Sie sind auf Seite 1von 6

13

Ein einführender Dialog


Die Neurobiologie befaßt sich mit den neurophysiologischen Grundlagen des
Verhaltens des Menschen sowie von Tieren unterschiedlicher Organisations-
stufen und fragt damit letztlich auch nach den biologischen Grundlagen
unserer Gefühle und unseres Denkens. Inwiefern unterscheidet sich das von
ihr angestrebte Wissen von unserem Alltagswissen? Hierüber unterhalten sich
im folgenden ein Naturwissenschaftler (NAWI, vertreten durch den Autor) und
ein Geisteswissenschaftler (GEWI, vertreten durch Harm Kühnemund). Die
Ausgangspositionen der beiden Gesprächspartner standen sich zunächst un-
vereinbar gegenüber: Hier der von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen
ausgehende Hirnforscher, dort der primär vom Erleben und von der Sinn-
deutung des Menschen ausgehende Philosoph. Aus der Spannung zwischen
diesen Gegensätzen entwickelte sich eine kreative Zusammenarbeit und ein
wechselseitiger Lernprozeß, in dessen Verlauf sich die ursprünglichen Aus-
gangspositionen in ihrer Ausschließlichkeit zunehmend relativiert haben.

NAWI: In der Umgangssprache sagt man, daß der Mensch mit dem Kopf
denkt und mit dem Herzen fühlt. Die eine Funktion wird als kalt und berech-
nend, die andere dagegen als warm und stimmungsbezogen angesehen. Man
spricht einerseits von warmherzigen Menschen – ein herzensguter Mensch –,
andererseits von Menschen mit einem kalten Herzen, das vom Gehirn aus
regiert wird – ein Kopfmensch, ein kalt berechnender Verstandesmensch. Diese
Auffassung ist gefühlsmäßig in uns verwurzelt und geht geisteswissenschaftlich
auf Vorstellungen von Aristoteles aus dem 4. Jahrhundert vor Christus zurück.
Nach der von ihm begründeten Herzlehre ist das Herz der Empfänger von
Sinnesreizen und das Zentrum der Empfindungen; die Sinnesempfindungen
werden im warmen Blutstrom geleitet und durch das Gehirn gekühlt.

GEWI: Was Sie da schildern, entspricht durchaus meinem täglichen Erleben.


Gefühle wie Freude und Schmerz, Vertrauen und Furcht, Sympathie und
Antipathie, die Begegnung mit Schönem und Häßlichem erlebe ich durchaus
als körperliche Reaktionen des Herzens. Das Herz geht mir auf, es wird mir weit
oder zieht sich zusammen, es schlägt schneller oder bleibt vor Schreck stehen,
mir wird warm oder kalt ums Herz. Das Denken dagegen erlebe ich als etwas,
das ich mir im Kopf zurechtlege, das dort zuweilen rumort und mir Kopfzer-
14 Ein einführender Dialog

brechen macht. Auch das Zusammenspiel von Denken und Fühlen erlebe ich
so, wie Sie es als Lehre des Aristoteles beschreiben. Das Gefühl führt den Ge-
danken Wärme zu, wogegen das Denken mir helfen kann, auch meinen Ge-
fühlen gegenüber einen kühlen Kopf zu bewahren.

NAWI: Die experimentelle, kausalanalytische Wissenschaft zeigt uns allerdings


ein anderes Bild der Bedeutung von Gehirn und Herz. Schon die antiken Ärzte
Herophilos und Erasistratos, zwei Zeitgenossen des Aristoteles, gründeten auf
ihre anatomischen Kenntnisse der Organe von Tieren und Menschen eine
Hirnlehre. Sie erkannten bereits damals die Bedeutung der Nerven für Sinnes-
empfindungen und Bewegungen. Die heutige Wissenschaft lehrt, daß das Herz
eine im Prinzip automatisch tätige, austauschbare Pumpe ist, die aus Muskel-
gewebe besteht. Bestimmte Bereiche haben Schrittmacherfunktion: Sie bilden
elektrische Impulse, die die Muskulatur der Herzkammern zur Kontraktion
veranlassen. Die Schrittmacher reagieren auf Meldungen des autonomen,
vegetativen Nervensystems und auf Änderungen des Adrenalinspiegels und
können so die Pumpfrequenz den jeweiligen Erfordernissen anpassen. Bei
körperlicher Belastung steigt die Frequenz der Herzschläge und damit die
Durchblutung der Organe. Eines dieser Organe ist das Gehirn oder, allgemeiner
gesagt, das Nervensystem. Es besteht aus Nervengewebe. Spezialisierte Zellen,
Neurone genannt, stehen über Fortsätze, die Signal aufnehmenden Dendriten
und die Signal weiterleitenden Neuriten, untereinander in Kontakt. Mit ihren
Zellmembranen nehmen sensorische Neurone von vorgeschalteten Sinnes-
zellen Informationen in Form von physikochemisch bedingten Potential-
änderungen auf, «verrechnen» diese und leiten das Ergebnis in Form von
elektrischen Impulsen an andere Neurone zur Weiterverarbeitung. Bestimmte
motorische Neurone leiten ihre Meldungen zur Skelettmuskulatur, die sich
kontrahiert und damit ein bestimmtes Verhalten auslöst. Impulse können
auch im Gehirn selbst entstehen und spontanes Verhalten veranlassen.

