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zeit.de

Michel Foucault: Bebende


Glückseligkeit
Von Iris Radisch

9-11 Minuten

Die Frage, ob Michel Foucault Ende der Sechzigerjahre im


schönen Sidi Bou Saïd nicht nur an der Archäologie des Wissens
geschrieben hat und mit seinem weißen 404 Cabriolet ins nahe
Tunis in die philosophische Fakultät am Boulevard du 9 Avril 1938
zur Arbeit gefahren ist, sondern auch neun- oder zehnjährige
Jungen sexuell missbraucht hat, wird sich nicht mehr mit letzter
Sicherheit klären lassen. Der französische Essayist und
Unternehmer Guy Sorman, der diesen Verdacht vor Kurzem
öffentlich machte, hat den weltberühmten Philosophen selbst nicht
auf frischer pädokrimineller Tat ertappt (ZEIT Nr. 15/21). Der
mutmaßliche Täter starb 1984 an Aids, weitere Zeugen scheint es
nicht zu geben, auch wenn eine Reporterin der Zeitschrift Jeune
Afrique in Sidi Bou Saïd inzwischen in Erfahrung gebracht haben
will, dass die Kinder, mit denen Michel Foucault vor einem halben
Jahrhundert "in den Büschen unterhalb des Leuchtturms nahe
dem Friedhof" sexuell verkehrte, in Wahrheit "junge Epheben" im
besten Mannesalter von 17 und 18 Jahren gewesen sein sollen.

Nun scheinen alle erleichtert zu sein. Dass der 43-jährige


homosexuelle Universitätsprofessor damals in Tunesien

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möglicherweise doch nicht neunjährige, sondern


dankenswerterweise 17-jährige arabische Epheben für Sex
bezahlt hat, mag ihm hoch angerechnet werden. Und auch der
Umstand, dass das Alter des Jünglings nicht bekannt ist,
dessentwegen Michel Foucault sich auf der "Vergnügungsreise"
(so das Wording der überaus diskreten Barthes-Biografin Tiphaine
Samoyault) im Jahr 1963 nach Marrakesch und Tanger mit seinem
Reisegefährten Roland Barthes zerstritten haben soll, spricht im
Zweifel für den Angeklagten. Die überfällige Debatte über die
jahrzehntelang tolerierte bis bewunderte und bevorzugt in den
ehemaligen Kolonien ausgelebte Pädophilie Pariser
Starintellektueller wird sich mit solchen Beschwichtigungen jedoch
kaum beenden lassen.

Die scheinbar unwiderstehliche Anziehungskraft des ikonischen


Sextourismus für Pariser Literaten an den sonnenbeschienenen
Küsten des Mittelmeers bestand offensichtlich darin, dass er zwei
der charmantesten Freiheitsideologien des vergangenen
Jahrhunderts auf sich vereinigen konnte: das Verlangen nach
einer von christlicher und kleinfamiliärer Normierung befreiten
Sexualität und den Traum vom besseren, intensiveren Leben im
hellen mediterranen Licht und unter den Sternen des Südens. So
war es möglicherweise kein Zufall, dass sich mehrheitlich die zur
"Toskana-Fraktion" zählende Linke Nordeuropas in den Siebziger-
und Achtzigerjahren für eine Herabsetzung der Schutzgrenze beim
Sex mit Minderjährigen engagierte.

Im Jahr 1977 veröffentlichte Le Monde eine von 69 Pariser


Intellektuellen unterzeichnete Petition, die darauf abzielte, dass die
"Zustimmung" eines Kindes zum Sex mit einem Erwachsenen für
dessen Straffreiheit hinreichen müsse. Es unterzeichneten die in

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der Erforschung kindlichen Seelenlebens besonders


ausgewiesenen Herren Jean-Paul Sartre, Roland Barthes, Jack
Lang, Patrice Chéreau, André Glucksmann, Bernard Kouchner,
Michel Leiris, Jean-François Lyotard und Gilles Deleuze. Die
Petition, die Pädophilie als eine normale, doch bedauerlicherweise
durch die christliche Sittengeschichte in Verruf geratene sexuelle
Praxis weichzeichnete, stammte aus der Feder des unlängst in die
Schlagzeilen geratenen Romanciers Gabriel Matzneff – ein sich in
zahllosen autobiografischen Romanen sündenstolz zur Pädophilie
bekennender Autor, der von der französischen Kritik bis zuletzt als
grandioser "Stilist", "Verführer", "Don Juan", "Libertin" und "Prince
des lettres" (Bernard-Henri Lévy im Jahr 2018) umschmeichelt und
mit den höchsten Literaturpreisen bedacht wurde. "Mit einem Kind
zu schlafen", schalmeite der Gefeierte, bevor ihn eines seiner
Opfer jüngst anklagte, "ist eine hierophanische Erfahrung, ein
Tauffest, ein heiliges Abenteuer."

