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Über den Autor dieser Erläuterung:

Dr. Stefan Helge Kern, geb. 1974. Studium der Germanistik,


Philosophie, Geschichtswissenschaft und Pädagogik an der
Leibniz Universität Hannover. Promotion 2003 mit einer Arbeit
über Romane von Thomas Mann, Max Frisch und Jurek Becker
unter dem Titel Die Kunst der Täuschung. Stefan Helge Kern
unterrichtet Deutsch, Geschichte und Philosophie an einem
Gymnasium in Hannover und bildet am Studienseminar in
Hannover Deutschlehrer aus.
In der Reihe Königs Erläuterungen ist bisher erschienen: Thomas
Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (KE 456, 3. Aufl.
2008).

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tungen.

1. Auflage 2008
ISBN: 978-3-8044-1874-5
© 2007 by Bange Verlag, 96142 Hollfeld
Alle Rechte vorbehalten!
Titelabbildung: Elfriede Jelinek © Isolde Ohlbaum
Druck und Weiterverarbeitung: Tiskárna Akcent, Vimperk


Inhalt

Vorwort.................................................................. 5
1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk....................... 7
1.1 Biografie.................................................................. 7
1.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund.............................. 12
1.3 Angaben und Erläuterungen
zu wesentlichen Werken.......................................... 14
2. Textanalyse und -interpretation.......................... 19
2.1 Entstehung und Quellen.......................................... 19
2.2 Inhaltsangabe.......................................................... 21
2.2.1 Erster Teil............................................................... 21
2.2.2 Zweiter Teil............................................................. 41
2.3 Aufbau.................................................................... 62
2.4 Personenkonstellation und Charakteristiken............ 65
2.4.1 Erika Kohut............................................................. 65
2.4.2 Mutter Kohut.......................................................... 68
2.4.3 Walter Klemmer...................................................... 70
2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen................. 72
2.6 Stil und Sprache...................................................... 84
2.7 Interpretationsansätze............................................. 90
3. Themen und Aufgaben........................................ 95
4. Rezeptionsgeschichte............................................ 97
5. Materialien............................................................ 101
Literatur ...................................................................... 105
5.1 Textausgabe............................................................. 105
5.2 Bearbeitungen......................................................... 105
5.3 Biografie.................................................................. 105
5.4 Sekundärliteratur.................................................... 106
5.5 Internet................................................................... 108



Vorwort

Vorwort
Der Roman Die Klavierspielerin zeigt ein Panorama zwischen-
menschlicher Gewalt. Jelineks überzeichnete, bis ins Groteske
gesteigerte Erzählung rückt die psychischen Folgeschäden des
kleinbürgerlichen Kampfes um den gesellschaftlichen Aufstieg in
den Mittelpunkt. In den Figuren der Klavierlehrerin Erika Kohut,
deren Mutter und dem jungen Liebhaber Walter Klemmer por-
trätiert die Nobelpreisträgerin nicht pathologische Einzelfälle, de-
nen man einen einfühlsamen Psychiater empfehlen würde, wenn
sie zum eigenen Bekanntenkreis gehörten. Die drei Protagonisten
sind vielmehr Typen, klischierte Sprach- und Charaktermasken,
die in tradierten Rollenbildern gefangen sind. Trotz Zuspitzung
und Übertreibung, Ironie und Satire ist der Roman im Kern re-
alistisch: Die geschilderten Probleme und Menschentypen gibt
es tatsächlich. Auch wir Leser sind möglicherweise oder partiell
Teil der erzählten Welt. Aus eigener Erfahrung oder Beobachtung
kennen wir solche Beziehungen, die sich im Schmerz erfüllen,
in denen Menschen wie mit Gummibändern aneinandergekettet
sind. Jelinek gestaltet diese realen Erfahrungen mit Mitteln, die
den Anschein erwecken könnten, das Geschilderte sei irreal, also
bloß erfunden. Die Satire hat aber die Tendenz, die Wirklichkeit
zu verzerren, zu vergröbern: um sie kenntlich zu machen.
Erika, die es nicht bis zur Weltspitze der Klavier-Solisten ge-
schafft hat, ist in erster Linie eine Klavierlehrerin – und eben
nicht jene Klavierspielerin, die der Titel des Romans von Elfrie-
de Jelinek ankündigt. Der Titel spiegelt vor allem den Traum der
Mutter wider, die mit körperlicher und vor allem seelischer Ge-
walt dafür sorgen wollte, dass ihre Tochter ganz oben steht und
alle zu Erika – und damit auch zur Mutter – aufsehen müssen.
Als Klavierlehrerin gibt Erika Kohut die Unterdrückung, die sie
selbst seit ihrer Kindheit erfährt, an ihre Schüler weiter.

Vorwort 
Vorwort

Das Mittel dieser Unterdrückung ist die Musik. Diese erscheint


in doppelter Gestalt: Musik ist eine Kunst, die sich an die
Sinne richtet, sie bewirkt Empfindungen. Diese Sinnlichkeit
soll aber – für Erika – rein, geistig, ohne Makel und Schmutz
des Leiblichen sein. Eine sinnenlose Sinnlichkeit ist ihr künst-
lerisches Ideal. „Kunst und Ordnung, die verfeindeten Ver-
wandten.“ (S. 125), schreibt Jelinek in der Klavierspielerin.
Um der reinen, angeblich hochwertigen Empfindung willen
muss jedes Empfinden zuerst ausgeschaltet und zerstört wer-
den. Das Üben am Klavier ist eine Bezwingung des Körpers
und der Individualität von Heranwachsenden wie der jungen
Erika Kohut, die sich immer drinnen disziplinieren muss, wäh-
rend sich ihre Altersgenossen draußen ausprobieren. Sie wird
darüber zum emotionalen Krüppel. Beziehungen zwischen
Menschen kann Erika nur noch in den Mustern von Über- und
Unterordnung, Lehrer und Schüler, Herrschaft und Knecht-
schaft erleben. Aus Angst vor Selbstbestimmung flieht Erika in
die Unfreiheit. Ihre zaghaften Versuche, die eigenen Wünsche
und Bedürfnisse zu artikulieren, werden verspottet oder von
anderen mit Gewalt beendet. Sie entwickelt sexuelle Obsessio­
nen, die sich zwischen dem bloßen Zuschauen auf der einen
und realen Schmerzen auf der anderen Seite bewegen.
Weil Anführungszeichen im Roman fehlen, fließen personale und
auktoriale Perspektive, die Stimme des Erzählers und die Gedan-
ken der Figuren ineinander. Die gelegentliche Verwendung des
Pronomens SIE in Versalien unterstützt dieses Verwirrspiel. Aus
welcher Perspektive Urteile gefällt und Einschätzungen über die
Romanfiguren formuliert werden, bleibt deshalb meistens offen.
Daher gilt für diesen Roman in besonderer Weise, dass
schon die Wiedergabe des Inhalts eine Interpretation ist.
Der Autor dieser Erläuterungen hat sich deshalb bemüht, seine
Lesart ausführlich mit dem literarischen Text selbst zu belegen.

 Vorwort
1.1 Biografie

1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk

1.1 Biografie
Alle, die glauben, sie wüssten etwas über mich, wissen nichts.

Jahr Ort Ereignis Alter

1946 Mürzzu- Elfriede Jelinek wird am 20. 10.


schlag/ geboren. Ihre Mutter Olga Ilo-
Steiermark na stammt aus bescheidenen
Verhältnissen und ist bereits 42
Jahre alt. Ihr Vater, der Beamte
Friedrich Jelinek, ist 46. Er ist
jüdisch-tschechischer Abstam-
mung und musste im Krieg als
Chemiker für die Nazis arbeiten.
Wegen seiner kriegswichtigen
Arbeit in der Rüstungsindustrie
blieb ihm während des Natio-
nalsozialismus aber die Verfol-
gung als Jude erspart.
ab 1950 Wien Besuch des Kindergartens und 4
der Klosterschule Notre Dame
de Sion.
ab 1953 Wien Musikunterricht (Klavier, Block- 7
flöte, Geige, Gitarre, Bratsche).
Der Vater erkrankt psychisch.

 � Elfriede Jelinek. Zitiert nach: Mayer, Koberg: Elfriede


��������� ��������� �������� ������ ������� �������� Jelinek, Schutzumschlag.

1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk 


1.1 Biografie

Jahr Ort Ereignis Alter

1956– Wien Besuch des Realgymnasiums für 10–


64 Mädchen in der Albertgasse/Al- 18
bertgymnasium.
ab 1960 Wien Jelinek wird ins Konservatorium 14
der Stadt Wien aufgenommen
und studiert dort Orgel, Klavier,
Blockflöte und später auch Kom-
position mit dem Ziel, Berufs-
musikerin zu werden. Anzei-
chen einer psychischen Krise.
1964 Wien Matura (Abitur). Psychischer 18
Zusammenbruch.
1964– Wien Studium der Kunstgeschichte 18–
67 und der Theaterwissenschaft an 21
der Universität Wien. Abbruch
des Studiums nach sechs Se-
mestern. Erste Gedichte (Lisas
Schatten, erscheint 1967).
1968 Wien Jelinek bleibt psychisch krank- 22
heitsbedingt ein Jahr lang in
ihrem Elternhaus. Ihr erster
Roman bukolit entsteht (ver-
öffentlicht 1979). Ihr Vater er-
krankt an Alzheimer und wird
in ein Pflegeheim gebracht.
Mai Tod des Vaters in einem psychia- 22
1969 trischen Krankenhaus.

 1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk


1.1 Biografie

Jahr Ort Ereignis Alter

1969 Auszug aus dem Elternhaus. 23


Lyrik- und Prosapreis der öster-
reichischen Jugendkulturwoche
in Innsbruck; Lyrikpreis der
Österreichischen Hochschüler-
schaft.
1970 Ihr Romandebüt wir sind lockvö- 24
gel baby! erscheint.
1971 Wien Organisten-Diplom des Wie- 25
ner Konservatoriums „mit sehr
gutem Erfolg“.
1972 Berlin Umzug nach Berlin, Krimi-Ko- 26
lumne im SFB.
Januar– Rom Aufenthalt in Olevano bei Rom. 26
März
1973
1974 Wien Beitritt zur KPÖ (Kommunisti- 28
sche Partei Österreichs). Ehe-
schließung mit Gottfried Hüngs-
berg, damals Mitarbeiter des
Filmemachers Rainer Werner
Fassbinder.
1975 Der Roman Die Liebhaberinnen 29
erscheint.
1979 Graz Uraufführung ihres ersten Dra- 33
mas Was geschah, nachdem Nora
ihren Mann verlassen hatte.
1983 Der Roman Die Klavierspielerin 37
erscheint.

1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk 


1.1 Biografie

Jahr Ort Ereignis Alter

1986 Köln Jelinek erhält als erste Frau den 40


Heinrich-Böll-Preis.
1989 Der Roman Lust erscheint und 43
wird ein Bestseller.
1990 Drehbuch für die Verfilmung 44
von Ingeborg Bachmanns Ro-
man Malina.
1991 Wien Austritt aus der KPÖ. 45
1998 Darmstadt Georg-Büchner-Preis für „die 52
vielstimmige Kühnheit ihres er-
zählerischen und dramatischen
Werks“2 (siehe auch Kapitel 5,
Materialien).
2001 Die Verfilmung des Romans Die 55
Klavierspielerin von Michael Ha-
neke mit Isabelle Huppert in der
Rolle der Erika Kohut wird in
Cannes mehrfach ausgezeichnet.
2004 Stockholm Literaturnobelpreis für „den mu- 58
sikalischen Fluss von Stimmen
und Gegenstimmen in Romanen
und Dramen, die mit einzigar-
tiger sprachlicher Leidenschaft
die Absurdität und zwingende
Macht der sozialen Klischees

2 http://www.deutscheakademie.de/urkundentexte/buechner/1998.html (Stand: Oktober 07).

10 1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk


1.1 Biografie

Jahr Ort Ereignis Alter

enthüllen“3. Jelinek kommt


nicht zur Preisverleihung, son-
dern schickt eine Rede4.
2007 Zum dritten Mal (nach 1993 und 61
1998) „Dramatikerin des Jah-
res“.

3 http://nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2004/index.html (Stand: Oktober 07).


4 Nachzulesen unter http://nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2004/jelinek- �
lecture-g.html (Stand: Oktober 07).

1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk 11


1.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

1.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Kurze Geschichte Österreichs


Das Kaiserreich Österreich, das 1804 nach dem Zusammen-
bruch des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ge-
gründet und 1867 in die österreichisch-ungarische Doppel-
monarchie umgewandelt wurde, war ein Vielvölkerstaat. Nach
dem Ersten Weltkrieg, während dessen Österreich auf Seiten
des Deutschen Kaiserreichs gekämpft hatte, wurde Österreich
eine Republik. In den 1930er Jahren kopierte das Regime Ele-
mente des faschistischen Italiens und des nationalsozialisti-
schen Deutschlands: Aufmärsche, die Einheitsorganisation
Vaterländische Front, das autoritäre Führungsprinzip, das Ver-
bot der Parteien. Dennoch hatte Österreich eine viel mildere
Diktatur, den sog. Austrofaschismus:
Austrofaschismus
Zahlreiche von den Nazis verfolgte
Menschen, vor allem Schauspieler und Schriftsteller, suchten
zwischen 1934 und dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich
im Jahr 1938 in Österreich Zuflucht. Nach dem Einmarsch der
deutschen Wehrmacht, der vielerorts vom Jubel der österrei-
chischen Bevölkerung begleitet wurde, begann der Terror des
Nationalsozialismus.
Mit dem Kriegsende 1945 und der Niederlage des Großdeut-
schen Reiches wurde Österreich als unabhängiger Staat wie-
derhergestellt. 1955 erhielt die Republik Österreich – anders
als die BRD und die DDR – ihre volle staatliche Souveränität
zurück. Als Gegenleistung dafür musste die Zweite Republik
ihre „Immerwährende Neutralität“ erklären und in der Verfas-
sung festschreiben. Ab 1960 wurden vor allem in der Türkei
und in Jugoslawien sogenannte Gastarbeiter angeworben, um
dem Arbeitskräftemangel zu begegnen. Viele leben mit ihren

12 1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk


1.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Familien heute in der zweiten und dritten Generation im Land.


Ihr Anteil an der österreichischen Bevölkerung beträgt heute
etwa 10 %.
Viele Österreicher, Bürger wie Politiker, wollten sich als ers-
tes Opfer des Nationalsozialismus sehen, obwohl Hitler mit
Zustimmung weiter Teile der Bevölkerung den „Anschluss“
herbeigeführt hatte. Die Beteiligung an den Verbrechen des
Dritten Reiches wurde auch deshalb lange Zeit kaum aufgear-
beitet. Erst 1991 bekannte Bundeskanzler Franz Vranitzky im
Nationalrat ausdrücklich eine Mitverantwortung der Öster-
reicher an den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Musikstadt Wien
Wien nennt sich selbst die „Welthauptstadt der Musik“ und
verfügt über eine lange und vielfältige Musikkultur. Viele be-
rühmte Komponisten haben in dieser Stadt gelebt und gear-
beitet: im 18. und 19. Jahrhundert die Vertreter der Wiener
Klassik Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn und Ludwig
van Beethoven, in jüngerer Zeit die Zweite Wiener Schule um
den Schöpfer der Zwölftontechnik Arnold Schönberg.
1938 wurde die „Musikschule der Stadt Wien“ gegründet, die
1945 als „Konservatorium der Stadt
Konservatorium
Wien“ wiedereröffnet wurde. An der
heutigen Privatuniversität studieren ca. 850 Studierende in
15 Studiengängen. Gut ein Drittel davon stammt nicht aus
Österreich. Viele der Absolventen nehmen international her-
vorragende Positionen als Solisten, Kammermusiker oder Or-
chestermusiker ein – oder sie arbeiten als Musiklehrer.

1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk 13


1.3 Angaben und Erläuterungen zu den Werken

1.3 Angaben und Erläuterungen


zu wesentlichen Werken
Formen und Themen
Elfriede Jelineks Werk ist umfangreich: Es umfasst Prosa, Ly-
rik, Dramatik, Hörspiele, Drehbücher und Opernlibretti. My-
thos und Sprache, Geschlecht und Ökonomie sind Jelineks
zentrale Themen: Im Anschluss an Roland Barthes’ Mythen des
Alltags (1957; dt. 1964) versucht die Autorin, kleinbürgerliche
Lebenslügen zu entlarven. Unter Mythos versteht Jelinek da-
bei eine zu Klischee und Stereotyp erstarrte Wirklichkeit. Der
Gegenstand ihrer Ideologiekritik ist die Sprache, ihr Mittel die
Durchbrechung sprachlicher Klischees.
Ich schreibe ja nicht über reale Personen, sondern über Per-
sonen, wie sie sich als Sprachschablonen oder Sprachmuster
materialisieren. Das, was ich kritisiere, ist immer die Sprache.
Während sich ihre Texte zuerst vor allem gegen die kapita-
listische Ökonomie, das Patriarchat und die zum Teil selbst
verschuldete Unmündigkeit der Frauen richteten, verurteilt sie
seit den 1980er Jahren zunehmend die unbewältigte national-
sozialistische Vergangenheit Österreichs. Immer wieder kam es
in der Folge von Uraufführungen ihrer Stücke und Veröffentli-
chungen ihrer Romane zu Skandalen. Der fremdenfeindlichen,
nationalistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) um
Jörg Haider gilt Elfriede Jelinek als Nestbeschmutzerin. Im
Wahlkampf des Jahres 1995 erklärte die FPÖ neben anderen
progressiven oder sozialdemokratischen Mitgliedern des Kul-
turbetriebs auch Elfriede Jelinek mit einer öffentlichen Plakat­
 Elfriede Jelinek im Gespräch mit Riki Winter. In: Bartsch, Höfler (Hrsg.): Elfriede
��������� �������� ��� ��������� ���� ����� �������� ���� ��������� ������� ��������� Jelinek, S. 13.
 Im
��������������
April 2005 wechselte Haider von der FPÖ zur gerade gegründeten rechtspopulistisch-natio-
���������� ����������� ���� ���� ���� ������� ������������ �������������������������
nalkonservativen Partei Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ).

14 1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk


1.3 Angaben und Erläuterungen zu den Werken

aktion zu einer kulturlosen Hassfigur: „Lieben Sie Scholten,


Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk … oder Kunst und Kultur?”
Diese Entgegensetzung erinnert stark an das Schlagwort von
der „Entarteten Kunst“, unter dem die deutschen Nationalsozi-
alisten viele Künstler der Moderne verfolgten.
Neben ihren literarischen Arbeiten hat sich das Enfant terrib-
le des deutschsprachigen Kulturbetriebs in Essays zu litera-
rischen, gesellschaftlichen und politischen Themen geäußert.
Ihre Kritik an der reaktionären öster-
Kritik an der reaktionären
reichischen Gesellschaft, an der kapi-
österreichischen Gesellschaft
talistischen Ökonomie und ihr Kampf
für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ziehen
sich auch durch diese Texte.

Frühwerk
Wichtige Themen ihres späteren Werks sowie ihre spezifische
Arbeitsweise, die Aufnahme und Verdrehung von Phrasen aus
der Werbung und der Kulturindustrie, aber auch von lyrischen
Vorbildern, zeigen sich in Ansätzen bereits in Jelineks Frühwerk.
Die ersten Texte von Elfriede Jelinek waren Gedichte. 1967 er-
schien ihr Lyrikband Lisas Schatten, dem Marlies Janz heute nur
noch „dokumentarisches Interesse“ zugesteht. Der damaligen
Mode entsprechend knüpft Jelineks Frühwerk an die literarische
Avantgarde des 20. Jahrhunderts an: den Expressionismus, den
Surrealismus und Dada. Der Avantgar-
Avantgardismus
dismus galt der experimentellen Wiener
Gruppe um H. C. Artmann als antifaschistisches Programm.
Vom Symbolismus über den Expressionismus, Surrealismus, Dada-
ismus bis hin zur Pop-Art und experimentellen Poesie hat Jelinek da-
mals so ziemlich alles zusammengeklaubt, was ihr als modern und
 http://de.encarta.msn.com/encyclopedia_761594994/Jelinek_Elfriede.html (Stand Oktober 2007).
��������������������������������������������������������������������������������������������
 Marlies Janz: Elfriede
�������� ������ Jelinek, S. 1

1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk 15


1.3 Angaben und Erläuterungen zu den Werken

avantgardistisch erscheinen mochte. Dabei handelt es sich nicht,


wie in den späteren Werken, um programmatisch eingesetzte Zitate,
sondern um oft ungewollt komische Nachahmungsversuche, etwa in
den häufigen Selbststilisierungen zu einem ›weiblichen Rimbaud‹.

Die Liebhaberinnen (1975)


Der Roman Die Liebhaberinnen, 1975 noch in durchgängiger
Kleinschreibung erschienen, erzählt von den geringen Lebens-
möglichkeiten zweier Akkordarbeiterinnen in einer Mieder-
warenfabrik auf dem Land. Den Frauen erscheint die Ehe-
schließung mit einem Mann als der einzige Weg in eine sichere
Zukunft. Die Näherin Brigitte gibt sich dem Elektroinstallateur
Heinz hin, um ihn durch Schwangerschaft zur Ehe zu zwingen,
die ihr den gesellschaftlichen Aufstieg garantiert. Ihr Plan
gelingt, die beiden werden mit einem Elektrogeschäft wohlha-
bend. Die 15-jährige Paula hingegen, die bei einer Schneiderin
lernt, gerät an den Waldarbeiter Erich, der sie schlägt und das
Geld vertrinkt. Paula prostituiert sich, um sich die erträumte
Zukunft dennoch zu verdienen. Als Erich dies erfährt, lässt er
sich scheiden. Paula muss daraufhin in der Miederwarenfabrik
arbeiten gehen, der Brigitte entkommen ist. Jelinek zerstört da-
mit den Trivialmythos von Liebe und Familienidyll, der durch
Heftchenromane und das Fernsehen verbreitet wird.

Die Ausgesperrten (1980)


Der Roman Die Ausgesperrten, den Jelinek schon 1979 als Hör-
spiel veröffentlicht hatte, erschien 1980 und wurde 1982 ver-
filmt. Ein authentischer Fall diente als Material. Jelinek be-
schreibt einen Familienmord im Wien der 1950er Jahre. Eine
Jugendbande überfällt nachts Passanten. Der Vater des Anfüh-
rers Rainer ist der ehemalige Nazi Witkowski, der einbeinig aus
 � Ebd.
����

16 1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk


1.3 Angaben und Erläuterungen zu den Werken

dem Krieg zurückgekehrt ist und seine politische Gesinnung nie


aufgegeben hat. Seinen Machtverlust kompensiert er durch die
Misshandlung seiner Familie. Schließlich erschießt Rainer seine
Zwillingsschwester, seine Mutter, seinen Vater und sich selbst.

Clara S. (1982)
Zentrale Motive der Klavierspielerin scheinen bereits in der mu-
sikalischen Tragödie Clara S. auf, die 1982 uraufgeführt wurde.
Jelinek hat hier die Biografie der Pianistin Clara Schumann
(1819–1896) in die Zeit des italienischen Faschismus verlegt.
Clara muss durch Klavierkonzerte für den Unterhalt ihrer
Familie sorgen. Ihr Mann, der Komponist Robert Schumann,
ist geisteskrank und war einige Zeit in einer Irrenanstalt.
Clara und Robert sind bei dem Dichter Gabriele D’Annunzio
(1863–1938) zu Gast, der Claras Tochter Marie zu sexuellen
Handlungen nötigt. Eingeschränkt durch ihren eifersüchtigen,
chauvinistischen Ehemann denkt Clara über ihre Weiblichkeit
nach, über ihre Kindheit und die Beziehung zum Vater, ihre
Karriere und ihre Ehe. Als Robert gegen seine Frau gewalttätig
wird, erwürgt sie ihn. Am Ende steigert sich Clara mit wahn-
sinnigem Klavierspiel in den Tod.

Lust (1989)
Lust, 1989 erschienen und 200 000 Mal verkauft, löste als obszöner
„Antiporno“ einen Skandal und Fehlinterpretationen aus. Der Re-
zensent der FAZ fasst den Inhalt des Romans so zusammen:
Elfriede Jelinek hat einen Porno geschrieben, was zunächst ja auch
für Frauen erregend sein könnte. Die Handlung ist, wie bei diesem
Genre zu erwarten, schnell erzählt; im Grunde ist es auf rund 250
Seiten eine Aneinanderreihung von Vorwänden, um von einer Stel-
lung zur anderen, einem Abspritzen zum nächsten zu rattern.10
10 FAZ, 17. 03. 2002, S. 25.

