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Nachruf auf Reinhart Koselleck (1923-2006) (In Memory of Reinhart Koselleck)

Author(s): Willibald Steinmetz


Source: Geschichte und Gesellschaft , Jul. - Sep., 2006, 32. Jahrg., H. 3 (Jul. - Sep.,
2006), pp. 412-432
Published by: Vandenhoeck & Ruprecht (GmbH & Co. KG)

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Wissenschaftliche Nachrichten

Nachruf auf Reinhart Koselleck (1 923-2006)

von Willibald Steinmetz

I.Anfänge in Heidelberg
„Wir leben in der Zeit der Extreme" - dieses Zitat aus den „Politischen Wahr-
heiten" (1796) des Freiherrn von Moser trifft recht genau das Lebensgefühl und
die politische Zeiterfahrung Reinhart Kosellecks, als er im Frühjahr 1947, mit
Glück dem Krieg und der russischen Gefangenschaft entronnen, im vorgeschrit-
tenen Alter von 24 Jahren endlich sein Studium in Heidelberg aufnehmen kann.
Das Zitat findet sich am Ende einer langen Fußnote versteckt in seiner Disser-
tation „Kritik und Krise", die er 1954 abschließt, aber erst fünf Jahre später pub-
lizieren wird.1 Um das Verschwinden des religiösen Bürgerkriegs aus dem Ge-
sichtskreis der Aufklärer, um die Ersetzung der Bürgerkriegserfahrung durch die
Erwartung einer vermeintlich heilsamen Revolution geht es in der Fußnote wie
auch in dem gesamten Buch. Erst nach 1789 sei, schreibt er, der „existenzielle
Erfahrungshorizont"2 des Bürgerkriegs bei einigen Zeitgenossen wieder erreicht
worden, so bei dem zitierten Freiherrn von Moser, dessen Buch über „Herr und
Diener" übrigens, wie Koselleck in einer anderen Fußnote mitteilt, von der Hei-
delberger Universität wegen „Majestätsschändung" verurteilt wurde.3 Ob Kosel-
leck eine ähnliche Verurteilung seiner eigenen Dissertation befürchtete? Provo-
zierend genug war sie jedenfalls, und wohl auch zu weit vom Hauptstrom der
damaligen deutschen Geschichtswissenschaft entfernt, um einen sofortigen
Sprung auf der akademischen Karriereleiter zu ermöglichen. So ging Koselleck
nach der Promotion vorerst für zwei Jahre als Lektor nach England an die Uni-
versität Bristol, wo er schon im Jahr 1950 ein Semester studiert hatte. Aber es
spricht doch für die Beweglichkeit der damaligen Heidelberger Gelehrtenrepub-
lik, dass sie einem unkonventionellen Wissenschaftler wie Reinhart Koselleck
schließlich die Chance gab, sich zu entfalten. Nach seiner Rückkehr aus England
wurde er Assistent, zunächst bei seinem Doktorvater Johannes Kühn, ab 1958
dann bei Werner Conze, der ihn anschließend bis zur Habilitation 1965 als Mit-
arbeiter beim neu gegründeten Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte be-
schäftigte.

1 Reinhart Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt
(1959), Frankfurt 19793, S. 229 (Fn. 144).
2 Ebd.
3 Ebd.,S.216(Fn.66).

Geschichte und Gesellschaft 32. 2006, S. 412-432


© Vandenhoeck & Ruprecht 2006
ISSN 0340-613 X

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Nachruf auf Reinhart Koselleck 4 1 3

Etwas von der geistigen Atmosphäre Heidelbergs in den früh


erschließt sich demjenigen, der, wie der Verfasser dieses Nachru
schaftswunderjahren der Bundesrepublik zur Welt gekomm
trachtung der Karikaturen, die Koselleck in jenen Jahren offen
möglichen Gelegenheiten aufs Papier warf.4 Viele Karikature
mischen Lehrer. Einige sind nur im Porträt abgebildet, so di
Georg Gadamer und Karl Löwith, der Staatsrechtler Carl Joa
Chef Werner Conze und der Soziologe Alfred Weber. Andere
oder weniger grotesken Posen an Vorlesungspulten sitzend o
Tafel schreibend oder mit dem Zeigestock etwas erläuternd,
Hans Schäfer, der Mediävist Fritz Ernst, der Völkerpsycholog
ungeheizten Hörsaal im Mantel dozierend), der Literaturwiss
Buchwald, der Kunsthistoriker Walther Paatz, sein Doktorv
und der Mediziner Viktor von Weizsäcker. Wieder andere
Spottbilder, so vor allem Karl Jaspers: In einer Art Comic strip
führt, wie er aufrechten Ganges und mit wehendem Haar die A
Pult steigt, über indische Philosophie liest und die Aula umr
begeisterter, zwergenhaft gezeichneter Studierender wieder
Jaspers-Karikatur ist als Suchbild angelegt: „Einmal Gertrud
pers" gilt es zu finden; man entdeckt Jaspers als Brunnenfig
als aus dem Schornstein des Universitätsgebäudes quillende Ra
uhr und Wetterhahn, als Eule und Lanze tragende, im Schn
Sockel mit der Aufschrift „Dem neuen Geist" hockende Denkm
mehr.5 Noch böser traf es Heidegger: Er hat den Kopf vornübe
Oberkörper gebeugt und horcht mit seinen riesigen abstehe
hinein. „Heidegger: Das befragte Dasein" steht als erläuternde Z
nung und dazu noch in Klammern, den Jargon der Eigentlichk
no, persiflierend: „Das Brustlegen der Ohren an, so zwar, da
Kopfe ek-sistieren zu hin um durch hin-ein her-aus zu hören
Karikaturen spricht der Witz Reinhart Kosellecks, den alle bez

4 Reinhart Koselleck, Vorbilder- Bilder, gezeichnet von Reinhart Kosellec


Imdahl, Bielefeld 1983. Es heißt, Koselleck habe zuerst Karikaturist w
auf Anraten des Vaters mit dem Studium begann. Vgl. Michael Jeism
unter der Haut. Die Besiegten schreiben die Geschichte: Zum Tode des
Reinhart Koselleck, in: FAZ, 6.2.2006, S. 33.
5 Koselleck, Vorbilder, S. 31. Vgl. auch ebd. S. 101 die noch böswilliger
greifende Umkreisen der Permanenz des transzendentalen Schenkun
haupt* - Jaspers an einer kreisenden Rolle hängend im Erlernen des
fand Koselleck gleichwohl anerkennende Worte über den ihm währe
fenbar als eitel erscheinenden Philosophen: Reinhart Koselleck, Jaspe
das Überpolitische, in: Jeanne Hersch u. a. (Hg.), Karl Jaspers. Philos
Denker. Symposium zum 100. Geburtstag in Basel und Heidelb
S. 291-302.
6 Koselleck, Vorbilder, S. 105.

