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ROLF BERGMANN

PETER PAULY
STEFANIE STRICKER
I. Einleitung

Einführung 1. Aufgaben der Sprachwissenschaft


Die Aufgaben der Sprachwissenschaft sind bestimmt durch ihren Gegenstand,
in die deutsche die Sprache, und durch das Erkenntnisinteresse des Wissenschaftlers. Das
Wort Sprache bezeichnet laut 'Duden. Deutsches Universalwörterbuch' (S.
Sprachwissenschaft 1491):
1. Fähigkeit des Menschen zu sprechen; das Sprechen als Anlage, als Mög-
Vierte, überarbeitete und erweiterte Auflage lichkeit des Menschen, sich auszudrücken;
2. das Sprechen; Rede;
von ROLF BERGMANN 3. Art des Sprechens, Stimme, Redeweise, Ausdrucksweise;
und STEFANIE STRICKER 4. Sprachsystem; System von Zeichen.
Sprache ist eine spezifisch menschliche Erscheinung. Sie ermöglicht als
Mit Beiträgen von primäres soziales Zeichensystem Denken und Handeln. Sie ist an den Men-
URSULA GÖTZ schen und damit an die Geschichte gebunden. Ihre wissenschaftliche Unter-
suchung zielt auf die allgemeinen Gesetze ihres Funktionierens ebenso wie
ANNETTE KLOSA
auf die Besonderheiten der Gestalt und Geschichte der Einzelsprache. Im
CLAUDINE MOULIN 'Metzler Lexikon Sprache' (S. 676) erklärt Helmut Glück Sprachwissenschaft
MICHAEL SCHLAEFER als
CLAUDIA WICH-REIF
~ Wiss[enschaftliche] Disziplin, die sich mit der Beschreibung und Erklärung
von Sprache, Sprachen und spracW[icher] Kommunikation befaßt" .
Synonym mit dem Ausdruck Sprachwissenschaft wird die Bezeichnung Lin-
guistik verwendet, die manchmal aber auch auf bestimmte Richtungen der
Sprachwissenschaft eingeengt wird. Man unterscheidet allgemeine Sprachwis-
senschaft oder theoretische Linguistik, deren Gegenstand die Sprache
schlechthin ist, von einzelsprachlicher Sprachwissenschaft. Gegenstand der
vorliegenden Einführung ist die Wissenschaft von der deutschen Sprache, die
als deutsche Sprachwissenschaft, germanistische Sprachwissenschaft oder
germanistische Linguistik bezeichnet wird; sie bildet zusammen mit der
Universitätsverlag
WINTER deutschen Literaturwissenschaft das wissenschaftliche Fach Germanistik.
HeideJberg
2 I. Einleitung Zielsetzung 3

2. Aufgaben der deutschen Sprachwissenschaft sowie an der Fähigkeit zu ihrer richtigen, angemessenen und schöpferischen
Verwendung. Deshalb werden von der Sprachwissenschaft oder in Anwen-
Die Aufgabe der deutschen Sprachwissenschaft ist es, die deutsche Sprache
dung sprachwissenschaftlicher Ergebnisse beispielsweise Herkunftswörter-
der Gegenwart und Vergangenheit in Grammatik und Wortschatz, in ihren
bücher , Stilwörterbücher und Sprach- und Stilratgeber hergestellt.
geographischen und sozialen Differenzierungen, als Sprachsystem und im
Gebrauch durch die Sprecher zu untersuchen und zu beschreiben.
Die deutsche Sprachwissenschaft befasst sich demnach 4. Zielsetzung der vorliegenden Einrührung

- unter systematischem Aspekt mit den Strukturen der Laut- und Das Ziel der vorliegenden Einführung in die deutsche Sprachwissenschaft ist
Schriftebene, der Wortebene, der Satzebene und der Textebene, es, die Studierenden. insbesondere die Studienanfänger in die wichtigsten
- unter zeitlichem Aspekt mit der Gegenwartssprache und mit früheren Fragestellungen, Begriffe, Methoden und Ergebnisse der deutschen Sprach-
Sprachstufen des Deutschen als einzelnen Sprachzuständen und in ihrer wissenschaft einzuführen. Die Veranschaulichung der Begriffe und Methoden
Entwicklung, wird dabei mit der Information über grundlegende Tatsachen verbunden;
- unter räumlichem Aspekt mit der äußeren Abgrenzung und inneren Glie- neben der schrittweisen Einführung in die sprachwissenschaftlichen Methoden
derung des deutschen Sprachgebiets, steht die abrissartige Orientierung über sprachwissenschaftliche Ergebnisse.
unter sozialem Aspekt mit der Differenzierung der Sprache in situativ, Die Zielsetzung des vorliegenden Buches unterscheidet sich deutlich von
thematisch oder an soziale Gruppen und Schichten gebundene Formen. der anderer Einführungen in die Sprachwissenschaft. Das Buch ist explizit auf
die einzelsprachliche germanistische Sprachwissenschaft ausgerichtet und
Ihre Ergebnisse vermittelt die deutsche Sprachwissenschaft in der Beschrei- berücksichtigt deshalb Aspekte der allgemeinen Sprachwissenschaft nur im
bungsform der Grammatik, des Wörterbuchs, des Sprachatlas und in den unerlässlichen, also begrenzten Umfang. Wo immer es sinnvoll erscheint,
verschiedenartigsten Einzeluntersuchungen . wird in den Literaturhinweisen auf Kapitel in Einführungen in die allgemeine
Sprachwissenschaft hingewiesen.
3. Anwendungsgebiete der deutschen Sprachwissenschaft Für den Bereich der deutschen Sprachwissenschaft setzt diese Einführung
sich im Unterschied zu anderen Werken das Ziel, möglichst vollständig alle
Die Ergebnisse der deutschen Sprachwissenschaft sind von unmittelbarem
Teilbereiche des Faches zu berücksichtigen, also nicht nur die Grammatik im
Nutzen für die deutsche Literaturwissenschaft. Bei der Analyse älterer,
engeren Sinne darzustellen.
insbesondere mittelalterlicher, deutscher Literatur sind Grammatiken und
Das Buch ist für Studierende geschrieben. Die Verfasser haben das Ziel
Wörterbücher die Instrumente der philologischen Erschließung der Texte.
sich diesem Benutzerkreis verständlich zu machen. Deshalb wird besondere;
Soweit andere Wissenschaften ebenfalls Textüberlieferung erschließen, wie
Wert auf Anschaulichkeit und Konkretheit der Darstellung gelegt und mög-
die Geschichtswissenschaft mit all ihren Teildisziplinen, benutzen auch sie die
lichst viel mit authentischem sprachlichem Material gearbeitet. Damit sollen
von der Sprachwissenschaft bereitgestellten philologischen Hilfsmittel.
die Benutzer auch Lust an der Sache selbst bekommen. Am Ende eines mit
Anwendungsgebiete der Sprachwissenschaft sind ferner alle Bereiche, in
diesem Buch beginnenden sprachwissenschaftlichen Germanistikstudiums
denen Sprache gelehrt wird, also der Sprachunterricht im Sinne des mutter-
stellen wir uns Deutschlehrer, Journalisten, Sachbuchlektoren, Betriebsredak-
sprachlichen Unterrichts und im Sinne der Vermittlung des Deutschen als
teure, Lexikographen oder Sprachberater vor, die ein Verständnis für histori-
Fremdsprache. Die Didaktik des Deutschunterrichts hat auch die Gegebenhei-
sche Bedingtheiten und geographische, soziale und fachliche Differenzierun-
ten des Unterrichtsgegenstandes Sprache zu berücksichtigen. Alle Lernmittel
gen unserer Sprache besitzen, die morphologische, syntaktische, semantische
für den Sprachunterricht beruhen daher auch auf den Ergebnissen der Sprach-
und textuelle Strukturen analysieren können, die eine gute Kenntnis der für
wissenschaft.
alle sprachwissenschaftlichen Fragen zur Verfügung stehenden Hilfsmittel wie
Darüber hinaus besteht in vielen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und
Grammatiken und Wörterbücher besitzen und die schließlich aufgrund ihrer
religiösen Zusammenhängen ein Bedarf an Wissen über die Sprache, und
zwar über die Sprache im Allgemeinen und über die konkrete Einzelsprache,
4 I. Einleitung