1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk 17


1.3 Angaben und Erläuterungen zu den Werken

Gerti muss ihrem Ehemann Hermann, dem Besitzer einer


Papierfabrik, mehrmals täglich für Sex zur Verfügung stehen,
seit er aus Angst vor AIDS nicht mehr zu Prostituierten gehen
will. Gertis Leben in einem Provinznest ist öde. Sie flüchtet in
Alkoholismus und nutzt das Einkaufen als Ersatzbefriedigung.
Sie lernt den Jurastudenten Michael kennen, der sie demütigt,
indem er sie vor den Augen seiner Freunde vergewaltigt. Nach-
dem Gerti von Michael und dann wieder von ihrem Mann
vergewaltigt wurde, erstickt sie ihren schlafenden Sohn, das
zukünftige Ebenbild seines Vaters.
Durch vielfältige Sprachspiele, durch die Dekomposition
sprachlicher Bilder, Wortneuschöpfungen, Slogans, biblische
Zitate, geschäftssprachliche Floskeln und Kommentare wird
die vom Titel geweckte Erwartungshaltung durchkreuzt. Die
Entstehung sexueller Erregung beim Leser wird so verhindert.
Auch in dem Roman Lust nimmt Jelinek eine zugleich kapita-
lismuskritische und feministische Perspektive ein. Sie führt
vor, dass die Selbstverwirklichung von Frauen einerseits am
Primat der Ökonomie und andererseits an der Vorherrschaft
der Männer scheitert. Elfriede Jelinek schreibt in ihrem Auf-
satz „Der Sinn des Obszönen“:
Die Lust soll nicht konsumiert werden wie kommerzielle Por-
nografie. Sie soll durch ästhetische Vermittlung sozusagen dem
Leser ins Gesicht zurückschlagen. Der Zweck ist, dass man sich
darin nicht wälzen kann wie ein Schwein in der Kuhle, sondern
dass man blass wird beim Lesen. Es geht darum, Sexualität als
etwas Politisches und nicht als etwas Unschuldiges zu begreifen,
das einfach da ist.11

11 Zitiert nach: http://www.corpusweb.net/index.php?option=com_content&task=view&id=413& �


Itemid=35 (Stand Oktober 07).

18 1. Elfriede Jelinek: Leben und Werk


2.1 Entstehung und Quellen

2. Textanalyse und -interpretation

2.1 Entstehung und Quellen


Elfriede Jelinek bezeichnet ihren Roman Die Klavierspielerin
selbst als eine „eingeschränkte Biografie“12. Unübersehbar sind
die biografischen Parallelen zwischen
biografische Parallelen
Erika Kohut und Elfriede Jelinek: Wie
ihre Protagonistin war auch Elfriede Jelinek mit ihrer ehrgei-
zigen Mutter allein, nachdem der eigenbrötlerische alzheimer-
kranke Vater in die Psychiatrie eingeliefert worden war. Durch
die Alzheimer-Krankheit war Friedrich Jelinek in den Augen
seiner Tochter „von einem unglaublich klugen Menschen zum
völligen Idioten geworden. Das verzeiht eine Tochter dem
Vater nicht.“13 Wie Erika erhielt auch Elfriede bereits in der
Volksschule (entspricht der deutschen Grundschule) Instru-
mentalunterricht. Bei offenem Fenster musste sie Stunde um
Stunde ihr Klavierspiel perfektionieren. Jelinek studierte an
jenem Wiener Konservatorium, an dem Kohut erst Schülerin
und dann Klavierlehrerin ist. Jahrzehntelang lebten Mutter
und Tochter Jelinek in wechselseitiger Abhängigkeit. Auch als
die Tochter sich von der Musik abgewandt und der Literatur
und dem Film zugewandt hatte, nahm Ilona Jelinek großen An-
teil an der Karriere ihrer Tochter. Sie hielt Elfriede den Rücken
frei oder half mit Geld aus.
Elfriede Jelinek hatte kaum eine Sphäre, in die ihre Mutter nicht
drang, und es gab für Ilona Jelinek nur ein Thema, ob vor Nach-
barn oder Besuchern, und das war Elfriede. Ilona Jelinek lebte
für und durch ihre Tochter. … Außenstehende beschreiben das
12 � Zit. nach: Mayer, Koberg: Elfriede
����� ������ ������� �������� Jelinek, S. 114
13 � Ebd., S. 125
������ ��� ���

2. Textanalyse und -interpretation 19


2.1 Entstehung und Quellen

Verhältnis als eine Mischung aus totaler Vereinnahmung und


bedingungsloser Verehrung.14
Weil es Ilona Jelinek stets allein um den Erfolg der Tochter ging
und der Roman Die Klavierspielerin ein großer Erfolg wurde,
nahm Ilona Jelinek der Tochter den autobiografischen Roman
nicht übel, obwohl sie zunächst entsetzt war. „Ihre Elfriede
war nun dort, wo Ilona Jelinek sie immer hinhaben wollte – im
Rampenlicht einer kunstinteressierten Öffentlichkeit.“15
Vergegenwärtigt man sich diese Ähnlichkeiten und Entspre-
chungen zwischen der Romanfigur Erika Kohut und dem Le-
ben der Autorin Elfriede Jelinek, so kann man dem Urteil
von Verena Mayer und Roland Koberg in ihrer Biografie der
Autorin nur zustimmen: „In die Figur der Erika brachte Elfrie-
de Jelinek ihr Leben in einem Maße ein, wie sie es in keinem
anderen Buch getan hat.“16
Auf der anderen Seite muss man im Hinterkopf behalten, dass
Elfriede Jelinek eine Schriftstellerin ist, die ihr privates Leben
vor der Öffentlichkeit zu verbergen versucht. In dem Roman
Die Klavierspielerin ist es die ironische Sprache, mit der sich
die Autorin zugleich enthüllt und versteckt. Auch in Bezug auf
ihren autobiografischen Roman gilt daher, was sie über jede
private Auskunft sagt. Es waren „Äußerungen, aus denen man
trotzdem über mich nichts erfuhr“17.
Elfriede Jelinek hat Die Klavierspielerin mehrfach umgeschrie-
ben, Szenen gestrichen und geändert. Nach Auskunft von May-
er und Koberg baute Jelinek die Figur des Walter Klemmer erst
auf Anregung ihres Lektors Delf Schmidt aus und verwandelte
so die Beschreibung eines selbstzerstörerischen Frauenduos in
eine Dreiecksgeschichte.18
14 � Ebd., S. 111 f.
������ ��� ���� ��
15 � Ebd., S. 127.
������ ��� ����
16 � Ebd., S. 116.
������ ��� ����
17 � Ebd.
����
18 � Vgl. ebd., S. 116.
����� ������ ��� ����

20 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

2.2 Inhaltsangabe19

2.2.1 Erster Teil


S. 7: In der Wohnung der Mutter und Tochter Kohut;
Mutter verbietet Kleiderkäufe; Sparsamkeit; geplanter
Kauf einer Eigentumswohnung
Die Klavierlehrerin Erika Kohut lebt mit ihrer Mutter in einer
gemeinsamen Wohnung, eingeschlossen unter einer „gläser-
nen Käseglocke“ (S. 17). Erika ist Ende dreißig, ihre Mutter ist
verhältnismäßig alt: „Die Mutter könnte, was ihr Alter betrifft,
leicht Erikas Großmutter sein.“ (S. 7) Erika ist nach 20-jähriger
Ehe der Eltern geboren, ihr Vater ist seit ihrer Geburt verrückt
(S. 17). Die Mutter behandelt ihre Tochter zeitlebens wie ein
kleines Kind und betrachtet sie als ihren Besitz. Mehr noch:
Sie beherrscht ihre Tochter, sie ist „Inquisitor und Erschie-
ßungskommando in einer Person“ (S. 7). Erika darf nur zum
Arbeiten die Wohnung verlassen, muss auf jede Frage ihrer
Mutter antworten und darf kein noch so unbedeutendes Ge-
heimnis haben. –
Erika hat sich nach dem Klavierunterricht verspätet, weil sie
sich ein neues Kleid gekauft hat. Als die Mutter das Kleid
entdeckt, entreißt sie es ihrer Tochter und beschimpft sie we-
gen dieser nutzlosen Geldverschwendung. Erika soll jeden
Groschen für den geplanten Kauf einer Eigentumswohnung
sparen. Das Kleid werde ohnehin bald unmodern sein.

19 ���
In der
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vorliegenden Erläuterung wird Die Klavierspielerin nach der Textausgabe des Rowohlt
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Taschenbuch Verlags, Reinbek bei Hamburg, 1986 u. ö., zitiert. Der Roman ist durch Leerzeilen
in Abschnitte unterschiedlichen Umfangs untergliedert, die mit größeren Anfangsbuchstaben als
gewöhnlich beginnen. An diesen Abschnitten ist auch die Inhaltsangabe orientiert.

2. Textanalyse und -interpretation 21


2.2 Inhaltsangabe

Die Mutter will alles später. Nichts will sie sofort. (…) Dieses
Kleid wird nicht schon nächstes Jahr, sondern bereits nächsten
Monat außerhalb jeglicher Mode stehen. Geld kommt nie aus
der Mode. (S. 8)
Obwohl Erika durch ihre Anstellung als Klavierlehrerin einen
Großteil des Haushaltseinkommens erarbeitet, während ihre
Mutter nur eine kleine Rente bekommt, entscheidet die Mutter
über die Ausgaben und ist Herrin im Haus. Denn sie erledigt
allein die Hausarbeit, damit Erikas wertvolle Pianisten-Hände
geschont werden.
Es ist ein unfreiwilliges Wollen, aus dem heraus Erika meis-
tens zu Hause ist und mit der Mutter fernsieht. Selbst wenn
sie sich mit Kollegen trifft, ruft die Mutter dort zur Kontrolle
an. Wegen des Verhaltens ihrer Mutter wird Erika von anderen
Menschen zunehmend gemieden, was sie wiederum zu ihrer
Mutter treibt.
Als die Tochter noch eine Jugendliche war, hatte die Mutter
mit Erika große Pläne: Sie sollte eine berühmte Konzertpia-
nistin werden. Mittlerweile hat sich die Mutter damit abge-
funden, dass es für die Spitzenklasse bei ihrer Tochter nicht
reicht. Immerhin hat sie eine sichere Stelle als Klavierlehrerin
am Konservatorium der Stadt Wien. In den Augen der Mut-
ter ist es Erikas Eitelkeit, die ihr die große Karriere verdor-
ben hat: „eingebildete männliche Liebe drohte mit Ablenkung
vom Studium, Äußerlichkeiten wie Schminke und Kleidung
reckten die hässlichen Häupter“ (S. 10). Die Mutter will ihrer
Tochter die Eitelkeit austreiben, will sie „glattgehobelt“ (S. 11),
und raubt ihr dazu immer wieder Kleidungsstücke aus dem
Schrank. Während Erika ihrer Mutter regelmäßig die Haare
färben muss, darf Erika die gelegentlich gekauften Kleider nie
anziehen, weil die Mutter Angst davor hat, dass sich ein Mann

22 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

für ihre Tochter interessieren, sie schließlich heiraten und der


Mutter damit ihr Eigentum entführen könnte. „Die Mutter fügt
Erika lieber persönlich ihre Verletzungen zu und überwacht
sodann den Heilungsvorgang.“ (S. 13)
Erikas Kleider sind das einzige Mittel, durch das sie sich von
ihrer Mutter abgrenzen kann: Die Mutter kann die Kleider
selbst nicht anziehen, weil sie zu dick ist. Auch Erika zieht
ihre Garderobe nicht an, sondern will sie nur besitzen, be-
rühren und anschauen. Für die Mutter ist dieses Bedürfnis
der Tochter eine verbotene Eitelkeit. Als sie bemerkt, dass die
Mutter wieder ein Kleidungsstück aus Erikas Schrank entfernt
und vermutlich verkauft hat, geht sie auf die Mutter los und
reißt ihr an den Haaren. Dadurch kämpft sie auch um ihre
Selbstbehauptung, um die Abgrenzung von der Mutter, um
ein bisschen Privatsphäre. Am Ende weinen beide und Erika
bemüht sich sofort wieder um die Zuneigung ihrer Mutter. „Sie
beschimpft die Mutter als gemeine Kanaille, wobei sie hofft,
dass die Mutter sich gleich mit ihr versöhnen wird.“ (S. 12) Um
der Versöhnung willen gibt sich Erika geschlagen. Der Friede
zwischen Mutter und Tochter wird dadurch besiegelt, dass die
Mutter über mögliche Konkurrentinnen von Erika schimpft.
Sie fordert ihre Tochter auf, als Lehrerin ihren Schülern das
Fortkommen zu erschweren und so mögliche Konkurrenten
auszuschalten. „Du selbst hast es nicht geschafft, warum sol-
len es jetzt andere an deiner Stelle und auch noch aus deinem
pianistischen Stall erreichen?“ (S. 13)
Die Mutter redet Erika ein, dass sie etwas ganz Besonderes sei
und deshalb weder Freunde noch einen Mann haben dürfe, die
ihre Einzigartigkeit verändern würden. „Bleibe lieber nur du
selber, sagt die Mutter zu Erika. Die Mutter hat Erika schließ-
lich zu dem gemacht, was sie jetzt ist.“ (S. 17) Es ist also die
eigene Erhöhung, die die Mutter mit der Überhöhung ihrer

2. Textanalyse und -interpretation 23


2.2 Inhaltsangabe

Tochter bezweckt. Außerdem hat sie Angst vor dem Alleinsein.


„Wir bleiben ganz unter uns, nicht wahr, Erika, wir brauchen
niemanden.“ (S. 17) Erika schließt sich als folgsames Kind un-
kritisch der Meinung ihrer Mutter an. Obwohl sie keine eigene
Geschichte, kein eigenes Leben hat, nennt Erika sich selbst
eine „Individualistin“ (S. 16), deren Ziel – unter Berufung auf
Beethoven – die „Humanität“ (S. 16) sei. Sie leidet darunter,
dass sie nicht aus ihrer eigenen Individualität große Musik
erschafft, sondern nur eine Interpretin der Werke anderer
Komponisten ist. Aber das Interpretieren will sie wenigstens
besser machen als andere.

S. 18: Straßenbahnfahrt der Schülerin Erika


Rückblende: Die Schülerin Erika betritt mit Musikinstru-
menten und Notenbüchern beladen die Straßenbahn. Mit ih-
rem sperrigen Gepäck führt sie absichtsvoll einen erbitterten
Kampf gegen die übrigen Fahrgäste: Sie schubst und stößt,
rempelt und kneift, denn sie hegt Abscheu gegen die anderen.
„In der Straßenbahn sieht SIE jeden Tag, wie sie nie wer-
den möchte.“ (S. 19) Den Menschen in der Bahn erscheint sie
als hochmütig. Und tatsächlich ist Erika angewidert von den
übellaunigen, zornigen Fahrgästen, die vom nächsten Alko-
holrausch träumen: „Land der Alkoholiker.“ (S. 23) Dennoch
traut niemand der jungen Musikerin die Angriffe zu. Weil
sie nicht spricht, wird sie für taubstumm gehalten. Erikas
Verhalten ist mit ihrer eigenen Vorstellung von ihrem Platz in
der gesellschaftlichen Hierarchie unvereinbar: „Drängeln ist
unter IHRER Würde, denn es drängt der Mob, es drängt nicht
die Geigerin und Bratschistin.“ (S. 23) Und dennoch will Erika
den anderen Menschen lustvoll Schmerzen zufügen. Sie will
die unbedarft kunstbeflissenen Fabrikanten und Akademiker,
die sich in den Philharmonien am angeblich edlen Leiden der

24 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

großen Komponisten ergötzen, bei alltäglichen Bahnfahrten


real verletzen. Erika fühlt sich hoch erhoben über ihre Mit-
menschen, „die unwissende Mehrheit“ (S. 26). Erika meint,
dass nur sie über Musik nachdenken und sprechen dürfe, weil
sie sich durch eigenes Leiden die Berechtigung dazu erworben
habe. Ihr feiner Geschmack fühlt sich durch die Vulgarität und
Unkultiviertheit ihrer Mitmenschen beleidigt, dafür bestraft
Erika sie in der Straßenbahn. Überhaupt ist ihr jeder intime
Kontakt zwischen Menschen und schon jedes Hineindenken
in den anderen zuwider, denn sie kennt nur die Eingriffe ihrer
Mutter, die fortwährend Erikas Innerstes formen will.
Die Mutter schraubt, immer ohne vorherige Anmeldung, IH-
REN Deckel ab, fährt selbstbewusst mit der Hand oben hinein,
wühlt und stöbert. Sie wirft alles durcheinander und legt nichts
wieder an seinen angestammten Platz zurück. Sie holt etliches
nach kurzer Wahl heraus, betrachtet es unter der Lupe und
wirft es dann weg. Anderes wieder legt sich die Mutter zurecht
und schrubbt es mit Bürste, Schwamm und Putztuch ab. (S. 25)
Für Erikas Leid ist die Kunst kein Trost: Für Erika ist die Musik
ein Teufelskreis, da sie das Leid mit sich bringt, das sie lindern
soll.
Dabei wird die ganze Kunst SIE nicht trösten können, obwohl der
Kunst vieles nachgesagt wird, vor allem, dass sie eine Trösterin
sei. Manchmal schafft sie allerdings das Leid erst herbei. (S. 27)

S. 27: Erikas Kindheit und Jugend; sie wird Klavierlehre-


rin; Walter Klemmer; Ferien bei der Großmutter
Von Anfang ihres Lebens an formt die Mutter Erika zur Künst-
lerin. Sie zwingt sie mit Verboten zu Feinheit und Reinheit.
Als Musikerin soll die Tochter Geld verdienen und von den

2. Textanalyse und -interpretation 25


2.2 Inhaltsangabe

„Durchschnittsmenschen“ (S. 27) bewundert werden. Erika


soll sich auf keinem Erfolg ausruhen, sie soll sich bis zur
Weltspitze der Pianisten hochkämpfen. Und die Konkurrenz
schläft nie – wie die Mutter ihrer Tochter ununterbrochen vor
Augen hält. Deshalb flankiert sie den Aufstiegskampf ihrer
Tochter mit Intrigen und der Herabwürdigung insbesondere
der männlichen Konkurrenten, vor denen sie beständig warnt.
Sie ist fest von Erikas Genie überzeugt und lügt ihr vor, dass
auch die Nachbarn von ihrem häuslichen Klavierspiel begeis-
tert seien. Die zwanghafte Begeisterung der Mutter ist selbst-
süchtig, denn sie hält sich selbst für den eigentlichen Grund
des musikalischen Könnens ihrer Tochter, obwohl sie selbst
von Musik nichts versteht. Mutter und Tochter sind wie durch
einen Teufelspakt miteinander verbunden:
Das Kind ist der Abgott seiner Mutter, welche dem Kind dafür
nur geringe Gebühr abverlangt: sein Leben. Die Mutter will das
Kinderleben selbst auswerten dürfen. (S. 30)
Erika wird trotzdem keine weltbekannte Pianistin, was das
Ideal der Mutter wäre. Bei einem wichtigen Abschlusskonzert
der Musikakademie versagt Erika, ihr Stern beginnt zu sinken.
Von der Mutter erhält sie dafür Ohrfeigen, ihre Lehrerin rügt
die fehlende Konzentration. Erika und vor allem ihre Mutter
müssen sich vom Traum eines Lebens als Konzertpianistin ver-
abschieden und Erika wird Klavierlehrerin. Sie ist nun selbst
Teil des Systems, mit dem Eltern ihre Kinder aus Eigennutz in
Konservatorien und Musikschulen zur Kunst drängen, so wie
sie selbst von ihrer Mutter „seit über dreißig Jahren“ (S. 36)
dazu gezwungen wird.
Die Grenze zwischen Begabten und den Nichtbegabten zieht
Erika besonders gern im Laufe ihrer Lehrtätigkeit, das Aussor-

26 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

tieren entschädigt sie für vieles, ist sie doch selbst einmal als
Bock von den Schafen geschieden worden. (S. 31)
Nur die besten ihrer Schüler nimmt Erika ernst. Sie verachtet
die Arbeiterkinder, für die das Klavierspiel ein Mittel des ge-
sellschaftlichen Aufstiegs sein soll. Hier zeigt sich auch Erikas
Herkunft aus dem Kleinbürgertum, das sich traditionell am
Bürgertum orientiert und vom Proletariat abzugrenzen ver-
sucht. Während Erika Höchstleistungen fordert und über die
richtige Interpretation eines Stückes spricht, wollen die meis-
ten Schüler bei den regelmäßigen Prüfungen nur fehlerfrei bis
zum Ende kommen. Das ist unter Erikas Würde.
Eine Ausnahme bildet in diesem Zusammenhang der hübsche
blonde Walter Klemmer. Eigentlich studiert er Elektrotech-
nik, doch statt sich um den Abschluss seines Studiums zu
kümmern, verbringt er seine Tage im Unterricht der Lehrerin
Kohut. Obwohl er selbst schon Werke von Schönberg spielt,
hört er den Anfängern bei ihren Etüden zu. Der Grund dieses
Übereifers ist seine Neigung zu der Lehrerin. Er macht ihr
Komplimente und „wartet auf Winke“ (S. 33). Dass Klemmer
sich in Erika verliebt habe, erkennt ihre Mutter sogleich, als
sie Erika wieder einmal nach der Arbeit vom Konservatorium
abholt, um zu verhindern, dass Erika sich elegante Kleidungs-
stücke kauft.
Die Mutter spricht zu Erika von natürlicher Schönheit, welche
keinen künstlichen Aufputz benötigt. Sie ist von alleine schön,
Erika, was auch du bist. Wozu der ganze Tand? (S. 34)
Mutter und Tochter leben in der Wiener Josefstadt im achten
Bezirk, der als kleinbürgerlich und von alten Leuten bewohnt
beschrieben wird. Gelegentliche Verbrechen in dem Stadtteil
geben der Mutter einen Vorwand dafür, dass Erika sie nie

2. Textanalyse und -interpretation 27


2.2 Inhaltsangabe

lange allein lassen darf. Mit Regenschutz und Wanderführer


machen Mutter und Tochter am Wochenende gemeinsam Aus-
flüge zum Stadtrand. Die Naturerfahrungen werden von der
Mutter romantisch verklärt: „wie zu Eichendorffs Zeiten, träl-
lert die Mutter“ (S. 35). Diese beabsichtigte Idealisierung wird
jedoch durch den Pragmatismus der Mutter der Lächerlichkeit
preisgegeben:
Kommt ein rieselndes Bächlein daher, wird daraus auf der Stelle
frisches Wasser getrunken. Hoffentlich hat kein Reh hineinge-
pisst. (S. 35)
Beruflich hat Erika nicht mehr viel vor sich: Vielleicht be-
kommt sie vom Bundespräsidenten noch den Professorentitel
verliehen, mit dem sie sich jetzt schon schmückt, ansons-
ten wartet sie auf ihre Pensionierung. Bis dahin wollen Mut-
ter und Tochter eine Eigentumswohnung abbezahlt und ein
Grundstück in Niederösterreich erworben haben. Dass die
Mutter bereits gestorben sein könnte, bis Erika das Pensionsal-
ter erreicht, kommt den beiden Frauen nicht in den Sinn. „Die
Mutter wird bis dahin an die hundert sein, aber sicher noch
rüstig.“ (S. 36)
Ihre Jugend hat Erika mit ihrer Mutter auf dem Bauernhof der
Großmutter verbracht. Als Erika in der Pubertät war, haben
die beiden kaltherzigen „Giftmütter“ (S. 40) jeden Kontakt mit
Männern verhindert. Freundinnen der Mutter und Nachbarn
überwachen Erika wie Spione. Sie wird mit einem Studenten
aus Graz gesehen und darf danach das Haus nicht mehr verlas-
sen. Erika wächst in einem Nest auf, das ein Käfig ist:
Der Habicht Mutter und der Bussard Omutter verbieten dem
ihnen anvertrauten Kind das Verlassen des Horstes. In dicken
Scheiben schneiden sie IHR das Leben ab, und die Nachba-

28 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

rinnen schnippeln schon an einer Ehrabschneidung herum.


(S. 38)
Auf der anderen Seite dieser allgegenwärtigen Kontrolle und
Dressur wird Erika überhöht. „Auf das Brillieren ist sie dres-
siert worden. ... Sie weiß: sie ist besser, weil man ihr das
immer sagt.“ (S. 38) Die Mutter dreht an ihrer Tochter herum
wie der Klavierstimmer an den Wirbeln eines Flügels. Vor
allem den Nachbarn wollen Mutter und Großmutter mit ih-
rem Wunderkind imponieren. „Sie sonnen sich jetzt schon in
ihren eigenen Prahlereien, wie bescheiden das Kind geblieben
sein wird, obzwar es eine weltumspannende Karriere gemacht
hat.“ (S. 40) Tatsächlich beschweren sich Nachbarn und Som-
mergäste immer wieder über die Ruhestörung durch Erikas
Klavierspiel, das sie sich wegen der absichtlich weit geöffneten
Fenster der Kohuts anhören müssen.
Ein Besuch ihres Cousins unterbricht Erikas Langeweile. Eri-
ka muss erleben, dass der Medizinstudent alles darf, was ihr
verwehrt wird. Im Roman klingen zur Legitimation dieser Un-
gleichheit Verse aus Schillers Lied von der Glocke (1799) an, in
denen ein traditionelles Familienbild mit einem tätigen Mann
und einer „züchtige(n) Hausfrau“ geschildert wird. „Der Mann
muss schließlich hinaus ins feindliche Leben, doch die Tochter
muss derweil streben, sich an Musik überheben.“ (S. 42) Im
Gegensatz zu Erika darf er sich und seinen Körper zeigen. In
einer knappen Badehose spielt er mit den Mädchen aus dem
Dorf, die sich im knappen Bikini dem zukünftigen Arzt anbie-
ten, Federball und genießt die Bewunderung, die er erfährt:
„Er braucht sie nur noch aufzuheben und zu verspeisen, dieser
junge Sportler.“ (S. 43) In der Hoffnung, den jungen Mann zu
gewinnen, lassen sie sich von ihm erniedrigen. Während sich
ihr Cousin mit den Mädchen im Planschbecken amüsiert, übt

2. Textanalyse und -interpretation 29


2.2 Inhaltsangabe

Erika Klavier hinter vergitterten Fenstern. Sogar ihre Mutter


und die Großmutter bringt der Cousin mit seinen Faxen zum
Lachen. Am Ende der festgesetzten Übungszeit will auch Erika
an dem allgemeinen Spaß mit dem Cousin teilhaben. Sofort
wird die Mutter übellaunig und misstrauisch. Als der Cousin
seinen Ringergriff an Erika ausführt, kniet sie plötzlich vor
ihm. Das weckt ihr sexuelles Begehren:
Das rote Päckchen voll Geschlecht gerät ins Schlingern, es krei-
selt verführerisch vor IHREN Augen. Es gehört einem Verführer,
dem keine widersteht. … Der Burschi weiß nicht, dass er eine
Steinlawine losgetreten hat bei seiner Cousine. Sie schaut und
schaut. (S. 46)
Erikas erste sexuellen Erfahrungen sind mit der Schaulust ver-
bunden; Befriedigung erfährt sie nicht. Während der Cousin
mit seinen Freunden am Abend im Garten beim Kartenspiel
sitzt, fügt sich Erika in ihrem Zimmer mit einer Rasierklinge
Verletzungen zu. Aus den vier Schlitzen auf ihrem Handrücken
rinnt das Blut.

