Sie sind auf Seite 1von 94

Makroökonomik

Vorlesung in Volkswirtschaftslehre

7. überarb. Auflage

Johann Graf Lambsdorff


Marcus Giamattei
Copyright 
c 2021 Johann Graf Lambsdorff & Marcus Giamattei

Universität Passau, Innstraße 27, 94032 Passau.


E IGENVERLAG

WWW. WIWI . UNI - PASSAU . DE / WIRTSCHAFTSTHEORIE

Als Cover des Buches wurde das Gemälde „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ von Pieter
Bruegel dem Älteren aus dem Jahre 1559 gewählt, das im Kunsthistorischen Museum in Wien hängt.
Die Vorlage wurde von Wikimedia Commons bezogen (Creative Commons Lizenz CC-BY-SA
3.0).
Als LATEX Vorlage für das Buch wurden einzelne graphische Elemente des Template Legrand
Orange Book übernommen.
Druck, März 2021
Inhaltsverzeichnis

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Interaktive Materialien zur Vorlesung . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Symbolverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1 Was ist Makroökonomik? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
1.1 Aggregate 15
1.2 Volkswirtschaftliche Interaktion 18
1.3 Entwicklung der Makroökonomik 20
1.4 Wettstreit der Lehrmeinungen 23
Das Kollektiv in der Volkswirtschaft 24
Das Individuum in der Volkswirtschaft 26
1.5 Schlüsselbegriffe im Kapitel 27
1.6 Ergänzende Literatur 27
1.7 Quiz 28
1.8 Übungsaufgaben 28

2 Inlandsprodukt und VGR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31


2.1 Messung des Inlandsprodukts 31
2.2 Nominal und real 33
2.3 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) 35
2.4 Produktion und Einkommen im Kontenschema 36
2.5 Sparen und Investieren 38
2.6 Ersparnis und Investition im Kontenschema 40
2.7 Lebensstandard und -zufriedenheit 43
2.8 Ausblick 44
2.9 Schlüsselbegriffe im Kapitel 44
2.10 Ergänzende Literatur 45
2.11 Quiz 45
2.12 Übungsaufgaben 46

3 Produktion und Wachstum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49


3.1 Unterschiede im Lebensstandard 49
3.2 Ursachen für Armut und Reichtum 50
3.3 Fallstudie China 51
3.4 Makroökonomische Produktionsfunktion 53
3.5 Wachstumsmodell 55
Investitionsquote und Wachstum 55
3.6 Änderung der Spar- und Investitionsquote 60
3.7 Änderung des Bevölkerungswachstums 62
3.8 Änderung des technischen Fortschritts 64
3.9 Kritik des Wachstumsmodells 65
3.10 Schlüsselbegriffe im Kapitel 66
3.11 Ergänzende Literatur 66
3.12 Quiz 67
3.13 Übungsaufgaben 68

4 Konjunktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
4.1 Wachstum und Konjunktur 71
4.2 Nachfrage und Interaktion 74
4.3 Konsum der privaten Haushalte 76
Konsum und unsicheres Einkommen 77
4.4 Keynesianische Konsumfunktion 78
Konsum und Einkommen 78
4.5 Einfaches Gütermarktmodell 80
4.6 Störungen des Gleichgewichts 82
4.7 Dynamische Anpassung 83
Konsumspiel 83
4.8 Ersparnis und Investition 86
4.9 Sparparadoxon 88
4.10 Konjunkturindikatoren 89
4.11 Schlüsselbegriffe im Kapitel 90
4.12 Quiz 90
4.13 Ergänzende Literatur und Quellen im Web 91
4.14 Übungsaufgaben 92

5 Staat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
5.1 Staat und VGR 95
5.2 Nettoinlandsprodukt zu Marktpreisen 100
5.3 Gütermarktmodell mit Staat 101
5.4 Verschuldung und Konjunktur 105
Ricardianische Äquivalenz 105
5.5 Schuldenstandsquote 107
5.6 Schlüsselbegriffe im Kapitel 111
5.7 Quiz 111
5.8 Ergänzende Literatur und Quellen im Web 112
5.9 Übungsaufgaben 113

6 Geld und Zinsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117


6.1 Besonderheit des Geldes 117
6.2 Zins und Zinsfuß 119
Barwertmethode 119
6.3 Geldnachfrage 122
6.4 Geldnachfragekurve 123
6.5 Fallstudie Goldstandard 126
6.6 Moderne Geldpolitik 127
6.7 Geschäftsbanken 128
6.8 Kredite der EZB 130
6.9 Transmission des Zentralbankzinssatzes 132
6.10 Schlüsselbegriffe im Kapitel 135
6.11 Quiz 135
6.12 Ergänzende Literatur und Quellen im Web 137
6.13 Übungsaufgaben 137

7 Inflation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
7.1 Lebenshaltungskosten 141
7.2 Negative Auswirkungen der Inflation 144
7.3 Positive Auswirkungen der Inflation 146
7.4 Ein veraltetes Modell 147
7.5 Träge Preisanpassung 149
Die Phillips-Kurve 149
7.6 Inflation und Produktionslücke 153
7.7 Inflation und die mikrofundierte Makroökonomik 154
7.8 Inflation aus Sicht der Makroökonomik als engineering 155
7.9 Schlüsselbegriffe im Kapitel 157
7.10 Quiz 158
7.11 Ergänzende Literatur 159
7.12 Übungsaufgaben 159

8 Investition und Zins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163


8.1 Didaktischer Ausblick 163
8.2 Realzins 164
8.3 Einzelwirtschaftliche Investitionsentscheidung 164
8.4 Investitionspolitik 166
8.5 Investition und Zins 167
8.6 Ein dogmenhistorischer Ausflug 168
8.7 Zins und gesamtwirtschaftliche Nachfrage 170
8.8 Multiple Gleichgewichte 173
Koordinierte Investition 173
Schönheitswettbewerb 175
8.9 Schlüsselbegriffe im Kapitel 177
8.10 Quiz 177
8.11 Ergänzende Literatur und Quellen im Web 178
8.12 Übungsaufgaben 179

9 Zins und Gütermarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183


9.1 Bestimmung des Zinssatzes 183
Reaktionsfunktion der Zentralbank 184
9.2 Gütermarktgleichgewicht mit Taylor-Regel 186
9.3 Expansive Fiskalpolitik 187
9.4 Restriktive Geldpolitik 188
9.5 Liquiditätsfalle 190
9.6 Fallstudie Eurozone 191
9.7 Bedeutung der Taylor-Regel 193
9.8 Schlüsselbegriffe im Kapitel 194
9.9 Quiz 194
9.10 Ergänzende Literatur 195
9.11 Übungsaufgaben 196

10 Makroökonomisches Konsensmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . 199


10.1 Inflation und gesamtwirtschaftliche Nachfrage 199
10.2 Potentielles Inlandsprodukt und Inflation 201
10.3 Ausgangslage 203
10.4 Erhöhung der Ertragserwartungen 204
10.5 Restriktive Geldpolitik mit Inflation 207
10.6 Exogene Erhöhung der Inflation 207
10.7 Die Lucas-Kritik 208
10.8 Deflation und Liquiditätsfalle 210
10.9 Fallstudie Große Depression 211
10.10 Vorteile der Inflation 213
10.11 Schlüsselbegriffe im Kapitel 215
10.12 Quiz 216
10.13 Ergänzende Literatur und Quellen im Web 217
10.14 Übungsaufgaben 218

Schlusswort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
Bildquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
Index . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
11

Vorwort
Dieses Buch stellt vollständig die Inhalte der Bachelor-Vorlesung Makroökonomik vor. Es enthält
in knapper und kompakter Form die wichtigsten Modelle, aktuelle Daten, anschauliche Grafiken,
Buchungsvorgänge der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und illustrierende Hintergründe,
mit denen ein Verständnis des Stoffes ermöglicht wird. Neuere Ereignisse, wie die Eurokrise und
die Finanzkrise, werden dabei genauso integriert wie dogmenhistorische Kontroversen, regional-
spezifische Schilderungen und wirtschaftshistorische Fallstudien. Moderne Kontroversen werden
so abgearbeitet, dass diese anhand eines einheitlichen Modellrahmens verständlich werden, aber
auch Ausblicke liefern auf die derzeitige Forschungsfront. Gleichzeitig verwendet die Vorlesung
interaktive Lehrformen, die mit Hilfe von classEx ein neuartiges Lehr-Lern-Umfeld ermöglichen,
wie auch die spontane Integration von verhaltensorientierten und experimentellen Befunden (siehe
S. 12).

In der 7. Auflage wurde das Buch vollständig überarbeitet. Weitere classEx-Spiele zu Wachstum,
Barwertmethode und Lebenseinkommen wurden aufgenommen. Die Ausführungen zur Staatsver-
schuldung wurden vertieft. Ein neues classEx-Spiel zur Phillips-Kurve wurde integriert, mit dem
sowohl ein Verständnis der Inflationsträgheit als auch der Lucas-Kritik ermöglicht wird. Ferner
wurden etliche Streichungen vorgenommen und Inhalte gestrafft.

Für die Entwicklung und Erstellung des Manuskripts danken wir den vielen Studierenden, Mit-
arbeiterinnen und Mitarbeitern, Tutorinnen und Tutoren, die über die Jahre beigetragen haben,
insbesondere Susanna Grundmann, Stephan Geschwind, Florian Kammermeier und Ingrid Scheun-
graber.

Passau im März 2021 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff


Prof. Dr. Marcus Giamattei
12

Interaktive Materialien zur Vorlesung

QR-Codes und Quellen im Web

Am Ende vieler Kapitel finden sich Links zu Quellen und kurzen Videos im Web, die Sie durch Scan-
nen des QR-Codes erreichen. Sollten Sie keinen QR-Code-Scanner besitzen, so sind alle Links auch
zum Anklicken unter http://www.wiwi.uni-passau.de/wirtschaftstheorie hin-
terlegt.

classEx - Interaktive Hörsaalexperimente

classEx ist eine interaktive Onlineplattform zur Durchführung von Experimen-


ten und Umfragen im Hörsaal. Studierende melden sich mit ihrem mobilen End-
gerät (Smartphone oder Notebook) an und können interaktiv an der Vorlesung
teilnehmen. Die Ergebnisse werden sofort auf dem Präsentationsbildschirm des
Dozierenden mit konkreten Grafiken angezeigt. Weitere allgemeine Information
zu classEx finden sich unter http://classEx.de.

Login. Mit diesem Link können Sie sich direkt einloggen, um an interakti-
ven Experimenten und Umfragen teilzunehmen. Sie können sich auch einlog-
gen, indem Sie auf classEx.uni-passau.de gehen und dort „Universität
Passau“ und „Makroökonomik“ auswählen. Das Passwort für Teilnehmerinnen
und Teilnehmer lautet "keynes". Die Teilnahme ist nur während der Vorlesung
Makroökonomik an der Universität Passau möglich.

Der ökonomische Pfadfinder

Aktuelle Fragestellungen der Makroökonomik werden auf dem Youtube-Kanal


„Der ökonomische Pfadfinder“ behandelt.
13

Makroökonomischer Roman zur Vorlesung

Ein Wirtschaftskrimi von Johann Graf Lambsdorff und Björn Frank

„Man kann doch für eine Idee nicht umgebracht werden.“


„Für was denn sonst? Seit Jahrhunderten wurden Menschen genau dafür
ermordet.“

Als Lester Sternberg eines Morgens in die Arbeit kommt, ist nichts mehr so, wie es einmal war.
Denn er steht unter dringendem Tatverdacht seinen Chef, Professor van Slyke, ermordet zu haben.
Um seine Unschuld zu beweisen sucht er auf eigene Faust nach dem wahren Täter. Hilfe erhält
er von der Studentin Milena – und die kann er sehr gut gebrauchen, denn der Mörder seines
Doktorvaters ist nun hinter ihm her. Ist der Grund seine wissenschaftliche Arbeit über die Kritik
am Bankensystem? Aber wer würde deshalb töten? Eine rasante Verfolgungsjagd durch Europa
beginnt, bei der einige Banken und ein internationales Forschungsinstitut verwickelt sind. Licht ins
Dunkle könnten dabei bekannte Ökonomen bringen. Die sind längst verstorben, aber ihre Ideen
sind wichtiger als je zuvor!
14

Symbolverzeichnis

a autonomer Konsum λP Beschäftigungspräferenz T Steuern


A Produktionstechnologie der Zentralbank Td direkte Steuern u.Soz.
BD Budgetdefizit L Geldnachfrage Ti indirekte Steuern
γ Koeff. Produktionslücke N Arbeitseinsatz U Anleihekurs
C Konsum d. Haushalte n Bevölkerungswachstum V Vorleistungen
c marginale Konsumquote p individueller Preis Y Nettoinlandsprodukt
δ Abschreibungsrate P Verbraucherpreisindex Yb Bruttoinlandsprodukt
D Abschreibungen π Inflationsrate yb Bruttoinlandsprodukt
E Ertragserwartungen q Zinscoupon pro Kopf
F Faktoreinkommen ρ interner Zinsfuß Ȳ potentielles Inlandsprodukt
G Staatskonsum einer Investition Yv verfügbares Einkommen
H Humankapital r realer Zinssatz Y Produktionslücke
i nominaler Zinssatz r Ausrichtung der ϕ Zinsreagibilität Nachfrage
I Nettoinvestitionen Zentralbankpolitik ω Nachfragewirkung Impulse
Ib Bruttoinvestitionen RP Risikoprämie Z Transferzahlungen
K Kapitalstock S Ersparnis des Staates
k Pro-Kopf-Kapital s marginale Sparquote
λI Inflationsabneigung t Periode
der Zentralbank τ Steuersatz

Bei dynamischen Anpassungsprozessen wird die Ausgangslage mit Periode 0 gekennzeichnet und
das endgültige Gleichgewicht mit ∞. Störungen finden in Periode 1 statt.

Ableitungen und totale Differenziale sind mit d gekennzeichnet.

dx
ẋ bezeichnet die Ableitung nach der Zeit ẋ ≡ .
dt
1. Was ist Makroökonomik?

1.1 Aggregate
Die Makroökonomik ist ein Teil der Volkswirtschaftslehre und blickt aus einer Vogelperspektive auf
ökonomische Zusammenhänge. Im Zentrum stehen nicht einzelne Akteure, also nicht etwa einzelne
private Haushalte oder Unternehmen. Auch Transaktionen mit einzelnen Gütern oder Märkten sind
nicht von primärem Interesse. Vielmehr werden Aggregate betrachtet, also Messgrößen, die viele
Akteure und Transaktionen akkumulieren und größere wirtschaftliche Zusammenhänge erfassen.
Zu den Gruppen von Akteuren gehören beispielsweise Sektoren, die aus vielen Haushalten und
Unternehmen bestehen. Sie werden in der Regel über geografische Gebiete, z.B. Regionen, Länder,
Kontinente oder die gesamte Erde aggregiert. Ebenso werden Aggregate von vielen Transaktionen
auf verschiedenen Märkte gemessen, auf denen ähnliche Produkte oder Dienstleistungen gehandelt
werden. Typische solche Aggregate, die wir in der Folge kennenlernen werden, sind das Inlands-
produkt oder die Inflationsrate einer Volkswirtschaft. Betrachten wir im Folgenden beispielsweise
16 Kapitel 1. Was ist Makroökonomik?

Vereinigte Staaten von Amerika 2018

Inlandsprodukt 20.500 Mrd.US$


Bevölkerung 328 Mio.
Pro-Kopf-Inlandsprodukt 62.500 US$
Preis Big-Mac 5,51 US$
Wechselkurs 1,18 US$ / e

Abbildung 1.1: Länderbeispiel Vereinigte Staaten von Amerika

die USA in Abbildung 1.1. Das Inlandsprodukt ist eine Größe, die die gesamte Produktion und
das gesamte Einkommen in den USA indiziert und die wir im nächsten Kapitel noch genauer
definieren werden. Es beläuft sich auf 20.500 Mrd.US$. Aber was wollen wir mit einer solchen
Angabe anfangen? Es ist zunächst zu vermuten, dass das Inlandsprodukt umso größer ausfällt, je
mehr Menschen in einem Land leben. Daher können wir das Inlandsprodukt bereinigen und es pro
Kopf ausweisen. Bei einer Bevölkerung von 328 Mio. ergibt sich ein Pro-Kopf-Inlandsprodukt von
ungefähr 62.500 US$ pro Kopf.
20.500 Mrd.US$ US$
≈ 62.500 (1.1)
328 Mio.Menschen Kopf
Dies entspricht der durchschnittlichen Produktion und dem Einkommen einer Person in den USA.
Aber diese Größenangabe ist immer noch nicht besonders aussagekräftig. Ist dies viel oder wenig?
1.1 Aggregate 17

Was bedeutet es für den Lebensstandard? Kann sich eine durchschnittliche Person damit viele
oder nur wenige Güter kaufen? Um diese Frage zu beantworten benötigen wir ein Preisniveau.
Beispielhaft können wir den Preis eines Big-Mac mit 5, 51 US$ verwenden. Dieses Produkt eignet
sich gut für solch eine Berechnung, da es weltweit verfügbar ist und wir so einen Vergleich zwischen
Ländern anstellen können. Dividieren wir das Pro-Kopf-Inlandsprodukt durch diesen Preis, erhalten
wir eine Angabe, wie viele Big-Mac ein durchschnittlicher Amerikaner im Jahre 2018 produzieren
und konsumieren konnte, sofern die Produktion nur aus diesem Produkt bestehen würde.
US$
62.500
Kopf Big-Mac
≈ 11.300 (1.2)
US$ Kopf
5, 51
Big-Mac
Wir müssen hierbei nicht auf das Problem einer einseitigen Ernährung eingehen, um zu sehen,
dass dies eine sehr große Zahl ist. Dies wird auch deutlich bei einem Vergleich mit Daten aus
Deutschland in Abbildung 1.2. Für Deutschland sehen wir, dass das Inlandsprodukt im Jahre 2018
einen Wert von 3.386 Mrd.e hatte. Bei einer Bevölkerung von 82,7 Mio. entspricht dies einem
Pro-Kopf-Inlandsprodukt von circa 40.900 e. Was kann uns dieser Wert diesmal sagen? Wir können
erneut ein einzelnes Produkt heranziehen, den Big-Mac, der in Deutschland 4,29e kostet. Damit
können wir die Frage beantworten, wie viele Big-Mac ein durchschnittlicher Deutscher produzieren
und konsumieren würde, wäre die Produktion so einseitig ausgerichtet. Hierzu stellen wir fest, dass
das Pro-Kopf-Inlandsprodukt in Deutschland etwas niedriger ist als in den USA, allerdings immer
noch auf einem sehr hohen Niveau.
e
40.900
Kopf Big-Mac
≈ 9.500 (1.3)
e Kopf
4, 29
Big-Mac
Damit können wir schlussfolgern, dass vermutlich insgesamt der Lebensstandard in Deutschland
etwas niedriger ist als in den USA. Eine solche Schlussfolgerung kann auch aus einem anderen
Vergleich gezogen werden. Wir können den Wechselkurs verwenden. Dieser betrug im Jahre 2018
durchschnittlich 1,18 US$/e. Dividieren wir das Pro-Kopf-Inlandsprodukt in den USA hierdurch,
so erhalten wir
US$
62.500
Kopf e
≈ 53.000 (1.4)
US$ Kopf
1, 18
e
18 Kapitel 1. Was ist Makroökonomik?

Bundesrepublik Deutschland 2018

Inlandsprodukt 3.386 Mrd.e


Bevölkerung 82,7 Mio.
Pro-Kopf-Inlandsprodukt 40.900 e
Preis Big-Mac 4,29 e

Abbildung 1.2: Länderbeispiel Bundesrepublik Deutschland

Auch bei diesem Vergleich sehen wir also, dass das Pro-Kopf-Inlandsprodukt in Deutschland etwas
geringer ist als in den USA.

1.2 Volkswirtschaftliche Interaktion


In der Makroökonomik geht es einerseits darum, diese Aggregate zu messen und zwischen Ländern
und Zeiten vergleichbar zu machen. Aber viel wichtiger ist es, die hinter den Aggregaten bestehen-
den Zusammenhänge zu verstehen. Sofern das Inlandsprodukt stark gesunken und gegenwärtig auf
einem niedrigen Niveau ist, welche Auswirkung hat dies auf die Inflationsrate und das Budgetdefizit
des Staates? Sofern die Inflationsrate hoch ist, wie wirkt dies auf die Zinsen?

