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KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|11


AUSLANDSINFORMATIONEN SAARC – 25 Jahre regionale
Integration in Südasien
Tomislav Delinić

ASEAN und G-20 –


Indonesiens außenpolitische
Perspektiven
Winfried Weck

Einwanderungsland Norwe-
gen – Demografische Trends
und politische Konzepte
Norbert Beckmann-Dierkes /
Johann C. Fuhrmann

Nach den Präsidentschafts-


wahlen in der Côte d’Ivoire –
Kann die politische Krise noch
mit diplomatischen Mitteln
gelöst werden?
Klaus D. Loetzer / Anja Casper

Wer nichts erwartet, ist mit


wenig zufrieden – Klimagipfel
in Cancún scheitert nicht,
aber reicht der Erfolg?
Frank Priess

Die Republik Moldau am


vermeintlichen Ende eines
Wahlmarathons
Holger Dix
KAS
AUSLA N D S I N F O R M A T I O N E N
2|11
ISSN 0177-7521
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
27. Jahrgang

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Herausgeber:
Dr. Gerhard Wahlers

Redaktion:
Frank Spengler
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Dr. Stefan Friedrich
Dr. Hardy Ostry
Jens Paulus
Dr. Helmut Reifeld

Verantwortlicher Redakteur:
Stefan Burgdörfer

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Inhalt

4 | EDITORIAL

7 | SAARC – 25 JAHRE REGIONALE


INTEGRATION IN SÜDASIEN
Tomislav Delinić

23 | ASEAN UND G-20 – INDONESIENS


AUSSENPOLITISCHE PERSPEKTIVEN
Winfried Weck

39 | EINWANDERUNGSLAND NORWEGEN –
DEMOGRAFISCHE TRENDS UND
POLITISCHE KONZEPTE
Norbert Beckmann-Dierkes /
Johann C. Fuhrmann

52 | NACH DEN PRÄSIDENTSCHAF TSWAHLEN IN


DER CÔTE D’IVOIRE – KANN DIE POLITISCHE
KRISE NOCH MIT DIPLOMATISCHEN MITTELN
GELÖST WERDEN?
Klaus D. Loetzer / Anja Casper

83 | WER NICHTS ERWARTET, IST MIT WENIG


ZUFRIEDEN – KLIMAGIPFEL IN CANCÚN
SCHEITERT NICHT, ABER REICHT DER
ERFOLG?
Frank Priess

99 | DIE REPUBLIK MOLDAU AM VERMEINTLICHEN


ENDE EINES WAHLMARATHONS
Holger Dix
4 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser,

„Das Paradies brennt!‟, so lautete eine der zahlreichen,


sicherlich nicht immer treffenden Überschriften von
Beiträgen, die man im Zusammenhang mit der Jasmin-
Revolution in Tunesien lesen konnte. Dass das Land nicht
das Paradies war, wussten viele. Gleichwohl konnte Tune-
sien über Jahre, auch Dank seiner nach Europa ausgerich-
teten, moderierenden Politik, einige Entwicklungserfolge
erzielen. Das Land galt als fester Anker im Maghreb,
dem auch die bürgerkriegsartigen Ereignisse im größeren
Nachbarland Algerien zu Anfang der neunziger Jahre nichts
anhaben konnten. Es wies über Jahre ein gutes Wirt-
schaftswachstum auf, die Analphabetenrate ist eine der
niedrigsten auf dem ganzen Kontinent, die Gleichstellung
von Mann und Frau wurde weiter betrieben und gesetz-
lich sichergestellt. Eine im regionalen Vergleich sehr breite
Mittelschicht trug diese Entwicklungen.

Doch am Ende war es nicht das allein, was zählte. Die


am häufigsten gefallenen Begriffe während der Demons-
trationen in Tunesien waren „Würde‟ und „Freiheit‟. Die
Lehren, die es aus den Ereignissen in Tunesien  – wie
ähnlichen in der gesamten Region  – zu ziehen gilt, sind
offensichtlich: Wirtschaftliche Entwicklung und Wachstum
lassen sich auf Dauer nicht trennen von der Sicherstellung
und Gewährung von Menschenrechten, insbesondere poli-
tischer Rechte.

Wegen fortgesetzter Schikanen der Ordnungskräfte, die er


als Einschränkung seiner persönlichen Freiheit empfunden
haben muss, setzte sich in Tunesien der Gemüsehändler
Mohammed Bouaziz selbst in Brand. Seine Verzweiflungstat
stand am Beginn der Aufstände, die sich inzwischen auf
weite Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens ausgeweitet
haben. Immer mehr wirtschaftlich und sozial Unzufriedene
schlossen sich nach dem Tod Bouaziz’ einer Bewegung
an, die erst allmählich auch eine politische wurde. Bald
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erreichte sie die Hauptstadt Tunis, getragen insbesondere


von jungen, akademisch gebildeten Tunesiern. Zur Verbrei-
tung ihrer zunächst, und zum Teil bis heute, sehr hetero-
genen Ziele, aber auch zur Organisation der Protestkund-
gebungen nutzten sie das Internet – Facebook, Twitter und
Youtube. Der Druck wurde so groß, dass sich Machthaber
Zine el Abidine Ben Ali zum Rückzug gezwungen sah.

Kaum jemand hätte Wochen zuvor geahnt, dass das mit


Blick auf seine wirtschaftliche und soziale Struktur weit
entwickelte und stabile Tunesien eine solche Revolution
erleben würde. Die Ereignisse widerlegten die Über-
zeugung, der nicht nur viele Autokraten in der Region
anhingen, sondern auch politische Vertreter des Westens:
Erst komme wirtschaftliche und soziale Entwicklung, dann
persönliche und politische Rechte. Ein Trugschluss, viel-
mehr bedingen sich wirtschaftliche und politische Freiheit.
Gerade die im Internet vernetzte tunesische Jugend hat
gezeigt, dass sie nicht bereit war, die Repressionen des
Staates, ausgeführt durch Polizei und Sicherheitsapparate,
länger zu akzeptieren, ganz unabhängig von ihrer wirt-
schaftlichen Situation.

Was in Tunesien begann, hat inzwischen Auswirkungen auf


die gesamte Region. Die Demonstranten in Algerien und
Ägypten, in Jordanien und im Jemen möchten sich mit der
Ankündigung politischer Reformen nicht mehr zufrieden
geben. Bei aller Unterschiedlichkeit der Länder und ihrer
Machtstrukturen protestieren die Menschen zunächst und
vor allem gegen das herrschende Establishment. „Go
away‟ steht auf den Schildern, gleich gegen welchen auto-
kratischen Herrscher sie gerichtet sind.

Dieselben Schilder wurden auch in Ägypten hochgehalten,


wo der 82-jährige Hosni Mubarak seit drei Jahrzehnten das
Land regiert hat und zuletzt an der dynastischen Übernahme
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der Herrschaft durch seinen Sohn Gamal arbeitete. Auch


hier zeigte sich, dass wirtschaftlicher Fortschritt keine
Demokratiefortschritte ersetzen kann. Trotz ansehnlicher
Wachstumszahlen der letzten Jahre ging die soziale Schere
zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Auch
hier wollte die im Internet vernetzte, im Leben perspektiv-
lose Jugend nicht länger auf angekündigte Veränderungen
oder politische Placebos warten.

Die Botschaft der Menschen auf den Straßen von Maghreb


und Maschrek lautet: Wir wollen in Würde leben. Dazu
gehört sicherlich ein gewisses Maß an Wohlstand und sozi-
aler Sicherheit, dazu gehören aber eben genauso persön-
liche Freiheit und politische Mitbestimmung. Darauf haben
die Menschen in der Region lange gewartet. Gewiss ist
auch: Es wird ein beschwerlicher Weg. Teilweise erleben
Länder durch den Wegfall staats- und gesellschaftsstra-
gender Parteien den völligen Umbau, sie müssen sich neu
organisieren. Neben den aufzubauenden rechtsstaatlichen
Institutionen müssen die ersten demokratischen Gehver-
suche unternommen werden, auch der Umgang mit den
islamistischen Gruppen muss bedacht werden. Bei aller
Euphorie müssen wir uns der Fragilität stellen, die derar-
tige Umbruchsituationen mit sich bringt: Die Gefahr des
Abgleitens in Chaos und Anarchie besteht nach wie vor.

Die Herausforderungen, die vor den Ländern der Region


liegen, sind immens. Gerade die Politischen Stiftungen
sind nun aufgerufen, die gesellschaftlichen und politischen
Umbrüche in der Region zu begleiten. Die Konrad-Adenauer-
Stiftung ist sich dieser Aufgabe bewusst und sieht darin
eine ihrer Schwerpunktaufgaben der kommenden Jahre.

Dr. Gerhard Wahlers


Stellvertretender Generalsekretär
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SAARC – 25 Jahre regionale


Integration in Südasien

Tomislav Delinić

Selbst gut informierte politische Beobachter werden


zugeben, dass bei einer Diskussion über Formen regionaler
Integration  – seien sie politischer oder wirtschaftlicher
Natur – kaum jemand SAARC, die Südasiatische Assozia-
tion für regionale Kooperation, als Erfolgsmodell regio-
naler Zusammenarbeit aufzählen würde. In einem solchen
Gespräch fiele der Blick zunächst auf die Europäische
Union, in Südostasien auf ASEAN und auf dem amerika- Tomislav Delinić ist
nischen Kontinent auf Mercosur oder auf NAFTA. SAARC Leiter des Regional-
projekts SAARC der
dagegen steht im Schatten der genannten Organisationen, Konrad-Adenauer-
könnte den Diskutanten gar unbekannt sein. Dabei ist der Stiftung in Neu-Delhi.
Regionalverbund eigentlich altgedient, zumindest älter als
Mercosur und NAFTA – aber ist er auch genauso erfolgreich?
Den 25 Jahren seit der Gründung im Jahre 1985 stehen in
den Augen der Weltöffentlichkeit vergleichsweise wenige
faktische Erfolge gegenüber. Dabei liest sich die damals
von den SAARC-Gründerstaaten Bangladesch, Bhutan,
Indien, Malediven, Nepal, Pakistan und Sri  Lanka unter-
zeichnete Charta vielversprechend und in vielerlei Hinsicht
nicht anders als die Gründungsdokumente der genannten
Regionalbündnisse. Doch selbst regionale Beobachter
kritisieren SAARC als zwar begrüßenswert in der Absicht,
aber zumeist wirkungslos in der Praxis. Seit der Gründung
folgten etliche Treffen – im Unterschied zu anderen Regi-
onalbündnissen meist ausschließlich auf höchster Regie-
rungsebene  – und etliche Abkommen. Doch tatsächliche
Erfolge für eine vertieftere Kooperation der Mitgliedsländer
blieben aus Sicht der Analysten Mangelware.

Seit 2007 ist Afghanistan, eines der regionalen Sorgen-


kinder Südasiens, Teil des SAARC-Verbundes. Die anderen
Mitgliedsländer wollen auch am Beispiel der Afghanistan-
Frage zeigen, dass die Region Südasien Verantwortung für
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sich selbst übernehmen kann. Die zuletzt abgehaltenen


Gipfeltreffen der SAARC-Regierungschefs waren entspre-
chend gespickt mit Aufbruchsparolen und Absichtserklä-
rungen, die zeigen sollten, dass SAARC sich selbst nicht
aufgegeben hat.1 „Den Worten müssen Taten folgen‟,
kommentieren Medien die Situation kritisch. Sie sehen die
beiden großen Akteure der Region, Indien und Pakistan,
in der Pflicht. Denn nicht zuletzt der schwelende Konflikt
der beiden südasiatischen Atommächte hängt wie ein
Damokles-Schwert über den Bemühungen Südasiens, in
der Region Stabilität zu fördern und die einzelnen Akteure
näher zueinander zu bringen. Es bedarf verstärkter Koope-
ration und Abstimmung, sollen ähnliche Erfolge erzielt
werden, wie es andere Regionalverbände weltweit vorge-
macht haben.

Die Bewertung von SAARC sollte unter Es ist allerdings nicht sachgerecht, die Ent-
Beachtung der schwierigen Ausgangs- wicklung von SAARC ausschließlich anhand
lage, der regionalen Umstände und des
komplizierten Entstehungshintergrunds der üblichen Kriterien zu messen. Die Bewer-
der Organisation erfolgen. tung sollte unter Beachtung der schwierigen
Ausgangslage, der regionalen Umstände und
des komplizierten Entstehungshintergrunds der Organi-
sation erfolgen  – dann sind die erzielten Vereinbarungen
nicht nur ein symbolisch äußerst wichtiger Erfolg für eine
krisengeschüttelte Region, sondern auch ein guter Grund-
stein für die kommenden Herausforderungen. Wie also
funktioniert SAARC, welche Schwierigkeiten stellten und
stellen sich den Mitgliedsländern, hat SAARC eine Zukunft
und welche Potentiale bietet eine weitere regionale Inte­
gration?

Ein Verbund der Gegensätze und


Gemeinsamkeiten

Es ist keine einfache Konstellation, die sich dem Betrachter


in Südasien offenbart: In Fragen der Bevölkerungszahl, der
Wirtschaftskraft, der territorialen Größe, der militärischen
Stärke, der technologischen Entwicklung, der Infrastruktur
und letztlich der politischen Einflussmöglichkeiten liegen
Welten zwischen Indien einerseits, Pakistan andererseits
und den weiteren SAARC-Mitgliedstaaten Afghanistan,

1 | Vgl. Dipu Moni, „Saarc now deliberates more on action‟, The


Daily Star, 27.05.2010, in: http://thedailystar.net/newDesign/
news-details.php?nid=140263 [14.12.2010].
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Bangladesch, Bhutan, Nepal, den Malediven und Sri Lanka.


Diese sind teils tatsächliche Kleinstaaten oder von der Welt-
öffentlichkeit als solche fehlinterpretiert – so ist Bangladesch
mit einer Bevölkerungszahl von 160 Millionen
weltweit einer der größten Staaten, und auch Die SAARC-Länder stellen mit fast 1,5
Nepals Bevölkerung übertrumpft mit knapp 29 Milliarden Einwohnern einen bemer-
kenswerten Teil der Weltbevölkerung
Millionen Einwohnern die meisten Mitglieds- und liegen im Mittelpunkt einer pulsie-
staaten der EU.2 Die SAARC-Länder stellen renden Weltregion.
mit fast 1,5 Milliarden Einwohnern einen
bemerkenswerten Teil der Weltbevölkerung und liegen
angesichts der direkten Nachbarschaft zu China im Mittel-
punkt einer pulsierenden Weltregion.3

Indien ist dabei der dominante Akteur: Die territoriale


Größe, die Bevölkerungszahl, die derzeit rasante Wirt-
schaftsentwicklung, die Rolle als Atommacht und die
kürzlich erreichte Position als nicht-ständiges Mitglied im
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sind dafür Belege.
Die bemerkenswerte Entwicklung des Landes könnte
somit als Anker für die gesamte Region dienen und zu
deren Entwicklung positiv beitragen. Und das wäre allemal
nötig, denn trotz der beeindruckenden Erfolge Indiens
ist Südasien und auch Indien selbst geplagt von Massen-
armut, Mega-Urbanisierung, teils extremen Arm-Reich-
Disparitäten und tief greifenden Problemen in den Berei-
chen Infrastruktur, Energieversorgung und Umwelt. Dazu
kommen noch zahlreiche innerstaatliche Konflikte sowie
politische Instabilitäten in der Region.

Gemeinsamkeiten zwischen den SAARC-Mitgliedsländern


finden sich aber auch abseits dieser Probleme. So hat
Südasien eine weit zurückreichende, gemeinsame und
eng verflochtene Geschichte. In kultureller, ethnischer
und religiöser Sicht stehen sich die Einzelstaaten durchaus
näher als es die politischen Entwicklungen in den vergan-
genen Jahrzehnten erahnen lassen. Auch zum britischen
Kolonialreich gehörte die Region nahezu geschlossen. In
Traditionen, Sprachen und Gepflogenheiten finden sich

2 | Vgl. Fischer-Weltalmanach, „Nepal‟, http://www.weltalmanach.


de/staat/staat_detail.php?staat=nepal und vgl. Fischer-Welt-
almanach, „Bangladesch‟, http://www.weltalmanach.de/
staat/staat_detail.php?fwa_id=banglade [beide 13.12.2010].
3 | Vgl. Ebd., „SAARC: 14. Gipfeltreffen in Neu-Delhi‟,
http://www.weltalmanach.de/suche/suche.php?search=saarc
[13.12.2010].
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oftmals grenzübergreifende Parallelen. Könnte das eine


Basis für eine gemeinsame südasiatische Identität sein?
Darüber hinaus vereint die Staaten der Region eine weitere
Tatsache: Nach vielen Wirren, internen Konflikten, kriege-
rischen Auseinandersetzungen und politischen Umbrüchen
berufen sich alle SAARC-Staaten heute auf demokratische
Grundprinzipien – möglicherweise eine wichtige Etappe auf
dem Weg zu mehr Miteinander in der Region.4

Indien als regionales Schwergewicht

Die herausragende Position Indiens erweist sich bei


genauerer Betrachtung als eine der vielen Hürden in der
Frage der Integration Südasiens: Indien gilt aus Sicht der
Nachbarn oftmals zugleich als Heilsbringer als auch Teil
des Problems, gar in Ansätzen als Bedrohung. Mit Blick
auf die geografischen Ausmaße, das demographische und
wirtschaftliche Potential sowie das politische
Indien befürchtet ein Bündnis der Gewicht überragt das Land die restlichen
Nachbarn gegen die eigenen Interes- Akteure der Region bei Weitem. Andere Regi-
sen, nicht zuletzt mit Blick auf die Rolle
Pakistans und das Engagement Chinas onalverbände kennen so ein Phänomen nicht
in der Region. oder nur begrenzt. Selbst die herausgeho-
bene Stellung Indonesiens im ASEAN-Verbund vermittelt
nur ansatzweise ein ähnliches Gefühl. Indien wiederum
befürchtet ein Bündnis der Nachbarn gegen die eigenen
Interessen, nicht zuletzt mit Blick auf die Rolle Pakistans
und das Engagement Chinas in der Region.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der Indien umso mehr


in den Fokus rückt: Indien hat mit allen SAARC-Staaten
eine gemeinsame Grenze. Alle anderen Mitgliedsländer
aber grenzen an keinen anderen SAARC-Staat außer an
Indien. Die Ausnahmen hierbei sind Afghanistan und Paki-
stan, wobei auch diese beiden Staaten entweder an Indien
grenzen oder nur über Indien geografischen Zugang zu
den anderen SAARC-Mitgliedern erhalten.

Es führt also selbst geografisch kaum ein Weg an Indien


vorbei. Das spürten lange Zeit gerade die kleineren
Mitgliedsländer wie Nepal, Bhutan und Bangladesch, deren
Grenzen nur wenige Kilometer durch einen indischen

4 | In ihren Eröffnungsreden für den 16. SAARC-Gipfel in Thimphu/


Bhutan betonten die Staatschefs der Mitgliedstaaten den
demokratischen Wandel in der Region, vgl. http://saarc- sec.
org/Sixteenth-SAARC-Summit/75 [17.12.2010].
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Korridor voneinander getrennt sind. Ohne Abstimmung der


beteiligten Seiten, insbesondere ohne Zustimmung Indiens,
war kein Handel, kein Grenzverkehr, keine Energie-Zusam-
menarbeit oder sonstige Initiative möglich. Solche Kompli-
kationen bedeuteten in der Praxis oftmals den faktischen
Stillstand des Austausches innerhalb SAARCs.

Die von allen Akteuren eingebrachte politische Zurückhal-


tung gegenüber den Nachbarn ist eine logische Folge dieser
Konstellation, aber auch der Jahrhunderte langen Wirren in
Südasien, nicht zuletzt der vielen Konflikte seit der 1947
erfolgten Teilung des Subkontinents. Die Nachwirkungen
dreier Kriege zwischen Indien und Pakistan, dazu eine Viel-
zahl regionaler und innerstaatlicher Konflikte, Bürgerkriege
und politischer Wirren in den Einzelstaaten sind nach wie
vor spürbar.

In dieser Hinsicht führt die relative Bewertung Trotz der vielen Hindernisse, trotz
der Kooperationsbemühungen Südasiens zu starker nationaler Kräfte, die sich aus-
drücklich gegen mehr Kooperation auf
einem erfreulicheren Ergebnis als die Aufzäh- überstaatlicher Ebene wenden, wurde
lung faktischer Integrationsschritte. Trotz der SAARC ins Leben gerufen.
vielen Hindernisse, trotz starker nationaler
Kräfte, die sich ausdrücklich gegen mehr Kooperation auf
überstaatlicher Ebene wenden, wurde SAARC ins Leben
gerufen, und das Mitte der achtziger Jahre in einer Zeit, die
von den Gegensätzen und Antipathien der SAARC-Einzel-
staaten geprägt war: Die sowjetische Invasion in Afgha-
nistan, das seit dem Freundschaftsabkommen besondere
Verhältnis Indiens mit der Sowjetunion und das parallel
sich entwickelnde „spezielle‟ Verhältnis zwischen Pakistan
und den USA sind nur einige Beispiele für die schwierigen
Umstände einer regionalen Annäherung Südasiens kurz
vor der Gründung von SAARC.

Die Institutionalisierung von SAARC

Auf Initiative Bangladeschs kam es nach einer Vielzahl


vorheriger Koordinationstreffen am 8. Dezember 1985 in
Dhaka zur Unterzeichnung der vierseitigen SAARC-Charta.
Die angespannte Lage in der Region zeichnete sich deut-
lich im verabschiedeten Dokument ab: Bilateral strittige
Fragen sind kategorisch aus dem Kompetenzbereich von
SAARC ausgeklammert. Auch müssen alle Entscheidungen
einstimmig erzielt werden. Beides ist ein klarer ­Fingerzeig
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auf die Absicht Indiens und Pakistans, die beiderseits


vorhandenen Unstimmigkeiten nicht auf eine supranatio­
nale Ebene zu heben. Bis heute sehen Kommentatoren
diese Passagen als einen Grund an, warum SAARC in der
Praxis oftmals starr und handlungsunfähig den Streitig-
keiten zwischen den beiden großen Akteuren der Region
gegenüberstand. Die kleineren SAARC-Staaten hätten eine
Einbeziehung bilateraler Fragen möglicherweise nutzen
können, um als Einheit und Vermittler gegenüber Indien
und Pakistan aufzutreten.5 Die Struktur des Regionalver-
bundes verhinderte das. Dafür wurde die südasiatische
Gemeinschaft zunächst u.a. in den Bereichen Landwirt-
schaft, Gesundheit, Armutsbekämpfung und Nahrungs-
mittelsicherheit aktiv, und das teils durchaus erfolgreich.
Eine Vielzahl von Gremien wurde geschaffen, um die
gemeinsam identifizierten Probleme anzugehen.

Die mit der SAARC-Charta geschaffene Struktur stellte


den Verbund auf eine zunächst solide und fest instituti-
onalisierte Basis. Es wurden vier Ebenen beschlossen,
auf denen in Zukunft Entscheidungen getroffen und dann
auf den unteren Ebenen umgesetzt werden sollten. Die
Gipfeltreffen der Staatsoberhäupter und Regierungschefs
bildeten dabei das wichtigste Organ. Jährlich oder öfter, so
besagt es die SAARC-Charta, sollen die obersten Vertreter
der Mitgliedsländer über die anstehenden Themen beraten
und beschließen. Diese jeweils wechselnd in einem der
SAARC-Staaten, zuletzt 2010 in Bhutan, stattfindenden
Gipfel werden einerseits von Kommentatoren als großes
Schaulaufen mit PR-Effekt kritisiert  – und in der Tat hielt
sich die Anzahl der effektiv umgesetzten
Während sich bei anderen Integrati- Maßnahmen der Gipfel bisher in Grenzen.
onsmodellen zumeist die Arbeitsebe- Andererseits stellen gerade diese Treffen
nen konsultieren, versammelt SAARC
in meist regelmäßigem Abstand alle aber auch den größten Erfolg von SAARC
Oberhäupter der Mitgliedsländer. dar: Während sich bei anderen Integrations-
modellen der Welt zumeist die Arbeitsebenen
konsultieren, versammelt SAARC in meist regelmäßigem
Abstand alle Oberhäupter der Mitgliedsländer  – darunter
vor allem auch Indien und Pakistan. Recherchiert man in
deutschen und internationalen Medien nach dem Schlag-
wort „SAARC‟, tauchen Meldungen nahezu ausschließlich
im Zusammenhang mit hochrangigen Treffen der beiden

5 | Vgl. Partha S. Ghosh, SAARC: Institutionalization and Regional


Political Processes (Neu-Delhi, 2009), 4 f.
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Nachbarländer auf. So trafen hohe Vertreter Indiens und


Pakistans nach den Anschlägen in Mumbai 2008 zum ersten
Mal wieder auf einem SAARC-Kongress zusammen: 2009
in Colombo. Es war oftmals im Rahmen der SAARC-Gipfel-
treffen, dass sich beide Seiten auf gemeinsame Gespräche
zur Klärung umstrittener Fragen verständigten  – für den
Verbund und die Region ein wichtiger Faktor.

Auch in der weiter zurückliegenden Vergangenheit erwiesen


sich die SAARC-Gipfel als Plattform für die Diskussion bila-
teraler Probleme  – zwar ausschließlich hinter verschlos-
senen Türen und unter vier Augen, aber immerhin: Treffen
fanden statt. Damit ist ironischerweise gerade die in der
Charta so klar ausgegrenzte Diskussion bilateraler Streitig-
keiten einer der größten Erfolge von SAARC – zwar wurden
die Fragen nicht von SAARC diskutiert, aber die institutio­
nalisierten Treffen der politischen Spitzen der Mitglieds-
länder innerhalb des Verbundes brachten diesen wichtigen
Nebeneffekt mit sich.6

SAARC als Plattform für die Weiter-


entwicklung Südasiens

Diese Stärke zieht sich durch die weiteren Ebenen: Auch


wenn Kritiker immer wieder anführen, dass zu wenige
greifbare Ergebnisse herauskommen, kann nicht geleugnet
werden, dass die enge Verflechtung der Mitgliedsländer
in unzähligen Gremien, Ausschüssen und Organen eine
der großen Stärken des Regionalverbundes ist. Gerade
vor dem geschilderten Hintergrund der so schwierigen
Ausgangslage ist es ein wichtiger Schritt, dass alle Akteure
der Region an einem Tisch sitzen und Themen diskutieren.
Der Ministerrat ist neben den Gipfeln eine weitere Ebene,
die politisch agiert. Mehrfach im Jahr treffen sich Minister
verschiedener Ressorts, um politische Planungen zu
entwerfen, die Wirkung der bisher erfolgten Schritte zu
bewerten, neue Bereiche der Kooperation zu identifizieren
und gegebenenfalls neue Methoden und Mechanismen zu
diskutieren.7 Standen hier zunächst nur die Außenminister
der jeweiligen Länder im Gespräch, weiteten sich die Treffen

6 | Es sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass einige


SAARC-Gipfel gerade aus dem Grund ausfielen, weil die
jeweiligen Akteure eben nicht aufeinander treffen wollten.
7 | Vgl. Charter of the South Asian Association for Regional
Cooperation (Dhaka, 1985), Article IV, 2.
14 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

zunehmend auf andere Ressorts aus. So diskutierten die


SAARC-Innenminister bei einer Sitzung im Sommer 2010
über die Errichtung einer an Interpol orientierten Poli-
zeistruktur, die im Hinblick auf terroristische Netzwerke,
Menschen- und Drogenhandel sowie Schmuggel in der
Region länderübergreifend aktiv werden könnte.8

Die Beschlüsse der Gipfel und der Ministerratstreffen


werden von „Ständigen Ausschüssen‟ (zusammenge-
setzt aus hohen Vertretern der jeweiligen Ressorts), dem
„SAARC-Sekretariat‟, „Technischen Komitees‟ und durch
von diesen eingesetzte „Aktionskomitees‟ verwaltet und
umgesetzt. Die Treffen finden in regelmäßigen, an der
Notwendigkeit der Sache orientierten Abständen statt.
Auch innerhalb dieser Gremien gilt als eine der Stärken
von SAARC, dass Entscheidungsträger und technische
Sachverständige der Einzelstaaten regelmäßig zusammen-
kommen und ihre Probleme, Ansichten und Lösungsan-
sätze gemeinsam diskutieren können – soweit die Theorie.

Selbst für thematisch eigentlich infor- Einen Hauptkritikpunkt an SAARC gilt es dabei
mierte Politiker der Region scheint die nicht außer Acht zu lassen: Im Rahmen der
Fülle der Aktivitäten des Verbundes
kaum mehr erfassbar zu sein. beschriebenen Organisationsstruktur ent-
wickelten sich innerhalb kürzester Zeit eine
Unmenge an Institutionen, Initiativen, Ausschüssen, Gre-
mien  – alle überaus aktiv in den unterschiedlichsten
Themenbereichen, von Biotechnologie, Forstwirtschaft
über Küstenverwaltung bis hin zu meteorologischer
Zusammenarbeit. Zwar ist unbestritten, dass eine enge
Konsultation der Partnerländer eigentlich nicht schaden
kann. Hier wäre aber durchaus auch das Motto „weniger ist
mehr‟ anwendbar: Nicht nur für den externen Betrachter,
etwa den südasiatischen Bürger, der sich mit SAARC zu
identifizieren versucht, sondern auch für den thematisch
eigentlich informierten Politiker der Region scheint die Fülle
der Aktivitäten des Verbundes kaum mehr erfassbar zu
sein.9 Dass dabei jedes Gastland eines SAARC-Gipfels die
Themenagenda zu gestalten hat, führt umso mehr zu einer
schieren Explosion der aufgegriffenen und größtenteils
institutionalisierten Maßnahmen des Regionalverbundes.

8 | Diplomatic Correspondent, „SAARC police proposed‟, The


Daily Star, June 27, 2010, in: http://www.thedailystar.net/
newDesign/news-details.php?nid=144341 [15.12.2010].
9 | Vgl. Nischal Pandey, Regional Cooperation in South Asia:
A Nepalese Perspective (Kathmandu, 2005), 4.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 15

Dabei wäre eine Konzentration auf die wirtschaftliche Inte-


gration der Region ein Feld, das allein schon eine hohe
Konzentration der Ressourcen und Kräfte der Akteure
erfordert. Diese interne wirtschaftliche Öffnung aber
scheuten die SAARC-Staaten lange, während andere
regionale Integrationsmodelle sich gerade diesen Bereich
auf die Fahnen schrieben und auch innerhalb kürzester
Zeit beachtliche Erfolge erzielten.10 Doch die politischen
Rahmenbedingungen in der Region ließen ein solches
Aufeinanderzugehen vorerst nicht zu.

Über SAPTA zu SAFTA – Auf dem Weg zu einer


Freihandelszone?

Mit dem langsamen Abtasten der Akteure kam auch die


Frage des wirtschaftlichen Aufeinanderzugehens auf die
Tagesordnung der Gespräche im SAARC-Verbund. Das
Südasiatische Präferenzhandelsabkommen (SAPTA) sollte
nach der Unterzeichnung 1993 und dem Inkrafttreten 1995
den Weg zu mehr wirtschaftlicher Integration in der Region
bahnen, denn der Handel zwischen den Part-
nerländern war nach wie vor mit einem nur Die Unterstützung der am wenigsten
geringen Anteil am Außenhandel quasi nicht entwickelten Mitgliedsländer wurde als
eines der wichtigsten Ziele von SAPTA
existent. Neben der anvisierten Absprache zu festgelegt.
mehr Kooperation im Bereich der Zölle und
Abgaben wurde die Unterstützung der am wenigsten entwi-
ckelten Mitgliedsländer der südasiatischen Assoziation als
eines der wichtigsten Ziele von SAPTA festgelegt.11 Zwar
wurden unter SAPTA vier Verhandlungsrunden zu mehr
Liberalisierung des Handels abgehalten, eine tatsächliche,
faktische Wirkung auf ein höheres Aufkommen des SAARC-
internen Handels hatte das Abkommen aber kaum. In
einer Hinsicht war SAPTA dennoch erfolgreich: Der Vertrag
ebnete den Weg für mehr. SAPTA sorgte für die Einsicht
der Verantwortlichen, dass eine verbindlichere Form der
Zusammenarbeit in Wirtschaftsfragen gefunden werden
musste, um eine tatsächliche ökonomische Integration zu
erreichen.

10 | Vgl. Muchkund Dubey, „Looking Ahead‟, in: Dipankar Banerjee


und N. Manoharan (Hrsg.), SAARC Towards Greater Connecti-
vity (Neu-Delhi: Anshah, 2008), 242.
11 | Vgl. Agreement on SAARC Preferential Trading Agreement
(SAPTA), (Dhaka, 1993), 5.
16 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Als Folge wurde SAFTA, das Südasiatische Freihandelsab-


kommen, beim Treffen der Außenminister 2004 in Isla-
mabad unterzeichnet und zum 1. Januar 2006 ins Leben
gerufen. Darin verpflichteten sich die Regierungen der
Einzelstaaten u.a. zu einem konkreten Fahrplan in Rich-
tung Zollerleichterungen (bis 2015 gar Abschaffung der
Zölle), zu einer Harmonisierung von Produkttestverfahren
(bis heute eine der größten Hürden im Handel zwischen
den SAARC-Staaten) und zu einer verstärkten Zusam-
menarbeit in Fragen der zwischenstaatlichen Transportin-
frastruktur. Die Stützung der am wenigsten entwickelten
Mitgliedsländer, die bereits im Rahmen von SAPTA institu-
tionalisiert wurde, wurde auch im SAFTA-Abkommen fort-
geführt: Bangladesch, Bhutan, die Malediven und Nepal
erhielten Sonderkonditionen und Konzessionen bei den
zeitlichen Fristen der Umsetzung der Bestimmungen von
SAFTA.

Was aber bleibt nach nun bereits vier Jahren des Frei-
handelsabkommens? Laut Kritikern ist es zu wenig. Ein
strafferer Zeitplan, ein Entwicklungsfond für die weniger
entwickelten Mitglieder, ein konkreter Plan für die Abschaf-
fung der für den Handel hochproblematischen nicht
tariflichen Handelsbarrieren sowie eine klar definierte
Kooperation im Bereich des Infrastrukturausbaus hätten
dem Abkommen zu mehr Erfolg verhelfen
Der Warenaustausch zwischen den können.12 So aber halten sich die de facto
meisten SAARC-Mitgliedern liegt im für den SAARC-internen Handel wirksamen
Rahmen vernachlässigbarer Zahlen.
Nicht-tarifliche Barrieren, Transport- Resultate in Grenzen. Nach wie vor liegt
probleme und Visa-Komplikationen der Warenaustausch zwischen den meisten
bestimmen den Alltag.
SAARC-Mitgliedern im Rahmen vernachläs-
sigbarer Zahlen,13 nach wie vor bestimmen
nicht-tarifliche Barrieren, Transportprobleme und Visa-
Komplikationen den Alltag der südasiatischen Unter-
nehmer. Und es ist nicht verwunderlich, dass viele dieser
lokalen Händler sich eher für Projekte mit Südostasien,
Amerika und Europa entscheiden anstatt Investitionen
und Handel in den benachbarten Ländern zu fördern.
Auch andersherum haben die genannten Schwierigkeiten
Auswirkungen: Schwärmen indische Unternehmer oft von

12 | Vgl. Dubey, Fn. 10, 244 f.


13 | Eine Ausnahme bildet erneut Indien, das in der Handelsbilanz
der meisten SAARC-Staaten direkt oder indirekt den größten
Anteil stellt. Details in: „Making SAFTA more effective‟, (Neu-
Delhi, 2010).
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 17

den bemerkenswerten Möglichkeiten des Europäischen


Binnenmarktes für Importeure, schrecken ausländische
Unternehmer aufgrund der vielen Hürden vor Investitionen
in Südasien, selbst in Indien, zurück – zum Leidwesen der
gesamten Region.

Öffnung, Kooperation und Blick nach Osten

Gerade die inner-südasiatische Kooperation und Öffnung hat


viel Potential. Doch dafür müsste bei den Verantwortlichen
das Verständnis für die Vorteile eines freien Binnenmarktes
gefördert werden. Selbst die kleineren Staaten zeigten
sich in der Vergangenheit zurückhaltend bei der Frage
der Aufgabe von Zöllen, schließlich stellten Zolleinnahmen
einen wichtigen, teils gar beträchtlichen Teil
der eigenen Einnahmen dar. Darüber hinaus Gerade Europa hat gezeigt, dass der
spiegelt sich auch in dieser Frage die Angst Gedanke der Investition in struktur-
schwächere Mitgliedstaaten für alle
vor einer Überschwemmung des eigenen Seiten letzten Endes Vorteile brachte.
Marktes mit indischen Gütern und vor dem
Aussterben der einheimischen Produktion wider. Dass ein
Binnenmarkt solche Phänomene mit sich ziehen kann, aber
nicht muss, haben andere regionale Integrationsmodelle
bewiesen. Gerade Europa hat gezeigt, dass der Gedanke
der Investition in strukturschwächere Mitgliedstaaten für
alle Seiten letzten Endes Vorteile brachte.

Der entscheidende Faktor dabei ist allerdings Vertrauen in


die Worte und Taten des jeweiligen Handelspartners. Und
das scheint zuletzt zumindest zwischen einigen Akteuren
Südasiens wieder zu wachsen. So kamen sich in den
vergangenen Monaten Indien, Bangladesch, Nepal und
Bhutan in Fragen der Transitregelungen für den Transport-
und Personenverkehr sowie der Nutzung von Tiefseehäfen
näher  – ein bemerkenswerter und wichtiger Schritt, der
lange verschleppt worden war.14 Müssen derzeit Lastwagen
und Container an den jeweiligen Staatsgrenzen komplett
aus- und umgeladen werden, ein erheblicher Aufwand und
aufgrund der aufzubringenden Zeit auch ein finanzieller
Verlust, könnte der Handel und Warenaustausch an den
Grenzen in Zukunft wesentlich beschleunigt werden.