S. 48: Besuch einer Peepshow


Erika hat ihrer Mutter eine kleine Reise vorgetäuscht, sodass
die Mutter ausnahmsweise nicht auf sie wartet. Erika verlässt
das Konservatorium mit dem Vorsatz, etwas Besonderes zu
erleben: Sie träumt davon, dass ein Mann sie verführt und
überwältigt. „Erika möchte einen Meilenstein setzen in ihr
doch recht eingleisiges Leben und den Wolf mit Blicken ein-
laden.“ (S. 48) Während sie durch die Straßen streift, gibt sie
sich unnahbar. „Erika hat alles an sich geschlossen, was da
Verschlüsse hat.“ (S. 49) Sie fährt mit der Straßenbahn in einen
Vorort, eine Wohngegend für schlechter gestellte Menschen.
Hier leben Türken, Kroaten und Serben. Junge Leute fahren

30 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

Moped, eine Mutter schlägt ihr Kind. „Das Kind lernt die Spra-
che der Gewalt …“ (S. 50) Kleinwagen sind hier der Stolz einer
ganzen Familie.
Erika besucht eine Peepshow, die unter einer Brücke eingerich-
tet ist. Während oben alle zehn Minuten die Stadtbahn fährt,
wechseln sich unten die Mädchen lustlos beim Ausziehen vor
onanierenden Männern ab. Im angeschlossenen Sexshop gibt
es Hefte, Gummipuppen und „Nylonwäsche mit vielen Schlit-
zen, die sich wahlweise vorne oder hinten befinden“ (S. 52).
Erika ist eine der ganz wenigen weiblichen Kunden in diesem
Laden. Vor der Dame mit Aktentasche und Handschuhen wei-
chen die ausländischen Männer zurück. Erika setzt sich in
eine der Kabinen, hebt ein Taschentuch voller Sperma vom
Fußboden auf, hält es sich vor die Nase und betrachtet das Vor-
gehen auf der Bühne. Dabei bleibt sie nüchtern und kühl. Ihre
Begierde ist vor allem auf das Schauen gerichtet, das Berühren
wurde ihr von ihrer Mutter ausgetrieben.
Erika hat keine Empfindung und keine Gelegenheit sich zu lieb-
kosen. Die Mutter schläft im Nebenbett und achtet auf Erikas
Hände. … Auch wenn Erika schneidet oder wenn sich sticht,
spürt sie kaum etwas. (S. 56)
Erika kann nichts dafür. Sie muss und muss schauen. Sie ist für
sich selbst tabu. Anfassen gibt es nicht. (S. 58)
Lust und Hingabe spielend, suggerieren die Frauen auf der
Drehscheibe den Kunden Intimität. Die Männer in den Nach-
barkabinen führen mechanisch und effizient ihre Ejakulation
herbei. Am Abend beobachtet Erikas Mutter gerötete Wangen
bei der Tochter und ist froh, dass es kein Fieber ist.

2. Textanalyse und -interpretation 31


2.2 Inhaltsangabe

S. 60: Erika darf nie Kinder haben


In Eisdielen und Tanzhallen beobachtet Erika Menschen in
ihrem Alter. Erika macht nicht, was für Gleichaltrige selbstver-
ständlich ist: Freunde zu treffen, sich zu schminken, zu frisieren
und schön anzuziehen. Ihr Leben ist weit von dem der anderen
entfernt. „Unermesslich schleppt sich der Müll zwischen IHR
und DEN ANDEREN dahin.“ (S. 61) Von allem Normalen und
Alltäglichen ist Erika abgeschirmt, auch weil sie unter der Kon-
trolle ihrer Mutter steht. „Und an IHREN Leitseilen zieht die
Mutter kräftig.“ (S. 62) Erika macht das lebensunfähig. Nicht
einmal im Spiel gelingt es ihr, sich eine normale Welt aufzu­
bauen. „Es gelingt ihr nicht einmal die Lego-Tankstelle, für die
es eine ganz präzise Vorlage gibt.“ (S. 63) Da sie keinen Mann in
ihre Nähe lassen darf, wird Erika nie selber Mutter werden. Ei-
gene Kinder und das Klavierspiel schließen sich in Erikas Leben
aus. „Die vielen Töne werden unter Zuhilfenahme der Atemluft
von kleinen Kindern erzeugt. Es erfolgt keine Unterstützung
von Seiten eines Klaviers!“ (S. 63) Traurigkeit und Neid auf jun-
ge Mütter schwingen in Erikas Gedanken mit.

S. 63: Hauskonzert
In der alten Patrizierwohnung einer Familie von polnischen
Musikliebhabern musiziert Erika Kohut mit dem alten Dr. Ha-
berkorn bei einem Hauskonzert. Kindern soll hier die Musik
nahegebracht werden. Erika hat ihre Klavierschüler hinzitiert
und mahnt sie mit demselben bösen Blick zur Ruhe, mit dem
ihre Mutter Erika damals nach dem verpatzten Konzert be-
dacht hat. Jetzt weidet sich die Mutter an der Bewunderung,
die ihre Tochter genießt. Auch Walter Klemmer ist Gast der
Veranstaltung. Er beobachtet seine Lehrerin beim Klavierspiel
und wägt ihre körperlichen Vor- und Nachteile ab. Er ist ver-
liebt, betrachtet Erika aber nur als Einstieg in sein Liebesle-

32 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

ben. Mit der älteren, vermeintlich anspruchslosen Frau will er


üben, was er für die jungen Frauen als Liebhaber braucht. Er
träumt davon, die verschlossene Frau sexuell zu erwecken, ihr
Lust auf ihren eigenen Körper zu machen.
Fräulein Kohut, Sie denken, Ihr Äußeres ist Ihr Feind und die
Musik allein Ihr Freund. Ja, schauen Sie doch in den Spiegel,
dort drinnen sehen Sie sich, und einen besseren Freund als sich
werden Sie niemals haben. (S. 69)
Klemmer will sie dem geistigen Reich der Musik entreißen und
ins Diesseits des körperlichen Lebens holen. Dabei erniedrigt
er sie zugleich, nennt sie in Gedanken einen „formlosen Kada-
ver“ oder einen „schlaffe(n) Gewebesack“ (S. 69).
Erika hält sich den Gästen des Kammerkonzerts für weit über-
legen. „Heute einmal ist das Ausnahmesein von Erika keine
Schuld, sondern ein Vorzug. Denn alle glotzen jetzt auf sie,
auch wenn sie sie insgeheim hassen.“ (S. 71) Aus dieser Posi-
tion blickt Erika herab auf die Mittelmäßigkeit ihrer Schüler,
die nur mit Zwang dazu zu bringen sind, statt fernzusehen
oder Sport zu treiben ein solches Konzert zu besuchen. „Der
Herdeninstinkt schätzt ja überhaupt das Mittlere hoch ein. Er
preist es als wertvoll.“ (S. 70)
Als Walter Klemmer sich händeküssend bei seiner Lehrerin für
das Konzert bedankt, verhindert Erikas Mutter sofort weitere
Gesten der Freundschaft. Erika fühlt sich mit Klemmer geistig
verbunden, sie sieht in ihm eine Ausnahme von der kultu-
rellen Barbarei. Während Erika andere Gäste begrüßt, heftet
sich Klemmer an ihre Fersen. Mit seiner Höflichkeit beein-
druckt er sogar Erikas Mutter. Er bedauert, dass solche Haus-
konzerte aussterben. Klemmer will mit seinem musikalischen
Fachwissen und Geschmack beeindrucken, doch Erika fährt
ihm über den Mund: „Enthalten Sie sich modischer Urteile,

2. Textanalyse und -interpretation 33


2.2 Inhaltsangabe

bevor Sie nicht mehr davon verstehen, Herr Kollege Klemmer.“


(S. 73) Es folgt ein „Duett Kohut/Klemmer“ (S. 74), in dem sich
die beiden selbstherrlichen Fachleute gegenseitig darin über-
treffen („Molto vivace.“, S. 74), die anwesende Gesellschaft
als dilettantisch abzuqualifizieren. Die Mittelmäßigkeit der
Mittelschicht sei der Genialität der Musik nicht gewachsen.
Bei diesem Einvernehmen lassen es die beiden jedoch nicht
bewenden. Sie konkurrieren gegeneinander um das bessere
Verständnis der Musik.
Jeder von beiden denkt, er verstehe es besser als der andere,
der eine wegen seiner Jugend, die andere wegen ihrer Reife. Ab-
wechselnd überbieten sie einander in ihrer Wut auf die Unwis-
senden, Verständnislosen, hier sind zum Beispiel viele von ihnen
versammelt. (S. 74)
Erika hypostasiert die enge Verbindung der Musik mit dem
Leiden, die sich bei den Komponisten Schubert und Schumann
in deren Wahnsinn und frühen Tod gezeigt habe. Nur eige-
nes Leid könne deshalb eine ernstzunehmende Beschäftigung
mit Musik legitimieren. Mit ihrem „geschundenen Herzen“
(S. 75), ihrem eigenen Leiden an der Verständnislosigkeit der
Masse und am wahnsinnigen und schließlich im Irrenhaus
gestorbenen Vater begründet Erika ihre Berechtigung, Musik
zu interpretieren und über Musik zu reden. Zugleich bekennt
sie sich vor Klemmer zu der Befürchtung, dass sie sich selbst
verlieren, selbst wahnsinnig werden könnte. Mit dieser Zur-
schaustellung eigener Schwäche facht Erika die Verliebtheit
ihres Schülers an.
Nach dem Konzert bekommen die Künstler nach bester Ge-
wohnheit Blumen. Für Erika ist es ein Triumph, dass sie mehr
Sträuße erhält als die Sopranistin. Angebote von Bekannten,
Mutter und Tochter Kohut mit den vielen Blumen nach Hause

34 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

zu fahren, lehnt die Mutter rigoros ab: „Wir nehmen keinen


Gefallen an und erweisen auch selbst keinen.“ (S. 76) Walter
Klemmer bietet sich an, die Damen zur Straßenbahnhaltestelle
zu begleiten. Die Mutter ist wütend, nicht nur, weil sie hinter
den beiden jungen Leuten hergehen muss, statt am Arm ihrer
Tochter, sondern auch, weil sie in Walter Klemmer eine Gefahr
für die Mutter-Kind-Symbiose sieht: „Heute nimmt ein herge-
laufener junger Mann die Stelle der altbewährten Mutter ein,
welche, zerknittert und vernachlässigt, die Nachhut bilden
muss.“ (S. 77) Auch Erika fühlt sich von der sympathischen
Vertrautheit mit Klemmer bedroht, dessen Geschlecht sie nicht
als anders, sondern als „entgegengesetzt“ (S. 78) betrachtet.
„Erika will in ihre Mutter am liebsten wieder hineinkriechen,
sanft in warmem Leibwasser schaukeln.“ (S. 78)
Erika erinnert sich an ihre drei bisherigen enttäuschenden
Bekanntschaften mit Männern, die immer nach dem gleichen
Muster verliefen: Zuerst wurde sie bewundert. Nachdem dann
sexuelle Kontakte stattgefunden hatten, wurde sie vernach-
lässigt und bald verlassen. Sex hat sie nie als Erfüllung erlebt:
„Erika spürt nichts und hat nie etwas gespürt. Sie ist empfin-
dungslos wie ein Stück Dachpappe im Regen.“ (S. 79) Dennoch
hat sie eigene Lust vorgetäuscht, „damit der Mann endlich wie-
der aufhört“ (S. 79). Zwar ahnt Klemmer nichts von Erikas ver-
gangenen Erlebnissen, aber im Grunde hat er mit ihr vor, was
sie schon erlebt hat (vgl. S. 67–69). Vorerst bleiben Klemmers
Annäherungsversuche aber höflich und gesittet. Er erzählt von
seiner Leidenschaft für den Sport. Nur daraus könne Freude
und Gefühl für den eigenen Körper entstehen. Die Mutter
lehnt Klemmers Einladung der Tochter zum Skifahren ab. „Wir
ziehen uns im Winter lieber zeitig mit einem spannenden Kri-
mi zurück. Wir ziehen uns überhaupt gern zurück, wissen Sie,
wovor auch immer.“ (S. 83)

2. Textanalyse und -interpretation 35


2.2 Inhaltsangabe

S. 84: Erika als Schülerin; Erfahrungen mit Beziehungen;


Selbstzerstörung durch Schneiden
Obwohl Erika eigentlich eine brave Musterschülerin ist, die
sich nachmittags für die Musik aufopfert, ist sie auch bei
den Lehrern unbeliebt. Wegen dieser Isolation kann Erika ihr
Selbstbild nur für sich, nicht aber im Abgleich mit den Wahr-
nehmungen anderer entwickeln:
Im Kern ist sie schön wie etwas Überirdisches, und dieser Kern
hat sich von alleine in ihrem Kopf geballt. Die anderen sehen die­
se Schönheit nicht. SIE denkt sich schön und gibt sich im Geist
ein Illustriertengesicht, das sie sich aufsetzt. Ihre Mutter würde
es ihr untersagen. (S. 85)
Erikas Bedürfnis nach Liebe bleibt unbefriedigt. Ihre Mutter
flößt ihr die Auffassung ein, dass sie unscheinbar sei und
deshalb nur durch musikalisches Können und Wissen beein-
drucken könne.
Weil sie haben will, was andere haben, und ihre Mutter jede
Wunscherfüllung an die Beherrschung immer neuer Musikstü-
cke knüpft, fängt Erika an zu stehlen. Statt es zu gebrauchen,
wirft sie das Diebesgut weg, so wie sie später ihre heimlich
und verbotenerweise gekauften Kleider nicht trägt, sondern
in den Schrank hängt. Erika erzählt ihrer Mutter von einer 16-
jährigen Mitschülerin, die sich das Geld für Kleidung als Pros-
tituierte verdient, nicht um das Mädchen vor seinem Schick-
sal zu bewahren, sondern um die Mutter zu erpressen. Statt
eines Flanellkostüms erhält Erika aber nur die Erlaubnis, sich
aus Lederresten in langwieriger Handarbeit eine Schultasche
selbst zu nähen. Das schäbige Resultat wird von der Mutter
wiederum als Bestätigung und Ausdruck der Einzigartigkeit
und Individualität ihrer Tochter gewertet.

36 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

Erikas Männerbekanntschaften folgen einem furchtbaren Mus-


ter: Sie verliebt sich, der Geliebte interessiert sich für sie, wo­
rauf Erika mit Hochmut reagiert. Um die Aufmerksamkeit des
ersten Geigers in einem unbedeutenden Orchester erneut zu
wecken, fügt sich Erika bewusst eine Verletzung zu, damit er
sie tröste. Das emotionale Prinzip, das ihr durch die Beziehung
mit ihrer Mutter aufgezwungen wurde, ist auch Grundlage
jeder anderen Beziehung, die Erika mühsam und vorsichtig
eingeht: Unterordnung ist das einzige Schema, in dem Erika
das Verhältnis zwischen Menschen erleben kann.
Ein schwacher und zugleich selbstzerstörerischer Versuch der
Gegenwehr gegen den von der Mutter geforderten Gehorsam
sind die Verletzungen, die sich Erika mit der Rasierklinge des
Vaters, ihrem „Talisman“ (S. 90), zufügt. Das Schneiden ist ihr
Hobby. Nach Armen, Beinen und Händen ist auch die Scheide
Ort ihrer Autoaggression. „SIE setzt sich mit gespreizten Bei-
nen vor die Vergrößerungsseite des Rasierspiegels und vollzieht
einen Schnitt, der die Öffnung vergrößern soll, die als Tür in
ihren Leib hineinführt.“ (S. 90) Schmerzen bleiben dennoch
aus. Die Selbstverstümmelungen sind Erikas verzweifelte Ver-
suche, Zugang zu ihrem eigenen Körper, Zugang zu sich selbst
zu bekommen und sich zugleich für andere – auch sexuell – zu
öffnen. „Der Unterleib und die Angst sind ihr zwei befreunde-
te Verbündete, sie treten fast immer gemeinsam auf.“ (S. 91)

S. 92: Einlieferung des Vaters ins Sanatorium; Erika er-


wischt einen Klavierschüler vor einem Pornokino
Lebensmittel sind voller Umweltgifte. Die modernen Mütter
prüfen daher genau, was ihnen von den Gemüsehändlern an-
geboten wird. Das Schulmädchen Erika verabscheut dieses
Bemühen, weil sie die Ängste nicht für sachlich begründet
hält, sondern als ein Mittel der jungen Frauen auffasst, sich
interessant zu machen.

2. Textanalyse und -interpretation 37


2.2 Inhaltsangabe

Schon von klein auf hat Erika an der Natur vor allem die Ver-
gänglichkeit wahrgenommen. Alles Körperliche hat sie deshalb
abgelehnt, jede Annäherung auch von gleichaltrigen Mädchen
hat sie schroff abgewiesen. Denn alles steht unter dem Ver-
dacht, sie vom Weg zur Perfektion in der Musik abzubringen.
An einem Frühlingssonntag bringen Mutter und Tochter Kohut
Erikas verwirrten Vater in ein niederösterreichisches Sanatori-
um in Neulengbach. Der Schlachter, bei dem sie Stammkun-
dinnen sind, chauffiert sie mit seinem grauen VW-Bus. Später
kommt der Vater in das „staatliche Irrenhaus Am Steinhof“
(S. 96) im 14. Bezirk in Wien, wo er dann auch stirbt (vgl.
S. 75). Das Sanatorium in Neulengbach dient ebenfalls „dem
guten menschlichen Zweck der Irrenverwahrung und pekuni-
ären Irrenverwertung“ (S. 96). Im Mittelpunkt stehen nicht die
Menschen, sondern das Geschäft. Die Unterbringung ist teuer,
aber dennoch lieblos, beinahe menschenverachtend. Davon
profitieren die Betreiber des Heimes. Die Angehörigen der Pa-
tienten sind dennoch froh über die Unterbringung, weil ande-
re Pflege-Einrichtungen noch schlechter ausgestattet sind. Die
Patienten müssen sich so benehmen, dass sie wenig Platz ver-
brauchen, dem Personal möglichst wenig Arbeit machen und
keine Kosten verursachen. Anderenfalls müssen die Angehöri-
gen mit großzügigen Trinkgeldern für den Verbleib sorgen.
Erikas Vater fühlt sich fremd im Sanatorium, obwohl er durch
seine Frau an Verbote und Unterordnung gewöhnt ist. „Was er
tut ist falsch, daran ist er freilich gewöhnt, von seiner Gattin
her.“ (S. 99) Auf der Rückfahrt mit dem Fleischer betonen
die Frauen Kohut, wie schwer ihnen der Schritt gefallen sei,
„ein Glied der Familie“ (S. 100) in das Heim in Neulengbach
einzuliefern. Zu Hause stellen sie erleichtert fest, dass sie nun
mehr Platz für sich haben und endlich unter sich sind: „jeden
beliebigen nimmt die Wohnung nicht auf, nur den, der hierher

38 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

gehört.“ (S. 101) Der „Störenfried ihrer Behaglichkeit“ (S. 99)


ist aus dem Weg geräumt. Abgesehen von diesem Zwischenfall
verläuft Erikas Leben gleichförmig: Sie weiß jeden Tag, dass
der nächste Tag vor allem aus musikalischen Übungen beste-
hen wird.
So sehr Erika sich vor der Welt verschließt, so sehr will sie wis-
sen, „was in anderen Leben vor sich geht“ (S. 101), vor allem
im Leben ihrer Klavierschüler. Außerhalb des Konservatoriums
ist sie immer auf der Jagd und verfolgt ihre Schüler bei ihren
Freizeitbeschäftigungen. Den Friseurbesuch einer Schülerin
hält Erika dann abends ihrer Mutter vor, weil sie selbst nicht
zum Friseur gehen oder überhaupt ihre Zeit außerhalb der
Wohnung verbringen darf.
Was Erika durch heimliches Beobachten weiß, das weiß sie, und
was Erika in Wirklichkeit ist, ein Genie, das weiß keiner besser
als ihre Mama, die das Kind von innen und von außen kennt.
Wer suchet, der findet Anstößiges, auf das er insgeheim hofft.
(S. 102)
Eines Tages erwischt Erika einen ihrer Klavierschüler mit zwei
Freunden, als diese in die Filmplakate eines Softpornos vertieft
sind. Erika fährt die Jungen an. Ihr Schüler weiß, dass die
Lehrerin ihm später schon alleine deshalb Vorwürfe machen
wird, weil er in seiner Freizeit etwas anderes getan hat, als
Klavier zu üben. Während der Schüler überlegt, ob sich seine
Lehrerin in ihrem weiblichen Stolz verletzt fühlen könnte, weil
er sich nackte Frauen angeschaut hat, betrachtet Erika ihn als
einen „Aussätzige(n) der Lust“ (S. 104). In der nächsten Unter-
richtsstunde hält sie ihm, um ihn zu demütigen, einen Vortrag
darüber, dass das Werk Bachs, von dem der Schüler vorher
ein Stück spielte, ein Bekenntnis zu Gott sei. Und Bilder von
Frauen solle er mit Ehrfurcht anschauen, weil er selbst von

2. Textanalyse und -interpretation 39


2.2 Inhaltsangabe

einer Frau geboren worden sei. Der Schüler gibt klein bei und
beginnt – zur Zufriedenheit der Lehrerin – zu weinen.
Erikas Finger zucken wie die Krallen eines ordentlich ausge-
bildeten Jagdtiers. Im Unterricht bricht sie einen freien Willen
nach dem anderen. Doch in sich fühlt sie den heftigen Wunsch
zu gehorchen. Dafür hat sie dann ihre Mutter zuhause. (S. 105)
Erika fürchtet sich davor, dass ihre Mutter gebrechlich werden
und sie deshalb nicht mehr beherrschen könnte. Wer sich
dann zu ihrem neuen Herrscher aufschwänge, „der könnte
ALLES von ihr bekommen … ihre Pfoten zucken dem letzten,
endgültigen Gehorsam sehnsüchtig entgegen“ (S. 106). Von ih-
rer Mutter, die ihre Tage vor dem Fernseher verbringt, verlangt
Erika das Recht auf ein Eigenleben. Sie sehnt sich nach einer
widersprüchlichen Form von Freiheit, die „in einen Höhepunkt
aller denkbaren Gehorsamkeiten einmünden“ (S. 108) soll. Sie
möchte – auch körperlich – bezwungen werden. „Erika würde
die Grenze zu ihrer eigenen Ermordung gern überschreiten.“
(S. 110)
Nachdem Erika den Schüler zur Raison gebracht hat, besucht
sie selbst das Pornokino, vor dem sie den Schüler ertappt
hat. Sie sinniert über die Unterschiede zwischen Pornos in
Vorstadt- und Innenstadtkinos. In den billigen Vorstadtpornos
sind Schmerz und Lust eng miteinander verbunden, „Schmerz
ist ..., in seiner höchsten Form, eine Art von Lust“ (S. 110).
Der Liebesakt wird in Metaphern des Sports und der Arbeit
zur Schau gestellt. Gerade durch die Künstlichkeit der im
Pornofilm inszenierten Sexualität ist sie für Erika der Musik
vergleichbar: „Erika ist darauf geeicht, Menschen zuzusehen,
die sich hart bemühen, weil sie ein Ergebnis wünschen. In
dieser Hinsicht ist der sonst so große Unterschied zwischen
Musik und Lust eher geringfügig. Natur sieht Erika weniger

40 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

gern“ (S. 110). Sie kennt die Unterschiede zwischen den ver-


schiedenen Genres der Pornografie und betrachtet die Filme
wie eine Kunstkennerin.

S. 112: Verhältnis von wildem Tier und seinem Domp-


teur
Tiere der Wildnis brauchen in Gefangenschaft einen Dompteur,
weil sie sonst orientierungslos sind und gewalttätig werden. Sie
profitieren von der Dressur, weil sie sich nicht mehr um Nah-
rung bemühen müssen, sondern ihr Essen stückweise vorgelegt
bekommen. Dadurch verliert ihr Leben aber auch jedes Aben-
teuer. In der Manege führen sie abends lächerliche Kunststücke
in lächerlicher Kostümierung auf. Obwohl man die Tiere zu
vielem bewegen kann, hat noch nie jemand die Idee gehabt,
„einen Leoparden oder eine Löwin mit einem Geigenkasten auf
den Weg zu senden.“ (S. 113) Dem Leser wird mit dieser Allego-
rie die Deutung nahegelegt, dass Erika ein solches gebändigtes
Raubtier ist, dem die Musik eigentlich wesensfremd ist, weil sie
Erikas verborgener wilder Natur entgegensteht.