Zum Verstehen makroökonomischer Aggregate und Zusammenhänge ist es wichtig, die zentralen
Akteure zu identifizieren. Dies sind nicht einzelne Personen, Gruppen oder Unternehmen. Vielmehr
werden Personen und Unternehmen in größere Einheiten nach makroökonomischen Funktionen
1.2 Volkswirtschaftliche Interaktion 19

zusammengefasst. Für eine Zusammenfassung müssen sie erkennbare Ähnlichkeiten aufweisen


und identische Aufgaben wahrnehmen. So lassen sich unter den Akteuren die privaten Haushalte
identifizieren, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie arbeiten, hiermit Einkommen erzielen,
für Konsumzwecke verwenden und den Rest sparen. Unternehmer nennen wir alle, die Güter und
Dienstleistungen produzieren und aus den privaten Haushalten Arbeitskräfte für die Produktion
einsetzen. Investoren sind diejenigen, die Ersparnisse aufnehmen und damit den physischen Kapi-
talstock der Volkswirtschaft, also beispielsweise den Bestand an Maschinen und Bauten, erhöhen.
Dabei können Einzelpersonen auch die Rollen mehrerer Akteure gleichzeitig übernehmen, zum
Beispiel als Unternehmer und als Investor. Wir sehen hier erneut den Blick aus der Vogelperspek-
tive, wie in Abbildung 1.3. Wie bei einer Landkarte werden Akteure (Häuser und Betriebe) und
Aggregate (Verbindungslinien) zwischen diesen eingezeichnet.

Abbildung 1.3: Eine Volkswirtschaft als Landkarte

Makroökonomik wird zum einen aus einem reinen Erkenntnisinteresse betrieben. Wie können wir
die größeren wirtschaftlichen Zusammenhänge begreifen? Die Welt um uns herum zu begreifen ist
an sich faszinierend, auch wenn diese Erkenntnis keinen praktischen Nutzen mit sich bringt. So
können wir uns für die astronomische Erforschung schwarzer Löcher begeistern, auch wenn dies
vermutlich niemals von praktischer Relevanz sein wird. Ähnlich können wir erkennen wollen, wie
menschlicher Austausch und Koordination in großen geografischen Gebieten funktioniert. Solche
Erkenntnisse sind aber auch von großem praktischem Nutzen. So können sie wichtig sein für die
wirtschaftspolitische Beratung. Sollte die Bundesregierung ihre Ausgaben erhöhen? Sollte die
Zentralbank die Zinsen senken? Solche Fragen lassen sich nur beantworten, wenn die makroöko-
20 Kapitel 1. Was ist Makroökonomik?

nomischen Zusammenhänge vorher bekannt sind, damit die weitreichenden Auswirkungen einer
wirtschaftspolitischen Maßnahme verstanden werden.

Daneben ist die Makroökonomik auch für betriebliche und private Entscheidungen wichtig, denn
sie liefert die Grundlage für die Erstellung von Prognosen für wichtige Daten des sozialen Umfelds.
Welchen Preis sollte man angesichts der zukünftigen Inflationsrate heute für hergestelltes Produkt
setzen? Wie sollte man heute sein Unternehmen finanzieren in Anbetracht der zukünftigen Zins-
entwicklung? Sollte man heute in Anbetracht zukünftiger Wachstumsraten des Inlandsprodukts
Investitionen durchführen?

Wie wichtig die Makroökonomik ist, zeigen auch die gewaltigen Gewinne, die Spekulanten mit ma-
kroökonomischen Prognosen erzielen können. Im Jahre 1992 wettete der ungarisch-amerikanische
Anleger und Fondsmanager George Soros auf eine Abwertung des britischen Pfunds gegenüber der
DM, weil die hohen Zinsen Deutschlands Großbritannien in die Rezession geführt hatten. An einem
Tag, bekannt geworden als Black Wednesday, verdiente er mehr als 1 Mrd.US$. Viele internationale
global macro fonds sind heute darauf spezialisiert, mit makroökonomischen Prognosen Gewinne
zu erzielen. Unabhängig davon, ob wir ihnen nacheifern oder ihnen Grenzen auferlegen wollen,
zeigt dies die Wichtigkeit makroökonomischer Analysen.

1.3 Entwicklung der Makroökonomik


Für die letzten 170 Jahre zeigt sich ein deutlicher Anstieg des Inlandsprodukts pro Kopf, wie in
Abbildung 1.4 dargestellt. So stieg das Inlandsprodukt in den USA, Deutschland, Frankreich und
England zwischen 1880 und 2020 um ein Vielfaches. Dies lässt sich weitgehend auf technischen
Fortschritt zurückführen. Zentral hierfür sind einerseits Unternehmen, die Anreize haben zur
Erforschung neuer Technologien und die Entwicklung neuer Produkte. Das Gewinnstreben dieser
Unternehmen kann damit die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt steigern.

Aus dieser Perspektive werden Eingriffe von Regierungen oftmals kritisch gesehen. Mit der Er-
hebung von Steuern und Auflagen für Unternehmen würden Staaten aus dieser Perspektive das
Wachstum behindern. Diese makroökonomische Ausrichtung beinhaltete die Überzeugung, einzelne
Akteure würden rational handeln und damit das kollektive Wohlergehen fördern, so lange sie vom
Staat ungestört seien. Staatliche Eingriffe würden hingegen Anreize verzerren, knappe Ressourcen
in unproduktive Verwendungen leiten und wirtschaftliche Schwankungen induzieren. Die Rolle
1.3 Entwicklung der Makroökonomik 21

des Staates sollte darauf reduziert werden, gute Bedingungen für die Privatwirtschaft zu schaffen,
beispielsweise durch klare Regeln und Preisniveaustabilität.

Abbildung 1.4: Langfristige Entwicklung des Pro-Kopf-Inlandsprodukts

Als beispielsweise in den 1970er Jahren Inflationsraten hoch waren, entstand die Sorge, dass private
Investitionen nicht verlässlich kalkuliert werden können und zurückgehen. In der Makroökonomik
traten Fragen zur Herstellung von Preisniveaustabilität, also einer Inflationsrate nahe Null, in
den Mittelpunkt. Dabei entwickelte sich eine makroökonomische Lehrmeinung, der sogenannte
Monetarismus, bei dem die Rolle der Zentralbank bei der Herstellung von Preisniveaustabilität
besonders herausgearbeitet wurde. Diese solle ihre Politik, so die Empfehlung, anhand einfacher
Regeln festlegen, im Voraus kommunizieren und sich an die entsprechenden Vorgaben halten.

Der Zusammenbruch vieler sozialistischer, planwirtschaftlicher organisierter Staaten 1989/90 und


die hohen Wachstumsraten in Nordamerika in den 1990er Jahren schienen die bestehende makro-
ökonomische Lehrmeinung zu bestätigen. Auch das beginnende Informationszeitalter brachte hohe
Wachstumsraten mit sich. Roboter und Computer ermöglichten neue Produktionsprozesse, neue
22 Kapitel 1. Was ist Makroökonomik?

digitale Produkte entstanden, das Internet beförderte neue Produktions und Distributionsprozesse.
In diesem Umfeld konnten insbesondere Unternehmen den technischen Fortschritt vorantreiben
und staatliche Eingriffe erschienen störend.

Drei Entwicklungen haben seitdem die bestehende makroökonomische Lehrmeinung herausgefor-


dert. Zum einen hat weltweit der Anteil des Staates an der Gesamtwirtschaft zugenommen. So lag
der Steuersatz Anfang des 20. Jahrhunderts noch bei 10% und liegt heute weltweit bei etwa 30%.
Dieser Anstieg hat das Wachstum während der letzten 140 Jahre nicht gebremst.

Zweitens zeigt Abbildung 1.4 auch die Entwicklung von Japan, Südkorea und China. In diesen
Ländern ist die Rolle des Staates bei der Koordination und Durchführung von Investitionen stärker
ausgeprägt als in Europa und in Nordamerika. Industrien und Banken werden stark reguliert. Private
Investitionen werden gefördert, aber oftmals nur in enger Abstimmung mit der Regierung. Das
niedrige Inlandsprodukt dieser drei Länder im Jahre 1950 legte noch nahe, dass mit dieser Form
der Wirtschaftspolitik der technische Fortschritt behindert werde. In den letzten Jahrzehnten haben
diese Länder aber deutlich aufgeholt. Die Fähigkeiten von Regierungen bei der Schaffung von
technischem Fortschritt und Wohlstand erscheinen damit heute in einem anderen Licht.

Drittens wurde die bestehende Makroökonomik durch die Finanzkrise 2008/09 herausgefordert.
So erscheinen die vorhergehenden Jahre als irrationale Übertreibung. So waren insbesondere die
Immobilienpreise in den USA bis 2007 zu hoch bewertet. So lange der Optimismus anhielt, blieb
dies unerkannt. Mit einem Platzen der Immobilienblase in den USA begann ab 2007 eine schwere
Rezession. In den darauffolgenden Jahren resultierten negative Wachstumsraten in den USA und in
Europa. Nur durch ein massives Eingreifen der Staaten konnte ein weiteres Absinken der Produktion
verhindert werden.

Die moderne Makroökonomik hat dies nachhaltig beeinflusst und betont wieder stärker die Rolle
von Regierungen bei der Stabilisierung der Wirtschaft. Seit der Finanzkrise 2008/09 hat sich
eine Skepsis gegenüber der Rationalität einzelner Akteure und Märkte verbreitet. Damit wird
insgesamt die Notwendigkeit der makroökonomischen Steuerung, der Keynesianismus, wieder
weitgehend akzeptiert. Darunter versteht man das aktive Eingreifen des Staates in die Wirtschaft,
insbesondere durch staatliche Ausgabenprogramme, Investitionsanreize oder ähnliche Maßnahmen,
mit denen in der Rezession bei ausgeprägtem Pessimismus die Ausgaben angeregt und im Boom
bei übertriebenem Optimismus gedämpft werden sollen. Dabei soll sich der Staat aus Sicht des
1.4 Wettstreit der Lehrmeinungen 23

Keynesianismus nicht Regeln unterwerfen, sondern ökonomische Probleme identifizieren und zügig
dazu situationsadäquate Gegenmaßnahmen ergreifen.

1.4 Wettstreit der Lehrmeinungen


Im Rückblick auf die Entwicklung der Makroökonomik erkennen wir zwei Lehrmeinungen im Wett-
streit. Diese unterscheiden sich primär in zwei Fragen: Erstens, wie rational sind einzelne Akteure
oder wie stark werden stattdessen makroökonomische Aggregate von Stimmungen, Koordinations-
und Prognosefehlern beeinflusst? Zweitens, wie gut tragen Märkte zur Koordination menschlicher
Handlungen und Stabilität der wirtschaftlichen Entwicklung bei oder wie stark sollten stattdes-
sen die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger (der Staat) in das Wirtschaftsgeschehen aktiv
eingreifen?

Eine Lehrmeinung sieht die Makroökonomik ähnlich wie eine Ingenieurswissenschaft (enginee-
ring). Das Motto einer solchen Lehrmeinung lässt sich am einfachsten beschreiben mit „Gut ist,
was funktioniert.“ Der zufolge sollte der Ausgangspunkt der Makroökonomik die Interaktion von
Individuen sein und nicht etwa eine Theorie über individuelles Verhalten. Ausgangspunkt sind
Beobachtungen und Erfahrungen, die erst in der Folge zu einer Theorie ausgebaut werden. Ziel der
Makroökonomik ist dabei, Politikempfehlungen zu generieren, die auf den beobachteten Regel-
mäßigkeiten aufbauen und eine Steuerung makroökonomischer Aggregate verbessern. Praktische
Probleme sollen gelöst werden, um wirtschaftspolitischen Entscheidungsträgern darzulegen, welche
Maßnahmen funktionieren und welche nicht. Irrationales Handeln von Akteuren ist dabei möglich.
Die Makroökonomik ist primär eine empirische Wissenschaft, die ihre Schlussfolgerungen aus
der Erhebung und Auswertung von Daten gewinnt und keine Mikrofundierung im Sinne einer
auf rationalen Einzelentscheidungen aufbauende Theorie benötigt. So schreibt der amerikanische
Zentralbanker Alan Blinder (1987: 135):

„Good science need not always be built up from solid microfoundations. Thermody-
namics and chemistry, for example, have done pretty well without much micro theory.
[...] And the microfoundations of medicine are often very poor; yet much of it works.
Empirical regularities that are formulated and tested directly at the macro level do
have a place in science“.

Ähnlich ist in der Physik einerseits eine Fundierung mit Hilfe der Teilchenphysik geläufig. So wird
die elektromagnetische Wechselwirkung mit einem Austausch von Photonen erklärt. Andererseits
24 Kapitel 1. Was ist Makroökonomik?

existieren Phänomene wie die Gravitation, die sich beharrlich einer Erklärung mit Hilfe von
Einzelteilen widersetzen und sich stattdessen besser mit Zusammenhängen auf der Makroebene,
hier insbesondere der Raumkrümmung, erklären lassen. Die Nobelpreisträger George A. Akerlof
(*1940) und Robert J. Shiller (*1946) lassen sich dieser Richtung der Makroökonomik zuordnen.

Das Kollektiv in der Volkswirtschaft


Sie produzieren Konsumgüter für den eigenen Gebrauch. Die Anzahl an Arbeits-
stunden pro Jahr wird durch die Variable e angegeben. Sie möchten genau so viel
arbeiten, wie die durchschnittliche Person im Hörsaal. Hierzu wählen Sie eine
Zahl zwischen 0 und 250. Aus allen im Hörsaal gewählten Zahlen wird der Durchschnitt ge-
bildet. Derjenige Teilnehmer, der mit seiner Zahl diesem Durchschnitt am nächsten kommt,
gewinnt 20 e (bei Gleichstand entscheidet das Los).

In diesem Spiel gibt es kein stabiles Gleichgewicht. Jeder Wert zwischen 0 und 250 kann als
möglicher Durchschnitt resultieren und damit eine optimale Wahl für einen Teilnehmer sein. Sofern
Erwartungen vorliegen, andere Teilnehmer würden eher hohe Werte bevorzugen, ist es vernünftig,
ebenfalls einen solch hohen Wert zu wählen. Rechnet ein Teilnehmer eher damit, andere würden
niedrige Werte auswählen, so wird er ebenfalls einen niedrigen Wert angeben. Dies hat zur Folge,
dass der Durchschnitt nicht prognostiziert werden kann und die gewählten Werte für e eine hohe
Varianz aufweisen.

Eine eindeutige Lösung des Spiels lässt sich nicht mathematisch herleiten. Dies hat zur Folge, dass
Teilnehmer intuitive Methoden zur Auswahl des Wertes verwenden. Wird das Spiel wiederholt
und Rückmeldung zur ersten Durchführung gegeben, so können Teilnehmer den Durchschnitt zur
Orientierung verwenden. Wert des ersten Spiels beeinflusst denjenigen des wiederholten Spiels.
Der Durchschnitt bei einer Wiederholung liegt nahe am vorherigen Durchschnitt. Zudem ist die
Varianz der gewählten Werte reduziert. Damit wird erkennbar, dass Spielverhalten und eventuell
auch ökonomisches Verhalten in der Wirklichkeit von Stimmungen getrieben sein kann. Liegt
beispielsweise eine optimistische Stimmung vor, bei der Teilnehmer einen hohen Arbeitseinsatz
wählen, so wird dieses Verhalten persistent in den Folgerunden auftreten. Erwartungen erfüllen
sich selbst. Pessimismus wirkt ansteckend in die andere Richtung.

Nicht Rationalität, sondern Gewohnheiten bestimmen das Spielverhalten. Hat eine historische
1.4 Wettstreit der Lehrmeinungen 25

Entwicklung zu einem niedrigen Wert geführt, so haben sich Menschen daran gewöhnt und dieser
niedrige Wert wird auch für die Zukunft erwartet, selbst wenn ein Rationalkalkül einen anderen
Wert nahelegt. Historische Werte liefern den Orientierungspunkt für zukünftige Handlungen. Für
die Prognose menschlichen Verhaltens benötigen wir dabei keine auf Rationalität und individuellen
Präferenzen aufbauende Theorie. Verhalten wird nicht davon bestimmt, welche Präferenz ein Spieler
selbst hegt, sondern davon, wie er in der Vergangenheit entschieden hat und welches Verhalten er
von anderen aufgrund von Erfahrungen der Vergangenheit erwartet.

Dieses Spiel impliziert eine mögliche Sichtweise auf die Makroökonomik. Menschliches Verhalten
wird dabei nicht primär von individuellen Wünschen und Präferenzen geprägt, sondern durch die
Interaktion mit anderen Menschen. Die sich dabei bildenden Erwartungen entwickeln ein Eigenle-
ben. Die komplexe Interaktion bewirkt, dass Märkte versagen können, beispielsweise indem sie zu
stark von Stimmungen und Gewohnheiten getrieben sind. Hieraus resultiert eine Legitimation für
staatliche Eingriffe. Diese Sichtweise der Makroökonomik verweist auf die sogenannte fallacy of
composition, also den Irrtum, aus der Summe einzelwirtschaftlicher Kalküle auf gesamtwirtschaftli-
che Zusammenhänge zu schließen. Eine solche Schlussfolgerung funktioniert nur in besonderen
Fällen. So könnten wir uns Produzenten vorstellen, die die Produktionshöhe alleine von ihren indivi-
duellen Präferenzen abhängig machen. Erwartungen bezüglich des Verhaltens anderer spielen dann
keine Rolle. Das Inlandsprodukt der gesamten Volkswirtschaft ließe sich dann auf die Kalküle der
einzelnen Produzenten zurückführen. Dies ist jedoch nicht möglich, wenn Beziehungen zwischen
den einzelnen Produzenten zu berücksichtigten sind, wie in obigem classEx-Spiel. Produzenten,
die von anderen eine geringe Produktion erwarten, werden selbst nur wenig produzieren. Nicht ihr
einzelwirtschaftliches Kalkül ist entscheidend, sondern ihre Interaktion mit anderen.

Diese Lehrmeinung unterscheidet sich von einer mikrofundierten Makroökonomik. Dieser zufolge
sollte Ausgangspunkt der Makroökonomik das rationale Individuum sein, dessen Verhalten aus
Nutzenfunktionen hergeleitet und zu einem Gleichgewicht für die Gesamtwirtschaft aggregiert
wird. Ohne ein solches mikrofundiertes Modell, so die Argumentation, lassen sich aus Daten keine
für die Politik relevanten Entscheidungen herleiten. Um diese Logik zu verstehen, können wir uns
beispielhaft der Frage widmen, ob die Sicherheitssysteme für Fort Knox eingespart werden könnten.
Eine rein empirische Wissenschaft würde dies nahelegen, da dieses Lager für die Goldreserve
der Vereinigten Staaten bisher noch nie überfallen wurde. Daher erscheinen die Ausgaben für die
Systeme unnötig. Aber Überlegungen zu den Anreizen, denen Menschen ausgesetzt sind, legen
eine andere Schlussfolgerung nahe. Denn offensichtlich wäre der Goldschatz ein lohnendes Ziel für
einen Raubüberfall und nur durch die Sicherheitssysteme wird ein solcher verhindert. Die Empirie
26 Kapitel 1. Was ist Makroökonomik?

kann daher in die Irre führen und muss durch plausible Annahmen über menschliches Verhalten
ergänzt werden.

Makroökonomen sollten primär diese individuellen Anreize erforschen, um damit robuste analy-
tische Instrumente für die Wirtschaftspolitik herzuleiten, so die Auffassung der mikrofundierten
Makroökonomik. Da einzelne Wirtschaftssubjekte rational sind, besteht für wirtschaftspolitische
Entscheidungsträger insbesondere die Gefahr, mit ihren Eingriffen gegen individuelle Anreize zu
handeln und die Interaktion von Menschen zu stören. Diese Sichtweise wird oftmals auf Klassiker
der Wirtschaftswissenschaften wie Adam Smith (1723-1790) oder David Ricardo (1772-1823)
zurückgeführt.

Das Individuum in der Volkswirtschaft


Sie produzieren Konsumgüter für den eigenen Gebrauch. Die Anzahl an Arbeits-
stunden pro Jahr wird durch die Variable e angegeben. Je Stunde Arbeitseinsatz
e produzieren Sie einen Konsum im Wert von 0, 40e. Die Kosten (Mühsal) des
Arbeitseinsatzes betragen e2 /500e. Bestimmen Sie nun Ihren Arbeitseinsatz. Per Los wer-
den zwei Teilnehmer ausgewählt, denen ihr Konsum abzüglich der Arbeitskosten ausbezahlt
wird.

Im Gegensatz zum vorherigen Spiel ist dieses durch ein stabiles Gleichgewicht geprägt. Jeder
Teilnehmer muss eine identische Maximierungsaufgabe lösen. Mathematisch lässt sich ein Opti-
mum dadurch bestimmen, dass der erzielte Konsum abzüglich der Kosten maximiert wird, also
0, 4e−e2 /500. Ableitung nach e erbringt (0, 4−e)/250 = 0 und damit e = 100. Wird dieser Wert be-
rücksichtigt, so ergibt sich für einen Teilnehmer die optimale Auszahlung 0, 4 · 100 − (100)2 /500 =
20. Allerdings haben Teilnehmer oftmals nur begrenzte Zeit und damit Schwierigkeiten, diesen Wert
analytisch herzuleiten. So werden oftmals stattdessen Erfahrungswerte verwendet, beispielsweise
Werte, die sich im ersten Spiel ergaben und an die sich Teilnehmer gewöhnt haben. Bei diesem Spiel
besteht aber die Aussicht, dass bei Wiederholung eine Annäherung an das Gleichgewicht resultiert.
Ein Abweichen vom Optimum geht mit der Erfahrung einher, ein verringertes Auszahlungsniveau
erzielt zu haben und dies durch eine Korrektur des Arbeitseinsatzes e erhöhen zu können. Mit einer
Konvergenz zu dem Wert von 100 erweist sich das Gleichgewicht als stabil.

