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Archäologie . Kunst .

geschichte 2/2016
WUB
Nr. 80, 21. Jg., 2. Quartal 2016 / Schöpfung / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISBN 978-3-944766-51-5

Bibel kontra
naturwissenschaft?
Die Schöpfung
// GOtt Und URknall – diE GREnzEn dER ERkEnntnis
EURO 11,30

// diE aRGUmEntE vOn kREatiOnismUs Und intElliGEnt dEsiGn


// BiBlischE schöpfUnG Und EvOlUtiOnsthEORiE

christentum und islam: das unterschiedliche verständnis von Bibel und koran
2002191424420E-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
Inhalt 2/2016

10 30 52
Das biblische und das naturwissen- Die Verwurzelung der biblischen Kreationismus, Evolutionstheorie und
schaftliche Weltbild Schöpfungstexte im Alten Orient ihr Verhältnis zur Bibel

die schöpfung: bibel kontra naturwissenschaft?

Rainer Oberthür 58
Helga Kaiser 8 wie können wir heute glaubwürdig vom
begeisterung für das staunen anfang erzählen?
Einführung ins Thema Zur Vereinbarkeit von Bibel und Naturwissenschaft

Ulrich Lüke 10 Christian Wetz 56


ergänzung oder widerspruch? die evolution des geistes
Urknall, Evolution und Schöpfung Evolutionäre Psychologie

Wolfgang J. Duschl 18
die geburtsstunde des universums
Astrophysik: Eine Einführung
Hansjörg Hemminger 52
Zufall oder gottes schöpfung?
Evolutionstheorie: Der Strom des Lebens

Bettina Wellmann 26
die erzählungen vom anfang
Hintergründe zur biblischen
Schöpfungstheologie Interview 48
„der kreationismus galt als bollwerk
gegen westlichen darwinismus“
Gespräch mit Serdar Güneş über
Sabine Pemsel-Maier 36 Schöpfung und Naturwissenschaften im Islam
gott als poet der welt
Perspektiven aus der Prozesstheologie
Hansjörg Hemminger 40
in unseren adern fließt das urmeer
Kreationismus, „Intelligent Design“ und Wissenschaft

titelbild:
Spiralgalaxie Messier 106, Entfernung von
der Erde mehr als 20 Millionen Lichtjahre.

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!

Editorial

Immer detaillierter und in


einem rasanten Tempo
erklären die Naturwissenschaf-
ten die Welt. Die rund 2500
Jahre alten, mythisch anmuten-
den Schöpfungstexte der Bibel
sehen daneben auf den ersten
Blick wirklich alt aus – allerdings nur, wenn man die
68 biblischen Erzählungen über die Schöpfung Gottes
als naturkundliche und historische Reporte miss-
Immer wieder neue Erkenntnisse in der Felsenstadt Petra versteht. Genau das tun aber sowohl Verfechter der
Irrtumslosigkeit der Bibel als auch Verfechter der An-
sicht, dass die Naturwissenschaften das Sein an sich
erklären können. Seit dem Entstehen des protestanti-
aus der welt der bibel schen Fundamentalismus in den USA Anfang des
20. Jh. hält sich diese Feindschaft hartnäckig. Aber
das neueste aus der welt der bibel muss man entweder die naturwissenschaftlichen Er-
2
Farbenprächtiges Mosaik in byzantinischer Kirche kenntnisse leugnen, wenn man die biblischen Schöp-
Jerusalem offensichtlich früher besiedelt als gedacht fungsüberlieferungen glaubt – oder Gott für einen
vorläufigen Lückenbüßer für naturwissenschaftliche
büchertipps und bildrechte Rätsel halten, die irgendwann gelöst werden?
64
Die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe
zeigen Wege jenseits des Entweder-oder.
panorama 66 Vor 20 Jahren haben wir ein Heft zu den Schöp-
Petra: Ein nabatäischer Gott erhält ein Gesicht
Neues zum apokryphen Text „Jannes und Jambres“
fungserzählungen der Genesis und den Schöpfungs-
Früher katholischer Quellentext zur Reformation mythen des Alten Orients herausgegeben – es war
die zweite Ausgabe des noch jungen Magazins Welt
und Umwelt der Bibel. Heute blicken wir auf den
die bibel in berühmten gemälden 74 biblischen Schöpfungsglauben in seinem Verhältnis
Jan und Hubert van Eyck: Der Genter Altar
zu den modernen Naturwissenschaften, das nach wie
vor Sprengstoff bietet. Vielleicht ist es kein Zufall,
Voneinander wissen 78 dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, dieses Thema
Zum Verhältnis von christentum und islam
2015 gewählt haben und dass gerade während der
2. Zwei Buchreligionen: Der Umgang mit dem Koran
und der Bibel
Redaktionsphase dieser Ausgabe der erste Nachweis
von Gravitationswellen gelang und Bilder von jubeln-
den Astrophysikern um die Welt gingen.
die großen entdeckungen 81
Die Kirche von Megiddo
Wir wünschen Ihnen Freude an handfesten
Einer der frühesten christlichen Gebetsräume
Informationen und schöpfungstheologischen
Anregungen!
ausstellungen und Veranstaltungen 84
Helga Kaiser
Vorschau und impressum 86 Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

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Das neueste aus Der Welt Der BiBel

Byzantinisches Kloster unD ein 2700 Jahre altes Bauernhaus

„Erbaut unter Theodosius dem Priester”

Die griechische Mosaikinschrift


nennt den Priester zur Zeit des Kirchenbaus:
theodosius.

rosch ha'ayin Auf einem Hügel nahe Rosch


Ha'Ayin (Zentralisrael), 25 Kilometer von Tel Aviv
entfernt, sind jetzt farbenprächtige Mosaike ans
Tageslicht gekommen, die zu einem byzantini-
schen Klosterkomplex gehören. Die Mosaike
sind Teil des Fußbodens der Kirche und zeigen
geometrische Muster. Eine griechische Mosaik-
inschrift lautet: „Dieser Ort wurde erbaut unter
Theodosius dem Priester. Friede sei mit euch,
wenn ihr kommt, Friede sei mit euch, wenn
ihr geht. Amen”. Neben der Kirche wurden im
Klosterbereich Wohnviertel, eine Ölpresse sowie
Ställe ausgegraben, in denen sich noch Tröge
und Futterkrippen fanden.
Ein ebenfalls bei dieser Grabung entdecktes
Bauernhaus ist wesentlich älter, ungefähr 2700
Jahre. 24 Räume waren um einen Innenhof an-
geordnet, in dem sich auch ein Lagerraum zur
Aufbewahrung von Getreide befand. Dass der
Anbau und die Verarbeitung von Getreide da-
mals weitverbreitet waren, belegen weitere Fun-
de in der Gegend, darunter zahlreiche Mühlstei-
ne, mit denen die Körner gemahlen wurden. W
(IAA/WUB)

2 welt und umwelt der bibel 2/2016


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Das neueste aus Der Welt Der BiBel

Kirche unter Der erDe

Frühchristliche höhlenkirche
nyssa/nevsehir Türkische Archäologen haben in Kappado-

Municipality / Turkey’s Housing Development Administration.


kien eine bisher unbekannte Höhlenkirche mit spektakulären

© Nevsehir Castle Urban Transformation Project / Nevsehir


Fresken entdeckt. Die Fresken sind in leuchtenden Farben er-
halten, obwohl die Höhlenkirche nach ersten Untersuchungen
aus dem 5. Jh. stammt und bei der Auffindung mit Erdreich
gefüllt war. Nach Aussagen des Bürgermeisters der kappadoki-
schen Stadt Nevsehir sei die Kirche größer als alle bisher be-
kannten Kirchen in Kappadokien.
Die Kirche befindet sich im Zentrum einer Höhlenstadt di-
rekt unterhalb der modernen Stadt Nevsehir. Der Archäologe
Ali Aydin sagte, dass bislang nur ein kleiner Teil der Fresken
freigelegt worden sei. Der Hauptteil der Arbeiten werde in der
wärmeren Jahreszeit fortgesetzt, wenn die Feuchtigkeit besser
verdunsten könne. Zu den bisher entdeckten Fresken zählen
laut Aydin auch eine Kreuzigungsszene sowie Darstellungen
der Apostel und anderer Heiliger.
Nevsehir, das antike Nyssa, war Heimat und Bischofsstadt
des frühchristlichen Kirchenlehrers Gregor von Nyssa (2. Hälfte
Fast bis zur Decke war die frühchristliche höhlenkirche
mit erde gefüllt, als sie entdeckt wurde.
des 4. Jh.). Die zentraltürkische Region Kappadokien war in der
Spätantike ein Zentrum kirchlichen Lebens und theologischer
Lehre. Eine archäologische Besonderheit sind die zahlreichen
Höhlenstädte, die in den weichen Tuffstein gegraben wurden.
W (WUB)

wieDerverwertung einer MarMorsKulptur

Ein antiker Schafbock


cäsarea Bei Ausgrabungen im antiken Hafen von Cäsa-
rea ist die Statue eines Schafbocks aus Marmor nahe einer
byzantinischen Kirche ausgegraben worden. Für welchen
Zweck die Statue ursprünglich hergestellt wurde, ist noch
unklar, wie Dr. Peter Gendelman und Mohammad Hater,
die Ausgrabungsleiter von der Israelischen Antikenbehör-
de (IAA) erläutern: „Die entdeckte Statue könnte Teil der
Dekoration einer byzantinischen Kirche aus dem 6./7. Jh.
in Cäsarea sein. Sie könnte aber auch aus früherer Zeit,
aus der römischen Epoche, stammen und in einer Art von
Zweitverwertung in das kirchliche Umfeld eingefügt wor-
den sein.“
In der christlichen Kunst erscheint das Schaf häufig in
Verbindung mit der Darstellung Jesu als Guter Hirte oder es
steht selbst für Jesus als das geopferte Lamm. In der römi-
schen Kunst ist der Schafbock ein Begleiter für die Götter
Hermes und Merkur; in der ägyptischen Mythologie reprä- in cäsarea fand sich diese statue eines schafbocks aus
sentiert er den Gott Amun. W (MFA Israel/WUB) Marmor. ihre ursprüngliche verwendung ist noch unklar.

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Das neueste aus Der Welt Der BiBel

Frühe BesieDlung JerusaleMs

7000 Jahre alte


siedlung entdeckt
JerusaleM Im Norden Jerusalems ist eine
7000 Jahre alte Siedlung entdeckt worden.
Die teils gut erhaltenen Überreste zweier
Wohnhäuser sowie Keramik, Steinwerk-
zeuge und eine Basaltschale kamen beim
Bau einer Straße im arabischen Stadtviertel
Shu'afat rund vier Kilometer nördlich der
Altstadt ans Licht, teilte die Israelische An-
tikenbehörde (IAA) mit. Damit ist die erste
Besiedlung des Jerusalemer Stadtgebiets
offensichtlich früher erfolgt, als bisher an-
genommen.
Der Leiter der prähistorischen Abteilung,
Omri Barzilai, sprach von einem bedeuten-
den Fund. Bislang seien kupfersteinzeit-
liche Siedlungen hauptsächlich aus dem
Negev, in der Küstenebene, in Galiläa und
dem Golan bekannt. Dagegen wurden in Fundamente eines
der Region um Jerusalem in den vergange- frühen wohnhauses,
nen Jahren nur vereinzelte Spuren aus die- entdeckt unter der lei-
ser Epoche entdeckt. In der Kupfersteinzeit tung von ronit lupo.
(Chalkolithikum) haben Menschen begon-
nen, Werkzeuge aus Kupfer herzustellen,
verwendeten aber zugleich ihre Steinwerk-
zeuge weiterhin.
Ronit Lupo von der Ausgrabungsleitung
sagte, die Funde bezeugten eine florierende
Siedlung. Die Bauphasen der Häuser so-
wie Anzeichen von Instandhaltungsarbei-
ten deuteten darauf hin, dass die Gebäude Karneolperle: auch
über eine längere Zeit benutzt worden sei- dieses schmuckstück zählt
en. Werkzeuge wie Sichelklingen für die zu den Fundstücken.
Getreideernte, Meißel, Äxte und Bohrer
sowie Haushaltsgeräte wie Mörser und Stö-
ßel gewährten Einblick in die technischen
Fertigkeiten und das Wirtschaftsleben der
Gemeinschaft. Ebenfalls gefundene Tier-
knochen werden noch untersucht. Sie
können Aufschluss über die Ernährungs-
gewohnheiten der Bewohner geben. Unter
den Kleinfunden sei auch eine Karneolper-
le. Ob der Schmuck am Ort hergestellt oder Basaltschale aus
importiert wurde, ist noch unklar. W (IAA/ der frühen Besied-
KNA/WUB) lungszeit Jerusalems.

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3400 Jahre alte tonFigur einer Frau entDecKt

Zufallsfund eines 7-jährigen zitate

chancen unD hoFFnung

„Unsere Zukunft
liegt im Irak.“
göttin oder
reale Frau? Patriarch louis raphaël
Die kanaanäi- sako aus Bagdad, oberhaupt
sche tonfigur der chaldäisch-katholischen
einer Frau ist Kirche, hofft, dass nach
noch nicht einem ende der aggressio-
identifiziert. nen zwischen Muslimen und
christen wieder „chancen
auf Dialog“ bestehen.

tel rehov Während er mit seinen Jh.  vC. Einige Forscher sind der An- gegen Krieg unD
unterDrücKung iM
Freunden unterwegs war, entdeckte ein sicht, die Figur stelle eine reale Frau aus
naMen Des islaM
siebenjähriger Junge am Tel Rehov im Fleisch und Blut dar. Andere sehen in
Jordantal die 3400 Jahre alte Tonfigur ihr die Fruchtbarkeitsgöttin Astarte, die
einer Frau. Sie zeigt eine aufrecht stehen- aus kanaanäischen Quellen und aus der
„Wir bekräftigen,
de, unbekleidete Frau mit schmaler Taille Bibel bekannt ist.“ Die Figur zeige keine
und kunstvoller Frisur. Anzeichen einer Göttinnendarstellung. dass es skrupellos ist,
Amihai Mazar, em. Professor der Uni- Mazar hält es auch für möglich, dass der Religion zu benutzen,
versität Haifa und Augrabungsleiter am biblische Begriff der „terafim“ (u. a. Gen um die Rechte religi-
Tel Rehov, ordnete die Figur nach ers- 31,19), der meist mit „Hausgott” übersetzt
wird, sich auf eine Figur wie die jetzt ge-
öser Minderheiten in
ten Untersuchungen ein: „Sie ist typisch
für die kanaanäische Kultur des 15.–13. fundene bezieht. W (IAA/WUB) muslimischen Ländern
anzugreifen.“

aleppo-KoDex aus der „erklärung von


Marrakesch“, die mus-

„Kultureller wendepunkt der Menschheit“ limische Gelehrte und


intellektuelle aus mehr als
120 ländern sowie vertreter
JerusaleM Der sogenannte Aleppo- Der Aleppo-Kodex gilt Gelehrten nicht islamischer und internationa-
Kodex, die vermutlich älteste hebräische nur als Quelle für die Textüberlieferung, ler organisationen am
Bibelhandschrift, soll in das digitale sondern auch für die masoretische Voka- 27. Januar 2016 verabschie-
UNESCO-Weltregister „Memory of the lisation des Bibeltextes. det haben. sie verteidigt
die religionsfreiheit,
World“ aufgenommen werden. Die Hand- Das Register „Memory of the World“
fordert eine Überarbeitung
schrift entstand um 920 in Tiberias und umfasst ca. 350 Dokumente, die nach
von lehrplänen und
wurde über Jahrhunderte von der jüdi- der UNESCO kulturelle Wendepunk- wendet sich ausdrücklich
schen Gemeinde in Aleppo (Syrien) auf- te der Menschheit repräsentieren. Ziel gegen aggression und
bewahrt. Nach der Plünderung der Syna- des Projekts ist es, diese Zeugnisse zu Krieg im namen des islam.
goge 1947 gelangte der Kodex nach Israel. sichern und in digitalisierter Form der
Rund 200 Seiten sind verschollen; 294 Allgemeinheit zugänglich zu machen. W
Seiten befinden sich im Israel Museum. (UNESCO/KNA)

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welt und umwelt der bibel 2/2016
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Die Schöpfung
Bibel kontra
Naturwissenschaft?
Wie das alles zueinanderpasst ... das hat Menschen seit der Antike begeistert,
diedieWeltunddenHimmelastronomisch,mathematischundnaturkundlich
erforscht haben. Der mittelalterliche Buchmaler der Wiener Bible moralisée
hat den göttlichen Schöpfer mit dem Zirkel gemalt, dem Instrument der gro-
ßen Architekten und Mathematiker. In der Epoche der Scholastik blühten die
Wissenschaften und die Kunst der logischen Beweisführung auf. Jede neue
Erkenntnis wies umso mehr auf die faszinierende göttliche Schöpfung
hin. Der Zirkel des Weltarchitekten (dargestellt in Gestalt des Christus, des
logos) steht für die Ordnung der geometrischen Berechnungen, für die
Beherrschung des Chaos, für das rechte Maß ... Wie es schon in der bib-
lischen Weisheitsliteratur heißt: „Du aber hast alles nach Maß, Zahl und
Gewicht geordnet“ (Weish 11,20).

Bis heute ist es selbst für Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaft-


ler erstaunlich, dass die Menschheit immer feinere Systeme in den Na-
turgesetzen des Universums entdeckt. Aber: Berechnen ist das Eine
– und zu deuten, was man berechnet und was das für unser Zusam-
menleben bedeutet, das Andere. Aus dieser Aufgabe werden wir nicht
entlassen.

Gott als Schöpfer mit Zirkel (deus geometra) auf der inneren Umschlagseite der
Wiener Bible moralisée, 1208–1215. Österreichische Nationalbibliothek, Wien.

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Einführung

Begeisterung
für das Staunen
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse erklären große
Teile unserer Existenz und des Universums. Stehen sie
zwangsläufig in Konkurrenz zum Schöpfungsglauben?
Oder ergänzen sich beide? Von Helga Kaiser

I
m Februar 2016 wurden erstmals der Universität Münster auf den Punkt. Sinnfragen und Vorstellungen, wie wir
Gravitationswellen nachgewiesen, Er fragt nach der Glaubwürdigkeit von in der Gemeinschaft von Menschen,
Anfang März 2016 wurde gemeldet, „Geistlichen und Religionslehrenden, Tieren und Natur leben sollen, wie die
die bisher fernste Galaxie sei gesichtet die behaupten, Gottes Schöpfung und Schöpfung ihrem Wesen nach ist. Ein
worden, 13,4 Millionen Lichtjahre ent- Wirken zu bewundern“, aber naturwis- anschauliches Beispiel dafür ist ein al-
fernt (ein kaum sichtbarer Punkt auf ei- senschaftlich nicht auf dem Laufenden ter römischer Mythos, überliefert beim
ner Weltraumaufnahme), täglich liefern seien. „Heute können solche Gelehr- Schriftsteller Hyginus, der sich damit
Weltraumteleskope wie Hubble und Spit- ten mit wissenschaftlich beschränktem beschäftigt, warum wir Menschen so oft
zer neue Bilder, die den Atem stocken Horizont gerade auch den jungen, bil- von Sorgen geplagt werden. Die Göttin
lassen ... Rekorde, Daten und Informa- dungsaufsteigenden Menschen keine „Sorge“ nämlich habe gedankenverlo-
tionen, denen Nichtfachleute oftmals Weggefährten sein. Wie können sie von ren am Flussufer aus Lehm eine Figur
hilflos gegenüberstehen. Es ist Leis- aufstrebenden Gemeindemitgliedern geformt. Der hinzukommende Jupiter
tungssport für das Gehirn, das Denken erwarten, dass sie Ärztinnen, Lehrer, haucht der Figur Geist ein. Kurz darauf
zu entgrenzen: Die Welt wird ganz leicht Forschende werden – und zugleich die streiten sich Sorge, Jupiter und auch die
gedehnt und gestaucht, wenn Gravitati- enormen Erfolge der Evolutionstheorie Erdgöttin Tellus darüber, wessen Namen
onswellen sie treffen. Es gibt nicht Raum leugnen? Wie können sie selbst Smart- das Wesen tragen solle. Saturn schlich-
oder Zeit, sondern nur vierdimensionale phones, Navigationsgeräte und Flugzeu- tet den Streit: Jupiter erhält nach dem
Raumzeit. Wenn eine Tasse zu Boden ge benutzen, ohne zu reflektieren, dass Tod des Wesens den Geist zurück, den
fällt, dann weil sie an einer Krümmung keine Satellitenkommunikation ohne Namen homo, von humus, „Erde“, erhält
in der Raumzeit entlanggleitet. die Erkenntnisse der modernen Physik es von Tellus – und die Göttin Sorge wird
Seit etwa 400 Jahren, seit der Erkennt- funktionieren würde?“ (Vortrag gehal- das Wesen besitzen, solange es lebt ...
nis, dass die Welt nicht im Mittelpunkt ten 2013 in der Ringvorlesung „Was sind Die Frage „Ist das wirklich alles so pas-
des Universums steht und nicht einmal Raum und Zeit? Was ist die Schöpfung?“ siert?“ erübrigt sich.
die Sonne, seit der Etablierung der Ur- beim Zentrum für islamische Theologie, Was in den alten Kulturen vom Anfang
knall- und Evolutionstheorie bemühen Skript auf www.wwu.de/ZIT/Veranstal- der Welt erzählt wird, ist gleichbedeu-
sich Religionen und Kirchen, Schritt zu tungen/raumzeit_blume.html) tend mit immer gültig. Das Schöpfungs-
halten. Naturwissenschaftliche Erkennt- lied in Genesis 1 ist wie ein poetisches
nisse verändern auch religiöse Vorstel- Tor, durch das Leserinnen und Leser die
lungen. In der Kunstgeschichte weicht Wie die Welt eigentlich ist Bibel betreten. Es hat einen feierlichen
der graubärtige alte Schöpfergott, wie Um das Verhältnis von rasant zuneh- Stil und viele rhythmische Wiederholun-
wir ihn noch in der Sixtinischen Kapelle menden naturwissenschaftlichen Er- gen – naheliegend, dass es zum Vortra-
sehen, abstrakten Schöpfungsdarstel- kenntnissen und biblischen Schöp- gen und Auswendiglernen bestimmt war
lungen, die mit Licht und Dunkel arbei- fungstexten zu klären, gilt es zuerst, (eine wörtliche Übersetzung von Erich
ten. Wir haben – theologisch gesprochen beide einzuordnen. Wissenschaftliches Zenger finden Sie auf S. 29). In sechs
– als Geschöpfe in der göttlichen Schöp- Arbeiten, Theorien aufstellen, bestäti- Tagen schafft Gott die Welt, am siebten
fung eine Holschuld den naturwissen- gen oder widerlegen, Reaktionen und segnet und heiligt er den Ruhetag. Die
schaftlichen Informationen gegenüber. Abläufe berechnen – das ist etwas an- zweite, direkt folgende Schöpfungser-
Der Religionswissenschaftler Michael deres als das, was religiöse Ursprungs- zählung erklärt die Brüche im Leben,
Blume bringt es in einem Vortrag an mythen wollen. Zum Mythos gehören erzählt vom Leben und vom Tod, von

8 2002191424420E-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de


welt und umwelt der bibel 2/2016
Links: Gott trennt Himmel und Erde,
Buchmalerei aus dem Hexateuch des
Ælfric der Benediktinerabtei St. Augus-
tine, Canterbury, 1050–1150 nC.
British Library, London.

Menschengestaltiger
Rechts:
Sarkophagdeckel aus einem Grab nahe
Amman. Bestattungskultur und die Sorge
um die Toten sind Stationen auf dem Weg
der menschlichen Evolution. 10./9. Jh. vC.
Archäologisches Museum Amman.

Schmerzen und Arbeit. Die historisch- mel zu erforschen – wenn wir nach Grie- Teilchen früher mit millionenfacher
kritische Exegese hat herausgearbeitet, chenland, Kleinasien, Mesopotamien, Geschwindigkeit stattgefunden habe.
dass der große Schöpfungshymnus von in die Levante und nach Ägypten bli- „Alte-Erde-Kreationisten“ nehmen zwar
Gen 1 im Babylonischen Exil entstan- cken, zeigen die Zeugnisse aus der Welt einen Zeitraum von mehreren Millionen
den ist, unter dem Eindruck der großen der Bibel, wie sich über einen Zeitraum Jahren an, aber Gott habe auch hier im-
Schöpfungsmythen der Babylonier ei- seit der Steinzeit Kultur bildet und Wis- mer wieder „fertige“ Arten eingesetzt.
nerseits und in der Lebenssituation von senschaften etablieren: Mathematik, As- Gott ist in kreationistischer Sicht natur-
Niederlage und Heimatverlust der Ju- tronomie, Philosophie; Mythen, Epen, wissenschaftlich beweisbar.
däer andererseits. Gen 1 will Sicherheit Hymnen und Geschichten ... Die Bibel Auf dem anderen Pol sehen Vertreter/
vermitteln, beschreibt die Schöpfung selbst ist ein Zeugnis dieses Prozesses. innen des New Atheism nichts als den
als grundsätzliche Ordnung, da Gott das Die Menschen, die hinter den biblischen Materieprozess selbst als Grund, Sinn
Tohuwabohu sortiert hat – schon die und Ziel des Seins an. Der Glaube an eine
rhythmische Sprache macht das sicht- göttliche Schöpfung sei geradezu lächer-
bar, die wiederholte Bestätigung, dass Die Auseinandersetzung lich. Nicht zuletzt das Leid in der Welt wi-
alles gut ist, sehr gut. Die gefährlichen derspreche einem gütigen Schöpfer und
Kräfte wie Sonne und Wasser werden
wird auch mit Wut und die Existenz eines Schöpfergottes ließe
dem Leben unterworfen, sie dienen dem Angst geführt sich naturwissenschaftlich vernünftig
Leben. Theologisch führt von hier eine und zweifelsfrei widerlegen.
Linie zu Auferstehungs-(und Messias-) Die Auseinandersetzung zwischen
hoffnungen in Christentum, Judentum Texten stehen, deuten die Welt und den Polen wird besonders in den USA ge-
und Islam: Die Brüche in der Schöpfung ihre Existenz im Lichte einer göttlichen führt, auch mit Wut und Angst. Wo liegt
werden heilen. Schöpfung. ein Weg jenseits des Entweder-oder?
Gerade dieser Gedanke macht aber Michael Blume sprach von „Weggefähr-
offensichtlich Mühe: dass der Glaube an tenschaft“ (siehe oben) – das geht nur,
Die Bibel ist Teil der Evolution einen Schöpfergott bei Wesen erwächst, wenn die Theologie intensiv am natur-
Naturwissenschaftlich gesehen stehen die sich erst nach einer unendlich schei- wissenschaftlichen Erkenntniszuwachs
die Schöpfungserzählungen ihrerseits nenden Abfolge von Selektionen und teilnimmt. Forschende und Glaubende
im Strom der Universumsgeschichte. Es Umweltanpassungen entwickeln. Für können gemeinsam mit Begeisterung
dauert Milliarden von Jahren, bis sich kreationistische Denkrichtungen ist staunen. Ziel ist die gegenseitige Berei-
der Gesteinsklumpen Erde bildet und deshalb die Evolutionstheorie eine Be- cherung: Ob ich in den Weltraum blicke
sich darauf Bedingungen entwickeln, drohung des Glaubens. Für den „Junge- oder in das Innere eines Atoms, bleiben
die komplexes Leben ermöglichen. Erde-Kreationismus“ ist die Erde max. Fragen nach dem Wieso und Wozu-
Physikalische, chemische, biologische, 10.000 Jahre alt und lebten die Dino- überhaupt. Wissenslücken schließen
psychologische und soziale Prozesse saurier gemeinsam mit den Menschen, sich, aber selbst wenn alle geschlossen
folgen aufeinander. Ab einem gewissen denn nach sechs Tagen waren alle Arten wären, bliebe es unredlich, zu behaup-
Punkt in der Geschichte sind Bestattun- und der Mensch so von Gott geschaffen. ten, alle Fragen der alten Mythen seien
gen greifbar und Hinweise auf das, was Auf die Altersbestimmung von Fossilien beantwortet. W
wir mit Religion bezeichnen. Menschen durch radiometrische Datierung wird Helga Kaiser ist Redakteurin von
beginnen, ihre Umgebung und den Him- erwidert, dass der Zerfall radioaktiver Welt und Umwelt der Bibel.

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Erschaffung der Welt und Vertreibung aus dem
Paradies, Giovanni di Paolo, 1445. Die konzentrischen
Kreise stellen alle Sphären des Universums dar: Wasser,
Feuer, Luft, die sieben Kreise der Planeten und der Tier-
kreis. The Metropolitan Museum of Art, New York.

Urknall, Evolution und Schöpfung

Ergänzung oder Widerspruch?


Auf den ersten Blick stehen sich Naturwissenschaften und die biblischen
Erzählungen unvereinbar gegenüber: Wo sollte ein Schöpfergott Platz haben im
Meer der empirischen Fakten? Einige geniale Denker haben seit dem 19. Jh.
Pionierarbeit geleistet. Zudem war es ein katholischer Priester, der die Theorie
vom Urknall entwickelte ... Von Ulrich Lüke

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Sternengeburten im riesigen Sternenhaufen „Westerlund 2“ (Durchmesser 13 Lichtjahre), 20.000 Lichtjahre von der Erde
entfernt. Das Gebilde ist erst zwei Millionen Jahre alt und eines der heißesten und hellsten unserer Galaxie. Einige seiner mächtigs-
ten Sterne setzen hurrikanartige Stürme aufgeladener Partikel frei, die die Wasserstoff-Gashülle angreifen. Die Schockwellen dieser
galaktischen Stürme können wieder eine Flut an Sternengeburten auslösen ... Die roten Punkte sind Sterne, die sich gerade formen,
noch eingehüllt in ihre Kokons aus Gas und Staub. Irgendwo hier könnten sich eines Tages erdähnliche Bedingungen entwickeln.

H
artnäckig hält sich die Meinung, stellungen, überprüfbare, heutige Wis- dem Sündenfall, dem Verlust des Para-
die Physik mit ihrer Urknall- sensbestände gegen unüberprüfbare dieses und dem Mord von Kain an Abel,
theorie beschreibe auf wissen- frühere Meinungen. also die sogenannte Jahwistische Schöp-
schaftliche Weise und auf dem heutigen fungserzählung mit ihren Wurzeln im 9.
Kenntnisniveau einen objektiven Tatbe- vorchristlichen Jh., die Geschichte von
stand – quasi unwiderleglich. Und die Die Schöpfungserzählungen der „gefallenen Schöpfung“.
Theologie mit ihrer Schöpfungserzäh- Aber wer die ersten drei Kapitel der Ge- Würde man – selbst ganz ohne Kennt-
lung beschreibe nur auf mythologische nesis liest, merkt gleich, dass es da zwei nis der Naturwissenschaften – diese
Weise eine früheren Jahrhunderten und Schöpfungserzählungen gibt: Erzählungen als Schöpfungsreport
Jahrtausenden zuzuordnende subjek- 1. Das Sieben-Tage-Werk mit der als missverstehen, müsste man zumindest
tive Wunschvorstellung – also wissen- gut, ja sogar sehr gut klassifizierten eine Erzählung, wahrscheinlich sogar
schaftlich höchst fragwürdig. Schöpfung, also die Priesterschrift aus beide Erzählungen, als irrig abtun; denn
Da stehen dann klare Wissenschaft dem 6. vorchristlichen Jh., die Geschich- jeweils als eine Naturkunde (miss)ver-
gegen trübe Mythologie, objektive Tat- te von der „großartigen Schöpfung“. standen, widersprechen sie einander auf
bestände gegen subjektive Wunschvor- 2. Die Adam-und-Eva-Erzählung mit unversöhnliche Weise. Und die mittelal-

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welt und umwelt der bibel 2/2016 11
Urknall, EvolUtion Und SchöpfUng

terlichen Maler, die hier auf der Ebene angenom- eigentliche Begründer der Urknalltheorie, Geor-
mener Fakten eine Harmonisierung versuchten ge Lemaître (1894–1966), war Astrophysiker an
(Bibel des Matteo de Planisio von 1362, s. Abb. der katholischen Universität Löwen und katho-
rechts., oder die Ausmalung der Kirche in St. He- lischer Priester, später sogar Domherr im Erz-
lena Deutschnofen/Südtirol aus dem 14./15. Jh.), bistum Mechelen. Er studierte und promovierte
wären bei aller künstlerischen Großartigkeit nur in Löwen, dann in Cambridge, wurde 1923 zum
genial gescheitert. Und doch sind beide Schöp- Priester geweiht und studierte schließlich mit
fungsgeschichten wahre Geschichte; sie müssen einer weiteren Promotion am Massachusetts In-
nur komplementär gelesen und verstanden wer- stitute of Technology. Lemaître publiziert seine
den. Die Güte der Schöpfung einerseits und die Arbeiten zur Urknalltheorie bereits im Jahr 1927,
Gefährdung des Menschen, seine Hybris, sein also noch vor der Kenntnis von Edwin Hubbles
zu wollen und entscheiden zu können wie Gott, Rotverschiebung und lange vor der Entdeckung
und sein Versagen andererseits – beides ist in der kosmischen Mikrowellenhintergrundstrah-
dieser Schöpfung zu finden. lung von Arno Penzias und Robert Wilson (1964),
Die Schöpfungserzählungen sind keine min-
derwertige Naturkunde darüber, wie die Welt
und auf ihr der Mensch entstand. Die Schöp-
Anfangssingularität fungserzählungen sind eine hochwertige Urkun- Übrigens war auch der Begriff
ist der physikalisch-astro-
nomische Begriff für den
de darüber, was es mit dem Menschen auf sich
hat: also nicht Naturkunde über das Werden,
Urknall ursprünglich ein von
Zustand vor dem Urknall,
als Raum und Zeit noch
sondern Urkunde über das Wesen des Men- Physikern gebrauchtes und
nicht vorhanden waren. schen. Dass das kirchlich-lehramtliche Zeugnis,
zumal die Aussage der päpstlichen Bibelkom-
zur Verunglimpfung gedachtes
Den Urknall berechnet die
Forschung auf den Zeit- mission zum Buch Genesis von 1909 (in diesem Schimpfwort
punkt, als das Universum Jahr derklarierte das päpstliche Schreiben „Zum
10 hoch minus 43 Se- geschichtlichen Charakter der ersten drei Kapi-
kunden alt ist: 0,000000 tel der Genesis“ die Erzählungen als historisch die die Urknalltheorie auf je ihre Weise stützen.
000000000000000000 stichhaltig), hier in der Vergangenheit mehr Ver- Er überzeugte auch Albert Einstein, der dieser
0000000000000000001. wirrung als Klarheit geschaffen hat, ist nicht zu Theorie zunächst kritisch gegenüberstand. 1940
Bis dahin bestand die leugnen. Ebenso wenig ist aber der Umstand zu in die päpstliche Akademie der Wissenschaften
Anfangssingularität.
leugnen, dass diesbezüglich heute Einhelligkeit berufen – deren Mitglied heute übrigens auch
und Klarheit herrscht. Stephen Hawking ist (s. S. 14) – und später mit
der Leitung dieser Akademie und der päpstli-
chen Sternwarte betraut, hat dieser bescheide-
Frontlinie Schöpfung versus Urknall ne Mann Großes geleistet für die Versöhnung
Die Schöpfungserzählungen, so darf man aus von Physik und Theologie, von Kosmologie und
dem oben Gesagten wohl festhalten, konkurrie- Schöpfungslehre. Im November 1951 griff sogar
ren nicht mit naturwissenschaftlichen Modellen Papst Pius XII. Lemaîtres Überlegungen begeis-
und Expertisen über den Anfang der Welt; sie sa- tert auf und bezeichnete den Urknall als das
gen nicht, wie der Anfang war, sondern wer am erste in der Zeit physikalisch greifbare Ereignis
Anfang war, den Anfang setzte. An dieser alten eines die Zeit erst begründenden und selbst zeit-
Frontlinie Schöpfung versus Urknall kämpfen losen göttlichen Schöpfungsvorgangs. Schöp-
heute nur biblizistische Kreationisten einerseits fung wird hier theologisch gewissermaßen als
und naturalistische Evolutionisten andererseits. Bedingung der Möglichkeit des Ereignisses
Und beide haben sie ihre hermeneutischen angesehen, das die Astrophysik dann Urknall
Hausaufgaben nicht gemacht. Intellektuell red- nennt.
liche Kosmologen und Evolutionstheoretiker ei- Ganz so einfach stellt sich die Sachlage heu-
nerseits und Schöpfungstheologen andererseits te nicht mehr dar, weil die Singularität des An-
streiten hier eher nicht. fangs, also umgangssprachlich der Urknall, erst
Übrigens war auch der Begriff „Urknall“ ur- die Grundkonstanten und Grundbedingungen
sprünglich ein von Physikern gebrauchtes und für jedwede Physik aus sich hervorgehen lässt
zur Verunglimpfung gedachtes Schimpfwort für – also die starke und die schwache Kernkraft,
diese physikalische Theorie der Weltentstehung. die elektromagnetische und die gravitative Kraft
Nur ist später das Schimpfwort zum Markenna- oder Wechselwirkung. Physiker sagen, dass man
men geworden und es bis heute geblieben. Der sich der Anfangssingularität nur bis zur soge-

12 welt und umwelt der bibel 2/2016


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Urknall, EvolUtion Und SchöpfUng

Zwei Schöpfungs-
erzählungen in
einer Illumination:
Die mittelalterlichen
Buchmaler fanden
einen Ablauf für die
beiden eigenstän-
digen Erzählungen
vom Anfang – die
Bilder erzählen in
ihrer Abfolge über das
Wesen der Welt und
der Menschen:
großartig und gebro-
chen zugleich.
Bibel des Matteo
de Planisio, Neapel
1362. 39 × 26,3 cm,
Vatikanische Biblio-
thek.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 13
Urknall, EvolUtion Und SchöpfUng

STEPhEN hAWKING UND DIE WELTForMEL:


SchöPFER – FRiSTloS ENTlASSEN?