2.2.2 Zweiter Teil

S. 115: Annäherung zwischen Klemmer und Erika


Vor allem die erwachsenen Schüler zeigen einen leidenschafts-
losen Fleiß, um die staatliche Klavierprüfung zu bestehen.
Walter Klemmer hört sich die Stunden anderer Schüler jedoch
nicht wegen möglicher Lerneffekte an, sondern um in der
Nähe der Klavierlehrerin zu sein. „Sie soll es nicht bemerken,
aber auf einmal wird er direkt in ihr sein.“ (S. 115) Von ihren
südkoreanischen Schülern verlangt Erika, dass sie die Musik
mit eigenen Empfindungen interpretieren und nicht berühmte

2. Textanalyse und -interpretation 41


2.2 Inhaltsangabe

Klaviervirtuosen wie Alfred Brendel zu imitieren versuchen.


Erika glaubt, dass die Koreaner nur deshalb in den fremden
Kulturkreis eindringen, um damit in ihrer Heimat protzen zu
können.
Während Klemmer sich Erika anzunähern versucht, von ge-
meinsamer Abendgestaltung redet und die Sinnlichkeit der Mu-
sik preist, bleibt Erika kühl: „Die Lehrerin rät zu solider Tech-
nik, dieser weibliche Geisttöter.“ (S. 117) Nach dem Unterricht
entsteht dennoch eine erotische Spannung zwischen Klemmer
und Erika. Sie würde gerne unwiderstehlich für ihn sein.
Er soll ihr nachgieren, er soll sie verfolgen, er soll ihr zu Füßen
liegen, er soll sie unaufhörlich in seinen Gedanken haben, kei-
nen Ausweg vor ihr soll es für ihn geben. (S. 118)
Gerade gegenüber dem jungen, sportlichen, gesunden Mann
kommt sich Erika jedoch alternd und krank vor. Das macht
ihr Angst.
Vielleicht ist dies der letzte, der ein Verlangen nach mir hat,
denkt Erika in Wut, und bald bin ich tot, nur fünfunddreißig
Jahre noch, denkt Erika im Zorn. (S. 119)
Die Einzigartigkeit der Musik liegt für Klemmer gerade darin,
dass sie sich der Beschreibung entzieht. Daraus ergibt sich ein
an Nietzsche orientiertes Weltbild, in dem der künstlerische
Schein über dem realen Sein, die Lüge über der Wahrheit
steht. So wie Klemmer seine Lehrerin durch Gespräche über
Musik endlich erobern will, so sieht auch Erika den Schüler
nur als Spielball ihrer eigenen Wünsche.
Sie sehnt sich nach langer innigster Umarmung, um ihn sodann,
ist die Umarmung vollbracht, königlich von sich zu stoßen, diese
großartige Frau. (S. 120)

42 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

In musikalischen Metaphern streiten Klemmer und Erika um


ihre Beziehung. „Diese Erika, diese Erika fühlt nicht, dass er
in Wahrheit nur von ihr redet, und natürlich von sich selbst!“
(S. 122) Klemmer versucht Erika unter Verweis auf Beethoven
und Schubert zu beweisen, dass sie sich ins Reich der Sinne
begeben müsse. Erika sehnt sich weg von ihm nach Hause, zu
ihrer Mutter, vor den Fernseher. Sie sei mehr für das Durch-
geistigte, die schwierige, undramatische Musik Schumanns.
Erika beendet das Gespräch mit Klemmer, der sich mit seinem
Liebeskummer auf die Herrentoilette flüchtet und ins Wasch-
becken spuckt, weil er seinen Samen nicht in der Lehrerin
loswird. Er trifft dort auf einen anderen Schüler, der sich aus
Prüfungsangst und Nervosität übergibt. Klemmer verachtet
den Kollegen, für den das Klavierspiel ein Versuch gesellschaft-
lichen Aufstiegs aus kleinbürgerlichen Verhältnissen ist. Doch
auch diese Herablassung tröstet nicht seine enttäuschte Zunei-
gung zur Lehrerin. Er plant für den nächsten Tag eine Paddel-
tour in der Steiermark, um sich abzulenken. Er eilt nach Hause
zu seinen Eltern und wird dabei von Erika verfolgt, denn auch
sie ist in den Schüler verliebt. „Vielleicht ist doch einer von
ihnen für den anderen gemacht, und der andere muss das nach
Kampf und Hader einsehen.“ (S. 131) Während sie Klemmer
nachläuft, denkt Erika an die Mutter, die auf sie wartet und
wegen ihrer Verspätung schimpfen wird.

S. 132: Erika beobachtet ein Liebespaar im Prater


Die Beschreibung des Vergnügungsparks im Wiener Prater
zeigt, dass die Fressbuden und Fahrgeschäfte eigentlich kein
Vergnügen sind. Die Kinder stören ihre Eltern, die Plastikpup-
pe, die ein Mann seiner Verlobten schießt, ist nur dazu geeig-
net, der enttäuschten Frau später zu zeigen, „wie viel sie ihrem
Freund früher einmal wert gewesen ist“ (S. 133). Schießen die

2. Textanalyse und -interpretation 43


2.2 Inhaltsangabe

Männer an den Buden daneben, betrinken sie sich, verprügeln


und vergewaltigen ihre Frauen. Im Rest des Parks zeigen Men-
schen beim Reiten und beim Golfspiel ihren Wohlstand.
Nachts befindet sich hier der Praterstrich, auf dem junge Män-
ner und ältere Frauen ihre Körper verkaufen. Gelegentlich
werden hier Prostituierte ermordet. Manche Männer ver-
suchen, die Prostituierten um ihren Lohn zu bringen, weil
sie das Geld zum Abbezahlen der Raten für ihr kleinbürger-
liches Leben brauchen. Obwohl die „Jugoslawen“, „Türken“
und „Schlosser“ die Frauen ablehnen und verachten, suchen
sie die Prostituierten zum „Abspritzen“ (S. 135) auf, denn sie
haben „Sehnsucht nach Abwechslung hinsichtlich der weib-
lichen Vagina“ (S. 135). Die eigenen Frauen oder Verlobten
werden schlecht behandelt: „anspruchslos veranlagt, verlangt
sie von ihm nicht viel. Sie bekommt noch weniger und merkt
es kaum.“ (S. 136) Im Park werden auch gestohlene Kleider,
elektrische Geräte und Zigaretten verkauft.
In unauffälliger Aufmachung und mit Wanderschuhen beklei-
det streift Erika ohne Angst mit einem Nachtglas durch die Pra-
terauen. Sie ist auf „Schausuche“ (S. 144). Die Mutter glaubt,
dass sie bei einem Kammerkonzert ist. Mit dem Feldstecher
sucht Erika nach Liebespaaren. Schließlich versteckt sie sich
in demselben Gebüsch, in dem eine „betrunkene Standard-
frau“ mit einem Türken (S. 143) schläft. Sexualität ist hier kein
Gleichklang, sondern ein Kampf. Erika wird Zeugin davon,
dass Mann und Frau weder beim Sex noch sonst dasselbe wol-
len. „Beide Geschlechter wollen immer etwas grundsätzlich
Gegensätzliches.“ (S. 144) Die Frau bittet um Langsamkeit,
damit auch sie zum Höhepunkt kommen kann. Der Mann
stößt wie eine Maschine oder wie im Akkord immer schneller
und heftiger in die Frau. Obwohl Erika nur zuschauen will,
stellt sie sich vor, als Dritte an dem Geschlechtsverkehr teil-

44 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

zunehmen. Sie stößt an Zweige und weiß selbst nicht, ob sie


absichtlich auf sich aufmerksam macht. Der Türke hört das
Geräusch und sucht nach dem ungebetenen Zuschauer. Die
Frau macht ihm Vorwürfe, dass er sie allein lässt. „In der Lie-
be schon ist die Frau nicht recht auf ihre Kosten gekommen,
jetzt will sie nicht auch noch ermordet werden.“ (S. 148) Weil
Erika in ihrem Versteck vor Aufregung pinkeln muss, wird sie
beinahe von dem Türken entdeckt. Dann läuft er seiner sich
entfernenden Geliebten nach.

S. 151: Die Mutter wartet auf Erika


Nach ihrem voyeuristischen Ausflug in den Prater zwingt sich
Erika schon auf dem Heimweg von diesem leidenschaftlichen
Erlebnis wieder zur Vernunft. Mit dem Taxi kommt sie an der
Volkshochschule Urania vorbei, in der sie selbst gelegentlich
Vorträge über Liszt oder Beethoven hält. In der Musik Liszts
seien Gefühl und Form Gegensätze, während sie in den Sona-
ten Beethovens harmonierten, meint Erika.
Zu Hause wartet Erikas Mutter wütend, weil sie „noch immer
allein mit sich“ (S. 154) ist. Sie beginnt, Erikas Kleiderschrank
zu durchwühlen und die Kleider in die Luft zu werfen: „Diese
Kleider sind der Mutter Indizien für Egoismus und Eigensinn.“
(S. 154) Auf der anderen Seite ist ein altes Konzertkleid von
Erika für die Mutter ein Symbol des großen Erfolgs als Konzert-
pianistin, den sich die Mutter gewünscht und den die Tochter
nicht errungen hat. In ihrer Wut auf die sich verspätende
Tochter zerschneidet die Mutter das Kleid. „Die Mutter zer-
schneidet ihre eigenen Träume gleich mit dem Kleid.“ (S. 154)
Schließlich löst „das Stadium der Angst den Zustand der Wut“
(S. 155) ab, sie ruft die Polizei und Krankenhäuser an und fragt
vergeblich nach ihrer Tochter. Zur Strafe drapiert sie die Stoff-
fetzen zum Schluss auf Erikas Fernsehliege. Kurz befürchtet

2. Textanalyse und -interpretation 45


2.2 Inhaltsangabe

sie, dass ein erotisches Treffen mit Walter Klemmer der Grund
für die Verspätung der Tochter sein könnte.
Als Erika nach Hause kommt, entwickelt sich ein Kampf zwi-
schen Mutter und Tochter. Sie beschimpfen sich, schlagen
aufeinander ein, heulen und ziehen sich an den Haaren. Die
Spuren dieses Kampfes wird Erika beim morgigen Unterricht
verstecken müssen. Während Erika sofort einschläft, liegt die
Mutter noch lange wach, weil sie nicht verstehen kann, dass
die Tochter nach diesem Streit sofort einschlafen kann, wo sie
sich doch sonst noch lange aussprechen und wieder versöh-
nen.

S. 161: Attentat auf eine Schülerin aus Eifersucht


Walter Klemmer schaut Erika bei einer Probe mit einem Kam-
merorchester zu. Sie wird eifersüchtig, als Klemmer ande-
re Schülerinnen vertraulich begrüßt. Die kurzen Röcke und
hübschen Gesichter der Mädchen wiegt sie in Gedanken mit
ihrer eigenen geistvollen Art auf. Die Geistlosigkeit der Schü-
lerinnen würde Klemmer gewiss schnell langweilen. „Erika
denkt: wenn Klemmer sich so tief hinunterbegeben will, soll
er es bitte tun, doch ich werde ihn dabei nicht begleiten.
Ihre Haut kräuselt sich vor Eifersucht wie Feinkrepp.“ (S. 162)
Gleichzeitig will Erika verhindern, dass Klemmer ihre Zunei-
gung bemerkt. Doch Klemmer spürt bereits, dass die Lehrerin
seinen Liebesavancen nach einem Jahr fortgesetzter Werbung
zunehmend aufgeschlossen gegenübersteht, dass „es Vorzei-
chen für das sichere Wanken und Weichwerden der insge-
heim Geliebten gibt“ (S. 163). Diese Vorzeichen bestehen vor
allem in Ambivalenz. „Sie macht sich rar und bedeutet Klem-
mer gleichzeitig, dass sie ihn von Anfang an als Einzigen hier
überhaupt bemerkt hat.“ (S. 164) Für Klemmer ist es die At-
mosphäre der Schule, die eine Annäherung verhindert. „Ihr

46 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

Schüler/Lehrerinverhältnis wird festzementiert, ein Geliebter/


Geliebteverhältnis rückt in weitere Fernen denn je.“ (S. 166)
Erika träumt hingegen bereits von gemeinsamen Reisen mit
Klemmer, der im Konservatorium den Ruf eines Frauenhelden
pflegt. Nachdem Klemmer einem Mädchen zugezwinkert hat,
verlässt Erika die Probe.
Getrieben von Eifersucht und tief verletzt durch Klemmers
Flirts rennt Erika durch die Probenräume bis in die Waschräu-
me. Sie zerbricht ein Glas und steckt die Scherben ein. Sie will
die Glassplitter der Flötistin – einem der Mädchen, mit denen
Klemmer vertraulich umgegangen ist – in die Manteltasche
füllen, damit es sich die Hände zerschneidet. In Gedanken
überhöht sie ihr primitives Attentat: „Erikas Geist wird über
die Vorzüge des Leibes siegen.“ (S. 169) Während sie selbst
wegen ihrer Mutter nie kurze Rücke tragen durfte, hat die Flö-
tistin „ihren Walter Klemmer mittels weithin sichtbarer Schen-
kel aufgeheizt“ (S. 170). Bei aller Ambivalenz der Gefühle und
trotz der Konkurrenz um Über- und Unterlegenheit in ihrer
Annäherung haben Erika und Walter eine große Gemeinsam-
keit: Ehrgeiz (S. 171).
Als die Proben beendet sind und die Schüler sich umziehen,
geht Erikas Plan auf: Die Schülerin schneidet sich die Hand an
den Scherben auf, die Erika ihr in die Manteltasche gesteckt
hat. Schüler holen Hilfe, andere wollen nur glotzen. Einer
vermutet eine Selbstverstümmelung, mit der sich das Mäd-
chen interessant machen wolle. Ein anderer vermutet – ganz
richtig – ein Attentat aus Eifersucht. Falsche Beschuldigungen
setzen ein. Unerkannt verlässt Erika den Schauplatz, Klemmer
geht ihr nach.

2. Textanalyse und -interpretation 47


2.2 Inhaltsangabe

S. 174: Sex zwischen Erika und Klemmer im Toiletten-


raum
Erika verlässt den Tatort, nicht aus Furcht vor Entdeckung,
sondern weil sie vor Aufregung pinkeln muss. „Sie will nichts
als sich in einem langen, heißen Schwall aus sich herausschüt-
ten.“ (S. 175) Sie geht zu einem entfernten Toilettenraum für
Schüler. Sie blickt ins stinkende, verdreckte Jungenpissoir. Vor
dem Fenster entdeckt sie als Fassadenverzierung ein Emb-
lem, das ein Mädchen bei der Handarbeit und einen Jungen
beim Lösen wissenschaftlicher Aufgaben zeigt, ein „steinernes
Mahnmahl sozialdemokratischer Bildungspolitik“ (S. 176). Im
Toilettenraum der Mädchen, der ebenso dreckig ist, sind Guck-
löcher in die Sichtschutzwände der Kabinen gebohrt worden.
Während Erika auf dem Klo sitzt, betritt Walter Klemmer mit
eindeutigen Vorsätzen den Raum:
Sein Wunsch ist, dass sie sich von ihren Hemmungen endlich
befreien möge. Sie soll ihre Persönlichkeit als Lehrerin ablegen
und einen Gegenstand aus sich machen, den sie ihm dann anbie-
tet. … Klemmer ist jetzt ein Konkordat aus Bürokratie und Gier.
Einer Gier, die keine Grenzen kennt und, erkennt sie sie doch,
nicht respektiert. … Weiter kann Erika gewiss nicht flüchten,
in ihrem Rücken befindet sich nur mehr massives Mauerwerk.
Er wird Erika Hören und Sehen vergessen machen, nur ihn al-
lein darf sie hören und sehen. … Sie soll als freier Mensch vor
Klemmer hintreten, der bereits über alles informiert ist, was sie
insgeheim will. (S. 177)
Die Rollen von Lehrerin und Schüler sind in dieser sexu­-
ell aufgeladenen Situation vertauscht: „Erika ist Lehrerin und
gleichzeitig noch ein Kind. Klemmer ist zwar Schüler, aber
gleichzeitig der Erwachsene von ihnen beiden.“ (S. 178) Weil
Erika nicht auf seine Rufe reagiert, stellt sich Klemmer auf

48 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

einen Eimer, guckt schamlos und fordernd über die sehr nied-
rige Wand von Erikas Kabine und schließt auf. Erika leistet
keinen Widerstand, sie wartet auf Klemmers Befehle: „Gemäß
dem Anlass gibt sich Erika als Person sofort auf.“ (S. 178). In
seiner Leidenschaft geht Klemmer eher brutal als liebevoll
vor: „Er wühlt in Erikas Innereien herum, als wollte er sie
ausnehmen, um sie auf neue Art zuzubereiten“ (S. 179). Klem-
mer will sich auch für die lange Zurückweisung rächen, er
benimmt sich wie ein Tier. Erika genießt die Scham, die sie in
der Situation empfindet. Dann übernimmt sie die Kontrolle.
Sie masturbiert Klemmers Penis, er soll aber die Hände von
ihrer Scheide lassen. Er soll sich auf sie und nicht auf sein eri-
giertes Geschlechtsteil konzentrieren. Obwohl Klemmer durch
Erikas Bemühungen in Ekstase gerät, ist ihm unwohl dabei,
dass er selber nichts mehr tun soll. Erika nötigt ihn mehrfach
zu schweigen und teilt ihm mit, „dass sie ihm in Zukunft alles
aufschreiben werde, was er mit ihr anfangen dürfe“ (S. 183).
Sie geht absichtlich grob mit Klemmers Penis um. Bevor er
ejakuliert, hört Erika auf und verbietet ihm, sich selbst zu
befriedigen.
Er soll einfach vor der Lehrerin stehen bleiben, bis sie ihm etwas
Gegenteiliges befiehlt. Sie möchte die körperliche Veränderung
an ihm studieren. Sie wird ihn nun nicht mehr berühren, wovon
er ganz überzeugt sein kann. Herr Klemmer bittet zitternd und
wimpernd. … Sein Schwanz schrumpft dabei im Zeitlupentempo
ein. (S. 184)
Wollte Klemmer eigentlich Erika beherrschen, so ist es am
Ende er, der gehorchen muss. Mit heruntergelassener Hose
muss Klemmer in der offenen Klotür stehen. Für Erika ist
dieser Anblick die Krönung ihres Voyeurismus. Je mehr sich
Klemmer in die Rolle des Opfers fügt, desto mehr verkrampft

2. Textanalyse und -interpretation 49


2.2 Inhaltsangabe

sich Erika wieder. Als Klemmer die Toilette und die Schule
verlässt, ist er wieder der Überlegene.

S. 187: Veränderungen bei Erika; Erika und Klemmer in


der Wohnung von Erika und ihrer Mutter
Nach dem sexuellen Erlebnis im Toilettenraum des Konser-
vatoriums fühlt sich Erika verändert: Sie ist plötzlich von Ge-
fühlen beherrscht. Mit den musikalischen Leistungen ihres
Schülers ist sie fortan nicht mehr zufrieden, denn Klemmer
ist im Unterricht durch die „Nicht-Geliebte“ (S. 187) in seinem
Rücken abgelenkt. Beide sehnen sich nach etwas Ähnlichem
und finden doch nicht zueinander:
Walter Klemmer wünscht sich, sie auf den Hals küssen zu
dürfen. Er hat das noch nie getan, aber oft davon gehört. Erika
wünscht sich, ihr Schüler möge sie auf den Hals küssen, doch
sie gibt ihm nicht den Einsatz dafür. … Vielleicht ist es für Erika
noch nicht zu spät, ein neues Leben zu beginnen. (S. 188)
Erika lässt Tiraden voller Hass auf den Schüler los und wirft
ihm seine Jugend, sein gutes Aussehen und seine Oberfläch-
lichkeit vor. Sie misst Klemmer an dem armen, hässlichen, al-
koholkranken Schubert, der nicht einmal ein Klavier besessen
habe. „Wie ungerecht, dass Klemmer lebt und nicht genug übt,
während Schubert tot ist.“ (S. 190) Auch Erikas musikalische
Gewissheiten sind erschüttert. Klemmer bemerkt eine Ver-
änderung in Erikas Musikauffassung, denn plötzlich stelle sie
das Unnennbare, Unfassbare der Musik über die Spieltechnik.
Doch die Streitereien um die Musik sind nur Scheingefechte.
„Lehrerin und Schüler kochen vor Liebe und begreiflicher
Sehnsucht nach noch mehr Liebe.“ (S. 192) Dabei ist Erika
bewusst, dass ein bedeutender Altersunterschied zwischen ihr
und Klemmer besteht.

50 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

Nach dem Unterricht gibt Erika Klemmer einen Brief, in dem


sie ihm den von ihr gewünschten Fortgang ihrer Beziehung
beschreibt. Auch hier zeigt sich ein Unterschied zwischen den
beiden. Ihren Brief darf Klemmer nicht sofort lesen. Klemmer
will das nächste Wochenende mit Erika verbringen, worü-
ber Erika entsetzt ist. Sie vertröstet ihn, er erinnert an ihr
Alter. Zwischen Klemmer und Erika spult sich einerseits das
„Thema junger Mann und alternde Frau“ (S. 194) ab, ande-
rerseits besteht für Klemmer der „nie verblassende Reiz, dass
sie immerhin seine Lehrerin ist!“ (S. 195) Er gefällt sich in der
Überlegenheit seiner Jugendlichkeit und seines körperlichen
Reizes, woraus sich für Erika eine Position der Abhängigkeit
ergebe. „Streitgespräche, in denen er Sieger bleibt, werden
sich von nun an häufen, weissagt er der Geliebten.“ (S. 195)
Klemmer will Erika erobern, er will sie als Trophäe, dann wird
er sie – schon wegen ihres Alters – fallen lassen. „In diesem
Fall: spätere Heirat ausgeschlossen.“ (S. 196) Klemmer verlangt
von Erika als „Liebesprobe“ (S. 196), den folgenden Unterricht
ausfallen zu lassen und mit ihm zu gehen. Erika will nicht,
Klemmer versucht sie mit Appellen an ihre Ehre als Künstlerin
umzustimmen. Die großen Künstler hätten Reglementierungen
immer überwunden. Klemmer ist bewusst, dass Erikas Mutter
ihren Treffen im Wege stehen wird, und schlägt vor, für Schä-
ferstündchen ein kleines Zimmer zu mieten. Als Klemmer ge-
gangen ist, lässt Erika das erste Mal in ihrer Laufbahn eine Un-
terrichtsstunde ausfallen, indem sie Kopfschmerzen vorgibt.
Auf dem Weg nach Hause fühlt sich Erika eingeklemmt zwi-
schen ihrer Mutter und Klemmer.
Einer Beißzange gleich, werden ihre beiden auserwählten Le-
benspartner sie umschließen, diese Krebsscheren: Mutter und
Schüler Klemmer. Beide gemeinsam kann sie nicht haben, aber

2. Textanalyse und -interpretation 51


2.2 Inhaltsangabe

auch nicht einen allein, weil ihr der andere Teil sofort schreck-
lich abginge. (S. 200)
Unbemerkt wird sie von Klemmer verfolgt. Während sie so
durch die Stadt laufen, denkt Erika an eine gemeinsame Zu-
kunft mit Klemmer und ihrer Mutter (S. 203), während Klem-
mer sich ausmalt, wie er endlich mit Erika schläft und sie
„besitzt“ (S. 204).
Erika gibt sich nun viel Mühe mit ihrem Äußeren, sie durch-
lebt eine „Metamorphose“ (S. 206), um Klemmer zu beeindru-
cken. Sie zieht jetzt die Kleider an, die sie früher auf Druck der
Mutter nur im Schrank hängen hatte, kauft Accessoires und
schminkt sich übertrieben. Die Mutter beklagt die Ausgaben
und die Eitelkeit der Tochter. Auch dem Naturburschen Klem-
mer missfällt Erikas Kleidung. Im Treppenhaus von Erikas
Haus holt Klemmer Erika ein. Klemmer fordert ein Treffen zu
zweit, Erika verweist auf ihren Brief, den Klemmer noch nicht
gelesen hat.
Die beiden liebesmäßig miteinander verzahnten Leute täuschen
sich noch vor Beginn der Kampfhandlungen in dem, was sie von-
einander wollen, und in dem, was sie voneinander bekommen
werden. (S. 208)
Während Erika noch immer Angst vor ihrer Mutter hat,
wünscht sie sich, dass Klemmer sie erlöst und „jahrealte
Versteinerungen“ (S. 209) aufweicht. Sie träumt davon, von
Klemmer beherrscht zu werden, um dadurch ihn zu beherr-
schen. Denn nach ihrer Vorstellung gerät Klemmer in ihre
Hand, wenn sie sich ihm ergibt. Erika klingelt und ihre Mutter
fordert sofort, dass Klemmer verschwinden soll. Erika führt
Klemmer an der zeternden Mutter vorbei in ihr Zimmer, das
nicht abschließbar ist. Damit die Mutter nicht herein kann,

52 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

stellen Erika und Klemmer eine Kredenz vor die Tür. Die Mut-
ter sieht kommen, dass Klemmers Verliebtheit vergehen wird.
Sie vermutet, dass er eigentlich nicht die Tochter, sondern
Geld wolle. Sie überlegt sogleich, dass sie die Tochter für den
Besuch von Klemmer dadurch strafen wird, dass sie androht,
ins Altenheim zu gehen. Außerdem will sie beim abendlichen
Fernsehen schweigen. Sie versucht ihre Tochter und Klemmer,
die im verbarrikadierten Zimmer sitzen und reden, zu belau-
schen. Die Mutter versteht aber nichts, und so geht sie ins
Wohnzimmer und betrinkt sich mit Likör.