Dieses Spiel impliziert eine alternative Sichtweise auf die Makroökonomik. Eine Volkswirtschaft
wird durch eine mathematisch herleitbare Lösung aus einzelwirtschaftlichem Verhalten beschrieben.
1.5 Schlüsselbegriffe im Kapitel 27

Einzelne Akteure können sich an einer optimalen Lösung orientieren. Würde sich eine Volkswirt-
schaft also wie in diesem Spiel verhalten, so könnte sie analytisch zerlegt werden in die Kalküle
einzelner, rationaler Menschen. Staatliche Eingriffe sind kaum notwendig, da Märkte von sich aus
fehlerhafte Erwartungen korrigieren. Die Nobelpreisträger Robert E. Lucas (*1937) und Eugene
Fama (*1939) lassen sich dieser Richtung der Makroökonomik zuordnen.

Diese beiden kontroversen Lehrmeinungen der Makroökonomik haben das Fach seit jeher vor-
angetrieben und sich gegenseitig inspiriert. Im Rahmen des Buches wird häufig auf diese beiden
konträren Sichtweisen Bezug genommen und dargelegt, welcher Konsens sich bis heute gebildet
hat. Gleichzeitig verbleiben offene Fragen und der Wettstreit der Lehrmeinungen wird offener denn
je ausgetragen.

1.5 Schlüsselbegriffe im Kapitel

Aggregat
mikrofundierte Makroökonomik
fallacy of composition
Monetarismus
Gewohnheit
Prognose
Gleichgewicht
Rationalität
Interaktion
Stimmung
Keynesianismus
Wettstreit der Lehrmeinungen
Makroökonomik als engineering

1.6 Ergänzende Literatur

• B LINDER, Alan S.: Keynes, Lucas, and Scientific Progress. In: The American Economic
Review 77 (1987), Nr. 2, S. 130–136
• K EYNES, John M.: The general theory of employment interest and money. London :
Macmillan and Co, 1936
• M ANKIW, N. Gregory: The macroeconomist as scientist and engineer. In: Journal of
Economic Perspectives 20 (2006), Nr. 4, S. 29–46
28 Kapitel 1. Was ist Makroökonomik?

1.7 Quiz

Seit 1950 zeigt sich, dass


1. der Anteil des Staates an der Gesamtwirtschaft abnimmt.
2. die Erhebung von Steuern und Auflagen für Unternehmen das Wachstum behindern.
3. Länder mit einer starken Rolle des Staates im Wachstumsprozess aufholen können.
4. zunehmend knappe Ressourcen in unproduktive Verwendungen geleitet werden.

Welche der folgenden Aussagen entsprechen der Lehrmeinung einer Makroökonomik als
engineering?
1. Individuen handeln rational.
2. Historische Entwicklungen haben einen wichtigen Einfluss auf gegenwärtige Verhal-
tensweisen.
3. Makroökonomen sollten primär die individuellen Anreize erforschen.
4. Eine Volkswirtschaft lässt sich analytisch zerlegen in die Kalküle ihrer Einzelbestand-
teile.

Welche der folgenden Aussagen entsprechen der Lehrmeinung einer mikrofundierten Ma-
kroökonomik?
1. Volkswirtschaften sind oftmals von Stimmungen getrieben.
2. Individuen handeln oftmals irrational.
3. Die makroökonomische Forschung sollte Ähnlichkeiten zu Medizin aufweisen.
4. Wirtschaftspolitische Entscheidungsträger sind in der Gefahr, mit ihren Eingriffen
Märkte zu stören.

1.8 Übungsaufgaben
Aufgabe 1.1
Wie unterscheidet sich der Monetarismus vom Keynesianismus in Bezug auf Regelbefolgung und
Eingriffe des Staates in die Wirtschaft und die von wirtschaftspolitischen Entscheidungsträgern
verfolgten Ziele?
1.8 Übungsaufgaben 29

Aufgabe 1.2
Wie unterscheidet sich eine mikrofundierte Makroökonomik von einer solchen als engineering?
Verwenden Sie bei der Beantwortung folgende Begriffe (in beliebiger Reihenfolge): Beobachtung,
Gewohnheit, Gleichgewicht, Individuum, Interaktion, Koordination, Markt, Rationalität, Staat,
Stimmung, Theorie.

Aufgabe 1.3
Bei zwei aufeinanderfolgenden Durchführungen (Zeitpunkt 1 und 2) des classEx-Spiels „Das
Kollektiv in der Volkswirtschaft“ (Instruktionen auf S. 24) wurden die in Abbildung 1.5 darge-
stellten Häufigkeiten erzielt. Zum Zeitpunkt 2 waren die Ergebnisse des Zeitpunkts 1 bekannt.
Durch Balken sind die Häufigkeiten der gewählten Größen abgetragen. Je höher der Balken, desto
mehr Teilnehmer haben die Menge an Arbeitsstunden in einem entsprechenden Intervall gewählt.
So besagt beispielsweise der graue Balken zum Zeitpunkt 1 bei 100, dass 25 Teilnehmer eine
Größe zwischen 90 und 100 gewählt haben. Der schraffierte Balken zum Zeitpunkt 2 kann analog
interpretiert werden

a) Wieso ist die Streuung zum Zeitpunkt 2 geringer als zum Zeitpunkt 1?

Abbildung 1.5: Häufigkeiten der gewählten Arbeitsstunden


30 Kapitel 1. Was ist Makroökonomik?

b) Welche Zahl hätten Sie für den Zeitpunkt 2 im Durchschnitt erwartet, falls zum Zeitpunkt 1
im Mittel ein Wert von 50 gewählt worden wäre? Eine kurze Begründung genügt!
c) Was versteht man unter einer Makroökonomik als engineering? Verwenden Sie für Ihre
Beschreibung die Begriffe „Erfahrung“ und „Rationalität“.
2. Inlandsprodukt und VGR

2.1 Messung des Inlandsprodukts


Das Inlandsprodukt ist ein Maß für die gesamtwirtschaftliche Produktion. Dies entspricht in einer
(geschlossenen) Volkswirtschaft den gesamten Einnahmen aus dem Verkauf von Endprodukten
(z.B. von Unternehmen) und den Ausgaben (z.B. durch private Haushalte). Es wird bestimmt
durch den gesamten Wert aller Endprodukte an Gütern und Dienstleistungen, welche in einer
bestimmten Periode in einem Land produziert werden. Es beinhaltet sowohl „fassbare“ Güter
(Nahrung, Kleidung, Autos) als auch „nicht-fassbare“ Dienstleistungen (Transport, Information und
Kommunikation, freiberufliche und technische Dienstleistungen wie Haarschnitt, Reinigungsservice
oder ärztliche Beratung).

Das Inlandsprodukt umfasst nur Güter und Dienste, die gegenwärtig produziert werden, nicht solche
der Vergangenheit oder Zukunft. Es bezieht sich dabei auf ein bestimmtes Zeitintervall (Jahr oder
32 Kapitel 2. Inlandsprodukt und VGR

Quartal). Es bezieht sich auf die Produktion innerhalb der geografischen Abgrenzung, z.B. eines
Landes oder einer Region. Gezählt werden alle produzierten und auf Märkten gehandelten Güter.
Berücksichtigt werden auch illegal gehandelte Güter, wie beispielsweise Drogen oder geschmug-
gelte Zigaretten. Vernachlässigt werden Güter, welche zu Hause produziert und konsumiert werden,
ohne dabei über einen Markt ausgetauscht zu werden.

Bei der Berechnung des Inlandsprodukts ist besonders auf Vorleistungen zu achten. Vorleistungen
sind solche Güter und Dienste, die in der gleichen Periode im Produktionsprozess wieder verwendet
werden (z.B. Zwischenprodukte, Rohstoffe, Hilfs- und Betriebsstoffe, Brenn- und Treibstoffe,
Transportdienstleistungen, gewerbliche Mieten). Die produzierten Vorleistungen gehören nicht zum
Inlandsprodukt, da sie im gleichen Zeitraum wieder im heimischen Produktionsprozess verbraucht
werden.

Abbildung 2.1: Beispiel einer Volkswirtschaft mit Brotproduktion

Würden Vorleistungen miteinbezogen, so ergäbe sich das Problem der Doppelzählungen. Um dies
zu erkennen, bedienen wir uns eines einfachen Beispiels einer Volkswirtschaft, in der von den
Produzenten nur Brot hergestellt wird, so wie in Abbildung 2.1 dargestellt. Wir wollen uns vorstellen,
dass die an der Brotproduktion direkt oder indirekt beteiligten Produzenten in Produktionsstufen
hintereinander geschaltet sind. In der 1. Stufe wird von Landwirten unter Einsatz menschlicher
Arbeit Getreide produziert. Dem Produktionswert des Getreides von 300 entsprechen auf der
Sollseite (links) Löhne und Gewinne in gleicher Höhe. Das Getreide wird als Vorleistung an den
2.2 Nominal und real 33

Müller geliefert, der es zu Mehl mahlt. Dieses stellt wiederum eine Vorleistung für den Bäcker
dar, der daraus in der 3. Stufe Brot backt. Auf jeder Stufe werden Löhne für Arbeit gezahlt und
Gewinne erzielt.

Abbildung 2.1 impliziert zwei Methoden für die Berechnung des Inlandsprodukts. Entweder
es werden nur Endprodukte berechnet. Das einzige Endprodukt wäre hier Brot und es ergäbe
sich ein Inlandsprodukt von 700. Analog würden in einer Volkswirtschaft mit vielen Produkten
alle Vorleistungen unberücksichtigt bleiben und nur solche Produkte, die nicht weiter verarbeitet
werden, in die Berechnung miteinbezogen. Oder es wird die Summe aller Produktionswerte
(einschl. Vorleistungen) berechnet. Dies wäre in obigem Beispiel 1500. Dieser Wert wäre von
Doppelzählungen betroffen. Um diese wird korrigiert, indem alle Vorleistungen abgezogen werden,
also 1500 − (300 + 500) = 700.

Der Produktionswert ist abhängig vom Ausmaß der Unternehmenskonzentration. Ein vertikaler
Zusammenschluss, z.B. von Müller und Bäcker, reduziert den Produktionswert um 500. Das
Inlandsprodukt ist hingegen invariant in Bezug auf einen vertikalen Zusammenschluss. Aus diesem
Grund wird für viele statistische Zwecke und Vergleiche oftmals dem Inlandsprodukt gegenüber
dem Produktionswert der Vorzug gegeben.

2.2 Nominal und real


Zur Berechnung des Inlandsprodukts müssen Produkte zu Marktpreisen bewertet werden. Hierbei
können aktuelle Preise genommen werden. In diesem Fall sprechen wir vom nominalen Inlands-
produkt. Das reale Inlandsprodukt misst hingegen die Produktion von Gütern und Diensten und
verwendet hierbei historische Preise. Preise werden damit über die Zeit bei der Berechnung des
realen Inlandsprodukts konstant gehalten. Dies erbringt eine aufschlussreiche Betrachtung der
wirtschaftlichen Entwicklung. Bei einer Berechnung zu konstanten Preisen indiziert ein Anstieg
des Inlandsprodukts einen tatsächlichen Anstieg der physischen Produktion, also der Menge an
hergestellten Gütern und Diensten. Ein Anstieg des nominalen Inlandsprodukts könnte demgegen-
über auch bei konstanten Mengen resultieren, falls die zur Berechnung verwendeten Marktpreise
angestiegen sind. Aus einem Anstieg des nominalen Inlandsprodukts sollte daher nicht zwingend
auf einen Zuwachs an Produktionsmengen geschlossen werden.

Die Bundesbank berichtet ein nominales Inlandsprodukt für Deutschland im Jahre 2018 mit 3386
Mrd.e. Bei der Berechnung des realen Inlandsprodukts muss ein Basisjahr verwendet werden.
34 Kapitel 2. Inlandsprodukt und VGR

Abbildung 2.2: Bruttoinlandsprodukt Deutschland, nominal, real in Preisen von 2010 und Deflator.

Werden Preise des Basisjahres 2010 verwendet, so ergibt sich ein reales Inlandsprodukt für 2018
von 2974 Mrd.e. Nominal belief sich das Inlandsprodukt im Jahre 2010 auf 2580 Mrd.e. Während
real das Inlandsprodukt um (2974 − 2580)/(2580) ≈ 15, 3% angestiegen ist, beträgt der nominale
Anstieg (3386 − 2580)/2580 ≈ 31, 2%. Der Unterschied dieser beiden Zahlen weist auf einen
Anstieg der Preise hin. Der Preisunterschied zwischen nominalem und realem Inlandsprodukt wird
separat ausgewiesen mit Hilfe des Deflators. Für diesen gilt:
Nominales Inlandsprodukt
Deflator = . (2.1)
Reales Inlandsprodukt
Wird z.B. der Deflator für 2018 berechnet zum Basisjahr 2010, so gilt
Nominales Inlandsprodukt2018 3386
Deflator2018 zur Basis 2010 = = = 1, 138. (2.2)
Reales Inlandsprodukt2018 zu Preisen von 2010 2974
Dies bedeutet, dass das Preisniveau des Inlandsprodukts von 2010 bis 2018 um 13, 8% angestiegen
ist. Ein Anstieg des Deflators bedeutet, dass ein Anstieg des nominalen Inlandsprodukts auf Preiser-
höhungen und nicht ausschließlich auf eine gestiegene mengenmäßige Produktion zurückzuführen
ist. Die Entwicklung des Deflators für Deutschland lässt sich Abbildung 2.2 entnehmen.
2.3 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) 35

2.3 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR)


Die Entstehung und Verwendung des Inlandsprodukts lässt sich mit Hilfe eines Kreislaufs und im
Rahmen eines Kontensystems systematisch erfassen und darstellen. Für einen einfachen Ansatz
unterstellen wir eine geschlossene Volkswirtschaft, d.h. wir vernachlässigen das Ausland und den
Staat. Es existieren somit nur private Haushalte und Unternehmen. Eine Volkswirtschaft lässt sich
dann durch ein einfaches Flussdiagramm darstellen, wie in Abbildung 2.3.

Abbildung 2.3: Kreislaufdiagramm Haushalte und Unternehmen

Die Unternehmen produzieren hierbei Güter und Dienste in Höhe von 2400, wobei 800 in Form
von Vorleistungen an andere Unternehmen geliefert werden. Damit beläuft sich das Inlandsprodukt
auf 1600, denn in dieser Größenordnung werden Endprodukte hergestellt und verkauft, in diesem
Falle Güter und Dienste für Konsumzwecke. Die Unternehmen erwirtschaften Einkommen in
gleicher Höhe und zahlen diese in Form von Lohneinkommen an die privaten Haushalte aus als
Gegenleistung für die überlassene Arbeitskraft.

Das einfache Kreislaufdiagramm lässt sich auch mit Hilfe eines Flussdiagramms beschreiben, wie
in Abbildung 2.4 dargestellt. Hierbei werden Konten entsprechend der wirtschaftlichen Funktion
in der betrachteten Volkswirtschaft aufgestellt. In einem Produktionskonto werden Produktion,
Einkommensentstehung und Einkommensverteilung erfasst. Anschaulich kann das Produktionskon-
to als Konto der Produzenten (hier der Unternehmen) betrachtet werden. Das Einkommenskonto
erfasst die Einkommenserzielung, -umverteilung und -verwendung. Anschaulich kann das Einkom-
menskonto als Konto der Einkommensbezieher (hier der privaten Haushalte) betrachtet werden. In
36 Kapitel 2. Inlandsprodukt und VGR

Abbildung 2.4: Einfaches Flussdiagramm

Abbildung 2.4 verzichten wir auf eine Erfassung eines Stromes, der die Lieferung der Konsumgüter
von Unternehmen an die privaten Haushalte darstellt. Ebenso vernachlässigen wir einen Strom,
der die Lieferung des Faktors Arbeit von privaten Haushalten an die Unternehmen erfasst. Alle
berücksichtigten Ströme sind Zahlungsströme. Der Strom C (consumption) bedeutet, dass den
Produzenten aus dem Verkauf von Gütern und Diensten an die Einkommensbezieher Zahlungsmittel
in Höhe von 1600 zufließen.

Dem aus Konsumgüterverkäufen der Produzenten resultierenden Strom fließt ein gleich starker,
aber entgegen gerichteter Strom von den Produzenten zu den Einkommensbeziehern entgegen.
Dieser Strom F bringt zum Ausdruck, dass die Produzenten an die Einkommensbezieher Löhne,
sogenannte Faktoreinkommen, zahlen. Mit dem zweiten Strom entsteht ein in sich geschlossener
Kreislauf.

2.4 Produktion und Einkommen im Kontenschema


Analog zum Flussdiagramm in Abbildung 2.4 kann eine Darstellung in Konten erfolgen. Diese
wollen wir in Abbildung 2.5 aufstellen und zusätzlich die bisherige Annahme aufgeben, dass
private Haushalte nicht produzieren. Zur Produktion der von privaten Haushalten erzeugten Güter
gehören einerseits Dienstleistungen, die Hausangestellte, Reinigungspersonal, Butler oder ähnliche
Bedienstete gegen Entgelt produzieren und an andere private Haushalte verkaufen. Ferner gehören
Einzelunternehmen und Personengesellschaften ohne eigene Rechtspersönlichkeit zum Sektor
„privaten Haushalte“. Dies sind z.B. selbständige Landwirte, Handwerker, Händler, Gastwirte. Die
Produktion dieser Unternehmen wird somit auf dem Produktionskonto der privaten Haushalte
verbucht.
2.4 Produktion und Einkommen im Kontenschema 37

Abbildung 2.5: Produktions- und Einkommenskonto

Unternehmen werden nur dann dem Sektor „Unternehmen“ zugerechnet, sofern sie Waren oder
nicht-finanzielle Dienstleistungen produzieren und weitreichende Rechnungslegungsvorschriften
sie als eigenständige Einheiten darstellen. Dies ist der Fall für offene Handelsgesellschaften und
Kommanditgesellschaften und insbesondere für Unternehmen mit einer eigenen Rechtspersönlich-
keit, wie Aktiengesellschaften, Gesellschaften mit beschränkter Haftung und Genossenschaften.
Wird diese Abgrenzung berücksichtigt, so können die Konten der Volkswirtschaftlichen Gesamt-
rechnung wie in Abbildung 2.5 dargestellt werden. Hierbei haben wir angenommen, dass der
Konsum der privaten Haushalte (1600) zum Großteil (900) durch von Unternehmen produzier-
te Konsumgüter befriedigt und der restliche Konsum von privaten Haushalten produziert wird.
Die im Produktionsprozess entstehenden Faktoreinkommen beziehen ausschließlich die privaten
Haushalte.
38 Kapitel 2. Inlandsprodukt und VGR

Offensichtlich fehlen in einer solch einfachen Volkswirtschaft viele wichtige Ströme. So geben
private Haushalte ihre Einkommen vollständig für Konsumgüter aus. Unternehmen produzieren nur
Konsumgüter in Form von Gütern und Dienstleistungen, welche in der gleichen Periode abgesetzt
und konsumiert werden, also keine Investitionsgüter. Folglich werden Güter mit Hilfe menschlicher
Arbeitskraft und Vorleistungen (Rohstoffe, Transport, usw.) produziert, aber ohne den Einsatz von
Werkzeugen oder Maschinen. Alle Gewinne werden an die Haushalte ausgeschüttet und nicht etwa
einbehalten und im Unternehmen gespart. Aufgrund der fehlenden Ersparnisbildung gibt es kein
Vermögen.

2.5 Sparen und Investieren


Private Haushalte und Unternehmen haben einen Bestand an Vermögen. Sie besitzen Häuser,
Maschinen, Anleihen oder Aktien. Wir müssen nun die Veränderungen dieser Bestände in eine
Beziehung zum Einkommen und Inlandsprodukt bringen. Hierzu müssen wir zunächst den Begriff
des Einkommens schärfer abgrenzen. Es lässt sich zwischen Erwerbs- und Vermögenseinkommen
unterscheiden. Da sowohl Arbeit als auch Vermögen im Sinne von physischem Kapital zur Produkti-
on verwendet werden, müssen beide Faktoren dafür entlohnt werden. Zu den Vermögenseinkommen
gehören Zinsen und Mietzahlungen sowie die verteilten Gewinne in Form von Dividendenaus-
schüttungen oder Gewinnentnahmen. Die Erwerbseinkommen sind die Arbeitnehmerentgelte, die
vereinfacht als Lohn bezeichnet werden, und die Selbstständigeneinkommen. Nicht zu den Ein-
kommen gehören Zahlungseingänge wie beispielsweise die Kreditaufnahme eines Haushalts, da in
diesem Fall gleichzeitig eine Verbindlichkeit eingegangen wird.

