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Grundjahr-Mentorat – FS 19

Vertiefungsarbeit

Grafomotorik
Wie kann man den Lernprozess der Grafomotorik
im Unterricht fördern?

Kaltrina Racaj

Datum: 6. Mai 2019

Mentor: Alex Lechmann


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ............................................................................................................. 2

2 Fragestellung ........................................................................................................ 2

3 Theoretischer Hintergrund .................................................................................... 4

3.1 Grafomotorische Entwicklung .............................................................................................. 5


3.2 Lernprozess der Grafomotorik .............................................................................................. 6
4 Umsetzung in der Praxis........................................................................................ 8

4.1 Beschreibung der geplanten Umsetzung .............................................................................. 8


4.2 Reflexion der Umsetzung ...................................................................................................... 9
5 Fazit .................................................................................................................... 11

5.1 Inhaltliches Fazit ................................................................................................................. 11


5.2 Fazit in Bezug auf weitere schriftliche Arbeiten ................................................................. 11
6 Literatur ............................................................................................................. 12

7 Sammelmappe .................................................................................................... 13
Vertiefungsarbeit GJ Kaltrina Racaj

1 Einleitung

Auf das Thema meiner Vertiefungsarbeit wurde ich durch zwei Schüler von meiner Klasse
aufmerksam, da beide jeweils am Mittwochvormittag in die Psychomotorik-Therapie gehen.
Mir war von Anfang an klar, dass ich in meiner Vertiefungsarbeit etwas über die
Psychomotorik-Therapie schreiben möchte, da mich dieses Thema sehr interessierte und ich
mehr darüber erfahren wollte. Besonders der Teilbereich Grafomotorik sprach mich sehr an,
weil ich in meiner Schulzeit selbst einige Schwierigkeiten beim Schreiberwerb hatte und
somit einen persönlichen Bezug zu dieser Thematik habe. In der Schule, insbesondere in der
Unterstufe, trifft man immer wieder auf Schülerinnen und Schüler, welche Schwierigkeiten
bei der grafomotorischen Entwicklung und aus diesem Grund auch Probleme beim Erlernen
der Schrift haben. An der Pädagogischen Hochschule wird diese Thematik immer wieder in
den Vorlesungen aufgegriffen, da die Grafomotorik die Schülerinnen und Schüler in ihrer
ganzen Schulkarriere begleitet und somit ein wichtiger Bestandteil der schulischen
Entwicklung ist. Demzufolge ist die Grafomotorik im Lehrerberuf ein sehr relevantes Thema.
In meiner Vertiefungsarbeit untersuche ich eine bestimmte Fragestellung bezüglich der
Grafomotorik. Im ersten Teil der Vertiefungsarbeit nehme ich Bezug auf den theoretischen
Hintergrund und erläutere die wichtigsten Aspekte der Grafomotorik. Ausgehend von den
theoretischen Vorüberlegungen stelle ich im zweiten Teil meiner Vertiefungsarbeit drei
Umsetzungsmöglichkeiten für das Praktikum vor. Zum Schluss kommt das inhaltliche Fazit,
bei dem ich meine Fragestellung zusammenfassend beantworte und mich noch einmal auf
die wichtigsten Erkenntnisse fokussiere.

2 Fragestellung

An meinem ersten Mittwochmorgen im Praktikum wurde ich zum ersten Mal mit der
Psychomotorik konfrontiert. Zwei Schüler aus meiner ADL-Klasse besuchen einmal
wöchentlich gemeinsam die Psychomotorik-Therapie in Sursee und müssen deswegen den
Unterricht jeweils früher verlassen. Die Schüler, ein Erst- und ein Zweitklässler, besuchen die
Therapiestunde aufgrund ihrer Schwierigkeiten mit der Grob- und Feinmotorik.
Als meine Praxislehrperson mir sagte, dass die zwei Schüler in die Psychomotorik-Therapie
gehen, konnte ich mir darunter kaum etwas vorstellen. Denn in der Schule, welche ich
besucht habe, wurde diese Therapie nicht angeboten. Aus diesem Grund recherchierte ich
zuhause im Internet und musste dabei feststellen, dass ich eine komplett falsche Vorstellung

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von dieser Therapieform gehabt hatte. Ich fand das Thema äusserst interessant und für mich
war klar, dass ich unbedingt bei einer der Therapiestunden meiner Schüler dabei sein wollte.

