert midr - diese Zu-
(M. 324).
sammenziehung ist möglidr
- an das albanisdre ngjyrö, ,,Farbe"
Die Gesidrter äer Tisdrgenossen auf den Grabfresken sehen jedoch nidrt sehr
rot aus.
Die Frage bleibt also ofien; dodr sdreint es mir nidrt, als ob die Übereinstim-
mung zwisdren pdzu r,nd basbo atfällig wäre. Idr glaube,,es handelt sidr hier
,r- äitr" Arr Käse. Poulsen gießt \üasser auf meine Mühlen mit seiner Be-
hauprung: ,,Der Tisdr mit den erhöhten Rändern (auf diesem Fresko) erinnert
uns an ein Rezept von cato dem Alreren, der empfiehlr, einen soldren Tisdt
zum Misdren ,rott Käre und Honig bei der Bereirung von Käsekudren zu be-
nützen." (EtruscanTomb Paintings, S. 40.)
Küdte und Mablzeiten l0l
Auf Wand 3 geht die unermüdliöe Tätigkeit des Küdrenpersonals weirer.
Im Vordergrund sieht man einen großen Herd (Abb. 23) mit zwei Phallus-
darstellungen. Dies ist aus der Gesdridrte von Ocresia zu erklären, in der, wie
wir gehört haben, der häuslidre Herd als rttohnsirz des befrudltenden Geistes
galt. Hinter dern Herd hantiert ein zweiter Fleisdrer von athletisdrer Gestalt
kräftig mit einem Hadrmesser. Die Insdrrift ist unversehrt:
(P.227, CIE 5085) tesin@ tamia@uras

-/-.
7-\
l\-l

t,
\/
Abb. 23. Fleischer hinter einem Herd (nach Conestabile)
tesin@: ,,zehn", ein Wort, das wir sdron unter den Zahlen besprodren haben.
(Eine anrdere Dzucung wäre: cf. das al'baniscle däshi.nj, ,,Sdrafe',
M.67.) "Sdraffleisdr",
tamia ist genau das albanische darnie, das, ebenso wie das \Iort damas,
"Tei\ungo,
,getrennt"., aus dem sdron lbekannten Stamm"nrort daj, .teiIerr" kom,mt, dessen In-
finitiv damä ist. (M. 6,6.) In unserem Zusammenhang'bedeutet dieses Wort ,getrerlnt'.
@uras ist ein Suh,stantivum, das sdron in dem Kapitel tiber die Farnilie vor-
gekomrnen ist:
"Gattung,
Sorte, drt,"
,,Zehn versdriedene Sorten!"
oder audr:,,Sdraffleisdr! Versdriedene Sorten!",
dürfte dieser Bursdre, der da mit sd'rwungvollen Armbewegungen Koteletten
usw. herunterhad<q voll Berufsstolz sagen.
Llnten, links vom Ofen, läufr ein mit einem Sdrurz bekleideter Jüngling
herbei, um aus einer großen Amphora'Wein zu sdröpfen. Die Insdrrift kündigt
an:
(P. 226, CIE 5084) klumie parlia (A)
Dieser Satz madrte mir lange zu sdraffen. Endlich gelang es mir, das ersre
'Wort aus dem tauben Gestein ringsum herauszulösen:

lelatnie be*eht auszwei Terlen: hluaj ist das albarisdre ,rufen" (M. 200 und 420);
davon kla. mie ist das al,ban'isdre mijä, .nv" (M. 288r.
L02 Die etruskiscben Texte

parliu aber widerstand allen Entzifferungsversudlen.


S. Bugge sah in diesem parliu den Namen für ein Gefäß im Zusammen-hang
mit patella, ,,Teller", was aber nidrt überzeugend ist. Als O. A. Danielson
1927 diese Insdrrift nodrmals unrersudrre, täuschte er sidr über den eigentlidren
Sinn der Zeidrnung; er glaubte, darauf einen klumie zu sehen, der eine Brar-
pfanne auf das Feuer stellt und sdrlug daher für parliu die Bedeutung ,,Kodr"
vor, eine Ehre, die dieser arme Bursch nidrt verdient zu haben sdreint.
(Glotta, XVI, 1-2, S. 91.)
Als i& eines Tages in dern kleinen albanisch-deutsdren \(örcerbuch
blätterte, das idr seinerzeit auf dem Seinekai gekauft hatte, fand idr darin je-
dodr das magisdre \florc, das idr braud-rte, natUA bail, eine lokale Variante
(aus dem Dialekt von Gjakova) des sdrriftalbanisdren 'Worres bard.It, ,,weiß,,.
Nun ließ sid'r der Text erklären:
,,(Sie) verlangen nur weißen!" Das heißt also: ,,Diese Flerren wünsdren nur
weißen \üein", eine Bemerkung, die der Ironie nidrt entbehrt.
In einer Beobadrtung Kretsdrmers fand iö später eine Unterstürzung dieser
Interpretation: Der Untersdried zwisdren den beiden Namen Odysseus und
Ulysses könnte dem übergang von d zv I ntgesdtrieben werden, den man in
der Spradre der illyrisdr-epirotisdren Stämme beobac}tet, wo man beispiels-
weise Lasimos neben Dasimos feststellen kann (1. c. S. 281). Gleidrzeitig ver-
merke idr, daß in einem der jährlidren Redrensdraftsberidrte von E. Vetter über
die Fortsdrritte der Etruskologie der Eigenname parla atrus (Glotta, XY,
7926, 7-2, S. 229) erwähnt wird. Dies rur meiner Interpretation aber
keinen Abbrudr, denn aus dem Stammwort bardh, barl werden Eigen-
namen wie das sdron genannte Bardulius (ähnlidr Laban im Hebräisdren oder
Blandre im Französisdren etc.) abgeleitet.
So sind also die beiden Insdrriften neben dem Fleisdrer und neben dem
kleinen Mundsdrenk weder Eigennamen, nodr unpersönlidrq erklärende An-
merkungen. Beide Sätze werden von diesen Personen selbst ausgesprochen. Nadr-
dem wir einmal bis in ein etruskisdres Haus vorgedrungen iinä, überrasdren
wir diese mit Arbeit überbürdeten Mensd-ren bei ihren gev/ohnten Gesprä-
chen.
Das war aber nur die Einleitung. \Vir werden nodr eine viel lebhaftere
'I(edrselrede
zu hören bekommen. Nun befinden wir uns nidrt mehr in einer
gewöhnlidren Kücle mit Braten- und Knoblaudrgeruch, sondern fasr vor einer
kleinen Bühne im Theater. Ein Vorhang geht auf, um zu unserem Entzücken
unseren indiskreten Blicken ein Genrebild preiszugeben, wie man es sidr nichr
reizender vorstellen kann.
Idr komme auf !7and 2 n;nid,d<, denn dort sieht man zwisdren dem ersten
Fleisdrer und dem Käsebereirer die Vorbereitung für das Mahl auf höherer
Stufe. Die Ködre, Küd-renjungen usw. haben ihre Arbeit beendet. Die fertigen
Speisen sind auf einer Anridrte aufgestapelt, die Dienerinnen kommen und
gehen, um die Bestellungen weiterzugeben und die Speisen alsbald zur Tafel
ar ftagen. Dieses Bild stellt den Höhepunkt des außergewöhnlidren Sdrau-
spiels dar, das sich in der ,,Tomba Golini" dem Beschauer bieret. (Conestabile,
l. c.,T. V.) (Abb.24.)
In der Mitte dieser Szeng die glüd<lidrerweise gut erhalten ist, sehen wir
kleine, mit Sdrüsseln und Früdrten beladene Tisdre. Flinter diesen steht ein mit
Arbeit überhäufter junger Mann, den die Sommerhirze sowie die Notwendig-
keit, den beiden Kellnerinnen zugleidr zu antworren, fast aus der Fassung zu
Käche and, Mablzeiten 103

bringen sdreinen. Er wird zu beiden Seiten von reizenden jungen Mäddren


bedrängt, die ganz atemlos daherlaufen und stürmisdr verlangen, sofoft
bedient zu werden.
Sie sind so hübsdr herausgeputzt, daß allein bei ihrem Anblid< die geizigen
und gegen ihre Sklaven harten Römer mit den Zähnen geknirsdrt hätrcn;
sretterte man dodr gegen die Narrheit der Erusker, die ihre Dienerinnen zu
gut kleideten, ,,im Gegeasatz zu Threm Stand", wie Diodorus von Sizilien sagr.
Das junge Mädchen links trägt ein Bernsteinhalsband und eine rote Tunika.
In der redrten Hand hält es ein winziges Gefäß. Es kommt mit rasdren
Sdrrirten und ruft: @rama mli@uns! Eine andere. blonde Kellnerin mit klas-

Abb.24. Cbet'koch zwisclten zarci Kellnerinnen, die es eilig haben


(nach Conestabile)

sisdrem Profil ist der ersten zuvorgekommen. Sie trägt ebenfalls ein Halsband
ihr Haar wird von einem Band gehalten und sie ist nidrr weniger elegant
gekleidet. Gebieterisdr verlangt audr sie: re (e) miiime@umts , , .
Unter diesen red'rt unerfreulidren Umständen zog idr den Kommentar von
Conestabile zu Rate. Dieser erinnerte sidr beim Anblidr der Früdrte und Eier
auf den Tisdren offensidrtlicl daran, daß das Ei ein Symbol der Auferstehung,
und der der Proserpina geweihrc Granatapfel ein Sinnbild der Fortpflanzung
war, ebenso wie die l7eintraube in engem Zusammenhang mit dem Bacdrus-
kult sand. Mit all dem hat er vollkommen redrt. Aber die Etrusker nährten
sidr nidrt nur von Symbolen. . . \7as sagte denn die Blonde?
(P. 223, CIE 5081): re(e)mülme@umf s (A)

re ist das albanisdre ri, im Fernininum re, ,neu"; hier: neuan, nodr.o
"von
mii ist das alibanisdre mish, ,Fleisdt", ein \7ort, das auf 'das altindisdre tnds.t ztr-
rü&geht und das man irn Litauisdren (mesa) und in all'en slawi,sdren, spradren
(mjaso, usw. . . .) 6ndet. Dieses Wort kann nidrt bloß eine Entlehnung aus dem
Armenisdrerq rzis, sein, wie G. Meyer (1. c., S 280) annahm.
704 Die enushisdten Texte

me ist das alban'isdre me, .mit'.


@amf s ist das al,ban'isdre tumb, .Crerne, Rahm" (M. 274).
Das s am Ende bezeidrnet augensdreinlidr einen Casus obliquus.

Freilidr kann man nidrt sdrwören, daß dieses \üflorr nidrt audr ,,Sauce, Tunke"
oder etwas ähnlidres bedeutet. Im Augenblid< stehen wir über diesen gering-
fügigen Kleinigkeiten; nur das \(esentlicle zählt. Die erruskisdlen Feinsdrmek-
ker verlangten nidrt mehr nodr weniger als:
,,Nodr Fleisdr mir Rahm!"
Ah! \fleldre Köstlidrkeit für die Etruskologen, die sidr bisher von Zisdrlauten
und prähistorisdrem Substrat genährt haben! So werden wir über ein Ge-
heimnis der toskanischen Küdre unterridrtet, die nidrt z:uletzt die Römer sehr
zu sdrätzen wußten. Und gleid-rzeitig können wir eine dieser ,,indogermani-
sdren Implantationen" in der etruskisdren Spradre aus der Nähe betradrten.
Beim Essen von rniS kann man Etruskisdres, Illyrisches, Albanisd,es,
Altindisdres, Armenisdres und Baltisdr-Slawisdres zugleidr verkosten. Nodr
einige lüörter dieser Art, und die Sammlungen etruskisdrer Insdrriften werden
bald eine ziemlidr unerwartete Funktion ausüben können, nämlidr die von Füh-
rern für Albanienreisende. Verlangen Sie dodr in Skutari oder in Tirana in
einem Restaurant eine Portion mish me-tarnäs, Nadr einer kurzen, verlegenen
Pause von seiten des I7irtes, der sidr ärgerlidr fragen wird, wie weit denn die
Launen der Touristen nodr gehen werden, wird er mit sehr viel \(ürde ant-
worten: ,,Verehrter Herr, wir sind diese Speise nidrt gewohnt, dodr kann idr
Ihnen einen Teller mish und einen anderen mit turnb bringen und Sie
können nadr Gesdrmad< misdren, vrenn Sie es wünsdren." Das madrt nidrts!
Vom streng etruskologisdren Standpunkt aus gesehen wäre diese Anrwort hödrst
zufriedenstellend.
'!üüas
aber hat die von links kommende, etwas weniger hübsdre Kellnerin
verlangt, die ihrer Rivalin einen etwas unfreundlidren Blidr zuwirft?
(P.221, CIE 5079) @rama mli@uns (B)
Zunädrst dadrte idr, diese Kellnerin hielte in der linken Hand ein Körbdren,
das sie mit Obst und Kudren zu füllen beabsidrdgt. Dieses Behältnis sdreint
jedodr zu klein zu sein, um audr nur die besd'reidenste der auf den Tisdren
aufgelegten Trauben zu fassen; die Früdrte würden darin zerquetsdrt wer-
den. Außerdem bringt sie einen kleinen Bedrer. Handelt es sich um ein Ge-
tränk? In diesem Falle würde idt in Ora das \(ort für Mildr erkennen,
das in den AMB in der Form trau (mit dem bestimmten Artikel z am
Ende) aufsdreint:
PevaT oinum trau Pruyi (IV,22)
ainwm trau prttcund' (IX g I)
In diesen Fragmenten bedeutet peadx wahrsdreinlidr ,,Bier", praT und
prucand bezeid'rnen ein Gefäß (dem Griedrisdren entnommen). Die drei erwähn-
ten Getränke sind somit Bier, \fein und Mildr. Die Bedeutung des Vortes
@ra (A) wird übrigens später durdr eine mythologische Szene besritigt-wer-
den, in'der Herkules seine Vorliebe für Mildr zeigt. In rnli odet mli@un
wird man das \(ort für Honig wiedererkennen, das griedrisdr meli, hettitisd1
melit lrnd albanisdr mjalt heißt. md ist das albanisdre ,,mehr, nodr mehr, nodr"'
So ist, obwohl nodr einige Einzelheiten strittig sind, der allgemeine Sinn unseres
Küche u.nd Mahlzeiten 105

Satzes ziemlidr klar: ,,Nodr Honigmildr!" Das ist das griedriscle Melihraton,
im Alsertum ein wohlbekanntes Getränk.
Das Detail, das nacl, wie vor anfedrtbar ist, ist die Unteilbarkeit des Elemen-
tes mli@uns. Dieser Ausdrud< für ,,Ffonig" ist freilidr nur eine Arbeitshypo-
these. Möglidrerweise war im Etruskisdren das rWort für ,,Honig" mli wd
nidtt mli@uns, Daher kann man die Deurung vor' rnct als me,,,mit" ebenso-
wenig aussdrließen wie die Trennung von mli@uns in mli-@uns, wobei @uns
das sdron bekannte @anz, ,,zwei Mal" sein könnte. So würde denn unser
Text folgendermaßen aussehen:
,,Mildr ( @ra) mit (ma) Honig (mli), zwei Mal ( @uns)!
Man könnte diesen Ausruf mit der Art vergleidren, in der unsere heutr-
gen Kellner ihre Bestellungen weitergeben.
\üas mt denn unser armer Kodr im Kreuzfeuer der Zurufel Er kann es
nidrt wagen, diesen beiden Gnzien die Stirn zu bieten, denn ihre Hals-
bänder und ihre gesdd<ten, rasdrelnden Kleider zeugen von den sdrmeid,el-
haften Aufmerksamkeiten, die ihnen in diesem Flause zuteil werden. Über-
bürdet und ersdröpft, tut er alles, was er kann, um seine Männerwürde zu
wahren. Er kann nur entrüstet sdrelten:
(P.222, CIE 5080) @resu f . si@rak (.t)

@resu ist das alhan'isdre Verburn thrres, vorladen, auffsrderra' (M. 536).
"ntfen,
Ein widrdges !üort für 'das Verstän'dnis der Agrarner Mumienbinden.
f, ist audr in d,iesem Fall ein ä unrd man hann, hier das albanisdre Yenbum bä
(bäj), das wir bereits gesehen haben, erraten.
"ma&en",
si@rals ist das albanisdr,e sedör, Ansehen" (M. 447). Ein Wort von größter
"\fürde,
Bedeutung, denn ,rnan wird es in einer sehr drarakteristisdren Insdrrift wiederfnden,
in der es s'idr um einen Tempel handelt. Das,selbe Vort klärt uns ü'ber den Sinn des
etruskisdren Eigennamens se@re, se@ra, ,,würdig", auf.

Seine Antwort bedeutet also: ,,(Madrt) Bestellungen mit Würde!", oder:


,,Idr verlange '$üürde!", denn z kann ,,idr" bezeidrnen; oder: ,,Benehmt eudr
würdig beim Bestellen!"
Könnte nidrt diese Szene von Courteline sein? Die Gastwirte der ganzen
'\7elt
sollten damit ihre Speisekarten sdrmüd<en. Wenn man soldre Perlen sdron
in den Grabinsdrriften findeg wie mußten da erst die Theatersrüdre der etrus-
kisdren Künstler gewesen sein, die leider versdrollen sind? \(eldre Schätze
mensdrlidren Geistes, die den Stempel von soviel Versdrmistheit, Flumor und
psydrologisüem Einfühlungsvermögen tragen, sind dodr für immer unter der
römisdren caliga zermalmt worden! Es sd-reint mir audr gar nidrt ausgesdrlos-
sen, daß diese sdrlagfertigen \Worte irgendeinem Lustspiel der damaligen Zeit
entnommen sind.
Noch haben wir diese'ltTundergrotte nidrt verlassen. Das Fresko auf !üüand 4
ist jedodr sehr sark besdr?idigt. Abgesehen von den Insdrriften sind nur die
mitdere Gestalt und zwei Köpfe, einer redrts und einer links, erhalten (Abb. 25).
In der Mitte steht ein halbnad<ter Mann, der in der linken Hand ein Ge-
fäß hält; er könnte also ein Mundsdrenk sein. Mit der Redrten madrt er eine
Bewegung, die bedeuten könnte: ,,Das srimmr ja nidrt!" oder ,,Das madrt
nidrts!"
Vielleidrt wendet er sidr an eine Person auf der linken Seite, die aber ver-
sdrwunden ist. Beginnen wir mir der Insdrrift links:
106 Die etrusbis&en Texte

(P.228, CIE 5086) ahlpis m*ifa


akl könnte vielleidr,t acil sein, ein häufges Vort in d,en AMB, das aus
gebranntem Ton,' (nadl Corssen),,Llrne' rbedeutet. "Gefäß
1is könnte entweder eine verkürzte Form des al'banisdren bitishem, bitas, ,sidt be-
eileni" (M. 16O) seino cf. qitas, omit hoher Gesdrrwindigkeit" (M. 419), oder das
Verbum qis, qes, (ib.),
"l,iefern"
mai sdteint ganz das albanisdre maj, .können, i,rnstanr'de sein" (M, 297) zu sein,
von d'ern sowoürl G, Meyer als audr Jokl (Studien z*r alb. Etym., S. 5,8) sagen, es
sei sehr alt.
fukann vielleicl.rt durdr das albanisdre Verbum buj, dLie Nadrt verbringen" (M. 41)
erklärt wetden.

Entspredrend dem vorherigen Fresko könnte diese Insdrrift in großen Zü-


gen eine Aufforderung beinhalten, etwa: \(ein bringen, damit sie (die Gäste)
den Abend zubringen können. Untersudren wir die neben der Mittelfigur ste-
hende Entgegnung: (P. 229,CIE 5Q87) runylois papnas.

/>_
_7

Abb. 25. Ein Aafseher hommt in d.ie Küche (nach Conestabile)

runxlvis läßt an das albanisdre nungallis, hin'unterrollen" (M. 443) denken,


"rdllen,
wenn es nidrt eine Entlehnung aus dem Germanisöen (ringeln) ist. Ansonsten könnte
man audr, das albanisdr,e rreng, .Betrigerei" (M. 434) anführen.
papnas kommt mir kl'arer vor. Es, könnte aus drei kleinen \förtern estehen:
pa ist eine alban'isd-re Negationspartikel .nidrt, un-' usw. (wie pa-bes, .untreu");
pn, lies ben, ist das Präsens des alrbanisdren Verbu'rns böj, Hier die voll-
"madten".
ständige Konjugation i'm Präsens:
böi bön
bön rböjmö (nadr dem albanisdr-russisdren
beni böjnö Vörterbudr, 5.530)
as ist ebenfalls eine Negationspartikel! oweder, nidrt einmal" usw.
Man, könnte dieses Wort audr so teilenz pa-p-nas; pa wäre .nidrt", p stiin'de an
Stelle von bö b|i, ,,rnadre", nas wäre eine Arbkürzung des Ver u'ms zgas, oeilen,
drängen" (M.31S) (so wie ngd,,a:usn, das dem lateinisc]ren ex entspridrt, M.316,
mit za abgeikärzt wird, M 303). Also,hieße papnas (wörtlidr): madre Eile",
"nidrt
"beeile
didr nidrt so."
Kädte und Mahlzeiten 107

papnds könnte audr eine Redewendung in- der Art unseres ,,Das madrt
,ridrt .. sein. Es sdreint mir, als wolle der Mundsdrenk sagen, diese \Teinbestel-
lungen seien nidrt besonders dringend: ,,Sie (die Gäste)_ ,,folle1", .wälzen sidr
auf ihren Lagern; sie run nidrts." Oder: ,,Es lohnt sidr nidrt, sidr so
"beäbeeilen."
zu
Meine Deutung wird, zumindest in großen Zigen, durdr die. Insdrrift
neben der Person" redtts bestätigt, von d". nut mehr ein energisdres Profil
erhalten ist. Dennoch spielt dieser Mann die Hauptrolle in der kleinen Szene,
die, obwohl sie nicht so lebetttnah wie die auf dem vorhin besprodrenen Fresko
ist, in ihrer Art Beadrtung verdient. Es ist ein ,,Inrendant", ein Aufseher, der
unrrorhergesehen daherkoÄmt, um den Mundsdrenk bloßzustellen und dessen
unvorsidltigen Späßen Einhalt zu gebieten:
(P.230, CIE 5088) @resu Penznas (B)

@resu 'rst das gleidre @resu, das wir aus dem Munde des Kodres gehört haben,
jedo& wind es hiJr kalt und befehlend gesagt: fordere!" oder es heißt vielleidrt:
"idr
Bestellungen."
"Die
penz ist dei Konjunktiv des Verburns bäi, bön, das wir soeben, kennengelernt
haben,: ,,daß du machest' (,,Du sol'lst madren") (bensh)'
zas ist das alb,anisdte ngas, d'as wir oben gesehen haben.

,,Idr verlange, daß du es rasdr tust!"


Oder viehähr: ,,Die Bestellungen, daß du sie rasdr ausführst!"
Nun kann man sidr die szene vorstellen. Nidrt einmal in einer ver-
qualmten Küd-re kann man sagen, was man denkt. ,,Das Auge des Flerrn"
iibe.*"drt alles. Unerwarrer k;mr er und rufs zur Ordnung zurüd<. Da be-
ginnt die Sklaverei.
So endet unser Stegreifstü&. in zwei Bildern mit einer tragikomisdren Note.
Man bedenke, daß diese ganze skala von Gefühlen, wie ungeduld, Enriusdrung,
Resignarion, unrerdrü&te Gereiztheiq Gleidrgüldgkeiq Zurückhaltung, in
eittÄ halben Dutzend lapidarer Repliken zusammengedrängt ist. All das ist
sehr verständlidr und mensdrlidr.
An den lüänden 6 und 7 sehen wir Szenen vom Leidrenmahl. Die Tisdr-
genossen, Männer und Frauen, sitzen oder liegen- lässig. rings _um die Tisdre,
äi" mit-Sdrüss"ltt und Früdrten beladen sind. Dabei führen Hades und seine
Gemahlin (eine drarmanre Dame) den vorsitz. Aus der Fleisdrerei, der Küdre
und allen möglidren anderen Rid-rtungen kommt Getöse, mit dem sidr der
Klang der Fldten und Zithern vermisdrt. Der Herr der Unterwelt sdreint
mir Aehagen den Brarenduft einzuatmen und streidrelt Proserpina mit der
Zärtlidrkeit eines guten etruskisdren Ehemannes.
Man siehr Porträts der Hausherren, der beiden Brüder Vel Leinie
"udidi.sowie das eines siebenjährigen Knaben, des sohnes eines
und Arnth Leinie,
der Brüder. Dodr bei weitem mehr fesselt uns ein Vierfüßler, denn trotz
seiner besdreidenen Stellung verweist eine interessanrc Insdrrift auf ihn.
Es ist ein zahmer Leopard der, seine gesdrmeidige tüTirbelsäule krümmend,
e[was verzehrt. Ihm gegenüber sehen wir einen Zwerg. Beide haben sidr unter
dem Tisdr niedergelaise.t. Oberhalb der Raubtierdarstellung kann man lesen
(Abb. 26);
(P.235, CIE 5095) hranhra ('t')
108 Die etrashisdten Texte

anmurige Katze hat zu vielen Kommenraren Anlaß gegeben. Gerhard


.Diese.
sah darin einen Panther und damit eine Anspielung auf a*"nä.arrr.ult.
Ein
anderer Autor erinnerte daran, daß cra der Laur iit, den Raben von sidr ge-
ben. Bugge fand zu hrankra ein armenisdres Gegenstfrd<, Ieerabur,,,N"t
rurrir_

V4x uQ{+

Abb.26. krankru: ,,beendet das Essen,

mittel" und erklärte die neben dem zwerg stehende Insdrrift hurpu mit d".n
ebenfalls armenisdren hyup,.,,ein Faustsdrla'g", also:
,,der, der Faustsdrläge be-
kommt". Poulsen endlidr sah darin den Eig"ennamet-doi"op"ra"f Ä^'1^ rof
den ägyptisdren Fresken.mand'rmal die Eigennamen von Lieblingstieren der
Verstorbenen angegeben sind.
Tatsädrlidr ist kranhru eine der lehrreidrsren etruskisdren Insdrriften. Mit aller
wünsdrenswerten Deutlidrkeir erklärt sie uns nidrt nur den Medranismus der
Epigraphik der Etrusker, sondern auch die Regeln ihrer orthographie. \üir
können daran beobadrren, wie diese angeblichen"s?'örcer aus ihreri oiganisdren
Elementen zusammengesetzt wurden und wi" diese einzeln"r, El.-Jrrte .,r"r-
kürzt, geläutert und auf das rt7esentlidre reduziert zum Ausdrudr gebradrt
wurden.
kran ist das albanisdre ngränö,,,essen", ein unregelmäßiges verbum; es
bezeidrnet audr ,,das Essen,- die Nahrung" (M. 320). b"r , ä Anfang ver-
sdrwindet in diesern albanisdren rtrort nidit (im'Gegensar. ru iiagloi
4ösio!,.,,hören"; ndaj und, daj, ,,teilen,; nri und äp, ,,geben,);
-
i-
Etruskisdren ging es ganz ofiensidrtlidr verloien, di" T"rLL h"b.n"b"i., .r"r-
:*ll*r ubrigens habe idr im letzten Augenblidr erfahren, d,aß grane in einem
lokalen albanisdren Dialekt tatsädrlidr exiitiert.
hru ist, das albanisdre Verbum kryej, ,,absdtließen, beenden.. (M. 217). In
.finden wir es bei Lambertz, I, S. Z79z me' e kryi köt
dieser. Bedeurung
sbörbim, ,,am Ende dieses Dienstes". rn dem Budr Lingua Albanese von F,
cordignano (Mailand 1931), s. 138, ist von einer albäisdren penelope die
Rede, die ein stüd< Leinwand webt und von ihren Freiern verlangt, sie-sollen
v/arten ,,reAnn sie es beende.,: kuer t'a hryej.
so heißt also hran kru: ,das Essen, (er) beender", ,,beeader das Essen...
Das paßt dem Leoparden und audr uns. wirwollen rutr die Insdrrift neben dem
Küche und Mablzeiten 109

Zwerg untersudren: (P. 236, CIE 5096) harpu (It). Dieses \üort ist ganz
deutlidr das albanisdre korbö, ,,wretdr", ,,Häuflein Elend, armer Teufel"
(M. 209). Seine Aufgabe war es, die Herrsdraften zu unterhalten. So wie die
Personen auf den Bildern von Velazquez und andere Fürsten liebten es die
Etrusker, einen Zwerg zu besitzen.
Nun bleibt uns nodr die Insdrrift neben einem Flötisten, iwplu, zu
übrig (cf. mazedonisdr-rumänisdr supeala und slawisdr sopöl),
bespredren
Man liest: (P. 224, CIE 5082) tr @un iuna (B). Das ist zwar nidrt voll-
kommen klar, jedodr besteht über die allgemeine Bedeutung kein Zweifel.

ter ist das albanisdre törä, ,alles, ganz'.


@un ist mit großer \(ahrsdreinli&keit Flauso, wie wir später sehen werden;
"das
cf. albanisdr dbornö, ,Zimmer".
sunu entspridtt dem albanisdren s3r, ,Auge", syni, ,,das Auge", Plural syna. Yt
werden dieses \(ort im Kapitel über die Medizin wiederfinden, denn dort ist von
,der etruskisdren Augenheilkunde die Rede. Eine andere Erklärungsmöglidrkeit: zz
bedeutet ,kennt", entspreclen'd dem albanisdren njo, einem Ausdrudr, der mit dem
Stammwort njoh (M. 332) in Zusammenhang steht.

In Frage steht nur, ob man sanu mit ,,(in) den Augen" oder mit ,,(diese)
Augen kennen" zu übersetzen hat. Im ersten Fall bedeutet die Insdrrift: ,,Das
ganze Haus ist in seinen Augen", im zweiten: ,,Seine Augen kennen das ganze
Haus." Auf jeden Fall aber kommt es auf folgendes heraus: ,,Er sieht alles,
was im Hause vorgeht." !üü'ir wissen ja bereits, daß der Flödst allen Zere-
monien beiwohnte und sogar bei den Tätigkeiten des Alltagslebens zugegen
'war.
Bevor wir diese unerwartete Velt der Tomba Golini (I) verlassen, verwei-
len wir nodr etwas auf der Sdrwelle, um einen letzren Blidr hineinzuwerfen.
Beim Anblid< all dieser Sklaven, die sidr um ihre sdrmausenden Herren herum
zu sdraffen madren, ist man überrasdrt, eine Atmosphäre zu finden, die im
Grunde von Verständnis, Humor und Vertrauen zeugt. Man versteht, daß
diese kurzen Insdrriften größtenteils weder Eigennamen nodr andere Bezeidr-
nungen für die dargestellten Personen enthalten, sondern aus dem Leben ge-
griffene, mensdrlidr verständlidre 'Worte sind, die sowohl die Zufriedenheit
des Fleisdrers (,,weldre Auswahl!"), als audr das Geplänkel zwisdren den Dienst-
boten, in dem sie die würdige und gemessene Sprache ihrer Flerren nadrahmen,
treffend ausdrüdren.
Diese Atmosphäre ist nodr erstaunlic.her, dieses Ze'tgnis des Verhältnisses
zwisdren den Gesellschaftsklassen nodr überrasdrender, wenn wir sie in ihrem
historisdren und literarisdren Rahmen betrachten.
Pallottino datiert die Tomba Golini mit dem IV. bis II. Jh, Plautus,
von dem sicl Moliöre und andere Große der Neuzeit inspirieren ließen, und
der besser als jeder andere Sd-rriftsteller die Lage der Sklaven bei den Römern
besdrrieben hat, wurde gegen 250 v. Chr. geboren; er hat also seine Stüdce
gegen Ende des III. Jh. gesdrafien. Die von ihm besdrriebene Gesellsdraft
steht uns zeidicl um rund 80 Jahre näher als die der Tomba Golini. Dodr
welch eine Kluft zwisdren diesen beiden Darstellungen, selbst wenn man be-
denkt, daß die Tomba Golini eine verhältnismäßig abgesclieden lebende und
auf ihre alten Traditionen versessene Gesellsclaft zeigt, während im Rom des
Plautus sidr Elemente aus allen alten Völkern der Halbinsel vermisdrt hatten
und in der Großstadt durdr die lod<eren Sitten nivelliert wurden.
110 Die enuskischen Tezcre

Plautus enthüllt uns eine l(elt, in der der Sklave, entwürdigr und herab-
gesetzg nur nodr ein Möbelstüd< isr; aus dieser Stellung befreit er sidr nur
dadurdr, daß er ein nodr ärgerer Lump wird als sein Herr. Dieser \ilembewerb
hat nidrts mehr mit mensdrlidrer'Würde zu flrn-
Man wird hier einwenden, daß man audr bei Plautus zuweilen edle Herzen
findet, sowohl unter den F{erren als audr unter den Sklaven. Aber der Didrter
stellt hauptsädrli& rypisdre Fälle dar und nidrt Ausnahmen. In der Komödie
Der Betrüger sieht man einen Sklavenhändler, Ballion, der die Ärmsren sdrlägt,
wobei er ausruft:
,,Kommt, vorwärts, gehr dodr, ihr Nidrtstuer, ihr Elenden, die ihr für
nidrts und wieder nidrts gefüttert werdet! . .. Ihre Rippen sind gegen Sdrläge
unempfindlidr geworden . . . Sie haben nur einen Gedanken: plündern, enrwen-
den, stehlen, grapsen, saufen, fressen, davonrennen . , . Taugenidr-tse . , . Nidrts-
tuer, ihr kisartiges Gesindel, die ihr midr zwingt, eudr mit der peitsdre
an eure Pflidrt zu erinnern!" (Akr I, Szene 2.)
Dieser Ballion ist auf der Sudre nadr einem Kodr. Das gesrarrer uns den
Zutritt zu einer Küdlg diesmal ist es eine römisdre.
BALLION (klagt):... hier 6ndet man nidrt Ködre, sondern Diebe. . . Der
Kerl, den iö da mitnehmg ges&wätzig, prahlerisdr, fredr . . .
DER KOCH:... srarum habt ihr midr genommen?
BALLION: Es waren keine anderen da. Dodr, warum bist du übrig geblie-
ben?
DER KOCH: Man nimmt den am liebsten, der am wenigstenverlangt. . . Idr
kodre nicht wie die anderen . . . die Eudr eine gewürzte \fliese vorsetzän. . . als
ob die Gäste Ochsen wären. Nidrts als Flaufen von Grünfutter. . . eine
Mischung von gestoßenem Senf, ein abscheulidres Gifr. . .
Die Tiere bereite icl mit Zizimander... 'Wenn es in meinen Töpfen kodrt"
hebe idr den Dedrel ab; der Duft steigt zum Flimmel . . . und Jupiter speist
immer von diesem Gerudr. . .
BALLION: Und wenn du nidrt kodrst, was speist Jupircr dann?
DER KOCH: Dann geht er eben ungegessen zu Bett.
(Akr III, Szene 2.)
Kurz, Ballion hält diesen Meister der Kodrkunst für einen ausgemadrten
Dieb; er läßt daher jede seiner Handlungen von seinen Sklaven über-
wacihen, von denselben, die er stets ,,Diebe und Plünderer" nennr.
Diese Atmosphäre sticht srark von der ab, die wir in der etruskisdren !7elt
vorgefunden haben.
Mommsen schreibt, die so lebensnahe Darstellung des Kodres und des Para-
siten in der Komödie des Plautus könne man sidr leidrt erklären, wenn
man weiß, daß die damaligen griedrisdren Ködre täglidr auf dem Forum ihre
Dienste anboten.
Man weiß aber aucl, daß diese Griedren des Plaurus größtenteils nur Römer
mit zugelegten griedrisdren Namen waren. Plaurus wußtg daß das römisdre
Publikum lieber als auf seine eigenen auf Kosten anderer ladrte. Die zwei
Reihen von ,,Dokumenten", die hier angeführt wurden, eröffnen uns also das
Verständnis dafür, daß die Römer den Etruskern ,,Verweiölidrung" und
,,lodrere Sitten" vorwarfen, wenn sie sahen, daß die Sklaven dort besser be-
handelt und gekleidet wurden: die relativ humane Art ihrer Nadrbarn sdrien
ihnen die Grundlagen ihrer ,,bestehenden Ordnung" zu untergraben.
Nadrdem wir nun in den Fresken der Tomba Golini den etruskisdren
Küche und. Mahlzeiten 111

Humor kenaengelernt haben, begiruren wir langsam, den Sinn eines widr-
dgen Ereignisses in der Gesdridrte Etruriens zu verstehen, nämlidr den ,,Skla-
venaufstand", der in Volsinia im Jahre 265 stattf.and, also in einem Zeitabsdrnitt
zwisdren der Tomba Golini und den Komödien des Plautus. Dieser Aufstand
wurde von den Römern niedergesdrlagen.
Nidrts könnte diesbezüglidr aufsdrlußreidrer sein als die Aneinanderreihung
dreier voneinander abweidrender Darstellungen dieses Ereignisses, die einander
widerspredren und uns so die Voreingenommenheit gewisser Sdrriftsteller ver-
raten.
Nadr Valerus Maximus (gegen Beginn unserer Zeitredrnung):
,,Volsinia vrar reidl und wurde als eine Hauptstadt Etruriens beladttet;
wegen seiner Aussdrweifungen unci seiner Sdrandtaten mußte es sidr jedodr der
Madrt der Sklaven unterwerfen, die in die Reihen der Senatoren vorzudrin-
gen wagten; sie haten alle Madrt an sidr gerissen; sie diktierten die Testamente,
heirateten die Tödrter ihrer Herren", usw.
Nadr Orosius (IV. Jh. n. Chr.)
,,Die Volsinier hielten kein Maß, was die Freilassung ihrer Sklaven betraf.
Sie ließen sie an ihren Gelagen teilnehmen und ehrten sie durdr Heiraten.
Diese ehemaligen Sklaven bemäcltigten sidr des Erbes ihrer Flerren, indem sie
diese vertrieben, verbannten und ihrer Habe beraubten. Jene flohen nadr Rom,
klagten dort ihr Leid und wurden gerädrt und wieder in ihre Stellungen ein-
gesetzt."
Sdrließlidr nadr Zonaras (byzantinisdrer Sdrriftsteller, XII. Jh.):
,,Die Römer mußten eine Strafexpedition gegen Volsinia unternehmen,
nadrdem die verweidrlidrten Bewohner dieser Stadt die Regierung den Skla-
ven anvertraut hatten. (Buonamici, Fonti di Storia Etrusca' S. 275-277.)
Von einer Auffassung zur anderen merkt man ein crescendo in der Dosis
an gutem \(illen, den die Volsinier ihren Sklaven gegenüber an den Tag gelegt
haben sollen. Beinahe wäre man versudrt, nadr einem vierten Text zu sudten,
demzufolge die Etrusker ihre Sklaven gezwungen hätten, die Beamtenstellen
zu übernehmen; die Römer hätten das als ungeredrt emPfunden' wären gegen
die Stadt gezogen, hätten aus Mitleid die Stadtmauern gesdrleift und alle, die
ihnen in die Hände fielen, entweder mit Ruten gesdrlagen, enthauPtet oder als
Sklaven versteigert.
Inzwisdren rÄi ,ttrr jedodr gesatrct, anzunehmen, daß gar kein eigentlicher
Staatsstreidr in Volsinia stattgefunden hat, sondern daß im Verlaufe des Madrt-
kampfes dieser Stadt eine Clique sicl zusammenfand, die die Römer bat
in
einzugreifen. Um diese aufzustadreln, lenkte man ihre Aufmerksamkeit eben auf
jene fatsadren, an denen sie Anstoß nehmen mußten: auf die mensdrliche Be-
handlung und die häufigen Freilassungen von Sklaven, die man dann als Freie
betradrtete.
Sdrwerlidr wird man in sold'ren Ersdreinungen etwas anderes sehen als ein
mit dem demographisdren Problem zusammenhängendes Ereignis. Da die Etrus-
ker ja nicht autocihthon waren und in vielen Fällen die ehemalige-Bevölkerung
aus dem von ihnen besetzten Lande nidrt verdrängt hatten, mußten sie mehr
als andere Völker das Bedürfnis fühlen, ihre Reihen aufzufüllen und die
zahl threr freien Bürger zu erhöhen, die ja nt dieser zeir die einzigen ver-
teidiger der Stadr *"rio. Großzügig und von denGriedren beeinflußq bei denen
ein Sklave nidrt einfadr ein ,,Möbel" war, sondern ein Diener, madrten die
aufgeklärten Kreise Etruriens sdrließlidr aus ihren Sklaven Freigelassene, lautni..
112 Die etruskiscben Texte

Vie wir sdron erfahren haben, wird dieses \7ort als ,,der aus der Familie"
gedeutet; den etruskisdren Klienten waren also alle rü7ege geöfinet. Darin
nähern sidr die Etrusker dem Geist des Alten Tesramenres, das geboq
die Sklaven nadr sieben Jahren der Hörigkeit freizulassen und das Ohr dissen,
der sidr weigerte, seine Freiheit anzunehmen, mit einem Sdrandfledr zu kenn-
zeidrnen.
rü7as ist denn daran so erstaunlich, da ja audr
die Anfänge der römisdren
Demokratie der Initiative der Etrusker zu danken sind und den Römern
nur mit Gewalt aufgedrängt wurden? Hören wir, was der wenig zu über-
treibungen neigende Fusrel de Coulanges ,über den etruskisdren König Ser-
vius (Mastarna) sagt:
,,Die überlieferungen und Zeugnisse aus dem Altertum verlegen die ersten
Fortsdrritte der Plebejer in die Zeit der Flerrsdnfr des Servius. Der FIaß, den
die Patrizier gegen diesen König hegten, zeigt zur Genüge, weldrer Arr seine
Politik war. Seine erste Reform bestand darin, daß er der Plebs Land gab."
(1. c., S. 338.)
,,Zum ersten Mal wurden alle Männer ohne Untersdried,
ten, Plebejer - Patrizier,
versammelt. Der König sd-rritt diese gemisdrte
Klien-
Versammlung
ab, wobei er -die Opfer vor sich hertrieb und den feierlidren Hymnus sang.
Nadr Beendigung der Zeremonie fanden sidr alle gleidrerweise als Bürger.i'
(ib., s. 340.)
,,Freilidr nahm das Patriziertum Radre. Zuerst wurde Servius ermorder;
später wurde Tarquinius vertrieben. Mit den Königen wurde audr die Plebs
besiegt.
Die Parrizier bemühten sidr, ihr alle unter den Königen gewonnenen Er-
rungensdraften wieder zu nehmen."
(ib., s. 342.)

Es liegt auf der Hand, daß die etruskischen Könige aus Rom nidrr verrrieben
wurden, weil sie Könige waren, sondern in ihrer Eigensdraft als Etrusker.
Ebenso klar ist es, daß sie einen besonderen Geist nac.h Rom bradrten, der der
etruskisdren Kultur, deren Vertreter sie waren, innewohnte, Diese Kulrur, die
in mandrer Hinsidrt nodr alles andere denn vollkommen war, rug die Ten-
denz ztm Humanitären und Demokratischen in sich. So erklären sidr audr
der ,,Aufstand" in Volsinia und viele andere Ereignisse.
Um diese humanitären Ideen wieder zu erwed<en, mußte man jahrhunderte-
lang auf das Auftreten der Brüder Gracdrus warren, die übrigens ihren Edel-
mut auf die gleidre Sfeise bezahlen mußten wie der reformfreudige Etrusker.
Der unsclätzbare Dienst, den das Italien des XV. Jh. der Mensdrleit erwie-
sen hat, besteht ja gende darin, daß es zugleidr mit dem Erbe der gried-risdren
'!üTissensdraft
und der griedrisdr-etruskisdren Kunst audr den Samen des etrus-
kisclen Flumanismus wiederentdeckt und in seinen frudrrbaren Boden von
neuem ein gep flanzt hat.
VI
IN DER SCHENKE
'sflenden uns nun von den Gelagen der Adeligen ab und den Tafel-
wir
genüssen des geringen volkes zu. 'wenn man Hunger od-er Durst hatte, ging
äatr in eine Särenke. Das'$7ort ,,gierig" oder ,,hungrig" finden wir auf einem
Spiegel neben einer eingravierten Szene, die von Gerhard (Tafel cccLIV)
veröhentlidrt wurde: ein nad<rer Mann häft eine große Amphora und ein
anderer, vor ihm stehender Mann trinkt gierig (Abb. 27). Die Insdrrift auf
der linken Seite ist sdrledrt erhalten. Sie lautet ulanc oder so ähnlidr. Dies
könnte mit dem albanisdren Stammwort lang (mit dem anlautenden z des
Perfekts) zusammenhängen, von dem im Albanisdren das Substantivr,tm läng,
,,Flüssigteit" und das Virbum langaros,,,besprengen' bespritzen" (M. 236) ab-
geleitei sind. Diese untersdreiden sidr durdr das nasale z von dem Verbum
iag, ,,begießen.., das im Kapitel über die Zahlen vorgekommen ist. Die reclts
,rJh"nd" Insdrrift dagegen ist hlar: ur@e (A), das aus dem albanisdren artoi,
,,Flunger
-- haben", urt(i), ,,Hunger", urtuar,,,hungrig, gie-rig'! zu. erklären ist'
GeÄard hielt ar@e für Orpheus, zeigte sich überrascht darüber und ver-
langte eine zusätzlidre Untersudrung der Insdrrift, ob sie denn audr edrt sei.
Lasien wir dodr orpheus bei seinen Melodien und begnügen wir uns mit den
untersdriedliöen Stimmen der \Tirklidrkeit.
In den Kneipen waren diese Srimmen gewiß lärmender und heiserer als
anderswo. Dori konnte man trinken, sein Leid klagen und in einem Bedrer
c>ut(t u

Abb.27. ,,Gierig"
8 Etn$k$
ll4 Die etruskischen Texte
'wein Trost sudren. Dort
war audr der ort für Lieder, Späße und Sdrimpf-
worte. Man schrie sidr gegenseitig zu: bellao, bargena, dalius .. . und nodr viele
andere Höflidrkeiren, die unsere unkenntnis dÄ Etruskischen schamhaft mit
einem Sdrleier bedeckt.
helluo, aus dem schon erwähnten vörterverzeidrnis von Ernout. bedzutet
,,Vielfraß". \Tahrscheinlidr hängr s7ort mir dem albanisdren heII, bej,
dieses
,,Spieß"; hell-rnishi, ,,Brarspieß.. (M. lS7) zusammen, einem von C. fvfey"i
überprüften \7orr, von_ dem abgeleitet belluo,,Liebhaber von auf dem spieß
gebratenem Fleisdr" bedeuten könnte.
. barge_na, -bargry, aus demselben Verzeidrnis, bedeutet ,,Tölpel.., ein geist-
loser Mensdr. vielleidrr isr es ein Gegenstüd< zum albanisÄ"n'parirgjun,-,,un-
(pa Negationspartikel, regi,,,gerben',M.424) im Sinne rräo,,u'g.-
.c:F."t!l"
bildet".
_.dalius (A), das icll nadr von Hahn zitiere (S. 276, Anm.2gg), ist eine
Glosse, die durdr Festus auf uns gekommen iri. Dieses !7ort b"j..rterc i-
oskisdren ,,ver,rückt"; das läßt sidr aus dem albanischen stammwort dal,
,,hin-
ausgehen" erklären: einer, der ,,aus der vernunft hinausgegangen ist", ganz
so wie man es im Albanisdten, dal rneng, und beispielsweise""'ua";- Russisdren
sagt. Dieses illyrische Shmmwort im oskisdren isi bemerkenswert; gegen Ende
unserer Untersudrung werden wir darauf zurückkommen.
v91 wenig \(ein ließ man sicl' übrigens nidrt gleidr zu Beschimpfun-
ei.n^
gen hinreißen. Die Insdrrift auf einer TrinksÄale ist einJ Besrätigung dafrii.
Ich
kann nidrt beweisen, daß Gefäße dieser Art, wie wir sie hier rt,r-di.i.r, werden,
zum zerbreclliclen und oft sdrledrt behandelten Inventar der etruskisdren
.gehörten^; lgdodr. . . der Geist dieser Inschriften häme gut in ein
Sd-renken
soldres Lokal gepaßt. Hier führe idr eine an, die gute Laune .,r.rrpr"di,

(CIE 3627) tisein naime (B)

__tise: albanis$ disa, "ein wenig". Vir werden dieses Vort im Kapitel über den
Markt wiederfrnden: mantis a,
--in: "vein" (wie en wd oinun), ägäisd.ren und orientalisdren (phönikisdr jair)
Ursprungs.
nai entspridtt dem albanisöen ndaj, (M. 305) (das, albanisdre / kann
"gewähren"
versdrwinden wie in nd|n = nän, ,o^t.ihrlb" M. 306, zum lieispiel).
rze enrspridrt albanisdren mej, befrilden" (tvt,izs,).
'dern "beruhigen,
Zusammenfassend: ,,Ein wenig Vein gibt Ruhe...
Diese Insdrrift paßt zur folgenden, gleidrartigen, die ebenfalls auf einer schale
gefunden wurde:
(CIE 3266) Iarioia tesin
lari igt 'd,as alibanisdrey..So. laroj, ,ebnen, glätten, absdrleifen" (M.237).
via bedettet im Albanisdren
tesin ist. dassel'be "Kanal, furdre;llt. ssz;. ,haben.
wie tisein, das wir soeben besprodren
Anstatt tisd frnden wir hier res. Das beweist, ,dah die Etrusker auf dem Gebiet der
orthographie eingefleisdrte Individualisten vaien und sie nach Belieben ,rrr.d1"bog"rr.

vörtlidr heißr dies: ,,Gläret die Rinne ein wenig's7ein." In der uns ver-
trauten_\flortfolge: ,,Ein wenig lüein glättet die RinnÄ.. (Kehle).
!a1 \7or_g via uerlangt allerdings eine zusätzlicl-re Erklärung, denn, wenn es
audr im Albanisdren nur ,,Kanal" bedeuteq so hat es doch-im Lateinischen
In der Sdtenhe 115

zwei Bedzurungen: Kanal." sollte das etruskisdre via daher stammen?


"\reg,
Ist es eine späte Entlehnung aus dem Lateinisdren oder vielmehr ein altes
illyrisd-res und eruskisdres Stammwort? Man denke daran, daß in Italien die
straßen und Kanäle vor allem das rferk der Erusker waren. Idr will natür.
li& nidrt über die Herkunft dieser'!üörter diskutieren.
Auf einer opfersdrale steht ebenfalls ein spriclworr, das eine unwider-
legbare \Tahrheit enthält:
(CIE 3268) ainimia leniace
Es wird insrändig gebeten, es nidrt folgendermaßen zu interprerieren: ,,Der
\7ein.ist ein Linderungsmittel." Das hieße den etruskisd-ren Indogermanismus
auf die spitze treiben. Es handelt sidr hier um ein Spridrwort] das so alt
ist wie die \(elt und das für uns der Inbegrifi der Banalität ist; jedoch ver-
dient es von neuem Beadrtung, wenn wir feststellen, daß wir es von'den Etrus-
kern geerbt haben:

ztinimia: dieses \7ort enthält eine kleine Sdrwierigkeit. Darüber, daß es sidr um
vein handelt, besteht kein zweifel; idr weiß jedodr nidrt, ob man dieses \fort in
oinim ia oder in pini mia rcilen soll. Im ersten Fall wäre oinim .das gewöhnlidte vinum
vnd. ia wirde,,hier ist', ,,dies ist" bedeuten oder eine Interjektion sein (M. 16g und
303)' die wir auf 'dem Tonziegel aus capua, r. 12, (vacil ia le@amsal) wiederfinden;
an'dernfalls könnte es ein Zeidren für das Akkusativobjekt sein, Im zweiten Fall wäre
oini .vein' und mia das albanisdre Possessivum ,meine' (vor einem Femininurn im
Plural). Das ist weniger wahrsdreinlidr.
lenia (B): hier haben wir festen Boden unter den Füßen: es ist das albanische
lönje,."si&gehenlassen" (M. 244) aus dem sdron bekannten stammwort la, ,lassen,
aufgeben".
ce.' hinweisend ,dies, dieses" (cf. su@ce,,dieses Grab"?, AMB, V, Z); im Al a-
nisdr'en finden wir gä, ein Interrogativ- unrd Relativpronomen, das außerdern die
Konjunktion ist (M. 58), und se, den Obliquus, der mit präpositionen ver-
ibunden wird "daß"
und ebenfalls die Bedeutung hiben kann (M. aa7).
"daß'
Zusammenfassend: ,,Im !7ein ist Sidrgehenlassen", wobei das leete \fort
offensichtlidr im Sinne von ,,Vergessen", ,,Flucht aus der rfirklidrkeir" ge-
braudrt ist.
Eine andere Insdrrift dieser Arr ist voll Flumor. Sie steht auf einer kleinerr,
nur drei zentimeter hohen, fladren Sdrale, die als De&el für einen größeren
Topf diente. Beides wurde in einem Grab gefunden. Bufia, von dem i.lt di.r"
Insdrrift habe, meint, es handle sidr um den Namen des verstorbenen, eines
drei Monate alten Kindes. \fenn man dagegen annimmr, daß diese sdrale ur-
sprünglidr nidrt für ein Grab bestimmr war, sondern nur hineingelegt wurde,
weil sie dem verstorbenen oder dessen Familie gehört hatre, so änderr das
einiges. In diesem Fall könnte der Besitzer des Gefäßes beispielsweise ein alter
Sdrenkenwirt gewesen sein. Hier der Text:
(P.495, NRIE 420) hlenase citia (B)

klen: albani.sdt klenö ist der Infinitiv ,des Verburns jam (.sein"), (tö) klenö,
Existena" (M. 199).
"Dasein,
ase.' albanis,cl as, ,nidrt wahr?*
citia: kitbi, sdrräg, quer" (M. 199).
"sdrief,
tt6 Die etruskischen Texte

Als Ganzes gesehen, ist das ein Ausruf, in dem sidr Sdrreclen und Staunen
misclen: ,,'!üie ist diese \(elt dodr sdrief (verdreht)!"
Idr glaube, dieser Satz hat eine doppelte Bedeutung, wie das bei den etrus-
kisdren Aphorismen häufig vorkommt. Einerseits sah der Verfasser der In-
sdrrift
von Pisa
nadr einem längeren Gelage
- oder - die \felt sdrief stehen, wie den Turm
dessen Stiefbruder, den Turm von Bologna; andererseits schien
ihm die Gelegenheiq seiner Meinung über dieses ungeredrte Leben Ausdrud< zu
verleihen, günstig. Das dürfte ihn nicl'rt daran gehindert haben, sidr jedesmal,
wenn er dieses doppeltg moralisdre wie geophysikalisdre Phänomen beobadr-
ten konnte, in hödrste Verwunderung und an den Rand der Glüd<seligkeit
versetzt zu fühlen.
Der Satz, den wir nun untersudren wollen, beinhaltet eine an alle geridrtete
Einladung zum Trinken, und zwar in gebieterisdrem Ton. Er steht auf einer
sdrönen Sclrale, die in den Studi Etrus&i (Bd. XXII, 1953, Abb. 12) abgebil-
det ist. Mit heiterer und entwaffnender Arroganz hält dieses Gefäß seine
beiden überdimensionalen Flenkel dem erstbesten hin. Um die Frage nadr der

Abb. 28. Eine Schale rnit Inschrift

Bedeutung der Insdrrift auf den ersten Anhieb zu beantworten, genügt es, einen
Blicli auf das letzte '$florc sowie auf die beiden Henkel zu werfen. 'Süenn wir
audr über die Details nichts Genaues sagen können, bleibt dodr der allgemeine
Sinn. Hier also die Insdrrift:
(P.774) kapemuka@esa haPes sl, (B) (Abb.23)

hape ix das albanisdre Verbum kap, ,ergreifen" (M. 1S2). Zunädrst versetzte mich
G. Meyer mit seiner Behauptung, dieses \fort sei eine Entlehnung aus 'dem Türkisdren,
haprnak, ,er,greifen", in Schrec.ken. Aber Jokl stellt sidr entsdrieden gegen diese
Meinung und bezeugt, d,aß das vorliegen'de rü(ort mit dem lateinisdren capio (nehmen,
ergreifen) verwandt und ein ,,idg. Erbwort" sei.
hapes ist das albanisdre kapö2, ,Hen&,el, Griff" (M. 183).
s/i ist das albanische sblej, sblyej, .auslösd-ren, wegwisdren', das uns bereits in
cara@sle untergekommen ist.
Mit den b,eiden, Polen: ,Ergreife... (rneinen) Henkel und wisd-re midr weg!' ist
der Satz festgelegt. Es geht nun darum, den Sinn des Mittelsdd<es, maka@esa, zu
entwirren.
mwka@esa? Mögiidrerweise gehört die erste Silbe, tnu, zum vorhergehenden 'Wort:
bapema wäre dann die erste Person Pluralis des Präsens dieses Verbums; so sagt man
im Alrbanisdren,t A dalömö? (Gehen wir hinaus?) Dalämö! (Gehen wir hinaus!)
hapemu wäre demnadr eine Einladung:
"Ergreifen
wir!"
ka@esa: irn Albanisdren, heißt kade .Faß (M. 173). Da aber dieses Vort auf das
phönikisdre had., .Krug" zurüd<geht, wäre es möglidr, daß es eine Bezeidr,nung für
unser Gefäß ist.
In der Sdtenhe 717

Die Bedeutung des ganzen Satzes ist also unverändert:


,,Ergreifen wir die Henkel der Sdrale und leeren wir sie!"
Im gleidren Band der Studi Etruscbl finden wir eine ähnlidre, interessante
Insdrrift, die Midrel Lejeune veröffentlidrt hat. (S. 147, Abb.20.) Sie steht auf
einer irdenen, sdrwarz glasierten Sdrüssel; ihre einzelnen Teile sind in einem
Kreis angeordnet, so daß die Entsdreidung, mit weldrem Wort man begin-
nen soll, nidrt leidrtfälh Außerdem sind drei Budrstaben nur sdrledrt erhalten.
M. Lejeune ordnet diese Insdrrift zu folgendem Text:
payeis lav@r peiare o@l ltar if evnuTrco
\f,ir wollen mit den deutlidreten Elementen beginnen:
peiare (A) hängt .natärlidl mit dem Begriff zusamrnen, wie es zu einer
"trinken"
Trinksdrale paßt, un'd vor allem mit dern albanisdren Stamrnrwort pr' pii, das uns
sdron bekannt ist uod das dem slawisdren piti glordrzusetzen ist. Die Endung -ar
bezeidrnet einen Beruf oder eine Gewohnheit; wir werden sie in etruskisdr capesar,
wiederfnden. Das Merkwürdigste ist, daß das \/ort peiare im modernen
"Sdruster',
Albanisdr ein genaues Gegenstüd< hat, nämlidr pijar, ,spa-gaest", (M. 384), ,,jemand,
der zur Trinkkur geh,t". Somit steht fest, an wen dieser Satz geridrtet ist: es ergeht
eine Aufforderutlg an die Trinker. Das verhilft uns zurn Versvindnis des Folgenden:
paTeis (A) ist natürlidr der Gott der Trinker, Bacdrus, was ldurdr eine andere
Insdrrift (P. 336) bestätigt wind, wo rnan diesel,be Bezeidrnung für Bacdrus 6ndet.
lav@ar ist demgemäß zu erk'lären: lao ist das albanisdre lao, madren,
"Narrheiten
verr,üdrt werden" (M.23s); @ur kennen wir bereits aus dem l(apitel ü,ber die
"Art, Gattung, Volk.' Das ergi,bt
Familie: hier: ,das verrüd<te Volk des Bacdrus."
o@.tar (A) ist dem albanisdrea udhötar (mit der gleidren Endung wie in peiare),
,!ü?anderer, Reisenrder" gleidrausetzen, das aus dern Staffrnwort sdbö, "Weg" (M. 537
bis 538) kommt. G. Meyer hat dieses albanis*re !/ort analysiert, ohne das griedrisdre
hodos audt nur zu erwähnen; er verglidr es mit anderen alt-indoger,manisdren Stamm-
wörtern (1. c., S. 455).

Nun wissen wir, an wen dieser Zuruf geriütet ist: ,,Von dem zügellosen
Volk des Bacdrus, Trinker oder Vanderer. . .!" Aber was will man von ihm?
if könnte ip, "lege!, stelle!, ta binein!" aus dem sdron bekanrnten Verbum dp, ep iP
(legen, stellen, hineintan und geben) sein.
evnu könnte e 7)entt sein, ein anderes lfort für '!flein, albanisdr o6nö, d'e.m ein
Artikel oder ein Objektzeidren vorangeht. (Cf. das kretisdre ibena (i-r:ena), ,Wein',
nadr Hesydr'ius.)
7 entspridrt hier der Abkürzung des albanisdren kejo, "dies,
dieser' (eher als der
Konjunktion -c)?
rco ist hödrstwahrsdrein,lidr Behälter", usw, Albanisdr rrex (rredz) bedeutet
"Gefäß,
(M. 435). Ein Trinkürorn? $far nidrt das Horn des Tieres der Prototyp der
"Horn'
Gefäße der Alten? Aber dieses \fort ist vielleidrt nidrts anderes als eine Adaptie-
run'g des griedrisdren nrcha, ,ToPf , Krag', Urn nidrt zu weit von unserer Insdrrift
abzus'dr,$reifen, werden wir ansdrließend in einem eigenen Absatz das Vort rcv (rh6
rtza) untersüd].enr.
Der Text aus den Studi Etrusdti könnte also folgendermaßen zusammengefaßt
wer'den: ,Trinker (seiest du ntrn) aus dem zü,gellosen Volk des Bacdrus oder ein
(einfadrer) Wanderer, tu dodr 'Wein in dieses Gefäß!"

