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Pat Metheny

"Ich habe nie richtig geübt"


Der Jazzgitarrist Pat Metheny hat 20 Grammys gewonnen. Noch immer
verlässt er sich auf Naivität und seinen musikalischen Instinkt.

Interview: Reinhard Köchl


7. März 2021, 21:24 Uhr / 8 Kommentare /

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Gerade einmal sechs Saiten hat diese semiakustische Ibanez-Gitarre.


Darüber kann Pat Metheny natürlich nur lachen. © Jimmy Katz

Hat Pat Metheny sich etwa von seinem charakteristischen Ringelshirt verabschiedet?
Im Zoom-Meeting bleibt die Kamera aus und diese Frage somit offen. Alle anderen
beantwortet der 66-jährige Gitarrist und Komponist ebenso geduldig wie eloquent. Wir
sprachen mit ihm über 42-saitige Spezialgitarren, den Tod alter Helden, die Aussichten
junger Talente und Methenys neues Album "Road to the Sun".

1 von 5 08.03.2021, 06:53


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ZEIT ONLINE: Früher begann mit dieser Frage ein Small Talk, heute hat sie fast
schon elementare Bedeutung: Wie geht es Ihnen?

Pat Metheny: Tja, wir leben in einer verrückten Zeit. Meiner Familie und mir geht
es gut, mir bleibt sogar mehr Zeit als sonst für meine Tochter Willow und meine
Söhne Jeff Kaiis und Nicolas Djakeem. Alles okay also, ich befinde mich in einer
privilegierten Position. Bei vielen anderen Musikern ist jedoch gar nichts mehr
okay. Junge Leute mit viel Talent verzweifeln, obwohl sie erst am Anfang ihrer
Karriere stehen. Sie fallen in tiefe Löcher, weil sie nicht mehr zeigen dürfen, was
sie können. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine
psychologische Katastrophe. Eine ganze Generation von Musikern geht gerade vor
die Hunde.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig sterben alte Galionsfiguren. Kürzlich erst Chick Corea
[https://www.zeit.de/kultur/musik/2021-02/chick-corea-jazz-pianist-nachruf], mit
dem Sie zusammengearbeitet haben, und letztes Jahr Lyle Mays, der 27 Jahre lang
Keyboader in ihrer Pat Metheny Group war. Was geht da in Ihnen vor?

Metheny: Man beginnt, darüber nachzudenken, wie viel Zeit einem selbst noch
bleibt. Ich werde im August 67, da könnten also schon noch einige gute Jahre
kommen. Aber Sie haben recht: Einige der Besten sind in letzter Zeit gestorben.
Jaco Pastorius, Michael Brecker, Charlie Haden, dann natürlich Lyle und Chick. Das
waren nicht nur Künstler, zu denen ich eine enge musikalische Beziehung
aufgebaut hatte, sondern auch gute Freunde von mir. Jetzt muss ich mir andere
Leute suchen, die mit mir auf die Reise gehen wollen.

ZEIT ONLINE: Ich habe gelesen, dass Sie bis zu elf Stunden am Tag üben.

Metheny: (lacht) Nein, nein, das stimmt nicht. Ich arbeite zwar viel an Musik, aber
vor allem lese und schreibe ich. Für die Gitarre bleibt da wenig Zeit. Ehrlich gesagt
habe ich nie richtig geübt. Ich spiele einfach herum, probiere Dinge aus. Ich suche
mir einen Jazzstandard wie The Song is You aus und spiele ihn in allen zwölf
möglichen Tonarten durch. Das kann bis zu zwei Stunden dauern. Aber es ist keine
Übung, sondern Spaß. Komposition hingegen ist harte Arbeit. Ein guter Musiker zu
sein, bedeutet, sich ununterbrochen selbst zu hinterfragen. Es gäbe weiß Gott
leichtere Aufgaben, als sich immer wieder einem leeren Blatt Papier zu stellen.

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ZEIT ONLINE: Ihr erstes Stück haben Sie als Elfjähriger geschrieben. Wie hat sich
Ihre Arbeit im Lauf der Jahre verändert?

Metheny: Damals wusste ich nicht, was Komponieren überhaupt bedeutet. Das
habe ich erst in den Siebzigerjahren verstanden, als ich in Kansas City gelebt und
eine Reihe von Gigs mit Orgeltrios gespielt habe: Blues, Stücke von Cannonball
Adderley, die gängigen Themen von Wayne Shorter [https://www.zeit.de/2013/32
/traum-wayne-shorter], Herbie Hancock [https://www.zeit.de/2017/47/herbie-
hancock-jazzmusiker-kuenstliche-intelligenz] oder Antônio Carlos Jobim. Ich
musste die Standards lernen, begreifen, wie sie aufgebaut sind und wie man sie
variieren kann. Das ganze Basiswissen eben. Mit 16 schrieb ich April Joy, meine
erste Komposition, die man wirklich als solche bezeichnen kann. Zum ersten Mal
tat die Rhythmusgruppe genau das, was ich auch im Sinn gehabt hatte.

ZEIT ONLINE: Später sind Sie in die Rolle des Bandleaders hineingewachsen.

Metheny: Als solcher ist es meine Aufgabe, Musik für die anderen in der Gruppe
zu schreiben. Bevor ich das tun kann, muss ich jedoch immer erst herausfinden,
was mich selbst gerade interessiert. Anschließend suche ich nach Gleichgesinnten,
die bereit sind, den Weg mit mir zu gehen. Wenn ich schreibe, habe ich bereits
bestimmte Musiker im Kopf, ihre individuellen Begabungen und ihren Sound.
Auch Duke Ellington [https://www.zeit.de/2013/49/harmonie-ensemble-
nutcracker-suites-tschaikowsky] hat nie einfach etwas aufgeschrieben. Er
komponierte immer für die Jungs, die gerade in seinem Orchester spielten.

