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3/3/2021 Deutsche Wohnen & Co enteignen: "Wir sind vom Kommunismus noch weit entfernt" | 

ZEIT ONLINE

Deutsche Wohnen & Co enteignen

"Wir sind vom Kommunismus noch weit


entfernt"
Das Berliner Volksbegehren Deutsche Wohnen & Co enteignen geht in die
finale Phase. Die Landeschefin der Linken über Erfolgschancen, juristisches
Neuland und die Kosten

Interview: Jurik Caspar Iser


26. Februar 2021, 8:42 Uhr / 535 Kommentare /

Erst ein Mietendeckel, dann Enteignungen von Immobilienkonzernen?


Berlin könnte in diesem Jahr darüber abstimmen. © Christophe Gateau/
dpa

An diesem Freitag beginnt die Unterschriftensammlung für die zweite Stufe des
Volksbegehrens zur Enteignung großer Wohnungskonzerne in Berlin. Machen sieben
Prozent der Wahlberechtigten mit, könnte parallel zur Abgeordnetenhauswahl am 26.
September ein Volksentscheid stattfinden. Die Berliner Linkenchefin Katina Schubert
unterstützt das Vorhaben. Im Interview wirft sie den großen Immobilienkonzernen
Versagen vor und skizziert eine mögliche Umsetzung des Volksbegehrens.

ZEIT ONLINE: Frau Schubert, die Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen hat
vier Monate Zeit, um mindestens 170.000 Stimmen zu sammeln, damit es zu
einem Volksentscheid kommt. Welche Chancen hat das Volksbegehren?

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Katina Schubert: Ich glaube, die Chancen stehen gut. Wir wissen aus Umfragen,
dass Mieten und Wohnen weiterhin zu den Themen gehören, die die Berlinerinnen
und Berliner am meisten beschäftigen. Mieten und Wohnen ist die soziale Frage
unserer Zeit und die ganze Stadt redet über dieses Volksbegehren. Werden die
Folgen der Corona-Wirtschaftskrise deutlicher, könnte das Thema sogar noch
brennender werden. Mit ver.di Berlin und der Berliner IG Metall unterstützen jetzt
auch zwei große Gewerkschaften das Volksbegehren und wollen beim
Stimmensammeln helfen. Insofern bin ich optimistisch, dass wir die nötigen
Unterschriften zusammenbekommen.

ZEIT ONLINE: Wie sehr erschwert die Corona-Pandemie


das Vorhaben?

Schubert: Die Sammelteams müssen jetzt natürlich


anders und vorsichtiger agieren, Abstände einhalten und
Katina Schubert ist seit 2016
Mitglied im Masken tragen. Es ist so schwieriger, mit den Menschen
Abgeordnetenhaus von Berlin ins Gespräch zu kommen. Aber die Menschen haben sich
und Landesvorsitzende der
inzwischen auch an Masken gewöhnt und erschrecken
Partei Die Linke. © Jörg
Carstensen/dpa sich nicht mehr, wenn jemand mit einem Mund-Nasen-
Schutz kommt, sondern erwarten das natürlich auch. Es
ist aufwendiger, aber ich glaube, es wird funktionieren.

»Wenn Unternehmen Wohnungen verkommen lassen, ist das


nicht mehr legitim.«

ZEIT ONLINE: Der Berliner Senat hat bereits mit dem Mietendeckelgesetz, das die
Mieten in Berlin auf einem niedrigen Niveau halten soll, stark in den Markt
eingegriffen. Reicht das nicht?

Schubert: Wir beobachten im Moment, dass das Mietendeckelgesetz greift. Die


Mietpreisspirale in Berlin ist zunächst gebremst. Viele Mieterinnen und Mieter
sind froh darüber. Sie müssen jetzt erst mal keine Angst mehr haben, sich ihre
Wohnung vielleicht nicht mehr leisten zu können. Aber das reicht noch nicht. Wir
haben nach wie vor große Immobilienkonzerne in der Stadt, die Wohnungen
unterhalten, um hohe Profite zu erwirtschaften und sich nicht um Bestandspflege
und Sanierung kümmern. Diese Unternehmen haben kein Interesse an
Stadtentwicklung und ihnen ist egal, ob und wie sich Nachbarschaften verändern.
Sie betrachten Wohnungen in erster Linie als Anlage- und Renditeobjekte. Das ist
keine Wohnungswirtschaft im Sinne der Menschen.

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Es ist legitim, dass Unternehmen mit ihren Wohnungen Geld verdienen wollen.
Aber die Frage ist, ob die Gewinnspanne noch verhältnismäßig ist. Wenn
Unternehmen Wohnungen und Häuser verkommen lassen, ist das nicht mehr
legitim. Deswegen halte ich es für richtig, dass wir die Großkonzerne aus dem
Wohnungsmarkt verdrängen und den Anteil der kommunalen Wohnungen durch
Vergesellschaftung massiv erhöhen. Der Mietenwahnsinn beschreibt ja keine
Einzelfälle, sondern hat System. Nur gemeinwohlorientierte Akteure können
langfristig stabile Mieten garantieren.