\7ir wollen nun zu dem Wort rco (rctt, rku, rdzu), das eine Absdrweifung
vom Thema redrdertigg zurüd<kommen, denn wir finden es in anderen etrus-
kisdren Texten wieder. Zunäd,st ist zu bemerken. daß dieses Substantivum mit
118 Die etrashisdten Texre

den lateinisdrenAusdrüd<err ilrcer',,,Krug"und urceolus,,,Krüglein" verwandt


zu,sein sdreint, die ihrerseits
.mit dem griedrisdren urcha inZusammenhang
stehen. Im Albanisd-ren hat dieses rü/ori audr die Form rröxhuell, ,,Krug;
(M. 4_38) (spridr: redschuel mit stimmhafrcm sch) angenommen. \Vir wollän
no-dr hinzufügen, daß in der Insdrrift p. 425 (NRIE 1olz1 trv, wahrsclein-
lidr ,,Urne" bedeutet.
Betradrten wir ferner eine etruskisdre,,Illustration...
die sidr auf rcu (retzu) in kaum veränderrer Form
bezieht. Es handelt sidr um die Tafel CCXV von Ger-
hard (Etr, Spiegel, II), der wir das Fragment eines
gravierten Bildes entnehmen (Abb. 29). Neben der
Göttin Turan, die mit der Toilette einer anderen Gör-
tin, Malacis, besdräftigt ist, siehr man eine Dienerin
oder Gehilfin. Diese trägt, nadr Gerhard, einen Blumen-
kranz in der redrten Hand. Die Zeidrnung isr teilweise
undeutlich geworden. Dennoc.h kann man klar den
Henkel eines Kruges (oder eines \üassereimers) er-
kennen; dafür spriöt audr die Neigung der Frau nadr
der Seite, als ob sie einen sdrweren Gegenstand trüge.
Neben ihr liest man die Insdrrift resTualc, in der wir
das albanisdre rröxhuell wiedererkennen. Das bedeutet
wahrscheinlidr,,Krugträgerin".
Ein anderer etruskisdrer Spiegel mit ähnlidrer In-
sörift zeigt uns eine mythologisdre oder angeblidr
mythologisdre Szene. Sie ist auf Tafel CLXVI der-
selben Sammlung wiedergegeben (unsere Abb. 30a).
Abb. 29. Krugträgerin Gerhard erkennt darauf Minerva, die zwei Säuglinge
von hoher Geburt betreut. Die Göttin ist von den
Vätern der beiden, den Dioskuren, und von Turan-Venus umgeben. tt(ir wol-
len erst gar nidrt auf die Einzelheiten dieser ,,Inszenierung" eingehen, sondern
uns darauf besdrränken, den Knirps in der Mitte zu beradrten. 'Was tut er?
Er thront in etwas verdädrtiger \fleise auf einem majestätisdr wirkenden
Gefäß. Diese etruskisdren Zeidrner waren oft redrte Sdrelme. Letzten Endes rut
dieses erhabene Kind unter dem wadrsamen Auge der Toc}.ter des Zeus viel-
leidrt das, was seinesgleidren, seit esTöpfe und Kleinkinder gibt, regelmäßig rut.
\(ährend die andbren Personen alle mit Eigennamen bezeidrnet sind, liest man
neben dem künftigen Heros recial. Etwa ein Genetiv (oder ,,Possessiv") von
recu?
Man kann also ein und dasselbe Stammwort in der ganzen griedrisdr-etrus-
kisdr-albanisdren Reihe erkennen :
wrcba rca rexu rezyaal (c) recial rröyhuell
- all -dieser \üörter
Die Bedeutungen - - -
weisen, wie wir sehen, eine beliebige
Zahl von Abwandlungen des Begriffes ,,Gefäß" auf.
Nun gehen wir zu einer kühnen Inschrift auf einer kleinen, sdrwarzen,
irdenen Schale über, die verhältnismäßig klar ist:
(CIE 3264) lirnatis ene caztire vemati turesa (B)

litnatis sdteint dem albanisdren lum -madh zu entspredren, in dem lumö .gesegnet"
(tö lumtö, (M. 252) und das sdron besprodrene mad.h ,groß
"glü&lidres Gesdrick")
bedeutet. limath wirde dann beatss bedeuten.
Abb. 30a. Mi.nerua and Götterbinder

ene, en, in, zsene, oinam ist imrner der 'Vein.


caoire ist das albanisdre gatsär, ,leer" (M. 123).
vemdti kanr. von zwei versdrie'denen Standpunkten aus 'betradrtet werden:
l. oema ti: ztema ist die erste Person Pluralis ,des Präsens des albanisdren Verbums
ve, ,legert, stellen, hintun" (M. 547): vemö, ,,legen wir"; ti kennen wir bereits von
tifanati, ,wisseno, usw.
"weiß"
2. ve mati: zte, ,legen, uswJ, mati wie in l,imath, ,groß, viel"'
taresa (A) ist das albanis&te tttrizä,,sdrnauze, Ma:ulr, tareghä, ,Nase, Sdrnauze'
(M. s2e).
G. Meyer, der in jedem albanisdren Wort eine Entlehnung witterte, konnte hier
nur eine geringfügige Ähnlidrkeit mit dem slawisdren rot, ,,Mund" erwähnen (1. c.,
s. 4s2).

Der allgemeine Sinn der Insc.hrift:


a) in der etruskisdren \Tortfolge:
Glüd<selig (wer) Wein (in) leer wird run viel Maul.
b) in besser verständlidrer Folge:
Glü&selig, wer in sein leeres Maul viel !ü7ein tun wird.
Vielleidrt führt uns die Konstruktion dieses Satzes zu einer der Quellen
der lateinischen Syntax.
120 Die enuskisdten Texte

So kommt es häufig vor, daß die Texte sd-rwer versrändlidl bleiben; sie
haben jedodr den Vorteil, daß sie einander srürzen. \Vir kommen nun zu einem
klaren und straffen Texr, der uns durdr seinen Aufbau, seine Eindeutigkeit
in lexikalisdrer und grammatikalisdrer Hinsidrt volle Befriedigung gibt, säwie
durdr die Poesie, von der er durdr.drungen ist, eine etwas traurige poesie
zwar, denn es ist die der Mimen und Komödianten. Vir wollen einen flüdr-
tigen Blid< hinter die Kulissen werfen, um einige persönlidre Sorgen dieser von
den Römern so veradrteten Hisrrionen kennen zu lernen. r7ir mußten diese
Gaukler im Kapitel über die Sdrenke unterbringen, denn ihre besdreidene
Stellung gestatrere ihnen nicht, in besseren Kreisen zu verkehren.
Unser Text ist eine \Tidmung auf einer ,,Palerte von padua.., die zum
Sdrminken diente. Hier ist die Insdrrifq die v. \fansdrer unrer seinen ,,rätisdren
Texten" veröffentlidrt hat (S. 15):

na ki. nata risakail (A)


et sual euti huhaian (A)
Die Entzifferung:

na: d,as alibanisdre ,wir", hier irn Akkusativ,


"uns".
hi: .habe', der Imperativ 'des al,banisdren Verbums kam, .haben'. Hier hat es den
Sinn von erhalteo'. Auf albanisdr äe,
"halten,
nata bad'ertet .'die Nadrt", cf. lateinisdr nox, noctis und albanisdr natö. vir wer-
den, dieses Vort in der Form nac in den AMB wiederfnden,
ri: attf albanisdr und hier: .iung, junge*; oder
sa ist das altbanisdre Wort für ,soviel, solang . . ,"frisdr..
als . . ...,
kvil ist das al'banisdre krrillä, ,Herligkeiq ölanz" (M. 232), hier wahrsdreinlidr
cf. P, 644r tinic-oil.
"Morgenröte"
et.' wenn dieses \9ort nidrr die erweiterte Form der Kon,junktion e (die wir aus
dem Kapitel über die Zahlen kennen,: etoe) ist, dann könnte es eine Interlekdon sein,
,die Mann mit ,enough!', ,,genug", (M. 97) übersetzt, vielleidrt audr ,endlidr", usw.
sual: ein widrti.ger Anihalts,punkt: das alrbanisdre Verburn sbaaj, ,wqwisdten
(M. 5O5). \Vir h,aben bereits d,avon gehört, idaß sowohl im Etruskisdren ali audr im
Alrbanisdlen i, j un'd I wedrseln.
eu: eines dieser kleinen \förter, die oft eine Falle darstellen. vielleidr,r ist es eine
alban'is&e Interjerktion, hea (M, 158) und eba (M.94),,adr!", wobei der Budrstabe ä
nebensäölich ist.
ti.' die verkürzte Form von tin, ,,Tag'?
kukaian: das Rot" entspredrend. dem albanisdren haq, ,rot", (kuqilar,
"Rihe,
,Purpur", usur.) (M. 228), ein dem Griedrischen allerdings sehr früh entlehntes
Stamrnwort. Vielleidrt kskaia im Akkusativ.

Es ist eine beredte Aufforderung an die Palette, das Handwerkszeug des


Sdrauspielers: ,,Erhalte uns während der Nadrt jung wie die Morgenröte und,
adr, wisdre bei Tagesanbruc.h unsere Röte weg!" Oder vielleid-rt: ,,Wisd-re sie
weg, unsere Röte!", wenn das e yor\ eu ein Zeidren für das Akkusativobjekt
ist.
Und hier nodr ein anderer ,,rätisdrer Text", ein ausgezeidrnetes ,rTripry-
dron", das von viel mehr Sdrwung und Lebhafrigkeit zeugt als der vorher-
gehende, denn sein Verfasser sdreint das Geheimnis der Jugend enrdedrr za ha-
ben und fürdrter nidrt, am Morgen blaß und gealtert zu ersdreinen. Wir
kehren anläßlich einer großen Feierlidrkeit in die Schenke zurüdr: dort prokla-
miert man eine ridrtige Erklärung derTrinkerredrre, die Magna Charta derTrun-
In der Sdtenke 127

kenheit. Sie ist in ebenso energisdre wie verlo&.ende Worte gefaßt und bringt
gesdridrt die rein heilende \(irkung der guten etruskisdren Veine zur Geltung:
a) peoa Sniye sia
b) pi kutia tisayvil (A)
c) ipi peri snati
D. Lattes hat versudrt, diesen Text anders aufzuteilen: peztai niTesia,
und glaubte, niyesiu sei ein Eigenname, Nikesios. Die \üTahrheit stedrt aber
anderswo:

a) peoa: ist mft peiare verwandt, das wir in' diesem Kapitel bereits gesehen' haben;
es hängt nr,it dem albanisdren Pi, "rinken' zusa,tnmen, dessen Aorist pioa (M, 383)
lautet.
i: die albanisdre Negationspartikel s, die vor Verben steht. So zum Beispiel: s'dze,
,idr' will nidrt" (M. 44a).
niTe: das albanisdre Verburn njob, niof,,wissen"; der Lrnperativ davon ist niib
(: niikh) (M. 332,331).
siu: hier erkennen wir das alban'isdre zi, ,sdtwatz, un'glü&lidr' Unglü&" (M' 581)
mit dem Artikel ,r.
,,'S7er getrunken haq weiß nidrts vom Elend?"
b) ?i; "trinke!"
k*tin: ku ist rnit dem albanisdren qi tö, damit" (M' 417) zu vergleidren' Auf
jeden Fall ist es eine verbindende Partikel; tiz sdreint von dem Stammwort di,
,kennen'zu kommen, das wir bereits besprodren haben: "fü'r die Kenntnis'.
tisa: das albanisdre /isa, .ein wenig", dem wir bereits begegnet sin'd (cf. mantisa).
Xvil: "Helligkeit" (Freude), wie im vonhengehenden Text.
c) ipi: einneuer Beweis für die etruskisdren Orthographie:
,Dehnbarkeit" 'der
e ?i, .und, trinke".
peri: entweder ist es eine mit dem lateinisdren per und dem albanisdren päz gleiöe
Präposition; oder es ,besteht aus zwei Elemenen: per rri; wobei rri "leben" bedeutet
(M. 439): ,um zu leben".
sndti: ein bemerkenswertes Wort, in dem idt znate wiedererkenne: dieses ist das
albanisdre Verbum znjatem (znias) (M. 583), das mit dem Verbu'm ngjatoi, 'dauern,
fortdauern" (M. 319) äqui,valent ist. Der gebräudrlidrste Gruß in Albanien ist:
t'*ngjatä ieta,.dein Leben möge fortdauern!" \fir wollen bemerken5 daß die faliski
sdren'Landarbeiter dem Genius, der d,ie Kürze des Lebens nicht oergiSt, Blu'men und
'!üein opferten (R. Blodr, Die Etrusker)'
MOgiidrerweiie ist snati auö ein Substantivum ("Dauer") mit einem bestim,mten
Artikel arn En'de; das ist aber nebencäölidr.

Der Sinn der ganzen Aufforderung ist also vollkommen klar:


a) ,,Trinke, damit du nidrts vom Elend weißt!"
b) ,,Trinke, um ein wenig Freude zu kennen!"
c) ,,Und trinke, um fortzubestehen!"
Da diese einprägsamen Slogans auf ein Gefäß gesdrrieben stehen, fragt man
sidr, ob die etnrskisdren \fleinhändler sidr nidrt mit den Töpfern abgespro-
dren hatten, um eine Propaganda in so großem Stil zu lancieren.
Jedenfalls liegt es auf der Hand, daß diese dreifadre Insdrrift für das Ver-
ständnis des Etruskisdren von großer Bedeutung ist.
Nuru da wir diesen erfrisdrenden Ort verlassen und uns auf den Markt
begeben wollen, dessen Lärm wir teilweise sdron von hier aus hören, sehen
122 Die etraskisdten Texte

wir-uns g-ezwungen, im rnteresse der Entzifferung einen hleinen {Imweg zu


madren; dieser führt natürlidr an einem Grab vorbei, nämlidr an einem aus
Tarquinia, der sogenannten Tomba des Typhon, wo wir eines der 's7örter wie-
derfinden werden, die wir aus der Sdrenle kennen. Es handelt sidr um die
Insdrrift P. 100, cIE 5401, die nur teilweise erhalten ist und wo von der letz-
ten ,,geheiligten \flohnung" (ei@ fanu) eines Freigelassenen (laotn) pumpus
(Pompejus) scunus und seinersöhne die Rede ist. Man kann hier mehrere inter-
essante Details feststellen, 'Was uns aber zunädrst besonders interessiert, ist die
Taradre, daß wir hier zweimal das \7ort flenzna und einmal flilzneres
finden. Z,aer-2r wird gesagq daß Pumpus Scunus su@iti in flrrzroi pumpus
Scunus, in diesem Grab (hat sidr gesidrert) ,,einen langen Sdrlaf..; derrn flen
bedeutet ,,sdrläfst, sdrläft" (M. 111) und in zna irkennen wir deutiidr
snati, aus dem vorhergehenden Text. Daran sdrließr ein sdröner
'datern"
Satz
_an:
a@is @narn flenzna (A), ,,Im Hades, mit den Vätern (etnarn) (kennt
er) einen dauerbat'ten Sdrlaf". Die Moral daraus: Ein gutes Gewissen ist ein
sanftes Ruhekissen.

Abb. 30b. Letzter Schlaf . Detail zton einer etruskisdten lJrne.


(L. Heuzey. Untersachungen über die antihen Liegestätten, S. Ig)

.Übrigens gibt es nodr eine Besrätigung für die Bedeutung ,,dauern.., die
wir dem verbum @na, zna, sna .,tsdtreiben. \flieder handelt-es sidr um eine
Insdrrift auf einer Trinksdrale. Der Text ist unvollsrändig, aber das vorlie-
gende Fragment ist an sidr sdron ein ,,Juwel..:

(P. 485, SE XXII) Ia.@na rite


clani ciani s@ (B)
la: ,laßt".
Ona:.ilat1"tn',
rite: haben wir bereits einmal gesehen:
"Jugend".
__clani, ciani: lrmperativ eines Virrbums, dai wi, später bespredren werden: ,beim
Namen rufenl weinen',
s@ = su@: .,Grab".

,,Lasset die Jugend währen!"


,,'Weint beim Gedanken an das Grab!..
Mit anderen'Worren: ,,Jedes Ding har seine Zeit...
VII
AUF DEM MARKT

Der Stadtmarkt war bei den Etruskern eine widrtige Einridrtung, denn
dort strömten an jedem neunten Tag die Bauern zusammerL um ihre Er-
zeugnisse zu verkaufen; auf dem Markt wurden audr die Verwaltungs-
und Handelsangelegenheiten geregelt, und nadr der überlieferung empfingen
dort die etruskischen Könige die Bittsreller und spradren Redrt.
Dieser Markt hieß treg oder terg, wie im Albanisdreni treg (M. 523),
im Russisdrenz torg, im Polnisdren: targ, im Serbisdren und im Bulgarisdren:
trg, im Litauisdren: t&rgils; oder er hieß vielleidrt aludr tergeste (wie russisdr
und bulgarisch torsischtsdte und litauisdr turgaviete).
Das lehrte midr die Gegenüberstellung folgender drei Quellen:
1. Eine illyrisdre Insdrrift, nämlidr ein Bilinguum aus Pannonien aus rö-
misdrer Zeit, das Jokl dorr zärert, wo er über den Zusammenhang zwisdren
dem Illyrisdren und dem Albanisdren spridrt:
(CIL III, 4251) P. Domatius P (f ) Tergitio Negotiator
Eine Grabinsdrrift.
Nadr der Meinung des Autors läßt diese Insdrift in tergitio das illyrisdre
Äquivalent des lateinisdren negotiator erhennen. Sowohl seinem Stammwort
nach (albanisdr treg, ,,Markr") als audr in seiner grammatikalisdren Form
stimme es vollkommen mit dem Albanisdren überein.
Jokl vergleidrt ferner die Namen illyrisdrer Orte: Tergeste (Triesr), Bigeste
(in Istrien, an der Nordküste der Adria) mit albanisdren Substantiven glei-
drer Endung: kopshte,,,Garten", rsenesltt, rr'Weingarten", usw. Das ist wirk-
lidr gut beobadrtet. Jokl ging knapp an dem Geheimnis des Etruskischen
vorüber; er härre nur in derselben Ridrtung weitersuchen und das Vort treg
im Etruskisdren auffinden müssen. Dodr er begnügte sidr mit seinen Endungen.
Das illyrisc.he tergitio isr nun aber genau das albanische tergjeti (und tregtar)
,,Händler" (M. 523).
2. Eine etruskisdre Insdrrift auf einem vierkantigen Stein aus Volterra.
Idr glaube, es handelt sidr dabei um einen Vertrag zwisdren den städtisdren
Behörden und einem Unternehmer, der vielleidrr Ländereien als Belohnung für
seine Dienste erhält und der sidr zu regelmäßigen Lieferungen verpflichtet
(Diese Ländereien werden vielleicht mit dem Y,lort letem bezeidrnet, das
man mit dem albanisdten led,inö, ,,\fliese, unbebautes Land", vergleidren
könnte lM.239l:
(P. 381, CIE 48) @ui arala @entrnase laei neci @enst mena@a (,Ft)
@ai: ,hiet, von hier, hiesig" (Adj.).
araia: ar könnte ,Feuer" und bedzuren, das heißt also
übrigens audr das lateinisdre ara,"Feuerstelle" "Altar", wie
vir werden auf dieses wort nodr zur,ückkommen.
@ent ist das genaue Gegenstück
'des albanisdren dhöndä, "Lämmer", aeis dele,
,Lamrn'.
124 Die etruskischen Texre

mase ist das !flort, das wir bereits in der Form mish, meso, miaso, usw., .das
Fleisdr", kennen. Man sieht, daß misb nidrt die einzige Form war und daß das
Etruskische nidrt von der Entlehnung aus dem Armenisdren abhing. Daher. @entmase,
.ScIaffleisdr".
laei könmte aus dem Griechisdren entlehnr oder parallel dazu entstanden sein:
laoi, ,die Mensdren", laos, .Yolk'. Hier vielleidrt der Dativ?
treci: das ist also das Wort, das uns interessiert: trec, das hetßt treg,,,Markt".
Hier im Genetiv.
@en!t: l'Ängt mit dem &rgen @ent zusammen, hat aber vielleidrt die Bedeutung
eines Kollektivurns,,Sdrafher'de"?
mit'; na@a ist natürlidr das von
rnena@a: eine rein illyrische Konstruktion: me,
der Palette der Histrionen her bekannte nata, ,Nadrt"; mena@a,,,mit der Nad-rt*
entspridrt dem albanis,&ren nendtö, ,am Vormittag" (M. 280).

Mit anderen 'Worten, ein Larth Tite mußte liefern ,,für diesen Altar Sdraf-
fleisdr, sowie für die Marktleute, (und hinbringen) die Lämmer, sobald die
Nadrt vorüber (ist)". Auf dem Markt selbst befand sich also ein Altar, wo man
das Vieh sdrladrtete und wo die Fleischer oder die Marktleute ihre 'Ware
bezogen. Eine Bestätigung dafür liefert uns indirekt eine eher ersdrred<ende
Naduidrt:
,,Um 396 versudrten zwar die nädrstliegenden etruskisdlen Sddte Tarquinii,
Caere, Falerii, sich gegen die römischen übergriffe aufzulehnen, und wie def
die Erbitterung war, die dieselben in Etrurien erwedrt hatten, zeigt die Nie-
dermetzelung der sämtlidren im ersten Feldzug gemadrten römisdren Gefan-
genen, dreihundert und sieben an der Zahl, auf dem Marktplaz von Tar-
quinii." (Mommsen, Röm. Gescb., I).
Mommsen sdrreibt audr, daß man bei den Latinern und bei den Sabellern
dem Gott Herkules ein Zehntel des erhofften Verdienstes auf dem Altar opferte,
der auf dem Viehmarkt sand.
3. Sdrließlidr bezieht sich ganz offensidrtlidr auf dasselbe Stammwort terg,
targ die Insdrrift P. 4ll, CIE 14, auf einem Stein:
mi mal tarcste (A)
tdrcste ist dasselbe wie der oben erwähnte Name Tergeste, also ,,Markt".
Mi mal tarcste,,,dies ist der Marktberg". Zterst wurde mir dabei schwind-
lig: wohin sollte man denn nodr klettern? Und wer wollte sdron wegen eines
Kilogramms Äpfel bergsteigen? Idr mußrc jedoch meine Meinung ändern,
und zwar auf Grund einer Anmerkung Mommsens:
,,Aber die bedeutendste unter allen italisdren Messen war die, welche am
Soracte im Hain der Feronia abgehalten ward in einer Lage, wie sie nidrt gün-
stiger zu finden war für den 'Warenaustausch unter den drei großen Natio-
nen. Der große, einzeln stehende Berg. . . liegt an der Grenzsdreide der etrus-
kisdren und sabinisc}en Landschaft. . . und ist auch von Latium und Umbrien
aus mit Leidrtigkeit zu erreidren; regelmäßig erschienen hier die römisdren
Kaufleute."
Diese ,,Bergmessen" waren alles in allem dodr redrt zugänglidr.
Der etruskische Kaufmann wußte, wie man es anstellen müsse, um seine
Kunden in gute Laune zu versetzen. \(enn er die Lebensmittel wog, vergaß er
nicl-rt auf Tnantisd (B). Dieses etruskisdre \7ort bedeutet, nach Meinung des
Festus, ,,ein kleiner Zusdiag zum Gewidrt". Diesbezüglich besteht zwisdren
Thomopoulo und mir eine Meinungsversdriedenheit. Mein Vorgänger erklärte
Auf dem Markt 125

nämlid, mantisd durdr das albanisdre mbanä disa: mb'anö, ,,neben", zu


rnanö zusammengezogen, und disa, ,,ein wenig, etwas". Ohne diese Lösung
zu kennen, dachte idr für meinen Teil an ein albanisches Verbum, das in
zwei Formen existiert: tnbaj, maj,,,halten" (M, 267). ,,Idr halte, du hältst, er
hält" heißt: rnaj, man, man. Dieses Präsens konnte sehr wohl als Imperativ
verwendet werden; man d.isa könnte somit bedeuten: ,,halte (nodr) ein wenig!"
Aber letztlic} ist der Unterschied ja nidrt groß.
Auf dem etruskisdren Markt muß es die versd,iedensten 'Waren in Hülle
und Fülle gegeben haben. Z. B. auf dem Viehmarkt konnte man außer Läm-
mern audr junge Odrsen und Pferde kaufen. Das \flort ,,Stier" läßt sidr danh
zweier Dokumente bestimmen:
a) Das erste ist ein kurzes, aber überzeugendes Gebet, das auf einer be-
sdrädigten und kaum mehr als soldre erkenntlidren Stierplastik steht. Wir fin-
den diese bei Corssen, über die Spradte der Etrrsher, abgebildet (Tafel XIX B,
I) (unsere Abb. 31):

.tAwql1ffiq40

Abb. 31. Gebetinsdtrilt auf einer hleinen Stierpkstib

pel@urinu petrual (A)


pel; albanisdr pjell, -zeugen, gebären, Junge werfen" (M. 383).
@urinu: ,der Stier", wie die Abbil,dung zeigt.
petrttdl:,des Petru"; wahrsdreinlidr war dieser ein wad<erer Bauero der durdr das
Versagen seines Stiers bzunruhigt war. Er verfertigte wohl sel,bst dieses Kunstwerk,
sdlrieb kurz seine Bitte und seinen Namen darauf und trug es rasdren Sdrrittes in
den Tempel .der zuständigen' Gottheit. ,Möge der Stier des,Petru zeugen!"

b) Das zweite ist die etruskisdre Bezeidrnung für den Minotaurus: (P.755)
@evrumines.
Der Ausdrud< für das Pferd wurde in dem Kapitel über die Zahlen et-
wähnt: cal, caius. Hesydrius übediefert uns nodr ein anderes Yort: d.amnos,
Vielleidrt bezieht sidr diese Bezeidrnung auf das Rassept'erd, das im Alba-
nisdren balö darnas heißq wobei das \üort damas ,,gesondert gestellt" be-
deutet.
Eine Insdrrift auf einem \Teinbehälter zeugt davon, daß es auf dem Markt
audr'Iüeinhändler gab:
(P.272, NRIE 498) aplueParulis (A)
aplu gehört zu jenen Wörtern, deren Bedeutung sowohl Thomopoulo als audr
später idr auf den ersten Blid< erkannten: es ist natürlich das albanisdre ambäL, amö\,
öttbäL, .s;j.ß" (M. 5).
eparu ist das albanisdre epör, .h6her" (M, 95). Hier anknüpfend könnte man sidr
fragen, ob nicht der Name des, gebirgigen Landes Epir*s aus deursel'ben Stammwort
epör, ,hilber (gelegenes) Land', zu erklären ist'
126 Die etraskisdten Texte

_ iis: ,des Gesdunacts", entspridrt dem albanisdren sbijö,,bei dem die beiden letzten
Budrstaben nebensädrliü, sind.

Es war_ also ,,süßer (\fein), von höherem (erlesenem) Gescl'rmacrr". M. Bu{fa


_
glaubte, darin einen dem Gom Aplu (Apollo) gewidmeten 'wein zu erkennen.
Idr glaube aber, daß der verfasser dieier Insdrrift sidr vornehmlidr in den
Dienst des Bacchus gestellt hatte. übrigens hieß der Monat Mai im Etrus-
kischen anTpiles, (P. 805), ,,süß...
Auch ole fehlten nidet auf dem Markt. Den Beweis dafür liefert eine In-
sdrrift auf einer Amphora:
(P.720) trskrnetr LXXVI s (B)
rrsk.' albanisdr draskö,,,Bodensatz der gesdrmolzenen Burter.. (M, g2).
me: ein Vort, d2s wir bereits kennen: omit".
fr ist entweder das erus.kisdre @ra,,Mil&", oder das albanisdre drä, ,Bodensarz
der gesdrmolzenen Burrer. (M. 81),

selbstverständlidr wird sidr die Bedeutung der illyrisdren Ausdrüdre aus


der Kodrkunst im Laufe der letzren zwei lahrausende ein wenig geändert
haben. über dieses Problem mögen sidr diejenigen den Kopf zerbieÄen, die
sidr mit der Gesdridrte der Gasrronomie besdräftigen.
Niclrt weit entfernr davon wurde Käse verkauft. Ernout betradttet. caseus
als ein ins Lateinisdre übergegangenes erruskisd.res \[ort. Er sclreibg was
dieses r7ort betrifft, ,,begnüge man sidr zu leidrt mit einem vergleidr mir
dem altslawisdren \7ort hoasu, ,,Hefe'., das weder der Form nodr äem Sinn
nadr paßt". (1. c., S. 114.)
Nebenbei sei nodr bemerkg daß boas im Slawisdren audr ,,Säure" bedeutet;
von caseas zu albanisdr gjatbö ist der Abstand tatsäcllidr gering. Gewiß gab
es für die versdriedenen Käsesorren versdriedene Namen; -yon-paztc war" ja
sdron die Rede.
Deed<e erwähnte im Kapitel ,,Geflügel" einen erruskisdren Spitznam et patah.s.
Im Albanisdren bedeutet patab ,,ein Gänserich" (M. 356). Es gab aber audr
Jagdvögel:_(P.99) capys,,,Falke", entspridrt dem albanisdren shäabä (M.477),
dem serbisdren bobac, dem polnisdren hobiec, dem russisclen kobtscittb. EjÄi
ganze indogermanisdre Familie!
Nun zum Gemüse: es gab damals sdron ein Rübenproblem. Nadr Buonamici
heißt die Rübe bei den Etruskern gigarum (A). Dieses \(ort ist ausgezeidr-
net erhalter5 denn man erkennr darin sogleiclr das albanisdr e kuqerim., ku-
qörruem, ,,rötlidr, errötend", usw. (M. 228). Ein wenig beunruhigr wurde
idr durdr G. Meyer, der dieses lVort mit dem lateinisdr-en coccinui, ,,Schar-
ladr", in Zusammenhang bradrte; idr beruhigte midr jedodr, als ich erfuhr,
daß die Lateiner es ihrerseits von den Griechen übernommen hatten; griedrisdr
hokkos ist ,,eine Arr Raupg die eine sdrarlachrote Farbe gibt". Alle stahlen
den Griedren ihre Ausdrüd<g warum sollte man es den Etruskern verwehren?
Audr Blumen fehlten nidrt. Buonamici zitiert garuleurn (A), eine Chrysan-
themenart-(Fonti... s. 123). Dieses'wort läßt sidr durdr das albanisdre garule,
,,ein Flaufen, ein Sroß" (M. 123) erklären. Redrtfertigt nidrt die Anhäufung
von Blütenblättern bei dieser Blume einen soldren Namen?
Die Gemüse- und Blumenarten hingen natürlidr von den Jahreszeiten ab.
Bei dieser Gelegenheit könnten wir also die Namen der etruskisdren Monare
erwähnen.
Aal dem Marht 127

Von einigen dieser Monatsnamen geht eine soldre Frisdre aug sie duften förm-
lidr nadr Erde, Getreidefeldern und blühenden Kirsclbäumen. '\üüarum sollte
man sie in Tempeln einsdrließen? ... Diese Namen erinnern ein wenig an die
der kananäisdren Monate: der des ersten Getreides (aoiv), der der Blitn (ziv);
oder an die des judäisdren Kalenders von Geser (VIII. Jh. v. Chr.): der Monac
der Saat, der Monat des Fladrspflüdrens, der Monat des Aussdrneidens der
'Weinstöd<e.
Untersudren wir also z. B. den etruskisdren Ausdrud< für den Monat
Mai, Ampiles.' es ist unmöglicl, darin nidrt arnbö|, ,,der Süße", ztt eF
kennen, wie dies ja audr der bereits diesbezüglidr zitierte Thomopoulo tat.
Den Monat April, (P. 818) Cabreas, erklärte Thomopoulo durdr das albanisdre
Verbum baboj, ,,täusdren"; ich würde eher capra, ,,Ziege" (sowohl im Latei-
nisdren als auch im Etruskisdren) vorsdrlagen (P. 820). Ist nidrt der April
ein Monat der,,Kapriolen"?
Eine ähnlidre Meinungsversdriedenheit besteht zwisdren diesem Autor und
mir bezüglidr Velci.tanus, ,,Mär2". Er bringt es mit dem albanisdren mbiell,
,,säen" in Zusammenhang idr hingegen denke dabei an oejh (oelb?), eine Art
kleiner Feigen (M. 548). Dagegen kann man den Vorsdrlag Thomopoulos für
den Namen des Monats J,tni, Aclws, annehmen; er soll aus albanisdt leali,
hallö2, ,,Ahre" kommen (cf. russ. holos, ,,Ahre"), wobei das a prothetisdr
wäre (wie in agaletora?).
(P. 854) Traneus, ,,Juli" (B), ist nach Ansidrt meines athenisdren Vor-
gängers ,,ein Monat der Trodrenheir", abgeleitet von albanisdr fef, ,,trod<en".
Idr bezweifle das und sd-rlage vor, das albanisdre tran, ,,Getreide", zur Erklä-
rung heranzuziehen.
Ein weiterer strittiger Punkt ist Errnius, der eruskisdre August; Thomopoulo
siehc darin den Monat des Flermes, eines der Götter der Frudrtbarkeit.
Ich stelle nur fesg daß kein anderer etruskischer Monat einer Gottheit
geweiht zu sein sdreint und bringe diese Bezeidrnung mit dem albanisdren
ermoj, ,,sudten, überall herumwühlen" (M. 96) in Zusammenhang. Versuclen
Sie dodr einmal, im August auf dem Lande im Boden zu graben, Sie werden
gewiß überall Bodenfrüdrte und Gemüse 6nden.
(P. 824) Celius, ,,September", leitet der erwähnte Autor von caljis, viel-
leicht kalis,,,sdrneiden" (M. 176) ab und erklärt es mit ,,jäten". Ich für meinen
Teil sehe darin das albanisdre gjellö, ,die Nahrung": ein nährender Monat.
Für den etruskisdren Oktober, (P. 858) Xosfer (B), sdrlägt Thomopoulo
sdrließlicl nur mehr Verlegenheitshypothesen vor. Idr finde dafür eine Er-
klärung in dem albanischen busp, ,,spinnen, wirken" (M. 231). Das war wohl
der Monat, in dem die brave etruskisdre Flausfrau mit der gleidren Arbeit
begann, die auch die tüdrdge biblisüe Hausfrau im 'Winter besdräftigte:
'Wolle
Sie versdrafft sidr und Flachs
und arbeitet mit fröhlidrer Hand.
. . . Sie holt den Spinnrocken hervor
und ihre Finger gehen gesc.hickt mit der Spindel um.
(Sprüdre, XXXI, 13,19)

Antnerkang: Idr ssütze midr nidrt nur auf das albanische kusp, sond.ern audr auf
das lateinisdre ct'tspis, ,glatte Lanzenspitze", dann audr 'Waffe mit glatter
"je'de
S,pitze". Dazu bemerkt M. F. Martin: Ein wahrsdreinlidr von den Etruskern ent-
128 Die etrsshisdten Texte

Iehntes \tfort (Les rnots latins, 1947). Dieser Ausdruct könnte irn Etruskisdren genauso
gut eine Stri&naidel bezeidrnet haben.
Jedoclr 19t6 sdrlug Eva Fiesel vor, den Narnen yosfer mit dem etruskisdren cezp,
,,adrt" zu übersetzen, nadr dem Vorbild von lateinisdr October, ;der adtte' (Studi
Etr. X, S. 324).
Dieser Standpunkt stößt, abgesehen von dem Vokalwed-rsel Tosfer
- cezp, auf
folgendes Hindernis: es ist schwerlidr anzunehmen, daß gerade ein einziger etruski-
scler Monat, der adrte, seinen Namen von der entsprechenden Zahl hätte. Im Latei-
nisd-ren haben wir nidrt nur ,die Gruppe Septernber, Oktober, November und Dezem-
ber, son'dern audr den Juli und den August, die ursprünrglidr Quintilis un'd Sextilis
hießen. Im Etruskisdren hingegen hat der Name des Monats vor Tosfer, nämlidr
Celius, unser September, nichts rnit einer etruskisdr.en ZahI gemein, ebensowenig
wie alle anderen Monatsnamen, die wir kennen: Aclus, drnpilus, Cabreas, Hermius,
Trabeus und Velcitanus.

Selbstverständli& gab es auf dem Markt außer Chrysanthemen und Rüben


'Waren.
eine ziemlidr große Auswahl gefertigter Man denke an die etruskisdre
Metallindustrie. Da viele Insdrriften auf Täfeldren aus Blei graviert sind (was
den gegenseitigen Verpflidrtungen mehr Gewidrt verlieh), ist anzunehmen,
daß der Preis dieses Metalls, das ja für die Bronzeerzeugung unerläßlidr war,
sidr nadr den Sdrwankungen der Börse ridrtete. Auf diesen Gedanken läßt
uns die Insdrrift auf einem Bleibarren kommen, die M. Lejeune in den Studi
Etruscbi (XXII, 1953, S. 133) veröffentlicht hat: cenise neis (A).

ceni hän'gt mit dem albanisdren Ver,burn cezis, ,,einsdrätzen, den Preis festlegen'
zusa{ntrnen (M. 47), sowie mit cena, das wir bereits weiter oben erwähnt haben.
Daher: ,Preis'; das,hat sdron Trombetti so verstanden (La lingua etr.,5.5).
se ist idasselbe wie das albanisd-re Pronomen sai, ,7hter, ihr" (Fem.).
zeis ist das albanisdre nejse, (M. 313).
"derselbe"
Daher: ,,Sein Preis ist derselbe (der gleidre)." Der Barren war ein Waren-
muster, das einem Kunden zugestellt wurde, den man gleidrzeitig davon in
Kenntnis setzte, daß der Preis sidr nidrt geändert hatte.
Da die Töpferei bei den Etruskern eine heimische Industrie war, müssen
sich auf dem Markt ganze Pyramiden von Krügen aufgetürmt haben. Auf
einer eleganten Flenhelvase, die Corssen in seinem Verk beschreibt (Bd. I,
Tafel XXIII B), finden wir folgende Insdrrift: rniriana'spleniana! (A)
Der Autor lasl. rni Riana! Plenianai, ,,Dies hier (ist gewidmet) von
RianaS, Sohn des Pleniana". Da uns die ad hoc erfundenen Namen sdron
ein wenig ermüden, mödrte idr diesen Text anders erklären:

miri: mirä, ,sdrön". Man kann audr anneh,men, 'daß es zwei Wörter
das albanisdre
sin'd: mi,,hier ist, ist" und ri, ,neu"; da sidr dieses rWort auf Töpfe bezieht,
dies
fragt man sidr, wer denn wohl alte Töpfe verkaufen' würde, Men könnte jedoch
audr an eine neuartige \fare denken, ,neu eingelangt', usw. .. .
ana! ist das albanisdre anö, .Gefäß (M. Z).
pleni: es besteht kein, Zweifel, daß dies das alrbanisdre bleni ist, die zweite Person
Pluralis des Imperativs des Verbums ble, ,kaüt!'

Also: ,,Sdröne Vasen! Kauft Vasen!" Dieses Gefäß stand wahrsdreinlich


in der Auslage und diente zur Reklame. Man kann sidr leidrt einen etrus-
kisdren Flausierer vorstellen, der einen kleinen, apathisdlen Esel, dem er zwei
Körbe von diesen Töpferwaren aufgeladen hat, auf der sonnigen Straße vor
Aaf dem Markt 129

sidr hertreibt, wobei der Händler einen langgezogenen Ruf von sidr gibt:
tni-ri a-nai! ble-ni a-nai!
Nebenbei könnte uns die Töpfereiabteilung auf dem Markt unversehens in
einen größeren Problemkreis bringen.
Auf einer Amphora aus sdrwarzem Ton wurde eine ziemlidr lange In-
sdrrift gefunden, die zweimal das eruskisdre Alphabet (vermehrr um die
lateinisdren Budrsaben b, d., o) enthält, sowie eine ungeordnete Anhäufung
der Silben ttd.r, tuds, usw.... Das alles madrt den Eindrud< einer Sdrreibübung;
danadr aber kommen einige vernünftige !(orte:
(P. 49, NRIE 841) . , . nzi atianaia ayapri alice oenelisi oel@ar zinace
Halten wir fest, daß uenelici oel@ur Eigennamen sind und daß zinace
von einigen Autoren mit ,,sdrrieb" erklärt wurdg und zwar abgeleitet von
der sdron bekannten \furzel zi, ,,sdtwarz" (wörtlidr: ,,hat gesdrwärzt"). \t(ir
wollen uns bloß bei den ersten beiden \förtern aufhalren: rni atianaia. M.
Buffa sah darin ati. anaia, ,die Mutter Anaia". Tatsädrlidr fand er an anderer
Stelle einen Eigennamen Anaia (Fabrefti I, 384 b). Mögli&erweise hat er
redrt.
Anderenfalls erinnern wir uns, daß die etruskisdren Insdrriften mandrmal
mit dem Vort. mi, ,,idr" oder ,,dies", beginnen, auf das die Bezeidrnung
des Gegenstandes folgt, der die Insdrrift trägt: (P. 63) mi. qutun; (P.3)
rni culiyna; (P. 11) mi putiza; usw. Man könnte sidr also fragen, ob
atianaia nidrt unsere Amphora bezeidrnet. Kretsdrmer spridrt in einem Ar-
tikel ,,Die Pelasger und die Griechen" von griedrisdr dttdntt, einem Gefäß, das
bei Opfern verwendet wurde. Dieses \fort sei vorgriedrisdrer Herkunft. Die
Göttin Athene war ursprünglidl die Göttin der vorgriedrisdren Töpfer.
Nun fragt sidr Kretsd-rmer, ob nichr der Name der Göttin sowie der der
Stadt Athen mit dem besagten Gefäß in Zusammenhang stehen. Ferner stellt
dieser Autor fest, daß zwischen den ersten Bewohnern von Arhen und den
Etruskern Beziehungen bestehen. (Glotta Xl, 1921, S. 282-285.)
Das etruskisdre atianaia hängt offensidrtlidr mir dttdnd zusammen. \üenn wir
bedenken, was Kretsdrmer bezüglidr Flurtenia, eines anderen prähellenisdren
Namens sdrrieb (cf. Kapitel über die Zahlen), so ist diese doppelte Verbin-
dung zwisclen den Etruskern und dem ardraisdren Griedrenland werq fest-
gehalten zu werden.
Etruskisdre Qualitätssdruhe durften auf dem Markt nidrt fehlen. Die Sdru-
ster bildeten eine der adrt eingetragenen Flandwerkerzünfte in Ladum zur
Zeit des sagenhaften Königs Numa. Bekanntlidr hießen die Sandalen mit den
vergoldeten Sdrnüren, mit denen Phidias seine Minervastatue versehen hat,
,,tyrrhenisdr" und Ovid nannte die Kothurne der griechischen Tragödie ,,ly-
disdr". Die römisdren Senatoren sdrließlidr übernahmen das Schuhwerk der Lu-
kumonen,
Auf den Knod-rensd-rreinen wurde mandrmal audr der Beruf des Verstor-
benen angegeben; die folgende Inschrift zeugr davon:
(P. 468, NRIE 373) Iar@ cae cdpesdr (B)
In dem letzten Iflort erhannte idr den albanisdren bapucar oder höpacar,
,,Sdruster" (M. i84) wieder. Idr mußte jedodr dabei einige Prüfungen über
midr ergehen lassen:
1. G. Meyer behauptet (l c,, S. 188), daß dieses \Tort aus dem tür-
9 Etrusker
130 Die etrashisihen Texte

kisdren papusb,,,Babusdre, Stofipantoffel" kommt. Es sei mir gestatrer, dem


einige Bemerkungen entgegenzustellen :
a) Dieses I7ort hat in anderen balkanisdren Spradren Eingang gefun-
den, ohne seinen ersten Konsonanten zu ändern: papat (bulgarisdt), paputs
(mazedonisdr), paputzi (neugriedrisö), usw. b) Zahlreidre türkisdre Vörter
sind ins Albanisdre eingedrungen, ohne ihr anlautendes h zv ändern: haimah
(Creme), halai (Zinn), usw. c) G. Meyer selbst leitet ein anderes albanisdres
'Wort,
nämlidr mdmrnuze, von dem drkisdren V|ort pdpusl ab. d) S. E. Mann
vermerkt in seinem wörterbudr nidrts von der türkisdren Flerkunft des 'wortes
häpucö,,,Sdruh" (M. 193).
Das alles überlegte idr und war entsdrlossen, G. Meyer die Stirn zu bieten,
aber dodr nidrt ohne eine gewisse Beunruhigung. Da wurde das Problem von
Büd<ler in seiner Sammlung lydiscler Insdrriften, ,,Sardis", enrschieden. Dort
fand idr nämlidr das lydisdre \tort kwpassls, ,,eine Art Sdruhwerk" nadr
Flarpokrates. So wurde mein Standpunkt in einzigartiger \7eise bestärkt. Erst
da kam mir der nützlidre Einfall, zu überprüfen, ob die l(urzel von capesar
und von köpacö niclt noc}r anderswo im Albanisdren vorkomme. Nun, es
ist tatsädrlidr so. Köpucö kann sehr wohl entweder von dem Verbum ,äep,
,,sdrneiden"(M. 190), oder audr vom Verbum qep, ,,nähen" abstammen
(M. 414). Somic entspridrt das etruskisdre cdpesdr ganz getatr dem albanisdren
höpwcar (-tsar), wobei die Endung -ar die Besd,äftigung angibt (detar, ,,See-
mann", zyrtdr, ,,Beamter", adhötar, ,,\X/anderer, Reisender"). Dieses 'S7ort
bedeutet im Lydisdren, im Etruskischen und im Albanisdren: ,,der, der sdrnei-
det (das Leder)" oder ,,der, der nähr (das Leder)" und zwar vollkommen
analog zum polnisdren und ukrainisdren shoetz,,,der, der näht". Das Problern
isr somit gelöst.
Kurz gesagt: der vorliegende Ausdrud< sowie die Mode in dieser widrtigen
Industrie kamen aus Lydien nadr Etrurien. Das ist eine neue Bestäti-
gung dafür, daß zwisdren diesen beiden Ländern Verbindungen bestanden,
die wir am Ende dieser Untersudrungen nodrmals bespredren werden.

Nidrt weit von dem Sdruhmadrermeisrer entfernr dürfre ein Tisdrler am


'W'erk gewesen
sein. Ein lateinisdres Vort, grosa, ,,Sdtabeisen, Flobel", zeigt
an, daß es ein holzverarbeitendes Handwerk gab. Die Vorläufer dieses 'S7or-
tes, das uns Arnobius, ein Sdrriftsteller aus dem III. Jh. v. Chr., überliefert
hat, sind alle genau untersuclr worden. Jokl sagt dazu folgendes:
,,\Taldes Frage, woher das \Vort dem Lateinischen zugekommen sei, ist
schon von G. Meyer beantwortet worden, der görresö (Schaber, Sd'rabeisen)
als ein Grundelement der albanisdren Spradre nachwies . . . Das I7ort stellt
somit einen der ältesten fixierten Bestandrcile des albanisdren 'Wortsdratzes
dar." (Studien zur alb. Etym.,S.22.)
Tatsädrlidr hängt dieses '\üüort mit dem albanisdren Stammworr gäruanj,
,,sdraben", zusammen. Jokl erklärt uns jedodr kaltblütig, daß das bewußte \7orr
direht vom Albanisd'ren ins Lateinisdre übergegangen sei. Idr sehe midr also
wieder gezwungen, die übersdräumende Illyromanie einzudämmen, indem idr
annehme, das Latein habe dieses !ü'ort von den Etruskern geerbt, die ihrer-
seits aus dem Altillyrisdren sdröpften, während das Albanisdre eine neuillyrisdre
Spradre ist. übrigens waren die Etrusker hervorragende Zimmerleute, Sdriffs-
bauer und Kunsttischler.
Aal dem Markt l3l
In der Nähe dieser Handwerker konnte sidr wohl audr die Sferkstatt
eines Graveurs oder Bildhauers befinden. rü?'enn ein soldrer Meister sein kleines
Kunstwerk vollendet hatte, sdrrieb er oft neben seinen Namen nodr das '!(ort
cana (A). Man findet es sowohl auf einem käferförmigen Gewidrt (P. 260),
als audr auf einer Marmorstatue, die eine Göttin mit ihrem Kind darstellt
(P. 260, CIE 76, idem P. 284, 328, 681, 737). Dieses \7ort kann sowohl
,,sculpsit, hat gemeißelt" als audr ,,Skulptur, Bildnis" bedeuten. Idr ver-
gleidre es mit dem albanisdren qanä, ,,Hobel" einerseits und andererseits
mit gan (tshan), Aorist gani, ,,spahen" (M. 54), beides wesentlidre Begriffe
für den Beruf des Bildhauers. \ü[ir haben bereits den \Tedrsel von ,6 und
g im Albanisdren feststellen können: dorah : dorag, ,,Hand-" (M. 8O).
Aber nicht nur die Bildhauer signierten ihre Meisrerwerke. Das bestätigt
uns eine schöne Tonsdrale (Vaso di bucchero), mir einer Insdrift aus dem
VII. bis VI. Jh., deren Abbildung M. Pallottino in den Studi Etruschi (VIII,
S. 343, Taf. XLI) im Jahre 1934 veröffentlichte. Diese Sdrale ist mit großen,
durdrbroclenen und kühn geformten Flenkeln versehen, so !aß der Autor
vermerkte, daß ,,die außergewöhnlidre Form des Gegenstandes und seine feine
Ausführung eine Signarur redrtfertigen". Die Insd,rift dazu lautet:
mini ur@anehe aran@ur (A) (Abb. 32)

Abb. 32. Etrushische Schale

Pallottino verglidr ur@anehe mit mulu,anehe, ,,weihte, bradrte dar.., das


ja in den votivinsd-rriften so häufig vorkommt. Er nahm an, wr sei ein verbum
und bedeute ,,madren" oder etwas ähnlidres. Der Text bedeutet also seiner
Meinung nadr: ,,Aran@ur hat das gemadrt."
Nun läßt sidr aber die Insdrrift dank zweier Elemente genau entziffern:
wir haben einerseits das \fort ra@, ,,Ordnung.., das von Flämmarström ent-
ziffert wurde und das wir bereits kennen; andererseits ist uns das passivum
der verba bekannc, da es_ in der vorliegenden Arbeir bereits festgelegt
wurde' \üfie wir gesehen -haben, erkennr man im Etruskisdren und im Atua-
nisdren das Passivum an dem anlaurenden u. Radbis, radhoj bedeuter im
Albanisdren nidrt nur ,,in ordnung bringen, anordnen" (cf. slawiscr riaditi,
poriadok, ,,Or.1rrung") sorrdern audr ,,en1werfen, zeidrnen.., usw. (M. 422).
U-radb wäre die Passivform. Der Text ist somit klar: ,,bies *urd" ..,ron
Aran@ur entworfen" (oder: ,,Idr bin von Aran@rv entworfen worden..).
rflir wollen diesen Markrplatz nidrt verlassen, ohne vorher einen dli&
auf die Menge zu werfen, die sidr in einer Ed<e rund um die Bühne eines
Marktsclreiers drängt und die Mimen und Komödianten bewundert. Ein
Jahrmarktsdrauspieler hieß histro, bis*io, bister oder ister.
132 Die ennskisdten Texte

Ein etruskisdr-römisdres Bilinguum bildete die Grabinsdrrift f,ür einen


soldren Sdrauspieler:
(P. 541, CIE 2965) a@ tepi @anasa
Ar Trebi histro
Hier ist das etruskisdre, jedodr latinisierte Vort bistro eine übersetzung
für ein anderes etruskisdres Vort, @anasa. Idr habe dieses mit ,,Spredrer"
übersetzt, wobei idr das albanisdre Verbum tha, ,,spredten", ztr Hilfe nahm.
Zwei Jahre später fand idr es bei Thomopoulo wieder, der es zusammen mit
dem griedrisdren apangelia, ,,Erzählung" erwähnt, also in der Bedeutung
,,Erzähler". Aber vergessen wir nidrt, daß Arnth Trebi audr histro war.
Thomopoulo sdrlägt uns eine Erklärung dieses Vortes durdr das albanisdre
heshtur,,,still*, vor, Dieser bistro war also ein Mime, der seine Rolle sdrwei-
gend spielte. Das ist redrt paradox: auf dieser Grabinsdrrift wird der
Beruf des Verstorbenen mit zwei 'Worten angegeben, von denen das eine
,,Spredrer" oder ,rErzähler" bedeutet und das andere ,,sdrweigsam, still". Id1
weiß nidrt, ob Thomopoulo diesen \Tidersprudr bemerkt hat.
Dodr vielleidrt ist diese posthume Tragödie unseres Mimen nidrt ganz so
arg. Das ist bloß die letzte Posse, die er uns gespielt hat. Für die Etrusker
war er vor allem Sdrauspieler, Barde, der ihre episdren Gedidrte rezitierte,
vielleicht das Heldenepos von Mastarna. Für die Römer aber war diese Seite
seines Talentes nidrt von Interesse, da sie ja seine Spradre nidrt verstanden.
Sie hatten für alle diese ,,Gaukler" die gleidre Bezeidrnung bistrio. Der Schrei-
ber dieser zweispradrigen Grabinsdrrift unternahm nidrt den Versudr, die Rö-
mer umzuerziehen und ihnen Einzelheiten verständlidr zu madten, die sie
gelangweilt hätten; er wartete ihnen also mit dem allgemein bekannten, latini-
sierten Ausdrudc auf. Daher kommt somit die doppelte Rolle, die jener Arnth
häufig in seinem Leben zu spielen hatte und die er nadr seinem Tode nodr ver-
körperte.
Aber damir sind wir nodr nidrt am Ende. Zunädrst folgte idr dem von
Thomopoulo vorgezeidrneten \feg. V. Georgiew aber ruft uns in seinen ,,IJn-
tersudrungen in der vergleidrenden historisdren Philologie" ein thrakiscbes
\lort isfu(o),,,rasdr, stark" in Erinnerung, das dem alten Namen der Donau,
Istros, zugrunde liegt. Soll man istro mit unserem ister in Zusammenhang
bringen und daraus ableiten, daß die Etrusker besonders die Gelenkigkeit
und die Kraft ihrer Akrobaten bewunderten? Künftige Forsdrungen werden
darüber entsdreiden.
VIII
BEIM ARZT

Der eruskisdre Arzg der Frauen- und Augenarzt, Dentist und Apotheker
zugleidr war, verfügte über ein Arsenal von Heilmitteln, womit er die Leiden
seiner Patienten bekämpfte. Kam man mit Fieber und ganz niedergesdrlagen
zu ihm, so gab er einem einen Absud aus Enzianwurzeln. Diese Pflanze sd'reint
in der Liste von M. Ernout unter dem Namen Cicenda, Kikenda (A) auf
und wird als Tonikum, Stimulans und fiebervertreibendes Mittel besdrrieben.
Die etruskisdre Bezeidrnung dafür entspridrt genau dem albanisdren Verbum
hyq, kyg,,,die Bande halten, verstärken". (M,232.)
Litt man dagegen an heftiger Überreiztheit, so hatte der Arzt eine Peter-
silienarznei (apium) bereit. Die Etrusker hatten dafür die Bezeidrnung apium
raninum (A), wobei das letzte 'tü(/ort beruhigend, besänftigend bedzutet
(Buonamici, Fonti, S. 364). Dieses raninam kann man durdr das albanisdre
Verbum rri ,,setzen, sidr setzen" erklären, dessen Imperfektum rrinja lattet.
Vermerken wir die Redewendungen: d,ielli rrie ,die Sonne setzt sidr" (geht
unter); rrobat mä rrijnä ,der Anzug steht (sitzt) mir" (M. 439).
Außer Stärkungs- und Beruhigungsmitteln kannte man aucih gefährlichere
Pflanzen, womit vor allem jene gemeint sind, die die Römer mit insana berba
bezeiöneten; zu diesen gehört das Bilsenkraut, ein giftiges Narkotikum, das
bei den Etruskern labulonia (B) (Buonamici, ib. S. 365) hieß. Dieses \üüort
läßt sidr erklären. Sein erster Teil ist la oder ba, das Verbum bäj, ,,madten",
das wir bereits kennen; danadr kommt bul, das in die albanisdre rü(/ortgruppe
bubullij, buballk ,,donnern, br illen", bubaritern ,,den Verrüd<ten spielen",
(M. 40) gehört. Die Bedeutung von t'a-bul (onia) ist somit ,,brüllen madren",
was von ,,verrüd<t madren" nidrt mehr weit entfernt ist.
Es isc anzunehmen, daß man diesen Gifttrank nidrt sehr häufig verwen-
dete, denn die Pharmakologie und die Hydrotherapie der Etrusker waren
weithin berühmt. Eine Insdrrift zeugt sogar davon, wie fürsorglidr der etrus-
kisdre Arzt um seine Patienten bemüht war. Es sind dies zwei I?orte auf
einem kleinen Gefäß, das M. Buffa mit ,,piccolo balsamario" definierte:
(P.343, NRIE 703) ip siune (A)
Diese beadrtenswerte, kurze Inschrifr besagt das gleidre wie heutzutage die
Aufsdrrift,,Augenwasser. Äußerlidr", nämlidr:

lp ist das sdron, vorgekommene alibanisdre Verburn ep, ip, ,,geben' im Sinne von
,,legen,, setzen,, stellen' (wie in einigen anderen Sprad-ren, beispielsweise irn Hebrä-
ischen' der Bibel). Übrigens gibt es audr ei'-en Ausdruck mit albanisdr ip im Sinne
von ,setzen": epete funt,,,ihr werdet ein Ende setzen'.
siu: si ist im Al anisdren ,,ein Auge"; z,der bestirnmte Artikel.
ne: die alrbanisdre Präposition ,in*. \Vir stellen fest, .daß sie nadrgestellt ist;
siane könnre auch ein casus obliquus im Pl.ural sein, cf. e ka synä, gibt Augen"
"es
(M. 465).
t34 Die etrxskisdten Texte

Somit ist der Sinn klarr ,,In die Augen zu


träufeln". Der Besitzer des Fläsdrdrens harre
ein Augenleiden und sein Arzt traf Vorkehrun-
gen, damit sein Patient nidrt in der Eile das
Heilmittel schluche. Es sei nodr vermerkt, daß
die Verwendung von Augenmitteln in Rom
verbreitet war (Paoli, Vita romana, S. 331).
sehr
Diese Inschrift ist eine der sdrlüssigsten, die
idr je zu entziffern hatte. Vor 2000 Jahren half
das Medikament in diesem Fläsdrdren einem Etrusker,
wieder klar z't sehen. Es wäre nur zu hoffen, daß das
letzte Atom dieses kostbaren Augenwassers, das vielleicht
in dem Gefäß verblieben ist, helfen möge, den Sdrleier
von den Augen aller jener zv ziehery die den Ursprung
der etruskisc.hen Sprache nodr nicht klar erkennen,
über den nad-rgestellten Artikel und die nadrgestellte
Präposition will ich nodr einmal sagen, daß diese Er-
sdreinung in mehreren indogermanisdren Spradren (Bul-
garisö, Rumänisdr, skandinaviscle Spradren) auftritt.
Abb. 33. Die etruskischen Ärzte gehörren einer ,rneuen Sdrule"
an, die nadr und nach die Zaubercr in das Dunkel prä-
historisdrer Höhlen zurückdrängte und mit gewissen Vorredrten der Haruspices
und Priester aufräumte. Das soll aber nidrt heißen, daß man nidrt mehr zu
den Zalberern ging, um zu versudren, einen Feind zu behexen. Idr mödrte
hier einen Fall eines negativen ,,Fleilmittels" mit rein ,,äußerlidrer" Anwen-
dung anführen, Leider muß idr Einsdrränkungen madren und mi& damit be-
gnügen, einige Anhaltspunkte für eine Entzifferung vorzulegen.
Es handelt sidr um ein Gefäß (aryballos), auf dern eine Sdrlange abgebilder
ist. Die Insdrrift steht auf dem Leib des Reptils, das eilig auf einen unsidrt-
baren Feind loszugehen sdreint, bereit, ihn mit seiner Giftzunge zu töten.
Die Abb. 33 ist den Studi Etruscbi 7953, S. 307-308, enrnommen.
Den ersten Teil der Insd-rrift bildet ein einziges langes, agglutiniertes Worq
das gegen Ende Lü&.en aufweist; audr der Beginn des zweiten Teiles ist nidrt
gegliedert; die S&wierigkeiten sind also beträdrtlidr:
(P. 331) befmaiutejtelalevarearavapeisnislareh,asiais, . . emal . . .
a@ihemaluoeleavisiazili ziTina ein su@ueas
Versudren wir, aus diesem Magma einige erkennbare 'Wörter herauszufin-
den:
hef ist 'das alrbanisc.he brp, .tid-t winden', hepoj, ,biegen, sidr biegen", hepur,
,gekrümmt' (M. 157). Dieses Sfiort bedeutet also ,scJrlängeln, sidr winden'.
mai: cf. mas a:uf alrbanisdr5 ,,hin,zielen'' (M, 265).
u.oejte!: cf. albanisdr vej, vejtar,,sidr ringeln, ineinandersdrlingen" (M. 548); wird
hier die Passivforrn durdr das anlautende z ausgedrückt?
aleoa: alba,nisdt allaaitern, ,,tasren" (M. 5).
re: ,,\ton neuem,",, ein Worc, das wir bereits kennen.
ara: wir werden später ar, ,,Feuer" besprectren.
va: das Verbum bä, ,werden', das wir bereim kennen.
peis: cf . das albanisdre pöiz, Sönur, Strang" (M. 358).
"Nerv, geredrter 'S?eise,
isnis: cf . das albanisdre isbmushöm, dem Recht entspred-rend"
(M. 167 und 2Q7). "in
Beim Arzt 135

*@i: udhö, oWego, ein \Fort, das wir sdron kennan,


ke: ,,d,aß du ha,best", vom Ver,bum kam,,ltaben".
maluoe (A) ist das albanisöe maleve, Berge",, ein'e häufige Form; u@i he
"der
malave ist ein, Satzteil,, dessen Bedeurung so'mit außer Zweifel steht: "sdtlage den
Veg zu den Bergen ein",
zipina: eirr bekanntes etruskisdres Stammwort; zi.r, "s<hneideno usw., hier: ,ver-
wun'den"?,
"steöen'?
su0u: das Grab,
eas: cf . alrbanisdr eia, ,gehl"? oder ist es vielleidrt mit eius, osein', 'das wir auf der
Stele von Novilara finden, gleidrzusesen?

