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Filière: Études Allemandes Université Mohammed V de Rabat

Semestre: 1 Faculté des Lettres et des Sciences Humaines


Module: 111-Einführung in die Literatur 1 Département Études Allemandes
Groupe: 8h30-10h30 Cours de: Dr. Djoufack

Cours du 10.11.2020

M2: EINFÜHRUNG IN DIE LITERATUR 1


DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE / EPOCHEN DER DEUTSCHEN LITERATUR

Lernziele

• Die Studierenden sollen wichtige Epoche der deutschen Literaturgeschichte kennenlernen. Zu


diesen Epochen gehört die Epoche der Aufklärung, die hier vorgestellt wird.
• Sie sollen die historischen, sozioökonomischen und ideologischen Aspekte dieses Zeitraums
und die bevorzugten literarischen Gattungen dieser Epoche kennenlernen.
• Anschließend sollen sie sich mit den bedeutenden Philosophen der Aufklärung und ihrer
aufklärerischen Philosophie, aber auch mit den wichtigen literarischen Vertretern dieser
Epoche und ihren literarischen Werken vertraut gemacht werden.
• Sie sollen die wichtigsten literarischen Vertreter (Autoren) der Epoche der Aufklärung, ihre
Werke und die spezifischen Merkmale dieser Werke kennenlernen.

1. AUFKLÄRUNG (1720-1800)

Ganz allgemein betrachtet besteht die Epoche der Aufklärung aus unterschiedlichen Strömungen, die
zwar aufeinander folgen, sich aber auch weitgehend überschneiden. Das bedeutet, dass diese Epoche
sich innerlich und inhaltlich entwickelt, sich modifiziert und sich verändert. Zu diesen Strömungen
zählen:

• die Aufklärung im engeren Sinne: Sie ist die wichtigste literarische Strömung des 18.
Jahrhunderts. Es geht um das Zeitalter, in dem die Vernunft, das rationale Denken als
Maßstab jedes Urteilens gilt.
• die Empfindsamkeit (1740-1780): Die einseitige Orientierung der Aufklärung an die
Vernunft wird in Frage gestellt. Nicht nur die Vernunft hilft bei der Urteilsfindung,
sondern auch die Empfindungen der Menschen.
• der Sturm und Drang (1765-1785): Im Anschluss an die Empfindsamkeit verabsolutiert
der Sturm und Drang die Idee der Freiheit und der Individualität des Menschen.
• die Klassik: Sie versucht, einen Ausgleich, eine Mitte zwischen Vernunft und Gefühl,
Körper und Geist zu finden.
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Wir befassen uns hier zunächst mit der Aufklärung im engeren Sinne (Frühaufklärung)

2. BEGRIFFSBESTIMMUNG

2.1. Wie bezeichnet man „Aufklärung“ in anderen europäischen Sprachen?

• Aufklärung (Deutsch)
• Age of Reason / Enlightenment (English)
• Le siècle des lumières (Französisch)
• L‘ Illuminismo (Italienisch)
• Ilustración (Spanisch)

Schon im ausgehenden 17. Jahrhundert, aber auch im 18. Jahrhundert, wird der Begriff „aufklären“ in
der Meteorologie im Sinne von „aufhellen“, „aufheitern“ verwendet. Im 18. Jahrhundert erhält dieser
Begriff jedoch eine Nuance: Er wird metaphorisch gebraucht. Man spricht von „aufgeklärt“ im Sinne
von „geistig erhellt“, „zur Klarheit geführt“ (d.h. Licht in etwas bringen). Das Substantiv „Aufklärung“
bedeutet „Klarheit“, und das Verb „aufklären“ bedeutet „Licht in etwas bringen“.

Die Kernbegriffe, die man sich in diesen Bezeichnungen des Aufklärungsbegriffs in anderen
europäischen Sprachen merken muss, sind:

• „Reason“ d.h. die „Vernunft“, „la raison“


• „Erleuchtung“ oder „Beleuchtung“, d.h. „la lumière“, „das Licht“, „light“.

Wenn das Zeitalter der Vernunft „the Age of Reason“ ist, dann wird durch diese Definition suggeriert,
dass die Vernunft, ja dass der Gebrauch der Vernunft genau das ist, was uns zum Licht, zur Erleuchtung
führt.