D er bekannteste Physiker unserer Tage


ist der schwer an Amyotropher late-
ralsklerose leidende Stephen hawking
niger kritisch die Möglichkeit einer „Welt-
formel“, einer Theory of everything (ToE).
Diese ToE soll die Widersprüche zwischen
(* 1942) aus cambridge. Er hat im Felde Relativitätstheorie und Quantentheorie in
der Physik mit seinem Beweis von Singu- einer umfassenden Synthese aufheben.
laritäten in der allgemeinen Relativitäts- hawking meint: „Letztlich ist es das Ziel
theorie und der hawking-Strahlung in der Wissenschaft, eine einzige Theorie
der Quantenfeldtheorie etc. erhebliche zu finden, die das gesamte Universum
Meriten. Aber er vertritt auch seit Jahr- beschreibt.“ Diese „vollständige einheit-
zehnten unverdrossen die Überzeugung, liche Theorie“ würde dann auch ihr Sub-
dass es eine alles erklärende Weltformel jekt, den Theoretiker, mitumfassen. „Des-
geben werde und der forschende Mensch halb würde die Theorie selbst die Suche
sie auch verstehen könne. in seinem Werk nach ihr determinieren.“
„Eine kurze Geschichte der Zeit“ schreibt Eine solche Weltformel, die diesen
er: Namen verdient, müsste nicht nur alle Stephen hawking 2008 bei einem
„Ich gehöre nicht zu denen, die glau- inhalte der Naturwissenschaft umfas- Vortrag anlässlich des 50-jährigen
ben, das Universum sei und bleibe ein sen, sondern auch noch den Theoretiker Bestehens der NASA.
Geheimnis, etwas, das man intuitiv er- selbst, und zwar einschließlich seiner auf
fassen, aber niemals ganz analysieren die Erstellung dieser Theorie gerichte- unter welchen Bedingungen sich die vier
und verstehen kann. (…) Das Weltall gibt ten kognitiven Bemühungen. Ein solches alle Physik erst begründenden Grundkräf-
uns immer noch viele Rätsel auf, aber die Theorie-Konstrukt ist allenfalls einer mit te, nämlich die gravitative, die elektroma-
großen Fortschritte, die wir besonders in göttlichen Attributen ausgestatteten gnetische, die schwache und die starke
den letzten hundert Jahren erzielt haben, Rationalität zugänglich, jedenfalls nicht Wechselwirkung zu einer einzigen Wech-
sollten uns in der Überzeugung bestär- menschenmöglich und kein legitimes selwirkung vereinigen. Bei ca. 100 Milliar-
ken, dass ein vollständiges Verständnis den Elektronenvolt gehen die schwache
im Bereich unserer Möglichkeiten liegt. Wechselwirkung und die elektromagneti-
(…) es ist möglich, dass uns eines Tages „Letztlich ist es das sche Wechselwirkung in eine einzige, die
der Durchbruch zu einer vollständigen elektroschwache Wechselwirkung, über.
Theorie des Universums gelingt. Dann
Ziel der Wissenschaft, Man hat also Grund zur Annahme, dass
wären wir wirklich die ‚Masters of the eine einzige Theorie zu sich die vier Wechselwirkungen zu einer
Universe‘.“ einzigen vereinheitlichen ließen. Warum
So sucht er nach einer Kosmologie, die
finden, die das gesamte aber sind die vier Grundkräfte ganz prä-
auf einen Schöpfer verzichten kann. Ele- Universum beschreibt.“ zise so dimensioniert, dass sich schwere
mentarteilchen ließen sich spontan aus Elemente, eine Kohlenstoffchemie, leben
dem Vakuum erzeugen, denn dieses sei und schließlich menschliches leben ent-
nicht leer, sondern gefüllt mit energetisch Kind der Naturwissenschaften. Vielleicht wickeln konnten? Nichts wäre entstanden
relevanten Quantenfluktuationen, die nur tobt sich hier doch eine Allmachts- und bei einer nur geringfügigen Abweichung
im Mittel null ergeben. Allwissensheitsfantasie aus, die sich die von dieser Ausgangskonstellation bei den
hier würde nun der Philosoph oder göttlichen Attribute, die sie mit ihrem vier Grundkräften. ist darin eine die un-
Theologe sagen, die Schöpfung aus dem Träger zu eliminieren sucht, selber zu- sere weit überragende intelligenz eines
Nichts sei etwas grundlegend anderes als schreibt. Gottes zu sehen, der eine Welt macht, die
eine quantenphysikalische Fluktuation. Weniger spektakulär und anmaßend sich selbst macht? in seinem Werk „Der
Eine Quantenfluktuation ist kein Nichts, als die ToE ist das, was sich hinter der große Entwurf“ meint hawking gar:
sondern ein Etwas, ein physikalisch be- sogenannten „Großen Vereinheitlichten „Weil es ein Gesetz wie das der
schreibbares Phänomen. Wie hawking Theorie“ (GUT = Grand Unified Theory) Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein
diskutieren einige Physiker mehr oder we- verbirgt, weil sie anzugeben versucht, Universum aus dem Nichts erschaffen.“

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welt und umwelt der bibel 2/2016
Urknall, EvolUtion Und SchöpfUng

nannten Planck´schen Mauer, also bis auf


10 hoch minus 43 Sekunden nähern kann.
Die Physik hat also ihre eigenen Entste-
hungsbedingungen nicht gänzlich im
physikalischen (Be-)Griff. Man darf aber
bei allem und trotz allem, was hier noch
Wenn das so wäre, bliebe doch noch in irgendeiner anderen Weise klärungsbedürftig ist, mit Fug und Recht
dem nachdenklichen Philoso- auf das Universum ein? Und wer sagen, dass die physikalische Urknallthe-
phen und Theologen noch immer hat ihn erschaffen?“ orie und die theologische Schöpfungsleh-
die Frage, woher die Schwerkraft Man könnte einige der von re durchaus konfliktfrei miteinander ver-
kommt. hat sie, und das wäre ein hawking hier aufgeworfenen Fra- einbar sind. Denn vom Nichts, das einzig
Gottesattribut, ihre Begründung gen dadurch einer Antwort näher Gott voraussetzt und aus dem nach theo-
in sich selbst? hawking und an- bringen, dass man ihn mit Meister logischer Vorstellung die Welt entstanden
dere behaupten, dieses extrem Eckhart (1260–1328) bekannt sein soll, kann die Physik nichts sagen;
unwahrscheinliche und hochprä- macht. in seinen philosophischen denn sie bedarf immer eines Etwas und
zise Zusammentreffen der vier so Annäherungen an den Begriff Gott spricht immer von einem Etwas. Über das
und nicht anders dimensionierten überwindet er die Differenz zwi- Nichts kann sie nur spekulieren und darf
schen dem Plan des schaffenden dies aber natürlich auch, wenn sie das of-
Grundkräfte sei nichts als Zufall.
fenlegt.
Unsere Welt sei nur eine unter Gottes und der Wirklichkeit der
Aber damit wird der Physiker streng ge-
unzählig vielen Parallelwelten und geschaffenen Welt dadurch, dass
nommen zum Metaphysiker. Die aus der
daher sei es nicht verwunderlich, er formuliert: „Das Sein ist Gott“
Physik stammenden Vertreter des Anthro-
sondern erwartbar, dass es diese und zugleich „Gott ist Erkennen“.
pischen Prinzips haben seit den 60er- und
Welt, lebewesen und uns Men- Die intelligibilität Gottes ist es, die
70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts die
schen gäbe. Diese Behauptung ist als Einheit von Theorie und Praxis
hochpräzise Kalibrierung der vier physi-
nicht Physik, sondern Metaphysik, aus sich selbst heraus auch schon kalischen Grundkräfte, die alle Evolution
nicht Naturwissenschaft, sondern schafft, schaffend erkennt und er- erst ermöglicht, final, also zielgerichtet,
Spekulation. Aber selbst wenn die kennend schafft. gedeutet: Diese Grundkräfte haben diese
„Große Vereinheitlichte Theorie“ Die Theory of Everything (ToE) und keine anderen Werte, damit schwere
(GUT) uns bereits bekannt wäre, ist und die Grand Unified Theory Elemente, damit eine Kohlenstoffchemie,
nach hawking, dem hier dann doch (GUT) sind auf unterschiedliche damit schließlich Leben und dann noch
philosophisch ab und zu ein licht Weise naturwissenschaftliche menschliches Leben entstehen konnte.
aufgeht, ihre Grenze erkennbar: Zeugnisse einer Einheitssehn- Aber auch bei dieser die physikalische Er-
„Auch wenn nur eine einheitli- sucht und Einheitssuche, die ihre klärung überschreitenden Deutung wird
che Theorie möglich ist, so wäre religiöse Provenienz nur müh- der physikalische Befund, wird die Physik
sie doch nur ein System von Re- sam verbergen können. Die ToE selbst zur Basis einer Metaphysik.
geln und Gleichungen. Wer bläst möchte eine Verabschiedung des
den Gleichungen den Odem ein Schöpfers sein und verabschie-
Wie passen Evolution und Schöp-
und erschafft ihnen ein Univer- det sich dabei nur selbst mit einer
fung zusammen?
sum, das sie beschreiben können? dürftigen Philosophie aus der Na-
Die übliche Methode, nach der die turwissenschaft. Die GUT möchte Einen anderen wichtigen, vielleicht noch
Wissenschaft sich ein mathemati- Naturwissenschaft sein und lässt schwereren Schritt zur Versöhnung von
darum klugerweise Behauptungen Naturwissenschaft und Theologie, ge-
sches Modell konstruiert, kann die
nauer zur Versöhnung von Schöpfungs-
Frage, warum es ein Universum über den Schöpfer bleiben. Mit
theologie und Evolutionstheorie, hat ein
geben muss, welches das Modell dieser „hawking´schen Weltfor-
Zeitgenosse Lemaîtres, der Jesuit und
beschreibt, nicht beantworten. mel“ (ToE) kann man wohl gottlos
Paläontologe Pierre Teilhard de Chardin
Warum muss sich das Universum werden, nicht aber Gott loswerden.
(1890–1955), gemacht. Er stieß zeitle-
all dem Ungemach der Existenz Wie den Theologen der Gottesbe-
bens auf Vorbehalte der damals etablier-
unterziehen? Ist die einheitliche weis nicht gelungen ist, genauso
ten Theologie und auch auf Vorbehalte
Theorie so zwingend, dass sie wenig ist hawking und anderen bei Pius XII., der aber den Gedanken der
diese Existenz herbeizitiert? Oder Physikern der Gottesverweis, die „Evolution nur dem Leibe nach“ in sei-
braucht das Universum einen fristlose Entlassung des Schöpfers, ner 1950 erschienenen Enzyklika Humani
Schöpfer, und wenn ja, wirkt er gelungen. (Ulrich Lüke) generis wenigstens nicht rundweg aus-

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welt und umwelt der bibel 2/2016 15
Urknall, EvolUtion Und SchöpfUng

Pierre Teilhard de chardin, Paläontologe,


Theologe, Naturphilosoph und Jesuit, starb
in New York am ostersonntag 1955. Der
geniale Denker baute eine Brücke zwischen
der scheinbar gottlosen Evolution und der
Schöpfungstheologie, die bis heute Bestand hat.

Georges lemaître (1894–1966). Es war ein Priester, der die


Urknalltheorie formulierte: Der belgische Geistliche und Astrophysiker
konnte zuletzt auch Albert Einstein von seiner Theorie überzeugen.
1951 akzeptierte die Päpstliche Akademie der Wissenschaften Lemaîtres
Theorie, er wurde auch Präsident dieser Akademie. 2014 benannte die
Europäische Weltraumagentur (ESA) den raumfrachter ATV-5 nach ihm.

schließt. Nicht wenige Menschen meinen und Seit 1905 ist Teilhard Physik-, Chemie- und
meinten seit dem Erscheinen von Darwins bahn- Biologielehrer in Kairo, 1911 empfängt er die
brechendem Werk Über die Entstehung der Arten Priesterweihe, den 1. Weltkrieg besteht er als Sa-
durch natürliche Zuchtwahl (1859), Darwin habe nitätssoldat an der Front. Hier formuliert er zum
mit seiner Evolutionstheorie jedweder Schöp- ersten Mal seine Naturmystik. 1920 schreibt er
fungstheologie den endgültigen Todesstoß ver- seine Doktorarbeit über die Säugetiere des un-
setzt. Damit sei die Welt angeblich gespalten in teren Eozäns und hält danach Vorlesungen über
eine gottlose wissenschaftlich aufgeklärte und die Vereinbarkeit von Evolution und Schöpfung
eine gottvolle wissenschaftlich unaufgeklärte am Institut Catholique in Paris. Die Resonanz ist
Welt. Glauben hie gegen Wissen da, eine schizo- erheblich, aber den Ruf auf einen Lehrstuhl an
Anthropisches Prinzip
phrene Welt. Teilhard de Chardin war jemand, der Sorbonne darf er auf Anweisung des Ordens
Es besagt, dass die
der als Naturwissenschaftler und Theologe die nicht annehmen. Man schickt ihn stattdessen
Naturgesetze im Kosmos
so beschaffen sind, in Wissen und Glauben, die in eine angeblich 1923 auf eine paläontologische Expedition nach
dass sie die Möglichkeit gottlose Biologie und eine gottvolle Theologie China, damit er mit seiner „abenteuerlichen The-
bieten, den Menschen, zutiefst gespaltene Welt auf geniale Weise wie- orie“ nicht die Theologie durcheinanderbringe.
intelligentes leben und der zusammenfügte: Er baute eine Brücke über Aber genau hier wirkt er von 1929 bis 1931 als
uns als Beobachter den reißenden Strom der Differenzen zwischen Wissenschaftler bei der Entdeckung des damals
hervorzubringen. dem Ufer der Schöpfung und dem Ufer der Evo- sogenannten Pekingmenschen mit, eines Homo
lution. Er ist einer der Ersten, der nicht nur von erectus, wie wir heute sagen. Von 1923 bis 1946
einer biologischen Evolution spricht, sondern forscht er in China, von wo aus er aber zahlrei-
auch von einer ihr vorausgehenden kosmologi- che Expeditionen nach Somalia, Nord- und Zen-
schen und chemischen wie auch von einer – der tralindien, Java, Burma etc. unternimmt.
biologischen Evolution folgenden – kulturellen Teilhard sieht in der Evolutionstheorie die
und psychosozialen Evolution. Und in alldem naturwissenschaftliche Beschreibung des ei-
sieht er Gott am Werke, den unvordenklichen nen und selben Vorgangs, den die theologische
Vordenker alles dessen, was wir nur mühsam Beschreibung „Schöpfung Gottes“ nennt. Aber
nachdenken können. dieser Gott schafft keine Fertigbau-Welt wie aus

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dem Lego- oder Fischer-Baukasten. Er schafft hungs- als Todestag und der Todes- als Aufer-
eine sich in relativer Autonomie weiterentwi- stehungstag.
ckelnde Werdewelt. Gott macht eine Welt, die
sich macht.
Zuerst bildet sich in den gewaltigen kosmo- Ergänzung oder Widerspruch?
logischen Prozessen die noch tote Erde heraus. Man könnte doch, wenn man diese kurzen wis-
Geogenese, „Erdentstehung“, nennt Teilhard senschaftsgeschichtlichen und biografischen
diesen Prozess. Aber die entstandenen chemi- Überlegungen ernst nimmt, zu der Überzeugung
schen Elemente werden im „Backofen der Gra- kommen, dass der den Glauben erforschende
vitation“ zu schweren Elementen umgebacken Naturwissenschaftler und der die Natur erfor-
und durchlaufen einen Prozess des Komplexi- schende Gläubige oder Theologe nur zwei Men-
tätswachstums, von Atomen über Moleküle hin schen auf dem Weg zum selben Ziel sind. Der
zu Markomolekülen mit den Grundbausteinen Leitstern dieses Sternmarsches ist die unstillba-
des Lebens, der DNA für die Information und re Sehnsucht nach Wahrheit, die, wie der Glau-
dem Protein für die Katalyse. Um die tote Erde bende meint, Gott in seine Geschöpfe hinein-
herum bildet sich sodann ein nach und nach gelegt hat, die unstillbare Sehnsucht nach der
immer komplexer und differenzierter werden- Wahrheit, die Gott selber ist.
des Geflecht von Leben. Biogenese, „Lebensent- Wo die Schöpfungstheologie sich lernend auf
stehung“, nennt Teilhard das. Und schließlich die fachlichen Erklärungen der Naturwissen-
bildet sich in dieser Sphäre des Lebens das im-
mer komplexer und differenzierter werdende
Geflecht von informationsverarbeitenden Zellen
(Neurone) und Organen (Gehirne). Diese Her-
Verstehen setzt sowohl das naturwissen-
ausbildung der Gehirne und des Denkens nennt schaftliche Erklären als auch das
er Noogenese. Und 1938, also lange bevor es die
ersten noch primitiven Computer gibt, denkt er
philosophisch-theologische Deuten voraus
diese Evolution technisch weiter und prognos-
tiziert eine weltweite Vernetzung des Denkens:
„Es entsteht ein Denken, das kunstreich das Or- schaft einlässt, sie in ihr theologisches Den-
gan vervollkommnet, auf dem es beruht.“ ken einlässt und philosophisch-theologisch
Eine in ihrer Geschichte manchmal bornierte weiterdenkt, und wo die Naturwissenschaft
Kirche hat zuerst ein Veröffentlichungsverbot bei all ihren faszinierenden Erklärungen ihre
für seine Werke verfügt und sie doch im Stillen philosophisch-theologische Deutungsbedürf-
mit heißem Herzen gelesen. Die Dokumente des tigkeit anerkennt, da müsste beiderseits die
2. Vatikanums und auch die frühen Schriften falsche Frontstellung überwunden sein – sie
eines jungen Professors Joseph Ratzinger, des gehört dem vergangenen und vorvergangenen
späteren Papstes Benedikt XVI., legen davon ein Jahrhundert an. Sie müsste überwunden sein Lesetipps
beredtes Zeugnis ab. durch eine Dialektik von Erklären und Deuten, • Ulrich Lüke,
Der Mensch endlich ist das Geschöpf, das die wirkliches Verstehen erst ermöglicht. Wirkli- Das Säugetier von Gottes
den Schöpfer erdenkt und bedenkt, sein Dasein ches, grundlegendes Verstehen setzt sowohl das Gnaden. Evolution –
vom Schöpfer her denkt und auf ihn hin denkt. naturwissenschaftliche Erklären als auch das Bewusstsein – Freiheit,
Der Mensch ist das Geschöpf, in dem die evo- philosophisch-theologische Deuten voraus. Üb- 3. überarbeitete und erwei-
lutiv konzipierte Schöpfung kommunikations- rig bleibt dann nicht der Widerspruch zwischen terte Auflage, herder 2016.
fähig wird auf ihren Schöpfer hin – hellhörig, Naturwissenschaft und Theologie, sondern ihre • ders., Gott suchen in der
weitsichtig, feinfühlig für die eigene zeitlich- wechselseitige Ergänzungsfähigkeit und Ergän- Natur, Bonifatius-Verlag
endliche Geschöpflichkeit – hellhörig, weitsich- zungsbedürftigkeit. W 2016.
tig, feinfühlig für seinen ewigen unendlichen
Schöpfer.
So hat Teilhard de Chardin eine jahrtau-
sendealte statisch anmutende Vorstellung
Prof. Dr. Ulrich Lüke lehrt Systematische Theologie
von Schöpfung evolutiv dynamisiert und eine
an der Universität Aachen. Zahlreiche Veröffentli-
scheinbar im Zufall driftende Evolutionsvorstel- chungen und herausgeberschaften im Grenzbereich
lung auf Gott hin zentriert. Der große Paläon- Theologie und Naturwissenschaft – beides verbindet
tologe, Theologe und Naturphilosoph starb in er durch seine Biografie: Der katholische Priester hat
New York am Ostersonntag 1955 – der Auferste- neben Theologie Biologie und Philosophie studiert.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 17
Astrophysik: Eine Einführung

Die Geburtsstunde
des Universums
Relativitätstheorie, Quantenphysik, kosmische Hintergrundstrahlung …
Ein Astrophysiker führt für Einsteiger/innen in die Geheimnisse des
Universums ein – in die Erkenntnisse und auch in die Wissenslücken.
Von Wolfgang J. Duschl

Leben vor der Hintergrundstrahlung: Die NASA bezeichnet dieses Bild als „Best Map Ever of the
Universe“, aufgenommen von der Sonde „Planck“ – oben rechts –, die seit 2009 mit der Erde um die
Sonne kreist. Die Aufnahme zeigt das älteste Licht in unserem Universum (genannt: Mikrowellen-Hinter-
grundstrahlung oder kosmische Hintergrundstrahlung). Diese ersten Lichtstrahlen drangen durch, als das
Universum 370.000 Jahre alt war. Temperatur- und Dichte-Unterschiede sind sichtbar, aus denen die
Sterne und Galaxien hervorgehen werden. Man muss sich das Bild als eine Rundumaufnahme vorstellen:
Wohin auch immer man im Universum blickt, stößt man auf die Hintergrundstrahlung.

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A
m Anfang schuf Gott Himmel und Erde. tungen und umso schneller, je weiter sie schon
Und die Erde war wüst und leer, und es war entfernt sind. Die erste Idee, dass damit der
finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes Mensch bzw. die Erde als Mittelpunkt des Welt-
schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es alls bewiesen wären, stellte sich sehr schnell als
werde Licht! Und es ward Licht.“ Trugschluss heraus. Dies ist vielmehr ein Effekt,
Mit diesen ersten Worten beschreibt das Buch den jeder beobachtet, der in einem Universum
Genesis den Beginn der Schöpfung. Gerade da lebt, das sich überall und kontinuierlich aus-
der aufgeklärte Mensch diese Worte heute nicht dehnt.
mehr als eine exakte Faktenbeschreibung eines
Ereignisses vor vielleicht fünf- oder sechstau-
send Jahren betrachtet, stellt sich unmittelbar Für ein Universum kann es kein Außen geben,
die Frage, wie die moderne Naturwissenschaft
zum Anfang der Welt steht, ja, ob es einen sol- und noch weniger einen Beobachter, der sich
chen überhaupt gibt, was man darüber sagen dort aufhält, um das Ereignis zu betrachten
kann – und vor allem auch, was wir nicht wissen
bzw. verstehen.
Wenn wir von der Natur unserer Welt, von Streng genommen ist der Ausdruck Ausdeh-
unserem Universum, sprechen, haben wir es nung eine unglückliche Wortwahl, denn selbst
mit dem großartigsten, dem komplexesten, aber ein unendlich großes Universum kann sich in
eben auch dem komplettesten Ausdruck der diesem Sinne ausdehnen, wenn die Abstände
Schöpfung an sich zu tun – und ich gebrauche zwischen allen Objekten immer noch wach-
Schöpfung hier in einem sehr weiten, nicht not- sen. Ohne Weiteres kann man das in dem uns
Die Multiversums-Theorie
wendigerweise religiösen Sinn. Wir haben es zugänglichen Teil des Universums nicht unter-
nimmt mehrere Universen
aber auch immer mit einer Frage zu tun, die den scheiden.
an. Doch kann man sie
gläubigen Menschen, den Philosophen, aber Dass das Universum nicht immer so gewesen nicht beweisen: Wenn
eben auch den Naturwissenschaftler berührt sein kann wie heute, zeigte schon die Überle- es zwei oder mehrere
und interessiert. gung eines Bremer Arztes und Astronomen na- „Universen“ gäbe, die in
Über die Jahrhunderte gab es verschiedenste mens Wilhelm Olbers. Er hatte sich um 1825 die irgendeiner Form mitei-
Versuche, die Kosmogonie, die Lehre vom Wer- Frage gestellt, warum es denn nachts dunkel sei nander wechselwirken
den und von der Entwicklung unseres Kosmos, und nicht tags wie nachts der ganze Himmel so könnten, die wir also von
sowohl von der religiösen als auch der philoso- gleißend hell sei wie die Sonne. Zugegeben, auf unserem Universum aus
phischen als auch der naturwissenschaftlichen den ersten Blick erscheint dies eine arg naive, feststellen könnten, wäre
Seite her zu begreifen. Und vielleicht leben wir um nicht zu sagen einfältige oder gar törichte es in Wirklichkeit doch nur
ein Universum, und wenn
in einer Zeit, in der die Unterschiede in den Auf- Frage zu sein, ist doch der Unterschied zwischen
sie prinzipiell nicht wech-
fassungen so gering sind wie nie zuvor. Tag und Nacht eben gerade dadurch gegeben,
selwirken können, sind sie
dass die Sonne über oder unter dem Horizont irrelevant, und vor allem
steht. weder überprüf- noch
Das Universum breitet sich aus Es zeigt sich aber, dass dieses Olberssche Pa- nachweisbar.
Unser heutiges naturwissenschaftliches Welt- radoxon sehr wohl eine berechtigte Frage dar-
bild geht auf das erste Viertel des 20. Jh. zurück, stellt. Lebten wir in einem unendlich großen
vor allem auf die Beobachtungen des Amerika- und unendlich alten Universum, dann müsste
ners Edwin Hubble, der feststellte, dass sich alle uns das Licht unendlich vieler Sterne dieses Uni-
Galaxien und anderen weit entfernten Himmels- versums bereits erreicht haben. Mag auch jeder
körper von uns entfernen, und zwar in alle Rich- von ihnen einen noch so kleinen Beitrag leisten,

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welt und umwelt der bibel 2/2016 19
die Geburtsstunde des universums

gen nicht viel gemeinsam hat – das ist ein an-


deres als das, in dem wir heute leben und das
wir um uns herum als unsere Welt, als unsere
Energie (E), Masse (m), Lichtgeschwindigkeit (c) Natur sehen. Aber gleichzeitig muss sich unser
heutiges Weltall aus dieser Ursuppe entwickelt
Albert Einsteins Formel zeigt, dass Energie und Masse
haben. In diesem Sinn muss dies der Anfang der
gleichwertig sind – ähnlich wie Raum und Zeit.
heutigen Entwicklung gewesen sein. Und dieser
Zustand wird dann oft als der Anfang des Uni-
versums, als der Urknall bezeichnet, mit dem die
so würden unendlich viele von ihnen eben doch Ausdehnung des Weltalls begann. Ob das aber
den Himmel tags wie nachts überall so hell ma- einem Anfang im Sinne eines Zeitpunktes Null
chen, wie jetzt – zu unserem Glück – nur das entspricht oder nicht, kann man aus wissen-
Sonnenscheibchen am Himmel erscheint. Das schaftlicher Sicht bisher nicht wirklich sagen
Weltall kann also nicht seit ewigen Zeiten exis- – wir können nur feststellen, dass irgendwann
tieren und dabei unendlich groß sein. eine Entwicklung in Richtung unseres heutigen
Doch zurück zu Hubbles Beobachtung der Ver- Universums eingesetzt hat. Und das heute auch
größerung der Abstände: Wenn sich die Abstän- in den Naturwissenschaften oft gebrauchte Kon-
de kontinuierlich vergrößern und dies schon seit zept eines tatsächlichen Anfangs, den wir als
langer Zeit, dann müssen sie in früheren Zeiten den Urknall bezeichnen, mag sehr wohl von der
kleiner, viel kleiner, ja extrem viel kleiner gewe- biblischen Schöpfungsgeschichte, der Genesis,
sen sein. Man kann diese Überlegung so weit beeinflusst sein.
treiben, dass sie vor etwa 14 Milliarden Jahren Als Menschen lieben wir es, uns Bilder von
so klein gewesen sein müssen, dass das Weltall Vorgängen zu machen, um sie besser verstehen
eine einzige, undurchsichtige Gasmasse gewe- zu können – und das geht mir als Astrophysiker
sen sein muss – es kann keine individuellen Ga- nicht anders, auch wenn mir mit der Mathema-
laxien, Sterne oder gar Planeten gegeben haben, tik eine Art von Sprache zur Verfügung steht, die
weil die Abstände zwischen ihnen so klein ge- es erlaubt, auch im wahrsten Sinne des Wortes
Unvorstellbares handhabbar zu machen.
Man hört oft die Formulierung, dass das Uni-
Wir müssen uns bescheiden und akzeptieren, versum damals aus einem einzigen Punkt eben
durch diesen Urknall entstanden wäre. Und
dass wir heute das, was wir Schöpfung oder dann ist es in der Fantasie nur noch ein kurzer,
Urknall nennen, nicht naturwissenschaftlich zugegebenermaßen naheliegender Weg dahin,
sich den Anfang des Weltalls von außen gesehen
bis ins Letzte beschreiben können als eine phänomenale Explosion vorzustellen.
Und gleichzeitig stellt sich damit dann natürlich
die Frage, wohin sich denn das Weltall über-
wesen wären, dass schlichtweg der Platz nicht haupt ausdehnen solle.
ausgereicht hätte. Und heute wissen wir, dass es So naheliegend diese Vorstellung ist, so falsch
diesen Zustand einer sehr dicht gepackten, un- ist sie. Sich das Ganze als Explosion von außen
durchsichtigen „Ursuppe“ tatsächlich gegeben anzusehen, ist unmöglich, denn das Universum,
hat, wir sehen nämlich Strahlung, die den gan- das gerade in einem solchen punktförmigen Ur-
zen Himmel überzieht und aus der Zeit stammt, knall entstanden wäre, müsste ja alles umfas-
als dieses Gas im immer größer werdenden Welt- sen, sonst wäre es nur ein Teil des Ganzen und
all durchsichtig wurde – man spricht von der kein Universum. Für ein Universum kann es kein
Kosmischen Hintergrundstrahlung. Sie ist aller- Außen geben, und noch weniger einen Beobach-
dings im sichtbaren Licht so schwach, dass wir ter, der sich dort aufhält, um das Ereignis zu be-
sie nicht ohne Weiteres erkennen können. trachten.
Und – wie gesagt – ein Universum, in dem
sich die Abstände vergrößern, kann trotz allem
Eine Ursuppe, in der alles immer unendlich groß sein. Ich gebe zu, dass
vorhanden war es sehr schwierig ist, sich das vorzustellen, aber
Eine solche Ursuppe stellt ganz ohne jeden man darf nicht vergessen, dass das Voneinan-
Zweifel ein Universum dar, das mit dem heuti- der-Wegfliegen nicht bedeutet, dass der jeweili-

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welt und umwelt der bibel 2/2016
die Geburtsstunde des universums

Das UniversumHier
breitet sich aus
steHt vorerst ein blindtext
Der Raum dehnt sich überall aus. Im Gegensatz zur Erwartung zeigt
sich, dass diese Ausdehnung sogar immer schneller wird. Dafür
Mikrowellen-Hintergrundstrahlung wird eine „Dunkle Energie“, die wir noch nicht wirklich verstehen,
Das erste Licht, das durchdringen konnte, verantwortlich gemacht. Gravitationswellen, deren Entdeckung im
etwa 370.000 Jahre nach dem Urknall, Februar 2016 veröffentlicht wurde, werden bei der Erforschung der
„Nachleuchten des Urknalls“. Forscher Entwicklung des Weltalls von größter Hilfe sein.
weltweit versuchen, die Strahlung zu inter-
pretieren und Boten des Anfangs zu finden.

„Urknall“
vor 13,7 Milliarden
Jahren. Das Universum
war damals extrem dicht
und undurchsichtig; aus
diesem Zustand begann
es sich zum heutigen
Weltall auszudehnen.

Die ersten Sterne


nach etwa 200 Millionen
Jahren.

Entwicklung von Sternen, Galaxien und Planeten

Die Entstehung des Universums in einem Modell der NASA.

ge Beobachter der Mittel- oder Ausgangspunkt tionen Anlass bietet, dass dieses Konzept aber
der Bewegung ist, vielmehr wird jeder Beobach- einen ganz entscheidenden Faktor außer Acht
ter die gleiche Beobachtung machen, also wird lässt, der mit der Relativitäts- und Quantenphy-
auch jeder bei einer Rückextrapolation davon sik zu tun hat:
ausgehen können, dass es zu früheren Zeiten an Die Schlussfolgerung, dass es einen Anfang
seinem Ort solch extreme Dichten gegeben ha- des Universums geben muss, haben wir allein
ben muss. Das heißt dann, dass es den Zustand aus der Tatsache abgeleitet, dass die Materie-
des Urknalls überall gegeben hat. dichte im Universum früher viel größer, ja zu
In den Naturwissenschaften ist man sich aller- einem bestimmten Zeitpunkt sogar unendlich
dings auch dessen bewusst, dass dieses Konzept groß gewesen sein muss.
des Urknalls zwar ein unmittelbar einleuchten- Das immer größer und damit leerer werdende
des und deshalb überaus populäres Konzept ist, Universum wird in seiner heutigen Entwicklung
das die Fantasie der Menschen anregt und zu durch die Anziehungskräfte dominiert, und die-
vielen – sinnvollen und unsinnigen – Spekula- se beschreiben wir mit Einsteins Gravitations-

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welt und umwelt der bibel 2/2016 21
2 3

4 5

Bilder vom Weltraumteleskop Hubble, dem Fernrohr ins All:


Das Weltraumteleskop fotografiert seit fast 26 Jahren eine unerschöpfliche Vielfalt
an Formen und Farben in den Tiefen des Universums. Dabei werden mitunter dra-
matische Ereignisse sichtbar, die manchmal nur wenige Lichtjahre entfernt sind,
manchmal aber auch viele Millionen. Und vor entsprechend langer (oder kurzer)
Zeit haben diese Ereignisse stattgefunden:
Skulpturen verstorbener und explodierter Sterne (4, 11), bizarre Staub- und
Gaswolken, in denen neugeborene Sterne beginnen zu leuchten (7, 8, 9, 10, 12),
kollidierende Galaxien (6), Galaxien von eleganter Schönheit (5, 13), Schwärme
uralter Sterne (2), Gaswolken, die mit unvorstellbar hoher Geschwindigkeit in den
Raum rasen (3). Die Forscherinnen und Forscher geben den Formationen fanta-
sievolle Namen: Stundenglasnebel (4), Pferdekopfnebel (9), Lagunennebel (10),
Pfeiler der Schöpfung (12) ...
Die Hubble-Daten haben die Astronomie beflügelt. Sie haben viele Fragen beant-
6 wortet und mindestes ebenso viele neu aufgeworfen.

7 8 9

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welt und umwelt der bibel 2/2016
10 die Geburtsstunde des universums

theorie, der Allgemeinen Relativitätstheorie. In


deren Rahmen ist es sogar möglich, dass der
Raum, in den hinein sich das Universum aus-
dehnt, durch das Universum selbst geschaffen
wird, in dem es also in diesem Sinne gar kein
Außen gibt, ja nicht einmal zu geben braucht.
So weit sollte das kein Problem sein. Wenn
wir aber in der Zeit zurückgehen, dann kommen
wir eben zu einem Zeitpunkt, an dem die Gra-
vitation nicht alles ist, dann spielen auch die
Kräfte der Materie auf sehr kleinen Skalen eine
Rolle, so wie wir sie heute z. B. aus dem Inne-
ren der Atome kennen. Und diese werden nicht
durch die Relativitätstheorie, sondern durch die
11 Quantentheorie beschrieben. Auch diese Physik
verstehen wir leidlich gut, allerdings nicht an-
nähernd so gut wie die Relativitätstheorie.

Es gibt ein Problem bei der


Urknall-Theorie
Das Problem besteht aber darin, dass prak-
tisch gleich ab der Formulierung von Relativi-
täts- und Quantenphysik zu Beginn des 20. Jh.
klar war, dass diese beiden Ansätze schon vom
12 Konzept her irgendwie nicht zusammenpassen.
Dies ist nicht in dem Sinn zu verstehen, dass Relativitätstheorie und
einer oder sogar beide falsch sind, sondern so, Quantenphysik
dass sie nicht kompatibel sind. Dort, wo einer Beide sind für sich
der beiden dominiert, ist alles einigermaßen schlüssig, passen aber in
gut, aber dort, wo beide gleich wichtig sind, vielen Fällen nicht recht
sind wir als Naturwissenschaftler in Schwierig- zusammen. Die Relati-
vitätstheorie beschreibt
keiten, dort passen die beiden Pfeiler unseres
physikalische Vorgänge bei
heutigen Weltverständnisses einfach nicht zu-
Gravitation im Universum,
sammen.
während die Quanten-
Am Anfang des Universums, vor etwa 14 Mil- physik sich im Gegensatz
liarden Jahren, müssen aber eben genau die- dazu mit Vorgängen
se beiden Beschreibungen gekoppelt gewesen beschäftigt (etwa auf der
sein. Das ganz junge Universum war von einer Ebene winziger Atome),
Kombination aus Quanten- und Relativitätsphy- bei denen Gravitation nicht
sik dominiert. Es gibt heute viele Ansätze, die bestimmend ist und die
13 beide vereinigen wollen, aber keiner dieser An- wesentliche Aspekte aus
sätze hat sich bisher als so erfolgreich erwiesen, der Wahrscheinlichkeits-
theorie aufweisen.
dass er das Problem tatsächlich gelöst hätte.
Am Anfang des Univer-
Ob wir hier dann wirklich an einem Anfangs-
sums müssen aber beide
punkt des Universums stehen oder ob es noch
zusammengewirkt haben.
frühere, ganz andere Zustände des Universums
gibt, von denen wir noch gar nichts ahnen, kann
ich als Naturwissenschaftler nicht sagen. Wir
wissen nicht, was uns die Entwicklung unseres
Wissens in der Zukunft bringen wird. Wir müs-
sen uns aber jetzt bescheiden und akzeptieren,
dass wir heute das, was wir Schöpfung oder Ur-

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welt und umwelt der bibel 2/2016 23
die Geburtsstunde des universums

knall nennen, nicht naturwissenschaftlich bis che kleine Änderungen in den Naturkonstanten,
ins Letzte beschreiben können. die wir heute noch nicht mit letzter Sicherheit
ausschließen können, stehen dem nicht entge-
gen.
Unsere Naturgesetze gelten im Mich – und viele meiner Kollegen – über-
gesamten Universum raschen dabei zwei Aspekte: Zum einen ist es
Implizit basieren die ganzen bisherigen Über- die Tatsache, dass wir Menschen mit unseren
legungen dieses Artikels auf einer grundlegen- höchst begrenzten Mitteln überhaupt ein trag-
den Erkenntnis der Naturwissenschaften, die fähiges System hinter dem entdecken können,
eigentlich einer genaueren eigenen Betrachtung was wir staunend beobachten. Zum anderen ist

Sehen wir etwas? Hören wir jemanden?


Parabolantennen des Atacama Large Millimeter/submillimeter
es eben die Feststellung, dass es allem Anschein
Array (ALMA), des weltweit größten Radioteleskops in den An-
nach tatsächlich so etwas wie einen universell
den (Chile). Radioteleskope messen elektromagnetische Wellen
gültigen Mechanismus zu geben scheint, der die
von Himmelskörpern, sie empfangen Daten von entfernten
Phänomene des Weltalls im Großen wie im Klei-
Raumsonden und werden eingesetzt, um nach noch unbekann-
nen zu beschreiben erlaubt.
ten Galaxien und Spuren außerirdischen Lebens zu suchen.
Um Missverständnissen vorzubeugen, ich
bilde mir nicht ein, dass wir heute auch nur
annähernd alle Vorgänge der Natur korrekt zu
beschreiben und zu interpretieren vermögen. Ja,
wert wäre, nämlich die räumliche und zeitliche ich gehe einen Schritt weiter, ich bin mir nicht
Universalität der Naturgesetze. Lakonisch fest- einmal sicher, ob wir Menschen überhaupt eine
zustellen, dass dies ja so sein müsse, da man Chance haben, das Weltall eines – vielleicht
sonst das Weltall nicht erforschen könne, mag auch noch so fernen – Tages komplett zu ver-
stimmen, hilft aber nicht weiter. Ob man es an- stehen. Nein, ich bin mir sogar sicher, dass wir
derenfalls überhaupt nicht erforschen könnte, das nicht erreichen werden. Aber dies ist kein
sei dahingestellt, es wäre aber auf jeden Fall unnötiger Kultur-Pessimismus und genau so
außerordentlich viel schwieriger. Aber das wäre wenig eine Schande, wenn dem tatsächlich so
unser Problem und gäbe keine Begründung her, sein sollte. Im Gegenteil, das macht sogar einen
dass es nicht doch so sein könnte; das müsste wichtigen Teil des Faszinosums Wissenschaft
das Universum nicht stören. aus. Wir leben in einer Welt, die von einem uner-
Die Naturgesetze – wie gesagt – sind nach al- schöpflichen Vorrat an Erforschbarem gekenn-
lem, was wir wissen, tatsächlich überall gleich. zeichnet ist.
Die, die wir in Labors feststellen, sind identisch Gerade wenn wir zugeben, dass wir das Uni-
mit denen auf dem Mond, auf anderen Planeten versum naturwissenschaftlich vielleicht nie in
oder in entfernten Ecken des Universums. Mögli- seiner Vollkommenheit bis ins Letzte verstehen

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die Geburtsstunde des universums

werden können, ist es doch unglaublich, dass unsere Grenzen limitiert. Und ganz gleich, ob wir
wir trotzdem mit ziemlicher Sicherheit sagen tief religiös sind oder Agnostiker, wir müssen an-
können, dass es überall und zu jeder Zeit in glei- erkennen, dass das Universum großartiger, um-
cher Weise „funktioniert“. fassender ist als das, was wir erkennen.
Aber zurück zum Anfang des Universums, und Insofern wohnt dem Anfang und der Univer-
ich verwende den Ausdruck „Universum“ jetzt in salität aus religiöser wie aus naturwissenschaft-
seiner umfassenden Bedeutung, und nicht nur licher Sicht ein Zauber, wie es Hesse gesagt hat,
als Universum des Naturwissenschaftlers: Das ja ein Mysterium inne.
„Ganze“ apodiktisch als „Anfang“ zu bezeich- Aber vielleicht ist ein Zitat von Max Planck
nen ist riskant, wenn wir nur wissen, dass das noch treffender. Der gebürtige Kieler begann

Universum damals ganz anders war als heute. seine Professorenkarriere in der zweiten Hälfte Anmerkung
Wir wissen nicht, was uns die Entwicklung un- der 1880er-Jahre als Professor für Theoretische Verschiedene Aspekte
seres Wissens in der Zukunft bringen wird. Wie Physik an der Christian-Albrechts-Universität. dieses Themas wurden
oben bereits gesagt: Wir müssen uns vorerst da- Er wurde später zum Vater der Quantenmecha- in den Neuwührener
mit bescheiden und akzeptieren, dass wir heute nik und damit zu einem der Väter der modernen Professorenpredigten
das, was wir Schöpfung oder Urknall nennen, Physik. Und eben dieser Max Planck formulierte 2013 (Hg. K. Kürzdörfer;
nicht bis ins Letzte beschreiben können. Es wür- es so: ISSN 1864-2772) und
de mich nicht einmal wundern, wenn wir eines „Für den gläubigen Menschen steht Gott am 2015 (Hg. K. Kürzdörfer;
vielleicht gar nicht so fernen Tages lernen wür- Anfang, für den Wissenschaftler am Ende aller in Druck) des Autors be-
den, dass unsere heutige Urknall-Kosmologie Überlegungen.“ W handelt und publiziert.
als detaillierte Faktenbeschreibung auch nicht
viel mehr wissenschaftliche Qualität aufweist
als die Schöpfungsgeschichte in sieben Tagen
nach der Genesis.
Eines dürfen wir aber bei allem nicht vergessen:
Ganz gleich, aus welcher Blick- und Geistesrich-
tung wir kommen, all unsere Vorstellungen sind
durch unsere Fähigkeiten limitiert. Und damit Prof. Dr. Wolfgang J. Duschl
meine ich nicht nur die individuellen Fähigkeiten forscht und lehrt an der Christian-
jedes einzelnen Menschen, sondern die kollekti- Albrechts-Universität zu Kiel
und an der University of Arizona
ven Fähigkeiten der Menschheit insgesamt. Kurz:
(USA). Seine Spezialgebiete sind
Wir haben allen Grund, stolz zu sein auf unsere die Entwicklung Schwarzer Löcher
Erkenntnisse, wir dürfen uns aber auch nicht in den Zentren von Galaxien,
überschätzen. All’ unsere Bilder, all’ unsere Be- sowie die Suche nach Spuren von
schreibungen, all’ unser Verständnis sind durch Leben im Universum.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 25
Hintergründe zur biblischen Schöpfungstheologie
Zusammengestellt von Bettina Wellmann

Zwei Erzählungen vom Anfang


Menschen fragten sich zu allen Zeiten: Wieso ist die Welt so, wie wir sie kennen?
Warum gibt es sie überhaupt?