S. 215: Erikas Brief an Klemmer; Sehnsucht nach


Schmerz und Demütigung
Hinter der verbarrikadierten Tür von Erikas Zimmer sind Erika
und Klemmer nun allein. Das Kräfteverhältnis zwischen den
beiden hat sich nach Erikas Machtübernahme in der Schüler-
toilette des Konservatoriums nun wieder zugunsten Klemmers
verschoben, denn Erika ist in dem Zimmer seine Gefangene.
Alleine könnte sie den Schrank nicht von der Tür wegbewe-
gen. Und Erika genießt diesen Zustand:
Sie will nur Instrument sein, auf dem zu spielen sie ihn lehrt.
Er soll frei sein, sie aber durchaus in Fesseln. Doch ihre Fesseln
bestimmt Erika selbst. Sie entscheidet, sich zum Gegenstand, zu
einem Werkzeug zu machen; Klemmer wird sich zur Benützung
dieses Gegenstands entschließen müssen. (S. 216)
Den Brief, den Erika Klemmer im Konservatorium gegeben hat,
hat Klemmer noch nicht gelesen. In diesem Brief beschreibt
Erika detailliert, wie Klemmer ihr körperliche Gewalt antun
soll. Zugleich sehnt sie sich nach einer Liebe Klemmers, die
Gewalt ausschließt. Sie fordert deshalb, dass er ihren Brief end-
lich lese, und hofft dennoch, „dass ihr erspart bleibe, was sie in

2. Textanalyse und -interpretation 53


2.2 Inhaltsangabe

dem Brief verlangt“ (S. 216). Während Erika erst – in Anspie-


lung auf Fontanes Roman Irrungen, Wirrungen (1888) – „nach
einer Irrung und nach Wirrnissen geliebt werden“ (S. 216)
will, will Klemmer keine Briefe lesen, sondern zur sexuellen
Hauptsache kommen: „Jetzt sind wir einmal allein, fangen
wir an!“ (S. 217) Immer wieder hält er ihr vor Augen, dass sie
als Frau für seine sexuelle Erregung zuständig sei. „Man muss
sich als Frau eben abwechslungsreich zubereiten können.“
(S. 217) Schließlich liest er Erikas Brief, um endlich zu seinem
sexuellen Ziel zu kommen. Er ist entsetzt, „als Mensch kann er
sie jetzt nicht mehr recht sehen“ (S. 218), denn Erika verlangt,
dass er sie fesselt, mit Stricken und Ketten zusammenschnürt.
„Er soll ihr seine Knie dabei in den Leib bohren, bitte sei so
gut.“ (S. 219) Klemmer beginnt zu lachen, weil er Erikas Be-
dürfnis nach Schmerzen nicht ernst nehmen kann. Mehr noch:
Erika wird ihm ernsthaft unheimlich. Seine Grenzen beginnen
da, wo Schmerzen empfunden werden. „Erika wünscht, dass
Walter Klemmer an ihr eine Quälerei vollzieht. Klemmer will
an Erika keinerlei Quälerei vollziehen“ (S. 226). Er hält Erika
für verrückt, für einen „klinischen Fall“ (S. 221).
Klemmer ist irritiert davon, dass Erikas Wunsch, von ihm
überwunden und bezwungen zu werden, ein Versuch ihrer
Befreiung ist:
Hat er recht verstanden, dass er dadurch, dass er ihr Herr wird,
ihrer niemals Herr werden kann? Indem sie bestimmt, was er
mit ihr tut, bleibt immer ein letzter Rest von ihr unergründlich.
(S. 219)
Was Klemmer neben allem Abscheu von Erikas Vorschlägen
abhält, ist die Überzeugung, dass er von ihren Schmerzen
nichts hat. Und so begründet er seine Ablehnung dieser Wün-
sche damit, dass das Zufügen von Schmerzen seiner Vorstel-

54 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

lung von Liebe widerspräche: „Ich liebe dich so sehr, spricht


Klemmer, dass ich dir niemals weh tun könnte, nicht einmal
um den Preis, dass du es wünschst.“ (S. 223) Während Erikas
Mutter draußen gegen die Tür hämmert, bittet Erika Klemmer
mehrfach darum, dass er sich nicht um die Mutter kümmere.
Klemmer unterbricht immer wieder die Lektüre des Briefes,
in dem Erika ihre Qualen gedanklich minutiös vorwegnimmt,
detailliert schildert und Anleitungen zu ihrer Realisierung gibt,
und will endlich Körperlichkeit. „Lesen ist kein Ersatz, flucht
der Mann unflätig.“ (S. 228)
Doch mit zunehmender Lektüre gerät Klemmer in den Bann
von Erikas Fantasien: „Stimmt es wirklich, wie es hier steht,
dass sie ihm die Zunge in den Hintern stecken muss, wenn er
rittlings auf ihr sitzt.“ (S. 229) Als Klemmer den Brief zu Ende
gelesen hat, wünscht sich Erika eine gefühlsmäßige Antwort
von ihm, doch er straft sie mit Schweigen. Erika schlägt einen
erotischen Briefwechsel vor, dessen Anfang ihr Brief gewesen
sei. Erika rudert zurück und wünscht sich Zärtlichkeit. „Die
Frau sehnt sich, dass er sie heftig küsst und nicht schlägt.“
(S. 232) Und doch bleibt sie dabei, dass Klemmer Macht über
sie bekommen soll. Ihre Wünsche sind ambivalent:
Sie wünscht sich innigst, dass er, anstatt sie zu quälen, die Liebe
in der österreichischen Norm an ihr tätigt. Wenn er sich leiden-
schaftsmäßig an ihr ausließe, stieße sie ihn mit den Worten: zu
meinen Bedingungen oder gar nicht zurück. (S. 234)
Klemmer beschimpft und verspottet Erika und gibt seiner Ver-
achtung Ausdruck. Er erklärt die Liebesbeziehung für beendet
und verlässt grußlos die Wohnung.

2. Textanalyse und -interpretation 55


2.2 Inhaltsangabe

S. 235: Erika vergewaltigt ihre Mutter


Erika legt sich nach der Auseinandersetzung mit Klemmer
in ihrem Zimmer zu ihrer von Likör betrunkenen Mutter ins
Ehebett, in dem der einzige Geschlechtsverkehr zwischen ih-
ren Eltern stattgefunden hat und wo sie auch für gewöhnlich
schläft. Die Mutter erwacht und droht Erika Konsequenzen
ihres ungezogenen Verhaltens an, „zum Beispiel ein eigenes
Bett für Erika!“ (S. 236) Erika küsst wild auf die Mutter ein,
die sich wehrt, doch Erika ist stärker. „Erika saugt und nagt an
diesem großen Leib herum, als wollte sie gleich noch einmal
hineinkriechen, sich darin verbergen.“ (S. 237) Die Mutter
schlägt auf Erika ein, um sich gegen Erikas Liebessturm zu
wehren. Sie ist entsetzt über die Perversion der Tochter und
hält sie für verrückt. Bei dem Kampf hat Erika das Schamhaar
ihrer Mutter sehen können, worüber sie sehr glücklich ist.
Schließlich schlafen die beiden Frauen – wie gewohnt – dicht
an dicht ein.

S. 239: Erika zerrt Klemmer in die Besenkammer; unbe-


friedigt gehen sie auseinander
Obwohl Klemmer durch Erikas Bedürfnis nach Qual anschei-
nend abgestoßen war, ist er nun doch beeindruckt, weil Erika
ihre Grenzen zu überschreiten bereit ist. Er erwägt die Chan-
cen eines solchen Abenteuers mit Erika für sein eigenes Leben.
Nachdem er gegenüber Erika erklärt hatte, dass Schmerz und
Liebe für ihn unvereinbar seien, sieht er die Geschichte nach
einigen Tagen Bedenkzeit als Prüfung, die er stolz ablegen will,
„er wird sie vielleicht beinahe töten!“ (S. 240) Sein sportlicher
Ehrgeiz ist durch Erika erneut angestachelt: „jetzt möchte er
ein Hochleistungsgeliebter werden, die Frau fordert ihn dazu
heraus.“ (S. 241)

56 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

Um Erika zu strafen und herauszufordern, bleibt er dem Kla-


vierunterricht unentschuldigt fern und besucht stattdessen
die benachbarte Klarinettenklasse, darauf hoffend, „dass die
Frau ihm daraufhin schamlos nachstellt“ (S. 240). Tatsächlich
erscheint Erika dort nach mehreren Tagen in neu gekaufter
teurer Wanderausrüstung, um mit ihm die versprochene Wan-
derung zu unternehmen. „Erika hat den Plan, sich dem Mann
in winzigen Gabelbissen zuzuteilen.“ (S. 243) Weil Klemmer
zwar sexuelles Interesse hat, aber sein Judo-Training nicht
versäumen möchte, schlägt er vor, „es an Ort und Stelle zu tun“
(S. 244). Erika zerrt Klemmer in eine Besenkammer, sinkt vor
ihm auf die Knie und küsst ihn, umgeben von dem Gestank
der Putzmittel. Die demütige Pose seiner Lehrerin ist Klem-
mer unangenehm. Während Erika dabei grenzenlose Hingabe
verspricht und ihre Liebe erklärt, hält sich Klemmer zurück.
„Erika beschreibt, wie weit sie unter diesen oder jenen Um-
ständen gehen möchte, und Klemmer plant doch höchstens
einen Rundgang durch den Rathauspark im mäßigen Tempo.“
(S. 245)
Erika ist für Klemmer eine Liebeslawine, der er nicht gewach-
sen ist. Er hat Angst. „Er fürchtet sich vor den so lang unge-
lüfteten Innenwelten dieser Klavierlehrerin. Sie wollen ihn
ganz verzehren!“ (S. 246) Er wird panisch, als sein Penis nicht
steif wird. Ungeschickt ahmt Erika Handlungen nach, die sie
aus den Pornofilmen kennt, aber „Klemmer kann nicht, weil
er muss.“ (S. 246) Eigentlich ist Klemmer jetzt am Ziel seiner
Wünsche: Endlich bietet Erika ihm an, was er die ganze Zeit
über wollte. Er wollte die Lehrerin erobern und empfindet nun
keine Leidenschaft, weil er hinter ihren leidenschaftlichen
Versprechungen „den Befehl dahinter als Zwischenton her-
aushört“ (S. 247). Das Lehrer-Schüler-Verhältnis, das ihn zu-
erst so erregte, steht nun zwischen ihnen. Das Nichtgelingen

2. Textanalyse und -interpretation 57


2.2 Inhaltsangabe

des körperlichen Aktes ist für Erika der tiefste Liebesbeweis,


während Klemmer wegen seiner Unfähigkeit tobt. Er fährt
fort, seinen schlaffen Penis in ihren Mund zu stoßen. Dabei
schwärmt er von dessen eigentlicher Größe. Erika beginnt sich
selbst für Klemmers Versagen die Schuld zu geben. Sie muss
sich übergeben, Klemmer reagiert schroff: Die Lehrerin stin-
ke unerträglich nach Fäulnis. „Er empfiehlt ihr herzlich, die
Stadt zu verlassen.“ (S. 251) Auf dem Gang treffen Erika und
Klemmer auf den Direktor des Konservatoriums, der in Klem-
mer den Solisten des nächsten Abschlusskonzerts sieht. Erika
macht Klemmers musikalische Leistungen vor dem Direktor
schlecht: Klemmer habe an Fleiß und Eifer nachgelassen.
Zu Hause ist Erika von dem Erlebnis mit Klemmer enttäuscht:
„Sie wollte über ihren Schatten springen und konnte es nicht.“
(S. 253) Mit Wäscheklammern und Stecknadeln fügt sie sich
Verletzungen zu. „Sie spickt sich mit Haus- und Küchengerät.“
(S. 253) Sie stellt sich vor den Spiegel und sticht weinend in die
letzten freien Stellen ihres Körpers. Dann nimmt sie Klammern
und Nadeln wieder ab und geht zu ihrer Mutter.

S. 254: Klemmer ist frustriert und will töten


Nach dem für beide Seiten enttäuschenden sexuellen Erlebnis
mit Erika ist Klemmer wütend und beleidigt. Um sich abzu-
regen, will der sonst friedliebende Klemmer im Park einen
Flamingo töten.
Klemmer, in der Grauzone seines maßlosen Zorns, sucht je-
mand, der ihm endlich einmal nicht widerspricht. Daher sucht
er jemand, der ihn nicht versteht. Der Vogel flüchtet möglicher-
weise, doch er macht keine Widerrede. (S. 256 f.)
Klemmer hofft darauf, dass sein „Vandalenakt“ in der Zeitung
stehen wird. Dann will er Erika mit dem Artikel über sein

58 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

„Vernichtungswerk“ beweisen, dass er töten kann. „Dann kann


man das Leben der Geliebten gleichfalls brutal zerstören. Le-
bensfäden kann man abschneiden.“ (S. 257) Auf seiner nächt-
lichen Suche nach einem Flamingo im Park bekommt Klem-
mer Angst, dass er Opfer eines Raubüberfalls werden könnte.
Er scheucht ein jugendliches Liebespaar auf. Klemmer erwägt,
mit einem Knüppel auf das Paar einzuschlagen. „Herr der
Situation ist er. Verständnis kann er erklären oder als Rächer
gestörten Parkfriedens und verderblicher Jugend auftreten.“
(S. 260) Das Paar hat Angst vor dem Fremden. Nachdem die
beiden geflohen sind, trampelt Klemmer auf einer zurückgelas-
senen Jacke herum. „In seinen Eingeweiden ein schwebender
Ballon von Gewalt.“ (S. 261) Im Zustand dieses Gefühls geht
Klemmer zu Erikas Haus. Statt zu klingeln, stellt er sich in eine
Nische und masturbiert mit Blick auf Erikas Fenster.

S. 264: Klemmer verprügelt und vergewaltigt Erika in


ihrer Wohnung
Klemmer fühlt sich von Erika missbraucht, weil sie ihn nicht
zum Orgasmus gebracht hat. „Er erfährt an seinem Leibe, und
sie soll es am eigenen Leib erfahren, was es heißt, Spiele ohne
Ziele mit ihm zu treiben.“ (S. 264) Während Klemmer sich vor-
stellt, Erika zu vergewaltigen, träumt sie davon, dass „der Mann
sie im Sturm erobern möge“ (S. 265). Als Klemmer nachts an-
ruft, hält Erika das für einen romantischen Ausdruck seiner
Liebe. Ihre gefühlsmäßige Distanz zur Mutter wächst. Erika
denkt an den möglichen Tod ihrer Mutter und daran, eine neue
eigene Wohnung zu beziehen. Dass Klemmer sie nachts noch
besuchen will, ist Erika nicht recht, denn sie hatte eine andere
Vorstellung vom Verlauf ihrer Beziehung. „Man wird diskutie-
ren, ob die Beziehung ewig halten wird, dann wird man die
Beziehung eingehen.“ (S. 266) Sie öffnet ihm die Tür.

2. Textanalyse und -interpretation 59


2.2 Inhaltsangabe

Erika spielt Klemmer gegenüber ihren Brief nun zu einer


Dummheit herunter und möchte ihn ungeschehen machen.
Es kommt zum Wortgefecht, Erikas Mutter wacht auf und
kommt hinzu. Klemmer schlägt Erika. Als die Mutter die Poli-
zei rufen will, wird sie von Klemmer zu Boden gestoßen und
in ihr Zimmer gesperrt. „Erika greint, so habe ich mir das
nicht vorgestellt.“ (S. 270) Sie meint damit ihre Wünsche nach
körperlichem Schmerz, die sie Klemmer brieflich mitgeteilt
hat. „Ins Gesicht wird sie zum wiederholten Male geschlagen,
obwohl sie sagt, bitte nicht auf den Kopf! Sie hört etwas über
ihr Alter, das mindestens fünfunddreißig beträgt, ob sie will
oder nicht.“ (S. 270) Während Klemmer aus zurückgewiesener
Liebe immer gewalttätiger wird, möchte Erika den Schmerz
„aus dem Repertoire von Liebesgesten“ (S. 271) nun gestrichen
sehen. Sie habe es sich anders überlegt. Klemmer beruft sich
jedoch auf den Brief. Er führe nur ihre Befehle aus. Unter
seinen Schlägen beginnt Erika zu bluten. Klemmer rechtfertigt
sich: „Wenn du nicht Opfer wärst, könntest du keins werden!“
(S. 272) Neben den Schlägen demütigt Klemmer Erika mit
Worten. Er verhöhnt sie wegen ihres Alters und verleugnet
seine Zuneigung.
Zwecks Weiterkommens in Leben und Gefühlen muss die Frau
vernichtet werden, die über ihn gelacht hat, zu Zeiten, da sie
noch leicht triumphierte! Sie hat ihm Fesselung, Knebelung und
Vergewaltigung zugetraut und zugemutet, jetzt erhält sie, was sie
verdient. (S. 273)
Hinter der Tür zetert Mutter Kohut. Für die ganze Situation
und seinen Gewaltausbruch gibt Klemmer Erika die Schuld.
Lüstern dringt Klemmer in Erika ein. Erika empfindet dabei
nicht die Lust, die sie sich ersehnt, und bittet ihn aufzuhören.
„Er schreit sie an, sie solle ihn freudig aufnehmen!“ (S. 277)

60 2. Textanalyse und -interpretation


2.2 Inhaltsangabe

„Er bittet: liebe mich, er schleckt an ihr und schlägt abwech-


selnd.“ (S. 278) Nachdem er ejakuliert hat, entschuldigt sich
Klemmer für sein Benehmen. Er verlässt die Wohnung bester
Stimmung.

S. 279: Mutter Kohut würde Erika ausziehen lassen; Eri-


ka hat Mordgedanken gegen Klemmer; Selbstverletzung
Am nächsten Tag hat die Mutter Erikas Wunden versorgt. Von
einer Anzeige gegen Klemmer sehen die Frauen ab. Die Mutter
fordert ihre Tochter auf, neue Bekanntschaften zu schließen.
„Die Mutter hält ihrem schweigenden Kind rechnerisch vor,
immer mit mir alter Frau zusammen ist nicht gut, du junger
Übermut.“ (S. 280) Die Mutter versucht Erika abzulenken und
schlägt einen Ausflug vor. Erika hört nicht zu. „Die Tochter
weiß noch nicht, ob sie einen Mord begehen wird oder sich
dem Mann lieber küssend zu Füßen werfen.“ (S. 281) Mit
einem Küchenmesser verlässt Erika in einem zu kurzen, zu
engen und altmodischen Kleid die Wohnung. Auf der Straße
wird sie ausgelacht. Vor der technischen Hochschule sieht
Erika Klemmer mit einem blonden Mädchen im Kreis von
Kommilitonen. Erika hat den Wunsch, sich zu erstechen, doch
fehlt ihr dazu die Kraft. Stattdessen sticht sie sich in die Schul-
ter, als die Studenten ins Gebäude gegangen sind. Blutend geht
Erika nach Hause. „Sie geht und beschleunigt langsam ihren
Schritt.“ (S. 285)

2. Textanalyse und -interpretation 61


2.3 Aufbau

2.3 Aufbau20

20 � ������
Diese Übersicht der Themen des
���������� ����������� �����������
Romans basiert auf: Anja Meyer: Elfriede
�������� ����� ����� ������� Jelinek in der Ge-
schlechterpresse, S. 50–55.

62 2. Textanalyse und -interpretation


2.3 Aufbau

Der Roman umfasst zwei Teile. Im Mittelpunkt des ersten


Teils steht die symbiotische Beziehung zwischen Erika Kohut
und ihrer Mutter. Das erotische Verhältnis der Klavierlehrerin
zu ihrem Schüler Walter Klemmer bildet das Zentrum des
zweiten Teils. Beide Teile sind durch Leerzeilen in Abschnitte
unterschiedlichen Umfangs untergliedert, die mit größeren
Anfangsbuchstaben als gewöhnlich beginnen. An diesen Ab-
schnitten ist auch die Inhaltsangabe in dem vorliegenden Band
orientiert. Bei manchen Absätzen innerhalb der Abschnitte
erscheint die erste Zeile eingerückt.
Die Handlung des Romans Die Klavierspielerin ist vergleichs-
weise einfach. Im Unterschied zu anderen Romanen von El-
friede Jelinek ist sie außerdem relativ linear erzählt, insbeson-
dere die Ereignisse zwischen Erika und Klemmer. Einleitend
werden Mutter und Tochter Kohut als Hauptfiguren vorgestellt
sowie ihre Erfahrungen und Beziehungen geschildert. Dann
tritt mit Walter Klemmer eine Veränderung in ihr Leben. Das
Ende bleibt weitgehend offen. Diese schlichte Struktur schließt
jedoch nicht aus, dass der Roman Vor- und Rückblenden ent-
hält und die zeitliche Ordnung gelegentlich unklar bleibt.
Die Darstellungsweise hat Ähnlich-
Filmische Darstellungsweise
keit mit einem Film: Figuren werden
handelnd gezeigt, unvermittelte Schnitte machen aus Absät-
zen Szenen, wie bei einer Kamerafahrt wird die Perspektive
gewechselt. Diese Visualität hat zwei verschiedene Gründe:
Das Schauen ist auch Erikas Leidenschaft. Sie will nicht mit-
machen, sondern von außen zugucken. In der Art, wie in dem
Roman Bilder beschrieben werden, wird außerdem die Ober-
flächlichkeit der erzählten Welt besonders deutlich.

2. Textanalyse und -interpretation 63


2.3 Aufbau

Die Beziehung von Erika Kohut und Walter Klemmer:


Klemmer verliebt sich in Erika, will die Lehrerin er­obern,
an ihr seine Fähigkeiten als Liebhaber schulen, um sie
dann fallen zu lassen;
Kammermusikabend: intellektuelle Annäherung auf mu-
sikalischem Gebiet;
Erikas Zuneigung zu Klemmer wächst;
Konservatorium: Erika verübt aus Eifersucht mit Glas-
scherben ein Attentat auf eine Schülerin;
Schülerinnentoilette des Konservatoriums: Klemmer be-
stürmt Erika, sie verhindert seinen Orgasmus;
Erikas Brief, in dem sie Klemmer um Erniedrigung und
Schmerzen bittet;
Erikas Zimmer: Erika und Klemmer verbarrikadieren
sich vor der Mutter, Klemmer verhöhnt Erika wegen ih-
res Briefes;
Besenkammer im Konservatorium: Erika will sich Klem-
mer sexuell hingeben, Klemmer versagt sexuell;
Aus Wut über seine sexuelle Schmach vergewaltigt Klem-
mer Erika;
Erika sucht Klemmer mit einem Messer auf, sticht sich
aber schließlich selbst in die Schulter.

64 2. Textanalyse und -interpretation


2.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

2.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

2.4.1 Erika Kohut


Anders als der Titel des Romans vermuten lässt, ist Erika Ko-
hut keine berühmte Pianistin, sondern
Klavierlehrerin
eine Klavierlehrerin am Wiener Kon-
servatorium. Ein einziger Patzer der jugendlichen Klavierspie-
lerin bei einem bedeutenden Wettbewerb kostete sie die Aus-
sicht auf eine Karriere als Konzertpianistin, die ihre ehrgeizige
Mutter für sie vorgesehen hatte. Seit früher Kindheit wurde
Erika zur Musikerin gedrillt: Zuerst hat sie Geige, Bratsche
und Flöte (S. 18) gelernt. Während Gleichaltrige miteinander
spielten oder erste Erfahrungen mit der Liebe machten, muss-
te Erika stets das von der Mutter vorgegebene und überwachte
Pensum am Klavier ableisten.
An keiner Stufe, die Erika erreicht, ist es ihr gestattet auszu-
ruhen ... Was Erika tut, tut sie ganz. Keine Halbheiten, hat
die Mutter immer gefordert. Keine Verschwommenheiten. Kein
Künstler duldet etwas Unfertiges, Halbes in seinem Werk. ...
Lieber den Gipfel der Kunst als die Niederungen des Geschlechts.
(S. 28, 59 und 199)
Erika ist 36 Jahre alt (S. 192) und lebt mit ihrer Mutter in einer
symbiotischen Beziehung: Seitdem der Vater verrückt gewor-
den und von Frau und Tochter in einem psychiatrischen Kran-
kenhaus untergebracht worden ist, teilt Erika das Ehebett mit
ihrer Mutter. Und auch tagsüber darf
kein eigenständiges Leben
Erika kein eigenständiges Leben füh-
ren. Sie pendelt zwischen ihrer Arbeit im Konservatorium und
der mütterlichen Wohnung. Andere Kontakte hat sie kaum.
Trifft sie sich doch einmal mit Kollegen, macht die Mutter dort

2. Textanalyse und -interpretation 65


2.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

Kontrollanrufe. Erika wehrt sich nur vorsichtig, wie ein Kind


eben, das die Liebe der Eltern um keinen Preis verlieren will,
gegen die Herrschaft ihrer Mutter. Im Alltag kleidet Erika sich
auf Druck der Mutter altmodisch und dezent. Heimlich und
gegen den Willen der Mutter kauft sie sich aber manchmal
neue Kleider, die sie allerdings nie tragen, sondern nur im
Schrank bewundern darf. Überhaupt
Schaulust
ist das Schauen Erikas große Lust. Sie
besucht Porno-Kinos und beobachtet im Prater Liebespaare.
Zur Musik hat Erika in erster Linie ein professionelles Ver-
hältnis. Ihre Leidenschaft konzentriert sich auf das fehler-
freie Spiel durch perfekte Körperbeherrschung. Ihre Idole sind
Schumann und Schubert (vgl. S. 75), aber auch Brahms und
Beethoven. Sie erhofft sich eine Erhöhung des körperlichen,
tierischen Menschen zur Göttlichkeit durch die Musik.
Was nötig wäre, ist eine Musik, bei der man das Leiden vergisst.
Das animalische Leben! soll sich vergöttlicht fühlen. (S. 116)
Die Musik ist für Erika eine besondere Weihe, die man sich
mühsam verdienen muss. Nur eigenes
Musik und Leid
Leid berechtige und befähige zum Ver-
ständnis großer Musik, die ihrerseits Ausdruck des Leidens der
Komponisten sei.
Ihren Schülern ist Erika musikalisch und hierarchisch über-
legen und im Unterricht kostet sie ihre Vorrangstellung auch
weidlich aus. In den Stunden macht sie lange Ausführungen
über das Leben und Leiden der Komponisten sowie über die
Interpretation und Bedeutung ihres Werks, um die Schüler
zu erniedrigen. Zwar spielt Erika gelegentlich auch selber bei
Hauskonzerten vor Publikum, noch häufiger und vor allem
lustvoller jedoch redet und urteilt sie über Musik und Musi-
ker.