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ten. Es wurde viel gelacht und er selbst


manchmal herzlich, öfter noch schelmis
heraus. In den Heidelberger Studien- und
deskreis nicht nur gelacht, sondern auß
Wein getrunken und exzessiv geraucht, w
Kneipen und Mansarden gesprächsweise n
war Koselleck nicht und auch kein Liebhaber einsamer Schreibtischarbeit. Gerne
ließ er sich, auch nachdem er Professor im nüchternen Bielefeld geworden war, zu
Gesprächen verführen, die, stets mit Wissenschaftlichem beginnend und oft im
Privaten oder Politischen endend, einen ganzen Nachmittag dauern konnten, was
er später, wenn die Zeit für die Ablieferung eines Aufsatzes drängte, mit quälenden
Nachtsitzungen im heimischen Arbeitszimmer abbüßen musste.
Bei aller grundsätzlich heiteren Gestimmtheit im persönlichen Umgang und im
akademischen Leben neigte Koselleck gleichwohl zu pessimistischen Urteilen, so-
bald es um politische Fragen und die Fähigkeit des modernen Menschen ging, aus
Fehlern in der Geschichte zu lernen. In seinen großen theoretischen Aufsätzen seit
den späten sechziger Jahren, angefangen bei „Historia Magistra Vitae" (1967),
drang er zu den tieferen Gründen dafür vor, warum die Chance, durch Geschichts-
betrachtung klüger für ein andermal zu werden, seit der Wende zur Moderne ge-
ringer geworden sei. Im Maße wie die Geschichte (im Kollektivsingular) seit dem
späten 18. Jahrhundert als einmaliger Prozess mit offenem Ausgang gedacht, ihre
Machbarkeit behauptet und zugleich mit jedem neuen gescheiterten Plan ihre „Ei-
genmacht" gewachsen sei, habe sich der überkommene Erfahrungsraum, der in
seinen wiederkehrenden Abläufen Lehren bereitzuhalten schien, zersetzt.8 In an-
derer Weise, am empirischen Beispiel Preußens „zwischen Reform und Revolu-
tion", hatte Koselleck in der ebenfalls 1967 erschienenen Habilitationsschrift ge-
zeigt, wie die Verfasser des Allgemeinen Landrechts um Svarez und die Reformbe-
amten um Hardenberg mit ihren Entwürfen der gesellschaftlichen Entwicklung
entweder vorauseilten oder hinter ihr zurückblieben, so dass der rechte Zeitpunkt
für die Verwirklichung der Gesamtpläne immer schon verpasst oder aber noch
nicht gekommen war.9 Die Reformbeamten erscheinen in dem Buch eingespannt
in teils selbst verursachte, teils unverschuldete Zwangslagen und Zugzwänge, die
einen Erfolg ihrer Pläne selbst bei aufrichtiger Bemühung umso unwahrscheinli-
cher werden ließen, je weiter die Zeit fortschritt. Lernen aus der Vergangenheit und

7 Vgl. ebd., S. 1-30, den mit „Zwischen Buden und Boheme, Heidelberg 1947-1953 und später"
überschriebenen Abschnitt.
8 Reinhart Koselleck, Historia Magistra Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neu-
zeitlich bewegter Geschichte, in: Hermann Braun u. Manfred Riedel (Hg.), Natur und Ge-
schichte. Karl Löwith zum 70. Geburtstag, Stuttgart 1967, S. 196-219, hier zitiert nach dem
Wiederabdruck in: Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher
Zeiten, Frankfurt 1979, S. 38-66, S. 61.
9 Reinhart Koselleck, Preußen zwischen Reform und Revolution. Allgemeines Landrecht, Ver-
waltung und soziale Bewegung von 1791 bis 1848, Stuttgart 1967, hier benutzt in der 3. Auf-
lage von 1981.

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nach Plan erfolgreich durchgeführte Reformen, so die im


schaft der beiden 1967 erschienenen Hauptschriften, sind
grund der beschleunigten Bewegung aller äußeren Parameter
leitenden Begriffe, darunter des Begriffs der Geschichte selb
wenn nicht unmöglich geworden.10
Diese in den Folgejahren weiter ausgearbeiteten Erkenntni
Resultat intensiver Denkprozesse und einer historiograph
hin zu einer als Strukturgeschichte verstandenen und begrif
mauerten Sozialgeschichte, die Koselleck seit den späten f
angetrieben von Conze, vollzogen hatte. Die pessimistische
die Blickrichtung verschob sich. Nun rückte die Prozessualit
läufe, nun trat das Gefüge der sprachlichen und außerspra
unter denen sich die Ereignisketten über die Köpfe der Akte
ihrem Rücken vollzogen, stärker in den Vordergrund sein
Koselleck in der frühen Nachkriegszeit noch deutlich mor
und Fehlleistungen benennbarer Akteure für die krisenhaft
derne verantwortlich gemacht hatte.
Wie viele seiner Generation wollte sich Koselleck nach dem
nicht mehr überwältigen lassen von den Totalitätsansprüche
und ihrer Ideologien gleich welcher Couleur, vor allem dan
menschheitsbeglückendem Pathos auftraten. Die Karikatur
Mittel, seinen Widerwillen gegen Befehlshaber und Rechth
ne Sympathie galt den (scheinbar) Unterlegenen, die sich w
goslawischen Staatschef Tito, der - als Hund gezeichnet -
mit herrischer, an einen anderen „Führer" erinnernden Gest
spektlos anpinkelt.11 Nicht gerade schmeichelhaft gezeichne
räts mancher westlicher Staatsmänner (Truman) und Umer
das den jungen Eric Hobsbawm mit Sonnenbrille, überdi
Zahnlücke zeigt.12 Der damals noch stramm kommunistisc
war 1947 als Reeducation Officer auf Schloß Göhrde in d
eingesetzt und sollte hier den eben aus der russischen Gefan
ten und selbstverständlich antisowjetischen Koselleck zur
hen.13 Später haben sich beide Historiker schätzen gelern

10 Man kann darüber spekulieren, wie weit Kosellecks Gedankengä


von der soziologischen Diskussion der sechziger Jahre über die Auf
so genannte „Sachzwänge" angeregt wurden; an der Originalität de
tation ändert dies jedoch nichts.
1 1 Koselleck, Vorbilder, S. 1 14; die Karikatur ist untertitelt „Die groß
1948.
12 Ebd., S. 113 (Truman nach seiner Wiederwahl 1948, „Victor Vi
bawm, 1947).
1 3 Vgl. Hobsbawms Schilderung des Umerziehungslagers und der Begegnung mit Koselleck: Eric
Hobsbawm, Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert, München 2003, S. 208-212.
Gerade der 1947 anhebende antikommunistische Kreuzzug erleichterte es Hobsbawm, wie er

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fortbestehender politischer Meinungsunter


ters der Extreme" in vielem einig.

II. „Kritik und Krise"


Der junge Koselleck beschränkte sich indes
tare zum Zeitgeschehen. Als angehender Hist
vor allem angeregt durch Carl Schmitt,14 ab
Löwith,15 nach den langfristigen Ursachen
alter der Extreme zum vorläufigen Höhepu
tungsfeldzüge und Vernichtungsdrohungen
als die meisten jüngeren Historiker der Nac
dieser Suche nicht der neueren deutschen N
weg" zu, sondern setzte an einem weit zurü
zess an.16 Es war der Prozess, den Aufklärer
Hälfte des 18. Jahrhunderts im Namen einer
gerechtfertigten Moral gegen den absolutisti
Koselleck meinte, über den politischen Char
Kritik Rechenschaft abzulegen und ohne sic
der absolutistische Staat gewesen war, der d
Moral erst jenen Innenraum hatte entstehen
lische Kritik entwickeln konnten. Pierre Ba
hang,17 Voltaire überschritt bereits, schein
schen Kritik im Namen überparteilicher Wah

hier feststellt, am Glauben festzuhalten, obwohl


setzten Gebieten, auch Kosellecks Schilderungen d
tierten.
14 Die Gesprächskreise und Gedankenwelten, in denen sich Koselleck und Carl Schmitt begeg-
neten, werden differenziert beschrieben bei: Dirk van Laak, Gespräche in der Sicherheit des
Schweigens. Carl Schmitt in der politischen Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik,
Berlin 1993, besonders S. 186-192. Im Vorwort zur Erstausgabe von „Kritik und Krise" von
1959 machte Koselleck, wie auch später, keinen Hehl daraus, dass er Schmitt viel verdankte
(Koselleck, Kritik, S. XII).
15 Ihm verdankte er u.a. die Einsicht, dass die neuzeitliche Geschichtsphilosophie von ihrer
Argumentationsstruktur her das Erbe eschatologischer Theologien antrat; siehe Koselleck,
Kritik, S. 108. Vgl. Karl Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Vo-
raussetzungen der Geschichtsphilosophie, Stuttgart 19797. Die deutsche Erstauflage erschien
1953. Koselleck war, ohne dass dies im Vorwort Löwiths erwähnt wird, an der von seinem
Freund Hanno Kesting besorgten Übersetzung dieser Schrift aus dem Englischen (Original-
titel: „Meaning in History", 1949) ins Deutsche beteiligt (mündliche Auskunft Reinhart Ko-
sellecks).
16 Heute würden ihn ideologiekritische Historiker vermutlich schon deshalb zu einem Apolo-
geten abstempeln, meint: Patrick Bahners, Ein Reiter will ich werden, wie mein Lehrer einer
war. Carl Schmitt half dem Analytiker der Weltbürgerkriege in den Sattel: Zum Tode des
Historikers Reinhart Koselleck, in: FAZ, 5.2.2006, S. 25.
17 Koselleck, Kritik, S. 93, S. 99.