F ür die biblischen Schriftsteller war es selbstverständlich, dass die Welt von Gott gewollt und getragen ist. Sie ist nicht Zu-
fall, sondern Schöpfung. Sie ist sein Werk. Sie versuchten zu beschreiben, auf welche Weise die Welt, wie wir sie erleben,
von Gott gestaltet und durchwirkt ist. Ihre Antworten lesen wir in zwei aufeinanderfolgenden Erzählungen: Genesis 1,1-2,3 ent-
hält ein wunderbares Gedicht über den Anfang aller Dinge. Genesis 2,4-25 erzählt ganz anders die Erschaffung des Menschen
als Mann und Frau. Die beiden Schöpfungserzählungen stammen aus unterschiedlichen Quellenschriften der Bibel, die in
der jüngeren Forschung als priesterlich (Gen 1,1ff; ca. 6./5.Jh. vC) und nicht-priesterlich (Gen 2,4ff; älter als der priesterliche)
bezeichnet werden. Deren Verhältnis wird unterschiedlich diskutiert.

Der Anfang aller Dinge – Adam und Eva – die Menschen


die gute Schöpfung (Genesis 1,1-2,3) werden erwachsen (Genesis 2-3)
Genesis 1,1-2,3 ist ein Gedicht, ein Lied, das uns zum Staunen Gegenüber der in Genesis 1,1-2,3 dominierenden Sicht
und Mitsingen einlädt. Das Thema des Liedes ist unsere Le- der guten Schöpfung wird nun die Ambivalenz der
benswelt auf dieser Erde, dargestellt in sieben Tagen und acht menschlichen Realität sichtbar. In Genesis 2 wird die
Werken. Der Anfangszustand ist nicht das Nichts, sondern Geschichte vom Garten Gottes, vom Paradies, erzählt.
die Erde in chaotischem Zustand, den die Bibel tohu-wa-bohu Bis heute träumen Menschen von dieser Geborgen-
nennt. Tag 1, 4 und 7 entfalten die Zeit in Rhythmen: Tag und heit bei Gott, sie soll wiederkommen am Ende der
Nacht als Grundrhythmus, dann die Jahreszeiten, die Monate Zeiten. Die Paradiesmenschen sind noch wie Kinder.
und Festzeiten, die durch die Gestirne Sonne und Mond be- Aber sie werden erwachsen. Sie überschreiten ihre
stimmt werden, schließlich die freie Zeit vom Alltag mit seinen Grenzen, lernen das Gute und Böse kennen, kommen
Verpflichtungen. Tag 2 und 3 beschreiben den Lebensraum zur Erkenntnis. Diese Entwicklung wird in Genesis 3
Erde, wobei die Pflanzen nicht als Lebewesen, sondern als mit vielen Bildern erzählt: dem Baum des Lebens und
zur Erde gehörig angesehen werden. Tag 5 und 6 besingen die dem Baum der Erkenntnis, der verbotenen Frucht,
Besiedlung dieses Lebensraumes durch Tiere und Menschen. der sprechenden Schlange. Letztlich wird das Leben
Das Gedicht erzählt nicht, was vor Urzeiten einmal war und erklärt, wie Menschen es bis heute wahrnehmen: Wa-
vergangen ist, sondern davon, wie wir tagtäglich feste Struktu- rum gibt es Gut und Böse? Warum ist Arbeit so müh-
ren von Zeiten und Räumen erfahren, die unser Leben ermögli- sam? Warum leiden Menschen unter Schmerzen? Wa-
chen und uns vor dem Tod, symbolisiert in den Chaoswassern, rum schämen wir uns voreinander? Warum sterben
schützen. Als Krönung der Schöpfung beschreibt der Text wir? Warum ist Gott fern?
nicht den Menschen, sondern den Sabbat, das Freisein und
das Ruhen von der Arbeit.

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Erschaffung des
Menschen
Freundlich begrüßt
der Schöpfer
zusammen mit
allen Tieren den
Menschen in seiner
Lebenswelt. Gott
hält den noch
unsicher Schauen-
den. Miniatur aus
dem Hexateuch
des Ælfric der
Benediktinerabtei
St. Augustine, Can-
terbury, entstanden
1050–1150 nC
The British Library,
London.

WAS GEnESiS 1 unD 2 ErZählEn übEr ...

... Gott: ... den Menschen: ... die Schöpfung:


Ewig – Er war schon immer „da“. Bild Gottes – Dies gibt dem Menschen Verantwor- Gut, nicht böse – Gottes Schöp-
Einzig – Es gibt keine zwei Götter tung als Repräsentant Gottes, die Verantwortung fung ist sehr gut und soll bewahrt
(Dualismus) oder viele Götter verleiht Würde. werden.
(Polytheismus), sondern nur Mann und Frau – Beide sind Abbild Gottes und Geordnet – Die Schöpfung
einen einzigen Gott. gleichwertig. Der Mensch ist als soziales Wesen ermöglicht Leben durch die Ord-
Liebhaber des Lebens – Gott gedacht, dessen Leben im Miteinander gelingt. nung von Zeit und Raum.
setzt den lebensfeindlichen Wie die Tiere und doch anders – Beide wurden Unvollendet – Die Schöpfung
Mächten der Welt Grenzen. am selben Tag, aber durch einen unterschiedli- wartet noch auf ihre Vollendung.
Allmächtig – Gott steht über chen Schöpfungsakt geschaffen. Der Mensch ist Das Buch der Offenbarung ver-
dem chaotischen Urzustand. Hüter der Tiere. heißt „einen neuen Himmel und
Auf eine Beziehung zum Frei und eingebunden zugleich eine neue Erde“.
Menschen aus – Gott möchte Gott hat dem Menschen die Fähigkeit verliehen, Gottes Schöpfung – Die Schöp-
nicht unnahbar sein, sondern die Schöpfung zu gebrauchen, aber auch den Auf- fung hat ihren Ursprung bei
ansprechbar für den Menschen. trag, für sie zu sorgen. Gott. Sie muss deshalb von den
Beziehungswesen – Der Mensch ist geschaffen, Menschen geachtet und bewahrt
mit seinem Mitmenschen und mit Gott in einer werden.
lebendigen Beziehung zu sein.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 27
hintergründe ZUr BiBLiSChen SChÖPFUngStheoLogie

Was ist ein Schöpfungsmythos?


Die biblischen Schöpfungstexte sind geprägt durch das mythologische Denken
der Alten Welt. Ein Text des 2010 verstorbenen Münsteraner Alttestamentlers
Erich Zenger hat auf den Punkt gebracht, was das bedeutet.

Jenseits der Geschichte weltlichem und Weltlichem, von Göttli- lischen Schöpfungsmythen und analog
Ob der Ur-Feuerball, aus dem sich der chem und Menschlichem. Dem Mythos die biblischen Schöpfungsgeschichten
Ur-Knall ereignete, ob Wasserstoff-Atome geht es nicht um rationale Erklärung der reden eigentlich nicht darüber, wie es
oder was immer naturwissenschaftlich Weltphänomene und ihrer Ursachen, zu dieser Welt gekommen ist, sondern
gesehen „am Anfang“ war – kein natur- sondern er erzählt von den guten Anfän- wie diese Welt „eigentlich“ ist, wie der
wissenschaftliches Welt-Modell will und gen der Welt im Sinne des Gründens, des Mensch sie und sich in ihr sehen soll und
kann die philosophischen und theologi- Grundgebens, des Grundfesthaltens. vor allem: wie die Götter bzw. der Gott
schen Fragen beantworten: Warum gibt Israels zu dieser Welt stehen, sie halten
es überhaupt etwas und nicht nichts? Der Schöpfungsmythos ist nicht die und schützen sollen. Der Mythos ist ge-
Was ist der Grund des Anfangs? War es „Ausfabulierung eines vorgeschichtli- radezu das Einklagen einer Weltordnung
ein guter oder böser Anfang? Ein Unfall chen, de facto allem Wissen entzogenen im Angesicht der als Schöpfergottheiten
oder ein Zufall? Was soll das Ganze? War- Zeitraumes, in dem erste Ursachen be- verehrten Götter. Im Mythos kehren die
um und Wozu das Ganze? Und ich in ihm? stimmt oder die Prototypen gegebener Menschen an den als ideal vorgestellten
Wie kann ich selbst einen Sinn haben, Weltphänomene auf Gott (oder die Göt- „Anfang“ zurück – in eine „paradiesi-
wenn dieses Ganze keinen Sinn hat? Und ter) zurückgeführt werden“. Seine Aufga- sche“ Gegen-Welt zu der als vielfach ge-
wie soll dieses Ganze jetzt einen Sinn ha- be ist vielmehr, „die Tiefendimension der stört und bedroht erfahrenen „realen“
ben, wenn es ihn nicht schon von Anfang gegenwärtigen Erfahrungswelt auszusa- Welt. Die biblische Schöpfungstheologie
an hat? Und wie soll der Gott, dem ich für gen und diejenigen Grundgegebenheiten ist deshalb eine Antwort auf Angst und
mich, hier und heute, vertraue, der Ho- und Grundbestimmungen freizulegen, Resignation angesichts katastrophischer
rizont und der Halt meines Lebens sein, die für Welt und Mensch im Ganzen und Welt- und Lebenserfahrungen.
wenn er nicht zugleich, ja zuallererst der immer schon gelten“ (O. H. Steck). Wäh-
Gott dieser Welt von Anfang an ist? rend wir in unserer philosophisch-theo- In archaischer Zeit entfaltete der My-
logischen Tradition und Sprechweise thos seine gründende Kraft, indem er im
Die biblische Rede von Gott als dem solche normativen Grundstrukturen und Kult rezitiert und im Ritus nachgespielt
Schöpfer der Welt und dem Schöpfer des Bedingungen der Möglichkeit von Welt- wurde. Vorzüglicher Sitz im Leben von
Menschen ist ein Nachdenken über die- und Menschsein in abstrakten Definiti- Schöpfungsmythen waren der Beginn ei-
se Fragen. Was die altorientalischen und onen formulieren, wählt der Mythos die nes neuen (agrarisch bestimmten) Jahres
israelitischen Schöpfungsüberlieferun- Form der Göttergeschichte, die er als „am und die Geburt eines Menschen. Beide
gen zutiefst umtreibt, lässt ihre älteste Anfang“ spielend erzählt, wobei dieser Situationen sind kritische Momente in
literarische Gestalt und deren erschließ- Anfang nicht ein zeitlicher Anfang ist, der kollektiven und individuellen Le-
bare archaische Verwendung („Sitz im sondern Anfang im Sinne von exempla- bensgeschichte. Wenn in ihnen der My-
Leben“) erkennen. Auch die uns über- rischem und normativem Ur-Geschehen. thos von der Weltschöpfung (Neujahr)
kommenen biblischen Schöpfungstexte Die Zeit des Mythos ist deshalb, streng und der Menschenschöpfung (Geburt)
sind noch von der Herkunft der Schöp- genommen, eine Zeit jenseits der Zeit der rezitiert wird, geschieht es mit dem Ziel,
fungstheologie aus dem Mythos geprägt. Geschichte: Ur-Zeit, die Zeit überhaupt den „neuen“ Menschen und das „neue“
Viele ihrer Motive und Bilder sind my- ermöglicht und normiert, Urgeschichte, Jahr heilvoll in die am guten Anfang göt-
thisch. Der Mythos als Göttergeschichte die Ursprung und Modell von Geschich- ter- bzw. gottgestiftete Welt- und Lebens-
ist nicht, wie bisweilen gesagt wird, eine te ist. Der Mythos gibt Kunde von einem ordnung zu integrieren: ihnen Grund
vor-naturwissenschaftliche und deshalb Urgeschehen, das in illo tempore („in und Sinn zu geben, ihnen zu vermitteln,
heute längst überholte Erklärung der jener Zeit“) geschehen ist, und durch was immer schon und überall gültig ist
Weltwirklichkeit, sozusagen primitive das alle weiteren Geschehnisse begrün- und sein soll, seit und solange es Welt
Naturwissenschaft, die Naturprozesse det, normiert und als sinn- und heilvoll und Menschen gibt.
mit Göttergestalten statt mit Formeln qualifiziert werden. Für den Mythos ist
beschreibt. Er ist auch nicht, wie Bei- das gegenwärtige Leben die notwendi-
spielsweise Rudolf Bultmann meinte, ge Wiederholung seines Ursprungs, die (Erich Zenger, Jenseits der Geschichte. In: Bibel
die unstatthafte Vermischung von Über- Anamnese seines Urbilds. Die altorienta- und Kirche 1/2003 „Urgeschichten“, 2–3)

28 welt und umwelt der bibel 2/2016


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DAS SchöpfunGSGEDicht GEnESiS 1,1 biS 2,3


in einer wörtlichen Übersetzung von Erich Zenger, die Eigenart und Struktur des hebräischen Urtexts aufnimmt.
Das Chaos wird geordnet:

Die lebensfeindliche „Vor-Welt“ (1,1-2) 5. Tag: Erschaffung der Wassertiere und Vögel (1,20-23)
Als Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen. Und Gott sprach: „Es sollen die Wasser wimmeln, ein Gewim-
Und die Erde war (noch) Wüste und Leere, und mel lebender Wesen, und Fluggetier soll fliegen über die Erde
Finsternis war über der Urflut, und der Atem Gottes hin an der Vorderseite der Ausdehnung Himmels!“
war in Bewegung über den Wassern. Und Gott schuf die großen Meeresungeheuer und alle leben-
digen Wesen, die sich regen, von denen die Wasser wimmeln,
1. Tag: Erschaffung des Lichts (1,3-5)
nach seinen Arten, und alles geflügelte Fluggetier nach ihren
Und Gott sprach: „Es werde Licht!“ Und es wurde Licht.
Arten. Und Gott sah, wie gut es war (ist).
Und Gott sah das Licht, wie gut es war (ist).
Und Gott segnete sie mit den Worten: „Seid fruchtbar und
Und Gott schied das Licht von der Finsternis.
werdet zahlreich und füllt die Wasser in den Meeren, und das
Und Gott berief das Licht als Tag, und die Finsternis
Fluggetier soll zahlreich werden auf der Erde!“
berief er als Nacht.
Und (danach) wurde es Abend, und es wurde Morgen, fünfter
Und (danach) wurde es Abend, und es wurde Morgen,
Tag.
ein Tag.
6. Tag: Erschaffung der Landtiere und Menschen (1,24-31)
2. Tag: Scheidung der Wasser (1,6-8)
Und Gott sprach: „Es bringe die Erde hervor lebendige Wesen
Und Gott sprach: „Es sei eine Ausdehnung inmitten der
nach ihren Arten: Vieh und Kriechgetier und Wildgetier der
Wasser, so dass sie zwischen Wassern und Wassern
Erde nach seinen Arten!“ Und dementsprechend geschah es:
(andauernd) scheidet!“ Gott machte die Ausdehnung, so
Und Gott machte das Wildgetier der Erde nach seinen Arten
dass sie schied zwischen den Wassern, die unterhalb der
und das Vieh nach seinen Arten und alles Kriechgetier des Erd-
Ausdehnung sind, und den Wassern, die oberhalb der
bodens nach seinen Arten. Und Gott sah, wie gut es war (ist).
Ausdehnung sind. Und dementsprechend geschah es:
Und Gott sprach: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild,
Und Gott berief die Ausdehnung als Himmel. Und (danach)
wie unsere Ähnlichkeit, damit sie herrschen über die Fische im
wurde es Abend, und es wurde Morgen, zweiter Tag.
Meer und über das Fluggetier am Himmel und über das Vieh
3. Tag: Scheidung von Land und Meer (1,9-13) und über alles Wildgetier auf der Erde und über alles Kriechge-
Und Gott sprach: „Es seien gesammelt die Wasser von tier, das über die Erde hin kriecht!“
unter dem Himmel weg an einem Ort, so dass das Trockene Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Gottesbild schuf
sichtbar werde.“ Und die Wasser sammelten sich von er ihn, männlich und weiblich schuf er sie.
unter dem Himmel weg an ihre Ansammlung. Und dem- Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: „Seid fruchtbar
entsprechend geschah es: Und Gott berief das Trockene und werdet zahlreich und füllt die Erde, und nehmt sie in Besitz.
als Erde, und die Ansammlung der Wasser berief er als Und herrscht über die Fische im Meer und über das Fluggetier
Meere. Und Gott sah, wie gut es war (ist). am Himmel und über jedes Tier, das sich auf der Erde regt!“
Und Gott sprach: „Es lasse die Erde Grünes grünen: Pflan- Und Gott sprach: „Siehe, hiermit gebe ich euch alle Pflanzen,
zen, die Samen bilden, Fruchtbäume, die Früchte bringen, die Samen samen, die über die ganze Erde hin sind, und alle
in denen ihr Same ist, auf der Erde!“ Und dementsprechend Bäume, an denen Baumfrüchte sind, die Samen samen: Euch
geschah es: Die Erde brachte Grünes hervor: Pflanzen, die sollen sie sein zur Nahrung. Und allem Wildgetier auf der Erde
Samen bilden, nach ihren Arten, und Bäume, die Früchte und allem Flüggetier am Himmel und allem Kriechgetier auf der
bringen, in denen ihr Same ist, nach ihren Arten. Erde, das Lebendigkeit in sich hat, gebe ich alles Blattwerk der
Und Gott sah, wie gut es war (ist). Und (danach) wurde es Pflanzen zur Nahrung!“
Abend, und es wurde Morgen, dritter Tag. Und dementsprechend geschah es. Und Gott sah alles, was er
4. Tag: Erschaffung der Himmelskörper (1,14-19) gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.
Und Gott sprach: „Es seien Leuchtkörper an der Ausdeh- Und (danach) wurde es Abend, und es wurde Morgen, der
nung des Himmels, um zu scheiden zwischen dem Tag und sechste Tag.
der Nacht, und sie seien zu Zeichen, und zwar für Festzeiten 7. Tag: Gott vollendet sein Werk, indem er ruht (2,1-3)
und für Tage und Jahre, und sie sollen dienen als Leuchtkör- Und Gott vollendete am siebten Tage seine Arbeit, die er ge-
per an der Ausdehnung des Himmels, um zu leuchten über macht hatte, indem er aufhörte am siebten Tage mit all seiner
die Erde hin!“ Und dementsprechend geschah es: Und Gott Arbeit, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten
machte die zwei Leuchtkörper, den größeren Leuchtkörper Tag und er heiligte ihn: denn an ihm hörte er auf mit all seiner
zur Herrschaft über den Tag und den kleineren Leuchtkör- Arbeit, die Gott geschaffen hat durch sein Machen.
per zur Herrschaft über die Nacht, und Gott setzte sie an
(Aus: Erich Zenger, Gottes Bogen in den Wolken, SBS 112 © Verlag
die Ausdehnung des Himmels, um zu leuchten über die Erde
Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 1983, 185–188)
hin, und um zu herrschen über den Tag und über die Nacht
und um zu scheiden zwischen dem Licht und der Finsternis.
Und Gott sah, wie gut es war (ist). Und (danach) wurde es Initial von Gen 1,1 („In principio ...“)
Abend, und es wurde Morgen, vierter Tag. aus der Gutenbergbibel, um 1455.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 29
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Schöpfungsmythen aus der umwelt israels

Jede antike Kultur besaß eigene Schöpfungsmythen.


Ihre Antworten auf die Fragen der Existenz sind
verschieden und zeigen Unterschiede zu den bib-
lischen Schöpfungserzählungen. Der babylonische
Schöpfungsmythos Enuma Elisch berichtet, wie die
Welt aus einem tödlichen Kampf zwischen Marduk
und Tiamat entsteht. In den Erzählungen der Genesis
gibt es dagegen nur einen einzigen, höchsten Schöp-
fergott. Auch im Menschenbild gibt es Unterschiede:
„Als oben der Himmel noch nicht genannt
war ...“ Mit diesen Worten (enuma elisch) beginnt der Im Atrachasis-Mythos etwa werden die Menschen als
babylonische Schöpfungsmythos. Keilschrifttafel aus Diener geschaffen, damit sie den Göttern die Last der
Ninive, heute British Museum, London.
Arbeit abnehmen.

MESOPOTAMIEN
Aus dem mesopotamischen Bereich ist das berühmte Enuma-Elisch-Epos bekannt, dessen
erste fixe Formulierung um 1200 vC wahrscheinlich ist. Auf sieben Steintafeln, die mit Keil-
schrift beschrieben sind, wird berichtet, wie der babylonische Gott Marduk das Seeungeheu-
er Tiamat tötete (vgl. die Urflut in Gen 1,2!) und aus dessen Körper die ganze Welt erschuf.

Die Entstehung der Götter (Theogonie)


„Als oben der Himmel noch nicht genannt war Kudurru aus Susa,
und unten die Erde noch keinen Namen hatte, um 1200 vC. Solche Keil-
Als Apsu (der Süßwasserozean), der uranfängliche, ihr (= der Götter) Erzeuger, schriftsteine zeigen in der
und Mutter (?) Tiamat (das Meer), die sie alle gebar, oberen Bildzone das altorien-
ihre Wasser in eins vermischt hatten ... talische Weltbild: Gottheiten
Als noch kein Gott geformt oder mit Namen benannt war ... (symbolisiert durch Sonne,
Da wurden die Götter in ihrem Inneren (im Schoß von Apsu und Tiamat) geboren.“ Mond, Widder, gehörnter
(Aus dem akkadischen Enuma Elisch, dem sog. Weltschöpfungsepos, Tafel I)
Drache für Marduk ...) garan-
tieren die Ordnung der Welt.
British Museum, London.
Die Entstehung der Welt (Kosmogonie)
„Es ruhte Bel (der Herr Marduk) und betrachtete den Leichnam (der Tiamat),
Er wollte das Ungeheuer teilen, um Kunstvolles zu schaffen.
Er schnitt es entzwei wie einen Stockfisch:
der einen Hälfte bediente er sich, um das Himmelsgewölbe auszubreiten ...
Er legte ihren Kopf (den Kopf der Tiamat) hin
und häufte darüber ein Gebirge,
Er öffnete die Tiefe, und sie wurde gesättigt mit Wasser.
Er durchbohrte ihre Augen,
um den Euphrat und den Tigris fließen zu lassen ...
Er häufte auf ihrer Brust leuchtende Berge auf
und bohrte Brunnen, um Quellen zu schaffen.“
(Enuma Elisch, Tafel IV und V, Übersetzung nach TUAT, bearbeitet von H. Merklein)

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welt und umwelt der bibel 2/2016
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ÄGYPTEN Ich ersann Pläne in meinem Herzen, und ich er-


Nach ägyptischen Vorstellungen bildet die Göttin schuf eine neue Existenzweise, und der Existenz-
Nut mit ihrem Körper das gestirnte Himmelsgewöl- weisen, die aus dem Entstehenden hervorgingen,
be. Die Sonne wird jeden Abend von der Himmels- waren viele. Ihre Kinder taten sich kund in ihrer
göttin verschluckt und jeden Morgen neu geboren. Existenzweise als Kinder.
Im Buch zur Erkenntnis der Erscheinungsfor- Ich vereinigte mich mit meinem eigenen Leib, so
men des Re spricht der höchste Gott Atum über dass sie aus mir hervorgingen, als ich mit meiner
den Anfang: Faust Erregung erzeugt hatte und mein Verlan-
„Als ich sichtbar geworden war in der Exis- gen Wirklichkeit geworden war durch meine
tenz, existierte die Existenz. Ich entstand in Hand, als mein Same aus meinem Munde gefal-
der Gestalt des Entstehenden (des Chepri), der len war. Ich spie aus als Schu und warf Speichel
beim Ersten Mal entstand. Da ich in der Exis- aus als Tefnut. Ich war entstanden als ein einziger
tenz des Entstehenden entstanden war, existierte Gott und siehe, drei Götter waren es, zu denen ich
ich also. ... denn ich war früher als die früheren geworden war. Schu und Tefnut bebten vor Wonne
Götter, denn mein Name war früher als der ihre, im Nun, in dem sie waren. ...
denn ich schuf das Vorzeitalter ebenso wie die Mein Auge (die Sonne) brachte sie zu mir zurück
Göttervorfahren. Ich schuf alles, was ich wünschte nach unendlich langer Zeit, in der sie fern von mir
in dieser Welt, und ich dehnte mich darin aus. Ich blieben (Schu und Tefnut waren auf der Suche
knüpfte meine eigene Hand, ganz allein, bevor sie nach dem erzürnten Auge). Ich weinte Tränen über
entstanden, bevor ich Schu ausgespien und Tef- sie, und die Menschen entstanden aus den Tränen,
nut als Speichel ausgeworfen hatte. Ich bediente Schu und Tefnut, die aus meinem Auge kamen. ... Schu und Tefnut
mich meines Mundes, und Zauber war mein Name. Götterpaar, das die brachten Geb und Nut zur Welt, Geb und Nut
... Ich entstand in der Urzeit, und eine Menge von Schöpfungsgott- brachten aus ihrem Leibe nacheinander Osiris,
Existenzweisen entstand seit diesem Anfang. ... heit Atum aus sich Horus-Mechenti-irti, Seth, Isis und Nephthys zur
Ich schuf alles, was ich schuf, als ich allein war, heraus erzeugt. Welt. Und diese brachten eine Menge (von Dingen)
bevor ein anderer als ich sichtbar geworden war in Rituelles Instru- zur Welt. Ihre Kinder waren es, die eine Menge von
der Existenz, um mit mir an diesen Orten zu wirken. ment, 6.–4. Jh. vC. Daseinsformen in dieser Welt schufen in Gestalt
Dort schuf ich die Existenzweisen aus jener Kraft (in Walters Art Museum, von Kindern und Enkeln.“
mir). Ich erschuf dort im Nun, als ich noch schlaf- Baltimore/ (Aus dem sog. Apophisbuch, Papyrus Bremner-Rhind,
trunken war und noch keinen Ort gefunden hatte, Maryland. 4. Jh. vC, Übersetzung nach TUAT, bearbeitet von H.
um mich aufzurichten. Mein Herz erwies sich als Merklein)
wirksam, der Schöpfungsplan lag klar vor mir. ...

Zum Vergleich: Das israelitische Weltbild Sicherheit im


Wie sich die Menschen der Bibel die Erde vorstellten, ist kaum Chaos
durch ikonografische Zeugnisse belegt. Der Alttestamentler Das Weltbild der
Otmar Keel hat deshalb für das alte Israel ein Weltbild skiz- alten Israeliten,
ziert, wie es aus den biblischen Texthinweisen rekonstruiert rekonstruiert aus
werden kann. Grundmotiv ist die Abwehr der Chaoswasser Bibelstellen und
und der Schutz der Erde als Lebensraum. Im Bereich über dem ikonografischen
Himmelsozean thront der bildlos verehrte Gott JHWH auf dem Elementen, die
Kerubenthron, umgeben von geflügelten Wesen. Diesem ent- in Palästina/
spricht im irdischen Bereich der Thron Gottes im Jerusalemer Israel und seiner
Tempel. Dort werden die andrängenden Chaoswasser in Leben Umwelt gefun-
spendende Bäche verwandelt (vgl. Ps 104,5ff). Die gehörnte den wurden.
(Aus: O. Keel/
Schlange erinnert an die Gefährdung durch die Chaosmäch-
S. Schroer, Schöp-
te. Die ausgebreiteten Hände und die Torarolle verhindern das fung, Göttingen
Absinken der Schöpfung ins Chaos und symbolisieren Gottes 2. Aufl. 2008, 107)
Weisheit. Auf der Torarolle steht: „JHWH gründet mit Weisheit
die Erde, mit Einsicht festigt er den Himmel“ (Spr 3,19).

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welt und umwelt der bibel 2/2016 31
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GRIECHENLAND
In Griechenland kannte man Kronos, Rhea und Zeus. Die Theogonie des
Hesiod ist heute die wichtigste Quelle dazu, wie sich die Griechen die
Entstehung der Götter, der Welt und der Menschen vorstellten.

Entstehung der ersten Götter


„Zuallererst wahrlich entstand das Chaos, aber dann
die breitbrüstige Gaia, der niemals wankende Sitz von allen
Unsterblichen, die das Haupt des schneebedeckten Olymp bewohnen
und den dämmerigen Tartaros im Innern der breitstraßigen Erde,
und der Eros, der schönste unter den unsterblichen Göttern,
der gliederlösende. Von allen Göttern und allen Menschen bezwingt er
in der Brust den Sinn und den klugen Ratschluss.
Aus dem Chaos entstand der Erebos und die dunkle Nacht,
aus der Nacht aber entstanden wiederum der Äther und die Tageshelle,
die sie gebar, nachdem sie empfangen und sich mit Erebos in Liebe verbunden hatte.
Gaia aber erzeugte als Erstes, ihr selbst gleich,
den sternreichen Uranos, damit er sie ganz umhülle (und)
damit er den seligen Göttern für immer der nicht wankende Sitz sei.
Sie erzeugte (auch) die hohen Berge, die lieblichen Aufenthaltsorte der Göttinnen,
der Nymphen, die in den schluchtenreichen Bergen wohnen.
Sie gebar auch das unermüdlichwogende Meer, schäumend im Wogenschwall,
den Pontos, ohne ersehnte Liebe. Aber dann gebar sie, nachdem sie von Uranos
umarmt worden war, den tiefaufgewirbelten Okeanos,
Gaia ist Hesiod zufolge die erste den Koios, den Kreios, den Hyperion, den Iapetos,
Gottheit nach dem Chaos. Die Erdgöttin die Theia, die Rheia, die Themis, die Mnemosyne,
gebiert in dieser Darstellung auf einem die goldbekränzte Phoibe und die liebliche Tethys.
Krater den Erichthonios, 470–460 vC. Nach diesen entstand als der jüngste der hinterlistige Kronos,
Staatliche Antikensammlung, München. das schrecklichste unter den Kindern. Er hasste den blühenden Vater.“
(Hesiod, Theogonie, 104–138, Übersetzung K. Albert)

Das Besondere der biblischen Schöpfungserzählungen


im Vergleich zu den Mythen der Umwelt Israels: Der Grabo-
• In der Genesis gibt es keinen Götterkampf, sondern nur wer Altar von
einen Gott, der in Zuwendung alles erschafft. Meister Bertram
• Der Mensch wird nicht wie in anderen Schöpfungs- (1380) zeigt
geschichten geschaffen, um den Göttern zu dienen, den Schöpfer in
sondern um eine enge Beziehung zu Gott einzugehen. Gestalt Christi,
• Die Bibel erklärt die Geschlechterdifferenz und wie er sich den
weshalb Gott den Menschen als Mann und Frau erschuf. unterschiedli-
• Die großen Gestirne sind keine Gottheiten, ihre chen Tieren
Beobachtung ist aber wichtig, weil sie dazu dienen, die seiner Schöp-
Festzeiten für den Kult zu bestimmen. fung zuneigt.

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welt und umwelt der bibel 2/2016
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Schöpfungsmotive quer durch die bibel


Schöpfung ist von Anfang bis Ende ein grundlegendes Thema der ganzen Bibel – auch im
Neuen Testament.

G ottes Ja zu seiner Schöpfung, der Kampf gegen die Todesmächte und die Verantwortung des Menschen
sind Motive, die am Anfang der Bibel grundgelegt werden und die als Leitmotive die Sinfonie der Bibel
in immer neuen Variationen durchklingen. Am Anfang der Bibel steht mit Genesis 1,1-2,3 ein Text, der die
elementare Beziehung zwischen Gott, seiner Schöpfung und den Menschen beschreibt. Gott hat Lebendiges
geschaffen, er hat uns eine gute, sinnvolle Schöpfung gegeben. Er trägt sie gegen das Chaos. Dieses Grund-
thema – Schöpfung als Bewahren des Lebens gegenüber dem Tod – findet sich quer durch die Bibel. Im
Schöpfungslied Genesis 1,1-2,3 klingt auch schon die neutestamentliche Osterbotschaft an von einem Gott,
der das Leben will und sich den Todesmächten entgegenstellt.

EXODUS 14 IJOBBUCH
Die Rettung Israels als Schöpfungsgeschehen Schöpfungstheologie als Theodizee
Von Gen 1 her gelesen ist Ex 14 eine Schöpfungsge- Das Ijobbuch erzählt von einem Menschen, den schweres
schichte. Als Israel auf der Flucht vor den Ägyptern Leid trifft und der die Sinnlosigkeit seines Leids vor Gott
gerettet wird, wird die Finsternis durch eine Wolken- beklagt. Nach den Tröstungsversuchen seiner Freunde re-
säule „licht“ (Vers 20). Gott drängt die Chaoswasser det Gott selbst zu Ijob (Ijob 38-41). In zwei großen Reden
zurück und lässt das „Trockene“ (Gen 1,9f und Ex stellt er ihm die Schöpfung vor Augen. Ijobs Blick wird
14,16.22.29) hervortreten. Gott vernichtet die geweitet. In detailreicher Naturbeobachtung wird darauf
Todesmacht, damit sein Volk leben kann. verwiesen, dass das Chaotische in der Schöpfung einen
Raum, aber einen von Gott begrenzten Raum, innehat.
GENESIS 5,1-9,29 Damit wird Ijobs Verlangen gestillt: Er hat Gott geschaut.
Noah – der Zusammenhang von Schöpfung
und Flut
Wer die Flutgeschichte verstehen will, muss die
Schöpfungsgeschichte kennen. Beide sind durch
Stichwortverbindungen eng verbunden. Die Darstel-
lung der verheerenden Flut, in der das chaotische
Urmeer wieder Raum greift, bildet ein Gegen-
stück zur Schilderung der Schöpfung und greift
die gewalttätige Entwicklung der Welt seit ihrer
Entstehung auf. Doch die Katastrophe bildet nicht
den Schlusspunkt. Die Schöpfung überlebt in einer
Arche. Am Ende steht die Zusage Gottes, nie wieder
eine Flut kommen zu lassen und für den Fortbe-
stand der Schöpfung Sorge zu tragen.
Gen 1,1-2,3: Die Welt, wie sie von Gott her sein sollte.
Gen 2,4-4,26: So sind die Menschen (Adam und Eva,
Kain und Abel) in der Schöpfung Gottes.
Gen 5,1-9,29: Die Welt, wie sie wirklich (bis heute) ist
– bedroht durch Schwäche und Gewalt, aber unter
dem beständigen Segen Gottes.

Ein geordnetes Lebenshaus: In der Arche des


Noah überdauert die gesamte Schöpfung die Flut.
Beatus-Apokalypse, 12. Jh., John-Rylands-Biblio-
thek, Manchester.

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SPRICHWÖRTER 8,22-31 PSALMEN


Frau Weisheit als schöpferische Lebenskraft Gottes Lob des Schöpfergottes
Spr 8,22-31 ist ein Hymnus – man kann ihn als poetische In den Psalmen kehren Schöpfungsmotive häufig
Variation zu Gen 1 lesen. In diesem Hymnus wird hervor- wieder. Die Taten der Schöpfung werden rühmend
gehoben, dass die Weisheit schon vor dem Anfang aller erinnert, Gott wird als Herr der Schöpfung gelobt
Schöpfungswerke da war: „Gott schuf mich als Anfang und die Schöpfung wird als sein Heiligtum darge-
seines Weges, als frühestes seiner Werke von jeher“ (Vers stellt. Aus der Fülle der Psalmen seien hervorgeho-
22). Die Weisheit war bei der Schöpfung dabei und erfreu- ben:
te Gott durch Lachen, Scherzen und Tanzen – was durch-
aus auch erotisch gemeint sein kann. Sie brachte ihn in Psalm 8 – „Menschenwürde“: Der Psalm preist den
eine lebensfrohe Stimmung, damit er sein Werk zu einem majestätischen Schöpfergott, der dem Menschen
Kunstwerk vollenden kann. Nachdem die Welt geschaf- Anteil an Gottes Ehre gibt.
fen ist, will die Weisheit ihr verzauberndes Spiel bei den
Menschen weiterspielen, damit diese das Geheimnis der Psalm 19 – Die Tora als Sonne der Schöpfung: Psalm
Schöpfung lernen und schöpfungsgemäß leben können. 19 feiert die Schöpfung als ein von Gott geordnetes
Lebenshaus und die Tora („das Gesetz“) als dessen
Hausordnung.

Psalm 93 – Der königliche Schöpfergott als Bändiger


des Chaos: Dieser Psalm ist ein Hymnus auf Gott als
Weltkönig. Gott zeigt seine königliche Macht, indem
er das Chaos, das die Welt bedroht, bändigt.

Psalm 104 – Ein weisheitlicher Schöpfungshymnus:


Der Psalm ist ein ausführlicher Gesang zu den beiden
Themen „Errichtung des Kosmos als fest gegründetes
Lebenshaus“ (creatio prima) und „der Gott-König als
Lebensmittler und Ernährer seines Reiches“ (creatio
continua). Ins Detail verliebt wird die Welt beschrie-
ben und mündet in die Aussage: Alles, was lebt,
verdankt sein Leben dem belebenden Atem und dem
liebevoll zugewandten Angesicht Gottes (Vers 27-30).