66 2. Textanalyse und -interpretation


2.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

Erika spürt das Prickeln zwischen ihren Beinen, das nur der
von Kunst und für Kunst Ausgewählte fühlt, wenn er über Kunst
spricht … (S. 104)
In Beziehungen zu Erwachsenen, in Liebesbeziehungen, die in
dem Roman nur als hierarchische, in dem Muster von Über-
und Unterordnung vorkommt, ist Eri-
stets die Schwächere
ka stets die Schwächere. Von Männern
wurde sie oft als Sexobjekt missbraucht, von der eigenen Mut-
ter wird sie als formbarer Lehmklumpen betrachtet. Erika ent-
wickelt starke Aggressionen gegen sich selbst: Mit Rasierklin-
gen fügt sie sich Schnittwunden zu, auch im Genitalbereich.
Für einen Moment sieht es so aus, als würde Erika endlich
einmal selbst herrschen, als würde sie selbst die Stärkere sein:
In der Toilette des Konservatoriums hat sie den jungen, sport-
lichen Klemmer am Haken. Der will die ältere Lehrerin er­
obern, wie er mit seinem Paddelboot wilde Bäche bezwingt. Er
glaubt, dass sie wegen ihres Alters in Liebesdingen anspruchs-
los sein müsse. In dieser Lage folgt er ihr auf die Schülertoi-
lette. Wie von Klemmer angestrebt und von Erika insgeheim
gewünscht, kommt es zu einem sexuellen Kontakt. Als Klem-
mer kurz vor dem Orgasmus ist, bekommt Erika Macht über
ihn, indem sie aufhört, ihn zu masturbieren. Klemmer winselt
um Befriedigung, Erika lässt ihn zappeln und bringt damit den
Klavierschüler in ihre Gewalt.
Sie schreibt dem Schüler einen Brief, in dem sie darum bittet,
erniedrigt und gedemütigt zu werden. Der Grund für ihr Be-
dürfnis nach Schmerz, für ihren Maso- Bedürfnis nach Schmerz
chismus ist typisch für Erikas Charak-
ter: „Sie möchte von äußerlich anzuwendenden Hilfsmitteln
Verantwortlichkeiten abgenommen kriegen.“ (S. 218) Freiheit
ist für sie das Ergebnis totaler Beherrschung, „Höhepunkt aller

2. Textanalyse und -interpretation 67


2.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

denkbaren Gehorsamkeiten“ (S. 108). Durch ihren Brief bringt


Erika sich Klemmer gegenüber wieder in eine unterlegene Po-
sition. Klemmer hat nur Verachtung für Erikas Sehnsüchte üb-
rig, die er als Perversion empfindet. Einmal kommt Klemmer
in die Wohnung von Erika und ihrer Mutter. Erika und Klem-
mer verschanzen sich in Erikas Zimmer. Erika möchte ihren
Brief am liebsten ungeschehen machen, weil sie sich eigentlich
ebenso wie nach Unterordnung auch nach echter Liebe sehnt.
Ein weiterer Versuch sexuellen Verkehrs scheitert, weil Klem-
mer in der Besenkammer des Konservatoriums keine Erektion
bekommt. Als Strafe dafür vergewaltigt er später Erika in ihrer
Wohnung. Mit Mordgedanken sucht Erika Klemmer auf und
verletzt sich schließlich selbst mit dem Messer.
In der Beziehung zu Klemmer wächst Erika über sich hinaus:
Sie macht vorsichtige Versuche, Ver-
Autoaggression
bote ihrer Mutter zu ignorieren und
sogar ihre eigenen lästigen Grenzen zu überwinden. Am Ende
aber verläuft auch dieses Abenteuer nach dem bekannten
Muster: Die Männer werfen Erika nach Gebrauch weg, ihre
Aggression wendet Erika gegen sich selbst.

2.4.2 Mutter Kohut


Erikas Mutter ist herrschsüchtig, gei-
herrschsüchtig, geizig und �
zig und männerfeindlich. Ihre einzige
männerfeindlich
Tochter hat sie in fortgeschrittenem
Alter bekommen. Ihr Mann hatte damit nach „vielen harten
Ehejahren“ (S. 7), genauer gesagt nach „zwanzigjähriger Ehe“
(S. 17), seine Pflicht erfüllt und wurde verrückt. Später brin-
gen Mutter und Tochter Kohut den Mann in eine geschlossene
Anstalt. In der Tochter sieht sie ein Mittel des gesellschaft-
lichen Aufstiegs aus dem Wiener Kleinbürgertum. Die Mut-

68 2. Textanalyse und -interpretation


2.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

ter betrachtet Erika als formlose Materie, die erst durch ihre
Einwirkung zum Menschen wird. Sie lebt für ihre und von
ihrer Tochter und sonnt sich in deren Erfolgen. Ihre eigene
Bedeutungslosigkeit will die Mutter durch die Überhöhung
ihrer Tochter kompensieren. Damit Erika erfolgreich ist, wird
sie streng gedrillt und überwacht. Alle Abwege vom Ziel einer
Weltkarriere als Pianistin, das die Mutter vorgezeichnet hat,
verbietet die Mutter. Dazu gehört der Kontakt mit Gleichalt-
rigen und mit Männern ebenso wie das Tragen modischer
Kleidung. Mutter Kohut ist von Missgunst beherrscht, überall
wittert sie Konkurrenz für ihre Tochter, die es – gerne auch
mit unlauteren Mitteln – auszuschalten gilt. Neben all ihrer
Gefühllosigkeit und Grausamkeit gegen die Tochter sorgt die
Mutter durchaus für das körperliche Wohl ihres Kindes.
Wenn Erika nächtlich noch einen Wunsch hat, wird er erfüllt,
soweit es von außen her möglich ist. Die Innenwünsche soll
Erika bei sich behalten, hat sie es nicht warm und gut daheim?
(S. 156)
Hier zeigt sich auch die Unfähigkeit der Mutter, die Gefühle
der Tochter wahrzunehmen und selbst Gefühle zu haben.
Durch Komplimente und den unbedingten Glauben an die Ein-
zigartigkeit der Tochter bindet die Mutter Erika an sich. „Die
Mutter sagt, Erika ist die Beste. Das ist das Lasso, mit dem sie
die Tochter fängt.“ (S. 224) Doch nicht
Ausbeutung der Tochter
nur emotional beutet Erikas Mutter
ihre Tochter aus. Mit Erikas Einkommen als Klavierlehrerin
bestreiten die Frauen ihren Lebensunterhalt. Auf Wunsch der
Mutter muss jeder Groschen für den Kauf einer Eigentums-
wohnung gespart werden. Geiz ist nicht nur in finanzieller
Hinsicht eine Charaktereigenschaft der Mutter Kohut: „Wir
nehmen keinen Gefallen an und erweisen auch selbst keinen.“

2. Textanalyse und -interpretation 69


2.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

(S. 76) Auch in der geplanten Neubauwohnung wird Erika mit


der Mutter im gemeinsamen Bett schlafen. „Doch von einem
Tochterbett kann nicht die Rede sein. Ein bequemer Fauteuil
wird das Äußerste an Zugeständnissen sein.“ (S. 157)
Gelegentlich begleitet die Mutter Erika zu Hauskonzerten,
macht sich dort unbescheiden über das Buffet her und über-
zieht alle Künstler außer ihrer Tochter mit Spott und Miss-
gunst. Die meiste Zeit verbringt sie aber zu Hause. Während
sie auf die Rückkehr der Tochter wartet, sieht die Mutter fern.
„Nach Beendigung des Films im Fernsehen gibt es niemand
mehr, mit dem sie sich unterhalten kann.“ (S. 154) Sie entwi-
ckelt eine Neigung zum Likör, als sich Erika näher auf den
Klavierschüler Klemmer einlässt. In Bezug auf ihn empfindet
Erikas Mutter sofort Eifersucht und Konkurrenz.

2.4.3 Walter Klemmer


Walter Klemmer ist ein sehr guter Schüler von Erika Kohut am
Konservatorium. Eigentlich studiert der junge Mann Elektro­
technik und wohnt bei seinen Eltern (S. 127). Für den dauer­
haften Besuch des Klavierunterrichts – sonst zeigt er in solchen
Dingen „wenig Ausdauer“ (S. 241) – hat er sich nur entschieden,
weil er von Erika Kohut beeindruckt ist und sich entschlossen
hat, sie zu erobern. Das Verhältnis von Schüler und Lehrerin
macht den besonderen Reiz für ihn aus, das wesentlich höhere
Alter der Lehrerin – er ist 26 Jahre alt, also zehn Jahre jünger
als Erika (S. 171) – senkt seine Hemmschwelle, weil er da-
von ausgeht, dass Erika in ihrem Alter
ambivalentes Verhältnis zu Erika
emotional wie sexuell nicht mehr an-
spruchsvoll sein dürfe. Sein Verhältnis zu Erika ist ambivalent.
Je nachdem, wie Klemmer Erikas Alter oder ihre Klavierkunst
betrachtet, fühlt er sich über- oder unterlegen. (S. 171)

70 2. Textanalyse und -interpretation


2.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

Klemmer ist ein ehrgeiziger Sportler, er paddelt im Wildwas-


ser, und auch die Liebe sieht er als einen Wettkampf: „Die Jagd
ist für den Mann das größere Vergnügen als die unausweich-
liche Vereinigung.“ (S. 170) Wie im Sport und der Kunst geht
es ihm auch in der Liebe um Sieg oder Niederlage. „Es ist auf
einem Klo! geschehen. Da es für ihn keine Ruhmestat war,
schweigt er indessen still. Er kann es später für die Nachwelt
lügnerisch hinbiegen, dass er bei dem Kampf gewonnen hat.“
(S. 198) Erika ist in seinem Leben nur eine Episode. Nachdem
er sie misshandelt und vergewaltigt hat, um sie aus Rache zu
vernichten (S. 273), wendet er sich wieder seinem Alltag zu,
als wäre nichts geschehen, denn er hat ein „Einweg-Gehirn“
(S. 279).
Klemmer hat ein Weltbild, das Nietzsche entlehnt ist. Schein
und Lüge zieht er der Wirklichkeit vor.
Schein geht entschieden vor Sein, spricht Klemmer. Ja, die Re-
alität ist wahrscheinlich einer der schlimmsten Irrtümer über-
haupt. Lüge geht demnach vor Wahrheit, folgert der Mann aus
seinen eigenen Worten. Das Irreale kommt vor dem Realen.
Und die Kunst gewinnt dabei an Qualität. (S. 120)
2122

21
22

2. Textanalyse und -interpretation 71


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

1. Teil
S. 16 Heiligenstädter Testament von Beethoven: Brief mit
melancholisch-depressivem Grundton aus dem Jahr
1802, in dem Ludwig van Beethoven gegenüber sei-
nen Brüdern seine Verzweiflung über seine immer
stärker werdende Gehörlosigkeit ausdrückt.
S. 16 Postament: Sockel
S. 20 Injurien: Beleidigung
S. 23 das Erschrecken und den Schauder: Mit ‚eleos’ und
‚phobos’ („Jammer und Schaudern“) beschreibt der
antike Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) in sei-
ner Poetik die Wirkung von Tragödien auf die Zu-
schauer, durch die die ‚Katharsis’ („Läuterung“) des
Publikums bewirkt werde.
S. 24 Kantilenen: getragene, liedartige Melodie (lat. canti-
lena „Liedchen“)
S. 26 Faschiermaschine: Fleischwolf
S. 27 Fisolen: Bohnen
S. 28 vertieren: hier: zum Tier machen; eigtl.: umwenden
S. 30 Gulda: Friedrich Gulda (1930–2000), österreichischer
Pianist und Komponist
Brendel: Alfred Brendel (* 1931), österreichischer Pi-
anist
Argerich: Martha Argerich (* 1941), argentinische Pi-
anistin
Pollini: Maurizio Pollini (* 1942), italienischer Pianist
und Dirigent
Larve: Gesichtsmaske

72 2. Textanalyse und -interpretation


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

Messiaen: Olivier Eugène Prosper Charles Messiaen


(1908–1992), französischer Komponist, Kompositi-
onslehrer und Organist
S. 31 Clementi-Sonatine: Muzio Clementi (1752–1832), bri-
tischer Pianist und Komponist; Sonatine: kleine So-
nate, leicht verständlich und leicht zu spielen
Czerny-Anfängeretüden: Carl Czerny (1791–1857),
österreichischer Komponist, Pianist und berühmter
Klavierpädagoge; Etüde: Musikstück zum Üben der
Fingerfertigkeit. Mit den Czerny-Etüden üben Kla-
vierschüler auf der ganzen Welt.
S. 32 Schubert-Sonaten: Franz Schubert (1797–1828), öster-
reichischer Komponist; Sonate: mehrsätziges Instru-
mentalstück
Schumanns Kreisleriana: Klavierwerk von Robert
Schumann (1810–1856) aus dem Jahr 1838, gilt als
Schlüsselwerk der romantischen Klavierliteratur. Der
Titel des Werkes nimmt Bezug auf die von E. T. A.
Hoffmann erdachte Figur des Kapellmeisters Jo-
hannes Kreisler (vgl. Lebens-Ansichten des Katers
Murr nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeis-
ters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern,
1819/21), die Schumann als Inbegriff romantischen
Künstlertums galt.
Bösendorfer: Wiener Klavierfabrik; Flügel von Bö-
sendorfer haben im 19. und 20. Jahrhundert die Ent-
wicklung der Klaviermusik maßgeblich begleitet.
intrikat: verwickelt, heikel, verfänglich
S. 33 Schönberg: Arnold Schönberg (1874–1951), österrei-
chischer Komponist, Musiktheoretiker und Maler,
entwickelte 1921 die Zwölftonmusik.

2. Textanalyse und -interpretation 73


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

Schönbergs 33b: Das Klavierstück op. 33b (1931) ist


zurückhaltend, lyrisch geprägt und erinnert trotz der
konsequenten Verwendung der Zwölftontechnik an
romantische Formen. In dieser späten Komposition
Schönbergs zeigt sich seine Bemühung, musikalische
Neuerungen in traditionelle Zusammenhänge einzu-
ordnen.
S. 34 Josefstädterstraße: Die Straße liegt in der Wiener
Josefstadt, dem 8. und kleinsten der Wiener Stadtbe-
zirke. Seit dem 19. Jahrhundert entwickelte sich die
Josefstadt zu einem Sitz des Bürgertums und der ho-
hen Staatsbeamten, der Intellektuellen und Künstler,
Schauspieler und Schriftsteller.
S. 35 Prater: weitläufige öffentliche Parkanlage mit Ver-
gnügungspark im Wiener Stadtbezirk Leopoldstadt
Wienerwald: nordöstliche Ausläufer der Alpen, be-
liebtes Naherholungsgebiet
Charley Frankensteins Tolle Tanten: Bei diesem Ti-
tel handelt es sich um eine ironische Verbindung
verschiedener Werke. Victor Frankenstein oder der
moderne Prometheus, Roman von Mary Shelley, 1818.
Frankenstein erschafft einen künstlichen Menschen.
Charleys Tante, Farce in drei Akten von Brandon
Thomas, Uraufführung 1892, ist eine der bekanntes-
ten Komödien der Welt. Um sich mit ihren Freun-
dinnen treffen zu können, brauchen zwei Studenten
eine Anstandsdame. Ein befreundeter Lord schlüpft
deshalb in Frauenkleider. Unsere tollen Tanten (1961,
Regie: Rolf Olsen), österreichischer Heimatfilm, in
dem sich sechs stellungslose Musiker als Tanten ver-
kleidet in ein Mädchenpensionat einschleichen.

74 2. Textanalyse und -interpretation


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

Haferlschuhe: Gesundheitsschuh des Oberstorfer


Schuhmachers Franz Schratt, den er 1803 nach dem
Vorbild des Gamshufes entwickelt hat.
Eichendorff: Joseph von Eichendorff (1788–1857),
bedeutender Lyriker und Prosaautor der deutschen
Romantik.
S. 38 Omutter: Gemeint ist die Großmutter von Erika.
S. 41 Brahmsabasieren: eigtl. bramarbasieren: aufschnei-
den, prahlen; hier also das Angeben mit dem Kom-
ponisten Johannes Brahms
Bauernschnapsen: Kartenspiel mit vier Spielern, vor
allem in Österreich weit verbreitet
S. 43 Halb zog er sie, halb sank sie hin: Umkehrung eines
Verses von Goethe: „Halb zog sie ihn, halb sank er
hin.“ (Der Fischer)
S. 46 Dieser Augenblick soll bitte verweilen, er ist so schön:
Anspielung auf Goethes Faust I, V. 1699 f., und
Faust II, V. 11581 f.
S. 47 Folge nach nur meinen Tränen, nimmt dich bald das
Bächlein auf: Zitat aus dem Lied Wasserflut aus dem
Zyklus Winterreise von Wilhelm Müller, den Franz
Schubert vertont hat.
S. 49 Eckbeiseln: (österr.) Gasthaus, Kneipe
S. 50 Wer jetzt kein Heim hat …: Anspielung auf das Ge-
dicht Herbsttag (1902) von Rainer Maria Rilke.
„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. /
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben …“

2. Textanalyse und -interpretation 75


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

S. 51 Venusberg: Der Venusberg ist ein seit dem Mittelalter


bekanntes Sagenmotiv, das vor allem im Zusammen-
hang mit dem Minnesänger Tannhäuser erscheint.
Venus, die römische Göttin der Liebe, lockt durch
ihre Schönheit Menschen zu sich in den Berg und
verführt sie zu einem erotischen, sündigen Leben.
Tannhäuser: Minnesänger und Spruchdichter des
13. Jahrhunderts
S. 55 Kartause: Kloster der Kartäuser bei Grenoble
S. 58 Schlatz: österr. Spucke, Schleim; hier: Sperma
S. 59 Wer jetzt nicht kann …: Fortsetzung der Anspielung
auf das Gedicht Herbsttag von Rilke (S. 50): „Wer
jetzt allein ist, wird es lange bleiben …“
S. 61 Eprouvetten: Probierstäbchen, Reagenzglas
S. 62 Buñuels Andalusischem Hund: Un chien andalou, Film
von Luis Buñuel (1900–1983) und Salvador Dalí
(1904–1989), der zum ersten Mal 1929 in Paris auf-
geführt wurde. Er gilt als Meisterwerk des surrealis-
tischen Films.
S. 63 Minimundus: Freizeitpark bei Klagenfurt in Öster-
reich, in dem 140 Miniaturmodelle von bekannten
Bauwerken der ganzen Welt gezeigt werden.
S. 72 Anton Kuh: 1890–1941, österreichisch-jüdischer Jour-
nalist, Essayist, Erzähler und Redner. 1925 erschien
sein Buch Der Affe Zarathustras.
S. 73 Laryngologen: Fachärzte für Kehlkopferkrankungen
S. 74 Apotheose: Vergöttlichung, Verherrlichung
S. 75 Steinhof: psychiatrisches Krankenhaus der Stadt Wien
S. 77 äsen: Jägerspr. für fressen
S. 81 Norman Mailer: (* 1923) US-amerikanischer Schrift-
steller

76 2. Textanalyse und -interpretation


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

S. 96 Irrenhaus am Steinhof … aus düsteren Balladen: ge-


meint ist z. B. das Lied Lasst’s mi aus (Steinhof, Das
Narrenhaus von Wien) von Georg Danzer (1946–
2007), das auch unter dem Titel Lasst mich raus (Ir-
renhaus) veröffentlicht wurde: waßtas eh, in schdahof
san olle narrisch / weu schdahof, des is des noanhaus
fon wien / ma kumd sea leichd eine owa sea schwea
ausse / und jezd dazoöhl i euch di gschichd / wia i eine-
kuman bin / …21
S. 98 Gugging: gemeint ist die Landesnervenheilanstalt von
Klosterneuburg (Niederösterreich)
S. 100 Ochsenschlepp: Ochsenschwanz; Beiried: Roastbeef;
Wadschinken: Fleisch für Suppen, Gulasch und an-
dere Ragouts
Selchwaren: z. B. geräucherte und gekochte Schwei-
nezunge, gepökelte Schweineschulter
S. 104 das Wohltemperierte: Das wohltemperierte Klavier,
Sammlung von Präludien und Fugen von Johann
Sebastian Bach
S. 108 Panthersprung: Hier klingt der sog. Panthersprung
nach Agadir an. Die zweite Marokkokrise wurde
1911 durch die Entsendung des deutschen Kriegs-
schiffs SMS Panther nach Agadir ausgelöst. Mit
dieser Drohgebärde wollte Deutschland Frankreich
dazu bringen, Kolonialgebiete abzutreten.
Der Panther (1903) ist außerdem der Titel eines Ge-
dichts von Rainer Maria Rilke, in dem er die müden
Bewegungen eines gefangenen Panthers in seinem
Käfig beschreibt. Der Entzug der Freiheit wird in der
ersten Strophe durch den schleppenden Rhythmus
21 http://www.asklyrics.com/display/Georg_Danzer/Lasst%60s_Mi_Aus_(steinhof,_Das_Narren-
haus_Von_Wien)_Lyrics/98339.htm (Stand: Oktober 2007).

2. Textanalyse und -interpretation 77


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

ausgedrückt. Die zweite Strophe zeigt die innere Ge-


fangenschaft des Panthers. Der Panther hat seine
natürliche Wesensart verloren. Er ist sich selbst ent-
fremdet. Die dritte Strophe bestätigt die äußere und
innere Gefangenschaft des Panthers.
S. 111 Feinspitz: Gourmet, Feinschmecker
S. 113 gefinkelt: raffiniert, trickreich

2. Teil
S. 116 Nietzsche: Friedrich Nietzsche (1844–1900), deut-
scher Philosoph. In seiner Jugend komponierte
Nietzsche viele kleinere Stücke, auch als Erwachse-
ner musizierte er.
„Ich begann damit, dass ich mir gründlich und
grundsätzlich alle romantische Musik verbot, diese
zweideutige, großtuerische, schwüle Kunst, welche
den Geist um seine Strenge und Lustigkeit bringt
und jede Art unklarer Sehnsucht, schwammichter
Begehrlichkeit wuchern macht. ... Gegen die roman-
tische Musik wendete sich damals mein erster Arg-
wohn, meine nächste Vorsicht; und wenn ich über-
haupt noch etwas von der Musik hoffte, so war es
in der Erwartung, es möchte ein Musiker kommen,
kühn, fein, boshaft, südlich, übergesund genug, um
an jener Musik auf eine unsterbliche Weise Rache zu
nehmen.“22
Muskatellertraube: Traubensorte mit muskatartigem
Geschmack

22 Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, Vorrede. In: ders.: Werke in drei Bänden, Band I,
Darmstadt: WBG, 1997, S. 740.