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Nachruf auf Reinhart Koselleck 4 1 7

Überschreitung noch ironisch,18 seine Nachfolger, die Enz


ren Vulgarisierer der Aufklärung, verstanden nichts mehr v
ten des Politischen; sie verfielen in „tierischen Ernst", erlag
tifikation", spannten in „Selbstgerechtigkeit" und „Verblend
tischer Begriffe" aus, in dem sie sich selbst stets auf der Se
Fortschritts und des Guten ansiedelten, den Staat hingegen
der Geschichte verworfen konzipierten.19 Rousseau imme
durch ausgelöste Krise, sah die Revolution voraus, erwies sic
Denker, doch blieb auch er „der utopischen Fiktion erlegen"
in die Dialektik der Aufklärung".20 Es ist der in diesen Zitate
die gesamte Schrift sich ziehende anklagende Duktus, es s
moralischen Verurteilungen, besonders die wiederholten
brachten Quellen kaum gedeckten Vorwürfe der „Hypokrisie
Buchs, den Verfasser dieses Nachrufs eingeschlossen, irritier
Erklärung des dialektischen Prozesses, dem die Aufklärer
Staat gemeinsam erlegen sind, wenig beitragen.
„Die Dialektik der Aufklärung entspringt [. . .] nicht nur ih
noch der geschichtlichen Situation, in der sie sich entfalte
zwanzig Jahre nach Abfassung der Schrift - nunmehr sine ira
zur Taschenbuchausgabe von „Kritik und Krise" (1973).22 W
selbst über weite Strecken vermisst, ist der Versuch, auch d
klärer, also die Staatsgewalt, als eine bewegliche Größe zu be
und Krise" wird sie nach der Eröffhungssequenz, dem Kap
des religiösen Bürgerkriegs durch den politischen Souverän,
So erscheint der absolutistische Staat am Ende nur als passi
tiker. Dass die tatsächliche politische Entscheidungsfindun
tens unter Ludwig XVI. mit den Kategorien der hobbesian
nischen Souveränitätslehre nicht mehr adäquat zu fassen ist,
einer von Wolfgang J. Mommsen für das deutsche Kaiserr
als ein „System umgangener Entscheidungen"24 charakterisi
so nicht in den Blick. Die in „Kritik und Krise" konsequen
historisch unbefriedigende Engfuhrung der Definition des P
ziges Modell, dasjenige von Hobbes in der Interpretation C
Koselleck den Blick darauf, dass es aufgeklärte Minister w

18 Ebd., S. 95, S. 98.


19 Ebd., S. 98 f.
20 Ebd., S. 134 f.
21 Z. B. ebd., S. 81 f., S. 98, S. 102, S. 103, S. 157.
22Ebd.,S.X.
23 Lediglich in der Einleitung, ebd., S. 8, finden sich dazu wenige Andeutungen, die jedoch in
den Hauptteilen nicht weiterverfolgt werden.
24 Wolfgang J. Mommsen, Das deutsche Kaiserreich als System umgangener Entscheidungen,
in: Helmut Berding u. a. (Hg.), Vom Staat des Ancien Regime zum modernen Parteienstaat.
Festschrift für Theodor Schieder, München 1978, S. 239-265.

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418 Willibald Steinmetz

Ancien Regime mit völlig anderen Erscheinu


ten. Turgot, seine Mitstreiter Dupont de N
allesamt hypokrisieverdächtig, operierten i
lungsblockade; sie konnten daher gar nicht
durch moralische Interpretationen der Auf
walt ihrer politischen Entscheidungsfreihei
dungsfreiheit hatte Ludwig XVI. nie besessen
Mitarbeitern darum, politische Entscheidun
machen, freilich nicht mehr nach dem alte
funktionierenden Modell eines souverän üb
sondern - ähnlich wie später bei den preußi
der Beratung und Abstimmung zwischen
Eigentümerversammlungen mit dem Mona
Es ist viel über Carl Schmitts Einfluss auf
Abgesehen von den direkten Bezugnahmen
vor allem in der Anlehnung an Schmitts zu
nition des Politischen einschließlich ihrer z
Sie hat es Koselleck zwar erleichtert, seine
gungskraft des Buches mehr geschadet als
Aussage sonst von Schmitt gelernt hat, näml
daß nur die Grundstruktur möglicher Gegen
ßend als „Erkenntniskategorien" nutzbar zu m
-historische Arbeit, die auch verlangt hätte
gehalte auszuscheiden, hat er in „Kritik und
litischen selbst nicht konsequent durchgefüh

25 Koselleck, Kritik, S. 122.


26 Koselleck sieht das anders, vgl. ebd., S. 4 f.; sein
der neueren Forschung kaum halten.
27 Völlig verfehlt ist die jüngst von Niklas Olsen
„nicht anders lesbar als ein konservatives Plädoyer
ähnlich dem absolutistischen". Olsen zufolge hat Ko
identifiziert - eine abwegige Behauptung für jede
Olsen, „Of all my teachers Schmitt was the most i
and personal relations to Carl Schmitt, unveröffe
zung). Der englische Text basiert auf einem in s
Olsens (Historisk Tidsskrift 104. 2004, S. 30-60). D
Koselleck und Carl Schmitt - Richtigstellungen
Typoskript). Vgl. auch den kritischen Rückblick
Rezeption: Reinhart Koselleck, Dankrede am 23. No
Reinhard Koselleck (1923-2006). Reden zum 50. J
Heidelberg 2006, S. 33-60. Dieser erhellende Text st
dieses Nachrufs zur Verfügung.
28 Reinhart Koselleck, Zur historisch-politischen S
ders., Vergangene Zukunft, S. 21 1-259, S. 258.