Der Tierfrieden von Edward Hicks (Peacable King-


dom), um 1834. Er malte das Motiv aus Jesaja 11
in Kombination mit einem Friedensvertrag zwischen
amerikanischen Ureinwohnern und Siedlern (Treaty of
Penn). National Gallery of Art, Washington.

JESAJA 11
Eine Utopie schöpfungsgemäßen Lebens
Jesaja 11 enthält zwei Utopien: 1. vom Friedensherrscher, auf dem der Geist Gottes ruht,
2. von einer idealen Schöpfung, in der die Gewalt zwischen den Geschöpfen ein Ende hat.
Subtil wird auf die biblische Urgeschichte angespielt:

Jes 11,9: „Erfüllt ist das ganze Land von der Erkenntnis Gottes.“ Gen 6,13: „Die Erde ist erfüllt von Gewalt.“
Jes 11,8: Säuglinge und Entwöhnte spielen friedlich mit Gen 3,15: Ewige Feindschaft zwischen Schlange und Mensch.
Schlangen.
Jes 11,6: Löwe frisst Gras und Stroh wie das Rind. Gen 1,29-30: Menschen und Tieren werden nur
Pflanzen zur Nahrung gegeben.
Jes 11,6-7: Raubtiere und Haustiere, Starke und Schwache Gen 1,28: Auftrag „Herrscht über die Tiere ...“
leben friedlich mit-/nebeneinander.
Jes 11,6: Ein kleiner Knabe leitet sie. Gen 1,28: Verantwortung des Menschen für die Schöpfung

34 welt und umwelt der bibel 2/2016


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WEISHEIT 9,1-3
„Die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit leiten“
An dieser Stelle im Buch der Weisheit wird der Auftrag aus Gen
1,26.28 interpretiert, dass der Mensch über die Welt herrschen
soll. Es heißt hier: „Gott der Väter und Herr des Erbarmens,
du hast das All durch dein Wort gemacht. Den Menschen
hast du durch deine Weisheit erschaffen, damit er über deine
Geschöpfe herrscht. Er soll die Welt in Heiligkeit und Gerech-
tigkeit leiten und Gericht halten in rechter Gesinnung.“

RÖMERBRIEF 8,18-27
Das Harren der Schöpfung
Der Römerbrief beschreibt, wie die Schöpfung unter der Macht
der Sünde und des Todes leidet und auf ihre Erlösung war-
tet. Gott beginnt seine Vollendung der Schöpfung, indem er
seinen Geist in das Innere des Menschen legt. Der Geist Gottes
beginnt die Schöpfung neu zu erschaffen, indem er in den
Glaubenden seine Wohnung nimmt (Röm 8,9). So macht er die
Schöpfung endlich zum Raum der Offenbarung Gottes und der
erkennenden Antwort des Menschen, was sie von Anfang an
sein sollte.

HEILUNGEN JESU
Schöpfung und Kommen der Gottesherrschaft Die Schöpfung aus der Bible historiale des Jean de
Im Neuen Testament wird erhofft, dass Gott zur Rettung seiner Berry, entstanden um 1390. Der Schöpfer trägt die Züge
Schöpfung kommt. Der Weg zu einer schöpfungsgerechten Jesu und strahlt Gelassenheit in seinem Tun aus.
Lebenswirklichkeit führt über das „Reich Gottes“, das mit
Jesus von Nazaret angebrochen ist. In den Evangelien sind es
auch die Heilungen Jesu, die das Eingreifen Gottes gegen die OFFENBARUNG 21-22
lebensfeindlichen Chaosmächte (vgl. die Chaoswasser in Vollendung der Schöpfung: „Ein neuer Himmel und
Gen 1) offenbaren. In der Jesustradition gilt Krankheit als eine neue Erde“
Zeichen dämonischer Kräfte in der Menschenwelt, Heilung Die letzten Kapitel der Bibel, Offb 21-22, nehmen viele
umgekehrt als deren definitive Entmachtung. Motive aus Gen 1-3 auf: Himmel, Erde, Wasser, Gestirne,
Baum des Lebens, Mühsal, Tod usw. Anfang und Ende der
Bibel zeichnen klare Gegenbilder. Die ersten Seiten der Bi-
JOHANNESPROLOG (JOH 1,1-18) bel formulieren: 1. Gottes Schöpfung ist gut. 2. In der Welt
„Im Anfang war das Wort“ gibt es Feindschaft und Gewalt, Mühsal und Tod. Die letz-
Auffallend ist, dass das Johannesevangelium und Genesis 1 in ten Seiten der Bibel nehmen den Faden auf und machen
der griechischen Septuagintafassung beide mit dem griechi- deutlich: Gott bleibt seiner Schöpfung und den Menschen
schen Ausdruck en archae („Im Anfang/Ursprung“) beginnen: treu. Er schafft einen neuen Himmel und eine neue Erde,
ein deutliches Lesesignal, dass Joh 1 auf Gen 1 Bezug nimmt. in denen nichts Lebensfeindliches mehr Platz hat.
Beide Texte beschreiben die schöpferische Macht des Wortes
(Gen: „Und Gott sprach ...“; Joh: „Alles ist durch das Wort
geworden“). Das Drama des ersten Schöpfungstages, der
Kampf des Lichtes gegen die Finsternis, wird in Joh wieder
aufgenommen. Jesus, das menschgewordene Wort Gottes, war
vor aller Schöpfung bei Gott, als logos, „Wort“. Deshalb kann
Dr. Bettina Wellmann
er auch zuverlässige Offenbarung von Gott bringen. Damit eng ist Alttestamentlerin, wissen-
verwandt sind die alttestamentlichen Vorstellungen über die schaftliche Referentin und
göttliche Weisheit, die vor allen Werken bei Gott war (vgl. Jes Redakteurin im Katholischen
Sir 24; Spr 8,22-31). Bibelwerk e.V.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 35
Perspektiven aus der Prozesstheologie

Gott als Poet der Welt

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Wie wäre es, wenn Gott offen dafür wäre, was im nächsten Augenblick geschieht?
Wenn er sich mit seiner Schöpfung jeden Tag mitwandeln würde? Wenn er laufend
aus der Veränderung heraus den Augenblick erschaffen würde? Dieses Denk-
abenteuer wagt die Prozesstheologie. Ob man sich darauf einlässt, muss jede und
jeder selbst entscheiden. Von Sabine Pemsel-Maier

S
chöpfung ist kein statisches Geschehen, gibt es nicht. Gott überschreitet die Welt und
sondern impliziert Dynamik. Eine Denk- ist zugleich doch in jedem Ereignis immanent.
richtung innerhalb der neueren Theologie, Demnach durchdringen Gott und Welt einander
die diese Einsicht zuspitzt, ist die sogenannte und sind durch vielfältige Wechselbeziehungen
Prozesstheologie. Ihre Vertreter – u. a. die Theo- miteinander verbunden. Dieses Modell der Gott-
logen David Ray Griffin, Roland Faber (beide Welt-Beziehung wird auch von anderen Schöp-
katholisch), Michael Welker (evangelisch) und fungstheolog/innen favorisiert, weil es Gott und
John Cobb (methodistisch) – unternehmen den Welt unterscheidet und zugleich aufs Innigste
Versuch, die nordamerikanische Prozessphilo- miteinander verbindet. Gott panentheistisch
sophie, die von Alfred North Whitehead (1861– gedacht ist darum ein Gott-in-Relation, ein Gott,
1947) begründet wurde, fruchtbar zu machen für
christliches Denken und christliche Schöpfungs-
theologie. Ihr Hintergrund ist das Bemühen, die Damit stellt die Welt das kreative
Evolutionstheorie in den Schöpfungsglauben zu
integrieren, ihr Ziel eine systematische Synthe- Abenteuer Gottes dar
se, die naturwissenschaftliche und theologische
Perspektiven miteinander vereinbart. Auf dieser
Folie entwerfen sie ein spekulatives theologi- der in unauflösbarer Beziehung steht zur Welt.
sches Konzept. Einerseits wirkt dieses Konzept Für die Prozesstheologie sind vor diesem Hinter-
vor dem Hintergrund der christlichen Traditi- grund Relationalität (In-Beziehung-Sein), Kon-
on anstößig, weil es sich von der überlieferten kreszenz (Zusammenwachsen) und Kreativität
theologischen Gottes- und Schöpfungslehre (Neues schaffen) die drei wesentlichen Katego-
verabschiedet, andererseits erscheint es aber rien, die das Gott-Welt-Verhältnis kennzeichnen.
zugleich innovativ, weil es zentrale christliche
Links: Ein fantasie-
Glaubenswahrheiten neu interpretiert und da-
bei den vielfältigen Wirklichkeitserfahrungen Ein Gott, der wird im Werden der Welt? voller, tänzerischer
der modernen Welt Rechnung trägt. Nicht die panentheistische Bestimmung des Schöpfer, der die
Gott-Welt-Verhältnisses ist das Neue – zu diesem Vielfalt der Pflanzen
erschafft und mit
Schluss kamen schon die Neuplatoniker um den
Das Verhältnis von Gott und Welt – Philosophen Plotin im 3. Jahrhundert oder Meis-
Schwung die Himmels-
panentheistisch gedacht körper ans Firmament
ter Eckhart im 13. Jahrhundert –, sondern die
streut. Die Darstellun-
Die Prozesstheologie fasst das Verhältnis von Konsequenzen, die die Prozesstheologie daraus
gen erinnern an einen
Gott und Welt beziehungsweise Gott und Schöp- ableitet. Da Gott ein veränderliches Universum
Künstler im workflow,
fung weder als völlig getrenntes Gegenüber in sich berge, muss er nach ihrer Überzeugung präsent in seinem Tun.
noch als pantheistische Verschmelzung von so gedacht werden: Außergewöhnliche
beiden auf. Sie versteht es im Sinne des Panen- • als selbst in der Zeit veränderlich und Buchmalereien aus
theismus, der die Transzendenz Gottes mit sei- • von den Geschehnissen in der Welt beein- dem Hexateuch des
ner Immanenz in der Welt verbindet (von griech. flusst. Ælfric der Benedikti-
„alles in Gott“). Wo die klassische Gottes- und Schöpfungsleh- nerabtei St. Augustine,
Gott ist demnach nicht mit der Welt identisch, re von Gottes Sein spricht, spricht die Prozess- Canterbury, entstanden
sondern klar von ihr unterschieden, aber er theologie von seinem Werden; an die Stelle des 1050–1150 nC. The
birgt die Welt in sich; ein „Außerhalb Gottes“ metaphysischen Substanzdenkens, das davon British Library, London.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 37
Gott als Poet der Welt

wie ein Lockvogel sie dazu bewegt, sich in die


Pantheismus Theismus göttlich gewollte Richtung zu entwickeln.
Gott ist in der Welt präsent – Gott steht der Welt gegen- Die Prozesstheologie denkt das Verhältnis
in allen Dingen, mit über, er ist außerhalb und Gottes zur Welt als ein dynamisches, das Offen-
ihnen verschmolzen. getrennt von der Welt. heit in der Entwicklung nicht nur zulässt, son-
Gott ist rein immanent. Gott ist ganz transzendent. dern positiv ermöglicht. Gott erscheint vor die-
sem Hintergrund als der Anfang der Autonomie
und der Selbst-Kreativität eines Geschöpfs und
damit letztlich als die Voraussetzung seiner Sub-
jektivität: seiner Individualität, seiner Freiheit
Panentheismus und seiner Fähigkeit, zu anderen in Beziehung
Gott ist in allen Dingen, aber zu treten. Zugleich erscheint er als die Ermögli-
alles ist auch in Gott. chung von Ordnung in der Welt und als die Quel-
Gott umfängt alles, er ist allem le ihrer Zukunft.
immanent und gleichzeitig Der Prozesstheologe Roland Faber formuliert
transzendent. geradezu poetisch: „Im Netz der Verwobenheit
– im Prozess – erscheint Gott als der ‚Poet der
Welt‘: ihr überraschender Schöpfer (der Grund
ihrer Neuheit), ihr mitfühlender Begleiter (der
Grund ihrer Verwobenheit) und ihr rettender
Lesetipps ausgeht, dass Gott unveränderlich ist, setzt sie Glanz (der Grund ihrer Harmonie)“ (Faber, 18).
• John B. Cobb / David R. die Kategorie Prozess. Gott ist demnach nicht In solchen Worten erweist sich Theologie nicht
Griffin, Prozess-Theologie. nur in das Leben des gesamten Universums als nur als nachdenkende Kraft, sondern mündet
Eine einführende Darstel- sein Urgrund eingebunden, sondern wird selbst in Spiritualität. Sie spricht von einem „welt-
lung, Göttingen 1979. durch sein Werden, indem er auf das Geschehen sensiblen und welt-engagierten Gott (…), in
• Roland Faber, Gott als in der Welt reagiert. Damit stellt die Welt das einer Welt, die mit ihrer Fragilität keine Flucht
Poet der Welt: Anliegen und kreative Abenteuer Gottes dar und Gott ist das erlaubt, für eine Welt, die in ihrem Werden Hoff-
Perspektiven der Prozess- Ereignis kreativer Transformation der Welt. nung stiftet und in ihrem Vergehen nach Leben
theologie, Darmstadt 2003. fleht.“ (ebd.)
• Michael Welker, Universa-
lität Gottes und Relativität Verwobenheit von Gott und Welt,
der Welt. Theologische Kos- Schöpfung und Evolution Neuinterpretation alter Wahrheiten?
mologie im Dialog mit dem Das Gottesbild der Prozesstheologie irritiert und Die Prozesstheologie regt an zum Überdenken
amerikanischen Prozess- provoziert, weil es Merkmale der traditionellen scheinbar selbstverständlicher Vorstellungen.
denken nach Whitehead, Gotteslehre, insbesondere den Gedanken der Darin strebt sie zugleich eine Neuinterpretation
1981. Unveränderlichkeit Gottes, preisgibt. Weniger ir- alter Glaubenswahrheiten an. Sie versteht sich
ritierend wirkt das daraus abgeleitete Verständ- selbst als Versuch, dem galiläischen Ursprung
nis von Schöpfung. Die Prozesstheologie ver- des Christentums mit seinem Gott der Liebe
steht jedes neue Ereignis in der Schöpfung als Recht zu verschaffen gegen Überfremdungen
das Ergebnis des Zusammenspiels ihrer eigenen durch das statische Denken der antiken griechi-
Aktivität und des göttlichen Wirkens. Demnach schen Philosophie. Die Prozesstheologie macht
gibt es in der Schöpfung keine Abfolge natürli- den Gott der Bibel geltend, der als „Ich-bin-da“
cher Ereignisse, die von Sprüngen unterbrochen Beziehung ist und nicht ein Prinzip, das starr
ist, in denen nur Gott wirkt, etwa bei der Entste- der Welt gegenübersteht. Gegen einen trans-
hung neuer Arten. Immer und ausnahmslos sind zendent gedachten, zeit- und weltenthobenen
Prof. Dr. Sabine Pemsel- beide zusammen am Werk, Gott und die Natur, Gott erzählt sie einen leibhaftigen, weltwahr-
Maier lehrt Katholische Theo- göttliches Schöpfungshandeln und die Evoluti- nehmbaren und zeitsensiblen Gott. Gegen ei-
logie und Religionspädagogik on, Theonomie und Autonomie, Gottes Wirken nen Willkürherrscher über die Welt zeichnet die
an der Pädagogischen Hoch- und die Gesetze der Welt. Seinen Höhepunkt er- Prozesstheologie den Gott, der der Welt in Liebe
schule Freiburg mit Schwer- reicht dieses Zusammenspiel im Menschen und zugewandt ist.
punkten auf systematischen/
seinem Personsein. Gott ist auf diese Weise ganz Ob ein solcher Entwurf der Neuinterpretati-
fundamentaltheologischen
Themen. Soeben erschienen
und gar in die Welt und die Entwicklung des on überzeugt, muss jede und jeder selbst be-
ist ihr Buch „Gott und Jesus Menschen involviert, aber nicht, indem er die urteilen, ebenso inwieweit sie oder er sich auf
Christus. Orientierungswissen Dinge und Vorgänge in der Welt bestimmt und eine spekulative Theologie einlassen kann und
Christologie“ (Kohlhammer). von vornherein festlegt, sondern indem er eher möchte. W

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vier modelle FüR DaS VeRhältniS VOn SChöpFeRGOtt
unD natuRWiSSenSChaFten zueinanDeR
Diese vier verschiedene Möglichkeiten, das Verhältnis von der theologie zu den naturwissenschaften zu denken,
haben je prominente Vertreter/innen:

Das Konfliktmodell Das integrationsmodell


Die beiden Pole – eine rein naturwissenschaftliche, szientis- eine wirkliche integration zwischen Glau-
tische Welterklärung und eine kreationistische, biblizistische be und Naturwissenschaft wird hier als
Welterklärung – stehen sich unversöhnlich gegenüber. Entwe- möglich gesehen, zumindest teilweise. Das
der oder, nur eine überzeugung kann stimmen, andere werden zu denken, ist allerdings hochkomplex. im
verneint. Beide beanspruchen, die Welt als Ganze zu erklären, Denkmodell der natürlichen Theologie ist
kommen sich also in die Quere, weil sie sich auf einer Ebene mit die Existenz Gottes aus der Natur ableitbar,
demselben „Forschungsgegenstand“ erleben. aus ihrer Schönheit und all den Rädchen,
die ineinandergreifen – mit unfassbarer
Präzision. Diese Staunen erregende Natur
Das Unabhängigkeitsmodell können gerade die Wissenschaften zeigen.
im integrationsmodell lässt sich theologi-
Hier stehen die biblische Schöpfungserzählung und naturwis-
sche Schöpfungslehre durch die naturwis-
senschaftliche Theorien als schlicht nicht vergleichbar neben-
senschaftlichen Erkenntnisse prägen. Ein
einander. Beide sind autonome Bereiche, die unterschiedliche
weiteres Beispiel für das integrationsmodell
Methoden benutzen und gänzlich verschiedene Funktionen
ist auch die Prozesstheologie, in der Na-
haben.
turwissenschaft und Theologie in einer sys-
tematischen Synthese zusammengedacht
werden (s. vorausgehenden Beitrag).
Das Dialogmodell
trotz der Verschiedenheit sehen Vertreter/innen dieses Mo-
dells Berührungspunkte: etwa in ethischen Fragen, die in der
naturwissenschaftlichen Forschung gestellt werden. Beispiele
sind die Fragen am Beginn und am ende des lebens, oder der
umgang mit den Ressourcen der Welt.

Der Wiener Religionspädagoge Martin Rothgangel mahnt, je genau hinzuschauen, ob die Diskutanten/innen nicht
mit ganz unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen, theologischen oder philosophischen Prämissen antreten
(M. Rothgangel, urknall oder Bibel, s. angabe unten). und er warnt davor, sich einfach auf ein Modell zu versteifen:
„abgesehen vom Konfliktmodell, das die grundlegenden Differenzen zwischen Glaube und naturwissenschaft ver-
kennt, sollte deshalb keine exklusive Entscheidung für eines der anderen Verhältnismodelle gefällt werden. Vielmehr
sind die einzelnen Modelle differenziert wahrzunehmen. Je nach „adressaten“ kann das besondere potenzial des
jeweiligen Verhältnismodells fruchtbar gemacht werden: Menschen, die einen Konflikt zwischen beiden Bereichen
sehen, können sehr vom unabhängigkeitsmodell profitieren; Menschen, die pointiert die unabhängigkeit hervor-
heben, können durch das Dialogmodell oder – sehr anspruchsvoll – durch das integrationsmodell zum weiteren
nachdenken angeregt werden.“

Lesetipp
ausführlicher nachzulesen: Martin Rothgangel, urknall oder Bibel? Der Glaube an den Schöpfergott und die natur-
wissenschaften. in: Bibel heute 188 (2011), S. 20f.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 39
Kreationismus, „Intelligent Design“ und Wissenschaft

In unseren Adern fließt


das Urmeer
Die Evolutionstheorie ist wissenschaftlich unstrittig. Kreationisten lehnen sie
jedoch mit abenteuerlichen Argumenten ab und bestehen darauf, dass die
biblischen Schöpfungserzählungen historische Ereignisse schildern. Dabei
müssen Bibel und Naturwissenschaft kein Widerspruch sein. Man kann Gott
auch in der Evolution denken. Von Hansjörg Hemminger

Ein Blick in die Erdgeschichte: In den Wüsten Israels sind beeindruckende geologische Formationen zu sehen, die das Alter
der Erde erahnen lassen – hier in einer Salzhöhle (Sodom Cave) an der Südwestküste des Toten Meers.

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welt und umwelt der bibel 2/2016
D
ie Evolutionstheorie ist in der Biologie
unstrittig. Einwände gegen sie haben
religiöse oder ideologische Gründe. Sie
kommen vorwiegend aus dem protestantischen
Fundamentalismus, aus dem der Kreationismus
entstand – eine angeblich bibeltreue, alternati-
ve Naturwissenschaft oder „Schöpfungswissen-
schaft“. Evolutionskritik kommt aber auch von
Katholiken und von Muslimen. Viele Esoteriker
und fast alle Rechtsradikalen lehnen die Evolu-
tionstheorie ebenfalls ab. Dabei spielen folgen-
de Einwände eine Rolle:
1 • Die Evolution widerspricht dem religiösen
Menschenbild, da sie den Menschen als reines
1
Naturwesen sieht. Sie lässt keinen Raum für den
freien Willen und für moralische Verantwor-
tung.
• Die Evolution widerspricht der Bibel (oder
dem Koran).
• Die Evolution ist keine naturwissenschaftli-
che Erkenntnis, sondern antireligiöse bzw. ma-
terialistische Ideologie, die sich als Naturwis-
senschaft ausgibt.
• Die Evolution erklärt die Zweckmäßigkeit
2 der Merkmale von Pflanzen und Tieren nicht.
Die richtige Erklärung ist, dass sie von Gott oder
durch das Wirken eines Weltgeists erschaffen
wurden.

Der amerikanische Kreationismus


Konservative protestantische Kreise reagierten
vor dem Ersten Weltkrieg auf den Fortschritts-
glauben und Liberalismus ihrer Zeit mit einer
Gegenbewegung. Zwischen 1910 und 1915 er-
schien in zwölf Heften und in einer Millionen-
auflage die Schriftenreihe: The Fundamentals
– a Testimony to the Truth. Daraus entwickelte
3 sich der protestantische Fundamentalismus.
Seine Grundlage war die Idee von der Irrtums-
losigkeit der Bibel. In der Grundsatzerklärung
der größten kreationistischen Organisation in
Fossilien wie auch geologische Ablagerungen sind nach einer
kreationistischen These durch die Sintflut entstanden, innerhalb eines den USA „Answers in Genesis“ heißt es im In-
Zeitraums von rund einem Jahr. ternet:
Dagegen nutzen Paläontologen Fossilien als sogenannte „Leitfossilien“. „Definitionsgemäß kann kein noch so ein-
Sie geben Hinweise auf die Entstehungszeit der Gesteinsschichten. leuchtendes, erkanntes oder behauptetes Be-
Bestimmte Trilobiten (1) sind besonders in den erdgeschichtlichen weismaterial auf irgendeinem Gebiet, einge-
Epochen Kambrium bis Devon als Leitfossilien geeignet (vor etwa 600 schlossen Geschichte und Chronologie, wahr
bis 400 Millionen Jahren), Ammoniten (2) von Devon bis Kreidezeit (vor sein, wenn es im Widerspruch zu den biblischen
etwa 400 bis 150 Millionen Jahre) und Muscheln in der gewellten Fäch- Berichten steht. Von elementarer Wichtigkeit ist
erform (3) während des Quartärs (vor etwa 2 Millionen Jahren). die Tatsache, dass das Beweismaterial immer

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welt und umwelt der bibel 2/2016 41
in unseren adern fliesst das urmeer

• In der ursprünglichen Schöpfung gab es keine


Sünde und keinen Tod. Der Tod kam durch den
Ungehorsam des Menschen in die Welt.
• Die Sintflut setzte alles feste Land unter Was-
ser. Die Landtiere überlebten in der Arche Noah,
wie von der Bibel überliefert. Deren Reste sind
archäologisch auffindbar. Nach Ansicht vieler
(nicht aller) Kreationisten entstanden die geolo-
gischen Ablagerungen einschließlich der Fossi-
lien durch die Sintflut oder kurz danach.
Der Kreationismus muss demzufolge nicht nur
die biologische Evolution, sondern große Teile
der Naturwissenschaft ablehnen, wie die Alters-
bestimmungen von Geologie und Kosmologie,
ihre Theorien über die Entwicklung des Weltalls
und der Erde und so fort. Auch unter Muslimen,
die sich von der angeblichen Gottlosigkeit des
Westens abgrenzen, findet eine solche Evoluti-
onskritik Anklang. Wortführer des türkischen
Kreationismus ist Adnan Oktar (literarisches
Pseudonym Harun Yahya). Allerdings gesteht
er eine Millionen Jahre währende Erdgeschichte
zu und ist insoweit ein Langzeit-Kreationist. Das
gilt auch für die meisten rechtskatholischen Evo-
lutionsgegner und die Vertreter des politischen
Rechtsextremismus. Ihre Positionen bewegen
sich zwischen einem Langzeit-Kreationismus
Die Erschaffung von fehlbaren Menschen interpretiert wird, die und „intelligent design“.
des Menschen nicht alles Wissen haben.“
Die Scheibe, auf der Mit anderen Worten: Die Bibel enthält absolut
der erste Mensch ruht, richtiges Wissen auf allen Wissensgebieten und Was ist „intelligent design“?
erinnert an den Erdkreis hat damit unbedingten Vorrang vor Vernunft 1968 entschied das Oberste Gericht der USA (Su-
und führt einerseits zur und Erfahrung. Der sogenannte „scientific crea- preme Court), dass der Kreationismus als religi-
Assoziation, dass der
tionism“ versucht seither, aus der biblischen öse Lehre in staatlichen Schulen unzulässig sei.
Mensch stofflich Teil
Urgeschichte eine Art Wissenschaft zu machen. 1987 wurde die Entscheidung in einem weiteren
der Weltschöpfung ist
Wichtigstes Werk ist das Buch von J. C. Whit- Fall im Bundesstaat Louisiana bestätigt. Das war
(hebräisch adam, von
comb und H. M. Morris The Genesis Flood (1961). der Ursprung der Bewegung für ein intelligen-
adama, „Erde, Acker-
Ihr Institut, das „Institute for Creation Research“ tes Design. An ihrem Anfang stand ein Schul-
boden“). Andererseits
bildet die Scheibe bei San Diego ist heute noch das Zentrum des buch. Der kreationistische Text von Of Pandas
einen Rahmen mit der Kreationismus in den USA. Die Argumente gegen and People (erschienen schließlich 1988) wurde
Assoziation „als Bild die Evolution sind vielfältig, nichts davon hält geändert; die Worte Schöpfer, Schöpfung und
Gottes schuf er den einer sachlichen Prüfung stand. Mehr Informa- Schöpfungswissenschaft wurden durch „intel-
Menschen“ (Gen 1,27). tionen dazu finden sich u. a. in den am Schluss ligentes Design“ ersetzt. Damit wollte man das
Steinernes Medaillon an angeführten katholischen und evangelischen Verbot des Obersten Gerichts umgehen. Zum
einem Portal der Kathe- Internetportalen. Rechtsstreit kam es, als eine Schulleitung in
drale von Rouen (Portail Dover, Pennsylvania, von den Lehrkräften der
des Libraires), 13. Jh. High School verlangte, in Klasse 9 ein Papier
Was lehrt der Kreationismus? vorzulesen, in dem es zur Evolution hieß: „Die
• Die Erde ist weniger als 10.000 Jahre alt. Sie Theorie ist keine Tatsache. Es gibt Lücken in
wurde in sechs Tagen erschaffen, wie Genesis 1 ihr, für die es keine Erklärung gibt.“ Die Lehrer
es sagt. lehnten dies mit Unterstützung vieler Eltern ab.
• Die Lebewesen wurden so geschaffen, wie sie In dem darauf folgenden Verfahren wurde das
heute sind, oder als Grundtypen, aus denen die Papier als unvereinbar mit der Verfassung der
heutigen Arten in wenigen Tausend Jahren her- Vereinigten Staaten verworfen (Kitzmiller vs Do-
vorgingen. ver 2005).

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welt und umwelt der bibel 2/2016
in unseren adern fliesst das urmeer

Die Bewegung für ein intelligentes Design wird nen Abhang aus loser Erde, obwohl niemand da
in den USA vor allem vom 1990 gegründeten Dis- ist, der ihn plant? Weil jede zufällige Eintiefung „Kreationistische“
covery Institute in Seattle unterstützt, das mit durch das abfließende Wasser mehr Wasser zu Archäologie in Israel
der Republikanischen Partei eng verbunden ist. diesem Punkt lenkt, sodass die Eintiefung sich Bei manchen archäolo-
gischen Ausgrabungen
Sein „Center for Science and Culture“, betont die verstärkt. Dauert der Regenguss lange genug,
leiten kreationistische,
zerstörerische Wirkung der Evolutionstheorie fließt schließlich alles Wasser durch den einen
fundamentalistische
auf die Werte der Familie und der Moral. Für eine Kanal ab – so, als hätte ein spielendes Kind ihn interessen die initiato-
scheinbar wissenschaftliche Begründung steht absichtlich gegraben. Auf ähnliche Weise bildet ren. Sie sind überzeugt,
vor allem Michael Behe mit dem Buch Darwins sich ein kompliziertes Merkmal in der Evolution dass die Bibel historische
heraus. Ereignisse schildert. Aus
dieser Perspektive sind
Wie die lange Zeit, so er- besonders die Erzählungen
Schöpfung und Evolution –
schüttert auch der unfassbar ein Kontrapunkt?
aus der Frühzeit israels
interessant, Erzählungen
weite Raum des Kosmos die Christen, die das Bibelverständnis der US-Fun- über die mächtigen Könige
David und Salomo, über
christliche Vorstellungswelt damentalisten teilen, müssen die Evolution ab-
die Bundeslade etc. Jedes
lehnen. Aber dieses Verständnis ist alles andere
beweisbare Detail stützt
als traditionell christlich. Die meisten Protes- den historischen Wahr-
Black Box (1996), das auch ins Deutsche über- tanten und fast alle Katholiken und Orthodoxen heitsgehalt aller Bibeltexte.
setzt wurde. Behe behauptet, dass die Wahr- verstehen die Bibel anders. Sie liefert keine na- in Jerusalem, aber auch
scheinlichkeit für die Entstehung der sinnvoll turwissenschaftlichen Daten, sondern sie spricht andernorts in israel wird
konstruierten Organe der Lebewesen durch Evo- davon, dass die Welt Gottes Schöpfung ist und mit solchem Erkenntnis-
lution zu gering sei. Die Evolution sei nicht „de- dass sie von Anfang an, heute und immer von interesse ausgegraben.
signfähig“. Deshalb müsse man in der Biologie ihm erhalten wird. Gott schuf diese Welt aus dem
von einem „intelligenten Designer“ ausgehen. Er Nichts und formte aus dem Urchaos einen Raum
verschweigt allerdings, dass es für dieses Prob- des Lebens. Auf Gottes Wort hin brachten Wasser
lem längst biologische Lösungen gibt. Die Evo- und Erde die Lebewesen hervor, zusammen mit
lutionsschritte zu einem komplizierten Merkmal ihnen trat der Mensch auf den Plan. Die Bibel er-
sind nicht voneinander unabhängig, deshalb ist zählt davon, wie Adam, der Mensch, aus Lehm
der Gesamtprozess auch nicht unwahrschein- hervorging, wie Gott ihn ansprach und sprach-
lich. Jeder Schritt hängt von dem Ergebnis des fähig machte, und wie der Mensch dennoch aus
vorauslaufenden Schrittes ab und wird durch dem Gottesfrieden schuldhaft herausfiel.
ihn wahrscheinlicher. Warum gräbt ein heftiger Wie geht diese große biblische Erzählung mit
Regenguss einen sauberen Abflusskanal in ei- der Evolution zusammen? Sprechen nicht schon

ZAhlEN Zur ABlEhNuNG DEr EvolutioNSthEoriE

Die Ablehnung der Evolutionstheorie ist in den uSA weit stär- • Nur in der türkei gibt es mit gut 50 % Ablehnung und vielen
ker als in jedem anderen technisch entwickelten land. Eine unschlüssigen mehr Ablehnung der Evolutionstheorie.
umfassende Studie der National Geographic Society von 2006 • in Europa und Japan akzeptieren 60 % bis über 80 % der
zeigt: Menschen die Evolutionstheorie.
• Knapp 40 % der uS-Bürger betrachten die Evolutionstheorie • Entschiedene Ablehnung äußerten in Europa 7 % (Großbri-
als „wahr“, ebenso viele als „falsch“ (32 % von diesen bezeich- tannien) bis maximal 15 % (Niederlande). Deutschland liegt
nen sie sogar als entschieden abzulehnen); 21 % sind unent- ungefähr dazwischen mit 10 bis 12 %.
schieden.

Spiel mit einem christlichen Symbol in den


USA: Kreationismusgegner entwarfen den „Dar-
winfish“, Kreationisten den „Truth fish“, der den
Darwinfish frisst; dann dachte sich wieder ein Evo-
lutionsvertreter die dritte Variante aus: Dinosaurier
frisst „Truth fish“, der „Darwinfish“ frisst ...

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in unseren adern fliesst das urmeer

Kreationisten und Arche Noah –


eine besondere Beziehung
„Noahs Arche ist gefunden!“ – diese Meldung
taucht regelmäßig in einschlägigen Internetforen
auf. Dahinter stehen meist kreationistische Krei-
se, denn die Suche nach Spuren der Arche hat
für sie eine weitergehende Bedeutung: Wie die
Schöpfungserzählungen in den ersten Kapiteln
der Genesis, so gehören auch die weiteren Urge-
schichten zum historischen Bestand der Mensch-
heitsgeschichte. Archäologische Spuren der Ar-
che würden auch den Ablauf der Schöpfung im
Sechstagewerk stützen. Die Faktizität der Sintflut
wiederum würde ebenfalls durch eine archäolo-
gisch nachweisbare Arche gestützt, und damit
die kreationistische These, dass die Fossilien und
geologischen Schichten eben durch die Sintflut
verursacht wurden, fußend auf Gen 7,20f: 2
„Das Wasser war fünfzehn Ellen über die Berge
hinaus angeschwollen und hatte sie zugedeckt.
Da verendeten alle Wesen aus Fleisch, die sich Ellen hoch ...“). Zudem gibt es jede Menge Forschungen in Fels-
auf der Erde geregt hatten, Vögel, Vieh und sonstige Tiere, alles, spalten und vereisten Höhlen im Araratmassiv, die angebliche
wovon die Erde gewimmelt hatte, und auch alle Menschen.“ versteinerte Holzplanken der Arche o. ä. zeigen. Nichts davon
Das in der Antike weithin bekannte Araratgebirge wird in Gen konnte die Fachwelt je überzeugen.
8,4 als Landeplatz der Arche genannt. In der Nähe des Ararat- Eine 10 m lange Arche aus Holz (Abb. 2) haben deutsche
massivs, am Mount Chudi, ist eine spindelförmige Felsforma- und türkische Greenpeace-Aktivisten am Fuße des Ararat 2007
tion seit 50 Jahren beliebter Anwärter für den Landeplatz der gebaut, um auf die Erwärmung durch den Klimawandel und die
Arche (Abb. 1). Die Maße und Ladekapazität wurden berech- Bewahrung der Schöpfung hinzuweisen – eine moderne Verbin-
net und als zu den Angaben der Genesis passend erklärt (Gen dung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und biblischer Aus-
6,15: „Dreihundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig sage über die Kostbarkeit der Welt.