Kenntnisse und Fähigkeiten in der Lage sind, den gesellschaftlichen Bedarf


an kompetenter Vermittlung von Wissen über unsere Sprache zu befriedigen.
11. Sprache und Sprechen
5. Aufbau der vorliegenden Einführung
Der systematische Zusammenhang der Darstellung erschließt sich aus dem 1. Wie wir vom Sprechen sprechen
ausfiihrlichen Inhaltsverzeichnis. Das Register bietet daneben einen direkten
Wissenschaftliches Sprechen über einen Gegenstand unterscheidet sich von
Zugang zu der Behandlung und Erklärung einzelner Begriffe und Phänomene.
alltäglichem Sprechen darüber. Für den Gegenstand Sprache lässt sich dieser
Es zeigt mit den wiederholten Vorkommen der Stichwörter zugleich die
Unterschied gut erkennen, wenn man beobachtet, wie alltäglich vom Spre-
Querverbindungen zwischen den einzelnen Kapiteln auf. Besonderer Wert
chen gesprochen wird. Für eine solche Beobachtung ist ein Artikel aus einem
wird zudem auf die Verweise zwischen den Kapiteln gelegt. An vielen Stellen
Synonymenwörterbuch hilfreich.
wird sprachliches Material mehrfach unter verschiedenen Aspekten behandelt,
worauf die Verweise aufmerksam machen. 1 sprechen. reden, predigen (emotional). schnarren, kehlig / naaal / niselnd / krächzend /
schwatzen, schwitz.n (Iandsch), dah.rreden, knarrend / knarzend / schnarrend sprechen .
Die Literaturhinweise sind grundsätzlich in drei Rubriken unterteilt. In der drauflosreden (u!f'.), 5ÜIzen (,aropp, lan<bch .. mit jüdi.rcMm Akzent: mawcheln, jiddeln . mit
ab"",rtend), schwadronieren, plappern, bab- tschechischem Akzent: böhmakeln (ÖJterr.) .
Rubrik 'Kurzinformation' wird auf einschlägige Artikel im 'Metzler Lexikon beln (ugo.• tan<bch.), quatschen (sa/opp). dum- über sein Lieblin!f'thema: sein Steckenpferd rei-
mes Zeug / kariert reden, quasseln (.alopp),
Sprache' hingewiesen. Unter der Rubrik 'Einführende Literatur' werden ent- QualSelw... er / Babbelwasser / Brabbelw....r
ten . über Arutößigu: schweinigeln, sauigeln
(derb). die Sau rawlasson . vergeblich: tauben
sprechende Stellen aus Einführungen in die allgemeine Sprachwissenschaft getrunken haben (U!f'.), wie ein Buch / wie ein Ohren / in der Wu.te predigen, in den Wind re-
Wasserfall / ohne Punkt und Komma reden, den, sich den Mund fusstig / fusselig reden
genannt, ebenso einfiihrende Darstellungen zu dem betreffenden Gebiet der schnattern. palavern (ug•. ), parli.ren, tönen, (ug.). etwas trifft auf taube Ohren, bei jmdm.
schwafeln (abwmend). Phrasen / leeres Stroh kein Gehör fmden, gegen eino Wand / zu le.ren
deutschen Sprachwissenschaft. Die Rubrik 'Grundlegende und weiterführende dresch.n, faseln (abwertend), quakeln. qua- Wänden reden . undeutlich: einen Kloß im
ckeln, quäken, stammeln, radebrechen, lallen. Mund haben, nuscheln . mit der Zunge aruro-
Literatur' enthält die entsprechenden theoretischen Grundlagenwerke sowie labern (,alopp). blidern (U!f'.. ÖJterr.). blödeln ßend: lispeln; off.. I., k.in / kein.n Hehl aUi et-
(salopp). Unsinn / Makulatur reden, brabbeln, wa. machen, frisch / frei von der Leber weg re-
die Handbücher und Gesamtdarstellungen zu dem betreffenden Gebiet. Die brubbeln, sabbern (,alopp. abwertend). sabbeln den; reden, wie einem der Schnabel gewachsen
(saropp. abwertend). salbadern (abwertend) . ge_ ist (ug.); kein Blatt vor den Mund nehmen, sei-
Literatur wird in den Literaturhinweisen verkürzt zitiert; die ausfiihrlichen pflegt: Schriftsprache/ Hochdeutsch / (.alopp) nem Herzen Luft machen, aut seinem Herzen
nach der Schreibe sprechen. mitjmdm. in ein~T keine Mördergrube machen, den Kropf leeren
Angaben finden sich in dem alphabetischen Literaturverzeichnis. bestimmtm Wei.u: einen Ton I eine Tonart an.. (seh_tz.). Tachele. reden (jidd); IIidIt off•• I.,
schlagen, mit einem gewissen Unterton spre.. nicht recht mit der Sprache herawrucken / he-
chen . herrisch. unhöflich: im Kasernenhofton rauswollen (ugo.). drucksen, h.rumdrucksen
reden· paJhetisch: auf hohem Kothurn gehen. (ug•. ). sich winden wie ein Aal. um don Brei he-
schmeichelnd: flöten, säweln . mit beJonde,," rurnreden (ug• .). wie die Katze um den heißen
Artikulation: krächzen, knarren, knarzen. Brei h.rumgehen / herumschleieben (U!f'.);

Duden. Sinn- und sachverwandte Wörter. Synonymwörterbuch der deutschen Sprache, S. 666

An dieses Wortmaterial richten wir nun die Frage, unter welchen Aspekten
mit den einzelnen Wörtern oder Wortverbindungen jeweils vom Sprechen
gesprochen wird.
ROLF BERGMANN
PETER PAULY
STEFANIE STRICKER II. Sprache und Sprechen

1. Wie wir vom Sprechen sprechen


Einführung Wissenschaftliches Sprechen über einen Gegenstand unterscheidet sich von

in die deutsche alltäglichem Sprechen darüber. Für den Gegenstand Sprache lässt sich dieser
Unterschied gut erkennen, wenn man beobachtet, wie alltäglich vom Spre-
chen gesprochen wird. Für eine solche Beobachtung ist ein Artikel aus einem
Sprachwissenschaft Synonymenwörterbuch hilfreich.