14 | Vgl. Dipu Moni, „Transit to benefit four countries‟, The Daily


Star, August 9, 2010, in: http://www.thedailystar.net/new
Design/news-details.php?nid=150000 [15.12.2010].
18 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Ein wichtiger Katalysator dieses neuen Entgegenkommens


ist auch die Politik Indiens und dessen Premier Manmohan
Singh, der inzwischen von der indischen „Bereitschaft zu
mehr asymetrischer Verantwortung‟ im Zusammenhang
mit SAARC spricht.15 Dies ist ein bedeutendes Signal für die
Region, nachdem SAARC eine Phase der weiteren Schwä-
chung durchlief, in der zahlreiche bilaterale Abkommen
zwischen den einzelnen Mitgliedsländern den Regionalver-
bund immer obsoleter zu machen schienen.

Auch die „Look East‟-Strategie einiger südasiatischer


Staaten könnte eine Konkurrenz für SAARC werden.
Gerade ASEAN strahlt mit ihrer wirtschaftlichen Dynamik
und globalen Wahrnehmung auf die Akteure in Südasien,
allen voran Indien, große Attraktivität aus.16 Aber ein
Vergleich zwischen dem Erfolg ASEANs und der Entwicklung
SAARCs käme in gewisser Hinsicht einem Äpfel-Birnen-
Vergleich gleich. Neben den genannten Problemen, die sich
einer tieferen und schnelleren Integration
Am Beispiel ASEANs wird deutlich, wie Südasiens entgegenstellten, unterscheiden
wichtig ein klares politisches Bekennt- sich beide Modelle in einem entscheidenden
nis zu wirtschaftlicher Kooperation für
den Erfolg regionaler Integration ist. Punkt: Am Beispiel ASEANs wird deutlich,
wie wichtig ein klares politisches Bekenntnis
zu wirtschaftlicher Kooperation und schlussendlich Öffnung
sowie ein konsequentes Handeln in dieser Richtung für
den Erfolg regionaler Integration ist. SAARC hat das aus
genannten Gründen in der Frühphase nicht leisten können
und danach sicherlich auch versäumt. So tastet sich
Südasien immer mehr in Richtung Osten und sucht den
Kontakt zu den Anrainerstaaten.

„Subregionale Integration‟ ist das Stichwort, unter dem


sich z.B. BIMST-EC 1997 zusammengefunden hat. Als
„Initiative für multisektorale technische und wirtschaft-
liche Kooperation in der Bucht von Bengalen‟ setzten
sich Bangladesch, Indien, Sri  Lanka und Thailand, später
dann Myanmar, Nepal und Bhutan, ähnliche Ziele wie sie
die SAARC-Charter vorsieht. Neben der wirtschaftlichen
Kooperation ist eine politische Zusammenarbeit angedacht.

15 | Vgl. Nihal Rodrigo, „SAARC in Perspective‟, in: Dipankar


Banerjee und N. Manoharan (Hrsg.), SAARC Towards Greater
Connectivity (Neu-Delhi: Anshah, 2008), 6.
16 | Mehr zum Verhältnis Indien-ASEAN im IPCS Special Report,
Nr. 72, Institute of Peace and Conflict Studies, May 2009, in:
http://ipcs.org/pdf_file/issue/SR72-Final.pdf [10.01.2011].
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 19

Kommentatoren sehen Potential im BIMST-EC-Projekt, und


wenn nur aus dem Grund, dass die Organisation quasi
SAARC ohne die krisengeschüttelten Akteure Pakistan und
Afghanistan unter Zugabe Thailands und Myanmars ist.17

Entwickelt sich also aus den subregionalen Integrations-


bemühungen möglicherweise eine ernsthafte Konkurrenz
für SAARC? Immer wieder zeigt sich, dass regionale Inte-
gration dann an ihre Grenzen stößt, wenn die Frage der
gemeinsamen Identität gestellt wird. Haben die BIMST-EC-
Staaten tatsächlich eine gemeinsame Verbindung außer
dem Interesse an wirtschaftlicher Entwicklung, Profit und
Wohlstand? Im Vergleich zu SAARC und dem tief verwur-
zelten Geschichtsbewusstsein Südasiens kann diese Frage
ganz klar verneint werden.

Externes Interesse an SAARC wächst

Der Trend zur Vertiefung bilateraler Absprachen bzw. zur


Suche nach Anschluss zu anderen multilateralen Organi-
sationen geschieht paradoxerweise zu einer Zeit, in der
das Interesse an SAARC in Asien, aber auch weltweit,
steigt. Seit 2005 erhielten Australien, China, die Europä-
ische Union, Iran, Japan, Südkorea, Mauritius, Myanmar
und die USA einen Beobachterstatus.18 Damit verbunden
sind die Teilnahme an den Eröffnungs- und
Abschlusssitzungen der Gipfeltreffen und die Eine Initiative Nepals, den Beobach­
Möglichkeit, Stellung zur Entwicklung von terstatus Chinas in eine Vollmitglied-
schaft in der SAARC umzuwandeln,
SAARC und den eigenen Sektoren für eine scheiterte am Veto Indiens.
mögliche Kooperation zu beziehen. In der
Tat entsandten die Beobachterstaaten zuletzt teils hoch-
rangige Vertreter zu den SAARC-Gipfeltreffen, und gerade
China zeigt gesteigertes Interesse an einer Mitgliedschaft
im südasiatischen Regionalverbund. Eine Initiative Nepals
im Frühjahr 2010, den Beobachterstatus Chinas in eine
Vollmitgliedschaft umzuwandeln, scheiterte jedoch am
Veto Indiens. Dabei sehen gerade Kommentatoren aus den
kleineren SAARC-Staaten in der Vollmitgliedschaft Chinas

17 | Vgl. Yogendra Singh, „BIMSTEC: Need to Move beyond the


Linkage Syndrome‟, Institute of Peace and Conflict Studies,
15.12.2008, in: http://www.ipcs.org/article/southeast-asia/
bimstec-need-to-move-beyond-the-linkage-syndrome-2753.
html [15.12.2010].
18 | Vgl. SAARC Secretariat, http://saarc-sec.org/Cooperation-
with-Observers/13 [15.12.2010].
20 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

die Chance, ein Gegengewicht zu Indien innerhalb SAARCs


zu schaffen.19 Auch der enorme Wachstumsdrang Chinas
könnte dem wirtschaftlichen Integrationsprozess in den
Augen der Nachbarn Schwung geben. Zusätzlich würde die
schiere Größe eines solchen Verbundes für Gewicht in der
Welt sorgen, behaupten manche Stimmen.

Aber so weit wird es wohl in näherer Zukunft nicht kommen.


SAARC wird die anstehenden Herausforderungen und
die genannten Probleme des Ungleichgewichts zwischen
Indien und den restlichen Mitgliedern, die Unstimmigkeiten
Indiens und Pakistans und die stockende Wirtschaftsinteg-
ration in der jetzigen Zusammensetzung selbst bewältigen
müssen. Das gestiegene externe Interesse an SAARC
sollte Südasien aber als ein Fingerzeig dafür dienen, dass
in den geschaffenen Strukturen offensichtlich mehr Poten-
tial steckt als man selbst wahrnimmt. Oder sehen Europa,
USA, China und die anderen Beobachter mehr in SAARC,
als es eigentlich ist?

Mehr Konzentration auf das Wesentliche


notwendig

Wie also könnte die Zukunft von SAARC aussehen? In


Südasien überwiegen gegenwärtig drei Meinungen zu
SAARC: Das Projekt wird mit Gleichgültigkeit
SAARC wird in Südasien mit Gleichgül- oder Unkenntnis quittiert, es gilt als geschei-
tigkeit oder Unkenntnis quittiert, gilt tert oder es wird als gute Idee mit viel Poten-
als gescheitert oder als gute Idee mit
viel Potential, aber auch vielen Prob- tial, aber auch vielen Problemen gesehen.
lemen. Kaum jemand würde frei heraus behaupten,
SAARC funktioniere in allen Belangen prächtig. Und in
der Tat halten sich die greifbaren Ergebnisse in Grenzen.
Aber immerhin sind Ergebnisse vorhanden: SAARC hat in
den zurückliegenden 25 Jahren in einer politisch äußerst
schwierigen Konstellation Fakten und Institutionen
geschaffen sowie Foren entwickelt, bei denen sich selbst
die Staatsoberhäupter regelmäßig die Hand schütteln
müssen. SAARC hat für die Region entscheidende Themen
wie eine Sozialcharta, Entwicklungsabkommen und selbst
so empfindliche Fragen wie Terrorbekämpfung aufge-
griffen und teils gute Resultate erzielt. Die Nahrungs- und
Entwicklungsbanken sind wichtige Schritte in die richtige

19 | Gespräche des Autors während der Konferenz „Nepal’s Foreign


Policy: The Way ahead‟ am 22.11.2010 in Kathmandu.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 21

Richtung. Der Austausch im Bereich der Zivilgesellschaft


und Wissenschaft ist inzwischen einer der Stützpfeiler der
südasiatischen Integrationsbemühungen.

Doch für alle diese Punkte gilt: SAARC sollte sich nicht in
zu vielen Aktivitäten verlieren. Das politische Signal und
der politische Wille für klare Integrationsschritte im Wirt-
schaftsbereich sind das entscheidende Zünglein an der
Waage für den Erfolg der regionalen Zusammenarbeit in
Südasien. Ein Misserfolg bei der Frage der wirtschaftlichen
Binnenöffnung kann nicht durch Aktivitäten in Hunderten
anderer Bereiche kompensiert werden.

In mancher Hinsicht sind die Aussichten für SAARC demnach


besser denn je: Zum ersten Mal in der eigenen Geschichte
berufen sich die Regierungen der Mitgliedstaaten auf demo-
kratische Prinzipien. Alle SAARC-Länder können eine posi-
tive Wirtschaftsentwicklung nachweisen. Auch das globale
Interesse an Südasien war nie größer: Das ausländische
Investitionspotential ist enorm, und auch
politisch gerät die südasiatische Integration Im Sinne der Stabilisierung der Region
ins Blickfeld. Diese Entwicklungen sollten sich führt kein Weg an vertiefter Integration
vorbei. Daran sollte vor allem Indien
die Akteure in Südasien vor Augen führen und interessiert sein.
sich nicht durch einseitig bilaterale Abma-
chungen selbst ein Bein stellen. Ohnehin führt im Sinne
der Stabilisierung der Region  – angefangen mit Afgha-
nistan bis hin zu den innerstaatlichen Konflikten nahezu
aller der teils noch sehr jungen Demokratien Südasiens –
kein Weg an vertiefter Integration vorbei. Daran sollte
vor allem Indien interessiert sein. Will der regionale Riese
auch weiter den Wachstumsweg gehen, muss für Stabilität
und Ruhe im eigenen „Vorgarten‟ gesorgt werden. Zudem
bieten die kleinen Nachbarländer durchaus interessante
Möglichkeiten im Bereich der Energie- und Ressourcenge-
winnung. Für Indien, das nur einen geringen Teil seines
Außenhandels in Südasien abwickelt, steckt noch sehr viel
Wachstums­potential in der Region. Und es wäre sicherlich
keine Neuerfindung des Rades, wenn Indien durch starke
Investitionen in den Nachbarländern für die Entwicklung
kaufkräftiger Abnehmermärkte sorgen würde – ein solches
Konzept hat nicht zuletzt die Europäische Union mit Erfolg
vorgemacht.
22 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Das Europäische Projekt wäre aber nie ohne Vertrauen


und Verständnis für die Wahrnehmung seitens der (gerade
kleineren) Partner erfolgreich gewesen. Indien als größter
Akteur Südasiens muss sich also als Motor der Integra-
tion beweisen und in Vorleistung für die Entwicklung der
gesamten Gruppe treten, will es tatsächlich eine verstärkte
Integration erreichen. Das Argument der schwierigen
Ausgangslage gilt heute nur noch bedingt: Die Ausgangs-
lage Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, selbst in den
fünfziger Jahren, war nicht unbedingt eine vertrauensvol-
lere als die Südasiens im 21. Jahrhundert. Und dennoch
wurde das Europäische Projekt durch viel Überzeugungs-
arbeit und Vertrauen fördernde Maßnahmen zu einem
Erfolg – für die großen und kleinen Akteure.

SAARC hat in dieser Hinsicht noch einen längeren Weg vor


sich. Die offenkundigen Probleme sollten dabei genauso
wenig außer Acht gelassen werden wie die erreichten
Erfolge. Aber Chancen für eine erfolgreiche, gemeinsame
Zukunft sind da – es gilt, sie zu nutzen.

Das Manuskript wurde am 17. Dezember 2010 abgeschlossen.


2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 23

ASEAN und G-20 – Indonesiens


auSSenpolitische Perspektiven

Winfried Weck

Mit der Aufnahme in die G-20 haben sich für Indonesien


neue Perspektiven der Mitgestaltung von internationalen
Prozessen und Entwicklungen eröffnet. Zugleich übernimmt
das Land in diesem Jahr den Vorsitz in der ASEAN. Nachdem
sich Präsident Susilo Bambang Yudhoyono bei den G-20-
Gipfeln 2009 in London und Pittsburgh mit interessanten
Initiativen, z.B. zur Reform der internationalen Finanzinsti-
tutionen, weltweit Gehör verschaffen konnte, ist Indonesien Winfried Weck ist
nun bemüht, sich sowohl als Sprachrohr der ASEAN-Staaten Landesbeauftragter
der Konrad-Adenauer-
als auch als Vertreter aller Entwicklungsländer in der G-20 Stiftung für Indonesien
zu positionieren. Gerade in jüngster Zeit hat Indonesien und Ost-Timor.
als Gastgeber hochrangiger internationaler Großveranstal-
tungen wie der Klima-Konferenz zur Fortschreibung des
Kyoto-Protokolls 2008 in Bali und der Welt-Meeres-Konfe-
renz in Menado/Sulawesi 2009 Schlagzeilen gemacht. Dies
wird Indonesien als Ausrichter des APEC-Gipfels 2013
fortsetzen. Aus diesem Grund übernimmt das Land den
Vorsitz in der ASEAN bereits 2011 und wird als Gastgeber
des turnusmäßigen Gipfels im Herbst 2011 fungieren.1

Wie steht es nun aber um die Prioritätensetzung in der


indonesischen Außenpolitik? Soll sich das Land auf die
ASEAN konzentrieren, die 2008 ihre Charta2 verabschiedet
hat und ab 2015 erstmals einen deutlichen Schritt hin zu
einer Staatengemeinschaft macht, die mehr als nur behut-
same Konfliktvermeidung im Sinn hat? Oder stellt die deut-
liche Konzentration auf die Mitarbeit in der mächtigen G-20
die bessere Alternative zu einer entscheidungsschwachen

1 | Die turnusmäßige Übernahme des ASEAN-Vorsitzes durch Indo-


nesien ist eigentlich für 2013 vorgesehen, doch Indonesien bat
auf dem Gipfel in Hanoi im April 2010 um den Vorsitz 2011,
um so besser den APEC-Gipfel vorbereiten zu können.
2 | 2008 ratifizierte Indonesien als letzter der zehn Mitgliedstaaten
die Charta.
24 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

ASEAN dar? Wird die indonesische Außenpolitik von der


eigenen Bevölkerung wahrgenommen, und wenn ja, wie?
Steht das stark ausgeprägte Nationalbewusstsein nicht nur
der Indonesier, sondern auch nahezu aller anderen Völker
der unter dem Dach der ASEAN versammelten Staaten
einer Integrationspolitik nach europäischem Muster nicht
fundamental entgegen? Was hat Indonesien überhaupt
von der regionalen Zusammenarbeit in der ASEAN? Dieser
Fragenkatalog bestimmt die derzeitige außenpolitische
Diskussion in Indonesien, die nicht nur von Experten-
kreisen geführt wird, sondern durchaus bei breiteren
Bevölkerungsschichten auf Interesse stößt.

ASEAN – Der steinige Weg vom Club der Auto-


kraten zur effizienten Staatengemeinschaft

Um die ASEAN-Politik Indonesiens – wie auch aller anderen


Mitgliedstaaten  – zu verstehen, bedarf es einer näheren
Betrachtung der inneren Befindlichkeiten der ASEAN. Allzu
häufig wird im internationalen Kontext die ASEAN mit der
Europäischen Union verglichen. Und nicht
Obwohl allzu häufig Vergleiche ange- selten werden diese Vergleiche entweder in
stellt werden, ist der Gründungsge- der EU oder der ASEAN selbst angestellt.
danke der ASEAN in keiner Weise mit
dem des Europäischen Einigungspro- Dabei ist der Gründungsgedanke der ASEAN in
zesses vergleichbar. keiner Weise mit dem des Europäischen Eini-
gungsprozesses vergleichbar. Friedens- und Wohlstands-
bildung durch Integration und Teilung der nationalen
Souveränität standen im Rahmen des ASEAN-Prozesses
bis vor Kurzem nie zur Diskussion.

Die ASEAN wurde am 8. August 1967 von Indonesien,


Malaysia, Thailand, Singapur und den Philippinen gegrün-
det. Das Ziel der jungen Nationalstaaten war es, mit ASEAN
über ein loses Netzwerk ohne völkerrechtliche Vertrags-
basis zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit, zur Konflikt-
vermeidung zwischen den Mitgliedern sowie zur Entwick-
lung von Strategien gegenüber möglichen Bedrohungen
von außen zu verfügen. Von Beginn an spielte die ASEAN
eine zentrale Rolle in der indonesischen Außenpolitik unter
dem damals noch jungen Staatschef Suharto, der bestrebt
war, sich deutlich von der anti-westlichen Rhetorik und
Politik seines Vorgängers Sukarno zu distanzieren. So
ist es neben dem Vietnam-Krieg wohl auch dem Einfluss
Indonesiens zuzuschreiben, dass die ASEAN von der ersten
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 25

Stunde an deutliche anti-kommunistische Züge aufwies


und sich als Schutzinstitution ihrer Mitglieder gegen die
Volksrepublik China verstand.3 Und dennoch handelte es
sich bei der Ur-ASEAN um nichts anderes
als um einen eher informellen „cozy club of Bei der Ur-ASEAN handelte es sich um
authoritarian regimes‟4, dem es weniger um einen eher informellen „cozy club of
authoritarian regimes‟, dem es höchs-
Konfliktlösung als höchstens um die Vermei- tens um die Vermeidung von Konflik-
dung von Konflikten untereinander ging. Dies ten untereinander ging.
zeigt sich allein schon an der Tatsache, dass
das erste Gipfeltreffen der ASEAN auf Bali im Februar 1976,
also neun Jahre nach ihrer Gründung, stattfand5 und in
den darauffolgenden 27 Jahren nur acht weitere summits
organisiert wurden. Auch die Aufnahme von Brunei 1984,
Vietnam 1995, Myanmar und Laos 1997 sowie Kambod-
scha 1999 führte zu keinerlei substanziellen Änderungen
im Selbstverständnis der ASEAN.

Dabei stellte diese Form der Zusammenarbeit mit unver-


bindlichem Charakter nicht etwa einen Kompromiss dar,
sondern war von allen beteiligten Regierungen von
Anfang an ausdrücklich angestrebt. Jakarta beispielsweise
befürchtete stets, im Rahmen der ASEAN-Kooperation
Verbindlichkeiten eingehen zu müssen, die die Einrich-
tung permanenter Strukturen zum Ziel gehabt hätten
oder als Integrationsmaßnahmen hätten gewertet werden
können. Besonders wehrte sich Indonesien gegen alle
noch so kleinen Ansätze zur Schaffung eines gemeinsamen
Marktes. Bis heute bestehen tiefe Ängste, der heimische
Markt könne mit billigeren Importartikeln aus den wett-
bewerbsstärkeren ASEAN-Mitgliedsländern überschwemmt
werden.6

3 | Vgl. Präambel der Bangkok-Erklärung: „die Staaten Südost-


asiens teilen eine grundlegende Verantwortung […], ihre
Stabilität und Sicherheit gegen äußere Einflüsse jeder Art
oder Propaganda zu sichern.‟
4 | So die außenpolitische Expertin Dewi Fortuna Anwar vom
indonesischen Forschungsinstitut LIPI im Rahmen einer
Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bandung im
Februar 2010.
5 | Im Rahmen des Bali-Gipfels 1976 wurde auch die Errichtung
des ASEAN-Generalsekretariats in Jakarta beschlossen.
6 | Dies gilt gleichermaßen für die Anfang 2010 geschaffene Frei-
handelszone ACFTA (Asean-China Free Trade Agreement).
Indonesien versuchte im April 2010, den Abbau der Zölle für
insgesamt 228 heimische Produkte nachzuverhandeln (u.a.
Schuhe und Textilwaren, aber auch Popcorn), allerdings ver-
geblich.
26 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

So hemmend und verlangsamend die Rolle Indonesiens


zur besseren Nutzung gemeinsamer Wirtschaftspoten-
tiale in der ASEAN stets gewesen ist, so positiv betrachtet
Indonesien die ASEAN als Instrument zur Schaffung einer
regionalen politischen Identität. Nachdem verschiedene
Ansätze der außen- und sicherheitspolitischen Integration
in Südostasien gescheitert waren7, gründete die ASEAN
bereits 1971, in der heißesten Phase des Vietnam-Krieges,
die Southeast Asian Zone for Peace, Freedom, and Neutra-
lity (ZOPFAN), mit Indonesien als treibender Kraft. Das
starke Interesse Indonesiens an einer Neutralitätszone im
regionalen Umfeld hing mit verschiedenen, ineinandergrei-
fenden Faktoren zusammen. Die wohl wichtigste Ursache
bestand darin, dass Indonesien aus einer holländischen
Kolonie hervorgegangen war und über keine
Seit ihrer Gründung ist die territoriale Bindungen an die klassischen Kolonialmächte
Integrität als elementares, identitäts- Großbritannien und Frankreich verfügte – im
stiftendes Merkmal der Nation das
höchste staatliche Ziel der Republik Gegensatz zum gesamten südostasiatischen
Indonesien. Festland mit Ausnahme Thailands. Seit ihrer
Gründung ist die territoriale Integrität als elementares,
identitätsstiftendes Merkmal der Nation das höchste staat-
liche Ziel der Republik Indonesien. Als wichtigstes Instru-
ment zu deren Schutz ist von den indonesischen Macht-
habern immer die politische Unabhängigkeit des Landes
angesehen worden.8 Insofern bestand auch stets ein hohes
Maß an Vorsicht gegenüber der Gefahr, sich von der Sowjet-
union oder den USA vereinnahmen zu lassen.9 Hinzu kam
die Furcht vor einer allzu mächtigen Volksrepublik China,
die sich nach der Kulturrevolution zur regionalen Macht
entwickelte.

7 | Die 1954 gegründete Southeast Asia Treaty Organization SEATO,


ein von den USA initiiertes und der NATO nachempfundenes
Militärbündnis, wurde 1977 wieder aufgelöst. Vier Jahre früher
ereilte den 1966 ins Leben gerufenen Asian and Pacific Council
ASPAC, einen Zusammenschluss südostasiatischer Länder mit
Australien und Neuseeland, das gleiche Schicksal.
8 | Nicht von ungefähr fand die Konferenz zur Gründung der
Blockfreien Staaten 1955 in Bandung (Insel Java, Indonesien)
statt.
9 | Als Staatsgründer Sukarno sich zu weit in das sozialistische
Lager bewegte, führte dies zum Staatsstreich und der Macht-
übernahme durch Suharto. Noch heute sind die Begriffe
kommunistisch, sozialistisch und sogar sozial bei weiten
Teilen der indonesischen Bevölkerung extrem negativ besetzt.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 27

Allerdings fehlte es der ZOPFAN in den ersten 20 Jahren an


einer gemeinsamen politischen Strategie. Zu sehr waren
einige Mitgliedstaaten, wie die Philippinen oder Singapur,
mit den Großmächten verbunden, so dass für sie eine
Neutralität nach indonesischer Vorstellung nicht infrage
kam. Die Kompromissformulierungen der statuierenden
Erklärung von Kuala Lumpur 1971 zeugen
daher eher vom Willen, ZOPFAN vor allem Die Hoffnungen auf eine neue Weltord-
zu einer Zone der Neutralität der Region in nung zu Beginn der neunziger Jahre
brachte einen gewissen Schwung in
ihrer Gesamtheit, nicht aber ihrer einzelnen die Behäbigkeit der ASEAN.
Mitgliedstaaten zu machen.

Erst das Ende der bipolaren Welt und die Hoffnungen auf
eine neue Weltordnung zu Beginn der neunziger Jahre
brachten einen gewissen Schwung in die bisherige Behä-
bigkeit der ASEAN. Allerdings ist die seitdem durchaus
feststellbare Dynamik des ASEAN-Prozesses in keiner
Weise von pro-aktivem Charakter, sondern rein re-aktiv.
Auch die „Frischzellenkur‟ durch die neuen Mitglieder
Vietnam, Myanmar, Laos und Kambodscha führte zu keiner
wesentlichen Veränderung der traditionell passiven Verhal-
tensmuster insbesondere Indonesiens. Es bedurfte auch
erst der massiven Wirtschafts- und Finanzkrise von 1997,
um überhaupt das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer
engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu wecken und
die Errichtung der Freihandelszone AFTA zu beschleunigen,
wofür ursprünglich 15 Jahre angesetzt worden waren.10

Der wirklich historische und für die künftige Entwick-


lung der ASEAN entscheidende Wurf gelang auf dem
13. ASEAN-Gipfel im November 2007 in Singapur. Dort
unterzeichneten die Mitgliedstaaten eine zwei Jahre
lang vorbereitete Charta, die der ASEAN erstmals einen
rechtsverbindlichen Charakter verlieh und sie somit zum
eigenständigen Völkerrechtssubjekt machte.11 Die Charta
trat am 15. Dezember 2008 in Kraft, nachdem Indone-
sien am 21. Oktober 2008 als letztes ASEAN-Mitglied die
Ratifizierung vorgenommen hatte. Sie bildet die rechtliche

10 | Auf dem 4. ASEAN-Gipfel in Singapur 1992 wurde die Errich-


tung der ASEAN Free Trade Area AFTA mit Zöllen zwischen null
und fünf Prozent im Zeitraum von 1993 bis 2008 beschlossen.
Die AFTA ist dann allerdings bereits am 1. Januar 2003 in
Kraft getreten.
11 | Vgl. Art. 1 Charta der ASEAN, http://www.aseansec.org/
21069.pdf [10.01.2011].
28 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Grundlage einer sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen


und sozio-kulturellen Staatengemeinschaft12, die bis 2015
geschaffen werden soll. Diese Gemeinschaft bekennt sich zu
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Guter Regierungsfüh-
rung sowie zu den Menschrechten und bürgerlichen Grund-
freiheiten, lehnt verfassungswidrige Regierungswechsel ab
und plant die Errichtung eines ASEAN-Menschenrechts-
gremiums.13 Zweifellos besitzt die Charta einen hohen
Symbolgehalt, der das neugewonnene Selbstverständnis
der ASEAN wiedergibt. Ob die Charta dann aber wie vorge-
sehen umgesetzt wird, ist durchaus zweifelhaft und hängt
stark vom Willen der einzelnen Mitgliedstaaten ab. Denn
das Instrumentarium der ASEAN zur Durchsetzung ihrer
eigenen Ziele ist nicht weiterentwickelt worden und bleibt
weiterhin schwach.14 Diese Feststellung führt indirekt zur
provokanten Frage, ob die ASEAN nicht doch mit der Euro-
päischen Union verglichen werden kann.

ASEAN und EU im Vergleich:


Zwei Ideen prallen aufeinander

Das Wichtigste vorweg: Augenfällig sind weniger die


Gemeinsamkeiten als vielmehr das Trennende. So ist
die Europäische Union von Beginn an als eine Wertege-
meinschaft konzipiert worden, während die
Das Hauptanliegen ASEANs bestand ASEAN über Jahrzehnte tunlichst vermieden
darin, den Einfluss des Ostblocks hat, einen gemeinsamen Wertekanon zu
und der westlich-transatlantischen
Wertegemeinschaft sowie Chinas auf diskutieren oder gar zu implementieren.
die Region Südostasien möglichst zu Dies lag auch gar nicht in ihrem Sinn, denn
unterbinden.
im Gegensatz zur Europäischen Gemein-
schaft mit einem klaren, gegen den Ostblock gerichteten
Bekenntnis zur westlich-transatlantischen Wertegemein-
schaft bestand das Hauptanliegen ASEANs darin, den
Einfluss beider Blöcke und Supermächte sowie Chinas auf
die Region Südostasien möglichst zu unterbinden.

12 | ASEAN Security Community (ASC), ASEAN Economic Commu-


nity (AEC) und ASEAN Socio-Cultural Community (ASCC).
13 | Vgl. Art. 14 Charta, ASEAN Human Rights Body,
http://www.aseansec.org/21069.pdf [10.01.2011].
14 | Vgl. Art. 20 Charta, http://www.aseansec.org/21069.pdf
[10.01.2011]. Entscheidungen sollen auf der Basis von
Konsultationen und im Konsens getroffen werden.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 29

Die (fehlende) Wertebasis resultiert aus den höchst unter-


schiedlichen Staatsformen der Mitglieder beider Organisa-
tionen: Die Europäische Union ist ein Club der Demokra-
tien. Ein pluralistischer, demokratischer Rechtsstaat zu sein
ist die Grundbedingung für eine EU-Mitgliedschaft. Nur die
faktische Ausgestaltung des demokratischen Systems bleibt
jedem Staat selbst überlassen (repräsentative oder direkte,
parlamentarische oder präsidiale, föderative
oder zentralistische Demokratie, Mehrheits- Die ASEAN bestand zu Beginn aus-
oder Verhältniswahlrecht etc.). Die ASEAN schließlich aus Staaten mit nicht demo-
kratischen Regierungen, und das ist
wiederum bestand zu Beginn ausschließlich bis heute überwiegend der Fall.
aus Staaten mit nicht demokratischen Regie-
rungen, und das ist bis heute überwiegend der Fall. Zu ihr
gehören kommunistische Länder wie Vietnam, Laos und
Kambodscha, die bekennende Militärdiktatur Myanmar,
autoritäre Ein- oder Mehrparteiensysteme wie Singapur
und Malaysia, ein von regelmäßigen Regierungskrisen und
Militärputschen heimgesuchtes Königreich Thailand und
das absolutistische Sultanat Brunei Daressalam. In dieser
politischen Kakophonie können sich Indonesien und – mit
einigem Abstand – die Philippinen als die am weitest ent-
wickelten Demokratien nur aufgrund ihrer Bedeutung und
Größe behaupten.

Diese völlig anders gestalteten Mitgliederkonstellationen


haben in den beiden Organisationen EG/EU und ASEAN
zu grundlegenden Auffassungsunterschieden hinsichtlich
des Umgangs untereinander geführt. Während die Euro-
päer Problemlösung im  häufig durchaus konfrontativen,
aber weitestgehend konstruktiven  Miteinander und durch
den systematischen Aufbau von Interdependenzen in
nahezu allen Politikbereichen betreiben, folgen die ASEAN-
Mitglieder einem Kodex, den sie gerne als den Asian way15
proklamieren. Er besteht vor allem aus drei Elementen:

▪▪eine strikte Nichteinmischungspolitik in die internen


Angelegenheiten anderer Mitgliedstaaten;
▪▪die gegenseitige Verpflichtung, nationale Souveränität
und Identität sowie territoriale Integrität zu respektieren;
▪▪der Verzicht auf die Bildung von Sub-Institutionen der
ASEAN, die die Teilung nationaler Souveränität auf
Gemeinschaftsebene zur Folge hätte.

15 | Festgelegt im Treaty of Amity and Cooperation von 1976.


30 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Damit ist die gesamte ASEAN-Kooperation von unver-


bindlichem Charakter. Der abschließende Aspekt in dieser
Gegenüberstellung kann langfristige Auswirkungen auf
die Kooperation in der ASEAN-Region und darüber hinaus
zeitigen und erfordert deshalb eine ausführlichere Betrach-
tung: Legt man die geografische Lage, die jeweilige Größe
der Bevölkerung sowie den politischen und wirtschaftli-
chen Einfluss der einzelnen EU-Mitgliedstaaten zugrunde,
so stellt sich die Historie der Europäischen Integration als
ein permanenter Prozess der Ausbalancierung besonders
zwischen den großen Mitgliedstaaten dar. Anfangs bestand
die EG aus drei etwa gleich großen Mitgliedstaaten (Italien,
Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland) und drei
kleineren (Belgien, Niederlande und Luxemburg). Mit der
Aufnahme Großbritanniens in die EG wurde aus dem Drei-
erclub der Großen ein Viererclub, in dem das Gleichgewicht
der Kräfte eine elementare Bedeutung für die Entwicklung
des Gemeinschaftsprozesses einnahm. Nach der deut-
schen Wiedervereinigung geriet dieses Gleichgewicht aus
den Fugen. Quasi über Nacht erhielt ein Mitglied aus dem
Viererclub (zudem das wirtschaftlich stärkste) einen erheb-
lichen territorialen Zuwachs und vor allem einen Bevölke-
rungszuwachs um fast 20 Millionen Menschen. Gegenüber
Großbritannien, Frankreich und Italien mit je ca. 50 bis 60
Millionen zählte Deutschland nun 80 Millionen Einwohner
und war damit zum primus inter pares geworden, ein
Umstand, der sogar von Deutschlands engstem EU-Partner
Frankreich nur schwer verkraftet wurde. Eine
Je mehr Integration und Teilung natio- Wiederherstellung des Gleichgewichts war
naler Souveränität, desto mehr gegen- unabdingbar geworden und führte zwingend
seitige Kontrolle und Vertrauen – dies
ist die historische Lehre aus dem Ver- zu weiteren Vertiefungsschritten und damit
tragswerk von Maastricht. zur Ausweitung des Integrationsprozesses
über die Wirtschaftsgemeinschaft hinaus.16
Je mehr Integration und Teilung nationaler Souveränität,
desto mehr gegenseitige Kontrolle und Vertrauensbil-
dung – dies ist die historische Lehre, die aus dem Vertrags-
werk von Maastricht gezogen werden kann.

Betrachtet man die ASEAN unter dem Gesichtspunkt der


oben angeführten Größenaspekte, so lässt sich leicht
erkennen, dass von den etwa 575 Millionen Einwohnern
im ASEAN-Gebiet allein 240 Millionen auf Indonesien

16 | Die Stichworte zweiter und dritter Pfeiler der Europäischen


Union seien hier genannt.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 31

entfallen, was etwa zwei Fünfteln der Gesamtbevölkerung


entspricht. Mit erheblichem Abstand folgen die Philippinen
und Vietnam (je ca. 90 bis 95 Millionen Einwohner) und
Thailand (70 Millionen Einwohner). Bisher spielten diese
Größenverhältnisse, insbesondere Indonesiens herausra-
gender Umfang sowohl hinsichtlich seiner Bevölkerung als
auch der Geografie17, keine wesentliche Rolle im ASEAN-
Prozess. Unter den Bedingungen der neuen Charta kann
sich diese Situation jedoch drastisch wandeln. Sollten die
ASEAN-Mitgliedstaaten tatsächlich einen Gemeinschafts-
raum nach Vorbild der Europäischen Union schaffen wollen,
wird sich schnell zeigen, wer die treibenden Kräfte sind und
wer eher zu den zögerlichen Elementen gezählt werden
muss. In weiser Voraussicht sieht die Charta für einige
Bereiche bereits einen Prozess der zwei Geschwindigkeiten
vor, der es den progressiveren Mitgliedern ermöglichen
soll, schneller integrative Schritte zu realisieren.

Zu welcher Gruppe wird nun Indonesien gehören? Die


offizielle Regierungs-Rhetorik geht von einer natürlichen
Führungsrolle Indonesiens aus und leitet diesen Anspruch
eben aus der hervorgehobenen Größenordnung des
Landes im Vergleich zu den anderen Mitgliedstaaten ab.
Was aber, wenn die anderen Staaten nicht vom benach-
barten Riesenarchipel angeführt werden wollen? Immerhin
schwelen innerhalb der ASEAN-Staaten seit Jahrzehnten
ungelöste Grenzkonflikte. Besonders mit Singapur und
Malaysia führt Indonesien zudem diplomatische Dauerge-
fechte hinsichtlich der dortigen Behandlung
der indonesischen Gastarbeiter. Und im In der Region ist man sich des indone-
malayisch-indonesischen Streit darüber, wer sischen Nationalbewusstseins durch-
aus bewusst. Befürchtungen vor einer
nun wem die Sprache gestohlen hat (Indone- hegemonialen Stellung Indonesiens
sisch und Malayisch sind nahezu identisch), gibt es in den meisten der kleineren
ASEAN-Staaten.
entgleisen die Emotionen auf beiden Seiten
immer wieder. In der Region ist man sich
des indonesischen Nationalbewusstseins, das gerade in
jüngster Zeit wieder xenophobe Züge annimmt, durchaus
bewusst. Befürchtungen vor einer hegemonialen Stellung
Indonesiens gibt es in den meisten der kleineren ASEAN-
Staaten. Es mangelt der ASEAN genau an denjenigen Ele-
menten und Mechanismen, die in der Europäischen Union

17 | Indonesien ist mit über 5.100 km fast genauso lang wie die
Distanz von New York nach Los Angeles und umfasst drei
Zeitzonen.
32 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

ebensolche Ängste und Befürchtungen der kleineren


Mitglieder auffangen und das Gleichgewicht der Kräfte
austarieren: ein Kreis ähnlich großer, sich gegenseitig
kontrollierender Staaten und das Instrumentarium der
Integration zur Schaffung von Interdependenzen.

Zukunftsoptionen: ASEAN + ?