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EiN BlicK iN DiE KirchENGESchichtE:


WEStlichE KirchEN uND DiE EvolutioNSthEoriE

Die Evolutionstheorie nach charles Darwin wurde von den


Kirchen zwischen 1859 und dem ersten Weltkrieg verschie-
den aufgenommen.
• Das römisch-katholische Lehramt reagierte zuerst ab-
lehnend. Darwins Buch Vom Ursprung der Arten wurde
aber nicht indiziert und seine lehre nicht grundsätzlich
verworfen. 1950 bezeichnete Papst Pius Xii. die Evolution
als eine „ernst zu nehmende hypothese“. 1992 und 1996
(im Osservatore Romano) erkannte Papst Johannes Paul ii.
die Evolution als tatsache an. lediglich die Eigenschaften
der menschlichen Seele gingen auf Gottes unmittelbares
Wirken zurück. Der uS-Kreationismus wird vom kirchlichen
lehramt abgelehnt.
• Die protestantischen Kirchen reagierten uneinheitlich auf
Darwin, von einer fanatischen Kritik der Evolutionstheorie auf
Seiten des uS-Fundamentalismus bis zu einer positiven in-
tegration von Schöpfungsglauben und Evolution. heute lehnt
Papst Pius Xii. bei einer Audienz im Petersdom 1950. die Evangelische Kirche in Deutschland den Kreationismus
Er öffnete die römisch-katholische Kirche für neue Er- ab und betrachtet die Evolutionstheorie als Bereicherung des
kenntnisse der Naturwissenschaften. Glaubens (EKD-texte 94 von 2008).

die Zahlen gegen die Bibel? Da ist die ungeheu- Welt, wie sie die Naturwissenschaft beschreibt,
erliche Dauer der Erdgeschichte, da sind die Heimat für den Menschen sein kann. Kann man
zahllosen Jahrmillionen der Evolution. Die Ge- dennoch darauf vertrauen, dass es für uns in
schichte der Gattung Homo, die zwei oder drei Zeit und Ewigkeit ein Vaterhaus bei Gott gibt?
Millionen Jahre dauern mag, ist dagegen eine Der Kreationismus versucht diese Frage zu um-
gehen, indem er die Ungeheuerlichkeit der Welt
mit scheinwissenschaftlichen Mitteln verhüllt,
Unser Gehirn enthält 100 indem er die Endlosigkeit der Zeit auf einige Tau-
Milliarden Nervenzellen und send Jahre und den Abgrund des Raums auf eine
Illusion reduziert. Aber es geht auch anders.
mehr Synapsen, als es Sterne
in einer Galaxie gibt Schöpfungsglaube und Evolution –
eine harmonie?
Episode, aber immer noch unvorstellbar lang In der Evolution entfaltet sich die Mensch-
gegenüber den 5000 Jahren bekannter Mensch- heitsgeschichte mit der Schnelligkeit und Kraft
heitsgeschichte. Selbst die Art Homo sapiens eines Vulkans. Urplötzlich bricht sie aus dem
ist seit mindestens 100 000 Jahren auf dieser langen Zwielicht der Stammesgeschichte und
Welt unterwegs, malte Bilder, schnitzte Statu- aus der Dämmerung der Vorgeschichte hervor.
en und stattete ihre Toten für ein Jenseits aus. Christlich-theologisch betrachtet erscheint das
Wie die lange Zeit, so erschüttert auch der un- Kommen des Mensch gewordenen Gottes, die In-
fassbar weite Raum des Kosmos die christliche karnation Christi, ebenfalls wie ein Blitzstrahl,
Vorstellungswelt. Warum soll der Mensch, der der in das Dunkel der Erd- und Weltgeschichte
nach geometrischen Maßen nur ein Staubkorn fährt. Die 2000 Jahre, die seither vergingen, sind
im Weltall ist, wichtiger sein als ein Staubkorn? nicht nur für den Schöpfer, sondern auch für die
Hat die Menschwerdung Gottes da noch Sinn? Schöpfung wie ein einzelner Tag. Gott wurde
Die Zweifel zielen letztlich auf die Frage, ob die Mensch, und der Mensch ist zwar vergänglich,

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in unseren adern fliesst das urmeer

aber nicht belanglos. Der Jesuit Teilhard de kommen her von den ersten sich fortpflanzen-
Chardin legte an ihn den Maßstab der Komple- den Molekülen der Ur-Erde, von den Einzellern
xität an: Ein Menschenkörper nimmt einen sehr in den alten Ozeanen, von den ersten Linsen-
geringen Raum ein, gemessen am Kosmos, auch augen der Fische und den fünf Fingern an den
seine Dauer ist gering. Aber gemessen an der Gliedmaßen der Amphibien, bis hin zur Fürsor-
Komplexität seines Organismus nimmt sich das ge einer Säugetiermutter für ihr Junges und der
materielle All simpel aus. Unser Gehirn enthält Rangordnung in einer Horde von urtümlichen
100 Milliarden Nervenzellen, zehnmal mehr, als Menschenaffen. Alles dies und noch viel mehr
Menschen auf der Erde leben. Die Zahl der Syn- lebt weiter in unserem Körper und unserem Ge-
apsen, mit denen diese Zellen verbunden sind, hirn. In unsern Adern fließt noch immer der Oze-
wird durch eine 1 mit 13 Nullen dargestellt. Das an, aus dem die ersten Landtiere stiegen, in un-
sind mehr Synapsen, als es Sterne in einer Gala- seren Gefühlen leben die Begierden und Ängste
unzähliger Generationen warmblütiger Tiere,
und unser Verhalten wurde gestaltet von der
Weisheit vieler Generationen von Überlebenden
Der Weg, unseren Glauben gegen die (vgl. Beitrag von Christian Wetz). Im Menschen
Wissenschaft zu sichern, ist ein Irrweg ist die ganze Schöpfung gegenwärtig. Wenn
Gott den Menschen als Gegenüber anspricht,
wandelt sich die Natur zum Gesprächspartner
xie gibt. Berücksichtigt man, dass diese Schalt- Gottes. Wenn man die Menschen als „Krone der
stellen komplexe chemische Aktivitäten aufwei- Schöpfung“ bezeichnet, dann sind wir das nicht
sen, während ein Stern physikalisch einfach zu in dem Sinn, dass wir wichtiger wären als alle
beschreiben ist, kommt man zu einem erstaun- anderen Geschöpfe. Umgekehrt, im Menschen
lichen Schluss: Gemessen an der ungeheuerli- wird die ganze Natur unfassbar wichtig, denn
chen Vielfalt der Elemente, Verbindungen, Pro- sie redet mit Gott, sie hört Gottes Wort, und sie
zesse und Entwicklungen, ist der menschliche füllt sich mit Gottes Gegenwart. Als Gott Mensch
Körper ein eigener Sternenhimmel. Die Erde ist wurde, so der christliche Zugang, wurde er nicht
zwar – geometrisch betrachtet – ein Staubkorn nur Teil der Menschheit, sondern Teil der ge-
im Weltall. Aber sie trägt eine unfassbar komple- samten Natur und kam allen Geschöpfen nahe.
xe Ökologie aus Abermilliarden von Lebewesen. Man könnte es wagen, an das Wort des Paulus
Die Erde ist nicht zu unwichtig, um ein Werk aus anzuknüpfen, nach der mit uns alle Kreatur in
Gottes Händen zu sein, wenn wir uns von der der Gefangenschaft der Gottesferne klagt, mit
Öde der großen Zahlen nicht blenden lassen. Sie uns auf die Erlösung wartet, und mit uns aus der
ist – theologisch gedacht – nicht zu unwichtig, Gefangenschaft befreit werden wird.
um der Ort zu sein, an dem Gott in seine Schöp- Diese tiefen Bilder von Gott und Welt verblas-
fung eingehen könnte. sen, wenn wir uns als Christen von der Wissen-
schaft abzuschirmen suchen. Der Weg, unseren
Glauben gegen die Wissenschaft zu sichern, ist
Die fortdauernde Schöpfung und das ein Irrweg. Wenn Christen in der modernen Welt
harren der Kreatur von Gott als Schöpfer reden, und dies mit anstatt
Die Evolution passt in mancher Hinsicht besser gegen die Wissenschaft, wird der Kreationismus
Dr. habil. Hansjörg zum biblischen Schöpfungsglauben als der Kre- überflüssig und unsere suchenden Mitmen-
Hemminger, verhaltens- ationismus. Zum Beispiel macht sie die alte Idee schen haben echte Gesprächspartner. W
wissenschaftler, Experte einer fortdauernden Schöpfung, einer creatio
auf dem Gebiet religiöse
continua, leichter zugänglich. Dass Gottes Geist
Sondergruppen und bis
2013 Beauftragter für
nicht nur am Anfang der Zeit wirkte, sondern in
Weltanschauungsfragen der dieser Welt schaffend präsent ist, lässt sich an
Evangelischen landeskirche einer Natur verdeutlichen, die sich entwickelt.
in Württemberg. in vielen Die nach sechs Tagen fertiggestellte Welt macht
Studien hat er sich mit die Rede vom fortwirkenden Schöpfungshan- Im Internet dazu:
Kreationismus und „Neuem deln Gottes dagegen schwer fassbar. Konsequen- www.forum-grenzfragen.de/
Atheismus“ auseinanderge-
terweise lehnen viele Kreationisten die creatio (Katholische Akademie Stuttgart-Hohenheim)
setzt, mit den wissenschaft-
lichen Bedingungen von
continua theologisch ab. Auch dass wir Men-
theologie und Naturwissen- schen als Geschöpfe Gottes bedeutsam sind, www.theologie-naturwissenschaften.de/
schaften. kann durch die Evolution illustriert werden. Wir (Evangelische Akademie Rheinland)

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welt und umwelt der bibel 2/2016
Hier steHt vorerst ein blindtext

Ist RelIgIon eIn VIRUs?


richArD DAWKiNS’ KAMPF GEGEN DiE BiBEl

D ie Evolutionstheorie wurde immer wieder politisch


missbraucht: für rassentheorien, für den Sozialdarwi-
nismus, für die Eugenik (Zuchtprogramme für einen besse-
ren Menschen) usw. Als angebliches Argument gegen die
religion und für den Materialismus benutzten sie Autoren
wie Ernst haeckel und Julian huxley. Der englische Biologie
richard Dawkins steht in dieser tradition. Sein Bestseller
„Der Gotteswahn“ (The God Delusion) von 2006 vergleicht
religion mit einer viruserkrankung, die von Generation zu
Generation weitergegeben wird und endlich ausgerottet
werden muss. Sein landsmann Simon conway Morris ist
einer der gegenwärtig führenden Evolutionstheoretiker. Er
schreibt über Dawkins und seine Anhängerschaft (Life’s
Solution, cambridge university Press 2003, S. 314–316,
Übersetzung h.h.):
„trotz des quasi-religiösen Enthusiasmus der ultra-
Darwinisten ist ihr eigenes verständnis von theologie eine
Kombination von unwissenheit und Abwertung, hinkt philo-
sophisch, lebt von clichés, wird aber aus ihrer Sicht glückli-
cherweise von den Dummheiten der sogenannten ,scientific
creationists‘ mit treibstoff versorgt. Den ultra-Darwinisten
scheint selten aufzugehen, dass die theologie ihren eige-
richard Dawkins bei einem Auftritt in Stockholm im
nen reichtum und ihre eigenen Differenzierungen hat, und
Dezember 2015.
dass sie – seltsame idee – uns tatsächlich etwas über die
Welt sagen könnte, was nicht nur sehr zu unserem vorteil
wäre, sondern was uns die Naturwissenschaft auch nie zu
sagen imstande wäre.“ (Hansjörg Hemminger)

Bei der Eröffnung der


„Atheist Bus Campaign“ zeigte
sich Richard Dawkins 2009 mit
der Initiatorin Ariane Sherine
in London, deren Kampagne
er auch finanziell unterstützte:
„Diese Kampagne wird Leute
zum Denken bringen – und
Denken ist Anathema für
jede Religion.“ In mehreren
europäischen Ländern trugen
Busse diese Banner – in der
deutschen Version lautete die
Aufschrift: „Es gibt (mit an
Sicherheit grenzender Wahr-
scheinlichkeit) keinen Gott. Ein
erfülltes Leben braucht keinen
Glauben“.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 47
Interview zu Schöpfungsglauben und Naturwissenschaften im Islam

„Der Kreationismus galt als Bollwerk


gegen westlichen Darwinismus “
Ein Gespräch mit dem
Islamwissenschaftler
Serdar Güneş über
aktuelle Entwicklungen
und historische Voraus-
setzungen.

Gelehrte bei der Arbeit


im Observatorium von Istan-
bul, darunter der berühmte
Naturwissenschaftler Taqi
ad-Din (am Astrolabium).
In der islamischen Kultur-
geschichte hat die naturwis-
senschaftliche Erforschung
der Welt und des Himmels
einen hohen Stellenwert.
16. Jh., Universätsbibliothek
Istanbul.

48 welt und umwelt der bibel 2/2016


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Serdar Güneș
Islamwissenschaftler, Blogger und Referent
mit zahlreichen Veröffentlichungen zu den
Schwerpunkten Islam in der Moderne,
türkischer Islamismus sowie Grenzfragen
Religion und Naturwissenschaft. Er gehört
Welt und Umwelt der Bibel: Der Bevölkerungs- zur Redaktion der Frankfurter Zeitschrift für
anteil mit kreationistischen Haltungen ist islamisch-theologische Studien (herausgege-
auch in muslimischen Ländern hoch, in der ben vom Zentrum für Islamische Studien an der
Türkei liegt er bei rund 50 %. Wie kommt Universität Frankfurt). In der ersten Ausgabe
es, dass das Werten ähnelt, die man aus den hat das akademisch renommierte Team ein Positionspapier
westlich-christlichen USA kennt? zur islamischen Theologie in Deutschland veröffentlicht.
Serdar Güneş: Der Kreationismus – mit Fokus Auf dem Güneş’ Blog ist es abrufbar: http://wp.me/peKzW-3Lg –
auf der Ablehnung der Evolutionstheorie – war Reaktionen werden gern in der Zeitschrift veröffentlicht.
vor den 1980er-Jahren kein Thema in der Türkei.
Als dann konservative islamische Strömungen
an Einfluss gewannen, galt der Kreationismus
als Bollwerk gegen Darwinismus und Materialis-
mus – also gegen etwas, was westlich war. Diese Eine Gruppe im christlichen Kreationismus
Ablehnung hatte eine stark politische, antiwest- hat ein enormes Problem mit dem Alter des
liche Komponente. Universums, das aufgrund der biblischen
Texte und Genealogien nicht älter als 10.000
Welche Werte sahen und sehen muslimische Jahre sein soll. Sind Erkenntnisse der Astro-
Evolutionskritiker bedroht? physik und zum Erdzeitalter im Islam leich-
Politische, moralische und kulturelle Werte. Den ter zu integrieren? Eine Veränderung der
Darwinismus, interpretiert als Materialismus, Menschen und der Tiergattungen dagegen
sah man als Angriff auf kulturelle und speziell problematischer?
muslimische Werte – und die 1970er- und 1980er- Im Unterschied zum christlichen Junge-Erde-
Jahre mit der Revolution im Iran boten einen Kreationismus können sie im Islam keine Hal-
fruchtbaren Kontext für diese Weltsicht. Bis in tung finden, die eine Schöpfung von ein paar
die 1970er-Jahre war es in der islamischen Welt Tausend Jahren annimmt. Viele Kreationisten
weitgehend Konsens, die Naturwissenschaften gehen davon aus, dass stimmt, was die Astro-
und die Religion als zwei unterschiedliche Be- physik darstellt. Aber wenn es um die Homini-
zugssysteme menschlicher Erkenntnis zu se- sation geht, können sie sich schwer damit an-
hen. Doch im Klima der Restauration religiöser freunden. Die kreationistische Diskussion um
Deutungsmuster fanden islamische Fundamen- die Entstehung der Menschen ist ein Import aus
talisten eine neue Orientierung, indem sie den dem Westen im 20. Jh. Sie werden Äußerungen
Kreationismus als eine positive islamische Welt- vieler früherer islamischer Philosophen finden,
sicht ausdeuteten. Dabei hatten sie viele theolo- dass es eine Evolution der Existenz gegeben hat,
gische Probleme zu überwinden, weil der dem eine Emanation, das deutet auf einen Entwick-
Kreationismus zugrunde liegende Schöpungs- lungsgedanken hin. Es ist manchmal merkwür-
mythos im Koran nicht zu finden ist. Im Koran dig, dass die Menschen den Entwicklungsge-
finden sie nichts, was die Evolution wiederlegt danken über große Zeiträume akzeptieren, vom
oder belegt, weil er sich nicht dazu äußert. Eine Urknall über die Entwicklung des Universums,
weitere Hürde ist die islamische Tradition selbst, die Entstehung der Galaxien, der Erde ... aber
die eher für entwicklungstheoretische Ansätze Probleme haben, die Entwicklung des Men-
spricht und sich für ideologisch-politische Gra- schen als Gattung so zu sehen, wie die heutigen
benkämpfe nicht eignet. Daher verwundert es Naturwissenschaften sie darstellen. Ich sehe da
nicht, dass islamische Fundamentalisten die is- keinen theologischen Grund. Aber ich könnte
lamische Tradition auch nicht weiterschreiben, mir vorstellen, dass es auch mit der Tatsache zu
indem sie sie kritisieren, sondern ihr feindlich tun hat, dass viele westliche Evolutionsforscher
gegenüberstehen. Das führt zu einem a-histori- eine säkulare, atheistische Einstellung hatten
schen und anachronistischen Islamverständnis, und einige das auch herausgestellt haben. In
welches sich als Steinbruch sehr gut eignet. Das den letzten Jahren sehen wir, dass ein militan-
ist ein Problem, dem sich innovative Strömun- ter Atheismus in den USA komplementär zum
gen stellen müssen. christlichen Fundamentalismus entstanden ist.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 49
interview

Erbe, sei es aus Indien. Diese Forscher hatten


kein Problem damit, das in Einklang mit ihrer
islamischen Weltsicht zu bringen. Für sie stand
außer Frage, dass Koranverse auch metapho-
risch oder allegorisch verstanden werden kön-
nen. Koranverse, die auf die Schöpfung oder die
Natur abzielen, waren als Hinweis interpretiert
worden: Schaut auf die Erde, auf die Schöpfung
Gottes! Das regte die Neugier an, zu forschen
und die Geheimnisse des Kosmos zu ergründen.
Aus diesen Jahrhunderten gibt es auch viele Ap-
parate und Erfindungen, mathematische und
astronomische Berechnungen und Aufzeich-
nungen zur medizinischen Forschung.

Wie sind die Koransuren und -verse zur


Schöpfung literarisch einzuordnen?
Der Koran ist – anders als die Bibel – in einem
kurzen Zeitraum entstanden, in 22 bis 23 Jah-
ren. Der Koran nimmt stark Bezug auf Fragen
der damaligen Zeit. Wenn man den historischen
Die Mondphasen, Aufzeichnung von Al-Biruni (973–1048), einem
persischen Gelehrten, der sich mit Mathematik, Astronomie, Kartografie Kontext nicht kennt, wird es schwierig, den Ko-
und Pflanzenkunde beschäftigte. Aus dem Kitab al-Tafhim („Buch der ran zu interpretieren. Die Verse richten sich an
Unterweisung in die Anfänge der Kunst der Sterndeutung“). das Weltbild und den Wissensstand der Erst-
adressaten. Die Weltsicht ist zudem nicht zu
trennen vom theologischen Horizont der Spätan-
Das hatte sehr in die muslimische Welt hineinge- tike und Hinweise auf die Erde, die Schöpfung
strahlt: „Die Vorstellung, der Mensch habe sich und den Kosmos im Koran haben viel mit dem
vom Affen entwickelt, ist falsch!“ Das sagen die Wissen im 7. Jh. zu tun – beispielsweise Sure
Evolutionsbiologen zwar auch nicht, aber es ist 31,10: „Erschaffen hat er die Himmel ohne sicht-
ein gängiges Klischee, mit dem ein westliches, bare Säulen.“ Aus der Sicht der Erstadressaten
säkulares, humanistisches und atheistisches ist das leichter zu verstehen als heute – damals
Weltbild verbunden wird. Die Ablehnung hat hatte der Himmel Säulen, damit er nicht hinab-
also stärker gesellschaftspolitische als religiöse stürzte. Sure 10,101 fordert auf: „Betrachtet, was
Gründe. Ein bekannter Vertreter des türkischen in den Himmeln und auf der Erde ist!“ Oder Sure
Kreationismus, Harun Yahja, der mit seinem 50,6: „Sehen sie denn nicht zum Himmel über
Atlas der Schöpfung einen Feldzug gegen die sich empor, wie Wir ihn mit Bauten ausschmü-
Evolutionstheorie gestartet hat, begründet seine cken, dass er keine Risse hat?“ Dazu passt auch
Haltung aber auch klar religiös mit Koranversen. Sure 88,17: „Betrachten sie denn nicht die regen-
Er behauptet, dass die Evolutionstheorie die trächtigen Wolken, wie sie erschaffen wurden,
Wurzel von Faschismus und Terrorismus sei. und den Himmel, wie er erhöht worden ist?“
Hier wird an vielen Stellen Bezug auf die Him-
In der koranischen Theologie tritt die Schöp- melskuppel genommen – eine Reaktion darauf,
fung dem Menschen als Wegweiser zu Gott, dass viele Menschen daran uninteressiert wa-
als ein Geschenk des barmherzigen Gottes ren. Solche Verse sollten neugierig machen und
gegenüber. Welche Ansätze waren im Islam die Allmächtigkeit Gottes vor Augen führen.
möglich, diesen Schöpfungsglauben mit na-
turwissenschaftlichem Forschen zusammen- In einigen deutschen Bundesländern wird
zubringen? islamischer Religionsunterricht angeboten.
Wenn man die Geschichte des Islam im Sinne ei- Wie gehen die angehenden Lehrer und Leh-
ner Kulturgeschichte anschaut, wird man in der rerinnen mit dem Schöpfungsthema um?
1400-jährigen Tradition sehr viele Naturwissen- Die islamische Religionspädagogik und die Fa-
schaftler finden, die auch empirisch gearbeitet kultäten, die islamische Religionslehrer und
haben, die die Erde und den Kosmos beobachtet -lehrerinnen ausbilden, sind ja noch sehr neu.
haben, die auch von Kollegen aus aller Welt be- Beim Thema Schöpfungstheologie könnte man
einflusst wurden – sei es durch das griechische bei den christlichen Kollegen und Kolleginnen

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welt und umwelt der bibel 2/2016
interview

einiges abschauen. Die inhaltliche Debatte zur Ein besonderer Lesetipp


Evolutionstheorie findet eher im Netz, in Foren • Auf der Seite www.ibttm.org (Istanbul Museum für die
und unter islamischen Wissenschaftlern statt. Geschichte der Wissenschaft und Technik im Islam) ist das
Meine Erfahrung ist, dass das Thema an Einfluss fünfbändige Katalogwerk Wissenschaft und Technik im
gewinnt und für die islamischen Studierenden Islam, herausgegeben von Prof. Dr. Fuat Sezgin, Institut
an der Basis wichtiger wird. Besonders weil is- für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften,
lamische Theologen, die in Deutschland ausge- Frankfurt 2003, als PDF eingestellt: eine unerschöpfliche
bildet werden, in Kontakt mit ihren Nachbar- Fundgrube an Objekten, Abbildungen und Erläuterungen.
disziplinen stehen, müssen ihre Kenntnisse ein
gewisses Niveau haben. Die Kompatibilität von
Islam und Evolutionstheorie oder Naturwissen-
schaften allgemein muss abgearbeitet werden.
Das heißt, dass hier eine stärkere Vernetzung
stattfinden muss. Auch die Bildung von Theo-
logen muss interdisziplinär gestaltet werden.
Es wäre sehr schade, wenn Muslime im eigenen
Saft schmoren müssten. Leider stellen sich viele
Muslime die Theologie an der Universität als ei-
nen Unterricht mit dem Katechismus vor.
anzeige
Ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich der
muslimische Kreationismus entwickeln?
Punktuell bin ich sehr optimistisch, besonders Glaube und Wissenschaft
was die Präsenz der Muslime im Westen betrifft.
Hier findet eine Reflektion der eigenen kultu- kommen zusammen
rellen Werte und Quellen statt, auch an den
Universitäten, kurzfristig sind die ja gegründet
worden, um Religionslehrer auszubilden, aber
ich denke, mittel- bis langfristig wird es dazu
kommen, dass sich auch islamische Theologen 192 Seiten
mit andere Fragen beschäftigen, mit den natur- mit 40 Bildern
wissenschaftlichen Erkenntnissen und sie in Hardcover mit Schutzumschlag
Bezug zu ihrem Glauben setzen. Und ich würde 14 x 22 cm
durchaus sagen, dass es an vielen Stellen zu Um- € 17,99 [D]
ISBN 978-3-8436-0723-0
brüchen kommt, zu einem neuen Weltbild. Was
die Evolution betrifft, sehe ich schon an einigen
Stellen ein Umdenken – die alte Rhetorik der mi- –––––––––––––––––––––––––––
litanten Kreationisten, die es in der Türkei und In ihrem neuesten
in anderen Ländern der islamischen Welt gibt, faszinierenden Buch
die wandelt sich und ist nicht mehr so stark in
erklären der Physiker
der politischen Diskussion verfangen. Das setzt
aber voraus, dass sie ein gewisses Maß an For- Harald Lesch und der
schungs- und Meinungsfreiheit haben – in Biologe Christian
Deutschland etwa ist das möglich. Wie sich die Kummer eindrucks-
Zukunft der islamischen Theologie entwickelt, voll die Entwicklung
ist aber schwer abzusehen, so, wie die islami- vom Urknall über die
sche Welt im Moment mit ihren gesellschaftli-
chen Umbrüchen aufgestellt ist. Die Verhältnis-
kleine Blume bis zum
se sind sehr unberechenbar. In der westlichen komplexen Gehirn.
Welt, in Europa und zum Teil auch in den USA,
sind Muslime Teil einer wissenschaftlichen Viel-
falt. Da sind die eigentlichen Entwicklungen zu
www.patmos.de
erwarten. W lebegut

Die Fragen stellte Helga Kaiser.

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und umwelt 1 welt und umwelt der bibel 2/2016 51
09.02.16 16:16
Evolutionstheorie: Der Strom des Lebens

Zufall oder Gottes Schöpfung?


Forscherinnen und Forscher rekonstruieren den menschlichen Stammbaum
und die Entwicklung des Lebens auf der Erde mithilfe der Evolutionstheorie.
Seit Charles Darwin gibt es immer neue Mosaiksteinchen, die die Erd- und
Stammesgeschichte ergänzen. Von Hansjörg Hemminger

Begegnung über Millionen von Jahren hinweg – ein Riesenvogel, der vor
45 Millionen Jahren im Geiseltal bei Halle lebte, Auge in Auge mit einem Besucher der
Ausstellung „Aus der Morgendämmerung: Pferdejagende Krokodile und Riesenvögel“ des
Zentralmagazins Naturwissenschaftlicher Sammlungen der Universität Halle im Jahr 2015.
1933 waren hier urzeitliche Skelette in Braunkohleflözen gefunden worden.

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DER STROM DES LEBENS

D
as Jahr 2009 war für die Evolutionstheo- Geologie und Evolutionsbiologie passen seither
rie ein Jubiläumsjahr. Denn 1809 wurde immer besser zusammen. Ein Beispiel: Darwin Konstanz der Arten
Charles Darwin geboren. Im gleichen kannte keinen physikalischen Prozess, der die Theorie, die bis ins 19. Jh.
Jahr veröffentlichte der Chevalier de Lamarck Sonne so lange hätte leuchten lassen, wie es die viele Vertreter hatte: Alle
seine Theorie über die Vererbung erworbener vielen Millionen Jahre der Evolution erforderten. Arten wurden genau so von
einem Schöpfer geschaf-
Eigenschaften (Lamarckismus). Er hatte damit Heute wissen wir, dass Kernfusion die Energie
fen, wie sie gegenwärtig
wenig Erfolg, die meisten Naturwissenschaftler für die lange Lebensdauer der Sonne liefert.
existieren. Einige Arten
hielten an der Konstanz der Arten fest. Das än- seien allerdings im Laufe
derte sich, als Charles Darwin 50 Jahre später der Geschichte bereits
sein Hauptwerk Vom Ursprung der Arten (1859) Die Fülle der Fossilien
durch Naturereignisse
publizierte. Dank seiner Argumente setzte sich Die Grundideen Darwins gelten in der Evolu- ausgelöscht worden.
die Evolutionstheorie durch. Seine Leistung be- tionstheorie weiter. Aber sowohl der Daten-
stand in bestand, als auch ihr Arsenal an Theorien hat
• der schlüssigen Zusammenfassung aller sich stark erweitert. Charles Darwin kannte nur
Gründe für die Abstammungslehre, also für ein wenige tierische und pflanzliche Fossilien und
langes Erdalter, für die Verwandtschaft aller Le- überhaupt keine fossilen Belege für die Stam-
bewesen und ihren gemeinsamen Ursprung
• einer ursächlichen Erklärung der Evolution
durch die Theorie der natürlichen Zuchtwahl
(Selektionstheorie): Aus einem Überschuss an
Darwin wollte nicht, dass seine Wissenschaft
Nachkommen, Variation der Nachkommen und zur Kirchen- und Religionskritik benutzt wurde
Selektion ergibt sich die stetige Änderung der
Lebewesen.
Charles Darwin studierte in Cambridge Theo- mesgeschichte des Menschen – wenn man vom
logie und sollte eigentlich Geistlicher werden. damals falsch verstandenen Neanderthaler ab-
Er stammte aus einer Familie von Unitariern, die sieht. Deshalb sprach er von einem fehlenden
das Dogma der Trinität ablehnen. Theologisch Bindeglied, einem „missing link“ zwischen
stand er dem Deismus nahe, also dem Glauben Menschenaffen und Menschen. Heute kennen
an Gott aus Vernunftgründen, ohne eine über-
natürliche Offenbarung. Er verstand die Welt als
vernünftige Schöpfung Gottes, lehnte jedoch ein
Eingreifen Gottes in Naturgesetze ab. Im Alter
wandelte sich Darwin allerdings zum Agnostiker.
Er hielt die Frage nach Gott für unentscheidbar
und religiöse Skepsis für die ehrlichste Position.
Er wollte jedoch nicht, dass seine Wissenschaft
zur Kirchen- und Religionskritik benutzt wurde.

Der Fortschritt der Naturwissenschaft


Seit 1859 hat sich nicht nur die Evolutionstheorie
weiterentwickelt, sondern auch ihr naturwissen-
schaftliches Umfeld. Die Geschichte des Kosmos,
der Erde und des Lebens wurde immer besser
erforscht. Zum Beispiel trat die Standardtheorie
der Kosmologie (einschließlich des „Urknalls“)
an die Stelle des unveränderlichen Kosmos aus
der Zeit Darwins. Für ihn war auch die Unteilbar-
keit des Atoms noch selbstverständlich; heute
ermöglicht die Kernphysik die Vermessung geo-
logischer Zeiträume durch radioaktiven Zerfall. Bein eines Gastornis, einem Großlaufvogel aus dem eozänen
Die Erdgeschichte wurde dynamisch, vor allem Geiseltal, das der Präparator am Zentralmagazin Naturwissenschaft-
durch die Theorie der Kontinentaldrift. Physik, licher Sammlungen in Halle rekonstruiert.

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welt und umwelt der bibel 2/2016
DER STROM DES LEBENS

EVoLuTioNSkriTik
iN DEuTSChLAND

• … von bibelorientierten Gott erschafft


Protestanten, die den kurzzeit- die Tiere, Miniatur
kreationismus, eine sogenannte aus der Weltchronik
„Schöpfungslehre“ oder „intelli- des Rudolf von Ems,
gent design“ vertreten (Stu- 14. Jh. Der Buch-
diengemeinschaft „Wort und maler erweckt den
Wissen“, Werner Gitt, Joachim Eindruck, dass Gott
Scheven, reinhard Junker u. a.) jedes Wesen mit
Bedacht und Zuge-
wandheit erschafft.
• … von Jehovas Zeugen, die
Hochschul- und
einen Langzeit-kreationismus Landesbibliothek
vertreten (Wolf-Ekkehard Lön- Fulda.
nig u. a.)

• … von traditionalistischen
Katholiken, die meist „intelli-
gent design“ vertreten (Gustav
Siewerth Akademie, Alma von
Stockhausen, Wolfgang B. Lin-
demann, Josef Seifert u. a.)

• … von orthodoxen Juden,


die den kurzzeit-kreationismus Tafel aus der
vertreten (eine einzige Gemein- populären Buch-
de in Berlin) reihe „Das Leben des
Menschen“ des jüdi-
schen Arztes Fritz Kahn
• … von türkischen Muslimen,
(herausgegeben von der
die einen Langzeit-kreationis-
Gesellschaft der Natur-
mus vertreten (Atnan oktar freunde in Stuttgart von
alias harun Yahya: Atlas der 1922–1931) – entstan-
Schöpfung) den während der Wei-
marer Republik, einer
• … von Esoterikern, die eine Zeit großer Begeisterung
okkulte Form des Langzeit-kre- für die rasant zuneh-
ationismus bzw. von „intelligent menden Kenntnisse in
design“ vertreten (Thorwald den Naturwissenschaf-
Dethlefsen, rüdiger Dahlke ten. Zur gleichen Zeit
wächst die fundamenta-
u. a.)
listische Bewegung des
Kreationismus mit ihrer
• … von Rechtsextremisten,
Evolutionskritik, die ge-
die unter anderem eine völki- nau diesen Stammbaum
sche rassentheorie vertreten für unvereinbar mit der
(Jan udo holey u. a.) Bibel hält.

54 welt und umwelt der bibel 2/2016


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DER STROM DES LEBENS

Man kann im gewaltigen Strom der Evolution nichts als einen


blinden Ablauf von Naturprozessen sehen, oder man sieht den
Strom des Lebens aus dem Willen Gottes entspringen

wir einen „Busch“ von fossilen Formen, die seit 2001 gelang dies auch für das menschliche Erb-
dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Men- gut. Seither spielt die Untersuchung von geneti-
schenaffen und Mensch eine rund 7 Millionen schen Sequenzen (Genomik) eine entscheidende
Jahre dauernde Evolution belegen. Die genauen Rolle in der Evolutionstheorie. Die Stammbäu-
Abstammungsverhältnisse in diesem Stamm- me der Tier- und Pflanzenwelt werden durch den
baum sind teilweise noch unklar, ständig kom- Vergleich von Ähnlichkeiten und Unterschie-
men neue Funde hinzu. Es fehlt jedoch nicht den des Erbguts überprüft und meist bestätigt,
mehr an „connecting links“ zum Menschen. manchmal aber auch revidiert. Evolutionszeiten
Ardipithecus, Australopithecus, Homo habilis, lassen sich anhand von Mutationsraten bestim-
Homo erectus usw. sind weit über die Fachwelt men usw. Es kamen zahlreiche Fakten ans Licht,
hinaus bekannt geworden. Aber die meisten Lai- die nur im Rahmen der Evolutionstheorie Sinn
en machen sich nicht klar, welche riesige Zahl ergeben. Ein Beispiel: Im menschlichen Erbgut
an Fossilien aus aufeinanderfolgenden geologi- findet sich DNA eines Retrovirus, den es auch
schen Schichten heute insgesamt bekannt ist. Es im Erbgut von Menschenaffen gibt, aber nir-
Missing Link
gibt keine vernünftige Erklärung für diese geolo- gends sonst im Tierreich. Die virale DNA scheint Darwin sprach noch von ei-
gisch geordnete Fülle außer einer gemeinsamen vor rund 10 Millionen Jahren in die Keimbahn nem fehlenden Bindeglied,
Abstammung und Evolution. der Vorfahren von Menschenaffen und Mensch einem „missing link“, zwi-
eingebaut worden zu sein, bevor sich deren schen Menschenaffen und
Entwicklungslinien trennten. Ein wichtiges Menschen. Zu seiner Zeit
Die genetische revolution Forschungsfeld ist zur Zeit die genetische Steu- waren keine menschlichen
Charles Darwin hatte noch keine Vorstellung erung der Entwicklung eines Lebewesens von Fossilien bekannt, die die-
davon, wie die Merkmale von Lebewesen von der Keimzelle zum fertigen Organismus. Man se Lücke hätten schließen
einer Generation zur nächsten vererbt werden. spricht von „EvoDevo“ (evolution, development). können. Die kreationisti-
schen Ansichten führen
Heute ist dieser Vorgang sehr gut bekannt: Ma- Da diese Entwicklung genetisch gesteuert wird,
gerade im Missing Link ein
terieller Träger der Erbinformation sind Nuklein- genügen manchmal kleine Mutationen von Steu-
wichtiges Argument für die
säuren (DNA und RNA). Sie steuern die Ausbil- ergenen, um neue Merkmale hervorzubringen. Erschaffung des Menschen
dung der Merkmale eines Lebewesens, und sie Dadurch wurde die Entstehung von Innovatio- direkt durch die hand
können sich verändern (Mutation). Allerdings nen in der Evolution besser verständlich. Gottes an.
ist dieser Vorgang komplizierter, als man noch Die Evolutionstheorie ist nicht fertig – natur-
vor einigen Jahrzehnten glaubte. Ein großer Teil wissenschaftliche Großtheorien sind nie fertig.
der DNA höherer Lebewesen wirkt nicht direkt Wie man ihre Ergebnisse weltanschaulich deu-
auf ihre Merkmale ein, sondern hat eine andere tet, ist offen. Man kann im gewaltigen Strom
oder eventuell gar keine Funktion. Es gibt vie- der Evolution nichts als einen blinden Ablauf
le neutrale Mutationen, die nicht unmittelbar von Naturprozessen sehen, oder man sieht den
das Erscheinungsbild des Organismus ändern. Strom des Lebens aus dem Willen Gottes ent-
Die Codierung von Merkmalen durch DNA folgt springen. Je nachdem sind wir Menschen Zufälle
komplizierten, zum Teil überraschenden Re- der Natur, vielleicht sogar unglückliche Zufälle.
geln. Und die Beziehung von fertigem Organis- Oder wir sind Geschöpfe Gottes. W
mus und Erbgut ist keine Einbahnstraße. Der
Organismus steuert bis zu einem gewissen Grad
Veränderungen der DNA (Epigenetik).
Seit rund 20 Jahren ist es möglich, das kom- Dr. habil. Hansjörg Hemminger
plette Erbgut von Lebewesen zu entschlüsseln. Angaben zum Autor vgl. S. 46.