Im Einführungspraktikum bekam ich die Gelegenheit, in einer Stunde zu hospitieren. Als ich
mit meinen zwei Schülern die Psychomotorik-Therapie in Sursee besuchte, war ich positiv
überrascht, weil ich mir etwas anderes darunter vorgestellt hatte. Die Therapiestunde fand
ich sehr unterhaltsam und spannend, da ich die zwei Schüler von einer anderen Seite
kennenlernen durfte. Die Schüler hatten keine Hemmungen und es herrschte eine sehr
angenehme Atmosphäre im Raum. Die Stunde fing mit einem kurzen Gespräch an. Beide
Schüler berichteten, was sie alles in ihren Winterferien gemacht hatten. Darauffolgend
spielten die Schüler ein Spiel, bei dem sie sich im ganzen Raum bewegten und sich
austoben konnten. Im zweiten Teil dieser Stunde ging es hauptsächlich um die Grafomotorik.
Die Schüler repetierten, welche die richtige Sitzhaltung beim Schreiben ist und
anschliessend arbeiteten sie an einigen Buchstaben weiter.

Nach diesem Besuch sah ich, wie vielseitig die Psychomotorik-Therapie ist und ich merkte
schnell, dass ich das Thema für meine Vertiefungsarbeit stark eingrenzen muss, damit ich
mich auf ein Teilgebiet konzentrieren kann. Zuerst wollte ich mich hauptsächlich auf die
Bewegung bezüglich der Psychomotorik fokussieren. Da aber meine Klasse am
Mittwochvormittag nicht das Fach Bewegung und Sport hat, wäre die Umsetzung im
Praktikum organisatorisch kompliziert geworden. Mir war es wichtig, dass ich ein Thema
aussuchte, welches ich ohne grossen organisatorischen Aufwand im Praktikum umsetzen
konnte. Nach einem kurzen Gespräch mit meinem Mentor entschied ich mich für die
Grafomotorik. Da dieses Thema auch immer wieder an den Vorlesungen aufgegriffen wird,
wusste ich schon in welche Richtung meine Vertiefungsarbeit gehen würde. Bei der Suche
nach meiner Fragestellung versuchte ich, eine Frage zu finden, welche sich theoretisch auf
die Grafomotorik bezieht und sich praktisch im Praktikum umsetzen lässt. In meiner
Fragestellung geht es darum, wie man fördernde grafomotorische Übungen in kurzen
Unterrichtssequenzen einbauen kann. Da ich eine ADL-Klasse habe (1. bis 3. Klasse) und
die ganze Klasse am Mittwochvormittag im Praktikum ist, war es wichtig, dass die
grafomotorischen Übungen für jede Klassenstufe geeignet sind.

In meiner Vertiefungsarbeit untersuche ich folgende Fragestellung:

Wie kann man den Lernprozess der Grafomotorik im Unterricht fördern?

