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Archäologie . Kunst .

Geschichte 3/2020
WUB
Nr. 97, 25. Jg., 3. Quartal 2020 / Ämter in der frühen Kirche / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-948219-44-4

Diakone,
Witwen, Presbyter
ÄMTER IN DER F
­ RÜHEN KIRCHE
EURO 11,30

Spurensuche Entdeckung Bibel in der


Plagen, miniatur: Kunst
seuchen, gefangen und Die Auffindung
pandemien abgeführt Jesu im Tempel
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Inhalt 3/2020

8 32 46
Was sagt das Neue Testament zu Aktive Witwen – ein eigenes Amt? Im 4. Jh. wird „Bischof“ ein hauptamtlicher
kirchlichen Ämtern? Beruf in der Gemeinde

Diakone, Witwen, Presbyter – Ämter in der frühen kirche

Martin Ebner 8 Andreas Weckwerth 40


Alles muss seine (römische) Ordnung haben? Vom Presbyter zum Priester
Aufgabenverteilung und Leitungsstrukturen in Die Entwicklung des Presbyteramtes in der Alten Kirche
­frühchristlichen Gemeinden
Georg Schöllgen 46
Martin Ebner 17 Vom Freizeitkleriker zum hauptamtlichen
Hausgemeinden – kein Phantom Gemeindeleiter
Die Professionalisierung des Klerus – Ursachen und
Folgen
Hartmut Leppin 18
Zwischen Abgrenzung und Angleichung
Der Einfluss der staatlichen und religiösen Organisationen Christian Hornung 54
auf die christlichen Gemeinden Wider das Luxusleben der Kleriker
Askese – ein Leitideal der Spätantike
Grafische Übersicht 26
Gemeindeleitung in den ersten zwei Ernst Dassmann 58
Jahrhunderten „Ihr sollt euch nicht Vater nennen lassen“
Das Amt und die Weisung Jesu
Andreas Müller 28
Aus Gemeindeleitern werden Diener des Interview 59
Bischofs „Immer neue Dienste vorstellbar“
Diakone in der frühen Christenheit Ein Gespräch mit Dorothea Sattler

Christiane Zimmermann 32
Selbstbewusst und engagiert für die Gemeinde
Witwen und Jungfrauen
Titel: akg-images / André Held

Barbara Leicht 38
Wer hat das Sagen?
Streit ums Amt in Korinth

Titelbild: Der Diakon Stephanus. Commodilla-Katakom-


ben. Rom. Wandmalerei, 7. Jh. (Detail).

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Editorial

Für die frühen Christen


stellte sich die Frage, ob es
angesichts der Naherwartung
der Wiederkunft Christi nötig
war, Ämter zu entwickeln wie
in den religiösen Vereinen
der Umwelt oder wie in den
jüdischen Synagogengemeinden. Reichte nicht
62 72 das Charisma der Gemeindemitglieder, das etwa
Pestgebete des Königs Mursili: Plagen, Seuchen, Pandemien – in paulinischen Gemeinden offensichtlich reich-
eine Spurensuche in der Vergangenheit und in der Bibel lich vorhanden war und sich situativ äußerte,
aber in keine feste, dauerhafte Struktur und Be-
auftragung eingebunden war? Die ausbleibende
Aus der Welt der Bibel Wiederkunft Christi und immer größer werdende
christliche Gemeinden führten bald zu Amts-
Das Neueste aus der Welt der Bibel strukturen. Dabei haben sich die frühen Christen
2
Tell Jemmeh: Täfelchen mit Figuren aus kanaanäischer Zeit genau die Ämter geschaffen, die sie in ihrer Zeit
Arad: Cannabis im Tempel benötigten, angeregt auch von dem, was sie aus
ihrer Umwelt kannten. Diese Entwicklung verlief
Büchertipps 45 nicht gradlinig, die Ausgangslagen waren unter-
schiedlich, sei es in Jerusalem oder Korinth oder
Panorama 60 in Rom. Doch das Ergebnis war einheitlich.
Gedanken zur Corona-Krise: Plagen, Seuchen, Pandemien
DNA-Analysen von Qumranschriften
Beim Blick in die Frühzeit der christlichen
Felsritzungen im Sinai entdeckt Gemeinden stellt sich auch die Frage, welche
Relevanz dies für heute hat. Der Münsteraner
Die großen Städte der Bibel 68 Kirchenhistoriker Hubert Wolf schrieb gerade im
Babylon – „Mutter der Huren“ und Zentrum der Heiligkeit Hinblick auf verlorene Traditionen, dass „alle
Ausprägungen der Kirche, ihrer Institutionen,
Die Bibel in berühmten Gemälden 72 Ämter und Lehren, die sich im Lauf von zweitau-
William Holman Hunt: Die Auffindung Jesu im Tempel
send Jahren Kirchengeschichte entwickelt haben,
als Reservoir von Ideen für eine heutige Reform
Ausstellungen und Veranstaltungen 76 von Kirche in Betracht“ kommen (Hubert Wolf,
Vorschau und Impressum Krypta, S. 21).
78
Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen
Ihre Barbara Leicht
Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

PS: Welche vielfältigen Aufga-


ben und Rollen Frauen in den
frühen christlichen Gemeinden
übernahmen, finden Sie in der
Ausgabe von Welt und Umwelt
der Bibel: „Wer waren die ers-
ten Christinnen?“ 4/2015.

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welt und umwelt der bibel 1/2015 3
Das neueste aus der Welt der Bibel

Ein Wächter führt einen


Gefangenen weg
Das Täfelchen von Tell Jem-
meh ist rund 3500 Jahre alt
und 2,8 x 2,8 cm groß. War
es vielleicht Teil eines größe-
ren Kunstwerks?

Fenster zur kanaanäischen zeit

Herrschen und unterliegen


Tell Jemmeh Zwei Menschen, ei­ chen Darstellungen beeinflusst worden Mehrheitlich wird Tell Jemmeh mit
ner führt den anderen als Gefange­ zu sein, die in der antiken Kunst des der von den Amarnatafeln bekannten
nen ab, hält seine Arme nach hinten Nahen Ostens üblich waren“, erklären kanaanäischen Stadt Jursa identifiziert.
... eine Darstellung von Macht und die IAA-Archäologen Saar Ganor, Itamar Ganor, Weisbein und Shmueli zufolge
Herrschaft. Das kleine Tontäfelchen Weisbein und Oren Shmueli in einem könnte das Bild der Miniaturtafel eine
stammt aus der Spätbronzezeit und ersten Statement. „Die Art und Weise, in Szene aus Konflikten mit den nahe gele­
wurde im Mai 2020 auf Tell Jemmeh der die Hände des Gefangenen gefesselt genen Zentren wie Gaza, Aschkelon oder
gefunden, nahe der Grenze zum Gaza­ sind, findet sich häufig auf Darstellun­ Lachisch oder vielleicht mit einem Noma­
strei­fen. Fachleute der Israel Antiquities gen, die in Ägypten und im nördlichen denstamm im Negev wiedergeben. Die
Authority beschreiben das Artefakt als in Sinai gefunden wurden.“ Zudem hat der Szene auf der Tafel „muss als Darstel­
© Israel Antiquities Authority

Israel fast beispiellosen Fund und datie­ Schöpfer der Tafel offensichtlich darauf lung der Macht des Herrschers über sei­
ren es mit hoher Wahrscheinlichkeit in geachtet, die Unterschiede zwischen ne Feinde betrachtet werden. Der neue
die Spätbronzezeit, um 1500/1400 vC. den beiden Männern darzustellen: Der Fund scheint ein visuelles Fenster zum
Mit einer Größe von 2,8 x 2,8 cm könn­ Wächter ist besser genährt und hat lo­ Verständnis der Machtkämpfe im Süden
te es Teil eines größeren Stücks gewesen ckiges Haar, der Gefangene ist dünner des Landes während der kanaanäischen
sein. „Der Künstler scheint von ähnli­ und nackt. Zeit geöffnet zu haben.“ W (IAA/wub)

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Das neueste aus der Welt der Bibel

Studie zur Alphabetisierung im Königreich Israel

Wer konnte wann und wo schreiben?


Tel aviv In den 1930er-Jahren entdeck­ festgestellt, dass die Scherben in Dör­
te man die „Samaria-Ostraka“, Inschrif­ fern oder auf Landgütern geschrieben
ten auf Keramikscherben, die im 8. Jh. worden wären, so hätte das von einer
vC Wein- und Öllieferungen aus den weitverbreiteten Alphabetisierung in ei­
umliegenden Ortschaften an den Palast ner relativ frühen Phase der Geschichte
von Samaria dokumentieren, der Haupt­ des alten Israel gezeugt. Doch die Unter­
stadt des Königreichs Israel (vgl. WUB suchung der Inschriften ergab, dass sie
2/2020). höchstwahrscheinlich nur aus den Hän­
Inschrift mit Tinte auf einer Kera-
Die Autoren einer neuen Studie der den zweier Personen stammen, die die
mikscherbe: ein Samaria-Ostrakon.
Tel Aviv University (Faigenbaum-Go­ Sendungen in Samaria aufzeichneten.
lovin/Shaus/Sober/Turkel/Piasetzky/ Für die Autoren der Studie, veröffent­
Finkelstein) haben 31 der beschrifteten licht in PLoS ONE 15(1), spricht dieses Er­
Scherben untersucht, um Erkenntnisse gebnis signifikant für eine zentralisierte im Gegensatz zu unseren früheren Er­
zu gewinnen, wo und durch wen die Lie­ königliche Verwaltung in Samaria zu Be­ gebnissen, die auf eine weitverbreitete
ferungen aufgeschrieben wurden und ginn des 8. Jh. vC. Interessant dabei ist, Alphabetisierung im Königreich Juda
über den Grad der Alphabetisierung dass sie ihre frühere Forschungsansicht eineinhalb bis zwei Jahrhunderte später,
und Schriftfähigkeit in Israel. Hätte man modifizieren: „Diese Ergebnisse stehen ca. 600 vC, hindeuteten.“ W (MdB/wub)

neue erkenntnisse zum JHWH-Kult im Königreich Juda?

Cannabis im Tempel
ARAD Das Heiligtum von Arad mit seinen zwei Kalkstein­ größere hat eine Höhe von 52 cm und eine Opferfläche von
al­tären am Eingang zum Allerheiligsten ist seit den 1960er- 30 × 30 cm. Auf den Oberflächen der Altäre hatte sich ein bis­
Jahren bekannt. Nun wurden Materialreste auf diesen zwei lang nicht identifizierbares, schwarzes, verkrustetes organi­
Altären analysiert und Spuren von Cannabis und Weihrauch sches Material erhalten. Eine organische Rückstandsanalyse
nachgewiesen. Arad schützte als Festung die Südgrenze des konnte nun zeigen, dass auf dem kleineren Altar Cannabis mit
biblischen Staates Juda. Die Nutzung der JHWH-Kultstätte tierischem Dung vermischt worden war, um die Verbrennung
wird auf ca. 750–715 vC datiert. Der kleinere Altar ist 40 cm zu optimieren, während der größere Altar Spuren von Weih­
hoch und hat eine Opferfläche von etwa 20 × 20 cm, der rauch enthielt, der mit tierischem Fett vermischt worden war,
vermutlich um die Temperatur für die Aromaentfaltung zu er­
höhen. Weihrauch zu finden, war wenig überraschend – Tet­
rahydrocannabinol (THC), Cannabidiol (CBD) und Cannabinol
(CBN), also Substanzen, die in Cannabis vorkommen, auf dem
kleineren Altar dagegen schon.
Kann man schließen, dass Cannabis hier als bewusstes psy­
choaktives Mittel verwendet wurde, dass Rausch Teil kultischer
© By Ian Scott - CC BY-SA 2.0, commons.wikimedia.org

Zeremonien war? Der Hauptautor der Studie im Journal of the In-


stitute of Archaeology of Tel Aviv University, Eran Arie vom Israel
Museum, kommentiert: „Wenn sie nur wollten, dass der Tem­
pel gut riecht, hätten sie etwas Salbei verbrennen können, der
in der Gegend von Jerusalem wächst.“ Stattdessen mussten
Cannabis und Weihrauch von Händlern gekauft werden. Das
„war eine große Investition, die von einer isolierten Gruppe
von Nomaden nicht getätigt werden konnte, sie erforderte die
Unterstützung einer mächtigen staatlichen Einheit.“
Der Eingang zum Allerheiligsten in Arad wird von zwei Wenn nun aber Weihrauch im Tempel in Jerusalem plausi­
Opferaltären flankiert. Die Originale, auf denen sich Substanz- bel ist und erwähnt wird – gilt das auch für Cannabis? Arie
reste befinden, stehen im Israel Museum. vermutet das. W (Haaretz/wub)

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welt und umwelt der bibel 3/2020 3
Das neueste aus der Welt der Bibel

antiker Wasserspeier in Sepphoris gefunden

Vorsicht Götzenbild! Nordgaliläa Im Zippori-Nationalpark, dem Gebiet


der antiken Stadt Sepphoris, wurde durch Zufall ein
antiker marmorner Wasserspeier entdeckt. Laut der
Meldung der Nature and Parks Authority datiert der
menschlich anmutende Löwenkopf um das Jahr 200
nC. Solche Wasserspeier schmückten Gebäude von
der hellenistischen über die römische und byzantini­
sche Zeit und wurden in der Renaissance wieder sehr
beliebt, so Iosi Bordowicz, Direktor der Nature and
Parks Authority.
Bordowicz zitiert den Talmudtraktat Avoda Zara
12a, der ausdrücklich warnt, aus einem solchen
Wasserspeier zu trinken. Nach rabbinischer Aus­
legung könne das wie eine Verbeugung vor einem
heidnischen Götterbild aussehen: „Bei Figuren mit
menschlichen Gesichtern [partzufot], die in den Städ-
ten Wasser speien, darf man seinen Mund nicht auf die
Münder der Figuren legen und trinken, weil es den An-
schein hat, als küsse man das Götzenbild.“
Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem
70 nC bildete sich im Norden des Landes ein neues
Zen­trum der jüdischen Gelehrsamkeit, im 3. Jh. nC
wohnte der berühmte Rabbi Jehuda Hanasi in Seppho­
Löwenkopf als Wasserspeier, ca. 15 cm breit. Durch den Mund ris, wo er begann, die Mischna zusammenzustellen. In
konnte eine Wasserröhre mit 2 cm Durchmesser geführt werden. Galiläa lebte vom 4.–8. Jh. eine sehr gemischte – paga­
ne, jüdische und christliche – Bevölkerung. W (wub)

Pilgerring aus byzantinisch-frühislamischer zeit

Die Auferstehung am Finger tragen

© Ring: Clara Amit/IAA; Wasserspeier: Meital Roizer Aharon/Israel Nature and Parks Authority
Jerusalem Ein Ring, der bei der Ausgrabung auf dem Givati-Parkplatz
in Jerusalem – ca. 30 m von der osmanischen Stadtmauer entfernt –
gefunden wurde, zeigt die Frauen am Grab Jesu, die von einem Engel
begrüßt werden. Das Motiv ist bekannt von anderen Artefakten aus der
byzantinischen Zeit: Gemälde, Mosaiken, Ampullen, Schmuck, Glasfla­
schen. Die engste Parallele der dargestellten Szene ist auf Pilgerflaschen
in den Sammlungen der Klöster von Monza and Bobbio zu finden, die
für Pilgerinnen und Pilger in Palästina hergestellt wurden, erklärt die
Archäologin Yana Chekhanovets in einer Studie (Electrum 2019/Vol.26).
Das Auferstehungsmotiv war unter Pilgern sehr beliebt und scheint ihr
spirituelles Erleben der Auferstehung in Jerusalem, aber dann auch nach
der Heimkehr als Erinnerung bestärkt zu haben. Der Ring wurde auf ei­
nem Abschnitt der Straße gefunden, die durch das Tyropoiontal verlief. Fingerring aus einer Kupferlegierung, 7.–8. Jh.,
Während der Herrschaft Kaiser Justinians im 6. Jh. nC wurde diese Stra­ mit einer Szene am Grab Jesu. Rechts sitzt eine
ße für den Pilgerbetrieb zum Teich von Schiloach gepflastert – datierbar große Figur mit Heiligenschein, mit einem Objekt in
durch Münzfunde. Dort gedachten Christen der Heilung des Blindgebo­ der rechten Hand. Links stehen zwei kleinere Figuren
renen. Hat ein Pilger den Ring, wahrscheinlich gegen Ende des 7. oder in Gewändern, in der Mitte das symbolische Heilige
Anfang des 8. Jh., in byzantinisch-frühislamischer Zeit, hier verloren? Grab als Kuppel mit Kreuz: die Auferstehungsszene,
Chekhanovets betont, dass man hier so nah wie nur möglich am zeitge­ in der die Frauen am Grab von einem Boten Gottes
nössischen Kontext eines Objekts ist. W (MdB/wub) begrüßt werden.

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Das neueste aus der Welt der Bibel

zwei Figurinen: Gott Baal und Bronzekalb zitat

Zeugen aus kanaanäischer Zeit interreligiöser dialog

Chirbet el-Rai Kurz vor der Corona- schung Licht auf die noch teilweise „... sodass unsere Welt nach
Krise konnten in Chirbet el-Rai, 3 km rätselhafte frühe Eisenzeit I. Die gro­
von Tel Lachisch entfernt, noch Aus­ ßen Gebäude sind für die Übergangs­ dieser Seuche menschlicher
grabungen durchgeführt werden. Da­ phase nach der Spätbronzezeit eher
und geschwisterlicher werde
bei fanden die Teams der Macquarie ungewöhnlich.
University (unter Leitung von Kyle Kei­ Die Forscher/innen der Macquarie als zuvor.“
mer, Sydney) in Zusammenarbeit mit University möchten hier das biblische
der Hebrew University (Jossi Garfinkel, Ziklag annehmen, eine Stadt, die So endet der Appell zum interreligiö-
Jerusalem) außergewöhnliche Figu­ mehrfach in der Bibel genannt wird sen Gebet für die Menschheit, den der
rinen: Eine stellt den dynamischen und die Philisterkönig Achisch nach „Hohe Ausschuss für die menschliche
Wettergott Baal dar, eine ein bronze­ 1 Samuel 27,6 an König David gibt. Als Brüderlichkeit“ (The Higher Committee
nes Kalb. Bei der Baal-Figur muss man Beleg führen sie besonders die Kom­ for Human Fraternity) veröffentlicht
sich einen heute abgebrochenen Arm bination von kanaanäisch-philistäi­ hat. Das Gremium hatte den 14. Mai
als erhoben vorstellen – nach Vor­ schen Funden mit einer Besiedlung 2020 zum Tag des Gebets, des Fastens
bildern von Baal-Figurinen etwa aus im frühen 10. Jh. vC an. Spuren eines sowie der Werke der Barmherzigkeit
Ugarit. Zudem fanden die Teams zwei heftigen Feuers (gebrannte Lehmzie­ und des Bittens für die Menschheit
Siegel und kanaanäische und philistä­ gel, weiße Asche, verbranntes Holz erklärt. Dem Ausschuss gehören u. a.
ische Keramik aus dem 12. Jh. vC. und zerstörte Keramikgefäße) korrel­ Kardinal Miguel Àngel Ayuso Guixot,
Seine Blütezeit hatte der Ort vom lieren sie mit der biblischen Erzählung Präsident des Päpstlichen Rates für
12./11. bis ins 10. Jh. vC. Dass hier eine über einen Überfall der Amalekiter auf den interreligiösen Dialog, Rabbi M.
Art Handelszentrum gewesen sein die Stadt. Das stößt jedoch bei ande­ Bruce Lustig, Oberrabbiner der Hebrä-
könnte, davon zeugen relativ große ren Fachleuten auf Skepsis, zumal es ischen Gemeinde Washington und Mo-
und stabile Bauten, entsprechende mindestens zehn weitere Ortslagen hamed Hussein Mahrasawi, Präsident
Keramik sowie Stein- und Metallwerk­ als mögliche Kandidaten für „Ziklag“ der Al-Azhar-Universität Kairo, an.
zeuge. Chirbet el-Rai wirft für die For­ gibt. W (wub)

Seltene Funde:
Wettergott Baal
mit großer Kopf-
bedeckung (links)
und ein Bronze-
© Paphos: E. Jastrzebowska/T. Szmagier; Figurinen: The Hebrew University of Jerusalem.

kalb (rechts).

Rätsel um Malereien auf zypern gelöst

Apollon und seine Musen


PAPHOS In einem römischen Haus aus dem 4. Jh. nC, das in den 1980er-Jahren in
Paphos ausgegraben wurde – „Haus des Aion“ –, fand man in einem Raum Hun­
derte kleiner bemalter Fragmente, von denen einige Figuren erkennen lassen. Nur
teilweise restauriert, waren ihre Gesamtkomposition und der Sinn des Dekors je­
doch noch nicht vollständig zu verstehen. Die Archäologin Elzbieta Jastrzebows­
ka von der Polnischen Akademie der Wissenschaften konnte nun die Gestalt von
Apollon identifizieren, der auf der Lyra spielt, sowie von Musen, die ihn umgeben
(vgl. PAM 27). Dieses Motiv war im Mittelmeerraum zwischen dem 2. und 4. Jh. nC
bekannt und ist hier von selten guter Qualität. Ein atmosphärisches Bild dieser Euterpe, Muse der Musik und der Lyrik,
Epoche, in der sich der religiöse Übergang zum Christentum vollzieht. W (MdB) hält eine Flöte in der Hand, 4. Jh. nC.

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Ämter in der
frühen Kirche
Diakone, Witwen, Presbyter

Christus mit den Aposteln, Katakombe in der via Anapo. 4. Jh.

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Am Anfang steht eine Vielfalt
von Organisationsstrukturen in
den christlichen Gemeinden und
teils auch eine Skepsis gegen-
über starken Führungsgestalten.
Doch die rasch wachsende Zahl
der Christusgläubigen führt bald
zu einem Ringen um das richtige
Leitungsmodell. Davon zeugen die
Evangelien, die Paulusbriefe, die
späteren Pastoralbriefe und erste
Gemeindeordnungen. Die frühen
Christen suchen nach Vorbildern in
den heiligen Schriften. Sie finden
aber auch in ihrer paganen Umwelt
Anregungen.

Die Entwicklung verläuft keines-


wegs gradlinig und in den einzelnen
Gemeinden und Regionen durchaus
unterschiedlich. Letztlich setzt sich
dann erstaunlich schnell im Verlauf
des 2. Jh. eine Organisa­tionsform
mit einem Bischof an der Spitze
durch. Andere Modelle, etwa die
Leitung durch ein Kollegium oder
die charismatisch ausgerichtete
paulinische Form des Miteinanders,
in der alle – Frauen und Männer
– ihre Begabungen einbringen,
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werden mit der Zeit aufgegeben.


© akg-images/Andrè Held

Im späteren Verlauf der Kirchen-


geschichte inspirieren sie jedoch
immer wieder neue Aufbrüche.

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Aufgabenverteilung und Leitungsstrukturen
in frühchristlichen Gemeinden

Alles muss seine (römische)


Ordnung haben?
Die neutestamentlichen Schriften zeigen eine große Bandbreite von Ämtern und
Leitungsfunktionen in den frühen christlichen Gemeinden. Durchsetzen kann sich
– allerdings nicht ohne Widerstand – schließlich ein Konzept, das Strukturen der
römischen Umwelt aufnimmt. Martin Ebner

W
er nach Ämtern in frühchristlicher die Art der Amtsausübung herangetragen wird,
Zeit fragt ist gut beraten, immer im aber weder als Voraussetzung eingefordert noch
Blick zu behalten, dass die Christus- als Kompetenz übertragen werden kann. Für
gläubigen zunächst in den Städten des Römi- viele neutestamentliche Schriften ist „dienen“
schen Reiches groß geworden sind – und sich der eigentliche Maßstab, nach dem die Amts-
von den üblichen Organisationsstrukturen das führung in christusgläubigen Gruppen beurteilt
ein oder andere abgeschaut haben könnten. werden sollte und wodurch sie ihre Legitimation
Anders gesagt: sich so organisiert haben, wie es erhält. Ich vermeide es deshalb, von „Diensten“
ihnen vertraut und praktikabel war. Das gilt ins- zu sprechen, wenn Ämter gemeint sind. Und ich
besondere dann, wenn typische Amtsbezeich- spreche von bestimmten Funktionen, die wahr-
nungen aufgegriffen werden. Allerdings ist in genommen werden, sofern ein eigentlicher Ein-
diesem Fall genau zu prüfen, ob sich hinsicht- setzungsakt auf Dauer nicht erkennbar wird.
lich der damit verbundenen Tätigkeiten und Fokussiert wird die Darstellung auf erkenn-
Kompetenzen auch wirklich Deckungsgleichheit bare Leitungsstrukturen in frühchristlichen Ge-
ergibt. Als Untersuchungsinstrument wird dafür meinden. Wir beginnen mit den Presbytern.
folgendes Raster eingesetzt: Jedes Amt hat einen
Aufgabenbereich und eine Zielgruppe. Um ein
Amt im Blick auf die Zielgruppe gut ausführen
Presbyter als Leitungsgremium
zu können, braucht es bestimmte Qualifikatio- In den Evangelien kommen Presbyter nicht vor
nen. In ein Amt muss man (für eine bestimmte – unter den Anhängern Jesu. Wohl aber als Gre-
Dauer) eingesetzt werden. Dafür braucht es eine mium der Synagoge (Lk 7,3) oder als Teilgruppe
Instanz. Gewöhnlich sind mit der Einsetzung des Hohen Rates in Jerusalem (Mk 15,1). Erst in
auch besondere Amtsvollmachten verbunden. der Apostelgeschichte und in den neutestament-
In kirchlichen Kreisen hat sich eingebürgert, lichen Briefen gibt es Presbyter dann auch in
von „Ämtern und Diensten“ – in dieser Kombina- christlichen Gemeinden. In der Alten Welt weiß
tion – zu sprechen. Das aber verwischt die Orga- jeder, was ein „Presbyter“ ist: ein Ältester, Mit-
nisationsstruktur. „Dienen“ und „Dienst“ fallen glied eines Ältestenrates einer Stadt, der über
in die Kategorie des ethischen Anspruchs, der an Ehrungen, Bauvorhaben, Rechtsangelegenhei-
ten und vor allem die Finanzpläne berät und
entscheidet. Im griechischen Raum nennt man
t Die entstehenden Ämter in den das Gremium auch Gerusie oder Synhedrium, in
christlichen Gemeinden werden in der späteren Rom Senat.
In Rom muss man über ein Mindestvermögen
© public domain

Tradition zurückgeführt auf die Apostel Jesu,


um eine gradlinige Tradition aufzuzeigen. Mis- von 1 Mill. Sesterzen (250.000 Drachmen) verfü-
sionsbefehl, Meister der Reichenauer Schule, gen, um überhaupt die Chance zu haben, in die-
entstanden um 1010. sen Stand aufgenommen zu werden, sofern man

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welt und umwelt der bibel 3/2020 9
den Pastoralbriefen, im ersten Petrusbrief (5,1.5),
im Jakobusbrief (5,13) oder in der Offenbarung
(4,4 u. ö.). Im zweiten und dritten Johannesbrief
scheint sich der Briefautor mit „Presbyter“ als
Ehrenname zu schmücken: „der Alte“. So heißt
es zu Beginn des 2. Johannesbriefes: „Der Älteste
an die auserwählte Herrin und an ihre Kinder“.
In den meisten Fällen erfahren wir nichts dar-
über, wie die Presbyter eingesetzt werden. Wahr-
scheinlich war das Engagement in der Gemein-
de wichtig, außerdem kamen sicher diejenigen
Hausherren infrage, die ihr Haus für Gemein-
deversammlungen geöffnet haben und dadurch
Anerkennung genossen.

„Sie setzten für sie in jeder Gemeinde


Älteste ein“ (Apg 14,23)
In der Apg erscheinen Älteste in Jerusalem
unvermittelt als weiteres Gremium neben den
12 Aposteln (11,30), kooperieren mit ihnen
dann jedoch homogen (15,2.4.6.22.23; 16,4; vgl.
21,18). Aber auch überall, wo Paulus und Bar-
Paulus predigt in Beröa, heute Veria, in der nordgriechischen Region nabas missionieren, lässt Lukas, der Verfasser
Zentralmazedonien. Die paulinischen Gemeinden lebten anfänglich vom En- der Apostelgeschichte, sie Presbyterkollegien
gagement ihrer Mitglieder, die ihre Begabungen und Charismen frei einbrach- durch Handauflegung installieren (14,23; vgl.
ten. Mosaik an der Gedenkstätte für Paulus in Veria. 20,17). Das dürfte die Realität der lukanischen
Gemeinden am Ende des 1. Jh. widerspiegeln.

© https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Veria_BW_2017-10-06_09-38-50.jpg#/media/File:Veria_BW_2017-10-06_09-38-50.jpg
Als Gremium war ein Ältestenrat, am ehesten
dem 1­2-Apostelkreis als dessen Fortsetzung
Entscheidungsvorgänge in lukanischen Gemein- kompatibel. In zwei Texten erfahren wir sogar
erstaunliche Einzelheiten über die Verfahrens-
den laufen genauso ab, wie das die Menschen vorgänge bei anstehenden Entscheidungen. So
aus dem städtischen Alltagsleben gewohnt sind in Apg 15, wo es darum geht, ob Heiden sich be-
schneiden lassen müssen, wenn sie sich taufen
lassen – oder nicht, wie es in Antiochia prakti-
dieses Privileg aufgrund langer Familien​tradi- ziert wird. Nachdem die Streitfrage in der Jeru-
tion patrizischen Ursprungs nicht schon seit salemer Gemeinde mächtig Staub aufgewirbelt
Urzeiten besitzt. In den Städten des Römischen hat, ziehen sich die Apostel zusammen mit den
Reiches werden gewöhnlich besonders angese- Ältesten zurück und beraten das Problem unter
hene Bürger in den Ältestenrat ergänzend nach- sich: Die Sachlage wird von Paulus und Barna-
gewählt. Aber die Palette ist flexibel. Eckpunkte bas dargestellt, Petrus und Jakobus tragen Voten
sind die Bestimmung und Ernennung der Äl- mit konkreten, aber unterschiedlichen Lösungs-
testen durch Rom auf Lebenszeit einerseits, die vorschlägen vor. Per Abstimmung wird eine
Wahl der Ältesten für ein Jahr andererseits. Auch Entscheidung getroffen: „Denn es gefiel dem Hei-
das Entscheidungsgewicht dieses Gremiums ligen Geist und uns, euch weiter keine Last auf-
hängt davon ab, wie stark die römische Adminis- zuerlegen“ (15,28 nach Luther; vgl. 16,4). Hinter
tration vor Ort bereits die Oberhoheit gewonnen der unscheinbaren Wendung „es gefiel“ verbirgt
hat und alle wichtigen Entscheidungen durch sich eine in der griechischen Verwaltungsspra-
den Statthalter anordnen – und vom Rat abni- che übliche Floskel für einen durch Debatten
cken – lassen kann oder ob der Ältestenrat tat- und Abstimmung herbeigeführten Beschluss ei-
sächlich noch Debatten führt und selbstständig nes Gremiums. In unserem Fall hat sich das Vo-
Entscheidungen trifft. tum des Jakobus durchgesetzt, das sogenannte
Wie in der Alten Welt üblich, erscheinen Pres- Aposteldekret (15,28-29; vgl. 15,20).
byter auch unter den Christusgläubigen immer Wie dieser Beschluss dann kommuniziert wer-
als Gremium, so in der Apostelgeschichte und in den soll, darüber berät die Gesamtgemeinde ge-

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Aufgabenverteilung und Leitungsstrukturen in frühchristlichen Gemeinden

meinsam mit Aposteln und Presbytern – mit dem


Paulinische Briefe: „Leib“ und „Charisma“,
Ergebnis, Paulus und Barnabas zwei Vertrau- „Nutzen“ und „Gemeindeaufbau“ Glossolalie
ensleute aus Jerusalem an die Seite zu stellen, In den Gemeinden, die Paulus gegründet hat, Zungenrede oder Spra-
die einen Brief mit dem schriftlich formulierten gibt es keine Presbyter. Das Gremium, das Ent- chengebet, d. h. unver-
Beschluss in Antiochia vorlegen und erläutern scheidungen trifft, ist die Ekklesia, die Bürger- ständliches Sprechen,
insbesondere im Gebet.
sollen (15,22.23-27). Auch diese Personen werden versammlung der Getauften, in der anders als in
Es gilt als Gnadengabe
von der Gesamtgemeinde gewählt. Analog sind den Bürgerversammlungen der Städte nicht nur
des Heiligen Geistes
die Abläufe in Apg 6,1-7 bei der Streitfrage um freie Männer mit Bürgerrecht, sondern eben die (Charisma), ist jedoch
die Witwenversorgung. Getauften das Sagen haben, egal ob Mann oder anderen Charismen unter-
Im Grunde wird hier ein typisches städtisches Frau, ob Sklave oder Freier, Bürger oder Frem- geordnet.
Modell übernommen, das das Hauptentschei- der (vgl. Gal 3,27-28; 1 Kor 12,13). Eher nebenbei
dungsgewicht dem Ältestenrat in die Hände bezeugen die paulinischen Briefe, dass es regel-
legt. Anders gesagt: Die lukanisch geprägten mäßig Vollversammlungen gibt (vgl. 1 Kor 14,23),
Gemeinden mit ihren Presbyterkollegien ad- Entscheidungen durch Abstimmungen erzielt
aptieren einen Entscheidungsmodus, wie er werden (vgl. 2 Kor 2,6; 8,19) und Redefreiheit gilt
sich in vielen Städten des Reiches bewährt hat. für Mann wie Frau (vgl. 1 Kor 11,3-4). Natürlich
Sachfragen werden im Kreis der Ältesten bera- gibt es Strukturierung und Aufgabenverteilung.
ten und entschieden, bevor der Beschluss der Grundmetapher dafür ist der „Leib“ mit seinen
Bürgerversammlung vorgelegt wird, die dann vielen unterschiedlichen Gliedern (1 Kor 12,12-
eventuell noch über spezifische Personalfragen 26), die alle gebraucht werden. Theologischer
entscheiden darf. Noch einmal anders gesagt: Leitbegriff ist „Charisma“: die gottgeschenkte
Entscheidungsvorgänge in lukanischen Gemein- Begabung, die zum entsprechenden Einsatz
den laufen genauso ab, wie das die Menschen verpflichtet. Insofern wird niemand in ein Amt
aus dem städtischen Alltagsleben gewohnt sind. „eingesetzt“. Jede und jeder Getaufte ist mit ih-
Wohlgemerkt: in Städten, die sich noch eine ge- ren und seinen Begabungen in den (von Gott
wisse Unabhängigkeit von Rom bewahrt haben. geschaffenen) Christusleib (= Ekklesia vor Ort)
© https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20090731_korinthos09.jpg#/media/File:20090731_korinthos09.jpg

Lechaion-Straße und Apollon-Tempel in Korinth. Über die dortige christliche Gemeinde berichten u. a. die Paulusbriefe. Sie
bezeugen soziale Konflikte, aber auch unterschiedliche Dienste in den Gottesdiensten, wie prophetische Rede und Glossolalie.

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welt und umwelt der bibel 3/2020 11
Phöbe –
Diakonin und Patronin

W as sich hinter verschiedenen Be-


zeichnungen von Funktionen in den
frühchristlichen Gemeinden versteckt, ist
nicht immer klar. Das gilt auch für Phöbe
aus Kenchreä. Bekannt ist sie aus der Gruß-
liste des Paulus im Brief an die Gemeinde in
Rom (Röm 16,1-2). Der Apostel bezeichnet
sie als „diakonos“ und „prostatis“. Ganz
offensichtlich wirkte sie in Kenchreä, einem
der beiden Häfen von Korinth, in leitender
Stellung in der christlichen Gemeinde.
Zudem überbringt sie den Brief des Paulus
nach Rom. Damit ist sie nicht nur eine
„Briefbotin“, sondern in der Antike gehörte
dazu, dass die Überbringerin mit dem Inhalt
des Briefes vertraut war und ihn auch der
Gemeinde erläutern konnte. Erst in späte-
ren Bibelübersetzungen wurde Phöbe als
„Dienerin“ kleingeredet. Bild: Fundamente
der christlichen Basilika in Kenchreä.

(1 Kor 12,21-24). Dennoch kann Paulus von „Un-


Wenn in der Grußliste des Römerbriefes von terordnung“ sprechen. Aber sie wird von ihm
proportional zum Engagement in der Gemeinde
Frauen gesagt wird, dass sie sich „mühen“, dann verlangt (1 Kor 16,15-16; vgl. 1 Thess 5,12-13): Grö-
kommt solchen Frauen eine leitende Stellung zu ßeres Gewicht soll denjenigen zukommen, die
sich uneigennützig für andere einsetzen. Wenn
in der Grußliste des Römerbriefes (Röm 16,3-15)
eingesetzt. Die vorhandenen Begabungen, von von fast allen namentlich genannten Frauen ge-
Paulus Charismen genannt, sollen qualifikati- sagt wird, dass sie sich „mühen“ – ein zeitgenös-
onsbezogen zur Geltung kommen und den Er- sisch üblicher Begriff für soziales Engagement –,
fordernissen entsprechend eingesetzt werden. dann kommt solchen Frauen eine leitende Stel-
Die Palette reicht von der Begabung zur Lehre, lung zu. Bezeugt ist das für Phöbe im Blick auf
Prophetie oder Glossolalie über Heilkräfte und die Ekklesia im Korinther Hafen Kenchreä (Röm
die Fähigkeit zur Hilfestellung bis hin zur Mode- 16,1-2), aber auch für Aphia, die Paulus im Mo-
ratorenfunktion. Mit Bezug auf die Erfahrungen derationsteam der Hausgemeinde des Philemon
der Hafenstadt Korinth nennt sie Paulus „Steu- aufführt – an zweiter Stelle vor einem weiteren
ermannskunst“ (kybernesis, vgl. 1 Kor 12,8-10.28- Mann (Phlm 2).
30). Paulus ist ganz pragmatisch: Ein Charisma Das ändert sich. Nachweislich gerade in den
kommt dann zielgerecht zum Einsatz und spie- paulinischen Gemeinden, an die gegen Mitte
gelt damit die von Gott vorgesehene „Einset- des 2. Jh., also zwei Generationen später, die
zung“, wenn es „einander nützt“ (1 Kor 12,7: sym- „Paulus­enkel“ im Namen des Paulus die soge-
ferei), wie Paulus es in der politischen Sprache nannten Pastoralbriefe schreiben: an Timotheus
© commons wikimedia /Carole Raddato

seiner Zeit zum Ausdruck bringt; metaphorisch und Titus (1/2 Tim; Tit).
spricht er vom konstruktiven Gemeindeaufbau
(oikodome: 1 Kor 14,5.12). Deswegen sind ihm
alle ein Dorn im Auge, die sich nach vorne spie-
Römische Ordnung als Ziel der
len und durch religiöse Schau („Glossolalie“) auf Pastoralbriefe
sich selbst aufmerksam machen wollen (1 Kor 14), In den Pastoralbriefen wird eine Figur bestim-
genauso wie alle, die auf andere mit scheinbar mend, die wir bis heute – abgeleitet vom grie-
weniger wichtigen Funktionen herunterschauen chischen Begriff episkopos – „Bischof“ nennen.