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Evolutionäre Psychologie

Die Evolution des Geistes


Nicht nur der menschliche Körper entwickelte sich in der langen Evolutions-
geschichte zu seiner heutigen Form, auch der Geist. Die Fähigkeit, Kultur zu
schaffen und religiös zu sein, hat sich über Jahrhunderttausende ausgebil-
det. Religiosität wird zum Teil der menschlichen Natur. Von Christian Wetz

W
er schon einmal in einer Wolkenfor- und psychischen Fähigkeiten sind es. Dabei geht
mation oder auf einem Toastbrot ein die EP davon aus, dass Menschen nicht mit ei-
Gesicht gesehen hat, hat die Wirk- nem gleichsam leeren Gehirn zur Welt kommen,
mächtigkeit evolutionspsychologischer Mecha- das sich durch Lernen und Erziehen beliebig
nismen am eigenen Leibe erfahren. „Pareidolie“ füllen ließe, sondern dass sein Gehirn eher ei-
nennt man dieses spezielle Phänomen, dass das nem Schweizer Taschenmesser gleicht: Einzel-
Gehirn (genauer: der Gyrus occipitotemporalis ne Module mit ihren adaptiven Mechanismen
lateralis) in zufällige, chaotische Anhäufungen sind für die Wahrnehmung und Verarbeitung
Strukturen hineinkonstruiert. Die Evolutionä- bestimmter Informationsklassen zuständig. Je-
re Psychologie (EP) begnügt sich nicht damit, des einzelne Werkzeug des Taschenmessers ent-
solche Phänomene bloß als Gehirnaktivitäten spricht einer kognitiven Grundeinstellung, mit
zu beschreiben, sondern sie fragt danach, un- deren Hilfe der Mensch sich in seiner Umwelt
ter welchen lang anhaltenden Umweltbedin- orientieren und bewegen kann. Diese Module
gungen sich Gehirnstrukturen mit bestimmten freilich können durch Lernprozesse verschieden
Funktionen entwickelt haben. Diese Umweltbe- stark ausgebildet werden. Also: Die Anlage ist
dingungen konstituieren die „Environment of genetisch bedingt, die Ausprägung aber wird in-
Evolutionary Adaptedness“ (EEA), die die EP zu dividuell durch die (v. a. soziale) Umwelt beein-
rekonstruieren versucht und deren prägends- flusst. Es ist ähnlich wie mit einem Löwenzahn:
te Periode für den modernen Menschen die af- Wächst er auf einer nährstoffreichen Wiese, wird
rikanische Savanne des Pleistozäns (2,5 Mio. die Pflanze groß und fett, wächst er aber auf ei-
Jahre bis 9700 vC) war. Bei unserem Pareidolie- nem kargen Magerrasen, so werden Blätter und
Beispiel ist die Logik Evolutionärer Psychologen Blüten nur sehr schmal ausgebildet. Das geneti-
folgende: Es war (und ist) ein Selektionsvorteil, sche Programm des Löwenzahns beinhaltet bei-
in der Dämmerung einen Busch versehentlich de Ausprägungen; welche aber realisiert wird,
als Raubtier wahrzunehmen und davonzulau- hängt von den Umweltbedingungen der konkre-
fen, anstatt ein Raubtier nicht schnell genug als ten Pflanze ab.
solches zu erkennen und gefressen zu werden.
Dabei sollte die Reaktionszeit möglichst kurz
sein. Der Selektionsdruck geht also dahin, einen Ein neuer Blick auf Kultur
Bereich (ein sogenanntes „Modul“) im Gehirn Der evolutionspsychologische Blick auf mensch-
mit einem adaptiven Mechanismus auszubilden, liche Verhaltensweisen hat große Auswirkungen
der bei verdächtigen Mustern sofort „anspringt“ auf Kulturverstehen, lässt sich doch so die kul-
– deswegen können wir gar nicht anders, als im turelle Entwicklung nicht mehr nur als eigen-
Chaos Strukturen zu erkennen. ständige Weiterentwicklung einer vor Urzeiten
vermeintlich abgeschlossenen biologischen Evo-
lution betrachten, sondern als Wechselspiel mit
Das Gehirn als Schweizer Taschenmesser dieser – man spricht von der „biologisch-kultu-
EP als Teilgebiet der Soziobiologie denkt die rellen Interdependenz der Humanevolution“. So
Evolutionstheorie konsequent weiter: Nicht vertritt der amerikanische Anthropologe Stewart
nur die Anatomie des Menschen ist Produkt der Guthrie die These, Pareidolie sei der evolutions-
Stammesgesichte, sondern auch seine geistigen psychologische Aufhänger von Religiosität, da

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unsere Vorfahren in toten Gegenständen Lebewe- macht eine weitere evolutionspsy-
sen zu erkennen vermeinten, jene also als leben- chologische These zur Religiosität
dig deuteten. Die in der Antike und auch im Alten augenfällig. Für den Biophiloso-
und Neuen Testament fest beheimatete Wahrneh- phen Eckart Voland gibt es nicht
mung der Welt als eine von Dämonen und Geis- die ein „Religiositäts-Modul“ im
tern besiedelte, die wirkmächtig in den Alltag Gehirn (und somit auch kein „Re-
eingreifen, lässt sich auf diese Weise noch einmal ligiositäts-Gen“), vielmehr wird
aus einer neuen Perspektive betrachten: Geister Religiosität durch das Zusam-
und Dämonen sind keine willkürliche Erfindung menwirken mehrerer spezifischer
psychisch auffälliger Zeitgenossen, die mit ihren Mechanismen konstituiert. Wenn
kruden Ideen ganze Kulturen und Menschheitse- etwa eine Gruppe von Kriegern
pochen beimpft hätten, sondern dem Menschen vermeiden möchte, dass ihr jemand nur um des Ein Gesicht in den
neurophysiologisch in die Wiege gelegte deuten- sozialen Ansehens willen beitritt („Schwarzfah- Wolken zu erkennen ist
de Verarbeitung der Wirklichkeit, somit in einem rerproblem“), muss sie ein Initiationsritual eta- besser, als in der Dun-
gewissen Sinne Teil der Wirklichkeit. blieren, das dem Initianden fälschungssichere, kelheit ein Raubtier zu
Auch viele andere Phänomene menschlicher „ehrliche Signale“, sogenannte Handicaps, ab- übersehen (siehe links) –
Kultur eignen sich für evolutionspsychologische verlangt. Wer beim Eintritt eine schmerzhafte und somit ein Selektions-
Befragungen. Geeignete Kandidaten sind stets und gesundheitsgefährdende Tätowierung über vorteil. (Quelle: Youtube)
solche Phänomene, die kultur- und zeitenüber- sich ergehen und sich so handicapen lässt, be-
greifend, quasi als „anthropologische Konstan- kundet seine Verlässlichkeit und Loyalität.
te“, begegnen: Warum bringen Menschen aller Ein anderer adaptiver Mechanismus, der
Kulturen Kunst hervor und können sich daran nach Voland Religiosität mitkonstituiert, ist die
erfreuen? Warum sprechen alle Menschen? Wa- „agency detection device“, die jemanden auf die
rum wird in allen Kulturen musiziert? Warum ist Anwesenheit eines Akteurs schließen lässt, der
Krieg ubiquitär? Warum begegnen Religionen für bestimmte natürliche Ereignisse in der Um- Lesetipps
und Religiosität ohne Ausnahme in allen Ge- gebung verantwortlich gemacht wird. Auch hier • Stewart E. Guthrie,
sellschaften? Warum erzählen Menschen aller wird – ähnlich wie beim Gesichtersehen – unbe- Faces in the Clouds. A New
Kulturen einander Geschichten, sind also nar- lebte Natur als lebendig gedeutet. Theory of Religion, Oxford
rationsfähig und -bedürftig? Gemäß der EP hat Diese Mechanismen im Verein mit einigen University Press 1993
jeweils der Selektionsdruck durch bestimmte weiteren bilden – so Voland – das Phänomen • Steven Pinker,
Umweltbedingungen die Ausbildung eines spe- „Religiosität“, wobei jeder einzelne Mechanis- Das unbeschriebene Blatt.
zifischen Mechanismus im Gehirn begünstigt, mus einen Selektionsvorteil darstellt. Die moderne Leugnung
der dem Individuum dazu verhilft, die Informa- der menschlichen Natur,
tionen seiner Umwelt in einer für ihn vorteilhaf- Berlin-Verlag 2003.
ten Weise wahrzunehmen, auszuwählen und Die Befriedung der • Eckart Voland, Soziobio-
zu verarbeiten. Dabei muss nicht ein einzelner Nature-Nurture-Debatte logie. Die Evolution von
Mechanismus allein für „Kunst“ zuständig sein, Die EP birgt das Potential, zwischen geistes- und Kooperation und Konkur-
sondern es können auch mehrere Mechanismen naturwissenschaftlichem Menschenbild zu ver- renz, Springer 2013.
oder Module in ihrer Summe die Fähigkeit zur mitteln, indem sie die seit langem schwelende
Kunst konstituieren. Nature-Nurture-Debatte zu befrieden in der Lage
Der Charme des evolutionspsychologischen ist. Bei dieser streiten sich die Fakultäten, ob
Blickes auf Kultur liegt darin, dass man Kultur menschliches Verhalten im Wesentlichen ange-
nicht mehr als wesenhaft verschiedenes, gar boren und determiniert (nature) oder anerzogen
feindliches Gegenüber der Natur sehen muss, und variabel (nurture) ist. Die evolutionspsy-
sondern als integralen Bestandteil von dieser chologische Perspektive zeigt, dass weder die
wahrnehmen darf. Theologisch gesprochen: eine noch die andere Seite allein im Recht ist.
Kultur ist nicht wider-schöpferisch, sondern Zwar verfügt unser Gehirn über eine ganze Rei-
eine Facette der Schöpfung. Und Religiosität he hochspezialisierter Mechanismen, wie diese
erweist sich so als integraler Bestandteil der aber ausgeprägt und angewendet werden, ist Sa- Dr. Christian Wetz ist derzeit
menschlichen Natur. che der Erziehung. Vielleicht ist die EP auch des- Wissenschaftlicher Mitarbei-
wegen so geeignet für die Mittlerrolle zwischen ter an der Universität Olden-
burg (Neues Testament) und
Natur- und Geisteswissenschaften, weil sie eine
Religiosität als Summe unterschiedlicher habilitiert sich zum Thema
empirische und gleichzeitig historische Diszi- „Evolutionäre Psychologie
adaptiver Mechanismen plin ist; sie fragt nach dem (natur-)geschichtli- des Neuen Testaments“.
Dass nicht ein adaptiver Mechanismus für ein chen Gewordensein des menschlichen Geistes Studiert hat er Theologie,
kulturelles Phänomen zuständig sein muss, und seiner kulturellen Errungenschaften. W Biologie und Philosophie.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 57
Zur Vereinbarkeit von Bibel und Naturwissenschaft

Wie können wir heute


glaubwürdig vom Anfang erzählen?
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Können Tatsachen und Geheimnisse koexistieren? Es ist ein Experiment, das der renommierte
Religionspädagoge Rainer Oberthür durchführt: Er erzählt die Geschichte des Universums und die
Geschichte der Schöpfung getrennt, und doch sind beide in Beziehung. Ein persönliches Statement,
wie Bibel und Naturwissenschaft vereinbar sein können – in für Welt und Umwelt der Bibel unge-
wöhnlich poetischen Worten. Von Rainer Oberthür

K
inder können mit ihren Fragen unser Fra- aus und führt zu Fundamentalismus und Kre-
gen schärfen, denn sie stellen bereits die ationismus – ein ausschließliches Anerkennen
großen Fragen der Menschheit. „Warum des naturwissenschaftlich Beweisbaren führt in
lebe ich?“, fragt ein Kind seine Eltern, „Warum eine materialistische Weltsicht, die nicht mehr
gibt es überhaupt etwas?“ und „Wie konnte es
erst nichts und dann alles geben?“, fragen Kin-
der im Religionsunterricht. Mit den Fragen „Hat „Wer hat den Urknall erschaffen?“
Gott die Welt wirklich in sieben Tagen erschaf-
fen?“ und „Wer hat denn den Urknall erschaf- nach einem Warum hinter dem Wann und Wie
fen?“ bringen sie messerscharf die Einseitigkei- fragt. Fundamentalismus und Materialismus
ten in der Beantwortung der Fragen rund um sind in dem Irrtum vereint, ernsthaft zu meinen,
Evolution und Schöpfung auf den Punkt. Und die Welt vollständig erklären zu können, also
die Beantwortung dieser Fragen ist im Detail die Spannung und jeweils begrenzte Wahrheit
dann oft gar nicht so einfach und kann Erwach- verschiedener Sichtweisen nicht aushalten zu
sene durchaus ins Stottern bringen. So stellt sich können. Beide unterliegen somit einem gera-
für Menschen heute schon früh im Leben die dezu „metaphysischen Einheitsstreben“ (H. D.
Frage nach einer glaubwürdigen Rede von der Mutschler).
Schöpfung. Und hoffentlich ein Leben lang wird Glaubwürdig sind meines Erachtens nur
diese Frage eine Frage bleiben, denn nur frag- Wege, die die eine und die andere Welterklä-
würdige Antworten können auf Dauer glaub- rung nicht gegeneinander ausspielen und das
würdig sein! Geheimnis jenseits allen Erklärens und Deutens
Links: Mosaik der
bewahren. Meine persönlichen Leitgedanken
Schöpfung in einer
für solche Wege lauten: Alle Dinge, die wir se-
Evolution oder Schöpfung? – Kuppel im Narthex
hen, können wir doppelt anschauen: als Tatsache
Schöpfung und Evolution? des Markusdoms in
und als Geheimnis. Aus dem Wirklichen erwächst Venedig, 13. Jh. In den
Auf die Frage nach dem Anfang haben Men- das Erstaunliche. Naturwissenschaft und Glaube beiden Kreisen kann
schen mit verschiedenen Welterklärungsmodel- kommen im Staunen zusammen. man das Siebentage-
len Antworten gegeben. Ein gläubiger Christ ist werk gegen den Uhrzei-
davon überzeugt, dass Gott die Welt erschaffen gersinn verfolgen. Mit
hat und Tag für Tag die Welt weiter werden und Doppelt vom einen Anfang erzählen
jedem Schöpfungstag
leben lässt – ein Naturwissenschaftler spricht Nun ist die grundsätzliche Einschätzung und kommt ein Engel hinzu.
vom sogenannten Urknall am Anfang und der Überzeugung, dass Naturwissenschaft und Am siebten Tag, rechts
weiteren evolutiven Entwicklung durch Werden Glaube je auf ihre Weise wahr sind, das Eine unten, ruht Gott und
und Vergehen, durch fortwährendes Überleben (Leichtere) – davon aber in sachlich und sprach- er segnet den siebten
und Verbessern des Erfolgreichen. lich angemessener Weise zu erzählen, das Ande- Engel.
Eine solche Trennung der Frage nach und der re (Schwerere). Denn es erfordert anspruchsvol-
Antworten auf Evolution oder Schöpfung ist zu- le Sprachangebote oder „Sprachspiele“, die das
nächst einmal richtig und notwendig, aber nur Erklärende und das Erzählende, das Faktische
im Sinne des Unterscheidens und nicht im Sinne und das Poetische, die Tatsachen und das Ge-
des Entscheidens. heimnis immer neu gewichten, neu differenzie-
Wer sich die Frage nach der Wahrheit alter- ren und aufeinander beziehen, damit das Eine
nativ stellt, gerät in Einseitigkeiten: Ein nur nicht am Anderen stirbt: das Eindeutige nicht
wörtliches Verstehen der Bibeltexte blendet am Mehrdeutigen, das Wissen nicht am Nicht-
heutige Erkenntnisse der Naturwissenschaften wissen und umgekehrt.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 59
glaubwürdig vom anfang erzählen

Der Geist Gottes über der Urflut. Erschaffung der Wassertiere und Vögel.

Aus dem Reiz dieser Herausforderung entstand meine Idee, Tatsachen, die geheimnisvoll sind –
der Frage nach dem Anfang in einem „Buch vom Anfang von das Geheimnis hinter den Tatsachen:
allem“ (s. Lesetipps am Ende des Beitrags) auf zweifache, un- Schon bevor etwas beginnt, vor allem Anfang, gilt es, die ver-
terscheidend trennende und dennoch aufeinander beziehbare schiedenen „Brillen“ der beiden Erzählungen zu kennen:
Weise nachzugehen. Es erzählt die naturwissenschaftliche und
die biblische Geschichte getrennt voneinander – also auf jeder Und nun kommt die Geschichte
Seite oben und unten im Buch –, jedoch so, dass beim paral- vom Anfang der Welt,
lelen Lesen Bezüge zwischen den Erzählungen zu entdecken wie sie uns heute von den
sind. Die naturwissenschaftliche Geschichte ist – wie auch in Naturwissenschaftlern berichtet wird.
diesem Beitrag – blau gedruckt und die biblische rot. Mit bei- Es geht um den Beginn in Raum und Zeit.
den zusammen können wir die Welt besser verstehen, doch nie- Es geht um Tatsachen,
mals ganz. Den Lesern eröffnen sich somit viele Möglichkeiten die oft geheimnisvoll sind.
der Wahrnehmung: Der parallele Blick und das aktive Lesen im Es geht um das, was einmal war
blauen und roten Text eröffnen Bezüge, Gemeinsamkeiten und und nacheinander passiert,
Unterschiede, die die jeweiligen Perspektiven und Erkenntnis- was Menschen
interessen „anschaulich“ machen. An einigen Stationen der nach und nach herausgefunden haben und
Erzählungen soll das nun gezeigt werden. nach dem heutigen Stand wissen.

Bewegte See in der Antarktis.

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welt und umwelt der bibel 2/2016
glaubwürdig vom anfang erzählen

Mit beiden Geschichten zusammen können wir die Welt


besser verstehen, doch niemals ganz
Und nun kommt die Geschichte Die Grenzen beider Perspektiven:
vom Ursprung der Schöpfung, Der siebte Tag, der Ruhetag, gibt Anlass, die biblische
wie sie uns in den alten Schriften Erzählung zu bedenken und dabei einen Blick auf die er-
der Bibel erzählt wird. staunliche Faktenwahrheit sowie auf „Fehler“ aus heuti-
Es geht um den Anfang ohne Raum und Zeit. ger Sicht zu werfen.
Es geht um das Geheimnis
hinter den Tatsachen. Das Gedicht wurde mehr als 500 Jahre vor Jesu Geburt
Es geht um das, was niemals war aufgeschrieben. Wir können staunen, wie viel die
und doch immer ist, Menschen damals schon verstanden haben:
was Menschen Die Schöpfung hat einen Anfang – am Beginn war Licht,
von und mit Gott erfahren haben und später Himmel und Erde – das Wasser war lange Zeit
schon seit langer Zeit und bis heute glauben. überall – erst spät wurde es vom Himmel getrennt.
Dann entstehen Erde und Meer – die Pflanzen kommen
Erst jetzt können die Geschichte vom Anfang (blau) und die vor den Tieren zur Welt – die Atmosphäre war lange
Geschichte vom Ursprung (rot) entfaltet werden. Dabei scheint undurchsichtig – die Pflanzen reinigten sie –, erst dann
mir wichtig, auch die naturwissenschaftliche Sicht in Form ei- wurden Sonne, Mond, Planeten und Sterne von der Erde
ner Erzählung voller oft unzureichender Metaphern – wie etwa aus sichtbar. Der Mensch steht am Ende einer Entwicklung
„Urknall“ – in durchaus poetischen Sprachspielen zum Stau- und hat eine besondere Rolle – eins ist nach dem anderen
nen darzulegen. Umgekehrt gehen auch in die biblische Erzäh- entstanden und aus dem anderen hervorgegangen.
lung immer wieder Fakten aus der heutigen Zeit mit ein.
Vieles ist also richtig, andere Tatsachen aber sind aus
Im Anfang war nur das Nichts, da gab es kein All, heutiger Sicht eindeutig falsch: So entstand die Welt
keinen Raum für irgendetwas, was es gibt, keine Länge, nicht in sieben Tagen, es dauerte 13,8 Milliarden Jahre.
Breite und Höhe für etwas, das Platz braucht, Die Pflanzen kamen nicht vor, sondern nach den Sternen
und keine Zeit für irgendetwas, was es gibt, keine Uhr, auf die Welt. Das wussten die Menschen noch nicht,
die pausenlos tickt, kein Zeitpfeil, der endlos fliegt. war ihnen aber auch nicht so wichtig. Nicht das Wie war
Raum und Zeit waren gefangen im Niemandsland. das Wichtigste, sondern das Woher, Warum und Wozu.
Kein Mensch kann jemals dorthin zurückschauen, Die Menschen bekennen ihren Glauben:
vor dem, was wir heute den Urknall nennen. Was geworden ist, kommt von Gott!
Gar nichts war da vor dem Anfang von allem.
Gar nichts fing an vor dem Anfang von allem. Aber auch das naturwissenschaftlich Erzählte fußt auf
einer großen Unwahrscheinlichkeit und die Grenzen des
Im Anfang war nur Gott, der selbst der Anfang ist, naturwissenschaftlichen Wissens kann man kritisch be-
der schon immer da ist, der ohne Zeit und Raum sein fragen.
kann, der keine Atome braucht, der die Liebe ist.
Doch Gott war sich selbst nicht genug und wollte Wie unfassbar ist es, dass wir leben dürfen in dieser
eine Schöpfung. Gott wollte Werden und Vergehen, einmaligen Welt? Wie kann man darüber nicht
Leben und Sterben, Lachen und Weinen. ins Staunen und Nachdenken geraten?
Gott wollte lebendige Wesen als ein gleichwertiges Wie kann man da meinen, alles sei
Gegenüber. Gott wollte Lebewesen auf Augenhöhe selbstverständlich und erklärbar?
und mit Herzenstiefe, die die Welt erfahren, Wie kann man da glauben, es gibt nicht mehr
von sich selbst wissen und nach ihm fragen können. als das, was wir sehen können?
Gott, der die Liebe ist, wollte Menschen, die sich und Über die heutige Sicht der Geschichte vom Urknall
andere und ihn lieben, die zueinander »Du« sagen werden die Menschen sicher noch in 2500 Jahren
können und zu Gott »Du« sagen dürfen. staunen, teilweise aber auch schmunzeln.
Denn wir wissen nie endgültig,
Dann folgt der lange, hier nicht darstellbare Weg durch 13,8 ob etwas naturwissenschaftlich richtig ist.
Milliarden Jahre der Entwicklung bzw. durch die sieben Tage Wir wissen immer nur vorläufig,
des priesterlichen Schöpfungsgedichtes mit Ergänzung der dass etwas bislang noch nicht falsch ist.
jahwistischen Erzählung der Erschaffung des Menschen (ada-
ma: der von der Erde genommene Mensch).

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welt und umwelt der bibel 2/2016 61
glaubwürdig vom anfang erzählen

Vor diesem Hintergrund liest sich die Würdigung der bib- Das war sie: Die Geschichte der Bibel
lischen Modernität und das sich anschließende persönliche vom Anfang von allem. Unsere Erzählung ist
Glaubenszeugnis sicher glaubwürdiger als das reine Bekennt- bei uns selbst als den Erzählern angekommen.
nis in Form des Aussagesatzes: Gott hat die Welt erschaffen. Aus Wüste und Leere sind Lebewesen mit Herz,
Hand und Hirn erschaffen, die alles erfahren und erfassen,
Damals war das Gedicht aufregend neu, denn die bestaunen und bedenken können. Und wir fragen uns:
meisten Menschen glaubten, die Sterne am Himmel Gäbe es die Welt, wenn keiner
seien die Götter, die von oben die Erde beherrschen. von ihr erzählen würde?
Hier nun wird erzählt: Gott erschafft alle Sterne und
den ganzen Himmel. Gott ist größer als der Himmel Ab jetzt müssen die Geschichten nicht mehr getrennt sein
und nicht einfach oben im All zu finden. und auch keine getrennten Farben mehr haben, sondern die
Das klang damals fast unverschämt und ist doch wahr Worte erzählen von ihrem Zusammenkommen:
bis zum heutigen Tag, für jeden Menschen, der glaubt,
dass nicht alles nur aus Zufall entstanden ist. Zwei Anfänge begegnen sich und du merkst:
Ich bin überzeugt davon: Es geht um denselben einen Anfang, ohne den es nichts gibt.
Wir Menschen sind keine Laune der Natur. Zwei Geschichten haben wir gehört.
Wir sind von Gott vorgesehen Beide erzählen davon, dass das Licht zur Welt kommt
und werden von Gott angesehen. und All, Erde und Menschen das Licht der Welt erblicken.
Doch sie stellen aus verschiedenen Richtungen
Die Erzählungen behutsam zusammenführen: unterschiedliche Scheinwerfer auf:
Am Ende meiner doppelten Erzählung vom Anfang gilt es, die Fä- die naturwissenschaftliche Geschichte
den vorsichtig zusammenzuführen und die Wahrheit beider zu die Wie-und-wann-Lampen,
betonen, die größere Wahrheit beider zusammen hervorzuheben die biblische Geschichte
und zugleich die Grenzen der Wahrheitsfindung nicht auszublen- die Warum-und-wozu-Lampen.
den. Zunächst geschieht das in zwei sehr parallelen Texten: Nun beleuchten sie den Anfang und sich selbst gegenseitig
und können etwas Licht in eine Geschichte bringen,
Das war sie: Die Geschichte der Naturwissenschaft die wir niemals ganz sehen und verstehen können.
vom Anfang von allem. Unsere Erzählung ist
bei uns selbst als den Erzählern angekommen. Alle Dinge, die wir sehen,
Aus dem winzigen Punkt sind Lebewesen mit Herz, können wir doppelt anschauen:
Hand und Hirn geworden, die alles erfahren und erfassen, als Tatsache und als Geheimnis.
bestaunen und bedenken können. Und wir fragen uns: Nun kommen Tatsache und Geheimnis
Gäbe es die Welt, wenn keiner im Staunen zusammen: Vordergrund und Hintergrund,
sie zu verstehen versucht? Außen und Innen, Oberfläche und Tiefe.

Sonnenaufgang über der Erde, fotografiert


vom Astronauten Scott Kelly von der Internationalen
Raumstation (ISS) im Oktober 2015.

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welt und umwelt der bibel 2/2016
glaubwürdig vom anfang erzählen

Gott erschafft die Landtiere ... ... und den Menschen.

Die naturwissenschaftliche Geschichte stellt die Wie-und-wann-Lampen auf,


die biblische Geschichte die Warum-und-wozu-Lampen

Wenn wir die Tatsachen kennen, können wir staunen, Lesetipps


können nach dem Geheimnis und nach Gott fragen. • Hans-Dieter Mutschler, Halbierte Wirklichkeit. Warum der
Die Unfassbarkeit aller Ereignisse vom Urknall bis zum Leben, Materialismus die Welt nicht erklärt, Butzon & Bercker 2014
das nach dem Grund von allem Anfang und aller Entwicklung fragt, • Hans-Dieter Mutschler, Naturwissenschaft und Theologie
ist ein sehr guter Grund, an einen Schöpfer der Welt zu glauben, unterscheiden, in: Katechetische Blätter Heft 6, 140. Jg. (2015),
aber kein zwingender Beweis dafür, dass es Gott gibt. 394–398.
Gott ist nicht einfach die Erklärung für alles, was wir nicht verstehen. • Rainer Oberthür, Vom Licht erzählen – das Geheimnis bewahren.
Gott ist nicht der Lückenbüßer für fehlende Antworten, Die Frage nach dem Anfang im Unterricht, in Katechetische
aber Gott kann uns helfen, die Lücken auszuhalten, damit zu leben, Blätter, Heft 6, 140. Jg. (2015) 410–416.
tiefer zu fragen nach dem Grund, warum es die Welt gibt,
tiefer das Wunder zu erleben, warum es uns gibt, Das Buch zum Beitrag:
tiefer ergriffen zu sein von dem Unbegreiflichen. • Rainer Oberthür, Das Buch vom
Anfang von allem. Bibel, Naturwis-
Gerade die letzten Gedanken sind wichtig: Aus gläubiger senschaft und das Geheimnis unseres
Sicht besteht immer die Gefahr, naturwissenschaftlich nicht Universums, Kösel Verlag 2015,
Erklärbares auf Gott zurückzuführen. Die Aussage „Den Ur- ISBN 9783466371273.
knall hat Gott gemacht“ greift zu kurz. Hans-Dieter Mutschler Hier kann man
spricht hier von einem „metaphysischen Kurzschluss“, der Rainer Oberthürs zwei
immer dann zum Problem wird, wenn die Naturwissenschaft Erzählungen sorgfältig
wieder mehr erklären kann und die Theologie zurückrudern gestaltet und bebil-
muss. dert in ihrer Gesamtheit
Aufs Ganze gesehen bedarf es, so Mutschler, mehrfach der nachlesen.
Gabe der Unterscheidung: „zwischen der Wissenschaft mit
ihrer Beobachterperspektive und der Lebenswelt mit ihrer
Betroffenenperspektive, zwischen den Naturwissenschaften
mit ihrem empirisch nachprüfbaren Wissen und der Theolo-
gie mit ihren Glaubensüberzeugungen. Wir brauchen jeweils
beide Sichtweisen, es gilt sie jedoch zunächst auseinanderzu-
halten und dann wieder ordentlich aufeinander zu beziehen.“ Rainer Oberthür
ist Dozent für Religionspädagogik und
Erst wenn diese Unterscheidungen verinnerlicht sind, kön-
stellvertretender Leiter des Katechetischen
nen Menschen als Glaubende auf die Tatsachen der Welt schau-
Instituts des Bistums Aachen. Er hat zahlrei-
en, können staunen über den Urknall, über das Leben, über das che Bücher veröffentlicht, in denen es um
faszinierende Spiel der Evolution, über alles in den 13,8 Milliar- die großen Fragen der Menschen geht.
den Jahren, das mit Zufall allein nicht zu erklären ist. W www.rainer-oberthuer.de

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welt und umwelt der bibel 2/2016 63
Büchertipps

Als Anfang schuf Gott Halbierte Wirklichkeit


Es gibt in der Bibel nicht DIE eine Der Professor für Natur- und Technik-
Schöpfungstheologie, sondern quer philosophie H.-D. Mutschler hinterfragt,
durch die Bibel zahlreiche Annäherun- welche Auswirkungen es für unser Men-
gen, was es heißt, in einer göttlichen schenbild hat, die Welt und das Leben
Schöpfung zu leben. Ein umfassendes allein mit Hilfe der Naturwissenschaf-
Bild der Theologie von der Weltschöp- ten erklären zu wollen: menschliche
fung ergibt sich nur, wenn man sie Gefühle und Geist etwa ausschließlich
gesamtbiblisch betrachtet. So haben als Prozesse von Materie. Eine Absolut-
ein Alt- und ein Neutestamentler dieses Buch gemeinsam setzung der Naturwissenschaften sieht er in kritischer Nähe
geschrieben und alt- und neutestamentliche Texte ins zu einer ideologischen Weltanschauung. Er argumentiert
Gespräch gebracht. Das Werk lässt ahnen lässt, welche philosophisch schlüssig, dass die Berechnung der Kräfte der
Bedeutung die biblischen Schöpfungstheologien in unserem Materie keine Aussage über das Sein und das Lebendige ist.
jüdisch-christlichen, kulturellen Selbstverständnis haben. Naturwissenschaftliche Vernunft ist endlich und der Wissen-
Als Anfang schuf Gott. Biblische Schöpfungstheologien, schaftsbetrieb mitunter fehleranfällig.
Patmos 1997, 254 S., nur noch antiquarisch zu erwerben, Hans-Dieter Mutschler, Halbierte Wirklichkeit. Warum der
ISBN 3491770165. Materialismus die Welt nicht erklärt, Butzon & Bercker 2014,
344 S.,17,99 EUR, ISBN 9783766642271.
Schöpfung
Was als Erstes beim Aufschlagen dieses Der Fall Darwin
Buchs auffällt, sind viele Abbildungen Zum Darwinjahr hat der Jesuit, Biologe
und Texte aus anderen Religionen und und Naturphilosoph Christian Kummer
Kulturen in der Umwelt der Bibel. Der dargelegt, auf welche Weise Evolutions-
Zugang zum Schöpfungsglauben des theorie und Gottesglaube aufeinander
Alten Testaments über den Kontext des bezogen sein können: Er arbeitet eine
Alten Orients und Ägyptens mit ihren gegenseitige Angewiesenheit von Reli-
literarischen und ikonografischen Zeugnissen ist fesselnd. gion und Naturwissenschaften heraus.
Der Schöpfungspsalm 104 etwa wird in seiner Ähnlichkeit Beide müssen bei ethischen Fragen
zum Sonnenhymnus des Echnaton neu verständlich. Be- zusammenwirken: biologisches Wissen, technische Zukunft
sondere Aufmerksamkeit wird den nachexilischen Versu- und ein religiöser Verantwortungsbegriff gehören zusammen.
chen zuteil, die Welt von einem einheitlichen Prinzip her zu Christian Kummer, Der Fall Darwin – Evolutionstheorie contra
begreifen. Doch bleibt die Studie nicht in der Vergangenheit: Schöpfungsplan, Sankt Ottilien 2011, 336 S., EUR 19,95,
Aktuelle Fragestellungen an christliche Schöpfungstheologie ISBN 978-3830675020.
bilden den Rahmen.
Othmar Keel/Silvia Schroer, Schöpfung. Biblische Theologien Zum Weiterlesen und -forschen:
im Kontext altorientalischer Religionen, Vandenhoeck & • Herder Korrespondenz Spezial: Getrennte Welten? Der
Ruprecht, 2., durchges. Auflage 2008, 303 S., 40 EUR, Glaube und die Naturwissenschaften, Herder 2008, 64 S.,
ISBN 9783525535004. EUR 12,90, ISBN 9783451027062.
• Andreas Schüle, Die Urgeschichte (1. Mose 1-11), Zürcher
Kürzeste Geschichte allen Lebens Bibelkommentare, Theologischer Verlag, Zürich 2009, 175
Der Münchner Professor für Astrophysik S., EUR 35,-, ISBN 9783290175276.
Harald Lesch hat eine Gabe, komplizierte • Janowski/Schweizer/Schwöbel, Schöpfungsglaube vor der
Dinge einfach zu erklären. Lesch und Ko- Herausforderung des Kreationismus, Neukirchner Theologie
autor Zaun führen seriös und unterhalt- 2010, 191 S., EUR 39,90, ISBN 9783788723507.
sam durch die 13,7 Milliarden Jahre seit • Christof Hardmeier/Konrad Ott, Naturethik und biblische
dem Urknall, erklären die Entstehung Schöpfungserzählung. Ein diskurstheoretischer narrativ-
von Galaxien, Sternen und Planeten und hermeneutischer Brückenschlag, Kohlhammer 2015, 369 S.,
enden bei der Entfaltung des Lebens und der Ausbildung des EUR 39,99, ISBN 9783170283527.
menschlichen Bewusstseins. Lesch hat zuletzt auch mit dem • Daniela Leitner, Als das Licht laufen lernte: Eine kleine
Jesuiten Christian Kummer (s. links) zusammengearbeitet Geschichte des Universums, C. Bertelsmann Verlag 2013,
(„Wie das Staunen ins Universum kam“, Pattloch 2016). 864 Seiten, EUR 49,90, ISBN 9783570101841.
Harald Lesch/Harald Zaun, Die kürzeste Geschichte allen Ein dicker, besonders faszinierender Band: Eine Kommuni-
Lebens. Eine Reportage über 13,7 Milliarden Jahre Werden kationsdesignerin erarbeitet sich die Astrophysik, indem sie
und Vergehen, Piper, 5. Aufl. 2012, 224 S., 9,99 EUR, in ihrer Wohnung mit Alltagsdingen Sachverhalte stellt und
ISBN 9783492257145. fotografiert. Ihre Gestaltung wurde zu recht preisgekrönt.

64 2002191424420E-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de


welt und umwelt der bibel 2/2016
Büchertipps

Wissenschaftsblog „Natur des Glaubens“ von Michael Blume


Der Religionswissenschaftler Michael Blume betreibt auf der seriösen Plattform SciLogs einen sehr
interessanten Blog: „Natur des Glaubens. Die Evolution der Religion(en)“. Pro Monat postet er rund
eine Handvoll Beiträge, vornehmlich zu seinem Forschungsschwerpunkt, dem Stellenwert von Religi-
onen und Religiosität in der Evolutionsgeschichte. Nach eigener Aussage tut er „über die Wirkung des
Glaubens vor allem eines: staunen!“ Aber auch zeitaktuelle religionspolitische Themen – mit guter
Kenntnis des Islam – kommen vor. Mit Stichwörtern versehen sind die Posts seit 2008 auch im Archiv
gut recherchierbar.
www.scilogs.de/natur-des-glaubens
Das Thema in Buchform kann man vertiefen in:
Rüdiger Vaas/Michael Blume, Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt – Die Evolution der Religiosität,
Hirzel 3., unveränderte Auflage 2012, 254 S., EUR 24,-, ISBN 9783777622231.

Schöpfung und Urgeschichten


Bibel und Kirche ist die theologisch-wissenschaftliche Zeitschrift des Katholischen Bibelwerks. In der
Reihe finden sich zwei Ausgaben mit erhellenden Beiträgen zum Thema „Schöpfung“:
Bibel und Kirche 1/2005, Schöpfung – Gabe und Aufgabe (64 S., EUR 2,-), Katholisches Bibelwerk e.V.
(Mit Beiträgen von u. a. Beate Ego, Christoph Dohmen, Bernd Janowski)
Bibel und Kirche 1/2003, Urgeschichte(n) (64 S., EUR 2,-), Katholisches Bibelwerk e.V.
(Mit Beiträgen von u. a. Erich Zenger, Georg Steins, Thomas Staubli)
Bestellhinweis siehe unten oder auf www.bibelundkirche.de
• Für Liebhaber: Welt und Umwelt der Bibel 2/96, Die Schöpfung, mit begleitendem Textheft
„Schöpfungserzählungen der Alten Welt“, Katholisches Bibelwerk e.V. 1996, EUR 4,90.
Das 16-seitige Textheft kann man auch separat für Unterricht oder Bibelarbeiten bestellen,
ISBN 9783932203763. Bestellhinweis siehe unten.

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welt und umwelt der bibel 2/2016 65
aus der welt der bibel

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welt und umwelt der bibel 2/2016
INHAlT

68 bis 73
Panorama
Petra: Ein nabatäischer Gott erhält ein Gesicht
Neues zum apokryphen Text Jannes und Jambres
Frühes katholisches Zeugnis zur Reformation

74 bis 77
die bibel in berühmten Gemälden
Jan und Hubert van Eyck
Der Genter Altar

78 bis 80
Neue reiHe: Voneinander wissen
Zum Verhältnis von Christentum und islam
2. Zum Umgang mit dem Koran und der Bibel

81 bis 83
die großen entdeckungen
Die Kirche von Megiddo:
Einer der frühesten christlichen Gebetsräume

84 bis 85
ausstellungen und Veranstaltungen

Weiteres Mosaik in Lod entdeckt

Noch mehr tiere, blumen und Ornamente

E igentlich sollte es nur eine Ausstellungshalle für das berühmte Mosaik von
Lod (Israel) werden, doch bei den Bauarbeiten kamen weitere Funde ans
Licht, darunter ein etwas kleineres Bodenmosaik (11 x 13 m) im Innenhof einer
römischen Villa. Seit Januar 2016 ist auch dieses farbenprächtige Mosaik nach
Mitteilung der Israelischen Antikenbehörde (IAA) öffentlich zugänglich. Es zeigt
– wie das bekannte Mosaik – Jagdszenen, Fische, Vögel und Blumenvasen. Nach
Ausgrabungsleiter Dr. Amir Gorzalczany zeugen die Motive „von hoher Kunstfer-
tigkeit“. Das Gebäude sei über lange Zeit in der römischen und byzantinischen
Epoche bewohnt worden – in einer Zeit, als die heutige Kleinstadt Lod Diospolis
hieß und Zentrum der Region war. Das neu entdeckte Mosaik wird in die Ausstel-
lungsräume des ersten Mosaiks integriert. W

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PaNOrama

oBodas der Gott – neUe erkenntnisse in Petra

Ein nabatäischer Gott


erhält ein Gesicht
„obodas, der Gott“ war bislang nur aus wenigen inschriften bekannt.
Jetzt konnte der autor erstmals einen konkreten statuarischen typus für
diesen Gott nachweisen. dabei ergab sich eine riesenüberraschung:
„obodas, der Gott“ folgt dem typ eines phönizischen Fruchtbarkeitsgottes.

B esucher der jordanischen Felsenstadt Petra


werden von der sogenannten Obodas-Kapel-
le meist nur gehört haben, zu beschwerlich und
vertrauen könne oder ob sie ein Konstrukt aus
Ortsnamen, Königsnamen und Gottesnamen
sei. Über diese Fragen geriet die nach dem Gott
gefährlich ist der Zugang zu diesem Versamm- selbst in Vergessenheit.
lungsplatz eines Clans vom Hohen Opferplatz
aus oder über das Wadi Farasa. Ursprünglich
erleichterten Treppenwege den Zugang. Den Na- Fragmente eines Gottes
men hat der Felsenkessel mit drei Bankettsälen Bei den Ausgrabungen der Obodas-Kapelle durch
und anderen Einrichtungen von der Inschrift L. Nehmé 2001 wurden zwei Fragmente einer Sta-
in einem der Felssäle. Die Inschrift bezeugt tue entdeckt, deren Fundlage auf die Aufstellung
die Weihung einer Statue des „Obodas, des in der rückwärtigen Nische weist und damit die
Gottes“ durch die Söhne des Hunainu. Da- Verbindung mit der Statue „Obodas, des Gottes“
tiert ist die Inschrift 20/21 nC. Ungewöhnlich aus der Weiheinschrift erlaubt. Leider haben
ist, dass ein nabatäischer Gott in einer Sta- die Sandsteinfragmente durch Wasserschäden
tue statt einem Betyl (heiliger Stein) darge- stark gelitten. Erst das Studium der Objekte für
stellt wird. Andererseits wird auch die Göttin eine Dokumentation aller peträischen Skulptu-
Isis in Petra anthropomorph dargestellt. Von ren durch den Autor führte zur Einordnung des
„Obodas, dem Gott“, wissen wir kaum etwas. statuarischen Typus. Damit erhielt „Obodas, der
Zu marginal blieb lange Zeit der Befund aus Gott“ ein Gesicht.
Petra, wo nur noch eine zweite Inschrift auf Die voluminöse „Afro-Frisur“ mit Buckel-
dem ad-Dayr-Plateau eine Kultgenossenschaft locken und die eigentümliche, fellartige Gewan-
(marzeah.) des Gottes bezeugt. Seit dem letzten dung entsprechen dem phönizischen Statuentyp
Jahr sind zwei Inschriften aus Gaia (jetzt Wadi des Gottes Eshmun von Sidon (so von
Musa) hinzugekommen. Zwei weitere Inschrif- A. Lichtenberger identifiziert), erfun-
ten lagen für Oboda (jetzt Avdat im Negev) vor. den in augusteischer Zeit, bzw. den
„obodas, der Gott“, Umso begieriger diskutierte man eine Angabe individuellen Nachahmungen
terrakottafragment aus in der historisch-geografischen Beschreibung dieses Typs. 32 Exemplare sind
Petra (basel, slsa) Arabiens bei Uranius (4. Jh. nC): „Oboda, bislang bekannt, davon dürften
wo Obodas, der König, den sie 18 „Obodas, den Gott“ darstel-
vergöttlichten, begraben liegt.“ len. Vielleicht sind noch sechs
Damit schien klar, einer der weitere Terrakotten aus Pet-
Könige namens Obodas wurde ra auf diesen Gott zu bezie-
vergöttlicht, und er war der gesuchte „Obo- hen. Früher hat man wegen
das, der Gott“. Da man in Oboda/Avdat sein
Grab nicht fand, fokussierte sich die Frage
darauf, wer von den zwei oder drei Königen eshmun, phönizischer statuen-
des Namens infrage kam, ohne dass darüber typus bronzestatuette, Frankfurt,
ein Konsens erzielt werden konnte. Schließ- liebighaus (nach wenning, ZdPV
lich erwog man, ob man der Quelle überhaupt 2015, taf. 5a).

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PANoRAMA

1 die obodas-kapelle, treffpunkt eines nabatäischen Clans in der


bergwelt um Petra.