Da es nach allgemeinen Verlautbarungen aus all ihren


Mitgliedstaaten zur ASEAN keine Alternative gibt, müssen
Wege gefunden werden, die Gemeinschaft für die heutigen
Herausforderungen fit zu machen. Die wohl erfolgverspre-
chendste Lösung für diese Problemlage  – nicht zuletzt
wegen des völligen Fehlens alternativer Ideen  – besteht
in der Kooperation über die ASEAN-Staaten hinaus. Dieses
Konzept „ASEAN+‟ hat in den vergangenen Jahren unter-
schiedliche Initiativen hervorgebracht, die sich aus einem
verwirrenden Geflecht von Dialog- und Kooperationsplatt-
formen zwischen ASEAN und dritten Partnern entwickelt
haben. So ist bereits 1997 aus dem Kreis der so genannten
ASEAN-Dialogpartner18 der „ASEAN+3‟-Prozess (auch APT:
ASEAN Plus Three) hervorgegangen, eine Dialogplattform
zwischen ASEAN, China, Süd-Korea und Japan zur Verbes-
serung der Kooperation in mittlerweile 20 Bereichen, z.B.
Verbrechensbekämpfung, Tourismus, Sicherheit, Gesund-
heit. Der bereits 1976 geschaffenen sicherheitspolitischen
Plattform im Rahmen des ASEAN Treaty of Amity and
Cooperation (TAC) haben sich China und Indien als neue
Mitglieder angeschlossen. Die ASEAN versucht nun, auch
die beiden anderen APT-Partner Japan und Süd-Korea zu
einem Beitritt zum TAC zu überzeugen. Ein Beitritt Russ-
lands ist für 2011 vorgesehen. Bereits 2009 bekundete
Präsident Obama das Interesse der USA an einer Unter-
zeichnung. Schon jetzt etabliert sich für diesen erwei-
terten Kreis des TAC der Begriff „ASEAN+8‟.19 Daneben
sollen an dieser Stelle das ASEAN Regional Forum ARF, die
Asia Pacific Economic Cooperation APEC, das Asia-Europe
Meeting ASEM und der ASEAN Cooperation Dialogue ACD
zumindest Erwähnung finden.

18 | Die offiziellen ASEAN-Dialogpartner sind: Australien (erster


Dialogpartner 1974), China, Indien, USA, Russland, die EU,
Kanada, Neuseeland, Japan und Süd-Korea. Das UNDP hat
ebenfalls einen Dialogpartnerstatus inne.
19 | ASEAN + Australien, China, Indien, Japan, Süd-Korea,
Neuseeland, Russland und die USA.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 33

Bei der Analyse der ASEAN-Außenkontakte drängt sich


nachgerade der Eindruck auf, die ASEAN wolle ihre
eigenen, systemimmanenten Defizite mit
einer verwirrenden Vielfalt von Plattformen, Es scheint, als wolle die ASEAN ihre
(Pseudo-) Organisationen und Diskussions- systemimmanenten Defizite mit einer
verwirrenden Vielfalt von Plattformen,
foren zwischen ASEAN und weiteren Akteuren (Pseudo-) Organisationen und Diskus-
beheben oder zumindest kaschieren. Doch sionsforen kaschieren.
wird diese „Vogel-Strauß-Politik‟ auf lange
Sicht nicht ausreichen, um die ASEAN für die globalen
Herausforderungen fit zu machen. Konsequenterweise muss
die ASEAN die Bereitschaft aufbringen, den entscheiden-
den Schritt über das „ASEAN+‟-Konzept hinauszugehen
und sich für eine Vollmitgliedschaft neuer, wirtschaftlich
starker Demokratien aus der Region zu öffnen, beispiels-
weise Süd-Korea und Japan, aber auch Australien und
Neuseeland. Die Ausnahmestellung Indonesiens könnte
somit relativiert und zugleich könnten demokratische
Prozesse im gesamten ASEAN-Raum gestärkt werden.
Diese bisher noch als politische Utopie im Raum schwe-
bende Idee einer behutsam erweiterten ASEAN kann sehr
schnell an Brisanz gewinnen, wenn die ASEAN-Mitglieder
von 2015 an tatsächlich und ernsthaft den Weg der Inte-
gration und Vergemeinschaftung bestimmter Politikbe-
reiche einschlagen sollten. Immerhin: Bereits 2005 fand
der erste Ostasiengipfel in Kuala Lumpur statt, an dem die
ASEAN+3-Staaten sowie Indien, Australien und Neusee-
land teilnahmen.

Für die mittelfristige Realisierung der Erweiterungsoption


spricht auch der Faktor des politischen und/oder ökono-
mischen Zwangs. Schließlich ist es nicht deshalb zum
Europäischen Einigungsprozess gekommen, weil sich
einige europäische Staaten plötzlich ihrer gegenseitigen
Zuneigung bewusst wurden, sondern weil die Tragödie des
Zweiten Weltkrieges und die beginnende Blockbildung die
Europäer dazu zwangen, neue Wege der Friedenssicherung
zu beschreiten. Die Sicherung des Friedens war und ist das
Leitmotiv der Europäischen Einigung. In Südostasien gab
es bisher keinen derartigen äußeren oder inneren Zwang
zur Integration, was möglicherweise die Hauptursache für
die relative Schwäche der ASEAN darstellt. Doch benötigt
man keine profunden Kenntnisse über die Region, um die
34 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Großmacht China als den entscheidenden künftigen Druck-


faktor auf die gesamte Großregion Ost- und Südostasien
zu erkennen. Ob die einzelnen Nationalstaaten diesem
politischen und wirtschaftlichen Druck werden stand-
halten können, ist eher fraglich. Mit einer erweiterten und
vertieften ASEAN würde hier ein Wirtschafts- und Sicher-
heitsraum entstehen, der zum einen dem neuen Giganten
China und zum anderen der Europäischen Union durchaus
gewachsen wäre.

Im Dilemma zwischen Wollen und Müssen

Auf dem Gipfel in Hanoi im April 2010 haben alle Staats-


chefs ihren Willen zur Umsetzung der Charta und insbe-
sondere zum Aufbau der Wirtschaftsgemeinschaft bis 2015
signalisiert. „Unter den Staatsoberhäuptern gibt es eine
wachsende Erkenntnis, dass es auf die Größe des Marktes
ankommt‟, stellt Sanchita Basu Das, eine Analystin des
ASEAN Study Centre im Institute of South East Asian
Studies, Singapur, hierzu fest.20 Die Frage ist: Bleiben
die positiven Signale Lippenbekenntnisse oder haben die
politisch Verantwortlichen die Herausforderungen der
globalisierten Welt verstanden und akzeptieren, dass
es zu Integration, Vergemeinschaftung und der Abgabe
von Teilen der nationalen Souveränität in
Die Charta sieht neben den traditio- bestimmten, genau definierten Politikberei-
nellen Entscheidungsverfahren keine chen keine ernsthaften Alternativen gibt?
Innovationen zur Beilegung von Mei-
nungsverschiedenheiten oder gar Nur dann können auch die Schwächen der
Streitfällen vor. Charta überwunden werden, die beispiels-
weise neben den traditionellen Entscheidungsverfahren
(Einstimmigkeitsprinzip) keine Innovationen zur Beile-
gung von Meinungsverschiedenheiten oder gar Streitfällen
vorsieht.21 Die ASEAN-Gemeinschaft steht jetzt vor dem
Scheideweg. Ihre Mitglieder müssen eine Wahl treffen
zwischen einer bequemen ASEAN der institutionalisierten
Bedeutungslosigkeit und einer Regionalmacht ASEAN als
wichtigem weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Akteur.

20 | Sanchita Basu Das, in: Business Times, 21.04.2010, 19


(Übers. d. Red.).
21 | Die ursprüngliche Überlegung, zur Beilegung von Streitfällen
einen ASEAN-Gerichtshof einzurichten, wurde nicht weiter-
verfolgt. Es bleibt beim Konsensprinzip und einzelfallabhän-
gigen Schiedsverfahren als Vergleichsmechanismen. Letzte
Entscheidungsinstanz ist der ASEAN-Gipfel.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 35

Wie sich Indonesien hierbei verhalten wird, ist noch völlig


offen. Nimmt man die offiziellen Verlautbarungen auf der
Webseite des Außenministeriums ernst, dann will Indone-
sien zu den treibenden Kräften sowohl der Implementierung
der Charta als auch der Entwicklung erweiterter Kooperati-
onen gehören: „Indonesien und ASEAN teilen die Ansicht,
dass die Entwicklung regionaler Architekturen nicht nur
die Bedeutung von ASEAN als eine treibende Kraft wider-
spiegeln muss. Sie muss auch mit Blick auf die Stärkung
der Bemühungen um die Gemeinschaftsbildung der ASEAN
durchgeführt werden. Zugleich müssen Anstrengungen zur
Gemeinschaftsbildung der ASEAN auch im Rahmen der
innerstaatlichen Bedingungen der Mitgliedsländer imple-
mentiert werden, um die zentrale Bedeutung der ASEAN
zu erhöhen.‟22 Auch Außenminister Marty Natalegawa lässt
am guten Willen Indonesiens keinen Zweifel aufkommen:
„2011 wird Indonesien den Vorsitz der ASEAN innehaben,
und das ist eine gute Möglichkeit für uns, Teil der Anstren-
gungen um unsere regionale Architektur zu sein. Für uns
ist früher besser als später.‟23 Doch die ASEAN wäre eben
nicht ASEAN und Indonesien nicht eines ihrer stilbildenden
Mitglieder, wenn die Einschränkung nicht auf dem Fuße
folgen würde: „Aber zur gleichen Zeit sind wir uns sehr
bewusst, dass es hier um angemessene Konditionen geht.
Wir müssen voranschreiten, wie man in der ASEAN-Sprache
sagt: in einem für alle angemessenen Tempo.‟24 Diese im
offiziellen Sprachgebrauch der indonesischen Regierung als
„promoting a dynamic equilibrance‟25 bezeichnete Politik
lässt viel Raum zur Interpretation.

An dieser Stelle muss auch auf den bezeichnenden Umstand


hingewiesen werden, dass der gesamte ASEAN-Prozess von
Seiten Indonesiens (wie auch der anderen Mitgliedstaaten)
zwar durchaus von Fachministerien begleitet und inhalt-
lich weiterentwickelt wird, doch in seiner Federführung bis
heute eine exklusive Domäne des Außenministeriums ist.
Aus der Sicht Indonesiens ist ASEAN Außenpolitik. Daher

22 | Webseite des Außenministeriums der Republik Indonesien:


http://www.deplu.go.id/pages/news.aspx?IDP=3104&1=en
[02.12.2010] (Übers. d. Red.).
23 | Lilian Budianto, „ASEAN presence a prerequisite in any future
Asia Pacific community‟, in: Jakarta Post, 01.05.2010, 3
(Übers. d. Red.).
24 | Ebd.
25 | „U.S. and China vie to win over Jakarta‟, in: International
Herald Tribune, 10.11.2010, 1.
36 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

konnte sich Jakarta bis heute nicht aus dem hausgemachten


Dilemma befreien, einerseits den politischen Anspruch zu
erheben, die treibende Kraft des ASEAN-Prozesses sein zu
wollen, um dann gleichzeitig – aller Rhetorik zum Trotz –
eine völlig gegensätzliche, von Nationalismus und Protek-
tionismus geleitete Treibanker-Politik zu verfolgen, die
alle Bestrebungen zur Weiterentwicklung ASEANs hin zu
einer ernst zu nehmenden politischen, wirtschaftlichen
und Wertegemeinschaft hemmt und verlangsamt. Der Füh-
rungsanspruch Indonesiens im ASEAN-Prozess wird daher
auch von vielen einheimischen Experten kritisch beurteilt
oder gleich gar nicht ernst genommen.

Die Welt und Indonesien: Innenansichten eines


heterogenen Inselreiches

Indonesien ist sich seiner gewachsenen internationalen


Bedeutung durchaus bewusst, und dieses neue Selbst-
bewusstsein hat vor allem durch die Zugehörigkeit zum
Kreis der G-20 einen Schub erfahren. Dort agiert das
Land mit der weltweit viertgrößten Bevölkerung nicht
mehr verhalten und beobachtend, sondern nimmt Positi-
onen ein und wird auch initiativ tätig. Nicht von ungefähr
betont die Regierung Yudhoyono, sie erachte
Als einziges G-20-Land aus dem Kreis den Kreis der G-20 als das am meisten
der ASEAN versucht Indonesien, sich Erfolg versprechende internationale Instru-
als Sprachrohr und Verteidiger der
Interessen aller Entwicklungsländer ment zur Gestaltung globaler Wirtschafts-
zu positionieren. prozesse und zur Prävention kommender
globaler Wirtschafts- und Finanzkrisen. Als einziges G-20-
Land aus dem Kreis der ASEAN nutzt Indonesien seine
Chance als Vertreter der gesamten Region Südostasien
und versucht zudem, sich als Sprachrohr und Verteidiger
der Interessen aller Entwicklungsländer zu positionieren.
Konkret will sich die indonesische Regierung besonders für
eine Einbeziehung der Nicht-G-20-Staaten in die internati-
onal koordinierten Aktionen der G-20 einsetzen, vor allem
um beggar-thy-neighbor-Situationen vorzubeugen.

Die Teilhabe am Club der Entscheider und die gleichzeitig


als statisch empfundene Entwicklung der ASEAN hat in
Indonesien eine Diskussion in Fachzirkeln in Gang gesetzt,
ob die G-20-Mitgliedschaft wichtiger sei als ASEAN und
Indonesiens G-20-Engagement möglicherweise langfristig
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 37

ASEAN ersetzen könne. Erstaunlicherweise lassen in


diesem Zusammenhang sogar außenpolitische Experten
den Umstand außer Acht, dass die G-20 als weltweites
Forum zur Koordination von Wirtschaftspolitiken ­überhaupt
nicht mit einer Staatengemeinschaft wie der ASEAN
vergleichbar ist, da beide Organisationen völlig unter-
schiedliche Aufgaben wahrnehmen.

Mit einem gewissen Stolz verweisen indonesische Wirt-


schaftsexperten darauf, dass in einer Atmosphäre der welt-
wirtschaftlichen Stagnation einzig China, Indien und Indo-
nesien ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum
erzielen. Für Indonesien werden immerhin über sechs
Prozent Wachstum im Jahr 2010 erwartet. Zugleich weist
die indonesische Wirtschaft einen relativ hohen Selbstver-
sorgungsgrad auf und hat sich im Rahmen der jüngsten
Finanzkrise als weniger verwundbar erwiesen als die der
großen Export- und Importnationen. Viele Indonesier aus
der Bildungsschicht sind sich dieser Entwicklung durchaus
bewusst, so dass heute insbesondere in Regierungsstellen
und im politischen Leben des Landes eine Art neuer Nati-
onalstolz spürbar ist. Hier herrscht die Auffassung, Indo-
nesien brauche keine ausländische Hilfe – vor allem nicht
aus dem Westen.

In der breiten Bevölkerung nimmt man vom G-20-Ge-


schehen kaum bis keine Notiz. Die einheimischen Print-
und Rundfunkmedien berichten  – wenn überhaupt  – nur
rudimentär über die Treffen der G-20. Nur eine relativ
kleine Schicht der Bevölkerung weiß überhaupt mit dem
Begriff G-20 etwas anzufangen und ist sich zudem noch
der Mitgliedschaft des eigenen Landes im Kreis der größten
Wirtschaftsmächte bewusst. Dies gilt im
Kern auch für die Wahrnehmung des ASEAN- Nicht nur in Fachkreisen setzt sich die
Prozesses, wenngleich ASEAN allein schon Überzeugung durch, dass die indone-
sische Außen- und ASEAN-Politik den
aufgrund ihrer 40-jährigen Existenz einen Bürgern besser vermittelt werden
weitaus höheren Bekanntheitsgrad aufweist. muss.

Doch setzt sich nicht nur in Fachkreisen die Überzeugung


durch, dass die indonesische Außen- und ASEAN-Politik den
Bürgern besser vermittelt werden muss. Vor allem darf sich
das indonesische Engagement in der ASEAN nicht als ein
Selbstzweck darstellen, sondern muss die Frage nach dem
38 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

cui bono klar beantworten mit einer Politik zum Nutzen des
Volkes.26 Dieses durch politisches Handeln unterfütterte
Werben für eine effiziente ASEAN-Gemeinschaft ist auch
deshalb besonders notwendig, da Nationalismen sowohl
in Indonesien als auch in den Nachbarländern aufgrund
der jeweiligen Kolonialgeschichte und der noch – relativ –
jungen Eigenstaatlichkeiten durchaus als positiv gewertet
werden und insbesondere gegenüber den direkten Nach-
barn starke Vorurteile die Meinungsbilder auf allen Seiten
beherrschen.

26 | So stellt Evi Fitriani vom Department of International Relations


der Universitas Indonesia fest: „Community building is a long
process that requires the participation of not only elites but
also the common people at the grass-root level. Without the
involvement of the people, the ASEAN Economic Community
(AEC), ASEAN Political and Security Community (APSC) and
ASEAN Social and Cultural Community (ASSC) are likely to
remain empty political slogans.‟ Asia Views, Vol. IV, № 6,
10-11/2010, 6.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 39

Einwanderungsland Norwegen –
Demografische Trends und
politische Konzepte

Norbert Beckmann-Dierkes / Johann C. Fuhrmann

Pro-Kopf-Einkommen, Bildungsgrad, Lebenserwartung:


Seit Jahren ist Norwegen Spitzenreiter bei der Entwick-
lungsstudie der Vereinten Nationen.1 Im jüngsten Human
Development Report 2010 konnte Norwegen seine Position
erneut behaupten. Auch bei der Geschlechtergleichstel-
lung nimmt Norwegen der neuesten Studie des Weltwirt-
schaftsforums (WEF) zufolge mit dem zweiten Rang eine
Vorreiterposition ein.2 Aufgrund dieser attraktiven Vorraus- Norbert Beckmann-
setzungen scheint es daher wenig verwunderlich, dass die Dierkes ist Referent
der Konrad-Adenauer-
Immigration nach Norwegen seit Jahren stark zunimmt – Stiftung für Mittel-
für viele Migranten ist Norwegen das Land der Träume. und Osteuropa. Er
wohnt in Norwegen.

Migration und Integration sind globale Phänomene der


Weltgesellschaft: Die Zahl der Migranten wird heute auf
etwa 200 Millionen Menschen geschätzt  – ein Bruchteil
davon, mehr als eine halbe Million, lebt in Norwegen. Die
von der Schweizerischen Volkspartei initiierte „Ausschaf-
fungskampagne‟, die Debatte um die Abschiebung von
Roma und Sinti in Frankreich, der Erfolg von Geert Wilders
und der rechts-liberalen Partij voor de Vrijheid in den Johann C. Fuhrmann,
Niederlanden und die jüngste deutsche Integrationsde- Team Europa und
batte belegen, dass das Thema Migration einen festen Nordamerika, hat an
der London School of
Platz auf der politischen Agenda in Europa erlangt hat. Economics und der
Sciences Po in Paris
Internationale Politik
studiert.

1 | Vgl. United Nations 2010, Human Development Index,


http://hdr.undp.org/en/media/HDR_2010_EN_Complete.pdf
[10.01.2011].
2 | Vgl. World Economic Forum 2010, The Gender Gap Report,
http://www.weforum.org/pdf/gendergap/rankings2010.pdf
[10.01.2011].
40 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

In unterschiedlichen Ländern variieren Umgang und Erfah-


rungen mit Migration. Das norwegische Beispiel scheint
hierbei in besonderer Weise bemerkenswert: Die Zahl der
Einwanderer in Norwegen ist innerhalb kurzer Zeit stark
angestiegen. Seit 1970 hat sich ihre Zahl fast verzehnfacht.
Ungewöhnlich ist auch der hohe Anteil an Flüchtlingen.
Anfang 2010 verfügten 3,1 Prozent der norwegischen
Bevölkerung über einen Flüchtlingshintergrund. Zugleich
zeigen die jüngsten Wahlerfolge der Fremskrittpartiet
(FrP), dass das Thema Einwanderung nun auch auf der
politischen Agenda Norwegens angekommen ist. Welche
Trends sind feststellbar? Wie wird man Norweger? Und
wie spiegelt sich die verstärkte Immigration in der Politik
Norwegens wider?

Die Umkehr der Geschichte: Von Emigration zu


Immigration

Vor hundert Jahren war die Emigration aus Norwegen


und nicht Einwanderung das Thema. Zu Beginn des 19.
Jahrhunderts hatten laut Schätzungen bereits eine Million
Norweger ihre skandinavische Heimat in
Der Wunsch, fruchtbares Agrarland zu Richtung Vereinigte Staaten von Amerika
erwerben, und die amerikanische An- verlassen. Der Wunsch nach dem Erwerb
werbungspolitik waren entscheidende
Migrationsfaktoren. Auch Religions- fruchtbaren Agrarlandes und eine aktive
freiheit spielte eine Rolle. amerikanische Anwerbung von Einwanderern
waren entscheidende Migrationsfaktoren.
Aber ähnlich wie bei den Passagieren der Mayflower spielte
zumindest anfänglich auch Religionsfreiheit eine Rolle:
Cleng Peerson, ein norwegisch-amerikanischer Pionier,
sprach wie viele andere Migranten aktiv Landsleute an,
um sie von der Umsiedlung nach Amerika zu überzeugen.
Peerson war 1821 gemeinsam mit Knud Olsen Eide im
Auftrag einer Glaubensgemeinschaft der Quäker aus
Stavanger nach Amerika gereist, um die Möglichkeit einer
Übersiedlung zu erkunden. Handbücher und Zeitschriften
wurden in Umlauf gebracht, um weitere Norweger zur
Ausreise zu bewegen. Die wohl berühmteste dieser
Schriften ist Ole Rynnings Sandfaerdige Beretning om
Amerika (True Account of America), die 1838 in Norwegen
erschien und das Leben der Exilnorweger in Amerika auf
idealisierte Weise nachzeichnete.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 41

Die Anwerbung von Migranten fiel zu dieser Zeit in


Norwegen auf fruchtbaren Boden: Die ökonomische Situ-
ation verschlechterte sich, Ackerland wurde knapp und
die Einführung neuer Technologien in der Landwirtschaft
führte zu einem Überangebot an Arbeitskräften. Die politi-
schen Gegebenheiten in den USA erhöhten die Attraktivität
des Landes für Zuwanderer: Der Homestead Act von 1863
erlaubte es jeder Person, die das 21. Lebensjahr erreicht
hatte, sich auf einem Stück Land (bis zu 160 acres) nieder-
zulassen und es zu bewirtschaften. Besonders Minnesota
und North Dakota waren Ziel norwegischer Einwanderung
in die USA. Ihren Höhepunkt erreichte die Auswanderungs-
welle in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als zehn
bis fünfzehn Prozent der Gesamtbevölkerung Norwegen
verließen. Erst nach dem Ende der Great Depression kam
die ­Emigration zum Erliegen.

Ermöglicht durch die Erschließung seiner Gas- und Ölre-


serven, hat Norwegen innerhalb kurzer Zeit eine enorme
ökonomische Entwicklung vollzogen. Aus einem der
ärmeren westeuropäischen Staaten, dessen Volkswirt-
schaft primär durch Schifffahrt, Fischfang, Agrar- und
Forstwirtschaft geprägt war, ist eines der reichsten Länder
der Welt geworden. Heute repräsentiert der private Dienst-
leistungssektor 35 Prozent des Festlands-BIP in Norwegen.
Für lange Zeit war Norwegen sowohl ethnisch als auch reli-
giös gesehen eine relativ homogene Gesell-
schaft. Aufgrund einer hohen Geburtenrate Die Anzahl der Migranten hat sich
und verstärkter Einwanderung hat sich die innerhalb weniger Dekaden nahezu
verzehnfacht. Elf Prozent der heutigen
norwegische Bevölkerung zwischen 1900 Bevölkerung sind entweder Migranten
und 2010 von 2,21 Millionen auf 4,9 Milli- oder haben einen Migrationshinter-
grund.
onen mehr als verdoppelt. Lebten 1970 nur
59.000 Migranten in Norwegen3, hat sich
deren Anzahl innerhalb weniger Dekaden auf über 550.000
nahezu verzehnfacht. Somit sind elf Prozent der heutigen
Bevölkerung entweder Migranten oder haben einen Migra-
tionshintergrund. Fünfunddreißig Prozent der in Norwegen
lebenden Migranten haben die norwegische Staatsbürger-
schaft.

3 | Vgl. Vebjørn Aalandslid, „A Comparison of the Labour Market


Integration of Immigrants and Refugees in Canada and
Norway‟, in: Statistics Norway Reports 2009/31, 30.
42 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Einen gewissen Zustrom von Flüchtlingen hatte Norwegen


bereits durch Kriege und Vertreibung erfahren: Juden
aus Osteuropa kamen zu Beginn des 20. Jahrhunderts,
Flüchtlinge aus Ungarn in den fünfziger Jahren. Der
wachsende Migrationszustrom begann jedoch, wie in den
meisten anderen europäischen Staaten, in den sechziger
und siebziger Jahren. Es waren primär Arbeitseinwanderer
aus Asien, besonders aus Pakistan, die nach Norwegen
kamen. Die Einwanderungswelle aus Asien hielt bis in die
siebziger Jahre an und führte dazu, dass Menschen mit
pakistanischem Migrationshintergrund heute
Insgesamt stellen polnische Immigran- die größte Gruppe der nicht europäischen
ten die größte Einwanderungsgruppe. Migranten stellen. Heute leben über 30.000
Seit der EU-Osterweiterung ist ihre
Zahl stark angestiegen. Menschen mit pakistanischen Wurzeln in
Norwegen. Insgesamt stellen jedoch polni-
sche Immigranten mit knapp 45.000 Personen die größte
Einwanderungsgruppe, was einem Bevölkerungsanteil
von 0,9 Prozent entspricht. Seit der Osterweiterung der
Europäischen Union im Jahre 2004 ist die Zahl polnischer
Einwanderer stark angestiegen. Vor allem Handwerker
und Facharbeiter zieht es nach Norwegen, wo die Löhne
wesentlich höher sind als in der Heimat. Zunehmend
entscheiden sich diese Arbeiter für eine Umsiedlung nach
Norwegen und für die norwegische Staatsbürgerschaft.
Weitere große Migrationsgruppen kommen aus Schweden
(ca. 29.000), dem Irak (ca. 25.000), Somalia (ca. 24.000),
Deutschland (ca. 21.000) und Vietnam (ca. 20.000).

Vor allem in der Hauptstadt gibt es eine sehr internationale


Zusammensetzung der Bevölkerung. Laut des staatlichen
Amts für Statistik (Statistisk sentralbyrå – SSB) haben
160.500 Personen in Oslo einen Migrationshintergrund. Bei
einer Bevölkerung von 587.000 Einwohnern entspricht dies
27 Prozent. Einen hohen Bevölkerungsanteil mit Migra­
tionshintergrund gibt es auch in Drammen (22 Prozent),
Lørenskog (19 Prozent) und Skedsmo (18 Prozent). Bei ca.
15 Prozent oder mehr liegt der Anteil in Stavanger, Askim,
As, Træna, Rælingen, Moos und Bærum. 2009 erfuhr
Oslo die höchste Nettoeinwanderung (6.200) gefolgt von
Rogaland und Hordaland (jeweils 4.200) sowie Akershus
(3.600). Von den nicht skandinavischen Einwanderern
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 43

zwischen 1990 und 2008 kamen 24 Prozent als Flüchtlinge,


24 Prozent als Arbeitsemigranten und elf Prozent mit dem
Ziel, einen Bildungsabschluss zu erwerben.4

Norwegen ist Mitglied des Schengenabkommens, das den


freien Personenverkehr innerhalb der so genannten Schen-
genstaaten vorsieht. Norwegen ist ebenfalls Vertragspartner
des Dubliner Übereinkommens, das auf europäischer Ebene
die Asylantragstellung in den Unterzeichnerstaaten regelt.

Aktuelle Trends

2009 wurden 65.200 Einwanderer und 26.550 Auswan-


derer registriert. Die Nettoimmigration lag mit 38.650
unter der des Vorjahres, war jedoch die dritthöchste, die je
registriert wurde.5 Polen bildeten erneut die größte Migran-
tengruppe (10.500), obwohl die absolute Zahl im Vergleich
zum Vorjahr (13.000) deutlich abnahm, gefolgt von
Schweden (6.000) und Einwanderern aus Litauen (3.200).
Aus Estland kamen doppelt so viele Einwanderer wie im
Vorjahr (1.100). Deutsche wanderten ebenfalls in gerin-
gerer Anzahl nach Norwegen. Es waren nur noch 2.800
im Vergleich zu 4.300 im Vorjahr. Die Flüchtlingszahl aus
Eritrea (1.700) und Afghanistan (1.400) verdoppelte sich
im Vergleich zum Jahr 2008. Die Immigration aus Afrika
lag zur Jahrtausendwende bei ca. 3.000 Personen pro
Jahr, erhöhte sich auf 4.000, und lag 2009 bei 5.150. Die
Zahl der Einwanderer aus Asien schwankte in den letzten
Jahren zwischen 6.000 bis 9.000 und erreichte 10.300
im Jahr 2008 und 11.100 im Jahr 2009. Die
Einwanderung aus Nord- und Südamerika Da die Nachfrage nach Arbeitskräften
lag in den letzten zwanzig Jahren zwischen in Folge der Finanzkrise zurückging,
wurden weniger Arbeitserlaubnisse für
1.500 und 2.000 und stieg 2008 und 2009 Einwanderer aus dem Europäischen
leicht auf 2.400 an. Wirtschaftsraum erteilt.

Da die Nachfrage nach Arbeitskräften im Herbst 2008 und


im Frühjahr 2009 in Folge der Finanzkrise zurückging,
wurden nach Angaben der Organisation für wirtschaft-
liche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weniger
Arbeitserlaubnisse für Einwanderer aus dem Europäischen

4 | Vgl. Statistics Norway 2010, Immigration and immigrant,


http://ssb.no/innvandring_en [10.01.2011].
5 | Vgl. Statistics Norway 2010, High immigration and emmigra-
tion 2009, 06.05.2010, http://ssb.no/english/subjects/02/02/
20/innvutv_en [10.01.2011].
44 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Wirtschaftsraum ausgesprochen.6 Die Ausstellung von


Arbeitserlaubnissen an ausgebildete Fachkräfte aus Dritt-
ländern ging ebenfalls zurück. Im Mai 2009 hob Norwegen
die Übergangsregelungen, die es mit den acht Zentral-
und Osteuropäischen Staaten, die 2004 der EU beige-
treten sind, getroffen hatte, auf. Der Großteil qualifizierter
Arbeiter außerhalb des Europäischen Wirtschaftraumes
kam aus Indien, gefolgt von Russland, China, den USA und
den Philippinen.

Mit den hohen Zahlen an Einwanderern ging 2009 ebenfalls


eine hohe Zahl an Auswanderern einher. 26.550 Menschen
verließen Norwegen, darunter 18.400 Ausländer. Dies stellt
nach Angaben des staatlichen Amts für Statistik die höchste
je gemessene Zahl an ausländischen Immi-
Der Trend in Richtung höherer Abwan- granten aus Norwegen dar, es waren 3.200
derung und niedrigerer Einwanderung mehr als im Vorjahr und 6.000 mehr als im
polnischer und deutscher Bürger be-
gann zu Beginn der Finanzkrise und Durchschnitt der letzten zwanzig Jahre. Der
setzte sich verstärkt im ersten halben Trend in Richtung höherer Abwanderung und
Jahr 2009 fort.
niedrigerer Einwanderung polnischer und
deutscher Bürger begann Ende 2008 zu Beginn der Finanz-
krise und setzte sich verstärkt im ersten halben Jahr 2009
fort. Zum ersten Mal stellten Polen die größte Gruppe der
Auswanderer (3.600), gefolgt von Schweden (3.100). Die
Finanzkrise und ganz allgemein also ökonomische Einflüsse
machten das Gros der Emigrationsfaktoren aus. Unter den
Norwegern spielten neben Arbeitsmigration auch andere
Faktoren eine Rolle, beispielsweise Auslandsaufenthalte zu
Bildungszwecken.

Die Anzahl der Asylbewerber ist im gesamten OECD-Raum


seit 2006 wieder gestiegen. 2008 waren die USA mit
39.400 Zuzügen von Asylbewerbern das wichtigste Aufnah-
meland, gefolgt von Frankreich, Kanada, dem Vereinigten
Königreich und Italien, wo die Zahl der Asylsuchenden
überall 30.000 überstieg.7 Umgerechnet auf die Bevölke-
rungsgröße waren jedoch Norwegen, Schweden und die
Schweiz die wichtigsten Aufnahmeländer. In Norwegen ist
die Anzahl der Asylbewerber stark gestiegen und erreichte
2008 fast 14.500. Vorläufige Berechnungen für 2009

6 | Vgl. OECD 2010, „Recent changes in migration movements


and policies‟, http://www.oecd.org/dataoecd/6/17/456294
32.pdf [10.01.2011].
7 | Vgl. OECD 2010, „International Migration Outlook – SOPEMI
2010‟, 20.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 45

gehen von mehr als 17.200 Anträgen aus, und dies trotz
der rückläufigen Bewerberzahl aus dem Irak. Die meisten
Asylanträge kamen 2009 aus Afghanistan,
Eritrea und Somalia. Im Juli 2009 führte Norwegen führte 2009 Maßnahmen
die Regierung Maßnahmen durch, um das zur Angleichung des Asylrechts an
die Regelungen anderer europäischer
norwegische Asylrecht an jenes der anderen Staaten durch. Ziel ist die Reduzierung
europäischen Staaten anzugleichen. Ziel ist nicht schutzbedürftiger Asylbewerber.
es, die Anzahl von Asylbewerbern, die keinen
Schutz benötigen, zu reduzieren und gleichzeitig die zur
Zeit überproportionale Anzahl an Immi­granten derjenigen
der EU-Staaten anzugleichen.

Wie wird man Norweger?

Nach Angaben der norwegischen Einwanderungsbehörde


(Utlendingsdirektoratet/UDI) müssen zum Erwerb der
norwegischen Staatsbürgerschaft grundsätzlich folgende
Vorraussetzungen erfüllt werden:

▪▪Nachgewiesene oder unzweifelhafte Identität


▪▪Mindestalter 12 Jahre (und vor Vollendung des 18.
Lebensjahres Zustimmung der Eltern)
▪▪Wohnsitz in Norwegen und beabsichtigte Beibehaltung
dieses Wohnsitzes
▪▪Erfüllung der Vorraussetzungen für die Erteilung einer
unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung (Personen mit
einer Arbeits- oder Aufenthaltserlaubnis nach EWR-/
EFTA-Bestimmungen sind hiervon ausgenommen)
▪▪Insgesamt sieben Jahre Aufenthalt in Norwegen im
Laufe der letzten zehn Jahre
▪▪Unbescholtener Lebenswandel
▪▪Verlust bzw. Aufgabe der alten Staatsbürgerschaft.8

Anders als in den Vereinigten Staaten von Amerika reicht


die Geburt in Norwegen nicht aus, um Norweger zu werden.
Hierzu muss mindestens ein Elternteil die norwegische
Staatsbürgerschaft innehaben. Seit dem 1. September
2006 muss der Vater nicht mehr mit der Mutter des Kindes
verheiratet sein. Kinder unter 18 Jahren, die von Norwe-
gern adoptiert werden, erhalten seit 2006 automatisch die
Staatsbürgerschaft. Seit dem 1. September 2008 müssen

8 | Vgl. Norwegian Directorate of Immigration, „Citizenship‟,


15.04.2010, http://udi.no/Global/upload/Publikasjoner/Fakta
Ark/Faktaark_Statsborgerskap_Citizenship_EN.pdf [10.01.2011].
46 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

ausreichende Sprachkenntnisse nachgewiesen werden,


die durch einen Sprachkurs im Umfang von dreihundert
Stunden abgedeckt werden können.

2009 wurden insgesamt 11.400 neue Staatsbürgerschaften


an Ausländer vergeben. Darunter stellten Menschen
aus Somalia die größte Gruppe dar (1.700), gefolgt von
ehemaligen Bürgern des Irak (1.270) und Afghanistans
(860). Ungefähr die Hälfte der Staatsbürgerschaften ging
an Asiaten. Die zweitgrößte Gruppe waren Afrikaner, die
25 Prozent ausmachten. Bürger aus anderen europäischen
Staaten machten 21 Prozent aus. Seit 1977 wurden ca.
225.000 Personen eingebürgert, mehr als siebzig Prozent
davon stammen nicht aus Europa.