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Aufgabenverteilung und Leitungsstrukturen in frühchristlichen Gemeinden

Normalerweise wird damit eine Aufseherposi- über die Finanzen sowie die Beurteilung und die
tion bezeichnet, ein Revisor sozusagen. In den Einsetzung der ihm unterstellten Personen in die
Pastoralbriefen handelt es sich um ein Amt, Hand gelegt. Der Bischof soll darüber entschei-
Episkopé genannt, um das man sich bewerben den, wer künftig in den Witwenstand aufgenom-
kann und für das konkrete Qualifikationskriteri- men und dann aus der Gemeindekasse finanzi-
en aufgelistet werden (1 Tim 3,2-7; vgl. Tit 1,7-9). ell unterstützt wird (1 Tim 5,1-16). Dem Bischof
Folgende Anforderung sticht wegen ihrer Gene- obliegt es, den Ältesten doppelte Vergütung
ralisierung in die Augen: „seinem Haus tüchtig zukommen zu lassen, sofern sie es seiner Begut-
vorstehend, mit Kindern in Unterordnung, in aller achtung gemäß verdienen (1 Tim 5,17). Außer-
Anständigkeit: Wenn aber einer seinem eigenen dem soll er sich als Schutzschild vor diejenigen
Haus nicht vorzustehen versteht, wie will er sich Ältesten stellen, die fälschlicherweise angeklagt
um die Ekklesia Gottes kümmern?“ (1 Tim 3,4). werden, und umgekehrt liegt bei einer tatsäch-
Ein Bischof braucht also die Qualitäten eines lichen Verfehlung die öffentliche Rüge ebenfalls
tüchtigen Hausvaters – für die Leitung der Ek- in seiner Hand (1 Tim 5,19-21). Auch die Auswahl
klesia Gottes. Die soll wie ein Haushalt geführt und Einsetzung zum Ältesten soll künftig durch
werden. So ist es auch in 1 Tim 3,15 explizit zu le- ihn geschehen (1 Tim 5,22; Tit 1,5). Insofern ist
sen: Die Anweisungen des Briefes dienen dazu, „Bischof“ im Sinn von Revisor eine stark ver-
„damit du weißt, wie man sich im Haus Gottes zu harmlosende Bezeichnung für diese Königsposi-
verhalten hat, welches ist die Ekklesia Gottes“. Die tion. Vermutlich soll eine semantische Brücke zu
Bürgerversammlung der Getauften, so die Kon- den alten Paulusbriefen hergestellt werden, wo
zeption bei Paulus, soll transformiert werden in zumindest auch in Phil 1,1 von „Bischöfen und
den Haushalt Gottes – mit einem Bischof als Got- Diakonen“ die Rede ist (s. Kasten S. 13).
tes Hausverwalter (oikonomos: Tit 1,7): als Stell- Nebenbei erfahren wir, dass es zwei Generati-
vertreter des Hausherrn mit allen Rechten und onen nach Paulus auch in den paulinischen Ge-
Pflichten eines pater familias vor Ort. Ein unge- meinden Ältestenkollegien gibt, aber sie sollen
schriebener Sozialkodex schreibt Letzterem eine jetzt neu strukturiert werden: mit einem Bischof
monarchische Stellung zu: in Finanzen, Recht an der Spitze, der nicht nur für die „normalen“
und Kult. Er allein verfügt über Geld und Sach- Getauften als pater familias fungiert, sondern
werte. Er allein ist Richter im Haus und entschei- auch für den Ältestenrat, über dessen Zusam-
det in Streitfällen genauso wie über Aufnahme mensetzung er künftig selbst zu entscheiden hat
bzw. Ausschluss aus dem Hausverband, etwa (vg. 1 Tim 5,22). Vielleicht stellen sich die Pasto-
bei Neugeborenen oder Sklaven. Und er allein ist ralbriefe über der städtischen Ebene mit einem
Leiter der kultischen Zeremonien am Hausaltar, Bischof als Chef des Ältestenrats sogar noch
als Priester im Wortsinn (s. u.). eine Bischofsposition auf der Provinzebene vor;
Diese Königsposition schreiben die Pastoral- denn Timotheus und Titus werden (fiktiv) für ei-
briefe dem „Bischof“ zu. Ihm wird die Kontrolle nen Bereich eingesetzt, der sich haargenau mit

„Bischöfe“ schon bei Paulus?

I n Phil 1,1 grüßt Paulus „die Heiligen, die in Philippi sind,


zusammen mit Bischöfen und Diakonen“. Gab es also
schon zur Zeit des Paulus in den 50er-Jahren „Bischöfe“
genannt wird, einen stellvertretenden Hausherrn macht
– mit voller Verfügungsgewalt über die Gemeinde, die wie
ein Haushalt monarchisch geführt werden soll. (4) Die
und „Diakone“ wie in den viel späteren Pastoralbriefen Mit- Pastoralbriefe sind speziell an Timotheus und Titus adres-
te des 2. Jh.? Dazu ist zu sagen: Die Titel sind gleich – und siert. Sie werden beauftragt, die Gemeinden zu Haushalten
von den Pastoralbriefen vermutlich bewusst gewählt, um nach römischem Muster umzubauen. Im Philipperbrief
auf der Oberfläche Kontinuität zu Paulus herzustellen. Aber kündigt Paulus, der im Gefängnis sitzt, den „Heiligen“, also
(1): Im weiteren Text des Philipperbriefes spielen weder allen Getauften in Philippi, an, dass er Timotheus zu ihnen
„Bischöfe“ noch „Diakone“ eine Rolle. Und (2): Gemäß der schicken werde, damit er ihm berichte, wie es der Gemein-
Konzeption der Pastoralbriefe gibt es pro Stadt nur einen de gehe. Kurz: Gleiche Titel im Philipperbrief und in den
einzigen Bischof – und nicht, wie in Phil 1,1, mehrere! (3) Pastoralbriefen, aber völlig verschiedene Organisations-
Im Philipperbrief fehlt gerade die Organisationsstruktur, und Kommunikationsstrukturen. (M. Ebner)
die aus demjenigen, der in den Pastoralbriefen „Bischof“

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Die Leitung der Jerusalemer Urgemeinde

J akobus, der Herrenbruder, gehört nach dem Tod Jesu zum Leitungsgre-
mium der Jerusalemer Urgemeinde, das aus 3 Männern bestand: Ja-
kobus, Petrus und dem Zebedaiden Johannes, genannt die „Säulen“ der
Gemeinde (vgl. Gal 2). Später scheint Jakobus an der Spitze der presbyte-
roi gestanden zu haben (Apg 12,17). Im apokryphen Thomasevangelium
(Mitte 2. Jh.) bildet Jakobus mit Thomas ein Tandem: Thomas wird für
die Zeit nach Jesu Tod die Rolle des Offenbarungsträgers übertragen,
Jakobus die Sammlung der Jünger. Und so heißt es in Logion 12:
„Die Jünger sprachen zu Jesus: Wir wissen, dass du von uns ge-
hen wirst. Wer ist es, der (dann) über uns groß sein wird? Jesus
sprach zu ihnen: Woher (auch immer) ihr gekommen seid
– zu Jakob dem Gerechten sollt ihr gehen, um dessentwil-
len der Himmel und die Erde entstanden sind.“ Spätere
Autoren wie Hieronymus und Klemens von Alexandrien
sprechen von Jakobus als erstem Bischof von Jerusa-
lem. Bild: Geschnitzte Figur des Jakobus am Chorge-
stühl in der Stiftskirche St. Georg in Tübingen.

römischen Provinzen deckt (Provinz Asia mit der kollegien insbesondere die Frauen. Denn in der
Provinzhauptstadt Ephesus sowie Kreta (vgl. römischen Gesellschaft haben sie in der Öffent-
1 Tim 1,3; Tit 1,5). Und 1 Tim sowie Tit sind in Form lichkeit nichts zu sagen. Die Ehefrau hat in einem
und Aufbau denjenigen Briefen verblüffend ähn- römischen Haushalt die rechtliche Stellung einer
lich, die gewöhnlich den Statthaltern vom Kaiser Tochter! Kein Wunder, dass die Pastoralbriefe
zum Amtsantritt in den Provinzen mitgegeben den Frauen die öffentliche Lehre ausdrücklich
werden: zur Legitimation der vom Kaiser ange- verbieten: „Eine Frau soll in Ruhe lernen, in aller
ordneten Anweisungen (mandata principis). Unterordnung. Zu lehren aber gestatte ich einer
Auf jeden Fall schwebt den Pastoralbriefen Frau nicht – und auch nicht eigenmächtig zu han-
eine Neustrukturierung der paulinischen Ge- deln gegenüber ihrem Mann“ (1 Tim 2,10f). Das
meinden vor. Sie sollen in einen geordneten rö- berühmte „die Frau schweige in der Kirche“ aus
mischen Haushalt überführt werden. Christus- 1 Kor 14,34-35 liegt ganz in dieser Linie und ist mit
gläubige sollen in ihrer Organisationsstruktur ziemlicher Sicherheit aus dem Umfeld der Pasto-
zeigen: Wir sind die besseren Römer. Auf uns ralbrieftheologen in den Originalbrief des Paulus
könnt ihr euch verlassen! In diesem Sinn geht es hineingeschrieben worden („Interpolation“).
um eine Angleichung an die im Umfeld gelten-
de Gesellschaftsordnung, in die sich die christ-
lichen Gemeinden als römische Großhaushalte
Ausblick und Rückblick: Widerstände,
einklinken wollen. Genau der gleiche voraus­ Ungleichzeitigkeiten und offene Flanken
eilende Gehorsam lässt sich auch bei Städten Die weitere Entwicklung jedoch zeigt, dass die
belegen, die es anstreben, durch ein mit Rom Frauen sich das – wenigstens zum Teil – nicht
ausgehandeltes Stadtgesetz in die Klassifikation haben bieten lassen. Gemäß der syrischen Di-
einer „latinischen Stadt“ aufzusteigen: mit fi- daskalie, einem bischöflichen Kirchenstatut aus
nanziellen und rechtlichen Vorteilen, aber eben dem frühen 3. Jh., gibt es zu dieser Zeit noch
mit der Verpflichtung zur Gleichschaltung, die immer „Witwen“: Sie sammeln Spenden ein und
aber freiwillig und – wie in den Pastoralbriefen verteilen sie, begleiten zeitaufwendige Bußpro-
– im Voraus eingebracht wird. zesse, betreiben Taufkatechese und lehren da-
bei. Gelegentlich taufen sie sogar. Alles jedoch,
© LepoRello (wikipedia)

ohne sich der Autorität des jeweiligen Ortsbi-


Die Verliererinnen schofs zu unterstellen. Gegen sie wird in diesem
Die Verlierer dieses eigentlich klugen Prozesses Schreiben heftig polemisiert. Ganz im Gegensatz
waren in den christlichen Gemeinden neben zu den braven „Diakonissinnen“, die nicht nur
den bis dahin autonom fungierenden Presbyter- vom Bischof ausgewählt werden, sondern die

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Aufgabenverteilung und Leitungsstrukturen in frühchristlichen Gemeinden

auch nur die von ihm übertragenen Hilfsdiens- meinden abstimmen und nicht eigenmächtig
te übernehmen dürfen, etwa die körperliche bestimmen. Im Matthäusevangelium gibt es
Kontaktaufnahme mit Frauen bei Taufen oder nicht einmal ein Presbytergremium als Entschei-
Hausbesuchen – und dafür aus der vom Bischof dungsorgan. Es ist – offensichtlich nach wie
verwalteten Gemeindekasse, in die alle Spen- vor – die Ekklesia, die Bürgerversammlung der
dengelder abgeliefert werden sollten, einen Obo- Getauften, die über disziplinäre Streitfälle ent-
lus bekommen. Das führt zu einem Resümee: scheidet (Mt 18,15-17). Und viele der Charismen,
1. Dieser Konflikt ist symptomatisch. Das Ge- die Paulus um 50 nC für die Gemeinde in Korinth
meindemodell, das auf persönliche Begabung auflistet, agieren in der Apostelgeschichte des
und deren intuitiven Einsatz an den Brennpunk- Lukas gegen Ende des 1. Jh. noch mit konkreten
ten des Gemeindelebens setzt (ohne zentrale Gesichtern und Namen: Lehrer (13,1), Evangelis-
Kontrolle und damit auch ohne eigentliche Ein-
setzung in ein Amt), steht in Konkurrenz zum In den 70er-Jahren schließt das Markusevange-
vom Imperium Romanum abgeschauten und
im Alltag der Haushalte üblichen Konzept einer lium eine von einem Menschen wahrgenommene
Zentralorganisation, die an eine einzige Figur ge- pater-familias-Position in der Jesusnachfolge
bunden ist, die sowohl die Personenauswahl als
auch den Geldstrom überwacht. Dieses Modell kategorisch aus
behauptet ab dem 4. Jh. eine Monopolstellung in
der Orthodoxie, aber es ist eigentlich sekundär in ten (21,8; vgl. Eph 4,11) und – nicht zu verges-
Angleichung an die römische Gesellschaftsord- sen – Propheten (11,27; vgl. Eph 4,11) und Pro-
nung entstanden – und hat das andere Modell, phetinnen (21,9). Diese nicht institutionalisierte
das als Schattenmodell bis ins 3. Jh. noch immer Vielfalt ist also trotz der Presbyterkollegien in
lebendig ist, heftig bekämpft und entsprechende Leitungsfunktion noch immer vorstellbar. Auf
Bewegungen, z. B. Montanisten oder Kollyridia- jeden Fall soll sie durch die Erzählungen in Er-
ner, als „häretisch“ eingestuft. innerung gehalten werden. Und noch mehr:
2. Es gibt nicht nur solche aufschlussreichen Speziell durch die Stimme der Propheten wird
Ungleichzeitigkeiten, sondern auch heftigen Wi- die Weisung des Geistes Gottes gehört und als
derstand gegen ein Zentralisationsmodell unter „Wille des Herrn“ geachtet (vgl. 21,10-14). Dass
den Schriften des NT: Bereits in den 70er-Jahren diese unberechenbare Instanz unbedingten Vor-
schließt das Markusevangelium eine von einem rang hat, wird zumindest erzählt – und zwar für
Menschen wahrgenommene pater-familias- heilsgeschichtlich äußerst relevante Daten: die
Position innerhalb der Jesusnachfolger katego- Bestellung des Barnabas und des Paulus zu Apo-
risch aus (vgl. Mk 3,31-35; 10,29f). Das Matthäus­ steln für die Mission in Pisidien (13,2-3) sowie
evangelium macht an dieser prestigeträchtigen die gegen alle menschlichen Vorsichtsmaßnah-
Stellung sogar den Unterschied zu den Syna- men ungehinderte Weiterreise des Paulus nach
gogalgemeinden fest (Mt 23,9: Niemand unter Jerusalem (21,10-14). Sie bringt ihm zwar seine
euch soll sich auf Erden „Vater“ nennen lassen). Passion, aber auch das Evangelium nach Rom.
Hartnäckig halten der Jakobusbrief, der erste Pe- Selbst für den Beschluss des Aposteldekrets
trusbrief und auch die Offenbarung des Johan- wird angenommen, dass in den Aposteln und
nes (für die himmlische Stadt, die auf die Erde Presbytern kein anderer Geist wirksam war, als
herabsteigen wird) gegen Mitte des 2. Jh. (also er allen Gläubigen bei der Taufe geschenkt wird
gleichzeitig zu den Pastoralbriefen, gerichtet an (vgl. 15,28). Erst das Weihegebet der Traditio
Gemeinden teilweise in den gleichen Städten) an Apostolica (frühes 3. Jh.) erbittet speziell für den
den Presbyterkollegien als den eigentlichen Lei- Bischof ein pneuma hegemonikon, ein Leitungs-
tungsgremien fest. Und obwohl die Briefautoren pneuma (TA 3).
mit ihren Schreiben als Autoritäten fungieren, 3. Auffälligerweise vermeiden gerade die Pasto-
beharren sie darauf, sich selbst als „Mit-Presby- ralbriefe für die de-facto-Stellung des „Bischofs“
ter“ (1 Petr 5,1) zu betiteln bzw. als „Bruder und in der monarchischen Stellung eines pater famili-
Mit-Genosse in der Bedrängnis“ (Offb 1,9) – und as, wie sie von ihnen propagiert wird, die Bezeich-
verweigern sich damit dem römischen Trend nungen, die in der römischen Amtssprache dafür
zur Herrscher-Rolle, die sich seit Kaiser Augus- eigentlich bereitliegen: archontes („Herrscher“)
tus hinter der Formulierung princeps inter pares bzw. exousiai („Vollmachtsträger“). Ist das Eti-
geschickt zu verstecken versteht. Anders ge- kettenschwindel – oder Scheu vor der nackten
sagt: Maßgebliche Autoren wollen sich in ihren Wahrheit? Erst die Traditio Apostolica macht klar
Schreiben mit den Leitungsgremien der Ge- Schiff: Der Bischof ist in der Gemeinde der archon.

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welt und umwelt der bibel 3/2020 15
Benutzt werden die üblichen Bezeichnungen für setzt: der Bischof als unumschränkter Hausherr
eine Exekutiv-Vollmacht praktisch von allen neu- im Bereich seiner Kirchengrenzen. Merkwür- Ignatiusbriefe
testamentlichen Schriftstellern, nur bleiben sie digerweise wird dabei schon bald dasjenige Sieben Briefe werden
stets weltlichen (!) Amtsträgern vorbehalten (vgl. Kriterium ausgeblendet, das in 1 Tim 3,4 das dem Ignatius, dem
Mk 10,43; Apg 13,27; 17,6.8; Röm 13,1; 1 Kor 2,8; entscheidende Qualifikationsmerkmal bei der zweiten Bischof von
1 Petr 2,13-14). Nach Paulus droht ihnen eine düs- Bewerbung (!) ausgemacht hat: sich als Haus- Antiochien, zugeschrie-
ben. Fiktiv sind sie auf
tere Zukunft: „Gott wird vernichten alle archai vorstand bewährt zu haben, d. h. natürlich
dem Weg zu seiner
und alle exousiai“ (1 Kor 15,24). verheiratet zu sein und Kinder zu haben, deren
Hinrichtung in Rom ge-
4. Und: Nirgends, aber auch nirgends im NT Verhalten für die Qualitäten des pater familias schrieben – u. a. an die
wird die kultische Stellung eines Priesters (hie- Zeugnis ablegt. Nicht weniger bedenkenswert Gemeinden in Ephesus,
reus/sacerdos) für eine Funktion innerhalb der ist aber ein anderer Punkt: Wer sich in unserer Rom und Smyrna. Nach
der neuesten Forschung
sind sie in der 2. Hälfte
Müssten Liebhaber der Pastoralbriefe für heutige kirchliche des 2. Jh. nC entstanden
und werben für den
Strukturen nicht genauso mutig die Angleichung an Monepiskopat, also
demokratische Verfahrensweisen einfordern? die Organisationform,
nach der ein einziger
Bischof als symbolische
Einheitsfigur für die
Christusgemeinden in Anspruch genommen. Zeit auf die Pastoralbriefe beruft, müsste auch Christusgläubigen einer
Entweder ist Christus allein der Hohepriester ihre eigentliche Intention ins Heute übertragen, Stadt fungiert (vgl. M.
schlechthin, mit dessen Kreuzestod aller Kult streben sie doch eine überaus mutige Anglei- Theobald, Israel-Verges-
ans Ziel gekommen ist und damit auch sein chung an die im Umfeld dominierende gesell- senheit in den Pastoral-
Ende gefunden hat (Hebräerbrief), oder aber schaftliche Ordnung an und sind dafür bereit, briefen, SBS 229, bes.
alle Gläubigen bilden (gemäß dem „demokrati- bestehende urchristliche Strukturen deutlich zu 309–314).
schen“ Modell in Ex 19,6) ein priesterliches Volk überformen bzw. – im Blick auf die Frauen – ein-
(1 Petr 2,1-10; Offb 21-22) und sind – unabhängig fach außer Kraft zu setzen.
von Stand und Herkunft – Menschen in der Wür- Müssten Liebhaber der Pastoralbriefe, wenn
de von Priestern. Auch wenn sich das deutsche sie wirklich in deren Sinn denken und handeln
Wort „Priester“ vom griechischen presbyteros wollen, für heutige kirchliche Strukturen nicht ge-
ableitet, sind zur Zeit des frühen Christentums nauso mutig die Angleichung an demokratische
„Presbyter“ keine Kultpriester, sondern schlicht Verfahrensweisen einfordern? Dass Demokratie
und einfach Ratsherren. Wie es dazu kommen mit all ihren Konsequenzen nicht einfach zu le-
konnte, dass aus solchen Ratsherren plötzlich ben ist, erleben wir Tag für Tag. Insofern wäre
(Quasi-)Kultpriester wurden und damit eine das höchst aktuelle Pastoralbriefprogramm für
Spaltung zwischen Klerus und Laien unter den heute: Christen zeigen in ihren eigenen Reihen, Prof. em. Dr. Martin
Christusgläubigen entstand, völlig entgegen wie Demokratie gehen könnte. Sie experimen- Ebner war Professor für die
dem paulinischen Grundaxiom von Gal 3,27-28, tieren und wagen mehr Demokratie. Sie wollen Exegese des Neuen Testa-
steht auf einem anderen, eher unrühmlichen zeigen: Wir Christen sind die besseren Demokra- ments an den Universitäten
Blatt der Kirchengeschichte (vgl. die Beiträge ten. Münster und Bonn. Seine
von Weckwerth und Schöllgen). Im Grunde wäre das nur eine Einholung und Forschungsschwerpunkte
sind neben der historischen
praktische Bestätigung des christlichen Basis-
Jesusforschung vor allem die
glaubens, dass in jeder und in jedem Getauften unterschiedliche Formierung
Im Blick auf die Gegenwart Gottes Geist spricht. Vielleicht würde Paulus sa- der frühen christlichen Ge-
Die Pastoralbriefe mit ihrer Bischofsordnung gen: Dann endlich kommt der Geist Gottes wie- meinden in der Lebenswelt
haben sich ab dem 4. Jh. endgültig durchge- der in Vielfalt zu Wort. W des Römischen Reiches.

Lesetipps
• E. Dassmann, Ämter und Dienste in den frühchristlichen Gemeinden (Hereditas. Studien zur Alten Kirchengeschichte 8), Bonn 1994.
• M. Ebner, Die Stadt als Lebensraum der ersten Christen. Das Urchristentum in seiner Umwelt I (GNT 1,1), Göttingen 2012.
• M. Ebner, Das frühe Christentum und die Stadt. Methodisch-hermeneutische Grundsatzfragen und exemplarische Analysen, in: Markus Tiwald/
Jürgen K. Zangenberg (Hrsg.), Early Christian Encounters with Town and Countryside. Essays on Urban and Rural Structures of Early Christianity
(NTOA), Göttingen (im Druck).
• H. Scherer, Die Mühe der Frauen. „Charismatische Gemeindeleitung“ in Röm 16,6.12, in: BZ NF 60 (2016) 264-276.
• M. Wolter, Die Pastoralbriefe als Paulustradition (FRLANT 146), Göttingen 1988.

16 welt und umwelt der bibel 3/2020


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Hausgemeinden – kein Phantom
Die Frage, ob und in welcher Weise sich die ersten Mit der plakativen Behauptung, Hauskirchen seien ein „Phan-
Christen in eigenen Häusern, den Hausgemeinden, tom“ der Forschung, bestreitet Stefan Heid keineswegs die
Versammlung der frühen Christen in Häusern, sondern spe-
getroffen haben, ist in der letzten Zeit in der For-
ziell die Vorstellung von partikulären Eucharistiefeiern ohne
schung diskutiert worden. Dabei hat der Kirchenhis- die zentrale liturgische Leitung eines Bischofs. Dazu ist Folgen-
toriker Stefan Heid vor allem infrage gestellt, ob es in des zu sagen:
einer Stadt mehrere Hausgemeinden gegeben habe.
(1) Es sind erst die Ignatiusbriefe (nach der neuesten Forschung
in der 2. Hälfte des 2. Jh. verfasst), die vehement für die Trias
„eine Stadt – eine Eucharistie – ein Bischof“ werben. Vor dieser
Zeit besteht auffälliges Desinteresse am Vorsitz des Herren-
mahls. Für Paulus ist es wichtig, dass alle das Gleiche essen und
spürbar wird, dass alle „ein Leib“ sind. Wegen der diesbezügli-
chen Missstände in Korinth wendet er sich auch nicht an einen
bestimmten Verantwortlichen – den gab es in den paulinischen
Gemeinden nämlich noch gar nicht –, sondern an die Gesamtge-
meinde (vgl. 1 Kor 11,17-34).

(2) Selbst die Pastoralbriefe, die pro Stadt einen Bischof mit vol-
ler Verfügungsgewalt über das „Haus“ der Gemeinde betrauen
wollen, sind einlinig an der Lehre, der öffentlichen Repräsentati-
on und an der Verwaltung der Gemeindekasse interessiert: Das
alles soll künftig allein dem Bischof unterstehen. Obwohl zu den
Vollmachtsbereichen eines antiken Hausvaters auch der Kult
gehört, wird dieses Feld auffälligerweise in den Pastoralbriefen
überhaupt nicht thematisiert.

(3) In der sogenannten Hauskirchenformel vermeidet Paulus


die in vielen Papyri belegte Formulierung „die im Haus“, die all
diejenigen bezeichnet, die einem Hausherrn unterstehen. Paulus
formuliert ungewöhnlich und auffällig anders: „die gemäß dem
Haus“ versammelte Ekklesia (Röm 16,5; 1 Kor 16,19; Phlm 2;
vgl. Kol 4,15). Damit will Paulus offensichtlich den Eindruck
vermeiden, als stünden alle, die sich in einem Haus zum Her-
renmahl versammeln, unter der Fuchtel eines Einzelnen. Diese
Konzeption haben erst die Pastoralbriefe im Sinn.

Kurz: Mit seinen provokativen Thesen möchte Stefan Heid die


Kirchenstrukturen, die sich ab dem späten 2. Jh. herausgebil-
det haben und bis heute bestimmend geblieben sind, in die
allererste Anfangszeit zurückprojizieren. Philologische und
sozialgeschichtliche Daten zeigen: Paulus will solche Strukturen
gerade nicht. Und selbst für die Pastoralbriefe stehen liturgisch-
Frühe christliche Kirche in Dura Europos (Syrien), die kultische Fragen noch nicht im Fokus. (M. Ebner)
aus einer Hauskirche hervorging. Der ursprüngliche Komplex
enthielt u. a. einen Versammlungssaal und ein Baptisterium (vgl. auch die ausführliche Argumentation von M. Gielen, Alter-
mit einem Becken für Taufen. native Fakten, in: HerKorr 8/2019, 49–51)

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Der Einfluss der staatlichen und religiösen
Organisationen auf die christlichen Gemeinden

Zwischen
Abgrenzung und
Angleichung
Bei der Organisation ihrer größer werdenden Gemeinden übernehmen die
frühen Christen einerseits Amtsstrukturen, die sie aus ihrer Umwelt kennen,
andererseits grenzen sie sich bewusst von ihnen ab. Hartmut Leppin

W
ie sollten die Jünger sich organisie­ zuteilt, wie er will. 12 Denn wie der Leib einer ist
ren, nachdem ihr Messias den bru­ und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Lei-
talen Kreuzestod gestorben war? bes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib
Mussten sie sich angesichts des nahenden sind: so auch Christus ... 28 Und Gott hat in der
Reiches Gottes überhaupt organisieren? Die Gemeinde eingesetzt erstens Apostel, zweitens
frühen Jesusanhänger lebten in der Erwar­ Propheten, drittens Lehrer, dann gab er die
tung der baldigen Wiederkehr, Parousie, ihres Kraft, Wunder zu tun, dann Gaben, gesund zu
Herren. Schon deswegen überrascht es nicht, machen, zu helfen, zu leiten und mancherlei
wenn frühe Gemeinden ungefestigte Struktu­ Zungenrede. 29 Sind sie denn alle Apostel? Sind
ren hatten. Der erste Brief des Paulus an die sie alle Propheten? Sind sie alle Lehrer? Haben
Korinther (12) gibt einen lebendigen Eindruck sie alle die Kraft, Wunder zu tun? 30 Haben sie
davon: alle Gaben (charísmata) der Heilung? Reden
4 Es gibt Unterschiede zwischen Gaben; aber sie alle in Zungen? Können sie alle auslegen?
es ist ein Geist. 5 Und es sind Unterschiede Dass solchen Strukturen Stabilität fehlte,
zwischen Ämtern; aber es ist ein Herr. 6 Und versteht sich, dass sie Konflikte auslösten,
es sind Unterschiede zwischen Wirkmächten; ebenfalls. Paulus reagiert mit seinem Schrei­
aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. ben ja gerade auf Streitigkeiten in Korinth.
7 Durch einen jeden offenbart sich der Geist
zum (allgemeinen) Nutzen. 8 Dem einen wird
durch den Geist die Rede der Weisheit gegeben; Religiöse Freelancer
dem andern die Rede der Erkenntnis durch Zur Fluidität der Strukturen der Gemeinden
denselben Geist; 9 einem andern Glaube, in trug es bei, dass etliche christliche Missionare
demselben Geist; einem andern die Gaben der im Römischen Reich umherreisten, vielerorts
Heilung in dem einen Geist; 10 einem andern Gemeinden gründeten und bestehende auf­
die Wirkmacht, Wunder zu tun; einem andern suchten. Männer wie Paulus oder Barnabas
prophetische Rede; einem andern die Gabe, sind nur zwei aus einer großen Schar von Apo­
die Geister zu unterscheiden; einem andern steln. Hinzu kamen Propheten und andere
mancherlei Zungenrede; einem andern die Charismatiker, die den Anspruch erhoben, im
Gabe, sie auszulegen. 11 Dies alles aber wirkt Namen des Herrn zu sprechen. Manche waren
derselbe eine Geist, der einem jeden das Seine vom Glauben erfüllt, andere suchten einfach
das Geschäft mit der Frömmigkeit: Christus­
händler (christémporoi) wurden sie genannt.
© akg-images

t Kaiser Trajan (98–117 nC) leitet als Hochmobile religiöse Autoritäten waren nicht
Priester eine Opferfeier in einem Heerlager. untypisch für die römische Kaiserzeit. Die An­
Trajanssäule, Forum Romanum, 113 nC. gebote der religiösen Freelancer waren vielfäl­

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welt und umwelt der bibel 3/2020 19
Der Tempel des tig. Manche verkündeten Glaubenswahrheiten, gehen solle, den Lehrern, Propheten oder Apo­
Apollon in Delphi. Im andere versprachen Heilung, nicht wenige boten steln, die unversehens auftauchten. Wie konnte
Gegensatz zu den paga- Weissagungen feil. Der eine kam als Philosoph man deren Seriosität einschätzen? Ein Theologi­
nen Tempeln kennt das daher, der andere führte eine geheimnisvolle sches Examen gab es ja nicht. Misstrauen spricht
Christentum zunächst jüdische oder ägyptische Lehre ins Feld, wieder aus den Empfehlungen der Didaché:
keinen festen Ort, an andere taten sich durch Entsagungsleistungen Wenn Lehrer kommen, die im Sinne der Di-
dem Gott verehrt wird. hervor. Auf diesem religiösen Markt fielen die daché sprechen, soll man sie achten und auch
Jesusanhänger gar nicht besonders auf. Tauchte finanziell unterstützen. Apostel verdienen Auf­
aber so jemand in einer Gemeinde auf, konnte nahme. Verweilen sie länger als zwei Tage und
das leicht zu Unruhe führen. Manche Gläubigen nehmen sie mehr als eine Wegzehrung mit, steht
wird das Gefühl beschlichen haben, auf charis­ es falsch um sie. Bei Propheten soll man prüfen,
matische Pfuscher hereingefallen zu sein. ob sie selbst nach den Prinzipien handeln, die sie

© Von Paul Stephenson from London - Ancient Delphi - Temple of Apollo, CC BY 2.0
verkünden, oder aber etwa für sich Geld verlan­
gen. Wer länger als zwei, drei Tage bleiben will,
Hochmobile religiöse Autoritäten waren nicht kann am Gottesdienst mitwirken und finanzielle
Unterstützung empfangen. Erweist sich aber je­
untypisch für die römische Kaiserzeit mand als faul, soll man sich vor ihm hüten. Die
Regeln der Didaché erwecken den Eindruck, dass
man mit diesen wandernden Autoritäten manch
All das sprach für stabilere Strukturen. Und schlechte Erfahrung gesammelt hatte.
je ferner die Naherwartung rückte, umso mehr Die Funktionäre wiederum, die aus der eige­
wuchs unter Christen das Bedürfnis nach einer nen Gemeinde stammten, hatten offenbar ein
festeren Ordnung. Die Phase des Übergangs re­ Anerkennungsproblem: Wählt euch nun Episko-
präsentiert eine wohl um das Jahr 100 zusam­ pen und Diakone, würdig des Herrn, Männer, mild
mengestellte Schrift, die trotz ihrer frühen Entste­ und ohne Geldgier und wahrhaftig und erprobt;
hung nicht in das Neue Testament eingegangen denn sie leisten für euch ja auch den Dienst des
ist, die sogenannte Didaché. Die Bezeichnung Propheten und Lehrer. Verachtet sie also nicht.
als christliche Gemeindeordnung hat manches Denn sie sind die ehrenvoll Ausgezeichneten un-
für sich. So gibt der Text Hinweise darauf, wie ter euch, gemeinsam mit den Propheten und Leh-
man mit jenen Verkündern des Glaubens um­ rern (15,1f).

20 welt und umwelt der bibel 3/2020


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Der Einfluss der staatlichen und religiösen Organisationen …

Der Titel Diakon, der hier erscheint, ist bis Im römischen


heute gebräuchlich, das Wort epískopos, das Kaiserreich agierten
auch im Philipperbrief (1,1) vorkommt, eben­ Kaiser auch als Priester.
so, wenngleich in der eingedeutschten Form Kaiser Trajan auf der
Bischof. Dass es sich hier aber nicht um einen Trajanssäule (Detail),
Bischof im späteren Sinn handeln kann, sieht 113 nC.
man schon daran, dass die Quelle von mehreren
Amtsinhabern in einer (kleinen) Gemeinde aus­
geht.
Wenn wir in der Moderne Titel wie Diakon und
epískopos mit dem religiösen Feld assoziieren,
so entspricht das nicht dem, was antike Zeitge­
nossen hörten, wenn sie ihnen zu Ohren kamen.
Der diákonos war ein Diener, der epískopos ein
Aufseher. So bezeichnete man Angehörige eines
Haushaltes oder einer Administration; es wa­
ren Titel ohne Glanz. Anders als die Propheten,
Apostel und auch Lehrer verband man sie nicht
mit erhabenen Rollen. Die Diakone und Episko­
pen dürften für die alltäglichen Aufgaben der
Gemeinden zuständig gewesen sein, die Diako­ In vielen Fällen bekleideten die Inhaber öffent-
ne eher untergeordnet die Episkopen in einer
leitenden, ordnenden Funktion. Genaueres lässt licher Ämter zugleich Priesterwürden
sich jedoch nicht sagen.

offenbar gar keine Gemeinsamkeit mit den Pries­


Glanzvolle Priester der heidnischen Götter tern ihrer Umwelt oder wollten sich bewusst von
Natürlich erlebten Christen die oft glanzvollen ihnen absetzen. Dafür gab es gute Gründe.
Priester der heidnischen Götter. Jede Stadt hat­ Denn vieles unterschied Jesusanhänger von
te mehrere Tempel, prächtige und unscheinba­ Heiden und auch (anderen) Juden – viele sahen
re. Einige der Kulte waren öffentlich finanziert, sich ja weiter als Juden. Sie zielten nicht darauf
andere privat und wurden durch Stiftungen oder ab, eine alternative Organisation zu begründen,
Vereine am Leben gehalten. Die Priester waren selbst wenn sie metaphorisch von Jesus als Ho­
teils hauptamtlich tätig, doch in vielen Fällen hepriester sprechen mochten. Doch die Autorität
bekleideten die Inhaber öffentlicher Ämter zu­ der Tempelpriester erkannten viele Jesusanhän­
gleich Priesterwürden; selbst der Kaiser agierte ger nicht an oder nur unter Vorbehalt, was sie
auch als Priester. Manche Priesterwürden wur­ übrigens mit vielen Juden gemeinsam hatten.
den vererbt, andere durch Wahl vergeben, wie­ Doch trennte die Jesusanhänger Wichtiges von
der andere verkauft, um nur einige Beispiele für allen anderen:
die Modi der Vergabe zu nennen. Die bekannten Kulte galten gewöhnlich als
Ein Priester hieß auf Griechisch, der dominie­ alt, sehr alt, ob es sich um den der Athene auf
renden Sprache unter den frühen Jesusanhän­ der Akropolis handelte, um jenen Apollons in
gern, gewöhnlich hiereús, eine Priesterin hié- Delphi oder auch um den im Tempel in Jerusa­
reia. Juden, die Griechisch schrieben, nannten lem. Die Gemeinschaften der Jesusanhänger
einen Priester der Ihren hiereús, der Hohepries­ hingegen waren ganz neu. Antike Kulte waren
ter in Jerusalem hieß archiereús. Sie hatten also ferner gewöhnlich an einen Ort gebunden, sei
keine Scheu, sich diese Bezeichnungen aus der es an den Berg Zion, an das Apollonheiligtum
paganen Welt zu eigen zu machen, obwohl sie in Delphi oder an Plätze auf der Akropolis. Für
über eigene Bezeichnungen für Priester (vor al­ die Verehrung Jesu hingegen gab es keinen fes­
lem kohen) verfügten. ten Ort, kein Heiligtum. Erst später sollten sie
Die Jesusanhänger waren zurückhaltender. die Stätten der Geburt Jesu, seiner Kreuzigung,
Sie übernahmen diese Bezeichnungen nicht, des Grabes und der Auferstehung verehren. Sie
weder die hebräischen noch die griechischen, hatten nichts Greifbares, keine Gebeine, um die
© akg-images

jedenfalls zunächst. Erst seit dem 3. Jh. sollten sie sich scharen konnten, denn Jesus war ja gen
sie Titel wie hiereús oder das lateinische Wort Himmel aufgefahren, wie sie einander berichte­
sacerdos übernehmen. Aber anfangs sahen sie ten. Schließlich: Jesusanhänger brachten keine

21
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Der Einfluss der staatlichen und religiösen Organisationen …

äußeren Form an Philosophenschulen orientiert


zu haben, mit Lehrern als Schlüsselgestalten und
gemeinsamen Lehrstätten. Doch blieben derar­
tige Gruppen am Rande und verkörperten eine
eher elitäre Form des Christentums.
Für viele jüdische Gemeinden hingegen war
die Rolle der Lehrer, der Rabbinen, überaus

Antike Philosophen begrün-


deten mit ihren Lehren eine
bestimmte Lebenspraxis

wichtig. Wie die Jesusanhänger beriefen sie sich


auf jüdische Traditionen aus der Zeit vor der Zer­
störung des Tempels. Doch sie taten das, indem
sie alles dransetzten, den Verhaltensvorschrif­
ten der hebräischen Bibel, des Tanach möglichst
genau zu folgen. Diese Genauigkeit verwarfen
Jesusanhänger. Unter jenen jüdischen Gruppen
genossen intellektuelle Autorität und das ratio­
nale Argument höchste Achtung. Alle, sogar die
angesehensten Rabbinen, mussten sich Debat­
ten stellen. Die Mischna legt Zeugnis ab von die­
sen lebendigen Debatten. Es war eine völlig an­
dere Welt als jene der christlichen Gemeinden.

