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DAS RÄTSEL DER HEILIGEN

Wer sich etwas näher mit christlichen Mystikern und Heiligen beschäftigt, dem kann
auffallen, daß sie schon in ihrer Kindheit für ihre spätere Laufbahn prädestiniert sind.
Zwar ist es bei jedem Menschen der Fall, daß Ursachen aus früheren Leben die
Ausgangsbasis des gegenwärtigen bestimmen, aber Gesetzmäßigkeiten, die für alle Menschen
gelten, sind bei herausragenden Persönlichkeiten ausgeprägter und deshalb klarer zu erkennen
als beim Durchschnittsmenschen. Bei den Heiligen kommt ein weiterer Faktor hinzu. Das
Streben der Heiligen ist weltabgewandt. Sie suchen ihr Glück nicht in Vergnügungen und
Zerstreuungen wie der Weltmensch, sondern in der Einswerdung mit Gott, wozu eben die kon-
zentrierte Ausrichtung aller Seelen- und Geisteskräfte auf dieses Ziel notwendig sind.
An wenigen Beispielen, die aber um viele vermehrt werden könnten, soll nun gezeigt
werden, wie genannte Ausrichtung auf Gott bei Heiligen in frühester Jugend, ja sogar Kindheit
zum Tragen kommt.
Das ist insofern "unnormal" und naturwidrig, da Kindheit und Jugend das Immer-mehr-zur-
Welt-kommen, das immer bessere Be- und Ergreifen der Welt zum Inhalt haben. Die Kirchen
"erklären" denn auch das Phänomen der Heiligen als "besondere" Gnade Gottes. Gott jedoch ist
allen Menschen gnädig und nicht einigen besonders. Jeder Mensch wird im Kreise der Götter
aufgenommenen, ganz gleich welche Untaten er begangen haben mag, wie weit er sich von Gott
entfernt hat, wenn er nur den Wunsch hat zurück zu Gott zu kehren und den Weg zurück auch
wirklich beschreitet, d.h. sein Leben entsprechend orientiert.
Dagegen liefert die Reinkarnationslehre eine völlig befriedigende Erklärung. Nach ihr ist
das Leben der Heiligen eine Fortsetzung eines vorhergehenden Lebens, das bereits einem
intensivem Streben nach Heiligung, nach Vervollkommnung gewidmet war. Einen fast in die
Augen springenden Hinweis auf eine solche Vorinkarnation gibt die Heilige

Katharina von Siena (1347-1380)


Als sie sechs Jahre alt war , hatte sie ihre erste Christusvision. Von dieser Stunde an war
sie völlig verändert: Man merkte nichts Kindliches mehr an ihr, sondern sie übte sich im Gebet,
im Schweigen und der Abhärtung des Körpers. Einige Mädchen ihres Alters sammelten sich
um sie, um nach ihrer Anleitung zu beten und zu leben.
In dieser Zeit hatte sie, wie sie später ihrem Beichtvater gestand, allein durch geistige
Schau von Leben und Taten der ersten christlichen Einsiedler in Ägypten gewußt, deren
bekanntester der Hl. Antonius (Mitte des dritten Jahrhunderts lebend )war.
Auch Schauungen sind nicht zufällig und so ist es durchaus denkbar, daß es sich bei
Katharina von Siena um die Reinkarnation eines der Wüstenväter handelte, wie die christlichen
Eremiten in Ägypten auch genannt wurden. Dafür spricht auch , daß sich Katharina bereits mit
sieben Jahren gelobte als Jungfrau zu leben. Dieses monastische Ideal wurde von ihr mit einer
solchen Festigkeit und Konsequenz vertreten, die keinen Zweifel daran lassen, daß hier Impulse
aus früheren Leben weiterwirkten.
Ihren Entschluß setzte sie gegen den Willen ihrer Eltern durch (was dazumal viel mehr
bedeutete als heute), die sie mit zwölf Jahren verheiraten wollten. Sie schnitt sich selbst die
Haare ab, um dem Ansinnen der Eltern zu widerstehen. Es ist nicht nötig, hier das weitere
Leben der Hl .Katharina von Siena zu schildern, da es nur darum geht, in der Kindheit
aufzuzeigen, wie hier Persönlichkeitskräfte wirksam sind, die so überhaupt nicht kindgemäß
sind und deshalb von woanders herrühren müssen.
Ein weiteres Beispiel dafür ist der christliche

