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Essay zum Grundkurs Praktische Philosophie

Ein Paragraph für Tiere


Vorschläge für eine Änderung der bisherigen Tierrechte

Dozentin: Angelika Krebs

Tutor: Andreas Schönenberger

Lucien Käslin

Herbstsemester 2009
In der Vorlesung behandelten wir als Anwendungsbeispiel der jeweiligen

Moralphilosophien den moralischen Gehalt von Tieren, ihre Werte und auch ihre

Rechte. Tom Regan sprach sich dafür aus, den Tieren weitgehend Rechte

einzuräumen, die die Menschen bis heute nur für sich beanspruchen und er

verlangt, Tierversuche abzuschaffen. Änderungen in diesem Ausmass ziehen sich

oft über Jahrzehnte hinweg, weil es zu heftigen Konfrontationen zwischen den

Betroffenen kommt. Diskussionen über die Abschaffung einer Lebensgrundlage

von anderen Menschen sind nicht einfach. Wer kann von einem anderen

Menschen verlangen, seine Existenz als, beispielsweise Metzger, aufzugeben, nur

weil Tiere töten unmoralisch, unnötig und grausam für die Tiere ist? In den Augen

des Metzgers geht es, wie gesagt, um die eigene Existenz, seinen Beruf und seine

Selbstverwirklichung. Nichtsdestotrotz möchte ich im Folgenden eine Herleitung

einer Gesetzesänderung formulieren, die die Produktion, den Handel, die Zucht

von Tieren und ihrem Fleisch als Nahrung verbietet und zudem Tierversuche

untersagt.

In der Bundesverfassung der schweizerischen Eidgenossenschaft wird dem Bund

die Kompetenz übertragen, sich um den Tierschutz1 zu kümmern. Darauf entsteht

das Tierschutzgesetz (TSchG) vom 16. Dezember 2005. Darin wird u.a.

festgehalten, welche Tiere ein Recht auf Würde und Wohlergehen im Sinne von

Achtung seitens des Menschen haben, und was diese Begriffe bedeuten:
Art. 3 Begriffe In diesem Gesetz bedeuten:


a. Würde: Eigenwert des Tieres, der im Umgang mit ihm geachtet werden muss. Die Würde des
Tieres wird missachtet, wenn eine Belastung des Tieres nicht durch überwiegende Interessen
gerechtfertigt werden kann. Eine Belastung liegt vor, wenn dem Tier insbesondere Schmerzen,
Leiden oder Schäden zugefügt werden, es in Angst versetzt oder erniedrigt wird, wenn tief greifend
in sein Erscheinungsbild oder seine Fähigkeiten eingegriffen oder es übermässig instrumentalisiert
wird;


b. Wohlergehen: Wohlergehen der Tiere ist namentlich gegeben, wenn:
1. die Haltung und Ernährung so sind, dass ihre Körperfunktionen und ihr Verhalten nicht gestört
sind und sie in ihrer Anpassungsfähigkeit nicht überfordert sind,
2. das artgemässe Verhalten innerhalb der biologischen Anpassungsfähigkeit gewährleistet ist,
3. sie klinisch gesund sind,
4. Schmerzen, Leiden, Schäden und Angst vermieden werden

1 vgl. Art. 80 BV
2
Die ausgeführten Definitionen zeigen auf, dass zwar Würde und Wohlergehen des

Tieres geschützt, aber nicht unantastbar sind. Das heisst, dass zum Beispiel ein

Tier geschlachtet werden darf, weil viele Menschen es essen wollen, also ein

überwiegendes Interesse am Tod des Tieres, dass gesellschaftlich akzeptiert wird,

besteht. Das Gleiche gilt auch für Tierversuche. Das Wohlergehen des Tieres ist

hierarchisch dem Interesse des Menschen untergeordnet, womit wir beim

Speziesismus sind, der die Ansprüche gemäss biologischer Artenzugehörigkeit

aufteilt. Hier ist eine Verbindung zur Moralphilosophie Kants angebracht. Obwohl

Kant nicht auf die Empfindungsfähigkeit der Tiere näher eingeht, beschreibt er es

als ehrwürdig, wenn man zur Schulung seiner Persönlichkeit Rücksicht auf das

Wohlergehen der Tiere nimmt. Vielleicht ist es auf den ersten Blick unlogisch,

nicht gleich auf den Utilitarismus einzugehen, weil es ja ein Interessen-

abwägungsprinzip ist, dass dem Tier das Wohl zugesteht. Aber Kant trifft den Kern

der Problematik, indem er keinen vernünftigen Sinn darin sieht, Mitleid mit dem

Tier als Gesetz anzusehen. Dazu schreibt Kurt Seelmann treffend: „(...) die seit der

Aufklärung wichtige Trennung von Recht und Moral: Das moralische Gebot, (etwa

durch eine Blutspende) anderen zu helfen, soll prinzipiell nicht mit Rechtszwang

durchgesetzt werden. 2 Der Rechtszwang, den Seelmann erwähnt, ist bei Kant

anzutreffen, indem er das Mitleid mit dem Tier sozusagen als Probe für den guten

Charakter des Menschen sieht.