Nüchterne Organisation der Christen


Jesusanhänger formten mithin ganz andere re­
ligiöse oder kultische Gemeinschaften, als man
sie sonst kannte. Warum sollten sie also für ihre

© Von Sailko - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46454215


Funktionäre die herkömmlichen Bezeichnun­
gen übernehmen? Sie hätten doch ganz falsche
Assoziationen geweckt. Es ging offenbar, wenn
man dem Subtext der Didaché folgt, gar nicht
darum, möglichst heiligmäßige Personen zu
gewinnen, sondern sich einstweilen zu organi­
sieren. Wenngleich Jesus nicht, wie verheißen,
Ein Priester opfert Opfer dar, wie man sie im Tempel von Jerusalem zu Lebzeiten seiner Jünger zurückgekehrt war,
der Göttin Kybele.
noch erleben konnte, solange er stand. Das gro­ rechneten seine Anhänger, die sich zunehmend
Römisches Relief, 1.–3.
ße Opfer verkörperte Jesus mit seinem Leiden. Christen nannten, noch lange (und immer wie­
Jh. nC. Ostia, Museo
der) mit der Möglichkeit eines nahen Weltendes.
Ostiense.
Und so lange richtete man sich nüchtern in der
Eher Philosophie als Religion? Welt ein. Doch das hieß zugleich, dass man sich
Wenn Zeitgenossen Jesusanhänger beobachte­ nicht von den volatilen Besitzern von Gnaden­
ten, fühlten sie sich daher oft gar nicht so sehr an gaben, die durchaus weiter Respekt genießen
Anhänger von Kulten erinnert, sondern an Philo­ mochten, abhängig machen durfte, mithin Äm­
sophen. Denn antike Philosophen begründeten ter benötigte.
mit ihren Lehren eine bestimmte Lebenspraxis. Das gemeindliche Amt hatte den großen Vor­
Und genau das taten die Jesusanhänger, die hohe zug, dass es Autorität nicht primär an eine Per­
ethische Standards an sich anlegten, was sogar son band, sondern an eine Position – für deren
feindseligen Menschen auffiel. Manche Gemein­ Besetzung idealerweise persönliche Qualitäten
schaften von Christen scheinen sich auch in ihrer wichtig waren. Auch kollegiale Leitungsstruktu­

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Manches am frühen Christentum
t
erinnert Zeitgenossen eher an eine Philo-
sophie als an eine Religion. Darstellung eines
lehrenden Philosophen. Cimitero Maggiore,
Rom. 4. Jh.

ren scheint es gegeben zu haben. Für sie kennt


man ein mögliches Vorbild: die Synagogenge­
meinden, in denen Presbyter, wörtlich Ältere,
Angesehenere, die Geschäfte führten. Tatsäch­
lich gibt es Hinweise, dass manche Gemeinden
eine kollegiale Leitung von Presbytern besaßen.
Auf jeden Fall verbreitete sich der Titel, der im
Deutschen zum „Priester“ wurde. Doch in vie­
len Gemeinden gewannen Einzelpersonen an
Bedeutung. Das entsprach dem monarchischen
Charakter des Reiches und der herausragenden
Rolle von Statthaltern.
Aufschlussreich für die Perspektive jener, die
eine starke Führung in der Gemeinde wünsch­
ten, sind die Schriften eines Ignatios, der als
Bischof von Antiochia gilt. Unter Kaiser Trajan
(98–117) wurde er nach Rom verbracht, um dort QUELLENTEXT Priester beim Kult der isis

Jesusanhänger formten ganz L xucius Apuleius beschreibt in seinem Roman „Metamorphosen“


(1. Jh. nC) eine Prozession zu Ehren der Göttin Isis, bei der die Priester
eine wichtige Rolle übernehmen. Ehe sie der Göttin ein neu gezimmertes
andere religiöse Gemein- Schiff weihen und die Erstlinge jeder Ladung opfern, erfolgt eine große
schaften, als man sie kannte Prozession:
„Jetzt kamen Herolde, die mit weitschallender Stimme ausriefen: ,Platz,
Platz für die Heiligtümer!’ Hierauf strömten die in den heiligen Gottesdienst
bestraft zu werden – aus christlicher Sicht: um Eingeweihten einher, sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts, jegli-
das Martyrium zu erleiden. Trotz Gefangen­ chen Standes, jeglichen Alters. Alle trugen leinene Kleider von blendender
schaft war er in der Lage, mit verschiedenen Weiße; die Weiber das gesalbte Haar in durchsichtigen Flor eingehüllt, die
Gemeinden vor allem Kleinasiens in Kontakt zu
Männer das Haupt so glatt geschoren, daß die Scheitel glänzten. Diese irdi-
treten und ihnen Briefe zu schreiben. So besagt
schen Gestirne der erhabenen Religion machten mit ehernen, silbernen, ja
es jedenfalls die Tradition. Vielleicht entstan­
auch goldenen Sistren eine sehr hellklingende Musik. Allein die Oberpries-
den diese Texte erst später, in der Zeit Mark Au­
ter, in einem naheanliegenden Gewande von weißer Leinwand, das ihnen
rels (161–180). Entscheidend ist die Datierung
bis auf die Füße hinabging, trugen die Symbole der allgewaltigen Götter.
indes hier nicht. Hervorzuheben ist vielmehr,
dass man dank der Schreiben sehen kann, wie Der erste hielt eine hell leuchtende Lampe, [...] von Gold und in der Gestalt
Gemeindestrukturen sich im 2. Jh. verfestigten, eines Nachens, in dessen Mitte eine breite Flamme aus einer Öffnung hervor-
die mehrere Haushalte, ja eine ganze Polis um­ loderte. Der zweite, eben wie jener gekleidet, führte in beiden Händen
fassen sollten. In einem Brief an die Gemeinde Altäre, die mit besonderem Namen Hilfsaltäre heißen, weil die Göttin sich
im südwestkleinasiatischen Tralleis legt Ignati­ vorzüglich hilfreich zu denselben herabzuneigen würdigt. Der dritte hielt
os musterhaft dar, wie er sich die Ämterordnung einen Palmzweig, dessen Blätter sauber aus Gold gearbeitet waren, nebst
vorstellte. An der Spitze steht, anders als in der einem geflügelten Schlangenstab, gleich dem des Mercurius. Der vierte trug
Gemeindeordnung der Didaché, ein einziger das Sinnbild der Billigkeit zur Schau: eine offene linke Hand mit ausge-
epískopos: streckten Fingern, denn da die linke von Natur unbehend und langsam ist,
Wenn ihr euch dem Bischof unterordnet wie Je- so scheint sie der Billigkeit angemessener als die rechte. Eben derselbe
© akg-images / Pirozzi

sus Christus, scheint ihr mir nicht so wie (gewöhn- Oberpriester trug ein goldenes Gefäß, in der Gestalt einer Brust gerundet,
liche) Menschen zu leben, sondern nach der Wei- woraus er Milch opferte. Der fünfte erschien mit einer Schwinge, die von
se Jesu Christi, der um unseretwillen gestorben ist, goldenen Zweigen geflochten war, und der sechste mit einem Wasserkrug.“
damit ihr im Glauben an seinen Tod dem Sterben (Lucius Metamorphosen, 11,10).
entrinnt. Unerlässlich ist es daher, dass ihr, wie

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welt und umwelt der bibel 3/2020 23
Der Einfluss der staatlichen und religiösen Organisationen …

ihr es ja tut, nicht ohne den Bischof handelt, son- Diakone sind ebenfalls bereits aus der Dida-
dern euch sogar den Presbytern unterordnet wie ché bekannt: Zwischen Bischof und Diakonen
den Aposteln Jesu Christi, unserer Hoffnung, in aber stehen bei Ignatios eben die presbýteroi,
dem wir bei unserem Leben erfunden werden sol- die aber hier keine kollegiale Gemeindeleitung
len. Es müssen aber auch die, welche die Diakone bildeten. Denn es besteht eine klare Hierarchie,
der Geheimnisse Jesu Christi sind, auf alle Wei- und Gehorsam bestimmte das Verhältnis von
se bei allen Anerkennung finden. Denn nicht für Presbytern und Bischöfen. Auf diese Trias von
Speise und Getränke sind sie Diakone, sondern Bischof, Presbytern und Diakonen trifft man seit
sie sind Diener der Kirche Gottes. Darum müssen dem 2. Jh. immer wieder und an ganz verschie­
sie sich vor Anschuldigungen denen Orten, wobei Ignatios anders als spätere
wie vor Feuer hüten. Ebenso Autoren noch klären muss, dass Diakone mehr
sollen alle den Diakonen als gewöhnliche Aufwärter waren. Diese Amts­
Ehrfurcht bezeugen wie bezeichnung erwies sich mithin weiterhin als
Jesus Christus wie auch missverständlich.
dem Bischof als Abbild Man spricht vom monarchischen Episkopat,
des Vaters und den das dem Bischof eine königsgleiche Stellung
Presbytern als Ratsver- verleihen sollte, denn er behielt sein Amt auf
sammlung Gottes und Lebzeiten. Immer mehr setzte sich der Gedanke
als Bund der Apostel durch, dass in einer Stadt nur ein Bischof wirken
(2-3,1). solle.

In den antiken Städten war


eine befristete, jahrweise
Besetzung üblich

Anders als die Städte


Die christliche Gemeinde, wie sie Ignatios vor­
schwebt, bildet so eine Gemeinde für sich, mit
grundlegend anderen Strukturen als die Städte
der Zeit: Zwar war das Römische Reich insge­
samt eine Monarchie, doch in den Städten re­
gierten gewöhnlich Stadträte, und die lokalen
Eliten hatten das Sagen. Nie hätten sie einem Be­
amten eine geradezu monarchische Stellung zu­
gestanden, und das auch noch auf Lebenszeit. In
den antiken Städten war eine befristete, jahrwei­
se Besetzung üblich, und die Ratsherren hatten
große Furcht vor der Übermacht eines Einzelnen.
Dem Bischofsamt sollte in der christlichen
Welt die Zukunft gehören. Theologen begründe­
ten die Vorrangstellung der Bischöfe in Analogie
zu Christus. Volk und Klerus waren an der Be­
stellung von Bischöfen beteiligt, und ihr Kon­
sens galt als Ausdruck von Gottes Willen. Die
Opfernder unverzichtbare Weihe des Bischofs stellte man
©akg-images / Erich Lessing

Priester. Das in einer Tradition, die auf die Apostel selbst zu­
bedeckte Haupt rückging. Vielerorts füllten sich die Gemeinde­
weist auf die Durch- kassen, deren Verwaltung Bischöfen oblag;
führung eines Rituals dank der Fürsorge für Witwen und Waisen taten
hin. Römische Skulptur, sie Gutes und erweiterten sie ihre Klientel. Zu­
1.–3. Jh. Paris, Louvre. nehmend kamen sie überregional in Konzilen

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Der Apostel
Paulus in der Pose
eines antiken Philo-
sophen. Wandmalerei
in der Pretestatus-
Katakombe in Rom,
frühchristlich, 3. Jh.

Lesetipps
• Hartmut Leppin, Die
frühen Christen, 2. Aufl.,
München 2019 (danach
die Übersetzungen der
Quellen).
• Andreas Thier, Hier-
archie und Autonomie.
Regelungstraditionen der
Bischofsbestellung in der
Geschichte des kirchlichen
Wahlrechts bis 1140.
(Studien zur europäischen
Rechtsgeschichte 257,
Recht im ersten Jahrtau-
send 1) Frankfurt/Main
2011.
• Heidi Wendt, At the
Temple Gates. The Religion
of Freelance Experts in
the Roman Empire, Oxford
2016.

zusammen, um sich (mit wechselndem Erfolg) zwischen Prätendenten für das Amt. Dennoch
über ein gemeinsames Handeln zu verständigen. sollte für Jahrhunderte das Bischofsamt in den
Daneben gab es jedoch weiterhin charismati­ Gemeinden dominieren. Es war eine spezifische
sche Gruppen, vor allem im gnostischen Spek­ Organisationsform von Christen, die sie nicht
trum. Viele ihrer Angehörigen kritisierten den von anderen Gruppen übernommen hatten, die
Machtanspruch der Bischöfe heftig; doch ver­ eine große Machtentfaltung erlaubte und sich
mochten sie gegenüber der Schlagkraft bischöf­ sehr unterschiedlichen Zeitumständen anpas­
licher Gemeinden wenig auszurichten. Als Kons­ sen konnte. W
tantin der Große die Bischöfe von innerhalb und
außerhalb des Reiches zu einem großen, öku­
menischen Konzil versammelte, um Beschlüsse Prof. Dr. Hartmut Leppin ist
Professor für Alte Geschich-
für die gesamte Kirche fassen zu lassen, und
te in Frankfurt am Main. Sein
© akg-images / André Held

gemeinsam mit ihnen feierte, war ihre herausra­ Forschungsschwerpunkt ist das
gende Stellung manifest. Doch Frieden brachte spätantike Christentum. Aktuell
das der Kirche nicht, denn gerade auf etlichen arbeitet er zur Polyphonie des
Konzilen prallten die Gegensätze der machtbe­ spätantiken Christentums.
wussten Bischöfe aufeinander, und auch in den
Städten entbrannten immer wieder Rivalitäten

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welt und umwelt der bibel 3/2020 25
Gemeindeleitung in den ersten zwei jahrhunderten
Seit der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts bilden sich allmählich Ämter für die Gemeinde-
leitung heraus. Die charismatisch orientierte Struktur in paulinischen Gemeinden wird abgelöst
durch verschiedene Ordnungen an unterschiedlichen Orten: Teils leitet ein Gremium von Pres-
bytern die Gemeinde, in anderen Regionen leitet ein Kollegium von Bischöfen mit einem Gremi-
um von Diakonen. Daraus entsteht später das dreistufige Amt Diakon – Presbyter – Bischof.

Apostel
aufgaben und dienste in
Paulus
paulinischen gemeinden
Gr
ün t- en
en ng Innerhalb der Gemeinde findet sich zur Zeit des
Moderation
du l
e u
ng nz id Apostels Paulus noch keine Hierarchie. Entschei-
Ei che dungen trifft die Ekklesia, die Bürgerversamm-
s
lung der Getauften. Und charismatisch begabte
Apostel/innen

Zungenrede

Gemeindemitglieder bringen sich idealerweise


Leh

ekklesia/ gleichberechtigt ein, auch im Gottesdienst. Von


re

außerhalb kommen immer wieder Wanderpro-


Versammlung
phet/innen, Apostel/innen und Lehrer/innen.
der Getauften Erst später bilden sich erste Ämter: Diakone,
g

Presbyter und Episkopen – Begriffe, die teils


lun

nen

gleichwertig verwendet werden.


op
Pr

ei

H
Wa

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r/in

tie gesamtchristliche Gemeinschaft


nd

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er n

Gemeinde
ro
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W

L
p

de ph
a

rra e te n
dik /in n en
ale

gemeindeleitung nach ignatios P r e sby t er


von antiochien

Ähnlich wie die Pastoralbriefe, sieht Ignatios von


Antiochien in seinen Briefen an christliche Gemein- Einzelbischof
den in Kleinasien (um 110) den Bischof als zentrale
(Monepiskop)
Führungsgestalt in der Gemeinde. Allein der Bischof
garantiert die Richtigkeit sämtlicher kirchlichen
Handlungen. Diakone und Presbyter unterstehen ihm.
Wie weit Ignatios die Realität oder ein anzustrebendes
Ideal beschrieb, ist unklar.
Diakone

GEMEINDE

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Bischöfe von Nachbargemeinden
gemeindeleitung nach der
Weihe
traditio apostolica

Im 3. Jh. hat sich eine hierarchische Ordnung Bischof


durchgesetzt, wie die Traditio Apostolica Leitung (Hirtenamt), Eucharistiefeier, Verkündigung,
zeigt: Zwischen Klerus und Volk wird deutlich Sündenvergebung
unterschieden. Die sogenannten Bekenner Weihe Weihe
gehören nicht zum Klerus, sondern sind eine
Autorität neben und zwischen beiden Grup- Diakon Presbyter
pierungen. Das Volk wählt den Bischof, der
von den Bischöfen der Nachbargemeinden
Einsetzung Einsetzung
geweiht wird. Der Bischof leitet die Gemein- Bekenner

Wahl
(Ernennung)
de, feiert die Eucharistie, verkündet das Wort
Gottes und vergibt die Sünden. Außerdem
weiht er Presbyter und Diakone, die mit ihm
Witwen Lektoren Jungfrauen Subdiakone
den Klerikerstand bilden. Der Klerus setzt aus
dem Volk Witwen, Lektoren, Jungfrauen und
Subdiakone ein, die unterschiedliche Aufga-
ben in der Gemeinde wahrnehmen. Volk

Das Verhältnis von Amt und Charisma –


eine Geschichte des Niedergangs?

O ft wurde die Entwicklung hin zum Amtscharisma als Niedergang interpretiert. Die
ursprüngliche, intensive, persönliche Gläubigkeit sei verloren gegangen zuguns-
ten einer machtbewussten, hierarchischen Kirchenorganisation.
Diese Interpretation trifft wichtige Punkte. Doch sollte man nicht übersehen, dass
die Gruppen, die individuelle Gnadengaben in den Vordergrund rückten, offenbar
massive Schwierigkeiten hatten, ihren Zusammenhalt zu wahren. Schon
Paulus musste das zur Sprache bringen, denn Streit und Konkurrenz
spielten unter den korinthischen Christen seiner Zeit eine große
Rolle. Vor allem war der Prozess der Herausbildung des Amtes
weniger linear, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Spiri-
tuelle Autorität brach sich immer wieder Bahn. Daher sollte man
diese Entwicklungen nicht als Ablöseprozesse sehen. Es wurde
Grafiken nach Herders Neuer Bibelatlas, modifiziert.

keineswegs einfach das Personalcharisma durch ein Amtscharisma


ersetzt. Das personalcharismatische Element bewahrte vielmehr seine
Bedeutung und konnte immer wieder abgerufen, gegen die aktuellen
Zustände der Kirche in Stellung gebracht werden. Bezeichnen-
derweise beanspruchten viele Bischöfe für sich selbst spirituelle
Autorität, denn das Amt war von Misstrauen begleitet – von Anfang
an, und die Amtsinhaber mussten trotz der Verfestigung der Wie weit Einzelne durch ihre geistlich-charismati-
Strukturen stets darauf achten, auch als Personen Anerkennung sche Begabung die Gemeindeleitung ausüben oder diese
zu finden. (Hartmut Leppin, Die frühen Christen. Von den Anfängen durch in ein Amt dauerhaft eingesetzte Personen wahrge-
bis Konstantin. (Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung) nommen wird, verändert sich im Lauf der Jahrhunderte.
C. H. Beck 2018, 144) Pfingstdarstellung, Kloster Hosios Loukas, Griechenland.

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welt und umwelt der bibel 3/2020 27
Diakone in der frühen Christenheit

Aus Gemeindeleitern
­werden Diener des Bischofs
Waren die sieben Diakone in der Apostelgeschichte nur für den Tischdienst zu-
ständig oder hatten sie doch Leitungsaufgaben? Welche Aufgaben und Verant-
wortlichkeit ein Diakon übernahm, verändert sich im Lauf der Jahrhunderte immer
wieder, sodass das Amt nicht so einfach zu beschreiben ist. Andreas Müller

Stephanus ist der bekannteste Vertreter des sogenannten Siebenerkreises; jener Männer, die als
Diakone bezeichnet werden und in Jerusalem für die griechisch sprechenden Christen tätig waren.
Mariotto di Nardo, Stephanus predigt (links) und Stephanus vor den Hohepriestern und Ältesten
(rechts), 1408. National Museum of Western Art, Tokio.

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I
n der jüngeren Forschung ist über die Rolle die Apostel bzw. deren Wahl durch die Gemein-
Traditio Apostolica
der Diakone in der antiken Kirche viel dis- de aus. Dabei besteht das Amt des Diakons we-
(= Apostolische Überlie-
kutiert worden. Seit den ersten Publikatio- der in Unterordnung unter die Episkopen noch ferung) ist eine Kirchen-
nen von John Collins (Reinterpreting the Ancient explizit in einem karitativen Dienst. Es lag viel- ordnung aus den Jahren
Sources, 1990) zu dem Thema besteht jedenfalls mehr eine Art kollegialer Gemeindeleitung in 210–235. Darin werden
weitgehend Konsens in der Forschung, dass ihre dieser Zeit vor. Die Ämter der Episkopen und Aufgaben und Funktionen
Aufgabe nicht von Anfang an mit einer diako- Diakone bestehen nach der Didache explizit des Bischofs, Presbyters,
nisch-karitativen gleichzusetzen ist. Diakonos in der Fortsetzung des Dienstes der Lehrer und Diakons und ihre Weihe
bedeutet im Griechischen zunächst grundsätz- Propheten. Allerdings scheinen die beiden Äm- aufgeführt, ebenso die
lich Diener, aber auch Bote. Die sieben hellenis- ter mit der Verwaltung von Geldern in Verbin- Stände der Witwen, Lek-
tischen Christen, die sich nach Apg 6,1-5 dem dung gestanden zu haben. toren, Jungfrauen, Sub-
diakone und Exorzisten,
Tischdienst (im Originaltext: diakonia) widme- Auch bei Ignatios von Antiochien (wohl um
die Spendung von Taufe,
ten, waren allgemein mit der Gemeindeleitung 110–115) meint Diakonie keineswegs eine rein
Firmung und Eucharistie.
beauftragt, keineswegs nur mit deren sozialen karitative Tätigkeit. Ihr Amt erstreckt sich nicht
Aspekten. Erste Anzeichen für eine besondere nur auf die Verteilung der Speisen und Geträn-
Stellung der Diakone lassen sich in der geson- ke an Bedürftige, sondern auf die Kirche Gottes
derten Nennung von „Episkopen“ und „Diako- insgesamt (Trall. II 3). Die Gemeinden, nicht
nen“ in den Grüßen des Philipperbriefes (Phil etwa der Bischof, bestimmten dabei die Diako-
1,1) erkennen. Im 1. Timotheusbrief, der vermut- ne als ihre Gesandten. Sie waren sozusagen die
lich erst aus dem 2. Jh. stammt, ähneln sich die Repräsentanten der Gemeinde im zwischenge-
„Einstellungsvoraussetzungen“ ebenso wie die meindlichen Kontakt: Ignatios schreibt: „Da
Aufgaben von Episkopen (Bischöfen) und Diako-
nen sehr: Danach sollen Diakone achtbar sein,
nicht doppelzüngig, nicht dem Wein ergeben, Die sieben hellenistischen Christen, die sich
nicht gewinnsüchtig, mit reinem Gewissen am
Geheimnis des Glaubens festhalten, Männer ei-
nach Apg 6 dem Tischdienst widmeten,
ner einzigen Frau sein und ihren Kindern und ih- waren mit der Gemeindeleitung beauftragt
rem Haus gut vorstehen (1 Tim 3,8-13). Die Mitt-
lerstellung der Diakone zwischen Bischöfen und
Gemeinde wird allerdings ebenfalls deutlich. mir (scil. Ignatios) gemeldet wurde, daß die Kir-
Diakonia meint im Neuen Testament grund- che zu Antiochien in Syrien auf Grund eures Ge-
sätzlich die Ausführung eines Auftrages Gottes betes und auf Grund der innigen Teilnahme, die
oder der Gemeinde – so wird in Apg 6,4 auch ihr in Christus Jesus hegt, Frieden genießt, ziemt
eine Diakonie des Wortes erwähnt. Eine sozial- es sich für euch als eine Kirche Gottes, einen
karitative Engführung des Begriffs, wie sie sich Diakon auszuwählen, der als Gesandter Gottes
im Umfeld des Reformators Johannes Calvin dorthin reisen soll, um sie in gemeinsamer Ver-
findet und im 19. Jh. mit der institutionellen Di- sammlung zu beglückwünschen und den Namen
akonie üblich wurde, entspricht nicht der Ter- zu preisen. [2] Selig in Jesus Christus, wer eines
minologie des Neuen Testaments. Im antiken solchen Dienstes gewürdigt werden wird, und
und spätantiken Christentum waren „Diakone“ auch euch wird es zur Ehre gereichen. Wenn ihr
allerdings – die erstmals bei Irenäus von Lyon wollt, ist es nicht unmöglich, [dies] für den Na-
(† ca. 200 nC) auf den Siebenerkreis zurückge- men Gottes [zu tun], wie ja auch die Nachbar- Didache
führt wurden – auch mit philanthropischem kirchen Bischöfe, andere Presbyter und Diakone (= Lehre der zwölf Apostel), ist
Engagement betraut. Dabei ist eine zunehmen- entsandt haben.“ Es ging Ignatios wohl um die die wohl erste frühchristliche
de Institutionalisierung bestimmter Aspekte des Stärkung seiner Gemeinde, die innere Konflikte Kirchenordnung, verfasst ver-
Amtes zu beobachten. überwunden hatte und nun auch durch die Ge- mutlich in Syrien im 1. Jh. nC.
sandtschaften von außen an Profil gewann (vgl.
Phil. X 1). Die Äußerungen der Diakone sind da-
Verantwortungsvolle Gemeindeleiter bei gleichsam Gottes Gebot (Sm. VIII 1f.). Hirt des Hermas
wurde um 150 nC von
Das Diakonenamt ist zunächst im frühen Chris- Im weiteren Verlauf des 2. Jh. hat es eine zu-
einem unbekannten
tentum ein Amt der Gemeindeleitung generell. nehmende Ausdifferenzierung in der Gemein-
Christen namens Hermas
Der um 96 nC entstandene 1. Clemensbrief deleitung gegeben. Nun lässt sich beobachten, in Rom geschrieben. Er
(1 Clem 42,4) und auch die etwa in diesem Zeit- dass vornehmlich Diakone für bestimmte kari-
© public domain

beschreibt eine Reihe


raum entstandene Didache (Did 15,1f) gehen – tative Dienste in der Gemeinde zuständig wa- von Offenbarungen eines
ähnlich wie 1 Tim 3 – von einer Einsetzung von ren. Ein Zeugnis davon bietet um die Mitte des Engels in Hirtengestalt an
Episkopen (= Bischöfen) und „Diakonen“ durch 2. Jh. der Hirt des Hermas. Der Verfasser sah Hermas.

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welt und umwelt der bibel 3/2020 29
Diakone werden im
späten 2. und 3. Jh.
mit besonderen litur-
gischen, aber auch
karitativen Aufgaben
betraut

Die Sorge für die christlichen


Begräbnisstätten gehörte in Rom
zu den Aufgaben der Diakone.
Sebastian-Katakomben.

den Dienst der Diakone in der Sorge gräbnisstätten in Rom beauftragt (vgl. dest dessen Amtsbrüder auch ihre Hän-
für Witwen und Waisen (Sim IX 26,2). Hippolyt, ref. 9,12,14). Dieser Dienst de auflegen, da sie alle am selben Geist
Dazu standen ihnen Finanzen zur Ver- stellte in der Alten Kirche einen zentra- teilhaben. Der Dienst des Diakons wird
fügung. Möglicherweise verwalteten sie len Aspekt von Wohlfahrt dar. trotz dieser Abgrenzung mit dem Dienst
sogar die Gemeindekasse. Die Diakone In den Märtyrerakten ist ferner von Christi gleichgesetzt, der dem Willen
taten den Dienst an Witwen und Waisen der Betreuung von Gefangenen vor dem seines Vaters diente. Er ist nun deut-
nun aber als Helfer der Bischöfe, denen Martyrium durch Diakone die Rede. lich unterschieden vom Presbyter, da er
die Witwen und Notleidenden nach Die Diakone werden also deutlich im nicht wie dieser als Mitglied im Rat des
Sim IX 27,2 besonders anvertraut waren. Verlauf des späten 2. und des 3. Jh. mit Klerus eingesetzt wird und auch nicht
besonderen liturgischen, aber auch ka- den Geist empfängt, an dem die Presby-
ritativen Aufgaben betraut. Trotz der ter teilhaben (TA 8). Dennoch gehören
Liturgische Aufgaben Ausdifferenzierung der Dienste in der nach der Traditio Apostolica die Diakone
Justin der Märtyrer († 165 nC) beschreibt Gemeinde hat es dennoch in der ge-
als Erster genauer in seiner Apologie die samten Zeit der Alten Kirche keine aus-

© https://commons.wikimedia.org/wiki/Roma,_Catacombe_di_San_Sebastiano_(5).jpg
altkirchliche Abendmahlspraxis mit ih- schließliche Fixierung kirchlicher Ämter
rer Aufgabenteilung: Die Diakone hatten auf lediglich eine der Grundäußerungen QUELLENTEXT:
demnach das eucharistische Brot und christlicher Existenz (leiturgia – marty-
den Wein sowie das Wasser zu verteilen ria – koinonia – diakonia) gegeben. Viel- Die Wahl der Diakone
und den Abwesenden davon zu bringen mehr bestehen beim Bischof wie auch nach der Didache
(Apol. 1,65; 67). Von solchen liturgischen beim Diakon immer Aspekte von allen

W
Aufgaben ist immer wieder die Rede. Bei diesen Grundäußerungen in der Defini- ählt euch nun Episkopen und
Cyprian von Karthago (200/210–258) rei- tion ihres Amtes. Diakone, würdig des Herrn,
chen sie den Kelch bei der Communio Eine Überordnung des Bischofs über Männer, mild und ohne Geldgier
(Über die Gefallenen cap. 25). Nach der die anderen Ämter in der Gemeinde wird
und wahrhaftig und erprobt; denn
später noch genauer zu betrachtenden ausgeprägt erst in der Traditio Apostoli-
sie leisten für euch ja auch den
Traditio Apostolica mit weiten Teilen ca sichtbar. In der Weiheliturgie wird der
Dienst der Propheten und Lehrer.
wohl aus dem frühen 3. Jh. haben die Di- Diakon jedenfalls für den Dienst des Bi-
Verachtet sie also nicht. Denn sie
akone eine wichtige, an vielen Punkten schofs und die Ausführung der bischöf-
sind die ehrenvoll Ausgezeichneten
genau festgeschriebene Aufgabe in der lichen Aufträge eingesetzt. Anders als
unter euch, gemeinsam mit den
Liturgie. bei den Presbytern legt ihm bei seiner
Diakone wie Callist († 222) waren da- Weihe nur der Bischof die Hände auf. Propheten und Lehrern.“ (15,1 f)
rüber hinaus mit der Betreuung der Be- Bei einer Presbyterweihe dürfen zumin-

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Diakone in der frühen Christenheit

zum engeren Kreis um den Bischof, der


sich einmal täglich trifft. Dabei sollen
wohl auch sie die in der Kirche Versam-
melten gemeinsam mit den Presbytern
unterweisen (TA 39).
Die eigenständige Leitungskompetenz
ist allerdings gewaltig eingeschränkt:
Der Diakon hält sich zusammen mit
den Subdiakonen ständig an den Bi-
schof, übernimmt Aufgaben, macht den
Bischof auf notwendige Projekte auf-
merksam und untersteht dessen Autori-
tät. Er benachrichtigt den Bischof über
Krankheitsfälle in der Gemeinde, damit
der Bischof die Kranken besuchen kann
(TA 34). Seine Aufgaben beim Ritu-
al werden besonders ausführlich be-
schrieben: Er trägt u. a. die Opferga-
ben bei den Versammlungen herein
(TA 4) und bricht sogar das eucharis-
tische Brot für die Verteilung durch
den Bischof (TA 22), er steigt mit den
Täuflingen hinab in das Taufbecken
(TA 21), er trägt das Licht bei Agapemäh-
lern (TA 25) und verteilt Eulogien, d. h.
gesegnetes Brot, eigenständig (TA 28).
Selbst den Kranken bringt der Diakon
Gaben (TA 24). Der Zeitpunkt, zu dem
das Diakonenamt vornehmlich oder gar Philippus, ein weiterer aus dem Jerusalemer Siebenerkreis, tauft nach der
ausschließlich einen liturgischen Cha- Apostelgeschichte einen Diener der äthiopischen Königin. Rembrandt,1641.
rakter hat, ist m. W. in der Forschung Rijksmuseum Amsterdam.
allerdings noch nicht genau bestimmt.