2 Bekränzter „obodas, der Gott“, medaillonbüste, Nischenrelief


nahe dem weg zum Hohen Opferplatz in Petra.
3

3 „obodas, der Gott“, Kopf der statue aus der Obodas-Kapelle,


sandstein, Petra museum.

dieser ungewöhnlichen Zentrierung auf Petra ra und unter den Nabatäern viel größer gewesen
auch an Dushara, den Hauptgott der Nabatäer, sein muss, als bisher angenommen wurde.
gedacht. Eshmun war ein Fruchtbarkeits- und „Obodas, der Gott“ war neben Dushara der ein-
Heilgott. Vielleicht sind es diese Wesenszüge zige nabatäische lokale männliche Gott in Petra.
gewesen, die eine Übernahme des phönizischen Bei Tertullian (197 nC) werden Dusares (Dushara)
Statuentypus für den nabatäischen „Obodas, und Obodas als die Götter der Araber (Nabatäer)
den Gott“ im frühen 1. Jh. nC erlaubten. Die stark bezeichnet. Während die Obodas-Kapelle wie
bewegte Figur wird in ihrer Gestaltung am besten viele andere Clanheiligtümer in Petra mit Beginn
und nicht abwertend gemeint mit „orientalisch“ der Provincia Arabia 106 nC aufgegeben wurde,
beschrieben, was manche Nachahmungen noch setzten sich die Verehrung des Dushara und des
eklektisch überzogen. „Obodas, des Gottes“ weit über diese Zäsur hin-
Ein nach Ma‘in bei Madaba verschlepptes Büs- aus fort.
tenrelief, eine rundplastische Büste vom soge- Geht man von diesem statuarischen Typus
nannten Großen Tempel in Petra und die Büste eines orientalischen Fruchtbarkeitsgottes für
im Medaillon, die mit einem Betyl kombiniert ist „Obodas, den Gott“ aus, fällt es schwer, Ura-
und die Felswand eines offenen Bankettsaals am nius folgend darin einen vergöttlichten König
Weg zum Hohen Opferplatz in Petra zierte – bis- zu sehen. Man sollte der Frage nach der Vergött-
lang als doppelte Darstellung des Dushara gel- lichung eines oder mehrerer nabatäischer Kö-
tend –, sowie sieben Terrakotten aus Petra, die nige (und Königinnen) zunächst losgelöst von
den Gott mit einer Spendeschale in der Rechten der Aussage des Uranius und vielleicht auch
wiedergeben, zeigen, dass die Verehrung und losgelöst von diesem Statuentypus nachgehen. W
die Bedeutung des „Obodas, des Gottes“ in Pet- (Prof. Dr. Robert Wenning, Münster)

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PANoRAMA

ÄtHioPiscHe Und koPtiscHe textzeUGen zUM aPokryPHen text „Jannes Und JaMBres“

Neues von Pharaos Zauberern


anspielungen auf den apokryphen text „Jannes und Jambres“ sind in zahlreiche
jüdische und christliche schriften eingegangen. die mit Mose und aaron wettstreitenden
Magierbrüder wurden sogar in einer Verfilmung der exodusgeschichte gezeigt. neue
textfunde erweitern jetzt das Wissen um die apokryphe erzählung.

I n einem Abschnitt des 2. Timotheus-


briefes nimmt der Verfasser als Beispiel
dafür, wie sich Menschen in Opposition
Das apokryphe Buch erzählt die bekannte
Geschichte der Exodusereignisse (Ex 7–9)
aus der Perspektive der Brüder Jannes und
zu Gott verhalten, eine Anspielung auf ein Jambres, die als oberste „Magier“ am Hofe
Fehlverhalten von „Jannes und Jambres“: des ägyptischen Pharao dienen. Jannes
„Wie sich Jannes und Jambres dem Mose verweigert die Verbreitung einer göttlichen
widersetzt haben, so widersetzen sich auch Botschaft über den drohenden Untergang
diese Leute der Wahrheit; ihr Denken ist ver- Ägyptens, ein Akt des Ungehorsams, der sei-
dorben, ihr Glaube bewährt sich nicht. Doch nen Tod und seine posthume Anerkennung
sie werden wenig Erfolg haben, denn ihr Un- der absoluten göttlichen Überlegenheit zur
verstand wird allen offenkundig werden, wie Folge hat. Mit seinen politischen und theo-
es auch bei jenen geschehen ist.“ (2 Tim 3,8- logischen Aussagen parodiert das Buch ei-
9) Für heutige Leser ist dieses Beispiel eher nerseits die Machtlosigkeit der gegenwärti-
unverständlich, da diese Figuren sonst in gen griechisch-römischen Administratoren
der Bibel nirgends erwähnt werden. und erinnert andererseits an die ultimative
Den damaligen Lesern sind die hier er- Hoheit Gottes über Elite und Herrscher.
wähnten Jannes und Jambres allerdings Das Wissen um den Inhalt des Buches
wohl genauso vertraut, wie uns als stereo- „Jannes und Jambres“ ist im Laufe der Zeit
type Übeltäter Max und Moritz bekannt verloren gegangen, erst Mitte des 19. Jh.s
sind, da der Autor des Briefes keine weite- wurde ein kurzes lateinisches Exzerpt der
auf diesem teil des äthiopi- re Einführung dieser Personen vornehmen Schrift (mit angelsächsischer Übersetzung)
schen Fragments ist u. a. zu lesen, muss. Das Wissen um Jannes und Jambres wiederentdeckt. Im Verlauf der letzten
dass Jannes gegen mose kämpft ist neben diesem biblischen Beleg auch in hundert Jahre wurden weitere Stücke, grie-
und anschließend von einer zahlreichen weiteren christlichen und jü- chischsprachige Papyri aus dem Ägypten
Krankheit befallen wird. dischen Schriften und sogar in griechisch- des 3./4. Jh., gefunden und bestätigen ei-
paganen Texten vorausgesetzt, was auf nige Inhalte des Buches, wobei das Wissen
eine große Verbreitung dieser Traditionen um narrative Abläufe aber teilweise unbe-
hinweist. stimmt blieb, da diese Textfunde nur sehr
Es ist schwer, den Ursprung all dieser Aus- fragmentarisch sind.
sagen zu bestimmen: Wahrscheinlich zirku- Durch den schlechten Erhaltungszustand
lierten diverse mündliche Erzählstoffe zu des Textes bleiben viele Fragen zum Inhalt
Jannes und Jambres, die während der ersten offen, von denen nun einige durch die Ent-
drei nachchristlichen Jahrhunderte in ei- deckung von neueren Handschriften beant-
nem apokryphen Buch mit Namen „Jannes wortet werden können. Erstaunlicherweise
und Jambres“ zusammenkamen. Daneben sind diese neuen Textfunde in Sprachen
wurden zusätzlich mündlich Erzählstoffe verfasst, in denen man bisher keine Texte
zu diesen Figuren überliefert und gingen in zu „Jannes und Jambres“ gefunden hatte,
auf der Vorderseite des kop- schriftlicher Form in weitere Texte ein. So- nämlich in Koptisch und Altäthiopisch.
tischen Papyrus P.lips.inv. 2299
mit ist es bei 2 Tim 3,8 oder einigen weiteren
ist zu lesen, wie Pharao nach einer
Passagen, die sich auf Jannes und Jambres
erschütternden Voraussagung Jannes neue Funde alter Handschriften
beziehen, äußerst unklar, ob sich hier An-
und Jambres an seinen Hof ruft.
spielungen auf die apokryphe Schrift oder Im Jahr 2014 konnten in Addis Abeba Perga-
erzählte Überlieferungen finden. mentfragmente einer altäthiopischen Versi-

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PANoRAMA

die namen Jannes


und Jambres,
im äthiopischen und
koptischen Fragment.

on von Jannes und Jambres identifiziert werden. ren Version der Geschichte erzählt wird: Auf der
Während die ursprüngliche Übersetzung des Vorderseite ist zu lesen, wie Zehntausende oder
griechischen Originaltextes vermutlich im 5. oder mehr (wahrscheinlich die Hebräer) gezählt wer-
6. Jh. erstellt wurde, sind diese Fragmente jünge- den, dann wird Pharao prophezeit, dass ein klei-
ren Datums und möglicherweise zwischen dem ner Junge (Mose?), etwas „gegen uns“ (also die
10. und dem 13. Jh. zu datieren. Das erste Blatt Ägypter) tun werde. Hier könnte es Verbindungen
berichtet, wie Jannes seinen Bruder von dem be- geben zu einer Version der Exodus-Erzählung (im
vorstehenden Untergang Ägyptens und seinem aramäischen Targum Pseudo-Jonathan), wonach
eigenen Tod in Kenntnis setzt. Des Weiteren er- Pharao einen Traum hat, der ihm von Jannes und
fährt man von der Vermählung des Jambres mit Jambres als Geburt eines Kindes (Moses) gedeu-
seiner Nichte und der Nachahmung der Wunder tet wird, das einst Ägypten zu Fall bringen wer-
von Mose und Aaron durch Jannes und dessen de. Denkbar wäre auch, dass mit „kleiner Junge“
als Konsequenz auftretender Erkrankung. Große das griechische pais oder paidion wieder gegeben
Teile dieser Version überschneiden sich mit dem wird, das auch „Sklave“ heißen kann. In unserer
umfangreichen griechischen Text. Entsprechend Geschichte ist Pharao nun ebenfalls alarmiert,
lassen sich Rückschlüsse ziehen auf die korrekte bestellt aber jetzt erst Jannes und Jambres, die
Erzählreihenfolge in diesem Abschnitt. Ebenso Priester von Heliopolis, zu sich nach Memphis.
lassen sich mithilfe des altäthiopischen Textes Auf der anderen Seite des Blattes, nachdem etwa
Teile des griechischen Vorlagetextes rekonst- eine halbe Seite Text fehlt, wird ein großes ägyp-
ruieren. Das zweite Blatt ist noch interessanter, tisches Militäraufgebot beschrieben (analog zu
da sich zu dessen Inhalten keine griechischen Ex 14,7); schließlich treten Jannes und Jambres
Parallelen ausmachen lassen: Der Inhalt bezieht wieder auf und geben den Befehl, „diesen He“ zu
sich auf die Klage des Jannes am Ende des Bu- verfolgen. An dieser Stelle bricht das Fragment
ches über den Fall der ehemals mächtigen Erd- ab; vermutlich ist „diesen Hebräer“ zu ergänzen,
bewohner nach seiner nekromantischen Herbei- womit nur Mose gemeint sein kann.
rufung durch Jambres. Besonders überraschend Die neu gefundenen Textzeugen erlauben
in diesem Teil ist die Darstellung von Taten der weitreichende Rückschlüsse auf die Inhalte und
vorsintflutlichen Riesen, die besser aus der He- z. T. auf die Anordnung des Erzählstoffes von
nochliteratur bekannt sind. Einigen dieser Rie- „Jannes und Jambres“. Besonders auffällig wird
sen werden Namen griechischer mythologischer durch die nun gefundenen Fragmente eine drei-
Heroen gegeben, unter anderem „Akamas“ und teilige Erzählstruktur von „Jannes und Jambres“
„Ajax“, was eine höchst interessante Zusammen- (wobei die Beziehung zwischen der koptischen
legung hellenistischer und frühjüdischer Traditi- Version und den anderen Textzeugen unklar ist).
onen darstellt. Im ersten Teil der Erzählung wird neben genea-
Nur zwei Tage nach der Verkündung des äthi- logischen Informationen zu Jannes und Jambres
opischen Fundes wurde am 25. Februar 2015 in hauptsächlich auf die Vision des Jannes einge-
der Papyrus- und Ostrakasammlung der Univer- gangen: Jannes erfährt von einer über drei Zeit-
sitätsbibliothek Leipzig das Papyrusfragment spannen gehenden Zerstörung Ägyptens, weigert
P.Lips.Inv. 2299, verfasst in koptischer Sprache, sich allerdings, diese Vision zu teilen, und wird
aber zweifellos in Ägypten aus dem Griechischen daher von göttlichen Boten über sein eigenes
übersetzt, als Teil derselben Tradition identifi- Verderben informiert. Die Bedeutung der Vision
ziert. Eine Reihe von sprachlichen und paläogra- wird der Mutter von Jannes und Jambres erklärt,
fischen Hinweisen spricht dafür, dass der Leipzi- und auch an Jannes und Jambres, die sich auf
ger Papyrus, über dessen Herkunft leider nichts den Weg zum Pharao nach Memphis machen,
bekannt ist, ca. im 4./5. Jh. entstanden ist, womit werden in Anspielungen Teile der Vision erfüllt.
er den griechischen Textzeugen räumlich wie Der zweite Teil der Erzählung berichtet – nach ei-
zeitlich nahe steht. Der Inhalt lässt sich jedoch nem Zeitsprung ins verhängnisvolle dritte Regie-
schwerlich in den bekannten Handlungsablauf rungsjahr des Pharao – davon, dass Jannes die
einfügen, sodass hier vielleicht aus einer ande- Dienste des Pharao verlässt und an einem Hoch-

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PANoRAMA

zeitsmahl teilnimmt. Danach wird er zu- wird danach der Verrat von Jannes und ertrinken der Pharao und seine Armee.
sammen mit seinem Bruder Jambres an Jambres am Pharao bereits angedeutet. Nachdem anschließend auch Jannes
den Hof des Pharaos zurückgerufen, um Nachdem die Hebräer Ägypten verlas- verstirbt, warnt er seinen Bruder Jam-
sich mit Mose und Aaron auseinander- sen haben, wird der Pharao von seinen bres eindringlich aus der Unterwelt,
zusetzen. Während Jambres sich einer Hofbeamten gedrängt, den Hebräern sich Gott nicht entgegenzustellen und
Beteiligung an der Aktion gegen Mose nachzusetzen. Jannes und Jambres sich der Magie zu enthalten, wobei er
und Aaron verweigert, nimmt Jannes am werden nach Memphis zurückberufen ausführlich die Qualen, die er nun als
Kampf gegen die Hebräer teil und wird und überreden schließlich den Pharao, Bestrafung erleiden muss, beschreibt.
mit einer tödlichen Krankheit geschla- die Hebräer zu verfolgen, obwohl sie W (Ted Erho, Frederic Krueger und Matthias
gen. In einer astrologischen Botschaft um die Konsequenzen dieser Handlung Hoffmann)
über die „verdorbenen Generationen“ wissen. Ähnlich wie im Exodusbereicht

kUrzFristiGe aUssteLLUnG in köLn

Palmyra – was bleibt?

KölN Die Ruinenstadt Palmyra im heutigen Sy- nungen festzuhalten. Seine Arbeiten spiegeln bis
rien mit ihrer durch Römer, Griechen und Perser heute die einstige Schönheit und Faszination der
geprägten Kultur faszinierte seit Jahrhunderten antiken Stätte wider.
– bis im Mai 2015 die Milizen der Terrororganisa- Neben den Zeichnungen veranschaulicht ein
tion „Islamischer Staat“ die Stätte eroberten, be- 4 m² großes topografisches Modell mit wechseln-
deutende Tempel zerstörten und vor der Kulisse de Projektionen von Karten und Luftaufnahmen
des Weltkulturerbes Hinrichtungen durchführ- den drastischen Wandel Palmyras im Lauf der die kölner ausstel-
ten. So wurde der frühere Chefarchäologe von Zeit. Cassas’ detailgenauer Stadtplan kontras-
lung zeigt Palmyra in
Palmyra, Khaled Asaad, ermordert. Ein Ende der tiert mit aktuellen Satellitenaufnahmen, die die verschiedenen Zeitepo-
Vernichtung von Palmyra ist nicht abzusehen. dramatischen Zerstörungen durch den IS vor Au- chen: Zeichnungen aus
Das Wallraff-Richartz-Museum in Köln stellt jetzt gen führen, etwa die Zerschlagung der Tempel dem 18. Jh. stehen Fotos
in einer kurzfristig organisierten Ausstellung die des Baal und des Baalschamin. Die mehr als 230 aus dem 20. Jh. vor und
Frage „Palmyra – Was bleibt?“. Das Museum Jahre alten Zeichnungen Cassas‘ erhalten daher nach der Zerstörung
zeigt mehr als 30 Zeichnungen des französischen einen hohen dokumentarischen Wert. durch den is gegenüber.
Künstlers, Archäologen und Architekten Louis- Zum Begleitprogramm der Ausstellung gehö- links: bogentor
François Cassas (1756–1827). In nur zwei Monaten ren auch Führungen in Arabisch, geleitet vom sy- rechts: turmgrab des
war es ihm 1785 gelungen, fast alle palmyrischen rischen Archäologen Jabbar Abdullah. W (Wallraff- iamblik, Zeichnung von
Monumente direkt vor Ort in detailreichen Zeich- Richartz-Museum/WUB) Cassas.

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welt und umwelt der bibel 2/2016
PANoRAMA

neUer dokUMentenFUnd in GotHa

die reformation aus früher katholischer sicht


GOtHa Im Thüringischen Staatsarchiv Go- polemischen Gehalt haben, ungewöhnlich
tha wurde im Nachlass des lutherischen sachlich. Die Handschrift gewährt auf diese
Theologen und Kirchenhistorikers Ernst Weise einen neuen Einblick in die unmit-
Salomon Cyprian (1673–1745) die sehr frühe telbare Wahrnehmung der Reformation aus
Beschreibung einer Geschichte der Reforma- altgläubiger Sicht. Der Verfasser beschreibt
tion entdeckt. Unter dem Titel Von der Zwi- die großen Veränderungen, die sich in der

2r. Geh. Archiv


spaltung so sich des Glaubens und Religion Zeit der Reformation ergaben, angefangen
halben im 1517. Jar in Teutscher Nacion hat bei der Liturgie und den Sakramentenver-
angefangen schrieb der unbekannte Verfas- ständnissen bis zu den Universitäten. Dabei

Gotha,
ser bereits 1535 einen 400 Folioseiten umfas- nimmt er auch die gesellschaftlichen Um-

hier: Bl.
senden handschriftlichen Bericht über die brüche in den Blick. Ganz offensichtlich hat

Staatsarchiv
Ereignisse seiner Zeit aus katholischer Sicht. er viele Informationen zusammengetragen,
„Dieses Dokument“, sagt Dr. Daniel wie die Beschreibung etwa des Täuferreichs

I 1a, Bl. 1/2r-207v,


Gehrt, wissenschaftlicher Mitarbeiter der in Münster oder des Wormser Edikts zeigen.
Forschungsbibliothek Gotha und Entdecker Offensichtlich war die Schrift nicht für

Thüringisches
der Handschrift, „ist historisch betrachtet den Druck oder ein breiteres Publikum ge-
von großer Bedeutung.“ Es ist um einige dacht. Der Kontext weiterer Schriften des
Jahre älter als die beiden bisher bekannten Sammelbandes lässt eine Entstehung der

XX
Beschreibungen der Reformationsgeschich- Handschrift im fränkischen Raum südlich
te, die nach 1541 von den beiden lutheri- des Thüringer Waldes möglich erscheinen. 400 Folioseiten umfasst die
schen Superintendenten Friedrich Myconius Der Fund soll innerhalb der Ausstellung Handschrift, in der ein katholi-
(1490–1546) in Gotha bzw. Georg Spalatin ‘Ich habe einen Traum‘ – Myconius, Melanch- scher Verfasser um 1535 die Ver-
(1484–1545) in Altenburg verfasst worden thon und die Reformation in Thüringen vom änderungen beschreibt, die sich
sind. Zugleich sind die Reflexionen des 3. April bis zum 5. Juni 2016 in Gotha erst- aus der reformation ergaben.
Verfassers im Vergleich mit Flugschriften mals öffentlich gezeigt werden. W
aus der Reformationszeit, die häufig einen (Universität Erfurt/WUB)

neUes ForscHUnGsProJekt zU deUtscHen BiBeLüBersetzUnGen iM 14. JH.

deutsche Bibel vor Martin Luther


JeNa Bereits vor Martin Luther (1483–1546) „geradezu elegante deutsche Prosa“. Dabei
gab es im 14. Jh. erste Übersetzungen der habe der anonyme Autor die Evangelien und
Bibel ins Deutsche. Wissenschaftler der Uni- die Apostelgeschichte übersetzt sowie wei-
versität Jena wollen jetzt in einem zwölfjäh- tere neutestamentliche Apokryphen. Neben
rigen Forschungsprojekt eine Gesamtaus- der Übersetzung kommentierte er den Text
gabe einer deutschen Übersetzung aus der und verteidigte in programmatischen Vorre-
Zeit um 1330 herausgeben, wie die Univer- den das Recht der Laien auf die Bibel in der
sität mitteilte. Der namentlich nicht näher Volkssprache. Die Version des sogenannten
bekannte Autor, der aufgrund sprachlicher „Österreichischen Bibelübersetzers“ ist eine
Eigenheiten der „österreichische Bibelüber- von mehreren handschriftlichen und 18 ge-
setzer“ genannt wird, war im Gegensatz druckten vorreformatorischen Bibelüberset-
zu Luther ein Laie. Er wollte das Bibelwort zungen. Inzwischen gehen Wissenschaftler
einer größeren Zahl von Menschen zugäng- nicht mehr davon aus, dass Luther von die-
lich machen, die kein Latein konnten. Trotz sen Arbeiten seiner Vorgänger wusste. Bad des Jesuskindes, Zeich-
der sehr aufwendigen und zum Teil reich be- Das Forschungsprojekt beginnt mit der nung am rand einer apokryphen
bilderten Handschriften sei der Autor bisher Transkription des Klosterneuburger Evan- erzählung im Klosterneuburger
nur Spezialisten bekannt, so die Universität. gelienwerks. W evangelienwerk. stadtbibliothek
Seine Übersetzung besteche durch eine (Universität Jena/WUB) schaffhausen.

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Die BiBel in BeRühmten gemälDen

Der Genter Altar


Jan und Hubert van Eyck von Régis Burnet

D as berühmte Polyptychon Der Genter Altar


von den Gebrüdern van Eyck präsentiert
sich mit seiner Fülle an Details wie ein religiöses
scheint ganz in ihr Stundenbuch vertieft. Die
musizierenden Engel um den Mittelteil erinnern
an den thronenden Christus im Tympanonfeld
Suchbild. Eine solche Darstellung, die bekannte von Kathedralportalen.
Motive mit eigenen Elementen mischt, war vorher Die Tafeln an der Unterseite nehmen eine Sze-
unbekannt und sucht ihresgleichen. ne auf, die in Buchmalereien von Apokalypse-
Die Thematik des Werks ist zunächst klar: Es Kommentaren häufig vorkommt, insbesondere
greift das Hochfest Allerheiligen auf, an dem ein in den Apokalypse-Kommentaren des Beatus de
Text aus der Johannesapokalypse gelesen wird: Liébana: die Anbetung des Lammes nach Offb
„Danach sah ich: eine große Schar aus allen Na- 4. Diese Buchmalereien begnügten sich meist
tionen und Stämmen, Völkern und Sprachen; nie- mit der Darstellung der 24 Ältesten rund um den
mand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Thron Gottes und gelegentlich einiger Märtyrer.
Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm Nie jedoch waren Eremiten, Richter, Pilger oder
und trugen Palmzweige in den Händen“ (Offb Streiter Gottes, wie sie der Genter Altar aufweist,
7,9). Der Genter Altar zeigt die Gemeinschaft der dargestellt. Der Lebensquell der mittleren Tafel
Seligen: heilige Büßer und Märtyrer – erkennbar ist ein orientalisches Thema, das seit der früh-
an den Palmzweigen –, Apostel, Propheten und christlichen Kunst bekannt ist und in armeni-
Patriarchen des Alten Testaments, heilige Jung- schen, georgischen und byzantinischen Minia-
frauen und Bischöfe. Sie alle gelangen – geheiligt turen aufgegriffen wurde: Es wird in der Folge in
durch das geopferte Lamm (= Christus) – ins Pa- der flämischen Kunst entwickelt (vgl. „Der Gar-
radies. Dabei erscheint das Paradies zugleich als ten der Lüste“ von Hieronymus Bosch).
Deësis Gartenlandschaft wie als himmlisches Jerusalem.
Dreifigurengruppe
Durch die Anbetung des Lammes, den über allem
mit Christus in der Der historische Kontext
schwebenden Geist und durch die Gestalt auf
Mitte, an den Seiten
Maria und Johannes
dem Thron in der Mitte drückt das Altargemälde Das Polyptychon wurde von Joos Vijdt und sei-
der Täufer in fürbit- die Verherrlichung der Dreifaltigkeit aus. ner Frau Elisabeth Borluut in Auftrag gegeben.
tender Haltung. Sie sind auf der Außenseite des Flügelaltars
dargestellt. Joos Vijdt war Mitglied des Stadtrats
Die Darstellung von Gent. Die Stadt strebte nach Unabhängig-
Der Genter Altar ist einzigartig durch seine Di- keit von den herrschenden Burgundern, denn
mensionen, aber auch durch sein ikonogra- die Steuern drückten schwer, was sich auf den
phisches Programm, das mehrere Elemente Wohlstand auswirkte. Bereits 1379 hatte es in der
miteinander mischt. Die Bildtafeln des oberen Stadt einen Aufstand gegeben und zwanzig Jah-
Mittelteils stellen eine Deësis dar, die aus der re nach Vollendung des Altars erhoben sich die
byzantinischen Kunst bekannt ist: Christus als Bürger erneut. Das ikonografische Programm
Richter, umgeben von Maria und dem Täufer steht unter diesem Einfluss: In geschlossenem
Johannes als Fürsprecher für die Menschheit. Zustand zeigt der Altar eine Verkündigungssze-
Allerdings ist die Darstellung hier anders als ne, die in einer Galerie angesiedelt ist. Diese
gewohnt. Johannes der Täufer (ohne Lamm) zeigt ein städtisches Panorama, das den Alltag
zeigt zwar mit dem Finger auf Christus, dessen der Betrachtenden spiegelt.
Vorläufer er ist, Maria jedoch hat nicht die in Auch in geöffnetem Zustand ist der Altar nicht
der Deësis übliche bittende Haltung, sondern ohne politische Intentionen: Möglicherweise

74 welt und umwelt der bibel 2/2016


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drückt die überraschende Präsenz der „gerech- lesen sind auf den Knien des Täufers die ersten Das Werk
ten Richter“ (justi judices) an der Seite der „Strei- Sätze des Jesaja-Orakels – „tröste mein Volk“). Der Genter Altar (oder:
ter Christi“ (milites Christi) auf den linken unte- Die Hervorhebung des Kelchs, eines der Symbo- Die Anbetung des mysti-
ren Tafeln den Wunsch nach einer Machtteilung le der Hussiten, kann für die Kommunion unter schen Lammes), Jan und
zwischen den burgundischen Soldaten und den beiderlei Gestalt, nach der alle reformatorischen Hubert van Eyck, 1432,
Bürgern, die die Stadt regieren, aus. Bewegungen riefen, plädieren. Öl auf Holz, 350 x 223 cm
Auch die Theologie der Komposition ist kom- (geschlossen) und 350 x
plex und geprägt von den Strömungen der Zeit. 461 cm (offen). Sankt-
Denkbar ist, dass das Werk durchdrungen ist Der Maler Bavo-Kathedrale, Gent
von Ideen, die unter anderem der Theologe Jan Der Altar gilt aufgrund einer vierzeiligen In- (Belgien).
Hus aufgebracht hat und die sich ein Jahrhun- schrift am Rahmen als Werk Hubert und Jan van
dert später in der Reformation wiederfinden Eycks. Über Hubert weiß man wenig. Jan van
werden. Die im Bild gezeigte Vorliebe für die Eyck, geboren in Maaseyck in Limburg, war Hof-
biblischen Bezüge verweist auf eine häufige maler im Dienst des Burgunderherzogs Philipp
Lektüre der Schriften, und zwar auch von den des Guten, in dessen Auftrag er auch verschie-
Laien. Die Anwesenheit der Pilger und Eremiten dene „Spezialaufgaben“ und „geheime“ Reisen
vor dem Lamm plädiert für eine ärmere Kirche, unternahm. Berühmt ist er für seine realisti-
die sich auf das Gebet und Werke der Barmher- schen Detaildarstellungen und seine Porträts.
zigkeit konzentriert. Die Darstellung Marias und Zu seinen Meisterwerken gehören: Die Arnolfini- Régis Burnet ist Professor
des Täufers, beide mit einem Buch in der Hand, Hochzeit (1434), Madonna des Kanzlers Rolin für Neues Testament an
drückt eine auf das Stundenbuch und das Pro- (1435), Mann mit rotem Turban (1433). Jan von der Universität Louvain-la-
phetenbuch ausgerichtete Frömmigkeit aus, zu Eyck starb 1441 in Brügge. Neuve (Belgien).

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Die bibel in berühmten gemälDen

2
1 1

4 3 4

2 Christus oder Gottvater?

In der Mitte thront eindrucksvoll eine zentrale und


zugleich rätselhafte Gestalt. In der Deësis nimmt
diese Stelle gewöhnlich der Sohn Gottes ein, hier
aber scheint es Gottvater zu sein. Dafür sprechen die
päpstliche Tiara, das Zepter und die Tatsache, dass er
keine Wundmale trägt. Gekleidet in ein liturgisches
Gewand aus perlenbesticktem Purpur, auf dessen
Stola „Sabaoth“ zu lesen ist, sitzt er auf einem bro-
katgeschmückten Thron. Dieser zeigt einen Pelikan,
der seine Jungen füttert, ein Bild für das Opfer Chris-
ti. Die Krone zu seinen Füßen könnte Symbol des
Vaters sein oder auf Christus anspielen, der auf sein
Königtum verzichtet, um Mensch zu werden. Auf den
nimbusartigen Bögen über der zentralen Gestalt deu-
tet eine Inschrift die Darstellung: „Dies ist Gott der
Allmächtige, mächtig durch seine göttliche Majestät,
der Allerhöchste, der Beste durch seine liebreiche
Güte, der Allerhöchste Belohner durch seine gren-
zenlose Freigiebigkeit.“ Auf der Treppenstufe findet
sich eine weitere Botschaft: „Leben ohne Tod strahlt
von seinem Haupte aus. Glanz ohne Alter auf seinem
Antlitz. Freude ohne Trübung auf seiner Rechten.
Sorglose Sicherheit auf seiner Linken.“ Er ist einge-
1 Adam und Eva rahmt von der Jungfrau Maria und Johannes dem
Die Komposition wird abgeschlossen durch die Präsenz von Adam und Täufer, ebenfalls durch Schriftzitate über den Köpfen
Eva, deren Rolle zwei Inschriften präzisieren: „Adam stürzt uns in den charakterisiert. So liest man bei Maria das Zitat aus
Tod“ und „Eva war der Grund für den Tod“. Beide bedecken ihre Scham dem Buch der Weisheit: „Sie ist schöner als die Son-
gemäß der Genesis-Erzählung, und Eva hält die verbotene Frucht in der ne und übertrifft jedes Sternbild... Sie ist der Wider-
Hand. Die halben, grau gehaltenen Lünetten oberhalb der Figurenni- schein des ewigen Lichts, der ungetrübte Spiegel von
schen zeigen die Folge des Sündenfalls: links das Opfer von Kain und Gottes Kraft.“ Und beim Täufer, er sei „mehr als nur
Abel und rechts der Mord an Abel. Nur durch das geopferte Lamm kann ein Mensch, den Engeln gleich, Summe des Gesetzes,
sich die sündige Menschheit in der Gegenwart Gottes aufhalten, bei den Stimme der Apostel, Schweigen der Propheten, Licht
Engeln und an der Seite der Jungfrau Maria und Johannes‘ des Täufers. der Welt, Zeuge des Herren“.

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welt und umwelt der bibel 2/2016
Die bibel in berühmten gemälDen

3 Die Anbetung des Lamms


Im Paradiesgarten mit 42 verschiedenen
Pflanzenarten findet die himmlische Li-
turgie statt. Auf einer kleinen Anhöhe, die
den Berg Zion darstellt, befindet sich das
Lamm auf einem Altar. Aus seiner Brust
fließt Blut in einen Kelch und verweist so
auf die Eucharistie. Darüber schwebt die
Taube als Symbol des Heiligen Geistes, der
sich auf alle ausbreitet. In einem inneren
Kreis verehren Engel mit Weihrauchgefäßen
und Leidenswerkzeugen das Lamm, dann
die Erwählten. Im Vordergrund links sind
die zwölf kleinen Propheten des Alten Tes-
taments dargestellt, dann folgen die Patri-
archen, schließlich die geretteten Heiden;
rechts die Apostel, der heilige Paulus und
der Diakon Stefanus und verschiedene Hei-
lige, darunter Lieven (Sankt Livinus), einer
der Patrone von Gent, der als Attribut seine
ausgerissene Zunge trägt. Im Hintergrund
die Blutzeugen mit erhobenen Märtyrer-
4 Die Schar der Erwählten palmen und die heiligen Frauen, Jungfrau-
Auf den Seitentafeln ist die Schar der Erwählten dargestellt, deren Präsenz ein en und Märtyrerinnen. Man erkennt Agnes
politisches und religiöses Ziel verfolgt. Links befinden sich jene, die die Welt nach am Lamm, Barbara am Turm, Dorothea an
dem Herzen Gottes leiten: die „gerechten Richter“ und die „Streiter Christi“, da- den Blumen, Katharina von Alexandrien
runter erkennt man die „Neun Helden“: Josua, David und Judas Makkabäus aus als Prinzessin. Im Vordergrund der Lebens-
dem Alten Testament, Hektor, Alexander und Julius Cäsar aus der Antike, Arthur, quell (vgl. Offb 22,1), der auf das Sakrament
Karl der Große und Gottfried von Bouillon aus dem Mittelalter. Rechts befinden der Taufe anspielen könnte.
sich jene, die sich von der Welt zurückgezogen haben: die heiligen Eremiten vor
einem gebäudelosen Hintergrund (wie Antonius in der Mitte und Maria Magdale-
na dahinter), schließlich die heiligen Pilger angeführt vom heiligen Christophorus
und einem Pilger nach Santiago de Compostela (Jakobspilger). In diesem doppel-
ten Gefolge ist der Appell nach einer demütigeren Kirche erkennbar, die charakte- Die Quelle
ristisch ist für die bürgerlichen Eliten. OffenBaRung Des JOhannes
7,9-12
Danach sah ich: eine große Schar
aus allen Nationen und Stämmen,
Völkern und Sprachen; niemand
konnte sie zählen. Sie standen in
weißen Gewändern vor dem Thron
und vor dem Lamm und trugen
Palmzweige in den Händen. Sie
riefen mit lauter Stimme: „Die Ret-
tung kommt von unserem Gott, der
auf dem Thron sitzt, und von dem
Lamm.“ Und alle Engel standen
rings um den Thron, um die Ältesten
und die vier Lebewesen. Sie warfen
sich vor dem Thron nieder, beteten
Gott an und sprachen: „Amen, Lob
und Herrlichkeit, Weisheit und Dank,
Ehre und Macht und Stärke unserem
Gott in alle Ewigkeit. Amen.“

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Voneinander wissen

Zum Umgang mit dem Koran und der Bibel

Zwei Buchreligionen?
Christentum wie Islam berufen sich auf ein Buch als ihre geoffenbarte
Gründungsurkunde. Dennoch gehen beide Religionen recht unterschiedlich mit
der je heiligen Schrift um. Von Mohammad Gharaibeh und Tobias specker

O b Christentum und Islam gemein-


sam einfachhin als Schrift- oder
Buchreligionen verstanden werden kön-
das zunächst Jesus Christus selbst ist.
Für Christen sind sie deshalb „Gottes-
wort in Menschenwort“. Ihre historische
sind weder chronologisch noch thema-
tisch organisiert. So kann eine Sure von
den alttestamentlichen Propheten er-
nen, ist umstritten. Dabei nehmen im Entwicklung, ihre unterschiedlichen zählen, anschließend auf die ganz kon-
Christentum sowohl das Alte wie auch literarischen Gattungen, ja, auch die krete Situation in Medina verweisen, den
das Neue Testament eine zentrale Rol- Tatsache, dass die gleichen Ereignisse Propheten oder die Gläubigen direkt an-
le innerhalb der Liturgie, der Theologie unterschiedlich erzählt werden, sind sprechen und im nächsten Moment den
und auch des alltäglichen Glaubensle- deshalb kein Widerspruch zu ihrem Tag des Jüngsten Gerichts ankündigen.
bens ein. Ähnliches kann für den Islam Offenbarungscharakter und glaubwür- Inhaltlich nimmt der Koran an verschie-
ausgesagt werden, in dem der Koran im digen Zeugnis. Im Gegenteil, gerade so denen Stellen ganz konkreten Bezug auf
Mittelpunkt muslimischer Theologie wird das Handeln Gottes in der Geschich- die historische Situation der ersten mus-
und Glaubenspraxis steht. Unterschei- te Israels sowie an und durch die Person limischen Gemeinde um den Propheten
den muss man hingegen deutlich zwi- Jesu aus unterschiedlichen Perspektiven herum, bedient sich ihrer Sprache und
schen der theologischen Beurteilung von erschlossen. Historizität und Literarizi- ihres kulturellen Kontextes. Dass der
Koran und Bibel. tät gehören damit konstitutiv zu der Er- Koran teilweise auf konkrete Ereignisse
fahrung des Gotteswortes mit hinzu. Im Bezug nimmt oder auf Fragen der Gläu-
Christentum sind Schriftentwicklung, bigen antwortet, macht deutlich, dass
Zwischen Gottes Wort und Gemeindebildung und Traditionsentste- zumindest die Anlässe der Offenbarung
Geschichtlichkeit hung eng verwoben. In der Praxis zeigt vor dem Hintergrund seines historischen
Die biblischen Texte geben aus christli- sich die Menschlichkeit des Gotteswortes Kontextes gelesen und verstanden wer-
cher Sicht ein Zeugnis vom Wort Gottes, zum Beispiel daran, dass biblische Er- den müssen.
zählungen nachgespielt, auf die eigene Dennoch wird der Koran nicht nur als
Biografie angewendet oder auch kreativ Zeugnis von der Offenbarung, sondern
Ein katholischer neu erzählt werden können, um sie sich als Offenbarung selbst und als Gottes un-
Priester präsentiert so anzueignen und in das eigene Leben geschaffenes Wort bezeichnet. Aus die-
das evangelienbuch zu übersetzen. ser Vorstellung bezieht der Koran zum
im Gottesdienst. Der Koran weist zunächst formal ei- einen seine zentrale Rolle in der islami-
nige Ähnlichkeiten zu den biblischen schen Theologie, in der Glaubenspraxis
Texten auf. Er wurde dem Propheten sowie der gelebten Religiosität der Gläu-
Muhammad in einem Zeitraum von 23 bigen. Zum anderen stellt diese Überzeu-
Jahren offenbart. Diese Tatsache spiegelt gung die Theologen vor das theologische
sich deutlich in der Heterogenität der Problem, die Historizität der Inhalte des
Themen wider, die der Koran anspricht. Koran mit der Transzendenz seines gött-
Der Inhalt der Offenbarung wurde teil- lichen Ursprungs in Einklang zu bringen.
weise noch zu Lebzeiten des Propheten
und unter seiner Aufsicht und Anwei-
sung in Versen organisiert und in soge- Spiritualität und Ästhetik:
nannte Suren (Kapitel) gegliedert. Inter- Der Koran in der Glaubenspraxis
essant ist dabei, dass der Gliederung des In der gelebten Glaubenspraxis ist das
Koran kein erkennbares Ordnungssche- Rezitieren der Schrift ein Ausdruck von
ma zugrunde liegt. Die Suren und Verse Frömmigkeit und Religiosität. Neben der

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ZUm Umgang mit dem Koran Und der BiBel

voneinander wissen – ZUm Verhältnis Von ChristentUm Und islam

In den vier Ausgaben 2016 schreibt an dieser Stelle ein christlich- 1/16 Umma und Kirche
muslimisches Autorenduo. Die Reihe entsteht in Kooperation mit dem 2/16 Koran und Bibel
Theologischen Forum Christentum – Islam. Das 2005 gegründete Fo-
3/16 JHWH und Allah
rum steht für dialog-orientierte islamische und christliche Theologien
4/16 Scharia und christliche Gebote
und ist an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart angesiedelt.