1sprechen. reden, predigen (emotional), schnarren, kehlig / nasal / näselnd / krächzend /


Vierte, überarbeitete und erweiterte Auflage schwatzen. schwätzen (Iantisch.), daherreden, knarrend / knarzend / schnarrend sprechen .
drauflosreden (ugs.), sülzen (salopp, landsch., mil jüdischem A.kzent: mauscheln, jiddeln . mit
abwertend), schwadronieren, plappern, bab- tschechischem Akzent: böhmakeln (ös"rr) .
von ROLF BERGMANN beln (ugs.. landsch.), quatschen (salopp), dum- über sein Lieblingsthema: sein Steckenpferd rei-
mes Zeug / kariert reden, quasseln (salopp), len . über Anstößiges: schweinigeln, sauigeln
und STEFANIE STRICKER Quasselwasser / Babbelwasser / Brabbelwasser (derb), die Sau rausla..en . vergeblich: tauben
getrunken haben (ugs.), wie ein Buch / wie ein Ohren / in der Wüste predigen, in den Wind re-
Wasserfall / ohne Punkt und Komma reden, den, sich den Mund fusslig / fusselig reden
schnattern, palavern (ugs.), parlieren, tönen, (up.), etwas trim auf taube Ohren, bei jmdm.
Mit Beiträgen von schwafeln (abwertend), Phrasen / leeres Stroh
dreschen, faseln (abwertend), quakeln, qua-
kein Gehör fmden, gegen eine Wand I zu leeren
Wänden reden . undeutlich: einen Kloß im
ckeln, quäken, stammeln, radebrechen, lallen, Mund haben, nuscheln . mit der Zunge ansto-
URSULA GÖTZ labern (salopp), blädern (ugs.. osterr.), blödeln ßend: lispeln; off.. s., kein / keinen Hehl aus et-
(salopp), Unsinn / Makulatur reden, brabbeln, was machen, frisch / frei von der Leber weg re-
ANNETTE KLOSA brubbeln, sabbern (salopp, abwertend), sabbeln den; reden, wie einem der Schnabel gewachsen
(salopp, abwertend), salbadern (abwertend) . ge- ist (ugs.); kein Blatt vor den Mund nehmen, sei-
CLAUDINE MOULIN pflegt: Schriftsprache / Hochdeutsch / (salopp) nem Herzen Luft machen. aua seinem Herzen
nach der Schreibe sprechen· mitjmdm. in ein~r keine Mötdergrube machen, den Kropf leeren
MICHAEL SCHLAEFER bestimmull Wein: einen Ton I eine Tonart an- (schweiz.). Tacheles reden (Jidd.); IIlcill off...~
schlagen. mit einem gewissen Unterton spre- nicht recht mit der Sprache herausrücken / he-
CLAUDIA WICH-REIF chen . herrisch, unhöflich: im Kasernenhofton rauswollen (ugs.), drucksen, herumdrucksen
reden· pathetisch: auf hohem Kothurn gehen. (ug.. ), sich winden wie ein Aal, um den Brei he-
schmeichelnd: nöten, säuseln . mit besonthnr rumreden (ugs.). wie die Katze um den heißen
Artikulation: krächzen, knarren. knarzen, Brei herumgehen / herumschleichen (ugs.);

Duden. Sinn- und sachverwandte Wörter. Synonymwörterbuch der deutschen Sprache, S. 666

An dieses Wortmaterial richten wir nun die Frage, unter welchen Aspekten
mit den einzelnen Wörtern oder Wortverbindungen jeweils vom Sprechen
gesprochen wird,

Universitätsverlag
WINTER
Heidelberg
6 11. Sprache und Sprechen Langue und Parole - System, Norm und Rede 7

Mit Wörtern wie näseln, nuscheln, krächzen, lispeln, stottern, lallen! wäre beispielsweise das Broca-Zentrum im Gehirn, ein Sprechorgan die
werden Besonderheiten bei der lautlichen Hervorbringung bezeichnet. Das Zunge.
Wortmaterial lässt sich noch erweitern um Wörter wie brüllen, schreien, Für die These" Wir sprechen alle verschieden" kann etwa angeführt werden:
flüstern, die das Sprechen nach der Lautstärke unterscheiden. "Jeder von uns kann an seiner Stimme erkannt werden. '" Dieses Argument
Mit Wörtern wie schwatzen, sülzen, quatschen, quasseln, labern, sabbeln berücksichtigt die individuelle Beschaffenheit sowie den individuellen Ge-
wird - meist abwertend - ausgedrückt, dass über belanglose Dinge daher- brauch der Sprechorgane.
geredet wird; das Sprechen wird also nach seiner inhaltlichen Funktion "Ein Münchner spricht anders als ein Frankfurter. " Mit diesem Argument
bezeichnet. wird die Gebundenheit der Sprecher an die verschiedenen Sprachräume
Wendungen wie jrisch/frei von der Leber weg reden, kein Blatt vor den angesprochen.
Mund nehmen usw. oder herumdrucksen, um den Brei herumreden beziehen "Ein Maurer spricht anders als ein Rechtsanwalt. "In dieser Gegenüber-
sich auf die Wortwahl im Verhältnis zum Inhalt. Mit anderen Wörtern kann stellung wird die berufliche und soziale Verschiedenheit der Sprecher deut-
man auch den Zweck des Sprechens bezeichnen, wie zum Beispiel jemandem lich.
drohen, jemandem etwas versprechen. Die Verschiedenheit des Sprechens kann mit den unterschiedlichsten Beob-
Alle diese im Alltagswortschatz enthaltenen Aspekte des Sprechens über achtungen nachgewiesen werden, aus denen hier eine Auswahl vorgeführt
das Sprechen sind auch Aspekte der sprachwissenschaftlichen Beschäftigung wurde. Von diesem Befund aus stellt sich die Frage, wie eine sprachliche
mit der Sprache und dem Sprechen. Zur Einführung in diese Wissenschaft Verständigung überhaupt gelingen kann.
muss zunächst einmal geklärt werden, was mit den Wörtern Sprache und
Sprechen gemeint ist. 3. Langue und Parole - System, Norm und Rede
Die Verständigung erfolgt trotz den Verschiedenheiten des Sprechens auf-
2. "Wir sprechen alle gleich" - "Wir sprechen alle verschieden"
grund der Gleichheit der jeweiligen Sprache. Solange alle Deutsch sprechen,
Diese beiden einander entgegengesetzten Aussagen leuchten paradoxerweise stören beispielsweise ihre individuell verschiedenen Stimmen die Verständi-
beide auf den ersten Blick ein, und zwar aufgrund eigener Erfahrung jedes gung nicht. Erst wenn auch die Sprache verschieden ist, kommt keine Ver-
Sprechers. ständigung zustande. Die Verschiedenheit des Sprechens kann sich also sinn-
Für die These "Wir sprechen alle gleich" kann etwa angeführt werden: vollerweise nur auf die Art und Weise beziehen, in der von einer gemein-
" Wir sprechen alle die gleiche Sprache, nämlich Deutsch, und nicht Eng- samen Sprache Gebrauch gemacht wird.
lisch oder Französisch usw. '" Dieses Argument basiert auf der Beobachtung, Die gemeinsame Sprache umfasst das Inventar an Wörtern (den Wort-
dass einer in einem bestimmten geographischen Gebiet verwendeten Sprache schatz oder das Lexikon) und die Regeln für die Kombinationen der Wörter
andere in anderen Gebieten verwendete Sprachen gegenüberstehen. Im Hin- (die Grammatik).
blick auf die Sprache in anderen Sprachgebieten wird die Sprache im eigenen Sprechen hingegen meint hier die jeweils unterschiedliche Anwendung des
Sprachgebiet als gleich gesehen; die anderen Sprachen werden als 'Fremd'- Inventars und der Regeln. Sprechen als konkrete individuelle Realisierung hat
Sprachen betrachtet. der Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857-1913) mit dem
" Wir sprechen alle auf die gleiche Weise, indem wir alle dieselben Sprach- französischen Terminus Parole bezeichnet. Sprache als das den Realisierun-
und Sprechorgane benutzen. .. Dieses Argument zielt auf die bei allen Men- gen zugrunde liegende System heißt Langue. Langue kann im Deutschen als
schen identischen anatomischen Bedingungen des Sprechens. Ein Sprachorgan Sprache oder Sprachsystem wiedergegeben werden, Parole als Rede oder
individuelle Sprechhandlung.
Das Begriffspaar Langue - Parole unterscheidet nur nach der Realisierung,
I Um im schriftlichen Text sichtbar zu machen, dass hier die Wörter als sprachliche Objekte was zu der Schwierigkeit geführt hat, dass dem konkreten individuellen
gemeint sind, werden sie kursiv gedruckt. So uD!erscheiden sie sich vom übrigen Text, der
gerade (recte) gedruckt ist.
Sprechen nicht nur ein Sprachsystem gegenübergestellt wird, sondern auch
8 0. Sprache und Sprechen Anwendung der Begriffe System und Norm 9
die normale, sozial gebräuchliche, überindividuelle Verwirklichung. Der c) Der Peter hat mir gehauen.
Begriff der Langue könnte dann enger oder weiter gefasst werden. Die damit Das Objekt steht im Dativ.
verursachte Unklarheit ist mit der von Eugenio Coseriu (*1921) eingeführten
d) Der Peter hast mich gehauen.
begrifflichen Dreiheit System - Norm - Rede behoben.
Das Subjekt steht in der 3. Person, das Verb aber in der 2. Person.
- System bezeichnet das System der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten,
- Norm die Gesamtheit der sozial gebräuchlichen Realisierungen, e) Den Peter hat mich gehauen.
- Rede das individuelle konkrete Sprechen. Das Subjekt steht im Akkusativ.