Woher kommt aber dieser Bestand an Vermögen? In einem geschlossenen Kreislauf ohne Sparen
und ohne Investieren kann dieser nicht aufgebaut werden. Daher müssen wir die Annahme aufgeben,
dass private Haushalte und Unternehmen nicht sparen. Private Haushalte sparen dadurch, dass sie
nur einen Teil ihres Faktoreinkommens für Konsum ausgeben. Das über den Konsum hinausgehende
Einkommen verwenden sie dann zum Sparen, beispielsweise indem sie Aktien, Anleihen oder
Lebensversicherungen kaufen oder Einlagen bei den Banken halten. Auch Unternehmen können
sparen, indem sie nicht alle Faktoreinkommen an die Haushalte ausschütten, sondern einen Teil
sich selbst als Einkommen zuweisen. Die übliche Form hierfür ist, dass Unternehmen Gewinne
verbuchen und diese teilweise einbehalten, also nicht vollständig als Dividenden an die privaten
Haushalte abführen. Einbehaltene Gewinne werden verbucht als ein Einkommen, welches sich die
Unternehmen auf ihr Einkommenskonto zuweisen.
2.5 Sparen und Investieren 39

Neben den privaten Haushalten und Unternehmen benötigen wir für den Aufbau eines Vermögens
einen weiteren Akteur, den Investor. Dieser verwendet die Ersparnisse der privaten Haushalte und
Unternehmen zur Durchführung von Investitionen. Durch den Kauf von Investitionsgütern baut er
einen Kapitalstock auf. Mit Investitionen erhöht sich dieser Kapitalstock sukzessive. Aufgrund der
durch Nutzung eingetretenen Wertminderung des Kapitalstocks muss der Investor Abschreibungen
verbuchen.

Volkswirtschaftliche Investitionen sind zu unterscheiden von denen aus einzelwirtschaftlicher Sicht.


Dieser Unterschied lässt sich veranschaulichen für den Fall eines Grundstückskaufs. Aus einzel-
wirtschaftlicher Sicht stellt dies eine Investition dar, denn ein Grundstück wird beispielsweise für
den Aufbau eines Betriebes, eines Lagers oder für den Vertrieb genutzt. Aus volkswirtschaftlicher
Sicht stellt dies aber keine Investition dar, da keine neuen Investitionsgüter entstehen. Es wird
lediglich ein Grundstück getauscht. So würde ein Unternehmen investieren, während ein anderes
desinvestiert.

Unter Bruttoinvestitionen (I b ) verstehen wir Ausgaben für Kapitalausstattung, Vorräte und Bauten
(Häuser). Im Unterschied zum Konsum sind dies Güter, welche nicht unmittelbar verbraucht
werden. Die wichtigste Art der Investitionen sind die Bruttoanlageinvestitionen: gekaufte und selbst
erstellte Anlagen wie Ausrüstungsinvestitionen (Maschinen, Fahrzeuge, Geschäftsausstattung),
Bauinvestitionen (Wohnbauten, gewerbliche Bauten, Straßen) und immaterielle Anlagegüter (wie
Computerprogramme, Urheberrechte). Ausgaben für Forschung und Entwicklung werden ebenfalls
als Investitionen berücksichtigt.

Abbildung 2.6: Abgrenzung der Investitionsarten


40 Kapitel 2. Inlandsprodukt und VGR

Wie in Abbildung 2.6 dargestellt, existieren daneben Lagerinvestitionen als weiterer Bestandteil der
Bruttoinvestitionen. Diese Lagerinvestitionen (auch Vorratsveränderungen genannt) beinhalten den
Zuwachs an eigenen halbfertigen und fertigen Erzeugnissen und den von anderen Unternehmungen
gekauften und noch gelagerten Vorprodukten. Im Falle von Lagerabgängen ist dieser Posten negativ.
Die Position ist zumeist eher gering und erreicht Größenordnungen von ±1% des Inlandspro-
dukts. Die Nettoinvestitionen (I) sind definiert als Differenz zwischen Bruttoinvestitionen und
Abschreibungen. Letztere werden mit D bezeichnet. Das bedeutet:

I = Ib − D (2.3)

Wie unterscheiden sich hierbei Konsum- und Investitionsgüter? Unter Konsum (C) verstehen wir
in Abgrenzung zu den Investitionen sämtliche Ausgaben der privaten Haushalte für Güter und
Dienstleistungen, die während der laufenden Periode verbraucht werden. Investitionsgüter werden
während der laufenden Periode produziert und erhöhen die für zukünftige Produktion notwendige
Kapitalausstattung. Sie werden sukzessive durch Abschreibungen verbraucht. Im Gegensatz dazu
werden Konsumgüter während der laufenden Periode produziert und verbraucht. Einen Grenzfall
stellen Ausgaben der privaten Haushalte für langlebige Konsumgüter dar, wie Autos, Computer,
Musikinstrumente oder Waschmaschinen. Ähnlich wie Investitionen werden diese nicht sofort
verbraucht. Ähnlich wie Konsumgüter werden sie nicht für die zukünftige Produktion verwendet.
Aus diesem letztgenannten Grund werden alle Ausgaben der privaten Haushalte als Konsum
eingestuft. Eine Ausnahme stellen Eigenheime dar. Diese werden von privaten Haushalten gekauft,
zählen aber zu den Investitionsgütern.

2.6 Ersparnis und Investition im Kontenschema


Im Kontenschema in Abbildung 2.7 werden die zusätzlich anfallenden Buchungen aufgeführt. Wir
nehmen vereinfachend an, dass auf dem Produktionskonto der privaten Haushalte keine weiteren
Buchungen anfallen. Das Vermögenseinkommen wird im Produktionskonto der Unternehmen als
Zahlungsausgang und auf dem Einkommenskonto der privaten Haushalte als Zahlungseingang
verbucht. Es zählt damit auch zum Faktoreinkommen F. Die einbehaltenen Gewinne im Produkti-
onskonto der Unternehmen führen ebenfalls zu einem Zahlungseingang auf dem Einkommenskonto
der Unternehmen. Auch diese sind dem Faktoreinkommen F zuzurechnen.

Zu anderen Posten fehlt jetzt eine Gegenbuchung, nämlich zu den Bruttoinvestitionen, den Abschrei-
bungen und der Ersparnis. Hierzu ist ein weiteres Konto notwendig. Die Posten ohne Gegenbuchung
(Bruttoinvestition, Abschreibung und Ersparnis) betreffen alle Änderungen des Vermögens. Daher
2.6 Ersparnis und Investition im Kontenschema 41

Abbildung 2.7: Sparen und Investieren im Produktions- und Einkommenskonto

werden sie in einem separaten Vermögensänderungskonto erfasst. In Abbildung 2.8 werden die drei
gesamtwirtschaftlichen Konten, Einkommenskonto, Produktionskonto und Vermögensänderungs-
konto, in einem Flussdiagramm dargestellt. In gesamtwirtschaftlichen Konten werden die Konten
für private Haushalte und Unternehmen aggregiert.

Das Flussdiagramm lässt sich folgendermaßen interpretieren: Die den Haushalten und Unternehmen
zufließenden Einkommen in Höhe von 1700 werden in Höhe von 1600 für Konsumzwecke ausgege-
ben und der Rest in Höhe von 100 wird gespart. Die Ersparnis fließt dem Vermögensänderungskonto
zu. Damit wird ein Teil der Bruttoinvestition in Höhe von 600 finanziert. Der nicht durch Ersparnis-
se finanzierte Teil der Bruttoinvestition in Höhe von 500 wird durch Abschreibungen finanziert,
genauer aus Abschreibungsgegenwerten. Damit lässt sich insgesamt das Vermögensänderungskonto
als Konto der Investoren interpretieren. Diese werden von den Produzenten gedanklich unterschie-
den durch ihren Beitrag zum Vermögensaufbau. Werden die Ströme anstatt als Flussdiagramm in
einem Kontenschema dargestellt, so ergeben sich die Konten in Abbildung 2.8.

Bei der Berechnung des Inlandsprodukts können Abschreibungen berücksichtigt werden. Die
42 Kapitel 2. Inlandsprodukt und VGR

Abbildung 2.8: Vollständiges Kontenschema und Flussdiagramm

Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) beinhaltet die Abschreibungen. Beim Nettoinlands-


produkt hingegen werden die Abschreibungen abgezogen. Es gilt hierbei

Nettoinlandsprodukt = Bruttoinlandsprodukt − Abschreibungen. (2.4)

Aus den Konten in Abbildung 2.8 lässt sich auf zwei Arten das Nettoinlandsprodukt ermitteln.
Entweder wird das Bruttoinlandsprodukt aus dem Produktionskonto als Summe aller produzierten
Endprodukte: Y b = C + I b = 2200 ermittelt. Zur Bestimmung des Nettoinlandsprodukts müssen
2.7 Lebensstandard und -zufriedenheit 43

hiervon die Abschreibungen abgezogen werden: Y = Y b − D = 1700. Oder alternativ kann direkt
aus dem Einkommenskonto das gesamte erzielte Faktoreinkommen F herangezogen werden, da
dies dem Nettoinlandsprodukt entspricht.

2.7 Lebensstandard und -zufriedenheit


Das reale Pro-Kopf-Inlandsprodukt korrespondiert mit der Menge an Gütern und Dienstleistungen,
die ein Mensch mit seinem Einkommen erwerben kann. Damit ist es ein mögliches Maß für
den Lebensstandard, also den materiellen Wohlstand und das physische Wohlbefinden. Dieser
Zusammenhang wird vielfach bestätigt, beispielsweise durch einen Zusammenhang zwischen dem
realen Pro-Kopf-Inlandsprodukt und dem im Rahmen von Umfragen erhobenen Ausmaß der Le-
benszufriedenheit. Dies legt nahe, dass die Erzielung eines hohen realen Pro-Kopf-Inlandsprodukts
ein gesellschaftlich wünschenswertes Ziel ist.

Gleichzeitig sollte nicht übersehen werden, dass das reale Pro-Kopf-Inlandsprodukt viele wichtige
Einflussgrößen unberücksichtigt lässt. Zum einen sind Investitionsgüter nur mittelbar verantwortlich
für den Lebensstandard, der eher von Konsumgütern bestimmt wird. Ferner stelle man sich ein
Land vor, in dem alle Menschen am Ende ihres Arbeitslebens sofort an Überarbeitung und einer ex-
orbitanten Umweltverschmutzung sterben. Während ein solches Leben unattraktiv erscheint, könnte
ein hohes reales Pro-Kopf-Inlandsprodukt gemessen werden. Hierbei fehlt eine Berücksichtigung
von Freizeit, Gesundheit und Umwelt und ihr Beitrag zum Lebensstandard. Darüber hinaus wird
der Lebensstandard positiv beeinflusst durch gegenseitige Hilfestellungen in der Familie und in
Freundeskreisen, eine gerechtere Verteilung von Vermögen und Einkommen sowie intakte soziale
Beziehungen und Lebenspartnerschaften.

Viele Versuche werden daher unternommen, das Inlandsprodukt zu korrigieren oder zu ergänzen.
Eine verbesserte Statistik kann beispielsweise das Inlandsprodukt eines durchschnittlichen Men-
schen ausweisen, also dasjenige Einkommen, dass der Median aller Bewohner eines Landes erzielt.
Dies hat den Vorteil, dass Einkommenszuwächse, die alleine den Reicheren zu Gute kommen, nicht
als Verbesserung des Lebensstandards ausgewiesen werden. Andere Ansätze korrigieren um Maße
zu Gesundheit, beispielsweise der Lebenserwartung, oder das Ausmaß der Umweltzerstörung. So
können beispielsweise die Emissionen von CO2 als Abschreibungen aufgefasst werden, mit denen
das nominale Pro-Kopf-Inlandsprodukt korrigiert werden sollte. Solche Maße verweisen darauf,
dass der Lebensstandard in Europa und den USA seit langem stagniert, eventuell sogar rückläufig
ist.
44 Kapitel 2. Inlandsprodukt und VGR

2.8 Ausblick
Wir haben in diesem Kapitel einige Grundlagen der VGR kennengelernt. Etliche weitere Akteure
wie der Staat und weitere Aggregate wie das Budgetdefizit werden wir noch integrieren. Insbeson-
dere fehlt aber eine Theorie, mit der die verschiedenen Größen auf dahinterliegende Kausalitäten
und Verhaltensweisen von Akteuren zurückgeführt werden. So zeigt uns die VGR zwar, dass
Nettoinvestitionen immer den Ersparnissen entsprechen müssen. Hierfür kann es aber verschiedene
Erklärungen geben.

Wir könnten uns vorstellen, dass diese sich wie Angebot und Nachfrage zueinander verhalten
und wir in der VGR die registrierten Marktergebnisse abtragen, bei denen beide Seiten einander
entsprechen. Dies ist teilweise eine Sichtweise, die einer mikrofundierten Makroökonomik folgt, bei
der erst Einzelteile wie Angebot und Nachfrage identifiziert werden, bevor die hieraus resultierenden
Umsätze ermittelt werden, die sich dann in der VGR niederschlagen. Wir könnten aber auch
vermuten, dass Investitionen und Ersparnisse zwei Messungen eines identischen Kreislaufs sind. So
wäre die Blutmenge, die durch Arterien fließt, immer identisch zu derjenigen, die durch Venen fließt.
Die eine Menge entspricht zwangsläufig der anderen. Eine Makroökonomik als engineering würde
eine solche Parallele zum Blutkreislauf akzeptieren, so lange damit nützliche Wirtschaftsprognosen
erstellt werden können, auch wenn Menschen kaum dem intellektuellen Niveau von Blutplasma
entsprechen. Wir benötigen somit eine Theorie, die uns erklärt, wie die aufgefundenen Daten zu
verstehen sind. Wir suchen das richtige dahinterliegende Erklärungsmodell.

2.9 Schlüsselbegriffe im Kapitel

Abschreibung Investition
Deflator Konsum
Bruttoanlageinvestition Kreislauf
Brutto- vs. Nettobetrachtung Lagerinvestition
Einkommenskonto Produktionskonto
Ersparnis Real vs. Nominal
Faktoreinkommen Vermögensänderungskonto
Inlandsprodukt Vorleistung
2.10 Ergänzende Literatur 45

2.10 Ergänzende Literatur

• F RENKEL, Michael ; J OHN, Klaus D. ; F ENDEL, Ralf: Volkswirtschaftliche Gesamtrech-


nung. 8. Aufl. München : Vahlen, 2016, S. 21-24, 33-40

2.11 Quiz

Damit in einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne Staat der volkswirtschaftliche Kapital-


stock zunimmt, muss für eine Periode gelten:
1. Das BIP muss gleich dem Konsum sein.
2. Die Ersparnis muss kleiner als der Konsum sein.
3. Die Bruttoinvestition muss größer als die Abschreibungen sein.
4. Die Nettoinvestition muss kleiner als die Abschreibungen sein.

Zu den gesamtwirtschaftlichen Nettoinvestitionen zählt


1. der Aufbau eines Lagers.
2. der Kauf eines PKW durch einen Haushalt.
3. der Ersatz einer im Produktionsprozess verschlissenen Anlage.
4. der Kauf eines Grundstücks durch ein Unternehmen.

Sparen in der VGR bedeutet:


1. Die Tilgung einer Anleihe zum Aufstocken des Sparkontos verwenden.
2. In einer Periode weniger Geld auszugeben als in der Vorperiode.
3. Produktionsfaktoren effizienter als bisher einzusetzen.
4. In einer betrachteten Periode weniger als das erzielte Einkommen zu konsumieren.
46 Kapitel 2. Inlandsprodukt und VGR

Welche der folgenden Positionen stellt keine Bruttoinvestition dar?


1. Der Kauf einer Waschmaschine durch einen privaten Haushalt.
2. Der Bau eines Hauses durch einen privaten Haushalt.
3. Die Produktion von Schrauben auf Lager.
4. Die Erstellung einer Maschine zur Lackierung im Automobilbau.

2.12 Übungsaufgaben
Aufgabe 2.1
a) Was versteht man unter dem Inlandsprodukt?
b) Erläutern Sie den Unterschied zwischen nominalem und realem Inlandsprodukt. Berechnen
Sie für die Daten in Tabelle 2.1 das nominale und das reale Inlandsprodukt.

Jahr Preis Gut x Menge Gut x Preis Gut y Menge Gut y


2016 5e 100 1e 50
2017 7e 150 2e 100
2018 9e 200 3e 150

Tabelle 2.1: Beispiel Gut x und Gut y

c) Definieren und beschreiben Sie den Deflator. Berechnen Sie diesen für die Daten in Tabelle
2.1.

Aufgabe 2.2
Betrachten Sie die Werte in Tabelle 2.2.

a) Berechnen Sie die Wachstumsrate des Inlandsprodukt in jeweiligen Preisen im Jahr 2014
und 2015.
b) Wie hoch war das Inlandsprodukt in Preisen von 2010 in den Jahren 2013 bis 2014?
c) Berechnen Sie die Wachstumsraten des realen Inlandsprodukts im Jahr 2014 und 2015.
2.12 Übungsaufgaben 47

Jahr Inlandsprodukt in jeweiligen Preisen Deflator


(in Mrd.e) (Basisjahr 2010)
2013 2030,00 1,031
2014 2073,70 1,044
2015 2110,40 1,061

Tabelle 2.2: Beispiel Inlandsprodukt und Deflator

Aufgabe 2.3
Welche Zusammenhänge bestehen zwischen folgenden Größen: Lagerinvestition, Bruttoinvestition,
Bruttoanlageinvestition, Nettoinvestition, Abschreibung und Sparen?

Aufgabe 2.4
In einer Volkswirtschaft werden in einer Periode die untenstehenden Transaktionen registriert
(alle Angaben in Mrd.e). Erstellen Sie für jeden der beiden Sektoren, private Haushalte und
Unternehmen, je ein Produktions-, Einkommens- und Vermögensänderungskonto und buchen Sie
die angegebenen Ströme. Schließen Sie alle Konten mit Hilfe geeigneter Salden ab. Erstellen Sie
abschließend ein gesamtwirtschaftliches Kontensystem.

a) Die privaten Haushalte produzieren Konsumgüter in Höhe von 150 und Vorleistungsgüter für
die Unternehmen in Höhe von 30.
b) Die Unternehmen produzieren Investitionsgüter im Umfang von 300. Hiervon erwerben die
Unternehmen 100, die privaten Haushalte 200.
c) Die Nettoinvestitionen der Unternehmen betragen 80 und die der privaten Haushalte 120.
d) Die privaten Haushalte beziehen Löhne von den Unternehmen in Höhe von 150, von den
privaten Haushalten in Höhe von 150.
e) Die Gewinne der Unternehmen werden nicht ausgeschüttet.

Aufgabe 2.5
Für die ökonomische Aktivität des privaten Sektors sind im Verlauf eines Jahres die Werte in
Tabelle 2.3 registriert worden (in Mrd.e). Ermitteln Sie die Höhe der einbehaltenen Gewinne und
stellen Sie mit diesen Angaben ein gesamtwirtschaftliches Kontenschema auf.
48 Kapitel 2. Inlandsprodukt und VGR

Käufe von Vorleistungen 39


Produktion von Konsumgütern 185
Abschreibungen 20
Wert der selbsterstellten Anlagen 8
Lohnzahlungen an Arbeitnehmer 90
Lagerzuwachs fertige Erzeugnisse 27

Tabelle 2.3: Ökonomische Aktivität des privaten Sektors


3. Produktion und Wachstum

3.1 Unterschiede im Lebensstandard


Der Lebensstandard, gemessen durch das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, variiert stark von
Land zu Land. Dies wird durch Abbildung 3.1 besonders deutlich. Für Norwegen liegt das jährliche
Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt bei fast 100.000 US$. Für Burundi und die Demokratische Republik
Kongo ergeben sich Werte unter 250 US$. Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt, auch vereinfacht
als Pro-Kopf-Einkommen oder Pro-Kopf-Produktion bezeichnet, unterscheidet sich damit um den
Faktor 400. Die Wachstumstheorie sieht die Ausstattung mit Produktionsfaktoren als ursächlich für
diese Unterschiede. Sie stellt das Wachstum dieser Produktionsfaktoren in den Mittelpunkt einer
Analyse und wirft die Frage auf, was zu einem hohen Wachstum beiträgt.
50 Kapitel 3. Produktion und Wachstum

Abbildung 3.1: Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt 2012

3.2 Ursachen für Armut und Reichtum


Der Lebensstandard wird maßgeblich von der Produktivität der Arbeitskräfte bestimmt. Unter
Produktivität versteht man die Menge an Gütern und Diensten, die in einer Arbeitsstunde produ-
ziert werden. Die Produktivität wird maßgeblich durch folgende Produktionsfaktoren bestimmt.
Physisches Kapital, Humankapital, natürliche Ressourcen, technischer Fortschritt. Genau diese
Produktionsfaktoren lassen sich in den stilisierten Darstellungen auffinden.

Unter Kapital versteht man einen aus der vergangenen Produktion stammenden Faktor, der in
die gegenwärtige Produktion eingeht. Physisches Kapital ist der Bestand an Anlagen in Form
von Maschinen, Bauten und immateriellen Anlagen. Dieser entspricht dem Wert aller in der
Vergangenheit getätigten Investitionen, abzüglich der Abschreibungen. Kapital ist Ausgangspunkt
3.3 Fallstudie China 51

einer Wachstumstheorie, da die heutige Ausstattung damit nicht leicht verändert werden kann,
sondern auf lange Phasen der Investitionstätigkeit zurückgeht.

