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3/31/2021 Corona & Familienrecht: Unterhalt, Umgang & Co | juris Das Rechtsportal

Corona & Familienrecht:


Was gilt bei Unterhalt, Umgang & Co?
Die Corona-Krise hat auch erhebliche Auswirkungen im Familienrecht, die heute
noch nicht abschließend bewertet werden können. Anwaltschaft und Gerichte
werden vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Offene Fragen ergeben sich vor
allem im Unterhaltsrecht, im Umgangsrecht und auch beim gerichtlichen Verfahren.
Wir haben Dr. Wolfram Viefhues gebeten, uns diese Fragen zu erörtern.
Der Beitrag behandelt ein wegen der sich stets verändernden Krisenlage hochaktuelles
Thema. Nach Erscheinen können sich sehr schnell Änderungen der Sach- und Rechtslage
ergeben. Unser Interviewpartner gibt die ihm bekannte Sach- und Rechtslage mit Stand
vom 12.05.2020 wieder.

Welche finanziellen Hilfen hat der Gesetzgeber vorgesehen,


wenn wegen Corona Verdienstausfälle auftreten?
Viefhues: Ich will hier nur ein paar Beispiele aufführen.
Hier sind in erster Linie die aktuellen Änderungen beim Arbeitslosengeld und beim
Kurzarbeitergeld zu nennen; beim Kurzarbeitergeld sind weitere Anpassungen auf den
Weg gebracht. Die Praxis hat hier schon Mühe, auf dem aktuellen Stand zu bleiben.
Eltern, die wegen der notwendigen Kinderbetreuung während einer Pandemie
Verdienstausfälle erleiden, können eine Entschädigung in Anspruch nehmen. Die näheren
Einzelheiten regelt 56 I 1a InfSchG.
Im Gesetz zur Abmilderung der Folgen der COVID-19-Pandemie im Zivil-, Insolvenz- und
Strafverfahrensrecht sind in Art. 5 einige – vorübergehend geltenden – Änderungen des §
240 EGBG erfolgt, die auch zeitweise Entlastungen für den Bürger beinhalten. So wird bei
wesentlichen Dauerschuldverhältnissen dem Schuldner unter bestimmten Umständen ein
vorübergehendes Leistungsverweigerungsrecht eingeräumt, ebenso wird bei Vorliegen der
gesetzlichen Voraussetzungen eine Stundung der in einem bestimmten Zeitraum fälligen
Darlehensraten ermöglicht. Zudem enthält das Gesetz einen Kündigungsschutz bei
bestimmten Mietrückständen.