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3 Theoretischer Hintergrund
Die Grafomotorik ist ein Teilgebiet der psychomotorischen Therapie. Um diesen
Zusammenhang zu verdeutlichen, stelle ich die psychomotorische Therapie kurzgefasst vor.
Der Begriff «Psychomotorik» besteht aus den Wörtern «Psyche» und «Motorik». Die Psyche
lässt sich mit dem Wort «Lebenshauch» übersetzen und die Motorik mit «Bewegung». Die
Psychomotorik setzt sich zusammen aus dem Wechselspiel und dem Zusammenwirken von
Bewegung, Fühlen, Denken und Wahrnehmen und deren Auswirkung auf die Entwicklung
des Menschen. Die Bewegung wird als Grundlage kognitiver Fähigkeiten, als
Ausdrucksmittel der Persönlichkeit und als funktionales Geschehen betrachtet (Passigati &
Guntern, 2004). Da die Bewegung und das Denken in der kindlichen Entwicklung Hand in
Hand gehen, ist der Schwerpunkt in der Psychomotorik-Therapie die Bewegung. Die
Psychomotorik-Therapie ist ein Teil des Bildungssystems in der Schweiz und wird als
Angebot von der EDK (Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren) in
der Regel- und Sonderschule anerkannt. Sie hilft Schülerinnen und Schüler, bei denen das
Bewegungserleben und -verhalten und somit auch ihre persönliche und soziale
Handlungsform so beeinträchtigt sind, dass sie eine wesentliche Einschränkung in ihrer
Entwicklung und im Umgang mit sich selbst und mit anderen haben (Buchmann, 2007). Das
Ziel der Psychomotorik-Therapie ist, den Leidensdruck einer Schülerin oder eines Schülers
zu vermindern, welcher aufgrund von psychomotorischen Auffälligkeiten entstehen kann
(Passigati & Guntern, 2004).
Mit dem Begriff «Grafomotorik» werden die Anteile der Psychomotorik eines Menschen
bezeichnet, deren Zusammenspiel innerhalb der Person-Umwelt-Interaktion den
Schriftspracherwerb ermöglichen. Sie umfasst psychomotorische Fertigkeiten und
Wahrnehmungsfunktionen, die Funktionsspezialisierung der Hand sowie kognitive und
psychische Fertigkeiten, die sich im Umgang mit gesprochener und geschriebener Sprache
konkretisieren (Wendler, 2001; zit. nach Betschart, Hurschler & Henseler, 2016, S.9).
Die Planungs- und Steuerungsabläufe der Grafomotorik sind hierarchisch untergeordnete
Prozesse. Je früher die Prozesse automatisiert werden, desto mehr kann man sich auf
übergeordnete Aufgaben fokussieren und desto weniger wird der Arbeitsspeicher des
Gehirns belastet. Denn wenn bei der Planung und Ausführung eines Satzes grafomotorische
Unsicherheiten auftreten, kann die gesamte Textproduktion dadurch beeinträchtigt werden.
Die noch nicht automatisierte Schreibbewegung erfordert bei der Ausführung zum Beispiel
kognitive Kapazitäten, die in der Folge in anderen Bereichen der Textproduktion fehlen.
Damit man die allfälligen Schwierigkeiten besser und schneller erkennt, sind Kenntnisse der

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grafomotorischen Entwicklung hilfreich (Mahrhofer, 2004; zit. nach Betschart et al., 2016,
S.9).

3.1 Grafomotorische Entwicklung


Die Betrachtung der Entwicklung beschränkt sich in dieser Vertiefungsarbeit auf die
grafomotorischen Entwicklung von Kindern im Alter von vier bis zehn Jahren.
Die motorische Entwicklung verläuft von globalen zu kleinen und immer präziseren
Bewegungen. Parallel zu dieser Entwicklung werden einzelne Funktionen immer mehr unter
Kontrolle gebracht und somit als zentrale Bewegungsmuster gesteuert. Die Richtung der
Ausdifferenzierung findet vom Kopf zu den Füssen und von der Körpermitte nach aussen
statt. Dies bedeutet für die fein- und grafomotorische Entwicklung, dass die notwendigsten
feinsten Fingerbewegungen als letzter Feinschliff einer ganzen Abfolge gesehen werden und
den natürlichen Reifungsprozessen unterliegen (Leyendecker, 2005; zit. nach Betschart et
al., 2016, S.9). Die Entwicklungsvorgänge werden als sich gegenseitig beeinflussende und
ineinander übergehende Prozesse betrachtet, die sich in heterogenen Verläufen äussern
und kulturabhängig sind (Wendler, 2005; Thomassen, 1996; zit. nach Betschart et al., 2016,
S.9).
Die Kinder machen schon früh grundlegende Erfahrungen auf dem Weg zur Schrift und zu
den entsprechenden Kompetenzen. Es ist sehr wichtig zu betonen, dass sich die Handschrift
nicht isoliert vom Zeichnen entwickelt. Durch das Zeichnen werden Körper-, Hand- und
Stifthaltung, Augen-Hand-Koordination wie auch fein gesteuerte Finger- und
Daumenbewegungen schon vor dem eigentlichen Schrifterwerb geübt (Wicki, 2010; Pauli &
Kisch, 2008; zit. nach Betschart et al., 2016, S.9). Je weiter vorangeschritten die
Zeichnungsentwicklung eines Kindes ist, desto früher schreibt es lesbare Buchstaben (Levin
& Bus, 2003; zit. nach Betschart et al., 2016, S.9). Vorschulkinder verfügen schon über viele
geläufige grafomotorische Kompetenzen, wie zum Beispiel freies Kritzeln und lockere Striche
aus den Fingern und aus dem Handgelenk. Jedoch bringen geläufige Grundbewegungen
nicht zwangsläufig flüssige Schreibbewegungen hervor. Die schon gut entwickelten
grafomotorischen Bewegungskompetenzen direkt in die Schrift einzubringen, gelingt den
meisten Kindern jedoch nicht. Ein Grund dafür könnten die formalen Vorgaben sein, welche
das Bewegungserleben um einiges einschränken (Marquardt & Sattler, 2010; zit. nach
Betschart et al., 2016, S.9).
Viele Kinder beginnen im Alter von sechs bis sieben Jahren in der Schule mit der Schrift. In
diesem Alter haben die meisten Kinder auch schon die Schreibhand gewählt. Die
Wahrnehmung und die Motorik sollten im Normalfall so weit entwickelt sein, dass die Kinder