Humankapital ist der ökonomische Begriff für das Wissen und die Fertigkeiten, welche Arbeitskräfte
durch Erziehung, Training und Erfahrung akquirieren und zur Produktionssteigerung einsetzen
können. Wertmäßig wird das Humankapital bestimmt durch die Ausgaben, welche getätigt werden,
um den Arbeitskräften das Verständnis neuer Prozesse und Produkte zu vermitteln. Humankapital
ist fest mit einer Person verbunden und kann nicht losgelöst von dieser Person erworben oder
veräußert werden.

Natürliche Ressourcen sind Produktionsfaktoren, die von der Natur bereitgestellt werden. Beispiele
hierfür sind Boden, Metalle oder Öl. Sie werden eingeteilt in erneuerbare Ressourcen, wie z.B.
Wälder oder Fischbestände, und nicht erneuerbare Ressourcen, wie z.B. Kohle oder Mineralwasser.
Natürliche Ressourcen sind wichtig. Aber viele Länder mit wenigen Ressourcen (Deutschland,
Japan) können trotzdem einen hohen Lebensstandard erzielen. Länder mit reichen Rohstoffvorräten
wie Nigeria sind hingegen teilweise ärmer. Dies liegt unter anderem daran, dass Rohstoffeinnahmen
die zentrale Bedeutung der Produktivität in den Hintergrund treten lässt. Die Bevölkerung und die
Regierung lassen es an Arbeitseinsatz und guter Regierungsführung vermissen. Insgesamt sind daher
natürliche Ressourcen nicht unbedingt wichtig für die Erklärung der Einkommensunterschiede.
Aus diesen Gründen spielen sie in der Wachstumstheorie eine eher untergeordnete Rolle.

Unter technischem Fortschritt versteht man das Verständnis innovativer Produktionstechnologien


und Organisationsmethoden (Prozessinnovationen) sowie verbesserter oder neuartiger Produkte
(Produktinnovationen). Im Gegensatz zu Humankapital können Techniken käuflich erworben und
transferiert werden. Während die Erfindung der Schreibmaschine technischer Fortschritt ist, ist
das Erlernen der Zehn-Finger-Technik eine Form von Humankapital. Für Humankapital müssen
Ausgaben getätigt werden, um den Arbeitskräften das Verständnis neuer Prozesse und Produkte zu
vermitteln. Vorhandenes technisches know-how kann hingegen direkt am Markt gekauft werden.

3.3 Fallstudie China


Eine Fallstudie zu China hilft, die Veränderung des Pro-Kopf-Einkommens über die Zeit und die
Bedeutung der Produktionsfaktoren hierbei zu erkennen. Das Pro-Kopf-Inlandsprodukt (brutto)
belief sich 2016 auf 64.000 Yuan. Bei einem Wechselkurs von 7, 7 Yuan /e entspricht dies etwa
52 Kapitel 3. Produktion und Wachstum

Volksrepublik China 2019

Inlandsprodukt 89.200 Mrd.Yuan


Bevölkerung 1.400 Mio.
Pro-Kopf-Inlandsprodukt 64.000 Yuan
Preis Big-Mac 20,5 Yuan
Wechselkurs 7,7 Yuan / e

Abbildung 3.2: Länderbeispiel Volksrepublik China

8.300 e/Kopf. Dies ist etwa nur 1/5 des Pro-Kopf-Einkommens in Deutschland. Mit Hilfe des
Preises für einen Big-Mac von 20, 5 Yuan lässt sich der Lebensstandard des Einkommens bestimmen.
Jährlich kann sich ein Chinese im Durchschnitt 2.100 Big-Mac leisten. Dies ist etwa 1/3 der Menge
an Big Mac, die ein durchschnittlicher Bürger in Deutschland produziert und konsumiert. Der
Unterschied der beiden Größen erklärt sich damit, dass der Big-Mac in China günstiger ist als in
Deutschland. Bemerkenswert ist das extrem hohe jährliche Wachstum des Inlandsprodukts. Die
jährlichen Wachstumsraten liegen bei durchschnittlich 10%. Anfang der 1970er Jahre war China
bedeutend ärmer und weist nunmehr ein Pro-Kopf-Inlandsprodukt auf, das zu dem Deutschlands
und den USA aufschließt.

Das gesamte Inlandsprodukt ist mit 89.200 Mrd.Yuan


7,7 Yuan
∼ 11.600 Mrd.e mittlerweile das zweitgrößte der
e
Welt. Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung besteht in den sehr hohen Bruttoinvestitionen.
Diese lagen bereits Anfang der 90er Jahre mit 30% des Inlandsprodukts sehr hoch und stiegen
danach weiter an auf über 40%. Die hohen Investitionen haben mehrere Ursachen. Zum einen
3.4 Makroökonomische Produktionsfunktion 53

sind die privaten Investitionen gestiegen. 1978 wurde Privateigentum an landwirtschaftlichen


Überschüssen eingeführt und 1984 Sonderwirtschaftszonen eingerichtet, wo Experimente mit
eigenen Wirtschaftsgesetzen stattfanden. Diese Möglichkeiten zur Gewinnerzielung erhöhten
Anreize zur Durchführung privater Investitionen.

In der 1990er Jahren Unternehmen wurde erlaubt, über Preise selbst zu bestimmen, was zeitweise
zu einem deutlichen Anstieg der Inflationsrate auf über 12% führte. Hierdurch erhöhten sich
die Gewinne der Unternehmen und machten Investitionen attraktiv. Von 1992-2002 erfolgten die
Privatisierung kleiner Staatsunternehmen und eine Bankenreform. Privateigentumsrechte wurden
damit immer stärker respektiert. Insbesondere die privaten Bauinvestitionen trugen zum starken
Wachstum bei. Neben den privaten Investitionen waren auch die staatlichen Investitionen bedeutsam.
Insbesondere ab 2008, als Reaktion auf die weltweite Finanzkrise, erhöhten die zentralen und die
lokalen Regierungen die staatlichen Investitionen.

3.4 Makroökonomische Produktionsfunktion


Um systematisch den Zusammenhang zwischen Faktoren und der resultierenden Produktion zu
erfassen, bedienen wir uns einer Produktionsfunktion. Diese gibt ein Verhältnis zwischen der Menge
an Einsatzfaktoren und der erzielten Produktionshöhe an:
dF dF dF
Y b = AF(N, K, H) mit > 0, > 0, > 0. (3.1)
dN dK dH

Hierbei bezeichnen Y b das Bruttoinlandsprodukt (die Produktion), A die Produktionstechnologie


(Stand des technischen Fortschritts), N die Anzahl an Arbeitskräften, K die Menge an physischem
Kapital, H die Menge an Humankapital und F(·) eine Funktion, welche diese Faktoren kombiniert.
Aufgrund des weniger klaren Einflusses der natürlichen Ressourcen wird auf ihre Berücksichtigung
verzichtet.

Wenn zu einer existierenden Betriebsstätte eine zweite, identische, an einem anderen Ort und unter
sonst gleichen Bedingungen erstellt wird, sollte diese die gleiche Produktion hervorbringen können.
Diese Logik impliziert, was mit konstanten Skalenerträgen gemeint ist. Eine Vervielfachung aller
Produktionsfaktoren um den Faktor x erbringt eine Vervielfachung der Produktion um den gleichen
Faktor. Mathematisch ausgedrückt, gilt:

xY b = AF(xN, xK, xH). (3.2)


54 Kapitel 3. Produktion und Wachstum

Konstante Skalenerträge haben eine interessante Implikation in Bezug auf die Pro-Kopf-Produktion.
Ersetzen wir in Gleichung (3.2) den Faktor x durch 1/N, so können wir schreiben:
 
1 b 1 1
Y = AF 1, K, H . (3.3)
N N N

Der Term „1“ in der Funktion ist überflüssig, da er konstant ist. Hierbei ist nun Y b /N die Produktion
pro Arbeitskraft, K/N der Kapitaleinsatz je Arbeitskraft und H/N das Humankapital je Arbeitskraft.
Werden alle Pro-Kopf-Einsatzfaktoren in Gleichung (3.3) auf 2/NK und 2/NH verdoppelt, so ergibt
sich nur ein unterproportionaler Anstieg, es wird also nicht 2/NY b erreicht. Dies folgt aus:
   
2 2 2 2 2
AF 1, K, H < AF 2, K, H = Y b . (3.4)
N N N N N

Abbildung 3.3: Illustration Produktionsfunktion

Der unterproportionale Anstieg folgt logisch aus dem Umstand, dass die 1 nicht verdoppelt wird.
Der Lebensstandard wird weiterhin pro (einem) Kopf berechnet. Konstante Skalenerträge einer
Produktionsfunktion implizieren somit sinkende Grenzerträge der Pro-Kopf-Produktion. Dieser
Zusammenhang lässt sich auch mit Hilfe von Abbildung 3.3 für eine Produktionsfunktion ohne
Humankapital illustrieren.
3.5 Wachstumsmodell 55

Abbildung 3.3 zeigt eine Oberfläche über einer Ebene, die in der Breite von Kapital K und in
der Länge von Arbeit N bestimmt wird. Die Höhe kennzeichnet dabei die aus Arbeit und Kapital
resultierende Produktion Y b . Skalenerträge lassen sich dabei als eine lineare Bewegung aus dem
Nullpunkt darstellen, denn auf einer solchen Linie bleibt das Einsatzverhältnis zwischen Kapital
und Arbeit immer konstant. Wie dargestellt, resultiert hierbei ein gleichförmiger Anstieg der
Produktion. Ein Wanderer, der sich auf der Oberfläche bewegt, wird immer die gleiche Steigung
vor sich haben. Wird hingegen die Menge an Arbeit konstant gehalten und nur der Kapitaleinsatz
variiert, so nimmt die Steigung der Oberfläche immer weiter ab. Dies entspricht der sinkenden
Grenzproduktivität.

3.5 Wachstumsmodell
Das in 2.8 dargestellte Kontenschema legt nahe, dass eine höhere Produktion erhöhte Investitionen
ermöglicht und damit einen über die Zeit ansteigenden Kapitalstock. Gemeinsam mit der Pro-
duktionsfunktion impliziert dies eine wechselseitige Interaktion nahe zwischen Produktion und
Kapitalstock, bei der beide Größen einander positiv beeinflussen. Die resultierende Dynamik kann
mit Hilfe des folgenden classEx-Spiels veranschaulicht werden.

Investitionsquote und Wachstum


Sie führen einen Haushalt als Selbstversorger und habe dazu ihre eigene Land-
wirtschaft. Ihre Aufgabe ist es, die Investitionsquote s zu bestimmen, mit der
Sie Ihre Produktion y auf Investitionen s · y und Konsum (1 − s) · y aufteilen. Die
einmal gewählte Quote wird für Ihre zukünftige Lebensdauer von 30 Jahren beibehalten.
Die √ jährliche Produktion y wird bestimmt durch den Kapitalstock k gemäß der Formel
y = k. Am Anfang gilt k = 16 und damit y = 4. Der Kapitalstock sinkt jedes Jahr durch
Abschreibungen um 5%, also anfangs um 16 · 0, 05 = 0, 8, und steigt mit den Investitionen
s · y. Eine hohe Investitionsquote s lässt den Kapitalstock über die Zeit ansteigen, erhöht
damit sukzessive die Produktion und bewirkt einen hohen Konsum in späteren Jahren. Eine
niedrige Investitionsquote s erhöht den Anteil der Produktion, der in früheren Jahren konsu-
miert wird. Der Teilnehmer, der mit der Wahl der Investitionsquote über alle 30 Jahre den
höchsten Konsum erzielt, erhält 30 e als Gewinn ausbezahlt. Bei Gleichheit entscheidet das
Los.
56 Kapitel 3. Produktion und Wachstum

Das classEx-Spiel veranschaulicht die Schwierigkeit bei der Wahl einer geeigneten Investitionsquote
und es erlaubt eine anschaulichen Darstellung der Dynamik über 30 Jahre. Mit einer Investitions-
quote größer als 0,2 steigt der Kapitalstock stetig an, allerdings auf Kosten eines anfangs geringeren
Konsums. Eine Analyse der zeitlichen Dynamik verdanken wir Robert Solow (1956). Sein Modell
verbindet das Verhalten von Investoren und Sparern mit einer Produktionsfunktion, um damit gleich-
gewichtige Pro-Kopf-Größen und temporäre wie auch langfristige Wachstumsraten zu bestimmen.
Ausgehend von Gleichung 3.3 verzichten wir auf die Berücksichtigung von Humankapital und
schreiben die Produktionsfunktion in Pro-Kopf-Terme um.
 
1 b 1
Y = AF 1, K ≡ yb (k). (3.5)
N N

Hierbei indiziert yb das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt eines repräsentativen Wirtschaftssubjekts


einer Volkswirtschaft und k ≡ NK den entsprechenden Pro-Kopf-Kapitalstock (der auch so aufgefasst
werden kann, als würde er Humankapital inkludieren).

Das Pro-Kopf-Einkommen yb ist auf Grund der sinkenden Grenzerträge eine positive, aber ab-
nehmende Funktion des Pro-Kopf-Kapitalstocks k. Das repräsentative Wirtschaftssubjekt wird
nicht nur produzieren und in Höhe der Produktion Einkommen und Abschreibungsgegenwerte
erwirtschaften. Es wird zudem Teile des Einkommens für Konsumzwecke verwenden und andere
Teile für Investitionszwecke. Wir unterstellen, dass es eine feste Relation s wählt zwischen Brutto-
investitionen und der Bruttoproduktion. Diese Relation bezeichnen wir als Investitionsquote. Damit
beträgt die gesamte Investition pro Kopf syb und der Konsum (1 − s)yb . Die Investitionsquote ist in
dem Modell identisch zur Sparquote der Wirtschaftseinheit, bezogen auf die Bruttoproduktion pro
Kopf.

Die hieraus resultierende Dynamik kann mit Hilfe der in Abbildung 3.4 dargestellten Konten aus der
volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung beschrieben werden. Eine gegebene gesamtwirtschaftliche
Bruttoproduktion Y b führt nach Abzug der Abschreibungen zu Faktoreinkommen. Diese werden
gemäß Einkommenskonto für Konsum und Ersparnis verwendet. Aus den Abschreibungen und
Ersparnissen werden Investitionen finanziert. Da alle Wirtschaftssubjekte identisch agieren, findet
kein Handel zwischen diesen statt. So wird nicht ein privater Haushalt sein Faktoreinkommen bei ei-
nem anderen verdienen. Ersparnisse werden von einem Haushalt selbst für Investitionen verwendet.
Daher ist der Kontenrahmen eines einzelnen Haushalts identisch zu dem aller anderen.

Wir können für das Modell zunächst bestimmen, wie sich der Kapitalstock über die Zeit t entwickelt.
3.5 Wachstumsmodell 57

Abbildung 3.4: Darstellung im Kontenschema

Für die gesamte Volkswirtschaft, die aus N Personen besteht, müssen wir von den Bruttoinvestitio-
nen (I) die Abschreibungen (δ K) abziehen, K̇ = dK/dt = I b −δ K. In Pro-Kopf-Größen ausgedrückt
impliziert dies


= syb − δ k. (3.6)
N
Die Größe, die wir bestimmen wollen, ist k̇, also die Veränderung des Pro-Kopf-Kapitalstocks über
die Zeit. Anwendung der Quotientenregel erbringt:
K
d N K̇ − K Ṅ K̇ K Ṅ
k̇ ≡ N = = − 2. (3.7)
dt N 2 N N
Wir nehmen an, dass ein konstantes Bevölkerungswachstum exogen vorgegeben ist und dieses sich
darstellen lässt als N(t) = ent . Für die erste Ableitung gilt Ṅ(t) = nent und es folgt


= n. (3.8)
N
Einsetzen von (3.6) und (3.8) in (3.7) erbringt

k̇ = syb (k) − (δ + n)k. (3.9)

Der Pro-Kopf-Kapitalstock verringert sich durch Abschreibungen δ k, welche proportional zum


existierenden Kapitalstock sind. Zusätzlich verringert sich der Pro-Kopf-Kapitalstock durch einen
58 Kapitel 3. Produktion und Wachstum

Anstieg der Bevölkerung nk, da der bestehende Kapitalstock dann auf mehr Arbeitskräfte zu
verteilen ist. Diese beiden Effekte zusammen bewirken ein Schrumpfen des Pro-Kopf-Kapitalstocks
gemäß (δ + n)k. Zum Erhalt des Pro-Kopf-Kapitalstocks müssen die Investitionen gerade (δ + n)k
betragen. Diese Größe wird daher auch als notwendige Investition bezeichnet. syb (k) wird dagegen
als tatsächliche Investitionen bezeichnet.

Sind die tatsächlichen Investitionen höher als die notwendigen Investitionen, so gilt k̇ > 0 und es
kommt zu einem stetigen Anstieg des Pro-Kopf-Kapitalstocks. Umgekehrt schrumpft der Pro-Kopf-
Kapitalstock, falls Abschreibungen und Bevölkerungswachstum hoch sind und die tatsächlichen
Investitionen nicht das Niveau der notwendigen Investitionen erreichen.

Gesamt Pro Kopf


Kapitalstock K 8 Bill.e k 100.000e
Bruttoinvestitionen Ib 480 Mrd.e I /N = sy
b b 6.000e
Abschreibungen δK 400 Mrd.e δk 5.000e
Bevölkerung N 80 Mio.
Bevölkerungswachstum n −0.6%
Abschreibungsrate δ 5%

Tabelle 3.1: Beispieldaten für Deutschland (vereinfacht)

Nehmen wir als illustrierendes Beispiel grob vereinfachte Daten für Deutschland, wie sie in Ta-
belle 3.1 abgebildet sind. Bei N = 80 Mio. Einwohnern ergeben sich ein Pro-Kopf-Kapitalstock
K/N = 8 Bill. e/80 Mio. = 100.000e sowie die entsprechenden Pro-Kopf-Werte für die Brutto-
investitionen und die Abschreibungen. Die Veränderung des Pro-Kopf-Kapitalstock ist gegeben
durch K̇/N = 1000e pro Jahr. Aber zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass der gesamte Kapital-
stock durch Änderungen in der Einwohnerzahl variiert. Pro Jahr schrumpft die Bevölkerung in
Deutschland um 0, 6%. Dies bewirkt, dass sich der bestehende Kapitalstock auf weniger Köpfe
aufteilt. Im Jahre 2050 ergäbe sich dann mit 64 Mio. Einwohnern statt 100.000e ein Pro-Kopf-
Kapitalstock von 8Bill. e/64Mio. = 125.000e. Insgesamt folgt dann für die jährliche Veränderung
des Pro-Kopf-Kapitalstocks k̇ = syb (k) − (δ + n)k = 6.000 − (0, 05 − 0, 006)100.000 = 1600e.
Würde die Bevölkerung hingegen wie in den USA mit 2% jährlich wachsen, so würde der Pro-Kopf-
Kapitalstock insgesamt abnehmen gemäß k̇ = 6.000 − (0, 05 + 0, 02)100.000 = −1.000e.

Die einzelnen Bestandteile des Modells sind in Abbildung 3.5 dargestellt. Mit dem Pro-Kopf-
Kapitalstock an der Abszisse und Pro-Kopf-Produktion und Pro-Kopf-Investitionen an der Ordinate
3.6 Änderung der Spar- und Investitionsquote 59

Abbildung 3.5: Steady state im Wachstumsmodell

werden die notwendigen Investitionen als Gerade aus dem Ursprung abgetragen. Die Produktions-
funktion ist im Ursprung sehr steil und wird immer flacher aufgrund des abnehmenden Grenzertrags.
Die Kurve der tatsächlichen Investitionen syb entspricht einer nach unten um den Faktor s gestauch-
ten Produktionsfunktion.

Beim Pro-Kopf-Kapitalstock k0 sind die tatsächlichen Investitionen größer als die notwendigen
Investitionen. Daher gilt hier k̇ > 0. Der Pro-Kopf-Kapitalstock steigt stetig an. Beim Pro-Kopf-
Kapitalstock k∗ entsprechen die tatsächlichen den notwendigen Investitionen. Daher gilt hier k̇ = 0.
Der Pro-Kopf-Kapitalstock verändert sich nicht. Wir bezeichnen diese Art des Gleichgewichts als
steady state. Dies ist definiert als eine Situation, in der alle makroökonomischen Aggregate mit einer
b
über die Zeit konstanten Rate wachsen. Das bedeutet hier, dass alle Pro-Kopf-Variablen k, yb , IN
und CN mit der Wachstumsrate 0 unverändert bleiben und K, Y b mit der konstanten Wachstumsrate
n wachsen. Dies gilt auch für den gesamtwirtschaftlichen Konsum C.
60 Kapitel 3. Produktion und Wachstum

Abbildung 3.6: Änderung der Spar- und Investitionsquote s

3.6 Änderung der Spar- und Investitionsquote


Mit Hilfe grafischer Darstellungen lässt sich der Einfluss verschiedener wichtiger Parameter erfas-
sen. Dabei wird ein exogener Parameter des Modells verändert und die Wirkung auf die endogenen
Parameter untersucht. Im Wachstumsmodell sind die exogenen Parameter mit δ , s, n und A gegeben.
Das Wachstumsmodell will dabei die endogenen Parameter yb , k sowie den Pro-Kopf-Konsum
und die Pro-Kopf-Ersparnis erklären. So lässt sich eine Erhöhung der Spar- und Investitionsquo-
te von s0 auf s1 durch eine Verschiebung (genauer eine Streckung) der Kurve der tatsächlichen
Investitionen nach oben erfassen, wie in Abbildung 3.6 dargestellt. Die Folge hiervon ist, dass
beim alten steady state k0∗ die tatsächlichen Investitionen größer sind als die notwendigen Inves-
titionen. Hierdurch entsteht eine transitorische Dynamik. Erst wenn der Pro-Kopf-Kapitalstock
hinreichend angewachsen ist, wird wieder ein neuer steady state k1∗ erreicht. Dieser höhere Pro-
Kopf-Kapitalstock bewirkt, dass die notwendigen Investitionen auf ein erhöhtes Niveau ansteigen,
um den erhöhten tatsächlichen Investitionen zu entsprechen. Als Folge dieses Anstiegs hat sich
auch das Pro-Kopf-Einkommen erhöht.