Darf die Zahlung von Unterhalt wegen Corona verringert


werden?
Viefhues: Um diese Frage zu beantworten, muss man etwas tiefer in die Systematik des
Unterhaltsrechts einsteigen.
Punkt 1:
Unterhalt ist immer von der Leistungsfähigkeit des Pflichtigen abhängig.
Vereinfacht ausgedrückt: Wer kein Geld hat, muss keinen Unterhalt zahlen – es sei denn,
man kann ihm einen Vorwurf machen, dass er kein Geld hat. Das ist z.B. dann der Fall,
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wenn ein Unterhaltspflichtiger seiner Erwerbsobliegenheit nicht nachkommt und sich nach
dem Verlust seiner Arbeitsstelle nicht ausreichend um eine Erwerbstätigkeit bemüht. Dann
wird gestützt auf die allgemeinen Erfahrungswerte, dass bei ausreichend intensiven
Bemühungen die Wiedererlangung eines Arbeitsplatzes realistisch ist, ein fiktives
Einkommen angerechnet.
Ob man einen solchen Vorwurf ganz pauschal in der heutigen Situation erheben kann,
möchte ich stark bezweifeln; da muss man schon sehr genau die Umstände des Einzelfalls
ansehen.
Punkt 2:
Unterhalt ist immer von der aktuellen Leistungsfähigkeit des Pflichtigen abhängig.
Vereinfacht ausgedrückt: Wer in diesem Monat kein Geld hat, muss in diesem Monat
keinen Unterhalt zahlen.
Nun kann man in der familienrechtlichen Praxis nicht jeden Monat den geschuldeten
Unterhalt neu ausrechnen. Daher wird üblicherweise der Unterhalt gestützt auf
Durchschnittsberechnungen (i.d.R. der letzten 12 Monate) mit einem einheitlichen Betrag
festgesetzt. Dabei werden aus praktischen Gründen nicht nur monatliche
Einkommensschwankungen, sondern auch größere Sonderzahlungen wie Weihnachts-
und Urlaubsgeld sowie Steuerrückzahlungen nivelliert. Für den zukünftigen Unterhalt wird
darauf eine doppelte Prognose gestützt, nämlich einmal auf den Gedanken „es läuft in der
Einkommenshöhe so weiter wie bisher“, zum anderen auf die Überzeugung „da sind wir
uns sicher“. Beide Komponenten dieser Prognose sind in Corona-Zeiten aber jedenfalls
nicht mehr so pauschal haltbar. Denn es ist schon nicht zuverlässig vorhersehbar, wie
lange die Gesundheitskrise mit den damit verbundenen Einschränkungen des privaten und
wirtschaftlichen Lebens andauern wird. Und ist genauso wenig zuverlässig vorhersehbar,
ob und wann nach dem Ende der Gesundheitskrise die wirtschaftliche Lage wieder das
„Normalmaß“ angenommen haben wird, das wir bislang allen unterhaltsrechtlichen
Überlegungen zugrunde gelegt haben.
Daher muss in dieser außergewöhnlichen Situation bereits mit dem Eintreten der
finanziellen Verschlechterung ab diesem Zeitpunkt eine Neuberechnung des Unterhalts
vorgenommen werden.

Muss bei bestehendem Unterhaltstitel eine Änderung beantragt


werden?
Viefhues: Damit spielen Sie auf eine verfahrensrechtliche Frage an. Ist der Unterhalt
tituliert, kann in der titulierten Höhe vollstreckt werden, auch wenn der materielle
Unterhaltsanspruch für diesen Zeitraum gar nicht mehr besteht. Dies kann nur durch ein
Abänderungsverfahren nach §§ 238, 239 FamFG verhindert werden, in dem dann auch
auf einen entsprechenden Antrag die Zwangsvollstreckung vorläufig eingestellt wird.
Allerdings passt dieses Werkzeug nicht wirklich auf die Herausforderungen der Corona-
Krise. Ein Unterhaltstitel wird geschaffen, um für die Zukunft eine klare, verbindliche
Regelung zu erreichen und so auf Dauer für Rechtsfrieden zu sorgen. Einem solchen Titel

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liegt immer eine Prognose der zukünftigen Gegebenheiten zugrunde; eine


Abänderungsmöglichkeit ist nur für den Sonderfall einer unvorhergesehenen Veränderung
vorgesehen.
Aber auch in einem solchen Abänderungsverfahren erfolgt eine Abänderung für die
Zukunft unter den gleichen Aspekten der möglichen Prognose. Man will auch damit wieder
einen neuen Titel schaffen, der möglichst lange Bestand hat.
Wenn man aber – wie jetzt bei der Corona-Krise – die zukünftigen Entwicklungen in keiner
Weise zuverlässig vorhersehen kann, sondern man damit rechnen muss, dass sich alle
paar Monate die Eckpunkte der Unterhaltsfestsetzung ändern, müsste man auch alle paar
Monate ein neues Abänderungsverfahren durchführen. Das kann aber nicht Sinn der
Sache sein. Denn jedes Abänderungsverfahren kostet Geld, belastet die Justiz und auch
die Nerven der Beteiligten.
Ich rate daher dazu, erst einmal eine einvernehmliche Lösung zu versuchen.
Lesen Sie dazu auch den Beitrag von Dr. Viefhues im juris PraxisReport
Familienrecht: Auswirkungen der Corona-Krise auf den Unterhalt, Viefhues, jurisPR-FamR
8/2020 Anm. 1