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mit einer guten Anleitung und genügend Übung eine funktionale Schrift erlernen können.
Eine Schrift ist funktional, wenn sie beim Schreiben keine Schmerzen verursacht, alters- und
übungsgemäss schnell und locker ausgeführt werden kann und wenn sie leserlich ist (Pauli
& Kisch, 2008; zit. nach Betschart et al., 2016, S.10).
Die Entwicklung der persönlichen Handschrift ist ein langjähriger Prozess. Es gibt
unterschiedliche Entwicklungsverläufe, deswegen vollzieht sich dieser Prozess nicht für alle
Kinder gleichermassen leicht und schnell. Nicht alle Kinder entsprechen am Anfang des
Schriftunterrichts dem eigentlich vorausgesetzten grafomotorischen Ausgangsniveau. Beim
Schulanfang ist die Heterogenität der Kinder in Bezug auf den feinmotorischen
Entwicklungsstand weit grösser als bisher angenommen (Mahrhofer, 2004; zit. nach
Betschart et al., 2016, S.10). Die Streuung der Leistungen und der Entwicklungsstand der
Klasse können für die individuelle Wahrnehmung des Kindes eine wichtige Rolle spielen. So
hat das langsamste Kind einer Klasse mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen als ein Kind,
welches in einer allgemein eher langsam schreibenden Klasse ist. Dies bedeutet für die
Lehrperson, dass sie bei der Umsetzung auch im Bereich ,,Schrift’’ einen
klassenübergreifenden Austausch pflegen und sich einen Überblick verschaffen sollte.
Dadurch lässt sich für das einzelne Kind und für die gesamte Klasse der Unterricht gezielter
gestalten und planen (Betschart et al., 2016).

3.2 Lernprozess der Grafomotorik


Die Kinder malen schon verschiedene Formen, bevor die schulische Vermittlung der
Buchstaben beginnt. Die Kinder kritzeln Geraden und Linien in verschiedenen Richtungen,
es treten Zacken, Rundungen und Überkreuzungen auf. Dies sind die Grundbewegungen
der Grafomotorik. Zu Beginn werden diese Grundformen als Echo eigener
Bewegungsimpulse entdeckt und weiterentwickelt (Baum & Kunz, 2007; zit. nach Betschart
et al., 2016, S.12). Sie werden vertieft in der zeichnerischen Auseinandersetzung und durch
konkrete Erfahrungen mit der eigenen Umwelt. Die ersten Buchstaben werden meistens
aufgrund von Formen mit hohem Wiedererkennungswert, wie zum Beispiel mit dem eigenen
Vornamen, gespeichert. Weitere Faktoren wie Emotionen, Farben und Assoziationen spielen
dabei auch eine wichtige Rolle. Beim handelnden Erwerb geht es um eine individuelle,
vielseitige und sinnvolle Auseinandersetzung und um das Festigen der passenden Begriffe
(Seitz, 2006; zit. nach Betschart et al., 2016, S.12). Ein weiterer wichtiger Teil beim
Lernprozess der Grafomotorik ist die Bewegung. Beim Lernen der Bewegungen müssen die
Aufgaben auf einem angemessenen Entwicklungsstand sein und mit häufigen, intensiven
und kurzen Intervallen angeboten werden. Motorische Herausforderungen haben einen