Nur die einzelnen Redea1cte können von der Sprachwissenschaft unmittelbar t) Der Peter hoben mich gehauen.
beobachtet werden. Aus den darin, wie Eugenio Coseriu sagt, 'konstant', Das Subjekt steht im Singular, das Verb im Plural.
'normal' und 'traditionell' auftretenden Strukturen lässt sich die Norm abstra- In den Sätzen d, e und f sind funktionale Kategorien des sprachlichen Sy-
hieren. Aus der Norm kann wiederum auf die funktionalen Elemente des stems der deutschen Gegenwartssprache verletzt, nämlich die Kongruenz zwi-
Sprachsystems geschlossen werden. schen Subjekt und Verb in der Person (d) und im Numerus (t) sowie die
Kasuskennzeichnung des Subjekts (e).
4. Zur Anwendung der Begriffe Norm und System auf Redeakte Im Satz b ist dagegen keine funktionale Störung auszumachen. Ob das
Partizip in einer zusammengesetzten Verbform nach dem Muster ge- ... -en
Die folgenden Sätze a - f seien jeweils als Äußerungen einzelner Sprecher,
oder ge- '" -t gebildet wird, ist funktional irrelevant; man vergleiche die
also als Redeakte gegeben:
folgenden Formen:
a) Der Peter hat mich gehauen. b) Der Peter hat mich gehaut.
starke Verben schwache Verben
c) Der Peter hat mir gehauen. d) Der Peter hast mich gehauen.
e) Den Peter hat mich gehauen. t) Der Peter hoben mich gehauen. geschrieben gesagt
gebogen gebeugt
Im Vorgriff auf spätere Kapitel (insbesondere Kapitel vm.), zugleich aber in
gebunden gefesselt
Anwendung schulgrammatischer Kenntnisse, soll zunächst an dem unauffäl-
genommen geraubt
ligen Satz a erläutert werden, welche Kategorien und Regelungen des gram-
gehauen gehaut
matischen Systems der deutschen Gegenwartssprache hier wirksam sind:
Welches Verb nach welchem Typ konjugiert wird, ist eine Frage der Norm.
Das Verb hauen fordert ein Subjekt im Nominativ (der Peter) und ein Objekt
Das Auftreten einer Form gehaut kann als Anzeichen eines Normwandels
im Akkusativ (mich). Zwischen dem Subjekt (der Peter) und dem Verb (hat)
verstanden werden, bei dem ein starkes Verb die Formenbildung der schwa-
besteht Kongruenz in Person und Numerus: Beide Elemente stehen in der 3.
chen Verben annimmt. Man vergleiche dazu die Kapitel XV. und XIX.
Person und im Singular. Das bezeichnete Geschehen erfährt eine zeitliche
Im Satz c könnte eine regionale Variante der deutschen Gegenwartssprache
Einordnung durch die Form hat gehauen (und nicht hatte) und ebenso eine
vorliegen, nämlich Berliner Umgangssprache. In dieser Sprachvarietät wird
modale Einordnung (hat und nicht habe, hätte). Zwischen dem männlichen
beim Singular des Personalpronomens nicht zwischen Dativ und Akkusativ
Rufnamen Peter und dem Artikel im Maskulinum der besteht Genuskon-
unterschieden:
gruenz.
Det hat er mir jejeben (Dativ) Er hat mir jehauen (Akkusativ)
In den Sätzen b - f finden sich folgende Abweichungen:
In der Standardsprache finden wir diese Verhältnisse nur im Plural des Per-
b) Der Peter hat mich gehaut.
sonalpronomens:
Das Partizip ist nach dem Typ der schwachen Verben gebildet, und nicht
wie gehauen nach dem Typ der starken Verben. Er hat es uns/euch gegeben (Dativ) Erhatuns/euchgehauen (Akkusativ)
10 II. Sprache und Sprechen Subsysteme - Varietäten 11