78 2. Textanalyse und -interpretation


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

S. 120 Beethovens Sonaten überhaupt erst ab op. 101: Gemeint


sind die späten Klaviersonaten Nr. 28–32, die Beet­
hoven ab 1816 komponiert hat.
S. 121 Signation: Jingle, Audio-Logo. Die Signation dient
der Wiedererkennung und besteht meist aus einem
musikalischen Motiv, über das der Titel einer Radio-
oder Fernsehsendung gesprochen wird.
S. 123 Joseph Kainz: österreichischer Schauspieler (1858–
1910). Kainz spielte am neugegründeten Deutschen
Theater in Berlin und entwickelte sich dort zum
berühmtesten deutschsprachigen Charakterdarstel-
ler seiner Zeit. 1899 wechselte er nach einer erfolg-
reichen Amerikatournee von Berlin an das Wiener
Burgtheater.
S. 124 Sforzando: Vortragsbezeichnung in Musiknoten: mit
starkem Ton, betont, akzentuiert zu spielen
S. 125 mit Worten eines berühmten Romans: konnte nicht er-
mittelt werden, möglicherweise Scherz Jelineks.
Greißlerfamilie: Lebensmittelhändler, Krämer; im über­-
tragenen Sinn auch: Kleinkrämer, Pfennigfuchser
S. 126 Arlbergexpress: Busverbindung zwischen dem Flug-
hafen Zürich und dem Skigebiet am österr. Arlberg
S. 130 Sirenengesang: In der griechischen Mythologie sind
Sirenen weibliche Fabelwesen, die durch ihren be-
törenden Gesang vorbeifahrende Schiffer anlocken,
um sie zu töten.
S. 132 Wurstelprater: bekannter Vergnügungspark an der
Westspitze der Parkanlage Prater
S. 133 Pflanz: Schwindel, Spiegelfechterei; Betrug, Necke-
rei, Täuschung
S. 141 jausnet: eine Zwischenmahlzeit einnehmen

2. Textanalyse und -interpretation 79


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

S. 147 Retirieren: sich (eilig) zurückziehen, zurückweichen


S. 149 seicht: urinieren
S. 152 Urania: Das Volksbildungshaus Wiener Urania ist
eine gemeinnützige Bildungseinrichtung (Volkshoch-
schule). Daneben verfügt die Urania über eine Stern-
warte, ein Planetarium und ein Kino.
S. 156 Nachtkastel, Nachtkastellampe: Nachttisch, Nacht-
tischleuchte
S. 158 Dachteln: Ohrfeigen
S. 159 quasi una fantasia: Italienisch: „Fast eine Fantasie“.
Beiname von Beethovens sogenannter „Mondschein-
sonate“ (Klaviersonate Nr. 14 op. 27).
Niobe: In der griechischen Mythologie 1. die erste
sterbliche Geliebte des Zeus; 2. die Gemahlin des
thebanischen Königs Amphion, dem sie sieben Söh-
ne und sieben Töchter gebar. Aus Stolz auf ihre zahl-
reiche Nachkommenschaft hinderte sie das Volk an
der Verehrung der zwei Kinder der Göttin Leto –
Apollon und Artemis. Zur Strafe für diese Überheb-
lichkeit töteten Apollon und Artemis an einem Tag
sämtliche Kinder der Niobe. Die Eltern überlebten
diesen Schicksalsschlag nicht: Amphion tötete sich
selbst und Niobe wurde von den Göttern in Stein
verwandelt. Aber auch der Stein hörte nicht auf,
Tränen zu vergießen.
S. 161 Brandenburgische Konzerte … abwechslungsreich be-
setzt: Die Brandenburgischen Konzerte sind eine
Gruppe von sechs Konzerten von Johann Sebastian
Bach, die wahrscheinlich zwischen 1718 und 1721
fertiggestellt wurden. Jedes einzelne Konzert ist
spezifisch instrumentiert und kompositorisch ausge-

80 2. Textanalyse und -interpretation


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

richtet. Die Konzerte Nr. 2 und Nr. 4 enthalten auch


Blockflöten-Stimmen.
S. 167 Bach-Katarakts: Katarakt: Stromschnelle, niedriger
Wasserfall. Gemeint ist ein schneller Lauf im Musik-
Stück.
S. 168 Fridatten: (österr.) in Streifen geschnittenes Omelett
als Suppeneinlage
S. 175 Fazilitäten: hier: Toiletten; eigtl.: Leichtigkeit, Um-
gänglichkeit
S. 176 Potemkin‘sches Gestell: (eigtl. Potemkin‘sche Dörfer)
Vorspiegelung, Blendwerk. Nach dem russischen
Feldherrn u. Staatsmann Grigorij Alexandrowitsch
Potemkin (1739–1791), der in Südrussland zum
Schein Dörfer errichten und bevölkern ließ, um Ka-
tharina II. Wohlstand des Landes vorzutäuschen.
S. 180 dunsten: (österr.) warten lassen, im Ungewissen lassen
S. 186 Ernst ist das Leben, heiter die Kunst. (Eigtl. „Ernst ist
das Leben, heiter ist die Kunst.“) Schlusssatz des Pro-
logs von Schillers Drama Wallensteins Lager (1799).
S. 187 Biedermeiers: Als Biedermeier wird die restaurative
Epoche zwischen dem Wiener Kongress 1815 und
der Revolution von 1848 bezeichnet. In dieser Zeit
entsteht eine eigene Kultur und Kunst des Bürger-
tums, z. B. in der Hausmusik, der Innenarchitektur
oder in der Mode, aber auch in der Literatur. Als
Kennzeichen der Epoche gelten die Flucht ins Idyll
und der Rückzug ins Private.
Klamm: Felsenschlucht mit Gebirgsbach

2. Textanalyse und -interpretation 81


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

S. 187 f. Smetana … Moldau: Im Rahmen des sinfonischen Zy-


klus „Mein Vaterland“ beschreibt die Komposition
„Die Moldau“ (1874) von Bedřich Smetana tonma-
lerisch den Lauf des tschechischen Flusses Moldau
von seinen Quellen bis zur Mündung in die Elbe.
S. 188 Vortragszeichen: (auch: Vortragsbezeichnung) Hin-
weis im Notentext zur Vortragsweise eines Stückes,
z. B. piano, crescendo, staccato
S. 190 Leopold Mozart: (1719–1787) Komponist und Autor
einer berühmten Geigenschule; Vater von Wolfgang
Amadeus Mozart
S. 191 Manierismen: gewollt übertriebener, gekünstelter Stil
S. 200 Beißzange: Kneifzange; Zange mit zwei scharfen, ge-
geneinandergebogenen Schneiden
S. 207 schabrackiert: Schabracke: hier in der Bedeutung von
alter oder hässlicher Frau, die sich auf jung oder
schön trimmt
S. 210 Träumalinddecke: Rheumadecke
S. 211 resche: (österr.) knusprig; lebhaft, munter
S. 212 tiptoe: (engl.) auf den Fußspitzen
intermittierend: zeitweilig aussetzend und wiederkeh-
rend, mit Unterbrechungen erfolgend
S. 238 parasexuell: para-: über, hinaus, daneben, vorbei
kryptosexuell: krypto-: verborgen, heimlich
S. 254 J-Wagen: öffentliches Verkehrsmittel in Wien
S. 256 waidwund: angeschossenes Wild
S. 257 Lebensfäden: In der griechischen und römischen
Mythologie ist der Lebensfaden ein Symbol für das
menschliche Schicksal. Er wird von den drei Moiren
bzw. Parzen gesponnen. Sie legen dadurch nicht nur
die Länge des menschlichen Lebens fest, sondern

82 2. Textanalyse und -interpretation


2.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

auch dessen Glück und Unglück. Atropos, die „Un-


abwendbare”, schneidet den Lebensfaden ab.
S. 265 trojanisches Pferd: In der griechischen Mythologie ist
das Trojanische Pferd eine Kriegslist, mit deren Hilfe
die Griechen den Trojanischen Krieg gewannen. Sie
bauten ein riesiges Pferd aus Holz, in dem sich Sol-
daten versteckten. Die Trojaner hielten das Pferd für
ein Geschenk und brachten es in ihre Stadtmauern.
In der Nacht stiegen die Soldaten aus ihrem Ver-
steck, ermordeten die Wachen und öffneten die Tore,
sodass die Griechen Troja in einem Überraschung-
sangriff einnehmen konnten.
S. 278 Goethe … Geister, die man rief …: Die ich rief, die
Geister, / Werd ich nun nicht los. (Goethe: Der Zau-
berlehrling, Ballade von 1798)
französisch empfiehlt er sich: heimlich weggehen,
ohne sich zu verabschieden
S. 282 Kaiserin Maria Theresia: (1717–1780) österr. �������
Kaiser-
gattin; hier: überlebensgroßes Denkmal der Kaiserin
am Wiener Maria-Theresia-Platz
S. 283 Canossagang: erniedrigender Bittgang; im Januar
1077 zog Heinrich IV. von Speyer nach Canossa zu
Papst Gregor VII., um den Papst um seine Lösung
vom Kirchenbann zu bitten.
Secession: Gebäude der Wiener Künstler-Vereini-
gung, Schlüsselwerk des Wiener Jugendstils, erbaut
1898; heute Museum

2. Textanalyse und -interpretation 83


2.6 Stil und Sprache

2.6 Stil und Sprache


Nüchtern-metaphorische Sprache – zerbrochene Sprach-
bilder
Die Sprache der Klavierspielerin ist zugleich nüchtern, sachlich,
spröde und beschreibend sowie stilisiert, metaphorisch und
anspielungsreich. Diese Verbindung ganz heterogener Stile
und Stilhöhen untersteht Jelineks Ziel
Entmythologisierung
der Entmythologisierung. Mythen, ge­
meint sind Vorurteile und sprachliche Klischees, werden „de-
konstruiert“, indem die tatsächlichen, profanen Verhältnisse
hinter den beschönigenden Sprachbildern gezeigt werden.
Wenn z. B. Menschen an vergangene Zeiten denken, kommen
diese Ereignisse im alltäglichen Sprachgebrauch oft in Ver-
bindung mit der Wendung von den „guten alten Tagen“ vor.
Bei Elfriede Jelinek heißt es: „in alten Tagen, die keine guten
waren“ (S. 96). Floskeln, Sprichwörter und Redewendungen
klingen an, werden dann aber ungewohnt fortgesetzt.23 Auch
das Stilmittel des Zeugmas, bei dem ein Wort oder Satzglied
mehreren grammatisch oder semantisch verschiedenartigen
Satzteilen zugeordnet wird, gehört in diesen Zusammenhang:
„Erika hat keine Geschichte und macht keine Geschichten.“
(S. 17 f.) „Die vom Misthaufen zusammengefangene Menge, in
hässlichen Farben gemustert, mustert ihrerseits Erika.“ (S. 70)
Häufig hat das Zeugma eine komische Wirkung. Bei Jelinek
lässt es erschauern. Eine ähnliche Wirkung hat auch Jelineks
Verwendung des Stilmittels der Ironie, wie Uda Schestag fest-
stellt: „Was Ironie grundsätzlich als Möglichkeit auszeichnet,
nämlich Bewegung, Einsicht und Entwicklung durch Infrage-
23 Eine akribische linguistische Untersuchung aller Sprichwörter im Text hat Eva Glenk vorgelegt.
Sie stellt systematisch dar, wie und mit welcher Funktion die Sprichwörter im Text modifiziert
werden. Vgl. Eva M. F. Glenk: Die Funktion der Sprichwörter im Text. Eine linguistische Untersu-
chung anhand von Texten aus Elfriede Jelineks Werken. Wien: Ed. Praesens, 2000.

84 2. Textanalyse und -interpretation


2.6 Stil und Sprache

stellung, Uneigentlichkeit und Kritik zu schaffen, das fehlt


Jelineks Ironie. Sie verweigert ihrer Protagonistin wie auch an-
deren Roman-Figuren die Fähigkeit zur Selbstkritik, die Kraft
zur Wandlung, die Möglichkeit jeder Entwicklung …“24
Den Leser aufhorchen zu lassen, ihn
Verfremdung
zu irritieren, ist auch das Ziel, mit dem
Zitatfetzen aus dem Kanon des Bildungsbürgertums verwendet
werden. So zitiert Jelinek an mehreren Stellen Gedichtverse
oder lässt sie anklingen. An das Gedicht Herbsttag von Rainer
Maria Rilke ist etwa folgende Passage angelehnt:
Wer jetzt kein Heim hat, wünscht sich zwar eins, wird sich aber
nie etwas dergleichen bauen können, nicht einmal mit der Bau-
sparkasse und weitgehenden Krediten. (S. 50 f.)
Jelinek greift Rilkes Verse auf, mit denen er im Gewand des
Herbstgedichts das Gefühl der Einsamkeit beschreibt, nimmt
sie wörtlich und überführt sie in profane und alltägliche
Überlegungen der Baufinanzierung. Dies geschieht auch mit
Liedtexten (Stille Nacht, heilige Nacht, im Original: „Stille
Nacht! Heilige Nacht! / Alles schläft; einsam wacht / Nur das
traute hochheilige Paar. / ...), z. B.:
In der Nacht, wenn alles schläft und nur Erika einsam wacht,
während der traute Teil dieses durch Leibesbande aneinander-
geketteten Paares, die Frau Mama, in himmlischer Ruhe von
neuen Folterinstrumenten träumt ... (S. 14)
und Bibelversen, z. B.:
Wer suchet, der findet Anstößiges, auf das er insgeheim hofft.
(S. 102)
Uda Schestag: Sprachspiel als Lebensform. Strukturuntersuchungen zur erzählenden Prosa
24 ��������������
Elfriede Jelineks. Bielefeld: Aisthesis, 1997, S. 156. Jelineks Umgang mit der Ironie hat Schestag
einen längeren Abschnitt gewidmet, vgl. S. 150–164.

2. Textanalyse und -interpretation 85


2.6 Stil und Sprache

Vgl. Mt. 7,7 f. und Lk. 11,9 f.: „Bittet, so wird euch gegeben;
suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufge-
tan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der
findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“
Weitere Beispiele für Intertextualität,
Intertextualität
die typisch ist für das gesamte Werk
der Autorin25, sind verschiedene Anspielungen auf Texte von
Franz Kafka (1883–1924). Jelinek spricht von Erika Kohut und
ihrer Mutter als den „Damen K.“ und den „weiblichen K.s“
(S. 100). Auch Walter Klemmer wird gelegentlich „Schüler K.“
(S. 252) bzw. „Walter K.“ genannt (S. 253). „ Josef K.“ bzw. „K.“
heißen auch die Protagonisten von Kafkas Romanfragmenten
Der Proceß (entstanden 1914/15) und Das Schloss (entstanden
1922). Außerdem kann in der Art, wie Klemmer darauf wartet,
Zugang zu Erikas Haus zu bekommen, eine Anspielung auf Kaf-
kas Türhüterparabel Vor dem Gesetz, die auch Teil des Romans
Der Proceß ist, gesehen werden.26 Auf das Ende dieses Romans
verweist auch das Ende der Klavierspielerin. Bei Kafka heißt es:
„Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn,
während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und
zweimal dort drehte.“ In der Klavierspielerin erscheint das Bild
verändert: „Das Messer soll ihr ins Herz fahren und sich dort
drehen! Der Rest der dazu nötigen Kraft versagt …“ (S. 285) Uda
Schestag interpretiert die Funktion dieser Variation mit einer
Stellungnahme von Elfriede Jelinek, die erklärte, „dass sozusa-
gen K. als ‚Mann’ immerhin würdig ist, Opfer zu werden, wäh-
rend die Frau noch nicht einmal würdig ist, Opfer zu werden.
Sie kann sich weder als Opfer noch als Täter einschreiben“.27
Jelineks Umgang mit fremden Texten, mit Intertextualität also,
fasst Annette Doll wie folgt zusammen:
25 �����
Vgl. Uda Schestag: Sprachspiel
�������������� als Lebensform, S. 165.
26 �����
Vgl. Uda Schestag: Sprachspiel
�������������� als Lebensform, S. 187.
27 ��������
Zitiert nach: Uda Schestag: Sprachspiel
������ �������������� als Lebensform, S. 190.

86 2. Textanalyse und -interpretation


2.6 Stil und Sprache

Als Repräsentanten verschiedener literarischer und gesellschaft-


licher Diskurse lagert Jelinek in ihre Texte „fremde Stimmen“
ein, die die mythenbildenden Diskurse unserer Medien, von
der Reklame bis zur Belletristik, simulieren. Über weite Stre-
cken sind ihre Texte daher als „Intertexte“ zu lesen, die sich
aus alltäglichem, literarischem und religiösem Sprachgebrauch
speisen, den Jelinek sprachlichen Dekonstruktionen unterzieht,
um unter semantischen Verkleidungen Herrschafts- und Besitz-
verhältnisse sichtbar werden zu lassen.28
Häufig wird in Bildern und Analogien erzählt. Gelegentlich
kommt es dabei zu Katachresen, der unstimmigen, manchmal
widersprüchlichen Verbindung mehre-
rer sprachlicher Bilder. Im folgenden sprachliche Bilder
Bild geht es zugleich um das Bergsteigen und Erikas Wan-
derausrüstung, aber auch um das Liebesleben des Paares Ko-
hut – Klemmer, und sogar sadistische Sexpraktiken scheinen
als möglicher Teil dieses Liebeslebens auf:
Sie hat kein Seil, denn sie ist nicht fürs Extreme. Und wäre sie
fürs Extreme, dann ohne Netz und Seil; ganz ohne Rettungs-
anker würde diese Frau sich möglicherweise der Wildnis der
körperlichen Wühlereien aussetzen, bei denen man nur auf sich
und den Partner angewiesen ist. (S. 243)
Yasmin Hoffmann nennt die Sprache von Elfriede Jelineks
Prosa zusammenfassend „depraviert“,
depravierte Sprache
also verunstaltet, verdorben, herunter-
gekommen, und erklärt damit zugleich die Funktion dieses
Sprachgebrauchs:

Annette Doll: Mythos, Natur und Geschichte bei Elfriede Jelinek. Eine Untersuchung ihrer litera-
28 ��������������
rischen Intentionen. Stuttgart: M & P, 1994, S. 179.

2. Textanalyse und -interpretation 87


2.6 Stil und Sprache

Elfriede Jelinek gehört zu den wenigen weiblichen Autoren, die


sich mit der Sprache der Sexualität direkt auseinandersetzen.
Diese Sprache besteht hauptsächlich aus Brüchen, aus a priori
nicht zusammenpassenden Sprachregistern, in denen das Tri-
viale und das Erhabene ständig aufeinanderprallen. … Was
also hauptsächlich unter ‚depravierter’ Sprache zu verstehen
ist: die Lust am Entstellen, Verdrehen, Zerstückeln, die Lust
am Zerschneiden, am Zerlegen, am Montieren, die Lust am
Buchstaben, an der willkürlichen Trennung von Signifikat und
Signifikant, die Lust am Umprägen, an der innovierenden Text-
praxis. Unter ‚depravierter’ Sprache ist Lust an der Sprache zu
verstehen, die keine Sprache der Lust aufkommen lässt.29
Das Ziel von Jelineks Sprachspielen ist vielfach satirische Kri-
tik: z. B. an den Wohnverhältnissen – „Löcher … die man hier
Wohnungen nennt“ (S. 51) – oder an männlich dominierter
Vetternwirtschaft im Musik-Geschäft – „Der Nachwuchs fürs
Niederösterreichische Tonkünstlerorchester … Sogar für die
Philharmoniker, falls ein männlicher Verwandter des Schülers
dort bereits spielt.“ (S. 165)

Erzählperspektive
Mit den Begriffen des auktorialen, personalen und Ich-Erzäh-
lers lässt sich die Erzählperspektive des Romans nicht genau
bestimmen. Weil Anführungsstriche fehlen und Erzähler- und
Figurenrede deshalb ineinanderlaufen,
man nie mit Sicherheit weiß, ob eine Person spricht, bespro-
chen wird oder fremdgesteuert spricht, da nicht einmal ein
vorgetäuschter Dialog zustande kommt und der Standpunkt
des Erzählers von Satz zu Satz die Perspektive wechselt, da die

29 � Yasmin Hoffmann: Elfriede


������� ���������� Jelinek, S. 158 f.

88 2. Textanalyse und -interpretation


2.6 Stil und Sprache

Figuren von dem Sprachregister und dem damit verbundenen


Rollenspiel untrennbar sind,30
lässt sich die Erzählperspektive nur unzureichend in traditio­
nellen Begriffen fassen. Die Erzählerinstanz kennt wie ein
auktorialer Erzähler Vergangenheit und Gegenwart, Inneres
und Äußeres aller Figuren. Übergangslos wechselt die Darstel-
lung von der personal begrenzten Wahrnehmung der einen zur
anderen Figur. Ein Beispiel dafür ist der Heimweg nach dem
Kammermusikabend (S. 76–78).

30 � Ebd., S. 158.
������ ��� ����

2. Textanalyse und -interpretation 89


2.7 Interpretationsansätze

2.7 Interpretationsansätze
Der Roman ist das am besten erforschte Buch Elfriede Jelineks.
Es gibt jede Art der Interpretation, die feministische, die die
Frau Erika als Opfer des Mannes Klemmer sieht, die marxis-
tische, die die Tochter als Kapital der Mutter begreift; man hat
Erika psychoanalytisch gedeutet, nach Freud und nach Lacan.
Man hat sich dem Stil des Buches über die Sprachphilosophie
genähert und der beschriebenen Gesellschaft mit Faschismus-
theorien. Die Geschichte der Voyeurin Erika wurde als Sexu-
alpathologie gelesen, als Phänomenologie einer Selbstverstüm-
melung oder als Ästhetik des Ekels. … Die Klavierspielerin
ist ein Roman, in dem sich jeder wiederfinden kann, weil er die
archaischste aller Beziehungen wiedergibt – die zwischen Eltern
und Kind.31

Diese Vielzahl und Variationsbreite der Interpretationsansätze


des Romans ist auch ein Zeugnis der wechselnden Moden in
der Literaturkritik und -wissenschaft. Im Folgenden werden
einzelne Positionen exemplarisch dargestellt.

31 � Verena Mayer, Roland Koberg: Elfriede


������� ������� ������� �������� Jelinek. Ein Porträt, S. 117.

90 2. Textanalyse und -interpretation


2.7 Interpretationsansätze

2. Textanalyse und -interpretation 91


2.7 Interpretationsansätze

Kleinbürgerliche Lebenslügen
Rudolf Burger sieht Erika und ihre Mutter in erster Linie als
typische Kleinbürgerinnen, die nach oben streben und sich
nach unten abgrenzen. Für einen großbürgerlichen Lebensstil
fehlen ihnen die Mittel, einige wenige Statussymbole müssen
deshalb weithin sichtbar beweisen, dass man nicht zur Unter-
schicht gehört.
Gewiss handelt es sich bei der Klavierspielerin zunächst und
vor allem um eine bösartig genaue Komödie zum Thema »Un-
behagen in der Kultur« [Titel eines kulturkritischen Essays
(1929/30) des Psychoanalytikers Sigmund Freud, Anm. d.
Verf.], gewiss geht es unmittelbar um sexuelle Entfremdung und
sozialen Autismus als Folge einer quasi-inzestuösen Beziehung:
um ein Stück Ideologiekritik der Mutterliebe im Zeitalter der
Wunschkonzerte. Aber es handelt sich zugleich um eine exemp-
larische Studie kleinbürgerlicher Identität heute.32

Kapitalistische Ökonomie
Frank W. Young interpretiert den Roman noch deutlicher in
Kategorien der politischen Ökonomie: Ihm erscheint Erika Ko-
hut als Arbeitskraft, die Mutter als „Konzernbesitzer“: „Spesen
und Verluste sollen möglichst klein, der Profit möglichst groß
werden.“33 Ziel des „Unternehmen(s) Erika“34 sei die Verwirk-
lichung eines kleinbürgerlichen Lebens, zu dem neben einem
Titel und Beziehungen zu bekannten Persönlichkeiten auch
eine Eigentumswohnung gehöre. Young fasst seine Interpreta-
tion wie folgt zusammen:

Rudolf Burger: Der böse Blick der Elfriede Jelinek. In: Christa Gürtler (Hrsg.): Gegen den schönen
32 ���������������
Schein, S. 27.
33 ���������
Frank W. Young: »Am
������� Haken des Fleischhauers«. In: Gürtler (Hrsg.): Gegen den schönen Schein,
S. 76.
34 Ebd.

92 2. Textanalyse und -interpretation


2.7 Interpretationsansätze

Es geht in der Klavierspielerin um eine leidvolle Mutter-Toch-


ter-Beziehung, um die Folgen einer Erziehung, zu »Lustfeind-
lichkeit und extremster Außergewöhnlichkeit« und um die Rolle
der Frau in einer patriarchalischen Kultur. Nicht minder jedoch
geht es um die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen
als Reflex der herrschenden kapitalistischen Gesellschaftsord-
nung. Erikas menschliches Potential wird zum Zweck der An-
sammlung von Besitz und Ansehen verpfändet. Misstrauen,
Neid, Angst und Verachtung bestimmen das Verhalten unter-
einander und zu sich selbst. Kauf- bzw. Sparzwang und billige
Unterhaltung entschädigen für den Verzicht auf Befriedigung
emotionaler Bedürfnisse. Für die reale Machtlosigkeit tröstet
Professor Kohut lediglich die ihrem Lehramt entlehnte Macht
über die Schüler.35

Psychoanalytische Weiblichkeitstheorie
Alexandra Heberger sieht in dem Roman die Dekonstruktion
des „Mythos der patriarchalischen Autorität“, die Umkehrung
der psychoanalytischen Weiblichkeitstheorie Sigmund Freuds.
Jelinek verkehre den Mythos der autoritären Vaterfigur, des
patriarchalischen Familienoberhaupts in sein Gegenteil.
Der Roman Die Klavierspielerin folgt Freuds psychoanaly-
tischer Weiblichkeitstheorie: … Erika kompensiert durch Schau-
lust und Masochismus unterdrückte Gefühle und den Vaterver-
lust, folglich muss der Liebesversuch Erikas mit ihrem Schüler
Walter Klemmer fehlschlagen. Erika endet wieder am Anfang
der Geschichte, nämlich im Ehebett ihrer Mutter.36

35 ������
Ebd., S. 78.
��� ���
36 ����������
Alexandra Heberger: Der
���������� Mythos Mann in ausgewählten Prosawerken von Elfriede Jelinek. Osna-
brück: Der Andere Verlag, 2002, S. 39.

2. Textanalyse und -interpretation 93


2.7 Interpretationsansätze

Ekel und die Dialektik der Freiheit


Elisabeth Wright referiert zunächst einige psychoanalytische
Deutungen und bestätigt, dass der Roman einen ‚Mutter-Toch-
ter-Plot‘37 habe. In Abgrenzung von dieser Sichtweise hebt
Wright jedoch einen anderen Aspekt des Romans hervor:
Die Klavierspielerin lädt zur Teilnahme am Vergnügen des
Ekels ein. Ein Exzess der Libido zeigt sich hier in einem beun-
ruhigenden und ekelerregenden Überfließen jeglicher Art von
Körperflüssigkeit bei einer fortwährenden Auflösung von Be-
grenzung …38
Indem sie ihre Protagonistin sich verstümmeln lasse und die
körperlichen „Grenz-Phänomene“ Schleim, Speichel und Sa-
men in den Mittelpunkt rücke, verfolge Elfriede Jelinek das
Ziel, das Reale des Körpers darzustellen. Der Ekel, der durch
die Kultur verdrängt worden sei, werde im Text zum libidi-
nösen Objekt. Ähnlich verfahre der Roman mit anderen Pa-
radigmen der Zivilisation: Freiheit und Moral. Der Kant‘sche
Imperativ, der fordert, dass Pflicht und Neigung in einem frei-
willigen Akt in Übereinstimmung gebracht werden, ist in der
Klavierspielerin auf den Kopf gestellt:
Die härteste Repression („ihr seine Knie in den Leib bohren“)
soll das intensivste Glück garantieren („bitte sei so gut“), indem
der Imperativ, das Kommando, in einen sadomasochistischen
Vertrag umgewandelt wird.39

37 � Elisabeth Wright: Eine


������������������ Ästhetik des Ekels. In: Arnold (Hrsg.): Elfriede Jelinek, S. 51.
38 � Ebd., S. 53.
������ ��� ���
39 � Ebd., S. 57.
������ ��� ���

94 2. Textanalyse und -interpretation


3. Themen und Aufgaben

3. Themen und Aufgaben


Die Lösungshilfen verweisen auf die Seiten der vorliegenden
Erläuterung.