Diakone im Nebenberuf
Diakone gehören nach der Traditio Apostolica zum
Seit spätestens Cyprian gibt es Bele-
ge dafür, dass Diakone auch anderen engeren Kreis um den Bischof, der sich täglich trifft
Berufen nachgehen, den kirchlichen
Dienst also gleichsam nur im Nebenamt
wahrnehmen. So verwaltete der Diakon Diese unterstehen anders als andere Prof. Dr. Andreas Müller
Nikostratus z. B. die Finanzen seiner pa- Amtsträgerinnen der frühen Christen- ist Professor für Kirchen-
trona (Cypr. Ep. 50,1,2). Grabinschriften heit im „vollkommenen Gehorsam“ dem und Religionsgeschichte
des ersten Jahrtausends
belegen, dass Diakone auch als Ärzte tä- Bischof (Syr. Didask. 16). Möglicher-
an der Universität Kiel.
tig waren. Dadurch scheinen einige un- weise kann man Diakoninnen jedoch
Forschungsschwerpunkte
ter ihnen vermögend geworden zu sein bereits früher voraussetzen: Während liegen auf den östlichen
– insbesondere in Inschriften des 5. und die von Paulus als Diakonin bezeich- Kirchen und der frühen
6. Jh. tauchen Diakone immer auch als nete Phöbe (Röm 16,1) vermutlich noch Kirchengeschichte. Ne-
Stifter auf. keine Diakonin im „amtlichen“ Sinne ben anderen Ämtern ist er
war, könnten mit den in 1 Tim 3,11 nach Vorsitzender der Sektion
Kirchengeschichte der
den Diakonen angeführten „Frauen“
Und die Frauen? bereits Diakoninnen gemeint sein. In
Wissenschaftlichen Ge-
sellschaft für Theologie.
Neben dem männlichen Diakon werden diesem Sinn interpretiert u. a. Johan-
ab dem 3. Jh. auch öfter Diakoninnen nes Chrysostomos im ausgehenden
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in den kirchlichen Texten erwähnt, so 4. Jh. die Bibelstelle. Dabei stellt er die
bereits in der Syrischen Didaskalia aus Diakoninnen mit ihrem männlichen
dem frühen 3. Jh. (Syr. Didask. 14f). Pendant vollkommen auf eine Stufe. W

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welt und umwelt der bibel 3/2020 31
Witwen und Jungfrauen

Selbstbewusst
und engagiert für
die Gemeinde
In den christlichen Gemeinden waren Witwen nicht nur Objekte der
Versorgung, sondern entwickelten selbstbewusst eigene – auch
katechetische – Aktivitäten. Christiane Zimmermann

F
rauen spielten in den ersten dentum übernommen wurde und sich
christlichen Gemeinden eine vor allem in der Sorge um die Armen,
sehr viel größere Rolle, als man Kranken und Hilfsbedürftigen kon-
gemeinhin annimmt. Frauen waren kretisierte. Zu diesen zählten in der
ein wichtiger Teil der Gemeinden und antiken Gesellschaft vor allem Witwen
engagierten sich dort in vielerlei Hin- und Waisen. Zum anderen beschreibt
sicht. Als „Amt“, das auch Frauen in- das Jesuswort in Mk 12,25 das kom-
nehaben konnten, etablierte sich das mende Königreich als eines, das von
Diakonat. Allerdings erwähnen die Ehelosigkeit und einem engelgleichen,
Texte auch immer wieder „Witwen“ d. h. geschlechtslosen Dasein geprägt

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und „Jungfrauen“ als besondere Grup- sei. Andere Texte verwenden für das
pen in den Gemeinden, die vor und ideale christliche Leben die Metapher
neben den Diakoninnen besonders einer „Jungfrau“ (2 Kor 11,2), die auf
aktiv gewesen zu sein scheinen. Woher ihren Bräutigam, Christus, warte (vgl.
kamen all diese Witwen und Jungfrau- auch Mt 25,1-13). Und auch die in den
en und womit beschäftigten sie sich in Evangelien überlieferten Worte Jesu
den ersten Gemeinden? zur Nachfolge (Mk 10,29; Mt 19,29;
Um das Phänomen der „Witwen“ Lk 14,26) sowie dessen eigene ehe-
und „Jungfrauen“ zu verstehen, muss lose Lebensweise scheinen das Ideal
man sich zunächst mit der Verkündi- einer Familien- und Ehelosigkeit zu
gung Jesu befassen. Auch wenn wir entwerfen. All diese Texte lassen er-
Witwen und Jungfrauen bildeten in
den frühen christlichen Gemeinden eine wenig über den „historischen“ Jesus kennen, dass sich bereits früh asketi-
stetig wachsende Gruppe, um deren wissen, so war sein zentrales Anlie- sche Tendenzen in den urchristlichen
Einfluss gerungen wurde. Die Frauen- gen die Verkündigung des nahenden Gemeinden herausbildeten, die in den
gesichter der folgenden Seiten sind Königreiches Gottes. Schon früh be- ersten Jahrhunderten erstarkten, sich
Mumienporträts aus den ersten nach- schäftigte die Jesus-Anhänger/innen diversifizierten und schließlich Ausei-
christlichen Jahrhunderten, gefunden die Frage, inwieweit ihr irdisches Ver- nandersetzungen mit Vertretern her-
in Fayum, Ägypten. Sie porträtieren vor halten ihr Ergehen in diesem kommen- kömmlicher familiärer Lebensformen
allem wohlhabende Frauen. Die meisten den Königreich beeinflussen könnte. in der entstehenden Großkirche provo-
Witwen gehörten in der Antike jedoch Zu einem christlichen Verhaltensideal zierten. Die Idealisierung asketischer
zur armen Bevölkerungsschicht, die gehört zum einen die Nächstenliebe Lebensformen findet sich allerdings
nicht porträtiert wurde. als zentrales Gebot, das aus dem Ju- nicht nur im frühen Christentum, son-

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dern etwa auch in philosophischen oder Verfasser des Jakobusbriefes das Bemü- keine als rechte Witwe anerkannt werden
medizinischen Überlegungen der Zeit. hen um Witwen und Waisen sogar als unter sechzig Jahren; sie soll eines einzi-
„reinen Gottesdienst“ (Jak 1,27). gen Mannes Frau gewesen sein und ein
In Apg 6,1-7 wird allerdings angedeu- Zeugnis guter Werke haben: wenn sie Kin-
Ehelosigkeit als asketisches Ideal tet, dass sich bereits in der Jerusalemer der aufgezogen hat, wenn sie gastfrei ge-
© links: Von Sailko - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40900543, Mitte: Von Sailko -

Aufseiten der Christinnen führten die Gemeinde eine Auseinandersetzung wesen ist, wenn sie den Heiligen die Füße
im frühen Christentum erkennbaren über die Versorgung der Witwen entwi- gewaschen hat, wenn sie den Bedrängten
Idealisierungen asketischer Lebensfor- ckelte. Der aus dem 2. Jh. nC stammende beigestanden hat, wenn sie allem guten
Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64498108, rechts: public domain

men u. a. dazu, dass Frauen entweder erste Brief an Timotheus deutet an, dass Werk nachgekommen ist. Jüngere Witwen
gar nicht heirateten, also „Jungfrauen“ die Zahl der gemeindlich zu versorgen- aber weise ab; denn wenn sie sich wegen
blieben, oder nach dem Tod ihres Ehe- den Frauen offenbar zur Last wurde (1 ihres Begehrens von Christus abwenden,
mannes als Witwen auf eine weitere Tim 5,3-16). Jüngere und ältere Witwen so wollen sie heiraten“ (1 Tim 5,9-11).
Heirat bewusst verzichteten. Die Zahl Die Ablehnung jüngerer Witwen wur-
der Witwen und unverheirateten Frauen de also damit begründet, dass sie eher
stieg, die jüdisch-christliche Forderung, Jüngere und ältere Witwen von ihrem asketischen Weg wieder abge-
sich um diese zu kümmern, bestand.
Damit stellte sich für die Gemeinden zu-
beanspruchten zuneh- bracht werden könnten, hatte vermutlich
jedoch auch mit den finanziellen Mög-
nehmend die Frage der finanziellen Ver- mend, von der Gemeinde lichkeiten der Gemeinden zu tun. „Wah-
sorgung dieser alleinstehenden Frauen,
die häufig der Armut ausgesetzt waren.
versorgt zu werden re“ Witwen, die nun auch in ein Register
aufgenommen wurden, mussten älter
Reiche Frauen, die ihr Vermögen in die sein als 60 Jahre, durften nur einmal ver-
Gemeinden einbrachten oder als Wohl- beanspruchten zunehmend, von der Ge- heiratet gewesen sein und hatten einen
täterinnen wirkten (wie Tabita in Apg meinde versorgt zu werden, die durch frommen Lebenswandel aufzuweisen.
9,36-43), waren die Ausnahme. Das Gros das Sammeln von Almosen eigene fi-
unverheirateter Frauen der Zeit war der nanzielle Ressourcen schaffte, die dann
Armut ausgesetzt (vgl. Lk 21,1-3) und da- wiederum an Amtsträger in der Gemein- Aufgabe der Witwen:
mit auf eine Versorgung durch die biolo- de, aber auch an Hilfsbedürftige ver- nur das Gebet?
gische Familie oder die sich als Familie teilt wurden. Der Verfasser des Briefes Die Versorgung der Witwen geschah
verstehende christliche Gemeinschaft reagiert mit Regulierungsmaßnahmen: nicht ohne Gegenleistung: Als Aufgabe
angewiesen. Die frühen Christen und Nur „wahre“ Witwen sollten gemeind- der Witwen wurde ein möglichst immer-
Christinnen sahen sich hier also beson- lich versorgt werden, jüngere dagegen währendes häusliches Gebet festgelegt,
ders in der Pflicht. So bezeichnet der sollten noch einmal heiraten: „Es soll sie sollten jedoch weder verkündigen

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welt und umwelt der bibel 3/2020 33
noch anderweitig mit Gemeindemit- sogar als „Altar Gottes“: „Die Witwen fügt hinzu, dass eine Wiederverhei-
gliedern kommunizieren. Ganz offenbar belehrt, den Glauben an den Herrn be- ratung der aufzunehmenden Witwe

© links: Von Sailko - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40900548, Mitte und rechts: public domain
war mit der Versorgung durch die Ge- sonnen zu betätigen, unablässig für alle möglichst unwahrscheinlich sein solle
meinde also eine – wenn auch enge – zu beten, sich fernzuhalten von aller (Kap. 14-16), damit die Reputation der
Aufgabenzuschreibung in der Gemeinde Verleumdung, übler Nachrede, falschem Witwen als allein Gott verschriebener
verbunden, die die Witwen als direktes Zeugnis, Geldgier und allem Bösen und zu Frauen nicht leide. Auch gibt die Didas-
Sprachrohr zu Gott sah, ihre Kommu- erkennen, daß sie der Altar Gottes sind …“ kalia – wie bereits 1 Tim und Polykarp
nikationsmöglichkeiten mit anderen (Polyk. 4,3). Entsprechend müsse für sie – ein Verhaltensideal der Witwen, die
Christinnen und Christen jedoch be- gesorgt werden (6,1). Die Witwen hatten mild, still, freundlich und ausgeglichen
schnitt. Es scheinen sich zu dieser Zeit somit auch einen besonderen Ehrentitel sein sollten und sich von Diskussionen,
bereits Auseinandersetzungen um die Auseinandersetzungen, Neid und übler
Höhe der Alimentierung der „wahren“ Nachrede fernhalten sollten. Sie durften
Witwen ergeben zu haben: Sie sollten Die Versorgung der Auskunft bezüglich der „Gerechtigkeit“
die Hälfte dessen erhalten, was man den und des Glaubens geben, ansonsten soll-
Ältesten zuwies. Witwen geschah nicht ten sie die Fragesteller an die Gemeinde-
Von nun an war das Thema der be- ohne Gegenleistung führer weiterverweisen, auf keinen Fall
sonderen Stellung von alleinstehenden sollten sie Lehraufgaben wahrnehmen.
Frauen, seien es junge oder alte Witwen Witwen sollten Gutes tun und sich aus-
oder unverheiratete junge Frauen, in in der Gemeinde inne, der ihnen Heilig- schließlich Gebeten für Almosengeber
den Gemeinden präsent, wurde jedoch keit und Gottesnähe zuschrieb, sie zu- und für die gesamte Kirche widmen. Sie
regional unterschiedlich sichtbar. In der gleich jedoch auch zu Ortsstabilität und sollten als „Altar Gottes“ möglichst zu
Gegend von Antiochia in Syrien scheint Passivität ermahnte. Hause sitzen, für andere fasten und im
die Versorgung der Witwen schon sehr dauerenden Gebet für sich und andere
früh eine besondere Bedeutung gehabt allein mit Gott kommunizieren.
zu haben. Davon legt Ignatios in seinem Witwen als „Altar Gottes“ Die Didaskalia schreibt also die bereits
Brief an die Gemeinde in Smyrna ein Die im 3. Jh. vermutlich im syrischen im 1. Timotheusbrief und bei Polykarp
deutliches Zeugnis ab (vgl. Ign. Sm. 6,2). Raum verfasste Kirchenordnung Di- erkennbaren Tendenzen der Beschrän-
Polykarp von Smyrna wiederum geht daskalia Apostolorum legt nun Regeln kung der Aktivität der Witwen und ihrer
in seinem Brief an die Gemeinde in Phil- für den Umgang mit Witwen für alle gleichzeitigen Idealisierung fort. Mithil-
ippi ebenfalls besonders auf die Witwen Gemeinden fest und spricht von einem fe der „Altar“-Metapher versuchte man,
ein. Er benennt das Gebet als besondere Witwen-„Stand“. Die Didaskalia senkt die Witwen einzuschränken und zu
Gabe der Witwen und bezeichnet diese das Alter der Witwen auf 50 Jahre und kontrollieren, vermittelte ihnen jedoch

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Witwen und Jungfrauen

zugleich Anerkennung. Die Witwen wa- senz alleinstehender und damit in aller Frauen Unfähigkeit zur Lehre attestier-
ren den Bischöfen und Diakonen unter- Regel auf Versorgung angewiesener te und Passivität im kirchlichen Leben
© links: public domain; Mitte: By Sailko - Own work, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=88947978, rechts: Von

geordnet und durften nur mit ausdrück- Frauen in den Gemeinden entwickelt, auferlegte, polemisierten auch die Ver-
licher Erlaubnis des Bischofs über ihr die Aktivitäten entfalteten, die in den fasser der Didaskalia Apostolorum und
häusliches Gebet hinausgehende Auf- Augen der Amtsträger jedoch bald über der etwa zeitgleich entstandenen Tradi-
gaben übernehmen. Größere Befugnis- das tolerierbare Maß hinausgingen. Die tio Apostolica gegen die zunehmenden
se hatten ab jetzt die Diakoninnen, die Einschränkung der Tätigkeit der Witwen Aktivitäten der Witwen, die offenbar
häufiger aus begüterten Familien kamen auf den häuslichen Bereich und ihre ex- ein wachsendes Problem in den christ-
und z. T. selbst begüterte Witwen waren, plizite Unterstellung unter Bischöfe und lichen Gemeinden darstellten und nun
die ihren Wohlstand mit in die Gemein- Diakone entspricht antiken, patriarcha- explizit kritisiert wurden. Die dabei im-
den einbrachten. lischen Strukturen, zeugt jedoch ande- mer deutlicher werdende Polemik muss
Die Zahl der hilfsbedürftigen Witwen sich jedoch nicht auf tatsächliche Gege-
Sailko - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40900549

war groß. Der Kirchenhistoriker Euseb benheiten beziehen, sondern lässt sich
spricht um die Mitte des 3. Jh. für die Die explizite Unterstel- als rhetorisches Mittel verstehen, um die
Stadt Rom von 1500 „Witwen und Hilfs-
bedürftigen“ (h.e. VI,43,11). Dabei dürf-
lung der Witwen unter die Aktivitäten der Witwen „begründet“ ein-
zuschränken und zu kontrollieren. Be-
ten zu dieser Zahl einfache Versorgungs- Bischöfe zeugt von ihrer stimmte Witwen, so der Vorwurf, trieben
fälle wie auch diejenigen Mitglieder des
Witwen-„Stands“ hinzugerechnet wor-
Präsenz und Aktivität sich umher, bettelten oder ließen sich
für ihre Gebete bezahlen, nahmen da-
den sein, die sich in vielfacher Weise ak- bei auch „unehrlich“ erworbenes Geld
tiv ins Gemeindeleben einbrachten und rerseits auch für die Präsenz und Aktivi- an und entsprachen in ihrem sonstigen
als Geldempfängerinnen auch im weites- tät dieser Frauen. Den Regularien lässt Verhalten nicht den Anforderungen an
ten Sinne zum Klerus gerechnet wurden. sich daher entnehmen, dass die Präsenz den Witwenstand. Auch werden Witwen
Euseb macht deutlich, dass – wie ver- und die Wirksamkeit der Witwen in den kritisiert, die offenbar selbst Almosen
mutlich bereits im 1. Timotheusbrief – ersten christlichen Jahrhunderten sehr geben konnten, dies aber nicht, wie es
die Höhe der Zuwendung an die Witwen viel stärker war, als heute noch aus den sich gehörte, im Verborgenen taten,
wie für andere Amtsträger festgeschrie- Quellen zu erkennen ist. sondern öffentlich „herausposaunten“.
ben war: „Kirchliche“ Witwen konnten Eigene ökonomische Anstrengungen
die Hälfte dessen erhalten, was für Pres- der Witwen, aber auch ein wachsendes
byter und Diakone vorgesehen war. Aktive Witwen als Problem? Selbstbewusstsein scheinen ein zuneh-
Der Witwenstand hat sich ganz of- Ebenso wie in Ansätzen bereits der Ver- mender Kritikpunkt im Rahmen der ent-
fensichtlich aus der zunehmenden Prä- fasser des 1. Timotheusbriefs, der den stehenden Ämterhierarchien in den Ge-

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welt und umwelt der bibel 3/2020 35
Witwen und Jungfrauen

meinden gewesen zu sein. Es zeigt sich ken und Witwen zwar als Stand, als Frau in der damaligen Zeit bewusst gegen
daher eine kontinuierliche Auseinan- ordo, zu tolerieren, ihnen jedoch keine die Ehe entschied, zeigen etwa die Erzäh-
dersetzung mit der Gruppe der Witwen, dem Klerus üblichen Befugnisse zu er- lungen um Thekla in den Paulusakten
die im Laufe der Etablierung von Ämtern teilen. Aufgrund der Überschneidun- (2.  Jh.), auch wenn diese romanhaft aus-
nun ebenfalls ihre Spuren hinterließ: gen mit den Aufgaben der Diakoninnen gestaltet sind: Thekla, eine junge Frau
Die Traditio Apostolica äußert sich und mit der wachsenden Tendenz, das aus guten Verhältnissen, lauschte heim-
in erkennbarer Nähe zur Didaskalia Diakoninnen-Amt mit einer zölibatären lich den Ausführungen des Paulus über
Apostolorum sehr ausführlich über die Lebensweise zu verbinden, kam es im ein enthaltsames Leben, löste daraufhin
Witwen, reformuliert die bereits im 4. Jh. schließlich zu einer weitgehenden ihre Verlobung und wurde deswegen von
1. Timotheusbrief genannten Voraus- Auflösung des Witwenstandes. der eigenen Mutter angezeigt. Thekla er-
setzungen für die Aufnahme in den Wit- litt fast den Tod auf dem Scheiterhaufen,
wenstand, polemisiert noch vielfältiger widerstand den Annäherungsversuchen
gegen „falsche“ Witwen und resümiert: Wie die Witwen, waren eines mächtigen Mannes namens Alex-
„Die Witwe jedoch wird für das Gebet andros und wurde schließlich eine der
bestellt“ (10). Zu lehren wird nicht nur
die Jungfrauen eine stetig ersten namhaften Christus-Verkündige-
den Witwen, sondern den Frauen allge- wachsende Gruppe in rinnen in Kleinasien, die im Christentum
mein untersagt. Die Traditio Apostolica hohes Ansehen genoss.
bestimmt nun auch explizit, dass die
den Gemeinden Weibliche und männliche Asketen
Witwen nicht ordiniert, sondern nur glaubten, durch die asketische Lebens-
eingesetzt werden („instituitur non or- weise dem Königreich Gottes näher zu
dinatur“). Die Witwen sind ein „Stand“, Jungfrauen – ein christliches Ideal sein. Sie lebten bereits im irdischen
der den ordinierten Amtsträgern klar Zum Stand der Witwen konnte auch eine Leben so, wie es eigentlich erst für das
unterstellt ist. Damit waren die Witwen weitere Gruppe unverheirateter Frauen kommende Königreich vorgesehen war.
vom eigentlichen Klerus und auch von gehören, die sog. Jungfrauen. Ignatios von Eine dadurch entstehende Arroganz un-
liturgischen Diensten ausgeschlossen. Antiochien macht dies deutlich, wenn er ter den Asketen tadelte bereits im 2. Jh.
Bereits im 1. Timotheusbrief, dann der Gemeinde in Smyrna in einem Brief der Kirchenvater Tertullian und kriti-
auch in den frühen Kirchenordnungen einen Gruß aufträgt an die „Jungfrauen, sierte, dass die Jungfrauen sich in ihrem
und in den Schriften der Kirchenväter die man Witwen nennt“ (13,1). Bei den Hochmut nicht mehr verschleierten (de
© alle: public domain

sowie den hier nicht weiter betrachteten Jungfrauen handelte es sich um Frauen, virginibus velandis 14,3). Als „Bräute“
Synodalbeschlüssen ist also die Ten- die sich grundsätzlich für ein eheloses, Christi hätten sie dies aber zu tun, sei-
denz erkennbar, das Wirken der Witwen enthaltsames Leben entschlossen hatten. en sie doch zugleich sichtbares Zeichen
innerhalb der Gemeinden einzuschrän- Was es bedeutete, wenn sich eine junge der neuen Schöpfung Gottes, gleichsam,

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Witwen und Jungfrauen

wie Cyprian sagte, „Engel“ auf Erden (de waren der Kritik ausgesetzt. Im Fall der
habitu virginum 22). Auch am Verhalten Jungfrauen bezog sich diese auf gelegent-
der Jungfrauen wurde in den Gemeinden lich auftretenden Hochmut oder gar den
also Kritik geübt. Abfall vom enthaltsamen Leben.
Hatten die Jungfrauen, ebenso wie Wie zentral das Thema der Jungfräu-
die Witwen, besondere Aufgaben in den lichkeit in dieser Zeit war, lässt sich der
Gemeinden? Wie die Witwen mit der Tatsache entnehmen, dass sich zahlrei-
Aufgabe des Gebets betraut waren, wird che andere Kirchenväter wie Ambrosius
in antiken Texten als besondere Gabe von Mailand, Johannes Chrysostomos,
der Jungfrauen die Prophetie genannt Augustin oder Methodius von Olympus
(s. etwa bereits Apg 21,9), also die Gabe mit eigenen Schriften Über die Jungfräu-
göttlich inspirierter Rede. Daneben er- lichkeit mit dem Thema des enthaltsa-
wähnt die bereits zitierte Kirchenord- men Lebens theologisch auseinander-
nung Traditio Apostolica als den Witwen setzten. Dabei bezog sich die Rede von
ähnliche Aufgaben der Jungfrauen das der „Jungfräulichkeit“ nun allerdings
Gebet, Fasten und den Psalmengesang. auf eine beide Geschlechter betreffen-
Auch die Jungfrau wird nicht ordiniert de Lebensweise, wurde also zur gene-
(12), sondern allein ihr Entschluss, ein rellen Chiffre für ein vor allem sexuell
entsprechendes Leben zu führen, macht enthaltsames Leben. Die Kirchenväter
sie zur Jungfrau und damit zum Mitglied idealisierten die Jungfräulichkeit: sie sei
einer ebenfalls stetig wachsenden Grup- höherrangig als die eheliche Lebenswei-
pe in den Gemeinden. se. Allerdings galt es im Zuge der Entste-
Im 4. Jh. gab es in manchen Gemein- hung radikalasketischer und monasti-
den sowohl einen Stand der Witwen als scher Lebensformen nun auch, die Ehe
auch einen Stand der Jungfrauen. Ba- besonders zu verteidigen, was in den besonderen Spielball der Auseinander-
silius von Cäsarea beschreibt die Jung- Schriften der Kirchenväter, aber auch in setzungen. Der Grund hierfür liegt zum
frauen in dieser Zeit als junge Frauen den Kirchenordnungen ebenfalls deut- einen im innerchristlichen Streit um die
im Alter von 16 oder 17 Jahren, die sich lich wird. Auch wenn sich für einzelne ideale Lebensform, die Großkirche und
bewusst dem Herrn weihten, auf die Ehe Ämter eine zölibatäre Lebensweise suk- sogenannte häretische Gruppen jeweils
verzichteten und ein Leben in Heiligkeit zessive durchsetzte, war die Berechti- für sich beanspruchten, zum anderen
führten. Die bereits im 1. Timotheusbrief gung der Ehe generell im Denken der im Bemühen um Abgrenzung auch ge-
formulierten Bedenken eines möglichen Großkirche nicht antastbar. genüber nicht christlichen asketischen
Abschweifens von der asketischen Le- Lebensformen (wie etwa den Vestali-
bensweise gerade bei jungen Frauen schen Jungfrauen in Rom). Es ist daher
klingen allerdings auch bei Basilius an: Lebensform – aber keine Funktion nicht erstaunlich, dass Witwen- und
Er erkennt das Problem in den eigenen Im Unterschied zu den anderen kirch- Jungfrauenstand sukzessive in die mo-
Gemeinden und empfiehlt, „gefallene lichen Ämtern bezeichnen „Witwen“ nastischen Gemeinschaften eingingen,
Jungfrauen, welche das dem Herrn ge- und „Jungfrauen“ ursprünglich eine die sich einer besonderen asketischen
weihte reine Leben gelobt, dann aber aus Lebensform, aber keine innerkirchliche Lebensführung verschrieben. Für Frau-
Nachgiebigkeit gegenüber ihren fleischli- Funktion. Als mit dieser Lebensform en war nur das Diakoninnen-Amt in
chen Leidenschaften das Gelübde gebro- essenziell verbundene Gabe wurde die den großkirchlichen Gemeinden von
chen haben“ erst nach dem Ablauf eines besondere Kommunikationsfähigkeit dauerhaftem Bestand. Es stellte Frauen
Jahres wieder in den Jungfrauen-Stand mit Gott angesehen, die sich in Gebet – allerdings nur auf einer bestimmten
aufzunehmen (Brief 199). Daneben be- oder Prophetie äußern konnte. Die anti- untergeordneten Ebene – funktional mit
stehen die ebenfalls bereits im 1. Timo­ ken Texte machen deutlich, dass die als Männern gleich.  W
theusbrief erkennbaren Verhaltenside- „Witwen“ und „Jungfrauen“ bezeichne-
ale für ehelos lebende Frauen weiter: ten Frauen in den Anfängen der christli-
Sie sollten weder hochmütig noch ge- chen Kirche besonders aktiv und selbst-
schwätzig noch streitsüchtig sein. bewusst agierten. Im Rahmen einer sich Prof. Dr. phil. Christi-
ane Zimmermann ist
Wie für die Witwen gilt: Jungfrauen stetig entwickelnden Thematisierung
Inhaberin der Professur
waren eine ebenfalls stetig wachsende der idealen christlichen Lebensweise für Theologie- und
Gruppe in den Gemeinden. Ebenso wie wurden Witwen- und Jungfrauenstand Literaturgeschichte des
die Witwen zeichneten sie sich durch Spi- als sichtbare asketische Lebensformen Neuen Testaments an
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ritualität und eine besondere kommuni- im gemeindlichen Kontext der soge- der Universität Kiel.
kative Nähe zu Gott aus, ebenso wie diese nannten Großkirche einerseits zu Vor-
wurden sie jedoch nicht ordiniert und bildern, andererseits jedoch auch zum

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welt und umwelt der bibel 3/2020 37
Wer hat das Sagen? Streit ums Amt in Korinth
Die Entwicklung der Amtsstrukturen in den christlichen Gemeinden lief nicht immer
reibungslos. Besonders von der Gemeinde in Korinth sind mehrfach Konflikte überliefert – zu
Zeiten des Paulus ebenso wie auch später, wie der 1. Klemensbrief belegt. Barbara Leicht

E s geht um „den für die Auserwählten Gottes unpassenden


und fremdartigen, den ruchlosen und unseligen Streit, den
einige wenige hitzige und verwegene Leute, die da sind, bis zu
Woran sich der Konflikt in der Gemeinde entzündete, ist nicht
genau zu erkennen, denn der Streit ist nur aus dem Klemens-
brief bekannt, der natürlich nur eine Perspektive der Auseinan-
einem solchen Grade von Unverstand angefacht haben, dass dersetzung darstellt. Nach Ansicht des römischen Briefschrei-
euer ehrwürdiger, hochgerühmter und bei allen Menschen be- bers haben die Presbyter in Korinth ihrem „heiligen Dienst“
liebter Name in hohem Grade beschimpft wurde.“ – Mit diesen durch „tadellose Verwaltung alle Ehre gemacht“ (1 Klem 44,6).
deutlichen Worten beginnt ein Brief der „Kirche Gottes, die zu Es dürfte also – zumindest aus römischer Perspektive – nicht an
Rom in der Fremde lebt, an die Kirche Gottes, die zu Korinth in ihrer Art und Weise der Amtsführung gelegen haben.
der Fremde lebt“. Der sogenannte Klemensbrief entstand wahr-
scheinlich um 96 nC und legt Zeugnis ab von einem Konflikt Was führte also zur Absetzung der Presbyter in Korinth?
in der christlichen Gemeinde von Korinth, der bis nach Rom Dazu gibt es verschiedene Theorien. Vermutlich lag es am
gedrungen war. umfassenden Leitungsanspruch der Presbyter. Dieser Anspruch
Es ist nicht der erste Konflikt um die Wahrnehmung von mag ein Einbringen der Charismen noch ermöglicht haben, aber
Verantwortung, von dem wir in der korinthischen Gemeinde gab keinen Raum für ein gleichberechtigtes Nebeneinander von
wissen. Anfänglich hatten in der christlichen Gemeinde der welt- Charismen und Amt. Nach 1 Kor 12,28-30 legten verschiedene
offenen Hafenstadt diejenigen gleichberechtigt Verantwortung Gnadengaben die Wahrheit des Evangeliums für die Gemeinde
übernommen und Autorität ausgeübt, die die entsprechenden aus. Doch das nun in der korinthischen Gemeinde eingesetzte
Begabungen mitbrachten, sei es im Gottesdienst oder auch in Kollegium der Presbyter sah sich selbst als höchsten Interpre-
der Unterweisung, ohne dass feste Ämter existierten. Doch gera- ten des Evangeliums. Statt der geistgeschenkten Charismen
de die gleichberechtigte Wertschätzung scheint problematisch garantiert nun – aus Sicht des Verfassers des Klemensbriefes
gewesen zu sein, sodass Paulus die Gleichheit der Begabung – das legitime Amt die Authentizität der christlichen Lehre.
gegenüber der Gemeinde betont: „Ihr aber seid der Leib Christi Dafür wurde das Amt auf die Apostel selbst zurückgeführt (vgl.
und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm. So hat Gott in der Kirche Prostmeier). Diese Sicht kollidiert mit der Gründungsgeschichte
die einen erstens als Apostel eingesetzt, zweitens als Propheten, der korinthischen Gemeinde.
drittens als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Machttaten zu
wirken, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu Presbyter entsprechen der von Gott gewollten Ordnung
leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede. Sind
Der oder die Verfasser des ersten Klemensbriefes stellen gegen-
etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die
über der Gemeinde von Korinth kompromisslos klar, dass die
Kraft, Machttaten zu wirken? Besitzen alle die Gabe, Krankhei-
Absetzung der Presbyter gegen die von Gott gewollte Ordnung
ten zu heilen? Reden alle in Zungen? Können alle übersetzen?“
verstoße. Dafür beruft sich 1 Klem auch auf das Alte Testament,
(1 Kor 12,27-30). Die rhetorischen Schlussfragen lassen erken-
in dem er die christliche Ämterordnung vorgebildet sieht: Schon
nen, dass die Anerkennung der Gleichheit der Gnadengaben
den Leviten und Hohepriestern seien ihr Platz und ihre Aufgaben
nicht unumstritten war.
verordnet gewesen, ebenso den Laien (hier taucht in der christ-
Wenige Jahrzehnte später gibt es wieder einen Konflikt um
lichen Literatur erstmals der Begriff Laie auf). Und so, wie Mose
die Leitung der Gemeinde, doch diesmal ist die Situation völlig
Priester eingesetzt habe, so hätten die Apostel ihre „Erstlinge“
anders. Der Konflikt eskaliert, als in der korinthischen Gemein-
als Bischöfe und Diakone für die Gläubigen eingesetzt. Und auch
de einige Presbyter von Mitgliedern der Gemeinde ihres Amtes
diese Ämter seien in den Schriften des Alten Testaments bereits
enthoben werden. Der Streit schlägt offensichtlich so hohe Wel-
festgelegt gewesen: „Und dies war nichts Neues; denn schon
len, dass die Kunde davon bis nach Rom dringt und die dortige
seit langer Zeit war geschrieben über Bischöfe und Diakone. So
christliche Gemeinde sich bemüßigt sieht, Boten mit einem Brief
nämlich sagt einmal die Schrift: ,Ich will einsetzen ihre Bischöfe
in die Hafenstadt am Isthmus zu senden.
in Gerechtigkeit und ihre Diakone in Treue‘“ (1 Klem 42,5).
In der dortigen Gemeinde hat sich seit den Tagen des Paulus
1 Klem sieht also die christliche Ämterordnung bereits im
offensichtlich einiges in der Leitungsstruktur verändert. Die
Alten Testament vorgebildet. Allerdings hinkt die Argumentati-
Gemeindestruktur orientiert sich nicht mehr an den Charismen
on: Einerseits lautet das Schriftzitat, das aus dem Jesajabuch
ihrer Mitglieder, sondern die Leitung liegt bei einem Team aus
stammt, in der damals gebräuchlichen Fassung der Septuaginta:
bewährten Männern, den Presbytern.
„Und ich will dir geben Herrscher in Frieden und deine Vorste-

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Christliche Chorschrankenplatte in Korinth. Überreste einer byzantinischen Kirche,
die am Ort der antiken Bema, wo Paulus verhört worden sein soll, gebaut worden ist.

her (= Episkopen) in Gerechtigkeit“ (Jes 60,17), andererseits ist Heiligen Geist (geleitet) geschrieben haben, den sündhaften
hier von Presbytern nicht die Rede. Das stört den Verfasser des Zorn eurer Erbitterung ableget, entsprechend der Mahnung, die
Klemensbriefes nicht. Mit dem Verweis auf das Alte Testament wir euch über Frieden und Eintracht in diesem Briefe gegeben
macht er klar, dass die eigene, in der römischen Gemeinde haben“ (1 Klem 63,2).
offensichtlich existierende Ämterordnung diejenige ist, die dem
Willen Gottes entspricht. Sie muss also auch in Korinth durchge- Zeigte die Ermahnung aus Rom Wirkung?
setzt werden. Es kann daher für die Christen in Korinth nur um
Wie weit die mahnenden Worte aus Rom in Korinth tatsächlich
Gehorsam und Demut gehen.
umgesetzt wurden, ist historisch nicht bekannt. Es bleibt unklar,
Die „Aufrührer“ müssen die Gemeinde verlassen. Sie sollen
ob die Presbyter in ihr Amt wieder eingesetzt wurden und die
sagen: „Wenn ich schuld bin an Aufruhr, Streit und Zwietracht,
Gemeindemitglieder, die an der Absetzung beteiligt waren, die
so wandere ich aus, ziehe fort, wohin ihr wollt, und tue, was die
Gemeinde verlassen mussten.
Mehrheit vorschreibt; nur soll die Herde Christi in Frieden leben
Nach einem Brief des Dionysius von Korinth, der um 170 Bi-
mit ihren bestellten Presbytern“ (1 Klem 54,2).
schof von Korinth war, haben der Konflikt und der Klemensbrief
Sind also einmal eingesetzte Presbyter unangreifbar? die korinthische Gemeinde jedoch nachhaltig beschäftigt, denn –
wie Dionysius an Papst Soter schreibt – der Klemensbrief würde
Der 1. Klemensbrief festigt die Stellung der Presbyter umfassend
immer noch regelmäßig am Herrentag vorgelesen. Allerdings ist
theologisch. Er legt daneben jedoch auch fest, dass eine Abset-
auch hier unklar, ob diese Aussage der Realität entspricht oder
zung zudem ungerechtfertigt sei, wenn die Amtsinhaber ihren
eher eine Aufforderung sein soll, den Klemensbrief der Gemeinde
Dienst untadelig versehen haben und außerdem die Einsetzung
von Korinth immer wieder in Erinnerung zu bringen.
in Kontinuität seit den Aposteln und unter Zustimmung der
Gemeinde erfolgte.
Die Gemeinde in Rom beansprucht (noch) keine Vorrangstellung Lesetipps:
• Ferdinand R. Prostmeier: Konflikte um das Amt in frühchristlicher Zeit;
© akg-images / John Hios

unter den christlichen Gemeinden, aber sie argumentiert mit der


in Neutestamentliche Ämtermodelle im Kontext, 207-235.
Selbstsicherheit einer Gemeinde, die in der Hauptstadt des Rö-
• Ernst Dassmann: Die Bedeutung des Alten Testaments für das Ver-
mischen Reiches lebt. Und so geht sie davon aus, dass die Worte
ständnis des kirchlichen Amtes; in Ämter und Dienste in den frühchristli-
des Briefes befolgt werden: „Ihr werdet uns Freude und Vergnü-
chen Gemeinden, 96-113.
gen bereiten, wenn ihr, gehorsam gegen das, was wir durch den

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welt und umwelt der bibel 3/2020 39
Die Entwicklung des Presbyteramtes in der Alten Kirche

Vom Presbyter zum Priester


Das Neue Testament kennt zwar bereits Amtsträger, aber gemessen an der heutigen kirchen-
rechtlichen Definition noch keine Priester. Erst im Verlauf der Jahrhunderte entwickelt sich
aus den Presbytern, die anfänglich die gleichen Aufgaben wie die Episkopen hatten, ein Amt,
das dem entspricht, was wir heute mit Priestern verbinden. Andreas Weckwerth

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U
nter einem Priester versteht man einer einzigen Frau sein. Einige Verse spä-
heute in der katholischen Kirche, ter werden auch Presbyter als Vorsteher
in den Kirchen der byzantinischen einer Gemeinde vorausgesetzt (1 Tim 4,14;
und orientalischen Tradition sowie in der 5,17). Vermutlich handelt es sich noch um
anglikanischen Kirche einen Angehörigen weitgehend synonyme Begriffe.
des zweiten Weihegrades des dreigestuf- Der etwas früher als die Pastoralbriefe
ten Amtes. Ihm obliegt im Auftrag des Bi- entstandene 1. Klemensbrief (um 96) verur-
schofs als dessen Mitarbeiter die Glaubens- teilt die willkürliche Absetzung von Presby-
verkündigung in Predigt und Lehre sowie tern in der Gemeinde von Korinth als einen
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die Sakramentenspendung mit Ausnah- Verstoß gegen die gottgewollte Ordnung.


me der Weihevollmacht. Diese nüchterne Hierbei zieht der Verfasser des 1. Klemens-
Funktionsbeschreibung ist das Ergebnis briefes die alttestamentliche Kultordnung
eines längeren Entwicklungsprozesses in als Vergleich für Ordnungsstrukturen in
der Alten Kirche. christlichen Gemeinden heran. Aus diesem

