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Überblick über die Grundlagen der

Juristischen HERMENEUTIK

zusammengestellt von
DDr. Christian Stadler
Institut für Rechtsphilosophie,
Religions- und Kulturrecht
Subjektive Hermeneutik: Nietzsche

■  Ausgang: Der Standpunkt / die Perspektive des Individuums


■  Die Perspektive, den Standpunkt des Anderen kann man nur
„erfahren“, aber nicht wirklich „verstehen“, da man stets dem je
eigenen Standpunkt verhaftet bleibt.

■  Jeder Erkenntnisakt ist immer schon auch ein Wertungsakt: man


kann überhaupt nicht „erkennen“ ohne schon „gewertet“ zu
haben! ERKENNEN / VERSTEHEN IST WERTEN!

■  Es gibt daher auch keine „absolute“ Wahrheit, wir sind uns aber
der „Relativität“ unserer Wahrheit nicht bewusst.„Welt“ ist
ebenfalls eine „Schöpfung“ unserer Interpretation und damit
unserer Wertungen.

■  Unsere Wertungen folgen letztlich aber unseren Nöten,


Bedürfnissen, Interessen - in deren Licht „erkennen“ wir!
Hermeneutik und Existenz: Heidegger I

■  Martin Heidegger (1889 – 1976): Sein und Zeit (1927)


■  Pragmatisch: Hermeneutik hat dem kompetenten Umgang
mit Menschen und Dingen zu dienen
■  Existenzial: Hermeneutik dient dem Verstehen des sich
ereignenden Lebensvollzugs – begriffen als „Ausdruck“
■  Ontologisch: Hermeneutik als menschliches Verstehen des
Daseins erschließt im Verstehen die Wirklichkeit des Ganzen,
das Sein selbst
■  „Faktische Lebenserfahrung“ stellt die Einheit von
erfahrendem Selbst (Subjekt) und erfahrenem Gehalt
(Objekt) dar. Hermeneutik erhellt jenen Sinn, der sich im
lebensweltlichen Vollzug ereignet, begriffen als symbolischer
Ausdruck von Handlungszusammenhängen.
Hermeneutik und Existenz: Heidegger II

■  Faktische Lebenserfahrung findet im Rahmen von


konkreten sinnstiftenden Zusammenhängen, wie
Wahrnehmungen, Gedanken oder Handlungen statt.
■  Diese Momente des konkreten Wirklichkeitszugangs sind
immer von einem „Hof impliziter Welterschließung“
umgeben, den man im Vollzug des Lebens selbst setzt!
■  In-der-Welt-Sein bedeutet für Heidegger, alles Wirkliche in
einem Horizont von Seinsmöglichkeiten zu deuten.
■  In dieser Horizontalität liegt die prinzipielle
Interpretativität des Lebens begründet, da es immer
darum geht, diesen Bedeutungshof, diesen Sinnhorizont
zu entfalten, zu entdecken, zu erhellen.
Ästhetische Hermeneutik: Gadamer

■  Hans-Georg Gadamer (1900-2002): Wahrheit und Methode


(1960

■  Gadamer schließt an Heidegger an, aber nur insofern, als er


dessen Motiv des Horizonts prinzipiell aufgreift.

■  Im Unterschied zu Heidegger jedoch gibt es für Gadamer


keine Möglichkeit, der sinnstiftenden Horizontsetzung zu
entgehen. Man ist – durch Tradition – bereits unverfügbar in
diesem Sinnhorizont – sei es aufgehoben, sei es gefangen.

■  Der sinnstiftende Horizont ist somit prinzipiell


unhintergehbar! Vernunft, die Wirklichkeit erfassen will, ist
somit notwendig kontextualisierend – im Gegensatz einer
naiv-rationalistischen (einseitig-ideologischen; vgl. Hegel)
Aufklärung universalistischer Erklärungsmodelle.
Objektive Hermeneutik: Dilthey I

■  Wilhelm Dilthey (1833 – 1911): Die Entstehung der


Hermeneutik (1900)
■  Prägendes Motiv: Methodischer Schutz der kulturell-
geistigen Welt des Menschen vor den „Übergriffen“ (Jung)
einer naturwissenschaftlichen Einheitsmethodologie der
Naturwissenschaften im Anschluss an Droysen.