Man kann audr für andere 'Wörter aus dieser Insdrrift Analogien im
Albanisdren finden; im Augenbli& jedodr geben wir uns mit dem allgemeinen
Sinn des Textes zufrieden: ,,Kriedre, ringle didt wie eine Sdrnur, tastg sudre
deinen \üeg durdr die Berge und beiße ihn bis zu seinem Grab! . . ."
Der Name dessen, dem all diese Höflidrkeiten galten, ist nidrt angegeben;
vielleidrt war es audr eine stereotype Formel, die der Absender auszufül-
len hatte, so wie wir eine Paketkarte ausfüllen, wenn wir etwas sdrid<en
wollen.
'S7ir
wollen unsere Reihen medizinisdrer (in einem sehr q/eiten Sinne dieses
'\üTortes)
Insdrriften mit einem Text fortsetzen, der viel weniger makaber
ist, obwohl es dabei um ein sdrweres Leiden geht, das audr heute nodr Millio-
nen Mensdren hinwegrafit: das Alter. \flenn ein vornehmer Erusker, dessen
Herz jung geblieben war, gegen das Altern bei Ärzten und Zauberern keine
Hilfe fan4 dann gab es nur mehf eines: die (iätter um ihrea Beistand bitten,
indem man ihnen eine Opfergabe weihte. Diese sollte durdr ihr Aussehen
das Gebet so gut wie möglidr verdeutlidren. Im vorliegenden Fall ist es eine
kleine, etsras besdlädigte Bronzesarue, s/eldle die \flünsdre des Leidenden
mit einer Offenheit ausdrüd(t, die keine Zweifel zvläßt, denn es ist die Dar-
stellung eines Mannes, der in seiner Linken einen Phallus hält. Das vorge-
sdrrittene Alter des Bittstellers kann man auf Grund der Insdrrift vermuten'
die auf der Statuette steht:
(P. 685, CIE 2627) eitviscri ture arn@ alitle pumpai (B)

ar.' hier'.
"d,ies
ttsisc ist nidrts anderes als das albanisdre duesb, der Optativ des Verbums dne,
,wollen" (tö d*esb,.du rnögest wollen') (M. 95).
ri.' sdron vorgekommen: "jung", hier: "Jugen'd".
tne friden *it haofig in $Tidmungen in der Form t*rce, ,hat gegeben", es ist
das albanisdre dburoi, ,geben, ü,bergebenr, sdren'ken" (M. 93).
'tüüort:
Das bedeutet \7ort für ,,Dies - du wollest - Jugend - geben."
Das soll also heißen: ,,Dies hier, damit du dem Arnth Alidius Pompejus
die Jugend zurüdrgeben mögest."
Dleser angesehene Bürger wollte nidrts anderes, als wieder,jung sein. Die
Art, wie er seine Bitte formulierte, hatte für einen Etrusker nidrts Lädrerlidres
an sidr.
Die etruskisdre Bezeidrnung für eine Erkrankung der Atemwege hat sidr im
rätoromanischen Dialekt des Kantons Graubünden bis in unsere Tage erhalten.
Es handelr sidr um das
'!(ort cdnddrials, dem wir die Möglidrkeit verdanken,
das Milieu zu bestimmen, dem das Etruskisdre angehörre; denn Ellis (1886)
136 Die etruskkchen Texte

kgy.tg-b-ei der-Analyse eines lydiscben Göuer- und Königsnamens Kandaules,


,,wolt'" _feststellen, daß das etruskisdre rü7ort mit dem lydisdren identisd-r ist.
Kandaules besteht aus zwei Elementen: han bedeutet,,Frund", und. daules
,,Erwürger", mit anderen \üorten: ,,Flundeerwürger... Das armenisdre \[ort
hbeldaz,l hat dieselbe Bedeutung.
Audr Kretschmer befaßte sidr mit diesem lydischen \7ort und bemerkte dazu,
daß daules mit dem slawisdren Verbum dav(iti) ,,erwürgen., (1. c., S. 3Sgj
verwandt sei. Man kann also soldre übereinstimmungen-zwisdren i". alt"r,
Iydiscben Spradre und den neueren slawisdren feststellän, ohne daß die Frage
nadr
-einer Entlehnung aus dem slawisdren auftaudren tön.rt". Die erwähn-
ten. ubereinstimmungen gleidren jenen, die man zwisdren dem Etrushischen
und dem Slawisdren beobadrten kann.
somir kann man sagen, daß die Krankheit, von der die Rede war, genau
,,Erwürgung" oder ,,Erstickungsanfall" hieß. Nicht weniger interessant ist eine
Bemerkung_Kretsdrmers zu diesem Thema: er führt die pbrygisdte Bezeidr-
nung für den rfolf, daos, an und verbinder dieses ,urotr
-ir der rflurzel
/.av,-.eryyrgen", die sowohl im Lydisdren, als audr im phrygischen, als audr
im Slawisdren auftritt.
Das andere Element, han, ,,Hrnd", exisrierr gleidrzeirig im Lateinisdren
(caryis), im Griedrisdren (hyon), im Albanisdren (han) iri Sanskrit (goan)
und in der Sprache der Karer.
\flir haben bereits bei der Bespredrung der Insdriften auf vurfgesdrossen
das Wort cna (cuicna) kennengelernr.
Zusammenfassend kann man sagen, dieses candarials handaules sei
ein Bindeglied zwisdren folgenden sprad.ren: dem sanskriq- dem Etruskisdr-
Rätisdren, dem Lydisd,en, dem Phrygisdren, dem Karischen, dem Griedrisdren,
dem Lateinisdren, dem Armenisdren und dem Slawisdren.
Die nädrsre kurze rnsdrrift steht auf einem sdrabmesser (,,strigilis..) aus
Bronze, das vielleidrt das Instrument eines etruskisdren Arztes w'ar.
(P. 612, CII 1925) iatnail@ac

satnall ,Yon Satna",


9* @>- ist nidrts anderes als zac, zaX @f. zavri, AMB, I,4),
nisdre gja&, dzjak, dzak,
heißt das alba-
jio,dasAde,
"Blut". In, diesem ibesonderen Fall: lassen.?

somit bedeutet die kurze Insdrrift: ,,von Sarna (um) zur Ader zu lassen...
Besagter pegenstand war also nidrt für die Reinigung der Haur bestimmq
sondern f'd,r Aderlässe, von denen man ja weii, ielcrre Bedzutung sie
früher in der Medizin hatten. Das eine Ende dieses sdrabeisens war wohi ent-
spredrend gesdrlifren.
Idr will hier audr einen eigenartigen Gegensrand erwähnen, der von Buona-
mici wie folgt beschrieben wurde: ,,kleiner Bronzegegenstand, vielleidrt ein
medizinisc}es Intrumenr in Form eines stethoskops", und auf dem das vort
luai (A) sreht. Der Autor fügt nodr hinzu, daß es auch der obere Teil eines
Leuchters sein könnte und daß ,,in diesem Falle das vort lua! stofi für
interessante etymologisdre untersudrungen geben könnte" (Epigrafia Etrusca,
s. 408).
Dieses etruskisdre '$7ort
ist eindeutig und im übrigen eine Bestätigung für
die gute Intuition Buonamicis. Dieses lua!; (p. 226) hat nicrrts Äit "Lu",
der Frau des Saturn, zu rur\ wie M. Bufia annahm (1. c., S. 149),
Beim Arzt 137

sondern entspridrt ganz einfadr dem albanisdren Verbum /yej ,,salben, ölen"
im Konjunhtiv. \flir werden dieses Verbum später nodr einmal im Kapitel über
die AMB vornehmen. Unser \üon heißt somit ,,für Salbung" oder ,,zum
Auftragen von Ol".
Am Ende dieses Kapitels wollen wir Skutona (A), die illyrisdre Göttin
der Gesundheit, anrufen. Sie wird sidr gewiß bei den Etruskern ganz hei-
misdr fühlen. Ihr Name kann durü das albanisdre skutoj ,,einen Verband
anlegen" (M. 454, 455) erklän werden. Da wir leider keine Darstellungen
von illyrisdren Arzten haben, bringen wir hier die Abbildung eines skytbischen
ja eh Zeitgenosse sein könnte der gerade einem Krieger einen
- der anlegt
Verband (Detail von der Vase von- Kul-Oba, naü Rostovtzefr, Greehs
and lranians, Tafel XXII). Die Kunst, Ifunden zu verbinden, muß bei den
Etruskern wohl eine große Rolle gespielt haben.

Abb. 33a. Skythischer Arzt


IX
DIE ETRUSKISCHE KUNST: MYTHOLOGISCHE THEMEN

Die Besdräfrigung mit der Kunst eines aken Volkes geht Hand in Hand
mit der Frage nadr seiner Flerkunfr; es wird also bessei sein, wenn wir an
diesen Problemkreis ersr herangehen, bis wir alles Neue, das die vorliegende
Eneifferung bieret, kennengelernt haben. Daher werden wir in diesem Kapitel
Kunstwerke nur vom rein epigraphisdren standpunkt aus betradrten; mit
anderen \Torten: wir werden uns hier vor allem mit den Inschrifren besdräf-
tigen, die zu myrhologisdren szenen gehören und die wir etrushisdren Künst-
lern oder Griedren verdanken, die dem etruskisdren Gesd'rmad< entspredrend
arbeiteten.
Mehrere verfasser beklagten sidr darüber, wie ungenierr die Etrusker die
Themen aus der griedrisclen Mythologie behandelten. öerhard rang die Hände,
als er auf einem etruskisdren Spiegel Medusa-Gorgo als Mann dargestellt
fand, und nodr dazu mit Bart; er spridrt von der tUfiiliktir dieser KünsdJ", -ron
ihrem Mangel an sdramgefühl, und was ihr Bildungsniveau betrifft, so beridr-
tet er davon mit sehr viel Zurüdrhaltung. über eine soldre szene sdrreibt der
Autor, daß der zeidtner sidrtlidr diese oder jene Figur auf seiner Zeidrnung
nadr eigenem Gutdünken veränderte, um die Rundung des Spiegels auszu-
füllen, ohne die Bedeurung der Szene zu berüd<sichtigen, die er oFenbar nur
halb verstand.
Die etruskisdren Künstler erwiesen sidr tatsädrlidr als mittelmäßige Mytho-
logen. In diesem Punkt waren sie ihren Kunden sonderbar ähnlidr. So kam
es, daß ein Graveur ein eklekdsdres Bild verfertigtg eine Art mytholo-
gisdres Potpourri, wo die Heroen aus versdriedenen sagen eine unerwartete
Gelegenheit hatten, einander kennenzulernen; und das gutgläubige Käufer-
publikum kaufte soldr ein kleines Kunsrwerk, sobald darauf irgendein An-
halmpunkt zu finden war. z. B. ein Apollq ein Herkules oder eine Venus.
Sdrließli& war man ja weder Grieche nodr Pedant.
Und dodr findet man in diesen mythologisdren Darstellungen eine ganze
Skala von Gefühlen und Haltungen ausgedrü&t, die keineswegs uninter-
essant sind. \[ie alle antiken Kunstwerke haben audr diese erzählenden cha-
rakter; einige appellieren an die edelsren Gefühle des Betradrrcrs: Bewunderung
und Mitleid; andere berid'rten bloß von einem interessanten Abenteuer; wieder
andere wollen nur unterhalten, indem sie komisdre und groteske, ja obszöne
Situationen zeigen.
\[ir wollen unsere lJntersuchungen mit einer mythologisdren Darstellung
auf einer Vase beginnen. Die dazugehörige Insdrrift will sidrrlidr das Tra-
gisdre an der betreffenden Sage hervorheben. Es handelr sidr um Alkeste, die
ihr Leben der Unterwelt anbietet, um das ihres Mannes, des Königs Admet,
zu retten. \7ir sehen, wie die beiden Ehegatten, von Dämonen umgeben,
einander zum letzrenmal umarmen (siehe Tafel 8). Daneben steht folgender
Text:
Mytbologisüe Tbemen 139

(P. 334, CII 2598) eca ersce Mc ttgrt4rn fler@rce (.t')

eca: .hier ist'.


ersce: eim \fort, das in zweifadrer Hinsidrt interessant ist: vom Standpunkt der
Sernantik und von dem der Morphologie aus. Was ,die Bedeurung betriffq so er-
kannte idr in dern etruskisdren !?'ort das albanisdre errshöm, (M. 96), Hin-
"'dunkel"
sidrtlidr dor Form muß man drei Punkte festhalten: a) 'das Doppel-r wird zu
einem einfadren r; b) das etruskisdre sc kann also mit dem albanischen sä äquivalent
sein; c) das auslautende m der al,banisdren Adjektiva dieser Kategorie fehlt immer
im Etruskisdren.
zac.' ,Nadrt"; wir kennen es bereits,: wie etruskisdr na@a, albanisdr natö.
d1rutn: der Adreron, der Fluß der Unterwelt un'd Bezeidrnung der Unterwelt bei
den Griedren.
fler: ,,Ge\ibde.* Hier nim'mt der große Kampf um dieses Wort ein Ende. Praktisdr
entspridrt es ja den Eegriffen "Bild, .Statue*, usw., es hat aber die Bedeunng votum
("Gelübde", aber audr der versprodrene oder gewidmete Gegenstan'd) oder ex-voto,
denn ursprünglich stellte jedes Kunstwerk ein V/esen (oder einen Gegenstand) dar,
den man der Gottheit weihte.
@rce: turce, gesdrenkt, hatte gesdr'enkt, sdrenrkte" (albanisch dburoj).
"hat
,,Hier (sieht man, wie) in einer dunklen Nadrt sie hat gegeben (ausgeführt)
ein Gelübde dem Adreron." (Oder: ,,sie ihr Gelübde hielt."
Eine andere Darstellung, die wir bei Gerhard, Tafel CCCLX 6nden, soll
ebenfalls im Betradrter Ergriffenheit hervorrufen (Abb. 34). Zwei behelmte

Abb. 34. Furien und Heroen

Fleroen unterhalten sich in aller Ruhe, ohne die beiden Frauen zu bemerken,
die im Hintergrund sehr gesd'räftig sind.
Gerhard vermeinte darin drei Heroen und eine Furie zu sehen. Über die
Gestalt ganz links sdrreibt er, sie hebe die redrte Fland, als wolle sie ihren
Standpunkt mit lebhaften Gesten verteidigen. Die Villkür dieser Interpreta-
140 Die etruskischen Texre

tion liegt auf der Hand. Der vermeintlidre junge Mann mit der phrygisdren
Mütze ist eine zweite Furie, die sidr hinter die mittlere Gestah dudrt. Von
einer Teilnahme am Gespräö kann keine Rede sein, im Gegenteil, diese Furie
scheint den verderblidren Sdrlag zu lenken, den die andete mit der Axt
gegen die Personen im Vordergrund ausführen will. Von den beiden Furien
wird angenommen, sie seien unsidrtbar, womit sidr die ruhige Gelassenheit
der beiden Fferoen erklärt.
Die aus drei S(örtern bestehende Insd.rrift ist sdrwierig zu entzifiern. Ger-
hard las die \üörter irrtümlidr in umgekehrter Reihenfolge; lamn (?) amira
npheil und sdrloß daraus, es sei unmöglidr, sie zu erklären. Idr nehme folgende
Reihung und Sdrreibung an: nt'sil amira lamni.

amira ist das einzige klare Wort. Es hängr mit de'm al,banisdren amär (M. 5), emär
(M. 94), zusammen. Die linrke Furie gi t also an, was zu tun ist und
"bezeidrnen",
lenkt den Arm der anderen Furie (oder Göttin).
lamni ist vielleidrt .das albanisdre lamiö, ,IJngetttrn" (M. 235), das G. Meyer mit
dem Neugriedrisdren in Zusamrnenhang rbringt, äas a er auch vom altgriedrisdren
Lamnia kommen kann, einer Bezeidrnung für ein grausarnes ungeheuer in Gestalt
einer Frau.
nfiil (?) hängt vielleidrt mit dem albanüsdren fsbij, mpshij, ,wegkehren, aus-
lösdren, absdraffen" (M. 116) zusarnmen oder mit fsheh, fsbih, ,verste&en, ver-
heimli&en',

In großen Zügen ergibt sidr somit folgende Bedeutung: ,,Lamni leitet den
Mord"; oder aber: ,,Die unsidrtbare Furie bezeidrner." Das Problem ist also
nidrt beseitigt.
Das wird uns aber nidrt daran hindern, hier ein Detail aus der baskisdren
Folklore anzuführen: Die Basken glaubten früher an Kobolde und andere
Fabelwesen, von denen sie annahmen, daß sie in den prähistorisdren Höhlen
wohnten. Diese \üesen trugen die Bezeidrnung larnina, P. Veyrin sdreibt dies-
bezüglidr: ,,Ansdreinend umfaßt das 'Wort lamina mandrmal die Gesamtheit
der phantastisdren \7esen... die laminas sind zahllos und gehören beiden
Gesdrledrtern an" (,,Die Basken", Arthaud, Paris, 1955, S,233-234).

Abb. 35. Thetis wird geraxbt

Eine andere, ebenfalls auf einen Spiegel gravierte, sehr bewegte Szene, in
der audr eine, allerdings weniger grausame Gewalttat gezeigr wird, stellt den
Mytbologische Themen t4t
Raub der Thetis durdr Peleus dar (Abb. 35, Detail aus der Tafel CCXXVI
'Wort kurz
von Gerhard. l.c.). Hier wird die Situation mit einem einzigen
umrissen: pdrsurd (A), das ganz deutlidr ist, denn es entspridrt vollkommen
dem albanisdren Verbum pärza, Aorist pärzt'trd, ,,ergreifen, verjagen, depor-
rieren, des Landes verweisen" usw. (M. 382). Es ist aber nidrt ausge_sdrlos-
sen, daß wir hier ein Partizip Perfekti desselben Verbums vor uns haben,
ähnlidr wie dashur,,,geliebt", lodhur,,,ermüdet" (ein interessantes Gegenstüd<
zu russisö lod7r, ,,Nidrßtuer"), usw., und zwar mit dem a des Femininums.
Im ersten Fall lautet die Übersetzung: ,,Er entführte"; im zweiten Fall: ,,Die
Entführte".

4+
\--

Abb. 36. Acbilles aut' seinem Streitwagen

Nadr Peleus haben wir es nun mit dessen Sohn Adrilles, diesem in der
ganzen Antike verehrten Helden des Trojanisdren Krieges, zu tun..\7ir sehen
ihn auf einem Spiegel bei einem sdrwindelerregenden Rennen, dessen Ziel
nidrt redrt deutlidr ist. M. Pallottino meint, es handle sich hier eher um den
Sonnengott als um Adrilles. Der Name des Fleros sdreint jedodr klar aus-
gedrüd<i zu sein. Gerhard sieht gleidrfalls darin den Gott mit dem Vier-
gerpann und hält die Insclrift für den Namen des Besitzers. Dem ist ent-
gegenzuhalten, daß dieser Text ein Verbum in einer vergangenen Zeir ent-
[alt. tm großen und ganzen kann idr trotz der erklärten Punkte nur Ver-
mutungen über den Text, der zu dieser dynamisdren Zeidrnung - gehört, aus-
spredran (Abb. 36, Gerhard Tafel CCLXXXVIII, I). Hier die Insdrrift:
(P.329, CII 2175) aTlei nuies. @es@ufarce
142 Die etashisc:hen Texte
aTlei: dieses Substantiv untersdreidet siö nur sehr wenig von dem Namen alla,
den wir n'eben' dem Kopf dessel,ben Hel'den auf, dem FreJko der Tomba Frangoic
gefunrden üraben,. Es handelt sidr also um Adrilles.
trnies ,@es: wir haben hier wahrsdreinlidr zwei !(örter vor uns, von denen das
zweite seinen ersten Budrsta,ben verloren hat. Idr noh,me an, diesei Bud-rsta,be war
ein z und das zweite lfort lautete adhös, ,des \feges, dem weg', das wir bereits
kennen. Dann würden .die beiden Wörter ,auf deri Weg nadr üoja" oder erwas
ähnlidres bedeuten.
@ut'arce: soll man, dieses $[ort iy @uf und, arce rcilen? @uf,.Fleer" (ct. p. 137,
zilc
@afi ten@as wd albanisdr tubä, ,Heer, Truppe.. (M. 52i), das G. Nleyer von
lateinisdr tamba, ,Haufen* ableitet, l. c,, S. 452fi arce', ,-adrie, hat gemac]rt...
Idr nehme vielrnehr an, :daß @afarce mit dem al,baniscrren tbupurl tbupör, ,ein
Peitsdrenhieb' (]v{-. 583) zusam,menhängt. Hier würde es seh,
(seine Pferde) sdrlagend auf de- \ü[eg nadr Troja.*
iut- hereinpassen:
"Adrilles
Nadr diesen Rüd<schlägen srerden wir für unsere Ausdauer mit der fol-
genden Darstellung belohnr, bei der jeder Irrrum ausgesdrlossen ist und die
uns
ein neues, besonders trefiendes Argument versdrafft. Ia
h"b. also allen Grund,
diese Szene als reizend zu bezeichnen, und das um so mehr, als es ihr nicht an
Hu-mor gebridrt. Audr sie ist auf einen Spiegel graviert (Gerhard, 1.c., Bd. v,
Tafel 49), und sie will die einfadren Sterbliclen dadurdr unterhairen,'daß sie
an.eine der skandalgesdriclten aus der chronik des olymps erinnerr. Dar-
stellungen solcher Afiären bewirkten ja daß die Besdrauer ridr i' ihre Göt-
ter wunderbar einfühlrcn (Abb. 3z). Es isr die Gesdridrte von
Juno, die auf
ihrem Thron festgekettet wurde. Dieser war nur eine Falle, un"d ihr eigener
Sohn, sethlans, der etruskisdre vulkanus, hatte ihn errtworferr, p"t"nti.re'
lassen, gebaut und der Göttin gesdriclt. Nur der 'wein konnte a." sa-i.a"-
gott erweichen, sie wieder zu befreien. Bei dieser Arbeit sehen wir ihn auf
unserer Zeidrnung. Dabei hilft ihm ein Gehilfe, ein muskulöser
,,Metall-
arbeiter", der, ohne sidr um die Familienangelegenheiten zu kümmern, die ihn
ja- nicrts angehen, kräftig auf die Ketten
eitr-haui. Neben ihm steht .ir,
Ylort: tretu (A), das dem albanisdren Verbum fres, Aorist treta, partiiip "iorigo
Perfekti tretan,,,hämmern, zermalmen, in stüd<e bredren" (M. 523)
Erinnern sie sidr an den alten albanisdren Bauern, der vor Mardn-Leake, "rrtrp.idri,
dem Erzfeind Napoleons, seine rüeisheiten von siÄ gab? untei anderem
sagte er, man müsse ein Grab drei Jahre nadr der Beerdigung des Toten
-i
öffnen und nadrsehen, ob die Gebeine ture a i treture,
,,g ni oi", in Srücle
zerfalTen" seien_ (1.c., s. Das perfektum desselben"illyrisdr-eiruskisdr-
-398).
albanisdren verbums finden wir bei cimodrowski (Studie tt", d." Dialekt
der Dushmani): treta, trete, treti (s. 138). Die Bedzurung uon ,riri-isr somit
klar_:
_,,zerbridrt" oder ,,in Stüd<e zerbrodren" . . . Der NÄe des Gehilfen war
ja nidrt interessant; man wollte jedodr seine Handlung hervorheben.
. Der sdrmiedegott ist audr auf einem anderen spiegel dargestellt, und zwar
rn einer verworrenen, eklehtisd'ren Szene (Abb. 3g nadr corssen, I, s. 613).
Der Gott links wird mit Namen erwähnt: sethlans, ebenso d^, pf"rd., prrrl,
d. h. Pegasus, das Streitroß der Helden und Didrier, das aus dem Blut der
Medusa geboren wurde. \üas aber madrt die redrts äavon stehende Gestalt?
Sie haut mit ihrem Hammer drauf los, vrird aber nidrt bezeidrner, so wie der
Arbeiter auf dem vorhergehenden spiegel, der in der gleidren Stellung ab-
gebildet ist. corssen sah in dieser szette d.n Bau des irojanisdren pferdes
durdr Epeos unter der Beaufsichrigung des sethlans; o. 'vtüfler hingegen
-<: %^

Abb.37. Die Ketten der Juno r.uerden zerbrocben

meint, hier würde Pegasus in Ketten gelegt. Dazu will idr nur bemerken,
daß dieses Pferd Flügel braudrte, um ein edrter Pegasus zu sein und daß an-
dererseits Athene die Oberaufsidrt führen müßte, damit es das Trojanische
Pferd sein könnte. Idr will es jedodr den Mythologen überlassen, festzustellen,
weldre Sagen sidr auf diesem Musterstüd< der etruskisdren Volkstradition ge-
kreuzt haben. Uns interessiert vor allem die Insdrrift:
huins etule pecse se@lans

hainshängt mit dem albanisdren hyini, ,Gottheit", hyjnaeshöm, ,görtlidt', hyineshä,


hyjnoj, zusammen (M. 164).
"Gättin", "vergöttlidren*
etule könnte ein Adjektiv sein, tul, das durdr die Konjunktioll e an das vorher-
gehende Adjektiv, hains, ans&üeßt und ,fein" bedeutet (M. 528).
pecse ist Pegasus, hier wahrsdreinlidr ein Beiname.
se@lans: der bereits erwähnte Gott.

Es ist also ein Ausruf des Mannes mit dem Hammer; das letzte'Wort der
Insclrift kann audr unabhängig stehen. Es könnte ebenso: ,,(\ü[eldr ein) gött-
lidrer und feiner Pegasus (oh) Sethlans!" heißen, wie: ,,Ein göttlid'rer und
feiner Pegasus." Sethlans.
-
buins könnte allerdings audr,,Brunnen, \(asserreservoir" bedeuten.
Cf. albanisdr aje ,,\lasser".
Als nädrstes wollen wir eine den Dioskuren Kastor und Pollux gewidmete
Szene untersudren. Man kennt sie sdron seit langem, sie wurde aber immer
144 Die etrashisdten Texrc

sdrlecht interpretiert, und erst 1935 wurde ihr eigentlidrer Sinn von M. F.
Chapouthier ergründet. 'Wenn wir nun die kurze, dazugehörige Insdrrift er-
klären, können wir damit nur die Meinung dieses Autors untersrürzen. Auf die-
ser von Gerhard veröffentlidrten Darstellung (1.c., I, Taf. LVI.) siehr man,
vie die beiden göttlidren Brüder mit einem Riesen kämpfen, über dessen
Flaupt man lesen karnl. yaluyasu.
Rosdrer hält diese Mitrelfigur, ,,galayasu" genannq für einen Betrun-

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--.-__

Abb. 38. Werh des Se@lans

kenen, der von den beiden Söhnen der Leda entweder unrerstützt oder
festgenommen wird. Pauly-\(issowa erinnerr daran, daß die beiden Brüder
ein sdrwarzes und ein weißes Pferd besaßen und daß sie Tag und Nadrt
versinnbildlichten; man könne sie jedodr nicht als Morgen- und Abendstern
betradrten, da sie ja der Sage nadr unzertrennlidr waren. Nun konnte aber
Chapouthier im Gegenteil sogar beweisen, daß in späterer Zeit die yor-
stellung bestand, die Dioskuren seien zu ewiger Trennung verurteilt und
müßten als zwei Sterne, der eine am Tag und der andere bei Nadrr, leudr-
ten. (,,Die Dioskuren im Dienste einer Göttin",1935, S.272.)...,,während
der eine aufgeht, geht der andere unrer"... Es gibt viele Darstellungen, auf
denen der Mond zwisdren den beiden Dioskuren zu sehen ist. (ib., 279).
Hier die Abbildung 50 aus dem \7erk von M. Chapouthier, die seinen
Standpunkt erhärten soll (unsere Abb. 40):
Mytbologisdte Themen 145

Man sieht hier Luna, die den aufgehenden Stern, der durdr die brennende
Fa&el versinnbildlidrt wird, vom untergehenden, dessen Fad<el gesenkt
ist, trennt. Diese Interpretation wird übrigens durdr ein anderes, diesmal
etraskisdtes Zeugnis bekräftigt, das idr der Sammlung Gerhards entnehme

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Abb. 39. Getrennte Dioskuren

(III, T. CCLV) und das wir nur dank den Forsdrungen Chapouthiers ver-
srchen. Dadurdr, daß hier die Mondsidrel und die Sterne eingezeidrnet sind,
erklärt uns diese Darstellung (Abb. 41) den eigentlidren Sinn der
in Abb. 39
wiedergegebenen Szene aus dem \7erke von Gerhard. \feder in der einen nodr
in der anderen geht es um eine Rauferei mit einem Betrunkenen. Der etrus-
kisdre Graveur hat also den Myrhos von den beiden Brüdern, die siö erfolg-
los gegen die gewal*ame Trennung srräuben, sehr wohl versranden. \7as

Abb. 40. Morgenstern and Abendstern


l0 Etrusker
146 Die etrtskischen Texte

aber wollte er sagen, indem er jenen, der sie trennt, mit dem Yort yaluyasa
(B) bezei&nete? Sollte damit die Nadrt, der Mond, das unentrinnbare Sdri&sal
oder sonst ein erhabener oder großartiger Begriff ausgedrüd<t werden? Keines-
wegs. \tflir stehen hier unmittelbar an der Grerrze zwisdren zwei T0elten:
dort war die griedrisdre Mythologie; hier beginnt Etrurien.

Abb. 41. Getrennte Brilder

Unser Künstler kümmert sidr herzlidr wenig um all die Dramen des walten-
den, verhängnisvollen Sdricksals. Darüber geht er großzügig hinweg. Er sieht
in der g nzen Sad're bloß eine großartige Kraftprobe des Athleten in der
Mitte, der die beiden Bursdren, die sich gegen ihn stemmen, ungefährlidr
madrt, und so wird die Szene audr dargestellt. \fir haben da einen gewieg-
ten Kämpfer vor uns: mit seinen kräftigen Armen führt er die zwei-
fadre Umfassung zugleidr aus. Das nennt man yalnyasu und im Albani-
sc}en gibt es ein Gegenstück dazu, das eine bemerkenswerte Reihe von
Varianten aufweist. Diese Liste ist viel zu reidrhaltig, als daß sie eine Ent-
lehnung jüngeren Datums sein könnte: kalibag, halapig, kalakug, balapesh,
halaqa bedeuten alle ,,auf dem Rücken" (M. 775, 172, 776). \[ir erkennen
darin das bereits erwähnte hal, ,,Pferd". ,,Auf dem Rüd<en des Pferdes"?
,,Zu Pferde"? Der zweite Teil, bag, wird für sidr allein audr mit ,,auf dem
Rücken" übersetzt (M. 172); G. Meyer jedodr bringt dieses \Wort mit dem
türkisd'ren beg, Ieig (1. c., S. 182), ,,der Pferderücken", in Zusammenhang.
Es ist aber audr möglidr, daß die etruskisdre Silbe äas (von baluhas-u) mit
dem oskisclr-umbrisdren leasit, ,rdecet" in Beziehung steht, das seinerseits
mit dem albanisd-ren gjaset, ,,es geziemt sich", gleidrzusetzen ist (M. 742)t ,,wte
es einem Pferd geziemt (entspridrt)", ,,nadr der Art eines Pferdes." Albanisdr
gjasö heißt audr tatsädrlidr ,,Ähnlidrkeit" (M. 142).
In der \[elt, in der wir uns hier befinden, die so von physisdrer Kraft
und moralisdrem Gleidrgewidrt strotzt, konnten unnütze geistige Erregun-
gen das rein sportlidre Interesse an jedweder Sache niemals verdrängen.
Auf anderen Spiegeln stellt der Künstler grieöisdre Gottheiten in ebenso
humorvoller wie boshafter \fleise dar. Vergessen wir dabei nidrq daß ein
Mythologisdte Tbemen t47

Spiegel weder ein Leitfaden der Moral no& ein Abriß des bürgerlidren
Redrts ist.
Auf Tafel CCCXXIII bei Gerhard (Bd. IVa) sehen wir einen prunkvollen
Aufmarsdr olympisdrer Sdrönheiten. Diese jungen, ke&en Gottheiten treten hier
wie in einer Opere*e ä la ,,Die sdröne Helen^" a:uf (Abb. 42). Eris, Euterpa
und Alpnu streiten hier nämlidr um die Gunst des in der Mirte stehenden
Adonis, dem es sichtlidr heiß ist. Von beiden Seiten versudrr man, ihn mit

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Abb. 42. Adonis, Göttinnen und. Scltatzrneister.

Juwelen und Verspredrungen zu blenden. Zu all dem braudren wir keinen


Kommentar. Ein einziger Punkr daran ist rätselhaft: da steht auf dem
Bilde rechts ein ernster Herr in einem unauffälligen, weiten Gewand, dem nur
noch der hodr gesdrlossene, steife Kragen fehlt, um aus ihm eine Respektsperson
zu- machen. Seine gefurdrte, kahle Stirn und seine ganze Haltung zeigen, wie
arbeitsam, gewissenhaft und verrrauenswürdig er ist. Mit seinem migerin zeige-
finger berührt er sanfr die sdrulter der jungen Dame vor ihm, die mit so v-iel
Eifer auf Adonis einredeq er möge doch gut überlegen, was man ihm da vor-
sdrlage. vill der verrrauensmann ihr etwas in Erinnerung rufen? !7ill er ihren
Argumenten Nadrdrud< verleihen? Das wissen wir nidrt. 'wir wissen nur, daß
er hier mit aryate bezeidrnet wird.
Dieser bei den alten und neuen Mythologen gleidrerweise unbekannte Name
bradrte den gelehrten Herausgeber der Sammlung ein wenig in verlegenheit.
148 Die etraskisdten Texte

Er murmelte etwas von einem blühenden Arkas im ehemaligen Arkadien . . .


Da arca im Latein unter anderem audr ,,Sarg" bedeuten konnte, neigte
der Autor übrigens audr dazu, in diesem Eindringling einen ,,Bewohner des
Totenreidres" zu sehen, . .
Flades mußte öfter herhalten, wenn sidr die Etruskologie in einem Engpaß
befand. An der ganzen Zeidrnung im allgemeinen und an dem Benehmen der
betreffenden Person im besonderen kann man jedodr sdrwerlidr etwas Makabres
finden. Kurz gesagt, das \(örterbucih von Mann wirkt audr hier ein '$Tunder
und versetzt uns aus dem düsteren Hades in die ladrende !üfelt Offenbadrs.
Arkö bedeutet im Albanisdren wie im Latein audr ,,Kasse, Sd,atz, Geld-
sdrrank"; Arktar ist also der ,,Kassenverwalter" (M. 11) entspred'rend dem
lateinisdren arcarius. Die Endung -te kann im Albanisdren die Zugehörigkeit
anzeigen, z. B. thehörr,,Gerreide", tbeleörte,,,aus Getreide" (Alban.-russ.'Wör-
terbudr, 479;M., S.533), ein abgeleitetes Adjektivum.
Somit ist der rätselhafte Mann auf unserem Spiegel ein Sdratzmeister; wahr-
söeinlidr ein Freigelassener, der es zum Verwalter der Finanzgebarung ge-
bradrt hat. Er, der über die verfügbaren Bargelder und lfertpapiere auf dem
laufenden ist, kann stets die zur Besdileunigung einer Transaktion nötigen,
genaueren Auskünfte erteilen.
Sollte dieses \Iort. aryate ein Latinismus im Etruskisdren sein? STar es
ein den beiden Spradren gemeinsamer Ausdrud<? Bezeidrnete es ursprünglidr
jede aus einem Baumstamm gefertigte Truhe mit geafiIbtem De&el und auö
sonst ganz allgemein eine Wölbung, wie lateinisdr arcus? \lir dürfen nidrt
vergessen, daß das Gewölbe eine etruskisdre Neuerung war. . .
Die Fragen, die idr eben angesdrnitten habg gehen übrigens weit über den
rein pragmatisdren Zwe& dieses 'Werkes hinaus und idr bin für ihre Beant-
wortung nidrt zuständig.

In der nun folgenden, ausgezeidrneten Reihe von vier Texten geht es immer
um dasselbe l7ori. Dadurdr kann dessen Bedeutung vollkommen erläutert und

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Abb.43. Bacdtantinnen unV Satyr


Mytbologische Tbemen 149

bestätigt werden, ohne daß auch nur der geringste Zweifel bestehen bleiben
könnte.
In den ersten drei Texten ist von Bacdrus die Rede. Eine winzige Insclrift
auf der Kopfbede&ung einer Bacdrantin wird von Gerhard für unleserlidr
erklärt (1. c. I, Abb. XLII, 5). Immerhin kann man das ITort i@nin (A) a'ts-
nehmen (Abb. 43). Dieses für die ganze Gruppe d-rarakteristisdre '$üort
steht hier ganz an der ridrtigen Stelle, denn im Albanisdren weist es folgende
Varianten auf:
idbun, ,,bitter"
; eizbar, zornig"
id bnale,,
idbörim,,,Zorn, Bitterkeit"
idbnoi
'iäli,riiti I ..
usw'
i "äts"ttt"'

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Abb. 44. Der nnnkene Bacchus

Diese Bacdrantin ist also eine Zornige und das \t(ort drüclt zugleidr die
heilige Raserei aus, in der die Getreuen des Bacchus ihre Tänze ausführten.
150 Die etruskhchen Texte

Die zweite Insdrrift gehört zu einer Szene, aus der idr hier den wesent-
lidren Teil herausgreife (Abb. 44). Bei Gerhard ist es Tafel LXXXV und er
sdrreibt darüber:
,,...Bacdrus... wankenden Trirrs... von Ariadne ansdreinend mit beiden
Armen umfaßt. . . Der den Gott begleitende Amor . . . isr mit aufwärts gerich-
tetem Blick und erhobenen Armen gegen Bacdrus gewandt, als wenn er den
seltenen, aber nidrt unerhörten Rausd'r des Gottes verhöhne. (Bd. III, S. 89.)

Die Insdrrift lautet: ityrani (A) (oder ity"rui?). Das hängt sidrtlidr mit
dem Verbum id,beroj zusammen und kann nidrrs anderes als ,,Zorn", ,,Ent-
rüstung" oder ,,entrüster" bedzuren. Man braudrt nur das kleine albanisdre
Spraclrlehrbudr von F. Cordignano zu öffnen (5. 246) und findet dorr: ,,Mos
m'u idhno per ket punö": ,,Non t'irritale per questo", ,,Rege di& nidrt darüber
auf !" Der Konsonant n ist ztr'S7urzel idh auf die gleidre 'Weise hinzugekorn-
men, wie das n in dem Substantivum cemnac zu dem Stammwori gjem,
göm,,rdonnetn".
Mit unserer dritten Insdrrift kommen wir auf den einzigen längeren etrus-
kisdren Text außer den AMB zu spredren, nämlidr den Tonziegel von
Capua. Leider sind nur ungefähr dreißig Zeilen dieses Textes erhalten. Audr
dieses Dokument beridrtet von religiösen Zeremonien. Zunädrsr wollen wir
hier nur zwei '!?örter daraus unrersudren: (P. 2) faca iynak (Zeile 5) (A).
Das bedeutet nattirlidr: ,,Bacdrus der Zornige", denn iynah ist das oben er-
wähnte idhnah mit der glei&en Endung, die eine (in diesem Falle sdrledrte)
Gewohnheit anzeigt, wie in den 'Wörtern cemnac, rornal !sw., die wir be.
reits untersucht haben.
Der vierte und letzte Text dieser Gruppe gehört wieder zu einer in einen
Spiegel gravierten Szene. Diesmal wird uns ein anderer Zorniger vorge-
führt: Herkules (Gerhard, Bd. V, Tafel 60, unsere Abb. 45). Da kommt ein
durstiger Flerkules gelaufen, der offenbar eine gesunde und billige Mildrdiät
allen Herrlichkeiten der etruskisdren Kücle vorzieht. Die anwesenden Herren
des Olymps führen ihre gesellsdraftlidre Konversadon ruhig weiter, ohne
auf den sonderbaren Säugling zu adrren, den Juno da sdllt.
Vielleidrt nahmen es diese Gottheiten mit der grieöisdren Mythologie nidrt
so genau; jedenfalls ist Herkules als Sohn der Alkmene und nidrt der Juno
bekannt. Gerhard sdrreibt:
,,. . . wir . . . gehen nur auf die äußerst befremdende Tatsadre ein, daß
Flerakles in unserer Inschrift als Sohn der Flera bezeidrnet wird. Allerdings
scleint eine Stelle des Ptolemäus Chennus dasselbe zu bezeugen. Dodr wider-
spridrt diese Angabe allzusehr dem 'Wesen des ganzen Herakles-Mythos, als
daß wir auf das einzige Zeugnis des Sdrwindlers Ptolemäus hin eine grie-
drisdre überlieferung derarr. verzeichnen möchten. Es bleibr also die Annahme
einer etruskisdren überliefenrng . . . (1. c.,5.73).
Sdrließlicl ervrähnt Buffa (Nr. 288), daß nadr einer von Diodorus von
Sizilien überlieferten Sage Juno einmal Herkules als bleines Kind. gesäugthabe.
In Etrurien gab es eine schöne Skulptur, eine griechiscle Arbeit, die heute im
Vatikan aufbewahrt wird und die ebendiese Szene darstellt (V. Duruy, H!
stoire des Romains, S. 75). Ein etruskisdrer Graveur mag daraus gesdrlos-
sen haben, daß Juno die Mutter des Halbgottes gewesen sei. über den Text,
den idr hiezu anführen werde, haben folgende Autoren nacheinander (jedodr
ohne Erfolg) Arbeiten gesdrrieben: Körte, Tropp, Trombetti, Goldmann, Lat-
Mythologisdte Tbemen 151

tes, Menicucci, Buonamici, Ducati. In dem Jffo1x @ra hatte Trombetti die
Bezeidrnung für ,,Mildr" erkannt und Bufia verwarf diese Erkenntnis zu Un-
redrt.
Hier also der Text:
(P. 399) eca sren toa iTnac hercle unial clan @ra sce

eca: .sieh da!" usw. ... Man vergleidre mit dem altlateinisdren ecca (anstatt des

neueret ecce),

))
/|
a!H, I

M';
,i
orfföi

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il-
d,l

Abb. 45. Herlewles saugt Milch

srez.. Dieses\fort bereitet Sdrwierigkeiten. Es gibt ein albaniscles Perldar'1"z shöroi,


,stärken, heilen" (M. 474) u',d davoi sherim,,,Heilmittel"; G' Meyer glaubt jedodr,
di"res sta--*ort'kom-e aus dem lateinisdren sanare (?), Man könnte audr an das
albanisdre ränje, .Entkräftung, Erschöpfung" denken, das ein anlautendes verneinen-
des s hätte; das lwort würdJdann ,,Ji. Müdig,k.it beenden" bedeuten, mit an'deren
\üo.,"n *i.d.rr "sidr stärken' , Daut gibt es nodr im Alban'isdren einen analogen
Fall: lodh, "sidr erm,üden' und shtodh, ,die Müdigkeit beenden, sidr ausruhen, sicl
stärken" (M. 502).
152 Die etuskisdten Texte
roa ist nidrts anderes als dua von dem albanischen Verbum due,
,lieben, wollen-
(M. 85)' Die An'sicht G. Meyers, der.dieses verbum vom lateinisdren iebere,,müssen,
sollen' ableiter will, ist kein, Hin'dernis, denn es gibt im Alb;"ir;;" .i1 eig.r,es
verbum mit der Bedeutung ,sollen, müsien': duaj; ibri,gens g",u .r-;" u-od' b.id"r,
S,prachen gemeinsame lfiörier,
iynac (A): .reizbar, zornig,,.
bercle unial clan: Herkulel der Juno Sohn.
- @ra (A): Dieses \(ort kann sdron deshalb nidrrs anderes als Mildr bedeuten5 weil
das..darauffolgen'de r(ort ,sog, saugt" heißt. Das \Iort @ra
Artikel findet man wie'der in den AMB in der Form trau: r. peaaT -it de--b.rtimmten
oinwm traa prilxs.
Das erste und das zweite_der-hier genannren rvörter bedeuiet
,Bier" bzw. ,,wein-,
das vierte bezeidrnet ein Gefäß (1y,22); ebenso in 2:,vinrm traa prucuna
'lrenn im Alban'isdren tra (IX, g, I).
den,,Bodensatz d_er gesdrmolzenen Bott.i bud.ui"i
im Kapitel ü'ber den 1*ie ori,
"Ma.rkr" g.r+r_ habeni, freuen wir uns doch, wenigstens auf
dem G_ebiet'der Mildrprodukte iu bleirben. Es ist a[erdingr a;.r.,
"ud, -tiglid1,-i"c falls
vorc ora aus dem Tirahiscben kommt und nidri aus dem-I[yrirdr;;:t;;;"rs,
y, .dzra gesproöen wurde, was lei&t möglidr wäre. Ein mazodo-rumänisd-res rüort
bringt midr auf diesen Gedanken, nämliÄ dzar (d,zaer), p"r.u
d.- "M"S.r-itA;;-d",
zur Gruppe der vom Mazedo-Rurnänisdren 'Thrakiidren
übernommenen
"u,
Ausdrü&e.zählt. (Dictionnaire €tymologique rnac€do-roumain 1925, s. 16) (cf , zerum,
lat. serum),
,sce (A): Dieses kleine \[ort entsch,eidet viele Fragen und,bezeic]rnet wieder den
Platz des Etruskisdren innerhalb- der spradren des Aitertums. vi. firJen dieses illy-
rische wort fast vollkommen erhalten in unserer neuillyrisdren Sp.;;;; Jem
Alba-
n'isdren: tbi,th,.,saugen" (M. 535), Das lateinisdre suxit, das l;tauisd-re ,irri,
d^, ,ur-
srsche sos4r, das serbisdre slsati, usw., alle diese !7örter sind ofienkundig onomato-
pöien. Es wäre absu'd, eine Entle,h,nung zu sudren, wo bloß .in" ,.h, gemein-
same Quelle ,besteht. Das verburn sce beweist also, daß die Etruskei "it",
lh.- I"d*
europäertum mit der Muttermildr einsogen.

Dje. üb-ersetzrln-g llutpt unter Beibehaltung der etruskisdren lfortfolge:


,,Hier sidr zu laben liebt der zornige Herkules: Milch er saugt.((
In anderer'\üfortfolge:
,,So liebt es der zornige Herkules, sidr zu laben: er saugt Milch...
Nebenbei sei nodr bemerkt, daß zur selben Zeit Herüules in den Komödien
des Aristophanes als vielfraß und komisdre Gestart dargestellt *ira.
--
Na& einer anderen Hypothese handelte es sidr f,i., .r- den Ritus der
Adoption des Herkules durch die Götter des olymps. In diesem ratt bte;st
jedoclr das tWoft. toa unerklärt.
_ Es gibt sdrließlidr nodr eine andere Deutungsmöglidrkeit: unser Herkules
könnte von der Mildr der Juno getrunken haben, uÄ unsterblidr zu werden.
Nun hat das albanisdre verbum renä, der Infinitiv von bie,,,fallen, ,drl"g"rr..,
nodr eine andere Bedeutung, nämlicl: ,,versdrwinde", *"rr'
vom Mond die Rede i:r. (y. 28). \(enn aber die Et*rk"i "*"r!"ttlr;',
renö sagren,
um den Begriff des Dahinsdreidens auszudrü&en, dann könnte die däzu-
gehörige negative Form s-ren sehr wohl unserem \ü7orr
,,unsterblidrkeit.. ent-
spreöen. In diesem Falle wäre die Bedeutung unserer Insdrrifr wörtlidr:
,,Hier
ist wie die Unsterbli&keit wollte (erlang*; d"" rasende Herkules: Mildr
saugend."
Nun isr es dodr wohl gestatter, einen Schluß zu ziehen. In diesen vier
Texten ist dasselbe stammwort idhn ganz deutlidr zu erkennen, d.,
tr"--"-
tikalisdre Zusammenhang.wird durd.r-das suffix -aa bestätigt, urra räti"rt;d,
darf man audr nidrt übersehen, was die jeweiligen Zeiärrung"n besagen
7. Vot;astatt'te
d,es Apollo-Svalare
8. Alkeste and, Admet: Erfiiillung eines Gelübdes
-* #s

dl',

%.
p"w

-I'an,ts,tr,
9. Jas l.r-,b des llerstorbrnrn 5l71geilLl.'l'omba tter Att',!uren.'l-tquinia
Mytbologische Themen L53

(was können denn beispielsweise die beim Anblid< des trunkenen Bacdrus er-
hobenen Arme anderes bedeuten als den Ausdrudr von Absdreu, Entrüsnrng,
Zorn, B_itterkeit, die ja von dem albanischen Äquivalenr so gur besrätigt wei-
den?). \(ir können also ohne übertreibung behaupten, daß äiese
Texte für die Entzifferung ebensoviel vert haben wie Bilinguen,"tr,rJkirdr"rt
und seien
es so unmißverständlidre wie etwa der Stein von Rosette. Diejenigen, die sidr
über die verhältnismäßige seltenheit etruskisdrer Bilinguen b"kt"itÄ, lrl.r,
es ganz einfadr verabsäumr, die Mittel zu bemerken, dii ihnen die- etruskisdre
Epigraphie und das Albanisdre zur Verfügung stellten.

Die nädrste Zeidrnung, die wir unrersudren wollen, nämlidr Tafel gg, I,
Bd. v derselben Sammlung, trägt nidrt dazu bei, das Ansehen des Flerkules
zu heben. Die dazugehörige, sehr deutlid,e Insüiift isr vom sandpunkt der
etruskisdren Syntax aus sehr interessant. 'wir werden einen Satzbju kennen
lernen,-wo.das objekt am Änfang und das subjekt am Ende steht und der
in d_en heutigen osteuropäisdren Spädren sehr häufig ist.
Unsere Teidrnung (Abb. 46) stellt eine Gruppe dar, in der Herkules, der
an seiner Keule zu erkennen ist, peleus bei seinen hodrtrabenden Er-
zählungen zuhört. Nun, Peleus war eine widrtige persönlidrkeit: Enkel des
zeus, Garte der Göttin Thetis, Bruder des TehÄon, der ein großer Freund
d_es tlerkules war, usw. Es ist also nidrt ausgefallen,
ihn i,' i.r.ttra"rr a",
Flerkules anzurreffen. \fas aber besagt die Insdrift?
slia hercle puris pele (A)
Gerhard stellte sidr die Frage, ob nid-rr slia d,et Resr des Namens der
sd'rönen Penthesilea sei, jener A-azonerrkönigirL die r-j"nirÄen Krieg
teilgenommen harte. "*
Audr diesmal wollen wi1
{.er unglüd<ridren Neigung der Etruskologie für
Eigennamen widerstehen und die Man-=en der sdrönenA^iro,,in Frieden-lassen,
zumal audr ohne sie dieser Texr uns weitreidrende Ausblid<e eröfinen
wird,
die bis auf den Trojanisdren Krieg zurü&gehen.
Hier die Entzifierung:
slia: Darin erkenne idr das albanisdre verbum shlrii, von dem die Ad-
jektiva sblkmä, shllisbäm,.gesalzen, mariniert" "salzen",
,i"a il'.-iäi), natür_
"r*.haben
lidr audr in der Bedeutung.lgewürzt, pikant". wir "üi.t"ir",
hier arso die r:,rarte indo-
germanisdre rl7urzel sal, sol, _Salz,,.
.-!ur.i:-:n:ptidrt genau dem albanisdren Verbum pt+rris, ,das Feuer anfadren.
(M. 409), das wir schon im_Zusam,menhang mit den Obli"#;h.t;;;
dem ehemaligen Flüter des Feuers, besprodien iraben.
iryr"rr.n,

Somit ist alles erklärt. rfenn wir die eruskische \(ortforge beibehalterg
ergibt sidr folgendes:
,,(Mit) Gesalzenen Flerkules fadrt an peleus!..
Freiliclr muß man das 'wort ,gesalzen" hier im Ablativ und Herkules
im
Akkusativ
_versrehen, was im Laieinisdren und in a"i s"t"-rp.J"n leidrt
wiedergegeben werden kann. Deutsch sieht dieser Sarz so aus:
,,Pelzus feuert Flerkules durch gesalzene (Geschidrten) an..
,,P1 j"
Herkules iTnac oder iähnah war, ließ ,i"h leidrt durd-r andere,
clre sdüauer ""
waren als er, aufstadreln oder beeinflussen.
t54 Die etrtskisdten Texte
'I7o
aber sind unsere ,,weiten Ausblid<e"?
Idr habe bereits slia erwähnt, diese ,,indogermanisdr,e Implantation" in
der etruskischen Spradre. Sie existiert nadl wie vor in unserer Küdre' Ver-
langen Sie dodr thli ,on unserem angenommenen albanisdren Gastwirt. Er
*irä lho"r, zwar kein Salz bringen (dinn dafür gibt es im modernen Alba-
nisdr einen anderen Ausdrud<), Jafür aber wird er Ihnen mit großer \[ahr-
s&einlid*eit mit kleinen Salzgurken aufwarten'

ü
Abb. 46. Peleus, d'et Anekd'otenerzähler

Jedodr...daistaudlsdronG'Meyer,derunstrodrendaraufhinweist'
ai;"fU*tA shöllii vomlateinisdren sali're ,,salzert"' kommt' - .
wären hier in einer unklaren Lage,- wenn uns nidrt Herr
'Wir Prof'
zu Hilfe
H. D. F. Kitto mit t"i;;]tü;i; ,,i;' cia'hen" (Artha'td- 1951)
Lehrreidres über die Be-
käme. Bei ihm lesen wir auf s. t3-14 etwas sehr 'worr war nidrt grie-
;;td;;; J"i cri.a.r, 1u a", Meerz thalassa. Dieses
(Jreinutohner' Als die Vor-
clrisclren Ursprungs, es stammte aus der Spradre der
^Grieäten
i"trr.., der-a"ri; zum erstenmal ans Meer kamen' fragten sie.erstaunt:
bedeutete
;,.{r";^irr i" a".-'sp."a" der ureinwohner Griedrenlands shöIlisböm
thalassa ,,gesalzenes \(;;;1 M"n kann darin das albanisdre
,,gesalzen" erkennen (M. 473)' Stammvolk'
Diese ureinwohner gehörten zum sogenannten,,pelasgis.dren".
.,r..*"ttdt war' Man sieht iehr leidrt ein' daß diese
das mit dem illyrisch.ri um
Leute keineswegs bis Aoirr.ten der Lateiner zu warten brauchten,
von diesen a", St"--Jo,
^-- t ttili, zu entlehnen. Sie hatten von diesem ,,Salz-
Mythologische Tbemen 155

'wasser" sdron seit Jahrhunderten gekostet, denn das Mittelmeer hatte sie bis
nadr Kreta, Agypten und Palästina getragen, und das sclon etliche Jahr-
hunderte vor der Entstehung Roms.
'$[as
idr soeben gesagt habe, soll nicht heißen, daß die Häufigkeit der Eigen-
namen in etruskisdren Texten geleugnet werden kann. Hier haben wir z. B.
eine andere mythologisdre Szene vor uns, bei der nur Eigennamen stehen.
Diese Zeidrnung auf einem Spiegel, die dem gleidren Geist, wie die voran-
gehenden entsprang, ist in doppeltem Sinne von Interesse: erstens, weil zwei
der angeführten Namen unklar sind und zweitens, weil hier eine bemerkens-
werte Frage, nämlidr die des etruskisdren Theaters, aufgeworfen wird.
Mit der Tafel CCCLXXUII (Bd. IV a) von Gerhard kommen wir auf
tnsere Sdtöne Helena zurüd<, die hier mit vollem, etruskisdrem Sdtwung dar-
gestellt ist (Abb. 47). Yh sehen 6 Personen, aber nur 5 Namen sind über
ihren Köpfen eingesdrrieben: Tevcrun, Irisis, Crisi@a, Menle, Turan.

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Abb.47. Die scböne Helena

Gerhard erkannte in dieser Szene ,,Menelaos vor seiner Abfahrt nadr


Kreta". Dieser König wird hier mit Menle bezeidrnet; Turan ist Aphrodite
und Tevcrun, ein sdröner Jüngling mit einer Lanze, ist Paris, der hier nadr
seinem Volk, den Teukrern, benannt ist. Die Namen Irisis und Crisi@a blei-
ben unklar. Da wir hier Paris und Menelaos beisammen sehen. handelt es
156 Die etraskisdten Texte

sidr also wohl um ihr erstes Zusammenrrefien. Um den Prinzen von Troja
für seinen goldenen Apfel zu belohnen, hat ihn Aphrodite nadr Sparta zu
König Menelaos geführr, wo er in den Besitz von dessen Gattin, der sdrönsren
Frau Griedrenlands, gelangen soll. Man muß also Helena in der jungen Frau
erkennen, die ansdreinend Menelaos in dem Augenblid< zurüdrhalten will, da
er sich ansd-rid<t, mit der Göttin zu spredren. Vielleidrr will er ihr sagen,
wie leid es ihm tue, seinen hohen Gasr für einige Zeir verlassen zu müssen,
weil eine dringende Angelegenheit ihn abberufe. Helena scheint mit Nadr-
druck darauf hinzuweisen, wie ungelegen diese Abreise sei, um so die Verant-
wortung für alle Folgen dieser Abwesenheit auf ihn abzuwälzen. Das Ko-
misd,e an der Situation liegt darin, daß Venus und Paris einen Blidr aus-
tausdren, der nt sagen sdreint: ,,'!üüeldr einmalige Gelegenheir!" Sie sted<en
eben unter einer Dedre. Das sind die !üTirkungen einer edrten Pantomime, die
wohl das etruskisdre Publikum sehr ergörzr haben.
Nebenbei erinnerte der Name Crisi@a Gerhard an einen Beinamen der
Aphrodite, chrysö,,,aus Gold"; wir kennen aber keinen derartigen Beinamen
für Helena. Möglidrerweise isr es Chryseia, eine Todrter der Thetis.

f-6

"$

Abb. 48. Abb. 4e.


Etruskiscbe Szene Etruskiscbe Karikatar

Idr stehe nidrt allein mit der Annahme, die etruskische Theaterkunst könne
sidr sehr wohl in der angewandten Kunst dieses Volkes widerspiegeln. Bei
der Besprechung des scihönen, mit der Abscliedsszene zwisdlen Alkestis und
ihrem Gatten Admet gesdrmückten und mit Voluten versehenen etruskisdren
Misclkruges bemerkt M. Beazley:
,,Lisky und L. Weber meinen, dieses Bild gebe eine ältere und einfadrere
Version dieser Gesdridrte wieder, als die Fassung des Euripides . . .
(Auf Grund einiger Details) fragte sidr Giglioli . . . ob dieses ganze Bild
nidrt von einer etruskisdren, dramatisdren Darstellung inspiriert sein könnte.
Gewiß nicht." (Etr.Vase Painting S. 134.)
Idr für meinen Teil neige, solange man über diese Sadre nidrt mehr weiß,
zu der Annahme Antonio Goris, eines der Väter der Etruskologie. Dieser
Autor veröffentlidrte 1737 in Florenz eine Sammlung gravierter Zeidrnungen
auf etruskisdren Spiegeln unter dem Namen Museum Etruscum. Drei davon
Mythologische Tbemen 157

sind auf der Tafel CLXXXVI seines \flerkes unter dem Titel: Histriones
mirni. Etruscde scaene zu sehen.
Meine Skizze (Abb. 48) stellt eine dieser Zeidrnungen dar. Es besteht kein
Zweifel, daß wir hier eine Theaterszene vor uns haben. Obwohl die Zeichnung
oberflädrlich ist, können wir dennodr die zwar sdrematisdre, aber elegante
Dekoration sowie zwei Personen ausnehmen, die ohne Masken und Kothurne
wie in einer Pantomime zu gestikulieren scheinen.
Die Ironie, mit der der etruskische Künstler häufig mythologisdre Themen
behandelt, artet manchmal in richtige Karikaturen aus. Einen Beweis dafür
lieferr die Tafel 704, 2 des Bdes. V von Gerhard (Abb. 49). Man sieht
darauf einen ziemlich derb aussehenden Helden in Gesellsdraft von drei ver-
hältnismäßig anständigen Frauen. Soll das vielleidrt das Urteil des Paris sein?
Gerhard sdrreibt:
,,Das . . . Bild . . . madrt den Eindrudr einer beabsidrtigten Parodie mit
Athene in der Mitte, in dem der Künstler diese durd'r die wenig dezente Ent-
blößung sicl als Jüngling entpuppen läßt. Er hat aber offenbar nur mit einer
ihm niclt verständlidren Darstellung, nidrt mit dem Mythos Sdrerz getrie-
ben." (S. 136.)