Thema: Erika Kohut – ein wildes Tier?


• Geben Sie den Inhalt des Abschnitts Lösungshilfe:
S. 112 f. wieder. S. 41, 88 f.
• Ordnen Sie den Abschnitt über das Ver-
hältnis von wildem Tier und Dompteur
in den Zusammenhang des Romans ein.
Wer spricht? Wer erzählt diese Geschich-
te? Welche Textgattung, Textfunktion?
• Prüfen Sie, ob es sich bei dieser Ge-
schichte um eine Allegorie für das Leben
von Erika Kohut handelt.

Thema: Musikauffassung als Spiegel


von Erikas Charakter/Innerem?
• Untersuchen Sie, ob Erikas Musikauf- Lösungshilfe:
fassung ihrer inneren Befindlichkeit ent- S. 50 
spricht. Hat sich nach dem sexuellen Er-
lebnis auf der Toilette Erikas Verhältnis
zu Klemmer geändert? Drückt sich diese
Veränderung in ihrer Rede über Schu-
bert und seine Musik aus? (S. 188–192)
„Vielleicht ist es für Erika noch nicht
zu spät, ein neues Leben zu beginnen.“
(S. 188) „Er keift, dass seine Lehrerin
plötzlich und verblüffend um 180 Grad
umgeschwenkt sei …“ (S. 191)

3. Themen und Aufgaben 95


3. Themen und Aufgaben

Thema: Ist Die Klavierspielerin ein auto-


biografischer Roman?
• Vergleichen Sie die Biografie der Autorin Lösungshilfe:
Elfriede Jelinek mit dem Lebenslauf der S. 7 ff., 19 f. 
Klavierlehrerin Erika Kohut.
• Wenn Die Klavierspielerin ein autobiogra-
fischer Roman ist, dann ist Erika Kohut
ein Alter Ego der Autorin Elfriede Jeli-
nek. Wenn Erika ihrerseits einen Roman
über die Grundkonflikte ihres Lebens
schreiben würde, würde sie dann den
Roman schreiben, den Elfriede Jelinek
geschrieben hat? In welcher ihrerseits
erfundenen Figur würde Erika ihr Le-
ben, ihre Nöte erzählen?

Thema: Der Schluss des Romans


• Im Gegensatz zur dargestellten Bezie-
hung von Mutter und Tochter verlangt
ein Roman einen Abschluss. Roman-
schlüsse werden häufig als Botschaft des
Autors verstanden. Welche Botschaft
übermittelt der Schluss des Romans Die
Klavierspielerin?
• Entwerfen Sie Alternativen zum vorlie-
genden Ende.

96 3. Themen und Aufgaben


4. Rezeptionsgeschichte

4. Rezeptionsgeschichte
Bei seinem Erscheinen im Jahr 1983 im Rowohlt Verlag wurde
der Roman von der Literaturkritik überwiegend positiv aufge-
nommen.40

Vielfalt der Sprechweisen


Lothar Baier lobt in der Süddeutschen Zeitung Jelineks Ro-
man überschwänglich. Erika sei zwar ein Opfer mütterlicher
Gewalt, der Roman sei aber nur auf den ersten Blick eine
radikalere Variante psychologischer Töchterdramen. Die „li-
terarische Glanzleistung“ Jelineks bestehe in der Vielfalt der
Sprechweisen, mit der sie das soziale Drama der gescheiterten
Aufsteigerin Erika entfalte.
Mit Die Klavierspielerin hat die Österreicherin Elfriede Jelinek
etwas ganz Unerwartetes zustande gebracht, einen zeitgenös-
sischen politischen Roman, der dem zeitgenössischen Mythos
vom Ende der Klassenschranken höhnisch in die Parade fährt:
Denn Klas­senschranken sind es, zwischen denen die Autorin
alle ihre Figuren hilflos herumzappeln lässt, bis sie sich an ihnen
den Schädel ein­rennen. Das Ungewöhnliche und Unerwartete
dieser Gesellschafts­kritik liegt vor allem darin, dass sie nicht
von außen in den Roman hineinmontiert, sondern in seiner
Sprache selbst entfaltet wird. Nirgendwo tritt das Kleinbür-
gerliche der Klavierspielerinnenwelt schärfer hervor als dort,
wo die Autorin ihre Sätze aus dem Spiel mit den Redensarten
erzeugt, die, das Evidente und die Ewigkeit der Rangordnungen
in der Welt beschwörend, Sedimente des klein­bürgerlichen Be-
wusstseins sind: ‚Wer plant, gewinnt. Wer vorsorgt, hat in der

40 �����
Eine genaue
��������������������
Untersuchung der
����������������
Bewertungen des�����������
Romans in regionalen
��� ���������������
und überregionalen
���������������
Medien hat Anja Meyer durchgeführt. Vgl. Anja Meyer: Elfriede Jelinek, S. 81.

4. Rezeptionsgeschichte 97
4. Rezeptionsgeschichte

Not.‘ … Auf diese Weise sprengt Elfriede Jelineks Romansprache


die Alternative zwischen einfühlender Erzählung und ironischer
Distanzierung von den Figuren: Sie stülpt nicht das Innere ihrer
Figuren nach außen und legt es als grauen Film über die Welt,
sondern sucht es in den sprachgewordenen Ablagerungen ihres
Bewusstseins auf; die Welt geht unterdessen gleichgültig ihren
gewohnten Gang.41
Trotz der Bilder, die sich von Schrecken zu Schrecken hin-
schleppten, deutet der Roman für Baier eine Utopie an, für die
seiner Interpretation des Romans entsprechend die Sprache
eine zentrale Rolle spielt:
Es könnte sich die unübersteigbare Mauer, die ein Bewusstsein
gegen fremde Blicke abschirmt, einmal öffnen, wenn nur das
richtige Wort gefunden wird.42

Eindringlichkeit
Die Kritik von Ria Endres im SPIEGEL besteht vor allem
aus einer vergleichsweise umfangreichen Inhaltsangabe. Eine
explizite Bewertung des Romans fehlt. Die Rezensentin hebt
jedoch gleich zu Beginn hervor, dass die „Bilder einer geradezu
tödlichen Mutter-Tochter-Beziehung … einen schon weit über
den Buchdeckel hinaus verfolgen“43 könnten.

Den Leser zum Kotzen bringen


Reinhard Beuth betont in seiner kurzen Rezension für die
WELT den Ehrgeiz der Mutter, den furchtbaren Drill, die mons-
tröse Spießigkeit und die Folgen dieser Lebensbedingungen für

Lothar Baier: Abgerichtet, sich selbst zu zerstören. Süddeutsche Zeitung, 16./17. 7. 1983. Zit.
41 ��������������
nach: Bartsch, Höfler (Hrsg.): Elfriede Jelinek, S. 211.
42 ����
Ebd.
43 ����
Ria Endres: Ein
�������� musikalisches Opfer. Der SPIEGEL vom 23. 5.1983. Zit. nach: Bartsch, Höfler
(Hrsg.): Elfriede Jelinek, S. 202.

98 4. Rezeptionsgeschichte
4. Rezeptionsgeschichte

Erikas Sexualverhalten. Jelinek schreibe das alles teilnahmslos,


bösartig und ohne Humor auf, sodass der Rezensent zu einem
ablehnenden Urteil kommt:
Sie [Jelinek] gefällt sich als Menschenverächterin. Sie hasst Mu-
sik, sie hasst Wien, sie hasst Menschen. Und sie hasst wohl vor
allem sich selbst. Das macht die Jelinek-Lektüre so verdrießlich.
Sie möchte ganz einfach ihre Leser zum Kotzen bringen. Bei la-
bilen Naturen schafft sie es mit der Klavierspielerin bestimmt.
Aber das ist eine Art von Qualität, auf die wir uns nicht einlas-
sen mögen.44

Melodram
Die Hörspieladaption des Romans aus dem Jahr 1988 des SWF
stellt die Rolle und Stimme der Mutter in den Mittelpunkt.
Die Regisseurin Patricia Jünger hat das Augenmerk nach eige-
ner Auskunft „auf die Selbstzerstörungsakte, den zwanghaften
Wiederholungscharakter verselbständigter Handlungs- und
Verhaltensweisen, die Empfindungslosigkeit in der aussichts-
losen Mutter-Tochter-Symbiose“45 gelegt.

Verfilmung
Anders als die Bearbeitung für das Radio stellt die Verfilmung
von Michael Haneke die Beziehung zwischen Erika und Klem-
mer ins Zentrum. Der Film aus dem Jahr 2001 wurde ein
Erfolg, was sicher nicht nur an der Romanvorlage, sondern
auch an der prominenten Besetzung mit Isabelle Huppert in
der Hauptrolle lag. Trotz des Erfolgs beim Publikum äußert
sich Stefanie Maeck in ihrer Besprechung auf der Internet-

Reinhard Beuth: Treffsicher im Giftspritzen. Die WELT, 21. 5. 1983. Zit. nach: Bartsch, Höfler
44 ����������������
(Hrsg.): Elfriede Jelinek, S. 202.
45 http://www.br-online.de/kultur-szene/hoerspiel/kalender/artmix/01609/index.shtml ��������
(Stand:
Oktober 07).

4. Rezeptionsgeschichte 99
4. Rezeptionsgeschichte

Seite filmtext.com kritisch über die filmische Umsetzung der


Buchvorlage:
Haneke findet für sein Thema klare, kühl eingefärbte, fast kli-
nische Bilder und eine zurückhaltende Kamera. Er kontrastiert
die sublime Eleganz des Konservatoriums mit der Banalität
der halbseidenen Örtlichkeiten und anhäusigen Toilettenräu-
me. Doch sein Film bleibt dabei trotz der schauspielerischen
Leistung stets in einem bedauernswert naturalistischen Origi-
nal-Abbild-Verhältnis gegenüber der Vorlage. Was die Jelinek
einem in einer Sprachgewalt und -deformation in den Kopf
gehämmert hat, bleibt bei Haneke glatte Bildoberfläche, an der
das Auge zwar erschrocken abperlt, aber bei der dem Maso-
chismus keine eigene Sprache gegeben wird. … Der einzigartige
Sprachrausch, er findet zu keiner eigenständigen, filmischen
Grammatik. Manchmal, so scheint es, sagt eben ein Wort, ge-
rade an der Grenze seiner sprachlichen Repräsentation, an der
sich die Jelinek mit ihren Theatertexten so gerne bewegt, mehr
als tausend Bilder.46

46 ���������
Stefanie Maeck: Schmerz,
������� oh Schutz vor dir! http://www.filmtext.com/start.jsp?mode=2&lett=K
&archiv=315 (Stand: Oktober 07).

100 4. Rezeptionsgeschichte
5. Materialien

5. Materialien
Masochismus, nach dem österreichischen Schriftsteller Leopold
Ritter von Sacher-Masoch benannte Sammelbezeichnung für se-
xuelle Orientierungen, bei denen Lust mit bestimmten Formen der
bewussten Hingabe an den Sexualpartner verknüpft wird, z. B.
körperliche oder psychische Unterwerfung, Erleiden von Schmerz,
Duldung von Erniedrigung, Aushalten von Angst oder Wehrlosig-
keit. Masochismus kommt bei heterosexuellen Frauen und Män-
nern ebenso vor wie bei homosexuellen oder bisexuellen. Oft ist
Masochismus mit Formen von Fetischismus (Leder, Gummi, Pelze,
Schuhe) oder anderen sexuellen Orientierungen verbunden. Über
die Ursachen von Masochismus wurde in der Psychologie und Sexu-
alwissenschaft viel spekuliert, sie sind bis heute nicht geklärt. Maso-
chismus, der nicht mit Hörigkeit verwechselt werden darf, braucht
ein Coming-out. Gelebt wird masochistische Sexualität entweder
verborgen bei einer Domina oder zunehmend häufiger auch offen
in partnerschaftlicher Sexualität (S/M). Masochistische Hingabe ist
freiwillig und beschränkt sich auf sexuelle oder sexuell besetzte Si-
tuationen. Menschen mit dieser Sexualität können Opfer von Miss-
handlungen oder Vergewaltigung werden wie jeder andere auch.
Der Brockhaus Multimedial. Bibliographisches Institut & F. A.
Brockhaus AG, 2004
Sadismus (nach dem französischen Schriftsteller Donatien A. F.
Marquis de Sade), Sammelbezeichnung für sexuelle Orientierungen,
bei denen Lust durch das Verfügen über einen sich hingebenden Se-
xualpartner und dessen Reaktionen hervorgerufen wird. Sadistische
Machtausübung kann sich z. B. in Befehlen, Schlägen, Fesselungen
oder im Hervorrufen unangenehmer Gefühle und Sinneswahrneh-
mungen äußern.
Der Brockhaus Multimedial. Bibliographisches Institut & F. A.
Brockhaus AG, 2004

5. Materialien 101
5. Materialien

Roland Barthes’ Theorie der Trivialmythen hat insbe-


sondere Jelineks Sprachgebrauch stark beeinflusst. Nach
Barthes’ Theorie sind die Mythen politische Herrschafts-
mittel, schlicht: Betrug. Ihr Medium ist die Sprache. Die
Entschleierung deformierender Mythen ist für Barthes
ein aufklärerischer Akt.
Die Welt tritt in die Sprache als eine dialektische Beziehung von
Tätigkeiten, von menschlichen Akten ein, sie tritt aus dem Mythos
hervor als ein harmonisches Bild von Essenzen. … der Mythos
ist eine entpolitisierte Aussage. … Der Mythos leugnet nicht die
Dinge, seine Funktion besteht im Gegenteil darin, von ihnen zu
sprechen. Er reinigt sie nur einfach, er macht sie unschuldig … Er
schafft die Komplexität der menschlichen Handlungen ab und leiht
ihnen die Einfachheit der Essenzen, er unterdrückt jede Dialektik,
jedes Vordringen über das unmittelbar Sichtbare hinaus, er organi-
siert eine Welt ohne Widersprüche …
Roland Barthes: Mythen des Alltags, S. 130 f.
Die Mythen sind nichts anderes als das unaufhörliche, unermüd-
liche Ersuchen, die hinterlistige und unbeugsame Forderung, die
verlangt, dass alle Menschen sich in dem ewigen – und doch datier-
ten – Bild erkennen, das man eines Tages von ihnen gemacht hat,
als ob es für alle Zeit sein müsste.
Roland Barthes: Mythen des Alltags, S. 147

Unter Berufung auf die Studien zum autoritären Charakter


(1973) von Theodor W. Adorno erklärt Frank W. Young
die Stellung des Kleinbürgertums zwischen der Unter-
schicht und dem Großbürgertum zum grundsätzlichen
Dilemma dieser Gesellschaftsgruppe. Die Zugehörigkeit
zu dieser Gruppe ist für Young verantwortlich für die
zentralen Konflikte der Damen Kohut:

102 5. Materialien
5. Materialien

Das Kleinbürgertum deutschsprachiger Provenienz kann etwa fol-


gendermaßen charakterisiert werden: Vom Ehrgeiz nach großbür-
gerlicher Geltung und Eigenständigkeit getrieben, doch dauernd
von finanziellen Sorgen genötigt, ist der Kleinbürger zur Bewahrung
seines Selbstbildes auf Fetische angewiesen, mit deren Hilfe er
sich zwischen der verachteten Arbeiterklasse, von der er meistens
wirtschaftlich abhängig ist, und der verehrten Oberschicht, deren
Gunst er niemals sicher sein kann, einrichtet. Besitz einer Eigen-
tumswohnung, Beziehungen zu bekannten Persönlichkeiten oder
der Erwerb eines Titels verschaffen ihm die ersehnte Vergewisse-
rung, etwas Besseres zu sein als andere.
Unfähig, sich mit seinesgleichen zu identifizieren, und unfähig, sich
frei nach den zur Norm gewordenen Leitbildern der herrschenden
Klasse zu verwirklichen, wendet er sich gegen Gleichgestellte und
unter sich Stehende. Da die Güter dieser Welt endlich sind, die
Gier danach aber unendlich, darf der Einzelne sich mit anderen
nur unter geregelten, möglichst vorteilhaften Bedingungen gleich-
sam vertragsmäßig einlassen. Unter dem unablässigen Druck, den
Sprung nach oben zu schaffen, allenfalls aber den Sturz nach unten
zu verhindern, neigt er zu Konformismus, Opportunismus und Ge-
waltanwendung.
Frank W. Young: »Am Haken des Fleischhauers«. In: Christa
Gürtler (Hrsg.): Gegen den schönen Schein, S. 75 f.

Begründung für die Vergabe des Büchner-Preises an El-


friede Jelinek 1998:
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den
Georg-Büchner-Preis 1998 Elfriede Jelinek, für die vielstimmige
Kühnheit ihres erzählerischen und dramatischen Werks, worin sie
sprachbesessen die Sprache vor ihr eigenes Tribunal zieht, liebes-
süchtig den Riss zwischen Lust und Zärtlichkeit aufdeckt, zornig
für die ausgeschlachtete Natur in einer verblendeten Zivilisation

5. Materialien 103
5. Materialien

eintritt und friedliebend den Verlust der Güte und Herzlichkeit


zwischen den Geschlechtern, zwischen den Generationen, zwischen
den Mächtigen und den Hilflosen beklagt.
http://www.deutscheakademie.de/urkundentexte/buech-
ner/1998.html (Stand: Oktober 07)

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung rühmt die Autorin


aus Anlass der Verleihung des Nobelpreises für Literatur
im Jahr 2004 als eine umstrittene, kompromisslose Kri-
tikerin.
Aber anders als der Nobelpreisträger des Jahres 1999 [Günter
Grass], der die Sprache liebt und ihr vertraut, zählt Elfriede Jeli-
nek auch die Sprache zu jenen Instrumenten der Unterdrückung,
gegen die sie unermüdlich kämpft. Die Welt, die sie beschreibt, ist
geprägt von Lust und Gier, von Gewalt, Unterwerfung und Macht-
missbrauch. Es ist ein Raubtierkäfig der Konventionen, in dem
Rituale des Schreckens und der Banalität gefeiert werden.
Um dies darzustellen, ist Elfriede Jelinek jedes Mittel recht. So sind
ihre Bücher all dies zugleich: poetisch und obszön, rasend komisch
und sterbenslangweilig, hochintelligent und schrecklich platt. Eben-
so radikal und kompromisslos wie in ihrer Zivilisationskritik zeigt
sich Elfriede Jelinek in ihrem bei jeder Gelegenheit ausgestell-
ten Hass auf ihr Heimatland Österreich. Wie Thomas Bernhard,
mit dem sie den Hang zur Übertreibung, zur kompromisslosen,
zuweilen blindwütigen Zuspitzung teilt, glaubt sie in Österreich
überall das Fortwirken des Faschismus zu erkennen. Und so ist
es kein Wunder, dass Elfriede Jelineks Bücher höchst umstritten
sind und die Autorin vor allem in ihrer Heimat weniger gefeiert als
beschimpft wird.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08. 10. 2004, S. 1

104 5. Materialien
Literatur

Literatur

5.1 Textausgabe
Jelinek, Elfriede: Die Klavierspielerin. Reinbek bei Hamburg:
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1986 u. ö.
(Nach dieser Ausgabe wird zitiert.)

5.2 Bearbeitungen
Die Klavierspielerin. Ein Melodram. Komposition und Regie:
Patricia Jünger, mit Maren Kroymann und Eva Csapó (Colora-
tur-Sopran), Beatrice Mathez-Wüthrich (Alt), Sylwia Zytynska
(Percussion), Wolfgang Heininger (Percussion), SWF 1988.

Die Klavierspielerin. Regie: Michael Haneke, mit Isabelle


Huppert, Annie Girardot u. a., F/Ö 2001.

Grissemann, Stefan (Hrsg.): Haneke/Jelinek: Die Klavierspielerin.


Drehbuch, Gespräche, Essays. Wien: Sonderzahl Verlag, 2001.

5.3 Biografie
Mayer, Verena; Koberg, Roland: Elfriede Jelinek. Ein Porträt.
Reinbek: Rowohlt, 2006.
(Die Autoren haben Elfriede Jelinek und zahlreiche ihrer Bekannten
befragt. Auf dieser Grundlage bringen sie in der ersten umfassenden
Biografie Leben und Werk von Elfriede Jelinek in Zusammenhang.
Bisher sind in keinem anderen Buch mehr Informationen über das
Leben der zurückgezogen lebenden Nobelpreisträgerin erschienen.
Neben Fotos aus unterschiedlichen Lebensphasen enthält der Band
auch eine Zeittafel.)

Literatur 105
Literatur

5.4 Sekundärliteratur
Arnold, Heinz Ludwig: Elfriede Jelinek. Text + Kritik Heft 117,
München: Edition Text + Kritik, 2., erw. Aufl. 1999.
(Der Sammelband vereinigt Texte von und vor allem über Elfriede
Jelinek. Die geordnete Auswahlbibliografie erschließt einen bedeu-
tenden Teil der Literatur zur Klavierspielerin und zur Person der
Autorin. Der Band enthält außerdem den lesenswerten Interpreta-
tionsaufsatz Eine Ästhetik des Ekels von Elisabeth Wright. Vgl.
Kap. 2.7 Interpretationsansätze, S. 94.)

Baier, Lothar: Abgerichtet, sich selbst zu zerstören. Ein Roman,


der Gesellschaftskritik in seiner Sprache entfaltet. Süddeutsche
Zeitung, 16./17. 7. 1983. In: Kurt Bartsch, Günther Höfler
(Hrsg.): Elfriede Jelinek, Graz: Droschl, 1991, S. 208–211.
(Die Rezension verortet den Roman im Werk von Elfriede Jelinek
und spricht ihm eine gesellschaftskritische Aussage zu.)

Bartsch, Kurt; Höfler, Günther (Hrsg.): Elfriede Jelinek.


Graz: Droschl, 1991.

Beuth, Reinhard: Treffsicher im Giftspritzen. Die Welt, 21. 5.


1983. In: Kurt Bartsch, Günther Höfler (Hrsg.): Elfriede Jeli-
nek, Graz: Droschl, 1991, S. 201 f.
(Die Rezension fasst Inhalt und Themen des Romans sehr knapp
zusammen.)

Enders, Ria: Ein musikalisches Opfer. Der SPIEGEL, 23. 5.


1983. In: Kurt Bartsch, Günther Höfler (Hrsg.): Elfriede Jeli-
nek, Graz: Droschl, 1991, S. 202–207
(Die Rezension enthält eine umfassende Inhaltsangabe, aber keine
Wertung.)

106 Literatur
Literatur

Hoffmann, Yasmin: Elfriede Jelinek. Sprach- und Kulturkritik im


Erzählwerk. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 1999.
(Hoffmann untersucht Jelineks Lust an der Sprache zwischen Satire
und Spiel.)

Janz, Marlies: Elfriede Jelinek. Stuttgart, Weimar: Metzler,


1995.
(Der Band enthält keine Biografie, sondern einzelne Interpreta-
tionen des Werkes. In chronologischer Reihenfolge werden die
Gedichte, Dramen und Romane thematisiert und auf Leitmotive
hin untersucht. Die Klavierspielerin wird auf den Seiten 71–86 in
feministischer Perspektive interpretiert.)

Meyer, Anja: Elfriede Jelinek in der Geschlechterpresse. Die


Klavierspielerin und Lust im printmedialen Diskurs. Hildesheim
u. a.: Olms, 1994.
(Meyer untersucht die Rezeption der Klavierspielerin in deutschen
und österreichischen Zeitungen. Daneben gibt sie eine kurze Über-
sicht über die Themen des Romans.)

Vis, Veronika: Darstellung und Manifestation von Weiblichkeit


in der Prosa Elfriede Jelineks. Frankfurt a. M., Berlin u. a.: Peter
Lang, 1998.
(Im Zusammenhang mit der Klavierspielerin sind vor allem die
Seiten 388–402 sowie der Schluss, S. 429–435, von Interesse.)

Young, Frank W.: »Am Haken des Fleischhauers«. Zum polit-


ökonomischen Gehalt der Klavierspielerin. In: Christa Gürtler
(Hrsg.): Gegen den schönen Schein, Frankfurt a. M., 1990,
S. 75–80.
(Vgl. Kap. 2.7 Interpretationsansätze, S. 92 f.)

Literatur 107
Literatur

5.5 Internet
Homepage von Elfriede Jelinek:
http://www.elfriedejelinek.com/

Fachinformationen und kommentierte Links der Univer-


sitätsbibliothek der Freien Universität Berlin:
http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/
germanistik/autoren/multi_ijk/jelinek.html

Österreichisches Deutsch und „Österreichisches Wörter-


buch“: http://gregor.retti.info/oewb/

Elfriede-Jelinek-Forschungszentrum des Instituts für


Germanistik der Universität Wien:
http://www.praesens.at/elfriede-jelinek-forschungszentrum/

Widmann, Arno: Liebeserklärung an eine Unerbittliche:


http://www.perlentaucher.de/artikel/1886.html

108 Literatur