GEWI: Aber sind nicht Herz und Gehirn integrierte Teile eines Ganzen, deren
Funktionen voneinander abhängen und aufeinander einwirken?

NAWI: Das ist zum Teil richtig. Zwischen Nerven- und Blutgefäßsystem beste-
hen wichtige Beziehungen in Form von Filter- und Austauschvorgängen, die
durch Vermittlung spezieller Neurogliazellen, Astrozyten genannt, zustande
kommen. Gliazellen sind wichtige Gesprächspartner der Neurone. Die Astro-
zyten wachen darüber, daß nicht alles, was im Blutstrom zirkuliert, die Nerven-
zellen erreicht. Sie bilden die Blut/Hirn-Schranke. Umgekehrt können sekreto-
risch tätige Neurone Hormone in das Gefäßsystem abgeben und auf diesem
Wege die Aktivität bestimmter innerer Organe, zum Beispiel die Nebennieren,
beeinflussen; andererseits können diese Organe auch selbst Hormone abgeben,
die das Gehirn erreichen und dort die neurosekretorische Tätigkeit regulieren.
Ein einführender Dialog 15
Auf diesem Wege wird zum Beispiel der Menstruationszyklus gesteuert.
Eine wichtige Aufgabe des Blutes besteht in der Versorgung der Gewebe mit
den Energielieferanten Glukose und Sauerstoff. Neurone haben einen beson-
ders hohen Energiebedarf, der unter anderem für den Betrieb von Ionen-
pumpen zur Aufrechterhaltung des Membranpotentials verwendet wird. Eine
Drosselung der Blutversorgung führt deshalb zur Beeinträchtigung der Sinnes-,
Nerven- und Muskelfunktionen. So stellt sich beim Einklemmen von Gefäßen,
etwa bei einem eingeschlafenen Arm, eine taube Empfindung für bestimmte
Hautbereiche ein. Stillstand der Blutzirkulation in einem Hirngefäß oder des
Kreislaufs kann für den betroffenen Bereich des Gehirns oder für das ganze
Gehirn tödlich sein: Etwa 4 Sekunden nach einem Herzstillstand treten Funk-
tionsstörungen des Gehirns auf, nach 8–12 Sekunden kommt es zur Bewußt-
losigkeit, nach 8–10 Minuten kann der Gehirntod eintreten. Der übrige Körper
vermag demgegenüber längere Zeit ohne Blutzirkulation funktionsfähig zu
bleiben.

GEWI: Dieses Bild von der Verflochtenheit der Funktionen scheint mir der
Vorstellung des Aristoteles verwandt zu sein – nämlich, daß beide, das Herz
und das Gehirn, an unserem Verhalten beteiligt sind und sich gegenseitig
beeinflussen. Sie wollen aber offensichtlich eher auf eine Trennung der Funk-
tionen hinaus.

NAWI: Ganz richtig. Um es deutlich zu sagen: Für unser Denken, Fühlen und
Verhalten – das heißt für unsere Persönlichkeit – ist allein das durch den Blut-
kreislauf ernährte Gehirn verantwortlich. Mit einer Herztransplantation wird
nicht die geistige Persönlichkeit des Spenders übertragen. Geisteskrankheiten
sind Krankheiten des Gehirns, erkannte schon Thomas Willis im 17. Jahrhun-
dert. Wenn wir all diese Phänomene verstehen wollen, müssen wir fragen, wie
das Nervensystem funktioniert und unsere Verhaltensweisen bestimmt.