Abb. 50. Apollo stinmt zu

Idr hingegen glaube, daß der etruskisdre Künstler die Unschid<lidrkeit


gewisser klassiscler Sagen sehr wohl erkannte und daß sein Flausverstand
ihn manchmal dant veranlaßte, soldre Gesdridrten sarkastisdr zu behandeln;
vor allem in späterer Zeit, wo er in die römisdre Gleidrgültigkeit hinein-
gezogen wurde, die die Reste der alten Pietät zerstörte.
Das soll aber nicht heißen, daß diese Künstler unbedingt Zyniker waren.
Die mythologisdre Szene, mit der ich dieses Kapitel absdrließen mödrtq zeigt,
daß sie die Poesie, die von so vielen griechisdren Mythen ausgeht, sehr wohl
zu sdrätzen wußten. Idr spreche von der Tafel CXI (Bd. III) aus der
Sammlung von Gerhard, Man sieht darauf Apollo, gekennzeidrnet durch die
Kythara und den Schwan, der die Liebe zwisdren Turan (Venus) und
Adonis besdrürzt (Abb. 50). Nun wissen wir, daß Adonis jedes Jahr 6 Monate
in der Unterwelt verbringt. \üir sehen, weldr entsdreidende Rolle hier Apollo
spielt, denn nur im Frühling, wenn die Sonne zu herrsdren beginnt, darf
1

158 Die emtshisdten Texte

Turan Adonis in ihre Arme s&ließen. Neben Apollo liest man das Vo,rt
p*bisph (A). Das ist das albanis&e Verbum pohir ,,annehmen, zusrimmen.
({. ff+1. Das auslautende pb ist nidrts anderes als die albanis&e präpoeition
mbä,,,in", die zu bb ntsanwrengezogen wurde. F.s bedeutet also:,,Ii über-
einstimmung." Das Zusammentreffen der beiden Liebenden wurde also durdr
die Zustimmung Apolls ermöglidrt. s7ir verweisen nodrmals darauf, daß die
Präposition nadrgestellt ist.
x
ALLGEMEINE AUSDRÜCKE AUS
DER ETRUSKISCHEN RELIGION

Beginnen wir mit drei Glossen. Jede Religion drü&t sidr nadr außen hin durdr
gewisse Zeremonien (A) aus. Ernout sdrreibt:
'Wort caerimonia, dessen Diphthong ae so sonderbar
,,Das lateinisdre
ist und das weder die Lateiner nodr die Modernen passend erklären konnten,
könnte wohl vom etruskisdren caerirno abgeleitet sein (cf. lucumonius von
lucutno, Populonia, etc). Man muß darin vielleidrt den Prototyp der Bildun-
gen auf -monia, -moniurn sehen, die zunädrst in den Spradrgebraudr der Re-
figion (castimonia, matrimonium) oder in die juridisdre Fadrspradre (testimo-
nium, patrimonium) Eingang gefunden hatten." (1. c., S. 112.)
Dieses caerimo, das Ernout geahnt hat, findet im Albanisdten eine unbestreit-
bare Bestätigung, nämlich in dern Verbum kremtoi,,,feiern", von dem bteme,
,,Fest" und leremtim,,,Festlidrkeit" abgeleitet sind (M. 21a). Jokl hat sidr mit
diesem Verbum befaßt und Parallelen dazv im Altindisdren, im Altslawi-
sdren und sogar im Altisländisdren gefunden, die alle die Bedeutung ,,feiern,
verherrlidrenn h"b.n (1.c., S, 4O). Daz;o können wir nodr sagen, daß harirnrni
im Hettitisdren,,Tempel" bedeutet.
\Wenden wir uns nun einem anderen ererbten lfort aus derselben Liste
zu silicerniun,' dieses ist die Bezeidrnung für ein Mahl, das zu den Begräbnis-
riten gehört (und aus Salz, Linsen, Eiern usw. besteht)' Ernout bezeidtnet es
als ,,einen weiteren hoffnungslosen Fall aus der indogermanisdren Etymologie".
Nun, man kann die verlorene Hofinung wieder herstellen. Vom albanisdr-
illyrisdren Standpunkt aus gesehen zerfälk silicerniurn (A) in zwei Teile:
sillö: Minagessen (M. 450).
qerm: d,raußem (M. 415),
Es war also ,,ein draußen (eingenommenes) Mahl" zu Ehren des Versmr-
benen, das neben dem Grab serviert wurde. Die Gräber befanden sidr ja
außerhalb der Stadt. Bei den Etruskern lagen die Friedhöfe sogar in einer
gewissen Entfernung von der Stadt, in Tarquinia auf dem benadrbarten Hügel
Monterosi, in Caere zwei oder drei Kilometer abseits.
Bei der dritten Glosse geht es um heilige Büdrer der Etrusker, die Libri
Baccbetidis (B).O. Müller identifiziert sie mit den libri. fulgurales, die einer
sagenhaften, etruskisdren Nymphe, Begoö, zugesdrrieben werden, deren
Name später zu Bacchetis gräzisiert worden sein soll.
In Bacdtetid.rs erkennt man jedodr den albanisdren (veralteten!) Gat-
nrngsnamen bagöti,,,Tier, Vieh" (M. 1Z). Jokl reiht dieses rJfort in die Kate-
gorie der ,,ererbten" \flörter ein und bringt es mit dem altindisclen bhaga,
,,die Güter", in Verbindung. Idr glaube also, daß in diesen Büdrern von Tie-
ren die Rede war, die in diesem oder jenem Fall geopfert werden sollten
Ein solches Opfer mußte beispielsweise an einem vom Blitz getroffenen Ort
160 Die etrashisdten Texte

dargebracht werden; es isr also möglicl, daß diese Büdrer, in denen die Tiere
aufgezeidrnet waren, mit den libri fulguraler zusammenhingen.
Auf einer kleinen srarue, die eine Göttin (oder priesterln) mir zwei Sdrlan-
gen in Händen darsrellt, finden wir den Namen einer Götiin der unterwelt,
Bacchetis, in lateinisdren Budrstaben gesdrrieben (Gori, Museu,r, etruscttn ,
I', Tafel XIII, IrI). Das könnre hier verwirrung stiften. Da es jedocl ein spätes
Zeugnis ist, wollen wir uns davon nidrt aufhalten lassen, untersucl-,ungen'fort-
zusetzen.
, rüir gehen nun zu den in etrusleischen euellen erhaltenen kultischen Aus-
drüd<en über. Eine der sowohl in den AMB als audr auf dem Tonziegel aus
Capua,am h-äufigsten erwähnten Zeremonien ist oacl (A), aacil.
In den Elementi di lingaa etruscd (1936, s. 90) unterzieht M. pallottino die
versdriedenen Erklärungsvorsdrläge für dieses 'worr einer genauen prüfung:
Anrufung (Torp, Trombetti), Vorzeidren (Ribezzo), Opfergabe (Goldmani,
corssen), usw. Er hebt hervor, daß man vacl in den vorsdrriften für den
Kult versdriedener Gottheiten findet: oacl zu Ehren der @esan (Aurora),
oacl zu Ehren des Gottes veltha, der cullu, usw. sdrließlidr definiert dieser
Autor vacl als eine heilige Handlung, vielleidrt ,,Trankopfer... Meiner An-
sicht nadr kommr das der \Tahrheit sehr nahe, jedodr isi oacl die Bezeidr-
nung für einen weiteren Begrifi. Die Götternamen können diese Frage nidrt
entsdreiden, da man ja einer Gottheit viele Dinge weihen kann. Idr liätr midr
bei der Entzifferung dieses 'lTortes von einer atrderen Assoziation leiten, näm-
lidt.uon vacl lunasie (A), das auf dem Tonziegel aus Capua steht (p. 2, 5)
und in dem idr ohne Zögern das albanisdre Substantivum lojö, plu'al lojna,
,,Spiele, sportlidrer
'Wettbewerb" (M. 250)
erkannte. lunasie bedeuret also
,,Spiele; gefolgt von Spielen". Die Endung -sl'e entspridrt ganz einfadr dem
albanisdren -sb, der Endung des Genetivs und Ablativs im plural (2. B.:
nji sasi librash,,,eine Anzahl Büdrer", Mann, Gram. 5Z).
Man bemerkr soforq daß die oben für vacl vorgesdtlagenen Bedeutungen:
Anrufung, Vorzeicfien, Trankopfer, Kniefall (audr das wurde vorgesÄla-
gen), zu sclledrt zu lunasie, ,,Spiele" passen, um zusammen damit rr.-
hende Redewendung zu bilden. Hingegen wissen wir, daß es häuß.g "itt"
Toten-
gelage get'olgt oon Spielen, -von Gladiatorenkämpfen usw. gab, wie Homer
sie besdrreibt und wie wir sie auf den etruskisdren Fresken sehen. Poulsen
erwähnt z. B. die Chöre, Tänze, Turnspiele, Pferderennen und Regatren,
die bei königlidren Bestattungen in Zypern im IV. Jh. vor unserer Zeit-
redrnung stattfanden.
Nun finden wir diesen Begrifi Gelage (oder Mabl) im Albanisdren wieder,
vnd zwar in der Form oagjäloj, ,,sorgfälrig ernähren", mir einer moder-
nen Begriffsabwandlung: aagjö\, ,,Diät" (M. 543). vacl sdteint somit dem
griecJrisdren S ymp osion zu entspredren.
Nun ja, sicb näbren, aber zu welcher Tageszeir?
Um diese Frage zv beantworren und zugleidr die Etymologie von vacl
zu bestimmen, müssen wir zwischen zwei Möglidrkeiten wählen: entweder
wir ziehen das Litauisdre heran oder das Albanisdre. Im ersten Fall wäre die
Rede von eineno Abendessen, im anderen von einer Mahlzeit während des Tages.
Im Litauischen findet man nämlich das rü(/ort vahariene, ,,Nachtmahl", das
von aaharas,,,Abend" abgeleitet ist. Man kann darin das in allen slawisdren
Spradren vorkommende oetscher, oetsdtor,,,Abend" erkennen, vetscbera,
,,Nadrtmahl" usw.
Religion 16l
Das stimmt gut mit der römisdren Sitte überein, die Hauptmahlzeit am
Abend einzunehmen und mit der Tatsadrg daß wir auf den etruskisdlen
Fresken die Tafeln von Kandelabern beleudrtet sehen. Allerdings drang in das
Innere eines etruskisdren Hauses ebenso wie in das eines römisdren sehr wenig
Tageslidrr
Dodr spredren zwei Überlegungen zugunsten eines Mahles, das zu früherer
Stunde, während des Tages, abgehalten wurde:
a) die Tatsadre, daß lunasie, die Spiele und Rennen, nur am hellen Tage
stattfinden konnten;
b) das albanisdre Y/ort oagul, ,,das Morgengrauen" (M. 543), aber audr
,,der Vormittag", denn idr finde es in der Übersetzung des hl. Johannes wie'
der mbä tä vaglhnrär erdi pärsöri nd.ä hjeroref, ,,gleidr am Morgen ging
(VIII, 2).
er wieder in den Tempef'
Natürliö konnte eine ,,Morgenmahlzeit" mit der Zeit die Bedeutung ,,eine
am Morgen eingenommene Mahlzeit" verlieren, ebenso wie das französisdre
,,d€jeuner" (wörtl: ,,Entnüdrtern") nidrt sagen will, daß man bis Mittag fastet.
übrigens konnte die Stunde des feierlidren oacl zu Ehren der Gätter und der
Verstorbenen von der Stunde abweidren, nt der gewöhnlidre Bankette ange-
setzt wurden. Auf jeden Fall aber handelt es sidr um ein Bankett.
Sdrließlidr kann der Zusammenhang von vacl mit Essen durdr eine andere
in den AMB häufig aufsdreinende Wortverbindung bekräftigt werden: oacl
ara!. Es gibt im Etruskisdren wohl ein Verbum ar, und zwar in der Be-
deutung ,,machen", dessen Perfektw arce wir sdron erwähnt haben. Sollte
arai d,er Optativ sein, ,,du mögest madren"? Idr kann hier nur wieder-
holen, daß arai audr ein Genetiv des Substantivnms ara, ,,Altar", sein
könnte, das wir bereits kennen und das sowohl im Etruskisdren als audr im
Latein existiert. In diesem Falle wäre vacl ara! ,,ein Mahl bei einem Altar",
was mit folgender Bemerkung von Fustel de Coulanges in Einklang stünde:
,,Das Essen einer Speise, die auf einem Altar zubereitet wurde, war
allem Ansdrein nadr die erste Form, die der Mensdr einer religiösen F{and-
lung gab." (La Citö Antique, S. 179.)
So kommen wir zu einem weiteren wicltigen Ausdrudc aus dem religiösen
Sprachgebraudt: ara. \Vir haben ein ardräologisdres Dokument vor uns, das
geeignet ist, uns bei der Erklärung dieses \Tortes zu helfen: eine von S. Rein-
adr in seinem Röpertoire des oases peints grecs et ötrasques (1899, I, S. 276)
veröffentlidrte Zeidrnung (Abb. 51) (Fragment). Der Gelehrte kommentiert
sie folgendermaßen:
,,Läuterung des Orest in Delphi; redrts Apollo, der einen Zweig, eine Opfer-
sdrale und zwei Lorbeerblätter hält. . . Die Insdrrift auf dem Altar, auf den
sidr Orest geflücltet hat, dürfte apokryph sein. . ."
Diese Insdrrift lautet: ceaaroc (B). Apokryph? . . .
Iclr habe nur einen Sdrild, um mich gegen den drohenden Zeigefriger
des großen Arcläologen zu sdrützen: die Bemerkung Buffas bezüglidr einer
Inschrifq die verdäcbtig war, weil man sie nicht verstand. ceaarvc hat nidrt
weniger Sinn als jedes andere etruskisdre 'St'orr. '!(enn es audr nidrt die über
jeden Zweifel erhabene Klarheit von ip siune oder von miii me@urnt's oder
von hranhru aufzuweisen hat, so kann dodr seine allgemeine Bedeutung nidrt
angezweifelt werden, und idr bin nur über gewisse Einzelheiten im unklaren.
Hier meine überlegung:

11 Etrusker
162 Die etrushisdten Texte

a) ceaaroc tst ceaarac.


b'1 ceaaruc ist cea araIc.
c) cea ist vollkommen gleidrbedeutend mit cea in dern Fragment ced stttoe aus der
Insdrrift auf einer Totenurne P. 758, CII 2596, die eindeutig ist und die wir noö
später ibespredren werden. Diese beiden !0örter bedeuten .dieses Grab* und cea
folgli& "dieses'.
Man könnte audr an ceia aus den AMB, Kap. VII, denken, das ansdreinend
bedeutet; aber das ergäbe hier einen zu abstrakten Sinn. "rufe!'
aru. ist 'd,as hier wesentlidre Element: ar, rnit dem Artikel.
c ist gewöhnlidr die Konjunkrion ,undo, "Altar"
kann aber audr heißen oder
bedeuten.
"dies'
"audr"

Abb. 51. Orest an einem Altar

Der Satz bedeutet also nidrt: ,,Idr berufe midr auf diesen Altar!" sondern
vielmehr: ,,Auch dies ist ein Altar." Der Altar war ja ein Zuflu&tsort und
Orest wurde ja, nacldem er seine Mutter getötet hatte, von den Erinnyen,
den rächenden Furien, verfolgt. Sidr an den Altar des Tempels von Delphi
anzuklammern bedeutete ftir ihn die letzte Möglidrkeit, am Leben zu blei-
ben. Nadr Aschylos hatte sich Orest dort neben einen geheiligten, runden
Stein gesetzt. Er beeilte sidr also, seine Lage durdr eine formelle Erklärung
redrtsgültig zu machen: ,,Idr bin an einem Almr, niemand darf midr be-
rühren!"
Paris, dem Sohn des Priamos, erging es übrigens ebenso. Nadr Troja zurüch-
gekehrt, wurde er von seinen Brüdern nidrt wiedererkannt und sie wollten
ihn durdr Sdrwerthiebe töten. Er konnte ihnen nur entgehen, indem er zum
Altar des Zeus floh.
Es sei nodr bemerkt, daß der hier dargestellte Stein nidrt rund ist; der
etruskisdre Künstler hat Asdrylos nidrt gelesen.
Vom Begriff ,,Altar" gehen wir nun zum Begriff ,,Feuer" über. Dieses ge-
heiligte Element war die \tohnstätte des Schutzgeistes der Familiq wie wir
früher gesehen haben. Ein Altar ist im wesentlidren eine ,,Feuerstätte". Zwei
Religion 163

Gründe spredren dafür, daß im Etruskisdren die beiden Begriffe ,,Feuer" und
,,Altar" durdr dasselbe Stammwort ausgedrüd<t wurden: ar, ,,Feuer", und
ara,,,Altar".
1. Erstens findet man in einem etruskisdr-lareinisdren Bilinguum ein 'Wort
ar als ubersetzung von Rufus, ,,rotblond", mit anderen \(orten als Be-
zeidrnung für die Farbe des Feuers:
(P. 545, CIE 3023) d@ undta oarnal ar (B)
Mn Otacilius Rufus Varia natas
Hier die Erklärung, die Deedre dazu gibt (Etr. Forscb. und Stud., Y,
1883, S. 105):

a@ ist Arnth. In der übersetzung wurde jedodr dieser typisdr etruskisd-re Name
,durdr einen lateinisdren ersetzt: Manius.
unata wind, mit Otacilius wiedergegeben, man weiß nicht *arum.
oamal ist genau übersetzt: ,von Varia geboren'.
ar ist das einzige etruskisdre Wor6 das dem Namen (oder Beinamen) Rufus ent-
spredren, könnte. Rufus bedeutet .rotblonrd". Flier verliert sidr Deed<e in Ver-
mutungen. Es bleibt mir nidrts anderes übrig, als ar mit .rotblond" zu übersetzen.

2. Nadr Festus, einem lateinisöen Sdrriftsteller des II. bis III. Jh. n. Chr.,
hatte der etruskische Ausdrud< drseuerse die Bedeutung ,,das Feuer abwenden...
Festus erklärt dieses lflort folgendermaßen: drse, ,,abwertd.en" :und uerse,
,,Feuer". Diese Erklärung stützt sidr wahrsd-reinlidr auf eine alte Verwedrslung.
Meiner Meinung nach muß man diese beiden Vörter in umgekehrter Reihen-
folge erkläreni arse bedeutet ,,Feuer" und uerse (verse) ,,äbwenden". Flier
meine Gründe:
a) die \ü(urzel oert, vers gehört zum eigentlidren Grundstod< des Indo-
germanisdren. Wir finden sie nidrt nur im Lateinisdren (oerso, ,,umkehren..
und oerto, ,,drehen, abwenden") und im Slawisdren (oerteti), sondern audr
sdron bei den Indo-Iraniern des XVIIL Jh. die im Lande des
Mitanni als Ausbilder für Kriegswagenlenker tätig ". Chr.,
waren und die teraadl-
tanna fijr die ,,dreifadre'Wendung" sagten. Vartanna ist verto,
b) Das oskisch-umbrisdte uersus (R. von Planta, Grammatih der osk.-urnbr.
Dialelete, 1892, S. 590) und das iateinisch" ,rrruro,,,Stelle am Ende einer
Furd're, wo man wender", sind ganz eindeudg.
So wird uns von allen Seiten her bewiesen, daß uerse nichts anderes als
,rwenden, drehen" bedeutet; arse kann somit nur mehr ,,Feuer", ar, bedeuten
und die Endung -se wäre dem etruskisdren i zuzusdrreiben, das den Casus
obliquus angibt.
Als Aufsclrift auf Häusern solhe diese Formel wohl gegen Brand sdrützen
(Paoli, 1.c., 398).
'Was wissen wir über etruskisdre Opfer?
Nehmen wir das Täfeldren von Magliano zu Hilfe, auf dem wir das \ü(ort
yirn@, ,,hundert", gefunden haben. Unter den Opfern, die in glei&mäßigen
Zeitabständen dargebradrt werden sollen, ist dort ein soldres verzeichneg
das viermal jährlidr der Göttin Mlax@anra geweiht werden soll: (P. 359 b,
CIE 5237) menicac marcalurcac,
Beginnen wir mit dem zweiten Ausdrud<, der sich auf folgende \(eise ana-
lysieren läßt:
L64 Die etraskisdten Texte

marca (A) ist das altbanisdre tndraq, (M, 263).


l*r (A) ist das albanis&te lyrö, "Fett""Fenchel"
(M. 254).
ca: ein kleines, aber widrtiges Wort; es ist das albanisdre ca (tza), ,ein wenig"?

\7ir haben eine verfeinerte Speise vor uns, die in allen Tempeln des Alter-
tums geschätzt wurde: marcdlurcdc (B) ist ,,Fett mit ein wenig Fenchel".

Meine Interpretation von lur wftd, ,übrigenrs durdr eine Grabinsdrrift bestätig;t,
n2imlichdurdr die auf dem Sarkophag'des Lar@ Ale@nas, P. 172, CII 2058, weldre
(nadr C. Battisti, Studi Etrusdti, VII, S. 495) mit den Worten luri miace endet. Es
könnte die Bezeidrnung fi.ir die regelmäßig darzu ringenden Opfergaben seino die
,den Manen dieser Persönlidrkeit gebührten.
für ,Fett" wieder; miace ist njtdtts
In dern Vort luri erkennt man 'die Bezeidr'nung
anderes als mase, ,,Fleisdr", das wir im Kapitel' über rden' Markt gesehen lraben
(P. 381). misb, mase, miace entspredten vollkommen dem neuslawisdten miaso. Lari
miace, ,Fett. (und) Fleisdr',
Sdrließlidr 6nden wir eine weitere Erwäfirnung von Fett oder eines fetten Tieres,
das dem, Tinia geopfert werden, soll, auf dem Täfeldren von Magliano, P. 359 b,
und zwar in der Form lars@,

Sdrwieriger ist menicac zu erklärer. Vielleidrt haben wir dasselbe Stamm-


wort vor uns wie in dem 'Wort menaTe, das man auf vielen Opfergaben
ßndet, z. B. auf einer Kinderstatug die man der @ufl@a3 geweiht hatte:
alpan menaye (P. 652, CIE 446). alpan wird als ,,Gesdrenk, Opfergabe"
gedeutet, daher kann man in dem zweiten 'rüüort das dazugehörige Attribut
sehen. Eine Bürgerin @a(na) Cencnei, sdrenkte derselben Gottheit die Statuette
einer Göttin (oäer einer Frau) mit einem kurzen Gebet, das wir bereits bei
der Untersuchung des Namens @ufl@ai erwähnt haben: P. 447 luv luii ,,sieh
mein Gebet. . .'; die Insdrrift endet mit dem \ü7ort rnenaxzi. Läßt sidr ein
Zusammenhang zwisdren dem Element ,rrenax und dem albanisdren rnönoj,
,,aufsdrieben, abwenden" (M. 28t) finden?
]ü[ir kennen bereits zi,
,,sdrwarz; Elend, Übel, Unglüdc". Dann wäre also tnenayzi eine Anrufung:
,,Wende das Unglüdr ab!" Somit bedeutet das erste \(ort der Inschrift P. 359b,
menica(c),,,das Unglüd< abwendend" (fügen wir hinzu, daß die Etrusker glaub-
ten, man könne ein Übel durdr religiöse Handlungen awfschieben); mit anderen
'\üorten, man opferte der Mlax@anra Fett mit Fendrel, um sie günstig zu
stimmen. G. Meyer jedodr vermutet. in mänoi das lateinisdre t/rdnere' ',war-
ten" . . . Soll man nun in mena(y) eine Entlehnung aus dem Lateinischen
'Wurzel nen,
sehen oder vielleid'rt die indogermanische ,,mi1luLs, weniger" zur
Erklärung heranziehen, wodurdr rnenay die Bedeutung ,,verringern, kleiner
werden lassen" bekäme? Die Frage bleibt offen.
Man könnte nodr ein anderes Lieblingsgeridrt der etruskisdren Götter er-
wähnen. Das Folgende ist aber nur eine Hypothese: Auf dem Tonziegel von
Capua wird bei Erwähnung des geheiligten Mahles, oacil (äkere Form von
ooil, di" übrigens noc.lr besser zu dem albanisdren vagiel paßt), tule apirase
genannt (P. 2, 13). tule ist wahrsdreinlich das albanische tul, ,,zatt". Bezüg-
lid, apirote wenden wir uns an Deedre, der ein kurzes etruskisdr-lateinisdres
Bilinguum auf einem Knodrenschrein zitiert (Etr. Forsch. und Stud., Die Etr.
Bilinguen, S. 52). In diesem Text finden wir einen etruskisclen Namen,
hapirnal (von hapirna), der im Lateinischen mit nigri übersetzt ist (P' 455,
civ zzz1. bapirna war also Sdrwarze (oder Sdrwarzer). bapir könnte mit
Religion t65
apir äquivalent sein, denn das anlautende ä ist im Eruskisdren nebensädr-
lidr (cf. bercle und ercle usw.). tule apirase könnten also ,,zarte, sdlwarze
Lämmer" sein.
An sonstigen Opfertieren sei im Augenblidr nur eines genannr, das
aber sehr gewic}dg ist: der Stier. \(ir kennen ihn bereits: tr.rr, turina
(pelourinu). Auf dem Zippus'von Perugia sdreint der Stier jedocl unrer einem
viel weniger durdrsidrtigen Namen auf. Dieser könnte in einer rWortgruppe
sted<en, die mir viel Kopfzerbred-ren bereitete: intemarner (P. 570, 1. 18).
Man ist sidr darin einig, daß die Insdrrift auf dem Zippus, die hier oft
erwähnt wird, eine Art Vertrag zwisdren zwei Familien, den Afuna und den
Vel@ina, darstellt, in dem eine Aufreilung von Ländereien und eine Gruft
(spel-) erwähnt werden; diese Grabhöhle sdreint eine gemeinsame Begräbnis-
stätte zu sein.
Es fiel auf, daß keine Götternamen darauf angeführt werden. Ausdrü&e
wie @aura, ,rGrab", ara|, ,rLltar"?, @unxul@e (@un, ,rHaus; Grabhäus-
dren) lassen aber dodr auf einen Vorfahrenkult schließen. In regelmäßigen
Zeitabständen mußren bestimmte Zeremonien ausgeführt werden. Im Kapi-
tel XII werden wir sehea, wie der vorfahrenkult bei den Albanern weiterleLr.
Flier sei L. I{guzey zitiert. ,,Als ic} am Sonntagmorgen durdr einen cihrist-
lichen Gau Albaniens wanderte, wunderte idr midr, ,r.tt".-.g, Frauen beim
Kirdrgang zu trefien, die Körbe auf dem Kopf trugen, in denen \fleinkrüge,
Brot und versd'riedene Speisen waren: man erzählrc mir, dies sei das Essen
für die Toten, das sie auf den Friedhof zu den Gräbern ihrer verwandten
trugen" (Le sanctuaire de Baccbus, S. l7).
'\ü[as
will dieses internamer besagen? Meine Gedanken kreisten um dieses
'Wort, das so hochmütig klingt wie der
Name eines pharao. Es bradrte midr
derart aus der Fassung, daß i& nidrr einmal wagte, das so bekannte praefix
in davon loszulösen, das ,,dies, dieser" bedeutet. intemarner kam mir vor wie
ein steinerner Obelisk, glatr und stumpf, um den man lange herumgehen kann,
ohne daß er die geringste Reaktion ieigt. Eines Tages jädodr las id-r die al-
banisdre ubersetzung des Job, ein Gesdrenk, das ich von S. E. Mann erhalten
hatte. Dort fand idr einen Vers, der mir gleicl auffiel:
rnenni tasbi (per aetöbenöt' uaj) sbtatö dörna
,,nehmt jetzt. (f:dir eudr selbst) sieben Stiere., (Kap. 42, g)

- Diese 'ü(/orte begannen sidr zu bewegen und sidr wie in einem Kalei-
doskop zu fügen:

,,nehmt. . . Stiere"
merrni,,, dArna
d|rna . . . tnerrni
te7n4.., rlter
in tema.,, mer
,,diese Stiere nimm!"
Der obelisk sdrwand dahin. An seiner stelle ersdrienen drei rüförter, die sidr
auf Grund ihrer gefälligen Einfadrheit allen Anfängereruskologen b.rr"
empfehlen. Tatsädrlidr bedertet
-dön(a) im AlbanisÄen ,,Stier.."(M. "of,
7O); mar
ist marr (Imperativ: merr), ,,nehmen" (M. 264). Der zufall hatie es gewollt,
daß die beiden tü(/örter dieses Rätsels in einer'vorsclrift für ein opler
gekapselt waren, die im Budr Job vorkommr. "in-
166 Die etraskischen Texte

Ja, aber was hat dieses einzelne Opfer hier mitten unter den Klauseln eines
Vertrages zu bedeuten? 'Warum sdreinen die Verba ray oder ziy, ,,töten, er-
sdrlagen", nicht auf, die gewöhnlidr bei Bezeidrnungen von Sdrladrttieren ste-
hen? \üenn es sidr um ein Opfer handelt, wo ist dann vacl, d,as ,,Mahl"?
Denn eines steht fest: wenn die Erusker ihren Vorfahren einen Besudr ab-
statteten, so kehrten sie für gewöhnlidr nidrt nüdrtern heim. Sie hielten nichts
von langen Reden ohne Erfrisdrungen. Sie pflegten ihren Organismus, der
durdr die Unbilden des Klimas, das Übelwollen der Römer, die sizilianisdren
Piraten, die Konkurrenz der Karthager und die Vorliebe ihrer Frauen für
orientalisdren Sdrmuch ohnehin sdron auf harte Proben gestellt wurde.
Konnte das Mahl vollkommen unerwähnt bleiben? Jedodr war ja der Mit-
telpunkt dieses Banketts angegeben, nämlidr die Srclle, wo man die Trankopfer
auigießen mußte, tulara, der-Stein, der ebensogut ein Grab wie die Grenzen
einä h.iligen Ortes bezeichnen konnre. Tn Zelle 8 liest man: epl talara . ' .
epl . . . L"t t n Endes kann uns das zum lareinisdrefl epultrm,, ,,geheiligte-s
'Wörterbudr von Smith
Uafu.. führen, auf dasselbe epulwm, bei dem mein
und Hall (1910) zugibt: ,,Ecymologie unbekannt."
Daremberg sagt:"Offentlidres MahL bei dem ein Gott ein Trankopfer er-
hielt. Der ddyri." zufolge aßen die Leute von Pylos bei einem epulum in
Gruppen; jede Gruppe hatte nun Stiere geopfert. Döma! ' " Feierlidre
Mahlzeiten. Alles in \reiß gekleidet. Auf offänern Feuer gebratenes Fleisdr.
Ein epulurn fand nt ,r"rrdi"d.n.n Anlässen statt; besonders bei Begräb-
nissen, an denen die ganze Stadt teilnahm ' . . Da haben wir es!
Die Etymologie däs fraglidren Substantivs, das man meist mit dem larcini-
sdren op-i, ,,übärfluß", in beziehung bringt, erklärt sidr aus dem allgegenwärti-
g"r, Stä-**ort ep,,,geben". Der-Satz clen @un2ryl@e -fala's Tiern (Z' L2-
il; rdt"itrt g.t
"o"i
anzugeben, wo das Mahl stattfinden soll:

clen: ,seim' (cf. albanis& klenö).


O:o",äOi, ,U^i"; yoi iu, das at'anisdre ngnl, "aufstellen"; @anval,
@oo',
@e,,in". @unyil@e,,,in dem Mausoleum"'
"Mausoieu-';
von albanisdr balle, "Stirne"; 'auf 'der Stirnseite"'
fala!:
'piem:
vgl. das albanisdre Verbum hyi, .einttetet"(M' 16a); Ein-gang"?
"der
Älro, ,iir - in dem Mausoleum - auf der Stirnseite - Eingang''

Mitanderen Vorten: ,,Stattfinden im Mausoleum, dem Eingang gegenüber"'


Nun beginnt dieser juiidisdre Text aus Perugia ein. wenig von seiner Trok-
kenheit zti verlieren. öi" Afurr" und die Velöina sdreinen, obwohl sie redrt
f.i.i"fia gewesen sein müssen, einen Fonds zu stiften, der die Koslen für die
;;ä;hä Totenbankette in einer Art gemeinsamem Mausoleum
"bg"h"1r"r,"r,
decken soll.
'wortschatz der Religion stellte alle. anderen in
Ein Ausdruck aus dem
den schatten. Es war dies das vort Tempel. Die Festlegung der Grenzen
war daher zugleich ein-Ritus und eine !|Tissensdraft' Die
gü"rk., hab.r, ,rrm ein eindrud<svölles Bild einer solchen Feierlidrkeit hinter-
"ino-f.rnp.tbezirks
;";;;;i;ilid, -,rß man es zu deuren versrehen. Es handelt sidr um ein
Fr;G auf der reclten \fland der berühmten Tomba der Auguren, die mit
530 v. Chr. datierr wiid und die, wie wir sehen werden, nidrts anderes als die
aUgÄ",rrrg tr*ptui daistellen soll. Dieser Handlung der heiligen
"in",
C"äaarl. w"idmen ria äi" beiden Priester, die wir auf Abb. 52 sehen' (Nadr
,,La Peinture Etrusque",Einführung von P' Ducati,
1'943'Taf 'Y')
Rel,igion t67

Sie kehren einander den Rüd<en zu. Der redrtsstehende hält einen Lituus,
den gekrümmten Stab der Auguren, in der redrten Hand. Er trägt eine
sdrwarze Toga. Der linksstehende, in roter Toga, blid<t nadr der Seite zu einem
Knaben hin, der einen Klappstuhl trägt. Beide madren ungefähr die gleidre
Geste: sie beugen einen Arm und stredren den anderen vor. Über ihren Köpfen
steht bei jedem dasselbe'Wort: tenara@.

Dieses
ffi I

t
Abb. 52. Abgrenzung einer ,,heiligen Stätte"
'Wort erklärt natürlidr alles. Bevor idr es aber ,übersetze, will i& be-
merken, daß Poulsen in seiner sdron erwähnten, ausgezeichneten Srudie den
linksstehenden Auguren zu Unredrt für einen Zusdrauer hielt, der dem Knaben
deutet, ihm einen Stuhl zu bringen. Der redrtsstehende Mann ist bei diesem
Autor ,,offenkundig nidrt ein Augur, sondern ein Sdriedsrichter", teoara@,
der eine Ringkampfszene, die sich redrts vor ihm abspielt, überwadrt. P. Ducati
hat dieses Mißverständnis aufgegriffen und das Fresko in seinem Album
als ,,Ringkampfszene im Beisein des Agonotheten und eines Zusdrauers" be-
zeidrnet.
Doch weder Poulsen nodr Ducati hatten sich die Frage gestellt, warum der
Zusdrauer und der Sdriedsridrter mit demselben 'Wort, tevara@, bezeidrnet
werden. 'Warum sollte die linksstehende Person, die angeblidr einem Kna-
ben einen Befehl erteilt, in diesem AugenblicJ< eine so ausgeglichene Bewe'
gung machen, als ob sie rhythmische Gymnastik betreibe? Oder vielleidrt sind
diese tevara@.alle beide Schiedsrid-rter?
'!(enn dem so ist, warum wendet dann
der linke ,,Agonothet" den Kämpfern den Rüd<en zu? Glaubt er denn, er
könne sein Amt so leidrtnehmen?
Kurz, Luigi Dasti, der die Tomba der Auguren vor 80 Jahren besdrrieben
haq kam der 'Wahrheit schon näher. Er spridrt von der Person, die ,,einen
jener Stäbe hält, die den Auguren dazu dienten, am Himmel i.deale Einteilungen
168 Die etruskischen Texte

zu bestimmen und die Zukunft vorherzusehen". (Notizie storiche archeologiche


diTarquinia e Corneto, Rom, 1878, S. 348).
Dasti hat den Sdrlüssel zu dem Rätsel beinahe gefunden.
(P. 81, CIE 5331-2) teaara@ (A)
teoa: ist entweder das albanisdre daj, AoÄst daaa, ,,teilen" (M. 65) oder
das albaniscle thej, Aortst theva, ,,zerbredren" (M. 534).
ra@: albanisdr radbö,,,Linie, Ordnung", ein \7ort, das Flammarström ein
für allemal für die etruskisdre Spradre festgelegt hat.
Also: ,,teilt die Linien", und zwar wird das von jedem der beiden Auguren
gesagt. Und die Szene daneben, ein Ringkampf, hat nidrts mit diesen geheilig-
ten Geometern zu tun.
Die Sucl-re nadr ,,idealen Einteilungen" führt uns geradewegs zu einem der
Kernprobleme der etruskisdren Kulrur, Religion und Lebensauffassung. \üfie
Guhl und Koner bereits gesagt haben, ging es darum, ein ,,Observatorium"
einzuridrten, wo man den tü(/illen der Götter erfahren konnte. Man sonderte
eine Fläche von ihrer profanen Umgebung ab, indem man ein Quadrat
zeidrnete, das durch zwei Mittellinien geteilt wurde, von denen eine von Nor-
den nadr Süden und die andere von 'Westen nadr Osten ging. In den Sdrnitt-
punkt dieser Linien stellte sidr der Beobadrter. Die vier Teile des Quadrats
wurden nun ihrerseits unterteilt und jeder Abschnitt unter die Obhut eines
bestimmten Gottes gestellt. Das war sozusagen das Spiegelbild des Himmels,
der auf dieselbe \ü'eise abgeteilt wurde. Man konnte beobadrten, über weldrem
Teil sidr ein Vorzeid'ren zeigte und konnte danach bestimmen, von weldrem
Gott es gesandt war. In jedem Fall konnte man einen ,,verantwortlidren" Gott
sudren, so wie wir im Telephonbudr eine Nummer nachsdrlagen. In diese
spezielle Form goß die etruskisdre Kultur eine universelle Idee, die so alt
ist wie die \7elt: das Bedürfnis, den l7illen der Götter zu ergründen.
Dieses System der Verbindung mit den Göttern hatte den Nadrteil, daß
man nidrt bei einem Irrtum höflidl
- wie etwa
darauf aufmerksam
heute beim Telephon
gemadrt wurde und auf die - Auskunftsstelle * bei den
Etruskern müßte das die Bronzeleber von Piacenza sein verwiesen wurde;
im Gegenteil: wenn der Gesprädrspartner im unredrten- Augenblick gestört
wurde, konnte er mit einem Donnersdrlag antworten.
Dennodr war die ,,Quadrierung" des etruskisdren Himmels eine einzig-
artige Neuerung. Die Etrusker wagten es, den Himmel der Erde näher zu
bringen. Sie haben die beiden sozusagen auf ein gerneinsarnes Ma$ gebracht.
Sie haben die erste Verbindung zu diesem blauen oder dunklen Abgrund hin
gesdraffen, der von drohenden und unverständlichen Gewalten bewohnt war,
indem sie die lfissensdraft, die Logik, die Beredrnung als Brücle benützten
und diese als Vervollständigung der Gebete und Opfer in ihr kultisdres Leben
einbezogen.
Idr spredre niciht vom griedrischen Himmel, der von Landedelleuten be-
wohn! war, großen Damenfreunden, Trinkern und \üitzbolden, die streit-
sücltig und nadrträgerisch und gerne bei einem Gastmahl dabei waren' aber
sidr audr in die irdischen Streitigkeiten einmisdrten. \7as aber hätte eine
biblisdre Persönliclkeit zu der Kühnheit der Etrusker gesagt? Hat nicht Jere-
mias ironisdr bemerkt: ,,'!?enn der Himmel gemessen werden könnte . . ."
(37,36). Hat nidrt der Psalmist ausgerufen: ,,Die Flimmel rühmen des Ewigen
Ehre!" Beide wären gewiß entrüstet gewesen. Kann man denn messen'
Religion 169

was man nur bewundern darf? Sie hätten sidrer gesagt: ,,Mit einer Elle
in der Hand wagst du, daherzukommen wie ein Sdrneider, der einem Kun-
den Maß nehmen will?"
Die Etrusker sranden weir unter dem moralisdren Niveau der propheten.
Der Imperativ der Geredrtigkeit war bei ihnen in die unterwelt veibannr.
Dort madrte Hades seine Abredrnung mit den zahlungsunfähigen Sdruldnern,
die ganz zerknirsdrr vor ihn hintraten.
Das heißt nicht, daß die Etrusker kein lebendiges religiöses Gefühl hatten.
Gerade die Kürze der toskanisdren votivinsdrrifren beweist die Kraft und die
Aufridrtigkeir ihrer Anrufungen: ,,Der Juno-Murrer.. oder ,,Erhöre mein Ge-
bet!"
\Vie alle Götter waren audr, die der Errusker mehr als einfadre Abbilder
ihrer Anbeter. Jeder Mensdr trägt in seinem Herzen das heilsame Bedürfnis
nadt ldealisierung eines rü(/esens seiner \fahl, sonst würde das Leben zu einem
Dieser
9i."::. -Kunsrgriff gestatter es ihm übrigens, seinem Beitrag an rar-
kräftigem Idealismus auszuweidren. Audr die Eirusker müssen sicfi- wie alle
anderen völker ihre Götter besser vorgestellt haben, als sie selbst waren, und
sidr ihnen zugewandt haben, um von ihnen zusätzlidre Kraft, Klugheir, Groß-
mut und gewiß audr Geredrtigkeit zu gewinnen. Man sagE da( wenn die
Dreied<e einen Gott hätten, dieser ein Dreied< sein müßte; dod-r sdrien mir
dieser Aphorismus immer schon erwas pessimistisdr 2,., ,ein, \ü7enn die Drei-
edre sidr einen Gott auswählen könnten,io wäre dieser gewiß ein Kreis. Einige
_sicherlidr gur. Aber ebenso *i. itr Ägypten waren
Götter der Etrusker waren
audr in Etrurien die Vorstellungen von Geredrtigkeit und Brtide"riichkeit nodr
nidrt genug ausgereift, um sidr durdrzusetzen.
. -Die Etrusker, ein junges volk mit frisdrer Seele, waren nod.r nicht in tausend-
jährigen Traditionen erstarrt. Daher gaben sie ihrem wadren Gefühl
der All-
gewalt des Göttlichen einen neuen klJren und versrändlichen, man könnte sa-
gen ,,modernisierten" Ausdrucl<. Außerdem stellen sie, die aus dem Bronzezeit-
alter hervorge.gangen sind, den übergang der alten Kultur zu der des römisdren
Italien dar. übrigens sollte bald ein genialer Griedre aus Alexandrien, Era-
tosthenes, darangehea, die Erde nadr dem Sonnenstand und der Sd.rattenlänge
zu vermessen, geradeso, als ob es sidr um einen großen Beleudrtungskörpär
über einem Smdion handelte.
\fie dem audr sei, die Handlung der ,,Teilung der Linien.. war bei den
Etruskern ein geheiligter Rirus, ebenso heilig wie das tenplum, das ja das
Ergebnis war. \(oher aber kam dieser lateiniscle Begriff d,es templun, Beob-
adrtungsfeld für die Auguren und Tempel? Dieses Subsrantiv, sagen Guhl
und Koner, ,,isr von einem alten italisdren Stammwort hergeleirei dal mit dem
des griedrisdren verbums tennein (sdrneiden, abg.enzei; identisch ist . . ...
(Das antihe Leben, Rom,
.185 s. 7). zu unserer ü1".rrrcfinng finden wir in
diesem 'w'ort ,,sdrneiden, abgrenzen", einen !üiderhall, *.rrn ,rühr eine gerreue
übersetzung unseres te'ara@. Dieses wäre also der eigentlidre Urspru-ng des
römisdren templum.
Bei einem etruskisdren Tempel konnre sich aucl ein Graben befinden,
der ein Eingang zur {Jnrerwelt betrac}rtet wurde und für die opfergaben
.als
bestimmr war. Die Etrusker und die Römer nannren ihn mund,us. Iiie *uh..
Bedeutung dieser Bezeidrny!.$^(d1e zufällig mit tnundus, ,,'weh" gleichlautet)
erklärt sidr vielleidrt mit Hilfe des albanisdren mand.,,,5.h-.',"qual.. (M.
298). Das kommt der vorstellung der Etrusker vom Jenseits ziemiid. nate.
t70 Die etruskhdten Texte
'Wir werden dieses mund in der Form rnu@ im Kapitel über die Agramer
Mumienbinden wiederfinden.
Um einen Tempel abzugrenzert, mußte man sidr nadr der Sonne ridrten. '$[ort
Diese heißt im Etruskisdren usil (B). Man hat festgestellt, daß dieses
mehreren italisdren Völkern gemeinsam ist ausel, bei den Sabinern, ausar
bei den Samnitern.
Am Rande sei bemerkt, daß ,,sidr drehen" im Albanisdren sillem (M. 450)
heißt. cimodrowsky erwähnt den negativen Imperativ dieses verbums:
rnos usillni,,,dreht eucl nicht :um!" rnos usiell, ,dreh didr nid-rt um!"
Gehen wir nun zu einer anderen Bezeidrnung des Heiligtums im Etrus-
kisdren über. Im Lateinisdren gibt es das vort aedes,,,Tempel, FIäus, 7jmff1s1".
Dieses \üort steht also dem etruskisdren' e@,,,Fleiligtum, Gebäude" sehr nahe'
Herbig übersetzte anu eithi mir ,,in dem Tempel des Janus". Meiner Ansidrt
nadr bestätigen folgende Gründe die Richtigkeit dieser Gleidrsetzung:
a) Auf där Starue einer Göttin im Museum von Florenz liest man:
(P.739, CIE 301) larce lecni turce fleres u@urlanuei@i' (A)

larce lecni: Vor- und Zrname,


turce: hat gewiidmet.
feres: (dieses) Exvoto.
'a@urlisr,
'S.rrn'd, Bogg., der
Genetiv des Namens lder Gättin IJturna (Etr' Forsch. n.
Stacl., lY, +f). Oä diese eine Wassergörtin war, kann' idr darin das albanisdre
nje, wledererkennen, von dem-z jetore, .ein Vasserbe&en" (M. 539) ab-
"10aisef
geleitet ist.
" ono, Ano, göttlidres Paar: Juturna und
Janus. Das Heiligtum beherbergte also ein
Anderi wäre es kaum begreiflidr, denl Janus war der Gatte der Juturna.
Janus,
ei@i wurde von Bugge und Fauli fälsdrlidr als Demonstrativpronomen- gedeutet.
Um dieses \[ort miitem lateinisdren aed.es gleicltsetzen zu können, nehmen wir
d", elb"rir.he zu Flilfe, wo wir aiet trld bajat in der Bedeutung ,vor_raum, vor-
il,;;;i;";-Ei"fri.a"ng versehener Hof" finden (M. -3_und 152). 1yir können hier
niöt'
il ü;; ;i;;; ;iÄ"; e@", d. h. eines ,Heilistums' verfolgen', 'denn idr glaube
es die Etrusker waren, Stein'blö&e her-
und Eidren'balken
.daß ,o fro-,rrre Leute, wie
zu
b.ig.rd.l.ppt hatten, einzig und allein, um damit ein Demonstrativpronomen
konstruieren.

Somit: ,,Larce Lecni hat (dieses) Exvoto im Tempel der Juturna und des

Janus dargebradrt."
b) In d"erudron erwähnren Insdrrift P. 359b, wo davon die Rede ist, daß
opfern müsse, steht:
-an eirrer gewissen Göttin mit Fenchel gewürztes Fett
,@ ,u@io.Das soll also ,,im Heiligtum der Stadt" gesdrehen'
Außerdem finden wii in den insdrriften P. 1OO und P. 619 den Ausdrud<
eio t'anu; fanu ist nichts anderes als das albanisdre banö, ,,vohnstätte"
irr.l. isr. d", *ir sdron in der Gesdridrte mit der Tatbe (tifanati) kennen'
;;i;r;;'t"b.;. ,;o fo"" bedeutet ungefähr ,,geheiligter Aufenthaltsort". Jokl
?";;;;ü;;-"rl""ita. bane, banoi,",,'wohnsiätte, wohnen"' mit dem gleidr-
u"a.rrr."d"" indischen bheaa, bba\anam. corssen sclrieb indes dem \[ort
die Identität dieses'wortes mit
fanw dieBedeutung,,Grabstärte" zu und hob
den
ä"- Uta"ira"n firi*,,,Tempel,'Et,., Göttern der Unterwelt geweihrer Ort",
i"t"", fütu di, spriri, dä, I' 449)' So bilden also ar' e@' fanu
n.iir. von religiäsen Ausdrüdren, die im Etruskisdren und im Lateinisdren
"irr.
gleidrerweise bestanden.
Rel,igion 17l
Im Zusammenhang mit e@ fanu wollen wir nun eine inreressante Inschrifr
urtersudren, an deren Ende das Yott lana aufsdreint, und zwar in verän-
derter Form, als fa,e, genauer gesagg als pba,e, das bbave zu lesen ist.
'wort klingt erstaunli& ähnlidr dem von
D-ieses
Jokl zitierten indisdren
bhavanam. Der Text isr ebenso fesselnd wie entm,itigend. Er ist voll Be-
wegung.' und man glaubt darin den Lärm der Flämmer und sägen zu verneh-
men, die von muskulösen Armen gehandhabt werden. Man v'ermeinr, errus-
kisdre Bauleure zu sehen, die didre Steinplatten und Baumstämme beför-
dern, um daraus ein Heiligtum zu erridrän, das ihres Eifers würdig sein
soll. Dodr für weldre Gotrheit? rflo? Diese Details und nodr viele andere sind
uns verborgen,
Den größten Teil dieser auf einer Bleitafel gravierten Insdrrifr von Vol-
terra stellt die Lisre der großzügigen Stifter dai (es sind rund zwanzig, eine
richdge Genossensdraft). Einige Buchsraben fehlen. Später hat man in diese
Liste einige !trförter und Sätze eingefügt. In mehreren Fällen weiß man nicht
redrt, ob man es mir Eigennam.tt od-"r niit Baumaterial zu tun hat. M. pallottino
fügt zu dieser Insdrrift eine strenge varnung hinzu (p. 407, crl 52a):
legendi ratio dilficitlima apparet"propter ,rriptorr* )egtigeniloi, ad.iecta
ac interpolata vocabula, obscurum versni* ordinem.
Dodr genügen gewisse Fragmente dieses Textes, um uns mit konkreten und
genauen_,Dingen zu überhäufen und uns den ganzen lü(/err dieses
Dokumenres
verständlic} zu madren.
Der Text läßt sidr in zwei reile teilen: a) und b). Zunädrst kann man eine
Reihe von Eigennamen lesen. Dann folgen die Zeilei tt-t+:
cure malaoe laristna v e@a putdce zö i ,op
fuluna (p)utace
cure rnalaoe ist auf keinen Fall der Name-eines Stiiäs!
..cure_(A) ist gur,,,Stein", im Albanisdren, einer der Grundsteine, auf denen
diese Entzifierung aufgebaut ist, ein ebenso unersdrütterlidres lxrort
q(ntc, treta oder so viele andere.
i,i" pooo,

Dieses 'wort ist durdr das polnisdre ylort g6ra (li.* gura), das russisdre
gora ,,Berg" mit der indogermanisdren Familie-genügend -rr.rburrd"rr,
obwohl
G. Meyer diesen vergleidr ausgesdralret hat; gai ist-zugleidr ein aliimlisdres
'wort, denn man trifft es in einer
samnitisdren Insclriit (d. h. in oskisc]rer
spradre) wieder, die c. D. Bud< unrersudrt hat. Es ist ein köstlidres s,üd<:
ein Zwiegesprädr, das auf einem Gesclroß, einem ovalen stein, gesdrrieben
steht. Bud< stellt es folgendermaßen dar:
1. pis tu quis tu?
2. iiu kuru ... glans (Eidrel)
3. puiiu baiteis cuia? Baeti
4. Aadiieis Aiifineiis Adii Aedini
Und Bud< beklagte si& (im Jahre 1905): ,,iiu ist ganz unversdndlich
unc von kuru ßt keine. etymologisdre Zugehörigkeir bekannt.. (Elernentar-
buch der osco-(Jmbr. Dial., s. tit. tvterkä wir hier ;; i"ri-i- atr-
indisdren gwrw,rsdtwer'. bedeutet). "".h
_ so bringt man also ein kleines osko-errusko-illyro-albano-indogermanisdres
r7ort in verdacht! u* z! ertragen, mußre äs fürwahr srcii, ,.on. grru
.d1-r
bedeutet tatsädrlidr ,,Stein". rn iiu lJanÄ man hier
u, ,,idf'_verkennen (M. 532).. Derselbe lapidare Dialoi
""-tiglid, J;,
*"rJ" "b".,;rdr.
;.a.a i"
neuerer zeit von M. Pisani wieder uo.g"r,o''*"rr, Er Äadrte
einen sdrritt
vorwärrs und stellte ihn folgendermaßen där:
t72 Die etruskischen Texte

1. pis tiu wer bist du?


2. iiu kuru idr bin eine Eidrel (eine Kugel)
3. puiiuu baiteis Von wem kommst du? (er hält das zweite
\flort für das lateinisdre oadis)
4. A. A. von A. A.

Dodr flößte das '$[ort kuru Pisani Zweifel ein. Er verglidr es mit dem
Sanskritwort carus, ,,Speer" und mit dem sabinisdren curis, ,,Lanze". Aber
warum dadrte er nicht zuerst an das Albanisdre, einen engeren Nadrbarn als
das Sanskrit? \üäre es nidrt logisdr gewesen, siö zu fragen, in welcher Spradre
es ein 'Wort gur gebe, weldres ,,Kugel, Geschoß" oder etwas Ähnlidres be-
deutet?... Vielleidrt hätte man jenen Stein gefunden, der uns an den Psalmen-
vers erinnert: ,rDer Stein, den die Baulzute verwarfen, ist zum Ed<stein ge-
worden."
Folgende übersetzung drängt sidr auf (A):
1. \üüer bist du? 2. Idr bin Stein (Kann ein ehrlidrer Stein anders antworten?).
3. Von weldrer Sdrleuder (genauer: von wessen Sdrleuder?, denn albanisdr
bajzä bedewet,,Schleuder", M. 77). 4. von A. A'
Budr hatte ass bai,teis einen dritten Namen für den Schleuderer gemadrt.
M. Pisani hat mit diesem Luxus mit Redrt Sdrluß gemadrt. Dieser Soldat
wird sidr wohl mit zwei Namen begnügen. Wenn er audr Dialoge kritzeln
kann, muß er sidr deshalb nodr nidrt für einen Plautus halten.
Um diesen kleinen Absredrer in die Mineralogie würdig zu beenden, zitieren
wir nodr einen Satz aus der albanisdren Übersetzung des Alten Testaments,
nämlidr aus dem Exodus, XIV, 4. Moses spricht mit dem Flerrn und beridr-
rct ihm über das ,,Murren" im Volke, das inmitten der rü/üste Durst leidet,
da es kein \Tasser hatt ianö Sdti tö rnö vrasönö me gwri, ,,(sie) sind
bereit, midr mit Steinen töter,.', oder, wenn man will: ,,nodl ein
\[eilc]ren, und sie werden ^t
midr steinigen". 'wir finden in diesem sarz zwei
etruskisdre \(örter: das Verbum ords' das wir sdron von den In-
',töten",
sclrriften auf Geschossen her kennen, sowie das Y|ort gar, mit dem wir uns
soeben beschäftigen. So haben wir oft im alltäglidren Albanisdren etruskisdre
'Wörter.

malage (A) kennen wir sdron von der "sdrlangenbesdrwörung"; es bedeutet: ,,der
\Wo.rt mal ist. Buonamici
Berge., Vir'haben sdron hervorgehoben, wie widrtig das
.r*ährr, einen, etruskischen König Maleos, der der Sage nach die Trompete erfunden
haben soll, sowie den Berg Malea usw.
Im albanisch-russisdren \förterbudr von Kostallari findet man auf Seite 471 die
Deklination des Substantivs mal im Plural (ohne bestirnmten Artikel)'
Nom. male
Gen. malerse (statt etruskisdr malaoe!)
Dat.
Akk. male
Abl' malesh

So haben also die bewußten Stifter dem künftigen Heiligtum cure tnalyve'
,,Steine aus den Bergen" (,,Marmor"?) beschafft. Allmählidr wird
man von dem
i,ieidrrum der etruskisdren Grammatik geblendet. Diese dürfte die kleinen etrus-
kischen Gymnasiasren einige Mühe gekoster haben. Allerdings ,wurden die
Züdrtigungen von Flötenspiel begleiter; ob aber die sdrüler diese Gegen-
Religion 173

leistung als angemessen betradrteten, darüber sind wir nidrt genügend unter-
ridrtet.
laristna (A): ein Substantiv?... Venn wir sdron Baumaterial zu unserer Verfügung
haben, dann soll es audr von der besten Qualität sein. \fir kennen ereits das Verbum
laroj. Es hat zwei Bedeutungen: ,polieren" und ,marmorieren, schattieren" (M. 237).
Tatsädrlidr bekommt der Marmor durdr das Polieren eine bestimmte Sdrattierung oder
Farbe, larisk sdrließlidr bedzutet ,gemasert' (ib.), Dadurdr erhalten' wir für die Fas-
sade einige Platten in sdrimmernden Farben. Maladrite? Die würden den Giebel' des
Heiligtums sehr reiztoll ges'talten. Tna wd tene auf al,banisdr, (Plur.) irn Akku-
"sie"
sativ (M. 5,12).
e@a: e@, aedes, ,Tempel" usw.
o ist vielleidrt ein z, das die Passivform anzeigt und zum folgenden '!üort gehört?
p,ttdce (A) ist gleidrzuserzen mit puts (AMB, XII,6 unld P. 137), ptttzs (P, 133)
r;;nd pn@ce (iutu pu@ce) aus P. 188; es ist das Perfektum des albanisdren, Verbums
?athis, .angleidren, befestigen" (M. 410); im Eruskisdren mit großer Vahrsdreinlid.r-
keit ,Ist erbaut worden"?
"erbauen".
zo i: sind das zwei !üförter oder ist es nur eines? Eine sdrwierige Frage. Soll man
an das albanis&e zöjä (veraltet), .Dame, Flerrin", denken, das von zönjö kommt, d.as
seinerseits wieder von zdtnje abgeleitet ist, weldres sdrließlidr selbst von z6t .Gott,
Herr", stammt? (M. 583). Mann führt eine interessante Redewendung an, die gewiß
ein Vidernhall vergangener Zeiten ist: Zoja e Dheat, der Erde". Haben, wir
hier eine Gottheit vor uns, der dieses Gebäude geweiht"Göttin
wurde? Das würde zwar sehr
gut hierher passen, ist aber leider redrt unwahrsdreinlidr. Das Attribut zot dürfte sonst
im Etruskisdren neben keinem Götternamen stehen. In einem einzigen Fall wäre es
nidr,t unrnöglidr, daß dieses Stammwort aufsd-reint, und zwar am Ende des Satzes:
dra rdtt'tn aisna leinum za(9eva (AMB, X, 20), dessen Sinn reidrlidr dunkel bleibt.
Die Virklidrkeit ist wahrsdreinlidr besdreidener; zo i könnte zui seine das hier an
Stelle des ,gewöhnlidren @wi, Oa,
"hier', steht. z and @ können mandrmal ver-
tausdrt werden, vgl. ravn@u und raontza; verrnerken wir audr das Wort zauri a'ts
delbemerkenswerten InsdrriftP,498, CIE 1546, von der später 'die Rede sein wird;
dieses Wort dirfte @auri bedeuten, das mit @aura ,Grab im, Zusammenhang steht.
cap: onehmen, ergreifen"; wir kennen es bereits aus dem Kapitel über die Sdrenke.
fulana patace.' das zqleite lVort zeigt an, daß fulwna kein Eigenname ist, sonrdern
eher die Bezeidrnung für ein Baum,aterial. Dafür spridrt audr der Zusammenhang, in
,dem dieses !üort in der zweiten Hälfte derselben Insdrrift vorkornmt: dcd.? fr4land.
mdztrtit4. Acap hängt gewiß rnit dem Verbum cap, .nehmen', zusammen. mdztttiu ist
nur eine kleine Verkleidung des Yortes matu, das mit dem albanisdren madb
"groß",
gleidr ist und das wir bereits kennen (matu manimeri, in ,,Die Familie"). Diese f ulwna
waren also groß oder sogar sehr groß. Unter diesen Umständen sehe idt h fulana
Balken, Bäume aus dem Wald, Baumstämme, wie es dem albanisdren pyll,
"\Xlald,
entspredren wiJ'rde, pyll,inö, ,,ein \fälddren", pyllnaje, ,,bewaldetes Land, \fald"
(M. 410-411). Zwar bringt G. Meyer pyll mit lateinisch palus, .Teidt", ,,Sum,pf" in
Verbindung (1. c., 360), es sin'd aber die beiden Begri{fe ,,Sumpf" unid ,IVald" nicht
ganz identisdr; außendem gab es auf der Insel Lesbos einen Berg mit einem pelas-
gisdren Namen, Pulaion (von Hahn, II, S. 237). Einen ,Sumpfberg" kann man sich
jedodr schwer vorstellen; ein ,Valdberg" wäre sdron eher auszudenken. Es gibt noch
eine andere Mögli&keit: fuluna,,,Einfriedung"; cf. albanisdr tnbyll, ,,sdäeße{'.