Satz c weicht also von der standardsprachlichen Norm ab, stimmt aber mit Indem diese Wörter in einer Sprache auftreten, gehören sie einer Langue an.
einer regionalsprachlichen Norm überein. Eine funktionale Kategorie des Demnach existiert für das Maurerhandwerk wie für das Rechtswesen je eine
Systems wird nicht verletzt, wie die Verhältnisse im Plural zeigen. eigene Langue. Richtscheit und Rechtsirrtum werden aber im Hinblick auf
ihre Wortbestandteile ohne Weiteres als deutsche Wörter erkannt. Je nach der
5. Deskriptiver und präskriptiver Nonnbegriff Hinsicht, unter der diese Wörter gesehen werden, gehören sie dem System
der deutschen Sprache oder jeweils eigenen, mit diesem System teilweise
Wenn Norm definiert wird als die konstant, normal und traditionell vorkom-
übereinstimmenden Systemen an, die man Subsysteme oder Varietäten nennt.
menden sprachlichen Formen, dann werden sprachliche Normen durch Beob-
Mit dem Wortschatz bestimmter Sachbereiche und Sprechergruppen ist nur
achtung und Beschreibung ermittelt. Der sprachwissenschaftliche Normbegriff
ein Beispiel für die Untergliederung des Deutschen in verschiedenartige
ist somit eindeutig als deskriptiv zu bestimmen. Subsysteme gegeben. Man spricht hier auch von diastratischer Sichtweise;
Im Zusammenhang mit dem Sprachunterricht wird aber die deskriptiv man vergleiche weiter Kapitel xn.
ermittelte Norm - der normale Sprachgebrauch - als der richtige Sprach-
Auch das unterschiedliche Sprechen eines Frankfurters gegenüber einem
gebrauch zum Lehrinhalt gemacht. Dann bekommt der Normbegriff prä- Münchner beruht auf verschiedenen Subsystemen, die unter diatopischem
skriptiven Charakter. Ein solcher Normbegriff begegnet insbesondere im
Aspekt unterschieden werden. Die Unterschiede liegen hier außer im Wort-
Zusammenhang mit einer auch für den geschriebenen Gebrauch standardi- schatz auch im lautlichen Bereich. Die Sprecher können ihren jeweiligen
sierten Hoch- und Schriftsprache, die die Sprachverwender 'richtig' gebrau- Dialekt (hessisch bzw. bairisch) sprechen, sie können sich aber auch einer
chen wollen. So entsteht ein gesellschaftlicher Bedarf an Darstellungen der regional geprägten Umgangssprache bedienen, zu der in Frankfurt zum
'richtigen' Sprachform und an Sprachberatung; man vergleiche dazu die
Beispiel ein Wort wie ippelwoi gehört oder in München ein Abschiedsgruß
Kapitel xn. und XIX. Servus; man vergleiche weiter Kapitel xrn.
Die beobachtete Verschiedenheit des Sprechens innerhalb des Deutschen
6. System, Diasystem, Subsysteme, Varietäten beruht also einmal auf den unterschiedlichen individuellen Realisierungen.
Mit der Gegenüberstellung von Langue und Parole oder von System, Norm Zum andern liegen ihr unterschiedliche Normen und Systembereiche zugrun-
und Rede kann nun aber noch nicht das unterschiedliche Sprechen beispiels- de. Es wird hier eine Schichtung und Gliederung der Sprache selbst erkenn-
weise eines Maurers gegenüber einem Rechtsanwalt oder eines Frankfurters bar. Die deutsche Sprache ist kein homogenes System; sie ist ein komplexes
gegenüber einem Münchner erklärt werden. Gebilde aus verschiedenen Subsystemen, ein Diasystem.
So werden etwa die beiden Wörter Richtscheit und Rechtsirrtum nicht von
allen Sprechern der deutschen Sprache verwendet beziehungsweise verstan- Literaturhinweise
den. Sie gehören offenbar nicht zum allgemeinen deutschen Sprachsystem. Kurzinformation:
Richtscheit und Rechtsirrtum treten vielmehr in bestimmten fachlichen Ver- Metzler Lexikon Sprache. Artikel: Diastratisch. Diatopisch. Sprachnorm. Varietät (von U.
wendungen, eben in der Sprache des Maurers beziehungsweise des Rechts- Ammon), Langue, Parole, Sprachsystem (von W. Thfunmel), Normative Grammatik (von H.
Schwinn)
anwalts. auf und werden so auch im Wörterbuch charakterisiert.
Einführende Literatur:
Redttsllrrttum. der (Rechtsspr.): Irrtum hinsicht- R!chtlsdleit, das (Bauw.): Zangeo, schmai& Brett H. Pelz. Linguistik. S. 17-25, S. 57-67
iich du rechtlichen Bestimmungen. gegen die [mit ein~auter Wa&S8rwaagej, mit dem man
versUJj3en wird (nicht hin.ichtlich d8II SachvB1'- feststellen kann, ob eine FIliche wangerecJu. Grundlegende und weiterführende Literatur:
halts, Tatbestande). eine Kante geradiJ ist.
E. Cosenu. in: E. Coseriu, Sprache. Strukturen und Funktionen, S. 45-59
A. Maninet, Grundzüge der Allgemeinen Sprachwissenschaft, 1. Kapitel
P. de Saussure • Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Einleitung (Kapitel II1, IV)