Die Presbyter als Gemeindeleiter


In den Pastoralbriefen lässt
Im frühen Christentum existierten unter-
schiedliche Bezeichnungen für gemeind- sich ein Nebeneinander von
liche Leitungsämter. In kanonischen und Presbytern und Episkopen
außerkanonischen Schriften wird an der
Wende vom 1. zum 2. Jh. häufig der Begriff ohne Unterschied in den
Presbyter (griech. presbýteros = älter), der Kompetenzen beobachten
etymologisch dem deutschen Priester, eng-
lisch priest etc. zugrundeliegt, als Bezeich-
nung eines Amtes, das im Kollegium ausge-
übt wird, verwendet. Vergleich kann man implizit schließen,
Presbyter waren Teil der Jerusalemer dass die christlichen Presbyter auch eine
Gemeindeleitung: So ziehen Paulus und gottesdienstliche Funktion innehatten.
Barnabas nach Jerusalem zu den Apos- Eine solche wird im Amtsspiegel der Pasto-
teln und Ältesten (= Presbytern, Apg  15,2, ralbriefe nicht erwähnt. Es liegt indes nahe,
vgl. ebd. 11,30; 15,4.6.22f u. a.), sind aber dass die Leitung der Eucharistiefeier auch
auch über Jerusalem hinaus als An- dort mit dem Episkopen- bzw. Presbyteramt
gehörige eines Leitungsgremiums be- verknüpft war.
zeugt (Kleinasien: 1 Petr 5,1-4; 2 Joh 1,1; Die frühchristliche Konzeption des Pres-
3 Joh 1,1; Korinth: 1 Clem 47,6; 57,1; Phil- byteramtes wird in der älteren Forschung
ippi: Polykarp, Brief an die Philipper 5,3; meist von der zeitgenössischen jüdischen
6,1). In den Pastoralbriefen lässt sich ein Synagogalverfassung abgeleitet. Neuere
Nebeneinander von Presbytern und Epis- Forschungsansätze stellen dies zumindest
kopen (griech. epískopos: urspr. Aufseher, infrage, da eine synagogale Ältestenord-
später Bischof), einer weiteren frühchrist- nung aus den jüdischen Quellen kaum zu
lichen Amtsbezeichnung, ohne Unter- erkennen ist.
schied in den Kompetenzen beobachten: In
1 Tim 3,1-7 liegt ein eigener Amtsspiegel für
Episkopen vor. Sie sollen u. a. gastfreund- Die Presbyter als dem Bischof
lich sein, gut lehren können und Mann unterstehendes Kollegium
Zur hierarchischen Unterordnung der Pres-
byter unter die Episkopen kommt es, als
t Wie ein Priester teilt Christus die sich das Monepiskopat im Lauf des 2.   Jh.
Eucharistie aus: Das letzte Abendmahl etabliert: An der Spitze der Gemeinde
dargestellt als liturgische Eucharistiefeier. steht seitdem ein einziger Bischof, der die
Schon im 3. Jh. haben die Presbyter auch Letztverantwortung für sämtliche gemeind-
liturgische Aufgaben und können z. B. den lichen Vollzüge trägt, während die sich
Bischof in der Eucharistiefeier vertreten. herausbildenden Dienstämter unterhalb
Fresko der Erlöserkirche in Palaichorio, des Diakonats (Subdiakone, Lektoren, Ako-
Zypern, 16. Jh. lythen etc.) ihm untergeordnet sind. Die

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welt und umwelt der bibel 3/2020 41
feier vertreten, während die Diakone aufgrund
ihrer Teilhabe am ministerium (Dienstamt) die
Eucharistiefeier nicht leiten dürfen. Im Regelfall
jedoch steht der Bischof der Eucharistiefeier vor,
während die Presbyter konzelebrieren sowie den
Bischof bei der Kommunionausteilung unterstüt-
zen. Cyprian von Karthago etwa delegiert neben
der Feier der Eucharistie auch die Wiedereinglie-
derung von Büßern in eigener Abwesenheit an

Der Begriff „Priester“ wird


zunächst auf den Bischof
bezogen, während die
Presbyter als „Priester
zweiter Ordnung“ gelten

Presbyter (Brief 14,2; 18,1 u. a.). Nur der Bischof


besitzt ursprünglich das Recht zu predigen, von
Presbytern gehaltene Homilien bedürfen bischöf-
licher Genehmigung und sind bis ins 4./5. Jh.
nicht der Regelfall.
Im Hintergrund dieser Ordnung steht das früh-
christliche Ideal einer einzigen bischöflichen
Stadtgemeinde, die als Ganzes im sonntäglichen
Gottesdienst zusammenkommt. Die Ausbrei-
tung des Christentums auf dem umliegenden
Land und die Entstehung von Landgemeinden
vollziehen sich eher langsam, das Christentum

© Wolfgang Sauber - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15262454


Die hervorgehobene Position der Priester auch in der Liturgie zeigen ist in den ersten Jahrhunderten tendenziell eine
sog. Priesterbänke (Synthronon) im Altarraum: Rundbänke, die den Priestern Stadtreligion.
vorbehalten waren, teils mit dem Bischofsthron ergänzt, wie hier in der Apsis Aufgrund seiner hierarchischen Stellung wird
der Kirche Santa Maria delle Grazie in Grado, Italien (5.Jh.). der Begriff „Priester“ (lat. sacerdos; griech. hie-
reús) zunächst primär auf den Bischof bezogen,
während die Presbyter als „Priester zweiter Ord-
frühesten Belege für diese Entwicklung liegen nung“ (secundi sacerdotes) gelten (Innozenz I.,
in den Briefen des Ignatius von Antiochien vor Brief 25). Derartige Sakralterminologie wird im
(um 110), wobei unklar ist, ob er diese Ordnung NT noch nicht auf die Amtsträger wie die Epi-
bereits voraussetzt oder erst durchsetzen will skopen, Presbyter, Diakone angewendet. Aber
(Brief an die Smyrnäer 8). bereits in 1 Clem 40 finden sich erste erkennba-
Die Ergebnisse dieser Entwicklung lassen sich re Ansätze, das christliche Amtsverständnis in
z. B. in den Briefen des Bischofs Cyprian von Kar- Beziehung zur alttestamentlichen Kultordnung
thago († 258) sowie in der sog. Traditio Apostolica mit Priester und Leviten zu setzen. Spätestens
ablesen. Diese Kirchenordnung entstand vermut- ab dem beginnenden 3. Jh. tritt dieser Aspekt
lich im 3. Jh. Ihre Verfasserschaft und ihr Entste- immer stärker zutage, greifbar etwa in der Sy-
hungsort sind entgegen der älteren Zuschreibung rischen Didaskalie, einer Kirchenordnung des
an Hippolyt von Rom heute ungewiss. Danach 3. Jh., in der schon erwähnten Traditio Apostoli-
sind die Presbyter ein dem Bischof unterstehen- ca sowie in den Briefen Cyprians von Karthago.
des Kollegium, sie haben liturgische Aufgaben Dort werden primär die Bischöfe, seltener die
bei der Taufspendung, können den Bischof be- Presbyter, mit spezifischen priesterlichen Vorstel-
raten und unterweisen die Taufbewerber. Da sie lungen verbunden. Am Anfang stehen einfache
wie der Bischof Anteil am sacerdotium (Priester- Vergleiche: Im Presbyterweihegebet z. B. der Tra-
tum) haben, können sie ihn in der Eucharistie­ ditio Apostolica 7 werden die Presbyter in Analo-

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Die Entwicklung des Presbyteramtes in der Alten Kirche

gie zu den von Moses in Num 11,16-25 eingesetzten Vor allem in Städten wie Rom, Karthago, An-
70 Ältesten gesehen, was ihren Charakter als Be- tiochia oder Alexandria wurde aufgrund ihrer
rater des Bischofs unterstreicht. Dieser ist, nach Größe eine räumliche Untergliederung der christ-
den Aussagen des in der Traditio Apostolica über- lichen Gemeinde notwendig. Presbyter dürften
lieferten Weihegebetes, der eigentliche Priester, dort schon früh für einen abgegrenzten Bezirk
der explizit in Analogie zum jüdischen Hohe- verantwortlich gewesen sein. In Alexandrien z. B.
priester verstanden wird. Sie münden schließlich gab es fünf Bezirke, an deren Stadtteilkirchen je-
in aus dem AT gewonnene rechtliche Normen für weils Presbyter eingesetzt waren. Ein bekanntes
den christlichen Klerus. Beispiel ist etwa der Theologe Arius, der Anfang
des 4. Jh. an der Kirche des Baukalis-Stadtteiles
als Presbyter tätig war. In Rom lassen sich zur sel-
Die Presbyter als eigenständige Mitarbei- ben Zeit etwa fünf Kirchen nachweisen. Im 6. Jh.
ter des Bischofs ist dort bereits eine größere Zahl von Kirchen be-
Die prinzipielle Teilhabe der Presbyter am Pries- legt, unter denen die sog. Titelkirchen die bedeu-
tertum ermöglicht ihnen jedoch in Zeiten sich tendsten sind. An diesen waren Presbyter tätig
vergrößernder Stadtgemeinden sowie einer ver- und standen auch der Eucharistie vor. Die Einheit
stärkten Ausbreitung des Christentums auf dem der stadtrömischen Gemeinde wurde liturgisch Die Überreste der
Land die Übernahme weitgehend selbstständiger durch den sog. Fermentum-Ritus abgebildet: Die Basilika St. Cyprian
pastoraler und liturgischer Aufgaben im Auftrag Konsekration des eucharistischen Brotes erfolgte in Karthago erinnern
des Bischofs. Vereinzelte Belege deuten dies be- im bischöflichen Gottesdienst. Das konsekrierte an Bischof Cyprian
reits für das 3. Jh. an und nehmen für die folgen- Brot wurde dann an die an den Titelkirchen täti- von Karthago, der im
den Jahrhunderte kontinuierlich zu. Ende des 6. gen Presbyter gesandt, – nicht aber an Presbyter, 2. Jh. entscheidende
Jh. ist diese Entwicklung im Wesentlichen abge- die im Umland Roms ihre Gemeinde hatten (In- Weiterentwicklungen der
schlossen. nozenz I., Brief 21,8). Amtstheologie vornahm.
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Die Entwicklung des Presbyteramtes in der Alten Kirche

Der Ausschluss der Frauen vom Bischofs- und


Presbyteramt wird in altchristlichen Texten
selten thematisiert, da er offenbar nicht infra-
ge gestellt und von frühchristlichen Theologen
als selbstverständlich erachtet wurde. Als Be-
gründung finden sich etwa biblische Stellen
wie 1  Kor 14,34; 1 Tim 2,12, in denen ein Lehr-
verbot für Frauen ausgesprochen ist, das in
Beziehung zum Beispiel Jesu gesetzt werden
kann: Aufgabe der Frauen sei das Gebet und
die Fürbitte vor Gott, während Christus die Leh-
re und Mission den Aposteln anvertraut habe
(Syrische Didaskalie [3. Jh.] 3,6,1). Ebenfalls
dürften das alttestamentliche, ausschließlich
männliche Priestertum sowie die gegenteilige
Praxis in der paganen Umwelt, von der man
sich abgrenzen wollte, im Hintergrund gestan-
den haben (Apostolische Konstitutionen [4. Jh.]
3,9,3). Der Kirchenhistoriker Ernst Dassmann
benennt als weiteren möglichen Grund das neu-
Stadtansicht von Ebenso gewinnen die Presbyter durch die ver- testamentliche Verständnis der Kirche als Haus
Alexandria. Hier ent- stärkte Errichtung von Landgemeinden pastorale Gottes (1 Tim 3,15; Kol 3,18-4,1 u. a.). In Eph 5,24
standen früh einzelne Eigenständigkeit. Sie leiten dort die Seelsorge, be- z. B. wird die Unterordnung der Frau unter den
christliche Gemeinden sitzen teilweise das Taufrecht, sind reguläre Vor- Mann im antiken Hauswesen in Analogie zur
mit eigener Leitung, steher der Eucharistiefeiern und erhalten nach Beziehung zwischen Christus und der Kirche
da die Gemeinschaft und nach das Recht zur Predigt (Gallien: Konzil gesehen. Christus sei das Haupt der Kirche, so,
zu groß geworden war. von Vaison [529] can. 2). Die auf dem Land täti- wie der Mann das Haupt der Frau sei. Eine Um-
Byzantinisches Mosaik, gen Presbyter bleiben natürlich gegenüber ihrem kehrung der Verhältnisbestimmung sei in die-
6. Jh. ursprünglich in sem Vergleich nicht möglich gewesen, weshalb
Bischof weisungsgebunden und werden von ihm
der Johanneskirche in
auch visitiert, wodurch die Einheit der Gemein- gemeindliche Leitungsfunktionen für Frauen
Gerasa (Jordanien), heu-
den mit dem Bischof gestärkt wird. Hierzu gehört nicht denkbar gewesen seien. W
te im Archäologischen
auch der weitverbreitete Brauch, dass die Pres-
Museum Jerash.
byter das ausschließlich vom Bischof geweihte
Chrisamöl für ihre Gemeinden erbitten müssen Lesetipps
(Konzil von Toledo [400] can. 20). • E. Dassmann, Die frühchristliche Tradition über den
Diese Entwicklung führt dazu, dass im Wes- Ausschluss der Frauen vom Priesteramt, in: ders.,
ten ab 600 der Begriff „presbyter“ immer öfter Ämter und Dienste in den frühchristlichen Gemeinden
durch „sacerdos“ ersetzt wurde, wenn auch (Hereditas 8), Bonn 1994, 212–224.
nicht vollständig. Der Ausbau der Kompetenzen • J. G. Mueller, Art. „Presbyter“, in: Reallexikon für
des Presbyters und dessen gestiegene pastorale Antike und Christentum 28 (2017) 86–112.
Selbständigkeit hatte ihn stärker dem Bischof • G. Predel, Vom Presbyter zum Sacerdos. Histori-
angenähert und zugleich vom Diakon abge- sche und theologische Aspekte der Entwicklung der
grenzt, sodass der Bischof bisweilen als „Hohe- Leitungsverantwortung und Sacerdotalisierung des
priester“ (summus sacerdos) bezeichnet wurde, Presbyterates im spätantiken Gallien (Dogma und
um ihn von den jetzt sacerdotes genannten Pres- Geschichte 4), Münster 2005.
bytern zu unterscheiden.

Gab es Presbyterinnen? Prof. Dr. Dr. Andreas Weck-


werth hat den Lehrstuhl für Alte
Evidente Belege dafür, dass Frauen dem Pres-
Kirchengeschichte und Patrologie
© akg-images / Erich Lessing

byterstand angehört haben, finden sich nicht. an der Theologischen Fakultät


Zwar existieren in Spätantike und Frühmittel- der Katholischen Universität
alter Begriffe wie presbytera oder presbyterissa, Eichstätt-Ingolstadt inne. Einer
diese bezeichnen aber entweder Ehefrauen von seiner Forschungsschwerpunkte
Presbytern oder (herausgehobene?) Angehörige ist die Geschichte des frühen
des Witwenstandes. Kirchenrechts.

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Büchertipps

Neutestamentliche Ämtermodelle Die Witwen in der frühen Kirche


im Kontext Die Promotion von Christian Back nimmt das
Dieser grundlegende Tagungsband stellt die Witwenamt in der frühen Kirche im Kon-
Bandbreite der Themen rund um die Entste- text der Witwen in der Antike in den Blick.
hung der Ämter dar: von den Verwaltungsein- Ausführlich geht der Autor auf die Situation
heiten im römischen Kaiserreich über Ämter von verwitweten Frauen ein, wie sie sich
in den verschiedenen neutestamentlichen nach antiken Autoren sowie nach dem Alten
Schriften bis zur „Erfindung“ des „ordentli- und Neuen Testament rekonstruieren lässt.
chen“ Lehramtes. Vielfach kommen die Quellen zu Wort, die Back kurz auswertet.
Thomas Schmeller / Martin Ebner / Rudolf Hoppe (Hg.): Neutesta- Christian Back: Die Witwen in der frühen Kirche. Peter Lang 2015.
mentliche Ämtermodelle im Kontext. (Questiones disputatae 239) 333 S., ISBN 978-3631660133, EUR 69,95.
Herder 2010. 289 S., ISBN 978-3-451-02239-5, EUR 33,–.

Bischöfe zwischen Autarkie und


Ämter und Dienste in den frühchristlichen Gemeinden Kollegialität
Schon älter, aber immer noch ein wichtiges Grundlagenwerk Der Tagungsband zeigt die breite wissen-
ist die Publikation des emeritierten Bonner Kirchenhistorikers schaftliche Forschung rund um das Bischofs-
Ernst Dassmann. Die umfangreiche Darstellung frühchristlicher amt: Wie entwickelt sich das Amt in der
Ämter und Aufgaben wird dabei immer wieder auch um die Frage Frühzeit der Christen? Welche Veränderun-
ergänzt, was der historische Befund für heute bedeuten kann. gen bringen etwa Synoden und Konzilien mit
Ernst Dassmann: Ämter und Dienste in den frühchristlichen Gemein- sich? Und welchen Anforderungen muss es
den. (Hereditas). Borengässer 1994. 244 S., ISBN 3-923946-25-5, sich heute stellen?
Antiquarisch erhältlich. Christian Hornung/Andreas Merkt/Andreas Weckwerth (Hg.):
Bischöfe zwischen Autarkie und Kollegialität. Variationen eines
Spannungsverhältnisses. (Questiones disputatae 301). Herder 2019.
Die frühen Christen 235 S., ISBN 978-3-451-02301-9, EUR 38,–.
Umfassend und sehr gut lesbar zeigt Hartmut
Leppin die Einbindung der frühen Christen in
ihre antike Umwelt: Was übernahmen sie von Zum Weiterlesen:
ihr, wovon grenzten sie sich ab, was führte
zu Konflikten? Viele erläuterte Quellentexte • Martin Ebner: Die Stadt als Lebensraum der ersten Christen.
lassen diese frühen Entwicklungen lebendig Konturen des Urchristentums. (Grundrisse zum Neuen Testament,
werden – und die Entfaltung der christlichen Bd. 1). Vandenhoeck & Ruprecht 2012. 391 S.,
Ämter. ISBN 978-352551356-9, EUR 85,–.
Hartmut Leppin: Die frühen Christen. Von den Anfängen bis Konstan- • Frauen in der frühen Kirche. Bibel und Kirche 4/2010. Hg. Katholi-
tin. (Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung). C. H. Beck sches Bibelwerk e.V.; ISBN 978-3-940743-11-4. EUR 6,90.
2019, 2. Aufl. 512 S., ISBN 978-3406725104, EUR 29,95. • Wer waren die ersten Christinnen? Welt und Umwelt der Bibel
4/2015. Hg. Katholisches Bibelwerk e.V.
ISBN 978-3-944766-49-2, EUR 11,30.
Monachus et sacerdos. • Ute Eisen: Amtsträgerinnen im frühen Christentum. Epigraphische
Asketische Konzeptualisierungen und literarische Studien. (Forschungen zur Kirchen- und Dogmen-
des Klerus im antiken Christentum geschichte 61). Vandenhoeck & Ruprecht 1996. 287 S.,
Der Bonner Kirchenhistoriker untersucht, ISBN 978-3-52555170-7, EUR 88,–.
wie es zur Asketisierung kam, wie sie • Thomas Ruster: Balance of Powers. Für eine neue Gestalt des
theologisch begründet und disziplinarisch kirchlichen Amtes. Friedrich Pustet 2019. 232 S.,
eingefordert wurde sowie welche Widerstän- ISBN 978-3-7917-2099-8, EUR 22,–.
de sich ergaben. Er zeigt, wie sich damit im
Anschluss an die Professionalisierung des
Klerus unterschiedliche Lebensformen ergaben.
Hinweis
Christian Hornung: Monachus et sacerdos. Asketische Konzeptua- Publikationen aus dem ­­Katholischen Bibelwerk e.V. ­­
lisierung des Klerus im antiken Christentum. (Vigiliae Christianae und alle lieferbaren Bücher können Sie bestellen
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Supp. 157). Verlag Brill 2020, 271 S., ISBN 978-90-04-41957-5,
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Die Professionalisierung des Klerus – Ursachen und Folgen

Vom Freizeitkleriker
zum hauptamtlichen
Gemeindeleiter
Je größer die christlichen Gemeinden wurden, umso größer wurden auch die
Aufgaben innerhalb der Gemeinden, von der Caritas bis zur Katechese und der
Sorge für die Büßer. Im 2./3. Jh. werden Bischöfe daher zunehmend allein für die
Gemeinde tätig – mit Folgen für das Verhältnis zu den Gläubigen. Georg Schöllgen

D
ie Organisationsformen der christlichen Caritasorganisation im Umbruch
Kirche haben sich wohl in keiner Epo­ Jetzt reicht es nicht mehr aus, wie noch wenige
che ihrer Geschichte stärker verändert Jahrzehnte zuvor, im Sonntagsgottesdienst die
als um die Wende vom zweiten zum dritten Jahr­ mitgebrachten Gaben und das eingesammelte
hundert. Diese Entwicklung vollzog sich zuerst Geld spontan an die Armen zu verteilen; jetzt
in den großen Gemeinden des Römischen Rei­ entwickelt sich eine eigene Caritasorganisation,
ches und lässt sich besonders gut in Rom, der die von der Annahme der Spenden bis zu deren
wahrscheinlich größten Gemeinde des Imperi­ Verteilung einen möglichst reibungslosen Ab­
ums, aber auch in Karthago, in Alexandrien und lauf gewährleisten soll. Nur so kann verhindert
in Syrien nachweisen. Eine wichtige Ursache ist werden, dass die nicht selten artikulierten Zwei­
ohne Zweifel das enorme Wachstum der Gemein­ fel an der Verteilungsgerechtigkeit überhand­
den, für das es besonders in der zweiten Hälfte nehmen. Wichtig ist es zum Beispiel, Listen der
des 2. Jh. deutliche Hinweise gibt. Einigermaßen Empfangsberechtigten zu erstellen, die neben
verlässliche Zahlenangaben gibt es nur für Rom den Namen auch die empfangenen Unterstüt­
und in eingeschränktem Maße auch für Kar­ zungsleistungen aufführen. Allein das Führen
thago. Die römische Gemeinde zählt Mitte des der Listen, das angesichts vieler Klagen mit gro­
3. Jh. mit großer Wahrscheinlichkeit mehr als ßer Sorgfalt zu erfolgen hat, dürfte in Rom die
20.000 Christen! Für Karthago ist die Annahme Arbeitskraft eines Mannes bzw. einer Frau weit
von mehreren Tausend Gemeindemitgliedern überstiegen haben. Mit den bisherigen perso­
plausibel. Damit stößt die bisherige Gemeinde­ nellen Ressourcen waren diese Arbeiten nicht
organisation an ihre Grenzen. Besonders deut­ zu bewältigen, schon allein deshalb, weil der
lich wird das bei der Caritasorganisation. Einem allergrößte Teil der Amtsträger Freizeitkleriker
Brief des römischen Bischofs Cornelius an sei­ war, also Amtsträger, die für den Unterhalt ih­
nen kleinasiatischen Kollegen Flavius lässt sich rer Familie selbst aufkommen mussten, in der
entnehmen, dass die römische Gemeinde um Regel durch Arbeit in ihrem Brotberuf. Den Ge­
die Mitte des 3. Jh. mehr als 2000 Bedürftige zu meinden konnten sie also nur einen begrenz­
versorgen hatte. ten Teil ihrer Zeit zur Verfügung stellen. In den
überwiegend kleinen Gemeinden der neutesta­
© akg-images / André Held

t Christus als der gute Hirt. Giordani- mentlichen Zeit und den ersten Jahrzehnten des
Katakombe, 4. Jh. In der Nachfolge Jesu 2. Jh. reichte das auch vollständig aus. Die zwei­
übernahmen die Bischöfe nicht nur die Leitung te Hälfte des 2. Jh. aber bereitet dem Konzept
der christlichen Gemeinden und die Caritas, einer spontanen Armenfürsorge ein schnelles
sondern trugen auch allein die Verantwortung Ende.
für das Seelenheil ihrer Gläubigen.

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welt und umwelt der bibel 3/2020 47
Die Professionalisierung des Klerus – Ursachen und Folgen

Der Bischof und die Entstehung der sache für diese Form der intensiven Vorberei­
Pseudoklementinen institutionellen Buße tung auf die Taufe, die etwa zwei Jahre dauerte,
Frühchristlicher Roman Es war aber nicht nur die Caritasorganisation, die war die Tatsache, dass es zunehmend Taufbe­
über die Missionsreisen
an ihre Grenzen stieß. Etwa gleichzeitig wurde der werber ohne nähere Kenntnis der alttestament­
des Petrus durch Palästina
Mehrheit der Gemeinden auch klar, dass sie nicht lichen Traditionen gab. Die sogenannte Traditio
und Syrien. Entstanden in
Syrien, Clemens von Rom
mehr nur aus „Heiligen“ bestanden. Christen, die Apostolica macht darüber hinaus deutlich, dass
zugeschrieben. nach der Taufe schwere Sünden begingen – und die christlichen Gemeinden auf Außenseiter aus
dazu zählte man Mord, Ehebruch und Abfall vom der Halbwelt des Römischen Reiches wie etwa
Glauben –, waren keine seltene Ausnahme mehr. Prostituierte, Strichjungen, Zuhälter, Akteure
Die Kirche war also zu einem mixtum composi- der spectacula anziehend wirkte. Ihnen die Ei­
tum von Heiligen und Sündern geworden. Dem­ genheiten der christlichen Sexualmoral als ver­
entsprechend entschied man sich nach langen bindlich vorzustellen, wird kein leichtes Unter­
inneren Kämpfen dafür, diese Sünder nicht ohne fangen gewesen sein. Zwar werden die Bischöfe
Hoffnung zu lassen, ihnen vielmehr mit dem und Presbyter zunächst von Lehrern (didaska-
Bußinstitut eine zweite und letzte Möglichkeit zu loi), die nicht zum Klerus gehören, unterstützt.
eröffnen, wieder in die Gemeinde zurückzukeh­ Diese Lehrer gehen jedoch bald im Klerus auf.
ren. Ein anspruchsvolles Programm sah vor, dass
die Büßer ihre Sünden öffentlich vor der Gemein­
de zu bekennen hatten und dann vom Bischof aus Witwen als Seelsorgerinnen und Rivalen
der Gemeinde ausgeschlossen wurden, aber nicht des Klerus
auf alle Zeit. Vielmehr hatten sie die Möglichkeit, Die Kirche des 2. und 3. Jh. hat lange gebraucht,
sich in einem langjährigen Bußprozess, der vom bis sie für die Überlastung des Klerus eine end­
Bischof und den Presbytern intensiv begleitet gültige Lösung gefunden hat. In der Zwischen­
wurde, der Gemeinde wieder anzunähern, bis sie zeit lässt sich eine hochinteressante Entwick­
reif für die communio mit der Gemeinde waren. lung beobachten, in deren Verlauf die Witwen
Für den Bischof waren die Bußpastoral wie auch des Witwenstandes einen großen Teil der ur­
das hier nicht näher zu besprechende Gemeinde­ sprünglich vom Klerus zu leistenden Pastoral
gericht ein neuer, wichtiger und auch zeitrauben­ übernahmen und dessen Einfluss zeitweise
der Teil seiner Amtspflichten. deutlich reduzierten.
Zwei Spezifika der Ordo-Witwen sind in diesem
Zusammenhang besonders wichtig. Zum einen
Bischof und Katechumenat soll eine Witwe nur dann in den Witwenstand
Ähnliches gilt für den sich zur selben Zeit ent­ aufgenommen werden, wenn sie sich als Christin
wickelnden Katechumenenunterricht. Eine Ur­ in besonderer Weise bewährt hat. Zum anderen
hat sie ein Unterhaltsrecht vonseiten der Gemein­
de, ist also für ihren Lebensunterhalt nicht auf
eigenen Broterwerb angewiesen. Es handelt sich
Die Sorge für die Finanzen durch um eine religiöse Elite von Frauen, die genügend
die Bischöfe (nach der Syrischen Didaskalie, Zeit hatten, sich für die Anliegen der Gemein­
3. Jh. im Osten entstanden): de einzusetzen. Nach und nach scheinen diese
Ordo-Witwen große Teile der Seelsorge übernom­

W ie gute Hausverwalter Gottes sollt ihr das, was der Kirche men zu haben. Sie hatten nicht nur mehr Zeit
geschenkt ist und was (für sie) hereinkommt, wohl verwal- als der Klerus, sondern kannten ihre Gemeinde
ten nach Vorschrift für die Waisen und Witwen, für die Bedrängten auch besser als die übrigen Amtsträger, weil sie
und Fremden, als Leute, die wissen, dass Gott es ist, der aus euren gewöhnt waren, ihren Unterhalt nicht oder nur
Händen eine Rechnung fordert, er, der euch diese Verwaltung des
zum Teil vom Bischof, sondern auch von den Ge­
meindegliedern, die sie besuchten, zu erhalten.
Hauses übertragen hat. Verteilt und gebt also allen Bedürftigen. Aber
Quelle für das meiste Material über diese seelsor­
auch ihr selbst sollt euch ernähren und leben von den Einkünften, die
getreibenden Witwen ist die Syrische Didaskalie,
in die Kirche gelangt sind, doch verschlingt sie nicht allein, sondern
eine Kirchenordnung aus der ersten Hälfte des
lasst mit euch teilnehmen die Bedürftigen; und seid ohne Anstoß vor
3. Jh., die gleichzeitig der schärfste Gegner der
Gott, denn Gott tadelt die Bischöfe, die mit betrügerischer Gesinnung
Witwen ist und ihre Seelsorge für Usurpation der
und Eigensucht von den Einkünften, die in die Kirche gelangt sind, Vorrechte des männlichen Klerus ansieht.
Gebrauch machen und die Armen nicht mit sich teilnehmen lassen“ Gegen den Strich gelesen stellt sie aber die
(SyD 8 (39 Flemming)). wichtigste Quelle für die Seelsorge durch Frau­
en dar. Es sind ganz offensichtlich die Witwen,

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zeitlich begrenztes, Anrecht auf Unterhalt durch Fresko einer christ-
Witwen scheuen sich nicht, die Gemeinden. Ansonsten galt, dass die Bot­ lichen Agapefeier,
schaft, die man umsonst erhalten hatte, ohne Priszilla-Katakomben,
Seelsorge zu treiben und finanzielle Verpflichtungen seitens der Empfän­ Rom. Die sich ver-
Büßern Rede und Antwort zu ger weitergegeben werden soll. Das Evangelium größernde Macht der
ist eben nicht käuflich und unterscheidet sich Bischöfe in der Gemein-
stehen auf diese Weise von vielen anderen religiösen de verändert auch die
Angeboten der Kaiserzeit. liturgischen Sitzord-
die sich nicht scheuen, Seelsorge, zu betreiben, Dass sich der Unterhaltsanspruch der Kleriker nungen, wie spätere
und Büßern Rede und Antwort zu stehen, auch schließlich doch durchsetzte, hatte pragmati­ Kirchenbauten zeigen.
über die schwierigsten theologischen Fragen. sche und theologische Gründe. Pragmatisch ar­
Wenn wir der Didaskalie Glauben schenken dür­ gumentierten etwa die Pseudoklementinen, die
fen, wurde die Seelsorge der Witwen von vielen die Gemeinden aufforderten, dem Bischof den
Gläubigen und Taufkandidaten gern in Anspruch Unterhalt sicherzustellen, weil er aufgrund der
genommen, nicht nur weil viele nur auf diese vielen Arbeit für die Gemeinde nicht in der Lage
Weise eine Chance hatten, in die Gemeinde auf­ war, seinen Unterhalt anderweitig zu verdienen
genommen zu werden bzw. ihren Bußprozess ab­ (vgl. S. 52). Theologische Argumente knüpften
zuschließen. Zudem standen die Witwen als Elite sehr häufig an die einschlägigen Aufforderun­
des weiblichen Teils der Gemeinde angesichts der gen des Alten Testaments an, das den Unterhalt
fehlenden Arbeitskraft der Kleriker in bestem Ruf. der Priester und Leviten bis ins Detail regelt. Die
Plausibilität dieser Argumente scheint so groß
gewesen zu sein, dass sie sich trotz der heftigen
Widerstand gegen das Unterhaltsrecht des Diskussionen um die Legitimität der Klerikerbe­
Klerus soldung schließlich durchsetzten und bald auch
Es scheint einige Jahrzehnte gedauert zu ha­ keinen Anlass mehr für Kontroversen darstellten.
ben, bis nicht nur die Diakone, sondern auch
der Bischof und zuletzt die Presbyter ein Un­
terhaltsrecht von Seiten der Gemeinde erhielt. Ekklesiologische Voraussetzungen
Eine Reihe von Quellen, besonders die Pseu- Entscheidend für die Durchsetzung des Unter­
doklementinen, machen deutlich, wie stark die haltsrechts war dessen Kompatibilität mit der in
© public domain

Widerstände gegen die Professionalisierung unserem Zusammenhang einflussreichen Oikos-


des Klerus waren. Bis dahin hatten lediglich die Ekklesiologie. Sie verglich die Organisation der
christlichen Wandermissionare ein, wenn auch christlichen Gemeinde mit der Struktur eines

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welt und umwelt der bibel 3/2020 49
Wir sind über die Verhältnisse in einem sol­
chen antiken Groß-Oikos erstaunlich gut infor­
miert, da sich eine große Zahl von Schriften der
Gattung Oikonomikos erhalten haben, die als
eine Art Ratgeberliteratur einen jungen Groß­
grundbesitzer in die Praxis der Haushaltsfüh­

Der garstige Graben zwischen


Kleriker und Laien entsteht
erst in dem Moment, in dem
speziell der Bischof sich ganz
der Gemeinde widmen kann

rung einführen wollen. Grundlegend ist, dass


ein solcher Oikos in der Form einer Monarchia
geführt werden soll: Dem Hausherrn sind alle zu
Gehorsam verpflichtet, allerdings auf differen­
zierte Art und Weise. Die Ehefrau des Hausherrn
steht als engste Mitarbeiterin des Mannes den
Arbeiten im Haus vor und kümmert sich um die
Kinder in den ersten Lebensjahren.
Da die zum Haus gehörenden Güter gewöhn­
lich über mehrere Regionen des Reiches verteilt
sind, werden die Unteroikoi von einem Verwalter
geleitet. Er steht an der Stelle des Hausherrn,
ihm gebühren in Abwesenheit des Hausherrn der
gleiche Gehorsam und die gleiche Hochachtung
wie dem Hausherrn; dem entspricht eine hohe
Verantwortung. Der Verwalter muss dem Haus­
Rotunde der frühchristlichen Basilika Damous-el-Karita in herrn Rechenschaft darüber ablegen, wie er den
Karthago. Die Stadt war das Zentrum des frühen Christentums in Nord- Haushalt geführt hat, und je nach Ergebnis hat
afrika. Bereits im 2. Jh. bestand hier eine große christliche Gemeinde;
er Belohnung oder Strafe zu gewärtigen. Die Be­
wegen ihrer Größe war die Stadt neben Rom der wichtigste Bischofssitz
handlung des Personals zielt in den Oikonomikoi
in der westlichen Reichshälfte.
natürlich in erster Linie auf den wirtschaftlichen
Erfolg. Aber es lässt sich auch so etwas wie eine
Humanisierung der Sklaverei erkennen. Die
antiken Hauswesens. Die Ekklesiologien der Sklaven sollen nicht in erster Linie mit harten
ersten drei Jahrhunderte (neben der Oikos- be­ Strafen und Gewalt behandelt werden, sondern
sonders die Leib-Christi- und die Volk-Gottes- nach dem Prinzip des aufgeklärten Eigeninteres­
Ekklesiologie) sind keine intellektuellen Hoch­ ses durch Einsicht ihre Arbeit verrichten. Damit
seilakte. Sie sind vielmehr durchweg einfach soll ganz offensichtlich die Identifikation mit
und als Metaphern konzipiert und konnten des­ dem Oikos und seinem Herrn forciert werden,
halb von jedem Christen verstanden werden. Die Auch die Kinder des Hausherrn sind seiner
Beziehungen der Gläubigen untereinander sind Gewalt unterworfen, sie haben ihm zu gehor­
also nach dem Vorbild eines Oikos konzipiert. chen und ihn zu ehren wie einen Gott nächst
Wichtig ist, dass das metaphorische Pendant der den eigentlichen Göttern. Ihre Missachtung hat
Kirche nicht der kleine Haushalt mit Vater, Mut­ schreckliche Konsequenzen zur Folge, sowohl in
ter und Kindern sowie einigen wenigen Sklaven diesem Leben als auch nach dem Tod. Bei den
und sonstigen Hausbewohnern war, sondern eigenen Kindern wird die Zugehörigkeit zur Fa­
© public domain

der Großgrundbesitz eines reichen Hausherrn milie im modernen Sinn mit ihren engen emoti­
mit Gütern und dem entsprechenden Personal onalen Bindungen betont sowie bei den männ­
in mehreren Provinzen. lichen Nachkommen die Vorbereitung auf ihre

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Funktion als Hausherren. Insgesamt gesehen
ist das Grundkonzept der Oikomikoi patriarcha­
lisch, – was die Kinder angeht, könnte man von
Liebespatriarchalismus reden.