Muss die zum Unterhalt verpflichtete Person eine


Nebentätigkeit aufnehmen, wenn sonst kein Mindestunterhalt
geleistet werden kann?
Viefhues: Bisher war klar, dass ein seinem minderjährigen Kind gegenüber zum
Barunterhalt verpflichteter Elternteil, der mit seinem Erwerbseinkommen nicht den
Mindestunterhalt des Kindes sicherstellen konnte, zu einer Nebentätigkeit verpflichtet war.
Das gilt auch – und gerade auch – bei Kurzarbeit, zumal der Bedarf an Aushilfen z.B. im
Supermarkt, bei der Zulieferung, im Gesundheitsamt oder Krankenhaus nicht von der
Hand zu weisen ist. Aber bei der Entscheidung über eine Obliegenheit zur Nebentätigkeit
darf gerade jetzt nicht rein pauschal argumentiert werden, sondern muss immer auf die
konkreten Umstände des Einzelfalles – speziell unter dem Gesichtspunkt der Zumutbarkeit
– abgestellt werden. Daher sind auch weitere Erschwernisse in der persönlichen
Lebenssituation – wie z.B. fehlende Betreuungsmöglichkeiten für im Haushalt lebenden
Kinder – zu berücksichtigen. Zudem sind auch insoweit die Unwägbarkeiten der künftigen
Entwicklung (behördliche Beschränkungen der Bewegungsfreiheit, konjunkturelle
Entwicklung) zu beachten.
Zudem ist ein wirtschaftlicher Aspekt ist nicht von der Hand zu weisen. Eine Zusatztätigkeit
kann dann nicht verlangt werden, wenn das dadurch erzielte Geld vom Arbeitslosengeld
oder Kurzarbeitergeld abgezogen wird, demnach also weder dem Bezieher dieser
Leistungen noch mittelbar dem Unterhaltsgegner davon etwas bleibt. Folglich sind die
konkret geltenden Anrechnungsvorschriften zu beachten.

Darf der Umgang wegen Corona verweigert oder verringert


werden?

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Viefhues: Leider gibt es Elternteile, denen der Umgang mit dem anderen Elternteil
ohnehin „ein Dorn im Auge“ ist und die jetzt die Corona-Krise als Joker ansehen, um ihrem
Ziel einer Umgangsverweigerung ein legitimes Mäntelchen umzuhängen und dabei auch
den aktuellen Notbetrieb bei Gerichten und Jugendämtern ausnutzen, um erst einmal
Fakten zu schaffen.
Auch in der Corona-Krise darf das Umgangsrecht aber nicht auf der Strecke bleiben. Die
Situation muss hier wesentlich differenzierter betrachtet werden; dabei sollten auch
durchaus mal kreative und flexible Lösungen angestrengt werden.
Die schlichte Sorge vor einer Ansteckung beim anderen Elternteil rechtfertigt auf jeden Fall
keine Umgangsverweigerung.
Ein behördliches Ausgangsverbot durch die Verordnungen und Allgemeinverfügungen der
Länder dürfte kein Recht zur Umgangsverweigerung geben. Dies ist allerdings umstritten.
Angesichts der Bedeutung von Umgangskontakten für die Eltern-Kind-Beziehung sind
diese grundsätzlich zum erlaubten „absolut nötigen Kontaktminimum“ zu zählen.
Klar ist die Situation, wenn das Kind unter häuslicher Quarantäne steht, die nach § 30 IfSG
angeordnet wurde; dann muss der persönliche Umgang ausfallen. Ist der Obhutselternteil
vorerkrankt oder pflegt seine alten Eltern im Haushalt und hat daher seinen Haushalt von
der Außenwelt isoliert – sich also in freiwillige und vorsorgliche häusliche Quarantäne
begeben, in die er auch das Kind einschließt, besteht die Befürchtung, dass das Kind
durch den Umgang die Viren „hereinschleppt“. Denkbar und kreativ wäre es hier, das Kind
vorübergehend in den Haushalt des anderen Elternteils wechseln zu lassen. Damit wäre
auch das Risiko ausgeschlossen, dass das Kind eine Ansteckung aus seiner Schule oder
seinem Kindergarten in den Haushalt seines Obhutselternteils einschleppt.
Verfahrensrechtlich ist zudem daran zu erinnern, dass sich der Obhutselternteil auch in
Corona-Zeiten nicht eigenmächtig über eine gerichtliche Umgangsregelung hinwegsetzen
kann, sondern ggf. eine Änderung dieser Regelung durch das Gericht erreichen muss.