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Nachruf auf Reinhart Koselleck 419

III. „Preußen zwischen Reform und Revolutio


Das Preußenbuch, an dem Koselleck auf Anraten Conzes seit
dem er 1965 in Heidelberg habilitierte, markiert gegenüber d
Hinsicht einen Fortschritt. Was den empirischen Ertrag ang
Jahre nach seinem Erscheinen noch ein unverzichtbarer A
Forschung zur preußischen und deutschen Geschichte im Vo
Buch eine Glanzleistung: Über mehr als 600 Seiten hinweg
dichte Argumentation entfaltet, die immer wieder in einpr
ginellen Formulierungen gebündelt wird. Methodisch schließ
beispiel gelungener Verknüpfung von politischer Geschi
Rechtsgeschichte und einer historischen Semantik, die sowo
del von Begriffen im diachronen Überblick als auch ihre um
und argumentative Funktion in konkreten Handlungsvollzüg
Die Thesen des Buchs sind im Kern trotz mancher berecht
stritten. Das Allgemeine Landrecht von 1794 wird als janus
net, indem es im Entwurf die allgemeine Staatsbürgergesells
den konkreten Bestimmungen aber eine ständische Differ
festschrieb bzw. neu fixierte. Diese begünstigte faktisch die
den Bürgerstand militär-, Steuer-, ehr- und familienrech
ignorierte die sozialen Verhältnisse der entstehenden Indust
mit insgesamt Konflikte hervor, die das auf bürgerliche Gle
zielende Programm der Reformbeamten gefährdeten. Da
selbst konnte nur in Teilen verwirklicht werden. Die von
Konstitutionalisierung Preußens blieb bis 1848 ein Verspre
tatsächlichen und antizipierten ständischen Widerständen
ralen Öffentlichkeit, die als Resonanzboden für die Reformf
gieren können, und an den Prioritäten der Beamten, die d
den Vorrang vor der Verfassungsreform gaben. Nach 1815
lungsspielräume für Verfassungsexperimente rapide ein, zu
durch die neu geschaffenen Verwaltungseinrichtungen selbs
tionen übernahmen, die den ständischen Vertretungen zug
zum anderen außenpolitisch durch die jede konstitutionel
Metternichsche Restaurationspolitik.29 Das Zeitfenster für d
fassungspläne, wenn es je eines gegeben hatte, schloss sich
auch im preußischen Staat ihre Fürsprecher, so dass als Schw
chenen Nationalrepräsentation nur die „bornierte Konstr
stände" verwirklicht wurde.30 Mit bissig-sarkastischem Unt

29 Diesen Aspekt beleuchtet Koselleck, komplementär zum Preußen


Kapitel des von ihm zusammen mit anderen verfassten Bandes de
Louis Bergeron, Francis Füret u. Reinhart Koselleck, Das Zeitalte
lution 1780-1848, Frankfurt 1969.
30 Koselleck, Preußen, S. 346. Die ideologischen Kämpfe um deren ko

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420 Willibald Steinmetz

leck die vom „Stempel der Angst" und „büro


fahrensregeln,31 mit denen die von Reform
Rücktritte zunehmend entblößte preußisch
fähige politische Köpfe des Bürgertums aus
Fortgesetzte Bevormundung, die Verweiger
vor politischen Konzessionen führten zum
tung und trieben die Bürger der industria
liberal gesinnten Adel Ostpreußens in die O
des 19. Jahrhunderts verwalteten die Beam
rufung auf Marx feststellt, „gegen die bürg
zuließen, dass die Ritterschaft auf dem Land
und Patrimonialgerichte als herrschende Kl
Die Analyse der aufeinander bezogenen Prob
zusammen in eine an Komplexität kaum zu
lution von 1848. Diese erhält in der Darstel
wird und ohne dass eine Gut-Böse-Rhetorik b
dadurch, dass sie als Ausweg aus der Handlun
ßische Beamtenschaft sich und den Staat hin
liefert Koselleck damit für das vormärzlich
das vorrevolutionäre Frankreich in seiner Di
Analyse der Bedingungen, die Reformproz
tion unvermeidlich machten. Anders als in „
buch, wie Koselleck im Vorwort zu dessen
Faktoren im Hinblick auf ihre Wechselwirku
vor allem besteht der theoretische Fortschrit

IV. Theorie historischer Zeiten

Das Preußenbuch nahm aus der Perspektive einer Akteursgruppe, der Reform -
beamtenschaft, vorweg, was Koselleck in den Folgejahren in seinen Aufsätzen
zur Theorie historischer Zeiten abstrakter fasste und in ein Modell epochalen
Wandels einarbeitete: Handelnde Menschen finden sich immer schon, und ver-
stärkt mit dem Auseinandertreten von „Erfahrungsraum und Erwartungsho-
rizont" seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert,34 eingelassen in Gesche-
hensketten, die je eigenen Rhythmen und Veränderungsgeschwindigkeiten un-
terliegen. Dies gilt für außersprachliche Sachverhalte ebenso wie für deren

geschichte werden bei Koselleck nur knapp beschrieben; genauer hierzu ist: Herbert Obenaus,
Anfänge des Parlamentarismus in Preußen bis 1848, Düsseldorf 1984.
31 Koselleck, Preußen, S. 345.
32 Ebd., S. 390.
33 Ebd., Vorwort zur zweiten Auflage, unpag. [S. 6]; meine Hervorhebung.
34 Vgl. Reinhart Koselleck, „Erfahrungsraum" und „Erwartungshorizont" - zwei historische Ka-
tegorien ( 1976), in: ders., Vergangene Zukunft, S. 349-375.

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Nachruf auf Reinhart Koselleck 42 1

sprachliche Erfassung. In ihren je instabilen Konstellatio


halte und Sprache als Vorgegebenheiten mögliches Hand
Einzelnen durch Handlungen bzw. Sprachhandlungen re
lisiert werden.35 Aus der Rückwirkung der Geschehensk
stehen Zugzwänge und Zwangsalternativen, die die men
immer wieder durchkreuzen. Die „Verfügbarkeit der Ge
für den, der sich - wie im Extremfall Hitler - darauf ver
der eigenen Lebenszeit realisieren zu wollen.36 Auf der an
für denjenigen, der - wie etwa Lorenz von Stein - auf ein
nach wiederholbaren Verlaufsmustern und Bedingungen
sucht, selbst im Horizont der beschleunigt fortschreitend
Chance, zukünftige Entwicklungen zu prognostizieren.37
Die auf die Habilitation folgenden Jahre, in denen Koselle
rischer Zeiten in immer neuen Facetten weiterführte, b
schichtlich entscheidende Karriereschritte und Anerkenn
Zunft. Nach einem Zwischenspiel 1966/67 als Professor für
ten in Bochum und der gleichzeitig erfolgenden Berufun
schuss der Universität Bielefeld, in dem er wesentlich dazu
universität ein unverwechselbares Profil zu geben, übernah
eine Professur für Neuere Geschichte an seiner Heimatun
vor er dann 1973 an die von ihm mitgegründete Universi
Dort wurde er sogleich für fünf Jahre Direktor am Zentru
Forschung - eine kongeniale Position für ihn, der Interd
als Mantra vor sich her trug, sondern seit seinem Studium
chem Zugewinn an Erkenntnis praktizierte. Die von ihm
ten Sitzungen und Bände der Forschergruppe „Poetik und
ein Beispiel dafür.38 Für viele jüngere Historikerinnen und
um 1968 war Koselleck zudem einer der wenigen „Etablier
eine Erneuerung der Geschichtswissenschaft erhofften, w
und auf Historikertagen ohne politische Scheuklappen di
die bisherige geschichtswissenschaftliche Praxis in Frage
bedürftigkeit" attestierte.39 Die theoretische Orientierung,

35 Vgl. Reinhart Koselleck, Darstellung, Ereignis und Struktur (1973),


kunft, S. 144-157.
36 Reinhart Koselleck, Über die Verfügbarkeit der Geschichte (1977
kunft, S. 260-277.
37 Vgl. Reinhart Koselleck, Geschichtliche Prognose in Lorenz von Ste
Verfassung ( 1965), in: ders., Vergangene Zukunft, S. 87-104.
38 Vgl. besonders die Bände: Reinhart Koselleck u. Wolf-Dieter
Ereignis und Erzählung (Poetik und Hermeneutik V), München 1
Reinhart Koselleck (Hg.), Epochenschwelle und Epochenbewuss
neutik XII), München 1987.
39 Vgl. Lucian Hölscher, Gedenkvorlesung für Reinhart Koselleck,
6. Februar 2006 (unveröffentlichtes Typoskript); Jürgen Kocka, Die