Man fühlt siü glücklidl, diesen nebelhaften Begriffen zu enrgehen und sidr an
etwas Sidreres anklammern zu können, das so solid ist wie die gure rndleve,
seien sie nun gemasert oder bloß poliert.
Nun kommen wir zu dem zweiten Strandgut, das wir aus diesem epi-
graphisdren Sdriffbrudr gerettet haben . . . Doö weldr ein Strandgut! '\ü(ir wer-
den darin den Ausdrud< t'ave, ,r\lohnstätte", finden, das Äquivalent des ge-
174 Die etruskisdten Texte

bräu&lidren etruskisd,en fanu., d,as von Jokl sehr gut erklärt wurde. somit
wird eine kräftige Formel den ganzen sinn der Insdrrift zusammenfassen, ihr
le*lq und lüeite geben und uns dafür entsd-rädigen, daß wir so lange im
Sumpf der Mutmaßungen herumplanschen mußten.
Zunädrst sei bemerkt, daß der Teil b) der Insdrrift ebenfalls größrenteils
aus Namen von Stiftern besteht. Dodr sind einige Fadrausdrüdre eingesdral-
tetz lar@u fuluna,,,hohe Stämme" oder ,,lange Balken". Flier nun die letzten
Zeilen (12-13) dieser Inschrift:

fave setra fvi @uica faimo lar@u paco


Madren wir zunädrst eine Bilanz der bekannten und der unbekannten Ele-
mente:

-fave (A-): ha en wir bereits gesehen5 lateinisdr fanum, etrusktsdt lana (bbanw),
albanisdr bane,,,rWohnstätte, Heiligtum".
setra (A): wir kommen auf das \(ort f. si@rals aus,der Tomba Golini zurüdr: ,,mit
'!üür'de"; es ist
das albanisdre sedör, ,rwiürde" (M, 447). Hier: ,würdig..
foi: ?
@ulca (A): ein worr, das das ganze Fragment erhellt. Es ist das albanisd-re dusbkn,
"die
Eiüe" (M. 87). Idr habe dieses \üüort weiter oben zitiert, oürne seine weitere Kar-
riere zu erwähnen. Diesen kleinen Mad-riavellismus gebe idr gerne zu.
foimv: ? Der Form nadr ist es ein Verbum im Präsens, ersre Person, plural. Vgl.
albanisdr dalem, ,wir gehen hinaus" und ,,gehen wir hinaus!"
lar@u: .hodt*,
pdca: pdc,4. Dasselbe Wort 6nden wir in P. 2, 26. lst es vielleidr,t das albanisdre
pabö, ,,selten", vom lateinisdren pa*cus? ,Von seltener Höhe"? Oder ist es der Name
des Gottes Bacd-lus, der audr faca paXa genannr wir.d? Larch könnte neben einem
Götternamen stehen; cf. Larth VelXanu, den wir bereits kennen,
,Dem großen, Bacchus"?
'I7as
hat sidr also ergeben?
,,Ein Heiligrum würdig (aus) Eidre
- die beiden Lüd<en: fr.ti, fvirnv. .. . für
- Nun, wenn man Bau- Bacdrus den Gro-
ßen(?)." Es bleiben
material zusammengetragen hat: polierte Marmorplatten, lange Balken und
hohe Eichenstämme, was bleibt denn da nodl zu run, um ein ordentlidres
Heiligtum zu erhalten? ... Man muß bauen! Man kommt unausweidllidr zu
diesem Sdrluß und fui (bhai) muß diesen Begrifi ausdrüd<en, was ja im
Grunde mit dem oben erwähntefi ptttace übereinstimmt.
Die Endung tnu. von t'uimu kann übrigens der albanisdren Präposition ze,
,,mit", angeglichen werden, die nadr etruskisdrer Art nadrgestellt wird: ,,mit
Eiche", ,,aus Eidre".
Somit sagt uns dieser widrcigste Teil unserer Insdrrift: ,,ein würdiges
Heiligtum erbauen, aus Eidre es erbauen, selten" oder ,,. . . dem großen Bac-
chus"(?).
Man kann nicht umhin, hier an eine Bemerkung O. Müllers zu denken:
Etrurien lieferte den Römern hauptsädrlidr Bauholz, lange Balken und Bret-
ter (1.c., S. 220),
Diese Insdrrift von Volterra war also eine Gedächtnisinsdrrift und enthielt
hauptsä&lidr die Liste jener Leute, die ihre Börse geöffnet hatten, um Steine
und Baumstämme anzusdraffen. Später wurden nodr Einzelheiten eingesdroben.
Doch merkt man diesen lapidaren Sätzen den Stolz der Erbauer beim An-
Religion 175

bli& ihres Gebäudes an, das so hodr \rar wie die Eidren und Pinien Etruriens.
Venn idr audr den größten Teil meiner Sdrwierigkeiten der Unzulänglidrkeit
meiner Kenntnisse des Etruskisdren zusdrreibe, so glaube idr dod-r, ebenso wie
Pallottino, daß diese Insdrrifr ziemlidr unzusammenhängend ist. Sie wurde
eher von einem Zimmermann als von einem Sdrreiber verfaßt. Er hatte zwar
seine Grammatik gelernt (gare maleoe), weil er in seiner Jugend wahrsdrein-
lidr häufig den Ton der Flöte hören mußte, dodr sein Stil war ärmlidr ge-
blieben. Ärmlich, aber kräftig.
Dieser Mann hat an seinen drei Endsätzen nidrt lange herumgefeilt, sondern
sie mit drei kräftigen Axtsdrlägen zurechtgehauen. Sehen wir dieses Triptychon
nodrmals genau an:

fave setra fui ,,Ein Heiligtum würdig erbauen


@uicu luimu Aus Eidre (es) erbauen
lar@u pacu Dern großen Bacdrus"
Das sind die drei Sdrlußakkorde einer mädrtigen, von einer Orgel ange-
stimmten Symphonie. In all seiner gedrängten Kürze isr das ein kleines Mei-
sterwerk rhythmisdrer Prosa. Ist das nidrr besser als wortreidre Ergüsse?
Jedenfalls ist es wert, daß man darüber einen Augenblid< lang nadrdenkr.
rüas vollten sie denn in erster Linig diese Provinzler
von Volterra, mit ihren
abgeästeten Eidren, die sie zu Säulen madrten? Sie wollten, daß ihr Heilig-
atm würdig sei.
Ist das nidrt vielleidrr ein weiterer Sdrlüssel zu dem etruskisdren Geheim-
nis?. . . Ist diese \fürde nid-rt einer der beherrschenden Züge des errus-
kisdren Geistes? Die Süürde der Lukumonen, die einander gegenüber-
sitzen und über ihre Staatsgesdräfre spredren, die \7ürde der Gatten, die still
lädrelnd bei einem ewigen Mahl auf ihren Marmorlagern ruhen; diese sflürde,
mit der der rauhe etruskische Bauer von seiner Frau, der Säerin, begleitet,
hinter seinem Pflug hergeht oder die \7ürde des Beamren, der die- Lisre
der Dienste, die er der Stadt geleistet haq aufrollt.
Diese unverdorbenen Menscherr wollten nidrt mehr und nidrt weniger als
'$[ürde.
Sie hatten nidrts von dem Kriedrertum der Ägypter oder der Assyrer an
sidr, diesen sklaven, die die Erde zu Füßen ihrer Heiren küßten. 'waren sie
nicht alle wie der Kodr aus der Tomba Golini, der ersdröpft ausrief: ,,'!?ürdg
bitte ! "
sie erinnern midr an die Heldin eines sdrauspiels von Tsdredrow, eine Heb-
amme, die bei einem Hodrzeitsmahl ihren Tisdrnadrbarn im verrrauen sagr:
,,Idr verlange nur wenig von den Mensdren: seid edel!..
sie wollten ihre \fürde bewahren. Als ihre Besieger ihnen diese verwehr-
ten, fühlten sie sidr zum Untergang verurteih.

Kommen wir auf P. 401 zurücl. Da wir jetzt Gelegenheit hatten, unsere
Überlegungen auf harte und widerstandsfähige Dinge aufzubauen, nämlich auf
Baumstämme und Gestein aus dem Gebirge, fahren wir in dieser Ridrrung
fort, um nodr zwei weitere Texte zu erläutern. Es sind dies vier kleine In-
sdrriften auf Stein, die hauptsädrlidr von der Großzügigkeit frommer stifter
beridrten, die zur Versd-rönerung eines Heiligrums beigetragen haben. Auf
einem Sod<el liest man:
(P,256, NRIE 558) lar@ pai@unas preza taruce (A)
176 Die etrnskisdten Texte
'!7as hat er dargebradrt (turu-ce), dieser Larth Paidunas? Prezu ist kein
Eigenname. Dieses 'Wort erklärt sidr aus brezar (wo ar nur ein Suffix ist),
,,ein Holzbalken, der durdr eine Rohziegelmauer gelegt ist", das ist die De-
finition des'Wortes im Neualbanisdren (M. 37). Ohne Zweifel hatte unser Larth
einen massiven Holzpfeiler geopfert, um die Mauer eines Ziegeltempels zu
verstärhen oder dessen Dadr zu stützen. So wurde sein Name verewigt.
Auf einem anderen Sodrel liest man:
P.707 arn@ oeiane . . . lariza ma turunhe (A)

turunke hat dieselbe Bedeutung wie turce: ,weihte".


lariza konrrmt dem Wort ldistnd sehr nahe, ,das wir an der Stelle kennengelernt
haben, wo von der gemeinsamen Erbauung eines kleinen Heiligtums die Rede war,
sowie dem altranisdren Verbum laroi. lm Albanisdren findet man,: larzimoi, .rnit
Zeidrnungen beded<en"; larzim, ,auf Stein gravierte Verzierungeno (M. 237). Das
eigentlich arme Albanien hat die Erinnerung an den etruskisdren Prunk erhalten!

Der Stein verewigte den Namen des Arn@ Veiane, der die Stätte, wo
er seine Andadrten hielt, versdrönern wollte.
Auf einem driwen Steinsodrel, der 25 Zentimeter hodr ist und daher ohne
weiteres eine Statue tragen konnte, können wir lesen:
(P.257, NRIE 541) mi pe@ns de titi r)ucinds tnrce (A)
\Fahrsdreinlidr hat hier jemand auf seine Kosten einen Gegenstand geopfert,
det pe@n (s,) genannt wurde. Buonamici glaubte in diesem Wort den Namen
des Bildhauers zu sehen, Buffa den Namen desjenigen, dem die vermutete Statue
gewidmet wurde. Jedenfalls hatten sdron Bugge und Pauli dafür die Bedeu-
tung ,,Stein" angenommen und Pauli fügte hinzu: ,,Dieses 'Wort sdreint nur
auf Grabsteinen auf."
Meiner Meinung nadr sieht pe@ns gar:z so aus, als ließe es sidr durdr das
albanisdre betinö, ,,Steinfliese, Marmorblock", erklären (M. 26). Das ist in
vollkommener Übereinstimmung mit einer interessanten Beobadrtung Ribezzos,
der etruskiscl petna, pen@na mit dem sizilianisdren \lort penta,,,von einem
Felsen losgelöster Stein", vergleidrt (Studi Etruscbi,'1,953, S. 119). Es handelt
sidr also eindeudg um eine Fliese oder einen Sodrel.
Diese Folgerungen gesatten uns, eine in eine Steinplatte aus Perugia gra-
vierte Inschrift zu verstehen:
(P.575, CIE 4540) su@i!; eka pen@und' cai oeIS cai!; @are's lautni (B)
,,Dies ist der Grabstein des C. Vel, Freigelassenen (oder: Klienten) des
c. @are."
Derseibe Sinn ergibt sidr für das SubstantiY pen0nd, in den Texten
P. 62I 'rnd 626.
Schließlich steht der Ausdruck ,,Tempel" selbst auf einem massiven Säulen-
kapitell, das in Tarquinia gefunden wurde: panzai (A) (CII 2321 bis). Durdr
eine typisdr etruskiscle Verkleidung hindurdr p steht f.ir f, ai fid'r
,, t i* i - erkenne idr darin t'anze und -folglidr fanwie, ,,Gebäude,
'!üohnstätte", fanu, einen bekannten Ausdruck, den wir beim Srudium der
AMB nochmals sehen werden.
Nadr dem Tempel wollen wir nun dessen Nebengebäude betradrten.
In seiner Bespredrung der votivstaruen bemerkt M. Pallottino, daß diese
Religion V7
Gegenstände in Truhen oder in Depots aufgehoben wurden, oder sagea wir in
einer sdratzkammer. Daran erinnert uns das etruskisdre vort caer
1i,y, d", i'
votivinsdrriften.häufig vorkommr. Z. B. steht in p. 752, daß eine' fit, col,
Atial (To&rer des Ad?)_turc.e (opf.erte) rnalstria (einen spiegel) coer. Atial
kann jedodr audr ,,der (Götrin)
'M,rtr"rl'
bedeuten. Ab cier"känn
zweifelt werden, denn albanisdt quer (M.420) und kjuer ", (M. 199) nidrt be-
bedeuten
,,Speisekammer", mir anderen vorten: Depor, Magazin.'Der bpiegel wurde also
".T.T.-p9!sdratz _gebradrr, denn in den Köpfen der einfää Leute hatte
sidr dieses 's7orr wahrsdreinliö an die Srelle des-eigentlidr." n.glfio
,,Tempel..
gesetzL
cver frnden wir audr in einer Insdrrift, die auf die statue eines Kindes,
das einen Vogel hält, graviert ist:

(P. 624, CIE 4561) flere! tec sanll cver (A)

flerei :,Exvoto, Statuette..


tec kön'nte die albanisdre präposition ndele, ,za, mit, bei" (M. 306) sein
oder te,€,
,,neben, bei, in" (M. 512).
sanil coer: der Schatz im Tempel des Sancus.

Also: ,,Ein Exvoto (zu srellen) in den Sdratz des Sancus...


um den Tempel wurden die versdriedensten Zeremonien durchgeführt.
,-..\y"d
rflollen wir erwas über die feierlidren prozessionen und andere Einzelheiten
der in Tar_quinia gefeierten Kulte erfahren? zögern wir niclt unJ
t"h.r, *i,
wieder zu Laris Pulena, um unsere Aufwartung "2,, maclen, Besuchen'wir
dodr
den.Mann, der.als tragende persönlidrkei, *"g".r, der Dienstg die ei der
Stadt
erwiesen haq bei seinen Landsleuten in Aniehen stand. p)rni1,
,,.irr", d..
ersten", Sohn eines X, Neffe eines y, ja, er vergißt nidrt, häirrärroheb"rr,
daß er der Großnefie eines Creice, ,,ä", Cr;.aän.. isr. (n".rii tib"rr.rrr.
cyige^mit--grieöisdr". corssen s&reibq das sei unwahrsöeinlidr.
titel S. 4S.] \[ir werden spärer crece : ,,griechisdr.. find.n.; in""-t"rr-
sein Epitaph ist ein ganzes Kapitel'äus der Geschichte der Religionen.
. der Kampf.gegen_dieses-Konglomerat von Rärseln, das Etiuskisdre,
9by.hJ
srctr als sehr harr erweist, wollen wir dodr unsere di&bäudrige
sphin" resp"kt-
voll, aber bestimmt bitten: Etwas Licht, bitte! Licfit, äi.-b""r.!heit zu
durdrbreclen, die man nodr immer im iande mit dem"* leudrtendsten Himmel
Europas duldet.
L.-_ Pulena ist übrigens nidrt böse darüber, uns wiederzusehen.
sein auf-
gerolltes Pergament ist letztlidr nidrts anderes als eine Sdruldversclreibung
für
die-Anleihe, die er ehemals in klingender und vollgewidrdger Münze bezahlte
und die. durdr 2200 Jahre Kriege unt Revolution.rr""ir, *.nlg .rr*"rtet wurde;
er ersudrt uns höflidr, sie aufzuwerten.
\7oher aber wird das Lidrt kommen?
(P. 131) creals turynal@ spareni lucairce
ipa ru@cva ca@as bernreri (2.3_4)
slicay! aprin@aale
lu@coa ca@as payanac (2. a-5)
Beginnen wir mit der ersten zeile. crears und lucairce sind unbekannt.
tarTnal :,,in Tarquinia". s pureni :,,der Stadt ; städtisdr.. usw.
O
Nadr Meinung von Devoto (studi Etr., x, s. 2zg) hat Ribezzo brillant
12 Etrusker
778 Die etrusbischen Texte

bewiesen, daß lucairce ,,ist Lukumone gewesen" bedeutet (cf. zilaTce, ,,ist
zila@ gewesen" usw.). lWar Laris ein König? Ganz verwundert beeilte idr
midr, den Artikel von Ribezzo nachzulesen. Dieser Autor sdrreibt jedodr
dem Laris die Königswürde zu ohne ein anderes Argument anzuführen als
die Naclrbarsd-raft von tarynal0 :urld splneni mit dem Iwort lucairce (L'epi-
tafio etrusco di Pulena. Rivisti indo-greca-italica, 1932.1-II, S. 69 ff.). An-
dererseits erklärt Ribezzo nicht das \Iort creal, obwohl er ansonsten sehr
interessante Bemerkungen madrt.
Es handelt sic! hier und das ist sicher die Karriere unseres
-
hohen Beamten. lacair(ce) hat aber ein
- um
r, das in einer Bezeidrnung des ,,Luku-
monentums" in den AMB (X, 2) fehlt: Iawywmne@i. Haben wir hier einen
Fall vor uns, wo das r zur'!(urzel hinzutritt?
Iclr glaube, es wird leichter sein, Iucairce zu erklären, wenn wir uns zuerst
eingehend mit den \7örtern ipo . . . ca@as berrnerl besdräftigen.
ca@as ist der Genetiv oder der Dativ von cd@, Sonnengott. Hier ist also
von etwas die Rede, was direkt mit dem Kult dieser sympathisdren Gottheit
zusammenhängt. Wir madren somit den ersten Sdrritt ins Helle. Zumindest müs-
sen wir nicht mehr fürdrten, in den Hades zu versinken.
Laris war sicltlidr bemüht, diesen Kult zu erhalten, ihm Glanz zu verleihen.
Laris ipa. Laris hat gegeben (ip, das wir bereits kennen) etwas dem ca0as
hermeri; oder aber er hat der Stadt dieses ca@as hermerl gesclenkt. berrneri
dürfte mit einer Pluralendung versehen sein: erl (armenisdr dounere, ,,Häu-
'Was
ser"; albanisdt dorberi ,,Herde"; t'qinjäri, ,,Nadrbarn", M. 113, usw.).
sind die hermeri von ca@? Dieser Plural zeigt an, daß nidrt Hermes in Per-
son erwähnt wird, sondern daß anzunehmen ist, hermeri sei der Casus obliquus
des Namens Hermes.
Idr bin fast besdrämt, für die Lösung dieser Frage nur ein einfadres Mittel
vorsd-rlagen zu können: öffnen wir das \üflörterbudr von Daremberg-Saglio.
Ein Ärtikel von P. Paris bringt uns in Erinnerung, daß die Städte des
klassisdren Altertums über und über mit . . .HERMAE geschmückt waren'
Säulen oder Säulchen, die ursprünglidr dem Flermes geweiht waren und sein
Sinnbild trugen; später wurden sie geändert und wurden die ,,Maskottdren"
der Städte:
,,Ein Kopf überragt die phallische Säule. . . Der Gebraudt der Hermen ver-
breitete sic:h . . . diese Marksteine an den Straßenedren, vor den Haustoren . . '
Reiben aon Herrnen, die lromme Bürger aulgestellt ltatten . . . Hermes, Be-
sdrützer der Straßen... Gott der Agora... der glüd<lidren Begegnungen und
der rasdr erworbenen vermögen. . . Die Flächen des Pfeilers geben die ver-
sdriedenen Richtungen an. . . tnAn lie$ Larnpen brennen und. oerbrannte Weib'
rawcb vor der Herrne der Agora, , ' Gegenstand von Festen und Zeremonien. ..
die einen deutlicl bacclantischen Charakter tragen . . . (es gab) Dionysosbermen
und., . Hermen anderer Götter. . ."
Beim flackernden Sdrein dieser kleinen Lampen, die Tag und Nadrt andädr-
tig bei den Hermessäulen brannten, beginnen wir etwas auszunehmen. Diese
Hrr*e, waren zahlreidt ltermeri, Es gab Herrnen der verscbiedensten Göt-
ter, z, B, des Bacchus. Die Hermen konnten sogar zwei Göttern zugleidr
gewidmet sein; eine Abbildung zu diesem Artikel zeigt uns eine, soldre säule,
äie ein Götterpaar trägt. \flir können also nadr all dem annehmen, daß es
audt Hermen des Sonnengottes gegebel hat; in der Folge bringt übrigens
unsere Insdrrift Ca@ und Bacchus gemeinsam: ca@as payanac,
Religion 179

Ist hier jedodr nidrt von griechisdren und römisdren Städten die Rede?
Ifo bleiben die Etrusker? Lesen wir weiter:
,,\(ie es uns sdreint, haben die Etrusker von den Hermen nidrt viel Gebraudr
gemadrt. Es gibt eine, die Dionysos darstellt. Dasselbe gilt wahrsdreinliö für
eine sonderbare Figur, in der Gerhard einen Sonnengott erkennen will. Es ist
ein hoher, sdrlanker Pfeiler . . . Der obere Teil stellt einen Torso mit Kopf
dar. . . Ein Arm ist nadr redrts ausgestred<t und seine Hand hält eine Opfer-
schale; links ragt eine Fland aus dem unteren Teil hervor, die einen Duft-
." (Daremberg, Abb. 3818.)
verbrenner trägt . .
\7enn man sid, dessen bewußt wird, daß wir hier wahrsdreinlidr das Bild
jener ca@as bermeri, Herrnen des Sonnengottes, vor uns haben, die dank der
Großzügigkeit des Laris Pulena auf dem Tempelplatz (oder auf dem Markt-
platz oder auf dem Ratsplatz) von Tarquinia standen, dann ist man dodr
einigermaßen verblüfft.
Zugleidr haben wir, so glaube ich, die Bedeutung einiger
etruskisdrer Kunstwerke erfahren, die Götter und Göttinnen
mit sehr fladrgedrüdrten und langgezogenen Körpern dar-
stellen und die man häufig als ,bizarre' Votivfiguren hin-
stellt (cf. ,Die Kunst wnd d.as Leben der Etrusber", Köln,
7956,7.50). Das könnten Säulengottheiten sein, und unsere
bermeri dürften ihnen als Vorbild gedient haben.
'Was
aber wird aus lucairce und anderen unverständlidlen
'rüförtern des Fragments, das wir hier untersucihen? Dies-
bezüglid'r habe idr nur Vermutungen zu bieten.
lucairce sdreint mir in einen besonderen Zusammenhang
zu gehören. Laris Pulena hat seine Stadt mit Denkmälern
gesdrmüd<t, bei denen man Lampen brennen ließ. Idr denke
also an das Licht. Hier der Rahmen, in den lucair(ce),
(lubair, luher) paßt:

luh : ind,ogermanisdres Stammwort


"Lidrt",
lac e rna : l,ateinisdr'
"Larnpe".
Abb. 53a. Herme.
Ia x :
lateinisdt,, Lidrt'.
laqere: elbanisdr ,Lampe" (M. 253).
IasTnei: etruskisdr ,,Mond" (P. 290, auf einer Opfersdrale, auf der der Mond dar-
gestellt ist).
lyTnia: griedrisdr .Lampe".
ly Tnos : griedlisdr,,Fadrel".
Iwsnkay: armenisdr,,Mond"; lusnah,,Mondlidrt" (Bugge).
Roksane:,baktrisdre Prinzessin, Gattin des Alexanrder (,Leudrtende") .

losä.' russisdr,Glanrz'.

Daraus geht hervor, daß lucairce bedeuten kann: ,,hat erleudrtet" oder
,,hat Glanz verliehen". creals sdreint ein Genetiv von crea zrr sein. Man
denkt an das albanisdre krä, ,,Kopf", Plural krere (M. 273), ,,HatptstadC',
,Zentrtm, Innenstadt"? . . . Dann könnte credls tar)(nal@ spureni lucairce
folgendes bedeuten: ,,Er hat das Zentrum der Stadt Tarquinia beleud,tet"
(cf. Abb. 53 b) oder ,,Er hat den Glanz der widrtigsten Punkte der Stadt
'!?'eise
Tarquinia erhöht", usvr. Die folgende Zeile erklärt, in weldrer er das
tat: indem er der Stadt die ltermeri von Ca@ und die ra@ced sdrenkte.
Dieses letzte'Wort isc sdr,wierig. Sollte es ein Plural von z@ sein?
180 Die ensskisdten Texte

rud im Albanisdren ,,gekräuselt, gelodrt, versdrlungen.. (M. 431).


bed,eutet,
Bedeutetnidrt dieses Vort ru@ctta in unserem Text ,,Kränzl,,, geutund,ene
Dinge im wahrsren sinne des !üortes? Die Errusker madrrcn vief Gebraudr
davon bei ihren religiösen Zeremonien. Man behing die bewußten Hermen
mit Kränzen.
slicayei aprin@aale

Idrhabe den Eindrudr, daß das Verbum ipa, ,,sdtenkre.. sidr audr auf
diese dritte zerle
des Fragments bezieht. Dann hätte Laris slicaTe! aprin-
@aale gesdtenkt. Untersudren wir diese \7örter:

s/i ist 'das albanisdre ver urn shlyej, ,reibeno wisc]ren", das wir rbereits kennen.
caTe!könnte der Genetiv von cq( sein, 'dat audt @ac rnd zaL gesdrrieben wind und
d-as wir häufig in den AMB finden; es ist das albanisfie gjabTnd dzjak (,Blur"),
(M. 140).

- slicaYe! könnte also ein Term'inus aus den etruskisdren Riten sein: die Bezeidrnung
für- eine opferhandlung, die darin bestand, daß rnan 'das Blut der geopferten Tieri
auf einen Grarbstein, einen Altar oder eine andere Opferstäme aufirug,
pigan,iol, der von den primi-
. Das paßt lehr gu1 zu den Ausfiihrungen von M. A,
tiven rörnisdren Kulten spridrt: vom Kult des Feuers und von dem d"rt
"stein, "of
man Blut streidrr",,Die Marksteine sind steinerne Gätter: wer sie entfernt ist den
Göttern der unterwelt verfallen; das opfer, das bei der Aufstellung dargebradrt
wird, verwurzelt die Markstetne" (Essai sur les origines de Rome, 1917, S. tS).
Nun sehen wir, warum hier das \lort slica6e! steht: man mußte diese bermeri, diese
Marksteine mit Blut bestreidren,
aprin@vale könnte die Art des Opfers, näher angeben,
aprin könnte der Akkusativ -oon apir sein, ein wort, von dem sdron bei der Be-
spredr,ung 'der 'opfer bei den Etruskern die Re,de war. sdrwarze Lämrner? Es sei hiezu
bemerkt, daß audr d.as Sdrwein in den Riten der Italiker eine große Rolle spielte;
die.Bezeidrnungen,'dafür, lateinisdr d?er ! d umbrisdr dpros, erin;ern stark an-aprin.
Apir, apirase werden häufig auf dem Tontäfeldr"o au, b"prra erwähnt.
,@aale, von @a, "zwei" hergeleitet, könnte .doppelt' beäeuten, denn le finden wir
.Endung der abgeleiteten Adjektiva z. B. in laünescle,,,zur Familie gehörig".
als
-,,opfJrgaben
slicayei aprinoaale könnte in großen Zügen folgendes b,edeuten:
des Blutesvon einern Paar Lämmer (oder Sdr,weine)...
Diese Interpretation wird übrigeni durch einen .ö-ir.h.r, Braudr bestätist: Nadr
einem Begräbnis reinigte man das Haus durdr das opfer zweier \xlidd,er (Da-remberg.
LARES).
lu@cva cd@as paganac

ln lu@cva 6nden wir die \Turzel lut, lus, ,,beren.. wieder, die wir be-
reits kennen (|uo lwsi!). ca@as paTanac: ,dem Ca@ und dem Bacc.hus...
Gewiß Traren es nidrt Gebete, die Laris diesen beiden Gottheiten widmete, denn
das würde in einer Grabinsdrrift nicht besonders erwähnt. Idr fasse la@cz.,a
als ,,Gebetsstätten" auf, nämlidr kleine Kapellen mit Görrerbildern, die es
in den griedrisdren und römisdren Städten gab (sacrarium), und, zwar an
Straßenkreuzungen, 'S7egrändern, aber audr in Privathäusern (lararium.). .üVir
glauben also, daß Laris seine stadr mit Herrnessävlen ausgesrarrer hat und daß
er zahlreiöe opfer in den Andadrtshäusc}en mit den Bildern des ca@ und
des Bacdrus dargebradrt hat.
Die eben besprodrenen säulen oder Marksteine waren vor allem audr ein
Zeidten für den Besirz von Land oder anderer Gürer, der später bei den Rö-
mern durdr den Gotr Terminus, den Hüter der Grenzen, versinnbildlidrr wurde.
Rel'igion 181

Man verstehr nun, daß die Tätigkeit des Laris pulena nidrt nur von rein
ästhedsdren- Erwägungen gerragen war. Die Errichtung der Zeidren des
Hermes bedeutete eine stärkung Tarquinias vom religiöien und wirtsdraft-
lidren Sendpunkt aus.
Setzen wir die Ernre auf dem reidren Feld unserer Insd.rrift fort:

(2. 5-6) alumna@e bermu tnelecrapicces


pttts Xit culsl leprnal
Das ist die Forrsetzung der Liste von Göttern, die Laris pulena besonders
verehrt hatte. alurnna@e, das wir etwas weirer unren bespredren werden,
bezeidrnet, so glaube idr, die Gönin Forruna. Ihr folgt FlerÄes, diesmal der
Gott selbst und nidrt seine säulen. Sein Epitheton iit sehr interessant:
melecrapicces: rnele könnte das albanisdre mölle,
'lü7ir ,Mundvoll, srück' sein (M. 2g0).
können hier, ohne Mißbraudr zu treiben, daß es im EtruskisÄen auÄ
Teil' bedeuten konnte. "nneh-err,
"ein
crapicces könnte mit albanisdr krapis, .blühen, gedeihen" zusammenhängen (M.213
und 119).

r7ir
haben also das Glüd<, hier einen Ausdrud< zu finden, der genau der
Rolle Hermes, ,,Gott der rasdr erworbenen vermögen", entspiidrr, was
-des
wir sdron oben hervorgehoben haben. nerecrapicces ist g""na.r derr^de,
guten Anteil" oder ein gedeihlidres Sdriclsal verleiht. pit, yi* ,itrt ,,einen
bid"utr
vielleidrt, daß Laris pulena der culjan \Teihraudr 'darbiadrte. bi. Fr"g.
wird später bespro.hen werden (Kap. XII der AMB). Als nädutes
l^,xi*,
renKt
-das t'prrheron von Janus-culian unsere Aufmerksamkeit auf sidr:
leprnal, Man denkt an das albanisdre Verbum tebyr,
(M.
,,blini"n,-i"rri'i"r.o..,
-243) und erinnert sidr daran, daß im vorleben ä.r' ;"rr,r, iie sonne eine
Rolle gespielt hat. so bringt Hermes ,,gures Grück" und di. Herkunft
des
CulSan wird würdig hervorgehoben.
(2. 6-S) pll oarTti cerine pul alumna@ pul herrnu .., pit ten . . .
ci me@Iamt pul hermu
@utui@i mlusna ranais rnlamna...

pil könnte mit der Zahl pes, pe!, ,fun:f" in Zusammenhang gebraöt werden,
die wir
i11_eilialx (P. 19s) auyunehmen glauben. Handelt es ,iÄ""- .;i rtiiriagigu,
oder um euwas anderes? Bei den' Römern, ga,b es ein Fest zu EIhren
rot
d,er- iIinerua,
Qainquatia, das die Alten durdr qainque,5] erklärten. Nun sratnqnre aber d,ie römi_
sdrg Drgihglrr. Jupiter, Juno und 'Mirrro) Eir,r.i., (Altheim, ia n"tig;on no-
maine, S. 176\. "or,
_oar[ti (A): dieses !7ort kann, vollkommen durdr das albanisdre oarh, ztarg, "Kette,
Prozess.ion".
E. l4g) erklärt wenden, zu dem es ü.brigens im Slawisdren eir,'Äquirr._
lent gi'bt-: bulgarisd.r oeriga,. russisdr oerigi. Die Silbe" -ri, a", 2.iÄ." a"r
-tof"tirrr,
zeigt wahrsdreinlidr die Rolle an, die Laris pulena in den prozessioneo rpi.lr..
cerine bleibt unklar. Idr denke an das al,banisdte tber,opfern, sdrladrtÄ- (M.
534).
Man findet cerine auf einem- Zippus wieder, (p, 315); esiirbt vielleidrr den Ort an,
3l q.T regelmäßig Totenopfer'dargebradrt wurden. A,tf ii.se Frage weJen wir im
Kapitel XI zurü&kommen, v/o vom Ahnenkult die Rede sein wird]
2zl ist vielleidrt das albanisdre ?il\, ,d,er \fald". Hardelt es sidr um heilige Haine,
wohin sidr 'die Prozessionen begaben, um dort opfer darzubring.rri A;d..rrfall,
könnte man es nodr rnit dem, al,banisdren mbylt, ,sÄließ."" l" v.iuiiarrg
Das anlautende mkann versd'winden wie z. Ii. in dem albanira." v"rlu-'*bor"und,
Iri.j.r.
182 Die etrtshischen Texte

bar, ,trtgen" (M. 267), Jokl fand im Litauisdren ein Gegenstüd< zum albanisdren
mbyll: pilis, .Versdrluß". In diesem Fall wäre pul ein Gehege, wo die Etrusker die
für das-Opfer bestimmten Hirsc}e hielten. \(ir har en dieses Stammwort soeben in
fulana gesehen.
' alumäa@t ein rätselhaftes Wort. Da pul alamna@ eine Parallele m pul bermw
darstellt u11d hermu Hermes bedeutet, kann rnan annehmen, daß von zwei Flainen,
die zwei versdriedenen ,Gottheiten geweiht waren, die Rede ist. In der Zeile 5
-Gömernamen
sdreint eine Aufeinanderfolge von 4 zu stehen: Ca@ (Sonne), Bacdrus,
Alum,na@ und Flerm.s. Män denkt an das albanisdre Stammwort lutnö, ,,Glüc1.".
'Walde-Pokorny bradrte dieses mit der indogerrnanisdren \üüurzel leubh (lo'.te, lieben,
tabitj) Il, 4li in Ztsammenhang. Ist hier von der etruskisdren Forruna die Rede?
Odei von, einem Epitheton der Juno? Bemerken wir hiezu, daß O. Müller von einem
der Juno geweifrten Hain der Falisker berichtet. Man breitete Teppidre auf .den weg,
*.ni di. Frozesrior sidr dorthin begab. Der Kult der Göttin Fortuna wurde in Rom
durdr den etruskisdren König Sorvius Tul'lius eingeführt.
pll ten(*): weiter oben habe idr angenornmen' daß pell von ?es,.,,fün'f' kom'mt und
siÄ auf itrorersion.r, eines "fünfrigi-gen Festes',bezieht. Aber pll tent,drid<t nodt
viel mehr aus, oh,ne seine Bedeutgng ,von fünf" zu verlieren: L. Pulenas könnte
einer der Quiiqueviren der sta.dt (tena) gewesen sein, ein Mitglied eines Kollegiums
von fünf Priestern, oder Beamten.
'wir
gehen nun zum zweiren Teil des gewählten Fragmentes über, wo die
\üörter pul berma nodrmals aufsdreinen:

ci.' ,drei",
*r@Io*r, me@lum ist als ein Aquivalent von mexlam anzusehen- (das a:u'f ma1|'
,einst zurückgeführt werden kann) und mit ,Föderation* oder vielleidrt
mit .Ge-
äeins&aft" ,i, ü'b.rr"or.rr; 'darrrr,t.,. ist eine Stadt, eine Metropole' verbun'den mit
kleineren städren, die um sie herum liegen, zu verstehen. Das auslauten'de
t kann
possessiv sein. Im großen un'd P.n7en'- "B-un'd91".1 "des Bundes'?
'- ti- it@t"*t pul"bermt+ sind i'ielleid-rt drei Haine d,es Bundes, die dem Hermes ge-
weiht sind.
'-Ai"r";O;
(B): ein äußerst interessanter Ausdrud<, der unsere Interpretation von pul
geheiligter'Wald" zu bestätigen sdr-eint und,'der in drei
"t, "g"ln"'oäer,,kleiner,
nl-"ri.nt" zu teilen ist @a,-.hiet'-oder,dort', ein bekanntes Wort; es könnte zwar
Stelle nidrt
audr ,zqrei" heißen, *u, *ir'hi", aber nidrt annehmen; tuikann an'dieser
Daher-vergleidr-e ich tzi mit dem
,hier; bedeuten, weil wir ein soldres rbereits haben.
äi'i"urÄ1" v.if tm ta;s, "h"lt.n, reservieren" (M' 52s)' @i wilt.idr durch. Bedeu-
d'as alba-

;;Ä;ew, "Ziese* erklää; dhi e egör,,Gemse" (M' 91); vielleidrt in der


tung (heiliger) "Hirsdr"?
ö"i";@i't"Uo--t 'd"n Sinn ''dort, 'wo man die heiligen Hirsdre-hält"' erRennen wr
mlusna (A)t es bestehen keine Zweifel; rz bedeutet "mit'; in lasna
haben; es ist das etrus.
sof'ott lasTne,i aus'der Insdrrift P.2go, das wir oben erwähnt
I' c, S' 3); Iusnal<ann bedeutenr Mond" Neu-
UrrA" UtÄo,,Mond" (Bu'gge, 'Monat'
AMB einen Ausd'od< tiurim
-orrd, F"st de, N"rrmorr'd"rX os*.; d"
'"";ttälVr, es in'den 'bereits
ai" mit ,,die Monate des Jahres'übersetzt, könnte
roan, übereinstimmen'd
illoiro vorläufig 'durdr dem Neumond"- interpretieren'
^ o
"-änoir, 'mit
*ahrJcheiärrh"ranaisb gelesen werden und dürfte mit dem albanisdren
^-uß Hier:
ranö, ,schlagen" (vom unregelmäßigen Ver'bum bie^) (M' a23)-z-991y3enürä-ngen'
,,ru oifern', if . aus dem Kapitel VIII 'der..AMB'
"rairAr.rr,'opfern', 'ont* lämä,
mlamna: m ist wie in äurno eine Präposition. lamna könnrc das a\banisdte
vielleidrt, im weitereo, Sinne, öffentlidrer Platz'? ' ' '
te*"i1, oTenne" sein; oder 'ein spielte, die
V.fa *ia,ige Rolle die ienne bei ien alterrümlidren Opfern un'd
_Riten
;; ;"* Frrichtbarkeitskolt ,ur"--.n6,ingen, wurde von mir 1935 'bereits hervor-
14-15.)
äJ;;: (Xiri* sacrö et Ie rite de l'alliince cbez les Anciens S6mites, S.
Religion 183

Der zweite Teil des gewählten Fragments sieht also so aus: ,,Drei (heilige)
Haine des Bundes, geweiht dem Flermes, wo man Hirsdre hält (oder Stein-
bädre), die man am Tag des Neumonds auf der Tenne opfert."
In diese Haine von Tarquinia begaben sidr also die Prozessionen, um dort
die Tiere zu holen, die für das Opfer bestimmt waren. \flenn ich redrt gesehen
habe, ist dieser Text von großem Interesse für das Srudium der etruskisdren
Religion im allgemeinen und des Mondkultes im besonderen. Vielleidrt wird
man darin audr die Verbindung zur vorgriedrisdren \flelt entdecken' wo Ar-
temis-Diana die Göttin des Mondes und der Hirsdr ihr geweiht war.
Die letzten beiden \(örter der Inschrift dürften nodrmals die große rü7oh'l-
tat dieses hohen tarquinisdren Herrn hervorheben: leie brmrier, wobei
leie der Aorist des Verbums le, lece, ,,ließ", sein könnte, und hnnrier eine
andere Söreibweise von bertneri:,,Säulen des Flermes."
Zusammenfassend bringe idr jenen Teil der Grabinsdrrift des Laris, den wir
bis jetzt besprodren haben:
lris pulenas ... pramts pales larisal creices ancn ziy ne@irac acasce
creal tarynal@ spureni lucairce ipa ra@caa ca@as herrneri slicapi aprin@r,ale
lu@cva ca@as paTanac alamna@e hermu melecrapicces puts xim culsl leprnal
psl aaryti cerine pul alumna@ pul herma . . . psl ten . . . ci me@lumt pul bermu
@utui@i mlusna ranvis mlarnna . . , parniy arnce lese brmrier.
'W'as nun die Übersetzung betrifft, die wir vorsd-rlagen, wobei wir uru auf
Anhaltspunkte stützen, deren Bedeurung außer Zweifel xeht (creices, slicayes,
aaryti, @utui@i, mlusna, parniT, usw,), sowie auf \7örter, die durdr an-
dere Texte sidrergestellt sind so kann sie dodr im großen und ganzen nur
annähernd stimmen:
,,Laris Pulenas, Sohn des Larce. . . Großnefre des Pule. . . Er beleudrtete
das Zentrum der Stadt Tarquinia (oder: die Hauptstadt der Städte von
Tarquinia). Er sc.hmückte die Herrnen des Gottes Ca@ mit Kränzen. Er salbte
die Kapellen des Ca@, des Bacchus, der Fortuna und des Hermes, der \flohl-
stand verleiht, mit dem Blut zweier geopferter Lämmer. Er opferte dem strah-
lerrden Cul3an \fleihraudr. Er war Quinqwevir der Opferprozessionen, (die
sidr begaben) zum (geheiligten) Gehege der Fortuna und zum (heiligen) Hain
des Flermes . . . Er war Quinqueztir der Stadt . . . drei Gehege des (tarquini-
söen) Bundes (geweiht) dem Hermes, wo man hütet die Böd<e (zu opfern)
bei (Neu-)Mond, auf der Tenne (oder: auf dem öffentlidren Platz) ... Er war
Patrizier. Er hinterließ (der Stadt) die Säulen (des Hermes)."
'Wenn wir nun zur Bespredrung der Priesterämter übergehen, sind wir
wieder auf Vermutungen angewiesen. Beginnen wir mit einem wohlbekannten
lateinisdr-etruskisdren Bilinguum, das auf einen Grabstein graviert ist und in
dem zwei lateiniscle Ausdrüd<e drei etruskisdren '!üörtern gegenüberstehen.
Dieser Umstand allein kann die Genauigkeit der übersetzung in Frage stellen.
Hier der Text:
(P'6e7'"i.f
l),!,ff l"::r;"i,r,f::"lril::;;rutguriator
netiztis: bezeidrnet ein priesterlidres Amt. Das Element st;is ist eindeutig: es ist das
etruskisdre iro, .sehen, sdr,auen* (savlusi, ,sieh mein Gebet'. Wir erinnern uns an
tshooish,,,sehen" aus dem kleinen Wörterbudr von Arbanas, das idr zu Beginn meiner
Arbeit benurzte. .Sieh!" nimm.t hier den Sinn ,'beadrte!" an). Ist net der Gott Ne@,
184 Die etrashischen Texte

Neptun? sdron vor lan'gem hat man vorgesdrlagen, das griedrisdre nedys, nedyia,
"Eingeweide',
zur Er'klärung heranzuz,iehen. Dann wäre ietlois ,de., der die Ein-
geweide besdraut*.
tratnot: erklärt Thornopoulo aus albanisdr trut, oGehirm" (und interpretiert es als
,,Kopf, Haupt'-, indem er sidr auf den Eeinamen der Athenl, Tritogäei:a, geboren
aus dem Kopf des Zeus., b,eruft) und aus albanisdr oetoi, ,Blit)' sdr,lzudern".
A'ber dieser Titel, ,Haupt der Blitzesdrleuderer", wed<r in mii Zweifel. In der silbe
nat sehe idt not, ein Aquivalent des albanisdren njotje, (njojtäs,,Kenner"),
das mit dem Verbum njoh, .wissen", zusammenhängt (M. "Kenntnis"
ff t;. Bezii!fidr irut h$e i,Ä
zunädrst an (heilige) Bäame g9dadtt,
'da dru im Albanisdren',Baum"' bedeutet; denn
die Frau d,es Flamen sdrmüd<te dessen' Kopf mit einern Zweig eines glü&oerheijlenden
Banmes, den die etruskischen Priester sehr wohl von .den aibeilbriigenden nr unter-
sdreiden wußten. später jedodr gab idr einem anderen vorsdrlag dJn vorzug, dem-
zufolge trut zu der bereits,bekannten wurzel druej, .ffudtten, värehren' gehört, was
bei 'den Etruskern zugleidr ,religiös sein" bedeutet
'harben dirfte. rrrr üönnte also
"Fu.r$.r' un'd .Religion* heißen, genauso wie im Alten Testament "gottesfü,rdrtig.
zugleidr audr ,fromm" bedeutete. natnnt wäre dann ,Kenner (der RJgeln) der Re-
ligion". schließlidr kann idr midr auf Mornmsen berufen, der sd.rreibt, äß iie rtimi-
sd.ren Pontifices, die Erben der etruskischen Tradition, ihren Tätigkeits ereidr als
,w_issenscbaf t der göttlid.ren und rnensdrlidren Dinge" rbezeidrneten G: s. 2r2),
\(ir werden nodr auf das 1ü7ort zor zurüd<kommen.
.Es sei nodr, bemerkt, daß in einer Votivinsdrrift auf einer ider @ü1@a (p. ZaO) ge-
vridmeten statuette der Ausdrud< trtttoecie vielleidrt ,gehorsam den (Geboterrj äes
Glaubens* bedeutet, denn das albanisdre Verbum vegoj, ,einbalten, beobadrten; (M.
548) erklärt das 'Wort zecie hinreidrend.
frontdc haben wir sd-ron besprodren; man errklärt es aus dem griedrisdren, brontö,
,,Donnero. Idr'muß a,ber erwähnen, daß es ein albanisdres,stammwort fruni, ,blasen",
gibt (M. 115). Das etruskisdre front hatte vielleidrr irgendeine Bezi;hung zum Ge-
uitter, einer in Etrurien, häufigen Ersdreinung, wie o. M,üller betont. Auijeden Fall
hatte Larth cafates die Aufgabe, die Blitze zu rbesdrwören oder herbeizurufen, und
vor allem, sie zu deuten. Außerdem kennen wir ja für oDonnero sdlon eine Eezeidr-
nung im Etruskisdren: cemn(ac).

Zurn Sdrluß wollen wir nodr zwei weitere religiöse Titel im Etruskisd-ren
anführen: tdndsar und cepen, wobei das letzte in den Insdrriften sehr häu6g
vorkommt. zwei tanasar finden wir auf einem Fresko in der Tomba dei
Auguren, wo wir bereits die beiden teoara@, die Erbauer eines tentplum
bewunderr haben. Die Etrusker sahen entsdrieden die Dinge häufig doipelt.
Durdr ihr ernstes Benehmen und die mit ihrem Beruf verbundene Neigung
zur Meditation ähneln die tanasar sehr stark den teaara@. sie stred<en-den
redlten Arm vor und sdrlagen sidr mit der Linken an die Stirn; so stehen
sie einander gegenüber und sdreinen zu beten (Tafel 9). Diese Interprerarion
kam mir beim Lesen eines Fragments aus der ,Gesdridrte"
von Nikolaus von Damaskus (I. Jh. v. Chr.) in den Sinn:
Als Krösus auf dem Sdreiterhaufen verbrannt werden sollte,
begannen die Lydier, die sidr in der Menge der Zusdrauer
befanden, zu weinen, zu sröhnen und sidt an den Kopt' zu
scblagen, Die Bezeidrnung der beiden tdnasar verrär jedodr

Abb. 53b. Die Stra$en oon Tarquinia beleuchtet?


Ein ,,Laternenanzündef' aus dem Altertum
(Rostovzeff. The Social and Economic History of the
Hellenistic \7orld I, Taf. L)
Religion 185

einige Gemeinsamkeiten mit ihren besdreidenen Brüdern, den @anasa, den


Flistrionen, den Marktsdrauspielern, die mit ihren Couplets und Lieddren die
Bauern belustigten, weldre am neunten Tag (zn den Nonen) in die Stadt
kamen. Die Bedeutung des Wortes tdndsctr kann audr durdr das albanisdre
Verbum tha, ,sagen, spredren, erzählenu, bestimmt werden. Hier ging es aber
sidrtlidr darum, eine großartige Pose anzunehmen und das Lob des Verstorbe-
nen improvisierend zu singen, indem man sein vorzeitiges Ableben in rhyth-
misdrer Prosa beklagte.
Es ist nodr zu erwähnen, daß die Insdrrift neben einem d,er tanasar (die
Endung ar gibt den Beruf an) folgendermaßen lautet: (P. 82) apas tanasar (ß).
Idr glaube, hier wird ein Ranguntersdried ausgedrüd<t. Apa ist im Alba-
nisdren ,,älterer Bruder" (M. 9). Der so bezeidrnete vrar also ein ,,älterer"
oder ,,höherer" tdndsdr. Apa ist ein interessantes '$7ort, denn wir finden
es in der Grabinsdrrift eines Beamten, Avle Ale@nas, wieder, der war:
zilay . . . spttre@i apasi soalas marltn,4yad (P, 171, CII 2057).
Zunädrst sei erwähnt, daß E. Benveniste zilay in die Kategorie der Sub-
stantiva auf ac, a1 einreiht (Notes Etrusqaes, Studi Etruschi, VII, 1933,
S. 251). Dieses \flort müßte also neben cemnac, ignac, ror/ttt)(, ttelznaT,
'!tüas
usw, zitiert werden. nun unseren Satz betrifrt, in dem apasi vorkommt,
so verstand idr ihn so: ,,während seines Lebens (srtalas) hat er gedient als
oberster (apasi) marun (marunu1gua) in der Stadt (spare@i)", Man könnte
vielleidrt audt spure@i apasi mit ,,in der oberen Stadt" (?) interpretieren.
\[ie dem audr sei, S. Mazzarino, den J. Heurgon (1.c., S. 97) zitierg gibt
die Bedeutung des 'Wortes soalas genauer an, indem er es mit perpett'tas
übersetzt: Avle Ale@nas war ein marun auf Lebzeiten.
Cepen, dessen Bedeutung in großen Zügen durdr das sabinisdre Substantiv
capencus, ,,Priester", bestätigt ist, mödrte idr mit albanisdr cip, ,,Gipfel"
(M. 50) vergleidren, das an die altertümlidre Form erinnert, in der das rt7ort
auf dem Tonziegel aus Capua aufscheint: cipen. Daher könnte es eventuell
,,Oberhaupt" bedeuten.
XI
GOTTER, DAMONEN, HEROEN

Vir kennen bereits ais cernndc,,,Donnergon" oder vielleidrt audr ,,Blitze-


sdrleuderer". Die Etrusker hanen neun Gottheiten, die das Vorredrt besaßen,
Blitze nt sdrleudern. Tinia war die bedeutendste davon. ,,Ein Gotg der dur&
den Bliz spridrt", wie O. Müller sdrreibt. Der Name Tinia wurde häufig
drrdt tin, r,Tag", erklärt, das man in einer in den AMB häufigen Formel antrifft:
tinsi tiurim avils. Hier handelt es sid, um die Tage und Monate des Jahres (?)
oder vielleidrt um eine \feihe der Monare des Jahres an Tinia (tinii). \fie dem
audr sei, icll kann die Bedeurung ,,Tag", die dem \lort ti.n zugeschrieben
wird, nur bestätigen, und zwar dank einer Formel, die wir ebenfalls in den
AMB finden:
heci nac oa tin@asa (VI, 6) (B)

beci ist das albanisdre heq, .hen,szielren, zurüd<ziehen, sidr zurüdrziehen' (M, 157).
zac kennen, wir bereits (ersce nac): ,Nadrt."
oa ist das albanisdre Verbum bäj, bäbem, omadren, wer'den", das wir sdron einmal
gesehen haben.
tin@asa ist eine weiterentwi&elte oder abgeleitete Form von tin, ,Tag", ebenso
wie zila4n@as von zilaT kommt (P. 92 und 136) oder wie trin@asa von rrjz (AMB,
VII, 6) kornrnt; vielleidrt im Sinne von ,Tageslauf".

Der ganze Satz aus Kapitel VI, 6 erhält somit den Sinn: ,,Es zieht sidr zu-
rück die Nadrt, es wird Tag!"
Kommen wir auf Tinia zurüd<. In dem folgenden Vers:

ais cernnac tra@tra6's rinu@ (AMB, V, 18)

verrnuten wir neben ,,Donnergott", ais cernnac, andere schmüchende Beiwörter.


Aber die Erklärung dazu ist nidrr gesidrert.

tru@ ist wahrsdreinlich das albanische druej, ,Angst ha,ben", das wir bereits ken-
nen, hier mit dem Adjektivsuffix @ (t); di" Bedeucung: fürdrterlidr,
sdrredrlidr,"
"furdrterregend,
trali erinnert uns an ,das al anisdr.e tarak, tdroq, tdroc, ,Odrse; zweijähriger
Odrse" (M. 510). Im Etruskisdren könnte das eine anidere Bezeidrnung für
sein, die so wie Oarinu, @eort mit griedrisdr taaros, lateinisdt ta*rus, slawisdr"Stier"
tzr
in Zusammenhang steht. SolIte tru@tra13 ,,fürdrterlidrer Stier" bedeuten? tü?ar der
Donner nid-rt ein GebrülI des himmli,schen Stiers? cem, gjem hat außer ,.donnern"
nod-r die Bedeutung Srjer ist ein bekanntes Epitheton des Zeus, Tarak ist
"brüllen".
vielleidrt die eigentlidre Quelle des Namens Tarpies, Tarquin.
rinu@: \Ift haben bereits einmal ri mit .jung' und na@ (njojt) mit ,kennend"
(fiutna@) ürbersetzt. Diese Assoziationen ergeben a,ber hier keine zufriedenstellende
Bedeutung. \Vir müssen, andere albanisdre rf(iörter zur Erklärung von rinu@ heran-
Götter, Dämonen, Heroen 187

ziehen, denn bei ider phonetisdren Sdrreibun'g dor Etrusker war es unvermeidlidr,
daß einige Vörter ähnlidr aussahen.
ri; alban,isdr re, ,\folke*.
nu@ kommt dem albanischen nodh (M. 326) sehr nahe, das ein Äquivalent von
ndodb, ,existieren, vorhanden sein, gelegen sein" (M. 310), ist. Man liest z. B. in der
Grarnmatik von Mann: boge nö tö cilön ndodhet sendet' ,ein Behälter, in dem sidr
Gegenstände befnilen" (S. 10s). Nodl bedeutet also ebenfalls befinden, wohn-
"sidr
haft sein".

rinu@ könnte also bedeuten: ,der in den Wolken uohnt"? Der ganze Satz:
in den \üfolken wohnend"?
,,Gott brüllend wie ein fürdrterlidrer Stier und
(wobei tray! ein Casus obliquus wäre: ,,als Stier").
Jedodr nadr dern rätselhaften Ausdrudr celc ceanu@,,,fünfundfünfzig" (?)
zu sdrließen (P. 188, NRIE 770) kann nu@ audr die Rolle eines einfadren
Suffixes annehmen. In diesem Falle bedeutet trutna@ vielleidrt ,,der von der
'!üüolken"
Religion; Priester", und Gott rinu@ wirde dann ,,der von den heißen.
Sdrließlidr kann nu@ audr mit dem albanisdren nyiät, ,,verbunden" zu-
sammenhängen (M. 329); ri nu@ hätte dann die Bedeurung ,,der die lfolken
sammelt", entspredrend einem Beinamen des Zeus. Die Frage bleibt offen.
Nun werden wir zwei kleine Insdriften untersudren, die aus je zwei 'Wörtern
bestehen und auf Tinia Bezug haben:

a) (P. 657, CIE 371) (auf einem Stein) rlri lut (A)
'Wir haben hier zwei bekannte Elemente vor uns: tint, ,dem Tinia" und
lat, ,,beten, biwen". Also ein Gebet an Tinia oder: ,,Bittet Tinia" (?).
b) (P.270) tinia calusna (auf einer S&ale).
Dieses calu hat mit cal, ,,Pferd" nidrts zu tun; darauf weist uns das sdron
bekannte zweite Element, sna,hin

calu ist gjallö, wie wir bereits vermerkt haben'.


sna: wir haben"Leben',
dieses \flort sdron in der Form sndti in der Charta der Trinker
kennengelernt; es ist das albanisdre znjd.tern,,dauern, fortdauern, verlängern".

,n
tU)
e

Abb. 54. Die beiden Götter Mars (Details)


188 Die etraskischen Texte

Somit: ,,Tinia, verlängere (mein) Leben!" Dieses Gebet ist ebenso kurz wie
gehalwoll. Man har nodr nidrrs Besseres dafür gefunden. Die Sdrale wurde
vielleidrt bei Trankopfern verwender.

und hier sehen wir nun den Gott Mars. Zwei etruskisdre Spiegel stellen die
Geburt der Minerva aus dem Haupt des Tinia dar. Der Göitervater isr von
den Bewohnern des olymps umgebän. Die beiden Zeiclnungen sind fast iden-
tisdl bis auf die redrts-stehende-Figur. Auf dem spiegel B-ist es Mars: maris
pb, usta (A). Auf dem Spiegel A ist es ein Ephebe mit einer Kopfbededrung
ä la Ludwig XIV., der mit preale bezeidrnet ist (Gerhard, Tafel CbLXXXIV;
1 und 2).
1-, Inscbrift: pb ist das albanisdre baj, ,,tragen" (M. 1Z), möglidrerweise
audr eine Partikel (mbö); usta ist das albanisdri asbta, der ,,'Spieß; (M. 5al;
cf. lateinisch hasta. so bedeutet die Insdrrift: ,,Mars, der einen spieß trägi"
oder ,,Mars mit dem Spieß". Das siehr man audr.
2. Inschrift: Da die Stellung und die Haltung dieser beiden personen ganz
gleidr sind, ist der hier Dargestellte wieder Mars, aber diesmal als Jüngling.
In seiner Jugend war er so sdrön, daß Eos, die Göttin des Morgens, sidr in ihn
verliebte (Kerenyi, 1. c., 198). Preale gehört zu albanisdr bröj,,,sidt srreiten..
(M.36):,,der Streitsüdrtige." Man weiß, daß Mars,,Gefallen am Streit fand...
Bei der Bespredrung des Namens @ufl@a oder @ufl@a.f haben wir den
Gott Cul3an3, der als Bifrons dargestellt wird, und die Görtin CulSu er-
wähnt. B. Hrozny hat die beiden Gottheiten mit einer Gruppe gleidrnamiger
hettitisdrer Götter in Verbindung gebradrt: Kul3a3, KulduJ (Kula66ana im
Akkusativ). Dieser Autor erklärr den Namen aus der hedtischen 'lTurzel
hul!, ,,hiten"; es müßren also Sdrutzgötrer des Mensdren, des Flauses und des
Grabes sein (V orderasiatische K ultur, S. 2 I 1 ).
Culdan ersdreint tatsädrlidr als wohltätige Gottheit, der man Exvoros
sdrenkt, jedodr bei Cul6u ist das nidrt der Fall. Das kann man aus einem
sdrönen Relief ersehen, das den Sarkophag einer adeligen Etruskerin sdrmüd<t.
Corssen hat diese Absdriedszene, bei der Culsü eine makabre Rolle spielt, in
seinem'Werk veröffentlidrt (Bd. I, S. 381), (Abb. 55).

Abb. 55. Die Göttinnen CulSu und Ven@ in einer Absdtiedszene

Man sieht redrts einen Todesengel, der die Verstorbene, Tita Afunei, sanft
hinwegführt. Sie verabsdriedet sidr von ihrem alten Vater, der sie so gerne
zurüc}halten mödrte. Neben ihm steht seine andere Tochter (oder seine Frau),
die ihm zärtlidr die Hand auf die Sc.hulter legr; weiters sehen wir nodr vier
Mitglieder der Familie. Dieser Trauerszene im Familienkreis haftet erwas
Götter, Dämonen, Heroen 189

Konventionelles und Offizielles an. Man hat den Eindrudr, daß diae Mensdren
sehr gut erzogen und gewohnt sind, ihre Gefühle zu beherrsdren. Sie verhalten
sidr sehr würdig.
\(eniger klar ist es, weldre Bewandmis es mir den Rollen in den Händen die-
ser Personen hat. Sind darauf Gelegenheitsreden verzeidrneq die eine an-
mutige etruskisdre Sekretärin, nur mit Halsband, Grifiel und Tintenfaß aus-
gestarrer, aufgesdrrieben hat? (Abb. 56). Oder aber sind diese Personen frei-
gelassene Sklaven? Bei Freilassungen wurde ofr ein Brief überreidrt (Paoli,
l. c., 279).
Sdrließlidr sehen wir linhs auf dem Relief die Göwinnen Yan@ und Cul3u,
die eine mit einern riesigen sdrlüssel und die andere mit Fad<el und Sdrere.
cul6u sdridrt sidr an, den Lebensfaden der Tita zu durdrsclneiden; sie ist also
keineswegs eine ,,Beschützerin". Eher als an die wohltädgen Gottheiten der
Frettiter erinnert sie uns an eine Arr Furie, ein weiblidres Ungeheuer aus der
albanisdren Folklore: Kulshedör (M.223 und Lambertz, l. c., I. S. tet;. Sollte
das ein Naühall aus einer fernen Vergangenheit sein?
sowohl die Hettiter als audr die Illyrier sdröpften aus einer sehr alten
gemeinsamen Quelle, die man als protodanubisdr bezeidrnen könnte. Natür-
lidr könnten sidr dieselben Motive in den Balkanländern und in Etrurien an-
ders entwi&.elt haben als in Kleinasien.