Das Modell prognostiziert damit einen positiven Zusammenhang zwischen der Spar- und Inves-
3.6 Änderung der Spar- und Investitionsquote 61

Abbildung 3.7: Zusammenhang Wachstum und Investitionsquote

titionsquote und dem Pro-Kopf-Einkommen. Dies wird gestützt durch empirische Evidenz. In
Abbildung 3.7 wird eine positive Korrelation zwischen der Investition in Prozent des Inlands-
produkts (Abszisse) und dem realen Wachstum des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt aufgezeigt.
Insbesondere das hohe Wachstum in Südostasien und in (Zentral-)Asien korrespondiert gut mit
der hohen Investitionsquote. Gleichzeitig ist das geringe Wachstum in Afrika, Südamerika und
im Mittleren Osten im Einklang mit den eher geringen Investitionen. Damit wird die Vermutung
gestützt, dass die Investitionsquote das Pro-Kopf-Einkommen positiv beeinflusst.

Es sollte aber nicht übersehen werden, dass zum Nachweis einer echten Kausalität robustere
Methoden notwendig sind. Es wäre nämlich nicht auszuschließen, dass beide Variablen, die In-
62 Kapitel 3. Produktion und Wachstum

vestitionsquote und die Wachstumsrate, von bisher nicht berücksichtigten Variablen abhängen
oder die Kausalität umgekehrt vom Wachstum zur Investitionsquote verläuft, z.B. weil arme oder
wenig wachsende Länder das geringe Einkommen vollständig für Konsum verwenden müssen. Auf-
grund der vielfältigen Interaktionen in einer Volkswirtschaft sind makroökonomischen Kausalitäten
oftmals schwer nachzuweisen.

3.7 Änderung des Bevölkerungswachstums

Abbildung 3.8: Änderung des Bevölkerungswachstums n

Eine weitere wichtige Einflussgröße ist das Bevölkerungswachstum, das in Abbildung 3.8 mit
einem beispielhaften Anstieg von n0 auf n1 dargestellt wird. Beim alten steady state k0∗ sind nun die
notwendigen Investitionen größer als die tatsächlichen, da mehr Kapital für die nachwachsende Be-
völkerung benötigt wird. Daher wird der Pro-Kopf-Kapitalstock sinken, bis in k1∗ wieder ein steady
state erreicht ist. Das Pro-Kopf-Einkommen ist im Vergleich zur Ausgangslage mit niedrigerem
Bevölkerungswachstum gesunken.
3.7 Änderung des Bevölkerungswachstums 63

Abbildung 3.9: Zusammenhang Einkommen und Geburtenrate

Für einen negativen Zusammenhang zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen und dem Bevölke-
rungswachstum findet sich erneut Evidenz. So zeigt Abbildung 3.9 eine Korrelation zwischen
den Geburten pro 1000 Einwohnern und dem Wachstum des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt. Die
wenigen Geburten in Europa, Nordamerika und Südostasien korrespondieren mit Wachstumsraten
oberhalb von 1,5%. Die hohe Geburtenrate in Afrika steht im Einklang mit dem geringen dortigen
Wachstum. Erneut sollte aber nicht übersehen werden, dass die Kausalität umgekehrt von Wachstum
zur Geburtenrate verlaufen könnte, zum Beispiel weil arme und wenig wachsende Länder keine
verlässliche Rentenversicherung bieten und Menschen sich mit möglichst vielen Kindern ihre
Altersvorsorge sichern.
64 Kapitel 3. Produktion und Wachstum

3.8 Änderung des technischen Fortschritts


Der Erklärungsbeitrag von Investitionsquote und Bevölkerungswachstum erscheint insgesamt zu
gering, um die gewaltigen weltweiten Unterschiede im Pro-Kopf-Einkommen erklären zu können.
Eine weitere Kritik an dem Modell ist, dass es ein fortgesetztes Wachstum von Pro-Kopf-Variablen
nicht erklären kann. Es erscheint daher wichtig, auf eine weitere Einflussgröße einzugehen: Der
technische Fortschritt. In Abbildung 3.10 wird technischer Fortschritt gemäß Gleichung (3.5) durch
einen Anstieg der Produktionstechnologie A erfasst. Hierdurch verschiebt (besser gesagt dehnt)
sich die Produktionsfunktion nach oben von yb0 auf yb1 . Mit dieser Verschiebung verlagert sich
auch die Kurve der tatsächlichen Investitionen nach oben. Ein steady state ergibt sich bei einem
Pro-Kopf-Kapitalstock von k1∗ . Das Pro-Kopf-Einkommen ist nun aus zwei Gründen angestiegen.
Zum einen ermöglicht der gestiegene Kapitalstock eine höhere Produktion, zum anderen ist der
Kapitalstock produktiver geworden aufgrund der besseren Produktionstechnologie.

Abbildung 3.10: Änderung des technischen Fortschritts A.


3.9 Kritik des Wachstumsmodells 65

Verbesserungen der Produktionstechnologie könnten daher ein fortgesetztes Wachstum des Pro-
Kopf-Einkommens erklären. Sie können zudem die historischen Schwankungen in Folge der großen
technischen Innovationen erklären, wie beispielsweise den Beginn der Industrialisierung ab 1780,
die Entwicklung der Eisenbahn ab 1840, die Elektrotechnik ab 1890, die Automatisierung ab
1940 und die Informations- und Kommunikationstechnik ab 1990. Unterschiede in der Produkti-
onstechnologie von einem Land zum anderen sind zudem in der Lage, die starken beobachteten
Unterschiede im Pro-Kopf-Einkommen zu erklären.

3.9 Kritik des Wachstumsmodells


Das Wachstumsmodell weist zentral auf die Investitionsquote und das Bevölkerungswachstum als
Einflussgrößen auf das Pro-Kopf-Inlandsprodukt hin, kann damit aber empirisch nur einen Bruchteil
der Unterschiede zwischen Ländern erklären. Den Rest versucht das Modell mit Unterschieden
in der Produktionstechnologie zu erklären. Diese wird mit der Variable A als exogen angenom-
men. Hierbei ist streitig, ob nicht die Investitionsquote als auch der die Produktionstechnologie
bestimmende technische Fortschritt von ökonomischem Kalkül beeinflusst ist. Investitionen in den
Kapitalstock als auch solche in Forschung und Entwicklung werden sich am zukünftigen Ertrag
bemessen. Neuere Modelle der Wachstumstheorie haben dieses Defizit aufgegriffen.

Eine weitere Kritik des Modells bezieht sich auf die vereinfachenden Annahmen, insbesonde-
re bezüglich eines repräsentativen Haushalts, der beispielhaft für die Volkswirtschaft steht. Die
Volkswirtschaft wird damit zerlegt in einzelne Bestandteile, so wie dies von einer mikrofundierten
Makroökonomik gefordert wird. Es droht damit aber, dass wichtige Ursachen der Produktivität
übersehen werden: Die Interaktion. So fehlt insbesondere die in der VGR dargestellte Trennung
zwischen privaten Haushalten, die Einkommen erzielen und auf Konsum und Sparen aufteilen,
Unternehmen, die Produktionsfaktoren einsetzen und entlohnen und damit Konsumgüter und In-
vestitionsgüter herstellen, und Investoren, die Ersparnisse einsammeln und damit Investitionsgüter
kaufen. Diese funktionale Aufteilung ermöglicht eine Spezialisierung und Arbeitsteilung. So kann
eine erhöhte Produktivität daraus resultieren, dass sich Haushalte und Unternehmen mit ihrer
Produktion spezialisieren auf bestimmte Produkte und diese dann mit anderen Haushalten han-
deln. Manche Haushalte sparen auch für andere, die damit größere Investitionen tätigen. Wieder
andere stellen ihre Arbeitskraft anderen zur Verfügung, die damit große und produktive Unterneh-
men bilden. Insgesamt vernachlässigt damit das Wachstumsmodell viele Bestimmungsgrößen der
Produktivität.
66 Kapitel 3. Produktion und Wachstum

Trotz dieser Defizite liefert das Modell wichtige Einsichten. Es lässt uns die Bedeutung der
Investitionsquote erkennen, die durch einen Verzicht auf Konsum gesteigert werden kann. Zudem
zeigt es die Bedeutung des Bevölkerungswachstumsrate und des technischen Fortschritts auf. Ferner
betont es, dass nicht etwa reiche Böden und Rohstoffe entscheidend sind für das Inlandsprodukt,
sondern die Fähigkeit, über einen lange Zeitraum einen hohen Kapitalstock aufzubauen.

3.10 Schlüsselbegriffe im Kapitel

physisches Kapital
Bevölkerungswachstum Produktivität
Grenzertrag Skalenertrag
Humankapital Spar- und Investitionsquote
Investitionsquote steady state
Kapitalstock technischer Fortschritt
natürliche Ressourcen Wachstum
notwendige Investitionen Wachstumsmodell

3.11 Ergänzende Literatur

• M ANKIW, N. Gregory: Makroökonomik. 7. Aufl. Stuttgart : Schäffer-Poeschel, 2017, S.


253-267, 277-286
• S OLOW, Robert M.: A contribution to the theory of economic growth. In: The Quarterly
Journal of Economics 70 (1956), Nr. 1, S. 65–94
3.12 Quiz 67

3.12 Quiz

Die Beherrschung der Zehn-Finger-Technik beim Schreibmaschineschreiben ist ein Beispiel


für den folgenden Produktionsfaktor:
1. Natürliche Ressourcen.
2. Technischer Fortschritt.
3. Humankapital.
4. Produktivität.

Der Grund für Chinas hohes Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens liegt an


1. der Investitionsquote,
2. der hohen Bevölkerungswachstumsrate,
3. den natürlichen Ressourcen,
4. dem weitgehend festen Wechselkurs zum US $.

Folgender Zusammenhang gilt für eine Produktionsfunktion mit konstanten Skalenerträgen,


Y b = AF (N, K):
1. Die Produktion erhöht sich proportional mit N.
2. Die Produktion erhöht sich proportional mit dem Kapitaleinsatz K.
3. Die Produktion kann sich nur mit technischem Fortschritt A erhöhen.
4. Die Produktion weist sinkende Grenzerträge des Kapitaleinsatzes K auf.

Die notwendigen Investitionen steigen mit


1. der Spar- und Investitionsquote s,
2. dem technischen Fortschritt A,
3. dem Bevölkerungswachstum n,
4. dem Pro-Kopf-Einkommen yb .
68 Kapitel 3. Produktion und Wachstum

Der steady state ist definiert als Gleichgewicht, bei dem


1. die Ersparnis der Investition entspricht,
2. die Produktion dem Einkommen entspricht,
3. keine Größen sich ändern,
4. alle Größen über die Zeit mit einer identischen Rate wachsen.

3.13 Übungsaufgaben
Aufgabe 3.1
a) Nennen und erläutern Sie die in der Makroökonomik gängigen Produktionsfaktoren.
b) Leiten Sie aus jenen Produktionsfaktoren eine makroökonomische Produktionsfunktion her
und beschreiben Sie diese. Was versteht man unter konstanten Skalenerträgen und weshalb
scheint die Annahme konstanter Skalenerträge plausibel?
c) Wieso erscheinen bei der Pro-Kopf-Produktion sinkende Skalenerträge plausibel?
d) Definieren Sie die Produktivität im makroökonomischen Sinne sowohl verbal als auch formal.
Welcher Zusammenhang ergibt sich zwischen den Produktionsfaktoren, der Produktionsfunk-
tion und der Produktivität?

Aufgabe 3.2
a) Verwenden Sie die folgende Produktionsfunktion für ein Wachstumsmodell: Y b = AF (N, K) =
AK 1/3 N 2/3 . Zeigen Sie, dass für diese Produktionsfunktion konstante Skalenerträge und ab-
nehmende Grenzerträge des Faktors Kapital vorliegen.
b) Zeigen Sie, dass die Entwicklung des Pro-Kopf-Kapitalstocks gemäß der Funktion k̇ =
sAk1/3 − (δ + n) k bestimmt wird.
c) Bestimmen Sie k im steady state als Funktion von s, A, δ und n.
d) Zeichnen Sie die Produktionsfunktion sowie die Kurve der notwendigen und der tatsächlichen
Investitionen. Erläutern Sie, was bei einer Abweichung vom steady state geschieht.
e) Mit welcher Rate wachsen die Pro-Kopf-Größen (yb , k, syb ) und mit welcher Rate wachsen
die aggregierten Größen (Y b , K, sY b ) im steady state?

Aufgabe 3.3
Stellen Sie eine Produktionsfunktion mit sinkendem Grenzertrag dar sowie die Kurve der notwendi-
gen und der tatsächlichen Investitionen, jeweils in Abhängigkeit des Pro-Kopf-Kapitalstocks k dar.
Die Pro-Kopf-Produktion wird dabei durch yb indiziert. Zeigen Sie grafisch und verbal, wie folgen-
3.13 Übungsaufgaben 69

de Änderungen auf das Pro-Kopf-Einkommen, den Pro-Kopf-Konsum und die Pro-Kopf-Ersparnis


wirken. Stellen Sie Ihre Ergebnisse in einem Diagramm mit der Zeit an der Abszisse dar.

a) Die Einführung der Pille reduziert das Bevölkerungswachstum.


b) Der Staat fördere Investitionen durch steuerliche Anreize und kann damit die Sparquote auf
ein höheres Niveau anheben.
c) Es verlagere sich die Produktionsfunktion aufgrund einer einmaligen Produktivitätsverbesse-
rung.

Aufgabe 3.4
a) Die Sparquote steige auf ein dauerhaft höheres Niveau. Beschreiben Sie die Auswirkungen
mit Hilfe eines geeigneten Diagramms und markieren Sie dort den neuen steady state.

Abbildung 3.11: Entwicklung des Pro-Kopf-Konsum und der Pro-Kopf-Ersparnis

b) Skizzieren Sie in Abbildung 3.11 (linkes Diagramm) die zeitliche Entwicklung des Pro-Kopf-
Konsums. Dieser ist in der Ausgangslage mit einem Pfeil gekennzeichnet.
c) Skizzieren Sie in Abbildung 3.11 (rechtes Diagramm) die zeitliche Entwicklung der Pro-
Kopf-Ersparnis. Diese ist in der Ausgangslage mit einem Pfeil gekennzeichnet.
4. Konjunktur

4.1 Wachstum und Konjunktur


Gemäß Wachstumsmodell ist mit einem stetigen Wachstum des BIP zu rechnen. Eine transito-
rische Dynamik kann das Wachstum ändern, allerdings nur geringfügig und nur, bis ein steady
state erreicht ist. Tatsächlich werden aber Phasen positiven (Expansion) und solche negativen
Wachstums (Rezession) beobachtet. Dadurch liegt das Inlandsprodukt manchmal oberhalb (Boom)
oder unterhalb (Depression) des langfristigen Trends. Diese Schwankungen werden als Konjunktur
bezeichnet und in der Abbildung 4.1 als Abweichung des Inlandsprodukts vom Trend dargestellt.
Dort sind beispielsweise Boomphasen in den Jahren 2007 und 2018 ersichtlich und Depressionen
in den Jahren 2009 und 2020.

Diese Schwankungen könnten, im Einklang mit dem Wachstumsmodell, durch Variation der Aus-
stattung mit Produktionsfaktoren und technischen Fortschritt erklärt werden. Einige Ökonomen,
72 Kapitel 4. Konjunktur

Abbildung 4.1: Reales Bruttoinlandsprodukt Deutschland in Preisen von 2010.

insbesondere vor der Finanzkrise im Jahre 2008, vertraten diese Ansicht, die in der Makroökonomik
als Theorie der Real-Business-Cycles Eingang gefunden hat. Aus dieser Sicht werden Abweichun-
gen vom Trend dadurch verursacht, dass kurzfristig die Bereitstellung von Produktionsfaktoren
schwankt oder der technische Fortschritt durch Innovationsschübe und Rückschläge gekennzeichnet
ist.

Demgegenüber hat sich zuletzt die Ansicht durchgesetzt, dass schwankende Produktionsfakto-
ren und technischer Fortschritt kaum in der Lage sind, Abweichungen vom Trend zu erklären.
Vielmehr stellen sich diese Abweichungen bei Konstanz dieser Einflussgrößen ein. Das gemäß
Wachstumsteorie resultierende Inlandsprodukt entspricht demzufolge dem stetigen Trend, wie in
Abbildung 4.1 dargestellt. Dieses dem Trend entsprechende Niveau der Produktion nennen wir
auch das „potentielle Inlandsprodukt“. Üblich sind auch Bezeichnungen als das „natürliche“ oder
„normale“ Produktionsniveau. Es entspricht dem Inlandsprodukt bei normaler Beschäftigung aller
volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren, beispielsweise Kapital und Arbeit. Nur eine freiwillige
Form der Arbeitslosigkeit, beispielsweise zum Suchen eines neuen Arbeitsplatzes, und Ruhe- und
Wartungszeiten für das in Form von Maschinen eingesetzte Kapital sind dabei zu berücksichtigen.
4.1 Wachstum und Konjunktur 73

Abbildung 4.2: Konjunktur, Kapazitätsauslastung, Auftragseingänge und Erwerbstätigkeit ohne


Kurzarbeit.

Zudem ist es durch einen konstanten technischen Fortschritt gekennzeichnet. Wir bezeichnen es
künftig mit Ȳ .

Als Konjunktur bezeichnen wir die Abweichungen der tatsächlichen Produktion von diesem
Trend. Wir messen die Konjunktur mit Hilfe der sogenannten Produktionslücke Y = Y −


. Diese
74 Kapitel 4. Konjunktur

ist die prozentuale Differenz zwischen Inlandsprodukt und seinem potentiellen Niveau. Einen
konjunkturellen Boom mit Y > Ȳ erhalten wir bei einer positiven Produktionslücke, eine Depression
mit Y < Ȳ bei einer negativen Produktionslücke. Bei einem potentiellen Inlandsprodukt von 2900
Mrd.e und einem tatsächlichen Inlandsprodukt von 2700 Mrd.e gilt für die Produktionslücke
beispielsweise Y = 2700−2900
2700 = −7, 4%, also eine Depression, bei der die Nachfrage stark unterhalb
des potentiellen Niveaus liegt.

Die konjunkturelle Entwicklung ergibt sich aus Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Nach-
frage. Dies wird insbesondere verständlich, wenn wir die Konjunktur in Beziehung zu anderen
Größen setzen. Abbildung 4.2, oberer Teil, zeigt die Konjunktur, gemessen als die Produktions-
lücke. Dabei zeigt sich ein Zusammenhang zwischen der Konjunktur und der Kapazitätsauslastung.
Letztere ergibt sich mit Hilfe von Umfragen bei Industriebetrieben bezüglich der Auslastung der
betrieblichen Anlagen. Dies veranschaulicht, dass der Produktionsfaktor Kapital in der Depression
teilweise ungenutzt bleibt. Die Auslastung wird heruntergefahren, Maschinen bleiben ungenutzt
und Bauten stehen teilweise leer.

Abbildung 4.2, unterer Teil, zeigt die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Phasen des Booms gehen mit
hoher Beschäftigung einher. In der Depression ist die Erwerbstätigkeit gering, der Produktionsfaktor
Arbeit wird nicht vollständig eingesetzt und es resultiert Arbeitslosigkeit. Analog zeigen sich
Schwankungen beim Auftragseingang in der Industrie relativ zu den dort vorhandenen Kapazitäten.
So gingen beispielsweise während der Finanzkrise 2009 die Aufträge um 20% gegenüber dem
Vorjahr zurück. Dieser gewaltige Einbruch der Nachfrage korrespondierte mit einer konjunkturellen
Entwicklung, bei der das Inlandsprodukt um fast 6% unter seinem langfristigen Trend lag.