Duden. Deutsches Universalwörterbuch, S. 1284, 1312


Eine Geschichte vom Umgang mit Wörtern 13
Er sah im Spiegel sein Gesicht rot anlaufen, sah, wie er die Augen zukniff;
dann verkrampfte er seine Hände zu Fäusten, hob sie und schlug mit ihnen auf
die Tischplatte, erst nur einen Schlag, dann noch einen, und dann begann er
ill. Das sprachliche Zeichen auf den Tisch zu trommeln und schrie dazu immer wieder: "Es muß sich
ändern, es muß sich ändern!"
Und er hörte den Wecker nicht mehr. Dann begannen seine Hände zu
1. Eine Geschichte vom Umgang mit Wörtern schmerzen, seine Stimme versagte, dann hörte er den Wecker wieder, und
Die folgende Geschichte von Peter Bicbsel (*1935) erzählt vom Umgang nichts änderte sich.
eines alten Mannes mit Wörtern. Die darin dargestellte Erfahrung wird hier "Immer derselbe Tisch", sagte der Mann, "dieselben Stühle, das Bett, das
Bild. Und dem Tisch sage ich Tisch, dem Bild sage ich Bild, das Bett heißt
dazu verwendet, den Begriff des sprachlichen Zeichens einzuführen. Bett, und den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?" Die Franzosen
Peter Bicbsel: Ein Tisch ist ein Tisch sagen dem Bett "li", dem Tisch "tabi" , nennen das Bild "tabio" und den
Stuhl "scMs", und sie verstehen sich. Und die Chinesen verstehen sich auch.
Ich will von einem alten Mann erzählen, von einem Mann, der kein Wort "Weshalb heißt das Bett nicht Bild", dachte der Mann und lächelte, dann
mehr sagt, ein müdes Gesicht hat, zu müd zum Lächeln und zu müd, um böse lachte er, lachte, bis die Nachbarn an die Wand klopften und "Ruhe" riefen.
zu sein. Er wohnt in einer kleinen Stadt, am Ende der Straße oder nahe der "Jetzt ändert es sich", rief er, und er sagte von nun an dem Bett "Bild".
Kreuzung. Es lohnt sich fast nicht, ihn zu beschreiben, kaum etwas unter- "Ich bin müde, ich will ins Bild", sagte er, und morgens blieb er oft lange im
scheidet ihn von andern. Er trägt einen grauen Hut, graue Hosen, einen Bild liegen und überlegte, wie er nun dem Stuhl sagen wolle, und er nannte
grauen Rock und im Winter den langen grauen Mantel, und er hat einen den Stuhl "Wecker".
dünnen Hals, dessen Haut trocken und runzelig ist, die weißen Hemdkragen Er stand also auf, zog sich an, setzte sich auf den Wecker und stützte die
sind ihm viel zu weit. Arme auf den Tisch. Aber der Tisch hieß jetzt nicht mehr Tisch, er hieß jetzt
Im obersten Stock des Hauses hat er sein Zimmer, vielleicht war er verheiratet Teppich. Am Morgen verließ also der Mann das Bild, zog sich an, setzte sich
und hatte Kinder, vielleicht wohnte er früher in einer andern Stadt. Bestimmt an den Teppich auf den Wecker und überlegte, wem er wie sagen könnte.
war er einmal ein Kind, aber das war zu einer Zeit, wo die Kinder wie Er- Dem Bett sagte er Bild.
wachsene angezogen waren. Man sieht sie so im Fotoalbum der Großmutter. Dem Tisch sagte er Teppich.
In seinem Zimmer sind zwei Stühle, ein Tisch, ein Teppich, ein Bett und ein Dem Stuhl sagte er Wecker.
Schrank. Auf einem kleinen Tisch steht ein Wecker, daneben liegen alte Der Zeitung sagte er Bett.
Zeitungen und das Fotoalbum, an der Wand hängen ein Spiegel und ein Bild. Dem Spiegel sagte er Stuhl.
Der alte Mann machte morgens einen Spaziergang und nachmittags einen Dem Wecker sagte er Fotoalbum.
Spaziergang, sprach ein paar Worte mit seinem Nachbarn, und abends saß er Dem Schrank sagte er Zeitung.
an seinem Tisch. Dem Teppich sagte er Schrank.
Das änderte sich nie, auch sonntags war das so. Und wenn der Mann am Dem Bild sagte er Tisch.
Tisch saß, hörte er den Wecker ticken, immer den Wecker ticken. Und dem Fotoalbum sagte er Spiegel.
Dann gab es einmal einen besonderen Tag, einen Tag mit Sonne, nicht zu Also:
heiß, nicht zu kalt, mit Vogelgezwitscher, mit freundlichen Leuten, mit Am Morgen blieb der alte Mann lange im Bild liegen, um neun läutete das
Kindern, die spielten - und das Besondere war, dass das alles dem Mann Fotoalbum, der Mann stand auf und stellte sich auf den Schrank, damit er
plötzlich gefiel. Er lächelte. nicht an die Füße fror, dann nahm er seine Kleider aus der Zeitung, zog sich
MJetzt wird sich alles ändern" , dachte er. Er öffnete den obersten Hemdknopf, an, schaute in den Stuhl an der Wand, setzte sich dann auf den Wecker an den
nahm den Hut in die Hand, beschleunigte seinen Gang, wippte sogar beim Teppich und blätterte den Spiegel durch, bis er den Tisch seiner Mutter fand.
Gehen in den Knien und freute sich. Er kam in seine Straße, nickte den Der Mann fand das lustig, und er übte den ganzen Tag und prägte sich die
Kindern zU, ging vor sein Haus, stieg die Treppe hoch, nahm die Schlüssel neuen Wörter ein. Jetzt wurde alles umbenannt: Er war jetzt kein Mann mehr,
aus der Tasche und schloss sein Zimmer auf. sondern ein Fuß, und der Fuß war ein Morgen und der Morgen ein Mann.
Aber im Zimmer war alles gleich, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Und wie Jetzt könnt ihr die Geschichte selbst weiterschreiben. Und dann könnt ihr, so
er sich hinsetzte, hörte er wieder das Ticken, und alle Freude war vorbei, wie es der Mann machte, auch die anderen Wörter austauschen:
denn nichts hatte sich geändert. läuten heißt stellen,
Und den Mann überkam eine große Wut. frieren heißt schauen,
14 1II. Das sprachliche Zeichen Ausdruck und Inhalt 15
liegen heißt läuten, 2. Das sprachliche Zeichen: Ausdruck und Inhalt
stehen heißt frieren,
stellen heißt blättern. Wie der Text zeigt, werden Wörter als Zeichen für Sachen verwendet. Der
So daß es dann heißt: alte Mann ändert nun die Beziehungen zwischen den Wörtern und den Sa-
Am Mann blieb der alte Fuß lange im Bild läuten, um neun stellte das Foto- chen. Die Sache "Bett" bezeichnet er nicht mehr mit dem Wort Bett, sondern
album, der Fuß fror auf und blätterte sich auf den Schrank, damit er nicht an
mit dem Wort Bild. Die Sache "Bild" erhält die Bezeichnung Tisch, die
die Morgen schaute.
Der alte Mann kaufte sich blaue Schulhefte und schrieb sie mit den neuen Sache" Tisch" die Bezeichnung Teppich usw. Der alte Mann ändert dabei
Wörtern voll, und er hatte viel zu tun damit, und man sah ihn nur noch selten nicht die Sachen, und er ändert auch nicht die Wörter. Er ändert vielmehr,
auf der Straße. wie man es auch alltagssprachlich und vorwissenschaftlich formulieren kann,
Dann lernte er für alle Dinge die neuen Bezeichnungen und vergaß dabei mehr die Bedeutung der Wörter.
und mehr die richtigen. Er hatte jetzt eine neue Sprache, die ihm ganz allein
Die Wörter erscheinen somit als gesprochene Lautfolgen oder als geschrie-
gehörte.
Hie und da träumte er schon in der neuen Sprache, und dann übersetzte er die
bene Buchstabenfolgen, die in einer bestimmten Zeichenbeziehung zu Sachen
Lieder aus seiner Schulzeit in seine Sprache, und er sang sie leise vor sich stehen. Die Wörter treten aber nicht unmittelbar als Zeichen rur konkrete
hin. einzelne Gegenstände wie dieses bestimmte Bild, jenes einzelne Bett und so
Aber bald fiel ihm auch das Übersetzen schwer, er hatte seine alte Sprache weiter auf. Sie bezeichnen vielmehr die Vorstellungen oder abstrakten Begrif-
fast vergessen, und er mußte die richtigen Wörter in seinen blauen Heften fe von Gegenständen, Vorgängen, Erscheinungen, Zuständen usw. Dies wird
suchen. Und es machte ihm Angst, mit den Leuten zu sprechen. Er mußte
da besonders deutlich, wo über etwas gesprochen wird, das ohnehin nur in
lange nachdenken, wie die Leute zu den Dingen sagen.
Seinem Bild sagen die Leute Bett. der Vorstellung existiert.
Seinem Teppich sagen die Leute Tisch. Die Zeichenfunktion der Wörter selbst wird als ihre Bedeutung bezeichnet.
Seinem Wecker sagen die Leute Stuhl.
Seinem Bett sagen die Leute Zeitung.
Seinem Stuhl sagen die Leute Spiegel. Laut- oder Buch- Bedeutung Vorstellung
Seinem Fotoalbum sagen die Leute Wecker. stabenfolge
Seiner Zeitung sagen die Leute Schrank.
Seinem Schrank sagen die Leute Teppich. übliche 'Bild'
Seinem Tisch sagen die Leute Bild.
Seinem Spiegel sagen die Leute Fotoalbum.
Verwendung
Bild
/
~
Und es kam so weit, daß der Mann lachen mußte, wenn er die Leute reden abweichende 'Bett'
hörte. Er mußte lachen, wenn er hörte, wie jemand sagte: "Gehen Sie morgen Verwendung
auch zum Fußballspiel?" Oder wenn jemand sagte: "Jetzt regnet es schon zwei
Monate lang." Oder wenn jemand sagte: "Ich habe einen Onkel in Amerika. "
Er mußte lachen, weil er all das nicht verstand. Das Sprachzeichen wird materiell als Laut- oder Buchstabenfolge realisiert,
Aber eine lustige Geschichte ist das nicht. Sie hat traurig angefangen und hört die auf eine bestimmte Vorstellung verweist, also etwas 'bedeutet'. Die
traurig auf. materielle Komponente des sprachlichen Zeichens wird als Ausdruck (Signi-
Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen, das
war nicht so schlimm.
fikant, franz. signifiant) bezeichnet, die bezeichi1ete Vorstellung als Inhalt
Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen. (Signifikat, franz. signifie). Die Ausdrucksseite wird in diesem Buch durch
Und deshalb sagte er nichts mehr. Kursivschrift gekennzeichnet (Bild), die Inhaltsseite durch einfache Anfüh-
Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüßte nicht einmal mehr. rungszeichen ('Bild').
Peter Bichsel. Kindergeschichten. Sammlung Luchterhand. 9.A. Darmstadt und Neuwied Vielfach werden die Termini Inhalt und Bedeutung synonym verwendet.
1979. S. 18-27 Es kann aber auch zwischen ihnen unterschieden werden, indem eine relatio-
nale Bedeutungsdefinition zugrunde gelegt wird. Bedeutung ist dann die
16 III. Das sprachliche Zeichen Konventionalität und Arbitrarität 17