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422 Willibald Steinmetz

te, war allerdings von anderer Art: Er lehrte


bloß erborgten Theoriegebäuden marxisti
sonstiger Provenienz. Vielmehr konnte man
liche Zuspitzung der Fragestellung und Beg
schaftliche Theorien im Zuge der historisch
Angeboten der Nachbarwissenschaften, ent

V. Begriffsgeschichte
Langfristig die größte Reputation freilich, u
Ausmaß an internationaler Anerkennung, da
ungewöhnlich geworden ist, brachte ihm d
Konzeption der Begriffsgeschichte ein. Deren
digen Lexikon „Geschichtliche Grundbegrif
lecks herausragende Lebensleistung bezeich
griffsgeschichte sind oft genug dargestellt, i
chen kritisiert worden, eine Wiederholung al
Der entscheidende Anteil Kosellecks an der
nehmens „Begriffsgeschichte" ist unbestrit
des Lexikons gewisse Verdienste im Hinblick
zahnung von Begriffs- und Sozialgeschicht
mulierungen der Ausgangshypothese der T
tisch-sozialen Begriffshaushalts im Übergan
nen Welt (Otto Brunner) zukommen.42
Wesentliche Theoriebausteine und Hypothe
leiten sollten, wurden bereits seit Ende der fü

heit. Ein engagierter Aufklärer: Jürgen Kocka zum


Historikers Reinhart Koselleck, in: Der Tagesspiege
noch Historie?, in: Historische Zeitschrift 212. 19
tigkeit der Geschichtswissenschaft, in: Werner C
schaft und Praxis des Geschichtsunterrichts, Stutt
40 So auch die Bewertung von Jörg Fisch, Die Sugg
weisenden und einflussreichen deutschen Historik
(Zürich), 6.2.2006.
41 Vgl. u.a in knapper Zusammenfassung: Reinhart K
dan (Hg.), Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert
außerdem: Melvin Richter, The History of Politic
tion, New York 1995; Kari Palonen, Die Entzaube
politischen Begriffe bei Quentin Skinner und Re
umfassender Bibliographie und Kritik der bis zum
zierten deutschsprachigen und internationalen Lit
42 Dazu Reinhart Koselleck, Sozialgeschichte und B
Volker Seilin (Hg.), Sozialgeschichte in Deutschla
internationalen Zusammenhang, Bd. 1 : Die Sozialg
schaft, Göttingen 1986, S. 89-109, S. 91.

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Nachruf auf Reinhart Koselleck 423

derne Sozialgeschichte diskutiert.43 Eine Zwischenbilanz d


stark fokussiert auf Methodenfragen und konkrete Arbeitss
Koselleck 1967.44 Dieser Text sollte auch dem leidigen Gesc
bung für das Großprojekt dienen und enthielt dementsprech
te von Antragsprosa. Gleichwohl lohnt es unter wissenschaf
methodischen Gesichtspunkten ihn als Komplementärtext
zitierten Einleitung zum ersten Band des Lexikons zu lesen
tierte hier noch in einem explorativen Modus. Bestimmte
seit dem Erscheinen des ersten Bandes (1972) zu Schlagw
fehlen 1967 noch, so die griffige Formulierung, dass Begriff
und als Indikatoren geschichtlicher Bewegung betrachte
Quartett der Prozessbegriffe von „Demokratisierung", „Verz
sierbarkeit" und „Politisierung", die zusammengenommen
zeit" -Hypothese mit Inhalt füllen,47 findet sich in dem R
erst in Umschreibungen. Vor allem fällt auf, dass der Begrif
Hypothese der „Demokratisierung" 1967 noch fehlt; sie sch
gekommen zu sein - vielleicht angestoßen durch die exzess
dieses Terminus als parteipolitischer Kampfbegriff in den J
später „Politisierung" heißen sollte (ebenfalls ein Kampfbegr
sich 1967 noch abgehandelt unter den Stichwörtern „Pole
Manipulierbarkeit" und „Standortbezogenheit"; auch „Ver
als Stichwort, wenngleich diese Leithypothese der Sache nac
enthalten ist, die Begriffe nach ihrer „Richtung" und „nach
rungshorizont aufzuschlüsseln".49 Lediglich die Ideologisie
fähr so gefasst, wie sie später auch in der Einleitung ersche
kretisierender Aussagekraft" und „unmittelbarem Erfahrun
an „Abstraktion" und „Funktionalität" der Begriffe.50 Wese
in der Einleitung ist hingegen der Katalog an Kontrollfragen
arbeitern zur Beachtung empfohlen werden. So soll u. a. d
bono? Wer gebraucht in welcher Lage mit welcher Absicht e

43 Dazu: Reinhart Koselleck im Gespräch mit Christof Dipper, Beg


schichte, begriffene Geschichte, in: Neue Politische Literatur 43. 199
44 Reinhart Koselleck, Richtlinien für das Lexikon politisch-sozialer
Archiv für Begriffsgeschichte 9. 1967, S. 81-99.
45 Reinhart Koselleck, Einleitung, in: Otto Brunner, Werner Conze
Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur polit
Deutschland, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. XIII-XXVII.
46 Ebd., S. XIV.
47Ebd.,S.XVI-XVIII.
48 Vgl. Martin Wengeler, „ 1 968" als sprachgeschichtliche Zäsur, in: Georg Stötzel u. Martin Wen-
geler (Hg.), Kontroverse Begriffe. Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bun-
desrepublik Deutschland, Berlin 1995, S. 383-404.
49 Koselleck, Richtlinien, S. 92 f.
50 Ebd.; vgl. Koselleck, Einleitung, S. XVII.

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424 Willibald Steinmetz

gehend gestellt werden; ebenso soll „die Be


[. . .] bei jeder Einzeluntersuchung berücksi
an, „das Beziehungssystem von Begriffsgrup
Mit anderen Worten, was spätere Kritiker
meintliches methodisches Defizit angekrei
der sprachpragmatischen Dimension und d
bzw. Diskurse, in denen die Einzelbegriffe
das findet sich in den frühen Richtlinien a
der Mehrzahl der Artikel des Lexikons die
eingelöst werden konnten, hängt mit der
Lexikon und mit der von Koselleck immer w
vieler Bearbeiter zusammen, den Ansatz de
schichtigkeit zu verstehen und darstellungs
sätzliches Defizit der theoretischen Konzep
Kosellecks eigene Artikel bzw. Teilkapitel im
Begriffsgeschichte in eine sprachpragmatis
lisierte Argumentations- bzw. Diskursgeschic
gen beim Artikel „Bund, Bündnis, Föderalism
ihm verfassten Abschnitten des Artikels „V
Das meiste von dem, was in den letzten Jahr
zur Diskursanalyse den Studierenden als um
findet sich ausgedrückt in Kosellecks ureigen
besitzenden Terminologie bereits in den frü
ten, seinen eigenen Artikeln und in begleiten
selbst, seinen Mitarbeitern und Weggefährte
In einem Punkt allerdings unterscheidet si
neueren Diskurstheorien, die zur Begründu
anderen Form auf den französischen Poststru
hat immer auf der Differenz zwischen der b
Geschichte (Texte) einerseits und der vom H
derer Methoden rekonstruierbaren Geschic
standen. Die Notwendigkeit, diese in seinen
ständige Disziplin essenzielle Position zu ver

51 Koselleck, Richtlinien, S. 88 ff.


52 Reinhart Koselleck, Art. Bund, Bündnis, Föd
Grundbegriffe, Bd. 1, S. 582-671.
53 Reinhart Koselleck (mit Fritz Gschnitzer, Karl F
Volk, Nation, Nationalismus, Masse, in: Geschichtli
S. 141-431; von Koselleck hier S. 380-430.
54 Vgl. nur den ersten Band der Reihe „Sprache u
Historische Semantik und Begriffsgeschichte, Stu
erscheinende, noch von Koselleck selbst zusammen
weitere Aufschlüsse geben.
55 Etwa: Philipp Sarasin, Geschichtswissenschaft u