In einem weiteren Schritt möchte ich natürlich trotzdem auf den Utilitarismus

eingehen, weil er, tragischerweise wie allzu oft, wie sich herausstellen wird, die

Lösung des Problems bereithält. Es ist ersichtlich, dass ein überwiegendes

Interesse das Wohl eines Tieres rechtfertigen kann, zum Beispiel, dass bei Bio-

Produkten Hühner „gesund ernährt und nicht in Batterien gehalten werden.

Umgekehrt ist das Leiden eines Tieres, sogar bis zum Tod, genau auf die gleiche

Weise zu rechtfertigen. Wenn also viele Menschen krank sind und ein grosses

Interesse daran haben, gesund zu werden, können Tierversuche für ihre Heilung,

die das Tier bis zum äussersten strapazieren, legitim sein, da das Überleben der

2SEELMANN K., Strafrecht Allgemeiner Teil, S. 62


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Menschheit das ultimative Interesse überhaupt ist. Die gleichen Menschen

können sich aber dafür einsetzen, dass der kommerziellen Nutzung der Tiere

umfassend Einhalt geboten wird. Damit würde ein grosses, vielleicht sogar

überwiegendes Interesse bestehen, und die Tiere würden „sich selbst überlassen

werden. Das könnte durchaus zu einer Änderung im Gesetz und in der

Gesellschaft führen, wenn genug Menschen sich dafür interessieren.

Was dabei, vielleicht sogar unbemerkt, auf der Strecke bleibt, ist das Interesse, um

welches es eigentlich geht: Das Interesse der Tiere selbst. Das verhindert indirekt

die Wissenschaft, die die Grundlage der Zugeständnissen an Rechte für Tiere

bildet in Bezug auf Angst, Leid, Schmerz usw. (vgl. Art 2 Abs. 1, Art. 6 Abs. 2

TSchG). Ein Eigeninteresse fast aller Tiere ist bis heute noch nicht (vollständig)

nachzuvollziehen, abgesehen von Vermeidung von Schmerzen usw.. Demnach ist

das Interesse des Tiers mehr oder weniger das Interesse des Menschen. Folglich

liegt es, wie schon erwähnt, auch am Menschen, die heutige Lage zugunsten des

Tieres zu ändern. Um die momentane Situation weiter zu kritisieren, muss gesagt

werden, dass es nicht um Interessen gehen sollte. Das Interesse daran, ohne Leid

und Angst leben zu können, ist tiefgreifender und fundamentaler, als dass man es

als solches bezeichnen kann. Entsprechend hat ein jeder Mensch das Recht auf

körperliche Unversehrtheit, keiner Folter ausgesetzt zu sein usw., egal ob dies in

seinem eigenen Interesse ist oder nicht. Man kann gesetzlich sozusagen gar nicht

daran interessiert sein, nicht zu leben (nicht mit Suizid zu verwechseln). So sollte

es auch beim Tier sein. Die Einsicht, dass dies zumindest zum jetzigen Zeitpunkt

nicht möglich ist, scheint nicht schwer zu fallen.

Vielleicht ist eine ähnliche Situation mit dem Klimawandel entstanden. Dabei ist

die Notwendigkeit der gesetzlichen Eingrenzung des Ausstosses von

Schadstoffen wohl noch viel grösser und dringender, als das Verbot von

kommerzieller Nutzung von Tieren, da sie zudem das Überleben der Menschheit

bedroht.

Das Verhalten der Menschen und ihre Politik bleibt aber gleich. Bei beiden

Situationen steht eine unvorstellbare Einbusse im Wirtschaftssektor als Nachspiel

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bevor; Arbeitsplätze gehen verloren, ganze Fabriklandschaften müssten abgebaut

oder umgenutzt werden und beim Umweltschutz würde auch die technische und

wissenschaftliche Fortschrittsgeschwindigkeit stark abnehmen.

Um aber zurück zu den Tieren zu kommen muss gesagt werden, dass ein

Überleben genauso möglich für den Menschen wäre, wenn er auf Fleisch-

produkte verzichten würde. Vorstellbar bleibt sicher, Erzeugnisse wie Milch, Eier

usw. weiterhin zu nutzen, allerdings muss die Instrumentalisierung der Tiere

möglichst naturnah bleiben, was wiederum der Massenproduktion, die wir heute

haben, entgegenwirken würde und einen positiven Effekt auf Regionalität, Lohn

und Arbeitsbedingungen hätte und zudem die Umweltbelastung reduzieren

würde. Wahrscheinlich würde dies auch eine höhere Wertschätzung der be-

troffenen Produkte hervorrufen, es entstünde eine neue Moral, die vom

Menschen verlangt, in Bezug auf Tiere auf unnötige, überwiegende Interessen zu

verzichten, wenn sie das Tier in den weiter unten genannten Bedingungen

verletzen.