Der Bischof als Hausherr der Gemeinde


Vergleicht man das System der sozialen Bezie­
hungen in den Oikonomikoi mit den christlichen
Gemeinden des 3. Jh., wird sofort deutlich: Oikos
wie Kirchengemeinde werden in der Form einer
Monarchia geführt. Hausherr ist Gott selbst; er
hat in den Einzeloikoi, den Gemeinden, Bischö­
fe als Verwalter eingesetzt. Wie der Hausherr,
hat allein der Bischof in seiner Gemeinde die
uneingeschränkte Kompetenz der Leitung. Er
allein bestimmt zum Beispiel, wer wann getauft
wird, wer in den Witwenstand aufgenommen Die sich vergrößernde Macht des Bischofs zeigte sich auch in sei-
wird und die verschiedenen Stufen der Kleriker nem Ort in der Liturgie. Steinerner Bischofssitz (Cathedra) hinter dem Altar
erklimmt. Er bestimmt die Dauer der Exkom­ der Basilika San Agrippino, in den Katakomben San Gennaro, Neapel, 4. Jh.
munikation und den Zeitpunkt der Wiederauf­
nahme des Sünders. Man kann zum ersten Mal
in der Kirchengeschichte vom Konzept eines
monarchischen Episkopats reden. Der Bischof aufgewachsen sind zu einem beschwingten Vogel.
ist der Mittel- und Bezugspunkt aller Gemeinde­ Einen jeden also lehre und weise zurecht, rüge
aktivitäten. Die übrigen Kleriker sind lediglich und ängstige die, die Tadel verdienen, jedoch
ausführende Organe des bischöflichen Willens. zur Bekehrung, nicht zum Verderben“ (SyD 7 (31
Dieses Konzept steht nicht etwa im Widerspruch Flemming)). Das ist Liebespatriarchalismus im
zur Oikos-Ekklesiologie, sondern ist seine konse­ engeren Sinn des Wortes.
quente Umsetzung. Dieses patriarchalische Kon­ Man muss sich allerdings auch klar darüber
zept hatte eine solche Anziehungskraft, dass es werden, dass diese Erziehung nicht dazu führen
soll, dass der erwachsen gewordene Laie religiös
autonom handelt. Er bleibt Zeit seines Lebens
Es entsteht eine klerikale Gegenstand von Fürsorge, Ermahnung und Lei­
Hierarchie und zur höheren tung durch den Klerus. Verantwortlich für das
Seelenheil der Gemeindeglieder ist ausschließ­
Ehre gehören dann auch lich der Bischof. Die Gemeindeglieder tragen,
höhere Unterhaltszahlungen wie die Kirchenordnung ausdrücklich betont,
füreinander keine Verantwortung.
Durchgesetzt werden konnten die Monarchie
für die gesamte Gemeinde prägend wurde. Es des Bischofs und die Reduktion der übrigen
knüpfte an die offensichtlich positiv erfahrenen Kleriker auf den Status von Helfern erst in dem
eigenen Erfahrungen in der Familie als Vater, Moment, als es ihm möglich wurde, sich aus­
Sohn und Tochter, Bruder und Schwester an. Der schließlich der Gemeinde zu widmen und seinen
Bischof ist im patriarchalischen Sinne Leiter der Anspruch dem Klerus und den Laien gegenüber
© akg-images / De Agostini Picture Lib. / A. Dagli Orti

Gemeinde, dem alle zu Gehorsam verpflichtet tatsächlich durchzusetzen. Die Professionalisie­


sind. Doch dabei handelt es sich nicht um einen rung besonders des Bischofs ist also der Beginn
„furchtbaren Vater“, der die Gemeinde durch au­ einer grundlegenden Verschiebung der Gewich­
toritäres Handeln und ständige Strafandrohung te zwischen den verschiedenen Gruppen der
tyrannisiert, sondern durchaus um einen Vater, Gemeinde.
der sich seiner Gemeinde in Liebe zuwendet. Bezeichnend ist, dass erst jetzt in den christli­
Dies zeigt sich etwa in folgender Passage der chen Quellen die Termini Laie und Kleriker auf­
Syrischen Didaskalie: „… dass der Bischof die tauchen. Nicht, dass es vorher keine Amtsträger
Laien wie Kinder liebt und mit dem Eifer seiner gegeben hätte! Aber es hat ganz offensichtlich
Liebe wie Eier, aus denen Küchlein werden sol- nicht die Notwendigkeit bestanden, Amtsträger
len, oder wie Küchlein hegt und aufzieht, bis sie terminologisch von Nichtamtsträgern (Laien) zu

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welt und umwelt der bibel 3/2020 51
Die Professionalisierung des Klerus – Ursachen und Folgen

Lesetipps unterscheiden. Der garstige Graben zwischen sich der Bischof nicht nur in gleicher Weise ver­
• G.Schöllgen, Die Anfänge Kleriker und Laien entsteht erst in dem Mo­ halten wie Gott selbst, sondern auch die Laien
der Professionalisierung ment, in dem speziell der Bischof sich ganz der müssen sich ihm als dem von Gott eingesetzten
des Klerus und das kirch- Gemeinde widmen kann. Klerikersein wird zum Verwalter gegenüber genauso verhalten wie sie
liche Amt in der Syrischen Beruf mit allen Konsequenzen. Es dauert nicht es Gott gegenüber täten. Hier liegt nicht nur
Didaskalie (Münster 1988). lange, und es entsteht eine klerikale Hierarchie, der Grund für die theologisch sehr bedenkliche
• E. Dassmann, Ämter und deren Ämter man im Sinne eines cursus honorum Bezeichnung des Bischofs als Gott (nach Gott),
Dienste in den frühchrist- vom Lektor bis zum Bischof durchlaufen kann. sondern auch für manche ähnlich befremdliche
lichen Gemeinden (Bonn Zur höheren Ehre gehören dann auch höhere Vorstellungen, die man durchaus als Ausfluss ei­
1994). Unterhaltsleistungen. Der Dienstcharakter tritt nes frühen Vulgärklerikalismus begreifen kann.
• H. Dockter, Klerikerkritik demgegenüber zurück. Der Kanonisierung des Die Oikos-Ekklesiologie verschafft dem Bischof
im antiken Christentum NT verdanken wir, dass die einschlägigen Stel­ eine extrem hohe Autorität, insofern er der Stell­
(Göttingen 2013). len zum Dienst​charakter des kirchlichen Amts vertreter Gottes in seiner Gemeinde ist und nur
weiter tradiert wurden und auf diese Weise ein ihm, nicht aber der Gemeinde Rechenschaft
Stachel im Fleisch der Kirche blieben. schuldig ist. Dass diese Autorität nicht genuin,
sondern nur abgeleitet ist, spielt im Alltag der
Gemeinde wohl nur eine geringe Rolle. Die Be­
Der Bischof als Gott zeichnung des Bischofs als Gott ist also nicht
Die Syrische Didaskalie, die so etwas wie einen im ontologischen Sinne zu verstehen. Die un­
Vulgärklerikalismus propagiert, macht an vielen glückliche Formulierung will das Konzept des
Stellen deutlich, dass im Konzept des monarchi­ Bischofs als Stellvertreter Gottes in der Gemein­
schen Episkopats das Verhältnis Bischof – Gott de illustrieren.
besonders eng ist. Ihren Höhepunkt erreicht
diese Vorstellung in einer Passage, in der es auf
den ersten Blick den Anschein hat, als sehe der Der Bischof als König
Verfasser der Kirchenordnung im Bischof ein Ekklesiologische Leitmetaphern können zwar
göttliches Wesen niederer Ordnung. Hier lohnt sehr einflussreich sein, aber sie haben erfah­
sich wieder ein Blick in die Ratgeberliteratur rungsgemäß nur einen begrenzten Zeitraum,
der Oikonomikoi. Entscheidend ist in diesem in dem sie ihre Wirksamkeit voll entfalten. Zur
Zusammenhang die Vorstellung, dass der Ver­ Zeit der Syrischen Didaskalie im 3. Jh. hatte die
walter der einzelnen Unter-oikoi an der Stelle ekklesiologische Leitmetapher Oikos ihren Hö­
des Hausherrn steht, dieselben Kompetenzen hepunkt wohl schon überschritten. In der Kir­
wie er hat und auch geehrt werden muss wie der chenordnung deutet sich an, dass Oikos bald
Hausherr. Er ist sozusagen die Inkarnation des einer neuen Leitmetapher, nämlich der Basileia
Herrn in dessen Abwesenheit. Überträgt man (Königsherrschaft) Platz machen muss. Offen­
diese Vorstellungen auf die Kirche, dann muss sichtlich ist die Metapher der Königsherrschaft

Die Aufforderung, für den Bischof zu sorgen (Pseudoklementinen)

A ußerdem, Brüder, sollt ihr bei einigen Dingen nicht erst


darauf warten, sie zu hören, sondern von selbst das
Angemessene überlegen. [Bischof] Zachäus ist allein damit
Und keiner soll sagen: Wird (auf diese Weise) nicht das
Wort, das umsonst empfangen wurde, verkauft? Nicht soll
das geschehen! Denn wenn einer, der etwas hat, wovon er
ausgefüllt, sich ganz mit euch zu beschäftigen. Er hat einen leben kann, nimmt, dieser verkauft das Wort. Wenn aber
Magen und für sich selbst keine Zeit mehr. Wie kann er da einer, der nichts hat, zum Lebensunterhalt Nahrung
den nötigen Lebensunterhalt zusammenbringen? Ist es da nimmt, wie sie auch der Herr genommen hat bei Gastmäh-
nicht angemessen, dass ihr alle Vorsorge für seinen Le- lern und Freunden – nichts besitzend und doch künftig
bensunterhalt trefft, ohne zu warten, dass er euch darum wieder alles besitzend – , der tut nichts Unrechtes.
bittet? Denn das gehört sich für einen Bettler. Lieber würde
er Hungers sterben, als dass er so etwas täte. Wie werdet Entsprechend ehrt die Presbyter, Katecheten [oder leh-
ihr (einmal) Rechenschaft ablegen können, wenn ihr nicht rende Presbyter], die tüchtigen Diakone, die ordentlich
bedacht habt, dass ,der Arbeiter seines Lohnes wert ist‘ lebenden Witwen, die Waisen wie Kinder der Kirche.
(Lk 10,7)? (PsClem. hom. 3,71,1/5)

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welt und umwelt der bibel 3/2020
für die Gemeinde und ganz besonders für den praktisches Kommunikationsproblem handelt, Santa Maria antiqua
Bischof plausibler als die des Hauses geworden. sondern dass es auch um die Aufwertung der – eine der ältesten
Dieser Wechsel hat sicher auch etwas mit der Stellung des Bischofs geht, der ausdrücklich als christlichen Kirchen
wachsenden Größe zu tun. Aber auch damit, Pendant Gottes, des Allmächtigen, vorgestellt Roms aus dem 4. Jh.
dass nach antikem Verständnis die Königsherr­ wird. Dabei wird zweifellos auf das Konzept des Bereits ein Jahrhundert
schaft so etwas wie eine vergrößerte Ausgabe der monarchischen Episkopats angespielt, dessen früher hatte die christli-
Leitung eines Oikos darstellt. Die veränderte Stel­ Kern die Stellvertretung des Allmächtigen, des che Gemeinde vermut-
lung des Bischofs zeigt sich besonders in der Li­ Gottes ist. Eine weitere Passage zum Königtum lich um die 20.000
turgie: Jetzt sitzt er auf einem Thron, wie er auch des Bischofs macht klar, dass hier auf Texte des Mitglieder.
im außerkirchlichen Bereich für hohe Würden­ AT angespielt wird, in denen die Adressaten auf­
träger üblich war. Die Sitzordnung der Gemeinde gefordert werden, dem Bischof den dem König
ist hierarchisch auf den Bischof ausgerichtet. Er zustehenden Tribut zukommen zu lassen.
ist der Mittelpunkt der Gemeinde und der Kleri­ Damit sind wir wieder bei der theologischen,
ker. Allerdings macht die Kirchenordnung auch hier exegetischen Begründung der Professionali­
deutlich, dass der Wechsel der Leitmetapher ein sierung des Klerus angekommen. Im Kontext der
verändertes Verhältnis Bischof – Laien mit sich Oikos-Ekklesiologie führt sie – vor allem durch
bringt: „Großen Freimut sollen die Laien den Dia- das starke Wachstum getrieben – zum monar­
konen gegenüber haben, aber das Oberhaupt sol- chischen Episkopat. Man darf allerdings nicht
len sie nicht zu jeder Stunde belästigen, sondern, vergessen, dass es sich dabei nicht einfach um
was sie verlangen, das sollen sie durch die Diener die Darstellung der gemeindlichen Wirklichkeit,
© v. arcomano / Alamy Stock Foto

wissen lassen, d. h. durch die Diakone. Denn auch sondern um die Vorstellung eines amtstheologi­ Prof. Dr. Georg Schöllgen
Gott, dem Herrn, dem Allmächtigen, kann sich schen Konzepts handelt, das sich in der Praxis Professor em. für Alte Kir-
chengeschichte und Patrolo-
keiner nähern außer durch Christus.“ erst noch zu bewähren hat.
gie an der Universität Bonn.
Die Diakone sind wie die Assistenten des Bi­ Zudem erwuchs ihm in dem seit etwa 200 nC Seine Forschungsschwer-
schofs, die ihn vor überflüssigen Anliegen der sich langsam entwickelnden Synodenwesen ein punkte sind die frühchrist-
Laien beschützen sollen. An dieser Stelle wird mächtiger Konkurrent. Aber das wäre ein neues liche Sozial-, Amts- und
deutlich, dass es sich hier nicht nur um ein Thema. W Rechtsgeschichte.

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welt und umwelt der bibel 3/2020 53
Askese – Ein Leitideal der Spätantike

Wider das Luxusleben der Kleriker


Im 4. Jh. greift die Bewegung der Wüstenväter auch auf den Klerus über. Dieser
übernimmt das Ideal der Mönche, asketisch zu leben – und unterscheidet sich
darin zugleich immer stärker von den normalen Gläubigen. Christian Hornung

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D
er lateinische Kirchenvater Hie- rung“ bezeichnet. Sie wird ab dem 4. scheint, bleibt nicht ohne Rückwirkung
ronymus schickt im Jahr 384 ein Jh. bestimmend und mehr und mehr auf den Klerus. Auch Hieronymus be-
berühmt gewordenes Schreiben prägend. Kleriker sollen in ihrer Lebens- zeugt ja, dass sich unter die Pilger bei Hi-
an die junge Asketin Eustochium, in weise, ihrem Habitus und gesellschaftli- larion Bischöfe und Presbyter gemischt
dem er versucht, der Vertrauten eine An- chem Auftreten einem asketischen Ideal haben. Vielmehr lässt sich beobachten,
leitung zu einem asketischen, zu einem folgen, das von der zeitgenössischen dass ab dem 4. Jh. auch die Kleriker
jungfräulichen Leben zu geben. Gleich- Philosophie und vor allem vom auf- mehr und mehr zu einer asketischen
sam als negative Kontrastfolie dienen kommenden Mönchtum beeinflusst ist. Lebensweise angehalten und verpflich-
Hieronymus dabei Fehlentwicklungen Abweichungen von diesem asketischen tet werden. Ein erstes wichtiges Instru-
im Klerus seiner Zeit, die er ausführlich
und in bissiger Polemik schildert:
„Andere finden sich“, so schreibt der Nach dem Beispiel der Mönche soll auch der Kleriker
Kirchenvater, „und da rede ich von Leu-
ten meines Standes, die deshalb nach der ein kontemplatives Leben anstreben
Priester- und Diakonatswürde streben,
damit sie ungestörter Frauen besuchen
können. Ihre einzige Sorge ist der Anzug, Leitbild werden zunehmend als Verstö- ment hierfür sind sog. Pastoralschriften,
das feine Parfüm, ein Schuh, der nicht ße wahrgenommen, wie nicht zuletzt Hi- in denen – auch angesichts konkreter
wie ein Blasebalg am Fuße schlottert. Mit eronymus in seinem polemischen Brief Fehlentwicklungen – ein asketisches
einer Brennschere kräuseln sie ihre Haa- an die junge Asketin zu erkennen gibt. Leitideal für den Klerus propagiert wird.
re, an den Fingern glänzen Ringe. Gehen Johannes Chrysostomos aus dem sy-
sie auf der Straße, so treten sie kaum auf, rischen Antiochien verfasst eine solche
damit ihre Füße nicht vom Straßenkot be- Die Anziehungskraft der Werbeschrift in den 80er-Jahren des
spritzt werden. Wenn man sie sieht, dann Wüstenmönche 4. Jh. (De sacerdotio, „Über das Pries-
möchte man sie eher für Freier als für Askese ist das Leitideal der Spätantike. tertum“). Den bzw. auch die Adressaten
Geistliche halten“ (Hier. ep. 22, 28, 3f; dt. Sinnbildlich fassbar wird dies an der versucht er zu einem asketischen Leben
Übers.: L. Schade). großen Popularität der Mönche und anzuhalten, das sich ganz auf Gott und
Das Bild, das Hieronymus vom Kle- Wüstenheiligen, zu denen die Christen das Geistliche ausrichtet. Vorbild der
rus seiner Zeit entwirft, enthält typische in großer Anzahl pilgern, die sie auf- geistigen Konzeption sind die Mönche:
Elemente zeitgenössischer Klerikerkri- suchen, weil sie gerade den Asketen in „Wenn die Bewohner der Einöden
tik (Vgl. H. Dockter, Klerikerkritik im Notsituationen Rat und bei Krankheiten (d. h. die Mönche), die der Stadt und dem
antiken Christentum. Göttingen 2013). Heilung zutrauen. So pilgern sie ab dem Markte und dem dortigen Trubel entron-
Angeprangert werden der Hochmut, 4. Jh. nicht nur zu den Stätten, an denen nen sind und immerfort den Hafen und
die Verhaftung in der Welt und die allzu Jesus gewirkt hat, sondern suchen auch die Windstille genießen, sich nicht mit
große Verliebtheit in Luxus und üppigen die Mönche in Ägypten, Palästina und der Sicherheit, die diese Lebensweise an
Lebensstil. Hieronymus hingegen ver- Syrien auf. Die populärsten unter ihnen sich schon bietet, zufrieden geben wollen,
sucht nicht nur gegenüber Eustochium, sind Antonius, Pachomius oder auch Si- sondern noch zahllose andere Vorsichts-
sondern grundsätzlich und damit weit meon der Säulensteher. Die Quellen be- maßregeln treffen, indem sie sich von al-
über den konkreten Anlass des zitierten zeugen die große Anzahl derer, die nach len Seiten abschließen und all ihr Reden
Briefs hinaus, ein asketisches Ideal zu Hilfe und Rat suchen. Unter ihnen befin- und Tun sorgfältigst überlegen, um mit
profilieren. Die Kleriker und ganz beson- den sich Kleriker und Laien, wie Hiero- Zuversicht und lauterer Reinheit, soweit
ders die höheren Kleriker (d. h. Bischö- nymus in einer hagiografischen Schrift es menschlicher Kraft möglich ist, Gott
fe, Presbyter und Diakone) sollen einem über den Mönch Hilarion von Gaza zu nahen zu können, wie viele Anstrengung
Leitbild entsprechen, das von Verzicht erkennen gibt: und Gewalt wird da wohl erst der Priester
und Kontemplation geprägt ist. „Bischöfe und Priester, ganze Scharen aufwenden müssen, damit er seine Seele
In der kirchenhistorischen Forschung von Klerikern und Mönchen, auch christ- vor jeder Befleckung zu bewahren und
wird dieser Prozess einer zunehmen- licher Matronen – eine große Versuchung die Schönheit seines Geistes unversehrt
den Verpflichtung des Klerus auf eine – kamen zu ihm (scil. Hilarion), außer- zu erhalten vermag?“ (Joh. Chrys. sac. 6,
asketische Lebensweise als „Asketisie- dem noch viel einfaches Volk aus Stadt 2; dt. Übers. A. Naegle).
und Land. Auch Männer von hoher Stel-
lung und Gerichtsbeamte fanden sich ein,
Askese mitten in der Welt
t Der Wüstenvater Antonius allein, um etwas von ihm geweihtes Brot
gilt als Begründer des Mönchtums. oder Öl in Empfang zu nehmen“ (Hieron. Nach dem Beispiel der Mönche soll auch
© public domain

Sein Ideal hatte auch Einfluss auf den vit. Hilar. 30). der Kleriker ein kontemplatives Leben
Klerus. Fresko, 17. Jh., Kirche Ayioi Das asketische Leitideal, das derart anstreben. Johannes vergleicht die mo-
Apostoloi Solaki, Athen. populär und allgemein akzeptiert er- nastische mit der klerikalen Lebenswei-

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welt und umwelt der bibel 3/2020 55
Das koptisch-orthodoxe Antonius-
kloster ist weltweit eines der ältesten
Klöster. Hier soll Antonius nach einem
entbehrungsreichen Leben gestorben sein.

ter dem Oberbegriff der „Asketisierung“


Das antike Klerikerrecht beschreibt ein Ideal, dem die zusammengefasst werden kann.
Eine große Anzahl der Bestimmungen
Wirklichkeit nicht entsprochen hat betrifft die klerikale Sexualethik: Sie for-
mulieren Strafen bei Verstößen gegen
die Enthaltsamkeitsverpflichtung für
se, nicht ohne auch auf ihre Unterschie- sie wohl nur begrenzt Rückschlüsse zu. höhere Kleriker, untersagen die sukzes-
de hinzuweisen: Der Mönch kann in der Gleichwohl sind sie aufgrund der ih- sive Zweitehe (Digamie) oder auch das
Abgeschiedenheit der Wüste leben, der nen zugrunde liegenden Ideale und der Zusammenleben von Klerikern mit Frau-
Kleriker hingegen ist in die Welt gestellt. sichtbar werdenden Leitvorstellungen en in geistlichen Ehen (sog. Syneisak-
Doch für Johannes resultiert hieraus kei- interessant, die sie zu wichtigen Zeug- tenwesen). Typische Begründungen für
ne Minderung der asketischen Verpflich- nissen eines veränderten Verständnisses die geforderte Distanzierung des Klerus
tung, sondern im Gegenteil ein umso des spätantiken Klerus machen. von Frauen sind die klerikale Reinheit
größerer Anspruch (quanto magis-Argu- und auch Heiligkeit: „Außerdem muss
ment): Der Kleriker soll auch unter den die Kirche in jeder Hinsicht bewahren,
schwierigeren Bedingungen der Welt ein Entstehung einer Zweistufenethik was würdig, keusch und ehrhaft ist, näm-
asketisches Leben verwirklichen und Einen direkten Einblick in die asketi- lich, dass die Priester und Diakone mit ih-

© https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Antonius_Kloster_BW_13.jpg
gerade dadurch die monastische Askese sche Konzipierung des Klerus verspre- ren Ehefrauen keinen sexuellen Umgang
überbieten. chen die kirchendisziplinären Texte, haben, weil sie von den Aufgaben eines
Johannesʼ Pastoralschrift ist nur ein vor allem die Kanones der spätantiken täglichen Dienstes in Anspruch genom-
Beispiel für den Versuch einer geistigen Synoden und die Bestimmungen der men sind. Denn es steht geschrieben:
Neuausrichtung des Klerus, die sich an römisch-bischöflichen Schreiben. Aus Seid heilig, denn auch ich der Herr euer
asketisch-monastischen Vorbildern ori- ihnen lässt sich genauer ersehen, wie Gott bin heilig (Lev. 11, 14)“ (Innoc. ep. 2,
entiert. Von Gregor von Nazianz und Gre- der Kleriker im gelebten Alltag einem 9, 12.
gor dem Großen sind weitere Beispiele asketischen Konzept unterworfen wird. Kleriker sollen sich zudem über die
bekannt. Die Verfasser sind allesamt As- Obwohl die einzelnen kirchendiszipli- Enthaltsamkeit von den Laien unter-
keten, die ihre Lebensweise zu propagie- nären Normen verschiedenen zeitlichen scheiden; einer Zweistufenethik folgend
ren suchen. Ihre Schriften sind ideelle und regionalen Kontexten des 4. bis werden an sie höhere Anforderungen als
Konzeptionen. Unklar ist daher, wie breit 7. Jh. im Osten und Westen des Römi- an die Laien gestellt, so geht es aus den
die Texte rezipiert wurden oder ob sie zu schen Reichs zuzurechnen sind, lassen Quellen hervor: „Denn wenn Paulus an
allgemeiner Bekanntheit gelangten; auf sie hinsichtlich des Klerikerrechts eine die Korinther die folgenden Worte rich-
den durchschnittlichen Kleriker lassen einheitliche Intention erkennen, die un- tet: Enthaltet euch für eine Zeit, damit

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Askese – Ein Leitideal der Spätantike

ihr für das Gebet frei seid (1 Cor. 7, 5) und digten) zu entschlüsseln ist. Kirchliche
das freilich Laien vorschreibt, um wie viel Konzeption und Disziplin versuchen
mehr müssen sich dann die Priester einer damit, ein antikes Ideal in den Klerus zu
solchen Gemeinschaft enthalten, denen implementieren. Die Widerstände gegen
der Dienst des Gebets und Opfers unun- die Durchsetzung dieses Leitbilds sind
terbrochen obliegt“ (Innoc. ep. 2, 9, 12). groß. Kleriker berufen sich auf das Alte
Die Aspekte der klerikalen Sexual- Testament und dort bezeugte Priester­
ethik werden ergänzt durch Normen, genealogien, um eine allgemeine Ent-
die den Habitus und das gesellschaft- haltsamkeitsverpflichtung für den höhe-
liche Leben der Kleriker regeln: Sie ge- ren Klerus abzulehnen (vgl. Sir. ep. 1, 7)
hen gegen Formen des Kleiderluxus vor oder sie verweisen darauf, dass die Ehe
und verlangen, dass ein Kleriker auf nach kirchlichem Verständnis doch ein
maßvolle Kleidung achten solle (vgl. Gut sei und also auch für sie erlaubt sein
Conc. Epaon. vJ. 517 cn. 4). Untersagt müsse (vgl. Ambrosiast. quaest. test. 127,
wird auch eine allzu intensive Haar- und 35).
Bartpflege (vgl. Stat. eccl. ant. 25). Aus Die Argumentation der Gegner der As-
der gesellschaftlichen Öffentlichkeit soll ketisierung des Klerus setzt sich in der
sich ein Kleriker zudem zurückziehen, Breite nicht durch. Die Asketisierung
weder allzu possenhaft sein noch allzu wird damit zur dominanten Chiffre für
Gregor von Nazianz ist einer der
Verfechter eines asketischen Lebens
Eine wichtige Konsequenz ist die zunehmende für die Kleriker. Mosaik 12. Jh., Santa
Maria dell’Ammiraglio in Palermo,
Abgrenzung des Klerus vom Laienstand Sizilien.

derbe Witze reißen (Conc. Agath. vJ. 506 die kirchliche Ämtergeschichte der Spät­ begründet, dass, wenn schon von den
cn. 23. Andere Kanones untersagen den antike, wie sie vielleicht die sog. Profes- Laien eine Enthaltsamkeit vor dem Ge-
Besuch von Tavernen und öffentlichen sionalisierung für die vorkonstantinische bet gefordert werde, dies um viel mehr
Schauspielen, richten sich gegen die in Zeit ist. Das asketische Ideal war allge- für die Kleriker bei ihrem liturgischen
der Antike allenthalben drohende Magie mein zu verbreitet und akzeptiert, als Dienst gelten müsse – eine typische
und Wahrsagerei (Divination). dass sich der Klerus ihm auf Dauer ent- Argumentation, die striktere ethische
© https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gregory_the_Theologian_La_Martorana_Palermo_2008-08-27.jpg

Die Bestimmungen der kirchlichen ziehen konnte, wenn er den kirchlichen Anforderungen an den Klerus mit einer
Disziplin sind äußerst zahlreich und Führungsanspruch behaupten wollte. grundsätzlichen Unterscheidung beider
divers. Im Klerikerrecht aber lässt sich Die Asketisierung ist zugleich mehr Stände und einer hierarchischen Vor-
eine grundsätzliche und gemeinsame als eine Monastisierung, also als eine ordnung des Klerus vor dem Laienstand
Intention beobachten, nämlich die der bloße Übertragung monastischer An- begründet. W
Asketisierung des Klerus, die bei der forderungen auf den Klerus. Der Klerus
Sexualethik besonders offenkundig, wird vielmehr als ein eigener und dif-
aber auch bei den weiteren Normen zu ferenzierter Stand konstruiert, so sehr
erkennen ist. Dabei beschreibt auch das sich auch monastische Ideale beim Kle- Lesetipps
antike Klerikerrecht ein Ideal, dem die rus nachweisen lassen. Philosophische • Christian Hornung: Monachus et sacerdos,
Wirklichkeit nicht entsprochen hat. Hin- Konzeptionen, die hier nicht weiter be- Asketische Konzeptualisierungen des Klerus
ter den einzelnen Bestimmungen stehen rücksichtigt werden konnten, verbinden im antiken Christentum (Supplements to
oftmals ganz konkrete Verstöße und sich mit allgemeinen asketischen Ten- ­Vigiliae Christianae 157). Leiden 2020.
auch Widerstände gegen den Versuch, denzen der Spätantike.
die Askese verpflichtend durchzusetzen. Eine wichtige Konsequenz dieses
Prozesses ist die zunehmende Abgren-
zung des Klerus vom Laienstand. Beide Prof. Dr. Christian
Widerstände im Klerus treten in Opposition zueinander (vgl. Hornung ist Professor für
Alte Kirchengeschichte
Der asketische Kleriker steht am Ende A. Faivre, Art. Laie: RAC 22 (2008) und Patrologie an der
eines langen Entwicklungsprozesses. 826–853, hier 850f). Bereits der römi- Universität Bonn und Di-
Er ist das Ideal, nicht die Wirklichkeit, sche Bischof Innozenz (401–417) hatte rektor des Franz Joseph
die oft nur über einen Vergleich und ja im oben zitierten Schreiben an einen Dölger-Instituts
die Berücksichtigung unterschiedlicher gallischen Amtsbruder die Enthalt-
Quellengattungen (bes. Briefe und Pre- samkeit für den höheren Klerus damit

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Das Amt und die Weisung Jesu

„Ihr sollt euch


nicht Vater
nennen lassen“
Nach dem Matthäusevangelium sagt Jesus zu seinen
Jüngern: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen las-
sen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid
Brüder. Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater
nennen; denn nur einer ist euer Vater: der im Him-
mel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen;
denn nur einer ist euer Lehrer: Christus. Der Größte
von euch soll euer Diener sein“ (Mt 23,8-11). Wie
sind die gewachsenen kirchlichen Ämter vor diesem
Hintergrund zu sehen?

t Gottesdienst in der Kirche San Filippo Neri, Turin.

Der Weisung des Evangeliums an die Jünger Jesu, sich nicht Aus den bisherigen Überlegungen ergibt sich eine nicht
Herr, Lehrer oder Vater nennen zu lassen, scheint die gegenwär- unwichtige Frage: Wenn – fußend auf der Autorität der Heiligen
tige kirchliche Praxis auf den ersten Blick zu widersprechen. Ein Schrift – nur gesagt werden kann, dass jedes kirchliche Amt
gut Teil des Widerspruchs klärt sich jedoch, wenn man darauf Dienstcharakter haben muss, wenn – anders gesagt – nicht nur
achtet, dass dem Evangelium immer im Geist und nicht dem relativ unwichtige Amtsunterschiede wie Pfarrer und Kaplan
Buchstaben nach entsprochen werden muss. oder Dechant und Prälat, sondern auch Unterscheidungen wie
Dem Geist Jesu aber entspricht das kirchliche Amt, solange Bischof, Presbyter und Diakon nicht auf eine ausdrückliche Wei-
es nicht auf Macht und Wissen gründet, sondern als Dienst, als sung Jesu oder der Apostel zurückgehen, sondern aus konkreten
diakonia begriffen und gelebt wird. Das ist in der Tat die einzige, Notwendigkeiten der schnell wachsenden und missionierenden
aber auch die unaufgebbare und nie revidierbare Forderung, die Kirche geschichtlich geworden sind, könnten dann nicht in einer
vom Neuen Testament an jedes kirchliche Amt gestellt wird, soll anderen geschichtlichen Situation – falls notwendig oder
es so bleiben, wie Jesus es gewollt hat. wenigstens wünschenswert – diese Ämtergliederungen revidiert
© Philippe Lissac / Godong / akg-images

Andere Versuche, die kirchlichen Ämter in ihrer äußeren und ganz neue Organisationsformen versucht werden? Wobei
Gestalt und Organisation vom Neuen Testament abzuleiten, nur eins zu beachten wäre, dass auch die neu entstehenden
müssen scheitern, weil 1. die Vergangenheit nie einfach wie- Ämter sich als Dienst an und in der Kirche verstehen.
derholt werden kann, 2. das Neue Testament keine fertigen
Ämter, sondern vielmehr rasch einander ablösende Modelle der (Ernst Dassmann: Sind die kirchlichen Ämter so, wie Jesus
Gemeindeleitung kennt und es 3. nicht gelingt, über die kirchen- sie gewollt hat? In: Ämter und Dienste in den frühchristlichen
stiftende Absicht Jesu hinaus konkrete Formen des Amtes oder Gemeinden. Bonn 1994, 27)
der Gemeindeleitung auf ihn selbst zurückzuführen.

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Interview

„Immer neue Dienste vorstellbar“


Welche Auswirkungen kann der Blick in die frühe Gestaltung
der christlichen Ämter für heute haben? Professorin
Dr. Dorothea Sattler von der Universität Münster beantwortet
dies im Blick auf die katholische Kirche.

Welt und Umwelt der Bibel: Die Bibel tigte. Hat das eine Bedeutung für Prof.in Dr. Dorothea Sattler ist Professorin
ist die unhintergehbare Grundlage heute – wären auch ganz neue Ämter für Ökumenische Theologie und Dogmatik an
der Westfälischen Wilhelms-Universität Müns-
der Kirche. Welche Rolle spielt sie für denkbar?
ter und Direktorin des Ökumenischen Instituts
die Frage nach den gegenwärtigen In der theologischen Reflexion gibt es an deren Katholisch-Theologischer Fakultät.
Organisationsformen und Ämtern in die Unterscheidung zwischen dem einen Gemeinsam mit dem Osnabrücker Bischof
der Kirche? Grund der Existenz der Kirche, nämlich Franz-Josef Bode leitet sie das Forum „Frauen
Prof. Dr. Dorothea Sattler: Auf der nor- ihr Zeugnis für Jesus Christus, und den in Diensten und Ämtern in der Kirche“ beim
mativen Ebene ist die Weisung des 2. Va- vielen Gestaltungsformen von Diensten Synodalen Weg der katholischen Kirche.
tikanischen Konzils sehr klar: Die „Hei- und Ämtern in der Kirche. In jeder Zeit
lige Schrift ist Gottes Rede“, die „Heilige gibt es aus christlicher Sicht immer nur
Überlieferung aber gibt das Wort Gottes eine Not: das österliche Evangelium in historischen Befund. Es bedarf hier einer
(…) weiter“ (vgl. Dogmatische Konstitu- der verbleibenden Lebenszeit mit allen geistlich begründeten Entscheidung, de-
tion über die Göttliche Offenbarung „Dei geistigen und physischen Kräften zu ren Kriterium der Sinn der Sendung der
Verbum“, Nr. 9). Das bedeutet: In jeder verkündigen. Vor diesem Hintergrund Kirche sein sollte: der Verkündigung des
Gegenwart – auch heute – gewinnt die sind immer wieder neue Dienste und österlichen Evangeliums in der Not auch
Kirche durch ein von Gottes Geist gelei- Ämter vorstellbar – heute beispielswei- unserer Zeit mit allen Kräften zu dienen.
tetes Studium der Bibel Einsicht in Got- se solche, die stärker die Begleitung Mit der Wertschätzung der Diakonie, in
tes Willen. Die Tradition soll (lediglich) von Lebenswegen in Offenheit für ge- der Frauen und Männer in einem eige-
bewahren, was die Bibel lehrt. wählte oder erlittene Biografien in den nen sakramentalen Dienstamt tätig sind,
Die Rezeption dieser Weisung ist fak- Blick nehmen. Vieles spricht dafür, könnte die Kirche heute an Glaubwürdig-
tisch mit sehr vielen Schwierigkeiten dass es zukünftig einer höheren Acht- keit in der Gesellschaft gewinnen.
verbunden: Bereits innerhalb des einen samkeit auf die psychotherapeutischen
biblischen Kanons lassen sich Verände- und kommunikativen Kompetenzen bei Wo sehen Sie konkrete Impulse für
rungen bei der Gestaltung der Dienste kirchlichen Diensten bedarf. heutige Amtsstrukturen im Neuen
und Ämter erkennen; was gilt dann? Testament oder in den ersten Jahr-
Mit welchem Interesse wählt wer einzel- Welche Bedeutung hat der Blick in hunderten des Christentums?
ne Bibelzitate aus? Sollen wir zurück- die frühe Kirchengeschichte in die- Ich wünsche mir eine Kirche im Sinne
kehren zu dem guten, charismatisch sem Zusammenhang? Derzeit unter- Jesu: stets auf der Wanderschaft mitein-
begründeten Anfang in der Vielfalt der sucht eine päpstliche Kommission ander im Lobpreis der guten Schöpfung
Dienste und Ämter? Oder hat sich schon zum zweiten Mal, welche Aufgaben Gottes; aufmerksam auf die Armen und
in biblischer Zeit gezeigt, dass eine amt- Diakoninnen hatten. Kranken am Wegesrand; sensibel für die
liche Ordnung in hierarchischer Form In den Reflexionen über Dienste und Äm- Unterscheidung zwischen der äußeren Er-
unabdingbar bei der Tradierung des ter in der Kirche ist zwischen der Nach- füllung von Vorschriften und den inneren
Evangeliums ist? zeichnung der Genese und der Erhebung Erfordernissen bei der Formung authenti-
Wir brauchen gegenwärtig dringend der Geltung zu unterscheiden. Durch scher Persönlichkeiten; nicht auf materi-
das interdisziplinäre Gespräch in der alle noch so differenzierteren Kenntnisse ellen Besitz bedacht; immer nahe an den
theologischen Wissenschaft, um dem der biblischen sowie der nachbiblischen Grundfragen der Existenz: Wie gelingt
hohen geistlichen Anspruch gerecht zu Entwicklung allein lassen sich keine Kri- Versöhnung? Was geschieht im Tod?
werden, den das 2. Vatikanische Konzil terien finden, die unabweisbar eindeutig Viele Menschen leben solche Dienste
formuliert hat. das kirchliche Handeln bei der Gestal- und Ämter – auch wenn sie dafür weder
tung von Diensten und Ämtern anleiten bezahlt werden noch andere Formen der
Die frühe Kirche hat flexibel die Äm- könnten. Immer gibt es Ausnahmen, formalen Anerkennung finden.
ter geschaffen, die sie jeweils benö- Gegenbeispiele und offene Fragen im Die Fragen stellte Barbara Leicht.

