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Überblick über die Grundlagen der

Philosophischen HERMENEUTIK

zusammengestellt von
DDr. Christian Stadler
Institut für Rechtsphilosophie,
Religions- und Kulturrecht
Von Hermes, dem Götterboten ...
... zur philosophischen Hermeneutik
TEXTGRUNDLAGE:
HERMENEUTIK – der Begriffsursprung

■  Hermes ist der zehnte der zwölf Olympischen Götter


(Zeus, Poseidon, Hera, Demeter, Apollon, Artemis,
Athene, Ares, Aphrodite, Hephaistos, Dionysos)

■  Hermes, der Götterbote, ist der Gott der Diebe, des


Handels, der Reisenden, aber auch der Alchemie
(„hermetisch“)

■  In der Griechischen Mythologie nicht nur der Überbringer,


sondern auch der Übersetzer der Botschaften der Götter

■  Hermes ist besonders listig und schnell und es bedarf


großer Konzentration und Kenntnis, um ihn richtig zu
verstehen
Hermeneutik in der Antike I

■  Hermeneutik hatte ursprünglich die Aufgabe, die Sprache


der Götter zu erhellen, anders ausgedrückt: religiöse
Texte zu deuten, oftmals allererst zu entschlüsseln

■  Diese Kompetenz ist notwendigerweise in allen Kulturen


gegeben, die damit konfrontiert sind, mythische, religiöse
bzw. sogar „heilige“ Texte zu deuten: Judentum, Altindien,
Griechentum

■  Es geht vorerst darum, einen buchstäblichen Sinn von


einem allegorischen Sinn zu unterscheiden und beide
Sinndimensionen zu erhellen, aufzuklären, zu erschließen

■  Von Anfang an ging es dabei auch darum, normative


Texte, also „göttliche“ Befehle, nicht nur unmittelbar
mitzuteilen, sondern auch reflektierend zu erklären
Hermeneutik in der Antike II

■  Hermeneutik im Ursprung verstanden als Überlieferung


und Übersetzung göttlicher Worte und Befehle aus
verschlüsselter Sprache in verständliche Sprache

■  Hermeneutik im Anschluss an Homer (Ilias, Odyssee) und


Hesiod (Theogonie, Werke und Tage) wird verstanden als
allegorische Tiefendeutung kulturstiftender Texte (idS
auch Platon) – oftmals am „problematischen“ Literalsinn
vorbei zur allegorischen Tiefenaussage

■  Hermeneutik im Anschluss an Aristoteles (Organon, v.a.


Peri hermeneias) wird verstanden als allgemeine
sprachanalytische Zeichen- und Symboltheorie die in eine
Sprachlogik mündet
Hermeneutik in der Antike III (Platon)

■  Für Platon ist hermeneuein die „göttlich inspirierte, aber


unreflektierte Verkündungstätigkeit des Rhapsoden“ (R.
Kurt), des Rezitators der Dichterwerke:

■  „Denn es kann doch keiner ein Rhapsode sein, wenn er


nicht versteht, was der Dichter meint; da ja der Rhapsode
den Sinn des Dichters überbringen soll, und dies gehörig
zu verrichten, ohne einzusehen, was der Dichter meint, ist
unmöglich“ (Platon, Ion 530b/c)
■  Für den späten Platon (Epinomis) ist Hermeneutik
zusammen mit der Mantik die Technik der Erklärung des
Götterwillens – im Spannungsfeld von Mitteilung und
Gehorsamsforderung (Gadamer) – als Weg zur Wahrheit
galt die Hermeneutik bei Platon nicht (vgl. Philosophie)
Hermeneutik in der Antike IV (Philo&Origenes)

■  Hermeneutik im Anschluss an Philo von Alexandrien wird


verstanden als Allegorese (Allegorie+Exegese) biblischer
Texte, wobei der Geist und nicht der Buchstab zählt – im
Sinne der stoisch-neuplatonischen Geist-Materie –
Hierarchie

■  Origenes entwickelt diesen Dualismus weiter iS einer


platonischen 3-Ebenen-Theorie: Wörtlicher Sinne –
Seelischer Sinn – Geistiger Sinn, entsprechend den drei
Verständnis- und Verstehensebenen: einfaches Volk der
Gläubigen – Fortgeschrittene im Glauben – Kreis der im
Glauben Vollkommenen.
Apologetische Methode des typologischen Schemas: alt /
neu, Verheißung / Erfüllung, AB / NB, Abraham / Christus
Hermeneutik und Antike V: Augustinus

■  Der lateinische Augustinus verstand – im Gegensatz zu


den hellenistischen Allegorikern Philo und Origenes – die
Bibel nicht als prinzipiell dunkel und geheimnisvoll,
sondern als klar verständlich, wobei es jedoch immer
wieder „dunkle Stellen“ gäbe, die es zu erhellen gelte.