4.2 Nachfrage und Interaktion


Die Vermutung, die Nachfrage sei Treiber der Konjunktur, wurde wiederholt in Frage gestellt. So
postuliert eine andere Theorie, dass eine jedwede Produktion sich automatisch eine Nachfrage in
gleicher Höhe verschafft. Diese Idee findet sich erstmals bei Jean-Baptiste Say (1767-1832) und ist
daher als das sogenannte Saysche Gesetz bekannt. Dieses besagt, dass sich jedes Angebot seine
Nachfrage selbst schafft. So schrieb Say 1803 in seinem Werk Traité d’economie politique:

”Wenn der Produzent die Arbeit an seinem Produkt beendet hat, ist er höchst bestrebt
es sofort zu verkaufen, damit der Produktwert nicht sinkt. Nicht weniger bestrebt ist
er, das daraus eingesetzte Geld zu verwenden, denn dessen Wert sinkt möglicherweise
4.2 Nachfrage und Interaktion 75

ebenfalls. Da die einzige Einsatzmöglichkeit für das Geld der Kauf anderer Produkte ist,
öffnen die Umstände der Erschaffung eines Produktes einen Weg für andere Produkte.”

Ein jeder Umsatz mit einem Produkt (Angebot) führt also zu Einnahmen, die selbst wieder nur
für den Kauf anderer Produkte (Nachfrage) verwendet werden können. Dieses Gesetz ist im
Wachstumsmodell erfüllt. Dort waren Produktion und gesamtwirtschaftliche Nachfrage identisch.
Ein repräsentativer Haushalt bestimmte simultan die Höhe der Produktion und die Aufteilung in
Konsum und Investitionen. Ersparnis und Investition waren dabei Synonyme.

Abweichend von diesem Modell müssen Wirtschaftssubjekte aber ihre Ersparnis nicht unbedingt
selbst für Investitionen verwenden, so dass diese beiden Größen für den Einzelnen nicht mehr
identisch sind. Wirtschaftssubjekte können ihre Investitionen stattdessen senken und überschüssige
Ersparnis anderen zur Verfügung stellen. Die Interaktion zwischen verschiedenen Haushalten geht
mit erhöhter Komplexität einher. Die Folge ist, dass entgegen dem Sayschen Gesetz nicht jede
Produktion eines Produkts auch zu einem Verkauf und einer Umsatzerzielung führt. Zudem führt
nicht jeder Umsatz zu einem Einkommen privater Haushalte und nicht jedes Einkommen zum
anschließenden Kauf von Gütern und Dienstleistungen.

Das Auftreten von Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage erscheint insbesondere


aufgrund der Interaktion verschiedener Sektoren der Wirtschaft plausibel. Kein Sektor der Wirt-
schaft (Private Haushalte, Unternehmen, Investoren und Staat) ist alleine verantwortlich für die
Bestimmung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Vielmehr beeinflussen die Aktionen eines
jeden Sektors die Nachfrage der anderen Sektoren. Dabei ergibt sich eine positive Rückkopplung:
Geben die privaten Haushalte viel von ihrem Einkommen für Konsumzwecke aus, so wollen die
Unternehmen viel produzieren und werden dann hohe Einkommen verteilen. Investoren sind dann
zuversichtlich bezüglich zukünftiger Erträge und steigern ihre Käufe von Investitionsgütern. Dies
verstärkt den Boom. Die gegenteilige Entwicklung stellt sich in der Depression ein.

Für ein Verständnis der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage spielen private Haushalte eine zentrale
Rolle. Diese beeinflussen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage insbesondere mit ihrem Konsum-
verhalten. Hierbei bestimmen sie, welchen Anteil ihres Einkommens sie für Konsum ausgeben und
welchen sie stattdessen sparen und zur Absicherung der Altersvorsorge verwenden.
76 Kapitel 4. Konjunktur

4.3 Konsum der privaten Haushalte


Aus der Perspektive einer mikrofundierten Makroökonomik wird das Konsumverhalten der privaten
Haushalte mit Hilfe eines Optimierungskalküls hergeleitet. Ausgangspunkt eines solchen Kalküls
ist das Lebenseinkommen, also das über ihre gesamte, vermutete Lebenszeit ihnen zufließende
Einkommen. Während ihrer produktiven Jahre wird gespart und in der Ausbildung und Rente wird
entspart, um ein gleichmäßiges Konsumniveau zu realisieren.

Abbildung 4.3: jährliches Einkommen in Euro

Dies wird anschaulich mit Hilfe von Abbildung 4.3 dargestellt. Mit Y wird dort das Einkommen in
Abhängigkeit des Lebensalters erfasst. Das höchste Lebenseinkommen von ca. 50.000 e ergibt
sich zumeist im Alter von ca. 55 Jahren. Während der Jugend und im Alter wird kein Einkommen
erzielt. Würde der Konsum genau dem Einkommen entsprechen, so ergäbe sich dann eine Notlage,
während in der Lebensmitte Überfluss herrscht. Um Notlagen zu vermeiden, wird Einkommen
transferiert. Gemäß einem mikrofundierten Optimierungskalkül geht diese Konsumglättung so weit,
dass über alle Lebensphasen ein identisches Konsumniveau erzielt wird.

Wird nun einmalig das Einkommen in einem ausgewählten Lebensabschnitt erhöht, z.B. in Folge
4.3 Konsum der privaten Haushalte 77

einer hohen Bonuszahlung, einer Erbschaft oder eines Lottogewinns, so erhöht sich der Konsum in
diesem Lebensabschnitt kaum. Ein Zuwachs an Einkommen wird für einen Anstieg des Konsums in
allen Lebensjahren verwendet. Wir würden daher keine oder nur eine geringe statistische Korrelation
zwischen dem laufenden, gegenwärtigen Einkommen und Konsum erwarten. Wir wollen dies mit
Hilfe des folgenden Spiels illustrieren.

Konsum und unsicheres Einkommen


Ihre Aufgabe ist es, angesichts eines unsicheren Einkommens über 6 Runden
ein geeignetes Niveau an Konsum zu wählen. Dazu starten Sie in Runde 1 mit
einem Vermögen von 60 Talern. Mit Erzielung eines Einkommens erhöht sich Ihr
Vermögen. Konsum vermindert Ihr Vermögen. Nach den 6 Runden sollten Sie Ihr Vermögen
für Konsum aufgebraucht haben. Verbliebenes Vermögen verfällt.
In jeder Periode erzielen Sie ein Einkommen, das von Ihrem Erfolg bei einem Schätzspiel
abhängt. Dazu wird Ihnen jeweils ein Bild für 10 Sekunden gezeigt und Sie schätzen
die Anzahl der Objekte auf diesem Bild. Unterscheidet sich Ihre Schätzung um 10 oder
weniger von der tatsächlichen Anzahl, so erzielen Sie ein Einkommen von 30 Talern. Dieses
wird Ihrem Vermögen gutgeschrieben. Ansonsten erhalten Sie kein Einkommen und Ihr
Vermögen bleibt konstant.
Im Anschluss an das Schätzspiel bestimmen Sie Ihren Konsum √ für die Periode. Der Konsum
C erbringt Ihnen eine Auszahlung gemäß der Funktion C. So führt ein Konsum von 0
Talern
√ zu einer Auszahlung von 0 Euro und ein Konsum von 25 Talern zu einer Auszahlung
von 25 = 5 Euro. Die Wurzelfunktion hat zur Folge, dass ein gleichmäßiger Konsum
einem schwankenden Konsum vorzuziehen ist. Statt eines Konsums von 0 und 25 √ wäre
daher√eine Aufteilung der 25 Taler auf 9 und 16 besser, da dies eine Auszahlung von 9 = 3
und 16 = 4 erbringt.
Ein Teilnehmer wird ausgelost, der die über 6 Runden erzielten Euro erhält.

Wäre das Einkommen sicher, so wäre die Planung des Konsums mathematisch leicht zu lösen. Falls
beispielsweise 3 von 6 Schätzspielen gewonnen werden, so wäre zum anfänglichen Vermögen
von 60 ein Einkommen von 3 · 30 zu addieren, in der Summe also 60 + 90 = 150. Dies sollte
gleichmäßig auf die 6 Perioden aufgeteilt werden, so dass jeweils ein Konsum von 25 optimal
wäre und ein daraus fließender Eurobetrag von 5. Die Komplexität des Spiels resultiert aus der
Unsicherheit des Einkommens. Der Erfolg im Schätzspiel ist nicht nur riskant in dem Sinne, dass
er nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintritt. Das Problem besteht darin, dass nicht einmal
78 Kapitel 4. Konjunktur

eine Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg bekannt ist. Angesichts dieser Unsicherheit kann eine
Strategie darin bestehen, immer das vorhandene Vermögen und Einkommen gleichmäßig auf
die verbliebenen Runden aufzuteilen. Anfangs wäre eine Aufteilung von 60 auf die 6 Runden
geplant, was einen Konsum von 10 Talern erbringt. Ein Erfolg im Schätzspiel der 1. Runde mit
einem zusätzlichen Einkommen von 30 erlaubt einen Anstieg des Konsums von 5 in jeder der 6
Runden.

Eine andere Strategie besteht darin, bei einem Erfolg beim Schätzspiel auf eine hohe Wahrschein-
lichkeit eines zukünftigen Erfolgs zu schließen. Dies legt nahe, dass in den folgenden Runden ein
hohes Einkommen erzielt wird und ermutigt dazu, einen hohen Konsum zu wählen. Ein Misserfolg
beim Schätzspiel lässt hingegen auf ein niedriges Einkommen in den folgenden Runden schließen.
Aus diesem Grund wird ein niedriger Konsum gewählt. Statt einem gleichmäßigen Konsumniveau
würde dann der Konsum stärker schwanken, je nach Erfolg in der laufenden Runde. Empirisch
ergibt sich eine hohe Korrelation aus Einkommen und Konsum.

4.4 Keynesianische Konsumfunktion


Die Ergebnisse des Spiels weisen auf den starken Einfluss des laufenden Einkommens auf den
Konsum hin und eine geringe Bedeutung einer Konsumglättung. Dies wird auch von Seiten einer
engineering betont. Keynes (1936: S. 161) geht als Ursache hierfür von einer begrenzten Rationalität
aus und beschreibt diese als animal spirits. Menschen widmen Fragen der Altersvorsorge und
Sparens kaum Zeit und Aufmerksamkeit. . Ein Kalkulieren und berechnen des angemessenen
Konsums mit dem Ziel der Konsumglättung findet dabei nicht statt.

Ein weiterer Grund für den hohen Einfluss des laufenden Einkommens ergibt sich, wenn Menschen
sich mit Konsum für die Mühen der Einkommenserzielung belohnen wollen. Sie handeln dann
nach der Verhaltensregel, dass man sich Konsum verdienen muss, dass Arbeit und Konsum in
einer Balance zueinander stehen sollten. Beim classEx-Spiel könnte dies ebenfalls eine Rolle
gespielt haben, wenn Teilnehmer einen Erfolg beim Schätzspiel mit nachfolgendem Konsum
honorieren. Zuletzt sind Menschen stark von ihrem Umfeld beeinflusst bei der Konsumentscheidung.
Sofern Bekannte, Freunde und Familienangehörige viel konsumieren, wirkt dies ansteckend auf
den eigenen Konsum. Insgesamt sprechen diese Befunde nicht für eine hohe Bedeutung eines
Optimierungskalküls. Um den Einfluss des laufenden Einkommens quantitativ zu verstehen, wenden
wir uns erneut einem Spiel zu.
4.4 Keynesianische Konsumfunktion 79

Konsum und Einkommen


Sie erhalten ein regelmäßiges Monatseinkommen in einer Höhe und Art, die
Ihnen auf ihrem mobilen Endgerät mitgeteilt wird. Bitte schätzen Sie ab, wie
Sie dieses verwenden werden für 1) kurzlebige Konsumgüter verwenden (Feier,
Urlaub, Kleidung), 2) langlebige Konsumgüter (Auto, Musikinstrument, Spülmaschine) , 3)
sparen (Bankkonto, Wertpapiere), Sonstiges.

Für Sparen, also Option 3, wird im Schnitt etwa 28% vorgesehen. Aufschlussreich ist erneut, wie
diese Antworten mit der Beschreibung auf dem mobilen Endgerät variieren. So haben manche
Teilnehmer ein monatliches Einkommen von 20.000e, andere hingegen von 1.000e. Die reicheren
Teilnehmer sparen im Durchschnitt 35%, die ärmeren hingegen nur 21%. Bei geringem Einkommen
muss ein größerer Anteil für Konsum verwendet werden, um einen minimalen Lebensstandard zu
sichern. Die durchschnittliche Sparquote steigt also mit dem Einkommen und die Konsumquote
sinkt entsprechend. Dies ermöglicht eine Beschreibung der Konsumhöhe mit Hilfe mit folgender
Funktion:

C = a + cY. (4.1)

Hierbei ist a > 0 der autonome Konsum und c die marginale Konsumquote, für die gilt 0 < c < 1.
Aus dieser Funktion folgt, dass Haushalte auch ohne Einkommen (Y = 0) konsumieren und zwar in
Höhe des autonomen Konsums. Dies liegt daran, dass private Haushalte ohne Einkommen ihren
Konsum aus ihrem Vermögen finanzieren, um ein Mindestniveau im Lebensstandard zu halten.
Von einem Anstieg des Einkommens wird der Anteil c, die marginale Konsumquote, für Konsum
und der Anteil s ≡ (1 − c) für Ersparnis verwendet. Geplant wird der Konsum nicht als nominale
e-Größe, sondern als Bündel an Konsumgütern. Genauso wird das reale Niveau des Einkommens
für die Bestimmung des Konsums verwendet. Für die Ersparnis gilt insgesamt S = Y −C, sie ist
also der Teil des Einkommens, der nicht für Konsumzwecke verwendet wird. Für sie gilt gemäß
Keynesianischer Konsumfunktion

S = Y − a − cY = −a + sY. (4.2)

Die Konsum- und Sparfunktion lassen sich grafisch veranschaulichen, wie in Abbildung 4.4 zu
sehen. An der Abszisse ist das Einkommen Y abgetragen und an der Ordinate die Ersparnis S und
der Konsum C. Der autonome Konsum a wird als Ordinatenabschnitt eingezeichnet, positiv für den
Konsum und negativ für die Ersparnis. Die marginale Konsumquote c bestimmt die Steigung der
80 Kapitel 4. Konjunktur

Abbildung 4.4: Konsum- und Ersparnisfunktion

Konsumfunktion, die marginale Sparquote s analog die Steigung der Sparkurve. Die Sparkurve
lässt sich herleiten als Differenz aus einer 45-Grad Diagonale und der Konsumkurve. Die Diagonale
entspricht dem Einkommen, das auf die Ordinate gespiegelt wird, so dass die Differenz der beiden
Kurven gerade die Differenz aus Einkommen und Konsum ergibt.

4.5 Einfaches Gütermarktmodell


Die Keynesianische Konsumfunktion lässt sich zu einem Modell des Gütermarkts erweitern. Hierzu
benötigen wir eine einfache Annahme für die Höhe der Produktion Y : Wir nehmen an, dass
Produzenten stets in Höhe der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage Y D produzieren. Es gilt also Y =
Y D . Sofern zusätzliche Nachfrage auftritt, können Unternehmen die Maschinen länger laufen lassen
und Arbeitskräfte zu Überstunden auffordern. So können Unternehmen eine zusätzliche Nachfrage
befriedigen. Bei fehlender Nachfrage ergibt sich hingegen Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit sowie eine
Unterauslastung der Kapazitäten. Dies impliziert, dass sich das Angebot stets der Nachfrage anpasst.
Wir unterstellen ferner, dass eine zusätzliche Nachfrage nicht für Preisanpassungen genutzt wird.
Diese Rückwirkung auf das Preisniveau werden wir erst später betrachten und nehmen an, dass
4.5 Einfaches Gütermarktmodell 81

diese längere Zeit benötigt und für die hier durchgeführte kurzfristige Betrachtung weniger relevant
ist.
Y = Y D. (4.3)
Aus einer erhöhten Produktion entsteht zusätzliches Einkommen, das an die Haushalte ausgeschüttet
wird (von einbehaltenen Gewinnen sehen wir hierbei ab). Auch die Nettoinvestitionen des privaten
Sektors können von positiver Rückkopplung angetrieben werden. Hiervon wollen wir hier der
Einfachheit halber absehen. Wir unterstellen stattdessen, dass Investoren in einem vorgegebenen
Ausmaß Investitionsgüter nachfragen:
I = I.
¯ (4.4)
Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage setzt sich gemäß dem gesamtwirtschaftlichen Produktions-
konto aus zwei Bestandteilen zusammen:
Y D = C + I. (4.5)
Alle Größen wie Konsum, Investition und Produktion werden hierbei real bestimmt. Eine Verdop-
pelung des Preisniveaus hätte hierauf keinen Einfluss. Insgesamt gelten damit die Gleichungen
(4.3), (4.4), (4.5) und die vorher definierte Konsumfunktion (4.1) mit den vier endogenen Variablen
Y,Y D , I und C. Einsetzen von (4.1) und (4.4) in (4.5) und dies in (4.3) erbringt:
Y = a + cY + I.
¯ (4.6)
Auflösen nach Y erbringt für das Gleichgewicht, in dem die Produktion der gesamtwirtschaftlichen
Nachfrage entspricht:
1
Y∗ = (a + I)
¯ . (4.7)
1−c
Die außerhalb des Modells, also exogen bestimmten Variablen a und I¯ sind die Erklärungsvariablen,
1
die unmittelbar auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und Produktion einwirken. Der Term 1−c
wird als Multiplikator bezeichnet. Er bestimmt, wie die exogenen Variablen zu einer Vervielfachung
des Inlandsprodukts führen.

Abbildung 4.5 veranschaulicht das Gleichgewicht. Sie ist in der Literatur als Keynesianisches
Kreuz bekannt. Die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve Y D wird durch vertikale Aggregation
der Konsumfunktion und der horizontal verlaufenden Investitionsfunktion konstruiert. Zugleich
wird eine 45-Grad Diagonale eingetragen, mit der das Einkommen Y auf die Ordinate projiziert
wird. Im Schnittpunkt der Diagonalen mit der gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve entspricht
die Produktion der Nachfrage, Y = Y D und es resultiert das Gleichgewicht Y ∗ .
82 Kapitel 4. Konjunktur

Abbildung 4.5: Gleichgewicht und Keynesianisches Kreuz

4.6 Störungen des Gleichgewichts


Wie entwickeln sich Konsum, Ersparnis und Inlandsprodukt als Reaktion auf exogene Schocks? Es
existieren zwei Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten. In der komparativen Statik vergleicht
man zwei Gleichgewichte miteinander. Alternativ kann die Anpassung selbst betrachtet werden,
inklusive der Kräfte, die wirken und eine Bewegung vom alten zum neuen Gleichgewicht bewirken.
Wir wollen zunächst eine komparative Statik eines exogenen Anstiegs der Investitionen durchführen.
Wird die Gleichung zur Bestimmung des gleichgewichtigen Inlandsprodukts (4.7) total differenziert,
so folgt:

1
dY ∗ = (da + d I)
¯ . (4.8)
1−c

Hierbei indiziert d eine infinitesimal kleine Änderung einer Variablen. Sofern sich der autonome
Konsum nicht ändert, gilt da = 0. Eine solche Konstanz nicht näher betrachteter Variablen wird als
ceteris-paribus-Annahme bezeichnet. Sie erlaubt eine klare Identifizierung von Kausalitäten. Es
4.7 Dynamische Anpassung 83

Abbildung 4.6: Änderung der Investitionen d I¯

folgt dann:
1
dY ∗ = ¯
d I. (4.9)
1−c

Wird statt einer infinitesimal kleinen Änderung eine etwas größere Änderung für d I¯ angenommen,
so lässt sich dies grafisch darstellen. Wie Abbildung 4.6 durch grobe Abschätzung zu entnehmen
ist, ist der Anstieg von dY ∗ größer als der von d I.
¯ Dies folgt zwingend aus der Tatsache, dass die
gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve eine positive Steigung hat.

4.7 Dynamische Anpassung


Die Anpassung nach einer Störung kann auch dynamisch dargestellt werden. Zum Verständnis
dient das folgende classEx-Spiel.
84 Kapitel 4. Konjunktur

Konsumspiel
Sie interagieren mit allen Teilnehmern im Hörsaal in einer Volkswirtschaft über
5 Runden. Sie wählen in jeder Runde Ihren Konsum. Zielwert für Ihren Konsum
ist hierbei 0,8*Einkommen. Das Einkommen wird bestimmt aus:
Mittelwert aller Konsumentscheidungen + Investition.
Die Investition ist in allen Runden 100. Für eine zufällig bestimmte Runde werden 25e an
denjenigen gezahlt, der dem Zielwert am nächsten kommt. Bei Gleichstand entscheidet das
Los.

In diesem Spiel ist der Konsum C zu wählen zu einem Zeitpunkt, zu dem die Teilnehmer noch
nicht ihr Einkommen Y kennen. Dies ist im Einklang mit dem Gütermarktmodell, in dem sich
Einkommen simultan mit den Konsumentscheidungen der anderen Teilnehmer ergibt. Die Kon-
sumentscheidungen aller Teilnehmer zusammen mit der festen Investition I von 100 pro Spieler
bestimmen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Die Produktion richtet sich nach dieser und das
aus der Produktion fließende Einkommen wird gleichmäßig an alle Spieler verteilt.