Diese Begriffe sind metaphorisch gebraucht. Dabei setzt sich der Begriff „Licht“ in Opposition zu
„Finsternis“, „enlightenment“ (Helligkeit) in Opposition zu „obscurity“ (Dunkelheit). Aufklärung steht
in Opposition zu einer geistigen Haltung, die seit dem Mittelalter und besonders im Barockzeitalter
herrscht, und zwar Pessimismus, Jenseitsgläubigkeit (Glaube, dass das schöne Leben erst nach dem
Tod, im Jenseits ist), Aberglaube, Bewusstsein der Vergänglichkeit (vanitas: Nichts ist beständig; alles
vergeht, alles stirbt). Die Aufklärung nimmt aber auch Anschluss an Optimismustendenzen des Barock
(carpe diem = genieße den Tag) und stellt diesen Optimismus in den Mittelpunkt des Denkens und des
Handelns.

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Diese Bezeichnungen in verschiedenen Sprachen zeigen, dass die Aufklärung eine europäische
Strömung ist, das heißt, sie entwickelt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen
europäischen Ländern. Überall in Europa distanziert man sich von dem Aberglauben (d.h. falscher
Glaube; auf Französisch: superstition) und von der Dunkelheit, die noch im Mittelalter vorherrschten.
Statt des Aberglaubens und der Dunkelheit will man nun Vernunft und Licht (Aberglaube ≠ Vernunft;
Dunkelheit ≠ Licht).

2.2. Auffassung des Begriffs „Aufklärung bei verschiedenen Denkern

a) Johann Friedrich Zoellner (1753-1804): Was ist Aufklärung?


Im Jahr 1783 stelle der deutsche Theologe Johann Friedrich Zoellner in der Berlinischen Monatsschrift
folgende polemische Frage: „Was ist Aufklärung? Diese Frage, die beinahe so wichtig ist, als: was ist
Wahrheit, sollte doch wohl beantwortet werden, ehe man aufzuklären anfinge! Und doch habe ich sie
nirgends beantwortet gefunden!“ Man könne nach Zöllner nicht den Begriff „Aufklärung“ benutzen,
ohne ihn vorher klar definiert zu haben, ohne dass alle genau wissen, was dieser Begriff bedeutet.
Zoellner fordert mit dieser Frage nach einer klaren Definition des oft gebrauchten Begriffs
„Aufklärung“. Auf diese Frage reagierten deutsche Philosophen wie unter anderen Immanuel Kant und
Moses Mendelssohn, von denen weiter unten die Rede sein wird.

b) René Descartes Werke (1596-1650)


In seinem berühmten Buch Discours de la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité
dans les sciences (1637) stellt der französische Philosoph René Descartes den Gebrauch der Vernunft
in den Mittelpunkt seines Denkens. Er schreibt: „Ne rien comprendre de plus en mes jugements, que
ce qui se présenterait si clairement et si distinctement à mon esprit, que je n‘eusse aucune occasion
de les mettre en doute“. Mit anderen Worten: Die Urteile der Vernunft müssten klar und distinkt
(deutlich) sein, um jeglichem Zweifel standzuhalten.

In seinem Werk Essai de Théodicée (1710) verwendet er „aufklären“ und „Aufklärung“ im


metaphorischen Sinne. Mit den Begriffen „éclairer“ und „éclaircissement“ bezeichnet er die
erhellenden Akte des Verstandes, aber auch die religiöse Erleuchtung.

Mit seinem Verständnis der Aufklärung fordert Descartes, dass unser Geist klar unterscheidet zwischen
dem, was wahr ist, und dem, was falsch ist; zwischen dem, was klar bzw. hell ist, und dem, was dunkel
bzw. unklar ist. Das Wahre wird dabei nicht durch Erscheinungen, d.h. nicht durch Dinge, die wir in der
realen Welt wahrnehmen, definiert. Das Wahre wird vielmehr von dem Urteil unseres Geistes, unserer
Vernunft definiert.