■  Augustinus betont daher im Lichte der behaupteten


Klarheit sowie der Möglichkeit der Erhellung dunkler
Stellen die sprachliche Dimension des Verstehens, die
Notwendigkeit soziokulturellen Hintergrundwissens und
das Prinzip einer Auslegung im Sinne des Wohlwollens –
also gemäß der Grundtendenz des jeweiligen Textganzen.

■  Die Reformation geht von ebendiesen Prinzipien aus – im


Zeichen der Freiheit des Christenmenschen – FREI SEIN
HEISST SELBST VERSTEHEN KÖNNEN!
Hermeneutik und Reformation: Flacius

■  Der Lutheraner Mathias Flacius (1520-1575) ist der Autor


des Schlüssels der Heiligen Schrift (1567).

■  Grundprinzip der Selbstentfaltung der Hl. Schrift ist die


angemessene Herangehensweise an den Text
(Augustinisches Wohlwollen):

„ Vergewisserung der Textabsicht (scopus), um den


einheitlich leitenden Gesichtspunkt zu erfassen
(vertikale Dimension)

„ Hermeneutischer Zirkel in Form der Relation: Ganzes


und Teile verstanden als horizontale Dimension von
Vernetzung sprachlicher Mannigfaltigkeit
Hermeneutik und Aufklärung: Dannhauer

■  Johann Konrad Dannhauer (1603-1666) hat – in


Abwendung theologischer Bibelauslegung – den Begriff
„hermeneutica“ geprägt für eine Universalwissenschaft
vom Verständnis der Welt (weg von der bloßen Auslegung
biblischer Texte).

■  Damit bezieht er sich auf Aristoteles und sein Organon,


v.a. die Peri Hermeneias, zurück und betont die
sprachliche Vermittlung jeglicher Welterkenntnis, die
daher immer auch ein Verstehensakt sei

■  Hauptwerk (1630): Die Idee des guten Interpreten, gemäß


dessen die Hermeneutik ein Teil der „Logik“ sei, also der
„wissenschaftlichen“ Verfahrensweisen.
Hermeneutik und Aufklärung: Chladenius

■  Johann Martin Chladenius (1710-1759) hat die erste


deutschsprachige Hermeneutik verfasst: Einleitung zur
richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften
(1742)

■  Kernthese: Der „Sehe-Punct“ (= scopus) wird von


Chladenius im Sinne eines hermeneutischen
Perspektivismus aufgefasst: das Verständnis einer
gewaltsamen politischen Verhaltensweise kann jeweils als
„Rebellion“ oder als „Freiheitskampf“ aufgefasst werden
(vgl. das zeitgenössische Terrorismus – Problem)

■  Ausschlaggebend für eine methodisch redliche (=


wissenschaftliche) Hermeneutik ist die (subjektive)
Bewusstheit und (inter-subjektive) Offenlegung dieses
„Sehe-Punctes“
Hermeneutik und Aufklärung: Meier

■  Georg Friedrich Meier (1718-1777); Hauptwerk: Versuch


einer allgemeinen Auslegungskunst (1757).
■  Im Sinne des aufklärungshermeneutischen
Grundanliegens, jeweils den „wahren Sinn“ des zu
Verstehenden zu ent-decken, fasst Meier die Hermeneutik
auf als universelle vernunftgeleitete Tätigkeit, die sich
(analytisch) allgemeinen Vernunftgrundsätzen verpflichtet
weiß (Zweifelsregel der „hermeneutischen Billigkeit“; vgl.
Leibniz‘ beste aller Welten & Monadologie)

■  Meier geht es darum, die (Setzungs?) Intention des Autors


auf rationalem, regelgeleitetem Wege zu ent-decken,
offenzulegen. Er geht dabei von einer wesentlichen
Zeichenhaftigkeit allen Seins bzw. Seienden aus (seien es
natürlich-göttliche oder willkürlich-menschliche Zeichen)
Kopernikanische Wende der Hermeneutik

■  Pietismus: August Hermann Francke (1663-1727): Wende


weg vom kühlen analytischen Regelkanon hin zur
emphatischen Einstimmung personal-emotionalen
Verstehens iS des Hineinversetzens ins geistige Subjekt.

■  Kritik: Immanuel Kant (1724-1804): Zerstörung des


aufklärerisch-rationalistischen Allerklärungsanspruchs
der Wirklichkeit durch Verstandeskategorien und -regeln.

■  Auftreten des „Geistes“ als Gegenstand des Verstehens –


im Gegensatz zum universalen Zeichenzusammenhang als
Gegenstand der Auslegung. Es geht jetzt um „psychische
und kulturelle Innenräume historisch gewordener
Verhältnisse“ (Jung), die Wende vom Auslegen hin zum
Verstehen (Szondi) wird vollzogen.
Hermeneutik und die Romantik: Ast

■  Friedrich Ast (1778 – 1841): Grundlinien der Grammatik,


Hermeneutik und Kritik (1808)
■  Der Schüler Schellings sieht im Geist als ursprünglicher
Einheit aller Dinge, in der Geistigkeit als ursprünglicher
Einheit und Gleichheit von allem, das „Gegengift“ zur in
sich zerrissenen modernen Gegenwartswelt der Vielen.
„Ohne Geist keine Hermeneutik“.