Die Gleichwertigkeit von Tieren wäre mit einer radikalen Änderung des Gesetzes

gegeben. Dazu folgende Vorschläge von der juristischen Seite:

In die Verfassung: Tierversuche

Kein Tier darf für Versuche verwendet werden, die

Schmerzen, Leid, Angst oder gar den Tod hervorrufen.

Tötung von Tieren

Die Herstellung von tierischem Fleisch und die Haltung

oder Fütterung von Tieren zu diesem Zweck ist

verboten.

Diese zwei Artikeln müssten wegen ihrer Wichtigkeit in der Verfassung der

Schweiz stehen. Das heutige Tierschutzgesetz müsste aufgelöst werden und ein

neues müsste vor allem die „Ausnahmen regeln, z.B. die Milchproduktion, Wolle-

und Lederproduktion (nur bei natürlichem Tod) usw.. Weitere Probleme wie

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Übergangslösung, Stellenabbau, Wildjagd, Sanktionen usw. müssten noch im

Detail geklärt werden.

Angenommen, die vorgeschlagenen Artikel würden angenommen und in die

Gesetze geschrieben werden, wäre die Ehre der Tiere gerettet?

Die Anerkennung von Tieren ist wohl einer der ältesten Widersprüche der

menschlichen Geschichte. Wenn man sich in diesem Zusammenhang eine alte

Frau vorstellt, die genüsslich ein „Ossobuco verschlingt und mit der anderen

Hand ihre liebe Katze streichelt, dann müsste man aufschreien und sagen, „das ist

doch absurd! . Genau wie bei Habermas Diskursethik wird Tieren dann einen

„Wert zugestanden, wenn sie eine enge Beziehung zum Mensch haben, oder viel

besser gesagt umgekehrt, d.h. wenn das Tier am Diskurs beteiligt ist. Die

Menschheit müsste darauf verzichten, Tiere auszuschliessen, zu denen sie keine

soziale Beziehung hat, genauso wie bei der Apartheid müsste der Wandel dazu

führen, alle Betroffenen als eigenständige Kreaturen anzusehen, und sie zu

respektieren, so wie sie sind und nicht mit voreingenommenem Verhalten zu

erniedrigen.

Als mögliche Einwände könnte ich mir vorstellen, zu fragen, was das Ganze

bringen soll. Doch das ist schnell geklärt, denn es soll keinem Menschen etwas

bringen, auf Fleisch zu verzichten und Tierversuche vorzunehmen, denn es geht

nicht um uns, es soll kein Interesse des Menschen damit verbunden werden, Tiere

am leben zu lassen oder ihnen kein Leid zuzufügen.

Im Gegenteil könnten Menschen sich freiwillig zur Verfügung stellen, schmerz-

hafte Versuche durchzumachen, um der Wissenschaft den Fortschritt in der

Forschung zu ermöglichen, wie Frau Krebs es erwähnt hat. Natürlich müssten sehr

strenge Vorschriften gelten, möglich wäre sogar, ein Entgelt zu verbieten, um

einen „Versuchsmensch-Handel zu verhindern. Das würde auch den Vorteil

bringen, dass die Versuche am direkt betroffenen Objekt vorgenommen werden

könnten und nicht nach einem Versuch noch auf den Menschen geschlossen

werden muss.

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Um noch ein letztes Mal eine Parallele zur Umweltdebatte zu vollziehen, ist als

gute Nachricht anzubringen, dass, sobald ein Umdenken stattgefunden hat, die

neuen Ideen und Innovationen schnell aus dem Boden spriessen, neue

Arbeitsplätze geschaffen werden und neue Erkenntnisse gewonnen werden

können. All das sollte die Menschheit dazu bringen, ihre Vorgänger zu

respektieren in einer Weise, die unserer Intelligenz, die wir durch sie gewonnen

haben, gewachsen ist. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob die Zeit dafür reif ist;

auch wenn das ein Satz ist, den vielleicht nur Diktatoren brauchen, aber mit der

Finanzkrise und dem Klimawandel ist der Normalbürger schon mit zwei mehr

oder weniger lebensbedrohlichen Fakten beschossen worden, weshalb fraglich

scheint, ob eine Dritte Bedrohung noch Platz hat.

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Quellen & Literaturangaben

Tierschutzgesetz: www.admin.ch

Bundesverfassung: www.admin.ch

Kurt Seelmann, Strafrecht Allgemeiner Teil, 4. Auflage, erschienen 2009 bei

Helbing Lichtenhahn Verlag

Skripte & Reader aus der Vorlesung