Am 1. Januar 2010 trat ein neues Einwanderungsge-


setz in Kraft. Die separaten Arbeits- und Aufenthaltsge-
nehmigungen wurden durch eine einzige Genehmigung
ersetzt, die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis einschließt.
Durch das neue Gesetz wurden auch neue Kriterien bei
der Immigration von Familien geschaffen. Diese bein-
halten strengere Anforderungen an Einkommensnach-
weise (finanzielle Unterstützung) und eine Erfordernis
von vier Jahren Arbeitserfahrung und/oder Ausbildung
in Norwegen. Im Falle der Einwanderung von Familien
besteht die wesentliche Regelung darin, dass die Person,
die in Norwegen wohnt, für das Jahr vor der Familien-
zusammenführung ein ausreichendes Einkommen nach-
weisen muss. Darüber hinaus muss belegt werden, dass
ein entsprechendes Einkommen auch im folgenden Jahr
zur Verfügung steht. Als zusätzliche Regel wurde einge-
führt, dass die in Norwegen lebende Person im vorausge-
gangenen Jahr keine Sozialhilfe empfangen haben darf.
Dennoch gibt es einige Ausnahmen bezüglich der Erfah-
rungsanforderungen, besonders für Familienangehörige
aus dem Europäischen Wirtschaftsraum und für Arbeitsmi-
granten. Personen aus dem europäischen Wirtschaftsraum
(mit Ausnahme von Rumänien und Bulgarien) benötigen
seit dem 1. Januar 2010 weder Aufenthaltsgenehmigung
noch eine Arbeitserlaubnis. Entsprechende Personen
müssen sich nach ihrer Ankunft anmelden (beispielsweise
bei der Polizei) und erhalten eine unbeschränkte Beschei-
nigung ihrer Registrierung in Norwegen.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 47

Migration und Integration als


politische Themen

Eine mit der deutschen Integrationsdebatte gleichzuset-


zende Bedeutung hat das Thema Immigration in Norwegen
bislang noch nicht, dennoch werden Integration und Migra-
tion zunehmend in Politik und Medien diskutiert, besonders
in Bezug auf die hohe Zahl an Flüchtlingen, die Norwegen
in den vergangenen Jahren aufgenommen hat. Dem neuen
Einwanderungsgesetz vom 1. Januar 2010 gingen bereits
Maßnahmen voraus, die teils dem Schutz der eigenen
Arbeitnehmer, teils aber auch dem Schutz der Migranten
selbst dienen. Um die Ausbeutung ausländischer Arbeit-
nehmer zu verhindern – und um norwegische Arbeitskräfte
zu schützen  – hat Norwegen 2008 neue Maßnahmen
zur Bekämpfung von Sozialdumping eingeführt. Diese
beinhalten vermehrte Inspektionen, gepaart mit Sankti-
onen im Verweigerungsfall, strengere Einstellungsrege-
lungen und die Einführung von Ausweisen für Arbeiter im
Bausektor. Simultan wurde ein Aktionsplan
ins Leben gerufen, der zum Ziel hat, Armut Opfer von Menschenhandel, die sich
zu bekämpfen und Eingliederung in den bereit erklären, gerichtlich als Zeugen
aufzutreten, sollen Aufnahmegeneh-
Arbeitsmarkt zu befördern. Hilfsmaßnahmen migungen erhalten. Ziel ist es, die ille-
für die Opfer von Menschenhandel wurden gale Einwanderung zu stoppen.
ebenfalls beschlossen. So sollen Opfer von
Menschenhandel, die sich bereit erklären, gerichtlich als
Zeugen aufzutreten, Aufnahmegenehmigungen erhalten.
Ziel der Maßnahmen ist es, die illegale Einwanderung
nach Norwegen zu stoppen. Seit September 2009 können
Ausländer, die freiwillig in Entwicklungsländer zurück-
kehren, besondere Unterstützung in Anspruch nehmen.
Gleichzeitig werden hochqualifizierte Ausländer weiter
angeworben. So ist es qualifizierten Ausländern nun
möglich, sich für bis zu einem Jahr dauernde Aufenthalte
in Norwegen zu bewerben, um die norwegische Sprache
zu lernen oder um zusätzliche Qualifikationen/Abschlüsse
zu erlangen. Simultan zu den Weiterbildungen können die
Teilnehmer Teilzeitarbeit verrichten.

Die Fremskrittpartiet (FrP) hat mit ihren Forderungen nach


einer Begrenzung der Immigration und einer Ausweisung
krimineller Ausländer bei den Wahlen zum norwegischen
Parlament (Storting) am 14. September 2009 beachtliche
Erfolge erzielt. Mit 22,9 Prozent der Stimmen wurde die FrP
48 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

zweitstärkste Fraktion. Dies belegt, dass das Thema Migra-


tion in der Öffentlichkeit angekommen ist. Der neueste
Migrationsbericht der OECD zitiert mehrere Studien, die
zeigen, dass sich 70 Prozent der Bevölkerung in Norwegen
für strenger kontrollierte und/oder reduzierte Einwande-
rung aussprechen. Norwegen erreicht somit gemeinsam
mit Deutschland, dem Vereinigten Königreich und den
Niederlangen einen Spitzenwert in dieser Statistik.9
Andere Statistiken gehen von einer knappen Mehrheit für
strengere Einwanderungsregelungen aus.10
Viele Kommunen wehren sich gegen die Dennoch sahen auch in dieser Umfrage 36
Aufnahme von Flüchtlingen, da keine Prozent der Befragten in den Migranten eine
Verhältnismäßigkeit zwischen der Zahl
der Ausländer und der einheimischen Quelle gesellschaftlicher Unsicherheit. Viele
Bevölkerung mehr gewährleistet sei. Kommunen und kleinere Ortschaften wehren
sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, da
keine Verhältnismäßigkeit zwischen der Zahl der Ausländer
und der einheimischen Bevölkerung mehr gewährleistet
sei. Die FrP hat sich teilweise auf populistische Art in die
Debatte eingemischt, beispielsweise mit Forderungen
einzelner Abgeordneter, gar keine Asylbewerber mehr in
ihren Wahlbezirken aufnehmen zu wollen.

Das im Januar 2010 in Kraft getretene Einwanderungs-


gesetz und andere Maßnahmen belegen, dass sich die
rot-rote Koalitionsregierung unter dem Sozialdemokraten
Jens Stoltenberg des Themas Einwanderungspolitik ange-
nommen hat. Es kann sicherlich angenommen werden,
dass die Politik der rot-roten Regierung darauf abzielt,
den Einfluss der FrP zu reduzieren. So scheint es nahelie-
gend, dass die Regierung das Thema Einwanderung nicht
der FrP überlassen möchte, die dann künftig womöglich
noch größere Wahlerfolge zu verzeichnen hätte. Die bishe-
rigen Neuregelungen verfolgen die Ziele, Einwanderung
zu begrenzen und Einwanderer ohne Aufenthaltsgeneh-
migung abzuschieben. 2010 wurden illegale Einwanderer
in großer Zahl abgeschoben. Bereits bis Mitte September
sind 4.042 Personen aus Norwegen verwiesen worden.
Am 11. September wurde eine Gruppe von 71 Personen
mit Begleitung von Polizisten nach Serbien ausgeflogen.11

9 | Vgl. OECD 2010, Fn. 7, 118.


10 | Vgl. Statistics Norway 2010, „Appreciate immigrants’ contri-
bution to working life‟, http://ssb.no/english/subjects/00/01/
30/innvhold_en [13.12.2010].
11 | Vgl. Rolleiv Solholm, „More illegal immigrants expelled‟,
The Norway Post, 12.09.2010, in: http://norwaypost.no/
news/more-illegal-immigrants-expelled.html [13.12.2010].
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 49

Stoltenberg äußerte die Hoffnung, dass die spektakuläre


Zwangsausweisung zu mehr freiwilligen Ausreisen ille-
galer Migranten führen würde. Als effektiv erwies sich die
Einführung einer 48-Stunden-Regelung für Asylanträge
aus bestimmten Ländern, hierzu gehören u.a. Serbien,
Mazedonien und Montenegro. Personen aus diesen
Ländern werden interviewt und von der Polizei außer
Landes verwiesen, falls kein Schutzbedarf vorliegt. Mitte
September 2010 hatte dies bereits dazu geführt, dass
Schweden 4.000 Asylbewerber aus Serbien erhalten hatte,
Norwegen 178.

Für die meisten nicht europäischen Ausländer ist der Weg


ins norwegische „Paradies‟ insgesamt länger und stei-
niger geworden. Die Norweger stehen Immigration aus
europäischen Ländern wesentlich positiver
gegenüber als der Migration von Menschen Es gibt eine starke Diskrepanz bei der
aus Drittländern. Dies hängt unter anderem Einkommensverteilung zwischen Nor-
wegern und westlichen Migranten auf
damit zusammen, dass diese Gruppe die der einen Seite sowie nicht westlichen
Asylbewerber umfasst, die oftmals weniger Migranten auf der anderen Seite.
gebildet sind und häufiger nicht am Arbeits-
markt partizipieren. Es gibt eine starke Diskrepanz bei der
Einkommensverteilung zwischen Norwegern und westli-
chen Migranten auf der einen Seite sowie nicht westlichen
Migranten auf der anderen Seite. Fünfzehn Prozent der aus
Afrika stammenden Migranten waren im dritten Quartal
2010 arbeitslos, unter den Westeuropäern lag die Quote
bei 3,6 Prozent.12 So beschreibt der Migrationsbericht der
OECD die Lage vieler ausländischer Arbeiter in Norwegen
als vergleichsweise misslich: Im Verhältnis zu den einhei-
mischen Norwegern sind sie mehr als doppelt so häufig
arbeitslos. Im August waren 7,9 Prozent der Migranten
ohne Arbeit, in der übrigen Bevölkerung lag die Arbeits-
losenquote bei 2,3 Prozent.13 Diese Diskrepanz offenbart
auch, dass Norwegen trotz seines hohen Lebensstandards
nicht als Musterbeispiel für gelungene Immigration
gelten kann. Die ungleiche Verteilung des Lebensstan-
dards ist auch in Norwegen Realität, wie es sich bei-
spielsweise in der Wohnsituation vieler nicht westlicher
Einwanderer widerspiegelt. 17 Prozent von ihnen lebten

12 | Vgl. Statistics Norway 2010, „Still growth in immigrant unem-


ployment‟, 04.11.2010, http://ssb.no/english/subjects/06/03/
innvarbl_en [13.12.2010].
13 | Ebd.
50 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

2008 in Wohnungen unter 50 m²  – bei Norwegern liegt


die Quote bei vier Prozent. Mehr als die Hälfte der nicht
westlichen Einwanderer lebte gleichzeitig in Haushalten
mit mehr als zwei Personen, in denen nicht jede Person
über ein eigenes Zimmer verfügte. Um Diskriminierung
zu vermeiden und die Integration in den Arbeitsmarkt zu
ermöglichen, hat Høyre, die norwegische Partnerpartei der
CDU, einige Angebote unterbreitet. Auf dem
Um Nachteilen bei der Arbeitssuche Parteitag im Mai 2010 fand beispielsweise
vorzubeugen, ist angedacht, Stellen- der Vorschlag Zustimmung, Bewerbungsver-
bewerbungen zu anonymisieren – so
wären weder Name noch Foto sichtbar. fahren neu zu regulieren. Um einem mögli-
chen Bewerbungsnachteil von Menschen,
deren Name auf einen Migrationshintergrund schließen
lässt, vorzubeugen, ist angedacht, Stellenbewerbungen
zu anonymisieren. Weder Name noch Foto wären dann
noch sichtbar.14 Die Debatte über eine Reduzierung der
Immigration entzündet sich in letzter Zeit vermehrt an
Themen wie der Überrepräsentation von Ausländern in der
Kriminalstatistik oder der Tatsache, dass einige Schulen in
den großen Städten (besonders in Oslo) über mehrheitlich
auslän­dische Schüler verfügen.

Konflikte, die man nicht austrägt, werden ernster. In


diesem Sinne ist es erfreulich, dass in Norwegen eine
Debatte zum Thema Integration entsteht. Es ist wichtig,
diese Debatte sachlich zu führen. Warnungen vor einer
Islamisierung Norwegens, wie sie von der FrP lanciert
werden, entsprechen nicht der Realität. Nur jeder dritte
Immigrant kommt aus einem mehrheitlich muslimischen
Land, wie Statistiken der Norwegian Christian Intercultural
Association und des staatlichen Amts für Statistik belegen.
Nicht einmal 100.000 Muslime leben derzeit in Norwe-
gen.15 Einwanderungspolitik ist zum festen Bestandteil
der politischen­ Agenda geworden und es ist höchst wahr-
scheinlich, dass dieser Themenkomplex bei den Wahlen
2013 eine ernsthafte Rolle spielen wird. In der Migrations-
politik nimmt Høyre liberal-konservative Positionen ein.

14 | Vgl. Fiona Weber-Steinhaus und Andreas M. Klein, „Erna


Solberg als Vorsitzende von Høyre bestätigt‟, KAS-Länder-
bericht, 11.05.2010, in: http://www.kas.de/wf/doc/kas_
19599-1522-1-30.pdf [22.12.2010].
15 | Vgl. Statistics Norway 2009, „Members of religious and life
stance communities outside the Church of Norway 2006-
2009‟, http://ssb.no/english/subjects/07/02/10/trosamf_en/
arkiv/tab-2009-12-09-02-en [10.01.2011].
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 51

Bisher haben alle konservativen Parteien eine Koopera-


tion mit der Fremskrittspartiet ausgeschlossen. Sollte es
Høyre nicht gelingen, die FrP von ihren extrem rechten
und populistischen Positionen abzubringen, scheint eine
direkte Zusammenarbeit auf Regierungsebene auch in
Zukunft nicht angezeigt. Im Falle einer Mehrparteienko-
alition wäre es dann ohnehin mehr als fraglich, wie ein
politischer Konsens zwischen potentiellen Bündnisparteien
wie der Christlichen Volkspartei (KrF), den Sozialliberalen
(Venstre) und der FrP erzielt werden sollte. Die polemi-
sche Debatte in Frankreich hat die Risiken aufgezeigt, die
bestehen, wenn Migrationsphänomene zum Spielball der
Politik werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich der Diskurs
in Norwegen zu einer seriösen Auseinandersetzung entwi-
ckelt, wozu Høyre und die Christliche Volkspartei weiterhin
konstruktive Beiträge liefern können.

Eine umfassende Harmonisierung der Einwanderungspo-


litik innerhalb der Europäischen Union bzw. des Schengen-
Raumes ist bis heute nicht gelungen: Quoten, gesteuerte
Zuwanderungspolitik, Abkommen je nach Berufsgruppe,
massive oder diskrete Legalisierung – all das
geschieht innerhalb Europas ohne tief grei- Die meisten Schengen-Staaten wollen
fende Abstimmung zwischen den Staaten, Arbeitsmigration erleichtern und die
Gewährung von Asyl und Familienzu-
je nach den eigenen Bedürfnissen, der poli- sammenführungen erschweren. Dies
tischen Stimmung oder den ökonomischen ist auch in Norwegen der Fall.
Erfordernissen. Die Mehrzahl der Schengen-
Staaten tendiert momentan dazu, die Arbeitsmigration zu
erleichtern und die Gewährung von Asyl und Familienzu-
sammenführungen zu erschweren. Dies ist, wie gezeigt,
auch in Norwegen der Fall, obwohl gerade hier bisher über-
proportional viele Asylbewerber aufgenommen wurden.
Selbstverständlich sind Maßnahmen zur Kontrolle von
Einwanderung wichtig und notwendig, aber übertriebene
Sicherheitspolitik fördert die illegale Zuwanderung. Es gibt
in Norwegen keine Invasion von Migranten, sondern eine
Kluft zwischen dem bisher oberflächlich geführten Diskurs
und der Realität. In Deutschland, wo die Regierung in
jüngster Zeit Maßnahmen zur Anerkennung ausländischer
Abschlüsse verabschiedet hat, belief sich der durch den
Fachkräftemangel erlittene Schaden der Ökonomie nach
Angaben des Wirtschafts­ministeriums allein 2009 auf fünf-
zehn Milliarden Euro. Ein ernsthafter Diskurs ist von Nöten,
im Idealfall sollte es ein europaweiter sein.
52 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Nach den Präsidentschafts-


wahlen in der Côte d’Ivoire
Kann die politische Krise noch mit diplomatischen
Mitteln gelöst werden?

Klaus D. Loetzer ist


Klaus D. Loetzer / Anja Casper
Leiter des Regional-
programms Politischer
Dialog Westafrika der
Konrad-Adenauer-
Stiftung mit Sitz in Auf das Wunder folgte die Realität: Als mit fünfjähriger
Cotonou, Benin. Verspätung am 31. Oktober 2010 die erste Runde der Präsi-
dentschaftswahlen in der Côte d’Ivoire friedlich und ohne
technische Probleme abgehalten wurde, glaubten viele,
dass sich das Schicksal des Landes auf wundersame Weise
endlich zum Guten gewendet hätte. Doch schnell folgte
Ernüchterung. Nach der Stichwahl am 28. November haben
sich beide Kandidaten als Präsidenten vereidigen lassen
und ihre Regierung sowie die dazugehörigen Premier-
minister ernannt.
Anja Casper, Refe-
rentin für Evaluierung
der Europäischen Laurent Gbagbo, 65 Jahre alt, ist Sozialist, Führer der FPI
und Internationalen
und seit seiner umstrittenen Wahl im Jahr 2000 im Präsi-
Zusammenarbeit, war
von 2008 bis 2010 für dentenamt. Er ging als Kandidat des Parteienbündnisses
die Konrad-Adenauer- LMP in die Stichwahl. Als amtierender Staatspräsident hat
Stiftung in Benin tätig.
er Zugriff auf die Institutionen und Organe des Landes wie
Finanzverwaltung und Staatsfernsehen. Vor allem weiß er
auch die ivorischen Verteidigungs- und Sicherheitskräfte
wie Militär und Polizei hinter sich. Er regiert vom Präsiden-
tenpalast aus, ist aber international isoliert. Der westafri-
kanische Wirtschaftsverbund CEDEAO hat die Côte d’Ivoire
suspendiert, die westafrikanische Zentralbank BCEAO mit
Sitz in Dakar/Senegal hat Gbagbo die Verfügungsgewalt
über die Finanzen der ivorischen Zentralbank entzogen.

Abk.: CEI – Commission Électorale Indépendante (Unabhängige


Wahlkommission), CC – Conseil Constitutionnel (Verfassungs-
rat), RHDP – Rassemblement des Houphouétistes pour la
Démocratie et la Paix, LMP – La Majorité Présidentielle, FPI –
Front Populaire Ivoirien, RDR – Rassemblement des Républi-
cains, PDCI – Parti Démocratique de Côte d’Ivoire
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 53

Ex-Premier­minister Ouattara1, 67 Jahre alt, international


anerkannter Ökonom und Vorsitzender des RDR, ging als
Kandidat des Parteienbündnisses RHDP2 in der zweiten
Runde ins Rennen, ein Wahl-Zweck­bündnis mehrerer
Parteien, die sich als Erben des Staatsgründers und Lebzeit-
präsidenten Félix Houphouët-Boigny verstehen.3 Zum
Parteienbündnis gehört auch die PDCI des in der ersten
Runde Drittplazierten früheren Staatspräsidenten Bédié,4
der für die Stichwahl einen Großteil seiner Anhänger für
Ouattara mobilisieren konnte und damit den Wahlsieg
Ouattaras ermöglichte. Allerdings reichte der Schulter-
schluss der im RHDP vertretenen Parteien nicht aus, um
sich bereits in der ersten Runde auf einen gemeinsamen
Kandidaten zu einigen. Ouattara wird von der gesamten
internationalen Staatengemeinschaft als Wahlsieger aner-
kannt, einschließlich des UN-Sicherheitsrates. Zusätzlich
hat er noch die Unterstützung der westafrikanischen Zent-
ralbank BCEAO, dessen Chef er einmal war, und damit bis
zu einem gewissen Grad Zugriff auf die Staatsfinanzen
des Landes. Er regiert vom Hôtel du Golf aus, das von
UN-Blauhelmen5 gesichert wird.

Abb. 1
Präsidentschaftswahlen, 1. Runde am 31.10.2010

Ouattara Gbagbo Bédié Ouattara Gbagbo Bédié


RDR FPI PDCI RDR FPI PDCI

35
30
25
20
15
10
5
0
32,8 38,3 25,2 % 32,8 38,3 25,2
CEI CC
Ouattara Gbagbo Ouattara Gbagbo
RHDP LMP RHDP LMP
Quelle: CEI (vom CC bestätigt), http://ceici.org/elections/docs/EPR_
31102010_RESUL_PROVI_CEI_03112010_A4.pdf [14.12.2010].
50

1 |
40 Premierminister 1990-1993 unter Félix Houphouët-Boigny.
2 | Zusammenschluss der Houphouetionisten für Demokratie und
30
Frieden.
3 | Amtszeit 1960 bis 1993 (Tod).
20
4 | Amtszeit 1993 bis 1999 (Putsch).
5 | UN-Friedensmission ONUCI (Opération des Nations Unies en
10
Côte d’Ivoire).
0
54,1 45,9 % 48,6 51,5
CEI CC
15
10
54 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011
5
0
Abb. 2
32,8 38,3 25,2 % 32,8 38,3 25,2
Präsidentschaftswahlen, Stichwahl am 28.11.2010
CEI CC
Ouattara Gbagbo Ouattara Gbagbo
RHDP LMP RHDP LMP

50

40

30

20

10

0
54,1 45,9 % 48,6 51,5
CEI CC

Quelle: CC, http://news.abidjan.net/h/382101.html [14.12.2010].

Mit zwei proklamierten Präsidenten befindet sich die Côte


d’Ivoire nach den Stichwahlen politisch weit hinter das
Niveau zurückgeworfen, das man nach Beendigung des
Bürgerkrieges 2007 erreicht zu haben glaubte. Vor allem
hatte der sich anschließende Prozess, u.a. die Vorbereitung
der Wahlen mit der Einigung auf eine Wählerliste und der
einvernehmlichen Lösung der damit verbundenen heiklen
Staatsbürgerfrage, große Hoffnungen geweckt, jedoch
offensichtlich mehr bei der internationalen Gemeinschaft
als bei den Ivorern selbst. Sonst hätten sie sich nicht schon
vor dem ersten Wahlgang, verstärkt aber vor der Stich-
wahl, mit Lebensmittel- und Benzinvorräten eingedeckt.
Das Vertrauen in einen friedlichen Wahlausgang war ganz
offensichtlich nicht vorhanden. Andererseits konnte sich
aber auch kaum jemand vorstellen, dass es so schlimm
kommen würde. Der Direktor des GIGA-Instituts für Afrika-
Studien, Politikanalyst und Kenner der westafrikanischen
Region, Andreas Mehler, schreibt dazu: „In den letzten
dreieinhalb Jahren hatte ein Arrangement zum Zweck
der Machtteilung zwischen Gbagbo und Ex-Rebellenführer
Guillaume Soro relative Ruhe, jedoch nicht die erhoffte
große Lösung gebracht. Diese Machtteilung war eindeutig
für eine Übergangsperiode angelegt.‟6 Allerdings, so
Mehler weiter, hatte wohl kaum jemand die Frage gestellt:
„Übergang fein, aber wohin?‟

6 | Andreas Mehler, „Côte d’Ivoire: kein Ausweg durch Macht-


teilung‟, GIGA Focus Afrika, Nr. 10/2010, 1, in: http://giga-
hamburg.de/giga-focus/afrika [16.12.2010].
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 55

Eskalation der Gewalt mit bürgerkriegs-


ähnlichen Zuständen

Angesichts des machtpolitischen Patts ist gegenwärtig


die Lage in der Côte d’Ivoire äußerst angespannt. Bisher
wurden trotz nächtlicher Ausgangssperre alleine nach
offiziellen Angaben über 60 Menschen getötet, mehrere
hundert Menschen wurden verletzt.7 Jeden Tag kommen
neue Meldungen über Gräueltaten hinzu, nicht nur vom
Ouattara-Lager, sondern von seriösen Quellen wie der
UN-Menschenrechtskommis­sarin Navi Pillay. Sie macht für
die nächtlichen Tötungen und Verschleppungen liberiani-
sche und angolanische Söldnertruppen verantwortlich, die
logistisch durch Gbagbos Elitetruppe Garde
Républicaine unterstützt werden. Gbagbo Bald könnte die Lage der UN-Blauhelme
wiederum hat öffentlich und unmissverständ- selbst prekär werden. Daran wird eine
Aufstockung um 500 Mann nicht viel
lich den Abzug der ONUCI-Blauhelme sowie ändern.
der französischen Unterstützungstruppe ge-
fordert, da sie parteiisch seien. Seine Ordnungskräfte
haben den provisorischen Amtssitz von Alassane Ouat-
tara, das von ONUCI geschützte Hôtel du Golf, blockiert.
UN-Patrouillen werden beschossen. Gbagbo-nahe bewaff-
nete Studenten, die Jeunes Patriotes, bedrohen nachts
ONUCI-Mitarbeiter in ihren Wohnungen. Bald könnte die
Lage der UN-Blauhelme selbst prekär werden. Daran wird
eine Aufstockung um 500 Mann, wie am 20. Dezember 2010
vom UN-Sicherheitsrat beschlossen, nicht viel ändern.

Die internationale Gemeinschaft unter Führung der UN – die


EU, die USA, afrikanische Organisationen wie die Afrikani-
sche Union (AU), der westafrikanische Wirtschaftsverbund
CEDEAO und die westafrikanische Zentralbank BCEAO  –
stehen einmütig gegen Gbagbo und unterstützten Ouat-
tara als rechtmäßig gewählten Präsident der Côte d’Ivoire.

Vermittlungsversuche der AU durch den südafrikani-


schen Ex-Staatspräsidenten Thabo Mbeki und zuletzt den
AU-Kommissionspräsidenten Jean Ping sind gescheitert.
Die EU und die Vereinigten Staaten haben Sanktionen in
Form von Reiseverboten für Gbagbo und seine engere
Umgebung ausgesprochen. Es scheint aber, dass jede
Maßnahme Gbagbo und sein Lager in dem Willen bestätigt,
nicht zu weichen.

7 | Redaktionsschluss: 22. Dezember 2010.


56 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Die Gefahr einer Radikalisierung, auf die Mehler in seinem


Beitrag hinweist, hat sich somit bereits zwei Wochen nach
der Wahl eingestellt, nämlich dass „sich die bei den Wahlen
unterlegene Seite nun erst recht radikalisiert‟.8 Paradox
daran ist, dass sich die Majorité Présidentielle (LMP) nicht
als Wahlverlierer sieht, obwohl sie es auf den ersten Blick
ist. Auf den zweiten Blick wird es aber komplizierter. Bei
einer Bevölkerungszahl von ca. 21 Millionen mit nur ca.
5,78 Millionen Wahlberechtigten  – fast die Hälfte der
Bevölkerung der Côte d’Ivoire ist minderjährig – relativiert
sich die durch einen Urnengang ermittelte
Das Gbago-Lager weiß selbst, dass es Wahlmehrheit sehr schnell. Abgesehen von
das Wahlergebnis durch Manipulation anderen Faktoren scheint das Gbagbo-Lager
herbeigeführt hat, hält diese Manipu-
lation aber für moralisch gerechtfer- besonders auf diesen Umstand abzuheben.
tigt, ja geradezu geboten. Da liegt die große Gefahr: Gbagbo und seine
Unterstützer wissen selbst, dass sie das
Wahlergebnis durch Manipulation herbeigeführt haben. Sie
halten diese Manipulation aber für moralisch gerechtfertigt,
ja geradezu geboten, da sie sich der eigentlichen Mehrheit
sicher sind. Und das obwohl viele Menschen, die von der
Wahl aufgrund ihrer ungeklärten Herkunft ausgeschlossen
worden waren, eher als Sympathisanten von Ouattara
gelten. Mit dieser Gewissheit, und natürlich der Armee im
Rücken, ist das Gbagbo-Lager bereit, sich gegen die ganze
Welt zu stellen.

Parallelen zu Simbabwes Diktator Mugabe?

Hinzu kommen weitere Faktoren. Einer ist die fixe Idee


der wirklichen Befreiung von der Ex-Kolonialmacht Frank-
reich. In dieser Frage weiß sich Gbagbo mit einem anderen
Diktator, der eine Wahl verloren hat und gegen den Willen
der internationalen Gemeinschaft an der Macht geblieben
ist, einig: Robert Mugabe aus Simbabwe, ebenfalls Sozi-
alist. Der arbeitet mit der gleichen Rhetorik und hat
damit sein Land wirtschaftlich zugrunde gerichtet. Dieser
Prozess hält in Simbabwe nun seit über zehn Jahren an
und ist noch nicht zu Ende, obwohl das Volk im wahrsten
Sinne des Wortes wirtschaftlich am Ende ist, was unter
anderem durch den Rückfall auf Barter Trade-Praktiken
(Tauschhandel) auf dem Lande belegt wird. Es gibt weitere
Parallelen: Was für Mugabe Ex-Oppositionsführer Morgan

8 | Mehler, Fn. 6, 6.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 57

Tsvangirai (Wahlgewinner von 2008) ist, das ist Alassane­


Ouattara (Wahlgewinner von 2010) für Gbagbo. In beiden
Fällen werden die politischen Gegner als Agenten des
Westens gesehen, die fremde Interessen vertreten und
nicht die wahren Anliegen des eigenen Volkes. Eine weitere
Parallele würden Mugabe und Gbagbo nie anführen, sie
ist aber offensichtlich. Es geht um handfeste Interessen:
In beiden Fällen haben die Führer und ihre Begüns-
tigten durch Korruption große Reichtümer angehäuft und
Menschenrechtsverletzungen begangen. Nun müssen sie
beim Verlust ihrer Macht mit einer Anklage vor dem Inter-
nationalen Gerichtshof rechnen.

Man könnte geneigt sein, aus den Entwicklungen in


Simbabwe eine Parallele abzuleiten, wie lange die jetzige
Situation in der Côte d’Ivoire fortbestehen könnte. In
Simbabwe kann man den Beginn der eigentlichen Krise
auf etwa die Jahrtausendwende 1999/2000 datieren, also
auf eine Zeitspanne von mehr als einem Jahrzehnt, wobei
die Krise noch andauert. Allerdings ist ein Rückschluss,
dass die jetzige Krise in der Côte d’Ivoire auch so lange
anhalten könnte, unzulässig. In Simbabwe bestand eine
vollkommen andere historische Ausgangslage, die durch
den Befreiungskrieg mit der Erlangung der Unabhängigkeit
im Jahr 1980 charakterisiert ist. In Simbabwe haben die
sog. Securocrats, die Generäle der Ordnungs- und Sicher-
heitskräfte wie Armee, Polizei und Geheim-
dienste, die Lage fest im Griff, und Mugabe In der Côte d’Ivoire sind die Ordnungs-
kann sich auf sie stützen. Natürlich sind und Sicherheitskräfte, allen voran die
Elitetruppe Garde Républicaine, Garant
sie in sich auch zerrissen, aber sie würden der Machterhaltung Gbagbos.
niemals zu Tsvangirai überlaufen. Davon hält
sie ihr Selbstverständnis als Revolutionäre und Ex-Kämpfer
des bewaffneten Befreiungskampfes ab. Auch in der Côte
d’Ivoire sind die Ordnungs- und Sicherheitskräfte, allen
voran die Elitetruppe Garde Républicaine, auch als Gard
Présidentielle bekannt, der Garant der Machterhaltung
Gbagbos. Aber hier endet der Vergleich schon. Denn mit
Ausnahme vielleicht der Garde Républicaine ist diese Treue
nicht zwangsläufig auf ewig ausgerichtet und daher nicht
vergleichbar mit der Situation in Simbabwe vor einem
anderen historischen Hintergrund.
58 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Bis 2002 kamen Mitglieder der ivorischen Armee vorwiegend


aus dem Norden. Gbagbo hat das gezielt geändert und
die entscheidenden Kommandostrukturen und höheren
Offiziersränge mit seinen Leuten besetzt. Das Regional­
programm Politischer Dialog Westafrika (PDWA) der
Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Cotonou hatte Mitte
November 2010 ein Regionalkolloquium mit Generalstabs-
offizieren aus der Region organisiert, an dem auch zwei
Vertreter aus der Côte d’Ivoire teilgenommen haben.
Die Teilnehmer sind untereinander weiter in Kontakt mit
ihren Kollegen aus Benin. Nach ihrer Einschätzung ist es
durchaus möglich, dass es über kurz oder lang zu einem
Putsch gegen Gbagbo kommen könnte. Dieser wäre
höchstwahrscheinlich blutig, was unter anderem Gbagbo
das Leben kosten könne. Vor diesem Hintergrund stellt sich
nun die Frage: Wie konnte es zu dieser Situation kommen?

Gbagbo usurpiert mit Hilfe des Verfassungs-


rates die Macht

Der bis zur Wahl amtierende Präsident Laurent Gbagbo


ist eng mit dem politischen Schicksal der Côte d’Ivoire
verbunden. Unter dem Staatsgründer und ersten Präsiden-
ten der Côte d’Ivoire, Félix Houphouët-Boigny, musste der
sozialistische Studentenführer seine Kritik
Gbagbo, stolz auf seine bäuerliche Her- am Einparteienregime mit längeren Gefäng-
kunft, nahm 1999 das erste Mal an den nisaufenthalten bezahlen. Gbagbo, stolz auf
Präsidentschaftswahlen teil. Damals er-
hielt er aber weniger als 20 Prozent. seine bäuerliche Herkunft, nahm 1999 das
erste Mal an den Präsidentschaftswahlen
teil, erhielt aber damals weniger als 20 Prozent der
Stimmen. Nach seiner umstrittenen Wahl im Jahr 2000,
bei der angeblich nur rund 37 Prozent der Bevölkerung
ihre Stimme abgegeben hatten,9 war Gbagbo nie gewillt,
die Macht wieder ­abzugeben. Sein Wille zur Macht wird
von seiner ambitionierten Ehefrau Simone gestärkt, die
auch in der sozialistischen Studentenbewegung aktiv
war und der nachgesagt wird, dass sie nicht nur die
treibende Kraft hinter ihrem Mann ist, sondern auch in
Kriegsverbrechen während des ivorischen Bürgerkriegs

9 | Die Umstände sind umstritten. Es gab gewaltsame Ausschrei-


tungen, nachdem sich zunächst General Robert Gueï, dann
Laurent Gbagbo als Sieger präsentierten, bevor alle Stimmen
ausgezählt waren. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die
Stimmenauszählung gestoppt wurde, obwohl eine höhere
Wahlbeteiligung vorlag.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 59

verwickelt war. Auch wird sie beschuldigt, in den Mord an


einem Journalisten verwickelt zu sein, der über Korrup-
tion in der Côte d’Ivoire recherchierte.10
Gbagbo hatte die Wahlen seit Auslaufen Gbagbo hatte kurz vor den Wahlen
seines ersten Mandats 2005 nicht nur acht explizit erklärt, er werde die Macht nie-
mals an die Erben Houphouët-Boignys
Mal verschoben, sondern nun wenige Wochen abgeben.
vor dem Urnengang explizit erklärt, er werde
die Macht niemals an die Erben Houphouët-Boignys
abgeben. Um nichts dem Zufall oder dem demokratischen
Willen des Volkes zu überlassen, hatte Gbagbo bereits im
August 2009 die Ernennung seines Parteifreundes Paul Yao
N’Dré zum Präsidenten des ivorischen Verfassungsrates
CC veranlasst. Der Verfassungsrat ist nach den Bestim-
mungen der Wahlgesetzgebung die letzte Instanz, die
über Wahleinsprüche zu befinden und damit das amtliche
Endergebnis zu verkünden bzw. zu bestätigen hat.

Durch die Ernennung von Paul Yao N’Dré zum Präsidenten


des Verfassungsrates war es Präsident Gbagbo gelungen,
den für den Wahlablauf strategischsten Posten mit einem
Parteifreund zu besetzen. Damals war dieser Vorgang von
allen Oppositionsparteien kritisiert und als starke Beein-
trächtigung der Neutralität des Wahlprozesses empfunden
worden. Allerdings war der Vorgang verfassungsrechtlich
korrekt, da der bisherige Amtsinhaber das Ende seines
Mandats erreicht hatte. Immer wieder wurde für die
Ernennung von Paul Yao N’Dre das Argument angeführt,
es müsse ein politisches Gegengewicht zur Unabhängigen
Wahlkommission CEI geschaffen werden, da in dieser
Kommission die Opposition die Oberhand habe und deren
Vorsitzender, Youssouf Bakayoko, PDCI-Mitglied ist. Der
Zusammensetzung der Wahlkommission hatte Gbagbo
jedoch zugestimmt.11 Im Frühjahr 2010 hatte er die Wahl-
kommission CEI aufgelöst. Erst seitdem ist Bakayoko
deren Vorsitzender, und Gbagbo hätte die Kommission
erneut auflösen können, wenn ihm Bakayoko zu parteiisch
gewesen wäre.

10 | Vgl. z.B.: france24.com, „Affaire Kieffer – Simone Gbagbo


entendue par des juges français à Abidjan‟, http://f24.my/
f2kVtl [14.12.2010].
11 | So geschehen im Abkommen von Pretoria, das integraler
Bestandteil des Abkommens von Ouagadougou 2007 wurde.
Vgl. Radio France Internationale (RFI), „L’accord de Pretoria
du 6 avril 2005‟, http://rfi.fr/actufr/articles/064/article_
35315.asp [10.01.2011].
60 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Nachdem Bakayoko den Sieg Ouattaras mit gut 54 Prozent


in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag nach den Wahlen
verkündet hatte, legte das Gbagbo-Lager Einspruch ein.
Damit lag die letzte Entscheidung bei Gbagbos Partei-
freund N’Dré.

Die gegenwärtige Situation in der Côte d’Ivoire zeigt in


aller Klarheit das folgenschwere Defizit vieler afrikanischer
Verfassungsdemokratien. Verfassungsorgane wie CEI und
Verfassungsrat werden über ihren Vorsitzenden definiert
und öffentlich wahrgenommen, nicht aber in ihrer Bedeu-
tung als unabhängige Organe eines Rechtsstaates. Diese
Schwäche ihrer Institutionen verwandelt viele afrikanische
Staaten in reine Fassadendemokratien. Auch wird deutlich,
dass es ein Fehler war, die entscheidenden Gremien wie
CC und CEI nach parteipolitischen Gesichtspunkten zu
besetzen. Die Forderung, CC und CEI mit unabhängigen
Experten zu besetzen und somit nicht nur den Wahlprozess
zu entpolitisieren, war jedoch von allen Parteien im Vorfeld
der Wahlen abgelehnt worden.