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hohen Anreiz für das eigenaktive Handeln, sofern die Aufgaben von den Kindern als
anspruchsvoll genug, aber nicht zu schwierig empfunden werden. Laut aktuellen Modellen
der Lerntheorie wird das motorische Lernen nicht mehr als Resultat häufiger
Wiederholungen einer vorgegebenen Lösung verstanden, sondern als wiederholte Suche
nach einer individuellen Lösung für die Aufgabe (Schmidt, 1975; zit. nach Betschart et al.,
2016, S.12).
Der motorische Lernprozess vollzieht sich in der Regel in drei Phasen: In der ersten
Lernphase wird die Grobkoordination entwickelt. In dieser Phase geht es um das Erwerben
des Grundablaufs der Bewegung. Bei der weitergehenden Feinkoordination geht es um die
Verfeinerung der Bewegung, dadurch wird der Lernprozess verbessert. In der Phase der
Stabilisation werden die Abläufe sicherer, präziser und schneller. Sie sind nun auch unter
wechselnden Bedingungen umsetzbar (Hurschler, 2019). Die motorischen Aspekte des
Schreibenlernens vollziehen sich nicht isoliert, sondern sind als Teil des gesamten
Schriftspracherwerbs zu verstehen. Wesentlich für eine geläufige Handschrift ist, dass die
Bewegungsabläufe automatisiert werden. Das Kind verfügt dadurch über eine
Formvorstellung und weiss, wie der Buchstabe aussieht und welche Bewegungen es dafür
ausführen muss. Die Bewegungsabläufe brauchen deshalb nur noch einen geringen Teil der
Aufmerksamkeit. Dadurch wird im Kurzzeitspeicher Kapazität frei für übergeordnete
Sprachplanungsprozesse (Mahrhofer, 2004; zit. nach Betschart et al., 2016, S.13).
Automation wird nicht durch Erkenntnis erreicht, sondern durch Übung. Die Lehrperson sollte
den Automatisierungsprozess so gestalten, dass die Kinder effizient üben, emotional
angesprochen werden und motiviert bleiben. Bei Buchstabenabläufen sollte man bewusst
Grösse, Tempo und Krafteinsatz variieren und nicht einfach mechanische Wiederholungen
durchführen. Die Lernprozesse sollten in kurzen, regelmässigen und intensiven Intervallen
erfolgen und durch sprachlich sinnvolle Handlungen ergänzt werden. Der
Handschriftunterricht sollte unbedingt im gesamten Unterricht eingebettet erfolgen
(Hurschler, 2018). Ausserdem ist es noch wichtig, das beim Üben nicht nachgespurt wird, da
die Fokussierung auf die Präzision negative Auswirkungen auf den Automationsprozess der
Schrift hat. Der Grund dafür ist, dass beim Nachspuren einer bestehenden Vorgabe mehr
Bewusstseinsanteil für die Schriftkontrolle verwendet werden muss (Medwell & Wray, 2007;
Tucha & Lange, 2008; zit. nach Betschart et al., 2016, S.14). Die ausgeführten Hinweise
beziehen sich nicht nur auf die Automation der einzelnen Buchstaben. Es gibt im
Schrifterwerb immer wieder Phasen, bei denen neue Muster automatisiert werden müssen
(Betschart et al., 2016).

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4 Umsetzung in der Praxis

4.1 Beschreibung der geplanten Umsetzung

Erste Praxisumsetzung:
Ein gutes Gleichgewicht - eine gesunde Sitzhaltung
Spiegel und Spiegelbild
In dieser Übung arbeiteten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihrem
Pultnachbarn. Ein Kind spielte das Spiegelbild und bewegte sich wie die reale Figur. In
diesem Fall war die reale Figur der Pultnachbar oder die Pultnachbarin. Anschliessend
wechselten die Schülerinnen und Schüler die Rollen und machten die gleiche Übung noch
einmal. Diese Übungssequenz baute ich als Einstieg in eine neue Lektion ein. Die Übung
erfolgte kurz und intensiv.
Das Ziel dieser Übung war es, dass die Schülerinnen und Schüler ihren Körper im
Gleichgewicht halten konnten. Bei der Grobmotorik spielt ein gut entwickeltes Gleichgewicht
eine wichtige Rolle. Ausserdem ist ein stabiles Gleichgewicht eine wichtige Voraussetzung
für eine stabile Sitzhaltung.