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PI? hv )frq A?nr -
-

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-E/-
Abb. 56. Eine Lasa schicht sich zum Schreiben an

, Bloß. als. vermucung könnte man audr die Namen culian und cul6u mit
dem albanrsdren golle, ,,Bogen" (M. 130) vergleidren. Man wird sidr daran
erinnern, daß die etruskisdre_n stadtrore, die män so häufig auf Bildern
sieht,
namentlidr die von veii, Falleri und volrcrra und eine M"enge andere, sowie
die inneren Tore der eiruskisdre_n Gräber gi*albt,i"a
orientalische
f.i. fir"f-iö1. oio",
7ug ist _auch für die hetridsÄe Architektui, sowie rti.'dl" .,ro'
ljrartu crarakteristisdr (S.,,Lloyd, 1...,.S. 132). So kornie cur die B"dzutung
,,Tor" annehmen und culS ,der von dem Tor" heißen, anders ausgedrüdri
,,Torhüter" -(an stadt-, Tempel- und palasttoren). ZusamÄ"rrf"rr"rrJ klor,
gesagr werden, daß @ufl@a6 und culdan nur zwei Beinamen (Bifrons "tro
und
,,Türhüter") derselben Gonheit sind, die man audr mit Ani bo"lÄ.r.t. urra
die wir audr auf den Münzen von velathri gesehen hab"". lhr *irklidrer
Name ist uns ebenso unbekannt wie übrigeni audr jedem ,,Durdxdrnitrs-
e[rusker".
Daß die Göttin @ufl@a nirgends als Bifrons ersdreint, um ihren Namen
zu redrrfertigen, darf uns nidrr._übermäßig überrasdren. Die Relilion der
Etrusker yr i" eine geheimnisvolle Armorp"här" getaudrt. Es waie sJh" *"hl
möglidr, daß ursprünglidr die Grenzlinien zwisdren"gewissen Göttern uoa iu"r,
190 Die etrusbiscben Texte

weiblid, en Gegenstücken nidrt sehr deutliü waren. In späterer Zeit sollten Diana
und Jovino die weiblidren Formen von Janus und Jovis sein (V. Duruy.
Histoire des Romains, S. 75). Unter den Autoren der jüngsten Zeit hat sidr
J. Przyluski mit diesem Problem befaßt. Er spridrt von dem ursprünglidren
Dualismus der androgynen Großen Göttin, die später in zwei gegensätzlidren
Gestalten verehrt wurde. Im Orient und im Gebiet um das Agäisöe Meer
wird die Baumgöttin Ashera-Astarte durdr die heilige Säule versinnbildlidrt,
deren Kapitell zwei Voluten aufweist, von denen eine nadr links und eine nadr
rechm geridrtet ist. (Die Gro$e Göttin, S. 82-87, ss., Tafel III.) Bei den
Eruskern fiel das zweifelhafte Vorredrt, einen doppelgesidrtigen Kopf zu be-
sitzen, auf Grund einer Entwid<lung der religiösen Begriffe dem sdron gezeig-
ten CulSani zu; seine Gefährtin @$l@a hat sic} diesbezüglich emanzipiert'
Es gab übrigens in Italien nodr eine andere Gottheit, Pales, die die Herden der
römisdren Hirten besdrützte und bald als Gott, bald als Göttin betradrtet
wurde.

Gehen wir nun zu einer Gottheit über, die sidr wenig um die Zukunft küm-
merte und nur der Gegenwart lebte: Bacdrus-Dionysos, dessen danubisdr-bal-
kanisdrer Ursprung eindeutig feststeht. Sein etruskisdrer Name ist Fufluns.
Jahrelang war idr diesem grotesken und dodr drarmanten Namen gegenüber
hilflos. Die Leichdertigkeit und Vindbeutelei, die aus diesem Namen spredren,
erschienen mir immer sdron als Flerausforderung. Die Tatsadre, daß dieser Name
der des Gottes der Bacdrantinnen gewesenwar, sdrien mir dafür keine g-enügende
Redrtfertigung. Für den didcbaudrigen, gemütlichen Alten, den wir auf den Bil-
"R.tÜ"trr
dern von sehen, war diesei Name denn wirkli& ein wenig zu duftig.
Dodr sdrließlich schlug es ein. Die beiden f von Fufluns stehen für zwei b,
'$üir wissen ja, das
t'roitac und brontö, @et'ri und Tiberius dasselbe bedeu-
ten oder d"ß ä"r griechisdre nefele, ,,:ygolke", dem larcinisdren.gleidrbedeuten-
den nebula daß side fanule als banesbe herausgestellt hat, daß lep
"rrrrp.i".lrr;
bel entlawte, daß aus lai (pbvi) ein bui wurde und das
sidr als albanisdt
@üI@a( ihre beiden Stirnen, du baltasb, zeigen mußte; so hat audr Fufluns
erklären müssen, .wer er ist: Bwbluns. Mit diesem donnernden Namen ersdrien
er mir plötzlidr- ganz wütend und kraftstrotzend, dodr hatte er endlidr eine
Ver-
_Daseirrsberecltigäng", denn die Quelle dieses Namens, das albanisdre
bubullis bedeutet usw. (M' 40)'
-bum bubullii, ,,brüllen"
Bei den örieclre' hatte Dionysos den Beinamen Bromios: ,,der Gott des
Lärmes der Bacdrantenzüge" (Kerenyi, La Mythologie d.es Gre.cs' ?70)'
\(/'
fri.f"t-fi:Sf." indes beradr"tet däs albanisdre Verbum babullii als eine Ableitung
des'romaniscbez verbums bwbulare,,,wie eine Eule sdrreien"; von
demselben
romanischen Sramm leitet er audr die italienisdren vokabeln bwbbolare,

,,sclrreien, rollen" (Donner) und bubbolo, ,,D-onner" ab (Rotnaniscbes. Etyrno-


'i"Sirnriyarftrbu'ch, 1911; S. 135a). \(zenn dieser Autor redrt hat, müßte man
füi den Namen Fufluns eine andere Erklärung sudren'
Es steht nadr wie vor außer Frage, daß Fufluns und Bubluns ein und das-
"di"t",
r"lU" ri"i und daß das Plätsdrern Namens nur eine Onomatopöie ist'
Es isr ebenfalls eine Tatsache, daß diese Lautmalerei audr im Albanisdren exi-
;.i; ;; ;i; lnterjektion ,,abubu!" Schrecken ausdrüdrt' (M' 1 und Lam-
bertz I. 59.)
Aber, konnte nicht letzten Endes Meyer-Lübke doch unrecht haben?
iA-.h""U" mir, diesen Zweifel aurznrpre.len, indem ich in Betracht ziehe,
Götter, Dämonen, Heroen 191

in weld.rer rü7eise dieser Gelehrte eine andere Frage behandelt, die der unsern
ähnlidl ist. Meyer-Lübke untersudrt das italieniscbe \I ott albardeola,,,Pelikan",
im Zusammenhang mit dem romanisdren ardea,,,Reiher", das dem rumänisdren
barza, ,,Stordt" entspridrt, Der Autor stellt fest, daß das obengertannte albat-
deola einerseits und äas albaniscle bartb,,,weiß", andererseits ähnlidr wie das
rumänisdre barza klingen Nun, wo bleibt die sdrlußfolgerung? Daß alle diese
'\üüörter \(urzel zusammenhängen, springt ins Auge. Meyer-Lübke
mit derselben
hätte uns diesen Ursprung angeben müssen, der im Grunde ein romanisdres
bard hätte sein können, denn das Romanisdre ist dodr älter als das Rumänisdle,
das Albanisdre und das Italienische, nicht wahr?
Jedodr am Rande dieses Abgrunds angelangt' zö1ert der Autor. . . und
stellt die Fragg wer denn dieses italienisdre'lt(ort gesdraffen habe (ib. S. 619)'
Es mußte aber Meyer-Lübke bekannt sein, daß hinter diesem albanisdren
Stammwort bardb, ,,weiß", ein illyrisclrer Königsname steht; mit anderen
'Worten: die Zugehörigkeit dieses Stammwortes zum altillyrischen Grandstocb
war damit bewiesen. Der Autor hat es jedodr nidrt für nofwendig befunden,
dieses kleine, dodr lehrreidre Detail zu erwähnen. Vielleidrt interessierte ihn
das weniger, da es ja dodr nidrt in den Rahmen der romanisdren Spradren ge-
hört. Gerade diese auf die spitze geriebene Aufspaltung der \üissensclaft in
Einzelgebiete hat die Entzifierung des Etruskisclen so sehr aufgehalten. Hier
berührln wir eine der wirhlichen, nidtr eingebildeten, wunden Stellen der
Etruskologie.
Die Vurzel bardh haben wir bereits weiter oben in ihrer Dialektvariante
barl gesehen: (P. 226) hlumie parliu.
\7ir wollen auf Bubluns zurüd<kommen; es bestehen nodr zwei Erklärungs-
möglidrkeiten:
a) Die illyrisdre \(urzel bubul war im Etruskisdren wie im Altalbanisd'ren
vorhanden, und das Romanisdre hat sie aus dem Etruskisdren geerbt.
b) Diese etruskische 'Wurzel war vielleidrt ursprünglich im Albanisdren nidrt
vorhanden und könnte später aus dem romanisdren bubulare oder aus dem
italienisdren bubbolare übernommen worden sein.
Eines steht fest: Fufluns wat Bubluns. Endgültig überzeugte midr davon
der Artikel von C. Devoto, Nomi di dioinitä etrusdte' Dieser Autor kommt
selbst zu keinem Sdrluß, was unsere Frage betrifft, dodr zitiert er sehr Passend
eine Bemerkung Grotenfends, der Fufluns mft bublinon oinos, dem Namen
eines berühmten \üeins, in Beziehung bringt. Dieser \7ein kam von der Insel
Naxos, wo der Kult des Dionysos besonders b\nfue (Studi Etruschi, VI, S. 243)'
Fufluns trägt audr im Etruskisdren die Beinamen Paya und PaTies, d'. i.
Bacdrus. Diesbez,ügliü mödrte idr zwei Bemerkungen einsdralten: 1. das het-
titisdre Vort papliia, das diesem Beinamen so ähnlidr ist, bedeutet ,,Stod<,
Gerte". Handelt es sidr nicht vielleidrt um den bekannten Thyrsos der Bacclan-
tinnen? 2. Bacchus war thrako-illyrisdrer Herkunft und wurde ursprüng-
lidr nur von Frauen verehrt. Erwiesenermaßen betradrtete man den \fleinstod<
als eine Quelle der Frudrtbarkeit, die die Frauen von ihm nt erhalten tradrte-
ten. Ein alrcs Relief aus Askalon (Perrot et Chipier, Bd. III, Abb. 314) zeigt
Frauen, die sich mit einem Iü/einstod< vereinigen. Das läßt sicl vielleiclt da-
durdr erklären, daß Askalon eine der fünf Städte der Philisrcr war und daß
diese dem illyrisclen Stamm angehörten. Sie können also in das Land Kanaan
Riten gebradrt haben, die auf die uralten Quellen des Dionysoskultes zurüdt-
gingen.
192 Die etrasbisdten Texte

Naödem nun von Bacchantinnen die Rede gewesen ist, wäre hier die Ge-
legenheig an die Erklärung eines 'wortes heraniugehen, das so alt isr wie die
rfelt und dessen Bedeutung immer dunkel geblieben ist: das \rort satyr. \üieder
werden wir sehen, weldr grelles und unbarmherziges Licht unsere Enzifierung
mitten in so viele verworrene und ausweglose Diskussionen wirft. vas be]
deutet rrSaryr", genauer satur(os)?
_,,Die Etymologie des Wortes Satyrus ist unbekannt. Die Bemühungen der
Grammatiker, dieses \wort zu erklären, das wahrsdreinlidr ni&t hellenischen
Ursprungs ist, haben kein zufriedenstellendes Ergebnis gezeitigr. .. (ihr) do-
risdrer Name tituroi bedeutet dasselbe wie Böd<e. Man kötrnte also die
satyrn in die große Familie der theriomorphen Genien einreihen . . . Tiergotr-
heiten . . . dieser Glaube lebt in leidrt gemiläerter Form bei den Bergbewohirern
Mazedoniens weiter.
, ,(In Arkadien verehrte man) Pan, den ziegenfüßigen Gott. Von ihm ent-
lehnte man die Hörner, den Sdrwanz und äie gespaltenen Klauen für die
sdrar der satyrn, dieser ked<en und lasziven rü7esän, denen immer etwas von
der Ziegennatur anhaften blieb."
Die eben zitierte stelle stammr von Daremberg, der weiters erklärt, daß die
den ähnlidren silene dagegen Pferdedämonen waren; die satyrn würden
-Satyrn
häufg. zusammen mir Flermes genannr und hätten an den prozeisionen, die
man Phallophorien nanntg teilgenommen.
-
Die Enzytlopädie von \flissowa verneint in ihrem Artikel satyroi katego-
risdq- daß die Satyrn sdron von alrers her mit dem Ziegenbod< identifiziärt
worden seien; dies sei vielmehr ersr in hellenistisdrer Zeit-gesd-rehen. Das alte
1A:thel blbg diese satyrn in der Gestalt von Bödren nidrt-gekannt. Sie seien
ithyphallisdr und hätten einen Pferdesdrwanz. Ein Argum-enr aus dem Ge-
fesselten Prometbeus zugunsren der Abstammung der Saiyrn von Ziegen wird
für null und nidrtig erklärt. Darauf erhalten-wir die-Auskunfq jaß man
die_ Etymologie des bewußren Namens aus dem altindisdren turas,
,,stark,,,
erkläre. Mommsen hingegen hatte lateinisdt satar,,,gesättigr.., ah
Queile die-
ses Iüortes vorgesdrlagen.
In unserer Zeir endlich bezeugt Altheim, der Name Satyr komme aus der
illyrisdren Spradre (1. c., 15). Andererseits ist unbesrreirbar d"r den Satvrn
nahestehende Flermes eine ithyphallisdre Gottheir und als soldre werde.t
".r.L
die sauyrn (sowie die silene) in den unzähligen Musterbeispielen der klassisdren
Ikonographie dargestellt.
Idr glaube also, daß das ursprüngliche Vort aus dem albanischen sbtuar,
,,aufredrt stehend", das vom Verbum shtoj, ,,sidt, aufrichten", abgeleirct ist,
(M. 501) (cf. lateinisdr sto und russisdr stojati) zu erklären ist und daß es ein-
fadr ,,ithyphallisdr" bedeuter. Dadurdr würden sowohl der Standpunkt Altheims
als audr die zahlreidren Zusammenhänge dieses sonderbaren Kultes mit dem des
Dionysos und mit Thrakien bestätigt werden; es ist der Frudrtbarkeitskult
in seiner ganzen thrako-illyrisdren, rohen Ursprünglidrkeit.
'Ifirhaben schon vom Gott Veltun, Verrun, Voltumna gesprochen, dessen
Name mit einer der ältesren bekannten und unbestrittenen indogermanischen
'Wurzeln zusammenhängt,
nämlidr mit aert (vers), ,,wenden, drehen". Verwei-
len wir nun bei einer Dankesinscfirift auf einem ,,Askos", einem sdrlaudrförmi-
gen Behälmis:
(P. 60) mi oenelusi aTesi muluemknie ortan (B)
Götter, Dämonen, Heroen 193

muluem ist ein bereits bekanntes Veibum: ,widmen". Hier verdient die gramma-
tikalisdre Form (die leidrt von den anderer4 häufigeren Formen mnlu, mulavanice
usw. abweidrt) 'besondere Beadrtung, Seiner Endung em nadt, muß es der Infnitiv
eines medial-passivisdren Zeitwortes sein, wenn wir nadr den Formen urteilen,
die wir im Albanisdren finden:
aktiv rnedial-passivisdr
bäj, madten babem, sidt madren, gemadr'r werden
/zs, 'beten, bitten latem, gebeten werden
kryei, beenden hryhetn, beendet werden

So wird die Unzahl von etruskisdren Verbalformen in dem Maße verständlid-rer,


als es mit unserer Entzifferung vorwärtsgeht.
knie geh&t zur albanisdren 'Wurzel qenö, -sein, existieren", die wi,r sdron im Zu-
sammentrang mit klenase (hitia) und dcndnAsa besprodren rhaben.

Die Insdrrift besagt also: ,,Dies hier von Venelus Ales wird gewidmet für
sein Leben dem Vertun."

Nadr so vielen Göttern und besonders mit Rüd<sidrt auf die erruskisdlen
Gepflogenheiten, wollen wir nun von einer Gänin spredlen. Larona, Leto, ist
die Geliebte des Zeus und die Mutter des Apollo und der Artemis. Der Kult
dieser vorgriedrisdren Göttin war an beiden Ufern der Ägäis verbreitet: in
Mazedonien, Delos, Ephesus, auf Kreta, in Karien, Phrygien und Lykien. Nadr
Daremberg könnte ihr Name von einer indogermanischen Stammf orm le, ,,ge-
ben, sdrenlcerq besdraffen", herkommen: ,,sie ist die Göttin, die glüchlicbe Ge-
burten sdtenht".
-Dieser
Hinweis genügt mir, um eine andere Interpretadon dieses etruski-
sdren 'Wortes vorzusdllagen t Le@am, Le@n, Leta (A). Idl denke an das al-
banisdre verbum /e, dessen Parcizip Perfekti das (veralrete) lete ist und das
zur '\üfelt bringen, empfangen" (M. 239) bedeutet. Dieses Verbum
'gebären,
paßt dodr zu einer Göttin der Mucersdrafr
Sie wird mehrmals in dem Texr auf dem Tonziegel aus Capua erwähnq von
dem zu spredren wir sdron wiederholt Gelegenheii hatten und von dem nodr
später die Rede sein wird. Die Entzifferung dieses Textes wird durdr sein rela-
tiv hohes Alter (v. Jh.) ersdrwert, sowie durdr seinen sdrledrten Erhaltungs-
zustand und durdr die Tatsaöe, daß er aus Kampanien srammr, *o äi.
Etrusker nur eine unter die ureinwohner gemisdrte Minderheit waren.
Idr verstand daher den Optimismus nichr recht, mit dem M. Bufia 1935
diese Insdrrift ankündigte :
,,Man kann sie als den älrcsten Texr von einiger Länge betradrten, den uns
unsere Väter hinterlassen haben. Seine Bedeutung steigt nodr, wenn man be-
denkg daß die zahlreidren italisdren verwandtsdraftsverhältnisse der spradre,
in der er gesdrrieben ist, sein Verständnis erleidrtern können'. (NRIE; 284).
Nun, seit 1900, dem Jahr seiner Entdeckung, hat dieser Text den Ent-
zifferungsversudren standgehahen. Er madrt weiterhin seine sprünge wie ein
wilder Stier, und idr werde midr glüdrliö sdrätzen, wenn es mir gälingt, ihm
zumindest einige Banderillas in den Nadren zu stoßen.
In dem Text wird vacil le@amsul erwähnt, worin wir ein Mahl zu Ehren
der Göttin erkennen, oder eigentlidr,,bei Le@am", d. h. im Tempel d,er Le@am.
Dann liest man. odcil lunasie laca ivnac, mit anderen lforten: ,,ein Mahl
(gefolgt) von Spielen (zu Ehren) des Bacdrus, des Zornigen... Das soll uns
13 Etrusker
194 Die etrusbisdten Texte

augensdreinlidr an die großen Spiele erinnern, die alljährlidr im Voltumna-


Heiligtum abgehalten wurden. !üüir haben audr sd,on einige andere Ausdr'üd<e
aus derselben Quelle zitiert: ... tule ap;rase unial@i, das vielleidrt bedeutet:
,,(das Opfer von) zarten schwarzen Lämmern im Tempel der Juno". Als nädl-
stes habin wir einen Satz vor uns, in dem Le@am eine ganz widrtige Rolle
'Worte redrt verstanden habe, dann werfen sie
spielt. \7enn idr diese wenigen
Lidrt auf die etruskisdren Riten; wenn wir jedodr anerkennen,
"inr.r.re.w".tetes
daß zwischen der etruskisdren Religion und jenen Kleinasiens alte Verbindun-
gen besanden, dann werden wir allerdings weniger überrasd'rt sein' Idr ordne
das besagte Fragment folgendermaßen an:

puiian acasri
Tinian tule le@arnsul (P. 2, 19)

puiian: puia, ein bekanntes Wort; hier im Akkusativ?


"Frau',
acas: im Rumänisdren und im Mazedo-Rumänisdten, in 'denen einige thrakiscbe
Elemente erhalten sind, bedeutet akatsa .nehmen, ergreifeno'
ri; albanisdr,, ,,jung, neu", ein Vort, das wir sdron gut kennenu
tinian: Tinia; irn Akkusativ?
t*Ie: ,zart, fein", ein !üort, das uns sdron untergekommen ist.
le@atnsul: Le@am (ein Casus obliquus).

Rein äußerlidr sehen die V/örter so aus:

t,",","fl?äl,jtlü#1,1',o,,"...
Der Sinn ist jedodr folgender: ,,Nehmen (die Statuen der) jungen Frau, der
zarcen Latona, und des Tinia, ihres Gatten". Anders ausgedrüdrt heißt das,
man soll die Bildnisse dieser beiden Gottheiten in einer Prozession herumtragen.
Man könnte an einen in bestimmten Zeitabständen wiederkehrenden Ritus der
heiligen vermäblung des Großen Gottes mit der Großen Göttin denken, des
paaris, das die Frudrtbarkeit des Landes sidrert; diese war ja das Kernmotiv
der Religion der indogermanisdten Flettiter. Dieser Ritus ist auf dem großen
Felsenrelief von IasiliKaia in Anatolien dargestellg auf dem man eine
Götterprozession siehc (G. Contenat, Manuel, I. S. 290 und Abb. 131). Ist
also im Texr aus Capua von einem Vermählungsfest mit Prozession die Rede,
bei dem die Verbindung zwisdren dem großen Gott der Etrusker und ihrer
großen Göttin gefeiert wurde? Haben wir hier eine Erinnerung. an klein-
äsiatisdre Riten ior uns? Diese Gebräud-re konnten sehr wohl von den Tursdra
nadr Italien gebracht worden sein, den Vorfahren des etruskisdren Adels, die
illyrisdrer Ab,stammung waren, jedodr von der lydisdlen Küste kamen'
bi"r.. Ritus war aber gleidrfalls ägäiscb. (Nadr Diodorus feierten die Kre'
ter alljährlich die Vermählung des Zeus mit Hera.)-
Hier ersdreint eine allgemeine Bemerkung angebracht. Ofienbar spielten sidl
mehrere widrtige religiöie Zeremonien im Heiligtum der Le@am- ab, andere
im Tempel dei Jutro-Uni. Im Kapitel über die Familie wurde bereits aus-
geführq daß diese sowie Turan ebenfalls Mümer-Göttinnen waren'
" Eirre-Tarradle wird allmählidr klar: mehrere Zeugnisse aus der etruskisdren
Epigraphie beweisen, daß neben der sozusagen ,,offiziellen" Religion,_die dem
Tirri"", ä"- Inbegrifi des ais cemnac, den Ehrenplarz einräumte, im täglidren Le-
b.r, d., Etruskei der inbrünstige Kult der Mütter-Göcinnen vorherrsdrte.
Götter, Dämonen, Heroen 195

Der Name des Sonnengottes, Cdll@d, hat sidr in der etruskisdren Bezeicl'r-
nung für eine Blume erhalten: leautam,,,Solis Oculum" (nadr Dioscorides, I.
Jh. n. Chr.). Diese Gottheit wurde weiter oben, im Kapitel über die Zahlen,
bei der Erwähnung des Bleitäfeldrens von Magliano genannt. Auf der wohl-
bekannten Bronzeleber scheint dieser Gott unter dem Namen Ca@ auf; in den
AMB nimmt dieser Name die Form ca@inurn an. Es ist interessant, diese
letzte Bezeidrnung mit dem litauisdren Verbum haitinu,,,heizen" zu verglei-
dren (Seidel, Grarnm. der litauiscben Sprache, S. 119).
In der Insdrift von Magliano kommen audr Opfergaben zu Ehren des
Gottes Marisl (Mars) vor: ciala@ fim@m aaili, einhundertunddreißig pro
Jahr? (P. 359, CIE 5237). Sie müssen vom cepen tu@ia (dem obersten Priester
[?] der Stadt) @u7 irpte,ur dargebracht werden. Die letzten beiden \förter
sind zwei Verba und ein Substantivum:

@u7 ist das albanisdre dahem, ,,ersdreinen, sidrtbar sein' (M. 36). G. Meyer sagt,
es gebe keinen Beweis dafür, daß dakem mit dem griedrisdren Verbum do,€eo,
osdreineno, verwandt sei (Etym. S?örter udr, S. 76-77).
iyu ist ik, ,gehen, flüdrten, versdrwinden' (M. 36).
teor ßt tizsr, ein bekanntes 'Vort.
"Monat',
Die Formel @ay iyuteor (B) bedeutet also wohl: ,,zu Beginn und zu Ende
der Monate", falls es nidrt ,,das Ersdreinen und das Versdrwinden des Mondes"
heißt. Was diese zweite Deutung betrifft, so haben wir bereits mlusna kennen-
gelernt; es wäre jedodr möglidr, daß man sidr in den versdriedenen Gebieren
Etruriens versdriedener Formeln bediente.

Der Name der Oesan (A), der etruskisd-ren Aurora, kommt in den AMB
häufig vor. Man kann ihn mit Hilfe der albanischen \Turzel dhez, ,,anzin-
den" (M. 90) verstehen. Man liest z. B. bei Martin-Leake (1. c., 389)z te rnare
kiri edhe ta d.ezne perpara sentit, ,,eine Kerze nehmen und (sie) vor den Hei-
ligen anzänden". Der T'Iame @esan bedeutet also ,,Anzünderin", oder vielleidrt
,,Leudrte". Diese Gottheit scheint in den AMB auf und zwar als @esan tin!
@esan eiserai (V, 19-20), was bedeutet: ,,@esan des Tinia, @esan der Göt-
ter" (oder: ,,... der Göttin"; Uni, Juno?). Sowohl durdr die Etymologie ihres
Namens als audr durdr ihre Beinamen erinnerr midr @esan auffallend an die
Aurora des phönizisdren Pantheons von Ras-Shamra (Ugarit): Nerat Elirn
S hepesh,,,Leudrre der Götter, Shepesh",

Eine wenig bekannte Göttin, Malaye, ist nadr Ansidrr Skutsdrs auf den Mün-
zen von Lemnos abgebildet. Es ist wahrsdreinlidr dieselbe Göttin, die wir auf
einem Spiegel sehen, den Gerhard besdrreibt (1. c., Tafel CCCXLIV). Die In-
sdrrift lautetl. herucel (?) mlacuT,,,Herkules und Mlacu". Diesen Götternamen
finden wir viele Male in den AMB in der Form mlay wieder. Er isr ein Teil
der Formel: un rnlay nun@en (Kap. III, 19; V, 1, 20; IX, 19; un mlaT in
vIII, 12).
Da Un, Uni, Juno bedeutet und nun@en den neunten Tag, nund,inae, be-
zeidrneg ersdreint also die Göttin Juno als rnlaT dieses etruskisdren Festes.
Derselbe Titel wird aber audr für andere erruskisdre Gottheiten gebrauclt: für
die Göttin @anir (mlay@anra) wd für den Gott Tinia (rnlay tins) auf dem
Täfeldren von Magliano (P. 359).
196 Die etruskisdten Texte

_ M?o weiß, daß Juno in der Stadt Veji ,,Königin" genannt wurde (Müller.
Deed<g II, S. 44). Bedeutet tnlaT ,,Köntgin, König"?
Dieses etruskisöe \7ort erinnerr midr an das illyrisdre und albanisdre rnblah,
,,altern" (M. 270), von dem der Name einer pelasgischen Stadt, Plakia, ab-
geleircu isg sowie das albanisdre Adjektiv plah, ,,ah" (M. 390). Das albanisdre
rnb wird oft zusammengezogen; so kann mbloj,,,beded<en.., auf rnloj reduziert
w_erden (M.271). Es isr möglid-r, daß mblale in einem illyrisdren Dialekt zu
plak wurde und in einem anderen zu mlah.
Von diesem Begriff ,,alt" führt der \fleg direkt zu dem Begriff ,,Flerr..,
wie das Lateinisdre zeigt (senex, von dem senatas kommt). So war also un
mlay Jvno, die Fürstin, die Herrin, nacl dem Vorbild der Herrin von Byblos
bei den Alten. Dann würden mlaT@anra ,,@anir, die Flerrin.. und'mlay
tins ,rJvpiter, der Herr" bedeuten.

4x ?-),_
-tu;+

Abb. 52. Herkules und Mlacu

Eine kurze Insd'rrift auf einem Gefäß: rnlay (P. 666) bedeutete also: ,,Der
Flerrin." In einer anderen Vodvinschrift (P.27, CIE 8413) handelr es sidr um
einen Auvile, der seine Opfergabe ateri mlaTuta weihr. Ateri (A) läßt sidr
leidrt aus dem albanisöen atör ,,Väter" (das parallel zu etna besteht) erklä-
ren, sowie aus atöri,,,Vatersdraft" (M, 14), die beide vom 'Worte dt, ,,Yater"
abgeleitet sind. ateri mlayuta bedeuret somir: ,,Den F{erren Vätern (Ahnen)."
Unter diesen Voraussetzungen könnte man einen Satz aus dem Text von
Magliano:
aiseras in ecs mene rnla@cemarni tu@i tiv
folgendermaßen erklären :

aiseras: Casus obliquus des Substantivs aisera, oGöttin".


in: ,,lisss".
ecs.' Casus obliquus des \flortes ec, ecd, ist"? oder cf. albanisdr ec, ogeh,
geht!" l
"hier
Götter, Dämonen, Heroen t97
mene: (cf . Kap. II der AMB).
mla@cemarni teile idr in drei Elemente:
mla@, ein Äquivalent zu mlal (f . me@lam wd meTlam), d. h. ,Herrin*.
ce .diese" (cf. s*@ce,,dieses Grab").
mami gehön natürlidr zur '!?urzel lndrr, merr, ,nehmen", die wir sdron kennen
(cf. intemamer), mit dem illyrisdren Imperativsuffix -ni (cf. epni,,,gebt!"; bleni,
Marrni,,nehmt!'.
"kauft!").
tu@i: .in der Stadt".
tiu: tio, oMonar'.

Sollte dieser Satz folgendes bedeuten:,,Die Göttin hier, diese Flerrin, nehmt
sie (in einer Prozession) in die Sradt jeden Monat?"
Es gibt aber nodr viele Sdrwierigkeiten zu beseitigen.
\7ie soll man beispielsweise folgende Vorivinsdrrift interpretieren :
(P. 42) mi rnlay mlaha!
mini @aniriiie turice hvuluoes?
Der zweite Satz ist klar: ,,Dies hier (oder audr: ,,idr") der @anir weihte
(cf. albanisdr dburoj,,,ein Gesdrenk machen") Holaies". \flas aber bedeuret diese
Viederholung mla2g rnlaha!; in der ersten Zeiie?
. ,,Der Königin der Königinnen?" Vgl. ,,Gott der Götter", Janus (Beiname
des Janus in den salisdren Gesängen. Macrobius, Die Saturnalien, I, l4). Oder
hat mlay nodr eine zusätzlidr.e Bedeutung, z. B. ,,Trankopfer"? Soll man an
das Sanskritwort nlalea,,,mir \üasser getränkter Boden" denken, an das litau-
isdte malhas und das letdsdre malba, die ,,Sdrlud<" bedeuten (\üüalde-Pokorny,
l. c., II, S. 287)? Oder kommr der Ausdrudr mlay letzten Endes aus dem
phönizischen und karthagisdren \7ort rnalk., ,,Könis"? Darüber werden die
Forsdrer der Zukunfr entsdreiden.
\üenn wir uns nun anderen Gomheiten zuwenden, so erleben wir die an-
genehme überrasclung, auf . . . einen wirklidren ,,Sdrlüssel der erruskisdren
Spradre" zu stoßen, einen mit Grünspan bededrren Bronzesdrlüssel, den man
in die Hand nehmen kann und den eine Insdrrift zien. \feldr freudiee über-
rasdrung! Hat man uns nidrt hundertmal versidrerr, der Sdrlüssel Et*r-
kisdren existiere nidrt und es sei vergeblidr, ihn zu sudren? Nun, da ".rä
ist dieser
wahrhaft symbolisd're Gegenstand, auf den man bis jetzt nidrr viel Aufmerk-
samkeit zu versdrwenden geruhte.
Dieser sdrl'i.issel ist einfach und elegant zugleidr, nur seine Länge ist etwas
ungewöhnlid'r: 37 Zentimeter. Dieses Erzzugnis der etruskisdren Metallindustrie
wurde 1870 in Rätien gefunden, und zwar in Dambel bei Trient. Das ist aber
nid-rt alles. In derselben Provinz, nodr näher bei Trient, im Cembra-Tal, nahe
dem Fluß Avisio, fand man 1828 einen anderen alten Bronzegegenstand: einen
Eimer. Der Fluß Avisio (Adrtung auf die Flüsse!) mündet in einen anderen
Fluß, die EtsdL in der Nähe der Sradt Lavis (merken wir uns Lavis!). Es
kommt nodr besser. Dieser Eimer trägt ebenfalls eine Insdrrift, und was das
Sdrönste ist: beide Insdrrifrcn sind beinahe gleiö! Beide sind \fidmungen an den
etruskisdren Quellengott Lavis, dessen Name auf wunderbare \üeise im Namel
der Stadt Lavis weiterlebt (Corssen, über die Spracbe der En., I, S. 919,
Tafel XXIII).
Diese beiden Inschriften, die in die gleidren \florte gefaßt sind, lassen mit
Sicherheit auf eine gemeinsame Herkunft sdrließen, obwohl die beiden Gegen-
stände an versdriedenen Orten aufgefunden wurden. Nun sind aber weder die
198 Die etraskisdten Texte

gemeinsamen Elemente in den beiden Texten, nodr die untersdriedlidren leidrt


zu erklären, im Gegenteil, sie werfen eine Menge Fragen auf.
Somit hat unser ,,Sdrlüssel zur etruskisdren Spradre", den der große For-
sd'rer Zufall ans Tageslicht gebradrt hat, einen großen Nadrteil: Man muß
zuerst die Insdrift darauf entziffern.
Diese ist etwas länger als der Text auf dem Eimer. Die Gegenüberstellung
der beiden Texte läßt die Lüdren der Insdrift auf dem Eimer erkennen:

Abb. 53. Schlüssel and, Eimer aas Nitien

DER SCFILÜSSEL DER EIMER


l. laztiseielk a) laoßeielk
2, hh velyana b) rupinuPitiaae
3. upinupitiapo c) oelTana
4. athinriitl
5. lrarsinatalina d) thelnavinatalina
6. thihearais
7. skutrinaTe e) kasenkustinaTe
8. htoralsna

Hier sind drei Bemerkungen angebradrt:


A. Die Zeilen 4,6 und 8 des Sdrlüssels fehlen auf dem Eimer.
B. Gewisse \ürörter auf dem Eimer scheinen auf. dem Sdrl,üssel verunstaltet
oder verstümmelt zu sein (rapinu-upinu).
c. corssen hat bei der Gegenüberstellung der beiden Texte die Zeilen b)
und c) des Eimers vertauscht, so daß sie den Zeilen 2 und 3 des Sdrlüssels ent-
spredren:
2. lth vellanu b. ruPinuPitiave
3. upinupitiapv c. vellanu
Götter, Dämonen, Heroen t99

Der Eimer sieht altertümlich aus. Er ist nidrt gesdrweißt, sondern mit breit-
geklopften Bronzenägeln zusammengehahen. Gehen wir von der Insd[ift auf
diesem Gefäß aus:

laoiselelh: So 'klar der An{ang ist, laois, "dem Gort Lavis", so sdrwierig ist der
zweite Teil, .denn man steht vor .d,er \[ahl zwisdren zwei gleidrwertigen Erklärungs-
möglidrkeiten. Einerseits erkennt man in ielk d,as albanisdre gilc (tshilz)' "Sdrlüssel"
sow"ie geläs, gels) ?!us dem'stammwort gel, ,öfinen" (M.58 und 6O). Das Wort,pa-ßt
hier sÄr goi, d" ja Eimer und Sdrlüssel zusammen geopfert worden sind und der
Sdrlüssel ilr di. wertvollere Opferga,be betrachtet wurde, Da,rauf wird man ein-
wenden,: Varum sollte man auf einen Eimer .Hier ist ein Sdelüssel!' sdrreiben? Dieser
Einwand srört uns nidrt sehr, denn der Stifter konnte ja angeordnet haben, auf beide
Gegenstände dieselbe rüflidmung zu sdrreiben und sidr vorbehalten haben, danadr drei
neue Ausd,rüd<e auf den, Scl'lüssel zu setzen.
Andererseits könnte in iel die etruskisöe Dativ-Genetiv-Partikel sal, zal enthalten
sein, die wi in le@amsal, larezul usw. (cf. Fuflunsl) findenr Da wir in Rätien sin'd,
könnte das eine lokale Variante sein. Dodr bedürfte in diesem Fall das auslautende &
einer Erklärung. sollte es die Konjunktion "und" sein? Diese wür'de auf dem sdrlüs-
sel, wo aü laviselelh ein anderer Name folgt, sehr gut passen; jedodr auf dem Eimer
ist sie weniger angebradrt, wie wir sehen werden'
Eine dritie Möglichkeit: jel könnte die auf der Bronzeleber von Piacenza als cel
bezeiönete Gottheit sein. (P. 719' b).
unter den Füßen. Auf die
-uem (B): Hier haben wir wieder festen Boden
rupinapitiaoe
engäbe, die Opfergabe geweiht wird, folgt ein Gebet an den Quellengott' Es
zerlällt in drei Teile:
ruplnu: darin erkenne idr das etrusklsdte repine, das dank der in den AMB häu-
6gen- Formel hatec repinec, Hades und im Abgrund", zu erklären.ist; audr im
"im
A'ibanisdren finden wii rröpinö, ,Abgrund' (M. 437). Dieses !(ort werden wir nodr
später untersudren. Man könnte es audr mit al,banisdr rra, ,Badt" (M. 442) erklären.
piti ist vollkommen klarz pitö, der Infinitiv des Verbums Pj, "trinken" (M' 388)'
Es ist mit dem slawisdren 2iti vollkommen identisdr.
atse katn:durdr sein Gegenstüdr. auf ,dem Sdrlüssel erklärt werden: apo ist nidrts
anderes als dpa, das Verbum ap, .geben, sdrenken'.
Alle drei Teile zusammen bedeuten also: ,Gib (uns) zu trinken (\(asser) von den
Abgründen (d. h. aus den Tiefen der Erde)"; oder: ,aus den Eädren"; oder, ent-
spredrend dem lateinischen ripa, ripula, ,,Flußrrfer": 'aus 'den Flüssen".
Eine andere Deutungsmöglidrkeit: wenn wir (mit Tomas&ek, l. c., I1,2,92) in ave
ein Gegenstüd< zurn thrakii&en Wort d.p, d?d, ,Wasser' annehmen, ergibt sidr fol-
gende Bedeutung: ,von den Abgründen (rapina) zu trinken (piti) Yasset (aoe)."
vefuana ,tehi d.- lth oe\ana, ,Larth VelTanuo, auf dem Sdrlüssel gegen'ü'b€r'
Sondeobarerweise ähnelt diesei Name sehr stark dern des Larth VelTas, 'der zweimal
in .den Insdrriften von Tarquinia vorkommt (P. 91, cIE 5401 und P. 124, cIE 5554).
Dennodr glaube idr nid-rt, daß es der Name dessen ist, der dem Lavi's sdrlüssel und
Eirner opf:erte, denl weder vor nodr nadl diesem Namen steht ein Verbum, das dar-
auf Bezrig haben könnte, im Gegensatz zu sonrstigen Votivinsdrriften. VelTan* ist also
die Anrufung einer zweiten Gottheit, nämlidr des Vulcanus (?)' des Gottes des unter-
irdisdren Feuers. Da ja audr er ein Gott .der Frudrtbarkeit war, konnte er sehr wohl
mit Lavis in Zusamrnenhang stehen. Idr kam auf diesen Gedanken, weil ja bei den
Erruskern, wie wir oben gesehen haben, .das Feuer ,eine Quelle der Fruchtbarkeit war.
Die vorangehenden Zeilen waren längst gesdrrieben, als rnir endliö klar wurde,
daß unser Lavis allem Ansdrein nadr mit der Gottheit losl von der Bronzeleber von
Piacenza (P, 719) i'dentisdr ist. Dort sdreint er nidrt allein auf! Wir 6n'den ihn in
guter Gesellsdraft: lvsl ttelT,Lavis, Vulcanus. Unsere Sorgen haben so ein Ende. Wir
haben es mit zwei Gottheiten zu tun, und der vermeintlidre Stifter Larth VelTas muß
si& sdrnell zurüd<ziehen.
200 Die etruskischen Texte
tbelnavinatalina (B) ist ein, ziernlidr klarer Text:
thelistdas albanisdre thel,.tief", aus dem das Verbum thalloj abgeleftet isr:,ver-
tiefen; gedeihen lassen' (M. 533).
na: ,wir, unse,ro uns" (wie im Al,banisdren).
ztina bedeutet hier mit Sidrerheit oder
tali(na) ist das albanisdre Verbum "\feinstödre" "lfeingärten".
dal, ,ausgehen, g"lioger,,"i
Man bittet also den Yelran: ol-aß unsere \üeingärien g"d"ih"n, laß uns gelingen
(Erfolg haben)."
husenkustrinaTe.' das stößt uns wieder in die dunkeln Abgründe z,'riid<. Naclt
hin sieht es ganz leid-rt aus: kusen, Akkusativ von,alban]sch h*s, ,Topf" ,tnd
a.afien
busighö, ,Eimer" (M. 230), ein \0ort, das man sidr auf einem Eimei iidri b.rr",
denken könnte; kastri(na7e), ein venbum, das man durdr das albanisdre h*sbtär,
"wi'dmen"
erklären kann (M,231); zusammenfassend:,dieser Eimer isr von uns
gewidmet". G' Meyer ist anderer Meinung: kasi, so sagt er, komme vom venezia-
'Lateinisdren
nisdren c*sina and hasbtroj sei eine a/re Entlehnung ä.- "u,
(1. c., 217).
Die Frage bleibt also offen.

\7enn wir nur die verhähnismäßig klaren stellen in Beradrr ziehen, bedeu-
tet die Insdrrift auf dem Eimer folgendes:
,,An Lavis und Cel (?). Aus den Tiefen der Erde gib uns zu trinken. An
?ulcan. Laß unsere Weinstöd<e gedeihen, laß uns Erfolg haben . . ...

Und hier die Insd'rrift auf dem Sdrlüssel:

laviseielh: ,An Lavis, der Sdrlüssel'.


Ith velXanu: da larth ,hodr" bedeutet, ,,dem großen Vulcan".
upinupitiapv hat vielleidrt dieselbe Bedeutung wie in der zeile b) des Eimers.
Dodr wäre eine andere Nuance möglidr: das anlautende rz könnte auf eine medial-
passivisdre Form sdrließen lassen: *pinu, ,tnsern Durst stillen"; piri könnte sehr
wohl ,Getränk' bedeuten. .Gebt uns, um unsern Durst zu stilleng von (eurem) Ge-
tränk." apu ),x das Pluralzeidren, da man sidr ja an zwei Götter wendet.
otbinrlitl (A): dieses pracJrtvolle zusammengesetzte l#ort gibt uns den Mut, fort-
zufahren'; es besteht aus:
ztthi : sdbi, das wir sdron kennen: ,\7eg".
nr! ist der Genetiv des albanisdren njer-i, ,Mensdr', also: ,des Mensdren, der
Mensdren".
irl; albanisdr i dal (mit dem Objekt-l vor dem Verbum), ,gelingen, gelingen
lassen' (M. 65), das wir bereits kennen.
Das ganze wäre also so zu formulieren; udhi njerish i dal: ,,Laß gelingen den Weg
der Mensdren."
lrazsinatalina (A), eine weitere klare Stelle:
lra: albanisdt l|rej, .lassen' (M. 244.)
rtin*: ,Veingärten".
tali (na)t,gelingen" (,unsere").
,Laß unsere \üüeingärten gelingen (gedeihen)."
tbikeurais (A): dieses wirklidr außergewöhnlidre Fragment gehört zu den sdrönsten,
die idr entziffern konnte. Von den drei Elementen, aus denen es besteht, thi-ke-urais,
ist uns das erste sdron begegnet, nämlidr ,Hirsdr" (im weiteren Sinne). Die beiden
anderen sdreinen zunächsr Einzelfälle zu sein. Bei näherer Analyse jedodr steht ihr
Sinn außer Zweifelz
täi: albanisdr d,bi, (M.91); mögl.idrerweise aud.r thi, (M.534).
"Zregen"
e ist das albanisdre qe,der PIural von ka,,,Odrs" (M. 121). "sdrweine.
*rais ist ein Optativ des albanisdren Venbums rris, ,Yleh züd-rten* (M.439) mit dem
anlautenden z der medial-passivisdren For,men. rü7ir haben wirklidr Glüd<, denn Mann
gibt als Beispiel genau die grammatikaliscle Form an, die wir hier braudterr. t'u-rrit
Götter, Dämonen, Heroen 201

dera!, ,möge deine Sippe gedeihen!" (ib.) Hie'r gehen wir also gar kein Risiko ein:
,(Unsere) Ziegen und (unsere) Odrsen mögen gedeihen!" (oder: "'.. sidr ver-
mehren').
skaztrinaTe: Diesmal mödrte idr einen anderen \üeg, unabhängig von 'der Zeile e)
auf dem Eimer, einsdrlagen:
shnz kinnte mit dem etruskisdr-albanisdren Stammwolt sbkoi, "gehen" zusammen-
hängen (das wir in den AME findenz icun, icanin, sowie auf dem Zippus von Perugia,
P.570: scuna, lcane, usw.). Mann gibt ein Substantiv der gleidten Wurzel an; sbhuesi,
Braudr" (M. a81; anders ausgedrücikt: ,Tradition".
"Sitte,
trin ist d,er albanisdre ein in den AMB häufges !üort. Hier sei vermerkt,
"Held",
daß in den ältesten Zeiten 'Griedrenlands keine dzutlidre Trennlinie zwischen den
Heroen und den Ahnen bestand. Die Ahnen wurden zu Heroen; die Heroen wurden
als Ahnen betradrtet; auf der Agora der Stadt hanen die einen wie die an'deren ihre
Gräber und diese stellten für die Stadt einen fun'dierten geistigen Wert dar. Man muß
sidr diese doppelte Bedeutung vor Augen halten.
7e ist vielleidrt das albanische ke, ,,du habest!", von ka, "idr habe".
Itntralsn* (B) ist glüd<lidrerweise ziemlidr klar:
Itt ist der Plural des Substantivums ht, .Geber", oder auch des Substantivums lot,
(M. 250). Das auslautende r ist dem Plural der Maskulina und der Feminina
"T'räne' netät, die Nädrte". vra ist das alba-
gemeinsam: tnali tnalet,;die Berge"; ndtd
nisdte *ra,
-
Hunger" (M. 541).
-
"der
s kennen wir sdron als albanisdre Negationspartikel,
na ist ebenfalls bekannt: albanisdr njob, ,,wissen" (cf . trtrtnt'tt).
Zusammenfassend können wir lesen: und Flunger (m<igen wir) nidrt
"Tränen
kennenl'
'Wenn wir alles, was unklar ist, weglassen, ergibt sidr für die Insdrrift auf
dem Sdrlüssel folgende Bedeutung:
,,An Lavis . . . Lasse uns mit deinem Trank unseren Durst stillen. Möge
der \üeg (unserer) Leute gelingen. Laß unsere Weingärten gedeihen. Mögen
unsere Ziegen und Odxen sidr vermehren. Erhalte die Sitten unserer Vorväter.
Mögen wir Tränen und Flunger nicht kennen."
IJnsere Interpretation ist nidrt lüdrenlos. Somit ist dieser ,,Sdrlüssel zur
etruskisdren Sprache" kein Dierich: sobald wir ihn in der Hand hielten, merk-
ten wir, daß er nidrt wie Sesam, öffne dich! wirkt, sondern daß es galg von
neuem ziemlidr glatte \üände hinanzuklettern. Um etwas aus der Insdrrift
zu verstehen, mußte idr alles kombinieren, was die beiden Texte boten. Man
sieht also, daß meine Methode sowohl ,,kombinatorisdr" als audr ,,verglei-
drend" ist. Icl hoffe, mir dadurdr die Gunst der Anhänger beider Ridrtungen
zurüd<zuerobern. die somit endlidr versöhnt wären.
Auf jeden Fall war unsere Mühe nidrt frudrtlos, denn durdr diese Texte sind
wir um einige dauerhafte Neuerwerbungen reid,er geworden, sowohl was unse'
ren Wortsdratz, als audrwas unsere morphologisdren Kenntnisse betrifft.
Dieser Sdrlüssel ersdrloß uns ein inhaltsreicles Gebet mit zwei oder drei über-
rasdrenden Ausdrüd<en.
Jedodr, wenn idr midr nidrt täusdre, hat dieses ungewöhnliche Dokument
darüber hinaus nocl einen anderen \7ert; man kann aus ihm auf gewisse ge-
sdridrtlidre Zusammenhänge sdrließen.
'Süir
sind in Rätien. Dieses Gebiet war für Etrurien der \7ilde \üesten, das
Grenzland der etruskisdren Expansion im Potal. Damit ist sdron eine eigene
Atmosphäre gegeben: Leute, die ihr Vaterland verlassen mußten, sind ängstlidr
darum besorgt, auf einem ,,neuen \7eg" Erfolg zu haben. Sie kommen in ein
'Wasser
neues Land und sudren dort gutes und gute '$7eiden, legen Ifleingärten
202 Die etruskisdten Texte

an und wollen dorr ,,die Sitten der Vorväter" aufredrterhaken. Das erlaubt
uns einen Blid< auf die etruskisdre Kolonisierung, die im wesentlidren das
'Werk von Bauern, 'Weinhauern
und Hirten, also agrarisdrer Naf,ur, war.

Nur nodr eine kleine Absdrweifung im Zusammenhang mir der Lavis-


Insdrrift, denn diese öffnet uns eine Seitentür, die bis jetzt versdrlossen war.
Sehen wir nodr einmal eine der klarsten Formeln der Insdrrift an: otltinr-
sitl, udhi nerii id.al, ,,(daß) der 'Ifeg (unserer) Leute gelinge"; mir diesem
Satz ausgerüstet, kehren wir nun zur Sdrenke zurüdr. Dort hatren wir eine
sdröne ,,Tasse aus Vetulonia" mit einem einladenden Henkel und einer In-
sdrrift zurüdrgelassen:
(P.366, NRIE 701) nacetne uru i@al @ilen i@al
iyeme mesnamer
tanlina mulu
Entfernen wir zunädrst die dritte Z€/'e aus unserem Blid<feld. Sie bedeutet
,,Tan3ina hat gewidmet (diese Sdrale)" und sdreint mit den beiden vorangehen-
den Zeilen nidrts zu tun zu haben.
Nehmen wir die erste Zeile unter die Lupe. Hier haben wir das Wort von
unserem Sdrlüssel: i(d.)al, ,,(daß er) gelinge"; es wird mit Nadrdrud< wieder-
hok i@al .,, i@al. Sollte es ein Gl,üd<wunsdr, ein Toasr sein, den man, die
Trinhsdrale in der Hand mehrmals ausspridrt?
'S7ir
stellen fest, daß naceme :und iyeme dieselbe Endung erze haben. \flenn
wir diese abtrennen, erhalten wir in der ersten Zeile nac und in der zweiten
iy. Beide \üörter sind uns sdron vertratt. ndc, ,,Nadrt" und ip ,,geherq
fortgehen". Zv eme finden wir im Albanisdren ein genaues Gegenstüdr: erze,
,,mein, meine" (M. 94). Man ist versudrq die übrigen ltförter aus der ersten
Zeile so darzustellen:

ur* cf . albanisdr rroj, .wünsdrer", ilrim,,Ifiunsdr" (M. 541).


@ilen dtirfte in @i und len zefiallen. Fjir len steht sdron ein albanisdres Gegenstüd<
bereitz lefi,,geboren werden" (M. 2aD;
ndceme ura @ilen,..
"werdend'?
Nadrt ist rnein lüunsdr: es möge gelingen der werdende
"Bei
@i . . ." \/as könnte dieses @i seinl !|fas kann man in diesem Fall wünsdren, daß es
werde, daß es gelinge? Man muß es verstehen, nidrt nur aus Ahnlidrkeiten, sondern
audr aus Gegensätzen Nutzen nt ziehen: Nacht wd Zag? Sollte Oi, di eine verkürzte
For,m von tin, ,Tag* sein? Mit diesem !7ort erklärt man audr 'den Namen des Gottes
Tinia. Ansonsten könnte es das alöanisüe gdhi, "die Morgendämmerung' sein, cf.
u-gdbi', ,der Tag bridrt an" (M. 74)? In diesem Fall wirde i@al @ilen bedgutent der
werdende Tag möge gelingen".

Gehen wir nun zur zweiten Zeile über: iyeme rnesnarner.Da iy,,gehan, fort-
gehen" bedzuteg wünsdrt man also, daß eine Sadre gelinge und daß eine an-
dere. . . fortgehe. Das Gute möge kommen, das Böse möge fortgehen?

mesr c[. albanisdr mösyj, .bezalbern" (M. 283). Ist hier von einem ,Zauber' die
Rede?
namer: ein Plural? Cf. albanisdr näm,.verflidten" (M. 303). "Flüdre"?

Hier die vermudidle Bedeutung des ganzen Textes:


,,Bei Nadrt, mein l7unsdr (ist): daß er gelinge, der werdende Tag, daß er
gelinge!
Götter, Dämonen, Heroen 203

Daß meine Verzauberungen und meine Flüdre vergehen! Tan6ina hat ge-
widmet."

Audr lenkt dieser etruskisdre Sdrlüssel unsere Aufmerksamkeit auf die Was-
serversorgung in Etrurien. Vir haben bereits von der Göttin Iuturna gespro-
dren, die idr mit albanisdr ujö, ,,Yasser" und ujtore, ,,Zisterße" in Verbin-
dung bradrte (cf. griedrisdr lty dor,,,'Wasser").
Die Frage der Beziehungen zwisdren dem Etruskisdren und den anderen
italisdren Spradren wird am Ende der vorliegenden Arbeit kurz angesdrnit-
ten werden. Hier ist es jedodr angebradrt, darauf hinzuweisen, daß das Ele-
ment utur von Iuturna audr in der oskisdr-umbrisdren Sprache vorhanden ist,
namentlidr in den Iguvinisdren Tafeln, wo man den Ausdrud< soiseve utur
lertufrnd,et (col. Iß, 15).
soisezte dürfte Gefäße bezeidrnen, t'ertu bedettet ,,tragen". Es ist interessant
zu beobadrten, mit weldrer Umsidrt der Ausdru&. ut,.n gehdndhabt wurde. In
seinem ausgezeidrneten Kommentar dieses Verses sdrreibt M. Brdal:
,,Es gibt drei svisera genannte Gegenstände. Im ersten trägt man die Mildr,
im zweiten den '$Zein, im dritten eine unbekannte, t4tar genannte Subsanz"
(Les Tables I guvines,S. 263).
Man könnte sidr fragen, ob diese Substanz nidrt etwa dieselbe ist, mit der
wir uns die Hände wasdren? Nun, die Etrusker dürften diese Substanz gesdrätzt
haben. Nadr O. Müller verstanden sie es, die unterirdisdren Gewässer zu er-
forsdren, und sie hatten eigene Riten, um den Regen herbeizuführen Diese Riten
kreisten alle um Tinia, als den Regengotr (1. c., II, S. 318-319). Das muß
man bei der Erläuterung einer in den AMB häufigen Formel beadrten, die in
folgenden Varianten vorkommr:

eiser iic ieuc (Y,10, 14) (A)


aiserai ieui (II,12)
eisera! 'seui (V, 20), usw.
Diese Beiwörter können sidr auf Tinia (ein Plural maiestaticus elseri), Juno
(aisera) und nadirlid-r audr auf mehrere Götter beziehen, dodr muß erwähnt
werden, daß damit audr die Seelen der Vorfahren gemeint sein können. Dieser
widrtige Punkt wird uns in der Studie von J. Bayet iber den etruskisdren
Herkules in Erinnerung gerufen. '!Vir lesen dort über einen uralten Ritus in
Rom: man trug den manalis lapis, einen geheiligten Stein, in einer Prozession
herum. Von diesem Stein wurde angenommen, er sei der Eingang zum unter-
irdisdren Aufenthaltsort der Manen, mit anderen \tü'orten, zum etruskisdren
mund., den man mit diesem Ritus öffnen wollte. Denn zugleid-r mit den Manen
kam der Regen hervor. Bei den Alten besaßen die Seelen der Toten eine
,,ungeheure Mad'rt", Regen hervorzubringen (,,Hercle", t926, S, 247,248,255).
Nadr dieser Absdrweifung kehren wir zur Erklärung des Beiwones iic,
'seuc oder Seui zurid<, das auf Gottheiten oder vergöttlid'rte Verstorbene
Anwendung fand:

iic ist si * ji
ist das al'banisdre säi, ,Regen" (M. 476), c bedeutet ,und'.
c.
ieuc tst ieu * (mit dem bestimmten Artikel a) ist das alban'ische s&6,
c. se
"Vildbadr",
das wir sdron in, dem Spridrwort lenslis rire kennengelernt haben.

Somit bedeutet eiser lic leuc ,,Götter des Regens und der ltfildbädre".
204 Die etrashischei Texrc

Lassen wir nodr einige andere Götternamen an uns vorbeiziehen und unrer-
sudren wir kurz ihre Erymologie.