Die Abschätzung des Einkommens fällt den Teilnehmern hierbei zumeist schwer. Sie könnten das
Gleichgewicht berechnen. Da für den Zielwert des Konsums C = 0, 8Y gilt und ferner definitorisch
Y = C + I, folgt daraus Y = 0, 8Y + 100. Auflösen ergibt Y = 500. Damit gilt für den Konsum
im Gleichgewicht C = 400. Da diese Berechnung des Gleichgewichts schwierig ist, wählen viele
Teilnehmer andere Werte, beispielsweise einen Konsum C = 200. Dies kann zum Ausgangspunkt
einer Analyse der dynamischen Anpassung in Folge einer Störung verwendet werden.

Stellen wir uns vor, die Teilnehmer hätten sich an Investitionen von I = 50 gewöhnt und mit einem
korrespondierenden Gleichgewicht von Y = 250 gerechnet. Sie werden nun überrascht von dem
Anstieg der Investitionen auf I = 100. Bei der Bestimmung des Konsums gehen sie immer noch von
dem alten Einkommen Y = 250 aus und damit korrespondierend einem Konsum C = 0, 8·250 = 200.
Diese Wahl des Konsums induziert jedoch jetzt ein Einkommen Y = 200+I = 300. Das Einkommen
liegt damit über der Erwartung und induziert eine ungeplante Ersparnis. Statt einer Ersparnis von
Y − C = 250 − 200 = 50 resultiert Y − C = 300 − 200 = 100. Gleichzeitig liegt der Konsum
unterhalb des Zielwerts von 0, 8 · 300 = 240. In der zweiten Runde könnten Teilnehmer dann aus
der Erfahrung lernen, vom Einkommen der Vorrunde ausgehen und den Konsum gemäß dem
Zielwert C = 240 wählen. Daraus resultiert Y = 240 + I = 340. Der Zielwert für den Konsum
beträgt dann 0, 8 · 340 = 272. Wird dieser Wert von allen Teilnehmern gewählt, so wird in der
4.7 Dynamische Anpassung 85

folgenden Runde der Konsum weiter steigen und sich über die Zeit dem gleichgewichtigen Wert
von C = 400 annähern.

Teilnehmer lösen die Aufgabe also dadurch, dass sie eine unbekannte Größe (das Einkommen)
durch die bekannte Größe der Vorrunde ersetzen und damit über die Runden eine Dynamik zum
Gleichgewicht bewirken, statt einer sofortigen Anpassung. Dies illustriert eine Dynamik, die dem
Multiplikatorprozess entspricht. Die Dynamik entspricht dabei einem sogenannten Robertson-Lag,
also der Idee, dass Konsumenten zeitverzögert auf Einkommensänderungen reagieren.

Abbildung 4.7: Dynamische Anpassung im Flussdiagramm

Die dynamische Anpassung kann mit Hilfe eines Flussdiagramms beschrieben werden. Die kleinen
schwarzen Pfeile stellen eine Änderung einer Variablen dar. Dabei legt Abbildung 4.7 eine Parallele
zu einem Wasserkreislauf nahe. Zum Verständnis dieser Dynamik gehen wir davon aus, dass ein
Gleichgewicht gestört wurde durch einen exogenen Anstieg der Investitionen, I ↑. Dieser führt nicht
sofort zum neuen Gleichgewicht. Vielmehr erhöht sie die gesamtwirtschaftliche Nachfrage Y D ↑
zunächst in gleichem Ausmaß und veranlasst Produzenten zu einer Erhöhung der Produktion, Y ↑.
Hieraus fließt ein erhöhtes Einkommen an die privaten Haushalte, die dies anteilig für Konsum C ↑
und Ersparnis S ↑ verwenden. Der Anstieg des Konsums wirkt zurück auf die gesamtwirtschaftliche
Nachfrage und erhöht diese erneut, wodurch sich im Kreislauf eine positive Rückkopplung ergibt.
Die Ersparnis wird hierbei auch als Sickerverlust bezeichnet, so wie bei einem Wasserkreislauf
86 Kapitel 4. Konjunktur

eine undichte Stelle. Der Kreislauf wird so lange in Gang gehalten, bis der gesamte Anstieg der
Investitionen in Form von Sickerverlusten zu einem Anstieg der Ersparnis geführt hat.

4.8 Ersparnis und Investition


Das Gütermarktgleichgewicht lässt sich auch dadurch grafisch abtragen, dass die gesamtwirtschaft-
liche Ersparnis der Nettoinvestition gegenübergestellt wird. Für die Ersparnis gilt definitionsgemäß
S = Y − C. Ferner gilt Y D − C = C + I − C = I. Damit folgt aus der bisherigen Gleichgewichts-
bedingung Y = Y D die alternative Variante S = I. Dies ist dargestellt in Abbildung 4.8 in einem
Diagramm mit der Ersparnis und der Investition an der Ordinate, in welchem die bereits bekannten
Kurven jetzt zusammen abgetragen werden. Im Schnittpunkt der beiden Kurven bildet sich das
identische, gleichgewichtige Inlandsprodukt, das wir bereits aus Abbildung 4.5 kennen. Bei einem
Inlandsprodukt, das größer ist als das gleichgewichtige Inlandsprodukt, übersteigen die Ersparnisse
die geplante Investition. Dort ergeben sich zum Ausgleich ungeplante Lagerinvestitionen. Abbil-
dung 4.8 lässt sich besonders anschaulich dafür verwenden, eine erhöhte Sparneigung darzustellen.
Dies kann daraus resultieren, dass der autonome Konsum sinkt da < 0. Eine komparative Statik
mit der ceteris-paribus-Annahme d I¯ = 0 impliziert:

1
dY ∗ = da. (4.10)
1−c

Abbildung 4.8: Änderung des autonomen Konsums


4.8 Ersparnis und Investition 87

Aus da < 0 folgt somit dY < 0. Wie in Abbildung 4.8 dargestellt, verschiebt sich die S-Kurve nach
oben um da. Damit ergibt sich ein geringeres gleichgewichtiges Inlandsprodukt. Da die Steigung
der S-Kurve eher flach ist, also geringer als 45-Grad, ist der Rückgang des Inlandsprodukts größer
als derjenige des autonomen Konsums |dY | > |da|. Dies entspricht der Tatsache, dass 1−c1
> 1. Ab-
bildung 4.8 steht anschaulich für einen Markt, den wir bisher nicht systematisch erwähnt haben: den
Kapitalmarkt. Investoren benötigen Kapital. Dieses können sie sich beispielsweise über Abschrei-
bungen verschaffen. Aber in Höhe der Nettoinvestitionen müssen sie weitere Finanzierungsmittel
aufnehmen. Hierzu können sie Gewinne einbehalten und sparen. Diese Finanzierungsart hatten
wir im Gütermarktmodell vernachlässigt, da Einkommen vollständig an die privaten Haushalte
ausgeschüttet wurden. Daher müssen sich Investoren im hier verwendeten Modell Finanzierungs-
überschüsse von privaten Haushalten verschaffen, beispielsweise in Form von Krediten oder der
Emission einer Anleihe.

In Kontenform ergibt sich die Darstellung in Abbildung 4.9. Wird das Vermögensänderungskonto
aus Abbildung 2.8 aufgeteilt, wie in Abbildung 4.9 dargestellt, so wird offensichtlich, dass die Net-
toinvestitionen der Unternehmen mit einem Finanzierungsdefizit der Unternehmen korrespondieren,
also einer Nachfrage nach Finanzierungsmitteln, die durch Ersparnisse der privaten Haushalte
bereitgestellt und am Kapitalmarkt verkauft werden.

Abbildung 4.9: Aufgeteiltes Vermögensänderungskonto


88 Kapitel 4. Konjunktur

4.9 Sparparadoxon
Die vorgenannten Konten legen eine intuitive Vermutung in Bezug auf den Kapitalmarkt nahe: Je
mehr Haushalte sparen, desto mehr Finanzierungsmittel stehen zur Verfügung und desto höher
kann die Nettoinvestition ausfallen. Diese Intuition ist aber irreführend. Abbildung 4.8 zeigte
einen anderen Zusammenhang. Eine Verringerung des autonomen Konsums, also eine erhöhte
Sparneigung einzelner privater Haushalte, hatte keinen Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche
Ersparnis. Diese ist alleine durch die Höhe der Nettoinvestitionen bestimmt. Dies impliziert einen
Gedanken, der zunächst paradox klingt. Der einzelwirtschaftliche Versuch, die Ersparnis zu erhöhen,
scheitert im gesamtwirtschaftlichen Kontext. Es ergeben sich also Rückwirkungen, mit denen
der Versuch einer Erhöhung der Ersparnis scheitert. Der Grund besteht darin, dass Sparen mit
Konsumverzicht einhergeht und zu einer Reduktion des Inlandsprodukts führt. Diese Reduktion ist
gerade so hoch, dass die Ersparnis auf ihre alte Höhe zurückgeführt wird. Eine einzelwirtschaftliche
Erhöhung der Ersparnis nimmt nur anderen ihr Einkommen weg. Sie verlagert Ersparnis, ohne
diese gesamtwirtschaftlich zu erhöhen.

Einzelwirtschaftlich halten wir einen Menschen, der hinreichend spart, für weise und vorausschau-
end. In einer Rezession, z.B. in Folge der jüngsten Finanzkrise, wünschen sich viele eine Rückkehr
zu solchen Tugenden. Wir fordern einander dazu auf, verstärkt Konsumverzicht zu üben. Aber das
vorherige hohe Konsumniveau bewirkte, dass Produzenten mit Konsumgütern Umsätze erzielten
und Einkommen ausschütteten. Diese müssen nun die Produktion herunterfahren. Den früheren
Lohnempfängern fehlen die Einkommen und sie werden ihren Konsum reduzieren. Mehr sparen
können sie dadurch nicht, denn das Einkommen ist gesunken. Das Kalkül verschlimmert so die
Krise.

Dies impliziert, dass Ersparnisse keine Restriktion für die Durchführung von Investitionen darstellen.
Wir können also nicht vermuten, dass eine denkbare Knappheit an Ersparnissen die Durchführung
einer Investition behindern könnte. Ersparnisse sind keine vorhandenen Finanzierungsmittel, die
auf ihre Verwendung in Form von einer Investition warten. Sie entstehen erst mit der Durchführung
der Investition. Dies geschieht einerseits durch den Multiplikator, da Investitionen Produktion und
Einkommen steigern. In den Worten von Keynes (1936: S. 64): „Thus the act of investment in itself
cannot help causing [. . . ] saving to increase by a corresponding amount.“

Aber selbst ohne Multiplikator entstehen hinreichend Ersparnisse. Stellen wir uns z.B. einen
privaten Haushalt vor, der von erhöhtem Einkommen überrascht wird und nicht mit einer Erhöhung
4.10 Konjunkturindikatoren 89

des Konsums reagiert. In diesem Fall wird das zusätzliche Einkommen vollständig gespart in Form
einer ungeplanten Ersparnis. Ist also der Multiplikator außer Kraft gesetzt, so entsteht dennoch die
zur Durchführung einer Investition notwendige Ersparnis automatisch.

4.10 Konjunkturindikatoren
Zum Abschluss dieses Kapitels sei auf zwei Konjunkturindikatoren Deutschlands hingewiesen. Ste-
hen Sie vor der Aufgabe, für die betriebliche Entwicklung die zukünftige Nachfrage abzuschätzen,
so sind diese Kenntnisse von praktischem Nutzen. Für eine solche Aufgabe sollten Sie sich die
gängigen Prognosen anschauen und erst danach eruieren, ob Ihre Branche und ihre Firmenumsätze
über- oder unterdurchschnittlich abschneiden werden. Menschen neigen teilweise zu übertriebenem
Optimismus. Wir überschätzen unsere Fähigkeiten gegenüber der Konkurrenz. Eine Orientierung
an allgemeinen Prognosen ist daher zumeist ein guter Startpunkt.

Hierbei existieren manche kuriose Indikatoren: „Je kürzer die Röcke, desto optimistischer die
Erwartungen.“ ist nur einer davon. Wir beschränken uns in der Folge auf zwei Indikatoren mit
hinreichender Reputation. Diese basieren zumeist auf einer Befragung von Unternehmen, Finanz-
marktexperten oder Verbrauchern.

Der ifo-Geschäftsklimaindex beruht auf einer monatlichen Befragung des ifo-Instituts (München)
von über 7000 Unternehmen in Deutschland. Eingeschätzt wird die gegenwärtige Geschäftslage
(Auswahlmöglichkeit: gut, befriedigend oder schlecht), die sich insbesondere in den erzielten
Umsätzen mit Gütern und Dienstleistungen der befragten Unternehmen widerspiegelt. Ziel des In-
dikators ist es, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage mit möglichst geringer zeitlicher Verzögerung
abzubilden. Zudem werden Geschäftserwartungen für das kommende halbe Jahr (Auswahlmög-
lichkeit: günstiger, gleich bleibend oder ungünstiger) erhoben und damit eine Prognose für die
zukünftige gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Die ZEW-Konjunkturerwartungen basieren auf einer
Befragung von 400 Finanzmarktexperten (270 Fachleute von Banken und 50 von Versicherungen,
40 Analysten von Kapitalanlagegesellschaften und 40 Vertreter von Industrieunternehmen) des
Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Dieser Indikator hat ebenfalls zum
Ziel, die gesamtwirtschaftliche Umsatzentwicklung auf Sicht von 6 Monaten zu erfassen.

Prognosen für weiter in die Zukunft liegende Zeiträume haben selten Vorhersagekraft. Für einen
Zeitraum von mehr als 6 Monaten sind sie kaum verwendbar. Für viele ökonomisch wichtige Ent-
scheidungen zu Produktion, Ersparnis und Investitionen spielen sie daher nur eine eingeschränkte
90 Kapitel 4. Konjunktur

Rolle. Gute Volkswirte sollten Konjunkturindikatoren daher beachten, aber als Basis für Entschei-
dungen eine breite makroökonomische Analyse durchführen.

4.11 Schlüsselbegriffe im Kapitel

autonomer Konsum marginale Konsumquote


gesamtwirtschaftliche Nachfrage Multiplikator
Gütermarktmodell potentielles Inlandsprodukt
Investition schafft Ersparnis Produktionslücke
Keynesianische Konsumfunktion Saysches Gesetz
Knappheit der Ersparnisse Sparen als Tugend
komparative Statik Sparfunktion
Konjunktur Sparparadoxon
Lebenseinkommen

4.12 Quiz

Gemäß Keynesianischer Konsumfunktion bewirkt ein Anstieg des Einkommens, dass


1. der Konsum sinkt,
2. der Konsum steigt, aber weniger als das Einkommen,
3. der Konsum im Ausmaß des Einkommens steigt,
4. der Konsum stärker ansteigt als das Einkommen.

Ein Anstieg der Investitionen


1. senkt das Inlandsprodukt,
2. lässt das Inlandsprodukt unverändert,
3. erhöht das Inlandsprodukt in gleichem Ausmaß,
4. erhöht das Inlandsprodukt stärker als der Anstieg der Investitionen selbst.
4.13 Ergänzende Literatur und Quellen im Web 91

Gemäß mikrofundierter Makroökonomik


1. kümmern sich Menschen zu wenig um ihre Altersvorsorge,
2. wird die Sparentscheidung stark durch das soziale Umfeld bestimmt,
3. liegt die marginale Konsumquote nahe Null,
4. findet keine Konsumglättung statt.

Gemäß Makroökonomik als engineering


1. streben Menschen danach, den Konsum immer konstant zu halten,
2. wird der Konsum durch die Höhe des Lebenseinkommens bestimmt,
3. folgen Menschen bei der Bestimmung des Konsums einfachen Regeln,
4. ist der Konsum immer proportional zur Ersparnis.

Das Sparparadoxon besagt, dass


1. kein Mensch die Ersparnis anderer beeinflusst,
2. mit erhöhter Ersparnis die Investitionen steigen,
3. Konsumverzicht nicht die gesamtwirtschaftliche Ersparnis erhöht,
4. erhöhter Konsum die Ersparnis steigert.

4.13 Ergänzende Literatur und Quellen im Web

Gemäß einem Artikel des Economist vom 26. Oktober 2013 erscheint es so,
als würden alle Sektoren in der Eurozone überschuldet sein. Kann dies gemäß
VGR stimmen?
92 Kapitel 4. Konjunktur

Der „ökonomische Pfadfinder“ mit dem Titel „Eurozone im Labor“ zeigt mit
Hilfe eines Laborexperiments, das beispielhaft für die Eurozone steht, dass
einseitiger Druck auf Schuldner zu einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen
Nachfrage führt, was sich mit beidseitigem Druck auf Schuldner und Gläubiger
vermeiden lässt.

• A KERLOF, George A. ; S HILLER, Robert J.: Animal spirits: How human psychology
drives the economy, and why it matters for global capitalism. 9. Aufl. Princeton University
Press, 2010, S. 116-130
• K EYNES, John M.: The general theory of employment interest and money. London :
Macmillan and Co, 1936
• K EYNES, John M.: On air: Der Weltökonom am Mikrofon der BBC. 1. Aufl. Hamburg :
Murmann, 2008, S. 61-69
• M ANKIW, N. Gregory: Makroökonomik. 7. Aufl. Stuttgart : Schäffer-Poeschel, 2017, S.
378-382
• TAYLOR, John B. ; W EERAPANA, Akila: Principles of Macroeconomics. 8. Aufl. Boston
: Houghton Mifflin Co, 2017, Kapitel 11

4.14 Übungsaufgaben
Aufgabe 4.1
Beschreiben sie kurz die Keynesianische Konsumfunktion. Welche methodische Kritik wird gegen
diese Hypothese vorgebracht und wie wird sie verteidigt?

Aufgabe 4.2
Für Keynes dominiert die Nachfrage nach Gütern und Diensten das gesamtwirtschaftliche Gleich-
gewicht. Welche Annahmen sind hierfür zentral?

Aufgabe 4.3
Im Rahmen eines classEx-Spiels in der Vorlesung haben Teilnehmer die Aufteilung ihres monatli-
chen Einkommens auf kurzlebige Konsumgüter (Feiern, Urlaub, Kleidung), langlebige Konsum-
güter (Auto, Musikinstrument, Spülmaschine) und Sparen (Bankkonto, Wertpapiere) bestimmt.
4.14 Übungsaufgaben 93

Diejenigen mit einem monatlichen Einkommen von 20.000e sparten ca. 39% ihres Einkommens,
diejenigen mit 1000e hingegen ca. 20%.

a) Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?


b) Gegeben sei die Keynesianische Konsumfunktion C = 200 + 0, 6Y , bei der C den monatlichen
Konsum und Y das monatliche Einkommen bezeichnen. Prüfen Sie, ob diese Funktion zu
den Werten des classEx-Spiels passt!

Aufgabe 4.4
Der Gütermarkt einer Volkswirtschaft lasse sich durch folgende Funktionen beschreiben:

Y = YD YD = C+I C = a + cY I = I¯

a) Interpretieren Sie diese Gleichungen!


b) Bestimmen Sie das Gleichgewichtseinkommen!
c) Empirische Untersuchungen haben folgende Werte für die Parameter der Konsumfunktion
ergeben: a = 20; c = 0, 8. Wie hoch müssen die Investitionen I¯ sein, damit im Gleichgewicht
ein Inlandsprodukt in Höhe von 400 zustande kommt?
d) Unterstellen Sie, die marginale Sparneigung sei auf s = 0, 4 gestiegen. Wie verändert sich
infolgedessen das Inlandsprodukt im Gleichgewicht?

Aufgabe 4.5
der Vorlesung wurde ein Konsumspiel mit classEx interaktiv gespielt. Alle Teilnehmer interagierten
miteinander und bestimmten den Konsum in einer Volkswirtschaft über 5 Runden. Der Zielwert
für Ihren Konsum war hierbei 0,8*Einkommen und das Einkommen Y bestimmte sich aus dem
Mittelwert aller Konsumentscheidungen + Investition. Die Investition belief sich in allen Runden
auf 100.

a) Bestimmen sie Einkommen Y und Konsum im Gleichgewicht.


b) Im Jahre 2015 ergab sich über die 5 Runden die in Abbildung 4.10 dargestellte Entwicklung
des durchschnittlichen Konsums. Erläutern Sie, wie diese Entwicklung zu erklären ist!

Aufgabe 4.6
a) Nehmen Sie an, die marginale Konsumquote betrage c = 23 und der Konsum reagiere immer
verzögert auf das Einkommen der Vorperiode gemäß der Formel dC = 23 dY −1 . Es komme
zu einem exogenen Anstieg der Investitionen d I¯ = 54. Bestimmen Sie die dynamische
94 Kapitel 4. Konjunktur

Abbildung 4.10: Entwicklung des durchschnittlichen Konsums

Entwicklung von Konsum, Ersparnis und Inlandsprodukt. Tragen Sie dazu in Tabelle 4.1 die
einzelnen Zuwächse in den einzelnen Perioden des dynamischen Prozesses ein.
b) Welches Verhältnis gilt für die Summe der Investitionen und die Summe der Ersparnisse?
Was bedeutet dieser Befund? Warum entsprechen sich Investition und geplante Ersparnis in
Periode 1 nicht?
c) Stellen Sie den Prozess grafisch und im Rahmen der VGR dar.

Periode dI dC dSgeplant dY dSrealisiert


1 54
2
3
4
... ... ... ... ... ...

Tabelle 4.1: Multiplikator in Tabellenform