Wahlbeschwerden: Arithmetik vor


inhaltlicher Prüfung

Das Gbagbo-Lager hatte schon vor Verkündigung des


Wahlergebnisses die Rechtmäßigkeit der Wahlen in vier
nördlichen Regionen angezweifelt,12 die unter Kontrolle der
Forces Nouvelles stehen, und dann Donners-
Es wurden in so vielen nördlichen Pro- tagmorgen eine offizielle Wahlbeschwerde
vinzen die Stimmen annulliert, bis beim Verfassungsrat eingereicht. Daraufhin
Gbagbo auf eine Mehrheit von über 50
Prozent kam. Auch die Stimmen der kassierte Yao N’Dré bereits am Donnerstag
in Frankreich lebenden Ivorer wurden um 15 Uhr das Ergebnis der Wahlkommission,
für ungültig erklärt.
annullierte alle Stimmen in sieben nördlichen
Provinzen und erklärte Gbagbo zum Wahlsieger. Das kam
insofern überraschend, als keine inhaltliche Überprüfung
erfolgt war, was in dieser kurzen Zeit auch gar nicht
möglich gewesen wäre. Es wurde also einzig und allein die
Arithmetik bemüht, und in so vielen nördlichen Provinzen
wurden die Stimmen annulliert, bis Gbagbo rein rechne-
risch auf eine Mehrheit von über 50 Prozent kam. Das
entspricht ca. 600.000 Wahlstimmen, etwa 13 Prozent der

12 | (1) Vallée du Bandama (Bouaké), (2) Savanes (Korhogo),


(3) Worodougou (Séguéla) und (4) Denguelé (Odienné).
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 61

abgegebenen Stimmen. Wären nur die Stimmen in den


zunächst beanstandeten vier Provinzen annulliert worden,
hätte Ouattara die Mehrheit behalten. Das hat der eigent-
liche Held des ivorischen Wahldramas, der unerschrockene
Sonderbeauftragte des Generalsekretärs der Vereinten
Nationen in der Côte d’Ivoire und Leiter der UN-Friedens-
mission ONUCI, der Südkoreaner Youn-jin Choi, noch
einmal öffentlich ­vorgerechnet.13 Auch die Stimmen der
in Frankreich lebenden Ivorer wurden kurzerhand für
ungültig erklärt.

Ein weiteres Argument des Verfassungsrates gegen die


Rechtmäßigkeit des von der CEI verkündeten Ergebnisses
war, die Wahlkommission habe das Ergebnis nicht in der
vom Wahlgesetz vorgesehen Frist verkündet. Gerade
dieser Bruch war aber durch das Gbagbo-Lager herbeige-
führt worden. Da in der Unabhängigen Wahlkommission
alle Parteien vertreten sind, konnten die Parteifreunde
Gbagbos die Verkündung des Wahlergebnisses verzögern.

Normalerweise ist es üblich, dass bei strittigen Wahler-


gebnissen die CEI im Konsens entscheidet. Das hat nicht
zuletzt dafür gesorgt, dass die Bekanntmachung der Wahl-
ergebnisse durch die Wahlkommission CEI an Dramaturgie
kaum zu überbieten war. Laut Wahlgesetz
müssen die Wahlergebnisse spätestens drei Die Bekanntgabe der Wahlergebnisse
Tage nach Schließung der Wahllokale veröf- scheiterte vor laufenden Kameras. Der
Sprecher wurde von Mitgliedern der
fentlich werden. Der späteste Termin war Wahlkommission aus dem Gbagbo-
demzufolge Mittwochnacht, 24 Uhr. Der erste Lager mit Gewalt daran gehindert.
Versuch scheiterte Dienstagabend im Sitz
der Wahlkommission vor laufenden Kameras nationaler
(RTI) und internationaler TV-Stationen (RFI, BBC, CNN,
Radio24). Als der Sprecher der CEI die ersten Teil-Wahl-
ergebnisse verkünden wollte, intervenierten Mitglieder der
Wahlkommission, die dem Gbagbo-Lager angehörten, und
hinderten ihn mit Gewalt daran, die Ergebnisse zu verlesen.
Vor laufenden Kameras entrissen sie ihm die Liste mit den
Ergebnissen. Die anwesenden Sicherheitskräfte, Mitglieder
der Garde Républicaine, griffen nicht ein. Im Gegenteil,
das Gebäude wurde von Beobachtern, Journalisten und
Fernsehkameras geräumt. Dieses Ereignis markierte das

13 | Vgl. „YJ Choi (ONUCI): ‚Pourquoi j’ai certifié les résultats du


scrutin‛‟, in: Abidjan.net (Le Patriote), http://news.abidjan.
net/h/382148.html?n=382148 [11.12.2010].
62 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Ende der Unabhängigen Wahlkommission, die sich in den


letzten Monaten stets erfolgreich gegen die Einflussnahme
Gbagbos gewehrt hatte.

Tabelle 1
Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen 2010

1. Runde Stichwahl
31.10.2010 14 28.11.2010 15
Bevölkerung (2008)16 ca. 20 Mio.
Regionen 19 17
Anzahl Wahlbüros 19.854 20.073
Wahlberechtigte 5.784.490 5.780.490

Stimmen absolut in Prozent


1. Runde Stichwahl 1. Runde Stichwahl
Abgegebene Stimmen 4.843.445 4.689.366 83,73 81,12
Ungültige Stimmen 225.624 99.147 4,66 2,11

Quellen: Wahlergebnisse der CEI 14, 151617

Die Unabhängige Wahlkommission konnte nur so lange


„unabhängig‟ bleiben, wie sie dem Präsidenten Gbagbo
genehme Ergebnisse lieferte, wie in der ersten Runde
geschehen. Denn seit spätestens Montagabend kannte
das Gbagbo-Lager das Wahlergebnis und wusste, dass
ihr Kandidat verloren hatte. Sie versuchten nun mit allen
Mitteln, die Veröffentlichung zu verhindern. Allerdings
machte der Zwischenfall bei der Bekanntgabe der Ergeb-
nisse deutlich, dass die CEI sich nicht vollständig unter die
Kontrolle von Gbagbo hatte bringen lassen. Dass es den
Gbagbo-Anhängern erst in letzter Minute und vor laufenden
Kameras gelang, den Sprecher der CEI an der Verkündung
der Ergebnisse zu hindern, schmälerte entsprechend auch
nicht die Glaubwürdigkeit der von der CEI errechneten
Resultate, auf die sich heute die internationale Gemein-
schaft samt UN und AU berufen.

14 | Vgl. Übersicht detaillierter Wahlergebnisse, Commission


Electorale Independante, http://ceici.org/elections/docs/
EPR_31102010_RESUL_PROVI_CEI_03112010_A4.pdf
[14.12.2010].
15 | Vgl. detaillierte Einzelergebnisse, Commission Electorale
Independante, http://ceici.org/elections/docs/EPR2010_2T_
RESULTATS_VALEURS_02122010.pdf [14.12.2010].
16 | Vgl. zu weiteren Eckdaten: „Die Côte d’Ivoire in Stichpunkten‟,
http://kas.de/wf/de/71.6530 [14.12.2010].
17 | Plus Metropole Abidjan und Diaspora (hauptsächl. Paris)
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 63

Internationale Wahlbeobachter erklären


Stichwahlen für demokratisch

Unter Forcierung des UN-Vertreters machte die internati-


onale Gemeinschaft Druck, die Wahlergebnisse zügig zu
veröffentlichen. Damit sollte die prekäre Sicherheitslage
verbessert und ein schneller Machttransfer an Ouattara
ermöglicht werden. Neben den Vereinten Nationen hatten
vor allem die 120-köpfige Wahlbeobachtermission der EU
unter Leitung des rumänischen EU-Abgeordneten Chris-
tian Preda und die Wahlbeobachter der westafrikanischen
Wirtschaftsgemeinschaft CEDEAO unter Leitung von
Prof. Théodore Holo, Präsident des beninischen Obersten
Gerichtshofs, die Wahlen in der Öffentlichkeit als transpa-
rent und fair bewertet. Holo sagte anlässlich einer Pres-
sekonferenz: „Einige wenige Unregelmäßigkeiten können
die Rechtmäßigkeit der gesamten Wahlen nicht in Frage
stellen.‟18 Vor allem angesichts des deutlichen Wahlsiegs
Ouattaras, möchte man hinzufügen.

Einige Stunden nach der Veröffentlichungsfrist gab der


CEI-Vorsitzende Bakayoko im Hôtel du Golf vor der inter-
nationalen Presse die Ergebnisse bekannt.
Das ivorische Staatsfernsehen RTI war nicht Die Einmischung des Sonderbeauf-
anwesend. ONUCI-Chef Youn-jin Choi hatte tragten des UN-Generalsekretärs, und
damit die Rolle der Vereinten Natio-
150 Blauhelme abgeordnet, um Bakayoko nen im Konflikt, hat für Diskussionen
sicher ins Hôtel du Golf zu geleiten. Mit seinen gesorgt.
fortgesetzten Interventionen zog sich Choi
allerdings den Zorn des amtierenden Präsidenten Gbagbo
zu. Der drohte, ihn wegen Einmischung in die inneren
Angelegenheiten zur persona non grata zu erklären. Die
Einmischung des Sonderbeauftragten des UN-General-
sekretärs, und damit die Rolle der Vereinten Nationen
im Konflikt, hat seitdem immer wieder für Diskussionen­
gesorgt. War es rechtmäßig, dass Choi sich so deutlich
für den Sieg Outtaras aussprach? Chois besondere Rolle
basiert auf dem Abkommen von Pretoria aus dem Jahre
2005.19 Laurent Gbagbo als Unterzeichner hat darin der
Sonderrolle externer Institutionen zugestimmt und damit
auch Souveränität der Côte d’Ivoire abgegeben. Das aber

18 | „Présidentielle/Observation de la mission de la CEDEAO –


Pr Holo Théodore (Chef de mission) ‚Deux ou trois incidents
ne peuvent pas invalider ces élections‛‟, in: IVOIRTV.net,
http://ivoirtv.net/index.php/news/54-politique/545 [10.01.2011].
19 | Vgl. Fn. 11.
64 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

war gerade eine conditio sine qua non, ohne die man
niemals die Pattsituation hätte überwinden können. Nach
Abschluss des Abkommens von Ouagadougou wurde im Juli
2007 vom UN-Sicherheitsrat eine Resolution verabschiedet,
die in Artikel 6 als Ergebnis den Sonderbeauftragten des
UN-Generalsekretärs ermächtigt, zu beur-
Es zieht sich wie ein roter Faden durch teilen, ob alle Stadien des Wahlverlaufes nach
die Handlungen von Laurent Gbagbo, ­demokratischen ­Prinzipien verlaufen sind.20
gegebene Zusagen nicht einzuhalten.
Er erhielt dieses Mandat aus guten Grün-
den, wie die Ereignisse im Nachhinein bestä-
tigen. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Hand-
lungen von Laurent Gbagbo, gegebene Zusagen nicht
einzuhalten.

Trotz aller Drohungen ist Gbagbo gegen Youn-jin Choi


bisher nicht tätig geworden. Wohl aber sprach er unmit-
telbar nach Verkündung der Ergebnisse ein Sende- und
Produktionsverbot für ausländische TV- und Radiostationen
in der Côte d’Ivoire aus. Seitdem wird die Bevölkerung in
sozialistischer Manier einseitig mit Regierungspropaganda
in TV- und Radiosendungen der staatlichen Rundfunkan-
stalt RTI irregeführt, die Gbagbo bereits im Wahlkampf
gute Dienste geleistet hatte. Eine unabhängige Informa-
tion ist fast nur noch für Bewohner mit Internetzugang
möglich.

Bevölkerung des Nordens von


Wahlentscheidung ausgeschlossen

Durch die Manöver des Gbagbo-Lagers wurden die Wähler


des gesamten Nordens von der Wahlentscheidung ausge-
sperrt. Der eigentlich durch diese Wahlen angestrebte Eini-
gungsprozess zur Überwindung der Süd-Nord-Trennung
wurde damit weit zurückgeworfen. So empfinden es nicht
zuletzt auch die Menschen im Norden: „Das Lager Gbagbos
hat uns gezeigt, dass die Forces Nouvelles Recht hatten‟,
sagte ein Fahrer. „Ich habe nie wirklich verstanden, wofür
sie damals gekämpft haben. Uns wurde gesagt, dass wir
von außen angegriffen werden. Jetzt sehen wir, dass sie für
die Würde des Nordens gekämpft haben.‟21

20 | Vgl. United Nations Security Council, Resolution 1765 (2007),


in: http://undemocracy.com/S-RES-1765.pdf [10.01.2011].
21 | „Le sentiment d’exclusion se renforce dans le Nord ivoirien‟,
Abidjan.net (Reuters), http://news.abidjan.net/h/382913.
html?n=382913 [11.12.2010].
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 65

Die Spannungen zwischen den Anhängern der verfeindeten


Lager hatten vor der Stichwahl zugenommen, nachdem
die erste Wahlrunde weitgehend friedlich verlaufen war.
Sowohl im Norden als auch im Westen des Landes, vor
allem aber in den bevölkerungsreichen südlich gelegenen
Stadtteilen der Wirtschaftsmetropole Abidjan gab es bereits
früh erste Tote und Verletzte. In der Woche
danach nahmen dann die Spannungen weiter Die Lage wurde nicht zuletzt durch
zu und führten zu erheblicher Gewalt. Am öffentliche Aussagen von Politikern
beider Lager weiter angeheizt. Die bei-
Donnerstag, nach der Deklarierung Gbagbos den Führer riefen jeweils zur Ruhe auf.
zum Wahlsieger durch den Verfassungsrat,
schien die Situation vollends zu eskalieren, woraufhin
das Militär für vier Tage alle Land-, Luft- und Seegrenzen
abriegelte. Die Lage wurde nicht zuletzt durch öffentliche
Aussagen von Politikern beider Lager weiter angeheizt,
wohingegen die beiden Führer ihre Anhänger zur Ruhe
aufriefen und sie beschworen, auf Gewalt zu verzichten.
Die sich verschlechternde Lage macht auch den Bewoh-
nern der Nachbarländer wie z. B. Burkina Faso Angst. Sie
erinnern sich noch sehr gut an die Bürgerkriegsjahre 2002
und 2003, als viele tausend ivorische Flüchtlinge in die
Grenzgebiete strömten. Gegenwärtig leben über drei Milli-
onen Menschen mit burkinischem Immigrationshintergrund
in der Côte d’Ivoire, die bei Unruhen in ihr Herkunftsland
fliehen könnten. Nach Angaben des UN-Flüchtlingskom-
missars (UNHCR) sind inzwischen über 4500 Menschen
nach Liberia und Guinea (Conakry) geflüchtet.

Die Ereignisse in der Côte d’Ivoire sind ein weiterer Beleg


dafür, dass in afrikanischen multiethnischen Staaten22 mit
schwerwiegenden politischen Konflikten (wie beispiels-
weise in Simbabwe) Wahlen mit der Philosophie „the
winner takes all‟ kurz- bis mittelfristig keine dauerhaften
politischen Lösungen herbeiführen können. Im Gegenteil,
sie vertiefen oft die Probleme und führen vor und während
der Wahlen, teilweise auch nachher, zu vermehrter Gewalt.
Einher geht damit auch die (zusätzliche) Beschneidung der
Meinungs- und Versammlungsfreiheit.‟

22 | Im Sinne von Vielvölkerstaaten, was die Mehrzahl der afrika-


nischen Staaten charakterisiert.
66 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Wirtschaftlicher Verfall und


politische Instabilität

Die politischen Turbulenzen, die das Land seit Verkün-


dung der „doppelten‟ Wahlergebnisse vom 28. November
durchlebt, sind mehr als das Resultat einer umstrittenen
Präsidentschaftswahl. Die Wahlen sollten das Schicksal des
Landes endlich zum Guten wenden. Seit 17 Jahren durch-
läuft es eine Phase der politischen Instabilität, die nun auf
unbestimmte Zeit weiter zu bestehen scheint.

Dabei war die Côte d’Ivoire einst das Zugpferd der west­
afrikanischen Wirtschaft und eines der wohlhabendsten
und stabilsten Länder Westafrikas. Seit der Unabhängigkeit
1960 prosperierte das Land, und zahlreiche ausländische
Firmen, besonders aus Frankreich, sorgten für eine begin-
nende Industrialisierung. Die Côte d’Ivoire profitierte von
den hohen Preisen seiner Exportgüter Kakao und Kaffee auf
dem Weltmarkt, und schon bald wurden die
Als Mitte der achtziger Jahre die Preise Einwanderer der benachbarten Sahelländer,
der Rohstoffe auf dem Weltmarkt ein- vor allem aus Burkina Faso und Guinea, von
brachen, leitete dies das Ende des ivo-
rischen Wirtschaftswunders ein und dem Reichtum angelockt und ließen sich in
löste eine schwere Wirtschaftskrise im der Côte d’Ivoire nieder. Staatsgründer und
Land aus.
Präsident Félix Houphouët-Boigny vertrat
die Auffassung, dass jeder das Land besitzen solle, das er
kultiviert. Als Mitte der achtziger Jahre jedoch die Preise
der Rohstoffe auf dem Weltmarkt einbrachen, leitete dies
das Ende des ivorischen Wirtschaftswunders ein und löste
eine schwere Wirtschaftskrise im Land aus. Trotzdem
kamen auch weiterhin immer mehr Einwanderer ins
Land, die schon bald für die wirtschaftlichen und sozia-
len Probleme verantwortlich gemacht wurden und sich
durch die ivorische Gesellschaft ausgegrenzt sahen. Damit
einher ging eine Veränderung des Nationalbewusstseins:
Zuvor war ein echter Ivorer derjenige gewesen, der sich
am Aufbau des Landes beteiligte, nun wurde die Frage der
Nationalität mit der Herkunft und Abstammung verbunden
und wurde im Sinne der Staatsbürgerschaft zu einem
politischen Konzept – obwohl damals wie heute rund ein
Viertel der Bevölkerung ausländische Wurzeln hat.

Als Präsident Félix Houphouët-Boigny 88-jährig im Dezem-


ber 1993 nach 33-jähriger Amtszeit starb, entstand ein
Machtvakuum. Boigny hatte das Land mit autoritärer Hand
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 67

geführt. Seine Einheitspartei, die PDCI, hatte die adminis-


trativen Strukturen des Landes fest im Griff. Zwar waren
seit 1990 Oppositionsparteien zugelassen,
diese spielten jedoch keine wirkliche Rolle. Nach dem Tod Boignys 1993 kam zu der
Nach dem Tod Boignys kam zu der wirtschaft- wirtschaftlich prekären Situation auch
eine politische Krise, ausgelöst durch
lich prekären Situation auch eine politische die ungeklärte Präsidentennachfolge.
Krise, ausgelöst durch die ungeklärte Präsi-
dentennachfolge. Die daraus resultierende Implosion des
Einparteiensystems wurde zudem durch die Auflösung der
Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges begünstigt.

Laut Gesetz wird im Todesfall eines amtierenden Präsi-


denten der Präsident der Nationalversammlung für die
Übergangszeit bis zu den nächsten Wahlen Chef der Regie-
rung. Auf diese Art wurde Henri Konan Bédie Nachfolger
des Staatsgründers und zweiter Präsident der Côte d’Ivoire.
Viele hätten aber gerne den Ökonomen und Technokraten
Ouattara an der Spitze des Staates gesehen. Ouattara war
seit 1990 Premierminister der Côte d’Ivoire und genoss
das uneingeschränkte Vertrauen Boignys. Dieser hatte das
Land dreißig Jahre ohne Premierminister autoritär regiert,
war sich aber der wirtschaftlich nunmehr prekären Situa-
tion im Land bewusst. Ouattara, der Ökonomie in den USA
studiert hatte und lange Zeit beim IWF tätig gewesen war,
sollte den angeschlagenen Haushalt des Landes konsoli-
dieren. Er wurde deshalb von den Anhängern Boignys als
der „verdiente und gewollte‟ Nachfolger gesehen. Ouat-
tara selber verneint bis heute, damals eine Absicht auf die
Nachfolge Houphouët-Boignys gehabt zu haben.

Die Ivoirité: Von der Wahlkampf-


instrumentalisierung zum Staatsstreich

Henrie Konan Bédié, der verfassungsmäßige Nachfolger,


war sich des Machtverlustes der PDCI und der enormen
Populariät Ouattaras bewusst und versuchte, seinen Macht-
erhalt zu sichern, indem er die Frage der Nationalität und
Abstammung der Ivorer zum Wahlkampfthema machte  –
auf Bédié geht maßgeblich die Schaffung des rassistischen
Konzepts der Ivoirité zurück. Zum ersten Mal taucht der
Begriff offiziell in der Neufassung der Wahlgesetzgebung
von 1994 auf. Bédié, Initiator der Neufassung, schrieb
vor, dass alle Kandidaten für die im Jahr 1995 stattfin-
denden Präsidentschaftswahlen die Ivoirité-Klausel zu
68 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

erfüllen hat­ten. Sie besagt, dass nicht nur der Kandidat


selber, sondern beide Elternteile Ivorer zu sein haben.
Damit schloss Bédié den damaligen Premierminister und
stärksten Rivalen Ouattara von den Wahlen aus, von
dem gesagt wird, dass ein Elternteil aus Burkina Faso
stammt. Ouattara selber hat dies immer bestritten, aller-
dings wurde sein Einspruch vom Verfassungsgericht nicht
anerkannt. So wurde er von den Wahlen des Jahres 1995
ausgeschlossen. Laurent Gbagbo, der bereits 1982 im
Untergrund die FPI, die erste Oppositionspartei zur PDCI,
gegründet und einige Jahre im Exil in Frankreich verbracht
hatte, kritisierte die Entscheidung Bédiés und entschloss
sich, gemeinsam mit anderen Oppositionsparteien nicht an
der Wahl teilzunehmen. So war die Wahl Bédiés 1995 nur
eine Formsache.

Die politische Szene in der Côte d’Ivoire Die 1995 abgehaltenen Präsidentschafts-
wird seit vielen Jahren von den gleichen wahlen machen deutlich, dass die politische
Personen dominiert: Bédié, Gbagbo und
Ouattara. Szene in der Côte d’Ivoire seit vielen Jahren
von den gleichen Personen dominiert wird:
Zum einen Henri Konan Bédié, der zwar verfassungsrecht-
lich Präsident war, sich aber nie wirklich dem Willen des
Volkes stellen musste. Dann Laurent Gbagbo, der seit
mehr als 30 Jahren als personifizierte Fundamentalopposi-
tion zur einstigen Staatspartei PDCI agiert und sich vehe-
ment für ein Mehrparteiensystem eingesetzt hatte. Einst
nahm er dafür den Wahlboykott in Kauf und beraubte sich
selbst damit vielleicht einer reellen Chance, schon 1995
zum Präsidenten gewählt worden zu sein. Aber nach zehn
Jahren an der Macht hat auch er alle demokratischen Prin-
zipien über Bord geworden. Und schließlich Ouattara, der
Technokrat, der von vielen schon 1993 als legitimer Nach-
folger Boignys angesehen wurde. Zwar ist er im Jahr 2010
legitimer Wahlsieger mit uneingeschränkter Unterstützung
der Internationalen Gemeinschaft. Allerdings ist seine
Verstrickung und seine Rolle in den politischen Unruhen
Anfang des neuen Jahrtausends nicht geklärt. Seine
Gegner werfen ihm vor, er habe sich das Konzept der Ivoi-
rité, das ursprünglich gegen ihn gerichtet war, geschickt
zu Nutzen gemacht, um die Bevölkerung des Nordens
hinter sich zu bringen. Gbagbo hat diesen Vorwurf noch
einmal gegenüber seinem Herausforderer während des­
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 69

zweiein­halb Stunden dauernden Fernsehduells der beiden


Kandidaten am 25. November 2010 wiederholt: „Du bist
für alle Katastrophen der Côte d’Ivoire verantwortlich!‟,
hielt er Ouattara vor.23

Zweiter Aspekt der Ivoirité war es, dass es Bédié gelang, die
ökonomische Krise im Land zu instrumentalisieren, indem
er die Immigranten für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten
verantwortlich machte. Bédié hatte jedoch die Tragweite
des Ivoirité-Konzepts unterschätzt. Die Instrumentali-
sierung der Identitätsfrage führte nach den Wahlen von
1995 zu einer steigenden Diskriminierung großer Teile der
Bevölkerung, deren Unmut sich immer wieder in Unruhen
entlud. Die vorwiegend im Norden lebenden Immigranten
wollten ihre Herabsetzung und den Entzug
fehlender staatsbürgerlicher Rechte nicht Präsident Bédié entglitt die politische
länger hinnehmen – viele von ihnen durften Führung des Landes. Die politische
Instabilität entlud sich im Dezember
z.B. nicht das Wahlrecht ausüben oder Land 1999 in einem Staatsstreich.
kaufen, obwohl sie im Land geboren waren.
Präsident Bédié entglitt die politische Führung des Landes
mehr und mehr, und die politische Instabilität entlud sich
im Dezember 1999 in einem Staatsstreich. Die historische
Ironie wollte es, dass Bédié, der das Konzept der Ivoirité
nutzte, um Präsident zu werden, durch die von ihm herbei-
gerufene Diskriminierung der vorwiegend im Norden leben-
den Immigranten aus dem Amt gejagt wurde.

Präsidentschaftswahlen 2000: Gbagbo am Ziel

Etwa Ende 1999 bereitete sich das Land auf die für das
Jahr 2000 vorgesehenen Präsidentschaftswahlen vor. Auch
Ouattara wollte sich erneut als Kandidat präsentieren und
kehrte im Sommer 1999 in die Côte d’Ivoire zurück. Er
wurde zum Vorsitzenden des von Djeni Kobina gegrün-
deten RDR gewählt und avancierte zur neuen Identifi-
kationsfigur der Partei. Erneut beteuerte er, seine Eltern
seien Ivorer, und reichte die entsprechenden Unterlagen
für seine Kandidatur bei den zuständigen Behörden ein.
Da von staatlicher Seite Zweifel an der Authentizität der
Unterlagen bestanden, wurde ein Prozess wegen Urkun-
denfälschung gegen ihn eröffnet. Er wurde für schuldig

23 | „Présidentielle en Côte d`Ivoire: débat télévisé courtois entre


les deux finalistes‟, in: Abidjan.net (RFI), http://news.abidjan.
net/h/381174.html [14.12.2010].
70 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

befunden, und während eines Aufenthaltes außer Landes


wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Dies führte
zu steigenden Unruhen im Land. Wenige
Die Armee, deren Mitglieder vor 2002 Wochen später eskalierte die Situation. Die
vorwiegend aus dem Norden kamen Armee, deren Mitglieder vor 2002 vorwie-
und daher von der jahrelangen Diskri-
minierung oft direkt betroffen waren, gend aus dem Norden kamen und daher von
putschte gegen Bédié. der jahrelangen Diskriminierung oft direkt
betroffen waren, putschte gegen Bédié. General Gueï,
der aus dem Westen stammte und ein enger Vertrauter
Boignys gewesen war, übernahm provisorisch die Führung
des Landes. Bédié konnte aus dem Land fliehen und Ouat-
tara, der sich der Unterstützung Gueïs sicher war, kehrte
ins Land zurück. Vor den anstehenden Wahlen sah es
nun so aus, als ob Gbagbo und die FPI, die sich jahrelang
gegen das Konzept der Ivoirité und der Diskriminierung
von Immigranten ausgesprochen hatten, nun Ouattara
und der RDR direkt gegenüberstehen würden. Ouattaras
jahrelange Abwesenheit hatte seiner Beliebtheit keinen
Abbruch getan, das erkannten auch Gbagbo und Gueï, der
ebenfalls bei den Wahlen antrat. Der General distanzierte
sich zunehmend von Ouattara, dessen Rolle im Putsch vom
Dezember 1999 bis heute umstritten ist. Als das Verfas-
sungsgericht erneut die RDR und Ouattara der Falschaus-
sage bezichtigte, geschah dies auch auf Bestreben Gueïs.

Als Interimspräsident Gueï in einem durch das Volk legi-


timierten Referendum die Wahlgesetzgebung änderte,
sodass diese erneut vorschrieb, dass beide Eltern eines
Präsidentschaftskandidaten Ivorer sein müssten, wieder-
holte sich die Geschichte. So wie 1995 wurde Ouattara von
der Wahl ausgeschlossen. Diesmal protestierte Gbagbo
nicht  – zu beliebt war sein politischer Gegner im Volke.
Sowohl Gueï als auch Gbagbo sahen in ihm den schärfsten
Konkurrenten. Bédié wurde aus fadenscheinigen adminis-
trativen Gründen ebenfalls von der Wahl ausgeschlossen.
Aus den Präsidentschaftswahlen 2000 ging Gbagbo als
Wahlsieger hervor. Die Wahlen waren von gewalttätigen
Ausschreitungen geprägt, nachdem sich erst Gueï, dann
Gbagbo zum Wahlsieger proklamiert hatten. Besonders
die Anhänger der RDR, deren Kandidat Ouattara von den
Wahlen ausgeschlossen war, griffen zur Gewalt. Mehr als
300 Tote waren zu beklagen. Schließlich verkündete die CEI
Gbagbo als amtlichen Wahlsieger mit fast 60 Prozent. Die
Wahlbeteiligung, so die CEI, habe bei 37 Prozent gelegen.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 71

Die Ergebnisse wurden von vielen Seiten angezweifelt, die


Forderung der RDR, die Wahlen zu wiederholen, wurden
aber nicht erfüllt.

Abb. 3
Zweiteilung der Côte d’Ivoire

Zone de Confiance (Pufferzone)

Dialog der Nationalen Versöhnung


endet im Bürgerkrieg

Gueï, der das Ergebnis zunächst nicht anerkennen wollte,


flüchtete später in den Norden des Landes. Gbagbo war
sich der Fragilität seiner Position bewusst und begann
mit Gueï, Bédié und Ouattara einen Dialog der Natio-
nalen Versöhnung. 2002 bekam Ouattara seine ivorische
Staatsbürgerschaft vom Verfassungsgericht bescheinigt,
wenige Wochen später eskalierten die seit zwei Jahren
­andauernden Unruhen. Am 19. September 2002 begann
mit einem Putschversuch der Bürgerkrieg, bei dem Gueï
getötet wurde und Ouattara aus dem Land floh. Erneut war
die Rolle Ouattaras umstritten. Obwohl er Gbagbo beschul-
digte, die Stimmung angeheizt zu haben, indem er viele
aus dem Norden stammende RDR-Mitglieder verhaftet
hatte, ist die Rebellion der vorwiegend aus dem Norden
stammenden Militärs nur schwer zu erklären.

Zwar führte der Putschversuch von Teilen der Armee nicht


zu der gewaltsamen Amtsenthebung Gbagbos. Wohl aber
war er der Beginn des bis 2007 andauernden Bürger-
72 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

krieges, der zur Teilung des Landes in den von Rebellen


kontrollierten Norden und den von der Regierung kontrol-
lierten Süden führte.

Den Bürgerkrieg in der Côte d’Ivoire vereinfachend als


einen Konflikt zwischen dem muslimischen Norden und
dem christlich-animistischen Süden zu erklären, wäre
jedoch falsch. Vielmehr erklärt sich die Spaltung der Religi-
onen dadurch, dass die meisten Zuwanderer, denen unter
dem Konzept der Ivoirité der Zugang zu staatsbürgerlichen
Rechten verwehrt wurde, aus muslimischen Ländern der
Sahelzone stammen. Bei dem Bürgerkrieg handelte es sich
daher nicht um eine religiös motivierte Auseinanderset-
zung, sondern vor allem um eine ethnische.

Im März 2007 konnte der Bürgerkrieg, der zur Flucht


von 1,7 Millionen Menschen geführt und das Land geteilt
hatte, durch das Abkommen von Ouagadougou unter der
Vermittlung des Präsidenten von Burkina
Das Abkommen von Ouagadougou sah Faso, Blaise Compaoré, beendet werden.24
eine Regierung der Nationalen Einheit Zahlreiche vorherige Versuche zur Schlich-
vor. Rebellenführer Soro wurde Pre-
mierminister. tung des Konfliktes waren gescheitert. Das
Abkommen von Ouagadougou sah eine
Regierung der Nationalen Einheit vor, die alle Kräfte des
Landes einband. Guillaume Soro, der Rebellenführer aus
dem Norden, wurde Premierminister. Er selber konnte bei
den Wahlen 2010 nicht antreten, da er das erforderliche
Mindestalter von 40 Jahren noch nicht erreicht hatte.
Wenige Monate später, im Juni 2007, begann die Entwaff-
nung der Milizen. Die Pufferzone zwischen Norden und
Süden des Landes wurde aufgelöst.

Seit dem Abkommen von Ouagadougou wurde mit den


Vorbereitungen für die seit 2005 überfälligen Präsident-
schaftswahlen begonnen. Der ursprünglich für zehn
Monate geplante Zeitraum erwies sich schnell als zu kurz,
denn zwei sensible Faktoren bestimmten die Vorbereitung
der Wahlen: Zum einen musste sichergestellt werden, dass
das Wählerverzeichnis korrekt ist, um einem erneuten
Konflikt um die Nationalitätsfrage zu entgehen. Dies
war daher eine conditio sine qua non für die Abhaltung­

24 | Vgl. Hintergrundinformationen: Konrad-Adenauer-Stiftung,


„Das Abkommen von Ouagadougou – Dem Frieden ein Stück
näher‟, http://kas.de/wf/de/71.6533 [15.12.2010].
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 73

friedlicher Wahlen, auch weil die Wählerlisten aus dem Jahr


2002 viele Menschen von der Teilnahme an den Wahlen
ausgeschlossen hatten und daher sehr umstritten waren.
Da jedoch viele Ivorer keine Abstammungsunterlagen
besitzen, war die Klärung der Identität vieler Personen
keine technische Frage, sondern eine politische. Über
40.000 Eintragungen in das Wählerverzeichnis wurden
zurückgewiesen.

Zum anderen waren die Entwaffnung der ehemaligen


Rebellentruppen im Norden des Landes und ihre Einglie-
derung in die Armee, die sich als langwierig und schwierig
erwies, wichtige Faktoren. Komplikationen bei der Wähler-
registrierung oder bei der Entwaffnung der Rebellen waren
die häufigsten Gründe für die achtmalige Verschiebung des
Wahltermins.

Diese Gründe erklären, warum der Vorbereitungsprozess


entscheidend für den friedlichen Verlauf der Wahlen war.
Allerdings schien es lange Zeit so, als ob die politische
Klasse, allen voran Präsident Gbagbo, kein
wirkliches Interesse an der Abhaltung von Gbagbo hat es durch das Verschieben
Wahlen gehabt hätte und diese letztendlich der Wahlen nicht nur geschafft, zehn
Jahre an der Macht zu bleiben, son-
nur auf den Druck von außen durchgeführt dern auch, seine Partei auf dem Land
worden sind. Seit 2007 stand Gbagbo einer zu etablieren.
Regierung der Nationalen Einheit vor. Er hat
es durch die ständige Verschiebung der Wahlen nicht nur
geschafft, zehn Jahre an der Macht zu bleiben, sondern
auch, seine Partei auf dem Land zu etablieren, nachdem
sie anfänglich nur in den urbanen Gebieten stark war. Auch
die anderen an der Regierung beteiligten Kräfte haben von
dem Zugang zu Macht und Ressourcen profitiert. Daher
wirkten die politischen Erklärungen und Begründungen
für die Wahlverschiebungen oft halbherzig. Denn eine der
beiden Seiten würde nach den Wahlen nicht mehr an den
Pfründen teilhaben.

Als klar wurde, dass die Abhaltung von Wahlen nicht


aufzuhalten sein würde und Präsident Gbagbo lediglich
auf Zeit spielen konnte, löste er im Februar 2010 seine
Regierung und die Unabhängige Wahlkommission CEI auf,
deren Neubesetzung die Wahl erneut um einige Wochen
verzögerte. Die Einflussmöglichkeiten bei der CEI waren
für Gbagbo jedoch seit Beginn klein, da dieses Organ, nicht
74 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

zuletzt durch die Zusammenarbeit mit der UN und anderen


internationalen Organisationen, neutral und unabhängig
geblieben war. Zudem ist vorgeschrieben, dass alle
Parteien Personal in die CEI entsenden. Daher war auch
nicht die Auflösung und Neubesetzung der CEI der stra-
tegische Coup von Gbagbo, der ihm seinen Machterhalt
sichern sollte, sondern die bereits geschilderte Benennung
seines Parteifreundes Yao N’Dré an die Spitze des Verfas-
sungsrates.

Die erste Runde der Präsidentschaftswahlen:


Das Wunder der Côte d’Ivoire

Vor dem Hintergrund der jüngeren Geschichte der Côte


d’Ivoire kann sowohl die Vorwahlzeit, der Wahlverlauf selbst
am 31. Oktober 2010 als auch die unmittelbare Zeit nach
der ersten Wahlrunde als das „Wunder der Côte d’Ivoire‟
bezeichnet werden.25 Der Wahlkampf verlief
Gbagbo machte sich bei seinem Wahl- weitestgehend friedlich, sieht man einmal
kampf nicht nur die staatlichen Radio- von der Zerstörung von Wahlplakaten oder
und TV-Sender zunutze, sondern ließ
auch mit staatseigenen Busunterneh- ein paar unglücklichen Slogans der Kandi-
men Anhänger zu seinen Wahlveran- daten Gbagbo über Ouattara („Alassane
staltungen transportieren.
ist ein Lügner!‟) und Bédié über Ouattara
(„Derjenige, der plötzlich reich geworden ist!‟) ab. Gbagbo
machte sich bei seinem Wahlkampf nicht nur die staat-
lichen Radio- und TV-Sender zunutze, sondern ließ auch
mit staatseigenen Busunternehmen Anhänger zu seinen
Wahlveranstaltungen transportieren. Der Wahlkampf ging
in Abidjan mit beeindruckenden Großkundgebungen der
Kandidaten Gbagbo und Ouattara zu Ende. Hinsichtlich
des Inhalts der Kampagnen kann festgestellt werden, dass
Alassane Ouattara bei weitem alle anderen Kandidaten in
Bezug auf Inhalte und thematische Vielfalt, Gestaltung,
Organisation und den Einsatz von audiovisuellen Kommu-
nikationsmitteln ausgestochen hat. Hingegen schien der
76-jährige Bédié müde. Seinen Beratern, die ihn antreiben
wollten, entgegnete er „On n’a pas fait campagne!‟26 und
legte mit dem Argument nach: „Die Bilanz meiner Zeit 1993

25 | Vgl. dazu und auch zur Vertiefung des Folgenden: Klaus D.