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Nachruf auf Reinhart Koselleck 425

in Abgrenzung zu Foucault oder radikaleren Poststruktu


sich meines Wissens nirgends zusammenhängend geäußer
einandersetzung mit seinem Lehrer und älteren Freund
Gadamer gerichtet und dessen These von der unhinterge
ler Welterfahrung und -Vermittlung kommentierend f
schichte einer Periode schreiben, heißt Aussagen treffen
gemacht werden konnten." Und weiter: „Kein Quellentext
die erst mit Hilfe textlicher Quellen konstituiert und zu
[. . .] Es gibt geschichtliche Vorgänge, die sich jeder sp
oder Ausdeutung entziehen."57 Unbeschadet des in diese
bar werdenden Glaubens Kosellecks an die tatsächliche E
Strukturen und langfristiger Verläufe in der Geschichte w
lich dessen bewusst, dass alles, was Historiker darüber a
nerseits an die Sprache und ihre je bereitgehaltenen Aussa
fe, Metaphern und Figuren der Narration zurückgebund
Die Begriffsgeschichte nun hat Koselleck von Anfang an k
liche Operation, in der die Differenz, insbesondere die u
gen und Zeitrhythmen zwischen den sich ereignenden
sprachlichen Artikulation durch die Zeitgenossen zum T
Koselleck hat damit aus deutschen Wissenschaftstraditionen heraus ein For-
schungsprogramm initiiert, das inzwischen weltweit rezipiert wird. Trotz der In-
flation von „Wenden" und Revisionismen in der Historikerzunft hat es nichts von
seiner intellektuellen Faszination und empirischen Produktivkraft eingebüßt. Die
Tatsache, dass mittlerweile in vielen Ländern der Welt begriffshistorische Lexika

56 Eine kurze Auseinandersetzung mit einer Foucaultschen Position findet sich in einem an
Jacques Guilhaumou gerichteten Diskussionsbeitrag anlässlich eines 1985 abgehaltenen ZiF-
Kolloquiums zur Französischen Revolution: Reinhart Koselleck, Probleme der Relationsbe-
stimmung der Texte zur revolutionären Wirklichkeit, in: ders. u. Rolf Reichardt (Hg.), Die
Französische Revolution als Bruch des gesellschaftlichen Bewußtseins, München 1988,
S. 664 ff.; vgl. auch Guilhaumous Replik ebd., S. 666 ff.
57 Reinhart Koselleck, Historik und Hermeneutik, in: Sitzungsberichte der Heidelberger Akade-
mie der Wissenschaften. Phil.-hist. Klasse, Jg. 1987/1, Heidelberg 1987, S. 9-28, S. 26 u. 27;
vgl. Gadamers Replik ebd., S. 29-36. Dieser Austausch Koselleck/Gadamer ist wiederabge-
druckt in: Reinhart Koselleck, Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt 2000, S. 97-127.
58 Vgl. dazu: Reinhart Koselleck, Einführung, in: Hayden White, Auch Klio dichtet oder: Die
Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses (Sprache und Ge-
schichte, Bd. 10), Stuttgart 1986, S. 1-6. Gegen White beharrte er zu Recht darauf, dass die
Forschungsarbeit des Historikers durch die Figuren nicht präformiert werde; dazu pointiert:
Reinhart Koselleck im Gespräch mit Carsten Dutt, Geschichte(n) und Historik, in: Interna-
tionale Zeitschrift für Philosophie 2. 2000, S. 257-271, S. 267: „Das Hauptproblem besteht
darin, dass White das verfehlt, was die Geschichtswissenschaft auszeichnet, die sich selbst eine
Kontrollinstanz in den Quellenexegesen aufbaut, über deren methodisch Hürde sie immer
springen muss, um sich als Wissenschaft auszuweisen. Und diese Kontrollinstanz der Quel-
lenexegese fallt bei White letztlich durch die Maschen."
59 Vgl. Koselleck, Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte, besonders S. 106 ff.

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426 Willibald Steinmetz

oder Sammelwerke nach dem Vorbild der „


stehen, spricht für sich. Dass bei diesen Übe
Sprachraum entstandenen Paradigmas in an
digungsschwierigkeiten auftreten, überra
schaftlern aus der englischsprachigen Welt
John Pocock bleiben Vorbehalte gegen die Be
das anfängliche Missverständnis, als ziele d
schichte auf eine vermeintliche Essenz von
den ist.60 Koselleck hat bis zuletzt bedauer
Pocock aufgrund von beiderseitigen Sprach
struktiven Dialog gekommen ist.61
Das jedem Begriffshistoriker vertraute Erle
leme, wenn man in einer Fremdsprache üb
senschaftliche Begriffe der eigenen Sprach
soll, ist wohl auch ein Grund dafür, dass Ko
Zeit eine europäisch-vergleichende Begriffsg
genüberstand.62 Im Grunde benötigte man
ersten Versuch zur vergleichenden Begriff
schaft" und „Bürger" in Deutschland, Eng
„Metasprache, die die Unterschiede vermitt
cheren, aber nicht restlos befriedigenden A
erst beziehungsgeschichtliche semantische
nössische Übersetzungsvorgänge und die Fo
weiligen Zielsprachen konzentrieren. H
Herausforderungen, die zu lösen angesicht
Maßstab zunehmenden Problems, sich über
aber auch ethisch-religiösen Grundbegriffen
weg verständigen zu müssen, immer wichtig

60 Wichtig in diesem Zusammenhang war ein Sympo


von Melvin Richter am Deutschen Historischen I
Beiträge sind dokumentiert in: Hartmut Lehman
Historical Terms and Concepts. New Studies on B
titute, Occasional Paper No. 15), Washington 199
61 Vgl. Javier Fernändez Sebastian u. Juan Francisco
Identity. An Interview with Reinhart Koselleck, in
(2006), S. 8. Das Interview liegt mir nur im Typosk
geführt. „Contributions to the History of Concept
Homepage der „History of Political and So
http://www.jyu.fi/yhtfil/hpscg/index.html (Die Nu
stand zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Na
62 Vgl. ebd., S. 9 f.
63 Reinhart Koselleck u. a., Drei bürgerliche Welte
lichen Gesellschaft in Deutschland, England und
Bürger in der Gesellschaft der Neuzeit. Wirtschaft - P
S.22.

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Nachruf auf Reinhart Koselleck 427

seinem begriffsgeschichtlichen Werk Grundlagen gelegt,


nicht ausgeschöpft ist.