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welt und umwelt der bibel 3/2020 59
aus der welt der bibel

Ausgrabungen an der westmauer in Jerusalem

Unterirdische Räume
T ief unter dem Boden nahe der Westmauer: ein großes öffentliches
Gebäude aus byzantinisch-umaijadischer Zeit mit einem weißen
Mosaikboden. Die Überraschung wartet aber unter dem Mosaikfuß-
boden: ein in den gewachsenen Fels gehauener Raum aus der Zeit
des Herodianischen Tempels. Darin befinden sich mehrere Wandni-
schen, manche für Öllampen, andere größer sowie eine Öffnung zu
einem weiteren Raum. Laut den Archäologen der Israel Antiquities
Authority ist die Nutzung des unterirdischen Systems unklar. Hat es
als Versteck gedient? Als Kellerraum für Lebensmittel? Es muss je-
denfalls schon vor der Zerstörung Jerusalems in den Fels gearbeitet
worden sein. Tonkochtöpfe, Öllampen, ein Steinbecher und ein Qalal
– ein großes Steinbecken für Wasser – wurden in den Räumen ent-
deckt und legen die Datierung nahe. W

60 welt und umwelt der bibel 3/2020


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Inhalt
60 bis 67
Panorama
Gedanken zur Corona-Krise:
Plagen, Seuchen, Pandemien. Spurensuche in der Bibel
DNA-Analysen von Qumranschriften
Felsritzungen im Sinai entdeckt

68 bis 71
Die großen Städte der Bibel
Babylon – „Mutter der Huren“ und Zentrum
der Heiligkeit

72 bis 75
Die Bibel in berühmten Gemälden
William Holman Hunt: Die Auffindung Jesu im Tempel

76 bis 77
Ausstellungen und Veranstaltungen

© Shai Halevi, Israel Antiquities Authority

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welt und umwelt der bibel 3/2020 61
panorama

corona-Pandemie I: Eine spurensuche in der bibel

Plagen, Seuchen, Pandemien


Pandemien haben Spuren in der Menschheitsgeschichte hinterlassen, das gilt selbst im 21. Jh.
Schon in biblischer Zeit hat die Gesellschaft Regelungen und Rituale gefunden, mit Infektionen
umzugehen.

E in Gespenst geht um in Europa.“


Man sieht es nicht, kann es nicht
hören, riechen oder schmecken – und
lungen für den Umgang mit Aussätzigen,
die z. B. aufgefordert sind, spezifische
Kleidung zu tragen, ihre Wohnung au-
heute dem örtlichen Gesundheitsamt
zukommt – und wie Gott in diese Rein-
tegration eingebunden ist: durch kulti-
doch ist es da: SARS-CoV-2. Ein Virus, ßerhalb der gemeinschaftlichen Sied- sche Opfer, die der Wiedereingliederung
so wenig zu greifen wie ein Gespenst, lung zu nehmen und durch Ausrufen in die Gesellschaft und der Versöhnung
verbreitet Angst und Schrecken, zwingt andere vor sich zu warnen: „Unrein! Un- mit Gott (vgl. Lev 14,18) dienen. Auch für
uns, die gewohnten Bahnen des Lebens rein!“ (Lev 13,45) – im Prinzip eine Art die Aussatztora haben Krankheit und
zu ändern, auf Nummer sicher zu gehen, antikes physical and social distancing, Heilung also eine religiöse Komponente.
wo immer es möglich ist. Sein Grenzen kommt doch zur physischen Distanz oft
überschreitender, globaler Aktions- auch eine soziale hinzu. Denn mit dem
radius, seine Schnelligkeit und seine Begriff der „Unreinheit“, die ansteckend Krankheit und Unreinheit im
Wahl­losigkeit im Blick auf jene, die es wirken kann, schwingen mal dezenter, Neuen Testament
infiziert, erinnern manche Zeitgenos- mal expliziter auch Aspekte von Krank- Auch das Neue Testament kennt den
sen geradezu an eine Plage. Mit diesem heit und Sünde mit. Aussatz und Aussätzige. Im Markus­
Begriff ist ein biblischer Resonanzraum Im Hintergrund steht der Tun-Erge- evangelium, Mk 1,40-45, etwa begegnet
eröffnet, der dazu einlädt, über Paralle- hen-Zusammenhang, der für viele antike Jesus einem Aussätzigen, heilt diesen
len zwischen Corona, vor allem unserem Gesellschaften eine Art Grund­logik dar- und trägt ihm auf, das nach Lev 14 not-
Umgang mit dieser Krise, und biblischen stellt: Wer sündigt, fällt aus der Heils- wendige Reinigungsopfer zu bringen, so-
Texten nachzudenken. sphäre des Gottes oder der Götter und dass der markinische Jesus durchaus an
ist dem Einflussbereich widergöttlicher einer religiösen Grundierung von Krank-
Mächte ausgesetzt. Der fehlende Schutz heit und Heilung partizipiert. Auch die
Priester als eine Art Gesundheitsamt durch die guten Götter/den guten Gott blutflüssige Frau von Mk 5,25-34, durch
Und tatsächlich: Unsere Strategien im kann sich dann konkret auch in Form ihren dauerhaften Blutfluss ähnlich un-
Umgang mit dem Corona-Virus haben einer Krankheit manifestieren, die je- rein wie ein Aussätziger, wird von Jesus
gewisse Parallelen in biblischen und au- manden getroffen hat, weil er oder sie geheilt. Typische Wundergeschichten
ßerbiblischen Texten, die von anstecken- gesündigt hat. Diese Logik kann man also mit einem Happy End.
den Krankheiten und dem Versuch, sie freilich auch umdrehen und aus einer Beiden Wundergeschichten ist aller-
zu kontrollieren, erzählen. Prototypisch manifesten Erkrankung wie dem Aus- dings etwas gemeinsam, was vor dem
kann dafür der Begriff des „Aussatzes“ satz auf eine zuvor geschehene Sünde Hintergrund der mit Aussatz und Un-
stehen, der eine Sammelbezeichnung für rückschließen. Der sich auf eine Krank- reinheit verbundenen physischen und
Hautkrankheiten aller Art ist, von der ge- heit beziehende Ausruf „Unrein!“ lässt zuweilen auch sozialen Distanz auffällig
fürchteten und hoch ansteckenden Lepra dann auch schnell die brandmarkende ist: Es kommt in beiden Erzählungen
bis hin zur Schuppenflechte. Das Wort Selbstaussage „Sünder!“ mitklingen. vor der eigentlichen Heilung zu einer
„Aussatz“ deutet dabei schon eine Tech- Und von Sündern hält man sich lieber Berührung zwischen Jesus und der kran-
nik an, wie man mit an Aussatz Erkrank- fern – physisch und sozial. ken Person. In Mk 5,27-28 ist das eine
ten umgeht: Man setzt sie aus, drängt sie Die Aussatztora von Lev 13–14 ist Berührung der Gewänder Jesu durch
an den Rand der Gesellschaft, isoliert sie fraglos reflektierter und bedient nicht die namenlose Frau. In der Erzählung
und geht auf Distanz zu ihnen, Techni- in einer platten Form den Tun-Ergehen- von Mk 1,40-45 ist es Jesus, der von sich
ken, die in ihrer Wirkung Quarantäne- Zusammenhang, aber sie benennt eben aus seine Hand ausstreckt und den na-
maßnahmen entsprechen. doch auch Regeln und religiöse Ritua- menlosen Aussätzigen berührt (Mk 1,41)
Die Aussatztora von Lev 13–14, also le, wie die Reintegration in die Gesell- – und damit gegen die Aussatztora ver-
die gesetzlichen Bestimmungen dazu, schaft nach dem Ende des Aussatzes stößt und sich selbst in die Gefahr einer
wie man mit infektiös Erkrankten um- abzulaufen hat, wer dafür zuständig ist Ansteckung und damit eventuell auch
geht, liefert in diesem Sinne klare Rege- – Priester haben dabei jene Rolle, die verbundener sozialer Isolation bringt.

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groSSe pandemien der geschichte: eine auswahl

• Seuche im 14./13. Jh. vC, unter den hetitischen Herrschern


Suppiluliuma I. und Mursili II., in Ägypten unter Amenophis III.,
dokumentiert u. a. auf hetitischen Schrifttafeln.
• „Attische Seuche“ in Athen, 430–426 vC, Hauptquelle ist Thuky-
dides, ein Viertel bis ein Drittel der athenischen Bevölkerung soll
gestorben sein. In Großstädten laut zeitgenössischen Quellen bis zu
10 % Sterblichkeit unter der Einwohnerschaft.
• Antoninische Pest, 165–180 nC unter Kaiser Marc Aurel, ver-
mutlich eine Pockenpandemie in mindestens zwei großen Wellen,
die sich aus dem Orient über Ephesus und Athen bis Rom ausbrei-
tet. Gemäß Quellen (u. a. Galen, Arzt im 2./3. Jh. nC) mit Sympto-
men wie Fieber, Durchfall, Hautausschlag und Halsentzündungen.
• Cyprianische Pest, vermutlich auch eine reichsweite Pockenpan-
demie, Mitte/Ende 3. Jh.
• Justinianische Pest, eine bakterielle Pestpandemie, die über rund
230 Jahre in zahlreichen Wellen und Regionen des Byzantinischen
Reichs auftritt. Die Quellen schildern dramatische Todeszahlen.

Über die genauen politisch-gesellschaftlichen Auswirkungen der


Eines der „Pestgebete“ des König Mursili II., Ende
Infektionswellen und deren Ausmaß sind Fachleute der Geschichts-
14. Jh. vC. Er bittet die Götter, die Seuche zu stoppen,
wissenschaften uneinig – wo sie Kriege beendet oder Kriege entfes- die sein Reich heimsucht, oder ihm wenigstens den
selt haben oder ob die Justinianische Pest mittelfristig das schnelle Grund dafür mittzueilen! War es eine Sünde des Vaters?
Erstarken des arabisch-islamischen Reichs ermöglicht oder be- Oder von ihm selbst? „In das Hattiland habt ihr eine Pest
schleunigt hat. Jenseits aller Details steht fest: Auf die Menschheit eingelassen zu Zeiten meines Vaters und Bruders. Das ist
haben Viren und andere Krankheitserreger und die Folgen einer nun das 20. Jahr, aber das Sterben ist vom
Pandemie oft über Jahrhunderte eingewirkt. Sie sind und waren ge- Hattiland noch nicht genommen.“ Tafel aus Hattuscha
meinschaftliches Geschehen über Generationen. W (Boğazkale, Türkei), Archäologisches Museum Istanbul.

Ein seltsamer Erzählzug, der einen Jesus von faktischer Gesundung, Gesunder- ist leichter? Sünden zu vergeben oder zu
vor Augen stellt, der sich von Unreinen klärung durch einen Priester, kultischen heilen?“ (vgl. Mk 2,9) – eine Frage, die
berühren lässt und Aussätzige berührt. Handlungen, Versöhnung mit Gott und unsinnig wäre, wenn beides identisch
Vielleicht steckt genau in diesem Er- abschließender Reintegration in die Ge- wäre. Krankheiten, auch COVID19, sind
zähldetail einer der Clous der Erzählun- sellschaft dreht Jesus also um: Er integ- keine Strafen Gottes. Wer anderes be-
gen: Der Jesus des Markusevangeliums riert zuerst, dann wird geheilt und am hauptet, hat Wesentliches aus der Jesus-
© Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org

nimmt das Ende der räumlichen und Ende stehen der Priester und die Opfer. überlieferung nicht verstanden.
sozialen Isolation der Kranken vorweg, Der Jesus des Markusevangeliums setzt Keine Frage: Mit SARS-CoV-2 infiziert
obwohl diese nach gesellschaftlichen das für ihn Wichtigste an den Anfang. zu sein ist nicht Aussatz und unser Um-
Maßstäben noch unrein sind. Die Kran- gang mit Erkrankten ist ein anderer als
ken sollen durchgehend Teil der Ge- in biblischen Zeiten. Gleichwohl erin-
meinschaft bleiben. Beiden ermöglicht Krankheiten sind keine Strafe Gottes nern die biblischen Texte daran, dass
er ein Ende ihrer Ausgrenzung und ge- Und: Der markinische Jesus wie über- räumliche Distanz durch Isolation und
rade daraus erwächst dann auch Hei- haupt der Jesus der Evangelien leistet Quarantäne schnell in soziale Isolation
lung: „Und sofort wegging von ihm der entschieden Widerstand gegen jede umschlagen kann. Die jesuanischen Be-
Aussatz“ (1,42); „und sofort vertrockne- Überlegung, hinter Krankheitsphäno- rührungen sind Ermutigungen, kreative
te die Quelle ihres Blutes“ (5,29) heißt es menen Sünde zu wittern (vgl. auch Joh Wege zu finden, bei aller gebotenen und
jeweils unmittelbar im Anschluss an die 9,1-3). Gleich die nächste Erzählung im vernünftigen räumlichen Distanz umso
erzählte Berührung. Für den markini- Markusevangelium, die an die Heilung tragfähigere soziale Brücken zu bauen. W
schen Jesus, der hinter seinen Heilungen des Aussätzigen anschließt, zeigt das Dr. Markus Lau, Oberassistent für neutesta-
immer auch das Wirken Gottes sieht, ist deutlich: In Mk 2,1-12 werden Sünden- mentliche Exegese an der Universität Freiburg/
klar: Hier ist Gott am Werk. Er zeigt sich vergebung und Krankenheilung sehr Schweiz. Er ist Mitglied im Zentralvorstand des
Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
trotz Krankheit und ohne kultische Op- bewusst in eine Beziehung gesetzt, aber Lesetipp: Interview mit Dr. Katrin Brockmöller
fer mit den Erkrankten bleibend „ver- gerade nicht miteinander identifiziert „Gott straft nicht durch Corona“, Link auf
söhnt“. Die aus Lev 14 vertraute Abfolge und fallen insofern nicht in eins. „Was www.bibelwerk.de

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welt und umwelt der bibel 3/2020 63
panorama

corona-Pandemie II: Die Krise als Haftpunkt für Erinnerungskultur

Erinnerungen an Krisen und Katastrophen


in Steinen, Bildern und Texten
Krisen stellen oftmals Zäsuren
in der Geschichte dar. Etwas
von ihnen bleibt zurück – und
begründet Erinnerungskultur.
Spätere Generationen stehen
diesen Spuren gegenüber ...

D ie Corona-Krise war noch voll im


Gange, da erreichte die Einwoh-
nerinnen und Einwohner des schwei-
zerischen Freiburg eine Einladung des
örtlichen Museums für Kunst und Ge-
In Rom erinnert der Titusbogen an den mit einem Triumphzug gekrönten Sieg
schichte. Man möge die eigenen Erfah-
Roms über die Juden im Krieg der Jahre 66–70 nC. Beutestücke wie Menora oder
rungen mit Corona dokumentieren und
Schaubrottisch werden als Kriegsbeute inszeniert, die ihren Weg nach Rom finden.
als Video oder als Text an das Museum
Aus jüdischer Perspektive dokumentieren der Bogen und sein Bildprogramm
schicken. Das Museumsteam wollte die indes die Krise eines verlorenen Krieges und das Drama der Tempelzerstörung.
individuellen Spuren der Corona-Pan-
demie bewahren und ausstellen. Die
Leitfragen, die das Museum der Öffent- Gebäuden und ganzen Städten. Säcke antike Münzen erweitern. Und wäre To-
lichkeit mitgab, waren sehr alltägliche: voller Münzen, gut verborgen in der Erde ilettenpapier nicht kurzlebiger als eine
nach veränderten Lebensgewohnheiten oder in Felsspalten versteckt, verdanken Münze aus Metall, würden zukünftige
im Privaten wie im Beruf, neuen Quellen sich oft dem menschlichen Hang zum Generationen vielleicht verwundert über
der Freude und des Trostes, nach Sorgen, Hamstern und Horten gerade in Krisen- Papierrollenlager stolpern.
Problemen und Ängsten und den Erleb- zeiten. Sie zeugen davon, dass Menschen

© Sodabottle, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org; Israel Antiquities Authority/Liat Nadav-Ziv.


nissen mit dem social distancing. Die lieber auf Nummer sicher gehen, wenn
Krise – oder besser: unser Umgang mit die dominierende Ordnung bedroht er- Wer reist, besucht antike Spuren
ihr – als museales Ereignis, als etwas, scheint. Uns ermöglichen sie spektaku- von Katastrophen
das man für die Zukunft bewahren muss. läre Hortfunde, die unser Wissen über Fraglos sinnvoller war da die Einlage-
Ein, wie ich finde, großartiges Projekt, rung jener beschriebenen Rollen aus
das sich geradezu wie von selbst in eine Pergament, Papyrus und Kupfer, die
Vielzahl von Objekten einordnet, denen in den Höhlen von Qumran gefunden
wir schon jetzt in Museen begegnen wurden. Auch die Einlagerung der be-
können. Denn überaus viele Spuren der rühmten und in ihrer Bedeutung kaum
Vergangenheit verdanken sich letztlich zu überschätzenden Qumranbibliothek
Krisen, Katastrophen und Konflikten. in Höhlen wie etwa auch die des Baba-
tha-Archivs verdanken sich nämlich den
kriegerischen Katastrophen, die die bei-
Horten und Hamstern den jüdisch-römischen Kriege mit sich
Katastrophen sind für die Archäologie gebracht haben. Und auch einige der
seit jeher Chancen: Pompeji und Herku- berühmtesten Orte und Bauwerke in Je-
laneum wurden durch einen Ausbruch rusalem und Rom entstehen nach diesen
des Vesuvs wie eine Zeitkapsel eingefro- beiden krisenhaften Ereignissen. Der
ren, aus der wir heute noch Neues lernen Hortfund von Goldmünzen aus Titusbogen mit seinem Bildprogramm
können. Zerstörungsschichten in Aus- frühislamischer Zeit, gefunden 2019 in (s. Bild) wie auch das Kolosseum sind
grabungen helfen bei der Datierung von Javneh. Ein Sparschwein für Krisenzeiten? eigentlich Memorialbauten, die an den

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Panorama

Sieg Roms über die Juden erinnern soll- sche Reisen geht, ist also unbewusst letzt- tastrophen des Christentums schlechthin,
ten. lich auch ein Katastrophentourist. Und die die Jesusanhängerinnen und -anhän-
Und wer in Jerusalem die sogenannte Bibelleserinnen und -leser sind es auch. ger indes in den Spuren Jesu zu deuten
Klagemauer aufsucht, der steht am Ort Denn Spuren vom deutenden Umgang mit vermögen, sodass sogar dem Tod Jesu am
der Erinnerung an den von Rom zerstör- Krisen, Katastrophen und Konflikten ha- Kreuz etwas Heilvolles abzugewinnen ist.
ten Tempel und Tempelplatz – und ist in ben sich auch in unseren biblischen Tex- Krisen vergehen – Gott sei Dank! – die
jüdischer Perspektive gerade dort Gott, ten erhalten, sei es das Babylonische Exil, Erinnerung an sie darf bleiben. Sie bietet
dessen einziger Tempel auf Erden zerstört sei es die Tempelzerstörung 70 nC, sei es Chancen, um aus ihnen zu lernen. W
worden ist, besonders nahe. Wer auf bibli- die Kreuzigung Jesu – eine der Grundka- (Markus Lau)

neues standardwerk erschienen

Die „Bibel“ der Keramikfans


Ohne jene Forscher/innen, die auf akribische Weise Hunderttau-
sende Scherben klassifiziert haben, wären viele Datierungen von
Ausgrabungsschichten unmöglich gewesen. Ein neues Werk fasst
Jahrzehnte von Forschungsergebnissen für die Zukunft zusam-
men – und der Herausgeber erklärt uns dessen Bedeutung.

S eit mehr als 50 Jahren war das Stan-


dardwerk für alle Keramikfragen die
herausragende Arbeit The Ancient Pot-
neuen Bände fügen nicht nur Kapitel über
die persische und hellenistische Periode
hinzu und erweitern das Keramikkorpus Ein Kochtopf aus dem 7. Jh. vC
tery of the Holy Land von Ruth Amiran. für alle betrachteten Zeiträume, sondern erzählt über die Lebensgewohnheiten
Doch seitdem hat eine archäologische enthalten eine erweiterte archäologische seiner Nutzerinnen und Nutzer.
Revolution stattgefunden – aufgrund der Aufzeichnung der Eisenzeit II: Hier hat
Ergebnisse von Hunderten von neuen man geradezu dramatische neue Funde, ser Kochtopf und Kochtöpfe aus anderen
Ausgrabungen in der gesamten südlichen die Daten zum Verständnis der histo- Regionen ein relativ ähnliches Fassungs-
Levante. Nun ersetzt ein neues Werk das rischen Entwicklung der vorexilischen vermögen – im Gegensatz zu den flachen
von Ruth Amiran: The Ancient Pottery Zeit liefern. Diese Bände sind für die ar- Kochgefäßen, die in Cis- und Transjorda-
of Israel and Its Neighbors (Volumes 1–2, chäologische und bibelwissenschaftliche nien in der Eisenzeit IIA–B, 9./8. Jh. vC, be-
2015, Volume 3, 2019) ist eine gemeinsa- Forschung von Bedeutung, aber auch bei nutzt wurden. Die Verwendung kleinerer
me Publikation der Israel Exploration Ausgrabungen, insbesondere für Studie- Kochtöpfe deutet auf eine Änderung der
Society, des W. F. Albright Institute of Ar- rende, die lernen möchten, Keramik­typen Ernährung und/oder der gemeinschaft-
chaeological Research, der Israel Antiqu- zu erkennen und zu datieren. Denn die lichen Essgewohnheiten hin!
ities Authority und der American Schools Keramik stellt einen einzigartigen Daten- Jedes Kapitel ist eine Welt für sich
of Oriental Research. Die beitragenden satz im Zusammenhang mit der materiel- und bietet einen kurzen Überblick über
Autoren gehören zum „Who is who“ der len Kultur bestimmter Epochen dar und die Epoche und eine Einführung in das
Archäologie der biblischen Länder mit liefert immer neue Informationen über Wesen der zur Diskussion stehenden
Beiträgen aus Israel, Europa, den Ver- die Vergangenheit. Keramik. Der zweite Band enthält auch
einigten Staaten und Kanada. Alle drei Ein Beispiel: Der primäre philistäische Keramikgruppen der Eisenzeit I–II aus
Bände – von der Mittelbronzezeit bis in Kochtopf-Typ, der eine wichtige leiten- Phönizien, Zypern, Griechenland und
die hellenistische Zeit – sind nun erschie- de Form für diese Zeit darstellt, ist klein Ägypten sowie Keramik im assyrischen
nen. bis mittelgroß mit einem kugelförmigen und ägyptischen Stil. W
Sie stellen eine neue „Keramik-Bibel“ Körper, einem umgebogenen Hals, ei-
© Courtesy Seymour Gitin

dar, die für die archäologische Forschung nem scharf profilierten, abgeschrägten Seymour Gitin, Direktor des W. F. Albright Insti-
von grundlegender Bedeutung ist: Ke- Rand und zwei Henkeln mit Rillen. Er ist tuts von 1980–2014 und Herausgeber. Die drei
ramik ist eines der wesentlichen Instru- in Timna, Aschdod und Aschkelon sowie Bände von The Ancient Pottery of Israel and
mente zur Erstellung einer Chronologie im Küstenort Mesad Haschhavjahu im Its Neighbors können bei der Israel Exploration
insbesondere für die biblische Zeit. Die 7. Jh. vC gut belegt. Im 7. Jh. vC haben die- Society unter IES@vms.huji.ac.il bestellt werden.

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welt und umwelt der bibel 3/2020 65
panorama

Höhlenkunst im Nördlichen sinai

Felsritzungen
zeigen Tiere
Der Sinai übt in seiner Schroffheit
eine eigentümliche Faszination
aus. Nun wird von dort eine
weitere Spur menschlicher Kultur
gemeldet. Blick aus der Höhle ins Wadi al-Zulma, Nordsinai, 65 km
östlich des Suezkanals. An der Innenwand der Höhle erkennt
man Tiere, darunter Steinböcke, Strauße, Kamele, Maultiere ...

E in archäologisches Team unter der Lei-


tung von Hisham Hussein hat im Wadi
al-Zulma im Nordsinai in einer antiken
Höhle Felsritzungen entdeckt, teilte das
ägyptische Ministerium für Tourismus und
Altertümer im Mai mit. Hussein datiert eini-
ge der Ritzungen in die Naqada-III-Epoche
(etwa 3200–3000 vC), weist aber darauf
hin, dass die Stätte noch nicht vollständig
erforscht ist.
Im Südsinai war im Januar zuletzt der
Fund von Felszeichnungen bekannt gege-
ben worden, die auf bis zu 10.000 vC datiert
wurden, sich aber deutlich von den jetzt öf-
fentlich gemachten unterscheiden. W (wub/
ahramonline/smithsonianmag)

dänische Bibelübersetzung ersetzt „israel“

„Unser Hüter“ oder „der Hüter Israels“?


D die dänische Bibelgesellschaft hat
eine Zeitgenössische dänische Bibel
2020 herausgegeben, in der der Name
Testament größtenteils auf das Volk Got-
tes bezieht, mit dem er einen Bund ge-
schlossen hat.“ „Israel“ könne als Land
tisemitismus und eine Delegitimierung
des Staates Israels mitschwingen; in die
Diskussion, wie erschreckend kurz Wege
„Israel“ an fast allen Stellen des Neuen missverstanden werden. zum Antisemitismus sein können und
und einigen Stellen im Alten Testament Während die Bibelgesellschaft nach welch hohe Wachsamkeit nötig ist. Ent-
ersetzt wurde. So heißt es beispielsweise eigener Aussage eine die säkularen Le- sprechend scharf fiel die Kritik im Rahmen
„der Gott des jüdischen Volks“ statt „der ser/innen verwirrende Mehrdeutigkeit des jüdisch-christlichen Dialogs aus.
Gott Israels“ oder „unser Hüter“ statt „der des Begriffs auflösen will, sehen kriti- Die vielen historischen, theologischen
Hüter Israels“ (Ps 121,4). Die Argumenta- sche Stimmen die Causa im Rahmen der und bibelwissenschaftlichen Fragen
© Hesham Hussein/Sinai Antiquities

tion (nachzulesen auf der Website bibel- christlichen „Ersatztheologie“ (nach der rund um die inneren Beziehungen von jü-
selskabet.dk) lautet: „In der Übersetzung die Kirche das neue Gottesvolk ist). An- discher Bibel und christlicher Bibel wer-
des Neuen Testaments wird Israel mit Das dere nehmen sie in die breite Debatte um den seit der Antike kontrovers diskutiert.
Jüdische Volk, Die Juden, Gottes erwähl- BDS hinein (die internationale Bewegung In einer Neuauflage soll „Israel“ als
tes Volk oder einfach Das Volk übersetzt, Boycott, Divestment and Sanctions) und geografische Bezeichnung wieder einge-
weil die Mehrheit der dänischen Leser damit in die Diskussion, inwiefern bei fügt werden, nicht aber, wo es im Sinne
nicht weiß, dass sich Israel im Neuen Formen von Israelkritik unmittelbar An- von „Volk Gottes“ steht. (wub)

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Panorama

schriften vom toten meer

Was verrät eine DNA-Analyse


über Qumranschriften?
Mit aufwändiger Technik ist es Forscherinnen und For-
schern gelungen, DNA aus Tierhäuten der Schriftrollen zu
Schriftfragment der Jeremiarolle, eines der
entschlüsseln. Nun haben sie ihre Ergebnisse präsentiert.
Stücke, von denen Partikel für die DNA-Analyse
Doch wie aussagekräftig sind diese? entnommen wurden.

D ie zigtausend Stücke von antiken


Schriftrollen, die in den Höhlen von
Qumran, weiteren Orten am Toten Meer
nen. Interessant war für die Forschenden
aber insbesondere die Frage, ob man mit
der Sequenzierung von DNA „zwischen
des Textes zirkulierten und nicht nur
auf die Schreiber der „Qumran-Sekte“
zurückzuführen seien. „Die antike DNA
und in der Judäischen Wüste gefunden den Schriftrollen, die dieser Sekte eigen beweist, dass zwei Exemplare von Jere-
wurden, sind ein ungleich bedeutender sind, und anderen Schriftrollen, die eine mia, die sich textlich voneinander un-
Fund. Mit immer neuen Techniken ver- größere Verbreitung widerspiegeln“, terscheiden, von außerhalb der Judäi-
suchen daher Fachleute, ihnen Erkennt- unterscheiden kann, so der Biowissen- schen Wüste hergebracht wurden.“ Der
nisse über die Zeit des frühen Judentums schaftler Oded Rechavi von der Tel Aviv Umgang mit der Schrift habe sich stärker
vor der Zerstörung des Tempels im Jahr University. Laut Rechavi war ein wichti- auf die „richtige“ Interpretation des Tex-
70 nC zu entlocken. Nun haben Forsche- ges Ergebnis die Identifizierung von zwei tes als auf seinen Wortlaut oder die exak-
rinnen und Forscher winzige Material- unterschiedlichen Jeremia-Fragmenten. te sprachliche Form bezogen.
mengen von 26 Fragmentrückseiten ab- Beide sind auf Kälberhäute geschrieben. Auch die genetische Analyse von
gekratzt – und tatsächlich gelang es, aus Eines der Fragmente hatte man bislang Fragmenten der nichtbiblischen „Sab-
diesen Tierhautspuren DNA zu extrahie- einem anderen Jeremiarollen-Fragment batopferlieder“ deute darauf hin, dass
ren und zu entschlüsseln (veröffentlicht zugeordnet, das sich nun als Schafshaut auch diese Texte über Qumran hinaus
in Cell 181). Ein interdisziplinäres Team herausstellte. „Da die Rinderhaltung im Umlauf waren.
der Universitäten Tel Aviv und Uppsala Gras und Wasser benötigt, ist es wahr-
hatte über sieben Jahre an der Frage- scheinlich, dass das Kälberfell nicht in
stellung gearbeitet, ob die genetischen der Wüste verarbeitet wurde, sondern Schriftrollen aus anderen Teilen
Beziehungen zwischen Fragmenten von einem anderen Ort zu den Höhlen des Landes?
Aufschlüsse darüber erlauben würden, von Qumran gebracht wurde. Dieser Be- Weiterhin konnte die DNA-Analyse laut
welche Stücke zur selben Schriftrolle fund ist auch deshalb von Bedeutung, der Studie bestätigen, dass die Häute
gehören, woher die Tierhäute stammen, weil die Kälberhautfragmente von zwei jener Schriften, die man bislang schon
aus welchem Radius die Schriften zum verschiedenen Exemplaren des Buches aufgrund des Schreibsystems der Sek-
Toten Meer gebracht wurden, inwiefern Jeremia stammen, die beide unterschied- te zuordnen konnte, auch genetisch
welche Schriften vom Toten Meer die Bi- liche Versionen zeigen, die wiederum mitein­ander verbunden sind. Sie unter-
bliothek einer kleinen, sehr speziellen vom heute bekannten biblischen Text scheiden sich aber von Schriften, die
Sekte darstellen und welche die ganze abweichen.“ man zwar in denselben Höhlen gefun-
Bandbreite des damaligen Judentums den hat, die aber nach neuer Erkenntnis
© Shai Halevi, Courtesy of the Israel Antiquities Authority

mit seinen vielen unterschiedlichen von anderswo hergebracht wurden und


Gruppierungen widerspiegeln. Kann man eine frühjüdische inhaltlich die breitere jüdische Gesell-
Vielfalt des Bibeltexts nachweisen? schaft dieser Zeit widerspiegeln.
Den Schluss, den das Forschungsteam Insgesamt darf man die Ergebnisse
Woher stammen die Tierhäute? daraus zieht, formuliert Bibelwissen- vermutlich nicht überstrapazieren. Dass
Erhalten und bislang gefunden sind etwa schaftler Noam Mizrahi: „Seit der Spät­ einige Schriften von außerhalb stam-
25.000 Fragmente. Tausende davon sind antike ist der biblische Text fast voll- men, war bekannt, und die mögliche
noch immer nicht den ca. 1.000 Schrift- ständig einheitlich. Eine Torarolle in Herkunftsklärung des Pergaments sagt
rollen zuordenbar, die man mittlerweile einer Synagoge in Kiew wäre praktisch nichts darüber aus, wo es beschrieben
klassifiziert hat. Ein genetischer Nach- buchstabengetreu identisch mit einer in wurde. Und doch ist die neue Studie ein
weis könnte also helfen, Häute etwa vom Sydney.“ Die Ergebnisse deuteten dar- weiterer Baustein in der Erforschung
selben Schaf einer Schriftrolle zuzuord- auf hin, dass verschiedene Versionen dieses Schatzes der Antike. W (wub/IAA)

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welt und umwelt der bibel 3/2020 67
Die groSSen Städte der Bibel | Babylon

Babylon
SY
R IEN
„Mutter der Huren“ und Zentrum
Bagdad der Heiligkeit
IRAK
Babylon

Babylon, Hauptstadt eines Reiches, das sich vom Mittelmeer bis zum Per-
S AU D I - sischen Golf erstreckte, flankierte die biblische Geschichte und hinterließ
ARABIEN tiefe Spuren im jüdischen und christlichen Gedächtnis. An den Ufern des
Euphrat war allerdings schon im Mittelalter nicht mehr übrig als ein Chaos
aus Lehmziegeln.

B abel wird ein Trümmerhaufen, eine Behau­


sung für die Schakale, Entsetzen und Spott,
wo niemand mehr wohnt …“ (Jer 51,37). Hatte
Stadt Babel, die sich Benjamin präsentierte, war
nur ein riesiges Ödland, bewohnt von Plünde­
rern und giftigen Tieren. Und dennoch: In dieser
Benjamin von Tudela wohl diese Prophezeiung trostlosen Landschaft jahrtausendealter Lehm­
des Jeremia im Sinn, als er um 1170 auf die Rui­ ziegelstrukturen, durch Plünderungen zerstört
nen von Babylon stieß? Der jüdische Gelehrte und vom Wind angegriffen, werden der deutsche
und Rabbiner verließ seine nordspanische Hei­ Archäologe Robert Koldewey (siehe Kasten) und
mat Navarra, um jüdischen Gemeinden auf der seine Nachfolger herausragende Denkmäler der
ganzen Welt zu begegnen, und beschrieb als antiken Metropole finden.
erster westlicher Reisender die Hauptstadt des
Alt- und des Neubabylonischen Reichs (2. und
1. Jahrtausend vC). Natürlich wusste Benjamin Ein Ort des Kultes und der Kultur
nur zu gut, dass einer der Könige, Nebukadnez­ Zur Zeit des Babylonischen Exils war die Stadt
zar II., 587 vC das Ende des Königreichs Juda von einem Doppelwall umgeben, der Euphrat
besiegelt und seine Eliten an den Euphrat de­ floss mitten hindurch. Die wichtigsten Gebäude
portiert hatte! Und dass damit die Zeit des Exils befanden sich am linken Ufer des Flusses, in der
begann, mit dem sich das Judentum für lange inneren Umfriedung mit ihren monumentalen
Zeit an den Ufern des Euphrat etablierte. Die Portalen. Das wichtigste Bauwerk im Norden war
der Göttin Ischtar gewidmet. Es war mit email­
lierten Ziegeln mit Motiven von Stieren und Dra­
chen geschmückt, die einen großen Eindruck
Zur Orientierung hinterließen. Hier verlief die Prozessionsstraße,
die an einem der Königspaläste entlang zum Be­
reich des Marduk führte, dem obersten Gott des
Gründung : 3. Jahrtausend vC
Pantheons und Schutzgott der Stadt. Das Heilig­
Hauptstadt : 18. Jh. vC tum bestand aus einem unteren Tempel namens
Höhepunkt : 6. Jh. vC Esagila, der von einer Esplanade begrenzt wurde,
auf der eine Zikkurat namens Etemenanki stand.
Aufgegeben : 4. Jh. nC Während der Akitu-Feierlichkeiten, mit denen im
Wiederentdeckt : 10. Jh. nC Frühling das neue Jahr gefeiert wurde, verließ die
Statue des Gottes sein Heiligtum und wurde mit
Ausgrabungen : 1899
großem Pomp die Prozessionsstraße hinaufge­
Restaurierungen: 1980 tragen, zu einem weiteren Heiligtum außerhalb
der Mauern auf der anderen Seite des Flusses.