GEWI: Das geht mir jetzt zu schnell – diesen Schritt möchte ich unbedingt
etwas näher betrachten. Sie sprechen mit großer Selbstverständlichkeit von
Denken, Fühlen und Verhalten, von unserer Persönlichkeit, von Krankheiten
des Geistes – all das, so sagen Sie, ist nichts weiter als eine Sache von Gehirn-
funktionen. Für mein tägliches Erleben und damit für mein Selbstverständnis
ist das biologische Wissen über die Funktionen des Nervensystems ein wich-
tiger, aber keineswegs erschöpfender Aspekt meiner Persönlichkeit. Ebenso hat
das Wort Geist im allgemeinen Sprachgebrauch eine umfassendere Bedeutung
als die Aufnahme, Speicherung und Verarbeitung von Informationen durch
das Gehirn. Unsere Fähigkeit zur Bewußtheit, zu einem Bewußtsein unserer
selbst, läßt sich mit dieser Reduktion nicht erfassen. In diesem Zusammenhang
wirft auch der Satz von Thomas Willis für mich Probleme auf. Selbstverständ-
lich hat die Psyche eine stoffliche Grundlage, bei der die Nervenzellen eine
16 Ein einführender Dialog

wichtige Rolle spielen. Aber unsere Persönlichkeit läßt sich nicht in einzelnen
Organen lokalisieren. Wir sind, was wir sind, «mit Leib und Seele» – sozusagen
mit allen Fasern unseres Leibes. Ganzheitlich orientierte Richtungen der Medi-
zin suchen den Menschen darüber hinaus in seiner Eingebundenheit in seine
Geschichte und seine Umgebung – Natur, Kosmos, Mitmensch, Göttliches – zu
verstehen. Krankheit bedeutet für sie eine Störung dieser Beziehungen, und
Heilung bedeutet, sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Persönlichkeit
des Menschen umfaßt für mich neben seiner Leiblichkeit mit ihren physio-
logischen Funktionen auch seine Subjektivität mit der Fähigkeit zum Selbst-
bezug, sein Verhältnis als erkennendes Wesen zur Welt, das Verhältnis des
Menschen zum Mitmenschen, seine Eingebundenheit in einen persönlichen
geschichtlichen Zusammenhang und sein Verhältnis zur Transzendenz als das
den Menschen und seinen Verstand Überschreitende.
Der Begriff der Persönlichkeit eines Menschen entzieht sich damit weitgehend
den Methoden der Naturwissenschaft. Mit ihm ist das Eigensein des Einzelnen
und damit die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit seiner Existenz gemeint,
während die Naturwissenschaft nach den Gesetzmäßigkeiten, nach dem Wie-
derholbaren in den Erscheinungen fragt. Vor allem aber läßt sich das Handeln
des Menschen nicht auf die Fragestellung der Verhaltensforschung reduzieren,
solange wir dem Menschen eine Entscheidungsfähigkeit und damit Willens-
freiheit und Verantwortungsfähigkeit zugestehen.

NAWI: Ich meine, wir sollten hier zwei Aspekte trennen. Sie haben zweifellos
Recht: Gehirn und Körper gehören zusammen. Das Gehirn nimmt auch die
Signale des Körpers wahr und setzt sich mit diesen auseinander. Dabei orien-
tiert es sich am Bedarf. Fällt ein Sinnesorgan aus, dann paßt sich das Gehirn
an die veränderte Situation an. Wird eine neue Fertigkeit eingeübt, stellt sich
das Gehirn mit seinem Raumangebot darauf funktionell ein. Es bestehen also
Wechselwirkungen zwischen Gehirn, Körper und Umwelt.
Fragen zum Selbstverständnis des Menschen sind jedoch, um es mit Worten
des Anthropologen Christian Vogel zu sagen, ursprünglich gewiß keine bio-
logischen, ja nicht einmal naturwissenschaftliche Fragen überhaupt, sondern
Fragen des über sich selbst nachdenkenden – «philosophierenden» –
Menschen. Wäre eine solche Besinnung nicht eher Aufgabe eines philoso-
phischen Seminars als eines neurobiologischen Lehrbuchs? Thema hier ist
schließlich die Vermittlung von kausalanalytisch faßbarem Wissen.