Nortia war die Göttin des Sdrid<sals. In ihrem Tempel sdrlug man wie
wir sdron wissen in regelmäßigen Zeirabständen Nägel ein, um den- Zeit-
ablauf zu bezeid'rnen- oder vielleidrt um das übel ,,festzunageln". Livius sdrreibt
(VII, 3), daß in Rom der Glaube besand, ein Diktator habe einst durdr das
Einsdrlagen eines Nagels eine Epidemie zum Versdrwinden gebradrt. Bei den
Alten lag also der Begriff des Sdri&sals nahe bei dem des Todes. Nortia war
mit Decuma identisü, derea Name uns an das albanisdre Verbum dekun,
,,sterben" erinnert (M. 69). Außerdem gab es, nadr einer Sammlung alter
albanisdrer Literatur zu sdrließen, ein Verbum ngurdbitur, ,,töten" (Letersya
e ajeter Sbqipe d,be arbereshe. Tirana, 1952, S. 75). Davon ist im Neualbani-
sdren ngordh, ,,sterben, verenden (von Tieren)" (M. 311) erhalten, was uns viel-
leicht dem \lort Nortia näherbringt.
Es gab jedodr nodr eine Sdrid<salsgöttin, die uns Gerhard unter dem Namen
Libitina vorstellt (Etr. Spiegel, Tafel LXXVII). Vielleidrt war das nur ein
Beiname; jedenfalls ist Libitina wenig bekannt. Nun reißt die albanisdre Spradre
brutal den Sclleier von diesem Namen und zeigt ihn uns in seiner ganzen un-
barmherzigen Bedeutung:

leb eti,,,S&rred<en, Entsetzen"


le b e tis,,, jammern, stöhnen"
lebetitje,,,Angst, Aufregung" (M. 239)
Eine bekannrc Votivinsdrrift auf einem eruskisdren Kriegerhelm laurct:
aisiu himiw (A). Albanis& himö bedeutet ,,Abgrund" (M. 159). Der Helm
war also dem Gott oder den Gtittern der Unterwelt gewidmet. Bei der Be-
spreclung der Agramer Mumienbinden vrerden wir das \Iort hirn wiederfinden.
Es sei vermerkt, daß das lVort aisiu auf dem Tonziegel aus Capua in der
Form aiuzie aufsdreint.
'V'enn
sdron von den Dämonen die Rede ist, wollen wir auf den etruskisdren
Namen Tarsu für Gorgo-Medusa hinweisen. Dafür ließe siö eine Erklärung
dank dem albanisch-italienisdren \flörterbuch von Leotti geben, wo man findet:
1, ters:,,unheilvoll, von bäser Vorbedzutung" (S. 1469).
2, turrern: ,,angreifen, sidr auf jemand werfen"; davon kommt i turrösbem,
,,g€waltsam" (S. 1514).
Tuyu\a, der furdrtbare Dämon, stürzt sidr auf die Verstorbenen, bald
mit einem Sdrlegel bewaffnet, bald Sdrlangen mit offenen Mäulern sdrwin-
gend. Vielleic}t hängt sein Name mit dem albanischen Verbum töbelh, ,,mit
Gewalt fortsdrleppen" zusammen, dessen Aorist töbolqa lautet (M. 515 bis
s16).
Es könnten auch die Zahl @u, ,,zwei" und die 'Waffen, die dieser Dämon
handhabt, gemeint sein. Auf den Fresken sieht man ihn mit einem znteizacbi-
gez Spieß dargestellt. Nun gibt es im Albanischen das \lort dyqel, ,,zwei-
zinkige Gabel" (M. 88 und 92); habedewet,,er hat". Dieser sdrred<liche Dä-
mon ist übrigens audr häufig mir zwei Sdrlangen in Händen dargestellt (wie
beispielsweise im Grab des Orkus). Das albanisdre Verbum ngulbedeutet,,hin-
einstoßen" (M. 321); da ngul zrt gal werden kann, könnte ein Ausdru& wie
d,u-gul audr die Bedeutung ,,zwei Stadreln" haben. Cf. griedrisch dicbelos,
,,gegabelt".
Götter, Dämonen, Heroen 205

Vom morphologisdren Standpunkt aus gesehen wäre vielleicht ztt raten,


taya\a mft. aclTa aus Kapitel V, 18 der AMB und mit simlya aus Kap.
X, 5 der AMB zu vergleidren, wo -x4,,haq besitzt" bedzuten dürfte.
Um sidr darüber klar zu werden, daß wir hier den Prototyp des Teufels mit
der Gabel und dem Bod<sfuß vor uns haben, der in der Ideen- und Glaubens-
gesdridrte Europas bis zum Anbrudr der Neuzeit eine so hervorragende Rolle
spielen sollte, genügt es übrigens, den Fries eines etruskisdren Grabes aus dem
III. Jh. v. Chr. (Tomba Cardinale, von Poulsen besclrieben, l. c., S. 57) zube-
tradrten, auf dem mit Gabeln bewaffnete Dämonen eine SdTar junger Männer
verfolgen. Es wurde bereits davon gesprodren, daß die Etrusker die Idee
soldrer Dämonen möglidrerweise dem Orient, dem iranisdren Mazdeismus, enr-
nommen haben.
Nodr einige \7orte über einen Heros. Wie so viele andere Episoden aus der
Ilias war der tragisdre Tod des Ajax, des Freundes des Adrilles, der sidr selbst
tötete, um seinen brudermörderischen Zorn zu sühnen, der Gegenstand mehre-
rer Darstellungen auf etruskisdren Gemmen. Auf diesen sieht man, wie der
Held mit geknid<tem Körper und zu den Knien gesenktem Kopf sidr in sein
Sdrwert stürzen will, das er in den Boden gepflanzthat.
Auf einer dieser Gemmen steht die Insdrrift: aiaT ztiet (B) (Beazley, l. c.,
s. 13e).
Das letzte \7ort lese idr ujet und bringe es mit dem albanisdren Verbum
üj, ,,sidt beugen" (M. 538-9) in Zusammenhang. Die Insdrrift d'ürfte also
bedeuten:,,Ajax gebeugt".
Man kann feststellen, daß die etruskisdren Graveure sidr mandrmal damit
begnügten, das rein Äußerlidre der Szene herauszustreidren, so wie es bei
tretu,,,bridfi in Sdidre" oder bei Taluyasu,,,rittlings" der Fall ist, wie wir sdron
weiter oben gesehen haben. Die Stellung des Ajax ist ja audr wirklidr un-
gewöhnlidr,
Herkules ist sdron oben erwähnt worden.
Einen Ehrenplatz müssen wir der großen griechisdren, oder vielmehr vor-
griedrisdren Gottheit Apollo einräumen, deren Kult in Italien ab dem
IX. Jh. v. Chr. von den Griedren aus Cumae verbreitet wurde. Iüie die Apollo-
statue aus Veji beweist, wurde dieser Gom im VIII. Jh. in Etrurien verehrt.
Verweilen wir bei einer Bronzesratuece (cf. Tafel 7) mit folgender Insdrrift:
(P.737, CII2613)
mi flere's svulare aritirni t'asti ruifriS trce clen ceya (B)
Die Statuette ist Svulare (ein Beiname des Apollo) und seiner göttlidren
Sdrwester Artemis (Diana) geweiht. Eine Frau, Fasti, die Todrter oder Frau
des Ruifri, hat sie gegeben (trce, turce), um zu sein (clen, das albanisdre hlenä,
das wir sdron kennen)hier (ceya, das albanisdre keha); gemeint ist: ,,in diesem
Tempel."
Der Beiname soulare erfordert einige überlegung. Es wäre vergeblidr, wollrc
man etwas wie solaris darin sehen, denn für die Sonne haben wir im Etrus-
kisdren die Bezeidrnungen usil und ca@. Idr glaube, die genaue Form des
Namens mißte saular sein, dessen Endung -ar (ebenso wie ac, a1) sowohl im
Etruskisdren als audr im Albanisdren den Beruf, die Herkunft usw. bezeidrnet
(etruskisdr: kepucar, ,,Sdrusrer", u@etar, ,,'!üanderer"; albanisdr: Shqiptar,
,,Albaner", lut'tar,,,Kämpfer" usw.). lfeldre Eigensdraft des Apollo hebt dieser
Beiname hervor? Es ist bekannt, daß dieser Gott bei den Etruskern wie bei
206 Die enuskischen Texte

allen anderen Völkern in erster Linie der Gort der \Weissagungen war. Die
Orakel seiner Priesterin, der Pythia, ließen die Zukunft im voraus erkennen.
Ein ähnlidres Amt übte audr die Sibylle aus. Daremberg sdrreibt: ,,Es gibt keine
griechisd-re Etymologie f;ür sibylla." Es hat jedoö den Ansdrein, als hätten die
Ausdrüd<e svular nnd, sibulla eine gemeinsame Wurzel. Daremberg zirierr
Platon, der von der Sibylle und von der Pythia sagq ,,sie zerrissen die Sdrleier
der Zukunft" . . . Soll man diese Definition vrörtlidr nehmen? Kommt der
Begriff ,,enthüllen, entded<en" in diesem Beinamerr zum Ausdrud<?
Im Etruskisdren verleihr ein vorangestelltes s dem Verbum eine negative Be-
deutung. Im Kapitel über die Sdrenke haben wir das lfort sniye, ,,nidtt wissen",
kennengelernt; desgleidren im Albanisdren. Hieß nun saul ,,enrhüllen" und
soular,,,der, der offenbart"? Tatsädrlidr existiert im Albanisdren das Verbum
zbaloj,,,offenbaren, entdedren" (M.273), das Gegenteil vonmbuloj,,,beded<en"
(M. 273). Dieses \Wort sdreint uns den Sdrlüssel flir svular und Sibylle zu bie-
ten, die eine so widr,tige Rolle in der griedrisdr-römisdren Kulturgesdridrte spiel-
ten.
Meine letzten Zweifel wurden durdr ein l7ort hinweggefegt, das idr im
Anhang zum 'lförterbudr von Mann fand, nämlidr d:urdt zubulues, ,,der, wel-
drer entded<.t" (M. 601). So ist soulare also tarsädrlidr ,,der, weldrer ofienbarr".
Jokl stellte fest, daß das Ifort mbuloj zum Grundsrod< des Albanisdren ge-
hörs und bradrte es mit dem altindisdren PfuT, ,,Marktfled<en", dem grie-
clr,isdren pyle, ,,Tir, Tor", dem litauisdren pilis usw. in Verbindung (1. c.,
s. s4).
Zum Absdrluß wollen wir von Hahn danken, und zwar für seine Bemühun-
gen, gewisse vorgriedrisdre Substandva aus dem Illyrisdren, d. h. dem Albani-
sdren zu erklären, Einige dieser Deutungen verdienen erwähnt zv werden: ara-
nos, ,,Himmel", sei durdr das albanisdre rtranoj,,,mit'Wolken bede&en", zu er-
klären (M. 564); rbea s€r reja,,,'Wolke" (M. a2\; die Meeresgöttrn Tbetis sei
det,,das Meer" (M. Z1).
Im Anschluß daran könnte vielleidrt der Name einer Gruppe von Göttern
auf der Leber von Piacenza erklärt werden (P.7t9 d): tetlom@.

tet : det,
"Meer".
htrn@ = l*mt, d,as dem albanisdren lumö, "Fluß" entspredren könnte (M. 215)
(nidrt zu verwedrseln mit lumö,
"glü&lidl").
Die Bedeutung wäre also: ,,Meere und Flüsse"; diese wurden tatsädrlidl als
Gottheiten betradrtet.
XII
DIE AGRAMER MUMIENBINDEN

In den sdron so häufig erwähnten Agramer Mumienbinden werden die reli-


giösen Ideen der Etrusker besonders deutlidr ausgedr'üdrt. Ihr Flaupnhema
sdreint der Ahnenkult zu sein, der vor allem in Opfern, Trankopfern und in
gleid,en Zeitabständen abgehaltenen Totengelagen besteht. Audr den Göttern
der Unterwelt werden Opfer zugedacfit. Die Priester, die diese Leidtenzere-
monien zu leiten hatten, mußrcn ständig dafür Sorge tragen' daß die Seelen
der Verstorbenen zur Teilnahme an diesen Gelagen eingeladen wurden'
Die Agramer Mumienbinden sind jedodr kein Budr im üblidren Sinn, sondern
eine Art Kalender, in dem Kultvorsdrriften (dieses oder jenes Tier an diesem
oder jenem Tag oder zu der und der Stunde des Tages opfern; beten; ein
Trankopfer darbringen; usw.) mit Trostworten alternieren, die man den Ver-
storbenen in reidrem Maße zukommen ließ. Beim derzeitigen Stand der Ent-
zifferung kann man kaum mehr als einige allgemeine Ideen, ein oder zwei
Spridrwörter oder vielleidrt einige Verse von Litaneien ausnehmen. Dagegen
kann man häufig wiederkehrende Formeln erkennen.
Einige dieser Formeln, die ungeordnet und in abgehadrtem Rhythmus her-
unterzustürzen sdreinen, hängen jedodr mit einem der beklemmendsten reli-
giösen Probleme der Mensdrheit zusammen.
Die Häufigkeit und Regelmäßigkeit der Gebete, Opfer und Trankopfer be-
zwed<ten, wie sdron gesagt wurde, nidtt nur, den Seelen der Verstorbenen die
Qualen des Flungers und des Durstes zu ersparen' sondern audr, sie in den
Rang der wohltätigen Genien zu erheben, ja sie zu Sdrutzgottheiten des
Hauses, der Familie und der Vaterstadt zu madren.
So bildete sidr ein Ring von Verteidigungswerken, hinter denen sidr der
Mensdr zu versdr.anzen suöte; dieser Ring wurde zu einem Reigen, in dem die
Vergangenheit und die Gegenwart, die Lebenden und die Toten einander die
Hände reidrten, um sidr gegenseitig zu helfen und um fortzubestehen. Auf
diese lfeise versdraffte man sidr göttlicle Besdrützer.
Audr bei den Flettitern bedzutete ,,sterben" für einen König ,,Gott werden".
Bei den Ägyptern wurde der verstorbene Pharao von den Göttern als Freund
aufgenommen; die Römer gaben den Toten Götternamen: Manen. ,,Gebt den
Manengöttern, was ihnen gebührt", sagt Cicero, ,,haltet sie für göttlidre
'Wesen."
Die auf den sdrönen Freshen der etruskisclen Gräber dargestellten Gelage
sollten sozusagen eine Entschädigung für das täglidre Essen sein, das man
eigentlidr den Verstorbenen sichern mußte; ebenso mußte bei den Alten häu-
fig keramisdres Gebäd< die knusprigen Brezeln ersetzen' die die Götter zum
Fnühsdick forderten.
Aus mehreren Stellen der AMB geht deutlich hervor, daß diese Opfergaben
in bestimmten Zeitabständen und zu festgesetzten Zeiten dargebrad,t werden
mußten. Audr der Anfang einer sonderbaren Insdrrift auf einem Stein sdreint
208 Die etr*skiscben Texte

darauf. hinzuweisen; obwohl davon nidrt mehr viel übrig ist, kann man dodr
annähernd den Sinn herauslesen:
(P. 498, CIE 1546) mina tiurhe . . . zauri

tninat ist es dasselbe wle mini,,dies hier", usw.?


tiar ist mit Sidrerheir das etruskisdre tivr, ,Momat'; hier jedodr eher ,der erste Tag
jedes Monats"; so ist audr im Alten Testament hod.esb (genau: ,neu") zugleidr
und Neumond', die Zeremonien des ersren Tages des Monats.
"Monat" "der
,€e.' albanisdr ke, ,dt hast', ,,.daß du habest' ("daß du feierst");
zaur(i) könnte eine andere Schreibweise
'ron @aur, "Grab" sein (cf. @aury aus
Kap, VII der AMB). Ein Hinureis, daß die Gaben als Totenopfer gedadrt sin'd.

Zusammenfassend:,,Dies (ist hier zu tun): feiern den ersten jedes Monats (bei
diesem)... Grab.. ."
Damit aber die Verstorbeaen diese Opfergaben genießen konnterq mußte
man sie einladen. Sie waren jedodr die menschlidre Gesellsclaft nidrt mehr ge-
wohnt. In der Finsternis und aus Furdrt vor den Dämonen waren sie sdrüdr-
tern und mißtrauisdr geworden. Man mußrc ihnen sdrmeidreln und sie zum
Ersdreinen übereden.
Fustel de Coulanges besdrreibt die römisdren Begräbnisriten:
,,Mildl und \(ein wurden auf die Erde des Grabes gegossen. . . ein Lodr
wurde gegrabeq um die festen Nahrungsmittel bis zu den Toren hinunter-
dringen zu lassen . . . man spradr bestimmte, stehende Formeln, um den Toten
zum Essen und Trinken einzuladen" (1. c., S. 13).
So bradrte man alljährlidr den nadr der Sdrladrt von Platää beerdigten Krie-
gern ein Mahl:
,,Die Platäer spradlen eine Formel, durdr die sie die Toten riefen, damit sie
kommen und dieses Mahl einnehmen." (ib., 15).
Es ist eigenartig, daß dieser alte Glaube in gewissen Bräudren unserer Zeir
weiterlebt, insbesondere in einer albanisdren Gemeinde, die vor Generationen
nadr Südrußland verpflanzt wurde. N. S. Derjawin sdrreibt in der ,,Sowjeti-
sdren Ethnographie" (1948,2, S. 156) über die,,Arnauren", die am Asowsdren
Meer, in der Gegend von Melircpol, ansässig sind:
,,Bei ihnen ist der Donnersrag in der Karwodre ein großer Tag. Am Vor-
tag madrt man um Mitternacht im Hof ein Feuer, stellt einen mit herkömm-
lidren Speisen gededrten Tisdr neben die Glut und zündet darauf Kerzen an;
auf die Size werden Kissen gelegt; man verbrennt \feihraudr. Gott läßt die
Toten für 40 Tage frei . . . Jeden Donnerstag besprengt man die Gräber mit
'Wasser. Am
Christi-Himmelfahrts-Tag kehren die Toten an ihre Plätze zurüd<."
Dies steht übrigens in vollkommenem Einklang mir dem, was von Hahn
über die Bestattungsbräudre der Albaner erzähh, die er im Lande selbst beob-
adrtet hat:
,,Beim Tode eines Verwandten sdrneiden sidr die Frauen das Haar ab,
zerkratzen sich die lWangen blutig, zersdrlagen sidr die Brust, fallen zur Erde,
rennen den Kopf wider die \7ände, rufen den Verstorbenen beim Namen und
An der eigentlidren Totenklage nehmen nidrr
schreien stark und unausgesetzt.
nur die Verwandten sondern audr die Nadrbarinnen Theil. Sie ist stets eine
gebundene Rede und besteht in der Regel aus zwei Versen, welche von einer
Solostimme gesungen, und dann vom ganzen Frauendror wiederholt werden.
Im Sterbehaus werden die Todtengesänge nodr vierzig Tage nadr dem Todes-
.... f
,*-.;Wd
,...9;-
'--e#

10. Die ,, I)orta dt Gio,'e" bei .1. .Ilarie dt lalleri (um 200.,.Ohr.)

11. Etrushisthes Riucl:eruef i.li


Die Agramer Mumienbinden 209

fall fortgesetzt. Bevor die Leidre das Sterbehaus verläßt, wird ihr ein Parä
oder sonstiges Geldsdid< in den Mund gegeben. Bekanntlidr ruht nadr grie-
drisdrer Sitte die Leidre nur drei Jahre unrer der Erde. Hierauf werden die
Gebeine ausgegraben und in einem Beinhause niedergelegt.
lVenn der Verstorbene ein überlebter Greis isr, pflegr man zur Vergebung
seiner Sünden ein oder mehrere Sdrafe zu sdrladrten, Var der Verstorbene
vor seinem Tode krank, sdrladrtet man schwarze Lämmer" (1. c., Bd. II, S. 150).
Erinnern wir uns daran, daß das Blutopfer schon bei den Alten dem Toten-
kult zugrunde liegt. \üeiter unten werden wir sehen, daß die AMB daftir
einen Euphemismus gebrauöen: rer ziaas fler, ,,bringe Leben den Bildnissen
(der Ahnen) dar". In uralten Zeiren sdraffte diese Art Opfer eine beklemmende
Atmosphäre. In der Odyssee finden wir ein Abbild davon. Odysseus erzählt
seinen Abstieg in die lJnterwelt, wo er den Seher Teiresias um Rat fragen
mußte. Zunädrst gräbt der Held eine Grube im Ausmaß von einer Elle im
Quadrat und ridrtet Gebete und Gelübde an die Toren. Dann:

,,Und nadrdem idr flehend die Sdrar der Toten gesühnet,


Nahm ich die Sdraf'und zersdrnitt die Gurgeln über der Grube;
Sdrwarz entströmte das Blug und aus dem Erebos kamen
Viele Seelen herauf der abgesdriedenen Toten.
Jüngling und Bräute kamen, und kummerbeladene Greise,
Und aufblühende Mäddren, im jungen Grame verloren.
Viele kamen audl von ehernen Lanzen verwundet,
Kriegersdrlagene Männer, mit blutbesudelter Rüstung.
Didrt umdrängcen sie alle von allen Seiten die Grube
Mit grauenvollem Gesdrrei, und bleidres Enrsetzen ergrifi midr.
Nun befahl idr und trieb aufs Äußersrc meine Gefährren,
Beide liegenden Sdrafe, vom grausamenErze ge[örer,
Abzuziehn und ins Feuer zu werfen und anzubeten
Aides' schredrlidre Madrt und die srrenge Persephoneia.
Aber idr eilt' und zog das gesdrlifiene Sdrwert von der Ftrüfte,
Setzte midr hin und ließ die Luftgebilde der Toten
Sidr dem Blut nidrt nahrl bevor idr Teiresias fragte.
Jetzo kam die Seele von meiner verstorbenen Mutter,
Antikleia, des großgesinnten Autolykos Todrter,
\(eldre nodr lebte, da id-r zur heiligen Ilios schifite.
'\üüeinend
erblicht' idr sie und ftihlere herzlidres Mitleid;
Dennodr verbot id'r ihr, obgleidr mit inniger'!üehmut,
Sidr dem Blute zu nahn, bevor idr Teiresias f.ragte.
Jetzo kam des alten Thebäers Teiresias Seele,
Halrcnd den goldenen Stab; er kannte midr gleidr und begann so:
Edler Laörtiad', erfindungsreidrer Odysseus,
'Warum
verließest du dodr das Lidrt der Sonne, du Armer,
Und kamst hier, die Toten zu sdraun und den Orr des Entsetzens?
Aber weicle zurrück und wende das Sdrwert von der Grube,
Daß idr trinke des Blutes und dir dein Sclidrsal verkünde.
Also spradr er; idr widr und stedrte das silberbesdrlagne
Sdrwert in die Sdreid'. Und sobald er des sdrwarzen Blutes gerrunken,
Da begann er und spradr, der hodrerleudrrere Seher:...
(XI. Gesang. übersetzung von Johann Heinridr Voss.)
14 E$usker
2t0 Die etrushiscben Texte

Diese Vorbemerkungen werden uns helfen, die nun folgenden Texte besser
zu verstehen. Da die jeweilige Interpretation jedodr häufig fragli& ist, werden
wir uns damit begnügen, Fragmente aneinanderzureihen, und sie in der Reihen-
folge untersudren, in der sie in den AMB aufsdreinen.

I. Kapitel (AMB)
Von diesem Kapitel sind kaum ein Dutzend \7örter erhalten. Davon wer-
den wir nur drei herausgreifen, die zweifellos von Interesse sind:
spdnzd...zaTri(B)
Sdrwerlidr wird man in spanza das griedrisdre sponde, ,,Trankopfer" und
spendo,,,ein Trankopfer darbringen" verkennen. J. Friedricl übersetzt das het-
titisdre sipand ebenfalls mit,,ein Trankopfer darbringen" (1. c., S. 193); nodr
dazu ist zayri nidtts anderes als das albaniscle dzjab (gjab) rl, ,,frisches Blut"
(?), was die Bedeutung des \Tortes spanztt bestätigt. \falde-Pokorny bringt
übrigens gjab mit dem indogermanisdren Stammwort suaqo, ,,Saft" in Zv
sammenhang (Vergleicb.'Wörterbach der indog.Sprachen,I, 515). Spanza dirfte
nirgends sonst in den Texten aufsd'reinen, was aber seine \ü[idrtigkeit nidrt
verringert, Da es am Beginn der AMB stehq tritt es besonders hervor, sowohl
als Zeugnis für den indogermanisdren Charakter der etruskisdren Sprache,
als auch als Beweis für die Verbindung zwisdren der etruskisdren rituellen Ter-
minologie und der der Griechen und der Hettiter.
über die Rolle des Blutes der Opfertiere bei Trankopfern werden wir in
allen Kapiteln der AMB, besonders aber im VII. und VIII., zu sprechen haben'

z,,!,satz zum ersten Kapitel

übrigens vrird zu Beginn des Textes auf dem Tonziegel aus Capua ebenfalls
das Opferblut erwähnt. ZweiGelage werden dort genanntl einerseits einvacil
lwnasie faca ignac, ,,Bankett (begleitet) von Spielen (geweiht) Bacdrus dem
Zortigen"; darin kommen picasri wd picas iiiane vor, die wir bald als
,,frisdre Braten" und ,,saftige Braten" erkennen werden. Andererseits ist die
Rede von einem oacil le@amsul, einem Mahl zu Ehren der Göttin le@am, La-
tona, oder einem in ihrem Tempel abgehaltenen Gelage. Darauf folgen drei
interessante
'Wörter:
scuoltne mdrzdc saca (ZeiIe 7)
Das ist eine Einladung oder eine Vorsdrrift. Man weiß vodäufig noch nidlg
an wen sie geridrtet ist, aber ihr Sinn ist klar:

scz: Imperativ des albanisdren Verbums sbhoi, .Eehen, kommen".


sane ist sehr wahrsdreinliö das albanisdre vonö, .sadtte' (M. 563);
sct'totntei ,,Kommt sadrte" oder vielleidrt sadrte'. In einer Prozession?
"geht
mdrzttci albanisdr marr, ,nehmen"; zac ist. dzjak, gjab, "B,lut".
Ct. intemamer ; mla9cemarni.
sdcdi sogar dieses kleine'!üort könnte aus zwei Elementen bestehen: sa, osoviel,
wieviel' und ca, ,ein wenig', wie wir bereits in dem Vort @apic*n gesehen haben'
Idr würde saca mit ,ein wenig' übersesen,
,Ein Gelage bei Le@am. Kommt sadtte, um ein wenig (frisdres?) Blut zu nehmen!"
Nebenbei sei bemerkt, daß im Skythisdren saca .Hirsdt" bedeutet' (Abajew'
Ossetiscbe Sprache, S, 179.) Aber saca kommt in unseren Texten nur einmal vor; im
II. Kapitel werden wir für ,Hirsdr" ein anderes etruskisdres Wort vorsdrlagen.
Die Agramer Mumienbinden 211

IL Kapitel (AMB)
Zu Beginn dieses Kapitels steht die Anleirung für den Opfervorgang. In
diesem wie in den folgenden Kapiteln werden sidr dieselben Formeln häufrg
wiederholen. Mandrmal sind sie sehr ausführlidr und in den Text eingebaut,
mandrmal etwas abgekürzt. Natürlidr sind wir an der ersten Art besonders
interessiert:
a) c! mene utince
ziTne letirunec
ray@ tara nun@en@ (Zeile 9-lO)
ci könnte das albanisdre qysb, .da, wenn, als" (M. 421) sein,
mene ist der einzige sdrwadre Punkt .dieser Stelle, Es dürfte mit den lateinisdren
Ausdrüdcen min*o, ,vercingerno, minor,,geringer" und minus,,,weniger* sowie mit
dem griedrisdren meion,,weniger", dem russischen und bulgarisdren meneie, menjsche,
dem polnisdren mniej und dem serbischen manje, zusammenhängen, die alle ebenfalls
,weniger" bedeuten. Die Bedeurung von etruskisdr mene wäre demnadr ein
"wenig,
wenig"; as ist aber nur eine Vermutung. Dazu kommt nodr, daß im Litauisdren oein
wenig' menkai heißt,
utince (B): eine interessante, aus drei Elementen bestehende Form: z, das Passiv-
zeidren; das al,banisdre Verbum din, .lng1sd7gn" (wenn vom Tag die Rede isO (M. Z5)
oder vielleidrt sogar gdbin, ,Tag werden" (M. 1f4) ce ist ein Suffix.
Die ersten drei 'Worte bedeuten also: es Tag zu werden beginnen wird" (,ein
wenig"). "I7enn
Das war wahrsdreinlidr ein für gewisse Riten un'd Zeremonien besonders geeigneter
Zeitpun'kt des Tages. Wenn idr midr nidrt täusdre, so zeigt der Sonnenstand auf dem
berühmten toskanisd-ren spiegel, auf dem Tarlies bei der Lebersdrau dargestellt ist,
eine sehr frühe Morgenstunde an. !0ir wissen, daß bei den Griedren Opfer gewöhnlidr
bei Sonnenaufgang dargebradrt wurden.
\(ir freuen uns festzustellen, daß mene und uince keine Einzelfälle sind. Zu beiden
gibt es interessante Analogienr a) mene wird durdr mele gestitzt; b) utince dvdl
mutince und matinam:
a) Das Kapitel IV (Zeile 4, 16--17) der AMB enthält einen dem unseren ähnlid.ren
Satz: ci mele @un ,nt4tince. Idr überserze !7orr für 'Wort: .wenn
dem Flaus
teilweise
es wird tageno . . , Das \[ort mele kennen wir -nä.mlidr sdron - (in)
aus
-
melecrapicces,,vom günstigen Teil" (P. 131, Insdrrift des Laris Pulena). Frei über-
sezt heißt unsere Stelle somit: ersten Sdrimmer . , ."
b) mutince untersdreidet sidr "beim
von tttince rßrr durdr die Präposition zz, ,mit, bei",
die nidrts an der Bedeutung des satzes ändert. Die Etrusker haben nun einmal die
harmlose Gewohnheit, gleidr zwei bestimmende Partikel zu verwenden: .wenno unrd
"bei" oreten-_hier, gleidrzeitig in dersel,ben Funktion auf (ähnlidr wie der doppelte
Genetiv: Fuflunsl, usw.).
Für die Erklärung von *tince kann man nodt mutinam heranziehen, aus der Formel
tdrc mtltinam, ,Morgenmahlzeit", die im Kapitel III, 13 vorkommt, das wir weiter
unten zusammen mit dem Kapitel XII der AMB untersudren werden
ziTne: zi6, ,gravieren, sdrneiden, sdrreiben"; es dürfte mit albanisdr gik(as), .be-
zeichnen' (M. 48) zusammenthängen. Hier bedeutet ziYne ,sdladtte, oPfere!. (oder
rnit derselben Imperativen'dung, die wir in epz gesehen haben.
"opfert!')
ietirane(c) (A): Dieses sdröne, so drarakteristisdre rfort müßte allein sdron seit
langem den Etruskologen die Augen für den wahren charakter der etruskisdren
Spradre geöffnet haben. Dodr haben selbst jene, die sie mit Redrt für indogermanisdr
hielten, dieses A,ngument zu ihren Gunsren nidrt bemerkt, letirane ist ganz gewiß das
albanisdre shter*nä,
"junge
Kuh". Bei der untersudrung dieses tt0oites biadrte G.
Meyer es mit dem altindisd-ren stari, -unfrudttbare Kuh" in Zusammenhang, von dem
das armenisdre sterj, d,as lateinisdre sterilis und das griedrisdre steira, alle-in der Be-
2L2 Die etraskischen Texte

deutung,steril" kommen (1. c.,416). Dieses Grundwort hat also zwei Bedeutungen:
,junges Tier" und Tier". Bei Mann findet man tatsädrlidr shtere, .jwge
Kuh" (M. 499) und"unfruclrtbares
sbtjerr, okastriert" (M. 495 und 501).
Hier ist der Ort, darauf hinzuweisen, daß bei den von Tarquinius Superbus in
Ubereinsd,mmung mit den etruskisdren libri latales eingeführten Zeremonien tasrea
sacra, unfruchtbare Kühe, den Göttern der Unterwelt geopfert wurden (O. Müller,
L c., S. 101, Anmerkung 66).
Ferner sei daran erinnert, daß Odysszus, da er in den Hades hinabsteigt, den Toten
ein Opfer bringt und ihnen versprid-rt, sobald er nac}l Ithaka käme, eine fehlerlose,
unfrudttbare Kuh zu opfern.
ray@ (A) ist das albanisdre rrab,,sdrlagen" (hier: (M. 431).
"s&ladrten")
tura wrde im Kapitel über den Markt dank der Insdrrift pel @arinu petrudl ge-
deutet. Es handelt sidr also um einen Stier oder um einen jungen Odrsen.
nun@en@: darin steckt Nundinae, das Fest des neunten Tages.
Es sei daran erinnert, daß das auslautende r im Albanisdren zur Adjektivbildung
dientt te ker*Getrei'de", tekertä,,aus Getrei.de".

In großen Zügen ergibt sidr also für unser Fragmenr folgende Bedeurung:
,,I7enn der Tag anbredren wird,
sdrladrte eine unfrudrtbare Kuh,
ersölage einen Odrsen des Nun@en."
b) falei zarfne@
zulle nun@en
far@an aisera! ieu's (Zeile 7l-12).
Das !üort f alei ist das al'banisdre bajsh, ,.d,aß du madlest". zar erweist sidr als das
al'banisdre zjarr, ,Feuer'. könnte eine Präposition sein (albanisdr ää, Kontraktion
f
avs nbö), ne@ haben wir weiter oben in ne@lois kennengelernt und mit nedya, .Ein-
geweide", in Verbindung gebradrt. falei zarfne@ müßte also bedeuten: (ver-
"Lasse
brennen) die Eingewei'de im Feuer", und folgt unmittelbar auf das soeben erwähnte
Opfer.
züle sdreint diese Annahme nodr zu bestätigen, denn bei zui detken wir in erster
Linie an das al'banisdre zusbö, (M. 584) oder ,,erhitzen"? , . . So besagt also
"}ltrze"
die zweite Zeile: .Laß heiß werden (das Mahl) des Nun@en.' Die dritte Zelle fijgr
hinzu, daß man für rdie ,,Götter des Regens*, mit anderen Vorten für die Seelen der
Verstorbenen, far@an madren müsse.
far@an sdreint klar zu sein: albanisdr bardb, ,,weiß, glüddich". far@an kommt in
den Insöriften häufg vor und hat dort die Bedeutung beatas. So z. B. in P. 321,
CIE 5313, wo von einer TanTvil Tarnai far@naye die Rede ist; vielleidrt: ,selige'.
In P. 583 wird eine Afli far@ana erwähnt. Bedeutet nun der Ausdrudc far@an
aiseras ie*i .das Glü& (die \(ronne) der Götter des Regens"? (3ezi stünde hier für
sic ieac, V, 1O) oder ist von erwas Weißem überhaupt die Rede: von weißem Brot
oder weißem Mehl, mit dem man die Gottheiten oder die göttlidren Sdratten speist?
Handelt es sidr um das Nun@en-Essen, das im Ead<ofen gewärmt wurde? Die Frage
bleibt offen.
'!üir nehmen hier einen Satz aus dem IX. Kapitel, Zeile 15-76, vorweg,
der mit dem vorangehenden Fragment einige Ähnlichkeit aufweist:
estrei alfazei zasleve

estrei ist allein sdlon ein sdrönes Rätsel; es könnte, analog zum Hettitisdren eji,
,Blut" sein; trei ist genau das albanisdre dre, ,,}{irsdt" (M. 82) mit dem angehängten
bestimmteo Artikel.
"Hirsdrblut"?
Die Agramer Mumienbinden 213

a/: cf. albanisdr alö, klein wen'ig" (M. 4)?


"ein
sfazei: lies fashei, bajshä,,daß du madrest".
zasleoe, an anderer SteIle zu.slevaz leve, leoa dürfte dasselbe sein wie das albanisdre
lezta, Perfektum von lyej, (M. 254). Ygl. luai (beim Arzt).
Also handelt es sidr im "salben"
Kapitel IX um das Blut eines Hirsdres und eine warme
Salbung (?). Man, salbte die Steine oder die Altäre auf den Gräbern mit dem Blut
eines heiligen Hirsdres. rü?ir erinnern uns daran, weldre Rolle dli (Hirsdr, Gemse
oder Reh) bei den Opfern, spielte, die in der Insdrrift des Laris Pulena erwähnt
werden.

zusatz zanTIL Kapitel (AMB)


Da zar ,,Feuer" bedeutet, gelangen wir zur Erläuterung einer von derselben
'Wurzel
abgeleiteten Form, nämlidr uzarale (B).
Dieses lifort gehört zu einer Insdrrifr auf der \üand eines Grabes, die fol-
gendermaßen beginnt: (P. 108, CIE 55OZ) carst4i rdm@a aoils XXX lupa. Es
folgen wenig verständlidre \[örter, aus denen einige Buc]rstaben fehlen. Das
vorletzte \7ort ist vollständig: uzarale, Das anlaurende u zeigt das Medial-
Passivum an. Das \7ort ist also so zu verstehen. il.-zara-Ie, ,,ist worden ver-
brannt" oder,,eingeäschert" (cf. lautnescle, ratele, usw.). Idr glaube, es ist das
Grab einer gewissen, im Alter von 30 Jahren verstorbenen Ramtha Carsui,
deren Leidrnam eingeäsdrert wurde.
Bei dieser Gelegenheit fragen wir uns, ob nidrr ein anderes erruskisdres !trorr,
aizaru,ua (lies ezaraaa) dieselbe Idee wie (u)zara(le) ausdrüd<t. Der Unterschied
liegt in dem Suffix va, das die vergangenen Zeiten bei Verben ausdrüd<t (cf.
pazta!). dizarr&a stehr auf einer Vase und gehört wahrscleinlidr zu einer
Grabinsdrrift von ca. zwanzig $üörtern, die größtenteils zusammengezogen
und unverständlicl sind. Am Beginn kann man e@a, ,,Tempeldren" ausneh-
men; weiters ati, ,,Mtrtter", aharaisi.,,, das entfernt an Ukresia erinnert (P.
160, NRIE 736). M. Buffa stellte die Frage, ob aizar uoa nidtt die übersetzung
vorr sacre uaem atrs den Iguvinisdren Tafeln sei. Idr fürdrte jedodr, hier ist
nidrts Genießbares gemeint. zdr, ,,Feuer" auf einer Urne verdirbr uns den
Appetit und läßt uns an eine Einäsd'rerung denken.

III. Kapitel (AMB)


In diesem Kapitel kommen mehrere widrtige Formeln vor, die später wieder-
kehren:
a) vinurn husina (Zeile 4) zu vergleidren mit busina oinum (VIII, 5)
buslne oinum. eiis (Zeile 20) cf . huslne ainurn eii (VIII g a)

oinum tnd, eiis sind also ,Vein" und ,Blut'. bus ist das albanisdre badb, .gießen,
aussdrüttenr (M. 162) und gewiß audr ,,Trankopfer'. husina (A) enthält noch zusätz-
lidr den Artikel i und das Zugehörigkeitssuffix -na (cf. rasna, st@ina); buslne bed,eutet
letzten Endes audr' ,tankopfer", ,,ausgießen". Cf. M. Leake: lien me miel, ,,icl.t
sdrütte Mehl aus" (1. c., 295).

Hier ist also von einem Trankopfer die Rede, das aus 'wein oder aus einer
Misdrung von Wein und Blut besteht.
b) Auf oinurn busina folgt eine kleine Lücle und daran sdrließen sidr zwei
\flörter ant clucOrai careri,
214 Die etrushischen Texte

cluc dirfte mit dem albanischen k*luq, ,Sdüud<' (M. 224) zusammenhängen; cf.
hallnfis,,sdrlu&en, sdrlürfen" (ib.).
@ra! kennen wir von dem Spiegel mit der Darstellung des Mil& (@ra) trinkenden
Herkules.
caperi dirlre bedeuten. Der Satz ist unvollständig' jedodr im Kapi-
"sdralen'
tel VIII, 9-10, finden wir ihn ganzt cluc@rai caperi zam@ic, ,,schlürft Mildr aus
goldenen, Sdralen". S7ieder müssen wir auf die Frage nadr der Bedeutung der Endung
eri hinweisen. M. Pallottino meinte, es sei ein Zeidten für 'den Dativ Singularis und
sagt: ,,Es genügt, die beiden Götternamen bertneri und tineri zu nennen" (Il plurale
etrttsco, Studi Etr., V, 1931).
'!(ir haben jedodr sdron festgestellt, daß im Albanisdren eri, er, era Kollektivzeidren
sind (dorberi,,Herde") oder audr Pluralzeidren (tlla, ,Bruder', völlezär, ,,Brüder";
hre, ,Kopf", krerö, ,Köpfe"; cf. armenisdr dunere, ,,Häuser"). Andererseits haben
wir in der Insdrrift des Laris Pulena gesehen, d,aß hermeri audr 'Hermessäulen" be-
deuten konnte. caperi kann kein Singular sein, denn man wen'det sidr hier an die
Sdratten der Vorfahren und nidrt an eine Person. In dem Satz sal cas eluce caperi
zamtic (,\MB, XII, 12) ist ebenfalls ein Plural ausgedrüd<t; dasselbe gilt von dem
Absatz twl @ans hatec rePinec tneleri szteleric, den wir im nädrsten Kapitel der AMB
finden werden, sowie für das oben erwähnte manimeri. Andere Fälle sind jedoch we-
niger klar, Die in den AMB häufigen Formen iacnicleri, ipureri, me@lumeri stehen
möglidrerweise im Singular, obwohl iacnicleri, ,,Heiligtümer", spareri, ,Städte" und
me@lameri, .Bünde, Vereinigungen" bedeuten können; das letzte Wort bezeidrnet
also nidrt nur den .(etruskisdren) Bund", denn jede etruskische Stadt mußte eine Art
Bändnis mit den umliegenden kleinen Städten sdrließen. Das Suffx eri hatte also
möglidrerweise mehr als eine Funktion.

c) Nun kommen wir zu einer Doppelformel, die sehr widrtig ist, denn sie
stelit eine Anrufung dar, die in den Kapiteln VI, VIII und X häufig wieder-
kehrt; etnam tesim etnam celucn (Zeile 72).

tesim gehört zum unregelmäßigen albanisdren Verbum dae,,lieben", dessen' Aorist


desbi ist (M. 71). Cf . dasbäm, ,geliebt" (M. 68); etnam tesim wäre also: .vielgeliebte
Väter".
celucn führt uns wieder auf das oben erwähnte cltc z:urid.d<, obwohl wir versuclt
sind, es auf andere rüfleise zu erklären. Man könnte zu seiner Erklärung z. B. das
albanisdre Verbum ngöllöqem, ,feiern", heranziehen (M. 319)' das ja letzten Endes
audr auf hinausläuft, Andererseits könnte man celacn In cela-cn teilen,
"trinken"
wobei celu das Aquivalent fü,r das albanisüe gjell, "Speise, Nahrung* (M. 144) und
cz ein Akkusativzeidren wäre. Diese Bodeutung von cel(u) paßt z. B. sehr gut zrr
dem Satz celn tale apirase unial@i auf dem Tonziegel aus Capua (Zeile 12-13), den
idr folgendermaßen übersetze: ,,Geridrte (Fleisdr) von sdrwarzem Lamm (apir) in
(dem Tempel) der Juno (unial@i)." Für den Sar- etnam celucn paßt diese Bedeutung
viel weniger gut ("O Väter! Diese Speisen!'?), denn hier mißte celucn ein Verbum
sein. Zu diesem Sdrluß gelange idr mit Hilfe einer Formel, idie wir im Kapitel VIII
der AMB untersudren werden:
etnam han@in
etnam celucn
etnam a@umitn.
Die Parallele, die offenkundig zwisdren
'diesen drei Zeilen besteht' in denen die
'Wörter han(@in) tnd, a@umitn Verba sind, veranlaßt uns, cehcn mit .trinken,
trinkt!" zu wir also etnam tesirn etnam cel*cn
übersetzen. Zusarnmenf,assend können
folgendermaßen interpretieren: vielgeliebte Väter! O Väter! Trinkt!'
"O
Dieser angstvolle Ruf, der unablässig in die Finsternis gesendet wird, wird zu
einem wahren Leitmotiv des Textes der AMB.
Die Agratner M umienbind.en 215

d) cletram irenToe (Zeile l3)z

cletarn: da dieses \7ort sidr auf eine für Opfergaben bestimmte Tragbahre oder
einen Karren bezieht, stellt uns das zweite Vott, trenyt;e, vor ein Problem. Möglidrer-
weise ist lren d,asselbe Iüort wie das bei der Besdrreibung des milchtrinkenden Her-
kules erwähnte sren, Dort haben wir es mit ,Labung" übersetzt. Man kann auch
an einen Königstitel der Philister denken, der im Alten Tesament- vorkommt: serez.
Die Philister gehörten so wie die Etrusker zur illyrisdren Familie.
Im ersten Fall würde cletram 'srenTve ,ein bequemer 'Wagen" bedeuten, im zwei-
ten Falle ,ein herrsdraftlidrer \fragen".

e) In der Besclreibung eines oacl drd nu@ene, eines Banketts am Nundinae-


Altar, lesen wir:
bet*m ale oinam uii trinum flere in craplti (Zeile 17-18).
hetunz ist bestimmt das albanisdre bet (oder et), ,der Durst" (M. 158 und 97), nodr
dazu wo es bei oinum,
"!fein," steht.
ale dürf.re aus dem vorgesetzten Akkusativobjekt a und dem etruskisdren, albani-
sdren und hettitisdren /e, .lassen", bestehen; es bedeutet also im Sinne von
"laß es"
es, gib es*. hetum ale oinumz nadr) Durst gib Vein!" (das heißt:
"überlasse
Bedarf").
"(je "nadr
s'si kann dem albanisdren usböm, ,hungrig' (M. 542) entspredren; hier bedeutet es
vielleidrt ,,Hunger" als Gegenstüdr zu Du,rsr.
Andernfalls könnte man uii mit. aceti 1u5 folgender Forrnel in Verbindung bringenr
oacl arä's @ui aceti (AMB, X, 18)
Dieser Formel müssen wir einige Worte widmen. oacl aras bedeuret Mahl (am)
"ein
"hier"; wir haben also Grund, das Suffix ti von uceti als Loka-
Altar"; @uibd.ettet
tivzeidren zu 'betradrten und unsere Formel wie folgt zu verstehen:
am Altar, in ace". In diesem Zusammenhang denken wir an das albanisdte"Ein Mahl hier
uzbä,
,Grotte, Höhle" (M. 343), das hier augensdreinlidr die Bedeutung ,Gruft" hat. Ifir
befinden uns also auf einem wo es gilt, zwisdren mehreren Mögliü-
keiten zu wählen. Das wird nodr"Sdreideweg",
bei ,r,.Lr.r.* \(öriern aus den AMB der Fali-sein.
Außer'dem werden wi,r weiter unten nodr andere Läsungen für aceti vorsdrlagen.
trinam bringt uns wieder in Verlegenheit. Dieser Ausdru& erinnert uns an zwei
versd-riedene albanisdre \(rörter: drönjö, ,Hbsd-rkuh" (M. 83) und trim, ,Held, tapfer'
(M. 524).
Angenommen es bedeutet ,,Hirsdrkuh", dann ist unser Fragment e) so zu lesen:
nadr Durst, (Fleisdr) der Hirsdrkuh naö Hunger, für diese (in) Bildnisse (fler)
"\fein
crdPitii das letzte Vort werden wir im Kapitel VI untersudlen.
rüflarum nehmen wir Hirsdrfleisch als Hauptspeise an?
'Wie wir gesehen haben, waren
die Hirsdre aus den heiligen Gehegen und Hainen
ause,rlesene Opfergaben. Einiges davon ist nodr in der albanisdren Folklore bewahrt.
So lesen wir in einer Ballade von G. Fishta die Besdrreibung eines Festmahles, das
wohltätige Feen den Bezwingern eines Dradrens auftisdren; dabei speist nan dy dräj
tö majm|,
"zwei
fette Hirsdre" (M. Lambertz, I, 17O).
Andererseits wird aber in den AMB bei der Beschreibung von Opfern audr das
Yort satö für .Hirsdrkuh' erwähnt.
In einigen Fällen, allerdings bereitet diese Auffassung von trin oder trinum Sd-mie-
rigkeiten. Da könn'te man denn trim, ,F{eld, zur Erklärung heranziehen. Im Irisdren
heißt dieses lVort tren. Im übrigen ist der Untersdried zwisdren etruskisdr trim und
triz unwesentlid-r, wie der \fedrsel zwischen erruskisdr matam trrd matan zeigt.
I,m zweiten Fall könnte unser Fragment also folgendes rbedeuten:
nadr Durst, für die hungrigen Helden (in den) heiligen Bildnissen." Das
"Wein'
216 Die etruskiscben Texte

Fleisdr oder das \7ild'bret könnten ja sdron früher erwähnt worden sein. Auf alle
Fälle mußten Speisen und Getränke vor den geiheiligten, Bildnissen aufgetragen wer-
den; die Seelen der Helden, die aus der Unterwelt heraufgestiegen waren, um an
dem Totenmahl teilzunehmen, wurden eingeladen, in den Bildnissen gegenwärtig
zu sein.
In dem unersdröpflidren lüörterbudr von Mann finde ic} nodr ein weiteres Beweis-
stü&. für diese lezte Interpretation des \üortes trin. Bei
'der Bespreclung von trim
fügt Mann (S. 525) hinzu: trimtb, Hetrd (zärtlidrer Ausdruck fur den t:er-
"kleiner
storbenen Gatten)". Das ist eine wertvolle Anmerkung, die der Autor dem 'Wörter-
budr der albanischen Gesellsdraft Basblei.m enrnommen hat; nodr dazu findet man
diese Form trimtb audt im Etruskischen; ceia hia nin@ etnam (YII, 4), wo von
heldenhaften Vorfabren die Rede ist, wie wir sehen werden.
Endgültig scheint diese Lösung des Problems die augenfällige (i.m Etruskisdren eher
seltene) Ähnlichlieit zwisdren zwei Formeln zu bestätigen, die wir weiter unten bei
der Bespreclrung des Kapitels VII der AMB finden werden:
hia etnam ciz (Zeile 2)
hia ciz trin@asa (Zeile 6)
bia bedeutet ,Sdramen". Was immer audt ciz bedeuten mag, das wir später unter-
sudren wollen; jedenfalls midssen etndrn und trin@asa erwas Analoges bedeuten. Da
nlrn etndm ,,Väter" bedeutet, kann trin@asa nidrt ein Opfertier sein; wir entsdreiden
uns daher für die Bedeutung ,,Helden".

f) t'aiei spnreitres endi


e@rse tin'si tiurim aztil! (Zeile 21-22)
Dieser Kehrreim in ist nodr immer
- einer der häufigsten den Litaneien
ziemlidr unverständlidr. -
laiei kennen wir sdron: ,daß du madrest".
spurettres: Spure ist.stadt"; rres gehört vielleidrt zu @res,,,verlangen" (Tomba
Golini); ,auf \Tunsdr 'der Stadt"?
enai: ein sdrwieriges \0ort,denn man kann es auf mehrere Arten erklären. Trombetti
hat es mit ,unser, unsere" übersetzt (Genetiv des Pronomens na, ,unso, im Etruski-
sdren sowie im Albanischen). Ebensowohl könnte man darin audr den Genetiv des
sdron bekannten Vortes ena(c), .\/ern', vermuten. Auch andere Mutmaßungen kön-
n€n erwogen werden. Der beste \7eg zu einer Lösung sdreint mir jedodr das Studium
eines Satzes aus dem Kapitel XI, g 4, zu sein, wo wieder von guten Dingen die Rede
ist, die man den Ahnen ,bei einem Totenmahl in Fülle zukommen läßt:
tei rinui stretd sd.trs enas.
tej: ,stred<e aus, biete ano, sdron bekannt.
rinai: ,die Liegenden"; ct. rrinsh, den Optativ des Verbums rri (Infinitiv rrinja),
,sitzen, bleiben" (M. 439). Dieses Wort wi,rd im Ztsarz zrtm Kapitel XI der AMB
nodrmals untersudrt.
streta; cf. alibanisdr sbtratö,,,Bett" (M. 502); sollte es eine Entlehnung aus dem
lateinisdren strntt4m sein? Die AMB sind ein später Text.
tei rinu's stretdt ,gib denen, die auf den Betten liegen"?
satrs besteht ars sa tnd tras.
sa, haben wir sdron in te'samsa (P. 135), .in oen@ical . , . sdls (P. 299)
"wieviel"
erkannt.
rrs ist wahrsdreinlidt @resa, overlangen' (@resu penznas), das wir aus der Tomba
Golini kennen. Die Ähn,lidrkeit von sdtrs mit dem etruskisdr'en Saturn, Satres, denr
Vater des Hades, ist zufällig.
satr bedeutet also: ,soviel du verlangst, soviel du willst".
enas: idt glaube nidrt, daß es hier ,\0ein" bedeutet, 'denn in dem Satz faiei
spureltres enal zeigt das Iifort falei an, daß etwas zu tun oder zu madren befohlen
Die Agramer Mumienbinden 217

wird; das läßt sidr vom 'Wein nidrt gut sagen. Ich stelle also fest: haena bedeutet auf
albanisdr (M 152). cimodrowsky hat sidr mit diesem 'wort besonders be-
"speisen"
sdräftigt und zitiert einen Ablativ Plural'is haenaslt (1. c., S' 63). Das anlautende ä
ist unwidrtig, denn in einer albanisdren Litanei, die 1555 von Gjon Buzuk veröfrent-
lidrt wurde, wie S. E. Mann angibt, liest man a an Stelle von ba, 'essen''. So ist es
also gestattet, an Stelle von haenasb ein altes aenasb, enasb anzttneLrmen, Kurz:
.Essen, soviel ihr wollt."

Die erste Zeile des Fragmentes f) erhält somit folgende Bedeutung: ,,Du
mögest Nahrung bereiten nadr dem \ü/unsdre der
Sadt" (?)
e@rse dirfte mit dern albanisdren Venbum ietörsoi, ,wedrseln" in Zusammenhang
stehen (M. 170).
diesern Ausdrud< finden wir die Aufeinanderfolge dreier Be-
tinli tiarim aztilst in
griffe: Tage, Monate, Ja,hre. Aber was bedeutet das? Soll man e@rse einen tieferen
Sinn zusdrreiben und darin die Erneuerung äes Jahres, den Keim des neuen Jahres
oder die Ern'euerung des Lebens im allgemeinen sudren? 'Oder sollen wir eher den
materiellen Aspekt dieser erdgebundenen Religion in ,Betradrt ziehen? Diese zweite
Verm,utung könnte die unmittelbare Nadrbarsdraft des \fortes ezai, ,,NahrunB*, be-
stärken; icJr bin geneigt, darin die Empfehlun'g zu sehen, 'das för Tinia besttmmre
Speiseop,fer alle Monate des Jahres, mit anderen Worten,: zu Beginn jedes Monats,
zu wedrseln (d. h. also nodrmalsl zu erneuern).

g) tul @ans
hantec repinec
ipureri me@lumeric enai (Zei\e 22-24)
Der Sdrlußakkord dieses Kapitels bringt die Notwendigkeit in Erinnerung,
dem Hades weiterhin seine gewohnte Kost zu liefern. Flades, der hier hante
genannt wird, sdreint im Kapitel IV der AMB unter dem Namen hate atf.
Die versdriedene Sdreibung von hate(c) wd hante(c) kommt daher, daß man
ein nasales a bald a bald az sd'rrieb. Dieselbe Erscheinung beobachtet man in
den oskisdr-umbrisdren Iguvinisdren Tafeln, wo die \?örter butra und bondra
beide den Begrifi des ,,unten Befindlidren" ausdrücken. Auf jeden Fall han-
delt es sidr um einen allgemein verbreiteten vorgriechisdren Ritus: der Unter-
welt zu opfern.
Beispielsweise kommt in den Argonauten des Apollonius von Rhodos die
Stelle vor, wo Jason Medea anfleht, ihm zu sagen, wie er sidr des Goldenen
Vlieses bemädrtigen könne. Sie veranlaßt ihn daraufhin, nadrts an das Ufer des
Phases zu kommen, zu baden, sidr schwarz zu kleiden und dann ein tieles
Lodt in die Erde zu graben und der Flekate, der G.tittin der Unterwelt, ein
sdrwarzes Lamm zu opfern. Als in der Folge Medea in die Heimat des Jason
kommg und zustimmt, seinem Vater die Jugend wiederzugeben, erridrtet sie
zwei Altäre, gräbt vor jedem eine Grube und opfert sdrwarze Sdrafe der
Göttin der Finsternis und der Magie.
Bei den Griedren, in Potnia, nahe bei Theben, stürzte man zu Ehren der
Demeter und deren Todrter junge Schtoeine in einen Abgrund. Dasselbe tat man
in Athen, wo angeblidr eine Bodenspalte entstanden war' als Hades Perse-
phone geraubt hatte. In Syracus warf man Stiere und andere Tiere in eine
tiefliegende Quelle. Diese Opfer gehen auf sehr alte Zeircn zur'üdr. In gewis-
sen Fällen grub man ein Erdlodr und ließ Blut hineinrinnen (Daremberg-
Saglio).
Kehren wir zu unserem Text zurüdr:
218 Di.e etrusbiscben Texte

trl.' in mandren Fällen ist dieses Ifiort gleidr dem albanisdren tal, .zart'; es ist
jedodr nidrt ausgeschlossen, daß wir hier den Imperativ des Verbums tulas, ,,sdtütteln,
sdraukeln" (M. 528) irn Sinne von ,stürzen" (das Opfertier) oder von ,(das Opfer)
darbringen" vor uns haben; wir kennen einen Ritus aus dem Alten Testamenr, der
wahrsdreinlidr von den Kananäern starnmr (Levi, 23, 17_20), und bei dem Brote,
ferner ein Bod< und zwei Lämmer geopfert werden sollen; Priester wird sie mit
"der
denr Broten aus den ersten Feldfrüdrren vor Jahve bin und ber sdtutingen* (übers.
aus der Bible du Centenaire).
@ans ist sichtlidr 'das 'Wort, das wir sdron in 'der Insdrrift P. 381 erkannt haben,
in der 'davon die Rede isr, daß Sdrafe auf den Markt gebradrt werden sollen, @ent-
mase, @enit; es ist das albanisdre dash, .S$af" (M. 67) mit nasalem a; cf . Kater
Ungijte,'die Vier Evangelien in albanisdrer Spraöe, Matthäus, VII, 15, zsesbura
densh, (Konstantinop el, 1,979).
"S&tatskleider"
hd,ntect hante,Hades, mit der Konjunktion -c. (Merke: handeqe,,Grube. M. 152).
rePineci repine ist alban,isdr rräpine, ,Abgrund* (M. 437).
Beadrten wir, daß hantec
'tnd repinec einander zu bestätigen sdreinen.
In großen Zügen bedzutet also dieses letzre Fragment folgendes:
,,Stürze Sdrafe
in den Flades, in den Abgrund,
die Nahrung (dargeboten) für (das Heil der) Stadt,
für (das Heil des) Bundes".

Zusatz zu Kapitel III (AMB)


1. \üenn wir für ltus ,,ein Trankopfer darbringen" voraussetzen, hönnen wir
ohne Sdrwierigkeit eine kurze Grabinsdrrift (P. 364, CIE 5214) lesen: husl
hut'ni @ui (A). but'ni wird mit ,,Grab, Grabstätte" übersetzt; die Bedzurung
des Textes ist klar: ,,Trankopfer für das Grab hier", das heißt: ,,Hier wird das
für dieses Grab bestimmte Trankopfer dargebradr{' hulni kann man durdr
folgende Insdrrift erklären (P. 4al: mi bupnina lar@ acrni! (A). Albanisdr
hap, ,,austrod<nen", (M. 164) erklärt u s bupnind. Es bezeidrnet also einen Be-
hälter für Gebeine. In einer dritren, ähnlidren Insdrrift endlidr ist lt*siur
ein Äquivalent für busl: (P. 566, CIE 3754) arn@ lar@ oelimna! arzneal
busiwr su@i. acil bece, das heißt: ,,Flier ist (?) das Trankopfer (busiur) bei
der Graburne (acil sa@i) des Arnrh Larth Velimna, Sohn des Arzne."
So war also die Stelle, wo die Trankopfer dargebradrt werden sollrear,
häufig genau angegeben. Folgende Zeilen von Fustel de Coulanges bestätigen
das indirekt:
,,Bei den Griedren befand sidr vor jedem Grab eine Stelle, die für die Sdrladr-
tung des Opfertieres und das Kodren des Fleisdres bestimmt war. Ebenso gab
es im römischen Grab eine culina, eine Arr Küdre, die nur dem Bedarf des
Toten diente."

2. Im Fragment g) dieses Kapitels iII der AMB findet man das \lorr
ena!,
dessen Bedeutung wir mir Hilfe von zwei '$?örtern aus dem Kapitel XI fest-
zulegen versudren: sdtrs ena!. Das kleine Worc sa, ,,wieviel, soviel" über-
nimmt in dieser kurzen, aber widrtigen Formel die Rolle des Sdrlüsselwortes.
'\fir sind diesem sa sdron früher begegner und werden jerzr nodr zwei weitere
Insdrriften anführen, deren Sinn wir erst versranden haben, nadrdem s4 voll-
kommen erklärt war.
Freilich sind diese beiden Texte an sidr sdron interessanr. besonders der ersrc.
Die Agramer M*mienbinden 219

Es ist eine Grabinsdrift, die erwas Herzlidres und Vertraulidres an sidr hat.
Dadurdr sehen wir den Ahnenkult und die Begräbnissitten der Etrusker in
einem neuen Lidrt. Diese Gebräudre und Sitten waren also nidrt zwangsläufig
an gewisse magische Formeln gebunden, wie tibrigens der Epitaph.des Pepanl
Liuäa s&on gJzeigt hat. Hier dieser erste Text auf einem Sarkophag:
(P. 135, CIE 5470) carnnas lar@ lar@al's atnalc clan an silOi laatni ziaas
ceiiya telamsa 1u@id atrlrc escwna cal@i'su@iti munq zivas murll XX.
cdmnds lar@ lar@al! atnalc clan beridrtet uns, daß der Tote, Camnas Larth, ein
Sohn des Larth und der Atna vrar.
an !a@i laotni; ,,das hier ist das Famiiiengrab" des Camnas Larth'
zipas ceripu te'ro*ra (A) ist ein neuer sehr interessanter Satz und nidrt eine stereo-
type Formel:
"ziaas:
,,das Leben, Lebens-, des Lebens"; darin erkennt man das sanskritvrort
giuas, d.as litauisdre gyaas, das slawisdre zioati, rtsw.. ' . Bugge ist knapp an der
V"tit.lt vorbeigegan-gen, als er dieses rffort mit ztious erklärte; er hat es nidrt
verabsäumr, .io.i iidtiig.n Sdrluß daraus zu ziehen (wie wir bereits gesagt haben):
Die etruskisdre Sprache ist indogermanisdr und andererseits ist sie keine italisdre
sprad-re, sondern iim-t eine Sonderstellung ein. (Etr. Forsch. u. stud.' [Y,57, 1883.)
'ceriTa
ist das al anisdte gjer ku, .wie sehr, in weldrem Maße, bis wolhin" (M. 221).
te'sam: kann nur zur Gruppe dashöm, 'geliebt", dashäs, .liebend, dashje, ,Zunei-
gung" (M. 68) gehören.
sa ist das albanisdre .wieviel'.
Die Übersetzung des Teiles zigas ceügu te'samsa (A): "des Lebens bis wieviel ge-
liebt" (,des Lebens, das er so sehr geliebt hat").
'su@i@ atrsrc esct4nL: die Fortsetzung.
su@i@t .im Grab"; @ ist entwedei das Lokativzeidten @i oder wahrsdreinlidrer
das Adjektivzeidren t, te: oGtab', Toten-o'
atr kann nur von at, ,,Yarer" abgeleitet sein, dessen Plural albanis$ atöt (M. 14)
ist. stt@i(@) atr'sr(c) bedeutet aLso: ,(und) (im) Grab der Väter". Bezüglidr des Ele-
-"nr", "a k".rt -"t Versdriedenes vermuten. rc erinnert afl rcil' 'Behälter, Urne",
und wahrscheinlidr audr ,sarkophag"; die Frage bleibt offen'
escana (A) kommt vo; der bereiis bekannten Vurzel shkoj' -gehen"' Der Sinn des
Satzes ist'also: ging in das Grab der Väter' oder 'in die Grarburne der Ahnen
"Er
ging er.'
- ätO; su@itiz zwei bekannte !7örter: (Grab)kammer, im Grab"'
"in der
mun@ zioas mursl XX (A): das Ende dieser Insdrrift entfesselte seinerzeit einen
Tumult: Bugge hatte ziaas mlt,lebend" ü'bersetzt und daraus gesdrlossen, daß camnas
bei Lebzeiten 20 Graburnen (mursl XX) gestiftet hatte.
Da von einem einzigen Mann, nämlidr von camnas, die Rede ist, sah man nidrt
ein, wozu diese große zahl von urnen dienen sollte. Hier das Ergebnis unserer
überlegungen:
*n "O i,it sdron bekannt und bedeutet auf albanisdr "Leiden, Qualen' (mund'us).
zivas: -bei (seinem) Leben", ,,bei Lebzeiten".
mursl (A) isi das vort, das alles erklärt. Gewöhnlidr wind es mit "urne" übersetzt.
Das Albanisdre aber gestattete mir, nidrt nur die Erymologie festzustellen, sondern
audr die Entwidrlung äieses Stammwones zu verfolgen. Es gibt dialektisdr_e Varianten
im Albanisdren (uniwahrsdreinlidr ebenfalls im Etruskisdren). Erst beim Studium der
Arbeit von c. iagliavini über das Albanische in Dalmatien erkannte icll folgendes:
Man findet in dieJer Gegend 'das ve'rbum mshil, "s&ließen"; rdurch Epenthese (Ein-
sdriebung eines Budrstabln) enrsteht daraus eine andere gleidrbedeutende Vurzel
mrsbil, lsdrließen, einsdrließen". So ist tnril 'ein Ding, das einsdrließtut .Satg,Utne,
Knodrensdrrein, Sarkophag". In unserem Text jedodr kommt nidrt das Substantivum,
sondern das Verbum ielbit vor, "sdrließen", das hier unserem Begriff "besdrließen,
absdrließen' entspridrt.
220 Die etraskischen Texte

man@ zivas mrrilz .die eualen des Lebens besdrloß er". XX gibt sein Alter auf
kürzeste !/eise an, Er war 20 Jahre alt und deshalb liebte er das-Leben so sebr und
werden keine Kinder erwähnt.