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c) Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)
Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz benutzt den Begriff „éclairé“ in der Bedeutung von
„aufgeklärt“. Auch er benutzt den Begriff Aufklärung im metaphorischen Sinne. Er gebraucht das Bild
des Lichtes, der Aufhellung, um den Prozess der Vermehrung von geistigen Einsichten, der durch
Verstandesübung und religiöse Inspiration in Gang gesetzt werden kann.

Ähnlich wie bei Descartes sehen wir, dass auch für Leibniz die Metapher der „Klarheit“ zentral ist. Mit
dieser Metapher eng verbunden ist die Metapher des „Lichts“, der „Aufhellung“, die auch hier als
Resultat einer Aktivität des Geistes zu verstehen sind.

d) Immanuel Kant (1724-1804)


Auf die Frage des Theologen Johann Friedrich Zoellners, was Aufklärung sei, reagiert der deutsche
Philosoph Immanuel Kant, indem er einen Aufsatz veröffentlicht, mit dem er einen Preis gewinnt.
Dieser Aufsatz trägt den Titel: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784). Darin definiert
er Aufklärung folgendermaßen:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit
ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet
ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der
Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude!
Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Der Mensch war vor dem Aufklärungszeitalter in allen Bereichen unmündig. Die religiöse Wahrheit
konnte nur vom Klerus (= katholische Geistlichkeit, d.h. die Priester der katholischen Kirche)
gesprochen werden. D.h. nur die katholische Kirche und die Priester waren im Besitz der Wahrheit.
Nur sie konnten und durften sagen, was wahr und was falsch ist. So verfügte die Kirche über eine sehr
große Macht über die Bevölkerung. In der Politik entschied vor allem die Obrigkeit (= diejenigen, die
die Regierungsmacht innehatten), aber auch der Adel im Allgemeinen. Der Mensch war insofern nach
Kant unmündig. Unmündig deshalb, weil er einen Verstand besaß und sich nicht traute, ihn zu
benutzen. Solch ein Mensch hat also nach Kant keinen Mut, seinen Verstand zu gebrauchen. Er sei
feige. Und der Mensch sei an dieser Mutlosigkeit schuldig („selbstverschuldet“). Um aufgeklärt zu sein,
müsse der Mensch Mut fassen und selbst seinen Verstand benutzen, ohne dass er dabei von einer
anderen Person geleitet wird. D.h. ohne, dass der Klerus oder die Obrigkeit, aber auch irgendjemand
anderes ihm sagt, was wahr und was falsch ist, was er tun oder nicht tun darf. Der Mensch muss also
nach Kant Mut haben, seinen eigenen Verstand selbstständig zu benutzen. Und diese Forderung nach
Selbstständigkeit bedeutet gleichzeitig die Forderung nach der Autonomie des Menschen.

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Kant fordert die Mündigkeit des Menschen, dessen Selbstständigkeit, und diese Selbstständigkeit
finden im selbstständigen Gebrauch des Verstandes Ausdruck.

e) Moses Mendelssohn (1729- 1786)


Auf die Frage des Theologen Johann Friedrich Zoellners, was Aufklärung sei, reagiert auch der deutsche
Philosoph und Kants Freund Moses Mendelssohn, indem auch er einen Aufsatz veröffentlicht. In
diesem Aufsatz, der den Titel „Auf die Frage: Was heißt Aufklärung“ (1784) trägt, schreibt er:
„Aufklärung (…) scheinet sich mehr auf das Theoretische zu beziehen. Auf vernünftige Erkenntnis
(objektiv) und Fertigkeit (subjektiv) zum vernünftigen Nachdenken über Dinge des menschlichen
Lebens nach Maßgebung ihrer Wichtigkeit und ihres Einflusses in die Bestimmung des Menschen“.