Loetzer, „Côte d’Ivoire: Seit fünf Jahren überfällige Präsident-
schaftswahlen verlaufen friedlich‟, KAS-Länderbericht,
05.11.2010, http://kas.de/westafrika/de/publications/21041
[10.12.2010]; vgl. ebenso eine detaillierte Online-Chronologie
unter http://kas.de/westafrika/de/pages/9708 [10.12.2010].
26 | „Man führt keinen Wahlkampf!‟
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 75

bis 1999 ist viel besser als die von Gbagbo seit 2000.‟27 An
einer TV-Präsentation aller vierzehn Kandidaten nahm er
als einziger Bewerber nicht teil, ebenso verzichtete er auf
T-Shirts, die unerlässliche Ingredienz afrikanischer Wahl-
kämpfe. Auch ließ er nur kleine Wahlplakate aufhängen,
während die Konterfeis und Parolen der anderen Kandi-
daten das Straßenbild dominierten.

Vom Wahltag selbst wurden keine größeren Zwischenfälle


gemeldet. Die internationalen Wahlbeobachtermissionen,
allen voran die EU-Mission, die bereits seit vier Wochen
im Lande war, bestätigten der Wahl einen demokratischen
Verlauf, also Transparenz und Fairness.

Insgesamt waren vierzehn Präsidentschafts- Neben den politischen Schwergewich-


kandidaten zur ersten Runde angetreten, ten Gbagbo, Bédié und Ouattara hatten
die restlichen elf Bewerber von Anfang
darunter eine Frau.28 Neben den politi- an keine wirkliche Chance.
schen Schwergewichten Gbagbo, Bédié und
Ouattara hatten die restlichen elf Bewerber von Anfang
an keine wirkliche Chance. Sie bekamen dann auch alle
anderen Kandidaten zusammen nur etwa vier Prozent
der abgegebenen Stimmen, ebensoviel wie der Prozent-
anteil der ungültigen Stimmen, der mit 4,66 Prozent als
sehr hoch einzustufen ist. Als Gründe dafür werden nicht
ausreichende Wahltrainingsprogramme für die Bevölke-
rung angeführt. Dem ist entgegenzuhalten, dass die UN
und andere internationale Akteure unter Einbeziehung der
ivorischen Zivilgesellschaft in den Monaten vor der Wahl
ein umfangreiches Wählertraining durchgeführt hatten.
Auch reduzierte sich der Anteil der ungültigen Stimmen in
der Stichwahl um die Hälfte auf 2,11 Prozent.

Die auffällig hohe Wahlbeteiligung von 83,7 Prozent kann


als sensationell bezeichnet werden. Unter anderem wird
die erzwungene lange Wahlabstinenz als Grund herange-
zogen. Beispielsweise hatte ein heute 29-Jähriger bisher
keine Chance, an einer Wahl teilzunehmen. Da die Bevöl-
kerung in der Côte d’Ivoire extrem jung ist, gab es bei
den Wahlen sehr viele Erstwähler. Gleichermaßen zeigt
sich darin aber auch die große Hoffnung der Menschen, vor
allen der jüngeren, mit den Wahlen die Teilung des Landes

27 | Jeune Afrique, 13. bis 17.11.2010, 26.


28 | Eine Übersicht findet sich unter http://kas.de/wf/de/71.6539
[10.12.2010].
76 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

zu überwinden und damit einer besseren wirtschaftlichen


Zukunft entgegen sehen zu können. Wege und Strategien
zur Überwindung der Jugendarbeitslosigkeit waren daher
neben der erwarteten Friedensdividende die wichtigsten
Wahlkampfthemen der Kandidaten.

Da in der ersten Runde keiner der Kandidaten die absolute


Mehrheit erreichte, waren die Ivorer aufgerufen, innerhalb
von vier Wochen ein zweites Mal an die Wahlurnen zu
gehen, nachdem ihnen dieses demokratische Grundrecht
in den letzten fünf Jahren acht Mal verwehrt worden war.
Die Gründe für den Aufschub der Wahlen lagen zum einen
in dem sensiblen und langwierigen Prozess der Wähler­
identifizierung und zum anderen in dem mangelnden
Fortschritt bei der Entmilitarisierung der
Präsident Gbagbo wurde als Hauptver­ Ex-Milizen und Soldaten der Forces Nouvelles.
antwortlicher für die Wahlverschiebun­ In letzter Zeit wurde jedoch vermehrt die
gen kritisiert. Der Vorwurf war, dass er
durch die Herauszögerung seine Wie- Schuld an den geplatzten Wahlterminen auf
derwahl sichern wollte. die politische Klasse geschoben. Denn seit
dem Abkommen von Ouagagdougou 2007
waren alle politisch wichtigen Akteure in der Regierung
von Premierminister Soro vertreten, einschließlich der
Ex-Rebellen. Wahlen führen bei einer Allparteienregie-
rung zwangsläufig dazu, dass mindestens eine Seite ihrer
politischen Pfründe verliert. Unabhängig davon wurde
aber Präsident Gbagbo als Hauptverantwortlicher für die
Wahlverschiebungen kritisiert. Der Vorwurf lautete, dass
er durch die Herauszögerung der Wahlen seine Wiederwahl
sichern wollte.

Opposition kann sich nicht auf


einen Kandidaten einigen

Als Drittplatzierter avancierte Henri Konan Bédié von


der PDCI bei der Stichwahl zum Königsmacher.29 Es hing
weitestgehend von seiner Wahlempfehlung ab, für wen
seine Anhänger im zweiten Wahlgang stimmten. Das war
aber faktisch vorgegeben, da sich PDCI und RDR

29 | Die PDCI hatte noch vor Verkündigung des vorläufigen Wahl-


ergebnisses durch die CEI in ihren Hochburgen eine Neuaus-
zählung der Stimmen wegen Unregelmäßigkeiten verlangt. Da
sie diese Beschwerde nicht nach der offiziellen Bekanntma-
chung der Ergebnisse noch einmal förmlich beim Verfassungs-
rat CC eingereicht habe, so die Begründung des CC, wurde
der Einspruch aus formalen Gründen nicht berücksichtigt.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 77

gemeinsam mit zwei weiteren kleineren Parteien im Jahr


2007 zum Parteienverbund RHDP zusammengeschlossen
hatten. Trotzdem hatte es das Bündnis nicht geschafft, sich
auf einen Spitzenkandidaten zu einigen. Es schickte nicht
nur Bédié und Ouattara ins Rennen, sondern auch Albert T.
Mabri von der RHDP-Bündnispartei UDPCI30.
Der 48-Jährige landete aber mit 2,57 Pro- Bédié und Ouattara hatten Anfang Okto-
zent abgeschlagen auf dem vierten Platz. ber 2010 einen Wahlpakt geschlossen,
wonach der Besserplatzierte in einem
Vor diesem Hintergrund hatten Bédié und zweiten Wahlgang von den Stimmen
Ouattara Anfang Oktober 2010 in Yamous- des schlechter Platzierten profitieren
sollte.
soukro am Grabe Houphouët Boignys einen
zusätzlichen Wahlpakt geschlossen, wonach
der Besserplatzierte von den beiden in einem zweiten
Wahlgang von den Stimmen des schlechter Platzierten
profitieren sollte. Nach Kenntnis des Wahlergebnisses der
Stichwahl kann man davon ausgehen, dass ein Großteil der
Wahlempfehlung Bédiés gefolgt ist. Die etwas geringere
Wahlbeteiligung von ca. 81,13 gegenüber 83,7 Prozent
in der ersten Runde deutet allerdings darauf hin, dass
es gerade PDCI-Anhänger waren, die sich in der zweiten
Runde der Wahl enthalten haben. Und zwar diejenigen, die
die Wahl Ouattaras nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren
konnten, denn Bédié und Ouattara waren nach dem Tod
Félix Houphouët Boignys erbitterte Feinde bei der Frage
der Präsidentschaftsnachfolge. In diesem Zusammenhang
hatte Bédié das Konzept der Ivoirité ersonnen, dessen
Eigendynamik sich zum eigentlichen Grund des Bürger-
kriegs entwickelte.

Von den insgesamt 19 Regionen der Côte d’Ivoire hat


Ouattara die fünf nördlichen, Gbagbo die elf zentralen und
Bédié lediglich zwei auf dem Zentralplateau und eine im
Südwesten gewonnen.31 Ein Drittel der Wähler lebt in der
Metropole Abidjan (ca. 3,6 Millionen Einwohner in 2008),
die in zehn Kommunen (Quartiers) aufgeteilt ist. Davon hat
Gbabgo sieben und Ouattara immerhin drei (Treichville,
Adjamé und Abobo) erobern können. Der große Verlierer
war auch hier Bédié, der keine Kommune in Abidjan
gewinnen konnte und vor allem Stimmen an Gbagbo
verloren hat.32 Hier zeigt sich auch, dass die Behauptung

30 | Union pour la Démocratie et la Paix en Côte d’Ivoire.


31 | Vgl. Kartendarstellung bei RFI unter: http://rfi.my/hqpLxw
[10.12.2010].
32 | Vgl. Jeune Afrique, 13. bis 17.11.2010, 24.
78 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

des Gbagbo-Lagers, Ouattara könne nur Stimmen im


Norden gewinnen, nicht stimmt. Allerdings muss hinzu-
gefügt werden, dass die Mehrzahl der Bewohner in den
drei von ihm gewonnen Kommunen, insbesondere in
Treichville, aus dem Norden zugezogen ist. Da beide Lager
eine große Anhängerschaft in Abidjan haben, ist die Stadt
auch zum Brennpunkt für Konfrontationen zwischen den
beiden verfeindeten Lagern geworden. Die Gbagbo loyalen
Sicherheitskräfte sind vornehmlich in den drei genannten
Kommunen präsent.

Gegenwärtige Lage und Aussichten

Für die weitere Entwicklung der Machtfrage wird die


Haltung der ivorischen Verteidigungs- und Sicherheitsor-
gane (FDS) von entscheidender Bedeutung sein, vor allem
der Armee und der Garde Républicaine. Gbagbo hat nach
einem Putschversuch in 2002, ausgelöst durch meuternde
Armeemitglieder, die Sicherheitskräfte mit Hilfe Angolas
neu aufgebaut und mit seinen Leuten besetzt, nachdem
die Armee vorher stark von Offizieren, vor allem Unterof-
fizieren, aus dem Norden geprägt war. 2004 hat er seinen
Vertrauten General Philippe Mangou zum Generalstabschef
ernannt und damit einen zentralen Posten mit einem seiner
Leute besetzt. Gbagbo hat seine Offiziere eingeschworen:
„Wenn ich falle, fallen Sie mit!‟ Dennoch kann man davon
ausgehen, und entsprechende Gerüchte kursieren bereits,
dass die Armee, ebenso wie die Politik, nicht monolithisch
zu Gbagbo steht.

Gbagbo könnte es auf eine dauerhafte Die regulären Streitkräfte kontrollieren indes
Teilung des Landes ankommen lassen. nur den Süden des Landes, der Norden wird
Sämtliche relevanten Industrien sowie
die Öl- und Gasvorkommen liegen im nach wie vor vom militärischen Arm der
Süden. Ex-Rebellen Forces Nouvelles, Forces Armées
des Forces Nouvelles (FAFN), beherrscht. Gbagbo könnte
es aber auch auf eine dauerhafte Teilung des Landes
ankommen lassen. Sämtliche wirtschaftlich relevanten
Industrien, die Güter, Arbeitsplätze und Steuern generieren,
liegen im Süden: landwirtschaftliche Produkte wie Natur-
Kautschuk, Palmöl, Kakao, Kaffee und Holz, außerdem die
Häfen, Industriebetriebe sowie wichtige Unternehmen aus
dem Handels- und Dienstleistungssektor. Auch Öl- und
Gasvorkommen, die zukünftig gefördert werden könnten,
liegen vor der Küste. Im Norden finden sich lediglich etwas
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 79

Gold, Diamanten und landwirtschaftliche Produkte wie


Ananas, aber keine devisen-relevanten Rohstoffe wie Holz,
Kakao oder Kaffee.

Eine dauerhafte politische Lösung kann nur landesintern


herbeigeführt werden. Afrikanische Unterstützung könnte
dabei hilfreich, wenn nicht gar unerlässlich sein. Es geht
also darum, dass zur Umsetzung der ausländischen,
insbesondere der westlichen „Forderungen nach Guter
Regierungsführung, Demokratie und Rechts-
staat ein internationaler Mechanismus unter Eine Lösung könnte die Form einer
afrikanischer Führung‟ gefunden wird, der militärischen Intervention der Afrika-
nischen Union haben. Das müsste nicht
diesen Forderungen „den notwendigen Nach- notwendigerweise fremde Soldaten auf
druck verleihen kann‟.33 Dieses könnte die ivorischem Territorium bedeuten.
Form einer militärischen Intervention der AU
haben, die aber nicht notwendigerweise fremde Soldaten
auf ivorischem Territorium bedeuten müsste. Denkbar ist
beispielsweise die Beeinflussung durch Militärkameraden
der benachbarten Länder.34

Fremde Truppen wie UN-Blauhelme und ihr französisches


Unterstützungskontingent müssen ihre Unparteilichkeit
bewahren, sonst werden sie schnell als Besatzungstruppen
angesehen, mit den sich daraus ergebenden Sicherheits-
problemen für ihre Soldaten und Mitarbeiter.

Vier mögliche Szenarien

Abschließend sollen kurz vier Szenarien erörtert werden,


die zum gegenwärtigen Zeitpunkt diskutiert werden.35 Die
beiden ersten Szenarien erfordern jeweils nur das Handeln
eines der beiden Protagonisten, bei den Szenarien drei und
vier müssten sich hingegen beide zusammenraufen. Ange-
sichts der bisherigen Entwicklung ist das kaum denkbar.

33 | Simon Tisdall: „Ivory Coast crisis exposes hollowness of west’s


fine words‟, guardian.co.uk, 19.12.2010, in: http://guardian.
co.uk/world/2010/dec/19/ivory-coast-united-nations-france
[21.12.2010].
34 | Hierzu bietet das von Regionalprogramm Politischer Dialog
Westafrika der Konrad-Adenauer-Stiftung geschaffene Netz-
werk der Generalstaboffiziere westafrikanischer frankophoner
Staaten eine gute Grundlage.
35 | Vgl. „Pour mettre fin au bras de fer autour du fauteuil
présidentiel: Voici les 4 schémas qui s’imposent à Gbagbo et
Ouattara‟, in: Abidjan.net (L’Inter), http://news.abidjan.net/
h/384222.html [22.12.2010].
80 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

1. Gbagbo verzichtet auf die Macht

Das erste Szenario beinhaltet, dass Gbagbo den Wahlsieg


Ouattaras nachträglich anerkennt und dem internatio-
nalen Druck nachgibt. Grundlage wäre die Anerkennung
des Wahlergebnisses der Unabhängigen Wahl­kommission
CEI. Der Vorteil wäre, dass dieser unerwartete Abgang die
Côte d’Ivoire aus der politisch-diplomatischen Isolierung
befreien würde, in die das Land seit dem 2. Dezember
gestürzt wurde. In diesem Zusammenhang ist besonders
an Verfahren und Maßnahmen zu denken, die von inter-
nationalen Organisationen und Institutionen abhängen.
Beispielsweise die von der Weltbank abhängige Budget-
hilfe für 2011, einschließlich des Erreichens des berühmten
Completion Points für die HIPC-Initiative. Der sollte Ende
März 2011 erlangt sein. Hält der gegenwärtige Zustand an,
stehen diese wichtigen internationalen Unterstützungs-
maßnahmen auf der Kippe.

2. Ouattara verzichtet auf die Macht

Beim zweiten Szenario wäre Ouattara der Handelnde


und verzichtet auf die durch den Souverän, die Wähler,
verliehene Macht. Vor dem Hintergrund seines Wahlsiegs
liefe das auf eine Art „Denial-of-Power‟-Aktion hinaus.
Die internationale Staatengemeinschaft stünde ziemlich
düpiert da, müsste nämlich zwangsläufig einen nicht vor-
handenen Wahlsieg Gbagbos anerkennen, mit den Folge-
maßnahmen der Aufhebung der Isolierung und Sankti-
onen. Der Schaden für die Bedeutung und Sinnhaftigkeit
demokratischer Verfahren wie Wahlen wäre immens.

3. Eine Regelung wie in Simbabwe

Die „Regelung von Simbabwe‟ bedeu- Das dritte Szenario setzt voraus, dass sich
tet eine Teilung der Macht zwischen beide Männer die Hände reichen. Die Anwen-
den beiden, indem der eine das Präsi-
dentenamt und der andere das Amt des dung der „Regelung von Simbabwe‟ besagt,
Premierministers innehat. dass eine Teilung der Macht zwischen den
beiden erfolgt, indem der eine das Präsi-
dentenamt und der andere das Amt des Premierministers
innehat. Dieses Powersharing funktioniert aber schon in
Simbabwe nicht und hat den strukturellen Nachteil, dass
der Präsident laut Verfassung mehr Befugnisse hat als
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 81

ein Premierminister. In Simbabwe wurden zwar durch das


„Global Power Agreement‟ (GPA) einige Verfassungsbe-
stimmungen außer Kraft gesetzt, aber Mugabe setzt sich
darüber einfach hinweg. Es kommt dann zu unergiebigen
Auslegungsstreitigkeiten. Entscheidend sind aber die
Zuständigkeiten für die Ordnungs- und Sicherheitskräfte.
Sie liegen in der Regel beim Präsidenten. Schon das Ego
der beiden ivorischen Protagonisten würde das Funktio-
nieren dieses Szenarios unmöglich machen.

4. Die kongolesische Regelung

Das vierte Szenario sieht vor, dass eine Art Machtteilung


auf der Grundlage Präsident/Vizepräsident erfolgt. Es liegt
auf der Hand, dass schon die Frage, wer das Präsiden-
tenamt einnehmen darf, und wer „nur‟ Vizepräsident sein
darf, ein derartiges Szenario von vornherein zum Scheitern
verurteilt. Hinzu kommt, dass die ivorische Verfassung vom
1. August 2000 geändert werden müsste. Wie das Beispiel
Simbabwe zeigt, funktionieren Absprachen hierzu, auch
schriftlicher Art, nicht. Ganz abgesehen davon, dass für
Verfassungsänderungen ein Referendum notwenig wäre.

Gegenwärtig ist völlig unklar, wie sich die Situation in der


Côte d’Ivoire entwickeln wird, allerdings schwinden mit
der Zeit auch die Möglichkeiten auf einen
Ausweg, bei dem keiner der beiden Prota- Die Chance für eine friedliche Lösung
gonisten sein Ansehen verliert  – ein Faktor, sinkt. Ein erneuter Bürgerkrieg hätte
auch verheerende Folgen für die Nach-
der im westafrikanischen Kontext von sehr barländer.
großer Wichtigkeit ist. Die Chance, eine
friedliche und diplomatische Lösung herbeizuführen, sinkt
somit von Tag zu Tag. Würde die Côte d’Ivoire erneut
in einen Bürgerkrieg stürzen, so wäre nicht nur die seit
2002 mühsam erarbeitete politische Konsolidierung auf
Jahre, vielleicht Jahrzehnte zurückgeworfen. Dies hätte
auch verheerende Folgen für die benachbarten Länder.
Zum einen würde die Côte d’Ivoire nicht, wie von vielen
erhofft, zurück zu ihrem Platz als wirtschaftliche Lokomo-
tive für die Region finden. Viele Flüchtlinge würden in ihre
Heimatländer in der Sahelzone zurückkehren. Aber auch in
vielen anderen afrikanischen Ländern, in denen die poli-
tische Konsolidation gerade erst begonnen hat, könnten
sich unrecht­mäßige Regierungen und Präsidenten auf ein
82 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

weiteres Beispiel berufen, in dem demokratische Prozesse


zu undemokratischen Regierungen geführt haben. Dann
gäbe es nur noch wenige demokratische Leuchttürme in
Westafrika.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 83

Wer nichts erwartet,


ist mit wenig zufrieden
Klimagipfel in Cancún scheitert nicht,
aber reicht der Erfolg?

Frank Priess

Es ist bekanntlich immer ein Problem, wenn Ergebnisse


nur an Erwartungen gemessen werden, deren Entstehung
unklar ist. Das weiß man von den internationalen Börsen
und den Einschätzungen der Analysten, das gilt auch für
internationale Konferenzen: So ist es denn wohlfeil, wenn
es jetzt überall heißt, die UNO-Klimakonferenz COP-16
im mexikanischen Cancún habe die Erwartungen über-
troffen. Systematisch hatten fast alle Akteure inklusive Frank Priess ist
des Gastgebers Mexikos in den zurückliegenden Monaten Auslandsmitarbeiter
der Konrad-Adenauer-
jede Gelegenheit wahrgenommen, die Erwartungen immer Stiftung in Mexiko.
weiter nach unten zu schrauben. Am deutlichsten wurde
Brasiliens Präsident Ignacio Lula da Silva, der noch Anfang
Dezember erklärte: „Cancún wird zu nichts führen. Da
geht doch kein großer Führer hin, nur Umweltminister.‟

Von der Hoffnung, ein verbindliches Klimaabkommen an


der Karibikküste in trockene Tücher bringen zu können,
hatte man sich als erstes verabschiedet. Die Vorausset-
zungen dafür, schon in Cancún eine solche Vereinbarung
als Nachfolger des Kyoto-Protokolls zu erreichen, seien
nicht gegeben, so etwa Mexikos Außenministerin Patricia
Espinosa schon Mitte Oktober. Dies sei allerdings auch
noch nicht unbedingt erforderlich, da das Protokoll noch bis
2012 laufe. Ihr gehe es nun um ein Paket von Maßnahmen
in den Bereichen „mitigación, adaptación, financiación y
tecnología‟.

Diese Strategie war durchaus klug gewählt. Allen Teilneh-


mern des Klimaprozesses steckte noch der Schock des
weitgehenden Scheiterns in Kopenhagen in den Knochen.
84 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Die UNO schien vor einem Scherbenhaufen zu stehen,


die Europäische Union sah sich zum Dasein am Rande
verurteilt, neue „Supermächte‟ ließen eher als Verhin-
derer die Muskeln spielen, die USA und China standen
gerade bei Umweltaktivisten als Buhmänner am Pranger.
Für niemanden also ein befriedigendes Ergebnis. Entspre-
chend verbreitet war die Motivation, Cancún nicht völlig
mit leeren Händen zu verlassen.

Dies zumindest wurde erreicht. „Cancún‟, so etwa Green-


peace-Sprecher Wendel Trio, „hat den Verhandlungspro-
zess gerettet, nicht aber das Klima.‟ Die Aufgabe der
Klimakonferenz COP-16 sei es vor allem gewesen, das
in Kopenhagen verloren gegangene Vertrauen wieder-
herzustellen  – dies sei gelungen. Gar einen „Leuchtturm
der Hoffnung‟ und eine „historische Einigung‟ wollte die
Exekutivsekretärin des UNO-Klimasekretariats CMNUCC
(Convención Marco de las Naciones Unidas sobre el Cambio
Climático, im Englischen UNFCCC, United Nations Frame-
work Convention on Climate Change), Christiana Figueres,
in den Konferenzergebnissen sehen. „Wider
„Wir sind glücklich, dass der UNO-Pro- allen Erwartungen hat die Vernunft gesiegt‟,
zess gerettet wurde.‟ (Connie Hede- ließ sich Regine Günther, Klimaexpertin des
gaard, EU-Kommissarin für Klima-
schutz) World Wide Fund For Nature (WWF), im
Spiegel vernehmen. „Wir sind glücklich, dass
der UNO-Prozess gerettet wurde‟, sagte EU-Klimakom-
missarin Connie Hedegaard. Und Bundesumweltminister
Norbert Röttgen resümierte: „Ich glaube, dass das ein
wirklich großer Erfolg ist.‟ Die Staatengemeinschaft habe
sich als handlungsfähig erwiesen.

Andere sahen die Ergebnisse kritischer. Eine Leserum-


frage des internationalen Meinungsführers The Economist
ergab etwa, dass 57 Prozent der Leser den Klimagipfel
für einen Misserfolg hielten. „Das Ergebnis von Cancún
hält die Erderwärmung nicht unter zwei Grad‟, sagte
der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz
Deutschland (BUND), Hubert Weiger. Daran änderten
auch alle Lippenbekenntnisse der Regierung nichts. Und
der Bürgermeister der mexikanischen Haupstadt, Marcelo
Ebrard, meinte zu den Konferenzergebnissen: „Ich glaube,
das die Ankündigungen von Cancún eine Neuauflage von
Kopenhagen darstellen. Ich sage nicht, dass es keine Fort-
schritte gegeben hat, es gibt interessante Aspekte. Aber
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 85

generell ist nicht das passiert, was wir uns erhofft hatten.‟
Seine Stadt werde aber auch allein voranschreiten  – so
habe er es mit anderen Bürgermeistern bei einer großen
Städtekonferenz im Vorfeld verabredet.

Das Problem ist die Verbindlichkeit

Immerhin erkennt die Vereinbarung von Cancún, in der


Tradition der Übereinkunft von Kopenhagen (Copenhagen
Accord), erstmals in einem UNO-Dokument ausdrücklich
die Notwendigkeit des so genannten Zwei Grad-Ziels an,
mit den Unterschriften von China und den USA. Ein Fort-
schritt gerade in den Vereinigten Staaten, wo es noch
immer zahlreiche und politisch nicht einflusslose Stimmen
gibt, die ganz generell am menschlichen Einfluss auf den
Klimawandel zweifeln. Den am stärksten betroffenen
Inselstaaten wie die Fiji- und die Cook-
Inseln, die Malediven und Tuvalu, die ein Es fehlen konkrete langfristige Ein-
Ansteigen des Meeresspiegels am meisten sparziele oder Vorgaben für bestimmte
energieintensive Branchen wie Land-
fürchten, wäre allerdings eine noch ehrgeizi- wirtschaft, See- und Luftfahrt. Neuer
gere Vorgabe lieber gewesen. Sie hatten sich Hoffnungsträger ist die COP-17 in Dur-
ban.
für eine maximale Steigerung von 1,5 Grad
gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter
eingesetzt. Verbindliche Konsequenzen daraus allerdings
werden nicht gezogen, auch fehlen konkrete langfristige
Einsparziele oder gar Vorgaben für bestimmte energiein-
tensive Branchen wie Landwirtschaft, See- und Luftfahrt.
Verhandlungen darüber wurden in die Zukunft verlegt. Die
COP-17 im südafrikanischen Durban Ende 2011 spielt die
Rolle des neuen Hoffnungsträgers.

Die Aufforderung an die Industrieländer, bis 2020 ihre


Emissionen um 25 bis 40 Prozent gegenüber 1990 zu
verringern, bleibt genau dies: eine unverbindliche Auffor-
derung mindestens für alle, die das Kyoto-Protokoll nicht
unterzeichnet haben. Schwellenländer wie Brasilien, China
und Indien werden nicht zu einer Reduktion aufgefordert.
Von ihnen wird lediglich erwartet, „den Rhythmus der Stei-
gerungen zu begrenzen‟. Immerhin ist China mittlerweile
Spitzenreiter bei der Verschmutzung, Indien und Russland
liegen auf den Plätzen drei und vier, noch vor Japan und
Deutschland. 2014 wird der Weltklimarat (IPCC) eine
Aktualisierung darüber abliefern, wie stark die Emissionen
sinken müssen, um das Zwei Grad-Ziel einzuhalten. Dann
86 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

auch wird man den Wert der Cancún-Beschlüsse ermessen


können. Unverbindlich bleiben auch die künftigen Fort-
schritt-Reports, die alle zwei Jahre seitens der Länder bei
der UNO einzureichen sind. Maßnahmen, die mit den inter-
nationalen Klimamitteln realisiert wurden, sollen geprüft
werden  – alle anderen Maßnahmen unterliegen lediglich
nationaler Supervision.

Die Zukunft des Kyoto-Protokolls, das im Dezember 2012


ausläuft, bleibt damit in der Schwebe. Cancún war ein Zeit-
gewinn, bis zur Konferenz in Südafrika zu Ergebnissen für
eine Verlängerung zu kommen. In Mexiko gaben Japan,
Russland und Australien zu Protokoll, einer Verlängerung
nicht zuzustimmen. Sie sei sinnlos, solange die beiden
größten „Verschmutzer‟ USA und China, zusammen
verantwortlich für 42,2 Prozent der CO²-Emissionen, nicht
eingebunden seien.

Am Kyoto-Protokoll hängt ganz wesentlich auch der Handel


mit Emissionsrechten  – eine wichtige Einnahmequelle für
die Finanzierung von Maßnahmen gegen den Klimawandel
gerade in den Entwicklungsländern. Die Weltbank hält in
einer Studie einen jährlichen Transfer von zwischen 70 und
100 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2050 für Adaptations-
maßnahmen an die Klimaveränderungen für nötig. Allein
in den ärmsten Entwicklungsländern würden mindestens
26 Milliarden Dollar jährlich gebraucht, die Projektion geht
bis 2050. Das Protokoll sieht dafür einen entsprechenden
Adaptationsfonds vor, der aus dem Emis-
Laut Weltbank wurden 2009 Zertifikate sionshandel (Clean Development Mecha-
im Gegenwert von 8,7 Milliarden Ton- nism  – CDM) gespeist werden soll. Seine
nen CO² gehandelt. Vom Gesamtvolu-
men von 103 Milliarden Euro entfielen Nicht-Verlängerung hätte entsprechend auch
89 Milliarden Euro auf die EU. unmittelbare finanzielle Auswirkungen. Allein
2009, so rechnete die Weltbank vor, wurden
Zertifikate im Gegenwert von 8,7 Milliarden Tonnen CO²
gehandelt. Vom Gesamtvolumen des Kohlendioxidmarktes
von 103 Milliarden Euro entfielen allein auf die Europäische
Union 89 Milliarden Euro.

Zwar geht der Adaptationsfonds bereits auf den Klimagipfel


in Maraskesh im Jahre 2001 zurück, seine konkrete Arbeit
allerdings hat erst nach dem Bali-Gipfel 2007 begonnen.
Sein Volumen soll bis 2012 rund 360 Millionen Dollar
betragen. Spanien, Deutschland und Schweden haben
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 87

zusätzliche zweckgebundene Mittel zur Verfügung gestellt.


Mittlerweile sind Projekte im Senegal, in Pakistan und auf
den Solomonen für eine Finanzierung aus diesem Fonds
zertifiziert. 22 Millionen Dollar sollen dafür fließen  – ein
bescheidener Anfang. Gerade in den Entwicklungsländern
müssen noch Institutionen aufgebaut werden, die ihren
Part beim Emissionshandel effizient gestalten können.

Vor allem braucht die beteiligte Privatwirtschaft Planungs-


sicherheit, die sie nach augenblicklichem Stand der Dinge
nur begrenzt hat  – dies gilt allerdings auch
für andere Teile nationaler und internatio- Sollte in Durban ein rechtlich verbind-
naler Energiepolitik. Sollte nach der Unver- liches Folgeabkommen des Kyoto-Pro-
tokolls beschlossen werden, könnte
bindlichkeit von Cancún tatsächlich in Durban der Ratifizierungsprozess abermals
ein rechtlich verbindliches Folgeabkommen Jahre in Anspruch nehmen.
des Kyoto-Protokolls beschlossen werden,
könnte der Ratifizierungsprozess in den Unterzeichner-
staaten abermals Jahre in Anspruch nehmen. Die Folge
könnte ein internationaler Flickenteppich rechtlicher Rege-
lungen sein, vor dem es den Unternehmenslenkern nach
einer im Spiegel veröffentlichten Umfrage der Beratungs-
gesellschaft Accenture besonders graut. Eine Alternative
wäre dann möglicherweise ein System von Einfuhrzöllen,
das nationale und regionale Wettbewerbsverzerrungen
auszugleichen versuchte.

Unterschiedliche Interessen

Was die USA anbetrifft, scheinen sich die Hoffnungen


darauf zerschlagen zu haben, Barack Obama könnte in der
Umweltpolitik größere Anstrengungen unternehmen als
sein Vorgänger und sich vor allem offener für international
verbindliche Vereinbarungen zeigen. Der innenpolitische
Handlungsspielraum des US-Präsidenten ist dazu – selbst
guten Willen vorausgesetzt  – augenscheinlich zu gering.
Sein Gesetzentwurf zur Energie- und Klimapolitik ist im
Sommer im Senat gescheitert, die neuen Mehrheiten
versprechen keine Änderung. Cancún-Verhandlungsführer
Todd Stern bekräftigte allerdings Obamas Versprechen
von der Kopenhagen-Konferenz, den Ausstoß von Treib-
hausgasen bis 2020 im Vergleich zu 2005 um 17 Prozent
zu senken. Zur zentralen Streitfrage Kyoto-Protokoll ließ
er verlauten, sein Land sei nicht Teil des Protokolls und
werde daher auch keine Position dazu beziehen, ob eine
88 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Fortführung sinnvoll sei. „Das‟, so Stern, „überlasse ich


den Kyoto-Parteien.‟ Immerhin scheint es im Vorfeld der
COP-16 diskrete Verhandlungen nicht zuletzt mit China
gegeben zu haben, die auf eine Annäherung der Stand-
punkte hinarbeiteten. Analysten wie Daniel Weiss vom
Center for American Progress bezweifeln, dass es über-
haupt noch vor den Präsidentschaftswahlen 2012 zu einem
neuen Anlauf kommt.

Die Positionen der Entwicklungs- und Schwellenländer


sind eindeutig: Sie wollen sich nicht in ihren zukünftigen
Wachstumsperspektiven behindern lassen und berufen
sich darauf, dass es ja die Industrieländer waren, die die
Welt an den Rand der Klimakatastrophe geführt hätten. So
sagt etwa Hu Tao vom Policy Research Center for Environ-
ment and Economy am 7. Dezember der Frankfurter Allge-
meinen Zeitung: „Warum habe ich nur das Recht, rund vier
Tonnen CO² im Jahr zu verursachen? Und Sie als Europäer
über zwölf Tonnen? Und ein US-Amerikaner 22 Tonnen?
Warum haben Sie dieses Recht und ich nicht?‟ Die Euro-
päer täten mehr als die Nordamerikaner, aber noch lange
nicht genug. „Amerika sollte das Kyoto-Protokoll unter-
zeichnen.‟ Besonders beim Technologietransfer müssten
sie sich flexibler zeigen.

Diese Argumentation verkennt allerdings, dass China nach


Berechnungen der Internationalen Energieagentur bei
seinem CO²-Ausstoß schon jetzt über dem
Chinas Emissionen sind doppelt so hoch Weltdurchschnitt liegt und vermutlich bis
wie sein Beitrag zur Weltwirtschaft. 2020 europäisches Niveau erreicht. Chinas
Allerdings hat Peking im laufenden
Fünfjahresplan angepeilt, die Umwelt- Emissionen sind derzeit doppelt so hoch wie
ausgaben zu verdoppeln. sein Beitrag zur Weltwirtschaft. Hoffnung
macht allerdings, dass China in seinem bis 2015 laufenden
Fünfjahresplan anpeilt, die Umweltausgaben zu verdop-
peln. Zentrale Probleme bleiben jedoch die geringe Energie-
effizienz und die starke Abhängigkeit vom Energieträger
Kohle.

Die Europäer haben ihre Position seit Kopenhagen kaum


verändert. Ihr Angebot: eine Reduzierung der Treibhaus-
gase bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent im Vergleich zu
1990. Sollten andere wichtige Länder und Ländergruppen
mitziehen, hatte die EU-Kommission das Mandat, auf
ehrgeizigere 30 Prozent aufzustocken – dazu kam es nicht.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 89

Noch ehrgeiziger war die Bundesrepublik: Sie strebt – so


steht es auch im Koalitionsvertrag – bis 2020 eine vierzig-
prozentige Reduzierung an, ein ehrgeiziges Energiekonzept
soll dabei helfen. Bis Ende 2009 habe man, so Umweltmi-
nister Norbert Röttgen, immerhin schon nahezu 29 Prozent
erreicht. Die Vorgabe für 2020 sei also realistisch.

Die EU und ihre Mitglieder machten aber Auch Deutschland werde, so Energie-
auch klar, dass es zu weiteren einseitigen ökonomen, seinen Weg nur dann durch-
halten können, wenn bis 2020 ein
Vorleistungen nicht kommen werde. Schon weltweit verbindliches Klimaabkom-
jetzt stöhnt vor allem die Industrie unter men erarbeitet wird.
hohen Lasten durch hohe Energiepreise, die
sich durch das Setzen auf die erneuerbaren Ressourcen
und entsprechende natio­nale Gesetzesan­passungen noch
erhöhen werden. Auch Deutschland werde, so Energieöko-
nomen, seinen Weg nur dann durchhalten können, wenn
bis 2020 ein weltweit verbindliches Klimaabkommen erar-
beitet wird. Sollten nämlich nur Deutschland oder vielleicht
die EU kohlendioxidarme Techniken auf Kosten der Wirt-
schaft subventionieren, könnten energieintensive Bran-
chen ins Ausland abwandern. „Die EU kann dann ihr Treib-
hausgas-Reduktionsziel auf 30 Prozent aufstocken, wenn
sich auch alle anderen Industrie- und Schwellenländer
auf ehrgeizige Reduktionsziele und Emissionsobergrenzen
verpflichten. Sonst verlieren wir in Europa und vor allem
in Deutschland moderne Produktionsanlagen und Jobs‟,
sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes
der Deutschen Industrie (BDI), Werner Schnappauf, zu
den Konferenzergebnissen. Ein weiteres Problem: Durch
einseitige Vorleistungen könnten andere Länder ermuntert
werden, in ihren Reduktionsanstrengungen nachzulassen.