Sadhu Sundar Singh,


der auf seiner Europareise in den zwanziger Jahren wegen seiner Christusähnlichkeit bei
vielen Menschen einen unauslöschlichen Eindruck hinterließ.
Mit sieben Jahren kannte er bereits die gesamte Bhagavadgita auswendig. Aber weit
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bemerkenswerter ist, daß er bereits in diesem Alter ein Gottsucher war. Diese Suche gewann
eine schier unerträgliche Intensität, die, da bisher nicht zu einem Ergebnis führend, am
18.12.1904 (Im Alter von 15 Jahren) in dem herausfordernden Entschluß gipfelte, seinen Kopf
auf die Schienen zu legen, sobald der Fünfuhrzug vorüberkam, wenn Gott sich ihm nicht
endlich offenbare. Er verbrachte die Nacht im Gebet, in der Hoffnung Frieden zu finden.
Um halb fünf Uhr gewahrte er ein großes Licht, so daß er dachte, das Haus stünde in
Flammen. Und dann erschien ihm im Licht Jesus Christus. Das bedeutete für ihn den entschei-
denden Durchbruch, denn von diesem Augenblick an verlor er niemals wieder den inneren
Frieden, auch nicht in den schlimmsten Situationen, und fortan lebte er in beiden Welten, der
sichtbaren und der für die Mehrzahl der Menschen noch verborgenen Wirklichkeiten. Wunder
begleiteten von nun an sein Leben als natürliche Folge dieses Geschehens.
Eine Wiedergeburt im Sinne des Bewußtwerdens des Ewigen im Menschen und einer daran
knüpfenden Orientierung, behaupten auch viele Christen erlebt zu haben. Es gibt auch keinen
Grund, daran zu zweifeln, und doch sind die Auswirkungen bei ihnen unvergleichlich geringer.
Das könnte entmutigen, wenn man nicht wüßte, daß sie eben auch nicht mit solcher Inbrunst
wie die Heiligen nach göttlichem Leben gestrebt haben. Es sind nach den Worten Jesu die
Starken, die das Himmelreich an sich reißen . Der Sadhu gehörte zu ihnen. Die Wur zel für
dieses intensive Streben ist auch bei ihm nicht im bekannten Erdenleben zu suchen.
Einen ähnlichen Durchbruch in andere Dimensionen gelang auch

George Fox (1624-1690),

der Initiator jener Bewegung, die als die "Quäker" bekannt wurde.
Als Kind war er bereits ungewöhnlich ernst und von großer Stetigkeit im Denken und
Fühlen. Im einundzwanzigsten Jahr, nach großer innerer Bedrängnis, fühlte er sich wie neu
geboren. Ihm schien, als habe sich nicht nur sein Gesichtsausdruck, sondern der ganze Körper
gewandelt und neu geformt. Ins Tagebuch schrieb er: "Jetzt war ich geistig durch das
flammende Schwert hindurch in Gottes Paradies gekommen. Alles war neu geworden, und die
ganze Schöpfung strömte für mich einen anderen Geruch als zuvor aus, was wahrlich unsagbar
war. Ich kannte nur noch Reinheit und Unschuld und Rechtschaffenheit, denn ich war durch
Jesum Christum zum Bilde Gottes wiedergeboren worden, zum Zustande Adams vor seinem
Sündenfall." Fortan wirkte Fox in großer Geisteskraft. Auch hier begleiteten zahlreiche Wunder
sein Leben.
Es lohnt sich weitere Heiligenbiographien auf Impulse zu untersuchen, die nicht aus dem
gegenwärtigen Erdenleben stammen können. Noch besser ist es allerdings unsere
Lebensausrichtung zu überdenken. Denn wenn wir nicht heil nach Seele und Leib - also Heilige
- werden, wird das "Rad der Geburten", wie der Wechsel von einem Erdenleben zum anderen
genannt wird, sich weiter drehen und unter dem Vorzeichen des Leides stehen.

© M. Reichelt