Für Mendelssohn zerfällt „Bildung“ in „Kultur“ und „Aufklärung“. „Aufklärung“ ist für Mendelssohn
etwas mehr Theoretisches, bei dem man durch Vernunft zur Erkenntnis gelangt, wobei man die
Fertigkeit besitzt, vernünftig nachzudenken. D.h. also: Man weiß, wie man seine Vernunft benutzt, um
über die Dinge nachzudenken, die uns wichtig sind und uns beeinflussen. „Kultur“ „scheint mehr auf
das Praktische zu gehen: auf Güte, Feinheit und Schönheit in Handwerken, Künsten und
Geselligkeitssitten (objektiv), und auf Fertigkeit, Fleiß und Geschicklichkeit in jenen, Neigungen,
Trieben und Gewohnheit in diesen (subjektive)“. Mendelssohn meint, eine Sprache erlange Aufklärung
durch die Wissenschaften und erlange Kultur durch gesellschaftlichen Umgang, Poesie und
Beredsamkeit.

f) Christoph Martin Wieland (1733-1813)


Wichtig für Christoph Martin Wielands Verständnis der „Aufklärung “ ist die Zentralmetapher des
Lichts. Aufgeklärt ist jeder, „der vermittels eines Paars sehender Augen erkennen gelernt hat, worin
der Unterschied zwischen hell und dunkel, Licht und Finsternis besteht. Im Dunkel sieht man entweder
gar nichts oder wenigstens nicht so klar, daß man die Gegenstände recht erkennen und voneinander
unterscheiden kann: sobald Licht gebracht wird, klären sich die Sachen auf, werden sichtbar und
können voneinander unterschieden werden.“

Genau in diesem Sinne sprach Descartes von „faculté de discernement“, d.h. die Fähigkeit und
Fertigkeit, klar zu unterscheiden zwischen dem Wahren und dem Falschen, dem Hellen und dem
Dunklen. Aufklärung bezieht sich somit unmittelbar (d.h. direkt) auf unser Unterscheidungsvermögen.

g) Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)


Georg Christoph Lichtenberg ist ein Dichter, und sein Verständnis der Aufklärung kommt vor allem in
seinen Aphorismen zum Ausdruck. Hier ein paar Beispiele:

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- „Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem
den Bart zu sengen“ (Nach 1779, Heft G, Nr. 13)

- „Was man von dem Vorteile und Schaden der Aufklärung sagt, ließe sich gewiss gut in einer
Fabel vom Feuer darstellen. Es ist die Seele der unorganischen Natur, sein mäßiger Gebrauch
macht uns das Leben angenehm, es erwärmt unsere Winter und erleuchtet unsere Nächte.
Aber das müssen Lichter und Fackeln sein, die Straßenerleuchtung durch angezündete Häuser
ist eine sehr böse Erleuchtung. Auch muss man Kinder nicht damit spielen lassen. (Nach 1793,
Heft K, Nr. 257)

Lichtenberg spricht die Vor- und Nachteile der Aufklärung an. Metaphorisch begreift er Aufklärung als
„die Fackel der Wahrheit“ (= „Le flambeau“; „the torch“; „la antorcha“). Zur Beleuchtung in der
Dunkelheit ist „die Fackel der Wahrheit“ gut, wenn man von ihr guten Gebrauch macht. Aber gefährlich
wird die Fackel, wenn man sie falsch benutzt: Sie brennt und verbrennt. Mit einer Fackel könne man
also sich selbst, Häuser und Straßen, kurz das Leben beleuchten, aber mit derselben Fackel kann man
Bärte im Gedränge anzünden, Häuser anzünden, sich selbst oder andere verbrennen und verletzen,
wenn man nicht aufpasst. Von Aufklärung Gebrauch zu machen erfordert Geschicklichkeit, Sicherheit,
Mündigkeit, Verantwortung. Daher sollten Kinder (d.h. all diejenigen, die nicht geschickt, sicher,
mündig sind oder die unverantwortlich handeln) nicht mit dieser Fackel spielen.

3. SOZIAL- UND GEISTESGESCHICHTLICHE HINTERGRÜNDE

3.1. Zeitgeschichtlicher und politischer Hintergrund

Bis zum 18. Jahrhundert bestand Deutschland aus einer Vielzahl kleiner und kleinster Staaten (über
300). Nach dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) war Deutschland total zersplittert und ähnelte nach
Samuel von Pufendorf einem „Monstrum“. Die Reichsgewalt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher
Nation lag bei deutschen Kaisern (bis 1806). Aber die Macht des Kaisers war nur symbolisch, denn
wichtige politische Ämter lagen bei Territorialstaaten und wichtige politische Entscheidungen wurden
von Territorialstaaten getroffen und nicht vom Kaiser.