geregelte Verweisung mittels eines Ausdrucks auf einen Inhalt. Mit diesem Warlich / uns ist nicht frey / wie wir reden wollen / sondern wir müssen reden
Bedeutungsbegriff lässt sich dann präziser beschreiben, was der alte Mann wie andere / so wir wollen von Ihnen verstanden werden.
mit den Wörtern macht: Er ändert nicht die Ausdrücke Bild, Bett usw.; er Arbitrarität und Konventionalität des sprachlichen Zeichens gehören daher
ändert auch nicht den Inhalt 'Bild', 'Bett'; er ändert vielmehr die Zuordnung eng zusammen. Die Arbitrarität macht die Konventionalität notwendig, weil
und verweist nun mit dem Ausdruck Bild auf den Inhalt 'Bett'. die Beziehung zwischen Ausdruck und Inhalt sich von keiner der beiden
Der Begriff der Bedeutung ist wohl der schwierigste sprachwissenschaft- Seiten aus von selbst versteht. Arbitrarität und Konventionalität gehören zum
liche Begriff überhaupt. Daher existiert eine ganze Reihe von Sprachzeichen- Wesen des sprachlichen Zeichens und somit des Sprachsystems.
modellen, die mehr oder weniger differenziert die Relationen zwischen Aus-
drucks- und Inhaltsseite und bezeichneter Sache darstellen. 4. Zeichentypen
Sprachliche Zeichen bilden eine Untergruppe der Zeichen überhaupt. Zeichen
3. Konventionalität und Arbitrarität des sprachlichen Zeichens
sind stets materielle Größen, die auf etwas anderes, ihr Denotat, verweisen.
Die Motivation des alten Mannes für seine Änderungen der Bedeutungen ent- Nach der Art des Denotatsbezugs unterscheidet man in der Zeichentheorie
steht aus der Beobachtung, dass zwischen Ausdruck und Inhalt keine notwen- (Semiotik):
dige Beziehung besteht. Der alte Mann fragt nach der Begründung:
- Zeichen mit realem Denotatsbezug: Index oder indexikalisches Zeichen.
" ... und den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich? Die Franzosen Ein Beispiel sind etwa Fußspuren im Schnee, die von einem Tier ver-
sagen dem Bett "li", dem Tiseh "tabi" , nennen das Bild "tablo" und den ursacht wurden und als Zeichen für die Anwesenheit und die Bewegung
Stuhl " seMs " , und sie verstehen sich. Und die Chinesen verstehen sich auch."
dieses Tiers verstanden werden.
Die Beobachtung fremder Sprachen zeigt, dass zur Bezeichnung derselben - Zeichen mit konventionellem und zugleich arbiträrem Denotatsbezug:
Inhalte nicht dieselben Ausdrücke verwendet werden müssen. Der Inhalt Symbol oder symbolisches Zeichen.
'Bett' erfordert nicht notwendig den Ausdruck Bett, weil zwischen der mate- Als Beispiel sei hier neben den Sprachzeichen auf bestimmte Verkehrs-
riellen Seite des Zeichens und der durch sie bezeichneten Vorstellung keine zeichen verwiesen, etwa auf das Zeichen 'Vorfahrt gewähren'.
apriorische Verknüpfung existiert. In diesem Sinne nennt man das sprachliche - Zeichen mit Übereinstimmungen zu wahrnehmbaren Merkmalen des
Zeichen arbiträr, das heißt beliebig oder willkürlich. Denotats: Ikon oder ikonisches Zeichen.
Der alte Mann wird von den anderen nicht mehr verstanden, weil sie die Derartige Übereinstimmungen können beispielsweise in Farbe, Klang,
von ihm gesetzten Beziehungen zwischen Ausdrucks- und Inhaltseinheiten Form, Struktur, Reihenfolge bestehen.
nicht kennen. Für die anderen sind mit den von dem alten Mann verwende- Beispiele für ikonische Zeichen sind etwa Piktogramme auf Wegweisern
ten, ihnen bekannten Ausdruckseinheiten ganz bestimmte Inhaltseinheiten von und Verkehrszeichen, zum Beispiel das Zeichen für einen Radweg.
vornherein verbunden. Indem Peter Bichsel in seiner Geschichte den alten
Mann diese Verbindung autbeben lässt, wird auch dem Leser der Charakter 5. Ikonizität und Motiviertheit von Sprachzeichen
dieser Verbindung zum Problem. Das abweichende Sprachverhalten wird so
als Abweichen von einer sozialen Konvention erkennbar. Die Bedeutung der Einen Einwand gegen die Arbitrarität der sprachlichen Zeichen haben schon
sprachlichen Zeichen wird von dem einzelnen Sprecher beim Spracherwerb immer die onomatopoetischen, das heißt lautnachahmenden Wörter begrün-
erlernt. Damit wird eine sozial, historisch und geographisch bestimmte det, wie zum Beispiel die Bezeichnung eines bestimmten Vogels nach seinem
Konvention übernommen. Ruf als Kuckuck. Hier kann man zwischen Ausdruck und Inhalt eine kausale
Die Notwendigkeit der Orientierung an der Konvention der Sprecher und Beziehung herstellen: "Der Kuckuck heißt Kuckuck, weil er Kuckuck ruft."
damit an den anderen ist schon früh erkannt und formuliert worden. Christi an Hier besteht offensichtlich eine Übereinstimmung im wahrnehmbaren Merk-
Gueintz (1592-1650), ein Sprachwissenschaftler des Barock, drückte sie fol- mal Klang zwischen dem Zeichen Kuckuck und dem Denotat, dem Vogel,
gendermaßen aus: nämlich seinem Ruf. Das sprachliche Zeichen erscheint als motiviert, insofern
18 III. Das sprachliche Zeichen Motiviertheit 19