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Die meisten der ausgegrabenen Überreste
stammen aus der Regierungszeit Nebukadnez­
zars, aber die Vergangenheit Babylons reicht
viel weiter: Die Stadt war bereits im 18. Jh. vC
mit König Hammurabi (1792–1750 vC) in die
Geschichte eingegangen. Bis dahin war sie nur
einer der unzähligen kleinen Stadtstaaten, die
seit dem 3. Jahrtausend Zentralmesopotamien
prägten. König Hammurabi, amoritischer Her­
kunft, Autor eines der ältesten bekannten Ge­
setzbücher, vereinte das untere Mesopotamien
und bestimmte Babylon als Hauptstadt. Die
Einheit des Königreichs war allerdings nicht
von langer Dauer – kaum ein halbes Jahrhun­
dert später, 1595, plünderten die Hetiter die
Stadt und beendeten die Dynastie. Babylon
wird Ende des 1. Jahrtausends vC unter einer
neuen Dynastie, der kassitischen, Ansehen als
religiöse und kulturelle Hauptstadt wiederer­
langen. Zu diesem Zeitpunkt wurden die gro­
ßen mythologischen Fresken angefertigt, mit
denen Marduk, der Schutzgott der Stadt, an die
Spitze der Weltordnung gestellt und zur Grund­
lage der königlichen Legitimation wurde. Von Die Prozessionsstraße, wie sie sich heutigen Besuchern präsentiert. Sie
da an erhielt die Herrschaft über Babylon eine führte zu den Arealen des Marduk-Tempels und seiner Zikkurat, Esagila und
immens politisch-religiöse Bedeutung. Die Etemenanki.
Assyrer, die ihr Reich auf Babylonien ausdeh­
nen, respektieren seinen Status, auch wenn
ihr König Sanherib nach einem Aufstand 689
Kassiten Zikkurat
vC die Stadt zerstören und die Götterstatue des
Die Dynastie der Kassi- Mehrstufiges Turmbau-
Marduk nach Assur bringen ließ. Sein Nach­
ten, die aus einer Region werk, auf dem ein Tempel
folger wird die Stadt aber wiederaufbauen und außerhalb von Mesopota- thront. Die Zikkurat
Marduk als Stadtgott wieder in sein Heiligtum mien stammte, dominierte spiegelt sich nach Ansicht
einsetzen. Eine neue babylonische Dynastie Babylon lange Zeit. Sie mancher Forscher auch in
nutzte den Untergang des Assyrischen Reiches unterlag um 1160 vC den der Vorstellung des bibli-
im Jahr 612 vC und stellte Babylon bald als kö­ Angriffen der Elamiter. schen Turms von Babel.
nigliche Residenz und Hauptstadt des neuen
Reichs wieder her. Die lange Regierungszeit des
Nebukadnezzar II. (605–562 vC) markierte den
Höhepunkt. Seine Eroberungspolitik führt ihn Eine Ausgrabung und ihr Ausgräber
auch nach Judäa; die Eroberung Jerusalems,
die Zerstörung des Tempels und die Deporta- Im Auftrag der Kaiserlichen Museen zu Berlin und der Deutschen
tion der Judäer nach Babylon werden immense Orient-Gesellschaft besuchte der deutsche Architekt und Archäo-
Auswirkungen auf die Zukunft des Judentums loge Robert Koldewey (1855–1925) 1897 Mesopotamien auf der
haben. Seine Regierungszeit wird die agilste Suche nach einer geeigneten Ausgrabungsstätte. Seine Wahl fiel auf
und prachtvollste sein. Babylon und seine Hei­ Babylon, wo er wunderschöne emaillierte Ziegel mit Reliefs entdeck-
ligtümer werden mit beispiellosem Luxus wie­ te und außergewöhnliche Architektur ahnte. Der erste Spatenstich
deraufgebaut. Aber der Glanz ist nur von kur­ erfolgte im Frühjahr 1899. Mehr als 20 Jahre lang grub und such-
zer Dauer: Weil König Nabonides (556–539 vC) te er, umgeben von vielen Assistenten und Arbeitern und mit den
© Dorling Kindersley/UIG/Leemage

den Gott Sin dem Marduk vorzieht, entfremdet Methoden seiner Zeit, und entdeckte die großen Prachtbauten der
er sich den babylonischen Klerus und stürzt Stadt: den königlichen Palast, Tempel, Stadtmauern und Ischtar-Tor,
das Königreich in eine Krise, die tödlich sein die Prozessionsstraße, die zum Tempel des Marduk und seiner Zik-
wird. Kyrus, der persische Eroberer, erobert die kurat führte ... Und trotzdem öffnete er kaum die Hälfte der Gesamt-
Stadt 539 vC ohne Gegenwehr. Zwei Jahrhun­ fläche des Stadtgebiets.
derte später träumt Alexander der Große auf
dem Höhepunkt seiner Herrschaft davon, die

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welt und umwelt der bibel 3/2020 69
Das Ischtar-
Tor, Eingang zur
„Innenstadt“ von
Babylon mit dem
Palast des Nebu-
kadnezzar sowie
den Tempelanlagen
des Gottes Marduk.

© BS für MdB / 2011

70 welt und umwelt der bibel 3/2020


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Die groSSen Städte der Bibel | Babylon

auf das Exil fokussieren – Jeremia, Ezechiel, Mythische Figur


Daniel, Esra … – ist der babylonische Einfluss des Sirrusch (oder
auf die Genesis von Bedeutung. Wie die Pries­ Muschuschu)
terschaft Marduks das Schöpfungsepos Enuma Der Archäologe Robert
Elisch verfasst und komponiert hatte, eine Er­ Koldewey untersuchte
zählung über die Ursprünge des Kosmos, in der die Gestalten der
die Überlegenheit Babylons gründet, so verfasste Prozessionsstraße sorg-
die Priesterschaft JHWHs eine Darstellung der fältig. Im Sirrusch
Ursprünge Israels seit der Schöpfung und for­ („gehende Schlange“)
mulierte sie in ihrer eigenen Theologie neu. Das findet er: Schlange,
äußerst populäre Gilgamesch-Epos inspirierte Stierhörner, Raubkat-
zudem direkt die Erzählungen der Erschaffung zenbeine – und Füße
Adams und der großen Flut mit der Arche des eines Greifvogels,
Noach. Die mesopotamische Figur des „leiden­ allerdings „mit dem
den Gerechten“ und das Thema des Leids, das Fußwurzelgelenk eines
über Unschuldige hereinbrechen kann, haben Vierbeiners“, wie er
feststellt.
eine biblische Entsprechung im Buch Ijob. Auch
die Arbeit der Deportierten auf den großen könig­
lichen Baustellen sowie die Zikkurat von Baby­
lon hat sicherlich die Geschichte des Turms von
Babel inspiriert wie auch die Vorstellung der Zer­
Babylonischer Talmud
streuung der Völker. Viel später, zu Beginn des
Sammlung des mündli-
3. Jh. nC, entsteht der Babylonische Talmud in
chen Gesetzes und der
der hoch produktiven babylonischen Diaspora. Debatten der jüdischen
Auf christlicher Seite zeugt die Johannesoffenba­ Gelehrten Babyloniens
rung, die gegen Ende des 1. Jh. nC verfasst wurde, nach der Zerstörung des
von dem in dieser Zeit noch immer eindrucks­ Tempels in Jerusalem
vollen Ruf Babylons: Rom wird mit der Chiffre durch die Römer im Jahr
Babylon als „Babylon, die Große, die Mutter der 70 nC.
Huren und aller Abscheulichkeiten der Erde“
(Offb 17,5) bezeichnet.
Wenn sich, wie Benjamin von Tudela im
12. Jh. feststellte, Jeremias Prophezeiung tat­
sächlich erfüllt hat, ist vielleicht auch Jeremi­
Hauptstadt seines Reiches hier in Babylon zu as Ruf „Suchet das Wohl der Stadt, in die ich
errichten. Sein Tod im Jahr 323 vC durchkreuz­ euch weggeführt habe, und betet für sie zum Lesetipps
te das Vorhaben. Dennoch blieb die Stadt ein Herrn; denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl!“ • Raoul Schrott,
mesopotamisches Mekka der Kultur und des (Jer 29,7) noch in den Ruinen des 21. Jh. zu Gilgamesh Epos, Hörbuch,
Heiligen, bis ihr die Sassaniden im 3. Jh. nC hören ... (Estelle Villeneuve, Archäologin und Der Hörverlag 2006.
ein endgültiges Ende setzten. Die Pracht des Wissenschaftsjournalistin, Paris) W • www.talmud.de
alten Babylon wird erst unter der Kelle der Ar­
© Dosseman - CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.com; public domain

chäologen im 19. Jh. wieder auftauchen – und


durch den übermäßigen Ehrgeiz von Saddam
Hussein. Ende der 1980er-Jahre wird der Dikta­
tor tatsächlich die grandiose Restaurierung des Babylon auf fünf Keilschrifttafeln
Ortes anordnen, „um für das irakische Volk den
Stolz seiner glorreichen Vergangenheit wieder­ Egasil, Etemenanki, Ischtar-Tor ... Archäologen kennen die Namen
herzustellen“ … und um sich als würdiger Erbe von Orten und Bauwerke von Babylon – dank der Babylonier selbst!
von Hammurabi und Nebukadnezzar zu insze­ Die Schriftgelehrten hatten sie tatsächlich auf einer Serie von 5 Keil-
nieren! schrifttafeln aufgeführt. In der Assyriologie ist die Tafel-Serie unter
dem Namen TIN.TIR (= Babylon) bekannt. Die Texte beschreiben
in der Art von topografischen Führern metrische Angaben etwa
Untrennbar mit der Bibel verbunden der Prozessionswege und der Anlagen der heiligen Stätten – als
Babylon hat tiefe Spuren in der Bibel hinterlas­ Zentrum der Welt unter der Führung des Gottes Marduk.
sen und die Bibel hat unseren Blick auf Babylon
geprägt. Neben den biblischen Büchern, die sich

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welt und umwelt der bibel 3/2020 71
Die bibel in berühmten gemälden

Die Auffindung Jesu im Tempel


William Holman Hunt Von Régis Burnet

F ür viele, die Museumsräume mit


Werken des 19. Jh. durchschreiten,
mag dieses Gemälde der Höhepunkt des
nig Tiefe und so wenig Helldunkel wie
möglich darzustellen, um das zu zeigen,
was er für die nackte Realität hielt.
eher sanftmütige Gemälde ist eine Art
Archetypus der viktorianischen spiritu-
ellen Ästhetik.
Kitsches sein. Die Familie Jesu erscheint Er reiste dafür extra in den Orient, um
sanftmütig, die Haltungen werden über- mit einer etwas wahnhaften Detailver-
betont, und das Ganze ist in einen Trö- sessenheit nicht nur die Kleidung und Der historische Hintergrund
delmarkt-Orientalismus getaucht. Den- Interieurs Palästinas genau darzustel- Im England des 19. Jh. entstand aus der
noch ist es ein künstlerisches Manifest len, sondern auch die Fundobjekte, die Industriellen Revolution ein Bürgertum,
einer klar formulierten Theologie. nun von einer noch im Entstehen begrif- für das die Kunst anschaulich und er-
Hunts Rückkehr zur Realität, wie sie fenen wissenschaftlichen Archäologie baulich sein musste. Die erste Hälfte
auch von seinen prä-raffaelitischen ausgegraben wurden. Aus diesem Grund des Jahrhunderts begünstigte daher ei-
Freunden in England in der Mitte des 19. malte er die Heilige Familie nach Model- nen dekorativen Realismus und einen
Jh. vertreten wird, ist Teil der Faszina­ len, die er vor Ort angetroffen hatte und traditionellen Moralismus. Als Reak-
tion für den Orient in der viktoriani- die er wahrscheinlich auswählte, weil tion auf das, was sie an der Akademie
schen Gesellschaft. Sie dient aber gleich- sie eben nicht dem bis dahin bekannten gelehrt wurden, diskutierten drei junge
zeitig dazu, eine zutiefst protestantische Figurenkanon entsprachen. Dem pro- Künstler – Millais, Rossetti und Hunt –
Malweise auszudrücken: Denn wenn der testantischen Prinzip des sola scriptura leidenschaftlich über Raffaels Malerei
Künstler auf die „raffaelitische“ Malerei entspricht eine Art sola terra, in der die und insbesondere über Raffaels symbol-
verzichtet, kehrt er damit auch einer ka- himmlischen Geschöpfe Raffaels keinen trächtige „Verklärung“ (vgl. Beitrag zum
tholischen Darstellung der Göttlichkeit Platz mehr haben sollten. Gemälde in WUB 3/2019), die sie für zu
pompös und künstlich konstruiert hiel-
ten. Zusammen mit vier anderen Künst-
Der Maler lern gründeten sie die „Präraffaelitische
Für viele mag dieses William Holman Hunt (1827–1910) war Bruderschaft“ (The Pre-Raphaelite Brot-
Gemälde der Höhepunkt einer der Begründer der prä-raffaeliti- herhood), die sich für eine Rückkehr
schen Schule, zusammen mit Dante Ga- zum Realismus und der Spontaneität
des Kitsches sein briel Rossetti und John Everett Millais. einsetzt, die sie in der flämischen Ma-
Seine Werke sind mit einer farbenfrohen lerei umgesetzt sahen. Ihre Leitsätze
und lebendigen Palette gemalt und ver- fassten sie in vier Aussagen zusammen:
Jesu den Rücken zu, die durch die Ide- suchen, das natürliche Licht zu übertra- originelle Ideen ausdrücken; die Na-
algestalt der Figuren, eine Vielzahl von gen. Manchmal grenzen sie durch die tur sorgfältig studieren; in der antiken
symbolischen Zeichen (Strahlenkränze, Präzision des Pinselstrichs und den Wil- Kunst das finden, was direkt, ernst und
Nimben, fliegende Gewänder ...) und len, auch die kleinsten Details wiederzu- aufrichtig ist; nur schöne Bilder produ-
die Künstlichkeit der festgelegten Posen geben, an fotografischen Realismus. Zu zieren.
lebt. Für Hunt und für die evangelische Beginn seiner Karriere wenig bekannt,
Theologie, die zu seiner Zeit an Einfluss wurde er in den 1880er-Jahren zu einem
gewann, wurde die Menschwerdung mit- populären Maler, insbesondere mit „Das Die Geschichte des Motivs
ten in einer Welt vollzogen, die man so Licht der Welt“, das er in mehreren Ver- Im Westen ist das Motiv selten, es stammt
authentisch wie möglich wiederentde- sionen malte und von dem eine späte aus dem christlichen Osten, in dem sich
cken wollte. So entschied der Maler sich, Version (1900) in der Kathedrale Saint um das 9. Jh. folgende Darstellungsform
einen Raum ohne Mysterium, mit so we- Paul’s in London zu finden ist. Dieses etablierte: Christus, auf einem Thron

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welt und umwelt der bibel 3/2020
unter einem Baldachin sitzend, lehrt die J. Breu, Dürer) oder sie werden in lächer- Das Gemälde
auf Bänken sitzenden Gelehrten, indem lichen Verzweiflungshaltungen dar­­ge­­ Die Auffindung Jesu im Tempel
er mit der autoritativen Geste des Red- stellt, wenn sie die Macht der Argumente (The Finding of the Saviour),
ners die Hand hebt. Maria und Josef sind Jesu erkennen (Francken in Antwerpen, William Holman Hunt, 1860,
soeben eingetreten und befinden sich in Giuseppe Ribera). Seit dem 19. Jh. ist das Öl auf Leinwand, 141 x 85,7 cm.
einer Ecke des Bildes. Diese Ikonografie Thema in der Kunst selten geworden. Birmingham Museums and Art Gallery.
bewegt sich fast unverändert durch das
Italien des 13. und 14. Jh. und findet sich
etwa bei Duccio, Giotto, Fra Angelico
oder in den Miniaturen. Im 15. Jh., unter
dem Einfluss der erstarkenden moder- Die Quelle
nen Mariologie und Marienfrömmigkeit,
bleibt das Motiv in Bildnissen der Jung- „Da geschah es, nach drei Tagen fanden ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht,
frau Maria, die ihren Sohn gefunden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter dass ich in dem sein muss, was meinem
hat, erhalten. Die Szene ist auch Teil der den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Vater gehört? Doch sie verstanden das
Verehrung der „Sieben Schmerzen Mari- Fragen. Alle, die ihn hörten, waren er- Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hat-
ens“, die der Orden der Serviten seit dem staunt über sein Verständnis und über te. Dann kehrte er mit ihnen nach Na-
14. Jh. inszenierte, und manchmal se- seine Antworten. Als seine Eltern ihn zaret zurück und war ihnen gehorsam.
hen wir Maria in der Szene weinen, ein sahen, waren sie voll Staunen und seine Seine Mutter bewahrte all die Worte in
Schwert in ihrem Herzen. Ab dem Spät- Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast ihrem Herzen. Jesus aber wuchs heran
mittelalter ist das Motiv eine Gelegen- du uns das angetan? Siehe, dein Vater und seine Weisheit nahm zu und er fand
© UIG/Leemage

heit, wachsende Judenfeindschaft und und ich haben dich mit Schmerzen ge- Gefallen bei Gott und den Menschen.“
Judenhass auszudrücken: Die Lehrer sind sucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt (Lukas 2,46-52)
empörte Karikaturen (Altar in Melk von

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welt und umwelt der bibel 3/2020 73
Die bibel in berühmten gemälden

1 Viele bedeutsame Details


3
Hunt nimmt die Lehre der von ihm 2
1
bewunderten flämischen Künstler 4
auf, nach der eine realistische Male-
rei nicht auf Symbolismus verzichten
muss – wie die rechte Seite des Gemäl-
des zeigt, auf der sich wichtige Details
sammeln. An der Tür befindet sich eine
Inschrift in lateinischer und hebräi-
scher Sprache: „Dann kommt plötzlich
zu seinem Tempel der Herr, den ihr
sucht.“ Sie klärt, dass die dargestellte
Episode die Verheißung aus Maleachi
3,1 erfüllt. Die Vögel könnten auf die
Taube des Heiligen Geistes anspielen,
von denen einer in die Diskussion im
Tempel „einfliegt“. An der Tür steht ein
blinder Mann, eine Vorwegnahme der
Heilungen, die Jesus in seinem öffent-
lichen Wirken vollziehen wird. Im Hin-
tergrund ist eine Bauszene zu sehen,
in der die Arbeiter misstrauisch auf
einen Stein blicken, der auf das Zitat
aus Psalm 118,22 anspielen könnte, das
Matthäus 21,42 auf Jesus anwendet: Ein sehr ungewöhnlicher
„Der Stein, den die Bauleute verworfen
2
Erlöser
haben, er ist zum Eckstein geworden.“
Die Jesusfigur ist diejenige, die Hunts
Zeitgenossen am meisten in Erstau-
nen versetzt hat, weil sie gänzlich mit
dem Kanon der Christusdarstellung
bricht. Jesus ist hier ein Teenager mit
einem sehr ausgeprägten Typus und
dichtem rotbraunen Haar. Er spielt –
mit den Gedanken woanders – mit der
Schnalle, die den breiten Gürtel um
seine gefranste Tunika hält. Er wurde
gerade mitten in einer Diskussion un-
terbrochen und bleibt ein Fremder in
seiner Familie, die ihn aus dem Kreis
der Gelehrten isoliert. Abgelenkt hält
er den Unterarm seiner Mutter. Man
kann das gegenseitige Unverständnis
zwischen ihm und seinen Eltern ab-
lesen; der biblische Dialog endet mit
„Doch sie verstanden das Wort nicht,
das er zu ihnen gesagt hatte“ (Lk 2,50).
Gleichzeitig scheint er den Betrachter tion zum dargestellten biblischen Text
durch eine stille Anfrage als Zeugen einnehmen: Wo steht man selbst? Auf
zu nehmen, indem er ihm direkt in die der Seite der Priester und Gelehrten,
Augen schaut. Wer das Bild anschaut, die ihn ablehnen werden, oder auf der
muss sich auf die Szene einlassen und Seite von Maria und Josef, die ihn in
soll gemäß der protestantischen Theo- den Kreis der Familie einsperren wol-
logie seiner Zeit eine persönliche Posi- len? Oder …?

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Die bibel in berühmten gemälden

3 Gelehrte vor Jesu Toraauslegung Hunt, verschiedene psychologische Profile des Widerstands
gegen Christus darzustellen. Diese Porträts sind teilweise kari-
Nach späteren Angaben seines Freundes Frederic George Ste- katurhaft und tendenziell antisemitisch. Das erste ist nach der
phens (in dessen Werk: William Holman Hunt and His Works: Beschreibung Stephens’ der „blinde, törichte, altersschwache“
A Memoir of the Artist’s Life, with Description of His Pictures, Rabbi, der sich „hartnäckig und doch schwach“ an die Tora
Nisbet, 1861, heute auf Google Books nachzulesen) versucht klammert und „eben die Art von hartnäckigem Festhalten an
der alten und erschöpften Doktrin und hartnäckiger Ablehnung
des Neuen“ ist. Seine Haltung wird verstärkt durch den neben
ihm sitzenden, der „in der einen Hand eine Gebetskapsel mit
den Verheißungen der jüdischen Offenbarung hält und mit
der anderen den Blinden berührt, als wolle er eine beidseiti-
ge Zufriedenheit über ihre Selbstgenügsamkeit zum Ausdruck
bringen – welche Neuheit auch immer aus dem Gespräch mit
Christus hervorgehen mag“. Während der Alte eine überkom-
mene Lehrmeinung verkörpert, repräsentiert sein gesunder
und kräftiger Gefährte eine Art konservatives Establishment,
das sich nicht von etwas Neuem stören lassen will. Der Nächste
in der Reihe argumentiert leidenschaftlich mit dem Text in der
Hand: Er ist das Bild starker geistiger Kräfte, die mit allen Mög-
lichkeiten ihres Verstands der Botschaft Jesu widerstehen. Im
Gegensatz dazu scheint sein Begleiter links von ihm, mit Griffel
in der Hand und einem großen Phylakterium auf seiner Stirn,
den Pharisäer darzustellen, der sich auf eine Verurteilung Jesu
vorbereitet. Der fünfte Gelehrte ist ein Genießer, der mit einem
Becher Wein in der Hand die Debatte zu beruhigen scheint; im
Gegensatz zu seinem Nachbarn, der misstrauisch hervorblickt,
und dem letzten Rabbi, der sich für die Jungfrau Maria zu inte-
ressieren scheint. Die Musiker, die hinter ihnen stehen, zeigen
Nuancen von Spott und Verachtung.

4 Ein sinnbildlicher Hintergrund Wie der rechte Teil des Gemäldes, so ist auch der Hintergrund
voller allegorischer Elemente. Er zeigt die Prozession zur
Opferung eines Lammes für die Geburt eines Kindes; es wird von
seiner Mutter vor den Augen eines Geldwechslers weggetragen.
Man erkennt die Umsetzung des levitischen Gesetzes, das
wiederum durch die Gelehrten im Vordergrund repräsentiert
wird. Wir können auch eine Reihe von Anspielungen auf
Jesus sehen: die Darstellung des Jesuskindes im Tempel, die
bei der Tempelaktion vertriebenen Händler und vor allem die
im ganzen Neuen Testament allgegenwärtige Metapher des
Lammes Gottes, das für die Sünde der Welt geopfert wird; die
Konfrontation mit den Gelehrten nimmt also Jesu Verhör vor
den Hohepriestern, die Jesus verurteilen werden, erzählerisch
vorweg.

Régis Burnet
ist Professor für
Neues Testament
an der Universität
Louvainla-Neuve
© UIG/Leemage

(Belgien).

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welt und umwelt der bibel 3/2020 75
Ausstellungen und veranstaltungen

Studientag zur aktuellen Ausgabe: Ämter in der frühen Kirche Studientag zu WUB 1/2020 „Rom“

münchen wels
Frauen in kirchlichen Ämtern – die Weichenstellungen der Antike ROM – Stadt der
15. Oktober (14–22 Uhr), Katholische Aademie in Bayern, München
frühen Kirche
10. –11. Oktober 2020 (9–12.30 Uhr)
REFERENTEN/INNEN: Prof. Dr. Georg Schöllgen (Bonn), Prof. Dr. Hartmut Leppin (Frankfurt),
Bildungshaus Schloss Puchberg, Wels
Prof. Dr. Christiane Zimmermann (Kiel), PD Dr. Achim Budde (München),
Dr. Christiane Florin (Köln), u. a. m. BEGLEITUNG: Dr. Reinhard Stiksel,
Bibelwerk Linz
TEILNAHMEGEBÜHR: Gesamtarrangement (Teilnahme an allen Vorträgen/Podium)
pro Person € 30,-; Einzelvortrag € 8,-; Abendpodium € 10,- (ermäßigt: je kostenlos) TEILNAHMEGEBÜHR: € 50,-
Auf Anfrage ist auch eine Übernachtung in unserem Hause möglich. ANMELDUNG und INFORMATION:
Bildungshaus Schloss Puchberg,
ANMELDUNG und INFORMATION: Wir bitten um schriftliche Anmeldung auf anhängender
Puchberg 1, A-4600 Wels,
Karte des beigelegten Programm-Flyers oder online unter www.kath-akademie-bayern.de,
Tel. +43 (0)7242 47537,
Tel. +49 (0)89 38 10 20, E-Mail: info@kath-akademie-bayern.de
E-Mail: puchberg@dioezese-linz.at,
Die Veranstaltung der Katholischen Akademie in Bayern findet in Kooperation mit Welt und
schlosspuchberg.at
Umwelt der Bibel statt. Dieser Auflage liegt deshalb ein Flyer zur Tagung bei!
Eine Veranstaltung des Bibelwerks Linz.

Bereits vormerken zu WUB 4/2020 „Leben nach dem Tod“


aachen
Auferstehung der Toten – Herausforderung für Glaube und Verstand
9.–10. Oktober 2020 (18–18 Uhr), Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen

REFERENTEN: Prof. Dr. Roman Rolke (RWTH Aachen), Prof. Dr. Ulrich Lüke (St. Franziskus-Hospital Münster), u. a.

LEITUNG: Dr. Georg Souvignier, Bischöfliche Akademie Aachen. In Kooperation mit der Evangelischen Akademie im Rheinland

TEILNAHMEGEBÜHR: € 76,- (inkl. Verpflegung/EZ); € 43,- (inkl. Verpflegung/ohne Übernachtung)

ANMELDUNG und INFORMATION: Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen, Leonhardstr. 18–20,
52064 Aachen, E-Mail: esther.schaeffter@bistum-aachen.de, Tel. +49 (0)241 47996-29 ; bak-ac.de

Öffentliche wissenschaftliche Tagung als Ergänzung zu dieser Ausgabe:

münchen
Gottesdienst und Macht – Klerikalismus in der Liturgie
28.–29. Oktober 2020
Katholische Akademie in Bayern, Mandlstraße 23, 80802 München, Tel. +49 (0)89 381020

REFERENTEN/INNEN und PODIUMSTEILNEHMER/INNEN: Prof. Dr. Armin Nassehi,


Prof. Dr. Julia Knop, Nora Gomringer, Prof. Ulrich Khuon, Dr. Christiane Theobald,
Prof. Dr. Winfried Haunerland, Prof. Dr. Angela Berlis, Prof. Dr. Alexander Deeg,
Prof. Dr. Benedikt Kranemann, Erzpr. Constantin Miron, Pfr. Dr. Stefan Schweyer

ANMELDUNG und INFORMATION:


Nähere Informationen werden im Lauf des Sommers bekannt gegeben.
Die Tagung findet im Auftrag der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz statt.
© akg-images / André Held

Mit „Klerikalismus in der Liturgie“ sind Formen inadäquater Machtausübung und Herausstellung
des priesterlichen Amtes gemeint, wie sie in der Praxis vorkommen; aber auch Asymmetrien und
Hierarchien, die durch die liturgischen Ordnungen selbst vorgesehen sind.

Für alle, denen eine physische Teilnahme nicht möglich ist, werden digitale Möglichkeiten bereitgestellt.

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welt und umwelt der bibel 3/2020
Ausstellungen und veranstaltungen

berlin Paderborn
Sommer 2020 ab 24. Juli 2020
Neue Dauerausstellung im Peter Paul Rubens
Jüdischen Museum Berlin und der Barock im
Norden
Nach zweijährigem Umbau präsentiert das
Jüdische Museum Berlin eine neue Daueraus- Der Antwerpener Künstler
stellung im Libeskind-Bau. Sie erzählt aus jü- Rubens gab bedeutende
discher Perspektive die Geschichte der Juden Impulse, ja er revolutionier-
in Deutschland vom Mittelalter bis heute. Im te mit seinen neuartigen
Zentrum: die Beziehung von Juden zu ihrer Bildideen die Malerei und
christlichen und zunehmend säkularen Um- Bildhauerkunst des 17./18. Jh.
welt – zwischen Zugehörigkeit und Ausgren- Welche waren die bedeuten-
zung, nachbarschaftlichem Zusammenleben den Innovationen in Malerei,
und Gewalt; von den Anfängen jüdischen Architektur und Kirchenaus- Verkündigung an Maria, Peter Paul
Lebens in Deutschland über die Emanzipa- stattung des Barock? Bedeu- Rubens, um 1620, Gemäldegalerie der
tionsbewegung der Aufklärung bis in die tende Exponate dokumen- Akademie der bildenden Künste Wien.
Gegenwart. Die Zeit des Nationalsozialismus tieren die Verbreitungs- und
sowie das Kapitel „Nach 1945“, das bis zum Erfolgsgeschichte der Kunst
Neubeginn und Wandel jüdischen Lebens der südlichen Niederlande und zeigen, dass die Migration von Künstlern
in der Migrationsgesellschaft Deutschland ein wichtiger Motor für die Ausbreitung des Barock war. Eine Ausstellungs-
heute reicht, nehmen den größten Raum ein. abteilung widmet sich der Aktualität des Barock: Sie zeigt Tendenzen der
Einblicke in jüdische Themen unterbrechen Gegenwartskunst, die Konzepte und Wahrnehmungsweisen der barocken
den historischen Durchgang: Was ist im Kunst aufgreifen.
Judentum heilig? Wie feiert man Schabbat?
Welchen Klang hat das Judentum? Themati- Erzbischöfliches Diözesanmuseum und Domschatzkammer, Markt 17,
© Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum; Foto: Carolin Breckle; Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

sche Inseln laden Besucher/innen ein, sich 33098 Paderborn, Tel. +49 (0)5251 125-1400,
in jüdische Kultur und Religion zu vertiefen. Di–So 10–18 Uhr, Eintritt € 9/7/5, dioezesanmuseum-paderborn.de

Jüdisches Museum Berlin, Lindenstrasse 9–14,


10969 Berlin, Tel +49 (0)30 259 93 300, speyer
Mo–So 10–20 Uhr, ab 5. september 2020
www.jmberlin.de
Medicus – Die Macht des Wissens
Berlin Vorbehaltlich aller Unwägbarkeiten soll die
ab Sommer 2020 Ausstellung wieder eröffnen, nachdem sie im März
vorzeitig schließen musste. Bezugnehmend auf die
Kalligraph des Königs – Daud Hossaini
mitreißende Erzählung „Der Medicus“ von Noah
und: Naturstudien – Zwischen Kunst
Gordon kann man hier eine kulturhistorische Schau
und Wissenschaft zur Geschichte der Medizin besuchen. Sie vermittelt
Die zwei kleinen Sonderausstellungen die komplexe und faszinierende Entwicklung des
nehmen ihre Besucher/innen mit auf Reisen: medizinischen Fortschritts vom Alter-
einmal in die Welt der Poesie Zentralasiens tum bis zur Gegenwart. Wie gelangte
anhand der Kalligraphien von Daoud Hossai- das antike Wissen über Rom und By-
ni (1894–1979), afghanischer Kalligraph und zanz in den arabischen Raum? Und
hoher afghanischer Beamter. Und einmal in wie kehrte es im 11. Jh. nach Europa
die Welt der künstlerischen Auseinanderset- zurück, wo es auf die Welt der Klos-
zung mit der Natur in der islamischen Kunst. termedizin traf? Natürlich wird auch
auf die wissenschaftliche Forschung
Museum für Islamische Kunst, Pergamonmuseum, der Zukunft ausgeblickt.
James-Simon-Galerie, Bodestraße, 10178 Berlin,
Tel +49 (0)30 266 42 42 42, Historisches Museum der Pfalz, Domplatz 4, Haus- und Reise-
Mo–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, 67346 Speyer, Tel. +49 (0)6232 13 25 0, apotheke des Papstes
Eintritt € 19/9,50 (Pergamonmuseum), smb.de Di–So 10–18 Uhr, Eintritt € 16,50/10/7, Paul V., Augsburg,
museum.speyer.de vor 1600.

Weitere Veranstaltungen rund um die Bibel finden Sie


auf www.bibelwerk.de/verein > Veranstaltungen 2010112004530F-01 am 11.10.2020 über http://www.united-kiosk.de
welt und umwelt der bibel 3/2020 77
Vorschau

IMPRESSUM
Die nächste Ausgabe im November 2020: Heft 3/2020

Leben nach dem Tod


„Welt und Umwelt der Bibel“ ist die deutsche
Ausgabe der französischen Zeitschrift
„Le Monde de la Bible“, Bayard Presse, Paris.
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
Von Osiris zu Jesus enger Zusammenarbeit mit international
anerkannten Wissenschaftler/innen.
Verlag und herausgerber:
Katholisches Bibelwerk e.V.,
edition „Welt und Umwelt der Bibel“,
Postfach 15 03 65, 70076 Stuttgart,
Tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77
bibelinfo@bibelwerk.de
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Was kommt danach?
Redaktion: Dipl.-Theol. Barbara Leicht,
… in Ägypten und im Dipl.-Theol. Dipl.-Päd. Helga Kaiser
Alten Orient Korrektorat: Michaela Franke M.A.,
m._franke@web.de
… in den vielen Modellen
Anzeigenverwaltung: Ralf Heermeyer,
im Neuen Testament heermeyer@bibelwerk.de
… in der frühen Kirche Erscheinungsort: Stuttgart
© S. 4-5, 68–75 Ba­yard Presse Int.,
… in jüdischen, „Le Monde de la Bible“ 2019, all rights reserved;  
christlichen und © sonst edition „Welt und Umwelt der Bibel“
muslimischen Schrif- Übersetzungen:
Helga Kaiser
ten des Mittelalters
Gestaltung: Olschewski Medien GmbH,
Stuttgart, Sabrina Kirchner, Grafikdesignerin
Druck: C. Maurer GmbH & Co. KG, Geislingen/
und so geht es weiter: Steige
• Leben am See Gennesaret. Neue Forschungen in der Heimat Jesu PREISE: „Welt und Umwelt der Bibel“
erscheint vierteljährlich.
• Die Samaritaner: Die unbekannten Geschwister Israels • Einzelheft: E 11,30 zzgl. Versandkosten
• Jahresabonnement: E 40,- inkl. Versandkosten
• ermäßigtes Abonnement für
Schüler/Studierende E 32,- inkl. Versandkosten
bestimmen sie mit, was sie lesen! • Abonnement mit Lieferung ins Ausland:
E 46,- /ermäßigt E 38,- inkl. Versandkosten

Liebe Leserinnen und Leser, MITHERAUSGEBER:


Schweiz:
Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB,
Wir laden sie ein, an den heftplanungen teilzunehmen. Pfingstweidstrasse 28, CH-8005 Zürich
Wir beginnen nun, die Ausgabe 3/2021 zu konzipieren: Tel. +41 (0)44/2059960, Fax: +41 (0)44/2014307
info@bibelwerk.ch
Einzelheft sFr 19,- (zzgl. Versandkosten)
Johannes der Täufer – Jahresabonnement sFr 70,-
(inkl. Versandkosten)
radikaler Prophet am Jordan
Österreich:
Österreichisches Katholisches Bibelwerk,
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Ihre Redaktion Helga Kaiser, Wolfgang Baur und Barbara Leicht möglich.

78 welt und umwelt der bibel 3/2020


2010112004530F-01 am 11.10.2020 über http://www.united-kiosk.de
■  Verständliche Beiträge
■  Nah am Leben
■  Eine Oase zum Schmökern

Die Themen 2020


■  1/20, Exodus Ab Ausgabe
3/2020
■  2/20, Immer wieder sonntags
auch als
■  3/20, Engel – Boten der Nähe e-journal!
Gottes
■  4/20, Zukunft

Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte und weitere Infos zur Zeitschrift unter www.bibelheute.de

■  Neues und Aktuelles aus


Forschung und Praxis
■  Beiträge international
anerkannter Bibelwissen-
schaftler/-innen
■  Ausführliche Informationen
Die Themen 2020 über weiterführende
■  1/20, Essen. Mahl anders
Ab Ausgabe Literatur zum
■  2/20, Bibel in der Liturgie 3/2020 Heftthema
■  3/20, Erschütterungen auch als
■  4/20, Psalmen
e-journal!

Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte und weitere Infos zur Zeitschrift unter www.bibelundkirche.de

■  Anspruchsvoll illustriert
■  Informiert über Religionen,
Kulturen und Geschichte
der biblischen Welt
■  Reportagen, Ausgrabungen
und Ausstellungshinweise
Die Themen 2020
■  1/20, Rom
■  2/20, Die Könige von Israel
und Juda
■  3/20, Ämter in
der frühen Kirche
■  4/20, Leben nach dem Tod.
Von Osiris zu Jesus

„Bibel heute“ als Mitglied beziehen: 9 40,­­– • „Bibel und Kirche“ als Mitglied beziehen: 9 40,­­–
„Bibel heute“ und „Bibel und Kirche“ zusammen 9 60,–
(Schüler, Studenten, Rentner und Geringverdiener nur 9 25,– bzw. 9 35,–)

Katholisches Bibelwerk e.V., Postfach 150365, 70076 Stuttgart


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Schätze aus 20 Jahren
Unsere Backlist

o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Echnaton und Nofretete, 4/01


o Schöpfung, 2/96 o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02
o Damaskus, 1/97 o Jesus der Galiläer, 2/02
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 o Himmel, 4/02

Einzelheft € 4,90
e [A] 5,50 / sFr 9,50
o Der Tempel von Jerusalem, 3/99 o Entlang der Seidenstraße, Sonderheft 2002
o Christus in der Kunst (1): o Die Kreuzzüge, 3/03
Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Der Nil, 1/04
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Flavius Josephus, 2/04
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Der Jakobsweg, 3/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Prophetie und Visionen, 4/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Babylon, 3/05
o Paulus, 2/01 o Juden und Christen, 4/05

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

Einzelheft € 9,80
o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12

e [A] 11,50 / sFr 19,–


o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o Nordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14

o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 o Nächstenliebe – ein christlicher Wert?, 2/18
o Jesus der Heiler, 2/15 o Irland – Christentum zwischen Druiden u. Mönchen, 3/18
o Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 o Die abenteuerliche Geschichte der Bibel, 4/18

Einzelheft € 11,30
o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 o Das Grab Jesu, 1/19

e [A] 11,80 / sFr 19,–


o Die Christen des Orients, 1/16 o Exodus – Transit in ein neues Leben, 2/19
o Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 o Traum – Fenster zum Göttlichen, 3/19
o Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16 o Maria. Jüdisch, christlich, muslimisch, 4/19
o Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16 o Rom, 1/20
o Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17 o Die Könige von Israel und Juda, 2/20
o Messias – Der Traum vom Retter, 2/17 o Diakone, Witwen und Presbyter, 3/20
o Götter und Tiere, 3/17
o Juden, Christen, Muslime: Kunst des Zusammenlebens, 4/17
o 70 Jahre Qumran: Neue Forschungen, 1/18

o Judäa und Jerusalem, 256 S., 2 12,80, 2 [A] 13,20, sFr 16,– o Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S., 2 16,80
Bücher

o 1001 Amulett, 224 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,– 2 [A] 17,30, sFr 21,–
o Musik in biblischer Zeit, 104 S., 2 11,90, 2 [A] 12,30, sFr 15,– o Engelwelten, 196 S., 2 35,–, 2 [A] 36,–, sFr 45,–
o Kleider in biblischer Zeit,112 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,–

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„Die ,Verklärung‘ von Raffael?


Die Amulette von Ketef Hinnom?“
Die Folgen aller Reihen im Überblick: gezielter Griff zur
richtigen Nummer.

Und mehr:
Downloads,
Reisen,
Studientage …

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