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PETER MÄRKLI INTERVIEW

«DER ARCHITEKT HAT IMMER


STÄDTEBAU ZU BETREIBEN»
In einem Innenhof an der Hardstrasse, dort wo Zürich- PWG: Sie zählen zu den interessantesten Ver-
West pulsiert, finden wir den Eingang zum Atelier von tretern zeitgenössischer Architektur. Was macht
Peter Märkli, 53, der im zweiten Stock schon wartet und Sie interessant?
uns zum Kaffee bittet – zum exquisiten Espresso – und Märkli: Da kann ich nur zur Antwort geben, dass
erzählt und erklärt, bevor wir uns in den schmalen Räumen ich an einer Position arbeite, die nicht einfach
umschauen und die zahlreichen Unikate bestaunen vervielfältigbar ist, die keine Modeerscheinung ist.
können. Hier, in diesem kreativen Durcheinander, denkt
und zeichnet und entwirft einer der interessantesten PWG: Was ist Ihre Position?
Aussenseiter der europäischen Architekturszene, ein Märkli: Was mich interessiert, ist die gesamte
Künstlerarchitekt, seit 2003 auch Professor für Entwurf Grammatik der Architektur, das heisst, die Aus-
an der ETH in Zürich. Die Ausführungen der Arbeiten einandersetzung zwischen der Architektur und
macht Märkli seit dreissig Jahren mit Gody Kühnis. der Zeit. Die Architektur ist so definiert, dass wir
nicht nur von aussen arbeiten – im Unterschied
PWG: Herr Märkli, Sie gelten als internationaler zur klassischen Bildhauerei. Wir haben die unmit-
Stararchitekt, von der Architekturzeitschrift «Bau- telbare Bedingung, dass das Innere und das Äus-
Netz» als Nummer 55 der Weltrangliste geführt … sere in einem Zusammenhang stehen. Wir können
Peter Märkli: … tatsächlich? Ich weiss von nichts. ein Erscheinungsbild von aussen konstruieren,
haben aber im Inneren ein gewisses Raumgefüge.
PWG: Was bedeutet Ihnen dieser Platz? Wenn man das auflöst, also äussere Erschei-
Märkli: Das ist natürlich ärgerlich. nungen unabhängig vom Inneren herstellt, empfin-
de ich das als Aushölung des Berufes.
PWG: Warum ist das ärgerlich?
Märkli: Müssen Sie so beginnen? PWG: Gerade heute scheint gewissen Architekten
die Organisation von Wirkung wichtiger als die
PWG: Nicht unbedingt. Trotzdem: Herzog & de Funktion, die formale Radikalität wird zum Unter-
Meuron sind die Nummer eins … haltungswert. Sind Ihre Äusserungen nun als
Märkli: … das geht in Ordnung. Mir bedeutet es Kritik gegen diese Tendenz zu verstehen?
relativ wenig. Ich amüsiere mich. Im Grunde ist es Märkli: Es gibt viele, die sich stark auf die Gegen-
doch viel komplizierter. Architekt ist ein Beruf, wart beziehen und in dieser Gegenwart das
der, wenn er engagiert betrieben wird, rasch eine Maximum erreichen wollen. Mein Zeitbild ist etwas
politische Haltung fordert. Wir nehmen Stellung anders. Die Gegenwart als solche existiert
zu einer gesellschaftlichen Situation. Die Rangliste während des Arbeitens nicht für mich. Meine
hingegen kommt aufgrund gewisser Kriterien zu-
stande, die nur bedingt mit dem Beruf zu tun haben.
Im Jahresbericht der Stiftung PWG muss von Häusern gesprochen werden. Dies
Wenn man über die Architektur diskutiert, sind tun wir auch in diesem Jahr. Doch mit den Häusern leben und arbeiten Menschen,
folgende Fragen wichtig: Was ist das Potenzial von die bisher kaum zu Wort gekommen sind. Deshalb gibt es im Bericht 2005 eine
Neuerung: Wir lassen Menschen sprechen, die mit der Stiftung PWG und ihren Ge-
jemandem? Kann er individuell auf Situationen bäuden verbunden sind. Von Walter Aeschimann (Text) und Ralph Hut (Fotos).
reagieren? Gibt es eine Vielfalt in den Projekten?