Gesetzgebung, Gerichtbarkeit, Landesverteidigung, Polizeigewalt einschließlich der Zensur – dies


wurde von einzelnen Territorialstaaten unabhängig von der Reichsgewalt ausgeübt. Das bedeutet,
dass ein Kaiserreich, das den Namen das Heilige Römische Reich Deutscher Nation trug, zwar existierte.
Aber dieses Kaiserreich, das schon im 10. Jahrhundert (im Jahr 962) gegründet wurde und bis zum Jahr
1806 bestand, war jedoch nur so etwas wie ein Dachverband, in dem jeder einzelne Staat weitgehend
autonom war.
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3.2. Absolutismus als Staatsform

Die Regierungsform war der Absolutismus, d.h. die absolute Monarchie, ein politisches System, in dem,
d.h. von den Gesetzen losgelöst, der Monarch allein herrscht, ohne dass die Stände oder
demokratische Institutionen mitentscheiden, ohne Gewaltenteilung (Exekutive, Legislative,
Judikative). Der Monarch entscheidet ganz allein.

3.3. Gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hintergrund

Die damalige Gesellschaft war in Stände aufgeteilt. Solche Stände waren, von oben (Macht) nach unten
(keine Macht): der Adel – der Klerus – das Bürgertum – die Bauer. Die Bevölkerung lebte in Armut. Die
vielen Herrscher konnten ihren Hof nur unterhalten, indem sie ihre Untertanen rücksichtslos
auspressen, d.h. ausbeuten. Die Landesherren behandelten ihre Untertanen weitgehend als
unmündige Kinder (denken Sie dabei an Lichtensteins Aphorismus, in dem es heißt, man müsse Kinder
nicht mit der Fackel spielen lassen. Der Begriff Kinder wird also metaphorisch gebraucht. Er bezeichnet
zwar im eigentlichen Sinne kleine Kinder, aber im übertragenen Sinne alle erwachsenen Personen, die
ihre Vernunft nicht selbstständig benutzen können. In der Ständegesellschaft bzw. im Feudalismus
sehen wir nun, dass die Landesherrscher, die Obrigkeit und der Klerus die Menschen wir Kinder
behandelten. Sie wollten also nicht, dass diese Menschen wie Erwachsene, mündige Personen
handeln. Um diese Situation zu beenden muss man nach Kant Mut haben, sich selbst seines eigenen
Verstandes zu bedienen). Die Lebensbedingungen der Bevölkerung waren mehr als dürftig, d.h. sehr
schlecht, weil die Menschen von feudalen Lasten (wie zum Beispiel Steuern) und fürstlicher Willkür
bedrückt waren. Die Bauer waren zum größten Teil Leibeigene ihres jeweiligen Herrn. Sie hatten zum
Leben kaum mehr als das Lebensnotwendige.

Allmählich besitzt das Bürgertum das Kapital und entwickelt sich in den Städten. Das Bürgertum ist zu
Beginn noch schwach und zahlenmäßig unterlegen, aber seine Herausbildung zeigt, dass der
Feudalismus sich zu zersetzen beginnt. Mit dem Kapital beginnt das Bürgertum, mehr Macht (im
ökonomischen Sinne) zu besitzen. Mit der Macht des Bürgertums beginnen sich die Kräfte zu
verschieben. Nicht mehr nur der Adel besitzt die Macht, sondern auch das Bürgertum. Das Bürgertum
besitzt diese Macht, weil es wirtschaftlich stark geworden ist. Die Macht verschiebt sich also langsam
vom Adel zum Bürgertum. Diese Kräfteverschiebung, die so im Verhältnis der einzelnen Stände
entsteht, bringt Spannungen, Konflikte in die seit dem Mittelalter hierarchisch gegliederte
Ständepyramide. Und diese Spannungen werden zur Auflösung, zum Ende der Ständegesellschaft und

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zur Herausbildung einer bürgerlich egalitären Gesellschaft führen. Das Bürgertum wird insofern durch
den Handel zu einer neuen ökonomischen Kraft.