VI. Erfahrung und Erinnerung


Die Begriffsgeschichte ließ Koselleck in seinen Bielefelder
Emeritierung (1988) hinaus nicht los, dafür sorgte schon
Lexikon fertig stellen zu müssen, was mit dem Abschluss de
gelang. Dass Koselleck neben seinen geschichtstheoretische
schen Studien noch zusätzlich neue Forschungsfelder eröff
nierende, nie nachlassende Kreativität. Formen der Erfahr
und Gewalt im Zeitalter der Weltkriege sowie Formen und
nerns daran - das war das Leitthema, unter dem sich seine
zu Träumen im „Dritten Reich",64 das unvollendete Mamm
gerdenkmälern und der politischen Ikonologie des gewalt
seine Stellungnahmen im Streit um das richtige Gedenke
nalsozialismus bündeln lassen.
Wie immer, wenn sich Koselleck neuen Themenfeldern näherte, blieb er auch hier
nicht bei empirischen Beobachtungen stehen, sondern versuchte schon früh im
theoretischen Zugriff den Blick auf allgemeine, „anthropologische" Kategorien zu
lenken, die zeitübergreifend von der Antike bis zur Gegenwart Vergleichbarkeit
ermöglichen sollten. Aber es war doch unverkennbar, dass gerade dieses Thema,
Kriegserfahrung und Totengedenken, ihn ganz persönlich betraf. Selbst wenn er
auf höchster Abstraktionsebene über Formen der Erfahrung und des Erinnerns,
einschließlich der Historiografie, sprach, bildete das eigene Erleben für ihn den
Prüfstein, an dem sich die Theorie bewähren musste.
Sein 1988 erschienener glänzender Aufsatz über „Erfahrungswandel und Metho-
denwechsel" bietet dafür einen Beleg.65 Hier definiert er zunächst drei fundamen-
tale menschliche Erfahrungsweisen: erstens einmalige Primärerfahrung, zweitens
wiederholt gemachte und daher intersubjektiv vermittelbare Erfahrung, drittens
durch geschichtliche Reflexion, also ex post, gestiftete Erfahrung. Diese drei Erfah-
rungsweisen setzt er sodann zu drei fundamentalen Formen der Historiografie in
Beziehung: erstens Aufschreiben (Festhalten und Erklären einmaliger Ereignisse),
zweitens Fortschreiben (Herstellen von Zusammenhängen zwischen verschieden
gelagerten Geschichten), drittens Umschreiben (Revision der Art und Weise, Er-
fahrungen aus Quellen zu ziehen, Zusammenhänge herzustellen und die Geschich-

64 Reinhart Koselleck, Terror und Traum. Methodologische Anmerkungen zu Zeiterfahrungen


im Dritten Reich, in: ders., Vergangene Zukunft, S. 278-299; ders., Nachwort, in: Charlotte
Beradt, Das Dritte Reich des Traums, Frankfurt 1981, S. 1 15-132. Ich gehe auf diese beiden
Aufsätze nicht näher ein; eine eigene Studie zum Thema „Träumen im Zeitalter der Extreme"
ist in Vorbereitung.
65 Reinhart Koselleck, Erfahrungswandel und Methodenwechsel. Eine historisch-anthropologi-
sche Skizze, in: Christian Meier u. Jörn Rüsen (Hg.), Historische Methode (Theorie der Ge-
schichte, Bd. 5), S. 13-61.

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428 Willibald Steinmetz

te rückwirkend zu deuten). Die Beispiele in d


ten Teil der Antike (Herodot, Thukydides, P
Erfahrungsmodus, die einmalige Primärerf
lecks über das eigene Erleben und seinen U
dabei um eine Art des Erfahrens", schreibt
jedem einzelnen Menschen erlebt oder erlit
führt wird. [. . .] Deshalb hat es auch seinen
Historiker auf ihre ganz persönlichen Erfahr
betroffen haben, und ohne die ihre Innovati
zu verstehen wären."66 Es mag sein, dass K
im Sinn hatte, als er diese Sätze schrieb. Spät
eigenes Erleben von Krieg und Gefangenscha
sich allerdings Sätze, in denen er die abstrak
und Methodenwechsel" direkt auf sich bezo
zigsten Jahrestag des Kriegsendes in der Fra
nenen Artikel über „sein" 1945 heißt es: „E
tauschbar sind und unvermittelbar - so furchtbar oder um vieles schlimmer die
Erfahrungen anderer sind. Vergleichen lassen sie sich allemal: aber nur von außen.
Von der jeweiligen Erfahrung selber her ist alles einmalig. Heute weiß ich weit mehr
als ich damals wissen konnte, und ich weiß anderes, als damals möglich war. Und
so geht es den Nachgeborenen. Aber die Unaustauschbarkeit eines primären Er-
fahrungswissens läßt sich nicht überbieten: Wissen ist besser als Besserwissen."67
Eine Akzentverschiebung wird hier sichtbar: Hatte ihn aus geschichtstheoretischer
Perspektive die Frage interessiert, wie aus einmaligen Erfahrungen Einzelner durch
ihre Akkumulation „gemeinsame Geschichten" gestiftet und durch geschichtliche
Reflexion generationsübergreifende „Fremderfahrungen in den eigenen Erfah-
rungshaushalt" einverleibt werden konnten,68 beharrte er jetzt, als es um sein per-
sönliches Erleben ging, rigoros auf der Unaustauschbarkeit und Unvermittelbar-
keit seiner eigenen Erfahrung. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt. Denn im Theo-
rieaufsatz sprach er als Historiker, der sich den Erfahrungen anderer „von außen"
näherte, um verallgemeinerbare Erkenntnisse daraus zu ziehen, im Zeitungsartikel
hingegen als Individuum, das sich gegen die (befürchtete) Uminterpretation seiner
eigenen Erfahrung durch andere - besserwissende - Historiker und Kommenta-
toren zur Wehr setzte. Ein Widerspruch aber vielleicht doch, zumindest für Rein-
hart Koselleck, den Historiker. Denn wenn das „Toleranzgebot für Erinnerungen"
(Jeismann)69 so weit getrieben würde, dass jeder fortfahren könnte, nur seine ei-
gene Geschichte zu erzählen, ohne sich durch gesammelte Erfahrungen und his-

66 Ebd., S. 20.
67 Reinhart Koselleck, Glühende Lava, zur Erinnerung geronnen. Vielerlei Abschied vom Krieg:
Erfahrungen, die nicht austauschbar sind, in: FAZ, 6.5.1995, Beilage „Bilder und Zeiten".
68 Koselleck, Erfahrungswandel, S. 21, S. 24.
69 Michael Jeismann, Tränen sind nicht aus Blei. Mit dem Zeitzeugen und Historiker Reinhart
Koselleck durch die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration" im Bonner Haus der Ge-
schichte, in: FAZ, 5.12.2005, S. 39.

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Nachruf auf Reinhart Koselleck 429

torische Erkenntnisse anderer - auch Nachgeborener - we


lassen, wozu dann noch Geschichte? Löste sich die Geschic
zelne, unvermittelbare Erzählungen auf?
Koselleck war viel zu sehr Historiker, um sich des hier au
nicht bewusst zu sein. In seinem Artikel über 1945 gab er
es wiederholt bestätigt, dass seine Erinnerungen schon dadu
erzählte und aufschrieb, ihre „sinnliche Wahrheitspräsenz
rarischen Geschichten wurden, für deren Gewissheit er sich
wollte.70 Anders gesagt: durch den Akt der Versprachlichung
rung überformt. Die Sprache selbst als Repertoire vorgege
phern, narrativer Muster und Redeweisen lässt eine völlig in
von Erfahrung nicht zu, somit gibt der Einzelne durch die
von Erfahrungen bereits ein Stück weit seine Souveränität ü
rung preis. Er tritt in einen Austausch mit anderen und l
Erinnerungen mit seinen abgleichen. Ein Weiteres komm
selbst hat darauf in seinem Aufsatz über den „Einfluß der
das soziale Bewußtsein" (1992) hingewiesen: Mit zunehmen
schehen verändern sich die sprachlichen Muster, die zur A
rung zur Verfügung stehen. „So schieben sich Schemata sp
ein, die rückwirkend den Erfahrungsraum des Krieges u
Sprachgehalte als Ergebnis des Krieges, Ideologien, Stereo
gern oder verdrängen den ursprünglichen Erfahrungsgehalt
Koselleck sich seine eigene Erfahrung und Erinnerung von
kutieren lassen wollte, so misstrauisch blieb er als Histori
Leben lang mit Sprache beschäftigt hatte, dass ihm die S
selbst einen Streich spielen könnte.
Vielleicht war diese Tücke des Mediums Sprache ein Grun
sich dem Problem der Erinnerung an den Krieg zunächst
und durch ein anderes Medium näherte: das Medium der
hörte er in Deutschland zu den ersten, in diesem Fall neb
die die Formensprache der Denkmäler als historiographisc
Seit Mitte der siebziger Jahre begann er, unterstützt durc
arbeiter, im großen Stil damit, Kriegerdenkmäler im In- u
fieren, ikonografisch auszuwerten und ikonologisch zu de
und Notizblock auf „Denkmaljagd" zu gehen, ist seitdem b
de eine Leidenschaft Kosellecks geblieben. Kein Ausflug, k
Denkmalsbesichtigung.