Auffassung, dass das Rezitieren selbst


ein Gottesdienst und damit gleichauf mit Gläubiger beim Lesen
den rituellen Gebeten, dem Fasten, dem des Koran.
Spenden und den Pilgerfahrten stehe,
verbinden Muslime mit der Koranrezita-
tion auch die Vorstellung, Gottes Wirken
durch den Koran vergegenwärtigen zu
können. Beim lauten Verlesen der Schrift
wird der Akt der Offenbarung, welcher
dem Propheten Muhammad vorbehal-
ten war, für die Gläubigen annähernd er-
fahrbar, sodass sie sich spirituell in die
Nähe der Offenbarungszeit versetzt und
damit mit dem Propheten und der ge-
segneten Gemeinde verbunden fühlen.
Darüber hinaus bewirken die sprachli-
che Gestaltung und die besondere, spür-
bare Rhythmik der arabischen Sprache
eine ästhetische Anziehungskraft auf den koranischen Lehren überzeitliche können, die mit dem Geist der Offenba-
die Hörer und spricht auch Gläubige Gültigkeit zukommt. Für jene Inhalte, rung in Einklang stehen sollten, entwi-
an, welche des Arabischen nicht kundig welche die Gottesdienste oder Kunde ckelten muslimische Gelehrte ein kom-
sind. Daher ist die Rezitation des Koran über vergangene Völker sowie zukünfti- plexes hermeneutisches System, um aus
ein fester Bestandteil von religiösen Fei- ge Ereignisse wie den Tag des Jüngsten den koranischen Aussagen überzeitliche
erlichkeiten und Ritualen, angefangen Gerichts betrafen, war dies wenig prob- Normen und Werte abzuleiten.
von der Geburt, über die Eheschließung lematisch. Diese Passagen waren in der Die Notwendigkeit für die Entwick-
bis hin zum Tod und der Beerdigung von Regel so formuliert, dass ihnen jeweils lung eines hermeneutischen Systems
Gläubigen. Diese spirituelle Verbunden- eine bestimmte Botschaft innewohnte, war aber nicht nur den ständig wech-
heit zum Koran drückt sich zudem in der welche die Gläubigen zur Frömmigkeit, selnden Umständen geschuldet, in wel-
individuellen Lektüre des Koran aus. Großzügigkeit, Genügsamkeit, Geduld chen die Muslime lebten. Sie entsprang
Gläubige finden beim Lesen Trost und und weiteren Tugenden aufrief. Für jene vor allem dem Umstand, dass der Koran
Hoffnung, was ihnen über Trauer und Inhalte aber, die das gesellschaftliche schlichtweg nicht genügend Regelun-
schwere Schicksale hinweg hilft, sowie Zusammenleben regeln sollten, stellte gen beinhaltet, die ein Leben in der Ge-
neue Kraft spendet, um die Kontingenz sich der Sachverhalt etwas komplexer meinschaft umfassend regeln könnten.
des Lebens bewältigen zu können. dar. Da der Koran an einigen Stellen Ein Großteil des Koran erzählt über die
explizit die frühe Gemeinde und ihre alttestamentlichen Propheten, über den
Lebenswirklichkeit ansprach, wurden Tag des Jüngsten Gerichts und über die
Zwischen Historizität und Trans- sie von den muslimischen Gelehrten vor Pflicht des guten Handelns etc. Für die
zendenz: Der Koran in der Theologie eben diesem historischen Kontext ver- muslimischen Gelehrten war neben dem
Der Glaube daran, dass der Koran Gottes standen. Um dennoch für ihren persön- Koran daher auch die Prophetische Tra-
Wort und damit die unmittelbare Offen- lichen historischen Kontext passende dition eine weitere wichtige Quelle für
barung sei, führte zur Vorstellung, dass Handlungsanweisungen formulieren zu die Ableitung normativer Handlungs-

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welt und umwelt der bibel 2/2016 79
ZUm Umgang mit dem Koran Und der BiBel

richtlinien. Gesammelt in Aussprüchen Koran und Bibel: Gemeinsamkei- Bezug und können sich auch gegensei-
und Berichten über Handlungen und ten, Differenzen und Perspektiven tig nicht ignorieren: Der Koran kann als
Entscheidungen des Propheten galt die Dieser Überblick zeigt, dass der unter- nachbiblische Auslegung gewürdigt, die
Prophetische Tradition als erster Ausle- schiedliche Umgang mit Bibel und Ko- Bibel als vorkoranische Referenzgröße
ger des Koran, aber auch als Ergänzung ran inhaltlich tiefer verankert ist, als gelesen werden. Schließlich haben die
zu diesem. Dementsprechend wurde der dass es sich nur um alltägliche oder ri- unterschiedlichen Auslegungstraditio-
Prophet nicht nur als Überbringer der Of- tuelle Differenzen handelte. Die Unter- nen gemeinsam stets den liturgischen
fenbarung gesehen. Sein Handeln, seine schiede sind aber auch anspruchsvoller Gebrauch, die Würdigung des Literal-
Aussprüche und Erläuterungen galten und differenzierter als es eine schnelle, sinnes, die zu einer intensiven gramma-
als göttlich inspiriert und damit als Teil formelhaft-dogmatische Gegenüber- tisch-philologischen Betrachtung führt,
der Offenbarung. stellung „unmittelbares Gotteswort – sowie die Pluralität inhaltlicher Deutung
Während die praktische Theologie die menschliches Zeugnis“ wiedergibt. Die zu berücksichtigen.
Spannung zwischen Historizität und Unterschiede betreffen erstens die jewei- Die Koran- wie die biblische For-
Transzendenz über ein hermeneuti- lige sprachliche Eigenart: Während für schung stehen in Zukunft vor interes-
sches System löste, versuchten die mus- die Bibel die erzählerischen Formen eine santen Fragen, in denen sie sich wech-
limischen Theologen Ähnliches für die wesentliche Rolle in der Struktur und selseitig befruchten können. Die Fragen
Glaubenslehre. Denn dass der Koran als theologischen Eigenart spielen, kann betreffen das Verhältnis von Mündlich-
Buch existierte, gelesen und gehört wer- man den Koran nicht einfach über die keit und Schriftlichkeit genauso wie die
den konnte, war nicht ohne Weiteres mit Leiste der Narration scheren. Zweitens Erforschung literarischer Formen, die
dem Anspruch vereinbar, Gottes unge- ist die innere Struktur des Textes unter- den Text strukturieren, die systematisch-
schaffenes Wort zu sein. Dennoch heißt schiedlich: Die christliche Bibel besteht theologische Ausdeutung des jeweils
es im Koran, dass Gott spreche und dass konstitutiv aus der Zuordnung von Altem grundlegenden Offenbarungsverständ-
folglich der Koran Gottes Wort bzw. Rede und Neuem Testament, wohingegen der nisses und schließlich auch die theolo-
sei. Die muslimische Gelehrsamkeit dis- Koran einerseits geschlossener in einer gische Reflexion über die Bedeutung der
kutierte kontrovers, wie diese Aussage Gesamtkomposition auftritt, zugleich jeweils anderen Schrift für den eigenen
recht verstanden werden soll. Vor dem aber in den literarischen Formen klein- Glauben. Die lebendige Diskussion in
Hintergrund von Versen wie „So prägt teiliger strukturiert ist. Drittens ist, wie Deutschland lässt hierbei auf neue Ein-
für Gott keine Vergleiche!“ (Sure 16,74) gesehen, die theologische Verortung in- sichten hoffen. W
und „Nichts ist ihm gleich“ (Sure 112,4) nerhalb des Glaubenssystems anders ak-
kamen einige zu dem Schluss, den Koran zentuiert, und viertens ist der Bezug zwi- Unsere Leseempfehlung:
nur im übertragenen Sinne als Rede Got- schen Glaubensgemeinschaft und Text • Hansjörg Schmid, Andreas Renz,
tes zu verstehen. unterschiedlich gewichtet: Während im Bülent Ucar (Hrsg.): „nahe ist dir
Andere wiederum bestanden auf der Christentum der Kanon der Traditions- das wort …“ Schriftauslegung in
Wörtlichkeit der Bezeichnung „Gottes und Kirchenbildung entwächst, folgt in Christentum und Islam. Pustet,
Wort“, da sie befürchteten, der Koran der islamischen Geschichte die konkrete Regensburg 2010.
büße zu viel von seiner besonderen Stel- inhaltliche Ausgestaltung dessen, was
lung im Islam, aber auch in Relation zu „Islam“ ist, stärker der abgeschlossenen
den vorangegangenen Offenbarungen Kanonizität des Koran nach.
Dr. Mohammad Gharaibeh, Islamwissen-
(wie z. B. zu Judentum und Christentum) Auf der anderen Seite sind deutliche schaftler, ist wissenschaftlicher Koordinator am
ein. Wie man sich dies genau vorstel- Verbindungslinien und Vergleichbarkei- Annemarie Schimmel
len sollte, konnten und wollten sie da- ten herauszustellen: Erstens müssen die Kolleg der Universität
bei nicht offenlegen. In einem Versuch, Auslegungen von Bibel und Koran beide Bonn. Derzeit Schwer-
beide Positionen zu einen, entstand der über einen für heute fremden Entste- punkte auf Erforschung
theologische Glaubenssatz, der Koran hungskontext Rechenschaft ablegen und der Historiografie und
Hadith-Wissenschaft in
sei das ungeschaffene Wort Gottes. Er zugleich dem Anspruch auf heutige Le-
der Mamelukenzeit unter
sollte offen genug sein, um beide Positi- bensrelevanz und universale Geltung ge- wissenssoziologischen
onen zu repräsentieren und gleichzeitig recht werden. Beide Texte sind zweitens Aspekten.
einen Anthropomorphismus zu vermei- in ihrer kanonischen Gestalt abgeschlos-
den. Dabei ging man von einer „Inneren sen und weisen dennoch eine Offenheit Prof. Dr. Tobias Specker
Rede“ als Eigenschaft Gottes aus, welche auf – die Offenheit des biblischen Textes ist seit Oktober 2014 Juni-
orprofessor der Stiftungs-
ungeschaffen sei und neben den Bedeu- zeigt sich von Anfang an im Hinblick
professur „Katholische
tungen des Koran auch alle anderen auf seine Übersetzbarkeit, diejenige des Theologie im Angesicht
Offenbarungen umfasse. Der Koran in Koran ebenso ursprünglich in Bezug auf des Islam“ an der
seiner offenbarten Form war demnach seine inneren Lesarten. Drittens nehmen Philosophisch-Theologi-
der geschaffene Ausdruck (eines Teils) beide Texte in intertextueller Hinsicht schen Hochschule
dieser Inneren Rede. auf vorangegangene Offenbarungstexte Sankt Georgen.

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Die grossen entDeckungen | Die Kirche von MegiDDo

Einer der frühesten christlichen

Gebetsräume
Galiläa im Oktober 2005: Auf dem Gelände des Staatsgefängnisses von
Megiddo unterstützen Häftlinge unter der Leitung des Archäologen
Jotham Tepper eine Ausgrabung. In einem Gebäude aus dem 3. Jh. nC
stoßen sie völlig unverhofft auf einen Raum, der die Verehrung Jesu Christi
als Gott belegt. Von estelle Villeneuve

E s schien zunächst eine unspektakuläre


Aufgabe zu sein: 2003 beauftragte die Isra-
elische Antikenverwaltung (IAA) den Archäo-
zieren, die der 6. Legion „Ferrata“ angehörten.
Sie hatte um 117 nC ihr Lager neben dem Dorf
angelegt.
logen Jotham Tepper von der Universität in Tel Als ein Häftling mit seiner Kelle an einer harten
Aviv, einen Experten für römische Archäologie, Oberfläche aus weiß-schwarzen Würfeln kratzt,
damit, Ausgrabungen auf einem Gelände einer kommt eine Mosaikinschrift zum Vorschein. Eine
Strafvollzugsanstalt durchzuführen, einige Me- freudige Erregung ergreift die Gruppe, als erst
ter südlich des berühmten Tel gelegen. Häftlinge eine lange Widmung in griechischer Sprache
sollten bei den Arbeiten mithelfen. Da Tepper erscheint, dann eine Umrandung mit geometri-
das Gebiet bereits gut kannte, hatte er seine scher Verzierung und schließlich in der Mitte ein
Zweifel, ob er dort Überreste von Kefar ’Othnay Medaillon mit zwei Fischen, die entgegengesetzt
ausgraben würde, eines im 3. Jh. nC in der Misch- zueinander liegen.
na erwähnten jüdischen Dorfes. Niemals jedoch Die Epigrafikerin Leah di Segni von der Heb-
hätte er geglaubt, dort den ältesten christlichen räischen Universität in Jerusalem entziffert die
Kultort im Land Jesu von Nazaret zu finden. Inschrift: „Gaianus, auch Porphyr genannt, Zen-
turion und unser Bruder, hat dieses Mosaik auf
seine Kosten machen lassen als Akt der Freigebig-
Eine unerwartete Entdeckung keit. Brutius hat die Arbeit ausgeführt.“ Der Titel
An jenem Oktobertag im Jahr 2005 macht sich
eine Gruppe von Häftlingen an einer neuen
Grabungsstelle zu schaffen, die Jotham Tepper Die Entdeckung illustriert auf wunderbare
im Westen des Gefängnisbereiches eröffnet hat.
Sie graben an einem weitläufigen Gebäude am
Weise die Situation der christlichen
Rand des alten Dorfes, als aus einer Fülle von Ge- Gemeinden im 3. Jh.
röll und Tonscherben die Mauern eines großen
rechteckigen Raumes auftauchen. Anhand des
ausgegrabenen archäologischen Materials kann „Bruder“ in einer Gemeinde, Fische – das lässt
der Archäologe den Beginn der Örtlichkeit auf auf das Christentum schließen. Als der Raum
etwa 230 nC datieren und die endgültige Aufgabe vollständig freigelegt ist, hat Jotham Tepper kei-
des Ortes auf das Ende desselben Jahrhunderts. ne Zweifel mehr. Die Inschrift auf einem weiteren
Das gefundene Material trägt auch dazu bei, die Mosaikfeld, parallel zum ersten gelegen, liefert
Hausinsassen als Soldatenfamilien zu identifi- den Schlüssel zum Ort: „Der gottliebende Akep-

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welt und umwelt der bibel 2/2016 81
Die Christen von kefar
‘othnay versammelten sich
in einem unabhängigen
gebäude, mitten in einem
Militärkomplex. Der eingang
des gebäudes führte in
den Dienstraum und in
den gebetsraum. Der Altar
befand sich in der Mitte des
gebetsraums (20 x 30 m).

Eine der Inschriften besagt: „Der gottliebende Akeptous stiftete


den tisch dem gott Jesus christus zum gedächtnis.“

Entgegengesetzt zueinander
liegende Fische. Dieses Motiv
ist auf dem zentralen Medaillon
eines der Mosaikteppiche auf dem
Boden der kirche von Megiddo
zu sehen. Der Fisch gehört zur
symbolik des urchristentums.

Fisch
Im Griechischen ist ichtys das
Akronym für „Jesus Christus
Sohn des heilbringenden Got-
tes“. Das Fischmotiv wurde von
den ersten Christen als Symbol
ihres Kultes verwendet.

Vier Mosaikteppiche mit griechischen inschriften, in der Mitte der sockel eines Altars.

82 welt und umwelt der bibel 2/2016


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tous stiftete den Tisch dem Gott Jesus Christus und nicht als Religion an-
zum Gedächtnis“. In der liturgischen Sprache gesehen wurde, mit einem
der ersten Christen kann der „Tisch“, trapeza gesetzlichen Verbot belegt
auf Griechisch, den eucharistischen Altar be- wurde. Solange allerdings die
zeichnen. Genau im Zentrum des Raumes, zwi- Christen die öffentliche Ordnung
schen den beiden beschrifteten Feldern, ha- nicht beeinträchtigten und sich niemand
ben die Häftlinge den Sockel eines Steinaltars beschwerte, wurden sie toleriert. So konnten
ausgegraben. Wenn Jotham Tepper mit seinen die christlichen Gemeinden, mit Ausnahme
Datierungen richtig liegt, dann ist die Schluss- von örtlich begrenzten Krisen und bis zu den
folgerung unausweichlich: Im 3. Jh., bevor das Erlassen zu allgemeinen Verfolgungen in den
Christentum unter Kaiser Konstantin im Jahr Jahren 250, 258–259 und 301–303 (wobei deren
313 Kultfreiheit zugestanden wurde und trotz tatsächliche Anwendung schlecht messbar
verschiedener Verfolgungen, versammelten ist) Räumlichkeiten besitzen und in relativer
sich die Christusgläubigen zum Gedenken an Ruhe ihren Glauben praktizieren.
Gründonnerstag an einem dafür eingerichte-
ten Ort inmitten eines militärischen Gebäudes.
Andere Forscher vermuten dagegen, dass das Christen in der römischen Armee
römische Gebäude aus dem 3. Jh. erst später in War trotzdem die große durch das Edikt von
einen christlichen Gebetsraum umgewandelt Diokletian veranlasste Christenverfolgung
wurde. zwischen 301 und 311 der Grund für die Zerstö-
Unerwartet ist die Entdeckung in mehr- rung der Räumlichkeit in Megiddo? „Wenn das
facher Hinsicht. Zunächst einmal, weil es ab- der Fall gewesen wäre“, vermutet Jotham Tep- Gott Jesus Christus
gesehen von einem in eine Kirche umgewan- per, „wäre sie wahrscheinlich wieder aufge- Nach der Vereinbarung der
delten Haus, das in den 1920er Jahren in Dura baut worden, sobald die Gefahr vorüber war. Nomina Sacra wurde dieser
Europos entdeckt wurde, das einzige christ- Ich denke vielmehr, dass die Legion selbst sie Name – nicht nur in Mosaiken
liche Gebäude im ganzen Nahen Orient ist, zerstörte, als sie die Stadt verließ. Wir wissen, – auf den ersten und letzten
bevor sich der basilikale Typ durchsetzte. Es dass in dieser Zeit Legionen abberufen wur- Buchstaben reduziert, waag-
recht unterstrichen.
gibt also keine Apsis, kein dreiteiliges Schiff. den.“
Dennoch bezeichnet Jotham Tepper den Fund Wie konnten Christen in der römischen Ar-
Konzil von Nicäa
nicht als „domus ecclesiae“, im Gegensatz mee dienen? Steht das nicht im Gegensatz zur Dieses erste ökumenische
etwa zu Dura Europos. pazifistischen Ethik der Evangelien? „Man Konzil der christlichen Kirchen
Der Begriff stammt aus dem 19. Jh., um die muss wahrscheinlich diese stereotypische von hat im Jahr 325 nC die ersten
allgemein verbreitete Feier des Kultes in Pri- Tertullian übernommene Vorstellung aus dem Kanones des Glaubens und das
vathäusern durch die ersten christlichen Ge- 2./3. Jh. aufgeben“, protestiert Marie-Françoi- erste Glaubensbekenntnis, das
meinden auszudrücken. „Wir haben es nicht se Baslez. „Die christliche Tradition hat die sogenannte Bekenntnis von
mit einem Privathaus zu tun, in dem der reiche Position dieses sehr radikalen Apologeten Nicäa, formuliert.
Besitzer die Türen des triclinum für das sonn- sehr gewürdigt, der predigte, dass man nicht
tägliche Mahl geöffnet hat“, bestätigt der Ar- zugleich Soldat des Kaiserreiches und Soldat Dura Europos
Hellenistische, später römische
chäologe. Der „Gebetsraum“ von Megiddo mit Christi sein könne, aber man irrt, wenn man
Garnisonsstadt, am Euphrat
seinem Vorraum wurde durch denselben Ein- sie verallgemeinert. Die Gestalt des Soldaten
errichtet (im heutigen Syrien,
gang betreten wie das militärische Gebäude, als Märtyrer taucht übrigens in der christli-
nahe des Irak). Grenzfestung im
aber er umfasste von Anfang an einen unab- chen Literatur vor dem Ende des 3. Jh. nicht Imperium Romanum, von den
hängigen Flügel des Gebäudes. Kurzum, man auf, und zur selben Zeit haben in Kleinasien Sassaniden erobert im Jahr 256
muss es als eine Art „Vereinslokal/Gemein- mehrere christliche Soldaten gute Karrieren nC. Wichtig sind die Synagoge
schaftsraum“ sehen, weder ganz privat noch gemacht. Einer von ihnen, so gibt seine Grab- und die christliche Hauskirche.
ganz öffentlich, nicht wirklich versteckt, aber inschrift an, habe aus religiösen Bedenken Seit Eroberung durch den IS
trotzdem diskret. niemals den Dienst quittiert.“ sind die archäologischen Funde
Für die Historikerin Marie-Françoise Bas- Zwischenzeitlich war geplant worden, das durch Raubgrabungen zerstört.
lez zeigt diese Entdeckung die Situation der Gefängnis zu verlegen und die Ausgrabungs-
christlichen Gemeinden im 3. Jh. nC. Ein Text stätte öffentlich zugänglich zu machen. Bisher
des Kaisers Trajan im Jahr 112 erinnert daran, jedoch liegen die Funde weiterhin innerhalb
dass das Christentum, das als Aberglaube des Gefängnisareals. W

Übersicht über die Serie „Die großen entdeckungen“:


www.weltundumweltderbibel.de > register 2002191424420E-01 am 10.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
welt und umwelt der bibel 2/2016 83
AUSSTELLUNGEN UND vERANSTALTUNGEN

Studientage zum Heftthema „Schöpfung“


und weiteren Themen
Bei diesen Tagungen und Zusammentreffen können Sie weitere
Informationen erhalten und offene Fragen diskutieren – mit den
Referent(inn)en und untereinander. Alle Termine auch jederzeit auf
www.weltundumweltderbibel.de.

BAD KREUZNACH
Naturwissenschaftliche Erkenntnis und biblischer Glaube
ZEIT und ORT: Samstag 11. Juni 2016, 9.30–17.00 Uhr
Bad Kreuznach, Bildungszentrum St. Hildegard, Bahnstraße 26
REFERENT:
Dr. Kuno Füssel, Theologe und Naturwissenschaftler, Andernach
LEITUNG: Georg Falke, Kath. Erwachsenenbildung Koblenz,
Diözesanleiter des Kath. Bibelwerks
INFORMATION und ANMELDUNG: KEB Koblenz,
Florinspfaffengasse 14, 56068 Koblenz Tel. 0261/9635590

STUTTGART AACHEN
Glaube kontra Naturwissenschaft. Das Kreuz unterm Halbmond.
Gott im evolutiven Weltbild neu denken Zu Situation und Geschichte der orientalischen Christen
ZEIT und ORT: Donnerstag 16. Juni 2016 18.00–21.30 Uhr ZEIT und ORT: 9. Juli, 14 Uhr –10. Juli 2016, 14.00 Uhr,
Haus der Katholischen Kirche, Königstr. 7, Stuttgart Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen
REFERENT/IN: REFERENT/INNEN: Bischof Anba Damian,
Barbara Janz-Spaeth, Theologin; Dr. Wolfgang Wieland, Theologe Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland /
INFORMATION und ANMELDUNG: Katholisches Bildungswerk Prof. Dr. Andreas Müller u. a.
Stuttgart, Königstraße 7, 70173 Stuttgart, Tel. 07 11/7050600 INFORMATION und ANMELDUNG: Bischöfliche Akademie
info@kbw-stuttgart.de. Kooperation mit Fachbereich Biblische des Bistums Aachen, Leonhardstr. 18-20, 52064 Aachen,
Bildung, Diözese Rottenburg-Stuttgart
Tel. 0241/4799625, anne.schoepgens@bistum-aachen.de,
www.bischoefliche-akademie-ac.de

ZU WUB 1/16 „DIE CHRISTEN DES ORIENTS“ ZU WUB 4/15 „WER WAREN DIE ERSTEN CHRISTINNEN“:
HAMBURG NÜRNBERG
Die Christen des Orients – Die ersten Christinnen. Frauen in der Nachfolge Jesu und
Kopten, Syrer, Chaldäer, Melkiten ... in der frühen Kirche
ZEIT und ORT: 2. Juli 2016, 9.30–17.00 Uhr, ZEIT und ORT: 9. Juli 2016, 10–17 Uhr
St. Ansgar-Haus, Schmilinskystr. 78, 20099 Hamburg Caritas-Pirckheimer-Haus, Königstraße 64, 90402 Nürnberg
REFERENT: Wolfgang Baur (Katholisches Bibelwerk, REFERENTIN: Prof. Dr. Uta Poplutz, Professorin für Biblische
Redakteur von Welt und Umwelt der Bibel) Theologie, Universität Wuppertal
ANMELDUNG bis 10. Juni bei Erzbistum Hamburg, Abt. Bildung, LEITUNG: Claudio Ettl
Am Mariendom 4, 20099 Hamburg, ANMELDUNG bis 01.07.2016 über www.cph-nuernberg.de oder
Tel. 040/24877-267; bergmann@erzbistum-hamburg.de akademie@cph-nuernberg.de
Teilnehmerbeitrag: 20,- EUR (einschl. Mittagessen und Kaffee) Teilnehmerbeitrag: (inkl. Mittagessen und Nachmittagskaffee/-tee
mit Kuchen) 32,- EUR (ermäßigt: 27,-)

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welt und umwelt der bibel 2/2016
ausstellungen und Veranstaltungen

FRANKFURT TRIER
4. Mai Bis 4. septeMBer 2016 14. Mai Bis 16. OKtOBer 2016

Athen. Nero. Kaiser, Künstler und Tyrann


Triumph der Bilder Der römische Kaiser Nero gilt als größenwahnsinnig und
Die Ausstellung widmet sich grausam. Doch aktuelle Forschungen zeigen neue Seiten
der Bilderwelt des antiken des Imperators. Drei Standorte in Trier präsentieren „Nero
Athen und zeigt Riten, Opfer, – Kaiser, Künstler und Tyrann“, „Nero und die Christen“
Prozessionen und Feste. Mithil- und „Lust und Verbrechen. Der Mythos Nero“. Sie zeigen
fe von originalen griechischen Neros Aufstieg zum Thronfolger, seine Herrschaft, ihr ge-
Vasenbildern und in multime- waltsames Ende und auch, warum das Bild Neros bis heute
dialen Inszenierungen erleben negativ geprägt ist.
Besucher die Faszination der
Spätantike Kamee auf
Rheinisches Landesmuseum, Museum am Dom und Stadtmuseum dem Mindener Stiftskreuz,
antiken Opfer. Jedem Monat
Simeonsstift, 54290 Trier, Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 18/16,- EUR 16. Jh. Das Bild zeigte
des antiken Kalenders ist ein
www.nero-ausstellung.de ursprünglich Kaiser Nero.
Raum gewidmet, so dass ein
Jahreszyklus erfahrbar wird.
BRAMSCHE-KALKRIESE
Liebieghaus Skulpturensammlung 23. april Bis 3. OKtOBer 2016
Schaumainkai 71,
60596 Frankfurt/M., Gefahr auf See – Piraten in der Antike
Tel. 069/605098-0
Di, Mi, Fr–So 10–18 Uhr, Die Ausstellung zeichnet die Geschichte der Piraterie von den
Do 10–21 Uhr, ersten Erwähnungen in der antiken Mythen- und Sagenwelt
Eintritt 10/8,- EUR bis zum Beginn der „Pax Romana“ nach. Denn das Mittelmeer
www.liebighaus. de war ein wichtiger Wirtschaftsraum, für Kaufleute ebenso wie
für Seeräuber. Die Ausstellung präsentiert archäologische
Objekte und aktuelle Unterwasserfunde aus Italien. Und sie
MANNHEIM beschreibt das spannende Wechselspiel von Piraterie, Wirt-
erweiterung/ schaft und Politik. Denn nicht immer waren „Gut“ und „Böse“
neueröffnung klar verteilt.
Antikensammlung Museum und Park Kalkriese, Venner Straße 69, 49565 Bramsche- Auch die Odyssee
Kalkriese, Tel. 054/689204-0, täglich 10–18 Uhr, enthält einiges an Raub-
Die Antikensammlung der
Eintritt 5/3,- EUR, www.kalkriese-varusschlacht.de und Gewalttaten.
Reiss-Engelhorn-Museen
wurde umgebaut und
erweitert. Ein neuer Ausstel- IpHOFEN
lungsbereich folgt der Route Bis 6. nOVeMBer 2016
Alexander des Großen von
Kleinasien in den Vorderen
Alltag – Luxus – Schutz.
und Mittleren Orient. Objekte Schmuck im Alten Ägypten
aus Palmyra im heutigen Zur ägyptischen Grabausstattung gehören oft beeindrucken-
Syrien oder aus Gandhara de Schmuckstücke: schlichte Fayenceketten ebenso wie fein
(heute Afghanistan) zeigen geschliffene Halbedelstein-Perlen oder filigrane Ohrringe.
die antiken Hochkulturen und Die Materialien geben Aufschluss darüber, ob diese im Alltag
den damaligen kulturellen oder bei festlichen Gelegenheiten, im Diesseits oder Jenseits,
Austausch. von einfachen Niltalbewohnern oder Königen und Priestern
getragen wurden. Schmuck besaß auch eine magisch-religiöse
Reiss-Engelhorn-Museen Bedeutung und sollte vor Krankheiten, Unheil und bösen Dä-
Museum Weltkulturen D5,
monen schützen. Die meisten der rund 300 gezeigten antiken
68159 Mannheim,
Originale werden aus konservatorischen Gründen nur selten
Tel. 0621/293 31 50
öffentlich präsentiert.
Di–So 11–18 Uhr, Ohrring mit
Eintritt 3/2,- EUR Knauf-Museum Iphofen, Am Marktplatz, 97343 Iphofen Delfinkopf
www.rem-mannheim.de Tel. 09323/31- 528, Di–Sa 10–17 Uhr, So 11–17 Uhr, spätptolemäische Zeit,
Eintritt 4/2,- EUR, knauf-museum@knauf.de 1. Jh. vC, Ägypten.

weitere Veranstaltungen rund um die Bibel finden sie


auf www.bibelwerk.de > Kurse
2002191424420E-01 & Veranstaltungen
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welt und umwelt der bibel 2/2016 85
VoRSchaU

IMPRESSUM
heft 2/2016
Die nächste AusgAbe im Juli 2016:
„Welt und umwelt der bibel“ ist die deutsche

Mystik
Ausgabe der französischen Zeitschrift
„le monde de la bible“, bayard Presse, Paris.
„Welt und umwelt der bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
enger Zusammenarbeit mit international

in Judentum, Christentum und islam anerkannten Wissenschaftler/innen.


VERlag: Katholisches bibelwerk e.V.,
edition „Welt und umwelt der bibel“
Postfach 15 03 65, 70076 stuttgart,
tel. 0711/61920-50, Fax: 0711/61920-77
E-MaIl: bibelinfo@bibelwerk.de,
www.weltundumweltderbibel.de
www.bibelwerk.de
Konto: liga stuttgart, bic: genODeF1m05
ibAn De94 7509 0300 0006 4515 51

REdaktIon: Dipl.-theol. helga Kaiser,


Dipl.-theol. barbara leicht
koRREktoRat: michaela Franke m.A.,
m._franke@web.de
anzEIgEnVERwaltUng: Ralf heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
ERSchEInUngSoRt: stuttgart
© s. 74-77, 81–83 bayard Presse int.,
„le monde de la bible“ 2013/2014, all rights reserved;
© sonst edition „Welt und umwelt der bibel“
W War Paulus ein Mystiker? ÜbERSEtzUngEn: christa maier
W Die großen Mystiker/innen des Mittelalters
gEStaltUng: Olschewski medien gmbh,
W Was verbindet Teresa von Ávila und Martin Luther? stuttgart

W Mystische Strömungen in Judentum und Islam dRUck: Druckerei Raisch gmbh + co. Kg,
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PREISE: „Welt und umwelt der bibel“
erscheint vierteljährlich.
einzelheft: E 11,30 zzgl. Versandkosten,
und so geht es weiter: (für Abonnenten E 9,50)
Jahresabonnement: E 40,-
Kulturerbe PsAlmen – sprachgewaltig, einzigartig (Oktober 2016) ermäßigtes Abonnement für
schüler/studierende E 32,-
(jeweils inkl. Versandkosten)
bestiMMen sie Mit, was sie lesen! aUSlIEFERUng:
schweiz: bibelpastorale Arbeitsstelle des sKb,
bederstr. 76, ch-8002 Zürich,
liebe leserinnen und leser, tel. 044/2059960, Fax: 044/2014307
info@bibelwerk.ch
einzelheft sFr 19,- zzgl. Versandkosten
wir laden sie ein, an den heftplanungen teilzunehMen. (für Abonnenten sFr 16,-),
Demnächst erstellen wir die Konzeption für die Ausgabe 2/2017: Jahresabonnement sFr 70,-
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„Messias – der traum vom Retter“. Was würde sie an diesem thema
Österreich:
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über www.weltundumweltderbibel.de, per brief, Fax oder e-mail. Jahresabonnement E 40,-; studierende E 32,-
(je zzgl. Versandkosten)
Wir freuen uns, wie bereits in den vergangenen Jahren, auf die
eine Kündigung des Abonnements ist mit einer
Zusammenarbeit mit ihnen. vierwöchigen Kündigungsfrist zum Jahresende
möglich.
Ihre Redaktion
helga Kaiser, Wolfgang baur, barbara leicht

86 welt und umwelt der bibel 2/2016


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(Schüler/Studenten e 32,–), inkl. Versandkosten.
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Das Jahresabo für Österreich kostet e 40,– Das Jahresabo für die Schweiz kostet 70,– sFr
(Studierende -25%), zzgl. Versandkosten (Studierende 58,– sFr), inkl. Versandkosten
(Bestellung über Österreichisches Katholisches Bibelwerk). (Bestellung über Schweizerisches Katholisches Bibelwerk).

Tel.: 07 11/6 19 20 50 • Fax: 07 11/6 19 20 77 • E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de • www.weltundumweltderbibel.de

Bestellungen aus der Schweiz und Österreich bitte an folgende Adressen:

Schweiz: Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB, Österreich: Österreichisches Katholisches Bibelwerk,


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Tel.: 044/2059960, Fax: 086/044 2059960 Tel.: 0043/1/5123060, Fax: 0043/1/5123060-39
E-Mail: info@bibelwerk.ch E-Mail: auslieferung@bibelwerk.at

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SchäTzE auS 20 JahrEn
Unsere Backlist
o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Jesus der Galiläer, 2/02
o Schöpfung, 2/96 o Isis, Zeus und Christus, 3/02
o Damaskus, 1/97 o Himmel, 4/02
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 o Entlang der Seidenstraße, Sonderheft 2002
o Tempel von Jerusalem, 3/99 o Sterben und Auferstehen, 1/03

Einzelheft € 4,90
e [A] 5,50 / sFr 9,50
o Christus in der Kunst (1): o Die Kreuzzüge, 3/03
Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Abraham, 4/03
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Der Nil, 1/04
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Flavius Josephus, 2/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Der Jakobsweg, 3/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Prophetie und Visionen, 4/04
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Paulus, 2/01 o Babylon, 3/05
o Echnaton und Nofretete, 4/01 o Juden und Christen, 4/05
o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft/06 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

Einzelheft € 9,80
o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12

e [A] 11,50 / sFr 19,–


o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o Nordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14

Einzelheft € 11,30
e [A] 11,80 / sFr 19,–
o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 o Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 (ab April 2016)
o Jesus der Heiler, 2/15 o Mystik im Judentum, Christentum Islam, 3/16 (ab Juli 2016)
o Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 o Psalmen 4/16 (ab Oktober 2016)
o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15
o Die Christen des Orients, 1/16

o „Orte am See Gennesaret“ Satellitenaufn. + Erläuterungen A2, o „Der nil und seine heiligtümer“ 21,5 x 110 cm,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 4,– 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 4,–
Pläne & Karten

o „Der Tempel von Jerusalem“, Rekonstruktion + Luftaufnahme A2, o „Die Überlieferung der Bibel“ Wichtige Inschriftenfunde A2,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 4,– 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 3,–
o „Das heilige Land“ – Landkarte 28 x 60 cm, o „Paulus und das antike Korinth“ Stadtplan + Begleitheft A0,
2 1,– (ab 5 Ex. 2 -,50), 2 [A] 1,10, sFr 2,– 2 5,90 (ab 5 Ex. 2 5,–), 2 [A] 6,10, sFr 10,–
o „Die altstadt von Jerusalem“, Reliefkarte A1, o Palästinakarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90
2 3,– (ab 2 Ex. 2 2,50), 2 [A] 3,20, sFr 6,– o Mittelmeerkarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90
o Kartenset heiliges Land: alle 4 Karten (oben) o Kartenset Palästinakarte und Mittelmeerkarte nur 2 9,90
nur 2 5,–, 2 [a] 5,20, sFr 10,–

o Judäa und Jerusalem, 256 S., 2 12,80, 2 [A] 13,20, sFr 25,– o Musik in biblischer zeit, 104 S., 2 11,90, 2 [A] 12,30, sFr 19,50
Bücher

o 1001 amulett, 224 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 18,50 o Kleider in biblischer zeit,112 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,50
o Von den Schriften zur (heiligen) Schrift, 175 S., o Das Land der Bibel. Ein biblischer reiseführer, 144 S., 2 16,80
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Die Schöpfung achten
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Papst Franziskus
10,4 x 18,6 cm; plädiert in seiner
104 Seiten; Enzyklika mit konkre-
mit Leseband; ten Vorschlägen für
gebunden einen achtsamen
€ [D] 9,95 / € [A] 10,30 und respektvollen
ISBN 978-3-460-23205-1 Umgang miteinander
und mit den Ressour-
Anselm Grün gibt cen, damit diese
zusammen mit Erde für alle ein
seinem in Korea bewohnbares Haus
lebenden Mitbruder bleibt und auch die
Alois Seuferling Armen zu ihrem
Impulse für einen Recht kommen.
achtsamen Umgang,
aus und mit der
Schöpfung zu leben.

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80 Seiten;
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ISBN 978-3-460-32136-6

Das Überleben unseres


11,7 x 17,5 cm; Planeten ist in Gefahr,
160 Seiten; weil rücksichtslose
mit Leseband; Ausbeutung die
gebunden nötigen Balancen in
€ [D] 8,95 / € [A] 9,30 der Schöpfung zer-
ISBN 978-3-460-23409-3 stört. In diesem Buch
stellt Leonardo Boff
Der bekannte sein Konzept einer
Theologe Medard „Schöpfungstheologie
Kehl erschließt die der Befreiung“ vor.
Botschaft des bibli-
schen Schöpfungs-
glaubens: „Gott hat
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Nichts in freier Liebe
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Die Schönheit der Stadt Isfahan wurde

Iran
im Persischen zu einem Sprichwort:
„Esfahan nesf-e dschahan“ –
Isfahan, die Hälfte der Welt.
Höhepunkte der Reise:

Glanzvolles • Hamadan mit dem traditionellen Mausoleum


von Ester und Mordechai
• Susa, zu biblischer Zeit Hauptstadt des

Persien •
Perserreiches mit dem traditionellen Grab
des Propheten Daniel
Achämenidenstadt Persepolis
• Schiras, Stadt der Dichter und Gärten
• Oasenstadt Yazd mit ihren Windtürmen
• Prunkvolle Safawidenhauptstadt Isfahan
• Teheran und seine Museen
• Begegnung mit einem Bischof der
chaldäischen Kirche

12-tägige Studienreise
20.09. - 01.10.2016
Reiseleitung: Heidrun Gerstner, Freiburg
25.10. - 05.11.2016
Reiseleitung: Mag. Andrea Gschwindl, Wien
Reisepreis p.P. im Doppelzimmer € 2.895,–
Einzelzimmerzuschlag € 490,–

Im Grundpreis enthaltene Leistungen (Auszug):


• Linienflug mit Turkish Airlines ab/bis
Frankfurt/M. nach Kermanshah und
zurück von Teheran
• Rundreise in klimatisierten Reisebussen
Detailprogramm im Jahreskatalog • Unterbringung in Hotels der offiziellen
oder unter www.biblische-reisen.de örtlichen 3-4-Sterne-Kategorie mit HP
• Fachlich qualifizierte BiR-Reiseleitung
Kaspisches • Alle Eintrittsgelder
I Meer • Visagebühren
R
A
N Teheran Mindestteilnehmerzahl: 15 Personen
Hamadan Qom
Tigri

Anmeldeschluss: 8 Wochen vor Reisebeginn


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Kashan
Kermanshah Information, Beratung und
Isfahan Nain
Borudscherd Anmeldung: Jessica Bareither,
Susa Yazd
Eup Ahwas Tel.: 0711/61925-65,
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Persepolis
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