Zweite Praxisumsetzung:
Feinmotorische Aktivitäten für das Zusammenspiel der Finger
Wettermassage
Zuerst las ich den Schülerinnen und Schülern die Wettergeschichte vor und zeigte ihnen,
was man für passende Fingerbewegungen dazu machen kann. Danach stellten sich die
Schülerinnen und Schüler paarweise auf. Ich las die Geschichte laut vor und die
Schülerinnen und Schüler massierten den Partner am Rücken mit den passenden
Fingerbewegungen. Die Schülerinnen und Schüler mussten das Tempo und den Druck bei
den Fingerbewegungen variieren, da die Geschichte verschiedene Bestandteile hatte,
welche unterschiedlich zu interpretieren und auszuführen waren. Anschliessend wechselten
die Schülerinnen und Schüler die Rollen und machten die gleiche Übung noch einmal. Diese
Übungssequenz fand draussen auf dem Pausenplatz am Ende einer NMG-Lektion statt. Da
wir das Thema Wetter durchnahmen, eignete sich diese Geschichte perfekt. Die Übung
erfolgte kurz und intensiv (vgl. Sammelmappe, Dokument 2).
Die Ziele dieser Übung waren es, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Finger bewusst
unabhängig voneinander bewegen können, dass sie den eigenen Krafteinsatz und den
Druck der Fingerbewegungen wahrnehmen und dass sie die Fingerbewegungen in
unterschiedlichen Tempi führen können.

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Dritte Praxisumsetzung:
Schreibtanz
In dieser Übung arbeiteten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihrem
Pultnachbarn. Ein Kind zog sich einen Gehörschutz an und setzte sich an den Tisch mit Stift
und Blatt. Das zweite Kind stand dahinter und zeichnete mit dem Finger die vier
Grundbewegungen (Rundungen, Linien/Geraden, Zacken und Überschneidungen) auf den
Rücken des sitzenden Kindes auf. Das sitzende Kind versuchte gleichzeitig die Bewegungen
auf das Blatt umzusetzen. Ich gab den Schülerinnen und Schülern Anweisungen, welche
Bewegungen sie machen sollten. Diese Übungssequenz fand am Anfang einer
Deutschlektion statt und diente als Einstieg.
Die Übung erfolgte kurz und intensiv (vgl. Sammelmappe, Dokument 3).
Das Ziel dieser Übung war es, dass die Schülerinnen und Schüler eine flüssige und
zusammenhängende Schrift entwickeln, indem sie grobmotorische Bewegungen und die
feinmotorischen Leistungen, die zur Stiftführung nötig sind, vereinen.

Bei der Planung der Praxisumsetzung war für mich wichtig, dass die Übungen in kurzen und
intensiven Intervallen erfolgten (vgl. Kapitel 3.2). Gerne hätte ich die Übungen über längere
Zeit regelmässig durchgeführt, dies ging jedoch wegen zeitlichen Gründen nicht. Ein weiterer
wichtiger Punkt für mich war, dass ich die Übungen so gestaltete, dass die Schülerinnen und
Schüler effizient üben, emotional angesprochen werden und motiviert bleiben (vgl. Kapitel
3.2). Alle drei Praxisumsetzungen verfolgten unterschiedliche Ziele, welche aber alle zur
Förderung der Grafomotorik beigetragen haben.

4.2 Reflexion der Umsetzung

Die Praxisumsetzungen bereitete den Schülerinnen und Schülern und mir eine grosse
Freude. Bei allen drei Umsetzungen waren die Schülerinnen und Schüler motiviert dabei und
machten super mit. Die «Spiegel und Spiegelbild»-Übung kam gut an und die Schülerinnen
und Schüler nahmen verschiedene und teilweise auch sehr lustige Positionen ein. Einige
wackelten ein wenig und es gab auch einzelne Kinder, die das Gleichgewicht verloren.
Trotzdem gaben sie nicht auf und versuchten es noch einmal. Diese Übung verlief genauso,
wie ich sie geplant hatte.
Die zweite Übung mit der Wettermassage bereitete den Schülerinnen und Schülern am
meisten Freude. Aus diesem Grund führten wir diese Übung zwei Mal durch. Ein Problem
ergab sich dadurch, dass wir die Übung draussen auf dem Pausenplatz durchführten und die