der Vogel zweifellos nicht Wauwau oder Kikeriki heißen könnte. Da Sprach- morphologische Durchsichtigkeit ist eine Bedingung für die semantische
zeichen lautlich realisiert werden, könnte man annehmen, dass sie überhaupt Motiviertheit der Wörter. Motiviert sind sie, wenn ihre Bedeutung aus der
nur in dem Sinne ikonisch sein könnten, dass Denotate mit akustischem Cha- Summe der Bedeutungen der Teile und der Weise ihrer Zusammenfügung
rakter durch klangnachahmende Zeichen bezeichnet würden. Ikonizität kann ableitbar ist (man vergleiche dazu Kapitel VI.)
aber auch in geschriebener Sprache realisiert werden, wenn etwa in visueller Umfangreicheres Wortmaterial kann schnell verdeutlichen, dass komplexe
Poesie eine inhaltliche Beziehung zwischen der graphischen Textstruktur und Zeichen nicht automatisch vollmotiviert sind. Bei einer Reihe von Komposita
dem von den Wörtern bezeichneten Phänomen hergestellt wird. Ein Beispiel mit dem gleichen Grundwort -wurst zeigen sich vielmehr alle möglichen
bietet Ernst Jandls Ebbe-Flut-Text: Übergangsformen zwischen motivierten Zeichen wie Lebenvurst und gegen-
wartssprachlich nur teilmotivierten wie Plockwurst, Mettwurst:
ebbeebbeebbeebbeebbeflut
ebbeebbeebbeebbeebbeebbe
ebbeebbeebbeebbeebbeflut Streichwurst Zungenwurst Schweinswurst
Schinkenwurst Preßwurst
ebbeebbeebbeebbefluuuuut Kochwurst
Knoblauchwurst Dosenwurst Weißwurst
ebbeebbeebbefluuuuuuuuut Rauchwurst Jausenwurst (zErv~'la:t-l
ebbeebbefluuuuuuuuuuuuut Katen( rauch)wurst Katenwurst FV Zer- Servelatwurst
ebbefluuuuuuuuuuuuuuuuut F1eischwurst Leberwurst ('tsErv~la: t- ,'ZEr-)
fluuuuuuuuuuuuuuuuuuuuut Salamiwurst TIiiffelleberwurst Zervelatwurst
Schlackwurst Geflügelleberwurst
ebbefluuuuuuuuuuuuuuuuut Knackwurst Kalbsleberwurst
Bratwurst
Rostbratwurst
Bockwurst Räucherwurst Rotwurst
Ernst land!. der künstliche baum, Sammlung Luchterhand 9. Neuwied am Rhein und Berlin Plockwurst Hausmacherwurst Hartwurst
1970. S. 34 Troffelwurst Dauerwurst Rostwurst
Pinkelwurst Bierwurst Blutwurst
Griebenwurst, Erbswurst Bettwurst
Ikonizität wird schließlich überhaupt allen sprachlichen Zeichen zugespro- Greubenwurst Hanswurst Mettwurst
chen, die eine komplexere Struktur besitzen und bei denen zum Beispiel eine
Übereinstimmung in der Reihenfolge der sprachlichen Elemente mit der Rei-
G. Muthmann, Rückläufiges deutsches Wörterbuch. S. 961
henfolge von Elementen im Denotat besteht, wie etwa bei Bezeichnungen von
Farbfolgen in Nationalflaggen (blau-weiß-rot). Als ikonisch kann man auch
Plural formen wie Kinder auffassen, in denen gegenüber dem Singular Kind 7. Die drei Beziehungen des sprachlichen Zeichens
ein Mehr an sprachlichem Material einem Mehr an Inhalt entspricht.
Die Veränderung der Beziehungen der Sprachzeichen auf die Sachen hat nur
Insgesamt ist der Begriff der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens also zu
eine Beziehung des Sprachzeichens sichtbar gemacht. Weitere Beziehungs-
relativieren.
richtungen werden wiederum an dem abweichenden Verhalten des alten
Mannes in Peter Bichsels Geschichte erkennbar.
6. Komplexität und Motiviertheit von Sprachzeichen
Am Mann blieb der alte Fuß lange im Bild läuten, um neun stellte das Fotoal-
Analog zu dem Begründungssatz für die Motiviertheit des Sprachzeichens bum, der Fuß fror auf und blätterte sich auf den Schrank, damit er nicht an
Kuckuck könnte man für Wörter wie Bett, Bild, Tisch, Stuhl keine Begrün- die Morgen schaute.
dungssätze formulieren, wohl aber für Wörter wie Fotoalbum und Wecker: Die einzelnen Zeichen treten hier in Verbindungen mit anderen Zeichen auf,
"Das Fotoalbum heißt Fotoalbum, weil es ein Album für Fotos ist." "Der
die nicht üblich sind: blieb ... läuten, blättene sich, der Fuß fror aujund so
Wecker heißt Wecker, weil er weckt." Fotoalbum und Wecker sind komplexe weiter. Durch diese Unüblichkeit wird aber gerade die Beziehungsrichtung
Sprachzeichen, die in Bezug auf ihre Bestandteile Foto, Album, weck(en) der Zeichen untereinander sichtbar.
und -er (als Bezeichnung für ein Gerät, das etwas tut) durchsichtig sind. Die
20 IlI. Das sprachliche Zeichen

Und es kam so weit, daß der Mann lachen mußte, wenn er die Leute reden
hörte .... Er mußte lachen, weil er all das nicht verstand.
Das Nichtverstehen des alten Mannes und seine unübliche Reaktion des La- IV. Phonetik und Phonologie
chens auf für die anderen völlig übliche Aussagen zeigen schließlich eine
weitere Beziehungsrichtung der Sprachzeichen auf, nämlich die auf die Be- 1. Das Phonem
nutzer der Sprachzeichen, die Sprecher und Hörer.
Die Beziehung der Zeichen zu den Sachverhalten heißt semantisch, die Das folgende Gedicht von Christian Morgenstern führt durch seine Reime zur
Beziehung der Zeichen untereinander heißt syntaktisch, die Beziehung der Reflexion der lautlichen Bestandteile der sprachlichen Zeichen.
Zeichen zu den Zeichenbenutzern heißt pragmatisch. Das ästhetische Wiesel
Ein Wiesel
Sprecher - Hörer saß auf einem Kiesel

I
pragmatisch
inmitten Bachgeriesel.
Wißt ihr,
weshalb?
Das Mondkalb
I
sprachliches Zeichen - - - syntaktisch - - - sprachliches Zeichen
verriet es mir
im Stillen:
Das raffinier-

I
semantisch
te Tier
tats um des Reimes willen.
Christian Morgenstern, Gesammelte Werke in einem Band, hg. v. M. Morgenstern, München

Denotat
I 1970, S. 197

Wörter, die vom letzten betonten Vokal an lautlich übereinstimmen, reimen


aufeinander. In dem Gedicht von Christi an Morgenstern ist der Reim selbst
das Thema. Die Reime sind:
Literaturhinweise
Wiesel: Kiesel: -geriesei, weshalb: Mondkalb
Kurzinformation: ihr: mir: rajfinier- : Tier, Stillen: willen
Metzler Lexikon Sprache. Artikel: Arbitrarität, Bedeutung, Ikon, Ikonismus, Index, Inhalt,
Signiftkant, Signiftkat, Symbol, Zeichen (von H. Rehbock) Das Gedicht gewinnt seinen besonderen Reiz dadurch, dass der Inhalt in eine
direkte Beziehung zur Form gesetzt wird. Im zweiten Teil des Gedichts wird
Einführende Literatur:
A. LinJce - M. Nussbaumer - P.R. Portmann, Studienbuch Linguistik, S. 17-24
der inhaltliche Aspekt von dem Dichter selbst als nicht relevant gekennzeich-
W. Nöth, in: J. Dittmann - C. Schmidt (Hgg.), Über Wörter, S. 9-32 net. Morgenstern gibt vielmehr als Grund für den Inhalt 'Wiesel auf Kiesel
H. Pelz, Linguistik, S. 39-50 inmitten Bachgeriesel' den Hinweis auf die Ausdrucksseite, den Reim.
Grundlegende und weiterführende Literatur: Bei aller Ähnlichkeit liegt aber im Reim auch ein lautlicher Unterschied
U. Eco, Einführung in die Semiotik zwischen den Reimwörtern vor; Reimbindung zwischen identischen Wörtern
Ch.W. Morris, Grundlagen der Zeichentheorie gilt als Sonderform (rührender Reim). Dem lautlichen Unterschied zwischen
C.K. Ogden - L.A. Richards, Die Bedeutung der Bedeutung den reimenden Wörtern entspricht im Allgemeinen auch ein inhaltlicher
P. de Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Teil I, Kapitel I
Unterschied. In dem Reimpaar Wiesel - Kiesel ist der lautliche Unterschied