GEWI: Auch Wissenschaft ist im Grunde eine Form des Nachdenkens. Selbst
wenn sie als Naturwissenschaft sich entschließt, bestimmte Bereiche des
Menschseins auszuklammern, bleibt im Hintergrund doch immer der ganz-
heitliche Bezug bestehen. Auch dort, wo es vordergründig «nur» um natur-
wissenschaftliche Fragen geht, sind unausgesprochen immer auch philoso-
phische Fragen gestellt. Aber auch ohne ausdrücklich Philosophie zu betreiben,
Ein einführender Dialog 17
sollten wir an dieser Stelle eine Warntafel anbringen. Die Darstellung natur-
wissenschaftlicher Sachverhalte wird klarer und überzeugender, wenn sie die
Grenzen naturwissenschaftlicher Fragestellung mitreflektiert. Das nimmt ihr
den Charakter des diffus Bedrohlichen, das zur Gegenwehr herausfordert.
Ohne eine solche Fähigkeit zur kritischen Selbstdistanz kann die folgerichtige
naturwissenschaftliche Darstellung leicht dazu verführen, nicht nur das Dar-
gestellte nachzuvollziehen, sondern seine Bedeutung unversehens über den
Rahmen der naturwissenschaftlichen Fragestellung auszuweiten und damit die
methodisch vorgegebenen Grenzen der Aussage aus dem Blick zu verlieren.
Zurück bleibt ein Gefühl des Unbehagens, ein unterschwelliges Wissen, daß
irgendetwas nicht stimmt. Ein solches Gefühl der Irritation und der Ohnmacht
fordert Angst und Aggression gegenüber der Naturwissenschaft heraus.

NAWI: Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen. Es geht Ihnen um eine aus-
drückliche Erinnerung an die selbstauferlegte Begrenzung der naturwissen-
schaftlichen Betrachtungsweise auf das Objektivierbare in den Erscheinungen
und damit an die bewußte Ausblendung von allem, was sich dieser Betrach-
tungsweise entzieht. Wogegen Sie sich wehren, ist offensichtlich das berühmte
«eigentlich nur» oder «nichts als», für das der Biologe Julian Huxley aufgrund
der englischen Fassung «nothing else but» den ironischen Terminus «nothing-
else-buttery» geprägt hat. In diesem Sinne wäre es tatsächlich eine unange-
messene Reduktion, zu sagen, das Leben sei «eigentlich nur» ein chemisch-
physikalischer Vorgang, der Mensch sei «eigentlich nur» ein Säugetier aus der
Ordnung der Primaten, menschliches Handeln sei «eigentlich nur» physiolo-
gisch bedingtes Verhalten, die menschliche Persönlichkeit sei «eigentlich nur»
eine Sache von Gehirnfunktionen. Aber um das Kind nicht mit dem Bade aus-
zuschütten, sollten wir hier deutlich festhalten: Der Fehler liegt lediglich in dem
Zusatz «eigentlich nur». Von diesem Zusatz abgesehen, handelt es sich in allen
vier Beispielen um zutreffende wissenschaftliche Teilaussagen. Mao Tse-Tung
beschreibt die von Ihnen angesprochene Problematik in einem anschaulichen
Bild: «Ein Frosch sitzt in einem Brunnen und sagt: ‹Der Himmel reicht nicht
über den Brunnenrand hinaus›. Das ist unrichtig, denn der Himmel beschränkt
sich nicht auf jenes Stück, das die Brunnenöffnung freigibt. Hätte der Frosch
gesagt: ‹Ein Teil des Himmels ist so groß wie die Umrandung des Brunnens›,
dann wäre das richtig, denn dies stimmt mit den Tatsachen überein».

GEWI: Einverstanden, das ist ein hilfreiches Bild: Wie bei Maos Frosch die
Sicht des Himmels durch den Brunnenrand begrenzt ist, wird die wissenschaft-
liche Wahrnehmung der Wirklichkeit durch den Erkenntnisrahmen der wis-
senschaftlichen Methodik begrenzt. Mit einer solchen Einschränkung des
Geltungsbereichs kann ich Ihrer Aussage von vorhin wieder folgen: Für unser
Denken, Fühlen und Verhalten ist, aus neurobiologischer Sicht, das Gehirn
verantwortlich.
18 Ein einführender Dialog

NAWI: Damit wären wir wieder bei der Fragestellung der Neurobiologie ange-
langt, nämlich wie das Nervensystem funktioniert und Verhaltensweisen
bestimmt.