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Schülerinnen und Schüler dicke Jacken und Handschuhe anhatten. Das erschwerte den
Schülerinnen und Schülern, die Massage auszuführen, da sie mehr Druck wegen der
Handschuhe und der Jacke des Partners ausüben mussten, damit der Partner auch wirklich
etwas spüren konnte. Deshalb empfehle ich, diese Übung falls möglich im Klassenraum
durchzuführen.
Beim Schreibtanz gab es bei der Ausführung der Übung am Anfang Schwierigkeiten, da der
Auftrag vor allem für die Erstklässler nicht ganz verständlich war. Deshalb musste ich die
Übung kurz unterbrechen und es den Schülerinnen und Schülern noch einmal vorzeigen.
Danach gelang es allen, die Übung durchzuführen. Am Schluss zog ich die Blätter ein und
verglich die Resultate der Schülerinnen und Schülern. Dabei hatte ich bei einigen das
Gefühl, dass sie nicht das, was sie am Rücken gespürt haben, auf das Blatt zeichneten,
sondern einfach die Grundbewegungen aus ihrem Gedächtnis gezeichnet haben. Ich glaube,
dass diese Übung für die Erst- und Zweitklässler zu schwierig war. Ungeachtet dessen
hatten die Schülerinnen und Schüler beim Ausführen der Übung Spass und Freude, obwohl
es nicht alle richtig gemacht haben.

Als zukünftige Lehrperson würde ich gerne regelmässig solche kurzen Übungen in meinem
Unterricht einbauen und mit meinen Schülerinnen und Schülern durchführen. Einerseits wird
die Grafomotorik gefördert, welche sehr wichtig für die Entwicklung der Kinder ist und
andererseits haben die Schülerinnen und Schüler auch viel Spass dabei. Solche Übungen
lockern die Schülerinnen und Schüler zwischen den Unterrichtssequenzen auf und eignen
sich gut als Abwechslung im Unterricht. Eine weiterführende Überlegung zum Thema
Grafomotorik kann eine kleine Werkstatt mit weiteren kurzen Übungen darstellen. Somit
könnten die Schülerinnen und Schüler selbstständig und immer wieder an solchen Übungen
arbeiten. Die verschiedenen Posten kann man nach einiger Zeit mit neuen Aufgaben
austauschen, dadurch wird es den Schülerinnen und Schüler nicht langweilig. Die Werkstatt
würde auch nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen, da man die Posten einmal in der Woche
für zehn Minuten durchführen kann.

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5 Fazit

5.1 Inhaltliches Fazit

Schreiben stellt einen hochkomplexen psychomotorischen Prozess dar, der von einer
Vielzahl von Fähigkeiten und Funktionen abhängig ist. Als Lehrperson kann man im
Unterricht mithilfe von verschiedenen Übungssequenzen an diesen Fähigkeiten und
Funktionen arbeiten. Die Förderung des grafomotorischen Lernprozesses sollte von der
Lehrperson so gestaltet sein, dass die Schülerinnen und Schüler effizient üben können,
emotional angesprochen werden und motiviert bleiben. Dies gelingt durch kurze,
regelmässige und intensiven Trainingsintervallen, welche die Grobkoordination,
Feinkoordination oder Automation fördern. Verschiedene Übungen, die den Schülerinnen
und Schülern Spass und Freude bereiten, fördern spielerisch ganz gezielt die Grafomotorik
jedoch ohne, dass die Schülerinnen und Schüler das bewusst wahrnehmen, da die Übungen
gut in den Unterricht eingebettet werden. Dies ist wichtig, damit die Übungen nicht künstlich
und erzwungen auf die Schülerinnen und Schüler wirken. Die Trainingsintervalle der
Grafomotorik sollten nicht isoliert, sondern möglichst in kommunikativ bedeutsamen
Handlungen geschehen. Zudem ist die Automation nicht durch Erkenntnis allein zu
erreichen, sondern es braucht dazu viel Übung. Deshalb ist es wichtig, dass man als
Lehrperson den Lernprozess der Grafomotorik mit kurzen Übungssequenzen fördert und die
Schülerinnen und Schüler bei ihrer grafomotorischen Entwicklung unterstützt.