Wer zahlt bis wann wie viel an wen?

Mit dem Vorschlag eines „grünen Fonds‟, zusätzlich zu den


Mitteln aus dem Adaptationsfonds des Kyoto-Protokolls,
war Mexiko noch in Kopenhagen gescheitert. In Cancún
gehörte der „grüne Fonds‟ nun zu den konkretesten Ergeb-
nissen. 30 Milliarden Dollar sollen im Zeitraum 2010 bis
2012 in den Klimaschutz der Entwicklungsländer fließen,
bis 2020 sind anschließend jährlich 100 Milliarden Dollar
Investitionen geplant. Die moralische Komponente bei all
dem: Gerade die am stärksten betroffenen Länder haben
zum Klimawandel bekanntlich am wenigsten ­beigetragen.
90 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Um „historische Gerechtigkeit‟ geht es daher vielen, eine


nicht eben einfach zu handhabende Kategorie. Unklar bleibt
allerdings, von wem dieses Geld wie aufgebracht werden
soll und wie die Verwaltung der Mittel konkret aussieht.
Die Weltbank soll dabei zumindest vorübergehend in
den ersten drei Jahren die Schatzmeisterrolle spielen  –
kontrol­liert werden soll ihre Zuwendungspolitik von einem
Gremium, in dem Industrie- und Entwicklungsländer mit
gleicher Stimmenzahl vertreten sind.

Schon jetzt allerdings beginnt das Rechnen und Verrechnen.


Der europäische Verhandlungsführer Artur Runge-Metzger
erwähnte in Cancún in seiner Zwischenbilanz, die Europä-
ische Union habe inzwischen 2,2 Milliarden Euro von den
sieben Milliarden ausgezahlt, die für den Zeitraum 2010 bis
2012 für Klimaschutz zugesagt worden waren.
Umweltgruppen fürchten, neue Zusa- Rund eine Milliarde sei dabei in Maßnahmen
gen könnten mit „alten‟ Fonds verrech- zur Reduktion von Treibhausgasen geflossen,
net werden. Zum Teil könnten schlicht
Umwidmungen innerhalb der Entwick- 735 Millionen wurden für Adaptationsmaß-
lungsetats erfolgen. nahmen aufgewendet, 562 Millionen wurden
unter anderem in Aufforstungsprogramme investiert.
Umweltgruppen fürchten gleichwohl überall, neue Zusagen
könnten mit „alten‟ Fonds verrechnet werden. Zum Teil
könnten schlicht Umwidmungen innerhalb der Entwick-
lungsetats erfolgen, von kreativer Buchführung bei der
Einbeziehung privater Investitionen ganz zu schweigen.

Fortschritte beim Waldschutz

Waldschutz war ein weiteres Feld, auf dem man in Cancún


ackerte und zumindest zu Teilergebnissen gelangte.
Entwaldung ist nach UNO-Studien immerhin für 18 Prozent
des Ausstoßes von Treibhausgasen verantwortlich. Das
Zauberwort dabei heißt REDD (reducing emissions from
deforestation and forest degradation). Dahinter verbirgt
sich letztlich die Absicht, dass diejenigen Länder, die ihre
Tropenwälder schützen und die Waldzerstörung gegenüber
heute nachweisbar vermindern, künftig einen finanziellen
Ausgleich erhalten sollen. Waldschutz als ökologische
Dienstleistung soll sich damit auch ökonomisch lohnen.

Schwierig bleiben aber auch hier manche Fragen zu beant-


worten, zum Beispiel die, wer genau in welcher Form
profitieren soll und welche Formen des Monitoring adäquat
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 91

sind. Auch ist zu verhindern, dass lediglich artenreiche


Primärwälder durch monokulturelle Plantagenwälder er-
setzt werden. Viele der besonders gefährdeten Gebiete
liegen zudem in Zonen, in denen in zahlreichen Ländern
die Regierungskontrolle begrenzt ist. Einige Länder wie
zum Beispiel Brasilien und Mexiko machen allerdings
bereits gute Erfahrungen mit diesen Programmen und
versuchen, die Mechanismen zu verbessern. Ein wichtiges
Ziel dabei: für ausländische Geber die Garantie zu bieten,
dass die Mittel auch zweckdienlich investiert werden. Auch
könnten durch praktische Beispiele hier Standards gesetzt
werden, die sich anschließend in den verbindlichen Regeln
der UNO-Mechanismen wiederfinden. Nicht umsonst führt
Brasilien den Klimaschutzindex von Germanwatch an – vor
allem wegen jüngster Erfolge gegen die Zerstörung des
tropischen Regenwaldes.

Manchen Umweltschützern  – dies war in Cancún zum


Beispiel Teil der bolivianischen Argumentation  – geht der
ganze Mechanismus gegen den Strich. Sie befürchten,
dass damit einer Privatisierung der Waldgebiete Vorschub
geleistet werde und eine ungerechtfertigte Aneignung
stattfinden könnte. Die Leidtragenden aus ihrer Sicht
wären ganz besonders indigene Bevölkerungsgruppen,
die in und von diesen Wäldern leben. Ihre Beteiligung an
Entscheidungen auf dem Gebiet des Waldschutzes und ein
hoher Grad an Transparenz ist generell eine Mindestanfor-
derung an REDD-Politik.

Es blieb nur ein „Abweichler‟

Bis zuletzt hatten die Vertreter von 194 Die Verhandlungsdynamik will es offen-
Staaten um die Worte der Schlusserklärungen bar, dass zweiwöchige Verhandlungen
eher das Vorspiel für einen dramati-
gerungen  – ein für internationale Mega- schen Showdown bilden. So auch in
Konferenzen übliches Procedere. Die jewei- Cancún.
lige Verhandlungsdynamik will es offenbar,
dass zweiwöchige Verhandlungen eher das Vorspiel für
einen dramatischen Showdown bilden, für den immer
wieder drohend das Schreckgespenst eines völligen Schei-
terns an die Wand gemalt wird. So auch in Cancún, wo eine
Annäherung der wesentlichen Akteure erst in den letzten
Stunden erfolgte.
92 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Einzig Bolivien kämpfte bis zuletzt gegen die schließlich


erreichten Lösungen – zu wenig sei erreicht worden, befand
sein Delegierter Pablo Solón Romo, der die Geduld aller
anderen Teilnehmer stark strapazierte. Gar als „Völker-
mord‟ hatte er zudem die Klimapolitik der Industrieländer
bezeichnet. Bolivien sah sich dabei vor allem auch als
Sprecher der Initiative Vía Campesina, die sich 1993 als
Vertreter kleiner und mittlerer Agrarproduzenten formierte
und mittlerweile 148 Organisationen in 69 Ländern koor-
diniert. Sie hatten sich in der so genannten Vereinbarung
der Völker im bolivianischen Cochabamba im April auf die
Forderung verständigt, von den entwickelten Ländern eine
verbindliche Reduzierung ihrer CO²-Emissionen bis 2017
um fünfzig Prozent zu fordern. Ein deutlich großzügiger
ausgestatteter „Adaptationsfonds‟ sollte danach unter
COP-Verwaltung stehen, mit wesentlicher Beteiligung der
Entwicklungsländer. Die Waldpolitik, wie sie REDD vorsieht,
wird von der Vía Campesina abgelehnt.

Die bolivianische Maximalposition der Zur Überraschung vieler Beobachter blieb


Ablehnung blieb am Schluss allein. diese bolivianische Maximalposition der
Selbst die ALBA-Verbündeten aus Kuba,
Venezuela und Ecuador stimmten zu. Ablehnung am Schluss aber allein. Selbst die
ALBA-Verbündeten (Allianza Bolivariana para
los Pueblos de América) aus Kuba, Venezuela und Ecuador
schlossen sich dem Rest der Staatengemeinschaft an,
deren Mitglieder, eines nach dem anderen, ihre Zustim-
mung zu Protokoll gegeben hatten. Die Konferenzpräsi-
dentschaft setzte sich schließlich über die Einsprüche Boli-
viens hinweg: „Konsens bedeutet nicht Einstimmigkeit‟,
beschied Patricia Espinosa unter Applaus aller anderen den
Versuch Boliviens, ein Konferenzergebnis zu verhindern
und ein Quasi-Veto auszuüben. Da hatte man in La Paz
augenscheinlich zu hoch gepokert. Um 3 Uhr 30 morgens
wurde am 11. Dezember das Konferenzergebnis schließlich
offiziell. Die Bolivianer allerdings kündigten unmittelbar
danach an, vor der UNO-Gerichtsbarkeit die Gültigkeit der
Beschlüsse anzufechten – der Ausgang erscheint mehr als
zweifelhaft.

Ganz grundsätzlich aber hört man vielerorts Zweifel, ob


internationale Mega-Ereignisse mit Zehntausenden von
Teilnehmern wirklich das ideale Format für echte Fort-
schritte sind, zumal dann, wenn es am Ende auf wenige,
echte „Verhandler‟ ankommt. 6300 nationale und UNO-
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 93

Delegierte kamen in Cancún zusammen, weitere 15.000


Vertreter von rund 300 nationalen und internationalen
Nicht-Regierungsorganisationen komplettierten das Pano-
rama. Zwar tragen Bilder und Konferenzdynamik nicht
zuletzt dazu bei, ein Thema medial zu positionieren, an
der Komplexität der Fragen scheitern allerdings viele
Berichterstatter und Formate. Konsequenz: die übliche
Zuspitzung und Schwarz-Weiss-Perspektive mit der Suche
nach den Schuldigen, wenn die politischen Entscheidungen
mal wieder hinter den auch von interessierter NGO-Seite
dramatisierten Lösungsbedürfnissen zurückbleiben.

Viel Lob für den Gastgeber

Viel Lob erhielt hingegen Mexiko als Gastgeber und Außen-


ministerin Patricia Espinosa als Präsidentin des Events.
Nicht zuletzt eine geschickte Steuerung der
Konferenz mit einem Gastgeber, der sich stets Eine geschickte Steuerung der Kon-
konstruktiv und vertrauensbildend verhielt ferenz mit einem Gastgeber, der sich
stets konstruktiv verhielt, habe zum
und sich bewusst nicht in den Vordergrund Erfolg beigetragen, so Teilnehmer.
drängte, habe zum Erfolg wesentlich beige-
tragen, so Teilnehmer. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon
schloss sich diesem Lob ausdrücklich an. Mexiko und seiner
eher leisen Außenpolitik tut diese Anerkennung gut, wird
sie doch immer mit dem eher lautstarken Brasilien vergli-
chen. Auch kommt das von Rauschgifthandel und Gewalt
gebeutelte Land endlich einmal mit positiven Nachrichten
in die internationalen Schlagzeilen.

Schon bei der Eröffnung der COP-16 am 29. November


hatte sich Präsident Felipe Calderón gegen das „falsche
Dilemma‟ ausgesprochen, Wachstum und Klimaschutz als
Gegensätze zu sehen. Es sei absolut möglich, die Emis-
sion klimaschädlicher Gase zu reduzieren und gleichzeitig
nicht nur ökonomisches Wachstum aufrecht zu erhalten,
sondern vielmehr neue Formen der Produktivität, des
Wachstums und der Schaffung von Arbeitsplätzen zu
generieren. Der Armutsbekämpfung, so Calderón vor
den Vertretern der 194 Teilnehmerstaaten, komme dabei
höchste Bedeutung zu. In der Zeitschrift Die Politische
Meinung der Konrad-Adenauer-Stiftung hatte Calderón
schon zuvor geschrieben, dass die Kosten für ein Nicht-
Handeln höher seien als die für gezielte Aktionen: Im Fall
Mexiko seien ohne Klimaschutz bis Mitte des Jahrhunderts
94 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Umweltschäden in Höhe von sechs Prozent des Bruttoin-


landsprodukts zu erwarten, die kontinuierlichen Kosten für
Mitigationsmaß­nahmen lägen lediglich bei 0,56 Prozent.

Klimaschutz ist für den Präsidenten eine erklärte Priorität.


Immer wieder nahm er internationale Treffen zum Anlass,
die Gemeinschaft der Staaten an ihre gemeinsame Verant-
wortung zu erinnern, zuletzt beim G-20-Gipfel im kanadi-
schen Toronto, dem Treffen der afrikanischen Staatschefs
in Ugandas Hauptstadt Kampala oder der Eröffnung der
Bonner Cancún-Vorbereitungskonferenz Mitte des Jahres –
hier gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Die aktuellen wirtschaftlichen Schwierig-
Mit einer intensiven Reisediplomatie keiten, so der Präsident damals, dürften die
hatte die mexikanische Außenministe- Aufmerksamkeit nicht von einer Problema-
rin Espinosa versucht, zumindest die
Lateinamerikaner für eine gemeinsame tik abziehen, für die die Welt keine zweite
Linie zu gewinnen. Chance erhalten werde. Mit einer intensiven
Reisediplomatie hatte Außenministerin Espinosa versucht,
zumindest die Lateinamerikaner für eine gemeinsame Linie
zu gewinnen. Im Juli hatte sie zudem asiatische Schlüssel-
länder besucht. Auch hier stand die Frage der Unterstüt-
zung für Cancún im Mittelpunkt.

Das Beispiel des Schwellenlandes Mexiko

Mexiko hat immer wieder eine gewisse Mittelposition einge-


nommen, indem es einerseits zusätzliche Anstrengungen
der Industrieländer zur Reduktion der Treibhausgase
anmahnte, gleichzeitig aber auch für konkrete Verpflich-
tungen der Schwellen- und Entwicklungsländer plädierte.
Hier ging das Land mit der Selbstverpflichtung, die eigenen
Treibhausgasemissionen bis 2020 um 30 Prozent zu redu-
zieren, voran. Auch plädiert Mexiko nachhaltig für den
internationalen Emissionshandel und eine zweite Phase des
Kyoto-Protokolls. Das Land ist allerdings nur für 1,6 Prozent
des internationalen CO²-Ausstoßes verantwortlich. Selbst
ein ambitioniertes Programm, das auf erneuerbare Ener-
gien setzt, entlastet das Weltklima so nur unwesentlich.

Für den Zeitraum von 2009 bis 2012 hat die mexikani-
sche Regierung ein „Spezialprogramm gegen den Klima-
wandel‟ (PECC) aufgelegt, in dessen Analyseteil die beson-
dere Verwundbarkeit des Landes deutlich gemacht wird:
Danach sind 15 Prozent des nationalen Territoriums und
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 95

68,2 Prozent der Bevölkerung erhöhten Risiken ausge-


setzt, über 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts könnten
betroffen sein. Mehr als 20 Millionen Mexikaner leben allein
in Gebieten, die von den Auswirkungen von Tropenstürmen
betroffen sind. Die geografische Lage des Landes zwischen
den Ozeanen, seine Klimabedingungen und hydrologischen
Gegebenheiten machen den Klimaschutz zu einer zent-
ralen Aufgabe, die lange vernachlässigt wurde. In spezi-
ellen „Risiko-Atlanten‟ will man nun bis 2012 Grade der
Verwundbarkeit spezifizieren, die Verantwortlichkeiten der
Bundesstaaten einbeziehen und ein „Programm der ökolo-
gischen Neuordnung‟ auf den Weg bringen.

Was getan werden müsste, zeigt ein Gesetzentwurf von


PAN-Senator Alberto Cárdenas Jiménez: Zentral sei ein
stabiler juristischer Rahmen für Innovationen bei erneuer-
baren Energien, für das Energiesparen und die Reduktion
des Treibhausgases CO². Dafür formuliert er die Reduk-
tion von 51 Millionen Tonnen CO² bis 2012 als klares
Ziel. Zur Implementierung wird eine Klimakommission
mit ausgedehnten Kompetenzen vorgeschlagen. Über
die nationale Variante eines „Grünen Fonds‟ könnten die
materiellen Ressourcen gebündelt werden  –
auch internationale Zuwendungen könnten Im Sinne einer nachhaltigen Entwick-
hier einfließen. Ferner solle ein nationales lung geht es darum, die Energieeffizi-
enz und die Effizienz beim Ressourcen-
Emissionsregister geschaffen werden. Ein verbrauch erheblich zu steigern.
Emissionsmarkt müsse entstehen, Verstöße
müssten mit klaren Sanktionen geahndet werden können.
Auch gehe es im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung
darum, die Energieeffizienz und die Effizienz beim Ressour-
cenverbrauch erheblich zu steigern. Parallel aber braucht
Mexiko erhebliche Unterstützungen, um überhaupt ein
eigenes Monitoring zu verbessern.

Naturkatastrophen stärken
Problembewusstsein

Klimatische Extremsituationen der jüngsten Zeit haben die


Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung immer wieder
auf den Klimawandel gelenkt. Das Problembewusstsein in
Sachen Umwelt steigt. Jedes Jahr kommen in Mexiko mehr
als 500 Menschen bei Naturkatastrophen ums Leben, über
eine Million Menschen verlieren regelmäßig ihr Hab und
Gut, Schäden an der Infrastruktur gehen in die Milliarden.
96 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Im Frühjahr 2010 erst hat der Hurrican Alex den Norden des
Landes und die Industriemetropole Monterrey verwüstet.

Überschwemmungen und große Dürren Eine deutliche Zunahme solcher Ereignisse


wechseln sich ab, mit verheerenden verzeichnet der nationale Katastrophen-
Konsequenzen. Studien sprechen von
erheblichen Auswirkungen auf die Bio- schutz in den zurückliegenden zehn Jahren.
diversität Mexikos. Regenzeiten gebe es heute in sehr viel unre-
gelmäßigerer Form als früher. Überschwemmungen und
große Dürren wechselten sich ab, mit verheerenden Konse-
quenzen auch für die Landwirtschaft. Wissenschaftliche
Studien zeigen eine zusätzliche Dramatik: Sie sprechen
bei einem nachhaltigen Temperaturanstieg von erheblichen
Auswirkungen auf die Biodiversität Mexikos und sehen nicht
zuletzt Konsequenzen für die Tropenwälder des Landes.
Die Studie Die Ökonomie des Klimawandels in Latein-
amerika und der Karibik, die von der UNO-Wirtschafts-
kommission für Lateinamerika (CEPAL) Ende 2009 vorge-
legt wurde, beziffert den jährlichen Schaden durch Natur-
katastrophen in der Region schon jetzt auf jährlich 8,6
Milliarden US-Dollar, Tendenz stark steigend.

Noch immer ist das Umweltbewusstsein im Lande sehr


unterentwickelt. Mexikanische Autoverkäufer wissen zwar
ganz genau zu erklären, wie stark die Maschine eines
Fahrzeugs ist  – bei gleichem Modell erheblich stärker
als zum Beispiel in Deutschland. Über Umweltstandards
können sie dagegen kaum Aussagen machen. Subventi-
oniertes, billiges Benzin tut ein Übriges, dass gerade die
besitzenden Schichten des Landes gern zu prestigeträch-
tigen Autos greifen, deren Durchschnittsverbrauch jenseits
der 15 Liter liegt. In den Supermärkten wird der Einkauf
kostenfrei in Bergen von Plastiktüten untergebracht, und
selbst kürzeste Wege zu Fuß zu erledigen, erwägen viele
Mexikaner höchstens in Notfällen.

Legendär ist die Wasserverschwendung: In der gerade in


Trockenzeiten immer wieder von Kürzungen der Wasser-
zufuhr betroffenen Metropolregion der Bundeshauptstadt
etwa erreichen rund 40 Prozent der inzwischen von weither
gepumpten Mengen die 22 Millionen Einwohner gar nicht
erst  – sie gehen unterwegs verloren. Investitionen in die
marode Infrastruktur gelten Entscheidungsträgern als
politisch unrentabel. Nur ein Bruchteil des verbrauchten
Wassers wird geklärt. Die massiven Subventionen des
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 97

Wasserpreises sind zudem wenig geeignet, die Menschen


zum sparsamen Umgang mit diesem knappen Gut anzu-
halten – ähnliches gilt für Elektrizität. Nach wie vor gehört
die tägliche morgendliche Autowäsche durch dienstbare
Hausangestellte in Mexikos „besseren‟ Wohnvierteln zum
Standard – ebenso wie das Abspritzen der Bürgersteige.

Ein eher stiller Protagonist

Gleichzeitig ist Mexiko mit seinen nach wie vor vorhan-


denen, aber stark zurückgehenden Reserven an nicht
erneuerbaren Energien, speziell Erdöl, an der Entwicklung
und Nutzung erneuerbarer Energien besonders interessier.
Die Dringlichkeit der Debatte lässt sich auch daran fest-
machen, dass Mexiko nach wie vor rund 40 Prozent seiner
Haushaltseinnahmen aus dem Verkauf von Rohöl deckt.
Hier liegt auch die wichtigste Devisenquelle des Landes –
deutlich vor den Überweisungen der Auslandsmexikaner in
ihre Heimat und den Einnahmen aus dem Tourismus.

Eine erste Energiereform der Regierung Calderón gleich zu


Beginn seiner sechsjährigen Amtszeit blieb – auch aufgrund
zahlreicher Tabus im Zusammenhang mit der staatlichen
Energiefirma PEMEX  – weit hinter den Notwendigkeiten
zurück und verlangt nach einer Reform der
Reform. Hohe Aktualität hat diese Debatte Die oberflächennahen mexikanischen
jetzt allerdings durch den Ölunfall von BP im Ölvorkommen, die mit geringen Kosten
zum Beispiel im wichtigsten Ölfeld
Golf von Mexiko und den Untergang der Platt- Cantarell gefördert werden, gehen zur
form Deepwater Horizon erhalten. Die ober- Neige.
flächennahen mexikanischen Ölvorkommen,
die mit geringen Kosten zum Beispiel im wichtigsten Ölfeld
Cantarell gefördert werden, gehen drastisch zur Neige. Für
die Erschließung neuer Felder sind just die jetzt in die Kritik
geratenen Tiefseebohrungen erforderlich.

Überaus vielversprechend sind in Mexiko die Möglich-


keiten für Wasser- und Windkraft sowie Bioenergie, wie
Experten feststellen. Vor allem der Süden des Landes und
der Bundesstaat Oaxaca mit seinen thermischen Gege-
benheiten an der Engstelle zwischen Pazifik und Karibik
­garantieren exzellente Ergebnisse. Der Norden des Landes
mit seinen ausgedehnten Wüsten- und Halbwüstenge-
bieten bietet zudem ein enormes Potential für die Sonnen-
energie, wofür sich mexikanische Politiker bereits in den
98 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

USA und Europa informieren. Windkraft- und Solaranlagen


haben zudem den Vorteil, kleine, nicht an das allgemeine
Stromnetz des Landes angeschlossene Gemeinden dezen-
tral zu versorgen – und davon gibt es noch viele. Auch will
Mexiko auf der Suche nach einem intelligenten Energiemix
nicht auf die Nuklearenergie verzichten, die mit dem
Kraftwerk Laguna Verde erheblich zur Energiesicherheit
des Landes beiträgt. Interessante Uranvorkommen, deren
Erschließung allerdings größere Investitionen benötigte,
runden das Bild ab.

Zurückhaltender ist man demgegenüber bei der Produktion


von Biotreibstoffen: Hier ist die Befürchtung groß, dass sie
die traditionelle Nahrungsmittelproduktion, speziell Mais,
verdrängen könnte – mit erheblichen Auswirkungen gerade
auf die einkommensschwächsten Teile der Bevölkerung.
Die Landwirtschaft trägt in Mexiko zwar nur vier Prozent
zum Bruttoinlandsprodukt bei, steht aber für 15 Prozent
der Arbeitsplätze. Der klimasensible Mais wird dabei auf
der Hälfte der mexikanischen Ackerfläche angebaut. Ein
neuer Bericht der Weltbank kommt zu dem Schluss: „Die
Klimaerwartungen für Mexiko im Jahr 2020 gehen von
einer moderaten Reduktion der Fläche aus, auf der Mais
angebaut werden kann, der Anteil der Flächen, wo dies
nicht möglich ist, steigt.‟

Mexiko ist mit vielen seiner Problemen und vielen seiner


Antworten nicht untypisch für die Lage in den Schwellen-
ländern. Die Bereitschaft des Landes, international eine
konstruktive Rolle zu spielen, die eigene Verantwortung
zu sehen und wahrzunehmen und vor allem
Mexiko muss nicht immer in der ersten an der Schnittstelle zwischen entwickelter
Reihe stehen. Der Klimaschutz ist ein und sich entwickelnder Welt auch Vermittler­
gutes Beispiel dafür, dass man auch
als „stiller Protagonist‟ Erfolge erzie- dienste anzubieten, hat sich in Cancún
len kann. eindrücklich bestätigt. Das mexikanische Be-
kenntnis zum Multilateralismus und zur UNO steht über
Jahrzehnte. Dass man trotz der eigenen Größe – 112 Milli-
onen Einwohner und ein ­Bruttoinlandsprodukt, dass es fast
unter die ersten zehn der Weltwirtschaft schafft  – nicht
immer in der ersten Reihe stehen muss, empfinden viele
als wohltuend, gerade im internationalen Vergleich. Der
Klimaschutz ist ein gutes Beispiel dafür, dass man auch als
„stiller Protagonist‟ Erfolge erzielen kann.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 99

Die Republik Moldau am


vermeintlichen Ende
eines Wahlmarathons
Neuauflage der Allianz für die Europäische
Integration und weiterhin unsichere
Perspektive

Holger Dix

Die in der Allianz für die Europäische Integration AIE


vereinten Parteien konnten die vorgezogenen Parlaments-
wahlen vom 28. November 2010 für sich entscheiden und
damit eine Rückkehr der Kommunistischen Partei an die
Regierung verhindern. Die Untiefen der politischen Krise
und der Verfassungskrise des Landes konnten durch die
Wahlen aber noch nicht verlassen werden. Erneut brachte
das Wahlergebnis keine für die Wahl des Staatspräsidenten Dr. Holger Dix ist
im Parlament notwendige Mehrheit. Wie schon im Juli 2009 Auslandsmitarbeiter
der Konrad-Adenauer-
und November 2010 drohen vorgezogene Neuwahlen. Stiftung in Bukarest
und leitet die Büros
Anhaltende Identitätssuche in Rumänien und der
Republik Moldau.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1991 befindet sich die Republik


Moldau auf einer politischen und geopolitischen Identi-
tätssuche1 mit wechselnden Orientierungen und anhal-
tenden politischen Krisen: eine Phase von politischer
Instabilität (bis 2000), eine Phase der politischen Stabi-
lität und Wiederannäherung an Russland in den ersten
vier Jahren nach Rückkehr der Kommunistischen Partei
in die Regierung (bis 2005), eine Phase der Annäherung
an die Europäische Union unter kommunistischer Regie-
rung bei gleichzeitig zunehmender staatlicher Repression
sowie seit 2009 eine Phase der Ablösung der Kommunisten
durch eine Koalition für die Europäische Integration mit

1 | Siehe dazu ausführlich: Dan Dungaciu, Moldova ante portas


(Bukarest, 2005).
100 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

einer entsprechenden europafreundlichen Politik, begleitet


von einer fortgesetzten politischen Krise mit mehrfachen
Neuwahlen ohne klärende Wahlergebnisse.

Auch die Identität der politischen Akteure bleibt in hohem


Maße schleierhaft. So gebiert sich die Kommunistische
Partei bei der Bedienung der eigenen Klientel als höchst
kapitalistisch, demokratische Kräfte unterliegen dem
Verdacht oligarchischer Interessen und vehemente Anti-
kommunisten wurden zu Steigbügelhaltern
Die staatliche Einheit der Republik Mol- der Kommunistischen Partei PCRM. Zudem
dau ist prekär. Schon unmittelbar nach ist die staatliche Einheit prekär. Schon
der Staatsgründung spaltete sich der
Landesteil Transnistrien ab. unmittelbar nach der Staatsgründung der
Republik Moldau spaltete sich ein Teil des
Landes, der stärker industrialisierte und russischsprachig
dominierte Landesteil Transnistrien, nach einem kurzen,
bewaffneten Konflikt ab und bildete ein international nicht
anerkanntes, separatistisches Regime. Der fortdauernde
Transnistrien-Konflikt hat der moldauischen Regierung die
Kontrolle über einen Teil ihres Territoriums entzogen und
stellt eine Belastung sowohl für die Handlungsfähigkeit der
Regierung als auch für die europäische Integration Moldaus
dar. Ein weiterer Teil der Republik Moldau, die Autonome
Territoriale Einheit Gagausien, hat sich seit 1990 zunächst
als nicht anerkannte, eigenständige Gagausische Sozia-
listische Republik abgespalten und ist seit 1994 eine von
der Republik Moldau anerkannte, autonome Region mit
eigenem Parlament und eigener Regierung.

Kennzeichnend für das Land ist auch eine wechselnde


Orientierung hinsichtlich der Anbindung an die Europäische
Union und Russland, die in der Rückbetrachtung insge-
samt eher durch Pragmatismus als durch Prinzipientreue
geprägt zu sein scheint. Eine Annäherung an die EU findet
derzeit in der Bevölkerung und parteiübergreifend eine
breite Zustimmung. Die jetzige Regierung unter Feder-
führung von Ministerpräsident Vlad Filat und Außenmi-
nister Iurie Leancă hat seit der Regierungsübernahme die
Beziehungen zur EU intensiviert. Verhandlungen über ein
Assoziationsabkommen, das ein umfassendes Freihandels-
abkommen einschließen soll, konnten aufgenommen und
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 101

erfolgreich vorangetrieben werden.2 Unmittelbar nach dem


Regierungsantritt wurden Einreisebeschränkungen gegen-
über Rumänien aufgehoben, die von der PCRM-Regierung
im Zeichen der Unruhen vom April 2009 eingeführt worden
waren. Noch kurz vor der Parlamentswahl im November
2010 konnte Ministerpräsident Filat ein Grenzmanagemen-
tabkommen mit Rumänien unterzeichnen.

Auf der anderen Seite übt Russland auch beinahe 20


Jahre nach der Erklärung der Unabhängigkeit der Republik
Moldau einen wesentlichen Einfluss auf das Land aus, der
je nach Verhalten der moldauischen Regierung die Form
einer partnerschaftlichen Kooperation oder
einer entschiedenen Intervention annehmen Russland begreift die Republik Moldau
kann. Grundsätzlich begreift Russland die als zugehörig zu einer exklusiven Ein-
flusszone, in der sich auch die anderen
Republik Moldau als zugehörig zu einer Länder der Ex-Sowjetunion befinden.
exklusiven Einflusszone, in der sich auch die
anderen Länder der Ex-Sowjetunion befinden. Die Hebel
für diese Einflussnahme reichen vom Transnistrien-Konflikt
über die Wirtschaftsbeziehungen und die Energieversor-
gung, den russischen Einfluss auf die Meinungsbildung
über die Medien, die Russisch-Orthodoxe Kirche und die
russische Minderheit im Land.3 Russland kooperiert eng mit
der Regierung in Tiraspol und unterstützt diese politisch,
finanziell, wirtschaftlich und militärisch. Gegen Transnist-
rien gerichtete Maßnahmen der moldauischen Seite führen
zu Reaktionen Russlands wie etwa im März 2006, als die
moldauische Regierung die Exporte von nicht in Chișinău
registrierten transnistrischen Unternehmen blockierte und
Russland daraufhin einen Importstopp für moldauischen
Wein verhängte. Russland belässt seine Truppen und mili-
tärische Ausrüstung in Transnistrien, obwohl Moskau schon
anlässlich des OSZE-Gipfels von Istanbul im Jahr 1999
deren Abzug zugesagt hatte. Überdies nutzt Russland
seine Bedeutung als Absatzmarkt, um die Regierung der

2 | Vgl. dazu die Erklärungen der amtierenden Außenministerin


Natalia German und des EU-Botschafters Dirk Schübel anläss-
lich der Konferenz „Republik Moldaus Zukunft in der Europä-
ischen Union. Stand und Perspektiven der Annäherung‟ der
Konrad-Adenauer-Stiftung vom 16.11.2010 in Chișinău.
Audiodatei unter: http://kas.de/moldawien/de/publications/
21313 [21.12.2010].
3 | Vgl. Radu Vrabie, „Relationship of the Republic of Moldova
with the Russian Federation‟, in: Foreign Policy Association
und Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.), The Foreign Policy of
the Republic of Moldova (1998-2008) (Chișinău 2010), 99-112.
102 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Republik Moldau bei Bedarf unter Druck zu setzen, zuletzt


erneut durch ein Importverbot von moldauischem Wein als
Reaktion auf die Ankündigung des Interims-Präsidenten
Mihai Ghimpu, den 28. Juni zum Gedenktag an die Sowje-
tische Besatzung zu machen.

Zerklüftete Parteienlandschaft,
instabile Bündnisse

Die Parteienlandschaft der Republik Moldau zeichnet sich


durch eine hohe Zahl von Parteien aus, die teilweise sehr
kurzer Lebensdauer sind.4 Seit der Unabhängigkeit wurden
insgesamt 104 Parteien registriert. Rechnet man jene
Parteien heraus, die nur ihren Namen geändert haben,
bleiben noch immer 77 unterschiedliche Gruppierungen,
die in den vergangenen 20 Jahren um die Wählergunst
von zuletzt ca. 2,9 Millionen Wahlberechtigten warben. Zu
den Parteien mit realistischen Aussichten auf den Einzug
ins Parlament zählten zuletzt die Demokratische Partei
Moldaus, die Liberale Partei, die Allianz Unsere Moldau,
die Liberaldemokratische Partei sowie die Kommunistische
Partei der Republik Moldau PCRM.

Der Vorläufer der Demokratischen Partei Moldau, die


„Sozial­politische Bewegung für ein Demokratisches und
Prosperierendes Moldau (MpMDP), entstand
Die PDM beschreibt sich als sozial­ 1997 und wurde im April 2000 in Demokra-
demokratisch und sozialliberal. Sie ist tische Partei Moldaus (PDM) umbenannt. Die
Mitglied in der Sozialistischen Interna-
tionalen und hat mit der Partei Einiges Partei beschreibt sich als sozialdemokratisch
Russland ein Abkommen zur Zusam- und sozialliberal, ist Mitglied in der Sozialisti-
menarbeit geschlossen.
schen Internationalen und hat mit der Partei
Einiges Russland ein Abkommen zur Zusammenarbeit
geschlossen. In einem Wahlblock gelang der PDM bereits
1998 der Einzug ins Parlament, bei den vorgezogenen
Neuwahlen von 2001 scheiterte die Partei mit einem Wahler-
gebnis von fünf Prozent an der Wahlhürde, deren Erhöhung
von vier auf sechs Prozent sie vorher unterstützt hatte.5
Bei den Parlamentswahlen 2005 gelangte die PDM nach der
Bildung eines Wahlblocks erneut mit insgesamt acht Abge-
ordneten ins Parlament. Als dann eigenständige Fraktion
wählte die Partei gemeinsam mit den ­Christdemokraten

4 | Vgl. Igor Volnitchi, Istoria Partidelor din Republica Moldova


(Chișinău: 2010).
5 | Ebd., 88 ff.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 103

(PPCD) und der Sozialliberalen Partei den kommunistischen


Kandidaten Vladimir Voronin im Parlament zum Staatsprä-
sidenten, um eine politische Blockade aufzuheben. Im Jahr
2007 kam es zu einem innerparteilichen Konflikt zwischen
dem Parteivorsitzenden Dumitru Diacov und Vlad Filat, der
daraufhin die PDM verließ und die Liberaldemokratische
Partei Moldaus PLDM gründete. Bei den Parlamentswahlen
vom April 2009 erreichte die PDM nur zwei Prozent der
Stimmen und schaffte den Einzug ins Parlament nicht.

Mit dem Übertritt des ehemaligen Parlamentspräsidenten


Marian Lupu von der Kommunistischen Partei zur PDM vor
den Parlamentswahlen vom Juli 2009 gewann die Partei
deutlich an Unterstützung. Allerdings waren die politischen
Kosten für den Übertritt Lupus für die alte Garde der PDM
hoch. Lupu forderte erfolgreich seine Wahl zum Parteivor-
sitzenden sowie die ersten fünf Listenplätze für „seine‟
Kandidaten. Die Parlamentswahlen vom Juli 2009 brachten
die PDM mit 13 Mandaten zurück ins Parlament, Marian
Lupu wurde der Präsidentschaftskandidat der Allianz für
die Europäische Integration (AIE).

Die Liberale Partei (PL) wurde 1993 unter Bei den Parlamentswahlen vom April
dem Namen Reformpartei gegründet. Bis 2009 wurde die liberale PL stärkste
Oppositionskraft. Sie hat sich bei den
zum Jahr 2005 blieb sie bei Wahlen erfolglos, Wählern rumänisch-nationaler Orien-
profitierte dann aber von der Entscheidung tierung angesiedelt.
der Christdemokraten und der Sozialliberalen
Partei, nach den Parlamentswahlen im Jahr 2005 den
kommunistischen Präsidentschaftskandidaten Voronin in
den Sattel zu heben, was bei diesen Parteien zur Abwan-
derung von Wählern führte. Die Partei stellte dann für
die Wahl des Bürgermeisters der Hauptstadt Chișinău
den erst 27 Jahre alten Juristen Dorin Chirtoacă auf, der
insbesondere die junge, reformorientierte Bevölkerung
ansprach. Chirtoacă konnte dann in der Tat im Jahr 2007
die Bürgermeisterwahl deutlich für sich entschieden. Bei
den Parlamentswahlen vom April 2009 wurde die PL auf
einen Schlag die stärkste Oppositionskraft und gewann 15
Mandate. Bei den Wahlen im Juli konnte die Partei nochmals
in der Stimmenzahl zulegen, blieb aber bei 15 Mandaten.
Die Liberale Partei hat sich insbesondere bei den Wählern
rumänisch-nationaler ­Orientierung ­angesiedelt und vertritt
eine ausgeprägt liberale Programmatik. Auf europäischer
Ebene orientiert sie sich an den Europäischen Liberalen.
104 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Die Liberaldemokratische Partei Moldaus (PLDM) wurde


erst im Dezember 2007 gegründet. Vorsitzender wurde der
heutige Premierminister Filat, der die Partei von Beginn
an straff organisierte, mit Finanzmitteln ausstattete und
erfolgreich in die Parlamentswahlen vom April 2009 führte,
bei denen die PLDM aus dem Stand mit 15 Mandaten
gemeinsam mit der PL stärkste Oppositionskraft wurde.
Bei den Wahlen im Juli 2009 konnte die Sitzzahl bereits auf
18 vergrößert werden. Die PLDM strebte gleich nach ihrer
Gründung eine Annäherung an die Europäische Volkspartei
an und stellte einen Aufnahmeantrag, der zur Aufnahme
der Partei als Beobachter führen wird.