Mieten

Bauen, bremsen, deckeln

Seit Jahren steigen die Mieten in Deutschland. Abgeordnete im


Bundestag wollen das ändern. Aber wie? "represent" hat
nachgefragt [https://www.youtube.com/watch?v=tWEgdQR465k]

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Was ist mit dem Recht auf Eigentum?


ZEIT ONLINE: Ihre Vorwürfe treffen sicherlich nicht auf jeden Immobilienkonzern
gleichermaßen zu. Was ist mit dem Recht auf Eigentum?

Schubert: Wir haben ein Recht auf Eigentum in der Verfassung. Aber wir haben
auch einen Verfassungssatz, der besagt, dass Eigentum verpflichtet. In Berlin
haben wir eine Schwelle erreicht, wo dieser Satz nicht mehr ausreichend beachtet
wird und das Gemeinwohl gefährdet ist. Deswegen müssen wir dafür sorgen, dass
wir den Anteil der gemeinwohlorientierten Wohnungswirtschaft deutlich erhöhen
und Einfluss auf die Mietpreisentwicklung gewinnen. Dazu gehört der Neubau
bezahlbaren Wohnraums, die Deckelung der Mieten, aber auch Grund und Boden
in öffentlicher Hand zu sichern und den Ankauf von Wohnungen durch die
kommunalen Wohnungsbaugesellschaften zu fördern und für intelligente
Nachverdichtung zu sorgen, die nicht zulasten der Nachbarinnen und Nachbarn
geht. Die Vergesellschaftung der großen Immobilienkonzerne ist ein Baustein von
vielen.

ZEIT ONLINE: Sie beklagen ein Versagen der


Privatwirtschaft. Warum glauben Sie, dass der Staat auf
dem Wohnungsmarkt der bessere Unternehmer ist?
JURIK CASPAR Schubert: Es ist ja nicht so, dass die vergesellschafteten
ISER
Unternehmen zu einer Abteilung in der
Redakteur im Ressort Senatsverwaltung werden und von Beamten geleitet
Politik, Wirtschaft und werden sollen. Der Staat wird nicht direkt zum
Gesellschaft, ZEIT Unternehmer. Der Vorschlag ist, eine Anstalt öffentlichen
ONLINE
Rechts zu gründen, die Vergesellschaftung zwingt zu
einer gemeinwirtschaftlichen Bewirtschaftung. Ein
öffentliches Unternehmen soll dann dafür sorgen, dass die Häuser in einem guten
Zustand und bewohnbar sind. Es erwirtschaftet dafür auch Einnahmen, um die
Verwaltungs- und Instandhaltungskosten zu tragen, aber eben keine Extraprofite,
von denen die Mieterinnen und Mieter nichts haben.

»Wir betreten juristisches Neuland.«

ZEIT ONLINE: Berlin müsste den Immobilienkonzernen, die enteignet werden


sollen, Entschädigungen zahlen. Der Senat rechnet mit Kosten von rund 29
Milliarden Euro, die Initiative hingegen schlägt eine Entschädigung von rund acht
Milliarden Euro vor. Wie teuer wären die Enteignungen wirklich?

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Schubert: Das kommt darauf an, ob man sich bei der Berechnung am
Verkehrswert, der die aktuelle Marktentwicklung miteinbezieht, oder am realen
Wert einer Immobilie, beziehungsweise Substanzwert, orientiert. Die Zahlen der
Initiative sind deutlich näher am realen Wert der Gebäude. Aber wir betreten hier
juristisches Neuland, der Artikel 15 des Grundgesetzes wurde noch nie
angewendet. Am Ende muss der Gesetzgeber eine Grundlage festlegen, auf der
entschädigt wird. Wenn das Volksbegehren durchgesetzt wird, werden am Ende
sicherlich die Gerichte entscheiden. Es wäre auch das gute Recht der betroffenen
Unternehmen, eine Vergesellschaftung gerichtlich überprüfen zu lassen. Wir
werden alles daransetzen, ein rechtssicheres und gutes Gesetz auf den Weg zu
bringen, wenn der Volksentscheid erfolgreich ist.

ZEIT ONLINE: Kann sich Berlin Milliardenentschädigungen überhaupt leisten?

Schubert: Berlin muss sich das leisten. Wir brauchen ein Gemeinwesen, das die
soziale Spaltung aufhält. Eine Entschädigungssumme, die sich am realen Wert der
Wohnungen orientiert, wäre für das Land auch zu stemmen. Eine Anstalt des
öffentlichen Rechts wäre als Träger der Gebäude kreditfähig und könnte sich das
Geld zur Finanzierung der Entschädigungen am Kreditmarkt holen. Wenn man
sich als Privatperson ein Haus kaufen will, würde man das ja in der Regel auch
nicht aus der Portotasche bezahlen, sondern einen Kredit aufnehmen und den
dann abbezahlen.

"Der Mietendeckel wird nicht gekippt"


ZEIT ONLINE: Auch gegen den Berliner Mietdeckel gibt es verfassungsrechtliche
Bedenken. Was bringt radikale Wohnungspolitik, wenn sie am Ende von Gerichten
gekippt wird?