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Gedanken sind immer in der Vergangenheit oder ein Raumgefühl erzeugt wird, das Sie in der Seele
in der Zukunft. Ich meine auch, dass ich Zeit habe. berührt. Die Realisation eines Gebäudes hängt
Deshalb kommen die Problemstellungen und von der persönlichen Einstellung ab. Ich begreife
Interessensfragen, die mich leiten, aus dem Beruf mich als Menschen, dessen Arbeit von der Vor-
selber. Nicht unbedingt, wie ich Aufmerksamkeit stellung geleitet wird, dass wir keine Einzelmen-
auf mich lenken kann. schen sind, sondern einer Gemeinschaft zuge-
hörig. Also will ich eine Formensprache im Städtebau
PWG: Sie sind 1992 öffentlich bekannt geworden entwickeln, in der Nachbarschaften möglich sind.
durch den Bau «La Congiunta» und haben bis Tatsächlich gibt es einige Architekten mit einer
vor wenigen Jahren eher kleinere, in Fachkreisen losgelösten, individualisierten Privatsprache. Würden
aber viel beachtete Projekte realisiert. Jetzt die eine Stadt bauen, das wäre ein Albtraum, es
gewinnen Sie Wettbewerbe … wäre ein apokalyptischer Zustand.
Märkli: … und vorher zwanzig Jahre nie …
PWG: Wie würde denn Ihre Traumstadt aussehen?
PWG: Warum ist das so? Märkli: Dicht – was Urbanität ausmacht.
Märkli: Keine Ahnung. Aber ich empfinde es als ein Das Erscheinungsbild möchte ich nicht definieren.
Glück, dass die Zeit einen plötzlich streift und Ich als einzelne Person wüsste schon wie. Nur
mitnimmt. Nur, für mich würde sich die Frage nicht stellt sich die Frage, ob die Gesellschaft meinen
anders stellen, wenn es nicht eintreffen würde. Vorschlag auch akzeptieren würde. Die Hoffnung
Ich würde mich nicht fragen: Was mache ich falsch? wäre natürlich schon, dass sie einverstanden wäre.
Mein Interesse am Beruf ist unabhängig von der Ich fürchte aber, es wäre nicht der Fall. Ich weiss
öffentlichen Meinung. Die Werte des Bauens sind aber, dass ich von einer Dichte ausgehen würde.
nicht gegenwärtig und nicht schnell vergänglich. Im Unterschied zu dem, was jetzt in Oerlikon
Ein Haus zu bauen, das funktioniert, kann jeder gebaut worden ist. Dort hätte Zürich die Chance
Dilettant. Es ist nicht schwierig, eine Tür zu kons- gehabt, den grösseren Teil einer neuen Stadt
truieren oder ein Fenster. Gute Architektur ist zu entwickeln. Die wichtigste Frage ist nicht die
es dann, wenn dem Haus Proportionen und Masse Höhe oder die Mantellinie oder solche Sachen,
gegeben werden und dadurch unter Umständen die wichtigste Frage ist das Erdgeschoss.

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Wichtigste Bauten:
La Congiunta, Giornico / Tessin
Museum für den Bildhauer Hans Josephsohn
Einfamilienhaus Grabs
Bundesschulzentrum Wörgl / Tirol
Umbau Architekturmuseum Basel
Neubau Orgel Münster, Basel
Schulhaus «Im Birch», Zürich Oerlikon
Mehrfamilienhaus Hohlstrasse 78, Zürich
sowie zahlreiche weitere Ein- und Mehrfamilienhäuser

In Bau:
Wien-Hadersdorf, Mustersiedlung mit acht weiteren Architekten
Novartis-Campus, Bürogebäude und Besucherzentrum
Geschäftshaus Picasso Center Basel

PWG: Das Erdgeschoss? PWG: Aber was sind gute Wohnungen?