3.4. Französische Revolution

Der Aufstieg des Bürgertums führt zu Spannungen, zu Konfrontationen in der Gesellschaft. Das
Bürgertum war nicht mehr bereit, die politische und kulturelle Vorherrschaft des Adels als gottgegeben
(d.h. die Auffassung, dass die Macht des Adels von Gott kommt) und unveränderlich hinzunehmen,
dies umso mehr als der Adel nur eine kleine Minderheit in der Bevölkerung ausmachte. Das Bürgertum
wollte autonom werden. Es berief sich auf die Aufklärung, die das feudale Weltbild „von Gottes
Gnaden“ durch ein neues, auf Vernunft basierendes Denken ersetzen sollte. (Vgl. Gesellschaftsvertrag
zwischen Fürst und Volk bei Jean Jacques Rousseau: „Du contrat social“. Ein Gesellschaftsvertrag soll
eingeführt werden und die bisher geltende Theorie des Naturrechts ablösen.)

Bisher meinte der Adel immer, dass seine Macht von Gott kommt. Und das, was Gott ihm gegeben hat,
kann kein Mensch ihm nehmen, kann niemand verändern. Und so dachte der Adel, dass er immer diese
Macht besitzen wird. Durch die Aufklärung jedoch ändert sich diese Konzeption, weil die Aufklärung
den Menschen zeigt, dass die Wahrheit nicht das Eigentum des Adels, des Klerus oder der Obrigkeit
ist. Vielmehr kann jeder Mensch, der seine Vernunft benutzt, zur Wahrheit kommen. Genau dies ist
wichtig. Dadurch, dass die Aufklärung zeigt, dass jeder Mensch, der seine Vernunft gebraucht, an die
Wahrheit kommen kann, kann der Adel oder der Klerus oder gar die Obrigkeit nicht mehr sagen, dass
nur sie wissen, was wahr und was falsch, was gut und was schlecht für die Bevölkerung ist. Diese
Veränderung bringt große Veränderungen mit sich. Der Adel, der Klerus, die Obrigkeit verlieren
weitgehend die Macht, die sie vorher innehatten: Die Wahrheit liegt nicht mehr in ihren Händen,
sondern sie kommt von dem guten, selbstständigen Gebrauch des Verstandes, und jeder Mensch kann
seinen Verstand selbstständig benutzen. Dazu muss man nur Mut haben.

Diese Konfrontationen endeten in der französischen Revolution, in der der König gestürzt wurde und
viele Adlige hastig ins Exil gehen mussten. Schriftsteller und Philosophen, aber auch das Bürgertum,
übten Kritik an der Konzeption einer gottgegebenen Macht des Königs und des Adels in Frankreich und
in anderen europäischen Ländern. Sie entwickeln aber auch neue Ideen, wie ein Staat geführt werden
kann. Durch die Gedanken der Aufklärung beeinflusst, verändert sich das Bewusstsein des Volkes. Das
Volk will der Obrigkeit nicht mehr gehorchen und ist nicht mehr bereit, die Ungerechtigkeit in der
Gesellschaft zu akzeptieren.

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In Frankreich entwickeln Philosophen neue aufklärerische Ideen über zukünftige Regierungsformen,
so etwa der Jurist, Philosoph und Schriftsteller Charles de Secondat Baron de Montesquieu (1689-
1755), der in seinem Werk „Lettres persiennes“ (1721) den Absolutismus in Frankreich, aber auch die
Religion, die Benachteiligung der Frau und die Sklaverei kritisierte. In seinem berühmten Werk „De
l’esprit des lois“ veröffentlichte er seine Staatstheorie, in der nicht der Absolutismus die künftige
Staatsform bilden sollte. In dem künftigen Staat sollte nach Montesquieu die Staatsgewalt in
verschiedene Bereiche geteilt werden: Die Regierungsgewalt (die Exekutive), die Gesetzgebung
(Legislative) und die Rechtsprechung (Judikative).

Die Ideen der Aufklärung verbreiten sich über Freimauerlogen, Lesezirkel und Debattierklubs und
erreichen so Lehrer, Juristen, Ärzte und Professoren. Autoren wie der Literaturtheoretiker Denis
Diderot (1713-1784) und der Mathematiker Jean-Baptiste Le Rond d’Alembert (1717-1883) machen
durch das Werk „Encyclopédie“ die Gedanken der Aufklärung einem breiten Publikum bekannt.