Michel Foucault fehlte zwar auf der Unterschriftenliste des


sprachgewaltigen Monsieur Matzneff. Doch zeigen zahlreiche
Äußerungen aus den Siebzigerjahren, dass seine
Empathiefähigkeit für die missbrauchten Kinder nicht subtiler
ausgebildet war als die der routinierten Pariser Petitionisten. Man
könne einem Kind zutrauen, "selbst zu entscheiden, ob ihm
Gewalt angetan wurde oder nicht", sagte er im Jahr 1978 in einem
Radiogespräch mit dem Autor Guy Hocquenghem. Eine gesetzlich
fixierte Altersgrenze habe deswegen wenig Sinn. Überdies könne
ein Verbot der Pädophilie stufenweise ein Verbot der
Homosexualität nach sich ziehen.

Mit der suggestiven Zusammenführung von Pädophilie und


Homosexualität kehrte Foucault an die griechischen Quellen der

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Verklärung der Pädophilie und ihrer spektakulären Neuauflage


durch André Gide zurück, der in seiner Verteidigung der
Päderastie, die er unter dem Titel Corydan veröffentlichte,
Homosexualität und Knabenliebe gleichsetzte – ohne einen
Gedanken an das Leid der Jungen zu verschwenden, mit denen er
auf seinen nordafrikanischen Reisen rauschhafte Nächte
verbrachte, in denen die bestürzende Schönheit des besetzten
Landes und die Zartheit der gekauften kindlichen Körper in
"bebender Glückseligkeit" verschmolzen. "Welchen Namen",
seufzte er in seiner Autobiografie Stirb und werde, "soll ich dem
Entzücken geben, mit dem ich diesen vollendeten, wilden,
lasziven, dunklen kleinen Körper in meine Arme schloß?"

Gide war nicht der erste, aber der einflussreichste Literat, der
Eros, Prostitution und mediterrane Geopoesie zu einer literarisch
veredelten Gesamtausgabe kolonialer Fantasien über Nordafrika
zusammenfasste. Die Zeugnisse einer theologischen Überhöhung
der Prostitution zu einem überirdischen Erlösungsgeschehen, das
den gebildeten Freier von den moralischen Zwängen seiner
Herkunftsreligion entbindet und ihm die Wonnen antiker
Glückseligkeit zuteilwerden lässt, reichen von Gide über Georges
Bataille, Jean Genet bis zu Pier Paolo Pasolini. Sextouristische
Folklore gibt es aber auch in der heterosexuellen Variante, etwa
bei Michel Leiris, der in seinen autobiografischen Schriften immer
wieder auf seine nordafrikanischen Liebesnächte mit der jungen
Prostituierten Khadidja ("lange dünne Beine, ausschweifende
Hüften") zurückkommt, die dem Pariser Museumsmitarbeiter in der
Rolle des "gefallenen und noch nicht völlig gebändigten Engels" zu
Diensten war – für Leiris der langbeinige Beweis, dass es in der
öden Angestelltenkultur seiner Tage noch eine "Entsprechung für

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das gibt, was in der antiken Welt die sakrale Prostitution gewesen
sein muss". Der um prätentiöse Floskeln selten verlegene Pariser
Literaturbetrieb bescheinigte solchen ins Religiöse aufgeblasenen
Männerfantasien bereitwillig "mythische Größe".

Der koloniale Hintergrund solcher im Bordell gewonnenen


Einblicke ins Heilige, die auch Foucault begeisterten, weil sie "das
Nachdenken über Gott und das Nachdenken über die Sexualität
zu einer gemeinsamen Form verbinden", wurde diskret
übergangen. Das gilt auch für die französische Umdeutung der
nordafrikanischen Kolonien zu einer Wellnesszone des
sonnigeren, authentischeren Lebens, die zu Beginn des 20.
Jahrhunderts von jungen intellektuellen Algerienfranzosen unter
dem Schlagwort Mittelmeerkultur propagiert wurde. Sie bezog sich
vage auf die Großraumideologie von einem lateinischen Imperium,
galt den Kolonistensöhnen aber vor allem als Königsweg aus der
Sackgasse des ihrer Ansicht nach zu Tode verwalteten Zweckbaus
Europa. Um zu beweisen, dass das Leben an den nach Lavendel
und Thymian duftenden Mittelmeerküsten ungleich lebenswerter
war als im nach Bürostaub und Geldgier müffelnden Norden,
schrieb man den Arabern ungefragt die Rolle der edlen Wilden auf
den bewunderten Leib. Für Albert Camus, den bedeutendsten
Verkünder der französischen Mittelmeer-Utopie, waren die Völker
Nordafrikas, was die alten Griechen für die deutschen Studienräte
waren: naturschöne Vertreter einer ehrgeizlosen, heidnischen
Daseinsfreude, in der er den wahren Sinn des Lebens vermutete.
Die französischen Mittelmeerkolonien besang er als
geschichtsferne "Länder der Unschuld", in denen seit Urzeiten
einzig der Wind, der Sand und das Meer den Takt schlagen.

Vieles davon ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Doch

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wird man sich Michel Foucault in den Büschen unterhalb des


Leuchtturms von Sidi Bou Saïd nicht mehr vorstellen können, ohne
an die ungeheuere erotische und koloniale Verklärungsbereitschaft
der besten und berühmtesten französischen Literaten des
vergangenen Jahrhunderts zu denken.

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