Märkli: Spazieren Sie einmal durch den neuen Märkli: Wir haben ja kein bestimmtes Lebens-
Stadtteil in Oerlikon. Das Erdgeschoss ist einfach tot. gefühl mehr, es gibt keine Kodierung mehr. Darum
Tot ist es, weil direkt im Erdgeschoss Wohnungen ist die Frage, was eine gute Wohnung ist, sehr
angesiedelt sind. Das heisst, der öffentliche Raum allgemein. Denn ich kenne den Mieter nicht. Gute
kommt nicht an das Gebäude heran – im Unter- Wohnungen sind so angelegt, dass die Räume
schied zu jeder klassisch angelegten Stadt, wo der Bestand haben. Wenn sich das Lebensgefühl ändert,
öffentliche Raum – der Platz, die Strasse – direkt sollten die Wohnungen nicht abgebrochen werden
ans Gebäude angrenzt. Die Wohnung ist etwas müssen. In Holland werden zurzeit viele Wohnungen
sehr Intimes. Im Erdgeschoss muss es öffentliche abgebrochen, die als Nachkriegswohnungen zu
Nutzungen geben, und die müssten subventio- spezifisch gebaut worden sind. Jetzt kann nicht ein-
niert werden, damit der Strassenraum eine gewisse mal eine einzelne Person darin leben. Die Woh-
Attraktivität erhält. Und wenn es vorerst keine nungen aus dem 19. Jahrhundert haben Bestand.
öffentliche Nutzung gibt, dann lassen wir das Erdge- Dort entstehen jetzt WGs, Arztpraxen usw., weil
schoss leer. Irgendwann wird ein Kindergarten die Räume genügend gross sind. Das System dieser
oder ein Café darin eröffnet. Wenn wir weniger Erd- Wohnanlagen hat auch heute noch Gültigkeit.
geschossnutzungen haben, müssen wir die Woh-
nungen im Hochparterre bauen. Wenn wir das Erdge- PWG: Sie haben kürzlich an der Hohlstrasse 78 ein
schoss nicht schützen, haben wir bald tote Städte. Wohnhaus realisiert. Was war dort die Idee?
Märkli: Die Hohlstrasse war ein fantastisches
PWG: Wenn Sie bestimmen könnten, was würden Angebot. Nicht als Grundstück an sich, sondern
Sie dagegen unternehmen? als Stadtraum. Die Bäckeranlage bedeutet eine
Märkli: Ich denke, es gibt heute kein gemein- einmalige Situation in der Stadt Zürich.
sames Stadtbild mehr. Als Folge entsteht eine hete- Von Strassen umgeben, bildet sie eine Art Square.
rogene Stadt. Wenn ich in der Stadt Zürich eine Vom Grundstück aus gibt es Orientierungen in
architektonische Meinung vertreten könnte, würde die unterschiedlichsten Stadträume. Eine Wohnung
ich sagen, es gibt verschiedene Stadtteile, die funktioniert dann, wenn die Zimmer eine be-
wir mit verschiedenen städtebaulichen Vorstellun- stimmte Grösse haben und nutzungsneutral sind.
gen belegen. Zum Beispiel könnte man bei der Und wenn die Zimmer geografisch so angeord-
Hardau Hochhäuser bauen. Der Stadtteil hätte dann net sind, dass intime und öffentliche Bereiche inner-
eine andere Dichte als das Seefeld. Dann könnten halb der Wohnung in einem geschützten Verhält-
die Bewohner der Stadt wählen, welchen Stadtteil nis liegen. Dabei ist es wichtig, die Nebenräume
sie bevorzugen. sehr präzis zu den Haupträumen zu situieren.