5.2 Fazit in Bezug auf weitere schriftliche Arbeiten

Das Verfassen meiner Vertiefungsarbeit hat mir viel Freude bereitet. Aufgrund meiner guten
zeitlichen Einteilung und der interessanten Thematik fiel mir das Schreiben der
Vertiefungsarbeit einfach. Da ich meinen Zeitplan gut eingehalten habe und somit schon
frühzeitig mit meiner Arbeit fertig geworden bin, geriet ich nicht unter Zeitdruck, was mitunter
einen nicht unwesentlichen Teil zur Qualität einer Arbeit ausmacht. Beim Theorieteil musste
ich mich immer wieder darauf besinnen, nicht zu sehr ins Detail zu gehen und mich auf das
Wesentliche zu konzentrieren. Dank dem Reader der Schriftvorlesung hatte ich aber einen
roten Faden, an den ich mich halten konnte, ansonsten wäre es mir um einiges schwerer
gefallen, die Theorie der Grafomotorik in einer logischen Abfolge kurz und prägnant zu
beschreiben.
Ich bin sehr zufrieden mit dem Resultat meiner Vertiefungsarbeit und den daraus
gewonnenen Erkenntnissen und würde deshalb in zukünftigen Arbeiten genauso vorgehen.

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6 Literatur

Bertschart, J., Hurschler, S. & Henseler L. (2016). Unterwegs zur persönlichen Handschrift.
Luzern: Lehrmittelverlag des Kantons Luzern.

Buchmann, T. (2007). Vorwort. In T. Buchmann (Hrsg.), Psychomotorik-Therapie und


individuelle Entwicklung (S. 11). Luzern: SZH/CSPS.

Hurschler, S. (2018). Spuren legen – pragmatisch und bewusst. Luzern: Friedrich Verlag.

Hurschler, S. (2019). Schrift. Einführung: Bewegungslernen. Vorlesung Modul DE02.02 an


der PH Luzern, 25. März 2019.

Passigatti, C & Guntern, K. (2004). Hand- und Graphomotorik. Hölstein: KgCH.

Titelbild: Connections Academy, 3 Tips for More Effective Note Taking Methods.
https://blog.connectionsacademy.com/3-tips-effective-note-taking-methods/(18.03.19).

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7 Sammelmappe

Dokument 1: Mindmap und Peerfeedback vom 8. April 2019


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Dokument 2: Wettermassage

Wetter-Geschichte
Wir malen eine Geschichte auf den Rücken eines
Mitschülers.

Geschichte: Anregungen zur Umsetzung


Ganz langsam fallen einzelne Sanft mit den Fingerspitzen den
Schneeflocken zur Erde. Rücken berühren.
Immer mehr Schneeflocken fallen Sanft mit den Fingerspitzen den
vom Himmel. Rücken berühren, jedoch schneller.
Allmählich wird alles weiß und eine Die Hände legen sich leicht
dicke Schneedecke liegt auf der drückend an verschiedene Stellen
Erde. des Rückens.
Schließlich liegt so viel Schnee, Die Handkanten rutschen auf dem
dass die Kinder mit ihren Skiern Rücken.
fahren können.
Einige Kinder rollen einen Mit den flachen Händen über den
Schneemann. Rücken rollen.
Da fliegen ein paar Schneebälle. Einige Male die hohle Hand leicht
und kurz auf den Rücken drücken.
Und dort sausen Kinder mit ihren Die Zeigefinder parallel und mit
Schlitten den Berg hinunter. Schwung den Rücken hinunter
bewegen.
Nach ein paar Tagen wird es Ganz leicht führen die Zeigefinger
wieder wärmer. Der Schnee leichte fließende Bewegungen auf
beginnt zu schmelzen. dem Rücken aus.
Nun beginnt es auch noch zu Die Fingerspitzen fallen leicht auf
regnen. den Rücken.
Der Regen wird stärker und stärker. Die Fingerspitzen trommeln nun
leicht aber schnell auf den Rücken.
Dabei taut der Schnee immer mehr Den Rücken mit leichtem Druck der
und fließt in großen Bächen über Handflächen von oben nach unten
die Erde. ausstreichen. 14

Geschichte wiederholen Nun ist der Partner an der Reihe!


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Dokument 3: Schreibtanz

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