ZEIT ONLINE: Heute kann man Ihre Musik kaum noch als klassischen Jazz
bezeichnen.

"Sie werden einmal zur klassischen Gitarrenliteratur gehören"


Metheny: Es gilt, immer mehr Informationen zu verarbeiten. Deshalb verändern

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sich auch die Besetzungen meiner Projekte ständig. Das Ziel ist aber immer
dasselbe: komplizierte musikalische Prozesse so einfach wie möglich darzustellen.
Und das kann verdammt schwierig sein.

ZEIT ONLINE: Auf Ihrem neuen Album Road to the Sun präsentieren Sie erstmals
Werke für Konzertgitarre. Wie sehr haben Sie bei der Arbeit gelitten?

Metheny: Ich habe zum ersten Mal alles niedergeschrieben, von der ersten Note
bis zur letzten Pause. Vorher lief es immer so, dass ich oder irgendjemand anderes
aus der Band irgendwann die Zügel in die Hand nahm. Nun hatte ich es mit
Musikern zu tun, die zwar allesamt brillant sind und Grammys gewonnen haben,
aber keine Improvisatoren sind. Ich schrieb also für Leute wie Jason Vieaux und
das Los Angeles Guitar Quartet und versuchte trotzdem, jenen erzählerischen
Aspekt beizubehalten, der mir immer wichtig ist. Noch in 100 Jahren wird man
die Geschichten auf Road to the Sun nacherzählen können. Die Noten sind
vollständig verfügbar, sie werden einmal zur klassischen Gitarrenliteratur
gehören. Das erzeugt ein Gefühl der Zufriedenheit in mir.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie die Aufnahmen selbst stilistisch einordnen?

Metheny: Ich werde ständig gefragt, ob das Album Klassik sei oder doch eher Jazz.
Für mich sind das keine musikalischen oder kulturellen Begriffe, sondern
politische. Musik ist ein großes Ganzes. In meiner Jugend hatte ich keine
differenzierte Vorstellung davon, was die Unterschiede zwischen Mahler
[https://www.zeit.de/2010/27/Mahler-Essay], den Beatles [https://www.zeit.de
/2020/35/the-beatles-rockmusik-jugend-christliche-werte], Bach
[https://www.zeit.de/2018/14/johann-sebastian-bach-musik-empfindungen],
Steely Dan [https://www.zeit.de/2014/48/steely-dan-album-aja], Dolly Parton
[https://www.zeit.de/2014/21/dolly-parton-judith-holofernes] oder Cecil Taylor
[https://www.zeit.de/kultur/musik/2018-04/cecil-taylor-free-jazz-nachruf] waren.
Ich habe sie alle ohne Vorbehalte verehrt, einfach weil ich instinktiv erkannte,
dass sie großartig waren. Ich reagierte nur auf ihre Kreativität, der soziale Kontext,
aus dem sie stammten, spielte für mich überhaupt keine Rolle. Erst heute merke
ich, wie naiv ich damals war: ein Kind im ländlichen Missouri, das keine Ahnung
hatte und sich alles irgendwie selbst beibrachte.

ZEIT ONLINE: War diese Naivität nicht auch ein Geschenk?

Metheny: Eines der größten überhaupt! Ich versuche bis heute, an dieser Art des
Zuhörens festzuhalten und Musik ohne intellektuellen Filter aufzunehmen, eine
naive Perspektive abzubilden. Herbie Hancock macht es übrigens auch so. Wenn
man das schafft und es mit seiner Erfahrung und seinen Fähigkeiten verbindet,

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können kreative Ströme mit vielen Seitenarmen entstehen.

ZEIT ONLINE: Sie selbst sind auf Ihrem neuen Album nur einmal zu hören: mit
Arvo Pärts Für Alina [https://www.zeit.de/kultur/2010-09/arvo-paert-75], das Sie
auf einer 42-saitigen Pikasso-Gitarre der kanadischen Gitarrenbauerin Linda
Manzer spielen. Bitte erklären Sie einem Laien, wie man bei 42 Saiten den
Überblick behält.

Metheny: Ich bin Linda Manzer sehr dankbar, weil sie meine eigenwilligen
Wünsche in dieses großartige Instrument hat einfließen lassen. Um auf einer
Gitarre Noten zum Klingen zu bringen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man
schlägt die Saiten offen an oder man drückt sie mit den Fingern aufs Griffbrett.
Leider gibt es kein Sustain Pedal wie beim Piano, mit dem man den Ton halten
kann. Deshalb träumte ich schon lange von einer Gitarre, auf der eine Menge
Noten über andere laufen, ohne dass ich mit meiner Griffhand eingreifen muss.
Als ich Für Alina zum ersten Mal hörte, fragte ich mich, wie es wohl auf der 42-
Saitigen klingen würde. Eigentlich kennt man es nur als relativ einfaches
Klavierstück. Die Bearbeitung für diese spezielle Gitarre war jedoch ein
kompliziertes Unterfangen. Die vielen Saiten erhöhten zumindest die Chance, hin
und wieder den richtigen Ton zu treffen. (lacht).

"Road to the Sun" von Pat Metheny ist erschienen bei Modern Recordings/Warner.

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