■  „Welt“ wird nicht durch kausale Analysen äußerlicher


Ursachen, sondern durch hermeneutische Kategorien
sinnstiftend-innerer Gründe erschlossen (Projekt einer
„Kritik der historischen Vernunft“)

■  Zentral: Die Tatsachen des Bewusstseins in ihrer Ganzheit


(gewusst und gefühlt = erlebt): wirkliches Blut, nicht
verdünnter Saft von Vernunft als Denktätigkeit (=Kant)
Objektive Hermeneutik: Dilthey II

■  Im Zentrum des Verstehens steht für Dilthey daher das


Lebens des „ganzen Menschen“.

■  Das Leben besteht aus DENKEN, WOLLEN und FÜHLEN.


■  Mag durch das Denken auch Welt gesetzt sein, so wird erst
durch Wollen und Fühlen diese Welt individuiert zur
konkreten Lebenswelt, die es im Lichte von Denken,
Wollen und Fühlen zu deuten, zu verstehen gilt. Leben
artikuliert sich zur Lebenswelt (Kapitulation der Vernunft?)

■  „An jedem Punkt der Geschichte ist Leben. Und aus Leben
aller Art in den verschiedenen Verhältnissen besteht die
Geschichte. Geschichte ist nur das Leben, aufgefasst
unter dem Gesichtspunkt des Ganzen der Menschheit, das
einen [sinnstiftenden] Zusammenhang [= Tradition] bildet“
Juristische Hermeneutik: Betti I

■  Emilio BETTI (1890-1968). In der Zwischenkriegszeit in


Deutschland als Rechtsprofessor tätig. Hat dort die Lehre
Diltheys studiert. Sein Ansatz: Objektive Hermeneutik mit
dem Versuch, den Willen des Normsetzers und seine
Erforschung zum Gegenstand der juristischen
Hermeneutik zu machen.

■  Hermeneutik wird von Betti als methodische Grundlegung


eines “Wissenschaft des Geistes” angesehen, dabei auf
den Begriff des “Geistes” bei Hegel zurückgreifend:

„ Philosophie der Logik (Sein – Wesen – Begriff)

„ Philosophie der Natur (Mechanik – Physik – Organik)


„ Philosophie des Geistes (Sub G | Obj G | Abs Geist)
Juristische Hermeneutik: Betti II

„ Philosophie des Subjektiven Geistes

¬  Wissenschaft des Inner-Menschlichen:


Anthropologie – Phänomenologie - Psychologie

„ Philosophie des Objektiven Geistes

¬  Wissenschaft des Zwischen-Menschlichen:


Recht (Eigentum | Vertrag | Unrecht)
Moralität (Schuld | Verantwortung | Gute)
Sittlichkeit (Familien | Gesellschaft | Staat)

„ Philosophie des Absoluten Geistes

¬  Wissenschaft des Über-Menschlichen:


Kunst – Religion - Philosophie
Juristische Hermeneutik: Betti III

■  Kant hatte die Kategorien des Verstandes nur dazu


bestimmt, als wissenschaftliche Grundlegung der
Naturwissenschaften zu dienen (die metaphysische
Begründung für Newton).

■  Betti hat dies ergänzt um das Bemühen, die Kategorien


des Verstandes auch als wissenschaftliche Grundlage für
die Geisteswissenschaften anzusehen – und daher die
Hermeneutik “objektiviert”.

■  In Wahrheit hat er damit die hermeneutische Methode (die


eigentlich typisch für die Geisteswissenschaften ist) auch
auf die Naturwissenschaften ausgedehnt, in dem
Bemühen, die rein naturwissenschaftlich – empirisch –
quantitativen Verfahren (ebenso wie schon Dilthey) von
den Geisteswissenschaften fern zu halten.
Juristische Hermeneutik: Betti IV

■  Betti unterscheidet daher notwendig zwischen der


“Objektivität” der physikalischen Dinge (die Gegenstand
der Naturwissenschaft sind) und der “Objektivität” der
geistigen Dinge (die Gegenstand der Geisteswissenschaft
sind) – nämlich den “Werten”.

■  Dieses System “objektiver Werte” als geistige Parameter


sind im Akt der “Interpretation” notwendig in Betracht zu
ziehen, um die Sinnerfassung von Normen adäquat
vollziehen zu können.

■  Ohne Bezug auf diese “objektiven” Werte verfehlt


“Interpretation” ihren Auftrag, vom “Gesetz” zum “Recht”
fortzuschreiten – wie man Bettis Anliegen im Lichte
Hegels reformulieren könnte.