Schubert: Es wäre total falsch, aus Angst vor einem möglichen Scheitern nichts zu
versuchen. Dann würde man der Mietpreisspirale ihren ungehemmten Lauf lassen.
Ich bin überzeugt davon, dass der Mietendeckel auch nicht gekippt wird. Ich gehe
davon aus, dass das Gesetz an sich Bestand haben wird, weil wir sehr darauf
geachtet haben, dass wir nicht in Bundesrecht eingreifen. Mit dem Mietendeckel
haben wir Mieterinnen und Mietern gezeigt, dass Politik handlungsfähig ist und
dass wir den Märkten nicht ausgeliefert sind.

Außerdem ist ein Mietendeckelgesetz kein Sozialismus und auch kein


Kommunismus. Davon sind wir weit entfernt – selbst mit einer Vergesellschaftung
von Wohnungsbauunternehmen. Wenn es um Autobahnen geht, wird in
Deutschland schon jetzt regelmäßig enteignet. Und hier geht es um das
Grundrecht auf Wohnen.

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ZEIT ONLINE: Kritiker des Mietendeckelgesetzes beklagen, dass die Anreize für
private Investitionen auf dem Berliner Wohnungsmarkt schwinden. Enteignungen
würden diesen Trend sehr wahrscheinlich verstärken. Wie wollen Sie dem
entgegenwirken?

»Wenn Investoren nach Berlin kommen, um wirklich etwas


aufzubauen, wird ihnen der rote Teppich ausgerollt.«

Schubert: Der Neubau ist vom Mietendeckel ausgenommen. Zudem investieren


Immobilienkonzerne wie die Deutsche Wohnen ja heute schon kaum. Dem
Konzern geht es nur darum, möglichst viel aus dem Bestand herauszupressen. Die
Zahl der Neubauten der Deutsche Wohnen ist sehr überschaubar. Wenn Gründer
und Investoren nach Berlin kommen, um wirklich etwas aufzubauen, wird ihnen
nach wie vor der rote Teppich ausgerollt.

ZEIT ONLINE: Reicht das, um genügend neuen Wohnraum zu schaffen?

Schubert: Wir kommen beim Neubau durchaus voran. Wir haben 16 neue
Stadtentwicklungsgebiete ausgewiesen, wo lebendige Kieze entstehen werden.
Darüber werden wir einen erheblichen Anteil an neuen Wohnungen bekommen.
Hier wird an jeder Ecke gebaut, in den vergangenen vier Jahren sind in Berlin so
viele neue Wohnungen entstanden wie lange nicht, gerade im Segment des
bezahlbaren Wohnraums. Der Zuwachs ist stetig, aber das Bevölkerungswachstum
der Stadt ist auch groß. Deswegen müssen wir diese Entwicklung weiter
vorantreiben.

ZEIT ONLINE: Im September sind Abgeordnetenhauswahlen. Wie wahrscheinlich


ist es, dass der neue Senat einen möglichen Volksentscheid für Enteignungen auch
umsetzt?

Schubert: Wir wissen nicht, wer in Berlin künftig regiert. Aber ich gehe davon aus,
dass der neue Senat einen erfolgreichen Volksentscheid auch umsetzen würde. Bei
einem positiven Votum wäre der Senat verpflichtet, ein Gesetz für eine
Vergesellschaftung der Immobilienkonzerne vorzulegen. Ob das Gesetz dann im
Abgeordnetenhaus eine Mehrheit findet, muss man sehen. Für uns als Linke ist
völlig klar, dass der Ansatz der Vergesellschaftung richtig ist. Wir werden alles
dafür tun, damit ein erfolgreicher Volksentscheid auch politische Realität wird.

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DEUTSCHE WOHNEN & CO ENTEIGNEN

Die Bürgerinitiative Deutsche Wohnen & Co enteignen setzt sich dafür ein,
Immobilienunternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen wie den Konzern Deutsche
Wohnen zu vergesellschaften, also gegen eine Milliardenentschädigung zu enteignen.
Der Berliner Senat, so die Forderung, soll dazu ein Gesetz auf den Weg bringen.

Nach Angaben der Initiative wären von einer Enteignung nach den vorgeschlagenen
Kriterien 243.000 der rund 1,5 Millionen Mietwohnungen in Berlin betroffen. Sie beruft
sich dabei auf das Grundgesetz, demzufolge "Grund und Boden, Naturschätze und
Produktionsmi el" in Gemeineigentum überführt werden können – Vergesellschaftung
genannt. Nach Angaben von Verfassungsrechtlern wurde der fragliche Paragraf 15
aber noch nie angewandt.

Im September 2020 ha e der Senat nach mehr als einjähriger Prüfung den Antrag für
ein Volksbegehren für zulässig erklärt. 77.000 Menschen ha en ihn mit ihrer
Unterschrift unterstützt. Da das Abgeordnetenhaus das Ziel der Initiative nicht
übernahm, startet nun Stufe zwei des Volksbegehrens.

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