■  Methode: Hermeneutischer Zirkel: In dem jeweils


Einzelnen, Individuellen ist der Geist das Ganzen zu ent-
decken und im Lichte dieses ent-deckten geistigen
Ganzen dann der Sinn des jeweils Einzelnen, Individuellen
zu verstehen. Denn das Ganze kann ohne das Einzelne
und das Einzelne nicht ohne das Ganze gedacht (und
damit verstanden) werden.
Hermeneutik und Romantik: Schlegel

■  Friedrich Schlegel (1772 – 1829)


■  Er geht im Anschluss an Ast dann davon aus, dass das
(von Ast bereits methodisch „eingeführte“) Individuum als
philologisch-psychologisch zu fassender Autor von Sinn
zu verstehen ist.

■  Philologie ist dabei nicht einfach „Sprachlichkeit“ im


Sinne analytisch-formaler Zeichendeutung, sondern als
substantiell-wertender Rückbezug auf klassische
Maßstäbe, d.h. auf antike Idealität – etwa im Bereich der
Bildung – zu verstehen – allerdings nicht ohne das
Bewusstsein der Ironie des Bruches klassischer Idealität

■  Vgl. philologische Studienstruktur: Sprachwissenschaft


(analytisch) und Literaturwissenschaft (wertend).
Hermeneutik und Romantik: Schleichermacher I

■  Friedrich Schleiermacher (1768 – 1834): Hermeneutik und


Kritik (1838)
■  Er radikalisiert nochmals die „Subjektivität“ des
Verstehens insofern, als er – hinter Augustinus‘ Lehre von
den „dunklen Stelle“ zurückgehend – in (überraschend?)
hellenistischer Weise nichts mehr als unmittelbar
„verständlich“ und einsichtig begreift. Das methodische
Missverstehen (vgl. Descartes) wird zum Ausgangspunkt
der Hermeneutik. Jedes Verstehen muss aktiv geleistet
(gesetzt?) werden vom solcherart aktiv Verstehenden.

■  Dialektik von sprachlogischer Regel- und psychologischer


Einfühlungshermeneutik (Grammatik und Bedeutung). In
der Sprache drückt sich subjektive Autorenschaft aus.
Hermeneutik und Romantik: Schleiermacher II

■  Entwicklung des geschlossenen hermeneutischen Zirkels


von Ast hin zur – strukturell – offenen hermeneutischen
Spirale:
„ Bei Ast bleiben das Ganze und seine Teile
wechselseitig vertikal aufeinander verwiesen in
zirkulärer Geschlossenheit – man versteht oder auch
nicht.

„ Bei Schleiermacher führt eine sich zunehmend


horizontal verdichtende Anwendung des
hermeneutischen vertikalen Startzirkels zu einer
dynamischen hermeneutischen Spirale des immer
tiefer gehenden Verstehens aus dem geistig-
lebendigen Zusammenhang heraus (systemischer
Ansatz) – man versteht nicht „mehr“, aber „besser“.
Hermeneutik und Historismus: Boeckh

■  August Boeckh (1785-1867) war Professorenkollege von


Savigny in Berlin. Sein Hauptwerk: Enzyklopädie und
Methodologie der philologischen Wissenschaften (1877)
■  Auf ihn geht die klassische Verbindung von
Geisteswissenschaften und hermeneutischer Philologie
zurück. Klassische Philologie in hermeneutischer
Methode stellt das „Paradigma des Verstehens kultureller
Sinngestalten“ dar.

■  Im Lichte des hermeneutischen Zirkels bedeutet dies:


Hermeneutische Philologie bestehe nämlich im „Erkennen
des vom menschlichen Geist Producierten, d.h. des
Erkannten“ – dieses reproduktive Erkennen = „Verstehen“
Hermeneutik und Historismus: Droysen

■  Johann Gustav Droysen (1808 – 1884): Grundriss der


Historik (1868).
■  Kernthese: Die Begründung des historischen Denkens als
verstehende Geisteswissenschaft (Jung).

■  Menschliche Dinge sind geschichtlich, natürliche Dinge


sind gesetzmäßig.

■  Menschliche Dinge werden daher „verstanden“,


natürliche Dinge werden „erklärt“.

■  Verstehen bedeutet: wechselseitiges Erhellen eines


Sinngebildes in reflexiver Auseinandersetzung mit seinem
historischen Kontext - Erklären bedeutet logisches
Ableiten aus kausal notwendigen Bedingungen