Grosso modo lautet dieser Text nun:


_. ,,Camnas Larth liegt in diesem Familiengrab. Er, der das Leben so sehr
liebte, sdeg in das Ahnengrab hinab. In der örabkammer besdrloß er die
eua-
len des Lebens. (Im Alter von) zwanzig (Jahren)...
Gehen wir nun zu dem zweiten Texi über, für den sa bestimmend ist. Es
ridrtiger eruskisdrer Rebus, ein rüTorrgebilde, dem eine Lücle voran-
ist- ein
geht und eine Lüd<e folgt und das an sich nichr aussdrlaggebend ist; dodr ist
für das Etruskisdre kein sdrritt vorwärts unnütz u"d keiiä Fad<el. äi. i' di.
Nadrt geworfen wird, fälk zu Boden, ohne etwas Neues zu belzudrten. In-
dessen betradrre idr diese Enzifferung eher als symbolisdr. Das wort (eigent-
lich sind es vier'\üförter) ersdrien mir immer als der Inbegrifi der Sinnlosigkeit,
als eine Herausforderung an die Etruskologie: satiriasaTii;
@).
Es_ gehört zu den ersren r7örtern des Textes auf dem Tonziegel aus capua.
Da das erste leserlidre \(orr aacil ist, handelt es sic} also hier um ein odei so-
gar um mehrere Bankette, die teilweise von Spielen und versdriedenen zere-
monien begleitet wurden. Für unser '\tr?ort kann man zwei Erklärungen in Be-
tradrt ziehen:
a) sa.' ,,wieviel, soviel'.
tiria könnte das albanisdre thirrje, ,Einladung", von dem verbum thirr, .einladcn"
(lut. -slsl, sein..Man' vergleidre die albanisdre übersetzung des Lukasovangeliums 14,
16: N je njeri bäri darkö tö made ede tbiri shamö, Mann gab ein gÄßes Gasr-
mahl und lud viele (Leute) ein'. "ein
sa:,soviel".
16iia: ,Sdtatten",
Das ergibt-folgenden sinn: ,,(Es wird geben) so viele Einladungen wie Schat-
ten". Das läßt sich daraus erklären. daß man zumindesr bei feierlidren An-
lässen jeden Verstorbenen beim Namen rief. -
-
, b) tiria, das wesentlidre Element dieses \ffortgebildes, könnte audr das al-
banisclre turö, ,,Kissen" sein (M. 529).
In diesem Fall lautet der Satz: ,,Es wird so viele Kissen geben (rund um den
Tisdr) wie es Sdratrcn gibt."
Diese zweite Interpretation isr sichtlidr viel erdnäher: man will einfadr
den Sdratten der verstorbenen den ihnen gebührenden Komfort bieten. und
das war keine Kleinigkeit! r/enn wir uns vor Augen halten, was wir nt Be-
ginn dieses Kapitels über die Kissen auf den Sitzen beim Totenmahl der Arnau-
ten gehört haben, ist man geneigt, sidr für die zweite Lösung zu entscheiden,
nodr dazu wo dieser Braudr ein Ecro aus längst 'trergatrg"net z€tt zu sein
scheint. Es genügt zu bedenken, welche Bedeutung den Kissen bei einem rö-
misdren Gastmahl zukam. Der mittlere Platz atf jedem der drei Ruhebetten
rund um den Tisdr war von den beiden anderen Plätzen durdr Kissen gerrennr,
auf die sidr die Gäste stützten, um sidr auszuruhen (J. Carcopino, Daily lile
in Ancient Rome, S. 265).
3. Im Fragment h)-dieses Kapitels sahen wir ein Opfer an Flades. Diese Opfer-
gaben und rrankopfer waren nidrt nur für die verstorbenen selbst bestimmt,
sondern audr für die Götter der unterweh, die unmitrelbaren vorgeserzten
Die Agramer Mumienbinden 221

dieser Toten. Das wird durdr eine Zeidrnung verdeutlidrt, die in den Grifr
idr nadr Corssen (I, S.311) ab-
eines etruskisdren Spiegels graviert ist und die
bilde. Darauf sieht man ein junges '!(esen !7ein ausgießan und findet ein
einziges \iiortt ha@na (A) Abb. 59.
Der Autor rügt die Vergeudung lebenswidrtiger Produkte. Seiner Atffassrng
nadr spielt sidr diese Szene so ab: ein junger Satyr namens Hathna, ein wohl-
genährter Bursdre, hat eine Amphora hingestellt und stützt sein Knie darauf.
Mit einem Ausdrudc kindlicher Freude sieht er zu. wie der 'Wein z,tr Erde
rinnt.

ßr D$6
Abb. 59. Trankopler an Had,es

Idr bedauere es zwar sehr, dieses eine Mal eine stärkere Neigung für das
,,Unheimlidre" zu haben als die anderen, muß jedodr zu diesen Zeilen folgende
Ridrtigstellungen hinzufügen :
a) Dieser Satyr heißt keineswegs Hathna. Sowohl sein Name, als audr die
Namen seiner Verwandten bleiben unbekannt.
b) ha@na bedeutet ,,dem Hades gehörig", ,,der des Flades", ,,dem Hades",
usw. Die Zugehörigkeitsendung za ist dieselbe wie in su@ina (,,für das
Grab"), bapnina (idem), rasna, disna, husina (f;d,r das Trankopfer), lautna,
sp,4rdnd (für die Stadt), usw.
In dieser Szene liegt also nidrts Kindlid-res. Sie zeigt ein regelredrtes Trank-
opfer. Sowohl die Götter als audr die Bevölkerung der Unterwelt waren immer
durstig.
'Wenn nodr der geringste Zweifel
über die Bedeutung des Iflortes ba@na
bestünde, würde es genügen, einen der ersten di&en Bände der Etruskologie,
222 Die etruskisdten Texte

das Museurn Etruscarum von Antonio Gori zu öffnen, das 1737 in Florenz
herauskam; dort findet sidr die Abbildung eines Reliefs auf einem Sarkophag
(I, Tafel LXXXIV): ein Mann und eine Frau kommen soeben in den Uädes;
sie werden von geflügelten, mit Sdrlegeln und Sdrwertern bewaffnercn Dämo-
nen umri-ngt; die dazugehörige Insdrrift lavtet; ecatna (A), d. h. ec ba@na,
,,hier ist die Unterwelt!"
4. \fir haben gesehen, wie wesentlicb die Opfergaben und Trankopfer an die
Götter der unterwelt waren. Nun kann man sidr audr vorstellen, wie sdrred<-
lidr den Alten der Gedanke an die Schändung eines Grabes sein mußte. \fenn
ein Grab gesdrändet und gepl'ündert wurde und die Gebeine zersrreut wurden,
so setzte das den Trankopfern und Riten, ohne die man sidr das rweirerleben
der Toten nicht vorsrellen konnte, ein jähes Ende. Die gleidren Sorgen be-
herrschten das religiöse Leben mehrerer altanatolischer Völker.
Man hat oft die Felsengräber der Etrusker mir denen der Lykier und Lydier
vergliöen' Die Insdrriften auf den kleinasiatischen Gräbern, die aus derselben
Zeit stammen wie die etruskischen, beinhalten häufig Flücbe gegen etwaige
Sdränder.
'Wir werden
darüber nodr später spredren. Man kann sidr also vor-
stellen, wie ersraunt und angenehm überrasdrt idr war, eine auffallend ähn-
lidre etruskisdre Insdrrift zu finden: meine Ansidrt über die frühere Nadrbar-
sdraft der Turscha und der Lydier und über die (mtsä&liche aber viel ent-
ferntere) Verwandtsdraft zwisdren den Etruskern und den Lydiern wurde
so neuerlich bestätigt. Hier ist der bewußte Text auf einem Asdrenkrrtg (,,olla
sepulchralis", wie M. Pallottino sagr), der sidr jedodr auf das ganzi Grab
bezieht:
(P.758, CII 2596)
mi ri.@cea satve mi stes natdptece daneu.ptali cali @ (A)
Einige dieser Ausdrüd<e sdreinen hier das ersre und einzige Mal auf, aber der
Zusammenhang des Texres isr derart, daß kein Zweifel tiber ihre Bedeutung
besrchen kann:

miz .derjenige, weldrer", eine interessante grammatikalisdre Form.


ri0 isr das albanisdre res(is), ,zerstör"tt, aurlösdletr', von dem re.sirje,
Tilgung", usw. (M. 426) ,kommt. "Aufhebung,
cea ist zweifellos das albanis&e kjo,,diese", wie der Kontext beweist.
satoe isr sat + ve ("auf dieses Grab legen wird"),
mi z .derjenlge, weldrer".
rtes ist das albanisdre stic(oj),,anstoßen, beleidigen, reizen" (M. 46,1), hier sidrtlidr
in der Bedeutung ,profanieren, besdrädigen".
na kann versdrieden gedeutet werden; nehmen wir vorläufg ani nd : albanisdr
nga, .in" (M. 316).
tap dirfte das albanisdre dap, .sdtlagen" (M. 67) sein, hier usw.,
oder nodr eher ,ein Sdrlag", ,ein Sdraden'. "besdrädigen',
tece: isr das ein Verbum irn Präteritum, eine Analogie zu de, dhe, dem Präteritum
des etruskisdren und albanisdren ap, .geben" (.legen")? Oder ist es ein Äquivalent
des albanisdren teh, .bei, z,t"?
auneuptali ist so komplex wie ein etruskisdres nur sein kann; andererseits
"Wort"
ist es so logisdr und verständlidr wie der Medranismus einer Uhr. Es besteht atrs dane,
up, tali.
aune ist. das albanisdre aynö (veraltet, an Stelle des gebräudrlidten ay) ,er-
(M. 16),
apz t ist das Passivzeidren und p der einzige, kostbare Rest des Yerbums bä, b0
(bäj), das wir sdron kennen; up ist also ein alban'isdrer passivisdrer Kon-
"maüen",
Die Agramer Mumienbinden 223

junktiv, nämlich der des Verbums ,,sidr madren, gemadtt werden, werden*: ,daß er
werde", ,daß er gemadrt werde".
tali ist die sdron bekannte 'W'u,rzel dal, -forqehen, verlassen'.
cali @ ist paradoxerweis e nar ein Wort, trotz aller Anzeidten einer Trennung. Vom
Standpunkt der Epigrapble (und nicht von dem retrospektiven eines eventuellen
Grabsdränders) aus ist das ein end", denn man erkennt in 'diesem '$?ort
"happy
gjallit, das von dem sdron bekannten gjallje, (M. 141), abgeleitet wird und
"Leben"
das alles erklärt.

Für mich ist mit Ausnahme der genauen Bedeutung des \Tortes tece alles
klar an dieser Insdrrift; sie beridrtet uns:
,,Der, der dieses Grab zerstören oder es durdr einen Sdrlag schänden wir{
soll gezwungen werden, aus dem Leben zu gehen."
5. Da sdron so oft von Tranhoplern an die Toten die Rede srar, mödrte idl
hier zum Absdrluß der Zusätze zu Kapitel III bei einem interessanten Aus-
druck verweilen: sacni. Dieses \7ort, das ab Kapitel II sehr häufig in den AMB
vorkommt, bezeidrnet das ,,Geheiligte", das ,,Fleiligtum" usw. \foher kommt
der Untersdried zwisdren diesem \Vort und dem '\trüort sacri auf dem Ton-
ziegel aus Capua (P.2, 107, weldres ja mit dem lateinisdren sacer,,,geheiligt"
und sacrurn,,,Ffeiligtum" übereinsrimmt? Es kann nasürlidr sein, daß hier nur
ein Rhotazismus vorliegt, eine rein phonetiscle Erscheinung, hinter der keiner-
lei Veränderung der historisclen oder religiösen Tatsadren srcht, nadr dem Bei-
spiel des 'Wortpaares nun@en (aus den AMB) und nun@eri (auf dem Ton-
ziegel aus Capua).
Zugleich aber muß man vermerken, daß das 'Wort iacni in den klein-
asiatisdren Religionen gewisse Anklänge findet. Namentlidr bedeutet Sahuni
im Hettitisdren ,,Quelle". Nun waren aber die kleinasiatisdren Tempel zu Ende
des II. und im I. Jahrtausend v. Chr. in der Nähe von heiligen Quellen er-
ridrtet.
In seiner Studie über das alte Anatolien erwähnt S. Lloyd die Uberlegungen
von R. D. Barnett über die vermeintlidren phrygisdren Gräber, die in Felsen
gehauen und in Virkli&keit Heiligtümer sind. Barnett stellt fesq daß die
Gegend, in der sie lokalisiert wurden, ,,sidr über die Quellgebiete sämtlidrer
Hauptflüsse Phrygiens ersred<t . . . Die Denkmäler befinden sidr fast aus-
nahmslos in der Nähe von Quellen mit fließendem'!ü?asser, ja einige sogar un-
mittelbar davor. Dazu sagt S. Lloyd: ,,\üas die hettitisdren Felsdenkmäler be-
trifft . . . so ist fast jedes von ihnen an eine Quelle fließenden lt?assers ge-
bunden, angefangen von Yazilikaya, das neben einer ausgetrodrneten Quelle
(Boghazköy) liegt, bis zu den Bas-Reliefs von Sirkeli, oberhalb des Flusses
Jeyhan in Kilikien . . . wenn man bedenkt, daß der junge Gott, der Gewitter-
gott, in der hettitisdren Mythologie ,ein Gott der Felsen und Gewässer' war,
so glaubt man immer weniger an einen Zufall, sondern kommt zu dem Sdrluß,
daß sowohl bei den Hettitern als auch später bei den Phrygiern ein kahler
Felsen in der Nähe einer Quelle als heilig betracltet und zur Kultstätte wurde."
Der Autor sdrließt:
,,I/enn wir in den hetddsdren Felsdenkmälern die Symbole eines Kultes der
fließenden Gewässer sehen sollen . . . stehen wir also vor einem der erstaunlidr-
sten Phänomene der anatolisdren Ardräologie: der außerordendidren Vitali-
tät der örtlidrea Glaubensvorstellungen." (1. c., S. 202-203.)
Nun haben wir aber die gleidren Glaubensvorstellungen in Etrurien fest-
gestellt. Dort zeigten sie sidr in dem Iuturna-Kulc, in dem des Gottes Lavis,
224 Die etruskisdten Texte

dem der rätisdre Sdrlüssel geweiht war, und süließlidr in den wiederholten
Anrufungen der Regen- und Stromgötter eiser |ic Seuc in den AMB. Dazu
bemerkt S. Cles-Reden folgendes:
,,'Wir wissen praktisdl nidrts über den \üasserkult bei den Etruskern, es läßt
sidr aber nidrt leugnen, daß er im religiösen Zeremoniell einen widrdgen PIatz
einnahm. Daher müssen sidr die Ardräologen auf der Sudre nadr verborgenen
Sdrätzen an den Stellen der alten etruskisd'ren Städte nur nadr den Quellen
ridrten, die fast immer im heiligen Bezirk lagen" (,,Das verswnkene Volle").
Durdr unsere Entzifferung erfahren wir etwas danüber. Es wäre das um ein
Band mehr, das die religiöse Tradition der Etrusker mit der Kleinasiens ver-
bindet. So wird man besser verstehen, wie ein Göttername, Tarku, der in den
hettitisdren Königreichen des L Jahrtausends v. Chr., Lykien, Kilikien und
anderen kleinasiatisdren Ländern verbreirer war, zum Nationalnamen der
Etrusker werden konnte. Eine Entlehnung dieser Art konnte nidrt einzeln da-
stehen und ausnahmsweise gesdlehen sein. Schon oben wurde der Einfluß
Kleinasiens auf die etruskisdre Grabardritektur, die Sitten und die Zivili-
sation der Etrusker erwähnt. Zweifellos haben die anatolisclen Völker das
Gepräge der hettitisdren Kultur nodr lange nadr dem Fall des hewitisdren Rei-
d'res (gegen Ende des II. Jahrtausends v. Chr.) bewahrt.
Dieser Quellenkult war also das innerste \7esen der altanatolischen Reli-
gion. Aber in Etrurien wie audr anderswo dürfte er ursprünglidr mit dem
Ahnenkult untrennbar verbunden gewesen sein. Die Notwendigkeit, sidr in
der Nähe einer Quelle aufzuhalten, um die ständigen Trankopfer an die Ver-
storbenen darbringen zu können, dürfte der etruskisdren Religion zugrunde
liegen. Zt den bereits angef,ührten Zzugnissen können wir nodr eine griedrisdre,
in Mittelitalien entded(te Insdrrifr hinzufügen. Man fand sie auf einem Gold-
täfeldren; sie war dazu bestimmt, die Seele bei ihrem Abstieg in die Unter-
welt zu leiten: ,,Ihr werdet eine Quelle mit kaltem 'Wasser und \üädrrcr finden.
Sagt ihnen: . . . idr brenne (vergehe) vor Durst . . . gebt mir rasdr kaltes Was-
ser" (S. Reinach, Traitö d'äpigraphie grecque,S. 173).
Demnadr ist es nidrt erstaunlich, daß eine Studie von P. Aebisdrer über
den \üasserkult in der antiken Toskana diesem Autor gestattete, mehrere Unter-
lagen zv sammeln, die mit unseren Untersudrungen über dieses Thema über-
einstimmen. (S tadi Etrascbi, VI, 1932.)
Aus diesem Artikel erfahren wir, daß zahlreiche italienisd're Klöster bei
alten Quellen liegen, die man gemeinhin acqua sdntd, Ionte benedetta, usw.
nennt. Beispielsvreise liegt das Klosrer S. Salvatore in Capo d'Arno ganz nahe
beim Ciliegeto-See; ein anderes, gleiclnamiges Kloster befindet sich im Paglia-
Tal bei den acqua sdntd genannten Quellen, ein drittes im Ombrone-Tal an
einem unter dem Namen Fontebuona bekannten Ort, ein viertes, zwisdren den
Quellen der Limenta und des Burebadres gelegenes Kloster heißt Abbazia di
Fontana Tanona. Die Abtei S. Trinid dell'Alpi liegt an der Quelle des
Tallabadres und war schon immer eif Wallfahr$ort. Die Kirche Madonna
dei Tre Fiumi ist an der Quelle der Elsa erbaut. Ein \fasserlauf sdrließlidL der
aus der Caverna dell'Acqua kommt (in der man mehrere Exvotos gefunden
hat) und über den Agro Falisco zum Tiber fließt, heißt Fosso dell'Acqua
Santa (S. 139-140).
Zusammenfassend können wir sagen: der Laviskult, den wir oben iru redrte
Lidrt gerüdrt haben, die Beobadrtungen von Seton Lloyd ,über den '\ü(asserkult
in Altanatolien, die Bemerkungen von S. Cles-Reden über die Quellen in
.iTffiiu'.* .-
.r1; r.::i**-.1-:tJ
v, r.
.-.*|t-fi| * l*i
-t', t{^o.l.X.'

,r!rli

;q,
,** '
\
l2 lJanleettszcttt'. l rntb,t tf tr I utptt Llen. I trrltttrtt.t
13. ,,Ponte Sodo" und der unterirdische Kanal, der die Verteidiger z.,on Veji
mit t'X/as
ser ver tor gte
Die Agramer Mtmienbinden 225

den etruskisüen ortsdraften und sdrließlidr die von P. Aebisdrer veröffentlidr-


ten Unterlagen ergänzen einander und bilden die Glieder einer Kettq die von
einer gemeinsamen ardraisdren Tradition zzugr, nämlidr von der Verehrung
der Quellen, lakuni, erruskisdr saczi.

IV. Kapitel (AMB)


a) Den ersten Teil der nun folgenden Formel, die bei Opfern an Hades an-
gewandt wurde, haben wir sdron im vorhergehenden Kapitel erwähnt:
tul @ans batec repinec
tneleric soeleric (Zeilen 3-4 und 16-17)
tneleric: ist dem albanisdren rnelore, ,Ziege, die nodr nidrt geworfen haf (M.275)
sehr ähnlidr; oder audr dem arumänisdten miluar,,S&af" (thrakisdren Ursprungs?),
worüber sandfeld sdrreibt: Arumänisdre hat allen umliegenden sprachen eine
"Das
Anzahl von wörtern hauptsädrlidr aus dem Hirtenleben verÄittelt, w1e beispiels-
weise griedrisdr miliori, albanisdr miluar, ,junges Sdtaf" (Linguistique balbaiique,
s. 63).
Ansd-reinend habenwin hier einen Rest des alten Idioms der Donau- und Balkan-
hirten vor uns (und G. Meyer stimmt wohl oder ü el zu), Dieses Idiom bestand wohl
bereits vor der Bildung einer so hodr entwickelten Spradre, wie es das Etruskisdre ist.
sveleric dürfte im Albanischen kein Gegensrüd< bisitzen, jedodr denkt man sofort
an eine Verwandtsdraft mit griedrisdr und lateinisdr szs, ,sdrwein", das audr in vielen
anderen spradren aus der Familie des sanskrit vorhanden ist. Man erinnere sidr an
die häufigen opfer von söweinen bei den osko-umbrern und bei den Römern. Es
sind also versdriedene Säugetiere zu opfern.
Zusammenfassend bedeuter somit der oben angef,i.ihrte Absatz: ,,Srürze
Sdrafe in den Abgrund des Hades, sowie junge Lämmer und Sdrweine...

_ b) In den folgenden aus den zeilen 19-22 ausgewählten Särzen, die auf die
Besdrreibung der opfer und rotengelage folgen,-ist nadr wie vor davon die
Rede, wie man die Gottheiten und värgöitlichten Ahnen durdr opfer zufrieden-
stellt. Adrten wir besonders auf das Vlort lin:
a, ipureri me@lumeric enai , .
b. iin flere in crapiti . . .
c. iin aiser t'ale
d,. lin ai! cemnac laieis
e. ray@ sutana's celi su@ aisna
f. peoaT ninam traa prilX!
Betradrten wir den Texr etwas näher. Es fehlt darin nidrt an bekannten'!for-
ten. Zeile a) bedeurct: ,,Für die Stadg für den Bund, Speisen... In den Zeilen
b), ..), d) gemahnt das 'Wort iin enn,ed,er an den Ausdrudr sl, ,,Gesdrmad<..
(aplu epar,. iis, auf dem Markt) oder an ein angenommenes \lort shin,
,,rot", das mit der albanisdren l7urzel sböj, r,rot färben, purpurn madren., ver-
wandr wäre (cf. der Satz: dielli shen pemöt,,,die Sonne madrt die Früdrte
rot", _M. a7p). Da iin in Zusammenhang mit fleres, aiser lulr'd. cetnnac ge-
braudrt wird, mit anderen 'worren, sicl auf statuen der Ahnen, der Götter u-nd
des Donnergottes bezieht, könnte man an eine ardraisdre rituelle Gepflogerrheit
denken: das Bestreidren der Statuen mit der geheiligten roten Farbi. Bädeutet
also das Vort lin ,,ror färben"? . . . (Das Attribut crapiti werden wir später
untersudren.)
lt Etruskcr
226 Die etrushischen Texte

Diese Zeilen waren seit langem geschrieben, ohne daß idr wußte, was idr
auf diese Frage antworten sollte. Da bemerkte idr eines Tages, daß idr das
Yort iin in der Bedeutung ,,rot" unmittelbar vor mir hatte, ic} braudrte es
nur zu . . . sehen. Tatsädrlidr steht in der Zeile 5 des Kapitels VI der AMB
ein Ausdrud<, der dieses Problem löst: @ayiin. In dem \Iort @ay erkennt
man za)b zac, @dc, ,,Blut" (albanisdr gjah); no& dazu werden gleidr darauf
caper(c), ,,Sdralen" erwähnt. @ay lin kann daher nur ,,rotes Blut" bedeuten.
Die Zeile c) iin aiser t'aie muß also folgendermaßen verstanden werden:
,,du mögest rot madren die Statuen der Götter"; oder ,,du mögest rote Farbe
für die Götter bereiten".

Abb. 60. Ein etrushiscber Priester opt'ert detn Fuflans-Bacdtas aor einem Altar,
auf dem das heilige Feuer brennt (GerbardV,Talel 36). Betet er lür die Stadt?

Nun zu den Zeilen e) und f):


ray@ sutanai ist schon bekannt: ,sdrladrte (opfere) eine Hirsökuh" (M. 564).
celi sn@ eisna: Auf Grund der Ähnlidrkeit im Rhythmus dieser bei.den Zeilen:
ray@ sutanai
celi su@ ei.sna,
war idr zunädrst versudrt, der zweiten Zeile einen dem der ersten verwandten Sinn
zuzusdrreiben. $7enn man sz@ nodrmals mit ,Hirsdrkuh" (und nidrt mit .Grab")
übersetzt und celi aus dem albanisdren Verbum qölloj, sd-rladrten" (M. 416)
"sdiagen,
erklärt, ergibt sidr folgender Sinn:
eine Hirsdrkuh,
"sdrladrte
e,rsdrlage eine Rehziege für die Gätter (?)"
In den etruskisdren Texten kann man sidr a'ber auf Parallelen nidrt so ve'rlassen
wie im Alten Testament oder in den phönizisdren Dichrungen. Daher ist eine andere
Interpretation des Textes wahrsdreinlidrer:
celi sa9 eisna: celi könnte mit albanisch gjell, ,Leben, Lebensmittel, Nahrung"
zusammenhängen; alle drei Vörter zusammen würden dann bedeuten: ,als Nahrung
für das göttlidre Grab", denn eisna hat'dieselbe Zugehörigkeitsendung wie st@in'2,
ha@na ,tsw. Idr mächte hier einen Einschub madren: im Absdrnitt 2 des Kapitels XI
glaube ich eine Bestätigung meine,r Deutung von celi zu 6nden:
ztacl oinum iantiits
celi pen trutum (A)
Die Agramer M*mienbinden 227

lantiits dürfrc der Genetiv vor' zatn@i, zama@i, ,Gold", (P. 4S9) sein sowie von
sdnti(c) (@apnaS aus dem Kapitel X, 21 ("Sdralen aus Gold'). Die erste Zelle be-
,deutet also: Gelage mit goldenem Wein".
pen kötnte"ein
das albanische bönj, ,madten" (M. 17) sein, ,rnaibe".

trat*m ist trt4ttr + m (,,mit'); tatu ist das albanisdre traatje, (trutje), ,Furdrt",
d. h. .Religion' aus dem sdron bekannten Stamm$rort droj, draej, (M 84).
Fiir trut,.tn7 ergibt sich also die Bedeutung ,mit der Religion, nadr "fürdrten'
der Religion".
Die zweite Zeile bedeutet: ,Bereite die rituellen Speisen' (nadr den religiösen Vor-
sdrriften); die Bedeurung ,sdrlage, sdrladrte" f;ir celi ersdreint in diesem Zusammen-
hang unmöglidr.
Kommen wi,r auf unser Fragment b) des IV. Kapitels, Zeile f) zurüd<:
peoaT vinam trau sind. drei Getränke. Es geht in diesem Fragment wieder um zwei
Dinge: Essen und Trinken. peoay, d. h. peoa * ,€ ist genau das albanisdre pioa, der
Aorist von pi, pioo, ,Bier", das eigentlidr ,Getränk"
"trinken', und das slawisdre
bedeutet. Die letzte Zeile unseres Fragmentes kann man also auf zwei Arten deuten:
entweder ,(als) Getränke \0ein (und) Mildr" (wobei ak dasselbe Suffix wäre wie in
rornd)6 ü(nac, cemnac); oder
"Bier,
\fein, Mildr,". Zu dem Vort, trau mädrte idr nodr
folgendes sagen: auf dem Tonziegel aus Capua (P. 2, Zeilen 16_17) bedeutet
traztai*ser sidrerlidr trat aiuser,
prnTs: bezei&tnet, wie wir sdron "Mildr für die Götter".
wissen, eine Art Gefäß.
Zusammenfassend sieht also unser Fragrnent b) so aus:

die Städte, für ihre Bünde, Speisen . ..


"Für
Streidre Rot auf diese Bildnisse (der Ahnen) , . .
Madre sie rot, die Gottheiten;
Du mögest rot färben den Donnergott;
Sdrladrrc eine H.irsdrkuh zur Nahrung für das göttliche Grab;
Bier, rü?ein und Mildr in den Gefäßen . . ."
c) In einem anderen Fragmenr zu Ende des IV. Kapitels finden wir eine
sehr widrtige Formel, die später immer wieder in den AMB vorkommr und
deren Elemente bis auf das zweite \7ort sdron bekannt sind:
tacnicstre's cil@!
!pureitreic ena's
e@rse tinii tiurim avili (g,Zeile 7-3)
cil@i ist eines jener gefährlidren \üörter, denen man ratlos gegenüberstsht. Freilich
erinnert uns cil@ an den Lokativ der etruskisdren cella, der Kammer in einem Heilig-
tum oder in einem Grabt cl@ (!n@i@) (P. 159) und cl@i,(P.93,97) usw. In seiner
ausfüh'rlidreren Form weist jedodr dieses \fort einen anderen Vokal auf: (P. 135)
calti (ia@iti), Im ü rigen 6nde idr in der Chrestomathie von Lamberrz eine Wen-
durg nö hrie tö ciltesö (Bd. I, S. 336), die der Auror mit
"an der
Spitze des Eß-
teppidrs" (am Ehrenplatz) übersetzt. In dem kleinen \förterbudr von Arbanas finde
id.r auf Seite 73 gilim,,,Teppich" und gilimat, Wenn man schon ständig von
Essen und Trin'ken spridrt, wäre da nidrt ein"Tisdr".
Tisdr am Platz?
Als bloße Vermurung sdr,lagen wir hier .vo\ strei (aus dem ersten und dem dritten
\(ort) als Optativ des Verbums shtrii, ,avsbreiten" (M. 503) zu betradrten, das wir
schon in der Insdrrift auf einem Geschoß in der Form streuc geftnden, haben. Das
\Iort aasbreiten paßt nidrt schiedrt, wenn man vom "Tisöde&en' oder von einem
spredren will.
"Tisdrtuch"
Somit werden wir unser Fragment c) wie folgt übersetzen:
,,Breite die Tisdrded<e des Tempels aus;
stelle (darauf) die Speisen der Stadr;
erneuere (sie) (vor Tinia) alle Monate des Jahres"?
228 Die etruskisdten Textc

V. Kapitel (AMB)
$Vir haben die Besdrreibung der Opfer vor uns, die bei einem vacl zu Ehren
der @esan-Aurora darzubringen waren. Alle Elemente, bis auf das letzte'Worg
sind uns bereim bekannt:
ra2g@ satana! celi su@ aacl @esnin ray cresaerde (Zeile 16)
sntanai ist wieder der Genetiv von albanisdr szt, ,,Hirsdrkuh" (M. 564)1, sbutö
(M. 5O7). G. Meyer gibt an: sbut, ,Tier ohne Hörner' wd sbatö, ,Hirsdrkuh' (1. c.,
S. a2O); er fügt hinzu, unsere berühmten onomadisierenden Hirten" haben dieses
'Wort in die slawisdren Sprachen und in das Magyarisdre gebracht.
celi ist d,as al anisdre gjellö, Lebensmittel, Nahrung" (M. 144).
"Leben,
sa@: ,,Grab, nidrt zu verwedrseln mit sut, ,Hirsdrkuh".
oacl @esni.n: ein Gelage zu Ehren der @esan.
ray steht augenscleinlidr in Abhängigkeit von raXO, aber audr von dem darauf-
folgenden cresaetute. .Opfert!"
cresaerde: zunädrst dadrte idr an das albanisdre verö,,,'Wein'; das bradrte midr
wieder auf die Fährte eines griedrischen Ausdrud<es hri@inos oinos, ,,Gerstenwein".
Man könnte sidr also fragen, ob ,€res nichr eine etruskische Anpassung des griedrischen
kri@e, .Gerste' ist und ob creszserae nidrt folglidr eine Bezeidrnung für eine Art
Bier oder Sdrnaps ist.
Albanisdr verö hat jedod-r nodr eine andere Bedeutung, nämlidr, ,,Frühling, Som-
mer", und es sdreint mir näherliegend, kres mit albanisch lerric, ,,Fld.llen" (M. 219) in
Zusammenhang zu bringen. Folglidr: Frühlingsfüllen". Vier Argumente sprecJren
dafür:
"ein
a) \freiter unten erfahren wir vop einem Opfer, bei dem ,,Herbstlämmer" vor-
kommen; wahrsdreinlidr sind damit neugeborene oder sehr junge Tiere gemeint;
denken wir dodr an die neugeborenen Ferkel, die dem Hades geopfert wurden;
b) das Opfer eines Füllens bei den den Etruskern verwandten Messapiern ist nadr-
gewiesenf es war eine Opfergabe an ihren Jupiter Menzana, und wi'r werden bei
den Messapiern noch darauf zu spredren kornmen; c) das Opfer eines Tieres (und
nidrt eines Trankes) paßt viel besser zum Vorhergegangenen, nämlidr zu rdy@
sutana!, Opfer einer Hirsdrkuh, das am Beginn des Fragmentes steht; d) da die
Bedeutung des Namens @esnin dadurdt bestätigt wird, daß @esan im selben Kapitel
nodr viermal erwähnt wird, zögere idr, ein Bieropfer (an @esan) zu vermuten, wo
dodr sonst keine Getränhe erwähnt werden; das Opfer eines Füllens ersdreint durdr
die etruskisdre Ikonograp,hie einigermaßen geredrtfertigt: Au,rora wird häufig auf
einem Wagen dargestellt, einem Zwei- oder Viergespann, ebenso wie ihr großer
Sdrutzherr, der Sonnengott selbst.
Somit könnte unser Satz in seiner Gesamtheit folgendes bedeuten: ,,Opfere
eine Hirsdrkuh für das Totenmahl; beim Gelage der @esan opfere ein Fr,ih-
lingsfüllen."
VL Kapitel (AMB)
a) Der Beginn dieses Kapitels sieht wie ein gefährlidres Magma aus, in
dem man vorsidrtig vorgehen muß. Ansdreinend handelt es sidl immer wieder
um Anrufungen und Einladungen an die Sdratten der Verstorbenen. Man ist
versudrt, folgende'rt7örter herauszugreifen :
Snntuf iy re&iceic dnidy ar6 hifuvetra bamfei (Zeile 2)
inutaf ist in i-nu-tuf zu teilen.
s ist die Negationspartikel, die wir aus der Sdrenke kennen: Pe7)d sni4e sin, ,trinke'
damit du das Elend nidrt kennst!" Wir werden das Verbum nig, niay, okenneno,
audr in 'diesem VI. Kapitel finden.
Die Agramer Mumienbinden 229

inu kennen wir bereits von dem Lavis-SdrlüsseIz ltt aral !na, .Tränen
nidrt kennen'. - Flunger
- taf dirfte mir dern albaniscihen d*föm, .Angst" (A-gst haben?), drfit*n, ,bedrüdrt,
niedergesdrlagen, entmudgto(M. 85) zusammenhängen.
'snatuf bedevet somit ,Habt keine Angst, seid nicllt entmutigt",
iy,t ,geht, kommt".
reu'scesc könn'te man durdr das albanisd're rryesbäm, gesrdhlt* erklären, so-
wie durdr rryesö, ,Übtng, Training" und das Verbum "eilig,
ryei, riyej,.üben, abhärten..
(M. 444). Somit: ,,Habt kein.e Angst, kommr mit geübtem Sdrritt."
Im zweiten Teil der zrreiren Zeile dürften die sdrarten an die unannehmlidr-
keiten ihres Lebens in der unterwelt erinnerr werden, denn man erwähnt die
Mildr, an der es ihnen dort mangelt.
aniay: ist das albanisdre Verbum njob, njab,,kennen*, man? Kennt ihr?.
(a bezeidrnet im Albanischen eine Frage). "Kennt
'diesem \[ort die Bezeidrnung für orkus zu sehen, die
t4rz: man ist versudrt, in
Gottheit der unterwelt bei den Latin'ern, die dem pluto der Griedren entspridrt, da-
her audr dem Aita, dem etruskischen Flades. Möglidrerweise haben wir hier bloß das
albanisdre \{ort ai, ,,Hunger" (aröt, (tut. 541) mit der Konjunktion
"hungrigo),
7, h, ,und, vor uns.
hilToetra ist hiltoe-tra, bilToe läßn ws an hil, bilar, .yerstoibene", denken, Die
Endung 7ze ist dieselbe wie in |ren|zte, fler|ve .. . ein Kollektivzeichen? Cf. oskisdr
soiseve,
"Gefäße".
t,ra i,st @ra, wir von der Szene mit Herkules wissen, und trau ,die
"Mildl", wie
Mildr" der Trankopfer, Im großen und ganzen: ,Mil& für die verstorbenen"?
hamfei läßt uns an albanisdr amris, ,Hausherr", denken (M. 6). Jokl sdrreibt:
amoise ist auf albanisdr ,,Ffausmutter..

_ In großen Zügen dürfte das Ende der Insdrrift folgendes besagen: ,,Kenn!
(q-niap\ die Unterwelt (ury) Mil& (tra) für die Toien (bilToe), oh Herren
(hamfei)?"
Hier sei noch vermerkq daß nadr Horaz Charon satelles Orcl, ,,Diener des
orkus", war. Nadr Pauly-\üTissowa (oRCUS) wird der Name orkus in den la-
teinisdren Insdrriften in zwei von neun Fäll,en orchu.s geschrieben. Das hängt
!e]f9i$t irgendwie mir der etruskisdren Sdrreibweise- urx ztrsammen. Tai-
:äSje zeigt die Form ordrus die etruskisdre Herkunft des Namens an (nadr
9a.u-lz9). Bei den Römern war orcus bald der Herr der unterwelt, bald das
Reidr der Toten, bald der Dämon, der seine Opfer dorthin sdrleppte.
b) Am Ende der dritten und in der vierten Zeile liest man:
@ui stretet lace apnii
aniaT apni! ury pe@ereni
@ui stretet face: @ui, ,,hier"; stretet,,Ruhebetten, Lager"; dieses tüüort haben wir
berejts im Kapitel III der AMB besprodren; face ist albanisdr bäjsbö, ,d,aß d,t
madrest', Also: ,,Ridrte hier Betten, Lager zuredrt."
apniS kann mit großer rü/ahrsdreinlidrkeit in übereinstimmung mit der vorher-
gehenden Zeile durdr das al,bat'isdre ambnis,,sidr ausruhen,,, anrbni (M. 5)
erklärt werden. Das vort apnii m,tß natürlidr abnisdt gelesen werden,"Ruhe..
und zwar mir
nasalem d' was man im Etruskisdren nidrt erkennen tann, je'dodr im Albanisdren
dvdt arn ausgednüd<t wird. Der Begrifr ,Rabe- liegt dem der bei Banketten
"Lager'
sehr nahe. somit ergibt sidr: ,Lager herridrten, damit die seelen der Eingeladenen
sidr ar:sruhen mögen'? (oder abe,r: ap, ,Eeben').
pe@ereni ist ein' sdrwieriges vort, Man wollte darin den Namen eines Monats
sehen, denn in zwei (von vier) Fällen, im Kapitel X, 2 und im Kapitel XI, g, steht
230 Die etrusbisdten Texte

dieses Wort neben einer Zahl. Aber in zwei anderen Fällen (Kap. VI, 4 un'd X, 4)
deutet nidrts darauf hin. daß es einen Monat bezeidrnen könnte. Es ersdreint daher
angezeigt, pe@ereni in pe@e vnd reni zu teilen. reri en'tspridrt ganz dem albanisdren
rrini, dem Imperativ des Verbums rri, ,niederlegen, sidr. aussrred<en'. Für pe@e bieten
sidr uns zwei Erklärungen:
1. Man könnte es bete lesen dieses würde dem albanisdren mbete entspredren, dem
Imperativ des Verbums mbes, dessen Infinitiv mbetun un'd dessen Passiv mbetem sin'd:
verweilen* (M. 269). I'm Albanisdren wir'd mb oft zt b verkirzt3 z. B.
",bleiben,
wird mbar, Jra}en" z,a bar (M. 267). pe@ereni härte also die Bedeutung ,liegen
bleiben".
Obiges Fragment könnre folgendermaßen vorstanden werden':
,,Hier auf den Lagern möge man eudr Ruhe verschaffen,
Kennt ihr die Ruhe?
'Werdet
ihr liegend bei Orkus verweilen?"
2. Andererseits könnte man pe@e mit dem albanisdren Verbum petoj, ,ausbreiten,
fladrdrüd<en" (M. 362) erklären; davon kommt ,das Substantiv petö, ,,Ruhelager".
Damit erhält pe@ereni die Bedeutung .sidr fladr hinlegen, sicJr entspan'nen". Das fügt
s,idr gut zur Erwähnung des Bettes und der Ruhe in der vorhergehenden Zeile:
@ui stretet face apni! aniay apni!; ar7 pe@ereni. Idr ü,bersetze das in großen Zügen
so: .Flier (@ui) die Berten (stretet) sind gemachte (face), ihr werdet kennen (aniaX)
die Ruhe (apnis), ihr werdet eudr von der Unterwelt ausruhen (apni! wrfl. Rastet aus
(pe@e), legt zudr niedet (reni)."

c) Etwas veiter, in den Zeilen 5-6 d,ürfte von einem Begräbnisritus die
Rede sein:
@a2g|in @eusnaa caperc
@agsin: .dieses sdron bekannte Wort ersdreint im Kap. IX, g, 2 wieder in der
Form @aTsein; dort handelt es sidr um Blutopfer zu Bhren der Götter der Unter-
weh. @a6sin bedeutet also ,purpurnes Blut'.
@easnua besreht aus @e @e ist das albanisdre dbe, .Erde"; u-snua
- usnua.
wäre die medial-passivische Form (oder ein Partizip des Perfektums?) des oben er-
wähnten Vetbums sh6j: Erde soll gerötet werden."
"Die
caperc könnte uns an eine etruskisdre Glosse erinnern (P. 820), derntfolge capra
auf etruskisdr ,Ziege" bedeutet; man wird sidr aber eher von einem in den AMB
häufigen Ausdruck leiten lassen, nämlidr caperi zam()ic, in dem wir ,goldene
Sdralen" erkennen. Unser Fragment c) kann also übersetzt werden: ,die Erde soll
mit Sdralen roten Blutes gerötet werden' (o.der: ,,Ziegenblutes").
d) Nun kommt eine widrtige Erklärung, die wieder an die Toten geridrtet
ist; dieser folgt das Datum (ohne Monatsangabe) einer vorgesdrriebenen rituel-
len Handlung und eine weitere Erklärung:
beci nac va tin@asa
etndm vel@inal etnam aiswnal
@unTeri in iacnicla.
za@rumsne.lusai fler hatnfisca . . .

lustreS fler oacltndn, . . .


etnam eisnd iy flerei craPlti
@anlna @an's fler! (Zeile 6 bis Zeile 13)
lteci nac od tin@dsd (A): das bedeutet wörtlidr: die Nadrt, wur.de Tag".
"verging
heci ist albanisdr beq, .fortgehen, hinausbeföndern'; nac ist, wie wir sdron wissen,
ua ist das albanisdre bA, bäj,,madren". tin@asa könnte ein Casus obliquus
"Nadrt';
r|on tin, ,Tag", sein.
Die Agramer Mumienbinden 231

Das Verbum oa (ba) hat hier ganz offensiötlich passivische Bedeurung u-bä,
,gema&t werden".
Diese doppelte Formel findet man kaum 'verändert im modernen Albanisdr wie-
der, nämlidr einerseits: hihu nata (in einem Gedicht von Asd,ren, Lambertz, I, S. 178,
übersetzt in Lambertz, II, S. 82); andererseits: u bä dit (Lam,bertz, I, 356, das der
Autor mit ist Tag geworden" übersetzt, II, S. 290).
"es
etndn oel@inal: wir erinnern uns an albanisdt velje, "Sattheit, Sättigung, Über-
fluß" (M. 549), das vielleiöt in Zusammenhang stdht mit dem slawisdren Stamm-
wort oele, ojele, ,vidr'. Di bedeutet im Albanisdren ,wissen, kennen". Bedeutet also
oel@ina(l), ,weit bekannt, berühmt"? Die Frage bleibt ofen.
etnam aisunal: ,,(o) göttlidre Väter!"
@anTers in 'sacnicla (B) ist eine unerwartete und widrtige Erklärung'
@un ist sdron bekannt als ,Flaus'.
härsb bedettet auf albanisdr ,Felsen' (M. 196).
lz ist "dieses".
c/a könnte ,rufen" sein. Diese Bedeutung drängt sidr auf Grund der Formel cla
@esan (Kap. V, 23) auf, worin wir ,ruft @esan an" zu lesen glauben, und anderer-
seits in Analogie zu dem gried-risdren Verbum baleo und hettitisch kallii, 'die beide
orufen" be'deuten; sdrließlidr bedeutet albanisdr klaj, da's mit qdi äquivalent ist,
,beim Namen rufen' (M. 199).
Später we'rden wir ein ähnlidres Verbum kjaj (alb.) erwähnen. Möglidrerweise hat
cla audt die Bedeutung an, bitte um Erlaubnis'.
"flehe
Somit bedeutet die dritte Zeile: Felsengemach, dieses Heiligtum ruft
"Dieses
(euch)!" \fahrsdreinlidr ist von in den Felsen gehauenen Gräbern die Rede, die,
weil dort kultisdre Handlungen stattfanden, geheiligt wurden. Diese Apposition ist
hodrtrabend. Dodr gab es denn nidrt bedeutende, gemauerte Totengrüfte?. .. Anderer-
seits erinnert uns die eben für zrl (Orcus) vorgesdrlagene Bedeutung daran, daß die
Gemeinsamkeiten in den Riten der Erusker, der Römer und 'der Griedren vielleidrt
zahlreidrer waren, als man glaubt. Dazu kommt noch, daß das ,Element xer! a,ts dem
\Iort @uny.ers (@unhers) eine eigenartige Ähnliökeit mit Ker (Pl.: Keres) aufweist,
dem Namen, mit dem die Griedren Götdnnen und böse Geister des Todes und der
Zerstörung bezeidrneten. Derselbe Name bedeutete mandr'mal audr Seelen der
"die
Verstorbenen' (Oxford Classic. Dictionary, S. 475). Somit könnte @unXeri audt
bedeuten: ,Das Haus der Seelen der Toten.' Jedodr 6nden wir Kers im Thrakisdren
wieder: Cerztla, Kersobleptes (Heuzey. Le Sanct. Il).
Nun folgt der Beginn eines neuen Absatzes.
za@rumsne: das auslautende ne ist eine albanische Präposition ne, ,an" ,in"
(M. 313), Hier ist es eine Datumsanga,be: 20. Tag des Monats, am 20." In der
Folge wird ein Monat genannt.
"Am
lusai fler bamfisca: du betest zu'den Statuen der Herrn"?
"daß
h4stres fler oacltnam . . ,: trts bedeutet ,Bitre'. Vachnam wurde von Th. Klugge
als oacl etnam aufgef.aßt, Idr würde lieber das albanisdre Verbum ztagiöloi (.sorg'
fältig nähren") (M. 543) (ursprünglidr aber vielleidrt Dzu essen geben") üreranziehen,
etruskisdl osdrmausen"; diesem Wort sind nodr ein Pronomen und,eine Präposition
hinzugefügt: me na omit uns'. Es folgt nodr eine Einladung:
etnam eisna i7 flere| crdplti: über das rl//o:.t crapiti ist sehr viel gesdrrieben wor-
den. Man hat es mit dem umbrisdren Beinamen mehrerer Gottheiten, krapnti (2. B.
Jupiter Grabovius), in Verbindung gebrad-rt. Jokl erwähnt ein altmazedonisdres
Vort, grabion, ,,Leuchte, Fadrel", das er folgendermaßen erklärt: "eine A,rt Eidren-
holz" oder .Fad<el aus diesem Holz". Va,hrsdreinlidr handelt es sich um das latei-
nisdte carpinus (,\(eißbudre') und um das slawisdre grab, das einen Baum mit hartem
Holz bgzeidr,net. \(/ar es vielleidrt ein heiliges Holz, das für 'die Götzenbilder be-
stimmt war? Nadr anderer Auffassung kiSnnte crapiti das al,banisdre hrapis, ,ge-
deihen" sein, das wi'r sdron im herma melecrapi.cces kennen'gelernt haben. Vielleidrt
waren fleres crdpit;,,Bildnisse, die gedeihen lassen (N?ohlstand bringen)", die Proto-
232 Die etraskisdten Texte

typen der römisdren Laren, dieser Staruen mit den Füllhörnern. (paoli, V;td, 233.)
Regen und Gedeiihen hingen ja von den Geistern ider Toten ab.
--Nun folgt eine knappe, aber trefrende Erklärung über das Grab-Heiligrum, wo
diese Zeremonien statrfanden:
@anina @uni flers (B): ,unser Flaus ist das Flaus der Bildnisse (der väter)!" Man
verabsäumt nidrts, um die hia, die Sdratten, zu beruhigen: Es ist ihr Haus, sie sind
hier die Hausherren.
Mit Vorbehalt kann man unser Fragment d) so inrerpretieren:
,,Die Nadrt vergeht, der Tag bridrt an,
O hodrgerühmre Värer, göttlidre Vorfahren!
Dieses Felsenhaus, dieses Heiligtum ruft (eudr).

Am 20. des Monats. Bere vor den Bildnissen der Flerrn!


Bete und bitte die flers: Seid beim Mahl mit uns . . .
O göttliöe Väter, kommt in die Bildnisse, d.ie Woblstand bringen!
Unser Ffaus ist das Flaus der flers!"
e) Nun fühlen wir wieder festen Boden unrer den Füßen, denn wir finden in
diesem selben Kapitel das Thema von rag@ tur wieder:
iaroe lu@ti ray tare acil catica (B) (Zeile 15)
Saroe ist zweifellos albanisdr zjarr oe; zjarr edzutet ,Feuer, Flamme" (es gibt
also mehr als ein vort fü'r ,Feuer") (M, 582) und ist verwandr mit dem slawisÄen
schar (.Feuer, Inbrunst'); ze ist ein albanisdres Grundwort, nämlich das Verbum
stellen, setzen' (M, 547).
"legen,
lu9ti ist uns bekannt: ,im Gebet". Tini lut (P. 657), iuztluii (p.442) sind wert-
volle Wegweiser, die uns bisher gefü,hrt ha,ben.
rq( tttre:
"süladrte einen Stier*. Nebenbei könnten wir hinzufügen, daß al,banisdr
torisbtä bedeutet (M. 520).
"Sdrafstall"
acil: diesmal bedeutet dieses rVort einfadr ,Topf...
catica: ein lehr,reiches r0ort. Man erkennt darln das albanische stamrnworr gar..
gatis, gati, gadi, ,bereit', gdtim, ,,Vorbereirung' usw. (M. 1t3).
"vorbereiten';
G. Meyer weist nur auf die Verwandtsdraft dieses Wortes mit dem russisdren goloru
und dem litauisdren gdtdT)ds,,,bereit, vorbereitet', hin.
cd: man könnte an das albanisdre ca, neinigeo, denken oder sogar an das suffix,€a
für den Admiratit:mod,rs .ler albanisdren verta, der -eine
dazu dient, Flandlung ganz
besonders hervorzuheben; beispielsweise bedeutet albanisdr bap
-öfrnen", und"bäpha
kann man übersetzen:
"gur öf,nen*,,wie gut er öfinet!" or*.
Deurung wäre aber ka, ,Odtse" (M. l7l). - Die einfadrste
Nun taudrt ein neues Problem auf: soll idt larae lu@ti ,,abstakt" oder
,,konkret" übersetzen? Im ersren Falle müßte die übersetzung lauten: ,,Lege
Inbrunst in dein Gebet", im zweiten Farle: ,,zinde das Feuer än beim Beten...
Die zweite Fassung isr sdron deshalb vorzuziehen, weil die Etrusker irnrner
inbrünstig beteuen und daher kein Grund bestand, sie dazu nodr anzueifern.
Somit:
,,Entzünde das Feuer und bete dabei. opfere einen stier. Bereite die Gefäße
mit Odrsen(fleisd-r)."

Zusatz zumvI. Kapitel (AMB)


Das '!7ort @un, ,,Hans", das wir soeben untersudrt haben, erlaubt uns viel-
leicht, den Etruskern ein überbleibsel aus ihrer Vergangenheit zurüd<zugeben,
das man ihnen entwender und den Kelten zugesdranzt hatte; idr meins eines
Die Agramer Mumienbinden 233

der verwittertsten und ältesten Denkmäler der etruskisdren Gräberkunst, die


Zignagostele, die 1828 unweit des antiken Luna in Ligurien gefunden wurde
oträ iÄ historisdren Museum von Genf aufbewahrt wird' Es ist bloß ein läng-
lidrer Stein, der eine Art Kopf rägt, auf dem wohl das Gesidrt durdr einige
Stridre angedeutet war. Die Stele weist eine Insdrrift in regelredlten etruski-
sdren Budriaben auf: rlrezunetnasas. Später wurden in derselben Gegend ähn-
lidre Stelen gefunden, die aber ein wenig mehr ausgearbeitet sind und Krie-
ger darstellen. J. Vendryes hat diese Funde untersudrt und darüber folgendes
gesduieben:
,,I& zweifle daran, daß diese Gegenstände gallisch sind . . . \[enn aber diese
Denkmäler Gallier darstellen, kann die Hypothese einer keltisclen Insdrrift
verteidigt werden." (Revue Celtique,1913, S. 418 ff.)
Der Autor teilt den Text in mezu, das das gallisdre medio, ,,Mitte" sein
könnte (cf. Mediolanum), und nernasas das gallisdre Iüort für ,,Heiligtum"
(cf. Nemossos, den ehemaligen Namen von Clermont-Ferrand). Das 'Wort
könnte also ,,Heiligtum in der Mitte" oder ,,Mitte des Heiligtums" bedeuten.
Zuglei& wurde hervorgehoben, daß diese keltisdre Bezeidrnung sidl nur auf
ein Heiligtum, einen Tempel, beziehen könne und daß man in diesem Denkmal
nidrt eine Grabstele sehen dürfe.
Der Autor selbst hielt es für einen Zippus.
H. Hubert ergänzte mit seinen Anmerkungen den besagten Artikel und wies
darauf hin, daß ein anderer Zippus, der dem erstqt überrasdtend. ähnlich isg
bei Bologna gefunden wurde: ,,Man nimmt an, daß er auf einem Grab stand,
weld'res aber nodr nidrt ausgegraben wurde." rVir finden H. Hubert in einem
ausweglosen Dilemma: das Auftreten der Gallier vor dem IV. Jh' ist nidrt
bezeugt, während die Dold're aus der Hallstattzeit, die auf den Zippen abgebil-
det sind, älter sind (ZOo-5oo). Und nun fragt der Autor: ,,Sind die Gallier
sdron früher gekommen, oder sind die Stelen aus der Gegend von Luna nidrt
gallisdr?" (ib., S. 432).
\Tahrsdreinlidr sind es Grabstelen. Der Zippus von Zignago sieht älter aus
als die Stelen, die Krieger darstellen. Wie dem audr sei, die Insdrrift könnte
man in ,ne-zane-rntrsus teilen, Me wäre das klassisdre mi der etruskischen
Stelen; zune eine alte Sdrreibweise von @une, ,,Hatts" (cf. ziurni@e, die
etruskisdre Sdrreibung von Diomedes); musus, der Genetiv eines Eigennamens
Musa (?), eines ähnlidren Namens wie z. B. Mucius . . . In diesem Fall würde aber
zune, @une nidrt nur ,,FIaus", sondern auch ,,Grab, Mausoleum" bedeuten.
übrigens sind etruskisdre Gräber häufig Nadrbildungen von Fläusern. Im Alt-
russisdren sagte man beispielsweise domowina (von dom, ,,Haus") für den
Sarg. Die Ausdrüd<e @nnTeri wd @unlna aus den AMB beinhalten viel-
leidrt diese Nuance.
Noclr ein letztes \üort zu @une oder @ani. Die Gottheit mit dem Doppel-
namen ani @ne, der auf der Bronzeleber von Piacenza steht, ist wahrsdrein-
lidr nidrts anderes als ani @une, Janus d.es Hauses. In der Odyssee wird
beridrtet, daß der Sänger Phemius und der Herold Medon dem von Odysseus
unter den Freiern angeridrteten Blu$ad dadurdr entrinnen, daß sie beim Altar
des Jwpiter domesticus Zlulludtt sudren (XXII. Gesang).

VII. Kapitel (AMB)


Dieses Kapitel ist anders als die übrigen: wie die Gezeiten kommen und gehen,
so kehrt audr der Refrain einer Litanei immer wieder; sedrsmal wiederholt
234 Di.e etruskischen Texte

der Priester seinen leidensdraftlic}en Ruf an die Seelen der Verstorbenen, um


sie ihrer Starre zu entreißen. Von einer Übersetzung kann keine Rede sein;
wir wollen nur den \üeg dazu freilegen, jedodr verbergen sidr unter diesen Stei-
nen, die seit 2000 nidrt mehr berührt wurden, noch mandre Skorpione. Immer-
hin beginnen die Umrisse einer Lösung sicl bereits abzuzeidrnen.
a) Hier die ersten sedrs Zeilen des Textes, wie sie in den AMB stehen (in der
ersten Zeile ist eine Lüd<e):
l. ceia hia . . .
2. ceia bia etnam ciz aacl trin oel@re
3. male ceia hia etnam ciz oacl aisaale
4. rnale ceia hia trin@ etnam ciz ale
5. male ceia hia etnam ciz oacl aile oale
6. staile itr;le b;d ciz trin@aia iacnitn
Das beherrsdrende Motiv, die Formel male ceia hia etnam clz, wiederholt
sidr, mit gewissen Abänderungen, in den meisten dieser Zeilen. Mehrere liförter
sind uns sdron bekannt; dennodr bleibt die Interpretation infolge der auf
Sdrritt und Tritt auftretenden Hindernisse sdrwierig:
1. \flie fast in allen etruskisd-ren Texten ist audr die obige Einteilung der
Särze in sedrs Zeilen willkürlich. Beispielsweise gehört die Yortgntppez aacl
oile vale staile itrile zweifellos zusammen. Niclmdestoweniger hat der Sdrrei-
ber die erste Hälfte an das Ende der 5. Zeile und die zweire an den An-
fang der 6. Zeile geserzr. Andererseirs gehört mögliciherweise das letzte Vort,
lacnitn, zum Beginn eines anderen Absdrnittes.
2. Die Anwendung unserer Methode bringt die Entzifferung des Etruskisdren
in eine paradoxe Lage: während früher jedes etruskisdre \{rorr vollkommen ver-
lassen dastand, läuft es heute Gefahr, von den brüderlidr geöffneten Armen
mehrerer albanisdrer\tr7örter erdrücl<r zu werden.
So stellt uns jedes der Schlüsselwörter des Kehrreims ndle ceia hia etndn',
ciz, nämlidt ceia, ciz und rnale, vor ein Dilemma. 'Wenn wir nun diesen Text
Zeile w Zeile studieren, werden wir das bald merken. Vorher jedodr mödrte
idr eine eswas veränderre Satzeinteilung vorsdrlagen, wobei idr natürlidr die
I7ortfolge beibehalte:
l. ceia hia , . . 4. male ceia hia trin@ ernam
2. ceia hia etnarn ciz 4a. ciz ale
2a. oacl trin oel@re 5. male ceia bia etnam ciz
3. male ceia hia etnam ciz 5a. oacl vile aale staile itrile
3a, ztacl ais,uale 6. hia ciz trin@asa

Zdie lt'Wie ist ceia zu verstehen? Da hia ,,Schatten" be'deutet, könnte ceia hia
,diese Sdratten" heißen? Zu dleset Annahme gelangt man, wenn mam ceia mir
albanisch böjo, hjo, ,dieser, derjenige" (M. 199) vergleidrt, sowie mit dem Wort cel
aus einem verständlidren Satz auf. 'dem Tonziegel aus Capua: ara epni cei (P. 2, l4),
(epni) auf diesen (cei) .F'kar (ara) . . ."
"legt
Oder soll man ceia hia mir,rufe die Sdratten" übersetzen? In' diesem Falle bringen
wir ceia mit dem albanisdren Ver um kjai, .weinen, beim Namen rufen" (M. 199
und 411, gleidrbedeutendes qaj) in Zusammenhang.

Vir haben bereits gehört, daß die Alten bei ihren Begräbnisriten die Seelen
der Verstorbenen zur Teilnahme an dem Gastmahl einluden. Fusd de Cou-
langes söreibt:
Die Agramer Mumienbinden 235

,,Es war Braudr, zu Ende einer Begräbniszeremonie den verstorbenen drei-


mal bei dem Namen zu rufen, den er zu Lebzeiten getragen hatte"' (l' c'' S' 9')
Vir haben zwar die Formeln cla @esan ]und cleoan@ mit ,,rufet @esan" und
'cla, Van@.. überserzt, dodr ist das Etruskisdre so reidr an Nuancen,
daß
,,rufet
cle audr ohne weiteres ,,flehet an, rufet an" usw. bedeuten kann' Mit
Worten, ceia wd cla werden in untersdriedlidren Zusammenhängen
"rrä.r.r,
verwendet. Somit stellt ws ceia vor eine Alternative; wir nehmen vorläufig die
Bedeutung ,,rufen" an.

zeile 2z Hier geht es um das vort ciz. Es liegt nahe, 'dieses vort in Analogie zu
@unz, ,zweimal; labgeleitet von @*) und zu cizi (P.99), das gewiß "dreimal" be-
deutet, von der Z,ahl ci abzuleiten und mit "dreimal" zu übersetzen. Die Inter-
pr.r"rio" von ceia hia etnam ciz, ,rufe die Sdratten der Väter dreimal", stößt jedodr
a:uf zwei Hindernisse:
a) die Formel ceia hia