70 Koselleck, Glühende Lava.


71 Reinhart Koselleck, Der Einfluß der beiden Weltkriege auf das so
ram Wette (Hg.), Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschi
1992, S. 324-343, S. 332; der Aufsatz ist wieder abgedruckt unter
sprochenen Sachverhalt treffenden Titel „Erinnerungsschleusen u
in: Koselleck, Zeitschichten, S. 265-284, das Zitat dort auf S. 273.

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430 Willibald Steinmetz

Methodisch bot die Beschäftigung mit Denk


rein sprachlicher Formen der Erinnerung e
und Transferstudien waren hier leichter m
bahnbrechenden Aufsatz „Kriegerdenkmale
benden" (1979) auf breiter Materialgrundla
menarsenal von Totenmalen und Kriegerden
hinein in viel höherem Maße aus gemeineu
tischen, klassisch-antiken und christlichen.
falls transnationalen Bau- und Kunststile v
minismus/Viktorianismus bis hin zur hero
vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts in ähn
lich verschobene Übernahmen einzelner Ele
rianten waren, wie Koselleck und seine Schül
in der Zeichensprache der Denkmäler gene
sprachlichen Deutungen des Kriegstods und
fischen historischen, konfessionellen, politis
Denkmäler errichtet wurden, zuallererst nat
gern und Besiegten.73 Die allgemeinen Tend
zur Mitte des 20. Jahrhunderts zogen sich h
schen Systeme durch: Rückgang der Transz
tiger Sinnstiftungen (Säkularisierung), Pfli
schaft, an jeden einzelnen für sie gestorbe
rung), zunehmende Denkmalfähigkeit des g
der Gleichheit aller vor dem Kriegstod dur
mokratisierung) .
Das einmal ausgeformte gemeineuropäische
Feind) tötende St. Georg, der „sterbende G
überdauern und immer wieder zitiert wer
Getötetwerdens im Krieg wie die Formen d
Erst die technisch betriebene Massenvernic
Klassen von Menschen im Namen totalitäre
ließ diese Formen obsolet werden; seitdem w
gesucht, die das Unsagbare zumindest sinnlic
bekannte politische Stellungnahmen im de
die Neue Wache (1993), dann um das Holoc
ergaben sich unmittelbar und geradezu log

72 Reinhart Koselleck, Kriegerdenkmale als Identität


quard u. Karlheinz Stierle (Hg.), Identität (Poetik
S. 255-276.
73 Vgl. den Band: Reinhart Koselleck u. Michael Jeismann (Hg.), Der politische Totenkult. Krie-
gerdenkmäler in der Moderne, München 1994.
74 Reinhart Koselleck, Einleitung, in: ebd., S. 9-20, S. 10.
75 Ebd., S. 19 f.

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Nachruf auf Reinhart Koselleck 43 1

Forschungen.76 Es bestand hier nicht, wie im Fall seiner per


nerung, ein Spannungsverhältnis zwischen seiner Arbeit al
politischen Forderung, seine eigene Erfahrung vor Uminter
dere geschützt sehen zu wollen. Im Denkmalstreit ging es i
beiden Fällen darum, dass durch die Wahl der Formen (Kollw
en Wache) bzw. ihre öffentliche Deutung (Holocaust-Mahnm
Opfergruppen von vornherein ausgeschlossen werden sollten,
christliche Opfer, vor allem die Juden, im zweiten Fall umge
schen Opfer des Nationalsozialismus. Die Toten sollen als To
so seine Forderung, nicht nach Opfergruppen geteilt zur Iden
benden herhalten müssen.

VII. Wiederholungsstrukturen
„Differenzen aushalten und die Toten betrauern" - diese Ü
letzten Zeitungsartikel, die Koselleck geschrieben hat, resüm
Schlussfolgerungen aus jahrzehntelanger Beschäftigung mit F
von Krieg und Gewalt und Formen der Erinnerung an den gew
öffentlich handelnder Mensch fuhr er bis zuletzt fort, für e
gegenseitiger Anerkennung zu werben. Als Historiker hingeg
In der bisherigen Geschichte fand er keine Anhaltspunkte fü
mik wechselseitiger Aus- und Eingrenzung von Handlungse
Klassen, „Rassen", Religionsgemeinschaften - und der daraus
ten Konflikte.78 „Was sich wiederholt" - so lautete die Über
Zeitungsartikels, in dem er seine Theorie der „Wiederholun
che und Geschichte" einem breiteren Publikum vorstellte.79
das sind Koselleck zufolge neben den kosmologischen und b
menschlichen Handelns einerseits und den vom Menschen g

76 Die entsprechenden Zeitungsartikel Kosellecks sind in verschieden


mentiert. Vgl. Michael Jeismann (Hg.), Mahnmal Mitte. Eine Kontr
chael S. Cullen, Das Holocaust-Mahnmal. Dokumentation einer De
Heimrod u. a. (Hg.), Der Denkmalstreit - das Denkmal? Die Debatte
die ermordeten Juden Europas". Eine Dokumentation, Berlin 1999. V
Koselleck, Zur politischen Ikonologie des gewaltsamen Todes. Ein deu
gleich (Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen 3), Basel 1998, S. 51
11 Reinhart Koselleck, Differenzen aushalten und die Toten betrauern
Erinnerung und Geschichte, in: NZZ, 14./15.5.2005.
78 Vgl. nur Koselleck, Asymmetrische Gegenbegriffe ( 1975), S. 259; Kos
Carsten Dutt (2001), S. 261.
79 Reinhart Koselleck, Was sich wiederholt, in: FAZ, 2 1 .7.2005, S. 6. Der
längeren, mir von Felicitas Koselleck dankenswerterweise zur Verfügu
typoskript mit dem Titel „Wiederholungsstrukturen in Sprache und G
etwas kürzere französische Version ist gedruckt zugänglich: Reinhar
de re'pe'tition dans la langue et dans l'histoire", in: Revue de Synth
serie), S. 159-167.

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432 Willibald Steinmetz

holungsstrukturen (Verfahrensregeln, Insti


lem „drei formale Grundbestimmungen: O
Später."80 Für Koselleck bildeten diese drei
logie elementarer Oppositionsverhältnisse
Konfliktwesen Mensen immer erneut in Ges
Büchern und Aufsätzen endeten diese „Gesc
sen, Revolutionen, Krieg und Tod. Im Gespr
er es aber immer auch, die Tragik der gro
„Geschichten" zu erhellen. Mit einem Nestro
die Wiederholungsstrukturen: „Es is was e
drehen sich doch immer um's nämliche her
fangen und aus werden, ist so unendlich ver
is, sie zu beobachten!"82 In der Tat: wer di
hören und von ihm zu lernen, der hat neben
dass es wirklich gar nicht uninteressant ist,
Geschichten anfangen und enden.

Prof. Dr. Willibald Steinmetz, Universität B


senschaft, Philosophie und Theologie, Postf
E-Mail: willibald.steinmetz@uni-bielefeld.de

80 Koselleck, Was sich wiederholt.


81 So formulierte es, von Koselleck bestätigt, Carsten Dutt im Gespräch mit Reinhart Koselleck,
S.258.
82 Johann Nestroy, Lektüre für Minuten. Gedanken aus seinen Büchern, herausgegeben mit
einer Vorrede von Egon Fridell, Frankfurt 2001, S. 42, zit. nach: Koselleck, Wiederholungs-
strukturen, S. 1.

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