Sie sind auf Seite 1von 2

11

Vorwort
Die neunziger Jahre sind in den Vereinigten Studierende der Psychologie und Medizin. Aber
Staaten von Amerika zum «Jahrzehnt des Ge- auch andere neurobiologisch Interessierte wer-
hirns» (Decade of the Brain) ausgerufen wor- den angesprochen, wie zum Beispiel Ärzte, Bio-
den. Im Jahr 1989 stimmte der Kongreß, der logen, Lehrer, Neuroinformatiker und Sozial-
Senat und der Präsident der USA einem um- pädagogen. Das Buch setzt keine Kenntnisse in
fangreichen Forschungsförderungsprogramm Neuroanatomie und Neurophysiologie voraus.
der Society for Neuroscience zu, in einer für Wichtige Grundlagen und Begriffe aus der Ner-
Europa unerreichbaren Größenordnung von ven- und Muskelphysiologie werden in einem
insgesamt 3 Mrd. Dollar. Weitere 3 Mrd. Dollar Anhang zusammengestellt. Eine Zeittafel über
wurden von Forschungsstiftungen beigesteuert. den historischen Werdegang der Neuro- und
Ausschlaggebend für diese Entscheidung, die Verhaltensbiologie findet sich in Kapitel 1.3.
Grundlagenforschung in den Neurowissen- Der Autor hat sich bemüht, die Zusammen-
schaften besonders zu fördern, war die Sorge hänge und Kausalitäten einfach darzustellen,
über die Zunahme verschiedener Hirnerkran- so daß sie leicht nachvollziehbar sind. Eine ein-
kungen und die tragische Auswirkung auf die führende Aufgabe hat in diesem Zusammen-
Bevölkerung, – zum Beispiel die Alzheimersche hang das Kapitel 1, in dem die Relevanz neuro-
Krankheit, die Hirnfunktionsstörungen im biologischen Wissens hinterfragt und anhand
AIDS-Spätstadium, der Hirnschlag, die Multiple von Beispielen, mit denen wir in unserem All-
Sklerose, der Parkinsonismus, die Creutzfeldt- tag konfrontiert werden, erläutert wird. Gleich-
Jakob-Krankheit, die Schizophrenie und die zeitig werden hier moderne Forschungsmetho-
Endogenen Depressionen. Forciert wurde diese den vorgestellt.
Entscheidung auch angesichts der massiven Die Neurobiologie untersucht das durch Sin-
körperlichen Schäden durch Drogen, Alkohol nes-, Nerven- und Muskelzellen gesteuerte Ver-
und Nikotin. halten von Tier und Mensch. Ausgangspunkt
Das Ergebnis dieses enormen wissenschafts- ist daher der Fragenkomplex: Was bin ich, wo-
politischen Kraftakts ist beachtlich. Die Kapazi- her komme ich, wohin gehe ich? Die Frage
tät der Neurowissenschaften wurde innerhalb «Woher komme ich?» tangiert die Stammesge-
von fünf Jahren etwa verdoppelt. Die Journale schichte und die Entwicklungsgeschichte des
Brain, Science, Trends in Neurosciences, Nature, menschlichen Gehirns (vgl. Kapitel 2). «Was
Neuron, Cell, The Lancet – um nur eine Auswahl bin ich?» zielt auf den Bau und die Funktion
zu nennen – dokumentieren eine in diesem des Zentralnervensystems ZNS (Gehirn und
Umfang bislang nicht registrierte wissenschaft- Rückenmark) und beschäftigt sich mit der Ver-
liche Produktivität. Mitgezogen durch diesen arbeitung von Umweltsignalen (Kapitel 3), der
Trend wurden zweifellos auch führende Arbeits- Steuerung der Verhaltensmotivationen (Kapitel
gruppen außerhalb der Vereinigten Staaten. 4) und Emotionen (Kapitel 5), der Koordina-
Dies soll in diesem Lehrbuch zum Anlaß ge- tion von Bewegungsabläufen (Kapitel 6) und
nommen werden, den Stand der Hirnforschung den Grundlagen des Lernens, Wissens und Den-
in ausgewählten Kapiteln einem Kreis von Le- kens (Kapitel 7). Die Frage «Wohin gehe ich?»
serinnen und Lesern vorzustellen, die sich mit ist sehr vielschichtig. Sie bezieht sich nicht dar-
menschlichem Verhalten unter verschiedenen auf, wie das Gehirn des Menschen in weiteren
Aspekten beschäftigen. Das sind in erster Linie 4 Millionen Jahren aussehen mag, sondern wie
12 Vorwort

der Mensch sein Gehirn planend und voraus- logen, Psychologen, Mediziner, Soziologen – in
schauend einsetzen kann. Ein Entwicklungsweg ausgewählten Projekten zusammenarbeiten.
wird auf dem Gebiet der künstlichen Intelli-
genz liegen (Kapitel 8). Mein besonderer Dank gilt Herrn Professor Dr.
Das Buch ist als Einführung gedacht. Notge- Kurt Pawlik, der angeregt hat, dieses Buch zu
drungen hat die Themenauswahl subjektiven schreiben und mich bei der Erstellung des
Charakter. Wesentliche Punkte werden am En- Manuskripts durch wertvolle Vorschläge und
de jedes Kapitels zusammengefaßt. Leserinnen Kommentare beraten hat. Ohne Frau Ursula
und Leser mit dem Wunsch nach schneller Reichert und Frau Gudrun Frühauf hätte das
Orientierung können sich auf die Lektüre des Vorlesungsmanuskript, das diesem Buch zu-
einleitenden Kapitels 1 sowie der Zusammen- grunde liegt, nicht in ein Textverarbeitungspro-
fassungen beschränken und durch die Abbil- gramm gegeben werden können, – ihnen bin
dungen leiten lassen. ich zu großem Dank verpflichtet. Herzlich dan-
Um den Einstieg in die physiologische Thema- ke ich den Mitarbeitern der Abteilung Neuro-
tik vorzubereiten und den Ausstieg nicht ab- biologie an der Universität Kassel für ihre Hilfe
rupt zu gestalten, werden die Kapitel 1 bis 8 und die vielen fruchtbaren Diskussionen. Herr
umrahmt durch einen einführenden und einen Rolf Schluckebier hat den Computer konfigu-
abschließenden Dialog. In diesem Gespräch dis- riert, der es mir erlaubte, das Buch zu illustrie-
kutieren ein Naturwissenschaftler und ein Gei- ren. Meiner Frau danke ich für Korrekturvor-
steswissenschaftler über Fragen der Neurobiolo- schläge beim Lesen des Textes, aber auch dafür,
gie aus der jeweiligen Sicht ihrer Wissenschaft. daß sie es mit stoischer Ruhe akzeptiert hat,
Während sich die verschiedenen Betrachtungs- daß ich während dieser Zeit zwar häufig anwe-
weisen zunächst auszuschließen scheinen, rela- send, geistig jedoch meist abwesend war. Dem
tivieren sie sich zum Dialogende und schlagen Deutschen Institut für Fernstudien an der Uni-
eine Brücke zwischen naturwissenschaftlichem versität Tübingen danke ich für die Genehmi-
Erkennen und menschlichem Erleben. Damit gung der Dialog-Textauszüge. Dem Huber-Ver-
ergeht ein Appell zur interdisziplinären Zusam- lag gebührt mein Dank für sein Vertrauen und
menarbeit. Wir können die Probleme in uns für die großzügige Ausstattung des Buches.
und um uns herum nur dann lösen, wenn alle
Vertreter der Biowissenschaften – darunter Bio- Kassel im April 1998 J.-P. Ewert