Die Partei Allianz Unser Moldova (AMN) wurde im Jahr 1997


unter dem Namen Bürgerallianz für Reformen gegründet.
Sie nahm 2001 unter dem Namen Demokratisch-Soziale
Partei in einem Wahlbündnis an den Parlamentswahlen
teil und zog mit 19 Mandaten ins Parlament ein. Nach
den Wahlen löste sich das Bündnis auf und
2003 fusionierte die Sozial-Demokrati- die Demokratisch-Soziale Partei nannte sich
sche Allianz Moldaus mit der Liberalen in Sozial-Demokratische Allianz Moldaus
Partei und der Allianz der Unabhängi-
gen zur neuen Allianz Unser Moldau. (ASDM) um. 2003 fusionierte die ASDM
mit der Liberalen Partei und der Allianz der
Unabhängigen zur neuen Allianz Unser Moldau (AMN).
Bei den Parlamentswahlen 2005 trat die Partei in einem
Wahlbündnis mit der PDM und der Sozialliberalen Partei als
Wahlblock Demokratische Moldau (BMD) an und wurde mit
34 Mandaten stärkste Kraft nach den Kommunisten. Bei
den Kommunalwahlen 2007 trat die Partei dann alleine an
und stieg, trotz zwischenzeitlicher interner Probleme, zur
zweitstärksten politischen Kraft des Landes auf. Diese Posi-
tion konnte sie jedoch bei den Parlamentswahlen vom April
2009 mit elf erlangten Mandaten nicht halten, was mit dem
Aufkommen zweier neuer Parteien im Mitte-Rechts-Spek-
trum, der Liberalen Partei und der Liberaldemokratischen
Partei Moldaus, zu erklären ist. Bei den Parlamentswahlen
vom Juli 2009 erhielt die Partei nur noch sieben Sitze. Die
AMN ist Beobachter in der Liberalen Internationalen.

Die Kommunistische Partei der Republik Moldau (PCRM)


wurde im Jahr 1994 gegründet und deklariert sich als
Nachfolgepartei der in Zeiten der Sowjetunion in der Repu-
blik Moldau aktiven Kommunistischen Partei. Die erste
Teilnahme der PCRM an Wahlen  – den ­Kommunalwahlen
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 105

1995  – deutete mit Ergebnissen zwischen fünf und 15


Prozent das weiterhin für eine kommunistische Partei
bestehende Wählerpotential an. Bei den noch als Direkt-
wahl durchgeführten Präsidentschaftswahlen des Jahres
1996 erreichte der PCRM-Kandidat Vladimir Voronin mit
zehn Prozent der Stimmen immerhin das drittstärkste
Ergebnis. Bei den Parlamentswahlen des Jahres 1998
konnte die PCRM bereits 30 Prozent der Stimmen und 40
der 101 Mandate erreichen.

Der politische Durchbruch gelang den Kommunisten dann


bei den vorgezogenen Parlamentswahlen 2001, die nach
den gescheiteren Versuchen des Parlaments im Jahr 2000
folgten, im Parlament einen Präsidenten zu wählen. Die
PCRM erreichte diesen Wahlen 50,07 Prozent der Stimmen
und 71 Mandate und hatte damit auch die für die Wahl
des Staatspräsidenten notwendige Mehrheit. Im April
2001 wurde Vladimir Voronin im Parlament zum Staats-
präsidenten gewählt. Die Verstimmungen zwischen der
moldauischen Staatsführung und Russland in Folge eines
von Voronin im letzten Augenblick abgelehnten russischen
Vorschlags zur Lösung des Transnistrien-Konflikts (Memo-
randum-Kozak) kosteten die PCRM dann aber bei den
Wahlen 2005 Stimmen der pro-russischen Wahlbevölke-
rung. Voronin hatte nach dem gescheiteren Vermittlungs-
versuch der Russen eine stärkere Annäherung Moldaus an
die EU proklamiert. Bei den Parlamentswahlen 2005 wurde
die PCRM dennoch mit 56 Mandaten erneut stärkste Kraft,
verlor aber die für die Wahl des Staatspräsidenten notwen-
dige Mehrheit von 61 Mandaten. Die Wieder-
wahl Voronins zum Staatspräsidenten konnte Zweifel an dem überraschend guten
nur durch die Stimmen der christdemokra- Wahlergebnis der Kommunisten führ-
ten zu Protesten und einer repressiven
tischen Partei (PPCD), der Demokratischen Reaktion des Staatsapparates.
Partei und der Sozialliberalen Partei erfolgen.
Bei den Parlamentswahlen vom April 2009 konnten die
Kommunisten ihr Ergebnis auf 49 Prozent und 60 Mandate
verbessern, mussten sich aber Vorwürfe einer zunehmend
autoritären Regierungsführung und Repression der Oppo-
sition gefallen lassen. Zweifel an dem überraschend guten
Wahlergebnis der PCRM führten zu gewalttätigen Protesten
und deren Niederschlagung sowie einer repressiven Reak-
tion des Staatsapparates, welche zu einer Verringerung
der gesellschaftlichen Unterstützung für die Partei und zu
einem Zusammenrücken der Opposition führte.
106 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Umstrittene Parlamentswahl 2009

Im Jahr 2009 fanden gleich zwei Mal Parlamentswahlen


statt. Mit den Wahlen vom 5. April 2009 verbanden die
politische Opposition und ein großer Teil der jüngeren
Bevölkerung des Landes die Hoffnung auf ein Ende der
kommunistischen Regierungsführung. In den vergangenen
Jahren hatten die Kommunisten einen Abwärtstrend zu
verzeichnen, auf den die moldauische Opposition jetzt
baute. Die Hoffnung der Oppositionskräfte zerplatzte dann
aber mit der Verkündigung der ersten Wahlergebnisse.
Nach Auszählung von 98 Prozent der Stimmen deuteten
sich Sitzverhältnisse im Parlament an, die eine Alleinre-
gierung der Kommunistischen Partei in den kommenden
vier Jahren ermöglicht hätten. Die Kommunisten errangen
demnach fast 50 Prozent der Stimmen, gefolgt von
der Liberalen Partei um den Chișinăuer Bürgermeister
Chirtoacă mit 13 Prozent, der Liberaldemokratischen Partei
mit zwölf Prozent und die Allianz Unsere Moldau mit zehn
Prozent. Damit wären die Kommunisten mit 61 von 101
Sitzen in der Lage gewesen, einen Nachfolger für den
amtierenden kommunistischen Staatspräsidenten Voronin
zu wählen, der aufgrund der Verfassung kein weiteres
Mandat bekommen konnte.

Die Unzufriedenheit mit der Wieder- Im Anschluss an die Wahl kam es am 7. April
wahl der Kommunisten und der Ent- in Chișinău zu einer Demonstration mehr-
wicklung des Landes entlud sich in Pro-
testen mehrheitlich junger Moldawier. heitlich junger Menschen, die so ihrer Unzu-
friedenheit mit der Wiederwahl der Kommu-
nisten und mit der Entwicklung ihres Landes Ausdruck
verliehen. Die Demonstration verlief zunächst friedlich,
führte dann aber zu gewalttätigen Auseinandersetzungen
und einer für die moldauische Gesellschaft schockierenden
Erfahrung. Der moldauische Staat und die Politiker schienen
mit der Situation überfordert und reagierten zunächst
verunsichert, die politischen Spannungen nahmen zu.
Die anfangs ausbleibende Reaktion der staatlichen Auto-
ritäten, eine fehlende Protestkultur, das unklare Ziel der
Demonstrationen sowie eine wahrscheinliche Manipulation
von Demonstranten führten dann sogar zur Besetzung und
teilweisen Zerstörung des Parlamentsgebäudes und des
Präsidialamtes. Für die Gewalttaten machte die Regierung
die Opposition und das Ausland (Rumänien) verantwort-
lich. Die Opposition beschuldigte wiederum die Regierung,
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 107

die Demonstrationen durch eingeschleuste Agenten in


gewalttätige Ausschreitungen verwandelt zu haben. Die
Staatsgewalt reagierte nach erstem Zögern repressiv.6
Noch in der Nacht wurden Demonstranten festgenommen,
in den folgenden Tagen gab es eine Welle von Verhaf-
tungen, unter anderem auch von Journalisten. Insgesamt
starben vier Menschen im Zusammenhang
mit den gewaltsamen Ausschreitungen und Der moldauische Präsident bezichtigte
der darauf folgenden staatlichen Repres- Rumänien der Beteiligung an einem
angeblich beabsichtigten Staatsstreich.
sion. Gegen Rumänien, das der moldauische Unter Bruch von EU-Vereinbarungen
Präsident der Beteiligung an einem angeb- wurde ein Visumszwang eingeführt.
lich beabsichtigten Staatsstreich bezichtigte,
wurde unter Bruch von Vereinbarungen mit der EU ein
Visumszwang eingeführt. Der rumänische Botschafter in
Chișinău wurde ausgewiesen. Staatspräsident Voronin
nannte anschließend die Bemühungen Rumäniens, die
Moldau an die EU heranzuführen, degradierend.

Das tatsächliche Ergebnis der Wahlen vom 5. April reichte


für die PCRM, um die neue Regierung zu bilden. Die für
die Wahl des Staatspräsidenten im Parlament benötigte
Sitzzahl von 61 Mandaten wurde aber um ein Mandat
verfehlt. Es gelang der PCRM dann anschließend nicht,
die ihr fehlende Stimme aus den Reihen der Opposition
zu erhalten. Die damals drei Oppositionsparteien  – die
Liberaldemokratische Partei Vlad Filats (PLDM), die Allianz
Unsere Moldau (AMN) und die Liberale Partei (PL) – bildeten
eine geschlossene Front gegen die neuerliche Wahl eines
Staatsoberhauptes aus den Reihen der PCRM. Nach dem
Scheitern der Präsidentschaftswahlen mussten Neuwahlen
angesetzt werden, die für den 27. Juli 2009 festgelegt
wurden.

Modus der Präsidentenwahl führt zu


politischer und konstitutioneller Krise

Ursächlich für die politische Krise ist  – neben den in der


Tat komplizierten Wahlergebnissen und der mangelnden
Fähigkeit der Abgeordneten, damit zu arbeiten  – der
Wahlmodus der Staatspräsidenten im Parlament. Seit
einer Verfassungsänderung vom Juli 2000 ist das Regie-
rungssystem der Republik Moldau eine parlamentarische

6 | Vgl. Mihnea Berindei und Arielle Thedrel: „Moldavie, La fin de


l’ère Voronine‟, in: politique international 125 (2009), 249-261.
108 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Demokratie, die das vorherige semipräsidiale System


ablöste. Diese Verfassungsänderung stärkte das Parlament
und schwächte den Präsidenten, der nicht mehr direkt,
sondern im Parlament gewählt wird. Der Staatspräsident
behielt zwar eine deutlich über repräsentative Aufgaben
hinausreichende Funktion, es wurden aber einige seiner
Prärogativen abgeschafft, darunter die Möglichkeit, an den
Kabinettssitzungen teilzunehmen und diese zu leiten. Die
weiterhin bestehenden Zuständigkeiten wie die Benen-
nung des Regierungschef (der dann im Parlament bestätigt
wird), das Recht zur Gesetzesinitiative sowie die Funktion
des obersten Befehlshabers der Streitkräfte verleihen dem
Amt aber ein Gewicht, dem durch die hohe Wahlhürde
im Parlament Rechnung getragen wird. Demnach wird
der Staatspräsident mit einer Drei-Fünftel-Mehrheit (61
Mandate) der Gesamtzahl der Abgeordneten des Parla-
ments (101 Mandate) gewählt. Scheitert die Wahl im
ersten Durchgang, erfolgt ein zweiter Wahlgang mit den
ersten beiden Kandidaten des ersten Wahlgangs. Ergibt
sich auch dabei keine ausreichende Mehrheit, müssen das
Parlament aufgelöst und Neuwahlen durchgeführt werden.

Bereits der erste Versuch im Dezember 2000, den Staats-


präsidenten im Parlament zu wählen, misslang.7 Bei den
dann notwendig gewordenen Neuwahlen vom 25. Februar
2001 gelangten die Kommunisten mit 71 Mandaten zurück
an die Macht. Bei den Parlamentswahlen vom
Teile der Opposition stimmten 2005 für 6. März 2005 erreichte die Kommunistische
den Präsidentschaftskandidaten der Partei dann schon keine für die Wahl des
Kommunisten und begaben sich dadurch
ins politische Abseits. Die Christdemo- Staatspräsidenten am 4. April 2005 ausrei-
kraten verpassten seither dreimal den chende Mandatszahl mehr. Um die Blockade
Einzug ins Parlament.
zu lösen, stimmten Teile der Opposition
für den Kandidaten der Kommunisten und begaben sich
dadurch nicht nur für viele westliche Beobachter, sondern
auch für die moldauische Wählerschaft ins politische
Abseits. Fatal war diese Entscheidung für die Christdemo-
kraten unter Iurie Roșca, die das damals verlorene gegan-
gene Vertrauen der Bevölkerung nicht wieder gewinnen
konnten und seither dreimal den Einzug ins Parlament
verpassten.

7 | Vgl. Ghenadie Vaculovschi und Norbert Neuhaus, „Dezideratul


reformei constitutionale in republica Moldova‟, in: IDRAD
(Hrsg.), Aspecte prioritare (Chișinău: 2010).
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 109

Ablösung der Kommunisten bei der


Neuwahl vom Juli 2009

Die erforderlichen Neuwahlen am 29. Juli 2009 führten zur


Ablösung der Kommunistischen Partei von der Regierung.8
Der Wahlkampf war extrem hart geführt worden, mit
Anschuldigungen der beiden Lager (KP und
Opposition) hinsichtlich der gewalttätigen Die Oppositionsparteien erhielten 2009
Ausschreitungen im April 2009. Die Massen- deutlichen Auftrieb, erzielten die Mehr-
heit und konnten, in der Allianz für die
medien wurden stark von der Kommunisti- Europäische Integration, die Regierung
schen Partei kontrolliert. Insgesamt erhielten bilden.
die Oppositionsparteien (PLDM, PL, PD und
AMN) durch diese Ereignisse jedoch deutlichen Auftrieb,
erzielten mit 53 Mandaten die Mehrheit und konnten,
zusammengeschlossen in der Allianz für die Europäische
Integration AIE, die Regierung bilden.

Die PCRM erhielt nur noch 48 Mandate. Von den vorher


im Parlament sitzenden Parteien gelangten die Liberalde-
mokraten mit 18 Sitzen, die Liberalen mit 15 Sitzen und
die Allianz unser Moldova mit 7 Sitzen ins Parlament.
Die sozialdemokratisch orientierte Demokratische Partei
Moldau, die 13 Mandate erhielt, zog wieder ins Parlament
ein. Premierminister der neuen Regierung wurde Vlad
Filat, Vorsitzender der PLDM, Parlamentspräsident Mihai
Gimpu, Vorsitzender der PL, und Kandidat für die Wahl des
Staatspräsidenten Marian Lupu, Vorsitzender der DPM. Die
wesentlichen Ziele der Allianz wurden die Wiederherstel-
lung des Rechtsstaates, die Überwindung der sozialen und
wirtschaftlichen Krise, die Förderung von Dezentralisierung
und lokaler Autonomie, die Lösung des Transnistrien-Kon-
fliktes und die Europäische Integration.

Das Wahlergebnis löste das Dilemma der notwendigen


Mehrheit für die Präsidentenwahl jedoch erneut nicht. Für
die Wahl benötigte die Allianz acht Stimmen von der PCRM,
die sie bei keinem der Wahlgänge erreichte.

8 | Vgl. dazu insbes. Hans Martin Sieg, „Machtwechsel in der


Krise‟, KAS-Länderbericht, 07.10.2009, http://kas.de/
rumaenien/de/publications/17774 [21.12.2010].
110 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Verfassungsdiskussion und gescheitertes


Referendum

Im Anschluss an diese Wahl begann eine Diskussion um


eine notwendige Verfassungsänderung mit Lösungsvor­
schlägen, die von der Änderung des Modus zur Wahl
des Staatspräsidenten im Parlament über die Einführung
einer Direktwahl des Präsidenten bis hin zu einer umfas-
senden Verfassungsreform reichten.9 Die PCRM reichte
im März einen Antrag auf Verfassungsänderung ein, der
an der Parlamentswahl des Präsidenten festhält, aber
das Quorum in einem dritten Wahlgang auf die absolute
Mehrheit senken würde. Die PCRM hatte sich
Innerhalb der Allianz für die Europä­ damit geschickt den einfachsten und zugleich
ische Integration war es besonders die naheliegendsten Reformvorschlag zu eigen
Demokratische Partei, die eine Direkt-
wahl des Präsidenten befürwortete. gemacht. Die Regierungskoalition tat sich
aber schwer, den Vorschlag des politischen
Gegners aufzugreifen, zumal die Zuverlässigkeit der
Kommunisten bei der Abstimmung im Parlament bezwei-
felt wurde.

Innerhalb der AIE war es besonders die sozialdemokra-


tisch orientierte Demokratische Partei (PDM), die eine
Direktwahl des Präsidenten befürwortete. Ihr Vorsitzender
Marian Lupu, der bereits im Dezember Präsidentschafts-
kandidat der Koalition war, hätte aufgrund seiner Popu-
larität keine schlechte Ausgangsposition bei einer unmit-
telbaren Wahl des Staatsoberhauptes gehabt. Bereits
die Aussicht auf eine Direktwahl des Präsidenten und ein
damit politisch aufgewertetes Amt weckte das Interesse
der Koalitionspartner, selbst zu kandidieren – auch das des
Premierministers. Das in der Regierungskoalition ohnehin
angespannte Arbeitsklima verschlechterte sich aufgrund
dieses sich anbahnenden Konkurrenzkampfes weiter.

Die Koalition entschied sich letztendlich trotz dieser Risiken


für die Durchführung eines Referendums mit dem Ziel, die
Direktwahl des Staatspräsidenten einzuführen. Im auf den
5. September 2010 datierten Referendum sprachen sich
tatsächlich über 90 Prozent der Wähler für die Änderung
der Verfassung aus. Dennoch scheiterte das Referendum,

9 | Vgl. dazu Hans Martin Sieg, „Die Republik Moldau in der


Verfassungskrise‟, KAS-Länderbericht, 23.04.2010,
http://kas.de/moldawien/de/publications/19419 [21.12.2010].
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 111

weil das Quorum von einem Drittel der Wahlberechtigten


knapp nicht erreicht wurde. Die Kommunistische Partei
hatte im Vorfeld des Referendums zum
Boykott aufgerufen und konnte ihre Wähler Im Anschluss an das gescheiterte
damit offensichtlich überzeugen: Exit-Polls in Referendum löste der Staatspräsident
das Parlament auf und legte Neuwah-
Chișinău wiesen darauf hin, dass vor allem len für November 2010 fest – die drit-
Anhänger der Kommunisten dem Referen­dum ten Parlamentswahlen seit April 2009.
fernblieben. Aufgrund des Scheiterns löste
der amtierende Staatspräsident das Parlament auf und
legte Neuwahlen für den 28. November 2010 fest  – die
dritten Parlamentswahlen seit April 2009.

Richtungswahl 2010

Die Ausgangsbedingungen der Regierungskoalition für


die Parlamentswahlen waren durchwachsen. In einer vom
Institut für Öffentliche Politik in Auftrag gegebenen, im
Oktober und November 2010 durchgeführten Meinungs-
umfrage gaben über 60 Prozent der Befragten an, dass
sie glauben, das Land befinde sich auf einem schlechten
Weg. Nur 24 Prozent fanden den Weg gut.10 Der Grad der
Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Arbeit der politi-
schen Führung des Landes ergab alarmierend schlechte
Ergebnisse. So waren fast 74 Prozent der Befragten mit
der Gesundheitsversorgung nicht zufrieden, 85 Prozent
nicht mit der Entwicklung der Arbeitsangebote, 78 Prozent
nicht mit der Rentenentwicklung, 80 Prozent nicht mit
der Korruptionsbekämpfung und 85 Prozent nicht mit den
Gehältern.11 Die Arbeit der Regierung unter Premiermi-
nister Vlad Filat bezeichneten drei Prozent der Befragten
als sehr gut, 20 Prozent als ziemlich gut, 35 Prozent als
weder gut noch schlecht, 20 Prozent als schlecht und zehn
Prozent als sehr schlecht.

In der Tat war die Regierungsbilanz der AIE durchwachsen.


Allerdings waren die Ausgangsbedingungen für eine erfolg-
reiche Regierungsführung sehr ungünstig. Premier Filat
hatte von den Kommunisten eine im freien Fall befindliche­
Wirtschaft mit einem negativen Wachstum von -6,5 Prozent

10 | Vgl. Institutul Politici Publice (Hrsg.), Barometrul Opinie


Publice (Chișinău: November 2010).
11 | Angaben für ‚überhaupt nicht zufrieden‛ und ‚nicht sehr
zufrieden‛ wurden zusammengefasst. Weitere Antwortmög-
lichkeiten waren ‚ziemlich zufrieden‛ und ‚sehr zufrieden‛.
112 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

geerbt. Die staatlichen Institutionen waren personell­


aufgebläht und von mäßig ausgebildeten, schlecht bezahl-
ten und teilweise reformresistenten Mitarbeitern besetzt.12
Der internationale Kontext der Regierungsübernahme war
von der Wirtschaftskrise der EU-Staaten und ein um stär-
keren Einfluss in der Region bemühtes Russland geprägt.
Die nach den gescheiterten Versuchen der Wahl des
Staatspräsidenten im Parlament drohenden Neuwahlen
erschwerten zudem eine auf mittel- und langfristige Wir-
kungen ausgerichtete Regierungsarbeit. Dennoch konnte
die Regierung einige beachtliche Erfolge erzielen, zu denen
die Wiederaufnahme der Gespräche mit dem Internatio-
nalen Währungsfonds sowie intensive und erfolgreiche
Verhandlungen mit der EU hinsichtlich der weiteren Heran-
führung des Landes an Europa und finanzielle Unterstüt-
zung zählten. Die Wirtschaft konnte stabilisiert werden,
dass Haushaltsdefizit wurde von 6,8 Prozent im Jahr 2009
auf voraussichtlich vier bis 4,5 Prozent im
Die Regierungskoalition zeigte von Jahr 2010 zurückgeführt. Keine oder nicht
Beginn an Züge eines Zweckbündnisses ausreichende Fortschritte wurden jedoch bei
mit wenig gemeinsamen politischen
Zielen und unzureichenden Instrumen- den notwendigen Reformvorhaben im Justiz-
ten der koalitionsinternen Abstimmung. wesen, der Öffentlichen Verwaltung und bei
der Sicherung des wirtschaftlichen Wettbe-
werbs erzielt.13 Zudem zeigte die Regierungskoalition von
Beginn an Züge eines Zweckbündnisses mit einem über-
schaubaren Maß an gemeinsamen politischen Zielen und
nicht ausreichenden Instrumenten der koalitionsinternen
Abstimmung.

Vielleicht auch angesichts der unsicheren Aussichten für


einen Wahlerfolg entschloss sich die Regierungskoa-
lition im Juni zu Änderungen des Wahlrechts, die einige
Vorteile für kleinere Parteien brachten und somit grund-
sätzlich im Verdacht standen, gegen die PCRM gerichtet
zu sein. Dazu zählte die Reduzierung der Wahlhürde für
Parteien von sechs auf vier Prozent und die Veränderung
der Aufteilung der Stimmen für Parteien und Bündnisse,
die die Wahlhürde nicht überspringen konnten. Diese
Verteilung wurde vorher proportional durchgeführt, was

12 | Vgl. Expert Grup, Moldova Economic Growth Analysis


(Analiza Creșterii Economice in Moldova), Dezember 2010,
http://expert-grup.org/?en [21.12.2010].
13 | Vgl. dazu Igor Boţan: „Anul politic 2010‟ (Political year 2010),
31.12.2010, in: http://http://e-democracy.md/en/monitoring/
politics/comments/political-year-2010 [03.01.2011].
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 113

die stärkeren Parteien begünstigte, und erfolgte bei den


Wahlen vom Juli erstmals als gleiche Verteilung unter den
ins Parlament einziehenden Parteien. Die Formierung von
Wahlbündnissen wurde wieder zugelassen und das Verbot
der Kandidatur von Personen mit mehrfacher Staatsange-
hörigkeit aufgehoben.

Zu den Wahlen im November 2010 traten 20 Parteien und


20 unabhängige Kandidaten an. Am Wahlabend deuteten
die Prognosen zunächst auf einen großen Erfolg der Allianz
für die Europäische Integration hin. Zwei Umfrageinstitute
hatten sie als deutlichen Wahlsieger vorhergesagt. Eines
der beiden Institute (IRES) sah die Liberaldemokratische
Partei von Premierminister Filat sogar mit einem Vorsprung
von fast neun Prozent als stärkste Partei vor den Kommu-
nisten. Wie sich dann schon bei den Hochrechnungen
andeutete, wichen diese Prognosen allerdings um bis zu 16
Prozent von Zahlen ab, die die Wahlbehörde als amtliche
Ergebnisse am nächsten Tag veröffentlichte.

Nach dem amtlichen Endergebnis wurde die Kommunis-


tische Partei (PCRM) mit 39,3 Prozent der Stimmen und
42 Mandaten erneut stärkste Kraft. Die Liberaldemokraten
verbesserten ihr Ergebnis mit 29,4 Prozent der Stimmen
und 32 Mandaten deutlich und wurden zweitstärkste Frak-
tion, die Demokratische Partei (Sozialdemokraten) erhielt
12,7 Prozent und 15 Mandate und die Libe-
rale Partei zehn Prozent und zwölf Mandate. Enttäuschend war das Ergebnis der
Die Allianz Unsere Moldau, bisher Mitglied in Christdemokratischen Volkspartei, die
mit 0,5 Prozent einen weiteren Tief-
der Allianz für die Europäische Integration, punkt in der Wählergunst hinnehmen
schaffte mit nur zwei Prozent der Stimmen musste.
nicht mehr den Einzug ins Parlament. Enttäu-
schend war das Ergebnis der Christdemokratischen Volks-
partei PPCD, die mit nur 9.054 Stimmen und 0,5 Prozent
einen weiteren Tiefpunkt in der Wählergunst hinnehmen
musste.

Die AIE, deren Fortbestehen allerdings fraglich war,


verfehlte mit 59 Sitzen nur knapp die für die Wahl des
Staatspräsidenten notwendigen 61 Sitze.
114 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Abb. 1
Entwicklung der Mandatszahlen

60 42 32 12 15 0 48 18 15 13 7 60 15 15 0 11

11/2010 7/2009 4/2009


50

40

30

20

10

0
PCRM
PLDM
PL
PDM
AMN

PCRM
PLDM
PL
PDM
AMN

PCRM
PLDM
PL
PDM
AMN
Quelle: Alegeri parlamentare în Republica Moldovaen, Asociaţia
pentru Democraţie Participativă (ADEPT), http://e-democracy.md/
elections/parliamentary [03.01.2011].

Der Vergleich mit den beiden Wahlergebnisse des Jahres


2009 zeigt den stetigen Abwärtstrend der Kommunisti-
schen Partei (PCRM) von 60 Mandaten im April 2009 auf
42 bei den jetzigen Wahlen. Auffällig ist ebenso die stetige
Zunahme von Mandaten der Liberaldemokraten (PLDM),
die inzwischen von der Europäischen Volkspartei unter-
stützt wird. Von 15 Mandaten im April 2009 verbesserte
sie sich auf nunmehr 32.

Schwierige Koalitionsbildung und weiterhin


unsichere Regierungsperspektive

Die Koalitionsbildung war nach den Wahlen zunächst offen.


Möglich war eine Fortsetzung der AIE mit einer Regierungs-
bildung aus PLDM, PDM und PL. Allerdings war fraglich, ob
es für eine solche Koalition eine ausreichende Vertrauens-
basis insbesondere zwischen dem PLDM-Vorsitzenden Filat
und dem PDM-Vorsitzenden Lupu gab.

Möglich wäre auch eine Koalition von Demokratischer Partei


und Kommunistischer Partei gewesen, die gemeinsam eine
für die Regierungsbildung ausreichende Mehrheit gehabt
hätten. Für die Bildung einer solchen Koalition sprach, dass
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 115

Lupu bis zum Jahr 2009 Mitglied der PCRM war, also keine
Berührungsängste mit den Kommunisten hatte. Die PCRM
hatte Lupu überdies in Verhandlungen die Position des
Staatspräsidenten und seiner Partei die Position des Minis-
terpräsidenten angeboten. Eine Koalition zwischen PDM und
PCRM hätte zudem sehr im Interesse Russlands gelegen. Als
Ausdruck dieses Interesses entsandte Russland den Leiter
des Präsidialamts, Serghei Nariskin, und bot als Anreiz
für eine PDM-PCMR-Koalition unter anderem reduzierte
Gaspreise, den ungehinderten Export moldauischer Weine
und Agrarprodukte nach Russland und sogar Lösungs-
vorschläge für den Transnistrien-Konflikt an.14

Auch die Europäische Union zeigte während der Koaliti-


onsverhandlungen Präsenz. EU-Parlamentspräsident Jerzy
Buzek reiste eigens nach Chișinău und machte damit auch
das Interesse der EU an der Koalitionsbil-
dung und an guten Beziehungen zwischen Der Besuch von Werner Hoyer, Staats-
der EU und der Republik Moldau deutlich. minister im Auswärtigen Amt, inmitten
der Koalitionsgespräche wurde als Aus-
Auch die deutsche Bundesregierung wurde, druck großen Interesses an einer pro-
wie schon mehrfach im Jahr 2010, aktiv und europäischen Koalitionsbildung verstan-
den.
entsandte Werner Hoyer, den Staatsminister
im Auswärtigen Amt, inmitten der Koalitionsgespräche
nach Chișinău, was dort als deutlicher Ausdruck eines
deutschen Interesses an einer proeuropäischen Koalitions-
bildung verstanden wurde.15

Beide Koalitionen hätten aber nicht die für die Wahl des
Staatspräsidenten notwendige Stimmenzahl im Parlament.
Diese Mehrheit wäre nur durch eine Koalition von Kommu-
nisten mit den Liberaldemokraten entstanden, die aber
wenig wahrscheinlich war und von Premier Filat schnell
ausgeschlossen wurde. Theoretisch möglich, aber demo-
kratisch zweifelhaft wäre zudem eine Allparteienkoalition
gewesen, die dann ohne Opposition regiert hätte.

14 | Vgl. „Republica Moldova: Moscova promite ieftinirea gazelor,


daca PD face alianta cu PCRM‟, HotNews.ro, 11.12.2010, in:
http://hotnews.ro/stiri-international-8119587-republica-
moldova-moscova-promite-ieftinirea-gazelor-daca-face-
alianta-pcrm [23.12.2010].
15 | Vgl. u.a. „Germania manifestă un interes real pentru Repu-
blica Moldova‟, 22.12.2010, Mediafax, in: http:// arena.md/
?go=news&n=2294 [23.12.2010].
116 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Nach einem Monat mühsamer Koalitionsverhandlungen


einigten sich PLDM, PDM und PL schließlich doch noch auf
eine Fortsetzung der Allianz für die Europäische Integra-
tion. Die Demokratische Partei hatte bis zum Abschluss des
Koalitionsabkommens auch mit den Kommunisten verhan-
delt und ihre zur Mehrheitsbildung wesentliche Verhand-
lungsposition leidlich ausgenutzt.

Am 30. Dezember 2010 wurde Marian Lupu mit den


Stimmen der Allianz zum Parlamentspräsidenten gewählt
und übernahm damit auch vorübergehend die Funktion
des Staatspräsidenten. Nach Interims-Präsident Ghimpu
(bis 28. Dezember 2010) und Interimspräsident Vlat Filat,
der als Premierminister das höchste Staatsamt übernahm,
nachdem das Mandat von Ghimpu am 28. Dezember abge-
laufen war, wurde Lupu der dritte Übergangspräsident
innerhalb von drei Tagen. In dieser Funktion
Die Zusammensetzung des Kabinetts beauftragte er Vlad Filat mit der Bildung eines
zeigt die dominierende Stellung der Kabinetts und der Erarbeitung eines Regie-
Liberaldemokratischen Partei, die den
Premierminister und sieben weitere rungsprogramms, über das am 14. Januar
Minister stellt. 2011 im Parlament abgestimmt wurde.

Die Zusammensetzung des Kabinetts zeigt die domi-


nierende Stellung der Liberaldemokratischen Partei, die
neben dem Premierminister sieben weitere Minister stellt,
darunter die Minister für Inneres, den Außenminister, den
Finanzminister, den Justizminister sowie den Bildungsmi-
nister. Jeweils fünf Ministerposten (einschließlich Vizepre-
mier) gehen an die Koalitionspartner. Gemäß der getrof-
fenen Absprache zwischen den Koalitionspartnern soll der
Vorsitzende der Demokratischen Partei, Marian Lupu, zum
Staatspräsidenten gewählt werden. Er soll dann in seinem
Amt als Parlamentspräsident durch den Vorsitzenden der
Liberalen Partei, Mihai Ghimpu, ersetzt werden.

Ob diese Koalition wetterfest ist und damit eine Aussicht


auf ein Ende der politischen Krise des Landes erreicht
wurde, ist ungewiss. Das Gelingen der Neuauflage der
AIE wird nur dann möglich sein, wenn dieses – anders als
bisher – von allen Koalitionspartnern mit politischem Willen
und Geschick als prioritäres Ziel verfolgt wird. Im geopoli­
tischen, politischen und wirtschaftlichen Kontext des
Landes mangelt es jedenfalls nicht an Herausforderungen,
die ein schnelles Ende der Koalition bewirken könnten.
2|2011 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 117

Für die Wahl des Staatspräsidenten im Parlament, deren


Scheitern zu erneuten Parlamentswahlen führen würde,
fehlt der Koalition die Mehrheit. Für eine erfolgreiche Wahl
des Präsidenten bieten sich drei Szenarien an:

1. Es gelingt der AIE, zwei Abgeordnete der Kommunisti­


schen Partei zu überzeugen, für Marian Lupu zu stimmen,
den Kandidaten der AIE.
2. Die AIE einigt sich mit der PCRM auf die Wahl Lupus
als Staatspräsident, macht dazu Zugeständnisse an die
Kommunisten oder baut auf der begründeten Sorge der
PCRM auf, bei vorgezogenen Wahlen eher noch mehr
Abgeordnete zu verlieren.
3. Die Koalition umgeht die Wahl des Staatspräsidenten im
Parlament durch einen erneuten Vorstoß zur Änderung
des Wahlmodus.

Nach den bisherigen Erfahrungen mit den Wahlversuchen


in den vergangenen Jahren ist von Prognosen hinsichtlich
des weiteren Verlaufs der Präsidentenwahl abzuraten.

Einen weiteren Risikofaktor bilden die im Die vor den Parlamentswahlen vom
Sommer anstehenden Kommunalwahlen, die November erkennbare Verschlechte-
rung des Arbeitsklimas in der Koali-
ohne Zweifel ein Stressfaktor für den Zusam- tion lässt auch für die Kommunalwahl
menhalt der Koalition sein werden. Die vor nichts Gutes erwarten.
den Parlamentswahlen vom November 2010
erkennbare, deutliche Verschlechterung des Arbeitsklimas
in der Koalition – es ging neben der Parlamentswahl auch
um die Positionierung für eine mögliche Direktwahl des
Staatspräsidenten nach dem Referendum – lässt auch
für die Kommunalwahl und hier insbesondere für den
Wahlkampf um die wichtige Position des Bürgermeisters
der Hauptstadt Chișinău nichts Gutes erwarten. Schon
jetzt haben alle drei Koalitionspartner angekündigt, einen
eigenen Kandidaten aufstellen zu wollen.

Nicht zuletzt könnten auch wirtschaftliche Interessen poli-


tischer Akteure einen Stressfaktor für die Koalition bilden.
Im neuen Parlament sitzt eine auffällig große Zahl von
Unternehmern, die ihre beruflichen Erfahrungen hoffentlich
einsetzen werden, um auf eine Verbesserung der Rahmen-
bedingungen für unternehmerisches Handeln hinzuwirken.
118 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 2|2011

Allerdings gibt es auch Befürchtungen, dass einige Unter-


nehmer aus handfesten persönlichen ­Wirtschaftsinteressen
in die Politik eingestiegen sind und es damit auch zu privat-
wirtschaftlichen Interessenkonflikten innerhalb der Koali-
tion kommen könnte.

Alle diese Risiken lassen befürchten, dass die politische


Krise des Landes noch nicht überwunden ist. Die westli-
chen Partner des Landes wären daher gut beraten, die poli-
tische Entwicklung weiter genau zu beobachten und weiter
im Sinne der Förderung von Demokratie und einer guten
Regierungsführung darauf hinzuwirken, dass die jetzige
Regierung für ein volles Mandat von vier Jahren im Amt
sein wird.
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