PWG: So frei können die Leute aber nicht wählen. PWG: Das tönt nach vielen kleinen Zimmern.
Es gibt auch finanzielle Kriterien. Wo bleibt die Grosszügigkeit?
Märkli: Das ist schon klar. Ich glaube aber, dass Märkli: Für mich ist der Wohnungsbau das grösste
es sich trotzdem lohnt, gute Wohnungen zu bauen. Thema im Beruf, weil im Unterschied zu Museen

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Atelier von Peter Märkli

Peter Märkli: «Unser Beruf erfordert


eine politische Haltung».

oder Kulturzentren die Flächen einer Wohnung PWG: Sie missachten etwas Bestehendes.
begrenzt sind. Es ist anspruchsvoll, mit den Quadrat- Was wollen sie provozieren?
metern, die man zur Verfügung hat, eine gross- Märkli: Ich will den Leuten zeigen, dass es keine
zügige Raumsituation zu erzeugen. Man kann nicht Art ist, mitten in der Stadt so zu bauen. Alle Häuser
einfach sagen, ich mache die Wohnung 20 Quad- Richtung Langstrasse sind so hoch wie meines.
ratmeter grösser. Es gibt heute viele Wohnungen, Ich weiss nicht, was die Ausnahme an der Hellmut-
die «abgekürzt» gebaut werden: ein grosser Raum strasse soll. Ist das eine lebenswerte Vorstellung,
als Küche und Wohnraum, ein paar Zimmer. Von dass man die Stadt verländlicht? Ich finde nicht.
den Zimmern muss man über diesen grossen Wohn- Die Architekten haben auch gemeint, dass sie zu
raum ins Bad oder in die Toilette gehen. Auf dem den Stadtstrukturen, der Hellmutstrasse, eine
Plan sieht das zwar grosszügig aus, bedeutet aber eigene, innere Strasse bauen müssen. Das entzieht
in der Realität eine merkwürdige Unempfindlich- der Strasse das öffentliche Leben. Ich will, dass
keit gegenüber den verschiedenen Abläufen in einem an einem so gut erschlossenen Ort mehr Leute woh-
Wohngefüge. Das ist modernistisch und nicht nen. Dazu gehört ein Erdgeschoss mit öffentli-
gut. Auch ein Loft ist nur für ein sehr schmales cher Nutzung, dazu gehört ein grosser Balkon, der
Publikum bewohnbar. Man ist noch lange nicht von Familien bewohnbar ist. Kein «Balkönli», auf
fortschrittlich, nur weil man in einem Loft lebt. dem man an die Waden der Frauen sieht, sondern
Wenn man ein Kind hat, geht es schon nicht mehr, ein Genussraum, der so gross wie ein Zimmer
auch als WG ist es unbrauchbar. Wenn jemand und Ersatz für ein Gärtli ist.
krank ist, ich habe Besuch, Sie müssen durch den
Wohnraum auf die Toilette – da wird eine Intim- PWG: Das war die Idee des Balkons, zurück-
sphäre gestört. Die Überlegungen zu solchen Fragen versetzt in die Wohnung?
machen eine Wohnung gut oder eben nicht. Märkli: Ja, genau. Eine Intimisierung, damit
man auch dort leben kann. Wir sind verpflichtet,
PWG: In Fachkreisen werden die Wohnungen dass wir im Städtebau gemeinschaftlich denken.
an der Hohlstrasse sehr gelobt. Die Höhe des Baus Wir haben eine Privatsphäre und müssen gleich-
hingegen wird kontrovers diskutiert. Was sagen zeitig dem öffentlichen Raum etwas geben. Darum
Sie den Kritikern? bin ich auch ein maximaler Gegner von Terras-
Märkli: Der verbreiterte Strassenraum zur Bäcker- senhäusern. Da baut jeder eine ideale private Ebene,
anlage hin ist ein wirklicher Raum geworden. die Topografie spielt keine Rolle, die ist zuge-
Ebenso hat das benachbarte Schulhaus, so leicht kleistert. Es gibt keine Fassade, jeder hat nur eine
zurückversetzt von der Hohlstrasse, einen eindeu- private Ebene. Das ertrage ich nicht. Ich glaube,
tig gefassten Aussenraum erhalten. Die neuen unser Auftrag als Architekt ist es, immer Städtebau
Häuser an der Hellmutstrasse als innerstädtische zu betreiben, auch auf dem Land …
Gebäude sind für mich ein Unglück, und darauf
gehe ich als Architekt nicht ein. PWG: … auch auf dem Land?
Märkli: Ja, es gibt keine andere Begriffsbezeich-
nung als Städtebau.

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