Ist eventuell ein Kontakt nur über Telefon oder Videochats


zumutbar?
Viefhues: Auf jeden Fall. Die heutigen Möglichkeiten, Kontakte per Telefon oder sogar
Video durchzuführen, sollten verstärkt genutzt werden. Solche Kontakte sind nicht nur
zumutbar, sondern durchaus gewünscht.

Wie werden persönliche Anhörungen beim Familiengericht


aktuell gehandhabt?
Viefhues: Darauf kann ich keine generelle Antwort geben.
Das Verfahrensrecht verlangt z.B. beim Scheidungsverfahren, aber vor allem auch bei
Kindschaftssachen die persönliche Anhörung der Beteiligten. Das hat einmal den Sinn,
dass sich das Gericht einen persönlichen Eindruck verschaffen kann, aber zum anderen
auch die Möglichkeit eröffnet wird, in einem Gespräch unter Anwesenden gemeinsam
nach einer Problemlösung zu suchen.
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Eine Verhandlung im Gerichtssaal mit Gesichtsmaske bietet dies sicherlich nicht und
schließt auch nicht alle gesundheitlichen Risiken aus. Denkbar ist auch, bestimmte
Anhörungen per Video durchzuführen, wie dies in § 128a ZPO bereits erlaubt ist.
Allerdings sind in den wenigsten Gerichten die technischen Voraussetzungen hierfür
gegeben.
Ob in bestimmten Fallgestaltungen – wie z.B. einer unstreitigen Scheidung – auf eine
mündliche Anhörung ganz verzichtet werden kann, wird derzeit intensiv diskutiert.
Mein Fazit ist hier:
Man sollte sehr schnell kreative Lösungen umsetzen, um die Gerichtsverfahren im
Interesse der Beteiligten zeitnah bearbeiten und erledigen zu können. Wenn man sich statt
dessen hier unnötig an verfahrensrechtlichen Restriktionen festbeißt, führt dies bei
gleichbleibenden Eingängen und reduzierten Erledigungen in den Gerichten zu einem
wenig bürgernahen Verfahrensstau, der die Justiz und natürlich auch die Anwaltschaft
noch lange nach dem Ende der Corona-Krise belasten wird.

Sehen Sie bezogen auf die Corona-Krise den Bedarf für weitere
Regelungen des Gesetzgebers – eventuell zum Schutz des
Kindeswohls, oder wegen häuslicher Gewalt?
Viefhues: Nein, das ist kein Problem fehlender gesetzlicher Regelungen, sondern die
Auswirkung beengter Wohnverhältnisse und fehlender sozialer Kontrolle.
Die Nerven der Familien, die auf der einen Seite Einkommensverluste zu verzeichnen
haben, auf der anderen Seite wochenlang ihre Kinder rund um die Uhr zuhause betreuen
müssen, sind nachvollziehbar schon stark angespannt. Und wenn dies in einer kleinen
Wohnung geschieht, in der man sich nicht mal „aus dem Wege gehen“ kann, sind
verstärkte Konflikte – gerade in schon vorher angespannten Verhältnissen -
vorprogrammiert. Und wenn dann kein Kindergarten und keine Schule stattfindet und auch
die Untersuchungen beim Kinderarzt ausfallen, fallen Spuren von Gewalttätigkeiten
gegenüber Kindern schlichtweg nicht auf.
juris: Sehr geehrter Herr Dr. Viefhues, vielen Dank für das Gespräch!

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